Edward Gibbon Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 3. Band   Übersetzung und © 2012: Cornelius Melville   XVIII CHARAKTERISTIK CONSTANTINS · GOTHENKRIEG · CONSTANTINS TOD · REICHSTEILUNG UNTER DIE DREI SÖHNE · PERSERKRIEG · TRAGISCHES ENDE VON CONSTANTIN D.J. UND CONSTANS · THRONRAUB DES MfAGNENTIUS · BÜRGERKRIEG · EROBERUNG ITALIENS · SIEG DES CONSTANTIUS   CHARAKTER DES CONSTANTIN Der Charakter des Herrschers, der den Mittelpunkt des Imperiums verlegt und umfassende Veränderungen der zivilen und religiösen Verfasstheit seines Landes ins Werk gesetzt hatte, musste naturgemäß die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen und die gegensätzlichsten Urteile veranlassen. Die eifernde Dankbarkeit der Christen hat den Befreier der Kirche mit allen Wesenszügen eines Helden, eines Heiligen gar ausgestattet; während der Groll der Unterlegenen Constantin mit den scheußlichsten Tyrannen verglich, die nur je mit ihren Verbrechen und ihrer Unfähigkeit den kaiserlichen Purpur entehrt hatten. Dieser Parteienhader hat in gewissem Umfang noch in späteren Generationen fortgelebt, und auch heute ist Constantins Charakter Gegenstand von Satire oder Lobeshymnen. Vereinigen wir unvoreingenommen die Fehler, die noch seine wärmsten Bewunderer eingestehen, mit den Tugenden, die selbst seine unversöhnlichsten Feinde nicht in Abrede stellen »On ne se trompera point sur Constantin en croyant tout le mal qu'en dit Eusebe, et tout le bien qu'en dit Zosime.« (Man wird jedenfalls in seiner Beurteilung Constantins niemals falsch liegen, wenn man alles das glaubt, was Eusebios Schlechtes und Zosimos Gutes über ihn sagen.) Fleury, Histoire Ecclésiastique, Band 3, p.233. In der Tat stellen Eusebios und Zosimos die beiden Extreme von Schmeichelei und Schmähung dar. Zwischentöne stammen von solchen Autoren, deren religiöser Eifer je nach Charakter oder Lebenssituation unterschiedlich stark gemäßigt wird. , so dürfen wir hoffen, dass wir von diesem Manne ein zutreffendes Portrait entwerfen, welches auch die historische Wahrheit gelten lassen kann, ohne darüber zu erröten. Indessen, schon bald würde sich erweisen, dass bei dem ehrgeizigen Versuch, derart gegensätzliche Farben anzugleichen und die auseinanderstrebenden Charakterzüge zu harmonisieren, eine monströse, aber nicht menschenähnliche Figur entstehen muss, solange man sie nicht bei dem je und je eigentümlichen Licht betrachtet, das man dann erhält, wenn man die verschiedenen Etappen von Constantins Regierung sorgfältig voneinander trennt. SEINE VORZÜGE... Leib und Seele Constantins hat die Natur mit den reichhaltigsten Talenten versehen. Seine Statur war stattlich, sein Antlitz majestätisch, sein Gebaren gefällig; seine körperliche Kraft und seine Behändigkeit wusste er bei jedweder Mannes-Übungen zu entfalten, und von frühester Jugend bis ins hohe Alter bewahrte er seine gute Verfassung, indem er bürgerlichen Tugenden wie Keuschheit und Mäßigung streng beobachtete. Gerne nahm er an vertrautem Gespräch teil; und wenn er seinem Hang zum Spötteln zuweilen nicht die Zügel anlegte, wie es der ernsten Würde seiner Stellung wohl angemessen gewesen wäre, so gewann er doch durch Höflichkeit und Freisinn die Herzen aller, die sich ihm näherten. Die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft hat man angezweifelt; dennoch zeigte er bei mancher Gelegenheit, dass er zu warmer und dauerhafter Zuneigung durchaus fähig war. Er war illiterat erzogen worden, aber dieser Nachteil hielt ihn nicht davon ab, den Wert der Bildung richtig einzuschätzen; auch erhielten Künste und Wissenschaft durch Constantins reichlich bemessene Protektion mancherlei Aufmunterung. Bei der Erledigung seiner Pflichten war er von unermüdlicher Hingabe; und seine Verstandeskräfte hielt er in dauernder Übung durch Lektüre, Schriftverkehr, Nachdenken, durch den Empfang von Botschaftern und durch Überprüfen von Klagen aus der Bevölkerung. Diejenigen, die die Korrektheit seiner Maßnahmen bezweifelten, mussten dennoch eingestehen, dass er die Phantasie besaß, noch die schwierigsten Pläne zu durchdenken und die Geduld, sie auch auszuführen, ohne sich dabei durch anerzogene Vorurteile oder das Lärmen der Masse irre machen zu lassen. Im Felde vermittelte er seinen Truppen, die er wie ein gestandener General führte, etwas von seiner eigenen Furchtlosigkeit; und wir werden seine bedeutenden Siege über die inneren und äußeren Feinde der Republik weniger dem Zufall als seinem Talent zuschreiben. Er liebte Ruhm durchaus, der für ihn die Belohnung oder vielleicht sogar der Anreiz für seine Anstrengungen war. Sein grenzenloser Ehrgeiz, der vom Moment seiner Thronerhebung in York die vorherrschende Leidenschaft seiner Seele gewesen sein muss, lässt sich nur durch seine eigene bedrohte Stellung erklären, durch die Eigenart seiner Gegner, durch das Bewusstsein der eigenen höheren Verdienste und durch die Erwartung, sein Sieg würde dem zerrütteten Reich Frieden und Ordnung zurückgeben. Während des Bürgerkrieges gegen Licinius und Maxentius wusste er die Zuneigung des Volkes auf seiner Seite, welches die notorischen Laster jener Tyrannen mit dem Geiste der Weisheit und Gerechtigkeit vergleichen mochte, welcher gleichsam die Generallinie für die Tätigkeit des Constantin vorzugeben schien Constantins Vorzüge sind zum größten Teil der Darstellung des Eutropius und des jüngeren Victor entnommen, zwei bekennenden Heiden, welche nach dem Untergang seiner Familie schrieben. Selbst Zosimos und der Kaiser Iulian anerkennen seinen persönlichen Mut und seine militärischen Leistungen. . ...UND SCHWÄCHEN Wäre Constantin am Tiberufer gefallen oder selbst noch auf der Ebene von Adrianopel, dann wäre dies das Charakterbild gewesen, welches sich mit einigen geringfügigen Abstrichen der Nachwelt überliefert hätte. Aber das Ende seiner Regierung (folgt man dem besonnenen und in der Tat feinfühligen Urteil eines Autors seiner Zeit) verkleinert den Rang, den er unter den bedeutendsten römischen Herrschergestalten einzunehmen verdient hätte Siehe Eutropius, 10,7. »In primo Imperii tempore optimis principibus, ultimo (vix) mediis comparandus.« (In seinen Anfängen mit den besten Herrschern des Reiches und zum Schluss (kaum noch) mit den mittelmäßigen vergleichbar). Die alte Griechische Fassung des Poeanius führt mich zu der Annahme, dass Eutropius ursprünglich ›vix‹ (kaum, kaum noch) geschrieben hat, und dass dieser kränkenden Einsilber einer vorsätzlichen Unachtsamkeit eines Schreibers zum Opfer fiel. Aurelius Victor drückt die allgemeine Auffassung durch eine vulgär-obskure Redensart aus (Epitome 41): ›Trachala‹ decem annis praestantissimus; duodecim sequentibus ›latro‹; decem novissimis ›pupillus‹ ob immodicas profusiones. (In den ersten zehn Jahren nannte man Trachala den Allerbesten; in den zwölf folgenden Räuber; in den zehn letzten wegen seiner maßlosen Verschwendungssucht Waisenknabe.) . Am Leben des Augustus können wir erkennen, wie sich der Tyrann der Republik fast unmerklich zum Vater seines Vaterlandes und der Menschheit wandelt. In der Biographie des Constantin hingegen mögen wir beklagen, wie ein Held, der für seine Untertanen so lange ein Gegenstand der Zuneigung und seinen Feinden immer ein Schreckenis gewesen war, zu einem grausamen und zügellosen Tyrannen verkam, dem sein Glück zu Kopf gestiegen war oder den seine Erfolge der Notwendigkeit zur Verstellung überhoben hatten. Der allgemeine Frieden, den er während seiner letzten vierzehn Regierungsjahre aufrecht zu halten verstand, war eher eine Periode des äußeren Glanzes als des tatsächlichen Wohlstandes; und Constantins Alter war überschattet durch die beiden gegensätzlichen und doch verträglichen Untugenden der Raffgier und Verschwendungssucht. Die angehäuften Schätze aus den Palästen des Maxentius und Licinius wurden leichthin verschleudert; die verschiedentlichen Neuerungen des Siegers machten zunehmende Unkosten; die Ausgaben für seine Bauten, seinen Hof und die Festveranstaltungen verlangten sofortige und üppige Begleichung; und das einzige Kapital, mit dem der Prachtaufwand des Herrschers bestritten werden konnte, war das Vermögen der Bevölkerung Iulian, Orationes 1, p.8 in einer schmeichlerischen Rede, die vor Constantins Sohn gehalten wurde; ferner Caesares p. 335 und Zosimos 2,38. Die Prachtbauten in Konstantinopel und anderswo darf man als immerwährende und unwiderlegbare Zeugnisse für des Stifters Neigung zu großen Ausgaben erwähnen. . Seine unwürdigen Kreaturen, die durch die Freigebigkeit ihres Herren reich geworden waren, besaßen ungestraft ein Raub- und Bestechungsprivileg Der überparteiliche Ammianus (16,8) verdient hier unser volles Vertrauen. Proximorum fauces aperuit primus omnium Constantinus.(Constantinus öffete zuerst allen ihm Nahestehenden den Schlund). Selbst Eusebios räumt diesen Missbrauch ein (Vita Constantini 4,29 und 54) und einige kaiserliche Gesetze lassen unbestimmt Gegenmittel erkennen. . In allen Bereichen der öffentlichen Verwaltung war ein unsichtbarer, allgemeiner Verfall spürbar, und der Kaiser selbst verlor unter seinen Untertanen immer mehr an Ansehen, wenn man ihm auch nach wie vor gehorsam war. Die Kleidung und das Auftreten, das er gegen Ende seines Lebens bevorzugte, machten ihn in den Augen der Menschheit nur verächtlicher. Der asiatische Pomp, den er dem Diocletian abgeschaut hatte, umgab die Person des Constantin mit einer Aura der Weichlichkeit und Schlaffheit. Man beschreibt ihn mit falschen, unterschiedlich gefärbten Haaren, die ihm die geschicktesten Künstler seiner Zeit mühsam genug arrangierten, mit einem neuen und noch wertvolleren Diadem, mit einem Übermaß von Edelsteinen und Perlen, Halsketten und Armbändern und einer buntscheckigen, fließenden Seidenrobe, deren Saum mit Goldblumen üppig besetzt war. In diesem Erscheinungsbild, das wir kaum der jugendlichen Torheit eines Elagabal nachsehen würden, suchen wir ganz umsonst nach der Weisheit eines in die Jahre gekommenen Monarchen oder der Schlichtheit eines römischen Kriegers In den ›Caesares‹ versucht Julian seinen Onkel lächerlich zu machen. Sein anfechtbares Zeugnis wird allerdings von dem gelehrten Spanheim bekräftigt, der Medaillen zu Zeugen aufruft (Siehe dessen Kommentar p. 156, 299, 397, 459). Eusebius (Orationes 5) behauptet, Constantin habe sich für das Publikum und nicht für sich selbst herausgeputzt. Ließen wir das gelten, dann wäre noch der hohlste Stutzer niemals um eine Ausrede verlegen. . Ein Gemüt, das so in Üppigkeit und Selbstverliebtheit befangen war, war unfähig zu jenem Edelmut, welcher sich über Misstrauen hinweg setzt und noch den Mut besitzt zu verzeihen. Der Tod des Maxentius und Licinius mag durch die politischen Grundregeln zu rechtfertigen gewesen sein, wie sie in der Schule der Diktatoren gelehrt werden; aber eine nüchterne Darstellung der Hinrichtungen – oder besser wohl: der Morde – mit denen Constantin seine sich neigenden Jahre besudelte, wird in uns die Vorstellung von einem Herrscher entstehen lassen, welcher ohne Bedenken das Recht und die Stimme der Natur den Eingebungen seiner Leidenschaften und seines persönlichen Vorteils aufopfern konnte. MINERVINA · CRISPUS · FAUSTINA Das Glück, das so unverdrossen Constantins Unternehmungen folgte, schien auch die Wünsche und Hoffnungen seines Privatlebens zu begünstigen. Diejenigen Herrscher, die sich der längsten und erfolgreichsten Regierungszeiten erfreuen durften, Augustus, Trajan und Diocletian, erlebten mit ihrer Nachfolge nur Enttäuschungen; und die häufigen Revolutionen hatten es keiner kaiserlichen Familie erlaubt, unter dem Schirm des Purpur zu erblühen und zahlreich zu werden. Erst die königlich-flavische Linie, welche Claudius Gothicus geadelt hatte, überdauerte mehrere Generationen; und Constantin selbst erhielt von seinem regierenden Vater die erbliche Würde, die er dann seinerseits an seine Kinder weitergab. Der Kaiser war zweimal verheiratet. Minervina, das zwar anrüchige, aber legitime Objekt seiner jugendlichen Begierden Zosimus (2,20) und Zonaras (13,2) bezeichnen übereinstimmend Minervina als die Beischläferin des Constantin: aber Du Cange hat auf ritterliche Weise ihren Ruf gerettet, indem er einen entscheidenden Abschnitt aus einem der Panegyriken (6,4) beibrachte: »Ab ipso fine pueritiaete te matrimonii legibus dedisti." (Unmittelbar nach dem Ende der Knabenzeit hast du dich den Ehegesetzen unterstellt.) , hatte ihm einen Sohn mit Namen Crispus hinterlassen. Von Fausta, der Tochter Maximinians, hatte er drei Töchter und drei Söhne, die unter den gleichklingenden Namen Constantinus, Constantius und Constans bekannt sind. Die schlaffen Brüdern von Constantin d.Gr, nämlich Julius Constantius, Dalmatius und Hannibalianus Du Cange (Familiae Byzantinae p.44) verleiht ihm in Anschluss an Zonaras den Namen Constantinus; dies klingt wenig glaubwürdig, da ihn bereits sein Bruder trug. Hannibalianus wird vom Chronikon Paschale erwähnt und von Tillemont, (Histoire des Empereurs, Band 4, p. 527) bekräftigt. durften die ehrenhaftesten Stellungen einnehmen und über den üppigsten Reichtum verfügen, der sich überhaupt mit einer privaten Stellung vereinbaren ließ. Der jüngst von ihnen starb vergessen und ohne Nachkommen. Seine beiden älteren Brüder nahmen Töchter reicher Senatoren zur Frau und trieben neue Seitenäste am kaiserlichen Stammbaum hervor. Gallus und Julian wurden später die berühmtesten Kinder von Julius Constantius, dem Patrizier . Die beiden Söhne des Dalmatius, die den leeren Titel eines censor trugen, hießen Dalmatius und Hannibalianus. Die beiden Schwestern des großen Constantin, Anastasia und Eutropia, wurden mit Optatus und Nepotianus verheiratet, zwei Senatoren von adliger Herkunft und konsularischem Rang. Seine dritte Schwester, Constantia, war groß in ihrer Bedeutung und in ihrem Unglück. Sie lebte als die Witwe des unterlegenen Licinius; aber allein durch ihre Fürsprache geschah es, dass ein unschuldiger Knabe, der Abkömmling ihrer Ehe, einige Zeit sein Leben, den Cäsarentitel und eine wenn auch anfechtbare Anwartschaft auf die Thronfolge behielt. Neben den Frauen und den Verbündeten des flavischen Hauses schienen entsprechend der Reihenfolge ihrer Geburt weitere zehn oder zwölf Männer, – nach dem Sprachgebrauch unserer heutigen Höfe würde man sie Prinzen von Geblüt nennen – dazu bestimmt zu sein, den Thron des Constantin entweder zu erben oder ihm doch sehr nahe zu sein. Aber in weniger als dreißig Jahren erlosch diese kopfstarke und aufblühende Familie, bis nur noch Constantius und Iulian am Leben waren, die als einzige eine ganze Serie von Verbrechen und Unglücksfällen von der Art überlebt hatten, wie sie die Tragödiendichter in den fluchbeladenen Geschlechtern des Pelops und des Kadmos beweint haben. CRISPUS Crispus, Constantins ältester Sohn und vermutlicher Reichserbe, wird von neutralen Historikern als liebenswerter und vielseitiger junger Mann geschildert. Die Sorge für seine Erziehung oder zumindest für seine Studien wurde Lactantius, einem äußerst redegewandten Christen anvertraut; ein Lehrer in der Tat, der den Geschmack und die guten Eigenschaften seines vornehmen Schülers wohl zum Leben erwecken sollte Die Armut des Lactantius ist entweder ein Ruhmesblatt seiner philosophischen Gleichgültigkeit oder ein Schandfleck seines gefühllosen Herren. Siehe Tillemont, Memoires ecclésiastiques Band 4, Teil1, p. 345. Dupin, Bibliothéque ecclésiastiques Band 1, p. 205. Lardner's Credibility of the Gospel History, Teil 2, Band 7, p. 66. . Im Alter von siebzehn Jahren übertrug man Crispus die Cäsarenwürde und die gallischen Provinzen, wo ihm die häufigen Germaneneinfälle schon früh Gelegenheit gaben, sein militärisches Talent zu bewähren. In dem Bürgerkrieg, der bald darauf ausbrach, teilten Vater und Sohn ihre Streitkräfte; unsere Darstellung hat bereits hinreichend den Mut und das Geschick des Letztgenannten gewürdigt, welcher immerhin den Hellespont besetzte, den Licinius mit seiner überlegenen Flotte so verbissen verteidigte. Dieser Seesieg trug entscheidend zum Ausgang des Bürgerkrieges bei; und in dem glücklichen Beifallgeschrei der östlichen Untertanen hörte man beide Namen, Constantin und Crispus: die Welt sei, so rief man, unterdrückt gewesen, werde aber nun von einem umfassend tugendhaften Herrscher regiert und von seinem herrlichen Sohn, einem Liebling des Himmels und einem getreuen Abbild von seines Vaters Größe. Die populäre Gunst gilt selten dem Alter und schüttete auch hier ihr Lob über die Jugend des Crispus. Er hatte die Wertschätzung des Hofes, der Armee und des Volkes verdient und er forderte ihre Zuneigung. Die unbestrittenen Verdienste eines Monarchen werden von seinem Volk nur widerwillig anerkannt und oft sogar mit verdrießlichem Murmeln in Abrede gestellt; während sie von den ersten Tugendproben seines Nachfolgers Wunderdinge für das private und öffentliche Glück erhoffen Eusebios, Historia ecclestiastica 10,9. Eutropius (10,6) nennt ich einen »egregium virum;« (vorzüglichen Mann), und Iulian (Orariones 1) spielt unverkennbar auf seine Heldentaten im Bürgerkrieg an. Siehe Spanheim, Kommentar p. 92. . CONSTANTINS MISSGUNST – DER 10. OKTOBER 324 Diese nicht unbedenkliche Volkstümlichkeit erregte schon bald das Misstrauen Constantins, welcher als Vater und als König einen Gleichrangigen nicht litt. Anstelle dass er nun versucht hätte, sich der Ergebenheit seines Sohnes durch neuerliche Vertrauens- und Gunsterweise zu versichern, beschloss er, dem Schaden vorzubeugen, der sich von dem unbefriedigten Ehrgeiz des Jünglings hätte befürchten lassen. Crispus hatte nämlich schon bald Grund zur Klage, dass seinem unmündigen Bruder der Cäsarentitel und die Herrschaft über die gallischen Provinzen übertragen worden seien Vergleiche Idatius und das Chronicon paschale mit Ammianus 14,5. Das Jahr von Constantius' Erhebung zum Caesar scheinen die beiden Chronologen exakter bestimmt zu haben, aber dem Historiker, der an dessen Hof lebte, konnte der Jahrestag nicht unbekannt sein. Über die Ernennung des neuen Caesar für die gallischen Provinzen Galliens siehe Iulian, Orationes 1, p.12; Gothofredus, Chronologia Legum, p. 26 und Blondel, de la Primauté de l'Eglise, p. 1183. , während man ihm, einen Prinzen in den Mannesjahren und von unverwelklichen Verdiensten, nicht nur den nächsthöheren Rang eines Augustus verweigere, sondern auch noch an seines Vaters Hof wie einen Gefangenen halte; wo er schutz- und wehrlos jeder erdenklichen Verleumdung ausgesetzt sei, die die Bösartigkeit seiner Feinde nur in die Welt setzen mochte. Unter diesen bitteren Umständen hatte sich die königliche Jugend wohl nicht immer in der Gewalt, ihr Missvergnügen zu unterdrücken; und wir können sicher sein, dass er von einem Schwarm schwatzhafter oder ungetreuer Freunde umgeben war, die die unvorsichtigen Ausbrüche seines Zornes vorsätzlich zu steigern oder sogar zu denunzieren Anweisung hatten. Ein Erlass Constantins, welcher in eben dieser Zeit veröffentlicht wurde, belegt handgreiflich dessen begründete oder auch nur eingebildete Theorie, dass sich eine heimliche Verschwörung gegen ihn und seine Regierung forme. Mit dem Versprechen von Auszeichnungen und Belohnungen fordert er Angeber jeden Standes auf, ausnahmslos alle seine Magistrate und Minister zu belasten, selbst seine Freunde und engsten Günstlinge, verbunden mit der nachdrücklichen Versicherung, dass er persönlich die Anklage anhören und geschehenes Unrecht bestrafen werde; und mit einem Gebet, das wirkliche Angst erahnen lässt, wendet er sich schließlich an das Höchste Wesen, dass es den Herrscher und sein Reich auch fernerhin zu beschirmen fortfahre Codex Theodosianus 9,4. Gothofredus ahnte die eigentlichen Ursachen des Gesetzes. Kommentar Band 3, p.9 . TOD DES CRISPUS JULI 326 Die Petzer, die sich einer so weitgefassten Aufforderung nicht verweigerten, waren der höfischen Künste hinreichend kundig, um zunächst Freunde und Anhänger des Crispus zu Schurken zu bestimmen; auch gibt es keinen Grund, an der Glaubwürdigkeit des Kaisers zu zweifeln, welcher Rache und Strafe in großem Stile angekündigt hatte. Gegenüber seinem Sohn jedoch beobachtete Constantin auch weiterhin Respekt und Zutrauen, obwohl er ihn als seinen unversöhnlichsten Feind anzusehen begann. Medaillen mit den üblichen Wünschen für eine lange und gesegnete Regierungszeit des jungen Caesar wurden geschlagen Du Cange, Familiae Byzantinae, p. 28. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 4 p. 610. ; und so wie das Volk, dem Einblicke in die Palastkabalen verwehrt waren, ihn unvermindert weiterliebte, so rühmt auch ein Dichter, der um die Rückkehr aus dem Exil bettelt, die Majestät von Vater und Sohn mit derselben Inbrunst Sein Name war Porphyrius Optatianus. Das Datum seiner Jubelrede, dem Zeitgeschmack entsprechend in miserablen Akrostichen abgefasst, ermittelt Scaliger, ad Eusebium p. 250. Tillemont, a.a.O., p. 607; Fabricius, Bibliotheca Latina 4,1. . – Die Zeit war gekommen, das zwanzigjährige Regierungsjubiläum des Constantin festlich zu begehen; und zu diesem Zwecke reiste der Herrscher mitsamt seinem Hofe von Nikomedia nach Rom, wo zu seinem Empfange bereits die üppigsten Vorkehrungen getroffen worden waren. Jedermann erzeigte sich bestrebt, durch Mine und Worte sein ungemessenes Glücksgefühl zum Ausdruck zu bringen, und so hing für einige Zeit der Schleier von Festesfreude und Verstellung über den finstersten Rache- und Mordplänen Zosimos 2,29; Gothofredus, Chronologia legum, p. 28. . Mitten während der Feier wurde der unglückselige Crispus auf Geheiß des Herrschers festgenommen, der zärtliche Vatergefühle fahren ließ, ohne zugleich den Gerechtigkeitssinn eines Richters anzunehmen. Das Verhör war kurz und unter vier Augen ?êñ?ôùò, ohne angemessene Prüfung, das ist das strenge und vermutlich zutreffende Urteil der ›Suida‹. Victor d.Ä., der unter der folgenden Regierung Regierung schrieb, sagt mit angemessener Zurückhaltung: »Natu grandior, incertum qua causa, patris judicio occidisset." (..als der Ältere auf Befehl seines Vaters aus unbekanntem Grunde getötet worden war.) (De Caesare 41.) Wenn wir nun die späteren Autoren konsultieren – Eutropius,Victor d.J., Orosius, Hieronymus, Zosimos, Philostorgios, und Gregor von Tours –, so finden wir, wie ihre Kenntnisse allgemach umso reichhaltiger werden, je dürftiger ihre Quellen werden; welcher Umstand in der hgistorischen Forschung nicht eben selten ist. ; und, als ob man es für wohlanständig hielt, das Schicksal des jungen Prinzen vor den Augen der Römer zu verbergen, wurde er unter strenger Bewachung nach Pola in Istrien gebracht, wo er schon bald ermordet wurde, sei es von der Hand des Henkers oder durch das sanftere Mittel der Vergiftung Ammianus (14,11) benutzt das allgemeine ›peremptum‹ (vernichtet). Kodinos (p.34) enthauptet den jungen Prinzen; wohingegen Sidonius Apollinaris (Epistulae 5,8), vermutlich um des Kontrastes zu Faustas »warmen« Bade, ihm einen »kalten« Gifttrunk zu verabreichen für gut befindet. . Der Caesar Licinius, ein junger Mann von liebenswertem Auftreten, war in den Untergang des Crispus verwickelt »Sorosis filium, commodae indolis juvenem.« Eutropius, 10,6. (Den Sohn seiner Schwester, einen angenehmen jungen Mann). Man gestatte mir die Konjektur, dass Crispus mit der Tochter des Kaisers Licinius, Helena, vemählt wurde und im Jahre 322 Constantin anlässlich der glücklichen Niederkunft der Fürstin eine allgemeine Amnestie erlassen hat. Siehe Du Cange,, Familiae Byzantinae, p. 47, und das Gesetz 9,28,1 des Codex Theodosianus, das die Kommentatoren beträchtlich in Verlegenheit gebracht hat. Gothofredus, Band 3, p.267. ; und die kaltherzige Eifersucht des Constantin konnten auch die Tränen und das Flehen seiner Lieblingsschwester nicht erweichen, die um das Leben ihres Sohnes bat, dessen einziges Verbrechen sein Rang war und den sie nicht lange überleben sollte. Die Geschichte dieser unglücklichen Prinzen, die Art und die Beweise für ihre Schuld, das Gerichtsverfahren und die näheren Todesumstände liegen in einem geheimnisvollen Dunkel begraben; und der artige Bischof, der in einem starken Werk Tugend und Frömmigkeit seines Helden gefeiert hat, zieht es klüglich vor, über diesen tragischen Gegenstand Stillschweigen zu beobachten Siehe die Vita Constantini, vor allem 2, 19 und 20. Zweihundertundfünfzig Jahre später deutet Euagrios Scholastikos (3,41) dieses Schweigen des Eusebius albernerweise als Argument gegen die Wirklichkeit des Geschehens. . Diese hochmütige Verachtung der Menschheitsmeinung, die auf dem Andenken des Constantin einen unauslöschlichen Schandfleck hinterlässt, bildet einen sehr bezeichnenden Gegensatz zu dem Verhalten eines der größten Monarchen der neueren Zeit. Zar Peter hat im Vollbesitz aller Machtmittel eines Despoten dem Urteil Russlands, Europas und der Nachwelt die Gründe vorgelegt, die ihn vermochten, das Todesurteil gegen seinen verbrecherischen oder wenigstens verkommenen Sohn zu unterzeichnen Siehe Voltaire, Histoire de Pierre le Grand, Teil 2, c. 10 . FAUSTINA IM DAMPFBAD ERSTICKT Die Unschuld des Crispus war so allgemein anerkannt, dass die modernen Griechen in der Bewunderung für ihren Gründer seine Schuld an diesem Kindermord lediglich beschönigen können, da das natürliche menschliche Empfinden ihnen verbietet, ihn zu rechtfertigen. So wollen sie wissen, dass der heimgesuchte Vater der Welt Zeichen bitterer Reue gesetzt habe, sobald er entdecken musste, wie er in seiner Arglosigkeit durch falsche Anschuldigungen in die Irre geführt worden war; dass er sich einer vierzigtägigen Bußübung unterzogen habe und während dieser Zeit vom Bade und den anderen Annehmlichkeiten des Lebens abgestanden habe; und dass er endlich, der Nachwelt zur ewigen Belehrung, dem Crispus eine goldene Statue habe errichten lassen mit der Inschrift: MEINEM SOHN, DEN ICH ZU UNRECHT ZUM TODE VERURTEILTE Um zu beweisen, dass die Statue von Constantin tatsächlich errichtet und erste später infolge der Bösartigkeit der Arianer entfernt worden war, beruft sich Kodinos recht voreilig auf zwei Zeugen, Hippolytus und Herodotus den jüngeren, auf dessen phantastische Geschichten er ohne Erröten zurückgreift. . Eine derart moralische und anrührende Fabel hätte allerdings weniger anfechtbare Autoren verdient; denn wenn wir die älteren und zuverlässigeren Verfasser heranziehen, erfahren wir, dass sich die Reue des Constantin in erster Linie in weiteren Blut- und Rachetaten äußerte; und dass die Sühne für den Mord an seinem unschuldigen Sohn darin bestand, dass er eine möglicherweise schuldige Frau hinrichten ließ. Sie schreiben den Untergang des Crispus den Ränken seiner Stiefmutter Fausta zu, welche im Palast des Constantin die archaische Tragödie von Hippolytos und Phaedra neu inszenierte Zosimos (2,29) ist hier unsere Quelle. Der Scharfsinn moderner und einige Andeutungen antiker Autoren haben seine rätselhafte und unvollständige Darstellung richtiggestellt. . Wie die Tochter des Minos, so beschuldigte auch die Tochter des Maximinian ihren Stiefsohn der inzestuösen Nachstellungen gegenüber der Frau seines Vaters; und bewirkte bei dem eifersüchtigen Herrscher mühelos ein Todesurteil gegen den jungen Prinzen, in welchem sie nicht zu Unrecht den gefährlichsten Rivalen für ihre eigenen Kinder erblickte. Aber Constantins betagte Mutter, Helena, beweinte und rächte den vorzeitigen Tod ihres Enkelsohnes; nicht lange dauerte es, bis tatsächlich oder angeblich entdeckt ward, dass Fausta ihrerseits eine verbotene Beziehung zu einem kaiserlichen Stallknecht unterhielt Philostorgios 2,4. Zosimos (2,29 und 39) legt Constantin den Tod zweier Ehefrauen zur Last: der unschuldigen Fausta und einer Ehebrecherin, die die Mutter seiner drei Nachfolger war. Entsprechend den Angaben von Hieronymos vergingen zwischen dem Tod des Crispus und der Fausta drei bis vier Jahre. Der ältere Victor schweigt sich hier lieber aus. . Auf die Anklage folgten unmittelbar das Urteil und die Bestrafung; die Ehebrecherin wurde in einem Dampfbad erstickt, welches zu diesem Zwecke übermäßig stark angeheizt worden war Wurde Faust wirklich zum Tode verurteilt, dann kann man mit gutem Grunde annehmen, dass die Hinrichtung in den Privatgemächern des Palastes stattfand. Der Redner Chrysostomos lässt seiner Phantasie freien Lauf: die Herrscherin wurde nackt auf einsamer Bergeshöhe ausgesetzt, den wilden Tiere zum Fraße. . Mancher könnte nun meinen, dass die Erinnerung an eine zwanzigjährige Ehegemeinschaft, an ihre gemeinsame Herkunft und die Geburt der designierten Thronerben das verstockte Herz des Constantin hätte erweichen sollen, die Verfehlung seines wie immer auch schuldigen Weibes zu ertragen und sie mit einer milden Gefängnisstrafe büßen zu lassen. Aber es ist vergebliche Mühe, die Schwere dieses einzigartigen Vergehens zu wägen, solange wir noch nicht einmal für seine Wahrheit einstehen können, zumal es hierbei in der Tat einige höchst fragwürdige und merkwürdige Begleitumstände gibt. Zwei äußerst bemerkenswerte Passagen in zwei Reden, welche unter den nachfolgenden Herrschern gehalten wurden, haben Feinde und Verteidiger des Constantin übersehen: die erste dieser Passagen feiert die Tugenden, die Schönheit und das Schicksal der Kaiserin Fausta, der Tochter, Frau, Schwester und Mutter so vieler Herrscher Julian (Orationes 1, p.10) nennt sie die Mutter des Crispus. Diese Bezeichnung hat sie möglicherweise durch Adoption erhalten. Zumindest wurde sie nicht als sein Todfeind angesehen. Julian verglich Faustas Schicksal mit dem der persischen Königin Prysatis. Ein Römer hätte sich naturgemäß an die jüngere Agrippina erinnert gefühlt:– Et moi, qui sur le trône ai suivi mes ancêtres: Moi, fille, femme, sœr et mère de vos maîtres. (Racine, Britannicus I, 2) (Und ich, die ich meinen Ahnen auf den Thron gefolgt bin; Ich, Tochter, Gattin, Schwester und Mutter eurer Herrscher) . Der andere Redeabschnitt bekräftigt ausdrücklich, dass die Mutter des jüngeren Constantin, welcher drei Jahre nach seines Vaters Tod erschlagen wurde, nur überlebt habe, um ihren Sohn zu beweinen Monodia in Constantinum iunior 4. (ed. Havercamp) Der Redner nennt sie die göttlichste und frömmste der Königinnen. . Der Zeugnisse einiger heidnischer wie christlicher Schreiber ungeachtet gibt es immer noch Grund zur Annahme, dass Fausta der blind-misstrauischen Grausamkeit ihres Mannes entging. Der Tod eines Sohnes, eines Neffen, die Hinrichtung zahlreicher respektabler und vermutlich unschuldiger Freunde »Interfecit numerosos amicos.« Eutropius 10,6. (Er tötete viele Freunde.) , welche durch ihren Sturz mitgerissen wurden, mögen den Unmut der römischen Bevölkerung hinreichend rechtfertigen und die satirischen Verse am Palasttor erklären, welche die pompösen und zugleich blutigen Regierungszeiten von Constantin und Nero miteinander verglichen »Saturni aurea saecula quis requirat? Sunt haec gemmea, sed Neroniana.« Sidonius Apollinaris 5,8 (Wer fragt nach den goldenen Jahren Saturns? Sie sind hier, wie Edelsteine glänzend, wenn auch neronianisch.) Es fällt auf, dass dieses Pasquill nicht einem obskuren Spottdichterling oder einem enttäuschten Patrioten, sondern dem Ablavius zugeschrieben wird, dem ersten Minister und dem Favoriten des Kaisers. Und so bemerken wir denn, dass sowohl die Menschlichkeit wie auch der Aberglauben den Römern ihre Verwünschungen eingaben. Zosimos 2,29f. . CAESARENTITEL AN DIE DREI SÖHNE · IHRE ERZIEHUNG Aber infolge von Crispus' Tod ging die Thronfolge auf Faustas drei Söhne über, deren unter ihren Namen Constantin, Constantius und Constans bereits gedacht wurde. Diese jungen Prinzen erhielten einer nach dem anderen den Cäsarentitel; und der Zeitpunkt ihrer Ernennung ist unmittelbar mit dem zehn-, zwanzig- und dreißigjährigen Regierungsjubiläum ihres Vaters verknüpft Siehe Eusebios, Oratio in Constantinum 3. Diese Angaben sind zutreffend genug, um dem Redner Recht zu geben. . Man kann diese Maßnahme mit der Parteilichkeit der väterlichen Zuneigung entschuldigen, obwohl doch dadurch die Zahl der künftigen Beherrscher des römischen Reiches vermehrt wurde; weniger leicht sind die Motive der Herrschers zu begreifen, als er seine beiden Neffen Hannibalianus und Dalmatius unnötigerweise ebenfalls in den Cäsarenrang erhob und dadurch die Sicherheit seiner Familie und des Volkes aufs Spiel setzte. Dalmatius wurde durch diesen Cäsarentitel seinen Vettern gleichgestellt. Für Hannibalianus erfand Constantin eigens den neuen und einzigartigen Titel eines nobilissimus Zosimos 2,39. Unter Constantins Vorgängern war Nobilissimus eine unbestimmte Eigenschaft und kein gesetzlicher Titel. ; welcher durch eine goldverbrämten Purpurrobe noch besonders schmeichelhaft ausgezeichnet wurde. Unter allen Herrschern des römischen Reiches aber war Hannibalianus der einzige, welcher den Titel eines KÖNIGs führte; vor welchem Namen als einer ruch- und schamlose Beleidigung durch einen Tyrannen die Untertanen des Tiberius wohl ausgespuckt haben würden. Ein solcher Titel stellt selbst unter einem Konstantin ein sonderbares und unerhörtes Faktum dar, das denn auch durch kaum eine kaiserliche Denkmünze oder zeitgenössischen Autoren zu belegen ist »Adstruunt nummi veteres ac singulares.« (Das belegen alte und vereinzelte Münzen) Spanheim de Usu Numismatum, Dissertatio 12. Band 2, p. 357. Ammianus erwähnt diesen römischen König (14,1), und Valesius ad locum. Das valesianische Fragment nennt ihn König der Könige, und das Chronicon paschale p.286 erlangt durch den Gebrauch des Wortes ῆγα (Rhega) das Gewicht des lateinischen Zeugnisses. . IHRE ERZIEHUNG Das Imperium in seiner Gesamtheit zeigte sichtbares Interesse an der Erziehung dieser fünf Jugendlichen, Constantins offiziellen Nachkommen. Mit körperlichen Übungen wurden sie für die Strapazen des Krieges und die Pflichten des täglichen Lebens ertüchtigt. Werden gelegentlich die Talente des Constantius erwähnt, so finden wir, dass er in den Lauf- und Springübungen hervortat; dass er ein geschickter Bogenschütze und ein gewandter Reiter war und die verschiedenen Kavallerie- und Infanteriewaffen glänzend zu handhaben wusste Seine Gewandtheit in militärischen Übungen wird gepriesen von Iulian Orationes 1,12 und 2,67 und von Ammianus 21,16 zumindest eingeräumt. . Mit gleichem Eifer, wenn auch sichtlich mit weniger Erfolg ging man an die geistige Ausbildung der Söhne und Neffen Constantins Eusebios, Vita Constantini 4,51 und Iulian, Orationes 1, p.11-16. Nebst Spanheims ergiebigem Kommentar. Constantius studierte mit löblichem Eifer; aber seine Armut an Phantasie bewahrte ihn davor, in der Dichtkunst oder wenigstens der Rhetorik Großes zu leisten. . Die berühmtesten Lehrer des christlichen Glaubens, der griechischen Philosophie und der römischen Jurisprudenz lud Constantin ein und entlohnte sie üppig, während er sich selbst vorbehielt, die königliche Jugend in der Kunst des Regierens und in Menschenkenntnis zu unterweisen. Indessen war Constantins Gemüt durch Widerstände und eigene bittere Erfahrung geprägt worden. Im privaten Umgang mit Menschen und inmitten der Gefahren an Galerius' Hof hatte er gelernt, seinen eigenen Wallungen zu gebieten und denen Gleichgestellter angemessen zu begegnen sowie in Hinblick auf seine gegenwärtige Sicherheit und seine zukünftige Größe sich ganz auf seine eigene Umsicht und seine Standhaftigkeit zu verlassen. Seine designierten Nachfolger hatten das Unglück, im Purpur geboren und erzogen zu sein. Unablässig waren sie von einem Schwarm von Schmeichlern umgeben, und ihre Jugend verbrachten sie im Luxus und in der sicheren Erwartung auf den Thron; auch hätte die Würde ihres Rang ihnen nicht gestattet, von jener hohen Plattform herabzusteigen, von der aus die unterschiedlichen menschlichen Charaktere sich so gleichförmig-unbestimmt ausnehmen. Constantins Nachsicht gestattete ihnen schon sehr frühzeitig die Teilnahme an den Regierungsgeschäften; und so lernten sie, auf Kosten des ihnen anvertrauten Volkes zu regieren. Constantin der Jüngere sollte seinen Hof in Gallien halten; sein Bruder Constantius tauschte diese Provinz, den frühere Herrschaftsbereich seines Vaters, gegen die reicheren, aber weniger kriegerischen Länder des Ostens. Italien, das westliche Illyricum und Afrika waren bereits daran gewöhnt, Constans zu huldigen, dem dritten Sohn und Stellvertreter des großen Constantin. Dalmatius schickte er an die gotische Front und übertrug ihm zusätzlich die Herrschaft über Thrakien, Makedonien und Griechenland. Für Hannibalianus wurde Caesarea als Residenzstadt ausgesucht, und die Provinzen von Pontus, Kappadokien und dem kleineren Armenien durften sein neues Königreich abgeben. Jedem dieser Prinzen wurde ein angemessene Hofhaltung bewilligt. Leibwachen, Legionen und Hilfstruppen wurden, ihrem jeweiligen Rang entsprechend, zum Schutz bewilligt. Die Minister und Generäle, die Constantin in ihrer Nähe platziert hatte, waren so geartet, dass Constantin darauf vertrauen konnte, dass sie den jugendlichen Herrschern bei der Ausübung ihrer geliehenen Macht helfen und sie gegebenfalles auch überwachen würden. Mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung dehnten sich die Grenzen ihrer Herrschaft unmerklich aus: aber den Augustustitel hielt der Herrscher für sich aufgespart; und während er Armee und Provinzen mit den Caesaren bekanntmachte, blieb doch jeder Teil des Imperiums unverändert unter seiner Oberherrschaft Eusebios, Vita Constantini 4,51f, In seinem Bestreben, die Macht und die Herrlichkeit des Constantin noch zu vergrößern, versichert Eusebios, dass der Kaiser das römische Reich aufgeteilt habe wie ein Privatmann seine Besitztümer. Die Verteilung der Provinzen können bei Eutropius, den zwei Victors und im valesianischen Fragment nachgelesen werden. . Nur wenig ward die Ruhe seiner letzten vierzehn Regierungsjahre durch den armseligen Aufstand eines Kameltreibers der Insel Zypern aufgestört Calocerus, der obskure Anführer dieser Erhebung, oder besser wohl dieses Rummels, wurde infolge der Wachsamkeit des Dalmatius festgenommen und lebendig auf dem Marktplatz von Tarsos verbrannt. Siehe Victor d.Ä. das Chronicum Eusebii des Hieronymus und die fragwürdige Überlieferung von Theophanes und Kedrenos. oder etwa dadurch, dass Staatsklugheit Constantin am Kriege gegen die Goten und Sarmaten persönlich teilzunehmen veranlasste. DIE SARMATEN Innerhalb des Menschengeschlechtes bilden die Sarmaten eine ganz besondere Gruppe; in ihnen scheinen sich die Merkmale asiatischer Barbaren mit dem Körperbau und der Hautfarbe der antiken Einwohner Europas zu vereinen. Infolge der verschiedenen Wechselfälle von Krieg und Frieden, von Bündnissen und Eroberungszügen war das Wohngebiet der Sarmaten bisweilen nur die Ebene am Don; manchmal jedoch dehnte es sich über das ungemessene Grasland zwischen Weichsel und Wolga Cellarius hat die verschiedenen Ansichten der Alten, die europäischen und asiatischen Sarmaten betreffend, zusammengetragen, und Herr d'Anville hat sie mit derjenigen Einsicht und Akkuratesse, die diesen vorzüglichen Gelehrten von jeher auszeichnen, auf die Geographie der Gegenwart angewandt. . Ihre zahlreichen Rinder- und Schafherden, die Jagd und ihre Kriegszüge – besser wohl: ihre Raubzüge – bestimmten die wechselnden Wohnorte der Sarmaten. Ihre fahrbaren Siedlungen oder Städte, in denen sich für gewöhnlich ihre Weiber und Kinder aufhielten, bestanden aus geräumigen Planwagen, die von Ochsen gezogen wurden und mit einer Art Zelt überdacht waren. Die Kavallerie war ihre Hauptwaffe; und die Gewohnheit der Krieger, stets ein oder zwei Reservepferde bei sich zu führen, ermöglichte ihnen rasche Attacken, mit denen sie die Wachsamkeit eines fernen Feindes überraschten, und ebenso rasche Flucht, mit der sie dessen Verfolgung entkamen Ammianus 17,12. Die sarmatischen Hengste wurden kastriert, um ärgerlichen Zufälligkeiten, welche durch die lautstarken und unkontrollierbaren Wallungen der Hengste veranlasst werden konnten, entgegen zu steuern. . Da sie nicht über Eisen verfügten, ersannen sie eine Art von Brustpanzer, der einen Schwerthieb oder Lanzenstich widerstehen konnte, obgleich er nur aus Pferdehufen gearbeitet war, welche in dünne und glatte Scheiben geschnitten, wie Schuppen oder Federn sorgfältig übereinander gelegt und auf einem groben Unterleinen festgenäht wurden Pausanias (1,21), dieser neugierige Reisende, hatte einen sarmatischen Harnisch sorgfältig untersucht, welcher im Aeskulaptempel zu Athen aufbewahrt wurde. . Die Angriffswaffen der Sarmaten waren der kurze Dolch, lange Lanzen und ein mächtiger Bogen mit einem gefüllten Köcher. Als Pfeilspitzen mussten sie Fischbein verwenden; aber ihre Sitte, sie in einen giftigen Extrakt zu tunken, so dass die Wunden der getroffenen Gegner sich entzündeten, diese Sitte allein reicht hin, ihnen eine niedere Gesinnung zu attestieren; denn Menschen mit einer Spur Humanität wären vor so einer grausamen Praxis zurückgeschaudert, und Völker mit entwickelter Kriegskunst hätten ein so erbärmliches Hilfsmittel verachtet »Aspicis et mitti sub adunco toxica ferro Et telum causas mortis habere duas.« Ovid, ex Ponto, 4,7,11. (Du erblickst die Pfeile, deren Widerhaken vergiftet sind und bist nun zweifach vom Tode bedroht.)Vergleiche hierzu die Untersuchung über Giftpfeile in den Recherches sur les Américains, Band 2, p 236-271). Das Gift war üblicherweise pflanzlicher Herkunft; aber das der Skythen scheint eine Mischung aus Viperngift und Menschenblut gewesen zu sein. Der Gebrauch von Giftwaffen, der in der Alten und der Neuen Welt üblich war, hat indessen niemals einen Eingeborenen-Stamm vor den Waffen eines ausgebildeten Feindes geschützt. . Ihre zottigen Bärte, verwahrlosten Haare, die Pelze, mit denen sie sich von Kopf bis Fuß einhüllten und schließlich ihr wilder Gesichtsausdruck, in dem sich die ihnen eingeborene Rohheit des Gemütes spiegelte: alles dieses erfüllte die kultivierteren Bewohner der Grenzprovinzen Roms mit Entsetzen und Abneigung. IHRE AUSSIEDLUNG IM DONAUGEBIET Der sanfte Ovid war nach einer Jugend in Ruhm und Luxus in ein trostloses Exil an die Ufer der gletscherkalten Donau verbannt worden, wo er nahezu schutzlos diesen Wüsten-Unholden ausgesetzt war und deren grobkörnige Gemütsverfassung, wie er befürchtete, auf seine sanfte Seele abfärben müsse. In seinen heftigen, wiewohl zuweilen auch unmännlichen Klageliedern beschreibt er in den lebhaftesten Farben Kleidung und Gebräuche, Waffen und Überfälle der Geten und Sarmaten Die neun Bücher dieser Tristien, die Ovid während der ersten sieben Jahre seines trübseligen Exils schrieb, besitzt neben seiner unbestrittenen Eleganz noch zwei weitere Vorzüge. Sie entwerfen das Bild einer Menschenseele in einer Extremsituation; und sie enthalten zahlreiche Kuriositäten, die zu beobachten außer Ovid kein Römer Gelegenheit hatte. Der Historiker Graf de Buat hat alle Beobachtungen, die die Geschichte der Barbaren zu illustrieren geeignet scheinen, mit großer Genauigkeit zusammengetragen. (Buat, Histoire Ancienne des Peuples de l'Europe, Band 4, c. 16, p. 286-317.) , die sich zum Zwecke des Plünderns vorübergehend verbündet hatten; es gibt guten Grund zu der Annahme, dass es sich bei diesen Sarmaten um die Jazygen handelte, welche den größten und kriegerischsten Teil dieser Nation ausmachten. Die Verlockungen des Reichtums vermochten sie, sich dauerhaft an den Grenzen des Imperiums niederzulassen. Schon bald nach dem Ende von Augustus zwangen sie die Dakier, welche am Ufer der Theiss (Tibiscus) vom Fischfang lebten, sich in das Hügelland zurückzuziehen und den siegreichen Sarmaten die fruchtbare Ebene Ungarns zu überlassen, welche durch die Donau und das Halbrund der Karpaten begrenzt wird Die sarmatischen Jazygen siedelten an den Ufern des Pathissus (Theiss), als Plinius im Jahre 79 seine Naturgeschichte veröffentlichte (4,25). Sechzig oder siebzig Jahre vorher, in den Zeiten von Ovid und Strabo, haben sie offenbar an der Schwarzmeerküste gesiedelt. . In dieser vorteilhaften Lage warteten sie auf die Gelegenheit zum Angriff, sobald sie sich durch Unrecht provoziert fühlten, oder ließen ihn verstreichen, wenn sie durch Geschenke beschwichtigt werden konnten; allmählich hatten sie sich auch die Handhabung gefährlicherer Waffen angeeignet; und wenn die Sarmaten sich auch nicht durch besondere Eroberungen hervorgetan hatten, so sprangen sie doch ihren östlichen und westlichen Nachbarn, den Goten und Germanen, mit einer schlagkräftigen Kavallerieabteilung bei. Sie lebten unter der ungeregelten Herrschaft ihrer Stammeshäuptlinge »Principes Sarmatarum Jazygum penes quos civitatis regimen ... plebem quoque et vim equitum, qua sola valent, offerebant.« Tacitus, Histotrien 3,5. (Die Häuptlinge der jazygischen Sarmaten, bei denen die Leitung ihres Staates lag, boten auch ihre Kavallerie an, die ausschließlich ihre Stärke ausmachte.) Im Bürgerkrieg zwischen Vitellius und Vespasian wurde dieses Angebot ebenfalls gemacht. ; nachdem sie aber in ihren Volkskörper die flüchtigen Vandalen aufgenommen hatten, welche den Goten hatten weichen müssen, scheinen sie aus jener Nation einen König gewählt zu haben, und ebenso von den berühmten Astingi, welche zuvor an den Küsten des Nordmeeres gesiedelt hatten Diese Hypothese von einem Vandalenkönig, welcher über sarmatische Untertanen regiert, scheint erforderlich, damit es zu einem Ausgleich zwischen dem Goten Jornandes mit den griechischen und lateinischen Historikern Konstantins kommen kann. Es sei darauf hingewiesen, dass Isidor, welcher unter den Goten in Spanien lebte, die Sarmaten und nicht die Vandalen als Feinde ausgibt. Siehe seine Chronik in Grotius, p.709. . GOTENKRIEG ERFOLGREICH BEENDET – A.D. 331 An dieser Reibungsfläche müssen sich nun alle die strittigen Fragen entzündet haben, welche zwischen benachbarten kriegerischen Großnationen beständig schwelen. Die Vandalenherrscher schwankten zwischen Furcht und Rachegelüsten; die Gotenkönige verlangte es danach, ihren Einflussbereich vom Schwarzen Meer bis nach Germanien zu erweitern: und so war das Wasser des Maros, eines kleinen Nebenflusses der Theiss, mit dem Blute feindlicher Barbaren gerötet. Nachdem die Sarmaten auf handgreifliche Weise erlebt hatten, dass ihre Gegner ihnen an Zahl und Kampfkraft überlegen waren, baten sie den römischen Monarchen um Schutz, welcher einerseits an dem Hader der Barbaren seine Freude hatte, zugleich aber sich über den Fortschritt der gotischen Waffen zu Recht seine Gedanken machte. Sobald sich Constantin für die schwächere Partei erklärt hatte, überschritt Ararich, der stolze Gotenkönig, die Donau in Eile, anstelle den Angriff der Legionen abzuwarten, und verbreitete Schrecken und Verwüstung in der Provinz Mösien. Der betagte Herrscher begab sich in Person auf den Kriegsschauplatz, weiteren Verwüstungen zu wehren; indessen verließ ihn bei dieser Gelegenheit seine Besonnenheit oder das Glück, welche ihm in so vielen Kriegen im In- und Ausland beigestanden und seinen Ruhm gemehrt hatten. Zu seinem Verdruss sah seine Truppen vor der schieren **Unmasse**? der Barbaren fliehen, sah, wie sie bis zu dem befestigten Lager verfolgt wurden und fühlte sich endlich genötigt, sein eigenes Heil in einer überstürzten und schmachvollen Flucht zu suchen. Ein zweiter und diesmal erfolgreicherer Angriff stellte die Ehre Roms wieder her: Kriegskunst und überlegene Taktik obsiegten nach langem Gefecht über die ungeordneten Anstrengungen de feindlichen Heeresmacht. Die geschlagene Armee der Goten verließ das Schlachtfeld, die verwüstete Provinz und passierte erneut die Donau; und obwohl Constantins Ältester die Stelle seines Vaters einnehmen durfte, wurden die Verdienste an diesem überall bejubelten Siege den überlegenen Ratschlägen des Kaisers persönlich zugeschrieben. CONSTANTINS VERHANDLUNGEN 20. APRIL 332 Zumindest tat er das Seine, diesen Vorteil in den nachfolgenden Verhandlungen mit den freien und kriegsgeübten Chersoniten Ich muss mich notgedrungen dafür rechtfertigen, dass ich mich bedenkenlos auf die Autorität des Constantinus Porphyrogenitus als der einzigen Quelle gestützt habe, wenn es um Krieg und Friedensverhandlungen mit den Chersoniten geht; ich bin mir bewusst, dass er ein Grieche des zehnten Jahrhunderts war und dass seine Berichte über die ältere Geschichte oft ins Verworren-Fabulöse abgleiten. Aber in diesem Punkte zumindest ist seine Darstellung schlüssig und glaubhaft; auch ist es leicht vorstellbar, dass er als Kaiser zu einigen Geheimarchiven Zugang gehabt hat, die Autoren von gewöhnlicher Herkunft verschlossen blieben. Zur Lage und Geschichte der Chersonesos siehe Peyssonel, des Peuples barbares qui ont habite les Bords du Danube, Kap 16, p. 84-90. noch zu auszubeuten; deren Hauptstadt an der Westküste der Krim-Halbinsel wies noch Spuren der griechischen Kolonisation auf, wurde von einem ständigen Magistrat regiert, dem ein Rat aus Senatoren assistierte, welche ausdrücklich die Väter der Stadt benannt wurden. Die Meinung der Chersoniten war den Goten infolge der Kriege im vorigen Jahrhundert nicht günstig, als sie sich gegen die überlegenen Eindringlinge zur Wehr setzen mussten. Mit den Römern verbanden sie die Segnungen des Handels; denn aus deren asiatischen Provinzen erhielten sie Korn und Handelswaren im Tausch gegen Salz, Wachs und Leder, ihren einzigen Produkten. Im Gehorsam gegen die Anordnungen des Constantin stellten sie unter der Aufsicht ihres Magistraten Diogenes eine beachtliche Truppe auf die Beine, deren Kern Kriegswagen und Armbrustschützen bildeten. Mit Eilmärschen und unerschrockenen Angriffe lenkten sie die Goten ab und unterstützten dadurch die Maßnahmen der kaiserlichen Generalität. Von allen Seiten bedrängt, entwichen die Goten in die Berge, wo im Laufe einer äußerst heftigen Kampagne geschätzte einhunderttausend Mann vor Hunger oder Kälte gestorben sein sollen. Endlich gewährte man ihnen auf ihr flehentliches Bitten Frieden; den ältesten Sohn des Ararich ließ man sich als wertvolle Geisel gefallen; und Constantin verfehlte nicht, durch großzügige Geschenke und Ehrenstellen ihre Stammeshäuptlinge davon zu überzeugen, wie sehr doch eine Freundschaft mit Rom seiner Feindschaft vorzuziehen sei. Der kaiserliche Dank an die getreuen Chersoniten fiel noch großzügiger aus. Der Magistrat und seine Rechtsnachfolger wurden mit üppigstem, fast schon königlichem Habit ausstaffiert. Für alle Schiffe, die Handel mit den Schwarzmeerhäfen trieben, entfielen künftighin die Abgaben. Regelmäßige Lieferungen von Eisen, Getreide, Öl und anderem kriegs- und friedenswichtigen Stoffen wurden in Aussicht gestellt. Den Sarmaten hingegen war nach allgemeiner Auffassung genug Dank abgestattet worden, indem man sie vor ihrem bevorstehenden Untergang bewahrt hatte; und der Kaiser, der in diesem Punkte wohl etwas zu wirtschaftlich dachte, zweigte einen Teil der Kriegskosten von den üblichen Schenkungen ab, die man für dieses unruhige Volk vorgesehen hatte. VERTREIBUNG DER SARMATEN A.D. 334 Erbost durch diese offenkundige Zurücksetzung vergaßen die Sarmaten mit der den Barbaren eigenen Leichtfertigkeit die Hilfe, die man ihnen erst kürzlich gewährt hatte und die Gefahr, die nach wie vor über ihnen schwebte. Ihre Einfälle auf das Territorium des römischen Reiches riefen Constantins Ungnade hervor, und so überließ er sie ihrem Schicksal und dem Ehrgeiz des Geberich, einem berühmten Krieger, welcher kurz zuvor den Thron der Goten bestiegen hatte. Der König der Vandalen, Wisumar, verteidigte auf sich gestellt sein Territorium mit verbissenem Mut, aber in der entscheidenden Schlacht wurde er besiegt, und mit ihm ging die Blüte der sarmatischen Jugend unter. Die Überlebenden verfielen auf das verzweifelte Auskunftsmittel, ihre Sklaven zu bewaffnen, die ihrerseits eine sehr handfeste Rasse von Jägern und Halbnomaden waren und ihre unkontrollierbare Hilfe benutzten, ihre Niederlage zu rächen und die Eindringlinge aus ihrem Lande herauszuwerfen. Aber dann mussten sie entdecken, dass sie ihren inneren Feind nur gegen einen äußeren getauscht hatten, der noch gefährlicher und noch unversöhnlicher war. Die Sklaven (man nannte sie die Limiganten), die durch ihre vergangene Knechtschaft in verbitterter und durch ihren jüngsten Sieg in gehobener Stimmung waren, beanspruchten für sich den Besitz an dem Land, das sie gerettet hatten, und setzten ihn auch durch. Ihre Herren, die dieser ungezügelten Volkswut nicht Herr werden konnten, zogen die Härten eines Exils der Tyrannei ihrer Sklaven vor. Einige der flüchtigen Sarmaten begaben sich in eine weniger schmachvolle Abhängigkeit unter der Fahne der Goten. Eine größere Gruppe zog sich hinter die Karpaten zurück, zu den Quaden, ihren germanischen Verbündeten, welche ihnen ein großes Gebiet unbebauten Landes zuwiesen. Aber der weitaus größte Teil dieser aufgewühlten Nation wandte sich den fruchttragenden Provinzen Roms zu. Zunächst erflehten sie den Schutz und die Vergebung des Kaisers und gelobten dann feierlich, im Frieden als Untertanen und im Krieg als Soldaten ihre unverbrüchliche Treue zum Imperium zu bewähren, welches sie dafür in seinem Schoße aufnehmen möge. Gemäß den Regierungsmaximen des Probus und seiner Nachfolger ging man bereitwillig auf diese Angebote der Barbaren ein; und so wurden für die Ansiedlung der dreihunderttausend Sarmaten in Pannonien, Thrakien, Makedonien und Italien angemessene Landstriche bereitgestellt Die Gothen- und Sarmatenkriege sind derart stückweise und unvollständig überliefert, dass ich genötigt gewesen bin, die folgenden Autoren, welche sich gegenseitig ergänzen, berichtigen und erläutern, miteinander sorgfältig zu vergleichen. Wer sich der gleichen Mühewaltung unterziehen will, hat damit auch das Recht erworben, meine Darstellung zu kritisieren: Ammianus, Marcellinus 17,12; Anonymus Valesianus p. 715; Eutropius, 10,7; Sextus Rufus de Provinciis, c. 26; Iulian, Oratio 1, p. 9 und Spanheims Kommentar p. 94; Hieronymos, Chronicum Eusebii; Eusebios, Vita Constantini 4,6. Socrates Scholastikos 1,18; Sozomenes, 1,8. Zosimos, 1,21; Jordanes de Rebus Geticis, 22. Isidorus Historia in Grotius, Historia Gothorum p. 709; Constantinus Porphyrogenitus de Administrando Imperii, 53, p. 208, edit. Meursii. . CONSTANTINS TOD · A.D. 337 Und also stellte Constantin Roms Größe wieder her: der Stolz der Goten war gebrochen, und eine andere Nation hatte sich unterworfen; die Botschafter von Aethiopien, Persien und der entlegensten Indischen Länder wünschten ihm Glück zu seiner friedensreichen und erfolgreichen Regierung Eusebius (Vita Constantini 4,50) macht zu diesen Indern drei Anmerkungen: 1: Sie kamen von den Küsten des östlichen Ozeans; diese Angabe kann sich auf die Küste von China oder die Kormandelküste beziehen. 2: Ihre Geschenke waren leuchtende Edelsteine und unbekannte Tiere. 3: Sie versicherten, dass ihre Könige Statuen zu Ehren der Majestät Constantins aufgestellt hätten. . Wenn er auch den Tod seine ältesten Sohnes, seines Neffen und womöglich den seiner Frau zu den glückhaften Ereignissen rechnete, dann hatte er bis in sein dreißigstes Regierungsjahr in der Tat eine ununterbrochene Folge privaten und staatlichen Glückes erlebt; ein Zeitraum, den keiner seiner Vorgänger seit Augustus erleben durfte. Das Fest zu diesem Anlass überlebte Constantin um zehn Monate; und im fortgeschrittenen Alter von vierundsechzig Jahren endete er nach kurzer Krankheit sein erinnerungswürdiges Leben im Palast von Aquyrion in einer Vorstadt von Nicomedia, wohin er sich wegen der gesunden Luft zurückgezogen hatte, um seine ermattenden Kräfte mit warmen Bädern wieder herzustellen. Was anschließend an Trauer und Seufzern bekundet ward, übertraf alles, was zuvor bei vergleichbarer Gelegenheit vermerkt wurde. Ungeachtet der Ansprüche, die Senat und Volk des alten Rom geltend machten, wurde der Leichnam des Kaisers seinem letzten Wunsche gemäß in die Stadt überführt, die den Namen und das Gedächtnis ihres Stifters behalten sollte. Constantins Körper wurde mit den inhaltsleeren Symbolen seiner Größe, Purpur und Diadem, angetan und auf ein goldenes Bett in einer Zimmerflucht des Palastes gelegt, welcher zu diesem Zwecke festlich illuminiert und ausgestattet worden war. Das Hofzeremoniell wurde pünktlich beobachtet. Täglich nahten sich zu festgesetzter Stunde die höchsten Staats-, Armee- und Hofbeamten der Person des Herrschers mit gebeugtem Knie und ausdrucksloser Miene und machten ihre respektvollste Aufwartung mit einem Ernst, als ob er noch am Leben sei »Funus relatum in urbem sui nominus, quod sane Populus Romanus aegerrime tulit.« Aurelius Victor, Caesares 41 (Der Leichnam wurde in die nach ihm benannte Stadt überführt; Das Römische Volk trug außerordentlichen Schmerz). Constantin hatte für sich in der Kirche der Heiligen Apostel eine prachtvolle Begräbnisstätte ausgesucht, Eusebios 4,60. Die de facto einzige und beste Darstellung von Krankheit, Sterben und Begräbnis des Constantin findet sich im vierten Buch seiner Lebensbeschreibung von Eutropius. . Aus politischen Gründen wurde dieses makabre Staatstheater eine Zeitlang fortgesetzt; auch verfehlte die Stimme der Schmeichelei nicht zu bemerken, dass Constantin infolge einer besonderen Gnade des Himmels noch über seinen Tod hinaus regiert hatte. DAS MASSAKER Diese Art von Regierung war indessen nur eine leere Farce; und schon bald ward offenkundig, dass der Wille auch des absolutesten Monarchen keinen Gehorsam mehr findet, wenn seine Untertanen von seiner Gunst nichts mehr zu erwarten und von seiner Ungnade nichts mehr zu befürchten haben. Dieselben Minister und Generäle, die vor der Leiche ihres Herrschers das Knie beugten, berieten sich zugleich insgeheim darüber, wie sie seine beiden Neffen Dalmatius und Hannibalianus von der ihnen zugesagten Teilhabe an der Thronfolge ausschließen könnten. Wir sind mit dem Brauchtum an Constantins Hof zu wenig vertraut, um uns über die wahren Motive der Hauptverschwörer ein Urteil erlauben zu können; möglicherweise stachelte sie der Geist der Eifersucht und der Rache gegen Ablavius, einen überheblichen Favoriten, der lange Zeit die Beschlüsse des verstorbenen Herrschers beeinflusst und sein Vertrauen missbraucht hatte. Die Gründe indessen, mit deren Hilfe sie die Armee und das Volk auf ihre Seite ziehen wollten, sind uns deutlich: und so mochten sie mit ebensoviel Schicklichkeit wie Wahrheit auf den höheren Rang der Kinder Constantins verweisen; auf die Gefahr, dass sich die Zahl der Herrscher vermehren könnte; auf die drohende Unbill, die dem Staate aus der etwaigen Feindschaft so vieler rivalisierender Herrscher entspringen könne, die durch das zärtliche Band der Bruderliebe sichtbar nicht verbunden seien. Die Intrige wurde energisch und in aller Heimlichkeit vorangetrieben, bis man eine vernehmliche und einstimmige Willenserklärung der Truppe zustande bekommen hatte, dass sie niemanden anders als die Söhne des Monarchen, dessen Tod sie beweinten, als Herrscher leiden würden Eusebios, Vita Constantini 4,6 beschließt seinen Bericht mit dieser Treueerklärung der Truppen, was ihm alle die grässlichen Umstände des darauf folgenden Massakers erspart. . Der jüngere Dalmatius, welcher mit seinen Seitenverwandten auch noch durch Freundschaft und gemeinsame Interessen geeint war, und dem man nachsagte, dass ihm ein gerütteltes Maß der Fähigkeiten des großen Constantin innewohne, scheint bei diese Gelegenheit keinerlei Maßregeln ersonnen zu haben, um durch Waffengewalt seine und seines königlichen Bruders berechtigte Ansprüche, dem Geschenk ihres Onkels, zu vertreten. Überrascht und überrumpelt durch die Woge des öffentlichen Ablehnung, scheinen sie in der Hand ihrer unversöhnlichen Feinde verblieben zu sein, ohne die geringste Möglichkeit zur Flucht oder zum Widerstand. Bis zur Ankunft des Constantius, Constantins zweitem Eutropius (10,9) entwirft von Dalmatius ein zwar gedrängtes, aber durchaus vorteilhaftes Charakterbild: » Dalmatius Caesar prosperrima indole, neque patruo absimilis, ›haud multo‹ post oppressus est factione militari. (Der Caesar Dalmatius, ein Mann reicher Gaben und dem Onkel nicht unähnlich, wurde bald darauf von einer Gruppe Soldaten erschlagen.) Da sowohl Hieronymus als auch die Alexandrinische Chronik das dritte Jahr des Caesars erwähnen, das nicht vor dem 18. oder 24 September A.D. 337 begann, steht fest, dass diese kriegsähnlichen Parteikämpfe über vier Monate gedauert hatten. und wohl aussichtsreichstem Sohn, schwebte ihr Verhängnis. ERMORDUNG DER PRINZEN Als der Kaiser im Sterben lag, hatte er die Sorge für die Begräbnisfeierlichkeiten der Pietät des Constantius anempfohlen; und leicht konnte dieser im unfernen Osten stationierte Prinz den Maßnahmen seiner Brüder in Gallien und Italien zuvorkommen. Sobald er von dem Kaiserpalast in Konstantinopel Besitz ergriffen hatte, war sein erstes Geschäft, die Besorgnisse seiner Brüder um ihre Sicherheit durch einen feierlichen Eid zu zerstreuen, und sein zweites, einen geeigneten Vorwand zu finden, um sein Gewissen von den Verpflichtungen aus diesem vorschnellen Versprechen freizusprechen. So trat die hohe Kunst der Täuschung in die Dienste der niederen Gewaltanwendung: schon bestätigte eine hochachtbare Persönlichkeit die Richtigkeit eines handfesten Falsifikates. Aus der Hand des Bischofs von Nicomedia empfing Constantius eine schicksalsträchtige Schriftrolle, welche angeblich das echte Testament seines Vaters war; in welchem der Kaiser den Verdacht äußerte, dass er von seinem Bruder vergiftet worden war; und in welchem er seine Söhne beschwor, seinen Tod zu rächen, und zugleich durch die Bestrafung des Schuldigen für ihre eigene Sicherheit zu sorgen Ich habe diese merkwürdige Anekdote unter Berufung auf die Autorität des Philostorgos 2,16 erzählt. Sollten aber Constantius und seine Anhänger jemals auf einen solchen Vorwand zurückgegriffen haben, dann wurde er nach Erfüllung seines unmittelbaren Zweckes mit Verachtung wieder fallen gelassen. Athanasius (Band 1, p. 856) erwähnt den Eid, mit welchemer die Sicherheit seiner Verwandtschaft verbürgte. . Wenn diese unglücklichen Prinzen irgendwelche Gründe gegen so eine unglaubliche Anklage ins Feld führten, um damit ihre Ehre und ihr Leben zu retten, so wurden sie durch das zornige Gelärme der Armee zum Schweigen gebracht, die sich in einem Zuge zu ihren Anklägern, ihren Richtern und ihren Henkern aufwarf. Der Geist und selbst die äußeren Formen einer Gerichtsverhandlung wurden wiederholt mit den Füßen getreten: es kam zu einem Massaker. Hierin einbezogen wurden die beiden Onkel des Constantius, sieben seiner Vettern, von denen Dalmatius und Hannibalianus die prominentesten waren, der Patrizier Optatus, der eine Schwester des Kaiser geheiratet hatte und der Präfekt Ablavius, dessen Einfluss und Reichtum ihm wohl einige Hoffnungen auf den Purpur gemacht hatten. Um den Schrecken dieser Blutbäder noch zu vermehren, fügen wir beiläufig hinzu, dass Constantius selbst der Tochter seines Onkels Julius versprochen war und dass er seine Schwester seinem Vetter Hannibalianus zur Frau gegeben hatte. Diese Allianzen, welche die Politik des Constantius ungeachtet des populären Conjuga sobrinarum diu ignorata, tempore addito percrebuisse. Tacitus, Annales 12. 6, und Lipsius ad loc. (Ehen zwischen Geschwisterkindern waren lange Zeit unbekannt, hätten sich aber allmählich eingebürgert.) Die Aufhebung des alten Gesetzes und die Praxis von fünfhundert Jahren hatten nicht vermocht, die Vorurteile der Römer auszurotten, welche die Ehe zwischen Vetter und Base ersten Grades immer noch für eine Art unvollendeten Inzests ansahen; und Julian, der von Vorurteilen und Aberglauben nachgerade überquoll, verurteilt diese widernatürliche Allianz zwischen seinen Cousinen mit den Worten γάμων τε οὐ γάμων (Ehen als auch Nichtehen.) Orationes 7, p. 269 Die kanonische Rechtsgelehrsamkeit hat seitdem dieses Verbot wiederbelebt und verstärkt, ohne allerdings imstande zu sein, es im bürgerlichen und allgemeinen Recht Europas heimisch zu machen. Siehe zu dieser Art Ehen Taylor's Civil Law, p. 331; Brouer, de Jure Connubiorum, Band 2, c.12; Hericourt, des Loix Ecclesiastiques, Teil 3, c. 5; Fleury, Institutions du Droit Canonique, Band 1, p. 331, Paris, 1767; und Fra Paolo, Istoria del Concilio Trident. Buch 8. Vorurteils zwischen den verschiedenen Zweigen des Kaiserhauses eingefädelt hatte, gaben der Menschheit lediglich die Überzeugung ein, dass diese Herrscher ehelicher Zuneigung gegenüber genauso kalt waren wie sie taub waren für die Stimme des Blutes und das Flehen der Jugend und Unschuld. Einzig Gallus und Julian, die beiden jüngsten Söhne des Julius Constantius, entgingen der Hand der Mörder, bis deren Wut, vom Blute gesättigt, sich leidlich beruhigt hatte. Der Kaiser Constantius, den infolge der Abwesenheit seiner Brüder die meiste Schuld und die schlimmsten Vorwürfe treffen, spürte in späteren Zeiten ein schwaches und rasch abklingendes Gefühl der Reue für diese Mordtaten, die die perfiden Ratschläge seiner Minister und der unstillbare Blutdurst der Soldateska seiner unerfahrenen Jugend abgenötigt hätten Iulian (Epistula ad Atheniensis p.270) schiebt seinem Vetter Constantius die ganze Schuld an diesem Gemetzel zu, dem er selbst nur mit genauer Not entkam. Seine Darstellung wird von Athanasius bekräftigt (Opera, Band 1, p. 856) welcher aus allerdings ganz anderen Gründen Constantius ebenso heftig hasste. Zosimos stellt sich ebenfalls auf die Seite dieser Anklage. Aber die drei Verfasser der Auszüge aus der Geschichte, Eutropius und die beiden Victor, verwenden sehr einschränkende Ausdrücke: »silente potius quam iubente« (eher zugelassen als angeordnet); »incertum quo suasore« (ungewiss, durch wen angeraten) und »vi militum« (durch die Gewalt des Militärs.) . TEILUNG DES REICHES 11. SEPTEMBER 337 Auf das Massaker in der Flavischen Familie folgte eine neuerliche Teilung der Provinzen, welche während eines Treffens der drei Brüder rechtskräftig gemacht wurde. Constantinus, der älteste der Caesaren, erhielt neben einem gewissen protokollarischen Vorrang den Besitz der neuen Hauptstadt, die seinen und seines Vaters Namen trug. Thrakien und das Morgenland fielen als väterliches Erbteil dem Constantius zu; und Constans endlich ward als rechtmäßiger Herrscher Italiens, Afrikas und des westlichen Illyriens anerkannt. Die Legionen unterstellten sich ihren ererbten Ansprüchen, und nach einer schicklichen Frist geruhten die drei Herrscher, den »Augustus«-Titel vom Senat anzunehmen. Als sie dann zum ersten Male die Zügel der Regierung in der Hand hielten, war der älteste dieser Herrscher einundzwanzig Jahre alt, der zweite zwanzig und der jüngste erst siebzehn Jahre alt. Eusebios Vita Constantini, 4,69; Zosimos 2,39; Hydatius, Chronicum Eusebii. Siehe zwei Anmerkungen von Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 1086-1091. Die Regierung des ältesten Bruders in Konstantinopel wird nur in der Alexandrinischen Chronik erwähnt. SAPOR, DER PERSERKÖNIG A.D. 310 Während sich Europas kriegsgewohnte Nationen unter den Fahnen seiner Brüder sammelten, trug Constantius an der Spitze der delikaten Truppen Asiens die Last des Perserkrieges. Zum Zeitpunkt von Constantins Tod saß Sapor, der Sohn des Hormuz oder Hormisdas und Enkel des Narses, auf dem Thron des Morgenlandes; der Letztgenannte hatte nach dem Siege des Galerius in Demut Roms Überlegenheit anerkannt. Obwohl Sapor bereits das dreißigste Jahr seiner langen Regentschaft angetreten hatte, stand er immer noch in der Blüte seiner Jugend, da infolge eines äußerst merkwürdigen Umstandes das Datum seiner Thronbesteigung vor dem seiner Geburt lag. Die Frau des Hormuz war schwanger, als ihr Mann starb; da über das Geschlecht des Kindes und das Geburtsdatum Unsicherheit bestand, regten sich die ehrgeizigen Hoffnungen des Hauses Sassan. Die Sorge vor einem Bürgerkrieg konnten indessen beigelegt werden durch die Versicherung der Magi, dass die Witwe des Hormuz mit einem Sohne schwanger ginge und ihn gesund zur Welt bringen werde. Im Gehorsam gegen die Stimme des Aberglaubens versammelten sich die Perser ohne Verzug zu seiner Krönungszeremonie. In der Mitte des Palastes wurde für die Königin ein Bett aufgestellt, auf dem die im Prachtgewande lag; das Diadem wurde an der Stelle niedergelegt, an welcher der künftige Erbe des Artaxerxes vermutet wurde, und die hingestreckten Satrapen beteten die Majestät ihres unsichtbaren und empfindungslosen Herrschers an Agathias, der im sechsten Jahrhundert lebte, ist der Autor dieser Geschichte (Buch 4, p. 135). Er hat seine Informationen aus persischen Chroniken bezogen, welche ihm sein Dolmetscher Sergius während seiner Anwesenheit als Botschafter am Hofe erhalten und übersetzt hatte. Die Krönung von Sapors Mutter wird auch noch erwähnt von Schikard (Tarikh, p. 116) and d'Herbelot (Bibliothéque Orientale, p. 763). . Wenn an diesem Wundermärchen auch nur eine Spur Wahrheit ist – immerhin bieten die Bräuche dieses Volkes und die außerordentliche Dauer seiner Regierung einige Gewähr für seine Richtigkeit – dann müssen wir nicht nur Sapors Glück, sondern auch seinen Geist bewundern. Trotz der Erziehung in der sanften Abgeschiedenheit eines persischen Harems entdeckte der königliche Jüngling für sich die Wichtigkeit, seinen Körper und Geist zu stärken; und so hatte er sich durch seine persönlichen Verdienste ein Anrecht auf den Thron erworben, auf den man ihn gesetzt hatte, als er sich der Verpflichtung und der Versuchung der absoluten Macht noch überhaupt nichts ahnte. Beinahe naturnotwendig war er mit seinem geringen Anhang den Verhängnissen eines Bürgerkrieges ausgesetzt; seine Hauptstadt wurde vor Thair überrannt und geplündert, einem mächtigen König Arabiens oder Jemens; eine zusätzliche Demütigung erfuhr die königliche Familie durch die Gefangennahme einer Prinzessin, der Schwester der verstorbenen Königs. Sobald nun aber Sapor in das Mannesalter eingetreten war, sanken der hochfahrende Thair, sein Volk und sein Land beim ersten Ansturm des jungen Kriegers in den Staub. Er beutete seinen Sieg mit einer so wohlberechneten Mischung aus Strenge und Milde aus, dass ihm die Araber aus Angst und Dankbarkeit den Titel Dhoulacnaf oder Wohltäter des Volkes verliehen D'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 764 . ZUSTÄNDE IN MESOPOTAMIEN UND ARMENIEN Der Ehrgeiz dieses Persers, dem auch seine Feinde die Fähigkeit zum Soldaten und zum Feldherrn nicht absprachen, war nun darauf gerichtet, das Unglück seiner Väter zu rächen und den Römern die fünf Provinzen jenseits des Tigris zu entwinden. Constantins Ruf als Krieger und die wirkliche oder auch nur vermutete Stärke seiner Regierung vertagte den Angriff; und während Sapors feindselige Aufführungen den Unwillen des Kaiserhofes erregten, vermochten seine berechneten Verhandlungen dessen Geduld hinzuhalten. Constantins Tod jedoch war das Signal zum Krieg Sextus Rufus (de Provinciis 26), der in diesem Zusammenhang eine unverächtliche Autorität ist, bekräftigt, dass die Perser vergeblich um Frieden nachsuchten und dass Constantin gegen sie rüstete; das gewichtigere Zeuignis des Eusebios nötigt uns jedoch zu der Annahme, dass ein Friedensvertrag ausgehandelt, wo nicht gar unterschrieben worden war. Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 420. , und die augenblickliche Lage an der syrischen und armenischen Grenze versprach den Persern üppige und leichte Beute und befeuerte so ihren Mut. Das Gemetzel im Palast förderte noch die Auflösungstendenzen unter den Armeen des Ostens, da sie nun nicht mehr durch ihren bewährten Befehlshaber an der Kandare gehalten wurden. Nur die Umsicht des Constantius, der nach dem Treffen mit seinem Bruder in Pannonien an den Euphrat geeilt war, stellte Pflichtgefühl und Gehorsam wieder her; aber die vorübergehende Anarchie hatte es Saporn bereits ermöglicht, Nisibis zu belagern und einige der wichtigsten Festungen Mesopotamiens zu besetzen Iulian, Orationes 1, p. 20. . In Armenien hatte der wiedererstarkte Tiridates lange Zeit des Friedens und des Ansehens genossen, die er sich wegen seiner Anhänglichkeit an die Sache Roms verdient hatte. Seine feste Bündnistreue zu Constantin brachte gleichermaßen geistliche wie weltliche Vorteile mit sich: durch seine Bekehrung zum Christentum fügte Tiridates seinem Ruf als Held noch den eines Heiligen hinzu, auch ward das christliche Bekenntnis zwischen Euphrat und Kaspischem Meer gepredigt und befestigt und Armenien so dem Imperium durch die zwiefachen Bande der Politik und der Religion verbunden. Da nun aber vielen armenischen Adligen die bunte Vielfalt ihrer Götter und Weiber aufzugeben die Neigung fehlte, wurde die öffentliche Ruhe durch eine Fraktion Unzufriedener aufgestört, die dem hinfälligen Alter ihres Herrschers Kummer bereiteten und ungeduldig auf sein Ableben warteten. Er starb endlich, nach einer Regierungszeit von sechsundfünfzig Jahren, und mit Tiridates ging auch das das Glück der armenischen Monarchie zu Ende. Sein gesetzmäßiger Erbe wurde ins Exil geschickt, die christlichen Priester ermordet oder aus ihren Kirchen vertrieben und die Barbarenstämme Albaniens verlockt, aus ihren Bergen herab zu steigen; zwei der mächtigsten Herrscher, die sich die Insignien königlicher Macht angemaßt hatten, baten Sapor dringend um Unterstützung und öffneten ihrerseits den persischen Truppen die Tore ihrer Städte. Die christliche Partei unter der Führung des Erzbischofs von Artaxa, des direkten Amtsnachfolgers von St. Gregor Illuminator (»der Erleuchter«) nahm ihrerseits Zuflucht bei Constantius' Nächstenliebe. Nachdem diese Ärgernisse drei Jahre gedauert hatten, exekutierte Antiochus, einer der Beamten des Schatzes, mit Erfolg eine kaiserliche Direktive, setzte Tiridates' Sohn Chosroes auf dem Thron seiner Väter ein, belohnte und ehrte die treuen Anhänger des Arsakidenhauses und sprach eine Generalamnestie aus, auf welche sich die abtrünnigen Satrapen mehrheitlich einließen. Indessen gewannen die Römer bei dieser Rebellion mehr Ehre als messbaren Vorteil. Chosroes war geringen Leibes und kleindenkenden Gemütes. Den Kriegsstrapazen war er nicht gewachsen, die Menschen floh er, und so zog er sich von seiner Hauptstadt in einen ruhigen Palast zurück, welchen er sich am Ufer des Eleutherus zumitten eines schattigen Hains errichten ließ; hier füllte er seine Mußesunden mit den rustikalen Vergnügungen der Jagd und der Falknerei. Um sein behagliches Dasein sicher zu stellen, unterwarf er sich allen Friedensbedingungen, die Sapor ihm zu diktieren beliebte; die Bezahlung eines jährlichen Tributes und die Rückgabe der fruchtbaren Provinz Atropatene, welche der Mut des Tiridates und die siegreichen Waffen des Galerius für die armenische Monarchie erworben hatten Iulian Orationes 1, p. 20 und 21. Moses of Chorene, 2, 89, 3, 1-9, p. 226-240.Die genaue Übereinstimmung zwischen den Andeutungen eines zeitgenössischen Redners und der umständlichen Darstellung der nationalen Schriftsteller werfen Licht auf den ersten Teil der Aussage und verleihen dem zweiten Teil einigen Nachdruck. Zur Glaubwürdigkeit des Moses mag angemerkt sein, dass der Name des Antiochus einige Jahre vorher in einem Amt von untergeordneter Bedeutung genannt wird. Siehe Gothofredus zum Codex Theodosianus, Band 6, p. 350. . DER PERSERKRIEG 337 – 360 A.D. · SCHLACHT VON SINGARA A.D. 348 Während der langen Regierung des Constantin hatten die Provinzen des Ostens beständig unter den Widrigkeiten des persischen Krieges leiden müssen. Die unberechenbaren Einfälle ihrer Leichtbewaffneten verbreiteten Schrecken und Verwüstung über Tigris und Euphrat hinaus, von Ktesiphon bis vor die Tore Antiochias; hieran waren in erster Linie die Araber der Wüste beteiligt, die je nach Interessenlage und Bündnissen zersplittert waren; einige ihrer unabhängigen Stammeshäuptlinge standen auf Sapors Seite, während andere mit schwankender Treue zu Rom hielten Ammianus (14,4) schildert sehr anschaulich das nomadisch-räuberische Leben der Sarazenen, welches sich zwischen den Grenzen zu Assyrien und den Nilkatarakten abspielte. Hieronymus hat die Abenteuer des Malchos sehr unterhaltsam dargestellt, und wir entnehmen ihnen, dass die Handelsstraße zwischen Beroea und Edessa mit diesen Buschräubern verseucht war. S. Hieronymus, Opera Band 1, p. 256. . Wichtigere Feldzüge in diesem Kriege wurden mit ausgeglichenen Kräften geführt; Roms und Persiens Armeen stießen in neun blutigen Gefechten aufeinander, in denen Constantin zweimal in Person das Kommando führte Von Eutropius (10,10) werden wir die allgemeine Vorstellung von diesem Krieg übernehmen. » A Persis enim multa et gravia perpessus, saepe captis oppidis, obsessis urbibus, caesis exercitibus, nullumque ei contra Saporem prosperum proelium fuit, nisi quod apud Singaram, etc.« (Die Perser setzten ihm immer wieder heftig zu, entrissen ihm viele Ortschaften, belagerten Städte und besiegten seine Heere; und so verlief keines seiner Gefechte gegen Sapor für ihn glücklich außer bei Singara.) Dieser offenherzige Bericht wird von den Hinweisen bei Ammianus, Festus und Hieronymus bekräftigt. Die beiden ersten Reden von Iulian und die dritte von Libanius hinterlassen ein freundlicheren Eindruck; aber der Widerruf beider Redner nach Constantins Tod verhilft uns zwar zurWahrheit, setzt aber ihren und des Kaisers Charakter herab. Spanheims Kommentar zur ersten Rede Iulians ist von erstaunlicher Gelehrsamkeit. Siehe auch noch die einsichtsvollen Anmerkungen von Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 656. . Im Allgemeinen ging der Tag für die Römer verloren, aber in der Schlacht von Singara hatten sie fast schon einen entscheidenden und vollständigen Sieg errungen. Die Besatzung von Singara zog sich beim Herannahen Sapors zurück, welcher seinerseits auf drei Brücken den Tigris überquerte und in der Nähe des Dorfes Hilleh ein günstig gelegenes Lager besetzte, welches seine zahlreichen Pioniere in harter Arbeit an einem einzigen Tage mit einem tiefen Graben und einem hohen Wall umschlossen. Seine gewaltigen Heerscharen besetzten, nachdem er sie aus der Schlacht abgezogen hatte, beide Flussufer, die umliegenden Hügel und eine Ebene mit einer Ausdehnung von zwölf Meilen, welche die beiden Armeen trennte. Beide verlangte es nach Kämpfen; aber schon nach kurzem Widerstand entflohen die Barbaren in Unordnung; entweder waren sie außerstande, den Schwerbewaffneten zu widerstehen, oder sie wollten die schleppende Verfolgung der Römer ermüden, welche, vor Hitze und Durst vergehend, sie über die offene Ebene verfolgten und tatsächlich eine Abteilung schwerer Kavallerie aufrieben, welche zur Deckung des Rückzuges vor den Toren des Lagers Aufstellung genommen hatten. Constantius, der bei diesem Angriff zugegen war, versuchte ohne Erfolg, dem Eifer seiner Truppen zu gebieten, indem er ihnen die Gefahren der heranbrechenden Nacht darstellte und zugleich versprach, dass der folgende Tag ihren Sieg zuverlässig vollenden werde. Da sie mehr auf ihre eigenen Kräfte vertrauten als auf die Erfahrung und Kompetenz ihres Feldherren, brachten sie seine feigen Ermahnungen durch vieles Lärmen zum Schweigen; und mit Ungestüm setzten sie den Angriff fort, schütteten den Graben zu, rissen den Wall nieder und verliefen sich zwischen den Zelten, ihre erschöpften Kräfte zu restaurieren und die reiche Ernte ihres Sieges zu genießen. Aber Sapor verstand es weislich, die Stunde seines Sieges abzuwarten. Seine Armee hatte auf den Höhen sichere Stellung bezogen und war Zeuge des Geschehens geworden; im Schatten der Nacht griff sie in aller Stille an; die persischen Bogenschützen, denen das erleuchtete Lager ein gutes Ziel abgab, überschütteten die unbewaffnete und aufgelöste Menge mit einem Schauer von Pfeilen. Die objektive Geschichtsschreibung erklärt unverblümt »Acerrima nocturna concertatione pugnatum est, nostrorum copiis ingenti strage confossis.« (Ein verbissenes Nachtgefecht fand statt, und unsere Truppen erlitten ein furchtbares Blutbad.) Ammianus 18,5. Vergleich etwa Eutropius 10,10 sowie Rufus, de Provinciis 27. , dass die Römer in einem einzigen Gemetzel vernichtet wurden, und dass die fliehenden Überreste der Legionen unerträglichen Qualen ausgesetzt waren. Selbst die alles beschönigende Lobrede, die immerhin eingesteht, dass der Ruhm des Herrschers durch den Ungehorsam der Soldateska verdunkelt wurde, zieht es vor, einen Schleier über die näheren Umstände dieses trübseligen Rückzuges zu breiten. Indessen berichtet einer dieser bezahlten Jubelredner, der den Ruhm des Constantius so eifersüchtig hütet, von einem Akt unglaublicher Grausamkeit mit umso erstaunlicherer Abgeklärtheit, als er im Urteil der Nachwelt einen tiefen Schatten auf die Ehre des kaiserlichen Namens werfen musste. Sapors Sohn und Thronerbe wurde im persischen Lager gefangen gesetzt. Dieser unglückliche Jüngling, der das Mitleid auch des wildesten Feindes erregt hätte, wurde gegeißelt, gefoltert und endlich von den Römern gnadenlos öffentlich hingerichtet Libanius, Orationes 3, p.133, mit Iulianus Orationes 1, p. 24, und Spanheims Kommentar, p. 179. . BELAGERUNGEN VON NISIBIS A.D. 338, 346, 350 Welche Vorteile Sapors Waffen auf dem Felde auch erringen mochten, und obwohl neun Siege in einer Folge den Ruhm seiner Macht und seines Feldherrentalentes unter den Völkern mehren mochten, so konnte er doch nicht auf die erfolgreiche Vollendung seiner Entwürfe hoffen, solange die befestigten Städte Mesopotamiens und allen voran das alte und mächtige Nisibis in der Hand der Römer waren. Innerhalb von zwölf Jahren war Nisibis, welches seit den Tagen des Lucullus zu Recht das Bollwerk des Ostens genannt wurde, drei schweren Belagerungen durch Sapor ausgesetzt gewesen, und der erfolglose Herrscher, der seine Angriffe auf sechzig, achtzig und hundert Tage ausgedehnt hatte, hatte dreimal verlustreichen und schimpflichen Rückschlag erlitten Siehe Iulianus, Orationes 1, p. 27; Orationes 2 p. 62, etc.; mit den Commentaren von Spanheim (p. 188-202), der die Umstände der drei Belagerungen von Nisibis darstellt und die zugehörigen Daten absichert. Auch Tillemont hat diese Ergebnisse geprüft (Histoire des empereurs Band 4, p. 668, 671 und 674). Zosimos (3,8) trägt ebenfalls etwas bei wie auch die Alexandrinische Chronik. . Diese große und volkreiche Stadt liegt etwa zwei Tagesmärsche vom Tigris entfernt, zumitten einer lieblichen und fruchtbaren Ebene am Fuße des Mt. Masius. Eine dreifache Ziegelmauer wurde zusätzlich durch einen tiefen Graben geschützt Sallust, Fragmente 84 und Plutarch Leben des Lucullus 32. Heute hat Nisibis einhundertundfünfzig Häuser; das Marschenland liefert Reis, und das fruchtbare Weideland ist bis Mosul und bis zum Tigris mit den Ruinen von Städten und Dörfern übersät. Siehe Niebuhr, Voyages, Band 2, p. 300-309. ; und der unerschütterte Comes Lucilianus und seine Garnison wurden durch den an Verzweiflung grenzenden Mut des Volkes unterstützt. Beseelt wurde der Mut von Nisibis Einwohnern durch die Mahnungen ihres Bischofs Die Wunder, welche Theodoretos (2,30) dem Bischof von Edessa, St. Jakob, zuschreibt, wurden wenigstens einmal zu einem würdigen Behufe verrichte, nämlich bei der Verteidigung seines Landes. Er erschien in Gestalt des römischen Kaisers auf der Mauer und sandte ein Heer von Mücken, die Rüssel der Elephanten zu zerstechen und so die Kriegsscharen dieses neuen Sanherib zu dämpfen. , drohende Gefahr brachte sie unter Waffen, und schließlich hielten sie sich überzeugt, dass Sapor eine persische Kolonie in ihrer Gegend pflanzen und sie selbst in eine abgelegene und grausame Gefangenschaft führen werde. Der Ausgang der beiden vorangegangenen Belagerungen hatten ihnen den Mut gehoben und des Großkönigs Unmut gemehrt, welcher nun ein drittes mal Nisibis angriff, diesmal an der Spitze der vereinigten Heere Persiens und Indiens. Die üblichen Maschinen zum Bestürmen oder Unterminieren von Wallanlagen wurden durch römische Gegenmaßnahmen wirkungslos gemacht; so vergingen viele Tage ohne greifbares Ergebnis, bis Sapor schließlich einen Entschluss fasste, würdig eines orientalischen Herrschers, welcher glaubte, dass selbst die Elemente seinem Willen unterworfen seien. Der Fluss Mygdonius, der die Ebene und die Stadt Nisibis durchtrennt, überschwemmt ähnlich wie der Nil zur Zeit der Schneeschmelze das umliegende Land Iulian, Orationes 1,p. 27. Obwohl Niebuhr (Band 2, p.307) dem Mygdonius ein beträchtliches Anschwellen zubilligt, – er spricht von einer Brücke mit zwölf Bögen – ist dieser Vergleich eines winzigen Baches mit einem mächtigen Strom (dem Nil) nur schwer verständlich. Viele Nebenumstände der Beschreibung dieser erstaunlichen Gewässer bleiben dunkel und nachgerade unverstanden. . Mit großer Anstrengung hielten die Perser den Fluss unterhalb der Stadt in seinem Laufe auf und umschlossen in zugleich seitlich mit massiven Erdwällen. Auf diesem künstlichen See formierte sich nun eine Armada von Kampfbooten zum Angriff, besetzt mit Soldaten und schweren Wurfmaschinen, von denen jede Steine von fünfhundert Pfund Gewicht schleudern konnte; sie war dabei fast auf gleicher Höhe mit den Truppen, die den Wall verteidigten. Der unwiderstehliche Druck des Wassers wurde dabei erst dieser, dann jener Partei verhängnisvoll: ein Teil der Mauer gab dem erhöhten Druck nach, brach zusammen und hinterließ eine Bresche von über einhundertundfünfzig Fuß Länge. Die Perser gingen unverzüglich zum Sturm über, und das Schicksal von Nisibis hing am Ausgang dieses Tages. Ihre schwere Kavallerie aber, die eine Vorhut vor der eigentlichen angreifenden Truppe bildete, geriet im Schlamm in große Kalamitäten, und viele ertranken in unsichtbaren Wasserlöchern, die sich während der Flut gebildet hatten. Die Kriegselefanten, die durch ihre Wunden zur Wut gereizt waren, erhöhten noch das Chaos und trampelten die persischen Bogenschützen zu Tausenden nieder. Der Großkönig, der von erhöhter Warte die Niederlage seiner Waffen beobachten konnte, ließ schließlich gekränkt und widerwillig das Rückzugssignal blasen und den Angriff für ein paar Stunden aussetzen. Die wackeren Bürger jedoch nutzten die Nachtstunden; bei Tagesanbruch stand eine neue Mauer von sechs Fuß Höhe, die Bresche war geschlossen. Ungeachtet seiner erneuten Niederlage und des Verlustes von über zwanzigtausend Mann verfolgte Sapor sein Ziel mit unbelehrbarer Verbissenheit, die sich nur vor der Notwendigkeit beugte, die Ostprovinzen Persiens gegen den Einfall der entsetzlichen Massageten zu verteidigen Wir sind Zonaras (13,7) wegen dieser Nachricht vom Massageten-Einfall verpflichtet, welche lückenlos in die allgemeine Ereignisfolge passt, durch die uns die fragmentarische Darstellung des Ammianus führt. . Durch diese Zeitung aufgeschreckt, brach er die Belagerung ohne Verzug ab und eilte in geflügelten Tagesmärschen vom Tigris an den Oxus. Die Gefahren und Schwierigkeiten des Skythenkrieges nötigten ihn schon bald dazu, die Waffenruhe mit dem römischen Kaiser einzugehen oder doch zumindest einzuhalten, was übrigens beiden Herrschern vorteilhaft war; denn Constantius war nach dem Tode seiner beiden Brüder infolge der Umwälzungen im Westen in einen Bürgerkrieg verwickelt, welcher seine ganzen Kräfte zu fordern oder gar zu überfordern schien. DER AUSBRUCH DES BÜRGERKRIEGES – TOD CONSTANTIUS II MÄRZ 340 Es waren nach der Teilung des Reiches kaum drei Jahre vergangen, als die Söhne Constantins der Menschheit zu beweisen begehrten, dass sie sich unmöglich mit der Besitz ihres jeweiligen Herrschaftsbereiches zufrieden geben konnten, die zu regieren sie sich als unfähig erwiesen hatten. Der Älteste der drei Prinzen führte Klage, dass man ihn um den Beuteanteil betrogen habe, der ihm nach der Ermordung seines Vetters billig zustehe; und wenn er schon vor Constantius' größerer Schuld und Verdienst zurückstehe, so forderte er von Constans die Abtretung der afrikanischen Provinzen als Ausgleich für das reiche Makedonien und Griechenland, welches seinem Bruder nach dem Tode des Dalmatius in die Hände gefallen war. Die mangelnde Aufrichtigkeit, welche Constantin während der zähflüssigen und ergebnislosen Verhandlungen erleben durfte, brachte ihn schließlich in Zorn; und bereitwillig hörte er auf die Ratgeber, welche ihm einbliesen, dass seiner Ehre und seinen Interessen am besten mit der Fortsetzung der Kämpfe gedient sei. An der Spitze einer disziplinlosen Horde, die eher für Raub- als für Feldzüge geeignet war, brach er über die julischen Alpen in das Gebiet des Constans ein, und die Landschaft um Aquileja bekam als erste seinen Zorn zu spüren. Die Maßnahmen des Constans, der zu jener Zeit in Dakien residierte, waren von mehr Umsicht und Befähigung gesteuert. Auf die Nachricht von seines Bruders Überfall schickte er eine ausgesuchte und verlässliche Abteilung seiner illyrischen Soldaten mit der Maßgabe ab, sich ihm und dem Rest seiner Kräfte an die Fersen zu heften. Aber die Kniffe seiner Offiziere setzten dieser widernatürlichen Auseinandersetzung ein vorzeitiges Ende. Durch vorgetäuschte Flucht geriet Constantin in einen Hinterhalt, und in einem Wald wurde der vorschnelle Jüngling zusammen mit ein paar seiner Anhänger überrumpelt, umzingelt und erschlagen. Seinen Leichnam fand man später in der Alsa, einem kleinen Flüsschen, und begrub ihn mit allen kaiserlichen Ehren; aber seine Provinzen wurden auf den Eroberer vereidigt, welcher seine neuen Erwerbungen durchaus nicht mit seinem älteren Bruder Constantius teilen mochte und somit unbestrittener Herrscher von mehr als zwei Dritteln des Reiches wurde Ursachen und Verlauf dieses Bürgerkrieges sind höchst widersprüchlich überliefert. Ich bin in der Hauptsache Zonaras und den jüngeren Victor gefolgt. Die Reden zum Tode des Constantin hätten viel Aufschluss gegeben; aber Stolz und fehlgeleiteter Geschmack vermochten den Redner, sich in leeren Deklamationen zu ergehen. . DIE ERMORDUNG DES CONSTANS · 350 A.D. Das Schicksal des Constans selbst erfüllte sich zehn Jahre später, und die Rache für den Tod seines Bruders war für die weniger achtbare Hand eines Verräters aus den eigenen Reihen vorbehalten. Die gefährlichen Tendenzen des von Constantin eingeführtem Systems zeigten sich unter der schwachen Regierung seiner Söhne; diese verloren infolge ihrer Untaten und ihrer Unfähigkeit jeden Rückhalt und jede Wertschätzung in der Bevölkerung. Constans, der sich auf den unverdienten Erfolg seiner Waffen viel zugute hielt, ward wegen seines völligen Mangels an Begabung und Energie besonders verächtlich. Seine besondere Zuneigung zu einigen germanischen Kriegsgefangenen, die sich besonders durch den Zauber ihrer Jugend auszeichneten, war Gegenstand übler Nachrede Quarum (›gentium‹) obsides pretio quaesitos pueros venustiores, quod cultius habuerat, libidine huiusmodi arsisse ›pro certo‹ habetur. (Da er gepflegte Knaben, die er von diesen Völkern als Geisel nahm, mit viel Aufmerksamkeit behandelte, galt als sicher, dass er derlei Lüsten frönte. Caesares 41.)Wären die abartigen Gelüste des Constans nicht öffentlich bekannt gewesen, hätte der Victor d.Ä., der in der Regierung seines Bruders ein Amt innehatte, hiervon sicher nicht berichtet. ; und Magnentius, ein ehrgeiziger Soldat barbarischer Herkunft Iulian Orationes 1 und 2; Zosimos 2,42; Victor, Epitome 41. Es gibt Gründe zu der Annahme, dass Magnentius in einer jener Barbarenkolonien geboren wurde, welche Constantius Chlorus in Gallien gegründet hatte (Siehe oben Kapitel 13, Anmerkung 37). Sein Verhalten erinnert uns etwas an den patriotischen Earl of Leicester, den berühmten Simon de Montfort, welcher die braven Engländer davon überzeugen konnte, dass er, ein gebürtiger Franzose, zu den Waffen gegriffen habe, um sie von ausländischen Günstlingen zu befreien. , fühlte sich infolge der allgemeinen Unzufriedenheit ermutigt, die Ehre des römischen Namens zu erneuern. Die ausgewählten Truppen der Herculianer und Jovianer anerkannten Magnentius als ihren Anführer und bildeten den stärksten und wichtigsten Verband im kaiserlichen Lager. Der ihm freundschaftlich verbundene Generalschatzmeister Marcellinus stellte mit freigebiger Hand Mittel zum Abfall parat. Den Soldaten wurde mit den vordergründigsten Argumenten eingeredet, dass die Republik ihrer bedürfe, die Ketten der Erbsklaverei zu brechen und durch die Wahl eines tätigen und wachsamen Herrschers diejenigen Tugenden erneut zu Ehren zu bringen, welche die Vorfahren des verkommenen Constans einst von ihrer privaten Stellung bis auf den Thron der Welt erhoben hätten. Sobald die Verschwörung zum Zuschlagen bereit war, lud Marcellinus unter dem Vorwand einer Geburtstagsfeier für seinen Sohn alle illustres und honorabiles des gallischen Hofes zu Autun zu einer glanzvollen Festivität. Das Gelage wurde mit schlauer Berechnung bis weit in die Nachtstunden hingezogen; und die ahnungslosen Gäste verführte man dazu, sich im Gespräch einige gefährliche und verbotene Freiheiten herauszunehmen. Plötzlich wurden die Türen aufgestoßen, und Magnentius, der sich nur für einen kurzen Augenblick zurückgezogen hatte, kehrte zurück, mit Purpur und Diadem angetan. Seine Mitverschwörer begrüßten ihn augenblicklich als Augustus und Imperator. Die übrige Versammlung, verdutzt, überrumpelt, betrunken, hoffnungsschwanger und in Unkenntnis der Pläne der jeweils anderen, fühlte sich gedrängt, in die allgemeine Akklamation mit einzustimmen. Die Wachen eilten, den Treueid abzulegen; die Stadttore wurden verschlossen; und noch vor Morgengrauen war Magnentius Herr über die Truppen und die Kasse des Palastes zu Autun. Er hoffte auch, durch seine Geheimhaltung und andere Vorkehrungen sich der Person des Constans zu bemächtigen, welcher im benachbarten Wald der Jagd, seiner Lieblingsbeschäftigung, oder vielleicht auch einer anderen Tätigkeit mehr privater oder krimineller Natur oblag. Da sich das Gerücht aber blitzartig ausbreitete, gelang ihm rasche Flucht, obwohl an eigentlichen Widerstand bereits jetzt nicht mehr zu denken war, da sich Untertanen und Soldaten von ihm abgewandt hatten. Bevor er einen Küstenhafen in Spanien erreichen konnte, wo er sich einzuschiffen beabsichtigte, wurde er in Helena Einst hatte diese alte Stadt unter dem Namen Illiberis geblüht (Pomponius Mla 2,5). Befestigungsanlagen, die Constantin hier durchführen ließ, und der Name seine Mutter gaben dem Ort neuerlichen Glanz. Helena (heute ›Elne‹) wurde Bischofssitz, der viel später erst auf Perpignan überging, der Hauptstadt des heutigen Roussilon. Siehe d'Anville, Notice de l'Ancienne Gaule, p. 380; Longuerue, Description de la France, p. 223; und die Marca Hispanica, 1,2. am Fuße der Pyrenäen von einer Schwadron leichter Kavallerie überrumpelt, deren Chef, die Heiligkeit eines Tempel missachtend, seinen Auftrag ausführte und Constantins Sohn ermordete Zosimos2, p. 1l9, 120; Zonaras, 13,6; und die Abbreviatoren. . MAGNENTIUS UND VETRANIO ERHALTEN DEN PURPUR. 1. MÄRZ 350 Sobald der Tod des Constans diesen mühelosen und dennoch wichtigen Umsturz entschieden hatte, folgte man in den westlichen Provinzen dem Beispiel Autuns nach. Magnentius wurde überall in den beiden großen Präfekturen Gallien und Italien anerkannt; und der Thronräuber selbst suchte auf jede denkbare Art der Erpressung seine Kriegskasse zu füllen, um damit die immensen Donative und die Kosten des Bürgerkrieges zu bestreiten. Die kriegsgeübten Provinzen Illyricums standen schon lange unter der Regentschaft des Vetranio, eines betagten Generals, welcher wegen seines leutseligen Auftretens allgemein beliebt und wegen seiner Kriegserfolge allgemein respektiert war Eutropius (10,10) beschreibt Vetranio in lebhafteren Farben und wohl auch zutreffender als die beiden Victor. Vetranio stammte von einfachen Eltern aus dem wildesten Teil Mösiens; und so sehr war seine Ausbildung vernachlässigt worden, dass er nach seiner Thronbesteigung das Alphabet übte. . Gewohnheit, Pflichtgefühl und Dankbarkeit gegenüber dem Haus des Constantin veranlassten ihn, dem einzigen überlebenden Sohne seiner verstorbenen Herren sich und seine Truppen mit unerschütterter Treue anzudienen und die gallischen Verräter ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Aber durch das schlechte Beispiel wurden die Legionen des Vetranio eher verführt als empört; schon bald ließ ihr Anführer Mangel an Standfestigkeit oder Aufrichtigkeit erkennen; auch wurde sein Ehrgeiz durch den berechneten Beifall der Prinzessin Constantia genährt. Nämlich diese grausame und schlichenreiche Frau war von ihren Vater Constantin dem Großen in den Rang einer Augusta erhoben worden und setzte nunmehr den illyrischen General eigenhändig das Diadem aufs Haupt; es schien, dass sie sich von seinem Sieg die Erfüllung ihrer grenzenlosen Erwartungen erhoffte, welche der frühe Tod ihres Gatten Hannibalianus enttäuscht hatte. Es geschah möglicherweise ohne das Einverständnis der Constantia, dass der neue Herrscher eine notwendige, wiewohl unehrenhaft Allianz mit dem Usurpator des Westens schmiedete, dessen Purpur erst jüngst mit dem Blut ihres Bruders befleckt worden war In seiner ersten Rede legt Iulian dar (p.30ff), wie unentschlossen und wankelmütig Vetranio gewesen ist, was Spanheim, der auch Constantinas Lage und Verhalten erörtert, genau darlegt. . VERHANDLUNGEN MIT CONSTANTIUS Die Nachricht von diesen wichtigen Ereignissen, die direkt in das Mark des kaiserlichen Hauses zielte, rief Constantius' Waffen von dem ehrlosen Perserfeldzug ab. Er anempfahl die Sorge für den Osten seinen Offizieren und später seinem Vetter Gallus, den er direkt vom Kerker auf den Thron erhoben hatte und eilte nach Europa, Hoffnung und Furcht, Schmerz und Zorn im Herzen bewegend. Bei seiner Ankunft zu Heraclea in Thrakien gewährte er den Abgesandten des Magnentius und Vetranio Audienz. Der eigentliche Urheber der Verschwörung, Marcellinus, der im gewissen Sinne seinem neuen Herren den Purpur angelegt hatte, war unverfroren genug, diese heikle Mission zu übernehmen; seine drei Begleiter waren hochmögende Personen aus Staat und Armee. Es war diesen Emissären aufgegeben worden, Constantius' Zorn zu mindern und seine Furcht zu mehren. Sie hatten Vollmacht, ihm die Freundschaft und den Beistand des Herrschers des Westens anzutragen und diese ihre Partnerschaft durch eine Doppelhochzeit zu festigen, nämlich der des Constantius mit der Tochter des Magnentius und des Magnentius mit der emporstrebenden Constantia; auch sollte in dem Vertragswerk der Vorrang anerkannt werden, den der Herrscher des Ostens zu Recht beanspruchen mochte. Sollten Stolz und falschverstandene Rücksichten ihn vermögen, diese wohlfeilen Bedingungen auszuschlagen, dann so hatten die Boten die traurige Pflicht, ihm den unausweichlichen Untergang auszumalen, die seine Unbesonnenheit nach sich ziehen müsse, wenn er sich nämlich erkühnen sollte, die Herrscher des Westens dazu zu bringen, auf ihre überlegene Heeresmacht zurückzugreifen und gegen ihn jene Stärke, jene Fähigkeiten und jene Legionen ins Feld zu führen, denen das konstantinische Haus so viele Triumphe zu danken habe. Solche Anregungen und Argumente verdienten ernstliche Prüfung; die Antwort des Constantius wurde für den nächsten Tag in Aussicht gestellt; und als ob er darüber nachgedacht hatte, wie wichtig es sei, vor seinem Volke einen Bürgerkrieg zu rechtfertigen, sprach er zu seinen Ratgebern, die mit erheuchelter oder wirklicher Leichtgläubigkeit zuhörten: »Verwichenen Abend,« so sprach er, »nachdem ich mich zur Ruhe zurückgezogen hatte, erschien mir der Schatten des großen Constantin, die Leiche meines ermordeten Bruders im Arm; seine wohlvertraute Stimme rief mich zur Gerechtigkeit, verbot mir, an der Republik irre zu werden und sicherte mir Erfolg und unsterblichen Ruhm zu, welche meine Rache krönen würden.« Dieses eindrucksvolle Traumgesicht oder vielmehr die Person des Herrschers, die davon berichtete, brachte die Stimme des Zweifels zum Verstummen und fernere Verhandlungen zu einem vorzeitigen Ende. Mit Empörung wurden die entehrenden Friedensbedingungen zurückgewiesen. Einer der Abgesandten des Thronräubers wurde mit Constantius' hochfahrender Erwiderung entlassen; seine Begleiter, die das Völkerrecht verwirkt hatten, wurden in Eisen gelegt; und die feindlichen Parteien rüsteten sich zu bitterem Krieg Siehe Petros Patrikios in den Excerpta legationum p.27. . CONSTANTIUS SETZT VETRANIO AB, 25. DEZEMBER 350 Dies also war das Verhalten von Constans' Bruder gegenüber dem treubrüchigen Thronräuber Galliens, und vermutlich handelte es auch nach seiner Pflicht. Gegenüber Vetranio waren mildere Mittel angezeigt; so war denn die Politik des Herrschers des Ostens darauf angelegt, Zwietracht unter seinen Gegner zu stiften und die illyrischen Truppen von den eigentlichen Anführern der Rebellion zu trennen. Leicht war Vetranios in seiner schlichten Biederkeit hinter das Licht geführt, und da er eine Zeitlang zwischen den unvereinbaren Forderungen der Ehre und des Eigeninteresse schwankte, bot er der Welt das Bild eines Unaufrichtigen und verfing sich nach und nach in den Schlingen einer fintenreichen Verhandlung. Constantius anerkannte ihn als den rechtmäßigen und gleichberechtigten Mitregenten des Reiches unter der Bedingung, dass er seine treulose Allianz mit Magnentius aufkündige und zugleich einen Ort für eine Unterredung an der Grenze ihrer jeweiligen Provinzen benenne, wo sie sich ihrer gegenseitigen Freundschaft durch Eidesleistungen versichern und zugleich ihre künftigen Maßnahmen im Bürgerkrieg abstimmen könnten. Infolge dieser Vereinbarung kam Vetranio an der Spitze von zwanzigtausend Mann Kavallerie und noch mehr Infanterie in die Stadt Sardica Zonaras 13,7. Die geographische Lage von Sardica in der Nähe des heutigen Sofia scheint sie für die Unterredung tauglicher zu machen als Naissus oder Sirmium, wohin Hieronymus, Sokrates und Sozomen sie verlegen. ; dieses Heer war den Truppen des Constantius so sehr überlegen, dass der Herrscher von Illyrien Wohl und Wehe seines Rivalen in der Hand zu halten schien; dieser hatte seinerseits im Vertrauen auf den Erfolg seiner Geheimverhandlungen die Truppen des Vetranio bereits auf seine Seite gezogen und dessen Thron schon vorher unterwühlt. Die kommandierenden Generäle, welche insgeheim schon auf der Seite des Constantius standen, hatten einen öffentlichen Auftritt vorbereitet, der darauf berechnet war, zu Constantius' Bestem die Leidenschaften der Menge zu ergründen und zu entflammen Siehe die beiden ersten Reden des Iulian, insbesondere p. 31 und Zosimos 2,44. Die klaren Ausführungen des Historikers dienen zur Erläuterung der wortreichen, aber unpräzisen Einlassungen des Redners. . Die beiden Armeen wurden auf eine große Ebene in der Nähe der Stadt kommandiert. In ihrer Mitte war nach bewährtem militärischem Brauch ein Tribunal oder besser eine Bühne aufgebaut, von dem aus bei ernster oder wichtiger Gelegenheit die Herrscher sonst ihren Truppen die Leviten lasen. So bildeten sie nun einen gewaltigen Kreis um das Tribunal, die wohlgeordneten Abteilungen der Römer und Barbaren, mit gezogenen Schwertern und aufgepflanzten Speeren, die Kavallerieschwadronen und die Infanteriekohorten, durch Bewaffnung und Abzeichen voneinander unterschieden; nur zuweilen wurde das gespannte Schweigen durch laute Zurufe und Beifallslärm unterbrochen. Vor dieser furchtbaren Masse waren nun die beiden Herrscher aufgerufen, sich zur öffentlichen Lage zu erklären: den Vorrang hatte Constantius' königliche Abkunft. Und obgleich er in de Kunst der Rede nur mäßige Fertigkeit besaß, zog er sich unter diesen schwierigen Umständen mit Standhaftigkeit, Geschick und Eloquenz aus der Sache. Der erste Teil seiner Rede schien ausschließlich gegen den Thronräuber aus Gallien gerichtet; aber während er mit tragischer Pose den grausamen Mord an Constans beweinte, ließ er zugleich durchblicken, dass niemand außer dem Bruder das Recht auf die Nachfolge seines Bruder für sich beanspruchen dürfe. Mit einigem Wohlbehagen malte er das Bild der großen Verdienste des kaiserlichen Hauses; dann rief er den Truppen die Macht, die Stärke, die Triumphe und die Freigebigkeit des großen Constantin ins Gedächtnis, dessen Söhnen sie durch einen Treueid verpflichtet waren, den zu verletzen die Treulosigkeit seiner liebsten Diener sie verführt hätte. Die Offiziere, die um das Tribunal herumstanden und in ihre Rolle bei diesem Staatstheater genau eingewiesen waren, beugten sich dieser vereinten Gewalt von Vernunftgründen und Beredsamkeit und akklamierten dem Kaiser Constantius als ihrem rechtmäßigen Souverän. Auch auf die nachfolgenden Ränge wirkte diese Mischung von Anhänglichkeit und Reue ansteckend, bis dass die Ebene von Sardica von dem allgemeinen Jubel-Lärmen erfüllt ward: »Fort mit diesen emporgekommenen Thronräubern! Lang lebe und glorreich der Sohn Constantins! Unter seinem Banner allein wollen wir kämpfen und siegen!« Das Geschrei der Tausende, ihr Fuchteln und Waffenrasseln nahm Vetranio den Mut, welcher ängstlich und schweigsam abwartete, während sein Anhang sich von ihm abwandte. Aber er nahm nicht Zuflucht zu einem letzten Verzweiflungsschritt, sondern unterwarf sich ergeben seinem Schicksal; und indem er vor den Augen der beiden Armeen sein Diadem vom Haupt nahm, fiel er vor dem Sieger bäuchlings in den Staub. Constantin beutete seinen Sieg mit Klugheit und Besonnenheit aus; er ließ den alten Mann sich erheben, nannte ihn gar Vater und reichte ihm die Hand, als er von Thron herabstieg. Die Stadt Prusa wurde zum Exil oder Altersruhesitz des abgedankten Monarchen bestimmt, welcher dort noch sechs Jahre in Frieden und Wohlstand verbrachte. Noch oft äußerte er seine Dankbarkeit über Constantius' Güte und riet in liebenswerter Einfalt seinem Wohltäter, doch ebenfalls der Weltherrschaft zu entsagen und Freude nur in der friedlichen Anonymität eines Privatlebens zu suchen, wo allein sie zu finden sei Der jüngere Victor beschreibt sein Exil mit Emphase als »Voluptarium otium«.(lustvoller Müßiggang).« Sokrates ist der Gewährsmann für seine Korrespondenz mit dem Kaiser, welche in der Tat zu erweisen scheint, dass Vetranio allerdings »propre ad stultitiam simplicissimus« war. (Äußerst einfältig bis an die Grenze zur Blödigkeit) . KRIEG GEGEN MAGNENTIUS Das Verhalten des Constantius bei dieser Gelegenheit wurde mit einigem Anschein des Rechts gerühmt; und seine Höflinge verglichen die ausgefeilten Reden, die ein Perikles oder Demosthenes an das Volk von Athen hielten, mit der erfolgreichen Beredsamkeit, die eine bewaffnete Menge veranlasst, das zufällige Objekt ihrer Wahl fallen zu lassen und abzutun »Eum Constantius ... facundiae vi deiectum Imperio in privatum otium removit. Quae gloria post natum Imperium soli processit eloquio clementiaque, etc.« Aurelius Victor, Caesares 42. (Ihn stieß Constantius allein durch die Macht der Rede vom Thron in das Privatleben zurück. Welcher Ruhm aus Beredsamkeit und Sanftmut seit Gründung des Reiches alleine ihm zuteil ward.) Iulian und Themistius (Orationes 3 und 4) zieren diese Großtat mit allen künstlichen und schillernden Farbtönen ihrer Beredsamkeit. . Die bevorstehende Auseinandersetzung mit Magnentius war da schon von ernsterer und blutiger Art. Der Tyrann nahte in Eilmärschen, Constantius zu begegnen, an der Spitze einer starken Armee von Galliern und Spaniern, Franken und Sachsen, Provinzialen mithin, welche den Kern der Legionen bildeten und Barbaren, welche als die entsetzlichsten Feinde der Republik gefürchtet wurden. Die fruchtbaren Ebenen zwischen Drau, Save und Donau Busbequius (p. 112) durchquerte Südungarn und Slawonien zu einer Zeit, als es infolge der unablässigen türkisch-christlichen Auseinandersetzungen fast zu einer Wüste geworden war. Indessen erwähnt er die unübertroffene Fruchtbarkeit des Bodens; und merkt an, dass die Höhe des Grases ausreichte, einen beladenen Wagen der Sicht zu entziehen. Siehe dazu auch Browne, Travels imd Harris' Collection, Band 2, p. 762ff. gaben einen weitläufigen Schauplatz ab; und so zogen sich in den Sommermonaten die Operationen der Gegner hin Zosimos liefert einen weitschweifigen Bericht über den Krieg und die Verhandlungen (2,45-49). Da er sich indessen weder als Sopldat noch als Politiker hervortut, sollte man seine Erzählung mit angemessener Vorsicht aufnehmen. , durch Kunstfertigkeit oder Ängstlichkeit geleitet. Constantius hatte erklärt, er werde die Entscheidung auf den Feldern von Cibalis suchen, ein Name, der seine Truppen stärken werde durch die Erinnerung an den Sieg, den die Waffen seines Vaters Constantin auf demselben glückverheißenden Grund errungen hätten. Die unüberwindlichen Befestigungen jedoch, mit denen der Kaiser sein Lager umgab, legten die Vermutung nahe, dass er einer Entscheidung eher aus dem Wege ging als dass er sie suchte. So lag es an Magnentius, seinen Gegner zu verleiten oder zu zwingen, seine vorteilhafte Stellung aufzugeben; und unter diesem Blickwinkel führte er diverse Aufmärsche, Entwicklungen und Manöver aus, welche die Regeln der Kriegskünste einem erfahrenem Offizier bei solcher Gelegenheit anraten mochten. Er nahm die wichtige Stadt Siscia mit Sturm; er griff Sirmium an, welche sich in Reichweite des kaiserlichen Feldlagers befand; er unternahm den Versuch, die Save zu überqueren, um in die östlichen illyrischen Provinzen zu gelangen; und er vernichtete eine starke Heeresabteilung, der er in den engen Pässen von Adarne einen Hinterhalt gestellt hatte. Fast den ganzen Sommer über behauptete der gallische Herrscher das Feld. Die Truppen des Constantius wurden eigentlich nur geärgert und verloren jeden Elan; in den Augen der Welt büßte er seine gesamte Reputation ein; und schließlich bequemte er sich zu einem Friedensvorschlag, welcher dem Mörder seines Bruders Constans die Herrschaft über die Provinzen jenseits der Alpen gebracht hätte. Die Überredungskünste von Philipp, dem kaiserlichen Abgesandten, machten dieses Angebot noch verlockender; der Kriegsrat und die Armee des Magnentius neigten einer Annahme zu. Indessen kümmerte der überhebliche Thronräuber sich nicht um die Bedenken seiner Freunde, ließ Philipp wie einen Gefangenen oder doch wenigstens wie eine Geisel festsetzen; dann entsandte er einen Offizier, Constantius die Erbärmlichkeit seiner Herrschaft vorzuhalten und ihn dadurch zu beleidigen, dass er ihm im Falle einer sofortigen Abdankung Pardon gewähren wolle. »Dass er sein Vertrauen auf die Gerechtigkeit seiner Sache und den Schutz eines strafenden Gottes setzen möge!« war die einzige Antwort, die der Herrscher in Ehren geben konnte. Allerdings war er sich seiner heiklen Stellung so sehr bewusst, dass er es nicht wagen konnte, die Misshandlung an seinem Repräsentanten zu erwidern. Aber ganz vergeblich waren Philipps Bemühungen auch nicht gewesen, denn er konnte den Franken Sylvanus, einen verdienstvollen und angesehenen General, dazu bringen, einige Tage vor der Entscheidungsschlacht von Mursa mit einem beträchtlichen Kontingent Reiter zu desertieren. DIE SCHLACHT VON MURSA IN UNGARN Die Stadt Mursa oder Essek, die in der Neuzeit Berühmtheit erlangte durch eine fünf Meilen lange Bootsbrücke über die Drau und die umliegenden Sümpfe Diese berühmte Brücke, die noch durch Türme flankiert und durch große Holzpfeiler gestützt wurde, ließ 1566 A.D. Sultan Suleiman erbauen, um die Vorstöße seiner Armee nach Ungarn zu erleichtern. , galt schon immer als ein bedeutender Kriegsschauplatz Ungarns. Magnentius marschierte direkt auf Mursa zu, ließ die Tore in Brand setzen und hätte fast im Handstreich die Stadt überrumpelt. Nur die Geistesgegenwart der Garnison löschte die Flammen; Constantius nahte, und er musste die Belagerung abbrechen; und dann beseitigte der Kaiser das letzte verblieben Hindernis, das ihm hätte beschwerlich werden können, indem er eine Abteilung, die im unfernen Amphitheater Stellung bezogen hatte, niedermachen ließ. Das Schlachtfeld um Mursa war unbewachsenes, flaches Gelände: hier nahm die Armee des Constantius ihre Aufstellung, die Drau zu ihrer Rechten, während die linke Seite, sei es nun infolge ihrer Anordnung, sei es wegen ihrer überlegenen Kavallerie, die rechte Flanke des Magnentius weit überragte Diese Positionierung und die nachfolgenden Manöver sind verständlich, wenn auch knapp bei Iulian, Orationes 1, p. 36. . Die Legionen auf beiden Seiten verharrten ängstlich-gespannt den ganzen Vormittag unter Waffen; und nachdem Constantius seine Soldaten mit einer feurigen Rede Mut gemacht hatte, zog er sich in eine Kirche in einiger Entfernung vom Schlachtfeld zurück und überließ es seinen Generälen, die Entscheidung des Tages herbeizuführen Sulpicius Severus, Historia sacra 2,38. Der Kaiser verbrachte den Tag zusammen mit Valens, dem arianischen Bischof von Mursa, im Gebet, der sein Zutrauen durch die Ankündigung des Sieges erworben hatte. Herr de Tillemont (Histoire des empereurs Band 4, p. 1110) weist sehr zu Recht auf das Schweigen des Iulian hinsichtlich der persönlichen Verdienste des Constantius in der Schlacht von Mursa hin. Das Schweigen der Schmeichelei hat zuweilen einen sehr positiven und authentischen Aussagewert. . Sie hatten dieses Vertrauen wegen ihres Mutes und ihrer Tüchtigkeit durchaus verdient. Sie eröffneten das Gefecht klugbedacht auf der linken Flanke; die gesamte Kavallerie griff in schiefer Ordnung an und umfasste die rechte Seite des Feindes, der ihrem ungestümen Vordringen zunächst nichts entgegensetzen konnte. Aber die Römer des Westens sammelten sich alsbald nach alter Übung, und die Barbaren Germaniens legten einen neuen Beweis für ihre nationale Tugend, die Tapferkeit, ab. Alsbald ward das Handgemenge allgemein, das Schlachtenglück neigte sich bald hierhin, bald dorthin und es wäre wohl erst mit dem Einbruch der Dunkelheit zuende gegangen. Die entscheidende Wende für Constantius wird seiner Kavallerie zugeschrieben. Seine schweren Panzerreiter werden mit massiven Reiterstandbildern verglichen, die im Schmucke blinkender Harnische mit ihren gewichtigen Lanzen in die Reihen der gallischen Legionen einbrechen. Sobald die Legionen zurückwichen, brachen die leichten und deshalb beweglicheren Schwadronen der zweiten Linie mit gezücktem Schwert in die Lücken ein und vervollständigten die Auflösung. Währenddessen waren die Germanen, gewaltig von Wuchs, aber fast nackt, den geübten orientalischen Bogenschützen ausgesetzt; und ganze Abteilungen dieser Barbaren waren gezwungen, sich in ihrer Verzweiflung und Ratlosigkeit kopfüber in die breite, rasch strömende Drau zu stürzen Iulianus, Orationes 1, p. 36 und 37; 2, p. 59, 60. Zonaras, 13,8; Zosimus, 2,49-52. Letzterer rühmt die Fertigkeit des Bogenschützen Menelaos, der zur gleichen Zeit drei Pfeile abschießen konnte, welcher Vorzug nach seinemm Urteil in militärischen Dingen wesentlich zu Sieg des Constantius beitrug. . Die Zahl der Toten wird auf fünfundvierzigtausend geschätzt, wobei die Verluste des Siegers größer waren als die des Unterlegenen Nach Zonaras Angaben verlor Constantius von seinen 80.000 Mann 30.000 und Magnentius 24.000 von 30.000. Die anderen Angaben des Berichtes wirken glaubwürdig und authentisch, aber bei der Größe der Armee des Tyrannen muss ein Irrtum vorliegen, entweder beim Verfasser oder bei den Kopisten. Magnentius hatte die gesamte Macht des Westens, Römer und Barbaren, zu einem gewaltigen Truppenkörper vereint, welcher kaum kleiner als 100.000 Mann geschätzt werden kann. Iulian, Orationes 1, p. 36. ; welcher Umstand die Verbissenheit der Auseinandersetzung belegt und zugleich die Bemerkung eines antiken Verfassers rechtfertigt, dass in der schicksalsträchtigen Schlacht von Mursa die Stärke des Reiches zugrundegegangen sei infolge des Unterganges einer Veteranenarmee, die ausgereicht hätte, Roms Grenzen zu verteidigen oder seinen Ruhm durch neue Triumphe zu mehren »Ingentes Romani Imperii vires ea dimicatione consumptae sunt, ad quaelibet bella externa idoneae, quae multum triumphorum possent securitatisque conferre.« (In dieser Schlacht erlitt das Römische Imperium einen unglaublichen Verlust an Völkern, mit denen man eine Vielzahl an Triumphe und ebensoviel Sicherheit hätte verschaffen können.) Eutropius, 10,12. Der jüngere Victor äußert sich in ähnlichem Sinne. . Ungeachtet des Geiferns eines Redners von schleimiger Gesinnung gibt es nicht den geringsten Grund zu der Annahme, dass der Thronräuber gleich zu Beginn der Schlacht seine eigene Sache aufgegeben habe. Er bewies sich als umsichtiger Feldherr und braver Soldat, bis der Tag verloren und das Lager in der Hand des Feindes war. Dann erst besorgte sich Magnentius um seine eigene Sicherheit, warf die kaiserlichen Insignien von sich und entkam mit einigen Schwierigkeiten von den Ufern der Drau bis zum Fuß der julischen Alpen An dieser Stelle müssen wir dem unverdächtigen Zeugnis des Zosimos und Zonaras den Vorzug geben vor Iulians Lobhudelei. Victor d.J., Epitome 43, entwirft von Magnentius ein merkwürdiges Charakterbild: »Sermonis acer, animi turmidi, et immodice timidus; artifex tamen ad occultandam audaciae specie formidenem." (Scharfzüngig, stolz und doch übertrieben furchtsam; indessen auch ein Meister der Kunst, seine Furcht hinter der Maske der Kühnheit zu verstecken.) Wurde in der Schlacht bei Murna sein Verhalten von der Natur oder von seinen Fähigkeiten bestimmt? Ich neide dem letzteren zu. . CONSTANTIUS VERSCHIEBT DEN KRIEG AUF DEN FRÜHLING – EROBERUNG ITALIENS A.D. 352 Der einbrechende Winter gab der Trägheit des Constantius einen trefflichen Vorwand, den Krieg erst im nächsten Frühjahr fortzusetzen. Magnentius hatte seine Residenz in der Stadt Aquileja eingerichtet und zeigte offenkundig Neigung, die Berge und Sümpfe zu passieren, welche die Grenzen der Provinz Venetien bildeten. Die Überrumpelung eines Alpenkastells durch ein überraschendes Manöver der Kaiserlichen dürfte ihn dann allerdings kaum bestimmt haben, Italien aufzugeben, wenn nur die Zuneigung der Bevölkerung die Sache ihres Herrschers unterstützt hätte Iulian, Orationes 1, p. 38. In dieser Textpassage wie auch in Orationes 2, 97 lässt er durchblicken, dass Senat, Volk und die Soldaten Italiens der Partei des Kaisers zugeneigt waren. . Aber die Erinnerung an die Grausamkeiten seiner Minister nach der erfolglosen Revolte der Nepotianer hatte im Gemüt der Römer unverwelkliche Spuren von Abscheu und Hass hinterlassen. Nepotianus, ein unbedachter Jüngling, Sohn der Prinzessin Eutropia und Neffe des Constantin, hatte mit Abgunst gewahren müssen, wie das Szepter des Westens einem ungetreuen Barbaren in die Hand gefallen war. So bewaffnete er einen Haufen von Sklaven und Gladiatoren, überrumpelte die arglosen Wächter von Roms häuslichem Frieden, ließ sich vom Senat huldigen, legte sich den Augustus-Titel zu und regierte achtundzwanzig bewegte Tage lang auf Widerruf. Das Eingreifen einer regulären Streitmacht setzte diesen hochfliegenden Plänen ein vorzeitiges Ende; die Rebellion wurde im Blute des Nepotianus, seiner Mutter Eutropia und ihres gesamten Anhanges erstickt; und dann wurden die Proskriptionen ausgedehnt auf alle, die mit dem Namen oder der Familie des Constantin in irgendeinem Zusammenhang standen Victor d.Ä. beschreibt mit vielem Pathos Roms elende Lage (Caesares 42): »Cuius stolidum ingenium adeo Populo Romano patribusque exitio fuit, uti passim domus, fora, viae, templaque, cruore, cadaveribusque opplerentur, bustorum modo.« (Sein Schwachsinn war für Volk und Senat Roms derart verhängnisvoll, dass weithin Häuser, Plätze, Straßen und Tempel mit Blut und Leichen bedeckt waren wie bei Brandstätten für Tote.) Athanasios (Band 1, p. 677) beweint das Schicksal einiger prominenter Opfer, und Iulian, Orationes 2, p. 58, verfluch die Grausamkeit des Marcellinus, der Todfeind des konstantinschen Hauses. . Sobald aber Constantius nach der Schlacht von Mursa Herr über die dalmatische Küste geworden war, suchte eine Gruppe von exilierten Adligen, die in einem Adriahafen eine Flotte auszurüsten gewagt hatten, in seinem Lager nach Schutz und der Möglichkeit zur Rache. In heimlichem gegenseitigem Einverständnis mit ihren Landsleuten hatten sich Rom und Italiens Städte auf die Seite des Constantius geschlagen. Die braven Veteranen, die durch die Großzügigkeit des Vaters wohlhabend geworden waren, signalisierten auch dem Sohn Erkenntlichkeit und Verbundenheit. Die Kavallerie, die Infanterielegionen und die Hilfstruppen frischten ihren Treueid gegenüber Constantius auf; und der Usurpator, aufgeschreckt durch den allgemeinen Abfall, sah sich genötigt, mit dem verbliebenen Rest seiner getreuen Truppen sich über die Alpen nach Gallien zurückzuziehen. Die Kommandounternehmen jedoch, die die Flucht des Magnentius verhindern oder ihn sogar abfangen sollten, führten sich nach Art der Sieger sehr unklug auf und ermöglichten ihm in der Ebene vor Pavia, anzugreifen und in einem Gemetzel seine aussichtslose Lage durch einem nutzlosen Sieg vorläufig zu verbessern Zosimos 2,52; Victor, Epitome. Die Lobredner des Constantiu unterlassen, aufrichtig wie immer, die Erwähnung dieser Zufallsniederlage. . VERGEBLICHE FRIEDENSANGEBOTE DES MAGNENTIUS – SEIN TOD 10. AUGUST 353 Infolge der wiederholten Rückschläge sah sich Magnetius endlich genötigt, Friedensverhandlungen aufzunehmen, und zwar vergeblich aufzunehmen. Zunächst entsandte er einen Senator, dessen Verhandlungsgeschick er traute, und danach diverse Bischöfe, denen ihr heiliger Charakter eher Gehör verschaffen mochte, mit dem Anerbieten, er werde auf den Purpur verzichten und der Zusicherung, er werde sein verbleibendes Leben dem Dienste am Kaiser widmen. Obwohl Constantius allen, die die Sache der Rebellion aufgeben würden, großzügige Amnestie versprach Zonaras, 13, p. 17. Iulian lässt sich an mehreren Stellen seiner beiden Reden über Constantius' Milde gegenüber den Rebellen aus. , bekundete er zugleich seinen eisernen Willen, die Verbrechen eines Mörders angemessen zu bestrafen, den von allen Seiten einzuschließen sich seine siegreichen Soldaten anschickten. Leicht nahm eine kaiserliche Flotte Afrika und Spanien in Besitz, versicherte sich der wanken Treue der maurischen Nationen und landete eine beachtliche Truppenmacht, welche die Pyrenäen überquerte und nach Lyon marschierte, Magnentius' letzter, auswegloser Station Zosimos 2,53; Julian Orationes 1, p. 40, und 2, p. 74. . Das Tyrannengemüt, welches nie etwas von Milde gewusst hatte, war in seiner Verzweiflung dazu übergegangen, jede Form von Unterdrückung zu praktizieren, um von den Städten Galliens Hilfe zu erpressen Ammianus, 15, 6; Zosimos 2,53. Julian, der die Verzweiflungsmaßnahmen des Tyrannen scharf verurteilt, erwähnt (Orationes 1, p. 40) die Erlasse, die von Not oder Habgier diktiert waren. Seine Untertanen wurden gezwungen, kaiserliche Domäne zu erwerben, was ein höchst unsicherer und gefährlicher Besitz war, da man es ihnen im Falle einer weiteren Umwälzung als verräterische Aneignung hätte anrechnen können. . Endlich war ihre Langmut erschöpft; und so gab die Prätorianergarnison zu Trier das Signal zu Abfall, indem sie die Tore vor Decentius verschloss, den sein Bruder entweder zum Augustus oder Caesar erhoben hatte Magnentius' Medaillen feiern den Sieg zweier Augusti und eines Caesar; dieser war ein anderer Bruder, Desiderius. Siehe Tillemont, Histoire des Empereurs Band 4, p. 757. . Von Trier zog sich Decentius notgedrungen nach Sens zurück, wo er alsbald von einer Germanenarmee eingekreist wurde, welcher die umtriebigen Ränke eines Constantius lehrreichen Einblick in römisches Parteienwesen vermittelt hatten Julian Orationes 1, p. 40 und 2, p. 74 nebst Spanheims Kommentar p. 263, der die Ereignisse dieses Bürgerkrieges erläutert. Mons Seleucus war ein kleiner Ort in den Kottischen Alpen, einige Meilen von Vapincum oder Gap entfernt, einer Bischofsstadt in der Dauphiné. S. d'Anville, Notice de la Gaule, p. 464; and Longuerue, Description de la France, p. 327. . Inzwischen beeilten sich die kaiserlichen Truppen, die cottischen Alpen zu überqueren, und in der blutigen Schlacht am Berge Seleucius wurde dem Anhang des Magnentius endgültig der Titel der Rebellen angeheftet Zosimos 2,52; Libanios Orationes 10. Letzterer beklagt sehr nachdrücklich diese grausame und selbstbezogene Politik des Constantius. . Er konnte keine weiteren Truppen aufstellen; die Treue seiner Garde war unterhöhlt: und als er sich in der Öffentlichkeit sehen ließ, um sie durch aufmunternde Reden zu beleben, grüßte man ihn mit dem einhelligen Rufe: »Lang lebe Kaiser Constantius!« Der Tyrann, der begriff, dass sie sich anschickten, Gnade zu erwirken durch seine, des schlimmsten Verbrechers Auslieferung, kam ihren Plänen zuvor und stürzte sich in sein Schwert Julian Orationes 1, p. 40; Zosimus, 2,53; Socrates, 2,32. Sozomenos, 4,7. Victor d.J., Epitome 42 beschreibt seinen Tod mit diversen schauerlichen Begleitumständen: »Transfosso latere, vulnere naribusque et ore cruorem effundens, exspiravit.« (Mit durchbohrter Brust verschied er, während Blut aus der Wunde, Nase und Mund strömten.) Wenn wir Zonaras für glaubwürdig halten wollen, dann so gönnte der Tyrann vor seinem Tod noch das Vergnügen, seine Mutter und seinen Bruder eigenhändig zu ermoden. ; eine Todesart, welche leichter und ehrenhafter war als die, die er von der Hand seines Feindes erhoffen konnte, der seine Rache mit dem Mäntelchen der Gerechtigkeit und der Bruderliebe umhängt hätte. Dieses Beispiel fand in Decentius seinen Nachahmer, der sich auf die Nachricht von seines Bruders Tod erhängte. Der eigentliche Urheber der Revolte, Marcellinus, war schon lange vorher in der Schlacht von Mursa Julian (Orationes 1, p. 58f) kann sich nicht entscheiden, ob er sich selbst für seine Verbrechen strafte, ob er in der Drau ertrunken war, oder ob ihn rächende Dämonen direkt vom Schlachtfeld an den Ort ewiger Qual geführt hätten. verschollen, und die Öffentlichkeit wurde ruhiggestellt durch die Hinrichtung einiger überlebender Anführer einer schuldigen und unterlegenen Faktion. Strenges Gericht wurde gehalten über alle, welche freiwillig oder aus Unbedacht sich der Sache des Aufstandes angeschlossen hatten. Paul, genannt die Kette, (dies wegen seines überstrengen Eintretens für kaiserliche Gerechtsame), wurde losgeschickt, im fernen Britannien die letzten Reste der Verschwörung auszuspähen. Die ehrliche Empörung von Martin, dem Vizepräfekten der Insel, wurde als Beweis für seine persönliche Schuld ausgelegt; und der Gouverneur war gezwungen, gegen sich selbst das Schwert zu richten, mit dem er den kaiserlichen Minister zu verwunden provoziert worden war. Die allerunschuldigsten Untertanen des Westens wurden verbannt, enteignet, getötet oder gefoltert; und da die Feigheit stets auch grausam ist, war Constantius' Gemüt für Gnade unzugänglich Ammianus 14,5 und 21,16. . XIX CONSTANTIUS ALLEINHERRSCHER · THRONBESTEIGUNG · UND TOD DES GALLUS · IULIAN · SARMATISCHER UND · PERSISCHER KRIEG · SIEG IULIANS IN GALLIEN · PARIS CONSTANTIUS ALLEINHERRSCHER · DIE EUNUCHEN Die geteilten Provinzen wurden nach Constantius' Sieg wieder vereint; da aber diesem schwächlichen Herrscher jedwedes persönliche Verdienst abging, im Frieden wie im Kriege; da er seine Generäle fürchtete und seinen Beamten misstraute, diente der Sieg seiner Armee lediglich dazu, die Herrschaft der Eunuchen über die römische Welt neuerlich zu festigen. Diese unglückseligen Kreaturen, das antike Spottprodukt von orientalischer Eifersucht und Despotie Ammianus (14,6) schiebt die Praxis der Kastration dem grausamen Erfindungsreichtum der Semiramis zu, welche neunzehnhundert Jahre vor Christus regiert haben soll. In Asien und Ägypten waren Eunuchen schon im hohen Altertum in Diensten. Sie werden ferner im Mosaischen Gesetz (Deuteronomium 23,1) erwähnt. Siehe Goguet, Origines des Loix, Teil 1, Buch 1, c. 3. , waren zusammen mit der Pest des asiatischen Luxus »Eunuchum dixti velle te;/ Quia solae his reginae.« (Es war ein Eunuch, den du wolltest;/Weil alleine Königinnen sie haben.) Terenz, Eunuchus 1,2. Diese Komödie ist eine Übersetzung nach Menander, und das Original muss kurze Zeit nach der Eroberung des Ostens durch Alexander erschienen sein. nach Griechenland und Rom vorgedrungen. Rasch breiteten sie sich aus; und während man noch zu Augustus' Zeiten vor ihnen, den monströsen Gefolgsleuten der Königin Ägyptens »Miles ... spadonibus /Servire rugosis potest.« (als Krieger kann er runzligen Kastraten dienen.) Horaz, Epoden 9 und Dacier, ad locum. Durch das Wort ›spado‹ (Entmannter) drückten die Römer sehr nachdrücklich ihren Abscheu gegen diese Verstümmelung aus. Die griechische Bezeichnung Eunuch (eig. ›Betthüter‹) die sich allmählich durchsetzte, war dem Ohr wohlgefällig und klang zweideutig. , zurückschauderte, erlangten sie allmählich Zutritt zu den Familien römischer Matronen, Senatoren und schließlich der Herrscher selbst Wir müssen nur Posides erwähnen, einen Freigelassenen und Eunuchen des Claudius, an welchen der Kaiser einige der wertvollsten Auszeichnungen für militärische Tapferkeit verschwendet hatte. (Siehe Sueton, Claudius 28.) Posidius hat einen Großteil seines Vermögens in Bauten investiert. »Ut ›spado‹ vincebat Capitolia nostra Posides.« (Wie der Kastrat Posides unser Kapitol übertroffen hat). Iuvenalis, Satiren 14. . Durch strenge Erlasse Domitians und Nervas einst zurückgedrängt »Castrari mares vetuit.« (Er verbot die Beschneidung von Männern.) Sueton, Domitian 7. Siehe Cassius Dio 67,2; 68,2. , von Diocletian auf der Höhe seiner Macht gehätschelt, von Constantins Umsicht zu einer Randexistenz verurteilt In der Historia Augusta findet sich eine Stelle (Alexander Severus 66), in welcher Lampridius den Schaden beklagt, den die Eunuchen unter anderen Kaisern angerichtet hätten, während er zugleich Alexander Severus und Constantin wegen ihres Vorgehens gegen die Eunuchenherrschaft lobt: »Huc accedit, quod eunuchos nec in consiliis nec in ministeriis habuit; qui soli principes perdunt, dum eos more gentium aut regum Persarum volunt vivere; qui a populo etiam amicissimum semovent; qui internuntii sunt, aliud quam respondetur (saepe), referentes; claudentes principem suum, et agentes ante omnia ne quid sciat.« (Hinzu kam noch, dass er Eunuchen weder im Kronrat noch in der Dienerschaft zuließ; diese allein richten die Herrscher zugrunde, indem sie darauf hinwirken, dass die Kaiser nach Art der persischen Großkönige leben; diese trennen selbst den freundschaftlichsten Regenten vom Volk; diese sind Zwischenträger und geben anderes weiter als angeordnet; diese isolieren ihren Herren und sind vor allem bestrebt, ihn ahnungslos zu halten.) (Lampradius, Alexander Severus 66.) , wurden es ihrer im Palaste seiner verkommenen Söhne immer mehr, wo sie nach und nach Kenntnis von Constantius geheimen Ratschlüssen und schließlich deren Lenkung erlangten. Die Abneigung und die Verachtung, die die Menschheit so einhellig gegen diese Verstümmelten empfindet, scheinen sich auf ihren Charakter verheerend ausgewirkt und es ihnen zugleich in dem Maße unmöglich gemacht zu haben, einen großen Gedanken zu fassen oder etwas Bemerkenswertes zu vollbringen, wie man es ihnen allgemein unterstellt Xenophon (Kyrupaideia 7, 5,60) hat die besonderen Gründe aufgeführt, weshalb Kyros seine Person der Bewachung durch die Eunuchen anvertraute. Er hatte beobachtet, dass die Kastration bei Tieren zwar viel von deren unbezähmbarer Wildheit zurücknehmen mag, dass ihrer Körperkraft und ihrem Geist aber kein Eintrag geschieht; auch sagte er sich, dass diejenigen, die vom Rest der Menschheit abgesondert lebten, ihrem Wohltäter nur umso geneigter sein müssten. Aber die Erfahrung widerlegte dieses Urteil des Kyros. Einige Beispiele für besonders treue, starke oder begabte Eunuchen mögen sich finden lassen; betrachten wir aber die allgemeine Geschichte Persiens, Indiens und Chinas, so finden wir, dass Eunuchen immer dann mächtig sind, wenn es mit der Dynastie bergab geht. . Besonderes Talent zeigten Eunuchen dagegen in der Kunst der Verleumdung und Intrige; und Constantius beherrschten sie, indem sie sich nach Bedarf seine Ängste, seine Trägheit und seine Eitelkeit dienstbar machten Ammianus 21,16 und 22,4.) Der ganze Tenor dieser unparteiischen Geschichte ist darauf angelegt, die Vorwürfe des Mamertinus, Libanius und Iulian selbst zu rechtfertigen, welche die Laster am Hofe des Constantius getadelt haben. . Während er in einem Zerrspiegel öffentlichen Wohlstand wahrzunehmen glaubte, ermöglichte er ihnen durch seinen trägen Gleichmut, die Beschwerden der bedrängten Provinzen zu unterdrücken und durch Kauf von Urteilen und Ämtern immense Reichtümer anzuhäufen; ferner die wichtigsten öffentlichen Ämter zu diskreditieren, indem sie genau diejenigen beförderten, welche die Werkzeuge der Unterdrückung Aurelius Victor verurteilt die Sorglosigkeit seines Kaisers bei der Wahl von Ministern und Generälen und endigt seine Darstellung mit der äußerst kühnen Feststellung, dass es unter einem schwachen Herrscher viel gefährlicher sei, die Minister anzugreifen als den Meister selbst (Caesares 42.). »Uti verum absolvam brevi, ut Imperatore ipso clarius, ita apparitorum plerisque magis atrox nihil." (Um die Wahrheit in Kürze zu sagen: wie es keinen Rühmlicheren gibt als unseren Kaiser, so gab es nichts Schlimmeres als die Mehrheit seiner Diener.) zu handhaben verstanden, und endlich ihr Mütchen an den wenigen freien Geistern zu kühlen, welche sich ungehörigerweise weigerten, die Protektion von Sklaven zu erbetteln. Der einflussreichste dieser Sklave war der Kammerherr Eusebius, der den Monarchen und den Palast mit derart absoluter Macht beherrschte, dass Constantius, folgt man dem Sarkasmus eines objektiven Historikers, bei seinem Favoriten einige Wertschätzung genoss »Apud quem (si vere dici debeat) multum Constantius potuit.« (Bei diesem bewirkte, um die Wahrheit zu sagen, Constantius vieles.) Ammianus 18,4. . Durch seine geschickten Einbläsereien brachte er den Kaiser dahin, das Todesurteil für Gallus zu unterschreiben und so der langen Liste von Verwandtenmorden, die das Haus des Constantin befleckten, ein weiteres Verbrechen hinzuzufügen. DIE ERZIEHUNG VON GALLUS UND IULIAN Als die beiden Neffen Constantins, Gallus und Iulian, aus der Hand der marodierenden Soldateska gerettet wurden, war der erste etwa zwölf und der zweite ungefähr sechs Jahre alt; und da dem Älteren eine schwächelnde Konstitution nachgesagt wurde, schenkte ihnen Constantius in aufgesetztem Mitleid umso eher das Leben, welches allemal gefährdet und abhängig war, da selbst er zu der Einsicht gelangte, dass alle Welt die Ermordung dieser unschuldigen Waisen als Akt übelster Grausamkeit angesehen haben würde Gregor von Nazianz (Orontes 3) zeiht Iulian Apostata der Undankbarkeit gegenüber Marcus, Bischof von Arethusa, der ihm das Leben gerettet habe; und so erfahren wir, wenn auch aus trüber Quelle (Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 1120), dass Iulian sich im Altarraum einer Kirche versteckt habe. . Verschiede Städte Ioniens und Bithyniens wurden als Orte für ihr Exil und ihre Erziehung bestimmt; sobald aber ihre aufblühenden Jahre das Misstrauen des Herrschers weckten, schien es ihm sicherer, diese unglücklichen Jugendlichen in dem Kastell Macellum in der Nähe von Caesarea in Gewahrsam zu halten. Die Behandlung, die man ihnen sechs Jahre lang in ihrer Gefangenschaft angedeihen ließ, war die, welche sie sich von einem respektvoll-aufmerksamen Vormund erwarten durften und andererseits die, die sie von einem argwöhnischen Tyrannen befürchten mussten Die zuverlässigste Darstellung der Erziehung und Erlebnisse des Iulian ist in einem Brief oder Manifest enthalten, welches er an den Senat und das Volk von Athen gerichtet hat. Libanios (Oratio parentalis) auf Seite der Heiden und Sokrates (3,1) auf christlicher haben ebenfalls einige interessante Einzelheiten überliefert. . Ihr Gefängnis war der alte Königspalast von Kappadokien; seine Lage war angenehm, die Gebäude ansehnlich, der eingefriedete Bereich geräumig. Sie studierten und trainierten unter der Anleitung bewährter Meister; und das zahlreiche Hofvolk, dem aufgetragen war, Constantins Neffen aufzuwarten – besser wohl: sie zu bewachen –, entsprach ganz ihrer kaiserlichen Herkunft. Aber unmöglich konnten sie vor sich selbst verbergen, dass es ihnen an allem, an Vermögen, Freiheit und Sicherheit, fehlte; dass sie mit keinem, dem sie trauten oder den sie wertschätzten, jemals Umgang hatten; und dass sie verurteilt waren, ihre melancholischen Stunden in Gesellschaft von Sklaven zu verbringen, die einem Tyrannen gehorsamten, welcher ihnen Unrecht angetan hatte, das keine Hoffnung auf eine mögliche Versöhnung zuließ. GALLUS WIRD ZUM CAESAR ERHOBEN. 5. MÄRZ 351 Endlich jedoch brachte die Umstände des Staates, genauer gesagt: die Eunuchen, den Kaiser dazu, Gallus zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag den Caesaren-Titel zu verleihen und zugleich seine politische Stellung durch die Eheschließung mit der Prinzessin Constantia zu festigen. Nach einem formellen Gespräch, in welchem sich die beiden Herrscher versicherten, niemals etwas zum Nachteil des anderen zu unternehmen, reisten sie ohne Verzug an ihre jeweilige Wirkungsstätte ab. Constantius marschierte nach Westen ab, während Gallus in Antiochia seine Residenz aufschlug, von wo aus er mit geborgter Macht die fünf großen Diözesen der östlichen Präfektur regierte Bezüglich der Ernennung des Gallus vergleiche Idiatus, Zosimos und die beiden Victor. Folgt man Philostorgios (4,1), dann war der arianische Bischof Theophilos der Zeuge und, wie die Dinge standen, auch der Bürge seiner feierlichen Erhebung. Er behauptete diesen Charakter mit Edelmut; allerdings hält Herr Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 4, p.1120) es für ausgeschlossen, dass ein Ketzer solcher Tugenden fähig gewesen sein könne. . Bei dieser glücklichen Wendung der Dinge blieb der neue Caesar auch seines Bruders Iulian Zunächst ließ man Iulian seine Studien in Konstantinopel fortsetzen, aber die Anerkennung, die er schon bald errang, stimmte den Herrscher eifersüchtig; und dem Prinzen riet man, ins weniger verdächtige Bithynien auszuweichen. nicht uneingedenk, der daraufhin in die seinem Rang entsprechenden Ehren eingesetzt wurde, seine sogenannte Freiheit wiedererlangte und sein großes Erbe antreten durfte. GALLUS' INKOMPETENZ Selbst die Autoren, die das Andenken an Gallus mit äußerster Nachsicht behandeln, und selbst Iulian, der doch über die Schwächen seines Bruders einen Schleier legen wollte, müssen zugeben, dass der Caesar unfähig war zu regieren. Direkt vom Gefängnis auf den Thron gelangt, besaß er weder das Talent noch den Fleiß noch die Lernbereitschaft, die für seinen Mangel an Kenntnissen und Erfahrung hätten einstehen können. Von Natur aus verschlossen und gewalttätig, war er durch die Einsamkeit und das Elend seiner Gefangenschaft nicht geläutert worden, sondern immer mehr verbittert. Die Erinnerung an das Durchlittene machte ihn zur Vergeltung und wenig zu freundlichem Mitgefühl bereit; und seine unkontrollierbaren Zornesausbrüche waren oftmals fatal für die, die sich zufällig in seiner Nähe aufhielten oder ihm direkt unterstanden Iulian, Epistula ad Athenienses, p. 271. Hieromymus, Chronicum Eusebii; Aurelius Victor, Caesares 42,8; Eutropius, 10,13. Ich möchte hier die Worte des Eutropius zitieren, welcher eine Kurzfassung der fünfzehn Jahre schrieb, als Gallus bereits tot war und somit keine Notwendigkeit mehr bestand, ihm zu schmeicheln oder ihn zu verdammen. »Multis incivilibus gestis Gallus Caesar... vir natura ferox et ad tyrannidem pronior, si suo iure imperare licuisset.« (Wegen vieler Grausamkeiten wurde der Caesar Gallus getötet, ein Mann, grausam und tyrannisch von Natur, wenn er denn nach seinem Wollen hätte befehlen können. . Seine Frau Constantia wird nicht als Frau, sondern als eines jener Höllenwesen beschrieben, welche beständig von unerträglichem Durst nach Menschenblut getrieben werden Megaera quacdam mortalis, inflammatrix saevientis assidua, humani cruoris avida, etc. (Eine Megäre in Gestalt einer Sterblichen, unablässige Aufhetzerin von Raserei, gierig nach menschlichem Blut etc). Ammianus 14,1.Die Aufrichtigkeit des Ammianus hätte nicht zugelassen, dass er Tatsachen oder Personen verfälscht wiedergibt; aber seine Vorliebe für prunkende Ausschmückungen verführte ihn des Öfteren zu einer allzu stürmischen Wortwahl. . Anstelle dass sie ihren Einfluss benutzt hätte, ihrem Gemahl Klugheit und Humanität nahe zu bringen, hetzte sie die sinistren Leidenschaften ihres Mannes noch an; und da sie nach der Weiber Weise zwar eitel, aber nicht eben sanftmütig war, hielt sie ein Perlenhalsband für den angemessenen Preis für die Ermordung eines unschuldigen und angesehenen Adligen Sein Name war Clematius von Alexandria, und sein Verbrechen bestand darin, dass er sich geweigert hatte, die Gelüste seiner Schwiegermutter zu befriedigen; daraufhin setzte sie seinen Tod durch, weil er ihre Anträge zurück gewiesen hatte. Ammianus 14,1. . Gallus' Grausamkeit trat bisweilen unverstellt bei militärischen oder zivilen Hinrichtungen zu Tage, zuweilen verkroch sie sich auch hinter Rechtsbeugung und Verfahrensbruch. Die Privathäuser und die Plätze der öffentlichen Begegnung zu Antiochia waren mit Spitzeln durchseucht; und sogar der Caesar selbst war sich öfters, mit Plebejerhabit angetan, diese erbärmlichen Ausforschungen schuldig. In jedem Raum des Palastes drohten Hinrichtungs- und Folterinstrumente, und über die Hauptstadt Syriens herrschte ganz allgemein tiefer Schrecken. Als ob es ihm bewusst war, wie viel er zu fürchten und wie wenig er zu regieren verdient hatte, wählte sich der Herrscher des Ostens als Opfer seiner Verbitterung Provinzbewohner, die für irgendeinen ausgedachten Verrat angeklagt wurden, und dann noch seine eigenen Höflinge, die er mit etwas mehr Recht verdächtigte, durch geheime Korrespondenz das feige und misstrauische Gemüt des Constantius gegen ihn aufzubringen. Dabei übersah er nun allerdings, dass er sich seines einzigen Rückhaltes beraubte, der Zuneigung des Volkes; während er zugleich der Bosheit seiner Feinde die Waffen der Wahrheit aushändigte und dem Kaiser die trefflichsten Vorwände lieferte, dass er seinen Purpur, ja sein Leben verwirkt hatte Siehe Ammianus 14, 1 und 7. Mit einer ausgedehnten Darstellung der Grausamkeiten von Gallus. Sein Bruder Iulian insinuert (ad Senatum Populumque Athen. P. 272), dass gegen ihn eine geheime Verschwörung ins Werk gesetzt war; und Zosimos (2,55) nennt die beteiligten Personen; ein Beamter von Rang und zwei Finsterlinge, die entschlossen waren, ihr Glück zu machen. . ERMORDUNG KAISERLICHER BEAMTER A.D. 354 Solange noch der Bürgerkrieg über dem Schicksal des römischen Reiches schwebte, nahm Constantius die unfähige und grausame Regierung dessen, den er zum Herrscher des Ostens bestimmt hatte, einfach nicht zur Kenntnis; und die Entdeckung einiger gedungener Mörder, die Magnentius, Tyrann von Gallien, heimlich nach Antiochia entsandt hatte, wurde ausgeschlachtet, um dem Publikum überzeugend darzutun, dass der Kaiser und sein Caesar durch dieselben Interessen verbunden seien und von denselben Feinde verfolgt würden Siehe Zonaras 13,8. Die Mörder hatten bereits zahlreiche Legionäre auf ihrer Seite; ihre Pläne wurden jedoch von einer alten Frau entdeckt und gemeldet, in deren Hütte sie übernachtet hatten. . Sobald sich aber der Sieg dem Constantius zuneigte, wurde sein nachgeordneter Mitregent weniger nützlich und weniger schrecklich. Jede einzelne seiner Maßnahmen wurde von nun an mit misstrauischer Genauigkeit übergeprüft, und hinter verschlossenen Türen befand man schließlich, Gallus entweder den Purpur abzuerkennen oder ihn Asiens Lotterleben mit den Fährnissen des Krieges gegen die Germanen tauschen zu lassen. Der Mord an Theophilos, dem Konsular der Provinz Syriens, welcher in kargen Zeiten von dem Mob von Antiochia mit der Zustimmung, vermutlich sogar auf Betreiben des Gallus gelyncht worden war, verdiente nun nicht nur als brutaler Willkürakt, sondern auch als staatsgefährdende Beleidigung von Constantius' oberster Majestät untersucht zu werden. Zwei ranghohe Minister, nämlich Domitian, der Reichspräfekt des Orients, und Montius, Palastquästor, erhielten die Sondervollmacht, den Orient aufzusuchen und die eingeschlichenen Missstände dortselbst abzustellen. Sie hatten Weisung, sich Gallus gegenüber zurückhaltend und respektvoll aufzuführen und ihn mit den geschmeidigsten Überredungskünsten dazu zu bringen, die Einladung seines Bruders und Amtskollegen anzunehmen. Indessen, die vorschnelle Art des Präfekten machte diese klugen Entwürfe zuschanden und beschleunigte seinen Untergang- und den seines Feindes. Bei seiner Ankunft in Antiochia war Domitian, Hoffahrt im Herzen, an den Palasttoren vorbeigefahren, und ging unter dem läppischen Vorwand einer leichten Unpässlichkeit für einige Tage in mürrische Klausur, um eine zornige Denkschrift vorzubereiten, die er dem kaiserlichen Hof überstellen ließ. Auf dringendes Ersuchen des Gallus bequemte sich der Präfekt endlich in die Ratsversammlung; aber seine erste Handlung war die knappe und arrogante Anweisung, der Caesar habe sich ohne Verzug nach Italien zu begeben, wobei er noch hinzufügte, dass er ein Zögern mit der Einbehaltung der üblichen Zuschüsse für seinen, des Gallus, Haushalt bestrafen werde. Der Neffe und die Tochter des Constantin, die die Insubordination von Untertanen am wenigsten ertragen konnten, brachten ihre Verärgerung dadurch zum Ausdruck, dass sie Domitian augenblicklich unter Arrest stellen ließen. Zu diesem Zeitpunkt hätte der Streit wohl noch beigelegt werden können. Unmöglich wurde dies erst durch die tumben Aufführungen des Montius, eines Staatsmannes, der auch schon vorher Proben von Torheit abgelegt hatte Im Text des Ammianus (14,7) zu dieser Episode lesen wir: » Asper quidem sed ad lenitatem propensior.« (Ein grober Kerl, der eher zur Sanftmut neigte.), was einen widersprüchlichen und sinnlosen Satz ergibt. Mit Hilfe einer alten Handschrift hat Valesius die erste dieser beiden verderbten Stellen verbessert, und wir sehen etwas Licht, wenn wir das Wort vafer (»verschmitzt, pfiffig«) dafür einsetzen. Und wenn wir jetzt noch lenitatem in levitatem (»Leichtsinn, von schwankenden Grundsätzen«) ändern, macht der Tausch eines einzigen Buchstabens die ganze Passage verständlich und stimmig. . Der Quaestor erwiderte Gallus in dünkelhafter Rede, wie denn ein Herrscher, der kaum befugt sei, einen städtischen Beamten aus dem Amte zu entfernen, sich erfrechen könne, einen Reichspräfekten einzusperren; rief die zivilen und militärischen Amtsinhaber zusammen; und verlangte von ihnen, im Namen ihres Kaisers, für Leib und Würde seiner Vertreter einzustehen. Durch diese vorschnelle Kriegserklärung fühlte sich das unduldsame Gemüt des Gallus veranlasst, zu den bedenklichsten Mitteln zu greifen. Er gebot seinen Wachen, sich zu wappnen und bereit zu halten, rief das Volk von Antiochia zusammen und empfahl ihren Instinkten die Sorge für seine persönliche Sicherheit und Rache. Roh packten sie den Praefekten und den Quaestor, banden sie an den Beinen mit Stricken zusammen, zerrten sie durch die Straßen, fügten ihren unglückseligen Opfern tausend Schmähungen und tausend Wunden zu und warfen ihre geschundenen und leblosen Leiber schließlich in den Orontes Ab jetzt sind wir nicht mehr darauf angewiesen, aus verschiedenen spärlichen und trüben Quellen unzureichende Andeutungen zusammenzutragen, sondern schöpfen aus dem mächtigen Strom von Ammianus' Geschichtswerk und müssen nur noch das siebte und neunte Kapitel seines vierzehnten Buches wiedergeben. Allerdings sollte man Philostorgius (3,28), wenn er auch Partei nimmt für Gallus, nicht ganz übergehen. . GALLUS IN UNGNADE – SEIN ENDE Nach einer solchen Tat konnte Gallus, was immer auch seine ursprünglichen Absichten gewesen sein mochten, seine Unschuld mit einiger Aussicht auf Erfolg nur noch auf dem Schlachtfeld erweisen. Aber in dem Gemüt dieses Herrschers hielten sich Brutalität und Schwäche die Waage. Anstelle dass er sich jetzt selbst zum Augustus ernannt hätte, anstelle dass er zu seiner Verteidigung die Truppen und die Schätze des Orients aufgeboten hätte, ließ er sich durch die erkünstelte Ruhe des Constantius narren, welcher ihm weiterhin den eitlen Pomp seines Hofes vergönnte und zugleich heimlich die bewährten Veteranenarmeen aus den asiatischen Provinzen zurückrief. Aber da es immer noch zu gewagt schien, Gallus in seiner eigenen Hauptstadt zu verhaften, übte man sich mit Erfolg in den langsameren, aber zuverlässigen Künsten der täuschend geübten Verstellung. Die häufigen und dringlichen Briefe des Constantius waren mit Vertrauens- und Freundschaftsbekundungen übergezuckert; mahnten den Caesar, sich der Pflichten seines hohen Amtes zu entledigen, seinem Kollegen einen Teil seiner öffentlichen Aufgaben abzunehmen und dem Westen mit Rat, Tat und Truppen beizustehen. Nach so vielen wiederholten Verbrechen hatte Gallus beste Gründe zum Misstrauen. Aber die Gelegenheit zur Flucht oder Verteidigung war vertan; er war den durchtriebenen Empfehlungen des Tribunen Scudilo erlegen, welcher unter der Maske des kernigen Soldaten die kunstvollsten Einbläsereien geübt hatte; und er setzte sein Vertrauen auf den Einfluss seine Frau Constantia; aber sie starb zur Unzeit und vollendete damit seinen Untergang, zu dem er infolge ihrer drängenden Machtbegierde bestimmt war Sie war vor ihrem Mann aufgebrochen, aber sie starb unterwegs an einem Fieber in einem kleinen Ort in Bithynien, genannt Coenum Gallicanum. . CONSTANTIUS VERURTEILT SEINEN VETTER – DEZEMBER 354 Nach langem Zögern setzte der Caesar, wenn auch widerstrebend, seine Fahrt zum Kaiserhofe fort. Von Antiochia bis nach Adrianopel durchzog er sein ausgedehntes Herrschaftsgebiet mit großem und prächtigem Gefolge; und da er darum bemüht war, seine dunklen Ahnungen der Welt und vermutlich auch sich selbst zu verhehlen, bot er Konstantinopels Bevölkerung ein Zirkusspiel. Der weitere Verlauf der Reise allerdings hätte ihn vor der drohenden Gefahr warnen können. In allen Städten begrüßten ihn eingeweihte Minister, die die Weisung hatten, die Amtsgeschäfte zu kontrollieren, seine Stimmungen ausforschen und ihn von Verzweiflungsschritten zurückzuhalten. Es waren Persönlichkeiten beauftragt, die von ihm besuchten Provinzen zu sichern, und sie grüßten ihn unterkühlt oder mit offener Verachtung; die entlang der Straßen stationierten Truppen wurden bei seinem Nahen mit Bedacht zurückgezogen, da man besorgte, sie möchten für einen Bürgerkrieg ihre Dienste anzubieten sich versucht fühlen Die thebanische Legion, die damals in Adrianopel lag, schickte eine Deputation zu Gallus, ihm ihre Dienste anzudienen (Ammianus 14,15). Die Notitia dignitatum (6,20,38) erwähnt drei Legionen mit diesem Namen. Herrn Voltaires Eifer, diese verächtliche, wenn auch berühmte Legende zu zerstören, hat ihn dazu verführt, aus den dürftigsten Gründen die Existenz einer thebanischen Legion in der römischen Armee zu verneinen. Siehe Oeuvres de Voltaire, Bd. 15, p. 414, Quartausgabe. . Nachdem man Gallus in Adrianopel einige Tage Rast gegönnt hatte, erhielt er strenge und unmissverständliche Weisung, dass sein glanzvolles Gefolge in der Stadt verbleiben müsse, während er, der Caesar selbst, sich in Begleitung von lediglich zehn Postwagen mit Beeilung zur Kaiserresidenz in Mailand zu verfügen habe. Auf dieser Eil-Fahrt wich der Respekt, dem man dem Bruder und Mitregenten des Constantius denn doch schuldig war, allmählich einer plumpen Vertraulichkeit; und Gallus, dem nicht entgangen war, dass seine Diener sich immer mehr als seine Bewacher und bald wohl auch als seine Henker betrachteten, erging sich in Selbstvorwürfen wegen seines verhängnisvollen Jähzornes und erinnerte sich mit Bestürzung und Trauer an sein Verhalten, welches nun seinen Untergang herbeigeführt hatte. In Poetovio in Pannonien gab man schließlich auch die letzte Verstellung auf. Er wurden in einen Palast in der Vorstadt verbracht, wo der General Barbatio mit einer ausgesuchte Abteilung Soldaten, die sich weder durch Mitleid hätten erweichen noch durch Belohnungen hätten bestechen lassen, die Ankunft seines prominenten Gefangenen erwartete. Er wurde am frühen Abend verhaftet, in Schanden seiner Cäsarenwürde entkleidet und rasch nach Pola in Istrien in ein abgelegenes Gefängnis verbracht, welches erst kürzlich durch Königsblut befleckt worden war. Das Grauen, das er verspürte, nahm noch zu, als sein schlimmster Feind, der Eunuch Eusebius, auf dem Plan erschien und ihn im Beisein eines Notars und eines Tribunen nach seiner Regierungstätigkeit im Orient zu befragen begann. Der Caesar brach unter der Last von Scham und Schuld zusammen, bekannte jedes einzelne Verbrechen, jeden einzelnen seiner verräterischen Entwürfe, den man ihm zur Last legte; und indem er alles dem Einfluss seiner Frau zuschrieb, brachte er zusätzlich noch Constantius gegen sich auf, welcher die Verhörprotokolle mit Abneigung durchlas. Leicht gelangte er zu der Überzeugung, dass seine eigene Sicherheit und das Leben seines Vetters zwei unvereinbare Größen seien: das Todesurteil ward unterzeichnet, verkündet und vollstreckt; und Constantins Neffe wurde im Gefängnis mit rückwärts gebundenen Händen hingerichtet wie der gewöhnlichste Verbrecher Die vollständige Erzählung von der Reise ist bei Ammianus 14,15. Iulian beklagt sich, dass sein Bruder ohne ordentliches Verfahren zum Tode verurteilt wurde; versucht ferner dessen grausame Rachegelüste zu rechtfertigen oder doch wenigstens zu entschuldigen; scheint aber wenigstens zuzugeben, dass er des Thrones zu Recht entsetzt worden sei. . Einige möchten Constantius' Grausamkeit beschönigen und versichern, dass er schon bald milder gestimmt war und den Blutbefehl widerrufen wollte: dass aber der zweite Bote mit der Begnadigung von den Eunuchen zurückgehalten wurde, welche Gallus' gnadenlose Gemütsart fürchteten und begierig waren, ihr Imperium mit den reichen Provinzen des Ostens zu vereinen Philostorgius,4,1; Zonaras, 13, 9. Der Erste war jedoch für einen arianischen Monarchen eingenommen, und der Zweite schrieb wahl- und kritiklos alles ab, was er in den Schriften der Alten vorfand. . IULIANS GEFAHR UND EXIL IN ATHEN Von der ganzen zahlreichen Nachkommenschaft des Constantius Chlorus hatten nunmehr allein der regierende Kaiser und Iulian überlebt. Sein Missgeschick, von königlicher Herkunft zu sein, verwickelte ihn in den Untergang des Gallus. Unter strenger Bewachung wurde er aus seinem glücklichen Exil in Ionien an den Kaiserhof zu Mailand gebracht; dort vegetierte er sieben lange Monate in beständiger Furcht vor dem gleichen ruhmlosen Ende, welches sozusagen vor seinen Augen täglich den Freunden und Anhängern seiner Familie zuteil wurde. Seine Blicke, seine Gesten, sein Schweigen wurden mit bösartiger Neugier registriert, und Feinde, denen er nie etwas getan hatte, setzten ihm beständig zu mit Ränken, auf die er sich entschieden nicht verstand Siehe Ammianus 15, 1, 3 und 8. Iulian selbst entwirft in seinem Brief an die Athener ein sehr anschauliches und treffendes Bild seiner Gefahr und seiner Empfindungen. Er neigt allerdings zur Übertreibung seiner Leiden, wenn er sie, wenn auch in dunklen Andeutungen, auf mehr als ein Jahr bemisst; diese Angabe findet in der Chronologie der Ereignisse keine Stütze. . Aber in dieser Schule der Anfechtungen erlernte Iulian die Tugend der Standhaftigkeit und der klugen Verschwiegenheit. Er verteidigte seine Ehre ebenso gut wie sein nacktes Leben gegen die schnöden Trickereien der Eunuchen, welche alle Anstrengungen unternahmen, ihm irgendeine Gefühlsäußerung zu entlocken; er indessen unterdrückte in aller Vorsicht seinen Kummer und seine Hassgefühle und weigerte sich zugleich ehrenhaft, durch irgendein erheucheltes Schmeichelwort an die Adresse des Tyrannen der Ermordung seines Bruders zuzustimmen. Seine wunderbare Errettung schrieb Iulian in aller Demut dem Wirken der Götter zu, welche ihn als einzigen von dem Untergang ausgenommen hatten, den sie in ihrer zornigen Gerechtigkeit über Constantins gottloses Haus verhängt hatten Iulian hatte die Verbrechen und Unglücksfälle des konstantinischen Hauses zu einer allegorischen Fabel verarbeitet, hübsch ersonnen und gefällig zu lesen. Sie bildet den Abschluss der siebten Rede, von wo sie der Abbé de la Bléterie abgetrennt und übersetzt hat. (Histoire de l'empereur Jovien, Band 2, p. 385-408. . Das wirkungsvollste Werkzeug ihrer Vorsehung, so merkte er dankbar an, war die unerschütterliche und große Freundschaft der Kaiserin Eusebia Sie (Eusebia) stammte aus Thessaloniki in Makedonien, war von hoher Geburt und Tochter und Schwester von Konsuln. Die Hochzeit mit dem Kaiser können wir in das Jahr 352 legen. Historiker aller Richtungen stimmen in einer derart zerrissenen Zeit in ihr Loblied ein. Man sehe die Zusammenstellung der Zeugnisse bei Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 750-754. , einer ebenso schönen wie verdienstvollen Frau, welche infolge des großen Einflusses, den sie über ihren Gatten ausübte, der bedrohlichen Verschwörung der Eunuchen entgegenwirken konnte. Durch Fürsprache seiner Gönnerin wurde Iulian bei Hofe vorgelassen; er vertrat seine Sache mit schlichtem Freisinn, und man hörte ihn mit Gunst. Und ungeachtet der Anstrengungen seiner Feinde, welche vor dem Rächer von Gallus' Blut warnten, obsiegte endlich Eusebias milder Sinn in der Ratsversammlung. Die Eunuchen sorgten sich nun vor dem Ergebnis einer zweiten Unterredung, und man gab Iulian den Rat, sich für ein Weilchen in die Nachbarschaft Mailands zurück zu ziehen, bis es dem Kaiser beifallen würde, ihm Athen als Ort für ein ehrenhaftes Exil zuzuweisen. IULIAN IN ATHEN MAI 355 Da er schon in frühester Jugend eine Neigung, um nicht zu sagen eine Leidenschaft für die Sprache, die Gebräuche, die Wissenschaft und die Religion der Griechen in sich entdeckt hatte, willigte er mit Freuden in einen Befehl, der seinen eigenen Wünschen so entgegenkam. Fern von Waffengeklirr und Hofkabalen blieb er sechs Monate im Hain der Akademie, im freien Austausch mit den Philosophen seiner Zeit, die das Talent ihres kaiserlichen Zöglings zu pflegen und seine Passion zu mehren trachteten. Erfolglos waren ihre Bemühungen nicht; Iulian hegte für Athen jene zärtliche und unverwelkliche Zuneigung, welche sich in einem freien Gemüt zuverlässig einstellt, wenn sich die Erinnerung an den Ort meldet, an dem es seine erwachenden Kräfte zuerst entdeckt und geübt hatte. Sein Sanftmut und seine Leutseligkeit, die ein Geschenk der Natur und ein Gebot der Stunde waren, brachten ihm nach und nach die Zuneigung der Fremden und der Stadtbürger, mit denen er Umgang hatte. Einige seiner Mitstudenten bespähten sein Verhalten wohl nicht ganz ohne Vorurteil und Abgunst; aber Iulian erzeugte in dieser Schule von Athen eine im Allgemeinen günstige Meinung von seinen Tugenden und Talenten, welche sich bald schon über das ganze Reich ausbreitete Libanios und Gregor von Nazianz haben alle Register ihrer Beredsamkeit gezogen, um Iulian als den ersten unter den Helden bzw. den übelsten aller Tyrannen darzustellen. Gregor war einer seiner Mitstudenten in Athen; und die Symptome der inskünftigen Verruchtheit des Apostaten, die er mit großer und tragischer Geste beschreibt, sind im Grunde genommen nichts ein paar kleine körperliche Unzulänglichkeiten sowie Auffälligkeiten der Aussprache und des Verhaltens. Er beteuert indessen, dass er bereits damals die Leiden von Kirche und Staat vorhergesehen habe. (Gregor von Nazianz, Orationes 4.) . IULIAN NACH MAILAND ZURÜCKBERUFEN Während ihm so seine Tage in gelehrtem Müßiggang verstrichen, war die Kaiserin, begierig, ihre Entwürfe zu einem glücklichen Ende zu bringen, in der Sorge um sein Glück nicht untätig gewesen. Nach dem Tode des letzten Caesaren war Constantius als Alleinherrscher zurückgeblieben, der unter der Last der Alleinverantwortung über ein großes Reich wankte. Die Wunden des Bürgerkrieges waren noch nicht verheilt, als die gallischen Provinzen von Barbaren überschwemmt wurden. Auch die Sarmaten ließen sich durch die Donau nicht länger aufhalten. Da Raub straflos blieb, war die Keckheit und Zahl der Isaurier mächtig angewachsen: diese Wegelagerer waren aus ihren rauen Bergen in die umliegenden Länder eingedrungen, sie zu plündern, ja sie hatten sogar, wenn auch erfolglos, die wichtige Stadt Seleucia angegriffen, welche von einer Garnison mit drei römischen Legionen verteidigt wurde. Zum guten Schluss hatte noch der persische Großkönig, infolge eines Sieges in erhöhter Stimmung, immer mal wieder den Frieden Asiens gebrochen, so dass das Reich in seiner Bedrängnis im Osten wie im Westen des Herrschers dringend bedurfte. Zum ersten Male gestand sich Constantius aufrichtig ein, dass seine vereinzelte Kraft einer so großen Aufgabe und einem so gewaltigen Reich nicht gewachsen sei »Succumbere tot necessitatibus tamque crebris unum se, quod nunquam fecerat, aperte demonstrans.« (Er bekannte offen, – was er noch nie getan hatte – dass er so vielen dauernden Bedrängnissen erliegen könne.) Ammianus 15,8. . Taub war er gegen die Stimme der Schmeichelei, welche ihm versichern wollte, dass seine übergewaltigen Tugenden zusammen mit der Hilfe des Himmels auch fernerhin jedes Hindernis rühmlich überwinden würden, aber mit Wohlgefallen lauschte er auf Eusebias Ratschläge, welche seiner Trägheit entgegenkamen, ohne dabei seinen argwöhnischen Stolz zu verletzen. Als sie feststellte, dass die Erinnerung an Gallus noch immer das Gemüt des Kaisers verdüsterte, lenkte sie einfühlsam seine Aufmerksamkeit auf die entgegengesetzten Charaktere der beiden Brüder, welche schon seit ihrer Kindheit mit Domitian und Titus verglichen worden waren Tantum a temperatis moribus Iuliani differens fratris quantum inter Vespasiani filios fuit, Domitianum et Titum. (Vom gemäßigten Verhalten seine Bruders Iulian war er soweit entfernt, wie auch Vespasians Söhne Titus und Domitian voneinander verschieden waren.) Ammianus 14,11. Die Lebensumstände und die Erziehung der beiden Brüder waren derart ähnlich, dass wir hier ein eindrucksvolles Beispiel für angeborene Charakterunterschiede vor uns haben. . Sie brachte ihren Gatten allmählich dazu, Iulian als Jüngling von milder Gemütsverfassung ohne höheren Ehrgeiz zu betrachten, dessen Treue und Dankbarkeit schon für einen Purpurmantel zu haben seien und der allenfalls geschickt sei, eine subalterne Stellung in Ehren auszufüllen und sich jedenfalls nicht erkühnen werde, wider seines Herrschers und Wohltäters Anordnungen zu murren oder seinen Ruhm zu verdunkeln. Nach zähem, wenngleich heimlichem Ringen beugte sich der Widerstand der Lieblingseunuchen der Überlegenheit der Kaiserin; und es ward beschlossen, dass Iulian nach der feierlichen Hochzeit mit Constantius' Schwester Helena den Cäsarentitel erhalten und die Herrschaft jenseits der Alpen antreten sollte Ammianus 15,8; Zosimos 3,2. . HERRSCHERINSIGNIEN GEGEN DEN PHILOSOPHENMANTEL Obwohl der Befehl zur Rückkehr an den Hof vermutlich einige Andeutungen auf seine bevorstehende Erhebung enthielt, wandte Iulian sich noch einmal an das Volk von Athen, um sie zu Zeugen seiner ungeheuchelten Schmerzenstränen werden zu lassen, als er gegen seinen Willen aus dem geliebten Studienort abberufen wurde Iulian, Epistula ad Athenienses p.275; Libanios, Orationes 10, p.268. Iulian fügte sich erst in sein Schicksal, als die Götter ihren Willen durch wiederholte Eingebungen und Omen kundgemacht hatten. Da verbot ihm seine Frömmigkeit alles fernere Stäuben. . Er fürchtete um sein Leben, seinen Ruf und sogar um seine Tugend; und die einzige Quelle seiner Zuversicht war die Überzeugung, dass sein Handeln von Minerva inspiriert und er selbst von unsichtbaren Engeln beschützt werde, den die Göttin eigens zu diesem Zweck der Sonne und dem Mond abgeborgt hatte. Nur mit Schaudern näherte er sich dem Palast zu Mailand; auch konnte er kaum seine Empörung unterdrücken, als sich die Mörder seiner Familie kriecherisch und mit verlogener Hochachtung an ihn heranpirschten. Eusebia, erfreut über das Gelingen ihrer wohlmeinenden Pläne, umarmte ihn mit schwesterlicher Zuneigung; und sie unternahm es, unter zärtlichsten Liebkosungen seine Abneigung zu zerstreuen und ihn mit seinem Schicksal auszusöhnen. Aber dennoch schenkten die zeremonielle Bartschur und sein absonderliches Verhalten, als er den Mantel des Philosophen mit der Kriegstracht eines römischen Herrschers vertauschen musste, der Frivolität des kaiserlichen Hofes einige Tage gelösten Frohsinns Iulian erzählt mit einigem Humor die näheren Umstände seiner Metamorphose, seinen mutlosen Blick und seine Fassungslosigkeit, als er sich so unvermittelt in eine neue Welt versetzt sah, wo ihn alles fremd und feindlich anmutete. . DIE INVESTITUR JULIANS Die Kaiser des konstantinischen Zeitalters waren nicht länger gemeint, den Senat bei der Wahl ihrer Kollegen zu konsultieren; durchaus aber lag ihnen daran, dass deren Ernennung durch die Zustimmung der Armee bekräftigt werde. Zu diesem staatswichtigen Ereignis fanden sich die Palastwachen nebst anderen Truppen aus der näheren Umgebung Mailands in Waffen ein; Constantius bestieg die erhöhte Rednertribüne, hielt seinen Vetter Iulian an der Hand, welcher an genau diesem Tage in sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr eintrat Ammianus 15,8; Zosimos, 3,2; Aurelius Victor, Caesares 42,16. Victor iunior, Epitome 42,12; Eutropius 10,14. . In einer ausgefeilten, würdevoll vorgetragenen Rede legte der Kaiser die Gefahren dar, welche das Glück der Republik umdunkelten, ferner die Notwendigkeit, einen Caesaren für den Westen zu ernennen und schließlich seine eigene Absicht, wenn diese denn ihren eigenen Wünschen entsprach, nämlich die vielversprechenden Talente von Constantins Neffen mit dem Purpur zu belohnen. Die Soldaten äußerten ihre Zustimmung durch respektvolles Beifallsgemurmel: sie gewahrten Iulians männlichen Gesichtsausdruck und bemerkten mit Wohlgefallen, dass das Feuer in seinen Augen durch das sanfte Erröten gemäßigt wurde, nun er zum ersten Male den Blicken der Menschheit ausgesetzt war. Sobald die Investitur beendet war, redete Constantius wieder in jenem Tonfall zu ihm, welchen anzuschlagen sein Alter und seine überlegene Stellung ihm auferlegten; und indem er den neuen Caesar ermunterte, sich durch Heldentaten jenen heiligen und unvergänglichen Namen zu verdienen, versicherte er zugleich seinen Kollegen mit den eindringlichsten Worten seiner Freundschaft, welche weder die Zeit schwächen noch eine Trennung durch die entferntesten Lande zerschneiden könne. Sobald er geendet hatte, schlugen die Truppen zum Zeichen ihres Beifalles mit den Schilden gegen die Beinschienen »Militares omnes horrendo fragore scuta genibus illidentes; quod est prosperitatis indicium plenum; nam contra cum hastis clypei feriuntur, irae documentum est et doloris ...« (Mit schrecklichem Getöse schlugen alle Krieger mit den Beinschienen gegen die Schilde; was ein Anzeichen vollkommener Zustimmung ist; wohingegen das Schlagen der Schilde mit den Lanzen ein Bezeigung von Zorn und Unwillen ist.) Ammianus fügt mit subtiler Distinktion hinzu: »Eumque ut potiori reverentia servaretur, nec supra modum laudabant nec infra quam decebat (Und damit man dem Vorgesetzten den gehörigen Respekt erweise, jubelten sie nicht über das geziemende Maß hinaus noch blieben sie darunter) 15,8,15 und 16. , während die Offiziere, die die Tribüne umstanden, sich mit vornehmer Reserve zu den Verdiensten von Constantius' Vertreter hören ließen. IULIAN WIRD ZUM CAESAR ERNANNT – 6. NOVEMBER 355 Beide Herrscher kehrten im gleichen Wagen in den Palast zurück; während dieser langsamen Prozession zitierte Iulian eine Zeile seines Lieblingsdichters Homer, was er in gleicher Weise auf seinen Erhebung wie auf seine Ängste bezogen haben mag Ἔλλαβε πορφύρεος ϑάνατος καὶ μοῖρα κραταιή. (Purpurner Tod umfasst' ihn sodann und das mächtige Schicksal, Ilias 5,83)) Das Wort purpurn , welches Homer ebenso häufig wie unbestimmt als Epitheton des Todes verwendet, wird hier von Iulian höchst zutreffend verwendet, um die Natur und das Objekt seiner eigenen Ängste zu kennzeichnen. . Die vierundzwanzig folgenden Tage, die der Caesar nach seiner Erhebung in Mailand verbrachte, sowie die ersten Monate seiner Regierung in Gallien waren eine Art von glänzender, aber strengen Gefangenschaft; die Anhäufung von Protokoll-Ehren konnte den Verlust seiner Freiheit jedenfalls nicht ausgleichen Er schildert die Übel seiner neuen Stellung mit bewegten Worten. Die Tafel war ihm jedoch so üppig gedeckt, dass der jugendliche Philosoph sie mit Abscheu zurückwies. Quum legeret libellum assidue, quem Constantius ut privignum ad studia mittens manu sua conscripserat, praelicenter disponens quid in convivio Caesaris impendi deberet, Phasianum, et vulvam et sumen exigi petuit et inferri. (Dann las er aufmerksam das kleine Buch, das Constantius mit eigener Hand abgefasst hatte, als ob er einen Stiefsohn auf die höhere Schule schickte, und in dem er aufs großzügigste die Tafel-Aufwendungen für den Caesaren festlegte; woraufhin er (Iulian) ausdrücklich verbot, einen Fasan, die Vulva oder das Euter einer Sau zu kaufen und aufzutischen.) Ammianus 16,5. . Seine Schritte wurden überwacht, seine Briefe wurden abgefangen; und Klugheit gebot ihm, die Besuche seiner besten Freunde einzustellen. Von seinen früheren Hausdienern durften lediglich vier bei ihm bleiben: zwei Pagen, sein Leibarzt und sein Bibliothekar; letzterem war die Sorge für eine wertvolle Büchersammlung anvertraut, welche ein Geschenk der Kaiserin war, die die Neigungen und Interessen ihres Schützlings förderte. An die Stelle dieser vier getreuen Diener trat ein Hofstaat, der der Würde eines Caesar wohl angemessen war; aber er wurde bevölkert mit einer Masse von Sklaven, die für ihren Herren Zuneigung weder empfanden noch dazu überhaupt imstande waren und die ihm zum größten Teil unbekannt oder sogar verdächtig waren. Seine geringe Weltkenntnis hätte einen weisen Ratgeber erforderlich gemacht; aber die minuziösen Anweisungen für den Dienst an seiner Tafel und die genaue Tageseinteilung hätten sich besser für einen Jüngling geschickt, der noch unter pädagogischer Aufsicht stand als für einen Herrscher, der einen ernsten Krieg führen sollte. Wollte er sich die Zuneigung seiner Untertanen sichern, hätte er zuverlässig den Unmut seines Herrschers besorgen müssen; und selbst die Früchte seines Ehelagers machten ihm die eifersüchtigen Ränke der Eusebia zunichte Wenn wir uns daran erinnern, dass Helenas Vater Constantin achtzehn Jahre zuvor in hohem Alter verstorben war, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Tochter zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit zwar unberührt, aber nicht ganz jung gewesen sein kann. Schon bald wurde sie von einem Knaben entbunden, der aber sogleich verstarb, quod obstetrix corrupta mercede, mox natum praesecto plusquam convenerat umbilico necavit. (...weil die bestochene Hebamme das Neugeborene tötete, indem sie die Nabelschnur kürzer abschnitt als üblich). Diese nun begleitete den Kaiser und die Kaiserin nach Rom, und diese quaesitum venenum bibere per fraudem illexit, ut quotiescunque concepisset, immaturum abiiceret partum. (...veranlasste sie hinterlistig, einen besonderen vergifteten Trank zu sich zu nehmen, so dass nach jeder Empfängnis eine Frühgeburt eintrat.) Ammianus 16,10. Unsere Ärzte mögen entscheiden, ob ein solches Gift überhaupt existiert; ich für meinen Teil neige zu der Auffassung, dass die öffentliche Bosheit der Kaiserin Eusebia diese Zufälle zur Last gelegt hat. , welche einzig bei dieser Gelegenheit des Zartgefühls ihres Geschlechtes und ihres Edelmutes uneingedenk blieb. Die Erinnerung an seinen Vater und seine Geschwister erinnerten Iulian an seine eigene Gefahr, und das unwürdige Schicksal des Sylvanus mehrte seine Besorgnisse noch. In dem vorangegangenen Sommer hatte man diesen General beauftragt, Gallien vom Joch der Barbaren zu befreien; aber Sylvanus hatte schon bald entdecken müssen, dass er seinen eigentlichen, sein schlimmsten Feinde am Kaiserhof zurückgelassen hatte. DAS ENDE DES SYLVANUS – SEPTEMBER 355 Ein gerissener Zuträger, den einige kaiserliche Minister dazu ermutigt hatten, besorgte sich von ihm einige Empfehlungsschreiben; sie schabten nun mit Ausnahme der Unterschrift das Pergament sauber und schrieben auf die leere Seite Sätze mit hochverräterischem Inhalt. Jedoch entdeckten seine wachsamen und beherzten Freunde diesen Betrug; und in einer großen Versammlung ziviler und militärischer Würdenträger, bei welcher der Kaiser in Person zugegen war, wurde die Unschuld des Sylvianus öffentlich ausgesprochen. Aber diese Rehabilitation kam zu spät; aufgebracht durch die Nachricht von der Intrige und der voreiligen Beschlagnahme seiner Güter, begann er genau die Rebellion, welcher man ihn so ganz zu Unrecht beschuldigt hatte. Er legte sich in seinem Hauptquartier zu Köln den Purpur an, und es schien, als wollte er Italien mit Verwüstung und Mailand mit einer Belagerung überziehen. In dieser Notlage gewann Ursicinus, ein General gleichen Ranges, durch Verrat erneut die Gunst zurück, die er nach seinen großen Verdiensten im Osten verloren hatte. Durch Unrecht ähnlicher Art – so behauptete er zumindest – zu Verzweiflungsschritten getrieben, eilte er, sich mit wenigen Getreuen der Fahne seines Freundes anzuschließen, nur, um das Vertrauen des allzu Arglosen zu verraten. Nach nur achtundzwanzig Tagen Regierung wurde Sylvanus ermordet: die Soldaten, die ohne böse Absicht ihrem Befehlshaber gefolgt waren, kehrten unverzüglich zu ihren Pflichten zurück; und Constantius' Liebediener rühmten die Weisheit und das Glück des Monarchen, welcher ohne das Risiko einer Schlacht einzugehen, einen Bürgerkrieg im Keime erstickt habe Ammianus (15,5) war über Sylvianus' Verhalten und Schicksal bestens informiert, denn er gehörte zu den wenigen Begleitern des Ursicinus bei seiner heiklen Mission. . CONSTANTIUS BESUCHT ROM · A.D. 357 Der Schutz der rätischen Grenze und die Verfolgung der katholischen Kirche hielten Constantius noch achtzehn weitere Monate nach Iulians Abmarsch in Italien auf. Vor seiner Rückkehr glaubte er sich und seiner Neugier noch einen Besuch in der alten Hauptstadt schuldig zu sein Einzelheiten zum Besuch des Constantius in Rom bei Ammianus 16,10. Wir fügen noch hinzu, dass Themistios ein Deputierter Konstantinopels war und für die Zeremonie die vierte Rede abfasste. . Er gelangt nach Rom auf der Via Aemilia und Via Flaminia; und sobald er näher als vierzig Meilen an die Stadt heran gerückt war, erhielt der Abstecher dieses Herrschers, der nie einen auswärtigen Feind besiegt hatte, unversehens das Gepräge eines Triumphes. Der Prunkzug enthielt Luxus jedweder Art; auch war er – in einer Zeit tiefen Friedens – umgeben von den funkelnden Waffen der zahlreichen Abteilungen seiner Leibwache und berittenen Panzerreiter. Ihre flatternden Seidenbanner, goldgerandet und wie Drachen gestaltet, umwogten des Kaisers Person. Constantius saß allein in einem erhabenen Gefährt, welches von Gold erglänzte und kostbarem Edelgestein; und wenn er sich nicht gerade unter den Toren der Stadt hindurchbücken musste, bewahrte er unbeweglich und würdevoll die Haltung. Die ernste Selbstbeherrschung der persischen Jugend war von den Eunuchen auch in den Kaiserpalast eingeführt worden, und so sehr hatten sie ihn die Tugend der Geduld gelehrt, dass man ihn während dieses schleppenden und schwülen Marsches nicht ein einziges Mal die Hand zum Kopfe führen noch seine Augen nach links oder rechts wenden sah. Magistrat und Senat von Rom hießen ihn willkommen; mit Interesse betrachtete der Kaiser die bürgerlichen Ehrenstellungen der Republik und die Bildnisse der konsularischen Familien. Die Straßen wurden von ungezähltem Volke gesäumt. Ihre wiederholten Jubelrufe drückten ihre Freude aus, nach zweiunddreißig Jahren endlich wieder die geheiligte Person ihres Kaisers in ihren Mauern begrüßen zu dürfen; und Constantius selbst bekannte im Scherze seine – nicht ganz ehrliche – Überraschung, dass sich die gesamte Menschheit so rasch auf einem einzigen Fleck zusammenfinden könne. Constantins Sohn nahm in dem alten augusteischen Kaiserpalast Logis: dann übernahm er den Vorsitz bei einer Senatssitzung, sprach zum Volk von der Tribüne, die Cicero so oft bestiegen hatte, wohnte mit ungewohnter Aufmerksamkeit den Zirkusspielen bei und ließ sich die Goldkronen und Lobreden gefallen, die die Abgesandten der Hauptstädte ihm zu Ehren vorbereitet hatten. Sein nur dreißigtätiger Besuch diente ferner der Besichtigung von Monumenten der Kunst und der Macht, die auf den Sieben Hügeln und den dazwischen liegenden Tälern verstreut lagen. Er bestaunte die einschüchternde Majestät des Capitols, die gigantischen Ausmaße der Thermen des Caracalla und Diocletian, das Pantheon in seiner strengen Schlichtheit, die klotzige Größe des Titus-Amphitheaters, das elegante Theater des Pompeius, den Friedenstempel und, als Höhepunkt des Ganzen, das Trajansforum und die Trajanssäule; hierbei bemerkte er, dass die Ruhmredigkeit, die doch so gerne zu Übertreibung und Vergrößerung neige, die Hauptstadt der Welt ganz unzureichend geschildert habe. Der heutige Reisende, der sich in die Betrachtung der Trümmer des Antiken Roms versenkt hat, mag hieraus eine ungefähre Vorstellung von den Eindrücken gewinnen, die sie in der Zeit ihrer unversehrten, himmlanstrebenden Schönheit hervorgerufen haben muss. DER GROSSE OBELISK Durch seinen Besuch in gehobene Stimmung versetzt, beschloss Constantius, den Römern seinerseits ein Denkmal seiner Freigebigkeit und Größe zu hinterlassen. Seine ursprüngliche Absicht war es, eine der Reiter- oder Kolossalstatuen, wie er sie auf dem Trajansforum gesehen hatte, nachzuahmen; als er aber die Schwierigkeiten der Ausführung reiflich durchdacht hatte, beschloss er, die Stadt mittels eines ägyptischen Obelisken zu verschönern Hormisdas, ein flüchtiger persischer Prinz, bemerkte dem Herrscher gegenüber, wolle er ein solches Pferd herstellen, müsse er auch über den passenden Stall (das Trajansforum) nachdenken. Ein anderer Ausspruch des Hormisdas wird überliefert, »dass ihm eine einzige Sache missfalle, dass nämlich in Rom Menschen ebenso stürben wie anderswo.« Wenn wir diese Lesart aus dem Text des Ammianus (displicuisse (missfallen) anstelle von placuisse (gefallen)) gelten lassen, können wir es als Tadel an die Adresse der römischen Eitelkeit gelten lassen. Der umgekehrte Sinn ist menschenfeindlich. . In einer vergangenen, entschieden kunstfertigen Epoche, welche noch der Erfindung des Alphabetes vorangegangen zu sein scheint, ließen die alten ägyptischen Pharaonen diese Obelisken in Theben und Heliopolis in großer Zahl errichten, in der wohlerwogenen Annahme, die Schlichtheit ihrer Form und die Festigkeit des Materials würden der Zeit und etwaigen Gewalteinwirkungen widerstehen Als Germanicus die Monumente Thebens besichtigte, erläuterte ihm der älteste Priester die Bedeutung der heiligen Zeichen (Tacitus, Annalen 2,60). Aber es ist äußerst wahrscheinlich, dass vor der nutzbringenden Erfindung des Alphabetes diese natürlichen oder auch willkürlichen Zeichen in Ägypten ganz allgemein in Gebrauch waren. Siehe Warburton, Divine Legation of Moses, Band 3, p. 69-243. . Augustus und seine Nachfolger hatten einige dieser gigantischen Säulen nach Rom bringen lassen Siehe Plinius, Naturalis Historia 36,14 und 15. , wo sie die immerwährenden Monumente ihres Ruhmes und ihrer Siege abgeben sollten; ein Obelisk allerdings war noch übriggeblieben, welcher infolge seiner Heiligkeit oder seiner Größe der raubsüchtigen Eitelkeit der Eroberer bislang widerstanden hatte. Constantin hatte ihn als Zierde für seine neue Stadt ausersehen Ammianus 17,4. Er bietet uns eine griechische Übersetzung der Hieroglyphen, und sein Lommentator Lindenbrogius fügt noch eine lateinische Inschrift hinzu, welche in zwanzig Versen aus der Zeit des Constantiius eine kurze Geschichte des Obelisken enthält. ; und nachdem man ihn auf sein Geheiß von seinem Sockel am Sonnentempel zu Heliopolis entfernt hatte, wurde er auf dem Nil nach Alexandria verschifft. Constantins Tod beendete dieses Vorhaben bis auf weiteres, aber sein Sohn bestimmte den Obelisk für die alte Reichshauptstadt. Ein Lastschiff von ungewöhnlicher Größe und Festigkeit wurde ausgesucht, um diese gewaltige Granitmasse – der Obelisk des Constantius war wenigstens einhundertundfünfzehn Fuß lang – vom Nil an den Tiber zu verbringen. Drei Meilen vor der Stadt wurde er an Land gebracht, und mit vereinten Kunst- und Kraftanstrengungen im großen Zirkus Roms aufgestellt Siehe Donati, Roma vetus, Buch 3, c. 14 und Buch 4, c. 12, sowie die gelehrte, wenn auch unstrukturierte Abhandlung von Bargaeus über Obelisken, die in Graevius, Thesaurus Antiquitatum Romanorum, Band 4, p. 1897-1936 eingefügt ist. Diese Abhandlung ist Papst Sixtus V gewidmet, der den Obelisken des Constantius auf dem Platz vor der Patriarchatskirche San Giovanni in Laterano errichten ließ. . KRIEG GEGEN QUADEN UND SARMATEN – A.D. 357-359 Die Abreise des Constantius aus Rom wurde beschleunigt durch alarmierende Nachrichten von der Not und Gefahr, in der die illyrischen Provinzen steckten. Der Wahnsinn des Bürgerkrieges und die unersetzlichen Verluste in den römischen Legionen in der Schlacht bei Mursa hatten diese Länder praktisch wehrlos gegen die leichte Reiterei der Barbaren gemacht, besonders aber gegen die Überfälle der Quaden, einer wilden und rauflustigen Nation, welche die Einrichtungen Germaniens gegen die Waffen und Kriegskünste ihrer sarmatischen Verbündeten vertauscht zu haben scheint. Über die Ereignisse dies Quaden- und Sarmatenkrieges berichtet Ammianus 16,10; 12,12 und 13; 19,11. Die Grenzgarnisonen waren nicht hinreichend, ihrem Vormarsch zu wehren; und so sah sich der Monarch in seiner Trägheit endlich doch genötigt, von den äußersten Grenzen seines Herrschaftsbereiches die Blüte seiner Leibtruppen, der palatini , kommen zu lassen, sich persönlich im Felde blicken zu lassen und tatsächlich einen Feldzug vom ausgehenden Herbst bis in das folgende Frühjahr zu unternehmen. Auf einer Bootsbrücke querte er die Donau, ließ in Stücke schlagen, was sich seinem Vordringen entgegen stellte, drang in die Kernlande der Quaden ein und vergalt ihnen, was sie den römischen Provinzen Übles zugefügt. Die Barbaren ließen den Mut sinken und waren schon bald genötigt, um Frieden zu betteln: sie boten ihm die Herausgabe der Gefangenen als eine erste Buße für die Vergehen der Vergangenheit und ihre Edelsten als Geiseln und Gewähr für künftiges Wohlverhalten an. Die großmütige Höflichkeit, die man ihren ersten Häuptlingen angedeihen ließ, welche an Constantius Großmut appelliert hatten, ermutigte auch die furchtsameren oder verstockteren, den Beispiel von jenen zu folgen. Und so drängten sich im kaiserlichen Feldlager die Herrscher oder Abgesandten der entlegensten Völkerschaften, welche Polens Ebene bewohnten oder sich jenseits der Karpatengipfel sicher fühlen mochten. Während Constantius den Barbaren jenseits der Donau seine Bedingungen diktierte, gewahrte er zugleich mit besonderem Mitgefühl die sarmatischen Exilanten, welche durch den Sklavenaufstand aus ihrem Lande gejagt worden waren und mittlerweile eine unverächtliche Verstärkung der Quaden abgaben. Der Kaiser, dessen Politik ebenso großherzig wie berechnend war, erließ die Sarmaten aus dieser demütigenden Abhängigkeit und schenkte ihnen in einem gesonderten Vertrag ihre hergebrachte Würde einer Nation wieder, die unter einem König, Roms Freund und Bundesgenossen, vereinigt wurde. Er zeigte sich gesonnen, für ihre Sache einzutreten und die Ruhe in den Provinzen durch die Auslöschung oder doch wenigstens Vertreibung der Limiganten sicher zu stellen, da deren Aufführungen immer noch den Stempel ihrer Sklaven-Abkunft trügen. FELDZUG GEGEN DIE LIMIGANTEN Die Ausführung dieses Planes warf nun allerdings mehr Probleme auf als er Ruhm mit sich brachte. Das Siedlungsgebiet der Limiganten war gegen die Römer durch die Donau und gegen die Barbaren durch die Theiss geschützt. Die Marsch zwischen den beiden Strömen war oft genug überschwemmt und bildete so eine widrige Sumpflandschaft, die nur ihren ortskundigen Einwohnern zugänglich war, die mit ihren geheimnisvollen Pfaden und unzugänglichen Schlupfwinkeln vertraut waren. Bei Constantius' Herannahen verlegten sich die Limiganten nacheinander aufs Betteln, auf Kriegslisten und auf Gewalt; indessen, ihrem Flehen widerstand er, ihre plumpen Ränke durchschaute er und ihre ungeordneten Angriffe schlug er kunst- und erfolgreich zurück. Einer ihrer rabiatesten Stämme, der auf einer Insel unfern des Zusammenflusses von Theiss und Donau lebte, fasste den Entschluss, den Strom zu überqueren und den Kaiser während der trügerischen Ruhe einer Friedensverhandlung anzugreifen. Schon bald wurden sie die Opfer ihrer eigenen Hinterlist. Von allen Seiten wurden sie umzingelt, von der Kavallerie zerstampft, von den Legionen niedergemacht, baten sie bis ans Ende nicht um Gnade; und noch im Todeskampf umklammerten sie verbissen ihre Waffen. Nach diesem Sieg setzte ein beachtlicher Teil des römischen Heeres über die Donau; die Taifalen, ein gotischer Stamm in römischen Diensten, fielen auf der Theiss-Seite in das Land der Limiganten ein; und ihre früheren Herren, die Sarmaten, eilten racheschnaubend und hoffnungsschwanger durch hügeliges Gelände in das Herz ihrer ehemaligen Besitzungen. Ein Feuerschein verriet die Lage ihrer Hütten der Barbaren, die in der Wildnis zurückgezogen lebten; und der Soldat focht in dem früher so gefahrenvollen Sumpfgebiet mit vermehrtem Zutrauen. In dieser äußersten Notlage zogen die die bravsten Limiganten einen Tod in Waffen der Kapitulation vor: aber am Ende konnte sich die Stimme der Vernunft durchsetzen, zumal sie zusätzlich von den Stammesältesten unterstützt wurde; und eine Bittprozession, denen Weiber und Kinder folgten, begab sich zum kaiserlichen Heerlager, um aus dem Munde des Siegers ihr weiteres Schicksal zu erfahren. Zunächst lobte Constantius seine eigene Milde, die ihn vermocht hätte, ihre wiederholte Untreue zu verzeihen und den Rest der schuldbeladenen Nation zu schonen; sodann wies er ihnen als Ort ihres Exils einen abgelegenen Landstrich zu, wo sie einer sicheren und ehrenhaften Ruhe genießen mochten. Die Limiganten gehorchten nur mit Widerwillen; aber bevor sie ihr zugeteiltes Land erreichen oder auch nur mit Beschlag belegen konnten, kehrten sie zur Donau zurück, malten die Härte ihrer Situation mit übertriebenen Worten aus und baten unter glühenden Treueschwüren darum, der Kaiser möge ihnen innerhalb der römischen Provinzen eine ruhige Heimstatt zuweisen. Anstelle dass Constantius nun auf seine eigenen Erfahrungen mit ihrer offenbar unheilbaren Treulosigkeit zurückgegriffen hätte, lieh er seinen Schönrednern das Ohr, welche ihm leichthin darstellten, dass es ehren- und vorteilhafter sei, eine Soldatenkolonie anzusiedeln zu einer Zeit, in der man die Untertanen eher zu Geldabgaben als zum Kriegsdienst bereit finde. Also ließ man die Limiganten die Donau überqueren; und der Kaiser selbst gewährte ihnen in einer großen Ebene in der Nähe des heutigen Bunda Audienz. Sie umstellten die Rednertribüne und lauschten offenbar respektvoll seiner Ansprache, in der es viel um Milde und Würde ging; dann plötzlich schleuderte einer der Barbaren seinen Schuh in die Luft, schrie laut die Worte Marha! Marha! , was Missachtung ausdrückte, hier aber als Signal zum Angriff verstanden wurde. Sie griffen an im Zorn, um der Person des Kaisers habhaft zu werden; sein goldener Thron und der Sitz wurden Beute ihrer groben Hände; aber seine treuen Wachen verteidigten ihn, starben zu seinen Füßen und erlaubten ihm, in Eile sein rasches Pferd zu besteigen und aus dem Tumult zu entkommen. Dann gewannen Überzahl und Disziplin der regulären römischen Truppen die Oberhand über den schnöden Verrat; die Schlacht war erst zuende, als es die Limiganten als Namen und Volk nicht mehr gab. Die freien Sarmaten wurden wieder in ihre alten Besitztümer eingesetzt; und obwohl Constantius ihrem flatterhaften Sinn misstraute, hegte er doch die vorsichtige Hoffnung, dass das Gefühl der Dankbarkeit ihr künftiges Verhalten bestimmen werde. Waren ihm doch die überragende Gestalt und das folgsame Wesen des Zizais, ihres vornehmsten Häuptlings, nicht entgangen. So übertrug er ihm den Königstitel; und Zizais zeigte durch sein Regieren, dass er imstande war, die Interessen seines Wohltäters wahrzunehmen, welchem nach seinem großen Erfolg seine siegreichen Legionen durch Zuruf den Beinamen Sarmaticus beilegten »Genti Sarmatarum, magno decore considens apud eos, regem dedit.« (Er gab dem Sarmatenvolk während eines Aufenthaltes dortselbst unter großer Prachtentfaltung einen König.) Aurelius Victor, Caesares 42. Constantius spricht in einer von ihm selbst vorgetragenen Prunkrede mit viel Selbstgefälligkeit und einer Spur Wahrheit von seinen Großtaten. . FRIEDENSVERHANDLUNGEN MIT SAPOR Während der römische Kaiser und der persische Großkönig mit einem Abstand von dreitausend Meilen ihre äußersten Reichsgrenzen an der Donau und am Oxus gegen Barbarenangriffe verteidigen mussten, durchlitten die gemeinsamen Grenzen die Wechselfälle eines schleppenden Krieges und eines brüchigen Friedens. Zwei von Constantius' Abgesandten für den Osten eröffneten mit dem Satrapen Tamsapor Geheimverhandlungen; es waren dies der Prätorianerpräfekt Musonianus, dessen Fähigkeiten von mangelnder Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit eingetrübt wurden, sowie Cassianus, dux von Mesopotamien, ein kerniger, altgedienter Militär Ammianus 16,9. . Diese Friedensvorschläge wurden in den unterwürfig-schmeichelnden Sprachduktus des Orients übersetzt und dem Großkönig in seinem Heerlager zugetragen, welcher daraufhin beschloss, den Römern durch einen Botschafter die Bedingungen wissen zu lassen, zu denen sie sich ihm ergeben durften. Narses, den er mit dieser Mission betraut hatte, wurde bei seiner Reise durch Antiochia und Konstantinopel in allen Ehren empfangen: nach langer Fahrt kam er in Sirmium an und schlug bei der ersten Audienz den Seidenumschlag auf, der seines Königs hoffärtigen Brief enthielt. Sapor, König der Könige, Bruder der Sonne und des Mondes (so die hochfliegende Titulatur, die sich orientalische Eitelkeit geprägt hatte) bezeigte sein Wohlgefallen darüber, dass sein Bruder, der Kaiser Constantius Caesar, durch Schaden zur Klugheit gelangt sei. Als der gesetzmäßige Nachfolger von Darius Hystaspes sah Sapor den makedonischen Fluss Strymon als die wahre und ursprüngliche Grenze seines Reiches an; indessen, so erklärte er, wolle er zum Beweis seiner Mäßigung sich mit den Provinzen Armenien und Mesopotamien zufrieden geben, welche man seinen Vorfahren mit Arglist entwunden habe. Er betonte, dass ohne die Wiederherstellung der fraglichen Länder irgendein dauerhafter Friedensvertrag nimmermehr gedeihen könne; und fügte noch die dreiste Drohung hinzu, dass, sollte sein Botschafter mit leeren Händen zurückkehren, man ihn bereit finden werde, sein gutes Recht im nächsten Frühjahr mit der Stärke seiner unbezwinglichen Waffen einzufordern. Narses, ein Mann von feiner und liebenswerter Gesittung, unternahm es, soweit es denn mit seinem Auftrag vereinbar war, die Grobheit des Briefes zu mildern Ammianus (17,5) überliefert uns eine Abschrift dieses blasierten Dokumentes. Themistius (Orationes 4, p. 57) gedenkt des seidenen Umschlages, Idatius und Zonaras erwähnen die Reise des Botschafters, und Petros Patrikios (Excerpta legationum, p. 28) hat uns von seinem liebenswürdigen Auftreten berichtet. . Stil und Inhalt wurden im kaiserlichen Kronrat reiflich erwogen, und mit folgender Antwort ward er entlassen: Constantius sei berechtigt, den Übereifer seiner Minister, welche ohne besonderen Auftrag des Thrones gehandelt hätten, als ungültig anzusehen: indes stelle er sich einem ehrenhaften Frieden durchaus nicht in den Weg; unschicklich im hohen Maße jedoch sei es und abgeschmackt insgleichen, dem einzigen und unbesiegten Herrscher der römischen Welt die nämlichen Friedensbedingungen vorzulegen, welche er selbst dann mit Empörung zurückgewiesen habe, als seine Macht beschränkt war auf die engen Grenzen des Morgenlandes: das Glück der Waffen sei durchaus unkalkulierbar; und Sapor möge sich erinnern, dass die Römer zuweilen vielleicht ein Gefecht, aber fast nie einen Krieg verloren hätten. ANTONINUS DRÄNGT AUF MARSCH NACH SYRIEN Einige Tage nach Narses Abreise wurden drei Botschafter an Sapors Hof geschickt, welcher von seinem skythischen Feldzug wieder an seine Residenz zu Ktesiphon zurückgekehrt war. Für diese wichtige Mission waren ein comes , ein Notar und ein Sophist bestimmt worden; und Constantius, welcher insgeheim den Friedensschluss herbeisehnte, lebte von der Hoffnung, die Würde des Ersten, die Gewandtheit des Zweiten und die Eloquenz des Dritten Ammianus 17,5 und Valesius ad locum. Der Sophist oder Philosoph (damals wurden diese Begriff wie Synonyme gehandhabt) war Eustathius aus Kappadokien, ein Schüler des Iamblichos und Freund des hl. Basilius (Vita Aedesii, p. 44-47). Eunapius rühmt in aller Treuherzigkeit seinem philosophischen Botschafter nach, dass er den barbarischen König mit den wirkmächtigen Mitteln der Vernunft und Beredsamkeit bezaubert habe. Siehe Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 4, p. 828 und 1132. würden den persischen Monarchen bestimmen, von seinen überzogenen Forderungen abzustehen. Aber der Fortschritt der Verhandlungen wurde hintertrieben und endlich zuschanden gemacht durch die feindseligen Ränke des Antoninus Ammianus 18,5,6 und 8. Das höfliche und respektvolle Auftreten des Antoninus gegenüber dem römischen General wirft ein interessantes Licht auf ihn: auch Ammianus spricht mit einiger Wertschätzung und Anteilnahme über den Verräter. , eines syrischen Untertanen römischer Abstammung, der vor Unterdrückung nach Persien geflohen war und im Rat Sapors, ja sogar an der königlichen Tafel gehört wurde, wo nach persischem Brauch oftmals die wichtigsten Staatsangelegenheiten erörtert wurden Da dieser Umstand von Ammianus bekräftigt wird, beweist er zugleich die Wahrheit von Herodots Aufzeichnung (1,133) und die Stabilität persischen Brauchtums. Zu allen Zeiten oblagen die Perser der Unmäßigkeit, und Schiras' Weine siegten über Mohammeds Gesetz. Brisson, De Regno Persarum 2, p. 462-472; Chardin, Voyages en Perse, Band 3, p. 90. . Raffiniert verfolgte der Flüchtling seine Interessen und befriedigte dadurch zugleich seine Rache. Ohne Unterlass befeuerte er den Ehrgeiz seines neuen Herren und riet, jetzt, wo die Elitetruppen mit dem Kaiser an der fernen Donau in einen Krieg verwickelt seien, die günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen. Er drängte Sapor, die erschöpften und schutzlosen Provinzen des Ostens anzugreifen, und zwar mit seiner gesamten Kriegsmacht, die neuerdings noch durch die Allianz mit den wildesten Barbaren verstärkt worden sei. Die römischen Botschafter kehrten erfolglos zurück, und eine zweite, womöglich noch höherrangige wurde in strengen Gewahrsam genommen und mit Tod oder Exil bedroht. HEERSCHAU DER PERSER – SAPOR DURCHQUERT MESOPOTAMIEN Der Militärhistoriker Ammianus Ammianus 18, 6-8 und 10. , der selbst abgereist war, um die persische Armee in Augenschein zu nehmen, als sie Vorbereitungen trafen, den Tigris auf einer Bootsbrücke zu überqueren, überblickte von erhabener Stelle die Ebene Assyriens und wie sie bis zum Horizont von Männern in Waffen und mit Pferden bedeckt war. Sapor erschien vor der Front, erkennbar an seinem Purpur. Zu seiner linken, der Seite des Vorzugs bei den Orientalen, gab Grumbates, König der Chioniten, das Bild des schlachtenerprobten und ernst-entschlossenen Kriegers ab. Einen ähnlichen Platz hatte der Monarch zu seiner Rechten für den König der Albaner aufgespart, welcher mit seinen freien Stämmen von den Küsten des Kaspischen Meeres zu ihm gestoßen war. Satrapen und Generäle waren ihrem Rang entsprechend aufgereiht, und die Armee in ihrer Gesamtheit betrug, den orientalischen Luxus-Tross nicht mitgezählt, mehr als einhunderttausend Mann, brave und abgehärtete Krieger allesamt, der Elite von Asiens tapfersten Völkern. Der römische Deserteur, der Sapor in gewissem Umfang beraten durfte, hatte klüglich anempfohlen, den Sommer nicht mit langwierigen und verlustreichen Belagerungen hinzubringen, sondern direkt auf den Euphrat zu marschieren und ohne Verzug die ebenso schwache wie wohlhabende Hauptstadt Syriens zu belagern. Aber die Perser rückten erst dann in die Ebenen Mesopotamiens vor, als sie ihre Maßregeln getroffen hatten gegen alles, was ihren Marsch aufhalten oder ihre Pläne scheitern lassen konnte. Die Einwohner wurden mitsamt ihres Viehs in sichere Orte gebracht, das Grünfutter wurde im ganzen Lande versengt, die Festungen am Fluss wurden durch starkes Pfahlwerk gesichert; auf den gegenüber liegenden Ufern wurden Militärmaschinen aufgefahren, doch dann schreckten das Euphrathochwasser die Barbaren davon ab, die reguläre Brücke bei Thapsacus zu benutzen. Ihr kundiger Feldherr änderte daraufhin seinen Plan und brachte die Armee auf langen Umwegen, aber durch fruchtbares Land zu den Quellen des Euphrat, wo der jugendliche Fluss flach geht und zugänglich ist. Über das starke Nisibis sah Sapor mit kluger Verachtung hinweg; als er aber unter den Mauern von Amida vorbeizog, wollte er doch probieren, ob nicht durch seine hohe Gegenwart allein die Garnison zur Aufgabe genötigt werden könne. Die Ungehörigkeit eines verirrten Pfeiles, welcher an der königlichen Tiara verbeizischte, belehrte ihn über seinen Irrtum; und mit Ungeduld lauschte der indignierte Herrscher auf den Rat seiner Minister, welche ihn beschworen, nicht für selbstische Rachegelüste den Erfolg des ganzen Unternehmens zu riskieren. Am anderen Tage zog Gumbates mit einer ausgewählten Abteilung vor die Tore der Stadt und verlangte die unverzügliche Kapitulation der Stadt als der einzigen Genugtuung für diesen Akt der Impertinenz und Dreistigkeit. Die Antwort auf diese Vorschläge war eine Salve von Fluggeschossen, und sein einziger Sohn, ein hübscher und lebhafter Jüngling, wurde von einer Lanze in das Herz getroffen. Das Begräbnis des Prinzen der Chioniten wurde nach dem Brauche seines Volkes begangen; und der Kummer seines betagten Vaters wurde gemildert durch Sapors feierliches Versprechen, dass die brennend Stadt Amida den Scheiterhaufen abgeben solle, den Tod seines Sohnes zu rächen und sein Angedenken zu verewigen. DIE BELAGERUNG VON AMIDA Das antike Amida Zur Beschreibung Amidas siehe d'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 108; Histoire de Timur Bec, par Cherefeddin Ali, Buch 3, c. 41; Ahmed Arabsiades, Band 1, p. 331; Voyages de Tavernier Band 1, p. 301; Voyages d'Otter, Band 2, p.273; und Voyages de Niebuhr, Band 2, p. 324-328. Der letztgenannte Reisende, ein gelehrter und sorgfältiger Däne, hat uns einen Plan von Amida bereitgestellt, der die Belagerung veranschaulicht. , bisweilen auch Diarbekir genannt Diarbekir, amtlich-türkisch Amid oder Kara-Amid genannt, besteht aus etwa 16.000 Häusern und ist die Residenz eines Paschas mit drei Roßschweifen an der Lanze (türkische Ehrenstandarte). Die Vorsilben Kara leitet sich von der Schwärze der Steine ab, aus welchem die mächtigen antiken Mauern gebaut waren. , liegt strategisch günstig in einer fruchtbaren Ebene, erhält aus den künstlichen und natürlichen Kanälen des Tigris sein Wasser, wobei der an dieser Stelle schon recht bedeutende Fluss halbmondförmig den Ostteil der Stadt umfließt. Kaiser Constantius hatte erst unlängst die Stadt durch Umbenennung mit seinem Namen geehrt und zusätzlich durch Befestigungsanlagen und hohe Türme sichern lassen. Außerdem besaß der Ort ein Arsenal mit militärischer Maschinerie, und die normale Garnisonsstärke war auf sieben Legionen erhöht worden, als die Armeen Sapors den Platz heimsuchten Ammianus (19, 1-9) beschreibt d Belagerung Amidas bis ins Detail; er selbst spielte bei der Verteidigung eine rühmliche Rolle und entkam bei der Erstürmung der Stadt durch die Perser nur mit genauer Not. . Seine größte und lebhafteste Hoffnung hing daran, die Stadt mit Sturm zu nehmen. So wurden also die einzelnen Stämme seines Heerbannes auf ihre jeweiligen Positionen verteilt; im Süden die Vertae, im Norden die Albaner, im Osten die Chioniten, die in Trauer gingen und Rache schnoben und im Westen die Segesten, seine tapfersten Kriegern, deren Front noch die fürchterlichen indischen Kriegselefanten vorangingen Von diesen vier Stämmen sind die Albaner zu bekannt, um hier nochmals beschrieben zu werden. Die Segesten bewohnen das große, ebene Land südlich von Khorasan und westlich von Hindostan, welches noch heute ihren Namen trägt. (Siehe Geographia Nubiensis, p. 133; d'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 797.) Ungeachtet ihres gerühmten Sieges bei Bahram achtzig Jahre zuvor treten sie als unabhängige Nation und als Verbündete der Perser auf. Über den Wohnsitz der Vertae und Chioniten wissen wir nichts, aber ich persönlich neige dazu, zumindest die Letzteren an die Grenze zwischen Skythien und Indien zu verlegen. Siehe Ammianus 16,9 . Überall waren noch die Perser zugegen, ihre Anstrengungen zu unterstützen und ihren Mut zu heben; und der König selbst, unbekümmert um Rangordnung und Gefahr, entwickelte im Laufe der Belagerung den ungestümen Mut eines jugendlichen Streiters. Nach hartnäckigem Kampf wurden die Barbaren zurückgeschlagen; unverdrossen griffen sie noch einmal an; wiederum wurden sie nach viel Blutvergießen abgewehrt; und zwei aufsässige gallische Legionen, welche man in den Osten strafversetzt hatten, gaben durch einen nächtlichen Ausfall mitten in das Herz des persischen Lagers eine Probe ihrer undisziplinierten Kühnheit. In einem der heftigsten dieser wiederholten Sturmangriffe kam Amida durch einen Überläufer in Gefahr, welcher den Barbaren einen geheimen und vernachlässigten Anstieg zeigte, der aus einem Felsen über dem Tigris herausgehauen war. Siebzig handverlesene Bogenschützen der königlichen Wache bestiegen heimlich das dritte Stockwerk eines hohen Turmes, welcher den Abgrund beherrschte; dann entfalteten sie in der Höhe das persische Banner, welches Signal die Zuversicht der Angreifer mehrte und den Belagerten zugleich den Mut benahm; und hätte diese geweihte Truppe nur ein paar Minuten länger standgehalten, dann hätte die Unterwerfung der Stadt zum Preis ihres Lebens erkauft werden können. LETZTER STURM UND UNTERGANG VON AMIDA Nachdem Sapor nun weder mit Gewalt noch mit List etwas hatte ausrichten können, besann er sich der langsameren, aber bewährten Methoden einer regulären Belagerung, in deren Verlauf ihm römische Überläufer manchen wertvollen Wink geben konnten. In geeigneter Entfernung wurden die Belagerungsgräben ausgehoben, und die Mannschaften, die diesen Dienst zu verrichten hatten und die Mauergräben anfüllen und die Mauern unterminieren sollten, wurden durch starkes, transportierbares Flechtwerk geschützt. Zugleich zimmerte man hölzerne Türme und brachte sie auf Rädern vorwärts, bis die Krieger, welche mit jeder Art von Schussgeräten ausgestattet wurden, fast auf gleicher Höhe mit den Verteidigern waren. Jede Art von Widerstand, die die Kriegskunst lehrte und die der Mut vollbringen konnte, wurde bei Amidas Verteidigung eingesetzt, und mehr als einmal wurden Sapors Zurüstungen ein Raub der römischen Flammen. Aber irgendwann gingen die Vorräte der belagerten Stadt zur Neige. Die Perser reparierten ihre Schäden und trieben die Laufgräben weiter voran; ein Rammbock schlug eine mächtige Bresche, und die durch Krankheit und Schwert dezimierte Garnison stellte sich dem wütenden Angriff. Soldaten, Bürger, deren Frauen und Kinder, alles, was nicht rechtzeitig durch das rückwärtige Tor entkommen war, wurde von den Siegern ohne Unterschied niedergemetzelt. CONSTANTIUS VORMARSCH IN DEN OSTEN Aber der Untergang von Amida rettete fürs Erste die römischen Provinzen. Sobald nämlich der erste Siegestaumel beigelegt war, hatte Sapor genügend Muße darüber nachzudenken, dass er für die Bestrafung einer vorwitzigen Stadt die Blüte seiner Armee geopfert hatte und zugleich die für seinen eigentlichen Eroberungsplan günstigste Jahreszeit vertan hatte Ammianus hat für die Chronologie dieses Jahres Marksteine gesetzt, die indessen weder miteinander noch mit dem aus der Überlieferung bekannten Gang der Ereignisse harmonieren:1. Das Getreide war zum Zeitpunkt von Sapors Einfall in Mesopotamien reif; »cum iam stipula flavente turgerent;" (welches schon auf gelbem Halme reifte.) Dies ist auf dem Breitengrad von Aleppo naturgemäß im April oder Mai der Fall. (Siehe Harmer, Observations on Scripture, Band 1, p. 41; Shaw, Travels, p. 335, Quartausgabe). 2. Der Vormarsch von Sapor kam infolge der Euphratüberschwemmung ins Stocken, welche im Allgemeinen erst im Juli oder August einsetzt. (Plinius, Naturalis Historia 5,21; Pietro della Valle, Viaggi, Band 1, p. 696.) 3. Als Sapor nach einer Belagerung von dreiundsiebzig Tagen Amida eingenommen hatte, war es bereits fortgeschrittener Herbst. »Autumno praecipiti haedorumque improbo sidere exorto.« (während des sich neigenden Herbstes und des Aufgangs der widrigen Bocks-Sterne). Ammianus 19,9,1. Um diese Widersprüche einzuebnen, müssen wir annehmen, dass sich der persische König ein wenig verzögert hat, der Historiker hier etwas ungenau war und die Jahreszeiten nicht wie üblich eintrafen. . Dreißigtausend seiner besten Veteranen waren während der dreiundsiebzigtägigen Belagerung vor den Mauern Amidas ums Leben gekommen; und so kehrte der Monarch ernüchtert in seine Hauptstadt zurück, äußerlich triumphierend und im Herzen zerknirscht. Es war mehr als wahrscheinlich, dass der Wankelmut seiner barbarischen Verbündeten versucht war, einen Krieg aufzugeben, in dem sich ihnen so viele unerwartete Schwierigkeiten aufgetan hatten; und dass sich der betagte König der Chioniten, dessen Rachedurst gelöscht war, sich nunmehr mit Schaudern von einem Schauplatz abkehrte, auf welchem die Hoffnung seiner Familie und seines Stammes untergegangen war. Die Stärke und der Geist der Truppen Sapors waren im nächsten Frühjahr, als er erneut ins Feld zog, seinen hochfliegenden Plänen nicht länger gewachsen. Anstelle, dass er zum Sturm auf den Osten geblasen hätte, musste er sich mit der Eroberung zweier befestigter mesopotamischer Ortschaften, Singara und Bezabde, begnügen Einen Bericht von dieser Belagerung gibt Ammianus 20,6,7. ; die eine liegt mitten in einer Sandwüste, die andere auf einer kleinen Halbinsel, wo sie von fast allen Seiten vom Tigris umschlossen ist. Fünf römische Legionen der verminderten Stärke, wie sie seit Constantins Zeiten üblich war, gerieten in Gefangenschaft und wurden in die entlegensten Grenzgebieten Persiens gebracht. Die Mauern von Singara ließ er abreißen, danach verließ der Eroberer diesen verlorenen Posten; aber die Befestigungsanlagen von Bezabde ließ er sorgfältig erneuern und in den wichtigen Ort eine Garnison mit bewährten Veteranen legen, welche mit jeder Art von Verteidigungsmitteln versehen und durch das Bewusstsein von Treue und Ehre belebt wurde. Gegen Ende des Feldzuges erlitten die Waffen Sapors einen Rückschlag durch eine Niederlage vor Virtha oder Tecrit, einer starken und, wie man bis in das Zeitalter von Tamerlan meinte, uneinnehmbare Festung der freien Araber Zur Identität von Virta und Tekrit siehe d'Anville, Géographie ancienne, Band 2, p.201. Zur Belagerung dieser Festung durch Timur Bec oder Tamerlan siehe Sharaf al-Din, Timour, 3,33. Der persische Biograph überzeichnet die Bedeutung und die Schwierigkeiten dieses Unternehmens, welches die Karavanen Bagdads von einer schrecklichen Räuberbande befreite. . CONSTANTIUS IM OSTEN Die Verteidigung des Ostens gegen Sapors Waffen machte den Einsatz eines überdurchschnittlich befähigten Generals erforderlich und hätten alle seine Kräfte angespannt: und für Rom war es ein Glück, dass allein der wackere Ursicinus sich zu Recht des Vertrauens der Soldaten und der Bevölkerung jener Provinzen erfreute. Aber in der Stunde der Gefahr wurde von seinem Posten abberufen, was er den Intrigen der Eunuchen zu danken hatte Ammianus (18, 5,6; 19,3; 20,2) stellt Ursinus' Verdienste und Ungnade mit derjenigen treuergebenen Wohlwollen dar, das ein Krieger seinem Feldherrn schuldig war. Ein wenig Parteilichkeit mag mit im Spielgewesen sein, aber der Bericht insgesamt ist stimmig und glaubwürdig. ; und dieselben Machenschaften vertrauten das Kommando über den Osten Sabinianus an, einem wohlhabenden und fintenreichen Veteranen, welcher zwar die Hinfälligkeit, aber nicht die Weisheit des Alters besaß. Ein weiterer Befehl, den wiederum jene scheelen und wetterwendischen Ratgeber veranlasst hatten, schickte Ursicinus wiederum an die mesopotamische Front zurück und verurteilten ihn dazu, die Strapazen eines Krieges auf sich zu nehmen, dessen ausstehende Erfolge bereits seinem unwürdigen Nebenbuhler zugeschrieben worden waren. Sabinianus hielt vor den Mauern Edessas seine Stellung durch Nichtstun; und während er sich die Zeit mit sinnlosen Militärparaden, Flötenschall und Waffentänzen vertreiben ließ, blieb die eigentliche Verteidigung des Landes dem ehemaligen Befehlshaber des Ostens überlassen. Wann immer jedoch Ursicinus irgendeinen durchgreifenden Angriffsplan vorlegte; wenn er vorschlug, an der Spitze eines leichtbeweglichen Truppenkontingentes um einen Berg zu marschieren und so dem Feind den Nachschub abzuschneiden, die weitläufigen persischen Linien zu verwirren oder Amida in seiner Not beizustehen: immer schützte der bängliche und eifersüchtige Oberbefehlshaber vor, dass ihm eindeutige Befehle untersagten, die Sicherheit der Truppen zu gefährden. Schließlich war Amida verloren; seine tapfersten Verteidiger, die dem Schwert der Barbaren entkommen waren, starben im römischen Lager unter der Hand des Scharfrichters; und Ursicinus selbst wurde im Anschluss an eine einseitige Untersuchung zur Strafe für die Fehlgriffe des Sabinianus seiner militärischen Ränge entkleidet. Aber Constantius entdeckte nur zu bald die Wahrheit jener Prophezeiung, die das beleidigte Rechtsempfinden seinem Offizier abgerungen hatte, dass es nämlich selbst seinem Herrscher sehr sauer werden müsse, den Osten gegen feindliche Einfälle zu schützen, solange derartige Maximen die Richtlinien der Politik bestimmten. Nachdem er nämlich die Barbaren an der Donau gedämpft hatte, wandte sich Constantius in verhaltener Eile nach Osten; dort vergoss er zunächst über den rauchenden Trümmern Amidas bittere Tränen, um anschließend mit einer starken Armee Bezabde zu belagern. Die Mauern erbebten unter den wiederholten Angriffen der gewaltigen Rammböcke, die Stadt war aufs Äußerste gefährdet; dennoch wurde sie durch die unerschütterte Hartnäckigkeit der Besatzung so lange verteidigt, bis die einsetzende Regenzeit den Herrscher nötigte, die Belagerung aufzugeben und schmachbedeckt in sein Winterquartier in Antiochia zurück zu kehren Ammianus 20,11. »Omisso vano incepto, hiematurus Antiochiae redit in Syriam aerumnosam, perpessas et ulcerum sed et atrocia, diuque defienda.« (Nachdem er das vergebliche Unternehmen aufgegeben hatte, kehrte er in das leidgeprüfte Syrien zurück, um in Antiochia zur überwintern; seine Wunden waren schwer und grässlich und noch lange zu beklagen.) So hat Jakob Gronovius eine dunkle Textpassage wieder lesbar gemacht und meint, dass diese Korrektur alleine schon eine Neuausgabe seines Autors rechtfertige; dessen Sinn sich nunmehr in Etwa erahnen lässt. Ich selbst erhoffe mir zusätzliche Klarheit von den jüngsten Untersuchungen des gelehrten Ernesti, Leipzig 1773. . Vergeblich fahndeten Constantius' Stolz und der Erfindungsreichtum seiner Höflinge in diesem Perserkrieg nach Zutaten für Siegesreden, während gleichzeitig der Ruhm seines Vetters Iulian, dessen Kommando er Gallien anvertraut hatte, sich in der Welt durch die schmucklose und bündige Erzählung seiner Heldentaten verbreitete. GERMANEN ÜBERFALLEN UND PLÜNDERN GALLIEN Während der Bürgerkrieg noch tobte, hatte Constantius den germanischen Barbaren Gallien preisgegeben, welches damals noch seinen Rivalen anerkannte. Ungezählte Schwärme von Franken und Alemannen wurden durch Geschenke und Versprechungen, die Aussicht auf Beute und auf die dauerhafte Herrschaft über die von ihnen eroberten Länder dazu gebracht, den Rhein zu überqueren Die Verwüstungen durch die Germanen und die Not Galliens kann man sich aus Iulian selbst zusammentragen. Epustula ad Athenienses, p. 277; Ammian. 15,11; Libanios, Orationes 10; Zosimos, 3,3; Sozomenes, 3,1. . Bald aber gewahrte und beklagte der Kaiser die Schwierigkeiten, diese fürchterlichen Verbündeten, die von römischem Reichtum gekostet hatten, wieder zu entlassen, nachdem er um seines kurzfristigen Vorteils willen unklugerweise an ihre Beutegier appelliert hatte. Unbekümmert um die feinsinnige Unterscheidung zwischen Loyalität und Rebellion betrachteten diese Räuberhaufen alle diejenigen Untertanen des Reiches als ihre natürlichen Feinde, die nur über irgendeinen beweglichen Besitz verfügten. Fünfundvierzig blühende Städte, Tongern, Köln, Trier, Worms, Speyer, Straßburg u.a. und daneben noch eine weit größere Zahl von Siedlungen und Dörfern wurden geplündert und zumeist auch noch in Schutt und Asche gelegt. Die Barbaren Germaniens, die nach wie vor dem Väterbrauch huldigten und Stadtmauern mit den Ekelnamen eines Gefängnisses oder Grabes belegten, siedelten an den Ufern von Rhein, Mosel oder Maas und behalfen sich gegen plötzliche Gefahr mit großen Baumstämmen, die sie in Eile fällten und quer über den Zuweg warfen. Die Alamannen wohnten im heutigen Elsass-Lothringen; die Franken besaßen Teile von Batavia und einem ausgedehnten Stück von Brabant, das damals unter dem Namen Toxandria Ammianus 16,8. Dieser Name leitet sich wohl von den Toxandri des Plinius her; in mittelalterlichen Chroniken wird er sehr oft erwähnt. Toxandria war ein waldreich-morastiges Land, welches sich von Tongres bis zum Zusammenfluss von Rhein und Waal erstreckte. Siehe Valesius, Notitia Galliarum, p. 558. bekannt war und wohl den ursprünglichen Sitz der französischen Monarchie darstellt Pater Daniels paradoxe Behauptung, dass die Franken vor Chlodwigs Zeiten niemals dauerhaft auf seiner Seite des Rheins gesiedelt hätten, wird mit viel Gelehrsamkeit und Menschenverstand von Herrn Biet zurückgewiesen, welcher durch eine eindeutige Beweiskette gezeigt hat, dass sie Toxandria einhundertdreißig Jahre bis zu Chlodwigs Erscheinen dauerhaft besessen hätten. Die Abhandlung von Biet wurde durch die Akademie von Soisson 1736 preisgekrönt; man gab ihr den Vorzug vor seinem berühmteren Mitbewerber, dem Abbé le Bœf, einem Altertumsforscher, dessen Name in treffender Weise seine Talenten bezeichnete. . Von den Quellen bis zur Mündung des Rheins erstreckten sich die Eroberungen der Germanen bis zu vierzig Meilen westlich jenes Flusses, und über ein Land, welches von Kolonien ihres eigenem Namens und Stammes besiedelt wurde. Das Land, das sie verwüstet hatten, war dreimal so groß wie ihre eigentlichen Eroberungen. In noch größerer Entfernung lagen die Städte Gallien verödet, und die Bewohner befestigter Siedlungen, welche bis dahin auf ihre Stärke und Wachsamkeit vertraut hatten, mussten sich mit dem Getreide begnügen, welches auf dem unbesiedelten Land innerhalb der Wallanlagen angebaut wurde. Die Legionen selbst waren dezimiert, ohne Sold, ohne Verpflegung, ohne Waffen, ohne Mut, und vor dem Herannahen der Barbaren, ja schon vor ihrem Namen erbebten sie. IULIANS PHILOSOPHISCHES TEMPERAMENT Unter derlei betrüblichen Begleitumständen also war es einem unerfahrenen Jüngling aufgegeben, Galliens Provinzen zu retten und zu verwalten oder, wie er selbst treffender sagt, das leere Bild kaiserlicher Größe abzugeben. Die gelehrte Erziehung in der Stille, bei der er mehr mit Büchern als mit Waffen und mehr mit Toten als Lebenden Umgangs gepflegt hatte, hatte ihn in Fragen praktischer Kriegsführung oder der Regierungsgeschäfte in vollständiger Ahnungslosigkeit belassen; und als er sich einer unbedingt erforderlichen Waffenübungen mit wenig Geschick unterzog, entfuhr ihm der Seufzer: »O Plato, Plato, was für ein Geschäft für einen Philosophen!« Selbst diese spekulative Philosophie, welche Männer der Praxis nur zu gerne verachten, hatte Iulian die edelsten Regeln und Vorbilder an die Hand gegeben; hatte ihn mit der Liebe zur Tugend belebt, mit Ruhmbegier und mit Gleichmut gegenüber dem Tode. Die in den Philosophenschulen gepflegte Mäßigung hat für die strenge Disziplin des Feldlagers noch mehr Gewicht. Die schlichten Bedürfnisse der Natur gaben ihm seine Schlaf- und Essgewohnheiten vor. Mit Verachtung schob er die seiner Tafel vorbehaltenen Delikatessen von sich und stillte seinen Hunger mit der derben Kost, die auch dem gemeinen Manne zugeteilt wurde. Während der bitterkalten gallischen Winter erlaubte er nicht einmal ein Feuer in seinem Schlafraum; und nach kurzem Schlummer erhob er sich oft schon um Mitternacht von dem Teppich, der auf dem Boden ausgebreitet war, um irgendwelche drängenden Arbeiten zu erledigen oder sich ein paar Augenblicke für seine Lieblingsstudien abzusparen Das Privatleben Iulians in Gallien und die strenge Disziplin, die er sich selbst auferlegte, werden von Ammianus (16,5) und von Iulian selbst erzählt (Misopogon, p.340), wobei der erstere diese Lebensweise zu rühmen bemüht ist, während der letztere sie ins Lächerliche zu ziehen vorgibt und die, zumindest bei einem Prinzen aus dem Hause des Constantin, in der Tat das Erstaunen der Welt aufrufen musste. . Die Regeln der Beredsamkeit, die er bis dahin mit einigen Deklamationen zu ausgedachten Gegenständen geübt hatte, erfuhren nunmehr eine bessere Bewährungsprobe, wenn er die Leidenschaften einer bewaffneten Menge schlichten oder erregen musste: und obschon Iulian von Anfang an durch Lektüre und Konversation mehr mit der Schönheit der griechischen Sprache vertraut war, beherrschte er dennoch das Lateinische vollständig »Aderat Latine quoque disserendi sufficiens sermo.« (Ihm standen Lateinkenntnisse soweit zu Gebote, dass er sich unterreden konnte.) Ammianus, 16,5. Erzogen in der Schule des Griechischen, betrachtete Iulian das Lateinische immer nur als einen ausländisch-volkstümlichen Dialekt, der im Notfall von Nutzen sein mochte. . Da Iulian niemals für den Beruf des Gesetzgebers oder Richters bestimmt gewesen war, hatte die römische bürgerliche Rechtsgelehrsamkeit vermutlich niemals sein besonderes Interesse erregt: aber aus seinem Studium der Philosophie hatte er ein unerschütterliches Rechtsbewusstsein mitgenommen, welches gleichzeitig durch einen Hang zur Milde geadelt war; auch hatte er die Fähigkeit in sich ausgebildet, noch die verwickeltesten und langweiligsten Gegenstände, die ihm zur Diskussion vorgelegt wurden, mit vieler Geduld zu untersuchen. Die Maßnahmen der Politik und der Kriegsführung müssen sich nach den jeweiligen Zufälligkeiten richten, und der unerfahrene Anfänger wird bei der Anwendung der schönsten Theorien seine Überraschung erleben. Aber bei der Aneignung dieser notwendigen praktischen Kenntnisse halfen Julian die eigene geistige Wendigkeit und der Rat und die Lebensklugheit von Sallust, eines höheren Offiziers, welcher schon bald aufrichtige Zuneigung zu diesem Herrscher fasste und dessen unverdorbene Lauterkeit durch die Gabe bereichert wurde, die bitterste Wahrheit zu sagen, ohne dadurch das empfindsame königliche Ohr zu kränken Die eigentliche Würde dieses hervorragenden Ministers kennen wir nicht, den Iulian später zum Präfekten von Gallien ernannte. Die Eifersucht des Kaisers rief Sallust schon bald wieder ab; und noch heute können wir eine empfindsame und detailgenaue Abhandlung lesen, in welcher Julian den Verlust dieses schätzenswerten Freundes beweint, dem er nach eigenem Bekennen für seine Reputation so viel zu danken hatte. Siehe La Bleterie, Einleitung zu Vie de Jovien, p. 20. . FELDZUG IN GALLIEN A.D. 356 Sobald Julian in Mailand den Purpur empfangen hatte, wurde er mit dem schwachen Gefolge von dreihundertundsechzig Mann nach Gallien angesandt. In Wien, wo er einen harten und spannungsreichen Winter verbrachte – er befand sich in den Händen der Minister, die Constantius ihm als Aufpasser zugeteilt hatte – erfuhr er von der Belagerung und der Errettung Autuns. Diese große, alte Stadt war lediglich durch eine verfallene Mauer und eine kleinmütige Garnison gedeckt und konnte nur durch die Entschlossenheit von ein paar Veteranen gerettet werden, welche zur Verteidigung ihres Landes noch einmal zu den Waffen griffen. Bei seinem Marsch von Autun durch die gallischen Provinzen packte Julian die erstbeste Gelegenheit beim Schopfe, seinen kühnen Mut zu beweisen. An der Spitze eines kleinen Kontingentes von Bogenschützen und schwerer Kavallerie gab er von zwei Wegen dem kürzeren, aber gefährlicheren den Vorzug. Und indem er sich den Angriffen der hier dominierenden Barbaren manchmal entzog und ihnen manchmal widerstand, gelangte er schließlich ehrenhaft und sicher in Reims an, wo sich die römische Armee sammeln sollte. Der Anblick ihres jungen Herrschers belebte den niederliegenden Mut der Soldaten, und so hefteten sie sich dem Feinde an die Fersen, mit einem Selbstvertrauen allerdings, das ihnen beinahe verhängnisvoll geworden wäre. Die mit dem Gelände wohlvertrauten Alemannen sammelten in aller Heimlichkeit ihre zerstreuten Kräfte und griffen, die Gelegenheit eines verhangenen und regenreichen Tages nutzend, mit unerwarteter Gewalt den Nachtrab der Römer an. Bevor die unvermeidliche Verwirrung beigelegt werden konnte, waren schon zwei Legionen vernichtet; und Julian lernte aus eigener Anschauung, dass Vorsicht und Wachsamkeit die wichtigsten Lektionen der Kriegskunst sind. Durch eine zweite, erfolgreichere Unternehmung konnte er seinen Ruf als Soldat wieder herstellen und festigen: aber da die Flinkheit der Barbaren sie vor Verfolgung und Vernichtung retteten, war sein Sieg weder blutig noch entscheidend. Er drang immerhin denn doch bis an die Rheinufer vor, besichtigte die Trümmer Kölns, überzeugte sich selbst von den Schwierigkeiten der Kriegsführung und zog sich bei Wintereinbruch zurück, mit dem Hof, seiner Armee und seinem eigenen Erfolg übel zufrieden Ammianus (16,2,3) scheint mit dem Erfolg des ersten Feldzuges erheblich zufriedener gewesen zu sein als Iulian selbst. Er bekennt frank und frei, dass er nichts erreicht und sogar noch vor dem Feind die Flucht ergriffen habe. . Die Feindesmacht war allerdings ungebrochen; und der Caesar konnte seine Truppen erst entlassen und sein Winterquartier in Sens im Herzen Galliens nehmen, nachdem er eine Umzingelung und Belagerung durch zahlreiche Germanen durchstanden hatte. In dieser Lage, wo es nur noch auf ihn allein ankam, legte er eine Unerschütterlichkeit an den Tag, die für alle Mängel von Platz und Truppe aufkommen musste; und tatsächlich waren die Barbaren nach dreißig Tagen zum Abzug genötigt, enttäuscht und verärgert. ZWEITER FELDZUG IN GALLIEN A.D. 357 Iulian hatte den entscheidenden Sieg ganz allein seinem Feldherrentalent zu danken; aber sein stolzes Selbstbewusstsein verbitterte die Überlegung, dass er aufgegeben, verraten und vielleicht sogar dem Untergang bestimmt sei durch diejenigen, die ihm nach besten Kräften hätten unterstützen sollen. Der Oberbefehlshaber der gallischen Reiterei, Marcellus, legte die vom Neid eingegebenen Befehle des Hofes sehr eng aus, verharrte bei Julians Bedrängnis in träger Gleichgültigkeit und hielt die Truppen unter seinem Kommando davon ab, dem belagerten Sens zu Hilfe zu eilen. Hätte der Caesar diesen gefährlichen Schimpf mit vornehmem Schweigen übergangen, so wären er und seine Autorität der Welt zum Gespött geworden; und hätte sich diese verbrecherische Handlung ungesühnt ereignen dürfen, hätte der Kaiser jedem Verdacht Nahrung gegeben, der infolge seines vergangenen Verhaltens gegenüber den Fürsten aus der flavischen Familie bereits die merkwürdigsten Blüten getrieben hatte. Marcellus wurde also zurückberufen und in aller Freundschaft seines Amtes enthoben Ammianus 16,7. Libanios (Orationes 10, p.272) spricht über die militärischen Talente des Marcellus bedeutend günstiger. Und Iulian meint (Misopogon p.278), er wäre wohl nicht so leicht abberufen worden, wenn er dem Hof nicht noch andere Vorwände geliefert hätte. . Zum Kavalleriegeneral wurde jetzt Severus; ein kriegserfahrener Soldat von bewährter Kühnheit und Zuverlässigkeit, der Ratschläge zu geben und Anordnungen mit allem Eifer auszuführen verstand und der sich nun ohne Widerstreben dem Oberkommando Iulians über die gallische Armee unterstellte, welches dieser auf Betreiben seiner Gönnerin Eusebia endlich erhalten hatte Severus, non discors, non arrogans, sed longa militiae frugalitate compertus; et eum recta praeeuntem secuturus, ut ductorem morigerus miles. (Severus war weder streitsüchtig oder arrogant, sondern infolge seiner langen Dienstzeit an Einfachheit gewöhnt; und er folgte ihm (Iulian) wie ein braver Soldat, wenn er nur den richtigen Weg voranging.) Ammianus 16,1,1. Zosimos 3,2. . Für den nun bevorstehenden Feldzug wurde ein klug durchdachter Plan entworfen. Iulian selbst drang an der Spitze der verbliebenen Veteranentruppen und neurekrutierten Soldaten kühn mitten in die germanischen Winterquartiere und ließ die Befestigungen in Saverne an günstigerer Stelle erneut anlegen, um so den Einfall des Feindes abfangen oder ihren Rückzug aufhalten zu können. Zur gleichen Zeit nahte von Mailand der General der Infanterie Barbatio mit dreißigtausend Mann und schickte sich an, nach Überquerung des Gebirges in der Nähe von Basel eine Brücke über den Rhein zu schlagen. Man konnte nun vernünftiger Weise annehmen, dass die Alemannen, derart von allen Seiten durch die Römer bedrängt, die gallischen Provinzen aufgeben und eilig die Verteidigung ihres eigenen Landes betreiben würden. Aber diese Hoffnung zerschlug sich, sei es infolge der Unfähigkeit, der Missgunst oder geheimer Befehle Barbatios; dieser zumindest führte sich auf, als sei er der persönliche Feind des Iulian oder ein heimlicher Verbündeter der Barbaren. Die Fahrlässigkeit, mit der er einer Bande von Plünderern den Durchzug und sozusagen an den Lagertoren vorbei auch den Rückzug gestattet, mag man noch seiner Unfähigkeit zurechnen; aber das Verbrennen der Brückenboote und einer beträchtlichen Menge von dringend benötigten Vorräten war Verrat und bewies seine feindlichen und kriminellen Absichten; die Germanen konnten nun einen Feind nicht ernst nehmen, dem die Fähigkeit oder die Neigung abging, sich mit ihnen zu messen; und Barbatios elender Rückzug nahm Iulian jede Hoffnung auf die erwartete Unterstützung und nötigte ihn, sich aus der gefährlichen Lage zu befreien, in der er ohne Risiko nicht verbleiben und aus der er sich in Ehren nicht zurückziehen konnte Über den Feldzugsplan und die gescheiterte Zusammenarbeit von Iulian und Barbatio sie Ammianus 16,11 und Libanios, Orationes 10, p.273. . DIE SCHLACHT VON STRASSBURG Sobald die Invasionsgefahr für die Alemannen vorüber war, schickten sie sich an, Roms vorwitzige Jugend zu züchtigen, welche um den Besitz des Landes zu streiten sich anschickten, das mit dem Rechte des Eroberers und Verräters nur ihnen gehören konnte. In drei Tagen und drei Nächten hatten sie ihre Streitmacht über den Rhein gebracht. Der kriegerische Chnodomar, der seinen gewichtigen Wurfspieß schwang, den er übrigens auch schon siegreich gegen den Bruder des Magnentius geschüttelt hatte, führte die Vorhut der Barbaren, und wirkte als erfahrener Krieger ordnend auf den Kampfeseifer, den sein Vorbild erzeugte Ammianus (16,12) beschreibt in der ihm eigenen aufgedunsenen Redseligkeit Erscheinungsbild und Verfassung des Chnodomar. »Audax et fidens ingenti robore lacertorum, ubi ardor proelii sperabatur immanis, equo spumante, sublimior, erectus in iaculum formidandae vastitatis, armorumque nitore conspicuus: antea strenuus et miles, et utilis praeter caeteros ductor ... Decentium Caesarem superavit aequo Marte congressus...« (Kühn und im Vertrauen auf die Titanenkraft seiner Arme stand er dort, wo er sich einen besonders heftigen Kampf erwartete; hochgereckt auf schäumendem Streitross und auf einen Speer von erschreckender Länge gestemmt, durch den Glanz seiner Waffen vor den anderen ausgezeichnet: ein wackerer Streiter zuerst und darüber hinaus ein unübertrefflicher Schlachtenlenker...dieser hatte Caesar Decentius überwunden, als er ihm unter gleichen Bedingungen zum Kampfe begegnete...) . Sechs oder sieben Könige waren in seinem Gefolge, zehn Prinzen aus königlichem Geblüt, eine Vielzahl hochgemuter Adliger und fünfunddreißigtausend der tapfersten Krieger aus Germaniens Landen. Das Zutrauen, das der Anblick der eigenen Stärke ihnen einflößte, wurde womöglich noch gesteigert durch die Nachricht eines Überläufers, dass nämlich der Caesar Iulian mit einer schwächlichen Armee von nur dreizehntausend Mann etwa einundzwanzig Meilen von seinem Lager zu Straßburg entfernt Stellung bezogen habe. Mit dieser weit unterlegenen Mannschaft schickte sich Julian an, den Feind zu suchen und anzugreifen; und er zog sogar eine einmalige Schlacht der aufreibenden und ungewissen Verfolgung der zerstreuten Kräfte der Alemannen vor. Die Römer rückten mit zwei Kolonnen in geschlossener Ordnung vor, die Kavallerie zur Rechten und die Infanterie zur Linken; als sie mit dem Feind Sichtkontakt bekamen, war der Tag soweit fortgeschritten, dass Iulian die Schlacht auf den nächsten Tag verschieben und seinen Truppen die Möglichkeit geben wollte, ihre erschöpften Kräfte durch Schlaf und Essen zu erneuern. Mit einigem Widerstreben gab er dem Lärmen seiner Soldaten und selbst seinem Kriegsrat nach und forderte sie auf, ihre Ungeduld in Tapferkeit umzusetzen, eine Maßnahme, die im Falle einer Niederlage allgemein mit den Schmähworten der Voreiligkeit und Tollkühnheit gebrandmarkt werden würde. Die Kriegsposaunen erschallten, Lärm erfüllte das Feld und beide Armeen griffen mit gleicher Heftigkeit an. Der Caesar, welcher in eigener Person den rechten Flügel kommandierte, war auf die Zuverlässigkeit seiner Bogenschützen und die Durchschlagskraft der schweren Kavallerie angewiesen; aber diese Ordnung befand sich schon bald in Auflösung, und Julian musste zu seiner Schande die Flucht von sechshundert seiner besten Panzerreiter aufhalten Nach der Schlacht versuchte Iulian, archaische Disziplinierungsmaßnahmen zu beleben und ließ zum Hohngelächter des ganzen Lagers diese Flüchtlinge in weiblichem Aufzug antreten. Im nächsten Feldzug stellte diese Truppe ihre Ehre allerdings auf ruhmreiche Weise wieder her. Zosimos, 3,2. . Die Flucht wurde durch seine Autorität und seine persönliche Anwesenheit aufgehalten, indem er, unbekümmert um seine eigene Sicherheit, sich ihnen in den Weg stellte, an Ehre und Schande appellierte und sie dem siegreichen Feinde entgegenführte. Das Gefecht zwischen den beiden Infanterieabteilungen war heftig und blutig. Die Barbaren waren körperlich überlegen, die Römer besaßen die bessere Disziplin; und da die Barbaren in römischen Diensten in sich beide Vorzüge vereinten, entschieden ihre Anstrengungen und die Maßnahmen ihres tüchtigen Feldherren den Tag. Die Römer verloren vier Kriegstribunen und zweihundertunddreiundvierzig Mann in dieser berühmten Schlacht von Straßburg, die dem Caesar Iulian (Epistula ad Athenienses p. 279) spricht von der Schlacht von Straßburg mit der Bescheidenheit, die sich ihres Verdienstes bewusst ist »ἐμαχεσάμην οὐκ ἀκλεῶς, ἴσως καὶ εἰς ὑμᾶς ἀφίκετο ἡ τοιαύτη μάχη« (Ich kämpfte nicht ruhmlos, zugleich ist auch zu euch dieser Kampf vorgedrungen). Zosimos vergleicht sie mit dem Sieg Alexanders über Darius. Und dennoch sind wir in Verlegenheit, hier einen dieser militärischen Geniestreiche zu entdecken, welche die Aufmerksamkeit von Generationen bei dem Verlauf und Erfolg eines einzigen Tages verweilen lässt. soviel Ansehen und den Provinzen Galliens soviel Aufatmen brachte. Sechstausend Alamannen deckten das Feld, nicht gerechnet diejenigen, die im Rhein ertranken oder beim Versuch, ihn zu durchschwimmen, von Pfeilen durchbohrt wurden Ammianus, 16,12. Libanios fügt noch 2.000 Gefallene hinzu (Orationes 10, p.274). Aber dieser Unterschied verflüchtigt sich vor den 60.000 Barbaren, die Zosimos zum Ruhme seines Helden verderben lässt. Wir könnten diese übertriebenen Zahlen auch der Nachlässigkeit der Kopisten zuschieben, wenn dieser leichtgläubige und parteiische Historiker nicht auch noch die 35.000 Alemannen zu einer ungemessenen Menge aufgebläht hätte (πλῆϑος ἄπειρον βαρβάρων, ungemessene Vielzahl von Barbaren). Und wenn uns selbst diese Entdeckung nicht für vergleichbare Fälle die gehörige Portion Misstrauen einflößt, dann ist es unsere eigene Schuld. . Chnodomar selbst wurde umzingelt und gefangen, zusammen mit drei seiner wackeren Gefolgsleute, die ihrem Häuptling im Leben und im Tode zu folgen sich vorgesetzt hatten. Iulian empfing ihn im Rat seiner Offiziere mit angemessenen militärischen Ehren; er sprach ihm auch für sein Missgeschick sein Bedauern aus, insgeheim aber verachtete er die abstoßende Erniedrgung seines Gefangenen. Deshalb präsentierte er den besiegten König auch nicht, was den gallischen Städten viel Freude bereitet hätte, in der Öffentlichkeit, sondern legte seinem Kaiser respektvoll seine Siegesbeute zu Füßen. Chnodomar ward gnädig behandelt: aber lange konnte der Barbar seine Niederlage, seine Gefangenschaft und sein Exil nicht überleben Ammianus, 16,12; Libanios, Orationes 10, p. 276. . FELDZUG GEGEN DIE FRANKEN A.D. 358 Nachdem Iulian die Alemannen aus den Provinzen des Oberrheins zurückgeschlagen hatte, wandte er sich den Franken zu, welche näher zum Ozean an den Grenzen von Germanien und Gallien siedelten und wegen ihrer großen Zahl und noch mehr wegen ihres unerschrockenen Mutes schon immer unter die schrecklichsten Barbaren gerechnet wurden Libanios (Orationes 10, p.278) entwirft ein lebhaftes Bild vom Brauchtum der Franken. . Wenn sie die Aussicht auf Beute auch spornte, so bekannten sie sich genauso zu einer ganz selbstlosen Freude am Krieg, in dem sie die ehrenhafteste und glücklichste Vollendung der menschlichen Natur sahen; Körper und Seele waren durch beständige Übung so abgehärtet, dass sie nach der hübschen Äußerung eines Redners am Schnee des Winters ebenso ihre Freude hatten wie an den Blumen des Frühlings. Im Dezember, welcher auf die Schlacht von Straßburg folgte, griff Julian sechshundert Franken an, welche zwei Festungsanlagen an der Maas besetzt hatten Ammianus,17,2; Libanios, Orationes 10,p.278. Der griechische Redner, welcher eine Passage bei Iulian missverstanden hatte, hat die Zahl der Franken auf eintausend erhöht. Und da in seinem Kopf beständig der peloponnesische Krieg herumspukte, vergleicht er sie mit den Spartanern, welche auf der Insel Sphakteria belagert und gefangen wurden. . Mitten in der ungünstigsten Jahreszeit hielten sie unerschüttert eine Belagerung von vierundfünfzig Tagen aus; endlich jedoch erschöpfte sie der Hunger, und da sie zugleich zu der Überzeugung gelangten, dass ihnen keine Fluchtmöglichkeit mehr blieb, als der Feind begann, das Eis zu zerschlagen, fanden sich die Franken zum ersten Male damit ab, von dem alten Gesetz, welches nur Sieg oder Tod zuließ, dispensiert zu sein. Der Caesar schickte die Gefangenen unverzüglich an den Hof des Constantius, welcher sie als ein wertvolles Geschenk im Empfang nahm Iulian, Epistula ad Athenienses p. 280; Libanios, Orationes 10, p. 278. Entsprechend des Ausdrucks von Libanios, der Kaiser habe sie δῶρα ὀνόμαζε (als Geschenke bezeichnet), was La Bléterie (Vie de Julien, p 118) als aufrichtiges Bekenntnis der Wahrheit und Valesius (ad Ammianum 17,2) als niedere Ausrede ansieht. Dom Bouquet (Historiens de France, Band 1, p.733) entfernt die Schwierigkeit und auch den Sinn der Stelle, indem er ein anderes Wort – ἐνόμισε– (Brauch) an die Stelle setzt. und zugleich freudig die Gelegenheit wahrnahm, seine Garde durch so viele Heldensöhne zu verstärken. Der hartnäckige Widerstand dieser Handvoll Barbaren gab Iulian den rechten Vorgeschmack auf die Probleme, die ihm bei seinem für das kommende Frühjahr ins Auge gefassten Feldzug gegen die ganze Nation erwarten mochten. So schlug er rasch und präzise zu und setzte dadurch alle in Erstaunen. Er gab seinen Soldaten Order, sich mit Trockenbrot für zwanzig Tage zu versehen, schlug überraschend sein Lager bei Tongern auf, während der Feind ihn noch im Winterquartier zu Paris wähnte und die allmähliche Ankunft seiner Konvois aus Aquitanien erwartete. Ohne den Franken die Gelegenheit zum Abzug oder zur Vereinigung ihrer Kräfte zu geben, verteilte er seine Legionen nach überlegtem Plan von Köln bis an den Ozean; und der Schrecken seiner erfolgreichen Waffen veranlasste die Feinde rasch, sich zu ergeben, seine Milde zu erflehen und ihrem Besieger Gehorsam zu versprechen. Die Chamavi zogen sich gehorsam in ihre alten Siedlungsgebiete auf der anderen Rheinseite zurück: die Salii hingegen durften als Untertanen und Verbündete des römischen Volkes in ihren neuen Besitztümern bei Toxandria verbleiben Ammianus 17,8; Zosimos, 3,4-7 (sein Bricht ist durch allerlei fabulöse Zutat umdunkelt); und Iulian (Epistula ad Athenienses p.280. Sein Ausdruck: »ὑπεδεξάμην μὲν μοῖραν τοῦ Σαλίων ἔϑνους, Χαμάβους δὲ ἐξήλασα« (Ich übernahm das Schicksal des Saliervolkes, die Chamaven vertrieb ich) Diese unterschiedliche Behandlung bekräftigt die Auffassung, dass die salischen Franken ihre toxandrischen Besitzungen behalten durften. . Der Friedensvertrag ward mit feierlichem Eid beschworen; und beständige Kontrollen wurden im Lande der Franken eingerichtet, welche auf pünktlicher Einhaltung der Vertragsbedingungen zu bestehen Vollmacht hatten. Es wird hierzu ein Vorfall erzählt, der für sich genommen schon interessant genug ist und ohne Zweifel einen Schatten auf Iulians Charakter wirft, der ganz unbefangen das Drehbuch zu dieser Tragödie geschrieben und auch ihre Wende zum Guten herbeigeführt hatte. Als die Chamavi Friedensverhandlungen führten, wünschte er den Königssohn als die einzige verlässliche Geisel. In traurigem, von Tränen und Seufzern durchmengtem Schweigen brachten die Barbaren ihre Verblüffung und Betroffenheit zum Ausdruck; und ihr betagter Häuptling beklagte in bewegten Worten, dass ihm sein persönlicher Verlust zusätzlich noch durch die Notlage seines Volkes erschwert werde. Während also die Chamavi noch vor seinem Throne hingestreckt lagen, erschien plötzlich und unerwartet der königliche Gefangene vor ihnen, den sie längst für tot gehalten hatten; und sobald sich der Freudentumult wieder beruhigt hatte und alles aufmerksam war, sprach der Caesar zu der Versammlung mit folgenden Worten: »Seht Euren Sohn, Euren Prinzen, um den ihr geweint habt! Gott und die Römer haben ihn Euch wieder geschenkt. Ich werde seine Jugend schützen und erziehen, mehr zum Lobe meiner eigenen Tugend als zur Gewähr Eurer Aufrichtigkeit. Solltet Ihr es vorziehen, die Treue zu brechen, die ihr geschworen habt, dann werden die Waffen der Republik nicht den Unschuldigen, sondern den Schuldigen strafen.« Die Barbaren entfernten sich, von warmer Dankbarkeit und von Bewunderung erfüllt Diese inspirierende Geschichte, die sich bei Zosimos in ungekürzter Form findet, wird von Eunapius (Excerpta legationum) mit allen Weiterungen griechischer Redekunst erzählt. Indessen: das vereinte Schweigen von Libanios, Ammianus und selbst noch Iulian macht ihren Wahrheitsgehalt äußerst disputabel. . DREI FELDZÜGE ÜBER DEN RHEIN Iulian war nicht damit zufrieden, dass er die gallischen Provinzen von den germanischen Barbaren befreit hatte. Dem Ruhm des ersten und berühmtesten Eroberers wollte er nacheifern, und nach dessen Vorbild verfasste er denn auch seine eigenen Kommentare zum Gallischen Krieg Libanius, der Freund des Iulian, betont ausdrücklich (Orationes 4, p.178), dass sein Held eine Geschichte seiner gallischen Feldzüge verfasst habe. Zosimos (3,2) scheint seine Kenntnis nur aus den Reden (ë?ãïé) und Briefen Julians bezogen zu haben. Das Sendschreiben an die Athener enthält einen genauen, wenn auch nur allgemeinen Bericht über den Krieg gegen die Germanen. . Iulius Caesar berichtet mit berechtigtem Stolz, wie er zweimal den Rhein überquerte. Iulian konnte sich rühmen, dass er noch vor seiner Ernennung zum Augustus den römischen Adler dreimal erfolgreich über jenen mächtigen Strom getragen habe Ammianus 17,1,10 und 18,2; und Zosimos. 3, p.144; Iulian Epistula ad Athenienses, p. 280. . Die Bestürzung der Germanen nach der Schlacht von Straßburg ermutigte ihn zu dem ersten Versuch; die ursprüngliche Weigerung der Soldaten ergab sich schließlich der Überzeugungskraft eines Feldherren, welcher die gleichen Mühen und Gefahren auf sich nahm, die er noch dem geringsten seiner Soldaten zumutete. Die Dörfer beiderseits des Mains, mit Vorräten und Vieh reich versehen, spürten das Strafgericht der Invasionsarmee als erste. Die bedeutendsten Häuser, die sogar dem römischen Design nacheiferten, gingen in Flammen auf; und kühn drang der Caesar zehn Meilen ins Landesinnere vor, bis sein Vormarsch durch einen schwarzen und undurchdringlichen Urwald aufgehalten wurde, der überdies mit Hinterhalten und Fallgruben verseucht war, die jeden Schritt des Angreifers bedrohten. Der Boden war bereits schneebedeckt; und nachdem Julian eine alte Festung aus der Zeit Trajans hatte instand setzen lassen, gewährte er den Barbaren eine zehnmonatige Waffenruhe. Nach Ablauf dieser Frist unternahm Iulian einen zweiten Feldzug über den Rhein, um den Stolz von Surmar und Hortaire zu dämpfen, zwei der Alamannenkönige, welche Augenzeugen der Schlacht von Straßburg gewesen waren. Sie versprachen, alle noch lebenden römischen Gefangenen auszuliefern; und da der Caesar über genaue Kenntnis der Städte und Dörfer Galliens und ihrer Verluste verfügte, konnte er jeden Täuschungsversuch bereits im Ansatz erkennen, was den Ruf begründete, dass ihm übernatürliche Kräfte zu Gebote stünden. Sein dritter Feldzug war womöglich noch wichtiger und erfolgreicher als die ersten beiden. Die Germanen hatten ihre Streitkräfte gesammelt, marschierten am anderen Flussufer und schickten sich an, die Brücke zu zerstören und die Überquerung durch die Römer abzuwehren. Indessen wurde dieser kluge Verteidigungsplan durch ein raffiniertes Ablenkungsmanöver vereitelt. Dreihundert leichtbewaffnete Soldaten wurden in vierzig kleineren Booten losgeschickt mit dem Auftrag, auf dem Strom in aller Stille zu Tal zu fahren und in einiger Entfernung von den Posten des Feindes zu landen. Sie führten ihren Auftrag so kühn und prompt aus, dass sie sogar die Barbarenhäuptlinge überraschten, welche in sorgloser Trunkenheit von einem ihrer nächtlichen Gelage heimkehrten. Wir erzählen jetzt nicht die eintönige und widrige Geschichte vom Gemetzel und Verwüstung, sondern begnügen uns mit dem Hinweis, dass Iulian sechs der mächtigsten Alamannenkönige seine Friedensbedingungen diktierte, von denen dann drei die strenge Disziplin und den kriegerischen Aufwand eines Römerlagers erfahren durften. Mit zwanzigtausend Gefangenen, die der Caesar aus den Ketten der Barbaren gerettet hatte, kehrte er über den Rhein zurück und beendete so einen Konflikt, dessen Bedeutung mit der der alten punischen und kimbrischen Kriege verglichen werden muss. WIEDERAUFBAU UND BEFESTIGUNG DER ZERSTÖRTEN STÄDTE Sobald nun Julian so machtvoll und umsichtig für Frieden gesorgt hatte, ging er an ein anderes Werk, welches seiner humanen und philosophischen Veranlagung eher entsprach. Er ließ die Städte Galliens, die unter den Barbareneinfällen zu leiden gehabt hatten, sorgfältig erneuern; und von sieben wichtigen Orten zwischen Mainz und Rheinmündung wird besonders erwähnt, dass sie Iulian hatte wieder in Stand setzen und befestigen lassen Ammianus 18,2; Libanios, Orationes 10, p.279f. Von diesen sieben Orten sind noch heute vier von einiger Bedeutung: Bingen, Andernach, Bonn und Neuss. Die anderen drei, Tricesimae (Kellen), Quadriburgium (Schneppenbaum-Qualburg) und Castra Herculis (Erkelenz?) gibt es nicht mehr; aber es ist durchaus denkbar, dass auf dem Boden von Quadriburgium der Holländer die Festung Schenkschanze gebaut hat, welcher Name das delikate Zartgefühl von Boileau so gekränkt hat. Siehe D'Anville, Notice de l'Ancienne Gaule, p. 183; Boileau, Epitre IV und die Fußnoten. . Den besiegten Germanen hatten sich in die gerechte, wiewohl demütigende Bedingung dareingefunden, die erforderlichen Baumaterialien vorzubereiten und abzuliefern. Iulian selbst befeuerte den Fortgang der Arbeiten; und so sehr hatte er bereits belebend auf die Truppen gewirkt, dass sogar die Hilfstruppen, welche bei allen schweißtreibenden Arbeiten abwinkten, noch bei den stumpfsinnigsten Arbeiten mit der Sorgfalt der römischen Soldaten wetteiferten. Es oblag dem Caesar, für die Lebensmittel und die Sicherheit der Bewohner und der Garnisonen zu sorgen. Dass die Ersteren geflohen waren und die Letzteren gemeutert hatten, muss die schlimme und unvermeidliche Folge des Hungers gewesen sein. Die Landbestellung in Gallien war durch die Kalamitäten des Krieges unterbrochen worden; aber die karge Ernte auf dem Festland wurde durch seine väterliche Fürsorge aus dem Überfluss der benachbarten Insel ergänzt. Sechshundert kräftige Barken, gezimmert in den Ardennen, segelten mehrmals an Britanniens Küste; und, beladen mit Getreide, schifften sie rheinaufwärts und verteilten ihre Fracht an die verschiedenen Städte und Festungen an seinen Ufern Wir dürfen hier wohl Iulian vertrauen (Epistula ad Athenienses p.280), der die ganze Transaktion sehr genau beschreibt. Zosimos (3,5) fügt noch zweihundert weitere Schiffe hinzu. Wenn wir für die 600 Getreideschiffe nur siebzig Tonnen pro Schiff ansetzen, dann konnten sie immerhin 120.000 Quarter (1 Quarter ca. 12,7kg.) exportieren; und ein Land, welches einen so großen Überschuss abgeben konnte, muss eine schon recht fortgeschrittenen Landwirtschaft besessen haben. . So hatte Julians Macht wieder die freie Seefahrt hergestellt, welche Constantius zum Preise seines Ansehens und für zweitausend Pfund Silber Tribut zu verkaufen bereit war. Indessen weigerte sich der knickerige Kaiser, seinen Soldaten die Summe zukommen zu lassen, die er mit spendabler und zugleich bebender Hand den Barbaren versprochen hatte. Iulians ganzes Geschick und seine Festigkeit wurden auf eine harte Probe gestellt, als er sich mit einer Truppe auseinander setzen musste, welche bereits zwei Feldzüge ohne reguläre Bezahlung, geschweige denn irgendwelche nennenswerte Geldgeschenke mitgemacht hatten Unmittelbar vor der zweiten Rheinüberquerung brach eine Meuterei aus. Ammianus 17,9. . UM DAS GLÜCK SEINER UNTERTANEN BEMÜHT Eine nachgerade zärtliche Sorge um den Frieden und das Glück seiner Untertanen war das bestimmende Moment von Iulians Verwaltung, zumindest schien es so Ammianus 16,5 und 18,1; Mamertinus, Panegyrici 11,4. . Die müßigen Stunden seines Winterlagers widmete er den Pflichten der Zivilverwaltung, und ersichtlich war er lieber Magistrat als General. Bevor er ins Feld zog, hatte er die meisten der vor seinem Tribunal anhängigen öffentlichen und privaten Klagen seinen Provinzstatthaltern anvertraut; nach seiner Rückkehr jedoch überprüfte er den Fortgang der Prozesse, milderte hier die Härte des Gesetzes und fällte sogar neue Urteile. Er war erhaben über die stärkste Versuchung, die es für ein tugendreiches Gemüt gibt, nämlich den unbesonnenen und fanatischen Gerechtigkeitssinn, und so widerstand er mit Gelassenheit und Würde dem Drängen eines Anklägers, welcher dem Provinzgouverneur von Narbo wegen Erpressung nachstellte. »Wen wird man denn jemals für schuldig befinden,« rief Delphidius mit Eifer aus, »wenn es genügt, alles abzuleugnen?« »Und wer,« antwortete Iulian, »wird dann noch unschuldig bleiben, wenn es genügt, jemanden nur zu beschuldigen?« In den Geschäften des Friedens und des Krieges sind die Interessen des Herrschers und des Volkes gemeinhin gleich; aber Constantius' Rechtsempfinden hätte es denn doch zutiefst beleidigt, wenn Iulian ihm auch nur einen Teil der Steuern unterschlagen hätte, die er einem unterdrückten und ausgelaugten Lande abgepresst hatte. Der Herrscher, der mit den Königsinsignien ausgestattet war, mochte sich bisweilen den Anschein geben, der Habgier untergeordneter Steuereintreiber entgegen zu wirken, ihre Raffgier bloßzustellen und ein gerechteres und erträgliches Eintreibungsverfahren zu praktizieren. Aber die Finanzverwaltung war aus gutem Grund Florentius übergeben, dem Reichspräfekten von Gallien, einem verweichlichtem Despoten, unfähig zu Mitleid oder Reue; und dieser hochfahrende Beamte lamentierte über den allerkleinsten Widerstand, während Iulian eher dazu neigte, seine eigenen Schwächen zu tadeln. Der Caesar hatte das Mandat für die Erhebung einer Extrasteuer mit Abscheu zurückgewiesen, eine neue und zusätzliche Indiction, welche durch seine Unterschrift zu bekräftigen der Präfekt sich bereit fand; und das Bild des allgemeinen öffentlichen Elends, das er zur Begründung für seine Verweigerung gezeichnet hatte, stieß den Hof des Constantius vor den Kopf. Wir wollen uns das Vergnügen gönnen, Julians Denkweise kennen zu lernen, die er in einem Brief an einen seiner innigsten Freunde mit Wärme und ohne Rückhalt zum Ausdruck bringt. Nachdem er sein eigenes Verhalten dargelegt hatte, fährt er folgendermaßen fort: »Konnte denn der Schüler des Plato und Aristoteles anders handeln als ich es tat? Konnte ich die unglückseligen Untertanen im Stiche lassen, die meiner Obhut anvertraut waren? War ich denn nicht aufgerufen, sie gegen das wiederholte Unrecht dieser herzlosen Räuber zu schützen? Ein Militärtribun, der seine Posten verlässt, wird zum Tode verurteilt und erhält nicht einmal ein anständiges Begräbnis. Mit welchem Recht kann ich ihn verurteilen, wenn ich selbst in der Stunde der Gefahr meine eigenen Pflichten verabsäume, die doch heiliger und um soviel bedeutender sind? Gott hat mich nun einmal an diesen herausragenden Platz gestellt; seine Fürsorge wird mich auch künftighin schützen und unterstützen. Sollte mir Leid widerfahren, denn werde ich Trost schöpfen aus dem Bewusstsein, dass ich ein reines und aufrechtes Gewissen habe. Gebe der Himmel, dass ich noch so einen Berater wie Sallust hätte! Wenn sie es für richtig halten, mir einen Nachfolger zu schicken, dann werde ich ohne Sträuben gehorchen; aber ich werde dann die kurze Gelegenheit genutzt haben, Gutes zu tun, als mich lange und ungestraft an Üblem zu erfreuen Ammianus 17,3. Iulian, Epistulae 17, ed. Spanheim. Ein solches Verhalten rechtfertigt beinahe das Jubellied des Mamertinus (Panegyrici 11,4): »Ita illi anni spatia divisa sunt, ut aut Barbaros domitet, aut civibus iura restituat; perpetuum professus, aut contra hostem, aut contra vitia, certamen.« (Dieses ist nun die Einteilung der Jahre, dass er entweder Barbaren niederwirft oder den Bürgern die Gerechtsame zurückgibt; einen ewigen Kampf hatte er gelobt, entweder gegen die Feinde oder gegen das Verbrechen.) .« In Iulians heikler und abhängiger Stellung kamen seine Tugenden viel stärker zur Geltung als seine Mängel. Zwar hatte der jugendliche Held, welcher in Gallien den Thron des Constantius zu stützen hatte, keine Möglichkeit, die Verbrechen der Regierung abzustellen; aber er besaß wenigstens den Mut, sich das Elend der Bevölkerung zu Herzen gehen zu lassen und es zu erleichtern. Solange er nicht die Kriegertugenden der Römer neu belebt oder Gewerbefleiß und Veredelung unter ihren halbwilden Feinden eingeführt hatte, konnte er nicht ernsthaft darauf hoffen, die öffentliche Ruhe durch Friedensschluss oder Unterwerfung der Germanen sicher zu stellen. Indessen geboten die Siege Iulians den Barbareneinfällen für kurze Zeit Einhalt und schoben den Untergang des Westens für einige Zeit hinaus. PARIS WÄCHST Sein heilsamer Einfluss war auch für die Städte Galliens segensreich, welche solange den Folgen der inneren Zwietracht, den Barbarenkriegen und einheimischen Tyrannen ausgesetzt waren; und mit der Aussicht auf das Vergnügen wuchs auch der Unternehmergeist. Landwirtschaft, Manufakturen und Handel blühten auf unter dem Schutz der Gesetze; und in den curiae oder bürgerlichen Ratsversammlungen fanden neuerlich nützliche und respektable Mitglieder Zutritt; die Jugend schreckte nicht länger vor Heirat zurück und Verheiratete nicht länger vor Nachwuchs; öffentliche und private Festlichkeiten wurden mit dem landesüblichen Gepränge begangen; und der friedliche und häufige Austausch der Provinzen untereinander spiegelte getreu das Bild der nationalen Wohlfahrt Libanios, Orationes parentalis in Imperatorem Iulianum c.38 in Fabricius, Biblitheca graeca, Band 7, p. 263,264. . Die allgemeine Zufriedenheit, deren Urheber er war, muss Iulian mit Genugtuung erfüllt haben; aber mit ganz besonderer Freude blickte er nach Paris, der Winterresidenz und dem Gegenstand seiner eigentlichen Zuneigung Siehe Iulian, Misopogon; p. 340, 341. Der vormalige Zustand von Paris wird erläutert von Henry Valesius (zu Ammianus 20,4), seinem Bruder Hadrian Valesius oder Adrien de Valois und Herrn d'Anville (in ihrern jeweiligen Notitias zum alten Gallien), dem Abbé de Loguerue, Description de la France, Band 1, p.12f und von Bonamy, Memoires de l'Académie des Inscriptions, Band 15, p. 656-691. . Diese herrliche Hauptstadt, welche heutzutage auf beiden Seiten der Seine ein gewaltiges Areal bedeckt, war ursprünglich nur auf jene kleine Insel in der Mitte des Flusses beschränkt, aus welchem seine Bewohner klares und gesundes Wasser schöpften. Die Wälle waren vom Fluss umspült; und Zugang zur Stadt war nur über Holzbrücken möglich. Nördlich der Seine war dichter Wald; aber im Süden, dort, wo heute die Universität liegt, entstanden unmerklich Siedlungen, ein Palast wurde errichtet, ein Amphitheater, Bäder, ein Aquädukt und ein Marsfeld als Exerzierplatz für die römischen Truppen. Das strenge Klima wurde durch den unfernen Ozean gemildert; und mit gebührender Vorsicht, deren Mutter die Erfahrung war, wurden sogar Wein und Feigenbäume erfolgreich angepflanzt. Aber in strengen Wintern war die Seine gefroren; und die gewaltigen Eisschollen, welche den Fluss herabtrieben, mochte der Asiate wohl mit den weißen Marmorblöcken vergleichen, welche aus den phrygischen Steinbrüchen gewonnen wurden. Das Lotterleben und die Verderbtheit von Antiochia riefen Iulian immer wieder die strengen und biederen Sitten Lutetias ins Gedächtnis Τὴν φίλην Λευκετίαν (Das geliebte Leuketia), Iulian, Misopogon p. 340. Leucetia oder Lutetia war der antike Name der Stadt, welche nach de Gepflogenheiten des vierten Jahrhunderts die lokale Benennung der Parisii erhielt. , wo Theatervergnügungen unbekannt oder verächtlich waren. Mit Empörung stellte er die verhätschelten Syrier der tapfer-ehrbaren Schlichtheit der Gallier gegenüber und vergaß darüber beinahe ihre Maßlosigkeit, den einzigen Stein des Anstoßes der keltischen Wesensart Iulian, Misopogon p. 359f. . Könnte Iulian heute Paris wieder besuchen, so könnte er sich austauschen mit Männern der Wissenschaft, welche das Griechische verstehen und lehren; er könnte wohl auch die lebendigen und niedlichen Torheiten einer Nation entschuldigen, deren kriegerischer Geist niemals durch Luxus aufgeweicht wurde; und er dürfte wohl jener vollendeten, unschätzbaren Kunst seinen Beifall nicht versagen, mit der ihr gesellschaftliches Leben gemäßigt, verfeinert und verschönert wird. XX URSACHEN UND FOLGEN VON CONSTANTINS ÜBERTRITT ZUM CHRISTENTUM · DIE CHRISTLICHE ODER KATHOLISCHE KIRCHE WIRD STAATSKIRCHE · IHRE VERFASSUNG · DER KLERUS CONSTANTIN TRITT ZUM CHRISTENTUM ÜBER Man kann die gesetzliche Duldung des Christentums unter jene folgenreichen innenpolitischen Ereignisse rechnen, welche noch heute das lebhafteste Interesse hervorrufen und darüber hinaus sehr lehrreich sind. Constantins Siege und seine Innenpolitik haben auf Europa keinen Einfluss mehr; aber noch heute sind auf einem großen Teil des Erdballes die Folgen seines Übertrittes zum Christentum spürbar; und zwischen den kirchlichen Einrichtungen aus seiner Regierungszeit und den religiösen Meinungen, Leidenschaften und Interessen der Gegenwart besteht eine niemals unterbrochene Kontinuität. DAS DATUM DER BEKEHRUNG KONSTANTINS Bei der näheren Untersuchung eines Gegenstandes, dem man sich zwar mit Objektivität, aber nicht mit Gleichmut annähern kann, hat es man es gleich zu Beginn mit einer ganz unerwarteten Schwierigkeit zu tun, nämlich den genauen Zeitpunkt der Konversion Constantins zum Christentum zu bestimmen. Der wortgewandte Höfling Lactantius fiebert danach (A.D.306) Das Erscheinungsdatum der Institutiones Divinae (»Göttliche Unterweisungen«) des Lactantius wurde ausführlich diskutiert, viele Zweifel traten unvermittelt auf, Lösungen wurden vorgeschlagen und man verfiel sogar auf die Hilfskonstruktion zweier Original ausgaben: die erste stammte aus der Zeit der Verfolgung unter Diocletian, die zweite unter der des Licinius. Siehe Dufresnoy, Praefatio Tillemont, Mémoires ecclésiastiques. Band 6, p. 465-470. Lardner, Credibility, Teil 2, Band 7, p. 78-86.Ich für meine Person bin beinahe davon überzeugt, dass Lactantius seine dem Herrscher Gallien gewidmet hat, als Galerius, Maximinus und Licinius die Christen verfolgten; also zwischen den Jahren 306 und 311. , der Welt von dem ruhmreichen Vorbild des Herrschers von Gallien zu berichten; welcher, vom ersten Augenblick seiner Herrschaft, den wahren und einzigen Gott anerkannt und angebetet habe Lactantius, Institutiones 1,1 und 7,27. Der erste und wichtigste Abschnitt fehlt nun allerdings in achtundzwanzig Handschriften, findet sich aber in neunzehn. Wenn wir den Wert dieser Handschriften jedoch gewichten, von denen eine aus der Bibliothek des französischen Königs stammt und 900 Jahre alt ist, dann zählt dies zu Gunsten dieser Stelle; aber der Abschnitt fehlt in der zuverlässigen Handschrift von Bologna, welches nach Pater de Montfaucons Meinung aus dem siebenten Jahrhundert stammt. (Diarium Italicum, p. 409.) Die meisten Herausgeber (ausgenommen Isaeus in der Lactantius Ausgabe von Dufresnoy, Band 1, p. 596) haben den ursprünglichen Stil des Lactantius darin erahnt. . Der gelehrte Eusebius (A.D.312) schrieb Constantins Glauben dem Zeichen zu, welches ihm der Himmel schickte, als er mit seinen italienischen Feldzugsplänen schwanger ging Eusebios, Vita Constantini 1, 27-32 . Zosimos, der Historiker, versichert uns in boshafter Weise, dass der Kaiser seine Hände in das Blut seines ältesten Sohnes getaucht habe, bevor er die Götter Roms und seiner Väter verstieß Zosimos 2,29. . Diese Verwirrung, die die verschiedenen Autoritäten hervorgerufen haben, hat seine Ursache in dem Verhalten des Constantin selbst. (A.D.337) Folgt man dem kirchlichen Sprachgebrauch in aller Strenge, dann hatte der erste der christlichen Kaiser diesen Namen bis zum Augenblick seines Todes gar nicht verdient, denn schließlich wurde ihm erst während seiner letzten Krankheit als Katechumene die Hand aufgelegt Dies geschah bei immer bei erwachsenen Katechumenen (Siehe Bingham, Antiquities, 10, p. 419; Dom Chardon, Histoire des Sacremens, Band 1, p. 62) und bei Constantin zum ersten Male unmittelbar vor seiner Taufe und seinem Tode (Eusebios, Vita Constantini 4,61). Aus diesen beiden Einzeltatsachen hat Valesius (zu Eusebios, ad locum) die Schlussfolgerung gezogen, der sich Tillemont nur unter Widerstreben anschließt (Histoire des emepereurs, Band 4, p. 628) und der Mosheim (de rebus Christianorum, p. 968) mit dürftigen Gründen widerspricht. und er selbst erst danach durch den Taufritus Eusebios, Vita Constantini 4,61-63. Die Legende von Constantins Taufe in Rom dreizehn Jahre vor seinem Tode ist eine Erfindung des achten Jahrhunderts, weil man ein geeignetes Motiv für seine sogenannte Schenkung benötigte. Dies ist also der Fortschritt unserer Erkenntnisse, dass eine Geschichte, die Kardinal Baronius noch ohne Erröten verteidigen konnte (Annales eccclesiastici, A.D. 324, Nr. 43-49) heute nur noch matte – sogar in den Mauern des Vatikan – Fürsprecher hat. Siehe Antiquitates Christianae, Band 2, p. 232, welches Werk des gelehrten Dominikaners 1751 mit sechsfacher Billigung zu Rom verlegt wurde. in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen. Das Christentum des Constantin muss man im umfassenderen und zugleich im abgewandelten Sinne verstehen; und ausnehmende Delikatesse ist gefordert, wenn man des Monarchen langsamem, fast unmerklichem Weg vom Beschützer zum Proselyten der Kirche nachspürt. Es war ihm ein hartes Stück Arbeit, die Gepflogenheiten und Vorurteile seiner Erziehung auszumerzen, die göttliche Natur Christi anzuerkennen und zu begreifen, dass die Wahrheit seiner Offenbarung mit der Anbetung der Götter unvereinbar war. Die Widerstände, die er in sich selbst gespürt haben mag, bestimmten ihn, bei der folgenschweren Veränderung der Landesreligion mit Vorsicht zu Werke zu gehen; und neue Glaubensmeinungen entdeckte er besonders dann in sich, wenn er sie erfolgreich und folgenreich durchsetzen konnte. Während seiner gesamten Regierungszeit floss das Christentum in sanftem, wenn auch sich beschleunigendem Laufe dahin: aber die Klugheit oder höchstwahrscheinlich die Launenhaftigkeit des Monarchen oder zufällige Zeitumstände hielten seinen Strom zuweilen auf oder teilten ihn. (A.D.321) Seinen Ministern gestatte er, die Absichten ihres Meisters in die Sprache zu kleiden, die ihren jeweiligen Tätigkeit am besten entgegenkam Der Quaestor oder Sekretär, der das Gesetz des Codex Theodosianus abfasste, lässt seinen Herren mit Gefasstheit sagen (16,2,1): »hominibus supradictae religionis.« (für Menschen der oben erwähnten Religion), während dem Minister für Kirchenangelegenheiten ein frömmerer und respektvollerer Ton zugestanden war: τῆς ἐνϑέσμου καὶ ἁγιωτάτης καϑολικῆς ϑρησκείας, die gesetzmäßige und heiligste katholische Religion. Siehe Eusebios, Historia ecclesisastica 10,6. ; und er selbst stellte zwischen den Besorgnissen und Hoffnungen seiner Untertanen auf kunstreiche Weise ein Gleichgewicht her, indem er etwa in ein und demselben Jahre zwei Edikte herausgab: das erste machte die Beobachtung des Sonntags Codex Theodosianus 2,8,1; Codex Iustinianus 3,12,3. Constantin nannte den Sonntag dies solis , (»Tag der Sonne«) ein Name, welcher den Ohren seiner heidnischen Untertonen nicht anstößig sein konnte. zur Pflicht, das zweite machte die regelmäßige Konsultation der Haruspices Codex Theodosianus 16,10,1. Gothopfred unternimmt es, in der Maske des Kommentators Constantin zu entschuldigen (Ban 6, p. 257); aber der glaubensfestere Baronius (Annales ecclesiastici, A.D. 321, Nr. 18) tadelt diese weltlichen Aufführungen mit Recht und Strenge. zur Auflage. Während diese wichtige Veränderung vor sich ging, beobachteten die christlichen und heidnischen Untertanen die Maßnahmen ihres Herrschers mit gleichstarker Besorgnis, aber entgegengesetzten Gefühlen. Die Ersteren veranlasste ihr Glaubenseifer und ihre Eitelkeit, die Zeichen seiner Gnade und seiner Glaubensgewissheit zu vergrößern. Die Letzteren waren bemüht, sich und der Welt zu verbergen, dass Roms Götter den Kaiser nicht länger unter ihre Jünger rechnen konnten, bis endlich ihre berechtigten Besorgnisse in Verzweiflung und Hass umgeschlagen waren. Gleiche Leidenschaften und Vorurteile brachten die Schreiber jener Zeit dazu, Partei zu ergreifen und das öffentlichen Bekenntnis zum Christentum zu dem ruhmreichsten beziehungsweise zu dem erbärmlichsten Abschnitt von Constantins Regierung zu ernennen. CONSTANTIN HEIDNISCHER ABERGLAUBE Welche Anzeichen christlicher Gesinnung auch immer aus Constantins Meinungen und Taten geschimmert haben mögen, die offizielle Religion übte er jedenfalls bis in sein vierzigstes Lebensjahr Theodoret (1,18) scheint anzudeuten, dass Helena ihrem Sohn (Constantin) eine christliche Erziehung zuteil werden ließ. aber die größere Autorität des Eusebius versichert uns (Vita Constantini 3,47), dass umgekehrt sie dem Constantin die Kenntnis der Christentums zu danken hat. ; und dasselbe Verhalten, welches man zu Nikomedia auf Rechnung seiner Furcht setzte, konnte dem Herrscher Galliens nur als Neigung oder Politik ausgelegt werden. Seine Freigebigkeit stellte die Tempel der Götter wieder her und verschönerte sie darüber hinaus: die Medaillen aus seiner Münze tragen die Bilder und Attribute von Jupiter und Apollo, Mars und Herkules; und die Pietät des Sohnes vermehrte die Zahl der olympischen Götter durch die feierliche Apotheose seines Vaters Constantius Vergleiche hierzu die Constantin-Medaillen bei Ducange und Banduri. Da nur einige Städte das Münzrecht behalten hatten, stammten fast alle Medaillen der Zeit aus jenen Münzstätten mit kaiserlichem Privileg. . Aber besonders verehrte Constantin den Genius der Sonne, den Apollo der griechischen und römischen Mythologie; und gerne ließ er sich mit den Symbolen dieses Licht- und Dichtungsgottes abbilden. Die unfehlbaren Pfeile dieses Gottes, der Glanz seiner Augen, sein Lorbeerkranz, seine unsterbliche Schönheit, sein anmutsvolles Aussehen machten ihn wie geschaffen zum Schutzgott eines jungen Helden. Die Apollo-Altäre wurden mit den Votivgaben des Constantin geschmückt; und die leichtgläubige Menge ward angehalten zu dem Glauben, dass nur die sterblichen Augen des Kaisers die sichtbare Majestät der Gottheit schauen durften, und dass er, sei es nun im Wachzustand oder während einer Vision, die verheißungsvollen Vorzeichen für eine dauernde und segensreiche Herrschaft geschaut habe. So wurde die Sonne ganz allgemein als die unbesiegliche Beschützerin des Constantin angesehen; die Heiden mochten zu Recht erwarten, dass die erzürnte Gottheit die Treulosigkeit ihres undankbaren Schützlings mit unauslöschlicher Rache verfolgen würde Die Lobrede des Eumenius (Panegyrici 7), welche einige Monate vor Beginn des italienischen Feldzuges gehalten wurde, wimmelt nur so von unanfechtbaren Beweisen für Constantins heidnischen Aberglauben und seine besondere Verehrung von Apollo oder der Sonne. Hierauf spielt auch Julian an (Orationes 7, p. 228), ἀπολείπων σε (dich verlassend). Siehe Spanheims Kommentar, Les Césars, p. 317.. CHRISTEN IN GALLIEN BESCHÜTZT A.D.306-312 Solange Constantin über Gallien seine recht eingeschränkte Herrschaft ausübte, waren seine christlichen Untertanen durch die Autorität und wohl auch durch die Gesetzgebung dieses Herrschers geschützt, welcher klüglich den Göttern anheim stellte, selbst ihre Ehre zu behaupten. Wenn wir Constantins eigenem Zeugnis glauben dürfen, dann hat er nur mit Empörung die räuberische Grausamkeit römischer Soldaten gegenüber solchen Bürgern beobachten können, deren einziges Verbrechen ihre abweichende Religion war Constantinus, Oratio ad sanctos 25. Aber es kann leicht nachgewiesen werden, dass der griechische Übersetzer den Sinn des lateinischen Originals überzeichnet hat; und der betagte Herrscher mag sich an die Verfolgungen des Diocletian mit stärkerem Abscheu erinnern, als er ihn in den Tagen seiner Jugend und seines Heidentums empfunden hatte. . Im Osten und Westen hatte er die unterschiedliche Wirkung von Strenge und Nachgiebigkeit studieren können; und so, wie die Strenge durch die Praktiken des Galerius, seines schlimmsten Feindes, immer abscheulicher wurde, so empfahl sich die Nachgiebigkeit aufgrund des Vorbildes und Rates seines sterbenden Vaters fast von selbst. Der Sohn des Constantius suspendierte unverzüglich die Verfolgungsedikte oder widerrief sie sogar ganz und sicherte allen, die sich als Mitglied der Kirche bekannt hatten, freie und ungestörte Ausübung ihrer Religion zu. Schon bald fühlten sie sich in der Gnade und Gerechtigkeit ihres Herrschers geborgen, hatte dieser doch seinerseits insgeheim aufrichtige Verehrung für den Namen Christi und den Gott der Christen entwickelt Eusebios Historia8,13 und 9,9; Vita Constantini, 1,16 und 17. Lactantius, Institutiones, 1,1. Caecilius (Lactantius) de Mortibus persecutorum, c. 25. . EDIKT VON MAILAND A.D. 313 · FRIEDE MIT DER KIRCHE ERNEUERT Etwa fünf Monate nach der Eroberung Italiens gab der Kaiser seiner Meinung hierüber feierlich und von höchster Stelle Ausdruck durch das berühmte Edikt von Mailand, welches den Frieden mit der katholischen Kirche erneuerte. In einem Gespräch unter vier Augen erhielt Constantins aufstrebender Genius bereitwillige Unterstützung von seinem Kollegen Licinius; mit ihrer beider Namen und Ansehen machten sie das Wüten des Maximinus wirkungslos; und nach dem Tode des Tyrannen aus dem Orient wurde das Edikt von Mailand Lactantius, de Mortibus persecutorum, c. 48 hat das lateinische Original aufbewahrt; und Eusebios, Historia 10,5 hat uns eine griechische Übersetzung dieses immerwährenden Ediktes geliefert, das sich allerdings nur auf ein paar vorläufige Anordnungen bezieht. zum allgemeinen Grundgesetz für die ganze römische Welt. Die Weisheit der beiden Herrscher setzte die Christen wieder in ihre bürgerlichen und religiösen Gerechtsame ein, deren man sie so ganz zu Unrecht entkleidet hatte. So ward denn verfügt, dass Kultstätten und konfiszierter Boden der Kirche zurückerstattet werden sollten, und zwar ohne Debatte, ohne Verzug und ohne Kosten: zusätzlich zu dieser strengen Anordnung gab man noch das erfreuliche Versprechen, dass jeder Besitzer, der vorher einen angemessenen Preis bezahlt hatte, aus dem kaiserlichen Schatz entschädigt werden sollte. Diese heilsamen Regularien, welche den künftigen Frieden der Gläubigen sicherstellen, werden noch flankiert durch das Prinzip einer allgemeinen und gleichen Duldung; und diese Gleichheit muss von der neuentstandenen Sekte als vorteil- und ehrenhafte Unterscheidung aufgefasst worden sein. Die beiden Kaiser verkünden der Welt, dass sie den Christen und allen anderen die freie und unbeschränkte Macht verliehen hätten, dass jeder der Religion folgen dürfe, welcher sich anzuschließen er beschlossen haben möge, welche sein Gemüt an stärksten berührt habe und welche er für den eigenen Gebrauch die geeignetste halte. Jedes unbestimmte Wort wird sorgfältig erklärt, keine Ausnahme wird zugelassen, und sie verlangen von den Provinzstatthaltern strikten Gehorsam gegenüber der schlichten Wahrheit eines Erlasses, welcher dazu bestimmt war, unbedingte religiöse Toleranz einzuführen und sicher zu stellen. Sie lassen auch zwei gewichtige Gründe erkennen, welche sie zu dieser umfassenden Toleranz veranlasst hätten: die menschenfreundliche Absicht, den Frieden und das Glück ihrer Untertanen zu mehren; und die fromme Hoffnung, durch solcherlei Tun die Gottheit zu beschwichtigen und günstig zu stimmen, deren Sitz der Himmel sei. In Dankbarkeit anerkennen sie die vielen deutlichen Zeichen göttlicher Gnade; und die gleiche Vorsehung, so ihre Zuversicht, werde fortfahren, das Wohlergehen des Herrschers und des Volkes zu beschützen. Diese unbestimmten und unscharfen Feststellungen lassen drei unterschiedliche, wenn auch nicht unvereinbare Vermutungen zu: Constantin schwankte wohl immer noch zwischen Heiden- und Christentum. In Übereinstimmung mit den freundlichen Ideen des Polytheismus war für ihn der Gott des Christentums nur einer von vielen anderen Gottheiten, welche die himmlische Hierarchie bildeten. Oder er hatte sich die philosophische und anziehende Vorstellung angeeignet, dass, der Namen, Riten und Glaubensmeinungen ungeachtet, alle Sekten und alle Nationen geeint sind in der Verehrung des gemeinsamen Vaters und Schöpfers des Universums Ein Panegyricus auf Constantin, gehalten sieben oder acht Monate nach dem Mailänder Edikt, (s. Gothofredus, Chronologia legum, p. 7; und Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 246) findet man folgende merkwürdige Wendung: »Summe rerum sator, cuius tot nomina sunt, quot linguas gentium esse voluisti, quem enim te ipse dici velis scire non possumus.« Panegyrici, 9,26. (Höchster Schöpfer aller Dinge, dessen Namen so viele sind, wie viele Sprachen der Völker du möchtest, mit welchem der Namen du selbst genannt zu werden wünschest, können wir nicht wissen.) Bei der Darlegung von Constantins Glaubensfortschritten ist Mosheim einfallsreich, subtil und weitschweifig. . LOB DER CHRISTLICHEN MORAL Aber die Maßregeln von Herrschern orientieren sich eher an kurzfristigem Vorteil als an abstrakten und spekulativen Wahrheiten. Constantins wachsende Parteinahme zu Gunsten der Christen könnte man mit gutem Recht der Wertschätzung zuschreiben, die er für ihre moralischen Prinzipien empfand; und wohl auch seiner Überzeugung, dass die Verbreitung des Evangeliums auch zur Festigung privater und öffentlicher Tugenden beitrage. Welche Freiheiten auch immer ein Alleinherrscher sich selbst herausnimmt, wie nachsichtig er gegenüber seinen eigenen Leidenschaften ist: Es liegt unbestritten in seinem Interesse, dass alle seine Untertanen ihre natürlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen beobachten. Aber die Wirkung noch der besten Gesetze ist unvollkommen und lässt sich nicht ausrechnen. Urheber für Tugend sind sie fast nie, Laster können sie nur selten zurückhalten. Ihre Macht reicht nicht hin, das, was sie verbieten, auch zu verhindern oder gar zu bestrafen. So riefen denn die Gesetzgeber des Altertums die Erziehung und die öffentliche Meinung zur Hilfe. Aber jene Grundsätze, die einst Roms oder Spartas Stärke ausgemacht hatten, waren schon lange in dem verkommenen und despotischen Reich untergegangen. Die Philosophie übte ihre Macht über die Menschen nur noch in Maßen aus, und förderlich für die Sache der die Tugend war der heidnische Aberglaube nur bedingt. Unter derlei entmutigenden Umständen mochte ein kluger Magistrat mit Wohlgefallen den Fortschritt einer Religion bemerken, welche in der Bevölkerung eine reine und wohltätige Ethik verbreitete, die dazu noch auf alle Lebenslagen passte; die sich als Wille und Meinung der höchsten Gottheit darstellte und die durch die Aussicht auf ewige Belohnung oder Strafe zusätzliches Gewicht erhielt. Die Erfahrung mit der griechischen und römischen Geschichte gab der Welt keine Auskunft darüber, ob göttliches Wirken nationale Gepflogenheiten zu bessern und zu heben imstande sei; und Constantin selbst hörte mit einigem Zutrauen auf die eingängigen und wohl auch ganz vernünftigen Zusicherungen des Lactantius. Dieser redebegabte Apologet erwartete zuversichtlich und wagte sogar noch zu versprechen, dass die Etablierung des Christentums die Unschuld und die Glücksumstände der Vorzeit wieder herstellen werde; dass die Verehrung Gottes Krieg und Zwietracht unter denen austilgen müsse, welche sich gegenseitig als Kinder eines Vaters ansähen; dass jedes unsaubere Verlangen, jede zornige oder selbstische Leidenschaft durch die Kenntnis des Evangeliums unterdrückt werde; und dass die Magistrate nicht mit dem Schwerte der Gerechtigkeit dreinzufahren genötigt seien, wenn erst das Volk nur noch durch Wahrheit und Frömmigkeit, durch Billigkeit und Mäßigung, durch Eintracht und durch allumfassende Liebe angeleitet werde Siehe hierzu die anmutige Schilderung des Lactantius, Institutiones 5,8, der sich weitaus konkreter und bestimmter ausdrückt, als es einem klugen Propheten ansteht. . THEORIE DES DULDENDEN GEHORSAMS Der duldende und widerspruchslose Gehorsam, der sich unter das Joch der Obrigkeit oder sogar unter ihren Terror beugt, muss in den Augen eines absoluten Monarchen die erfreulichste und nützlichste aller evangelischen Tugenden gewesen sein Das politische System der Christen wird von Grotius dargelegt, de iure belli et pacis 1, c. 3 und 4. Grortius war ein Republikaner und Exilant, aber seine milde Denkungsart bestimmte ihn, den etablierten Mächten beizutreten. . Für die Urchristen entsprang das weltliche Regiment nicht einer Verabredung unter den Menschen, sondern himmlischem Ratschluss. Der herrschende Kaiser, und hatte er sein Szepter auch durch Verrat und Mord an sich gerissen, erhielt unverzüglich das heilige Gepräge eines Gottes-Vertreters. Nur der Gottheit war er Rechenschaft schuldig für etwaigen Machtmissbrauch; und seine Untertanen waren durch ihren Treueeid unwiderruflich an einen Tyrannen gebunden, auch wenn dieser jedes Natur- und Menschenrecht beleidigte. Der schlichte Christenmensch war ein Lamm, das in eine Welt von Wölfen gestellt war; und da ihnen Gewaltanwendung noch nicht einmal zur Verteidigung ihrer eigenen Religion gestattet war, um wie viel sündhafter wäre es da gewesen, das Blut ihrer Mitbrüder zu vergießen, nur um die eitlen Vorrechte oder erbärmlichen Besitztümer dieses vergänglichen Lebens zu behaupten. Im Glauben an die Doktrin des Apostels, welcher unter Nero die Pflicht zu unbedingtem Gehorsam gepredigt hatte, belasteten die Christen der ersten drei Jahrhunderte ihr Gewissen nicht mit der Schuld einer heimlichen Verschwörung oder offenen Rebellion. Während sie selbst brutaler Verfolgung ausgesetzt waren, fühlten sie sich dennoch nie veranlasst, ihrem Tyrannen in offener Schlacht zu begegnen oder sich empört in irgendwelche abgelegenen und einsamen Winkel des Erdballes zu verkriechen Tertullian, Apologeticum 32 und 34-36. »Tamen nunquam Albiniani, nec Nigriani vel Cassiani inveniri potuerunt Christiani.« Ad Scapulam, c. 2. (Dennoch konnten niemals Christen unter den Anhänger eines Albinus, Niger oder Cassius gefunden werden). Wenn diese Behauptung im wörtlichen Sinne wahr ist, dann hätten Christen jener Zeit niemals militärische Ämter einnehmen können, was sie dann wiederum gezwungen hätte, aktiven Dienst bei ihren jeweiligen Statthaltern zu nehmen. Siehe Moyle, Works, Band 2, p. 349. . Den Protestanten Frankreichs, Deutschlands und Britanniens, die mit unerschüttertem Mut ihre bürgerlichen und religiösen Freiheiten behaupteten, tat man ein Unrecht an, als man in boshafter Weise das Verhalten der Urchristen mit dem ihren verglich Siehe den verschlagenen Bossuet (Hist. des Variations des Eglises Protestantes. Band 3, p. 210-258) sowie den boshaften Bayle, Band 2, p. 620. Ich nenne hier Bayle, denn er war ganz gewiss der Autor von ›Aivi aux refugiés‹; man ziehe hier auch das Dictionnaire Critique de Chauffepié Band 1, Teil 2, p. 145 zu Rate. . Anstelle eines Tadels sollte dem überlegenen Sinnen und Trachten unserer Vorfahren eher Lob zuteil werden, da sie sich überzeugt hielten, dass an der Religion die unveräußerlichen Rechte des Menschen nicht zuschanden gehen dürften Buchanan ist der erste oder doch wenigstens der bekannteste aller Reformatoren, welcher eine Theorie des Widerstandes gerechtfertigt hat. Siehe seinen Dialog de Jure Regni apud Scotos, Opera, Band 2, p. 28 und 30, Folioausgabe. . Vielleicht war die Leidensfähigkeit der Urkirche auch ein Zeichen ihrer Ohnmacht und nicht nur ihrer Tugend. Eine Sekte von unkriegerischen Plebejern ohne Anführer, Waffen oder Festungen hätte bei unbedachter und vergeblicher Gegenwehr gegen den Herren der römischen Legionen unvermeidlich ihren Untergang beschworen. Als aber die Christen durch Gebete den Zorn Diokletians abzuwenden oder Constantins Wohlwollen zu erlangen bemüht waren, konnten sie mit vollem Recht behaupten, dass sie den Grundsatz des leidenden Gehorsams aufrechterhalten hätten und dass ihr Verhalten drei Jahrhunderte lang mit ihren Prinzipien übereingestimmt habe. Sie hätten noch hinzufügen können, dass der Thron des Kaisers auf einem gesicherten und dauernden Fundament ruhen würde, wenn alle Untertanen entsprechend dem christlichen Gebot zu leiden und zu gehorchen lernen würden. DAS GÖTTLICHE RECHT DER KÖNIGE Im Plan der Vorsehung werden Herrscher und Tyrannen als die Diener des Himmels angesehen, deren Aufgabe es ist, die Völker der Erde zu regieren oder zu züchtigen. Aber die biblische Geschichte liefert auch viele bekannte Beispiele dafür, dass die Gottheit noch unmittelbarer in die Regierung des erwählten Volkes eingegriffen hat. Szepter und Schwert wurden in die Hand eines Moses, Josua, Gideon, David und der Makkabäer gelegt; die Tugenden dieser Helden waren das Motiv oder Folge der göttlichen Gunst, das Glück ihrer Waffen aber sollte die Befreiung und den Triumph der Kirche herbeiführen. Waren die Richter von Israel auch nur gelegentlich und dann ephemere Magistrate, so leiteten die Könige von Juda von der Salbung ihres großen Vorgängers ein erbliches und unauslöschliches Recht her, welches durch kein eigenes Verbrechen verwirkt und durch keine Laune ihrer Untertanen zurückgenommen werden konnte. Dieselbe göttliche Vorsehung, die sich mittlerweile nicht nur um das jüdische Volk allein kümmerte, mochte auch den Constantin und seine Familie zum Schutzherren der Christenheit einsetzen; und der fromme Lactantius kündigt mit prophetischer Gebärde die künftige Größe seiner langen und universellen Herrschaft an Lactantius, Institutiones 1,1.Eusebius hat in seinem Geschichtswerk, seinen Reden und seiner Constantin-Biographie das göttliche Recht Constantins auf die Reichsherrschaft wiederholt herausgestellt. . Galerius und Maximinus, Maxentius und Licinius waren Feinde, welche mit dem Günstling des Himmels die Provinzen des Reiches teilen durften. Der tragische Tod von Galerius und Maxentius besänftigte alsbald die Erbitterung und erfüllte die schönsten Erwartungen der Christen. Constantins Erfolg gegen Maxentius und Licinius beseitigte zwei fürchterliche Gegner, welche sich dem Triumph des zweiten David immer noch entgegen stemmten, so dass eine besondere Dazwischenkunft der Vorhersehung erforderlich schien. Das Verhalten des römischen Tyrannen Maxentius war eine Schande für die kaiserliche Stellung und die menschliche Natur; und obwohl sich die Christen seiner schwankenden Gunst erfreuen mochten, blieben sie doch wie alle anderen Untertanen seiner willkürlichen und launischen Grausamkeit ausgeliefert. Licinius verriet schon bald, dass er den klugen und humanen Vereinbarungen des Mailänder Ediktes nur mit Widerstreben beigetreten war. Innerhalb seines Herrschaftsbereiches waren Provinzialsynoden untersagt; seine christlichen Beamten wurden in Schanden entlassen; und wenn er auch nicht die Schuld einer allgemeinen Verfolgung auf sich lud beziehungsweise deren Gefahr vermied, so waren seine gelegentlichen Unterdrückungsmaßnahmen noch schlimmer, da sie eine feierlich und freiwillig getroffene Übereinkunft verletzten Unsere lückenreichen Kenntnisse von der Verfolgung des Licinus sind aus Eusebios ((Historia Ecclesiastica. 10,8; Vita Constantini 1,49-56; 2,1 und 2.) geschöpft. Aurelius Viktor gedenkt seiner Grausamkeiten nur in allgemeinen Redensarten. . Während also der Orient nach dem anschaulichen Bild des Eusebius von höllischer Finsternis umfangen war, wärmten und erleuchteten die glückverheißenden Strahlen des himmlischen Lichtes die Provinzen des Westens. Die Gottesfurcht des Constantin ließ man als einen vollgültigen Beweis für seine gerechte Sache gelten; und so, wie er seinen Sieg ausnutzte, festigte er die Meinung der Christen, dass ihr Held beseelt und angeführt werde vom Herren der himmlischen Heerscharen. Auf die Eroberung Italiens folgte ein allgemeines Toleranzedikt A.D. 324) Und sobald die Niederlage des Licinius Constantin zur Alleinherrschaft über die römische Welt verholfen hatte, ermunterte er alle seine Untertanen durch Rundschreiben, unverzüglich und nach seinem Vorbild die göttliche Wahrheit des Christentums anzunehmen Eusebios, Vita Constantini, 2,24-42 und 48-60. . DER GLAUBENSEIFER DER CHRISTLICHEN FAKTION Die Gewissheit, dass Constantins Erhebung zum Kaiser im innigen Zusammenhang mit den Plänen der Vorsehung stehe, erzeugte in den Gemütern der Christen zwei Auffassungen, welche aus ganz unterschiedlichen Gründen zur Erfüllung der Prophezeiung beitrugen. Ihre aufrichtige und tätige Treue ließ keine erdenkliche menschliche Anstrengung zu seinen Gunsten unversucht; und zuversichtlich erwarteten sie, dass ihrem Bemühen göttliche, wundersame Hilfestellung zuteil werden müsse. Die Feinde Constantins haben dieser nach und nach entstehenden Allianz mit der katholischen Kirche eigennützige Motive unterstellt, trug sie doch nachweislich zum Erfolg seiner ehrgeizigen Pläne bei. Zu Beginn des vierten Jahrhunderts machten die Christen nur einen vernachlässigbaren Teil der Bewohner des Reiches aus; aber unter einer heruntergekommenen Bevölkerung, die den Wechsel an der Spitze mit dem Gleichmut von Sklaven beobachtete, konnte der Geist und der Zusammenhalt einer religiösen Gruppierung einem populären Anführer sehr hilfreich sein, wenn sie ihr Leben und ihr Vermögen aus Überzeugung in seinen Dienst gestellt hatten Am Anfang des letzten (XVII.) Jahrhunderts machten die Papisten Englands nur einen dreißigsten und die Protestanten Frankreichs nur einen fünfzehnten Teil ihrer jeweiligen Nation aus, der ihr Mut und ihr Einfluss eine beständige Quelle des Argwohns waren. Siehe hierzu die Berichte des Bentiviglio (damals Nuntius zu Brüssel, danach Kardinal), die er an den Hof zu Rom sandte. (Relazione, Band 2, p. 211 und 241). Bentivoglio war neugierig und wohlunterrichtet, aber durchaus auch parteiisch. . Das Vorbild seines Vaters hatte Constantin gelehrt, die Verdienste der Christen anzuerkennen und zu belohnen; und bei der Vergabe öffentlicher Ämter festigte er zugleich seine eigene Stellung, da er auf Minister oder Generäle zurückgreifen konnte, auf deren Treue und Zuverlässigkeit er sich bedingungslos verlassen konnte. Durch deren Einfluss müssen sich die Bekenner des neuen Glaubens am Hof und in der Armee rasch vermehrt haben; die Germanen, die in den Legionen hohe Ränge innehatten, waren in diesem Punkte sorglos und fügten sich ohne Murren in den Glauben ihres obersten Befehlshabers; und als sie die Alpen überquerten, hatte auch ein großer Teil der einfachen Soldaten, wie wir mit gutem Grunde annehmen können, ihre Schwert dem Dienst an Christus und Constantin geweiht Diese Gleichgültigkeit der Germanen in Glaubensfragen begegnet uns immer wieder, wenn wir die Bekehrung ihrer einzelnen Stämme verfolgen. Die Legionen des Constantin rekrutierten sich aus Germanen (Zosimus, 2,15); und selbst am Hofe seines Vaters wimmelte es von Christenmenschen. Siehe das erste Buch der Vita Constantini des Eusebios. . Die Gesinnung der übrigen Menschen und selbst ihre Neigung zur Religion milderten allmählich den Schrecken des Krieges und des Blutvergießens, der so lange unter den Christen hergebracht war; und in den Konzilien unter der Schirmherrschaft Constantins wurde zur rechten Zeit die Autorität der Bischöfe bemüht, den militärischen Treueeid zu ratifizieren und alle Soldaten mit der Strafe der Exkommunikation zu bedrohen, welche während des kirchlichen Friedens ihre Waffen fortwürfen »De his qui arma proiiciunt in ›pace‹, placuit eos abstinere a communione.« (Es können diejenigen, die im Frieden ihre Waffen fortwerfen, von der Kommunion ausgeschlossen werden.). Concililium Arelatum, Canon 3. . Während nun Constantin in seinem eigenen Herrschaftsbereich die Zahl und den Eifer seiner gläubigen Anhänger mehrte, konnte er auch in den Provinzen, die seine Rivalen immer noch besaßen oder besetzt hielten, auf die Unterstützung einer starken Faktion rechnen. Heimliches Missvergnügen breitete sich unter den christlichen Untertanen des Maxentius und Licinius aus; und die Abneigung, die zu verbergen der Letztere gar nicht erst den Versuch machte, zog sie nur noch stärker auf die Seite seines Gegners. Der regelmäßige Briefwechsel zwischen den Bischöfen noch der entferntesten Provinzen ermöglichte ihnen den Austausch ihrer Wünsche und Hoffnungen, die ungefährdete Weitergabe von Nachrichten oder von gottgefälliger Beisteuer zum Nutzen Constantins, welcher öffentlich verlautbaren ließ, dass er die Waffen aufgehoben habe, die Kirche zu befreien Eusebios betrachtet den zweiten Bürgerkrieg gegen Licinius stets als eine Art Kreuzzug. Einige christliche Offiziere legten nach Aufforderung durch den Tyrannen wieder ihre zone an, oder, mit anderen Worten, kehrten in den Kriegsdienst zurück. Dieses Verhalten wurde später durch den zwölften Kanon des Konzils von Nicäa verurteilt; wenn man denn diese besondere Stelle so und nicht in dem unbestimmten und allgemeinen Sinne der griechischen Übersetzer Balsamon, Zonaras und Alexis Aristenus auffasst. Siehe Beveridge, Pandectae Ecclesiae Graecae, Band. 1, p.72, und 2, p.78, Fußnote. . DIE STANDARTE Die Begeisterung, welche die Truppen und möglicherweise auch den Kaiser selbst beseelte, schärfte ihre Waffen und erhob ihr Bewusstsein. Sie zogen in die Schlacht mit der Gewissheit, dass derselbe Gott, welcher vormals die Israeliten durch den Jordan geführt hatte und die Mauern von Jericho beim Klange der Posaunen von Josua einstürzen ließ, seine große Macht und Herrlichkeit auch in dem Sieg Constantins an den Tag legen würde. Die Kirchengeschichte steht bereit, den Beweis zu erbringen, dass ihre Erwartungen nicht enttäuscht wurden und jenes berühmte Wunder geschah, welches der Bekehrung des ersten christlichen Herrschers nach übereinstimmender Meinung vorausging. Die tatsächliche oder eingebildete Ursache eines so bedeutungsvollen Ereignisses verlangt nach der forschenden Aufmerksamkeit der Nachwelt; ich will es daher unternehmen, zu einer angemessenen Einschätzung dieser berühmten Vision Constantins zu gelangen, indem ich genau unterscheide zwischen der Standarte , dem Traum und dem himmlischen Zeichen ; indem ich die historische, die natürliche und übernatürliche Seite dieser ungewöhnlichen Erzählung voneinander trenne, welche man, um einen trefflichen Beweis zu erhalten, mit Vorbedacht zu einem einzigen ebenso glanzvollen wie anfechtbaren Ganzen verschmolzen hat. DAS MONOGRAMM CHRISTI I. Ein Folterinstrument, welches man nur gegen Sklaven und Fremde einsetzte, war in den Augen eines römischen Bürgers ein Schrecknis; und die Vorstellung von Schuld, Schmerzen und Schmach waren mit der Vorstellung des Kreuzes unmittelbar verbunden »Nomen ipsum ›crucis‹ absit non modo a corpore civium Romanorum, sed etiam a cogitatione, oculis, auribus.« (Sogar der Name des Kreuzes soll verschwinden, nicht nur aus der Römischen Bürgerschaft, sondern auch aus dem Denken, dem Sehen, dem Hören.) Cicero, pro Rabirio 5. Die christlichen Schreiber Justinus, Minucius Felix, Tertullian, Hieronymus und Maximus von Turin haben mit leidlichem Erfolg die Figur des Kreuzes oder die Ähnlichkeit mit ihm in fast allen Natur- und Kunstgegenständen aufgespürt; etwa an der Schnittstelle von Meridian und Äquator, im menschlichen Gesicht, einem fliegenden Vogel, einem schwimmenden Menschen, einem Mast mit einer Raa, einem Pflug, einer Standarte \&c. \&c. Siehe Lipsius, De cruce 1,9. . Mehr aus Pietät als aus Humanität ließ Constantin alsbald in seinem Herrschaftsbereich die Todesart abschaffen, die der Retter des Menschen auf sich genommen hatte Vergleich hierzu Aurelius Victor, welcher diesen Erlass als ein Beispiel für Constantins Frömmigkeit anführt. Ein für die Christenheit so ehrenhaftes Edikt verdiente sich seinen Platz im Codex des Theodosius und nicht nur eine indirekte Erwähnung, welche sich aus dem Vergleich des 5. und 18. Abschnittes des 9. Buches zu ergeben scheinen. ; aber der Kaiser hatte bereits die Vorurteile seiner Erziehung und des Volkes zu verachten gelernt, bevor er daran denken konnte, in Rom seine eigene Statue mit einem Kreuz in der rechten Hand errichten zu lassen, mit einer Inschrift versehen, welche den Sieg seiner Waffen und die Befreiung Roms dem Wirken jenes heilbringenden Zeichens zuschrieb, dem wahren Symbol von Stärke und Mut Eusebios, Vita Constantini, 1,40. Die Statue, zumindest aber Kreuz und Inschrift sollte man dem zweiten, oder, noch wahrscheinlicher, dem dritten Rombesuch Constantins zuschreiben. Unmittelbar nach der Niederlage des Maxentius waren Senat und Volk von Rom für dieses öffentliche Denkmal wohl noch nicht hinreichend vorbereitet. . Das gleiche Symbol heiligte auch die Waffen von Constantins Kriegern; das Kreuz glitzerte an ihren Helmen, war in ihre Schilde eingeritzt und in ihre Banner eingewoben; und die geweihten Abzeichen des Herrschers unterschieden sich lediglich durch das erlesenere Material und die gediegenere handwerkliche Ausführung »Agnoscas, regina, libens mea signa necesse est; in quibus effigies ›crucis‹ aut gemmata refulget/Aut longis solido ex auro praefertur in hastis./Hoc signo invictus, transmissis Alpibus ultor/Servitium solvit miserabile Constantinus./.... Christus purpureum gemmanti textus in auro/Signabat Labarum, clipeorum insignia Christus/Scripserat; ardebat summis ›crux‹ addita cristis.« (Sieh' unbedingt, Königin, in Huld meine Feldzeichen an: auf ihnen erstrahlt das Bild des Kreuzes, mit Edelstein besetzt,/ oder es wird, aus reinem Gold gefertigt, auf langen Lanzen vorangetragen./ Unbesiegbar in diesem Zeichen, hat Constantinus als Rächer die Alpen überschritten/ und die elende Knechtschaft gelöst./...Christus' Name, in edelsteinbesetztes Gold eingearbeitet,/ bezeichnete das purpurne Labarum, und Christus hatte die Zeichen selbst/ auf die Schilde geschrieben;/das Kreuz funkelte, zuoberst an die Helmbuckel geheftet.) Prudentius, Contra Symmachum 2,464ff und 486ff. . Aber die eigentliche Standarte, welche den Sieg des Kreuzes darstellte, wurde labarum Die Herkunft des Wortes labarum oder laborum , welches Gregor von Nazianz, Ambrosius, Prudentius u.a. verwenden, ist nach wie vor völlig im Dunklen, trotz der vergeblichen gelehrten Anstrengungen, welche das Lateinische, Griechische, Spanische, Keltische, Teutonische, Illyrische, Armenische auf der Suche nach der Etymologie gequält haben. Siehe Ducange, Glossarium ad scriptoresMediae et infimae Latinitatis, Stichwort Labarum, and Gothofred zum Codex. Theodosianus, Band 2, p. 143. genannt, eine ebenso dunkle wie berühmte Bezeichnung, die man aus allen Sprachen der Welt herzuleiten vergeblich bemüht war. Es wird beschrieben als eine lange Lanze mit einem Querholz Eusebios, Vita Constantini, 1, 30f. Baronius (Annales, A.D. 312, No. 26) bringt eine Gravur des Labarums. . In das seidene Tuch, welches von diesem Querholz herabhing, war – merkwürdig genug – das Bildnis des herrschenden Kaisers und seiner Familie eingearbeitet. Auf der Lanzenspitze befand sich eine Goldkrone mit dem geheimnisvollen Monogramm, das zugleich das Kreuz und die Anfangsbuchstaben des Namen Christi darstellte »Transversa X litera, summo capite circumflexo, Christum in scutis notat.« (Bei quergestelltem X und umgebogener Spitze versieht er die Schilde mit dem Zeichen für Christus.) Caecilius de Mortibus 44. Cuper (in der Lactantiusausgabe, Band 2, p. 500) and Baronius (A.D. 312, No. 25). Cuper und Baronius haben nach antiken Vorbildern verschiedene Formen dieser Monogramme stechen lassen welche in der christlichen Welt außerordentlich populär geworden sind. . Das labarum war der Obhut von fünfzig Gardesoldaten von bewährter Tapferkeit und Treue anvertraut; ihre Stellung war besonders ehrenhaft und bot auch andere Vorteile; so kam infolge einiger glücklicher Zufälle bald die Meinung auf, dass die Gardesoldaten, solange sie mit der Bewachung des labarum betraut war, unverwundbar und vor den Pfeilen der Feinde sicher seien. Im zweiten Bürgerkrieg spürte Licinius etwas von der Macht dieses geweihten Banners und lernte sie zu fürchten, da sein Anblick mitten im Schlachtengewühl Constantins Soldaten zu unbezwinglichem Enthusiasmus spornte und zugleich Furcht und Mutlosigkeit in den feindlichen Reihen verbreitete Eusebios, Vita Constantini 2,7-9. Constantin führte das labarum noch vor dem italienischen Feldzug ein; aber es scheint wohl niemals an der Spitze des Heeres gesichtet worden zu sein, bis Constantin zehn Jahre danach sich selbst zum Feinde des Licinius und zum Befreier der Kirche erklärt. . Die christlichen Herrscher ließen nach dem Vorbild des Constantin auf allen Feldzügen die Kreuzstandarte auffahren; als aber die verlotterten Nachfahren eines Theodosius sich nicht mehr in eigener Person an der Spitze ihrer Heere blicken lassen mochten, wurde das labarum als eine ebenso verehrungswürdige wie nutzlose Reliquie im Palast zu Konstantinopel belassen Codex Theodosianus 6,25; Sozomenos 1,2. Theophanes Chronograph. p. 11. Theopanes lebte Ende VIII. Jhdt fast fünfhundert Jahre nach Constantin. Die heutigen Griechen zeigen nicht die Standarte des Reiches und des Christentums auf dem Schlachtfeld. Und wenn sie auch jeden Aberglauben auf die Verteidigungsmittel stützen, so wäre ein Sieges versprechen eine denn doch zu kühne Fiktion für sie. . Auf den Medaillen der flavischen Familie ist es nach wie vor in Ehren. Dankbare Verehrung hat das Monogramm Christi in die Mitte des römischen Wappens gestellt. Feierliche Epitheta wie Sicherheit der Republik, Ruhm des Heeres, Erneuerer des öffentlichen Wohlergehens sind den religiösen und militärischen Trophäen hinzugefügt; und eine Medaille des Kaisers Constantin ist auf uns gekommen, auf welcher dem labarum diese berühmten Worte beigefügt sind: IN DIESEM ZEICHEN SOLLST DU SIEGEN Abbé Duvoisin, Dissertation critique sur la vision de Constantin, p. 103ff, führt einige dieser Münzen an und bezieht sich auf eine eigene Abhandlung von Pater de Grainville zu diesem Thema. . DER TRAUM DES CONSTANTIN II. In allen Fällen von Gefahr und Not pflegten die frühen Christen Gemüt und Leib mit dem Zeichen des Kreuzes zu stärken, dessen sie sich bei allen religiösen Ritualen, bei allen Fährnissen des täglichen Lebens als unfehlbaren Schutz gegen geistliche oder zeitliche Übel bedienten Tertullian, de Corona 3. Athanasios Band1, p.101. Der gelehrte Jesuit Petavius hat zahlreiche Belege für die Kräfte des Kreuzes zusammengetragen, welche in der vorigen Generation unsere protestantischen Kontrahenten verwirrt haben. . Die Autorität der Kirche allein sollte genügen, Constantins frommes Tun zu rechtfertigen, welcher wohlüberlegt und schrittweise die Wahrheit und die Symbolik des Christentums anerkannte. Aber das Zeugnis eines zeitgenössischen Schriftstellers, der in einer früheren Anhandlung sich für die Sache der Religion eingesetzt hat, lässt die Frömmigkeit des Kaisers erhabener und durchgeistigter erscheinen. Er versichert uns mit größter Bestimmtheit, dass in der Nacht vor der Entscheidungsschlacht gegen Maxentius Constantin in einem Traum aufgefordert wurde, auf die Schilde seiner Krieger das himmlische Zeichen Gottes, das heilige Monogramm des Namens Christi anbringen zu lassen; dass er dieser himmlischen Weisung folgte; und dass sein Mut und sein Gehorsam durch einen vollständigen Sieg an der Milvischen Brücke belohnt wurden. Einige Überlegungen könnten nun allerdings ein skeptisches Gemüt veranlassen, der Urteilskraft oder der Glaubwürdigkeit eines Redners zu misstrauen, welcher lediglich aus Glaubenseifer oder aus persönlichem Interesse sich der herrschenden Faktion anschloss Lactantius, de mortibus 44. Es steht fest, dass diese historische Erzählung geschrieben und veröffentlicht wurde, als Licinius, Herrscher des Ostens, mit den Christen und Constantin noch Freundschaft hielt. Jeder Leser von Geschmack muss feststellen, dass der Stil anders und beträchtlich schwächer als der des Lactantius ist, zu welchem Urteil übrigens auch Le Clerc und Lardner kommen. Von den Befürwortern des Lactantius werden drei Argumente vorgetragen, von denen jedes einzelne schwach und unhaltbar ist, aber gemeinsam doch einiges Gewicht erhalten. Ich habe lange geschwankt, würde mich jetzt zögernd dem Colbert Manuskript anschließen und den Autoren Caecilius (wer immer er war) nennen. . Erkennbar hat er seine Darstellung vom Tod der Gegner drei Jahre nach dem Sieg zu Rom in Nikomedia verfasst; aber der Abstand von tausend Meilen und tausend Tagen begünstigt die Erfindungsgabe von Prunkrednern, vergrößert die Leichtgläubigkeit der Parteigänger und das stillschweigende Einverständnis des Herrschers selbst, welcher die wundersame Geschichte mit Wohlgefallen hören mag, die seinen Ruhm zu mehren und seine Absichten zu fördern imstande ist. Im Sinne des Licinius, der damals seine Abneigung gegen die Christen noch verborgen hielt, hält derselbe Autor nämlich auch eine Vision parat, eine Art Gebet, das ihm ein Engel zutrug und das die ganze Armee vor der Schlacht gegen die Legionen des Tyrannen Maximinus wiederholte. Die häufige Wiederholung solcher Wundergeschichten ist geeignet, den gesunden Menschenverstand stutzen zu machen, wenn sie ihn nicht vorher schon eingeschläfert hat Lactantius, de mortibus 46. Einiges spricht für die Ansicht von Herrn de Voltaire, welcher den Triumph des Constantin dem höheren Ruhm zuschreibt, den sein labarum gegenüber Licinius Engel besaß. Doch wird dieser Engel auch von Pagi, Tillemont, Fleury u.a. bereitwillig aufgenommen, da sie begierig sind, ihren Vorrat an Wundern zu mehren. ; betrachten wir den Traum des Constantin jedoch für sich, so lässt er sich leicht mit seiner Politik oder seiner Begeisterung erklären. Während seine Sorge vor dem kommenden Tag, an dem sich immerhin sein und des Reiches Geschick entscheiden sollte, durch einen gelegentlichen, leichten Schlummer aufgehoben wurde, mochte die Gestalt Christi und das allbekannte Symbol seiner Religion sich der Phantasie dieses Herrschers gleichsam mit Gewalt aufdrängen, der den Namen und möglicherweise auch die Macht des Christengottes schon heimlich verehrt hatte. Ebenso bereitwillig mag sich ein durchtriebener Staatsmann einer jener strategischen Finessen oder einer jener frommen Betrügereien bedienen, wie es etwa Philipp oder Sertorius mit soviel Kunstfertigkeit und Erfolg getan haben Neben diesen wohlbekannten Beispielen hat Tollius (im Vorwort zu Boileus Longinus-Übersetzung) noch eine Vision des Antigonos gefunden, welcher seinen Truppen versicherte, er habe ein Pentagon (das Symbol für Sicherheit) gesehen und die Worte gehört: »Hierdurch siege!« Aber Tollius hat in unentschuldbarer Weise seine Quelle nicht genannt, und seine eigene Lauterkeit ist literarisch und moralisch nicht frei von Tadel (s. Chauffepié, Dictionaire critique, Band 4, p. 460). Ohne mich auf das Stillschweigen von Diodor, Plutarch, Iustinus und anderen zu berufen, merke ich hier nur an, das Polyainos, der in einem besonderen Kapitel (4,6) neunzehn Kriegslisten des Antigonos angesammelt hat, von dieser Vision durchaus nichts weiß. . Im Altertum anerkannte man ganz allgemein die übernatürliche Herkunft der Träume, und nicht der kleinste Teil der gallischen Armee war darauf vorbereitet, auf die Wirkmächtigkeit der christlichen Religion zu vertrauen. Die geheime Vision des Constantin konnte ausschließlich durch die Ereignisse widerlegt werden; und der furchtlose Held, der die Alpen und den Apennin überquerte, mochte die Folgen einer Niederlage vor Rom mit matter Geringschätzung betrachten. Senat und Volk von Rom, die über ihre Befreiung von einem verhassten Tyrannen jauchzten, gaben bereitwillig zu, dass Constantins Sieg das Menschenmögliche übersteige, zögerten aber anzuerkennen, dass er dem Wirken der Götter zuzuschreiben sei. Der Triumphbogen, der drei Jahre nach dem Ereignis errichtet wurde, deutet in dunklen Worten an, dass Constantin mit Hilfe seiner eigenen Geisteskräfte und aufgrund einer Anregung oder eines Impulses durch die Gottheit die römische Republik gerettet und gerächt habe »Instinctu Divinitatis, mentis magnitudine.« (Durch Antrieb der Gottheit und Größe des Geistes). Die von Baronius und Gruter abgedruckte Inschrift können alle interessierten Touristen noch heute in Augenschein nehmen. . Der heidnische Redner, der schon bei früherer Gelegenheit die Tugenden seines Kaisers zu rühmen nicht angestanden hatte, mutmaßt, dass er allein in geheimer, enger Beziehung zum Höchsten Sein stehe, welcher die Sorge für die Sterblichen an eine nachgeordnete Gottheit delegiere; was ein höchst einleuchtender Grund dafür sei, dass Constantins Untertanen sich der neuen Religion ihres Herrschers anzuschließen Bedenken trügen Habes profecto aliquid cum illa mente Divina secretum; quae delegata nostra Diis Minoribus cura uni se tibi dignatur ostendere. Panegyrici 9,2. (Wahrlich hast du ein Geheimnis mit jenem göttlichen Geiste gemein, welcher die Sorge für uns den kleineren Göttern aufgetragen hat und nur dich für wert hält, sich zu zeigen). . DAS ERSCHEINEN VON VORZEICHEN AM HIMMEL III. Der Philosoph, der mit kaltem Verstand die Träume und Omen, die Wunder und Vorzeichen aus der Profan- und selbst noch der Kirchengeschichte untersucht, wird vermutlich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass, wenn die Augen der Zuschauer zuweilen getäuscht worden seien, der Verstand des Leser noch sehr viel öfter durch Erfindung gefoppt worden ist. Jedes Ereignis, jede Erscheinung, jeder Zufall, der in irgendeiner Weise von normalen Gang der Natur abweicht, wird vorschnell dem unmittelbaren Eingreifen der Gottheit zugeschrieben; und die leicht entzündete Phantasie des Publikums hat ungewöhnlichen Lufterscheinungen immer mal wieder Form und Farbe, Lautäußerungen und Bewegung zugeschrieben Herr Freret (Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 4, p. 411-437), führt viele Wundererscheinungen der Antike auf natürliche Ursachen zurück, und der von beiden Parteien attackiert wird, versucht vergebens, Constantins Himmelskreuz zu einer Art Sonnenhalo zu machen. (Bibliotheca Graeca, Band 6, p. 8-29. . Nazarius und Eusebius sind die beiden berühmtesten Redner, die in ausgefeilten Lobreden Constantins Ruhm zu mehren trachteten. Neun Jahre nach dem Sieg bei Rom beschreibt Nazarius Nazarius, Panegyrici 10,14 und 15. Es erübrigt sich wohl, die Namen der Modernen zu nennen, deren allesverschlingende Gefräßigkeit selbst diesen heidnischen Köder des Nazarius geschluckt hat. eine Armee von himmlischen Kriegern, welche vom Himmel herab zu stürzen scheinen: er beschreibt ihre Schönheit, ihren Geist, ihre Riesengröße, das Licht, welches ihren himmlischen Waffen entströmte und die Geduld, die sie aufbrachten, um sich den Sterblichen sichtbar und hörbar zu machen; und schließlich ihre Ankündigung, dass sie gesandt seien, dass sie eilten, die Sache des großen Constantin zu fördern. Zum Beweis der Wahrheit bietet der heidnische Redner die ganze gallische Nation als Zeugen auf, in deren Gegenwart er damals sprach; und scheint zu hoffen, dass die früheren Wunderzeichen Die Erscheinung von Kastor und Pollux, besonders wenn sie den Sieg der Makedonier ankündigten, wird durch Historiker und Denkmäler bekräftigt. Siehe Cicero de Natura Deorum, 2,2; 3, 5 und 6; Florus, 2,12; Valerius Maximus, 1,8,1. Das jüngste dieser wunder indessen wird von Livius (45,1) ausgelassen und somit indirekt in Anrede gestellt. in der Gegenwart Glauben finden würde. Die christliche Version des Eusebius, die sich im Abstand von sechsundzwanzig Jahren aus dem Original-Traum entwickelt haben mag, kommt weitaus gediegener und eleganter daher (A.D. 338). Auf einem seiner Märsche, so wird erzählt, habe Constantin mit eigenen Augen das Kreuz als glänzendes Siegeszeichen gesehen, oberhalb der Mittagssonne und mit der Inschrift: IN DIESEM ZEICHEN SIEGE! Dieses stupende Himmelszeichen setzte das ganze Heer in Erstaunen, insgleichen den Kaiser, welcher damals noch um die rechte Religion mit sich rang; aber die Vision der folgenden Nacht verwandelte seine Verwunderung in Glaubensgewissheit. Christus erschien vor seinen Augen; und während er ihm das gleiche himmlische Kreuzeszeichen darbot, gab er Constantin Weisung, eine ähnliche Standarte fertigen zu lassen und – mit der Zusicherung eines Sieges gegen Maxentius und seine übrigen Feinde – zu marschieren Eusebios, Vita Constantini 1,28-30. Dass derselbe Eusebios in seiner Kirchengeschichte an dieser Stelle Stillschweigen beobachtet, ist für alle Befürworter des Wunders, die noch nicht völlig kritiklos sind, sehr bedenklich. . Der gelehrte Bischof von Caesarea scheint des inne zu werden, das seine jüngste Entdeckung dieses Wunders gerade bei den frömmsten seiner Leser Verwirrung und Misstrauen zu erwecken geeignet sein könnte. Aber anstelle nun die genauen Begleitumstände sowie Ort und Zeit preiszugeben, was immer nützlich ist, die Wahrheit zu festigen und die Lüge zu entlarven Aus der Erzählung des Constantin scheint hervorzugehen, dass er das Kreuz am Himmel auf seinem Marsch gegen Maxentius vor seiner Alpenüberquerung sah. Hinterwäldlerische Eitelkeit hat die Szene bald nach Trier, bald nach Besançon \&c verlegt. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 573. ; anstelle die Aussagen noch lebender Augenzeugen einzuholen, die dieses Wunder ja auch gesehen haben müssen Der fromme Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 7, p. 1317) weist mit einem Seufzer die hilfreiche Akte des Artemius zurück, welcher, ein Veteran und Märtyrer, als Augenzeuge die Vision des Constantin bestätigt. , begnügt sich Eusebius damit, einen einzigen äußerst befremdlichen Beweis anzuführen: nämlich die Aussage des verstorbenen Constantin, welcher viele Jahre nach dem Ereignis ihm in lockerer Unterhaltung dieses außergewöhnliche Vorkommnis erzählt und den Wahrheitsgehalt durch einen feierlichen Eid bekräftigt habe. Die Klugheit und Anhänglichkeit verboten es unserem Gottesgelahrten, die Wahrheitsliebe seines siegreichen Herren in Frage zu stellen; allerdings gibt er bereitwillig zu, dass er bei einer Angelegenheit von solcher Bedeutung ein Zeugnis von geringerem Gewicht würde zurückgewiesen haben. Derartige Motive und solche Leichtgläubigkeit konnten nicht länger am Leben bleiben als die Dynastie der Flavier; und das himmlische Zeichen, welches die Ungläubigen hernach verspotten mochten Gelasios von Kyzikos in den Akten des Konzils von Nicaea, Buch 1, c. 4. , wurde ebenfalls von den Christen verachtet, welche in der Zeit nach Constantins Bekehrung lebten Die Befürworter der Vision sind außerstande, auch nur ein einziges Zeugnis aus den Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts beizubringen, welche in ihren voluminösen Schriften den Triumph der Kirche und des Constantin zu rühmen nicht müde werden. Da diese respektablen Männer Wundern durchaus nicht abgeneigt sind, können wir vermuten (und unser Verdacht wird durch die Unwissenheit des Hieronymus noch genährt), dass sie allesamt Eusebios' Lebensbeschreibung des Constantin nicht kannten. Dieser Text wurde erst wiederentdeckt durch die Sorgfalt derer, die seine Kirchengeschichte fortgesetzt, übersetzt und die Kreuzesvision in unterschiedlichsten Farben dargestellt haben. . Aber die katholische Kirche des Westens und des Ostens hat sich ein Wunder zu Eigen gemacht, welches der populären Verehrung des Kreuzes Vorschub leistet oder zumindest zu leisten scheint. So behielt Constantins Vision in der Überlieferung des Aberglaubens einen bevorzugten Platz, bis endlich der kühne und scharfsinnige Geist der Kritik sich traute, den Triumph des ersten christlichen Kaisers zu schmälern und seine Wahrheitsliebe zu bezweifeln Gothofedus war der Erste, welche 1643 (in dn Anmerkungen seiner Philostorgos-Ausgabe, Buch 1, c.6, p. 16) Zweifel an einem Wunder äußerte, welches mit vergleichbarem Eifer von Kardinal Baronius und den Centuriatoren von Magdeburg verteidigt wurde. Seither sind zahlreiche protestantische Gelehrte der Seite des Zweifels und Unglaubens beigetreten. Die Gegenargumente werden mit großem Nachdruck von Herrn Chauffepié (Dictionnaire critique, Band 4, p.6-11) vorgetragen, und im Jahre 1774 hat der Abbé Duvoisin, ein Doktor der Sorbonne, eine Verteidigungsschrift publiziert, die sich durch Gelehrsamkeit und Zurückhaltung auszeichnet. . NEUE SEKTENPREDIGER AM HOF WILLKOMMEN Der protestantische und der philosophisch veranlagte Leser der Gegenwart wird der Auffassung zuneigen, dass Constantin im Zusammenhang mit seiner eigenen Bekehrung eine vorsätzliche Lüge durch einen feierlichen und wohlerwogenen Meineid bekräftigt habe. Sie werden nicht anstehen zu behaupten, dass bei der Wahl seiner Religion er sich lediglich durch persönliche Interessen habe leiten lassen und dass er (so drückt es jedenfalls ein weltlicher Dichter aus Lors Constantin dit ces propres paroles: J'ai renverse le culte des idoles: Sur les debris de leurs temples fumants Au Dieu du Ciel j'ai prodigue l'encens. Mais tous mes soins pour sa grandeur supreme N'eurent jamais d'autre objet que moimeme; Les saints autels n'etoient a mes regards Qu'un marchepie du trone des Cesars. L'ambition, la fureur, les delices Etoient mes dieux, avoient mes sacrifices. L'or des Chretiens, leurs intrigues, leur sang Ont cimente ma fortune et mon rang. Das Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen, kann man vielleicht mit Genuss lesen, aber nicht mit Anstand anführen. (Es handelt sich um das komische Epos ›La Pucelle d'Orleans‹, 5. Gesang, von Voltaire.) ) den Altar als bequemen Fußschemel für den Thron des Reiches benutzt habe. Eine derartig derbe und vernichtende Folgerung wird nun allerdings durch unsere Kenntnis der Menschennatur, Constantins oder des Christentums nicht getragen. Selbst die ränkefreudigsten Staatsmänner werden in einem Zeitalter religiöser Hitzewallungen von der Begeisterung, die sie zu entfachen versuchen, gelegentlich selbst angesteckt; und noch die strenggläubigsten Heiligen nehmen für sich das Recht in Anspruch, ihre Wahrheit mit den Waffen der Lüge und des Trugs zu fördern. Persönliches Interesse leitet unseren Glauben und unsere Religionsausübung oft genug; und die gleiche Suche nach irdischem Vorteil, welche das öffentliche Auftreten Constantins beeinflusst haben mag, könnte ihn auch bewogen haben, sich dieser Religion anzuschließen, welche seinem Ruhm und seinem Geschick so günstig war. Seiner Eitelkeit schmeichelte die angenehme Gewissheit, dass der Himmel ihn zur Herrschaft über den Erdkreis erkiest habe; sein Anspruch auf den Thron war durch Erfolg gerechtfertigt, und damit beruhte sein Anspruch auf der Wahrheit der christlichen Offenbarung. So wie wahre Tugend oft erst durch unverdienten Beifall sich entwickelt, so mag die oberflächliche Frömmigkeit des Constantin, wenn sie denn oberflächlich war, aufgrund von Lob, Gewohnheit und Vorbildern zu echter Frömmigkeit emporgereift sein. Die Bischöfe und die Verkünder des neuen Glaubens, deren äußeres Erscheinungsbild und Auftreten sie nicht für einen Aufenthalt bei Hofe qualifizierten, wurden gleichwohl zu Tische geladen; auch begleiteten sie den Herrscher auf seinen Feldzügen; und dass einer von ihnen, ein Ägypter oder ein Spanier Dieser Günstling war wohl der berühmte Orosius, Bischof von Cordoba, welcher die pastorale Sorge über die ganze Kirche der Leitung einer bestimmten Diözese vorzog. Athanasius beschreibt seinen Charakter (Band 1, p. 703) in großen, aber knappen Worten. Siehe Tillemont, Mémoires eccléstiastiques, Band 7, p. 524-561. Ossius wurde, vermutlich zu Unrecht, beschuldigt, dass er sich vom Hof im Besitze eines beträchtlichen Vermögens zurückgezogen habe. , über ihn wachsenden Einfluss gewann, führten die Heiden auf höhere Magie zurück Siehe Eusebios, Vita Constantini, passim und Zosimos 2,29. . Lactantius, der die Vorschriften des Evangeliums mit der Beredsamkeit eines Cicero Das Christentum des Lactantius war wohl eher moralischer als mystischer Natur. »Erat paene rudis (sagt der orthodoxe Bull) disciplinae Christianae, et in rhetorica melius quam in theologia versatus.« Defensio Fidei Nicenae, Sektion 2, c.14. (Er wusste von christlichen Glaubenslehren nahezu nichts, und in der Rhetorik war er besser bewandert als in der Theologie.) schmückte und Eusebius, der die Gelehrsamkeit und philosophische Tiefe des Griechentums in den Dienst der Religion Fabricius hat mit der ihm eigenen Sorgfalt zwischen drei- und vierhundert Autoren zusammengestellt, die in der Praeparatio evangelica des Eusebios zitiert werden. Siehe auch die Bibliotheca graeca, Band 6, p. 37-56. gestellt hatte, pflegten beide freundschaftlichen und vertrauten Umgang mit ihrem Kaiser: Und diese geübten Meister des Gesprächs konnten mit Geduld auf die entscheidenden und fruchtbringenden Momente warten und dann geschickt die Argumente vortragen, denen sein Verständnis gewachsen war. Welcher Vorteil auch immer darin liegen mochte, einen Kaiser zum Proselyten zu machen, er war nun mal durch den Purpur und nicht durch höhere Weisheit oder Einsicht vor den vielen tausend Untertanen ausgezeichnet, die sich bereits die Lehrsätze des Christentums angeeignet hatten. Auch klingt es für uns durchaus plausibel, dass das schlichte Gemüt eines ungebildeten Kriegers sich unter dem Gewicht der Beweise sollte gebeugt haben, welches im Zeitalter der Aufklärung selbst einen Grotius, einen Pascal oder einen Locke überzeugt oder sogar niedergeworfen hat. Inmitten großer Vorhaben verwendete dieser Soldat die Nachtstunden darauf – oder bemühte sich zumindest darum –, die Heiligen Schriften und theologischen Abhandlungen zu studieren; wovon er später in Gegenwart eines zahlreichen und begeisterten Publikums berichtete. In einer sehr umfangreichen Abhandlung, die heute noch existiert, erörtert der kaiserliche Priester weitläufig die verschiedenen Beweise für die Religion; besonders aber geht er auf die sybillinischen Verse Siehe Constantin, Oratio ad Sanctos, c. 19,20. Er ist besonders einem geheimnisvollen Akrostichon zugetan, welches im sechsten Zeitalter nach der Sintflut von der erytreischen Sybille verfasst und von Cicero ins Lateinische übertragen wurde. Die Anfangsbuchstaben der vierunddreißig griechischen Verse bilden diesen prophetischen Satz: JESUS CHRISTUS, SOHN GOTTES, RETTER DER WELT. und die vierte Ekloge des Vergil ein In seiner Paraphrase zu Vergils Ekloge ist der Kaiser zuweilen dem lateinischen Text beigesprungen und hat den wörtlichen Sinn verbessert. Siehe Blondel, Des Sibylles, Buch 1, c. 14-16. . VERGEILS VIERTE EKLOGE Vierzig Jahre vor der Geburt Christi hat dieser Barde aus Mantua, als sei er durch Jesajas himmlische Muse inspiriert, mit aller orientalischen Metaphernfreudigkeit die Rückkehr der Jungfrau gefeiert, den Fall der Schlange, die bevorstehende Geburt des göttlichen Kindes, dem Sprössling des großen Jupiter, der die Schuld der Menschheit tilgen und die befriedete Welt mit den Tugenden seines Vaters regieren werde; die Entstehung und Ausbreitung eines himmlischen Geschlechtes; und die allmähliche Wiederherstellung der Unschuld und Glückseligkeit des Goldenen Zeitalters. Vermutlich war sich der Dichter der geheimen Bedeutung und des Gegenstandes seiner erhabenen Prophezeiung gar nicht bewusst, welche man so vordergründig auf den Sohn eines Konsul oder Triumvirn Die verschiedenen Ansprüche eines älteren und jüngeren Sohnes des Pollio, der Julia, des Drusus, des Marcellus passen entweder chronologisch oder mit Vergils gesundem Menschenverstand nicht zusammen. beziehen wollte: Wenn aber eine schönere und in der Tat gefällige Deutung der vierten Ekloge zu der Bekehrung des ersten christlichen Kaisers Anlass gegeben hatte, dann so dürfen wir Vergil unter die erfolgreichsten Missionare des Evangeliums zählen Siehe Lowth, de Sacra Poesi Hebraeorum Praelectiones, 21, p. 289-293. Der edelachtbare Bischof von London hat bei der Auslegung von Vergils vierter Ekloge Gelehrsamkeit, Geschmack, Scharfsinn und eine gezügelte Begeisterung bewährt, was seine Einbildungskraft gemehrt hat, ohne seine Urteilskraft zu mindern. . CONSTANTINS TAUFE Die ehrwürdigen Mysterien des Christenglaubens und der Anbetung wurden vor den Fremden und selbst noch vor den Katechumenen mit berechneter Heimlichtuerei verborgen gehalten, was naturgemäß deren Staunen und Neugierde hervorrief Der Unterschied zwischen den öffentlichen und geheimen Teilen des Gottesdienstes – der missa catechumonorum und der missa fidelium – sowie der Schleier des Geheimnisvollen, den Frömmigkeit oder Politik über letzteren gebreitet haben, wird von Thiers (Exposition du St. Sacrament) sehr verständig erklärt; da man aber bei derlei Fragen den Papisten mit berechtigtem Misstrauen begegnen mag, wird ein Leser protestantischen Bekenntnisses eher auf den gelehrten Bingham, Christian antiquities, Buch 10, c.5, zurückgreifen. . Aber die gestrenge Kirchenzucht, die die Bischöfe mit Vorbedacht aufgestellt hatten, erfuhren in gleicher Weise Lockerung, auf dass der kaiserliche Proselyt, den es unbedingt zu gewinnen galt, durch jenes elastische Nachgeben in den Schoß der Kirche gezogen werde; und so gestattete man es Constantin zumindest stillschweigend, sich der meisten Privilegien des Christentums zu erfreuen, bevor er sich auch nur einige seiner Verpflichtungen aufgeladen hatte. Keineswegs etwa zog er sich aus den Gemeindeversammlungen zurück, wenn die Stimme des Diakons die übrige Menge entließ, sondern er betete noch mit den Glaubensstarken, führte Dispute mit den Bischöfen, predigte selbst zu den erhabensten und schwierigsten Gegenständen der Theologie, beging im festlichen Rahmen die Ostervigilien und nannte sich öffentlich nicht nur einen Teilhaber, sondern in gewissem Sinne auch einen Priester, ja Hierophanten der christlichen Mysterien Siehe Eusebios, Vita Constantini 4,15-32 sowie den ganzen Inhalt von Constantins Predigt. Glaube und Frömmigkeit des Kaisers haben dem Baronius fadenscheinige Beweisgründe für eine frühe Taufe geliefert. . Eine außerordentliche Bevorzugung mochte Constantins Stolz wohl beanspruchen, und seine Leistungen hatten sie auch verdient: Strenge zur Unzeit hätte die zarte Pflanze seines neuen Glaubens verkümmern lassen; und wären die Kirchentüren dem Herrscher verschlossen geblieben, welcher den Altären der alten Götter den Rücken gekehrt hatte, dann wäre der Herrscher über das Erdenrund bar jeder Möglichkeit zur religiösen Betätigung gewesen. Bei seinem letzten Besuch in Rom schwor er gleichsam dem Aberglauben seiner Väter ab, indem er sich weigerte, die militärische Prozession der Ritterschaft anzuführen und dem Kapitolinischen Jupiter die öffentlichen Gelübde abzulegen Zosimos, 2,29. . Viele Jahre vor seiner Taufe und seinem Tode hatte Constantin die Welt wissen lassen, dass weder er noch sein Standbild jemals wieder in einem Götzentempel zu sehen sein würden; zugleich kamen in den Provinzen verschiedene Medaillen in Umlauf, welche den Kaiser in der bittenden und demütigen Haltung der Christen darstellten Eusebios, Vita Constantini, 4,15f. . CONSTANTINS TAUFE KURZ VOR DEM TOD Constantins stolze Weigerung, die Rechte eines Katechumenen anzunehmen, lässt sich nicht ohne weiteres erklären oder entschuldigen. Der späte Zeitpunkt seiner Taufe jedoch erklärt sich aus den Gepflogenheiten der antiken Kirche. Das Sakrament der Taufe Theorie und Praxis des Taufsakramentes in der Antike haben gründlich erläutert: Dom Chardon, Histoire des sacraments, Band 1, p. 3-405; Dom Martenne, de ritibus ecclesiae antiquis, Band 1 und Bingham im 10. Und 11. Buch seiner Christian antiquities. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der modernen und der antiken Kirche sei hier angemerkt: Auf das Sakrament der Taufe folgte unmittelbar die Konfirmation und die heilige Kommunion. wurde in der Hauptkirche der Diözese vom Bischof selbst unter Assistenz der Geistlichkeit erteilt, und zwar während der fünfzig Tage zwischen den hohen Osterfeiertagen und Pfingsten; diese heilige Zeit führte dem Schoße der Kirche ungezählte Kinder und Erwachsene zu. Die Bedenken der Eltern schoben die Taufe der Kinder auf, bis sie die Verpflichtungen, auf die sie sich einließen, überhaupt verstehen konnten; die strenge Observanz der Bischöfe verlangte von den neuen Konvertiten eine Probezeit von zwei oder drei Jahren; und die Katechumenen selbst drängten aus Gründen weltlicher oder geistiger Natur nur selten darnach, sich den Charakter eines vollendeten oder initiierten Christen zuzulegen. Das Sakrament der Taufe bewirkte nämlich, so die Auffassung, vollständige und unwiderrufliche Tilgung der Sünde; die Seele wurde in den Zustand ihrer ursprünglichen Reinheit versetzt und erhielt das Versprechen ewigen Heils. Unter den Proselyten des Christentums gab es deren viele, die es schlechthin für unklug hielten, sich einem heilsbringenden Ritus zu unterwerfen, der nicht wiederholt werden konnte, mithin ein unschätzbares Privileg fortzuwerfen, welches sie nie wieder in ihren Besitz bringen konnte. Verschoben sie die Taufe, so konnten sie sich unbeschwert den angenehmen Seiten des Lebens zuwenden und darüberhinaus das Mittel zu bequemer und zuverlässiger Errettung in den Händen behalten Die Kirchenväter, die diesen strafwürdigen Verzug rügten, konnten andererseits nicht einmal die sichere und siegreiche Wirkung der Taufe auf dem Totenbett abstreiten. Die erfindungsreiche Rhetorik eines Chrysostomos konnte lediglich drei Argumente gegen diese klügelnden Christenmenschen ersinnen: 1. Dass wir Tugend um ihrer selbst willen lieben und nach ihr streben sollten. 2. Dass uns der Tod auch ohne vorherige Taufe überraschen könne. 3. Dass wir, wenn wir auch im Himmel aufgenommen würden, dennoch nur wie kleine Sterne funkeln würden, verglichen mit jenen Sonnen der Gerechten, die ihren vorgegebenen Weg mit Anstrengung, Erfolg und Ruhm gegangen waren. Chrysostomos, Epistulae ad Hebraeos, Homiliae 13 in: Chardon, Histoire des Sacremens, Band 1, p.49. Ich glaube, dass diese verspätete Taufe, obschon mit den übelsten Folgen bedroht, niemals durch eine allgemeine oder Provinzialsynode oder durch ein öffentliches Machtwort der Kirche verurteilt worden ist. Der Glaubenseifer der Bischöfe entflammte schon bei banaleren Anlässen. . Die erhabenen Inhalte der Evangelien hatten auf das Gemüt des Constantin erheblich weniger Eindruck gemacht als auf seinen Verstand. Er hatte das große Ziel seines Ehrgeizes durch die Nacht von Krieg und Ränken verfolgt; und nach seinem Sieg überließ er sich bedenkenlos der Ausbeutung seines Glücks. Anstelle dass er seine Überlegenheit über den bemühten Heldensinn und die Diesseitsphilosophie eines Trajan und der Antonine geltend gemacht hätte, verspielte das reife Alter des Constantin die Reputation, die er in seinen jungen Jahren aufgebaut hatte. Als er sich dann nach und nach in den Besitz der Wahrheit brachte, ging es mit der praktischen Ausübung von Tugend bergab; und dasselbe Regierungsjahr, in welchem er das Konzil von Nicaea einberief, verdunkelte er durch die Hinrichtung, oder besser: die Ermordung seines ältesten Sohnes. Dieses Datum allein reicht bereits aus, die ignorante und bösartige Unterstellung des Zosimos Zosimos 2,29. Für diese niederträchtige Verleumdung hat er die bitterste Kritik der Kirchenschriftsteller verdient und auch eingesteckt, mit Ausnahme von Kardinal Baronius (A.D. Nr. 15-28), welcher hier eine Gelegenheit ergriff, diesen Ungläubigen zu einem Dienst der besonderen Art gegen den Arianer Eusebios zu missbrauchen. zurückzuweisen, welcher uns einreden will, nach dem Tode des Crispus habe die Reue des Vaters von den Dienern des Christentums jene Sündentilgung erlangt, welche er von den heidnischen Priestern vergeblich erfleht habe. Zum Zeitpunkt des Todes von Crispus konnte der Kaiser mit der Wahl einer Religion nicht länger warten; er konnte sich nicht länger der Einsicht verschließen, dass die Kirche über ein unfehlbares Heilmittel verfügte, wenn er auch zunächst dessen Anwendung hinausschob, bis schließlich sein bevorstehendes Ende die Gefahr einer Versuchung und eines Rückfalles beseitigten. Die Bischöfe, die er nach dem Ausbruch seiner letzten Krankheit in Nikomedia zusammenkommen ließ, waren erbaut über die Dringlichkeit, mit der es ihm nach der dem Sakrament der Taufe verlangte, wobei er zugleich ernstlich versicherte, dass er sich für sein verbleibendes Leben als ein würdiger Jünger Christi erweisen werde und es überdies bescheiden ablehnte, den Kaiserpurpur zu tragen, nachdem er das weiße Kleid des Neugetauften angelegt hatte. Durch das Vorbild und das Ansehen Constantins schien diese verspätete Taufe gerechtfertigt zu sein Siehe Eusebios, Vita Constantini 4, 61-63. Der Bischof von Caesarea glaubt mit unerschütterter Zuversicht an das Seelenheil von Constantin. . Spätere Tyrannen jedenfalls fühlten sich ermutigt zu dem Glauben, dass das unschuldige Blut, das sie im Laufe einer langen Regierungszeit vergossen haben mochten, durch das Wasser der Wiedergeburt fortgewaschen werde; und so unterhöhlte der Missbrauch der Religion die Grundlagen der Moral. AUSBREITUNG DES CHRISTENTUMS Die Dankbarkeit der Kirche hat die Tugenden des selbstlosen Schutzherren vergrößert und seine Verfehlungen entschuldigt, platzierte er doch das Christentum auf dem Thron der römischen Welt; und die Griechen, welche das Fest des kaiserlichen Heiligen begehen, verfehlen nur selten, den Namen Constantins ohne den Titel der Apostelgleiche zu nennen Siehe Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 329 Die Griechen, die Russen und, in den dunklen Jahrhunderten, auch die Lateiner selbst waren bestrebt, Constantin im Verzeichnis der Heiligen einen Platz zuzuweisen. . Dieser Vergleich, wenn er denn eine Anspielung auf die Eigenschaften jener göttlichen Missionare ist, muss auf Rechnung einer nachgerade blasphemischen Schmeichelei gesetzt werden. Bezieht sich die Parallele jedoch auf Größe und Anzahl der Siege für das Evangelium, dann hält der Erfolg des Constantin einen Vergleich mit dem der Apostel aus. Mit Hilfe der Toleranzedikte beseitigte er die irdischen Hindernisse, die dem Fortschritt des Christentums entgegenstanden; und dessen zahlreiche und umtriebige Diener erhielten weitherzige Erlaubnis und reichliche Ermunterung, die heilsamen Wahrheiten des geoffenbarten Wortes auf jede Weise zu empfehlen, wenn es denn nur Herz und Verstand der Menschen erreichte. Der Ausgleich zwischen den beiden Religionen bestand nur für kurze Zeit; bald schon entdeckten Ehrgeiz und Habsucht, dass das Bekenntnis zum Christentum dem diesseitigen wie dem künftigen Leben förderlich sei Vergleich hierzu das dritte und vierte Buch seiner Lebensbeschreibung. Er pflegte zu sagen, dass er, ob Christus nun zum Schein oder aufrichtig verkündet werde, er sich dessen dennoch stets freue. Eusebios, Vita Constantinii 3,58. . Die Aussicht auf Wohlstand oder Ehrenstellungen, das Vorbild des Kaisers, seine unwiderstehliche Gunst, des alles verfehlte nicht, die käufliche und servile Massen zu gewinnen, die sich auch sonst in den Palasträumen drängelte. Die Städte, welche vorauseilenden Glaubenseifer zu erkennen gaben und freiwillig ihre Tempel abrissen, erhielten zur Belohnung besondere Privilegien und öffentliche Belohnungen; und die neue Hauptstadt des Ostens berühmte sich des einzigartigen Vorzuges, dass Konstantinopel niemals durch Götzenanbetung entweiht worden sei Herr de Tillemont (Histoire des empereurs Band 4, p.616, hat mit Geist und Bestimmtheit die jungfräuliche Reine Konstantinopels gegen einige bösartige Einstreuungen von Zosimos verteidigt. . Da die unteren Gesellschaftsschichten von Nachahmung bestimmt werden, zog die Bekehrung der Geburts-, Macht- oder Geldelite die der von ihnen abhängigen Massen nach sich Der Verfasser der Histoire Politique et Pilosophique des deux Indes (Band 1, p.9) hat ein Gesetz des Constantin verurteilt, welches allen Sklaven, die zum Christentum übergetreten waren, die Freiheit schenkte. In Wahrheit erließ der Herrscher ein Gesetz, welches den Juden die Beschneidung und vielleicht auch das Halten christlicher Sklaven untersagte. (Eusebios Vit. Constantini 4,27; und Codex Theodosianus 16,9, mit Gothofreds Kommentar, Band 6, p. 247.) Aber diese besondere Ausnahme beschränkte sich auf die Juden; die große Masse der Sklaven aus dem Besitz von christlichen oder heidnischen Herren konnte ihre irdische Lage nicht durch schlichten Wechsel ihrer Religion verbessern. Ich weiß nicht, welchen Buben der Abbé Raynald hier aufgesessen ist; wie denn das Fehlen jedweder Quellenangabe das Hauptmanko seiner kurzweiligen Historie ist. . Die Bekehrung des gemeinen Mannes war leichter zu bewerkstelligen, wenn es denn stimmt, dass binnen Jahresfrist zu Rom zwölftausend Männer und eine entsprechende Anzahl von Frauen und Kindern getauft worden sind; und dass ein weißes Gewand nebst zwanzig Goldstücken das Geschenk des Kaisers für jeden Bekehrten gewesen ist Siehe die Acta Sancti Silvestri, und die Historia ecclesiastica Nikephoros Kallistos 7,34 bei Baronius, A.D. 324, No. 67 und 74. Ein Zeugnis dieser Art ist verdächtig genug; aber die Umstände als solche sind derart wahrscheinlich, dass der gelehrte Dr. Howell (History of the world, Band 3, p.14) keinerlei Bedenken trug, sie aufzunehmen. . Jedenfalls beschränkte sich Constantins machtvoller Einfluss nicht nur auf seine engbemessene Lebenszeit oder auf seinen Herrschaftsbereich. Die Erziehung seiner Söhne und Neffen stellten eine Generation von Prinzen sicher, deren Glauben noch aufrichtiger und gefestigter war, da sie bereits in frühester Jugend wo nicht vom Geist, so doch vom Inhalt des Christenglaubens gekostet hatten. Krieg und Kommerz hatten das Evangelium bis über die Grenzen der römischen Provinzen hinaus getragen; und die Barbaren, die die verachtete und verfolgte Sekte bis dahin noch verschmäht hatten, lernten rasch eine Religion zu schätzen, welche der größte Herrscher und die kultivierteste Nation der Erde angenommen hatten Die Bekehrung der Barbaren unter Constantins Regierung wird von den Kirchenhistorikern ruhmredig erwähnt (Sozomenos, 2,6 and Theodoretos, 1, c.23 und 24). Rufinus indessen, der Lateinische Übersetzer des Eusebios, darf mit Recht als Originalzeuge angesehen werden. Seine Informationen wurden sorgfältig von einem der Begleiter des Apostels von Äthiopien und von Bacurius gesammelt, einem iberischen Fürsten im Range eines comes domesticorum . Pater Mamachi hat im ersten und zweiten Band seines großen, aber unvollendeten Werkes ›Antiquitates christianae‹ eine weitläufige Sammlung von Belegstellen geliefert, die die Ausbreitung des Christentums betreffen. . Die Goten und Germanen, die in der römischen Armee Dienste nahmen, lernten das Kreuz zu verehren, welches den Legionen voranleuchtete, und ihre halbwilden Landsleute empfingen zur gleichen Zeit die ersten Lehrstunden in Fragen des Glaubens und der Humanität. Die Könige von Iberien und Armenien beteten denselben Gott an wie ihr Verbündeter; und ihre Untertanen, die seither den christlichen Namen ununterbrochen beibehalten haben, traten mit ihren römischen Glaubensbrüdern in dauerhafte Verbindung. Die Christen des Perserreiches standen im Verdacht, in Kriegszeiten ihrer Religion näher zu stehen als ihrem Lande; solange indessen Frieden zwischen den beiden Großreichen obwaltete, wurde der eifernde Geist des Mani durch das Dazwischentreten des Constantin eindrucksvoll gedämpft Siehe bei Eusebios, Vita Constantini 4,9 Konstantins dringlich-pathetischen Brief für seine Glaubensbrüder in Persien. . Das Evangelium sandte seine Strahlen bis an Indiens Küsten. Die jüdischen Kolonien in Arabien und Äthiopien Siehe Basnage, Histoire des Juifs, Band 7, p. 182; Band 8, p. 333; Band 9, p. 810. Der forschende Fleiß dieses Autors verfolgt folgt den verbannten Juden bis ans Ende der Welt. standen der Ausbreitung des Christentums im Wege; aber die Arbeit der Missionare wurde in gewissem Umfang erleichtert durch die vogefundenen Kenntnisse der mosaischen Offenbarung; und Abessinien hält noch heute das Andenken an Frumentius in Ehren, welcher in den Zeiten Constantins sein Leben der Bekehrung jener entlegenen Regionen gewidmet hatte. Theophilos Theophilos war in seine Jugend eine Geisel seiner Landsleute von der Insel Diva und erwarb sich von den Römern einige Gelehrsamkeit und Frömmigkeit. Die Malediven, von denen Male oder Diva die Hauptstadt ist, bilden eine Anhäufung von 1900 bis 2000 winzigen Inseln im Indischen Ozean. Die Alten waren mit den Malediven nur unvollkommen vertraut; aber zwei mohammedanische Reisende des IX. Jahrhunderts beschreiben sie. Veröffentlicht von Renaudot, Geographia Nubiensis, p. 30, 31. D'Herbelot, Bibliothèque Orientale, p. 704. Histoire générale des Voyages, Band. 8. , selbst indischer Abstammung, erhielt unter der Regentschaft des Constantius die doppelte Würde eines Botschafters und Bischofs. Er ging im Roten Meer an Bord und führte zweihundert Pferde aus kappadokischer Zucht mit sich, die der Kaiser für den Herrscher der Homeriten als Geschenk bestimmt hatte. Viele andere nützliche oder kostbare Geschenke waren Theophilos anvertraut, mit denen man die Bewunderung und die Freundschaft der Barbaren zu gewinnen hoffte; und mit erfolgreicher Seelsorge bereiste er einige Jahre lang die Pfarrbezirke der heißen Zone Philostorgios 3,4-6, nebst Gothofreds gelehrten Fußnoten. Der historische Bericht verliert sich alsbald in eine Untersuchung über die Lage des Paradieses, fremdartige Wunderwesen \&c. . NATIONALRELIGIONEN VERÄNDERT Die unwiderstehliche Macht der römischen Kaiser zeigte sich bei dem bedeutungsvollen und heiklen Wechsel der nationalen Religionen. Die schwächliche und verlorene Widerrede der Heiden verstummte vor der Macht des römischen Militärs, und füglich konnte man erwarten, dass aus Überzeugung und Dankbarkeit nunmehr die freudige Unterwerfung der christlichen Geistlichkeit und des Volkes folgen werde. Es galt schon lange als eherner Grundsatz der römischen Verfassung, dass jeder Bürger in gleicher Weise den Gesetzen unterworfen war und dass die Sorge um religiöse Angelegenheiten zu den Rechten und Pflichten der Magistrate gehörte. Schwerlich hätten Constantin und seine Nachfolger sich eingeredet, dass sie durch ihre Konversion irgendeines ihrer kaiserlichen Prärogative aufgegeben hätten oder dass sie nicht der Religion, die sie geschützt und der sie sich angeschlossen hatten, Gesetze geben durften. Die Kaiser übten nach wie vor die oberste Gerichtsbarkeit über die Geistlichkeit aus; und das sechszehnte Buch des Codex Theodosianus enthält neben verschiedenen anderen Rechtstiteln auch die Machtmittel, die ihnen bei der Ausübung ihrer Herrschaft über die katholische Kirche zustand. BISCHÖFE UNTER DEN CHRISTLICHEN KAISERN Aber die Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Macht, welcher dem freien Geist der Griechen und Römer niemals zugemutet worden war, wurde in dem Moment eingeführt und befestigt, als das Christentum von Gesetzes wegen zugelassen wurde Siehe den Brief des Ossius bei Athanasius, Opera, Band 1, p. 840. Die öffentliche Ermahnung, die Ossius an den Sohn zu richten sich veranlasst sah, enthielt dieselben Grundsätze der Kirchen- und Staatslenkung, die er insgeheim dem Vater eingeflößt hatte. . Das Amt des Pontifex Maximus wurde seit Numas Zeiten bis zu Augustus von einem der bedeutenderen Senatoren ausgeübt, war aber nun allmählich Eins geworden mit der kaiserlichen Würde. Sobald Aberglauben oder Politik es geboten, übte die oberste Regierungsbehörde der Stadt die priesterliche Funktionen eigenhändig aus Herr de Bastie hat überzeugend dargelegt (Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 15. p. 38-61), dass Augustus und seine Nachfolger alle religiösen Ämter eines Pontifex maximus oder Hohepriester des Reiches in Person ausübten. ; es gab weder in Rom noch in den Provinzen eine eigene Priesterklasse, welche für sich eine erhabenere Stellung unter den Menschen oder innigeren Verkehr mit den Göttern reklamiert hätte. In der christlichen Kirche indessen, die den Altardienst nur einer Gruppe geweihter Diener übertrug, saß der Monarch, dessen geistlicher Rang noch unter dem des niedersten Diakon stand, unterhalb des Gitters des Hochaltars gemeinsam mit der Vielzahl der anderen Gläubigen Eine hiervon abweichende Praxis schlich sich allgemach in die Kirche von Konstantinopel ein; aber der gestrenge Ambrosius verwies Theodosius hinter die Altarschranke und lehrte ihn den Unterschied zwischen König und Priester zu beobachten. Siehe Theodoretos, 5,18. . Der Kaiser mochte sich immerhin Vater des Volkes nennen lassen, den Vätern der Kirche jedoch schuldete er den Gehorsam und Respekt des Sohnes; und den gleichen Respekt, den Constantin den Heiligen und Bekennern gezollt hatten, ward nunmehr auch vom Stolz der Geistlichkeit eingefordert An der Tafel des Kaisers Maximus erhielt Martin, Bischof von Tours, den Becher von einem Diener und gab ihn seinem Mitbruder, einem Presbyter in seiner Begleitung weiter, bevor er dem Kaiser zu trinken erlaubte; die Kaiserin wartete an der Tafel Martin auf. Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini 23 und Dialogi 2,7. Es ist jedoch nicht ganz eindeutig, ob diese außerordentlichen Ehrenbekundungen dem Bischof oder dem Heiligen galten. Über die dem Ersteren zustehenden protokollarischen Ehren kann man näheres bei Bingham, Christian antiquities (2, c.9) erfahren, sowie bei Valesius zu Theodoret, Buch 4, c.6. Siehe auch das stolze Zeremoniell, dass der Bischof von Tripolis, Leontius, der Kaiserin aufhalste. Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 754 und Patres Apostolici, Band 2, p. 279. . Der unterschwellige Konflikt zwischen bürgerlicher und kirchlicher Rechtsprechung brachte die römische Zivilverwaltung in Verlegenheit; und ein frommer Kaiser mochte davor zurückschrecken, mit frevler Hand das Heiligste anzutasten. Die Unterscheidung von Priestern und Laien war indessen in der Antike vielen Nationen geläufig; und für die Priester von Indien, Persien, Assyrien, Judäa, Äthiopien, Ägypten und Gallien war die weltliche Macht, die sie ausübten, himmlischen Ursprungs. Diese ehrbaren Stände hatten sich im Laufe der Zeit den Gepflogenheiten und der Regierungsform ihrer jeweiligen Länder angepasst Plutarch erzählt uns in seiner Abhandlung über Isis und Osiris, dass die Könige Ägyptens, die noch keine Priester waren, nach ihrer Wahl in den Priesterstand eingeweiht wurden. ; aber die christliche Urkirche war durch ihre Gegnerschaft oder Verachtung weltlicher Macht zusammengeschweißt worden. Die Christen mussten ihre eigenen Magistrate wählen, bestimmte Steuern erheben und wieder verteilen und die interne Politik durch Gesetze regeln, welche durch allgemeinen Konsens und die Übung von drei Jahrhunderten gefestigt waren. Als Constantin den christlichen Glauben annahm, schloss er sich gleichsam einer besonderen und unabhängigen Gesellschaft an; und die Vorrechte, die dieser Kaiser oder seine Nachfolger gewährten oder bekräftigten, wurden nicht etwa als besondere Gunstbezeigung des Hofes aufgefasst, sondern als ein gegebenes und unveräußerliches Recht des Priesterstandes. STELLUNG DER BISCHÖFE UNTER DEN CHRISTLICHEN KAISERN Die katholische Kirche wurde durch die geistliche und weltliche Rechtsprechung von achtzehnhundert Bischöfen verwaltet Diese Zahl ist nicht durch einen antiken Autoren oder irgendeine Originalliste abgesichert; die regionalen Listen der Ostkirchen sind vergleichsweise jüngeren Datums. Die unermüdliche Sorgfalt von Charles a St Paolo, von Luke Holstenius und Bingham hat mühsam alle Bischofssitze der katholischen Kirche innerhalb des römischen Reiches ermittelt. Das neunte Buch der christlichen Altertümer ist eine sehr genaue Karte zur Kirchengeographie. ; eintausend von diesen hatten ihren Sitz in den griechischen, achthundert in den lateinischen Provinzen des Imperiums. Größe und Grenzverlauf der jeweiligen Diözesen wurde durch den Eifer und den Erfolg der frühen Missionare festgelegt, durch Wünsche der Bevölkerung und die Ausbreitung des Evangeliums. Episkopalkirchen lagen dichtgredrängt an den Nilufern, an der Meeresküste Afrikas, im prokonsularischen Asien und in den Südprovinzen Italiens. Die Bischöfe von Gallien und Spanien, Thrakien und Pontos regierten über sehr ausgedehnte Ländereien und delegierten an ihre Landesbischöfe die untergeordneten Pflichten ihres Hirtenamtes Über die Land-Bischöfe (Chorepiscopi), welche auf Synoden Stimmrecht hatten und die niederen Weihen erteilen durften, siehe Thomassin, Discipline de l'Eglise, Band 1, p. 447ff und Chardon, Histoire des Sacramens, Band 5, p. 395ff. Sie treten erst im IV Jahrhundert auf, und ihr unbestimmter Status, der den Neid der Prälaten aufrief, wurde im Westen und im Osten noch vor Ende des X. Jhdts. abgeschafft. . Eine christliche Diözese mochte sich über eine ganze Provinz erstrecken oder den Umfang eines Dorfes nicht übertreffen; aber alle besaßen sie den gleichen und unvergänglichen Rang; sie alle leiteten dieselbe Macht und Vorrechte von den Aposteln ab, vom Volk und von den Gesetzen. Während zivile und militärische Ränge durch Constantin bestimmt wurden, wurde die neue und lebenstüchtige Klasse der kirchlichen Diener, immer achtbar, manchmal gefährlich, in der Kirche und im Staat etabliert. Die wichtige Untersuchung ihrer Stellung und ihrer Eigenschaften kann unter den folgenden Gesichtspunkten vorgenommen werden: I. Wahl durch das Volk. II. Weihe des Klerus. III. Eigentumsverhältnisse. IV. Bürgerliche Rechtsprechung. V. Geistliche Strafen. VI. Öffentliches Rederecht. VII. Recht zu gesetzgebenden Versammlungen. I. DIE WAHL NEUER BISCHÖFE Die Freiheit der Bischofswahl war noch lange Zeit in Kraft, nachdem das Christentum offiziell zugelassen war Thomassin (Discipline de l'Eglise, Band 2, Buch 2, c. 1-8, p. 673-721) hat die Bischofswahlen der ersten fünf Jahrhunderte im Westen und Osten des Imperiums in aller Breite dargestellt, hat aber zugunsten der bischöflichen Aristokratie deutlich Partei ergriffen. Bingham ( Christian antiquities, Buch 4, c.2) ist da maßvoller, Chardon (Histoire des sacramens Band 5, p.108-128 klar und konzise. ; und Roms Untertanen freuten sich in ihrer Kirche des Rechtes, das sie in ihrem Staate schon längst verloren hatten, nämlich die Magistrate selbst zu wählen, denen sie anschließend zu gehorchen hatten. Hatte ein Bischof die Augen für immer geschlossen, übertrug der Metropolit einem der Suffraganbischöfe die kommissarische Leitung über den verwaisten Stuhl und gab zugleich den Auftrag, innerhalb einer bestimmten Frist die bevorstehende Wahl vorzubereiten. Das Wahlrecht besaßen die einfachen Geistlichen, welche noch am besten die Qualitäten der fraglichen Kandidaten einzuschätzen in der Lage waren; die Senatoren und der städtische Adel, der sich durch Stellung und Reichtum vor anderen auszeichnen mochte; und schließlich das Volk in seiner Gesamtheit, welches am festgelegten Tage in hellen Scharen noch aus den entlegensten Teilen der Diözese zusammenströmte »Incredibilis multitudo, non solum ex eo oppido (›Tours‹), sed etiam ex vicinis urbibus ad suffragia ferenda convenerat, etc.« (Eine unglaubliche Volksmasse war nicht nur aus dieser Stadt (Tours), sondern auch aus den Nachbarstädten zurBischofswahl zusammengekommen.) Sulpicius Severus, Vita Martini, c. 7. Das Konzil von Laodikeia (Kanon 13) untersagt Volksansammlungen und Trubel, und Iustinian beshränkt das Wahlrecht auf den Adel, Novellae 123,1. und durch lautes und ungestümes Lärmen zuweilen die Stimme der Vernunft und die Gebote der Wahlordnung übertönte. Diese Wahl konnte durchaus dem Verdienstvollsten unter den Bewerbern gelten; einem ehrbaren Presbyter, einem Mönch im Rufe der Heiligkeit oder einem Laien, den Glaubenseifer und Frömmigkeit zierten. Aber begehrt war der Bischofstuhl, namentlich in den großen und reichen Städten, weil er weltliche und nicht weil er geistliche Würden in Aussicht stellte. Interessierte Parteien, selbstische und heftige Leidenschaften, die niedere Kunst der Verstellung und Ränke, heimliche Durchstechereien, offene, zum Teil sogar blutige Gewaltanwendung; alles, was in früheren Zeiten die Freiheit der Wahl in Griechenland und Rom korrumpiert hatte, spielte allzu oft auch eine Rolle bei der Wahl der Nachfolger der Apostel. Während der eine Kandidat mit der Vergangenheit seiner Familie prahlte, suchte der andere die Meinung seiner Wähler mit einer üppig gefüllten Tafel zu beeinflussen, und ein dritter, noch verkommener als seine Rivalen, versprach, die Beute einer Kirchenplünderung mit den Komplizen seiner gotteslästerlichen Ambitionen zu teilen Die Briefe des Sidonius Apollinaris (4,25; 7,5 und 9) erzählen einige solcher Ungeheuerlichkeiten der gallikanischen Kirche; und dabei war Gallien weniger verfeinert und weniger entartet als der Osten. . Bürgerliches wie auch kirchliches Recht sollten eigentlich die Bevölkerung von diesem ernsthaften und bedeutungsvollen Akt fernhalten. Durch bestimmte Anforderungen, die man an das Alter, die Stellung \&c stellte, suchte man der unüberlegten Launenhaftigkeit der Wahlmänner zu begegnen. Das Ansehen der Provinzialbischöfe, die in der verwaisten Kirche zusammengetreten waren, um die Wahl des Volkes zu gutzuheißen, vermochte zuweilen seinen Leidenschaften zu gebieten und seine Fehlgriffe zu korrigieren. So konnten sich die Bischöfe weigern, einen unwürdigen Kandidaten zu ordinieren, und bisweilen fügte sich der Hader der streitenden Parteien ihrer Vermittlung. Der Gehorsam oder auch der Widerstand von Klerus und Volk schuf verschiedentlich Präzendenzfälle, welche irgendwann zu positivem Recht oder regionalem Brauchtum wurden Bisweilen kam es von Gesetzes wegen oder durch Vergleich zu einem Kompromiss: entweder die Bischöfe oder das Volk wählten einen von drei Kandidaten, welche die jeweils andere Partei vorgeschlagen hatte. ; aber hierüber bestand allenthalben Einigkeit und galt für eine unumstößliche Maxime der Kirchenpolitik, dass kein Bischof ohne Zustimmung der Mitglieder einer rechtgläubigen Kirche vorgesetzt werden konnte. Die Kaiser als die Hüter des öffentlichen Friedens und als erste Bürger Roms und Konstantinopels konnten vor der Wahl eines neuen Primas nachdrücklich ihre Wünsche äußern; aber auch diese absoluten Herrscher respektierten die Freiheit der Kirchenwahl; und während sie in Staat und Armee Ehren verteilten oder entzogen, gestatteten sie achtzehnhundert dauerhaft amtierenden Magistraten, ihre wichtigen Ämter durch freie Wahl des Volkes besetzen zu lassen Alle von Thomassin beigebrachten Fälle (Discipline de l'Eglise, Band 2, Buch 2, p. 704-714) waren offenbar Beispiele für Machtmissbrauch und Unterdrückung. Von der Bestätigung des Bischofs von Alexandria berichtet Philostorgos (Historia ecclesiastica 2,11) wie von einer rechtmäßigen Vorgehensweise. . Es war nun recht und billig, dass diese Magistrate sich ihren Ehrenstellungen nicht von sich aus entziehen durften, aus der sie auch sonst nicht entfernt werden konnten; dennoch war die Weisheit der Konzilien ohne durchschlagenden Erfolg bemüht, den dauernden Aufenthalt eines Bischofs festzuschreiben und ihrer Versetzung entgegenzuarbeiten. In der Tat war die Kirchendisziplin im Westen weniger vernachlässigt als im Osten des Reiches; aber dieselben Leidenschaften, die diese Regularien erforderlich machten, waren zugleich die Ursache für ihre Wirkungslosigkeit. Die Vorwürfe, die verfeindete Prälaten so ungestüm gegeneinander erhoben haben, taugen eigentlich nur dazu, ihre gemeinsame Schuld und wechselseitige Abneigung zu offenbaren. II. ORDINATION DES KLERUS · AUSGLEICH FÜR ZÖLIBAT Einzig die Bischöfe besaßen das Recht zur geistlichen Zeugung; und dieses bedeutende Vorrecht mochte in mancher Hinsicht Ausgleich sein für den sehr schmerzlichen Zölibat Die Ehelosigkeit des Klerus während der ersten fünf bis sechs Jahrhunderte ist Gegenstand der Kirchenzucht und von Kontroversen, welche äußerst genau untersucht worden sind. Siehe besonders Thomassin, Discipline de l'église, Band1, p. 886-902; und Bingham Antiquities, Buch 4, c. 5. Alle diese ebenso gelehrten wie parteilichen Historiker wird die eine Hälfte der Wahrheit ans Licht gebracht und die andere verborgen gehalten. , der ihnen als Tugend, als Möglichkeit und endlich als ausdrückliche Verpflichtung auferlegt war. Die Religionen des Altertums, die einen eigenen Priesterstand hervorgebracht hatten, weihten dem Dienst an den Göttern einen eigenen heiligen Stand, einen Volksstamm oder eine Familie Diodoros Siculus bezeugt die Erbfolge der Priesterschaft bei den Ägyptern, Chaldäern und Indern und billigt sie (1,73; 2,29 und 40). Ammianus beschreibt die Magi als eine große Familie (23,4): »Per saecula multa ad praesens una eademque prosapia multitudo creata, Deorum cultibus dedicatur.« (Durch viele Jahrhunderte bis in die Gegenwart weihen sich Menschen aus ein und derselben Familie dem Dienst an den Göttern.) Ausonius (Commemoratio professorum Burgdigalensium 4) feiert den ›stirps Druidarum‹ (Drudenstamm), aber aus einer Bemerkung Caesars (Bellum Gallicum 6, 13) können wir herauslesen, dass es noch genügend Raum gab für Wahl und Wettbewerb. . Solche Einrichtungen zielten mehr auf bleibenden Besitz ab als auf Eroberungen. Die Kinder solcher Priester erfreuten sich mit Stolz und behaglicher Zuversicht ihres geistlichen Erbes; und hitzige Glaubensschwärmerei wurde durch häusliche Sorgen, Nöte und Freuden abgekühlt. Die christliche Kirche hingegen war offen für alle Ehrgeizlinge, denen es nach ihren himmlischen Versprechungen oder weltlichen Besitztümern dürstete. Das Priesteramt wurde wie der Soldatenberuf oder ein städtisches Amt von solchen Männern mit allem Ernste betrieben, deren Neigungen und Fähigkeiten sie zu dem kirchlichen Beruf geschickt machten oder die ein menschenkundiger Bischof als besonders geeignet erkannt hatte, den Ruhm und die Vorteile der Kirche besonders zu fördern. Die Bischöfe Thomassin (Disciplin de l'église Band 2, p.1-83) und Bingham (im 4. Buch seiner Antiquities, besonders in c. 4,6 und 7) haben ausführlich über Berufung, Weihe und Gehorsamspflicht von Geistlichen diskutiert. Als der Bruder des hl. Hieronymos in Zypern die Priesterweihe erhielt, verboten die Diakone ihm gewaltsam den Mund aus Furcht, er würde durch eine feierliche Gegenerklärung die heiligen Rituale unwirksam machen. mochten Widersetzliche zur Pflicht rufen (bis ein kluges Gesetz diesen Missbrauch abstellte) und die Ängstlichen beschützen; und ihr Handauflegen gewährten ihnen einige der höchsten Vorrechte der bürgerlichen Gesellschaft. Die katholische Geistlichkeit in ihrer Gesamtheit, zahlenstärker noch als die Legionen, waren durch kaiserliche Verfügung von allen Diensten privater oder öffentlicher Natur ausgenommen, von allen städtischen Ämtern, allen persönlichen Steuern und Abgaben, unter denen ihre Landsleute so maßlos zu leiden hatten; und die Pflichten ihres heiligen Berufes wurden in vollem Umfange gegen ihre Verpflichtungen dem Staat gegenüber verrechnet Der Freibrief des Klerus aus der Hand der Kaiser ist im 16. Buch des theododianischen Codex enthalten; und mit angemessener Offenheit zeichnet sie der gelehrte Gothofred nach, der immerhin als Protestant und als Staatsbürger zwischen zwei sich ausschließenden Vorurteilen hin- und herschwankte. . Jeder Bischof hatte absoluten und unbestrittenen Anspruch auf den unverbrüchlichen Gehorsam der von ihm eingesetzten Geistlichen: Die Geistlichkeit jeder Episkopalkirche bildete mitsamt seinen abhängigen Landpfarreien eine eigenständige, dauerhafte Gemeinschaft; und die Kathedrale von Konstantinopel Codex Iustinianus, Novelae 103. Sechzig Presbyter oder Priester, einhundert Diakone, vierzig Diakonissen, neunzig Unterdiakone, einhundertundzehn Vorleser, fünfundzwanzig Vorsänger und einhundert Türhüter; insgesamt also fünfhundertundfünfundzwanzig Personen. Diese bescheidene Zahl wurde durch den Kaiser festgelegt, um der Kirche die Lasten zu erleichtern, da sie durch die Bezahlung von bedeutend mehr Mitarbeitern in Schulden und Zinswucher geraten war. und Karthago »Universus clerus ecclesiae Carthaginiensis ... fere ›quingenti‹ vel amplius; inter quos quamplurimi erant lectores infantuli.« (Der gesamte Clerus von Karthago, ... fast fünfhundert oder mehr, die meisten davon noch Kinder.) Victor von Vita, Historia Persecutionis Vandalica 5,9. Dieses Überbleibsel aus glücklicheren Zeiten blieb noch unter der Vandalenherrschaft bestehen. erhielten ihr eigenes Corps von fünfhundert kirchlichen Mitarbeitern in ihren Diensten. Der Aberglauben der Zeit vermehrte allmählich ihre Ränge In der Römischen Kirche wurde allmählich die Zahl von sieben Rängen (ordines) üblich, das Bischofsamt nicht mitgerechnet. Aber die vier unteren Ränge sind heute nur noch leere und nutzlose Titel. und ihre Zahl, und führte zugleich die prächtigen Zeremonien der jüdischen oder heidnischen Tempel in die christlichen Kirchen ein; und eine lange Reihe von Priestern, Diakonen, Hilfsdiakonen, Altardienern, Teufelsaustreibern, Vorlesern, Sängern und Türhaltern, ein jeglicher an seiner Statt, taten das Ihre, den Pomp und die Harmonie der Gottesdienste zu erhöhen. Der Name Klerus mitsamt seinen Privilegien wurde dann noch auf viele fromme Brüderschaften ausgedehnt, welche alle der Kirche ergebungsvolle Dienste leisteten Siehe den Codex Theodosianus 16,2, 42 und 43. Gothofreds Kommentar und die Kirchengeschichte Alexandrias demonstrieren die von diesen frommen Einrichtungen ausgehenden Gefahren, welche den Frieden dieser unruhigen Hauptstadt oftmals aufgestört haben. . Sechshundert parabolani oder Wagemutige besuchten die Kranken in Alexandria; elfhundert copiatae oder Totengräber trugen die Toten Konstantinopels zu Grabe; und der Schwarm der Mönche, die vom Nil sich ausbreitete, überflutete und verdunkelte die christliche Welt. III. EIGENTUMSVERHÄLTNISSE DER KIRCHE (A.D. 313) III. Das Mailänder Toleranzedikt stellte die Einkünfte und die Ruhe der Kirche sicher Das Edikt von Mailand erklärt in einer Aufzählung, dass es eine bestimmte Art von Landeigentum gebe, ad jus corporis eorum, id est, ecclesiarum non hominum singulorum pertinentia. (die nicht Eigentum einzelner Menschen, sondern ihrer Körperschaft waren)Lactantius, de Mortibus 48). Eine derart nachdrückliche Erklärung durch den obersten Magistrat muss in den einzelnen Zivilgerichtshöfen wie ein Gesetz gegolten haben. . Die Christen erhielten nicht nur alles Land und jedes Gebäude zurück, das ihnen infolge von Diokletians Verfolgungsedikte abhanden gekommen war, sondern sie erhielten sogar noch besondere Besitztitel auf jedes Eigentum, das ihnen seitdem mit behördlicher Genehmigung übereignet wurde. Sobald das Christentum Religion des Kaisers und des Reichs geworden war, mochte der nationale Klerus für sich eine angemessene, ehrenvolle Entlohnung beanspruchen; und die Bezahlung einer Jahressteuer hätte das Volk von der bedrückenderen Abgabe befreit, welche der Aberglauben seinen Bekennern aufzulasten pflegt. Da aber die Bedürfnisse und die Ausgaben der Kirche proportional zu ihrem Wohlstand anstiegen, erhielt der geistliche Stand noch fernere, freiwillige Opfergaben aus den Händen der Gläubigen. Acht Jahre nach dem Edikt von Mailand gestattete Constantin es allen Untertanen ohne Unterschied, ihr Vermögen der Heiligen Katholischen Kirche zu übereignen »Habeat unusquisque licentiam sanctissimo Catholicae (›ecclesiae‹) venerabilique concilio, decedens bonorum quod optavit relinquere.« (Es möge einem jedem gestattet sein, dem allerheiligsten und ehrwürdigen Konzil der Katholischen (scil. Kirche) dasjenige an Gütern zu überlassen, von denen er sich zu trennen wünscht.) Codex Theodosianus 16,2,4. Dieses Gesetz wurde A.D. 321 zu Rom verkündet, als Constantin den Bruch mit dem Kaiser des Orients für wahrscheinlich halten durfte. ; und so sprudelte mit frommem Freigebigkeit in der Stunde ihres Todes der Strom, den zu Lebzeiten Luxus und Geiz noch zurückgehalten hatten. Den wohlhabenden Christen spornte das Vorbild des Kaisers. Ein absoluter Herrscher, der auch ohne väterliches Erbteil reich ist, kann sich spendabel zeigen, ohne dass dies verdienstvoll wäre; und Constantin überließ sich gerne der Vorstellung, dass ihm die Gunst des Himmels sicher sein müsse, wenn er die Müßiggänger auf Kosten der Fleißigen unterhalte und wenn er unter den Heiligen die Reichtümer der Republik verteile. Derselbe Bote, der das Haupt des Maxentius nach Afrika verbrachte, mochte außerdem einen Brief an Caecilian, Bischof von Karthago, bei sich führen. Der Herrscher teilt ihm mit, dass die Schatzmeister der Provinzen Weisung hätten, ihm dreitausend folles entsprechend achtzehntausend Pfund bar in die Hand zu geben und sich seinen ferneren Requisitionen zugunsten der Gemeinden in Afrika, Numidien und Mauretanien nicht zu verweigern Eusebios, Historia 10,6; Vita Constantini 4,28. Wiederholt rühmt er die Freigebigkeit des Christlichen Helden, die der Bischof bereits persönlich kennen- und schätzen gelernt hatte. . Constantins Freigebigkeit wuchs im gleichen Maße wie seine Glaubensstärke und seine Laster. Er subventionierte in jeder Stadt die Getreidepreise, um so die kirchliche Mildtätigkeit zu befördern; und alle, ob Mann oder Frau, die sich zu einem Mönchsleben entschlossen, waren seiner besonderen Gunst sicher. Die christlichen Tempel in Antiochia, Alexandria, Jerusalem, Konstantinopel \&c. trugen die aufdringliche Frömmigkeit eines Herrschers zur Schau, welcher in seinen sich neigenden Jahren bestrebt war, es den Leistungen der Alten gleich zu tun Eusebios, Historia 10,2-4. Der Bischof von Caesarea, welcher den Geschmack seines Herren geprüft und bedient hatte, beschrieb in einer Veröffentlichung die Kirche von Jerusalem mit großer Genauigkeit (Vita Constantini 4,46). Sie ist verloren, aber in seine Lebensbeschreibung des Constantin (3,36) hat er eine kurze Nachricht über die Architektur und die Ornamente eingeflochten. In ähnlicher Weise beschreibt er die Kirche der Heiligen Apostel zu Konstantinopel. . Die Form dieser Gottesgebäude war schlicht und lang; gleichwohl dehnten sie sich zuweilen bis zur Größe eines Doms und verzweigten sich zur Kreuzesform. Das Balkenwerk war überwiegend aus den Zedern vom Libanon gefügt; die Dachziegeln bestanden bisweilen sogar aus vergoldetem Messing, und die Wände, die Säulen und die Fußböden waren mit den unterschiedlichsten musivischen Arbeiten geschmückt. Die wertvollsten Gold- und Silberarbeiten, Schmuckwerk von Seide und Edelgestein waren dem Altardienst vorbehalten; und alle diese prunkende Großartigkeit hatte eine solide wirtschaftliche Basis in Form von Landbesitz. Innerhalb von zwei Jahrhunderten, von der Regierungszeit des Constantin bis zu der des Justinian waren die achtzehnhundert Kirchen des Imperiums an den zahllosen und unveräußerlichen Schenkungen der Herrscher und des Volkes reich geworden. Das Jahreseinkommen eines Bischofs kann man mit gutem Grund auf sechshundert Pfund Sterling veranschlagen, so dass er die Mitte zwischen arm und reich einnahm, aber ihr Reichtum wuchs unmerklich mit der Bedeutung und dem Reichtum der Stadt, über welche sie regierten Siehe Iustinian, Novellae 123,3. Über die Einkünfte der Patriarchen und der wohlhabendsten Bischöfe verlautet nichts; die höchste jährliche Schätzung für ein Bistum lautet auf dreißig und die niedrigste auf zwei Pfund Gold. Die Mitte liegt also bei sechszehn, aber diese Schätzung liegt noch beträchtlich unter der eigentlichen Kaufkraft. . Ein authentisches, wenngleich unvollständiges Zinsregister Siehe Baronius, Annales ecclesiastici A.D.324, Nr. 58,65,70,71. Jedweder Darstellung, die aus dem Vatikan stammt, begegnet berechtigtes Missvertrauen; aber diese Zinsliste trägt das Gepräge von Alter und Echtheit; und wenigstens dies ist eindeutig, dass, wenn sie denn eine Fälschung ist, die Fälschung aus einer Zeit stammt, als noch Landgüter und nicht Königreiche das Objekt päpstlicher Habgier waren. bezeichnet einige Häuser, Geschäfte, Gärten und Höfe im Besitze der drei Basiliken Roms, St. Peter, St. Paul und St. Johannes im Lateran, welche in Italien, Afrika und im Osten gelegen waren. Sie brachten zusätzlich zu einer feststehenden Abgabe von Öl, Leinen, Papier und Aromen einen jährlichen Ertrag von zweiundzwanzigtausend Goldstücken, entsprechend zwölftausend Pfund Sterling. Im Zeitalter des Constantin und des Justinian besaßen die Bischöfe nicht mehr (und wollten es wohl auch gar nicht) das arglose Vertrauen der Bevölkerung und des niederen Klerus. Die Kircheneinkünfte jeder Diözese wurden durch vier geteilt; sie waren für den Bischof, die nachgeordnete Geistlichkeit, die Armen und die öffentlichen Gottesdienste bestimmt; und jedem Missbrauch wurde wiederholt und energisch gegengesteuert Siehe Thomassin, Discipline de l'église, Band 3, p.689-706. Die Teilung der kirchlichen Einkünfte scheint in den Zeiten eines Ambrosius und eines Chrysostomos noch nicht üblich gewesen zu sein. Simplicius und Gelasius, die im späten fünften Jahrhundert Bischöfe von Rom waren, erwähnen es in ihren Pastoralschreiben schon als ein allgemeingültiges Gesetz, welches durch lange Übung in Italien gefestigt war. . Der Grundbesitz der Kirche jedoch war allen staatlichen Steuerauflagen unterworfen Ambrosius, strengster Verfechter kirchlicher Vorrechte, unterwirft sich der Pflicht zur Grundsteuer ohne Murmeln. »Si tributum petit Imperator, non negamus; agri ecclesiae solvunt tributum; solvimus quae sunt Caesaris Caesari, and quae sunt Dei Deo; tributum Caesaris est; non negatur.« (Wenn der Kaiser Steuern verlangt, sagen wir nicht nein; die Kirchengüter entrichten Steuern; wir geben dem Kaiser, was des Kaisers it und Gott, was Gottes ist. Die Steuern sind des Kaisers; das lässt sich nicht leugnen.) Baronius ist bestrebt, diese Abgabe nicht als Pflicht, sondern als Akt der Nächstenliebe hinzustellen (Annales A.D. 387), aber Thomassin, Discipline de l'eglise, Band 3, p.268, deutet die Worte des Ambrosius, wenn auch nicht ihre Intentionen zutreffender. . Der Klerus von Rom, Alexandria, Thessaloniki \&c mochte wohl um Dispens nachsuchen und ihn auch erhalten; aber der vorschnelle Versuch des großen Konzils von Rimini, das allgemeine Befreiung anstrebte, wurde durch Constantins Sohn erfolgreich abgewehrt In Ariminensi synodo super ecclesiarum et clericorum privilegiis tractatu habito, usque eo dispositio progressa est, ut iuga quae viderentur ad ecclesiam pertinere, a publica functione cessarent inquietudine desistente; quod nostra videtur dudum sanctio repulsisse. (Auf der Synode zu Rimini gelangte man nach der Verhandlung kirchlicher und geistlicher Privilegien zu einer Disposition insofern, als die Joche Land aus Kirchenbesitz von öffentlicher Nutzung ausgenommen seien, und zwar ohne Einspruch. Was unsere Anweisung bereits früher verworfen zu haben scheint.) Codex Theodosianus 16,2,15. Hätte die Synode von Rimini in diesem Punkt Erfolg gehabt, dann würden solche praktischen Fortschritte ein ausreichender Ersatz für einige spekulative Ketzereien gewesen sein. . IV. RECHTSPRECHUNG Der römische Klerus, der sein Tribunal auf den Trümmern des bürgerlichen und allgemeinen Rechtes errichtete, empfing in aller Bescheidenheit aus der Hand des Constantin Eusebius (Vita Constantini 4,27) und Sozomenes (1,9) versichern uns, das die bischöfliche Rechtsprechung durch Constantin erweitert und bekräftigt wurde; dass aber dieser berühmte Erlass, der niemals zum Bestandteil des Codex Theodosianus geworden ist, eine Fälschung war (siehe den Schluss derselben, Band 6, p.303), hat Herr Gothofred zweifelsfrei dargetan. Es ist daher befremdlich, dass Herr de Montesquieu (Esprit des lois 29,16), der doch Anwalt und ebenso gut Philosoph war, sich frei von jedem Misstrauen auf dieses Edikt von Constantin beruft. das Geschenk der unabhängigen Rechtsprechung, einer Frucht der Zeitläufte, des Zufalls und ihres eigenen Bemühens. So hatten die christlichen Herrscher in ihrer Großzügigkeit sie mit einigen legitimen Gerechtsamen ausgestattet, welche ihre priesterliche Würde sicherte und mehrte Die kirchliche Rechtsprechung war in einen Nebel von Leidenschaft, Vorurteil und Egoismus eingehüllt. Zwei der besten Bücher, die mir in die Hände gefallen sind, sind die Institutes of Canon Law von dem Abbé de Fleury und die Bürgerliche Geschichte Neapels von Giannone. Die Zurückhaltung dieser beiden Autoren war die Folge ihrer Lebenssituation und ihres Temperamentes. Fleury war ein französischer Kleriker, der die Autorität von Parlamenten anerkannte; Giannone war ein italienischer Rechtsanwalt, dem es vor der Macht der Kirche graute. Und an dieser Stelle erlaube man mir die Bemerkung, dass ich, da die von mir vertretenen Positionen sich aus vielen einzelnen und unvollständigen Tatsachen entwickelt haben, die Leser entweder auf diese beiden modernen Verfasser verweisen muss, die ihren Gegenstand in aller Ausführlichkeit behandelt haben, oder diese Anmerkung zu unzumutbarer und unangemessener Größe anschwellen lassen muss. . 1. Die Bischöfe besaßen und behaupteten als einzige – auch unter einer despotischen Regierung – das unschätzbare Vorrecht, nur von ihren Standesgenossen angeklagt werden zu können; sogar im Falle eines Kapitalverbrechens war eine Synode ihrer Glaubensbrüder die einzige Körperschaft, die über Schuld und Unschuld befinden durfte. Ein solches Tribunal mochte nun, wenn es nicht gerade durch persönliche Abneigung oder religiösen Hader verdunkelt war, der Priesterkaste günstig, ja, für sie eingenommen sein: aber Constantin war schon damit zufrieden Tillemont hat aus Rufinus, Theodoretos und anderen Autoren das Gefühlsleben und die Sprache Constantins rekonstruiert, Mémoires ecclésiastiques, Band 3, p.749. , dass Entwischen im Geheimen weniger heikel war als Ärgernis in der Öffentlichkeit: und das Konzil zu Nicaea lauschte mit frommem Erbauung der Ankündigung, dass der Kaiser für den Fall, dass er einen Bischof beim Ehebruch überraschen sollte, er über den bischöflichen Sünder seinen kaiserlichen Mantel breiten werde. 2. Die Rechtsprechung durch die Bischöfe war eine Vergünstigung und zugleich eine Beschränkung für die Kirche, da zivilrechtliche Fälle in ihrem Bereich ohne viel Aufsehen der Zuständigkeit der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen waren. Die lässlichen Sünden des Klerus waren der peinlichen öffentlichen Verhandlung oder Bestrafung durch ein bürgerliches Gericht nicht ausgesetzt; und der gelinde Rüffel, den die Empfindsamkeit der Jugend von Eltern oder Lehrern hinnehmen mochte, wurde nunmehr durch die nachsichtige Strenge eines Bischofs erteilt. Wenn indessen ein Kleriker eines Verbrechens für schuldig befunden wurde, das durch die Abberufung von ihrer ehrenhaften und einträglichen Stellung nicht mehr hinreichend gesühnt werden konnte, dann fuhr das Schwert der römischen Justiz ohne Rücksicht auf kirchliche Immunität dazwischen. 3. Die Urteilssprüche der Bischöfe wurden durch Satzungsrecht gestützt; und die Richter selbst waren gehalten, ohne Widerspruch und ohne Verzögerung bischöfliche Entscheidungen zu exekutieren, deren Gültigkeit bis dahin von der Zustimmung der Parteien abhängig gewesen war. Die Konversion des Magistrates, ja des ganzen Reiches hätte die Furcht und Bedenken der Christen allgemach ausräumen können. Dennoch nahmen sie nach wie vor ihre Zuflucht zu den Tribunalen der Bischöfe, deren Tüchtigkeit und Lauterkeit sie hochschätzten: Und der heilige Augustin konnte sich mit stillschweigender Genugtuung darüber beklagen, dass er seinen geistlichen Ämtern wegen lästiger Entscheidungen über Besitzansprüche an Silber, Gold, Vieh und Land beständig entrissen werde. 4. Das uralte Recht des Tempelasyls wurde auf die christlichen Kirchen übertragen und durch die fromme Liberalität des jüngeren Theodosius auch auf geheiligte Bezirke ausgedehnt Siehe den Codex Theodosianus 9,14,4. In den Schriften des Fra Paolo (Opere Band 4, p.192) findet sich eine vorzügliche Abhandlung über Ursprung, Geltung, Missbrauch und Grenzen solcher Freistätten. Er merkt zutreffend an, dass es im antiken Griechenland etwa fünfzehn bis zwanzig solcher asyla oder Zufluchtsorte gegeben habe; welche Zahl gegenwärtig in Italien innerhalb des Weichbildes gegebenenfalles einer einzigen Stadt gefunden werden kann. . Der flüchtige und vielleicht sogar schuldige Schutzflehende durfte sich der Gerechtigkeit oder der Gnade der Gottheit und seiner Diener anvertrauen. Durch die vermittelnde Milde der Kirche wurde die gewalttätige Willkür des Despotismus außer Kraft gesetzt; Leben und Vermögen der hervorragendsten Untertanen mochten so durch die Dazwischenkunft der Bischöfe bewahrt worden sein. V. ZENSORENAMT DER BISCHÖFE – KIRCHENSTRAFEN V. Der Bischof war der dauernde Wächter über die Moral des Volkes. Die Bußdisziplin war Bestandteil des kanonischen Rechtssystems Das Strafrecht wurde durch die Konzilsbeschlüsse fortwährend erweitert. Da indessen noch viele Fälle dem bischöflichen Gutdünken anheim gestellt blieben, veröffentlichten sie nach dem Vorbild der römischen Prätoren die disziplinarischen Richtlinien, nach denen sie vorzugehen beabsichtigten. Unter den kanonischen Briefen des vierten Jahrhunderts nahmen die von Basilius dem Großen einen besonderen Rang ein. Sie sind in die Pandekten von Beveridge aufgenommen (Band 2, p. 47-151) und von Chardopn (Histoiredes sacramens Band 4, p. 219-277) übersetzt worden. , in welchem die Form des öffentlichen und des privaten Schuldbekenntnisses mit Genauigkeit festgelegt war, die Regeln der Beweiserhebung, die Höhe der Schuld und das Ausmaß der Buße. Unmöglich konnte dieses geistliche Richteramt ausgeübt werden, wenn der christliche Hohepriester, der die Sünden der Vielen bestrafte, über die offensichtlichen Sünden und tatsächlichen Verbrechen des Magistrates hinweg sah. Religiöse Rücksichten, Loyalität oder schlichte Angst mochten zunächst noch die geheiligte Person des Imperators vor dem Glaubenseifer oder den Nachstellungen des Bischofs schützen; aber mit kühnem Mut verurteilten und exkommunizierten sie die Kleintyrannen, die nicht mit kaiserlichem Purpur angetan waren. Der Hl. Athanasius exkommunizierte einen ägyptischen Minister; sein Urteil – das Interdikt von Feuer und Wasser – wurde den Kirchen von Kappadokien feierlich zugefertigt Basileios (Epistulae 47, bei Baronius, Annales A.D. 370, Nr. 91) erklärt, er berichte hiervon mit Vorbedacht, um Regirungsbeamte davon zu überzeugen, dass sie von einer Exkommunikation durchaus nicht ausgenommen seien. Nach seiner Auffassung ist selbst ein gekröntes Haupt vor dem Donnern des Vatikans nicht sicher; und der Kardinal zeigt sich hierbei deutlich konsequenter als die Richter und Theologen der gallikanischen Kirche. . Unter der Herrschaft des jüngeren Theodosius saß der umgängliche und beredte Synesius (ein Nachfahre der Herakles Die lange Liste der Vorfahren des Synesios, die hinaufreicht bis auf den ersten dorischen Spartanerkönigs Eurysthenes, der in der fünften Generation in direkter Linie von Herakles abstammte, war in den Staatsregistern der spartanischen Kolonie von Cyrene aufgezeichnet. Eine so reine und berühmte Stammtafel von siebzehnhundert Jahren, die königlichen Vorfahren des Herakles noch nicht einmal mitgerechnet, findet ihresgleichen nicht so bald in der Geschichte der Menschheit. ) auf dem Bischofssitz von Ptolemais, nahe den Ruinen des antiken Cyrene Synesios, de regno p.2, bejammert rührend den herabgesunkenen und verwüsteten Zustand Kyrenes: πόλις Ἐλληνίς, παλαιὸν ὄνομα καὶ σεμνὸν, καὶ ἐν ᾠδῆ μύριᾳ τῶν πάλαι σοφῶν. νῦν πένης καὶ κατηφὴς καὶ μέγα ἐρείπιον (eine hellenische Stadt, der Name alt und ehrwürdig und in ungezählten Liedern der alten Weisen. Nun aber arm und verachtet und in großer Ödnis). Ptolmais, eine neue Stadt 82 km westlich von Kyrene empfing die Metropolitanwürden über die Pentpolis, oder das obere Libyen, die später auf Sozusa überging. Hierzu Wesseling, Itineraria p. 67, 68 und 732; Cellarius Geographia, Band 2, Teil 2, p. 72 und 74; Carolus a Sao Paulo, Geographia Sacra, p. 273; D'Anville, Géographie Ancienne, Band 3, p.43f; Memoires de l'Acaémie des Inscriptions, Band 37, p.363-391. und füllte die Stellung aus, die er, der Philosoph als Bischof, gegen seinen Willen angetreten hatte Synesius hatte zuvor seine Inkompetenz zu diesem Amt eingestanden. (Epistulae, p.246-250). Er liebte weltliche Studien und allerlei Kurzweil; er war außerstande, in Ehelosigkeit zu leben; er glaubte nicht an die Wiederauferstehung; und er weigerte sich, den Leuten Märchen zu erzählen, wenn er nicht gleichzeitig zu Hause philosophieren durfte; Theophilos, der Primas von Ägypten, der seine Verdienste durchaus kannte, ließ sich auf diesen ungewöhnlichen Kompromiss ein. Siehe die Biographie des Synesios in Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 12, p. 499-554. . Er überwand den Präses Andronicus, das Monstrum von Libyen, welcher seine Macht in einem erkauften Amt missbrauchte, neue Formen des Raubes und der Folter erfand und zu dem Verbrechen der Erpressung noch die der Gottlosigkeit hinzufügte Siehe die Schmähschrift von Synesios, Epistulae 57, p.191-201. Die Anstellung des Andronikos war rechtswidrig, da er aus Berenike stammte, einer Stadt aus derselben Provinz. Die Folterwerkzeuge sind mit Freude am Detail beschrieben, das πιεστήριον oder Presse, die δακτυλήθρα, die ποδοστράβη, die ποδοστράβη, die ὤταγρα und das χειλοστρόφιον, die Finger, Füße, Nase, Ohren und Lippen in unterschiedlicher Weise quetschten oder zerren. . Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, diesen hoffärtigen Magistrat durch eine milde, religiös eingefärbte Ermahnung zu bessern und zu bekehren, griff Synesius zum letzten Auskunftsmittel im kirchlichen Strafregister Die Exkommunikation selbst wird in einem rhetorischen Stil verkündet (Synesios, Epistulae 58, p. 201-201). Obwohl es auf irgendeine Weise ungerecht war, die ganze Familie mit einzubeziehen, wurde dieses Verfahren sogar noch zum Bann von ganzen Nationen ausgeweitet. , welches Andronicus mitsamt seiner Kumpane und deren Familien zum Abscheu des Himmels und der Erde erklärte. Die unbußfertigen Sünder, grausamer als Phalaris oder Sanherib, verderblicher als ein Krieg, Pestilenz oder ein Heuschreckenschwarm, gehen ihres Namens und ihrer Vorrechte als Christen und der Hoffnung auf das Paradies verlustig und werden von den Sakramenten ausgeschlossen. Der Bischof ermahnt den Klerus, den Magistrat und das Volk, jeden Umgang mit diesen Feinden Christi aufzukündigen; sie von ihrem Haus und ihrer Tafel zurückzuweisen; und ihnen die alltäglichen Pflichten und die angemessenen Begräbnisrituale zu verweigern. Die Kirche von Ptolemais, mochte sie auch klein und verächtlich sein, ließ alle anderen Kirchen auf der Welt diesen ihren Beschluss wissen; und der Verworfene, der sich diesen Beschlüssen verweigern sollte, lädt die gleiche Schuld und Bestrafung auf sich wie Andronicus und seine gottlosen Gefährten. Diese geistlichen Machtmittel wurden noch verstärkt durch eine wohlberechnete Meldung an den Hof von Byzanz; der Provinzgouverneur, bebend, erfleht die kirchliche Gnade; und dem Nachkommen des Herakles wird die Genugtuung, einen bäuchlings vor ihm liegenden Tyrannen von der Erde aufzuhelfen Siehe Synesios, Epistulae 47, p. 86f.; 72, p. 219f.; 89, p. 230f. . Solche Gesetze und Vorgehensweisen bereiteten unmerklich den Triumph der Römischen Päpste vor, die einst ihren Fuß Königen in den Nacken gesetzt hatten. VI. PREDIGTEN UND GOTTESDIENSTE Jede Regierung kennt die Bedeutung naturbelassener oder polierter Beredsamkeit. Das kälteste Herz wird belebt, die stabilste Vernunft wird vereinnahmt, wenn ein wirkmächtiger Gedanke die Runde macht; und jeder Hörer spürt seine eigenen Leidenschaften und die seiner Mithörer. Der Untergang der bürgerlichen Freiheit hat den Volksredner Athens und den Volkstribunen Roms zum Schweigen gebracht; der Brauch, eine Predigt abzuhalten, was einen wesentlichen Bestandteil der christlichen Andacht darstellt, war in den Tempeln des Altertums unbekannt; und an das Ohr der Monarchen drang der ungehobelte Klang populärer Beredsamkeit solange nicht, wie die Kanzeln des Reiches noch von Rednern der Kirche besetzt waren, welche über einige Fertigkeiten verfügten, die ihren weltlichen Vorgängern ganz unbekannt warten Siehe Thomassin, Discipline de l'église, Band 2, p.1761-1770) und Bingham, Christian Antiquities p. 688-717 Predigen galt als das wichtigste Bischofsamt. Bisweilen wurde diese Aufgabe aber auch Presbytern wie Chrysostomos oder Augustinus anvertraut. . Vor Gericht erfuhren Argumente und Plädoyers unmittelbar eine gleichwertige Replik durch geschulte und entschlossene Kontrahenten; und die Sache der Wahrheit und der Vernunft mochte denn auch zufällige Vorteile aus der Auseinandersetzung widerstreitender Leidenschaften erhalten. Der Bischof jedoch oder ein vor den anderen ausgezeichneter Presbyter, dem er die Vollmacht zur Predigt erteilt hatte, konnte ohne jede Besorgnis von Zwischenruf oder Gegenrede einer Menge predigen, die voller Andacht war, da ihre Gemütsverfassung durch die einschüchternden Zeremonien des Gottesdienstes bereits vorbereitet und eingestimmt war. So streng war die Abhängigkeit in der katholischen Kirche, dass von hundert Kanzeln Italiens oder Ägyptens zur gleichen Zeit gleichlautende Töne erklangen, wenn sie durch die lenkende Hand des Primas von Alexandria oder Rom eingestimmt waren Königin Elizabeth I. benutzte diesen Ausdruck und bediente sich dieses Kunstgriffes, wenn sie die Herzen ihres Volkes für ein außergewöhnliches Regierungsvorhaben gewinnen wollte. Ihr Nachfolger begriff die unangenehmen Nebenwirkungen dieser eigenen Art der Musik , und ihr Sohn bekam sie ernstlich zu spüren. »When pulpit, drum ecclestiastic.« (Wenn Kanzel, die kirchliche Trommel.) Siehe auch Haylin, Leben des Erzbischof Laud, p. 153. . Die Absicht dieser Einrichtung war durchaus löblich, ihre Früchte indes keineswegs immer heilsam. Die Priester empfahlen, Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nachzukommen; zugleich aber priesen sie Vollkommenheit der Mönchstugenden, welche doch für den Einzelnen mühselig und für die Menschheit nutzlos sind. Die Ermunterungen zur Mildtätigkeit verriet zugleich das geheime Verlangen des Klerus, über den Reichtum der Gläubigen zu Gunsten der Bedürftigen verfügen zu können. Die erhabenste Schilderung der Attribute und der Gesetze Gottes wurde eingetrübt durch ein elendes Gebräu aus metaphysischen Spitzfindigkeiten, albernen Ritualen und erfundenen Wundermären: weitläufig und glühend vor Glaubenseifer verbreiteten sie sich über das Verdienst, die Feinde der Kirche zu hassen und ihren Dienern zu gehorsamen. Als der öffentliche Friede gestört war durch Ketzerei und Glaubensspaltung, bliesen die Prediger zum Streite, möglicherweise sogar zum Abfall. Die Verstandeskräfte ihrer Versammlungsmitglieder waren durch Mysterien bald verdunkelt, ihre Leidenschaften durch Schmähreden rasch aufgestachelt: Und so stürmten sie aus den christlichen Tempeln zu Antiochia oder Alexandria, bereit, den Märtyrertod zu erleiden oder auch anderen zuzufügen. Der elende Zustand des Geschmacks und der Sprache wird durch die Kampfschriften der römischen Bischöfe überdeutlich dokumentiert; aber die Abhandlungen eines Gregor oder Chrysostomos wurden sogar den brillantesten Proben attischer oder wenigstens asiatischer Beredsamkeit an die Seite gestellt Diese Redner bemerkten in aller Bescheidenheit, dass sie, da ihnen die Fähigkeit abgehe, Wunder zu wirken, sie sich mit der Kunst der Beredsamkeit vertraut gemacht hätten. . VII. GESETZGEBUNG DER CHRISTLICHEN REPUBLIK Die Repräsentanten der Christlichen Republik versammelten sich regelmäßig im Frühling und Herbst eines jeden Jahres: und diese Synoden verbreiteten den Geist der Kirchendisziplin und der Gesetzgebung über die einhundertundzwanzig Provinzen der römischen Welt Das Konzil zu Nikaia hat im vierten, fünften, sechsten und siebenten Kanon einige grundlegende Regularien über die Synoden, Erzbischöfe und Primasse getroffen. Diese nikaianischen Kanones wurden entsprechend der jeweiligen Interessenlage des Klerus verschiedentlich verdreht, missbraucht oder gefälscht. Die suburbikarischen (in der Nähe von Rom gelegen, A.d.Ü.) Kirchen, die Rufinus dem Bischof von Rom zurechnete, waren Gegenstand heftiger Kontroversen. Siehe Sirmond, Opera, Band 4, p.1-238. . Der Erzbischof oder Metropolit war von Gesetzes wegen bevollmächtigt, die Suffraganbischöfe seiner Provinz zu zitieren, ihre Aufführungen zu untersuchen, ihrem Recht Achtung zu verschaffen, feierlich ihren Glauben zu bezeugen und die Verdienste der Kandidaten zu beurteilen, welche vom Klerus und Kirchenvolk bestimmt worden waren, die verwaisten Sitze des episkopalen Kollegiums neuerlich zu besetzen. Die Primasse von Rom, Alexandria, Antiochia, Karthago und später auch von Konstantinopel, deren Gerichtsbarkeit umfassender war, beriefen größere Bischofsversammlungen ein. Aber die Zusammenberufung großer und außerordentlicher Synoden war das Vorrecht des Kaisers allein. Wann immer die Umstände der Kirche diese entschiedene Vorkehrung notwendig machten, sandte er an die Bischöfe oder die Provinzbevollmächtigten dringliche Vorladungen, ordnete gar die Benutzung von kaiserlichen Postpferden an und setzte Reisekosten in angemessener Höhe fest. Früher, als Constantin der Beschützer, nicht so sehr der Proselyt des christlichen Glaubens war, stellte er die afrikanische Kontroverse dem Konzil von Arles anheim; in welchem die Bischöfe von York, Trier, Mailand und Karthago sich als Freunde und Glaubensbrüder begegneten, um in ihrer Landessprache die gemeinsamen Interessen der römisch-katholischen oder westlichen Kirche zu debattieren Wir haben lediglich dreiunddreißig oder siebenundvierzig bischöfliche Unterschriften: Aber Ado, ein nicht eben schwergewichtiger Autor, errechnet 600 Bischöfe für das Konzil zu Arles. Tillemont, Memoires eccléstiastiques, Band 4, p.422. . Elf Jahre danach trat zu Nicaea in Bithynien eine größere und erlesenere Konferenz zusammen, um durch ihren Entscheid in letzter Instanz die verstiegenen Debatten über die Trinität zum Schweigen zu bringen, welchen in Ägypten ihren Ausgang genommen hatten. Dreihundertundachtzehn Bischöfe folgten der Ladung ihres milden Herren; die Zahl der Geistlichen, die aus allen Rängen, Sekten und Orten stammten, wird auf zweitausendachtundvierzig Personen geschätzt Siehe Tillemont, Memoires eccléstiastiques, Band 46, p.915 und Bausobre, Histoire du Manichéisme, Band 1, p. 529. Die Bezeichnung Bischof, welche Eutychios den 2048 Geistlichen beilegt (Annales, Band 1, p.440), muss in einer Bedeutung verstanden werden, die weit über die Grenzen einer orthodoxen oder überhaupt bischöflichen Ordination hinausgeht. ; die griechischen Kleriker erschienen in Person, die westlichen wurden vertreten durch Abgesandte des römischen Pontifex. Der Kaiser ehrte die Konferenz, die etwa zwei Monate dauerte, des Öfteren durch seine Anwesenheit. Er ließ seine Leibwache an der Tür zurück und setzte sich mit Erlaubnis des Konzils auf einen geringen Stuhl inmitten der Halle. Constantin hörte mit Geduld und sprach selbst mit Mäßigung: Und während er so die Debatte beeinflusse, bekannte er, dass er der Diener, nicht der Richter dieser Nachfolger der Apostel sei, welche als Priester und Götter auf Erden bestellt wären Siehe Eusebios, Vita Constantini, 3,6-21. Tillemont, Memoires ecclésiastiques, Band 6, p. 669-759. . Diese tiefe Verbeugung eines absoluten Monarchen vor einer machtlosen, unbewaffneten Versammlung seiner eigenen Untertanen lässt sich nur mit dem Respekt vergleichen, den die römischen Herrscher in Fortsetzung der Politik des Augustus dem Senat angedeihen ließen. So hätte im Abstand von fünfzig Jahren ein philosophisch veranlagter Betrachter der Hinfälligkeit menschlichen Strebens einen Tacitus im Senat zu Rom und einen Constantin auf dem Konzil zu Nicäa näher ins Auge fassen können. Die versammelten Väter des Capitols und die Väter der Kirche hätten den Tugenden der Gründergeneration gleich fern gestanden; da aber die Bischöfe stärker in der öffentlichen Meinung wurzelten, bewahrten sie ihre Würde mit mehr Anstand und verweigerten sich bisweilen mit männlichem Mut den Wünschen ihres Sovereigns. Der Strom der Zeit und das Anwachsen des Aberglaubens ließen die Erinnerung an die Schwäche, die Leidenschaften, die Ignoranz abbröckeln, welche diese Kirchenversammlungen umdunkelten Sancimus igitur vicem legum obtinere, quae a quatuor Sanctis Conciliis ... expositae sunt aut firmatae. Praedictarum enim quatuor synodorum dogmata sicut sanctas Scripturas et regulas sicut leges observamus. (Wir beschließen mithin feierlich, die Geltung der Gesetze festzuschreiben, welche von vier heiligen Konzilien aufgestellt oder bestätigt worden sind. Die Lehrsätze der vorgenannten vier Synoden sehen wir wie die Heilige Schrift an und beobachten sie wie Gesetze.) Iustinian, Novellae 131. Beveridge (Pandectae, prolegomena p. 2) merkt an, dass die Kaiser niemals neue, die Kirche betreffenden Gesetze erlassen hätten; und Giannone (Istoria Civile di Napoli, Band 1, p. 136) stellt aus einem ganz anderen Blickwinkel fest, dass sie den Konzilskanons Gesetzeskraft erteilten. ; und die Katholische Kirche hat sich einträchtig den unfehlbaren Beschlüssen dieser allgemeinen Konzilien unterworfen Siehe den Artikel ›Concile‹ in der Encycloédie, Band 3, p. 668-679, Ausgabe de Lucques. Der Verfasser, Herr Docteur Bouchaud, hat gemäß den Artikeln der gallikanischen Kirche die grundlegenden Fragen erörtert, die sich auf die Form und die Verfassung allgemeiner, nationaler oder provinzialer Konzile beziehen. Die Herausgeber haben jede Ursache, auf diesen Artikel stolz zu sein. Diejenigen, welche ihre ungeheure Sammlung zu Rate ziehen, gehen nicht immer so zufrieden gestellt von hinnen. . XXI KETZERVERFOLGUNG · DAS DONATISTISCHE SCHISMA · DIE ARIANISCHE KONTROVERSE · ATHANASIOS · ZUSTAND DER KIRCHE UND DES REICHES UNTER CONSTANTIN UND SEINEN SÖHNEN · ÜBERSICHT ÜBER DIE CHRISTLICHEN SEKTEN · DULDUNG DES HEIDENTUMS   ERSTE SEKTEN UND KETZERVERFOLGUNG Durch dankbaren Beifall der Klerisei ward das Andenken an einen Herrscher gesegnet, der ihren Leidenschaften nachsah und ihren Vorteil beförderte. Constantin gewährte ihnen Sicherheit, Wohlstand, Ehrenstellungen und endlich auch Rache. Und der Schutz des orthodoxen Glaubens zählte fortan zu den heiligsten und vornehmsten Pflicht der zivilen Magistrate. Das Edikt von Mailand, die Magna Charta der Toleranz, hatte jedem Individuum der römischen Welt das Recht zugesichert, eine Religion der eigenen Wahl zu bekennen. Aber schon bald wurde dieses unschätzbare Privileg verletzt: zusammen mit der Erkenntnis der Wahrheit nahm der Herrscher auch den Geist der Verfolgung in sich auf; die Sekten, welche sich von der katholischen Kirche abtrennten, wurden heimgesucht und unterdrückt, sobald das Christentum obsiegt hatte. Gerne glaubte Constantin, dass Häretiker, welche seine Auffassung zu diskutieren sich erkühnten und oder sich seinen Anordnungen widersetzten, der kranksinnigsten und verwerflichsten Halsstarrigkeit schuldig seien; und dass nur eine rechtzeitige, wohlkalkuliert-nachdrückliche Erziehungsmaßnahme jene Unglücklichen vor immerwährender Verdammnis bewahren könne. So zögerte man denn keinen Augenblick, den Priestern und Lehrern jener abgespaltenen Glaubenskongregationen jede Teilhabe an den Vergünstigungen und der Straffreiheit abzuerkennen, die der Herrscher so freigebig unter die rechtgläubigen Kleriker gestreut hatte. Da aber solche Sekten auch noch fern der kaiserlichen Gnadensonne fortdauern mochten, folgte unmittelbar auf den Sieg im Osten ein Edikt, welches ihre vollständige Auflösung anordnete Eusebios 3, 63-66. . Nach einleitenden Worten des Zornes und Vorwurfes verbot Constantin strengstens die Versammlungen der Ketzer und beschlagnahmte zugleich ihr öffentliches Eigentum für den Fiskus oder die katholische Kirche. Die Sekten, gegen die sich die kaiserliche Ungnade richtete, scheinen die Anhänger des Paul von Samosata gewesen zu sein; die Montanisten von Phrygien, die fanatische auf einer Nachfolge der Prophetie beharrten; die Novatianer, welche die weltliche Kraft der Buße mit Nachdruck verneinten; die Marcioniten und Valentinianer, unter deren Fahne sich die verschiedenen asiatischen und ägyptischen Gnostiker versammelten; und wohl auch die Manichäer, welche erst kürzlich eine ansprechendere orientalisch-christliche Theologie aus Persien importiert hatten Nach eingehendem Studium der unterschiedlichen Auffassungen von Tillemont, Beausobre, Lardner u.a. bin ich zu dem Standpunkt gelangt, dass Manes diese Sekte auch in Persien nicht vor dem Jahre 270 ins Leben rief. Es klingt merkwürdig, dass eine philosophische und dazu noch ausländische Ketzerei sich so schnell in den afrikanischen Provinzen sollte ausgebreitet haben; aber andererseits kann ich das Edikt des Diocletian gegen die Manichäer, welches man bei Baronius nachlesen kann, nicht so ohne weiteres in Abrede stellen. Annales Ecclesiastici A.D. 287 . Die Absicht, den Namen dieser Verhassten zu tilgen oder doch wenigstens ihre Verbreitung zu erschweren, verfolgte man mit Eifer und Erfolg. Einige Strafvorschriften übernahm man aus den Edikten Diokletians; und diese Bekehrungsmethoden erhielten den Beifall ausgerechnet jener Bischöfe, die vordem selbst die Hand der Verfolgung gespürt und die Rechte der Menschlichkeit beschworen hatten. Zwei Begleitumstände immaterieller Art können jedoch den Nachweis erbringen, dass Constantin noch nicht vollständig von Glaubensfanatismus und Bigotterie umdunkelt war. Bevor er nämlich die Manichäer und ihre gleichgesinnten Sekten verdammte, beschloss er, ihre religiösen Grundsätze genau zu untersuchen. Und als ob er gegenüber der Unbefangenheit seiner kirchlichen Ratgeber einigen Argwohn hegte, vertraute er diese heikle Mission einem zivilen Magistrat an, dessen Gelehrsamkeit und Sachlichkeit er zu Recht schätzte und von dem er vermutlich nicht wusste, ob er käuflich war »Constantinus enim, cum limatius superstitionum quaereret sectas, Mannichaeorum et similium,« etc. (Als nämlich Constantin den irrgläubigen Sekten, den Manichäern und ähnlichen, genauer nachfahndete usw.) Ammianus, 15,13. Strategius, der auf Grund dieses Auftrages das cognomen »Musonianus« erhielt, war Christ der arianischen Richtung. Auf dem Konzil von Serdica trat er als kaiserlicher Abgesandter (comes) auf. Libanius rühmt seine Milde und Klugheit. (Siehe Valesius zu Ammianus ad locum.) . Schon bald hatte sich der Kaiser davon überzeugt, dass er den orthodoxen Glauben und die vorbildliche Moral der Novatianer vorschnell verurteilt hatte, da sie mit der Kirche lediglich in einigen Fragen der Disziplin nicht konform gingen, welche aber zur Erlangung der Seligkeit vielleicht gar nicht erforderlich waren. So nahm er sie denn in einem besonderem Erlass von den gesetzlich vorgeschriebenen Strafen aus Codex Thodosianus 16,5,2. Da sich das allgemeine Gesetz nicht im Codex Theodosianus aufgenommn ist, so ist es wahrscheinlich, dass im Jahr 438 die Sekten, welche es verbot, bereit nicht mehr existierten. ; gestattete ihnen den Bau einer Kirche in Konstantinopel, bestaunte die Wunder ihrer Heiligen, lud ihren Bischof Akesios in das Konzil zu Nicaea und machte über die Glaubenssätze seiner Sekte einen unschuldigen Scherz, welcher, da er aus dem Munde eines Herrschers kam, mit Beifall und Dankbarkeit aufgenommen worden sein muss Sozomenos 1,22; Sokrates 1,10. Die Kirchenhistoriker wurden, nach meiner Auffassung allerdings grundlos, der Sympathie mit der novatianischen Sekte verdächtigt. Der Kaiser sagte zu dem Bischof: »Acesius, nimm eine Leiter und steige selbst zum Himmel.« Die meisten christlichen Sekten haben sich der Reihe nach die Leiter des Ascesius geborgt. . DIE KIRCHENVERSAMMLUNGEN ZU ROM UND ARLES Die Klagen und gegenseitigen Anschuldigungen, welche den Thron des Constantin umtobten, sobald Afrika durch den Tod des Maxentius seinen siegreichen Armeen unterlegen war, taugten nur bedingt dazu, einen Proselyten zu erbauen. So erfuhr er denn mit Staunen, dass die Provinzen jenes riesigen Landes von den Grenzen Cyrenes bis zu den Säulen des Herkules durch religiösen Hader zerrissen waren Die besten Materialien zu dieser Epoche der Kirchengeschichte kann man in den Schriften des Optatius von Mileve finden, (ediert von Herrn Dupin Paris, 1700) der sie mit kritischen Anmerkungen, geographischen Erläuterungen, Originaltexten und einer präzisen Kurzdarstellung der ganzen Auseinandersetzung bereichert hat. Herr de Tillemont hat den Größten Teil eines Banden (6, Teil 1) den Donatisten gewidmet: ich stehe in seiner Dankesschuld für eine umfangreiche Sammlung aller Passagen aus seinem Liblingsautoren Augustinus, die sich auf diese Häretiker beziehen. . Die Quelle der Glaubensspaltung war eine doppelte Wahl in der Kirche von Karthago, der nach Einfluss und Reichtum zweiten Kirche des Westens. Caecilian und Maiorinus waren die beiden rivalisierenden Primasse Afrikas; und der Tod des letzteren schaffte Raum für Donatus, für den seine überlegene Begabung und seine erkennbaren Tugenden sprachen. Die zeitlich frühere Ordination, mit denen Caecilian seine Ansprüche begründen mochte, zerstörte er durch die ungesetzliche oder mindestens doch ungehörige Hast, mit der er sie selbst vollzog, ohne die Ankunft der numidischen Bischöfe auch nur abzuwarten. Das Ansehen dieser Bischofsversammlung wiederum, – es waren ihrer siebzig zusammen gekommen – die Caecilian verdammten und Maiorinus heilig sprachen, erlitt Einbuße infolge der charakterlichen Verkommenheit einiger Mitglieder; und infolge der weiblichen Ränke, des schandbaren Schachers und der tumultuarischen Sitzungen, die diesem numidischen Konzil nachgesagt werden »Schisma igitur illo tempore confusae mulieris iracundia peperit; ambitus nutrivit; avaritia roboravit.« (Die Kirchenspaltung wurde zu jener Zeit vorangetrieben von einer Frau mit übersprudelndem Temperament; sie befeuerte den Ehrgeit und verstärkte die Habsucht.) Optatus, 1,19. Die Sprache des Purpurius ist die eines Wahnsinnigen: »Dicitur te necasse filios sororis tuae duos. Purpurius respondit: Putas me terreri a te ... occidi, et occido eos qui contra me faciunt.« (Es heißt, du habest die beiden Söhne deiner Schwester getötet. Darauf Purpurius: Du glaubst, ich ließe mich von dir einschüchtern...weil ich getötet habe; ich töte alle die, die gegen mich vorgehen.) Acta Concilii Cirtensis, bei Optatus, Anhang, p. 274. Als Caecilian vor eine Bischofsversammlung geladen wurde, sagte Purpurius zu seinen Glaubensbrüdern bzw. Komplizen: »Man lasse ihn kommen, unsere Handauflegungen zu empfangen, und wir werden ihm als Bußübung seinen Schädel einschlagen.« Optatus 1,19 . Die Bischöfe der hadernden Faktionen beharrten darauf, in ihrem Zorn und ihrer Verbissenheit in etwa vergleichbar, dass ihre Gegner ihrer Ämter enthoben oder doch wenigstens unwürdig seien, da sie den Bütteln Diokletians die Heiligen Schriften ausgehändigt hätten, was ein ruchloses Verbrechen bedeutete. Aus ihrer gegenseitigen Abneigung und aus den Berichten dieser trüben Verhandlung lässt sich zwanglos folgern, dass die letzte Verfolgung den Glaubenseifer der afrikanischen Christen gemehrt hatte, ohne zugleich ihre Manieren zu verfeinern. Diese gespaltene Kirche war außerstande, eine unparteiische Rechtsprechung auf die Beine zu stellen; in fünf aufeinander folgenden Verhandlungen, die der Kaiser einberufen hatte, wurde die Kontroverse ernsthaft verhandelt; und die ganze Angelegenheit erstreckte sich, von der ersten Anrufung bis zum letzten Urteilsspruch, über drei Jahre. Eine strenge Untersuchung durch den Prätorianerpräfekten und Prokonsul Afrikas, der Bericht zweier nach Karthago entsandter bischöflicher Visitatoren, die Beschlüsse der Konzilien zu Rom und Arles, das letztinstanzliche Urteil des Kaisers selbst: alle sprachen sich für Caecilianus aus; und einstimmig wurde er von den kirchlichen und weltlichen Mächten als der wahre und gesetzmäßige Primas von Afrika anerkannt. Die Ehrenstellungen und die Besitztümer der Kirche wurden seinen Suffraganbischöfen zugesprochen, und nur widerstrebend gab sich Constantin damit zufrieden, die führenden Köpfe der donatistischen Faktion mit dem Exil zu belegen. Da man ihren Fall mit Genauigkeit untersucht hatte, war das Urteil vielleicht sogar gerecht. Vielleicht waren ihre Klagen auch nicht grundlos, dass nämlich die Arglosigkeit des Herrschers durch die durchtriebenen Künste seines Favoriten Osius missbraucht worden sei. Der Einfluss von Lüge und Bestechung kann durchaus zur Verurteilung eines Schuldlosen führen, oder das Urteil über einen Schuldigen noch verschärfen. Einen solchen Akt der Ungerechtigkeit am Ende einer schweren Auseinandersetzung sollte man unter die vorübergehenden Übel einer allmächtigen Verwaltung rechnen, unter der die Nachwelt nicht zu leiden hat und die sie bald vergisst. DER DONATISTENSTREIT Indessen hat dieser Vorfall, so wenig er auch einen Platz in der Geschichte verdient hat, ein durchaus erinnerungswürdiges Schisma verursacht, welches den Provinzen Afrikas über drei Jahrhunderte zusetzte und erst durch die Christen selbst aufgehoben wurde. Unbeugsamer Freiheitssinn und Fanatismus trieb die Donatisten zum Ungehorsam gegenüber den Usurpatoren, deren Wahl sie bestritten und deren geistliche Autorität sie nicht anerkannten. Ausgeschlossen aus der bürgerlichen und religiösen Gemeinschaft der Menschen, exkommunizierten sie ihrerseits mit frischem Mut den Rest der Menschheit, welcher sich der gottlosen Partei des Caecilian angeschlossen hatten und der Partei der traditores , von denen er sein angemaßte Bischofsweihe empfangen hatte. Mit Bestimmtheit, fast schon mit Frohlocken, erklärten sie, dass die Nachfolge der Apostel unterbrochen sei; dass alle Bischöfe Europens und Asiens mit dem Gift der Schuld und des Schismas verseucht seien; und dass die Prärogative der katholischen Kirche nur noch für die erlesene Schar der afrikanischen Gläubigen Bestand habe, da sie allein Glauben und Zucht unversehrt bewahrt hätten. Diese gestrenge Theorie bestätigte sich durch ihr unbarmherziges Auftreten. Wann immer sich ein Proselyt ihnen anschließen wollte, und käme er auch aus dem fernen Osten, wiederholten sie mit viel Pedanterie die heiligen Tauf- und Weiherituale Die Konzile zu Arles, Nicaea und Trient bekräftigten die weise und gemäßigte Praxis der römischen Kirche. Die Donatisten jedoch nahmen für sich in Anspruch, die Auffassung des Cyprian und des größeren Teiles der Urkirche für sich zu haben. Vincentius Lirinensis (bei Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 138) hat dargetan, weshalb die Donatisten für ewig, zusammen mit dem Teufel, in der Hölle schmoren werden, während der heilige Cyprian zusammen mit Jesus Christus im Himmel regiert. ; denn sie bestritten deren Gültigkeit, falls er sie aus den Händen von Häretikern oder Schismatikern empfangen hatte. Bischöfe, Jungfrauen, ja selbst unschuldige Kleinkinder mussten sich einer schmachvollen öffentlichen Buße unterziehen, bevor sie Aufnahme in die Gemeinschaft der Donatisten fanden. Waren sie im Besitz eines Kirchengebäudes, die vordem ihre katholischen Feinde benutzt hatten, dann reinigten sie das gottlose Haus mit dem gleichen verbissenen Eifer, den ein Götzentempel erfordert haben mochte. Sie wuschen den Boden, schabten die Wände sauber, verbrannten den Altar, der für gewöhnlich aus Holz bestand, schmolzen das heilige Geschirr ein und warfen die geweihten Brote den Hunden vor; dies alles geschah mit demjenigen Ausmaß an Verachtung, das geeignet ist, die Feindseligkeit zwischen religiösen Splittergruppen zu vertiefen und zu festigen Siehe das 6. Buch des Optatus von Mileve, p- 91-100. . Ungeachtet dieser unversöhnlichen Abneigung besaßen die beiden Parteien, die in allen Städten Afrikas sich gemeinsam und getrennt aufhielten, die gleiche Sprache, die gleichen Sitten und Bräuche, den gleichen Glaubenseifer, die gleiche Bildung, das gleiche Bekenntnis. Obwohl die Donatisten durch die weltlichen Obrigkeiten in Acht und Bann getan waren, bildeten sie in vielen Provinzen – namentlich in Numidien – die mächtigste Gruppe; und immerhin vierhundert Bischöfe erkannten die oberste Rechtsprechung ihres Primas an. Aber der unbezwingliche Sektengeist richtete sich bisweilen gegen die eigene Lebenskräfte; und im Inneren ihrer schismatischen Kirche wütete bittere Glaubensspaltung. So folgte dann ein Viertel der Donatisten dem unabhängigen Banner der Maximianisten. Der schmale und einsame Pfad, auf dem die Begründer gewandelt waren, verlief auch weiterhin abseits der großen Straße der Menschheit. Selbst die kaum auffindbare Sekte der Rogatianer errötete nicht darüber, zu behaupten, dass Christus, sollte er auf die Erde zurückkehren, seine wahre Religion nur in einer Handvoll namenloser mauretanischer Dörfer bewahrt finden würde Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 253. Er macht sich lustig über ihre unsachliche Grausamkeit und verehrt Augustinus, den großen Lehrer der Prädestinationslehre. . DER DREIFALTIGKEITSSTREIT Das donatistische Schisma beschränkte sich auf Afrika: umso ausgedehnter war die fatale trinitarische Kontroverse, die im Laufe der Zeit in jeden Winkel der christlichen Welt vordrang. Das erstgenannte war ein Gelegenheitszank, hervorgerufen durch den Missbrauch der Freiheit; das zweite betraf einen erhabenen und geheimnisvollen Gegenstand, hervorgerufen durch den Missbrauch der Philosophie. Von Konstantins Zeiten bis in die des Chlodwig und Theoderich waren die weltlichen Interessen der Römer und Barbaren tief in den arianischen Streit verwickelt. Es sei daher dem Historiker gestattet, mit allem Respekt den Schleier von dem Heiligsten zu lüften und den Entwicklungsgang der Vernunft und des Glaubens nachzuzeichnen, beginnend mit dem Irrtum und den Konflikten aus den Tagen der platonischen Schule bis zum Verfall und Untergang des römischen Reiches. DAS SYSTEM PLATOS (360 v. Chr.) Platos Genius, der nur vom eigenen Nachsinnen oder von den überlieferten Weisheiten der ägyptischen »Plato Aegyptum peregravit ut a sacerdotibus barbaris numeros et 'caelestia' acciperet.« (Plato durchwanderte Ägypten, um von den ausländischen Prietern Zahlen- und Himmelslehre zu übernehmen.) Cicero de finibus 5,25. Die Ägypter mochten immer noch dem traditionellen Glauben ihrer Patriarchen anhängen. Josephus hatte viele christliche Kirchenväter davon überzeugt, dass Plato einen Teil seiner Einsichten den Juden zu danken habe; aber diese irrige Meinung steht im Widerspruch mit dem untergeordneten Status und den abweisenden Auftreten des jüdischen Volkes, deren Schriften mehr als hundert Jahre nach Platos Tod der griechischen Neugier nicht zugänglich waren. Siehe Marsham, Canon Chronicus. p. 144; Le Clerc, Epistolae Criticae. 7, p. 177-194. Priester zehrte, hatte es unternommen, die geheimnisvolle Natur der Gottheit zu ergründen. Nachdem er sich bis zu der erhabenen Betrachtung der aus sich selbst existierenden, notwendigen Ursache des Universums durchgerungen hatte, war der athenische Denker außerstande sich vorzustellen, wie denn diese gleichbleibende Einheit ihres Wesens mit der unendlichen Vielfalt verschiedener aufeinander folgender Ideen, dem Urbild der Ideenwelt, zusammenstimmen könne; wie ein durchaus unkörperliches Sein diese vollkommene Idee umbilden und mit bildungskräftiger Hand das rohe und ungebändigte Chaos solle formen können. Die eitle Hoffnung, mit diesen Schwierigkeiten, denen die schwachen Kräfte des Menschengeistes niemals gewachsen sind, jemals zu einem Ende zu kommen, haben Plato dann vermutlich veranlasst, die göttliche Natur in dreifacher Weise aufzufassen: als die erste Ursache, als den Verstand oder logos und als die Seele oder den Geist des Universums. Seine dichterischen Konzeptionen gaben diesen metaphysischen Abstraktionen greifbare Gestalt; die drei ursprünglichen Prinzipien wurden in dem platonischen System als drei Götter vorgestellt, die miteinander durch eine geheimnisvolle und unaussprechbare Zeugung verbunden seien; insbesondere stellte man sich unter dem Logos den Sohn eines ewigen Vaters vor, des Schöpfers und Beherrschers der Welt. Dies scheinen die Geheimnisse gewesen zu sein, die man sich in den Gärten der Akademie zuraunte; und welche, folgt man den neueren Schülern Platos, vor Ablauf eines dreißigjährigen, intensiven Studiums überhaupt nicht zu begreifen sind Die neueren Autoren, die mich zum Verständnis des platonischen Systems geführt haben, sind Cudworth (Intellectual System, p. 568-620), Basnage (Histoire des juifs, 4,4, p. 53-86), Le Clerc, (Epistulae criticae 7, p.194-209) und Brucker, (Historia Philosophiae Band 1, p. 675-706). Da die Gelehrsamkeit dieser Verfasser gleich und ihre Intentionen verschieden war, kann ein lernbegieriger Beobachter aus ihren Erörterungen Belehrung und aus ihren Übereinstimmungen Gewissheit erlangen. . DER LOGOS IN ALEXANDRIA (300. v.Chr.) Die Armeen Makedoniens verbreiteten die griechische Sprache und Wissenschaft über Asien und Ägypten; und das theologische System Platos wurde mit weniger Andacht und vermutlich mehreren Zusätzen in der berühmten Schule von Alexandria gelehrt Brucker, Historia philosophiae, Band 1, p. 1349-57. Strabo und Ammianus rühmen die Schule von Alexandria . Zahlreiche Juden hatten sich auf freundliche Einladung der Ptolemäer in deren neuen Hauptstadt niedergelassen Iosephus, Antiquitates Iudaicae 12,1 und 12,3. Basnage, Histoire des Juifs, Buch7, c.7. . Während sie in ihrer Mehrheit legal ihre Zeremonien beobachteten und sich ansonsten dem lukrativen Geschäftsleben zuwandten, widmeten einige kühnere Hebräer ihr Leben religiösen und philosophischen Betrachtungen Zum Ursprung der jüdischen Philosophie s. Eusebios, Praeparatio evangelica 8,9,f. Philo zufolge studierten die Therapeuten Philosophie, und Brucker (Historia Philosophiae Band 2, p.787) hat gezeigt, dass sie der des Plato den Vorzug gaben. . Sie nahmen sich mit Eifer des theologischen Systems des athenischen Weisen an und entwickelten es sorgfältig weiter. Aber ihr nationaler Stolz hätte sich an einem Eingeständnis ihrer früheren Unkenntnis geärgert: und dreist reklamierten sie das Gold und die Juwelen, welche sie erst unlängst ihren ägyptischen Lehrmeistern entwunden hatten, als heiliges Erbteil ihrer Vorfahren. Einhundert Jahre vor Christi Geburt wurde eine philosophische Abhandlung mit deutlichen stilistischen und gedanklichen Anleihen bei Platos Schule von alexandrinischen Juden verfasst und allgemein als echtes und schätzbares Fragment der inspirierten Weisheit Salomons aufgefasst Siehe Calmet, Dissertations sur la Bible, Band 2, p. 277. Das Buch der Weisheit Salomons wurde von vielen Kirchenvätern als Schrift dieses Königs aufgefasst; und obwohl die Protestanten es wegen des Fehlens eines hebräischen Originaltextes zurückwiesen, hat das Konzil zu Trient es zusammen mit der übrigen Vulgata gutgeheißen. . Eine vergleichbare Verbindung von mosaischem Glauben mit griechischer Philosophie kennzeichnet auch die Schriften des Philo, welche zum größten Teil unter Augustus verfasst wurden Der sprichwörtliche Platonismus des Philo wird von Le Clerc (Epistolae Criticae 8. p. 211-228). zweifelsfrei erwiesen. Basnage (Histoire des Juifs, 4,5) hat zuverlässig festgestellt, dass das theologische Schrifttum des Philo vor dem Tode und wohl auch vor der Geburt Christi abgefasst wurde. In dieser Zeit der Dunkelheit sind Philos Kenntnisse erstaunlicher als seine Irrtümer. Bull, Defensio fidei Nicaenae, Sectio 1, c.1, p.12 . Die materiell gedachte Weltseele »Mens agitat molem, et magno se corpore 'miscet'.« Der Geist bewegt die Materie und ›vermählt‹ sich dem mächtigen Körper. Neben dieser »materiellen Seele« hat Cudworth (in seinem Intellektuellen System, p. 562) in Amelios, Porphyrios, Plotin und, wie er glaubt, selbst bei Plato eine höhere, geistige, überkosmische Weltall-Seele zu entdecken gemeint. Aber diese Doppelseele wird von Brucker, Basnage und le Clerc als eine müßige spätplatonische Phantasterei verworfen. mochte wohl der Frömmigkeit der Hebräer anstößig sein: aber die Eigenschaften des LOGOS schrieben sie dem Jehova des Moses und der Patriarchen zu; und der Sohn Gottes stieg auf die Erde unter sichtbarer, ja sogar menschlicher Gestalt, um jene bekannten Dienste zu verrichten, welche mit der Natur und den Eigenschaften der ersten Ursache unvereinbar scheinen Petavius, Dogmata Theologica, Band 2, p.791; Bull, Defensio Fidei Nicaenae Sectio 1, c. 1, p. 8, 13. Dieser Gedanke wurde vor seinem Missbrauch durch die Arianer oft von der christlichen Theologie aufgegriffen. Bei Tertullian (Adversus Praxeam 16) gibt es eine bemerkenswerte und heikle Stelle. Nachdem er mit unbedachten Albernheiten die Natur Gottes und Jehovas gegenüber gestellt hatte, schließt er: »Scilicet ut haec de filio Dei non credenda fuisse si non scripta essent; fortasse non credenda de Patre licet scripta.« (Natürlich dürfe man so etwas über den Gottessohn nicht glauben, wenn es nicht geschrieben stehe; über den Vater vermutlich auch dann nicht, wenn es geschrieben sei.« . ST. JOHANNES OFFENBART DEN LOGOS (A.D. 97) Die Beredsamkeit eines Plato, Salomons Name, das Ansehen der Schule von Alexandria, die Übereinstimmung der jüdischen und griechischen Denker reichten nicht hin, um die Wahrheit einer geheimnisvolle Lehre darzutun, die einem rational veranlagten Gemüt möglicherweise zusagen, gewiss aber nicht genügen konnte. Allein ein Prophet oder ein Apostel, des Gottes voll, kann auf rechtmäßige Weise den Glauben der Menschheit lenken; und leicht und für alle Zeiten hätte man die Theologie Platos mit den Visionen der Akademie, der Stoa und des Lyceums vermengt, wenn nicht die inspirierte Feder des letzten und erhabensten aller Evangelisten, St. Johannes, den Namen und die göttlichen Eigenschaften des Logos genau bestätigt hätte Die Platoniker bewunderten den Anfang des Johannes-Evangeliums, da er eine präzise Umschreibung ihrer eigenen Prinzipien darstellte. (Augustinus, de Civitate Dei 10,29; Amelios, bei Kyrillos, Adversus libros athei Iuliani 8, p283). Aber im dritten und vierten Jahrhundert konnten die Platoniker von Alexandria ihre Trinitätsvorstellung durch heimliches Studium der christlichen Theologie sicherlich ausbauen. . Die christliche Offenbarung, die unter Nervas Regierung ihre Vollendung erhielt, entdeckte der Welt das erstaunliche Geheimnis, dass der LOGOS, der vom Anfang an mit Gott war und der Gott war, welcher alle Dinge geschaffen hatte und für den alle Dinge geschaffen waren, in der Person des Jesus von Nazareth Mensch geworden war, der, von einer Jungfrau geboren, den Tod am Kreuze erlitten hatte. Neben der allgemeinen Absicht, die göttlichen Ehren Christi auf eine immerwährende Grundlage zu stellen, haben die ältesten und ehrwürdigsten Kirchenschriftsteller den Verfassern der Evangelien noch das spezielle Bestreben beigelegt, zwei entgegengesetzte Häresien zum Schweigen zu bringen, welche den Frieden der Urkirche störten Siehe Beausobre, Histoire Critique du Manicheisme, Band 1, p. 377. Das Evangelium nach Johannes soll etwa siebzig Jahre nach dem Tode Christi veröffentlicht worden sein. . DIE EBIONITEN UND DOKETEN I. Der Glaube der Ebioniten Die Auffassungen der Eboniten werden von Mosheim ( p.331) und le Clerc (Historia Ecclesiae, p. 535) evident auseinander gesetzt. Die Clemensbriefe, die sich bei den Apostolischen Vätern finden, sind nach dem Urteil von Fachleuten das Werk eines Ebioniten. und wohl auch der Nazarener Obstinate Polemiker wie etwa Bull (in seinem Iudicium Eccesiae catholocae, c.2) beharren auf der Rechtgläubigkeit der Nazarener; die aber nach Mosheims Auffassung (De rebus Christianorum, p.330) minder reinlich und abgesichert erscheint. war roh und unvollkommen. Sie verehrten Jesus, der mit übernatürlichen Tugenden und Fähigkeiten begabt war, als den größten der Propheten. In seiner Person und künftigen Herrschaft waren nach ihrer Auffassung alle die Vorhersagen der hebräischen Orakel erfüllt, welche Bezug auf die geistige und ewigwährende Herrschaft des verheißenen Messias hatten Die kümmerlichen Lebensumstände und das Leiden Jesu waren für die Juden stets ein Stein des Anstoßes. »Deus ... contrariis coloribus Messiam depinxerat; futurus erat Rex, Judex, Pastor.« (Gott hat den Messias in unterschiedlichen Farben ausgemalt; der Kommende war König, Richter, Hirte). Siehe Limborch et Orobio Amica Collatio p. 8, 19, 53-76, 192-234. Aber eben dieser Vorwurf hat die gläubigen Christen vermocht, zu dem geistigen und ewigen Königreich aufzublicken. . Einige von ihnen glaubten wohl auch, dass er von einer Jungfrau geboren sei: aber durchaus leugneten sie die vorausgegangene Existenz und göttliche Vollkommenheit des Logos oder Gottessohnes, welche doch im Johannesevangelium so deutlich dargetan werden. Etwa fünfzig Jahre später bildeten die Ebioniten, deren Irrtümer von Justinus mit nicht ganz angemessener Milde behandelt wurden Iustinus Martyr, Dialogus cum Tryphonte, p. 143, 144. Siehe Le Clerc, Historia Ecclesiae, p. 615. Bull und sein Herausgeber Grabe (Iudicium Ecclesiae Catholicae. c. 7, and Appendix), versuchen Sinn oder Meinung des Iustinus zu verdrehen; aber ihr gewaltsamer Texteingriff wird selbst von den Benedictinern in ihren Ausgaben zurückgewiesen , eine verschwindend kleine christliche Sekte. II. Die Gnostiker, welche man durch das Epitheton Doketen kennzeichnete, verfielen in das andere Extrem und leugneten die menschliche Natur Christi, während sie die göttliche hervorhoben. Auferzogen in der Schule Platos, vertraut mit der erhabenen Idee des Logos, freundeten sie sich auch rasch mit der Vorstellung an, dass die strahlendste Emanation der Gottheit die äußerliche Gestalt und Erscheinung eines Sterblichen annehmen könne Die Arianer werfen der orthodoxen Partei vor, sie habe ihre Trinitätsvorstellung von den Valentinianern und Marcioniten entlehnt. Siehe Beausobre, Histoire du Manichéisme, Buch 3, c. 5 und 7. ; aber vergeblich gaben sie vor, dass die Unzulänglichkeiten der irdischen Körper mit der Reinheit einer himmlischen Substanz unvereinbar sei; während am Kalvarienberge noch Christi Blut floss, erdachten die Doceten die gottlose und überspannte Theorie, dass er keineswegs aus dem Schoße einer Jungfrau geboren »Non dignum est ex utero credere Deum, et Deum Christum ... non dignum est ut tanta majestas per sordes et squalores mulieris transire credatur.« (Es ist nicht würdig zu glauben, Gott sei aus dem Schoße,...und es ist nicht würdig zu glauben, Christus der Gott sei durch den Schmutz und Unflat eines Weibes gekommen.) Die Gnostiker waren von der Unreinheit der Materie und der Ehe überzeugt, und sie nahmen Anstoß an den grobschlächtigen Auslegungen der Kirchenväter und selbst noch des Augustinus. Siehe Beauobre, Band 2, p. 523. , sondern am Ufer des Jordan als vollendeter Mensch herabgestiegen sei; dass er sich seinen Feinden und Jüngern trügerisch aufgedrungen habe; und dass die Kriegsknechte des Pilatus ihren ohnmächtigen Zorn an einem Luftgebilde ausgelassen hätten, welches nur scheinbar am Kreuze gestorben und nach drei Tagen von den Toten auferstanden sei »Apostolis adhuc in saeculo superstitibus apud Judaeam Christi sanguine recente, et 'phantasma' corpus Domini asserebatur.« (Als die Apostel noch auf Erden gegenwärtig waren und Christi Blut noch frisch war, wurde der Leib des Herrn als ›Phantasma‹ angesehen.) Cotelerius (Patres Apostoloci, Band 2, p.24) meint, dass diejenigen, die das Hervortreten der ›Doceten‹ in der Zeit der Apostel nicht zugeben wollen, ebenso gut leugnen könnten, dass am Mittag die Sonne nicht scheine. Diese ›Doketen', die den größtenAnteil unter den Gnostikern ausmachten, wurden so genannt, weil sie Christus einen nur ›scheinbaren‹ Leib zubilligten. . DAS STUDIUM DER SCHRIFTEN PLATOS – DIE TRINITÄT Die göttliche Weihe, welche der Apostel dem Grundprinzip der platonischen Theologie erteilt hatte, ermutigte die gelehrten Proselyten des II. und III. Jahrhunderts zum vertieften Studium der Schriften des athenischen Weisen, hatte er doch eine der erstaunlichsten Entdeckungen der christlichen Offenbarung auf so wunderbare Weise vorweggenommen. Platos respektgebietender Name wurde von den Rechtgläubigen Einige Belege für den Respekt, den die Christen für die Persönlichkeit und die Lehre Platos hegten, finden sich bei De la Mothe le Vayer, Band 5, p.135ff; Basnage, Histoire des Juifs, Band 4, p.29, und 79ff. ge- und von den Häretikern »Doleo bona fide Platonem omnium haereticorum condimentarium factum.« (Es schmerzt mich, dass Plato guten Glaubens zum Gewürzhöker für alle Häretiker gemacht wurde.) Tertullianus de Anima, c. 23. Petavius (Dogmata Theologica Band 3, proleg. 2) zeigt, dass diese Klage allgemein verbreitet war. Beausobre (Band 1, 3, c.9 und 10) hat die gnostischen Irrlehren auf platonische Lehrmeinungen zurückgeführt; und da in der Schule von Alexandria diese Lehrmeinungen mit orientalischer Philosophie durchmengt wurden (Brucker, Historia philosophiae, Band 1, p. 1356), kann man die Auffassung von Beausobre mit der Mosheims (General History of the Church, Band1, p.37) in Einklang bringen. missbraucht, um Wahrheit und Irrtum in gleicher Weise zu unterstützen: die Autorität seiner gelehrten Kommentatoren und die Methoden der Dialektik wurden aufgeboten, um noch die abgelegensten Konsequenzen seiner Lehre zu rechtfertigen und um dem wohlbedachten Stillschweigen der heiligen Schreiber abzuhelfen. Die gleichen subtilen und grundlegenden Fragen über die Natur, die Entstehung, die Unterschiede und die Gleichheit der drei göttlichen Personen der geheimnisvollen Triade oder Trinität Falls der Bischof von Antiochia, Theophilos, (Siehe Dupin, Bibliotheque Ecclesiastique, Band 1, p. 66) der erste war, der den Terminus Triade oder Trinität benutzte, dann muss dieser abstrakte Begriff, der den Philosophenschulen bereits geläufig war, nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts in die christliche Theologie eingeführt worden sein. wurden in den christlichen und in den Philosophenschulen Alexandrias verhandelt. Bohrende Neugier drängte sie, die Geheimnisse der Tiefe zu erforschen; und der Stolz der Professoren und ihrer Schüler beschied sich mit der Wissenschaft von den Worten. Aber der scharfsinnigste aller christlichen Theologen, der große Athanasius persönlich, bekannte frei heraus Athanasius, Opera, Band 1, p.808) Seine Ausdrucksweise ist ungewöhnlich kräftig; und da er an Mönche schrieb, gab es auch keine Veranlassung für ihn, eine vernunftgeleitete Sprache zu erheucheln. , dass, wann immer er seine Verstandesgaben anstrengte, die göttliche Natur des Logos zu reflektieren, die mühseligen und fruchtlosen Bemühungen in sich selbst zusammenfielen; dass er umso weniger begriff, je stärker er nachdachte; und dass er umso weniger imstande war, seine Gedanken angemessen auszudrücken, je mehr er sie zu Papier brachte. An jeder Stelle seiner Untersuchung fühlen wir und gestehen notgedrungen das gigantische Missverhältnis zwischen der Größe des Gegenstandes und den begrenzten Möglichkeiten des menschlichen Verstandes. Wir können uns bemühen, die Begriffe vom Raum, Zeit und Materie zu abstrahieren, die den Erkenntnissen der Erfahrungswissenschaften notwendig anhaften. Sobald wir uns jedoch erkühnen, über die Unendlichkeit der Materie zu vernünfteln oder über spirituelle Zeugung; sobald wir aus einem negativen Begriff zu einer positiven Folgerung gelangen wollen, sind uns Dunkelheit, Verwirrung und unauflösbare Widersprüche gewiss. Da diese Schwierigkeiten aus der Natur des Gegenstandes selbst erwachsen, bieten sie auch dem philosophischen und dem theologischen Disputanten die gleichen unüberwindlichen Probleme; gleichwohl wollen wir hier auf zwei grundlegende Besonderheiten hinweisen, welche die Glaubenssätze der katholischen Kirche von den Auffassungen der platonischen Schule unterschieden. DER GLAUBENSEIFER DER CHRISTEN I. Einer auserlesenen Gesellschaft von Philosophen, Männern mit liberaler Erziehung und ausgeprägter Neugier mag es gestattet sein, im Garten der Akademie oder der Bibliothek von Alexandria schwer verständliche Fragen der Metaphysik schweigend zu meditieren oder in aller Ruhe zu diskutieren. Der müßiggehende, der arbeitsame und selbst noch der gelehrte Teil der Menschheit In einer Abhandlung, welche die Meinungen der alten Philosophen über die Natur der Götter zu erklären sich anheischig machte, können wir Platos Meinung über die theologische Trinität zu Recht erwarten. Aber Cicero bekennt offen heraus, dass er zwar den Dialog Timaeos übersetzt habe, aber zu keinem Zeitpunkt imstande gewesen sei, diesen geheimnisvollen Dialog zu begreifen. Siehe Hieronymus, Praefatio ad liber XII in Isaiam. Opera, Band 5, p.154. indessen ging über diese hochfliegenden Spekulationen unbesorgt hinweg, da sie nicht einmal die praktische Vernunft der Platoniker zu überzeugen noch irgendwelche Wallungen hervorzurufen geeignet waren. Nachdem aber der Logos als der heilige Gegenstand des christlichen Glaubens, der Hoffnung und der Anbetung geoffenbart worden war, nahm sich eine zahlreiche und immer größer werdende Menge in allen Provinzen der römischen Welt dieses Geheimnisses an. Wer auf Grund seines Alters, seines Geschlechtes oder seiner Beschäftigung am wenigsten geschickt war, hierzu ein Urteil abzugeben, wer mit der Praxis des abstrakten Denkens am wenigsten vertraut war, der bemühte sich besonders, über die Einrichtung der göttlichen Natur nachzusinnen; und es erfüllt Tertullian Tertullian, Apologeticum 46. Siehe Bayle, Dictionnaire unter dem Eintrag ›Simonide‹ Seine Anmerkungen zu Tertullians Anmaßungen sind tiefsinnig wie unterhaltsam. mit Stolz, dass ein christlicher Handwerker spielend die Fragen beantworten könne, die einen griechischen Weisen überfordert hätten. Doch wo der Gegenstand so weit außerhalb unseres Verständnisses liegt, wird der Unterschied zwischen dem tiefsten und oberflächlichsten menschlichen Verständnis unmessbar klein; vielleicht lässt sich das Ausmaß unserer Ohnmacht bemessen an dem Grade von Verbissenheit und dogmatischer Zuversicht. Anstelle dass man nun diese Spekulationen als das Spiel einer müßigen Stunde aufgefasst hätte, galten sie als eine überaus wichtige Beschäftigung für das gegenwärtige und eine äußerst nützliche Vorbereitung auf ein zukünftiges Leben. So wurde eine Theologie, an die zu glauben Pflicht und an der zu zweifeln gottlos war und in der fehlzugehen gefährlich oder sogar tödlich werden konnte, zum populären Thema privaten Meditierens oder öffentlicher Erörterung. Die Herzenskälte der Philosophie wurde durch den Geist der Andacht erwärmt; und selbst noch die Metaphern der Umgangssprache deuteten auf die irreführenden Vorurteile unserer Gefühle und Erfahrung hin. Die Christen, denen die groben und unreinlichen Familienverhältnisse der griechischen Mythologie ein Schrecknis waren Lactantius, Divinae Institutiones 4,8. Die ›Probole‹ oder ›Prolatio', welche die orthodoxen Gottesgelahrten ohne Skrupel von den Valentinianern übernommen hatten, und die sie durch Vergleiche mit einer Quelle, mit einem Fluss, mit der Sonne und ihren Strahlen veranschaulichten, besagten entweder überhaupt nichts oder unterstützten eine materielle Vorstellung der göttlichen Zeugung. Siehe Beausobre, Band 1, 2,7, p. 548. , sahen sich gleichwohl versucht, aus der vertrauten Analogie der Vater-Sohn-Beziehung Schlussfolgerungen zu ziehen. Aus der Eigenschaft des Sohnes schien eine dauerhafte Unterordnung unter den willentlichen Verursacher seiner Existenz zu folgen Zahlreiche frühe Kirchenschriftsteller haben bekannt, dass der Sohn sein Dasein dem Willen des Vaters schulde. Andererseits scheinen Athanasius und sein Anhänger nur ungern einzugestehen, was in Abrede zu stellen sie Bedenken tragen. Diese Schulgelehrten weichen diesen Schwierigkeiten aus, indem sie zwischen einem ›vorausgehenden‹ und einem ›gleichzeitigen‹ Willen unterscheiden. Petavius, Dogmata Theologica, Band 2, p. 587-603. ; da aber vom Akt der Zeugung – im geistigsten und abstraktesten Sinne verstanden – angenommen werden kann, dass er eine Weitergabe von gemeinsamen Eigenschaften bedeute Siehe Petavius, Dogmata Theologica, Band 2, p. 159. , wagten sie nicht, der Macht und Dauer des Sohnes eines ewigen und allmächtigen Vaters Grenzen zu setzen. Achtzig Jahre nach dem Tode Christi erklärten die Christen Bithyniens vor dem Richterstuhl des Plinius, dass sie ihn als einen Gott verehrten; und göttliche Ehrung wurde ihm zu allen Zeiten und in allen Ländern zuteil von denen, die sich seine Jünger nannten »Carmenque Christo quasi Deo dicere secum invicem.« (...und Christus als wie ihrem Gott einen Wechselgesang anhuben.) Plinius Epistulae, 10,97. Die Bedeutungen von Deus, ϑεός‚‚ elohim in den antiken Sprachen hat le Clerc (Ars Critica, p. 150-156) kritisch untersucht, und die Angemessenheit der Verehrung eines vortrefflichen Geschöpfes wird von dem Socinianer Emlyn (Tracts, p. 29-35 und 51-145) sehr geschickt verteidigt. . Die zärtliche Liebe der Christen für das Andenken ihres Stifters und ihre Abscheu vor der profanen Verehrung irgendeines erschaffenen Wesens, hätte sie dazu gebracht, die unwiderrufliche Göttlichkeit des Logos zu bekennen, wenn ihrer raschen Auffahrt zum Himmelsthron nicht unmerklich Einhalt geboten worden wäre durch ihre Besorgnis, die Einheit und alleinige Herrschaft des Großen Vaters Christi und des Universums zu verletzen. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese entgegengesetzten Tendenzen in den Gemütern der Christenmenschen hervorriefen, können aus den Schriften der Theologen herausgelesen werden, welche ihre Schaffensperioden nach dem Ende des apostolischen Zeitalters und vor dem arianischen Streit hatten. Auch die orthodoxen und die häretischen Gruppierungen beriefen sich mit gleichem Zuversicht auf sie; und noch die eifrigsten Forscher haben unumwunden zugestanden, dass, wenn jene Autoren denn glücklicherweise im Besitz der katholischen Wahrheit seien, sie ihre Auffassungen in lockeren, unpräzisen und bisweilen sogar widersprüchlichen Ausdrücken von sich gegeben hätten Siehe Daille, de Usu Patrum, and Le Clerc Bibliotheque Universelle, Band 10, p. 409. Den Glauben der anti-nikäischen Kirchenväter zu zerschmettern war das Ziel oder zumindest das Ergebnis von Petavius' beeindruckendem Werk zur Trinität. (Dogmata Theologica, Band 2); auch hat Bischof Bulls gelehrte Erwiderung diesen tiefen Eindruck nicht getilgt. . KIRCHLICHE AUTORITÄT BESTIMMT DAS DENKEN II. Die individuelle Andacht war der erste Punkt, welcher die Christen von den Platonikern unterschied; der zweite war die Autorität der Kirche. Die Adepten der Philosophie reklamierten für sich das Recht auf geistige Freiheit, und ihr Respekt vor den Ansichten ihrer Lehrer war ein Zoll, der als Anerkennung ihrer höheren Geisteskraft gerne und freiwillig entrichtet wurde. Die Christen jedoch waren eine zahlreiche und wohlgeordnete Gruppe; und über die Gemüter der Gläubigen übten Gesetze und Magistrate strenges Regiment. Das freie Schweifen der Gedanken wurde schon bald durch Glaubens- und Sündenbekenntnisse eingeengt Die ältesten Glaubensbekenntnisse waren noch äußerst weitläufig abgefasst, sodass sie weiten Spielraum zuließen. Siehe Bull (Iudicium Ecclesiae Catholicae), der Episcopios davon abbringen möchte, hieraus einen Vorteil zu ziehen. ; die Freiheit der persönlichen Urteilsbildung trat vor der Weisheit der Synoden zurück; die Autorität eines Theologen entsprach seinem kirchlichen Rang; und die Nachfolger der Apostel, die Bischöfe, verhängten Kirchenstrafen über die, welche vom rechten Glauben abwichen. Aber in einem Zeitalter religiöser Auseinandersetzungen belebt jede Form der Unterdrückung die schmiegsamen Geisteskräfte aufs neue, und bisweilen wurden der Eifer oder die Hartnäckigkeit eines geistigen Empörers durch unterschwelligen Ehrgeiz noch zusätzlich befeuert. Ein metaphysischer Streitpunkt gab den Anlass oder den Vorwand für einen politischen Zwist; die Feinheiten der platonischen Schule gaben das Kampfbanner der Faktionen ab, und der Abstand, der ihre jeweiligen Lehrmeinungen trennte, vergrößerte die Heftigkeit des Disputes nur noch. Solange die finstere Ketzerei eines Praxeas oder Sabellius sich anstrengten, den Vater mit dem Sohn zu vermengen Die Häresien von Praxeas, Sabellius u.a. sind von Mosheim (De rebus Christianorum, p. 425 und 680-714) genau auseinander gelegt worden. Praxeas, der gegen Ende des III. Jahrhunderts nach Rom kam, täuschte eine Weile die Schlichtheit des dortigen Bischofs, wurde aber dann durch Tertullians erzürnte Feder widerlegt. , mochte die rechtgläubige Partei entschuldigt sein, wenn sie mit mehr Nachdruck und Ernst die Unterschiede und weniger die Gleichheit der göttlichen Personen betonte. Sobald sich aber die Hitze des Gefechtes abgekühlt hatte und das Umsichgreifen der Sabellianer den Kirchen Roms, Afrikas und Ägyptens nicht länger entsetzlich war, begann der Strom der theologischen Lehrmeinungen unaufhaltsam in die entgegengesetzte Richtung zu fließen; und die strenggläubigsten Gelehrten erlaubten sich Ausdrücke und Begriffsbestimmungen, die – im Munde der Sektierer – zuvor noch verurteilt worden waren Sokrates bemerkt, dass die Häresie des Arius sich aus seinem starken Verlangen entwickelt habe, eine zu Sabellius möglichst entgegengesetzte Meinung zu vertreten. . ARIUS Als das Toleranzedikt den Christen Frieden und Muße beschert hatte, lebte der Streit um die Trinität im alten Zentrum des Platonismus wieder auf, der gelehrten, üppigen und streitsüchtigen Stadt Alexandria; und rasch wurde die Flamme des religiösen Zwistes von den Gelehrtenschulen an den Klerus weitergereicht, an das Volk, die Provinz, den ganzen Osten. Die schwer verständliche Frage nach der Ewigkeit des Logos wurde auf Kirchenkonferenzen ebenso behandelt wie in volkstümlichen Predigten; und der irrgläubige Standpunkt des Arius Die Person und der Charakter des Arius, das Auftreten und die Zahl seiner ersten Proselyten werden von Epiphanius (Panarion 69,3) in den lebhaftesten Farben gezeichnet; und wir können es nur bedauern, dass er bald darauf den Historiker verleugnete und in dem Streit Partei bezog. ward schon bald durch seinen eigenen und seiner Gegner Kampfeseifer publik gemacht. Selbst seine bittersten Gegner hoben die hohe Bildung und den tadellosen Wandel dieses berühmten Presbyters hervor, der bei einer früheren Wahl seine Anwartschaft auf den Bischofsstuhl Siehe Philostorgios 1,3) und Gothofeds weitreichenden Kommentar. Doch die Glaubwürdigkeit des Philostorgios wird in den Augen der Orthodoxen durch seinen Arianismus gemindert; in denen der Fachgelehrten durch seine Parteinahme, seine Voreingenommenheit und seine Unwissenheit. erklärt hatte und möglicherweise großmütig davon zurückgetreten war. Sein Gegner Alexander warf sich zum Richter über seine Glaubensmeinung auf. Der wichtige Gegenstand wurde vor ihm verhandelt; und wenn er zunächst noch zu zögern schien, so sprach er schließlich doch ein endgültiges Urteil wie eine unabänderliche Glaubensregel aus Sozomenos (1,15) stellt Alexander zu Beginn der Kontroverse als gleichgültig und sogar unwissend dar; während Sokrates (1,5) den Ursprung der Kontroverse der sinnlosen Neugierde seiner theologischen Spekulationen zuschreibt. Dr. Jortin (Remarks on Ecclesiastical History, Band 2, p.178) hat mit der ihm eigenen Direktheit Alexanders Auftritt getadelt: πρὸς ὀργὴν ἐξάπτεται...ὁμοῖως φρονεῖν ἐκέλευσε (er hängt dem Zorne an...und befahl zugleich vernünftig zu sein). . Der unerschrockene Presbyter, der wider die Autorität seines erzürnten Bischofs zu löcken sich erkühnt hatte, wurde aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen. Aber der Beifall seiner starken Anhängerschaft hob Arius den Mut. So rechnete er unter seine engsten Gefolgsleute zwei Bischöfe Ägyptens, sieben Presbyter, zwölf Diakone und (was wohl am unwahrscheinlichsten klingt) siebenhundert Jungfrauen. Die Bischöfe Asiens unterstützten und förderten offen und mehrheitlich seine Sache; und ihre Maßregeln wurden koordiniert von Eusebius von Caesarea, den gelehrtesten unter den christlichen Prälaten und Eusebius von Nicomedia, welcher die Reputation eines Staatsmannes besaß, ohne dabei die eines Heiligen zu verwirken. Synoden zu Palaestina und Bithynien arbeiteten denen in Ägypten entgegen. Herrscher und Volk wurden auf diesen theologischen Zank aufmerksam; und nach sechs Jahren wurde die letztinstanzliche Entscheidung einem allgemeinen Konzil in Nicaea übertragen Das Feuer des Arianismus hat wohl einige Jahre im Verborgenen gebrannt; aber es gibt Gründe für die Annahme, dass es im Jahre 319 mit Heftigkeit zum Ausbruch kam. (Tillemont, Mémoires ecclesiastiques, Band 6, p. 774-80). . DIE DREI SYSTEME DER DREIFALTIGKEIT Nun, da die Geheimnisse des christlichen Glaubens in bedenklicher Weise Gegenstand der öffentlichen Erörterung geworden waren, mag angemerkt sein, dass das menschliche Verständnis in der Lage war, drei verschiedene, wenngleich unvollkommene Systeme über die Natur der göttlichen Trinität zu bilden; und die Meinung ging dahin, dass keines dieser Systeme von Ketzerei und Irrtum völlig und mit Gewissheit frei war Quid credidit? Certe, 'aut' tria nomina audiens tres Deos esse credidit, et idololatra effectus est; 'aut' in tribus vocabulis trinominem credens Deum, in Sabellii haeresim incurrit; 'aut' edoctus ab Arianis unum esse verum Deum Patrem, filium et Spiritum sanctum credidit creaturas. Aut extra haec quid credere potuerit nescio. (Was hat er denn geglaubt? Sicherlich glaubte er, wenn er drei Namen hörte, dass es drei Götter gebe, und das wäre Götzenverehrung gewesen; oder er glaubte an einen dreinamigen Gott in drei Bezeichnungen, wodurch er in die Häresie des Sabellus geriet; oder, von den Arianern unterrichtet, dass der einzige wahre Gott der Vater sei, hielt er den Sohn und den heiligen Geist für erschaffen. Was er darüber hinaus noch geglaubt haben könnte, weiß ich nicht. ) Hieronymos adversus Luciferianos, Band 2, p.184. Hieronymos spart das orthodoxe System, welches schwieriger und komplizierter ist, bis zuletzt auf. . 1. Gemäß der ersten Hypothese, die von Arius und seinen Schülern aufgestellt wurde, war der Logos eine abhängige und spontane Hervorbringung, geschaffen von nichts anderem als dem Willen des Vaters. Der Sohn, durch den alle Dinge erschaffen waren Da sich die Doktrin von der absoluten Schöpfung aus dem Nichts unter den Christen ausbreitete (Beausobre, Band 2, p. 165-215), kam naturgemäß zusammen mit dem Werk auch die Vorstellung vom Werkmeister auf. , war erzeugt vor der Welt, und noch die längste astronomische Periode war nur ein flüchtiger Augenblick, gemessen an seiner Dauer; doch unendlich war diese Dauer nicht Dr. Clarkes Metaphysik (Siehe seine Schrift Trinity, p. 276-80) war imstande, eine ewige Zeugung aus einer unendlichen Ursache zu vertragen. , und es hatte eine Zeit gegeben, welche der unaussprechlichen Hervorbringung des Logos vorausgegangen war. Diesem eingeborenen Sohn hatte der allmächtige Vater seinen Geist übertragen und den Abglanz seiner Herrlichkeit aufgedrückt. Sichtbares Abbild einer unsichtbaren Vollkommenheit, sah er in unermesslicher Ferne unter seinen Füßen die Throne der strahlendsten Erzengel: doch er glänzte nur mit gebrochenem Licht, und so, wie die Söhne der römischen Kaiser mit dem Caesaren- oder Augustustitel Dieser frivole und abwegige Vergleich wird von diversen frühen Vätern bemüht, insonders von Athenagoras in seiner Verteidigungsrede vor Kaiser Marcus und dessen Sohn; und er wird sogar von Bull ohne Vorbehalt verwendet. Siehe Defensio fidei Nicaenae, Sectio 3, c.5, 4. ausgestattet wurden, so regierte er die Welt im Gehorsam gegenüber dem Willen seines Vaters und Königs. TRITHEISMUS II. Nach der zweiten Hypothese über die Trinität besitzt der Logos alle inhärenten und unausprechbaren Vollkommenheiten, welche Religion und Philosophie dem höchsten Gott zuschreiben. Drei verschiedene und gleich ewige Substanzen, drei nach Rang und Ewigkeit gleiche Wesen bildeten die göttliche Essenz Siehe Cudworth, Intellectual System, p.559 und 579. Diese gefährliche Hypothese fand Unterstützung durch die beiden Gregors, von Nyssa und Nazianz, durch Cyrillos von Alexandria, Johannes von Damaskos, etc. Siehe Cudworth, p. 603. Le Clerc, Bibliotheque Universelle, Band 18, p. 97-105. ; und es wäre ein Widerspruch in sich gewesen, dass eines von ihnen nicht existiert haben sollte oder dass sie jemals aufhören sollten zu existieren Augustinus neidet den Philosophen offenkundig ihre Freiheit: »Liberis verbis loquuntur philosophi ... Nos autem non dicimus duo vel tria principia, duos vel tres Deos.« (Die Philosophen sprechen in freier Rede...Wir indessen reden nicht von drei Prinzipien, von zwei oder drei Göttern.) Der Gottesstaat, 10,23-24. . Die Vertreter dieses Systems, welches drei unabhängige Gottheiten einzusetzen schien, bemühten sich, die Einheit der Ersten Ursache zu retten, die doch so ersichtlich im Plan und der Ordnung der Welt zum Ausdruck gelangte, indem sie auf die dauernde Harmonie ihres Handelns und die wesenhafte Übereinstimmung ihres Willens hinwiesen. Einen schwachen Widerschein dieser Einheit des Handelns könne man in menschlichen, ja selbst noch tierischen Gesellschaftsformen entdecken. Ursachen, deren Harmonie zu stören, könnten höchstens aus der Unvollständigkeit und Ungleichheit ihrer Möglichkeiten entstehen: aber die Allmacht, die von unendlicher Weisheit und Güte geleitet ist, kann nicht fehlgehen, zum gleichen Ende die gleichen Mittel zu wählen. SABELLIANISMUS III. Drei Wesenheiten, welche durch die ursprüngliche und innere Notwendigkeit ihres Daseins alle göttlichen Attribute in größter Vollkommenheit besitzen; welche von ewiger Dauer sind, von unendlicher Ausdehnung und sich selbst und dem ganzen Universum aufs innigste gegenwärtig: diese nun nötigten sich dem erstaunten Gemüt unwiderstehlich als ein und dasselbe Wesen auf Boethius, der in Platos und Aristoteles' Philosophie bestens zu Hause war, erklärt die Einheit der Dreifaltigkeit mit der ›Indifferenz‹ (Nichtverschiedenheit) der drei Personen. Siehe hierzu die scharfsinnigen Bemerkungen von le Clerc, Bibliotheque Choisie, Band 16. p. 225ff. , welches sich in der Ordnung der Gnaden und in der Ordnung der Welt in unterschiedlicher Erscheinungsform manifestieren und wohl auch unter verschiedenen Ansichten betrachtet werden mag. Durch diese Hypothesen verflüchtigt sich die wahre und echte Trinität zu einer Trinität der Namen und der abstrakten Modifikationen, die nur noch in dem Gemüt dessen vorkommt, der sie sich vorstellt. Der Logos ist dann keine Person mehr, sondern eine Eigenschaft; und es kann auch nur im übertragenen Sinne gemeint sein, dass die Bezeichnung des Sohnes der ewigen Vernunft zugesprochen wird, welche von Anfang an bei Gott war und mittelst der, nicht aber von der alle Dinge erschaffen worden sind. Die Inkarnation des Logos wird zu einer reinen Inspiration der Göttlichen Weisheit, die die Seele des Menschen Jesus erfüllte und sein Handeln leitete. Nachdem wir so den theologischen Kreislauf beschlossen haben, finden wir zu unserer Überraschung, dass die Sabellianer dort aufhören, wo die Eboniten angefangen haben; und dass das unbegreifliche Geheimnis, welches unsere Anbetung wachruft, unserer Nachforschungen spottet Wenn die Sabellianer bei dieser Schlussfolgerung stutzten, so stürzten sie einen weiteren Abgrund hinunter bei dem Glaubenssatz, dass der Vater von einer Jungfrau geboren war und dass er am Kreuze gelitten hatte. Dadurch handelten sie sich den Schmähnamen der Patri-Passianer ein, den ihnen ihre Feinde anhängten. Siehe hierzu die heftigen Invektiven des Tertullian gegen Praxeas und die gemäßigten Bemerkungen des Mosheim, General History of the Church, p. 423 und 684 sowie Beausobre, Manichéisme, Band 1, c. 6, p. 533. . DIE WESENSEINHEIT – DAS KONZIL ZU NICAIA A.D. 325 Hätte man den Bischöfen auf dem Konzil zu Nicaea Die Verhandlungen des Konzils zu Nicaea sind von den Alten nicht nur einseitig, sondern auch unvollständig beschrieben worden. Ein Gemälde wie das des Fra Paolo ist schlechterdings unersetzlich; aber grobe Skizzen, wie sie ein Pinsel der Andächtelei oder der Vernunft entworfen wurden, kann man de Tillemont (Mémoires ecclesiastiques Band 6, p. 669-759) und le Clerc (Bibliotheque Universelle, Band 10, p. 435-454). gestattet, alleine den Eingebungen ihres Gewissens zu folgen, so hätten Arius und seine Anhänger kaum hoffen dürfen, die Mehrheit für eine Trinitätsvorstellung zu gewinnen, die den beiden volkstümlichsten Auffassungen der katholischen Welt so entgegengesetzt war. Die Arianer wurden sich schon bald der Gefahr bewusst, in der sie schwebten, und klüglich übten sie sich in den beiden ehrsamen Tugenden, welche im Tumult religiöser oder innerstaatlicher Auseinandersetzungen nur selten geübt oder auch nur anempfohlen werden, von der unterlegenen Partei abgesehen. Sie empfahlen christliche Langmut und Demut; betonten, dass der Gegenstand letztlich über Menschenwitz hinausgehe; widerrieten, irgendwelche Ausdrücke oder Definitionen zu gebrauchen, die sich nicht in der Heiligen Schrift fände; und erboten sich, ihren Gegnern durch äußerst weitherziges Entgegenkommen Genugtuung zu leisten, solange sie nur ihre eigenen Prinzipien nicht aufgeben müssten. Die siegreiche Fraktion nahm alle ihre Vorschläge mit höhnischem Missvertrauen auf; und fahndete zugleich besorgt nach einigen unterschiedlichen und unvereinbaren Standpunkten, deren Zurückweisung die Arianer mit der Schuld und den Folgen der Ketzerei beladen hätte. DIE HOMOUSIE So ward denn ein Brief öffentlich verlesen und in schimpflicher Weise zerrissen, in welchem ihr Oberhaupt Eusebius von Nicomedia sich wohldurchdacht dazu bekannte, dass die Zulassung der HOMOUSIE oder Wesensgleichheit (Konsubstantialität) – ein den Platonikern bereits geläufiges Wort – unvereinbar sei mit den Grundsätzen ihres theologischen Systems. Die Bischöfe, die die Entschließungen der Synode leiteten, griffen begierig nach diesem Himmelsgeschenk; um ein anschauliches Bild des Ambrosius Wir verdanken Ambrosius (De Fide, 3. Buch, letztes Kapitel, 125) die Kenntnis dieser bemerkenswerten Umständey. »Hoc verbum in tractatu Fidei posuerunt Patres, quod viderunt adversariis esse formidini; ut tanquam evaginato ab ipsis gladio, ipsum nefandae caput haereseos amputarent.« (Dieses Wort fügten die Väter der Glaubenserklärung bei, weil es ihre Gegner zu überwältigen geeignet schien: indem sie nämlich das von jenen selbst gezückte Schwert ergreifen könnten, um damit dem verruchten Ungeheuer der gotteslästerlichen Häresie den Kopf abzuschlagen.) zu benutzen, sie benutzten das Schwert, welches die Häresie aus der Scheide gezogen hatte, um dem verhassten Ungeheuer das Haupt abzuschlagen. Die Wesensgleichheit von Vater und Sohn wurde auf dem Konzil zu Nicaea als Glaubenssatz aufgestellt und ist übereinstimmend von der griechischen, römischen, orientalischen und protestantischen Kirche als der Fundamentalsatz des christlichen Glaubens angenommen. Wäre nun dieses eine Wort nicht dazu gedient, die Häretiker zu stigmatisieren und zugleich die Katholiken zu einen, so hätte es auch nicht die Ziele der Mehrheit der Bischöfe befördert, die es in das Glaubensbekenntnis eingeführt hatten. Diese Mehrheit zerfiel nun in zwei Parteiungen, die sich in ihrer Einstellung gegenüber den Überzeugungen der Tritheisten und der Sabellianer unterschieden. Da nun aber diese äußersten Extreme die Grundlagen entweder der natürlichen oder der Offenbarungsreligion zu sprengen drohten, kam man dahingehend überein, die Unverrückbarkeit seiner Prinzipien abzumildern und die zwangsläufigen, wiewohl unerwünschten Folgen zu leugnen, auf welchen ihre Gegner dann bestehen könnten. Das Interesse an der gemeinsamen Sache ließ sie zusammenrücken und ihre Gegensätze vergessen; ihre Animositäten kühlten ein wenig ab infolge der heilsamen Wirkung einiger Duldungsapelle, und ihr Gezänk ward ausgesetzt infolge des Gebrauchs der geheimnisvollen Homousie, welche jede Partei nach ihrer jeweils besonderen Auffassung zu deuten sich die Freiheit nahm. Die sabellianische Schule, welche etwa fünfzig Jahre zuvor das Konzil zu Antiochia Siehe Bull, Defensio fidei Nicaenae, Sectio 2, c.1, p. 25-36. Er hält es für seine Pflicht, die Beschlüsse zweier orthodoxer Synoden miteinander zu harmonisieren. zum Verbot dieses berühmten Terminus genötigt hatte, hatte ihn jenen Theologen lieb gemacht, welche heimlich, aber einseitig mit der nominalen Trinität sympathisierten. Aber die populären Heiligen aus der Zeit des Arius, etwa der furchtlose Athanasius, der gottesgelehrte Gregor von Nazianz sowie fernere Säulen der Kirche, die mit Umsicht und Erfolg die nicaeische Doktrin verfochten, interpretierten den Substanz begriff so, als sei er synonym mit dem Natur begriff; und sie besaßen den Mut, ihre Auffassung durch die Feststellung zu illustrieren, dass drei Menschen, da sie nun einmal zu der gleichen Art gehörten, wesensgleich oder homousisch miteinander seien Nach Aristoteles waren Sterne einander ›homousisch‹ (wesensgleich). »Dass homousisch von artgleicher Substanz bedeutet, haben Petavius, Curcellaeus, Cudworth, Le Clerc, etc. gezeigt, und es nochmals zu beweise hieße ›actum agere‹ (Getanes erneut tun). Ganz zutreffend bemerkt dies Dr. Jortin (Band 2, p. 212), der die Kontroverse um Arius mit Gelehrsamkeit, Unparteilichkeit und Scharfsinn untersucht. . Diese reine, strenge Gleichheit wurde nun einerseits aufgehoben durch innere Verbundenheit und geistige Durchdringung, welche die göttlichen Wesen unauflöslich vereint Siehe Petavius (Dogmata Theologica, Sectio 4, 453ff), Cudworth (p. 559), Bull (sect. iv. p. 285-290). περιχώρησις oder circumincessio ist möglicherweise die tiefste und dunkelste Nische des ganzen theologischen Abyssus. ; und andererseits durch den Vorrang des Vaters, welcher solange anerkannt wurde, wie er sich mit der Unabhängigkeit des Sohnes vertrug Die dritte Abteilung von Bulls Verteidigung des nicaeischen Bekenntnisses, welche einige seiner Gegner Unfug und andere Ketzerei nennen, ist der Suprematie des Vaters gewidmet. . Innerhalb dieser Grenzen durfte die Orthodoxie ungefährdet ihren Ball abhalten. Auf beiden Seiten jedoch und außerhalb dieses geweihten Bodens lauerten Häretiker und Dämonen im Hinterhalt und sahen, welchen unglücklichen Wanderer sie packten und verschlängen. Da nun aber das Ausmaß des theologischen Hasses von dem Geist abhängt, in welchem der Krieg geführt wird und nur wenig von der Bedeutung der Sache an sich, so wurden auch die Ketzer, die die Person des Sohnes herabsetzten, unnachsichtiger verfolgt als die, welche sie ganz abschaffen wollten. Das Leben des Athanasius verzehrte sich in unverwelklicher Abneigung gegen den gottlosen Wahnsinn der Arianer Die übliche Kennzeichnung, die Athanasios und seine Gefährten den Arianern widmeten, war Ariomaniten . ; aber mehr als zwanzig Jahre lang verteidigte er den Sabellianismus des Marcellus von Ancyra; und als er schließlich genötigt wurde, sich des Verkehrs mit ihm zu entschlagen, fuhr er doch fort, mit zweideutigem Lächeln der lässlichen Irrtümer seines geschätzten Freundes Erwähnung zu tun Epiphanios, Panarion 72,4. Vgl. auch die Abenteuer des Marcellus bei Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p.881-890). Sein Werk über die Einheit Gottes in einem Buch wurde von Eusebios in drei noch existierenden Büchern beantwortet. Nach langer und sorgfältiger Prüfung hat Petavius (Band 2, p.78) widerstrebend die Verdammung des Marcellus ausgesprochen. . DES ARIUS VERHASSTER NAME WIRD MIT FLUCH BELEGT Die Autorität eines allgemeinen Konzils, der sich auch die Arianer gezwungenermaßen beugten, malte auf das Banner der Rechtgläubigen die geheimnisvollen Buchstaben des Wortes Homousion , welches wesentlich dazu beitrug – einige merkwürdigen Kontroversen und Nachtgefechte abgerechnet– die Einheit des Glaubens oder doch wenigstens des Sprachgebrauchs zu bewahren und zu verewigen. Die Konsubstantialisten, welche sich infolge ihres Sieges den Namen Katholiken verdient und behauptet hatten, waren stolz auf die Schlichtheit und Festigkeit ihres eigenen Bekenntnisses, und schalten zugleich das beständige Schwanken ihrer Gegner, denen jedwede gesicherte Glaubensregel abging. Die Aufrichtigkeit oder die Hinterlist der arianischen Erzpriester, ihre Furcht vor dem Gesetz oder dem Volk, ihre Christusverehrung und ihr Hass auf Athanasius, alle irdischen oder himmlischen Ursachen mithin, die die Beratungen einer theologischen Faktion aufzustören geeignet sind, säten unter den Sektierern den Geist der Zwietracht und des Wankelmutes, welcher in wenigen Jahren achtzehn verschieden religiöse Schulen hervorbrachte Athanasios hat in seinem Brief über die Synoden zu Seleucia und Rimini (Band 1, p.886-905) eine lange Liste arianischer Glaubenssätze zusammengestellt, welche der unermüdliche Fleiß des Tillemont (Mémoires ecclésistiques Band 6, p477) noch erweitert und verbessert hat. und so die gekränkte Würde der Kirche ahndete. Der glaubenseifrige Hilarius Erasmus hat mit bewundernswerter Einfühlung und Freiheit ein zutreffendes Charakterbild von Hilarius entworfen. Die Revision seines Textes, die Beschreibung seines Lebens und die Rechtfertigung seiner Meinungen und seines Verhaltens ist Aufgabe der Herausgeber aus dem Benediktinerorden. , welcher infolge seiner besonders heiklen Position eher dazu neigte, die Irrtümer des östlichen Klerus abzuschwächen als zu betonen, erklärt, dass in der Weite der zehn asiatischen Provinzen, in welche er verbannt worden sei, sich nur sehr wenige Prälaten fänden, die noch die Kenntnis des wahren Gottes bewahrt hätten »Absque episcopo Eleusio et paucis cum eo, ex maiore parte Asianae decem provinciae, inter quas consisto, vere Deum nesciunt. Atque utinam penitus nescirent ! cum procliviore enim venia ignorarent quam obtrectarent«. (Vom Bischof Eleusios und einigen aus seiner Umgebung abgeehen kennt der größere Teil der zehn asiatischen Provinzen, in denen ich lebe, den wahren Gott nicht. Dass sie doch nur vollkommen unwissend wären! Sie wären dann eher bereit zur Unwissenheit als zum Widerstand.) Hilarius de Synodis, sive de Fide Orientalium, c. 63, p. 1186. Bei der berühmten Gegenüberstellung von Atheismus und Aberglauben hätte sich der Bischof von Poitiers zu seiner eigenen Überraschung in der theologischen Nachbarschaft von Plutarch und Bayle wiedergefunden. . Die Unterdrückung, die er durchlitten hatte, die Zwistigkeiten, deren Beobachter und Opfer er gewesen war, beschwichtigte für ein Weilchen die zornigen Leidenschaften seiner Seele; und in der folgenden Passage, aus der ich ein paar Zeilen übersetzen möchte, verfällt der Bischof von Poitiers unmerklich in den Sprachduktus eines christlichen Philosophen. »Es ist insgleichen zu beweinen, wie es gefährlich ist,« schreibt Hilarius, »dass es unter den Menschen ebenso viele Glaubensbekenntnisse gibt wie Meinungen, ebenso viele Glaubenssätze wie Vorlieben und ebenso viele Quellen der Blasphemie wie Laster; denn so machen wir Glaubensbekenntnisse beliebig, und erklären sie für beliebig. Die Homousie ist durch eine Reihe von Synoden verworfen, wieder angenommen und schließlich forterklärt worden. Die teilweise oder vollständige Ähnlichkeit von Vater und Sohn ist in diesen schlimmen Zeiten Gegenstand der Diskussion. Jedes Jahr, nein, jeden Monat ersinnen wir neuerlich Glaubenssätze, die unsichtbaren Mysterien zu beschreiben. Wir bereuen, was wir getan haben, wir verteidigen, welche bereuen und verdammen, welche wir zuvor verteidigten. Wir verfluchen entweder die Lehren der anderen in uns selbst oder unsere eigenen in Lehren anderer; und indem wir uns gegenseitig in Stücke reißen, haben wir uns gegenseitig ins Verderben gestürzt Hilarius ad Constantium, Opera p.1227, 1228. Die beachtenswerte Stelle erregte Herrn Lockes Aufmerksamkeit (Works, Band 3, p. 470), der sie in dem Entwurf seines neuen Exzerpten-Buches aufnahm. .« ARIANISCHE SEKTEN Es wird wohl niemand erwarten und es sich vermutlich noch nicht einmal gefallen lassen, dass ich jetzt diesen theologischen Exkurs durch eine detailfreudige Schilderung der achtzehn verschiedenen Glaubensschulen ausweite, deren Gründer überwiegend den verruchten Namen ihres geistigen Vaters Arius verleugneten. Es ist unterhaltsam genug, Morphologie und Vegetationsperiode einer einzigen Pflanze zu skizzieren; aber die ermüdenden Einzelheiten der Blätter ohne Blüte und der Äste ohne Frucht würde rasch die Geduld auch eines gutwilligen Adepten erschöpfen und seine Wissbegier enttäuschen. Eine Frage im Zusammenhang mit der arianischen Kontroverse soll jedoch festgehalten werden, da sie bei der Entstehung dreier verschiedener Sekten Pate stand, die einzig durch ihre Abneigung gegen das Homousie der nicaeischen Synode geeint war. – 1. Wenn man sie fragte, ob der Sohn dem Vater wesensgleich sei, dann hätten die Häretiker, die dem Arius oder der Philosophie zuneigten, diese Frage entschieden verneint, da es einen unendlichen Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem vornehmsten seiner Geschöpfe bedeutet hätte. Diese offensichtliche Schlussfolgerung zog Aëtius Bei Philostorgios (3,15) erscheinen Charakter und Lebensumstände des Aetios von Antiochia noch immer in einem sonderbaren Licht, obwohl sie bereits von Freundeshand geschönt wurden. Der Herausgeber Gothofred (p. 153), der sich seinen Prinzipien stärker verpflichtet fühlte als seinem Autoren, hat die gehässigen Nachrichten zusammengetragen, die seine Gegner aufbewahrt oder ausgedacht hatten. , so dass der Glaubenseifer seiner Gegner ihn denn auch den Ekelnamen des Atheisten beilegte. Sein rastloses und ehrgeiziges Gemüt ließ ihn nahezu jedes menschliche Gewerbe ergreifen. So war er nacheinander Sklave oder doch wenigstens Landmann, wandernder Rastelbinder, Goldschmied, Bader, Schulmeister, Theologe und endlich Apostel einer neuen Kirche, für die sein begabter Schüler Eunomius Werbung betrieb Folgt man dem Urteil eines Manns, welcher beiden Sektierern zugetan war, dann besaß Aëtius ein tieferes Verständnis, Eunomius hingegen mehr Geschick und Kenntnis (Philostorgios 8,18). Das Glaubensbekenntnis und die Apologie des Eunomius (Fabricius, Bibliotheka Graeca, Band 8, p.285-305) ist eine der wenigen Ketzerschriften, die auf uns gekommen sind. . Gewappnet mit Zitaten aus heiligem Schrifttum und spitzfindigen Syllogismen aus der Logik des Aristoteles, hatte sich der listenreiche Aëtius den Ruf eines unbesieglichen Streiters aufgebaut, den man unmöglich zum Schweigen bringen und schon gar nicht widerlegen konnte. Solcherart Talent erwarb sich rasch die Freundschaft arianischer Bischöfe, bis sie sich schließlich von diesem heiklen Alliierten loszusagen oder ihn gar zu verfolgen genötigt sahen, hatte er doch durch sein übergenaues Argumentieren ihrer Sache in weiten Kreisen Abbruch getan und ausgerechnet die Frömmigkeit ihrer eifrigsten Anhänger gekränkt. – 2. Aus der Allmacht des Schöpfers ergab sich eine annehmbare und ehrbare Lösung der Streitfrage um die Ähnlichkeit von Vater und Sohn; und so mochte der Glaube demütig anerkennen, was der Verstand abzustreiten sich nicht vermessen durfte, dass nämlich der oberste Gott seine unendlichen Vollkommenheit weitergeben und ein Wesen erschaffen konnte, ähnlich nur ihm selbst Jedoch gibt es nach Auffassung von Estius und Bull es eine Kraft, die Kraft zur Schöpfung, die Gott einer Kreatur nicht verleihen kann . Estius, der die Grenzen der Allmacht so exakt bestimmt hat, war von Geburt Holländer und von Gewerbe ein scholastischer Gottesgelehrter. Dupin, Bibliothéque ecclésiastique, Band 17, p.45) . Diese Arianer erhielten machtvollen Rückhalt durch das Ansehen und das Talent ihrer Anführer, welche inzwischen die eusebianischen Interessen vertraten und die wichtigsten Bischofsstühle des Ostens besetzt hielten. Mit möglicherweise erheucheltem Ekel wiesen sie die Gottlosigkeiten des Aëtius zurück; sie bekannten sich zu dem Glauben, rückhaltlos oder auch unter Bezug auf die Schriften, dass der Sohn verschieden sei von allen anderen Geschöpfen und nur dem Vater ähnlich. Aber sie bestritten, dass er von gleicher oder ähnlicher Substanz war; zuweilen verkündeten sie stolz ihre andere Auffassung und zuweilen verwarfen sie den Gebrauch des Substanzbegriffes, da er einen angemessenen oder doch zumindest deutlichen Begriff von der Natur der Gottheit andeutete. – 3. Diejenige Sekte, die die Doktrin von der ähnlichen Substanz vertrat, war die zahlenstärkste, wenigstens in den asiatischen Provinzen; und als sich die Anführer beider Parteien im Konzil zu Seleukia Sabinus (Sokrates 2,39) hat die Akten kopiert; Athanasius und Hilarius haben die einzelnen Gruppierungen dieser arianischen Synode erläutert, während Baronius und Tillemont die anderen Begleitumstände sorgfältig verzeichnet haben. versammelten, hätte ihrer Meinung eine Mehrheit von einhundertundfünf gegen dreiundvierzig erreicht. Das griechische Wort, welches man damals wählte, die geheimnisvolle Beziehung auszudrücken, hatte so viel Ähnlichkeit mit dem Ausdruck der Rechtgläubigen, dass die Nichteingeweihten aller Zeiten ein Gelächter anschlugen wegen der wütenden Rauferei, den ein einziger Dipthong zwischen den Homousianern und Homöusianern hervorrief. Da es sich nun des Öfteren fügt, dass Klang und Buchstaben, welche sich ähnlich sind, zufällig die stärksten Gegensätze signalisieren, wäre diese Feststellung als solche albern, wenn sich sonst irgendein echter und fassbarer Unterschied zwischen der Doktrin der Semiarianer, wie sie unpassenderweise genannt wurden, und der der Katholiken selbst ausmachen ließe. Der Bischof von Poitiers, der in seinem phrygischen Exil klugerweise auf eine Koalition der Parteien hinarbeitete, unternahm es, durch fromme und glaubensnahe Auslegung »Fideli et pia intelligentia...« In seinen kurzen apologetischen Anmerkungen (zuerst veröffentlicht von den Benediktinern nach einem Manuskript von Chartres) stellt er fest, dass er diesen vorsichtigen Ausdruck benutzt habe, qui intelligerim et impiam (welcher vernünftiger und unfromm)Opera p.1206. Philostorgios, der diese Gegenstände auf andere Weise sah, scheint den Unterschied des wichtigen Diphthongs zu übersehen. Siehe v.a. 8,17 und Gothofredus, p. 352. zu erweisen, dass sich das Homöusion auch in konsubstantiellem Sinne begreifen ließe. Allerdings räumt er ein, dass dem Worte ein dunkles und argwohnerregendes Element innewohne; und als ob Umdunkelung und theologischer Disput geistesverwandt seien, haben die Semiarianer, die gegen die Pforten der Kirche vorstürmten, ihre Gegner nunmehr mit unerbittlichem Ingrimm berannt. DIE WESTLICHE ODER RÖMISCH-KATHOLISCHE KIRCHE Die Provinzen Ägyptens und Asiens, in welchen Sprache und Kultur der Griechen noch lebendig waren, hatten vom Gifte der arianischen Kontroverse im Überfluss gekostet. Das verbreitete Studium der Philosophie Platos, eine Veranlagung zu müßiger Streitsucht, eine funkelnde und schmiegsame Sprache: dies alles war dem Klerus und dem Volk des Ostens ein unausschöpflicher Quell für Wortprägungen und Distinktionen; und inmitten ihrer Zänkereien vergaßen sie leicht die Selbstzweifel, die die Philosophie anempfiehlt, und die Demut, die die Religion nahelegt. Die Bewohner des Westens waren da zurückhaltender; ihre Leidenschaften entzündeten sich nicht so bald an dem Unsichtbaren; ihr Verstand schärfte sich seltener im Wortduell, und so ausgeprägt war die paradiesische Arglosigkeit der gallischen Kirche, dass selbst Hilarius nach dem ersten allgemeinen Konzil sich mehr als dreißig Jahren lang Ahnungslosigkeit über das nicaeische Glaubensbekenntnis bewahren konnte »Testor Deum coeli atque terrae me cum neutrum audissem, semper tamen utrumque sensisse.... Regeneratus pridem et in episcopatu aliquantisper manens fidem Nicenam nunquam nisi exsulaturus audivi.« (Ich rufe den Gott des Himmels und der Erde zum Zeugenan, dass ich von beiden nichts gehört habe, aber dennoch beides immer gefühlt habe...Getauft vor langer und im Bischofsamt seit einiger Zeit, habe ich nichts außer im Exil vom Nicäischen Glaubensbekenntnis gehört.) Hilarius de Synodis, c.91, p. 1205. Die Benedictiner ind überzeugt, dass er die Diözese von Poitiers einige Jahre vor seinem Exil geleitet habe. . Die lateinischsprachigen Völker hatten das Licht der Gotteskunde durch das trübe und unzuverlässige Medium der Übersetzung empfangen. Die Dürftigkeit und Schwerfälligkeit ihres einheimischen Idioms lieferte oft genug keine geeigneten Entsprechungen für jene griechischen Begriffe und Fachausdrücke der platonischen Philosophie Seneca (Epistulae 58) beklagt, dass selbst das ô? ?í der Platoniker (das ›ens‹ der furchtlosen Scholastiker) sich nicht durch ein lateinisches Substantiv ausdrücken lasse. , die von den Evangelien oder der Kirche geheiligt waren, die Geheimnisse des christlichen Glaubens auszudrücken; und leicht wurden Vokabelfehler für die römische Theologie eine Quelle des Irrtums und der Verwirrung Der Vorzug, den das vierte Laterankonzil schließlich einer numerischen vor einer Einheit der Gattung gab, (Siehe Petavius, Dogmata theologica, Band 2, p.424) )wurde durch die lateinische Sprache begünstigt; triaV ruft die Vorstellung der Substanz, trinitas die der Qualität wach. . Da aber den westlichen Provinzen das gute Glück zuteil wurde, ihre Religion aus rechtgläubiger Quelle zu schöpfen, blieben sie standhaft in der Doktrin, die sie mit so viel Gelehrigkeit angenommen hatten; und als die arianische Pestilenz an ihren Grenzen auftauchte, eilte ihnen die väterliche Fürsorge des römischen Pontifex zur rechten Zeit mit dem Schutzmittel des Homousie zur Hilfe. KONZIL VON RIMINI A.D. 360 Ihre Gesinnung und Neigung legten sie in der berühmten Synode von Rimini an den Tag, welche noch größer als die von Nicaea war, hatten sich doch mehr als vierhundert Bischöfe aus Italien, Afrika, Spanien, Gallien, Britannien und Illyrien eingefunden. Von den ersten Debatten an zeigte sich, dass nur vierzig Prälaten der Partei des Arius anhingen, obgleich gerade sie seinen Namen und sein Gedächtnis zu bannen sich den Anschein gaben. Aber ihre zahlenmäßige Unterlegenheit machten sie wett durch Kenntnisse, Erfahrung und Disziplin; angeführt wurde die Minderheit durch die beiden illyrischen Bischöfe Valens und Ursacus, die ihr Leben mit den Machenschaft von Palästen und Rathäusern zugebracht und unter der Fahne des Eusebius in den Religionskriegen des Ostens ihren letzten Schliff erhalten hatten. Durch ihre Debattierkunst und ihr Verhandlungsgeschick beschämten, verwirrten und täuschten sie endlich die ehrbare Einfalt der römischen Bischöfe; welche erleben mussten, dass der Schild des Glaubens ihren Händen entwunden ward durch Trickerei und beharrliches Drängen und nicht so sehr durch offene Gewaltanwendung. Das Konzil von Rimini durfte nicht auseinander gehen, bis seine Mitglieder unklugerweise ein verfängliches Glaubensbekenntnis unterschrieben hatten, in welchem einige Ausdrücke, denen ein ketzerischer Nebensinn innewohnte, in der Nachbarschaft der Homousie eingefügt waren. Es war, wie Hieronymus sich ausdrückte, bei dieser Gelegenheit, dass die Welt zu ihrer Überraschung sich arianisch fand Ingemuit totus orbis, et Arianum se esse miratus est (Es stöhnte der gesamte Erdenkreis und verwunderte sich, dass er arianisch sei.). Hieronymos, Opera Band 2, p.145. . Aber die Bischöfe des Westens waren noch nicht ganz in ihre jeweiligen Bistümer zurückgekehrt, als sie ihres Irrtums auch schon inne wurden und ihre Schwäche sie reute. Die schmachvolle Unterwerfung ward mit Ekel und Entsetzen widerrufen; und das Banner der Homousie, welches geschwankt hatte, aber nicht untergegangen war, wurde in allen Kirchen des Westens neuerlich aufgepflanzt, fester denn je Die Geschichte des Konzils von Rimini heben Sulpicius Severus (Historia Sacra 2,41) und Hieronymos in seinem Dialog gegen die Luciferianer mit vieler Anmut dargestellt. Die Absicht des letzteren geht dahin, die lateinischen Bischöfe zu verteidigen, welche man betrogen hatte und die nun ihre Handlungsweise bereuten. . DER KAISER IN DER ARIANISCHEN KONTOVERSE Dies also waren die Entstehung und Verlauf, dies war das natürliche Auf und Ab jener theologischen Streitigkeiten, welchen den Frieden der Christenheit unter der Regierung Constantins und seiner Söhne aufstörte. Da sich jene Herrscher aber anmaßten, ihre Herrschaftsbefugnisse auch auf Glaubensfragen auszudehnen, als handele es sich um Leben und Vermögen ihrer Untertanen, gab das Gewicht ihrer Stimme in Kirchenfragen zuweilen den Ausschlag: und also wurden die Gerechtsame des Himmelskönigs im Kabinett eines irdischen Königs festgesetzt, abgeändert oder aufgehoben. CONSTANTINS INDIFFERENZ – A.D. 324 Der Geist der Zwietracht, der in so unglücklicher Weise die Provinzen des Ostens durchsetzte, tat Constantins Triumph Abbruch. Der Kaiser fuhr zunächst noch fort, den Streitgegenstand mit Herzenskühle und Gleichmut zu betrachten. Da er noch ahnungslos war, wie schwer ein Streit unter Theologen beizulegen war, schrieb er an die Anführer der rivalisierenden Parteien, Alexander und Arius, jeweils einen Brief beschwichtigenden Inhaltes Eusebios, Vita Constantini 2, 64-72. Die Grundsätze der Toleranz und religiösen Gleichgültigkeit, die in diesem Brief enthalten sind, waren für Baronius, Tillemont und andere ein großes Ärgernis, welche vermuteten, der Herrscher müsse arge Ratgeber zur Seite gehabt haben, den Teufel etwa oder sogar Eusebios. Siehe Jortin, Remarks, Band 2, p.183. ; dies wollen wir mit besten Gründen dem arglosen Gemüte des Soldaten und Staatsmannes zuschreiben und nicht den Einflüsterungen eines seiner bischöflichen Ratgeber. Er führt hierin den Ursprung der ganzen Auseinandersetzung auf eine spitzfindige und eigentlich doch nebensächliche Frage zurück, die einen unverständlichen Punkt der Schrift betraf und welche der Bischof törichterweise aufgeworfen und der Presbyter unklugerweise beantwortet hatte. Er führt nun Klage darüber, dass die Christenmenschen mit ihrem einen Gott, mit ihrer einen Religion und ihrem einen Ritus durch solcherlei belanglose Haarspaltereien sich entzweien sollten; ernstlich führt er dem Klerus von Alexandria das Beispiel der griechischen Philosophen vor Augen; welche nämlich ihre Meinung verträten, ohne sich dabei zu erregen; und die auf ihrer Meinungsfreiheit beharrten, ohne ihre Freundschaft zu beschädigen. Die geringschätzige Gleichgültigkeit des Herrschers wäre womöglich das wirksamste Mittel gewesen, den Streit beizulegen, wenn denn die öffentliche Erregung weniger heftig und ungestüm gewesen wäre und Constantin, genau in der Mitte zwischen den Faktionen und ihrem Fanatismus angesiedelt, auch fernerhin kühle Gemütsruhe hätte beobachten können. Aber schon bald brachten seine kirchlichen Berater die Unparteilichkeit des Magistrates ins Schwanken und spornten zugleich den Glaubenseifer des Proselyten. SEIN GLAUBENSEIFER – A.D. 325 So wurde er durch mutwillige Beschädigung seiner Statuen provoziert; wurde durch die eingebildete oder tatsächliche Größe des Unheils in Alarmstimmung versetzt; und ließ alle Hoffnung auf Frieden und Toleranz fahren von dem Moment an, als er dreihundert Bischöfe in einem einzigen Palast versammelte. Die Anwesenheit des Herrschers verlieh der Debatte zusätzliche Bedeutung; seine Aufmerksamkeit vervielfachte die vorgetragenen Gründe; und er selbst legte viel Langmut und Unerschrockenheit an den Tag, was aber den Kombattanten nur den Mut hob. Ungeachtet des Beifalles, welcher der Beredsamkeit und Weisheit des Constantin zuteil ward Eusebios, Vita Constantini 3,13. : ein römischer Feldherr, dessen Religion immer noch bezweifelt werden konnte und dessen Denken noch nicht durch Studien oder Eingebung erleuchtet war, war nur wenig berufen, in griechischer Sprache eine metaphysische Frage oder einen Glaubensartikel zu erörtern. Aber das Zeugnis seines Günstlings Osius, welcher offenbar den Vorsitz über das Konzil von Nicaea führte, stimmte des Herrscher für die orthodoxe Partei günstig; und eine hingeworfene Bemerkung zu passender Stunde – dass nämlich derselbe Eusebius von Nikomedia, der jetzt die Häretiker unter seine Fittiche nahm, ehemals dem Tyrannen Theodoret (1,20) hat uns einen Brief von Constantin an das Volk von Nikomedia überliefert, in welchem sich der Herrscher selbst zum öffentlichen Ankläger gegen einen seiner Untertanen ernennt. Er nennt den Eusebios ὁ τῆς τυραννικῆς ὠμότητος συμμύστης (Der Miteingeweihte tyrannischer Grausamkeiten) und beklagt das feindselige Verhalten des Eusebius während des Bürgerkrieges. zur Seite gestanden habe– mochte ihn wohl gegen ihre Gegner aufbringen. Das Glaubensbekenntnis von Nicaea wurde jedenfalls von Constantin unterzeichnet; und seine strenge Erklärung, es müssten diejenigen, die wider den göttlichen synodalen Beschluss löckten, sich auf ein postwendendes Exil einstellen, brachte das Murmeln der ohnehin schwächelnden Opposition ganz zum Schweigen; welche von siebzehn protestierenden Bischöfen alsgleich auf zwei zusammenschmolz. Eusebius von Caesarea veröffentlichte eine Zustimmung zur Homousie Vergleiche hierzu bei Sokrates (1,8) oder besser noch bei Theodoret (1,12) den Originalbrief des Eusebios von Caesarea, in welchem er seine Unterschrift unter die Homousie zu rechtfertigen versucht. Eusebios' Charakter war immer problematisch gewesen; wer aber den zweiten kritischen Brief des Le Clerc gelesen hat (Ars critica, Band 3, p.30-69), muss über die Rechtgläubigkeit und Aufrichtigkeit des Bischofs von Caesarea eine sehr ungünstige Meinung haben. , widerwillig und in dunkler Sprache; und das unbestimmbare Verhalten des nikomedeischen Eusebius diente lediglich, seinen Fall und sein Exil drei Monate hinaus zu zögern Athanasius, Band 1, p. 727; Philostorgius, 1,10; und Gothofreds Kommentar, p. 41. . Der gottlose Arius selbst ward in eine entlegen Provinz im Illyrischen verbannt; er und seine Jünger wurden von Gesetzes wegen mit dem Schmachnamen der Porphyrianer gebrandmarkt, seine Schriften den Flammen überantwortet: und Leibesstrafe ward denen angedroht, in dessen Händen sie sich etwa finden mochten. Der Herrscher hatte nunmehr den Geist des Haders in sich aufgenommen, und seinen zornig-bissigen Edikten war es vorbehalten, seinen Untertanen den Hass einzuträufeln, den er selbst empfunden hatte bei seinem Kampfe gegen die Widersacher Christi Sokrates1,9. In seinem Rundschreiben an verschiedene Städte bedient sich Constantin der Waffen des Spottes und Hohns. . CONSTANTIN BEGÜNSTIGT DIE ARIANER (A.D. 328-337) Da nun aber des Kaisers Aufführungen mehr von Leidenschaften als von Staatsklugheit bestimmt gewesen waren, gewahrte er, kaum dass drei Jahre nach dem Konzil zu Nicaea vergangen waren, Anzeichen von Gnade und sogar Nachsicht in sich gegenüber jener verbotenen Sekte, die darüber hinaus noch unter dem heimlichen Schutz seiner Lieblingsschwester stand. Die Verbannung wurde aufgehoben; und Eusebius, der allgemach seinen Einfluss über Constantins Gemüt wieder erlangte, nahm neuerlich den Bischofsstuhl ein, dessen er so schimpflich entsetzt worden war. Arius selbst wurde vom gesamten Hofstaat mit jenem Respekt behandelt, der einem unschuldig verfolgten Manne wohl zugestanden hätte. Die Synode in Jerusalem bestätigte seine Glaubensauffassung; und der Kaiser selbst, ungeduldig, sein Unrecht wieder gut zu machen, ordnete von höchster Stelle an, dass Arius in der Kathedrale von Konstantinopel feierlich am Abendmahl teilnehmen dürfe. An dem Tage aber, an welchem Arius seine Triumph erleben sollte, starb er; und die merkwürdigen und ekelhaften Begleitumstände seines Todes konnten durchaus den Verdacht erwecken, dass die orthodoxen Heiligen sich wirkungsvoller als nur durch ihre Gebete dafür eingesetzt hatten, die Kirche von einem ihrer furchtbarsten Feinde zu befreien Wir entnehmen die ursprüngliche Fassung der Geschichte dem Athanasius (Band 1, p.670); welcher sich schwer tut, das Gedächtnis des Toten zu besudeln. Vermutlich übertreibt er; aber der beständige Austausch zwischen Alexandria und Konstantinopel hätte es gefährlich gemacht, Begleitumstände hinzu zu erfinden. Diejenigen, die die Erzählung vom Tode des Arius wortwörtlich nehmen (seine Eingeweide platzten plötzlich aus ihm heraus, als er auf einem Abort saß), müssen sich zwischen Gift oder Wunder entscheiden. . Die drei bedeutendsten Häupter des Katholizismus, Athanasius von Alexandria, Eustatius von Antiochia und Paul von Konstantinopel wurden wegen verschiedener Anklagepunkte durch die Entschließungen zahlreicher Kirchenversammlungen abgesetzt und anschließend in diverse entlegene Reichsprovinzen verbannt durch den ersten christlichen Herrscher, welcher in der letzten Stunde seines Lebens das Sakrament der Taufe empfing aus des Hand des arianischen Bischofs von Nikomedia. Die Kirchenpolitik des Constantin kann nicht von dem Vorwurf der Unbeständigkeit und Schwäche freigestellt werden. Aber der naive Monarch, unkundig der Künste theologischer Kriegsführung, ließ sich wohl täuschen von der Glaubensschlichtheit der Häretiker, deren Anliegen er nie richtig begriffen hatte; und während er den Arius schützte und Athanasius verfolgte, ästimierte er das Konzil von Nicaea als Bollwerk des christlichen Glaubens und ein ganz besonderes Ruhmesblatt seiner Regierung Den Wechsel von Constantins Gesinnung oder wenigstens seiner Haltung kann man verfolgen bei Eusebios (Vita Constantini 3, 23, 4,41), Socrates (1,23-39), Sozomenos (2,16-34), Theodoret (1,14-34) und Philostorgius (2,1 – 17).Indessen war der erste dieser Autoren dem Ort des Geschehens zu nahe, die übrigen zu fern. Es ist merkwürdig genug, dass die wichtige Aufgabe der Fortschreibung der Kirchengeschichte sollte zwei Laien und einem Ketzer überlassen bleiben. . CONSTANTIUS UND DIE ARIANER – A.D. 337-361 Die Söhne Constantins müssen bereits als Kinder den Stand von Katechumenen innegehabt haben, aber bei der Annahme der Taufe ahmten sie das Vorbild ihres Vaters nach. So wie er maßten auch sie sich ein Urteil zu Mysterien an, in die sie niemals ernsthaft eingeführt worden waren »Quia etiam tum catechumenus sacramentum fidei merito videretur potuisse nescire.« (Weil damals sogar ein Katechumene das Glaubenssakrament mit guten Gründen nicht hat kennen können) Sulpicius Severus, Historia Sacra, 2,39. : und so hing das Schicksal der Trinität entschieden von der Auffassung des Constantius ab, welcher die Provinzen des Ostens geerbt hatte und die Herrschaft über das ganze Reich anstrebte. Der arianische Presbyter oder Bischof, welcher das Testament des verstorbenen Herrschers zu Constantius' Vorteil zurück gehalten hatte, nutzte den glücklichen Umstand, der ihn in die Nähe eines Prinzen verschlagen hatte, und dessen Beschlüsse unter dem Einfluss seiner jeweiligen Favoriten ständig hin- und herschwankten. Die Eunuchen und Sklaven schwängerten den Palast mit geistigem Gift, und die üble Ausdünstung wurde durch die weibliche Dienerschaft auf die Leibwache übertragen, und die Kaiserin selbst infizierte ihren arglosen Gatten Socrates 2, 2; Sozomenos, 3,18; Athanasios, Band 1, p. 813 und 834. Dieser konstatiert, dass die Eunuchen die natürlichen Feinde des ›Sohnes‹ seien. Vergleiche Dr. Jortin, Remarks Band 4, p.3 mit einer gewissen Genealogy im Candid c. 4, welche bei einem der ersten Gefährten des Columbus endet. . Die Vorliebe, die Constantius ersichtlich für die Partei des Eusebius hegte, wurde durch die geschickten Kunstgriffe ihrer Anführer allmählich noch vertieft; und sein Sieg über den Tyrannen Magnentius machte ihn geneigter und auch geschickter, die weltliche Gewalt für die Sache des Arianismus einzusetzen. Während nämlich die beiden Armeen auf der Ebene zu Mursa miteinander fochten und das Schicksal der zwei Feinde vom Verlauf dieser Schlacht abhing, brachte der Sohn Constantins diese ängstlichen Stunde in einer Märtyrerkirche unterhalb der Stadtmauern zu. Sein geistlicher Trostspender, Valens, welcher arianischer Bischof des Bezirkes war, hatte die umsichtigsten Maßregeln getroffen, so früh wie irgend möglich die Nachrichten zu erhalten, welche seine Rettung oder seine Flucht bedeutet hätten. Eine geheime Staffel von schnellen und zuverlässigen Boten informierten ihn von dem wechselnden Schlachtenverlauf; und während die Höflinge noch bebend um ihren beunruhigten Herren standen, versicherte Valens ihm, dass die gallischen Legionen zurückwichen; und mit einiger Geistesgegenwart machte er ihm weis, dass ein Engel ihm diese glorreiche Wende entdeckt habe. Voller Dankbarkeit schrieb der Herrscher seinen Erfolg den Verdiensten und der Fürsprache des Bischofs von Mursa zu, dessen Glauben die sichtliche, wunderbare Billigung durch den Himmel erfahren habe Siehe Sulpicius Severus, Historia Sacra 2,38. . Die Arianer, die den Sieg des Constantius als den ihren feierten, stellten seinen Ruhm noch über den seines Vaters Kyrillos (bei Baronius A.D. 353,, Nr. 26) merkt ausdrücklich an, dass unter der Herrschaft des Constantin in der Tiefe der Erde das Kreuz aufgefunden worden, unter Constantius' Regierung aber mitten am Himmel erschienen sei. Dieser Widerspruch erweist, dass Kyrillos das Wunder unbekannt war, welches die Bekehrung des Constantin bewirkte; und diese Unkenntnis ist umso überraschender, da Kyrillos doch schon zwölf Jahre nach dessen Tod durch den direkten Amtsnachfolger des Eusebios von Caesarea zum Bischof von Jerusalem geweiht wurde. Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques Bd. 8, p. 715. . Cyril, Bischof von Jerusalem, entwarf unverzüglich die Beschreibung eines Himmelskreuzes, umkreist von einem glanzvollen Regenbogen Es ist schwierig zu entscheiden, wieweit die Erfindungsgabe des Cyril von der natürlichen Erscheinung einer Sonnenhalo befeuert worden sein mag. , welches Zeichen während des Pfingstfestes zur dritten Stunde des Tages zur Erbauung der frommen Pilger und des Volkes der Heiligen Stadt über dem Ölberg erschienen war. Diese Lufterscheinung wurde allmählich immer mehr vergrößert; und der arianische Historiker hatte sogar die Stirn zu behaupten, dass es selbst den beiden Armeen in Pannonien erschienen war; und dass der Tyrann, der uns mit Vorbedacht als Götzenanbeter dargestellt wird, vor diesem strahlenden Zeichen des rechtgläubigen Christentums enteilte Philostorgos 3,26. Der Verfasser der Alexandrinischen Chronik, Kedrenos sowie Nikephoros (vgl Gothofred p.188) folgen dieser Darstellung. Sie konnten dieses Wunder nicht verwerfen, und kam es auch aus der Hand ihres Feindes. . ARIANISCHE KONZILE Die Meinung eines unbefangenen Fremden, der den Verlauf von Bürger- oder Glaubenskrieg unparteiisch beobachtet hat, kann unsere Aufmerksamkeit allemal für sich in Anspruch nehmen: und ein kurzer Abschnitt aus Ammianus, der in der Armee diente und Constantin aus der Nähe kennen lernte, ist möglicherweise von größerem Wert als viele Seiten mit theologischen Schmähreden. »Die christliche Religion, welche, für sich genommen,« so schreibt unser Historiker mit Zurückhaltung, »einfach und schlicht ist, hat er durch kindischen Aberglauben zu Schanden gemacht. Anstelle die Parteien durch das Gewicht seiner Autorität zusammenzuführen, kultivierte und vertiefte er durch Wortstreit die Gegensätze, die seine müßige Neugier verursacht hatte. Die Fernstraßen waren angefüllt mit bischöflichen Streitern, die von überallher zu den Versammlungen goloppierten, welche sie Synoden nennen; und während sie selbst bestrebt waren, alle anderen Sekten auf ihre Seite zu ziehen, wurden die öffentlichen Rasthäuser durch ihre hastigen und häufigen Fahrten nachgerade ruiniert Eine derart sonderliche Geschichte verdient eine urschriftliche Wiedergabe: Christianam religionem absolutam et simplicem, anili superstitione confundens; in qua scrutanda perplexius, quam componenda gravius excitaret discidia plurima; quae progressa fusius aluit concertatione verborum, ut catervis antistitum jumentis publicis ultro citroque discurrentibus, per synodos (quas appellant) dum ritum omnem ad suum trahere conantur (Valesius liest hier 'conatur') rei vehiculariae concideret nervos. Ammianus, 21,16. .« Unsere genaueren Kenntnisse der Kirchengeschichte unter Constantius würden uns einen ausführlichen Kommentar zu dieser bemerkenswerten Passage gestatten; sie rechtfertigt auch die begründete Besorgnis des Athanasius, dass der ruhelose Aktionismus des Klerus, der auf der Suche nach dem wahren Glauben das Reich durchhastete, in der Welt der Ungläubigen nur Verachtung und Gelächter veranlasse Athanasios, Opera Band 1, p. 870. . Sobald der Herrscher der Mühen des Bürgerkrieges überhoben war, widmete er die Mußestunden der Winterquartiere in Arles, Mailand, Sirmium und Konstantinopel unterhaltsamen oder sauren Wortgefechten; das Schwert der Magistrate und selbst noch des Tyrannen fuhr aus der Scheide, den theologischen Gründen Nachdruck zu verleihen; und als er sich dem orthodoxen Glaubensbekenntnis von Nicaea entgegen arbeitete, so wird freimütig bekannt, harmonierten seine Unfähigkeit und Ahnungslosigkeit trefflich mit seinem Dünkel Sokrates 2, 35-47; Sozomenos 4,12-30; Theodoret, 2,18-32; Philostorgios 4, 4-12,1; 5,1-4; 6,1-5. . Die Eunuchen, Weiber und Bischöfe, die den eitlen und schwachen Verstand des Herrschers lenkten, hatten ihm eine unüberwindliche Abneigung gegen die Homousie eingeträufelt; aber die Gottlosigkeit des Aëtius weckte sein ängstliches Gewissen. Die Schuld dieses Atheisten wurde noch vermehrt durch die verdächtige Begünstigung, in der bei dem unglückseligen Gallus stand; und selbst der Tod der kaiserlichen Minister, die in Antiochia ermordet worden waren, stellte man den Eingebungen dieses gefährlichen Sophisten in Rechnung. Constantius' Gemüt, dass sich weder durch Vernunftgründe mäßigen noch durch Glaubensgründe beruhigen ließ, wurde durch sein Grauen vor jedem Extrem beständig von einer Seite des gähnenden, schwarzen Abgrundes zur anderen getrieben: abwechselnd ließ er Meinungen gelten und verdammte sie und ebenso verbannte er nacheinander die Häupter der arianischen und semiarianischen Faktionen und begnadigte sie des anderen Tages Sozomenos 4,23; Athanasios Band 1, p. 831.-Tillemont (Mémoires Ecclésiastiques Band 7, p. 947) hat diverse Beispiele für den hochfahrenden Fanatismus des Constantius aus den verstreuten Schmähschriften des Lucifer von Cacliari zusammen getragen. Allein die Titel dieser Traktate entfachen Kampfeseifer und Entsetzen: »Moriendum pro Dei Filio.« (Sterben für den Gottessohn). »De Regibus Apostaticis.« (Über abgefallene Könige). »De non conveniendo cum Haretico.« (Wie man mit Häretikern keinen Umgang hat). »De non parcendo in Deum delinquentibus.« (Keinen Frieden mit den Verbrechern gegen Gott!) . Während der Arbeits- oder der öffentlichen Festtage brachte er ganze Tage und Nächte damit zu, die Worte zu analysieren und die Silben zu zählen, welche sein jeweiliges Glaubensbekenntnis bildeten. Diese Meditationen verfolgten ihn bis in den Schlaf; die unsortierten Träumereien des Königs wurden als Offenbarungen des Himmels aufgefasst; und mit Wohlgefallen ließ er sich als Bischof der Bischöfe titulieren, und zwar von Klerikern, die über die Befriedigung ihrer Leidenschaften die Interessen ihres Berufsstandes vergaßen. Den Plan für eine einheitliche Doktrin, für den er so viele Synoden in Gallien, Italien, Illyrien und Asien hatte zusammen treten lassen, machte er wiederholt durch seine eigene Unentschlossenheit und die Katholiken durch ihren Widerstand zu Schanden; schließlich raffte er sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung auf und beschloss, die Entscheidungen eines allgemeinen Konzils zu diktieren. Das verheerende Erdbeben von Nikomedia, die Schwierigkeit, einen geeigneten Ort aufzufinden und wohl auch einige geheime politische Gründe verursachten einige Änderungen in den Konzilsausschreibungen. Die Bischöfe des Ostens wurden nach Seleucia in Isaurien beordert, während die des Westens ihre Beratungen zu Rimini an der Adriaküste abhielten; und nicht nur zwei oder drei Delegierte aus jeder Provinz, sondern der ganze Bischofskörper wurden in Marsch gesetzt. Das östliche Konzil ging ohne irgendeine Beschlussfassung auseinander, nachdem es vier Tage bei groben und fruchtlosen Debatten zugebracht hatte. Das Konzil des Westens zog sich sieben Monate hin. Der Prätorianerpräfekt Taurus hatte Weisung, die Prälaten nicht auseinander gehen zu lassen, bis sie sich einstimmig zu ein und derselben Meinung verstanden hätten; und seine Anstrengungen wurden entschieden belebt durch die Aussicht auf das Konsulat nach bestandenem Abenteuer und die Befugnis, den fünfzehn der Renitentesten die Verbannung anzudrohen. Sein Flehen und sein Drohen, der Respekt vor dem Herrscher, die Sophistik eines Valens und Ursacius, der quälende Hunger und die Kälte und die herzzerbrechende Trostlosigkeit eines endlosen Exils nötigten endlich den Bischöfen zu Rimini widerwillige Einstimmigkeit ab. Danach machten die Vertreter des Ostens und Westens den Kaiser in seinem Palast zu Konstantinopel ihre Aufwartung, und er nun hatte die Genugtuung, der Welt ein Glaubensbekenntnis vorzulegen, welches die Ähnlichkeit des Gottessohnes festlegte, ohne aber die Wesenseinheit zu erwähnen (A.D. 360) Sulpicius Severus, Historia sacra 2,41-44. . Aber dem Sieg des Arianismus war die Abreise des orthodoxen Klerus vorausgegangen, der sich weder hatte einschüchtern noch kaufen lassen; und die Herrschaft des Constantius selbst wurde noch zusätzlich verdunkelt durch die ungerechtfertigte und wirkungslose Verfolgung des großen Athanasios. PERSÖNLICHKEIT DES ATHANASIOS Wir haben nur selten die Gelegenheit zu beobachten, was ein einzelner Willen in einem tätigen oder kontemplativen Leben an Wirkungen hervorzurufen und an Hindernissen zu überwinden imstande ist, wenn er sich unabänderlich ein einziges Ziel gesetzt hat. Der unsterbliche Name des Athanasios Es ist schade, dass Gregor von Nazianz eine Jubelrede und keine Lebensbeschreibung des Athanasius abgefasst hat; aber immerhin sind wir imstande und sollten diesen Vorteil auch nutzen, dass wir in dem reichen Fundus seiner Reden und Briefe die zuverlässigste Quelle besitzen (Band 1, p. 670-951). Ich möchte mich hier nicht dem Beispiel des Sokrates (2,1) anschließen, welcher die erste Ausgabe seiner Geschichte veröffentlichte und sich nicht der Mühe unterzog, die Schriften des Athanasios zu Rate zu ziehen. Aber selbst Sokrates sowie der etwas neugierigere Sozomenos und der gelehrte Theodoretos stellen zwischen dem Leben des Athanasios und der Kirchengeschichte einen Zusammenhang her. Die Sorgfalt eines Tillemont und der benediktinischen Herausgeber hat jeden Umstand berücksichtigt und alle Schwierigkeiten überprüft. wird niemals von der katholischen Trintätsdokrin zu trennen sein, deren Verteidigung er jeden Atemzug seines Lebens und seine gesamte geistige Energie gewidmet hatte. Aufgewachsen in der Familie des Alexander, hatte er sich schon den Anfängen der arianischen Häresie entgegengestemmt: er versah das wichtige Amt eines Sekretärs unter dem betagten Prälaten; und mit Erstaunen und Anerkennung gewahrten die Väter des nicaeischen Konzils die aufblühenden Talente des jungen Diakons. In Zeiten öffentlicher Gefahr werden die kraftlosen Vorrechte des Alters und der Rangstufe aufgehoben; und binnen fünf Monaten nach seiner Rückkehr von Nicaea war der Diakon Athanasius auf dem Stuhl des Erzbischofs von Ägypten erhoben. Sechsundvierzig Jahre hatte er diese hervorragende Stellung inne, und seine lange Amtszeit war ein dauernder Krieg gegen die Mächte des Arianismus (A.D. 326-373). Fünf Mal wurde Athanasios abgesetzt; zwanzig Jahre war er im Exil oder auf der Flucht; und nahezu jede Provinz des römischen Reiches wurde nacheinander Zeuge seiner Verdienste und seiner Kämpfe für die Sache der Homousie, welches er als die einzige Freude und Aufgabe, Pflicht und Krönung seines Lebens ansah. Inmitten der Stürme der Verfolgung ertrug der Erzbischof von Alexandria die Mühen der Arbeit, war wohl auch ruhmbegierig und unbekümmert um seine persönliche Sicherheit; und obwohl sein Gemüt durch das Gift des Fanatismus getrübt war, legte Athanasius Charakterstärke und Fähigkeiten an den Tag, die ihn mit weit mehr Recht als etwa die verkommenen Söhne des Constantin für die Regierung einer großen Monarchie empfohlen hätten. Seine Bildung war entschieden weniger fundiert und umfassend als etwa die des Eusebius von Caesarea, und seine holperige Beredsamkeit hielt niemals einen Vergleich mit der geschliffenen Eloquenz eines Gregor oder Basilius aus; aber wann immer der Primas von Ägypten aufgerufen ward, seine Glaubensmeinung oder sein Verhalten zu rechtfertigen, dann war seine improvisierte Art zu reden oder zu schreiben klar, kräftig und überzeugend. In der Schule der Rechtgläubigen stand er stets als Meister der christlichen Theologie in hohem Ansehen; auch ging von ihm das Gerücht, dass er zwei weitere weltliche, für einen Bischof eigentlich unschickliche Wissenschaften betreibe, die Rechtsgelehrsamkeit Sulpicius Severus (Historia Sacra 2, p. 396) nennt ihn einen Juristen und Rechtsberater. Dies lässt sich aber nicht nachweisen, weder aus Athanasios' Biographie noch aus seinen Schriften. und die Kunst der Wahrsagung »Dicebatur enim fatidicarum sortium fidem, quaeve augurales portenderent alites scientissime callens aliquoties praeedixisse futura. (Es hieß von ihm, er habe sich trefflich auf die Auslegung von Sprüchen und Vogelflug verstanden und er soll immer mal wieder die Zukunft vorausgesagt haben). Ammianus, 15,7. Eine Prophetie oder vielmehr ein Scherz wird von Sozomenos (4,10) erzählt, welcher schlagend beweist, dass Athanasios, sofern die Krähen Lateinisch sprächen, die Sprache der Krähen verstehen könne. . Ein paar zutreffende Konjekturen auf zukünftige Ereignisse, die ein nüchterner Rationalist wohl eher der Erfahrung und Urteilskraft des Athanasius in Rechnung gestellt hätte, wurden von seinen Freunden himmlischer Eingebung zugeschrieben und von seinen Gegnern als Blendwerk der Hölle verschrien. ATHANASIUS WIRD VERFOLGT Aber da Athanasius es fortwährend mit Vorurteilen und Leidenschaften der Menschen jeden Standes, vom Mönch bis zum Kaiser zu tun hatte, war die Kenntnis der menschlichen Natur seine vornehmste Wissenschaft. Er bewahrte sich einen klaren und ungebrochenen Blick über eine Szenerie, die sich in jedem Moment änderte; und niemals verfehlte er, jene entscheidenden Augenblicke für sich zu nutzen, die unwiederbringlich vorbei sind, bevor der Durchschnittsmensch sie überhaupt erfasst hat. Der Erzbischof von Alexandria wusste genau, wie weit er mit barschen Befehlen gehen konnte und wo er zu kunstvollen Einflüsterungen greifen musste; wie lange er Gewalt anwenden durfte und ab wann er von der Verfolgung ablassen musste; und während er die Blitze der Kirche gegen Ketzerei und Rebellion schleuderte, konnte er im Schoße seiner eigenen Partei die nachgiebige und milde Rolle eines besonnenen Oberhauptes annehmen. Man hat den Vorwurf erhoben, die Wahl des Athanasius sei überstürzt und irregulär gewesen Die gesetzeswidrige Weihe des Athanasios wurde auch auf den gegen ihn eingesetzten Kirchenversammlungen mit leiser Betonung erwähnt (Philostorgios 2,11 und Gothofredus, p.71); aber es kann ja wohl kaum angenommen werden, dass eine Versammlung der ägyptischen Bischöfe einen öffentlichen Fehler eingestehen würde. Athanasios Band 1, p. 726. ; aber sein ehrbares Auftreten besänftigte die Wellen der Erregung bei Klerus und Bürger. Das Volk von Alexandria lechzte darnach, in Waffen ihren beredten und liberalen Hirten zu verteidigen. In Nöten erhielt er zuverlässig Unterstützung oder doch wenigstens Trost aus der gläubigen Zuneigung seiner niederen Kirchenbeamten; und auch die einhundert Bischöfe Ägyptens blieben, im Glauben fest, an der Seite des Athanasius. In bescheidenem Wagen, wie ihn Stolz und Politik nahelegten, kam er häufig in seinen Provinzen auf bischöfliche Visitation, von der Mündung des Nil bis zu den Grenzen Äthiopiens; hatte leutseligen Umgang noch mit den Einfachsten des Volkes, und demutsvoll grüßte er die Heiligen und Einsiedler der Wüste Siehe die Geschichte der Wüstenväter von Rosweide. Auch Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques Band 7, in den Viten des Antonius, des Pachomios u.a. Athanasios selbst, der sich nicht zu schade war, eine Lebensbeschreibung seines Freundes Antonius zu verfassen, hat mit Genauigkeit festgehalten, wie oft der Heilige den Schaden der arianischen Ketzerei beweint und vorhergesagt habe. Athanasios, Band 2, p. 492, 498ff. . Und keineswegs nur in Kirchenversammlungen, wenn er unter Männern mit vergleichbarer Erziehung und Bildung war, geschah es, dass Athanasius Proben von Geist ablegte. Auch an Königshöfen trat er respektvoll-ungezwungen auf; und in den verschiedenen Wechselfällen eines freundlichen oder abgünstigen Geschickes besaß er noch stets das Vertrauen seiner Freunde und den Respekt seiner Gegner. VOR DER SYNODE IN TYROS Schon in seiner Jugend hatte der Primas von Ägypten dem großen Constantin getrotzt, welcher des Öfteren seinen Willen bekundet hatte, Arius wieder in die Gemeinschaft der katholischen Gläubigen aufzunehmen Zunächst nötigte Constantin nur mündlich, und drängte dann schriftlich. (καὶ ἀγράφως μεν ἠπείλει, γράφων δέ, ἠξίου.) Seine Briefe nahmen allmählich einen drohenden Ton an; aber während er noch meinte, die Pforten der Kirche ständen jedermann offen, vermied er denn doch den ominösen Namen Arius. Athanasius hat in der Art eines durchtriebenen Politikers diesen Unterschied hervorgehoben (Opera 1, p.788), wodurch sich ihm einiger Spielraum für Ausflüchte und Hinhalten bot. . Der Kaiser verneigte sich vor dieser trotzigen Entschlossenheit und vergab sie wohl auch; und die Faktion, welche Athanasius als ihren bittersten Feind ansah, war genötigt, ihren Hass zu verbergen und heimlich und aus anderer Richtung einen indirekten Angriff vorzubereiten. So streuten sie Gerüchte und Verdächtigungen, stellten den Erzbischof als einen hochfahrenden und herrischen Tyrannen dar, und verwegen ziehen sie ihn der Verletzung des Vertrages, den man zu Nicaea mit den schismatischen Anhängern des Meletius Die Meletianer waren in Ägypten ähnlich wie die Donatisten aus einem Streit mit dem Bischof um die Verfolgung hervorgegangen. Mir fehlt die Muße, diesen obskuren Zank zu verfolgen, der zudem falsch dargestellt wurde infolge der Parteilichkeit des Athanasios und der Ignoranz des Epiphanios. Siehe Mosheim, General History of the Church, Band 1, p.201. geschlossen hatte. Athanasios hatte in der Tat in aller Öffentlichkeit diesen Schmachfrieden missbilligt, und man ließ den Kaiser des Glaubens, er habe seine kirchlichen und zivilen Machtbefugnisse überschritten, als er jenen verhassten Sektierern nachstellte; dass er außerdem in einer ihrer Kirchen zu Mareotis einen heiligen Kelch zerbrochen habe; dass er sechs ihrer Bischöfe habe einsperren oder auspeitschen lassen; und dass Arsenius, ein siebenter Bischof jener Partei, von der grausamen Hand jenes Primas Die Behandlung jener sechs Bischöfe wird bei Sozomen (2,25) genauer dargestellt; aber Athanasios selbst, so mitteilsam im Zusammenhang mit Arsenius und dem Kelch er auch ist, übergeht diese schwerwiegenden Anschuldigungen mit Stillschweigen. ermordet oder doch wenigstens verstümmelt worden sei. Diese Anklagen, die ihm direkt an die Ehre und das Leben gingen, wurden von Constantin an seinen Bruder Dalmatius, den Censor, übergeben, welcher in Antiochia residierte; nacheinander wurden die Synoden von Caesarea und Tyrus einberufen; und den Bischöfen wurde aufgegeben, den Fall des Athanasios abzuurteilen, bevor sie sich anschickten, die neue Auferstehungskirche in Jerusalem zu weihen. Der Primas war sich seiner Unschuld durchaus bewusst; aber ebenso war er sich bewusst, dass die gleiche feindselige Gesinnung, welche die Anklage diktiert hatte, auch den Fortgang der Verhandlung und das abschließende Urteil mitgestalten würde. Also lehnte er das Tribunal seiner Gegner ab, missachtete die Vorladungen zu der Synode von Caesarea und beugte sich erst nach langem und kunstvollem Zögern den entschiedenen Anweisungen seines Kaisers, der seine nachgerade kriminelle Verstocktheit zu ahnden androhte, würde sich jener nicht vor dem Konzil von Tyros einfinden Athanasios, Band 1, p. 788; Sokrates, 1,28; Sozomenos 2,25; Der Kaiser scheint in seinem Einladungsbrief (Eusebios, Vita Constantini 4,42) einige Mitglieder des Klerus ohne Anhörung zu verurteilen, und es war mehr als wahrscheinlich, dass die Synode diese Vorwürfe auf Athanasios bezog. . Bevor Athanasius an der Spitze von fünfzig ägyptischen Prälaten von Alexandria absegelte (A.D. 335), hatte er sich klugbedacht der Allianz der Meletianer versichert; und Arsenius selbst, sein angebliches Opfer und in Wahrheit sein heimlicher Freund, fuhr inoffiziell und unerkannt mit. Die Synode zu Tyrus wurde von Eusebius von Caesarea geleitet, allerdings mit mehr Kampfeseifer und weniger Geschick, als sich von seiner hohen Bildung und Erfahrung erwarten ließ; sein zahlenstarke Faktion wiederholte die Worte Mörder und Tyrann; und zu fernerem Geräusch ermutigte sie die geschickt inszenierte Geduld des Athanasios; dieser nämlich wartete nur auf den entscheidenden Augenblick, in welchem er Arsenius der Versammlung lebend und unversehrt würde präsentieren können. Die Natur der anderen Anklagepunkte erlaubte eine so klare und überzeugende Widerlegung nicht; immerhin aber konnte der Erzbischof darlegen, dass in dem Dorf, in welchem er laut Anklage einen heiligen Kelch sollte zerbrochen haben, weder Kirche noch Altar noch Kelch wirklich vorhanden gewesen seien. Die Arianer, die unter sich die Schuld und die Verurteilung ihres Feindes bereits abgesprochen hatten, versuchten jedoch ihr Unrecht hinter dem Schein einer formalen Rechtstechnik zu verbergen: die Synode beauftragte eine Kommission von sechs Bischöfen, jenen Ort persönlich in Augenschein zu nehmen; und diese Maßnahme, der sich die ägyptischen Bischöfe mit Nachdruck widersetzten, gab neuen Anlass zu Gewalttat und Meineid Siehe insbesondere die zweite Apologie des Athanasios (Band 1, p. 763-808) und seine Briefe an die Mönche (p. 808-866). Sie sind durch echte Originaldokumente bestätigt, wären indessen noch glaubwürdiger, wenn er darin weniger arglos und seine Feinde weniger albern erscheinen würden. . Nach der Rückkehr jener Delegation aus Alexandria sprach die Mehrheit der Versammlung ihr endgültiges Urteil, durch das der Primas von Ägypten abgesetzt und verbannt wurde. Diese Entschließung, deren Sprache übrigens vor Bosheit und Rache überfließt, wurde dem Kaiser und der katholischen Kirche zugestellt; die Bischöfe selbst gaben sich wieder sanft und andächtig, wie es sich für die heilige Pilgerfahrt zum Grabe Christi gehörte Eusebios, Vita Constantini 4,41-47. . VERURTEILT A.D. 336 · IN KONSTANTINOPEL Athanasios indessen tat diesem kirchenamtlichen Unrecht nicht die Ehre an, dass er sich ihm unterworfen hätte oder doch wenigstens bei seiner Verkündung zugegen gewesen wäre. Vielmehr beschloss er, auf kühne und gefahrenvolle Weise herauszufinden, ob der Thron noch zugänglich sei für die Stimme der Wahrheit; und bevor zu Tyrus das Urteil gesprochen war, sprang der furchtlose Primas an Bord eines Schiffes, welches bereit lag, die Segel mit Kurs auf die Kaiserstadt zu setzen. Das Ersuchen nach einer offiziellen Audienz hätte man wohl hintertrieben oder zu vereiteln getrachtet; aber Athanasios landete unbemerkt, wartete den Moment von Constantins Rückkehr aus dem unfernen Landsitz ab und trat seinem zürnenden Herrscher kühn entgegen, als er zu Pferde durch Konstantinopels Hauptstraße ritt. Dieser befremdliche Anblick überraschte und verärgerte ihn denn doch; schon hieß man die Wachen, den lästigen Bittsteller zu entfernen; aber rasch siegte das unwillkürliche Gefühl des Respektes über seinen Ärger; und des Kaisers hochfahrender Sinn ward von Bewunderung erfasst vor dem Mute und der Beredsamkeit eines Bischofs, der an seine Gerechtigkeit appellierte und sein Gewissen wachrüttelte Athansios, Opera Band 1, p. 804. In einer Kirche, die dem Hl. Athanasios geweiht ist, würde sich ein Bild mit dieser Szene bedeutend besser ausnehmen als die meisten seiner Wunder- und Märtyrerlegenden. ; mit überparteilicher und sogar freundlicher Aufmerksamkeit lauschte Constantin den Beschwerden des Athanasios; die Teilnehmer der Synode von Tyrus wurden zusammen gerufen, ihr Vorgehen zu rechtfertigen; und die Ränke der eusebianischen Faktion wären wohl zu Schande geworden, wenn sie nicht die Schuld des Primas vergrößert hätten durch die Unterstellung eines unentschuldbaren Vergehens; des Planes nämlich, die Getreideflotte, die die neue Hauptstadt versorgte; in Alexandria aufzuhalten und an die Kette zu legen Athansios, Opera Band 1, p. 729. Eunapius (Vita Sophistarum p. 36) hat ein befremdendes Beispiel für die Grausamkeit und Naivität des Constantin beigebracht, die er bei vergleichbarer Gelegenheit entwickelte. Der beredte Sopater, ein syrischer Philosoph, besaß seine Freundschaft und rief dadurch die Abgunst des Prätorianerpräfekten Ablavius hervor. Die Getreideflotte war wegen des ausbleibenden Südwindes überfällig; das Volk Konstantinopels murrte; und Sopater wurde enthauptet, weil man ihn beschuldigte, durch Zauberkräfte die Südwinde gebannt zu haben. Die Suidas fügt noch hinzu, dass Constantin durch diese Hinrichtung beweisen wollte, dass er den Aberglauben der Heiden vollständig überwunden habe. . Der Kaiser beruhigte sich damit, dass der Frieden in Ägypten durch die Abwesenheit eines volkstümliche Oberhauptes sichergestellt war; aber er weigerte sich, den verwaisten Stuhl des Erzbischofs neu zu besetzen; und das Urteil, zu dem er sich nach langem Zögern entschloss, war eher ein neiderfülltes Scherbengericht als ein demütigendes Exil. In Galliens entlegener Provinz, wenn auch zu Triers gastlichem Kaiserhof, blieb Athanasios achtundzwanzig Monate. Der Tod des Kaisers änderte die politische Lage; und zu all den Amnestie-Erlassen der jungen Regierung gehört auch die Wiedereinsetzung des Primas infolge einer ehrenvollen Verfügung des jüngeren Constantinus, welcher damit seinem geschätztem Gast zum Ausdruck brachte, wie sehr er von dessen Unschuld überzeugt war und seine Verdienste zu würdigen wisse Auf seiner Rückreise sah er Constantius zweimal, in Viminiacum und in Caesarea in Kappadokien (Athanasios, Opera, Band 1, p.676) Tillemont vermutet, dass Constantin ihn zum Treffen der drei Königsbrüder in Pannonien mitgenommen habe. (Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 69) . BEGNADIGT A.D. 338 UND NEUERLICH EXILIERT A.D. 341 Der Tod jenes Herrschers war Ursache für eine zweite Verfolgung des Athanasius; und schon bald wurde der Herrscher des Ostens, der schwache Constantius, heimlicher Gefolgsmann der Eusebianer. Neunzig Bischöfe jener Sekte oder Faktion versammelten sich zu Antiochia unter dem durchsichtigen Vorwand, die Kathedrale zu weihen. Sie setzten ein mehrdeutiges Glaubensbekenntnis auf, welches mit den blassen Farben des Semi-Arianismus eingefärbt war und verfassten fünfundzwanzig Kanons, welche bei den orthodoxen Griechen noch heute gültig sind Siehe Beveridge, Pandectae, Band 1, p. 429-452 und Band 2, p. 182, Fußnote; Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 310-324. Der Heilige Hilarius von Poitiers hat diese Synode zu Antiochia mit zu viel Parteilichkeit und Ehrerbietung erwähnt. Er zählte siebenundneunzig Bischöfe. . Man beschloss nicht ganz unbillig, dass ein Bischof, welcher seiner Stellung von einer Synode enthoben worden war, nicht wieder in seine bischöfliches Amt dürfe eingesetzt werden, solange ihn nicht der Spruch einer gleichwertigen Kirchenversammlung begnadigt habe; dieses Gesetz wurde unverzüglich auf den Fall des Athanasius angewandt, und der Rat zu Antiochia sprach seine Absetzung aus, oder besser: bestätigte sie; ein Fremder namens Gregor nahm seinen Sitz ein; und der Präfekt von Ägypten, Philagrios Dieser für Athanasius so verhasste Beamte wird von Gregor von Nazianz höchlich gelobt (Orationes 21. Opera, Band 1, p.390). »Saepe premente Deo fert Deus alter opem.« (Sucht ein Gott heim, hilft oft ein anderer). Da ich an das Gute im Menschen glaube, freue ich mich immer, einige günstige Züge in solchen Menschen zu entdecken, die der Parteienhass als Tyrannen und Monster dargestellt hat. , erhielt Weisung, dem neuen Primas mit aller zivilen und militärischen Gewalt beizuspringen. Unter dem Eindruck der Verschwörung der asiatischen Prälaten entwich Athanasius aus Alexandria und harrte drei Jahre Die Probleme mit der Chronologie, welche den Aufenthalt des Athanasius in Rom verdunkeln, haben Valesius (Historiae ecclesiasticae, Band 2, 1,1-5, Observationes in calcem) und Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 674ff) gründlich diskutiert. Ich folge der schlichten Hypothese des Valesius, welcher infolge der Einlassungen des Gregor nur eine einzige Reise annimmt. an der heiligen Schwelle des Vatikans aus Ich kann es mir nicht versagen, eine wohldurchdachte Bemerkung Anmerkung von Wetstein (Prologomena ad Novum Testamentum, p.19) einzufügen: »Si tamen Historiam Ecclesiasticam velimus consulere, patebit iam inde a seculo quarto, cum, ortis controversiis, ecclesiae Graeciae doctores in duas partes scinderentur, ingenio, eloquentia, numero, tantum non aequales, eam partem quae vincere cupiebat Romam confugisse, majestatemque pontificis comiter coluisse, eoque pacto oppressis per pontificem et episcopos Latinos adversariis praevaluisse, atque orthodoxiam in conciliis stabilivisse. Eam ob causam Athanasius, non sine comitatu Romam petiit, pluresque annos ibi haesit.« (Wenn wir aber die Kirchengeschichte konsultieren wollen, dann ist schon vom IV Jahrhundert an ersichtlich, dass nach Ausbruch der Kontroversen die griechischen Kirchenlehrer in zwei Parteien zerfielen, die nach Geist, Eloquenz und Zahl nahezu gleichwertig waren: diejenige, die die Flucht nach Rom durchsetzen und der Majestät des Pontifex in Ergebenheit verbunden bleiben wollte, um mit Hilfe dieses Bündnisses, des Pontifex und des lateinischen Episkopates ihre Gegner niederzuhalten und ferner die Orthodoxie auf den Konzilien zu unterstützen. Deshalb will dieses Lager Rom auch Athanasius nicht ungeleitet nach Rom bringen lassen und dortselbst für mehrere Jahre festhalten.) , ein Flüchtling und Bittflehender. Durch intensives Studium der lateinischen Sprache setzte er sich schon bald in die Lage, mit dem Klerus des Westens zu verhandeln; mit seiner bescheiden-schmeichelhaften Art wusste er den eitlen Julius zu steuern: der römische Pontifex hielt sich überzeugt, dass der Fall des Athanasios ein Fall für den Apostolischen Sitz sei; und so wurde denn seine Unschuld von fünfzig italienischen Bischöfen einstimmig auf einem Konzil verkündet. Am Ende der drei Jahre wurde der Primas nach Mailand an den kaiserlichen Hof vor Kaiser Constans zitiert, welcher trotz seines Hanges zu verbotenen Vergnügungen immer noch eine lebhafte Neigung für den orthodoxen Glauben bezeigte. Die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit wurde durch die Wirkmächtigkeit des Goldes befördert Philostorgos 3,12. Wenn irgendeine Form der Bestechung geübt wurde, die Interessen der Religion voran zu treiben, dann möchte ein Verteidiger des Athanasios wohl, um dieses fragwürdige Vorgehen zu entschuldigen oder zu verteidigen, das Beispiel des Cato oder des Sidney bemühen; der Erste, von dem behauptet wird, dass er Bestechungsgelder im Interesse der Freiheit gegeben, und der Letztere, dass er sie genommen habe. , und die Minister des Constans rieten ihrem Herrscher, eine Kirchenversammlung zu veranlassen, welche die katholische Kirche repräsentieren sollte (A.D. 346). Vierundneunzig Bischöfe des Westens und sechsundsiebzig des Ostens trafen sich in Sardica an der Grenze beider Reiche, allerdings auf dem Gebiete von Athanasius' kaiserlichem Freunde. Ihre Debatten verkamen schon bald zu feindlichem Gezänke; die um ihre persönliche Sicherheit besorgten asiatischen Bischöfe zogen sich nach Philipolis in Thrakien zurück; und die rivalisierenden Synoden schleuderten nun geistliche Bannstrahlen wider ihre Gegner, welche sie mit frommer Wut als die Feinde des wahren Gottes verdammten. Ihre Entschließungen wurden in ihren jeweiligen Kirchenprovinzen ratifiziert und veröffentlicht; und Athanasios Der Kanon, der die Anrufung des römischen Pontifex erlaubt, hat die Versammlung von Sardica fast in den Rang eines allgemeinen Konzils erhoben; und die Konzilsakten wurden aus Dummheit oder mit kluger Berechnung mit den nikäischen vermengt. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 689 und Geddes, Tracts, Band 2, p. 419-460. , der im Westen fast den Rang eines Heiligen innehatte, ward, ein Schrecknis des Ostens, dort als Verbrecher entdeckt. Das Konzil zu Sardica enthüllt somit die ersten Anzeichen der Zwietracht und der Glaubensspaltung zwischen der griechischen und römischen Kirche, welche sich infolge einiger zufälliger Unterschiede in Glaubensfragen sowie der dauerhaften Unterschiede der Sprache voneinander entfernten. DER TOD SEINES BESCHÜTZERS Während des zweiten Exils im Westen hatte Athanasios häufigen Zugang zu der kaiserlichen Gegenwart in Capua, Lodi, Mailand, Verona, Padua, Aquileia und Trier. Der jeweilige Diezösanbischof war bei den Unterredungen zugegen; der magister officium stand vor dem Vorhang des heiligen Audienzzimmers; und die gleichbleibende Bescheidenheit des Primas mochte bezeugt werden durch diese honorigen Zeugen, auf deren Bekundungen er sich nachdrücklich beruft Da Athanasios geheime Beschuldigungen gegen Constantius in Umlauf brachte (vgl. den Brief der Mönche) und zu gleicher Zeit ihm tiefen Respekt bekundete, dürfen wir den Versicherungen des Erzbischofs misstrauen. Band 1, p. 677. . Klugheit mochte ihm dann den sanften und respektvollen Ton anempfehlen, der einen Untertanen und auch einem Bischof kleidet. In diesen vertraulichen Unterredungen mit dem Herrscher des Westens hat Athanasius dann wohl auch die Glaubensirrtümer des Constantius beklagt; und kühn behauptete er die Schuld von dessen Eunuchen und arianischen Prälaten; beweinte die üble Lage und Not der katholischen Kirche; und ermunterte Constans, mit seinem Vater an Glaubensstärke und Ruhm zu wetteifern. Der Kaiser kündete von seiner Entschlossenheit, Truppen und Gold für die Sache des rechten Glaubens zu mobilisieren; und ließ seinen Bruder Constantius in einem knappgefassten und ziemlich deutlichen Brief wissen, dass er selbst mit See- und Heeresmacht den Erzbischof auf dem Bischofsstuhl Alexandrias einsetzen werde, wenn er nicht von sich aus der unverzüglichen Wiedereinsetzung des Athanasios beistimme Ungeachtet des vornehmen Schweigens von Athanasios und der eindeutigen Fälschung eines von Sokrates eingeschobenen Briefes werden diese Drohgebärden durch das unbestrittene Zeugnis des Lucifer von Cagliari und sogar des Constantius hinlänglich bewiesen. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8 p. 693. . Aber dieser Religionskrieg, der der Natur so fürchterlich ist, wurde vermieden, indem Constantius noch rechtzeitig willfahrte; und der Herrscher des Ostens bequemte sich sogar zu einer Versöhnung mit einem Untertanen, welchem er Unrecht getan. Athanasius spielte noch eine Zeitlang den Spröden, bis er drei Briefe erhalten hatte, voll mit den bestimmtesten Versicherungen der Gunst, Sicherheit und Wertschätzung seines Herrschers, der ihn darüber hinaus einlud, seinen Bischofssitz erneut zu besetzen und der schließlich die demütigende Vorkehrung traf, auch noch seine wichtigsten Minister die Lauterkeit seiner Gesinnung bekräftigen zu lassen. Sie offenbarte sich in einer mehr auf die Wirksamkeit in der Öffentlichkeit berechneten Maßnahme, als für ganz Ägypten strenge Weisung erging, die Anhänger des Athanasius zurück zu rufen, ihre Vorrechte wieder herzustellen, ihre Unschuld öffentlich bekannt zu machen und aus den öffentlichen Archiven die Akten aller ungesetzmäßigen Gerichtsverfahren zu entfernen, welche während der Vorherrschaft der eusebianischen Faktion stattgefunden hatten. Nachdem nun jede Form von Genugtuung und Sicherheit gewährt worden war, die das Rechts- oder auch nur das Feingefühl reklamieren konnte, zog der Primas in langsamen Tagesmärschen durch die Provinzen Thrakiens, Asiens, Syriens; und die Streckenführung seiner Reise wurde markiert durch die elende Unterwürfigkeit der orientalischen Bischöfe, die nur seine Verachtung hervorriefen, ohne zugleich seinen Scharfsinn zu trüben Ich habe immer einige Zweifel gehegt, was den Widerruf des Ursacius und Valens betraf. (Athanasios, Opera, Band 1, p.776). Ihre Briefe an den römischen Bischof Iulius und an Athanasios selbst unterscheiden sich so sehr voneinander, dass sie unmöglich beide echt sein können. Der eine spricht die Sprache von Verbrechern, welche ihre Schuld und Schande eingestehen; der andere die von Gegnern, welche als Gleichberechtigte eine ehrenhafte Aussöhnung anstreben. . In Antiochia traf er den Kaiser Constantius; ertrug unterwürfig-standhaft seine Umarmungen und Beteuerungen und hintertrieb mit List den Vorschlag, den Arianern den Bau einer einzigen Kirche in Alexandria zu erlauben, indem er für seine eigene Partei die gleiche Erlaubnis für andere Städte des Reiches beanspruchte; welche Erwiderung im Munde eines unabhängigen Herrschers den Anschein von Billigkeit und Gerechtigkeit angenommen hätte. Der Einzug des Erzbischofs in seine Hauptstadt geriet zu einem Triumphzug; seine Abwesenheit und seine Verfolgung hatten ihn den Bewohnern Alexandrias lieb gemacht; seine Amtsgewalt, die er mit Strenge handhabte, ward wiederhergestellt, fester denn je; und sein Ruhm breitete sich aus von Äthiopien bis nach Britannien, über die ganze christliche Ökumene Die näheren Begleitumstände dieser zweiten Rückkehr sind bei Athanasios selbst einzusehen, Opera, Band 1, p. 769, 822 und 843; Sokrates 2,18; Sozomenos 3,19; Theodoretos 2,11f; Philostorgios 3,12. . DIE RACHE DES CONSTANTIUS A.D. 351 Aber ein Untertan, welcher seinen Herrscher zur Heuchelei genötigt hat, kann von ihm keine aufrichtige und dauerhafte Vergebung erwarten; und das tragische Schicksal des Constans nahm Athanasius schon bald seinen einflussreichen und hochherzigen Beschützer. Der Bürgerkrieg zwischen dem Mörder des Constans und seinem einzigen überlebenden Bruder, der das Imperium über drei Jahre in Atem hielt, sicherte der katholischen Kirche vorübergehend Ruhe; und die feindlichen Parteien strebten beide nach der Freundschaft eines Bischofs, welcher allein durch sein persönliches Ansehen die schwankende Beschlüsse einer wichtigen Provinz hätte beeinflussen können. So erteilte er den Gesandtschaften des Tyrannen Audienzen, mit denen heimlich korrespondiert zu haben er hernach beschuldigt wurde Athanasius verteidigt seine Unschuld durch beleidigtes Pathos, ernsthafte Versicherungen und plumpe Ausflüchte. Er gibt zu, dass in seinem Namen Briefe gefälscht worden seien, aber er verlangt, dass seine und des Tyrannen Sekretäre befragt werden sollten, ob jene Briefe von ersteren geschrieben und von letzteren erhalten worden seien. ; und der Kaiser Constantius versicherte zu wiederholten Malen seinem liebsten Vater, dem zutiefst verehrtem Athanasios, dass ungeachtet der bösartigen Gerüchte, die ihr gemeinsamer Feind streue, er von seinem dahingeschiedenen Bruder die Gesinnung genauso wie den Thron geerbt habe Athanasios, Opera Band 1, p. 825-844. . Herzenstakt und menschliches Rühren hätten nun den Primas von Ägypten bestimmen sollen, den unzeitgemäßen Tod des Constans zu beweinen und das Verbrechen des Magnentius zu verfluchen; aber sobald ihm klar wurde, dass die Furcht des Constantius vor Magnentius die einzige Gewähr für seine eigene Sicherheit waren, dürfte sich die Glut seiner Gebete um den Sieg der gerechten Sache einigermaßen abgekühlt haben. Das Verhängnis des Athanasios wurde nicht länger nur durch die Bösartigkeit von ein paar bigotten oder rachesüchtigen Bischöfen ausgebrütet, die die Macht eines einfältigen Monarchen missbrauchten. Der Herrscher selbst fasste den Entschluss, die erlittene private Kränkung zu rächen Athanasios, Opera Band 1, p. 861; Theodoretos 2,16. Der Kaiser erklärte, dass ihn mehr danach verlangte, Athanasios zu dämpfen als Magnetius oder Sylvanus zu vernichten. , was er sich bis dahin versagen musste; und den ersten Winter nach seinem Sieg, den er übrigens in Arles zubrachte, nutzte er gegen einen Feind, der ihm noch furchtbarer war als vordem der zermalmte Tyrann Galliens. DIE KONZILIEN ZU ARLES UND MAILAND A.D. 353 – 355 Wenn der Kaiser den Tod des bedeutendsten und vortrefflichsten Bürgers der Republik mutwillig beschlossen hätte, dann wäre dieser grausame Befehl ohne Zögern durch die Diener der Gewalt oder durch einen Justizmord erfüllt worden. Die Vorsicht, das Zögern und die Bedenken, mit der er vorging, den populären Bischof zu verurteilen und zu strafen, entdeckten der Welt, dass die Macht der Kirche in der römischen Regierung das Gefühl für Ordnung und Freiheit wieder belebt hatte. Das Urteil, welches in der Synode zu Tyrus ausgesprochen und von der großen Mehrheit der östlichen Bischöfe unterzeichnet wurde, ist niemals ausdrücklich widerrufen worden; und da Athanasius nun einmal seiner Bischofswürde entsetzt war durch seiner Brüder Befinden, durfte man alle nachfolgende Tätigkeit als illegal, ja sogar kriminell ansehen. Aber die Erinnerung an die feste und wirkungsstarke Unterstützung, die dem Primas Ägyptens infolge der Anhänglichkeit der westlichen Kirche zuteil geworden war, machte, dass Constantius die Exekution des Urteils so lange aussetzte, bis er der Zustimmung der lateinischen Bischöfe sicher war. Zwei Jahre wurden verwandt auf Verhandlungen mit der Kirche; und der bedeutende Fall, der sich zwischen dem Herrscher und einem seiner Untertanen abspielte, wurde mit allem Ernst zunächst auf der Synode von Arles und danach auf dem großen Konzil von Mailand debattiert Die Berichte der griechischen Autoren über den Verlauf des Mailänder Konzils sind derart unvollständig und widersprüchlich, dass wir froh sein müssen, als Ersatz einige Briefe des Eusebios zu besitzen, welche Baronius im Archiv der Kirche von Vercellae excerpert hat, und eine alte Lebensbeschreibung des Dionysios von Mailand, die Bollandus herausgegeben hat. Baronius, A.D. 355 und Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 1415. , zu welchem sich mehr als dreihundert Bischöfe eingefunden hatten. Ihre Redlichkeit wurde im Laufe der Zeit wankend gemacht durch die Beweisgründe der Arianer, die Ränke der Eunuchen und die drängenden Einflussnahmen eines Herrschers, welcher seinem Rachedurst nachkam auf Kosten seiner Würde und der seine Leidenschaften offenbarte, indem er die des Klerus beeinflusste. Bestechung, das zuverlässigste Anzeichen für konstitutionelle Freiheit, wurde mit gutem Erfolg geübt: Auszeichnungen, Geschenke und Steuerfreiheit wurden angeboten und als Preis für die Stimme eines Bischofs genommen Die Ehrungen, Geschenke, Festessen, die so viele Bischöfe verführt hatten, werden mit Empörung von denen erwähnt, welche ihrerseits zu treuherzig oder zu stolz waren, sie anzunehmen. »Wir kämpfen (sagt Hilarius von Poitiers) gegen Constantius den Antichristen; welcher sich den Bauch tätschelt, anstelle den Rücken zu geißeln. – qui non dorsa caedit, sed ventrem palpat. Hilarius contra Constantium c. 5, p. 1240. ; und die Verurteilung des Primas von Alexandria wurde geschickt präsentiert als das einzige Mittel, den Frieden und die Einheit der katholischen Kirche zu erneuern. Die Weggefährten des Athanasius wurden ihrem Anführer und ihrer Sache jedoch nicht untreu. Mit männlichem Mute, der sich infolge ihrer Gottesfurcht weniger gefährlich anließ, vertraten sie in öffentlicher Diskussion und in nichtöffentlichen Gesprächen mit dem Kaiser die ewigen Verpflichtungen für Religion und der Gerechtigkeit. Sie erklärten, dass weder die Hoffnung auf seine Gnadensonne noch die Furcht vor seinem Zorn sie bestimmen könnten, der Verurteilung eines abwesenden, eines unschuldigen, eines honorigen Bruders zuzustimmen Einiges von diesem Widerstand erwähnt auch Ammianus (15,7), derindessen von Kirchengeschichte nur sehr unklare undoberflächliche Kenntnise besaß: »Liberius ... perseveranter renitebatur, nec visum hominem, nec auditum damnare, nefas ultimum saepe exclamans; aperte scilicet recalcitrans Imperatoris arbitrio. Id enim ille Athanasio semper infestus,« etc. (Liberius weigerte sich indessen hartnäckig und rief mehrmals aus, einen Menschen zu verurteilen, den man vorher nicht angehört oder gesehen habe, sei allergrößtes Unrecht; dem Urteil des Kaiser widersetzte er sich damitganz offen, denn dieser war seit jeher dem Athanasios abgeneigt...) . Nicht ohne Grund wiesen sie darauf hin, dass die ungesetzlichen und veralteten Beschlüsse der Versammlung von Tyros schon längst stillschweigend beerdigt seien durch kaiserliche Erlasse, durch die ehrenhafte Wiedereinsetzung des Erzbischofs von Alexandria und durch das Schweigen oder den Widerruf namentlich seiner geräuschvollsten Gegner. Sie berichteten weiter, dass durch einstimmigen Beschluss der Bischöfe Ägyptens seine Unschuld festgestellt sei und ebenso durch überparteiliches Befinden der römischen Kirche auf den Synoden von Rom und Sardica Noch deutlicher durch die orthodoxe Partei auf der Versammlung von Sardica. Hätten die Bischöfe beider Fraktionen ordnungsgemäß abgestimmt, hätte man ein Verhältnis von 94 zu 76 erhalten. Herr Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 1147-58) ist zu Recht überrascht, dass eine so knappe Mehrheit so heftig gegen ihre Gegner sollte vorgegangen sein, deren Anführer sie sofort absetzten. . Auch beklagten sie das bittere Los des Athanasius, welcher sich neuerlich mit den bodenlosesten und verrücktesten Anklagen auseinander setzen musste, nachdem er so viel Jahre sich seines Amtes, seines Ansehens und des vordergründigen Vertrauens seines Kaisers erfreuen durfte. Ihre Argumentation war bestechend, ihr Auftritt achtbar: aber bei diesem langen und zähen Ringen, bei dem die Augen der Welt auf einen einzigen Bischof gerichtet waren, zeigte sich die geistlichen Seiten vorbereitet, die Wahrheit und Gerechtigkeit zu opfern im Interesse der Verteidigung – oder der Absetzung – des furchtlosen Helden des nikäischen Glaubensbekenntnisses. Die Arianer nannten es weiterhin klug, durch zweideutige Rede ihre eigentlichen Empfindungen und Entwürfe zu verhehlen: aber die orthodoxen Bischöfe, getragen von der Gunst des Volkes und den Beschlüssen eines allgemeinen Konzils, bestanden bei jeder Gelegenheit und ganz besonders zu Mailand darauf, dass ihre Gegner sich erst einmal selbst vom Verdacht der Häresie reinigen mögen, bevor sie sich erkühnten, die Aufführungen des großen Athanasios auch nur zu bekritteln Sulpicius Severus, Historia sacra 2,39. . VERURTEILUNG DES ATHANASIOS A.D. 355 Aber die Stimme der Vernunft (wenn denn die Vernunft auf Seiten des Athanasios war) wurde zum Schweigen gebracht durch das Lärmen einer händelsüchtigen oder käuflichen Mehrheit; und nicht eher ging die Versammlung zu Arles und Mailand auseinander, bevor nicht Alexandrias Erzbischof feierlich verurteilt und abgesetzt ward durch den Urteilsspruch der westlichen wie der östlichen Kirche. Die oppositionellen Bischöfe zwang man zur Unterschrift unter den Erlass; und man zwang sie auch, erneut religiöse Gemeinschaft mit den verrufenen Anführern der Gegenpartei aufzunehmen. Boten des Reiches überbrachten den abwesenden Bischöfen eine Zustimmungserklärung: und wer sich nun weigerte, seine private Meinung der öffentlichen und inspirierten Weisheit der Konzilien von Mailand und Arles zu unterwerfen, wurde unverzüglich durch den Kaiser in Bann getan, welcher schließlich nur die Beschlüsse der katholischen Kirche exekutierte. Unter den Prälaten, die die ehrbare Schar der Bekenner und Verbannten anführten, verdienen besonders hervorgehoben zu werden Liberius von Rom, Osius von Cordoba, Paulinus von Trier, Dionysius von Mailand, Eusebius von Vercellae und Hilarius von Poitiers. Die überragende Stellung des Liberius, der die alte Hauptstadt des Imperiums regierte, die persönlichen Verdienste und langen Erfahrungen des verehrungswürdigen Osius, der als Favorit des großen Constantin und Vater des nikäischen Glaubensbekenntnisses sich eines besonderen Ansehens erfreute: dies stellte die beiden Prälaten an die Spitze der römischen Kirche; und die Masse des Klerus würde ihrem Beispiel, sei es nun Unterwerfung oder Widerstand, zu folgen wissen. Aber die wiederholten Versuche des Kaisers, den Bischof von Rom und Cordoba zu kaufen oder einzuschüchtern, blieben lange Zeit erfolglos. Der Spanier zeigte sich bereit, unter Constantius zu leiden, wie er schon sechzig Jahre zuvor unter seinem Großvater Maximinianus gelitten hatte. Der Römer trat in Gegenwart des Kaisers für die Unschuld des Athanasios und seine eigene Freiheit ein. Als er nach Beroea in Thrakien verbannt wurde, schickte er eine große Summe Geldes zurück, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte, seine Reise bequemer zu gestalten; und zusätzlich stieß er den Hof zu Mailand vor den Kopf mit der höhnischen Bemerkung, dass der Kaiser und seine Eunuchen das Geld sicher dringender benötigten, um ihre Soldaten und ihre Bischöfe auszuzahlen Das Exil findet bei Ammianus (15,7) Erwähnung. Siehe Theodoretos 2,16; Athanasios, Opera, Band 1, p. 834-37; Hilarius, Fragmente 1. . Allmählich aber zermürbten die Widrigkeiten des Exils und der Gefangenschaft die Entschlossenheit des Liberius und Ossius. Der römische Pontifex erwirkte seine Rückkehr durch einige peinliche Zugeständnisse; und tätigte hinterher bittere Reue. Überredungsarbeit und Gewaltanwendung waren nötig, um dem altersschwachen Bischof von Cordoba seine widerwillige Unterschrift abzutrotzen; seine Kraft war gebrochen und seine Geistesstärke vermutlich unter der Last von beinahe einhundert Jahren geschwunden; und das dreiste Triumphgeheul der Arianer reizte einige Rechtgläubige auf, mit dem Charakter – oder besser: dem Andenken – eines unglücklichen alten Mannes übermenschlich streng abzurechnen, dessen früheren Jahren die Christenheit selbst so viel zu danken hatte Das Leben des Osius ist bei Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 524-562, dargestellt, wo er in den lebhaftetsten Ausdrücken den Bischof von Cordoba zunächst bewundert und anschließend herabsetzt. Noch in der Klage über ihren Fall kann man die Besonnenheit des Athanasius merklich von dem blinden und maßlosen Glaubenseifer des Hilarius unterscheiden. . BISCHÖFE DES WESTENS IN DIE WÜSTE GESCHICKT Die Ereignisse um Liberius und Ossius werfen ein noch helleres Licht auf die Standhaftigkeit jener Bischöfe, welche immer noch, in Treue und Glauben fest, der Sache des Athanasius und der wahren Religion anhingen. Die erfinderische Niedertracht ihrer Feinde hatte sie von den Segnungen des gegenseitigen Trostes und Rates abgeschnitten, hatte jene hohen Exilierten in abgelegene Provinzen verschlagen und mit berechneter Bosheit nach den unwirtlichsten Flecken des großen Imperiums ausgeschaut Die Bekenner des Westens wurden verbannt in die Wüste Arabiens, ins einsame Taurusgebirge, Phrygien, wo es am wildesten ist und die gottlosen Montanisten ihr Unwesen trieben \&c. Als es dem Häretiker Aëtius in Mopsuhestia in Kilikien zu wohl erging, ward sein Exilort auf Geheiß des Akakios nach Amblada verlegt, wo Wilde hausten und Krieg und Pestilenz wüteten. Philostorgos 5,2. . Doch schon bald erfuhren sie, dass die Wüsten von Lybien und die barbarischsten Striche von Kappadokien weniger ungastlich sind als der Aufenthalt in jenen Städten, in welchen sich ein arianischer Bischof ungeniert der Pflege seines theologischen Hasses widmen konnte Die grausame Behandlung und die unheimliche Hartnäckigkeit des Eusebios geht aus seinen eigenen Briefen hervor, die Baronius in den Annales ecclesiastici A.D. 356, Nr 92-102 veröffentlich hat. . Ihren Trost schöpften sie aus dem Bewusstsein ihrer Redlichkeit und Unabhängigkeit, aus dem Beifall, den Besuchen, den Briefen und den großherzigen Spenden ihrer Anhänger Caeterum exules satis constat, totius orbis studiis celebratos, pecuniasque eis in sumptum affatim congestas, legationibus quoque eos plebis catholicae ex omnibus fere provinciis frequentatos. (Darüberhinaus steht es hinlänglich fest, dass die Exilierten die Zuneigung des ganzen Erdkreises genossen haben, ausreichend Geld zum Verbrauch für sie gespendet wurde und Abgesandte des katholischen Volkes aus beinahe allen Provinzen sie besuchten.) Sulpicius Severus, Historia Sacra 2,39; Athanasios Opera, Band 1, p. 836, 840. und schließlich aus der Genugtuung, mit der sie die schon bald einsetzenden inneren Zerwürfnisse der Feinde des nikäischen Bekenntnisses beobachteten. So heikel und kapriziös war der Kaiser Constantius in Glaubensfragen und so leicht empörte er sich bei der geringsten Abweichung von dem, was er für den wahren christlichen Glauben hielt, dass er mit unterschiedlosem Wüten die verfolgte, welche die Wesensgleichheit verteidigten, die, welche sich zur ähnlichen Substanz bekannten und solche, die die Ähnlichkeit Gottes mit dem Sohn verneinten. Drei Bischöfe, abgetan und verbannt wegen dieser drei unvereinbaren Meinungen, mochten sich sogar an gleichem Ort im Exil wieder treffen; und entsprechend ihrer unterschiedlichen Veranlagung mochten sie den blinden Eifer ihres jeweiligen Gegenüber beklagen oder verhöhnen: ihre gegenwärtige üble Lage konnte niemals das Entgelt für künftiges Wohlergehen sein. ATHANASIOS' DRITTES EXIL A.D. 356 – ENTWEIHUNG DER STÄDTISCHEN KIRCHEN Absetzung und Verbannung der Bischöfe des Westens dienten wie viele andere vorbereitende Maßnahmen lediglich dem Ziel, Athanasius selbst zu vernichten Ausgedehntes Material zur Geschichte dieser dritten Verfolgung des Athanasios kann man in seinen eigenen Schriften finden. Siehe besonders seine äußerst geschickte Verteidigungsschrift an Constantius (Opera Band 1, p. 673), seine erste Apologie wegen seiner Flucht (p. 701), seinen ausufernden Brief an ie Eremiten (p. 808), und die urkundliche Protestation des Volkes von Alexandria gegen die von Syrianos verbrochenen Gewalttaten (p. 866). Sozomenes (4,9) hat in die Erzählung zwei oder drei erhellende und wesentliche Tatsachen eingefügt. . Sechsundzwanzig Monate lang arbeitete sich der kaiserliche Hof damit ab, heimlich und mit den schäbigsten Trickereien, ihn aus Alexandria zu entfernen und die finanzielle Unterstützung zu verkürzen, die ihm erst seine volkstümliche Freigebigkeit ermöglichte. Als dann aber der Primas von Ägypten, verlassen und von der westlichen Kirche in Bann getan, von allen fremdländischen Hilfsmitteln abgeschnitten war, schickte Constantius ihm zwei Abgesandte mit dem Auftrag, ihm sein Verbannungsurteil mündlich mitzuteilen und es unverzüglich zu exekutieren. Da nun seine ganze Partei die Rechtmäßigkeit dieses Urteilsspruches öffentlich bekannt hatte, können die einzigen Gründe, die Constantius von der Abfassung eines schriftlichen Urteils abgehalten haben, nur seinem Zweifel über den Ausgang der ganzen Affäre entsprungen sein; und zugleich einem Gespür für die Gefahr, der die zweitgrößte Stadt und die fruchtbarste Provinz des ganzen Reiches ausgesetzt wäre, wenn denn die Bevölkerung darauf beharren sollte, gegebenenfalles mit Waffengewalt die Unschuld ihres geistlichen Vaters zu verteidigen. Solche Übervorsicht gab nun dem Athanasius einen Scheingrund in die Hand, seinerseits mit allem Respekt die Echtheit eines Befehles anzuzweifeln, welchen er so gar nicht mit dem Gerechtigkeitssinn oder den früheren Verlautbarungen seines gütigen Herren in Einklang bringen konnte. Die zivilen Mächte Ägyptens sahen sich ihrerseits außerstande, den Primas zu überreden oder zu zwingen, sich seines Amtes zu begeben; und so wurden sie denn genötigt, mit den Volksvertretern Alexandrias ein Abkommen zu schließen, durch welches alle Maßnahmen und Feindseligkeiten solange ausgesetzt sein sollten, bis des Kaisers Wille unmissverständlich festgestellt sei. Durch diese scheinbare Mäßigung wurden die Katholiken auf trügerische und verhängnisvolle Weise in Sicherheit gewogen; denn in der Zwischenzeit näherten sich die Legionen von Oberägypten und Lybien, in Eilmärschen und durch geheime Order angewiesen, eine Hauptstadt zu belagern oder genauer: zu überrumpeln, die schon immer aufsässig gewesen war und nunmehr in religiösem Fanatismus loderte Athanasius hatte nach Antonius und einigen ausgewählten Mönchen geschickt. Sie stiegen von ihren Bergen hernieder, verkündeten Alexandrias Bewohnern die Heiligkeit des Athanasius und wurden vom Erzbischof in Ehren bis an die Stadttore geleitet. Athansios, Opera Band 2, p. 491f; siehe auch Rufinus 3,164 in den Vitae Patrum, p.524. . Die Lage Alexandrias zwischen dem Mittelmeer und dem Mäotischen See erleichterte den Truppen Anmarsch und Landung; welche denn auch mitten in die Stadt gebracht wurden, bevor irgendwelche wirkungsvollen Maßnahmen ergriffen werden konnten, die Stadttore zu schließen und die wichtigsten Verteidigungsstellungen zu beziehen. Dreiundzwanzig Tage nach Vertragsunterzeichnung begann zu mitternächtlicher Stunde Syrianus, der Statthalter Ägyptens, an der Spitze von fünftausend schwerbewaffneten Soldaten einen Überraschungsangriff auf die Kirche von St. Theonas, wo der Erzbischof mit Klerus und Volk seinen nächtlichen Gottesdienst abhielt. Die Pforten des heiligen Hauses barsten unter dem Ungestüm des Angriffs, welcher von allen schrecklichen Umständen des Tumultes und des Blutvergießens begleitet war; da aber am nächsten Morgen die Körper der Erschlagenen und die zerbrochenen Waffen sich als ein vollgültiger Beweis in den Händen der Katholiken befanden, da durfte man das Unternehmen des Syrianus als einen vollendeten Überfall und nicht so sehr als eigentliche Eroberung ansehen. Die übrigen Kirchen der Stadt wurden durch ähnliche Übergriffe entweiht; und mindestens vier Monate lang war Alexandria der Willkür einer entfesselten Soldateska ausgeliefert, die zusätzlich noch von den Geistlichen einer feindlichen Faktion aufgehetzt wurde. Viele Gläubige wurden ermordet; sie mögen den Namen Märtyrer verdienen, starben sie doch unschuldig und ungerächt; Bischöfe und Presbyter wurden mit grausamer Niedertracht misshandelt; heilige Jungfrauen nackt ausgezogen, gepeitscht und vergewaltigt; Häuser von wohlhabenden Bürgern geplündert; und unter der Maske von Glaubenseifer durften sich Lust, Habgier und private Rachegelüste straflos, ja sogar unter Beifall austoben. Die Heiden Alexandrias, die immer noch eine zahlenstarke und missvergnügte Gruppe bildeten, ließen sich leicht überreden, einen Bischof die Gefolgschaft aufzukündigen, den sie fürchteten und achteten. Hoffnung auf besondere Vergünstigungen und Angst vor der allgemeinen Strafe nach den Unruhen brachten sie dazu, dem designierten Nachfolger des Athanasius, dem berühmten Gregor von Kappadokien, ihre Unterstützung zu versprechen. Nachdem der Usurpator durch eine arianische Synode die Weihe empfangen hatte, wurde er auf dem bischöflichen Stuhl platziert unter dem bewaffneten Schutz des Sebastian, der eigens aus diesem bedeutenden Anlass zum comes von Ägypten ernannt worden war. Im Umgang mit der Macht missachtete Georg, wie schon bei ihrem Erwerb, jedes religiöse oder menschliche Recht; und in wenigstens neunzig Bischofsstädten Ägyptens wiederholten sich die gleichen Gewalt- und Unrechtszenen, wie sie vorher in der Hauptstadt zu sehen gewesen waren. Durch den Erfolg verwegen gemacht, traute sich Constantius, das Verhalten seiner Minister zu billigen. In einem öffentlichen Brief voller Leidenschaft gratulierte Constantius zu der Befreiung Alexandrias von einem Tyrannen des Volkes, welcher seine Anhänger durch die Zauberkraft seiner Beredsamkeit in die Irre geführt habe; ließ sich weitläufig über die Tugenden und die Frömmigkeit des hochverehrten Gregor aus, des gewählten Bischofs; und macht sich anheischig, als Patron und Wohltäter der Stadt selbst Alexandern noch in den Schatten zu stellen. Aber mit Ernst kündet er von seiner unerschütterten Entschlossenheit, mit Feuer und Schwert den sektiererischen Anhängern des verruchten Athanasius nachzustellen, welcher, vor der Gerechtigkeit fliehend, durch ebendieses Fliehen seine Schuld eingestanden und sich nunmehr einem schmachvollen Ende entzogen habe, das er vielfach verdient habe Athanasios, Opera 1, p. 694. Der Kaiser oder seine arianischen Sekretäre verraten durch diese Äußerungen des Hasses ihre Furcht und ihren Respekt vor Athanasios. . DER PRIMAS VON ÄGYPTEN IN SICHERHEIT Athanasios war in der Tat unmittelbarer Lebensgefahr entkommen; und so sollen denn die Abenteuer dieses außerordentlichen Mannes auch weiterhin unsere Aufmerksamkeit verdienen und fesseln. In jener unvergessenen Nacht, als die Truppen des Syrianus die Kirche des St. Theonas stürmten, saß er auf seinem Thron und erwartete mit gottergebener Würde sein Ende. Während der Gottesdienst von Wut- und Entsetzensschreien unterbrochen wurde, mahnte er die bebende Versammlung, gläubige Zuversicht zu bewahren und einen Psalm Davis zu singen, welcher den Triumph des Gottes Israel über den hochmütigen und gottlosen Pharao Ägyptens feierte. Schließen brachen die Türen auf; eine Wolke von Pfeilen ergoss sich über das Volk; die Soldaten stürmten mit gezücktem Schwert in das Heiligtum; und in dem furchtbaren Schimmern ihrer Waffen spiegelte sich die heilige Illumination, welche rings um den Altar aufgestellt war Diese winzigen Begleitumstände sind merkwürdig, da sie wörtlich übernommen sind aus dem Protestschreiben, welches drei Tage später von Alexandrias Katholiken öffentlich präsentiert wurde. Siehe Athanasios, Opera 1, p. 867. . Athanasios wies immer noch den fromme Eifer der Mönche und Presbyter zurück, welche dicht bei ihm standen; und weigerte sich mit hoher Gesinnung, seinen Bischofsstuhl zu verlassen, bis er nicht den letzten Gläubigen in Sicherheit entlassen habe. Die Dunkelheit der Nacht und der Aufruhr begünstigten die Flucht des Erzbischofs; und obwohl er von der aufgebrachten Menschenmasse beinahe zerquetscht wurde, obwohl er niedergerissen wurde und ohne Bewusstsein oder Bewegung liegen blieb, erlangte er schon bald seinen guten Mut wieder und überlistete die eifrige Suche der Soldaten, welchen ihre arianischen Anführer eingeschärft hatten, dass der Kopf des Athanasius dem Kaiser das liebste Geschenk sei. Von diesem Moment an war der Primas von Ägypten seinen Feinden aus den Augen entschwunden und blieb beinahe sechs Jahre in undurchdringlicher Verborgenheit Die Jansenisten haben oftmals Athanasius und Arnauld miteinander verglichen und sich ausführlich und mit Hingabe über Glauben und Glaubenseifer, Verdienst und Exil dieser berühmten Gelehrten ausgelassen. Der Abbé de la Bléterie hat diese verborgene Parallele sehr geschickt behandelt (Vie de la Jovien, Band 1, p. 130). . WIRD IN DER WÜSTE UMSORGT A.D. 356 – 362 Die Despotengewalt seines unversöhnlichen Feindes erstreckte sich über die ganze römische Welt; und der verbitterte Monarch schickte sich an, durch einen höchst dringlichen Brief an die christlichen Herrscher Äthiopiens Athanasius noch aus den entlegensten und verlassensten Schlupfwinkeln der Erde aufzuscheuchen. Statthalter, Präfekten, Militärtribunen, ganze Armeen wurden nacheinander einem Bischof und Flüchtling auf die Spur gesetzt. Die Wachsamkeit der militärischen und zivilen Einrichtungen wurde durch kaiserlichen Erlass geschärft; üppigste Belohnung winkte dem Manne, der Athanasius beizubringen vermöchte, lebend oder tot; und die schwersten Strafen drohten dem, der sich etwa unterfinge, den Staatsfeind zu schützen »Hinc iam toto orbe profugus [agitur] Athanasius, nec ullus ei tutus ad latendum supererat locus. Tribuni, Praefecti, Comites, exercitus quoque, ad pervestigandum eum moventur edictis Imperialibus; praemia delatoribus proponuntur, si quis eum vivum, si id minus, caput certe Athanasii detulisset.« Rufinus 1,18. . Aber in der Wüste Thebais lebte jetzt ein Volk von wilden und doch gehorsamen Fanatikern, welchen den Anordnungen ihres Abtes den Vorrang gaben vor dem Gefuchtel ihres Kaisers. Die zahlreichen Jünger des Antonius und Pachomius empfingen den flüchtigen Primas als ihren Vater, bewunderten die Geduld und die Demut, mit welcher er sich noch ihren strengsten Einrichtungen unterwarf und saugten jedes Wort auf, welches von seinen Lippen tropfte, war es doch der unverfälschte Ausfluss gottgeschenkter Weisheit; und sie hielten sich überzeugt, dass ihre Gebete, ihre Fasten und ihre Nachtwachen weniger verdienstlich seien als der Glaubenseifer, den sie lebten, und die Gefahren, die sie bestanden, wenn sie Wahrheit und Unschuld verteidigten Gregor von Nazianz Band1, Orationes 21, p. 384, 385. Siehe Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques. Band 7, p.176-410, und 820-880. . Die Klöster Ägyptens lagen einsam und verlassen, auf Bergeshöhen und auf Nilinseln; und das heilige Horn oder die Trompete von Tabenne gab das wohlbekannte Signal, welches einige tausend kräftige und entschlossene Mönche versammelte, die zum größten Teil Bauern in den umliegenden Ländereien gewesen waren. Wenn ihre verborgenen Schlupfwinkel von militärischer Macht heimgesucht wurden, gegen die Widerstand unmöglich war, dann streckten sie schweigend dem Henker den Nacken entgegen und bestätigten ihre nationale Eigenart, dass Foltern einem Ägypter niemals ein Geheimnis entreißen werde, welches preiszugeben er nicht gesonnen war »Et nulla tormentorum vis inveniri adhuc potuit, quae obdurato illius tractus latroni invito elicere potuit, ut nomen proprium dicat.« (Und keine noch so brutale Folter war bis dahin erfunden, welche dem verstocktesten Räuber jenes Landstriches gegen seinen Willen einen Namen abgepresst hätte.) Ammianus 22,16, und Valesius ad locum. . Der Erzbischof von Antiochia, für dessen Sicherheit sie ihr Leben mit Freuden in die Schale warfen, war verloren gegangen inmitten einer gleichförmigen und wohldisziplinierten Masse; und beim Nahen der Gefahr wurde er rasch fortgeschafft durch dienstfertige Hände, von einem Versteck in das nächste, bis er schließlich in der fürchterlichen Wüste anlangte, die das trübe und leichtgläubige Gemüt des Aberglaubens mit Dämonen und wilden Monstern bevölkert hat. Athanasius brachte sein Exil, welches erst mit dem Leben des Constantius zu Ende ging, überwiegend in der Gesellschaft von Mönchen zu, welche ihm anhänglich als Wache, Schreiber und Boten dienten; da es aber auch wichtig war, in engerer Beziehung zu der katholischen Sache zu stehen, konnte er nicht widerstehen, immer dann, wenn der Verfolgungseifer schläfrig wurde, die Wüste zu verlassen, sich in Alexandria einzuschleichen und sein Leben der Verschwiegenheit seiner Freunde und Anhänger anzuvertrauen. Seine verschiedenen Abenteuer würden wohl den Stoff für einen höchst unterhaltsamen Roman abgeben. Einst hielt er sich in einer trockenen Zisterne verborgen, die er kaum verlassen hatte, als er von einer Sklavin verraten wurde Rufinus 1,18; Sozomenos 4,10. Diese und die nachfolgende Episode kann unmöglich stattgefunden haben, wenn wir annehmen wollen, dass Athanasios stets nur das Asyl bewohnte, das er zufällig oder gelegentlich benutzt hatte. ; und einmal hielt er sich an einem noch ungewöhnlicheren Zufluchtsort verborgen, dem Haus einer Jungfrau, zwanzig Jahre alt und stadtbekannt für ihre ausgesuchte Schönheit. Zu mitternächtlicher Stunde, so erzählte sie viele Jahre später, wurde sie überrascht durch den Anblick des Erzbischofs in leichtem Nachtkleid, welcher hastig auf sie zu kam und sie anflehte, ihm den Schutz zu gewähren, den ihm eine himmlische Erscheinung unter ihrem gastlichen Dach zu suchen angeraten hatte. Die fromme Jungfrau nahm und bewahrte das heilige Unterpfand, das ihrer Klugheit und ihrem Mute anvertraut war. Ohne irgendjemandem etwas zu erzählen, führte sie Athanasios in ihre geheimste Kammer und wachte über seine Sicherheit, zärtlich wie eine Freundin und unverdrossen wie eine Sklavin. Solange noch Gefahr bestand, versorgte sie ihn regelmäßig mit Büchern und Nahrung, wusch seine Füße, erledigte seinen Briefwechsel und verbarg mit großem Geschick vor dem Auge des Misstrauens diese vertrauliche und heimliche Zweisamkeit eines Heiligen, zu dessen Charakter die makelloseste Keuschheit gehörte, mit einer Frau, deren Anmut die heikelsten Emotionen wachzurufen imstande war Palladius (Historia Lausiaca 136, in Vitae patrum, p.776), auf den diese Anekdote zurückgeht, hatte mit dem Fräulein ein Gespräch, in welchem sie sich noch im hohen Alter mit Vergnügen an diese gottgefällige und ehrbare Verbindung erinnerte. Ich kann unmöglich der Zimperlichkeit von Baronius, Valesius, Tillemont \&c beitreten, welche diese Geschichte am liebsten streichen würden, da sie nach ihrem Dafürhalten mit der Würde einer Kirchengeschichte unvereinbar ist. . Während der sechs Jahre der Verfolgung und des Exils wiederholte Athanasius seine Besuche bei seiner schönen und glaubensstarken Gefährtin; und die offizielle Erklärung, dass sie die Konzilien von Rimini und Seleucia sah Athanasios, Opera Band 1, p. 869. Ich stimme Tillemont zu (Mémoires Ecclésiastiques. Band 8, p.1197), dass diese Ausdrucksweise einen persönlichen, wenn wohl auch heimlichen Besuch der Synode verraten. , zwingt uns zu der Annahme, dass sie zur Zeit und am Ort der Versammlung heimlich zugegen war. Der Vorteil, sich mit seinen Freunden persönlich unterreden zu können und die Konflikte seiner Gegner zu beobachten und zu schüren, mag für einen kühnen Staatsmann Grund genug für ein so verwegenes und gefährliches Unterfangen sein; außerdem aber war Alexandria durch Handel und Verkehr mit den jedem Hafen des Mittelmeeres verbunden. Aus der Tiefe seiner unauffindbaren Verstecke führte der furchtlose Primas einen unablässigen Kleinkrieg gegen den Beschützer der Arianer; und seine zur rechten Zeit abgefassten Briefe, die heimlich herumgereicht und sorgsam studiert wurden, trugen dazu bei, die rechtgläubige Partei zusammenzuschmieden und zu stärken. In seinen offenen Verteidigungsbriefen, die er bisweilen an den Kaiser persönlich adressierte, war er um Mäßigung bemüht; während er zu gleicher Zeit in geheimen und heftigen Attacken den Kaiser als schwachen und verruchten Herrscher darstellte, den Mörder an seiner eigenen Familie, den Tyrannen der Republik und den Antichristen der Kirche. Auf der Höhe seiner Macht erhielt dieser siegreiche Monarch Schläge von unsichtbarer Hand, die er weder ausheilen lassen noch rächen konnte, er, der den Vorwitz des Gallus gezüchtigt, die Revolte des Sylvanus gedämpft, das Diadem vom Haupte des Vetranio entfernt und auf dem Schlachtfeld die Legionen des Magnentius besiegt hatte; und so war denn der Sohn des Constantin der erste christliche Herrscher, der am eigenen Leibe die Macht jener Prinzipien erfuhr, welche um der Religion willen noch den stärksten staatlichen Gewaltanwendungen die Stirn bieten konnten Der Brief des Athanasius an die Mönche ist voll mit Anschuldigungen, welche die die Öffentlichkeit für wahr halten musste; (Opera Band 1, p. 834 und 856) und als Artigkeit an die Adresse der Leser hatte er Vergleiche mit Pharao, Ahab, Belizar u.a. gezogen. Die Kühnheit des Hilarius war dagegen minder riskant, da er seine Invektiven in Gallien nach der Revolte des Iulian veröffentlichte; Lucifer jedoch schickte seine Schriften direkt an Constantius und wurde auf diese Weise fast zum Märtyrer. Siehe Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques. Band 7, p.905. . ARIANISCHE PARTEI DER ORTHODOXIE BLEIBT UNBESCHÄDIGT Die Verfolgung des Athanasius und so vieler honoriger Bischöfe, die für der Wahrheit ihrer Meinung oder doch wenigstens für die Unversehrtheit ihres Gewissens litten, verursachte zu Recht Empörung und Murren bei allen Christen, ausgenommen die, welche der arianischen Sache blind ergeben waren. Das Volk seufzte um ihren gläubigen Hirten, nach dessen Verbannung ein Fremdling Athanasius (Opera Band 1, p.811 )beklagt diese Praxis ganz allgemein und erläutert es später (p. 861) an dem Beispiel der angeblichen Wahl des Felix. Drei Eunuchen vertraten das Volk Roms, und drei Prälaten von Hofes Gnaden zogen die Funktion der Bischöfe der suburbicarischen Provinzen an sich. auf den Bischofsthron platziert wurde; und lauthals führte man Klage, dass nunmehr das Wahlrecht verletzt und man selbst verurteilt sei, einem gekauften Thronräuber zu gehorchen, der niemandem von Person bekannt sei und dessen Prinzipien man beargwöhnte. Die Katholiken konnten nun der Welt beweisen, dass sie mit der Schuld und Ketzerei ihres kirchlichen Gouverneurs nichts zu tun hatten, indem sie öffentlich ihren Dissens bekundeten oder indem sie jede Gemeinschaft mit ihm verweigerten. TRENNUNGEN Die erstgenannte Methode kam zunächst in Antiochia auf und wurde dort mit solchem Erfolg ausgeübt, dass sie sich schon bald über die christliche Welt verbreitete. Die Doxologie (oder der heilige Lobgesang), die den Ruhm der Trinität besingt, ist sehr feiner, aber entscheidender Modulationen fähig; und der Inhalt eines rechtgläubigen oder eben eines häretischen Glaubensbekenntnisses lässt sich ausdrücken allein durch eine disjunktive oder kopulative Partikel. Andere Responsorien und eine gleichmäßigere Psalmodie wurden von Flavianus und Diodorus in die Gottesdienste eingeführt; dies waren zwei ergebene und emsige Laien, welche dem nikäischen Bekenntnis nahestanden Thomassin (Discipline de l'église, Band 1, p. 966-84) hat viele interessante Einzelheiten zu Ursprung und Entwicklung des Kirchengesanges im Osten und Westen gesammelt. . Unter ihrer Leitung wurden aus Mönchen der umliegenden Wüsten Chöre von vorzüglichen Sängern gebildet, welche sich in der Kathedrale von Antiochia hören ließen, und das Lob des Vaters UND des Sohnes UND des Heiligen Geistes Philostorgos 3,12. Gothofredus hat dieses Vorkommnis mit einzigartiger Gründlichkeit untersucht. Es gab drei heterodoxe Varianten: »(Lob) dem Vater durch den Sohn und im Heiligen Geist«, »Dem Vater und dem Sohn im Heiligen Geist« und schließlich »Dem Vater im Sohn und dem Heiligen Geist.« wurde im Triumph von einem klanggewaltigen Chor gesungen; und so kränkten die Katholiken durch die Reine ihrer Doktrin ihren arianischen Prälaten, welche den Sitz des angesehenen Athanasios an sich gerissen hatte. Der gleiche Glaubenseifer, der ihren Gesang belebte, ließ die ängstlicheren Mitglieder der rechtgläubigen Partei eigene Versammlungen bilden, welche von den Presbytern geleitet wurden, bis schließlich der Tod ihres exilierten Bischofs den Weg für die Wahl und Weihe eines neuen Oberhirten frei machte Nach dem Exil des Eustathius unter der Regentschaft des Constantin trennte sich die strenge Fraktion der Orthodoxen ab, so dass es zu einem fast achtigjährigen Schisma kam. Siehe Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Band 7, p.35-54 und p.1197; Band 8, p. 573-632 und 1314-32. In vielen Kirchen sprachen Arianer und Homoousianer, die die Kommunion der anderen verweigerten, noch lange Zeit die gleichen Gebete. Philostorgios 3,14. . Durch die Wirren am Hofe vermehrte sich die Zahl der Anwärter; und unter Constantius' Herrschaft wurde ein und dieselbe Kirche von zwei, drei, ja sogar vier Bischöfe beansprucht, welche denn auch ihre Jurisdiktion über ihre jeweiligen Anhängerschaft ausübten und abwechselnd die vorübergehende Herrschaft über die Kirche verloren und anschließend wieder gewannen. Dieser Missbrauch des Christentums führte in der Regierung des römischen Reiches zu neuen Fällen von Tyrannei und Abfall; die Bande der bürgerlichen Gesellschaft zerrissen unter der Wut religiösen Parteienhaders; und dem unbekannten Bürgersmann, der Wahl und Untergang der verschiedenen Herrscher in aller Ruhe mit angesehen haben mochte, dämmerte es und wurde zur Erfahrung, dass sein eigenes Leben und Vermögen innig mit den Interessen eines volkstümlichen Klerikers verbunden waren. Die Beispiele der beiden Hauptstädte Rom und Konstantinopel mögen dazu dienen, den Zustand des Reiches und die Gesittung der Menschheit unter der Herrschaft der Söhne Constantins skizzieren. LIBERIUS – ZUSTÄNDE IN ROM I. Der römische Pontifex war, solange er denn seine Stellung ausfüllte und seine Grundsätze beobachtete, in der treuen Ergebenheit der Volksmehrheit geborgen; und mit Geringschätzung durfte er die Gebete, Flüche und Zudringlichkeiten eines häretischen Monarchen zurück weisen. Nachdem die Eunuchen heimlich die Verbannung des Liberius beschlossen hatten, veranlasste sie die wohlbegründete Sorge vor einem Volksaufstand, bei der Exekution dieses Urteils die äußersten Vorsichtsmaßnahmen zu beobachten. Die Hauptstadt wurde allenthalben besetzt, und der Präfekt erhielt Weisung, den Bischof zu verhaften, sei es mit List oder mit nackter Gewalt. Er gehorchte; und Liberius wurde um Mitternacht in Eile und unter den größten Schwierigkeiten aus dem Umkreis des römischen Volkes entfernt, bevor noch ihre Verblüffung in Wut umschlagen konnte. Sobald sie von seiner Verbannung nach Thrakien erfahren hatten, fand eine allgemeine Kirchenversammlung statt, und der Klerus Roms verpflichtete sich selbst durch einen öffentlichen, feierlichen Eid, niemals ihren Bischof zu verlassen und den Thronräuber anzuerkennen; welcher durch die Machenschaften der Eunuchen auf gesetzeswidrige Weise gewählt und in den Mauern eines weltlichen Palastes geweiht worden sei. Zwei Jahre lang blieb ihr frommer Trotz ungebrochen und unerschüttert; und als dann Constantius Rom besuchte, bestürmte ihn das Volk auf zudringliche Weise, hatten sie doch als eines der letzten Überbleibsel ihrer früheren Freiheit sich das Recht bewahrt, ihren Herrschern mit harmloser Ungebühr zuzusetzen. Die Ehefrauen der Senatoren und anderer städtischer Honoratioren, die ihren Männern angelegen hatten, sich für Liberius zu verwenden, erhielten den Rat, selbst einen Bittgang zu wagen, welches Unterfangen in ihren Händen weniger riskant und dafür umso erfolgreicher sein möchte. Der Herrscher empfing diese weiblichen Deputierten mit Artigkeit, zumal sich ihr Reichtum und ihr Stand in aufwändiger Kleidung und Schmuckwerk zu erkennen gab: er bewunderte ihre unbeugsame Entschlossenheit, ihrem geliebten Hirten noch in die entlegensten Ödeneien dieser Welt zu folgen, und erklärte sich einverstanden damit, dass die beiden Bischöfe Liberius und Felix ihren jeweiligen Glaubensgemeinschaften vorstehen dürften. Aber die Idee der Toleranz stand mit der Praxis und der allgemeinen Gemütslage jener Zeiten derart im Widerspruch, dass bei der öffentlichen Verlesung von Constantius' Antwort im Circus von Rom dieser verständige Schlichtungsvorschlag in Verachtung und Hohngelächter unterging. Die fieberhafte Erregung, die die Zuschauer sonst in den entscheidenden Momenten eines Pferderennens packte, hatte sich nun ein anderes Objekt ausgesucht; und der Circus erdröhnte unter dem Gebrüll von Tausenden, welche immer wieder skandierten. »Ein Gott, ein Christ, ein Bischof.« Der Zorn der Römer im Falle des Liberius beließ es nicht bei Worten; und die gefährlichen und blutigen Unruhen, welche kurz nach der Abreise des Constantius losbrachen, bestimmten diesen Herrscher, den exilierten Prälaten wieder in die ungeteilte Herrschaft über die Hauptstadt einzusetzen. Nach kurzem, ergebnislosem Widerstand wurde sein Rivale mit dem Einverständnis des Herrschers und infolge von Gewaltanwendung der gegnerischen Partei aus der Stadt vertrieben; die Anhänger des Felix wurden auf offener Straße gnadenlos ermordet, auf den Plätzen, in den Bädern und selbst in den Kirchen; und so erneuerten sich nach der Wiederkehr eines christlichen Bischofs in Rom erneut die hässlichen Schreckensbilder der Massaker eines Marius und der Proskriptionen eines Sulla Zu diesen kirchlichen Umwälzungen in Rom siehe: Ammianus, 15,7; Athanasios, Opera Band 1, p. 834, 861; Sozomenos 4,15; Theodoretos 2,17. Sulpicius Severus, Historia Sacra 2,39; Hieronymos, Chronicum Marcellini et Faustini Libellus adversus Damasum p. 3 und 4; sowie Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Band 6, p. 336. . BLUTVERGIESSEN IN KONSTANTINOPEL II. Ungeachtet der raschen Zunahme der Christen unter den Flaviern gab es in Rom, Alexandria und den anderen großen Städten des Reiches starke und einflussreiche Faktionen von Ungläubigen, welche der Kirche ihre Reichtümer neideten und sogar auf ihren Theateraufführungen deren theologische Dispute veralberten. Allein Constantinopel durfte sich rühmen, im Schoße des Glaubens geboren und erzogen worden zu sein. Die Hauptstadt des Ostens ist niemals durch Götzenanbetung besudelt worden; und die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit hatte die Meinungen, Tugenden und Leidenschaften tief verinnerlicht, welche die Christen jener Zeit vom Rest der Menschheit unterschieden. Nach dem Tode Alexanders beanspruchten Paulus und Macedonius den Bischofssitz; und wenn auch der moralische Charakter des Macedonius weniger anfechtbar war, so hatte sein Mitbewerber den Vorteil einer früheren Wahl und einer orthodoxeren Glaubensrichtung. Sein festes Eintreten für das nikäische Glaubensbekenntnis sicherte Paulus zwar einen Platz im Heiligen- und Märtyrerkalender, setzte ihn aber zugleich den Nachstellungen der Arianer aus. Im Verlauf von vierzehn Jahren wurde er fünfmal von seinem Throne herabgestoßen; den er weit öfter infolge von Gewaltanwendung des Volkes als auf besonderen Permiss seines Kaisers wieder erklomm; und nur wegen des Todes seines Rivalen konnte schließlich Macedonius seine Macht behaupten. Der unglückselige Paulus wurde in Ketten von den Sandwüsten Mesopotamiens zu den einsamsten Stellen des Taurusgebirges geschleppt Cucusus war die letzte Station seines Lebens und Leidens. Die genaue Lage dieser Ortschaft im Grenzgebiet von Kappadikien, Kilikien und Armenien hat einiges geographische Kopfzerbrechen verursacht; uns führt die Römerstraße von Caesarea nach Anazarbus zu dem richtigen Ort. Siehe Cellarius, Geographia, Band 2, p.213; Wesseling, Itineraria p. 179 und 703. , in einen engen und lichtlosen Kerker eingesperrt, sechs Tage ohne Essen gelassen und schließlich auf Befehl des Philippus erdrosselt, der einer der einflussreichsten Minister des Constantius war Athanasius (Opera Band 1, p. 703 und 813f) versichert mit aller Bestimmtheit, dass Paulus ermordet wurde; und beruft sich hierbei nicht nur auf die gängige Meinung, sondern auch auf das unverdächtige Zeugnis des Philagrius, eines seiner arianischen Feinde. Allerdings merkt er an, dass die Häretiker versuchten, den Tod des Bischofs von Konstantinopel zu verkleinern. Athanasius wird sklavisch von Sokrates (2,26) abgeschrieben; während Sozomenos, welcher freier mit seiner Vorlage verfährt, hier einen leisen Zweifel vorzieht. . Das erste Blut, welches die neue Hauptstadt befleckte, wurde in Folge einer kirchlichen Auseinandersetzung vergossen; und viele Menschen auf beiden Seiten wurden während der blindwütigen Straßenkämpfe erschlagen. Den Auftrag, das Verbannungsurteil gegen Paulus durchzusetzen, hatte man Hermogenes übertragen, welcher Oberbefehlshaber der Reiterei war; aber die Exekution des Urteils war auch für ihn verhängnisvoll. Die Katholiken erhoben sich, ihren Bischof zu verteidigen, Hermogenes' Palast ging in Flammen auf, der oberste Militär des Reiches wurde an den Fersen durch die Straßen von Konstantinopel gezerrt und sein Leichnam der Schändung durch die Mörder preisgegeben Ammianus 14,10 verweist auf seine eigene Darstellung dieses tragischen Vorganges, aber der betreffende Teil seiner Historie ist für uns verloren. . Das Schicksal des Hermogenes bestimmte den Prätorianerpräfekten Philipp, bei ähnlicher Gelegenheit vorsichtiger zu Werke zu gehen. In den höflichsten und ehrenhaftesten Wendungen ersuchte er um die Aufmerksamkeit des Paulus im Zeuxippusbad, welches eine geheime Verbindung mit dem Palast und dem Meer hatte. Auf einem Schiff, welches an den Stufen zum Garten bereit lag, wurden unverzüglich Segel gesetzt; und während das Volk noch völlig im Unklaren über das geplante Verbrechen war, befand sich ihr Bischof bereits auf der Fahrt nach Thessaloniki. Schon bald gewahrten sie mit Überraschung und Empörung, dass die Palasttore geöffnet standen und der Usurpator Macedonius an der Seite des Präfekten auf hohem Throne saß, welcher allerdings von Gardetruppen mit gezücktem Schwert umstellt war. Unter militärischem Schutze zog er zur Kathedrale; die Arianer und Katholiken eilten, den strategisch wichtigen Platz zu gewinnen; und in dem anschließenden Tumult verloren dreitausend-einhundertundfünfzig Menschen ihr Leben. Da Mecedonius von regulären Streitkräften unterstützt wurde, war sein Sieg vollständig; aber seine Amtszeit war ausgefüllt mit Krawall und Aufruhr; und die Anlässe, die noch am wenigsten mit den Streitgegenständen zu tun hatten, reichten hin, die Flamme des Bürgerkrieges zu entzünden und zu nähren. Da etwa die Kapelle, in welcher der große Constantin beigesetzt lag, in baufälligem Zustand war, überführten die Bischöfe die heiligen Reste in die Kirche des St. Acacius. Diese wohlbedachte und eigentlich sogar gottgefällige Maßnahme stellte sich allen Anhängern der Homousie als ruchloses Sakrileg dar. Die Parteien eilten zu den Waffen, der heilige Boden diente ihnen als Schlachtfeld; und ein Kirchenhistoriker hat uns als Tatsache und nicht etwa als rhetorischen Topos überliefert, dass der Brunnen vor der Kirche mit Strömen Blutes überlief, welche dann die Porticos und umliegenden Höfe überfluteten. Der Schriftsteller, welcher diese Metzeleien lediglich religiösen Ursachen zuschreiben würde, verriete eine höchst unvollständige Kenntnis der menschlichen Natur; doch muss man eingestehen, dass die Motive, die diesen Religionseifer auf Nebenwege führten und die Vorwände, die den Fanatismus beschönigten, keine Reue aufkeimen ließen, welche sich im christlichen Konstantinopel sonst im Anschluss an derlei Wüten einstellte Siehe Sokrates 2,6f, 12f, 15f, 26f und 38 sowie Sozomenos 3,3f, 7 und 9; 4,21. Die Acta des Heiligen Paul von Konstantinopel, von dem Photios ein Excert verfertigt hat (Myriobiblon, p. 1419-30), sind eine beliebige Abschrift dieser Autoren; aber ein moderner Grieche, der eine Heiligenbiographie ohne Wunder und Fabeln fertigbrächte, verdiente sich schon einige Empfehlung. . ARIANER TEILEN SAKRAMENTE AUS Die grausame und launische Veranlagung des Constantius, die keineswegs immer des Anstoßes durch ein Fremdvergehen oder eine Widersetzlichkeit bedurfte, wurde nicht ganz zu Unrecht durch die Zustände in seiner Stadt aufgereizt und durch das gesetzlose Treiben einer Faktion, welche dem Ansehen und der Religion ihres Herrschers abgünstig war. Die üblichen Maßnahmen wie Hinrichtung, Exil und Vermögenseinzug wurden mit aller Strenge durchgeführt; und noch heute ehren die Griechen das Andenken an zwei kirchliche Bedienstete, einen Vorleser und einen Subdiakon, welche des Mordes an Hermogenes angeklagt waren und nahe den Toren Konstantinopels enthauptet wurden. Infolge eines Erlasses des Constantius gegen die Katholiken (welcher noch nicht einmal für wert befunden wurde, im Codex Theodosianus einen Platz zu erhalten) gingen die, die zusammen mit arianischen Bischöfen und ganz besonders mit Macedonius das Abendmahl zu nehmen sich weigerten, ihrer kirchlichen Immunität und ihrer Rechte als Christen verlustig; sie wurden gezwungen, Kirchenbesitz abzutreten und man verbot ihnen strengstens, innerhalb der Stadt ihre Versammlungen einzuberufen. Mit der Durchführung dieses unbilligen Gesetzes in Thrakien und Kleinasien wurde der Glaubenseifer des Macedonius beauftragt; zivile und militärische Stellen wurden seiner Befehlsgewalt unterstellt; und die Grausamkeiten, die dieser Semi-Arianer zur Förderung der Homöusie veranstaltete, gingen denn auch weit über den Auftrag des Constantius hinaus und bilden einen Schandfleck seiner Regierung. Die Sakramente der Kirche wurden den Widerstrebenden aufgezwungen, welche die Berufung des Macedonius nicht anerkannten und sich vor seinen Glaubensprinzipien entsetzten. Die Frauen und Kinder erhielten eine Zwangstaufe, nachdem man sie zu diesem Zwecke ihren Freunden und Eltern aus den Armen gewunden hatte; den Teilnehmern des Abendmahls wurde durch ein hölzernes Gerät der Mund aufgesperrt, während ihnen das heilige Brot in die Kehle gestopft wurde; die Brüste zarter Jungfrauen wurden mit rotglühenden Eierschalen versengt oder auf unmenschliche Weise mit scharfkantigen und schweren Holzbrettern gequetscht Sokrates 2,27 und 38; Sozomenos 4,21. Die beiden wichtigsten Helfer des Macedonius bei seinem Verfolgungswerk waren die beiden Bischöfe von Nikomedia und Kyzikos, die wegen ihrer Tugenden und besonders für ihre Mildtätigkeit bekannt waren. Ich kann nicht umhin, den Leser daran zu erinnern, dass der Unterschied zwischen Homo-ousion und Homoi-ousion selbst dem schärfsten theologischen Auge so gut wie unsichtbar ist. . Die Novatianer von Konstantinopel und den umliegenden Ländereien verdienten es, wegen ihres Eintretens für die homousische Regel mit den Katholiken gleichgesetzt zu werden. Macedonius erfuhr davon, dass ein großer Bezirk in Paphalagonien Die genaue Lage von Mantinium ist uns unbekannt. Sokrates, Sozomenos und der Autor des hl. Paul benutzen, wenn sie von die ›vier Banden‹ von Legionären sprechen, die unbestimmten Ausdrücke ἀριϑμοί, φάλαγγες, τάγματα (Einheiten, Phalangen, Abteilungen), was Nikephoros sehr gekonnt mit ›Tausende‹ überträgt. Valesius zu Sokrates 2,38. fast vollständig von diesen Sektierern bewohnt sei. Er entschloss sich, sie zu vertilgen oder zu bekehren; und da er, zumindest bei dieser Gelegenheit, kein rechtes Zutrauen zu der Wirkmächtigkeit kirchlicher Mission besaß, ließ er ein Corps von viertausend Legionären gegen die Rebellen marschieren, um das Land von Mantinium unter seine geistliche Herrschaft zu zwingen. Die novatianischen Bauern stellten sich den Eindringlingen kühn entgegen, durch ihre verzweifelte Lage und ihren religiösen Fanatismus beseelt; und obgleich viele der ihren erschlagen wurden, wurden doch die römischen Legionen vernichtet von einem ungeübten Haufen, der nur mit Sensen und Äxten bewaffnet war; und mit Ausnahme einiger, die sich durch schnöde Flucht retten konnten, bleiben viertausend Soldaten tot auf dem Schlachtfeld. Der Nachfolger des Constantius hat knapp und bildhaft einige der theologischen Kriege beschrieben, welche das Reich und ganz besonders den Osten heimgesucht haben, als ein König herrschte, welcher der Sklave seiner und seiner Eunuchen Leidenschaften war. »Viele wurden eingekerkert, verfolgt und exiliert. Ganze Truppenkontingente von solchen, die man Ketzer nannte, wurden massakriert, besonders in Kyzikos und Samosata. In Paphlagonien, Bithynien, Galatien und vielen anderen Provinzen lagen Städte und Dörfer leer und zerstört Iulian, Epistulae 52. .« DIE DONATISTISCHEN CIRCUMCELLIONEN Während so die Flammen der arianischen Kontroverse das Reich verzehrten, setzten den Provinzen Afrikas ihre speziellen Feinde zu, wüste Fanatiker, welche unter dem Namen der Circumcellionen die Stärke und zugleich das Ärgernis der donatistischen Sekte waren Siehe Optatatus Milevitanus (zumal 3,4), daneben die Geschichte des Donatismus von Hern Dupinund die beigefügten Originalurkundn. Die zahlreichen Einzelheiten, die Augustinus von der Wut gegen die Circumcellionen gegen andere und gegen ihresgleichen erwähnt, hat Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Band 6, p. 147-165 mühsam genug zusammengetragen. Und oftmals und wohl ohne Absicht hat er die das Unrecht angeführt, wodurch diese Fanatiker aufgebracht wurden. . Die rücksichtslose Umsetzung der Gesetze des Constantin hatte Unzufriedenheit und Widerspruch ausgelöst; die rastlosen Bemühungen seines Sohnes Constans um die Wiedervereinigung der Kirche vertieften nur noch die gegenseitigen Hassgefühle, welche den ursprünglichen Anlass zur Spaltung gegeben hatten; und die von Paul und Macarius, den beiden kaiserlichen Kommissären, eingesetzten Mittel der Erpressung und Bestechung machten den Schismatikern aufs lebhafteste den Gegensatz anschaulich, der zwischen den Prinzipien der Apostel und dem Verhalten ihrer sogenannten Nachfolger bestand Es hat einen gewissen Unterhaltungswert, die Sprache gegnerischer Parteien anzuhören, wenn sie von identischen Menschen und Sachen reden. Der Bischof von Karthago, Gratus, beginnt die Anrufung einer Synode wie folgt: » Gratias Deo omnipotenti et Christo Jesu...qui imperavit religiosissimo Constanti Imperatori, ut votum gereret unitatis, et mitteret ministros sancti operis 'famulos Dei' Paulum et Macariurn.« (Dank sei dem allmächtigen Gotte und Jesus Christus, der dem allerfrömmsten Kaiser Constans aufgetragen hat, ein Einheitsgelübde abzulegen, und als Diener zu diesem Heiligen Werke die Gottesknechte Paulus und Macarius gesandt hat.) Monumenta Vetera ad Calcem Optati, p. 313. Dagegen heißt es bei dem Donatistischen Autoren der Passio Marculi: » Ecce subito, de Constantis regis tyrannica domo ... pollutum Macarianae persecutionis murmur increpuit, et 'duabus bestiis' ad Africam missis, eodem scilicet Macario et Paulo, execrandum prorsus ac dirum ecclesiae certamen indictum est; ut populus Christianus ad unionem cum traditoribus faciendam, nudatis militum gladiis et draconum praesentibus signis, et tubarum vocibus cogeretur.« (Und siehe da, plötzlich erhob sich aus den Tyrannenhaus des Constans ein abscheuliches Macarianisches Verfolgungsgerücht, und als die zwei Bestien nach Afrika geschickt waren, natürlich dieselben Macarius und Paulus, wurde der Kirche ein Kampf angesagt, grässlich und ganz und gar verabscheuungswürdig; so dass die Christenmenschen gezwungen waren, mit Verrätern die Einheit herzustellen, mit bloßen Schwertern der Krieger, mit drohenden Drachenzeichen und mit Trompetenlärm.) Monumenta vetera, p. 394. . Die Bauern aus den Dörfern Numidiens und Mauretaniens waren ein kriegerischer Menschenschlag, welcher Roms Gesetzen niemals vollständig unterworfen war; welcher nur oberflächlich zum Christentum bekehrt war; welcher sich aber zu blindwütiger Begeisterung für die Sache ihrer donatistischen Lehrer hinreißen ließ. Nur widerwillig erduldeten sie das Exil ihrer Bischöfe, die Verwüstung ihrer Kirchen und die gewaltsame Auflösung ihrer heimlichen Zusammenkünfte. Bisweilen war die Antwort auf die Gewalt von Justizbeamten, die stets mit militärischem Begleitschutz auftraten, Gegengewalt; und das Blut einiger populärer Kirchenmänner, das bei solchen Zusammenstößen vergossen wurde, war für deren kampfbegierige Anhänger Veranlassung, mit heißem Verlangen den Tod ihrer heiligen Märtyrer zu rächen. Manchmal provozierten die Büttel der Verfolgung durch ihre Brutalität und Übereilung ihr Schicksal; und die Verwicklung in einen zufälligen Zusammenstoß trieb die Schuldigen in Kriminalität und Aufstand. Da sie aus ihren Heimatdörfern vertrieben waren, sammelten sich die donatistischen Bauern in den Winkeln der gaetulischen Wüste zu furchterregenden Banden; und bereitwillig vertauschten sie die Mühen des Arbeitslebens mit einem müßigen und zugleich räuberischen Dasein, welches durch religiöse Zutat achtbar wurde und von den Lehrern ihrer Sekte nur matte Rügen empfing. Die Anführer dieser Circumcellionen erhielten den Titel »Häuptlinge der Heiligen«; sie waren zwar jeder mit Schwert und Speeren bewaffnet, ihre Hauptwaffe aber war eine riesige, gewichtige Keule, welche sie Israeliten nannten; und das wohlbekannte »Ehre dem Herren«, das sie als ihren Schlachtengesang benutzten, verbreitete in Afrikas unbewaffneten Provinzen viel Bestürzung. Zunächst benutzten sie für ihre Plünderungen noch die Ausflucht der wirtschaftlichen Not; bald aber gingen sie weit über das Maß des Notwendigen hinaus, lebten nur noch ihrer Raublust und Habgier, verbrannten die Dörfer, die sie vorher geplündert hatten und waren die Tyrannen des platten Landes. Landwirtschaft oder Rechtssprechung lagen danieder; und da sich die Circumcellionen den Anschein gaben, die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen wieder herzustellen, wurden sie auch zur Wahlheimat von entlaufenen Sklaven und Schuldnern, welche sich in Massen unter ihre heilige Standarte flüchteten. Wenn man ihnen keinen Widerstand leistete, begnügten sie sich mit Plünderungen, aber schon der geringste Widerstand reizte sie auf zu Feuer und Mord. Und einige katholische Priester, die sich gegen sie auszusprechen unklug genug gewesen waren, wurden von diesen Fanatikern mit ausgesuchter Grausamkeit gefoltert. Nicht immer jedoch wandten sich die Circumcellionen nur gegen ihre wehrlosen Feinde; sie griffen wohl auch die regulären Truppen der Provinz an und bleiben Sieger; und in der blutigen Schlacht von Bagai griffen sie auf offenem Feld tapfer, wenn auch erfolglos, die kaiserliche Kavallerie an. Die kriegsgefangenen Donatisten erhielten und verdienten sich wohl auch die gleiche Behandlung, die man sonst nur für die wilden Tiere der Wüste aufgespart hätte. Die Gefangenen starben ohne ein Wort der Klage durch das Schwert, die Axt oder das Feuer; und die Maßnahmen der Wiedervergeltung gingen dann über jedes Maß hinaus, wodurch sich der allgemeine Kriegsschrecken noch steigerte und jede Hoffnung auf gegenseitiges Vergeben erstickt wurde. Zu beginn unseres Jahrhunderts lebte das Beispiel der Circumcellionen wieder auf in den Verfolgungen, der Kühnheit, den Verbrechen und dem Fanatismus der Kamisarden; und wenn die Glaubenskrieger von Languedoc die aus Numidien durch ihre militärische Tüchtigkeit auch übertrafen, so verteidigten die Afrikaner ihre Unabhängigkeit mit größerer Entschlossenheit und Hartnäckigkeit Die ›Histoire des Camisards‹ kann als ein zuverlässiges und unparteiisches Werk empfohlen werden. Man benötigt einigen Spürsinn, die Religion des Verfassers zu ermitteln. . SIE WÜNSCHEN SICH DEN MÄRTYRERTOD Solche Unruhen waren die naturgemäße Folge religiöser Tyrannei; aber die Wut der Donatisten hatte sich an einem Wahnsinn der besonderen Art entzündet; welcher, wenn er denn tatsächlich so bestimmend unter ihnen gewesen ist, seinesgleichen sucht in allen Ländern und allen Zeiten. Viele dieser Fanatiker waren nämlich des Lebens überdrüssig und suchten den Tod des Märtyrers; und es galt ihnen gleich, auf welche Weise oder von wessen Hand sie verdarben, wenn nur ihre Tat geheiligt war durch den Wunsch, sie dem Ruhm des wahren Glaubens und der Hoffnung auf ein ewiges Leben zu weihen Die Donatisten beziehen sich zur Rechtfertigung ihrer Suicide auf das Beispiel des Razias, welches im vierzehnten Buch Kapitel des zweiten Buches der Makkabäer erzählt wird. . Bisweilen störten sie auf rüpelhafte Weise die Feiern der Heiden und besudelten ihre Tempel in der Absicht, wenigstens die glaubensstärksten Götzenanbeter dazu aufzustacheln, ihre beleidigten Götter zu rächen. Bisweilen erzwangen sie sich den Einlass in die Justizgebäude und nötigten die verschüchterten Richter, sie unverzüglich verhaften zu lassen. Dann wieder hielten sie Reisende auf öffentlichen Straßen an und bestimmten sie, ihnen das Martyrium zuteil werden zu lassen, versprachen ihnen sogar Belohnungen, wenn sie willfahren, und drohten mit ihrer sofortigen Tötung, wenn sie eine so einmalige Gefälligkeit verweigern sollten. Waren ihnen nun alle diese Möglichkeiten versperrt, dann kündigten sie den Tag an, an welchem sie sich in Gegenwart ihrer Freunde und Glaubensbrüder kopfüber von einem hohen Felsen herabstürzen wollten; und viele solcher Abgründe wurden gezeigt, die durch eine Vielzahl solcher religiöser Selbsttötungen Ruhm erlangt hatten. In den Handlungen dieser desperaten Enthusiasten, die die einen als Märtyrer Gottes und andere als Opfer Satans ansahen, wird ein neutral denkender Beobachter den Einfluss und den letzten Auswuchs jenes unbeugsamen Geistes erblicken, welcher sich ursprünglich aus dem Charakter und den Grundsätzen der jüdischen Nation herleitet. ALLGEMEINE CHARAKTERISIERUNG DER CHRISTLICHEN SEKTEN A.D. 312 – 361 A.D. Der schlichte Bericht dieser internen Auseinandersetzungen, welche den Frieden der Kirche störte und ihren Triumph verdunkelte, bekräftigt die Bemerkung eines heidnischen Schriftstellers und stimmt auch zu der Klage eines honorigen Bischofs. Seine persönliche Erfahrung überzeugte Ammianus davon, dass die Feindschaft der Christen untereinander schlimmer sei als die Mordlust wilder Raubtiere gegenüber den Menschen Nullas infestas hominibus bestias, ut sunt sibi ferales plerique Christianorum, expertus. – Ammianus 22,5. ; und Gregor von Nazianz beklagt in bewegter Rede, dass das Himmelskönigreich wegen der Zwietracht zum Abbild des Chaos, nächtlicher Unwetter, ja der Hölle selbst geworden sei Gregor von Nazianz, Orationes 1, p. 33. Siehe Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Band 6, p. 501 der Quartausgabe. . Die scharfzüngigen, aber parteiischen Autoren jener Zeit, die alle Tugenden dieser Welt sich selbst und alle Verbrechen ihren Gegner zuschreiben, haben diese Schlacht der Engel mit den Mächten der Finsternus ausgemalt. Unsere abgeklärte Vernunft glaubt an solche rein ausgeprägten Gestalten des Lasters oder der Heiligkeit nicht und wird den feindlichen Sekten einen gleich großen oder doch wenigstens kaum unterscheidbaren Anteil an Gutem und Bösem zumessen, auch wenn diese Sekten selbst die Bezeichnung der Rechtgläubigen oder Häretiker beanspruchten bzw. vergaben. Sie waren im Sinne derselben Religion und unter vergleichbaren gesellschaftlichen Bedingungen erzogen. Beide hatten sie ähnliche Hoffnungen und Ängste für die Gegenwart und für ihr künftiges Leben. Auf beiden Seiten mochte der Glaubensirrtum ohne Arg sein, der Glauben aufrichtig und die Lebensführung verdienstlich oder auch verderbt. Ihre Leidenschaften waren für ähnliche Gegenständen empfänglich; und abwechselnd mochten sie die Gunst des Hofs oder des Volkes missbrauchen. Die metaphysischen Höhenflüge der Anhänger des Athanasius bzw. des Arius hatten auf ihren moralischen Charakter keinerlei Einfluss; aber in gleicher Weise waren sie vom Geist der Intoleranz belebt, welchen man aus den reinen und schlichten Grundsätzen der Evangelien herausgelesen haben wollte. DULDUNG DES HEIDENTUMS DURCH CONSTANTIN Ein Autor unserer Tage, welcher mit gutem Mut seiner eigenen Darstellung die ehrbaren Epitheta »politisch« und »philosophisch« aufgeklebt hat Histoire politique et philosophique des établissements des Européens dans les deux Indes, Band 1, p.9. , ärgert sich an der furchtsamen Bedachtsamkeit eines Montesquieu, welcher unter die Gründe für den Untergang des römischen Reiches ein Gesetz des Constantin zu zählen unterlässt, durch welches den Heiden ihre Gottesdienste ohne Ausnahme verboten und so viele seiner Untertanen ohne Priester, Tempel und Staatsreligion belassen wurden. Der Eifer dieses Geschichtsphilosophen für die Menschenrechte hat ihn bestimmt, sich mit dem zweifelhaften Zeugnis jener Kirchenmänner zufrieden zu geben, welche ihrem Lieblingshelden unbekümmert das Verdienst einer allgemeinen Verfolgung zugeschrieben haben Eusebios zufolge (Vita Constantini 2,45) untersagte der Kaiser in Stadt und Land τὰ μυσαρά ... τῆς εἰδωλολατρείας, des Götzendienstes abscheuliche Praktiken. Sokrates (1,17) und Sozomenos (2,4f) haben über Constantins Verhalten unter geziemender Beachtung der Wahrheit und der Tatsachen berichtet, was Theodoretos (5,21) und Orosios (7,28) unterlassen haben. Tum deinde (so der Letztere) primus Constantinus 'iusto' ordine et 'pio' vicem vertit edicto; siquidem statuit citra ullam hominum caedem, paganorum templa claudi. (Damals hat Constantinus als erster in ›gerechter‹ und ›frommer‹ Oerdnung mittels eines Erlasses eine Wende herbeigeführt; er verfügte, ohne irgendeine Gewaltanwendung die Schließung heidnischer Tempel. . Anstelle nun dieses ominöse Gesetz zu zitieren, welches allen kaiserlichen Codices vorangeleuchtet haben würde, halten wir uns lieber an den Originalbrief, welchen Constantin an die Bekenner der alten Religion adressierte; zu einer Zeit übrigens, als er seine Konversion nicht länger verhehlte und von Thronrivalen auch nichts mehr zu fürchten hatte. Er bestürmt und nötigt die Untertanen des römischen Reiches in den dringlichsten Ausdrücken, ihrem Herren nachzueifern; dann aber erklärt er, dass alle diejenigen, die ihre Augen auch fernerhin vor dem himmlischen Lichte verschlossen halten wollten, sich unbehindert ihrer Tempel und ihrer albernen Götzen erfreuen möchten. Einem Gerücht, dass die heidnischen Zeremonien verboten seien, widerspricht der Kaiser ausdrücklich, und weise gibt er als Ursache für seine Mäßigung an, dass Gewohnheit, Vorurteil und Aberglauben unüberwindbare Mächte seien Siehe Eusebios, Vita Constantini 2,56 und 60. In seiner Predigt an die Versammlung der Heiligen, die der Herrscher hielt, da er an Jahren und Frömmigkeit herangereift war, verkündet er den Götzendienern (11), dass es ihnen gestattet sei, Opfer darzubringen sowie jede Form ihrer religiösen Rituale abzuhalten. . Ohne sein heiliges Versprechen zu verletzen, ohne die Besorgnisse der Heiden aufzurufen, fuhr der einsichtige Monarch mit berechneter Vorsicht und tastenden Schritten fort, das regellose und zerfallende Gefüge des Polytheismus endgültig zu zerstören. Die parteilich-strengen Maßnahmen, die er gelegentlich durchführen ließ, zierte selbst dann, wenn sie durch christlichen Eifer eingegeben waren, immer noch der Anschein von Recht und Staatswohl; und während Constantin mit Plänen schwanger ging, die Fundamente der alten Religion aufzulösen, erweckte er den Anschein, er stelle nur ihre Missbräuche ab. Nach dem Vorbild der weisesten seiner Vorgänger verbot er unter Androhung der härtesten Strafen die trübe und gottlose Kunst der Wahrsagung; welche doch nur bei denen, die mit ihrem gegenwärtigen Los unzufrieden waren, eitle Hoffnungen und bisweilen sogar kriminelle Energie erweckte. Schmachvolles Schweigegebot ward über die Orakel verhängt, welche man in aller Öffentlichkeit des Trugs und der Unwahrheit überführt hatte; die verzärtelte Priesterschaft vom Nil wurden aufgelöst; und Constantin übernahm die Pflichten eines römischen Zensors, indem er Befehl gab, die verschiedenen phönizischen Tempel zu zerstören, in welchen am hellen Tage zu Ehren der Venus die unterschiedlichsten Formen der Prostitution ausgeübt wurde Siehe Eusebios, Vita Constantini 3,54-58 und 4,23 und 25.Die hoheitlichen Verfügungen lassen sich vergleichen mit dem Verbot der Bacchanalen und der Zerstörung des Isis-tempels durch Roms heidnische Magistrate. . Das kaiserliche Konstantinopel war im gewissen Umfang auf Kosten und mit Beutestücken griechischer und asiatischer Tempel errichtet worden; der Tempelschatz wurde konfisziert; Götter- und Heroenstatuen wurde unter unwürdigen Bedingungen abtransportiert und dienten dem Volk als Objekt nicht der Verehrung, sondern des Gaffens: Gold und Silber wurden wieder in Umlauf gebracht; und auch die Magistrate, die Bischöfe und die Eunuchen ließen die günstige Gelegenheit nicht aus, um mit einem Schlage ihren Glaubenseifer, ihre Habgier und ihre Rachegelüste zu bedienen. Aber diese Plünderungen beschränkten sich auf einen kleinen Teil der römischen Welt; und die Provinzen waren schon seit Alters daran gewöhnt, dass Herrscher oder Prokonsuln diese Form des Tempelraubes übten, ohne dabei im Verdacht zu stehen, die etablierte Religion abschaffen zu wollen Eusebius,Vita Constantini 3,54 und Libanios, Oratio pro Templis p.9 ed. Gothofredus erwähnen beide des Constantin fromme Tempelschändung, wenn auch unter verschiedenem Blickwinkel. Letzterer erklärt ausdrücklich, dass »er dass heilige Geld verwendete, aber an der gesetzlichen Form des Dienstes nichts änderte; die Tempel wurden ausgeplündert, aber die heiligen Riten wurden dort dennoch durchgeführt.« Lardner, Jwish and heathen testimonies, Band 4, p.140. . TEMPEL DER HEIDEN RESPEKTIERT Die Söhne Constantins traten mit viel Eifer und wenig Klugheit in ihres Vaters Fußtapfen. Die Vorwände für Tempelraub und Unterdrückung nahmen unmerklich zu Ammianus (22,4) spricht von einigen Hof-Eunuchen, welche »spoliis templorum pasti« (Vom Tempelraub fett) waren. Libanius (Oratio pro Templis p.23) erzählt, wie der Kaiser oftmals einen Tempel verschenkte, so wie man einen Hund, ein Pferd, einen Sklaven oder einen Goldpokal verschenkt: aber der ernsthafte Philosoph verfehlt nicht darauf zu verweisen, dass dies den frevelhaften Günstlingen sehr selten zum Guten ausging. ; illegalen Handlungen der Christen wurde jede Nachsicht zuteil; alle Zweifelsfälle wurden zu Lasten des Heidentums ausgelegt; und die Zerstörung der Tempel wurden als die glücklichsten Momenta der Regierung des Constans und Constantius gefeiert Siehe Gothofredus zum Codex Theodosianus Band6 p. 262; Libanios, Oratio Parentalis, c.10, in Fabricius, Bibliotheca Graeca, Band 7, p. 235. . Der Name des Constantius steht vor einem knappgefassten Gesetz, welches alle künftigen Verbote hätte entbehrlich machen können. »Es ist unser Wille, dass an allen Orten und in allen Städten, die Tempel unverzüglich geschlossen sein sollen, und sorgsam darauf geachtet werde, dass niemand zuwider handeln könne. Es ist insgleichen unser Wille, dass alle unsere Untertanen vom Opfer abstehen. Sollte einer schuldig erfunden werden eines solchen Tuns, fühle er das Schwert der Strafe, und nach vollendeter Tötung soll all sein Besitz zu öffentlichem Gebrauch konfisziert werden. Dergleichen Strafen drohen wir allen unseren Provinzgouverneuren an, die etwa die Bestrafung solcher Verbrecher unterlassen »Placuit omnibus locis atque urbibus universis claudi protinus templa, et accessu vetitis omnibus licentiam delinquendi perditis abnegari. Volumus etiam cunctos a sacrificiis abstinere. Quod siquis aliquid forte hujusmodi perpetraverit, gladio [ultore] sternatur: facultitates etiam perempti fisco decernimus vindicari: et similiter adfligi rectores provinciarum si facinora vindicare neglexerint.« Codex Theodosianus 16, 10, 4. Die Chronologie hat einige Widersprüche im Datum dieses abwegigen Gesetzes ausgemacht, wohl des einzigen, in welchem die Nachlässigkeit der Obrigkeit mit dem Tode und der Gütereinziehung bestraft wird. M. de la Bastie (Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 15, p.98) vermutet mit einigem Grund, dass dieses lediglich der Entwurf und kurzgefasste Inhalt zu einem Gesetz war, welches in den Scriniis Memoriae (Urkundenschränke) unter den Papieren des Constantius gefunden und hernach als zukommendes Muster in den Codex Theodosianus eingerückt worden ist. .« Aber wir haben guten Grund zu der Annahme, dass dieser bedrohliche Erlass entweder abgefasst, aber nicht verkündet, oder verkündet, aber niemals exekutiert wurde. Die nachweisbaren Tatsachen, die erhaltenen Inschriften auf Stein und Erz beweisen, dass während der gesamten Herrschaft der Constantin-Söhne die heidnischen Götter öffentlich verehrt wurden. Im Osten und Westen, in den Städten genauso wie auf dem Lande wurde eine große Anzahl Tempel heilig gehalten oder zumindest verschont; und die Masse der Gläubigen erfreute sich der Opfer, Feiern und Prozessionen, die mit Genehmigung oder wenigstens mit dem stillschweigenden Einverständnis der Obrigkeit stattfanden. Etwa vier Jahre nach seinem Bluterlass besuchte Constantius die Tempel Roms; und sein angemessenes Betragen wird von einem heidnischen Redner als beispielgebend für die späteren Herrscher gerühmt: »Dieser Herrscher,« sagt Symmachus, »hielt es aus, dass die Vorrechte der Vestalischen Jungfrauen unangetastet blieben; er verlieh dem Adel Roms Priesterwürden, sicherte die gewohnte Bezahlung der öffentlich abgehaltenen Riten und Opfer zu: und obgleich er eine andere Religion angenommen hatte, versuchte er doch niemals, dem Imperium den geheiligten Kultus der Väter zu entwinden Symmachuos, Epistulae 10, 54. .« Der Senat gab weiterhin vor, durch feierliche Erlasse das göttliche Andenken an seine Herrscher zu heiligen; und Constantin selbst wurde nach seinem Tode unter genau die Götter gezählt, welche er zu Lebzeiten abgelehnt und geschmäht hatte. Der Titel, die Insignien und die Vorrechte eines KÖNIGSPRIESTERS, die Numa Pompilius eingeführt und Augustus wieder aufgenommen hatte, nahmen auch sieben christliche Herrscher ohne Zögern an; welche dann mit unbeschränkterer Macht über die Religion ausgestattet waren, die sie aufgegeben hatten, als über die, die sie nunmehr bekannten Die vierte Abhandlung von Herrn de la Bastie, ›Sur le Souverain Pontificat des Empereurs Romains‹ (in the Mémoires de l'Acadademie, Band 15, p. 75-144) ist eine sehr gelehrte und eerkenntnisreiche Studie in welcher die Lage des Heidentums unter den Constantin bis Gratian beschrieben und seine Duldung nachgewiesen wird. Zosimos' Behauptung (4,36), Gratian habe als erster das Gewand des Oberpriesters ausgeschlagen, hat Beweise für sich, an denen kein Zweifel erlaubt ist; und das bigotte Protest-Murren darüber ist nahezu verstummt . Die Spaltung des Christentums verzögerte den Untergang des Paganismus Da ich »paganus« (Heide) und »Paganismus« (Heidentum) recht unbedenklich benützt habe, will ich jetzt den verschiedenen Bedeutungen dieses berühmten Wortes nachspüren. 1. paga bedeutet im Dorischen Dialekt, der den Italikern so vertraut ist, Quelle; und ebenso erhielt die ländliche Umgebung dieser Quelle die gleiche Bezeichnung pagus und pagani . (Festus, unter diesem Begriff und Servius zu Vergil, Georgica 2,382). 2. Durch einfache Bedeutungserweiterung wurden pagan und ländlich nachgerade synonym (Plinius, Naturalis Historia 28,5); und das schlichte Landvolk übernahm diese Bezeichnung, die in einigen modernen europäischen Sprachen zu peasants (paysans) verderbt wurde. 3. Das unvorhergesehene Anwachsen des militärischen Standes machte es notwendig, einen entsprechenden Begriff einzuführen (Hume, Essays, Band 1, p.555); und so wurden alle, die nicht im Dienste der Herrscher eingetragen waren, mit dem verächtlichen Adjektiv pagani versehen (Tacitus, Historiae 3,24, 43 und 77; Iuvenal, DSatirae 16; Tertullian, de Pallio 4). 4 Die Christen waren die Soldaten Christi; ihre Gegner, die sein Sakrament oder den militärischen Eid – die Taufe – verweigerten, hatten sich so den metaphorischen Namen pagani verdient: und diese allgemeine Verachtung wurde unter der Herrschaft des Valentinian (A.D. 365) in die kaiserliche Gesetzgebung (Codex Theodosianus 16,2,18) und in das theologische Schrifttum eingeführt. 5. Allmählich drang das Christentum in die Städte des Imperiums vor; die alte Religion zog sich in der Zeit des Prudentius (Adversus Symmachum 1 ad finem) und Orosius (Historiae, Praefatio) in abgelegene Dörfer zurück; und so kehrte auch das Wort pagani mit seiner neuen Bedeutung in sein altes Herkunftsgebiet zurück. 6. Seit die Verehrung Jupiters und seines Geschlechtes erloschen war, wurde der vakante Titel pagani allmählich auf alle Götzendiener und Polytheisten der Alten und Neuen Welt ausgedehnt. 7.Die Christen des Westens verliehen diesen Namen ohne Bedenken auch ihren Todfeinden, den Mohammedanern; und die frömmsten Unitarier zieh man – zu Unrecht – der Idolatrie und des Paganismus. Siehe Gerard Vossius, Etymologicon linguae latinae, Works, Band 1, p.420, Gothofreds Kommentar zu Codex Theodosianus Band 6, p. 250 und du Cange, Glossarium ad scriptores mediae et infimae Latinitatis. ; und den heiligen Krieg gegen die Ungläubigen führten Bischöfe und Herrscher weniger heftig, als sie sich mehr durch die Gefahren einer Rebellion im Inneren aufschrecken ließen. Die Austilgung der Idolatrie In der reinen Sprache Ioniens und Attikas waren εἴδωλον und λατρεία alte und vertraute Wörter. Ersteres kennzeichnet eine Ähnlichkeit, eine Erscheinung (Homer, Odyssee 11,601heiligen ), eine Darstellung, ein Bild der Phantasie oder der Kunst. Letzteres meint jede Art von Dienst oder Sklaverei. Die Ägyptischen Juden, welche die hebräischen Schriften übersetzten, beschränkten den Gebrauch dieses Wortes auf die Anbetung eines Bildes. Das besondere Idiom der hellenistischen oder griechischen Juden wurde von den Kirchenschriftstellern übernommen; und die Ablehnung der Idolatrie (εἰδωλολατρεία) hat jene sichtbare Form des Aberglaubens gebrabdmarkt, welchen einige christliche Sekten dem griechisch-römischen Polytheismus nicht zu vorschnell zuschieben sollten. hätte Anlass für vergleichbare Akte von Intoleranz sein können: aber die feindlichen Sekten, welche nacheinander am Kaiserhof regierten, trugen Bedenken, sich den Gemütern einer mächtigen, wenn auch untergehenden Faktion zu entfremden oder gar gegen sich aufzubringen. Jetzt wappnete sich die christliche Seite mit allen Motiven wie Autorität und Gewohnheit, Staatsinteresse und Vernunft; und nur zwei oder drei Generationen vergingen, bis ihr Einfluss sich siegreich bemerkbar machte. Die Religion, welche unlängst eingeführt war im römischen Reiche, wurde von vielen Menschen bekannt, nicht so sehr jedoch aus spekulativen Gründen als aus alter Gewohnheit. Ehrenstellen erhielten die Untertanen des Constantin und Constantius ohne Ansehen der Religion; und in den Dienst am Polytheismus floss nach wie vor viel Wissen und Geld ein. Senator und Bauer, Dichter und Philosoph waren aus ganz unterschiedlichen Gründen abergläubisch, aber im Tempel ihrer Götter trafen sie sich mit gleicher Andacht. Ihr Eifer entflammte sich unmerklich infolge des empörenden Triumphes einer verbotenen Sekte; und ihre Hoffnungen belebten sich durch die wohlbegründete vertrauliche Mitteilung, dass der vorgesehene Erbe des Reiches, ein jugendkühner Held, der Gallien aus der Umklammerung der Barbaren befreit hatte, heimlich wieder zu der Religion seiner Väter zurückgefunden habe. XXII [Julianus Apostata] * Dmitri Mereschkowski und Felix Dahn schrieben Romane über das Leben des Julianus Apostata: Dmitri Mereschkowski, Julianus Apostata Felix Dahn, Julian der Abtrünnige * JULIAN WIRD VON GALLISCHEN TRUPPEN ZUM KAISER AUSGERUFEN · ER MARSCHIERT UND SIEGT · TOD DES CONSTANTIUS · JULIANS REGIERUNG · SEIN EDLER CHARAKTER   JULIAN Während die Römer unter der Willkürherrschaft von Eunuchen und Bischöfen dahinsiechten, wurde das Lob des Julian in allen Teilen des Imperiums gesungen, der Palast des Constantius ausgenommen. Die germanischen Barbaren hatten die Waffen des jugendlichen Caesar gespürt und fürchteten sie noch; seine Soldaten waren die Teilhaber seiner Erfolge; die dankbaren Provinzbewohner genossen die Segnungen seiner Siege; aber die Hofschranzen, die sich seiner Ernennung zum Caesar widersetzt hatten, ärgerten sich an seinem Emporkommen; und nicht ohne Grund sahen sie in dem Freund des Volkes einen Feind des Hofes. Solange der Ruhm Julians noch nicht gefestigt war, erprobten die offiziellen Possenreißer des Hofs, erfahren in der Sprache der Satire, die Wirksamkeit dieser Kunstform, wie sie es schon des öfteren mit Erfolg getan hatten. So fanden sie heraus, dass seine volkstümliche Schlichtheit nicht frei war von Verstellung: die höhnische Bezeichnung eines behaarten Wilden, eines Affen in Purpur wurden der Person und dem Äußeren dieses philosophierenden Kriegers angehängt; und noch seine bescheidensten Depeschen wurden verunglimpft als die eitlen und aufgeblasenen Erfindungen eines geschwätzigen Griechen, eines spintisierenden Soldaten, welcher die Kriegskunst im Hain der Akademie studiert hatte »Omnes qui plus poterant in palatio, adulandi professores jam docti, recte consulta, prospereque completa vertebant in deridiculum: talia sine modo strepentes insulse: »in odium venit cum victoriis suis; capella, non homo;« ut hirsutum Julianum carpentes, appellantesque »loquacem talpam« et »purpuratam simiam« et »litterionem Graecum,« et his congruentia plurima. Atque ut tintinabula principi resonantes, audire haec taliaque gestienti, virtutes eius obruere verbis impudentibus conabantur, ut segnem incessentes et timidum et umbratilem, gestaque secus verbis comptioribus exornantem.« (Jedermann von Einfluss im Palast, ausgewiesene Lehrmeister des Kriechens, wendeten durchdachte Entscheidungen und erfolgreiche Unternehmungen ins Lächerliche und summten endlose alberne Bemerkungen: ›Seine Siege ekeln uns; dieser Ziegenbock, aber kein Mensch.‹ –in Anspielung auf seinen struppigen Bart. Sie nannten ihn einen ›geschwätzigen Maulwurf‹ und ›Purpuraffen,‹ ein ›griechisches Schulmeisterlein‹ und anderes von der Art. Und durch diese Geklingel vor den Ohren des Herrschers Constantius, der dies und ähnliches nur zu gerne hörte, versuchten sie seine Verdienste mit unverschämten Redensarten zu verringern, indem sie ihn träge, ängstlich und unbeholfen nannten und einen, der seine Taten mit gefälligen Zierworten ausschmücke.) Ammianus, 17,11. . Erst seine Siege brachten diese Stimmen der neidvollen Bosheit zum Schweigen; der Sieger über die Franken und Alamannen war nicht länger ein Objekt der Verachtung; und der Monarch selbst war in schäbiger Weise darauf bedacht, seinem Feldherren die Früchte seines Sieges zu stehlen. In den lorbeergeschmückten Briefen, welche den Gepflogenheiten entsprechend an die Provinzstatthalter adressiert waren, wurde Julians Name unterschlagen. »Constantius hat seine Dispositionen persönlich getroffen; er hat in der ersten Schlachtreihe seine Kühnheit aufblitzen lassen; und ihm wurde noch auf dem Schlachtfeld der gefangene Barbarenkönig vorgeführt,« von welchem er etwa vierzig Tagesreisen entfernt war Ammianus 16,12. Der Redner Themistius (Orationes) glaubt unbesehen alles, was in den kaiserlichen Briefen an die Adresse des Senates von Konstantinopel enthalten war. Aurelius Victor, der im letzten Regierungsjahr des Constantius seine kurzgefasste Geschichte schrieb, schreibt die Siege über die Germanen der Weisheit und der Fortuna des Kaisers zu. Doch schon kurz danach war unser Historiker der Wertschätzung des Kaisers verpflichtet, der ihm eine Bronzestatue gewährte und das wichtige konsularische Amt in Pannonien und das Amt des Stadtpräfekten übertrug. Ammianus 21,10. . Mit derart abwegigen Märchen ließ sich indessen selbst die leichtgläubige Öffentlichkeit nicht täuschen, und auch den Kaiser machten sie nicht stolz. Insgeheim war er sich bewusst, dass der Beifall und die Dankbarkeit der Römer Julians aufsteigenden Stern begleiteten, und deshalb war er auch empfänglich für das schleichende Gift jener ränkefrohen Sykophanten, welche ihren heillosen Entwürfen allemal den lieblichsten Anschein von Lauterkeit und Rechtlichkeit zu geben verstehen Callido nocendi artificio, accusatoriam diritatem laudum titulis peragebant.... Hae voces fuerunt ad inflammanda odia probris omnibus potentiores. (Um die Verleumdung zu verstärken, griffen sie zu dem raffinierten Trick und verstärkten die Anklage durch scheinbares Lob; ...zum Schüren von Hass waren solche Worte besser als jede Beleidigung.) Siehe Mamertinus, Gratiarum Actio, Panegyrici, 11,4 und 5. . Anstelle also die Verdienste Julians zu verkleinern, anerkannte, ja übertrieben sie sogar seine Reputation, seine überlegene Begabung, seine wichtigen Erfolge. Aber schon bald, so ihre finsteren Einflüsterungen, könnten die Tugenden des Caesar ganz unvermittelt zu höchst gefährlichen Verbrechen werden, wenn nämlich die schwanke Volksmasse mehr ihren Neigungen als ihren Pflichten folgen wollte; oder wenn etwa der General einer siegreichen Armee durch die Hoffnung auf Rache und Unabhängigkeit seiner Treupflicht sich entfremde. Die persönlichen Ängste des Constantius wurden von seinen Ratgebern umgedeutet zu löblicher Sorge für das gemeine Wohl; während er tief im Herzen seinen Hass und seinen Neid verhehlte, den er für die Größe des Julian schon lange empfand und sie nur deshalb Sorge nannte, weil dies weniger anstößig war. GALLISCHE LEGIONEN NACH OSTEN ABBERUFEN Die offenkundige Ruhe in Gallien und die drohende Gefahr im Osten boten einen willkommenen Vorwand zu dem Plan, den die Minister des Kaisers mit schlauer Berechnung ersonnen hatten. Sie hatten beschlossen, den Caesar zu entwaffnen; die gehorsamen Truppen abzuberufen, welche seine Person und seine Stellung bewachten; und die kampferprobten Veteranen in einem weit abgelegenen Kriegsschauplatz gegen den persischen Monarchen einzusetzen, Truppen mithin, welche an den Ufern des Rheins die stärksten Stämme Germaniens gedämpft hatten. Während also Julian in den Winterquartieren zu Paris seine Regierungstätigkeit ausübte, was sich in seinen Händen sehr segensreich auswirkte, wurde er durch die eilige Ankunft eines Militärtribunen und eines Protokollführers überrascht, die ihm verbindliche Befehle des Kaisers überbrachten, die zu exekutieren sie Weisung hatten und denen zu widersprechen ihm untersagt war. Constantius hatte seinen Willen kundgetan, dass vier komplette Legionen, die keltische, die petulantische, die herulische und die batavische Julians Befehl sollten entzogen werden, unter dem sie Schlagkraft und Ruhm erworben hatten; dass ferner aus den übrigen Legionen jeweils dreihundert der kriegstüchtigsten Jünglinge sollten ausgewählt werden; und dass endlich dieses mächtige Detachement, der Kern der gallischen Armee, unverzüglich in Marsch gesetzt werden und sich unter allen Umständen noch vor der Eröffnung der Campagne an der Grenze zu Persien einfinden solle Die winzige Zeitspanne, die zwischen dem hyeme adultâ und primo vere (Spätwinter und zeitiges Frühjahr) des Ammianus (21,1 und 4) liegt - anstelle einen ausreichenden Zeitraum für einen Marsch von mehr als dreitausend Meilen anzusetzen,- würde den Befehl des Constantius unsinnig und ungerecht machen. Die gallische Armee hätte Syrien nicht vor Ende Herbst erreichen können. Entweder täuscht Ammianus sein Gedächtnis, oder er drückt sich ungenau aus. . Der Caesar überblickte sofort die Folgen dieser verhängnisvollen Anordnung und beklagte sie. Die meisten Auxiliartruppen, deren Dienst freiwillig war, hatten sich ausbedungen, niemals die Alpen überqueren zu müssen. Roms Glaubwürdigkeit und die persönliche Ehre Julians hafteten für die Einhaltung dieser Klausel. Ein solcher Akt von Verrat und Vertragsbruch hätte das Vertrauen der unabhängigen germanischen Krieger erschüttert und ihren Zorn aufgestachelt, zählten sie doch Wahrheitsliebe zu ihren vornehmsten Tugenden und Freiheit zu ihrem wertvollsten Besitz. Die Legionäre, die den Titel und die Vorrechte von Römern besaßen, wurden nun allerdings besoldet, das Reich insgesamt zu verteidigen; aber diese Miettruppen hörten auf solche antiquierten Worte wie Republik und Rom nur mit kaltem Gleichmut. Von Geburt an oder durch lange Gewöhnung waren sie mit dem Klima Galliens und seiner Lebensweise vertraut, und Julian liebten und bewunderten sie; den Kaiser verachteten sie; vermutlich hassten sie ihn sogar; auch fürchteten sie den mühseligen Marsch, die persischen Pfeile und Asiens glühenden Wüsten. Das Land, in welchem sie gedient hatten, sahen sie als ihr eigenes an; und sie entschuldigten ihren Mangel an Kampfesfreude mit der heiligen und näherliegenden Pflicht, ihre eigenen Familien und Freunde zu beschützen. Die Besorgnisse der Gallier entsprangen ihrer Kenntnis der bevorstehenden und unausweichlichen Gefahr. Denn sobald die Provinzen ihrer militärischen Stärke beraubt wären, würden die Germanen den Vertrag brechen, den sie gezwungenermaßen abgeschlossen hatten; und ungeachtet der Fähigkeiten und des Mutes von Julian: Der General einer regulären Armee, dem man die entstehenden Niederlagen ankreiden würde, müsste sich nach vergeblichem Widerstand entweder als Gefangener im Lager der Barbaren oder als Angeklagter im Palast des Constantius wieder finden. Hätte sich Julian also den ihm erteilten Befehlen gefügt, dann so hätte er sein eigenes Todesurteil unterschrieben und das aller anderen, die seine Zuneigung verdienten. Eine offene Befehlsverweigerung andererseits wäre ein Akt der Rebellion und eine Kriegserklärung gewesen. Die krankhafte Eifersucht des Kaisers, die bedingungslose und vermutlich sogar heimtückische Art seiner Befehle ließ keinen Raum für Ehrenerklärungen oder Auslegungen; und da der Caesar in einer weisungsgebundenen Stellung war, waren ihm Zögern oder Ausflüchte kaum möglich. Da Julian auf sich gestellt war, war seine Ratlosigkeit noch größer; denn er konnte nun nicht einmal auf die loyalen Ratschläge des Sallust zurückgreifen, den die berechnete Bosheit der Eunuchen von seinem Amt abberufen hatte: er konnte seinen Gegenvorstellungen noch nicht einmal durch eine Versammlung seiner Minister Nachdruck verleihen, die sicherlich gezögert oder sich geschämt hätten, in den Untergang Galliens einzuwilligen. Der Augenblick war gekommen, dass der Kavalleriegeneral Lupicinus Ammianus 20,1. Der Mut des Lupicinus und sein militärisches Können wird von diesem Historiker anerkannt, welcher in affektierten Sprache den General beschuldigt, die Hörner seines Stolzes zu erheben, in einem trüben Tone zu heulen und es offen zu lassen, ob seine Grausamkeit oder seine Habgier größer sei. Die Gefahr durch die Picten und Scoten war indessen so groß, dass Julian selbst darüber nachgedacht hatte, auf die Insel hinüber zu fahren. nach Britannien abmarschierte, die Invasion der Picten und Scoten zurück zu werfen; Florentinus war vor Wien mit der Steuerschätzung beschäftigt; dieser, ein umtriebiger und korrupter Politiker, war nicht geneigt, bei diesem riskanten Spiel eine verantwortliche Rolle zu spielen und wich den wiederholten und dringlichen Aufforderungen Julians aus, welcher ihm vorstellte, dass bei allen wichtigen Maßnahmen die Anwesenheit des praefectus im Rate des Prinzen unabdingbar sei. In der Zwischenzeit bedrängten die kaiserlichen Abgesandten den Julian auf rüpelhafte und zudringliche Weise, da sie sogar die Frechheit besaßen ihm vorzuschlagen, ihnen, wenn er denn weiterhin die Rückkehr seiner Ratgeber abwarte und sich so der vorsätzlichen Verzögerung schuldig mache, das Vorrecht seiner Hinrichtung zu gewähren. Zum Widerstand unfähig und zum Nachgeben nicht gewillt, äußerte Julian nachdrücklich seinen Wunsch, ja sogar seine Absicht, des Purpurs zu entsagen, den er in Ehren nicht tragen, aber ohne Gefahr nicht ablegen konnte. UNZUFRIEDENHEIT DER TRUPPEN WÄCHST Nach schmerzlichen inneren Kämpfen rang sich Julian zu der Einsicht durch, dass zu den Pflichten des vornehmsten Untertanen der Gehorsam gehöre und allein der Kaiser berechtigt sei, über die öffentliche Wohlfahrt zu entscheiden. So traf er denn die erforderlichen Maßnahmen, um die Befehle des Constantius umzusetzen; ein Teil der Truppen marschierte in Richtung Alpen; und die aus den einzelnen Garnisonen abgeteilten Soldaten gingen zu ihren jeweiligen Treffpunkten. Ihr Fortkommen wurde durch die verängstigten und bebenden Provinzbewohner erschwert, versuchten sie doch, durch gespenstisches Schweigen oder durch lautes Klagen ihr Mitleid zu erregen; während die Frauen der Soldaten, die Kinder auf dem Arm, mit einer Mischung aus Kummer, Zärtlichkeit und Zorn die Abreise ihrer Männer beklagten. Dieses allgemeine Kummer-Szenario ging auch dem Caesar zu Herzen; er bewilligte eine ausreichende Anzahl von Transportwagen Er bewilligte den cursus clavularis oder clabularis. Dieser Postwagen wird des Öfteren im Gesetzbuch erwähnt und soll angeblich fünfzehnhundert Pfund transportiert haben. Siehe Valesius zu Ammianus 20,4. für die Frauen und Familien der Soldaten, bemühte sich nach Kräften, die Härten, die er nun einmal zuzufügen gezwungen war, zu erleichtern und vermehrte durch diese löblichen Maßnahmen seine eigene Popularität und das Missvergnügen der aus dem Lande verbannten Truppen. Der Verdruss einer bewaffneten Masse schlägt rasch in offene Wut um; ihr verhaltenes Murren, die stündlich mit wachsender Kühnheit und vermehrter Wirkung von Zelt zu Zelt weitergegeben wurde, machte ihre Gemüter für die kühnste Form des Abfallens bereit; und mit dem stillen Einverständnis ihrer Tribunen wurde heimlich ein Flugblatt verteilt, welches in lebhaften Farben die fatale Situation ihres Caesar und der gallischen Armee darstellte, sowie die Erbärmlichkeit der Tyrannen im fernen Asien. Die Beauftragten des Constantius erstaunten und entsetzten sich darüber, wie sich der Geist der Unbotmäßigkeit so rasch ausbreiten konnte. So drängten sie den Caesar, den Abmarsch der Truppen beschleunigt zu veranlassen; aber unklug genug wiesen sie den ehrenhaften und wohlerwogenen Rat Julians zurück, welcher vorgeschlagen hatte, nicht durch Paris zu ziehen und ihnen auch die Risiken und die Versuchung einer letzten Zusammenkunft mit den Truppen dargestellt hatte. JULIAN ZUM KAISER AUSGERUFEN Sobald ihm der Anmarsch der Truppen gemeldet war, trat der Caesar heraus, ihnen zu begegnen, und bestieg die Rednertribüne, welche vor den Toren der Stadt aufgeschlagen stand. Er begrüßte zunächst persönlich die Offiziere und Soldaten, deren Rang und Verdienste besondere Aufmerksamkeit verdienten, und anschließend wandte sich Julian in einer vorbereiteten Rede an die umherstehende Menge: mit Dankbarkeit rühmte er ihre Heldentaten; ermutigte sie, bereitwillig die Ehre anzunehmen, unter den Augen eines mächtigen und freidenkenden Monarchen Dienst zu tun; und mahnend erinnerte er sie daran, dass die Befehle eines Augustus unverzüglichen und freudigen Gehorsam erwarteten. Die Soldaten, die ihren General durch ungehörigen Lärm zu kränken oder durch erheuchelten Beifall ihre wahren Gefühle zu verbergen denn doch Bedenken trugen, schwiegen verstockt und wurden nach kurzer Zeit in ihre Quartiere entlassen. Die Stabsoffiziere wurden von dem Caesar zu einer Zusammenkunft geladen, wo er in den wärmsten und freundschaftlichsten Worten sein Verlangen und zugleich die Unmöglichkeit bekannte, sie ihren Verdiensten entsprechend zu belohnen, sie, die wackeren Gefährten seiner Siege. Sie verließen das Fest, traurig und verwirrt; und beweinten ihr Schicksal, welches sie von ihrem geliebten Befehlshaber und aus ihrer Heimat fortreiße. Das einzig Angemessene, das ihren Fortgang noch aufhalten könne, wurde mit kühnem Mut beredet und gebilligt: aus allgemeiner Unzufriedenheit war nunmehr eine regelgerechte Verschwörung geworden. Ihre berechtigte Klage hatte durch Zorn an Schärfe gewonnen, ihr Zorn ward durch Wein zusätzlich erhitzt, denn am Vorabend ihrer Abreise gab man sich nach bewährtem Brauch üppigen Gelagen hin. Um Mitternacht eilten die Soldaten, Schwerter, Trinkschalen und Fackeln in den Händen, in die Vororte; umstellten den Palast Höchstwahrscheinlich das Gebäude des Bades ( Thermarum ), von dem sich in der Rue de la Harpe noch ansehnliche Reste befinden. Die Gebäude nahmen einen beträchtlichen Teil des Geländes der heutigen Universität ein; und die Gartenanlagen verbanden es in der Zeit der Merowingerkönige mit der Abtei St. Germain des Prez. Durch den Zahn der Zeit und die Normannen wurde der Palast im XII. Jhdt zu einer Ruinenlandschaft; und diese zum Schauplatz freier Liebe: Explicat aula sinus montemque amplectitur alis/Multiplici latebra scelerum tersura ruborem/ ...pereuntis saepe pudoris Celatura nefas, Venerisque accommoda 'furtis'. (Der Palast steht ausgebreitet und umfasst mit seinen Flügeln den ganzen Berg/vielfältige Verstecke verbergen schandbare Missetaten;/er versteckt die Merkmale der besiegten Keuschheit/ist geeignet für Liebesränke.) Diese Verse stammen aus dem ›Architrenius‹ 4,8, einer Dichtung des Mönches Johannes de Hauvilla von St. Albans um 1190. Siehe Warburton, History of the English Poetry, Band 1, Abhandlung 2. Indessen sind solcherlei ›Diebereien‹ für die Menschheit wohl weniger verhängnisvoll als das Theologengezanke an der Sorbonne, das seitdem auf gleichem Boden ausgefochten ward. Bonamy, Memoires de l'Academie, Band 15, p. 678-682. ; und riefen, unbekümmert um künftige Gefahren, die verhängnisvollen Worte: JULIAN AUGUSTUS! Der Prinz, aus seiner ängstlichen Spannung durch ihr regelloses Lärmen aufgestört, ließ die Türen gegen Eindringlinge absichern; und soweit es in seiner Macht stand, hielt er sich aus diesem nächtlichen Tumult heraus. In der Morgendämmerung drangen die Soldaten, die durch den Widerstand nur noch mehr aufgereizt waren, gewaltsam in den Palast, packten respektvoll-gewaltsam das Objekt ihrer Wahl, eskortierten Julian mit gezogenem Schwert durch die Straßen von Paris, stellten ihn auf die Tribüne und begrüßten ihn durch anhaltendes Rufen als ihren Kaiser. Besonnenheit und Loyalität ließen es dringend geboten erscheinen, ihren verräterischen Plänen zu widerstehen und Gewaltanwendung als Entschuldigung für seine gebrochene Treue bereit zu halten. Abwechselnd wandte er sich an Einzelne und an die Menge, appellierte zuweilen an ihre Gnade, ließ aber ebenso Zorn erkennen; beschwor sie, nicht den Ruhm ihrer unsterblichen Siege zu verdunkeln; und gab ihnen sogar noch das kühne Versprechen, dass er, wenn sie denn unverzüglich zu ihrer Pflicht zurück kehren würden, vom Kaiser nicht nur einen vollständigen Pardon erwirken wolle, sondern auch die Aufhebung des Befehles, welcher diesen Aufruhr erregt hatte. Die Soldaten indessen zogen es im Bewusstsein ihrer Schuld vor, auf die Dankbarkeit eines Julians und nicht auf die Gnade des Kaisers bauen zu müssen. Allmählich wurde aus ihrem Eifer Ungeduld und aus der Ungeduld Zorn. Unerschüttert widerstand Caesar bis in die dritte Stunde des Tages ihren Bitten, ihren Vorwürfen und ihrem Toben; er gab nicht einmal nach, als es hieß, wenn er leben wolle, müsse er regieren. Er wurde in Gegenwart und unter einhelligem Beifall der Truppen auf den Schild gehoben; eine prächtige Halsberge, die zufällig zur Hand war, musste für das fehlende Diadem aufkommen Selbst in dieser höchst prekären Situation achtete Julian auf die Gebote des Aberglaubens und weigerte sich, ein unglückbringendes Frauen- oder ein geschmücktes Pferdehalsband zu benutzen, welches ihm die ungeduldigen Soldaten anstelle des Diadems andienen wollten. ; den Abschluss der Zeremonie bildete das Versprechen eines maßvollen Donativs Gold und Silber zu gleichen Anteilen, fünf Stücke vom Erstgenannten, ein Pfund vom Letzteren; was etwa fünf Pfund und zehn Schilling in unserem Geld entspricht. ; und der neue Imperator zog sich in ehrlicher oder vielleicht auch nur gespielter Erschütterung in die innersten Gemächer seiner Unterkunft zurück Wir können für einen vollständigen Bericht dieser Empörung auf echte und ursprüngliche Quellen zurückgreifen; Julian selbst (Ad S.P.Q. Atheniensem, p. 282-284), Libanios (Oratio parentalis 44-48), Ammianus 20,4 und Zosimos (3,9) der sich unter Julians Regierung der höheren Autorität des Eunapios anschloss. Bei solcher Führung dürfen wir wohl die Epitomisten und Kirchenhistoriker beiseite lassen. . UNSCHULDIG AN DER VERSCHWÖRUNG Der Kummer des Julian rührte von seiner Unschuld her; aber seine Unschuld muss demjenigen äußerst zweifelhaft erscheinen, welcher den Motiven und Bekenntnissen von Herrschern zu misstrauen gelernt hat Der zuverlässige Eutropios verwendet einen zweideutigen Ausdruck, nämlich »consensu militum« (unter Zustimmung der Soldaten) 10,5. Gregor von Nazianz, dessen Unkenntnis seinen Fanatismus entschuldigen möge, beschuldigt den Apostaten geradezu der Vermessenheit, des Wahnsinns und der Gottlosigkeit an: αὐϑάδεια, ἀπόνοια, ἀσέβεια. Orationes 3. . Sein Gemüt war lebhaft und aktiv, und deshalb war es durchaus empfänglich für die unterschiedliche Wirkung von Hoffnung und Sorge, Dankbarkeit und Rache, Pflicht und Ehrgeiz, Liebe zum Ruhm und Angst vor Kritik. Indessen ist es uns nicht möglich, das jeweilige Ausmaß dieser Gemütsempfindungen zu bestimmen; oder die Prinzipien seines Handelns zu benennen, die sich nun einmal der Wahrnehmung entziehen, während sie die Schritte von Julian selbst leiteten oder sogar vorwärts trieben. Die Unzufriedenheit der Truppe wurde durch die boshafte List seiner Feinde provoziert; der Aufruhr war das Kind ihrer Interessen und Leidenschaften. Und falls Julian versucht hätte, dunkle Pläne bis zum Auftreten einer Gelegenheit verborgen zu halten, dann hätte er ohne Not und wohl auch ohne Erfolg die äußerste Geschicklichkeit bewähren müssen. Er selbst jedenfalls versicherte bei Jupiter, beim Sonnengott, bei Mars, Minerva und allen anderen Gottheiten, dass er bis zu dem Abend, der seiner Erhebung voranging, von den Plänen der Soldaten nicht die geringste Kenntnis besessen hatte Julian Ad S.P.Q. Atheniensem, p. 284. Der fromme Abbé de Bléterie (Vie de Julien, p.159) neigt dazu, die frommen Beteuerungen des Heiden zu glauben. ; und es scheint doch ein wenig schimpflich, von der Ehre eines Helden und der Wahrheitsliebe eines Philosophen derart klein zu denken. Allerdings könnte ihn die abergläubische Gewissheit, dass Constantius der eigentliche Feind und er selbst der Freund der Götter sei, dazu angestiftet haben, den glückverheißenden Beginn seiner Regierung herbei zu wünschen, ja herbei zu führen, welche bestimmt war, die alte Religion der Menschheit zu erneuern. Als Julian Nachricht von der Verschwörung erhielt, legte er sich zum Schlummer nieder; und anschließend berichtete er seinen Freunden, dass er den Genius des Reiches erblickt habe, welcher schon ungeduldig vor seiner Tür stand, Einlass begehrte und seinen Mangel an Feuer und Ehrgeiz rügte Ammianus 20,5 nebst Lindenbrogius' Anmerkung zum Reichs-Genius. Julian selbst erwähnt in einem vertraulichen Brief an seinen Freund und Arzt Obrosius (Epistulae 17, p. 384) einen anderen Traum, dem er vor Eintritt des Ereignisses Glauben schenkte: von einem stattlichen Baum der ungeworfen war und einem kleinen Baum, der eine Wurzel tief ins Erdreich senkte. Selbst im Schlaf müssen Hoffnungen und Sorgen über sein Schicksal den Caesar umgetrieben haben. Zosimos (3,9) erzählt noch einen späteren Traum. . Erstaunt, überrascht habe er seine Gebete an den großen Jupiter gerichtet; welcher ihm durch ein deutliches und handgreifliches Omen angezeigt habe, er solle sich dem Willen des Himmels und der Armee nicht weiterhin widersetzen. Diese Erzählung, welche den Grundregeln der Vernunft widerspricht, macht uns skeptisch und zugleich neugierig. Wenn sich der Geist des Fanatismus in ein edles Gemüt eingeschlichen hat, dann ruiniert er dort allgemach die lebendigen Prinzipien der Tugend und Wahrhaftigkeit. ER HÄLT DEN BÜRGERKRIEG IN GRENZEN Die ersten Tage der Regierung des neuen Kaisers waren damit angefüllt, den Ehrgeiz seiner eigenen Partei zu zügeln, Leib und Leben seiner Feinde zu schützen und die heimlichen Anschläge gegen ihn und sein Leben abzuwehren und nicht weiter zu beachten Die heikle Stellung eines Herrschers an der Spitze einer rebellischen Armee wird von Tacitus sehr gut beschrieben (Historien 1,80-85). Aber Otho hatte weit mehr Schuld und deutlich weniger Fähigkeiten als Julian. . Obgleich er fest entschlossen war, auf seinem Posten auszuharren, verlangte ihn trotzdem danach, seinem Land die Katastrophen eines Bürgerkrieges zu ersparen, eine Begegnung mit den überlegenen Streitkräften des Constantius zu vermeiden und sich selbst nicht dem Vorwurf der Treulosigkeit und der Undankbarkeit auszusetzen. Angetan mit den Abzeichen seiner militärischen und kaiserlichen Macht, zeigte sich Julian auf dem Marsfeld seinen Soldaten, welche mit heller Begeisterung die Sache ihres Pflegekindes, Anführers und Freundes verfolgten. Er rief ihnen noch einmal ihre Siege ins Gedächtnis, seufzte über ihre Entbehrungen, lobte ihre Entschlossenheit und suchte ihrem Ungestüm zu steuern. Er löste die Versammlung allerdings nicht auf, bevor er nicht von ihnen das feierliche Versprechen erhalten hatte, dass sie, wenn der Herrscher des Ostens einen gerechten Vertrag unterschreiben würde, von allen Eroberungsplänen abstehen und sich mit dem stillen Besitz von Gallien bescheiden würden. Mit dieser Versicherung schrieb er im eigenen und der Armee Namen einen sehr gemäßigten Brief Diesem für die Öffentlichkeit bestimmten Brief fügte er, wie Ammianus sagt, obiurgatorias et mordaces (vorwurfsvolle und bittere) Privatbriefe hinzu, welche aber der Historiker nicht selbst gesehen hatte und dann noch nicht einmal hätte publizieren wollen. Vielleicht gab es überhaupt keine. an Pentadius, seinen magister officium und seinen Kammerherrn Eutherius; diesen beiden Abgesandten trug er auf, die Antwort des Constantius abzuwarten und seine Verfügungen entgegen zu nehmen. Der Brief beginnt mit dem bescheidenen und angemessenen Titel Caesar; aber Julian beansprucht für sich in weitläufiger, wenngleich respektvoller Weise den Augustustitel. Er anerkennt die Ungesetzlichkeit seiner eigenen Erhebung, während er in gewissem Umfang den Ärger und die Gewalttätigkeiten der Truppen rechtfertigt, die ihm sein widerstrebendes Einverständnis abgetrotzt hätten. Er anerkennt den Supremat seines Bruders Constantius; er bietet ihm an, ihm ein jährliches Geschenk an spanischen Pferden zu überlassen und seine Armee mit ausgewählten Barbarenjünglingen zu bestücken und ferner noch einen Prätorianerpräfekten seiner Wahl zu akzeptieren. Für sich selbst beansprucht er die Ernennung der anderen zivilen und militärischen Amtsinhaber und die Truppen, die Steuern und die Oberherrschaft über die Provinzen jenseits der Alpen. Er appelliert an den Herrscher, die Gebote der Gerechtigkeit zu befragen; den Ränken jener umtriebigen Schranzen zu misstrauen, die nur lebten, wenn die Herrscher uneins seien; und die Gelegenheit zu einem ehrlichen und ehrenhaften Frieden zu ergreifen, der beiden Vorteil bringe, dem Reich und dem Hause Constantins. Julian beanspruchte also nur das, was er ohnedies schon besaß. Die geliehene Macht, die er seit langem über Gallien, Spanien und Britannien ausübte, wurde immer noch respektiert, wenn ihr Name auch souveräner und erhabener klang. Soldaten und Volk freuten sich über eine Revolution, in der noch kein Blut geflossen war, nicht einmal das der Schuldigen. Florentius war auf der Flucht, Lupicinus eingesperrt. Wer mit der neuen Regierung unzufrieden war, wurde entwaffnet und in Gewahrsam verbracht; und die vakanten Stellen wurden nach Verdienst verteilt von einem Prinzen, dem die Intrigen des Palastes und das Geschrei der Soldaten höchlich zuwider waren Siehe die ersten Regierungstätigkeiten bei Julian, Ad S.P.Q. Atheniensem, p. 285; Ammianus 20,5 und 8; Libanios, Oratio parentalis 49f. . ZÜGE NACH GERMANIEN Zeitgleich mit den Friedensbemühungen fanden fieberhafte Kriegsvorbereitungen statt. Die Armee, die Julian für sofortige Unternehmungen in Bereitschaft hielt, erhielt Zulauf aus den Wirren der Zeit. Die brutalen Verfolgungen des Magnentius hatten Gallien zahlreiche Gesetzlose und Räuberbanden beschert. Freudig stimmten sie in das Angebot einer allgemeinen Amnestie, ausgesprochen von einem Herrscher, dem sie trauen konnten, unterwarfen sich militärischer Disziplin und bewahrten sich nur ihren unauslöschlichen Hass gegen die Person und die Regierung des Constantius Libanios, Oratio parentalis 50f. Eine bemerkenswerte Unordnung, die sich da über sieben Jahre hinzog. In den griechischen Städtebünden betrug die Zahl der Exilierten 20.000; und Isokrates versichert Philipp, es sei leichter, eine Armee aus Vagabunden aufzustellen als aus Städtern. Siehe Hume, Essays, Band 1, p. 426. . Sobald die Jahreszeit es Julian erlaubte, den Feldzug zu beginnen, erschien er an der Spitze seiner Legionen; ließ in der Nähe von Cleve eine Brücke über den Rhein schlagen; und schickte sich an, die Treulosigkeit der Attuarier zu züchtigen, eines fränkischen Stammes, welche gemeint hatten, straflos an den Grenzen des gespaltenen Reiches plündern zu können. Die eigentlichen Schwierigkeiten und der ganze Ruhm des Unternehmens bestanden in einem Gewaltmarsch; sobald er in das Land eingedrungen war, hatte Julian es auch schon erobert, während frühere Herrscher es als unpassierbar angesehen hatten. Nachdem er hier den Frieden hergestellt hatte, inspizierte der Herrscher die Festungsanlagen entlang des Rheins von Cleve bis hinauf nach Basel; besichtigte mit besonderem Interesse die Gebiete, die er erst kürzlich den Alamannen entrissen hatte, fuhr durch Besançon Julian gibt uns eine kurze Beschreibung von Vesontio oder Besançon (Epistulae 38, p. 414); eine felsige Halbinsel, durch den Fluss Doubs fast vollständig umschlossen; einst eine mächtige, tempelreiche Stadt, jetzt nur noch eine Kleinstadt, die aber erneut aus ihren Ruinen emporwächst. , das unter ihnen besonders zu leiden gehabt hatte und schlug schließlich in Wien das Lager für den nächsten Winter auf. Der Übergang nach Gallien war mit zusätzlichen Befestigungsanlagen gesichert und verstärkt; und Julian hegte darüber hinaus die Hoffnung, dass die Germanen, die er so oft geschlagen hatte, schon vor dem Klang seines Namens zurückbeben würden. Vadomar Vadomar trat in römische Dienste und wurde von seinem Rang als Barbaren-König zum militärischen Rang eines dux von Phönizien befördert. Er hatte immer noch denselben verschlagenen Charakter (Ammianus 21,4): aber unter Valens ließ er doch im armenischen Krieg Talent erkennen. war der einzige Alamannenherrscher, den er respektierte oder sogar fürchtete; und während der arglistige Barbar vorgab, die Unversehrtheit der Verträge zu beobachten, bedrohte der Vormarsch seiner Truppen den Staat mit einem ungelegenen und gefährlichen Krieg. Die Politik Julians ging nun dahin, den Alamannenfürsten mit seinen eigenen Kunstgriffen zu überraschen; und Vadomar, der unter der Maske der Freundschaft eine Einladung der römischen Gouverneure anzunehmen unvorsichtig genug gewesen war, wurde während der Lustbarkeit festgesetzt und als Gefangener ins Herz von Spanien verbracht. Bevor sich die Barbaren von ihrer Überraschung erholt hatten, erschien der Herrscher am Rhein unter Waffen, überquerte ihn ein weiteres Mal und erneuerte den Eindruck von Schrecken und Respekt, den er schon bei früherer Gelegenheit erzeugt hatte Ammianus 20,10 und 21,3; Zosimos 3,10. . KRIEGSERKLÄRUNG · 361 A.D. Die Abgesandten Julians hatten Anweisung erhalten, ihre wichtige Mission mit der äußersten Delikatesse zu erfüllen. Aber schon bei ihrer Reise durch Italien und Illyrien wurden sie durch die schleppende Abfertigung der Provinzialgouverneure behindert; auf ihrem Weg von Konstantinopel nach Caesarea in Kappadokien kamen sie nur zögernd voran; und als sie endlich vor Constantius gelassen wurden, mussten sie feststellen, dass er sich aus den Depeschen seiner eigenen Offiziere bereits eine höchst ungünstige Meinung über Julian und die gallische Armee gebildet hatte. So hörte er denn den Brief in übler Laune an; die zitternden Boten wurden entlassen, ungnädig und mit Verachtung; und die Blicke, die Gesten und die zornige Sprache des Monarchen verrieten den Aufruhr seiner Seele. Die familiären Beziehungen, welche allenfalls den Bruder und den Gatten der Helena hätten versöhnen können, waren infolge des Todes jener Prinzessin zerstört, welche mehrfach Fehlgeburten gehabt hatte und schließlich an den Folgen gestorben war Ihre sterblichen Reste wurden nach Rom verbracht, und in der Nähe ihrer Schwester Constantia im Stadtteil Via Nomentanis beigesetzt (Ammianus 21,1). Libanios hat eine äußerst dürftige Verteidigungsschrift verfasst, die seinen Helden von einem völlig abwegigen Vorwurf freisprechen sollte, nämlich seine Frau vergiftet und ihren Arzt mit den Juwelen seiner Mutter belohnt zu haben. (Siehe die 7. von 17. neuen Reden, Venedig 1754, aus einer Handschrift der Bibliothek von St. Marcus, p. 117-127.). Elpidius, der Prätorianerpräfekt des Ostens, an den sich der Ankläger des Julian wendet, wird von Libanius als weibisch und undankbar hingestellt; allerdings wird die Frömmigkeit des Elpidius von Hieronymos (Opera, Band 1, p. 243) gerühmt, und seine Menschenfreundlichkeit von Ammianus (21,6). . Die Kaiserin Eusebia hatte bis an ihr Ende die innige, fast schon eifersüchtige Zuneigung zu Julian bewahrt, die sie für ihn von jeher empfand; ihr heilsamer Einfluss hätte möglicherweise auf die Gefühle des Herrschers moderierend einwirken können, welcher nach ihrem Tode sich nur noch seinen Leidenschaften und den Ränken der Eunuchen überließ. Dann aber bestimmte ihn eine ausländische Invasion, seine Privatfehde ruhen zu lassen; so brach er neuerlich an die persische Grenze auf und hielt es für hinreichend, vorher noch die Bedingungen zu unterzeichnen, deren Erfüllung Julian und seinem schuldigen Anhang einen Anspruch auf die Milde ihres gekränkten Herrschers hätten geben können. Er verlangte, dass der vermessene Caesar von dem Titel und Rang eines Augustus, den er von den Rebellen angenommen hatte, zurücktreten müsse; dass er zu seiner früheren Stellung als nachgeordneter, weisungsgebundener Minister zurückkehren solle; dass er die Befehlsgewalt in Staat und Armee in die Hand der Offiziere legen solle, die ihm der kaiserliche Hof benennen werde; und dass er seine Sicherheit der Gnadensonne des Epictetus anvertrauen möge, welcher Bischof in Gallien und ein arianischer Günstling des Constantius war. Mehrere Monate waren fruchtlos verstrichen, man hatte verhandelt über eine Entfernung von dreitausend Meilen zwischen Paris und Antiochia; und als Julian nun erkennen musste, dass sein maßvoller und respektvoller Brief lediglich dazu beigetragen hatte, den Hochmut seines unversöhnlichen Feindes weiter anzustacheln, entschloss er sich kühn, sein Leben und seine Zukunft vom Ausgang eines Bürgerkrieges abhängig zu machen. So erteilte er dem Quaestor Leonas öffentliche Audienz in Anwesenheit der Truppen: Der arrogante Brief des Constantius ward der gespannt lauschenden Menge vorgelesen; und Julian beteuerte mit submissestem Respekt, dass er seines Augustustitels zu entsagen bereit sei, wenn denn das Einverständnis derer einzuholen ihm gelänge, die er als die Urheber eben dieser Erhöhung anerkenne. Dieser kraftlose Vorschlag wurde mit Ungestüm zum Schweigen gebracht; und Zurufe wie »Julian Augustus, regiere weiter, sei der Herr der Armee, des Volkes, der Republik, die du errettet hast!« donnerten an allen Ecken des Platzes los und entsetzten Constantius' bleichen Abgesandten. Danach wurde der Teil des Briefes verlesen, in welchem der Kaiser über Julians Undankbarkeit Klage führte, dem er doch mit dem Purpur geehrt habe; den er mit soviel Sorgfalt und Zärtlichkeit auferzogen habe; den er in seiner Kindheit geschützt habe, als er allein gelassen war, eine hilflose Waise; »Eine Waise!« unterbrach da Julian, der seine Sache zu rechtfertigen trachtete, indem er seinen Zorn steigerte; »tadelt mich etwa der Mörder meiner Familie dafür, dass ich als Waise zurückblieb? Er drängt mich, das Unrecht zu rächen, das ich so lange zu vergessen versucht habe.« Die Versammlung ward entlassen; und Leonas, der nur mit einigen Schwierigkeiten vor dem allgemeinen Volkszorn geschützt werden konnte, wurde zu seinem Herrn zurückgeschickt mit einem Brief, in welchem Julian mit ausgesucht heftiger Beredsamkeit alle Gefühle der Verachtung, des Hasses und des Zornes zum Ausdruck brachte, welche durch die Heuchelei von zwanzig Jahren unterdrückt und verbittert worden waren. Nach dieser Botschaft, die man wohl als Signal für einen unvermeidlichen Krieg ansehen durfte, erklärte Julian öffentlich, nachdem er ein paar Wochen vorher das christliche Epiphaniasfest Feriarum die, quem celebrantes mense Januario, Christiani 'Epiphania' dictitant, progressus, in eorum ecclesiam, solemniter numine orato discessit. (An einem Feiertag im Janur, den die Christen ›Epiphanias‹ nennen, ging er in eine Kirche und verließ sie wieder nach ernstem Gebet.) Ammianus 21,2. Zonaras merkt an, dass dieses am Weihnachtstag stattfand, und diese Versicherung ist in sich stimmig: denn die Kirchen von Ägypten, Asien und vielleicht auch noch Gallien feiern am selben Tag (6. Januar) die Geburt und die Taufe ihres Erlösers. Die Römer, denen sein wahres Geburtsdatum ebenso unbekannt war wie ihren Glaubensbrüdern, verlegten das hohe Fest auf den 25. Dezember, die Brumalia oder Wintersonnenwende, an welcher die Heiden die jährliche Geburt der Sonne festlich begingen. Siehe Bingham, Christian Antiquities, Buch 20, c.4 und Beausobre, Histoire du Manichéisme, Band 2, p. 690-700. begangen hatte, dass er die Sorge um sein Überleben den UNSTERBLICHEN GÖTTERN in die Hand lege; und auf diese Weise öffentlich die Religion und die Freundschaft des Constantius zurückwies Die öffentlichen und geheimen Verhandlungen zwischen Constantius und Julian müssen mit der gebührenden Vorsicht entnommen werden bei: Julian (Oratio ad S.P.Q. Atheniensem, p. 286), Libanios (Oratio parentalis 51), Ammianus (20, 9), Zosimos (3,9) und sogar bei Zonaras (13, 10), der in diesem Fall einige wichtige Quellen besessen und ausgechöpft zu haben scheint. . ANGRIFFSVORBEREITUNGEN Die Lage Julians machte ein hartes und rasches Handeln erforderlich. Er hatte aus abgefangenen Briefen erfahren, dass sein Gegner seine persönlichen Interessen als Monarch über die Belange des Staates stellte und die Barbaren zum Einfall in die westlichen Provinzen ermuntert hatte. Die Lage zweier Vorratsmagazine, eines am Bodensee und das andere am Fuß der cottischen Alpen, ließen den Abmarsch von zwei Armeen erraten; und die Größe dieser Magazine Dreihundert Myriaden oder drei Millionen Medimni, ein den Athenern geläufiges Kornmaß, welches sechs römischen modii entsprach. Julian erklärt ganz wie ein Soldat und Staatsmann das Gefährliche seiner Situation und die Notwendigkeit und den Vorteil eines Angriffskrieges. Ad S.P.Q. Atheniensem, p.286f. , welche jeweils sechshunderttausend Quarter Weizen, oder vielmehr Mehl enthielten, waren ein deutlicher Hinweis auf die Stärke und Anzahl seiner Feinde, die offenbar planten, ihn von allen Seiten anzugreifen. Aber noch standen die kaiserlichen Truppen in ihren Quartieren im fernen Asien; die Donau war nur schwach geschützt; und konnte Julian durch einen überraschenden Einmarsch die wichtigen illyrischen Provinzen besetzen, dann durfte er auch erwarten, dass sich Soldaten in Mengen zu seinen Fahnen finden und die reichen Gold- und Silberminen zu den Kosten des Bürgerkrieges beisteuern würden. In einer Heeresversammlung trug er diesen kühnen Plan vor; gab seinen Soldaten das rechte Vertrauen in ihren General und in sich selbst; und forderte sie auf, ihrem Ruf treu zu bleiben und ihren Feinden fürchterlich, ihren Mitbürgern freundlich und ihren Vorgesetzten gehorsam zu sein. Seine begeisternde Rede wurde mit dröhnendem Beifall aufgenommen, und dieselben Truppen, die gegen Constantius noch die Waffen erhoben hatten, als er sie zum Verlassen Galliens genötigt hatte, erklärten jetzt mit Feuer, dass sie Julian bis in die entlegensten Landstriche Europas oder Asiens folgen wollten. Der Treueeid ward abgenommen; und die Soldaten rasselten mit ihren Schilden, hielten das gezückte Schwert an ihre Kehle, und weihten sich so, unter grässlichen Beschwörungsformeln, dem Dienst an einem Feldherren, der für sie der berühmte Befreier Galliens und der Bezwinger der Germanen war Zu seiner Rede und dem Verhalten der Truppe siehe Ammianus 21,5. . Dieser unbeirrbaren Kampfbereitschaft, die mehr von Zuneigung als von Pflichtgefühl geleitet schien, widersetzte sich allein Nebridius, der das Amt eines Prätorianerpräfekten versah. Dieser treue Diener stand inmitten einer bewaffneten und aufgeputschten Menge für die Rechte des Constantius ein und hätte ihrem Zorn beinahe ein ebenso ehrbares wie sinnlosen Opfer gebracht. Erst als er durch einen Schwerthieb eine Hand verloren hatte, umfasste er das Knie des Mannes, den er beleidigt hatte. Julian deckte den Praefekten mit seinem Purpurmantel, und gab ihm sicheres Geleit in sein eigenes Haus, möglicherweise mit weniger Respekt, als es ein tapferer Gegner verdient hätte So verweigerte er dem Bittflehenden die Hand und schickte ihn in die Toskana (Ammianus 21,5). Libanius beleidigt Nebridius mit heftigen Vorwürfen, lobt die Soldaten; und fast tadelt er die Menschlichkeit des Julian. Oratio parentalis 53. . Des Nebridius hohes Amt ging an Sallust über; und die gallischen Provinzen, nunmehr von einer drückenden Steuerlast befreit, blühten unter der milden und gerechten Verwaltung dieses Freundes von Julian, welcher nunmehr die Grundsätze bewähren durfte, die er einst dem Gemüt seines Schülers eingeprägt hatte Ammianus 21,8. Bei dieser Beförderung richtete Julian sich nach dem Gesetz, das er sich selbst öffentlich auferlegt hatte. »Neque civilis quisquam judex nec militaris [militiae] rector, alio quodam praeter merita suffragante, ad potiorem veniat gradum.« (Kein Zivilrichter und kein Militär soll zu höheren Diensträngen aufsteigen außer aufgrund seiner Verdienste.) (Ammianus 20,5.) Die Abwesenheit minderte seine Achtung vor Sallust durchaus nicht, mit dessen Namen er sogar ein Konsulat (A.D. 363) ehrte. . VORMARSCH NACH ILLYRICUM Julian knüpfte seine Hoffnungen nicht so sehr an die Anzahl seiner Soldaten als vielmehr an das Tempo seiner Truppenbewegungen. Bei der Durchführung eines verwegenen Unternehmens griff er zu allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, soweit Klugheit sie noch irgend billigen konnte; und wenn mit Klugheit nichts mehr zu bewirken war, vertraute er seine Sache seinem Mut und seinem Glück an. In der Nähe von Basel Ammianus (21,8) schreibt die gleiche Praxis und die gleichen Beweggründe Alexander d.Gr. und anderen wackeren Feldherren zu. sammelte er seine Armee und ließ sie dann getrennt marschieren. Ein Kontingent aus zehntausend Mann erhielt Order, unter Führung des Reitergenerals Nevitta durch Rhaetien und Noricum zu marschieren. Eine ähnliche Teilung der Truppen wurde vorgenommen, damit sie unter dem Kommando von Jovius und Jovinus dem serpentinenreichen Weg der Staatsstraßen durch die Alpen und das nördliche Italien folgten. Die Anweisungen an die Generäle waren klar und präzise: in Eile und geschlossenen Marschsäulen vorwärts zu rücken, welche sich den jeweiligen Gegebenheiten des Geländes entsprechend rasch in Schlachtordnung umstellen ließen; sich gegen die Fährnisse der Nacht durch starke Bewachung und zahlreiche Posten zu sichern; dem Widerstand durch ihre unerwartete Ankunft vorzubauen; Ausforschungen durch raschen Aufbruch zu erschweren; Gerüchte von ihrer Stärke zu streuen und seinen Namen fürchterlich zu machen; und sich mit ihrem Herrscher vor den Mauern Sirmiums zu vereinigen. Sich selbst hatte Julian eine schwierigere und wichtigere Rolle vorbehalten. Er suchte sich dreitausend tapfere Freiwillige, empfahl ihnen, so wie ihr Anführer zunächst alle Hoffnung auf gesunde Rückkehr fahren zu lassen: an der Spitze dieser ergebenen Mannschaft begab er sich furchtlos in die unwegsame Einsamkeit des Marcianischen Dieser Wald war Teil des riesigen hercyanischen Waldes, welcher sich zu Caesars Zeiten von Basel bis in die unendlichen Weiten des Nordens erstreckte. Siehe Cluver, Germania antiqua, Buch 3, c.47. oder Schwarzwaldes, in welchem die Donauquellen entspringen; und für mehrere Tage war Julian für die Welt verloren. Da sein Marsch geheim war, gut organisiert und energisch, überwand man jedes Hindernis; er erzwang sich seinen Weg über Berge und Sümpfe, ließ Brücken schlagen oder durch Flüsse schwimmen, nahm die kürzeste Strecke Siehe Libanios, Oratio parentalis 53, und daneben Gregor von Nazianz, Orationes 3.Selbst der Heilige bewundert das Tempo und die Geheimhaltung seines Marsches. Ein Himmlischer der Gegenwart könnte Julians raschem Vorankommen die folgenden Zeilen (Miltons) widmen, welche ursprünglich für einen anderen Apostaten geschrieben waren: So eagerly the fiend/ O'er bog, or steep, through strait, rough, dense, or rare/ With head, hands, wings, or feet, pursues his way/ And swims, or sinks, or wades, or creeps, or flies. (So hastig bahnt der Böse Feind sich seinen Weg über Moor, Hügel, raues Land, dichte oder dünne Luft, mit Kopf, Hand, Flügeln oder Fuß und schwimmt und sinkt und steigt und kriecht und fliegt.) , unbekümmert darum, ob es sich um römisches oder feindliches Gebiet handelte und kam schließlich zwischen Regensburg und Wien an die Stelle, an welcher er seine Truppen auf die Donau einschiffen wollte. Mit Hilfe einer wohldurchdachten Kriegslist bemächtigte er sich einer ganzen Flotte von leichten Schonern Die Notitia Sect 58. (Staatshandbücher für den Dienstgebrauch röm. Behörden, A.d.Ü.) lässt in diesen Zwischenraum zwei oder drei Flottillen verlegen, die Lauriacensis, (bei Lauriacum oder Lorch), die Arlapensis und die Maginensis; sie erwähnt ferner fünf Legionen, (oder Kohorten) der Liburnarii, welche eine Art Marine abgaben. , die dort vor Anker lagen, hielt ausreichenden Proviant von der einfachen Sorte für den nicht eben wählerischen, aber doch beträchtlichen Appetit seiner gallischen Armee bereit; und vertraute sich guten Mutes der Donau an. Die Anstrengungen seiner Marinesoldaten, die ihre Ruder mit viel Umsicht handhabten und ein beständiger Wind aus der richtigen Richtung brachten seine Flotte in elf Tagen siebenhundert Meilen vorwärts Einzig Zosimos (3,10) hat diesen bemerkenswerten Umstand berichtet. Mamertinus (Panegyrici 11,6-8), der Julian als eine Art ›Staatsschatzmeister‹ begleitete, schildert diese Reise blumenreich und farbenprächtig und bemüht sogar Triptolemos und die griechischen Argonauten. ; und bevor seine Gegner zuverlässige Kunde davon hatten, dass er die Rheingegend verlassen hatte, war er bereits mit seinen Truppen bei Bononia gelandet, nur neunzehn Meilen von Sirmium entfernt. Während seiner langen und raschen Flussfahrt hatte sich Julian auf das Objekt seines Unternehmens konzentriert; und wenn er auch die Deputationen einiger Städte empfing, welche sich eilten, das Verdienst einer früh- und rechtzeitigen Unterwerfung für sich zu reklamieren, so passierte er doch die feindlichen Lager, die am Flussufer aufgereiht standen, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, zur Unzeit und ohne Nutzen mit seinen Kräften zu prahlen. An beiden Donauufern drängten sich Zuschauer in Massen, welche den militärischen Aufwand bestaunten, wohl auch die Bedeutung der kommenden Ereignisse ahnten, und dann in den umliegenden Ländereien den Ruhm des jugendlichen Helden verbreiteten, welcher mit einer Geschwindigkeit, die sterbliches Maß überschreite, an der Spitze des westlichen Truppen vorwärts eile. Lucilian, der im Range eines Reitergenerales die illyrischen Truppen kommandierte, wurde durch die unglaublichen Nachrichten aufgeschreckt und verwirrt, die er weder abtun noch glauben konnte. Er hatte ein paar zögerliche und ohnmächtige Maßnahmen getroffen, um seine Truppen zusammen zu ziehen, als ihn auch schon Dagalaiphus überraschte, ein Frontoffizier, welchen ihm Julian nach seiner Landung in Bononia mit geringen Infanteriekräften entgegen geschickt hatte. Der General ward gefangen genommen, rasch auf ein Pferd gesetzt und Julian vorgeführt; dieser nun half ihm freundlich von Boden auf und zerstreute seine Ängste und seine Bestürzung, welche seine Geisteskräfte sichtlich lähmten. Aber kaum dass Lucilian sein Fassung wieder erlangt hatte, verriet er auch schon Mangel an Besonnenheit, indem er sich nicht entblödete, seinen Besieger zu tadeln, dass er sich mit vorschneller Kühnheit und nur einer Handvoll Leuten mitten unter seine Feinde gewagt habe. »Spare dir diese bänglichen Ermahnungen für deinen Meister Constantius auf,« erwiderte Julian mit dem Lächeln der Verachtung; »als ich dir meinen Purpur zum Kusse reichte, habe ich mit dir nicht den Ratgeber, sondern den Flehenden empfangen.« In dem Bewusstsein, dass nur Erfolg sein Unternehmen rechtfertigen könne und dass Erfolg ein Kind der Kühnheit sei, griff er unverzüglich an der Spitze von dreitausend Mann die stärkste und größte Stadt der illyrischen Provinzen an. Als er in den langgezogenen Vorort von Sirmium einmarschierte, wurde er durch den begeisterten Jubel der Armee und des Volkes begrüßt; welche mit Blumen bekränzt und mit kleinen Wachskerzen in den Händen ihren anerkannten Herrscher in seine kaiserliche Residenz begleiteten. Zwei Tage waren für öffentliche Lustbarkeiten und Zirkusspiele bestimmt; am Morgen des dritten Tages rückte Julian aus, um den engen Pass von Succi in Besitz zu nehmen, welcher ziemlich genau auf halbem Wege zwischen Sirmium und Konstantinopel die Provinzen von Thrakien und Dacien trennt, und zwar durch einen Steilhang in Richtung auf die erstgenannte und ein leichtes Gefälle auf Seiten der letztgenannten Die Beschreibung von Ammianus, die auch durch andere Befunde unterstützt werden kann, bestätigt die genaue Lage der Angustiae Succorum oder der Succi-Pässe . Herr d'Anville hat sie wegen der frappierenden Ähnlichkeit der Namen zwischen Sardica und Naissus verlegt. Nur zu meiner eigenen Rechtfertigung fühle ich mich zu der Mitteilung verpflichtet, dass dies der einzige Fehler ist, welchen ich in den Karten und Schriften dieses großen Geographen entdeckt habe. . Die anschließende Verteidigung dieser wichtigen Stellung wurde dem wackeren Nevitta anvertraut; welcher, wie alle Generäle der italischen Abteilung, den Marsch und die Vereinigung erfolgreich durchführten, nachdem ihr Gebieter sie so sorgfältig vorbereitet hatte Welche Nebenumstände wir auch von sonst woher entnehmen mögen, den eigentlichen Gang unserer Erzählung bestimmt Ammianus (21,8-10) . ER VERTEIDIGT SEINE SACHE Die Ehrungen, die Julian infolge der Angst oder der Zuneigung der Bürger zuteil wurden, galten keineswegs nur der unmittelbaren Wirkung seiner Waffen Ammianus,21.9f; Libanios, Oratio parentalis 54; Zosimos 3,10. . Die Präfekturen von Italien und Illyrien wurden von Taurus und Florentinus versehen, welche zusätzlich zu diesem wichtigen Amt noch die leere Würde des Konsulates bekleideten. Und als diese Magistrate sich überhastet an den Hof von Asien zurückgezogen hatten, brandmarkte Julian, der seinem impulsiven Temperament nicht beständig gebieten konnte, ihre Flucht, indem er in allen Jahrbüchern den Zusatz fugitivus hinter die Namen der beiden Konsuln setzen ließ. Die Provinzen, welche von ihren obersten Beamten im Stich gelassen waren, anerkannten nunmehr die Befehlsgewalt eines Kaisers, in dessen Inneren sich die Eigenschaften eines Soldaten mit denen eines Philosophen vertrugen und der in den Militärlagern an der Donau ebenso geachtet war wie in den Städten Griechenlands. Von seinem Palast, oder besser gesagt, von seinem Hauptquartier in Sirmium und Naissus aus schickte er an die wichtigsten Städte des Reiches eine wohldurchdachte Verteidigungsschrift für sein eigenes Verhalten; veröffentlichte die geheimen Sendschreiben des Constantius; und forderte die Menschheit auf, sich zwischen zwei Bewerbern zu entscheiden, von denen einer die Barbaren verjagt und der andere sie eingeladen habe Julian (Ad S.P.Q. Atheniensem p. 286) versichert mit Bestimmtheit, dass er die Briefe des Constantius an die Barbaren abgefangen habe; und Libanios versichert ebenso nachdrücklich, dass er sie auf seinen Fahrten zu den Truppen und den Städten gelesen habe. Ammianus indessen sagt kühl und zurückhaltend, »si famae solius admittenda est fides« (Solange man denn einem Gerücht allein Vertrauen schenken darf). Er zitiert jedoch auch noch einen abgefangenen Brief des Vadomar an Constantius, der auf einen innigen Austausch zwischen den beiden schließen lässt: »Caesar tuus disciplinam non habet.« (Dein Caesar hat's nicht so mit der Disziplin). . Julian, dessen Seele durch den Vorwurf der Undankbarkeit zutiefst verletzt war, war bemüht, durch Worte und Waffentaten seine bessere Sache darzulegen; und sich nicht nur in den Künsten des Krieges, sondern auch in denen der Schriftstellerei hervor zu tun. Sein Brief an Senat und Volk von Athen Zosimos erwähnt diese Briefe an die Athener, Korinher und Lakedämonier. Ihr Inhalt war vermutlich jedes Mal gleich, aber die Ansprache wurde geschickt variiert. Der Athenerbrief ist überliefert (p. 268 und 287) und hat viele wertvolle Informationen geliefert. Er verdient das Lob, das der Abt de la Bleterie im Vorwort zur Histoire de Jovien ausspricht (Band 1, p. 24 f.) und zählt überhaupt zu einem der besten Bulletins in irgendeiner Sprache. schien von der Freude an der Eleganz diktiert; so legte er denn seine Taten und deren Motive den heruntergekommenen Athenern seiner Zeit mit der gleichen bescheidenen Ehrerbietung zur Beurteilung vor, als hätte er in den Zeiten des Aristides vor dem Areopag seine Sache vertreten. Sein Ansuchen an den Senat von Rom, der ja immer noch die imperiale Würde zu vergeben befugt war, passte zu den Gebärden der untergehenden Republik. Der Stadtpräfekt Tertullus berief eine Versammlung ein; Julians Brief ward verlesen; und da er nun mal der Herr Italiens war, wurde sein Anspruch ohne Gegenstimme für gut geheißen. Seine versteckte Kritik an Constantins Neuerungen und seine heftigen Ausfälle gegen die Verbrechen des Constantius hörte man mit weniger Genugtuung; und unisono, als ob Julian in Person zugegen gewesen wäre, rief der Senat aus: »Ehre und achte doch, dringend beschwören wir dich, den Urheber deines eigenen Glückes! »Auctori tuo reverentiam rogamus«. Ammianus 21,10. Es bereitet schon einiges Vergnügen, die inneren Konflikte des Senats zwischen Schmeichelei und Angst zu beobachten. Siehe auch Tacitus, Historien 1,85. « Eine kunstreiche Formel, welche sich je nach Kriegsausgang verschiedentlich auslegen lässt; als beherzten Tadel für die Undankbarkeit des Thronräubers oder als schmeichelndes Eingeständnis, dass eine einzige derartige Handlung, die so segensreich für den Staat sei, Genugtuung sei für alle Missetaten des Constantius. CONSTANTIUS FEINDSELIG GEGEN JULIAN Die Nachricht vom Vormarsch und raschen Erfolg Julians wurde seinem Rivalen in Eile überbracht, dem Sapors Rücktritt zu einer Atempause im Perserkrieg verhalf. Durch vorgetäuschte Verachtung suchte Constantius die Furcht seiner Seele zu verhehlen und erbot sich, nach Europa zurückzukehren, die Jagd auf Julian zu eröffnen; denn er sprach über militärische Unternehmungen niemals anders als von Jagdausflügen »Tanquam venaticiam praedam caperet: hoc enim ad leniendum suorum metum subinde praedicabat.« (Um ihn wie eine Jagdbeute zu fangen: dies nämlich sagte er des Öfteren, um die Furcht der Seinen zu mindern.)Ammianus 21,7. . Im Lager von Hierapolis zu Syrien erklärte er seiner Armee dieses Vorhaben, erwähnte mit Geringschätzung den Caesar, dessen Vergehen und Voreiligkeit und scheute nicht davor zurück, ihnen zu versichern, dass die gallischen Meuterer, sollten sie denn ihnen im Felde zu begegnen sich erkühnen, bereits dem Feuer ihrer Augen und ihrem Kriegsgeschrei zu widerstehen außerstande sein würden. Die Ansprache des Kaisers wurde mit militärischem Beifall aufgenommen, und Theodotos, der Vorsitzende des Rates von Hieropolis, fragte unter erheuchelten Tränen an, ob nicht seine Stadt sich mit dem Kopf des zermalmten Empörers zieren dürfe Rede und Zurüstungen sind bei Ammianus 21,13 nachzulesen. Der schäbige Theodotos erflehte hernach Pardon und erhielt ihn von dem gnädigen Sieger auch, der seinen Wunsch zu erkennen gab, die Zahl seiner Feinde zu vermindern und die seiner Freunde zu vermehren. . Danach wurde eine ausgewählte Schar in Postwagen losgeschickt, die Höhen von Succi zu sichern, wenn es denn noch möglich sei; die Ausgehobenen, die Pferde, die Waffen und die Vorräte, die man gegen Sapor einsetzen wollte, mussten nun im Bürgerkrieg ihre Dienste leisten; und die Siege, die Constantius auf diesem Felde errungen hatte, gaben seinen Streitern die sichersten Erfolgsgarantien. Gaudentius hatte in seinem Namen die afrikanischen Provinzen besetzt; eine Getreidelieferung aus Rom ward abgefangen; und Julians Schwierigkeiten wuchsen noch in Folge eines Ereignisses, dass leicht hätte verhängnisvoll werden können. Zwei Legionen und eine Kohorte Bogenschützen aus Sirmium hatten sich Julian unterworfen; aber er zweifelte mit Grund die Zuverlässigkeit dieser Truppen an, welche vorher durch den Kaiser ausgezeichnet worden waren; und so hielt man es denn für ratsam, sie unter dem Hinweis auf die heikle Lage an der gallischen Grenze aus dem Zentrum der Ereignisse abzuziehen. Sie kamen, wenn auch unter Murmeln, bis an die italienische Grenze; da sie aber die Länge des Weges und die Wildheit der Germanen fürchteten, beschlossen sie, angestiftet von einem ihrer Tribunen, bei Aquileia Halt zu machen und auf den Mauern dieser uneinnehmbaren Stadt das Banner des Constantius aufzuziehen. Julians Wachsamkeit bemerkte noch rechtzeitig das Ausmaß des Übelstandes und die Notwendigkeit, unverzüglich Abhilfe zu schaffen. Auf sein Geheiß zog Jovianus mit einem Teil der Armee nach Italien zurück; und die Belagerung von Aquileia wurde mit Umsicht vorbereitet und mit Nachdruck durchgeführt. Aber auch die Legionäre, welche eben noch das Joch der Disziplin abgeschüttelt zu haben schienen, verteidigten den Platz mit Geschick und Verbissenheit; forderten das übrige Italien sogar auf, ihrer vorbildlichen Treue nachzueifern; und stellten für Julians Rückzug, falls er der überlegenen Stärke der östlichen Armee hätte weichen müssen, eine ernste Bedrohung dar Ammianus 21, 7,11,12. Ammianus scheint auf die Beschreibung der Belagerung Aquileias –das bei dieser Gelegenheit seinen Ruhm neuerlich bewährte- überflüssige Mühe verwandt zu haben. Gregor von Nazianz schreibt diese zufällige Empörung Constantius' Weisheit zu, dessen sicheren Sieg er mit einigem Anschein von Wahrheit verheißt: »Constantio, quem credebat procul dubio fore victorem: nemo enim omnium tunc ab hac constanti sententia discrepabat.« (Constantius, von dessen Sieg er ohne Zweifel überzeugt war: niemand jedenfalls hatte eine anders lautende Auffassung.) Ammianus 21,7. . TOD DES CONSTANTIUS - A.D. 361JULIANS EINZUG IN KONSTANTINOPEL Aber Julians Menschlichkeit blieb die grausame Wahl erspart, die er selbst so innig verabscheute, nämlich entweder vernichten oder selbst untergehen zu müssen: und nur der rechtzeitige Tod des Constantius ersparte dem Römischen Reich die Nöte eines Bürgerkrieges. Der bevorstehende Winter konnte den Monarchen nicht in Antiochia zurückhalten; und seine Günstlinge trugen Bedenken, seinen Rachegelüsten zu widerraten. Ein leichtes Fieber, das er sich vielleicht nur infolge der Gärungen seines Gemütes zugezogen hatte, verschlimmerte sich infolge der Anstrengungen der Reise; und so musste Constantius in der Kleinstadt Mopsucrene Station nehmen, zwölf Meilen hinter Tarsus, wo er nach kurzer Krankheit starb, in seinem fünfundvierzigsten Lebensjahr und dem vierundzwanzigsten Jahr seiner Regierung Sein Sterben und sein Charakter werden getreulich von Ammianus (21,14-16) geschildert; und wir selbst sind durchaus befugt, das einfältige Gekläffe des Gregor von Nazianz (Orationes 3, p. 68) zu verschmähen und zu verachten, beschuldigt er doch Julian, den Tod seines Wohltäter vorangetrieben zu haben. Eine heimliche Reue des Kaisers, Julian geschont und gefördert zu haben (Orationes 21, p.68ff), ist an sich nicht ausgeschlossen, und es widerspricht auch nicht dem öffentlichen, mündlichen Testament, das ihm klugbedachte Rücksichten in den letzten Augenblicken seines Lebens eingegeben haben mögen. . Seinen angeborenen Charakter, in dem sich Stolz und Schwäche, Aberglauben und Grausamkeit die Waage hielten, hatte er im Verlauf der voran gegangenen zivilen und kirchlichen Ereignisse zur Reife entwickelt. Der lange Missbrauch der Macht hatte ihm in den Augen seiner Zeitgenossen zu beträchtlicher Größe verholfen; aber da persönliche Leistung immer nur von der Nachwelt richtig gewürdigt werden kann, so mag denn der letzte Sohn des Constantin von der Bühne entlassen werden mit der Bemerkung, dass er alle Fehler und nicht eine einzige Tugend seines Vaters geerbt hatte. Bevor Constantius starb, soll er Julian zu seinem Nachfolger ernannt haben; auch klingt es glaubwürdig, dass seine ängstliche Sorge um sein junges und zartes Weib, das er mit einem Kind zurückließ, in seinen letzten Stunden seine sauren Hass- und Rachegedanken verdrängte. Eusebius und seine schuldbeladenen Gefährten machten einen schwachen Versuch, einen anderen Kaiser zu wählen und so die Herrschaft der Eunuchen zu verlängern: aber ihre Ränke wurden von der Armee mit Verachtung bedacht, da ihr der Gedanke an einen Bürgerkrieg fürchterlich war; und zwei Offiziere von Rang wurden unverzüglich entsandt, um Julian zu versichern, dass jedes Schwert des Reiches für ihn gezogen sei. Die militärischen Pläne des Herrschers, in denen drei verschiedene Angriffskolonnen gegen Thrakien vorgesehen waren, wurden durch dieses glückliche Ereignis hinfällig. Ohne einen Tropfen Blut seiner Landsleute zu vergießen, errang er einen gleichsam vollständigen Sieg, und die Fährnisse eines zweifelhaften Unternehmens blieben ihm erspart. Voller Ungeduld, endlich den Ort seiner Geburt und die neue Hauptstadt des Reiches zu sehen, zog er von Naissus durch das Haemus-Gebirge und die Städte Thrakiens. Als er in Heraclea ankam, immerhin sechzig Meilen entfernt, war ganz Konstantinopel auf den Beinen, ihn zu empfangen; und triumphal war sein Einzug unter dem pflichtschuldigen Beifall der Soldaten, des Volkes, des Senates. Ungezählt die Menge, die sich respektvoll um ihn drängte und die vielleicht etwas enttäuscht war über die kleine Statur und das schlichte Auftreten eines Helden, der trotz jugendlicher Unerfahrenheit die Barbaren Germaniens zu Paaren getrieben hatte und ganz Europa in siegreichen Märschen durcheilt hatte, von den Küsten des Atlantik bis zu den Ufern des Bosporus Bei der Beschreibung von Julians Triumphen greift Ammianus (22, 1 und 2) zum hochfliegenden Ton eines Redners oder Dichters, wohingegen Libanios (Oratio parentalis 56) sich zu der bedachtsamen Strenge eines Historikers findet. . Einige Tage später, als der Leichnam des verstorbenen Kaisers im Hafen an Land gebracht wurde, zollten die Untertanen der ehrlichen oder auch nur gespielten Humanität ihres Herrschers Beifall. Zu Fuß, ohne Diadem und im Morgenhabit begleitete er den Leichenzug bis zur Kirche der Heiligen Apostel, wo der Körper aufgebahrt wurde: und wenn man diese Ehrbezeigungen noch auslegen mochte als selbstischen Tribut vor dem älteren kaiserlichen Verwandten und dessen Würde, so offenbarten die Tränen des Julian der Welt, dass er das Unrecht vergessen hatte und sich nur der Wohltaten erinnerte, die er von Constantius einst empfangen hatte Constantius' Begräbnis wird beschrieben von Ammianus (21,16), Gregor von Nazianz (Orationes 4), Mamertinus (Panegyrici 11), Libanios (Oraio Parentalis 57) und Philostorgios (6,6, mit Gothofreds Anmerkungen p. 265). Diese Autoren und ihre Nachfolger – Heiden, Katholiken, Arianer - sahen den toten wie den lebenden Kaiser vollkommen unterschiedlich. . Sobald die Truppen in Aquileia glaubwürdige Zeitung vom Tode des Kaisers empfangen hatten, öffneten sie die Stadttore, lieferten ihre schuldigen Führer aus und erhielten so leichten Pardon, den ihnen Julians Klugheit oder Milde gewährte; welcher nunmehr, in seinem zweiunddreißigsten Jahr, zum unbestrittenen Herrscher des römischen Reiches geworden war Tag und Jahr der Geburt Julians sind nicht genau bekannt; der Tag ist vermutlich der 6. November, und das Jahr ist entweder 331 oder 332. Tillemont, Histoire des Emepereurs, Band 4, p.693; Du Cange, Familiae Byzantinae, p. 50. Ich selbst ziehe das frühere Datum vor. . BÜRGERLICHES LEBEN JULIANS Die Philosophie hatte Julian gelehrt, die Vorteile des Handelns und des Nachgebens gegeneinander abzuwägen; aber seine hohe Geburt und die Wechselfälle seines Lebens hatten ihm diese Wahlfreiheit eigentlich niemals eingeräumt. Vermutlich hätte er die Haine der Akademie und die Gesellschaft von Athen allem anderen gegenüber vorgezogen; aber er fand sich genötigt, zunächst durch Constantius' Willen und danach durch dessen Niedertracht, sich und seinen Ruf den Gefahren einer imperialen Existenz auszusetzen; und vor der Welt und späteren Generationen Rechenschaft zu geben für das Glück von Millionen Julian hat selber diese philosophischen Ideen mit viel Beredsamkeit und etwas Künstelei in einem wohlformulierten Brief an Themistios (p. 253-267) niedergeschrieben. Der Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 2, p. 146-193), der uns eine elegante Übersetzung geschenkt hat, neigt zu der Auffassung, dass es der berühmte Themistios war, dessen Reden auf uns gekommen sind. . Julian erinnerte sich mit Schrecken an die Bemerkung seines Lehrers Plato Julian ad Themistios, p. 258. Petavius (Fußnote p. 95) merkt an, dass diese Pasage aus ›Nomoi‹, 4. Buch stammt; aber entweder hat Julian aus dem Gedächtnis zitiert, oder seine mss. weichen von den unseren ab. Xenophon beginnt seine Kyrupaideia mit einer vergleichbaren Betrachtung. , dass die Herrschaft über Rinder- und Schafsherden immer den Mitgliedern einer höheren Spezies anvertraut sein müsse; und dass die Führung einer Nation folgerichtig das Vermögen einer himmlischen Gottheit oder eines Genius erforderlich und wünschenswert mache. Aus dieser Vorgabe zog er den naheliegenden Schluss, dass ein Mann, der sich anheischig mache zu regieren, die Vollkommenheit der göttlichen Natur anstreben müsse; dass er seine Seele von ihren sterblichen und irdischen Anhängseln befreien solle; dass er seinen Launen gebieten, sein Denken erleuchten, seine Leidenschaften zügeln und besonders die wilde Bestie dämpfen möge, welche nach einer anschaulichen Metapher des Aristoteles selten verfehle Ὁ δε ἄνϑρωπον κελεύων ἄρχειν, προστίϑησι καὶ ϑηρίον (Er gebot dem Menschen zu herrschen, fügt aber auch das wilde Tier hinzu.)Aristoteles, bei Julian, ad Themistium p. 261. Das Manuskript von Vossius gibt sich mit einem einzigen Tier nicht zufrieden und bietet die stärkere Lesart ϑηρία (Tiere) an, welche infolge der Erfahrungen mit dem Despotismus durchaus berechtigt ist. , mit auf den Thron der Tyrannen zu steigen. Der Thron Julians, der mit dem Tode des Constantius auf unanbhängigen Fundament stand, war der Sitz der Vernunft, der Tugend und vielleicht auch der Eitelkeit. Die Ehren, die seine abgehobene Stellung mit sich führte, verachtete er, ihre Freuden lehnte er ab, aber ihre Pflichten erfüllte er mit unverdrossenem Eifer; und unter seinen Untertanen fanden sich nur wenige, die ihm die Last des Diadems abgenommen hätten, wenn sie zugleich ihre Zeit und ihr Handeln so strengen Regeln hätten unterwerfen müssen, wie sie ihr philosophischer Herrscher sich selbst auferlegte. Einer seiner engsten Freunde Libanios (Oratio parentalis 84 und 85) hat dieses interessante Detail aus dem Privatleben Julians überliefert. Julian selbst (Misopogon, p. 350) erwähnt seine vegetarische Kost und eifert gegen die Antiochier wegen ihrer vulgär-sinnlichen Esslust. , welcher oftmals die frugale Schlichtheit seiner Tafel geteilt hatte, ließ verlauten, dass seine leichte und karge Kost (im Regelfall übrigens vegetarisch) ihm Körper und Geist frei machte für die unterschiedlichsten wichtigen Verpflichtungen, die er als Schriftsteller, Pontifex, Magistrat, General und Herrscher nun einmal hatte. An ein und demselben Tage erteilte er Gesandtschaften Audienz, schrieb oder diktierte zahllose Briefe an seine Generäle, seine zivilen Magistrate, seine persönlichen Freunde und die verschiedenen Städte des Reiches. Er hörte sich die Denkschriften an, die man ihm geschickt hatte, erwog selbst den fraglichen Gegenstand und skizzierte seine Vorstellungen rascher, als es die Sorgfalt seiner Sekretäre in Kurzschrift festhalten konnte. Er verfügte über einen derartig beweglichen Geist und eine derart konzentrierte Aufmerksamkeit, dass er zur selben Zeit seine Hand zum Schreiben, sein Ohr zum Hören und seine Stimme zum Diktieren einsetzen konnte; und dass er drei verschiedenen Gedankengängen auf einmal nachgehen konnte, ohne dabei zu stocken oder sie durcheinander zu bringen. Zogen sich seine Minister zur Ruhe zurück, so eilte ihr Herrscher behände von einer Arbeit zur anderen und zog sich nach rascher Mahlzeit in die Bibliothek zurück, bis die öffentlichen Angelegenheiten, die er auf den Abend verlegt hatte, ihn von ferneren Studien abhielten. Das Abendessen des Kaisers fiel noch knapper aus als das vorangegangene Mahl; sein Schlaf blieb von den Beschwernissen der Verdauung ungestört; und, abgesehen von der kurzen Episode einer Ehe, die er mehr aus politischen Gründen als aus Liebe geschlossen hatte, teilte der keusche Julian sein Lager niemals mit einer Bettgenossin »Lectulus . . . Vestalium toris purior,« (seine Schlafstatt ist reinlicher als die Betten der Vestalinnen), so jedenfalls Mamertinus' direkt an Julian gerichtetes Lob (Panegyrici 11,13). Libanios sichert uns in gesetzten und nüchternen Worten zu, dass Julian weder vor seiner Verheiratung noch nach dem Tode seiner Gemahlin einem Weibe beigewohnt habe (Oratio parentalis 88). Auch das unparteiisches Zeugnis des Ammianus (25,4) und das parteiische Stillschweigen der Christen bestätigen Julians Keuschheit. Julian indessen beharrt ironischerweise auf dem Vorwurf der Antiochier, dass er ›fast immer‹ (ὡς ἐπίπαν) alleine schlafe (Misopogon, p. 345). Dieser verdächtige Terminus wird vom Abt de la Bléterie mit Freimut und Scharfsinn ausgedeutet. . Bald schon wurde er geweckt von ausgeruhten Schreibern, die an Tage vorher im Wechsel mit anderen geschlafen hatten, während ihr unermüdlicher Herr sich kaum eine andere Erfrischung gönnte als den Wechsel in seinen Beschäftigungen. Julians Vorgänger, sein Onkel, sein Bruder und sein Vetter gönnten sich die Zirkusspiele unter dem durchsichtigen Vorwand, einem Wunsch des Volkes zu willfahren; und oft blieben sie den größten Teil des Tages dort, als müßige Gaffer und zugleich selber als Teil des glänzenden Spektakels, bis alle vierundzwanzig Rennen gelaufen waren Siehe Salmasius zu Sueton, Claudius 21. Ein fünfundzwanzigstes Rennen oder missus wurde noch ausgetragen, um auf die Zahl von einhundert Rennwagen zu kommen, von denen jeweils vier, entsprechend den vier Farben, pro Rennen starteten. »Centum quadriiugos agitabo ad flumina currus.« (Einhundert vierspännige Wagen werden ich in Bewegung setzen). Anscheinend fuhren sie siebenmal um die Meta (Säule); dies ergab (nach Messungen im Circus Maximus in Rom, dem Hippodrom in Konstantinopel u.a.) eine Strecke von vier Meilen. . Auch wenn er aus seiner tief empfundenen Abneigung gegen derlei Frivolitäten niemals einen Hehl gemacht hatte, bemühte sich Julian bei ernsteren Festen durchaus in den Zirkus; und nachdem er sich vier oder fünf Rennen ohne Anteilnahme angeschaut hatte, zog er sich eilig zurück mit der Ungeduld eines Philosophen, für den jeder Moment verloren war, der nicht dem gemeinen Wohl oder der Hebung des eigenen Geistes gewidmet war Julian, Misopogon, p. 340. Julius Caesar hatte seine Römer vor den Kopf gestoßen, weil er während eines Rennens einlaufende Depeschen studierte. Augustus kitzelte ihrem oder seinem Geschmack, weil er für alles, was mit dem Zirkus zusammenhing, aufrichtiges Interesse hegte und auch offen dazu stand. Sueton, Augustus 45. . Dadurch, dass er so mit seiner Zeit geizte, schien er gleichsam seine kurze Regierungszeit zu verlängern; und wenn uns die Chronologie weniger zuverlässig überliefert wäre, dann würden wir wohl berechtigte Zweifel hegen, dass nur sechzehn Monate zwischen dem Tode des Constantius und seinem Abmarsch seines Nachfolgers in den Perserkrieg verstrichen sein sollen. Was Julian getan hat, kann nur der Historiker bewahren; aber der Teil seines umfangreichen schriftstellerischen Werkes, welches uns erhalten ist, bleibt bestehen als ein Dokument des Fleißes und des Genius dieses Herrschers. Der Misopogon (›Barthasser‹), die Caesaren , einige seiner Reden und sein umfangreiches Werk gegen die christliche Religion wurden in den langen Nächten zweier Winter abgefasst, von denen er den ersten in Konstantinopel und den zweite in Antiochia verbrachte. NEUORDNUNG DES HOFES Die Neuordnung des Hofes war eine der ersten und vordringlichsten Maßnahmen Julians Die Säuberung des Palastlebens haben beschrieben Ammianus (2,4), Libanios (Oratio Parentalis 62), Mamertinus (Panegyrici 11,11). Sokrates 3,1 und Zonaras (13,12). . Kurze Zeit nach seinem Einzug in den Palast von Konstantinopel wünschte er die Dienste eines Barbiers. Ein Offizier in Paradeuniform stand ihm unverzüglich zur Verfügung. »Ich wollte einen Barbier,« rief der Herrscher mit gespielter Überraschung, »und nicht einen Finanzobereinnehmer »Ego non ›rationalem‹ iussi sed tonsorem acciri.« Zonaras verwendet das weniger nahe liegende Bild eines Senators. Allerdings mochte ein reich gewordener Finanzbeamter für sich senatorische Ehren erhoffen und auch erhalten. .« Er befragte den Mann nach den Einnahmen aus seinen Diensten; und erfuhr, dass dieser neben einem beachtlichen Gehalt und verschiedenen Sporteln zu täglichem Nutzen noch über zwanzig Sklaven und viele Pferde verfügte. Eintausend Köche, eintausend Barbiere, ebenso viele Mundschenke taten in den unterschiedlichsten Abteilungen für höheren Luxus Dienst; und die Zahl der Eunuchen konnte nur noch mit der von Fliegen an einem heißen Sommertag verglichen werden „Μαγείρους μὲν χιλίους, κουρέας δὲ οὐκ ἐλάττους, οἰνοχόους δὲ πλείους, σμήνη τραπεζοποῖων, εὐνούχους ὑπὲρ τὰς μυίας παρὰ τοῖς ποιμέσι ἐν ἦρι,“ das sind die Original-Worte des Libanios, die ich treulich übernommen habe, damit ich nicht verdächtigt werde, ich würde die Missstände des Kaiserhofes überzeichnen. . Constantius, welcher seinen Untertanen den Vorrang an Verdienst und Tugend überlassen hatte, zeichnete sich wenigstens durch die erdrückende Prachtentfaltung seiner Gewandung, seiner Tafel, seines Palastes, seines Trosses aus. Der machtvolle Palast, den Constantin und seine Söhne hatten errichten lassen, waren mit zahlreichen musivischen Arbeiten und Schmuckwerk aus massivem Gold verziert. Die ausgefallensten Preziosen standen bereit, ihren Stolz, weniger ihren Geschmack zu kitzeln; Vögel aus entferntesten Regionen, Fische aus den abgelegensten Seen, Früchte außerhalb der gehörigen Jahreszeit, winters Rosen, sommers Schnee Mamertinus drückt sich hier lebhaft und kraftvoll aus: »Quin etiam prandiorum et coenarum elaboratas magnitudines Respublica sentiebat; cum quaesitissimae dapes non gustu, sed difficultatibus abstimarentur; miracula avium, longinqui maris pisces, alieni temporis poma, aestivae nives, hibernae rosae.« . Die Masse der Palastbediensteten kostete mehr als die Legionen; noch der kleinste Teil dieser Unmenge war bestimmt für den Gebrauch oder sogar den Glanz des Throns. Der Monarch empörte sich darüber, und das Volk wurde bedrückt, dass eine Unzahl von überflüssigen Ehrenämtern eingerichtet war und teuer bezahlt werden musste; und noch der größte Lump konnte sich das Privileg erwerben, sich ohne die Spur einer Gegenleistung auf Staatskosten durchfüttern zu lassen. Die Verschwendung eines gigantischen Haushaltes, die immer wachsenden Abgaben und Geldgeschenke, die schon bald wie eine Bringschuld angesehen wurden, und die Bestechungsgelder, die sie allen denen abnötigten, die ihren Unwillen fürchten oder ihr Wohlwollen gewinnen mussten, bereicherte diese arrogante Dienerschaft. Sie vergeudeten ihr Vermögen, ohne ihre frühere oder künftige Lage zu bedenken; und ihrer Raffgier und Habsucht hielt nur noch ihre Verschwendungssucht die Waage. Ihre Seidenroben waren in Gold gefasst, an ihren Tafeln ging es erlesen und üppig zu; ihre Privathäuser hätten den Grundbesitz eines Konsuls aus vergangenen Zeiten bedeckt; und noch die ehrbarsten Bürger mussten vom Pferde steigen und submissest den Eunuchen grüßen, dem er auf öffentlicher Straße begegnete. Der Luxus des Palastes wurde Julian verächtlich, er, der normalerweise auf dem Boden schlief, der nur widerwillig den dringendsten Geboten der Natur nachgab und dessen Eitelkeit darin bestand, königlichen Pomp nicht nur nicht anzustreben, sondern zu verachten. So verlangte er mit Ungeduld darnach, durch die vollständige Ausmerzung dieses Übelstandes, welcher sogar noch weiter reichte als sein reales Ausmaß, das Leid der Bevölkerung zu mindern und ihr Murren zu beschwichtigen, welche ja die Steuerlasten mit mehr Bereitwilligkeit getragen hätten, wenn sie hätten sicher sein können, dass die Früchte ihres Fleißes dem Wohl des Staates zugute gekommen wären. Nun kann man allerdings Julian nicht von dem Vorwurf freisprechen, dass er bei der Ausführung dieses löblichen Vorhabens zu vorschnell und mit unbedachter Strenge vorging. Ein einziger Erlass, und der Palast von Konstantinopel war eine riesige Wüstestätte, und mit Schimpf und Schande entließ er den gesamten Tross von Sklaven und Abhängigen Selbst Julian hat man vorgeworfen, den Eunuchen ganze Städte überschrieben zu haben (Oratio 7 gegen Polykleitos 117-127). Libanios begnügt sich damit, diese Tatsache kühl, aber bestimmt in Abrede zu stellen, welche in der Tat besser auf Constantius gepasst hätte. Dieser Vorwurf kann auch eine Anspielung auf ein ansonsten unbekanntes Vorkommnis sein. , ohne auch nur eine Ausnahme von Rechts wegen oder Gnaden halber zuzulassen, etwa für die Alt- und Treugedienten aus der kaiserlichen Dienerschaft. Aber so war nun einmal Julians Temperament, welcher sich nur selten an die grundlegende Erkenntnis des Aristoteles erinnerte, dass wahre Tugend die Mitte zwischen entgegengesetzten Lastern einnimmt. Die üppige und weibische Kleidung der Asiaten, die Locken und die Schminke, Halsbänder und Armreife, die dem Constantin so lächerlich vorgekommen waren, wurden auch von seinem philosophischen Nachfolger verschmäht. Aber zugleich mit dem Flitter gedachte Julian auch die hergebrachte Form der Kleidung abzuschaffen; und er schien sich sogar einiges auf die Vernachlässigung der äußeren Reinlichkeit zugute zu halten. In einer Satire, die für die Öffentlichkeit bestimmt war, lässt sich der Kaiser mit Freude und sogar mit Stolz über seine langen Fingernägel und seine tintenschwarzen Hände aus; beteuert, dass das Rasiermesser nur für seinen Kopf bestimmt sei, obwohl sein ganzer Körper behaart sei, und rühmt mit spürbarem Behagen seinen struppigen und volkreichen Bart Im Misopogon (p. 338f) entwirft er ein ganz eigentümliches Selbstbildnis, und die folgenden Worte sind eigentümlich charakteristisch: αὐτὸς προστέϑεικα τὸν βαϑὺν τουτονὶ πώγωνα... ταῦτά τοι διαϑεόντων ἀνέχομαι τῶν φϑειρῶν ὥστερ ἐν λοχμῇ τῶν ϑηρίων (Ich habe selbst dort den Vollbart hinzugefügt...und halte das Lausgewimmel aus, als sei es für diese Tierchen das Gestrüpp.) Die Freunde des Abtes de la Bléchiere beschworen ihn im Namen Frankreichs, diese Passage unübersetzt zu lassen, diese Beleidigung ihres Zartgefühls. (Histoire de Jovien, Band 2, p. 94) Ich habe mich so wie er mit einer beiläufigen Anspielung begnügt; aber das kleine Tier, das Julian da benennt, ist dem Menschen vertraut und gibt einen Hinweis auf die Liebe. , den er nach dem Vorbild der griechischen Philosophen mit Hingabe pflege. Hätte Julian die schlichten Anweisungen der Vernunft befolgt, dann hätte der erste Minister der Römer die Attitüde des Diogenes ebenso von sich gewiesen wie die des Darius. VERBRECHEN DER KÄMMERER GESÜHNT Indessen wäre das Erneuerungswerk unvollendet geblieben, wenn Julian nur die Missbräuche seiner Vorgängerregierung abgestellt, nicht aber ihre Verbrechen gesühnt hätte. »Wir sind nun befreit,« so schreibt er in einem privaten Brief an einen seiner engeren Freunde, »wir sind zu unserer Freude befreit aus den Klauen der Hydra Julian, Epistulae 23, p. 389. Er benutzt hier die Worte πολυκέφαλον ὕδραν (vielköpfige Hydra) in einem Brief an seinen Freund Hermogenes, der wie er ein Kenner der griechischen Dichter war. . Ich will dieses Epitheton nicht meinem Bruder Constantius anheften. Er ist nicht mehr; möge die Erde ihm leicht sein. Aber seine ränkefreudigen und grausamen Favoriten waren beständig bemüht, diesen Herrscher zu täuschen und zu erzürnen, einen Herrscher, dessen Milde man unmöglich rühmen kann, ohne dabei zum elenden Heuchler zu werden. Doch nicht einmal diese Männer beabsichtige ich zu vernichten: sie werden angeklagt, und sie sollen in den Genuss eines anständigen und unparteiischen Prozesses kommen.« Zu diesem Zweck ernannte Julian sechs Richter, die in Staat und Armee höchste Ränge einnahmen; und da er sich nicht dem Vorwurf aussetzen mochte, er selbst verurteile seine persönlichen Feinde, verlegte er dieses außerordentliche Gericht nach Chalcedon auf die asiatische Seite des Bosporus; und übertrug den Richtern unbeschränkte Vollmacht, ihr Urteil zu fällen und ohne Verzug und ohne Berufung zu exekutieren. Der Gerichtsvorsitzende war der edelachtbare Präfekt des Ostens, dessen Tugenden ihm die Wertschätzung der griechischen Sophisten ebenso einbrachten wie die der christlichen Bischöfe, ein zweiter Sallust Die beiden Salluste, der Präfekt von Gallien und der Präfekt des Ostens, müssen sorgsam auseinander gehalten werden (Tillemont, Histoire des Impereurs, Band 4, p. 696). Ich habe deshalb das zweckdienliche Epitheton ›Secundus‹ verwendet. Dieser zweite Sallust machte selbst den Christen Eindruck; und Gregor von Nazianz, der seine Religion verurteilt, feiert immerhin seine Tugenden (Orationes 3). Siehe auch die merkwürdige Fußnote des Abtes de la Bléterie, Vie de Julien, p. 363. . Ihm zur Seite stand der redegewandte Konsul Mamertinus Mamertinus (1,11) rühmt den Herrscher, weil er einen Mann von Klugheit, Festigkeit und Ehrlichkeit – einen wie er selbst- das Schatzmeister- und Präfektenamt übertragen habe. Ammianus (21,1) hingegen rechnet ihn unter die Minister, quorum merita norat et fidem. (Deren Verdienste und Zuverlässigkeit ihm bekannt waren). , dessen Verdienste allerdings, zweifelhaft genug, nur von ihm selbst gerühmt werden. Aber die bürgerliche Weisheit der beiden Magistrate wurde mehr als ausgeglichen durch die eifernde Gewaltbereitschaft der vier Generäle Nevitta, Agilo, Jovinus und Arbetio. Hätte das Publikum Arbetio auf einer Anklagebank anstatt auf der Bank der Richter gesichtet, wäre es weniger überrascht gewesen; man argwöhnte, dass er das Geheimnis der Kommission besitze; die bewaffneten und aufgebrachten Anführer der jovianischen und herculianischen Banden umstellten das Tribunal, und die Richter standen je und je unter dem Druck der Gesetze und dem Lärm der Faktionen Ammianus beschreibt (22,3) und Libanios rühmt (Oratio parentalis 74) diese Verhandlungen. . Der Kammerdiener Eusebius, der so lange die Gunst des Constantius missbraucht hatte, büßte durch einen Tod in Schanden für die Anmaßung, die Verderbtheit und die Grausamkeit seiner Sklavenherrschaft. Die Hinrichtungen von Paul und Apodemius (der Erstgenannte wurde lebendig verbrannt) wurden von den Witwen und Waisen hunderter von Römern, die diese Verbrecher von Gesetzes wegen verraten und ermordet hatten, als unzureichende Sühne empfunden. Aber Justitia selbst weinte (wenn wir hier die pathetische Metapher des Ammianus »Ursuli vero necem ipsa mihi videtur flesse Justitia« (Iustitia selbst schien mir den gewaltsamen Tod des Ursulus zu beweinen). Libanios, der seinen Tod den Soldaten zuschreibt, unternimmt es, den Schatzmeister zu belasten. verwenden dürfen) über das Schicksal des Ursulus, den Schatzmeister des Reiches; und sein Blut ist eine Anklage gegen Julians Undankbarkeit, hatte doch die unerschütterte Liberalität dieses honorigen Ministers einst Julians Notlage noch rechtzeitig gemildert. Der eigentliche Grund für seine Hinrichtung war der Zorn der Soldateska, die er durch eine Unbedachtsamkeit geärgert hatte; und der Kaiser, der durch Selbstvorwürfe und die Vorwürfe der Öffentlichkeit schwer verwundet war, gab der Familie des Ursulus ihr beschlagnahmtes Vermögen zurück und half ihr so ein wenig. - Bevor das Jahr sich neigte, in welchem sie die Würde und Insignien der Präfektur und des Konsulates So groß war noch immer der Respekt vor den ehrbaren Titeln der Republik, dass das Publikum nur mit empörter Überraschung zur Kenntnis nahm, dass Taurus während seiner Zeit als Konsul als Verbrecher vor Gericht stand. Die Anklage gegen seinen Kollegen Florentius wurde vermutlich bis zum Ende des folgenden Jahres verschoben. erhalten hatten, sahen sich Taurus und Florentius genötigt, die Milde des unerbittlichen Gerichtes von Chalkedon anzuflehen. Der erstere wurde nach Vercellae in Italien verbannt, gegen den zweiten erging das Todesurteil. Ein weiser Herrscher hätte Taurus' Vergehen wohl belohnt: eines treuen Dieners seines Herrn, der an den Hof seines Wohltäters und rechtmäßigen Herrschers floh, als er dem voranstürmenden Rebellen nicht länger Widerstand leisten konnte Aber die Schuld des Florentius rechtfertigte die Strenge seiner Richter; und seine Flucht diente dem Julian, seine Großherzigkeit zu demonstrieren; denn er bremste den eigennützigen Eifer eines Zuträgers und wollte durchaus nicht erfahren, wo sich der armselige Flüchtling vor Julians gerechtem Zorn verborgen hielt Ammianus 20,7. . Ein paar Monate nach der Auflösung des Gerichtshofes von Chalkedon wurde Gaudentius, der prätorianische Vizeregent von Afrika und Artemius, der dux von Ägypten in Antiochia hingerichtet Zur Schuld und Sühne des Artemius sehe man Julian (Epistulae 10, p. 379) und Ammianus (22,6 sowie Valesius ad locum). Das Verdienst des Artemius, der Tempel demolierte und dafür von einem Apostaten zum Tode verurteilt wurde, hat die Griechische und Lateinische Kirche verocht, ihm Märtyrerehren zuzusprechen. Da aber die Kirchengeschichte bekräftigt, dass nicht nur ein Tyrann, sondern auch noch ein Arianer war, ist es insgesamt nicht ganz einfach, diese unbedachte Ehrung zu rechtfertigen. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 1319. . Artemius hatte über die große Provinz eine grausame und korrupte Willkürherrschaft ausgeübt; Gaudentius hatte lange Zeit die Kunst der Verleumdung gegen Unschuldige, Tugendhafte und sogar gegen die Person des Julian ausgeübt. Aber die Begleitumstände ihres Prozesses und ihrer Verurteilung wurden so dilettantisch gehandhabt, dass in der öffentlichen Meinung diese Verbrecher achtbar wurden, weil sie angeblich für ihre unerschütterte Treue für die Sache des Constantius litten. Der Rest seiner Diener kam in den Genuss einer allgemeinen Amnestie; ihnen blieb nur übrig, straflos die Bestechungsgelder zu vernaschen, welche sie genommen hatten, um die Unterdrückten zu schützen oder die zu unterdrücken, die ohne Beschützer waren. Diese Maßnahme, welche unsere Beistimmung erhalten könnte, da sie sich immerhin auf wohlbegründetem politischen Terrain bewegt, wurde nun allerdings in einer Art und Weise durchgeführt, die angetan war, die Majestät des Thrones zu beschädigen. Viel Volk, insonders die Ägypter, fielen Julian beschwerlich durch ihre Zudringlichkeit, da sie lauthals die Geldgeschenke zurück verlangten, die sie unkluger- oder illegaler weise erlegt hatten; er sah bereits die endlose Folge mühseliger Prozesse voraus; und so gab er ihnen das Versprechen, das immer geheiligt bleiben sollte, dass er nämlich, falls sie sich in Chalkedon einfinden würden, dort ganz persönlich ihre Klagen anhören und entscheiden würde. Sobald sie aber dort angelandet waren, gab er strenge Weisung und untersagte allen Bootsführern, irgendwelche Ägypter nach Konstantinopel zu fahren; und hielt so seine getäuschten Klienten an der asiatischen Küste zurück, bis sie aus Mangel an Geduld und Geld unter empörten Gemurmel in ihre Heimat zurück zu segeln sich genötigt sahen Siehe Ammianus 22,6 und Valesius ad locum; Codex Theodosianus 2,39,1 und dazu Gothofreds Erläuterungen, Band 1, p. 218. . KLEINERE VERGEHEN NICHT VERFOLGT Das Riesenheer von Spionen, Agenten und Zuträgern, das Constantius unterhalten hatte, auf dass die Seelenruhe eines einzigen Mannes gewahrt und die von Millionen gestört werde, wurde von seinem großherzigen Nachfolger unverzüglich entlassen. Julian schöpfe nur langsam Verdacht und strafte nur in Maßen; und dass er Verrat verabscheute, lag an seiner Urteilskraft, seiner Eitelkeit und seinem Mut. Im Bewusstsein seiner Überlegenheit hielt er sich überzeugt, dass nur wenige Untertanen wagen würden, es mit ihm aufzunehmen, ihm nach dem Leben zu trachten oder sich auf den verwaisten Thron zu setzen. Als Philosoph konnte er plötzliche Aufwallungen von Unzufriedenheit entschuldigen; und als Kämpfer konnte er die ehrgeizigen Pläne verachten, welche das Geld und die Möglichkeiten unbedachter Verschwörer überforderten. Ein Bürger von Ancyra etwa hatte zu eigenem Gebrauch ein Purpurgewand fertigen lassen; und diese unbesonnene Handlung, welche unter Constantius als Kapitalverbrechen angesehen worden wäre Der Präsident Montesquieu (Considérations sur les causes de la Grandeur des Romains, c. 14, Oeuvres, Band 3, p. 448 und 449) entschuldigt diese kleinliche und abgeschmackte Tyrannei mit der Annahme, dass Handlungen, die für uns ohne jede Bedeutung sind, in der Vorstellung eines Römers den Gedanken an Schuld und Gefahr evozieren können. Diese merkwürdige Rechtfertigung findet Unterstützung durch eine ebenso seltsame Fehlinterpretation der Gesetze Englands, »chez une nation . . . ou il est defendu de boire a la sante d'une certaine personne.« (...bei einem Volk,...dem es untersagt ist, auf die Gesundheit einer gewissen Person anzustoßen). , wurde Julian infolge der hartnäckigen Aufdringlichkeit eines persönlichen Feindes hinterbracht. Nachdem der Monarch einige Erkundigungen über Wandel und Wesen seines Rivalen eingeholt hatte, entließ er den Denunzianten mit einem Paar purpurfarbener Hausschuhe als Geschenk, auf dass er die Pracht seines imperialen Habits vervollständige. Eine Verschwörung der ernsteren Art verabredeten zehn Mann aus seiner privaten Wachmannschaft, welche beschlossen hatten, Julian auf dem Übungsplatz bei Antiochia zu ermorden. Ihre Ungeduld enthüllte ihre Schuld; in Ketten wurden sie ihrem gekränkten Herren vorgeführt, welcher ihnen das Verbrecherische und Törichte ihres Vorhaben darstellte aber sie danach nicht, wie sie es verdient hätten und wohl auch erwarteten, zu Folter und Hinrichtung verurteilte, sondern nur die beiden Urheber der Verschwörung ins Exil schickte. Ein einziges Mal wich Julian von seiner üblichen Milde ab, als er einen vorschnellen Jugendlichen hinrichten ließ, welcher sich dazu verstiegen hatte, die Zügel des Reiches in seine schwachen Hände zu nehmen. Dieser Jugendliche allerdings war der Sohn des Marcellus, eines Reitergenerales, welcher im ersten gallischen Feldzug Caesar und der Republik den Rücken gekehrt hatte. Ohne sich den Anschein zu geben, dass er persönliche Rache übe, hätte Julian das Verbrechen des Sohnes und des Vaters vermengen können; der Kummer des Marcellus versöhnte ihn, und der selbstlose Geist des Herrschers unternahm es, die Wunde zu heilen, die die Hand der Justiz geschlagen hatte Julians Nachsicht und die Verschwörung gegen sein Leben zu Antiochia werden von Ammianus (22,9 und Velasius ad locum) und Libanios (Oratio parentalis 99) beschrieben. . SEINE VORLIEBE FÜR GRIECHISCHE STÄDTE Julian war für die Vorteile eines freiheitlichen Systems nicht unempfänglich Wie einige behaupten, meint Aristotles (so wie er von Julian, ad Themistium p. 261 zitiert wird), die unbeschränkte Alleinherrschaft (παμβασίλεια) sei der Natur entgegen. Aber Fürst und Philosoph zogen es vor, diese ewige Wahrheit mit einem kunstfertigen und angestrengten Dunkel zu umhüllen. . Er hatte im Laufe seiner Studien den Geist der alten Helden und Weisen in sich aufgenommen; sein Leben und Glück war von den Launen eines Tyrannen abhängig gewesen; und nach seiner Thronbesteigung ärgerte sich sein Stolz zuweilen an dem Gedanken, dass die Sklavenseelen, die sich nicht ermannen konnten, seine Fehler zu tadeln, auch nicht wert seien, seinen Tugenden zu applaudieren Dieser Gedanke ist hier fast ausschließlich mit Julians eigenen Worten ausgedrückt. (Ammianus 22,10). . Er empfand aufrichtigen Ekel über das System der orientalischen Despotismus, welches Diokletian, Constantin und achtzig Jahre untätiges Erdulden dem Reich beschert hatten. Nur aus Aberglauben setzte Julian den Plan nicht um, mit dem er schon öfters schwanger gegangen war, nämlich sein Haupt nicht länger mit der Last des kostbaren Diadem zu belasten ibanios (Oratio parentalis 95), der den Wunsch und den Entwurf Julians erwähnt, lässt uns in geheimnisvoller Sprache wissen (ϑεῶν οὕτω γνόντων... ἀλλ᾽ ἦν ἀμείνων ὁ κωλύων) (da die Göter es beschlossen hatten...der Verhinderer aber überlegen war), dass der Herrscher durch irgendeine Offenbarung der besonderen Art abgehalten worden sei. : aber mit aller Entschiedenheit verweigerte er den Titel des Dominus oder Gottes Julian, Misopogon, p. 348. Da er aber niemals die hochfahrende Bezeichnungen ›Despot‹ und ›Dominus‹ durch ein offizielles Gesetz abschaffen ließ, finden sie sich immer noch auf seinen Medaillen (Du Cange, Familiae Byzantinae, p. 38f.); und das Missfallen, das er gelegentlich privat äußerte, änderte lediglich den knechtischen Tonfall bei Hofe. Der Abt de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 2, p. 99-102) ist mit viel Spürsinn der Herkunft und der Wortgeschichte von ›Dominus‹ nachgegangen. , welches Wort den Römern mittlerweile so alltäglich geworden war, dass sie sich kaum noch seiner erniedrigenden ursprünglichen Bedeutung erinnerten. Das Amt oder besser der Name des Konsuls stand in Ehren bei diesem Herrscher, der gelegentlich über den Trümmern der untergegangenen Republik seufzte; und das öffentliche Auftreten, das Augustus aus Berechnung inszenierte, wurde von Julian aus Neigung und freien Stücken angenommen. 1. JANUAR 363 An den Kalenden des Januar, im Morgengrauen, eilten die neuen Konsuln Mamertinus und Nevitta zum Palast, dem Herrscher aufzuwarten. Sobald er von ihrem Nahen hörte, sprang er von seinem Throne auf, eilte auf sie zu, begrüßte sie und nötigte den Magistrat, der darüber errötete, Zeuge dieser Demonstration seiner gespielten Demut zu werden. Vom Palast ging es dann zum Senat. Der Kaiser ging zu Fuß ihren Sänften voran; die gaffende Menge bewunderte diese nostalgische Darbietung oder murrte im Stillen über eine Aufführung, die die Würde des Purpurs verkleinerte Ammianus 22,7. Der Konsul Mamertinus (Panegyrici 11,28-30) feierte diesen glückhaften Tag wie ein geschwätziger Sklave, erstaunt und gleichsam trunken infolge der Leutseligkeit seines Herren. . Aber das Verhalten Julians fand dennoch einhellige Unterstützung. Während der Zirkusspiele etwa hatte er, aus Unbedacht oder Berechnung, einem Sklaven in Anwesenheit des Konsuls die Freiheit geschenkt. Sobald man ihn aber daran erinnerte, dass er unzulässigerweise die Befugnisse eines anderen Magistrates ausgeübt habe, verurteilte er sich selbst zu einer Buße von fünf Pfund Gold; und benutzte die Gelegenheit dazu, die Welt wissen zu lassen, dass er wie alle anderen Mitbürger auch den Gesetzen und selbst noch ihren formalen Rahmen unterworfen sei Die persönlich gemünzte Satire war schon durch die Zwölftafelgetze verboten (Horatius, Satirae 2, 1,82): Si mala condiderit in quem quis carmina, jus est, Judiciumque – (Wenn jemand gegen jemanden üble Lieder abfasst, soll man ihn bei Gericht verklagen). Julian (Misopogon p. 337) sieht sich selbst dem Gesetz unterworfen; und der Abt de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 2, p. 92) hat sich die seinem eigenen System und dem wahren Geiste der kaiserlichen Verfassung so angemessene Erklärung begierig zu Eigen gemacht. . Es geschah aus dem Geiste seiner Tätigkeit und wegen seiner Wertschätzung für seine Heimatstadt, dass Julian dem Senat von Konstantinopel die gleichen Ehrungen, Vorrechte und Machtbefugnisse zubilligte, wie der Senat des alten Rom sie immer noch innehatte Zosimos 3,10. . Allmählich wurde es zu einer feststehenden juristischen Fiktion, dass eine Hälfte des Reichs-Rates in den Osten abgewandert sei: und die despotischen Nachfolger des Julian, die sich mit dem Senatorentitel schmückten, gaben zu, dass sie Mitglied jener respektablen Körperschaft seien, welche die Größe von Roms Namen repräsentieren durfte. Von Konstantinopel aus wandte der Monarch seine Aufmerksamkeit den senatorischen Körperschaften der Provinzstädte zu. Durch wiederholte Edikte schaffte er die ungerechten und sogar verderblichen Ausnahmeregelungen ab, durch welche sich so viele müßige Bürgersleute dem Dienst an ihrem Gemeinwesen entziehen konnten; und dadurch, dass er die öffentlichen Pflichten zu allgemeinen Pflichten machte, belebte er die Stärke, den Glanz, oder, um den warmherzigen Ausdruck des Libanios „Ἡ τῆς βουλῆς ἴσχυς ψυχὴ πόλεώς ἐστιν.“ Siehe Libanios (Oratio parentalis 71), Ammianus (22,9) und Codex Theodosianus 12,1-50-55), mit Gothofreds Kommentar (Band 4, p. 390-402). Doch die ›Curiae‹ sind insgesamt, trotz großer Materialfülle, immer noch das dunkelste Kapitel der Rechtsgeschichte des Kaisrreiches. aufzugreifen, die Seele der ersterbenden Städte seines Reiches aufs neue. SORGE FÜR DIE STÄDTE GRIECHENLANDS Das ehrbare Alter Griechenlands entfachte in Julians Seele die zärtlichste Anteilnahme; welche sich zur Verzückung steigerte, wenn er an alle die Götter, Heroen und die Männer dachte, welche den Göttern und Heroen überlegen waren, und die noch den fernsten Generationen Denkbilder ihres Genies und Beispiele ihrer Tugend hinterlassen hatten. Er minderte die wirtschaftliche Not der Städte des Epirus und des Peloponnes und ließ ihre Schönheit erneuern »Quae paulo ante arida et siti anhelantia visebantur, ea nunc perlui, mundari, madere; Fora Deambulacra, Gymnasia, laetis et gaudentibus populis frequentari; dies festos, et celebrari veteres, et novos in honorem principis consecrari. (Was kurz zuvor noch ausgedörrt war und vor Durst keuchte, ist nun benetzt, sauber, gewässert; Plätze, Promenaden und Sportplätze werden von fröhlichen und glücklichen Menschen aufgesucht; alte Feiertage werden wieder begangen, und neue zu Ehren des Fürsten.) (Mamertinus 11, 9) Insbesonder ließ er Nikopolis restaurieren und die von Augustus gestifteten Aktischen Festspiele ausrichten. . Athen nannte ihn seinen Wohltäter; Argos seinen Befreier. Korinth, welches aus seinen Ruinen neuerlich emporblühte durch die Ehrenstellung einer römischen Kolone, durfte von den Nachbarrepubliken Steuern erheben, um damit die Kosten für die Isthmischen Spiele zu bestreiten, welche im Amphitheater mit Bären- und Pantherhetzen begangen wurden. Dispens von diesen Abgaben beanspruchten mit Recht die Städte Elis, Delphi und Argos, welche von ihren fernen Vorfahren die heilige Pflicht geerbt hatten, die Olympischen, Pythischen und Nemäischen Spiele abzuhalten. Die Unantastbarkeit von Elis und Delphi wurde von den Korinthern respektiert; aber die Armut von Argos wirkte zu verführerisch: und so wurden denn die schwächlichen Einwände ihrer Abgesandten von einem Provinz-Magistrat zum Schweigen gebracht, welche ersichtlich nur die Interessen der Stadt befragt hatte, in welcher er residierte. Sieben Jahre nach diesem Beschluss ließ Julian Julian, Epistulae 35. Dieser Brief, der die Zeit von Griechenlands Niedergang schildert, wurde von Abt de la Bléterie ausgemustert und vom Übersetzer ins Lateinische übel verhunzt, indem er ἀτέλεια (Steuerfreiheit) mit Tributum (Steuern) und ἰδιῶται (privat) mit populus (Volk) übersetzte und so den Sinn des Originals nachgerade verdreht. eine höhere Instanz über den Fall befinden; und seine Beredsamkeit legte sich für die Stadt ins Mittel, welche der Königssitz des Agamemnon Er herrschte in Mykene, nur fünfzig Stadien oder sechs Meilen von Argos entfernt: aber diese Städte, welche immer abwechselnd in Blüte standen, werden von den griechischen Dichtern verwechselt. Strabo 8, p. 579. gewesen war und Makedonien eine ganze Galerie von Königen und Eroberern geschenkt hatte Marsham, Canon chronicus p. 421. Diese Geschlechtertafel des Temenus und Herkules könnte zweifelhaft sein; aber sie wurde nach sehr genauer Prüfung durch die Richter der Olympischen Spiele gebilligt (Herodot 5,22), und zwar zu einer Zeit, als die makedonischen Könige in Griechenland durchweg in geringem Ansehen standen. Als sich der Achäische Bund gegen Philipp aussprach, hielt man es für schicklich, dass die Abgesandten von Argos sich entfernten. Livius 32,22. . JULIAN ALS REDNER UND RICHTER Das mühsame Geschäft der militärischen und zivilen Verwaltung, dessen Schwierigkeiten sich im Verhältnis zur Größe des Reiches noch vervielfachten, strengten Julians Kräfte an; gleichwohl betätigte er sich oftmals als Redner Libanios rühmt sine Beredsamkeit (Oratio parentalis 75,76) welcher ausdrücklich die Redner bei Homer erwähnt. Sokrates (3,1) behauptet unüberlegt, dass Julian seit Iulius Caesar der erst Herrscher war, der an den Senat Reden gehalten habe. Indessen haben alle Vorgänger Neros (Tacitus, Annalen 13,3) und viele seiner Nachfolger sich auf die Kunst der öffentlichen Rede verstanden; und es lässt sich vielfach belegen, dass sie öfters im Senat davon Gebrauch machten. und Richter Ammianus hat objektiv die Vorzüge und Mängel seiner Gerichtsverfahren dargelegt. Libanios (Oratio parentalis 90f) sieht nur die gute Seite, doch selbst wenn seine Darstellung der Person schmeichelt, so werden darin doch die Pflichten eines Richters erkennbar. Gregor von Nazianz jedoch (Orationes 4), der die Tugenden des Apostaten verschweigt und die verzeihlichen Fehler überzeichnet, fragt frohlockend, ob ein solcher Richter wohl tauglich sei, in den Elysischen Gefilden zwischen Minos und Rhadamantos zu sitzen? , was den Herrschern des gegenwärtigen Europas weitgehend fremd ist. Die hohe Kunst der Überzeugungsarbeit, welche die ersten Caesaren so feinsinnig kultivierten, vernachlässigten ihre Nachfolger, welche militärisch-unwissend waren oder asiatisch-hochfahrend; und wenn sie sich denn einmal zu einer Ansprache an die Soldaten herbeiließen, vor denen sie Angst hatten, dann bedachten sie die Senatoren mit geringschätzigem Schweigen, da sie sie verachteten. Die Senatsversammlungen, um die Constantius immer einen Bogen gemacht hatte, waren für Julian der Ort, wo er mit größtem Geschick seine republikanische Gesinnung und seine rhetorische Begabung entfalten konnte. Wie in der Schule der Beredsamkeit übte er die verschiedenen Arten des Lobes, des Tadels, der Ermunterung; und sein Freund Libanius hat dazu angemerkt, dass das Studium von Homer ihn gelehrt hatte, den schlichten, gedrängten Stil des Menelaos zu kopieren, den Wortreichtum des Nestor, dessen Rede rieselte wie die Schneeflocken im Winter, oder die beseelte und wirkungsstarke Eloquenz eines Ulysses. Die Aufgaben eines Richters, unverträglich bisweilen mit dem Amt eines Herrschers, übte Julian nicht nur als Pflicht, sondern zur Unterhaltung aus: und wenn er auch Zutrauen haben mochte zu der Redlichkeit und dem Scharfsinn seiner Prätorianerpräfekten, so nahm er doch des Öfteren neben ihnen auf der Bank der Richter Platz. Sein durchdringender Verstand war angemessen damit beschäftigt, die Trickereien und Winkelzüge der Advokaten aufzudecken und zu widerlegen, deren Bemühungen darauf gerichtet waren, die Wahrheit zu verdrehen und den Sinn der Gesetze auszuhebeln. Bisweilen vergaß er seine kaiserliche Stellung, stellte indiskrete oder unpassende Fragen und ließ durch seine dröhnende Stimme und seine ausfahrenden Gebärden den Eifer erkennen, mit dem er seine Meinung gegen die Richter, die Verteidiger und ihre Klienten aufrecht erhielt. Aber in richtiger Einschätzung seines Temperaments ermutigte, ja ersuchte er sogar seine Freunde und die Minister, ihn zurechtzuweisen; und wann immer sie sich getrauten, seinen Wallungen zu gebieten, konnten die Zuschauer die Beschämung und zugleich die Dankbarkeit ihres Monarchen wahrnehmen. Die Erlasse Julians standen nahezu immer auf dem Boden des Rechts; und er war zugleich standfest genug, den zwei gefährlichsten Versuchungen zu widerstehen, die unter dem Vorwand von Mitleid und Gerechtigkeit den Gerichtshof eines Herrschers bedrängen. Er wog die Hauptumstände des Falles, ohne die Verhältnisse der Parteien in Rechnung zu setzen; und so wurde der Arme, dem er beistehen wollte, dazu verurteilt, die berechtigten Ansprüche eines angesehenen und wohlhabenden Gegners zu erfüllen. Sorgfältig unterschied er zwischen Richter und Gesetzgeber Von den Gesetzen, die Julian in einer Regierungszeit von sechzehn Monaten erlassen hatte, fanden immerhin vierundfünfzig Eingang in den Codex Theodosianus und Justinianus (Gothofredus, Chronologie legum p.64-67). Der Abt de la Bléthiere (Vie de Julien, Band 2, p. 329-36) hat eines dieser Gesetze ausgesucht, um von Julians lateinischem Stil einen Begriff zu geben, welcher kraftvoll und ausgefeilt, aber weniger rein als sein Griechisch ist. ; und obwohl er über die notwendige Reform der römischen Jurisprudenz nachdachte, entsprangen seine Urteile stets einer engen und wörtlichen Auslegung der Gesetze, die die Magistrate zu exekutieren und der Untertan zu befolgen hatte. SEINE SONSTIGEN VERDIENSTE Die Mehrheit der Herrscher würde, ihres Purpurs entkleidet und nackt in die Welt gesetzt, im Augenblick auf die untersten Ränge der Gesellschaft herniedersinken, ohne Hoffnung, jemals aus diesem Schimpf sich empor zu arbeiten. Julians persönliches Verdienst aber war in gewissem Umfang von den Zufälligkeiten seiner Geburt unabhängig. Zu welchem Berufe er sich auch immer entschlossen haben mochte, mit Hilfe seines unverzagten Mutes, lebhaften Geistes und ungeheuren Fleißes hätte er in jedem Gewerbe die höchsten Auszeichnungen erlangt oder zumindest verdient gehabt; in dem Lande, in welchem er als einfacher Bürger geboren war, hätte er es zum Minister oder General gebracht. Wenn die launenhafte Eifersucht der Macht ihm diesen Weg versperrt hätte, wenn er selbst die Pfade zu weltlicher Größe klugerweise gemieden hätte, dann hätte die Anstrengung eben dieser Kräfte in weltabgeschiedenem Studium ihm zu irdischem Glück und einem unsterblichen Namen verholfen, der weit über den von Königen hinausgeht. Wenn wir mit kritischer oder vielleicht sogar übelwollender Pedanterie die Gesamterscheinung Julians betrachten, dann scheint an der Schönheit und Vollkommenheit des Bildes irgendetwas zu fehlen. Sein Genie war weniger groß und weniger erhaben als das eines Caesar; auch fehlte ihm Weisheit in der Vollendung, wie sie Augustus besaß. Die Tugenden eines Traian scheinen solider und ungezwungener, und die Philosophie eines Marcus Aurelius wirkt schlichter und stimmiger. Aber Julian ertrug Widrigkeiten mit Stärke und Glücksumstände mit Gelassenheit. Einhundertundzwanzig Jahre nach dem Tode des Alexander Severus besaßen die Römer endlich wieder einen Herrscher, der zwischen seinen Pflichten und seinen Vergnügungen keinen Unterschied machte; der es sich angelegen sein ließ, die Not seiner Untertanen zu lindern und ihre Seelen zu beleben; und der stets bemüht war, Ansehen mit Verdienst sowie Glück mit Tugend zu verbinden. Der Parteienhass und selbst noch der religiöse Parteienhass mussten die Überlegenheit seines Genies anerkennen, in Friedens- wie in Kriegszeiten; und mit einem Seufzen bekennen, dass Julian, der Apostat, sein Land liebte und die Herrschaft über die Welt verdient hatte »Ductor fortissimus armis, Conditor et legum celeberrimus, ore manuque Consultor patriae, sed non consultor habenda e Religionis, amans tercentum millia Divum. Perfidus ille Deo, quamvis non prefidus orbi. (...in Waffen der stärkste Anführer; hochberühmter Stifter von Gesetzen; in Wort und Tat Ratgeber des Vaterlandes; aber in der Ausübung der Religion kein Ratgeber; Verehrer tausender Gottheiten. Teulos jenem Gott, aber nicht treulos der Welt). Prudentius, Apotheosis, 450-454. Die Gewissheit von einer edlen Gesinnung ließ den christlichen Dichter sein übliches Mittelmaß überwinden. . XXIII JULIANS GLAUBE · ALLGEMEINE TOLERANZ · ER PLANT DIE RESTAURATION DER HEIDNISCHEN RELIGION UND DEN WIEDERAUFBAU DES TEMPELS ZU JERUSALEM · CHRISTENVERFOLGUNG · FANATISMUS UND UNRECHT AUF BEIDEN SEITEN · JULIANS RELIGION Der Vorwurf der Apostasie hat das Andenken Julians verdunkelt; und derselbe Fanatismus, der seine Tugenden verkleinert, hat auch die tatsächliche und sichtbare Größe seiner Fehler übertrieben. Unsere teilweise Unkenntnis stellt ihn uns als einen philosophischen Monarchen dar, welcher sich bemühte, allen religiösen Gruppierungen des Reiches gerecht zu werden; und den theologischen Aufwallungen zu gebieten, welche die Gemüter der Menschheit erhitzt hatten, angefangen von den Erlassen des Diocletian bis hin zum Exil des Athanasius. Eine genauere Betrachtung von Julians Wandel und Wesen wird allerdings dieses günstige Bild eines Herrschers aufgeben müssen, der ebenfalls nicht frei war von den epidemischen Ansteckungen jener Zeit. Wir haben hierbei allerdings den unschätzbaren Vorteil, die Gemälde vergleichen zu können, die seine glühendsten Bewunderer und seine bittersten Feinde von ihm entworfen haben. Julians Taten sind uns getreulich überliefert von einem unparteiischen und redlichen Historiker, dem vorurteilslosen Begleiter seines Lebens und Sterbens. Das unmittelbare Zeugnis seiner Zeitgenossen wird durch die öffentlichen und privaten Verlautbarungen des Kaisers bestätigt; und seine verschiedenen Schriften lassen den Tenor seines religiösen Denkens erkennen, die zu verhehlen und nicht vor sich her zu tragen ihm Staatsklugheit wohl anempfohlen hätte. Beherrschende Leidenschaft Julians war die demütige und ehrliche Verehrung der Götter Athens und Roms Ich möchte an dieser Stelle einige seiner eigenen Sätze aus einer kurzen religiösen Ansprache anführen, die der kaiserliche Pontifex abgefasst hatte, um die freche Gottlosigkeit eines Kynikers zu verurteilen: Ἀλλ᾽ ὅμως οὕτω δή τι τοὺς ϑεοὺς πέφρικα, καὶ φιλῶ, καὶ σέβω, καὶ ἅζομαι, καὶ πάνϑ᾽ ἁπλῶς τὰ τοιαυτὰ πάσχω, ὅσαπερ ἄν τις καὶ οἶα πρὸς ἀγαϑοὺς δεσπότας, πρὸς διδασκάλους, πρὸς πατέρας, πρὸς κηδεμόνας. (Aber dennoch habe ich vor den Göttern heilige Scheu, verehre sie, liebe sie, fürchte sie und erdulde dieses alles einfach, wie es einer wohl auch gegenüber guten Herren, Lehrern, Vätern und Vormündern erduldet.) Orationes 7, p. 212. Die Vielfalt und Üppigkeit der griechischen Sprache scheinen der Glut seiner Frömmigkeit nicht genügen. ; sein aufgeklärtes Denken wurden durch den Einfluss dieses abergläubischen Vorurteils verraten und verdunkelt; und so hatten die Gespenster, die nur in der Vorstellung des Kaisers vorkamen, auf die Regierungsgeschäfte einen handgreiflichen und verderblichen Einfluss. Der kämpferische Glaubenseifer der Christen, welche den Dienst an diesen Fabelgottheiten verachteten und ihre Altäre stürzten, verpflichtete ihre Bekenner zu unversöhnlicher Feindschaft mit einem nicht unbeträchtlichem Teil seiner Untertanen; und er selbst fühlte sich bisweilen versucht, sei es aus Siegesverlangen, sei es aus Scham vor Rückschlägen, die Gebote der Klugheit, ja sogar der Gerechtigkeit zu missachten. Der Triumph der Partei, von der er sich abgekehrt und die er bekämpft hatte, hat an Julians Namen Schande geheftet; und der gescheiterte Apostat wurde zugeschüttet von einer Schlammflut frommer Schmähungen, zu welcher die schrilltönende Trompete Der Redner adressiert mit einiger Eloquenz, viel Begeisterung und noch mehr Eitelkeit seinen Diskurs an Himmel und Erde, an Menschen und Engel, an Lebende und Tote; und ganz besonders an den bedeutenden Constantius: εἴ τις αἴσϑησις (wenn es eine Wahrnehmung (gibt)), ein merkwürdiger heidnischer Ausdruck. Mit kühnem Selbstbewusstsein kündet er, dass er ein Denkmal errichtet habe, dauerhafter, aber viel leichter zu transportieren als die Säulen des Herkules. Siehe Gregor von Nazianz, Orationes 4,3 und 5,42. des Gregor von Nazianz Siehe hierzu die langatmige Schmähschrift, die in Gregors Werken zu Unrecht in zwei Reden geteilt worden ist (Band 1, p. 49–134, Paris 1630). Sie wurde von Gregor und seinem Freund Basileios (5,39) etwa sechs Monate nach dem Tode Julians veröffentlicht, als seine sterblichen Reste nach Tarsus überführt worden waren (5,18), Jovianus aber noch auf dem Thron saß (5,15). Ich habe viel aus einer französischen Fassung und ihren Anmerkungen (Lyon 1735) geschöpft. das Signal gab. Die fesselnden Ereignisse, welche sich unter der kurzen Regierung dieses umtriebigen Herrschers nachgerade anhäuften, verlangen nach gerechter und ausführlicher Darstellung. Seine Beweggründe, seine Beschlüsse und seine Maßnahmen sollen, soweit sie im Zusammenhang mit der Religion stehen, in diesem Kapitel behandelt werden. SEINE ERZIEHUNG · URSACHEN FÜR DEN GLAUBENSABFALL Die Ursachen für seine merkwürdige und verhängnisvolle Apostasie liegen vermutlich in frühen Jugenderlebnissen, als er, eine Waise, den Mördern seiner Familie ausgeliefert war. Die Bezeichnung »Christ« und »Constantius« und die Begriffe von Sklaverei und Religion lagen in seiner Vorstellung sehr eng benachbart, und zwar bereits in einem Alter, welches für prägende Eindrücke äußerst empfänglich ist. Seine Erziehung oblag Eusebios, dem Bischof von Nikomedia »Nicomediae ab Eusebio educatus Episcopo, quem genere longius contingebat.« (Ammianus 22,3). Julian lässt nirgendwo Dankbarkeit gegenüber diesem arianischen Prälaten erkennen; aber seinen anderen Lehrer, den Eunuchen Mardomius, rühmt er durchaus und beschreibt auch seine Erziehungsmethode, durch welche er seinen Schüler mit leidenschaftlicher Bewunderung für das Genie und vielleicht auch für die Religion Homers erfüllte. Misopogon, p. 351f. , welcher mit ihm mütterlicherseits verwandt war; und als Julian in seinem zwanzigsten Jahre stand, hatte ihn sein christlicher Praeceptor nicht etwa zum Helden, sondern zum Heiligen erzogen. Weniger um eine irdische als um eine Himmelskrone bestrebt, bemühte sich der Herrscher mit der schlichten Stellung eines Katechumenen, während er den Neffen Constantins Gregor von Nazianz, Orationes 4,52. Er war später bemüht, dieses heilige Zeichen im Blute eines tauroboliums (Stieropfer, A.d.Ü.) abzuwaschen. Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 361, Nr 3f. die Gnade einer Taufe Julian selbst (Epistulae 51, p.454) versichert den Bewohnern von Alexandria, dass er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr ein Christ (er muss damit den von der aufrichtigen Sorte gemeint haben) gewesen sei. Gregor von Nazianz, Orationes 4,52. Er war später bemüht, dieses heilige Zeichen im Blute eines tauroboliums (Stieropfer, A.d.Ü.) abzuwaschen. Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 361, Nr 3f. angedeihen ließ. Sie durften sogar niedere Ränge in der Kirchenhierarchie einnehmen; und Julian selbst las in der Kirche von Nicomedia aus den Heiligen Schriften vor. Die Beschäftigung mit der Religion, die er sehr ernsthaft betrieb, schien die schönsten Glaubensfrüchte zu tragen Zu seiner christlichen und selbst kirchlichen Erziehung Näheres bei Gregor, Orationes, Sokrates 3,1 und Sozomenos 5,2. Wenig gefehlt, und er wäre ein Bischof geworden, ein Heiliger gar! . Sie beteten, sie fasteten, sie verteilten Almosen an die Armen, Spenden an die Kirche und Gaben an den Gräbern der Märtyrer; und das große Monument der St. Mamas in Caesarea wurde durch die vereinten Kräfte von Julian und Gallus errichtet oder doch wenigstens angeregt Der Teil des Werkes, welcher Gallus zugeteilt wurde, wurde mit Eifer und Nachdruck in Angriff genommen; aber den Teil des Baues, der Julians heillosen Händen übertragen war, wies die Erde hartnäckig von sich (Gregor, Orationes 3,26ff). Ein solches zielorientiertes Erdbeben, welches von vielen zeitgenössischen Zeugen bekräftigt wird, wäre denn doch eines der spektakulärsten Wunder in der gesamten Kirchengeschichte. . Mit Respekt verkehrten sie mit den Bischöfen, die sich durch höhere Heiligkeit auszeichneten, und erbaten den Segen der Mönche und Eremiten, die in Kappadokien die freiwilligen Härten des asketischen Lebens Der Philosoph (Fragmente p. 288) mokiert sich über die eisernen Ketten \&c. dieser Einsamkeits-Fanatiker (Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 9, p. 661), welche vergessen hatten, dass der Mensch ein politisches und kultiviertes Lebewesen ist, ?í?ñ?ðïõ ðïëéôéêï? æ?ïõ êá? ?ì?ñïõ. Der Heide mutmaßt, dass sie, da sie die Götter verraten hätten, nunmehr von bösen Geistern besessen seien und von ihnen gequält würden. propagiert hatten. Als dann die beiden Prinzen in die Jahre ihrer Mannbarkeit eintraten, bemerkten sie Unterschiede in ihren religiösen Auffassungen. Der schwerfällige und begriffsstutzige Gallus übernahm, den Glaubenseifer mit eingeschlossen, die Doktrinen des Christentums; welche aber niemals sein Verhalten steuerten oder seine Leidenschaften zügelten. Die milde Veranlagung seines jüngeren Bruders war offener für die Vorschriften des Evangeliums; und seine lebhafte Neugier hätte durch ein theologisches System zufrieden gestellt werden können, welches das Geheimnis der Gottheit erklärt und einen Einblick in unsichtbare und künftige Welten gewährt hätte. Aber den passiven und unbedingten Gehorsam, den die hochfahrenden Diener der Kirche im Namen der Religion einforderten, wollte und konnte Julians unabhängiger Geist nicht leisten. Was ihnen bloße Vermutung war, machten sie zu geltendem Gesetz, wobei sie noch mit den Schrecknissen ewiger Höllenstrafen fuchtelten; aber indem sie von dem jungen Prinzen starres und formelhaftes Denken, Sprechen und Handeln verlangten; indem sie zu seinen Einwänden schwiegen und ihm forschendes Denken nachgerade verboten, forderten sie seinen ungeduldigen Genius zur Abkehr von seinen kirchlichen Fremdenführern geradezu auf. Er wurde in Kleinasien erzogen, inmitten des Getümmels der arianischen Kontroverse Siehe Julian bei Kyrillos, Adversus libros athei Juliani 6, p.206 und 8, p. 253 und 262. »Ihr verfolgt,« sagt Julian, »jene Häretiker, welche den toten Mann nicht in derselben Weise beklagen, wie ihr es empfehlt.« Er selbst erweist sich als leidlicher Theologe; aber er bleibt dabei, dass die christliche Trinität sich nicht aus der Doktrin eines Paulus, Jesus oder Moses herleiten lässt. . Der bittere Streit der östlichen Bischöfe, die unaufhörlichen Wechsel ihrer Glaubensbekenntnisse und die weltlichen Motive, die ihr Verhalten in Wirklichkeit zu bestimmen schienen, bestätigten Julian unmerklich in seiner Meinung, dass sie nämlich die Religion, für die sie sich so stürmisch einsetzten, weder richtig verstanden hatten geschweige denn überhaupt glaubten. Anstelle den Beweisgründen für das Christentum mit jener entgegenkommenden Aufmerksamkeit zu lauschen, die jeder unmittelbaren Glaubensgewissheit zusätzliches Gewicht verleiht, hörte er nur noch mit Argwohn zu und debattierte mit Abneigung und Schärfe jene Doktrinen, gegen die er bereits unwiderruflich eingenommen war. Wann immer die Prinzen aufgefordert wurden, sich schriftlich zu den jeweils vorherrschenden Kontroversen zu äußern, erklärte Julian sich zuverlässig zum Advokaten des Heidentums; dies unter dem durchsichtigen Vorwand, dass er seine Gelehrsamkeit und geistige Beweglichkeit besser fördern könne, wenn er die schwächere Seite verteidige. VORLIEBE FÜR HEIDNISCHE MYTHOLOGIE Sobald Gallus den kaiserlichen Purpur angelegt hatte, durfte Julian die Luft der Freiheit, der Literatur und des Heidentums atmen Libanios, Oratio Parentalis, 9f; Gregor von Nazianz, Orationes 4,31; Eunapios, Vitae Sophistarum,Maximos, p. 88ff. . Die Masse der Sophisten, die sich angezogen fühlten von ihres kaiserlichen Schülers Neigungen und Liberalität, hatten zwischen der Gelehrsamkeit und der Religion Griechenlands ein festes Bündnis geschmiedet; und die Dichtungen Homers wurden nicht etwa als die Hervorbringungen menschlichen Geistes ästimiert, sondern als himmlische Eingebung Apollos und der Musen. Die olympischen Gottheiten, deren Bild der unsterbliche Sänger vor uns entworfen hat, beeindrucken ja auch diejenigen, die zu nichts weniger Neigung verspüren als zu naivem Aberglauben. Dadurch, dass wir ihre Namen und Eigenschaften kennen, ihr Aussehen und ihre Attribute, erhalten diese Luftgebilde scheinbar reale und handfeste Existenz; und diese holde Verzauberung lässt uns vorübergehend auf diese Fabeln eingehen, welche unser Verstand und unsere Erfahrung mit Entschiedenheit abtun. In Julians Zeiten war jeder Umstand dazu angetan, diese Vorstellungen zu festigen und am Leben zu halten: die herrlichen Tempel Griechenlands und Asiens; die Werke jener Künstler, die die Gottesbilder jenes Dichters in Farbe und Stein gebannt hatten; der Pomp von Festlichkeiten und Opfern; die Kunst der erfolgreichen Weissagung; ihre eher volkstümliche Variante der Orakel- und Wunderschau; und deren zweitausendjährige Tradition. Die Schwäche des Polytheismus ließ sich im gewissen Umfang mit seinen bescheidenen Anforderungen entschuldigen; und zwischen der Götterverehrung der Heiden und noch dem ungebundensten Skeptizismus bestand durchaus keine Unverträglichkeit Ein Philosoph der Gegenwart hat auf tiefsinnige Weise die unterschiedlichen Wirkungsweisen des Theismus und des Polytheismus verglichen unter besonderer Berücksichtigung der Zweifel oder Überzeugungen, die sie im Gemüt des Menschen auszulösen imstande sind. Siehe hierzu die Essays von Hume, Band 2, p.444–457 der Oktavausgabe von 1777. . Anstelle eines streng geordneten, monolithischen Systems, welches sich des gläubigen Gemütes in seinem ganzen Umfang annimmt, besaß die Mythologie der Griechen ungezählte, fast schon beliebige Details, und so hatte der Diener der Götter die Freiheit, Umfang und Tiefe seines Glaubens selbst zu bestimmen. Der Glauben, den Julian zu eigenem Gebrauch annahm, war vom weitesten Umfang; und während er das heilsame Joch der Evangelien verachtete, brachte er, im befremdlichen Gegensatz dazu, an den Altären des Jupiter und Apollo aus freien Stücken seine Vernunft zum Opfer. Eine seiner Reden hält Julian zu Ehren der Göttermutter Cybele, die von ihren zimperlichen Priestern das Blutopfer verlangt, welches ihr der gemütskranke phrygische Knabe so bereitwillig darbrachte. Der fromme Herrscher erzählte ganz ohne zu erröten oder zu grinsen von der Reise der Göttin von Pergamons Küste zur Tibermündung und von dem unfasslichen Wunder, welches Senat und Volk von Rom davon überzeugte, dass der Heilige Stein der Magna Mater, den ihre Gesandten über das Meer mitgebracht hatten, mit Leben, mit Wahrnehmung ferner und mit göttlicher Macht erfüllt sei Die Göttermutter landete gegen Ende des zweiten punischen Krieges in Italien. Das Wunder der Vestalin – oder Matrone(?)– Claudia, (welche das im Tiber festgefahrene Schiff unter Berufung auf ihre Keuschheit wieder flott bekam, A.d.Ü.), die zu Ruhm gelangte, indem sie die strengere Keuschheit der anderen römischen Damen beschämte, wird von ungezählten Zeugen bestätigt. Deren Glaubwürdigkeit wird von Drakenborch (zu Silius Italicus 17,33) untersucht; aber es sei hier die Bemerkung gestattet, dass Livius (29,14) mit taktvollem Ungefähr über dieses Begebnis hinwegschwebt. . Dieses Wunder zu belegen, beruft er sich auf öffentliche Inschriften; und nicht ohne Schärfe tadelt er die schwächliche und gekünstelte Neigung mancher Zeitgenossen, welche die geheiligten Überlieferungen ihrer Vorfahren zu verhöhnen sich erfrechten An dieser Stelle muss ich einfach Julians begeisterte Worte einrücken: »ἐμοὶ δὲ δοκεῖ ταῖς πόλεσι πιστεύειν μᾶλλον τὰ τοιαῦτα, ἢ τουτοτσὶ τοῖς κομψοῖς, ὧν τὸ ψυχάριον δριμὺ μὲν, ὑγιὲς δὲ οὔδε ἓν βλέπει.« (Mir scheint es richtig, den Städten in diesem Punkte eher zu glauben als diesen Geputzten, deren Seelchen zwar scharf sehen, die aber nichts von Bedeutung erkennen.) Orationes 5, p. 161. Julian bekent gleichermaßen seinen festen Glauben an die ancilia, die heiligen Schilde, welche vom Himmel auf den Quirinal herniederfielen; und bezeugt Mitleiden mit der eigentümlichen Blindheit der Christen, welche das Kreuz diesen himmlischen Trophäen vorzögen. Bei Kyrillos 6, p. 194 . VOM ALTAR ZUM TEMPEL Aber der andächtige Philosoph, der den Aberglauben des Volkes aufrichtig teilte und bereitwillig förderte, nahm für sich das Recht zu einer umfassenderen Deutung in Anspruch; und stillschweigend entfernte er sich von den Stufen des Altars in das innerste Heiligtum der Tempel. Die griechische Mythologie verlangte in ihrer Überspanntheit klar und vernehmlich, dass ihr frommer Interpret sich nicht etwa über ihren wörtlichen Sinn erregen oder mit ihm zufrieden geben dürfe, sondern sorgfältig die verborgene Weisheit aufzuspüren bemüht sein müsse, welche die Klugheit der Alten mit dem Schleier der Torheit und der Fabel verhüllt habe Siehe Julian, Orationes 7, p. 216 und 222 über die Grundlagen der Allegorie. Seine Überlegungen sind weniger absurd als die mancher Gegenwartstheologen, welche behaupten, dass eine verstiegene oder widersprüchliche Doktrin notwendig göttlichen Ursprungs sein müsse, da kein lebender Mensch sich dergleichen hätte aussinnen können. . Die Philosophen der platonischen Schule Über diese Sophisten hat Eunapios eine tendenziöse und hitzige Geschichte verfasst, und der kenntnisreiche Brucker (Historia Philosophiae, Band 2, p. 217–303) hat viel gelehrten Schweiß darauf verwendet, ihre dunklen Biographien und unbegreiflichen Lehren zu erhellen. , Plotinus, Porphyrius und der göttliche Jamblichos galten als die bedeutendsten Meister dieser Auslege-Kunst, welche sich so oft damit abmühte, die Wunderlichkeiten des Heidentums zu glätten und zu harmonisieren. Julian selbst, der sich bei seinen mystischen Unternehmungen von Aidesius leiten ließ, dem ehrwürdigen Nachfolger des Jamblichos, erwarb sich so einen Schatz, den er, wenn wir ihm denn seine ernsthaften Versicherungen glauben dürfen, weit höher schätzte als die Herrschaft über die Welt Julian, Orationes 7, p. 222. Er beschwört dies mit glühendster Hingebung; und er bebt davor zurück, zuviel von diesen heiligen Mysterien zu verraten, die der weltlich Gestimmte mit gottlos-sardonischem Gelächter verhöhnen könnte. . Es war in der Tat ein Schatz, der seinen Wert allerdings nur in den Augen des Betrachters besaß; und jeder Künstler, der sich schmeicheln mochte, er habe aus dem umgebenden tauben Gestein das wertvolle Gold herausgeschmolzen, beanspruchte mit gleichem Recht, ihm den Namen und die Eigenschaften beizulegen, die seiner persönlichen Phantasie am besten entgegenkam. Die Sage von Atys und Cybele hatte Porphyrios bereits erklärt; aber seine Bemühungen dienten lediglich dazu, den frommen Eifer des Julian zu befeuern, welcher seine eigene, private Deutung dieses alten Mythos vornahm und bekannt machte. Diese Beliebigkeit der Auslegung, welche den Platonikern eine Lust sein mochte, verriet zugleich das Müßige ihres Vorhabens. Ohne weitschweifige Einzelheiten wäre der heutige Leser außerstande, sich eine zutreffende Vorstellung von den merkwürdigen Anspielungen, den gezwungenen Etymologien, den würdevollen Possen und der undurchdringlichen Finsternis jener Weisen zu machen, welche die Geheimnisse des Universums zu lüften vorgaben. Da die heidnischen Mythen in den unterschiedlichsten Formen überliefert wurden, hatten ihre geweihten Deuter die Freiheit, sich die jeweils passenden Einzelheiten auszusuchen; und da sie eine Geheimsprache übersetzten, konnten sie aus jedem Märchen jeden Sinn herauslesen, der sich dann ihrem jeweiligen religiösen oder philosophischen Lieblingssystem einfügte. Der schwül-erotische Körper der nackten Venus wurde umgebogen und zur moralischen Lebensregel: und die Kastration des Atys erklärte, warum sich die Sonne zwischen den Wendekreisen bewege oder warum die menschliche Seele von Laster und Irrtum frei sei Vgl. die 5. Rede Julians. Aber alle Allegorien der platonischen Schule besaßen nicht den Wert von Catulls kurzem Gedicht (63) zu diesem Gegenstand. Die Verwandlung von Atys wildem Enthusiasmus zur nüchternen und rührenden Klage über seinen unersetzlichen Verlust muss einen Mann mit Mitleid und einen Eunuchen mit Verzweiflung erfüllen. . SYSTEM AUF DER NATURRELIGION BEGRÜNDET Das theologische System des Julian enthielt offenkundig die erhabenen und wichtigen Grundlegungen einer Naturreligion. Da aber diese nicht geoffenbarte Religion jeder überprüfbaren Bestätigung ermangelt, verfiel Platos Schüler unklugerweise wieder der Unsitte des volkstümlichen Aberglaubens; und diese populäre und auch philosophische Gottesauffassung scheint in Julians Handeln, in seinen Schriften, ja sogar in seinem Gemüt Unordnung gestiftet zu haben Julians eigentliche Religion kann entnommen werden aus seinen ›Caesares‹ (p. 308) mit Spanheims Anmerkungen und Erläuterungen; aus Zitaten bei Kyrillos von Alexandrien (Adversus libros athei Juliani 2, p. 57f) und besonders aus der theologischen Rede ›In solem regem‹, p. 130–158, die in freundschftlichem Vertrauen an den Präfekten Sallust gerichtet ist. . Der gläubige Herrscher anerkannte und verehrte die ewige Ursache des Universums, dem er die Vollkommenheit der unendlichen Natur zuschrieb, welche aber dem menschlichen Auge verborgen und dem menschlichen Verständnis unerreichbar blieb. Die oberste Gottheit hatte die Stufenfolge der Geister, Götter, Dämonen, Heroen und Menschen erschaffen, oder, im platonischen Sprachgebrauch, erzeugt ; und alles, was seine Existenz unmittelbar auf die erste Ursache zurückführen konnte, hatte auch Teil an der ihr innewohnenden Unsterblichkeit. Und damit eine so köstliche Gabe nicht an Unwürdige verschwendet werde, hatte der Schöpfer untergeordneten Göttern die Fähigkeit und die Macht verliehen, den menschlichen Körper zu erschaffen, und die köstliche Harmonie des Tier-, Pflanzen- und Mineralreiches zu gestalten. Dieser göttlichen Dienerschaft übertrug er auch die zeitweilige Herrschaft über diese nachgeordnete Welt; aber ihr unvollkommener Dienst war nicht frei von Hader und Irrtum. Die Erde und ihre Bewohner wurden unter sie aufgeteilt, und die Kennzeichen von Mars oder Minerva, Merkur oder Venus kann man in der jeweiligen Gebarung ihrer Bekenner wieder finden. Solange unsere unsterblichen Seelen in einem sterblichen Kerker gefangen sitzen, ist es unser eigenes Interesse, ja sogar unsere Pflicht, die Gunst jener Himmelsmächte zu erflehen und ihren Zorn zu fliehen; ihrem Stolz geschieht durch die Verehrung der Menschen Genüge; und ihre physischen Bedürfnisse erhalten Nahrung aus dem Rauch verbrannter Opfer Julian macht sich diese grobschlächtige Auffassung zu Eigen, schreibt ihre Herkunft aber seinem Liebling Marcus Antoninus zu (Caesares 333). Die Stoiker und die Platoniker schwankten zwischen körperlicher Analogie und der Reinheit des Geistes; aber noch die ernsthaftesten Philosophen neigten der launigen Auffassung des Aristophanes und Lukianos zu, dass nämlich ein ungläubiges Geschlecht die Götter auszuhungern imstande sei. Siehe Spanheim, Anmerkungen p. 284, 444 u.a. . Die niederen Gottheiten mochten sich bisweilen bereit finden, Statuen mit Leben zu erfüllen oder die zu ihren Ehren errichteten Tempel zu bewohnen. Sie besuchten wohl auch ab und zu die Erde, aber der Himmel war ihr eigentlicher Aufenthalt. Die unveränderliche Ordnung von Sonne, Mond und Sternen wurde von Julian ein wenig überhastet als Beweis für ihre ewige Dauer genommen; und ihre Ewigkeit war ein hinreichender Beleg dafür, dass sie die Hervorbringung nicht einer untergeordneten Gottheit, sondern eines allmächtigen Herrschers waren. Im platonischen System war die sichtbare Welt nur eine Erscheinungsform einer unsichtbaren. Die Himmelskörper mochte man, da sie nun einmal durch göttlichen Geist gebildet waren, als die Objekte tiefster religiöser Verehrung ansehen. Die SONNE, deren Einfluss das Universum verspürt, beanspruchte zu Recht die Verehrung der Menschen, ist sie doch die sichtbare Verkörperung des LOGOS, das lebendige, erfassbare, wohltätige Abbild des geistigen Vaters. Ἥλιον λέγω, τὸ ζῶν ἄγαλμα καὶ ἔμψυχον, καὶ ἔννουν, καὶ ἀγαϑόεργον τοῦ νοητοῦ πατρός (Julian, Briefe 51). An andere Stelle (bei Kyrillos 2, p. 69) nennt er die Sonne Gott und Gottes Thron. Julian glaubte an Platos Trinität und tadelt die Christen nur dafür, dass einen sterblichen Logos einem unsterblichen vorzögen. PHILOSOPHEN UNTERSTÜTZEN HEIDENTUM Zu allen Zeiten gibt es für das Fehlen von echter Inspiration Abhilfe durch die Wahngebilde der Begeisterung und durch die Kunst der Verstellung. Wenn in den Zeiten Julians diese Künste nur von heidnischen Priestern geübt wurden, die damit ihrer untergehenden Sache beistehen wollten, dann darf man mit diesem hieratischen Brauchtum wohl ein wenig Nachsicht üben; aber eine Überraschung und ein Ärgernis ist es denn doch, dass selbst die Philosophen an diesem Missbrauch Die Sophisten von Eunapios sind ebenso wundertätig wie die Heiligen der Wüste; und nur dies spricht für sie, dass ihre Gemütsverfassung weniger trostlos ist. Anstelle von Teufeln mit Hörnern und Schwänzen rief Iamblichos aus zwei benachbarten Quellen die Liebesgenien hervor, Eros und Anteros. Zwei hübsche Knaben entstiegen den Wassern, umfassten ihn zärtlich als ihren Vater und entfernten sich wieder auf sein Geheiß (p. 26f). der menschlichen Leichtgläubigkeit beteiligt waren und dass die griechischen Mysterien Unterstützung erfuhren durch das Denken und die Thëurgie des modernen Platonismus. Sie gaben – einigermaßen überheblich – vor, die Ordnung der Natur in der Hand zu haben, die Geheimnisse der Zukunft zu ergründen, die Kräfte der Finsternis zu beherrschen, mit den Mächten des Lichtes auf vertrautem Fuße zu stehen und dadurch, dass sie die Seele aus ihrer materiellen Beschränktheit befreiten, dieses Teilchen Unsterblichkeit mit dem unendlichen, göttlichen Geiste erneut zu vereinen. JULIANS WEIHE IN EPHESOS Julians hingebungsvolle und furchtlose Neugierde lockte die Philosophen, die auf leichte Beute hofften; was infolge der Stellung ihres jugendlichen Proselyten die schönsten Folgen hervorrufen mochte Diese listigen Machenschaften der Sophisten, die sich ihren arglosen Schüler gegenseitig zuspielten, schildert Eunapios in naiver Unbefangenheit (p. 69–76). Der Abt de la Bléterie durchschaut die Komödie und beschreibt sie auf nette Weise (Vie de Julien, p. 61–67). . Die ersten Tropfen der platonischen Doktrin empfing Julian aus dem Munde des Aidesios, der in Pergamon seine verfolgte Wanderschule heimisch gemacht hatte. Da aber die sinkenden Kräfte jenes ehrbaren Weisen dem Lerneifer, der Aufmerksamkeit und der raschen Auffassung seines Schülers nicht mehr gewachsen waren, vertraten auf seinen eigenen Wunsch seine beiden besten Schüler, Chrysantes und Eusebios, ihren betagten Meister. Diese beiden Philosophen scheinen ihre jeweilige Rolle vorbereitet und unter sich aufgeteilt zu haben; und mit dunklen Andeutungen und vorgetäuschtem Streit erweckten sie in dem Anwärter ungeduldige Hoffnungen, bis sie ihn ihrem Genossen Maximos ausliefern konnten, dem kühnsten und geschicktesten Meister der Thëurgie. Durch ihn wurde Julian in seinem zwanzigsten Lebensjahr heimlich in Ephesos geweiht. Sein Aufenthalt in Athen bewies diese naturwidrige Allianz von Philosophie und Aberglauben. Er wurde ernstlich in die eleusischen Mysterien eingeführt, welche inmitten des allgemeinen Niederganges der griechischen Götterverehrung immer noch Spuren ihrer ursprünglichen Heiligkeit an sich trugen; und so eifrig war Julian im Glauben, dass er anschließend den Pontifex von Eleusis an den gallischen Hof lud, einzig zu dem Zwecke, durch mystische Rituale und Opferhandlungen das große Werk seiner, des Julian, Weihe zu vollenden. Da nun diese Zeremonien in der Abgeschiedenheit von Höhlen und im Dunkel der Nacht vollzogen wurden, und da die Unverletzlichkeit dieser Geheimnisse von den Initiierten streng beobachtet wurde, will ich mich jetzt nicht unterfangen, die grässlichen Klänge und feurigen Gesichte zu schildern, die den Sinnen und der Phantasie des Adepten Als Julian in einem Moment der Panik das Kreuzeszeichen schlug, waren die Dämonen im Nu verschwunden. Gregor nimmt an, dass sie von Furcht gepackt wurden, aber die heidnischen Priester erklärten mit Bestimmtheit, dass sie empört waren. Der Leser möge nach seinen eigenen Glaubensmaßstäben diese grundlegende Frage entscheiden. geboten wurden, bis ihm dann endlich Tröstung und Erkenntnis wie eine himmlische Erleuchtung überfluteten Einen distanziert-düsteren Blick auf die Schrecken und Freuden der Initiation gewähren uns Dion Chrysostomos, Themistios, Proklos und Stobaios. Der gelehrte Warburton hat in seiner ›Divine legation‹ ihre Aussagen beigebracht (Band 1, p.239, 247f und 280) und beutet sie mit Geschick, zuweilen auch mit Zwang zugunsten seiner Hypothese aus. . In den Höhlen von Ephesos und Eleusis wurde Julian von aufrichtiger, tiefer und unabänderlicher Gottesbegeisterung durchdrungen; ob er auch gleich sich bisweilen in frommem Betrug und in Heuchelei übte, was man regelmäßig als zuverlässige Indikatoren für Gewissensfanatismus wahrnehmen oder doch wenigstens vermuten kann. Von diesem Moment an war sein Leben dem Dienst an den Göttern geweiht; und während Krieg, Verwaltung und Studien bereits seine ganze Zeit zu beanspruchen schienen, blieb doch eine festgesetzte nächtliche Zeitspanne aufgespart, die er im Gebet verbrachte. Die Enthaltsamkeit, welche die ernsten Sitten dieses Soldaten und Philosophen zierte, stand in Zusammenhang mit allerlei merkwürdigen religiösen Diätvorschriften; und so geschah es zu Ehren von Pan oder Merkur, Hekate oder Isis, dass Julian an vorbestimmten Tagen sich gewisser Nahrung enthielt, die seine Titulargottheiten hätten kränken können. Durch diese freiwilligen Fasten bereitete er Sinne und Gemüt auf die zahlreichen vertraulichen Besuche vor, mit denen ihn die himmlischen Mächte auszeichneten. Ungeachtet des bescheidenen Schweigens von Julian können wir von seinem treuen Freund, dem Redner Libanios in Erfahrung bringen, dass er im beständigen Austausch und Wechselgespräch mit Göttern und Göttinnen lebte; dass sie auf die Erde herniederstiegen, mit ihrem Liebling Umgangs zu pflegen; dass sie wohl auch durch Berühren der Hand oder der Haare ihn sanft aus dem Schlummer weckten; dass sie ihn vor jeder bevorstehenden Gefahr warnten und ihn überhaupt in jeder Lebenslage mit untrüglicher Weisheit leiteten; und dass er sich endlich eine derartig intime Kenntnis seiner himmlischen Gäste erworben hatte, dass er leicht die Stimme Jupiters von der Minervas unterscheiden konnte und die Physiognomie des Herkules von der Apollos Julian begnügt sich aus Bescheidenheit mit gelegentlichen und schwer verständlichen Andeutungen; aber Libanios lässt sich weitschweifig über die Fasten und Visionen seines religiösen Helden aus (Legatio ad Julianum, p. 157 und Oratio parentalis 83). . Diese Gesichte seiner Schlaf- oder Wachphasen, die eine natürliche Folge von Enthaltsamkeit und Glaubenseifer sind, hätte den Kaiser mit einem ägyptischen Mönch auf die gleiche Stufe gestellt. Aber das unersprießliche Leben eines Antonius oder Pachomius war ausschließlich mit diesen zweckfreien Aktivitäten erfüllt. Julian hingegen konnte sich von geträumtem Aberglauben losreißen und zur Schlacht rüsten; und hatte er die Feinde Roms im Felde besiegt, so zog er sich stillschweigend in sein Zelt zurück, um die weisen und heilsamen Gesetze des Reiches zu Papier zu bringen oder seinen Geist durch anspruchsvolle literarische oder philosophische Untersuchungen zu verwöhnen. ER VERHEHLT SEINE RELIGION Das wichtige Geheimnis von Julians Glaubensabfall wurde der Verschwiegenheit der Initiierten anvertraut, mit denen er durch die heiligen Bande von Freundschaft und Religion verbunden war Libanios, Oratio parentalis 10. Gallus hatte einigen Grund, die heimliche Apostasie seines Bruders zu vermuten; und in einem wohl echtem Briefe ermahnt er Julian, den Glauben ihrer Vorfahren treu zu bleiben; ein Argument, das noch nicht völlig spruchreif war. Siehe Julian, Opera, Band 1, p. 454 und la Bléterie, Histoire de Jovien, Band 2, p. 141. . Diese erfreuliche Zeitung wurde mit Vorbehalt unter den Anhängern des alten Glaubens verbreitet; und seine künftige Größe wurde Gegenstand der Hoffnungen, Gebete und Voraussagen der Heiden aller Provinzen. Vom Eifer und von der Redlichkeit ihres königlichen Anhängers erwarteten sie die Besserung aller Übel und die Wiederherstellung aller Glücksumstände; und anstelle nun die Heftigkeit ihrer frommen Wünsche zu tadeln, bekannte Julian unbefangen, er wünsche eine Situation herbeizuführen, in welcher er seinem Lande und seiner Religion von Nutzen sein könne. Aber der Nachfolger Constantins, der in seiner Launenhaftigkeit das Leben Julians abwechselnd gerettet oder gefährdet hatte, sah mit scheelen Blicken auf diese Religion. Zauberei und Wahrsagerei waren unter seiner Willkürregierung, welche diese auch sonst fürchtet, strengstens verboten; und betrieben die Heiden weiterhin unbelehrbar und hartnäckig ihren Aberglauben, dann hätte auch die Stellung Julians sie von der allgemeinen Toleranz ausgenommen. Schon bald wurde der Apostat zum voraussichtlichen Thronfolger, und nur sein Tod hätte die begründeten Sorgen der Christen beruhigen können Mit unmenschlichem Fanatismus tadelt Gregor (Orationes 4,3) den Constantin dafür, dass er Julian als Kind verschont habe. (κακῶς σώτεντα). Sein französischer Übersetzer (p. 265) bemerkt vorsichtig, solche Ausdrücke müssten nicht »prises à la lettre«. . Aber der junge Fürst, welcher eher Helden- als Märtyrerruhm für erstrebenswert hielt, verhehlte aus Gründen der Tarnung seine Religion; und das leichtsinnige Naturell des Polytheismus erlaubte ihm, an einem öffentlichen Gottesdienst einer Sekte teilzunehmen, die er von Herzen verachtete. Für Libanios war die Heuchelei seines Freundes Objekt nicht der Beanstandung, sondern des Lobes. »So wie die Götterbilder,« so der Redner, »welche mit Unflat besudelt waren, nunmehr wieder in ihren herrlichen Tempeln aufgestellt sind, so hat auch die Wahrheit in ihrer ganzen Schöne Platz gefunden im Gemüt des Julian, nachdem er sie von der Irrtümern und Torheiten seiner Erziehung gereinigt hat. Sein Denken hat sich gewandelt; da aber dieses Denken öffentlich zu bekennen nicht ohne Gefahr ist, sind seine Aufführungen nach wie vor unverändert. Anders als der Esel in der Fabel des Aisop, welcher sich mit einem Löwenfell verkleidete, war unser Löwe genötigt, sich in eine Eselshaut zu hüllen; und den Geboten des Zwanges und Not zu gehorchen, während er doch dem Diktat der Vernunft folgte Libanios, Oratio parentalis 9. .« Das Versteckspiel Julians dauerte über zehn Jahre, angefangen mit seiner heimlichen Initiation zu Ephesos bis zum Beginn des Bürgerkrieges, als er sich zum unversöhnlichen Feind Christi und des Constantius erklärte. Diese Bedrängnis hat möglicherweise seinen Glauben gefestigt; und sobald er seiner Pflicht genügt und bei festlichem Anlass einer Versammlung von Christen beigewohnt hatte, eilte er mit der Ungeduld eines Liebhabers nach Hause zurück, um in seinen Privatkapellen Jupiter und Merkur aus freien Stücken zu räuchern. Da nun aber jede Form der Verstellung für ein freigeborenes Gemüt von Übel ist, steigerte das abgenötigte Bekenntnis zum Christentum Julians Widerwillen gegen diese Religion, welche ihm Fesseln auferlegte und zu einem Verhalten nötigte, welches den edelsten Attributen des Menschen, der Aufrichtigkeit und dem Mut, entgegengesetzt ist. SEINE STREITSCHRIFT GEGEN DIE CHRISTEN Herzensneigung hat Julian bestimmt, den Göttern Homers und der Scipionen den Vorzug vor der Religion zu geben, welche sein Onkel im römischen Reich eingeführt hatte und welcher er durch das Sakrament der Taufe zugehörte. In seiner Eigenschaft als Philosoph fühlte er die Verpflichtung, seine Abneigung gegen das Christentum zu begründen, welche Religion durch die Vielzahl ihrer Konvertiten, die lange Abfolge von Prophezeiungen, ihre glänzenden Wunder und ihre unmittelbare Überzeugungskraft Unterstützung erhielt. Die ausgefeilte Schrift Fabricius,(Bibliotheca Graeca, Band 5, c.8, p.88ff) und Lardner (Heathen testimonies, Band 4, p. 44–47) haben mit Sorgfalt alles das gesammelt, was sich jetzt noch in Julians Werken gegen die Christen auffinden ließ. , die er inmitten der Vorbereitungen zum Perserkrieg abfasste, enthielt den Extrakt seines Denkens, mit dem er lange Zeit schwanger gegangen war. Einige Fragmente haben sich durch Abschrift bei seinem Gegner erhalten, dem kampfesfrohen Kyrillos von Alexandria Etwa siebzig Jahre nach dem Tode Julians unternahm er dessen Widerlegung, woran bereits der geschwätzige und alberne Philipp von Sidon seine schwachen Kräfte probiert hatte. Aber die Schrift des Kyrillos hat selbst sehr wohlmeinende Beurteiler nicht recht überzeugt, und der Abt de la Bléterie wünscht sich (Vorwort zur Histoire de Jovien, p. 30 und 32), dass irgendein théologien philosophe (ein drolliges Mischwesen!) eine Widerlegung des Julian vornehmen möge. ; und sie lassen eine einzigartige Mischung von Witz und Gelehrsamkeit, von Sophisterei und Fanatismus erkennen. Die stilistische Eleganz und der hohe Rang ihres Verfassers empfahlen die Schrift dringend der öffentlichen Aufmerksamkeit Libanios (Oratio parentalis 87, p.313), den man verdächtigt hat, seinem Freunde beigestanden zu haben, gibt dieser göttlichen Rechtfertigung (Orationes 9, In necem Iuliani, p.255) den Vorzug gegenüber den Schriften des Porphyrios. Man mag Libanios' Urteil anzweifeln, (Sokrates 3,23) aber man kann ihm nicht vorwerfen, einem toten Herrscher geschmeichelt zu haben. ; und in der Rangliste der gottvergessenen Feinde des Christentums musste der berühmte Name des Porphyrios alsbald neben Julians größerer Wirkung und Reputation verblassen. Die Gläubigen ihrerseits wurden entweder abspenstig gemacht, oder sie empörten sich, oder sie schlugen Alarm; und die Heiden, die sich zuweilen in diesen ungleichen Disput einzumischen getrauten, hatten in ihres kaiserlichen Missionars volkstümlicher Schrift eine unerschöpfliche Rüstkammer mit den verfänglichsten Gegengründen. Aber im Laufe dieser eifrigen theologischen Studien nahm der Kaiser Roms auch die rigiden Vorurteile und Leidenschaften eines kämpferischen Gottesgelahrten in sich auf. Er verpflichtete sich selbst unwiderruflich, seine religiöse Auffassung aufrecht zu erhalten und zu propagieren; und während er sich insgeheim zu der Stärke und Geschicklichkeit beglückwünschte, mit der er die Waffen im Glaubenskampfe führte, fühlte er sich zugleich versucht, der Aufrichtigkeit seiner Gegner zu misstrauen oder ihre Verstandeskräfte anzuzweifeln, weil sie sich der Macht von Vernunft und Beredsamkeit so halsstarrig widersetzten. ALLGEMEINE DULDUNG DER RELIGIONEN Die Christen, die mit Schaudern und Empörung auf die Apostasie Julians blickten, hatten von seiner Machtfülle erheblich mehr zu fürchten als von seinen Argumenten. Die Heiden, die sich seines glühenden Eifers durchaus bewusst waren, erwarteten, möglicherweise sogar mit Ungeduld, dass die Flammen der Verfolgung gegen die Feinde der Götter schon bald entzündet würden; und dass die erfinderische Bösartigkeit Julians einige grausame Verfeinerungen für Folter und Hinrichtungstechniken ersinnen möge, welche seinen brachialen und dilettantischen Vorgängern noch unbekannt gewesen waren. Aber die Hoffnungen und die Befürchtungen der beiden Faktionen wurden gleichermaßen enttäuscht Libanios (Oratio parentalis 58) hat mit viel Beredsamkeit die Grundsätze der Toleranz und das allgemeine Verhalten seines kaiserlichen Freundes auseinander gesetzt. In einem recht ungewöhnlichen Brief an die Einwohner von Bostra (Brief 52) bekennt Julian sich selbst zur Mäßigung und verrät dabei seinen religiösen Eifer, der von Ammianus eingeräumt und von Gregor (Orationes 4,57) verhöhnt wird. , da die klugbedachte Humanität des Herrschers um seinen eigenen Ruf, den öffentlichen Frieden und die Menschenrechte besorgt war. Julian hielt sich überzeugt, belehrt durch die Geschichte und durch eigenes Nachdenken, dass körperliche Gebrechen zwar irgendwann durch heilsame Gewaltkuren zu beheben seien, dass aber weder Schwert noch Brand die Irrtümer der Seele austilgen können. Man kann den besiegten Gegner auch gegen dessen Willen vor den Altar schleifen; aber das Herz schreckt immer noch vor dieser unheiligen Handlung der Faust zurück und verzichtet auf sie. Durch Unterdrückung wird religiöse Widerspenstigkeit zuverlässig noch mehr gefestigt; und sobald die Verfolgung erlahmt, werden die, die Schwäche gezeigt hatten, als Reuige wieder aufgenommen, und die, die widerstanden hatten, als Heilige und Märtyrer verehrt. Hätte Julian zurückgegriffen auf die fruchtlose Grausamkeit des Diocletians und seiner Kollegen, dann, so war er sich bewusst, hätte er sein Andenken mit dem Namen des Tyrannen verdunkelt, und außerdem hätte er der katholischen Kirche zu neuem Ruhm verholfen, die aus den strengen Maßregeln der heidnischen Magistrate neue Stärke und Zuwachs geschöpft hätte. Aus diesen Gründen und aus der Sorge, die Ruhe seiner noch ungefestigten Herrschaft zu stören, überraschte Julian die Welt durch einen Erlass, der eines Staatsmannes und Philosophen nicht unwürdig war. Alle Einwohner des Römischen Reiches kamen in denselben Genuss einer allgemeinen und gleichen Toleranz; und die einzige Beschwernis, die die Christen zu tragen hatten, war das Verbot, ihre Landsleute fernerhin zu ärgern, indem sie ihnen Ekelnamen wie Götzenanbeter oder Häretiker anhängten. Die Heiden erhielten die großzügige Erlaubnis oder vielmehr den ausdrücklichen Befehl, ALLE Tempel zu öffnen In Griechenland wurden alle Minervatempel auf seinen ausdrücklichen Befehl und noch vor dem Tode des Constantius geöffnet (Libanios, Oratio parentalis 55, p. 280); und in einem öffentlichen Manifest an die Athener erklärt Julian sich selbst zum Heiden. Dieser unstrittige Beleg kann auch die voreilige Versicherung des Ammianus richtig stellen, welcher annimmt, dass Konstantinopel der Ort war, an welchem er seine Neigung zu den Göttern entdeckte. ; und zugleich wurden sie von allen Sondergesetzen und willkürlichen Schikanen befreit, welche man unter der Herrschaft des Constantin und seiner Söhnen für sie ausgeheckt hatte. Zugleich wurden die Bischöfe und Kleriker, die von dem arianischen Herrscher verbannt worden waren, zurückgerufen und neuerlich in ihre jeweiligen Ämter eingesetzt; die Donatisten, die Novatianer, die Makedoner die Eunomianer und die, welche infolge eines günstigen Geschickes zufällig die Doktrin des nikäischen Konzils bekannten. Julian verstand ihre theologischen Dispute und verlachte sie; er lud die Anführer der verfeindeten Sekten zu sich in den Palast, da er sich von ihren bitteren Wortgefechten unterhaltsame Zerstreuung erwartete. Das Gelärme ihrer Diskussion veranlasste den Herrscher schon bald zu dem Ausruf: »Höret mich! Die Franken haben auf mich gehört, und die Alamannen!«; aber schon bald wurde er inne, dass er sich auf einen hartnäckigeren und unversöhnlicheren Feind eingelassen hatte; und obgleich er alle Künste der Beredsamkeit aufwandte, um sie zu überreden, in Eintracht oder doch wenigstens in Frieden miteinander zu leben, war er doch heilfroh, dass er zumindest von der Einigkeit der Christen nichts zu befürchten hatte. Der sachliche Ammianus hat diese bemühte Milde seinem Wunsch zugeschrieben, die Spaltung der Kirche weiter voran zu treiben; und dieser arglistige Plan, die Fundamente des Christentums zu unterhöhlen, stand in unauflöslichem Zusammenhang mit Julians Bestreben, die alte Religion des Reiches wieder herzustellen Ammianus 22,5; Sozomenes, 5,5. »Bestia moritur, tranquillitas redit . . . omnes episcopi qui de propriis sedibus fuerant exterminati per indulgentiam novi principis ad ecclesias redeunt.« (Die Bestie ist tot, Ruhe kehrt ein, alle ihres Sitzes enthobenen Bischöfe kehren durch die Huld des neuen Fürsten zurück in die Kirche). Hieronymus adversus Luciferianos, Opera, Band 2, p. 143. Optatus beschuldigt die Donatisten, sie hätten ihre Sicherheit einem Apostaten zu danken (De schismatem Donatistarum 2,16). . WIEDERHERSTELLUNG DER HEIDNISCHEN RELIGION Sobald er den Thron bestiegen hatte, übernahm er – ganz nach den Gepflogenheiten seiner Vorgänger – das Amt des obersten Pontifex; dies nicht nur, weil es die angesehenste Stellung seines kaiserlichen Berufes war, sondern weil es ein heiliges und wichtiges Amt war, dessen Pflichten zu erfüllen er sich mit frommen Eifer vorgesetzt hatte. Da ihn die Regierungsaufgaben davon abhielten, tagtäglich den öffentlichen Götterdiensten seiner Untertanen in Person beizuwohnen, weihte er der Sonne, seiner Titulargottheit, eine Privatkapelle; seine Gärten waren mit Statuen und Altären der Gottheiten bestückt; und jedes Zimmergelass im Palast erweckte den Eindruck eines prachtvollen Tempels. Jeden Morgen begrüßte er den Vater des Lichtes mit einem Opfer; versank die Sonne hinter dem Horizont, wurde ein weiteres Opfer dargebracht; und auch der Mond, die Sterne und die Genien der Nacht erhielten ihre jeweiligen angemessenen Ehrungen von Julians nimmer ermüdender Anbetung. An hohen Feiertagen besuchte er regelmäßig den Tempel des Gottes oder der Göttin, denen dieser Tag gewidmet war, und er unternahm es, durch seinen eigenen vorbildlichen Eifer die religiösen Empfindungen der Magistrate und des Volkes zu beleben. Er begnügte sich nicht mit der abgehobene Stellung eines Monarchen, den der Purpur zierte und die goldenen Schilde seiner Leibwachen schirmten; Julian unterzog sich mit devotem Eifer der niedrigsten Dienste, die der Dienst an den Götter erforderte. Inmitten der geweihten, aber ausgelassenen Schar der Priester, untergeordneter Diener, Tänzerinnen, die für den Dienst im Tempel vorgesehen waren, brachte der Kaiser das Holz, fachte das Feuer, führte das Messer, schlachtete das Opfertier und riss, nachdem er seine blutigen Hände in die Eingeweide des verendenden Tieres getaucht hatte, Herz oder Leber heraus und las mit der eingeweihten Kenntnis des Haruspex die unsichtbaren Hinweise auf künftige Ereignisse. Die intelligenteren unter den Heiden tadelten diesen aufgesetzten Aberglauben, dem jeder Geist und jeder Anstand abging. Unter diesem Herrscher, der durchaus sparsam mit Geld umzugehen pflegte, bildeten die Ausgaben für religiöses Leben einen beträchtlichen Haushaltsposten; so wurden beständig die seltensten und schönsten Vögel aus entfernten Weltgegenden nachgeliefert, nur um auf den Altären der Götter zu bluten; oft wurden von Julian an einem einzigen Tage einhundert Ochsen geopfert; und es wurde zum verbreiteten Witzwort, dass nach der Rückkehr von dem Perserfeldzug, wenn er denn erfolgreich verlaufen sei, das Hornvieh unfehlbar ausgerottet werden würde. Aber diese Ausgabe scheint vernachlässigbar angesichts der Masse an Geschenken, die durch den Herrscher persönlich oder auf seine Anordnung an den verschiedenen geheiligten Stätten des römischen Reiches den Göttern dargebracht wurden; und auch angesichts der Ausgaben, die für Reparatur und Instandsetzung der alten Tempel anfielen, welche im Laufe der Zeit oder durch jüngere christliche Raubsucht gelitten hatten. Ermutigt durch das Beispiel, die Aufmunterungen und die Freigebigkeit ihres frommen Herrschers, nahmen die Gemeinden und Familien ihre lange vernachlässigten Zeremonien wieder auf. »Jeder Ort der Welt,« so Libanius mit gläubiger Begeisterung, »stellte ohne Gefahr oder Furcht den Sieg der Religion zur Schau; und ebenso den erhebenden Anblick von rauchenden Altären, blutenden Opfertieren, von Räucherwerk und von Prozessionen der Priester und Propheten; noch auf den höchsten Bergen waren Gebete und Musik zu hören; und ein und derselbe Ochse diente als Opfer für die Götter und als Mahl für seine fröhlicher Bekenner Die Restauration des Heidentums wird beschrieben von: Julian (Misopogon p. 346); Libanios (Oratio parentalis 60 und Oratio consularis ad Iulianum, p. 245f.); Ammianus (22,4); Gregor von Nazianz (Orationes 4). Diese Autoren schildern die wichtigsten; aber auch die nebensächlichen Umstände übereinstimmend; aber es wird in der Abstufung von Eigenlob, ergebener Bewunderung, sanftem Tadel bis hin zu parteiischer Hetze erkennbar, in welch' unterschiedlichem Licht sie die außerordentliche Religiosität Julians sehen. .« REFORMATION DES HEIDENTUMS Gleichwohl reichten das Genie und die Tatkraft des Julian nicht hin, erneut eine Religion zu etablieren, welcher theologische Grundlagen, moralische Vorschriften und Kirchenzucht abgingen; welche rasch zerfiel und zerbrach und vollkommen reformunfähig war. Die Rechtsprechung des obersten Pontifex erstreckte sich, zumal nach der Vereinigung dieses Amtes mit der Kaiserwürde, über das römische Reich in seiner gesamten Ausdehnung. Zu seinen Vikaren in den einzelnen Provinzen ernannte Julian Priester und Philosophen seines besonderen Vertrauens, von denen er tätige Mitarbeit bei der Durchführung seines großen Vorhaben an ehesten erwarten konnte; und seine Hirtenbriefe Siehe Julian, Briefe 49, 62, und 63, sowie ein langes und bemerkenswertes Fragment ohne Anfang und Schluss (p. 288–305). Der Oberpriester verlacht die mosaische Geschichte und die christliche Lehre, zieht die griechen Dichter den hebräischen Propheten vor und redet mit der Raffinesse eines Jesuiten die ›relative‹ Bilderverehrung schön. , wenn denn dieser Ausdruck erlaubt ist, ermöglichen uns einen äußerst verblüffenden Einblick in seine Wünsche und Absichten. So gibt er die Anweisung, dass in jeder Stadt der Priesterstand ohne Ansehen von Geburt und Vermögen nur aus solchen Männern bestehen dürfe, welche sich durch ihre Liebe zu den Göttern besonders auszeichneten. »Wenn sie irgendeines Vergehens schuldig sind,« fährt er fort, »dann sollen sie durch den vorsitzenden Pontifex bestraft und degradiert werden; solange sie aber in Amt und Würden sind, haben sie Anspruch auf den Respekt des Magistrates und des Volkes. Ihre Demut mögen sie durch die Schlichtheit ihrer äußeren Erscheinung zeigen; ihre Würde durch den Prunk ihrer heiligen Amtstracht. Wenn sie an der Reihe sind, ihre Pflicht vor dem Altar zu versehen, dürfen sie während der vorgesehenen Tage nicht den heiligen Tempelbezirk verlassen; noch sollen sie auch nur einen Tag ohne die Gebete und Opfer verstreichen lassen, welche sie zu des Staates und des Volkes Wohl darzubringen verpflichtet sind. Die Ausübung ihrer heiligen Pflichten macht fleckenlose Reine an Körper und Seele zur Bedingung; aber auch dann, wenn sie vom Tempeldienst zu den Obliegenheiten des täglichen Lebens entlassen sind, sollen sie sich vor ihren Landsleuten durch Wohlanständigkeit und Tugend auszeichnen. Niemals sollen sich die Priester der Götter in Kneipen oder Theatern blicken lassen. Er führe seine Gespräche in Züchten, seine Nahrung sei maßvoll und seine Freunde seien respektabel; und wenn er gelegentlich den Palast oder das Forum besucht, dann soll er dies lediglich tun, um als Fürsprecher derer aufzutreten, welche vorher vergeblich Gerechtigkeit oder Gnade für sich erfleht hatten. Seine Studien sollen zu der Heiligkeit seines Amtes passen. Frivole Erzählungen, Komödien oder Satiren gehören nicht in seine Bibliothek, die lediglich historische und philosophische Schriften enthalten möge. Den gottlosen Auffassungen der Epikureer und Skeptiker begegne er mit Ablehnung und Verachtung Das Frohlocken Julians (ebd., p.301) über den Untergang dieser verruchten Sekten und ihrer Schriften mag noch zu seinem Priesteramt passen: aber eines Philosophen unwürdig ist der Wunsch, dass irgend eine Meinung oder irgend ein Argument, die zu der eigenen im unversöhnlichen Gegensatz steht, aus dem Gedächtnis der Menschheit verschwinden möge. ; aber mit Sorgfalt studiere er die philosophischen Systeme des Pythagoras, Platos und der Stoiker, welche übereinstimmend lehren, dass Götter seien ; dass die Welt durch ihre Vorsehung geleitet wird; dass ihre Göttlichkeit der Ursprung jedes irdischen Wohlergehens ist; und dass sie für die menschliche Seele einen künftigen Zustand von Belohnung und Bestrafung bereithalten.« Der kaiserliche Hohepriester schärft mit äußerstem Nachdruck die Verpflichtung zu Wohlwollen und Gastfreiheit ein; und er ermuntert den niederen Klerus, diese Praxis allgemein zu empfehlen; verspricht, ihrer Bedürftigkeit durch Schenkungen abzuhelfen; und verkündet schließlich seine Entschlossenheit, in jeder Stadt Hospitäler zu gründen, wo jeder Bedürftige ohne Ansehen seiner Nationalität oder seines Glaubens Aufnahme finden solle. Mit Neid blickte Julian auf die weisen und humanen Maßnahmen der christlichen Kirche; und er bekennt ganz unverblümt seine Absicht, die Christen des Beifalls und der Vorteile zu berauben, welche sie sich durch die ausschließliche Übung dieser Mild- und Wohltätigkeit erwürben Er verbreitet sogar das Gerücht, dass die Christen unter dem Vorwand der Mildtätigkeit die Kinder ihrer Religion und ihren Eltern abspenstig machten, sie auf Schiffe brachten und ihre Opfer danach einem Leben in Armut und Sklaverei in fernen Ländern überließen (ebd. p.305) War dieser Anklagepunkt zu beweisen, dann wäre es seine Pflicht gewesen zu strafen und nicht zu lamentieren. . Der gleiche Nachahmungstrieb mochte den Herrscher auch bestimmt haben, verschiedene andere kirchliche Einrichtungen zu übernehmen, deren Nutzen und Bedeutung am Erfolg seiner Gegner abzulesen war. Wären aber diese Pläne tatsächlich umgesetzt worden, dann hätte diese gezwungene und unvollständige Kopie sich nicht als segensreich für das Heidentum, sondern ehrenhaft für das Christentum erwiesen Gregor von Nazianz wird witzig, unterhaltsam und schlagfertig (Orationes 4, 115ff). Er bespöttelt die Torheit dieser vergeblichen Nachahmungen; und er geht höhnisch der Frage nach, welche religiösen oder theologischen Lehren man aus den griechischen Märchen ziehen könnte. . Die Heiden, welche in aller Friedfertigkeit den Sitten ihrer Ahnen folgten, waren eher überrascht als erfreut über diesen Import fremden Brauchtums; und während seiner kurzen Regierungszeit hatte Julian denn auch mehrfach Gelegenheit, den mangelnden Eifer seiner eigenen Partei zu beklagen Er klagt sogar einen seiner Pontifices der heimlichen Kumpanei mit christlichen Bischöfen und Presbytern an (Epistulae 62). Ὁρῶν οὖν πολλὴν μὲν ὀλιγωρίαν οὖσαν ἡμῖν πρὸς τοὺς ϑεούς, und an anderer Stelle: ἡμᾶς δὲ οὕτω ῥᾳϑύμως (sah ich, dass bei uns die Götter stark vernachlässigt wurden....wir so verzagt) Epistulae 63. . NACHDENKEN ÜBER SEINE TITULARGOTTHEITEN Die Begeisterung Julians bewirkte, dass er die Freunde Jupiters für seine persönliche Freunde und Glaubensbrüder ansah; und obgleich er das christliche Verdienst der Glaubenstreue mit Vorbedacht nur gering achtete, so bewunderte und belohnte er doch die edle Beharrlichkeit der Heiden, welche die Zuneigung ihrer Götter der ihrer Kaiser vorgezogen hatten So rühmt er die Treue der Cerespriesterin Callixene, die doppelt so standhaft wie Penelope gewesen sei, und belohnt sie mit der Priesterschaft der phrygischen Gottheit zu Pessinus (Epistulae 21). Und er lobt die Festigkeit des Sopater von Hieropolis, der von Constantius und Gallus mehrfach zur › Apostasie‹' genötigt worden war. (Epistulae 27, p. 401). . Wenn sie dann neben der Religion auch noch die Literatur der Griechen pflegten, erwarben sie sich einen zusätzlichen Anspruch auf Julians Freundschaft, da er auch die Musen unter seine Titulargottheiten rechnete. In der von ihm ausgeübten Religion waren Frömmigkeit und Gelehrsamkeit nachgerade Synonyme Ὅ δὲ νομίζων ἀδελφὰ λόγους τε καὶ ϑεῶν ἱερά. (Dieser aber glaubt, Vernunft sei mit der Heiligkeit der Götter verschwistert) Oratio parentalis 77, p. 302 Dieser Gedanke wird oft und mit Nachdruck von Julian, Libanios und den übrigen aus ihrer Gruppe vorgebracht. ; und eine Schar von Dichtern und Philosophen eilte, am kaiserlichen Hofe die verwaisten Posten der Bischöfe zu besetzen, welche aus der Naivität des Constantius ihren Vorteil gezogen hatten. Seinem Amtsnachfolger waren die Bande der gemeinsamen Initiation heiliger als die der Blutsverwandtschaft: seine Günstlinge suchte er unter jenen Weisen, welche mit den Geheimwissenschaften der Zauberei und Wahrsagerei auf vertrautem Fuße standen; und jeder Betrüger, der die Geheimnisse der Zukunft zu enthüllen vorgab, durfte des Genusses gegenwärtiger Ehre und Überfülle versichert sein Die imperiale Neugier und Leichtgläubigkeit, die auch jede Form der Wahrsagerei ausprobierten, werden von Ammianus (22,12) offen dargelegt. . Den ersten Rang in dieser Hierarchie kaiserlicher Freunde hatte der Philosoph Maximos inne, den er mit unbegrenztem Vertrauen in seine Handlungen, seine Gedanken und seine religiösen Vorhaben einbezog, solange der Bürgerkrieg noch nicht entschieden war Julian, Epistulae 38. Drei weitere Briefe (15, 16, 29) in gleichbleibend freundschaftlich-vertraulichem Stil sind an den Philosophen Maximos gerichtet. . Sobald Julian den Palast von Konstantinopel übernommen hatte, schickte er eine ebenso dringende wie ehrenhafte Einladung an Maximos, welcher damals im lydischen Sardes seinen Wohnsitz genommen hatte, zusammen mit Chrysanthios, dem Gefährten seiner Studien. Der bedächtige und abergläubische Chrysanthios trug Bedenken, eine Reise anzutreten, welche nach den Erkenntnissen der Wahrsagekunst mit Vorzeichen von übelster Bedeutung belastet war: aber sein Gefährte, dessen Fanatismus von robusterem Zuschnitt war, setzte den Göttern so lange mit Fragen zu, bis er ihnen Zustimmung zu seinen und seines Herrschers Wünschen abgetrotzt hatte. Die Reise des Maximos durch die Städte Asiens war ein einziger Triumph philosophischer Eitelkeit; und die Magistrate wetteiferten geradezu miteinander darin, dem Freunde ihres Herrschers einen ehrenvollen Empfang zu bereiten. Julian hielt gerade vor dem Senat eine Rede, als er von der Ankunft des Maximos erfuhr. Sofort unterbrach der Kaiser seine Ausführungen, eilte, ihm zu begegnen, umarmte ihn zärtlich und führte ihn an der Hand mitten unter die Versammlung; woselbst er dann öffentlich von den Segnungen kündete, die er von den Unterweisungen des Philosophen erfahren habe. Maximos Eunapios (Vita Sophistarum, Maximos, p. 77–79 und Chrysanthios, p. 147f.) hat diese Anekdote, welche er für die bedeutendsten Ereignisse des Zeitalters hielt, in allen Einzelheiten geschildert. Die Schwächen des Maximos werden offenherzig eingestanden. Seine Ankunft in Konstantinopel beschreiben Libanios (Oratio parentalis c.86) und Ammianus (22,7). erlangte schon bald das Vertrauen Julians, danach Einfluss auf seine Entwürfe, und unmerklich wurde er durch die Versuchungen des Kaiserhofes korrumpiert. Seine Kleidung ward prunkvoller, sein Benehmen hochfahrender, und unter einer der nachfolgenden Regierungen wurde er in einer peinliche Untersuchung zu erklären genötigt, auf welche Weise er, der Schüler Platos, denn in so kurzer, gesegneter Zeit eine solche, geradezu obszöne Menge Geldes angehäuft habe. Auch die anderen Philosophen und Sophisten, die eine Einladung Julians oder der Erfolg des Maximos an den Kaiserhof gelockt hatte, hatten Schwierigkeiten, ihre Unschuld oder ihr Ansehen zu bewahren Chrysanthius, der sich geweigert hatte, Lydien zu verlassen, wurde Hohepriester in der Provinz. Sein vorsichtiger und maßvoller Umgang mit der Macht war für ihn nach der Revolution sehr hilfreich; er lebte in Frieden, während Maximus, Priscus und andere den Nachstellungen christlicher Minister ausgesetzt waren. Die Erlebnisse dieser schwärmerischen Sophisten nachlesen bei Brucker, Historia philosophiae, Band 2, p. 281–293. . Die großzügige Überlassung von Geld, Ländereien, Häusern reichte nicht hin, ihre Habgier zu beruhigen; und zu Recht erregte man sich, wenn man an ihre äußerste Armut zurückdachte und ihre selbstlosen Bekenntnisse. Immer konnte Julians durchdringender Verstand nicht getäuscht werden: aber es fiel ihm schwer, die Wesensart jener Männer zu verachten, deren Begabung seinen Respekt verdienten; ihm lag daran, dem doppelten Vorwurf der Unklugheit und der Unzuverlässigkeit zu entgehen; und zugleich trug er Bedenken, vor den Augen der Welt das Ansehen der Gelehrsamkeit und der Religion zu beschädigen Siehe Libanios (Oratio parentalis 100f.) und Eunapios (Vita Sophistarum, Prohairesios p. 126). Einige Schüler, der Erwartungen vielleicht unbegründet oder zu hochgesteckt waren, zogen sich missvergnügt zurück. (Gregor von Nazianz, Orationes 4, p. 120). Es ist schon merkwürdig, dass wir nicht imstande sein sollten, eine Kapitelüberschrift bei Tillemont (Histoire des empereurs, Band 4, p. 960) zu widerlegen: » La Cour de Julien est pleine de philosophes et de gens perdus.« (Julian Hof ist voll gestopft mit Philosophen und mit Pack.) . ER BEKEHRT SOLDATEN ZUM HEIDENTUM Julian verteilte seine Gunst zu annähernd gleichen Teilen auf die Heiden, die dem Glauben ihrer Väter treu geblieben waren und die Christen, welche mit kluger Berechnung den Glauben ihres Herrschers angenommen hatten. Proselytenmacherei Unter der Regierung Ludwig XIV. strebten seine Untertanen nach dem ruhmreichen Titel eines Convertisseur , der ihren Eifer und ihren Erfolg im Proselytenmachen bezeichnete. Das Wort und die damit verbundene Einstellung verschwinden allmählich aus Frankreich; mögen in England beide niemals Einlass finden! war die alles beherrschende Richtschnur seiner Seele, seines Aberglaubens und seiner Eitelkeit; und man hörte, wie er mit missionarischem Feuer verkündete, dass er, selbst wenn er jeden Untertan reicher als Midas und jede Stadt größer als Babylon gemacht hätte, sich solange nicht als Wohltäter der Menschheit ansehen würde, solange er nicht seine Untertanen von ihrem gottlosen Aufbegehren gegen die unsterblichen Göttern abgebracht habe Siehe die bitteren Worte des Libanios, die wohl Julians eigene waren. Oratio parentalis 59. . Ein Herrscher, der die menschliche Natur kennen gelernt hatte und der über die Schätze des römischen Reiches verfügte, konnte seine Gedankengänge, seine Versprechen und seine Belohnungen jedem christlichen Brauch anpassen Wenn es Gregor von Nazianz darum geht, (Orationes 10) die christliche Standhaftigkeit seines Bruders Caesarius, eines Hofarztes, zu vergrößern, dann gesteht er zu, dass Caesarius es mit einem fürchterlichen Gegner zu tun hatte, πολὺν ἐν ὅπλοις, καὶ μέγαν ἐν λόγων δεινότητι (in Waffen stark und groß in der Worte Gewalt). Wenn er ihn verlästern will, gesteht er dem Abtrünnigen nicht den geringsten Witz oder Mut zu. ; und erfolgte der Glaubensübertritt nur zur rechten Zeit, so glich dies die charakterlichen Defizite des Kandidaten aus, und wäre er auch mit der Schuld eines Verbrechers beladen. Da nun die Armee die mächtigste Waffe der absoluten Macht ist, unterließ Julian es nicht, seine besondere Aufmerksamkeit der Religion seiner Truppen zu widmen, da ohne deren von Herzen kommenden Zustimmung jede Maßnahme misslich und erfolglos bleiben musste; und die naturgegebene Gemütsverfassung der Soldaten machte seinen Sieg auf diesem Felde ebenso leicht, wie er andererseits wichtig war. Die gallischen Legionen etwa bekannten sich zum Glauben ihres erfolgreichen Feldherrn ebenso wie zu seinem Glück; und noch vor dem Tode des Constantius konnte er seinen Freunden mit Genugtuung mitteilen, dass sie mit glühender Verehrung und heißem Appetit an den Opfern von Hekatomben fetter Ochsen teilnahmen, die er des öfteren in seinem Lager darbrachte Julian, Epistulae 38; Ammianus 22,12. » Adeo ut in dies paene singulos milites carnis distentiore sagina victitantes incultius, potusque aviditate correpti, humeris impositi transeuntium per plateas, ex publicis aedibus . . . ad sua diversoria portarentur. (...so sehr, dass alle Tage einzelne Soldaten, zum Bersten voll durch die Fleisches-Mast und dem Trunke verfallen, zufälligen Passanten auf die Schultern gepackt und aus öffentlichen Gebäuden in ihre Kasernen getragen werden mussten.) Der fromme Herrscher und der idignierte Historiker beschreiben dieselbe Szenerie, doch auch in Illyrien und Antiochia müssen ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen hervorgebracht haben. . Die Legionen des Ostens, die unter dem Kreuze und unter Constantius ihre Ausbildung erfahren hatten, verlangten nach einer kunstvolleren und kostspieligeren Form der Bekehrung. An hohen öffentlichen Festtagen empfing der Herrscher die Huldigung der Truppen und sprach zugleich Belobigungen aus. Sein Thron war von den militärischen Insignien Roms und der Republik umgeben; der heilige Name Christi war aus dem labarum entfernt; und diese Symbole des Krieges, der Majestät und des heidnischen Aberglaubens waren so geschickt arrangiert, dass der gläubige Untertan die Schuld der Götzenverehrung auf sich lud, wenn er die Person oder das Bild seines Herrschers mit allem Respekt auch nur grüßte. So wurde nun Heerschau gehalten; und jeder Soldat musste, bevor er aus der Hand Julians ein seinen Verdiensten oder seinem Rang entsprechendes Donativ erhielt, ein paar Brocken Weihrauch in die Flammen werfen, welche auf dem Altar räucherten. Einige christliche Bekenner mochten sich wohl weigern, und andere Reue empfinden; aber die Mehrzahl, geblendet durch den Anblick des Goldes und beeindruckt durch die Anwesenheit ihres Herrschers, ging auf diesen üblen Handel ein; und auch die fernere Anbetung der Götter lag in ihrem ureigensten Interesse. Durch häufige Wiederholung dieser Kunstgriffe und mit einer Summe Geldes, mit der man die halbe skythische Nation hätte anwerben können, sicherte Julian den Schutz der Götter für seine und für sich selbst die zuverlässige und wirkungsvolle Unterstützung der römischen Legionen Gregor (Orationes 4,65 und 82ff) und Libanios (Oratio parentalis 81f., p. 307f) περὶ ταύτην τὴν στουδήν, οὐκ ἀρνοῦμαι πλοῦτον ἀνηλῶσϑαι μέγαν. (Hinsichtlich dieses Eifers werde ich mich nicht weigern, beträchtliche Mittel einzusetzen.) Der Sophist räumt die Kosten dieser militärischen Bekehrung ein und rechtfertigt sie auch. . Es ist in der Tat mehr als wahrscheinlich, dass die Restauration des Heidentums zahlreiche Scheinchristen offenbarte, welche um äußerer Vorteile willen sich mit der Religion der früheren Herrscher arrangiert hatten; und welche danach mit der gleichen Schmiegsamkeit des Gewissens zu dem Glauben zurückkehrten, den die Nachfolger Julians bekannten. TEMPEL VON JERUSALEM NEU ERBAUT Während der götterfürchtige Monarch unverdrossen an der Restauration und der Verbreitung des Glaubens seiner Väter arbeitete, fasste er zugleich den außergewöhnlichen Beschluss, den Tempel von Jerusalem wieder aufzubauen. In einem offenen Brief Julians Brief (25) ist an die jüdische Gemeinde adressiert. Aldus (Ausgabe Venedig 1499) kennzeichnet ihn mit dem Zusatz εἰ γνήσιος (falls echt), welcher Vorbehalt indessen von den späteren Herausgebern Petavius und Spanheim getilgt wurde. Sozomenes erwähnt 5,22 den Brief, Gregor (Orationes 4) und Julian selbst bestätigen den Inhalt. (Fragment p.295). an die Nation und die Gemeinden der Juden in den verschiedenen Provinzen bedauert er ihr Unglück, verflucht ihre Unterdrücker, rühmt ihre Glaubensstärke, erklärt sich selbst zu ihrem großherzigen Beschützer und äußert die fromme Hoffnung, dass nach der Rückkehr von dem Perserfeldzug er in des Allmächtigen heiliger Stadt Jerusalem seine Gelübde einlösen dürfe. Der blinde Aberglauben und die elende Lage dieser unglückseligen Vertriebenen mochte dem philosophischen Herrscher verächtlich vorkommen; aber durch ihren unverwelklichen Hass gegen alles Christliche verdienten sie sich Julians Zuwendung. Die Synagogen in ihrer Unfruchtbarkeit blickten mit Scheelsucht auf die blühende abtrünnige Kirche: aber der Einfluss der Juden war kleiner als ihr Missgunst; noch ihre einflussreichsten Rabbis hießen den privaten Mord an einem Abtrünnigen gut Die Mischna drohte denen den Tod an, die den Grund des Heils verlassen hatten. Diese Verdammung aus Glaubenseifer erläutern Marsham (Chronicus Canon, p. 161f.) und Basnage (Histoire des Juifs, Band 8. P. 120). Constantin erließ ein Gesetz zum Schutz der vom Judentum abgefallenen Christen. Codex Theodosianus 16,8,1, Gothofredus Band 6, p. 215. ; und ihr aufsässiges Lärmen hatte oftmals die Geduld der heidnischen Magistrate erschöpft. Unter der Herrschaft der Constantine wurden die Juden Untertanen ihrer abtrünnigen Kinder, der Christen, und bald darauf erfuhren sie die Bitterkeit einer Tyrannei im eigenen Lande. Ihre bürgerlichen Rechte, die Severus ihnen gegeben oder wenigstens bestätigt hatte, wurden durch die christlichen Herrscher schrittweise zurückgenommen; und ein Aufstand der Juden in Palästina »Et interea« (während des Bürgerkrieges gegen Magentius) Judaeorum seditio, qui Patricium nefarie in regni speciem sustulerunt, oppressa. (Und inzwischen war der Aufstand der Juden unterdrückt, welche in den Patricius ruchlos auf den Thron erhoben hatten.) Aurelius Victor,Constantio 42. Siehe Tillemont. Histoire des Empereurs, 4, p. 379, Quartausgabe. rechtfertigte im Nachhinein die einträglichen Methoden der Unterdrückung, die die Bischöfe und Eunuchen am Hofe des Constantius ausgesonnen hatten. Der jüdische Patriarch, der immer noch die Rechtsprechung auf Widerruf ausüben durfte, hatte seinen Amtssitz in Tiberias Stadt und Synagoge von Tiberias werden von Reland, Palaestina, Band 2, p. 1036–42 anregend beschrieben. ; und in den Nachbarstädten Palästinas wohnten immer noch Menschen, die mit Inbrunst an das gelobte Land glaubten. Aber das Edikt Hadrians wurde erneuert und bekräftigt; und von Ferne nur sahen sie die Mauern der heiligen Stadt, welche in ihren Augen entweiht war durch die Sieg des Kreuzes und die Gottesdienste der Christen Basnage hat die Situation der Juden unter Constantin und seinen Nachfolgern ausführlich dargestellt (Band 8, p.111–153). . PILGER BESICHTIGEN CHRISTLICHE RELIQUIEN Inmitten eines felsig-unfruchtbaren Landes umschlossen die Mauern Jerusalems Reland (Palaestina, Buch 1, p. 309 und 390; Buch 3, p. 838) beschreibt Jerusalem und das Umland kenntnisreich und anschaulich. die beiden Berge Zion und Akra, wobei sie einen ovalen Grundriss von drei englischen Meilen bildeten Ich habe hierzu eine schwer erhältliche und lesenswerte Abhandlung von Herrn d'Anville (»Über das alte Jerusalem«) heran gezogen. Der Umfang der alten Stadt (Eusebios, Praeparatio evangelica 9, 36) betrug siebenundzwanzig Stadien oder 2550 toises . Ein an Ort und Stelle aufgenommener Stadtplan ergibt allerdings nicht mehr als 1980 für die heutige Stadt. Der Umfang ist durch natürliche Gegebenheiten festgelegt, welche eindeutig sind und auch nicht entfernt werden können. . Nach Süden hin wurden Oberstadt und die Burg Davids auf der luftigen Anhöhe des Zion-Berges errichtet; nach Norden hin bedeckten die Gebäude der Unterstadt den umfangreichen Gipfel des Akra-Berges; und einen anderen Teil des Hügels, der einen eigenen Namen – Moriah – trug und der durch menschliches Zutun eingeebnet war, krönte der herrliche Tempel des jüdischen Volkes. Nach seiner endgültigen Zerstörung durch Titus' und Hadrians Waffen wurde der heilige Grund unter den Pflug genommen zum Zeichen ewigen Verbotes. Zion ward aufgegeben; und der leere Boden der Unterstadt wurde mit privaten und öffentlichen Häusern der aelischen Kolonie bebaut, welche sich dann auch noch über den benachbarten Kalvarienberg ausbreitete. Götzenbilder entweihten die heiligen Orte; und ein Venustempel wurde, sei es durch Zufall oder aus Absicht, genau an jener Stelle errichtet, welche durch den Tod und die Auferstehung Christi heilig war Siehe zwei bemerkenswerte Stellen bei Hieronymos (Band 1, p. 102 und Band 4, p. 315) und die reichlichen Einzelheiten bei Tillemont (Histoire des empereurs, Band 1, p. 569 und Band 2, p. 289 und 294, Quartausgabe). . Etwa dreihundert Jahre nach jenen wunderbaren Ereignissen wurde der Venustempel auf Anordnung Constantins eingerissen; und da die Erde und die Steine entfernt waren, wurde das Heilige Grab den Menschen wieder sichtbar. Eine herrliche Kirche wurde auf jenem mystischen Grunde vom ersten christlichen Herrscher errichtet; und diese fromme Freigebigkeit dehnte sich aus auf jedem Flecken, welche heilig waren durch Spuren der Patriarchen, der Propheten und des Gottessohnes Eusebios, Vita Constantini 3,25–47 und 51ff. Ebenso ließ der Kaiser Kirchen in Bethlehem und auf dem Ölberg errichten. Das Heilige Grab wird beschrieben von Sandys (Travels, p. 125–33) und von de Bruyn (Vayage au Levant, p 288–96) sorgfältig gezeichnet. . WALLFAHRTEN Das drängende Verlangen, sich in die Betrachtung der Gedenkstätten ihrer Erlösung zu versenken, zog eine wachsende Menge von Pilgern nach Jerusalem, von den Atlantikküsten angefangen bis hin in den äußersten Osten Das Reisehandbuch von Bourdeaux nach Jerusalem zum Nutzen der Pilger wurde im Jahre 333 verfasst; unter ihnen erwähnt Hieronymus (Opera, Band 1, p. 126) besonders die Briten und Inder. Die Ursache für diese abergläubische Modeerscheinung wird in Wesseling, Itineraria (p. 537–45) gelehrter und ausgewogener Vorrede diskutiert. ; ihre Frömmigkeit erhielt zusätzliche Weihe durch das Vorbild der Kaiserin Helena, in welcher sich die Leichtgläubigkeit des Alters mit den Nachbeben der soeben vollzogenen Bekehrung vereinten. Gelehrte und Heroen, die die Gedenkstätten antiker Weisheit oder Ruhmes aufgesucht hatten, bekannten die Beseelung, die der genius loci Cicero (De Finibus 5,1) hat den gesunden Menschenverstand mit vieler Anmut definiert. auf sie ausübte; und der Christenmensch, der vor dem Heiligen Grabe kniete, schrieb seinen lebendigen Glauben und seine glühende Verehrung dem unmittelbaren Einfluss des göttlichen Geistes zu. Dem Glaubenseifer und wohl auch der Habgier des Klerus von Jerusalem waren diese wohltätigen Besuche durchaus lieb, und er förderte sie. Eine unumstößliche Tradition legte den genauen Schauplatz für jedwedes denkwürdige Ereignis fest. Sie stellten die Werkzeuge zur Schau, die während des Leidens Christi benutzt worden waren; die Nägel und die Lanze, die seine Hände, seine Füße und die Seite durchbohrt hatten; die Dornenkrone, die man ihm auf das Haupt gesetzt hatte, die Säule, an der man ihn gegeißelt hatte; und als Krönung des Ganzen zeigten sie das Kreuz, an dem er gelitten hatte und welches man genau dann ausgegraben hatte, als es als Symbol des Christentums in die Feldzeichen der römischen Legionen eingeritzt wurde Baronius (Annales ecclesiastici, A.D. 326, Nr. 42–50) und Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 8–16) sind die Historiker und Meister der wundersamen Erfindung des Kreuzes zur Zeit des Constantin. Ihre ältesten Zeugen sind Paulinus, Sulpicius Severus, Rufinus, Ambrosius und vielleicht noch Cyrillos von Jerusalem. Das Schweigen des Eusebios und der Pilger von Bourdeaux erfreut die, die gerne selber denken und stürzt die in Verlegenheit die, welche lieber glauben. Man sehe auch Jortins durchdachte Anmerkungen in seinen Remarks on Ecclesiastical History (Band 2, p. 238–248). . Die Wunder, die zu seiner unbegreifliche Konservierung und zeitlich passenden Wiederentdeckung vorausgesetzt werden mussten, wurden ohne Widerrede geglaubt. Die Aufsicht über das wahre Kreuz, welches an Ostersonntagen in einem feierlichen Rahmen dem Volke gezeigt wurde, lag in den Händen des Bischofs von Jerusalem; und nur er durfte seiner seltsamen Verehrung durch die Pilger Genüge tun, denen er kleine Späne schenkte und die sie dann in Gold oder Edelsteine fassten und im Triumph in ihre Heimat brachten. Da nun aber dieser einträgliche Andenkenhandel aus natürlichen Gründen hätte rasch zum Erliegen kommen müssen, hielt man es für angebracht, dass das wundertätige Holz über eine heimliche Wachstums-Kraft verfüge; und dass seine Substanz, obschon beständig verkleinert, weiterhin vollständig und unvermindert blieb Diese Vermehrung wird uns von Paulinus bestätigt (Epistulae 36; siehe Dupin, Bibliothèque ecclésiastique, Band 3, p. 149), welcher eine rhetorische Figur von Cyrillos zu einer physikalischen Tatsache gemacht zu haben scheint. Das gleiche übernatürliche Vorrecht muss dann aber auch der Jungfrauen-Milch zuteil geworden sein (Erasmus, Colloquium de peregrinatione religionis, Opera, Band 1, p. 778), den Köpfen der Heiligen und noch anderen Reliquien, welche sich in so vielen verschiedenen Kirchen immer wieder finden. . Man hätte nun annehmen können, dass die Heiligkeit eines Platzes und der Glaube an ein Dauer-Wunder sich heilsam auf Moral und Glauben des Volkes ausgewirkt hätten. Aber selbst die angesehensten Kirchenschriftsteller sahen sich zu dem Eingeständnis genötigt Hieronymos (Opera Band 1, p. 103), der im benachbarten Bethlehem lebte, schildert die Laster von Jerusalem aus seiner persönlichen Erfahrung. , dass die Straßen von Jerusalem beständig mit dem Lärm der Händler und der Spaßmacher sich füllten und dass das Laster in allen seinen Spielarten, dass Ehebruch, Diebstahl, Bilderverehrung, Giftmischerei und Mord den Bewohnern der heiligen Stadt durchaus geläufig waren Gregorius von Nyssa, bei Wesseling, Itineraria, p. 539. Der ganze Brief, welcher die Sitte und die Unsitte religiöser Fahrten verurteilt, ist katholischen Gottesgelahrten schmerzlich zu lesen, während er unseren protestantischen Glaubenskämpfern lieb und vertraut ist. . Der Reichtum und die gehobene Stellung der Kirche von Jerusalem weckte die Gelüste arianischer und auch rechtgläubiger Bewerber; und die Tugenden eines Cyrillos, dem nach seinem Tode der Titel eines Heiligen zuerkannt wurde, äußerten sich in der Ausübung und weniger in der Erlangung seiner bischöflichen Würde Er widerruft seine Ordinierung nach orthodoxem Ritus, als er den Rang eines Diakons innehatte, und wurde von arianischer Hand neuerlich ordiniert. Aber danach wandelte Cyrillos seine Auffassung allmählich noch einmal und fügte sich in kluger Weise dem nicäischen Glaubensbekenntnis. Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 8) der sein Andenken mit zärtelnder Ehrfurcht behandelt, hat seine Tugenden im Text ausgebreitet und seine Verfehlungen in das schickliche Halbdunkel der Anmerkungen am Schluss des Bandes verbannt. . EIN JÜDISCHER TEMPEL NEBEN DEM KREUZESWEG Julian mochte in seinem Ehrgeiz darnach trachten, den vergangenen Ruhm des Tempels von Jerusalem zu erneuern »Imperii sui memoriam magnitudine operum gestiens propagare.« (im Wunsche, die Erinnerung an seine Regierung durch großmächtige Bauten zu mehren) Ammian. 23,1. Der Tempel von Jerusalem war sogar unter den Heiden berühmt. Sie hatten deren viele, in jeder Stadt (in Sichem fünf, in Gaza acht, in Rom gar vierhundertundvierundzwanzig); aber die Pracht und die Religion des jüdischen Volkes war auf eine einzige Stelle zentriert. . Und da es für die Christen zuversichtliche Gewissheit war, dass das ganze Gebäude des mosaischen Gesetzes infolge göttlichen Beschlusses für immer zugrunde gegangen war, hätte der kaiserliche Sophist den Erfolg seines Unternehmens zu einem handfesten Argument gegen den Glauben an die Propheten und gegen die Wahrheit der Offenbarung machen können Die heimlichen Entwürfe des Julian werden durch den verstorbenen Bischof von Gloucester enthüllt, den gelehrten und glaubensstarken Warburton; welcher mit der Autorität eines Theologen die Motive und das Verhalten eines obersten Seienden festsetzt. Sein Essay mit dem Titel Julian (2. Auflage, London 1751) trägt unverkennbar die Besonderheiten, die man der Schule Warburtons nachsagt. . Ihm missfiel der Dienst in der Synagoge; aber er billigte die Vorschriften Moses', welcher sich nicht zu schade gewesen war, viele Riten und Zeremonien Ägyptens zu übernehmen Ich verschanze mich an dieser Stelle hinter Maimonides, Marsham, Spencer, Le Clerc, Warburton und anderen, welche die Ängste, die Torheiten und die Irrtümer mancher abergläubischer Theologen verhöhnt haben. Siehe Warburton, Divine legation, Band 4, p. 25ff. . Der lokale und nationale Gott der Juden wurde von einem Polytheisten, der nur die Zahl der Götter vermehren wollte, aufrichtig verehrt Julian nennt ihn respektvoll μέγας ϑεός (Großer Gott) und erwähnt ihn an anderer Stelle mit noch größerem Respekt (Epistulae 63). Die Christen verurteilt aus zwei Gründen: dafür, dass sie die Religion der Juden glaubten und zugleich zurückwiesen. Ihre Gottheit war der ›wahre‹, aber nicht der ›einzige‹ Gott. ; und so groß war Julians Lust auf Blutopfer, dass er sich von Salomons Frömmigkeit angespornt fühlte, welcher am Tage der Tempelweihe immerhin zweiundzwanzigtausend Ochsen und einhundertundzwanzigtausend Schafe hatte opfern lassen Könige 1, 8,63; Chronik 2,7,5; Iosephos, Antiquitates Iudaica 8,4. Da der Rauch und das Blut so vieler Hekatomben unpassend erscheinen könnten, entfernt der christliche Rabbi Lightfoot sie mit Hilfe eines Wunders, Le Clerc (ad loca) ist kühn genug, die Zuverlässigkeit der Zahl zu bezweifeln. . Dies alles könnte auf seine Pläne eingewirkt haben; aber die Aussicht auf einen unmittelbaren und wichtigen Vorteil verstellte dem ungeduldigen Monarchen nicht den Blick auf den bevorstehenden, ungewissen Perserkrieg. So beschloss er, ohne Verzug auf der beherrschenden Höhe des Berges Morija einen prachtvollen Tempel zu errichten, welcher vielleicht sogar den Glanz der Auferstehungskirche auf dem benachbarten Kalvarienhügel zu verdunkeln imstande war; eine Priestervereinigung ins Leben zu rufen, deren durch Glauben befeuerter Eifer die Ränke ihrer christlichen Rivalen ausspähen und ihre Bestrebungen dämpfen würde; und endlich eine zahlenstarke Kolonie Juden anzusiedeln, deren strenger Fanatismus sich immer vorbereitet finden würde, die feindlichen Maßnahmen einer heidnischen Regierung nicht nur zu unterstützen, sondern sogar noch vorwegzunehmen. Unter den Freunden des Kaisers (wenn denn die Substantive Kaiser und Freund überhaupt kompatibel sind) wurde die erste Stelle, und zwar durch Julian persönlich, dem brillanten und gelehrten Alypius zugewiesen Julian, Epistula 29f. La Bléterie hat es unterlassen, den zweiten Brief zu übersetzen. . Seiner Menschlichkeit hielten ein strenger Gerechtigkeitssinn und mannhafte Seelenstärke die Waage; und während er diese Begabungen bei der Zivilverwaltung Britanniens bewährte, empfand er in seinen Gedichten die Harmonie und den Schmelz sapphischer Oden nach. Dieser Minister nun also, den Julian ohne Einschränkung an seinen frivolsten und seinen ernsthaftesten Gedanken teilhaben ließ, erhielt den außergewöhnlichen Auftrag, den Tempel von Jerusalem in seiner vormaligen Schönheit wiederaufzubauen; und die planende Umsicht des Alypius verlangte und erhielt die tätige Unterstützung des Provinzverwalters von Palästina. Ihr großer Befreier rief sie, und die Juden aus allen Provinzen versammelten sich auf dem Heiligen Berge ihrer Väter; ihr Triumphlärm aber schreckte die Christenmenschen von Jerusalem auf und ärgerte sie. Die Sehnsucht, den Tempel wieder zu errichten, war zu allen Zeiten der beherrschende Gedanke der Kinder Israel gewesen. In dieser glückverheißenden Stunde vergaßen die Männer ihre Habsucht und die Weiber ihre Feinfühligkeit; die Eitelkeit der Reichen stellte Spaten und Hacken aus Silber bereit, und der Schutt wurde in Mänteln aus Seide und Purpur fortgeschafft. Jede Börse öffnete sich freigebig, jede Hand fasste mit an bei dem frommen Werk; und die Begeisterung eines ganzen Volkes führte die Anordnungen eines großen Monarchen aus Über Glaubenseifer und Unduldsamkeit der Juden siehe Gregor von Nazianz (Orationes5,4) und Theodoretos (3,20). . DAS VORHABEN WIRD AUFGEGEBEN Doch erwiesen sich bei dieser Gelegenheit die vereinten Anstrengungen von Macht und Begeisterung als unzureichend; der Boden des jüdischen Tempels, auf dem heute eine mohammedanische Moschee Erbaut von Omar, dem zweiten Kalifen, der im Jahre 644 starb. Diese großartige Moschee steht in vollem Umfang auf dem heiligen Boden des jüdischen Tempels und nimmt ein Viereck von fast 760 toises oder den Umfang von einer römischen Meile ein. Siehe d'Anville, Jerusalem p. 45. steht, bot nach wie vor den gleichen nachdenklichen Aspekt von Untergang und Zerstörung. Vielleicht waren es die Abwesenheit und der frühe Tod des Kaisers sowie die neugefassten Grundsätze der nachfolgenden christlichen Regierungen, mit denen man die Unterbrechung dieses ehrgeizigen Vorhabens erklären kann, eines Vorhabens, welches nur während der letzten sechs Lebensmonate Julians Fortschritte machte Ammianus nennt zunächst die Konsuln des Jahres 363, bevor er fortfährt, die Gedanken Julians zu erzählen. »Templum ...instaurare sumptibus ›cogitabat immodicis.‹« (Er plante, den Tempel...mit maßlosem Aufwand wieder herzustellen.) Warburton hat den heimlichen Wunsch, diesen Plan zeitlich nach vorne zu verlegen; aber er hat wohl auf Grund anderer Beispiele eingesehen, dass die Durchführung eines solchen Werkes viele Jahre in Anspruch nimmt. . Aber die Christen hegten die naheliegende und fromme Erwartung, dass ein bedeutendes Wunder die Ehre ihrer Religion retten müsse. So bestätigen einige zeitgenössische und anerkannte Autoren Die Reihe der Zeugen – Sokrates, Sozomenos, Theodoretos, Philostorgios u.a. – liefern mehr Widersprüche als Zuverlässiges. Vergleiche die Einwürfe von Basnage (Histoire des juifs Band 8. P. 157–63) mit Warburtons Entgegnungen (Julian, p. 174–258). Der erfindungsreiche Bischof erklärt die wunderbaren Kreuze, die auf der Kleidung der Menschen erschien, mit einem vergleichbaren Fall und mit der natürlichen Wirkung des Blitzes. , wenn auch in unterschiedlichen Lesarten, dass ein Erdbeben, ein Wirbelwind und eine Feuersbrunst über die Tempel-Neugründung hereingebrochen waren. Diese Ereignisse werden in einem Brief an den Kaiser Theodosius von Ambrosius Ambrosius, Epistulae 40. Opera, Band 2, p. 649. Er schrieb diesen verbissenen Brief, (A.D. 388), um einen Bischof zu rechtfertigen, de von der Obrigkeit verurteilt worden war, weil er eine Synagoge angesteckt hatte. , dem Bischof von Mailand, beschrieben, was ihm zuverlässig die geballte Abneigung der Juden eingebracht hat; sie werden ausgemalt durch die Beredsamkeit des Chrysostomos Johannes Chrysotomos, Contra Iudaeos et gentiles. Opera, Band 1, p. 580; De Sancto Babyla, Band 2, p. 574. Ich habe mich der verbreiteten und naturgemäßen Auffassung angeschlossen, aber der gelehrte Benediktiner, der die Abfassungen dieser Predigten in das Jahr 383 verlegt, ist davon überzeugt, dass sie niemals von der Kanzel gehalten wurden. , der sich auf das Gedächtnis der älteren Mitglieder seiner Kirchenversammlung berufen mochte; und endlich durch Gregor von Nazianz Gregor von Nazianz, Orationes 5,2ff. »Τὸ δὲ οὖν περιβόητον πᾶσι ϑαῦμα, καί οὐδὲ τοῖς ἀϑέοις αὐτοῖς ἀπιστούμενον λέξων ἔρχομαι.“.« (Das allbekannte und nicht nur von den Gottlosen beargwöhnte Wunder zu besprechen bin ich gekommen.) , der seine Darstellung des Wunders noch vor Ablauf des Jahres publizierte. Der zuletzt genannte Zeuge erklärte mit gutem Mut, dass dieses übernatürliche Ereignis auch von den Ungläubigen nicht angezweifelt wurde; und seine Aussage, so befremdlich sie auch klingen mag, wird durch das unverwerfliche Zeugnis des Ammianus Marcellinus bekräftigt Ammianus 23,1: »Cum itaque rei fortiter instaret Alypius, iuvaretque provinciae rector, metuendi globi flammarum prope fundamenta crebris assultibus erumpentes fecere locum exustis aliquoties operantibus inaccessum; hocque modo elemento destinatius repellente, cessavit inceptum.« (Als Alypius das Werk betrieb, unterstützt vom Provinzstatthalter, stießen aus den Fundamenten unversehens und wiederholt Feuerkugeln hervor, versengten sogar Bauwerker und machten den Ort unzugänglich; da sich das Element selbst auf solche Weise widersetzte, gab man das Vorhaben endlich auf). . Dieser Philosoph in Uniform, der die Tugenden seines Herren schätzte, ohne zugleich seine Vorurteile zu teilen, hat in seiner ausgewogenen und unparteiischen Geschichte seiner Zeit die außerordentlichen Schwierigkeiten festgehalten, die sich dem Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem entgegenstellten. »Während Alypius, unterstützt noch vom Provinzgouverneur, mit Nachdruck und Umsicht die Durchführung des Vorhabens vorantrieb, machten grässliche Feuerkugeln, die in der Nähe des Fundamentes häufig und wiederholt ausbrachen, die Baustelle für die verletzten und versengten Handwerker völlig unzugänglich; und da das siegreiche Element auf diese Weise hartnäckig und entschlossen fortfuhr, sie auf Distanz zu halten, wurde das Unternehmen aufgegeben.« Eine solche Autorität sollte ein gläubiges Gemüt zufrieden stellen, während es ein ungläubiges in Verwirrung stürzen muss. Aber ein denkendes Gemüt wird allemal das Zeugnis eines unparteiischen und intelligenten Zuschauers vorziehen. Bei einer so bedeutenden Gelegenheit wird jedes Naturereignis den Anschein eines echten Vorzeichens von böser Bedeutung erwecken und die entsprechende Wirkung hervorrufen. Dieses berühmte Vorkommnis dürfte dann durch die frommen Künste des Klerus von Jerusalem und die assistierende Leichtgläubigkeit der christlichen Welt vergrößert worden sein; und im Abstand von zwanzig Jahren kann dann ein römischer Historiker, unbekümmert um theologische Zänkereien, sein Werk mit diesem Wunderbericht ausschmücken Dr. Lardner scheint der einzige christliche Gelehrte zu sein, der den Wahrheitsgehalt dieses berühmten Wunders zu bezweifeln sich unterfängt. (Jewish and heathen testimonies, Band 4, p. 47–71). Das Schweigen des Hieronymos könnte zu der Vermutung Anlass geben, dass ein und dieselbe Geschichte, welche sich in großem Abstand wunderbar ausnimmt, aus der Nähe lächerlich erscheint. . RELIGIONSFREIHEIT BLEIBT UNANGETASTET Die Wiedererrichtung des jüdischen Tempels stand in einem unausgesprochenen Zusammenhang mit der Vernichtung der christlichen Kirche. Julian gewährte nach wie vor die Freiheit der Religionsausübung, wobei es keinen Unterschied machte, ob diese allgemeine Duldung eine Frucht seines Gerechtigkeitssinnes oder seiner Milde war. Zwar erkünstelte er Mitleid mit den armen Christenmenschen, welche bei der wichtigsten Angelegenheit ihres Lebens einen Fehlgriff getan hatten; aber sein Mitleid wurde durch Verachtung entwertet, und seine Verachtung durch Hass verbittert; und Julians wahre Gefühle kamen in einer Art von Sarkasmus zum Ausdruck, welcher tödlich verwundet, wenn er aus dem Munde des Herrschers kommt. Als er sich bewusst wurde, dass die Christen stolz waren auf den Namen ihres Erlösers, förderte er den Gebrauch des Schmähnamens GALILÄER Gregor von Nazianz, Orationes 3. Dieses Gesetz erhielt zusätzliche Bestätigung dadurch, dass Julian es selbst unverändert anwandte. Warburton hat zu Recht angemerkt (Julian, p. 35), dass die Platoniker an die geheimnisvolle Tugend der Worte glaubten; und Julians Abneigung gegen den Namen Christ kann ebenso dem Aberglauben entspringen wie der Missachtung. und freute sich womöglich noch daran. Er ließ verlauten, dass durch die Torheiten der Galiläer, die er als eine Sekte von Fanatikern beschrieb, die den Menschen verächtlich und den Göttern verhasst sei, das Reich an die Schwelle des Unterganges geraten sei; und in einer öffentlichen Ankündigung lässt er durchblicken, dass ein von Wahnsinn befallener Patient zuweilen nur durch heilsame Gewaltanwendung zu kurieren sei Julian, Fragmente p. 288. Er macht sich über die ìùñ?á Ãáëéëá?ùí (Torheit der Galiläer) lustig und entfernt sich soweit von den Grundsätzen der Toleranz, dass er sich wünscht (Epistulae 42), ἄκοντας ἰάσϑαι (sie möchten gegen ihren Willen geheilt) werden. . In Julians Denken und Planen setzte sich die wenig rühmliche Unterscheidung fest, dass entsprechend ihren religiösen Auffassungen ein Teil seiner Untertanen seine Gunst und Freundschaft verdient habe, während der andere nur auf die staatlichen Leistungen Anspruch hatte, die einem immerhin gehorsamen Teil des Volkes abzuschlagen ihm sein Gerechtigkeitssinn untersagte Οὐ γάρ μοι ϑέμις ἐστὶ κομιζέμεν ἢ ἐλεαίρειν/Ἀνέρας, οἵ κε ϑεοῖσιν ἀπέχϑωντ᾽ ἀϑανάτοισιν. (Denn es ziemt mir nicht, zu bewirten, noch weiter zu senden/einen Mann, den die Rache der seligen Götter verfolget. Übersetzt von J.H.Voß.) Homer, Odyssee 10, 73f. Diese zwei Zeilen, die Julian (Epistulae 49) ganz im Sinne eines Frömmlings verändert und verdreht hat, stammen aus der Rede des Aeolus, der sich weigert, Odysseus günstige Winde zu gewähren. Libanios (Oratio parentalis 59) sucht dieses parteiische Verhalten mit einer Verteidigung zu rechtfertigen, bei welcher Verfolgungssucht durch die Maske der Biederkeit hindurch blickt. . Im Einklang mit einem von Abgunst und Strenge geschwängerten Grundsatz übertrug der Kaiser den Oberpriestern seiner Religion die Verwaltung der großzügigen Zuschüsse aus den Staatseinkünften, welche die Frömmigkeit Constantins und seiner Söhne der christlichen Kirche zugesprochen hatte. Das ganze Gebäude der kirchlichen Ehren und der kirchlichen Immunität, welches mit so vieler Mühe und Delikatesse errichtet war, lag am Boden zerstört; die Hoffnung auf testamentarische Hinterlassenschaften wurde durch strenge Gesetze zunichte gemacht; und die Priester der christlichen Sekten wurden den niedrigsten und verworfensten unter den Menschen gleichgestellt. Diejenigen Regularien, welche geeignet schienen, den Ehrgeiz und die Habgier kirchlicher Würdenträger zu dämpfen, wurden wenig später von der Weltklugheit rechtgläubiger Herrscher aufgegriffen und nachgeahmt. Die besonderen Auszeichnungen, die die Politik dem geistlichen Stand verleiht und die der Aberglauben an ihn verschwendet, müssen auf die Priester beschränkt bleiben, die die offizielle Religion des Staates bekennen. Aber der Wille des Gesetzgebers war nicht frei von Vorurteil und Leidenschaft; und es war das Ziel von Julians politischen Nachstellungen, die Christen aller irdischen Ehren und Vorrechte zu berauben, welche sie in den Augen der Welt achtbar machte Diese Gesetze, die die Geistlichkeit direkt betreffen, kann man in beiläufigen Andeutungen von Julian selbst (Epistulae 53), in nebulösen Deklamationen Gregors (Orationes 3) und in ausdrücklichen Feststellungen von Sozomenos (Historia ecclesiastica 5,5 auffinden. . BERUFSVERBOT FÜR CHRISTEN Zu Recht und mit Nachdruck wurde das Gesetz getadelt, welches den Christen untersagte, Grammatik und Rhetorik zu unterrichten » Inclemens . . . perenni obruendum silentio. (Ohne Gnade mit ewigem Schweigen verhüllen.) Ammianus 22,10 und 25,5. . Die Gründe, die der Kaiser zur Rechtfertigung dieser einseitigen Zwangsmaßnahme vorschob, vermochten zu seinen Lebzeiten allenfalls Sklaven zum Schweigen und Schmeichler zum Beifall zu veranlassen. Julian bedient sich des Doppelsinnes eines Wortes, welches man unterschiedslos für die Sprache und die Religion der GRIECHEN verwenden kann: mit Geringschätzung bemerkt er, dass Männer, welche für sich das Verdienst des bedingungslosen Glaubens reklamierten, untauglich sein müssen, die Segnungen der Wissenschaft in Anspruch zu nehmen oder sich ihrer überhaupt zu erfreuen; und er behauptet ohne Begründung, dass sie, wenn sie denn die Götter Homers oder Demosthenes' anzubeten sich weigerten, sie wohl damit zufrieden wären, in den Kirchen der Galiläer Lukas und Matthäus auszulegen Man vergleiche den Erlass selbst, der unter Julians Briefen (42) auf uns gekommen ist, mit den zügellosen Invektiven von Gregor (Orationes 3). Tillemont (Mémoires eccléstiastiques Band 7, p. 1291–94) hat die scheinbaren Unterschiede zwischen den Alten und der Gegenwart zusammengestellt. Sie lassen sich leicht in Einklang bringen. Den Christen wurde es direkt untersagt zu lehren und damit indirekt , zu lernen; denn die Schulen der Heiden hätten sie sicherlich nicht aufgesucht. . In sämtlichen Städten der römischen Welt lag die Erziehung der Jugend in den Händen von Grammatik- und Rhetoriklehrern; diese wurden vom Magistrat ernannt, aus der Staatskasse bezahlt und durch allerlei einträgliche Vorrechte ausgezeichnet. Julians Erlass scheint auch die Ärzte und die Lehrer der artes liberales mit einbezogen zu haben; und der Kaiser, der sich selbst die Ernennung der Kandidaten vorbehielt, war von Rechts wegen autorisiert, die Glaubensfestigkeit der gelehrten Christen zu erschüttern oder sogar zu bestrafen Codex Theodosianus, 13,3, de medicis et professoribus (veröffentlicht am 17. Juni, angenommen am 29. Juli 363 zu Spoleto, Italien), nebst Gothofreds Kommentaren, Band 5, p. 31. . Sobald nun die Amtsenthebung Orosius rühmt ihren edelmütigen Entschluss: »Sicut a majoribus nostris compertum habemus, omnes ubique propemodum ... officium quam fidem deserere maluerunt,« (Wie wir von unseren Vorfahren wissen, wollten überall fast jeder eher sein Amt alsseinen Glauben aufgeben.) 7,30. Proaeresius, ein christlicher Sophist, weigerte sich, die parteiische Begünstigung des Kaisers anzunehmen. Hieronymos, Chronicum Eusebii, p. 185, ed. Scaliger; Eunapius, Prohairesios, p. 126. der bekennenden Lehrer das ausschließliche Unterrichtsmonopol der heidnischen Sophisten sichergestellt hatte, lud Julian die nachwachsende Generation zum Besuch der öffentlichen Schulen ein in der begründeten Hoffnung, dass sie in ihrem zarten Alter für die Eindrücke der Literatur und Idolatrie empfänglich seien. Wenn die christliche Jugend mehrheitlich auf Grund ihrer oder ihrer Eltern Skrupeln vor dieser heiklen Form der Erziehung zurückschrecken sollte, dann hätte sie gleichzeitig auch auf alle Segnungen einer liberalen Erziehung Verzicht leisten müssen. Julian erwartete aus gutem Grund, dass die Kirche nach wenigen Jahren in ihre archaische Schlichtheit zurück sinken werde und dass den Theologen, deren Gelehrsamkeit und Eloquenz durchaus auf der Höhe der Zeit war, eine Generation von blinden und einfältigen Fanatikern nachfolgen werde, die dann außerstande seien, die Wahrheit ihrer eigenen Grundsätze zu verteidigen oder die diversen Torheiten des Heidentums zu offenbaren Sie behalfen sich damit, Bücher für ihre eigenen Schulen zu verfassen. Innerhalb weniger Monate brachte Apollinaris seine christliche Adaptation des Homer hervor (eine Heiligengeschichte in vierundzwanzig Gesängen), des Pindar, Euripides und Menander; und Sozomenos stellt zufrieden fest, dass sie das Original erreichten, wo nicht sogar übertrafen . CHRISTEN UNTERDRÜCKT Es war ohne Zweifel der Wunsch und der Plan Julians, den Christen alle Vorteile des Wohlstandes, der Bildung und der Macht zu entziehen; aber das Unrecht, sie von allen einträglichen und verantwortungsvollen Posten zu entfernen, scheint eher die Frucht seiner allgemeinen Politik als die unmittelbare Folge eines positiven Gesetzes gewesen zu sein Es war die Anweisung Julians an seine Verwaltungsbeamten (Epistulae 7): „προτιμᾶσϑαι μέν τοι τοὺς ϑεοσεβεῖς καὶ πανὺ ϑημὶ δεῖν.« (...notwendig, auf jeden Fall die Gottesfürchtigen vorzuziehen.) Sozomenos (5,18) und Sokrates (3,13) müssen durch die Angaben bei Gregor von Nazianz (Orationes 3) zurückgeschnitten werden; dieser neigte zwar ebenso der Übertreibung zu, musste sich aber wegen der unmittelbaren Zeugenschaft seiner zeitgenössischen Leser Zurückhaltung auferlegen. . Hervorragende Verdienste durften einige Vorzugsbehandlungen erwarten und erhalten; aber das Gros der christlichen Beamten wurde nach und nach aus ihrem Dienst im Staat, der Armee und den Provinzen entfernt. Die Hoffnung künftiger Anwärter wurde zuschanden an der erklärten Abneigung eines Herrschers, welcher sie in boshafter Weise daran erinnerte, dass es dem Christen verboten sei, das Schwert der Gerechtigkeit oder des Krieges zu führen; eines Herrschers, welcher eifersüchtig Militärlager und Gerichte mit den Symbol des Götzendienstes bewachte. Die Regierungsgewalt wurde den Heiden anvertraut, die denn ja auch einen glühenden Eifer für die Religion ihrer Vorfahren bekannten; und da die Wahl des Kaisers oftmals von den Regeln der Wahrsagekunst bestimmt wurde, besaßen seine Favoriten, die zwar in der besonderen Gunst der Götter standen, nicht notwendig die ungeteilte Zuneigung der Menschen Ψήφῳ ϑεῶν καὶ διδοὺς καὶ μὴ διδούς. (Mit dem Stimmstein der Götter gebend und nicht gebend.) Libanios, Oratio parentalis 88, p. 314. . Unter der Regierung ihrer Feinde hatten die Christen viel auszustehen und noch mehr zu befürchten. Julian empfand tiefe Abneigung gegen Grausamkeit; und die Sorge um seine Reputation, die vor den Augen der Welt ausgebreitet lag, hielt den philosophisch veranlagten Monarchen davon ab, ausgerechnet die Grundsätze der Gerechtigkeit und der Toleranz zu verletzen, die er selbst erst kurz zuvor aufgestellt hatte. Die Beamten in den Provinzen, die seine Autorität nur vertraten, waren in einer weniger heiklen Lage. In der Ausübung ihrer Macht orientierten sie sich eher an den Erwartungen als an den tatsächlichen Vorgaben ihres Herren; und so gingen sie heimlich in aller Härte gegen die christlichen Sektierer vor, da sie sie nicht zu Märtyrer-Ehren kommen lassen durften. Der Kaiser, der sich gegenüber dieser Art von Unrecht solange wie möglich blind stellte, drückte seine wahren Gefühle gegenüber dieser Vorgehensweise seiner Beamten durch gelinde Rüffel und handgreifliche Belohnungen aus Gregor von Nazianz Orationes 3; Sokrates, 3,14; Theodoretos, 3,6. Einiges hiervon sollte man jedoch auf Rechnung ihres Eifers setzen, der nicht wenige parteiisch war als der Julians. . ERNEUERUNG DER HEIDNISCHEN TEMPEL Die wirkungsvollste Unterdrückungsmaßnahme in ihrem Arsenal war ein Gesetz, das die Christen verpflichtete, vollständigen und umfassenden Schadensersatz für die von ihnen unter der vorangegangenen Regierung zerstörten Tempel zu leisten. Der Glaubenseifer der triumphierenden Kirche hatte Sanktionen der weltlichen Behörden nicht zu erwarten gehabt; und die Bischöfe, die sich vor Strafverfolgung sicher wähnen durften, waren häufig an der Spitze ihrer Gemeinden marschiert, die Festungen des Fürsten der Finsternis anzugreifen und zu demolieren. Das geweihte Land, welches den Grundbesitz des Kaisers oder der Kirche vermehrt hatte, war wohlbekannt und rasch zurückgegeben. Aber auf eben diesem Land und auf den Trümmern des heidnischen Aberglaubens hatten die Christen häufig genug ihre eigenen Glaubensburgen errichtet: und da es nun einmal unumgänglich war, die Kirchen abzureißen, bevor ein Tempel an ihrer Stelle errichtet werden konnte, fanden der Gerechtigkeitssinn und die Frömmigkeit des Herrschers den Beifall der einen Partei, während die andere seine gottesfeindliche Gewalttätigkeit beweinte und verfluchte Vergleichen wir die sanfte Redeweise des Libanios (Orationes parentalis 60) mit Gregors wüsten Auslassungen, dann fällt es uns schwer, die Texte der beiden Redner für den Bericht identischer Ereignisse zu halten. . War der Boden erst einmal bereinigt, so warfen doch die Wiederherstellung der Bauwerke, die im Staub gelegen hatten und der Verzierungen, die man zu christlichem Gebrauch umgewidmet hatte, gewaltige Schadenssummen auf. Die Urheber dieser Zerstörungen waren weder imstande noch überhaupt gemeint, für diese angesammelte Schuldenlast aufzukommen: und ein Gesetzgeber hätte überparteiische Weisheit bewiesen, wenn er die gegenseitigen Rechtsansprüche durch gerechte und maßvolle Entscheidungen austariert hätte. Aber das gesamte Reich und ganz besonders der Osten war durch Julians stürmisches Vorgehen in Konfusion geraten; und die heidnischen Magistrate, durch Eifer für ihre Sache ebenso entflammt wie durch Verlange nach Rache, missbrauchten eine strenge Bestimmung des römischen Rechtes, welches sich bei unzureichenden Vermögensverhältnissen direkt an die Person des insolventen Schuldners hält. Unter der vorigen Regierung hatte Marcus, der Bischof von Arethusa Restan oder Arethusa liegt auf halber Strecke zwischen Emesa (Homs) und Epiphania (Hama) und wurde von Seleucus Nicator gegründet oder doch wenigstens benannt. Glaubt man den Medaillen der Stadt, dann beginnt seine besondere Ära im Jahre 685 a.u.c. Als das Geschlecht der Seleukiden unterging, wurden Emesa und Arethusa durch den Araber Sampsiceramus annektiert, dessen Nachkommen, die Vasallen von Rom, unter der Regierung des Vespasian noch existierten. Siehe d'Anvilles Karten und seine Geographie acienne, Band 2, p. 134, Wesseling, Itineraria p, 188 und Noris, Epochae Syro-Macedonum, p. 80 und 481f. , bei der Bekehrung seines Volkes mit Gewaltanwendung größeren Erfolg als mit Überzeugungsarbeit gehabt Sozomenos, 5,10. Es ist überraschend, dass Gregor und Theodoret einen Umstand verschweigen, welcher in ihren Augen die religiösen Verdienste des Bekenners vermehrt haben muss. . Die Magistrate verlangten nun den vollständigen materiellen Wert für einen Tempel, den er in seinem Eifer hatte abreißen lassen; als sie sich aber von seiner Armut überzeugt hatten, verlangten sie nur noch danach, seinen unnachgiebigen Geist mit dem Versprechen einer unbedeutenden Wiedergutmachung zu beugen. Sie ergriffen den betagten Prälaten, geißelten ihn in unmenschlicher Weise, zerfetzten sein Bart; dann beschmierten sie seinen nackten Körper mit Honig, hingen ihn in einem Netz zwischen Himmel und Erde auf und setzten ihn schutzlos den Insektenstichen und der Sonne Syriens aus Die Leiden und die Standhaftigkeit des Markos, das Gregor von Nazianz so ergreifend geschildert hat (Orationes 4,88), sind auch durch das unbestreitbare Zeugnis bestätigt, das Libanios sich abgerungen hat. »Μάρκος ἐκεῖνος κρεμάμενος, καὶ μαστιγούμενος, καὶ τοῦ πώγωνος αὐτῷ τιλλομένου πάντα ἐνεγκὼν ἀνδρείως νῦν ἰσόθεός ἐστι ταῖς τιμαῖς, κἂν φανῇ ποῦ περιμάχητος εὐθύς. (Jener Markos, aufgehängt, gegeißelt, mit ausgerissenem Bart, ertrug alles tapfer, ist nun in gottgleichen Ehren und wenn er irgendwo erscheint, sogleich (?) umstritten.) Epistulae 730, p.350f. . Aber noch in seiner freischwebenden Stellung fuhr Marcus fort, sich seines Vergehens zu berühmen und des ohnmächtigen Zornes seiner Verfolger zu spotten. Endlich ward er erlöst und entlassen, die Früchte seines gottgewollten Triumphes zu genießen. Die Arianer feierten die Tugend ihres frommen Bekenners; die Katholiken in ihrem Eifer reklamierten ihn für sich περιμάχητος (umstritten) »certatim eum sibi (Christiani) vindicant. (Um die Wette beanspruchen die Christen ihn für sich). So habe la Croze und Wolfius (ad locum) ein griechisches Wort ausgelegt, dessen frühere Interpreten die eigentliche Bedeutung verfehlt haben, selbst le Clerc (Bibliothéque ancienne et moderne, Band 3, p. 371). Tillemont (Mémoires eccléstiastiques Band 7, p. 1398) kann jedoch durchaus nicht begreifen, wie Gregor und Theodoretos einen Semi-Arianischen Bischof für einen Heiligen ausgeben konnten. ; und die Heiden, die des Scham- und Reuegefühls noch nicht völlig ermangelten, schreckten vor der Wiederholung solch nutzloser Grausamkeit zurück Siehe den möglichen Rat von Sallustius bei Gregor von Nazianz (Orationes 3, 90f.). Libanios setzt sich für einen ähnlichen Missetäter ein, damit sich nicht mehrere ›Markusse‹ finden möchten; indessen räumt er ein, dass Orion, falls er denn wirklich den geheiligten Schatz entwendet haben sollte, er die Strafe des Marsyas verdient habe: bei lebendigem Leibe gehäutet zu werden (Epistulae 730, p. 349ff. . Julian schenkte ihm das Leben: da aber der Bischof von Arethusa dem Julian im Kindesalter das Leben gerettet hatte Gregor (Orationes 4,91) ist sich dessen gewiss, dass Markos durch die Rettung des Apostaten weit mehr verdient hatte, als er erlitten hatte. , so wird sich die Nachwelt eher bereit finden, die Undankbarkeit des Kaisers zu verurteilen anstatt seine Milde zu rühmen. TEMPEL UND HEILIGER HAIN DER DAPHNE Etwa fünf Meilen von Antiochia entfernt hatten die makedonischen Könige von Syrien dem Apollo einen der schönsten Andachtsplätze der heidnischen Welt geweiht Den Hain und Daphnetempel haben beschrieben: Strabon, (16, p.1089f.), Libanios, (Naenia, p. 185 und 188, Antiochikos, Orationes 11, p. 380f.) und Sozomenos (5,19). Eine Erläuterung dieses interessanten Gegenstandes bieten Wesseling, (Itineraria, p. 581) und Casaubon (zur Historia Augusta, p. 64). . Ein großartiger Tempel erhob sich zu Ehren des Lichtgottes; und seine Statue »Simulacrum in eo Olympiaci Iovis imitamenti aequiparans magnitudinem.« (die hierin aufgestellte Götterstatue war ebensogroß wie das in Olympia errichtete Zeusbildnis). Ammianus 22,13. Der Jupiter zu Olympia war 60 Fuß hoch und sein Gewicht kam dem von eintausend Menschen gleich. Siehe die lesenswerte Abhandlung des Abbé Nicolas Gedoyn in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 9, p. 198, 1744. erfüllte fast vollständig das Allerheiligste, welches die Meisterschaft griechischer Künstler mit Gold und Edelgestein ausgeschmückt hatte. Die Gottheit selbst war kniend dargestellt, wie er aus einem goldenen Becher der Erde ein Trankopfer darbrachte; so, als bäte er die ehrwürdige Mutter, ihm die kalte und schöne DAPHNE auszuliefern: denn der ganze Ort war sagendurchwoben; hatte doch die Phantasie der syrischen Dichter diese Liebesmär vom Peneusufer an den Orontes verlegt. Die althergebrachten griechischen Gebräuche wurden durch die königlichen Kolonen von Antiochia nachgeahmt. So floss ein Strom von Orakeln, welche es in ihrem Treffsicherheit und ihrem Ansehen mit dem Delphischen aufnehmen konnten, aus der castalischen Quelle der Daphne Hadrian las sein künftiges Schicksal auf einem Blatt, welches in die castalische Quelle getaucht worden war; dies ist ein Kunstgriff, den man, wie der Arzt van Dale (De oraculis, p. 281f.) versichert, mit chemischen Mitteln leicht ausführen kann. Der Kaiser verstopfte die Quelle von so heiklem Wissen; allerdings hat sie Julians fromme Neugier neuerlich geöffnet. . In der benachbarten Ebene wurde ein Stadion gebaut auf Grund eines besonderen Privilegs Es wurde im Jahre 44 A.D. (im Jahre 92 der antiocheischen Zeitrechnung, Noris, Epochae Syro-Macedonicum, p. 139–174) für die Dauer von neunzig Olympiaden gekauft. Aber die Olympischen Spiele von Antiochia wurden bis in die Zeit des Commodus nicht regelmäßig abgehalten. Siehe die merkenswerten Einzelheiten in der Chronik des Johannes Malala (Band 1, p. 290, 320, 372–381), eines Autoren, dessen Verdienste und Wirkungskreis auf die Grenzen seiner Geburtsstadt begrenzt sind. , welches man Elis abgekauft hatte; die Olympischen Spiele wurden auf Kosten der Stadt begangen; und dreißigtausend Pfund Sterling wurden jährlich dieser öffentliche Lustbarkeit zugeschossen Fünfzehn Talente Gold, ein Vermächtnis des Sosibius, welcher unter Augustus gestorben war. Die Verdienste um das Theaterwesen in den syrischen Städten im Zeitalter Konstantins werden in der Expositio totius mundi, p. 6 miteinander verglichen. . Die beständige Anwesenheit von Pilgern und Zuschauern ließ allmählich in der Nähe des Tempels die üppige und volkreiche Siedlung von Daphne entstehen, welche dem Glanz einer Provinzstadt nacheiferte, ohne den zugehörigen Titel zu erhalten. Tempel und Dorf lagen tief verborgen in einem dichten Lorbeer- und Zypressenhain, der einen Umfang von fast zehn Meilen besaß und noch in den schwülsten Sommern kühlenden und undurchdringlichen Schatten spendete. Ungezählte Quellen reinsten Wassers, die von jedem Hügel herabflossen, hielten die Erde grün und die Temperatur konstant; die Sinne erfreuten sich lieblicher Geräusche und aromatischer Düfte; und der friedvolle Hain war bestimmt für Gesundheit und Frohsinn, für Luxus und Liebe. Die lebenskräftige Jugend stellte, genau wie Apollo, dem Gegenstand ihres Verlangens nach; und die errötende Jungfer fühlte sich durch Daphnes Schicksal der Torheit überhoben, zur falschen Zeit die Spröde zu spielen. Der Soldat und der Philosoph mieden klüglich die Versuchungen dieses sinnenfrohen Lustgartens »Avidio Cassio Syriacas legiones dedi luxuria diffluentes et ›Daphnicis‹ moribus.« (Dem Avidius Cassius habe ich die syrischen Legionen unterstellt, da sie dem Luxus und der daphnischen Sitte unmäßig ergeben waren.) Dies ist in einem Brief des Kaisers Marcus Antoninus zu lesen, dessen Originaltext sein Biograph in der Historia Augusta (Avidius Cassius) bewahrt hat. Cassius entließ oder bestrafte jeden Soldaten, der sich in Daphne blicken ließ. , in welchem das Verlangen unter dem Deckmantel der Religion unmerklich auch die stabilsten Mannestugenden zum Wanken brachte. Dennoch versüßten die Haine der Daphne lange Zeit die Andacht von Einheimischen und Fremden; zahlreiche Herrscher vermehrten noch die Vorrechte des heiligen Gebietes; und jede Generation fügte dem Glanz des Tempels neue Schmuckstücke hinzu »Aliquantum agrorum Daphnensibus dedit (Pompeius), quo lucus ibi spatiosior fieret; delectatus amoenitate loci et aquarum abundantia.« (Den Daphnern verrößerte er (Pompeius) ihr Gebiet etwas, um dadurch einen Hain zu erweitern; die Annehmlichkeiten des Ortes und sein Wasserreichtum gefielen ihn besonders.) Eutropios, 6,14; Sextus Rufus, de Provinciis,16.p . JULIAN IM HAIN DER DAPHNE Als Julian am Tage des Jahresfestes nahte, um zu huldigen, hatte seine Verehrung für Apollo von Daphne den äußersten, höchsten Gipfel erreicht. Seine lebhafte Phantasie nahm den Prunk von Opfertieren, Trankopfern und Weihrauchbränden im Geiste vorweg; den langen Festzug von Knaben und Jungfrauen, in weiße Gewänder gehüllt, dem Symbol ihrer Unschuld; und die unübersehbaren Zuschauermassen. Indes: Antiochias religiöser Eifer wandelte seit dem Sieg des Christentums andere Bahnen. Anstelle der Hekatomben fetter Ochsen, die die Bevölkerung einer reichen Stadt ihrer Titulargottheit opferte, erblickte der Kaiser, wie er sich beklagte, eine einzige Gans, die der Priester auf eigene Kosten bereitgestellt hatte, er, der blasse und einsame Bewohner dieses zerfallenden Tempelbezirkes Julian (Misopogon, p. 361) offenbart seinen Charakter mit jener naïvité , jener unbewussten Treuherzigkeit, welche immer symptomatisch für den angeborenen Humor ist. . Der Altar stand verlassen, das Orakel war verstummt, und der heilige Boden war entweiht durch die Einführung christlicher Bräuche und Begräbnisrituale. Nachdem Babylas Eusebios nennt Babylas in der Nachfolge der Bischöfe von Antiochia (Historia cclesiastica 6,29 und 39). Sein Sieg über zwei Kaiser (von denen einer Fiktion und der zweite historisch ist) wird von Chrysostomos ausgiebig gefeiert (Band 2, p. 536–579). Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 3, Teil 2, p.287–302 und 459–465) mutiert fast zum Skeptiker. (ein Bischof von Antiochia, welcher während der Verfolgungen des Decius im Gefängnis gestorben war) fast ein Jahrhundert in seinem Grabe geruht hatte, wurde sein Körper auf Weisung des Caesars Gallus mitten in den Daphne-Hain verbracht. Über seine Gebeinen wurde eine prachtvolle Kirche errichtet; ein Teil des geweihten Landes wurde für den Unterhalt des Klerus beschlagnahmt und als Begräbnisstätte für die Christen von Antiochia, welche darnach verlangten, zu Füßen ihres Bischofs zu ruhen; und die Priester Apollos entfernten sich zusammen mit ihren entsetzten und verbitterten Anhängern. Sobald nun eine neue Wende das Glück der Heiden wiederherstellte, wurde die Kirche von St. Babylas verwüstet, und neue Gebäude wurden dem verfallenden Tempel hinzugefügt, welchen dereinst die Frömmigkeit der Könige Syriens errichtet hatte. Aber Julians erste und wichtigste Sorge war es, seine bedrängte Gottheit von der verhassten Gegenwart der toten und lebenden Christen zu befreien, welche so wirkungsvoll die Stimme des Betruges und des Enthusiasmus unterdrückt hatten Kirchenhistoriker, zumal die Liebhaber von Reliquien, jauchzen über das Geständnis des Julian (Misopogon, p.361) und Libanios (Naenia, p. 185), dass nämlich Apollo sich gestört fühlt durch die Nachbarschaft zu einem einzigen toten Manne. Aber bei Ammianus (22.12) wird der ganze Boden gemäß den Riten gesäubert, welche die Athener früher auf der Insel Delos ausgeübt hatten. . ÜBERFÜHRUNG DER GEBEINE · BRAND DES TEMPELS Die entweihe Stelle wurde nach überkommenen Ritus gereinigt; die Körper wurden mit Anstand entfernt; und den Kirchendienern erlaubte man immerhin, die Überreste von St. Babylas an ihre frühere Ruhestätte in Antiochia zu überführen. Bescheidenes Auftreten, das in solchen Fällen den Neid einer abgünstigen Regierung gelindert haben könnte, lag dem christlichen Glaubensfanatismus fern: ein unübersehbare Menge folgte, begleitete und empfing den Wagen mit den Reliquien des Babylas; man sang unter donnerndem Beifall diejenigen Psalmen Davids, in welchen die Verachtung für Götzen und Götzendiener am stärksten zum Ausdruck kommt. Die Rückkehr des Heiligen wurde zum Triumphzug; und der Triumph wurde zum Spott über die Religion des Herrschers, der seinen Stolz anstrengen musste, um seinen Verdruss zu verbergen. In der Nacht, die auf den Triumphzug folgte, ging der Tempel zu Daphne in Flammen auf; die Apollostatue lag zerstört; und nur die Mauern des Gebäudes blieben stehen, nackt und schäbig anzusehen. Den Christen von Antiochia galt mit religiöser Gewissheit als ausgemacht, dass die wirkmächtige Fürsprache von St. Babylas die Blitze des Himmels gegen das verruchte Gemäuer gelenkt habe: Julian indessen, der vor die Wahl gestellt war, an kriminelle Brandstiftung oder an ein Wunder zu glauben, entschloss sich ohne Zögern und ohne einen Beweis, allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit, das Feuer in Daphne den Rachegelüsten der Galiläer zuzuschreiben Julian (Misopogon p.361) deutet ihre Schuld an, aber behauptet sie nicht. Ammianus (22,13) behandelt die Beschuldigung als levissimus rumor (völlig unbedeutendes Gerücht) und erzählt den ganzen Vorgang mit großer Unbefangenheit. . Hätte ihr Delikt ausreichend bewiesen werden können, hätte dies die Vergeltungsmaßnahmen gerechtfertigt, welche Julian denn auch unverzüglich anordnete: die Kathedrale von Antiochia ward geschlossen und ihr Besitz konfisziert. Um die Buben zu entdecken, die den Tumult, das Feuer und das Verstecken des Schatzes zu verantworten hatten, wurden verschiedene Vertreter der Kirche gefoltert »Quo tam atroci casu repente consumpto, ad id usque imperatoris ira provexit, ut quaestiones agitari iuberet solito acriores (dennoch tadelt Julian die Nachsicht des Magistrates von Antiochia), et majorem ecclesiam Antiochiae claudi. (Die plötzliche und unerwartete Zerstörung erregte den kaiserlichen Zorn in einem solchen Maß, dass er strenge Untersuchungen anordnete und die Hauptkirche von Antiochia zu schließen befahl). Ammianus 22,13. Diese Schließung erfolgte unter einigen unwürdigen und religionsfeindlichen Begleitumständen; und der – zeitlich passende – Tod des Hauptakteurs, Julians Onkel, wird vom Abt de la Bleterie mit viel abergläubischem Wohlgefallen mitgeteilt (Vie de Julien, p. 362–369). ; und ein Presbyter mit Namen Theodoretos wurde vom Gerichtshof des Ostens hingerichtet. Dieses überhastete Vorgehen fand indessen nicht den kaiserlichen Beifall; er beschwerte sich mit echter oder erheuchelter Sorge, dass der törichte Eifer seiner Minister seine Regierung mit dem Makel der Unterdrückung verdunkeln werde Neben den Kirchenhistorikern, die mehr oder minder unter Generalverdacht stehen, können wir uns auf die Passion des hl. Theodoretos in den Acta sincera von Ruinart, p. 605ff berufen. Julians Klage verleiht ihnen atmosphärische Originalität und Echtheit. . ALEXANDRIA UND ÄGYPTEN Dieses Stirnrunzeln ihres Herren dämpfte alsgleich den Eifer von Julians Ministern; wenn sich allerdings der Vater eines Landes selbst zum Anführer einer Faktion ernennt, kann die Aufsässigkeit des Volkes nur mit Mühe gezügelt oder angemessen bestraft werden. In einem öffentlichen Schriftstück belobigt Julian die Gottesfürchtigkeit und Anhänglichkeit der heiligen Städte Syriens, deren fromme Einwohner beim ersten Aufruf die Gräber der Galiläer zerstört hätten; und beklagt sich in Andeutungen, dass sie das Unrecht an ihren Göttern heftiger, als von ihm empfohlen, gerächt hätten Julian. Misopogon, p. 361. . Dieses unvollständige und zögernde Eingeständnis scheint die Darstellungen der Kirchenschriftsteller zu bestätigen, dass nämlich in den Städten Gaza, Ascalon, Caesarea, Heliopolis \&c die Heiden besinnungslos und ohne Reue den Augenblick ihrer Stärke ausgebeutet hätten; dass die unglückseligen Opfer ihrer Grausamkeit erst durch den Tod von der Folter erlöst wurden; dass sie anschließend, als ihre verstümmelten Körper durch die Straßen gezerrt wurden, von Bratspießen und Spinnrocken aufgebrachter Weiber durchbohrt wurden (soweit war der allgemeine Wahnsinn gediehen); und dass die Eingeweide christlicher Priester und Jungfrauen, nachdem die Fanatiker an ihnen erst einmal Blut geleckt hatten, mit Gerste durchmischt und den unreinen Tieren der Stadt zum Fraße vorgeworfen wurden Siehe Gregor von Nazianz, Orationes 4, 86. Man kann hier Sozomenos als einen unmittelbaren, wenn auch nicht unvoreingenommenen Zeugen ansehen. Er stammt aus Gaza und war zusammen mit Zeno dem Bekenner konvertiert, der als Bischof von Maiuma fast hundert Jahre alt geworden war (7,28). Philostorgos (7,4 nebst Gothofreds Anmerkungen p. 284) fügt noch einige betrübliche Einzelheiten hinzu, etwa über Christen, welche im buchstäblichen Sinne am Altar der Götter geopfert wurden, \&c. . Solche Szenen religiösen Irrsinns liefern das verächtlichste und elendste Bild der menschlichen Natur; aber das Massaker von Alexandria erregt noch mehr unsere Aufmerksamkeit, weil die Fakten hier abgesichert und die Opfer hochrangig sind und weil Ägyptens Hauptstadt so hochberühmt ist. GEORGIOS VON KAPPADOKIEN Georgios Leben und Sterben des Georgios von Kappadokien werden von Ammianus (22,11), Gregor von Nazianz (Orationes 21,16ff.) und Epiphanios (Haereses76) beschrieben. Die Schmähreden der beiden Heiligen sind nicht eben glaubwürdig, würden sie nicht durch das herzenskühle Zeugnis des Ungläubigen bestätigt. , der wegen seiner Herkunft oder Erziehung den Beinamen »von Kappadokien« trug, wurde in Epiphania in Kilikien geboren, im Hause eines Walkmüllers. Aus dieser dunklen und niedrigen Herkunft arbeitete er sich durch seine Begabung zum Parasiten empor: der Patron, dem er so dienstfertig zu schmeicheln verstand, besorgte für den würdelosen Abhängigen den einträglichen Auftrag, die Armee mit Schweinespeck zu beliefern. Diese Tätigkeit war unbedeutend; durch Georgios wurde sie ehrlos. Durch ordinärsten Unterschleif und Durchstecherei häufte er Reichtümer an; aber die Veruntreuungen waren derart notorisch, dass sich Georgios den Nachstellungen der Justiz zu entziehen genötigt sah. Nach diesem Ungemach, bei dem er sein Vermögen wesentlich auf Kosten seiner Ehre gerettet zu haben scheint, bekehrte er sich aus Überzeugung oder Opportunismus zum Arianismus. Wegen seiner Liebe zur Wissenschaft oder auch nur wegen ihrer Inszenierung sammelte er eine wertvolle Bibliothek mit historischer, rhetorischer, philosophischer und theologischer Literatur Nach der Ermordung des Georgios gab Julian wiederholt Befehl, die Bibliothek zu seinem eigenen Gebrauch sicher zu stellen und alle Sklaven zu foltern, die etwa im Verdacht ständen, Bücher beiseite zu schaffen. Er lobt die Vorzüge der Sammlung, aus der er während seiner Studien in Kappadokien verschiedene Manuskripte geliehen und abgeschrieben hatte. Er konnte zwar wünschen, dass die Schriften der Galiläer verdürben; aber er verlangte eine genaue Aufstellung selbst dieser theologischen Schriften, damit nicht andere, wertvollere Schriften mit ihnen untergingen. Julian, Epistulae 9 und 36. ; und die Hinwendung zu der derzeit mächtigsten Faktion brachte Georg von Kappadokien auf den Thron des Athanasius. Der Einzug des neuen Erzbischofs entsprach dem eines ausländischen Eroberers; jede Stunde seiner Regierung war angefüllt mit Gewalttat und Räuberei. Die Katholiken von Alexandria und Ägypten sahen sich einem Tyrannen ausgeliefert, den Natur und Erziehung bestimmt hatten, das Amt des Verfolgers auszuüben; er aber unterdrückte unterschiedslos die sämtliche Bewohner seiner weitläufigen Diözese. UNTERDRÜCKT ALEXANDRIA UND ÄGYPTEN Der Primas von Ägypten schmückte sich mit dem Pomp und der Üppigkeit seiner gehobenen Stellung; aber immer noch verriet er die Laster seiner niedrigen und elenden Herkunft. Die Kaufleute von Alexandria verarmten infolge der illegalen und nahezu allumfassenden Monopole, welche er für Salpeter, Salz, Papier und Beerdigungen an sich gerissen hatte; und die geistlichen Väter dieses großen Volkes fanden sich bereit, das erbärmliche und verderbliche Amt der Zuträgerei auszuüben. Die Bewohner Alexandriens konnten niemals die Steuern vergessen geschweige denn vergeben, die er auf alle Häuser der Stadt gelegt hatte; mit der aberwitzigen Begründung, der königliche Gründer der Stadt habe seinen Nachfolgern, den Ptolemäern und Caesaren, den dauerhaften Besitz des städtischen Bodens übertragen. Die Heiden, die man mit der Aussicht auf Freiheit und Toleranz geködert hatte, erweckten seine aufrichtige Habgier; und so wurden die reichen Tempel Alexandrias von diesem arroganten Prälaten entweder geplündert oder verhöhnt, indem er bei einer Gelegenheit laut und drohend ausrief: »Wie lange noch wird man diese Gräber stehen lassen?« Unter der Herrschaft des Constantius prügelte ihn der Zorn oder besser der Gerechtigkeitssinn des Volkes aus der Stadt; und es ging auch nicht ohne Gewalt ab, dass militärische und zivile Mandatsträger ihn wieder einsetzten und ihm seine Rache ermöglichten. Erst der Bote, der in Alexandria die Inthronisation des Julian ausrief, verkündete auch den Untergang des Erzbischofs. 30. NOVEMBER A.D. 360 Georgios wurde zusammen mit seinen engsten Vertrauten, dem comes Diodorus und Dracontius, dem Aufseher über die Münze, in Schande und Ketten in das öffentliche Gefängnis geworfen. Nach Ablauf von vierundzwanzig Tagen wurde das Gefängnis durch die Volkswut aufgebrochen, welche die schleppenden Abläufe eines ordentlichen Gerichtsverfahrens nicht mehr abwarten mochte. Die Feinde der Götter und Menschen gingen unter höhnischen Beleidigungen elend zugrunde. Die Körper des Erzbischofs und seiner Komplizen wurden auf dem Rücken von Kamelen im Triumph durch die Stadt geführt; die feindlichen Anhänger des Athanasius verhielten sich still Philostorgos (7,2) deutet mit dosierter Bösartigkeit ihre Schuld an, καὶ τοῦ Ἀϑανασίου γνώμην στρατηγῆσαι τῆς πράξεως (auch des Athanasios' Meinung zu diesem Vorgang zu beherrschen.) Gothofredus, p. 267. , was als schönes Beispiel christlicher Geduld gelten mochte. Das, was von diesen Verbrechern übrig blieb, wurde ins Meer geworfen; und die Anführer des Tumultes verkündeten ihre Entschlossenheit, die Verklärung durch die Christen zu enttäuschen und ihnen keine Märtyrer ehren zuteil werden zu lassen wie ihren Vorgängern, die angeblich durch die Feinde der Religionen umgekommen waren »Cineres projecit in mare, id metuens ut clamabat, ne, collectis supremis, aedes illis exstruerentur ut reliquis, qui deviare a religione compulsi, pertulere cruciabiles poenas, adusque gloriosam mortem intemerata fide progressi, et nunc MARTYRES appellantur. (Die Asche verstreute man im Meer in der Befürchtung, dass nach dem Einsammeln der Überreste – wie überall zu hören war – ihnen sonst (Kirchen)gebäude errichtet würden wie den übrigen, die, zum Abfall von ihrer Religion gezwungen, grausame Qualen erduldet und in unerschütterten Glaubenstreue bis zum glorreichen Tode ausgeharrt hätten und dafür nun MÄRTYRER genannt werden) Ammianus 22,11. Epiphanios beweist den Arianern, dass Georg gar kein Märtyrer war. . Die Sorgen der Heiden waren berechtigt, aber ihre Vorsorge wirkungslos. ALS HEILIGER UND MÄRTYRER VEREHRT Das verdienstvolle Sterben des Erzbischofs löschte die Erinnerung an sein voriges Leben. Der Feind des Athanasios musste den Arianern lieb und heilig sein, und die scheinbare Bekehrung jener Sektierer machte, dass er bald auch im Schoße der katholischen Kirche verehrt wurde Einige Donatisten (Optatus von Mileve, p. 60 und 303 und Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 6, p. 713, Quartausgabe) und Priscillianisten (a.a.O., Band 8, p.517) haben sich auf gleiche Weise katholische Heilige angeeignet. . Der verhasste Fremde, erhielt die Larve eines Märtyrers, eines Heiligen und eines christlichen Helden Die Heiligen von Kappadokien, Basilius und die Gregors, kannten ihren heiligen Gefährten überhaupt nicht. Papst Gelasius (494 A.D.), der erste Katholik, der St. Georg überhaupt anerkennt, rechnet ihn unter die Märtyrer, »qui Deo magis quam hominibus noti sunt.« (die Gott besser als den Menschen bekannt sind). Er verwirft die Prozessakten als häretische Fälschung. Einige, wenn auch wohl nicht die ältesten dieser Akten existieren noch, und wir können, wenn auch nur durch eine Wolke aus Erdichtetem, den Streit erkennen, welchen St. Georg von Kappadokien in Gegenwart der »Königin Alexandra« gegen den »Zauberer Athanasios« durchfocht. ; und der infame Georgios von Kappadokien wurde zu dem wohlbekannten St. Georg von England Diese Umwandlung gilt nicht als völlig sicher, aber als hochwahrscheinlich. Siehe die Longueruana, Band 1, p. 194. , den Patron der Landsknechte, der Rittertums und des Hosenbandordens Die bemerkenswerte Geschichte der Verehrung von St. Georg seit dem VI. Jhd. (als er bereits in Palästina, Armenien, Rom und Trier verehrt wurde) mögen man aus den Schriften des Dr. Heylin und der Bollandisten entnehmen. Sein Ruf und seine Volkstümlichkeit in Europa und ganz besonders in England stammen aus der Zeit der Kreuzzüge. . Etwa um die Zeit, als Julian von dem Tumult in Alexandria hörte, erhielt er auch Nachricht aus Edessa, dass die anmaßende und wohlhabende Faktion der Arianer die schwächlichen Valentinianer gekränkt habe, und er betrachtete derlei Übergriffe als etwas, was in einem wohlregierten Staate nicht straflos hingenommen werden dürfe. Der aufgebrachte Herrscher wartete daher den schleichenden Gang der Justiz gar nicht erst ab, sondern übertrug dem Magistrat zu Edessa Julian, Epistulae 43. kaiserliche Vollmacht, der dann auch den gesamten Kirchenbesitz beschlagnahmte: das Geld ließ er unter die Soldaten verteilen und der Boden wurde zur kaiserlichen Domäne; und diesem Willkürakt gab er durch schimpfliche Ironie noch zusätzliche Bitterkeit. »Ich erweise mich,« sagte Julian, »als der wahre Freund der Galiläer. Ihr vorzügliches Gesetz hat den Armen das Himmelreich verheißen; und gewiss werden sie mit größerer Treue auf dem Pfade der Tugend und des Heils wandeln, wenn sie dank meiner Hilfe befreit sind von der Last des irdischen Besitzes. Hütet Euch,« fährt er in ernsterem Tone fort, »hütet Euch davor, dass meine Geduld und Menschlichkeit sich an Euch ärgern. Wenn diese Unruhen fortbestehen, werde ich am Magistrat die Verbrechen des Volkes rächen; und ihr werden Grund finden, nicht nur Beschlagnahme und Exil zu fürchten, sondern Feuer und Schwert.« Die Unruhen in Alexandria waren ohne Zweifel blutiger und von ernsterem Zuschnitt; aber hier war ein christlicher Bischof von der Hand der Heiden ums Leben gekommen; und der öffentliche Brief Julians liefert einen sehr anschaulichen Beweis für die Voreingenommenheit seiner Verwaltung. Er tadelt zwar die Bevölkerung von Alexandria, aber der Tadel ist untermischt mit Ausdrücken der Wertschätzung und Billigung; und er meint sogar, dass sie zumindest bei dieser Gelegenheit von der humanen und erhabenen Gesittung hätten Abstand nehmen können, die ihnen ihre griechische Herkunft ansonsten nahe legte. Ernstlich rügt er, dass sie gegen Gerechtigkeit und Humanität verstoßen hätten; aber mit spürbarer Genugtuung erinnert er an die unerträglichen Beleidigungen des Georgios von Kappadokien, die sie so lange hatten hinnehmen müssen. Julian steht auf dem richtigen Standpunkt, dass ein weise und handlungsfähige Regierung den Übermut des Volkes strafen solle: aber in Ansehung ihres Gründers Alexander und ihrer Titulargottheit Serapis gewährt er der schuldigen Stadt großherzigen Pardon, für die er erneut wie ein Bruder empfinde Julian, Epistulae 10; Er erlaubte seinen Freunden, seinen Zorn zu besänftigen. Ammianus 22,11. . ATHANASIUS ERNEUT EINGESETZT · 21. FEBRUAR 362 Nachdem sich die Unruhen in Alexandria gelegt hatten, nahm Athanasius unter öffentlichem Beifall erneut auf dem Bischofsstuhl Platz, von dem man seinen unwürdigen Mitbewerber hinabgestoßen hatte; und da der Eifer des Bischofs von Umsicht gemäßigt wurde, lag es in seinem Sinne, die Gemüter des Volkes nicht zu entzünden, sondern auszusöhnen. Auch blieben seine seelsorgerischen Bemühungen nicht auf das enge Ägypten beschränkt. Die christliche Welt stand seinem unternehmenden und ausgreifenden Gemüt offen; und das Alter, die Verdienste und das Ansehen des Athanasius erlaubten ihm, in einem Augenblick der Gefahr das Amt eines Kirchendiktators Siehe Athanasios, Ad Rufinum, Opera, Band 2, p.40f. und Gregor von Nazianz, Orationes 21; welcher ganz zu Recht den kontrollierten Glaubenseifer des Primas für verdienstvoller ästimiert als seine Gebete, Fasten, Verfolgungen. zu übernehmen. Es war noch nicht drei Jahre her, dass die Bischöfe des Westens aus Unkenntnis oder mit Sträuben das Glaubensbekenntnis von Rimini unterschrieben hatten. Sie bereuten es, sie hatten auch wieder zum richtigen Glauben zurück gefunden, aber zugleich fürchteten sie, dass sie der große Zorn ihrer Glaubensbrüder treffen möchte, während andere, deren Stolz stärker war als ihr Glauben, sich den Arianern in die Arme werfen konnten, um einer beschämenden öffentlichen Abstrafung zu entgehen, welche sie in die Stellung eines schlichten Laien zurück geworfen hätte. Zur gleichen Zeit wurden die internen Streitigkeiten, die die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der göttlichen Personen betraf, unter den katholischen Gottesgelahrten mit einiger Hitze ausgefochten; und im weiteren Verlauf dieser metaphysischen Kontroverse drohte eine dauernde Trennung der griechischen und lateinischen Kirchen. Die Weisheit einer Synode, die der Name und die Anwesenheit des Athanasius in den Rang eines allgemeinen Konzils erhoben hatte, nahm die Bischöfe, die unaufmerksamerweise vom rechten Wege abgeirrt waren, wieder in den Schoß der Kirche auf zu der einfachen Bedingung einer Unterschrift unter das Nikäische Glaubensbekenntnis; irgend ein offizielles Schuldbekenntnis oder eine genaue Bestimmung ihrer Schulmeinung war nicht erforderlich. Der Rat des Primas von Ägypten hatte inzwischen auch den Klerus von Spanien, Gallien, Italien und Griechenland vorbereitet, dieser heilsamen Maßnahme beizutreten; und ungeachtet des Widerspruches einiger Hitzköpfe Ich habe jetzt nicht die Muße, die blinde Halsstarrigkeit des Lucifer von Cagliari nachzuzeichnen. Man vergleiche hierzu die Darstellung seiner Abenteuer bei Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 7, p. 900–926); und man beachte, wie der Tenor der Erzählung sich ändert, als aus dem Bekenner ein Schismatiker wird. : die Furcht vor dem gemeinsamen Feind beförderte Frieden und Eintracht unter den Christen »Assensus est huic sententiae Occidens, et, per tam necessarium concilium, Satanae faucibus mundus ereptus.« (Dieser Lehrmeinung ist das Abendland beigetreten, und mit Hilfe dieses so notwendigen Konzils wurde die Welt dem Schlunde Satans entrissen.) Hieronymos' anschaulicher und kunstvoller ›Dialog gegen die Luciferaner‹ (Opera,Band 2, p. 135–155) gewährt uns einen unverstellten Blick auf die Kirchenpolitik jener Zeit. . JULIAN VERBANNT ATHANASIUS · 23. OKTOBER 362 Das Geschick und die Umsicht des Primas von Ägypten hatten sich friedensstiftend ausgewirkt, bevor dann dieser Zustand durch die gezielten Erlasse des Kaisers gestört wurde Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 360), der mutmaßt, die Ermordung des Georgios habe im August stattgefunden, versammelt die Handlungen des Athanasius auf sehr engen Raum. Ein Originalfragment aus der alten Stiftsbibliothek, publiziert von Marchese Maffei (Osservazioni Letterarie, Band 3, p. 60–92), liefert zahlreiche relevante Datierungen, welche durch Berechnungen mit ägyptischen Monaten bestätigt werden. . Julian, der die Christen lediglich verachtete, widmete Athanasius seine ganz besonderen und aufrichtigsten Hassgefühle. Nur um seinetwillen führte er eine willkürliche Unterscheidung ein, die dem Geiste seiner früheren Ankündigungen mindestens widersprach. Er verfügte, dass die aus dem Exil zurückgerufenen Galiläer durch diese allgemeine Gnade keineswegs wieder in die Leitung ihrer jeweiligen Kirchen eingesetzt seien: und er zeigte sich erstaunt, dass ein Verbrecher, den die Kaiser mehrfach für schuldig befunden hatten, es wagen könne, die Majestät der Gesetze zu kränken und den Thron des Erzbischofs von Alexandria zu usurpieren, ohne die Anordnungen seines Kaisers abzuwarten. Zur Strafe für dieses angebliche Vergehen verbannte er Athanasius neuerlich aus der Stadt: und schon die Vorstellung, dass dieses Urteil seinen frommen Untertanen lieb sein müsse, freute ihn. Indessen belehrten ihn die drängenden Bitten des Volkes darüber, dass die Mehrheit der Bewohner Alexandrias Christen war; und dass den Christen in ihrer Mehrheit die Sache ihres Primas Herzensangelegenheit war. Aber die Kunde von ihren Gefühlen bestimmte ihn nun keineswegs zum Widerruf seines Erlasses, sondern reizte ihn dazu, das Verbannungsurteil auf ganz Ägypten auszudehnen. Der Eifer der Masse machte Julian nachgerade verstockt: ihn schreckte die Gefahr, an der Spitze dieser aufsässigen Stadt einen wagemutigen und volkstümlichen Anführer zurückzulassen: und die Sprache, mit denen er seine Weigerung begründete, verrät deutlich die Meinung, die er für den Mut und die Begabung des Athanasius hegte. Die Ausführung des Urteils wurde zwar noch hinausgeschoben infolge der Vorsicht oder Nachlässigkeit des ägyptischen Provinzstatthalters Ecdicius, den aber schließlich doch ein scharfer Verweis aus seiner Lethargie aufschreckte. »Wenn du es auch verabsäumst,« sagt Julian, »mir über irgendeinen Untertanen Bericht zu erstatten, so ist es doch deine Pflicht, mir wenigstens von deinem Verhalten gegenüber dem Athanasius, dem Feind der Götter, zu erzählen. Meine Absichten sind dir längst bekannt. Ich schwöre dir beim großen Serapis: wenn Athanasius nicht bis zu den Kalenden des Dezember aus Alexandria, nein, aus Ägypten verschwunden ist, werden deine Verwaltungsbeamten eine Buße von einhundert Pfund in Gold bezahlen. Du kennst mich: ich verurteile nur langsam, aber noch langsamer vergesse ich.« Der Brief wurde noch einmal durch ein Postscriptum aus des Kaisers eigener Hand bekräftigt. »Die Verachtung, die man allenthalben den Göttern bezeigt, erfüllt mich mit Trauer und Empörung. Nichts, das ich lieber sähe und nichts, wovon ich lieber hörte als von der Verbannung des Athanasius aus Ägypten. Über den Buben! Die Taufe verschiedener griechischer Damen höchsten Ranges unter meiner Regierung: das war sein Werk »Τὸν μιαρόν, ὅς ἐτόλμησεν Ἑλληνίδας, ἐπ᾽ ἐμοῦ, γυναῖκας τῶν ἐπισήμων βαπτίσαι διώκεσϑαι. Epistulae 6, p.376. Ich habe die Zweideutigkeit des letzten Wortes beibehalten und somit auch die Zweideutigkeit eines Tyrannen, der Schuld finden, oder auch schaffen wollte. .« Der Tod des Athanasius war zwar nicht ausdrücklich angeordnet; aber der Präfekt von Ägypten hatte schon begriffen, dass es diesmal besser für ihn wäre, über die Anordnung seines aufgebrachten Herren hinaus zu gehen, als sie zu ignorieren. Der Erzbischof seinerseits zog sich klüglich in die Wüstenklöster zurück; vermied auch diesmal wieder mit gewohnter Umsicht die Schlingen des Feindes; und lebte fort, um über die Asche eines Herrscher zu triumphieren, welcher mit Worten von furchtbarer Tragweite den Wunsch geäußert hatte, das gesamte Gift der galiläischen Schule möge in diesem einem Athanasius versammelt sein Die drei Briefe Julians, welche seine Absichten und seine Empfindungen gegenüber Athanasius darlegen, sollten in der folgenden chronologischen Reihenfolge angeordnet werden: XVI, X, VI. Siehe dazu auch Gregor von Nazianz, Orationes 21; Sozomenos, 5,15; Sokrates, 3,14; Theodoretos, 3,9; and Tillemont, Memoires ecclésiastiques Band 8, p. 361–368, der auch einiges von dem Material benutzt hat, welches die Bollandisten aufbereitet hatten. . DER ÜBERMUT UND GLAUBENSEIFER DER CHRISTEN Ich habe mich ernstlich bemüht, das sinnreiche System darzustellen, das es Julian ermöglichte, die Wirkungen einer Christenverfolgung zu erzielen, ohne sich zugleich dem damit verbundenen Schuldvorwurf auszusetzen. Wenn aber nun der mörderische Geist des Fanatismus Herz und Verstand eines verdienten Herrschers pervertierte, muss zugleich eingestanden werden, dass das eigentliche Leiden der Christen sich an menschlichen Leidenschaften und religiösem Enthusiasmus entzündet hatte. Die Sanftmut und die Ergebenheit, welche die frühen Bekenner des Evangeliums ausgezeichnet hatten, gaben ihren Nachfahren Anlass zum Beifall, weniger zur Nachahmung. Die Christen, über vierzig Jahre im Besitz der zivilen und kirchlichen Macht des Reiches, waren den Versuchungen des Wohlstandes erlegen Siehe das offenherzige Geständnis des Gregor von Nazianz, Orationes 3. und glaubten fest daran, dass die Heiligen allein die Herrschaft über die Erde ausübten. Sobald nun die offene Feindschaft Julians sie der Gerechtsame beraubte, die ihnen Constantins Gunst geschenkt hatte, beklagten sie sich über die grausamste Unterdrückung; und für die Rechtgläubigen war die Tolerierung von Götzenanbetern und Häretikern ein Gräuel und Anstoß Man höre nur die zornige und absurde Klage des Optatus an! (De schismate Donatistarum 2,16f.) . Der religiöse Eifer des Volkes beging weiterhin Gewaltakte, obgleich die Magistrate sie nicht länger hinnehmen mochten. In Pessinus wurde der Altar der Cybele sozusagen im Beisein des Kaisers umgestürzt; und in Caesarea in Kappadokien wurde der Fortuna-Tempel, der einzige den Heiden verbliebene Ort der Anbetung, durch eine marodierende Volksmasse zerstört. Aber selbst bei solchen Gelegenheiten war der Herrscher, der für die Ehre seiner Götter eintrat, nicht gemeint, in den Gang der Justiz einzugreifen; empört war er eigentlich erst dann, wenn er sah, dass die Fanatiker, die ihre wohlverdiente Strafe für Brandstiftung erhalten hatten, auch noch zu Märtyrern verklärt wurden Gregor von Nazianz, Orationes 3,91. Er rühmt die Rebellen von Caesarea, τοῦτων δὲ τῶν μεγαλοφυῶν καὶ ϑερμῶν εἰς εὐσέβειαν. (... diese Erhabenen und in Frömmigkeit Leidenschaftlichen). Siehe Sozomenos, 5,4 und 11 und Tillemont, Memoires ecclésiastiques, Band 7, p. 649f. Er gesteht ein, dass ihre Vorgehendweise sich nicht dans l'ordre commun (im Rahmen der öffentlichen Ordnung) bewegte; aber er hat nichts daegen zu erinnern, dass der ehrbare St. Basil regelmäßig das Fest dieser seligen Märtyrer beging. . Die christlichen Untertanen waren sich der feindlichen Ränke ihres Herrschers völlig sicher; und nach ihrem bornierten Verständnis lieferte ihnen jedwede Maßnahme seiner Regierung Anlass zur Unzufriedenheit und Argwohn. Nach der gewöhnlichen Gesetzeslage mussten die Christen, die ja auch einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung bildeten, sehr häufig verurteilt werden: aber ihre eifernden Glaubensbrüder behaupteten ohne nähere Prüfung der Umstände deren Unschuld, stellten sich hinter ihre Ansprüche und machten für die Härte der Urteile parteilichen Bösartigkeit und religiöse Intoleranz verantwortlich Julian brachte einen Prozess mit einem Urteil gegen die neue christliche Stadt Maiuma, den Hafen von Gaza, zu einem Ende; sein Urteil, obschon reichlich scheinheilig, wurde von seinen Nachfolgern niemals aufgehoben. Sozomenos 5,3; Reland, Palaestina, Band 2, p. 791. . Diese Misshelligkeiten des Augenblicks, so bitter sie auch waren, sah man nur als ungezwungenes Vorspiel auf die eigentliche Katastrophe an. Für die Christen war Julian ein grausamer und listiger Tyrann, der sich seine Rache bis zum siegreichen Ende seines persischen Feldzuges aufsparte. Sie erwarteten von ihm, dass er, sobald er über die Feinde Roms erst einmal obsiegt habe, die langweilig Maske der Verstellung ablegen werde; dass in den Amphitheatern wieder das Blut der Einsiedler und Bischöfe ströme werde; und dass die Christen, die dennoch ihren Glauben zu bekennen nicht aufhörten, von der Teilhabe an der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen würden Gregor (Orationes 4) gibt vor, hier Informationen von Julians Vertrauten mitzuteilen, welche Orosius (7,30) aber gar nicht gesehen haben konnte. . Furcht und Hass machten seinen Feinden jede Verleumdung glaubwürdig Gregor (Orationes 3) zeiht den Apostaten, heimlich Jungen und Mädchen geopfert zu haben und versichert mit vieler Bestimmtheit, dass die Leichen danach in den Orontes geworfen worden seien. Siehe Theodorotos 3,26 und 27 und die fragwürdige Aufrichtigkeit des Abtes de la Bléterie (Vie de Julien, p. 351). Indessen konnte die zeitgenössische Bosheit Julian denn doch nicht die Unmassen von Märtyrern, besonders aus dem Westen, anhängen, die Baronius so gierig herunterschluckt und die Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 7, p.1295–1315) kleinmütig verwirft. , wenn sie nur das Ansehen des Apostaten herabzusetzen geeignet war; und ihr unbedachtes Lärmen reizte die Seelenruhe des Herrschers, den zu respektieren ihre Pflicht und mit dem gut zu stehen ihr Interesse war. Natürlich beteuerten sie, dass Gebete und Tränen ihre einzige Waffe waren gegen diesen gottvergessenen Tyrannen, auf dessen Haupt sie die Strafe des beleidigten Himmels herabflehten. Aber zugleich verbreiteten sie, dass ihre Unterwürfigkeit keineswegs nur noch ein Zeichen von Schwäche sei; und dass bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur die Langmut, die sich auf abstrakte Prinzipien gründet, aufgrund von Verfolgungen irgendwann erschöpft habe. Es lässt sich unmöglich abschätzen, bis zu welchem Grad Julians Gottesbegeisterung seinen gesunden Menschenverstand und seine Humanität noch eingetrübt haben würde: wenn wir aber ernstlich die Stärke und den Geist der Kirche in Erwägung ziehen, können wir uns überzeugt halten, dass der Herrscher noch vor der Ausrottung der christliche Religion sein Land in den Abgrund eines Bürgerkrieges gestürzt hätte Gregors Ergebung in den Willen der Vorsehung ist wahrhaft erbaulich. Als ein Offizier Julians Anstalten machte, die Kirche von Nazianz zu bestürmen, hätte er sein Leben verloren, wenn er nicht vor des Bischofs und des Volkes Glaubensstärke zurückgewichen wäre (Orationes 19). Siehe die Überlegungen von Chrysostomos, wie sie bei Tillemont, (Memoires ecclésiastiques Band 7, p. 575) angeführt sind. . XXIV JULIAN RESIDIERT IN ANTIOCHIA · ERFOLGREICHER FELDZUG GEGEN DIE PERSER · ÜBERQUERUNG DES TIGRIS · RÜCKZUG UND TOD JULIANS · JOVIAN ZUM KAISER GEWÄHLT · RETTUNG DER RÖMISCHEN ARMEE DURCH EINEN SCHMACHFRIEDEN   JULIANS ›CAESARES‹ Die philosophische Fabel, die Julian unter dem Namen DIE CAESAREN In der Leipziger Ausgabe der Werke Julians findet sich diese Fabel oder Satire in Band 2, p. 306 – 336. Die französischsprachige Fassung des gelehrten Ezechiel Spanheim (Paris 1683) ist ungeschlacht, flau und fehlerhaft, und seine Fußnoten, Belegstellennachweise und Erläuterungen türmen sich schließlich zu einem Massiv von 557 engbedruckten Seiten im Quartformat. Der Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 1, p. 241 – 393) hat Geist und Sinn des Originals viel treffender übertragen, zudem hat er es durch einige knappe und informative Fußnoten kommentiert. abfasste, ist eine der gefälligsten und lehrreichsten Werke antiken Geistes Spanheim hat in seinem Vorwort mit viel Gelehrsamkeit die Herkunft und Etymologie sowie die Unterschiede und Übereinstimmungen von griechischen Satyren und lateinischen Satiren diskutiert; erstere war eine Dramengattung, die im Anschluss an eine Tragödie gegeben wurde, letztere eine Schrift in Prosa oder Versen in unterschiedlicher Form. Aber Julians Caesaren haben eine derart eigenwillige Anlage, dass die Wissenschaft in Verlegenheit ist, sie einer bestimmten Gattung zuzuordnen. . Während der Freiheit und Gleichheit der Saturnalien bereitet Romulus ein Fest für die olympischen Gottheiten, – sie hatten ihn als Standesgenossen anerkannt und unter sich aufgenommen – sowie für die römischen Herrscher, welche über sein kriegerisches Volk und die besiegten Nationen der Erde regiert hatten. Die Unsterblichen erhielten ihren angemessenen Platz und für die Caesaren war die Tafel unterhalb des Mondes in den höheren Luftgefilden bereitet. Die Tyrannen, welche durch ihre Anwesenheit die Gesellschaft der Menschen und Götter beleidigt haben würden, stürzte die unversöhnliche Nemesis kopfüber in den Tartarus. Die übrigen Caesaren erschienen nach und nach an ihren jeweiligen Plätzen: und als sie dann eintrafen, wurden ihre jeweiligen Laster, Fehler und Charaktermängel auf bösartige Weise durch den alten Silen angemerkt, einen lachenden Moralisten, welcher die Weisheit des Philosophen hinter der Maske eines Bacchanals verbarg Diese schillernden Charakterzüge des Silen werden auch in Vergils sechster Ekloge sehr hübsch ausgemalt. . Nach Beendigung des Festes kündete Merkur den Willen Jupiters, dass dem höchsten Verdienst die Himmelkrone gebühre. Als aussichtsreichste Kandidaten wurden Julius Caesar, Augustus, Trajan und Marc Aurel genannt; der weibische Konstantin Jeder unvoreingenommene Leser wird hier eine Parteinahme Julians gegen seinen Onkel Constantin und die christliche Religion feststellen und ablehnen. Bei dieser Gelegenheit fühlen sich Übersetzer durch ein höherrangiges Interesse bestimmt, ihre Gefolgschaft aufzukündigen und sich von der Sache ihres Autors loszusagen. wurde aus diesem ehrenhaften Wettbewerb nicht eigentlich ausgeschlossen, und auch Alexander der Große ward eingeladen, mit den römischen Heroen sich zu messen. Jedem der Kandidaten wurde erlaubt, seine eigenen Verdienste darzutun; vor dem Richterstuhl der Götter hinterließ das schlichte Schweigen des Mark Aurel den stärksten Eindruck, ganz anders als die ausgefeilten Reden seiner stolzen Gegner. Als die Kampfrichter nun dazu übergingen, das Herz zu prüfen und die Beweggründe ihres Handelns, trat der kaiserliche Stoizismus noch überlegener und überzeugender hervor Julian verspürte Neigung, einem Griechen gegenüber einem Römer den Vorzug zu geben. Bei einem ernsthaften Vergleich von Held und Philosoph ward er inne, dass die Menschheit einem Sokrates erheblich mehr verpflichtet ist als einem Alexander (Oratio ad Themistium, p. 264). . Alexander und Caesar, Augustus, Trajan und Constantin bekannten unter Erröten, dass Ruhm, Macht und deren Befriedigung die eigentlichen Triebfedern ihres Handelns gewesen waren: die Götter aber schauten mit Freude und Zuneigung auf einen tugendreichen Sterblichen, der sich noch auf dem Thron als Philosoph bewährt hatte; und der sogar in einem Augenblick menschlicher Schwäche bemüht war, den moralischen Eigenschaften der Götter nachzueifern. Der Wert dieser lesenswerten Schrift, die Caesares des Julian, wird durch den Rang ihres Verfassers noch erhöht. Ein Herrscher, der ohne Zurückhaltung ein Gemälde der Laster und Tugenden seiner Vorgänger entwirft, gibt damit ausdrücklich auch sein eigenes Verhalten für Kritik oder Lob frei. JULIAN BESCHLIESST DEN ZUG GEGEN PERSIEN · A.D.362 In Augenblicken ruhigen Nachdenkens gab Julian den heilsamen Tugenden des Mark Aurel den Vorzug; aber sein Ehrgeiz entzündete sich am Ruhm von Alexander; und mit vergleichbarer Heftigkeit verlangte es ihn nach der Wertschätzung der Weisen und dem Beifall der Masse. In jenem Lebensabschnitt, in welchem die Geistes- und Körperkräfte in höchster Blüte stehen, beschloss der Kaiser, der durch die Germanenkriege gestählt und durch deren Erfolge beflügelt war, seine Regierungszeit durch fernere Großtaten und Eroberungen merkwürdig zu machen. Die Botschafter östlicher Reiche, von Ceylon »Inde nationibus Indicis certatim cum donis optimates mittentibus ... ab usque Divis et ›Serendivis‹.« (Von dort schickten die indischen Völker um die Wette vornehmste Männer mit Geschenken...bis zu den Diven und ›Serendiven‹) Ammianus 22,7. Diese Insel, die nacheinander Taprobana, Serendib und Ceylon genannt wurde, führt uns handgreiflich vor Augen, wie wenig die Römer die Meere und Länder östlich von Kap Comorin kannten. 1. Unter der Herrschaft des Claudius war ein Freigelassener, der die Steuereinnahmen des Roten Meeres gepachtet hatte, durch ungünstige Winde zum ersten Male durch Zufall mit diesen fremden Küsten in Berührung gekommen: sechs Monate lang pflegte er mit den Einwohnern Umgangs; und der König von Ceylon, der zum ersten Male von Rom und seiner Größe hörte, hielt es für aufgezeigt, eine Gesandtschaft zum Kaiser zu schicken (Plinius, Naturalis historia 6,24). 2 Die Geographen (selbst Ptolemäus) haben die Größe dieser neuen Welt um fast das Fünfzehnfache übertrieben, da sie sich nach ihrer Auffassung bis zum Äquator und an die Grenzen Chinas erstreckte. bis zum indischen Kontinent, hatten dem römischen Purpur ihre Aufwartung gemacht Diese Gesandtschaften wurden zu Constantius geschickt. Ammianus, der hier unpassenderweise in plumpe Schmeichelei verfällt, hat wohl die große Entfernung und Julians kurze Regierungszeit vergessen. . Die Völker des Westens respektierten und fürchteten Julians persönliche Tüchtigkeit, in Friedens- wie in Kriegszeiten. Die Trophäen seines Sieges über die Goten achtete er gering »Gothos saepe fallaces et perfidos; hostes quaerere se meliores aiebat: illis enim sufficere mercatores Galatas per quos ubique sine conditionis discrimine venundantur.« (Ammianus 22,7) (Die Goten, oft tückisch und treulos; da suche er sich bessere Feinde, erklärte er: für jene genügten die Galather, welche sie überall auf den Märkten und unbekümmert um ihren Stand verkauften.) Nach noch nicht einmal fünfzehn Jahren bedrohten diese gotischen Sklaven ihre Herren und unterwarfen sie. , und er war damit zufrieden, dass die raublustigen Barbaren des Donaugebietes von inskünftigen Verletzungen der Friedensverträge durch die Furcht vor seinem Namen und durch zusätzliche Grenzbefestigungen zurückgehalten würden. Die Nachfahren des Cyrus und Artaxerxes waren die einzigen Gegner, die ihm seiner Waffen würdig schienen; und so beschloss er denn, durch die endgültige Niederwerfung Persiens diese hochmütige Nation zu züchtigen, welche so lange Roms Namen gekränkt hatte Alexander erinnert Caesar, der die Bedeutung von dessen asiatischer Eroberung kleinredet, dass Crassus und Antonius die Pfeile der Perser spüren mussten; und dass im Laufe einer dreihundertjährigen Auseinandersetzung die Römer noch nicht einmal eine einzige Provinz Mesopotamiens oder Assyriens erobert hätten. Julian, Caesares p. 324. . Sobald der persische Großkönig Kunde davon hatte, dass auf dem Thron des Constantius nunmehr ein Herrscher von ganz anderem Zuschnitt saß, unterbreitete er einige schwer durchschaubare, aber möglicherweise aufrichtige Friedensvorschläge. Doch schon bald erstaunte Sapors Hochmut über Julians Festigkeit, welcher mit Nachdruck erklärte, dass er sich niemals zu einer Friedenskonferenz inmitten der brennenden und zerstörten Städte Mesopotamiens bereit finden würde; und der mit verächtlichem Lächeln hinzufügte, dass Verhandlungen durch Gesandtschaften sinnlos seien, da er sich selbst vorgesetzt habe, schon bald den persischen Hof zu besuchen. Die Ungeduld des Monarchen befeuerte die militärischen Vorbereitungen. Die Generäle wurden ernannt; eine gewaltige Armee wurde für diese hochwichtige Angelegenheit aufgestellt; und Julian selbst marschierte von Konstantinopel durch die Provinzen Kleinasiens und erreichte Antiochia acht Monate nach dem Tode seines Vorgängers. Sein brennendes Verlangen, ins Innere Persiens vorzustoßen, wurde allerdings noch durch dringende Staatsgeschäfte aufgehalten; durch sein Verlangen ferner, den Dienst an den alten Göttern zu erneuern; und schließlich durch den Rat bedachterer Freunde, welche ihm die heilsame Wirkung eines Winterlagers darstellten, das geeignet war, die erschöpften Kräfte der gallischen Legionen zu erneuern und die Disziplin und den Geist der Ost-Armee zu beleben. Julian ließ sich überzeugen, bis zum Ende des Frühlings in Antiochia Residenz zu nehmen inmitten einer bösartigen Bevölkerung, die das hastige Vorgehen ihres Herrschers zu verhöhnen und sein Zögern zu tadeln aufgelegt war Den persischen Feldzugsplan erklären Ammianus (22.7 und 12), Libanios (Oratio parentalis 79f.), Zosimos (3,11) und Sokrates (3,19) . JULIAN IN ANTIOCHIA Wenn Julian sich eingebildet haben sollte, dass seine persönliche Beziehung zu der Hauptstadt des Ostens hinreichen würde, ein befriedigendes Verhältnis zwischen Herrscher und Volk zu stiften, dann schätzte er sich selbst und die Stimmung in Antiochia durchaus falsch ein Die Satire von Julian und den Predigten des St. Chrysostomos zeichnen von Antiochia ein vergleichbares Bild. Elegant und zutreffend ist auch die Miniatur des Abbé de la Bléterie (Vie de Julien, p. 332) . Das warme Klima machte die Einwohner zu Üppigkeit und Müßiggang besonders geneigt; und die muntere Ausgelassenheit der Griechen harmonisierte mit der angeborenen Weichheit der Syrier. Für die Bewohner Antiochias waren Mode das einzige Gesetz, Vergnügen das einzige Ziel und Üppigkeit von Kleidung und Besitz das einzige Unterscheidungsmerkmal. In hoher Ehre standen die Raffinessen des Luxus; ernste Mannestugenden waren Gegenstand des Spottes; weibliche Zurückhaltung und das ehrwürdige Alter wurden verachtet, was ein sicheres Indiz für die Verderbtheit der Hauptstadt des Ostens war. Öffentliche Darbietungen waren die Vorliebe, wo nicht die Leidenschaft des Syrier: Die besten Könner ihres Gewerbes wurden aus den Nachbarstädten herangezogen Laodicea stellte Wagenlenker; Tyros und Berytos Komödianten; Heliopolis Sänger; Gaza Gladiatoren; Ascalon Ringkämpfer; und Castabala Seiltänzer. ; beträchtliche Haushaltsmittel wurden für öffentliche Lustbarkeiten ausgegeben; und der Prachtaufwand, mit dem die Theater- und Zirkusveranstaltungen betrieben wurden, machte Antiochias Ruhm und Größe aus. Die rustikalen Aufführungen eines Herrschers, dem solcherart Ruhm ferne lag und der für derlei Freuden unempfänglich war, kränkten schon bald den delikaten Geschmack seiner Untertanen; unmöglich war es den verweichlichten Orientalen, die strenge Kargheit nachzuahmen oder zu bewundern, die Julian stets an den Tag legte oder zuweilen auch nur erkünstelte. Nur an hohen Feiertagen, die nach altem Herkommen den Göttern geweiht waren, legte Julian die Maske des strengen Philosophen ab; und genau diese Feste waren die einzigen Tage, an welchen die Syrer Antiochias den Verlockungen der Freude widerstehen konnten. Die Mehrheit des Volkes förderte nämlich den Ruhm des christlichen Namens, den ihre Vorfahren als erste getragen hatten »Χριστὸν δὲ ἀγαπῶντες, ἔχετε πολιοῦχον ἀντὶ τοῦ Διός. (Liebt ihr Christus, habt ihr einen Schutzpatron gegen Zeus.) Die Einwohner bekannten sehr erfinderisch ihre Anhänglichkeit an das Chi (Christus) und an das Kappa (Konstantinos). Julian, Misopogon p. 357. . Sie hatten keine Probleme damit, moralische Vorschriften zu missachten, aber die Doktrinen ihrer Religion beobachteten sie mit großer Gewissenhaftigkeit. Die Kirche von Antiochia war durch Häresie und Schisma gespalten; aber die Arianer und die Athanasier, die Anhänger des Meletius und des Paulinus Das Schisma von Antiochia, welches fünfundachtzig Jahre (A.D. 330 – 415) währte, wurde durch die unüberlegte Ordination des Paulinus ausgelöst, als Julian in dieser Stadt residierte. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 803 Quartausgabe, aus der ich von nun an zitieren werde. spornte doch derselbe fromme Hass gegen Julian, ihren gemeinsamen heidnischen Feind. JULIANS SATIRE GEGEN DIE EINWOHNER ANTIOCHIAS Man hegte den massivsten Vorbehalt gegen diesen Apostaten, der der Feind und zugleich der Nachfolger eines Herrschers war, der die Zuneigung einer zahlenstarken Sekte gewonnen hatte; und die Verlegung des Grabes von St. Babylas erzeugte einen unversöhnlichen Hass gegen die Person des Julian. Seine Untertanen, in ihrem Aberglauben beleidigt, beklagten, dass eine Hungersnot ihres Herrschers Marsch von Konstantinopel nach Antiochia begleitet habe; und die Unzufriedenheit des hungrigen Volkes wurde noch gesteigert durch den untauglichen Versuch, ihrer Not zu steuern. Wegen ungünstiger Witterung war die Ernte von Syrien dürftig gewesen; und entsprechend der Getreideknappheit war der Brotpreis Julian legt je nach Marktlage für ein Goldstück drei unterschiedliche Mengen Getreide fest, (fünf, zehn oder fünfzehn modii Weizen). Hieraus und aus ähnlich gelagerten Beispielen schließe ich, dass unter den Nachfolgern des Constantin der Weizenpreis ca. 32 Schilling für ein englisches Quarter betrug, was dem Durchschnittspreis der ersten vierundsechzig Jahre unseres (18.) Jahrhunderts entspricht. Siehe Arbuthnot, Tables of Coins, Weights and Measures, p. 88, 89. Plinius, Historia Naturalis, 18,12; Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 28, p. 718 – 721. Adam Smith, Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Band 1, p. 246. Es erfüllt mich mit Stolz, dieses letzte Werk als das eines Weisen und eines Freundes zu zitieren. auf den Märkten von Antiochia gestiegen. Aber diese anständige und angemessene Steigerungsrate wurde schon bald durch schmutzige Kunstgriffe der Monopole zunichte gemacht. GETREIDEMANGEL UND ALLGEMEINER UNMUT Bei diesem ungleichen Wettbewerb, in welchem die Erzeugnisse des Landes von der einen Seite als ihr ausschließliches Eigentum beansprucht, von der anderen als einträgliches Handelsobjekt missbraucht und von der dritten als lebenswichtige tägliche Nahrung benötigt werden: in diesem Wettbewerb werden alle Profite der Zwischenhändler dem hilf- und wehrlosen Konsumenten aufgebürdet. Durch ihre eigene Ungeduld und Besorgtheit verschärften sie ihre Situation noch zusätzlich; und die ängstliche Erwartung einer Knappheit provozierte allmählich die Symptome einer Hungersnot. Als Antiochias verwöhnte Bürger über den Mangel von Geflügel und Fisch Klage führten, ließ Julian öffentlich verlautbaren, dass für eine anständig-karge Stadt die regelmäßige Zufuhr von Wein, Öl und Brot ausreiche; allerdings anerkannte er, dass es zu den Pflichten des Herrschers gehöre, sich um die Versorgung seines Volkes zu kümmern. Mit dieser heilsamen Auffassung wagte der Kaiser den sehr gefährlichen und unsicheren Schritt, den Getreidepreis gesetzlich festzulegen. Er verfügte, dass es in Zeiten der Knappheit zu einem Preis verkauft werden sollte, den man in den Jahren des Überflusses nur selten gekannt hatte; und um durch das eigene Vorbild sein Vorhaben zu bekräftigen, warf er vierhundertundzweiundzwanzigtausend modii auf den Markt, welche er aus den Kornkammern von Hierapolis, Chalcis und selbst noch Ägyptens herbeischaffen ließ. Die Folgen, die man hätte vorhersehen können, traten denn ja auch unverzüglich ein. Der kaiserliche Weizen wurde von den reichen Händlern aufgekauft; die Eigentümer von Land oder Getreide hielten die Lieferungen zurück; und was an kleinen Mengen doch seinen Weg auf den Markt fand, wurde heimlich, illegal und zu Wucherpreisen verkauft. Julian indessen wurde nicht müde, seine Politik zu loben, tat die Beschwerden des Volkes als albernes und undankbares Nörgeln ab und überzeugte Antiochia davon, dass er zwar die Hartnäckigkeit, aber nicht die Grausamkeit seines Bruders Gallus geerbt habe »Nunquam a proposito declinabat, Galli similis fratris, licet incruentius.« (Niemals wich er – ähnlich wie sein Bruder Gallus – von einem Vorhaben ab, wenn er auch unblutiger war.) Ammian. 22,14. . Die Vorhaltungen des städtischen Senates bestärkten ihn lediglich in seiner starren Haltung. Er war davon überzeugt, und vermutlich war er es zu Recht, dass die Senatoren von Antiochia, die ja alle eigenes Land besaßen oder am Handel beteiligt waren, selbst zu der Notlage ihres Landes beigetragen hätten; und so er warf er ihnen ihre dreiste Kühnheit vor, mit dem sie nicht das gemeine Wohl, sondern ihre privaten Interessen verfolgten. Die gesamte Körperschaft, immerhin zweihundert der vornehmsten und wohlhabendsten Bürger, wurde unter strenger Bewachung vom Palast ins Gefängnis verbracht; und obwohl sie noch vor Einbruch der Dunkelheit in ihre jeweiligen Häuser zurückkehren durften Ihre kurze und leichte Haft wird von Libanios mit Schonung berührt (Oratio parentalis 98) , waren sie ihrem Kaiser gegenüber nicht so bald zur Vergebung bereit wie er ihnen gegenüber. Der gleiche Übelstand war immer noch Gegenstand der gleichen Klagen, welche die leichtfertige Natur der syrischen Griechen vorsätzlich in Umlauf gebracht hatten. Während der tollen Tage der Saturnalien erklangen in den Straßen ungehörige Lieder, mit denen die Gesetze, die Religion, das persönliche Auftreten und sogar der Bart des Kaisers verspottet wurden; und das augenzwinkernde Einverständnis des Senates sowie der lärmende Beifall des Volkes legten ein beredtes Zeugnis von Antiochias Geistesverfassung ab Libanios (Ad Antiochienos de Imperatoris ira 17 – 19) tadelt wie ein gelernter Anwalt die Torheit des Volkes, welches für das Verbrechen von ein paar finsteren und betrunkenen Kriminellen leiden musste. . Der Schüler des Sokrates war zutiefst betroffen infolge dieses allgemeinen Hohnes; der Monarch indessen, ausgestattet mit rascher Auffassung und absoluter Macht, gestattete sich keine billige Rache. Ein normaler Tyrann hätte unterschiedslos Leben und Vermögen der Bürger Antiochias auf die Proskriptionsliste gesetzt; und die kampfuntauglichen Syrer hätten sich der Gier, Raublust und Grausamkeit der gallischen Legionen mit Seufzen ergeben müssen. Ein milder gestimmtes Gemüt hätte die Hauptstadt des Ostens seiner Ehrenstellung und Privilegien entkleidet; und die Höflinge, vielleicht sogar die Untertanen Julians hätten diesem Rechtsakt zugestimmt, durch welchen das Ansehen der höchsten Machtinstanz des Staates wieder hergestellt worden wäre Libanios (Ad Antiochienos de Imperatoris ira 7) erinnert Antiochia daran, dass Caesarea erst vor kurzer Zeit gezüchtigt worden war; und selbst Julian (Misopogon, p. 355) erinnert daran, wie schwer Tarent einst für die Kränkung der römischen Gesandtschaft gebüßt habe. . Anstelle nun die Staatsmacht für die Bestrafung persönlich erlittenen Unrechtes zu missbrauchen oder wenigstens mit ihr zu drohen, verfiel Julian auf eine harmlosere Art der Vergeltung, wie sie wohl nur wenigen Herrschern zu Gebote stehen dürfte. JULIAN VERFASST EINE SATIRE AUF ANTIOCHIA Man hatte ihn durch Satiren und Schmähschriften beleidigt; so verfasste er seinerseits unter dem Titel der Barthasser ein ironisches Bekenntnis seiner Fehler, das zugleich eine giftige Satire auf die weibischen und zügellosen Sitten von Antiochia war. Diese kaiserliche Replik wurde an den Palasttoren für jedermann zugänglich ausgehängt; und noch heute ist der MISOPOGON Über den Misopogon sehe man: Ammianus (22,14), Libanios (Oratio parentalis 99), Gregor von Nazianz (Orationes 4) und die Chronik von Antiochia von Johannes Malala (Band 2, p.5f.) Besonders bin ich der Übersetzung und den Anmerkungen des Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 2, p. 1 – 138) verpflichtet. ein einzigartiges Dokument von Julians Denken, seinem Witz, seiner Humanität und seiner Rücksichtslosigkeit. Wenn er auch zu lachen vorgab, so konnte er dennoch nicht vergeben Ammianus 22,14 merkt mit gutem Recht an, »coactus dissimulare pro tempore ira sufflabatur interna.« (Zeitweilig zum Schweigen genötigt, nährte er doch insgeheim seinen Zorn.) Aus Julians ausgefeilter Ironie werden schließlich ernsthafte und direkte Vorwürfe. . Seine Verachtung drückte sich aus und seine Rachegelüste waren wohl befriedigt, als er einen zu diesen Untertanen durchaus passenden Statthalter Ipse autem Antiochiam egressurus, Heliopoliten quendam Alexandrum Syracae iurisdictioni praefecit, turbulentum et saevum; dicebatque non illum meruisse, sed Antiochensibus avaris et contumeliosis huiusmodi iudicem convenire. (Er selbst aber setzte noch kurz vor seiner Abreise den bösartigen und jähzornigen Alexander von Heliopolis als obersten Richter von Syrien ein und sagte zu Erläuterung, dieser habe diesen Posten zwar nicht verdient, doch gäbe es für die habgierigen und schmähfreudigen Einwohner Antiochias keinen besseren.) Ammianus 23,2. Libanios (Epistulae 722, p. 346 f.), der Julian gestand, auch er habe an der allgemeinen Unzufriedenheit seinen Teil gehabt, bemerkt doch, dass Alexander ein nützlicher, wenngleich ruppiger Reformer von Sitte und Religion zu Antiochia gewesen sei. einsetzte: der Kaiser selbst, der sich für immer von dieser undankbaren Stadt lossagte, erklärte, den bevorstehenden Winter im kilikischen Tarsus verbringen zu wollen Julian, Misopogon, p. 364; Ammianus, 23,2, und Valesius ad locum. Libanios lädt Julian in einer förmlichen Rede ein, zu seiner pflichttreuen und reuigen Stadt Antiochia zurückzukehren. . VERSÖHNUNG DURCH DEN SOPHISTEN LIBANIOS Indessen besaß Antiochia einen Bürger, dessen Genius und Talent nach Auffassung Julians die Laster und Dummheit seines Vaterlandes aufwog. Libanios, der Sophist, war in der Hauptstadt des Ostens auf die Welt gekommen; er übte das Amt eines öffentlichen Lehrers der Rhetorik und der Deklamation in Nikäa aus, in Konstantinopel, in Athen und gegen Schluss seines Lebens in Antiochia. Griechenlands Jugend suchte seine Schule mit Vorliebe auf; seine Schüler – es waren ihrer oft mehr als achtzig – verehrten den Unvergleichlichen; und die neidischen Nachstellungen seiner Rivalen, die ihn von einer Stadt in die andere trieben, bestätigte nur die günstige Meinung, die Libanios von seinen hohen Verdiensten hegen durfte. Julians christliche Lehrer hatten ihm einst das Zugeständnis abgenötigt, niemals bei ihrem Kontrahenten Stunden zu nehmen; die Neugier des königlichen Zöglings wurde durch dieses Hindernis erst recht geweckt: er verschaffte sich unter der Hand die Schriften dieses unheimlichen Sophisten und übertraf durch genaue Nachahmung seines Stils den bemühten Sprachduktus seiner Mitschüler Libanios, Oratio parentalis 7. . Als Julian dann den Thron bestiegen hatte, verkündete er sein Verlangen, endlich diesen syrischen Sophisten umarmen und belohnen zu wollen, welcher im Zeitalter des allgemeinen Niederganges imstande gewesen war, die Reinheit des griechischen Geschmacks, der Sitten und der Religion zu bewahren. Des Kaisers vorgefasste Meinung wurde bestätigt und sogar noch bestärkt durch den zurückhaltenden Stolz seines Günstlings. Er drängte sich nicht zusammen mit anderen und in der ersten Reihe in den Palast von Konstantinopel, sondern erwartete in aller Bescheidenheit seine Ankunft in Antiochia; verließ den Hof bei den ersten Anzeichen von Entfremdung oder Gleichgültigkeit; verlangte für jeden Besuch eine offizielle Einladung; und lehrte seinen Herrscher die wichtige Lektion, dass er zwar dem Gehorsam eines Untertanen gebieten könne, dass er sich aber um die Anhänglichkeit eines Freundes bemühen müsse. Die Sophisten, die zu allen Zeiten die zufälligen Unterschiede der Geburt und des Vermögens Eunapius (Vitae Sophistarum, p. 135) erzählt, dass Libanios den Rang eines Prätorianerpräfekten ablehnte, da er weniger bedeute als der Titel eines Sophisten. Gelehrte haben in einem der Briefe des Libanios (Epistulae 18, ed. Wolf) eine vergleichbare Auffassung entdeckt. verachteten oder zu verachten vorgaben, sparen sich ihre Wertschätzung für Träger höherer Geistesgaben auf, mit denen sie selbst in Überfülle ausgestattet sind. Julian mochte wohl den Beifall eines käuflichen Hofes gering schätzen, welcher den Kaiserpurpur anbetete; aber er war zutiefst angetan durch das Lob, den Ansporn, die Freiheit und die Eifersucht eines unabhängigen Philosophen, welcher seine Gunst verschmähte, ihn persönlich jedoch schätzte, seinen Ruhm mehrte und der sein Gedächtnis in Ehren hielt. Die umfänglichen Schriften des Libanius sind auf uns gekommen: zum größten Teil sind sie das müßige und unfruchtbare Geschreibe eines Redners, welcher Wortkunst betreibt; eines Stubenhockers, dessen Sinne unbeschadet vom Geschehen der Gegenwart unverdrossen am Trojanischen Krieg und Athens Großmachtstellung kleben. Bisweilen gestattete sich der Sophist von Antiochia einen Abstieg aus seiner luftigen Höhe; er unterhielt eine vielseitige und sorgfältig ausgearbeitete Korrespondenz Fast zweitausend Briefe des Libanios sind uns überliefert und mittlerweile veröffentlicht, die alle in einem Stil gehalten sind, in welchem Libanios nach allgemeiner Auffassung Großes leistete. Die Gelehrten loben wohl seine geschliffene und geschmackvolle Knappheit; doch Dr. Bentley (Dissertation, p. 487) hat wohl zu Recht, wenn auch augenzwinkernd angemerkt, dass »man wegen ihrer Leere und Leblosigkeit das Gefühl hat, sich mit einem verträumten Schulmeister zu unterhalten, der, gestützt auf seine Ellenbogen, nur am Schreibtisch hockt.« ; er lobt die Tugenden seiner Zeit; mit kühnem Mut klagt er die Liederlichkeiten des öffentlichen und privaten Lebens an; und mit viel Beredsamkeit verteidigt er die Sache Antiochias gegen die gerechte Bestrafung durch Julian und Theodosios. Es ist nun einmal die Tragik des Alters Er ist geboren im Jahre 314. Er erwähnt sein 67. Jahr (A.D. 390) und scheint auf einige spätere Ereignisse anzuspielen. , alles das nicht zu erhalten, was es hätte begehrenswert machen können; aber Libanios hatte das einmalige Missgeschick, die Religion und die Wissenschaften zu überleben, denen er sein Leben geweiht hatte. Dieser Freund Julians blickte mit Abgunst auf den Sieg des Christentums; und sein blindes Frömmeln, das ihm den Blick auf die eigentliche Welt trübte, erwiderte es Libanios auch nicht mit der geringsten Aussicht auf Ruhm und himmlische Seligkeit Libanios hat eine weitschweifig-eitle, aber immer noch bemerkenswerte Autobiographie hinterlassen, über die Eunapios (Vitae Sophistarum p. 130 – 135) einen knappgefassten und ungünstigen Bericht gegeben hat. Von den Neueren haben Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 4, p. 571 – 576), Fabricius (Bibliotheca Graeca, Band 7, p. 376 – 414) und Lardner (Heathen Testimonies, Band 4, p. 127 – 163) Persönlichkeit und Schriften dieses berühmten Sophisten ins Licht gerückt. . VORMARSCH ZUM EUPHRAT Julians kriegerischer Tatendurst bestimmte ihn bereits im Frühjahr zum Aufbruch; und mit Verachtung und Ungnade entließ er den Senat von Antiochia, welcher den Kaiser noch über die Grenzen ihres Landes begleitete, in welches niemals zurückzukehren er fest entschlossen war. Nach einem Gewaltmarsch von zwei Tagen Die Straße von Antiochia nach Litarbe auf dem Gebiet von Chalcis führt über Hügel und durch Sümpfe und ist in einem elenden Zustand; das Pflasterung lag unbefestigt im Sand (Julian, Epistula 27). Es ist erstaunlich, dass die Römer diese große Verbindungsader zwischen Antiochia und dem Euphrat sollten so vernachlässigt haben. Siehe Wesseling, Itineraria p. 190 und Bergier, Histoire des grands chemins, Band 2, p. 100. machte er am dritten Halt bei Beroea oder Aleppo, wo er zu seinem Verdruss einen fast vollständig zu Christentum übergetretenen Senat antraf; welcher sich kalt und pflichtgemäß-respektvoll anhörte, was der Verkünder des Heidentums etwa zu sagen hätte. Der Sohn eines der mächtigsten Bürgers von Borea hatte aus Eigennutz oder Gewissenszwang die Religion des Kaisers angenommen und war von seinem zornigen Erzeuger enterbt worden. Vater und Sohn wurden zur kaiserlichen Tafel geladen. Julian nahm zwischen ihnen Platz und versuchte – natürlich vergeblich –, die Lehre der Toleranz zu vermitteln; trat sogar mit bemühter Gelassenheit für den Glaubenseifer des betagten Christenmenschen ein, welcher die natürlichsten Empfindungen und die Pflichten eines Untertans vergessen zu haben schien; und wandte sich schließlich an den unglücklichen jungen Mann und sagte: »Da du nun einen Vater verloren hast um meinetwillen, ist es an mir, seine Stelle einzunehmen Julian (Epistulae 27) spielt auf diesen Vorfall an, von dem Theodoretos (3,22) eingehender berichtet; Tillemont (Histoire des empereurs, Band 4, p. 534) und selbst la Bléterie (Vie de Julien, p. 413) versagen der Intoleranz des Vaters nicht ihren Beifall. .« Ein seinen Vorstellungen besser entsprechender Empfang ward dem Kaiser in Batnae zuteil, einer kleinen Stadt, welche etwa zwanzig Meilen von Hierapolis entfernt in angenehmer Lage inmitten eines Zypressenhaines liegt. Die Opferrituale wurden von den Einwohnern Batnaes mit aller Feierlichkeit vollzogen, da sie ihren Titulargottheiten Apollo und Jupiter immer noch zugeneigt schienen; aber Julians ernste Frömmigkeit wurde gekränkt durch ihren johlenden Beifall; und schon bald erkannte er, dass der Rauch von ihren Altären aus dem Feuer der Schmeichelei und nicht der Frömmigkeit emporstieg. Der alte, prachtvolle Tempel, der seit alters die Stadt Hieropolis geheiligt hatte Siehe die lesenswerte Studie ›De dea Syriae‹, die sich unter Lukians Schriften findet (Opera, Band 3, p. 451 – 490). Der sonderbare Beiname Ninus verus (Ammianus, 14,8) legt die Vermutung nahe, dass Hierapolis der Sitz der alten assyrischen Könige gewesen ist. , war nicht mehr; und der geweihte Schatz, aus welchem mehr als dreihundert Priester ein reichliches Auskommen fanden, hat seinen Untergang wohl noch zusätzlich beschleunigt. Julian hatte immerhin die Genugtuung, einen Philosophen und Freund umarmen zu können, dessen religiöse Standfestigkeit den drängenden und wiederholten Lockungen des Constantius und Gallus widerstanden hatte, sooft diese Herrscher auf ihren Reisen durch Hieropolis in seinem Hause Quartier genommen hatten. In der Hetze der militärischen Vorbereitung wie in der behaglichen Vertraulichkeit einer Privatkorrespondenz ist Julians religiöses Bemühen gleichbleibend und lebendig geblieben. Er stand nun am Beginn eines bedeutsamen und schweren Feldzuges; und die Sorge um den Ausgang bestimmte ihn, noch aufmerksamer als zuvor auf jene läppischen Vorzeichen zu achten, aus denen sich gleichwohl im Einklang mit den Gesetzen der Wahrsagekunst Kenntnisse des Künftigen gewinnen ließen Julian (Epistulae 28) führte über die günstigen Omen pedantisch Buch, verschwieg aber die ungünstigen, die seinerseits Ammianus (23,2) sorgfältig verzeichnet hat. . Er berichtete Libanios in einem eleganten Brief Julian, Epistulae 27, p. 399 – 402. von seinem Feldzug bis vor Hierapolis, in welchem sein Genius ebenso erkennbar ist wie seine Freundschaft zu dem Philosophen von Antiochia. SEIN FELDZUGSPLAN · TIRANUS VERWEIGERT GEFOLGSCHAFT Hierapolis, das schon fast am Euphratufer Ich ergreife die erste Gelegenheit, mich Herrn d'Anville für seine jüngst erschienene Geographie von Euphrat und Tigris verpflichtet zu erzeigen (Paris 1780, Quarto), zumal sie insbesondere Julians Feldzug erläutert. liegt, war zum Sammelplatz der römischen Truppen bestimmt worden, welche denn auch unverzüglich den gewaltigen Fluss auf einer Schiffsbrücke überquerten, die man schon vorher angelegt hatte Im Abstand von nur wenigen Meilen gibt es drei Flusspassagen: 1. Zeugma, welches die Alten rühmten; 2. Bir, das die neueren Reisenden benutzen; 3. die Brücke von el Manbedsch oder Hierapolis, etwa vier Parasangen (Wegstunde, ca. 5,6km) von der Stadt entfernt. . Wären die Neigungen Julians ähnlich denen seiner Vorgänger gewesen, dann hätte er die günstige Jahreszeit gewiss im Zirkus von Samosata oder in den Kirchen von Edessa vertändelt. Da sich der kriegstüchtige Kaiser aber nicht Constantius, sondern Alexander zum Vorbild gewählt hatte, marschierte er ohne Verzug nach Karrhae Haran oder Karrhae war der alte Wohnort der Sabaeaner und des Abraham. Vergleiche hierzu den Index Geographicus von Schulten (Vita Saladin am Ende), ein Werk, dem ich viele Kenntnisse des Orients danke, besonders aber die alte und gegenwärtige Geographie Syriens und seiner benachbarten Länder. weiter, einer sehr alten mesopotamischen Stadt, etwa achtzig Meilen von Hierapolis entfernt. Im Tempel der Mondgöttin entschloss sich Julian anzubeten; im Wesentlichen aber diente der kurze Aufenthalt dazu, die gewaltigen Zurüstungen für den Perserkrieg zu vollenden. Die Feldzugsplanung war bis dahin sein persönliches Geheimnis geblieben; da sich aber in Karrhae die zwei großen Heerstraßen trennen, konnte es nicht länger ein Geheimnis bleiben, ob er den Angriff auf Sapors Reich am Tigris oder am Euphrat beginnen wollte. Der Kaiser bildete ein Detachement von dreißigtausend Mann unter der Führung seines Vertrauten Prokopios und Sebastian, dem ehemaligen dux von Ägypten. Sie hatten Auftrag, direkt nach Nisibis zu marschieren und die Frontlinie vor der Überquerung des Tigris gegen die sporadischen Angriffe des Feindes zu schützen. Die jeweiligen Maßnahmen waren in das Ermessen der Generäle gestellt; allerdings erwartete Julian von ihnen, dass sie nach der Verwüstung der fruchtbaren Regionen von Media und Adiabene möglichst zeitgleich mit ihm vor den Toren Ktesiphons ankommen mögen, um vereint mit ihm, der er im gleichen Tempo am Euphratufer voranzukommen beabsichtigte, die Hauptstadt der persischen Monarchie zu belagern. KÖNIG VON ARMENIEN IST ABGENEIGT Der Erfolg dieses wohldurchdachten Planes hing im großen Umfang von der tatkräftigen und bereitwilligen Hilfe des armenischen Königs ab, welche den Römern eine Armee von viertausend Mann Kavallerie und zwanzigtausend Fußsoldaten zur Verfügung stellen sollte Siehe Xenophon, Kyrupaideia 1,3. Artavasdes hat Marcus Antonius mit vermutlich 16.000 Reitern unterstützt, die nach parthischer Art ausgebildet und bewaffnet waren (Plutarch, Marcus Antonius 50). , ohne dass dabei die Sicherheit seines eigenen Reiches vernachlässigt wurde. Aber der erbärmliche Arsaces Tiranus Moses von Choren (Historia Armenica, p. 242) datiert seine Thronbesteigung in Constantius' 17. Jahr. , König der Armenier, hatte sich noch beschämender als sein Vater Chosroes von der mannhaften Stärke des großen Tiridates entfernt; und da nun der hasenherzige Monarch allen gefährlichen oder ruhmvollen Unternehmungen abhold war, verbarg er seine ängstliche Schwäche hinter schicklichen Ausflüchten aus dem Bereich der Religion und der Dankbarkeit. Er schützte eine fromme Anhänglichkeit an das Gedächtnis des Constantius vor, aus dessen Händen er Olympias zur Frau erhalten hatte, die Tochter des Praefekten Ablavius; und die Verbindung zu einer Frau, die als designierte Frau des Kaisers Constans erzogen worden war, erhöhte natürlich die Stellung eines Barbarenkönigs Ammianus 20,11. Athanasius sagt (Band 1, p. 856) ganz allgemein, dass Constantius die Witwe seines Bruders »τοῖς βαρβάροις« (den Barbaren) gegebe habe, welcher Ausdruck eher zu einem Römer als zu einem Christen passt. . Tiranus bekannte sich zur christlichen Religion; er regierte über Christen; und er untersagte es sich aus Prinzip und Eigennutz, zu einem Sieg beizusteuern, der gegebenenfalles den Untergang der Kirche bedeutet hätte. Der widerspenstige Tiranus wurde zusätzlich durch Julians direkte Art aufgebracht, welcher den König von Armenien als seinen Sklaven ansah und als einen Feind der Götter. Der hochfahrende, fast schon drohende Ton der kaiserlichen Anordnungen Ammianus (23,3) verwendet das für den Anlass viel zu sanfte Wort »monuerat« (er mahnte). Muratori (Fabricius Bibliotheca graeca, Band 7, p. 86) hat einen Brief Julians an den Satrapen publiziert: frech, gemein und vermutlich (obwohl er Sozomenos 6,5 täuschen konnte) gefälscht. La Bleterie übersetzt und verwirft ihn (Histoire de Jovien, Band 2, p. 339) erweckten des Prinzen heimlichen Zorn, da er sich trotz seines demütigenden Abhängigkeitsverhältnisses seiner königlichen Abstammung aus dem Hause der Arsaciden immer noch bewusst war, die sämtlich Herren des Ostens und Feinde Roms gewesen waren. WEITERE MILITÄRISCHE VORBERTEITUNGEN Die militärischen Dispositionen Julians waren darauf berechnet, die Späher Sapors in die Irre zu führen und seine Aufmerksamkeit abzulenken. Die Legionen schienen nach Norden auf Nisibis und den Tigris zu marschieren. Plötzlich jedoch schwenkten sie nach rechts; überquerten die flache und baumlose Ebene vor Karrhae; erreichten am dritten Tage den Euphrat, wo die stark befestigte Stadt Nicephorion oder Kallinicos lag, eine Gründung der makedonischen Könige. Von dort aus marschierte man etwa neunzig Meilen den windungsreichen Euphrat entlang, bis der Kaiser schließlich, einen Monat nach seinem Abmarsch aus Antiochia, die Türme von Circesium erblickte, des äußersten Vorpostens des römischen Reiches. Julians Armee, die größte, die jemals ein Caesar gegen Persien aufgestellt hatte, bestand aus fünfundsechzigtausend gut ausgebildeten und hochdisziplinierten Soldaten. Die Veteranenverbände der Kavallerie und der Infanterie waren aus Römern und Barbaren verschiedener Provinzen zusammengestellt worden; und unter diesen beanspruchten die starken Gallier, die die Leibwache ihres geliebten Herrschers bildeten, zu Recht eine Sonderstellung in puncto Ergebenheit und Kampfesmut. Eine furchteinflössende Schar von skythischen Hilfstruppen war aus einer anderen Region, fast schon aus einer anderen Welt dazu gestoßen, um in ein entlegenes Land einzufallen, von dem sie kaum den Namen und die geographische Lage kannten. Die Aussicht auf Beute und Kämpfe hatte verschiedene Stämme der Sarazenen (oder nomadisierender Araber) unter die kaiserliche Standarte gelockt, die Julian zwar befehligte, die er aber mit den üblichen Subsidien zu bezahlen sich entschieden weigerte. Der gewaltige Euphrat »Latissimum flumen Euphraten artabat.« (Sie engte den gewaltigen Euphrat ein). Ammianus, 23,3. Etwas flussaufwärts bei der Furt von Thapsakos ist der Fluss vier Stadien oder 800 Yards, also fast eine halbe englische Meile breit (Xenophon, Anabasis 1,4, und Foster, Observations p. 29 im zweiten Band von Spelmans Übersetzung). Wenn nun der Fluss bei Bir und Zeugma nicht breiter als 130 Yard ist (Niebuhr, Voyages, Band 2, p. 335), dann ist dieser gewaltige Unterschied wesentlich durch die Tiefe des Flussbettes verursacht. war mit einer Flotte von elfhundert Schiffen bevölkert, die die römische Armee begleiten und sie gegebenenfalles unterstützen sollte. Fünfzig Galeeren bildeten den militärischen Kern dieser Flotte; begleitet wurde sie durch die gleiche Anzahl flachgehender Boote, die sich bei Bedarf zu einer Behelfsbrücke zusammenfügen ließen. Die übrigen Schiffe, die teilweise nur aus Balken gezimmert waren und mit Tierhäuten gedeckt waren, transportierten eine ungeheure Masse an Waffen und anderem Kriegsgerät sowie Gebrauchsgüter und Vorräte. Julians umsichtige Herzensgüte hatte für die Soldaten Essig und Zwieback in Mengen verladen lassen, sittenlockernden Wein aber streng verboten; und unerbittlich wies er eine lange und überflüssige Karawane von Kamelen zurück, welche der Nachhut der Armee zu folgen sich anschickte. VORMARSCH IN PERSISCHES GEBIET · 7. APRIL Bei Circesium mündet der Chaboras in den Euphrat »Monumentum tutissimum et fabre politum, cuius moenia Abora (die Orientalen sprechen es wie Chaboras oder Chabour aus) et Euphrates ambiunt flumina, velut spatium insulare fingentes.« (Eine sehr stark und geschickt gebaute Festung, deren Mauern die Flüsse Abora und Euphrat umfließen und so gleichsam eine Insel bilden.) Ammianus 23.5. ; und sobald das Horn das Signal gegeben hatte, durchquerten die Römer den kleinen Fluss, welcher zwei feindliche Weltreiche trennt. Der Brauch verlangte eine militärische Ansprache; und Julian ließ keine Gelegenheit ungenutzt, seine Eloquenz leuchten zu lassen. Er befeuerte die ungeduldigen und erwartungsfrohen Legionen, indem er Beispiele des unbeugsamen Mutes und ruhmreicher Triumphe ihrer Vorfahren in Erinnerung rief. Er entwarf ein lebhaftes Bild der persischen Dreistigkeit und steigerte dadurch ihre Stimmung; und er ermahnte sie, ihn selbst zum Vorbild zu nehmen, der er entweder diese perfide Nation auszutilgen oder sein Leben dem Dienste der Republik zu opfern fest entschlossen war. Die Wirkung seiner Rede verstärkte er noch durch eine Schenkung von einhundertunddreißig Silberstücken für jeden Soldaten; und die Brücke von Chaboras wurde augenblicklich abgerissen, um den Truppen anschaulich zu machen, dass sie ihre Hoffnungen einzig auf den Erfolg ihrer Waffen setzen mussten. Dennoch bestimmte die Umsicht den Herrscher, eine entferntere Grenze zu sichern, die beständig feindlichen Araberüberfällen ausgesetzt war. Viertausend Mann wurden in Circesium zurückgelassen, um die reguläre Garnison dieser wichtigen Festung auf zehntausend Mann aufzustocken Julians hat seinen Feldzug und die Vorbereitungen selbst beschrieben (Epistulae 27), ferner Ammianus (23,3 – 5), Libanios (Oratio parentalis 108f.), Zosimos (3,12), Sozomenos (6,1) und Joannes von Malala (Band 2, p.17). . DURCH DIE MESOPOTAMISCHE WÜSTE Von dem Augenblick an, als die Römer feindliches Land betreten hatten, das Land eines wehrhaften und kriegskundigen Feindes Noch vor dem Einmarsch in Persien beschreibt uns Ammianus (23,6) sehr eingehend die 18 persischen Satrapien oder Provinzen, (bis zu den serischen und chinesischen Grenzen), die den Sassaniden untertänig waren. , verteilten sie sich auf drei Marschkolonnen Ammianus (24,1) und Zosimos (3,13) haben uns diese Marschordnung genau dargelegt. . Die Hauptmasse der Infanterie und folglich der ganzen Armee befand sich im Zentrum unter dem besonderen Kommando des Generals Victor. Zur Rechten führte der tapfere Nevitta eine Marschsäule aus einigen Legionen am Euphrat entlang, fast immer in Sichtweite der Flotte. Die linke Flanke wurde durch Reiterschwadronen gedeckt. Zu Reitergenerälen hatte man Hormisdas und Arinthaeus ernannt; und die einzigartigen Erlebnisse des Hormisdas Die Abenteuer des Hormisdas werden stets mit märchenhaften Zutaten gewürzt (Zosimos 8,27; Tillemont, Hiostoire des Empereurs, Band 4, p.98). Es ist doch nachgerade unmöglich, dass er der leibliche Bruder (frater germanus) eines ältesten und nach des Vaters Tode geborenen Kindes war: ich entsinne mich auch nicht, dass Ammianus ihn jemals so bezeichnet. verdienen durchaus unsere Aufmerksamkeit. Er war ein persischer Prinz aus dem Königshaus der Sassaniden, welcher in den Wirren zur Zeit von Sapors Minderjährigkeit aus dem Gefängnis und an den gastlichen Hof des großen Constantin entkommen war. Zunächst gewann Hormisdas das Mitleid, anschließend aber auch die Wertschätzung seines neuen Herren; durch Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit diente er sich in den militärischen Rängen empor; und obwohl er Christ war, genoss er die stille Genugtuung, seinem undankbaren Lande beweisen zu können, dass ein beleidigter Untertan sich als der gefährlichste Feind erweisen kann. Dies war also die Marschordnung der drei Kolonnen. Front und Flanke der Armee wurden durch Lucillianus mit einer schnellen Abteilung leichtbewaffneter Infanterie gedeckt, deren unermüdete Wachsamkeit die entferntesten und schwächsten Anzeichen feindlicher Bewegungen feststellten. Dagalaiphus und der dux von Osrhoene, Secundinus, kommandierten die Nachhut; der Tross befand sich zwischen den Marschsäulen; und die Reihen selbst waren aus praktischen Erwägungen oder um des Eindrucks willen so locker angeordnet, dass die Heersäule fast zehn Meilen lang wurde. Julian befand sich üblicherweise an der Spitze der mittleren Kolonne; da er aber die Pflichten eines Generals der Stellung eines Monarchen vorzog, eilte er mit einer kleinen Eskorte leichter Kavallerie an die Spitze, zur Nachhut, an die Flanken, wo immer seine Anwesenheit den Marsch der römischen Armee befeuern oder decken mochte. Das Land zwischen Chaboras und dem bebauten Teil Assyriens, durch das sie zogen, darf man wohl als einen Teil der Arabischen Wüste betrachten, eine trockene und unfruchtbare Ödnis, die auch angestrengtester menschlicher Fleiß nicht kultivieren konnte. Julian marschierte über den gleichen Boden, den siebenhundert Jahre vor ihm Kyros der Jüngere überquert hatte und den ein Begleiter seiner Expedition, der weise und tapfere Xenophon, beschrieben hatte Man sehe hierzu das erste Buch der Anabasis, c.5. Dieses anmutige Werk ist echt und historisch korrekt. Vielleicht hat aber Xenophons Erinnerung ihn, Jahre nach dem Feldzug, bisweilen getäuscht. Denn die Wegstrecken, die er angibt, sind oftmals länger, als ein Soldat oder Geograph ihm zugestehen würde. . »Das Land war durchweg eben wie das Meer und überwachsen mit Wermut; alles andere Buschwerk oder Ried, das dort noch wuchs, hatte einen aromatischen Geruch. Bäume gab es keine. Bussarde und Strauße, Antilopen und Wildesel Herr Spelman, der englische Übersetzer der Anabasis (Band 1, p.51) verwechselt die Antilope mit dem Rehbock und den Wildesel mit dem Zebra. waren offenbar die einzigen Bewohner der Wüste. Allenfalls wurden die Beschwernisse des Marsches gelegentlich durch die Freuden der Jagd erleichtert.« Hin und wieder wirbelte der Wind den lockeren Wüstensand zu Staubwolken auf: und nicht wenige Soldaten Julians wurden mitsamt ihrer Zelte durch die Gewalt eines unvermutet losbrechenden Sturmes zu Boden gerissen. VON CIRCESIUM NACH MACEPRACTA Die Sandebenen Mesopotamiens überließ man getrost den Antilopen und Wildeseln; aber an den Ufern des Euphrat und auf den Inseln, die dieser Fluss gelegentlich bildete, lagen in angenehmer Lage zahlreiche bevölkerungsstarke Städte und Dörfer. Die Stadt Annah oder Anatho Siehe Voyages de Tavernier, Teil 1, p. 316, und besonders Viaggi di Pietro della Valle, Band 1, Brief 17, p. 671. Den alten Namen und den Zustand von Annah kannte er nicht. Unsere blinden Reisenden haben nur selten Vorkenntnisse über die von ihnen aufgesuchten Länder. Shaw und Tournefort sind hier löbliche Ausnahmen. , heute der Sitz eines arabischen Emirs, besteht aus zwei langen Straßen, welche innerhalb eines natürlichen Schutzwalles in ihrer Mitte eine kleine Insel und zwei fruchtbare Landstriche an beiden Seiten des Euphrat umschließen. Die streitlustigen Einwohner von Anatho machten Anstalten, den Vormarsch des römischen Kaisers aufzuhalten; dann aber brachten die milden Ermahnungen des Prinzen Hormusdas und der Anblick der heranrückenden Armee sie von solcherlei selbstmörderischem Unterfangen ab. So baten sie denn erfolgreich Julian um Milde, welcher den Einwohnern zu einem günstigen Siedlungsgebiet nahe Chalkis in Syrien und dem Herrscher Pusaeus zu einer ehrenhaften Stellung in seiner Umgebung verhalf. Aber die uneinnehmbare Feste Thilutha konnte einer Belagerung spotten; und der Kaiser musste sich denn auch mit der leeren Drohung begnügen, dass nach der Unterwerfung der persischen Provinzen Thilutha nicht länger sich sträuben werde, den Triumphzug des Siegers zu zieren. Die Einwohner der ungeschützten Städte waren unfähig, sich zu verteidigen und unwillig, sich zu ergeben und flohen in Eile; und ihre Häuser, angefüllt mit Beute und Lebensmitteln, wurden von Julians Soldaten besetzt, welche ohne Reue und ungestraft einige hilflose Frauen ermordeten. Während des Marsches umkreisten der persische General Surenas und Malek Rodosakes, der bekannte Emir vom Stamme Gassan Famosi nominis latro,(ein Räuber von Rang) sagt Ammianus; für einen Araber ein großes Lob. Der Stamm von Gassan siedelte an der Grenze von Syrien und wurde von Damaskus aus von einer Dynastie von einunddreißig Königen oder Emiren regiert, beginnend in den Zeiten eines Pompeius bis zu denen des Kalifen Omar. D'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 360. Pococke, Specimen Historiae Arabum, p. 75 – 78. In dieser Liste kommt der Name Rodosaces allerdings nicht vor. , beständig die Armee: jeder Nachzügler wurde gefangen genommen; und der kühne Hormisdas entkam ihnen nur mit genauer Not. Aber die Angriffe der Barbaren wurden vollständig zurückgeworfen; das Gelände allerdings wurde für die Manöver der Kavallerie mit jedem Tage ungünstiger; und als die Römer in Macepracta ankamen, sahen sie die Ruinen der Wallanlagen, welche die früheren Könige Assyriens hatten anlegen lassen, um ihr Gebiet gegen die Übergriffe der Meder zu schützen. Dieses Vorspiel zu Julians eigentlichem Feldzug dauerte etwa fünfzehn Tage; und wir können die Entfernung zwischen der Feste Circesium und den Mauern von Macepracta auf etwa dreihundert Meilen schätzen Siehe Ammianus (24,1 und 2), Libanios (Oratio Parentalis, c. 110, 111.); Zosimos (3,15, p. 164 – 168). . DAS FRUCHTBARE ASSYRIEN Die fruchtbare Provinz Assyrien Die Beschreibung Assyriens bietet Herodotos (1,192), der allerdings mal für Kinder und mal für Philosophen schreibt; ferner Strabo (16, p.1070 – 1082) und Ammianus (23,6). Die ergiebigsten der Neueren sind Tavernier (Teil 1, p. 226 – 258), Otter (Band 2, p. 35 – 69 und 189 – 224), und Niebuhr (Band 2, p. 172 – 288). Ich bedaure es sehr, dass eine Übersetzung von ›Irak Arabi‹ des Abu al-Fida nicht vorliegt. , welche sich vom Tigris bis zu Mediens Ammianus bemerkt dazu, dass das ursprüngliche Assyrien, welches Ninive und Arbela in sich begriff, die neuzeitliche Benennung Adiabene erhalten hat: und wie es scheint, zählt er Teredon, Vologesia und Apollonia zu den äußersten Städten der wirklichen Provinz Assyrien. Bergen erstreckt, hatte von den alten Stadtmauern von Macepracta bis nach Basra eine Ausdehnung von etwa vierhundert Meilen, wo sich die vereinten Ströme von Euphrat und Tigris in den Golf von Persien ergießen Die beiden Ströme vereinigen sich bei Apamea oder Corna (einhundert Meilen vor der Mündung) zu dem gewaltigen Pasitigris oder Shat-ul-Arab. Vormals erreichte der Euphrat die See durch einen eigenen Lauf, den die Bewohner der Stadt Ochroe, etwa zwanzig Meilen südöstlich vom heutigen Basra, verstopften und ableiteten. D'Anville, in den Memoires de l'Acadademie des Inscriptions, Band 30, p. 170 – 191 . Das ganze Land hätte auf den Namen Mesopotamien Anspruch erheben können; denn die beiden Ströme, die sich niemals mehr als fünfzig Meilen voneinander entfernen, kommen sich zwischen Bagdad und Babylon auf weniger als fünfundzwanzig Meilen nahe. Eine Vielzahl von Kanälen, die man ohne große Mühe in das sandige und gefügige Erdreich gegraben hatte, verbindet beide Flüsse und unterteilt die Ebene Assyriens. Der Nutzen dieser künstlichen Wasserstraßen ist vielfältig und beträchtlich. Sie helfen, überschüssiges Wasser von einem Fluss in den anderen zu lenken, wenn die Zeit ihrer jeweiligen Schwemme gekommen ist. Sie teilen sich immer weiter und feiner auf, erquicken das trockene Land und kommen so für den Mangel an Regen auf. Für den Handel stellen sie eine Erleichterung dar; und da sich die Dämme rasch abbrechen lassen, geben sie den Assyrern in schlimmer Not die Mittel an die Hand, einem eindringenden Feind mit plötzlichen Überschwemmungen zu begegnen. Zwar haben der Boden und das Klima Assyrien ihre kostbarsten Gaben verweigert, den Wein, die Olive und die Feige; aber die wirklich lebensnotwendigen Getreidesorten, Weizen und Gerste, gedeihen hier in ungemessener Fruchtbarkeit; und der Landmann, welcher dem Boden die Saat anvertraut, wird oft mit zwei- und dreihundertfachem Ertrag beschenkt. Haine mit zahllosen Palmen liegen über das Land verstreut Das Thema ›Palmen‹ hat der gelehrte Kaempfert als Botaniker, Altertumsforscher und Reisender ausführlich behandelt. ; und die Einwohner feiern mit Genauigkeit, in Versen oder Prosa, die dreihundertundsechzig Nutzanwendungen, zu denen der Stamm, die Zweige, der Saft und die Frucht beitragen. Manufakturen, besonders für Leder und Leinen, beschäftigen den Gewerbefleiß vieler Menschen und stellen wertvolle Stoffe für den auswärtigen Handel bereit; welcher allerdings, so scheint es, in der Hand von Landesfremden lag. Babylon selbst wurde zu einer königlichen Parkanlage umgestaltet; aber in der Umgebung der Ruinen dieser alten Hauptstadt blühten neue Städte empor, und die Bevölkerungsdichte des Landes ließ sich leicht ablesen an den zahlreichen Dörfern und Städten, welche aus sonnengetrockneten und mit Bitumen fest verfugten Ziegeln gebaut wurden, welches ein natürliches und ganz eigentümliches Produkt des babylonischen Bodens ist. Solange die Nachfahren des Kyros über Asien regierten, lieferte die Provinz Assyrien allein während eines Drittels des Jahres die üppige Fülle für des Königs Tafel und Haushalt. Vier bedeutende Dörfer mussten für seine indischen Hunde aufkommen; achthundert Zuchthengste und sechzehntausend Stuten wurden – auf Kosten des Landes – in dauernder Pflege gehalten; und da die täglichen Steuern, die an den Satrapen geliefert werden mussten, sich auf ein englisches Bushel Silber beliefen, können wir die jährlichen Steuern Assyriens auf mehr als zwölfhunderttausend Pfund Sterling berechnen Assyrien lieferte dem Satrapen täglich ein Artaba Silber. Das wohlbekannte System von Gewichten und Maßen, das spezifische Gewicht von Wasser und Silber und der Wert des Metalles kann nach einigen Rechenoperationen die jährliche Steuer ergeben, die ich festgestellt habe. Doch der Großkönig erhielt nicht mehr als 1000 Euböische oder Tyrische Talente (252 000 Pfund) aus Assyrien. Der Vergleich zweier wichtiger Abschnitte bei Herodot (1,192 und 3,89 – 96) offenbart den wichtigen Unterschied zwischen den Brutto- und Nettosteuereinnahmen Persiens: zwischen der Summe also, die die Provinzen zahlten und dem Gold und dem Silber, welches am Ende im königlichen Schatz eingelagert wurde. Der König dürfte von den siebzehn oder achtzehn Millionen Pfund, die das Volk aufzubringen hatte, jährlich vielleicht nur noch drei Millionen sechshunderttausend Pfund sparen. . DIE ASSYRER ÜBERSCHWEMMEN DAS LAND MAI 363 Assyrien nun also sollte nach Julians Beschluss und Befinden die Nöte des Krieges erleiden; der Philosoph ließ ein unschuldiges Volk den Raub und Brand vergelten, den ihre hochfahrenden Herren römischen Provinzen angetan hatten. In ihrer Not riefen sie ihre Flüsse zur Hilfe herbei; und vollendeten mit eigener Hand den Untergang ihres Landes. Die Straßen wurden unbenutzbar; das Lager wurde überschwemmt; und mehrere Tage lang befanden sich Julians Truppen in verzweifelter Lage. Aber jede Schwierigkeit wurde durch die Beharrlichkeit der Legionäre überwunden, die an Strapazen ebenso gewöhnt waren wie an Gefahr und die sich durch den Geist ihres Feldherrn belebt fühlten. Die Schäden wurden allmählich ausgebessert; die Wassermassen flossen in ihre angestammten Kanäle zurück; ganze Palmenhaine wurden niedergeholzt und am Rande von beschädigten Straßen ausgelegt; und über die tieferen oder breiteren Kanäle gelangte die Armee mit Hilfe von Flößen, die durch Luftsäcke stabilisiert wurden. Zwei Städte waren kühn genug, den Waffen des römischen Kaisers Widerstand zu leisten; beide mussten bitter für ihre Kühnheit büßen. BELAGERUNG VON PIRISABORA Etwa fünfzig Meilen von der königlichen Residenz zu Ktesiphon liegt Perisabor oder Anbar, die zweite unter den Städten der Provinz; eine Stadt, groß, reich an Volk und wohlbefestigt, umgeben von einer doppelten Mauer, von einem Seitenarm des Euphrat nahezu umschlossen und von einer starken Garnison zuverlässig geschützt. Die guten Ratschläge von Hormisdas wies man mit Verachtung zurück; und die Ohren des Prinzen klangen wegen des berechtigten Vorwurfes, dass er, seiner königlichen Geburt ohngeachtet, die Armee eines Fremden gegen seinen König und sein Land anführte. Die Assyrer blieben loyal und verteidigten sich mit Geschick und besonnenem Mut; bis dann der Glücks-Stoß eines Rammbockes eine Bresche in die Mauer schlug, woraufhin sie sich eilig in die Verteidigungsanlagen der inneren Festung zurückzogen. Julians Soldaten brachen mit Ungestüm in die Stadt ein, und Perisabor ward zu Asche; auf den rauchenden Trümmern der Häuser wurden die Kriegsmaschinen in Stellung gebracht, die Zitadelle zu bestürmen. Der Kampf wurde fortgesetzt durch heftiges und beiderseitiges Feuer von Fernwaffen; und die Überlegenheit, die den Römern die bewährte Konstruktion ihrer balistae und catapultae einbrachte, wurde ausgeglichen durch den sicheren Boden, auf dem die Belagerten standen. Aber sobald eine Helipolis gezimmert worden war, die es an Höhe noch mit den größten Festungsmauern aufnehmen konnte, packte die Verteidiger Entsetzen beim Anblick dieses beweglichen Turmes, der weder den Gedanken an Widerstand noch an Gnade aufkommen ließ, so dass sie ihre Zuflucht zu demütiger Unterwerfung nahmen; und so ergab sich Perisabor nur zwei Tage, nachdem Julian vor ihren Mauern erschienen war. Zweitausendfünfhundert Menschen beiderlei Geschlechtes, der kümmerliche Überrest eines blühenden Volkes, durfte abziehen: die üppigen Magazine von Getreide, Waffen, Ausrüstung verteilte man unter die Soldaten oder behielt sie zu fernerer Verwendung: was nutzlos war, verbrannte man oder man warf es in den Euphrat; und so ward Amidas Untergang gerächt durch die vollständige Zerstörung von Perisabor. BELAGERUNG DER FESTE MAOGAMALCHA Die Stadt oder besser Festung Maogamalcha, welche durch sechszehn große Wehrtürme verteidigt wurde, durch einen tiefen Graben und zwei mächtige und massive Mauern aus Ziegeln und Erdpech, war als Schutz der persischen Hauptstadt etwa elf Meilen von ihr entfernt gebaut worden. Da der Kaiser eine so bedeutende Festung nur ungern in seinem Rücken hatte, bereitete er unverzüglich die Belagerung von Maogamalcha vor; zu diesem Zweck wurde die römische Armee in drei Einheiten unterteilt. Viktor erhielt den Befehl, an der Spitze der Kavallerie und einem Detachement schwerer Infanterie das Land bis zum Tigris und den Vororten von Ktesiphon freizuhalten. Die eigentliche Belagerung leitete Julian selbst, welcher sein ganzes Vertrauen auf die Belagerungsmaschinen zu setzen schien, die er gegen die Wallanlagen auffahren ließ; während er zugleich auf wirksamere Methoden sann, mit seinen Truppen ins Innere der Stadt zu gelangen. Unter der Aufsicht von Nevitta und Dagalaiphos wurden in einiger Entfernung Laufgräben angelegt und allmählich bis an die Vorderkante der Festungsgräben vorangetrieben. In Eile wurden die Stadtgräben mit Erdreich gefüllt; und in unermüdlicher Arbeit legten die Truppen eine Mine unter die Fundamente der Mauern und stützten sie in gehörigen Abständen mit hölzernen Streben. Drei ausgewählte Kohorten, die in Reihe hintereinander vorrückten, erkundeten die dunkle und gefährliche Passage; bis ihr furchtloser Anführer die Nachricht zurückflüsterte, dass er bereit sei, seine Beengung zu verlassen und die Straßen der feindlichen Stadt zu stürmen. Julian hielt sie noch zurück, um ihren Erfolg zu sichern; dann lenkte er die Aufmerksamkeit der Garnison durch Lärm und Geschrei wie bei einem allgemeinen Angriff ab. Die Perser, die sich von der Höhe ihrer Wälle mit Verachtung dies sinnlose Tun besahen, feierten mit Triumphgejohle Sapors Größe; und waren so kühn, dem Kaiser zu versichern, er würde eher zu der sternereichen Wohnstatt des Ormusd emporklimmen, als dass er sich Hoffnungen machen könne, die unbezwingbare Stadt Maogamalcha einzunehmen. Indessen: die Stadt war bereits eingenommen. Die Geschichte hat den Namen eines Rekruten überliefert, welcher als erster aus den Minen in einen der verlassenen Türme emporstieg. Seine Gefährten erweiterten die Öffnung und drängten mit Ungeduld nach. Schon waren fünfzehnhundert Feinde inmitten der Stadt. Die überraschte Garnison gab die Mauern preis und damit ihre einzige Hoffnung auf Sicherheit; die Stadttore wurden gewaltsam erbrochen; und die Rachegelüste der Soldaten kühlten sich in einem unterschiedlosem Gemetzel, sofern dies nicht durch Raub und Vergewaltigung geschah. Der Statthalter, der sich ergeben hatte, nachdem ihm Gnade zugesichert war, wurde ein paar Tage später lebend verbrannt, weil man ihn angeklagt hatte, gegen Hormisdas ein paar Despektierlichkeiten im Munde geführt zu haben. Die Festung wurde dem Erdboden gleichgemacht; und nicht eine Spur wies darauf hin, dass Maogamalcha einstmals gewesen war. Die Nachbarschaft der persischen Hauptstadt zierten drei mächtige Palastanlagen, aufwendig ausgeschmückt mit allem, was sich die Luxusbedürfnisse eines persischen Monarchen nur wünschen mochten. Die liebliche Lage der Gärten am Tigrisufer wurde, persischem Geschmack entsprechend, durch symmetrische Anordnung der Blumen, Quellen und schattige Wandelgänge noch zusätzlich verbessert; und großflächige Parkanlagen waren angelegt, um Bären, Löwen und Wildeber zu hohen Kosten für die königliche Jagd bereitzuhalten. Die Parkmauern wurden niedergerissen, das Jagdwild überließ man den Pfeilen der Soldaten, und die Paläste Sapors wurden auf Befehl Julians zu Asche. Julian zeigte bei dieser Gelegenheit Unkenntnis oder vielleicht auch nur Gleichgültigkeit gegenüber den Gesetzen der Humanität, welche die Klugheit kultivierterer Epochen zwischen feindlichen Herrschern fetgeschrieben hatte. Indessen braucht dieses zügellose Plündern in uns keinerlei Gefühl des Bedauerns oder des Zornes hervorzurufen. Eine schlichte nackte Statue aus der Hand eines griechischen Meisters besitzt mehr künstlerischen Wert als alle diese plumpen und kostspieligen Monumente barbarischen Mühens: und wenn wir uns mehr über die Zerstörung eines Palastes erregen als über das Anzünden einer Hütte, dann ist unsere Humanität in ihrer Auffassung von menschlichem Leid hochgradig in die Irre gegangen Die Operationen des Assyrischen Kriefges werden in allen Einzelheiten beschrieben von: Ammianus (24, 2 – 5), Libanios, (Oratio Parentalis 112 – 123,) Zosimos (3,18) und Gregor von Nazianz, (Orationes 4). Die ›militärischen‹ Kritikpunkte dieses Heiligen werden von seinem getreuen Sklaven Tillemont frommergeben abgeschrieben. . PERSIEN BEBT VOR JULIANS NAMEN · SEIN PERÖNLICHES VERHALTEN So wurde Julian den Persern ein Schrecknis und ein Gegenstand des Hasses: und die Beschreiber dieses Landes stellten ihn als zornigen Löwen dar, welcher verzehrendes Feuer aus seinem Rachen spie Libanios, De ulciscenda Juliani nece 13, p.162. . Seinen Freunden und Soldaten erschien dieser philosophische Kriegsheld in einem liebenswerteren Lichte; und seine wahren Tugenden traten nirgends deutlicher in Erscheinung als in dieser letzten und aktivsten Periode seines Lebens. Er übte sich gewohnheitsmäßig, ohne jede Anstrengung und fast ohne eigenes Verdienst, in Zurückhaltung und Nüchternheit. Im Einklang mit den Vorgaben jener erkünstelten Weisheit, die die absolute Herrschaft über Geist und Körper anstrebt, untersagte er es sich mit Strenge, auch den allernatürlichsten Wünschen nachzugeben Die berühmten Vorbilder Cyrus, Alexander und Scipio handelten pflichtgemäß. Julians Keuschheit war freiwillig und nach seiner Auffassung verdienstlich. . In Assyriens warmem Klima, welches ein luxusverwöhntes Volk zur Erfüllung aller sinnlichen Genüsse einlädt Sallustius (bei Vet Scholiast, Juvenal, Satiren 1,104) bemerkt, dass »nihil corruptius moribus.« Frauen und Jungfern von Babylon mischten sich bei üppigen Gelagen nach Belieben unter die Männer; wenn sie nun der Wirkung von Wein und Brunst erlagen, warfen sie nach und nach und schließlich vollständig die lästigen Kleider vom Leibe (ad ultimum ima corporum velamenta proiiciunt.) Q. Curtius Rufus, 5,1. , bewahrte der jugendliche Eroberer seine Keuschheit rein und unbeschädigt: auch fühlte Julian sich niemals versucht, und sei es nur aus Neugierde, die weiblichen, ausgesucht schönen Gefangenen »Ex virginibus autem, quae speciosae sunt captae, ut in Perside, ubi feminarum pulchritudo excellit, nec contrectare aliquam voluit nec videre.« (Von den wunderschönen Jungfrauen aber, die gefangengesetzt wurden – in Persien ist Frauenschönheit besonders ausgeprägt – wollte er keine berühren oder auch nur ansehen.) Ammianus, 24,4. Die persische Ethnie ist kleinwüchsig und unansehnlich; aber sie ist durch beständige Beimengung von tscherkessischem Blut verfeinert worden. (Herodot 3,97; Buffon, Histoire naturelle, Band 3, p. 420) aufzusuchen, welche sich ihm nicht nur nicht widersetzt, sondern sich die Ehre seiner Umarmung sogar gegenseitig geneidet hätten. Mit der gleichen Festigkeit, mit der er den Verlockungen des Liebeslebens widerstand, ertrug er auch die Fährnisse des Krieges. Als die Römer durch die überschwemmte Ebene marschierten, teilte der Herrscher, zu Fuß und an der Spitze mit ihnen die Strapazen, munterte sie sogar noch auf. Bei allen praktischen Arbeiten war Julian unermüdlich dabei; der Kaiserpurpur war nass und besudelt, wie die grobe Kriegstracht noch des gewöhnlichsten Soldaten. Die beiden Belagerungen hatten ihm Gelegenheiten zur Demonstration persönlicher Tapferkeit gegeben, was unter den höher entwickelten Kriegskünsten einem besonnenen General nur selten möglich ist. Der Kaiser stand vor der Zitadelle von Perisabor ohne Bewusstsein für die unmittelbare Gefahr und befahl seinen Soldaten, die eisernen Tore zu sprengen, bis er plötzlich unter einer Wolke von Geschossen und schweren Steinen fast begraben wurde, die nach ihm geschleudert wurden. Als er die äußeren Befestigungsanlagen von Maogamalcha inspizierte, sprangen plötzlich zwei Perser vor ihm auf, die sich ihrem Lande geweiht hatten, die Krummsäbel gezückt; der Kaiser wehrte raschbedacht ihre Hiebe mit erhobenem Schild ab; und nach einem sicheren und gezielten Stich lag einer seiner Gegner tot zu seinen Füßen. Die Wertschätzung eines Herrschers, der über die Tugenden verfügt, die er selbst hochschätzt, ist für den Untertanen die höchste Belohnung; und das Ansehen, das sich Julian durch seine persönliche Tapferkeit erwarb, erlaubte ihm sogar die Wiederbelebung und Durchsetzung strenger archaischer Disziplin. Mit dem Tode oder Ehrlosigkeit wurde das Fehlverhalten dreier Schwadrone bestraft, welche bei einem Scharmützel mit den Surenas ihre Ehre und eine ihrer Standarten eingebüßt hatten; und mit der Belagerungskrone »Obsidionalibus coronis donati.« (...beschenkt mit Belagerungskronen) Ammianus 24,4. Julian oder sein Historiograph waren wohl nicht firm in der Altertumskunde. Er hat wohl die »Mauer«krone verliehen; die »Belagerungs«krone war die Auszeichnung für einen Feldherren, der eine belagerte Stadt entsetzt hatte. (Aulus Gellius, Noctes Atticae 5,6) zeichnete er den Mut des Soldaten aus, welcher als erster in die Stadt von Maogamalcha eingedrungen war. Nach der Belagerung von Perisabor wurde die Seelenstärke des Kaisers durch die dreiste Habgier der Armee auf die Probe gestellt, welche sich lauthals beklagte, dass ihre Dienste lediglich durch kümmerliche hundert Silberstücke belohnt würden. Seiner berechtigten Empörung gab er in der ernsten und männlichen Sprache eines Römers Ausdruck. »Reichtümer sind der Gegenstand eurer Begierde? Diese Reichtümer sind in den Händen der Perser; und die Beute in diesem fruchtbaren Land sind eurer Tapferkeit und Disziplin ausgesetzt. Glaubt mir,« fügte Julian hinzu, »die römische Republik, die vormals die gleichen unfassbaren Reichtümer besaß, leidet heute Mangel und Elend; denn frühere Herrscher haben, durch schwache und selbstsüchtige Minister übel beraten, den Frieden mit den Barbaren durch Gold erkauft. Der Staatsschatz liegt erschöpft; die Städte sind bankrott; die Provinzen entvölkert. Das einzige, was ich für meinen Teil von meinen Vorfahren geerbt habe, ist eine Seele, die keine Furcht kennt; und solange ich davon überzeugt bin, dass jeder wahre Nutzen von seelischer Art ist, werde ich nicht darüber erröten, die ehrbare Kargheit zu schätzen, welche in den früheren Tagen den Ruhm der Fabricier ausmachte. Wenn ihr auf die Stimme des Himmels und die eures Feldherren hört, dann kann dieser Ruhm auch euch gehören. Wenn ihr jedoch vorschnell darauf beharrt, wenn ihre entschlossen seid, die beschämenden und verderblichen Beispiele früherer Meutereien zu erneuern, so fahrt fort.« »Wie es sich für einen Kaiser geziemt, der die oberste Stellung unter den Menschen einnimmt, so bin ich vorbereitet, aufrecht zu sterben; und ein ängstliches Leben zu verachten, welches zu jeder Stunde durch ein zufälliges Fieber beendet werden kann. Wenn ich des Kommandos für unwürdig befunden werde, dann gibt es jetzt unter euch (ich sage es mit Stolz und Freude) viele Befehlshaber, deren Verdienste und Erfahrung den Anforderungen dieses äußerst wichtigen Krieges gewachsen sind. Meine Regierung war so geartet, dass ich mich ohne Bedauern und ohne Angst jederzeit ins Privatleben zurückziehen kann Ich teile diese Rede mit, da sie original sein muss. Ammianus konnte sie hören und mitschreiben, aber unmöglich erfinden. Ich habe mir ein paar kleine Freiheiten genommen und schließe sie mit dem wirksamsten Satze ab. « Julians bescheidene Ansprache wurde mit einhelligem Beifall und freudigem Gehorsam der Römer beantwortet; die ihre Siegeszuversicht bekannten, solange sie denn nur unter diesem heldenhaften Herrscher fochten. Ihr Mut wurde durch häufige und vertrauliche Versicherungen entzündet. »So kann ich also die Perser unterjochen!« »Auf diese Weise kann ich Macht und Glanz der Republik erneuern!« Ruhmbegier war die treibende Leidenschaft seiner Seele: aber erst als er durch die Ruinen von Maogamalcha gegangen war, gestattete er sich zu sagen: »So haben wir also den Sophisten in Antiochia mit einigem Material versorgt Ammianus 24,3; Libanios, Oratio Parentalis 122. « DIE FLOTTE WIRD VOM EUPHRAT AUF DEN TIGRIS VERLEGT Julians siegreiche Armee hatte nunmehr alle Hindernisse beseitigt, die ihm auf seinem Marsch gegen die Mauern von Ktesiphon entgegenstehen mochten. Bis zur Eroberung oder wenigstens Belagerung von Persiens Hauptstadt war es noch ein weiter Weg: auch können wir die militärischen Maßnahmen des Herrschers nur unvollständig verstehen, solange wir nicht das Land kennen, welches die Kulisse für seine kühnen und geschickten Unternehmungen abgab M. d'Anville (Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 28, p. 246 – 259) hat die wirkliche Lage von Babylon, Seleukia, Ktesiphon, Bagdad, etc. bestimmt. Der römische Reisende Pietro della Valle (Band1, Brief 17, p. 650 – 780) war wohl der scharfsichtigste Beobachter dieser berühmten Provinz. Er ist ein Gentleman und ein Gelehrter, aber unerträglich eitel und geschwätzig. . Zwanzig Meilen südlich von Bagdad, am Ostufer des Tigris, kann der interessierte Reisende einige der Palastruinen des alten Ktesiphon besichtigen, das zu Julians Zeiten eine mächtige und bevölkerungsreiche Stadt war. Der Name und der Ruhm des benachbarten Seleukia war für immer dahin; das einzige verbliebene Viertel der Griechen hatte, zusammen mit der Sprache der Assyrer, den ursprünglichen Namen Coche angenommen. Coche lag am Westufer des Tigris; aber es wurde als eine Art Vorstadt von Ktesiphon angesehen, denn es war, soweit wir wissen, durch eine Bootsbrücke dauerhaft mit ihr verbunden. Diese so vereinigten Stadtteile erhielten dann den gemeinsamen Namen Al Modain, DIE STÄDTE, mit welchem die Orientalen die Winterresidenz der Sassaniden bezeichneten; und die ganze Umgebung der persischen Hauptstadt war geschützt durch den Fluss, durch hohe Wälle und schwergängiges Sumpfgelände. Dicht bei den Ruinen von Seleukia wurde Julians Lager aufgeschlagen und durch Wall und Schanzen gegen die Ausfälle der starken und beherzten Garnison von Coche gesichert. In diesem fruchtbaren und freundlichen Lande standen den Römern Wasser und Futtermittel in Fülle zur Verfügung; und mehrere Festungswerke, die die Bewegung der Armee hätten in Verlegenheit bringen können, unterwarfen sich nach kurzem Widerstand ihren Angriffen. Die Flotte fuhr vom Euphrat in eine künstliche Wasserstraße, welche sich mit starkem und schiffbarem Strom in den Tigris ergießt, und zwar kurz unterhalb jener großen Stadt. Wären sie diesem königlichen Kanal gefolgt, der übrigens den Namen Nahar-Malch Der Königskanal ( Nahar-Malcha ) ist wohl mehrmals erneuert, umgelenkt und geteilt worden (Cellarius, Geographia Antiqua, Band 2, p. 453); diese Veränderungen lassen uns die offenkundigen Widersprüche der Alten verstehen. In Julians Zeiten jedenfalls muss er unterhalb von Ktesiphon in den Euphrat gemündet sein. trug, dann hätte Coche mit seiner vermittelnden Lage die Flotte und die Armee Julians voneinander getrennt; und der unbesonnene Versuch, den Tigris anzusteuern und dabei die Passage durch die feindliche Hauptstadt zu erzwingen, hätte den Untergang der römischen Flotte zur Folge gehabt. Julian war besonnen genug, diese Gefahr vorauszusehen und auf Gegenmittel zu sinnen. Da er die Operationen Trajans in Persien sehr genau studiert hatte, erinnerte er sich schon bald daran, dass sein kriegskundiger Vorgänger einen neuen und schiffbaren Kanal hatte graben lassen, welcher Coche zur Rechten ließ und das Wasser des Nahar-Malcha etwas oberhalb der Städte in den Tigris leitete. Mit Hilfe der Landbevölkerung machte Julian Reste dieser alten Anlage ausfindig, welche man, absichtlich oder zufällig, schon fast vergessen hatte. Die ununterbrochene Arbeit der Soldaten stellte einen breiten und tiefen Kanal fertig, der das Wasser des Euphrat aufnehmen sollte. Ein starker Damm ward aufgeschüttet, den üblichen Weg des Nahar-Maöcha zu unterbrechen: Massen von Wasser rauschten in ihr neues Bett; und die römische Flotte, die im Triumph Kurs auf den Tigris nahm, mochte spotten über die vergeblichen und nutzlosen Hindernisse, welche die Perser aus Ktesiphon errichtet hatten, ihr Fortkommen aufzuhalten. DIE ÜBERQUERUNG DES TIGRIS Da es sich als notwendig erwies, die römische Armee an das andere Tigrisufer zu bringen, ergab sich die nächste Schwierigkeit ganz von selbst, die zwar weniger Anstrengung, dafür aber wesentlich mehr Gefahr in sich barg. Der Strom war breit und reißend; der Zugang steil und schwierig; und die Verschanzungen, die man auf der Höhe des gegenüberliegenden Ufers angelegt hatte, waren vollbesetzt mit schweren Panzerreitern, erfahrenen Bogenschützen und riesigen Kriegselephanten; welche (um den ausgefallenen Vergleich des Libanios zu bemühen) mit der gleichen Leichtigkeit ein Kornfeld niedertrampeln konnten wie eine römische Legion (Καὶ μεγέϑεσιν ἐλεφάντων, οἷς ἴσον ἔργον διὰ σταχύων ἐλϑεῖν, καὶ φάλαγγος, Oratio parentalis 125) »Rien n'est beau que le vrai«. (Nichts ist schön als die Wahrheit), welche Maxime jeder Redner auf sein Pult schreiben sollte. . Mit einem solchen Feind im Nacken war der Bau einer Brücke unmöglich; und der furchtlose Kaiser, der das in dieser Situation einzig Zuträgliche tat, hielt seine Entwürfe bis zum Augenblick, da sie umgesetzt werden sollten, vor den Barbaren, seinen eigenen Soldaten und sogar noch vor seinen Generälen geheim. Unter dem durchsichtigen Vorwand, dass der Zustand der Vorräte überprüft werden müsse, wurden nacheinander achtzig Schiffe geleichtert; und eine Abteilung ausgewählter Soldaten, die ersichtlich für eine geheime Operation bestimmt waren, erhielten Order, sich jederzeit bereit zu halten. Julian selbst verbarg seine Unruhe und gab sich fröhliche und unbesorgte Miene; und unterhielt seine kriegslüsternen Hilfstruppen mit Kampfspielen, die er zu allem Überfluss unter den Mauern von Coche abhielt. Es war ein Tag der Freude; nach dem Abendessen aber versammelte der Kaiser seine Generäle in seinem Zelt; und machte sie mit dem Gedanken vertraut, dass er die bevorstehende Nacht für die Tigris-Überquerung vorgesehen habe. Man stand in schweigendem und höflichem Erstaunen; als dann aber der allseits respektierte Sallust sich auf das Vorrecht seines Alters und seiner Erfahrung besann, nahmen sich auch die anderen Befehlshaber die Freiheit, seinen klugbedachten Gegengründen zusätzliches Gewicht zu geben Libanios spielt nur auf den angesehensten Feldherren an. Ich habe es gewagt, ihn – Sallustius – mit Namen zu nennen. Ammianus (24,6) sagt von allen Truppenführern, »quod acri metu territi duces concordi precatu fieri prohibere tentarent.« (...dass sie in heftiger Sorge mit vereinten Bitten das Vorhaben verhindern wollten). . Julian begnügte sich mit dem Hinweis, dass Sieg und Sicherheit immer eine Frage des Versuchs seien; dass sich die Zahl der Feinde nicht vermindern, sondern vergrößern werde; und dass längeres Verweilen weder den Strom schmaler noch die Uferhöhe flacher machen werde. So wurde also das Angriffssignal gegeben und gehört: die ungeduldigsten Legionäre sprangen in fünf Boote, die dem Ufer am nächsten lagen; gewaltig legten sie sich in die Riemen und waren bald darauf vom Dunkel der Nacht verschluckt. An anderen Ufer loderte ein Feuer auf; und Julian, der nur zu genau begriff, dass der Feind die ersten Boote beim Landungsversuch in Brand gesetzt hatte, machte geistesgegenwärtig aus ihrer unmittelbaren Gefahr ein Zeichen von günstiger Vorbedeutung. »Unsere Kameraden,« rief er mit Kampfeseifer aus, »haben bereits das Ufer erobert; seht, sie geben das verabredete Signal: auf denn, wir wollen ihren Mut noch unterstützen.« Die gemeinsame und rasche Fahrt der großen Flotte benahm der Strömung die Gewalt, und sie erreichten das östliche Tigrisufer, rechtzeitig genug, um die Flammen zu löschen und ihre kühnen Gefährten zu retten. Der steile und lange Anstieg wurde durch das Gewicht der Waffen und die Dunkelheit noch erschwert. Ein Schauer von Pfeilen, Steinen und Brand ging auf die Angreifer nieder; schließlich aber standen sie nach hartem Kampf als Sieger auf der Schanze. Sobald sie günstigeres Gelände besetzt hielten, musterte Julian, der mit leichter Infanterie den Angriff geführt hatte »Hinc Imperator ... (so Ammianus) ipse cum levis armaturae auxiliis per prima postremaque discurrens,« (...darauf eilte der Kaiser selbst mit den leichtbewaffneten Hilfstruppen zwischen dem ersten und letzten Treffen hin und her.) Sein Freund Zosimos lässt ihn erst zwei Tage nach der Schlacht den Fluss überqueren. , mit fachkundigem Blick die Stellung: seine tapfersten Soldaten bildeten, wie schon bei Homer vorgesehen »Secundum Homericam dispositionem.« (Entsprechend der Anordnung bei Homer.) Eine vergleichbare Aufstellung wird dem weisen Nestor im vierten Gesang der Ilias zugeschrieben, und Homer ist Julian stets gegenwärtig. , die Spitze und die Nachhut; und so bliesen alle Signalhörner der kaiserlichen Armee zum Angriff. Die Römer ließen ein Schlachtengeschrei vernehmen und marschierten mit ruhigem Schritt zu den befeuernden Klängen kriegerischer Musik vorwärts; schleuderten ihre fürchterlichen Wurfgeschosse; und stürmten mit gezücktem Schwert voran, um den Barbaren im Nahkampf den Vorteil ihrer Fernwaffen zu nehmen. Zwölf Stunden dauerte das Gefecht; schließlich aber wurde der schrittweise Rückzug der Perser zur ungeordneten Flucht, bei der sich in beschämender Weise ihre Befehlshaber besonders hervortaten. Bis vor die Tore Ktesiphons trieb man sie zu Paaren; und die Sieger hätten wohl auch noch die bebende Stadt erobert »Persas terrore subito miscuerunt, versisque agminibus totius gentis, apertas Ctesiphontis portas victor miles intrasset, ni major praedaram occasio fuisset, quam cura victoriae.« (Festus, de Provinciis, 28). Doch plötzliche Panik brachte die persischen Reihen durcheinander, und nachdem die Heerhaufen vollständig in die Flucht geschlagen waren, hätte der Soldat siegreich die offenen Stadttore von Ktesiphon durchschritten, wenn nicht die Gelegenheit zum Beutemachen verlockender gewesen wäre als die Sorge um den Sieg). Ihre Habgier bestimmte sie möglicherweise, Victors Rat zu folgen. , wenn nicht ihr General Viktor, den ein Pfeilschuss gefährlich verwundet hatte, sie beschworen hätte, von dem unbedachten Angriff abzustehen, der im Falle eines Misserfolges zum Verhängnis werden musste. Die Römer zählten auf ihrer Seite fünfundsiebzig Gefallene; während sie zugleich feststellten, dass die Barbaren ihrerseits zweitausendfünfhundert oder sogar sechstausend ihrer tapfersten Soldaten auf dem Schlachtfeld gelassen hatten. Die Beute fiel so aus, wie man es sich bei dem Reichtum und Luxus eines orientalischen Lagers erwarten durfte; große Mengen an Silber und Gold, schmuckverzierte Waffen und ebensolches Zaumzeug, Betten und Tische aus massivem Silber. Der siegreiche Kaiser verteilte als Anerkennung für besondere Tapferkeit Ehrengeschenke, Bürger-, Mauer- und Schiffskronen; denen er mehr Wert beimaß als allen Reichtümern Asiens. Auch dem Gott des Krieges wurde ein Opfer gebracht, aber der Anblick der geschlachteten Tiere war von übler Vorbedeutung; und Julian entdeckte anhand weniger zweifelhafter Anzeichen schon bald, dass er nunmehr auf dem Gipfel seines Glückes angelangt war Die Arbeiten am Kanal und die Tigrisüberquerung bechreiben Ammianus (24,5 und 6), Libanios (Oratio parentalis, 124 – 128), Gregor von Nazianz (Orationes 4), Zosimos (3,24f.), und Festus (de Provinciis,28). . JULIAN BLEIBT UNNACHGIEBIG Am übernächsten Tage nach dem Gefecht wurden die Jovianer, die Herculianer sowie die restlichen Truppen, etwa zwei Drittel der Armee, ohne Fährnisse über den Tigris geschifft Flotte und Armee waren in drei Abteilungen gegliedert, von denen lediglich die erste während der Nacht den Fluss überquert hatte. Die p?óá äïñõöïñ?á (Leibwache, Eskorte), die nach Zosimos (3,26) am dritten Tage übersetzte, bestand wohl aus den Wachen, in denen auch der Historiker Ammianus und der spätere Kaiser Jovianuns dienten, außerdem einigen Abteilungen der Palastwache und den Jovianern und Herculianeern, welche oft die Leibwache stellten. . Während die Perser von den Mauern Ktesiphons nur das Elend des umliegenden Landes betrachteten, hielt Julian oft und besorgt nach Norden Ausschau in der Erwartung, dass der Marsch und die Vereinigung seiner beiden Generäle Sebastian und Prokopios mit der gleichen Energie und der gleichen Umsicht geschähen. Aber seine Erwartungen wurden enttäuscht durch den Verrat des Königs von Armenien, welcher seinen Hilfstruppen erlaubt hatte, – vermutlich hatte er sie sogar dazu aufgefordert – aus dem römischen Lager zu desertieren Moses von Choren (Historia Armenia 3,15, p. 246) hat uns eine Volkssage und einen unechten Brief aufbewahrt. Ich habe ihm nur den Hauptumstand entlehnt, der mit der Wahrheit, der Wahrscheinlichkeit und Libanios (Oratio parentalis 131) am besten harmoniert. ; und durch die Uneinigkeit seiner beiden Generäle, welche eigentlich sogar unfähig waren, irgendeinen Plan zu fassen oder auszuführen. Als der Kaiser die Hoffnung auf diese wichtigen Verbündeten fahren lassen musste, entschloss er sich zu einem Kriegsrat und stimmt nach langer Debatte den Generälen zu, die von der Belagerung Ktesiphons abrieten, da dies ein nutzloses und gefährliches Unternehmen sei. Für uns ist es nicht recht erkennbar, durch welche Festungsbaukünste eine Stadt, die immerhin dreimal von Julians Vorgängern belagert und erobert worden war, für eine Armee von sechzigtausend Römern unter dem Kommando eines tapferen und erfahrenen Generals und mit Schiffen, Proviant, Belagerungsmaschinen und Waffen wohl versehen, sollte nunmehr uneinnehmbar geworden sein. Aber wir können uns bei dem Gedanken beruhigen, dass Julians Ruhmbegier und seine Geringschätzung der Gefahr, die seine hervorstechenden Charaktereigenschaften waren, nicht zugelassen hätten, dass er sich wegen irgendwelcher eingebildeten oder banalen Schwierigkeiten hätte entmutigen lassen »Civitas inexpugnabilis, facinus audax et importunum.« (Die Stadt war uneinnehmbar, der Versuch verwegen und zeitlich unpassend). Ammianus, 24,7. Sein Kriegsgefährte Eutropius (10,16) umfährt das Problem: »Assyriamque populatus, castra apud Ctesiphontem stativa aliquandiu habuit: remeansque victor...« (...und Assyrien wurde verwüstet, bei Ktesiphon wurde vorübergehend ein Standlager aufgeschlagen, auf dem siegreichen Rückmarsch..). Zosimos gibt Schlauheit oder Ignoranz zu erkennen und Sokrates ist ungenau. . Genau zu dem Zeitpunkt, als er den Gedanken an die Belagerung Ktesiphons verwarf, wies er auch mit stolzer Verachtung ein höchst schmeichelhaftes Verhandlungsangebot zurück. PERSISCHES FRIEDENSANGEBOT WIRD ABGELEHNT Sapor, der sich seit langem an das wirkungsarme Fuchteln des Constantius gewöhnt hatte, war über den zielstrebigen Eifer seines Nachfolgers unangenehm überrascht. Bis zu der indischen und skythischen Grenze erhielten die Provinzsatrapen Weisung, ihre Truppen zu sammeln und ohne Verzug ihrem bedrängten Monarchen zu Hilfe zu eilen. Aber ihre Vorbereitungen waren schleppend und ihre Marschbewegungen saumselig; und bevor Sapor auch nur eine einzige Armee ins Feld hatte stellen können, erhielt er die betrübliche Zeitung von der Verwüstung Assyriens, der Zerstörung seiner Paläste und dem Untergang seiner tapferen Männer, welche den Tigrisübergang verteidigt hatten. Sein Königtum lag erniedrigt im Staub; er nahm seine Mahlzeiten vom Erdboden; und sein zerrauftes Haar ließ die Trauer und Sorge seines Herzens erraten. Vermutlich hätte er sich nicht einmal dagegen gesträubt, mit der einen Hälfte seines Königreiches für die Sicherheit der anderen einzutreten: und mit Freuden hätte er in einen Friedensvertrag eingewilligt, der ihn zum treuen und abhängigen Verbündeten des römischen Eroberers gemacht hätte. Unter dem Vorwand einer privaten Angelegenheit wurde ein ranghoher und vertrauenswürdiger Minister in aller Heimlichkeit entsandt, die Knie des Hormisdas zu umfassen und in der Sprache des Bittflehenden um die Gunst einer Audienz beim Kaiser zu nachzusuchen. Ob der Sassanidenspross nun auf die Stimme der Hoffahrt oder der Menschlichkeit hörte, ob ihn Rührung bestimmte oder die Pflicht – auch er neigte dazu, heilsame Maßnahmen zu befördern, welche die Not Persiens beendet und gleichzeitig den Sieg Roms sichergestellt hätten. Er war überrascht von der unbeugsamen Festigkeit eines Helden, welcher sich zu seinem eigenen und seines Landes Unglück daran erinnerte, dass auch Alexander das Friedensangebot des Dareius abgelehnt hatte. Und da Julian zugleich befürchtete, die Aussicht auf einen ehrenhaften Sieg-Frieden möchte den Kampfeseifer seiner Soldaten dämpfen, bat er Hormisdas mit Nachdruck darum, Sapors Minister ebenfalls privat zu entlassen und sein verführerisches Anerbieten dem Lager zu verheimlichen Libanios, Oratio Parentalis, 130 und 139 und Socrates, 3,21. Die Kirchenhistoriker schieben die Ablehnung des Friedensvorschlages dem Einfluss des Maximus zu. Ein solcher Rat war eines Philosophen unwürdig; aber der Philosoph war darüber hinaus noch ein Hellseher, welcher den Hoffnungen und Leidenschaften seines Herren zu schmeicheln verstand. . JULIAN LÄSST DIE FLOTTE VERBRENNEN Seine Interessen verboten es Julian, weiterhin seine Zeit vor Ktesiphons unüberwindlichen Mauern zu verschwenden; auch seine Ehre verbot es ihm, denn sooft er die Verteidiger der Stadt forderte, sich mit ihm in offener Feldschlacht zu messen, erhielt er die weise Antwort, wenn es ihn danach gelüste, seine Kräfte zu erproben, möge er die Armee des Großkönigs fordern. Er fühlte den verborgenen Hohn und nahm den Rat an. So bewegten sich seine Truppen nicht länger brav zwischen den Ufern von Euphrat und Tigris, vielmehr entschloss er sich, Alexanders eroberndem Geist nachzueifern und kühn in das Landesinnere vorzudringen, bis er seinen Gegner gezwungen hatte, sich mit ihm, etwa in den Ebenen von Arbela, um die Vorherrschaft in Persien zu streiten. Julians emporstürmender Geist wurde unterstützt und verraten durch die Kunstgriffe eines Persers von Adel, der es auf sich genommen hatte, im Interesse seines Landes ein höchst gefährliches, falsches und schandbares Spiel zu spielen Die Trickereien dieses neuen Zopyrus (Gregor von Nazianz, Orationes 4) werden durch das Zeugnis zweier Kompilatoren (Festus und Victor) bestätigt; ferner gibt es gelegentliche Andeutungen bei Libanios (Oratio parentalis 134) und Ammianus (24,7). Die Chronologie der Ereignisse wird durch eine sehr ärgerliche Lücke im Text von Ammianus unterbrochen. . Mit einem ganzen Tross treuer Anhänger floh er in das kaiserliche Lager; erzählte die bewegende Geschichte des Unrechts, das er erlitten hatte; überzeichnete die Grausamkeit Sapors, die Unzufriedenheit des Volkes und die allgemeine Schwäche der Monarchie; und diente sich offenherzig als Gastgeber der Römer und Anführer ihres Marsches an. Hormisdas' Weisheit und Erfahrung äußerte die allervernünftigsten Verdachtsgründe, indessen vergeblich; der arglose Julian, der den Verräter an sein Herz gedrückt hatte, ließ sich zu einem raschen Befehl verleiten, welcher nach der Meinung der Menschheit seine Vernunft in Zweifel stellte und seine Sicherheit gefährdete: Er ließ in einer einzigen Stunde die gesamte Flotte zerstören, die man fünfhundert Meilen mit soviel Schweiß, Kosten und Blut mitgeführt hatte. Zwölf, höchstens zweiundzwanzig kleine Schiffe ließ man bestehen, damit sie den Marsch der Soldaten begleiten und bei Gelegenheit als Brücke dienen könnten. Verpflegung für zwanzig Tage hob man für die Soldaten auf; der Rest der Magazine wurde zusammen mit einer Armada von elfhundert Booten, die auf dem Tigris vor Anker lagen, auf ausdrücklichen Befehl der Kaisers den Flammen überantwortet. Die christlichen Bischöfe Gregor und Augustin machen hier den Wahnsinn des Apostaten verantwortlich, welcher das Gottesurteil mit eigener Hand ausführte. Ihre Autorität, in militärischen Fragen von eher geringem Gewicht, erfährt durch das kühle Urteil eines erfahrenen Soldaten Unterstützung, welcher Augenzeuge der Verbrennung war und der sich nicht dazu verstehen konnte, das empörte Murren der Legionen zu missbilligen Siehe Ammianus (24,7), Libanios, (Oratio Parentalis, 132 und 133), Zosimos (3,26), Zonaras (Band 2,13,13), Gregor vo Nazianz (Orationes 4) und Augustinus (De Civitate Die 4,29 und 5,21). Von diesen unternimmt alleine Libanios eine matte Verteidigung seines Helden, welcher, folgt man Ammianus, sich selbst das Urteil sprach, indem er einen verspäteten und wirkungslosen Befehl zum Feuerlöschen gab. . Allerdings gibt es einige vordergründig einleuchtende und vielleicht sogar gute Gründe, die Julians Anordnung rechtfertigen können. Der Euphrat wird niemals oberhalb von Babylon und der Tigris niemals oberhalb von Opis befahren Man vergleiche Herodotos (1,194), Strabo (16, p. 1074), und Tavernier (Voyages, Teil 1, p.52). . Die Entfernung zwischen der letztgenannten Stadt und dem Römerlager war unbedeutend; und Julian hätte schon bald den vergeblichen und undurchführbaren Versuch einstellen müssen, die große Flotte flussaufwärts gegen diesen raschfließenden Strom zu zwingen »A celeritate Tigris incipit vocari, ita appellant Medi sagittam.« (Wegen seiner Schnelligkeit erhält der Tigris dann einen Namen, der bei den Medern »Pfeil« bedeutet.) Plinius, Historia Naturalis 6,31. , dessen Passage an einigen Stellen darüber hinaus mit künstlichen oder naturgegebenen Stromschnellen erschwert war Tavernier (Teil 1, p. 226) und Thevenot (Teil 2, 1, p. 193) beschreiben einen dieser Deiche, durch die ein künstlicher Katarakt oder Wasserfall entsteht. Die Perser oder Assyrer waren bemüht, die Schiffahrt auf dem Fluss zu unterbinden (Strabo 15, p. 740; d'Anville, L'Euphrat et le Tigre, p. 98f.). . Ruder oder Segel hätten nur unzureichende Kräfte entfaltet; man hätte die Boote schon gegen die Strömung treideln müssen; diese mühselige Sklavenarbeit hätte die Kräfte von zwanzigtausend Soldaten erschöpft; und hätten die Römer ihren Marsch entlang des Tigrisufers fortgesetzt, dann hätten sie nur noch hoffen können, nach Hause zurückzukehren, ohne zugleich in irgendwelche Unternehmungen verwickelt zu werden, welche den Genius oder das Glück ihres Feldherren beansprucht hätten. Wenn es andererseits geraten schien, ins Landesinnere vorzustoßen, dann war die Verbrennung der Flotte und der Magazine die einzige Maßnahme, welche diese wertvolle Beute vor dem Zugriff der zahlreichen beutelüsternen Feinde hätte schützen können, die gewiss aus den Toren von Ktesiphon hervorgebrochen wären. Hätte Julian obsiegt, dann würden wir heute das Verhalten und den Mut eines Helden bewundern, der seinen Soldaten jede Aussicht auf Rückzug benahm und ihnen so nur die Wahl zwischen Tod oder Sieg ließ Wir erinnern uns an die glückhafte und hochgelobte Entschlossenheit des Agathokles und Cortez, welche ebenfalls ihre Schiffe an der Küste Afrikas bzw. Mexikos verbrennen ließen. . DIE RÖMER FINDEN NUR NOCH VERWÜSTUNG Der beschwerliche Transport von Artillerie und Bagage, der den Operationen der modernen Armeen so hinderlich ist, war den römischen Streitkräften weitgehend unbekannt Man sehe die einsichtsvollen Betrachtungen des Autors von »Essai sur la Tactique«, Band 2, p. 287 – 383 und die kluggelehrten Ausführungen von Herrn Guischardt, Nouveaux Memoires Militaires, Band 1,p. 351 – 382, über Tross und Versorgung der römischen Heere. . Doch die Verpflegung von sechzigtausend Mann muss zu allen Zeiten die erste Sorge für einen umsichtigen General gewesen sein; und Nahrung konnte nur das Feindesland bereitstellen. Wäre es Julian möglich gewesen, auch die Verbindung über den Tigris zu sichern und das eroberte Assyrien zu halten, so hätte die zerstörte Provinz keine nennenswerten und regelmäßigen Nahrungsmengen bereitstellen können, zumal in einer Jahreszeit, als das Land vom Euphrat überschwemmt Der Tigris entspringt im Süden und der Euphrat im Norden der armenischen Berge. Ersterer hat seine Überschwemmung im März, der Letztgenannte im Juli. Diese Umstände werden in den geographischen Erläuterungen von Foster sehr gut erklärt, welche Spelmans »Expedition of Kyrus« von Xenophon (Band 2, p. 26) beigegeben sind. und die ungesunde Luft mit Myriaden von Insekten verdunkelt war Ammianus (24,8) schildert so, wie er sie erlebt hatte, die Kalamitäten durch die Überschwemmung, die Hitze, die Insekten. Das assyrische Land, von den Türken unterdrückt und von den Kurden oder Arabern ausgeplündert, erbringt zehn-, fünfzehn- und zwanzigfachen Ertrag der Saat, die der arme und ungeschickte Landmann dem Boden anvertraut. Niebuhr, Voyages, Band 2, p. 279 – 85. . Da war das Erscheinungsbild des Feindeslandes deutlich einladender. Das riesige Gebiet zwischen Tigris und den medischen Bergen ist übersät mit Dörfern und Städten; und auch der fruchtbare Boden befand sich in einem ausgezeichneten Zustand. Julian erwartete vermutlich, dass die beiden stärksten Waffen der Überredungskunst, Eisen und Gold, der Furchtsamkeit und der Habgier der eingeborenen Bevölkerung hinreichende Vorratsmengen abschmeicheln würden. Aber beim Anmarsch der Römer wurde diese optimistische Erwartung zu Nichts. Wo immer die Römer auftauchten, verließen die Einwohner die offenen Dörfer und nahmen ihre Zuflucht in den befestigten Städten; das Vieh wurde in Sicherheit gebracht; Heu und reifes Korn wurden verbrannt; und sobald das Feuer sich gelegt hatte, gaben sie Julian den Blick frei auf eine nackte, rauchende Ödnis. Zu dieser verzweifelten, wenngleich wirkungsvollen Art der Verteidigung ist nur der Patriotismus eines Volkes imstande, das seine Freiheit dem Wohlstand vorzieht; oder die Brutalität einer Willkürherrschaft, welche sich um die öffentliche Sicherheit besorgt zeigt, ohne die Freiheit einer Wahl zu lassen. In diesem Falle waren die Neigungen der Perser und die Anordnungen Sapors gleichen Sinnes; und so war Julian schon bald auf karge Kost gesetzt, welche sich unter seinen Händen zusehends verringerte. Bevor sie ganz aufgezehrt war, hätte er mit einem direkten Marsch Isidor von Carax (Mansiones Parthicae, p. 5, 6, in Hudson, Geographiae Minores Band 2.) rechnet mit 129 Schoeni von Seleucia, Thévenot (Voyages, Teil 1,1 und 2, p. 205 – 245) mit 128 Stunden Marsch von Bagdad nach Ekbatana. Diese Strecke ist kürzer als eine gewöhnlichen Parasange oder drei römischen Meilen. die kriegsuntüchtigen und wohlversorgten Städte Ekbatana und Susa erreichen können; aber seine Unkenntnis des Weges und die Perfidie seiner Führer brachte ihn auch noch um diese letzten Ressourcen. Die Römer gingen einige Tage östlich von Bagdad in die Irre; der persische Deserteur, der ihn so arglistig in die Falle gelockt hatte, entkam ihrer Rache; und seine Anhänger gestanden unter der Folter augenblicklich das Geheimnis ihrer Verschwörung. Die Visionen einer Eroberung von Hyrcania und Indien, die Julian lange Zeit erfreut hatten, wurden nun zum Alptraum. Im Bewusstsein, dass seine Torheit die Ursache der gegenwärtigen Not war, erwog er angstvoll die Aussichten auf Erfolg oder Rettung, ohne von Göttern oder Menschen eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten. Schließlich fasste er den in dieser Lage einzig sinnvollen Entschluss und ordnete einen Eilmarsch zum Tigris in das Gebiet von Carduene an; diese Provinz war fruchtbar, freundschaftlich gesonnen und anerkannte Roms Oberherrschaft. Die entmutigten Truppen traten unverzüglich den Rückmarsch an, nur siebzig Tage, nachdem sie den Chaboras überquert hatten mit der zuversichtlichen Hoffnung, Persiens Thron zu stürzen Den Marsch Julians nach Ktesiphon beschreiben ausführlich, doch nicht eben verständlich Ammianus (24,7 und 8), Libanios (Oratio Parentalis 134) und Zosimos (3,26). Die beiden letzten scheinen gar nicht zu wissen, dass sich ihr Eroberer auf dem Rückzug befindet, und Libanios lässt ihn sich absurderweise nicht von den Ufern des Tigris entfernen. . DIE RÖMISCHE ARMEE IN BEDRÄNGNIS Solange die Römer erkennbar ins Landesinnere marschierten, wurden ihre Marschbewegungen nur von ein paar Einheiten persischer Kavallerie beobachtet und gelegentlich gestört; sie ließen sich manchmal in lockerer, manchmal in fester Formation blicken und griffen halbherzig die Vortrupps an. Allerdings standen zur Unterstützung dieser Detachements weitaus größere Streitkräfte bereit; und kaum waren die römischen Marschkolonnen in Richtung auf den Tigris eingeschwenkt, als über der Ebene eine Staubwolke aufstieg. Die Römer, denen es jetzt nur noch um einen sicheren und raschen Rückzug zu tun war, versuchten sich einzureden, dass die Ursache dieser drohenden Erscheinung eine große Herde von Wildeseln sei oder ein paar befreundete Araber. So machten sie Halt, schlugen ihre Zelte auf, befestigten ihr Lager und waren die ganze Nacht in Alarmbereitschaft; und mussten bei Sonneaufgang entdecken, dass sie von einem persischen Heer eingekreist waren. Auf diese Armee, die man für den Vortrab gehalten haben mochte, folgte bald die Hauptstreitmacht aus schweren Panzerreitern, Bogenschützen, Elephanten, welche der angesehene und bewährte General Meranes kommandierte. Zwei Prinzen begleiteten ihn und viele hochrangige Satrapen; und die Gerüchte und ängstliche Erwartungen vergrößerten die Stärke der restlichen Truppen, die unter Sapors höchstpersönlichem Kommando sich allgemach einfanden. Als dann die Römer ihren Zug fortsetzten, bot ihre langgestreckte Marschordnung, die gemäß den Anforderungen des Geländes dichter oder gelockerter war, ihren wachsamen Feinden häufige und günstige Gelegenheit zum Zuschlagen. Wiederholt und mit Eifer griffen die Perser an; ebenso oft wurden sie zurückgeschlagen; und die einzige Maßnahme des Maronga, die die Bezeichnung eines Gefechtes verdiente, zeichnete sich durch einen beträchtlichen Verlust von Elephanten und Satrapen aus, in den Augen ihres Königs vermutlich gleichgewichtige Einbußen. Aber auch die Römer mussten für diese Erfolge zahlen: verschiedentlich wurden Offiziere von Rang getötet oder verwundet; und der Kaiser selbst, der in allen Gefahrensituationen seine Männer beseelte und anführte, war genötigt, seine Person der Gefahr auszusetzen und alle Kräfte anzustrengen. Das Gewicht ihrer Angriffs- und Verteidigungswaffen, welche nach wie vor die Schlagkraft und die Sicherheit des römischen Heeres ausmachten, behinderten andererseits jede längere und nachdrücklichere Verfolgung; und da die Reiter des Ostens geübt waren, in vollem Galopp und in jede Richtung ihre Lanzen zu schleudern und ihre Pfeile zu schießen Chardin, der einsichtsvollste der neueren Reisenden, beschreibt (Voyage en Perse, Band 3, p. 57ff.) die Ausbildung und die Geschicklichkeit der persischen Reiter. Brissonius (De regno Persico, p. 650, 661 u.a.) hat die Zeugnisse des Altertums zusammen getragen. , war Persiens Kavallerie auf rascher, ungeordneter Flucht am fürchterlichsten. Doch am meisten wog für die Römer die verlorene Zeit. Die hartgesottenen Veteranen, durch das kalte Klima Galliens und Germaniens abgehärtet, wurden in Assyriens schwülem Sommer zusehends ausgelaugt: die zermürbende Gleichförmigkeit, mit der sich Marsch und Gefecht abwechselten, zehrte an ihren Kräften; und die Marschleistung wurde zusätzlich gemindert durch die Vorsichtsmaßnahmen, die ein langsamer und wohlüberlegter Rückzug in Gegenwart eines aktiven Feindes erforderlich machte. Mit jedem Tag, mit jeder Stunde, in denen die Vorräte zur Neige gingen, stiegen im römischen Lager Bei dem Rückzug von Marcus Antonius wurde ein attisches Choenix für fünfzig Drachmen verkauft oder, anders gesagt, ein Pfund Mehl kostet zwölf bis vierzehn Schilling. Man kann unmöglich diese interessante Erzählung bei Plutarch studieren (Vitae, Band 5, p.102 – 116), ohne daran zu denken, dass Marc Anton und Julian durch den gleichen Feind angegriffen wurden und sich in der gleichen Notlage befanden. der Wert und der Preis der Nahrung. Julian selbst, der sich immer mit einem Essen begnügt hatte, das selbst noch ein hungriger Soldat zurückgewiesen haben würde, verteilte unter die Truppen Proviant, der für den königlichen Haushalt bestimmt war, und was etwa von den Lastpferden der Generäle und Tribunen erübrigt werden konnte. Aber diese schwache Hilfestellung bewirkte eigentlich nur, dass die Notlage noch fühlbarer wurde; und allmählich begannen sich die Römer ernstlich zu sorgen, dass sie vor Erreichen der Reichgrenzen allesamt verderben müssten, verhungert oder vom feindlichen Schwert getötet Ammianus, 24,8, 25,1; Zosimos, 3,27ff.; Libanios, Oratio Parentalis, 134 und 135. Dem Sophisten von Antiochia scheint es zu entgehen, dass die Truppen Hunger litten. . ÜBLE VORZEICHEN IN TRÄUMEN UND AM HIMMEL · JULIAN TÖDLICH VERWUNDET Während Julian mit diesen fast unüberwindlichen Schwierigkeiten kämpfte, waren die stillen Stunden der Nacht weiterhin den Studien und der Betrachtung gewidmet. Wenn er die Augen zu kurzem und unruhigem Schlummer schloss, wurde er von qualvollen Sorgen heimgesucht; eine Überraschung wird es nicht sein, wenn der Genius des Reiches ein weiters Mal vor ihm erschien und sein Haupt und sein Füllhorn mit einem Leichentuch verhüllte und sich langsam von kaiserlichen Zelt zurückzog. Der Kaiser schreckte von seinem Lager empor, trat hinaus, sein trauriges Gemüt in der Kühle der Mitternacht zu erfrischen, als er einen feurigen Meteor gewahrte, der quer über den Himmel zog und verglühte. Julian war überzeugt, dass er den drohenden Wink des Kriegsgottes gesehen habe Ammianus 25,2. Julian hatte einst geschworen, »numquam se Marti sacra facturum.« (dass er dem Mars nie ein Opfer bringen werde). Derlei grillenhafte Zänkereien zwischen den Göttern und ihren hoffährtigen Bekennern waren durchaus üblich; und selbst der weise Augustus verweigerte Neptun alle öffentlichen Prozessionen, nachdem seine Flotte zweimal Schiffbruch erlitten hatte. Siehe Hume, Philosophical Reflections, Essays, Band 2, p. 418. ; das Konsilium, zu dem er die Haruspices Sie hatten nach wie vor das Monopol auf diese leere, aber einträgliche Wissenschaft inne, die einst in Etrurien erfunden ward; und sie bestanden darauf, dass sie ihre Kenntnisse von Zeichen und Omen aus den alten Büchern des tuskischen Weisen Tarquitius bezögen. aus Tusculum lud, befand einstimmig, dass er von allen militärischen Maßnahmen abstehen solle: aber wenigstens bei dieser Gelegenheit überwanden Not und Vernunft die Mächte des Aberglaubens; in der Morgendämmerung wurde zum Aufbruch geblasen. Die Armee marschierte durch hügeliges Gelände; und die Perser hatten in aller Stille die Hügel besetzt. Julian führte die Vorhut mit der Umsicht eines vielerprobten Generals; da erhielt er die Meldung, dass die Nachhut angegriffen wurde. Die Hitze hatte ihn verleitet, seinen Panzer abzulegen; aber rasch hatte er den Schild von einem seiner Begleiter an sich gerissen und eilte an das Ende der Kolonne der Nachhut zur Hilfe. Die gleiche Gefahr rief den Furchtlosen, die Front zu schützen; und als er zwischen den Marschsäulen galoppierte, wurde das linke Zentrum durch die persische Kavallerie und Kriegselephanten machtvoll angegriffen und beinahe überrannt. Aber schon kurz darauf war diese kampfstarke Abteilung durch eine wohlabgestimmte Entwicklung der leichten Infanterie aufgerieben, welche mit viel Geschick und Wirkung ihre Waffen gegen die Rücken der Pferde und die Beine der Elephanten einsetzten. Die Barbaren flohen; und Julian, in jeder Gefahr der Erste, feuerte mit Rufen und Gesten die Verfolgung an. Seine Leibwache, eingeschlossen und in ihrer Bewegung behindert durch das regellose Durcheinander von Freund und Feind, erinnerte ihren furchtlosen Feldherren daran, dass er ohne Rüstung war; und beschworen ihn, den drohenden Untergang zu vermeiden. Noch als sie es riefen Clamabant hinc inde ›candidati‹ (siehe die Anmerkung von Valesius) quos disjecerat terror, ut fugientium molem tanquam ruinam male compositi culminis declinaret. (Von da und dort rief ihm seine Leibwache, die sich zerstreut hatte, er möge vor der Masse der Fliehenden ausweichen wie vor den Trümmern eines einstürzenden Hauses ) Ammianus 25,3. , schoss eine fliehende Schwadron einen Schauer von Pfeilen und Speeren ab; und ein Speer, der ihm am Arm die Haut ritzte, durchbohrte die Rippen und blieb im unteren Teil der Leber stecken; Julian versuchte, die tödliche Waffe aus seiner Seite zu ziehen; aber der scharfe Stahl zerschnitt ihm die Finger und er fiel bewusstlos von Pferd. Seine Wache stürzte ihm zur Hilfe; und der verwundete Herrscher wurde vorsichtig vom Boden aufgehoben und aus dem Schlachtengetümmel in ein Zelt getragen. Die Nachricht von dem schlimmen Ereignis ging durch alle Abteilungen; aber die Trauer der Römer wandelte sich schon bald in Stärke und unwiderstehliches Racheverlangen. Der blutige und zähe Kampf zwischen den beiden Heeren dauerte, bis die Dunkelheit sie trennte. Die Perser zogen sich auf dem linken Flügel einigermaßen ehrenvoll aus der Affäre, wo der magister officium Anatolius fiel und der Präfekt Sallust nur knapp entkam. Aber der Tag gehörte den Römern. Die Barbaren räumten das Feld, und ihre beiden Generäle Meranes und Nohordates Sapor erklärte sich den Römern dahin, dass es seine Gewohnheit war, die Familien gefallener Satrapen dadurch zu trösten, dass er ihnen die Köpfe der Wachsoldaten und Offiziere schickte, die nicht an der Seite ihres Herren gefallen waren. (Libanios, de ulciscenda nece Iuliani 13, p.163). , fünfzig Edle oder Satrapen sowie ungezählte ihrer tapfersten Krieger deckten das Feld: und der Erfolg der Römer wäre, hätte Julian überlebt, zum kriegsentscheidenden Sieg geworden. JULIANS STIRBT ALS SOLDAT UND ALS WEISER · 26. JUNI 363 Die ersten Worte, die Julian stammelte, als er aus der Ohnmacht erwachte, in die er infolge des starken Blutverlustes gesunken war, sprachen für seinen kriegerischen Geist. Er rief nach seinem Pferd und seinen Waffen und verlangte danach, in die Schlacht zu eilen. Seine verbliebenen Kräfte erschöpften sich durch diese schmerzhafte Anstrengung; und die Wundärzte, die seine Verletzung untersuchten, entdeckten die Anzeichen des nahen Todes. Mit der Standhaftigkeit eines Helden und eines Weisen verbrachte er diese qualvollen Stunden; die Philosophen, welche in auf diesem verhängnisvollen Feldzug begleitet hatten, verglichen das Zelt Julians mit der Todeszelle des Sokrates; und die Zuschauer, die die Freundespflicht oder die Neugierde bestimmt hatten, sich um sein Lager zu versammeln, lauschten ehrfurchtsvoll und bekümmert auf die letzten Worte ihres sterbenden Kaisers Julians Charakter und seine Stellung legen den Verdacht nahe, dass er die ausgefeilte Rede, die Ammianus gehört und niedergeschrieben hat, schon im Voraus ausgearbeitet hatte. Die Übersetzung des Abbé de la Bléterie ist zuverlässig und anmutig. Ich bin ihm bei der Darstellung der platonischen Ideenlehre gefolgt, die im Original nur mit unbestimmten Worten angedeutet wird. . »Freunde und Kampfgefährten, der geeignete Zeitpunkt für meinen Abschied ist nun gekommen; ich sterbe. Ich habe von der Philosophie gelernt, um wie viel wertvoller die Seele ist als der Körper; und dass es Gegenstand der Freude und nicht des Kummers sein sollte, wenn sich das Bessere abtrennt. Ich habe von der Religion gelernt, dass ein früher Tod oftmals die Belohnung für Frömmigkeit war Herodot (1,31) hat diese Auffassung in einer schönen Erzählung ausgeführt. Aber Jupiter, der im 16. Gesang der Ilias mit blutigen Tränen den Tod seines Sohnes Sarpedon beweint, hat einen sehr unvollkommenen Begriff von der Glückseligkeit und dem Ruhm über das Grab hinaus. ; und ich nehme den tödlichen Streich als Gunst der Götter, da er mich vor der Gefahr bewahrt, einen Schatten auf die Person zu werfen, die bisher von Tugend und Tapferkeit geleitet wurde. Ich sterbe ohne Reue, denn ich habe ohne Schuld gelebt. Ich freue mich, dass ich auf ein unbeflecktes privates Leben zurückblicken kann; und ich kann wohl behaupten, dass die höchste Autorität, dass die Ausstrahlung der göttlichen Macht in meiner Hand rein und unversehrt geblieben ist. Ich habe die verderbten und verderblichen Grundsätze des Despotismus immer verachtet und das Glück des Volkes immer als das eigentliche Ziel jeder Regierung angesehen. Ich habe mein Handeln den Geboten der Klugheit, der Gerechtigkeit und der Mäßigung unterstellt, aber den Ausgang immer der Vorsehung anvertraut. Friede war das Ziel meiner Ratschlüsse, solange sich denn der Frieden mit der öffentlichen Wohlfahrt vereinbaren ließ; wenn aber die gebietende Stimme meines Landes mich zu den Waffen rief, dann habe ich mich den Gefahren des Krieges ausgesetzt in dem klaren Wissen (welches ich mir durch divinatorische Künste erwarb), dass ich durch das Schwert fallen würde. Ich zahle nunmehr meine Dankesschuld an das Ewige Sein, welchem es nicht gefiel, dass ich durch die Grausamkeit eines Tyrannen, den Dolch der Verschwörung oder die Foltern einer schleichenden Krankheit verderben sollte. Es hat mir mitten in einer glanzvollen Laufbahn einen ruhmreichen Abschied von dieser Welt vergönnt; und ich halte es für gleichermaßen abwegig und verächtlich, dem Schicksalsschlag auszuweichen oder ihn zu erbitten. – Dies wollte ich sagen; aber die Kräfte schwinden mir, und ich fühle die Nähe des Todes. – Ich werde jedes Wort unterlassen, das eure Wahl eines neuen Kaisers beeinflussen könnte. Meine Wahl könnte unklug oder ungerecht sein; und wenn die Zustimmung der Armee ausbleibt, dann könnte es für die Person verhängnisvoll werden, die ich empfohlen habe. Ich will nur als ein guter Bürger meine Hoffnung ausdrücken, dass die Römer mit der Regierung eines tüchtigen Herrschers gesegnet sein mögen.« – Nach diesen Ausführungen, die Julian mit fester und ruhiger Stimme vortrug, verteilte er in einem militärischen Testament Die Soldaten, welche ihr Testament mündlich (nuncupavit) kurz vor der Schlacht (in procinctu) machten, waren von den Formalien des römischen Rechtes ausgenommen. Siehe Heiniccius, Antiquitatum Romanorum iurisprudentiam syntagma, Band 1, p. 504 und Montesquieu, Esprit des lois, Buch 27. sein verbliebenes Privatvermögen; danach fragte er, warum Anatolius fehle und begriff nach Sallusts Antwort, dass er gefallen sei; mit liebenswürdiger Inkonsequenz beweinte er den Verlust eines Freundes. Zugleich aber missbilligte er den maßlosen Kummer der Anwesenden; und beschwor sie, nicht durch unziemliche Tränen das Schicksal eines Herrschers zu beweinen, der sich in kurzer Zeit mit dem Himmel und den Sternen vereinigen werde Diese Vereinigung der menschlichen Seele mit der göttlich-ätherischen Substanz des Universums ist die altüberlieferte Doktrin von Pythagoras und Plato; aber sie scheint jede persönliche oder bewusste Unsterblichkeit auszuschließen. Siehe Warburtons gelehrte und durchdachte Bemerkungen. Divine legation, Band 2, p. 199 – 216. . Die Anwesenden schwiegen; und Julian begann mit den Philosophen Priscus und Maximus eine metaphysische Debatte über die Natur der Seele. Die psychischen und physischen Anstrengungen, die er dabei machte, beschleunigten vermutlich seinen Tod. Seine Wunde begann erneut und stark zu bluten; seine Atmung geriet wegen der anschwellenden Blutgefäße ins Stocken: er verlangte nach einem Trunk kalten Wassers, und sobald er es ausgetrunken hatte, verschied er, etwa um die Stunde der Mitternacht. Dies war das Ende dieses außergewöhnlichen Mannes in seinem zweiunddreißigsten Lebensjahr, nach einer Regierungszeit von einem Jahr und etwa acht Monaten seit dem Tod des Constantius. In seinen letzten Stunden demonstrierte er, vielleicht mit etwas Vorbedacht, die Liebe zur Tugend und zum Ruhm, die immer die beherrschenden Leidenschaften seines Lebens gewesen war Ammianus, ein intelligenter Beobachter, gibt von Julians Tod einen vollständigen Bericht (25,3). Libanios, der sich mit Grauen von der Szenerie abwendet, bringt immerhin einige Nebenumstände (Oratio parentalis 136 – 140. Mit schweigender Verachtung wollen wir über die bösartigen Verdrehungen Gregors und die Legenden neuzeitlicher Heiliger hinweggehen. . JOVIAN ZUM KAISER GEWÄHLT · 27. JULNI 363 Der Sieg des Christentums und die Notlage des Reiches können bis zu einem gewissen Umfange Julian angelastet werden, da er es verabsäumt hatte, die künftige Durchführung seiner Entwürfe durch die rechtzeitige und unanfechtbare Ernennung eines Bundesgenossen und Nachfolgers sicherzustellen. Aber das Königsgeschlecht des Constantius Chlorus existierte nur noch in seiner Person weiter; und wenn er wirklich ernsthaft mit dem Gedanken umgegangen war, etwa den würdigsten Römer mit dem Kaiserpurpur zu bekleiden, so hielten ihn die Schwierigkeiten der Wahl von diesem Vorhaben ab, die Lust an ungeteilter Macht und die naturgegebenen Vorzüge der Gesundheit, der Jugend und des Glücks. Sein unerwarteter Tod hinterließ das Reich ohne Herren und ohne Erben, in einem Status der Lähmung und Gefahr, wie man es seit achtzig Jahren, seit der Wahl Diokletians, nicht mehr erlebt hatte. In einer Regierungsform, in welcher man die Bedeutung des reinen und adligen Blutes fast vergessen hatte, galt erlesene Herkunft nur wenig; die Ansprüche einer offiziellen Stellung waren willkürlich und widerruflich; und etwaige Thronaspiranten konnten lediglich auf ihr persönliches Verdienst oder ihre Popularität hoffen. Aber die Lage eines verhungernden Heeres, das von allen Seiten von Barbarenmassen eingekreist war, ließ wenig Raum für Trauer und langes Nachdenken. In dieser bedrängten und fast tödlichen Situation wurde der Leichnam des gefallenen Herrschers seinen Weisungen gemäß angemessen einbalsamiert; und bei Morgengrauen fand sich die Heeresleitung zu einem Militär-Senat zusammen, zu dem die Legionskommandanten und die Kavallerie- und Infanteriegeneräle ebenfalls geladen wurden. Noch keine drei oder vier Stunden der Nacht gingen ohne heimliches Ränkespiel vorüber; als man zur Wahl eines Kaisers schreiten wollte, wurde die Versammlung vom Geist des Parteienhaders heimgesucht. Victor und Arinthaeus versammelten um sich, was noch von Hofstaat des Constantius übrig war; Julians Freunde scharten sich um die gallischen Kommandeure, Dagalaiphus und Nevitta; und die schlimmsten Folgen standen von dem Zerwürfnis dieser zwei Faktionen zu befürchten, die in ihrem Eigenarten und ihren Interessen, in ihren Regierungsmaximen und wohl auch in ihren religiösen Grundsätzen so entgegengesetzt waren. Nur die überlegene Persönlichkeit des Sallust konnte noch die Spaltung verhindern und ihre Abstimmung bündeln; und dieser ehrwürdige Präfekt wäre wohl auch ohne Verzug zum Nachfolger Julians ernannt worden, wenn er nicht bescheiden, aber bestimmt sein Alter und seine Gebrechen angeführt hätte, die dem Gewicht des Diadems so gar nicht gewachsen seien. Die Generäle waren durch diese Weigerung zunächst überrascht und verblüfft und zeigten dann Neigung, dem heilsamen Rat eines Offiziers von Rang Honoratior aliquis miles; vielleicht sogar Ammianus selber. Der bescheidene und unparteiische Historiker beschreibt die Wahl, bei welcher er mit Sicherheit anwesend war (25,5). zu folgen, dass sie handeln sollten, als ob der Kaiser nur abwesend sei; dass sie nämlich alle ihre Kräfte zusammennehmen sollten, um die Armee aus ihrer gegenwärtigen Notlage zu befreien; und dass sie anschließend, wenn sie denn Mesopotamien glücklich erreicht hätten, fortfahren sollten, gemeinsam und wohlüberlegt einen rechtmäßigen Herrscher zu erwählen. Während man dies noch debattierte, begrüßten einige Stimmen Jovian, der nichts mehr war als der erste Der primus oder primicerius hatte den Rang eines Senators; und wenn er auch nur ein Tribun war, kam er an Rang den militärischen duces gleich. Codex Theodosianus 6,24. Diese Privilegien stammten möglicherweise aus der Zeit nach Jovian. der Hofbeamten, als Kaiser und Augustus. Die geräuschvolle Akklamation wurde unverzüglich von der Garde aufgegriffen, welche das Zelt umstand, und durcheilte binnen Kurzem das ganze Heer. Der neue Herrscher, der sein eigenes Glück noch gar nicht fassen konnte, wurde in Eile mit dem Purpur bekleidet und nahm den Treueid von den Generälen entgegen, um deren Schutz und Gunst er sich selbst noch vor Kurzem bemüht hatte. Die nachdrücklichste Empfehlung Jovians war sein verdienstvoller Erzeuger, der comes varronianus, der in ehrbarem Ruhestand der Früchte einer langen Dienstzeit genoss. In seiner verborgenen, aber toleranten Privatsphäre frönte sein Sohn seiner Vorliebe für Wein und Weiblichkeit; aber dennoch spielte er mit viel Überzeugungskraft die Rolle des Soldaten Christi Sokrates (3,22), Theodoretos (4,1) und Sozomenos (6,3), die Verfasser von Kirchengeschichten, schreiben Jovian das Verdienst zu, unter der vorangegangenen Regierung ein Bekenner gewesen zu sein; und geben sich dem frommen Wahn hin, dass er die Annahme des Purpurs verweigerte, solange nicht die Armee sich einstimmig zu Christus bekannt hatte. Ammianus, der seine Darstellung in aller Ruhe fortsetzt, widerlegt diese erbauliche Legende mit einem einzigen Satz: »Hostiis pro Ioviano caesis, extisque inspectis pronuntiatum est...(25,6) (Nachdem man Tiere für Jovian geopfert und die Innereien betrachtet hatte, wurde verkündet, dass...) . Wenn er auch weit davon entfernt war, auch nur eine der Eigenschaften zu besitzen, die die Bewunderung und die Missgunst der Menschheit erregen, so hatte Jovian gleichwohl durch sein gefälliges Äußeres, sein fröhliches Gemüt und seine Schlagfertigkeit die Zuneigung seiner Kameraden gewonnen; und die Generäle der beiden Parteiungen schwiegen zu der Wahl, da sie wenigstens nicht durch die Umtriebe ihrer jeweiligen Feinde zustande gekommen war. Die Zufriedenheit mit dieser unerwarteten Erhebung wurde allerdings durch die berechtigte Sorge getrübt, dass dieser eine Tag zugleich auch der letzte im Leben und in der Regierungszeit des neuen Kaisers sein möchte. So hörte man denn ohne Verzug auf die Stimme der Vernunft; und die ersten Anordnungen Jovians, die er nur ein paar Stunden nach dem Ende seines Vorgängers erließ, betrafen den Abmarsch, der alleine noch den Römern aus ihrer gegenwärtigen Not helfen konnte Ammianus (25,10) hat von Jovians Leben ein objektives Bild gezeichnet; zu welchem der jüngere Victor noch ein paar kräftige Striche hinzugefügt hatte. Der Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 1, p. 1.238) hat über seine kurzen Regierungszeit eine gründliche Darstellung verfasst; es ist dies ein Werk, welches ausgezeichnet ist durch seinen eleganten Stil, seine kritischen Forschungen und seine religiöse Borniertheit. . GEFAHREN UND SCHWIERIGKEITEN DES RÜCKZUGES 27 JUNI · 1. JULI Der Respekt eines Feindes drückt sich am zuverlässigsten durch seine Furcht aus; und das Ausmaß der Furcht kann am genauesten an der Freude ermessen werden, mit welcher er seine Erlösung bejubelt. Die hochwillkommene Post vom Tode Julians, die ein Überläufer im Lager Sapors verbreitete, erfüllte den verzagenden Großkönig mit neuerlicher Siegeszuversicht. Sofort schickte er die Königs-Kavallerie ins Feld, vermutlich die zehntausend Unsterblichen Regius equitatus . Glaubt man Prokopios, dann wurden die Unsterblichen, die unter Kyros und seinen Nachfolgern so hochberühmt waren, durch die Sassaniden, man gestatte den unpassenden Ausdruck, wieder zum Leben erweckt. Brisson, de regno Persico, p. 268ff. , um den Römern nachzusetzen; und die ganze Wucht des Angriffs seiner vereinten Streitkräfte galt der römischen Nachhut. Diese nun geriet in Unordnung; die bewährten Legionen, die ihre Titel noch auf Diocletian und seine kriegskundigen Mitregenten zurückführten, wurden von den Elephanten nachgerade niedergetrampelt; bei dem Versuch, die Flucht der Soldaten zu hemmen, verloren drei Tribunen ihr Leben. Dennoch wurde die Schlacht durch den unerschütterten Kampfesmut der Römer allmählich wieder hergestellt. Mit starken Verlusten an Elephanten und Soldaten wurden die Perser zurückgeschlagen; und die Armee, die einen ganzen Sommertag gefochten hatte und marschiert war, kam am Abend in Samara am Tigrisufer an, hundert Meilen von Ktesiphon entfernt Die obskuren Dörfer des flachen Landes sind für immer untergegangen; auch das Schlachtfeld, auf welchem Julian fiel, können wir nicht genau bestimmen; aber Herr d'Anville hat wenigstens die genaue Lage von Sumere, Carche und Dura am Tigrisufer nachgewiesen (Géographie ancienne, Band 2, p. 248, und L'Euphrat et le Tigre, p. 95 und 97.) Im neunten Jahrhundert wurde Sumere oder, mit leichtem Ablaut, Samara, die Königsresidenz der Kalifen aus dem Hause der Abbasiden. . Am folgenden Tage griffen die Barbaren nicht die Marschkolonnen, sondern das Lager an, welches Jovian in einem tiefen und abgelegenen Tal hatte aufschlagen lassen. Die persischen Bogenschützen fielen von den Hügelkuppen aus den erschöpften Römern beschwerlich; schließlich wagte es sogar eine Reiterabteilung mit Todesmut, die Wache anzugreifen, wurde aber in der Nähe des kaiserlichen Zeltes nach schwankendem Kampfe schließlich in Stücke gehauen. In der folgenden Nacht schützten hohe Flussdeiche das Lager bei Carche; und vier Tage nach dem Tod von Julian schlugen die Römer ihre Zelte bei Dura Während der Kriege des Antiochus gegen die aufständischen Meder und Perser war Dura eine Festung. Polybios 5,48 und 52. auf, obwohl ihnen die Sarazenen mit beständige Attacken zusetzten. Den Tigris hatten sie nach wie vor zu ihrer Linken; ihre Hoffnungen und ihr Proviant waren nahezu erschöpft. Und die Soldaten, die sich geradezu einfältig an den Glauben geklammert hatten, dass die Grenzen des Reiches nahe seien, bedrängten ihren neuen Herrscher, er möge ihnen erlauben, die Überquerung des Flusses zu riskieren. Jovian unternahm es, mit Hilfe der einsichtigsten Offiziere ihrem Drängen zu steuern; er stellt ihnen dar, dass sie selbst dann, wenn sie durch genügend Geschick und Mut den Wassern dieses tiefen und reißenden Stromes zu gebieten imstande wären, sich doch nackt und schutzlos den Barbaren ausliefern würden, welche das andere Ufer besetzt hielten. Schließlich jedoch willfahrte er ihrem geräuschvollen und anhaltenden Drängen und gestattete, wenn auch widerstrebend, dass fünfhundert Gallier und Germanen, die ja von Kindesbeinen mit den Wassern des Rheins und der Donau vertraut seien, das kühne Stück wagen sollten, welches dann dem Rest der Armee zur Warnung oder Ermutigung dienen mochte. In der Stille der Nacht schwammen sie über den Tigris, überrumpelten einen unbewachten Vorposten des Feindes und gaben in der folgenden Morgendämmerung das verabredete Siegeszeichen. Der Erfolg dieses Kommandounternehmens bewegte den Herrscher, sich die Vorschläge seiner Baumeister anzuhören, welche zu einer Schwimmbrücke rieten, die auf aufgeblasenen Schafs-, Ochsen- und Ziegenhäuten befestigt und mit Erdreich und Faschinen gedeckt werden sollte Ein ähnlicher Versuch wurde den Feldherren der Zehntausend vorgeschlagen und klüglich abgelehnt. Xenophon, Anabasis 3, Opera, Band 1, p. 255ff. Unsere modernen Reisenden berichten, dass Flöße auf Luftschläuchen Handel und Wandel auf dem Tigris ermöglichen. . Zwei wertvolle Tage gingen über diese wenig förderliche Arbeit hin; und die Römer, die bereits hungern mussten, blickten verzweiflungsvoll über den Tigris und auf die Barbaren; deren Zahl und Angriffslust proportional zu der Not der kaiserlichen Armee zu wachsen schien Von Jovians ersten Waffentaten geben Ammianus (25,6), Libanios (Oratio parentalis 146) und Zosimos (3,30) Bericht. Wenn wir auch zu der Aufrichtigkeit des Libanios kein rechtes Zutaren haben, so lässt doch der Augenzeugenbericht des Eutropius 10,17 (»uno a Persis atque altero proelio victus,« (nach der einen und anderen Niederlage gegen die Perser) den Verdacht aufkeimen, dass Ammianus um den Ruhmder römischen Waffen besorgt gewesen sei. . VERHANDLUNGEN UND FRIEDENSSCHLUSS In dieser hoffnungslosen Situation wurden Roms entschwindende Hoffnungen durch Friedenssondierungen neuerlich belebt. Sapors gehobene Stimmung war nur vorübergehend gewesen und schwand: Er bemerkte mit ernster Anteilnahme, dass ihn die wiederholten und zweifelhaften Gefechte seine treuesten und tapfersten Edlen gekostet habe, seine wackersten Krieger und den größten Teil der Elephanten: und der kriegerfahrene Monarch trug Bedenken, Verzweiflungstaten, Wechselfälle des Schicksals und die unerschöpflichen Kräfte des römischen Imperiums herauszufordern; welche schon bald sich nahen mochten, den Nachfolger des Julian zu unterstützen oder ihn wenigstens zu rächen. Surenas selbst, begleitet von einem weiteren Satrapen, erschien also im Lager Jovians Festus (De provinciis 29) nimmt eine billige Zuflucht zur nationalen Eitelkeit: »Tanta reverentia nominis Romani fuit, ut a Persis ›primus‹ de pace haberetur.« (So groß war die Achtung der Perser vor Roms Namen, dass sie zunächst nur über den Frieden reden wollten.) ; und verkündete, dass seines Herren gnadenreicher Sinn nicht abgeneigt sei, über die Bedingungen zu verhandeln, zu denen er allenfalls sich bereit finden könnte, den Caesar und den Rest seiner gefangenen Armee zu schonen und zu entlassen. Die Aussicht auf Rettung untergrub die Standfestigkeit der Römer; der Kaiser sah sich infolge des Zuredens seiner Generäle und des Lärmens seiner Truppen genötigt, das Friedensangebot anzunehmen. Und der Praefect Sallust wurde unverzüglich mit dem General Arinthaeus entsandt, des Großkönigs Willen zu vernehmen. Der ränkefreudige Perser verzögerte mit den unterschiedlichsten Vorwänden die endgültige Übereinkunft; machte Schwierigkeiten, verlangte Begründungen, gebrauchte Ausflüchte, widerrief Zugeständnisse, erhöhte seine Forderungen und brachte so vier Tage mit fruchtlosen Verhandlungen hin, bis schließlich die restlichen Vorräte im Römerlager aufgezehrt waren. Wäre Jovian von kühner und kluger Entschlussfreudigkeit gewesen, dann hätte er seinen Marsch mit unvermindertem Eifer fortgesetzt; wegen der fortdauernden Friedensverhandlungen wäre es zu keinen Angriffen der Barbaren gekommen; und noch vor Ende des vierten Tages hätte er unbehelligt die fruchtbare Provinz Corduene erreicht, die nur einhundert Meilen entfernt war Es wäre vermessen, die Auffassung des Ammianus zu bestreiten, der immerhin Augenzeuge und Soldat war. Dennoch ist es nur schwer zu verstehen, wie denn die Berge von Corduene sich über die Ebene von Assyrien bis zum Zusammenfluss des Tigris mit dem großen Zab ausdehnen konnten; oder wie eine Armee von sechzigtausend Mann innerhalb von vier Tagen einhundert Meilen hätte bewältigen können. . Unschlüssig und in sein Schicksal ergeben konnte sich der Herrscher nicht dazu entschließen, die Fallstricke seiner Feinde zu durchschlagen; und fügte sich schließlich in die demütigenden Friedensbedingungen, da er keine Möglichkeit mehr besaß, sie zurückzuweisen. DIE FRIEDENSBEDINGUNGEN Die fünf Provinzen jenseits des Tigris, die der Großvater Sapors hatte abtreten müssen, wurden erneut der persischen Monarchie zugesprochen; Nisibis, die unbezwingbare, wurde mit einem einzigen Federstrich drangegeben; Singara und die Festung der Mauren, einer der stärksten Plätze Mesopotamiens überhaupt, wurde insgleichen ausgegliedert. Es wurde sogar noch als großes Entgegenkommen angesehen, dass die Bewohner die Festungen mitsamt ihrer Habe noch verlassen durften; aber der Sieger beharrte mit Nachdruck darauf, dass die Römer für alle Zeiten Armenien und den armenischen Könige verlassen sollten. Ein Frieden oder genauer: ein langer, dreißigjähriger Friedensvertrag wurde zwischen den beiden verfeindeten Nationen abgeschlossen; die Unverbrüchlichkeit des Vertrages wurde mit feierlichem Eidschwur und religiösen Begleithandlungen bekräftigt; und Geiseln von erlesener Stellung wurden getauscht, die Einhaltung des Vertragswerkes sicherzustellen Über den Vertrag von Dura berichten schmerzlich berührt oder ungehalten: Ammianus (25,7); Libanios (Oratio Parentalis l42, p. 364); Zosimos (3,31); Gregor von Nazianz (Orationes 5,15), der Julian die Notlage und Jovian die Rettung zuschreibt, und endlich Eutropios 10,17). Dieser zuletzt genante Autor nennt den Friedensschluss »necessariam quidem sed ignobilem.« (sicherlich notwendig, aber auch unwürdig.) . UNFÄHIGKEIT UND SCHANDE JOVIANS Der Sophist von Antiochia, der mit Widerwillen das Szepter seines Helden in die Hand eines schwachen Christenmenschen übergehen sah, gibt an, das kluge Augenmaß Sapors zu bewundern, der sich mit einem so kleinen Stück vom römischen Reich zufrieden gegeben habe. Hätte sein Ehrgeiz bis über den Euphrat gereicht, dann hätte er, so Libanius, mit Widerspruch ernstlich nicht zu rechnen brauchen. Hätte er als persische Grenzen den Orontes festgelegt, den Cydnus, den Sangarius oder sogar noch den thrakischen Bosporus, dann wäre am Hofe Jovians an Einbläsern kein Mangel gewesen, den furchtsamen Monarchen davon zu überzeugen, dass die verbleibenden Provinzen übergenug Möglichkeiten für Luxus und Machtentfaltung bereithielten Libanios, Oratio Parentalis 143. . Wir wollen uns diese bösartigen Insinuationen in ihrer ganzen Schwere gar nicht zu eigen machen, müssen aber zugeben, dass der Abschluss eines solchen Schmach-Vertrages durch Jovian persönliche Neigungen begünstigt worden wäre. Dieser unbekannte Subalterne, den der Zufall und keinerlei persönliches Verdienst zum Thron verholfen hatte, wünschte nichts sehnlicher als aus dem Zugriff der Perser zu entkommen; den Plänen des Prokop zuvorzukommen, welcher die mesopotamische Armee befehligte; und seine unsichere Herrschaft über die Legionen und Provinzen zu festigen, welche von der überhastet und mit viel Geräusch vollzogenen Wahl im Lager jenseits des Tigris noch gar nichts erfahren hatten » Conditionibus ... dispendiosis Romanae reipublicae impositis ... quibus cupidior regni quam gloriae Jovianus, imperio rudis, adquievit.« (Es wurden...dem römischen Staat nachteilige Bedingungen auferlegt,...mit denen sich Jovianus zufrieden gab, unerfahren im Regieren und auf die Herrschaft begieriger als auf Ruhm.) Festus, De provinciis 29. La Bleterie hat diese Überlegungen über öffentliches und individuelles Interesse in einer längeren und eindeutigen Rede vorgetragen. (Histoire de Jovien, Band 1, p. 39ff.) . In der Nähe dieses Flusses, nahe bei der verhängnisvollen Stadt Dura Die Generäle wurden am Ufer des Zabatus oder Großen Zab ermordet, einem assyrischen Fluss, welcher, 400 Fuß breit, vierzehn Stunden unterhalb von Mosul in den Tigris mündet. Die Griechen nannten den Großen Zab Wolf (λύκος) und Geiß (κάπρος). Sie schufen diese Tiernamen, auf dass sie den Tiger (τίγρις) des Ostens begleiteten. , standen einst die Zehntausend Griechen, verloren, ohne Generäle, ohne Proviant, zwölfhundert Meilen von ihrer Heimat entfernt, einem siegreichen König ausgeliefert, der sie mit seinem Hass verfolgte. Ihr unterschiedliches Verhalten und ihr Erfolg lagen sehr viel mehr in ihrem Charakter begründet ab als in den äußeren Gegebenheiten. Anstelle sich gefasst-resigniert in die geheimen Wünsche und persönlichen Ansichten einer Einzelperson zu fügen, erhielt die Heeresversammlung der Griechen fast das Gepräge einer Volksversammlung; in welcher das Gemüt eines jeden Bürgers erhoben ist durch Liebe zum Ruhm, Stolz auf die Freiheit und Geringschätzung des Todes. Im Bewusstsein ihrer technischen und taktischen Überlegenheit über die Barbaren verweigerten sie die Kapitulation; jedes Hindernis wurde überwunden, durch Geduld, Mut und Können; und der berühmte Rückzug der Zehntausend wurde zugleich eine Demonstration der Schwäche von Persiens Monarchie Die Cyropaedia ist verschwommen und ermüdend: die Anabasis detailliert und lebendig. Dies ist der ewige Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit. . RÜCKZUG NACH NISIBIS FORTGESETZT Als Gegenleistung für sein schimpfliches Nachgeben hätte der Kaiser sich ausbedingen können, dass das Lager mit den ausgehungerten Römern hinreichend Lebensmittel erhalten sollte Nach Rufus' war die unverzügliche Proviantlieferung sogar Vertragsbedingung; und Theodoretos bekräftigt, dass diese Verpflichtung von den Persern auch getreulich eingehalten wurde. Dies ist wohl denkbar, hier aber zweifelsohne falsch. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 702. ; und dass sie den Tigris auf der von den Persern erbauten Brücke überqueren durften. Als jedoch Jovian sich unterfing, diese angemessenen Zugeständnisse einzufordern, da verweigerte sie der hochfahrende Tyrann des Ostens mit Strenge; das Maß seiner Milde habe sich erschöpft, indem er Pardon für den Einfall in sein Land gewährt hatte. Bisweilen ergriffen die Sarazenen noch einige Nachzügler; aber die Generäle und Truppen Sapors respektierten doch die allgemein Waffenruhe; und Jovian durfte die geeignetste Flusspassage erkunden. Die Kleinfahrzeuge, die den Brand der Flotte überlebt hatten, leisteten jetzt die besten Dienste. Zuerst einmal brachten sie den Kaiser und seine Günstlinge hinüber; danach dann in ungezählten Pendelfahrten das Gros der Armee. Da nun aber ein Jeder um seine persönliche Sicherheit besorgt war und ungern nur an feindlicher Küste allein zurückblieb, vertrauten sich die Soldaten, die die Rückkehr der schwerfälligen Boote nicht abwarten mochten, Faschinen oder aufgeblasenen Tierhäuten an; und mit ihren Pferden an den Zügeln versuchten sie mit unterschiedlichem Erfolg den Fluss zu durchschwimmen. Viele dieser kühnen Wagehälse wurden von dem Wellen verschlungen; viele andere, die die reißende Strömung abgetrieben hatte, fielen der Raub- und Mordgier nomadisierenden Araber zum Opfer: Die Verluste der Armee am Tage der Tigrisüberquerung waren nicht geringer als die am Tage der Schlacht. Sobald die Römer am Westufer angelangt waren, blieben die ewigen Angriffe der Barbaren aus; aber während des folgenden mühsamen Marsches von zweihundert Meilen durch Mesopotamiens Ebenen erlitten sie noch einmal das Äußerste an Hunger und Durst. Sie mussten durch eine Sandwüste, welche siebzig Meilen lang nicht einen einzigen Grashalm vorzeigte, keine einzige Quelle, keine Wasserstelle; und die übrige Wüstenei hatten feindliche oder befreundete Füße niedergetreten. Konnte im Lager irgendwo eine kleine Menge Mehl entdeckt werden, wurden für zwanzig Pfund Wir erinnern uns hier einiger Zeilen aus Lucanus, Pharsalia 4,95ff, als er Caesars Heer in Spanien in ähnlicher Notlage beschreibt: » Saeva fames aderat – – Miles eget: toto censu non prodigus emit Exiguam Cererem. Proh lucri pallida tabes! Non deest prolato ieiunus venditor auro.« (Bitterer Hunger kommt; der Soldat leidet Not, mit allem Sold kauft er nur wenig Getreide. O der bleichen Gewinnsucht! Zeigt man Gold vor, kommt schon ein dürrer Verkäufer.) Siehe Guichardt (Nouveaux Memoires Militaries, Band 1, p. 379 – 382). Seine Untersuchung der beiden Feldzüge in Spanien und Afrika ist das würdigste Denkmal, das Caesars Ruhm jemals gesetzt wurde. zehn Goldstücke bereitwillig gezahlt: Lasttiere wurden geschlachtet und verschlungen; die Wüste war übersät mit Waffen und Gepäck der römischen Soldaten, deren zerlumpte Kleidung und abgemagertes Aussehen ihre früheren Strapazen und ihre gegenwärtige Notlage verrieten. Ein kleiner Zug mit Verpflegung war ausgezogen, der Armee bei der Feste Ur zu begegnen; und diese Hilfe war umso willkommener, da sie ein Zeichen für die Treue von Sebastian und Prokopius war. Bei Thilsaphata Herr d'Anville (vgl.seine Karten und L'Euphrat et le Tigre, p. 92f.) verfolgt ihren Marschweg und ermittelt die wirkliche Lage von Hatra, Ur und Tilsaphata, welche Ammianus erwähnt hat. Er beschwert sich nicht über den Samiel, den mörderisch heißen Wind, den Thevenot (Voyages, Teil 2, 1, p. 192) so sehr fürchtete. begrüßte der Kaiser herzlich die Generäle Mesopotamiens, und die Reste der einstmals blühenden Armee lagerten sich endlich vor den Mauern von Nisibis. Jovians Boten hatten schon längst in schmeichelhafter Rede von seiner Wahl, seinem Vertragsschluss und seiner Rückkehr gekündet; und der neue Herrscher hatte alle erdenklichen Maßnahmen getroffen, die Gefolgschaft der Armeen und Provinzen Europas sicherzustellen; indem er nämlich die militärischen Kommandos in die Hände derjenigen Befehlshaber legte, die aus Berechnung oder Neigung die Sache ihres Förderers zuverlässig unterstützen würden Jovian Rückzug wird beschrieben von Ammianus (25,9), Libanios (Oratio parentalis 143) und Zosimos (3,33). . EMPÖRUNG ÜBER DIE VERTRAGSBEDINGUNGEN Die Freunde Julians hatten ruhmredig den Erfolg seines Feldzuges versprochen. Sie verbreiteten die alberne Überzeugung, die Tempel der Götter würden von der Beute des Ostens überquellen; Persien werde den Status einer tributpflichtigen Provinz einnehmen, regiert von Roms Gesetzen und Magistraten; die Barbaren würden Kleidung, Sitten und Sprache ihrer Bezwinger annehmen; und die Jugend von Ekbatana und Susa werde die Kunst der Rede von griechischen Meistern erlernen Libanios, Oratio Parentalis 145. Dies waren die naturgegeben Wünsche und Hoffnungen eines Jubelredners. . Nach dem Abmarsch Julians brach die Verbindung mit dem Reich ab; und von dem Augenblick an, als er den Tigris überquert hatte, fehlte den liebenden Untertanen jede Kunde vom Schicksal und Erfolg ihres Herrschers. Ihre Träume von angeblichen Siegen wurden aufgestört durch die traurigen Gerüchte von seinem Tod; aber sie zweifelten sie an, bis sie die Wahrheit von dem verhängnisvollen Ereignis nicht länger in Abrede stellen konnten Das heidnische Volk von Karrhae begrub den Unglücksboten unter einem Steinhaufen (Zosimos 3,34); als Libanios die fatale Nachricht erhielt, warf er einen Blick auf sein Schwert, erinnerte sich aber daran, dass Plato Selbstmord verurteilt hatte; so ertrug er es zu leben und verfasste eine Nachrede auf Julian. De vita sua, Praeludia, Band 2, p.45. . Jovians Boten verbreiteten die Fabel von einem wohlüberlegten und staatsnotwendigem Friedensschluss: die Stimme des Gerüchtes, die diesmal lauter klang und aufrichtiger war, enthüllte allgemach den Unglimpf des Kaisers und die schimpflichen Friedensbedingungen. Die Menschen packte Erstaunen und Fassungslosigkeit, dann aber Empörung und Wut, als ihnen bewusst wurde, dass der unfähige Nachfolger Julians die fünf Provinzen verschenkt hatte, die Galerius siegreich erobert hatte; und dass er den Barbaren fußfällig die wichtige Stadt Nisibis überlassen hatte, das stärkste Bollwerk des Ostens Ammianus und Eutropius können wir als objektive und glaubwürdige Zeugen für die öffentliche Meinung und Rede gelten lassen. Antiochias Bevölkerung jedenfalls schmähte den Frieden, der sie den Persern an einer nackten und ungeschützten Grenze überließ. Excerpta Valesiana, p. 845, aus Ioannes von Antiochia. . Man diskutierte deshalb ganz ungeniert, wieweit man an ein öffentlich gegebenes Treueversprechen gebunden sei, wenn es mit der öffentlichen Sicherheit unvereinbar sei; und man hegte sogar die Hoffnung, dass der Herrscher sein erbärmliches Auftreten durch eine kühne Tat patriotischen Vertragsbruches wieder gut machen werde. Des römischen Senates unbeugsamer Geist hatte stets die ungleichen Friedensbedingungen abgelehnt, welche infolge der Notlage gefangener Armeen erzwungen worden waren; und wenn es denn erforderlich gewesen wäre, die Ehre der Nation durch Auslieferung des schuldigen Generals in Feindeshand zu retten, dann hätten sich die Untertanen Jovians mehrheitlich und mit Freuden in das Vorbild früherer Zeiten geschickt Der Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 1, p. 212 – 227) ist zwar ein strenger Sittenlehrer, meint aber, dass Jovian nicht an sein Versprechen gebunden war; denn er durfte nicht das Reich zerstückeln und die Untertanen ohne ihre Zustimmung von ihrer Untertanenpflicht entbinden. Ich für meinen Teil habe aus derlei politischer Metaphysik noch nie Anregung oder Belehrung geschöpft. . JOVIAN LIEFERT NISIBIS DEN PERSERN AUS · HISTORISCHE STELLUNG DES VERTRAGES Aber der Kaiser war nun einmal der unbeschränkte Herrscher über die Gesetze und Streitkräfte des Staates, wo immer sonst auch die verfassungsmäßigen Grenzen seiner Autorität liegen mochten; und die gleichen Motive, die ihn zur Unterschrift genötigte hatte, drängten ihn jetzt, den Friedensvertrag umzusetzen. Ihn verlangte danach, das Reich auf Kosten von ein paar Provinzen zu sichern; und hinter den wohllöblichen Etiketten von Religion und Ehre konnte Jovian seine persönlichen Ängste und Wünsche verbergen. Der pflichtgemäßen Nötigungen seiner Untertanen ungeachtet, versagte es sich Jovian aus Bescheidenheit und Klugheit, im Palast von Nisibis sein Nachtquartier zu nehmen; aber am Morgen nach seiner Ankunft trat der persische Gesandte Bineses auf den Plan, entrollte auf der Zitadelle die Standarte des Großkönigs und verkündete in seinem Namen die grässliche Wahlmöglichkeit zwischen Exil und Sklaverei. Die führenden Bürger von Nisibis, die bis zu diesem fatalen Augenblick auf den Schutz durch ihren Patron vertraut hatten, warfen sich ihm zu Füßen. Sie beschworen ihn, doch nicht eine treuergebene Kolonie dem Hass eines barbarischen Tyrannen auszusetzen, welcher durch drei Niederlagen vor Nisibis aufgebracht sei. Sie besäßen allemal Waffen und genug Mut, die Eindringlinge aus ihrem Lande zu jagen; sie bäten nur um die Erlaubnis, zum Zwecke ihrer Verteidigung von beiden Gebrauch machen zu dürfen; sobald sie ihre Freiheit wiedererlangt hätten, würden sie um die Gunst bitten, sich neuerlich zu seinen Untertanen rechnen zu dürfen. Ihre Argumente, ihre Beredsamkeit, ihre Tränen blieben wirkungslos. Jovian, sichtlich verwirrt, murmelte über die Heiligkeit der Eide; und als er eine ihm angebotene Goldkrone zurückwies und die Bürger so über die Aussichtslosigkeit ihrer Situation belehrte, konnte der Advokat Sylvanus nicht umhin auszurufen: »O Kaiser! mögest du doch von allen Städten deines Reiches so gekrönt werden.« Jovian, der sich in ein paar Wochen wenigstens die imperiale Gebärdensprache In Nisibis handelte er einmal ›königlich‹. Ein wackerer Offizier, sein Namensvetter, den man ebenfalls des Purpurs für würdig gehalten hatte, wurde vom Abendessen fortgeholt, in eine Grube geworfen und zu Tode gesteinigt, ohne dass so etwas wie eine Gerichtsverhandlung stattgefunden oder der Anschein für eine Schuld vorgelegen hätte. Ammianus 25,8. angeeignet hatte, fand an der Freiheit keinen Gefallen und sich selbst durch die Wahrheit beleidigt: und da er mit guten Gründen annahm, dass die Abneigung seiner Untertanen sie sogar bestimmen könnte, der persischen Herrschaft den Vorzug zu geben, gab er ein Edikt heraus, dass sie bei Androhung der Todesstrafe binnen drei Tagen die Stadt zu räumen hätten. Ammianus hat mit lebhaften Strichen die Szenen der allgemeinen Verzweiflung gezeichnet, welche er mit dem Auge des Mitleids beobachtet hatte Siehe Ammianus 29,5 und Zosimos 3,33. . Die kriegstüchtige Jugend hatte mit ohnmächtiger Wut die Mauern verlassen, welche sie so glorreich verteidigt hatten: der untröstliche Leidtragende vergoss eine letzte Träne über dem Grab des Sohnes oder des Ehegatten, welches schon bald von der rohen Hand des barbarischen Herren entweiht werden würde; der ältere Bürger küsste die Schwelle, klammerte sich an die Tür des Hauses, in welcher er die fröhlichen und sorgenfreien Tage der Jugend verbracht hatte. Die Straßen waren verstopft mit verängstigten Flüchtlingen: die Unterschiede des Standes, des Geschlechtes und des Alters waren aufgehoben infolge der gemeinen Not. Jeder war bemüht, von den Trümmern seines Glücks ein paar spärliche Brocken mitzunehmen; aber da ihnen keine entsprechende Anzahl von Transportwagen oder Pferden zur Verfügung stand, mussten sie notgedrungen das meiste zurücklassen. Eine zusätzliche Belastung für die Flüchtlinge scheint die rigide Gefühlskälte Jovians gewesen zu sein. Immerhin durften sie sich in einem neuerbauten Stadtviertel von Amida niederlassen; und diese emporstrebende Stadt hatte schon bald mit Hilfe dieser beträchtlichen Kolonie seine frühere Größe erreicht und wurde zur Hauptstadt von Mesopotamien Chronicon paschale, p.300. Man lese auch die Notitia episcoporum. . Ähnliche Anordnungen erließ der Kaiser für die Evakuierung von Singara und die Übergabe der fünf Provinzen jenseits des Tigris. Sapor genoss die Früchte und den Ruhm seines Sieges; in der Geschichte des Zerfalles und Unterganges des römischen Reiches aber war dieser erbärmliche Friedensschluss zu Recht denkwürdig: Schon oft hatten die Vorgänger Jovians entlegene und unwirtschaftliche Provinzen aufgegeben; aber noch niemals seit Gründung der Stadt war der Gott Terminus, der Genius Roms, der Wächter der Republikgrenzen, vor dem Schwerte eines siegreichen Feindes zurück gewichen Zosimos, 3, 32; Festus, de Provinciis 29; Augustinus, De civitate Dei 4,29. Solche Allgemeinplätze sind mit Vorsicht anzuwenden und auszulegen. . ÜBERLEGUNGEN ZU JULIANS TOD Nachdem Jovian diese Amtshandlungen vollzogen hatte, die zu unterlassen ihn die Stimme des Volkes drängen wollte, verließ er den Ort seiner Schmach in Eile und begab sich mitsamt Hofstaat nach Antiochia, den dortigen Luxus zu genießen Ammianus 25,10; Zosimos 3,34; Mag er auch »edax, et vino Venerique indulgens« (gefräßig, ein Säufer und Hurenbock) gewesen sein. Aber ich schließe mich La Bleterie an (Histoire de Jovien, Band 1, p. 148 – 154) und verwerfe das alberne Gerücht eines Bacchanals (gem. der Suda), das der Kaiser mit seiner Frau und einer Truppe Beischläferinnen gefeiert haben soll. . Ohne sich um religiös Gebotenes zu kümmern, bestimmten ihn Menschlichkeit und Respekt, den sterblichen Resten seines toten Vorgängers die letzten Ehren zu erweisen Der Abbé de la Bléterie (Histoire de Jovien, Band 1, p. 156, 209) hohnlacht über die ordinäre Andächtelei des Baronius, welcher Julian am liebsten den Hunden vorgeworfen hätte, ne cespititia quidem sepultura dignus. (Noch nicht einmal wert eines einfachen Begräbnisses.) ; und dem Prokopios, welcher den Tod seines Landsmannes aufrichtig beweinte, wurde das Armeekommando entzogen unter dem schicklichen Vorwand, er werde die Begräbnisfeierlichkeiten leiten. Julians Leichnam wurde in einem Trauerzug von fünfzehn Tagen von Nisibis nach Tarsus überführt; und als er durch die Städte des Ostens kam, begrüßten ihn die feindlichen Faktionen mit bitterer Klage oder geräuschvollen Schmähungen. Die Heiden hatten ihren geliebten Helden bereits in den Rang einer der Gottheiten erhoben, deren Dienste er erneuert hatte; während der christliche Hass die Seele des Apostaten zur Hölle und seinen Körper in die Grube wünschten Vergleiche hierzu den Sophisten (Libanios, Monodiae, Band 2, p. 25 und Oratio parentalis 145 und 156) mit dem Heiligen (Gregor von Nazianz, Orationes 5). Der christliche Redner murmelt matte Mahnungen über Maß und Nachicht; aber er ist höchlich damit zufrieden, dass Julians Leiden die sagenhaften Qualen des Ixion oder Tantalus deutlich übersteigen. . Die eine Partei beklagte die jetzt bevorstehende Zerstörung ihrer Altäre; die andere feierte die wundersame Befreiung der Kirche. Die Christen bejauchzten mit hochfahrenden und schrillen Tönen den göttlichen Rachehieb, der schon so lange über Julians schuldbeladenem Haupt gedroht hatte. Sie merkten an, dass der Tod des Tyrannen in dem Moment, in welchen er jenseits des Tigris sein fluchwürdiges Leben aushauchte, den Heiligen Ägyptens, Syriens und Kappadokiens geoffenbart wurde Tillemont (Histoire des Empereurs Bnad 4, p. 549) hat diese Visionen zusammengetragen. Mancher Heilige und mancher Engel, so wurde festgestellt, war in dieser Nacht in geheimer Mission unterwegs. ; und anstelle ihn von einem persischen Speer zu Tode kommen zu lassen, schreiben sie die Heldentat in ihrer Geschwätzigkeit der unbekannten Hand eines unsterblichen Glaubenskämpfers zu Sozomenos (6,2) begrüßt hier die griechische Doktrin vom Tyrannenmord ( tyrannicid ); aber die ganze Passage, die ein Jesuit übersetzt haben könnte, hat der president Cousin an dieser Stelle klugerweise unterdrückt. . Solche törichten Behauptungen griff die Bösartigkeit oder Leichtgläubigkeit seiner Gegner bereitwillig auf Unmittelbar nach dem Tode Julians kam das unbestimmte Gerücht auf, telo cecidisse Romano (Er sei von einem römischen Wurfspeer getötet worden). So wurde es von mehreren Deserteuren im persischen Lager verbreitet; und die Römer zogen sich von Sapor und seinen Untertanen wegen des Mordes an ihrem Kaiser Vorwürfe zu (Ammianus 25,6; Libanios, De ulciscenda Iuliani nece 13, p. 162f.). Als endgültiger Beweis wurde angeführt, dass kein Perser die ausgesetzte Belohnung beansprucht hatte (Libanios, Oratio parentalis 141). Aber der fliehende persische Kavallerist, der den tödlichen Speer geschleudert hatte, mag von dessen Wirkung ja überhaupt nichts gewusst haben; oder er ist kurz darauf selbst gefallen. Ammianus jedenfalls hegt oder nährt keinerlei Verdacht. ; in dunklen Andeutungen oder auch mit glaubensgefestigter Offenheit verbreiteten sie, dass die Kirchenfürsten dem Fanatismus eines befreundeten Mörders das Ziel gesetzt hätten »Ὅστις ἐντολὴν πληρῶν τῷ σφῶν αὐτῶν ἄρχοντι.« Libanios, de ulciscendi Iuliani nece, 5, p. 149. (Wer immer dem gehorsam ist, der Herrscher ist über sich selbst.) Dieser dunkle und mehrdeutige Satz kann auf Athanasios zielen, den ersten unter der christlichen Geistlichkeit ohne Nebenbuhler. (Siehe auch La Bléterie, Histoire de Jovien, Band 1, p. 179.) . Jedenfalls wurde sechzehn Jahre nach dem Tode Julians in einer öffentlichen Rede ernstlich und heftig Klage geführt, und zwar von Libanios an die Adresse des Kaisers Theodosius. Seine Verdächtigungen können sich allerdings weder auf Fakten noch auf Argumente stützen; wir können eigentlich nur den dankbaren Eifer wertschätzen, den der Sophist von Antiochia für die kalte und vergessene Asche seines Freundes aufbringt Der Redner (Fabricius, Bibliotheca graeca, Band 7, p. 145 – 179) streut Verdächtigungen, verlangt eine Untersuchung und lässt durchblicken, dass Beweise sich schon noch finden würden. Dass die Hunnen siegreich seien, schreibt er dem verbrecherischen Desinteresse an der Bestrafung von Julians Ermordung zu. . JULIANS BEGRÄBNIS · CHARAKTERISTIK Es war ein alter Brauch bei römischen Begräbnissen und Triumphzügen, dass die Stimme des Lobes in der Satire und Lächerlichkeit ihr Gegenstimme hatte; und dass inmitten des Prunks, der den Ruhm des Lebenden oder Toten verherrlichte, ihre Unzulänglichkeiten vor den Augen der Welt nicht verborgen bleiben sollten Bei der Leichenfeier des Vespasian fragte der Komödiant, der jenen knickerigen Kaiser verkörperte, mit einiger Besorgnis, wie teuer denn diese Veranstaltung sei? – Achtzigtausend Pfund. – Gib mit ein Zehntel der Summe und wirf meinen Körper in den Tiber. (Sueton, Vespasian 19 und Casaubon und Gronovius.) . Hiervon ging man auch bei der Beerdigung von Julian nicht ab. Die Schauspieler, welche ihm seine Abneigung gegen das Theater verübelten, entwarfen unter dem Beifall der christlichen Zuhörerschaft ein lebendiges und überzeichnetes Bild von den Fehlern und Torheiten des verewigten Kaisers. Sein schillernder Charakter und seine besonderen Eigenheiten gaben für Spott und Hohn ein dankbares Ziel ab Gregor (Orationes 5,16) vergleicht diesen angeblichen Schimpf und Hohn mit den Begräbnisritualen des Constantius, dessen Körper von einem Engelchor über das Taurusgebirge hinweggesungen ward. . Bei der Pflege seiner ungewöhnlichen Neigungen bewegte er sich allerdings oftmals unter der Würde seines Amtes. Alexander verwandelte sich in Diogenes; der kaiserliche Philosoph degradierte sich zum Priester. Überzogener Eifer trübte die Reinheit seiner Tugenden; sein Aberglauben störte den Frieden und gefährdete die Sicherheit eines mächtige Reiches; und seine spontanen Aufwallungen haben umso weniger Anrecht auf Nachsicht, als sie offenbar das Ergebnis von Verstellung, vielleicht sogar von Vorsatz waren. Julians Überreste wurden in Tarsus in Cilicien begraben; aber sein mächtiges Grabmal, das sich in jener Stadt erhob, am Ufer des kalten und klaren Cydnus Die Üppigkeit der Beschreibungen des Quintus Curtius (3,4) wurde oft getadelt. Aber der Historiker hatte doch geradezu die Pflicht, den Fluss zu beschreiben, welcher Alexander fast zum Verhängnis geworden war. , missfiel seinen getreuen Freunden, die das Gedächtnis an diesen außergewöhnlichen Mann liebten und kultivierten. Der Philosoph äußerte den sehr verständigen Wunsch, dass ein Schüler Platos im Hain der Akademie begraben werden solle Libanios, Oratio parentalis 156. Er anerkennt jedoch dankbar, dass die beiden königlichen Brüder Julians Grabstätte freigebig ausgestattet hatten. De ulciscenda Iuliani nece 7, p. 152. , während die Soldaten mit grober Betonung verlangten, dass die Asche Julians mit der von Caesar vermengt werden solle Cuius suprema et cineres, si qui tunc iuste consuleret, non Cydnus videre deberet, quamvis gratissimus amnis et liquidus: sed ad perpetuandam gloriam recte factorum praeterlambere Tiberis, intersecans urbem aeternam, divorumque veterum monumenta praestringens. (Seine sterblichen Überreste und die Asche sollten, recht bedacht, nicht auf den Cydnus blicken, diesen hübschen und klaren Fluss, sondern zur Verewigung seiner edlen Taten sollte vielmehr der Tiber seine Ruhestätte umfließen, der doch die Ewige Stadt teilt und an den Monumenten seiner alten, vergöttlichten Herrscher vorüberströmt.) Ammianus 25,10. , auf dem Marsfeld, im Schatten der Denkmäler römischer Größe. Die Geschichte der Könige liefert nicht eben häufig ein Beispiel für einen vergleichbaren Wettbewerb. XXV JOVIANS REGIERUNG UND TOD · WAHL DES VALENTINIAN, DES MITREGENTEN SEINES BRUDERS VALENS UND VOLLENDERS DER REICHSTEILUNG · REVOLTE DES PROCOPIUS · ZIVIL- UND MILITÄRVERWALTUNG · GERMANIEN · BRITANNIEN · AFRIKA · DER OSTEN · DAS DONAUGEBIET · VALENTINIANS ENDE · SEINE SÖHNE VALENTINIAN II UND GRATIAN REGIEREN DEN WESTEN · HERRSCHER DES OSTREICHES OHNE BEDEUTUNG   LAGE NACH JULIANS TOD · ZUSTAND DER KIRCHE · 363 · 373 A.D. Der Tod Julians ließ das Gemeinwesen in einer äußerst heiklen und gefährlichen Lage zurück. Die römische Armee war durch einen erbärmlichen, aber vermutlich unumgänglichen Friedensschluss gerettet worden Die Medaillen Jovians zeigen ihn als lorbeerbekränzten Sieger und dazu Gefangene, die im Staub liegen. Du Cange, Familiae Byzantinae, p. 52. Schmeichelei ist eine törichte Art des Selbstmords: sie zerstört sich mit eigenen Händen. ; und in der ersten Phase des Friedens widmete sich der fromme Jovian der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung in Kirche und Staat. Sein Vorgänger hatte durch seine Unbedachtsamkeit den religiösen Hader nachgerade großgezogen; der Ausgleich, den er zwischen den verfeindeten Faktionen herbeizuführen bemüht war, diente lediglich dazu, die Feindseligkeiten zu vertiefen, weil Hoffnung und Furcht sich abwechselte und Ansprüche auf alte Gerechtsame und gegenwärtige Vorteile geltend gemacht wurden. Den Christen war der Geist des Evangeliums schon längst abhanden gekommen; dafür hatte die Heiden der Geist der Kirche berührt. Im Familienkreis musste die Stimme der Natur zurücktreten vor Rachegelüsten und blinder Glaubenswut; die Majestät des Rechtes wurde beleidigt oder missbraucht; die Städte des Ostens lagen blutbesudelt; die bösartigsten Feinde Roms fanden sich im Schoße des eigenen Landes. Jovian war erzogen, das Christentum zu bekennen; und auf dem Marsch von Nisibis nach Antiochia wurde das Kreuzesbanner, das LABRUM Constantins, entrollt, dem Volke des neuen Herrschers Konfession anzuzeigen. Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung ging ein Rundschreiben an alle Provinzstatthalter: in welchem er die göttliche Wahrheit der christlichen Religion bekannte und sie in ihrer verfassungsgemäßen Stellung als Staatsreligion bestätigte. Julians perfide Erlasse wurden aufgehoben; die Immunität des Klerus wurde erneuert und sogar noch ausgedehnt; und Jovian beweinte die widrigen Zeitläufte, die ihn nötigten, den Umfang wohltätiger Zuwendungen zu vermindern Jovian schenkte der Kirche τὸν ἀρχαῖον κόσμον (ihre althergebrachte Ordnung) zurück; ein gewaltiger und allumfassender Ausdruck. (Philostorgios, 8,5, nebst Gothofreds Kommentaren, p. 329. Sozomenos, 6,3).Das neue Gesetz,welches die Entführung und anschließende Heirat von Nonnen streng verbot (Codes Theodosianus 9,25,2) wird von Sozomenos überschätzt, denn er unterstellt, dass ein verliebter Blick oder eine Ehebruch des Herzens von den evangelischen Gesetzesgeber mit dem Tode bestraft worden sei. . Einmütig war der geräuschvolle und aufrichtige Beifall der Christenheit für den frommen Nachfolger Julians. Aber noch war ihnen unbekannt, welches Glaubensbekenntnis denn nun oder welche Synode ihm das Banner der Rechtgläubigkeit abgeben würde; und der Friedenszustand der Kirche belebte im Handumdrehen die verbissenen Auseinandersetzungen, welche in den Jahren der Verfolgung hatten zurückstehen müssen. Die Kirchenoberen der verschiedenen Sekten waren davon überzeugt, und alle Erfahrung sprach dafür, dass die zukünftige Bedeutung ihres Glaubens wesentlich von dem ersten Eindruck abhängen werde, den er auf das schlichte und ungewappnete Soldatengemüt machen werde und eilten an den Hof von Edessa und Antiochia. Die Reichsstraßen des Ostens waren verstopft mit Bischöfen homousianischen, arianischen, semi-arianischen und eunomianischen Bekenntnisses, welche sich bei diesem heiligen Wettlauf gegenseitig zu überholen trachteten. Die Zimmer des Palastes waren von ihrem Lärmen erfüllt; und die Ohren des Herrschers wurden angegriffen und vielleicht sogar beleidigt durch diese einmalige Kakophonie aus Metaphysik und Grobianismus Sokrates, 3,25; Philostorgios, 8,6 nebst Gothofreds Kommentaren, p. 330. . Jovians moderierendes Eingreifen, das den Streithähnen Eintracht nahe legte und sie auf die Beschlüsse eines künftigen Konzils vertrösten wollte, wurde ihm als Lauheit in Glaubensdingen ausgelegt; aber schließlich offenbarte und bekräftigte er doch seine Neigung zum nicäischen Bekenntnis, indem er seine Verehrung für die himmlischen Das Wort himmlisch bringt in abgeschwächter Form eine unfromme und törichte Schmeichelei des Kaisers gegenüber dem Erzbischof τῆς πρὸς τὸν Θεὸν τῶν ὅλων ὁμοιώσεως (von der Gleichheit aller vor Gott) zum Ausdruck. Siehe den Originalbrief des Athanasios, Opera, Band 2, p. 33. Gregor von Nazianz (Orationes 21) begrüßt diese Freundschaft zwischen Jovian und Athanasios. Die Reise war dem Primas von ägyptischen Mönchen empfohlen worden. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 221. Tugenden des großen Athanasios bekannte. Dieser unerschütterliche Glaubensveteran, immerhin schon siebzig Jahre alt, hatte bei der ersten Nachricht vom Tode des Tyrannen seine Wüsteneinsamkeit aufgegeben. Der Beifall des Volkes verhalf ihm neuerlich auf den Sitz des Erzbischofs; und voll Weisheit nahm er die Einladung Jovians an, oder genauer: er nahm sie vorweg. Die respektable Erscheinung des Athanasios, sein besonnener Mut, seine überzeugende Beredsamkeit trug viel zu Mehrung der Reputation bei, die er vorher am Hofe von vier aufeinander folgenden Herrschern aufgebaut hatte Athanasios am Hofe von Antiochia wird von La Bléterie angemessen dargestellt (Histoire de Jovien, Band 1, p. 21 – 48). Er übersetzt den Verlauf der einzigartigen Konferenz zwischen dem Kaiser, dem Primas und den arianischen Deputierten. Der Herr Abbé ist durchaus nicht einverstanden mit Jovians grobgekörnter Fröhlichkeit; aber dessen Parteinahme für Athanasios hat, jedenfalls nach seiner Auffassung, durchaus das Gepräge von Objektivität. . Sobald er das Vertrauen des christlichen Herrschers erworben hatte und sich auch seines Glaubens sicher sein konnte, kehrte er im Triumph in seine Diözese zurück und führte zehn weitere Jahre Die genaue Festlegung des Todeszeitpunktes wirft verschieden Probleme auf (Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 8, p. 719 – 723). Aber das Datum (2. Mai 373), das noch am besten mit Geschichte und Vernunftgründen harmoniert, wird durch seine authentische Biographie bekräftigt. Maffei, Osservazioni letterarie, Band 3, p. 81. mit ausgereifter Urteilskraft und ungeminderter Stärke das Kirchenregiment in Alexandria und der katholischen Kirche. Vor seiner Abfahrt versicherte er Jovian noch, dass sein Bekenntnis zur Rechtgläubigkeit ihm eine lange Regierungszeit bescheren werde. Athanasios hoffte nicht zu Unrecht, dass er sich entweder das Verdienst einer erfüllten Voraussage erwerben werde oder doch wenigstens sein inniges; wenngleich wirkungsschwaches Gebet für sich als Rechtfertigungsgrund anführen könne Siehe die Anmerkungen von Valesius und Jortin (Remarks on ecclesiastical history, Band 4, p. 38) sowie den Originalbrief von Athanasios, der bei Theodoretos (4,3) überliefert ist. In einigen mss. ist dieses unüberlegte Versprechen weggelassen; vermutlich von den Katholiken, denen der prophetische Ruf ihres Anführers am Herzen lag. . ALLGEMEINE RELIGIÖSE TOLERANZ Der leichteste Anstoß, der den naturgewollten Abstieg einer Sache beschleunigt, entwickelt unwiderstehliche Wirkung; und Jovian war geschickt genug, sich den religiösen Meinungen anzuschließen, welche den Geist der Zeit auf ihrer Seite hatten und zu denen sich die eifernden Massen der mächtigsten Sekten bekannten Athanasios (bei Theodoretos 4,3) vermehrt die Zahl der Rechtgläubigen, welche – πάρεξ ὀλίγων τῶν τὰ Ἀρείου φρονοῦντων – (außer ein paar Wenigen mit arianischen Auffassungen) die ganze Welt ausmachten. Diese Gewissheit wurde allerdings erst dreißig bis vierzig Jahre später zu Wahrheit. . Unter seiner Herrschaft errangen die Christen einen leichten und dauerhaften Sieg; und sobald ihm die kaiserliche Gnadensonne nicht mehr lächelte, sank der Genius des Heidentums, den Julian so kunstfertig gefördert und gestärkt hatte, endgültig in den Staub. In zahlreichen Städten wurden die Tempel geschlossen oder aufgegeben: die Philosophen, die die vorübergehende Gunst der Stunde genutzt hatten, nannten es klug, sich den Bart zu scheren und ihr Gewerbe zu verheimlichen; und die Christen genossen es, dass es nunmehr an ihnen sei, für das Unrecht, das sie unter der vergangenen Regierung erlitten hatten, Rache oder Vergebung zu üben Socrates, 3,24; Gregor von Nazianz (Orationes 4) und Libanius (Oratio Parentalis,148) drücken die wahre Gesinnung ihrer jeweiligen Parteien aus. . Die Besorgnisse der heidnischen Welt wurden zunächst noch zerstreut durch ein weises und großherziges Toleranzedikt; in welchem Jovian ausdrücklich betonte, dass seine Untertanen, auch wenn er die gotteslästerlichen Praktiken der Magie strengstens bestrafen müsse, dennoch frei und sorglos die Zeremonien ihrer früheren Gottesdienste ausüben mögen. Die Erinnerung an dieses Gesetz hat der Redner Themistios bewahrt, welchen der Senat von Konstantinopel delegiert hatte, den neuen Herrscher der alleruntertänigsten Loyalität zu versichern. Themistios verbreitet sich ausführlich über die göttliche Milde, die Möglichkeit des Menschen zum Irrtum, das Recht auf ein Gewissen und die Unabhängigkeit des Denkens; mit viel Beredsamkeit schärft er die Grundsätze philosophischer Toleranz ein; auf deren Hilfe zurückzugreifen selbst der Aberglaube in der Stunde seiner Not keine Bedenken trage. Ganz zu Recht merkt er an, dass während der jüngstvergangenen Wechselfälle beide Religionen sich keinen Ruhm erworben hätten durch billige Proselytenmacherei und durch solche Kaisertreue, die ohne nachzudenken oder zu erröten von der Kirche zum Tempel und dann wieder von Jupiters Altar an die heilige Tische der Christen überwechseln konnten Themistios, Orationes 5. Der Abbé de la Bléterie bemerkt treffend (Histoire de Jovien, Band 1, p.199), dass Sozomenos die allgemeine Toleranz und Themistios die Einführung der katholischen Religion vergessen hätten. Beide schlossen sie die Augen vor dem Gegenstand ihrer Abneigung und wünschten den Teil des Ediktes, der nach ihrer Auffassung für Jovian am wenigsten ehrenhaft war, zu unterdrücken. . ABMARSCH AUS ANTIOCHIA OKTOBER 363 · JOVIANS TOD Innerhalb von sieben Monaten hatten die römischen Legionen, welche nunmehr nach Antiochia zurückkehrten, eine Strecke von fünfzehnhundert Meilen zurückgelegt; auf welcher sie alle Fährnisse des Krieges, des Hungers und des Klimas durchlitten hatten. Trotz ihrer Leistungen, ihrer Erschöpfung und des bevorstehenden Winters gönnte der bängliche und ungeduldige Jovian Mann und Ross nur eine sechswöchige Erholungspause. Der Kaiser konnte die anzüglichen und bösartigen Sticheleien der Bevölkerung von Antiochia nicht länger verkraften Οἱδὲ Ἀντιοχεῖς οὐχ ἡδέως διέκειντο πρὸς αὐτόν: ἀλλ᾽ ἀπέσκωπτον αὐτὸν ᾠδαῖς καὶ παρῳ δίαις, καὶ τοῖς καλουμένοις φαμώσσοις (›famosis libellis‹) (Die Antiochier standen nicht wohlwollend zu ihm, sondern verhöhnten ihn mit Gesängen und Parodien und den so genannten »famosen Büchern«,) Ionnes Malalas von Antiochia, Excerpta Valesiana, p. 845. Diese Büchlein von Antiochia besitzen allerdings nur sehr wenig Beweiskraft. . Es verlangte ihn nach dem Palast von Konstantinopel; auch wollte er dem Ehrgeiz eines etwaigen Mitbewerbers zuvorkommen, welcher Europas orientierungslose Untertanenpflicht für sich beanspruchen mochte. Aber schon bald erhielt er die freudevolle Nachricht, dass seine Autorität vom thrakischen Bosporus bis zum Atlantik anerkannt sei. In den ersten Briefen, welche er von seinem Lager in Mesopotamien abschickte, hatte er das militärische Oberkommando in Gallien und Illyrien dem Malarich übertragen, einem tapferen und ergebenen Offizier der fränkischen Nation, und seinem, Jovians, Schwiegervater, dem comes Lucillianus, welcher früher bei der Verteidigung von Nisibis Mut und Umsicht bewiesen hatte. Malarich hatte das Amt, dem er sich nicht gewachsen fühlte, abgelehnt; Lucillianus wurde in Reims umgebracht, im Verlauf einer unbedeutenden Militärmeuterei Vergleiche dazu Ammianus 25,10, der den Namen der Bataver ganz auslässt und Zosimos 3,35, der den Schauplatz des Geschehens von Reims nach Sirmium verlegt. . Aber die Besonnenheit des magister equitum Jovinus machte dem Tumult bald ein Ende und gewann die schwankenden Gemüter der Soldaten zurück. Der Treueeid wurde geleistet, und die Abgesandten der westlichen Armeen »Quos capita scholarum ordo castrensis appellat«, (welche in der Sprache des Lagers ›Offiziere der Haustruppe‹ heißen). Ammianus 25,10 und Valesianus ad locum. konnten ihren neuen Herrn begrüßen, als er in Kappadokien vom Taurusgebirge in die Stadt Tyana herniederstieg. 1. JANUAR 364 · JOVIANS TOD AM 17. FEBRUAR 364 Von Tyana zog er in großen Tagesmärschen nach Ancyra, der Hauptstadt der Provinz Galata; wo sich Jovianus zusammen mit seinem unmündigen Sohn die Titulatur und die Insignien des Konsulates »Cuius vagitus, pertinaciter reluctantis, ne in curuli sella veherentur ex more, id quod mox accidit protendebat.«, (...dessen Geschrei und heftige Weigerung, sich nach dem Brauch auf dem Kurulischen Sessel tragen zu lassen, darauf hindeutete, was bald darauf eintreten sollte.) Ammianus 25, 10, 11. Augustus und seine Nachfolger erbaten für die Söhne und Neffen, die sie zu Konsuln machten, Dispens von den Altersbestimmungen. Aber der curulische Sessel des ersten Brutus war noch nie durch ein Kleinkind entehrt worden. zulegte. Dadastana Das Itinerarium (Reisetagebuch) des Antoninus verlegt Dadastana 125 Meilen von Nikäa; 117 von Ancyra. (Wesseling, Itineraria, p. 142.) Der Pilger von Bordeaux, der einige Stationen auslässt, verkürzt die Strecke von 242 auf 181 Meilen. Wesseling, p. 574. , eine obskure Kleinstadt auf halber Strecke zwischen Ancyra und Nikäa, sollte seine Reise und sein Leben vorzeitig beenden. Nachdem er sich ein üppiges, vielleicht sogar unmäßiges Abendessen gegönnt hatte, zog er sich zur Ruhe zurück; am nächsten Morgen fand man den Kaiser Jovian tot in seinem Bett. Über die Ursache seines Todes kursierten verschiedene Gerüchte. Einige schoben es einer Verdauungsschwäche zu, die die Unmengen Wein oder die Qualität der Pilze verursacht hatten, die er am Abend zuvor in sich hinein geschlungen hatte. Nach anderen starb er im Schlaf durch giftige Gase eines Kohlefeuers, welches aus den frischverputzten Zimmerwänden Siehe Ammianus (25,10), Eutropius (10,18), der vermutlich ebenfalls anwesend war; Hieronymos, ad Heliodorum 60; Orosius (7,21), Sozomenos (6,6), Zosimos (3,25) und Zonaras (13,14).Vollständige Übereinstimmung dürfen wir nicht erwarten, und geringe Abweichungen sollten wir auf sich beruhen lassen. die ungesunde Feuchtigkeit herausziehen sollte. Aber möglicherweise war das Fehlen einer offiziellen Untersuchung zum Tode eines Herrschers, dessen Regierung und Person man schon bald vergaß, der einzige Grund dafür, dass bösartiges Geflüster über Gift und häusliche Unzulänglichkeiten aufkommen konnte Ammianus, der sonst immer sehr abwägend ist und seinen gesunden Menschenverstand bewahrt, vergleicht den Tod des unbedeutenden Jovian mit dem von Scipio Africanus d.J., welcher Furcht und Hass der Popularenpartei erregt hatte. . Der Leichnam Jovians wurde nach Konstantinopel überführt, damit er neben seinen Vorgängern beerdigt werde; und dem Trauerzug kam sein Weib Charito entgegen, die Tochter des comes Lucillianus; welche immer noch den Tod ihres Vaters beweinte und gekommen war, ihre Tränen in den Umarmungen ihres Gatten zu trocknen. Ihre Enttäuschung und ihr Kummer wurden noch zusätzlich durch mütterliche Sorgen verbittert. Sechs Wochen vor Jovians Tod hatte sein unmündiger Sohn auf dem curulischen Sessel Platz genommen, angetan mit dem Titel Nobilissimus und den müßigen Insignien seines Konsulates. Der junge Prinz, der von seinem Großvater den Namen Varronianus angenommen hatte und von seinem Schicksal nichts ahnte, wurde lediglich durch regierungsamtlichen Neid daran erinnert, dass er von königlichem Blut war. Nach sechzehn Jahren war er zwar immer noch am Leben, aber er hatte bereits ein Auge verloren; und seine Mutter besorgte zu jeder Stunde, dass das unschuldige Opfer ihren Armen entrissen werde, um mit seinem Blute den Argwohn des regierenden Herrschers zu beschwichtigen Der christliche Redner Chrysostomos (Opera, Band 1, p. 336 und 344.) versucht die Witwe durch Beispiel berühmter Schicksale zu trösten; und er merkt an, dass von neun Herrschern (Caesar Gallus eingeschlossen), die zu seinen Lebzeiten regiert hätten, nur zwei, Constantin und Constantius, eines natürlichen Todes gestorben seien. Leere Phraseologie hat noch nie eine Träne getrocknet. . THRONVAKANZ 17. · 26. FEBRUAR · DIE WAHL VALENTINIANS Nach dem Tode Jovians stand der römische Thron zehn Tage verwaist Zehn Tage scheinen für den Marsch und die Wahl kaum ausreichend. Es sei jedoch angemerkt, 1: dass die Generäle ohne Verzug für sich, ihre Mitarbeiter und ihre Boten auf die schnellen Beförderungsmöglichkeiten der Staatspost zurückgreifen konnten; 2. dass die Truppen zur Linderung der Belastungen für die einzelnen Städte in zahlreichen Unterabteilungen marschierten; und dass 3. die Vorhut einer Marschkolonne in Nikäa ankommen konnte, während die Nachhut noch in Ancyra stand. . Minister und Generäle trafen sich weiterhin zu ihren Sitzungen, um ihres jeweiligen Amtes zu walten; die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten; und mit der Armee nach Nikäa zu ziehen, welchen Ort man zur Stätte der Kaiserwahl bestimmt hatte Ammianus 26,1; Zosimos 3,36; Philostorgius 8,8; und Gothofred, Dissertationes p. 334. Philostorgios, der offenbar über einige authentische Informationen zu verfügen schien, schreibt die Wahl Valentinians einmal dem Präfekten Sallust zu, dem General Arintheus, dem comes domesticus Dagalaiphus und dem Patrizier Datianus, dessen nachdrückliche Empfehlung aus Ancyra die Wahl nachhaltig beeinflusste. . In einer feierlich disponierten Versammlung aus zivilen und militärischen Würdenträger bot man, wiederum einmütig, dem Sallust das Diadem an. Er erwarb den Ruhm, sich ein zweites Mal verweigert zu haben; und als man dann die Tugenden des Vaters zu Gunsten seines Sohnes anführte, erklärte der Präfekt mit dem Nachdruck des selbstlosen Patrioten, dass das schwächliche Alter des Einen und die unerfahrene Jugend des Anderen mit gleichem Nachdruck der Übernahme der schweren Regierungspflichten entgegenständen. WAHL UND PERSÖNLICHKEIT VALENTINIANS Nun wurden einige andere Kandidaten vorgeschlagen und nach Abwägung ihrer Charaktere und gegenwärtigen Stellung einer nach dem anderen wieder verworfen; als dann aber der Name Valentinian fiel, erhielten die Verdienste dieses Offiziers die Stimmen aller wahlberechtigten Versammlungsteilnehmer und den aufrichtigen Beifalls von Sallust selber. Valentinian Ammianus 30,7 und 9 und der jüngere Victor haben das Portrait des Valentinian gemalt, welches naturgemäß der Darstellung seiner Regentschaft vorausgeht und sie ausschmückt. war der Sohn des comes Gratianus, aus Cibalis in Pannonien gebürtig, der sich aus unbedeutender Stellung durch unvergleichliche Zähigkeit und Tüchtigkeit emporgearbeitet hatte bis in die Befehlhaberstellen von Afrika und Britannien; aus denen er sich mit beträchtlichem Vermögen und fast unbeschädigtem Ruf zurückzog. Stellung und Verdienste des Gratian waren jedoch nützlich, seinem Sohne Valentinian seine ersten Karriereschritte zu ebnen; auch erlaubten sie ihm schon früh, jene nützlichen Qualifikationen zu entfalten, welche ihn vor seinen gewöhnlichen Mitsoldaten auszeichneten. Valentinian war groß gewachsen, von angenehmem und majestätischem Äußeren. Seine mannhafte Gemütsruhe, die unverkennbar den Stempel von Geist trug, erfüllte seine Freunde mit Bewunderung und seine Feinde mit Furcht: Und damit gleichsam die Wirkung seines unerschütterten Mutes noch gesteigert werde, hatte der Sohn Gratians eine sehr robuste Gesundheit geerbt. Die Anforderungen seines militärischen Berufes hatten ihn schon früh von der Beschäftigung mit schöner Literatur abgehalten; er sprach kein Wort Griechisch und verstand von der Kunst der Rhetorik nichts; aber er ließ sich durchaus nicht verblüffen, sondern es standen ihm, wann immer die Situation es erforderte, die Worte zu Gebote, seine durchdachte Meinung mit Nachdruck und Verve vorzutragen. Von den Gesetzen hatte er ausschließlich die Gesetze des Krieges studiert; und schon bald war er bekannt für den Nachdruck und die unerbittliche Strenge, mit denen er den Pflichten des Militärlagers nachkam. Unter Julian stand er aus eigenem Verschulden in der Gefahr, sich die allerhöchste Ungnade zuzuziehen, da er in aller Öffentlichkeit seine Verachtung gegenüber der herrschenden Religion zu erkennen gab Als er in Antiochia pflichtgemäß den Kaiser zum Tempel begleitete, stieß er einen Priester zu Boden, der sich anschickte, ihn mit geweihtem Wasser zu reinigen (Sozomenos 6,6; Theodoretos 3,12). Solcherlei öffentliche Trotzgebärde mochte eine Eigenart von Valentinian sein; aber der Philosoph Maximus ging mit seiner Behauptung entschieden zu weit, als er einen privaten Hintergrund vermutete (Zosimos 4,2). ; aber aus dem später gezeigten Verhalten sollte man unschwer ablesen, dass Valentinians unüberlegte und unpassende Aufführung ein Erzeugnis seines militärisch-kriegerischen Gemütes war und nicht eines christlichen Glaubenseifers. Der Kaiser jedenfalls, der seine Verdienste hochschätzte, gab ihm Pardon Sokrates 4. Sozomenos (6,6) und Philostorgios (7,7 und Gothofreds Erläuterungen p. 293) schieben hier noch ein Exil in Melitene oder Thebais (ersteres ist wahrscheinlicher) ein. und beschäftigte ihn weiter; und während des Perserfeldzuges stellte er verschiedentlich seine Tüchtigkeit unter Beweis, die er schon an den Rheinufern bewährt hatte. Ein ihm übertragenes, wichtiges Kommandounternehmen erledigte er prompt und erfolgreich und empfahl sich dadurch dem Jovian und für die Befehlhaberstelle über die zweite Schule oder Kompanie der Peltasten (Leichtbewaffneten) der Palastgarde. Er hatte auf dem Marsch nach Antiochia sein Quartier in Ancyra erreicht, als ihm ganz unerwartet in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr – ohne sein Zutun und ohne vorangegangene Intrige – die absolute Herrschaft über das Römische Reich angetragen wurde. ZUSTIMMUNG DER ARMEE · 26. FEBRUAR 364 Die Stimmen der Minister und Generäle hatte nur wenig Gewicht, solange nicht die Stimme der Armee sie bestätigte. Der betagte Sallust, welchem die unberechenbaren Stimmungsschwankungen von Volksversammlungen schon lange bekannt waren, schlug vor, dass – bei Androhung der Todesstrafe – am Tage der Inthronisation niemand, dessen militärischer Rang Parteigänger zu seinen Gunsten mobilisieren könne, sich in der Öffentlichkeit blicken lassen dürfe. Aber so bestimmend war der Aberglaube bei den Alten, dass man noch einen ganzen Tag freiwillig zu diesem heiklen Zeitraum hinzufügte, da es zufällig genau zu dem Zeitpunkt geschah, als die Bissextile eingeschaltet wurde Ammianus unterstellt in einer langen und hier unpassenden Abschweifung (26,1), dass er von einer astronomischen Frage etwas verstehe, von der seine Leser nichts wüssten. Bei Censorinus (De die natali 20) und Macrobius Saturnalia 1, 12 – 16) wird die Frage mit mehr Urteilskraft und Schicklichkeit behandelt. Der Begriff bissextile , der ein Unglücksjahr kennzeichnet (Augustinus, Epistulae 119, Ad inquisitiones Ianuarii), ist abzuleiten aus Verdoppelung (bis) des sechsten Tages der Kalenden des März. . Als dann endlich die Stunde geeignet schien, ließ sich Valentinian auf einem hohen Schaugerüst blicken; man stimmte seiner Wahl zu; und der neue Herrscher ward mit Diadem und Purpur angetan, unter dem Beifall der Truppen, die in militärischer Ordnung um die Holztribüne angetreten waren. Als er dann aber seine Hand erhob, um die bewaffneten Massen zu grüßen, erhob sich in den Rängen geschäftiges Flüstern, welches schon bald zu lautem und forderndem Lärmen anwuchs, er möge ohne Verzug den Namen seiner Mitkaiser angeben. Valentinian gebot unerschüttert Schweigen und Respekt und sprach zu der Versammlung also: »Ein paar Minuten vorher, Kameraden, lag es noch in eurer Gewalt, mich in einer unbedeutenden privaten Stellung zu belassen. Nun war es eure Meinung, dass ich aufgrund meiner Vergangenheit den Kaiserrang verdient habe, und ihr habt mich auf den Thron platziert. Meine Pflicht ist es nunmehr, mich um die Sicherheit und die Interessen des Staates zu bekümmern. Das Gewicht des Universums ist zweifellos zu schwer für die schwache Hand eines einzelnen Sterblichen. Auch ich bin mir der Grenzen meiner Möglichkeiten bewusst und der Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens; und weit davon entfernt, sie abzulehnen, bin ich vielmehr ängstlich um die Hilfe eines geeigneten Kollegen bemüht. Aber da, wo Zwietracht verhängnisvoll wäre, erheischt die Wahl eines treuen und zuverlässigen Freundes reifliche Überlegung. Dies soll nun meine Sorge sein; ihr hingegen sollt euch pflichtbewusst und schicklich aufführen. So geht nun in eure Quartiere zurück; stärkt euch an Körper und Seele; und erwartet das gewohnte Donativ, das die Erhebung noch jeden Kaisers begleitet hat Valentinians erste Rede ist bei Ammianus (26,2) in ganzer Länge überliefert; kurz und sentenziös bei Philostorgios (8,8). .«, Die Truppen bekannten sich zu den Ausführungen ihres Herren mit einer Mischung aus Stolz, Zufriedenheit und Schrecken. Ihr ärgerliches Lärmen legte sich und ging in stillschweigende Verehrung über; und Valentinian, umgeben von Legionsadlern und den diversen Infanterie- und Kavallerie-Fahnen, wurde im kriegerischen Pomp bis in den Palast von Nikäa geleitet. Da er sich aber durchaus der Notwendigkeit bewusst war, irgendwelchen vorschnellen Beschlüssen der Truppe zuvor zu kommen, befragte er eine Versammlung der Truppenkommandanten: ihre wahren Empfindungen brachte Dagalaiphos freimütig auf den Punkt: »Hochmögender Herrscher,«, sprach der General, »wenn du nur deine eigene Familie in Erwägung ziehst, dann gibt es nur einen Bruder; wenn du aber die Republik liebst, dann halte nach dem Römer Ausschau, der es am ehesten verdient »Si tuos amas, Imperator optime, habes fratrem; si Rempublicamh, quaere quem vestias.«, Ammianus 26, 4. Bei der Reichsteilung behielt Valentinian diesen wackeren Ratgeberan seiner Seite (26,6). .« ERHEBT SEINEN BRUDER VALENS ZUM AUGUSTUS 28. MÄRZ 364 Der Kaiser, der sein Missvergnügen herunterschluckte, ohne zugleich seine Absichten zu ändern, zog in Ruhe von Nikäa nach Nikomedia und Konstantinopel. In einem der Vororte der Stadt »In suburbano«,, Ammianus 26,4. Das berühmte »Hebdomon«, entweder sieben Stadien oder sieben Meilen von Konstantinopel entfernt gelegen. Siehe zu dieser Stelle Valesius und seinen Bruder sowie Du Cange, Constantinopolis, Buch 2, p. 140f. und 172f. verlieh er, dreißig Tage nach seiner eigenen Ernennung, seinem Bruder Valens den Augustustitel; und da selbst die kühnsten Patrioten überzeugt waren, dass ihre Gegenmeinung übel aufgenommen werde, wenn sie nicht zugleich dem Lande dienlich sei, wurde diese Erklärung des absoluten Willens mit schweigender Subordination aufgenommen. Valens war sechsunddreißig Jahre alt; seine Fähigkeiten mussten sich bis dahin indessen bei keiner Aufgabe, militärisch oder zivil, bewähren; und sein Charakter hatte die Welt nicht mit fieberhaften Vorfreude erfüllt. Eine Begabung allerdings war ihm zu eigen, welche ihn bei Valentinian nachdrücklich empfahl und zugleich den inneren Frieden des Reiches sicherstellte: eine treue und dankbare Anhänglichkeit an seinen Wohltäter, dessen überlegenen Geist und Autorität Valens frohgemut und ergeben bei allen seinen künftigen Unternehmungen anerkannte »Participem quidem legitimum potestatis; sed in modum apparitoris morigerum, ut progrediens aperiet textus.«, (...einen legitimen Teilhaber an der Macht, aber nach Art eines diensteifrigen Aufwärters, wie sich bald zeigen wird.) Ammianus 24,4. . ENDGÜLTIGE TEILUNG IN EIN OST- UND WESTREICH JUNI 364 Noch vor der Teilung der Provinzen machte sich Valentinian an die Neuordnung der Reichsverwaltung. Jedweder Untertan, welcher unter Julian Unrecht oder Unterdrückung erfahren hatte, wurde aufgefordert, öffentlich Klage zu führen. Das allgemeine Schweigen der Menschheit legte für die makellose Integrität des Sallust Zeugnis ab Ungeachtet der deutlichen Aussagen bei Zonaras, der Suidas und des Chronicon paschale will Herr de Tillemont diese für einen Heiden so günstigen Berichte nicht glauben (»si avantageuses à un payen.«,). ; seine eigenen drängenden Bitten um Entlassung aus dem Staatsdienst wurden von Valentinian mit den liebenswürdigsten Freundschafts- und Wertschätzungsbekundungen verweigert. Indessen waren unter den Günstlingen des verstorbenen Imperators viele gewesen, welche seine Arglosigkeit oder seinen Aberglauben missbraucht hatten und deshalb nicht länger auf gesetzlichen Schutz oder andere hohe Protektion hoffen konnten Eunapios überzeichnet das Leiden des Maximus (Vita sophistarum, p. 82 f.), aber er lässt zu, dass dieser schuldbeladene Sophist oder Magier, Julians Favorit und Valentinians persönlicher Feind, gegen eine geringe Bußzahlung entlassen ward. . Der größte Teil der Palastminister und Provinzstatthalter wurde von seinen jeweiligen Posten abgelöst; anderseits zeichneten sich einige Offizielle durch überragende Verdienste vor dieser anrüchigen Mehrheit aus; und obwohl christlicher Glaubenseifer viele geräuschvolle Gegenrede veranstaltete, scheint man bei dieser heiklen Angelegenheit doch mit einer erfreulichen Mischung aus Klugheit und Zurückhaltung vorgegangen zu sein Verstreute Behauptungen einer allgemeinen Ungnade (Zosimos 4,2) werden von Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 21) aufgedeckt und widerlegt. . Die Inthronisationsfeierlichkeiten wurden wegen der plötzlichen und verdächtigen Erkrankung der beiden Herrscher kurzfristig unterbrochen; sobald aber ihre Gesundheit wieder hergestellt war, verließen sie mit Frühjahrsbeginn Konstantinopel. Im Palast von Mediana, nur drei Meilen von Naissus entfernt, vollendeten sie feierlich und endgültig die Teilung des Römischen Reiches Ammianus, 26,5. . Valentinian übertrug seinem Bruder die reiche Präfektur des Ostens , von der unteren Donau bis an die persische Grenze, während er für seine Regierungstätigkeit sich die kriegerischen Präfekturen Illyrien, Italien und Gallien vorbehielt, von Griechenland bis zum kaledonischen Wall; und von dort bis zum Atlasgebirge. Die Provinzverwaltung bleib weitgehend unverändert; aber zugleich wurde die doppelte Anzahl von Generälen und Magistraten für die beiden Höfe und Ratsversammlungen erforderlich: die Verteilung geschah nach Verdienst und Stellung, und sieben Heermeister waren bald aus der Kavallerie oder Infanterie rekrutiert. Nachdem dies alles schiedlich-friedlich vollendet war, umarmten Valentinian und Valens sich zum letzten Male. Der Kaiser des Westens nahm vorübergehend Residenz in Mailand, während der Herrscher des Ostens nach Konstantinopel zurückkehrte, um die Herrschaft über fünfzig Provinzen anzutreten, von deren Sprache er nicht ein Wort verstand Ammianus sagt in allgemeinen Wendungen, »subagrestis ingenii, nec bellicis nec liberalibus studiis eruditus.«, (ziemlich bäurisch von Gemüt, war er weder in den Kriegs- noch in den freien Künsten ausgebildet) Ammianus, 31,14. Der Redner Themistios wünscht mit der genuinen Impertinenz der Griechen zum ersten Male, die Sprache seines Herren, Latein, sprechen zu können, τὴν διάλεκτον κρατοῦσαν, (den vorherrschenden Dialekt), Orationes 6, p. 71. . REVOLTE DES PROKOPIOS · 28. SEPTEMBER 365 Doch schon bald wurde der Frieden des Ostens durch Rebellion aufgestört; und der Thron des Valens wurde angegriffen durch die waghalsigen Attacken eines Rivalen, dessen Nähe zu Kaiser Julian Die unbestimmte Art dieser Beziehung oder Blutsverwandtschaft kommt in den Wörtern ἀνεψιός, cognatus, consobrinus«, (Neffe/Vetter, Blutsverwandter, Geschwisterkind) zum Ausdruck. Die Mutter des Prokopios war wohl eine Schwester der Basilina und des comes Julian, der Mutter bzw. des Onkels des Apostaten. Du Cange, Familiae Byzantines, p. 49. sein einziges Verdienst war und nun zu seinem einzigen Vergehen wurde. Prokopios hatte einen raschen Aufstieg vom einfachen Militärtribun und Protokollführer bis hin zum Generalstäbler in der mesopotamischen Armee hinter sich; die öffentliche Meinung sah in ihm bereits den Nachfolger des Herrschers, welcher keine natürlichen Erben besaß; und seine Freunde brachten das alberne Gerücht in Umlauf, dass Julian in Karrhae vor dem Altar der Mondgöttin Prokopios in aller Stille den Kaiserpurpur angelegt habe Ammianus (23,3 und 26,6) berichtet hiervon nur mit großem Vorbehalten: »susurravit obscurior fama; nemo enim dicti auctor exstitit.«, (...es schwirrte ein unbestimmtes Gerücht; ein tatsächlicher Urheber für das Gesagte fand sich nie.) Immerhin kann man soviel erkennen, dass Prokopios ein Heide war. Aber seine Religion scheint ihn bei seinem Bestreben weder hinderlich noch förderlich gewesen zu sein. . Er war bemüht, durch pflichteifrige und submisseste Aufführungen Jovians Eifersucht zu zerstreuen; trat ohne vorangegangenen Konflikt von seinen militärischen Kommandos zurück; und zog sich mit Weib und Kind zurück, um seine weitläufigen Ländereien in Kappadokien zu kultivieren. Dieses nützlich-unschuldsvolle Tun wurde dann jählings durch das Erscheinen eines Offiziers und einer Handvoll Soldaten unterbrochen, die im Auftrage der neuen Herrscher Valentinian und Valens gekommen waren, den unglücklichen Prokopios entweder zu lebenslänglicher Haft oder einem schmachvollen Tode abzuführen. Seine Geistesgegenwart verhalf ihm indessen zu einer Gnadenfrist und einem glänzenderen Schicksal. Ohne das kaiserliche Mandat anzuzweifeln oder zu diskutieren, erbat er nur die Gnade, seine weinende Familie noch einmal umarmen zu dürfen; und während die Aufmerksamkeit seiner Wachen infolge üppiger Bewirtung ein wenig eingeschläfert war, entkam er glücklich an den Strand des Schwarzen Meeres, von wo er in das Land Bosporus übersetzte. In diesem entlegenen Landstrich verbrachte er viele Monate und durchlitt alle Härten des Exils, der Einsamkeit und der Armut: Melancholisch durchgrübelte er sein widriges Geschick, und zugleich besorgte er zu Recht, dass, wenn durch irgendeinen Zufall sein Name entdeckt würde, die treulosen Barbaren ohne Bedenken die Gesetze der Gastfreundschaft verletzen würden. In einem Augenblick des Aufbäumens und der Verzweiflung ging Prokopios an Bord eines Kauffahrteischiffes, welches nach Konstantinopel ablegte; und entschloss sich kühn zu dem Amt des Herrschers, da ihm die Ruhe des Untertanen nicht gegönnt war. Zunächst hielt er sich in Bythinia verborgen, wobei er beständig seinen Aufenthalt und seine Verkleidung wechselte Eines seiner Verstecke war das Landhaus des Häretikers Eunomios. Der Hausherr war abwesend, unschuldig, wusste von nichts und entging doch nur knapp der Todesstrafe, wurde aber in das entlegenste Mauretanien verbannt. Philostorgios 9,5 und 8 und Gothofreds Erläuterungen p. 369 – 378. . Schritt für Schritt traute er sich in die Hauptstadt vor, vertraute sein Leben und sein Geld der Treue zweier Freunde an, eines Senators und eines Eunuchen und begann sogar Hoffnung aus den Nachrichten zu schöpfen, die er über die aktuellen Staatsangelegenheiten erhielt. Das Volk war mit dem Geist der Unzufriedenheit durchsetzt: man vermisste die gerechte und kompetente Amtsführung des Sallust, den man töricht genug von seiner Präfektur im Osten abgelöst hatte. Valens konnten sie nur verachten, da er roh war ohne Energie und kleinmütig ohne Güte. Zugleich fürchteten sie die Machenschaften seines Schwiegervaters, des Patriziers Petronius, eines grausamen und habgierigen Ministers, welcher sämtliche Steuerrückstände, die seit der Zeit des Kaisers Aurelian mochten angelaufen sein, rücksichtslos eintrieb. Dies waren Umstände, förderlich für Thronräuber. Feindliche Umtriebe der Perser forderten die Anwesenheit des Valens in Syrien; von der Donau bis zum Euphrat gab es Truppenbewegungen; und die Hauptstadt war schubweise überlaufen mit Soldaten, die den thrakischen Bosporus in eine der beiden Richtungen überquerten. Zwei gallische Kohorten ließen sich bereden, sich die geheimen Vorschläge der Verschwörer anzuhören; welche sich durch das Versprechen üppigster Donative von selbst empfahlen; und da sie das Andenken Julians immer noch ehrten, fanden sie sich leicht darein, die Ansprüche seines Erben zu unterstützen, welcher gegenwärtig vogelfrei war. In der Morgendämmerung zogen sie beim Anastasiabad auf; und Prokopios, der sich einen Purpurmantel umgeworfen hatte – hierin einem Schauspieler ähnlicher als einem wahren Kaiser – erschien, als sei er von den Toten auferstanden, mitten in Konstantinopel. Die Soldaten, die auf seinen Empfang vorbereitet waren, begrüßten ihren bebenden Herren mit Freudenrufen und Treueversprechen. Ihre Zahl vergrößerte sich rasch durch Haufen aus grimmigentschlossenen Bauern aus der Umgebung; und Prokopios, durch die Waffen seiner Anhänger geschirmt, suchte nacheinander das Tribunal, den Senat und den Palast auf. Zunächst erstaunte und beklomm ihn das gespenstische Schweigen der Massen, welche entweder von der Sache nichts wusste oder vor dem Ausgang bange war. Aber seine militärische Stärke war größer als jeder etwaige Widerstand: Die Unzufriedenen scharten sich um die Fahne der Rebellion; die Armen wurden durch die Aussicht auf allgemeine Plünderung angelockt, die Reichen eben dadurch geängstigt; und die unbelehrbare Leichtgläubigkeit des Volkes wurde einmal mehr durch die versprochenen Segnungen einer Revolution gefoppt. Die Magistrate wurde abgesetzt; die Gefängnisse und die Arsenale gewaltsam geöffnet; Stadttore und Hafeneinfahrt wurden sorgfältig blockiert; und binnen ein paar Stunden wurde Prokopios der unumschränkte, wenn auch nur vorläufige Herrscher der Kaiserstadt. Mit ein paar kühnen und glücklichen Maßnahmen festigte der Thronräuber seinen unerwarteten Erfolg. Geschickt setzte er Gerüchte in Umlauf, die seiner Sache am dienlichsten waren; die Stadtbevölkerung täuschte er, indem er nicht vorhandenen Gesandtschaften aus fernen Ländern Audienzen gab. Die gewaltigen Truppenkörper in den Städten Thrakiens und in den Festungen an der unteren Donau wurden Schritt für Schritt in die Rebellion hinein verwickelt; und die Gotenkönige waren gerne bereit, den Herrscher von Konstantinopel mit der fürchterlichen Schlagkraft von tausenden von Hilfsvölkern beizustehen. Generäle überquerten den Bosporus und unterwarfen ohne sonderliche Mühe die unbewaffneten, aber wohlhabenden Provinzen von Bithynien und Kleinasien. Nach ehrenvollem Widerstand ergaben sich Insel und Stadt Kyzikos seinen Waffen; die Elitelegionen der Jovianer und Herculaner schlossen sich der Sache des Usurpators an, den sie eigentlich hätten zermalmen sollen; und da sich den Veteranen beständig neue Rekruten anschlossen, stand er schon bald an der Spitze einer Streitmacht, deren Stärke und Zahl der Größe des Kampfes durchaus angemessen war. Der Sohn »Hormisdae maturo iuveni Hormisdae regalis illius filio, potestatem Proconsulis detulit; et civilia, more veterum, et bella, recturo.«, (Dem Hormisdas, des königlichen Prinzen Hormisdas jungem und gereiftem Sohn übertrug er das Prokonsulat von Bythinien, damit er nach altem Brauch zivile und militärische Aufgaben übernehme.) Ammianus, 26,8. Der persische Prinz entkam ehrenhaft und unbeschädigt und wurde danach (A.D. 380) in das ebenso außerordenliche Amt des Prokonsuls von Bithynien eingesetzt (Tillemont, Histoire des empereurs, Band. 5, p. 204). Ich weiß nicht, ob das Geschlecht des Sassan noch weiterlebte. Ich finde einen Papst Hormisdas (A.D. 514), aber der stammte aus dem italischen Frusino. Pagi, Breviarium pontificum, Band 1, p. 247. des Hormisdas, ein feuriger und befähigter junger Mann, erhob sein Schwert ebenfalls gegen den gesetzmäßigen Herrscher des Ostens; und unverzüglich erhielt der persische Prinz die althergebrachten und außerordentlichen Befugnisse eines römischen Prokonsuls. Faustina, die Witwe des Kaisers Constantius, vertraute sich und ihre Tochter ebenfalls der Sache des Rebellen an und verlieh seiner Sache dadurch Würde und Ansehen. Die Prinzessin Constantia, damals fünf Jahre alt, begleitete den Marsch der Armee in einer Sänfte. Sie wurde der Menge im Arm ihres Adoptivvaters gezeigt; und immer wenn es durch die Reihen ging, wurde aus der zärtlichen Hingabe der Soldaten kriegerischer Zorn Das Rebellen-Kind wurde später die Frau des Kaisers Gratian; aber sie starb jung und kinderlos. Du Cange, Familiae Byzantinae p. 48 und 49. ; sie beschworen die Größe des Hauses Constantin und versprachen, noch ihren letzten Blutstropfen vergießen zu wollen, um das königliche Kleinkind zu schützen »Sequimini culminis summi prosapiam,«, (ihr folgt einem Geschlechte höchsten Ranges) sprach Prokopios, der die obskure Abkunft und zufällige Wahl des Pannonischen Emporkömmlings gerne bloßstellte. . PROKOPIOS WIRD VERRATEN UND HINGERICHTET · 28. MAI 366 Mittlerweile hatten Valentinian die unbestimmten Nachrichten von einer Revolte im Osten aufgeschreckt und beunruhigt. Da er in einen Krieg mit den Germanen verwickelt war, sah er sich genötigt, sich zunächst um seinen eigenen Herrschaftsbereich zu sorgen; und da sämtliche Nachrichtenverbindungen unterbrochen oder gestört waren, bekam er nur besorgniserregende Gerüchte zu hören, dass Valens besiegt und tot und Prokopios der alleinige Herrscher des Ostens sei. Valens aber war nicht tot; doch auf die Meldung von der Rebellion, die er in Caesarea empfing, gab er sein Leben verloren; erwog Verhandlungen mit den Usurpator und entdeckte plötzlich eine verborgene Neigung in sich, des kaiserlichen Purpurs zu entsagen. Nur das entschiedene Auftreten seiner Minister rettete den angsterfüllten Monarchen vor Schmach und Untergang, und nur ihre Tüchtigkeit entschied den Ausgang des Bürgerkrieges rasch zu seinen Gunsten. In einer Phase des Friedens hatte sich Sallust ohne Widerstreben zurückgezogen; sobald aber die öffentliche Sicherheit gefährdet war, nahm er wieder Gefahren und Mühe auf sich; und die Wiedereinsetzung dieses befähigten Ministers in die Präfektur des Ostens war der erste Schritt, welcher die Umkehr des Valens erkennen ließ und das Volk zufrieden stellte. Die Herrschaft des Prokopios war ersichtlich auf starke Armeekräfte und gehorsame Provinzen gestützt. Aber viele führende Befehlshaber, militärische so gut wie zivile, fühlten sich aus Pflichtgefühl oder Eigennutz gedrängt, sich von der Stätte ihrer Schuld zu entfernen; oder doch den rechten Moment abzuwarten, die Sache des Usurpators zu verraten und zu verlassen. Lupicinus nahte in Eilmärschen, dem Valens die Legionen Syriens zu Hilfe zu bringen. Arintheus, der an Körperkraft, Schönheit und Mut alle Helden seines Zeitalters überragte »Et dedignatus hominem superare certamine despicabilem, auctoritatis et celsi fiducia corporis, ipsis hostibus jussit, suum vincire rectorem: atque ita turmarum antesignanus umbratilis comprensus suorum manibus.«, (...hielt er es für unter seiner Würde, einen so Elenden im Kampfe zu besiegen, so dass er im Vertrauen auf seine körperliche Erscheinung und sein Ansehen den Feinden Weisung gab, ihren Anführer in Bande zu schlagen: und so ward der Vorkämpfer der Rotte in aller Ruhe von seiner eigenen Leute Hand gefangen gesetzt.) Stärke und Schönheit des Arintheus, des neuen Herkules, werden von St. Basil gerühmt, welcher mutmaßt, Gott habe ihn der menschlichen Rasse zum unerreichbaren Vorbild erschaffen. Maler und Bildhauer konnten seinen Körper nicht wiedergeben: die Historiker werden zu Fabeldichtern, wenn sie seine Heldentaten künden. Ammianus, 26,8,5 und dazu Valesius. , griff mit einer kleinen Einheit einen zahlenmäßig überlegenen Trupp der Rebellen an. Als er dann den Soldaten in die Augen blickte, die früher unter seinem Kommando gestanden hatten, befahl er ihnen mit lauter Stimme, aufzugeben und ihren angemaßten Anführer auszuliefern; und so stark war die Wirkung seiner Persönlichkeit, dass sein ungewöhnlicher Befehl unverzüglich ausgeführt ward. Arbetio, ein hochangesehener Veteran Constantin des Großen, den man sogar mit dem Konsulat geehrt hatte, ließ sich bereden, seinem Ruhestand den Rücken zu kehren und noch einmal eine Armee ins Feld zu führen. Mitten in der Hitze des Kampfes nahm er mit bewunderungswürdiger Ruhe seinen Helm ab, dass man seine weißen Haare sehen konnte, grüßte die Soldaten des Prokopios, nannte sie zärtlich Kinder und Kameraden und mahnte sie, nicht länger die verlorene Sache eines verächtlichen Tyrannen zu unterstützen; sondern ihrem alten Kommandeur zu folgen, der sie sooft zu Sieg und Ehre geführt habe. In den zwei Gefechten von Thyatira Ammianus verlegt das Schlachtfeld nach Lycien, Zosimos an die Thyatira, beide immerhin 150 Meilen von einander getrennt. Aber »Thyatira alluitur Lyco«, (Thyatira wird von Lykos bespült) (Plinius, Naturalis historia 5,31; Cellarius, Geographia antiqua Band 2, p. 79): und die Abschreiber könnten leicht einen unbekannten Fluss in eine allgemein bekannte Provinz verwandelt haben. und Nacolina ließen seine Truppen den unglückseligen Prokopios im Stich, welche die Einflüsterungen und das Vorbild ihrer treulosen Offiziere angestiftet hatten. Nachdem er eine Zeitlang in den Wäldern und Bergen Phrygiens umhergeirrt war, wurde er von seinen verzagenden Gefährten verraten, in das kaiserliche Lager gebracht und augenblicklich hingerichtet. So erlitt er das übliche Schicksal des erfolglosen Usurpators; aber die formaljuristisch korrekten Grausamkeiten, die der Sieger anschließend verübte, riefen das Mitleid und die Empörung der Menschheit wach Die Abenteuer, der Thronraub und der Untergang des Prokopios werden von Ammianus (26,6 – 10) und Zosimos (4,4 – 8) in gehöriger Ordnung erzählt. Oft ergänzen und selten widersprechen sich die Texte. Themistios (Orationes 7, p.91 – 95) fügt noch ein paar erheuchelte Lobesworte hinzu und Eunapios (Vitae sophistarum, p. 83f.) ein paar bösartige Spötteleien. . ZAUBEREREI IN ROM UND ANTIOCHIA · A.D. 373 Dies sind naturnotwendig die Früchte von Despotismus und Revolution. Für ein bedenkliches Zeichen des himmlischen Zorns oder der allgemeinen Gottlosigkeit der Menschen Libanios de ulciscendi Juliani nece 9, p. 158, 159. Der Sophist beklagt den allgemeinen Schwachsinn, aber er stellt die Gerechtigkeit der beiden Herrscher (selbst nach ihrem Tode) nicht in Frage. fasste man es hingegen auf, dass unter der Herrschaft der beiden Brüder in Rom und Antiochia das Unwesen der Zauberei mit Nachdruck verfolgt wurde. Wir dürfen zu Recht Stolz darüber empfinden, dass in den aufgeklärten Teilen Europas der Gegenwart ein grausames und verächtliches Vorurteil geächtet ist Englische und französische Rechtsgelehrten der Gegenwart geben zu, dass Zauberei theoretisch denkbar ist, bestreiten aber die Möglichkeit ihrer praktische Ausübung. (Denisart, Recueil de décisions de jurisprudence, Lemma ‚Sorciers', Band 4, p.552; Blackstone, Commentaries, Band 4, p.60). Da die individuelle Vernunft der allgemeinen stets vorangehe oder sie sogar übertreffe, verwirft president Montesquieu ((Esprit des lois 12,5 f.) die ›Existenz‹ der Magie. , welches in allen Weltgegenden vorgeherrscht und zu jedem religiösen System Vergleiche hierzu Bayle, Oeuvres Band 3, p. 567 – 589. Der Skeptiker von Rotterdam legt hier, wie bei ihm auch sonst üblich, eine merkwürdige Mischung an weitgestreuten Kenntnissen und sprühendem Witz an den Tag. gehört hat. Die Völker und religiösen Sekten der Römischen Welt waren mit gleicher Naivität und ähnlichem Grauen von der Realität dieses höllischen Blendwerks Die Heiden sahen einen Gegensatz zwischen guter und böser Magie, zwischen Theurgie und Schwarzkunst (Histoire de l'Academie, Band 27, p.25). Gegen die messerscharfe Logik von Bayle hätten sie diese Unterscheidung wohl nicht aufrecht erhalten können. Im jüdischen und christlichen System sind alle Dämonen Mächte der Finsternus, und jede Art von Verkehr mit ihnen ist Abgötterei, Apostasie \&c, welche unterschiedslos Tod und Verdammnis verdienen. überzeugt, welche die ewige Ordnung der Planeten ebenso unter Kontrolle hat wie den freien Willen des Menschen. Sie entsetzten sich vor der geheimen Macht der Zauberformeln und Anrufungen, der Zauberkräuter und der schauderhaften Rituale; welche die Macht besäßen, Leben auszulöschen oder zu erwecken, die Leidenschaften der Seele zu entzünden, die Werke der Schöpfung zu verderben und Dämonen auch gegen deren Willen die Geheimnisse der Zukunft abzutrotzen. Sie glaubten, – und wenn es auch noch so widersinnig war – dass diese übernatürliche Herrschaft über Luft, Erde und Hölle Die Canidia des Horaz (Carmina 5,5 nebst Daciers und Sanadons Kommentaren) ist eine gewöhnliche Hexe. Lucans Erichtho (Pharsalia 6,430 – 830) ist langweilig, widrig, aber zuweilen auch großartig. Sie tadelt die saumseligen Furien und droht damit, ihre wahren Namen auszusprechen, das wirkliche dämonische Aussehen der Hekate zu enthüllen und die geheimen Mächte zu beschwören, welche noch unter der Hölle wohnen usw. aus den nichtswürdigsten Gründen, aus Bösartigkeit oder Gewinnsucht, von ein paar verschrumpelten Hexen oder wandernden Zauberern ausgeübt werde, welche ihr Leben spärlich und verachtet dahinfristeten. Die öffentliche Meinung und die Gesetze Roms verurteilten die Kunst der Zauberei; aber da sie eine der mächtigsten Leidenschaften der menschlichen Seele bediente, wurde sie beständig verboten und ebenso beständig ausgeübt Genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vetabitur semper et retinebitur. (Die Sorte Mensch, für die Mächtigen unzuverlässig, für die Hoffenden trüglich, welche man in unserem Staate immer wieder ausweisen und dann doch dabehalten wird) Tacitus, Historiae 1,22. Siehe Augustinus, Gottesstaat 8,19 und den Codex Theodosianus 9,16 mit Gothofreds Kommentar. . Eine eingebildete Ursache kann ja durchaus reale und unangenehme Folgen hervorrufen: Eine dunkle Andeutung vom Tod eines Herrschers oder von einer erfolgreichen Verschwörung waren nur dazu angetan, hochfahrenden Ehrgeiz zum Leben zu erwecken und die Bande der Treue zu lockern; und die Verbrechen von Verrat und Frevel, die sich dann wirklich ereignen mochten, verschlimmerten noch die beabsichtigten Untaten der Zauberei Die Verfolgung in Antiochia wurde durch eine strafbare Anfrage verursacht. Die vierundzwanzig Buchstaben des Alphabetes wurden um einen Zauber-Dreifuß angeordnet; und ein Kreisel, den man in der Mitte montiert hatte, wies auf die ersten vier Buchstaben des Namens des künftigen Kaisers, U.E.O.D. Theodoros (und vielleicht noch viele andere, die einen dieser fatalen Buchstaben im Namen hatten) wurde hingerichtet, Theodosios folgte ihm auf den Thron. Lardner (Heathen testimonies, Band 4, p. 353 – 372) hat diese düstere Vorkommnis aus der Regierungszeit des Valens vorurteilsfrei untersucht. . Solcherlei eingebildete Schrecknisse störten den Frieden der Gesellschaft und das Glück des Einzelnen; und eine unschuldig Flamme, welche ein wächsernes Gesicht zerschmolz, konnte nach den Vorstellungen in der Person, die es in bösartiger Absicht darstellen sollte, wirkmächtige und verderbliche Kräfte freisetzen Limus ut hic durescit, et haec ut cera liquescit Uno eodemque igni... (Wie sich der Schlamm aushärtet und wie sich dieses Wachs verflüssigt, in einerlei Feuer.) Vergil, Bucolica 8,80. Devovet absentes, simulacraque cerea figit. (Er verflucht Abwesende und macht Wachsbildnisse von ihnen.) Ovid, Heroides 6, Hypsipyle ad Iason 91. Derlei hohle Beschwörungen konnten jedoch Germanius' Gemüt in Unruhe bringen und seine Krankheit verschlimmern. Tacitus, Annalen 2,69. . Vom Sud jener Kräuter, denen man übernatürliche Wirkungen zuschrieb, war es nur ein kleiner Schritt zu handfesteren Giften; und so wurde die Torheit der Menschen bisweilen das Werkzeug und der Deckmantel für die grässlichsten Verbrechen. Sobald nun der Eifer der Zuträger sich von den Ministern des Valens und Valentinian ermutigt fühlte, blieb es nicht aus, dass sie noch andere Anklagen vernahmen, die im Zusammenhang mit privaten Verfehlungen allzu oft auftaucht; und diese Vergehen von sanfterer und weniger bösartiger Natur hatte Constantins fromme, aber übergroße Strenge jüngst unter Todesstrafe gestellt Siehe Heineccius, Antiquitatum Romanorum iurisprudentia Band 2, p. 353ff.; Codex Theodosianus, 9,7 mit den Kommentaren von Gothofred. . Diese tödliche und konfuse Mischung aus Verrat und Zauberei, aus Gift und Unzucht ermöglichte unendlich feine Abstufungen von Schuld und Unschuld, von Verteidigung und Beschuldigung, welche jedoch bei den anhängigen Prozessen aufgebrachte oder voreingenommene Richter offenbar vereitelt haben. Rasch hatten sie nämlich herausgefunden, dass der kaiserliche Hof ihren Fleiß und ihren Scharfsinn nach der Zahl der Todesurteile maß, die vor ihren jeweiligen Gerichtshöfen ausgesprochen wurden. Auf Freispruch erkannten sie nur mit dem allergrößten Widerstreben; aber freudig griffen sie auf Beweise zurück, welche auf Meineid oder Folter beruhten, um noch die abwegigsten Anklagen gegen die honorigsten Personen zuzulassen. Im Laufe der Prozesse eröffneten sich immer neue Felder der Strafverfolgung; der eifrige Denunziant, der erwiesenermaßen gelogen hatte, ging straffrei aus; aber das gequälte Opfer, welches seine tatsächlichen oder angeblichen Genossen entdeckte, konnte nur selten den Preis für seine Niedertracht einbehalten. Von Italien bis Asien wurden Jung und Alt in Ketten vor die Gerichtshöfe von Rom und Antiochia geschleppt. Senatoren, Matronen, Philosophen starben in Schanden unter der Folter. Die Soldaten, die die Gefängnisse zu bewachen hatten, erklärten mit verhaltenem Bedauern und Empörung, dass ihre Zahl nicht ausreiche, der Flucht und dem Widerstand der Gefangenen etwas entgegen zu setzen. Die reichsten Familien wurden infolge der Geldbußen und Beschlagnahmungen wirtschaftlich ruiniert; noch die Unschuldigsten mussten um ihre Sicherheit beben; und einen Eindruck von der Größe dieses Übels erhalten wir durch die – vermutlich übertriebene – Versicherung eines antiken Schriftstellers, dass in einigen dieser verruchten Provinzen Gefangene, Exilierte und Flüchtlinge den größten Teil der Bevölkerung ausmachten Die grausamen Verfolgungen in Rom und Antiochia werden von Ammianus (28,1 und 29,1) und Zosimos (4,13) – höchstwahrscheinlich überzeichnet – dargestellt. Der Philosoph Maximus war mit einigem Recht in eine Anklage wegen Zauberei verwickelt; und der junge Chrysostomos, der zufällig eines der verbotenen Bücher gefunden hatte, gab sich für verloren. Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 340. . GRAUSAMKEIT VON VALENS UND VALENTINIANUS A.D. 364 · 375 Wenn Tacitus das Ende unschuldiger und berühmter Römer beschreibt, welche der Grausamkeit der ersten Caesaren zum Opfer fielen, dann rufen die Darstellungskunst der Historikers oder das Ansehen der Opfer in unserer Brust die lebhaftesten Gefühle des Schreckens, der Bewunderung oder des Mitleids hervor. Ammianus' ungeschlachter und achtloser Griffel hat diese blutigen Ereignisse mit abstoßender Genauigkeit abgebildet. Da unser Augenmerk aber nicht mehr dem Gegensatz von Freiheit und Sklaverei gilt oder dem Vergleich vergangener Größe mit dem Elend der Gegenwart, sollten wir uns mit Schaudern von diesen massenhaften Hinrichtungen in Rom und in Antiochia abwenden, die die Regierung der beiden Brüder verdunkelten Man ziehe die letzten sechs Bücher des Ammianus heran und ganz besonders die Portraits der beiden Kaiserbrüder (30,8 und 31,14). Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 12 – 18 und p. 127 – 133) hat aus allen antiken Autoren Nachrichten zu ihren Vorzügen und Schwächen gesammelt. . Valens war von Natur aus feige Der jünger Victor versichert, dass er valde timidus (äußerst ängstlich) war: immerhin aber führte er sich, was wohl jeder tun würde, an der Spitze einer Armee leidlich entschieden auf. Derselbe Historiker versucht auch zu erweisen, das sein Zorn harmloser Natur war. Ammianus (31,14,5) bemerkt mit mehr Urteilskraft, incidentia crimina ad contemptam vel laesam principis amplitudinem trahens, in sanguinem saeviebat. (...wurden Straftaten als Verletzung oder Missachtung der kaiserlichen Größe gefunden, dann tobte er bis zur Blutrünstigkeit.) , Valentinian cholerisch Cum esset in acerbitatem naturae calore propensior ... poenas per ignes augebat et gladios. (Da er wegen seines hitzigen Naturells zur Härte neigte,...verschärfte er Strafen noch durch Feuer und Eisen.) Ammianus 30,8. Siehe auch 37,7. . Die Angst um seine persönliche Sicherheit war das bestimmende Element von Valens' Regierungstätigkeit. Als Untertan hatte er einst unter Beben die Hand seines Herren geküsst; als er dann selbst den Thron bestiegen hatte, erwartete er mit gutem Grund, dass die gleiche Angst, die einst ihn zu Boden gedrückt hatte, jetzt die gehorsame Unterwerfung seines Volkes gewährleisten werde. Die Favoriten des Valens kamen infolge ihres Vorrechtes auf Raub und Beschlagnahme zu dem Reichtum, den ihnen die kaiserliche Sparsamkeit wohl nicht ermöglicht hätte Ich habe den Vorwurf der Habgier von Valens auf seine Kreaturen übertragen. Habgier ist eher eine Eigenschaft von Dienern als von Königen; bei Herrschern ist diese Leidenschaft infolge ihres uneingeschränkten Besitzanspruchs erloschen. . Sie bewiesen mit bemerkenswerter Eloquenz, dass in allen Fällen von Verrat ein Verdacht gleichbedeutend mit Beweis sei; dass der Besitz von Macht deren Missbrauch nahe lege; dass eine Absicht um nichts weniger verbrecherisch sei als die eigentliche Tat; und dass ein Untertan sein Recht auf Leben verwirkt habe, wenn dieses Leben für die Sicherheit seines Souveräns eine Gefährdung oder für seien Ruhe eine Störung bedeute. Die Urteilskraft von Valentinian hingegen wurde zuweilen getäuscht und sein Vertrauen missbraucht; aber gleichwohl hätte er Angeber mit einem verächtlichen Lächeln zum Schweigen gebracht, wenn sie seine Seelenruhe durch Alarmbotschaften aufzuschrecken sich unterfangen hätten. Man rühmte allgemein seine unerschütterte Gerechtigkeitsliebe; in der Ausübung der Gerechtigkeit allerdings war der Kaiser nur allzu leicht versucht, Milde für Schwäche und Brutalität für Tugend zu halten. Solange er noch mit seinesgleichen gerungen hatte, in den Konflikten eines aktiven und ambitionierten Lebens, erduldete Valentinian selten ungestraft ein Unrecht und niemals Beleidigungen: wenn seine Klugheit gefordert war, ging er mit Beifall aus der Sache hervor; und die stolzesten und mächtigsten Generäle hüteten sich, den Zorn dieses furchtlosen Kämpfers zu provozieren. Nachdem er aber zum Herren der Welt geworden war, vergaß er leider, dass dort, wo Widerstand unmöglich ist, auch der Mut abdankt; und anstelle sich nun dem Diktat von Vernunft und Großmut zu beugen, kultivierte er seine üblen Launen, als es für ihn selbst nur nachteilig und für die schutzlosen Objekte seiner Ungnade tödlich war. Bei der Verwaltung seiner eigenen oder der Reichsangelegenheiten hatten geringfügige oder auch nur eingebildete Vergehen, ein vorschnelles Wort etwa, eine zufällige Unterlassung oder Verspätung die unverzügliche Todesstrafe zur Folge. Die Ausdrücke, die dem Herren des Westens am geläufigsten von den Lippen gingen, waren: »Schlag ihm den Kopf ab!«,; »Lebendig verbrennen«, oder »Prügelt ihn mit Knüppeln zu Tode!«, Zuweilen sprach er Todesurteile aus und gab sich dabei launig: »Abi, Comes, et muta ei caput, qui sibi mutari provinciam cupit.«, (Gehe, mein Comes, und tausche ihm, der eine Provinz tauschen wollte, den Kopf aus.) Ein Jagdhelfer, der einen spartanischen Spürhund zu früh losgelassen hatte; ein Waffenschmied, der einen Brustpanzer gemacht hatte, dem ein paar Gramm am vorgeschriebenen Gewicht fehlten: sie alle wurden Opfer seiner Tobsucht. ; und selbst die Minister, die noch am höchsten in seiner Gnade standen, begriffen rasch, dass der kühne Versuch, die Ausführung seiner Blutbefehle zu diskutieren oder verzögern, sie selbst in den tödlichen Kreislauf von Ungehorsam und Todesstrafe verwickelt hätte. Da seiner Terrorjustiz immer wieder entsprochen wurde, verhärtete sich Valentinian gegen Mitleid und Reue immer mehr; und seine Aufwallungen von Zorn wurden durch die gewohnheitsmäßige Grausamkeit nur noch verstärkt Die Unschuldigen von Mailand waren ein Geschäftsträger und drei Amtsdiener, die Valentinian hinrichten ließ, weil sie eine legale gerichtliche Vorladung unterzeichnet hatten. Ammianus (27,7) hegt die merkwürdige Vermutung, dass alle, die zu Unrecht getötet worden waren, von den Christen als Märtyrer verehrt wurden. Sein unparteiisches Schweigen gestattet uns allerdings nicht die Annahme, dass der Kammerdiener Rhodanus für einen Akt der Erpressung lebendig verbrannt wurde. Chronicon paschale p. 302. . Er konnte sogar mit sadistischer Genugtuung dem Todeskampf von Folteropfern zusehen: Seine Freundschaft sparte er sich für die Wenigen seiner Komplizen auf, die seiner Gemütsverfassung am nächsten kamen. Die Verdienste von Maximinus, der die angesehensten Familien Rom geschlachtet hatte, wurden mit königlichem Wohlwollen und der Präfektur von Gallien belohnt. Zwei wilde, riesige Bärenweibchen, die man die Unschuld (›Innoxia‹) und Goldklümpchen (›Mica Aurea‹) genannt hatte, hatten es allein verdient, sich in der Gunst des Maximinus zu sonnen. Die Käfige dieser beiden treuen Wachen wurden stets in der Nähe von Valentinians Schlafzimmer aufgestellt, der sich oft ein Vergnügen gönnte und zuschaute, wie sie die Gliedmaßen von Bösewichten zerrissen und verschlangen, die man ihren Raubinstinkten vorgeworfen hatte. Der römische Kaiser überwachte persönliche ihren Speiseplan und körperliches Befinden; und nachdem Innoxia sich durch langen und treuen Dienst ihre Entlassung verdient hatte, wurde das brave Tier wieder in die freie Wildnis ihrer heimatlichen Wälder ausgesetzt Ut bene meritam in silvas iussit abire ›Innoxiam‹. (Ihrer großen Verdienste halber entließ er Innoxia wieder in die Wälder.) Ammianus 29,3,9 und Valesius ad locum. . MÄSSIGUNG IM PRIVATLEBEN · REGIERUNGSTÄTIGKEIT Aber in Zeiten ruhigeren Nachdenkens, als Valens nicht von Angst- und Valentinian nicht von Zornesanwandlungen umgetrieben wurden, fand der Tyrann zu dem Pflichtgefühl, oder doch wenigstens dem für einen Landesvater angemessenen Verhalten zurück. Die gelassene Urteilskraft des West-Herrschers hatte für sein eigenes und das öffentliche Interesse einen scharfen Blick und verfolgte es auch; und der Herrscher des Ostens, der mit gleicher Gelehrigkeit den verschiedenen Beispielen nacheiferte, die sein älterer Bruder ihm gab, ließ sich gelegentlich von der Weisheit und Tugend des Präfekten Sallust lenken. So blieben beide Herrscher auch im Purpur unverändert keusch und gemäßigt auf die gleiche Weise, die auch vorher ihr Privatleben ausgezeichnet hatte; und wenigstens unter ihrer Herrschaft musste das Volk wegen der Vergnügungen am Hof weder seufzen noch erröten. Viele Missbräuche aus den Zeiten des Constantius wurden nach und nach abgeschafft; umsichtig griffen sie die Pläne Julians und seines Nachfolger auf und verbesserten sie; und legten bei ihrer gesetzgeberischen Tätigkeit Geist und Format an den Tag, dass die Nachwelt über ihren persönlichen Charakter und ihre Regierungsstil zu einem äußerst günstigen Urteil hätte gelangen müssen. Zumindest ist es nicht der Besitzer der Innoxia , von dem wir die zärtelnde Sorge für das Wohl seiner Untertanen erwartet hätten, welche Valentinian vermochte, die Aussetzung von Neugeborenen zu verbieten Siehe Codex Iustinianus 8,51,2. » Unusquisque sobolem suam nutriat. Quod si exponendam putaverit animadversioni quae constituta est subiacebit.«, (Ein jeder ernähre seine Nachkommenschaft. Wenn er meint, sie aussetzen zu müssen, soll er die festgesetzte Bestrafung erleiden.) Für den Augenblick will ich mich nicht auf die Debatte zwischen Noodt und Binkershoek einlassen, ob oder für wie lange diese naturwidrige Praxis durch Gesetze, Philosophie oder den Zustand der Gesellschaft geächtet oder aufgehoben wurde. ; und in den vierzehn Stadtteilen Roms vierzehn tüchtige, ausgebildete Ärzte in Lohn und Brot zu setzen. Der gesunde Menschenverstand dieses ungebildeten Kriegsmannes stiftete eine fruchtbringende, üppig ausgestattete Einrichtung zur Erziehung der Jugend und zur Pflege der Wissenschaften, mit denen es im Argen lag Diese segensreichen Einrichtungen werden erklärt im Codex Theodosianus 13,3: De professoribus et medicis und 14,9: De stuiis liberalis urbis Romae. Neben unserem bewährten Gothofredus sollten wir auch noch Giannone (Isoria di Napoli, Band 1, p. 105 – 111) studieren, der diesen interessanten Gegenstand mit dem Eifer und der Neugierde eines Gelehrten untersucht hat, der sich mit der Geschichte seiner Heimat befasst. . Er verfolgte die Absicht, dass Rhetorik und Grammatik in lateinischer und griechischer Sprache in den Hauptstädten jeder Provinz sollte gelehrt werden; und da Größe und Ansehen der Schule im allgemeinen der Bedeutung der jeweiligen Stadt entsprach, beanspruchten die Akademien von Rom und Konstantinopel naturgemäß den Vorrang vor allen anderen. Die Fragmente der Erlasse des Valentinian lassen von der Schule in Konstantinopel nur ein unvollkommenes Bild entstehen, die übrigens durch spätere Erlasse allmählich noch weiter ausgebaut wurde. In dieser Schule waren einunddreißig Lehrer für die unterschiedlichsten Wissenszweige angestellt; ein Philosoph, ein Rechtskundiger; fünf Sophisten und zehn Grammatiker für die griechische sowie drei Redner und zehn Grammatiker für die lateinische Sprache; daneben sieben Schreiber, deren fleißige Federn die öffentliche Bücherei mit ansehnlichen und zuverlässigen Abschriften der Klassiker versorgten. Die Studienordnung, nach denen sich die Studenten zu richten hatten, ist umso interessanter für uns, als sie einen ersten Vorläufer für vergleichbare Statuten moderner Universitäten darstellen. So wurde verlangt, dass sie geeignete Zertifikate, ausgestellt von den Magistraten ihrer Heimatprovinz, vorwiesen. Name, Beruf und auswärtiger Wohnsitz wurden in öffentlichen Registern eingetragen. Den Studenten war es streng untersagt, ihre Zeit auf Festen oder im Theater zu vergeuden; und mit zwanzig Jahren galt ihre Ausbildung als abgeschlossen. Der Stadtpräfekt war befugt, Faule und Aufsässige zu verprügeln oder zu entlassen; und jährlich hatte er einen Bericht an den magister officium abzugeben, dass die Kenntnisse und Fertigkeiten der Studenten für den Staatsdienst verwertbar seien. Valentinians Maßnahmen trugen dazu bei, dass Frieden und Wohlfahrt ihre Segnungen entfalten konnten; für Rechtssicherheit in den Städten sorgte das Institut des Defensors Siehe Codex Theodosianus 1,11 mit Gothofreds ›Paratitlon‹, welcher aus dem übrigen Codex sorgfältig Nachlese hält. , der vom Volk durch freie Wahl bestimmt wurde, damit sie vor den Gerichtshöfen der Stadt und noch vor dem Kaiserthron für ihre Rechte eintreten oder ihren Klagen Nachdruck verleihen möchten. Die Finanzverwaltung wurde von den beiden Herrschern mit großer Genauigkeit betrieben, die schließlich selbst lange Zeit in kargen privaten Umständen gelebt hatten; allerdings hätten sich bei genauerem Hinsehen einige Unterschiede hinsichtlich der Steuereinnahme und -verteilung zwischen der Regierung des Ostens und des Westens erschlossen. Valens war davon überzeugt, dass sich königliche Freigebigkeit nur aus der Belastung der Öffentlichkeit tragen kann, und sein Ehrgeiz war niemals darauf gerichtet, durch gegenwärtige Entbehrung die künftige Wohlfahrt seines Volkes sicherzustellen. Anstelle also die Steuerlasten weiter zu erhöhen, welche sich innerhalb von vierzig Jahren allmählich verdoppelt hatte, reduzierte er die Abgaben im Osten in seinen ersten Regierungsjahren um fast ein Viertel Drei Zeilen von Ammianus (31,14) stützen eine ganze Rede von Themistiss (8), welche von Schmeichelei, Silbenstecherei und Allgemeinplätzen schier überquillt. Die Beredsamkeit des M. Thomas (Oevres, Band 1, p. 366 – 396) hat sich damit begnügt, die Tugenden und den Geist des Themistios zu rühmen, die dem Zeitalter, in welchem er lebte, in der Tat angemessen waren. . Valentinian scheint der Minderung der Steuerlasten seines Volkes weniger Beachtung geschenkt zu haben. Er beseitigte durchaus die Missbräuche der Finanzverwaltung; aber er kassierte ohne Bedenken einen gewaltigen Teil der Privatvermögen, da er dafür hielt, dass Gelder, die den Luxus des Einzelnen bedienten, weit besser zu Verteidigungszwecken und zur Verbesserung staatlicher Einrichtungen eingesetzt seien. Die Untertanen des Ostreiches zogen aus den gegenwärtigen Segnungen Vorteil und rühmten ihres Herrschers Großzügigkeit. Das gediegene, aber weniger auffällige Verdienst des Valentinian erkannten erst die dankbaren späteren Generationen Zosimos 4,3 und Ammianus 30,9. Die Abschaffung kostspieliger Torheiten hat ihm viel Lob eingebracht: »In Provinciales admodum parcus, tributorum ubique molliens sarcinas.«, (Schonung übte er gegen die Provinzler, indem er allenthalben die Abgaben senkte.) Einige nennen seine Sparsamkeit nur noch schlichten Geiz. Hieronymos, Chronicum Eusebii p. 186. . VALENTINIAN PRAKTIZIERT RELIGIÖSE TOLERANZ · A.D. 364 · 375 Aber der ehrbarste Einzelzug an Valentinians Charakter war die beständige Unparteilichkeit, die er in diesem Zeitalter religiöser Auseinandersetzungen unverdrossen beobachtete. Seine ausgeprägte praktische Vernunft, die durch irgendwelche Studien zwar nicht erhellt, aber eben auch nicht eingetrübt war, hielt sich mit wohlwollendem Desinteresse aus allen theologischen Debatten heraus. Die Herrschaft über die Erde beanspruchte ihn völlig und befriedigte seinen Ehrgeiz; es war ihm durchaus bewusst, dass er ein Kind der Kirche war, aber er vergaß darüber niemals, dass er zugleich der Souverän des Klerus war. Unter der Herrschaft des Apostaten Julian hatte er seinen Eifer für die Sache des Christentums zu erkennen gegeben: Und so gestand er seinen Untertanen dasselbe Vorrecht zu, welches er vordem für sich beansprucht hatte; und diese nahmen mit Dankbarkeit und Zutrauen das Geschenk von einem Herrscher entgegen, der zwar zu Wutausbrüchen fähig war, dem aber Furcht und Verstellung abgingen »Testes sunt leges a me in exordio Imperii mei datae; quibus unicuique quod animo imbibisset colendi libera facultas tributa est.«, (Als Beweis dienen die von mir zu Beginn meiner Regierung erlassenen Gesetze, durch die jedem die Freiheit gegeben wurde, das zu verehren, was er in sich aufgenommen hat.) Codex Theodosianus, 9,16,9. Dieser Erklärung Valerians fügen wir noch die unterschiedlichen Belegstellen bei Ammian (30,9), Zosimos (4,3) und Sozomenos (4,7 und 21) hinzu. Baronius musste naturgemäß solche vernunftbestimmte Toleranz rügen. (Annales ecclesiastici, A.D. 370, Nr 129 – 132 und A.D. 376, Nr. 3f.) . Heiden, Juden und die Vielzahl der christlichen Sekten waren gesetzlich vor Willkür oder Ausbrüchen des gesunden Volksempfindens geschützt. Valentinian untersagte keine Form der Anbetung außer jenen geheimen und kriminellen Praktiken, welche den Namen der Religion für dunkle und umstürzlerische Zwecke missbrauchten. Insbesondere war Zauberei mit Nachdruck verboten und wurde demgemäß besonders grausam bestraft; aber der Kaiser machte dennoch eine formale Unterscheidung, um die althergebrachten Künste der Weissagung zu schützen, welche der Senat gebilligt hatte und die die etruskischen Eingeweidebeschauer ausübten. Er hatte in Übereinstimmung mit dem aufgeklärtem Heidentum die Ausschweifungen nächtliche Opferrituale untersagt; aber er hatte ein offenes Ohr für die Vorstellungen des Praetextatus, des Prokonsuls von Achaia, welcher darlegte, dass das Leben den Griechen sinn- und trostlos vorkommen müsse, wenn man ihnen die unschätzbaren Segnungen der eleusinischen Mysterien vorenthalte. Allein die Philosophie kann sich rühmen (und vielleicht ist es wirklich nicht mehr als nur eine Prahlerei der Philosophie), dass sie mit sanfter Hand aus dem menschlichen Gemüt die verborgene und tödliche Neigung zum Fanatismus herausreißen kann. Aber der zwölfjährige Waffenstillstand, den Valentinian mit Nachdruck durchgesetzt hatte, indem er alle Fehden untersagte, trug viel dazu bei, dass das Gebaren der religiösen Parteiungen gemäßigter und ihre Vorurteile abgebaut wurden. VALENS BEKENNT SICH ZUM ARIANISMUS UND VERFOLGT KATHOLIKEN A.D. 367 · 378 Unglücklicherweise befand sich dieser Freund der Liberalität in einiger Entfernung vom Ort der wildesten Kämpfe. Sobald sich nämlich die Christenheit des Westens aus den Fallstricken des Glaubensbekenntnisses von Rimini befreit hatte, pflegten sie auch schon des süßen Schlummers der Orthodoxie; die unbedeutenden Überreste der arianischen Partei, die zu Sirmium oder Mailand dahinsiechten, gaben mehr zu Verachtung als zu Besorgnis Anlass. In den östlichen Provinzen jedoch, vom Euxeinos bis zum äußersten Thebais, waren die Stärke und Zahl der feindlichen Faktionen ausbalancierter; und genau diese Gleichheit der Kräfte fachte die Schrecknisse des Religionskrieges weiter an, anstelle dass man sich schiedlich geeinigt hätte. Mönche und Bischöfe verliehen ihren Argumenten durch Schmähungen zusätzlichen Nachdruck; und Schmähungen gingen oft genug in Handgreiflichkeiten über. Athanasios regierte nach wie vor in Alexandria; die Bischofssitze von Konstantinopel und Antiochia war von arianischen Prälaten besetzt, und jedes Mal, wenn ein Bischofsthron verwaist war, gab dies Anlass für Krawall. Die Homoousier zählten neunundfünfzig makedonische oder semi-arianische Bischöfe zu den Ihren; da sie aber immer noch heimlich Bedenken trugen, die Göttlichkeit des Heiligen Geistes anzuerkennen, fiel ein Schatten auf ihres Triumphes Glanz: und die Erklärung des Valens, der in seinen ersten Regierungsjahren der Unparteilichkeit seines Bruders nacheiferte, war für die Seite des Arianismus ein wichtiger Sieg. Beide Brüder hatten im Privatleben den Status eines Katechumen innegehabt; aber die Frömmigkeit des Valens bestimmte ihn, für sich das Sakrament der Taufe zu erbitten, bevor er sich den Gefahren des Gotenkrieges aussetzte. Er wandte sich naturgemäß an Eudoxios Eudoxios war von milder, ja ängstlicher Gemütslage. Als er Valens taufte (A.D.367), muss er bereits sehr alt gewesen sein; denn er hatte fünfundfünfzig Jahre zuvor unter dem gelehrten und frommen Märtyrer Lukian Theologie studiert. Philostorgos 2,14 – l6 und 4,4 sowie dazu Gothofredus, p. 82, 206; Tillemont, Mémoires ecclésiastique Band 5, p. 474 – 480. , den Bischof der Kaiserstadt; und wenn der unwissende Herrscher von diesem arianischen Seelenhirten in die Grundlagen der heterodoxen Theologie eingeführt worden war, dann war sein Unglück – denn von Schuld kann man hier nicht reden – die unausbleibliche Folge dieser verfehlten Wahl. Wie immer der Kaiser sich entschieden hätte, er hätte eine nicht unbeträchtliche Zahl christlicher Untertanen vor den Kopf gestoßen, weil die Anführer sowohl der Homousianer wie der Arianer meinten, dass ihnen durch ihren Ausschluss von der Regierungsteilnahme übelste Unterdrückung und bitterstes Unrecht widerfahren sei. Nachdem er nun den entscheidenden Schritt getan hatte, war es ihm nachgerade unmöglich, weiterhin die Tugend der Überparteilichkeit zu üben. Er strebte im Gegensatz zu Constantin niemals nach dem Ruf eines hervorragenden Theologen; als er sich aber mit genügsamer Einfalt die Lehrsätze des Eudoxios zu eigen gemacht hatte, folgte das Gewissen des Valens den Vorgaben seines kirchlichen Lehrmeisters und betrieb unter dessen Einfluss die Wiedereingliederung der athanasischen Häretiker in den Schoß der katholischen Kirche. Zunächst empfand er für ihre Blindheit Mitleiden; zusehends ärgerte er sich auch an ihrer Halsstarrigkeit; und unmerklich empfand er nur noch Hass für diese Sektierer, denen er ebenfalls ein Objekt der Abneigung war Gregor von Nazianz (Orationes 33) nennt die Verfolgungswut der Arianer ein zuverlässiges Kennzeichen von Irrtum und Häresie. . Valens' kraftloses Gemüt ließ sich stets durch Personen seiner näheren Umgebung beeinflussen; und Exil oder Gefängnis für einen Privatmann ist eine Gunst, die von einem despotischen Hof noch am billigsten zu erhalten sind. Diese Strafen wurden auch häufig gegen die Anführer der Homousier ausgesprochen; und die Tragödie von achtzig Klerikern, die, vermutlich infolge eines Unglücksfalles, bei einem Schiffsbrand ums Leben kamen, wurde der grausamen und wohlberechneten Bösartigkeit des Kaisers und seiner arianischen Minister zugeschrieben. TOD DES ATHANASIOS · 2. MAI 373 Bei jedem Streitfall mussten die Katholiken (wenn wir denn diese Bezeichnung hier schon vorwegnehmen dürfen) die Bußen für ihre Vergehen und die ihrer Gegner bezahlen. Bei jeder Wahl wurde den arianischen Kandidaten der Vorzug gegeben; und wenn die Mehrheit des Volkes dagegen murrte, dann wurde er für gewöhnlich durch die zivilen Magistrate oder sogar durch nackte militärische Gewalt unterstützt. Die Feinde des Athanasios schickten sich nun an, die letzten Jahre des ehrwürdigen Greises zu vergällen; so wurde seine kurze Wallfahrt zum Grabe seines Vaters als sein fünftes Exil gefeiert. Aber die treue Anhänglichkeit einer großen Volksmenge, die ohne Verzug zu den Waffen eilte, erschreckte den Präfekten; und so durfte der Erzbischof nach einer Herrschaftsdauer von siebenundvierzig Jahren sein Leben in Frieden und Ansehen beenden. Der Tod des Athanasios aber gab das Signal für Verfolgungen in Ägypten; und Valens' heidnischer Minister, der den unfähigen Lucius gewaltsam auf den Bischofsstuhl platziert hatte, erwarb sich die Gunst der regierenden Partei durch das Leid und das Blut ihrer christlichen Mitbrüder. Bitterlich beklagten sie die Duldung heidnischer und jüdischer Gottesdienste, welcher Umstand das Elend der Katholiken und die Schuld des gottlosen Tyrannen des Morgenlandes vermehrte Diese Skizze von Valens' Kirchenregiment ist ein Auszug aus Sokrates (4), Sozomenos (6), Theodorethos (4) und den gigantischen Materialsammlungen des Tillemont, insbesondere den Bänden 6, 8 und 9. . DIE ANGEMESSENE BEURTEILUNG VON VALENS' VERFOLGUNGEN Der spätere Sieg der Orthodoxie hatte an Valens' Andenken den Vorwurf der Verfolgung geheftet; und der Charakter eines Herrschers, der seine Tugenden ebenso wie seine Laster auf einem oberflächlichen Verständnis und einem angstvollen Gemüt aufbaut, verdient kaum die Mühe einer eingehenderen Verteidigung. Rechtlichkeit mag wohl einigen Anhalt dafür finden, dass die kirchlichen Mitarbeiter des Valens die Befehle oder sogar nur die Absichten ihres Herren vorauseilend umsetzten; und dass die Leichtgläubigkeit und Prahlsucht seiner Feinde das wahre Ausmaß des Geschehenen gründlich übertrieben hätten Schon Dr. Jortin (Remarks, Band 4, p. 78) hegt den gleichen Verdacht und gibt ihn auch zu verstehen. . 1. Das Schweigen des Valentinian könnte ein einleuchtendes Argument dafür liefern, dass die gelegentlichen Härten, die im Namen seines Kollegen und in seinen Provinzen verübt wurden, lediglich auf ein paar unbedeutende und vernachlässigbare Abweichungen vom allgemein üblichen System der religiösen Toleranz hinausliefen: und dass der gewissenhafte Historiker, der das ausgeglichene Temperament des älteren Bruders hervorhob, sich nicht zugleich auch berufen fühlte, die Ruhe im Westreich der grausamen Verfolgung im Ostreich gegenüber zu stellen Diese Überlegung ist derart einleuchtend und zwingend, dass Orosius (7,32f.) die Verfolgung sogar auf die Zeit nach Valentinians Tod verschiebt. Sokrates andererseits (4,32) vermutet, dass sie durch eine philosophische Rede beigelegt werden konnte, welche Themistios im Jahre 374 hielt (Orationes 12, p. 154, nur auf Lateinisch). Solche Widersprüche schmälern die Beweismittel und verkleinern den Umfang der Verfolgungen des Valens. . 2. Welchen Glauben man sonst dubiosen und verstreuten Nachrichten schenken mag, der Charakter oder doch wenigstens das Auftreten des Valens lässt sich besonders deutlich aus seinem persönlichen Verhalten gegenüber dem beredten Basileios, Erzbischof von Caesarea, ablesen, welcher zum Nachfolger des Athanasios in der Führung der trinitarischen Faktion wurde Tillemont, dem ich hier folge und den ich verkürze (Mémoires ecclésiastique Band 8, p. 153 – 167), hat die glaubwürdigsten Umstände aus den Panegyriken der beiden Gregore ausgezogen. Die Briefe des Basileios Dupin, Bibliothèque ecclésiastique Band 2, p. 155 – 180) selbst entwerfen nicht das Bild einer besonders drückenden Verfolgung. . Freunde und Bewunderer des Basileios haben einen ausführlichen Bericht hinterlassen; und sobald wir die dicke Schicht aus Rhetorik und Wunderfabel abgeräumt haben, erstaunen wir über die unerwartete Milde des arianischen Tyrannen, der Valens' Charakterfestigkeit bewunderte oder allgemeine Unruhen in der Provinz Kappadokien besorgte, sollte der Kaiser auf gewaltsame Lösungen verfallen. Der Erzbischof, der mit ungebeugtem Stolz die Wahrheit seiner Meinung und die Würde seiner hohen Stellung behauptete »Basilius Caesariensis episcopus Cappadociae clarus habetur ... qui multa continentiae et ingenii bona uno superbiae malo perdidit.«, (Basilios von Caesarea, Bischof von Kappadokien, hat bei seinem hohen Ansehen viele gute Eigenschaften des Maßhaltens und Verstandes durch das Übel des Hochmuts verdorben). , durfte auch fernerhin über sein Gewissen und seinen Thron frei verfügen. Der Kaiser assistierte demütig bei dem ernsten Dienst in der Kathedrale; und anstelle eines Verbannungsurteils unterschrieb er eine Schenkungsurkunde für ein wertvolles Grundstück in der Nähe von Caesarea, auf welchem Basileios ein Hospiz gegründet hatte Diese achtbare und wohltätige Stiftung (fast schon eine neue Stadt) übertraf an Verdienst, wenn auch nicht an Großartigkeit die Pyramiden oder die Mauern von Babylon. Sie diente in erster Linie der Aufnahme von Leprakranken. Gregor von Nazianz, Orationes 43. . 3. Ich bin außerstande, auch nur ein Gesetz zu entdecken (solche, wie sie Theodosius später gegen die Arianer erließ), welches Valens gegen die athanasischen Sektierer erlassen haben soll; und der Erlass, über den sich noch der meiste Lärm erhob, will uns so furchtbar tadelnswert nun auch wieder nicht erscheinen. Der Kaiser hatte nämlich feststellen müssen, dass eine ganze Reihe seiner Untertanen sich unter dem Vorwand der Religion ein faules Leben gönnte und den ägyptischen Mönchen angeschlossen hatte; es erging nun an den comes des Ostens die Weisung, sie aus ihrer Einsamkeit herauszuholen; und jene, die die Gesellschaft der Menschheit flohen, dringlich vor die lautere Alternative zu stellen, sich entweder ihrer weltlichen Besitztümer ganz zu entschlagen oder sich neuerlich ihren Pflichten als Mensch und Bürger zu widmen Codex Theodosianus 12,1,63. Gothofredus (Band 4, p. 409 – 413) übernimmt hier die Aufgaben eines Kommentators und Advokaten. Tillemont (Mémoires ecclésiastique Band 8, p. 808) vermutet ein zweites Gesetz, um seine rechtgläubigen Freunde zu entschuldigen, welche das Edikt des Valens falsch wiedergegeben und die Freiheit der Wahl unterschlagen hatten. . Die Bediensteten des Valens scheinen den Sinn dieser Verordnung überdehnt zu haben, denn sie leiteten aus ihr das Recht ab, jugendliche und kräftig gebaute Mönche zum Armeedienst einzuziehen. Ein Kavallerie- und Infanteriedetachement von dreitausend Mann brach von Alexandria in die benachbarte Nitria-Wüste Siehe d'Anville, Description de l'Egypte, p. 74. Auf die monastischen Einrichtungen werde ich später noch eingehen. auf, die mit fünftausend Mönchen bevölkert war. Angeführt wurden die Soldaten von arianischen Priestern; und es wird berichtet, dass in solchen Klöstern beträchtliches Gemetzel stattfand, die sich gegenüber dem Befehl ihrer Kaisers unbotmäßig erzeigten Socrates 4,24 und 25; Orosius 7,33; Hieronymos, Chronicum Eusebii, p. 189 und Opera, Band 2, p. 212. Die Mönche Ägyptens taten mancherlei Wunder, welche die Wahrheit ihres Glaubens bewiesen. Dies ganz gewiss, sagt Jortin (Remarks, Band 4, p. 79), aber was beweist die Wahrheit jener Wunder? . VALENTINIAN HÄLT DEN KLERUS KLEIN · A.D. 370 Die strengen Vorschriften, die die Weisheit der modernen Gesetzgeber gezimmert hat, um Reichtum und Habgier des Klerus zu dämpfen, lassen sich in ihren Anfängen bis auf das Vorbild des Kaisers Valentinian zurückverfolgen. Sein an den Bischof von Rom, Damasus, adressiertes Edikt wurde in allen Kirchen der Stadt öffentlich verlesen Codex Theodosianus 16,2,20. Gothofredus (Band 6, p. 49) hat nach dem Vorbild des Baronius alles zusammengetragen, was die Kirchenväter zu diesem wichtigen Gesetz zu äußern hatten; welche dem Geiste nach noch lange Zeit danach wiederbelebt wurde, etwa durch Kaiser Friedrich II, König Edward I von England und andere christliche Herrscher, welche nach dem XII Jahrhundert regierten. . Er ermahnt Prediger und Mönche, nicht die Häuser von Witwen und Jungfrauen aufzusuchen; und er bedroht ihren Ungehorsam mit den Maßregeln der irdischen Gerichtsbarkeit. Auch der Beichtvater durfte fürderhin aus der Hand seiner geistlichen Tochter keine Geschenke mehr entgegennehmen, kein Legat und keine Erbschaft; jedes dieser Bestimmung zuwiderlaufende Testament wurde für null und nichtig erklärt; und die ungesetzliche Schenkung fiel an den Staatsschatz zu weiteren Verwendung. In einer nachfolgende Bestimmung wurde dieses Verbot offenbar auch auf Nonnen und Bischöfe ausgedehnt sowie alle Personen geistlichen Standes außerstande gesetzt, irgendwelche testamentarischen Hinterlassenschaften anzunehmen; ausdrücklich blieben sie auf die naturgegebenen und gesetzlichen Möglichkeiten des Erbrechtes beschränkt. Als Wächter über Tugend und Wohlfahrt im Inneren musste Valentinian zu dieser bitteren Arznei gegen das Übel greifen. In der Reichshauptstadt besaß der weibliche Teil adliger und vermögender Familien oft beträchtlichen Anteil von nicht gebundenem Vermögen: und viele dieser frommen Jungfern hatten sich die Lehrsätze des Christentums angeeignet, nicht nur mit kaltem Verstande, sondern mit warmer Hingebung und wohl auch aus modischer Neigung. Die Freuden von Kleidung und Luxus gaben sie dahin; und sie verzichteten, um des Ruhmes der Keuschheit willen, auf die zärtliche Gesellschaft des Gatten. Einige Kleriker von tatsächlicher oder auch nur scheinbarer Heiligkeit wurden ausgesucht, ihr ängstliches Gewissen in die rechte Bahn zu leiten und der verwaisten Zartheit des Herzens ein Ziel zu setzen: und das unbegrenzte Vertrauen, welches sie dann vorschnell verschenkten, wurde von Spitzbuben oder Schwärmern oft genug missbraucht; welche aus dem entlegensten Gebieten des Ostens kamen, um auf besserer Bühne die Vorrechte des Mönchsstandes zu genießen. Sie verachteten die Welt, aber nach und nach kamen sie grade dadurch in den Genuss ihrer süßesten Vorteile: der lebhafte Anhänglichkeit – wer will es sagen? – einer jungen und schönen Frau, der raffinierten Fülle eines üppigen Haushaltes und des schmeichelhaften Respektes der Sklaven, Freigelassenen und Klienten einer senatorischen Familie. Der ungeheure Reichtum der römischen Damen wurde so nach und nach aufgezehrt von großzügigen Almosen und kostspieligen Pilgerreisen; und der ränkekundige Mönch, der sich den ersten und möglicherweise sogar einzigen Platz im Testament seiner Tochter im Geiste gesichert hatte, unterstand sich auch jetzt noch, mit dem öligen Gesicht des Heuchlers zu versichern, dass er doch nur das Werkzeug der Mildtätigkeit und der Freund der Armen sei. Dieser einträgliche, wenn auch ekelhafte Handel Die von mir verwendeten Ausdrücke sind schwach und gemäßigt, verglichen mit den Schmähungen des Hieronymos (Opera, Band 1, p. 13, 45, 144 etc). Er seinerseits wurde des Vergehens beschuldigt, das er seinen Mitmönchen vorwarf: der Sceleratus (Frevler), der Versipellis (Unzuverlässige) wurde öffentlich als der Liebhaber der Witwa Paula denunziert. Unbestritten besaß er die Zuneigung von Mutter und Tochter; aber er versichert uns, dass er seinen Einfluss niemals zu persönlichen oder fleischlichen Zwecken missbraucht habe. , den der Klerus betrieb, um die Erwartungen der natürlichen Erben zu betrügen, hat die Empörung eines abergläubischen Zeitalters aufgewühlt: aber zwei der angesehensten Kirchenväter des Westens bekennen frank und frei, dass der beschämende Erlass des Valentinian berechtigt und notwendig war; und dass den christlichen Priester zu Recht ein Privileg verloren ging, auf das nur noch Komödianten, Wagenlenker und Götzenpriester Anspruch erheben mochten. Aber Weisheit und Autorität des Gesetzgebers ziehen im Wettstreit mit hellwacher privater Durchtriebenheit oftmals den Kürzeren: Und Hieronymos und Ambrosius konnten sich mit Geduld über die Berechtigung eines wirkungslosen und heilsamen Gesetzes beruhigen. Wenn der Klerus daran gehindert wurde, seine persönlichen Zwecke zu verfolgen, dann mochte er eben löblicheren Fleiß entwickeln, den Reichtum der Kirche zu mehren und seine Habgier mit den achtbareren Namen der Frömmigkeit und des Patriotismus zu zieren. Pudet dicere, sacerdotes idolorum, mimi et aurigae, et scorta, haereditates capiunt: solis ›clericis‹ ac ›monachis‹ hac [hoc] lege prohibetur. Et non prohibetur a persecutoribus, sed a principibus Christianis. Nec de lege queror; sed doleo cur meruerimus hanc legem. (Man mag es ja gar nicht sagen: Götzenpriester, Schauspieler, Wagenlenker und sogar Huren dürfen Erbschaften antreten, alleine Klerikern ist es von Gesetzes wegen verboten. Und dies nicht etwa durch ihre Verfolger, sondern durch christliche Herrscher. Aber ich beweine gar nicht dieses Gesetz, sondern frage mich nur, mit Schmerz erfüllt, womit wir nur dieses Gesetz verdient haben?) Hieronymos, Band 1, p. 13 und gibt einen unauffälligen Hinweis auf die Politik seines Patrons Damasus. DAMASUS, BISCHOF VON ROM · A.D. 366 · 384 Roms Bischof Damasus, der sich ebenfalls genötigt fand, die Habgier seines Klerus durch Verlesen des valentinianischen Gesetzes zu geißeln, hatte genug gesunden Menschenverstand oder auch nur Glück gehabt, den Glaubenseifer und die hohe Begabung des gelehrten Hieronymos in seine Dienste zu nehmen; und der dankbare Heilige hat seinerseits die Verdienstlichkeit und Lauterkeit dieses zweideutigen Charakters gerühmt Nur drei Worte von Hieronymos, sanctae memoriae Damasus (Opera, Band 2, p. 109) waschen alle dunklen Flecken hinweg und trüben den sonst so scharfen Blick des Tillemont. (Mémoires ecclésiastique Band 8, p. 386 – 424). . Aber die berühmten Laster der Kirche Roms unter Damasus und Valentinian hat der Historiker Ammianus sehr aufmerksam registriert, welcher seinen unparteiischen Sinn in diesen eindrucksvollen Worten bewährt: »Die Präfektur des Juventius verlief in Ruhe und Wohlstand: aber der Frieden seiner Regierung war alsbald durch blutige Unruhen verwirrter Volksmengen gestört. Die Begierde von Damasus und Ursinus, den bischöflichen Sitz zu erobern, überstieg alles gewöhnliche Maß menschlichen Ehrgeizes. Sie gingen mit der Wut zweier Bürgerkriegsparteien gegeneinander vor; der Streit setzte sich fort, obwohl ihre Anhänger verletzt wurden oder zu Tode kamen; und der Präfekt, der den Tumult weder dämpfen noch beschwichtigen konnte, zog sich infolge höherer Gewalt in die Vororte zurück. Damasus obsiegte: der teuer erkaufte Sieg blieb bei seiner Faktion; einhundertunddreiundsiebzig Tote Hieronymos sieht sich selbst zu dem Zugeständnis genötigt, »crudelissimae interfectiones diversi sexus perpetrate«, (grauenvolle Morde seien an Mann und Frau begangen worden.) Aber ein originales libellus oder Bittschrift zweier Presbyter der anderen Partei hat seltsamerweise die Zeiten überdauert. Sie behaupten, dass das Dach der Basilika abgedeckt und die Tore niedergebrannt waren; dass Damasus an der Spitze seines eigenen Klerus marschiert sei, zusammen mit Totengräbern, Wagenlenkern und angemieteten Gladiatoren; dass von seinen Leuten niemand ums Leben gekommen sei und man dennoch einhundertundsechzig Erschlagene gefunden habe. Diese Eingabe ist von Sirmond im 1. Band seiner Werke veröffentlicht. fand man in der Basilica von Sicininus Die Basilika des Sicininus oder Liberius ist wohl identisch mit der Kirche Sancta Maria Maggiore auf dem Esquilin. Baronius, Annales ecclesiastici A.D. 367, Nr. 3 und Donati, Roma vetus ac recens, p. 462. , wo die Christen ihre religiösen Versammlungen abhielten; und dies lange bevor die verärgerte Bevölkerung wieder zu ihrer angestammten Ruhe zurückfand. Betrachte ich mir den Glanz dieser Stadt, verwundert es mich nicht, dass ein so wertvoller Preis das Gelüste eines ehrgeizigen Mannes entzünden und die wildeste und verbissenste Fehde provozieren sollte. Der erfolgreiche Bewerber kann sicher sein, dass er an der Opfergaben der Matronen schier reich wird Die Feinde des Damasus nannten ihn »Auriscalpius Matronarum«,, den Ohrenkratzer der Damen. ; dass er in der Kutsche durch Roms Straßen fahren wird, sobald sein Gewand mit zukömmlicher Sorgfalt und Eleganz gefertigt ist Gregor von Nazianz (Orationes 42) beschreibt Hoffart und Luxus der Prälaten von Kaiserstädten; ihre vergoldeten Wagen, ihre feurigen Schlachtrosse \&c. Die Volksmassen wichen vor ihnen aus wie vor einem wilden Tier. ; und dass selbst die kaiserliche Tafel nicht an den überreichen und extravaganten Aufwand heranreichen wird, den der Pontifex sich infolge seines Reichtums und Geschmackes schuldig zu sein glaubt. Mit wie viel mehr Grund (so fährt der ehrliche Heide fort) würden jene Oberpriester ihr wahres Glück verfolgen, wenn sie nicht die Größe der Stadt als Ausrede für ihren Luxus vorschieben, sondern dem vorbildlichen Leben einiger Provinzialbischöfe nacheifern würden, ihrer Mäßigung und Nüchternheit, ihrer Schlichtheit im Auftreten und ihrem demutsvollem Blick, was alles sie der Gottheit und der Gottheit wahren Verehrern anempfehlen würde Ammianus 27,3. Perpetuo Numini, ›verisque‹ eius cultoribus. Unvergleichbare Schmiegsamkeit des Polytheisten! .«, Das Schisma zwischen Damasus und Ursinus erlosch infolge der Verbannung des Letztgenannten; und der Präfekt Ammianus, der einen positiven Bericht von seiner Präfektur bietet, nennt ihn »praeclarae indolis gravitatisque senator.«, (...ein Senator von ausgezeichnetem Charakter und Würde.) Eine merkwürdige Inschrift verzeichnet in zwei Spalten seine religiösen und zivilen Ehrungen (Gruter MCII, Nr 2). So war er (erste Spalte) Pontifex des Sonnengottes und der Vesta, Augur, Quindecemvir, Hierophant \&c \&c. In der anderen Spalte war er 1. Quaestor candidus, vielleicht Titular, 2. Praetor; 3. Corrector von Etrurien und Umbrien; 4. Konsular Lusitaniens; 5. Proconsul von Achaia; 6. Praefekt von Rom; 7. Prätorianerpräfekt von Italien und von 8. Illyrien. 9. Gewählter Konsul. Er starb zu Beginn des Jahres 385. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs Band 5, p. 241 und 736. Praetextus stellte umsichtig die Ruhe in der Stadt wieder her. Praetextus war ein philosophisch veranlagter Heide, gebildet, kultiviert, höflich und von erlesenem Geschmack; welcher Tadel mit einem Scherzwort zu verkleiden verstand, als er Damasus versicherte, wenn er das Bischofsamt über Rom erhalten würde, werde er für seine Person unverzüglich zum christlichen Glauben übertreten »Facite me Romanae urbis episcopum, et ero protinus Christianus.«, (Macht mich zum Bischof von Rom, und ich werde unverzüglich ein Christ.) Hieronymus, Opera Band 2, p. 165. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Damasus die Bekehrung des Mannes zu diesem Preis wohl nicht erkauft haben würde. . Dieses lebhafte Bild vom Reichtum und Luxus der Päpste im IV. Jahrhundert wird umso merkwürdiger für uns, da es den Abstand zwischen der demütigen Armut des apostolischen Fischers und den königlichen Verhältnissen eines weltlichen Herrschers darstellt, dessen Herrschaftsgebiet sich von Neapel bis zu den Ufern des Po erstreckte. FÜNF KRIEGSSCHAUPLÄTZE · A.D. 364 · 375 Als die Wahlentscheidung der Generäle und der Armee das Szepter des Reiches Valentinian in die Hände legte, waren die wichtigsten Motive ihres Beschlusses sein persönlicher Mut, seine militärische Begabung und Erfahrung und sein getreuliches Festhalten an Form und Geist der althergebrachten Disziplin. Der Nachdruck, mit dem ihn die Truppen zur Wahl eines Kollegen drängten, war infolge der gefährdeten öffentlichen Lage durchaus gerechtfertigt; und Valentinian selbst war sich durchaus bewusst, dass selbst die Fähigkeiten des kühnsten Geistes außerstande sein würden, die riesigen Grenzen der Monarchie im Falle einer Invasion zu verteidigen. Sobald mit dem Tode Julians bei den Barbaren auch das Entsetzen vor seinem Namen erloschen war, wurden die Nationen des Ostens, Nordens und Südens bei der Aussicht auf Beute und Eroberung wieder lebendig. Ihre Einfälle waren oft genug lästig und zuweilen auch bedrohlich; aber während seiner zwölf Regierungsjahre schützte Valentinian seinen Herrschaftsbereich mit Wachsamkeit und Nachdruck; und auch sein ängstlicher Bruder schien von seinem überragenden Mut gleichsam angesteckt zu werden. Vielleicht würde ja die annalistische Erzählweise die großen Anstrengungen der beiden Herrscher eindrucksvoller erkennen lassen; aber zugleich könnte die Aufmerksamkeit des Lesers durch eine ermüdende und planlose Darstellung eingeschläfert werden. Eine gesonderte Betrachtung der fünf großen Kriegsschauplätze: I. Germanien; II. Britannien; III. Afrika; IV. Der Osten; V. Das Donaugebiet; werden ein genaueres Bild vom militärischen Zustand des Reiches unter Valentinian und Valens entwerfen. I. GERMANIEN · ALAMANNEN FALLEN IN GALLIEN EIN · A.D. 365 Die Abgesandten der Alamannen waren durch das arrogante und hochfahrende Auftreten von Ursacius, des magister officium, beleidigt worden Ammianus 26,5. Valesius fügt hier eine lange und lobende Anmerkung über den magister officium ein. ; hatte er doch infolge eines Aktes von Knauserigkeit zur falschen Zeit den Wert und die Größe des Geschenkes gemindert, welches ihnen gewohnheits- oder vertragsrechtlich bei der Thronbesteigung eines neuen Herrschers zustand. Von dieser nationalen Schande ließen sie ihre Landsleute wissen. Das jähzornige Gemüt der Stammeshäuptlinge war rasch entflammt, denn sie witterten Hohn; und die kriegsfreudige Jugend sammelte sich unter ihren Fahnen. Bevor Valentinian die Alpen überqueren konnte, standen die Dörfer Galliens in Flammen; bevor sein General Dagalaiphus die Alamannen abfangen konnte, hatten sie sich mit ihren Gefangenen und der Beute in die Wälder Germaniens in Sicherheit gebracht. JANUAR 366 Am Anfang des nächsten Jahres, während eines schweren nördlichen Winters, überwand die militärische Macht der ganzen Nation in dichten und massiven Marschsäulen den Rhein. Zwei römisches comes wurden besiegt und fielen; und auch die Standarten der Heruler und Bataver fielen an die Sieger, welche unter empörendem Gejohle und Drohen ihre Siegesbeute zur Schau stellten. Die Standarte wurde zurückerobert; aber die Bataver hatten dadurch noch nicht die Schande abgewaschen, welche sie durch ihre Flucht in den Augen ihres strengen Richters auf sich geladen hatten. Die Truppen wurden zu ernster Versammlung herbeigerufen; und die bebenden Bataver standen inmitten eines Kreises der kaiserlichen Armee. Valentinian bestieg das Tribunal; und indem er vorgab, dass diese Feigheit nicht mit dem Tode zu bestrafen sei, heftete er einen unauslöschlichen Makel auf die Offiziere, deren Fehlverhalten und Verzagtheit nachweislich die Niederlage ausgelöst hatten. Die Bataver wurden degradiert, entwaffnet und sollten dem Meistbietenden als Sklaven verkauft werden. Als dieses Grässliche ausgesprochen war, warfen sie sich zu Boden, suchten den Grimm ihres Herrschers mit Bitten abzuwenden und versicherten, dass sie sich, würde er ihnen die Gnade eines zweiten Versuches gewähren, des römischen Namens und seiner Soldaten würdig erweisen wollten. Schließlich gab Valentinian mit erheucheltem Widerstreben ihrem Drängen nach: die Bataver erhielten ihre Waffen zurück und waren nunmehr finster entschlossen, ihre Schmach mit dem Blute der Alamannen abzuwaschen Ammianus 27,1; Zosimos 4,9. Die Schmach der Bataver wird von dem zeitgenössischen Soldaten aus Gründen schonender Rücksichtnahme auf die militärische Ehre verschwiegen, was jedoch einen griechischen Redner des nächsten Jahrhunderts nicht mehr beeindruckt hat. . Das Oberkommando erhielt Dagalaiphus; und jener vielbewährte Soldat, welcher mit möglicherweise zu großer Genauigkeit die extremen Schwierigkeiten jenes Unternehmens dargelegt hatte, durfte noch vor dem Ende des Feldzuges zu seinem Verdruss mit ansehen, wie sein Rivale Jovinus diese Schwierigkeiten zu einem entscheidenden Vorteil über die verstreuten Kräfte der Barbaren ummünzte. IHRE NIEDERLAGE An der Spitze einer schlagkräftigen Armee aus Kavallerie, Infanterie und leichten Truppen gelangte Jovinus auf umsichtigen und raschen Märschen an die Scarponna Siehe d'Anville, Notice de l'ancienne Gaule, p.587. Den Name der Mosel, welcher von Ammianus zwar nicht ausdrücklich genannt wird, weist Mascov (History of the old Germans, Buch 7, c. 2) korrekt nach. bei Metz, wo er eine große Abteilung der Alamannen überraschte, bevor sie zu den Waffen eilen konnten: und beschämte seine Soldaten mit seinem Zutrauen auf einen leichten und unblutigen Sieg. Eine andere Abteilung – fast schon eine Armee – der Feinde hatte sich nach grausamer Plünderung der umliegenden Landschaft an die schattigen Moselufer zurückgezogen. Jovinus, der sich das Gelände mit den Augen eines Generals angesehen hatte, nähert sich geräuschlos durch ein tiefes, bewaldetes Tal, bis er schließlich die Germanen in empörender Sorglosigkeit ausmachen konnte. Einige badeten ihre riesigen Körper im Fluss; andere wieder kämmten ihr langes, flachsblondes Haar; wieder andere schluckten gewaltige Mengen von starkem und wohlschmeckenden Wein herunter. Plötzlich hörten sie die römische Kriegsposaune und erblickten den Feind im Lager. Verblüffung verursachte Unordnung; auf die Unordnung kamen Flucht und Panik; und die aufgelöste Schar der tapfersten Krieger wurde von Schwert und Spieß der Legionäre und Hilfstruppen abgestochen. Die Flüchtlinge entkamen bis zum dritten und größten Lager in den Katalaunischen Feldern nahe bei Châlon in der Champagne: die verstreuten Detachements wurden in Eile zu ihren Fahnen zurückbeordert; und die Häuptlinge der Barbaren, aufgeschreckt und belehrt durch das Schicksal ihrer Gefährten, bereiteten sich vor, den siegreichen Kräften des Generals von Valentinian in einer Entscheidungsschlacht zu begegnen. Der verlustreiche und hartnäckige Kampf dauerte einen ganzen Sommertag, wurde mit gleichen Kräften und schwankendem Erfolg geführt. JULI 366 Schließlich obsiegten die Römer mit zwölfhundert Mann Verlust: Sechstausend Alamannen waren gefallen, viertausend verwundet; und der tapfere Jovinus, der noch die flüchtigen Reste bis an das Rheinufer gejagt hatte, kehrte nach Paris zurück, das Lob seines Kaisers und die Konsulatsinsignien für das nächste Jahr zu empfangen Die Schlacht wird von Ammianus (27,7) und Zosimos (4,9) beschrieben, der übrigens annimmt, dass Valentinian dabei anwesend war. . Allerdings wurde der Sieg der Römer verdunkelt durch die Art, wie sie den gefangenen König behandelten, den sie ohne ihren empörten General zu informieren an einem Galgen aufgehängt hatten. Auf diesen schändlichen Akt der Grausamkeit, den man noch der Unbesonnenheit der Truppe zuschreiben mochte, folgte der vorsätzliche Mord an Withicab, dem Sohn des Vadomar, einem Germanenprinzen zwar von schwächlicher und kränklicher Konstitution, aber von kühnem und furchterregendem Gemüte. Dieser Mord wurde von den Römern angestiftet und gedeckt »Studio solicitante nostrorum occubuit.«, (Der Mord an ihm geschah auf Anstiftung der Unsrigen). Ammianus 27,10. ; und diese Verletzung des allgemeinen Rechtsempfindens und der Gesetze der Humanität verriet, dass sie um die inneren Schwächen des niedergehenden Reiches wussten. In öffentlichen Angelegenheiten verzichtet man im Allgemeinen auf den Gebrauch eines Dolches, solange man noch Vertrauen auf den Gebrauch des Schwertes setzt. VALENTINIAN ÜBERQUERT DEN RHEIN A.D. 368 Während die Alamannen infolge ihrer gegenwärtigen Notlage ersichtlich gedemütigt waren, empfing der Siegesstolz des Valentinian einen Dämpfer durch die unerwartete Überrumpelung von Moguntiacum oder Mainz, der Hauptstadt von Obergermanien. Während des Sorglosigkeit eines christlichen Festes hatte Rando, ein kühner und listenreicher Häuptling, der seinen Plan lange geheckt hatte, unerwartet den Rhein überquert, die schutzlose Stadt überrannt und ungezählte Gefangenen beiderlei Geschlechtes gemacht. Valentinian gelobte bittere Rache an der ganzen Nation. Der comes Sebastian erhielt Anweisung, mit italischen und illyrischen Truppenteilen in ihrem Lande einzufallen, vermutlich von der rhaetischen Seite. Der Kaiser persönlich, begleitet von seinem Sohn Gratian, überquerte den Rhein an der Spitze einer gewaltigen Armee, die Flanken geschützt von Jovinus und Severus, den beiden Heermeistern der Kavallerie und der Infanterie des Westens. Die Alamannen, welche die Verwüstung ihrer Dörfer nicht verhindern konnten, errichteten ihr Lager auf einem steilen, nahezu unbesteigbaren Berg in dem heutigen Herzogtum Württemberg und erwarteten zu allem entschlossen das Herannahen der Römer. Dadurch, dass Valentinian mit furchtloser Neugierde einige geheime und unbewachte Pfade zu rekognoszieren unternahm, brachte er sich in unmittelbare Lebensgefahr: ein Trupp Barbaren brach unvermittelt aus dem Hinterhalt hervor: Und der Kaiser, der sein Pferd einen steilen und schlüpfrigen Abstieg hinunterspornte, musste seinen Waffenträger im Stich lassen und seinen Helm verloren geben, der mit vielem Gold und Edelgestein ausgeschmückt war. Auf das Signal zum Sturm umschlossen dann die Römer den mons Solicinium von drei Seiten und bestürmten ihn. Jeder Schritt, den sie sich erkämpften, erhöhte ihren Kampfeseifer und ließ den feindlichen Widerstand sinken: Und nachdem sie mit vereinten Kräften den Gipfel bezwungen hatten, drängten sie die Barbaren den Nordabhang hinunter, wo der comes Sebastian stand, ihren Rückzug abzufangen. Nach diesem entscheidenden Sieg zog sich Valentinian ins Winterquartier nach Trier zurück, wo er zur Freude des Publikums prachtvolle Spiele aus Anlass seines Sieges veranstaltete Der Feldzug des Valentinian wird von Ammianus (27,10) geschildert; und von Ausonius (Mosella 421 ff) abgefeiert, welcher törichterweise annimmt, dass die Römer die Donauquellen nicht kannten. . Aber anstelle nun auf die Eroberung von ganz Germanien zu sinnen, beschränkte der umsichtige Monarch seine Aufmerksamkeit auf die wichtige und mühselige Verteidigung der gallischen Grenze gegen einen Feind, dessen Stärke sich durch einen Zustrom von kühnen Freiwilligen erneuerte Immanis enim natio, iam inde ab incunabulis primis varietate casuum imminuta; ita saepius adolescit, ut fuisse longis saeculis aestimetur intacta. (Dieses entsetzliche Volk, von Anfang an durch verschieden Schicksalsschläge gedämpft, erholt ebenso häufig, so dass sich die Meinung bildet, sie seien durch lange Jahrhundert unverändert geblieben.) Ammianus 28,5. Der Count de Buat (Histoire des Peuples de l'Europe, Band 6, p. 370) schreibt die Fruchtbarkeit der Alamannen ihrer bereitwilligen Aufnahme von Fremden zu. , die ununterbrochen von den entlegensten Stämmen des Nordens zusammenkamen. Die Rheinufer waren von ihrer Quelle bis zu den Meerestraßen des Atlantik mit massiven Festungsanlagen und Städten gepflastert; neue Verteidigungsanlagen und neuartige Zurüstungen ersann der Erfindungsgeist eines Herrschers, der in den mechanischen Künsten durchaus bewandert war; und die zahlreichen Rekruten der römischen und barbarischen Jugend erhielt eine gründliche Ausbildung in allen Kriegskünsten. Die Fortschritte dieser Arbeit, die nur gelegentlich durch schüchterne Einwände und feindliche Angriffe ins Stocken gerieten, gewährleisteten während der folgenden neun Jahre von Valentinians Regierung Ruhe in Gallien Ammianus 28,5; Zosimos 4,16. Der jüngere Victor weist auf Valentinians Begabung in der Mechanik hin: »nova arma meditari; fingere terra seu limo simulacra.«, (Neue Waffen ersinnen; aus Erde oder Schlamm Modelle formen.) Epitome 45. . DIE BURGUNDER, EIN KRIEGERISCHES VOLK · A.D.371 Dieser umsichtige Herrscher, der Diocletians weise Herrscherregeln pünktlich befolgte, war eifrig bestrebt, die inneren Zwistigkeiten unter den Germanenstämmen zu schüren und zu unterhalten. Etwa in der Mitte des vierten Jahrhunderts wurden Länder beiderseits der Elbe, vermutlich die Lausitz und Thüringen, von den BURGUNDERN beherrscht; ein kriegsgeübter, zahlenstarker Vandalenstamm »Bellicosos et pubes immensae viribus affluentes; et ideo metuendos finitimis universis.«, (Kriegerisch und überreich an waffenfähiger Jugend; daher sämtlichen Nachbarn furchtbar.) Ammianus 28, 5. , dessen unbekannter Name unmerklich zu dem eines mächtigen Königreiches aufblühte und schließlich einer blühenden Provinz den Namen gab. Die merkwürdigste Einzelheit unter den Gebräuchen der alten Burgunder scheint die Trennung von weltlicher und religiöser Verfassung gewesen zu sein. Die Bezeichnung Hendinos gab man dem König oder General, während Sinistus für den Hohepriester der Nation vorbehalten bleib. Die Person des Priesters war geheiligt, seine Würde immerwährend; das weltliche Regiment jedoch war ein Amt auf Widerruf. Wenn die Ergebnisse eines Krieges auf den Mut oder das Verhalten eines Königs einen Schatten warfen, wurde er unverzüglich abgesetzt; die Ungerechtigkeit seiner Untertanen machte ihn auch verantwortlich für die Fruchtbarkeit des Bodens und die Pünktlichkeit der Jahreszeiten, was doch eigentlich eher in die priesterliche Zuständigkeit fällt Ich bin eigentlich immer geneigt zu besorgen, dass Historiker und Reisende außergewöhnliche Tatsachen zu allgemeinen Gesetzen erheben. Ammianus schreibt den Ägyptern ähnliches Brauchtum zu: und die Chinesen haben es wiederum dem Tat-Sin, oder Römischen Imperium zugeschrieben. (De Guignes, Histoire des Huns, Band 2, Teil 1, p. 79.) . Der Streit um den Besitz einiger Salzquellen »Salinarum finiumque causa Alemannis saepe iurgabant.«, (Wegen der Salzquellen und des Grenzverlaufes gab es häufig Streit mit den Alamannen.) Ammianus 28,5.Vermutlich ging es um den Besitz der Sala, welcher Fluss Salz lieferte und seit alters Streitobjekt war. Tacitus, Annales 13,57 und dazu Lipsius. hatte Alamannen und Burgunder des Öfteren gegeneinander aufgebracht: Leicht ließen sich die Letztgenannten durch heimliche Versprechen und großzügige Geschenke des Kaisers anstiften; und ihre sagenhafte Abstammung von den römischen Soldaten, welche dereinst in den Festungen des Drusus Garnisonsdienst getan hatten, wurde auf beiden Seiten gern geglaubt, da sie beiderlei Interessen förderlich war »Iam inde temporibus priscis sobolem se esse Romanam Burgundii sciunt:«, (Seit alters wissen die Burgunden, dass sie von den Römern abstammen. Ammianus 28,5.) Diese ungesicherte Tradition nahm allmählich festere Formen an (Orosius 7, 32) Sie wird indessen zerstört durch die entscheidende Autorität des jüngeren Plinius, der die Geschichte von Drusus abgefasst hat und in Germanien gedient hat (Plinius d.J., Epistulae 3,5), mithin sechzig Jahre nach dem Tod dieses Helden. »Germanorum genera quinque; Vindili, quorum pars Burgundiones,«, etc. (Fünf Germanenvölker: Vandalen, von denen die Burgunden ein Teil sind.) Plinius d.Ä., Naturalis Historia 4,28. . Schon bald erschien eine Armee von achtzigtausend Mann am Rheinufer; und ungeduldig verlangten sie Unterstützung und Subsidien, welche Valentinian in Aussicht gestellt hatte; aber sie wurden nur mit Ausflüchten und Verspätungen hingehalten, bis sie sich schließlich nach vergeblichen Zuwarten zurückziehen mussten. Die Bewaffnung und die Befestigung der gallischen Grenze hielt ihren berechtigten Zorn auf; und die Ermordung der Gefangenen vertiefte die erbliche Feindschaft zwischen Alamannen und Burgundern nur noch. Die Unbeständigkeit des besonnenen Herrschers mag sich auch aus der Änderung einiger Umstände erklären lassen; und vermutlich war es Valentinians ursprüngliche Absicht gewesen, einzuschüchtern und nicht auszulöschen, da das Gleichgewicht der Kräfte durch den Untergang einer dieser beiden germanischen Nationen aus den Fugen hätte geraten können. Unter den Alamannenprinzen war es Macrianus, der – im Besitz eines römischen Eigennamens – die Kenntnisse eines Soldaten und das Talent zum Staatsmann besaß, welcher sich Valentinians Hass und Wertschätzung verdient hatte. Der Kaiser persönlich hatte mit einer leichten Schwadron den Rhein überquert, war fünfzig Meilen ins Landesinnere vorgedrungen und hätte unfehlbar das Objekt seiner Nachstellungen erreicht, wenn nicht die Ungeduld der Truppen diese seine wohlüberlegten Maßnahmen durchkreuzt hätten. Macrianus wurde später die Ehre einer persönlichen Unterredung mit dem Kaiser zuteil; und die Gunst, die er hierbei empfing, machte ihn bis an sein Lebensende zu einem zuverlässigen und aufrichtigen Freund der Republik Der Krieg und die Friedenverhandlungen mit Alamannen und Burgundern werden bei Ammianus (28,5; 29,4 und 30,3) ausführlich behandelt. Orosius (7,32) und die Chroniken des Hieronymos und Cassiodor präzisieren einige Daten und bieten weitere Einzelheiten. . DIE SACHSEN AUF DER KIMBRISCHEN HALBINSEL · KAPITULATION IN GALLIEN Das Land hatte Valentinian mit Festungsanlagen übersäht; aber die gallische und britannische Meeresküste stand den Raubzügen der Sachsen offen. Jener berühmte Name, an welchem wir ein herzliches und ganz persönliches Interesse haben, ist der Aufmerksamkeit des Tacitus entgangen; und in den Landkarten des Ptolemäus bezeichnet der Name andeutungsweise nur den dünnen Hals der kimbrischen Halbinsel und drei kleine Inseln in Richtung Elbmündung Ἐπὶ τὸν αὐχένα τῆς Κιμβρικῆς χερσονήσου, Σάξονες (Zur Landenge der kimbrischen Halbinsel hin die Sachsen.) Im Norden der Halbinsel (des kimbrischen Vorgebirges bei Plinius 4,27) lässt Plinius die Kimbern wohnen. Den Raum zwischen Sachsen und Kimbern füllt er mit sechs unbekannten Stämmen, die im VI. Jh. unter dem Völkernamen Dänen geeint wurden. Siehe Cluver, Germania antiqua, Buch 3, c.21 – 23. . Dieses kleine Land, das gegenwärtige Herzogtum von Schleswig, gegebenfalles auch noch von Holstein, konnte unmöglich die riesigen Massen von Sachsen hervorbringen, welche den Ozean beherrschten, die britischen Inseln überschwemmten und ihnen ihre Sprache und Gesetze gaben; und die so lange Zeit den Norden gegen die Macht Karls des Großen verteidigten Herr d'Anville (Etats formés en Europe, p. 19 – 25) hat die ausgreifenden Grenzen Sachsens unter Karl dem Großen beschrieben. . Des Rätsels Lösung findet man leicht in den ähnlichen Gebräuchen und den lockeren Stammesverbänden der Germanen; welche sich infolge der unbedeutendsten kriegerischen oder freundschaftlichen Wechselfälle untereinander vermischten. Die Sachsen waren aufgrund ihrer Lebensumstände zu dem risikoreichen Geschäft der Fischerei oder der Piraterie genötigt; und der Erfolg dieser unternehmungslustigen Pioniere spornte ihre wagemutigen Landleute zur Nachahmung, welche der trübseligen Einsamkeit ihrer Wälder und Berge müde waren. Mit jeder Ebbe mochten ganze Bootsflotten die Elbe flussabwärts treiben, bemannt mit harten und furchtlosen Verbündeten, die begierig waren, die Unendlichkeit der Meere zu schauen und vom Reichtum und Luxus unbekannter Länder zu kosten. Es scheint jedoch, dass die nach der Zahl stärksten Verbündeten der Sachsen aus den Anliegerstaaten der Ostsee stammten. Sie besaßen Waffen und Schiffe, waren kundig der Seefahrt und der Seekriegsführung; aber die Probleme bei der Passage der nördlichen Säulen des Herkules (welche einige Monate im Jahr zugefroren waren) gestattete ihnen die Entfaltung ihrer Talente nur in den Grenzen eines großen Binnenmeeres Der Flotte des Drusus war es nicht gelungen, sich dem Sund anzunähern geschweige denn ihn zu passieren (Die Bezeichnung Sund ist aufgrund einer entfernten Ähnlichkeit zu den »Säulen des Herkules«, gebildet); und die Schiffsexpedition wurde nicht noch einmal wiederholt (Tacitus, Germania 34). Die Kenntnisse, die Römer von der Seestreitmacht der Ostseestaaten (a.a.O. 44f) hatten, erwarben sie sich auf ihren Expeditionen zu Lande auf der Suche nach Bernstein. . Die Gerüchte von einer erfolgreichen Kriegsmacht, die die Elbmündung verließ, veranlasste sie, die Landenge bei Schleswig zu überqueren und ihre Schiffe in der Nordsee zu Wasser zu lassen. Diese verschiedenen Piraten- und Abenteurerhaufen, welche unter einer Fahne kämpften, schlossen sich allgemach zu einer dauerhaften Raub- und anschließend zu einer Staatsgemeinschaft zusammen. Durch die sanften Mittel von Heirat und Blutsverwandtschaft wurde so eine militärische Konföderation zu einer nationalen Einheit umgeschmolzen; und die Nachbarstämme, die die Allianz der Sachsen wünschten, nahmen denn auch deren Gesetze und Namen an. Es hieße die Gutgläubigkeit unserer Leser zu strapazieren, wenn wir jetzt die Schiffe beschreiben wollten, mit denen sich die Sachsen in die Nordsee, den britischen Kanal und den Golf von Biskaya gewagt hatten, wenn die Tatsachen nicht durch die unstrittigsten Beweise erhärtet wären. Der Kiel ihrer langen Flachboote war dünn beplankt, die Seiten und Aufbauten bestanden nur aus Weidenflechtwerk und einer kräftigen Abdeckung aus Tierhäuten Quin et Aremoricus piratem Saxona tractus/Sperabat; cui pelle salum sulcare Britannum/Ludus; et assuto glaucum mare findere lembo. (Aber auch das armorikanische Seegebiet erwartete den sächsischen Piraten, der pelzverhüllt das britannische Salzmeer zum Spaße durchfuhr, in zusammengestückten Barken das graue Meer durchpflügend) Sidonius Apollinaris, Panegyricus ad Avitum.. 3,69 – 71. Caesars Genie ließ zu einem besonderen Zweck die rohen, aber leichten Fahrzeuge nachbauen, welche ebenfalls von den Eingeborenen Britanniens genutzt wurden (Bello civilis 1,54 und Guischardt, Nouveaux mémoires militaires, Band 2, p. 41f.) Heutzutage wurden die britischen Schiffe auch das Genie Caesars erstaunen. . Im Verlaufe ihrer langsamen und weiten Fahrten waren sie oft genug der Gefahr und dem Verhängnis eines Schiffbruchs ausgesetzt; und die Seefahrtsannalen der Sachsen waren zweifellos angefüllt mit der Aufzählung von Totalverlusten, die sie an der britischen und gallischen Küste erlitten hatten. Aber der kühne Mut der Piraten setzte sich über die Gefahren der offenen See und der Küste hinweg, durch ihre Unternehmungen wurde ihr seefahrerisches Können gehoben, und noch der geringste ihrer Seekrieger vermochte gleich gut das Ruder zu führen, die Segel zu heißen oder ein Fahrzeug zu steuern; und die Sachsen freuten sich geradezu, wenn ein Sturm aufzog, der ihre Pläne verschleierte und feindliche Flotten zerstreute Die beste Nachricht über die die sächsischen Piraten kann man die Sidonius Apollinaris finden (8, Epistulae 6) und die besten Erläuterungen bei Abbé Dubois, Histoire critique de la monarchie francoise, Band 1, p. 148 – 155, siehe auch p. 77f. . Nachdem sie sich genaue Kenntnisse der westlichen Seegebiete angeeignet hatten, erweiterten sie ihr Jagdgebiet, und selbst die abgelegensten Landschaften konnten sich durchaus nicht in Sicherheit wiegen. Die Schiffe der Sachsen hatten so wenig Tiefgang, dass sie auf den großen Strömen achtzig bis hundert Meilen hinaufrudern konnten; ihr Gewicht war so gering, dass man sie ohne Probleme auf Wagen von einem Fluss über Land zum anderen transportieren konnte; und die Piraten, welche in die Rhein- oder Seinemündung vorgedrungen waren, gelangten über die schnellfließende Rhone wohl auch in das Mittelmeer. A.D. 371 Unter der Herrschaft Valentinians jedenfalls waren die gallischen Seeprovinzen ein Angriffsziel der Sachsen: ein comes militaris wurde mit der Verteidigung der Küste oder armorikanischen Grenze betraut; und dieser General, der fand, dass seine Kräfte und Fähigkeiten durch dieses Unternehmen überfordert seien, suchte bei Severus, dem Heermeister der Infanterie, um Hilfe nach. Die Sachsen, die sich plötzlich von einer Überzahl eingekreist sahen, mussten ihre Beute herausrücken und viele aus ihrer blühenden, kräftigen Jugend für den Dienst in der kaiserlichen Armee zurücklassen. Für sich bedangen sie sich lediglich einen sicheren und ehrenhaften Abzug aus, worauf der römische General auch bereitwillig einging; welcher indessen auf Verrat sann Ammianus (28,5) verteidigt diesen Treuebruch gegenüber Räubern und Piraten; und Orosius (7,32) weist sogar noch deutlicher auf ihre eigenene Schuld hin: »virtute atque agilitate terribiles.«, (In ihrer Tugend und Behendigkeit schrecklich). , der ebenso unklug wie unmenschlich war, solange noch ein Sachse am Leben und in Waffen war, das Schicksal seiner Landleute zu rächen. Die Ungeduld der Infanterie, welche in einem tiefen Tal verborgen lag, verriet den Hinterhalt; und vermutlich wären sie das Opfer ihrer eigenen Trickerei geworden, wenn nicht eine starke Abteilung von Panzerreitern, aufgeschreckt durch das Kampfgelärme, in Eile hinzu gekommen wäre, ihre Kameraden heraus zu hauen und die unverzagten Sachsen zu überwältigen. Einige Gefangene wurden zunächst geschont, ums später im Amphitheater ihr Blut zu vergießen; und der Redner Symmachus beschwert sich darüber, dass neunundzwanzig jener Wilden sich mit eigenen Händen umbrachten und so das Publikum um sein Vergnügen betrogen. Aber den gebildete und nachdenkliche Teil Roms durchschauderte es doch, als er vernehmen musste, dass die Sachsen den zehnten Teil ihrer menschlichen Beute ihren Göttern opferte; und dass sie die Opfer dieser barbarischen Riten mit dem Los bestimmten Symmachus (2, epistula 46) wagt es immer noch, die heiligen Namen des Sokrates und der Philosophie zu erwähnen. Der Bischof von Clermont, Sidonius, konnte die Menschenopfer der Sachsen (8, epistula 6) mit weniger Widerspruch verurteilen. . I. BRITANNIEN · DIE SCOTEN UND DIE PICTEN II Die sagengeschmückten Kolonien der Ägypter und Trojaner, Skandinavier und Spanier, die den Stolz unserer ungebildeten Altvordern kitzelten und sie in ihrer Naivität erheiterten, haben vor dem Licht der Philosophie und der Wissenschaft keinen Bestand mehr Zu Beginn des letzten Jahrhunderts sah sich der gelehrte Cambden genötigt, mit respektvoller Skepsis die Romanze des Trojaners Brutus zu zerstören, welcher nunmehr zusammen mit Scota , der Tochter des Pharao und ihrer zahlreichen Nachkommenschaft begraben und vergessen ist. Aber wie ich höre, sind immer noch einige Verfechter der milesischen Kolonie unter den Ureinwohnern von Irland zu finden. Ein Volk, das mit seinen gegenwärtigen Bewandnissen unzufrieden ist, greift nach jedem Strohalm vergangenen oder künftigen Ruhmes. . Das gegenwärtige Zeitalter begnügt sich mit der schlichten und sachlichen Feststellung, dass die britischen Inseln und Irland vom benachbarten Gallien aus besiedelt worden sind. Von Kent bis Caithness und Ulster haben sich die Erinnerungen an die keltischen Ursprünge dauerhaft in den Ähnlichkeiten der Sprache, der Religion und des Brauchtums bewahrt: und die einzelnen Besonderheiten der britischen Stämme kann man ungezwungen den Einflüssen zufälliger oder lokaler Besonderheiten zuschreiben Tacitus, oder vielmehr sein Schwiegervater Agricola, mag wohl vom spanischen und germanischen Aussehen einiger britischer Stämme berichten. Aber dies war ihre wohlerwogenen Meinung: »In universum tamen aestimanti Gallos vicinum solum occupasse credibile est. Eorum sacra deprehendas...sermo haud multum diversus.«, (Insgesamt aber kann man vermuten, dass Gallier die Nachbargebiete besetzt haben. Ihre heiligen Bräuche...Sprache nicht sehr verschieden.) Agricola 11. Caesar war ihre gemeinsame Religion aufgefallen (Bellum Gallicum 6,13); und zu seiner Zeit war die Auswanderung der belgischen Gallier ein jüngst zurückliegendes, oder zumindest doch geschichtliches Ereignis (5,10). Cambden, der britische Strabo, hat unsere Altertümer auf einen bescheideneren Sockel gestellt. (Britannia, Band 1, Einleitung, p. II – XXXI). . Die römische Provinz lebte von da an in zivilisierter und friedvoller Sklaverei: das Recht auf ungezügelte, wilde Freiheit war nur in den engen Grenzen von Kaledonien gegeben. Die Bewohner jener Gebiete des Nordens waren seit der Herrschaft des Constantin in PICTEN und SCOTEN unterteilt, die seitdem eine sehr unterschiedliche Geschichte durchlebten Als Führer durch die unsicheren kaledonischen Altertümer habe ich mir zwei gelehrte Hochländer erwählt, die ihre Geburt und Ausbildung für dieses Amt vorzüglich qualifizierten: Ursprung, Geschichte \&c der Kaledonier, von Dr. John Macperson, London 1768 und Einführung in die Geschichte von Großbritannien und Irland, von James Macperson, Esq, London, 1773. Dr. Macperson war Amtmann auf der Insel Skye: Es zeichnet unsere Gegenwart aus, dass ein so grundgelehrtes Werk auf einer der entlegennsten Hebrideninseln entstehen konnte. . Die Herrschaft, beinahe sogar die Erinnerung an die Picten ist durch ihre erfolgreicheren Rivalen nahezu ausgelöscht worden; und die Scoten, die seit Menschengedenken den Status eines selbstständigen Königreiches innehatten, haben durch gleichberechtigten und freiwilligen Zusammenschluss die Ehre des englischen Namens gemehrt. Die Natur hat seit alters zwischen Scoten und Picten unterschieden: Die Erstgenannten waren Leute des Hügellandes, die Letzteren des Flachlandes. Die Ostküste von Kaledonien kann man als ebenes und fruchtbares Gebiet ansehen, das selbst bei wenig entwickeltem Feldbau hinreichende Mengen an Getreide lieferte; und das Epitheton criutnich oder Weizen-Esser drückte nur die Verachtung oder den Neid der Fleisch-Esser aus dem Hochland aus. Die Urbarmachung des Bodens mag ja zu einer gerechteren Eigentumsverteilung und zu sesshafter Lebensweise führen; aber die Liebe zu Waffen und Raub blieb die sinnstiftende Leidenschaft der Picten; und ihre Krieger, die sich am Tage einer Schlacht auszogen, waren in den Augen der Römer durch die befremdliche Sitte auffällig, ihre nackten Leiber mit geschmacklosen Farben und fantastischen Figuren zu bemalen. Der westliche Teil von Kaledonien geht unvermittelt in wildes und schwerzugängliches Hügelland über, welches dem Landmann seine Mühe nicht vergilt und noch am besten als Viehweide geeignet ist. Die Hochlandbewohner sind deshalb zu einer Existenz als Hirten und Jäger verurteilt; und da sie nur selten dauerhaften Wohnsitz nahmen, erhielten sie den bezeichnenden Namen der SCOTEN, was in keltischer Zunge Wanderer oder Vaganten bedeuten soll. Die Einwohner eines derart abgeschnittenen Landes suchten ihre Nahrung auch notgedrungen im Wasser. Die tiefen Seen und Buchten, die ihr Land zerschneiden, sind reich an Fisch; und irgendwann wagten sie auch, ihre Netze auf dem offenen Meer auszuwerfen. Die Nähe der Hebriden, die sich so weitläufig an der schottischen Westküste verteilen, erweckten ihre Neugier und vermehrte ihre Kenntnisse: allmählich erwarben sie sich die Fertigkeit, oder besser: die Gewohnheit, ihre Boote in ruppiger See zu steuern und des Nachts mit Hilfe bekannter Sterne ihren Kurs zu finden. Die beiden kühnen Vorgebirge von Kaledonien berühren fast die Küsten einer umfänglichen Insel, welche wegen ihrer üppigen Vegetation den Beinamen Die Grüne erhalten hat; und die mit leichten Abänderungen die Namen Erin oder Ierne oder Ireland führt. Es ist wahrscheinlich , dass in grauer Vorzeit die fruchtbaren Ebenen Ulsters von einer Kolonie hungriger Scoten aufgesucht wurde; und dass die Fremdlinge aus dem Norden, die es wagen konnten, sich mit den römischen Legionen zu messen, die wilden und unkriegerischen Bewohner der einsamen Insel bezwungen hatten. Es ist gewiss , dass zu den Zeiten des untergehenden Roms Kaledonien, Irland und die Insel Man von Scoten besiedelt war und dass die verwandten Stämme, die sich oft zu militärischen Unternehmungen zusammenschlossen, durch das gemeinsame Schicksal zutiefst berührt waren. So pflegten sie noch lange die lebendige Tradition eines gemeinsamen Namens und einer gemeinsamen Herkunft. Und die Missionare der Insel der Heiligen, welche das Licht des Christentums auch nach Nordengland trugen, gaben sich der eitlen Hoffnung hin, dass ihre irischen Landsleute die natürlichen und geistlichen Väter der schottischen Rasse seien. Diese irrige und vergessene Tradition wurde durch Beda venerabilis bewahrt, welcher aber immerhin einiges Licht auf das Dunkel des achten Jahrhunderts warf. Auf dieser unscheinbaren Basis haben nun Barden und Mönche allmählich einen gigantischen Überbau von Fabeln aufgetürmt; zwei Stände, welche gleichermaßen das Vorrecht zum Erdichten missbrauchten. Die schottische Nation hat aus falsch verstandenem Stolz ihre irische Genealogie übernommen: Und die Annalen einer langen Folge von Märchenkönigen wurden durch die Phantasie des Boethius und die klassische Eleganz des Buchanan ausgeschmückt Die irische Abstammung der Schotten wurde, als man sie eigentlich schon aufgegeben hatte, noch einmal von dem Hochwürden Whitaker aufgegriffen (History of Manchester, Band 1, p. 431f. uns Genuine History of the Britons, p. 154 – 293). Er erkennt allerdings an, dass 1. Die Scoten des Ammianus Marcellinus (A.D. 340) bereits in Kaledonien siedelten; und dass die römischen Autoren nicht einen einzigen Hinweis für eine Auswanderung aus einem anderen Land geben. Dass 2. sämtliche Beweise für eine solche Auswanderung, welche irische Barden, schottische Historiker oder englische Gelehrte (etwa Buchanan, Cambden, Usher, Stillingfleet \& al) zusammenhgetragen haben, in den Bereich der Fabel gehören. Dass 3. drei irische Stämme, welche Ptolemäus erwähnt (A.D. 150), kaledonischer Herkunft waren. Dass 4. eine jüngere Linie kaledonischer Herrscher aus dem Hause Fingal die Königsherrschaft über Irland innehatte. Nach allen diesen Eingeständnissen verbleiben zwischen Herrn Whitaker und seinen Gegnern nur noch vernachlässigbar kleine Differenzen. Die wirkliche Geschichte , die er über einen Fergus, den Vetter Ossians erzählt und die man von Irland nach Schottland verlegt hat, beruht auf einer unsicheren Ergänzung zur gälischsprachigen Dichtung und den schwachen Beweisen des Richard von Cichester, eines Mönchs des XIV Jahrhunderts. Die lebhafte Phantasie des belesenen und erfindungsreichen Gelehrten hat ihn dazu gebracht, die wahre Natur der Frage zu vergessen, die er so leidenschaftlich diskutiert und so endgültig entscheidet. . EINFALL DER PICTEN UND SCOTEN IN ENGLAND Sechs Jahre nach dem Tode des Constantin machten die verheerenden Einfälle der Picten und Scoten die Anwesenheit seines jüngsten Sohnes, des Herrschers über das Westreich, erforderlich. Constans stattete seinen britischen Kolonien seinen Besuch ab; wir können allerdings aus der Sprache der Lobreden ein ungefähres Bild über die Größe seines Erfolges gewinnen, wird doch wesentlich nur sein Sieg über die Elemente gefeiert; oder, anders gesagt, das Glück, dass er bei seiner ruhigen und sicheren Überfahrt von Boulogne nach Sandwich hatte »Hieme tumentes ac saevientes undas calcastis Oceani sub remis vestris; ...insperatum imperatoris faciem Britannus expavit.«, (Die winterlich tobenden, aufbrausenden Wellen habt ihr unter eure Riemen genötigt...der Brite bebt vor dem unerwarteten Erscheinen des Kaiser zurück.) Julius Firmicus Maternus de Errore Profanarum Religionum, p. 464. Siehe auch Tillemont (Histoir des Empereurs, Band 4, p. 336). . Die Notlage, die die bedrängten Provinzbewohner ausstehen mussten infolge äußerer Kriegseinwirkung und der Tyrannen im eigenen Lande, wurde durch die schwache und korrupte Administration der Eunuchen des Constantius zusätzlich erschwert; und die vorübergehende Erleichterung, die ihnen Julians rechtlicher Sinn gebracht haben mochte, war durch die Abwesenheit und den frühen Tod ihres Wohltäters schon bald hinfällig geworden. Die Gold- und Silberbeträge zur Besoldung der Truppen, die man mit Mühe zusammengetragen oder großzügig zugeteilt hatte, wurden durch habgierige Kommandeure unterschlagen; Entlassungen oder Freistellungen vom Militärdienst standen öffentlich zum Verkauf; die Soldaten, denen man auf betrügerische Weise ihre gesetzliche und karg bemessene Verpflegung vorenthielt, verfielen in ihrer Not auf das Auskunftsmittel der Desertation; die Disziplin war verkommen und die Wege waren mit Straßenräubern verseucht Libanios, Oratio parentalis 39. Diese bemerkenswerte Stelle ist der Aufmerksamkeit unserer britischen Forscher entgangen. . Die Unterdrückung des Guten und die Straflosigkeit des Verbrechens bewirkten in gleicher Weise, dass der Geist der Unzufriedenheit und Erhebung sich auf der Insel ausbreitete; jeder halbwegs ehrgeizige Untertan, jeder entschlossene Exilant mochte die begründete Hoffnung nähren, die schwache und unfähige Regierung Britanniens zu stürzen. Die einander feindlichen Stämme des Nordens, die die stolze Allmacht des Königs der Welt verachteten, ließen ihre internen Konflikte ruhen; und die Barbaren zu Lande und zu Wasser, die Sachsen, Picten und Scoten ergossen sich mit unwiderstehlicher Wucht vom Antoniuswall bis zur Küste von Kent. Alles, was Natur oder Kunst hervorbringen konnten, jeder Gegenstand, der der Bequemlichkeit oder dem Luxus diente und die sie selbst nicht herstellen oder durch Handel erwerben konnten, fanden sich in der reichen und fruchtbringenden Provinz Britannien angehäuft Die Kaledonier rühmten und begehrten das Gold, die Schlachtrosse \&c der » Fremden .«, Siehe Dr. Blair, Dissertation on Ossian, Band 2, p. 343 und Mr Mcphersons Introduction, p. 242 – 286. . Ein Philosoph mag die immerwährenden Zwistigkeiten der menschlichen Rasse beweinen, aber er wird zugestehen, dass die Beutegier einen einsichtigeren Anlass abgibt als eitles Eroberungsstreben. Vom Zeitalter des Constantin bis zu den Plantagenets stachelte beutelüsterner Sinn die armen und kühnen Kaledonier: dasselbe Volk, deren freundliche Menschlichkeit die Gesänge eines Ossian angeregt zu haben scheint, war anderseits wegen seiner mangelnden Friedensliebe und der Unkenntnisse der Kriegsgesetze schandbar. Ihre südlichen Nachbarn haben die grausamen Beutezüge der Scoten und Picten zu spüren bekommen und möglicherweise etwas übertrieben Lord Littleton hat umständlich davon erzählt (History of Henry II, Band 1, p. 182) und Sir David Dalrymple zumindest angedeutet (Annals of Scotland, Band 1, p. 69)., dass ein barbarischer Einfall der Schotten noch zu einer Zeit stattgefunden habe (A.D. 1137), als Gesetz, Religion und gesellschaftliche Verhältnisse ihre archaischen Verhaltensweisen eigentlichen geglättet haben sollten. : und ein jugendkühner kaledonischer Stamm, die Attacotti »Attacotti bellicosa hominum natio.«, (Das kriegslüsterne Volk der Attacotti.) Ammiam 27,8. Cambden (Introduction p. CLII) hat ihren wirklichen Namen in dem Text von Hieronymos rekonstruiert. Die Horden der Attacotti, welche Hieronymos in Gallien gesehen hatte, wurden bald darauf in Italien und Illyrien stationiert. Notitia dignitatum, p. 8, 39 und 40. , Feinde und später Verbündete des Valentinian, werden von Augenzeugen des Genusses von Menschenfleisch bezichtigt. Wenn sie im Wald auf Jagd gingen, dann, so heißt es, griffen sie viel lieber den Schäfer als seine Herde an; und sie sollen mit besonderer Kennerschaft die schmackhaftesten und muskulösesten Teile von männlichen und weiblichen Körpern ausgesucht haben, die sie dann für ihre entsetzlichen Mahlzeiten zubereiteten »Cum ipse adolescentulus in Gallia viderim Attacottos (or Scotos) gentem Brittannicam humanis vesci carnibus; et cum per silvas porcorum greges, et armentorum pecudumque reperiant, pastorum ›nates‹ et feminarum ›papillas‹ solere ab scindere; et has solas ciborum delicias arbitrari.«, (Da ich als junger Mann den britischen Volksstamm der Attacotten (oder »Scotos«,) in Gallien Menschenfleisch essen gesehen habe; und da sie – obwohl man in ihren Wäldern Wildschweine und Herden von Groß- und Kleinvieh antrifft – die Gesäßbacken von Hirten und die Brüste von Frauen abzuschneiden pflegen; und nur dieses als Delikatesse ansehen...) So das Zeugneis des Hieronymos (Opera, Band 2, p. 75), dessen Glaubwürdigkeit anzuzweifeln ich keine Ursache finde. . Wenn in der Nachbarschaft des gewerbefleißigen und kunstbeflissenen Glasgow tatsächlich Kannibalen gelebt haben sollten, dann können wir mit Hilfe der Geschichte Schottlands über die äußersten Gegensätze barbarischen und kultivierten Lebens nachdenken. Solche Überlegungen helfen uns, den Kreis unserer Vorstellungen zu erweitern: und zugleich die erfreuliche Hoffnung zu unterhalten, dass in einer fernen Zukunft Neuseeland einen David Hume der Südhalbkugel hervorbringen wird. II. THEODOSIUS UND BRITANNIEN A.D. 367 · 370 Jeder Bote, dem über den Kanal zu entkommen gegönnt war, brachte höchst betrübliche und aufschreckende Zeitung vor Valentinians Ohren; und so erfuhr der Kaiser schon bald, dass die beiden militärischen Befehlshaber der Provinz von den Barbaren überrumpelt und niedergemacht worden seien. Der comes Severus wurde eilig vom Hof in Trier abgeschickt und ebenso schnell wieder zurückberufen. Auch die Schilderung des Jovinus diente nur dazu, den Umfang der Kalamität zu verdeutlichen, und so wurde nach langer und ernsthafter Beratung die Verteidigung, oder genauer: die Wiedereroberung Britanniens den militärischen Fähigkeiten des wackeren Theododius anvertraut. Die Heldentaten jenes Generals, des Vaters einer ganze Reihe von Kaisern, sind von den Autoren der Zeit mit besonderem Wohlbehagen dargestellt worden: aber seine eigentliche Leistung hatte ihren Beifall verdient gehabt; und seine Ernennung wurde von der Armee und der Provinz als zuverlässige Ankündigung eines bevorstehenden Sieges angesehen. Es segelte genau zum richtigen Zeitpunkt ab und landete sicher und wohlbehalten mit seinen zahlreichen Truppen von herulischen, batavischen und jovianischen Veteranen. Auf dem Wege von Sandwich nach London rieb Theodosius zahlreiche Detachements der Barbaren auf, befreite ungezählte Gefangene und begründete darüber hinaus seinen Ruf der selbstlosen Gerechtigkeit, weil er nach der Verteilung eines kleinen Teils der Beute an seine Soldaten den beträchtlichen Rest an die ursprünglichen Eigentümer zurückgab. Die Einwohner Londons, die schon an ihrer Rettung verzweifelt hatten, öffneten ihm bereitwillig die Tore; und sobald Theodosius vom Hof zu Trier einen General und einen Zivilgouverneur zur Unterstützung erhalten hatte, machte er sich mit Umsicht und Nahdruck an die endgültige Befreiung Britanniens. Die vagabundierenden Soldaten wurden zu ihren Einheiten zurückgerufen; eine allgemeine Amnestie beruhigte die Gemüter; und mit seinem fröhlichen Vorbild machte er die Belastung durch die Kriegsdisziplin erträglich. Die planlose und zufällige Kriegsführung der Barbaren, die Land und Meer heimsuchten, verwehrten ihm zwar den Ruhm eines entscheidenden Sieges; aber die wohlüberlegte und vollendete Kriegkunst des römischen Generals bewährte sich doch in zwei Feldzügen, auf welchen er nacheinander jeden Teil der Provinz aus den Händen eines grausamen und beutelüsternen Feindes befreite. A.D. 368 UND 369 Theodosius väterliche Fürsorge machte, dass die Städte schon bald wieder in ihrem alten Glanz erstrahlten und die Festungsanlagen sich in ihrem früheren Zustand befanden: die bebenden Kaledonier jagte er mit starker Hand in den nördlichsten Winkel der Insel zurück; und mit der Anlage und Besiedlung der neuen Provinz Valentia wurde der Ruhm der Regierung Valentinians verewigt Ammianus hat den ganzen Verlauf des britannischen Krieges in gestraffter Form dargestellt. (20,1; 26,4; 27,8; 28,3.) . Die Stimme der Dichtung und Ruhmrede mag mit einigem Anspruch auf Wahrheit noch hinzufügen, dass selbst in dem unbekannten Gebiet um Thule die Picten ihr Blut vergossen; dass die Ruder des Theodosius sogar noch die Wellen des Hyperboräischen Ozeans aufwühlten; und dass die fernen Orkneyinseln Zeuge seines Sieges über die sächsischen Piraten waren Horrescit ... ratibus ... impervia Thule. /Ille ... nec falso nomine Pictos/Edomuit. Scotumque vago mucrone secutus/Fregit Hyperboreas remis audacibus undas. (Jener, der Thule, von...Schiffen unerreichbar,...erschreckte; /der das wahre Volk der Picten unterwarf;/ der den Scoten mit streifender Macht verfolgte/der die Wogen des Norden mit trotzigenRudern zerbrach) Claudian, De III. consulatu Honorii, 53 – 55. . Hell strahlte sein Ruhm, als er die Insel verließ: und unverzüglich beförderte ihn sein Herrscher in den Rang eines Heermeisters, da er offenbar in der Lage war, die Verdienste eines Untergebenen auch ohne Neidgefühle anzuerkennen. In der wichtigen Garnison an der oberen Donau hielt der Eroberer Britanniens die Armee der Alamannen auf und besiegte sie, bevor ihm die Unterdrückung der Revolte in Afrika aufgetragen wurde. III. AFRIKA · DIKTATUR DES ROMANUS A.D. 366 III. Der Herrscher, der sich weigert, über seine Minister auch das Richteramt auszuüben, macht sich in den Augen des Volkes zu ihren Komplizen. Das militärische Oberkommando in Afrika hatte seit langem der comes Romanus inne, und entschieden war er den Anforderungen seines Amtes gewachsen. Aber da er ausschließlich in seiner Stellung niedere Interessen verfolgte, verhielt er sich bei fast allen Gelegenheiten so, als sei er der Feind der Provinz und der Freund der Wüstenbarbaren. Die drei blühenden Städte Oea, Leptis und Sabrata, die unter dem Namen Tripoli seit langem eine Föderation Ammianus erwähnt mehrfach ihr consilium annuum, legitimum \&c. Leptis und Sabrata sind schon längst untergegangen; aber die Stadt Oea, die Heimat des Apuleius, blüht noch heute unter dem Namen Tripoli . Siehe Cellarius (Geographia Antiqua, Band 2, Teil 2, p. 81), D'Anville (Geographie Ancienne, Band 3, p. 71, 72), und Marmol (Afrique, Bd.2, p. 562). bildeten, waren zum ersten Male in ihrer Geschichte gezwungen, ihre Tore gegen eine feindliche Invasion zu schließen; mehrere ihrer angesehensten Bürger wurden überrascht und getötet; Dörfer und sogar die Vorstadt wurden geplündert; und die Wein- und Obstpflanzungen wurden durch die bösartigen Wilden von Gaetulia verwüstet. Die unglücklichen Bewohner erbaten sich von Romanus Hilfe; aber schon bald fanden sie, dass ihr Militärgouverneur nicht weniger grausam und kriminell veranlagt war als die Barbaren. Da sie außerstande waren, die viertausend Kamele und das exorbitant teure Geschenk zu stellen, welches er einforderte, bevor er Tripolis zu Hilfe komme könne, war seine Forderung gleichbedeutend mit einer Weigerung, und zu Recht durfte man in ihm den Verursacher der öffentlichen Notlage schelten. In der Jahresversammlung der drei Städte ernannten sie daher zwei Bevollmächtigte, die Valentinian die übliche goldenen Victoriastatue zu Füßen legen sollten; und die mit diesem Geschenk, das wohl eher die Pflicht als die Neigung angeregt hatte, ihre submisseste Klage verbinden sollten, dass sie von ihren Feinden vernichtet und von ihren Gouverneur verraten würden. Hätte Valentinian seinen Zorn in die richtige Richtung gelenkt, wäre der auf das Haupt des schuldigen Romanus niedergefahren. Aber dieser comes, in der Kunst der Bestechung hochqualifiziert, hatte einen vertraulichen Eilboten abgefertigt, um sich die käufliche Freundschaft der magister officium Remigius zu ersteigern. Die Weisheit des kaiserlichen Kronrates ward so durch Schliche in die Irre geführt; und ihre ehrliche Entrüstung kühlte im Laufe der Zeit immer weiter ab. Als aber die wiederholten Klagen durch die offenkundigen Notstände gerechtfertigt schienen, wurde der Notar Palladius vom Hof zu Trier nach Afrika entsandt, die dortigen Zustände und das Verhalten des Romanus persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Strenge Überparteilichkeit des Palladius war rasch entwaffnet: er geriet in Versuchung, einen Teil des Staatsschatzes, den er zur Besoldung der Truppen mitgeführt hatte, für sich zu behalten; und von dem Moment an, als er sich seines eigenen Vergehens bewusst war, war er auch nicht mehr imstande, die Unschuld und verdienstvolle Amtsführung des comes zu beurkunden. Die Anklage der Bewohner von Tripolis wurde als unberechtigt und leichtfertig verworfen; und Palladius höchstselbst wurde von Trier nach Afrika mit dem Sonderauftrag zurückgeschickt, die Urheber jener gottlosen Verschwörung gegen die Repräsentanten des Herrschers zu entdecken und zu bestrafen. Seine Nachforschungen wurden mit soviel Geschick und Erfolg geführt, dass er sogar die Bürger von Leptis, die doch immerhin eine Belagerung von acht Tagen überstanden hatten, zwang, die Berechtigung ihrer eigenen Beschlüsse zu widerrufen und die Maßnahmen ihrer eigenen Beauftragten zu bestrafen. Ohne Verzug erließ die vorschnelle und hitzige Grausamkeit des Valentinian ein Bluturteil. Der oberste Repräsentant von Tripolis, den die Notlage der Provinz nicht kalt gelassen hatte, wurde in Utica öffentlich hingerichtet; vier Bürger von Rang wurden als Komplizen dieses angeblichen Betruges zum Tode verurteilt; und zwei anderen wurde auf ausdrücklichen kaiserlichen Befehl die Zunge herausgerissen. Romanus, durch Straffreiheit neuerlich belebt und durch Widerstand aufgereizt, blieb weiterhin militärischer Befehlshaber; bis die Afrikaner infolge seiner Raubgier zu den aufständischen Fahnen von Firmus, dem Mauren, getrieben wurden Ammianus 28,6. Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 5, p. 25, 676) hat die Probleme der Chronologie im Zusammenhang mit dem comes Romanus diskutiert. . DER AUFSTAND DES FIRMUS · A.D. 372 Sein Vater Nubel (Nabal) war eine der reichsten und mächtigsten maurischen Herrscher, welcher die Oberherrschaft Roms anerkannte. Da er aber seinen Frauen und seinen Beischläferinnen eine beträchtliche Nachkommenschaft hinterlassen hatte, hub um die üppige Erbschaft ein heftiges Hadern an; und Zamma, einer seiner Söhne, wurde bei einem häuslichen Zank von seinem Bruder Firmus erschlagen. Der fanatische Eifer, mit dem Romanus diesen Mord gerichtlich verfolgen ließ, geht entweder auf Rechnung seiner Habgier oder einer persönlichen Feindschaft: Bei dieser Gelegenheit indessen waren sein Klagen berechtigt; sein Einfluss hatte Gewicht; und Firmus erkannte mit Deutlichkeit, dass er dem Nachrichter seinen Hals würde beugen müssen, wenn er gegen das kaiserliche Urteil nicht bei seinem Volk und bei seinem Schwert in Berufung gehen würde Die Chronologie bei Ammianus ist hier wirr und rätselhaft: Orosius (7,33) scheint die Revolte des Firmus nach dem Tod des Valentinian und Valens stattfinden zu lassen. Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 5, 691) beschreitet seinen eigenen Weg. Auf das milde und trittsichere Maultier der Alpen kann man sich noch auf den schlüpfrigsten Pfaden verlassen. . Er wurde wie der Befreier seines Landes begrüßt; und sobald erkennbar war, dass Romanus nur einer unterwürfigen Provinz fürchterlich war, fiel der Tyrann von Afrika der allgemeinen Verachtung anheim. Der Untergang von Caesarea, das die marodierenden Barbaren plünderten und niederbrannten, überzeugte die unentschlossenen Städte von der Gefährlichkeit des Widerstandes. Firmus' Macht war zumindest in Mauretanien und Numidien gefestigt; und einzig darüber war er sich noch nicht sicher, ob er das Diadem eines maurischen Königs oder den römischen Kaiserpurpur annehmen sollte. Aber die unbedachten und glückverlassenen Afrikaner mussten schon bald entdecken, dass sie bei dieser spontanen Erhebung weder ihre eigenen Kräfte noch die Fähigkeiten ihres Anführers richtig eingeschätzt hatten. Bevor er sich auch nur zuverlässige Nachrichten darüber besorgt hatte, welchen General der Herrscher des Westens bestimmt hatte oder ob sich eine Transportflotte an der Rhonemündung versammelt hatte, musste er erfahren, dass der große Theodosius mit einer kleinen Truppe bewährter Veteranen in der Nähe von Igilgilis oder Gigeri an der afrikanischen Küste gelandet sei; und angsterfüllt sank der Usuropator unter dem Übergewicht von Disziplin und militärischen Genius nieder. AFRIKA DURCH THEODOSIUS ZURÜCKEROBERT A.D. 373 Obwohl Firmus eine Kriegskasse und Waffen zur Genüge besaß, glaubte er schon nicht mehr an seinen Sieg und griff zu den Auskunftsmitteln, derer sich im selben Lande und in vergleichbarer Lage einst der fintenreiche Jugurtha bedient hatte. Er versuchte durch offenkundiges Nachgeben die Wachsamkeit des römischen Generals einzuschläfern; die Treue seiner Männer zu verführen; und den Krieg in die Länge zu ziehen, indem er entweder versuchte, Afrikas wilde Stämme für seine Sache zu gewinnen oder sie bestimmte, seine Flucht zu decken. Theodosius eiferte hier dem Vorbild des Metellus nach und hatte Erfolg damit. Als Firmus in der Maske des Bittflehenden sich seine eigene Gedankenlosigkeit vorwarf und an die Milde des Kaisers appellierte, empfing und entließ ihn Valentinians General mit freundlicher Umarmung; aber zugleich bestand er auf einem greifbaren Zeichen aufrichtiger Reue; auch konnte er sich nicht dazu bereden lassen, nur aufgrund von Friedensversprechungen von weiteren Kriegshandlungen abzustehen. Theodosius Scharfsinn entdeckte eine finstere Verschwörung; und ohne viel Federlesens brachte er der öffentlichen Empörung, die er insgeheim verursacht hatte, ihr Opfer. Mehrere schuldige Komplizen des Firmus wurden nach altem Brauchtum dem Tumult einer militärischen Hinrichtung ausgeliefert; noch erheblich mehr dienten dadurch, dass man ihnen die Hände abschlug, als lebendes abschreckendes Beispiel. In den Hass der Rebellen mischte sich nun die Furcht; und in die Furcht vor den römischen Soldaten mischte sich auch so etwas wie gehässige Realitätsanerkennung. Auf der grenzenlose Ebene von Getulia oder in den zahllosen Tälern des Atlasgebirges konnte man die Flucht des Firmus unmöglich verhindern; und hätte der Usurpator die Geduld seines Gegners erschöpfen können, dann hätte er sich in irgendeine abgelegene Einsamkeit zurückgezogen und seine Hoffnungen auf künftige Revolutionen gesetzt. Aber er scheiterte an der Hartnäckigkeit des Theodosius, welcher fest entschlossen war, den Krieg erst mit dem Tode des Aufständischen zu beenden und jede Nation Afrikas, die seine Sache zu unterstützen sich unterfangen hatte, in seinen Untergang mit einzubeziehen. An der Spitze einer kleinen Truppe, die selten mehr als dreitausendfünfhundert Mann betrug, drang der römische General klugbesonnen, ohne Hast oder Furcht in das Herz eines Landes, in welchem ihn bisweilen Armeen von zwanzigtausend Mauren angriffen. Die Kühnheit, mit der er seine Angriffe vortrug, entmutigte die Barbaren; seine Rückzugsmanöver, die immer zum rechten Zeitpunkt und in guter Ordnung stattfanden, brachte sie aus der Fassung; seine vielen taktischen Winkelzüge waren nachgerade ein Hohn für sie; und so erfuhren und gestanden sie die Überlegenheit ein, die dem Feldherren der zivilisierten Nation zu Gebote stand. Als nun Theodosius in das riesige Gebiet von Igmazen, des Königs von Isaflenses eindrang, begehrte der hochfahrende Wilde in Worten trotziger Häme zu erfahren, wer er sei und zu welchem Ende er seinen Feldzug veranstalte. »Ich bin,«, so die strenge und geringschätzige Antwort des comes, »ich bin der General des Valentinian, des Königs der Welt; der mich hierher geschickt hat, einen Räuber zu ergreifen und zu bestrafen, der keinen Anteil mehr an der Menschheit hat. Liefere ihn mir unverzüglich aus; und des magst du gewiss sein: solltest du murmeln wider meines unbesiegbaren Herren Beschluss und Befinden, so sollst du und das Volk, über das du gebietest, ausgetilgt sein.«, Sobald Igmazen innewurde, dass sein Feind die Möglichkeiten und den Willen besaß, diese fatale Drohung auszuführen, willigte er in den Frieden ein, der durch das Opfer eines schuldigen Flüchtlings günstig zu erhalten war. Die Posten, die zur Bewachung der Person des Firmus abgeteilt waren, nahmen ihm jeden Gedanken an Flucht; und so betäubte der maurische Alleinherrscher mit Hilfe von Wein das Gefühl für die Gefahr, betrog die Römer um ihren billigen Triumph und erhängte sich in der Nacht. Sein Leichnam – das einzige Geschenk, welches Igmazen dem Sieger andienen konnte – wurde nachlässig auf ein Kamel geworfen; und Theodosius, der seine siegreichen Truppen nach Sitifi zurückführte, wurde überall freudig, loyal und mit dem wärmsten Beifall begrüßt Ammianus 29,5. Der Text diesen langen Kapitels (fünfzehn Quartseiten) ist fragmentarisch und verderbt, und der Erzählung fehlt jeder chronoligische oder geographische Anhaltspunkt. . THEODOSIUS IN KARTHAGO HINGERICHTET A.D. 376 Afrika hatten die Römer durch ihre eigenen Verbrechen eingebüßt; die Tugenden des Theodosius gaben es ihnen wieder: und es mag lehrreich sein, der Frage nachzugehen, wie denn nun der kaiserliche Hof mit den beiden hierfür verantwortlichen Generälen verfuhr. Der comes Romanus ward durch den Heermeister der Reiterei seines Amtes entsetzt und blieb bis zum Ende des Krieges bei ihm in sicherem und ehrenhaftem Verwahr. Für seine Verbrechen nun allerdings gab es die zuverlässigsten Beweise; und mit einiger Ungeduld wartete das Publikum auf ein strenges Urteil. Aber der parteiliche und mächtige Einfluss des Mellobaudes ermutigte ihn, seine Richter abzulehnen, sich immer wieder Aufschub gewähren zu lassen, um in großen Massen Entlastungszeugen aufzutreiben und so am Ende seine schuldbeladene Amtsführung hinter der zusätzlichen Schuld des Betrugs und Meineids zu verbergen. Zur gleichen Zeit wurde der Retter Britanniens und Afrikas auf Grund der diffusen Vermutung, dass seine Stellung und seine Verdienste ihn über die für einen Untertanen zulässige Stellung erhöben, in Karthago auf niederträchtige Weise hingerichtet. Valentinian war inzwischen nicht mehr an der Regierung; und der Tod des Theodosius kann ebenso wie die Straflosigkeit des Romanus den Ränken der Minister zugerechnet werden, welche das Zutrauen seiner Söhne missbraucht und ihre jugendliche Arglosigkeit betrogen hatten Ammianus, 28,4. Orosius, 7,33. Hieronymos Chronicum Eusebii, p. 187. . ZUSTÄNDE AFRIKAS Wenn Ammianus seine Genauigkeit in geographischen Fragen auch dem britischen Feldzug des Theodosius gewidmet hätte, dann wären wir sicherlich mit eifriger Neugier seinen Spuren gefolgt. Aber die ermüdende Aufzählung unbekannter und uninteressanter afrikanischer Stämme möchte man zu der allgemeinen Bemerkung zusammenfassen, dass sie samt und sonders der dunkelhäutigen Rasse der Mauren zugehörten; dass sie die entlegenen Landstriche Numidiens und Mauretaniens besiedelten, die seither von den Arabern ›Land der Datteln und Heuschrecken‹ Leo Africanus (in den Viaggi di Ramusio, Band 1, p. 78 – 83) hat von Land und Leuten ein interessantes Bild entworfen; Marmol, Afrique, Band 3, p. 1 – 54, beschreibt sie noch exakter. genannt wurde; und dass schließlich, als Roms Macht in Afrika unterging, die Grenzen der Kultur und des bestellten Landes sich unmerklich verkürzten. Jenseits der äußersten Grenzen des maurischen Landes erstreckt sich über tausend Meilen bis zu den Ufern des Niger die gewaltige und feindliche Wüste des Südens. Die Alten, die von Afrika nur eine sehr unbestimmte und unvollständige Kenntnis besaßen, waren bisweilen gemeint zu glauben, dass die Trockengebiete für immer unbesiedelt bleiben müssten Diese unbewohnbare Zone wurde aufgrund der verbesserten Kenntnisse der antiken Geographen von fünfunddreißig auf vierundzwanzig oder sogar sechzehn Breitengrade verkleinert. Siehe hierzu die gelehrte und scharfsichtige Anmerkung des Dr. Robertson, History of America, Band 1, p. 426 : und bisweilen gefielen sie sich darin, den leeren Raum mit Menschen – besser wohl: Monstern »Intra, si credere libet, vix iam homines et magis semiferi...Blemmyes, Satyri, etc.«, (Im Inneren gibt es, wenn man es denn glauben mag, Lebewesen, kaum noch Menschen, Halbe Tiere, Blemyer, Satyrn usw) Pomponius Mela, 1,4, p. 26. Plinius d.Ä. erklärt die Abweichungen in der Natur (5,8), – er hatte sie leichtgläubig zugelassen – ›philosophisch.‹ ohne Kopf zu besiedeln; mit gehörnten und klauenfüßigen Satyren Wenn es sich bei dem Satyr um den Orang-Utan handelt, einen großen Menschenaffen (Buffon, Histoire Naturelle, Band 14, p. 43ff), so war in der Zeit des Constantin tatsächlich einer in Alexandria lebendig zu sehen. Es bleiben dann allerdings einige Fragen offen hinsichtlich der Unterhaltung, die der Heilige Antonius mit diesem frommen Wilden aus der Wüste von Thebais geführt hatte. Hieronymos, Vita Pauli eremitae. Opera, Band 1, p. 238. ; mit sagenhaften Zentauren Der Heilige Antonius traf auch eines dieser Ungeheuer, dessen Existenz von Kaiser Claudius mit Bestimmtheit angenommen wurde. Das Publikum lachte darob; aber der Präfekt Ägyptens schickte ihm zuvorkommenderweise den einbalsamierten Körper eines Hippocentaur , welche noch fast einhundert Jahre im Kaiserpalast aufbewahrt wurde. Siehe Plinius d.Ä. 7,3 und dazu die einsichtige Anmerkung von Frérét in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 7, p. 321ff. ; und mit menschlichen Pygmäen, die sich auf kühnen und zweifelhaften Feldzügen gegen die Kraniche befanden Die Fabel von den Pygmäen ist fast so alt wie Homer (Ilias 3,6). Die Pygmäen Indiens und Äthiopiens waren siebenundzwanzig Zoll (›trispithami‹) groß. In jedem Frühjahr zog ihre Kavallerie (man ritt auf Ziegen oder Böcken) in Schlachtordnung, um die Gelege der Kraniche zu zerstören, »aliter«,, so Plinius, »futuris gregibus non resisti.«, (auf andere Weise konnten sie sich künftiger Schare nicht erwehren). Ihre Häuser erbauten sie aus Schlamm, Federn und Eierschalen. Siehe Plinius d.Ä., 6,35 und 7,2 sowie Strabon, 1,9. . Karthago hätte gebebt ob der merkwürdigen Zeitung, dass die Länder beiderseits des Äquators von ungezählten Nationen besiedelt seien, die sich nur in der Hautfarbe von der übrigen Menschheit unterschieden; und die Untertanen des Römischen Reiches mochten dann angstvoll darauf warten, dass die Barbarenschwärme, die aus dem Norden vordrangen, schon bald mit neuen Barbarenhorden aus dem Süden zusammentreffen würden, ebenso wilden, ebenso grässlichen. Bei genauerer Bekanntschaft mit dem Wesen ihrer afrikanischen Feinde hätten sich diese finsteren Besorgnisse allerdings rasch zerstreut. Die Tatenlosigkeit der Neger scheint weder eine besondere Hervorbringung ihrer Tugenden noch ihres Kleinmutes zu sein. Sie frönen wie alle anderen Menschen auch, ihren Leidenschaften und ihren Neigungen; und Nachbarstämme befinden sich oft genug im Kriegszustand miteinander Der dritte und vierte Band der schätzenswerten Histoire des Voyages beschreibt die gegenwärtigen Verhältnisse der Neger. Die Küstenvölker sind durch europäischen Handel erhoben und die des Landesinneren wurden durch maurische Kolonialtätigkeit gefördert. . Aber ihr archaischer Zustand hat sie niemals durchschlagende Verteidigungs- oder Zerstörungswaffen erfinden lassen; und die Völker der gemäßigten Zone haben ihre offenkundige geistige Unterlegenheit entdeckt und missbraucht. Sechzigtausend Schwarze werden jährlich an der Küste von Guinea eingeschifft, um niemals wieder in das Land ihrer Geburt zurück zu kehren; aber sie werden in Ketten eingeschifft Raynal, Histoire philosophique et politique des deux Indes, Band 4, p. 192. : und dieser beständige Exodus, der innerhalb von zwei Jahrhunderten Armeen abgegeben hätte, den Globus zu unterwerfen, ist eine Klage gegen die Schuld Europas und die Schwäche Afrikas. IV DER OSTEN · PERSERKRIEG A.D. 365 · 378 FRIEDENSSCHLUSS IV. Der Schmachfrieden, der aber immerhin die Armee des Jovian gerettet hatte, wurde auf römischer Seite getreulich eingehalten: und sobald sie die Unabhängigkeit Armeniens und Iberias feierlich bestätigt hatten, waren diese tributpflichtigen Königreiche schutzlos den Waffen des persischen Monarchen ausgesetzt Die Fakten, die Ammianus zum Beweis heranträgt (27,12), sind echt und ausschlaggebend. Moses von Chorene (Historia Armeniaca 3, p. 249 und 269) und Procopius (De bello Persico 1,5) wurden konsultiert; aber diese Historiker, die ganz unterschiedliche Tatsachen miteinander verwechseln, wiederholen sich hier und erfinden merkwürdige Geschichten hinzu; sie sind mit viel Misstrauen und Vorsicht zu lesen. . Sapor überfiel Armenien an der Spitze einer schrecklichen Streitmacht von Panzerreitern, Bogenschützen und gemieteter Infanterie; es war indessen Sapors ständig geübte Praxis, Krieg und Verhandlungen nebeneinander zu führen und Wortbruch und Meineid als das tauglichste Handwerkszeug königlicher Politik anzusehen. Er gab vor, das besonnene und maßvolle Vorgehen der armenischen Königs zu schätzen; und unter wiederholten hinterhältigen Freundschaftsversicherungen wurde Tiranus in seiner Arglosigkeit dazu überredet, sich in die Hand eines gottvergessenen und grausamen Feindes zu begeben. Mitten während einer Festveranstaltung wurden ihm silberne Ketten angelegt, welche Ehre man dem Spross der Arsakiden schuldig war, und nach kurzem Aufenthalt zu Ekbatana im Turme des Vergessens wurde er von den Kümmernissen dieses Lebens befreit, sei es durch den Dolch von eigener Hand oder durch einen gedungenen Mörder. Das Königreich Armenien wurde zu einer persischen Provinz; die Verwaltung teilten sich ein zuverlässiger Satrap und ein Lieblings-Eunuch; und Sapor marschierte ohne Verzug weiter, nunmehr den kriegerischen Geist der Iberianer zu dämpfen. Sauromaces, der in jenem Land mit Einwilligung der beiden römischen Kaiser regierte, wurde von einer überlegenen Streitmacht hinfortgejagt; und um die Römer zusätzlich zu ärgern, setzte der König der Könige das Diadem seinem erbärmlichen Vasallen Aspacuras aufs Haupt. – Die Stadt Artogerassa Vielleicht Artagera oder Ardis; vor ihren Mauern wurde Gaius, der Enkel des Augustus, verwundet. Diese Festung lag oberhalb von Amida in der Nähe einer der Tigrisquellen. (Siehe d'Anville, Geographie ancienne, Band 2, p. 106.) war der einzige Ort in Armenien, welche seinen Waffen Widerstand zu leisten wagte. Der in dieser mächtigen Festung gelagerte Schatz weckte Sapors Begehrlichkeiten; aber die Lebensgefahr, in der Olympias, die Frau, genauer: die Witwe des armenischen Königs schwebte, rief das öffentliche Mitleid auf und setzte in ihren Untertanen die Kräfte der Verzweiflung frei. Die Belagerten überrumpelten die Perser durch einen wohlorganisierten und kühnen Ausfall und schlugen sie vor den Mauern ihrer Stadt zurück. Aber die Streitkräfte Sapors wurden laufend ergänzt und verstärkt; der Mut der Garnison erschöpfte sich allmählich; die mächtigen Mauern gaben den Angriffen nach; und nachdem der hochfahrende Sieger die aufsässige Stadt durch Feuer und Schwert verwüstet hatte, führte er die unglückselige Königin gefangen davon, welche in glücklicheren Zeiten als Braut von Constantins Sohn vorgesehen war Anhand der Chronologie weist Tillemont nach, dass Olympia die Mutter von Para gewesen sein muss. . Indessen, wenn Sapor sich auch wegen der leichten Eroberung zweier abhängiger Königreiche im Triumph erheben mochte, so bekam er doch schon bald zu spüren, dass ein Volk nicht unterworfen ist, solange es in Feindseligkeit und Trotz verharrt. Die Satrapen, denen er vertrauen musste, nahmen die erste Gelegenheit war, die Zuneigung ihrer Landsleute wieder zu gewinnen und ihren unverwelklichen Hass gegen alles Persische durchblicken zu lassen. Seit ihrer Bekehrung sahen die armenische und iberische Nationen die Christen als die Freunde und die Magier als die Feinde des Höchsten Wesens an; der Einfluss des Klerus über das abergläubische Volk wirkte einhellig zu Roms Gunsten; und solange die Nachfolger Constantins mit denen des Artaxerxes um die Herrschaft über die beiderseitigen Grenzprovinzen stritten, gab am Ende die Religionszugehörigkeit den Ausschlag zugunsten des Römischen Reiches. Eine zahlreiche und aktive Anhängerschaft anerkannte Para, den Sohn des Tiranus, als rechtmäßigen Herrscher von Armenien; und sein Herrschaftsanspruch war auf immerhin fünfhundert Jahren ununterbrochener erblicher Thronfolge gegründet. In Übereinstimmung mit der einhelligen Meinung der Iberianer wurde das Land unter den beiden rivalisierenden Herrschern aufgeteilt; und Aspacuras, der sein Diadem nur von Sapors Gnaden trug, sah sich zu der Erklärung genötigt, dass allein die Rücksicht auf seine Kinder, die der Tyrann widerrechtlich als Geiseln genommen habe, ihn davon abhalte, das Bündnis mit den Persern offen aufzukündigen. Der Kaiser Valens, dem die Bestimmungen des Vertrages noch etwas galten und der ferner Bedenken trug, den Osten des Reiches in einen Krieg zu verwickeln, unternahm es schließlich doch, mit langsamen und vorsichtigen Maßnahmen die Sache Roms in den beiden Königreichen Iberia und Armenien zu fördern. Zwölf Legionen stellten am Ufer des Cyrus die Macht des Sauromaces wieder her. Den Euphrat deckte Arintheus. Eine mächtige Armee unter dem Kommando des comes Trajan und von Vadomar, dem Alamannenkönig, bezog an der Grenze zu Armenien Stellung. Aber sie hatten strengste Weisung, auf keinen Fall die Feindseligkeiten zu eröffnen, da dies sofort als Vertragsbruch ausgelegt werden könnte: und so sehr gehorsamte der römische General, dass seine Truppen zunächst mit vorbildlicher Langmut vor einem Hagel persischer Pfeile zurückwichen und sich so einen unbestrittenen Rechtstitel auf einen ehrenhaften und gerechtfertigten Sieg erwarben. Aber dieser offene Krieg ging unmerklich in sinnlose und zähflüssige Verhandlungen über. Die streitenden Parteien bekräftigten ihre Ansprüche, indem sie sich wechselseitig Arglist und Treulosigkeit vorwarfen; und es scheint, dass der ursprüngliche Friedensvertrag in nachgerade unverständlicher Sprache abgefasst war Ammianus (27,12; 29,1; 30,1) hat die Vorgänge des persischen Krieges ohne Angabe von Daten beschrieben. Moses von Chorene (Historia Armeniaca, Buch 3, p. 261, 266 und 271.) bemüht noch einige zusätzliche Fakten; aber die Unterscheidung von Wahrheit und Fabel ist hier äußerst schwierig. , da sie sich vor die Notwendigkeit gestellt sahen, die Entscheidung über nicht beweisbare Forderungen mit Hilfe der parteiischen Zeugnisse der Generäle beider Völker herbei zu führen, welche bei den Verhandlungen zugegen waren. Der Einfall der Goten und Hunnen, welche bald darauf das Reich bis in die Fundamente erschütterte, lieferte die armenischen Provinzen den Waffen Sapors aus. Aber seine sich neigenden Jahre und vielleicht auch die Alterskrankheiten des Monarchen legten die neuen Regierungsgrundsätze der Ruhe und Besonnenheit nahe. Sein Tod trat ein, als siebzig Regierungsjahre zur vollen Reife gediehen waren, und augenblicklich änderten sich der persische Hof und der Kronrat; ihre Aufmerksamkeit war höchst wahrscheinlich durch interne Schwierigkeiten und die Belastungen infolge des fernen karmanischen Krieges abgelenkt Artaxerxes war Nachfolger und Bruder (leiblicher Vetter) des großen Sapor und Vormund seines Sohnes Sapor III (Agathias 4,26). Siehe die Universal History, Band 11, p. 86 und 161. Die Verfasser dieses ungleichen Werkes haben die Geschichte der Sassaniden-Dynastie gelehrt und gründlich zusammengetragen: aber es ist ungeschickt, die Berichte über die Römer und den Orient auf zwei getrennte Abschnitte zu verteilen. . Die Erinnerung an vergangenes Unrecht verblasste unter dem Eindruck der friedlichen Gegenwart. Die Königreiche Armeniens und Iberiens durften infolge einer gegenseitigen, wenn auch stillschweigenden Übereinkunft beider Herrscher ihre widerrufliche Neutralität bewahren. In den ersten Regierungsjahren des Theodosius kam eine persische Gesandtschaft nach Konstantinopel, um für die durch nichts zu rechtfertigenden Maßnahmen der vorherigen Regierung um Entschuldigung zu bitten; und um zusätzlich als Geste der Freundschaft, ja des Respektes ein wertvolles Geschenk in Form von Edelgestein, Seide und indischen Elefanten anzubieten Pacatus, in Panegyrici 12,22 und Orosius 7,34. Ictumque tum foedus est, quo universus Oriens usque ad nunc (A.D. 416) tranquilissime fruitur. (Damals wurde ein Vertrag geschlossen, infolgedessen der Orient bis heute (416) der tiefsten Ruhe genießt.) . DIE ABENTEUER VON PARA, KÖNIGS VON ARMENIEN · SEINE ERMORDUNG A.D. 374 In dieser Darstellung der Ereignisse des Ostens unter der Herrschaft des Valens bilden die Abenteuer des Para einen faszinierenden und sonderbaren Gegenstand. Dieser Jüngling von Adel war auf Zureden seiner Mutter Olympias den persischen Feinden entkommen, als sie Artoregassa belagerten, und hatte sich unter Schirm und Schutz des Ost-Kaisers begeben. Von seinen zaghaften Ratgebern wurde Para abwechselnd unterstützt, abgesetzt, erneut eingesetzt und verraten. Die Hoffnungen der Armenier wurden zuweilen durch die Anwesenheit ihres eigentlichen Herrschers belebt; und die Minister des Valens waren's zufrieden, dass ihnen das Zutrauen der Öffentlichkeit erhalten blieb, auch wenn ihrem Vasallen die Annahme des Diadems und Königtitels unmöglich war. Aber schon bald reute sie ihre eigene Voreiligkeit. Die Missbilligung und die Drohungen des persischen Monarchen beunruhigten sie. Da fand sich ein Grund, dem grausamen und unbeständigen Gemüt Paras zu misstrauen, der schon auf den leisesten Verdacht hin das Leben seiner getreuesten Diener opferte; und der darüber hinaus noch eine geheime und höchst verfängliche Korrespondenz mit dem Mörder seines eigenen Vaters und Feind seines Landes unterhielt. Unter dem reichlich durchsichtigen Vorwand, er müsse mit dem Kaiser über Gegenstände von gemeinsamem Interesse Rats pflegen, wurde Para überredet, von seinen Bergen in Armenien hinab zu steigen, wo seine Truppen unter Waffen standen, und seine Unabhängigkeit und persönliche Sicherheit der Willkür eines ungetreuen Hofes anzuvertrauen. Der König von Armenien – denn der war er in seinen eigenen Augen und denen seines Volkes immer noch – wurden von den Statthaltern der von ihm aufgesuchten Provinzen mit allem schuldigen Respekt empfangen; als er aber in Tarsus in Kilikien ankam, wurde seine Reise unter den verschiedensten Vorwänden aufgehalten; jede Bewegung wurde mit ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit überwacht; und allmählich ging ihm auf, dass er ein Gefangener in den Händen der Römer war. Para unterdrückte seine Empörung, verhehlte seine Furcht und floh, nachdem er alles sorgfältig vorbereitet hatte, zusammen mit dreihundert Getreuen zu Pferde. Der Offizier, der den Eingang zu seiner Unterkunft bewachte, ließ den Konsular von Kilikien unverzüglich von seiner Flucht wissen, welcher ihn dann in der Vorstadt einholte und versuchte, dies allerdings vergeblich, ihm seine vorschnellen und gefährlichen Pläne auszureden. Nunmehr wurde eine Legion in Marsch gesetzt, dem königlichen Flüchtling nachzusetzen; aber für eine flüchtige Abteilung leichter Kavallerie hat eine Infanterielegion wenig Bedrohliches; und als der erste Schauer von Pfeilen – zunächst noch in die Luft – abgegeben wurde, zog man sich in Hast vor die Tore von Tarsus zurück. Nach einem Gewaltmarsch von zwei Tagen und zwei Nächten langten Para und seine Armenier am Euphrat an; aber die Flussüberquerung kostete, da man schwimmen musste, einige Zeit und einige Verluste. Das Land war in Alarmbereitschaft; und die beiden denkbaren Marschwege, zwischen denen nur fünf Meilen Abstand lagen, waren unter dem Kommando eines Generals und eines Tribunen von tausend berittenen Bogenschützen besetzt. Dieser überlegenen Streitmacht hätte sich Para ergeben müssen, wenn nicht die zufällige Begegnung mit einem wohlgesinnten Wandersmann ihm die Gefahr entdeckt und die Mittel zur Flucht gewiesen hätte. Ein dunkler und fast unpassierbarer Seitenpfad führte die armenischen Soldaten durch das Dickicht; und Para ließ den General und den Tribunen zurück, die schafsgeduldig darauf warteten, dass er sich auf der öffentlichen Straße blicken lasse. Schließlich kehrten sie zum Kaiserhof zurück, um ihren Mangel an Umsicht und Erfolg zu entschuldigen: und mit treuherzigem Ernst trugen sie vor, dass der König von Armenien, ein kundiger Zauberer, sich und seinen Gefolgsleuten verwandelt habe und vor ihren Augen unerkannt und in fremder Gestalt vorübergezogen sei. Nach seiner Rückkehr in sein angestammtes Königreich fuhr Para fort, sich einen Freund und Verbündeten der Römer zu nennen; aber die Römer hatten ihn zu tief gekränkt, als dass er dies jemals würde vergeben können, und so wurde in der Ratsversammlung des Valens sein Todesurteil unterzeichnet. Die Exekution dieser Blut-Tat überließ man der bedachtsamen Verschlagenheit des Generals Trajan; und dieser erwarb sich das Verdienst, sich in das Vertrauen des arglosen Herrschers einzuschleichen, um sich so eine Gelegenheit zu schaffen, ihm den Dolch ins Herz zu bohren. Para wurde zu einem römischen Bankett geladen, welches mit allem Pomp und Prunk des Morgenlandes vorbereitet war: die Festeshalle klang wieder von fröhlicher Musik, und die Gesellschaft war bereits vom Weine erhitzt; als sich der General für einen kurzen Augenblick zurückzog, das Schwert zog und so das Zeichen für den Mord gab. Ein kräftiger und zu allem entschlossener Barbar stürzte sich im Augenblick auf Armeniens König, und obwohl dieser mit der erstbesten Waffe, der er zufällig habhaft wurde, um sein Leben kämpfte, ward die Tafel des kaiserlichen Generals bald vom Blute eines Gastes und Verbündeten gerötet. Dies also waren die erbärmlichen und verbrecherischen Grundsätze der römischen Staatskunst, dass sie, um ihre fragwürdigen politischen Ziele verfolgen zu können, das Völkerrecht und das heilige Gastrecht vor den Augen der ganzen Welt auf grausame Weise schändete Siehe bei Ammianus 30,1 über Paras Abenteuer. Moses von Chorene nennt ihn Tiridates und erzählt die lange und nicht unwahrscheinliche Geschichte seines Sohnes Gnelos, der sich später in Armenien populär und so bei dem regierenden König unbeliebt machte (p.235.) . V. DIE DONAU · ERMANARICH Während einer Friedenszeit von dreißig Jahren sicherten die Römer ihre Grenzen ab; und dehnten die Goten ihren Herrschaftsbereich aus. Die Siege des großen Ermanarich Die prägnante Beschreibung der Herrschaft und der Eroberungen des Ermanarich scheint einer der wertvollen Abschnitte zu sein, die Jordanes (28) aus der gotischen Geschichte des Ablavius oder Cassiodor entnommen hat. , Königs der Ostgoten und Edelsten aus dem Hause der Amaler haben seine begeisterten Landsleute mit den Taten des großen Alexander verglichen: mit diesem einzigen und fast nicht glaublichen Unterschied, dass der kriegerische Geist des Gotenhelden nicht etwa von jugendlicher Kraft vorangetragen wurde, sondern Ruhm und Erfolg sich erst im äußersten Menschenalter entfaltete: im Alter zwischen achtzig und einhundertundzehn Jahren. Die unabhängigen Stämme wurden beredet, oder auch genötigt, den König der Ostgoten als Herrscher der ganzen gotischen Nation anzuerkennen; die Stammeshäuptlinge der Westgoten oder Tervingen lehnten den Königstitel für sich ab und gaben sich mit der schlichteren Bezeichnung Richter ( Iudex ) zufrieden; unter diesen Richtern waren Athanerich, Fritiger und Alavivus die bekanntesten, einmal wegen ihrer persönlichen Verdienste und dann wegen ihrer Nachbarschaft zu den römischen Provinzen. Diese Erfolge im eigenen Lande ließen Ermanarichs militärische Macht und damit seine ehrgeizigen Pläne anwachsen. Er fiel in die nördlichen Nachbarstaaten ein; und zwölf unverächtliche Nationen, deren Namen und Siedlungsräume nicht mit Bestimmtheit angegeben werden können, ergaben sich nacheinander den überlegenen gotischen Waffen Herr de Buat (Histoire de peuples de l'Europe, Band 6, p. 311 – 329) erforscht mit mehr Fleiß als Erfolg die Völker, die sich den Waffen der Ermanarich beugen mussten. Er bestreitet die Existenz der Vasinobroncae wegen der übertriebenen Länge ihres Namens. Aber die französischen Gesandten nach Ratisbon oder Dresden mussten doch auch das Land der Mediomatrici durchreist haben. . Die Heruler, die das Marschenland am Maeotissee besiedelten, waren für ihre Kampfkraft und -lust berühmt; und in allen Kriegen der Barbaren war die Hilfe ihrer leichten Infanterie dringend erwünscht und hochwillkommen. Aber der rasche Kampfesmut der Heruler ging an der langsamen und beständigen Kriegsführung der Goten zuschanden; und nach einem blutigen Gefecht, in welchem ihr König erschlagen ward, wurden die Überlebenden dieses kriegsfrohen Stammes zu einer nützlichen Verstärkung im Lager des Ermanarich. Dann marschierte er gegen die Venedi, die ungeschickt mit den Waffen und furchtbar nur durch ihre Masse waren, mit der sie immerhin die großen Ebenen des heutigen Polens füllten. Die siegreichen Goten, an Zahl nicht geringer, behielten wegen ihrer entschieden besseren Kampftechnik und Disziplin auch hier die Oberhand. Nach der Unterwerfung der Venedi gelangte der Eroberer ohne nennenswerten Widerstand bis zu den Grenzen der Aestii Die Ausgabe des Grotius (Jordanes, p. 642) schreibt den Namen Aestrii . Aber Vernunftgründe und die ambrosianische Handschrift legen Aestii nahe, deren Gebräuche und Siedlungsraum der Stift des Tacitus dargestellt hat. (Germania 45). ; ein altes Volk, dessen Name noch heute in der Provinz Esthonia weiterlebt. Diese Bewohner der fernsten Ostseeküsten lebten von Ackerbau, wurden reich durch Bernsteinhandel und verehrten besonders die Mutter der Götter. Aber da das Eisen knapp war, mussten sich die Krieger der Aestii mit Holzkeulen begnügen; und die Unterwerfung dieses reichen Landes wird dann auch nicht so sehr den Waffen als vielmehr der Klugheit des Ermanarich zugeschrieben. Sein Herrschaftsbereich, der von der Donau bis an die Ostsee reichte, begriff die ursprünglichen und die neuerworbenen Wohnsitze der Goten in sich; und so regierte er über den größten Teil Germaniens und Skythiens mit der Machtfülle eines Eroberers und zuweilen auch mit der Grausamkeit eines Tyrannen. Aber er regierte auch über denjenigen Teil der Erde, der außerstande war, den Ruhm seiner Heroen zu verewigen und zu veredeln. Der Name Ermanarich ist fast vergessen; seine Eroberungen kennen wir nur ungefähr; und die Römer selbst schienen sich dieser emporstrebenden Macht überhaupt nicht bewusst zu sein, welche die Freiheit des Nordens und den Frieden des Imperiums bedrohte Ammianus (31,3) merkt mit allgemeingehaltenen Wendungen an, Ermenrichi ... bellicosissimi Regis, et per multa variaque fortiter facta, vicinis gentibus formidati, etc. (...Ermanerichs...eines äußerst aggressiven und bei den Nachbarvölkern wegen diverser Großtaten gefürchteten Königs,...) . URSACHEN DES GOTENKRIEGES · A.D. 366 Die Goten hatten mit dem Hause Constantins, von dessen Macht und Freigiebigkeit sie manche Probe erfahren hatten, einen unbefristeten Freundschaftsvertrag geschlossen. Sie respektierten die öffentliche Ruhe; und wenn ein Haufe in feindlicher Absicht die römische Grenze zu verletzen sich erkühnte, wurde dieses vorwitzige Gebaren dem überschäumenden Temperament der barbarischen Jugend zugute gehalten. Für die beiden neuen und unbedeutenden Herrscher, die durch die Stimme des Volkes auf den Thron gelangt waren, empfanden die Goten nur Verachtung, zugleich aber keimten in ihnen kühnere Hoffnungen auf; und während sie zunächst noch mit verschiedenen Plänen umgingen, ihre vereinten Streitkräfte unter einer gemeinsamen nationalen Fahne marschieren zu lassen Valens ... docetur relationibus Ducum, gentem Gothorum, ea tempestate intactam ideoque saevissimam, conspirantem in unum, ad pervadenda parari collimitia Thraciarum. (Valens schien von seinen Generälen davon unterrichtet, dass das Gotenvolk, zu jenem Zeitpunkt noch stark und daher besonders angriffswütig, sich verschwöre und zum Einfall in die thrakischen Grenzgebiete Zurüstungen treffe.) Ammianus 26,6. , waren sie leicht dazu gebracht, die Partei des Procopius zu ergreifen und durch diese nicht unbedenkliche Hilfe die Saat der Zwietracht unter den Römern zu sähen. Der Staatsvertrag mochte nicht mehr als zehntausend Mann Hilfstruppen festsetzen; aber die westgotischen Stammeshäuptlinge waren von dem Vorhaben so angetan, dass die Armee, die schließlich die Donau überquerte, mehr als dreißigtausend Mann umfasste Herr de Buat (Histoire des Peuples de l'Europe, Band 6, 332) hat die wahre Zahl dieser Hilfstruppen mit höchster Sorgfalt bestimmt. Die 3000 des Ammianus und die 10.000 des Zosimos waren nur die ersten Abteilungen des Gotenheeres. . Sie marschierten mit der unerschütterlichen Gewissheit, dass ihre unbesiegte Kraft dem Römischen Reich zu Verhängnis werden müsse; und schon stöhnten die thrakischen Provinzen unter dem Druck der Barbaren, die sich anmaßend wie Herren und gesetzlos wie die Sieger aufführten. Aber ihre Besitzgier hemmte zugleich auch ihren Vormarsch; und bevor die Goten von der Niederlage und dem Tod des Procopius irgendeine verlässliche Kunde hatten, bemerkten sie an der allgemeinen Feindseligkeit ringsum, dass sein erfolgreicher Rivale die zivile und militärische Gewalt wieder fest in den Händen hielt. Eine ganze Kette von Wachposten und Festigungsanlagen, die Valens oder seine Generäle mit viel Geschick postiert hatten, stellten sich ihrem Vormarsch in den Weg, behinderten ihren Rückzug und schnitten sie von ihrem Nachschub ab. Der Hunger wirkte auf das Ungestüm der Barbaren dämpfend und zähmend; voller Empörung warfen sie ihre Waffen dem Sieger vor die Füße, der ihnen Essen und Ketten anbot; die ungezählten Gefangenen wurden in sämtlichen Städten des Ostens angesiedelt; und die Provinzbewohner, die sich an ihr wildes Äußere schon bald gewöhnt hatten, wagten nach und nach sogar, ihre eigenen Kräfte mit diesen schrecklichen Feinden zu messen, deren Name allein ihnen so lange ein Gegenstand des Entsetzens gewesen war. Der König von Skythien (und nur noch Ermamarich durfte einen so hochmögenden Titel führen) war durch die Katastrophe seines Volkes bis ins Mark getroffen. Lauthals führten seine Botschafter am Hofe des Valens Klage, dass die alte und heilige Allianz, die zwischen Römern und Goten so lange Bestand gehabt habe, nunmehr gebrochen sei. Sie machten geltend, dass sie ihre Verpflichtungen erfüllt hätten, indem sie dem Landsmann und Nachfolger des Julian zu Hilfe gekommen seien; sie begehrten die unverzügliche Freilassung ihrer adligen Gefangenen; und dann machten sie einen äußerst merkwürdigen Anspruch geltend, dass nämlich die gotischen Generäle, welche in Waffen und feindlicher Ordnung marschierten, den geheiligten Status und die Vorrechte von Botschaftern besäßen. Die höfliche, aber entschiedene Zurückweisung dieser überzogenen Forderungen wurde den Goten von Victor, dem Heermeister der Kavallerie, übermittelt; welcher mit Würde und Nachdruck die berechtigten Klagen des Ost-Kaisers zu Protokoll gab Heerzug und anschließende Verhandlungen werden in den Fragmenten des Eunapios (Excerpta legationum, p. 18) beschrieben. Die Provinzbewohner, die später mit den Barbaren in nähere Bekanntschaft traten, entdeckten, dass deren Stärke mehr auf Einbildung als auf Tatsachen beruhe. Wohl waren sie hochgewachsen; aber ihre Beine waren plump und ihre Schultern schmal. . Die Verhandlungen wurden abgebrochen; und die mannhaften Ermahnungen des Valentinian ermutigten auch seinen schüchternen Bruder, der gekränkten Majestät des Reiches zu neuerlichem Ansehen zu verhelfen Valens enim, ut consulto placuerat fratri, cuius regebatur arbitrio, arma concussit in Gothos ratione iusta permotus. (Denn Valens, von seinem Bruder gut beraten, – er schätzte dessen Urteil – ergriff die Waffen gegen die Goten, durch gute Gründe veranlasst.) Ammianus, 27,4, beschreibt nun nicht etwa das Land der Goten, sondern die friedliche und botmäßie Provinz Thrakien, die mit dem Krieg überhaupt nichts zu tun hatte. . FEINDSELIGKEITEN UND FRIEDEN · A.D. 367 · 369 Ein zeitgenössischer Historiker hat die Größe und Bedeutung dieses Gotenkrieges hervorgehoben Der griechische Sophist Eunapios (in den Excerta legationium p. 18) hat wohl die ganze gotische Geschichte bis hin zum Sieg und Frieden des Theodosius für ein und denselben Krieg gehalten. ; aber die Ereignisse verdienen die Aufmerksamkeit der Nachwelt eigentlich nicht, außer dass sie gleichzeitig die Präliminarien des beginnenden Unterganges des römischen Imperiums darstellen. Anstelle nun die germanischen und skythischen Nationen an die Donauufer oder sogar bis vor die Tore Konstantinopels zu führen, überließ der hochbetagte Gotenkönig dem wackeren Athanarich die Gefahren und den Ruhm eines Verteidigungskrieges gegen einen Feind, der mit schwacher Hand das Szepter eines mächtigen Staates führte. Über die Donau wurde eine Bootsbrücke geschlagen; die Gegenwart ihres Herrschers Valens beflügelte die Soldaten; seine Unkenntnis in der Kriegskunst machte er durch persönlichen Mut wieder wett und außerdem dadurch, dass er kluger Weise auf den Rat seiner Heermeister Victor und Arintheus hörte. Ihr Können und ihre Erfahrung waren die Motoren des Feldzuges; aber auch ihnen war es nicht möglich, die Westgoten von ihren befestigten Stellungen in den Bergen zu vertreiben: und die verbrannten Ebenen nötigten die Römer, zu Beginn des Winters die Donau wieder in anderer Richtung zu überqueren. Der unaufhörliche Regen, der den Fluss anschwellen ließ, führte zu einer stillschweigenden Waffenruhe und hielt den Kaiser Valens während des ganzen folgenden Sommers in seinem Lager bei Marcianopolis fest. Das dritte Kriegsjahr endlich wurde für die Römer günstig und für die Goten verhängnisvoll. Die Unterbrechung der Handelswege beraubte die Barbaren der Luxusgegenstände, welche sie mittlerweile mit Lebensnotwenigkeiten verwechselten; und die Verwüstung eines riesigen Landstriches bedrohte sie mit den Schrecken einer Hungersnot. Athanarich sah sich genötigt, auf der Ebene eine Schlacht zu wagen, welche er verlor; und das ganze Unternehmen wurde deshalb noch blutiger, weil die siegreichen Generäle in grausamer Voraussicht eine beachtliche Belohnung auf den Kopf jedes Goten ausgesetzt hatten, welcher in das kaiserliche Lager gebracht würde. Die Unterwerfung der Barbaren beschwichtigte den Zorn des Valens und seines Hofrates; mit Befriedigung lauschte der Kaiser der schmeichelhaften und wohlgesetzten Darlegung des Senates zu Konstantinopel, der hier zum ersten Male an öffentlichen Beratungen teilnahm; und dieselben Generäle, Victor und Arintheus, die den Krieg erfolgreich geleitet hatten, erhielten nunmehr Vollmacht, die Friedensbedingungen auszuhandeln. Die Handelsfreiheit, deren sich die Goten bis dahin erfreut hatten, beschränkte sich nur noch auf zwei Städte an der Donau; die politische Unüberlegtheit ihrer Heerführer wurde streng bestraft durch Kürzung der Geldzahlungen und anderer Subsidien; und die Ausnahme, die exklusiv für Athanarich gemacht wurde, war für den judex der Westgoten mehr vorteil- als ehrenhaft. Athanarich, der bei dieser Gelegenheit seine Privatinteressen verfolgt zu haben scheint, ohne die Anweisungen seines Königs abzuwarten, förderte seines und seines Volkes Nutzen, als es zu einer Unterredung zwischen ihm und den Ministern des Valens kam. Er bestand bei seiner Erklärung darauf, dass es ihm unmöglich sei, auch nur einen Fuß auf das Gebiet des Reiches zu setzen, ohne sich nicht zugleich mit der Schuld eines Meineides zu beladen; und es ist mehr als wahrscheinlich, dass seine Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Eides durch jüngstvergangene fatale Erfahrungen mit römischer Tücke gefestigt worden war. So wurde also die Donau, die gemeinsame Grenze beider Völker, zum Konferenzort bestimmt. Der Kaiser des Ostens und der judex der Westgoten, beide durch eine gleich große Anzahl bewaffneter Krieger begleitet, fuhren mit ihren jeweiligen Barken bis zur Strommitte. Nach Unterzeichnung des Vertrages und Austausch der Geiseln kehrte Valens im Triumph nach Konstantinopel zurück; und die Goten verhielten sich sechs Jahre lang ruhig; bis sie schließlich von einer ungezählten Masse von Skythen gewaltsam gegen das Römische Reich gedrängt wurden, welche offenbar aus der gewaltigen Frostregion des Nordens gekommen waren Der Gotenkrieg wird von Ammianus (27,5), Zosimos (4,10) und Themistios (Orationes 10) beschrieben. Der Senat von Konstantinopel hatte den Redner Themistios geschickt, dem siegreichen Kaiser zu beglückwünschen; und seine knechtsinnige Beredsamkeit vergleicht Valens auf der Donau mit Achilles im Skamander. Jordanes vergisst einen besonderen Krieg der Westgoten zu erwähnen, der dem Namen der Goten keinen Ruhm eintrug. Maskov, History of the Germans, Buch 7, c.3. . KRIEG GEGEN DIE QUADEN UND SARMATEN Der Herrscher des Westens, der seinem Bruder das Kommando über die untere Donau anvertraut hatte, behielt seiner persönlichen Obsorge die Verteidigung der rhaetischen und illyrischen Provinzen vor, die sich über einhundert Meilen entlang Europas größtem Fluss erstreckten. Valentinians Politik bestand wesentlich darin, zur Sicherung der Grenzen weitere Befestigungsanlagen errichten zu lassen; aber der Missbrauch dieser Politik rief den Grimm der Barbaren auf. So beschwerten sich etwa die Quaden, dass das Gelände für eine geplante Festung auf ihrem Territorium abgesteckt worden sei; und ihre Beschwerden trugen sie mit soviel Vernunftgründen und Anstand vor, dass der Heermeister von Illyrien, Equitius, sich mit der Aussetzung der Bauarbeiten einverstanden erklärte, bis er Genaueres über den Willen seines Herrschers in Erfahrung gebracht habe. Mit Freuden nahm Maximinus, der Präfekt oder besser: der Tyrann von Gallien diese günstige Gelegenheit wahr, einen Rivalen ins Unrecht zu setzen und gleichzeitig die Karriere seines Sohnes zu befördern. Valentinians Gemüt war jeder Art von Zwang abhold; und ebenso bereitwillig glaubte er den Versicherungen seines Günstlings, dass der Kaiser, wenn er nur die Statthalterschaft von Valeria und die Aufsicht über die Bauarbeiten dem Diensteifer seines Sohnes Marcellinus anvertraue, nicht noch einmal durch die vorwitzigen Beschwerden der Barbaren solle belästigt werden. Die Untertanen Roms und die Bewohner Germaniens wurden somit vor den Kopf gestoßen durch die Arroganz eines jugendlichen und untauglichen Ministers, der tatsächlich glaubte, sein rascher Aufstieg sei der Beweis und die Belohnung für seine großen Verdienste. Indessen war er bemüht, sich auf verschiedene Weise bei dem Quadenkönigs Gabinius anzubiedern; aber hinter seinen berechneten Artigkeiten verbarg sich ein schwarzer und blutiger Entwurf; der lichtgläubige Stammeshäuptling ließ sich endlich überreden, die drängenden Einladungen des Marcellinus anzunehmen. Ich bin in einiger Verlegenheit, wie ich die Schilderung eines identischen Verbrechens variieren soll; oder wie ich davon berichten kann, dass in Laufe eines Jahres an zwei allerdings weit entfernten Orten des Imperiums das Blut zweier königlicher Gäste und Verbündeter die ungastliche Tafel von zwei kaiserlichen Generälen besudelte, die sie in ihrer Gegenwart grausam ermorden ließen. Das Schicksal des Para und Gabinius waren ein und dasselbe: aber die Ermordung ihres Königs nahm das apathische Gemüt der Armenier ganz anders auf als der freie und kühne Sinn der Germanen. Zwar, die Quaden waren schon lange nicht mehr die fürchterliche Macht, die in den Zeiten von Marcus Aurelius Schrecken bis vor die Tore Roms verbreitet hatten; aber an Waffen und Mut gebrach es ihnen durchaus nicht; ihr Mut wurde durch Hoffnungslosigkeit erhöht, auch erhielten sie durch die Kavallerie der sarmatischen Alliierten die übliche Verstärkung. So unbekümmert war der Mörder Marcellinus, dass er ausgerechnet den Augenblick wählte, als seine besten Veteranen zur Unterdrückung der Revolte des Firmus abgezogen waren; so dass die ganze Provinz mit ihrer äußerst schwachen Verteidigung der Wut der aufgebrachten Barbaren ausgesetzt war. Zur Erntezeit fielen sie in Pannonien ein; gnadenlos zerstörten sie alles, was sich plündern, aber nicht fortschleppen ließ; und die leeren Festungen zerstörten sie entweder oder beachteten sie gar nicht. Die Prinzessin Constantia, die Tochter des Kaisers Constantius und die Enkelin des großen Constantin, entkam nur um Haaresbreite. Die königliche Jungfrau, die ohne Absicht die Revolte des Prokopios unterstützt hatte, war damals dem Erben des Westreiches zur Frau bestimmt. Sie durchquerte die Provinz, als sie noch im Frieden lag, mit glänzendem und waffenlosem Gefolge. Nur das tätige Eingreifen des Provinzgouverneurs Messalla bewahrte sie vor Gefahr und das Reich vor Schmach. Sobald er vernahm, dass das Dorf, in welchem sie zu Mittag aß, durch die Barbaren fast eingekreist war, setzte er sie eilig in seine eigene Kutsche und fuhr in vollem Galopp bis vor die Tore von Sirmium, welches sechsundzwanzig Meilen entfernt lag. Doch selbst Sirmium wäre keine sichere Adresse gewesen, wenn die Quaden und Sarmaten während der allgemeinen Verwirrung des Volkes und der Magistrate zielstrebiger zu Werke gegangen wären. Ihr Zaudern ließ dem Reichspräfekten Probus genügend Zeit, sich zu sammeln und den Bürgern neuen Mut einzuflößen. Er richtete ihre Anstrengungen zunächst darauf, die beschädigten Befestigungsanlagen auszubessern und zu verstärken und sorgte außerdem für die rechtzeitige und wirkungsvolle Unterstützung durch eine Kompanie von Bogenschützen, die die Hauptstadt der illyrischen Provinzen schützen sollte. Nachdem sie vergebens gegen die Mauern von Sirmium angerannt waren, gingen die aufgebrachten Barbaren gegen den Heermeister der Grenztruppen vor, in welchem sie zu Unrecht den Mörder ihres Königs sahen. Mehr als zwei Legionen konnte Equitius nicht aufstellen; aber es war immerhin die Elite der Veteranen von Moesien und Pannonien. Ursache ihres Untergangs war die hartnäckige Diskussion um die müßige Ehre der Vorranges und Vortrittes; und da sie mit getrennten Kräften und nach verschiedenen Plänen vorgingen, wurden sie von den beweglichen Reitertruppen der Sarmaten überrumpelt und niedergemacht. Der Erfolg dieser Invasion ermutigte nun auch die grenznahen Stämme; und die Provinz Mösien wäre unfehlbar verloren gegangen, wenn nicht der junge Theodosius, dux oder miltärischer Befehlshaber der Grenztruppen, durch seinen Sieg über den Feind einen unerschrockenen Geist offenbart hätte, der seines berühmten Vaters und seiner künftigen Größe durchaus würdig war Ammianus (29,6) und Zosimos (4,16) verfolgen akkurat Ursache und Verlauf des Quadischen und Sarmatischen Krieges. . VALENTINIANS FELDZUG · A.D. 375 Valentinian, der zu jener Zeit in Trier residierte, war durch die Kalamitäten in Illyrien zutiefst beunruhigt; aber die fortgeschrittene Jahreszeit bestimmte ihn, seine Pläne erst im folgenden Frühjahr zu verfolgen. Dann brach er persönlich mit einem beachtlichen Teil der gallischen Armee von den Moselufern auf: und den verhandlungsbereiten Gesandten der Sarmaten, die ihm unterwegs entgegenkamen, gab er die nebulöse Antwort, er werde, sobald er den Schauplatz des Geschehens erreiche, prüfen und seine Entscheidung treffen. Als er nun Sirmium erreichte, gewährte er den Bevollmächtigten der illyrischen Provinzen Audienz; diese beglückwünschten sich lauthals selbst dazu, wie wohl es ihnen doch ergehe unter dem gesegneten Regiment seines Provinzstatthalters Probus Ammianus (30,5), der die Verdienste des Petronius Probus anerkennt, hat mit zunehmender Schärfe auch seine drückende Verwaltung getadelt. Als Hieronymos die Chronik des Eusebios (A.D. 380) übertrug und fortsetzte (siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 12, p.53 und 626) drückte er mit den folgenden Worten die Wahrheit oder doch wenigstens die allgemeine Ansicht seines Landes aus: »Probus P.P. Illyrici iniqissimis tributorum exactionibus, ante provincias quas regebat, quam a Barbaris vastarentur, erasit.«, (Der Prätorianerpräfekt Probus hat durch brutalstes Eintreiben von Tributen die von ihm verwalteten Provinzen ausgeplündert, noch bevor die Barbaren sie verwüsten konnten.) Der Heilige pflegte später eine innige und zärtliche Freundschaft zu der Witwe des Probus; und der Name Comes Equitius wurde zwar unberechtigterweise, aber nicht unzutreffend in den Text eingefügt. . Valentinian, geschmeichelt denn doch durch diese Kundgebungen von Anhänglichkeit und Dankbarkeit, fragte daraufhin etwas unbedacht den Abgesandten von Epirus, einen kynischen Philosophen von aufrichtigster Rücksichtslosigkeit Julian (Oratione 6) schildert uns seinen Freund Iphikles als einen verdienst- und tugendreichen Mann, welcher sich selbst unglücklich und lächerlich gemacht habe, als er sich die alberne Zunfttracht und die Verhaltensweisen der Kyniker antat. , ob die Wünsche der Provinz ihn wohl gerne hierher geschickt hätten? »Mit Tränen und Murmeln schickte mich das gepresste Volk,«, antwortete Iphikles. Der Kaiser schieg stille dazu: aber die bisherige Straflosigkeit hatte unter seinen Ministern die verderbliche Regel verbreitet, dass sie die Untertanen drangsalieren mochten, ohne ihren Dienst dadurch zu beeinträchtigen. Eine strenge Untersuchung ihres bisherigen Verhaltens hätte die öffentliche Unzufriedenheit abstellen können. Ein gerechtes Urteil über den Mörder des Gabinius war die einzige Maßnahme, die das Vertrauen der Germanen und die Ehre des römischen Namens hätte erneuern können. Aber ferne war diesen hochmütigem Monarchen jene Seelengröße, die einen begangenen Fehler zugesteht. Er übersah das begangene Unrecht, erinnerte sich nur an das erlittene und eilte mit unstillbarem Blut- und Rachegelüste in das Land der Quaden. In den Augen des Kaiser und vermutlich der ganzen Welt waren Verwüstung und wahlloses Massaker wegen der grausamen Gleichheit von Tat und Rache gerechtfertigt Ammianus, 30,5. Hieronymos, der das Unglück des Valentinian übertrieben darstellt, gönnt ihm nicht einmal diese letzte Genugtuung. »Genitali vastato solo, et inultam patriam derelinquet.«, (Nachdem das fruchtbare Land verwüstet war, ließ er das Heimatland ungerächt zurück.) ; und so straff war die Ordnung der Römer und die Verwirrung der Feinde, dass Valentinian die Donau überquerte, ohne auch nur einen einzigen Mann zu verlieren. Da er beschlossen hatte, in einem zweiten Feldzug die Quaden endgültig zu vertilgen, schlug er sein Winterquartier an der Donau bei Bregeto, nahe dem ungarischen Pressburg auf. Während die Kriegshandlung infolge des strengen Winters zum Erliegen kamen, versuchten die Quaden auf höchst demütige Weise den Zorn ihres Besiegers zu dämpfen; und auf nachdrückliches Zureden von Equitius wurden ihre Gesandten vor den Kronrat gelassen. Sie näherten sich dem Thron mit gebeugten Körpern und niedergeschlagenem Gesichtern; sie wagten es gar nicht erst, über die Ermordung ihres Königs Klage zu führen, sondern versicherten mit heiligen Eiden, dass die letzte Invasion das Verbrechen von ein paar gesetzlosen Räubern gewesen sei, die die Nation insgesamt verurteile und verachte. VALENTINIANS TOD 17. NOVEMBER 375 Die Antwort des Kaisers ließ nur wenig Hoffnung auf Milde oder Mitleid zu. In heftigen Ausdrücken des Tadels schmähte er ihre Niedertracht, ihre Undankbarkeit und ihre Unverschämtheit. An seinen Augen, seiner Stimme, seiner Gesichtsfarbe, seinen Gesten konnte man die Heftigkeit eines unkontrollierten Wutanfalls erkennen; und während sein ganzer Körper von konvulsivischen Zuckungen bebte, zerplatzte in seinem Körper unvermittelt ein großes Blutgefäß; stumm fiel Valentinian in die Arme seiner Adjudanten. In pietätvoller Sorge verbargen sie seinen Zustand vor der Menge; aber in nur wenigen Minuten verschied der Herrscher des Westens im schmerzhaftem Todeskampf, bis zum Schluss bei vollem Bewusstsein und ohne Erfolg darum bemüht, seinen Generälen und Ministern, die sein Lager umstanden, seine letzten Anweisungen zu geben. Valentinian wurde etwa vierundfünfzig Jahre alt; und nur hundert Tage fehlten bis zur Vollendung seines zwölften Regierungsjahres Zum Tod des Valentinian vergleiche Ammianus (30,6), Zosimos (4,17), Victor, (Epitome 45), Sokrates (4,31), and Hieronymos (Chronicum, p.187 und Opera Band 1, p. 26, an Heliodor.) In Details weichen sie stark voneinander ab, und Ammianus wird so geschwätzig, dass er Unsinn fabriziert. . DIE KAISER GRATIAN UND VALENTINIAN II Ein Kirchengeschichtsschreiber bekräftigt mit Nachdruck die Polygamie des Valentinian Sokrates (4,31) ist der einzige direkte Zeuge dieser törichten Geschichte, die Sitten und Gesetzen der Römer derart widerspricht, dass es der förmlichen, ausgearbeiteten Widerlegung des Herrn Bonamy (Memoires de l'Academie, Band 30, p. 394 – 405) wahrlich nicht bedurft hätte. Ich möchte aber die an sich so natürlichen Umstände des Bades beibehalten, statt Zosimos zu folgen, der Justina als eine alte Frau und Witwe des Magnentius schildert. . »Die Kaiserin Severa (ich gebe die Fabel hier wieder) nahm in ihren Vertrautenkreis die liebreizende Justina auf, welche Tochter eines italischen Statthalters war; ihre Bewunderung für den unverhüllten Liebreiz, der sich ihr oftmals im Bade enthüllt hatte, überschüttete sie so überreichlich und unbedacht mit Lob, dass der Kaiser sich veranlasst sah, eine zweite Frau in sein Bett zu führen; und mit einem öffentlichen Erlass gestatte er allen Untertanen dieses Vorrecht, das er für sich selbst in Anspruch genommen hatte.«, Aber wir können gewiss sein, aus historischen und aus Vernunftgründen, dass die beiden Eheschließungen Valentinians mit Severa und Justina nacheinander erfolgten; und dass er von der Möglichkeit zur Ehescheidung Gebrauch machte, die die Gesetze immer noch zuließen, auch wenn die Kirche sie entschieden ablehnte. Severa war die Mutter Gratians, und dieser schien alle Anforderungen zur Sicherung der unbestrittenen Nachfolge auf dem Thron des Westens in sich zu vereinigen. Er war der älteste Sohn eines Kaisers, der mit seiner ruhmreichen Regierung seine freie und ehrenhafte Wahl durch seine Soldaten bestätigt hatte. Noch vor Erreichen seines neunten Lebensjahres erhielt der königliche Knabe aus der Hand seines wohlmeinenden Vaters die Purpurrobe und das Diadem, dazu den Augustustitel: die gallische Armee bestätigte diese Wahl mit Nachdruck Ammianus (27,6) beschreibt die Vorgehensweise bei dieser militärischen Wahl und Investitur zum Augustus. Valentinian scheint den Senat zu Rom nicht befragt, ja nicht einmal informiert zu haben. . Bei allen gesetzgeberischen Maßnahmen ward von nun an den Namen Valentinian und Valens der Name Gratian hinzugefügt. Durch seine Hochzeit mit der Enkeltochter des großen Constantin trat der Sohn des Valentinian in sämtliche Gerechtsame des flavischen Hauses ein; welches nach drei Kaiser-Generationen durch Tradition, Religion und Verehrung durch das Volk geheiligt war. Als sein Vater verschied, stand der Königsknabe in seinem siebzehnten Lebensjahr; und durch seine Tugenden rechtfertigte er bereits jetzt die günstige Meinung, die Armee und Volk von ihm hatten. Gratian residierte frei von Besorgnissen im Palast zu Trier; während viele hundert Meilen davon entfernt Valentinian im Lager bei Bregetio plötzlich den Geist aufgab. Die Gelüste, die in Gegenwart des Herren so lange unterdrückt werden mussten, erwachten am Kaiserhof zu neuem Leben; und die Generäle Mellobaudes und Equitius, die illyrische und italische Abteilungen kommandierten, verfolgten mit allen Finessen ihre Pläne, im Namen des unmündigen Kindes zu regieren. Sie ersannen die schicklichsten Vorwände, volkstümliche Truppenführer und deren Legionen aus Gallien zu entfernen, wenn sie die Ansprüche des eigentlichen Thronfolgers hätten durchsetzen können; sie erachteten es für notwendig, durch eine kühne und einschneidende Maßnahme die inneren und äußeren Feinde aller Hoffnungen zu berauben. Die Kaiserin Justina, die man hundert Meilen von Bregetio entfernt zurückgelassen hatte, wurde höflichst zu einem Besuch in das Lager eingeladen, zusammen mit dem Sohn des verewigten Kaisers. Sechs Tage nach dem Tode Valentinians wurde der gleichnamige unmündige Prinz – er war erst vier Jahre alt – den Legionen in den Armen seiner Mutter vorgeführt; und unter nachdrücklicher Zustimmung der Truppe mit den Titeln und Insignien des Kaisertums investiert. Den drohenden Gefahren eines Bürgerkrieges kam Kaiser Gratian rechtzeitig durch besonnene und maßvolle Amtsführung zuvor. Freudig stimmte er dem Beschluss der Armee zu; erklärte, dass er stets den Sohn der Justina als Bruder, aber niemals als Rivalen betrachten werde; und riet der Kaiserin, zusammen mit ihrem Sohn Valentinian ihre Residenz in Mailand, im schönen, friedlichen Italien zu beziehen; während er sich das weitaus mühseligere Kommando in den Ländern jenseits der Alpen aufbürden werde. Gratian verbarg seinen Zorn, bis er ungefährdet die Urheber der Verschwörung bestrafen oder doch wenigstens in Ungnade fallen lassen konnte; und obwohl er gleichbleibend zärtlich und respektvoll mit seinem unmündigem Kollegen umging, vermischte er bei der Verwaltung des Westens immer mehr das Amt eines Wächters mit dem eines Herrschers. Die Herrschaft über das Römische Reich wurde im Namen des Valens und seiner beiden Neffen ausgeübt; aber der kraftlose Herrscher des Ostens, der im Range seinem älteren Bruder nachfolgte, hatte auf die Entscheidungen des Westens niemals nennenswerten Einfluss ausgeübt Ammianus 30,10; Zosimos 4,19. Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 5, p. 707 – 709) hat nachgewiesen, dass Gratian in Italien, Afrika und Illyrien »regierte«,. Ich habe es unternommen, seinen Einfluss über den Herrschaftsbereich seines Bruders ebenso unbestimmt darzustellen, wie er es selbst zu tun pflegte. .