Eduard Engel Sprich Deutsch! Ein Buch zur Entwelschung. Der Deutsche ist gelehrt, wenn er sein Deutsch versteht. (Goethe) . Die deutsche Sprache wird die Welt beherrschen. (Schiller) . Im dritten Jahr des Weltkrieges ums deutsche Dasein Meiner lieben Frau Änne, der deutschkundigen Mitarbeiterin, in Dankbarkeit zugeeignet Bornim (Mark) 1917 1. Der Zustand der deutschen Sprache › Sprich Deutsch! ‹ – Welch ein paradoxer Titel! Das soll offenbar Effekt machen, soll sensationell wirken. – ›Sprich Deutsch!‹ Damit soll dem Leser wohl suggeriert werden, daß man in Deutschland nicht Deutsch spricht, also wieder einmal eine jener fanatischen, zelotischen Fremdwörterhetzen, die in ihrer outrierten Methode zu den extremsten Argumenten greifen, aus der Mücke einen Elefanten machen und die sporadische Einstreuung eines gelegentlichen Fremdwortes gleich als undeutsch stigmatisieren . Dagegen muß doch energisch protestiert werden. Diese Extravaganzen ja Exzesse chauvinistischer Nationalisten und Puristen fallen nachgrade auf die Nerven, diskreditieren eine an sich und gewissermaßen und mit den praktisch gebotenen Kautelen und Restriktionen ganz löbliche oder doch unschädliche theoretische Bewegung, können aber de facto nichts an dem aktuellen Stadium der historischen Entwicklung deutscher Kultur und an der Konsequenz ändern, daß die Welt der Intellektuellen praktisch nun einmal nicht ohne die subtiler differenzierende Nuance eines sorgfältig ausgewählten Fremdwortes in einigen ganz vereinzelten, seltenen, nicht der Rede werten Fällen auskommen kann. Mit solchen Gedanken in solcher Sprache wird mein Büchlein von manchen Lesern, zumal von den gelehrtesten, empfangen werden, besonders von solchen, die nur einen Blick auf den Titel geworfen und nicht weiter gelesen haben. Ich habe ihre Sprache in den Eingangszeilen so getreu wiedergegeben, daß jeder Kenner sie für echt erklären wird. So und nicht anders wird von der deutschen Bildungswelt, den Intellektuellen in ihrer Sprache, gedacht, gesprochen, geschrieben, nur daß ich mich bei der gebotenen Knappheit mit 34 Fremdwörtern auf 19 Druckzeilen begnügen und die in jeder, wirklich in jeder längeren angeblich deutschen, vorgeblich gebildeten Auseinandersetzung – sagen wir von 100 Druckzeilen – unentbehrlichen, unvermeidlichen, unersetzlichen Sprachkleinode: Moment, Element, Koeffizient, Faktor, interessant, individuell, Individualität, Material, Organisation, subjektiv, objektiv, Synthese, Analyse, System verzichten mußte. Sprich Deutsch! Die weltgeschichtliche Stunde hat geschlagen, von der ab alle Leisetreterei in dieser höchsten Frage deutschen Volkstumes endlich aufhören und der rücksichtslos laute Ruf erschallen muß: Sprich Deutsch! Sprache ist Volk, Volk ist Sprache, und mit der Besudelung und Verluderung der deutschen Sprache, wie sie jetzt in Alldeutschland verübt wird, läuft der Dauerbestand des wundersamen Volksgebildes, welches Deutschtum heißt, seine äußerste, seine tödliche Gefahr. Was immer die um Beschönigungen, Vertuschungen, Bemäntelungen nie verlegenen Intellektuellen Deutschlands gegen die Anklage vorzubringen wissen, daß sie Welscher und Fälscher des höchsten deutschen Heiligtumes, der deutschen Sprache, sind, – unbeirrt durch scheingelehrtes Wortgeflunker muß ihnen fortan von dem ganzen noch nicht sprachlich verbildeten deutschen Volke zugeherrscht werden: Sprecht Deutsch! Gleichviel wie hochgestellt, gleichviel wie tiefgelehrt, gleichviel wie weltbürgerlich gebildet, – ihr seid Deutsche, also: Sprecht Deutsch! Drückt euch nicht mit scheingeschichtlichen, scheingelehrten, scheingebildeten Spiegelfechtereien um die schlichte Forderung herum: Sprecht Deutsch! ; denn ihr seid Deutsche, seid weder Römer noch Griechen, weder Franzosen noch Engländer, ohne deren Sprachkrücken nicht je zwei eurer gesprochenen oder geschriebenen Sätze stehen und gehen können. Von allen gebildeten, von allen nichtgebildeten Völkern der Erde wird die Urforderung jedes lebensstarken Volkstumes: Sprecht die Sprache eures Volkes! erfüllt, triebmäßig, ohne Tifteleien, mit der Selbstverständlichkeit alles gesunden Volkslebens. Einzig in Deutschland, vornehmlich in seinen gebildetsten Schichten, wird die Mahnung: Sprecht Deutsch! nicht beachtet, meist mißachtet, oft verhöhnt. Ich kenne jede Erwiderung Derer, die Deutsch nicht schreiben wollen , aus überreicher Erfahrung. Keine der vielen Ausreden der zahllosen Welscher sagt mir etwas Neues. Der Leser wird die scheintriftigsten Verteidigungen der Unentbehrlichkeit des Welschens weiterhin kennen und würdigen lernen. Wichtiger jedoch als aller Streit für und wider die Welscherei ist die Erforschung der Tatsachen, die Feststellung des zurzeit in Deutschland herrschenden Sprachzustandes . Wissen wollen wir, wie in Deutschland, zumal in den geistig führenden Schichten unsers Vaterlandes, wirklich gesprochen wird; erst wenn wir dies im unerbittlich grellen Lichte der Wahrheit erkannt, hat die Frage einen Sinn: Darf ohne schwere Gefahr für deutsches Volkstum die deutsche Sprache in Deutschland länger so behandelt werden wie bisher?   Deutsche Mengselsprache In der deutschen Bildungswelt und weit über sie hinaus, bis in die Tiefen des deutschen Volkes hinunter, allenfalls mit Ausnahme der wenigstgebildeten, wenigstverbildeten Grundschicht, wird eine Sprache gesprochen und geschrieben, die nach allen Begriffen von lebendiger, gesunder Volkssprache nicht mehr deutsche Sprache zu heißen verdient. Insonderheit die geschriebene und gedruckte Sprache Deutschlands mag immerhin noch als eine seltsame Mundart, Abart, Entartung des Germanischen so mitgehen, – deutsche Sprache ist das nicht mehr, was uns in jedem Zeitungsblatt, in fast jedem Buche wissenschaftlichen Inhalts, in zahllosen amtlichen, halbamtlichen, unamtlichen Kundgebungen und Anzeigen täglich, stündlich, minutlich entgegentritt. Die Sprache der deutschen Wissenschaft aller Grade muß nach strenger rechnerischer Prüfung für eine ebensolche Mengselsprache wie das Englische erklärt werden: sie ist eine romanisch-griechische Mundart mit starker Deutschfärbung . Prüft man nur die Begriffswörter, also die Haupt-, Eigenschafts-, Umstands-, Zeitwörter, so ist das Deutsch der Wissenschaft romanisch-griechisch-germanisches Missingsch . Was ich hier nach reiflicher Prüfung als eine Tatsache, nicht als eine Meinung ausspreche, kann nur durch gleichgewichtige Tatsachen, nicht durch Meinungen widerlegt werden. Ich schreibe nicht einer › Sensation ‹ halber, sondern ich will nach dem endlosen Hin- und Hergerede der Sprachwelscher und ihrer Gegner die zwei Fragen: Welche Sprache wird in Deutschland wirklich gesprochen und geschrieben? – Welche Sprache soll in Deutschland gesprochen und geschrieben werden? vom unerschütterlichen Boden der Wirklichkeit aus betrachten. Ich habe zu dieser Art der Betrachtung ein stärkeres Recht als die meisten Derer, die über Welscherei oder Deutsch geschrieben haben, denn ich habe ein volles Menschenleben hindurch Welscherei beruflich, amtlich an einer der Hauptquellen einschlürfen müssen: im Dienste des Deutschen Reichstags, dem beherrschenden Mittelpunkte welschender Beredsamkeit. Ich habe daneben ein Menschenleben hindurch als sprachlich prüfender Leser deutscher Bücher, deutscher Zeitungen und deutscher Zeitschriften den Stoff gesammelt für die Behauptung, die endlich ausgesprochen werden muß, bevor es besser werden kann: In Deutschland wird nicht Deutsch gesprochen, wird erst recht nicht Deutsch geschrieben. Ein deutschfeindliches Blatt eines der vielen deutschfeindlichen, bisher noch nicht in den Krieg gegen Deutschland verwickelten Länder schrieb nach dem deutschen Seesiege im Skagerrak aus unfreiwilliger Bewunderung: Das Wort ›Unmöglich‹ scheint es in Deutschland nicht zu geben; was können denn die Deutschen nicht? – Der Weltkrieg ums deutsche Dasein hat in der Tat den, uns Deutsche nicht zum wenigsten, überraschenden Beweis geliefert, daß wir so ziemlich alles können, was in Menschenmacht liegt; daß wir vieles trefflicher können als andre Völker; daß wir jedoch selbst in diesem Tod- oder Lebenkampf ums Fortbestehen deutschen Volkstumes nicht das vermögen, was die niedrigsten unsrer vielfarbigen Feinde mühelos vollbringen: den festesten Grundbau alles Volkstumes unerschütterlich zu bewahren, die unverfälschte, unverwelschte Muttersprache. Ein Beweis aus Hunderten, aus Tausenden: in neun Fällen von zehn bezeichnet der deutsche Mensch, besonders der schreibende, das höchste aller Hochgefühle mit einem elend erdrechselten Fremdwort: Vaterlandsliebe mit Patriotismus . Ich weiß, der gelehrte deutsche Welscher, der nie um eine Bemäntelung seiner Welscherei verlegen ist, wird auch mit beredtem, überaus gelehrtem, lateinisch-griechisch-französischem Wortschwall unwiderleglich beweisen, daß der gebildete Deutsche in vielen Fällen mit der gemeinen, bloß deutschen Vaterlandsliebe nicht ausreicht, daß der Patriotismus mit seinen wundersamen zarten Begriffs nuancen , seinen subtilen und imponderabeln Vibrationen unentbehrlich, unübersetzlich ist, daß nur chauvinistisch-nationalistischer Purismus ein so herrliches Wort wie Patriotismus beanstanden, wohl gar verpönen kann. Auf dergleichen mir verschlossene subtile Differenzierungen der linguistischen Ästhetik lasse ich mich grundsätzlich, schon aus Bescheidenheit, nicht ein; mir genügt die Feststellung der unbestreitbaren Tatsache, daß der deutsche Welscher sich ohne Patriotismus zusamt Patriot und patriotisch sprachlich nicht ›ausleben‹ kann. Noch aus einem andern Grunde halte ich mich für besonders berechtigt, ja berufen, vielleicht sogar auserwählt, dieses Büchlein zu schreiben und einiges Gewicht für mein Urteil über die Welscherei in Deutschland zu beanspruchen. Ich kenne nämlich nicht bloß die Sprache der deutschen Welscher so genau, wie das nur eine lebenslange Erfahrung und Durchforschung ermöglicht; sondern ich bin, ohne mich dessen zu berühmen, einer der bald gezählten deutschen Schriftsteller, die ihre Bücher in reinem Deutsch schreiben, wiewohl dies in deutschen Landen nur geringen Ruhm erwirbt, ja von den meisten Lesern kaum beachtet wird. Immerhin beweist meine eigne Schreibsprache die von den Welschern grundsätzlich bestrittene Möglichkeit, daß ein Deutscher seine Bücher in der unverwelschten Muttersprache schreiben kann, ohne ein halbes Dutzend fremder Sprachen anzubetteln. Mir liegt wahrhaftig daran, mit allen meinen Schriften, vornehmlich mit dieser, so überzeugend wie nur möglich zu wirken, und jedes erdenkliche saubre sprachliche Mittel zu diesem Hauptzweck meines Schreibens ist mir hochwillkommen. Jede sprachlich darzustellende Farbe meines Willens, jeder wirksame Ausdruck meines Wissens, Fühlens, Könnens ist mir heiß erwünschtes Werkzeug. Dennoch, oder grade darum, verschmähe ich verachtungsvoll alle die Kostbarkeiten, die in dem erbettelten und gestohlenen fremden Sprachplunder stecken sollen. Dieses Büchlein wird die sehr geringe Zahl der in nichtwelscher Sprache abgefaßten deutschen Schriften um eine vermehren. Mir genügt die arme Sprak, die plumpe Sprak meines Volkes für alles, was ich ihm zu sagen habe, und ich überlasse es getrost den Lesern, zu entscheiden, ob die gewiß aufzuweisenden Gebrechen dieses Büchleins meinem Denkvermögen oder meiner Sprache, der deutschen, zur Last zu schreiben sind.   Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht. Über den wahren Zustand der in Deutschland herrschenden Sprech- und Drucksprache besteht eine fast allgemeine vollkommne Täuschung oder Selbsttäuschung. Ich will aussprechen, was ist, und ich will es ohne Menschenfurcht, ohne irgendwelche scheue Rücksicht aussprechen. Ist überhaupt noch eine Rettung aus der grenzenlosen ausländernden Sprachsudelei denkbar – was von den besten Kennern bezweifelt wird –, dann nur durch schonungslose Offenheit. Bei dieser geht es nicht immer mit zarter Mäßigung und glatter Höflichkeit ab. ›Mit Seide näht man keinen groben Sack‹, hat der Meister edler Sitte, Goethe, gelehrt, und aus ihm schöpfe ich noch die andre Berechtigung für den Ton dieses Büchleins: ›Wer das Recht auf seiner Seite fühlt, muß derb auftreten. Ein höfliches Recht will gar nichts heißen.‹ Auf meiner Seite ist das Recht, nämlich das, zu fordern, daß in Deutschland Deutsch gesprochen werde . Die herrschende Auffassung vom Zustand unsrer gesprochenen und geschriebenen Sprache ist etwa diese. Der Freund deutscher Zunge klagt über die allbekannte ›Fremdwörterei‹, wie er sie nach allgemeinem Sprachgebrauche nennt, und meint damit, daß sich in unsre Rede und unsre Druckwerke eine beträchtliche Zahl fremder Wörter eindränge. Diese Auffassung entspricht bei weitem nicht der vollen Wahrheit. Der Welscher aller Abstufungen, von dem Abgeordneten, der keinen Satz ohne ein Fremdwort sprechen kann, über den Zeitungsschreiber, der zum Ausschöpfen seines Gedankenreichtums auf je zwei Druckzeilen mindestens ein Fremdwort braucht, bis zum berühmten Hochschullehrer, in dessen Sprache die vereinzelten deutschen Begriffswörter stillos zwischen der Fremdbrockensprache wirken, – der Welscher spricht bei passenden feierlichen Gelegenheiten begeistert von der ›unvergleichlich edlen und reichen deutschen Sprache‹; erklärt sich für ihren geweihten Hüter; rügt schmerzerfüllt ›die zunehmende Sprachverwilderung‹, das Übermaß der Fremdwörterei – bei den Andern, besonders bei den bösen Zeitungsschreibern; ist empört, wenn man ihn, milde genug, einen Fremdwörtler nennt, und verkündet ein für allemal und in jedem besondern Falle besonders, daß jeder seiner Fremdbrocken, auch der lächerlichste, der tollste, der von ihm soeben neu erdrechselte, ganz unentbehrlich sei zur Übermittelung seines abgrundtiefen, farbenüppigen, nickelnagelneuen Weisheitschatzes an die weisheitdurstige Menschheit. Daß die sonst um ihres Reichtums willen von Deutschen und Fremden gepriesene deutsche Sprache auch seiner Gedankenüberfülle genügen müsse, – absurdes, phantastisches, irreales, puristisches Postulat . Nehmen wir mit übertriebener Vorsicht an, der durchschnittliche Bedarf der Anleihen bei fremden Sprachen betrage für einen deutschen Schreiber nur 10 Welschbrocken auf je eine mittlere Druckseite, so bedeutet dies ohne gelehrttuende Redensarten unwiderleglich: der Schreiber war auf 100 Druckseiten 1000 mal außerstande, seine erlauchten Gedanken mit den beschränkten Mitteln seiner gemeinen Muttersprache auszudrücken. Selbstverständlich verschleiert jeder Welscher diese sonnenklare Wahrheit, die seiner Welscherei zugrunde liegt. Noch keiner der Welscher, die für die einfachsten menschlichen Begriffe die Sprachen fremder Völker anbetteln, die also z. B. Psyche statt Seele, Milieu statt Umwelt, Material statt Stoff schreiben zu müssen glauben, noch keiner dieser in 6–7 Zungen redenden und schreibenden Meister deutscher Bildung hat jemals zugegeben: Ich , Wilhelm Schulze oder August Piefke, kann dies und das und jenes und tausend andres nicht vollkommen verständlich und treffend auf Deutsch ausdrücken; sondern jeder, auch der elendeste Schreiber, erklärt in jedem Falle, wo er seine Muttersprache nicht beherrscht, oder sich mit allerlei Fremdbrocken brüsten will, mit einer in keinem andern Lande geduldeten Anmaßung: Im Deutschen kann ›man‹ dies nicht so kurz, so scharf, so fein, so treffend, so bezeichnend, so erschöpfend, mit einem Wort so adäquat sagen wie in verdorbenem Latein, verhunztem Griechisch, berlinischem Französisch, falschgesprochenem Stallknechtenglisch, stümperndem Leierkastenitalienisch. Daß dieser ›man‹ kein andrer ist als eben dieser welschende Mann, wird durch das verschleiernde ›man‹ wegzuschwindeln versucht.   Sprachliche Entvolkung Deutschlands Die Wahrheit über den Sprachzustand in Deutschland ist allerdings so erschreckend, so fürchterlich, daß sie von den Welschern verschleiert, verschwindelt werden muß . Würde man sich im deutschgesinnten Deutschland der blanken Wahrheit voll bewußt, so wäre es trotz der schier unausrottbaren deutschen Ausländerei vielleicht um das Welschen und die Welscher geschehen. Selbst die Bestbestrebten in Deutschland gestehen sich nicht, daß wir längst mitten auf dem Wege zur Sprachverwelschung sind und immer weiter fortschreiten. Der Allgemeine Deutsche Sprachverein bekämpft seit 31 Jahren das, was auch er irrtümlich milde ›die Fremdwörterei‹ nennt, anstatt unverhüllt von der zunehmenden sprachlichen Entvolkung Deutschlands zu reden. Der gutdeutsch gesinnte Anton Fendrich meint in seiner Schrift ›Der Krieg und die Sozialdemokratie‹ aus demselben Irrtum heraus: ›Wer innen deutsch ist, kann schadlos ein ganzes Schock Fremdwörter vertragen.‹ Ein Schock erscheint ihm als das äußerste zulässige Maß. Der sonst so helläugige Mann hat offenbar keine Ahnung von der Wirklichkeit der deutschen Sprache in Deutschland. Ein Schock Fremdwörter! Du lieber Himmel, als ob ein Mensch über Fremdwörterei reden, als ob ich die Verwelschung Deutschlands anklagen würde um ein elendes Schock Fremdwörter! Nicht um 10 Schock, nicht um 20 Schock – also um 1200 Fremdbrocken – geht der Kampf; sondern um 100 Schock, um 1000 Schock, um 2000 Schock, wie ich beweisen werde. Den deutschen Redner oder Schreiber möchte ich sehen, der nicht schon in halbstündiger Rede auf 10 Druckseiten sein volles Schock Welschwörter los würde! Die Wirklichkeit, die schmerzliche, die schmachvolle, sieht so aus: Es gibt kein Gebiet menschlichen Lebens und Strebens; kein Gefühl der Freude, des Schmerzes; nicht Wunsch noch Sehnsucht noch Klage; nicht Jubel noch Verzweiflung; kein Tun, kein Lassen; kein Vorbereiten, Ausführen, Vollbringen; keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Tätigkeit fürs Gemeinwohl im Staat, in der Stadt, im Dorf, im Verein; nicht Essen noch Trinken noch Spielen; keine hohe oder niedre Belustigung; keinen Groß- oder Kleinbetrieb im Gewerbe; nicht Handel noch Schiffahrt auf dem Wasser oder in den Lüften; nichts im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, was der Deutsche, zumal der sich gebildet nennende, mit den Mitteln seiner Muttersprache ausdrücken kann oder will. Von Zeit zu Zeit läuft durch die Blätter ein Pröbchen der welschenden Sprachverluderung Deutschlands im Dreißigjährigen Kriege, etwa im Stil dieses Berichtes Wallensteins an den Kaiser Ferdinand nach der Schlacht bei Nürnberg: ›Das Combat hat von frühe angefangen und den ganzen Tag caldissimamente gewährt, alle Soldaten Eurer kaiserlichen Armee haben sich so tapfer gehalten, als ich's in einiger occasion mein lebenlang gesehen, und niemand hat einen fallo in valor gezeigt. Der König hat sein Volk über die Maßen tief diskuragiert ; Eurer Majestät Armee aber, indem sie gesehen, wie der König repussiert wurde, ist mehr denn zuvor assekuriert worden.‹ Die Herren in der abdruckenden Zeitung dünken sich sprachlich hocherhaben über solches Gewelsche, und die Leser schmunzeln selbstgerecht über solche Entartung. Ist unter den Zeitungslesern eine Leuchte deutscher Gelehrsamkeit im 20. Jahrhundert, etwa ein › Germanist ‹ genannter Hochschullehrer der Deutschkunde, so rümpft er die Nase über solch ein ›glücklicherweise längst überwundenes antiquiertes Stadium deutscher Sprach evolution ‹. Das Gleichnis vom Splitter und Balken im fremden und im eignen Auge paßt nicht, denn Splitter ist der Zustand des 17. Jahrhunderts, klobiger Balken das Gewächs unsrer Tage, in denen es die Welscher so herrlich weit gebracht. Die höchste Bildung, d. h. was sich so nennt, schreibt im lichten Ruhmesglanze des 20. Jahrhunderts in Deutschland folgende Sprache: ›Man kann dem deutschen Publikum nichts Distinguiertes spenden, was es nicht sofort seiner gewohnten Trivialität assimiliert . – Das Absolute und der Inhalt des analogischen Denkens, das fiktiv Absolute oder die absolut gedachte Relativität . – Der von der Koalition beherrschten Fraktion fehlten die Instruktionen der Machthaber. – Werther ist ein Gemisch von dramatischer Objektivität und lyrischer Subjektivität . Es ist ein erlesener Genuß, die Intensität und die Diskretion zu erkennen, mit der auf wichtige Situationen vorgedeutet wird. – Eine Biographie Schillers, deren Motive sich auf dem Niveau des populären Interesses bewegen. – Die Arbeitsteilung reduziert den Arbeiter auf eine degradierende Funktion ; dieser degradierenden Funktion entspricht eine depravierte Seele.‹ Die Namen der namhaften Welscher, die solch grauenhaftes Zeug für feinstes Deutsch gehalten und jeden andonnern würden, der ihnen von undeutscher Sprache zu reden wagte, nenne ich absichtlich nicht, denn nicht mit den großen Namen sehr schlechter Schreiber, sondern mit der sehr guten Sache deutscher Sprache hab' ich zu tun. Der Leser darf mir glauben, daß ich meine Beispiele für die Welscherei auf den Arbeitsfeldern deutschen Geistes nicht dem Geschreibsel irgendwelcher Schmierer, sondern grundsätzlich nur den Schriften der Zierden deutscher Wissenschaft entnehme. Und nicht etwa mühsam, böswillig herausgeklaubte, sondern beim wahllosen Blättern überall ins Gesicht starrende Greuel. Wer allerdings schon, wie die meisten Leser, solches Gewelsche für die natürliche Bildungssprache in Deutschland hält, dem fallen die tollsten Beweise für unsre Sprachverluderung gar nicht mehr auf. Mir fallen sie auf, weil ich solche Sprachform überhaupt nicht als Deutsch, sondern als eine fremde wüste Mundart empfinde. Diese Empfindung auf meine Leser zu übertragen, ist einer der Hauptzwecke dieses Büchleins.   Zweisprachiges Deutschland Man höre auf, von deutscher ›Fremdwörterei‹ zu reden! Es handelt sich längst nicht mehr um ein größeres oder geringeres Maß des Einstreuens fremder Wörter in deutsche Rede und Schrift, sondern um eine bis ins Mark, bis ins Herz der deutschen Sprache vorgedrungene krankhafte Entartung. In Deutschland wird nicht mehr Deutsch gesprochen. Kein Stand, kein Geschlecht, kein Alter in Deutschland spricht mehr Deutsch, sondern Welsch in seinen verschiedenen Abstufungen. Was die Welscher zu diesem Aussprechen der Wahrheit sagen, habe ich ihnen auf der ersten Seite vorweggenommen. Sie müssen mir widersprechen, denn sonst –? Deutschland wird ein zweisprachiges Land ; seine Entwicklung zur offenbaren Zweisprachigkeit setzt sich vor sehenden Augen und hörenden Ohren unaufhaltsam fort. Hin und wieder durchflammt ein erbarmungsloser Blitz das bemäntelnde Dunkel, worein die Welscher sei's aus Selbsttäuschung, sei's aus Scham die Wirklichkeit unsers Sprachelends gehüllt haben. Im währenden Weltkriege geschah an einem staatlichen Berliner Gymnasium, das vielen für das ›vornehmste Berlins‹ gilt, folgendes: Ein Oberlehrer rügte bei der Abgangsprüfung als ›schweren Fehler‹, daß der deutschfühlende Jüngling und statt plus , Rechnungsart statt System sagte, sich überhaupt deutscher Ausdrücke an Stelle lateinischer bediente, und tat dabei den unsterblichen Ausspruch: ›Wir können uns ja gar nicht verstehen, wenn Sie immer deutsche Ausdrücke gebrauchen‹. ›Eine Anekdote ! sagt der Welscher; ein Spezial fall, wie er bei der Individualität eines eigenwilligen Pädagogen einmal passiert , den man aber nicht generalisieren darf‹. Der allgemeine Zustand einer Sprache setzt sich aus unzähligen ›Spezialfällen‹ zusammen, und in Deutschland wird in unzähligen Einzelfällen eben nicht Deutsch, sondern Undeutsch gesprochen. Der Zustand, den vor 200 Jahren Leibniz warnend vorausgesehen, ist jetzt eingetreten: ›Es will fast das Ansehn gewinnen, wann man so fortfährt und nichts dagegen tut, es werde Deutsch in Deutschland selbst nicht weniger verloren gehen, als das Engelsächsische in Engeland.‹ Wir haben in Deutschland in den letzten zehn Jahren Schreiber am Werke gesehen, z. B. die beiden jüngst Verstorbenen Felix Poppenberg und Karl Lamprecht, einen Kunstschreiber und einen Geschichtschreiber; die beiden Lebenden Simmel und Sombart, einen Seelenforscher und einen Volkswirt, deren sogenanntes Deutsch sich äußerlich in nichts von der germanisch-romanischen Mengselsprache Englisch unterscheidet. Der innerliche Unterschied allerdings ist gewaltig: das noch so mengselige Englisch ist eine gebildete Sprache, das Welsch der vier genannten deutschen Schreiber ist wüste Unsprache. Keine Übertreibung, nein herbe Wahrheit war der Satz in einer auch in Deutschland geachteten französischen Zeitschrift: ›Die deutschen Männer der Wissenschaft machen ernstliche Anstrengungen, durch eine Verschmelzung der deutschen und der romanisch-französischen Sprache zur Weltsprache zu gelangen. Das Esperanto wird durch sie überflüssig. ‹ Hierin steckt eine Ungerechtigkeit gegen das Esperanto, denn dieses ist in all seiner Dürftigkeit eine wohlgeordnete, die Deutschwelscherei eine liederliche Kunstsprache. Zwitterdeutsche nannte Rückert die Deutschgebornen, die sich geistig ihres deutschen Adelgeburtsrechtes entkleidet hatten.   Nicht mehr gefremdwörtelt wird in Deutschland, sondern gewelscht, das heißt: die deutsche Bildungswelt, und ihr nacheifernd die der Ungebildeten, redet eine grauenvolle besondere Sprache, die ich Welsch nenne. ›Fremdwörtler‹ und ›Fremdwörterei‹ schreibe ich daher nur noch ausnahmsweise, sondern ich sage Welscher und weiß, warum ich es sage. Ein Fremdwörtler möchte allenfalls der überwiegend Deutsch schreibende Mann heißen, der nur hin und wieder, in seltenen Ausnahmefällen, ein vereinzeltes besonders schlagkräftiges Fremdwort zum vermeintlichen Aufhöhen und Abtönen seines Stiles gebrauchte. Die Fremdwörtler dieser erträglichen Art lassen sich leicht zählen. Nein, die Regel ist die, daß für jeden einzigen Begriff, zumal für jeden aus dem höheren Geistesleben, ein deutsches Wort wie ein armes verirrtes Kind erscheint, während sich der Fremdling fast in jedem Satze an den gewichtigsten Stellen breit hinpflanzt. Natürlich sagt jeder Welscher: ›Pah, meine paar Fremdwörter!‹ – Dies ist Selbstbelügen; es gibt keinen Welscher mit ›ein paar Fremdwörtern‹, es gibt keinen mit ein paar hundert. Unter 1000 Fremdbrocken fängt das Welsch nicht an, aber meist geht es in die paar tausend, bis zu 5000 und darüber, weit darüber. Die Deutschverderber unter uns nenne ich Welscher und ich hoffe, dieses ins Herz der Sache treffende Wort an die Stelle des irreführenden Fremdwörtlers setzen zu helfen. Welscher ist nicht meine Schöpfung; Luther und seine deutschgesinnten Zeitgenossen nannten so die verkehrten Geister, die aus krankhaftem Dünkel in unverständlichen Zungen zu den einfältigen Gemütern redeten. Und wer in meiner Bezeichnung Welscher einen ›Mangel an Achtung‹ für diese Klasse von Schreibern erblickt, der sei gefragt: Welche Achtung gebührt Denen, die unsre Muttersprache verachten? Jawohl, ich verabscheue die Welscherei und ich wünsche mein Gefühl allen Lesern einzuflößen. Erfrechen sich unsre Welscher nicht gar, die Freunde reiner deutscher Sprache mit einem Hohnwort, natürlich einem lateinisch-griechischen, Puristen zu schimpfen? Wie in aller Welt soll ich denn die Verschmutzer deutscher Sprache richtig und nicht übergrob benennen? Wäre Schmutziane als Gegenwort zu Puristen unhöflich? Jean Paul schlug für die Sprachbemakler das Wort Makulisten vor; indessen auch dieses Fremdwort ist zu mild, bezeichnet nicht scharf genug, denn es handelt sich beim Welsch unsrer Welscher nicht um vereinzelte Makel, seltene Schmutzflecke. Die Griechen mit ihrem überfeinerten Sprachkunstsinn nannten jeden nicht Griechisch sprechenden Menschen Barbar . Ein Wort für die Griechen, die nicht Griechisch sprechen wollten, haben sie nicht geschaffen, denn solche Ungeheuerlichkeit war ihnen unausdenkbar.   Doch, eine Klasse deutscher Schreiber ist ihrer Muttersprache – bis jetzt! – treu geblieben: noch schreiben die deutschen Dichter mit seltenen Ausnahmen Deutsch, wenigstens wenn sie in Versen dichten oder in künstlerischer Prosa schaffen. Sie sind die einzigen Vertreter deutscher Bildung mit nur einer Sprache. Ihr Vorbild ist aber völlig wirkungslos, die andern Schreiber lernen von den Dichtern sprachlich nicht das geringste. Der deutsche Dichter, es klingt wie Wunder, vermag bis auf diesen Tag ausschließlich mit den Mitteln seiner Muttersprache die zartesten Regungen der Menschenbrust, die feinsten Farbentöne der Sinnenwelt auszudrücken, und jeder seiner Leser hält es für selbstverständlich, daß die deutsche Sprache ihm hierbei überall treulich zu Willen ist. Diese selbe unerschöpflich reiche Sprache jedoch versagt unsern tausenden von Welschern in der Prosa der Rede und Schrift in jeder Minute den Dienst.   Fremdwörterbücher Pah, unsre paar Fremdwörter, oder doch meine paar Fremdwörter! sagt der Welscher. Ich hab' hier nur ein Amt und keine Meinung; ich streite nicht mit allgemeinen Redensarten, sondern mit unantastbaren Tatsachen, die sich in unerbittlichen Zahlen aussprechen. Deutschland ist das einzige Land der Welt mit Fremdwörterbüchern . Wir nehmen dies wie etwas Selbstverständliches hin, ohne zu bedenken, welche furchtbare Anklage in dem bloßen Vorhandensein solcher Bücher liegt. Um zu verstehen, was seine Volksgenossen ihm zu sagen haben, muß im eignen Vaterlande selbst ein leidlich gebildeter Deutscher ohne umfassende Kenntnis fremder Sprachen, müssen alle nicht fremdsprachlich gebildete Deutsche, müssen fast alle Frauen ein besonderes dickes Wörterbuch nachschlagen. Und was für Bücher sind das! In dem scheinbar vollständigsten Fremdwörterbuch, dem von Heyse, stehen gegen 125 000 Fremdwörter. In dem großen Fremdwörterbuch von Kehrein stehen auf 770 doppelspaltigen Riesenseiten über 80 000; in dem zweibändigen von Sanders über 100 000. Das ›gedrängte‹ Fremdwörterbuch von P. T. L. Hoffmann, neu bearbeitet und ergänzt von Th. Matthias, enthält mindestens 30 000 und nennt sich bescheiden ›Wörterbuch der gebräuchlichen Fremdwörter‹. Diese vier vollständigsten deutschen Fremdwörterbücher und alle übrigen sind durchaus unvollständig, denn sie enthalten nur wenige von den zehntausenden fremder Wörter, die sich aus Zusammensetzungen von Fremdwörtern mit deutschen Vorsilben – man denke z. B. nur an die zahllosen mit un- – oder mit deutschen Endungen ergeben. Ferner ›bereichert‹ der echte und gerechte Welscher sein Wunderwörterbuch beliebig durch lateinisches in oder griechisches a für un, unbekümmert, ob sich die Römer und Griechen in solchen Fällen dieser verneinenden Vorsilben wirklich bedient haben oder nicht. Der gewaltige Sprachschöpfer des Welsch beglückt mit seinen bequemen Wortbildungsmittelchen alle Wörterbücher der Welt, mit besonderer Vorliebe das französische, wie wir weiterhin sehen werden. Ich selbst arbeite seit Jahren an einem kleinen Fremdwörterbuch, einem der wenigst dicken, zugleich insofern dem annähernd vollständigsten seiner Art, als ich ausschließlich solche Fremdwörter aufnehme, die ich in meinem erfahrungsreichen Leben als Reichstagsbeamter und Leser ungezählter Zeitungen und Bücher wirklich als gesprochen und geschrieben kennengelernt habe. Ich schätze die von mir aufgespießten gebräuchlichsten Fremdwörter auf 8000; indessen diese bescheidene Zahl verdoppelt sich durch Hinzurechnung der vorhin bezeichneten Zusammensetzungen und der von mir nur aufgeführten, aber nicht besonders erklärten selbstverständlichen Ableitungen. Alle obengenannten Zahlen geben immer noch ein falsches Bild der in Deutschland herrschenden Zwittersprache. Zieht man in Rechnung, daß in jedem brauchbaren Fremdwörterbuch dem einzelnen Fremdwort durchschnittlich 3, 4 und mehr deutsche Gleichwörter gegenüberstehen, so ergibt sich selbst aus den kleinsten Fremdwörterbüchern ein wahrhaft grausiges Gesamtbild der Sprachverluderung in Deutschland, Deutschland über alles. Ich darf die Zahl der deutschen Ersatzwörter zu jedem Fremdwort in meinem demnächst erscheinenden Fremdwörterbuch auf durchschnittlich mindestens 5 schätzen. Was bedeutet diese Rechnung? Daß schon die gebräuchlichsten, die alltäglichsten Fremdbrocken, also mit Ausnahme der unzähligen Fachfremdwörter, in 5 × 8000, also in 40 000 Fällen die deutschen Ausdrücke verdrängt haben. Ist dies noch Fremdwörterei, oder ist dies nicht eine ausgebildete Fremdsprache neben der deutschen, inmitten der deutschen, ja vor der deutschen Sprache?   Ich bin mit meiner zahlenmäßigen Untersuchung der sprachlichen Zweizüngigkeit in Deutschland nicht zu Ende. Ich habe durch langsames Blättern in lateinischen, griechischen, französischen, englischen Wörterbüchern festgestellt, daß die Zahl der vom deutschen Welsch noch nicht aufgeschnappten fremden Wurzeln bei weitem geringer, ja schon in eine Ausnahmestellung gedrängt ist gegenüber dem Heer der eingewelschten wildfremden Wortkörper. Ich schlage z. B. das lateinische Wörterbuch unter C auf und setze der Reihe nach die auf einer Seite stehenden Lateinstämme her, die zu den Zierden des deutschen Welsch gehören: Comitium, comitor, commendabilis, commendator, commentarius, commentor, commentum, commercium, commilito, commissum, committo, commoditas, commodus . Ich schlage beliebig im P auf und schreibe ab: Praecipio, praecipito, praecipuus, praecisus, praecludo, praeconius . Ich schlage aufs Geratewohl im lateinischen R auf und setze her: Renitor, renovo, renuntio, reparo, repello, repercutio, repertor, repetitio, repeto, replico, repono, reporto, repraesento . Soll ich aus dem griechischen Wörterbuch eine Seite mit ana- , eine andere mit kata- , eine dritte mit peri- hersetzen? Oder aus dem Französischen eine Seite mit re- ? Mich nimmt Wunder, daß noch keinem jungen Sprachgelehrten der Gedanke gekommen ist, den deutschen Welschsüchtigen mit einem Verzeichnis solcher Fremdbrocken zu Hilfe zu kommen, die von der Welscherei bisher unbegreiflicherweise übersehen worden sind. Die ganze Sammlung würde ja in einem dünnen Heft Platz finden. Die Fremdwörterbücher von Heyse, Kehrein, Sanders, Hoffmann-Matthias sind zugleich ziemlich vollständige Wörterbücher der notwendigsten lateinischen, besonders küchenlateinischen, der griechischen, französischen, besonders der berlinfranzösischen Wörter, und sie erschließen tiefe Einblicke noch in ein halbes Dutzend andrer Sprachen. Die von den deutschen Welschern geläufig gebrauchten zusammengesetzten Welschwörter mit lateinischem con ( com-, co-, coll-, corr- ) füllen in dem vor 40 Jahren erschienenen Kehrein 43 große Spalten. Diese Masse hat sich seitdem noch ansehnlich vermehrt. Es gibt mindestens fünfmal soviel Welschwörter mit lateinischem re- wie deutsche mit rück- und wieder-. Der Welscher gebraucht bei weitem mehr Fremdbrocken mit lateinischem inter als deutsche mit zwischen. Das Welsch hat mindestens ebenso viele Welschereien mit lateinischem de- , wie deutsche Zusammensetzungen mit ab-; mindestens zehnmal so reichliches Gewelsche mit lateinischem dis- , wie deutsche Bildungen mit ent-, ant-, emp- zusammengenommen. Des deutschen Welschers anmutreiche Sprache kennt allein mehr Welschwörter mit lateinischem in- ( ill-, imm-, irr- ), als sich in manchem deutschen Wörterbuch in dem ganzen Buchstaben I finden. Was sagt der Leser dazu, daß ich in mein sorgfältig ausgesuchtes kleines Fremdwörterbuch, das nur die wirklich und regelmäßig gebrauchten Welschereien enthält, 294 Fremdwörter mit in , ( ill-, imm-, irr- ), 107 mit ex , 314 mit re , 75 mit prä , 153 mit pro , 372 mit kon , ( komm-, koll-, korr-, ko- ), 205 mit de , 61 mit sub , ( suk-, suff-, supp-, sus- ), zusammen 1581, aufnehmen mußte?   Noch darin wird fast allgemein geirrt, daß man sich die Welscherei als das Eindringen vieler, zu vieler einzelner Fremdwörter vorstellt. Die Zahl der vereinzelten, verwaisten Welschbrocken ohne Familienanhang ist sehr gering. Nein, sie rücken an in ganzen großen Sippen; sie kommen mit Kind und Kegel, was wörtlich zutrifft, denn ›Kind und Kegel‹ bedeutet die echt- und unechtbürtigen Kinder, Sie kommen in Herden und Horden; sie vermehren sich, wie es allem Ungeziefer eigen, von heut auf morgen ins Haufenhafte, Massenhafte. Sie nisten sich ein in alle wärmsten Lebensteile deutscher Sprache, deutschen Gedankens, deutscher Empfindung und saugen den eingeborenen Kindern deutscher Muttersprache das Lebensblut aus dem Wortgeäder. Kein Redeteil mehr ohne Gewelsche; nicht das Geschlechtswort, denn der Welscher wirft z. B. mit à la um sich, ein großer Germanist in Berlin mit › à la Karl der Große‹, ein Kunstschmock mit › à la Siegfried‹. Selbst in die Reihen der Ausrufswörter ist das Gewelsche seit mehr als hundert Jahren eingedrungen: bravo! da capo! pardon! allons! adieu! Und nun sehe man sich die Hunderte von Welschwörtern an, die, einmal in irgendeinen Redeteil eingedrungen, sich wie ein fauliger Schwamm, wie ein krebsiges Geschwür über alle benachbarten Lebenszellen des deutschen Sprachleibes wuchernd ausstrahlen. Schüchtern hat sich zuerst das spätlateinische specialis in der verstümmelten Form special eingeschlichen. Schnell klebt sich dieser Geschwürskern fest und fester, saugt den deutschen Wörtern ›sonder, besonder, sonderlich, eigen, enger, fachlich, artlich, einzel‹ die Lebenssäfte aus, und bald gibt es nur noch special als Bandwurmkopf unzähliger Gebilde: Special geschäft, Special handel, Special frage, Special idee usw. usw. Die Geschwürzelle, der Schwammkern spaltet sich, er › differenziert ‹ sich, denn es gilt, auch das Sprachgewebe des Umstandswortes ›besonders‹ zu verzehren. Aus special , das wenigstens noch küchenlateinisch war, spaltet sich ein keiner Menschensprache angehörendes speciell ab, und fortan ist alles Besondere ein Specielles , denn das Umstandswort speciell erzeugt aus sich ein nie dagewesenes Hauptwort: das Specielle . Weiter geht die Wucherung, die Verschwammung, die Durchkrebsung des lebendigen Sprachgefüges. Es gab die Besonderheit, Sonderart, Sonderheit, das Sonderfach, Eigenfach, Leibfach, Hauptfach, Lieblingsfach, Sondergebiet, Leibgebiet, Hauptgebiet, Sonderfeld, den Sonderzweig, Sonderbetrieb, Hauptbetrieb, das Hauptgeschäft, Sondergeschäft, Steckenpferd, die Liebhaberei; – die ganz unklassisch lateinische, sprachlich verlumpte und verluderte Spezialität spreizt sich an ihrer Stelle, frißt sie auf und versperrt jeder Neuschöpfung den Weg. In den Schriften eigensinniger › Puristen ‹ müssen sie ihr kümmerliches Leben zu fristen suchen. Immer weiter und breiter wuchert der Sprachschwamm und erzeugt, gespeist aus griechischen Welscherquellen, neue Herrlichkeiten: Spezialist, spezialistisch, spezialisieren . Nur einen Seitenblick werfen wir auf die näheren und ferneren Seitenlinien, auf spezifisch, spezifizieren, Spezifikation, Spezimen . Weiter reicht meine Herrschaft übers Küchenlatein nicht, und besondere Nachforschungen in Lamprechts, Sombarts, Simmels gesammeltem Gesudel zur Erweiterung meiner Kenntnisse anzustellen, muß ich mir bei der Kürze menschlichen Lebens versagen. Mein Beispiel ist keines der reichsten; es gibt Wurzelschwämme und Wortkrebse von viel breiterer Verästelung des Stammbaumes, mit einem Heer von deutschen und welschen Vorsilben und Endungen, mit so zahlreichen und feinen Zwischenformen, daß man schon ein Spezialist der Welschkunde – oder Welschistik nach dem edlen Muster der Germanistik ? – sein muß, um sie mit gebührender Achtsamkeit auseinanderzuhalten. ›Ist denn die deutsche Sprache vogelfrei, als eine Kleinigkeit, die nicht des Schutzes der Gesetze wert ist, den doch jeder Misthaufen genießt? Wie würde ein solches willkürliches, ja freches Umspringen mit der Sprache, wie heutzutage in Deutschland jeder Tintenklexer es sich erlaubt, in England, Frankreich, Italien aufgenommen werden?‹ Schopenhauer hat diese durchaus ungehörige Frage schon vor Menschenaltern gestellt, – ungehörig, denn der tiefe Denker hatte eben nicht bedacht, daß in Deutschland die deutsche Sprache seit Jahrhunderten in der Tat vogelfrei ist, keinerlei Schutz von irgend welcher zum Schutze berufenen Stelle genießt und in mehr als einer Hinsicht den neidvollen Vergleich mit dem gesetzlich geschützten Misthaufen nahelegt.   Das Welsch der Geistigen In allen Ländern mit Feinbildung sind die geistigen Führer die Hüter und Vorbilder edler Muttersprache. Ein französischer Gelehrter, der nicht Französisch schreiben kann, wird unmöglich; einen französischen Gelehrten, der seine französische Muttersprache für unzulänglich zum Ausdruck seiner Gelehrsamkeit zu erklären gewagt, durch Wort und Tat, hat es in Frankreich nie gegeben. Die Französische Akademie ist der lebendige Ausdruck des Gedankens, daß die reine, aufs feinste ausgebildete Muttersprache das höchste geistige Besitztum des ganzen Volkes ist. In der von Leibniz verfaßten Stiftungsurkunde der Berliner Akademie der Wissenschaften heißt es über deren Aufgaben: › Was zur Erhaltung der teutschen Sprache in ihrer anständigen Reinigkeit gereichet, absonderlich zu besorgen .‹ In der schroffen Erklärung eines jüngst verstorbenen Mitgliedes der Berliner Akademie gegen die Bestrebungen des Deutschen Sprachvereins hieß es im Jahre 1889: ›Pflege der Sprache beruht nicht vornehmlich auf Abwehr der Fremdwörter, die jetzt zum Gebot des Nationalstolzes erhoben wird.‹ Hier haben wir Geist und Sprache der deutschen Wissenschaft von heute über eine der tiefsten Fragen deutschen Volkstumes. Nicht gerüttelt werden dürfe an dem ragenden Babelturm der Welscherei, vor allem nicht etwa aus verächtlichem ›Nationalstolz‹, der nur so, nicht etwa deutscher Stolz, Vaterlandsstolz, vaterländischer Stolz, völkischer Stolz, Stolz aufs Deutsche heißen darf. In allen andern Ländern mit alten oder jungen Bildungssprachen fühlen sich alle Geistigen, also die Schriftsteller, die Gelehrten, die Redner, die Zeitungsschreiber, die Staatsmänner als Tempelhüter ihrer Sprachen; in Deutschland, allein in Deutschland, sind die geistigen Führer in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl die Tempelschänder und die Verführer. Nie würde der großen Masse des unverbildeten deutschen Volkes der aberwitzige Gedanke kommen, daß man nur mit Hilfe von vielen fremden Sprachen die Gegenstände und Einrichtungen des deutschen Lebens, die Gedanken und Gefühle der deutschen Seele erschöpfend und treffend ausdrücken könne, wenn solcher Aberwitz nicht durch Lehre und Beispiel der Geistigen über ganz Deutschland immerfort ausgestreut würde. Deutschland ist zwar der Hochsitz neuzeitlicher Sprachwissenschaft; vom innersten Kern jedoch aller Sprachweisheit: von der Sprache als einem lebendigen Gewächs, nicht einer gelehrttuenden Leimerei, hat selbst die Wissenschaft von deutscher Sprache, Germanistik geheißen, keine Ahnung. Wie dürften sonst deutsche Sprachforscher in einer Sprache schreiben, deren gleichen es in der 3000jährigen Geschichte menschlicher Zungen nie gegeben hat: in einer durch Tausende roh verstümmelter und vermanschter Fremdbrocken verunstalteten Unsprache?   Ich habe durch umfangreiche Untersuchungen, besonders durch die lange Arbeit an meinem Fremdwörterbuch, festgestellt, daß es in der Sprache deutscher Wissenschaft nicht einen einzigen Begriff mehr ohne sein Fremdwort gibt, und daß dieses Fremdwort bei weitem häufiger gebraucht wird als das deutsche. Ich habe auf einer mittleren Druckseite deutscher Gelehrsamkeit, wohlgemerkt nichtfachlichen Inhalts, z. B. in Büchern über deutsche Dichtung, deutsche Sitten, deutsches Volkstum, bis zu 40 Welschwörtern gefunden. Und so, nur wenig auf und ab schwankend, Seite für Seite. Ich habe Zeitungsblätter beliebig herausgegriffene, auf ihre Sprache geprüft, und habe z. B. in einem großen Berliner Blatte, das allerdings mit schnödem Hohn ›angebrachtermaßen‹ jedes völkische Streben nach reiner deutscher Sprache begeifert, in dem Herausgeberteil des vierseitigen Hauptblattes einer einzigen Morgennummer von 12 Spalten 257 Welschwörter gezählt, wobei solche, die leider einstweilen für unentbehrlich gelten müssen, wie Minister, Politik, politisch, liberal, Staatssekretär, nicht mitgerechnet wurden. Ich habe in dem amtlichen Bericht des Reichstags in einer einzigen zweistündigen Rede eines unsrer Staatslenker 292 Fremdbrocken gezählt, wiederum die sogenannten unentbehrlichsten nicht mitgerechnet. Nicht eines seiner Welschwörter sagte ein Jota mehr als jedes der vielen für jedes zahlreich zu Gebote stehenden ehrlichen deutschen Wörter. Démarche ist nicht mehr als Schritt; › absolut nicht aktuell ‹ heißt auf deutsch: durchaus, ganz und gar, schlechterdings, überhaupt, unbedingt – nicht dringend, dringlich, brennend, eilig, zeitgemäß, an der Zeit, an der Tagesordnung, tagfällig, Tagesfrage, geht uns heute gar nichts an, nicht wichtig. So, dies ist in einigen einleitenden Umrissen das Bild von Muttersprache, Mutterlaut, wie so wonnesam, so traut! Und nun zur Ausmalung dieses flüchtigen Bildes.   Das Welsch des deutschen Alltags Ich will den Leser aus dem Bann eines ihn und alle Welt umnebelnden Irrtumes reißen: In der Drucksprache , besonders der gelehrten, herrsche freilich eine gewisse Fremdwörterei; im großen und ganzen aber spreche man doch in Deutschland ›bis auf einige Fremdwörter‹ Deutsch. Wir wollen einander nichts vortäuschen, auch ich dem Leser nichts durch mein Buch; denn alles Schreiben, nicht bloß das Dichten, ist Gerichtstag über uns selbst. Aus der Sprachlüge müssen und wollen wir endlich hinaus; der Wahrheit, so abstoßend sie sein mag, wollen wir mit ehrlichem Mut ins Gesicht blicken. Es ist nicht wahr, daß in Deutschland Deutsch gesprochen wird, so wie man in Frankreich Französisch, in England und Amerika, ja noch in dem sprachlich verlottertsten Neste Pennsylvanias, Englisch spricht. Ich gehe auf Grund meiner sorgsamen Forschungen noch einen Schritt weiter: die scheinbar verludertste deutsche Mundart, das Jiddisch der polnisch-russischen Juden, ist nicht so stark mit hebräischen und polnischen Fremdbrocken durchflickt wie die deutsche Durchschnittsrede in Deutschland mit Welschereien aus mindestens 4 Sprachen. Die Rede des deutschen Alltags ist verwelscht, je nach der Bildungsschicht mehr oder weniger, nämlich je ›gebildeter‹, desto verwelschter; aber ein Gespräch deutscher Menschen in reiner deutscher Sprache gibt es nicht. Die paar Ausnahmen, z. B. die meines Hauses, kommen gegenüber dem Millionengewelsche nicht in Betracht. Allerdings das deutsche Ohr ist durch die Gewöhnung von der Kinderstube her aufs Welsch, als die eigentliche deutsche Muttersprache, so fest eingestellt, daß es über die unaufhörliche Fremdstammelei wie über etwas Natürliches hinweghört. Man mache aber die kleinste Probe, wenn man sie zur Nachprüfung des Satzes: Die deutsche Alltagssprache der Gebildeten und Halbgebildeten ist Welsch, noch für nötig hält! Je ein Satz von Rede und Gegenrede mit zusammen etwa 5 Druckzeilen ohne ein Welschwort kommt im praktischen Leben nicht vor, allenfalls in der Theorie . Der Leser muß mir schon gestatten, daß ich ein Weilchen leutselig selber in der Sprache rede, die er und ich tagein tagaus um uns herum vernehmen. Ich exemplifiziere nicht nach alphabetischer Ordnung, sondern pêle-mêle . Ich halte mich auch nicht speziell an dieses oder jenes Metier, Profession, Fakultät , behandle meine Exemplifikationen ganz objektiv, kritisiere sie auch nicht im Detail , wobei einem doch immer eine gewisse Subjektivität passieren kann; abstrahiere von jeder historischen oder genetischen oder retrospektiven Analyse , sondern konstatiere nur die Fakten und schließe mit einer exakten Synthese . Ich beginne prinzipiell und methodisch mit der Kinderstube, die merkwürdigerweise noch so und nicht Nursery heißt, wohl aber schon in den höheren sozialen Regionen Baby zimmer genannt wird, worin sich für einige Jahre, bis zum obligatorischen Schulbesuch, die Existenz des deutschen Baby abspielt. – Triumphierend unterbricht mich der Welscher mit einer frappanten Digression : Wie wollen Sie Baby vollkommen analog, homogen, adäquat, äquivalent, kongruent ›verdeutschen‹?, denn ihm ist es unfaßbar, wie deutsche Mütter all die 1900 Jahre seit den Tagen der Thusnelda ohne Baby auskommen konnten. Schüchtern nenne ich ihm einige deutsche Koseworte für Baby ; aber keines ›deckt sich‹, keines ist inhaltlich identisch mit diesem Unikum voll intimster Prägnanz oder prägnantester Intimität , so daß unsre Diskussion oder Debatte oder Disput oder Colloquium in keinem Resultat kulminiert . Im Baby zimmer sehen wir einen Milchkocher in Tätigkeit, aber das vornehme Ding heißt Soxhlet-Apparat und funktioniert . Oder es funktioniert nicht, weil es ramponiert, lädiert und nicht mehr intakt ist, also muß es prompt repariert werden. Ja solche kleine Malheurs passieren gelegentlich, und wenn nicht Remedur eintritt, so können sie sich eventuell zu einer wahren Kalamität auswachsen. Das Kindermädchen nämlich, – in gewissen sozialen Sphären die Bonne – hantiert und manipuliert den subtilen Apparat nicht akkurat und penibel genug, so oft man es ihr schon energisch expliziert hat. Man muß sie direkt mit der Nase drauf stoßen, denn sie ist wenig intelligent , ja sogar etwas borniert und obendrein, wie das bei solchen Individuen mit inferiorer Intelligenz passiert, arrogant, prätentiös, obstinat . Wäre sie nicht sonst ganz respektabel , so wäre effektiv mit ihr kein modus vivendi möglich. Indessen kleine Differenzen und Dissense gibt es überall, die tägliche Existenz in jedem Milieu ist au fond nur ein System von Kompromissen , kleine Dissonanzen oder Diskrepanzen und Divergenzen oder Disharmonien sind nicht ganz zu umgehen; man applaniert sie so diskret, kulant und konziliatorisch wie möglich, um nicht ein noch viel ärgeres Dilemma zu riskieren . Auf alle Fälle ist die Situation nicht beneidenswert; aber das ist eben der Revers der Medaille in allen sozialen Institutionen . Trautes Heim, Glück allein! – aber bitte, nicht ohne Latein, nicht ohne Französisch und, schon des Comforts wegen, nicht ohne Englisch. Das traute Heim basiert auf einem soliden Fundament , hat mehre Etagen , deren eine in Berlin, dem Zentrum der Intelligenz und der Intellektuellen , Belletage heißt; hat eine pompöse Fassade , deren Konstruktion auf der Skizze eines Architekten , einer Autorität , einer Kapazität , ja einer Koryphäe seines Faches beruht. Die Risalite zeigen ein energisches Profil , die Balkone und Loggien kontrastieren frappant mit den wuchtigen Pilastern ; indessen der ästhetische Totaleffekt ist doch der einer architektonischen Harmonie , und das ist das Punctum saliens aller Fassadenästhetik . An der Portierloge vorbei gelangen wir zum Vestibül im Parterre , von dort ins Entree des Hoch parterres und durch einen kurzen Korridor in den Salon , dessen Plafond in Kassettenform durch sehr diskret installierte und kaschierte Transparent lampen beleuchtet wird. – – Ich unterbreche dieses Gewäsch, das ja nur dadurch so unerträglich öde und blöde wirkt, wirken soll , weil ich den sonst über einen etwas größern Raum verstreuten Sprachkehricht hier auf einen kleinen Hümpel fegen muß. Ich unterbreche mich aus Objektivität , um dem Welscher die Möglichkeit eines energischen Protestes und eines prägnanten Gegen argumentes zu geben. Es lautet: Alle von dir in maliziös subjektiver Akkumulierung herausgesuchte ›vereinzelte Anleihen bei der internationalen Kultur sprache‹ werden doch nur in ganz exzeptionellen Fällen angewendet, um der Konversation die Nuance eines kosmopolitischen Kolorits zu geben; das Normale ist doch das deutsche Wort. Wie soll man höflich bleiben und dennoch dem Welscher der Wirklichkeit gemäß erwidern: Das ist nicht wahr!? Es ist nämlich ganz und gar nicht wahr; vielmehr hat die Wahrheit zu lauten: in Hunderten, in Tausenden, jawohl in Tausenden von Fällen des alltäglichen Lebens, um gar nicht von der Sprache der Wissenschaft zu reden, hat längst das Welschwort sich den Vorrang vor dem Deutschen erobert. Zehnmal so oft wird Resultat gesagt wie: Ergebnis, Endergebnis, Folge, Erfolg, Ertrag, Ernte, Frucht, Wirkung, Ausbeute, Gewinn, Errungenschaft, Ausfluß, Ausgang, Ende, Ende vom Liede, Endzahl usw.; Stadium (in diesem Stadium , die Sache befindet sich in dem Stadium ) wie: Stufe, Staffel, Zeitpunkt, Lage, Sachlage, Abschnitt, Stand, Zustand, Verfassung usw.; Transport wie Versand, Beförderung, Ladung, Fahrt, Reise, Fahren, Abfahren, Fracht, Schub, Fuhre, Ladung, Verkehr, Verbringen, Überführung, Rollgeld, Verschiffung, Zufuhr, Abfuhr usw.; Transit statt Durchgang; Export für Ausfuhr, Import für Einfuhr; informieren für unterrichten, belehren und 20 andre; eruieren für ermitteln, erforschen und 30 andre; Illusion für Täuschung, Einbildung, leere Hoffnung und 40 andre. Zehnmal öfter ist man au fait oder au courant , als mit einem der mindestens 10 guten deutschen Ausdrücke gesagt werden kann. Zehnmal so oft ist eine Sache fatal wie unangenehm, peinlich, Pech. Zehnmal so oft wie vor einer vollendeten Tatsache steht man vor einem fait accompli . Zehnmal so oft sagt und druckt man Lokal wie Ort, Raum, Räumlichkeit, Örtlichkeit, Saal, Zimmer und unendlich viel andres. Wie selten liest man das Wort Staatsmann im Vergleich mit Politiker ; staatmännisch, klug, vorsichtig, vorausschauend, und was nicht sonst, im Vergleich mit politisch ? Es gibt fast nur noch eine Initiative , vereinzelt nur die Entschlußkraft, Anregung, den Anstoß, Antrieb, das Vorgehen, Anbahnen; und die meisten menschlichen Unternehmungen werden energisch entriert, inauguriert und lanciert , selten nur kraftvoll ins Werk gesetzt.   Wie verhält sich der Welscher sprachlich zu etwas Neuem? Natürlich welschend, denn die armselige deutsche Sprache reicht ja nicht einmal entfernt hin zur Bezeichnung der uralten Urbegriffe. Was soll man mit einem so mangelhaften Gedanken vehikel anfangen gegenüber der Fülle der täglich auf uns, besonders auf das sozial und intellektuell feiner differenzierte Individuum eindringenden neuen Produkte menschlicher Theorie und Praxis und Technik ? Zunächst ist der Begriff des Neuen an sich für den Welscher etwas nur auf Latein, Küchenlatein, Apothekergriechisch und Französisch völlig ›deckend‹ Wiederzugebendes. Der gelehrte Welscher sagt Novum (›Lessing mußte mit einem Novum kommen‹, ›Diese Verordnung ist ein Novum ‹); der welschende Buchhändler oder Theatermann sagt Novität ; der welschende Kommis für Modes, Manteaux, Konfektion, Lingerie kennt nur Nouveautés , in feierlichen Fällen Hautes Nouveautés . Das Drollige hierbei ist, daß der gelehrttuende Welscher sein Novum für äußerst vornehm hält, naserümpfend auf die Novität , verachtungsvoll auf die Nouveauté hinabblickt. Aber, wendet mir der bescheidnere Welscher, der harmlose Gewohnheitswelscher ein, das Fremdwort ist gewiß nicht besser als das deutsche, jedoch es kommt mir als das bequemere in den Mund und in die Feder. Mit solch einem verhältnismäßig unschädlichen Fremdbröckler in Wort und Schrift läßt sich gemütlich reden, denn er versteift sich nicht bockig auf sein ›unersetzliches‹ Gewelsche, bildet sich nichts drauf ein, schwafelt nichts vom ›nicht decken‹; sondern bekennt freimütig, oft reumütig, daß er sich seiner Welscherei schämt, aber nicht Herr über eine allzu lange schlechte Gewöhnung ist. Mit dem gelehrten oder scheingelehrten Welscher ist jeder Streit fruchtlos, sintemalen jedes einmal von ihm hingeschmierte Welschwort für das Resultat sorgsamster Auswahl nach stilistischen Prinzipien erklärt wird, mit dem sich keins von den 20 guten deutschen Wörtern ganz kongruent ›deckt‹. Nämlich das deutsche Wort muß sich mit dem Welschwort, dem Erstgeburtswort des Welschers, decken, um in der deutschen Sprache zugelassen zu werden! Dem bescheidenen Welscher sage ich: Das ist ja das Elend, daß deine geistigen Erzieher und Führer dich sprachlich so früh und so lange verwildert haben, bis dir das Welschwort zuerst und bequemst in den Sinn und in die Feder kommt. Du bist ein lebender Beweis für die Doppelsprachigkeit Deutschlands, ein vernichtender Ankläger aller Derer, die dich und deinesgleichen sprachlich in Grund und Boden verderbt haben.   Doch nun zurück ins traute deutsche Heim! Wir sehen uns, bis die Dame erscheint und die Honneurs des deutschen Hauses macht, ein wenig im Salon um, wobei wir uns sehr gebildet erinnern, daß ein gemalter Salon noch vornehmer Intérieur heißt. Wir denken dabei an die Schwierigkeit, solch vornehmes Ding als Mehrzahl zu behandeln, und schwanken zwischen Änkteriöhr mit stummem s und Änkteriöhrß mit gesprochenem s. Doch ehe wir noch dieses komplizierte Problem der deutschen Psyche gelöst haben, und während wir noch in die Betrachtung der Bibelots auf Etagèren und in Vitrinen , auf der Kommode , über der Causeuse versunken sind, wird die graziöse Figur der Dame des Hauses zwischen den Stores der Portière vom Boudoir zum Salon sichtbar. Sie nötigt mich nach einem kordialem Shakehand auf ein Tabouret , setzt sich selbst in einen der Fotöllchß , und die Konversation beginnt. Mir werden Elogen und Komplimente wegen meines Talentes als Causeur gemacht; unsre Konversation dreht sich zuerst um den braven Onkel , der sich so gut konserviert hat, geht über auf die interessante, elegante, scharmante , zuweilen medisante, pikante Tante , die in allerlei poetischen Experimenten und Velleitäten dilettiert ; auf den patenten , aber trotzdem profund gelehrten Cousin , der demnächst promovieren , sich alsdann habilitieren und komparative Philologie dozieren will; kommt dann diskret und mehr indirekt, sub rosa , auf eine entfernte Cousine , von der die Médisance eine ganze Chronique scandaleuse kolportiert , – aber man darf auf solches On-dit nichts geben –, und landen instinktiv bei der letzten Première im Cines , oder im mondänen artistischen Spezialitätenkabarett . Die Dame des Hauses war auf der Höhe der Situation , kannte das ganze Repertoire der Saison , durfte sich mit Recht zum Stamm publikum , zu den Habituées rechnen, war firm und versiert in den Mysterien der dramatischen Clique , eingeweiht in die Dessous der Claque ; war überdies intim mit dem Theaterpersonal , kannte die Agenten , Agenturen , Autoren , Direktoren , Dramaturgen , Regisseure , Inspektoren , Inspizienten , Kassierer , Billeteure , Bureauchefs , Dirigenten , Dekorateure , Garderobièren ; verkehrte mit der Heroine des Königlichen, der Soubrette des National-Theaters , den Koryphäen des Reinhardt- Konzerns , sah oft die Naive , die Altistin und den Mezzosopran , den Bonvivant , den Intriganten , kurz das ganze Personal des Ankßangbels bei sich, hatte sogar Konnexionen mit der Generalintendantur , kannte jeden gastierenden Star , wußte espritvoll und intelligent mit femininem Charme zu ästhetisieren über die großartige Mise en scène der neuesten Feerie , über das ganze Programm und Repertoire , enthusiasmierte sich aber besonders für das allerneuste, das aktuellste Genre : den Sketch , vorausgesetzt daß der Dialog pikant , die Lokal farbe original und originell , die Katastrophe nach einer lakonischen Exposition ohne Episoden abrupt hereinbreche. Nein, dieses szenische Arrangement ! Von einer Eleganz , ich sage Ihnen: exquisit, tiptop , durchweg chic und dernier cri . Das wird ein Clou ! Der Applaus war denn auch enorm, abnorm, frenetisch, phänomenal , mit einem Wort ko-loss-al ! Zum Abschied gab mir diese perfekte Mondäne ein paar Rezensionen mit, aus denen ich mir bei der Autotour die prägnantesten Zitate notierte , die, wie mir der Leser aufs Wort glauben darf, nicht aus dem Straßenwust der Welscherei von mir selbst zusammengeklaubt, sondern wirklich auf dem Mistbeet der so allgemein beliebten deutschen Bildungssprache der allerjüngsten Zeit erblüht sind. Hier die eine als leckres Vorkosthäppchen, als Hors d'œuvre oder Entrée oder Ballon d'essai : ›Ein ganz superbes Ensemble produzierte sich gestern vor der Elite des Dresdener Publikums mit dem uns längst an ihm vertrauten Charme ‹ (aus einer großen Dresdener Zeitung, aus seinem Fölljetong ). Und jetzt meine Pièce de résistance aus dem Fölljetong einer großen Münchener Zeitung (im ersten Jahre des Weltkrieges): ›Die Energie der rhythmischen Pointierung und der dynamischen Steigerungen und die Feinfühligkeit [wirklich nur so, statt Delikatesse ] der Temponuancen in der Beethovenschen Symphonie , das alles wurde nur noch von der dynamischen und agogischen [der Leser suche, ob er dies in irgendeinem Fremdwörterbuch findet!] Elastizität übertroffen, mit der Hausegger die Schubertsche Musik interpretierte .‹   Die Sprache deutscher Fortschritte Es ist aber doch evident , wendet mir ein gelehrter Welscher ein, daß es sich hier nur um einige Neologismen handelt, deren Kausalprinzip in neuen konkreten oder abstrakten Produkten menschlicher Intelligenz basiert ; obendrein um Resultate und Resultanten oder doch Komponenten der internationalen Kultursynthese , so daß also uns Intellektuellen nichts übrig bleibt, als sie mit einer kosmopolitischen Nomenklatur zu versehen. Wenn ich mir Ihr überaus gelehrtes Kulturwelsch in mein geliebtes, aber ungelehrtes und kulturloses Deutsch übersetze, was mir mit Hilfe eines Fremdwörterbuches leidlich gelingt, so wollten Sie sagen: Für neue Dinge und neue Begriffe reicht die deutsche Sprache nicht aus, da kann nur das mindestens siebensprachige Regenbogenwelsch helfen. Oh pardon, cum grano salis! Grano hin, salis her, – Sie sind nicht der erste, der die tiefsinnige Behauptung aufstellt, daß die deutsche Sprache diesem Jahrhundert nicht reif ist, und daß man ihr mit Neubildungen zu Hilfe kommen muß, die natürlich nur aus Mönchslatein und Tertianergriechisch zusammengeleimt werden können. Mit seiner bedientenhaften Michelei in allen geistigen Herrenfragen horcht der Deutsche, auch der kühnste deutsche Erneuerer und Schöpfer, auf die sprachlichen Befehle, die aus Frankreich, England, Amerika an ihn ergehen. Der Vorgang ist regelmäßig dieser. Eine Entdeckung, Erfindung wird irgendwo gemacht, wird in Deutschland gemacht, – ein für allemal steht fest, daß der Deutsche, und wäre er ein umwälzend schaffender Geist, kein Recht hat, seine oder irgendwelche Schöpfung mit Worten seiner Muttersprache zu bezeichnen. Sprachlicher Herr ist der Fremde; der Deutsche des Fremden demütiger Diener. So war es die Jahrhunderte deutscher Ohnmacht hindurch, so ist es in den Zeiten deutscher Macht geblieben. Auf Deutsch kann man kein neues Werkzeug, keine Maschine, kein Flugschiff, keinerlei neue menschliche Einrichtung und Verrichtung benennen. Philipp Reiß erfindet als Schöpfergeist den Fernsprecher . Wie nennt er ihn? Der selbstverständlichste, der natürlichste Gedanke kommt ihm gar nicht, daß er als Deutscher zunächst deutsch zu sprechen habe; sondern nach dem Vorgang eines halbgebildeten Engländers, der den gleichfalls von Deutschen erfundenen Drahtschreiber oder Drahter Telegraph genannt, muß jene großartige deutsche Erfindung in unmöglichem und noch dazu verstümmeltem Griechisch Telephon heißen, und erst ein späteres Geschlecht muß sich abquälen, dieses sprachlich elende Zeug durch ein jedermann verständliches deutsches Wort zu ersetzen: Fernsprecher. Die Lichtbilderei wird erfunden; der französische Erfinder nennt sie nach seinem Namen und französischen Wortmustern: Daguerrotypie ; folglich heißt sie im gehorsamen Deutschland Daguerrotypie , bis ein halbgebildeter Engländer das von ihm verbesserte Verfahren Photographie benamst; folglich heißt sie sogleich und bis zur Stunde in Deutschland Photographie , was für jeden des Griechischen nicht Kundigen ein genau so leeres Gebimmel ist, wie wenn es Vitzliputzli hieße, aber für den Sprachkenner Lichtschrift bedeutet. Wagt dann ein verwegener ›Purist‹ – aber so verwegen ist keiner –, Lichtbilderei vorzuschlagen, so wird er ausgehöhnt als ein extremer nationalistischer Chauvinist , obgleich gegen Lichtbilderei und Lichtbild nur eines eingewandt werden kann: sie sind deutsch. Es bilden sich Vereine der Markensammler; sie brauchen einen Namen für sich und ihre Liebhaberei. Markensammler? Markensammeln? – pfui, wie niedrig, wie bildungslos! Das wäre ja nur deutsch! Folglich erdrechseln sie sich die kindischen Wortbasteleien Karlchen Mießniks: Philatelisten und Philatelie , was, wenn überhaupt etwas, allenfalls Steuerbefreier und Steuerfreiheitsliebe bedeutet. Aber es klingt so, als sei es griechisch, und blödestes Halbgriechisch ist vornehmer als untadliges Deutsch. Aus dem Jahr 1530 haben wir den trotz seinem Latein echtdeutschen Ausspruch eines Lateinlehrers: Melius malum Latinum quam bonum Teutonicum (Besser schlechtes Latein als gutes Deutsch). So durfte nicht Krafter , sondern nur Automobil und Auto ; so nicht Kreiseltrieb oder Kreisler , sondern nur Turbine ; nicht Uhrdroschke , sondern nur Taxameter ; nicht Kunstfett , sondern nur vornehm, schwungvoll, viersilbig Margarine gesagt werden. Längst sind die Engländer in ihrer Eisenbahnsprache zum einfachen englischen Engine übergegangen; in Deutschland herrscht amtlich ganz, nichtamtlich überwiegend noch immer die Lokomotive . Wie lange wird es noch dauern, ehe sich das kühne Wagnis unsrer Postverwaltung: Geber für Automat (Markengeber) durchgesetzt haben wird, denn Geber ist nur deutsch, ›deckt‹ sich überdies nicht mit dem griechischen Automat . Trieb, Triebwerk, Antrieb, Treiber, Trieber – undenkbar, denn sie sind deutsch und besagen, was sie sind. Motor muß man in Deutschland sagen; streiten muß man sich, ob Mótor oder Motór , was beides eben nur Beweger heißt. Aber natürlich dürfte man auch nicht Beweger sagen, denn dies ist ebenfalls deutsch und verständlich, und Latein ist die Werksprache des deutschen Werkmeisters und Arbeiters. Deutsche junge Mädchen erlernen die Kurzschrift und das Maschinenschreiben; sie wollen einen scharfbezeichnenden Namen haben. Vom Griechischen haben sie keinen Dunst; tut nichts, der ganze ehrsame Stand wäre bemakelt, wenn man ihn deutsch, verständlich, schlagkräftig benennte. Also wird ein unmögliches, sinnloses Wort zurechtgegriechelt: Stenotypistin , und schlüge ich vor: Kurzmaschinerin , so würde ich von der gesamten Welscherwelt ausgelacht. So ist es zugegangen mit der Hypnose , mit der gesamten Fachsprache der Luftschiffahrt , mit Bewegungen wie der zur Pflanzenkost , zum Gemein(schafts)unterricht für beide Geschlechter, mit der Enthaltung vom Schnaps, kurz mit jeder einzigen Wandlung, Erneuerung, Bereicherung des öffentlichen oder häuslichen Lebens, Aviatik, Vegetarismus, Koedukation, Abstinenz müssen diese Dinge deutschen Lebens heißen, wenn sie in Deutschland etwas gelten sollen; denn die Sprache der deutschen Bildungswelt hat längst aufgehört, Deutsch zu sein. Ein Verein für sittliche Läuterung, Hebung, Adelung, für Sittlichung, Sittenadel, Seelenadel, höheres Menschentum darf sich unter keinen Umständen so ungebildet benennen, sondern muß unbedingt Verein für ethische Kultur heißen. Daß dies auf Deutsch nicht um ein Haar mehr bedeutet als sittliche Bildung, spielt hierbei keine Rolle; denn nicht die unzweideutige, mithin deutsche Benennung einer Sache ist in Deutschland die Hauptsache, sondern das vornehmtuerische Gaukelspiel mit einer nur den Sprachkundigsten halbverständlichen Welscherei. Wie bezeichnend für die sprachliche Verwelschung Deutschlands, daß die geistigen Führer, die ja fast alle nur noch Welsch sprechen und schreiben, nicht einmal ein deutsches Wort gefunden haben – sie haben allerdings gar keins gesucht – für die Erneuerung des öffentlichen Lebens in Deutschland nach dem Weltkriege. Nur zu einem so elenden Schwammwort wie Neu orientierung hat ihr verwelschter Sprachsinn gereicht. Unsre Feldgrauen verulken das lächerliche Orientieren durch das, übrigens gar nicht so üble, ›Vermorgenländern‹; und in der Tat bedeutet Neu orientierung sprachlich nur die Neuvermorgenländerung Deutschlands.   Welsches Straßenbild und Gewerbe So unerquicklich es für mich und den Leser ist, das Bild der Sprachverwelschung Deutschlands weiter auszumalen, die Sache will's: einmal muß, auch für die kommenden Geschlechter, rückhaltlos diese deutsche Schande aller verschleiernden Heuchelei und Selbstbelügerei entkleidet werden, und das ist nur durch Beispiele, durch immer mehr Beispiele möglich, die ja zusammen noch nicht den tausendsten Teil der vollen Wirklichkeit bilden. Meine trotz ihrer Fülle winzig geringen Proben sollen den Leser antreiben, das Riesenwörterbuch des deutschen Welsch zum Verstärken des Eindrucks für sich selbst zu vervollständigen. Das Straßenbild in Deutschland ist sprachwelsch, so überwiegend französisch, daß noch jeder in Deutschland reisende Franzose erklärt hat, er fühle sich so behaglich wie in seiner französischen Sprachheimat. Der Leser stelle einmal bei einem längeren Gange durch die Straßen seiner Stadt, besonders einer größeren, fest, wieviel Ladenschilder- und Schaufensterinschriften in deutscher Sprache abgefaßt sind! Schwerlich die Hälfte, in den Hauptgeschäftsvierteln der Großstädte kaum ein Drittel. Wir, besonders unsre Frauen, werden auf Französisch oder Deutschfranzösisch eingeladen, uns zu bekleiden oder sonst zu versorgen je nachdem en gros oder en détail , mit Artikeln aller Genres , mit Kostümen, Robes, Modes, Konfektion, Manteaux, Jupons, Jaquettes, Capes, Pelerinen, Lingeries, Chemiseries, Dentelles, Galanteriewaren, Bijouterien, Fabrikaten, Importen, Konserven, Manufakturen, Produkten, Parfumeries, Passementeries, Tapisseries, Plissees , in den feinsten Spezialitäten und Prima Qualitäten . In Francfort sur le Mein , ehedem einer deutschen Stadt, gibt es in der Kaiserstraße, die noch nicht Rue de l'Empereur heißt, einen von der Polizei geduldeten großen Laden ›Au Corset Royal‹ , in dessen Schaufenstern seidene Bänder mit den Bezeichnungen Bleu, Rouge, Cerise usw. liegen, da die farbenblinden Citoyennes de Francfort keine deutschen Farbennamen kennen, und mit der beruhigenden Versicherung: ›Douze mètres garantis‹ . Und dies mitten im Kriege um den Fortbestand des Deutschen Reiches und als Sprache eines deutschen Händlers mit Krefelder Bändern für deutsche Käufer. Daß der deutsche Handwerker mit Vorliebe ein Métier betreibt, einer Profession und Branche angehört, nimmt keinen Deutschen Wunder. Auch die Stukkateure, Installateure, Dekorateure, Friseure, Bandagisten, Konfektionäre, Droguisten, Modisten ; die Ateliers, Salons, Institute, Zentralen , die verschiedenen Filialen, Kommanditen, Expeditionen benennen sich ausschließlich mit dieser in Deutschland selbstverständlich gewordenen, für Deutsch gehaltenen Sprache. Der Lehrherr, z. B. der in einem Frisiersalon , ist zumeist ein Prinzipal , denn warum sollte er sich sprachlich erniedrigen unter den deutschen Handelsherrn, der selbst im kleinsten Kramladen nie anders als Chef heißt? Und darf man sich wundern über Wertheims vornehme Rayonchefs und nicht minder vornehme Direktricen ? Im Buchdruckgewerbe wird fast nur Welsch gesprochen, obgleich Gutenberg ein Deutscher gewesen sein soll. Die Seite heißt Kolumne , Zwischenräume heißen Spatien , die beiden Hauptschriftformen sind Fraktur und Antiqua , daneben noch Kursiv . Die Schriftgrößen kann die armselige deutsche Sprache nicht unterscheiden, sondern deutsche Setzer, Metteurs und Faktoren müssen mit Nonpareil, Colonel, Petit, Borgis, Corpus, Cicero welschen oder gar lateinern. Ebenso kann der deutsche Buchhandel, der großartigste und bestgeordnete der Welt, sich und seinen Innenbetrieb nicht auf Deutsch benennen, sondern nur auf Welsch. Der Buchhandel heißt Sortiment , der Buchhändler Sortimenter ; die Preise werden ihm ordinair, netto , mit dem und dem Rabatt vorgeschrieben; er bezieht die meisten Bücher à Condition und behandelt sie je nachdem als Remittenden . Der deutsche Buchhandel hat soeben, mitten im Kriege, eine bewundernswerte Hochleistung deutscher Kraft vollbracht, die Deutsche Bücherei in Leipzig; er ist aber ohnmächtig, oder hält es für eine Nebensache – wofür man in Deutschland meist quantité négligeable sagt –, sich eine deutsche Geschäftssprache zu geben.   Welsch in Handel und Wandel Im deutschen Handel , groß und klein, gilt die deutsche Sprache für niedrig oder doch geschäftswidrig. Der deutsche Kaufmann, vom ›königlichen‹ bis zum Krämer, bezeichnet mehr als die Hälfte aller geschäftlichen Begriffe französisch, berlin-französisch, englisch, italienisch, lateinisch. Die folgende winzige Auswahl ist bei weitem nicht der hundertste Teil des kaufmännischen Welschwörterbuches: à, per, pro, en gros, en détail, spedieren, notieren, akkreditieren, akquirieren, Aktiva, Passiva, Bilanz, balancieren, Akzept, akzeptieren, Appoint, arbitragieren, Associé, assortieren, avisieren , – mit einem Sprunge zum C und Z: Courtage, Coupon, Code, compant, Comptoir, zedieren, Zentrale, Zertifikat . Gewelscht muß werden selbst in den seltenen Fällen, wo Hauptbegriffe deutsch benannt werden oder wurden: der Lieferer heißt Lieferant , der Lagerverwalter Lagerist , der Blumenhändler Blumist , der Drogenkrämer Droguist usw. Warum auch nicht? Gibt ihm der sich Germanist nennende Tempelhüter deutscher Sprache nicht das anfeuernde Vorbild? Da ist ein deutscher Kaufmann in Amerika gewesen, hat dort das ganz und gar nicht absonderliche Wort Concern für Geschäftsgruppe gehört, sogleich aufgeschnappt, bringt es nach Deutschland über alles in der Welt, und wie eine Riesenpulvermine flammt das elende amerikanische Dollarrafferwort durch ganz Deutschland: mit vereinzelten löblichen Ausnahmen, z. B. der Kölnischen Zeitung, wird es von der gesamten deutschen Presse begeistert aufgenommen. Gibt es ein einziges Feindesland, worin folgendes möglich wäre? Vor Jahren gründete die Londoner Sunlight Soap Company eine Niederlassung ( Filiale, Centrale, Succursale, Kommandite ) in Mannheim. Selbstverständlich denkt eine englische Gesellschaft nicht daran, sich sprachlich dem Lande anzubequemen, mit dem sie Geschäfte machen will. Wozu auch? Unter dem Druck des Weltkrieges, unter dem berauschenden Hochschwung deutschen Geistes im August 1914 ›verdeutschte‹ sie den Namen ihres Mannheimer Geschäftes in: › Sunlichtseife ‹! In Deutschland ›wohnen gute Leute‹, also duldete die Mannheimer Polizei diese Schändung deutscher Sprache, die ja kein polizeilich geschützter Misthaufen ist, und die deutschen Seifenhändler finden nicht das geringste daran auszusetzen; ebensowenig die zahlreichen deutschen Käufer der Sunlichtseife. Aber, nicht wahr, Gott straf' England! Im Fenster eines Verkäufers der unvergleichlichen Sunlichtseife hing ein Anschlag: ›Deutscher, sei stolz, daß du ein Deutscher bist! kaufe nur deutsche Erzeugnisse! Der Verband deutscher Parfumerie-Fabrikanten .‹   Leib und Seele, und alles, was beide zusammenhält, also Essen und Trinken , sind zum großen Teil verwelscht. Die Seele, als die vornehmere, ganz stilgerecht weit mehr als der noch leidlich deutsche gemeinere Leib. Indessen auch dieser hat sich sprachlich schon ansehnlich verfeinert. Er hat eine Konstitution, Statur, Figur, Positur , einen Habitus, Teint und ein imposantes physisches Exterieur ; ist je nachdem robust oder kadük, malad, morbid (so bei Nietzsche) oder rekonvaleszent, nervös, exaltiert (oder gehört dies schon ins Psychische ?), dekadent, degeneriert, marode, normal, abnormal, abstinent oder exzessiv , ist allerlei Affektionen exponiert, akuten oder chronischen , denen man am besten prophylaktisch begegnet, die aber trotzdem oft mit einem letalen Ausgang, nach langem Vegetieren , endigen. Arme und Beine hat er einstweilen noch, aber synthetisch oder abstrakt heißen sie Extremitäten , und wer nicht kolossales Embonpoint hat, darf sich einer Taille rühmen. Übrigens heißt der männliche Oberarm, besonders der muskulöse , auf Gebildet: Biceps . Von der Psyche braucht hier kaum etwas gesagt zu werden. Die deutsche Seele schwinget sich in allen ihren Regungen, allen ihren psychischen Affekten, Emotionen und Emotivitäten auf die höchsten Höhen des Welsch, auf die Akme und den Comble , und stellt ein Maximum , einen Klimax dar. Ein Intellektueller mit einigem Pathos der Distanz vor sich und seinesgleichen degradiert sich nicht zum plebejischen Deutsch, wenn er vom Komplex der Psyche und den verwandten, Problemen spricht, als da sind: Psychoanalyse, Psychopathie, Psychopathologie, Psychologie, Psychose, Psychoneurose, Psychiatrie, Psychographie, Psychometrie, Psychophysik, Psychonomie . Denn: soll etwa auch die Wissenschaft ›national verschleimt‹ werden, wie Hans Delbrück schaudernd befürchtet? Wie es um die Speisekarten in Deutschland bestellt ist weiß jeder Leser, der je in Gasthöfen oder Speisehäusern verkehrt hat. Die Verteidigung des französisch-englischen Menus durch die welschenden Grand-Hôteliers kennen wir bis zum Ekel. Auf den großen deutschen Überseedampfern gibt es vernünftigerweise doppelsprachige Karten, nämlich in der unverfälschten Fremdsprache, Englisch oder Spanisch oder Portugiesisch, und in wirklich deutscher, nicht welscher Sprache. Auf dem Lande aber legt der Propriétaire des Grand Hôtel Continental \& Métropole zu Flachsenfingen seinen deutschen Gästen eine Speisekarte vor, worauf prangen: Din de fassée, Consumé, Sup à la prentenié, Bœufsteek à la dadar, Hemetex, Pouléori, Vollovan, Tourle d'eau . Man begreift die Notwendigkeit solcher Blüten deutscher Hochbildung um der internationalen Kulturgemeinschaft willen, die uns Deutschen bekanntlich die begeisterte Liebe der holden Kulturwelt von Japan übers Dollarland und Senegal bis Portugal, Rumänien und Norwegen gewonnen hat. Einige Lichtblicke sind allerdings zu vermerken; so hat z. B. die sächsische Staatsbahnverwaltung für alle ihre Bahnhofswirtschaften die deutsche Speisekarte vorgeschrieben, nur daß sie sich selbst als Generaldirektion obendrüber setzt. Ich möchte ihre, zweifellos unwiderleglichen, Gründe gegen den Namen Hauptverwaltung hören. Die deutschen Urteile über das Essen, die sich schon mehr ins Geistige erheben, können nur auf Welsch gefällt werden. Es ist je nachdem famos oder frugal , mehr substantiell als delikat und deliziös, opulent oder exquisit , oder gar luxuriös, wobei es dem deutschen Welscher nichts ausmacht, daß luxuriös in Frankreich wollüstig bedeutet. Aber der Welscher hält sich ja für berufen, das Französische zu überfranzöseln.   Die deutsche Gesellschaft ist sprachwelsch, mit einem allerneusten nicht ganz kleinen Schuß Englisch. Höchstes Ziel ist das Amusement , Bedingung die Eleganz . Die Wirte sind sehr gentil, liberal, generös, fashionable und tip top . Ist man besonders liiert , so sieht man sich en petit comité und entre nous , woraus eo ipso die Familiarität und die Intimität resultieren . Die Herren sind je nachdem galant, elegant, amusant , mancher hat esprit und qualifiziert sich, wenn er nicht allzu frivol, speziell zum maître de plaisir . Der eine und andre ist ein Gourmand , ja sogar ein Gourmet , bis zum Extrem , ja zum Exzess, goutiert also nicht alles und jedes auf dem Menu oder gar à la fortune du pot . Gekleidet sind sie natürlich patent, chic, elegant ; nur daß ein etwas extravagantes und bizarres Original gegen alle moderne Etikette einen Smoking statt des Sakko trägt, was sich aber kolossal originell , vielleicht sogar hypermodern macht und schließlich keinen geniert, vielen imponiert . Die Damen sind meist in full dress , in grand gala , und selbstverständlich im Décolleté , im dezenten natürlich; überwiegend graziös , einige mit gradezu phantastischen Coiffuren ; fast alle, jedenfalls die Frauen der Kriegslieferanten, mit kostbaren Solitaires à jour gefaßt, mit Colliers und Bracelets , die der splendide Herr Gemahl spontan spendiert hat; – kurz, die ganze Soirée präsentiert sich als der Clou der Saison . Und dann die deliziöse Bereicherung der Geselligkeit unsrer Salons , die unsre Mütter und Väter in ihrer patriarchalischen Primitivität nicht gekannt oder mit antiquierten Worten bezeichnet haben, die jetzt entschieden passé und vieux jeu sind: sie machten einander, man denke, die Cour ; die Damen kokettierten mit den Herren, während die neueste Fashion , die mondäne Aktualität einzig den Flirt zulassen. Man begreift, daß solche Triumphe sozialen Hyperraffinements nicht auf Deutsch, ja kaum noch auf Französisch ›deckend‹ bezeichnet werden können. Nun sollte mal ein dummer Purist für flirten vorschlagen: miseln! Hohngelächter in ganz Deutschwelschland. Entschuldigt er sich: Goethe schreibt hundertmal ›miseln‹, so schweigt vielleicht das Hohngelächter; dafür aber setzt die feinfühlige Tiftelei ein: miseln ›deckt‹ sich nicht ganz mit flirten ; wo sich aber ein deutsches Wort, und wär's von Goethe, mit einem welschen nicht deckt, nicht ganz deckt, da – usw. Gesellige Vereinigungen müssen in Deutschland, um den Honoratioren , den Upper ten Genüge zu tun, mindestens Concordia, Reunion, Ressource, Casino heißen. Im Weltkriege ist in einer deutschen Stadt ein unerhörter atavistischer Kulturrückschlag geschehen: beflügelt von dem so allgemein beliebten Aufschwung echtdeutschen Geistes hat eine Ressource sich zum Jungbrunnen modifiziert . Der Vorfall gilt aber in der ganzen Stadt notorisch für so burlesk, grotesk , um nicht zu sagen bizarr , ja selbst absurd , daß man nur den Friedensschluß abwartet, um wieder zu dem anständigen deutschen Namen Ressource zurückzukehren. Habeat sibi! sagt der klassisch gebildete Deutsche in solchen Fällen, oder: Sapienti sat!   Die Sprache des deutschen Geisteslebens Bis hierher haben wir uns trotz aller Eleganz, Opulenz, Grazie und Fashion immerhin doch nur in den mittleren Sphären des physischen und psychischen Organismus bewegt und haben konstatiert , daß der feinste Charme unsrer sozialen Existenz auf dem Welsch basiert. Ihr Non plus ultra erreicht diese Kultur sprache doch erst im Intellektuellen und Spiritualistischen , um von der Psyche nicht immer zu reden. Gibt es überhaupt in Deutschland irgendeinen Begriff des Geisteslebens , für den ein für allemal ein deutsches Wort gebraucht wird? Ich kenne keinen. Nicht das Sein, also die Existenz , das Existieren , das Positive ; noch das Nichtsein, die Negation oder Negative der Existenz . Nicht das innerste Wesen des Menschen, der Charakter ; noch das angenommene Wesen, die Simulation , die Hypokrisie , die Tartüfferie , die Pseudo natur, die Pose . Nicht die Wirklichkeit: das Reale , der Realismus und die Realität ; noch die Unwirklichkeit: das Ideal und Ideale und Ideelle , der Idealismus , die Idealität , das Irreale , die Irrealität , die Metaphysik , die Illusion , die bis zum Phantom , zur Phantasmagorie , ja zur Halluzination degenerieren kann. Nicht die höchste Geisteskraft: das Genie , die Genialität , das Geniale , der Genius , die Originalität ; noch die hohe Begabung: das Talent , die Kapazität , die Intelligenz , die Intellektualität ; am allerwenigsten natürlich die längst überholte gemeine deutsche Seele – ich komme doch auf sie zurück –: die Psyche (z. B. die ›gelbe Psyche ‹ der Mongolen). Nichts, rein nichts von dem, was jedes andre gebildete oder ungebildete Volk mit den Mitteln seiner Sprache selbstverständlich und spielend bezeichnet, kann in Deutschland ohne Hilfe des Welsch ›deckend‹ benannt werden. Der Leser achte nur darauf, wie selten er heute noch ›körperlich‹ und ›seelisch‹ zu hören bekommt, wie oft hingegen physisch und psychisch . – Lebensbedingungen? Was ist das? Was soll ein gebildeter Mensch im deutschen Welschland oder welschen Deutschland sich bei einem so platten Worte denken? Vitalste Interessen heißt es in der welschen Bildungssprache. He? das hat Schwung! Höchste Mannestugenden, Mut und Kühnheit, heißen mindestens ebenso oft Courage und Bravour . Festigkeit? Na ja, so kann man wohl zur Not auch sagen; jedoch der deutsche Kulturgemeinschaftler und weltbürgerliche Aneigner weiß, daß es Konsequenz heißt. Kraft, Willenskraft, Tatkraft, Beharrlichkeit, Ausdauer, Willensstärke, Entschlossenheit, Wucht, Feuer, Schneid – hm, auch zulässige Wörter, die man schon der Abwechslung wegen nicht ganz verschmähen sollte; bequemer jedoch und allgemeiner verständlich ist Energie , in allen Zweifelfällen jedenfalls Energie . Und wie sollte man im Gespräch oder im öffentlichen Leben, als Redner, Zeitungsmann, streitender Wissenschafter zu etwas, noch mehr gegen irgend etwas Stellung nehmen ohne das Allerweltswelschwort energisch ? Kann der normale Kultur deutsche überhaupt ein menschenwürdiges Dasein führen ohne energisch und, selbstverständlich, kolossal ? ›Das Wesen des Genies ist Penetration und Konzentration ‹ (Dilthey): dies ist die Alltagssprache der deutschen Geisteswissenschaften. Wie von jedem gebildeten Japaner die vollständige Kenntnis des Chinesischen verlangt wird, so von jedem gebildeten oder nach Bildung strebenden Deutschen die Kenntnis des Küchenlatein. Man glaube doch nicht, daß Penetration und Konzentration lateinisch sind; sie klingen nur so. Cicero hätte sich von solchem Latein hyperboräischer Barbaren entsetzt mit Pheu! und Eheu! abgewandt. Die am häufigsten in Deutschwelschland gebrauchten Eigenschaftswörter für Tugenden, Fähigkeiten, Laster und Gebrechen sind welsch. Dem deutschen Dichter war, und wäre es wohl noch heute, erlaubt, vom Menschen, also vom Individuum , zu fordern, edel, hilfreich und gut zu sein; der wissenschaftliche Welscher in Prosa schätzt nur eine Individualität , die nobel , sozial-altruistisch , ethisch , und human oder humanitär prädisponiert ist. Das höchste Lob eines Mannes lautet in Deutschland nicht: Ehrenmann und ehrenhaft, sondern Gentleman, gentlemanlike, fair, loyal, integer . Der Gentleman allerdings ist durch die Gentlemen des Baralong einigermaßen, natürlich nur für die Dauer des Krieges, in Miß kredit geraten, also diskreditiert . Sonst noch ist im germanischen Welschland der Bildungsmensch je nachdem konsequent oder inkonsequent, naiv oder raffiniert, moralisch und ethisch , oder unmoralisch und amoralisch, frivol, dezent oder indezent, solid oder leger , ja dissolut, chevaleresk und voll feinster Courtoisie , oder massiv , arrogant bis zur Insolenz , und egoistisch im prononcierten Kontrast gegen den Altruismus . Die Sentimentalität allerdings haben wir notorisch total und effektiv verlernt. Seinem Temperament nach ist der deutsche Kultur athlet fast nur sprachwelsch. Er ist sanguinisch oder phlegmatisch bis zur Indolenz , ja bis zur Lethargie ; ist cholerisch oder melancholisch , jovial oder desperat, optimistisch bis zum Illusionismus, Hedonismus und zur Utopie , oder pessimistisch bis zur uninteressierten Resignation . Liebt er, so riskiert er, erotisch zu werden; haßt er, so chikaniert, kujoniert, sekkiert, molestiert und malträtiert er sein Milieu , zeigt Ranküne, intrigiert, frondiert, konterkarriert , wo er nur kann. Er behandelt seine eignen Interessen mit Elan, Verve, Konsequenz, Egoismus , selbstverständlich mit kolossaler Energie ; die Interessen der andern dilatorisch, indifferent , mit Désintéressement, skeptisch, meskin , mit einem Wort smart und realpolitisch. Enthusiastisch wird er nicht so leicht, noch seltener gerät er in Ekstase , dazu ist er viel zu sehr blasierter Routinier . Als Staatsbürger ist er, wenigstens ostensibel und ostentativ , höchst patriotisch und national ; nur darf man ihn nicht ›völkisch‹ nennen, denn dies nimmt leicht die Nuance des bornierten chauvinistischen Nationalismus , wenn nicht gar Antisemitismus an. Dem Monarchen gegenüber ist er unbedingt devot, loyal, royalistisch und scheut nicht die injuriöse Stigmatisierung des Servilismus , ja des Byzantinismus . So ist er denn auch entschieden moderiert und opportunistisch , vor allem aber korrekt . Wer kann ihm etwas anhaben? Ist er nicht honett, honorig, integer ? Sind ihm nicht die vitalsten Interessen der Monarchie und der Religion , ohne Unterschied der Konfession, solidarisch ? Und da wir bei der Religion , der auf Deutsch nicht auszudrückenden, angelangt sind – Glauben, Gläubigkeit, Gottglauben, Gottgefühl, Frommgefühl, Frommsein (Goethe!) und 10 andre gehaltvolle, aber leider nur deutsche Wörter ›decken‹ sich alle nicht mit der unausschöpflich inhaltreichen Religion , die von 999 unter 1000 Menschen rein formelhaft gebraucht wird –, nun, so wollen wir der Vollständigkeit wegen kurz feststellen, daß auch die Sprache des Glaubens, nicht minder die des Unglaubens, fast durchweg welsch ist. Es gibt Deisten, Monotheisten, Polytheisten, Atheisten, Rationalisten, Materialisten, Monisten, Dissidenten, Sektierer, Indifferentisten , und sie alle streiten miteinander über ihre Religionen, Konfessionen, Doktrinen, Dogmen, Theorien, Maximen mit raffinierter, sophistischer, rabulistischer Polemik und Dialektik; disputieren, diskutieren, argumentieren, polemisieren mit zelotischer, fanatischer , rein subjektiver Intoleranz, und doch machen sie meist Fiasko , und das effektive Resultat an Proselyten ist › numerisch minimal ‹. Dinge und Menschen in den deutschen Kirchen sind überwiegend welsch, denn die Kirche ist etwas sehr Vornehmes, und Vornehmheit kann sich nur welsch aussprechen. Die Diözese , die Synode , die Generalsynode , das Presbyterium , das Konsistorium , die Konsistorialräte , die Pastoren , darunter der Primarius , die Superintendenten , hier und da die Präpositi , die Generalsuperintendenten , und hoch über ihnen thronend der Kultusminister als Exekutive des Summepiskopats des Monarchen . Von dem Katechismus , der Katachese , dem katechetischen Konfirmanden unterricht, der Konfirmation, Kommunion, Liturgie braucht nicht geredet zu werden.   Daß der Unterricht im Deutschen jetzt schon den Mittelpunkt der deutschen Schule bilde, wird von manchen radikalen Reformatoren der deutschen Pädagogik subjektiv bestritten; objektiv unbestreitbar ist, daß die deutsche Schule, Gott sei Dank mit Ausnahme der Volksschule, die schon darum die unterste Stufe des deutschen Bildungswesens darstellt, sich des Welsch als ihrer Betriebssprache bedient. Vor kurzem klagte mir die Mutter eines achtjährigen Knaben in Deutsch -Wilmersdorf bei Berlin, daß ihrem Kinde, das noch ganz unsicher in deutscher Sprache ist, in der Vorschulklasse seines Realgymnasiums alle Ausdrücke der Sprachlehre auf Latein beigebracht würden, daß ihr Junge solche ihm unverständliche Wörter wie Plusquamperfektum, Futurum, Singular, Plural, Nominativ, Akkusativ papageienhaft nachsprechen müsse. Ob das nicht schrecklich sei? Ich versuchte, sie zu trösten: Da die Sprache der › formalen Bildung‹ für die Schüler von der Sexta bis zur Prima jedes deutschen Realgymnasiums außer dem Latein und dem Französisch das Welsch sei, so fordre die richtige propädeutische Methode der modernen Pädagogik die möglichst frühe Akkommodierung und Assimilierung an die technische Nomenklatur , ohne welche die Kalamität zu befürchten sei, daß ein Deutschsprechender Schüler und sein Welsch-sprechender Lehrer einander nicht verstehen. Ich exemplifizierte auf den exzeptionellen Fall am Berliner Wilhelms gymnasium (vgl. S. 10), dessen genereller Usus die ganze höhere Bildung Deutschlands vor das delikateste Dilemma stellen würde: Deutsch oder Welsch? Die Gute war nicht zu überzeugen, sondern verharrte in ihrer naiven Inferiorität bei dem primitiven Wahnglauben nationalistischer Beschränktheit, daß deutsche Lehrer zu ihren deutschen Schülern die Sprache des deutschen Volkes zu sprechen hätten. Das tun sie ja, replizierte ich, sie sprechen Welsch, und Welsch ist die Sprache der Bildungs sphäre , die in Deutschland präponderiert , ja prädominiert . – Aber Deutsch soll doch ›der Mittelpunkt des Unterrichts‹ sein? – Verehrte Freundin, Sie vergessen immer wieder die › formale Bildung‹, und außerdem bewegen Sie sich in einem Circulus vitiosus . – Dagegen konnte sie nicht an: gegen so schöne Phrasen auf Welsch kann keiner an. Du übertreibst! – Nein ich untertreibe, denn ich habe nur ein paar Brosämlein von der welschen Schulbank, der humanistischen wie der realgymnasialen Subsellie , aufgelesen. Hier ist eine, immer noch sehr winzige, Auswahl, von der vollen Tafel. Die deutschen Schüler addieren, subtrahieren, multiplizieren, dividieren und bringen damit eine Addition, Subtraktion usw. zustande. Sie haben mit Quadrat - und Kubik wurzeln zu tun, treiben Algebra, Arithmetik, Geometrie, Planimetrie, Trigonometrie, Stereometrie , wirtschaften mit Hypotenuse und Katheten , mit Substantiven, Adjektiven, Pronomina (personalia, demonstrativa, reflexiva, relativa, possessiva) usw., mit Indikativ, Konjunktiv, Optativ, daneben mit Subjonctif , mit Präsens, Imperfektum usw., Affixen, Suffixen, Akzenten, Spiritus, Augment, Reduplikation, Enklitika, Proklitika usw. usw. Mehr gefällig? Druckseitenlang kann ich so fortfahren. Von den entweder obligatorischen oder fakultativen Disziplinen , von deren einigen der Schüler eventuell – alles im welschen Leben ist eventuell , vieles eventualiter , einiges eventualissime – auf Grund eines Attestes dispensiert werden kann; doch hat darüber nicht der Ordinarius , sondern der Direktor definitiv zu entscheiden. Bis zum Tage des Abituriums , wo der deutsche Jüngling auf seine Maturität , z. B. im Deutschen, von einer Kommission examiniert wird, deren Präsidium ein königlicher Kommissar , Mitglied des Provinzial schul kollegiums , führt. Das Examen ist sehr rigoros , und die Zensur 1 eine Rarität oder rara avis . Das Fremdwörterbuch, das jeder deutsche Primaner im Kopf trägt, tragen muß, ist auf mindestens 1200 Welschereien zu schätzen. Das Verdeutschungswörterbuch ›Die Schule‹, von Karl Scheffler, das nur die ›hauptsächlichsten entbehrlichen Fremdwörter der Schulsprache‹ enthält, birgt auf seinen 80 Druckseiten etwa 2500 Welschereien! Aber Deutsch soll der Mittelpunkt des Unterrichts sein, nicht wahr? Deutsche Jünglinge, die nur die Volksschule absolviert haben und Lehrer werden, also die pädagogische Carrière einschlagen wollen, müssen sich mit einem viel dünneren welschen Firnis begnügen, entbehren deshalb fast aller › formalen Bildung‹, kommen aber immerhin auf eine Präparanden anstalt, von dort auf ein Seminar , machen ihr Examen mit der und der Zensur , müssen sich zeitlebens mit dem nur deutschen Prädikat Lehrer begnügen, werden nicht einmal Probandus , geschweige Doktor oder Professor gar, können es aber nach einem speziellen Examen – oder Tentamen ? oder Colloquium ? – später zum Rektor bringen. Geschieht ihnen recht, suum cuique : warum haben sie kein humanistisches Gymnasium absolviert und Humaniora studiert ?   Ehret die Frauen! Die deutsche Frau wird doch wenigstens von den Mysterien des undeutschen Welsch verschont bleiben? Das deutsche Mädchen, die spätere Hüterin des deutschen Hauses, wird doch von der ersten bis zur letzten Klasse nur deutsche Schulsprache hören, freilich auf die entsetzliche Gefahr, nahezu ohne › formale Bildung‹ ihren schweren Lebensweg zu wandeln? Nein, das geht nicht an, den Mädchen, bloß ihrer Sexualität wegen, alle Weihen des allein gebildetmachenden Welsch vorzuenthalten; wo bliebe da die Parität und besonders die nie nie zu übersehende › formale Bildung‹? Einen Coetus kennt auch die deutsche Mädchenschule, allerdings ohne zu lehren, was dieses Wort allereigentlichst bedeutet, denn das wird wohl erst im Ober lyzeum ›aufgeklärt‹; und wo der Knabe Exercitien oder Extemporalien schreibt, da macht das echt deutsche Mädchen seine Exercices und Exercises . Auf den Mädchen gymnasien mit Latein herrscht selbstverständlich die gesamte Terminologie des Substantivums und Verbums , gibt es nur Artikel, Pronomina, Adjektiva, Adverbien usw. Viele Mädchenschulen ohne Latein krönt tröstend wenigstens eine stolze Selekta . Und als vor einem halben Menschenalter eine Reform des weiblichen Unterrichts, mit neuen Disziplinen , erhöhten Pensen und mit noch mehr, immer mehr › formaler Bildung‹ projektiert und mit energischer Initiative konsequent realisiert wurde, da geschah endlich, was längst ein pium desiderium gewesen: der erniedrigende platte deutsche Name Mädchenschule oder Höhere Mädchenschule ward ausgetilgt und durch ein so vornehmes Wort ersetzt, daß es keine der Schülerinnen, nicht alle Lehrer, wenige Leiter – ich meine Direktoren –, zum Glück aber wenigstens alle Kultusminister genau verstehen: Lyzeum , was einst im Griechenland des vierten Jahrhunderts v. Chr. so etwas wie Wolfsschlucht bedeutet haben soll. Vornehmeres als das Unverständliche gibt es in Deutschwelschland nicht. Die vertrauliche Verkehrssprache – das esoterische Idiom – des deutschen Hochschülers ist Welsch, ein ausnehmend widerwärtiges Welsch, im wesentlichen zusammengerührt aus etwas Latein, mehr Küchenlatein und ebenso viel lächerlichem Deutschfranzösisch. Friedrich Kluge in Freiburg hat das Wörterbuch dieses der deutschen Studentenschaft durchaus unwürdigen Missingsch gesammelt; Beispiele seiner sprachlichen Ruppigkeit sind überflüssig. Jeder eng in sich zusammengeschlossene und sich nach außen ein wenig abschließende Stand erzeugt sich eine Standessprache, und niemand hat hiergegen ernstlich etwas einzuwenden. Auch das läßt sich entschuldigen, daß der studentische Comment – welch ein Wort für deutsche Hochschüler! – aus dem Sprachschlamm der zwei Roheitsjahrhunderte deutschen Studentenlebens, dem 17. und 18., soviel sprachlichen Unflat mitgeschleppt hat. Unverzeihlich jedoch und unerträglich wäre es, wenn die deutsche Studentenschaft nach dem Seelenbade dieses ungeheuren Krieges nicht aus sich heraus Antrieb, Kraft und Sprachkunst genug schöpfen sollte zu einer mindestens ebenso jugendfrohen, aber geistreicheren und saubreren Brüdersprache.   Aus den deutschen Schulen gehen die deutschen Schriftsteller und Künstler hervor, und wie sie dort sprechen gelernt haben, so sprechen und schreiben sie als Männer, als Bildungsführer ihres Volkes. In Frankreich ist ein teutschender oder britender Schreiber undenkbar. Man stelle sich vor: ein Professor der Sorbonne oder der Ecole Supérieure mischte das Boche in sein Französisch! Es hat nie einen französischen Schreiber, einen französischen Lehrer solcher Art gegeben, es kann keinen geben: die französische Schule, wie immer wir sonst über sie urteilen mögen, stellt wirklich, nicht bloß redensartlich, die Muttersprache in den Mittelpunkt alles Unterrichts. Ein französischer König des 16. Jahrhunderts, Franz I., hat 1539 verfügt: ›Weil oftmals durch lateinische Wörter Dunkelheiten in der Amtssprache entstehen, so wollen Wir, daß alle Schriftstücke, gleichviel ob der hohen oder mittleren oder niederen Behörden, in der französischen Muttersprache abgefaßt werden und nicht anders ( en langage maternel français, et non autrement ).‹ Und nur ein Menschenalter nach dem Französisch sprechenden Großen Friedrich von Preußen hat ein andrer französischer König, Ludwig XVIII., ausgesprochen: ›Man muß die Sprachlehre und die Wortfeinheiten des Französischen kennen, wenn man König von Frankreich sein will‹, womit er nicht die landläufige Sprachlehre und Wortkunde, sondern die Kunstform und Reinheit des Französischen meinte. Der größte Teil der Fachsprache des deutschen Schriftstellers ist Welsch. Mit Müh und Not ist im 18. Jahrhundert der Autor – nicht etwa ausgemerzt, aber doch zurückgedrängt worden hinter den von den damaligen Welschern, drolligerweise auch von dem urteutschen Klopstock, wütend bekämpften ›Schriftsteller‹. Daneben fristet der Literat noch sein bescheidenes Leben, aber schon in mehr vegetativer Existenz . Der Belletrist samt der Belletristik stehen auf dem Aussterbe etat ; zum Ersatz dafür wird neusterdings der erzählende Dichter im heimparisischen Schmockwelsch Romancier genannt, der gelegentlich sogar als Conférencier auftritt. Seine Tätigkeit ist literarisch ; die an seinen Schöpfungen geübte kritisch . Er bringt hervor: Skizzen, Humoresken, Novelletten, Romanetten (so Hermann Bahr), ein Epos, Melodrama, Monodrama, Idyll , oder ein Feuilleton (sprich: Fölljetong!), einen Essai (vornehmer: Essay , mit Akßang auf der Pänultima !), eine Diatribe , einen Kommentar , ein Kompendium , eine Enzyklopädie ; manchmal leider nur ein wertloses Opus, Elaborat , oder gar eine Kompilation ohne jede Originalität . – Vom Roman und vom Drama spreche ich nicht: der sprachgebildete Leser weiß, daß wir es hier mit sehr alten berechtigten, nicht angefochtenen Lehnwörtern zu tun haben. Auch Novelle darf als Lehnwort gelten; doch wie bezeichnend: der romanische Klang läßt sie dem deutschen Dichter vornehmer erscheinen als die Erzählung, die denn auch viel seltener als Gattungsname gewählt wird. Begonnen wird die Arbeit, nach der Konzeption der Idee , mit einem Konzept auf Konzept papier; wissenschaftliche Werke beruhen auf Notizen, Exzerpten, Extrakten, Kollektaneen . Hat man sich genügend präpariert und konzentriert , hat man das ganze Material beisammen, so beginnt die Redaktion eines Manuskriptes . Oder man bedient sich des eignen Stenogramms , wenn man nicht einem Amanuensis oder einem Sekretär , manchmal einer Sekretärin oder Stenotypistin in die Maschine diktiert . Das erste Brouillon wird einer sehr akkuraten , ja akribosen und peniblen Revision unterzogen, die oft mit einer neuen Redaktion identisch ist. Natürlich reserviert sich der Autor kontraktlich seine Autor rechte, schließt mit dem Verleger (drolliger nur deutscher Ausdruck!) über soundso viel Exemplare ab, stipuliert ein fixes Honorar , zahlbar in zwei Quartalsraten, respektive eine prozentuale Tantième für dramatische Werke, verpflichtet sich zum Lesen einer ersten Korrektur und zweiten Revision , nimmt für alle Eventualitäten eine Kopie seines Manuskripts und expediert dann sein Opus je nachdem an das Bibliographische Institut , an die Union , die Concordia oder, wenn es nicht anders geht, an einen Verlag mit deutschem Namen, aber natürlich nur an einen gut renommierten, potenten, honorigen, kulanten . Kleinere Elaborate sendet er an eine Redaktion , etwa die einer Revue , wohl gar an den Herrn Chefredakteur , und bittet eventuell , immer hübsch eventuell , um einige Beleg exemplare .   Brauche ich dem Leser ins Gedächtnis zu rufen, daß fast die ganze Kunstsprache des deutschen Dichters, besonders des Roman- und des Dramendichters, griechisch, lateinisch, französisch ist, daß es eine Exposition, Episoden, Motive, Motivierung, Charakteristik, Peripetie , eine Krise, Analyse , zuletzt eine Katastrophe , in manchen Fällen einen Epilog , in andern einen Prolog gibt? Muß ich noch an allerlei Untergattungen der Schriftstellerei erinnern, an das Libell, Pasquill, Pamphlet , die Satire, Parodie, Travestie , wozu der Graphiker Karikaturen zeichnet, die der Graveur radiert , worauf ein Klischee oder ein stereotypischer Abdruck genommen wird zur Reproduktion auf der Rotations presse? Könnte ich nicht auch in diesem Falle seitenlang, nein bogenlang zu welschen fortfahren, wie von denen gewelscht wird, die das heilige Amt übernommen, Diener und Hüter des Wortes zu sein? Muß ich mich nicht, vom Raume beengt, mit einigen, mit ganz wenigen Beispielen begnügen, die der Leser selbst aus seiner täglichen reichen Erfahrung verhundert-, vertausendfachen kann? Erinnert er sich nicht selbst an eine ganze Sammlung › Deutsche Chansons ‹, herausgegeben von einer Vereinigung deutscher Dichter, die man nicht durchweg Schmierer nennen dürfte? Haben wir nicht ein vorgeblich besonders die Kunst wartendes und pflegendes › Organ für Ausdruckskultur auf allen Lebensgebieten‹ (mit Ausnahme des reinen deutschen Ausdrucks!), dessen Herausgeber sich alle zwei Wochen als Praeceptor Germaniae geriert und uns z. B. diese Proben der Ausdruckskultur vorsetzt: ›Israels ist der ›Künstler vom visuellen Typ ‹ im Gegensatz zu den › idealistischen Arrangements ‹ andrer. – Manches seiner Urteile war mehr dogmatisch als zertitudinal [bitte im dicksten Fremdwörterbuch nachzusuchen!] gedacht.‹ Hat nicht in der deutschen Kunstschreiberei unsrer Tage das Geckenwelsch einen Grad erreicht, der an Albernheit und frecher Heimpariserei die ärgste Sprachverluderung im Dreißigjährigen Kriege weit hinter sich läßt? Wir werden dieser Schamlosigkeit noch mehrfach begegnen, die sich kein andres Volk von einem seiner niedrigsten Sudler bieten lassen würde. Hier nur vorweg ein Pröbchen, von mir nicht gesucht, sondern mir aus der Riesensammlung eines Liebhabers sprachlicher Tollheiten mitgeteilt: ›Tanzende Farben, gebannt von der nervösen Hand eines preziosen Ästheten , lassen die Kunstblätter aufleuchten. In buntem Wechsel führt die burschikose Sprudellaune des begabten Künstlers Bilder aus der grande [!] et demimonde voll vornehmer Grazie vor uns auf. Die an Decadence streifende Hyperkultur unsrer Tage weiß er mit unübertrefflicher Verve und seiner Satire , einen leisen Einschlag in Wildesches Dorian Graytum nicht verleugnend, zu zeigen.‹ Über Kunst und Kunstgewerbe kann die deutsche Sprache nicht mitreden. Es gibt zwei deutsche Kunstschreiber, C. Gurlitt und K. Wörmann, die Deutsch schreiben; sonst ist mir kein einziger begegnet. Sie welschen alle ›brecherisch‹, und ich kenne noch tolleres Gewelsche als das obige. Man wäge: im Lande Lessings, Goethes, Schillers wird von elenden Kunstsudlern das Deutsche für ungeeignet zum Urteil über Kunst erklärt! Der Leser prüfe selbst nach, was ich hier behaupte: ein Bericht über eine Musikaufführung, eine Gemäldeausstellung, einen Theaterabend mit nur einem Welschwort auf jeden Satz ist seltener als das hohe C. Die Regel wird eines auf jede Zeile sein. ›Nur ein auf sublimste Farben vibrationen eingestelltes seelisches Prisma konnte mit so überzeugender suggestiver Gewalt diese koloristische Fanfare blasen.‹ Dies ist das Welschgewäsch eines übergeschnappten, aber trotzdem, oder grade darum, sehr angesehenen Kunstschmierers, welcher harmlose Leser durch Frechheit verblüffen will und in den meisten Fällen wirklich verblüfft. Indessen auch die Fachsprache der ernsten Kunstschreiber, inhaltlich vernünftiger, ist bis ins innerste Gefüge undeutsch, ein Gemisch aus Latein, Italienisch, Französisch, sehr viel Französisch, und dem unerläßlichen griechischen Einschlag – mit so viel Deutsch, wie sich notwendig daraus ergibt, daß die Schreiber keine einzige der Fremdsprachen wirklich beherrschen, sondern sie eben nur um allerlei ausgefranzte, zerschlissene und entfärbte Buntflicken bemausen können. Da gibt es Kolorit, Inkarnat, Pleinair, Pointillismus, Impressionismus, Expressionismus, Realismus, Naturalismus, Symbolismus, Dekadismus oder Dekadenz ( ismus ist vornehmer als enz !), Verismus, Illusionismus bis zum Trompe l'œil, Futurismus, Neoromantismus usw. Die Kunstzeitalter werden durch den Primitivismus , das Trecento, Quattrocento, Cinquecento usw. bis zur neuesten von der Sezession abgezweigten jury freien Sezession bezeichnet. Dürer kannte kein einziges Welschwort für seine Kunst, nicht einmal die Palette . In der Skulptur oder Plastik genau wie in der Malerei und in der Graphik . Das gemeine deutsche Wort Zeichner wird unter unsern Augen von dem welschen Graphiker abgelöst. Sicherlich ist der Meisterwelscher schon geboren, der uns auch von dem rückständigen ›Maler‹ befreien und seinem aufwärts strebenden Volke den Zographiker schenken wird, auf daß erfüllet werde das Wort des edlen Sängers: Will noch tiefer mich vertiefen In den Reichtum, in die Pracht, Ist mir's doch, als ob mich riefen Väter aus des Grabes Nacht. Merkwürdig hieran ist mir nur eines: seit einem vollen Menschenalter hat sich in Deutschland, nach schmerzlichen Erfahrungen in geschmacklosen Zeiten der › garantiert echten Imitation ‹, die Überzeugung durchgesetzt, daß wahre Kunst und tüchtiges Kunstgewerbe unbedingt den echten Stoff – auf Welsch: das echte Material – zur Voraussetzung haben. Zinkguß, Cuivre poli , Massenöldruck sind verpönt, und der letzte Kunstschreiber hastet schaudernd an solchem Kitsch oder Schund vorbei. Daß eine Kunstschreiberei in Welsch der elendeste Sprachkitsch ist, fühlen die Hyperästheten nicht, die in Deutschland über Kunst in dem Talmi- und Simili- Missingsch schreiben.   Das Welsch des Verkehrs und des Staates Die Sprache des deutschen Verkehrslebens ist welsch, des amtlichen weniger als des nichtamtlichen, seitdem Post- und Eisenbahnverwaltungen den gröbsten Unrat ausgekehrt haben. Wie tief aber die Welscherei sich eingefressen hatte, sieht man an dem noch immer nicht ganz verklungenen lächerlichen Kupé , das selbst gebildete Menschen zuweilen noch sprechen, obgleich sie wissen, daß Kupé weder französisch noch deutsch, sondern eben welsch ist. Die Post ist schon leidlich stubenrein; die Eisenbahn kann es werden, sobald ihre Leiter es wollen. Noch wollen sie es nicht, denn mit der deutschen Speisekarte allein (vgl. S. 26) ist es nicht getan, solange es noch Generaldirektionen , Eisenbahn präsidenten und Inspektionen gibt. Der verschmutzte Pelz muß bei gründlicher Waschung gründlich naß werden, und natürlich dürfen deutschbestrebte Verwaltungen nicht auf das Geschrei der Welscher hören. Diese haben geschrien, als man den rekommandierten Brief, das Insinuationsdokument , den Coupon bei Paketen und 500 andre Kleinode aus der Schatzkammer der Welscherei fegte und auf den Sprachmüllhaufen warf. Das Billet ist fast ganz verschwunden, das Retourbillet schon dadurch, das keins mehr verkauft wird; aber geblieben sind noch die Lokomotive , die Station , die Expedition , der Transport , die Spedition samt dem Spediteur , seinen Spesen und seinem überwiegend welschen Frachtbrief oder Konossement .   Wie es um das deutsche Gasthofswesen bestellt ist, weiß jeder Reisende. Der französische Gasthof ist französisch, der englische englisch, der deutsche ist welsch, überwiegend französisch oder doch deutschfranzösisch. Die Verteidigungen der Herren Hôteliers , zumal die mitten im Kriege, sind eigentlich noch toller als der aus alter Auslandsknechtseligkeit und Kellnerwelscherei überkommene Zustand selbst. In Deutschland müssen tiefsinnige Streitereien geführt werden, ob unser ausgezeichnetes Gasthofswesen, das beste der Welt, sich nach wie vor durch französische Benennungen den Anspruch auf Güte, Feinheit, Vornehmheit erobern soll. Die Güte besteht für den Welschergeschmack in Hôtel , die Feinheit in Grand Hôtel , die Vornehmheit in Bristol, Savoy, Carlton oder sonst welchen für einen guten deutschen Gasthof gradezu blödsinnigen Namen. Während des Krieges sind einige der widerwärtigsten Welschereien aus dem Straßenbild der Großstädte verschwunden; man frage aber wen man wolle: jeder Deutsche kennt sein Welschdeutschland so gut, daß er die Wiederkehr aller jener Erbärmlichkeiten nach dem Kriege mit verzeihendem Lächeln schon jetzt voraussagt. Die deutsche Polizei hat nicht den Mut, solchen Würdelosigkeiten entgegenzutreten. Für die größere Vornehmheit von Gasthof, Hof, Fremdenhof, Haus gegenüber dem gemeinen Hôtel und meist schwindelprotzigen Grand Hôtel hat der verwelschte Hôtelier kein Verständnis.   Unser öffentliches Leben ist welsch, ganz welsch, und wird an Undeutschheit nur noch durch das Welsch der deutschen Wissenschaft überboten. Presse, Gemeinden, Staatsbehörden, Volksvertretungen wetteifern, Deutschland sprachlich zu verlateinern und verfranzöseln. Während der ersten zwei Weltkriegsjahre ist mir ein einziges behördliches Schriftstück in rein deutscher Sprache zu Gesicht gekommen: der Aufruf des Ernährungsbeherrschers von Batocki an die deutschen Landfrauen. Es gehört um seiner Sprache willen an eine glasbedeckte Ehrenstelle des zukünftigen National-Organisationsmuseums . Nicht einmal die allmächtige deutsche Tugend der vorsorgenden Wirkordnung – oder einfach der Ordnung , der Vorsorge , – um die uns die Feinde beneiden, kann man in Welschdeutschland deutsch benennen; sondern, wohin wir in amtlichen Verordnungen, Zeitungen, Reichstagsreden blicken, überall orgelt und schnarrt und zischt uns die sechssilbige Organisation entgegen. Es gibt in Deutschland nicht mehr Ordnung noch Vorsorge, sondern nur noch Organisation ; Leben ist nicht nötig, Organisation ist nötig. Ohne Organisation kein Deutschland, kein Sieg, kein inneres Gedeihen. Und wie immer: Frau Organisation spreizt sich nicht allein, sondern mit ihr blüht ihre ganze feine Familie, wuchert der Riesenschwamm aller nur erdenkbaren Abwandlungen der herrlichen Wurzelform Organ(is) mit ihren Scheingebilden organisieren , ein organisieren , um organisieren, Organisierung , Neu organisierung, Organisator, organisatorisch , und alle diese fressenden Schwämme eines fremden Organismus erfreuen sich ihrer Organe und wachsen nicht etwa un organisch , sondern organisch . Wo sie aber wachsen, da vertilgen sie die Dutzende wahrhaft organischer deutscher Sprach organismen , bis daß den Deutschen seine gesunden reichen eignen Sprachschätze seltsam, altfränkisch, minderwert dünken. Was für ein desorganisiertes Gehirn muß das meine sein, in dem es das Wort Organisation und Gelichter nie gegeben hat. Wo du nicht bist, Herr Organist –. Aber seltsam, ich lebe, ich wirke, für mich und mit andern, ohne Organisation . Der Welscher faßt solche Ungeheuerlichkeit nicht und bemitleidet mich. Unser öffentliches Leben ist in den guten Fällen national , in der extremen Steigerung nationalistisch , in den üblen, aber zum Glück exzeptionellen Ausnahmefällen antinational . Daneben steht unser Staats- und Bürgerleben ›im Zeichen‹ von Zentral , vom Zentral ausschuß und Zentralkomité und Zentraldépôt des Roten Kreuzes, der deutschen Frauenvereine, der Reichsbuchwoche, über das Zentralorgan für die Interessen der Textilindustrie, Metallurgie, Friseure bis zur Zentral -Milchhalle, deren es in jeder Straße Berlins mindestens eine gibt, im Parterre oder im Souterrain . Den Rang machen ihm streitig Lokal, Spezial, General , in einem gewissen Abstande Universal und International . Kaum hat sich irgendein größerer Komplex oder Konzern von Interessenten aufgetan, so schafft er sich stilgemäß einen Generalsekretär an. Man kann diesen Vorgang getrost generalisieren , er ist das Generelle , der Geschäftsführer das Exzeptionelle . Was wäre die Folge, wenn plötzlich von uns verlangt würde, nichts im Staatsleben solle fürder offiziell , geschweige offiziös sein, sondern amtlich und halbamtlich? Das Staatsgetriebe müßte eine Weile stillstehen, bis der Deutsche sich an die tolle Zumutung gewöhnt hätte, Deutsch zu sprechen, und bis sich die kümmerlichen nur deutschen Ausdrücke mit dem welschen Plunder ›deckten‹. Allerdings könnte bis dahin der Staat aus den Fugen gegangen sein. Jede zufällig deutsche Bezeichnung eines deutschen Würdenträgers muß als befremdende Seltsamkeit gelten. Im Reich ist der Reichskanzler der einzige unter den höchsten Beamten mit einem deutschen Titel. Die Welscherei kommt dabei nicht zu schaden, denn neben ihm gibt es einen Chef der Reichskanzlei und Dutzende von Staats sekretären , Unterstaats sekretären , Legations räten, nicht zu sprechen vom Finanzminister, Justizminister, Kultusminister mit ihren Direktoren , geheimen expedierenden Sekretären, Supernumeraren, Subaltern beamten. Daß die Staats sekretäre und Unterstaats sekretäre den englischen Bezeichnungen nachgeengländert sind, nur nebenbei. Dieser welsche Zustand unsrer offiziellen Terminologie und Nomenklatur gilt längst bei uns für so natürlich, daß ich fürchten muß, für einen Ultraradikalen , Erz revolutionär, Anarchisten , zum mindesten aber für einen bizarren Querulanten zu gelten, wenn ich, halten zu Gnaden, mein submisses Sentiment dahin resümiere und rekapituliere , daß die Träger der hohen und niederen Ämter im Deutschen Reich deutsch benannt sein sollten. Halten zu Gnaden! Beinah hätte ich vergessen, gebührend zu verzeichnen, daß es in Berlin eine Maison militaire gibt. Ich entnehme diesen Fund einer Zeitung vom 10. März 1913, dem amtlich festgesetzten 100. Gedenktage des Beginnes der Befreiungskriege – zur Befreiung vom Franzosenjoche, so hat man mir als Knaben am 50. Gedenktage 1863 auf meiner Schule gesagt. ›Um 12 Uhr legten die drei früheren Flügel adjutanten Kaiser Wilhelms I. einen Lorbeerkranz am Sarge des Kaisers [des Deutschen Kaisers!] nieder, dessen Schleife die Inschrift trug: Die Maison militaire .‹ Allons, enfants de la patrie! In der Belehrung eines Reichsamtes über die wichtigsten Anforderungen an ein Warenzeichen hieß es vor kurzem: ›Es muß distinktiv , darf aber weder einerseits deskriptiv , noch anderseits dezeptiv sein.‹ Hoffentlich wird sich die Fachwelt angemessen rezeptiv zu dieser instruktiven Information verhalten. Nicht einmal die Bestrebungen zur Ausbreitung des Deutschtums können anders als auf Welsch bezeichnet werden. Man germanisiert , man treibt Germanisation , wie man ja kolonisiert und Kolonisation treibt; und will man übertriebene Deutschgesinnung – als ob Vaterlandsliebe je ›übertrieben‹ werden könnte! – verhöhnen, so muß man auf Griechisch welschen: Teutomanie . Noch sonst stammen alle Schimpfwörter für entschlossenes Deutschgefühl aus dem Welsch: Purist, Chauvinist, Annexionist ; aber auch der Mann, der das Deutsche angeblich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, ist etwas auf griechisches ist : ein Germanist . Er ist denn auch oft genug danach.   Die deutsche Gemeindeverwaltung ist sprachlich mindestens ebenso sehr welsch wie deutsch, und ihre Sitzungssprache so welsch wie die aller öffentlichen Reden in Deutschland. Man bedenke: die weitaus meisten deutschen Städte stehen unter einem Magistrat , einige unter einem Senat , eine Minderzahl unter einem Rat. Ein Heer von Kommissionen, Deputationen, Dezernaten, Dezernenten, Kommissaren, Deputierten, Sekretären mit Bureaus sorgen für das Wohl, will sagen für die Interessen der deutschen Bürger. Das Ganze heißt Kommunal verwaltung, und alles ist kommunal . Im menschenalterlangen Dienst der größten Kommune des Reiches habe ich das ruppigdeutsche ›gemeindlich‹ kaum je, das welsche, kaum nur küchenlateinische, kommunal gewiß 50 000mal gehört oder gelesen. Wörter wie Bürgermeister, Stadtrat, Stadtverordneter stechen stilwidrig von dem allgemeinen Gewelsche ab. Als unter dem Hochschwung deutschen Geistes im Lübecker Senat der Antrag gestellt wurde, Senator durch Ratsherr zu ersetzen, erhob das Organ der Heimpariser in Berlin durch seinen Chefredakteur energisch Protest ›gegen die Abschaffung der alten vornehmen Dignität eines Senators ‹. Ratsherr ist in Deutschland, auch in den Hansestädten, älter als Senator ; aber er ist nur deutsch, also minder vornehm.   Die Geschäfts- und Redensprache aller deutscher Volksvertretungen , obenan des Reichstags , ist welsch, überwelsch. Wie schade, daß noch kein strebsamer junger Germanist das Spezial fremdwörterbuch des Reichstags gesammelt hat; ich schätze es auf 10 000 Wurzelwörter, ohne die dazu gehörigen 30 000 Ableitungen. Wagt jemand mir zu widersprechen? Ich habe 34 Jahre lang im Reichstag Reden von Männern aller gebildeten und halbgebildeten Stände anhören müssen und stelle fest, daß ich Reden in ziemlich deutscher Sprache ganz vereinzelt zu hören bekam, die eine und andre von Moltke, gelegentlich eine von Bennigsen, die Gedenkrede Bismarcks auf den Tod des alten Kaisers, – so, damit bin ich fertig. Wie sollte es anders sein? Stellt doch der Reichstag die Auslese des deutschen öffentlichen Sprachlebens dar, und da dieses durchweg welsch ist, so muß die Sprache der deutschen Volksvertretung auserlesenes Welsch sein. Daß der Reichstag einen Präsidenten und zwei Vizepräsidenten hat, ist weniger verwunderlich, als daß er Schriftführer und nicht Sekretäre hat. Dafür hat er aber einen Quästor und einen Seniorenkonvent ; sein Plenum hält Plenar sitzungen; er wählt Kommissionen , läßt Kommissare des Bundesrats zu, führt Diskussionen und Debatten , zerfällt in Fraktionen , hat eine Tribüne für seine Redner, andre Tribünen für Zuhörer, eine Hof loge , eine Diplomatenloge , eine Präsidentenloge , ein Stenographenbureau , aber seltsamerweise nur eine gemeine Bücherei, doch mit einem Direktor und einem Ober bibliothekar an der Spitze. Mit Ausnahme einer einzigen Partei, der des Fortschritts oder der Volkspartei, führen alle Fraktionen welsche Namen. Amtlich soll man zwar einen Haushalt beraten; aber kein Redner spricht so, vielmehr gibt es nur einen Etat , der in ein Ordinarium und ein Extraordinarium zerfällt und in dem die Einnahmen und Ausgaben etatisiert sind. Zur Abwechselung wird Budget gesagt, was in mindestens 6 verschiedenen Aussprachen geschieht. Hin und wieder wird eine Etatposition ohne General- und Spezialdiskussion en bloc pure angenommen. Es gibt Amendements und Unter amendements , die wohl auch reinwelsch Subamendements heißen. Im allgemeinen benimmt man sich parlamentarisch ; doch ist es schon vorgekommen, daß irgendein Extremer , ein Exaltierter , ein Desperado , ein Ultra , ein Intransigent sich in unparlamentarischen Exzessen erging, sei es bei Interpellationen als Interpellant , sei es gar als Referent oder Korreferent , oder als einfacher Diskussions redner, der eine aktuelle Frage ›anschnitt‹ und sehr energisch ventilierte . Unerklärlich bleibt, daß wir im Reichstag Abgeordnete haben; Deputierte wäre das Natürlichere. In der Diskussion ist für die wichtigsten Begriffe das Welschwort die Regel, das deutsche die befremdende Ausnahme. Der normale Reichstagsredner sagt zehnmal so oft energisch , wie: entschieden, kräftig, kraftvoll, tatkräftig, fest, ausdauernd, wirksam, nachdrücklich, aus allen Kräften, gehörig, markig, entschlossen zusammengenommen; zehnmal so oft definitiv wie endgültig, absolut wie durchaus. Eine der entzückendsten Blüten parlamentarischer Diktion ist das Diktum eines verstorbenen preußischen Landwirtschaftsministers: ›Meine Herren, wenn ich absolut sage, so meine ich das natürlich relativ .‹   Eine Kleinigkeit aus der Sprachwelt des Welsch bleibt zu ergänzen. Otto Gildemeister, sonst ein milder Verteidiger der Fremdwörterei, nicht etwa der Welscherei, hat über die äußerste Verrohung deutscher Sprache einst geschrieben: ›Durchaus verwerflich, ja gradezu scheußlich ist es, wenn das Fremdwort in die lediglich konstruktiven Teile des Satzbaues eindringt‹. Er meinte Wendungen wie ›eine Politik à la Bismarck , – vis à vis von Mainz, – eine Million per Woche‹, und nannte dies ›die Sprache eines Musterreiters, eines Oberkellners oder eines Feldwebels‹. Du lieber Himmel, es gibt sehr hochmögende und hochmütige Schreiber in Deutschland, die solche Scheußlichkeiten verüben. Ich kenne einen aufgeblasenen Germanisten in Berlin, dessen Germanisch nicht errötet vor › à la Harun Alraschid‹; und der Name Derer, die schreiben oder sprechen: pro Jahr, pro Monat, pro Kopf, per Jahr, per 1. April, per sofort, per bald, per Post, per Dampf, per Taille, per Adresse , zwei à 10, heißt Legion. Längst ist der Krebs der Welscherei auch in die › konstruktiven ‹ Teile unsrer Sprache eingedrungen, also in die Formwörter; längst schreibt man und spricht man: zirka eine Million; dies tut er qua Mitglied; so präter propter ; er handelt quasi als Bevollmächtigter; sic! in Klammern statt so!, und was dieser Verwischungen des sprachlichen Knochengerüstes mehr sind.   Die welschende Wissenschaft Was aber sind alle bisher gegebenen Proben und Pröbchen der sprachlichen Verwelschung Deutschlands gegen die nachfolgenden wenigen aus der Riesensammlung des Gewelsches einer Bildungsschicht, die ich dem Leser zunächst zu erraten überlasse. Sie sind alle im Überwelsch geschrieben, in jener Mundart, durch die nach dem nicht einmal boshaften Wort eines Franzosen das Esperanto überflüssig gemacht wird. Ich habe die paar Beispiele nur aus den Werken sehr berühmter Welscher gewählt, und nur solcher, die nicht etwa zufällig einmal solch Zeug verübt haben, was schon toll genug wäre, sondern deren Alltagssprache solches Überwelsch ist. Auch hier nenne ich keine Namen – Welscher sagt: Nomina sunt odiosa –, bitte aber den Leser, mir zu glauben, daß ich grundsätzlich keinem unbekannten Schmierer die Ehre erweise, hier mit einer Probe seines gemeinen Welsch zu prangen. Es sind lauter Lumina, Autoritäten, Koryphäen, Zelebritäten par excellence und kat'exochen , wie sich's für mein Büchlein geziemt. Aus einem Vortrag über den ›Lohn dieses Krieges‹: ›Wir erwarten nach den vielen Antithesen die Synthese , nach den Peripetien des Krieges die Katharsis .‹ Synthese ist das allerneueste Modewort schmockischer Wissenschaftelei, bedeutet nicht einen Hauch mehr als Zusammenfassung, und Katharsis bedeutet Reinigung. Der Wisch gehört in die besonderen Anstalten für gründliche Katharsis . Aus einem Aufsatz vom Anfang des Krieges zur › Analyse der deutschen Psyche ‹: ›Ich meine die Transformation des Bewußtseins in eine kollektive Erscheinung, in ein soziologisches , nicht mehr individuelles Phänomen . Das Mirakel dieser Wochen bestand darin, daß die scheinbar undurchdringliche dichte Schicht, die die vitale und intellektuelle Sphäre des einzelnen voneinander scheidet, gleichsam porös ward, daß die isolierten Centren unseres individuell zersplitterten Lebens zusammenschossen, zusammenwuchsen zu einem Gebilde von unendlich höherer als einzelmenschlicher Individualität .‹ Der Schreiber, der allerdings nicht um sein Leben zu retten einen einzigen Satz anders als im Welsch schreiben könnte, ist von einer deutschen Regierung in Straßburg als Hochschullehrer deutscher Jünglinge bestallt worden. ›Ich merkte, daß ich beim erstenmal mit allzu dramatischem Gehör auf die momentan metrischen Dissonanzen der sensuellen Affekte geachtet und so die lyrisch-perpetuelle Rhythmik der sentimentellen Motive überhört hatte.‹ Der sehr berühmte, sich selbst für noch berühmter haltende Mann hatte auch einiges andre überhört: z. B. daß solch Zeug sich vollkommen wie der wildeste Hohn auf die Welscherei liest. Vielleicht verlangt mancher Leser mein großes Ehrenwort, daß ich den Satz nicht boshaft selbst verfertigt habe? Ich gebe es hiermit feierlich. Aus einer ›Zeitschrift für den deutschen (wirklich für den deutschen ) Unterricht‹: ›Auch die bekannte kleine Erzählung Sulamith mit ihrem sentimental-ethischen Grundgedanken, mit ihrem faszinierenden, plastischen Stil, mit ihrem markanten klugen Pathos, operiert mit Symbolen und Personifikationen des Pessimismus , obwohl hier die ethische Stimmung die Oberhand gewinnt.‹ Nichts auf Erden ist vollkommen: der ganz perfekte Welscher müßte schließen: präponderiert . Eine Schicksalsfrage: ›Sind Edukte das Wesen einer Substanz , sie sei nun organisch oder kryptobiot ?‹ Wird sie je beantwortet werden? ›Die Bestätigung, daß hier das Punktum saliens zu suchen ist, gibt die Antithese , welche unsre eigne Ära darstellt.‹ Von einem Geschichtschreiber, der keine Ahnung von Sprachwissenschaft hat, den Deutschen Sprachverein giftig bekämpft, das Welsch für die einzig würdige Sprache gebildeter Deutscher erklärt und gleich jedermann in Deutschland das Recht beansprucht, über Sprachfragen anmaßend mitzureden. ›Diese Welt- Potenz besitzt an sich die plastische Expansions -Fähigkeit einer endlosen evolutionistischen Diversifikation im Detail ihrer Erscheinungen‹, was aus dem Zigeunerwelsch ins Deutsche übersetzt bedeutet: ›Die Natur ist endlos im Hervorbringen mannigfaltigster Einzelerscheinungen.‹ Die Minderwertigkeit des Deutschen ergibt sich schon daraus, daß man es versteht. ›Erweitert erscheint die Suggestibilität der Anfänge der zweiten subjektivistischen Periode : auf kirchlichem Gebiete der Klerikalism , auf staatlichem und nationalem der Chauvinism , zu geschweigen der politischen wirtschaftlichen Egoismen .‹ Von einem jüngst verstorbenen hochberühmten Manne, der in ähnlicher Sprache sich während des Weltkrieges um ›die Zukunft der deutschen Psyche ‹ seinen Welscherkopf zerbrach. ›Ihr Ornament ist nicht harmonisch-symmetrisch , also architektonisch , sondern graphologisch-charakteristisch , ist dekorativ , nicht tektonisch motivierend .‹ Von einem berühmten Schreiber, der deutsche Menschen über Kunst belehrt. ›Dazu kommt die raffinierte Intelligenz des Groß spekulanten , ein logisch strategisch operierendes Gehirn, das in Diplomatik und Politik die kompliziertesten Gespinste in glänzender Präzision webt und löst.‹ Von einem andern seinesgleichen. Endlich ein paar Sätzchen von einem so berühmten Schreiber, daß ich ihn vorerst nicht zu nennen wage: ›Man übersetze sich solchen physiologischem Habitus in seine letzte Logik .‹ – ›Ich nenne dies eine sublime Weiterentwicklung des Hedonismus auf durchaus morbider Grundlage.‹ – ›Die Philologie ist die Ephexis in der Interpretation .‹ Dieser unerhört berühmte Welscher heißt Nietzsche; er stellt insofern eine ganz vereinzelte Ausnahme dar, als er zwei durchaus verschiedene Stile schrieb: einen unausstehlichen Welscherstil, der sich nicht von dem Gewelsch der Dutzendschreiber unterscheidet, und einen bezaubernden deutschen Kunststil, dessen Reiz grade in seiner kristallnen Sprachreinheit besteht. Nebenbei: Nietzsche war › klassischer Philologe ‹, schrieb aber in einem seiner Anfälle toller Welscherei, da doch durchaus gewelscht werden sollte, die fast für jeden Leser unverständliche Ephexis nieder. Dieses griechische Wort steht nicht einmal in jedem griechischen Wörterbuch, kommt ganz vereinzelt bei Aristophanes vor, bedeutet an dieser Stelle nichts, was zu Nietzsches Ephexis der Interpretation paßt; – was alles natürlich nicht hindert, daß die Nietzsche-Bewunderer auch die Ephexis bewundern, die sie nicht verstehen, und weil sie sie nicht verstehen.   So sieht die Sprache der deutschen Wissenschaft aus; daß ich nicht im mindesten mit › subjektiver Ekletik ‹ übertreibe, weiß jeder Leser wissenschaftlicher Werke. Ich enthalte mich des Urteils über den innern Wertgehalt und die Weltgeltung deutscher Forschung; es bedarf meines Urteils nicht, denn selbst die gehässigsten Feinde Deutschlands wissen und gestehen zähneknirschend zu, was sie der deutschen Wissenschaft schulden. Je hoher aber das Werturteil über sie zu greifen hat, desto rückhaltloser muß die Verwerfung der Sprache lauten, in der sie sich dem deutschen Volk und der ganzen Bildungswelt darzustellen wagt. Die Sprache der deutschen Wissenschaft ist eine Schmach für sie selbst und eine Schändung deutschen Volkstums . Unsre wissenschaftlichen Forscher und Schreiber erklären durch ihre Sprachform die deutsche Sprache für unfähig, Ausdruck des Forschergeistes zu sein. Viele von ihnen haben diese Unfähigkeit der deutschen Sprache ausdrücklich verkündet. Nie hat die Wissenschaft irgendeines Volkes, irgendeines Menschenalters solche an die Verrücktheit grenzende Überhebung und zugleich solchen Mangel an einfachem völkischem Ehrgefühl bekundet. Alles spitzfindig bemäntelnde Gerede über die Unentbehrlichkeit des lateinisch-griechisch-französischen Welsch für den Mann der deutschen Wissenschaft verschiebt nicht den wahren Sinn ihres Tuns und Redens: Deutsch ist minderwertig, Deutsch ist ungeeignet zur wissenschaftlichen Darstellung. Oder doch, was der tiefste Grund solches Geredes ist, den zwar die meisten denken, doch keiner auszusprechen wagt: Meine wissenschaftlichen Gedanken sind so abgrundtief, so verwickelt, zugleich so unendlich mannigfaltig in dem für ihre Ausschöpfung erforderlichen Ausdruck, daß ich mit dem armseligen Werkzeug genannt Deutsche Sprache beim besten Willen und bei meiner oft laut bekundeten Begeisterung für Muttersprache, Mutterlaut, wie so wonnesam so traut, nicht denken, nicht sprechen, nicht schreiben, nicht atmen kann. Jedes einzige der von mir aus mindestens 6 Sprachen aufgestöberten Fremdwörter ist unentbehrlich, unersetzlich, ›deckt‹ sich mit keinem der von den lächerlichen Puristen vorgeschlagenen deutschen Wörter. Die deutsche Wissenschaft wäre vinkuliert , gefesselt, gelähmt, paralysiert , vernichtet, zur Sterilität verurteilt, wenn ich bei der enormen , sich progressiv potenzierenden Differenzierung der Spezial forschung, nun gar bei ihrer Synthese , mich nicht jeder Nüancierung des Ausdrucks bedienen dürfte, wie sie nur durch die klassischen Sprachen mit Zuhilfenahme von Französisch möglich ist. Freilich, freilich gibt es einige wenige Kollegen , wie z. B. – hier folgt jedesmal der Name des zur Zeit für den ärgsten Welscher geltenden Nüancierungs künstlers; das ändert aber nichts daran, daß jedes meiner Fremdwörter durch kein deutsches Wort vollkommen adäquat und kongruent , vollkommen ›deckend‹ wiedergegeben werden kann. Noch jeder wissenschaftliche Überwelscher hat sich mit wahrer Leidenschaft gegen die abscheuliche Welscherei – der Andern ausgesprochen. So nannte der Erzwelscher Richard Meyer ›das Häufen fremdsprachlicher Ausdrücke barbarisch wie die Tracht eines mit Zylinder, Cotillonorden und Stulpenstiefeln ausgestatteten nackten Negers‹. So tadelte Karl Lamprecht, bei Lebzeiten, neben Simmel, der ärgste Welscher der deutschen Wissenschaft, und das wollte etwas sagen, den ziemlich maßvollen Fremdwörtler Max Lenz, seinen wissenschaftlichen Widersacher, ob seiner ›niedlichen, gar zu häufigen Fremdwörter kolonien ‹. So drollig, ja possenhaft, wär's nur nicht zugleich so jammervoll, geht es in den Reihen unsrer welschenden Wissenschafter zu. Noch mehr ausführliche Satzbeispiele als die schon gegebenen würden den Leser ermüden und anwidern; ich begnüge mich mit einigen Einzelstücklein, die zum Beweise dessen genügen, was ich behaupte: die deutsche Wissenschaft hält die deutsche Sprache für tief unter ihrer erhabenen Höhe. Sie will nicht Deutsch schreiben; sie will es selbst dann nicht, wenn auch die verbohrteste Rechthaberei nicht zu behaupten wagt: das Welschwort sagt mehr oder Besseres, ja nur Andres als das deutsche. Ein hochangesehener Volkswirtschaftslehrer will Bismarck schildern, also Bismarcks Bild festhalten, festlegen; so aber will er's nicht, weil es nur Deutsch ist und nach der Auffassung deutscher Wissenschaft nicht wissenschaftlich klingt, – demnach welscht er: ›Bismarcks Porträt fixieren ‹. Ein andrer Wissenschafter, ein Germanist , will von einem Rundblick über zeitgenössische Dichtung sprechen, darf das aber nicht, denn Rundblick könnte ja jeder schreiben, Rundblick ist ja deutsch, also unwissenschaftlich, obendrein verständlich, – was bleibt dem Ärmsten, der zum Hochschullehrer für Deutschkunde bestellt ist, übrig, als Welsch, wissenschaftliches, den meisten Lesern unverständliches Welsch zu schreiben: Teichoskopie , ein von den späten Erklärern der Ilias zurechtgebasteltes griechelndes, also sehr vornehmes Wort. Ein wegen seiner krankhaften Rechthaberei berüchtigter Todfeind reiner deutscher Sprache verlangte, verlangt noch heute eifervoll Terrain statt Gelände; verlangte von einem französischen Gegner Loyalität , die es nur in der welschen, nicht in der französischen Sprache gibt, und erklärte ›unlautern Wettbewerb‹ für ›fürchterliches modernstes Kunstdeutsch‹, verlangte statt dessen › Concurrence illoyale ‹, weil er dies für feines Französisch hielt, während es nur sein eignes Berlinfranzösisch war. Endlich noch ein Stücklein aus allerneuester Zeit, aus der des herrlichen Aufschwungs deutschen Geistes im Weltkriege. Ein Herr Professor Sombart ist davon durchdrungen, daß selbst das deutsche Fremdwörterbuch mit seinem zwischen 8 und 125 Tausend schwankenden Bestande nicht hinreicht, um die sprudelnde Fülle seines Geistes in dem Gefäß des Ausdrucks ohne traurige Verluste aufzufangen. Sein Fremdwörterbuch muß größer, immer größer sein, – wo bliebe er sonst mit der Riesen palette seiner Nüankßen ? In einem wilden Werk gegen die Engländer, als die niedrigen, bildungslosen ›Händler‹, und für die hochherrlichen deutschen ›Helden‹ überschlägt er sich in wüster Welscherei. Ihm genügt nicht die Komfort -Sucht der Engländer, – Komfortismus muß dieser Erzdeutsche sich neu bilden, sintemalen in dem geheimnisvollen ismus sprachliche Wunderkräfte walten. Sportfexerei, Sportsucht, Sportherrschaft und viele ähnliche Wörter sind nur deutsch, taugen also nicht für den großen Mann der Wissenschaft, – der Verherrlicher deutschen Heldentums muß unbedingt Sportismus schreiben. Und man kann sicher sein, er wird uns mit einem Schwall von Scheingründen in einem Schwall von Scheinworten, also von Welsch, beweisen, daß kein andres Wort sich für die Exuberanz seiner Diktion qualifiziert . Qualifizieren hatten wir längst; es ist natürlich ganz überflüssig, aber die Welscher, die durchaus nicht ›eignen, befähigen, taugen‹ sagen dürfen, weil alles dies deutsch, also unwissenschaftlich und unvornehm ist, hatten doch, was sie unbedingt brauchten. Sehr schön; aber wie vereinsamt stand qualifizieren da! Der Englandfresser und Deutschlandpreiser Sombart gesellt zum Qualifizieren das Tantifizieren , was zunächst niemand versteht, was also um so wissenschaftlicher und vornehmer ist. Fehlen aber immer noch talifizieren und quantifizieren ! Getrost, Herr Sombart ist noch in der Blüte seiner Welscherkraft und wird uns im Laufe des Krieges auch diese Bereicherungen unsrer hehren Muttersprache bescheren. Will noch tiefer mich vertiefen in den Reichtum, in die Pracht! Wir haben eine lange Reihe ähnlicher wissenschaftlicher Schreiber, die nur scheinbar noch in deutscher Sprache schreiben. Sie beherrschen keine einzige Sprache, weder die deutsche noch eine fremde, auch nicht die lateinische, die Goethe den Worte machenden Gelehrten empfahl, wenn sie nichts Rechtes zu sagen hätten. Sie können aber sehr geschickt Bröcklein, verstandene und halbverstandene, aus einem halben Dutzend fremder Sprachen herausklauben und sie mit soviel Deutsch zusammenleimen, daß das Erzeugnis eine gewisse Ähnlichkeit mit Sprache hat, nur daß man nicht weiß, wie man solche Leimerei ›deckend‹ nennen soll. Ich hoffe, daß man Gewelsch am deckendsten finden wird. Längst findet man es in Deutschland ganz in der Ordnung, daß der Name jeder Wissenschaft welsch ist. Die deutsche Sprache ist zu gemein, um so erhabene Begriffe wie Theologie, Philosophie, Philologie, Jurisprudenz, Medizin, Nationalökonomie, Physik, Botanik, Physiologie, Ethnologie, Entomologie, Archäologie, Geographie, Geodäsie, Geologie, Orologie, Astronomie usw. usw. würdig zu benennen. Ist es nicht ein Zeichen edlen Strebens zur Höhe, daß sich auch eine Hühnerologie aufgetan hat, gleichwie es längst eine Blumistik gibt? Oh ich weiß, was mir die fürs Deutsche schwärmenden Welscher der Wissenschaft erwidern werden: Für alle von dir genannte Wissenschaften und ihre Hauptbegriffe gibt es treffliche deutsche oder doch verdeutschte Ausdrücke. Denen sage ich nur: Plummen un Speck sünd ein sihr gaudes Gericht, blot wi krigen dat nich. Oder hat schon jemand eine wissenschaftliche oder wissenschaftelnde Abhandlung gleichviel worüber gelesen, deren Gegenstand, Aufgabe, Vorwurf, Frage anders als Problem genannt wurde? Das Problem der eßbaren Saatkrähe, das Problem des Kleistschen Versbaus, das Problem der rationellen Kartoffelaufbewahrung, das Problem des Tannhäuser, das Problem der lukrativen Schweinezüchtung, das Problem der Fettgewinnung aus den Abwässern. Und wie mit dem Problem , so mit jedem andern geistigen Begriffswort. Welsch ist die Sprache deutschen Geisteslebens, durchweg welsch in ihren Fachausdrücken. Welcher Wissenschafter erniedrigt sich so tief, wie Goethe sich erniedrigt hat, und schreibt: Lehre und Leben? So vollkommen verwelscht ist die Sprache des deutschen Denkens, daß die meisten Leser schwerlich auf den ersten Blick wissen werden, was Goethe, sozusagen doch auch ein Mann der deutschen Wissenschaft, mit Lehre und Leben gemeint hat. Theorie und Praxis , einzig Theorie und Praxis heißt Lehre und Leben in der wahren Muttersprache deutscher Wissenschaft, dem Welsch, der ›Sprache schön und wunderbar‹. Die welschenden Wissenschafter sind mit der fertigen Entgegnung zur Hand: Man kann bei der Entwicklung, welche die deutsche Bildungssprache nun einmal genommen hat, nicht ohne eine ziemlich große Zahl von Fremdwörtern schreiben. Ziemlich große Zahl! Sind 200 eine ziemlich große Zahl? Man sollte es meinen. Nun nenne man mir den reinlichsten der Welscher mit weniger als 1000 Welschwörtern! Zum Glück gibt es einen vernichtenden Beweis für den Unsinn der Behauptung, daß ein wissenschaftlicher deutscher Schreiber durchaus nicht ohne einige Hundert Fremdbrocken auskommen könne: die nicht unbeträchtliche Zahl ausgezeichneter, meisterlicher deutscher Forscher, die ausgezeichnetes, meisterliches Deutsch mit einer verschwindenden Zahl von Welschwörtern geschrieben haben und noch schreiben. Unter den saubern deutschen Werken der Wissenschaft sind einige von Weltruhm: Brehms großes Tierbuch, dieses Grundwerk seines Gebietes – Welscher sagt: Standard -Werk, Überwelscher: Standard-Work – ist von einer für deutsche Sprachzustände unerhörten Reinheit, und das nächste Geschlecht mag entscheiden, wer länger lebt, Brehm der Meisterdeutsche, oder Lamprecht und Simmel, die zwei Meisterwelscher unsrer Zeit. In dem ganzen Bande Moltkes mit der kurzen Geschichte des 70er Krieges stehen nicht annähernd so viele Fremdwörter – die amtlichen des Heeres zählen nicht mit – wie auf 10 Seiten Hans Delbrücks, auf 2 Seiten Simmels. Es ist keine zu kühne Voraussage, daß Moltkes Schriften die Karl Lamprechts, Delbrücks und Simmels überleben werden. Daß man über jede Wissenschaft in gutdeutscher Sprache schreiben kann, beweisen ferner die Werke von Clausewitz, Treitschke, Marcks, Dietrich Schäfer; von Eyth, Riehl, Cornelius Gurlitt, Karl Wörmann, Ratzel, Roßmäßler, Helmholtz. Dieses Verzeichnis ließe sich verzehnfachen, aber es genügt zu Widerlegung des aus Anmaßung, Unkenntnis und schlechtem Gewissen zusammenfließenden Satzes der Welscher von der Notwendigkeit des Gewelsches in der Wissenschaft. Die Fremdwörter der engsten Fachsprache in der Heilkunde, der Mathematik, der Chemie haben mit dieser Frage nichts zu schaffen, denn sie dringen nicht hinaus über die Fachkreise, helfen nicht die Sprache allgemeiner deutscher Bildung verschmutzen, wie es das Gewelsch solcher Wissenschaften tut, die nicht auf die welschenden Fachkreise beschränkt bleiben.   Das Welsch der Germanisten Doch getrost, meine Brüder, ein wissenschaftliches Gebiet wird es geben, das gewiß wie ein granitner deutscher Sprachfels im Meer des allgemeinen wissenschaftlichen Gewelsches gen Himmel ragt und uns schützen wird vor dem nicht auszudenkenden Unglück des Unterganges reiner deutscher Sprache. Haben wir in Deutschland nicht den edlen Beruf der begeisterten Erforscher und Pfleger deutscher Sprache, deutscher Dichtung, deutscher Sage, deutscher Sitten? An jeder Hochschule walten ihrer etliche und sind jahraus jahrein eifrig beflissen, Tausenden von Schülern die Liebe zur unentweihten deutschen Sprache, diesem kostbaren Werkzeug einer großartigen Dichtung, wie eine brennende Leuchte im edelsten Fackellaufe völkischer Wissenschaft in die Hand zu vertrauen. Sie , an die einst Uhlands Ruf ergangen: Ja, gib ihr du die Reinheit , Die Klarheit und die Feinheit, Die aus dem Herzen stammt! Gib ihr den Schwung, die Stärke, Die Glut, an der man merke, Daß sie vom Geiste flammt! An deiner Sprache rüge Du schärfer nichts, denn Lüge , Die Wahrheit sei ihr Hort! Verpflanz' auf deine Jugend Die deutsche Treu' und Tugend Zugleich mit deutschem Wort!  – sie , die von einem Meister deutscher Zunge, Paul Heyse , ermahnt worden: Doch ihr, die Geistesmacht entflammt, O haltet den Tempel rein ! Ist heiliger doch kein Priesteramt, Als Hüter des Worts zu sein  – sie werden der Welscherwelt in Deutschland brennender Vorwurf und leuchtendes Vorbild sein. Der gemeine deutsche Menschenverstand könnte sogar auf den gewiß nicht verstiegenen Gedanken kommen, alle Hochschullehrer deutscher Sprache hätten so einigermaßen die Ehrenpflicht, wenn nicht schon die durch den Eid übernommene Amtspflicht, darüber zu wachen, daß der deutsche Sprachstaat keinen Schaden nehme. Ein wenig stutzig macht den harmlosen Betrachter zunächst die befremdliche Benamsung, die dieser deutschesten aller Wissenschaften anhaftet: Germanistik und Germanisten , also sprachlich auf der Höhe des Detaillisten, Grossisten, Lageristen, Blumisten mit seiner Blumistik, Bandagisten, Probisten, Harfenisten, Hornisten, Flötisten, Zinkenisten . Indessen diese alfanzige, sprachwissenschaftlich gemeine Bezeichnung stammt wahrscheinlich noch aus den Zeiten völkischer Zerfahrenheit und sprachlicher Roheit unsrer Wissenschaften. Was liegt am Namen? läßt Shakespeare fragen; nur handelt sich's bei ihm um die Rose, deren Duft in der Tat nicht am Namen haftet. Die Germanisten beklagen gewiß selbst, daß die geschichtliche Überlieferung sie mit einem solchen undeutschen Ekelnamen bedacht hat, und als geweihte Hüter des Worts werden sie demnächst ihre deutsche Wissenschaft mit einem anständigen deutschen Namen versehen. Freilich, als ich vor zehn Jahren in meiner Deutschen Literaturgeschichte die Kunde vom Deutschen Deutschkunde nannte, fiel ein angesehener Lehrer der Germanistik , Professor Franz Muncker , im Nebenamt Vorsitzender eines deutschen Sprachvereins, über mich her und erklärte mein nur deutsches Wort Deutschkunde für ›scheußlich‹. Es hat also bei der Germanistik zu bewenden, und da ich mir auf meine Sprachform Deutschkunde nichts einbilde, ist sie doch nur das sich von selbst ergebende Seitenstück zur Lateinkunde, Erdkunde, Naturkunde, Heilkunde –, so mag diese Deutschtumshüterin meinethalben Germanistik heißen, wenn sie nur ein unerschütterlicher Damm gegen die Welscherei in Deutschland ist. Das ist sie doch auf alle Fälle; das muß sie sein; welchen höchsten Daseinszweck hätte sie sonst? Alles schweige, jeder neige Germanisten nun sein Ohr! ›Sie [die störenden Elemente ] muß der Dichter eliminieren , um dadurch die Gefühlserreger in ihrer vollen Intimität zu isolieren, konzentrieren, prononzieren .‹ (Von dem ordentlichen Germanisten an einer norddeutschen Hochschule.) ›Es ist ein Genuß, die Intensität und die Diskretion zu erkennen, mit der (in Goethes Werther) auf wichtige Situationen vorgedeutet wird.‹ (Jedes Begriffswort welsch; von einem außerordentlichen Germanisten in Berlin.) ›Der Text des Faustpuppenspiels ist nicht genuin .‹ – ›Das Gemisch aus Poesie und Prosa, also das Genre mêlé .‹ (Von einem der allerberühmtesten ordentlichen Germanisten in Berlin.) ›Goethe intime ‹ überschreibt ein außerordentlicher Berliner Germanist seinen Aufsatz über Goethes häusliches Leben; ›Goethes Psyche ‹ nennt er die Seele, ›Goethes Oeuvre ‹ das Lebenswerk des großen – wie schreibe ich nur? – des poète allemand . Jerusalems Tod war für Goethe nach einem andern Außerordentlichen: ›das pragmatische Resultat seiner Reflexionen .‹ Schiller nennt seine Jugendarbeit: ›Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit der geistigen‹; einer der berühmtesten Ordentlichen veredelt dies in: › Connex der physischen und geistigen Natur des Menschen‹, und jetzt erst steht Schiller auf der Akme moderner Sprachkultur. Ein rheinischer Germanist schildert den Zustand unsrer neusten Literatur: › Krassester Materialismus, mystischer Spiritismus, demokratischer Anarchismus, aristokratischer Individualismus, pandemische Erotik , sinnabtötende Askese ‹. Gibt es wirklich für ›sinnabtötend‹ kein Welsch? Welche Wissensblöße für einen Germanisten ! Der zurzeit Ordentlichste in Berlin faßt seine Weisheit über den Helden der deutschen Sage, also z. B. Held Siegfried, zusammen: ›Dieser Held, der immer ethisches Pathos besitzt –.‹ Man male sich dieses Bild aus: Der ordentliche Germanist steht vor dem außerordentlichen Helden Siegfried, wird von diesem gefragt: ›Wer bist du?‹, antwortet: › Professor ordinarius der Germanistik ‹, und sagt nachdrücklich zu Siegfried: ›Du, o lobebärer Held, hast ethisches Pathos !‹ Ich möchte nicht in des Ordentlichen Haut stecken. Der Ober germanist neuerer Zeit, der Begründer einer ganzen Schule welschender Germanisten , ihr Koryphäe Wilhelm Scherer, konnte überhaupt keine andre Sprache schreiben als Welsch. Ich kann bei der Knappheit des Raumes nur Pröbchen seiner germanistischen Sprache geben und verweise den Leser an Scherer selbst. – ›Die wahre Methode literarhistorischer Forschung steigt zu einem realen Allgemeinen auf und stellt dieses als bewegende Kraft hin, deren Entstehung aus einer Summe individueller Leistungen ein weiteres Objekt der Forschung, ein vorausgehendes Moment der Darstellung bildet.‹ Schon in diesem einen Sätzchen haben wir vier der gemeinsten Plunderworte des üblichen wissenschaftlichen Welsch. Weiter von Scherer (über Faust!): ›Die Charaktere sind oberflächlich skizziert, Dialog und Motivierung sehr leicht genommen und nicht einmal der naheliegende Effekt erreicht. Drei begnadigte Sünderinnen stehen neben Gretchen, um das völlig individuelle und exzeptionelle Bild in eine typische Reihe zu rücken.‹ Hier haben wir das nur zu wohlbekannte Fölljetonisten welsch, wie es uns in der ganzen Kunstschreiberei alltäglich entgegentritt, in Rein kultur , wie man wohl auf Gebildet sagen muß. Man macht sich bis in die Welscherkreise hinein lustig über den blühenden Blödsinn des größten Teiles der deutschen Kunstschreiberei, ohne zu erwägen, daß die meisten Kunstschreiber aus germanistischen Seminaren hervorgegangen sind; die bekanntesten, weil in den größten Zeitungen wirkenden, alle, und sie alle im ersten oder zweiten Geschlecht aus der Sprachschule Wilhelm Scherers. Will ich etwa mit diesen Ausführungen und Proben behaupten und beweisen, daß es in Deutschland nur Deutschforscher mit verludertem Welsch gibt? Kommt mir nicht in den Sinn, würde den Tatsachen nicht entsprechen. Es gibt eine Reihe germanistischer Lehrer und Darsteller, die sich der jedem Deutschforscher obliegenden Hüterpflicht wohl bewußt sind und nach Möglichkeit über deutsche Dinge deutsch schreiben. Ich nenne, weil mir solche Ehrennamen hier aufzuführen eine Freude ist: Friedrich Kluge und Ludwig Sütterlin in Freiburg, Behaghel in Gießen, Bremer in Halle, Elster in Marburg, Maync in Bern, Trautmann in Bonn, Th. Matthias in Plauen, von der Leyen in München, Paul Pietsch in Greifswald, R. Palleske in Landeshut, Wackernell in Innsbruck. Aber es gibt ihrer gewiß noch andre. In Berlin gibt es keinen : dafür haben Scherer und seine Schule noch auf ein Menschenalter hinaus gesorgt. Ist es aber nicht Schimpf und Schande für den ganzen Stand, daß mehr als ein Drittel seiner Angehörigen über deutsche Dinge nur auf Welsch schreiben? Wäre nicht schon ein germanistischer Welscher zuviel, und müßte sich nicht gegen diesen einen Gecken die Empörung des ganzen Standes bis zur Unschädlichmachung wenden? Man vergegenwärtige sich nur die tiefe innere Unwahrhaftigkeit: ein Mann widmet sein Leben, alle seine höchsten Geisteskräfte freiwillig der Erforschung deutscher Sprache, deutscher Kunst und ihrer Vermittlung an Schüler, ist aber selbst nicht imstande, auch nicht willens, sich in deutscher Sprache auszudrücken! Noch mehr, wir haben es erleben müssen, daß bestallte Germanisten mit hohnvoller Überhebung die Männer bekämpften, die, beim völligen Versagen der meisten amtlichen Germanisten , in uneigennütziger Begeisterung deren verwaistes Amt übernommen hatten: die deutsche Sprache vor Verwelschung zu bewahren. Kommenden Geschlechtern wird diese Erscheinung noch viel unbegreiflicher sein als Friedrichs des Großen, des französisch erzogenen, Verhalten zur deutschen Dichtung seiner Zeit. Von dem ausgezeichneten Germanisten Moritz Heyne, nicht etwa von einem › Puristen ‹, geschweige von mir, rührt der Ausspruch her: ›Unsre Sprache geht, wenn sie auf dem jetzt betretenen Wege weiter wandelt, nicht nur einer Verschlechterung, sondern selbst der Zerrüttung unausbleiblich entgegen.‹ Zerrüttung ist noch zu mild, Zerstörung muß es heißen; denn eine Sprache, die mit ihren eignen Mitteln nicht mehr die wichtigsten Begriffe des Geisteslebens ausdrücken kann, ist mitten in der Zerstörung, in der Auflösung begriffen. Mögen die Männer aller andern Wissenschaften welschen, so weit sie es vor ihrem, in dieser Hinsicht allerdings dickhäutigen, deutschen Gewissen verantworten können; mögen sie unbeschämt selbst Simmels Sammelsurium nachschmieren, – ein Lehrer des Deutschen hat, schon aus Gründen des öffentlichen Anstandes, Deutsch zu schreiben, unbedingt Deutsch zu schreiben, nicht puristisch oder sonst irgend etwas auf istisch , sondern schlankweg Deutsch zu schreiben, und wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund! Hier hat jede Duldung, alles Redensartenmachen und um den Kern Herumreden zu verstummen. Hier ist auch für die Höflichkeit kein Raum, sondern mit äußerster Entschiedenheit, ja mit den wirksamsten Zwangsmitteln ist zu fordern und durchzusetzen, daß eine Stelle in Deutschland bleibe, an der Deutsch gesprochen und Deutsch gelehrt wird. Mir ist nicht bange darum, daß in der amtlichen Germanisten welt in weniger als einem Menschenalter Deutsch gesprochen und geschrieben werden wird, sobald die Herren germanistischen Welscher wissen, daß das Welschen sie ebenso ungeeignet für ihr Amt macht wie etwa das öffentliche Bekenntnis zur Glaubens- oder Regierungslosigkeit. Die Gerechtigkeit gebietet, zweier bemerkenswerter Vorgänge in der Germanistik zu gedenken. Professor Harry Maync hat vollbracht, was ich von einem germanistischen Welscher nie erwartet hätte: er hat jüngst – ob durch meine Deutsche Stilkunst bewogen oder nicht, ist gleichgültig – sein inhaltlich lesenswertes, aber im Allerweltswelsch geschriebenes Buch über Mörike in neubearbeiteter Auflage herausgegeben und es bei dieser Gelegenheit ins Deutsche übersetzt. Im Vorwort seiner Erich Schmidt zugeeigneten deutschen Übersetzung schreibt dieser weiße Rabe unter den Germanisten : er sei jetzt ›durchdrungen von dem Gefühl, daß es Pflicht jedes Deutschen und also auch des gelehrten Schriftstellers ist, seine Sprache nach Möglichkeit zu reinigen und zu pflegen.‹ Diese Möglichkeit ist so gut wie unbegrenzt. Der zweite Vorfall ist um des Mannes und seines Schicksals willen wahrhaft ergreifend. Erich Schmidt , der Verfasser der ›Erklärung‹ von 1889 gegen die Bestrebungen des Deutschen Sprachvereins, war durch meine Deutsche Stilkunst mit ihren 15 Abschnitten über und gegen die Fremdwörterei so erschüttert worden, daß er, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, beim Herannahen seines allzufrühen Todes jene Erklärung bereute , sich zu Freunden im Sinne meines Buches aussprach und aus einer dritten Auflage seines Sammelwerkes › Charakteristiken ‹ jene früher darin prangende ›Erklärung‹, auf die er einst stolz gewesen, wegließ. Der Tod hat den hervorragenden Forscher und geschmackvollen Kenner der Sprachkunst, den nur die altgewohnte Welscherei des deutschen Wissenschaftsbetriebes verwirrt hatte, leider verhindert, seinen Lebensirrtum auch öffentlich zu bekennen.   Die Heimpariserei Auf dem Gipfel des allerfeinsten Welsch, des Französischen, oder doch einer Brockensammlung dieser Zaubersprache für den deutschen Welscher, thront der Heimpariser . Mitleidig verachtungsvoll schaut er von seinem Bildungshochsitz auf den gemeinen Wald- und Wiesen-Welscher hinab, der sein Franzosendeutsch oder Deutschfranzösisch nur aus der Tertia und Umgegend, nicht aus Paris geschöpft hat. Früher nannte ich ihn den ›Gebildeten Hausknecht‹ oder ›Habakuk‹, nach der prächtigen Spottgestalt in Raimunds ›Bauer als Millionär‹, und ›Alpenkönig und Menschenfeind‹, welche beide lustige Stücke ich den Leser dringend bitte aufzuschlagen, wär's auch nur wegen der Habakukauftritte. Er war angeblich ›zwei Jahre in Paris‹ und lebt von der dorther mitgebrachten Bildung, die im Französischen oder doch in französischen Bröcklein besteht, etwa in dieser Art: ›Ich versicher Euer Gnaden, ich war zwei Jahre in Paris, aber ein Herz wie Euer Gnaden zu haben belieben, das ist wirklich nouveau .‹ Es ist die Sprache unsrer meisten Kunstschreiber geworden, seitdem eine Rückfahrkarte nach Paris und ein achttägiges Saugen an den Brüsten der Welscherhochbildung zu den bezahlbaren Opfern gehören, die der deutsche Welscher für seine Vervollkommnung im Welsch so gern bringt. Er lernt dort nicht etwa Französisch, dazu reichen nicht 8 Tage, selbst nicht 8 Wochen hin; aber das wäre ja noch schöner, wenn man alle Fremdsprachen, aus denen man seine Bröcklein fürs Welsch zusammenhamstert, wirklich beherrschen müßte. Zur Heimpariserei, ja zum verblüffenden Meisterwelschen gehört nur, irgendeinmal in Paris gewesen zu sein. In seinen niederdeutschen Scherzgedichten von 1652 hat der Rostocker Professor Johann Lauremberg diese sehr alte Sippe der Heimpariser treffend beschrieben: Veel reisen na Paris und andere fremde Steden, Alleen darum dat se hernamals können reden: Ick bin in Frankrik ok gewesen dre, veer Jahr. Es brauchen nicht drei, vier Jahr gewesen zu sein; ja der geborne Welscher braucht eigentlich gar nicht in Paris geweilt zu haben, so wenig wie Raimunds Habakuk; er braucht sich nur mühselig durch ein paar Bände von Zola, Daudet, Maupassant, Prévost hindurchgestümpert zu haben, um als perfekter Heimpariser in einem seiner Fölljetongs zu schreiben: ›Dieses Je ne sais quoi besteht in dem Chic und Charme und Pli der Pariserin.‹ Ich erfinde nicht, – etwas so Einziges, Esprit volles erfindet man nicht, sondern das bietet uns nur das Document humain der Aktualität , mir ein Berliner Fölljetong . Hat man, was nicht über Menschenkräfte geht, den Griff – in die französische Tasche – einmal weg, so gehört man zur heimparisischen Fremden legion Deutschlands und ist sozusagen ein Mensch von höherem Orden. An der Spitze steht meist irgendein Berliner Chefredakteur , der seine geknickte deutsche Sekundaner bildung in Paris ergänzt, verfeinert, vervollkommnet hat und sich nach der Heimkehr ins plumpe Deutschland ein politischer und intellektueller Roi en exil dünkt. Jeder völkischen Bestrebung, nun gar einer, die vom Welsch zum Deutsch führen will, steht er gehässig höhnend gegenüber und von der ›großen Zeit‹, die Deutschland im Weltkriege durchlebt, spricht er nur mit spöttischen Anführungszeichen. Dieser Heimpariserei verdankt das Gewelsch ein gutes Hundert neuer Bereicherungen. Fortan wird in Deutschland noch öfter von einem Clou als von einem oder einer Klimax gefaselt, und die mildherzige Berliner Polizei hat nichts gegen die alberne Würdelosigkeit einzuwenden, daß eine große Musikbude im Herzen der Stadt sich Clou nennt, so wenig wie sie trotz den Gesetzen und Verordnungen gegen die absichtliche Verschmutzung von Straßen und Plätzen gegen einen Bierpalast Piccadilly an einem der Glanzpunkte Berlins einzuwenden gefunden. Seit der Blüte der Heimpariserei, die begreiflicherweise vornehmlich von Berlin aus ihre Düfte verbreitet, haben wir kein Schauhaus, sondern eine Morgue , weil Paris eine hat; heißt das Gesamtwerk eines Dichters oder Künstlers sein Oeuvre , weil man in Paris so sagt; wird eine unhäusliche, bei jedem öffentlichen Quark dabei sein müssende Gans mit Spatzenhirn eine Mondäne und ihr ganzes Milieu mondän genannt, weil man in Paris so spricht; wird eine neue Rolle nicht zum erstenmal gespielt, oder verlebendigt, oder verkörpert, oder nachgeschaffen, sondern kreiert , weil man in Paris so spricht; heißt ein Reifenschaden, Unfall, Bruch, Versagen, Pech eine Panne , dessen wahre Bedeutung selbst von hundert Heimparisern kaum einer kennt, aber in Frankreich heißt nun einmal jedes Pech mit einem Kraftwagen Panne , also –. Der Vortragende macht ehrerbietig dem Conférencier Platz, der Romanschreiber demütig dem Romancier . Nippsachen, die doch französischen Ursprunges sind, werden zu Bibelots , weil sich der Sprachgebrauch in Frankreich geändert hat. Die Zigeunerei der lockeren jungen deutschen Künstlerschaft muß plötzlich Bohême heißen, weil sich die lockere Pariser Künstlerschaft so nennt, obgleich Murger in seinem bekannten Buch über die Bohême ausdrücklich erklärt, eine Bohême könne es nur in Paris geben. Ist dem Heimpariser ganz gleichgültig, denn wie leicht könnte man vergessen, daß er in Paris gewesen, wo die einfachsten Dinge, verklärt vom Zauberglanz des Französischen, das in Paris schon die kleinen Kinder fließend sprechen, so etwas wie einen Heiligenschein bekommen. Wirksame Farben heißen in den Bilderbeschreibungen des Heimparisers Valeurs , denn so heißen sie in den Ateliers der Pariser Künstler. Veränderungen unter den Beamten einer Regierung, auch in einer deutschen, heißen Revirement , wobei es dem Heimpariser pur sang und copurchic , dem Neutomischler Boulevardier , nicht das geringste ausmacht, daß dergleichen nur in heimparisischen deutschen Zeitungen, nicht aber in französischen Revirement heißt, sondern anders. Aber dieses andre dünkt den Heimpariser zu gewöhnlich, zu sehr vieux jeu im Vergleich mit dem sehr falschen, aber sehr französisch klingenden Revirement .   Das Berlinfranzösisch Denn – die Hauptsache ist, daß gewelscht werde; ob richtig oder falsch, ist Nebensache, auf Welsch: Cura posterior oder Quantité négligeable . Die gute Hälfte alles in Deutschland, besonders in Berlin üblichen Französisch ist eine in Deutschland, wiederum besonders in Berlin, verfertigte Mundart des Französischen, über die sich die republikanischen Franzosen königlich belustigen. Ich nenne diese Mundart Berlinfranzösisch , wenngleich nicht jedes Wort aus Berlin stammt. Die ›janze Richtung‹ aber ist berlinisch, denn den Berlinern vor allen andern Deutschen erschien von jeher das Französische, oder wie Französisch Klingende, unübertrefflich vornehm. Ein Wörterbuch des Berlinfranzösischen würde bei leidlicher Vollständigkeit einige Bogen dieses Büchleins füllen, und die sind mir für solchen Welscherunsinn zu kostbar. Berlinfranzösisch ist der Portier samt dem Souterrain , dem Parterre und der Belletage ; Berlinfranzösisch der Privatier , der Restaurateur samt seinen Delikatessen . Nur in Deutschland rasiert ein Friseur ; nur in Deutschland gibt es ein Séparé , ein Chantant mit Chansonetten und ein Variété . Nur in deutschen Theatern gibt es eine Garderobe , die in dem Lande, wo wirkliches Französisch gesprochen wird, Abtritt bedeutet. Wie entzückend klingt z. B. einem französischen Besucher diese deutsche Theaterunterhaltung: Wohin so schnell, mein Fräulein? – Ich muß noch einmal in die Garderobe gehen. Berlinfranzösisch sind die Emallje und Tallje , der Perron und das Coupé , die Debatte und das Debattieren , die Ménage für Salz und Pfeffer, die Poussade und die Rétirade . Nur in Deutschland gibt es Brief couverts, Lorgnetten, Galanterie waren, Rouleaux , die Pikanterie , die Kulanz , das Blamieren , die Blamage und die Kontrahage . Nur in Deutschland gibt man sich ein Air oder verliert die Balance ; nur in Deutschland kondoliert und porträtiert man, nur dort alteriert man jemand, den man in Zorn versetzt. Es gibt im Französischen kein Portépée und keine Parade , so wenig wie eine Charge , eine Gage und eine Servis zulage. Die Gardine samt den Lambrequins sind › garantiert echte Imitation ‹ aus Berlin. In Frankreich kann man sich beim besten Willen nicht mit einem Plumeau zudecken, denn dieses bedeutet im französischen Französisch Flederwisch. Ja selbst das Lavoir , für dessen ewiges Fortbestehen jüngst Herr Hugo von Hofmannsthal, einer der Hochmeister des Welsch um jeden Preis, eine ›warme Lanze eingelegt‹, mag österreichisches Französisch sein, die Franzosen kennen es nicht. An der Mosel heißt es lustig: Waschlawarche. Aber trotz solchen kleinen Verstößen gegen das im allgemeinen tadellose Heimparisisch werden die Herren Franzosen sich gewiß sehr geschmeichelt fühlen, daß die Deutschen sie mit solcher Beflissenheit, nein Gier, nachäffen. Seltsam, seltsam, das Gegenteil ist der Fall. Der Franzose ist ein viel zu feiner Sprachkünstler, als daß ihm das Verhalten unsrer Welscher etwas andres einflöße als Ekel und Verachtung. Wirkte der Hohn der Feinde auf den französelnden Deutschverderber, so stände zu hoffen, daß namentlich die ihm verabreichten Ohrfeigen seiner vielgeliebten Franzosen ihn zur Besinnung brächten; aber an dem dicken Fell eines welschenden Heimparisers prallt jede Züchtigung wirkungslos ab. Er ahnt gar nicht, wie viel von der geifernden Verachtung unsrer Feinde gegen die deutsche Bildung, deren ausschließlich welschende Bezeichnung ›Kultur‹ ihnen die willkommne Zielscheibe giftiger Spottpfeile ist, sein Werk, des Welschers Werk ist. Allerdings unterschlagen dem deutschen Volke fast alle seine Zeitungen aus einleuchtenden Gründen den Hohn der Feinde über die welschende Knechtschaffenheit unsrer Heimpariser. Wer aber wie ich von berufswegen regelmäßig feindliche Zeitungen, besonders französische, im Weltkriege zu lesen gezwungen ist, dem läuft die Galle über, wenn er als Volksgenosse der deutschen Welscher sich mitanspritzen lassen muß aus den Unflatkübeln des Hohnes der Fremden, des nicht unverdienten Hohnes. Einige der französischen Urteile über die deutsche Welscherei habe ich schon angeführt; ich ergänze sie mit erklärlicher Entrüstung. Aus der bedeutendsten wissenschaftlichen Wochenschrift vor dem Kriege: ›Dieser halbfranzösische Stil , der heute für Deutsch gilt.‹ – Aus der Feder des verstorbenen Sarcey, der anknüpfte an die Sprachschöpfung › bravourös ‹ in einer heimparisischen Zeitung Berlins: ›Frankreich kann es durchaus nicht als eine stillschweigende Ehrenerklärung für seine Sprache betrachten, wenn ein Volk, dessen Sprachreichtum so bedeutend ist wie der deutsche, die französische Sprache so mörderisch entstellt, wie dies in Deutschland durch die Nachäffung französischer Ausdrücke geschieht‹. Dies war der Ton der Franzosen vor dem Kriege; heute klingt er weniger zurückhaltend, aber selbst in den gehässigsten Ausbrüchen nicht unverdient. Die Franzosen haben seit 1870 Deutsch gelernt; sie lesen ja unsre Zeitungen, unsre Reichstagsreden, unsre hochbegeisterten Bücher über die deutsche Psyche , über die Synthese nach den Antithesen als Lohn des Krieges, über den tantifizierenden Sportismus und Komfortismus bei Sombart, dem Wortführer deutschen Heldentums. Sie lesen von diesem Vernichter Englands und englischen Geistes Sätze wie: ›Ihre (der Engländer) Ethik ist durchgängig utilitarisch orientiert , also notwendig soziologisch fundamentiert ‹. Sie lesen, soweit das menschenmöglich ist, die in Welsch geschriebenen Bücher des deutschen Professors Simmel, und ihnen wird übel dabei. Sie lesen bei einem deutschen Lieblingsschriftsteller: ›Dann blieben wir daheim au coin du feu , nachdem wir noch ein leidliches Diner à la fortune du pot eingenommen hatten‹, und ihnen drehen sich die Eingeweide um. Sie lesen bei einem unsrer berühmtesten Romandichter: ›Er ridikülisierte sie, worauf sie ihre bekannte hautaine Miene annahm‹, und finden dies ekelhaft. Und nun legen sie los! Das Lügenlumpenblatt Matin bringt einen großen Aufsatz: › Le Boche tel qu'on le parle ‹, also ›Das wirklich gesprochene Bosch ‹ (oder Schweinedeutsch), worin die Roheit und Gemeinheit des deutschen Welsch mit Beispielen belegt wird, die wir alle alle kennen, bei denen sich aber kaum ein Deutscher, sicher kein Welscher, das geringste denkt. Die Beispiele könnten wirken, wenn bei der Übermacht der Welscher irgend etwas wirkte. Für das Roheste hält der Schreiber im Matin eine Welschwendung, die bei uns für besonders vornehm gilt, wenigstens wird sie nur von den Gebildetsten, also von der Elite , der Crème deutscher Bildung gebraucht: Menschen material ! Und möcht' ich ihn zusammenschmeißen, Könnt' ich ihn doch nicht Lügner heißen! In der Tat, wie roh ist das Gerede vom Menschen material ! Und doch sind außergewöhnlichste, vielmehr allerfeinste, Bildungssprache in Deutschland: Offizier material statt Offiziere, Richter material statt Richter, ›dieser Stadtteil liefert nicht mehr genügendes Material (Schüler!) für die Oberrealschule‹ (mit eignen Ohren aus dem Munde eines klassischgebildeten Schulrats vernommen). Natürlich schließt der Matin aus solcher Sprachroheit, daß der deutsche Mensch aller Gattungen nur Rohstoff in den Händen einer Gewaltherrschaft sei, die alles höhere Menschentum zertrete. Im Echo de Paris die erfundene, aber überaus lebensecht klingende Geschichte von einem kriegsgefangenen deutschen Privatdozenten , den der gallische Höhner albernes Zeug in den verrücktesten, aber sehr vornehm klingenden Fremdwörtern rasaunen läßt: ›deutsche Konzeptualisation, Agglutinationen der Psyche ‹ und ähnlichen Blödsinn. Abermals im Matin : ›Die Deutschen sind mächtig genug, uns den Krieg zu erklären und ihn zu führen; sie sind nicht mächtig genug, sich des Französischsprechens zu enthalten, wenn sie sich verständlich ausdrücken wollen. Wenn die Deutschen von Wissenschaft und Kunst sprechen wollen, müssen sie sich bettelnd an die Franzosen wenden ‹. Dies stimmt nicht ganz, denn mit dem Französischen allein, selbst mit Zuhilfenahme des Berlinfranzösischen, kommt der schreibende Welscher bei weitem nicht aus; für den unermeßlichen Reichtum seines Geistes, für das farbige Feuerwerk, die Kalospinthechromokrene seiner Nüankßen muß das ganze Latein, samt Mönchs- und Küchenlatein, dazu mehr als die Hälfte aller griechischen Wurzeln heran. Doch auch das Englische ist ihm unentbehrlich geworden, und in Notfällen verschmäht er nicht verquatschtes Italienisch und nur ihm spanisch vorkommendes Spanisch. – Im Gaulois : ›Mag das Deutsche immerhin mehr Wörter besitzen als das Französische, so ist sein Reichtum nur bettelhaft , da es bei der ärmeren Sprache Anleihen macht.‹ Es nicht, sondern Er , nämlich der Welscher, der Verächter der deutschen Sprache. Das ist nicht ganz dasselbe. Wir wollen nicht lange darüber streiten, ob es einem Deutschen im Kriege oder im Frieden besonders wohlansteht, die Franzosen aufdringlich zu lieben und den Engländern äffend nachzulaufen. Dessen aber kann jeder Deutsche sicher sein: der gebildete Franzose hält jeden französelnden Deutschen für einen lächerlichen Boche , und der Engländer jeden britenden für einen damned German fool .   Die deutsche Engländerei Ein echter deutscher Mann, zum Beispiel oder insonderheit der an unsrer Waterkant, steht morgens auf mit dem frommen Wunsche: Gott straf' England! und legt sich mit selbigem Wunsche beruhigt zu Bett; wenn aber der Hamburger z. B. sein großes Sommerrennen veranstaltet, so nennt er es mit überwältigender Drolligkeit Deutsches Derby . Hier haben wir – in a nutshell (in einer Nußschale) sagt der britende Welscher – den bis zum Kriege und selbst während des Krieges herrschenden Zustand. Die deutsche Engländerei hat in den letzten 25 Jahren einen Umfang erreicht, der dem Unwesen der Französelei den Rang abzulaufen beginnt. Im Anfang dieser neuen sprachlichen Schlammflut freute ich mich verstohlen darüber, weil ich hoffte, der englische Beelzebub könne vielleicht den französischen Urian austreiben helfen. Unverzeihlicher Irrtum eines Kenners der Welscherseele, für den ich mich gehalten hatte. Es ist mit der Engländerei in Welschdeutschland genau so zugegangen wie mit allen neuen Bereicherungen des Welsch: gierig wird jede neue Flut fremden Sprachspülichts aufgefangen und in das Geäder des deutschen Sprachleibes ergossen; aber nichts von dem alten Schmutz wird darum aufgegeben. Auch andre Völker lernen fremde Sprachen, ohne dadurch Schaden zu nehmen an der Seele der Muttersprache. Einzig für Deutschland wird die Beschäftigung mit jeder neuen Fremdsprache zu einem neuen Verhängnis. Ich zweifle nicht, daß durch eine nähere Bekanntschaft mit dem jetzt in Mode kommenden Türkisch das Deutsche im nächsten Menschenalter auch die Vertürkung über sich ergehen lassen muß. Alles in allem bevorzugt der deutsche Welscher das Küchenlateinische und Apothekergriechische. Zumal für den humanistisch und akademisch gebildeten Welscher sind die beiden klassischen Sprachen noch in ihrer äußersten Verschandelung von einem Zauberhauch höherer Weihe umwittert und gelten selbst für vornehmer als die sehr vornehme Französelei. Der strenge Wissenschafter alter Schule französelt verhältnismäßig wenig; er überläßt dies der neuen Abart des deutschen Gelehrten, wie sie namentlich in Berlin gedeiht dem ›Dandyprofessor‹, der ebensowohl mit der Teichoskopie wie dem Coin de la nature , dem Milieu , der Note personelle um sich wirft. Das Englische ist doch mehr das Kennzeichen des weltmännischen Welschers, des Kaufmanns, des Sportfexen, des Weltbummlers, der sich denn auch gern Globetrotter nennen hört. Und so tief wie die humanistelnde und französelnde Welscherei ist die engländernde noch nicht in die Schriftsprache eingedrungen; sie hält sich, wenigstens bis jetzt, mehr in den Grenzen der Umgangs- und der Zeitungssprache, ist allerdings in die Rede des Deutschen Reichstags schon fast ebenso fest hineingefilzt wie die Französelei. Wer sich von der verblüffenden Ausbreitung der Engländerei gründlich überzeugen will, der lese die vortreffliche Schrift von Hermann Dunger: ›Engländerei in der deutschen Sprache‹; sie erspart mir die Ausführlichkeit, die den Rahmen meines Büchleins sprengen würde. Wiederum ist festzustellen, daß es kaum noch ein Gebiet des Alltags oder des höheren Geisteslebens gibt ohne englisches Welsch. Allenfalls läßt sich sagen, daß die reinen Geisteswissenschaften noch nicht so verbritelt sind wie verfranzöselt, verlateinert und vergriechelt; indessen das deutsche Welsch hat unbegrenzte Möglichkeiten weiterer Ausbildung. Im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde festgestellt, daß nur etwa 12 englische Fremdwörter ins Deutsche eingedrungen waren, wovon solche Lehnwörter wie Dogge, Frack, Mops, Park, Quäker eigentlich nicht mitzählen. Für das Jahr 1880 stellte Dunger gegen 150 Engländereien im Deutschen fest, sicher zu wenig. Zurzeit beläuft sich der Anteil des Englischen am deutschen Welsch auf allermindestens 1000; und wer da gutmütig glauben sollte, der Krieg werde hieran das geringste ändern, der kennt die tiefen und dunkeln Winkel in der Psyche des deutschen Welschers nicht. Nicht einmal der Gentleman und seine erprobte fairness werden durch die Erinnerung an die Mörder auf dem Baralong und die schurkischen Feiglinge auf dem König Stephan in Zukunft verdrängt werden. So wenig wie eine deutsche Zeitung inmitten des Weltkrieges ohne das Derby mit seinen Meeting, Handicap, Start, Record, Odds, Pace, Turf, Box, Trainer, Favorit, Outsider, Pedigree, Canter, Spurt, Pull, Finish, Walkover über deutsche Rennen berichten kann; so wenig wie das Tennis in Deutschland ohne englische Zahlwörter und den gesamten übrigen englischen Sprachzauber gespielt werden kann, also nur mit Play, advantage, out, fault, game, set, love – wozu natürlich die Kenntnis des Englischen selbst unnötig ist –, so wenig wird auch die scheue Bewunderung vor dem fairen gentlemanliken Gentleman aussterben. Sie wird dauern bis ans Ende der Tage, jedenfalls bis ans Ende der deutschen Sprache und – darüber hinaus. ›Kaiser Wilhelm hat sein Bedauern ausgesprochen. Das war gentlemanlike , und diese faire Erledigung bringt die Person des Kaisers aus dem Spiel‹ (aus einer Berliner Mittagszeitung). Was ist nicht schon für Tinte verschrieben worden über die Engländerei für deutsche Schiffe ! Mit Begeisterung, mit Wonne plantschen alle deutsche Zeitungen und ihre gesamte deutsche Leserschaft in der ewigen englischen Weiblichkeit für männliche und sächliche deutsche Schiffsnamen. Die Emden, die Deutschland, die Vaterland, unbedingt nur so, denn – der Engländer spricht von jedem Schiff mit she . Ich, und der Leser zweifellos ebenfalls, habe auch schon gelesen: die Bismarck, die Moltke, die Kaiser, die Gneisenau. Man hat aus einem gewissen Schamgefühl spitzfindige Entschuldigungen dieser Engländerei versucht, hat von ›altem deutschem Seemannsbrauch‹ geredet, während geschichtlich feststeht, daß einzig die Englandäfferei uns die Sinnlosigkeit bescheert hat, gepanzerte Berserker wie den Emden, den Göben in sanfte Ehrenjungfräulein umzuzärteln. Vielleicht beweisen die Welscher demnächst, daß auch die deutschen Zahlwörter im Tennis sich nicht ganz mit den englischen ›decken‹. Bild und Witz im Simplizissimus mit der Überschrift: ›Deutscher Sport‹ und der Unterschrift: ›Zählen Sie doch nicht deutsch, Sie blamieren ja unsern ganzen Club !‹ können nicht für besonders witzig gelten, denn sie sind mehr: witzlose Wirklichkeit. Die Seelenverfassung des britenden Welschers ist die gleiche wie bei allen andern Gattungen der Welschersippe: das englische Wort ist unter allen Umständen vornehmer, verleiht seinem Aussprecher oder Schreiber eine höhere Weihe, als das edelste, kernigste, farbigste Deutsch. Mob ist vornehmer als Pöbel, der Rowdy feiner als der Lümmel, nun gar der Hooligan gradezu ein erhabenes Wesen gegenüber dem Strolch oder Messerstecher. Selbst der ärmste Teufel bekommt einen andern Anstrich, einen volkswirtschaftlich wissenschaftlichen, sobald man ihn Pauper nennt. Wer etwas auf sich hält, oder wer gar einmal den Fuß auf britische Erde gesetzt, spricht nicht mehr von Versammlungen, sondern von Meetings , nennt die Selbstverwaltung nur noch Selfgovernment , ein Gesetz wird zur Bill , der englische Unterhauspräsident heißt grundsätzlich in Deutschland nur Speaker , Ausschüsse sind Committees, und jede Schreibstube wird zum Office . Wer nichts ist, nichts hat, nichts heißt, ist immerhin noch ein Nobody , und der letzte Angestellte besitzt die höhere Würde eines Clerk . Bringt er's aus eigner Kraft zu etwas Bedeutendem, so legt ihm der Welscher den hohen Rang eines Selfmademan bei. Unterredung, Begegnung, Besprechung, Ausfragung, Fragbesuch – nichts von dieser deutschen Dutzendware ›deckt‹ sich mit einem Interview , und der Held eines solchen Abenteuers ist je nachdem ein Pennyaliner, Reporter oder Interviewer . Harmlosen deutschen Lesern, die keine Ahnung von den Geheimnissen englischer Rechtschreibung haben, wird als eine Selbstverständlichkeit zugemutet, daß sie dergleichen peinlich genau aussprechen. Ein ungelehrter Deutscher, der den in jeder Zeitung prangenden Interviewer harmlos ausspricht: Interfiewer, wie ich das von gescheiten Arbeitern mehr als einmal gehört, wird von dem Manne mit der Büldung hochüberlegen ausgelacht. Sport ist ein urdeutsches, schon bei Ulfilas vorkommendes Wort, das in Deutschland versunken, im Englischen gerettet und zu uns mit dem Wert eines Lehnwortes herübergetragen wurde. Daß nun aber mit ihm ein ganzes Wörterbuch des Sports über uns ausgeschüttet worden, verdanken wir dem Englisch welschenden Fex und dem Schmock. Vor einiger Zeit hielt einer unsrer verhältnismäßig sanft welschenden Wissenschafter in einer kraftvoll völkisch gesinnten Zeitung einen jener sattsam bekannten Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-ihn-nicht-naß-Vorträge gegen die bösen, bösen Fremdwörter – der Andern, kämpfte jedoch, gleichfalls nach sattsam bekannter Art, für den unentbehrlichen, unersetzlichen Snob . Als ich ihm den längst vorhandenen, unvergleichlich treffenderen, allerdings nur deutschen Schmock zum Ersatz darbot, lautete die bis zum Überdruß bekannte Antwort: Der ›deckt‹ sich nicht; und natürlich in jedem Falle, in dem sich etwas Deutsches mit etwas Fremdem ›nicht deckt‹, hat das Deutsche sich zu ducken vor dem fremden Herrenwort. Der Snob ist nach Thackerays feiner Erklärung ein Mensch, ›der gemeine Dinge gemein bewundert‹, und eben dies tut auf Deutsch der Schmock. Obendrein ist Schmock in Deutschland durch eine deutsche Dichtung ebenso berühmt, wie Snob in England durch ein englisches Buch. Tut nichts, das deutsche Wort wird verpönt und soll dem englischen weichen. Wie stolz war der engländernde deutsche Schmock, der Gent , zwei Jahrzehnte hindurch auf seinen Smoking , bis endlich die Kunde über das nasse Dreieck zu unsrer engländernden Schmockwelt drang, daß kein Mensch in England einen Gesellschaftsrock Smoking nennt. Aus war's mit Smokings Herrlichkeit, und Schmock wäre untröstlich, in a fix , krank gewesen, wenn ihm nicht der Cutaway zu Hilfe gekommen wäre. Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank! Natürlich muß der Cutaway real English fashion und tip top sein. Schreibt eine deutsche Zeitung vom Sturm auf eine Bank, so sagt sie unfehlbar: Run . 99 Leser von 100 verstehen das nicht; aber um wieviel höher steht grade darum der Schreiber! Hemdhose? Shocking sagt die deutsche Miss und schlüpft schamvoll in ihre Combinations . – Gemeine deutsche Schrauben an einem vornehmen Luftschiff? Bei dem, der so ›zweitklassig‹ spräche, würde man eher eine Schraube los vermuten. Propellers sagt der engländernde Welscher; Propellers sagt Herr Gerhart Hauptmann sogar von dem › Steamer ‹, auf dem er fährt, obgleich dieser Steamer ein deutscher Dampfer ist, und obgleich die Dampferschraube im wirklichen Englisch nicht Propeller heißt. Und da ich bei Herrn Gerhart Hauptmann halte, so sei berichtet, wie sich dieser ›größte deutsche Dichter‹ sprachlich zu England und zum Welsch verhält. Ob er überhaupt Englisch kann und wieviel, weiß ich nicht, geht auch niemand etwas an. Hingegen darf in keiner Naturgeschichte des Welschers der Anteil dieses deutschen Dichters an der Engländerei fehlen. In seinem Roman Atlantis heißt also der deutsche Dampfer Steamer , wird das Lesezimmer des deutschen Dampfers in allen Fällen zum Reading-room , gibt es einen › First call for dinner ‹, und ähnliche Beweise – nicht für des Dichters Kenntnis des Englischen, denn die ist dazu nicht vonnöten, aber für seine Überzeugung, daß ein deutscher Dichter bei einer so vornehmen Gelegenheit, wie einer Fahrt nach Amerika, selbst auf einem deutschen Dampfer engländern muß. Er kann nicht anders, er muß; denn wie sollten wir uns sein sprachliches Verhalten anders erklären als durch eine kosmische Notwendigkeit? Kosmisch nennt dieser deutsche Dichter nämlich den Sonnenuntergang, und auf dem deutschen Dampfer läßt er einen Begrüßungsmarsch konzertieren , zum Mittagsmahl auf dem deutschen Dampfer werden bei ihm nicht 5 Stücke, sondern 5 Piècen gespielt, wie dieses deutschen Dichters feinstes Französisch lautet, während die dummen Franzosen Morceaux sagen. Mir ist es stets als eines der unerklärlichsten Seelenrätsel erschienen, wie ein Mensch, der auf wahre Bildung Anspruch macht, ohne fremde Sprachen zu wissen – was keineswegs unvereinbar ist –, in allen von ihm nicht gewußten Sprachen munter umherplätschern kann. Die deutsche Welscherei aber birgt mehr Rätsel, als unsre Weltweisheit sich träumen läßt. Was für ein Wurmzeug, für eine Made, mag wohl eine Tailormade sein? Der Wurm wird, wie immer im Englischen, ganz anders gesprochen als geschrieben und bedeutet etwas unaussprechlich Vornehmes: Schneiderkleid. Man berichtet uns von Doppelsprachigkeit auf einigen Südseeinseln, nicht etwa mit einer eingebornen saubern Sprache und einer fremden Brockensprache wie in Deutschland, sondern mit einem vornehmen Wörterschatz für die Männer, einem niedrigen für die Frauen. Fast dasselbe Verhältnis besteht in Deutschland für nicht unwichtige Lebensgebiete. Der vornehme deutsche Gasthof gründet seine Vornehmheit weit weniger auf seine in der ganzen Welt anerkannte, gerühmte Güte, als darauf, daß in ihm die deutsche Sprache das Aschenbrödel ist. Mit dem Namen fängt es an, mit dem Hammelkohl hört es noch lange nicht auf. Gibt es einen einzigen Manager eines first class Grand Hôtel Palace, Esplanade, Bristol, Savoy, Carlton, Westminster, der nicht lieber dem ganzen Concern den Rücken kehrte, als Hammelkohl für Irish stew zu schreiben? Irish stew ist Hammelkohl, Irish stew heißt nichts weiter als irisches Gestovtes oder Gedünstetes; aber Hammelkohl, der beiläufig meist besser schmeckt als Irish stew , ist gemein; Irish stew , bestehend aus Kohl und Hammel und Kümmel, ist selbst für ein deutsches Grand Hôtel Carlton vornehm genug. Ihr Völkerseelenforscher, geht nicht vorüber an diesen wertvollen Offenbarungen der sonst so sensitiv scheuen deutschen Psyche ! Vertieft euch, so sehr ihr nur könnt, in die Abgründe, die euch solch einzelnes, scheinbar unbedeutendes Document als Matter of fact erschließt. Und welche Welten tun sich auf bei Mock turtle für Kalbskopf, Real turtle für Schildkröte, Ham and eggs , selbst in der ›Rechtschreibung‹ Hemetex , für Schinken und Eier, Quaker oats für Haferflocken! Schon der Common sense , dieser unendlich verfeinerte gesunde Menschenverstand, sagt doch jedem, daß er es hier mit einer ›echten Importe ‹ zu tun hat; wie es an Moral insanity grenzen würde, in Deutschland nicht mehr von Cakes zu sprechen, mögen diese auch in England gar nicht Cakes , sondern Biscuits heißen. Oh und der Grillroom ! Oh die unübersetzbaren Sandwiches , mit denen sich kein noch so feinbedecktes Fleischbrötchen zu ›decken‹ erkühnen darf! Nun gar der Toast , dem einige lächerliche Puristen das gemeine Röstbrot an die Seite zu stellen gewagt haben! Kann man ebenso vornehm ›zu Hause‹ sein und Besuch empfangen wie beim At home ? Und kann jemals der Tee um 5 Uhr oder einfach am Nachmittag so delicious und exquisite schmecken wie um five (sprich welschgetreu: feif!) o'clock ? Bis in welche Höhen hebt uns ein Liftboy im Vergleich mit einem niedrigen Fahrstift! Und über was für Gelder verfügt der Mieter eines Safe gegenüber dem eines Schließfaches, zumal wenn er Consols und Shares darin birgt, statt der elenden Staatsanleihen und Anteile! Deutsche Maschinenbauer rechnen wie alle Welt nach Pferdekräften; aber sie kürzen sie nicht P. K., sondern HP. , was jedoch nicht etwa Hundedemutspack oder Hirnpech bedeuten soll, sondern Horsepower , obwohl auch dieses nur Pferdekraft heißt, aber den Schreiber zu einem Vorkämpfer des expansivsten Kosmopolitismus macht. Soll ich noch an die entzückenden Messenger boys in Berlin mit ihren echtenglischen Affenkappen erinnern? Der Leser wird diesen vorübergehend verschwundenen Vertretern des deutschen Merry old England in Berlin alsbald nach dem Kriege wieder begegnen. Endlich noch eine scheinbare Kleinigkeit, die aber ›Bände spricht‹. Ein deutscher Seeheld Mücke erobert ein englisches Schiff und gewinnt in kühner Fahrt eine befreundete Küste. Seine Beute heißt nach englischer Rechtschreibung Ayesha , weil die Engländer den Jot-Laut nicht anders als durch y , das sch durch sh bezeichnen. Die gesamte deutsche Presse fühlt sich in ihrem Gewissen verpflichtet, dieses deutschgewordene Schiff Ajescha nach wie vor mit der weltbeherrschenden englischen Rechtschreibung zu schmücken, und setzen voraus – ach und mit wieviel Recht! –, daß ihre Leser sich willig unter Englands Schriftgesetze beugen werden. Aus den gleichen seelischen Gründen, der scheuen Ehrfurcht vor der Gebieterin der Meere, schreibt fast jeder Deutsche das gutdeutsche Wort Jacht: Yacht , denn das y ist der gebildetste Auslandsbuchstabe, mithin wesentlich vornehmer als gemeines deutsches j. Und um Himmels willen nicht ungebildet: Himalaja, denn die Engländer müssen Himalaya schreiben, also wir gehorsam hinterher, gegen unsre Lautgesetze. Aber nicht wahr, Gott straf' England! –?   Ludersprachen Die Machtstellung der Welscher – sie sitzen ja in allen beherrschenden Ämtern: der Behörden, der Wissenschaften, der Presse – und die lammsgeduldige Sanftmut Derer, die fordern, ach nein nur wünschen, ach nein nur bitten, daß in Deutschland die deutsche Sprache, nicht das Welsch herrsche, zu denen z. B. der Deutsche Sprachverein gehört –, diese beiden in Wechselwirkung haben bisher verhindert, daß in das Welsch sprachwissenschaftlich hineingeleuchtet werde. Solange man von beiden Seiten in der Täuschung – bei den Welschern in der absichtlichen des schlechten Gewissens, bei den Deutschschreibern in der gutmütig gewährenlassenden befangen war, Welsch sei Deutsch mit einem größeren oder geringeren Einschlag von Fremdwörtern; solange man überhaupt nur von ›Fremdwörterei‹ sprach, nicht von der absonderlichen Kunstsprache Welsch, war eine wissenschaftliche Erforschung ihres wahren Sprachwesens unmöglich. Das Welsch gehört zu einer ziemlich großen Sprachfamilie, deren gemeinsamer Name Ludersprachen ist. Sie sind durch ein lockeres Band der Verwandtschaft verknüpft: dieses Band ist zumeist die deutsche Sprache; aber mit welchen wundersamen Verzweigungen! Die zu dieser Familie gehörenden Einzelsprachen sind: Zigeunerisch, Jiddisch, Gaunerrotwelsch, Pennsylvanisch , oder Deutsch-Amerikanisch, Welsch . Das niederhochdeutsche Missingsch darf als eine Nebenranke, das Pidgin ( Business ) -Englisch in Ostasien als reizvolles Seitenstück auf einer andern Grundlage als dem Deutschen gelten. Die armen Zigeuner haben auf ihren Weltwanderungen aus den Sprachen aller ihrer Wirtsvölker aufgegabelt, was ihnen bequem anflog; aber fürwahr nicht aus Gelehrtendünkel, noch um einer bereichernden Nüankße willen, haben sie in Ungarn, Deutschland, England, Spanien einige Hundert fremde Bestandteile aufgenommen. Zigeunerisch ist eine Sprache bewegtesten Wanderlebens, nicht eine aus Eitelkeit und Ungeschmack zusammengerührte Kunstersatzsprache wie das Welsch. Das Jiddisch oder russisch-polnische Judendeutsch ist gleichfalls eine Lebenssprache: Deutsch mit einem zahlenmäßig meist stark überschätzten Zusatz von Hebräisch und sehr wenig Polnisch und Russisch. Jeder wirkliche Kenner dieser Sprache eines Millionenvolkes weiß, daß das Jiddisch bei weitem deutscher ist als das Welsch solcher Meister dieser Sprache, wie aus älteren Zeiten des Fürsten Pückler und der Gräfin Ida Hahn-Hahn, aus der Gegenwart Karl Lamprechts, Richard Meyers, Poppenbergs, Sombarts, Simmels. Man zeige mir die Besprechung einer › Prèmiere ‹ in einer großstädtischen deutschen Zeitung, nun gar in einem Berliner oder Wiener Weltblatt, mit so wenig Fremdbrocken, wie diese im Warschauer Tagblatt vom Juni 1916: Das klassische Werk ›Nathan der Weise‹ ün ihr Hauptheld Nathan hobben auf die Bretter vün deitschen Theater gefünnen an nemunes (wahrhaft) kinstlerische Verkerperung ( Personifizierung, Inkarnation ). Siegmund Lautenburg hat mit san Art ( Genre, Individualität ) Spielen, Denken ün Iberlegen beschaffen den scheinen kligsten Jid in ganz Jeruscholajim (Jerusalem), bei welchem jede klennste Bewegung ( Geste ) schmeckt (gefällt), mit Überlebung (Belebung), Ausgehaltenheit (?) und Jischuw Hadaaß (Erfassen des Dinges; stilgerecht, auf Welsch: Realismus ). Und so ist gewesen wirklich a geistiges Vergniegen, zu sitzen im Theater ün zü sehen den Jiden fün Mendelssohn Zaten, welcher red't sich obenauf, ün ist bekauach (imstande, auf Welsch: kapabel ), zü bezaubern ( faszinieren ) mit seinem klaren Denken den eisernen Tempelherrn der Christen ün den frümmen Sultan der Muselmänner. An' herrlech ( grandioses ) Bild is gewe'en die Szene, wen Nathan derzeihlt ( rezitiert ) dem Sultan san Muschel (Beispiel, auf Welsch: Parabel, Legende, Allegorie ) mit'n König ün sane 3 Sihn. Der mit der welschenden Kunstschreiberei vertraute Leser übersetze sich dies ins vornehme Zeitungswelsch, in die echtdeutsche ästhetische Rezensenten sprache eines Intellektuellen ! Das Gaunerrotwelsch ist Deutsch, durchsetzt mit verludertem Hebräisch; aber keinem Gauner ist es je eingefallen, diese Sprache für etwas andres zu halten als für ein nützliches Täuschungswerkzeug. Das Rotwelsch soll nicht höhere Bildung, verborgene Geistesschätze, duftige Nüankßen vortäuschen, wie das deutsche Bildungswelsch; sondern es soll nur von den Eingeweihten verstanden werden, nicht die saubre Sprache der ehrlichen Leute verschmutzen, – kurz, es ist, welsch gesprochen, ein ganz intimes , ganz esoterisches , ganz exklusives Adeptenidiom , wohingegen das Bildungswelsch leider nicht innerhalb der Zunft bleibt, sondern die ganze saubre Sprachwelt überschlämmt. Im Mischungsverhältnis seiner zwei Bestandteile kommt das Rotwelsch dem Bildungswelsch sehr nahe, bleibt jedoch in der Unreinheit hinter den Meisterleistungen unsrer gelehrtesten Welscher zurück. Pennsylvanisch ist die lebendige Umgangssprache der armen nach Amerika versprengten, wenig oder gar nicht gebildeten Deutschen, die, gelöst vom Mutterboden der Heimatsprache; als Splitter inmitten eines anderssprachigen großen Volkes eine ansehnliche Zahl englischer Wörter aufgenommen und mit einer gewissen gewalttätigen Rücksichtslosigkeit eingedeutscht haben. Ich entnehme einer mir zugehenden Saintlouiser Zeitung ein paar höchstgebildete Beispiele dieses Deutsch-Amerikanisch: ›Während Lucille, Worth, Georgette und Arnold ihre unbedingte Sanktion dem Hoop und verschiedenen graziösen Evolutionen des ›Bustle‹ gegeben haben, wollen andere nichts mit diesen zu tun haben und halten sich an die einfacheren Linien. Aber ein gemeinsames Ziel aller ist die enge, fast gepreßte, Taille, entweder in normaler Höhe oder ein klein wenig höher, und das umfangreiche Skirt. – – Für Beleuchtung irgendeines Zimmers, das gedämpftes Licht erfordert, ist diese Lampe vollkommen. Paß an irgendeinen Socket. Badezimmer, Halle, Kinderzimmer, Pantry und Schlafzimmer, sie alle sollten eins besitzen.‹ Ein zum Ulk besonders zusammengeklaubtes Beispielsätzchen lautet: ›Die Kau ( cow : Kuh) is iwwer de Fenz ( fence : Zaun) gedschumbt ( jump : springen) un hot de Wiet ( wheat : Weizen) gedämädscht‹ ( damage : schädigen). Von Zeit zu Zeit laufen Pröbchen wie diese durch die deutsche Presse, deren Fachleute samt den Lesern darob schmunzeln und selbstzufrieden denken: Nein, wie das Deutsche doch entarten kann! Die Kölnische Zeitung, nahezu die einzige in Deutschland, die sich mit festem Willen und nicht erlahmender Ausdauer um reines Deutsch bemüht, hat an den Abdruck solches Amerikanerdeutsch einmal die Klage geknüpft: Dieses sogenannte Deutsch muß in jedem ein Gefühl der Beschämung erwecken. Die Angehörigen keines einzigen andern Volkes sündigen auch nur annähernd derartig gegen ihre Muttersprache, wie ein großer Teil der im Auslande lebenden Deutschen. Leider geht unsern Stammesgenossen fern von der Heimat vielfach das Gefühl dafür ab, daß sie sich selbst und das Deutschtum durch eine solche Verballhornung der deutschen Sprache bei den andern Nationen lächerlich machen und unserm Ansehen empfindlich schaden.‹ Gemach, gemach! Der Leser vergleiche: ›Der Leutnant von heute evolutioniert sich nicht zur Dekadenz . – Der Genius Goethes ist ohne Reticenz in seinem Faust enthalten. – Der Mystizismus nahm das orthodoxe System nur faute de mieux aus Indifferentismus an. – Solche Zeiten sind stets von hoher Suggestibilität , wie Zeiten neuer Dominanten und Idealismen nach ihrem Moment der Synthese , der Konzentration zu sein pflegen. – Goethes ethische Anschauung ist ein teleologischer Energismus mit perfektibilistischer Tendenz . – Die Juden sind ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition . – Die Musik des Novalis ist nicht die der transzendentalen Pneumatologen und Theurgen .‹ Alle diese ›deutschen‹ Sätze, und ich könnte Bände mit ähnlichen füllen, rühren von deutschen Schreibern im Deutschen Reiche her, aber nicht von ungebildeten Ackersleuten und Handwerkern, sondern von Zierden deutscher Wissenschaft, deren Namen ich aus einem ›Gefühl der Beschämung‹ verschweige. Der Leser kann sich diese Verballhorner der deutschen Sprache gar nicht berühmt genug vorstellen. Gewiß, eine Sache wird in Amerika gemänädscht ; aber wird sie das in Berlin und Hamburg etwa nicht, und außerdem poussiert, dirigiert ? Ein Grundstück wird drüben gepurtschäst ( purchase : kaufen); in Deutschland wird es akquiriert, hypothekarisch registriert, katastriert je nachdem melioriert und arrondiert, separiert , zuletzt lukrativ realisiert . Ich finde nicht, daß wir Ursache haben, unsern verlornen deutschen Bruder in Amerika zu verhöhnen oder auch nur anzuklagen. Sagt man drüben: ›Ich habe gemuwt ‹, so sagt man hüben: ›Ich habe mein Domizil gewechselt.‹ Mir fehlt die leichtvergnügte Splitterrichterei, die sich lustigmacht über ›Er hat es getreit ( try : versuchen), aber nichts auszusetzen hat an ›Er hat es probiert, riskiert, entriert, arrangiert, organisiert, inauguriert ‹. Man wird durch solche ›Sprache‹ in Amerika und Deutschland lebhaft erinnert an die sogenannten Makkaroni-Gedichte des späteren Mittelalters von ähnlicher Beschaffenheit: deutsche Wörter mit lateinischen Beugeendungen. Früher wirkten sie überaus belustigend, jetzt erscheinen sie uns reizlos. Warum? Weil die heutige Bildungs-, besonders die Gelehrtensprache denselben Bau zeigt, nur ein bißchen umgekehrt: lateinische Wurzeln mit deutschen Endungen. Übrigens war das Missingsch der Makkaroni-Verse harmlos, nur ulkig gemeint, während sich die heutige Gelehrsamkeit mit ihrem bitterernsten Kunstwelsch ins Großartige aufzublasen bemüht ist. Im Kern ihres Sprachbaues sind alle Ludersprachen gleich; ihr gemeinsames Merkmal ist die Vermanschung des Unmischbaren, also die Verschmutzung. Am widerwärtigsten von allen wirkt auf den Betrachter mit einigem Reinlichkeitssinn und Sprachkunstgefühl das deutsche Welsch, denn ihm mangelt es an jedem Humor, es ist nur sprachlich roh und obendrein maßlos dünkelhaft. Dazu kommt, daß alle andern Mengselsprachen das Erzeugnis eines natürlichen Wachstums, ein trotz allem lebensvoller Notbehelf unbefangener, ungelehrter Menschen sind; das deutsche Welsch hingegen ein sich eitel bespiegelndes Gemäch von Gebildeten, die dadurch noch viel gebildeter erscheinen wollen. In Deutschland gibt es wohl keine verächtlichere Benennung einer Sprachgemeinheit als Mauschelei . So sage man mir, welcher sprachwissenschaftliche Unterschied zwischen Mauscheln und Welschen ist! Der hochdeutsche oder jiddische Mauschler durchsetzt sein deutsches Gemauschel mit hebräischen Brocken: ist etwa Hebräisch, die Sprache der Bibel, weniger vornehm als Mönchslatein und Berlinfranzösisch? Und was die vielgerühmte unentbehrliche Nüankßierung der bekanntlich nüankßen armen deutschen Sprache betrifft, so erkundige man sich bei den Kennern des jiddischen Gemauschels, ob sich mit solchen Knoblauchsblüten im Rosenstrauß wie Nebbich, Chuzpe, Stike irgendein Wort selbst in dem grenzenlos reichen Welsch völlig ›deckt‹? Die Ekelhaftigkeit der Mauschelei besteht in der Verschmutzung, die sie in das von ihr verschleimte Deutsch bringt. Dem gesunden, nun gar dem feinhörigen Sprachgefühl klingt jede regelmäßige Sprachverschmuddelung wie Mauscheln, und ich empfehle alles Ernstes, schon der Abwechslung wegen, so oft wie tunlich statt Fremdwörteln zu sagen: Mauscheln . Es klingt nicht schön, es soll nicht schön klingen; aber es klingt wahr und ist wahr. Sprachroheit des Welsch Solange es ein gebildetes Sprachbewußtsein gibt, hat die Beflickung einer edlen Sprache mit fremden buntscheckigen Lappen bei allen Völkern für das gegolten, was sie ist: eine Roheit . Die römischen Sprachlehrer nannten jeden nicht unbedingt notwendigen Fremdbrocken Barbarismus ; wir erkennen an der schrankenlosen Häufung fremder Wörter die › klassische , die akademische , die humanistische Bildung‹. Unvergeßlich wird mir die in ihrer unschuldsvollen Seelennacktheit unvergleichliche Erwiderung eines Museumsleiters auf meine sanft vorwurfsvolle Frage bleiben, warum sein Jahresbericht von so vielen überflüssigen Fremdwörtern wimmle –: ›Soll ich denn meine akademische Bildung ganz verleugnen?‹ Und wie verdutzt war der Edle durch meine schüchterne Gegenfrage, ob sich die akademische Bildung eines Mannes nicht durch den Inhalt einer Schrift selbst in der schlichtesten, also der deutschen, Fassung offenbaren müsse? ›Wenn die deutschen Zeitgenossen Ludwigs XIV. eine Menge altmodischer Fremdwörter gebrauchten, so meinten sie doch ein gutes Werk zu tun, ihre rauhe Sprache lieblich zu schmücken; die heutigen Barbarismen entspringen einfach der Mißachtung, einer Roheit des Gemüts , die gar nicht weiß, was der Deutsche seiner Muttersprache schuldet‹ (Treitschke). Er schuldete ihr in den Zeiten der staatlichen Vaterlandslosigkeit seine seelische Heimat. Indessen von dieser Gemütsroheit mag ich nicht sprechen, da sie, noch mehr als der Geschmack, strittig ist und ich in gewisse Gemüter lieber nicht hineinschauen mag. Die für gemütsroh Gehaltenen werden entgegnen: ›Gott siehet mein gutdeutsches Herz‹, und gleichgültig bleiben gegen den Einwurf: Drum eben, weil Gott nur das Herz sieht, Sorge, daß wir doch auch etwas Erträgliches sehn! Was sprachliche Roheit ist, läßt sich dem Tiefverrohten, der an seine Roheit gewöhnt ist, nicht klarmachen, wohl aber den andern. Diese frage ich, wie sonst man das sprachliche Knotentum bezeichnen soll, das sich in Wörtern offenbart wie Lieferant, Probist, Lagerist, retournieren , zwei à 10, à Stück, per Stück, pro Stück, pro Kopf, per Post, per sofort, Menschen material, luxuriös (vgl. S. 26). Oh ich weiß, was der vornehmtuende Welscher hierzu sagt. ›Scheußlich‹ sagt Otto Gildemeister (S. 39); ›Fremdwörter kolonien ‹ sagt Karl Lamprecht über einen viel harmloseren Welscher als er selbst; ›nackter Neger‹ heißt es bei dem Meisterwelscher Richard Meyer. Keiner jedoch vermag den Schatten eines Grundes beizubringen, warum jene Welschereien der Andern scheußlich und alles Üble sein sollen, seine Fremdwörter dagegen ein Kennzeichen › akademischer Bildung‹. Sprachwissenschaftlich ( philologisch ) sind Gebilde wie reell, ideell, generell, individuell, Individualität, Privatier, zentralisieren, germanistisch und viele hundert andre unsagbar gemein und dumm zugleich, was der gelehrte Welscher sofort erkennen würde, wenn ihm etwa sein ewiger Quartaner Karlchen Mießnick – oder sitzt der jetzt in Tertia? – mit ähnlichen Schöpfungen freischweifender Sprachkunst in der lateinischen oder griechischen Stunde aufzuwarten wagte, etwa mit einer Mehrzahl homin en von homo , einem vierten Fall ðüëåì (nach urbem ) von ðüëéò. Aber vielleicht findet sich ein Gegner, der mich mit einem Dutzend, einem einzigen Dutzend, Welschwörter widerlegt, die ein wahrer Philologe, ich meine einen mit Sprachsinn, mit Achtung vor Lateinisch, Griechisch, Französisch, anständige Gebilde nennen kann. Ich sehe eine Zeit in fern ferner Zukunft über Deutschland heraufziehen, wo jeder Gebildete, nun gar der Sprachgelehrte die Hände übern Kopf zusammenschlagen wird, wenn er bei den heutigen Zierden grade der Sprachwissenschaft, z. B. bei einem Wilamowitz-Möllendorff, einen Satz von solcher Sprachroheit findet wie: ›Diogenes gerierte sich wie ein potenzierter Sokrates.‹ Wie mit den notgedrungen nur wenigen obigen Beispielen steht es mit 9999 von jedem Zehntausend Fremdwörter; nur muß man Sprachgefühl, Sprachachtung , inneres Ohr dafür haben. Es mag Ohren geben, die bei Menschen material , Novellen produktion (›Produkten, Lumpen und Knochen‹), Interessenten, arrivieren (bei Heine!), Effekt ( Effekten = Kleidungsstücke, Effekten = Wertpapiere), effektiv, reell, germanistisch, Lagerist gar nichts empfinden. Aber es gibt wohl auch Ohren, die das Quietschen des Griffels auf der Schiefertafel nicht als eine Marter fühlen; wie es Geschmäcker gibt, denen gemeine Massenöldrucke der Sixtinischen Jungfrau, rohe Zinkabgüsse der Venus von Milo Kunstgenüsse bereiten. Über Geschmäcker steht nichts geschrieben, sagt der weise Ritter aus der Mancha, und fügt noch weiser hinzu: Doch gibt es Geschmäcker, die Prügel verdienen. Man bedenke nur den tiefen Unterschied zwischen der Welscherei des 16., des 17. Jahrhunderts und der unsrer Tage: der kindliche Nachäffer Ciceros in jenen Zeiten sprach es offen aus, daß die deutsche Sprache zu roh sei, um seinem sich über den nicht lateinisch Gebildeten emporblähenden Dünkel zu genügen, und er verquatschte wenigstens die in sein Deutsch hineingeflickten lateinischen Zierate nicht, sondern ließ sie, aus Ehrerbietung vor der edlen reinen Form des Römers, unverschmutzt. Der Welscher von heute hält Lobreden auf die deutsche Sprache, rühmt die alleinseligmachende › formale Bildung‹, die nur durch das wunderbare Latein gewonnen werden könne, besudelt das Deutsche und verquatscht das Latein, ja selbst das schon genügend verquatschte Küchenlatein. Das Ganze nennt Hans Delbrück: weltbürgerliche Aneignungsfähigkeit. Vischer nannte es etwas gröber: Allerweltsanpumperei. Aber der ›edle Wohlklang‹, der aus der Denkmalsprache Latein, aus der griechischen Götterrede in unser deutsches Alltagsgeplapper veredelnd herübertönt! Man lausche nur andachtsvoll, lasse auf der Feinschmeckerzunge die Musik solcher Sprachbereicherungen zerfließen wie: Rezepisse, Kakophonie, Schisma, Arsis, Eklektizismus, populär, mystifizieren, Reziprozität, Assoziation, Exzentrizität, Inkompatibilität, Identifikation, Exemplifikation, Periodizität . Man stelle sich übrigens das Gesicht Ciceros, Quintilians, Platons vor beim Erklingen solcher Wörter wie Periodizität , von einem angeblichen Hauptwort Periodicitas !, oder Emotivität (Lamprecht), Individualität (bei 999 von je 1000 Schreibern)! Mir klingt die Wuppdizität in Stindes Frau Buchholz bei weitem schöner und jedenfalls lustiger. Noch in einem wichtigen Punkte zeigt sich die Sprachroheit des Welsch: seine Verfertigung – denn von Sprachleben ist bei dieser Unsprache keine Rede – ist ganz unabhängig von irgendwelchen Wortbildungsgesetzen. Jeder schmierende Welscher, gleichviel mit welcher Kenntnis der von ihm geplünderten Fremdsprachen, kann seine geduldigen Leser verblüffen durch beliebige Leimereien, eine frecher, verrückter, roher als die andre. Jedes Welschwort ist ein Kautschukwort, das sich jede noch so tolle Reckung und Verrenkung gefallen lassen muß. Nie habe ich gegen eine noch so lächerliche Verdrechselung eines vorhandenen Welschwortes den leisesten Einspruch gebildeter Leser, etwa eines Sprachforschers, vernommen, während jede gute, aber etwas kühne, also dem Philister unerträgliche deutsche Neubildung voll Hohn durch die ganze deutsche Presse geschleift wird. Seit anderthalb Jahrhunderten gab es historisch , ein völlig entbehrliches Welschwort, da es nicht um einen Schatten andres oder mehr bedeutet als geschichtlich. Dies hindert nicht, daß in Deutschland reichlich fünfmal so oft historisch geschrieben wird wie geschichtlich. Da fällt einem welschenden Historiker ein, durch die willkürliche Reckung historistisch den Schwindelschein einer neuen Nüankße zu erwecken. Alsbald schnappt der größte Teil der deutschen Geschichtschreibung – Historik – das neue Schwindelwelschwort auf, und historisch , weil zu schlicht, muß ein wenig in den Hintergrund treten. So geht es ein Weilchen mit historisch und historistisch , bis es dem Überwelscher Karl Lamprecht in den Sinn kommt, daß nunmehr selbst mit historistisch kein besondrer Ruhm mehr einzulegen sei. Hurtig begibt sich der große Sprachschöpfer ans Werk und klabastert ein in allen Fremdwörterbüchern noch fehlendes, also dringend nötiges Neuwelschwort historizistisch zusammen, worin eine unnachahmliche neue Nüankße der historischen und historistischen Wissenschaft schlummern soll. Buchstäblich so geschehen in der Heimat der ›wahrhaftigen, voraussetzungslosen deutschen Wissenschaft‹. Man prüfe ein Unwort wie zentralisieren ! Gibt es eine größere sprachliche Gemeinheit? An ein verstümmeltes zentral aus küchenlateinischem centralis – nach griechischem kentron – wird die griechische Wortbildungssilbe is geklebt, hieran wieder das keiner Menschensprache zugehörige ier und als letztes sprachliches Bandwurmglied die deutsche Endung en. Noch nie ist es einem Welscher eingefallen, gegen zentralisieren ein Wort zu sagen; es gefällt jedem dieser Sprachkünstler ausnehmend. Nun hat jüngst ein Tollkühner gewagt, vermittelpunkten vorzuschlagen, und ist mutig mit dessen Anwendung selbst vorangegangen. Allsogleich ein langes Hohngeschwätz in dem Berliner Hauptblatt der Heimpariser. Dabei weiß der Höhner nicht einen einzigen sachlichen Grund gegen ›vermittelpunkten‹ vorzubringen, sondern er faselt nur das zum vielhundertsten Male nach, was gegen jede noch so glänzende Verdeutschung Schottels, der Fruchtbringenden, Zesens, Campes, Jahns, Stephans zu ihren Zeiten gefaselt worden. Nichts ist gegen ›vermittelpunkten‹ – oder ›vermitten‹ – aus sprachlichen Gründen zu sagen, wie einst nichts zu sagen war gegen Campes ›bewahrheiten‹ für verifizieren , ›vervollständigen‹ für kompletieren , aber um so mehr dummes Zeug gesagt wurde . Ähnlich wie in diesen Fällen geht es jahraus, jahrein vielhundertmal in dem Lande zu, wo man begeistert singt: ›Sprache schön und wunderbar, Ach wie klingest du so klar!‹ Es gab schon lange das äußerst vornehme Welschwort Akribie (Genauigkeit). Einsam stand es da in seiner Größe, groß in seiner Einsamkeit. Fällt ein sinnreicher Welscher darüber her, stopft die klaffende Lücke im welschen Wortschatze zu, der, man denke!, noch kein Eigenschaftswort zu Akribie aufweist, und sogleich prangt es in allen Zeitschriften, die auf Wissenschaft halten: akribos . Dies ist bisher die Grenze; nichts aber hindert einen andern ebenso sinnreichen Welscher, akribund, akribal, akribistisch, akribabel zu bilden; einen dritten, sich mit akribieren in die wissenschaftliche Phalanx einzureihen; einen vierten, durch akribisieren ein neues Spezimen subtil differenzierender Terminologie zur gefälligen Praxis zu offerieren . Aber das Welschwort hat doch in manchen Fällen den Vorzug größerer Kürze , und Kürze verdient ceteris paribus die Priorität , nicht wahr? An andrer Stelle wird über Kurz oder Lang im Welsch oder Deutsch zu reden sein (vgl. S. 151): Hier genüge der Hinweis auf die unzähligen Fälle, in denen der Welscher das Welschwort eben darum liebt, weil es sich durch seine anspruchsvolle Länge so recht fürs Vortäuschen größerer Bedeutsamkeit aufdrängt. Im allgemeinen läßt sich nämlich als einer der seelischen Grundzüge des Welschers feststellen, daß er das Welschwort wegen seiner hohlen Gespreiztheit, also je länger je lieber, vorzieht. Majorität und Minorität sind um eine Silbe oder zwei länger als Mehrheit und Minderheit, also hinein ins Wörterbuch des alltäglichen Welsch. Mit welchem Entzücken schreibt der Welscher epistolographische Literatur statt Briefsammlungen, hypsometrische Daten statt Höhenzahlen, finanzielle Situation statt Geldlage, Amortisation statt Tilgung oder Abschreibung, Ventilation statt Lüftung, konsolidieren statt festigen, Material statt Stoff. Hiermit nicht voll befriedigt, reckt er breitspurig durch Anleimung überflüssiger Welschwörter die schlichten, aber durchaus hinreichenden deutschen Ausdrücke, bis diese die Schwammform des wissenschaftelnden Welsch erreicht haben. An Hunderte von anständigen deutschen Wörtern werden z. B. Material und Apparat roh angeklebt: aus Heizung wird Heiz material , Schüler werden zum Schüler material , Feurung wird in Brenn material verwandelt, ein Filter wird großartig zum Filtrationsapparat , der Bildwerfer wird in den Projektionsapparat umgewelscht. Auch Arrangement , (Blumen arrangement für Strauß), Installation (Beleuchtungs installation für Licht) und ähnliche Wurmfortsatzgebilde sind im vollkommnen Welsch nicht zu entbehren.   Die gerechte Strafe für die pöbelhafte Roheit der Welscherei ist die Vergänglichkeit , die Vermuffung, die Verlächerlichung der stolzesten Welschwörter. Es gibt keine hundert Fremdbrocken, die auch nur seit 200 Jahren im lebendigen Gebrauch der Höhergebildeten geblieben sind. Welsch ist Spreu oder Kaff: die Probe aus Wallensteins Bericht (S. 8) beweist dies schlagend. Es gibt in den wertvollsten Schriften und Briefen Goethes und Schillers Dutzende von Stellen, die nur durch ihre vermufften Welschwörter entweder unverständlich oder gar drollig geworden sind. Wer versteht, ohne in Wörterbüchern zu suchen, diese Stelle aus dem herrlichen Briefe Schillers vom 23. August 1794 an Goethe: ›Alle Ihre denkenden Kräfte scheinen auf die Imagination , als ihre gemeinschaftliche Repräsentation, kompromittiert zu haben‹, und in einer andern Briefstelle Schillers: ›Der Pivot des ganzen Stücks‹? Und wer liest ohne ein Lächeln der Belustigung Goethes sehr ernstgemeintes Urteil über Spinoza: ›Er war ein guter Staatsbürger, ein mitteilender Mensch, ein ruhiger Particulier ‹? Jedes überwiegend welsch geschriebene Buch ist dem sichern Untergange verfallen; seine Welschwörter klingen meist schon dem nächsten Geschlecht lächerlich, und nur die paar Meisterwerke dauern trotz etlichem Welsch: man verzeiht es ihnen um des inhaltlichen Wertes willen. Da nun der Ewigkeitswert aller nichtdichterischen, zumal aller wissenschaftlichen Werke ganz gering ist, da die noch so bedeutenden Schriften der Wissenschaft von heute meist schon der nahen Zukunft wertlos, ›überwundener Standpunkt‹ sind, so vermag einzig die ewige Kunst, in unserm Falle die Kunst der Sprache, sie über den allverschlingenden Abgrund der Zeit hinwegzuretten. Man lasse sich durch den heutigen Glanz des Namens keines nichtdichterischen Schreibers täuschen: sein Name lebt vielleicht in der Geschichte seiner Wissenschaft fort; sein Buch aber versinkt, wenn es kein Sprachkunstwerk ist, und keines Welschers Buch ist eins (vgl. Rankes Ausspruch auf S. 103). Selbst der Gewohnheitswelscher fühlt, daß sein Welsch niedrig, unedel ist. Zwingt ihn die Gelegenheit einmal zu edler, zu erhabener Sprache, so muß er von seinem Welsch ablassen, dessen Feinheiten er sonst rühmt, dessen Unersetzlichkeiten er sonst gegen die Nichtwelscher spitzfindig verteidigt. Wir haben erlebt, daß gelehrte Welscher, die sich im Weltkriege ›Deutsche Reden in schwerer Zeit‹ zu halten getrieben fühlten, sie zuweilen wirklich in halbwegs deutscher Sprache vortrugen. Je höher sich ein Redner oder Schreiber aufschwingen will oder muß, desto niedriger erscheinen ihm selbst die Fremdwörter. Keine weihevolle Rede oder Schrift ist denkbar mit Fremdwörtern. Warum? Das Fremdwort ist innerlich gemein bis zur Pöbelhaftigkeit; aber der Fremdwörtler erkennt dies erst dann, wenn er unweigerlich gezwungen wird, auf allen Flitterkram, allen Wissensdünkel, alle Wortbemäntelung zu verzichten und die lautre Wahrheit schlicht und kernig auszusprechen. Es gibt in der ganzen deutschen Geschichte kein einziges erhabenes Schriftstück, keine einzige weihevolle Rede mit mehr Fremdwörtern, als selbst der strengste Gegner des Welsch für zulässig – nicht für unentbehrlich – hält. Auf Seite 217 meiner ›Deutschen Stilkunst‹, auf Seite 408 bis 417 meiner ›Deutschen Meisterprosa‹ habe ich einige solcher Kleinode deutscher Rede verzeichnet oder wiedergegeben. Das Gesetz aller Sprachkunst, daß nur das edle, also das reine Kunstmittel ein Kunstwerk schafft , hat sich auch an den lesbaren Kundgebungen der Führer Deutschlands im Weltkriege als unverrückbar erwiesen. Gewelscht wird in Deutschland, weil es der Gedankenlosigkeit für fein, für vornehm gilt, zu welschen. Dringt einmal die Erkenntnis der Wahrheit durch, daß Welsch unfein, ja ein sicheres Kennzeichen sprachlicher und sonstiger Unvornehmheit ist, so ist die Herrschaft des Welsch gebrochen. Es muß bei uns dahin kommen, daß das Urteil: Er welscht , zum Makel wird wie: Er verwechselt mir und mich. Zu noch ärgerem Makel: denn diese Verwechselung fließt aus Unwissenheit, und die läßt sich durch Belehrung ablegen; das Welschen ist Roheit, also viel schwerer heilbar. Der Ausbreitung solcher Erkenntnis ist dieses Buch geweiht.   Wen die Bezeichnung undeutscher Sprache in Deutschland als Fremdwörterei zu milde, als Welsch zu hart dünkt, dem empfehle ich die Benennung Ieren sprache . Nichts ist leichter, als irgendeine neue Nüankße zu erzeugen, von der man dann behauptet, sie sei unersetzlich, unübersetzbar: man nimmt ein beliebiges Wort, Hauptwort, Zeitwort, selbst Eigenschaftswort, hängt ieren dran, und fertig ist ein neues farbensattes Welschwort. Ob die Zahl der ieren -Wörter 2000 oder 5000 beträgt, ist schon deshalb nicht festzustellen, weil sie noch täglich wächst. Der echte und gerechte Welscher hängt sein ieren auch an deutsche Grundwörter, findet nichts auszusetzen an lautieren, lackieren, hausieren, gastieren, probieren, grundieren, schattieren, hofieren, halbieren, inhaftieren, buchstabieren, und singt dazu: ›Will noch tiefer mich vertiefen, in den Reichtum, in die Pracht.‹ Ach ja, in die Bettelpracht! Ein ehemals hochberühmter, nicht zum wenigsten an seinem Welsch versunkener Schriftsteller, der die anmaßende ›Erklärung‹ gegen die Bestrebungen des Sprachvereins zu unterschreiben gewagt, Spielhagen, war einer unsrer ärgsten welschenden Ierer . ›Ich wollte nach Leipzig gehen, promovieren , das Terrain inzwischen rekognoszieren und den Versuch machen, mich dort eventuell zu habilitieren .‹ Ein Schreiber mit solcher Sprache kann in der Heimat des Welsch für eine gewisse Zeit als ›einer unsrer ersten Schriftsteller‹ gelten, aber nicht für lange. Das Schicksal des Spielhagenschen Lebenswerkes ist einer der überzeugendsten Beweise für den Untergang alles Welschgeschriebenen. Der Leser würdige bei dieser Gelegenheit noch einmal die Probe des germanistischen Ierers auf Seite 46. Wie unwiderstehlich der welschende Sprachkitzel zum Ieren ist, geht aus der Geschichte einiger ieren -Wörter hervor. Im Mittelhochdeutschen bildete man von Kristall das Zeitwort kristallen, also: etwas kristallt sich, was für einen sprachgesunden Menschen genügt. Dem ierenden Welscher tat das deutsche Wort nicht genug, also ierte und verfeinerte er's durch die Gelehrttuerei der Zwischensilbe is , was griechisch sein sollte; aus diesem edlen Streben entstand kristallisieren . Es gab und gibt merkwürdigerweise noch: jubeln, ein ganz hübsches, aber doch nur deutsches Wort; der Welscher schuf sich sein jubilieren , und erst dann hatte seine liebe Seele Ruh'.   Das Reden in Zungen Auf den Höhen aber der sprachlichen Wonnen wandelt Welscher erst dann, wenn er in Zungen reden kann, in allen ihm irgendwie – nicht etwa geläufigen, denn Welscher macht sich's bequem, sondern in Stäubchen und Krümchen angeflogenen. So weit die welsche Zunge klingt, erstreckt sich Welschers Reich und Reichtum. Von den Hochtälern des Himalaja bis zum Lande der Pyrenäen und übers Weltmeer nach dem Lande des blutbefleckten Dollars späht er die glitzernden Flitterchen auf, womit er seine unvergleichliche Sprache schmückt. Ein Schreiber, der vom Nirwana schwögt, nun gar einer, der sich aufschwingt bis zum Veda-Sanskrit: › Tat twam asi ‹, genießt Wollustschauer, die nur dem Brillantenschmock beschieden sind. Keine Ahnung hat er vom Sanskrit, aber eben darum. Der Wald- und Wiesen-Welscher beschränkt sich auf einige Dutzend Lateinbrocken, die bequem gesammelt im Büchmann stehen; auf ein paar Griecheleien derselben Art und auf den eisernen Bestand französischer Bonmots , die er mit der Zeit aus der Presse herausfischt. Schiller, der seine zeitgenössischen Heimpariser kannte, hat ihnen die wie heute geschrieben klingenden Verse gewidmet: Die französischen Bon mots besonders, sie nehmen sich herrlich Zwischen dem deutschen Gemisch alberner Albernheit aus. Wem die Welscherbildung in fremden Zungen die kleine Mühe wert erscheint, der kann sie sich in wenigen Stunden einpauken, ohne darum Lateinisch, Griechisch, Französisch zu lernen. Mit eo ipso, per se, ceteris paribus, rebus sic stantibus, principiis obsta, conditio sine qua non, cura posterior, ad acta, nolens volens, cum grano salis, homo novus, tabula rasa, habeat sibi, expressis verbis, ex officio, ex professo, quieta non movere, ne quid nimis, mutatis mutandis, noli me tangere, vis major, urbi et orbi, post festum, aut aut, ceterum censeo – steht ein Schreiber in Welschdeutschland ganz anders da als mit solchen Dürftigkeiten wie: ohne weiteres, von selbst, bei sonstiger Gleichheit, wie die Dinge stehen, nichts erst aufkommen lassen, unerläßliche Bedingung, spätere Sorge, zu dem übrigen, wohl oder übel, bitte nicht wörtlich zu nehmen, Neuling, reiner Tisch, sei's drum!, ausdrücklich, von Amts wegen, von Berufs wegen, O rühre, rühre nicht daran, Allzuviel ist ungesund, mit einem Unterschied, Kräutlein Rührmichnichtan, höhere Gewalt, über alle Dächer, nach Toresschluß, Entweder Oder, Ich bleibe dabei. Schwingt er sich gar auf zu solchen griechischen Herrlichkeiten wie: autos efa, ktema es aei, kat'exochen, meden agan, heureka , so verleiht er sich selbst etwas wie eine höhere Ordensklasse. Es fällt ihm gar nicht ein, in dem unermeßlichen Schatze deutscher Sprache nach Gleichwerten zu suchen; denn ein für allemal, › a priori ‹, steht für den Welscher fest, daß z. B. Do ut des , was die wenigsten Leser verstehen, unendlich vornehmer ist als: Leistung und Gegenleistung, Zug um Zug, Umsonst ist der Tod, Geschenkt wird nichts, Mit der Wurst nach der Speckseite, Eine Liebe ist der andern wert, Eine Hand wäscht die andre, Wenn du nehmen willst, so gib, wie sogar Goethe geschrieben. Nichts von all diesem elenden deutschen Plunder ›deckt sich‹ mit Do ut des . Französische Bröcklein verschmäht Welscher natürlich auch nicht, doch stehen sie nicht ganz so hoch im Preise wie die Resultate humanistischer Studien. Au fond, au fait, au courant, au contraire, au pair, au porteur, à fonds perdu, à tout prix, contre cœur, tant mieux, nous verrons, qui vivra verra, vogue la galère, tout comme chez nous – wie viele gebildete Deutsche, nicht bloß Welscher, vollenden ihres Lebens Reise, ohne diese Herrlichkeiten zu hören, zu lesen, oder gar zu sprechen? In den Niederungen der ›weltbürgerlichen Aneignungsfähigkeit‹, wie die Erklärung von 1889 gegen deutsche Sprachreinheit so schön sagte, begnügt man sich mit einem bescheidenen eh bien, allons, enfin, merci , denn: ›Soll ich beten, danken , Tu ich meine Liebe kund, Meine seligsten Gedanken Sprech' ich wie der Mutter Mund.‹ Mit den englischen Satzbröcklein hapert's ein wenig im Welsch, weil – vestigia terrent – die Aussprache und Rechtschreibung schrecken. Immerhin, ein all right , ein last not least , ein well, go on machen sich sehr nett. Aus dem Italienischen sind sehr beliebt: Chi lo sa?, avanti, addio, si no e vero mit nur drei Fehlern, und manches andre, was aus Büchern aufgegabelt worden. Spanisch kennen nur wenige Deutsche, selten ein Welscher; tut nichts, auch das Spanische muß dran. Der Welscher schreibt nicht Kammer, sondern Cortes , was heute kein Spanier schreibt; die deutsche Polizei heißt in einem großen Teil der auf ›weltbürgerliche Aneignungsfähigkeit‹ bedachten Presse: die heilige Hermandad ; wenn der Führer einer Reichstagspartei eine Erklärung erläßt, so heißt sie Pronunziamento , was nur dem Schreiber spanisch klingt; und wer einige Frühlingsgedichte verbrennt, veranstaltet ein Autodafe , was sachlich Unsinn ist, sprachlich zwei Fehler enthält. Ein begabter Schriftsteller, Alfred Kerr, hält es nicht unter seiner Würde, einen Aufsatz zu schließen: ›So ist das Leben. Questa è la vita. Such is life. C'est la vie! ‹ In einer neuen Auflage werden Ungarisch, Türkisch, Bulgarisch hinzutreten. Er würde nicht wagen, solche Kindereien niederzuschreiben, wenn er nicht wüßte, die an das allgemeine Gewelsch um sie herum gewöhnten und abgestumpften deutschen Leser bewundern dergleichen. Diese ganze Abart des Welsch habe ich in meiner ›Deutschen Stilkunst‹ die Pücklerei genannt und erlebe die kleine Freude, daß diese Bezeichnung sich durchgesetzt hat. Fürst Pückler war der Großmeister des vollendeten Welschgeckentums, das ohne Fremdbröcklein nicht stehen noch gehen kann. Es läßt sich nachweisen, wie fast bei jedem Welscher, daß er keine einzige der von ihm eitel geplünderten Fremdsprachen, nicht einmal Englisch und Französisch, wirklich beherrschte; zu Bröcklein aber, wie sie jeder wandernde Kellner oder Schneidergesell aufschnappt, reichte es, und ein deutscher Fürst hielt sich nicht für zu vornehm, es solchem fahrenden Volke gleichzutun. Kann man sich einen englischen Herzog vorstellen, der so schriebe wie Fürst Pückler? Sprachlich fühlt sich der deutsche Welscher als Untertan fremder Herrscher, ist er ein Mischling, ein sujet mixte . Mitten im Kriege haben wir die kaum zu überfliegende Tollheit erlebt, daß das amtliche ›Wolff-Büro‹ eines Tages plötzlich ›Petrograd‹ druckte, weil es dem hochverehrten › Gossudar ‹ von Rußland beliebt hatte, das verhaßte deutsche Petersburg zu verrussen (auf Welsch: russifizieren )! Und der Chef-Welscher in einer der größten Berliner Zeitungen beglückte uns im Weltkriege mit › Patjom kinschen Dörfern‹, weil die für uns unbedingt maßgebenden Herren Russen das hundert Jahre in Deutschland ›Potemkin‹ geschriebene Wort › Patjomkin ‹ zu sprechen geruhen. Viele deutsche Zeitungen schreiben jetzt auch Kasaken, weil sie gelesen, daß dies die echtrussische Aussprache ist, der man sich gehorsam zu fügen hat. Ich sehe es kommen: um der fleckenlosen Sprachbildung willen werden wir nach dem Kriege ums Dasein Deutschlands schreiben: Moskwa statt Moskau, Jurjew statt Dorpat, Torino statt Turin, usw. Schreibt doch Welscher grundsätzlich: ›Die Times, Daily News sagen‹, weil Times, Daily News Mehrzahlform haben, und man sich unweigerlich England fügen muß. Welscher gibt auch dann nicht nach, wenn man ihm schwarz auf weiß zeigt, daß die Engländer schreiben: Times, Daily News says. Goethe schrieb bildungslos genug: der Bellenzer Markt. Was mag das sein? Welscher fordert unerbittlich: der Bellinzonaer Markt.   Unmögliche welschende Prosakunst Man ist in Deutschland einig darin, daß nichts bei uns seltener ist als künstlerische Prosa; aber kaum je hat man ernsthaft, eindringend, ohne um die Sache herumredende Beschönigungen untersucht, woher die Seltenheit einer Kunst, die sich bei allen großen Bildungsvölkern des Altertums und der Gegenwart von selbst versteht; die z. B. in Frankreich bis zu einem gewissen Grade von jedem verlangt und geleistet wird, der sich schreibend an die Öffentlichkeit wendet. Oh wir haben feines Verständnis für die Prosakunst der Franzosen, trösten uns aber mit dem Trugschluß: angeborne höhere Sprachkunstbegabung des Kelten. Diese kann durch nichts bewiesen werden; hingegen sehen wir deutlich, wie die französischen Prosakünstler es anfangen, um aus ihrem, von uns für arm, von ihnen selbst für nicht sehr reich gehaltenen Sprachstoff alles herauszuholen, was durch die von jeher bewährten Kunstmittel möglich ist. Die beiden Hauptmittel heißen: Adel des Kunstmittels und Fleiß, den keine Mühe bleichet. Die Franzosen stellen ihr ganzes Sprachvermögen, und es ist nicht gering, einzig in den Dienst ihrer Muttersprache, bescheiden sich unbeirrbar mit diesem einen Stoff, bedienen sich keiner kunstwidriger Bequemlichkeiten, denn sie wissen: alle Kunst ist schwer, bequeme Kunst ist keine. Blindes Hineingreifen in die ungeheure Wortschablonenkiste, wie sie das deutsche Fremdwörterbuch darstellt, wäre einem französischen Schreiber etwas Unfaßbares. An seinem reinen Stoff, der Muttersprache, unermüdlich formend und feilend, schafft er die vielleicht nicht übermäßig tiefe, aber kristallklare Wiedergabe seiner Gefühls- und Gedankenwelt. Damit vergleiche man die überaus bequeme Dutzendarbeit des durchschnittlichen deutschen Welschers! Ein Gedanke, ein Bild, ein Gefühl tauchen, noch unbestimmt, in ihm auf, sagen wir: das der Teilnahme des Menschen an Ding oder Mensch. Auch dem Franzosen steht das bequeme Intérêt zu Gebote, und dieses Wort ist sein Eigentum. Es genügt ihm aber nicht, denn es ist ausgedroschen und ausgeleiert, also sucht er in seinem begrenzten romanischen Sprachschatz die Abschattungen je nach Gegenstand, Gelegenheit, Grad. Dabei findet er wählend – denn jede Sprache besitzt alles, was ihre Schreiber denken, sehen, fühlen – zahlreiche fein abstufende Ausdrücke, und auf solche Weise kommt Kunst zustande, denn alle Kunst ist Auswahl . Der deutsche Welscher macht sich seine Kunst leichter: er nimmt eine Prägestanze, einen Gummistempel, eine fertige Formel, einen für das deutsche Ohr leeren Klingklang: Interesse , und nun braucht er nicht mehr zu wählen, braucht nicht zu sichten, zu scheiden, zu wägen, zu tönen, zu schatten, zu färben; sondern Interesse heißt es ein für allemal, wo ein künstlerischer Deutschschreiber wägend und wählend finden würde: Anteil, Anteilnahme, Teilnahme, Mitgefühl, Neigung, Gefallen, Reiz, Anreiz, Aufmerksamkeit, Spannung, Vorliebe, Eifer, Sinn, Beachtung, Bedeutung, Wert, Belang, Gewicht, Wichtigkeit, Anziehung, Nutzen, Gewinn, Vorteil, Wohl und Wehe, Frommen, Lust, Liebe, Einfluß, Eigennutz, Selbstsucht und reichlich 50 andre. Und wie mit Interesse geht es im Welsch mit interessieren, interessant, Interessenten . Wer sich über die Gummistempelnatur von Interesse samt Zubehör gründlich belehren will, der lese die Spalten 159 und 160 des Jahrganges 1898 der vom Deutschen Sprachverein herausgegebenen Zeitschrift und ersehe daraus schaudernd, welche Fülle feinster deutscher Sprachfarben durch das eine elende Interesse ausgetilgt werden. Das Tollste an der Sache ist, daß einen die Welscher, und nicht immer die dümmsten, mit siegstrahlendem Lächeln fragen: ›Wie wollen Sie das unentbehrliche unersetzliche Interesse, interessieren, interessant übersetzen?‹ Nach der Auffassung des Welschers nämlich muß der Deutsche, um Deutsch zu sprechen, eine welsche Urvorlage übersetzen. Selbstverständlich ›deckt sich‹ keines der mindestens 80 deutschen Wörter für Interesse , der 70 für interessieren , der 60 für interessant mit diesen drei Grundsäulen des Welschwörterbuches; und da ein deutsches Wort, um Gnade in den Augen des Welschers zu finden, sich unweigerlich mit einem echten und zwei verquatschten Lateinwörtern ›decken‹ muß, so begreift man, daß das Prosakunstwerk des Welschers bis ans Ende der Tage auf Interesse, interessieren, interessant angewiesen bleibt. Nichts ist leichter, als Welschprosa zu schreiben: der geübte Welscher schreibt sie selbst im Schlaf, indem er an jeder Stelle, wo sich der wählende Former des reinen edlen Stoffes künstlerisch bemüht, einen seiner nach dem Abc in Fremdwörterbüchern wohlgeordneten Kautschukstempel aufdrückt. Oh wie untadelig in ihrer unwandelbaren Kautschukform stehen sie dann schwarz auf weiß da, bei jedem Welscher die gleichen Stempelabdrücke, die Macht- und Kraftwörter: Interesse, Element, Faktor, Individualität, individuell, Individualismus, individualistisch, individualisieren, spezial, speziell, Spezialität, Idee, ideal, Ideal, ideell, Idealismus, idealisieren, intelligent, Intellekt, Intelligenz , die Intellektuellen, Intellektualität, exemplifizieren, verifizieren, fruktifizieren, funktionieren, Apparat, real, reell, Realismus, Realität – Nachbarin, euer Fläschchen! Kant, der in seiner eignen Wissenschaft weit übers Maß welschen zu müssen glaubte, schrieb einmal aus der Eingebung eines Augenblicks: ›Klingt nicht ein jedes aus einer fremden Sprache entlehnte Wort in einer feierlichen Rede wie ein Spielwerk, wie Flittern?‹ Warum nur in der feierlichen Rede? Es ist eine Frage des Ohres: dem sprachgesunden, nun gar dem sprachgebildeten Ohr klingt jedes fremde Wort, das nicht vollkommen eingedeutscht ist, ärger als Spielwerk und Flittern, nämlich sprachwidrig, gemein, unkünstlerisch, unvölkisch, würdelos. Gewiß, es gibt für einen Beobachter und Erforscher des Welsch, der an der Zukunft deutscher Sprache verzweifeln möchte, den Trost: Mag das Volk der Denker seine Sprache noch so roh schänden, bei den Dichtern bleibt sie heilig aufgehoben, denn deutsch dichten kann man bisher noch nicht auf Welsch. Bedenkt man jedoch, daß auch unser lebendes Dichtergeschlecht von zarter Jugend her überwiegend Welsch sprechen hört und in der Presse gleichwie in fast allen wissenschaftlichen Schriften nur Welsch zu lesen bekommt, so ist sehr ernstlich die Frage zu stellen: ob wir bei einer solchen Verluderung unsrer Umgangs- und Papiersprache überhaupt noch auf eine dichterische Vollblütezeit in Deutschland rechnen dürfen? Es geht auf die Dauer nicht an, daß ein Volk in zwei ganz verschiedenen Sprachen spricht, hört, liest, schreibt und dichtet. Wohin wir mit unsrer Dichtersprache steuern, beweist ja das Beispiel Gerhart Hauptmanns (vgl. S. 56). Eigentümlichkeit des Ausdrucks ist nach Goethes schlichtem Wahrwort das Merkmal der Kunst. Dem Welscher, der die Allerweltswelschereien nachschmiert, ist dieser Ausspruch unverständlich, der Weg zur Wortkunst unzugänglich. Der aus- und inwendige Besitz des dicksten Welschwörterbuchs macht noch keinen Prosameister, eher schon einen Dutzendschmierer.   Welsche Formeln Ich nannte gewisse Allerweltswelschwörter Gummistempel; sie lassen sich mit noch stärkerer Überzeugungskraft Formeln nennen. H 2 O ist die chemische Formel für Wasser, ohne jede Rücksicht auf Art und Ort des Wassers. H 2 O kann sowohl den Stoff des Weltmeeres wie den der Menschenträne bezeichnen. Mit H 2 O läßt sich in der Chemie bequem rechnen; zur Menschenrede jedoch, gar zur Dichtung taugt es nicht. › H 2 O rauscht, H 2 O schwoll, Ein Fischer saß daran‹: an eine Anwendung der Formel in solchem Fall könnte man sich zur Not, in äußerster Lebensgefahr, stöhnend bequemen, denn Goethe sagt ganz allgemein: Wasser. Wollen wir aber den Strom, den Bach, den Teich, den Quell, das Brünnlein, den Springbrunnen unterscheiden, so genügt H 2 O wirklich nicht ganz. Dem Welscher genügt H 2 O in allen Fällen: denn seine Sprache besteht ja aus Hunderten solcher Formeln. Warum schreiben denn die Welscher noch mühsam Interesse, interessieren, interessant ? Man schreibe in allen Fällen der Teilnahme einfach die Formel it , und der Zweck wird ebensowohl erreicht. Es ist damit wie mit den abkürzenden ›Sigeln‹ in der Kurzschrift. Es gibt ferner im Welsch die Formel am ; sie kann für alle Abarten des Lustgefühls gelten, denn der Welscher hat für sie alle die Formelwörter amüsant, amüsieren, Amüsement . Warum spricht und schreibt man nicht in den unzähligen Fällen, in denen irgendein Ding gehen, drehen, schieben, fliehen, laufen, brennen, leuchten, lüften, schließen, greifen, schnappen, fassen, arbeiten soll und will oder nicht will –: ft ? Funktionieren lautet doch die Welschformel für die Verrichtung von reichlich 100 Dingen. Ebenso sollte il alle Begriffsfarben der Persönlichkeit ausdrücken, denn wozu die langgeschwänzte Formel individuell mit all ihrem Zubehör? Statt Umwelt, Welt, Kreis, Umgebung, Luft, Gesellschaft, Reich, Geist, Boden, Verhältnisse, Zustände, Umstände, Einwirkungen, Gebiet, Strom (Goethe), Außendinge heiße es, um die tatsächliche Formel- oder Gummistempelsprache der Welscher gekürzt wiederzugeben: ml ( Milieu ). Für Gerät, Werkzeug, Hilfsmittel, Anstalt, Vorrichtung, Zeug, Werk, Zubehör, Einrichtung, Hobel, Pumpe, Schloß, Hahn, Heber, Kasten, Hemmung, Presse, Sauger, Bohrer und über 100 andres: ap ( Apparat ). Für Stoff, Werkstoff, Zeug, Mittel, Sache, Ding, Unterlage, Vorarbeit, das Nötige, Quellen, Nachweise, Untersuchungen, Forschungen, Inhalt, Anhalt, Vorrat, Bestand, Ware, Gut, Erde, Erz, Holz, Kohle und fast jeden andern Rohstoff der Welt: mt ( Material ). Für Amt, Behörde, Stelle, Hauptstelle, Hauptstadt, Sammelstelle, Sammelpunkt, Mittelpunkt, Vorstand, Leitung, Geschäft, Hauptgeschäft, Werk, Kraftwerk und 30 andres: zt ( Zentrale ), was um so wirtschaftlicher wäre, als es jetzt nur noch wenige menschliche Einrichtungen gibt, die keine Zentrale sind. Welch ein Sieg der Einfachheit über die buntscheckige Mannigfaltigkeit, wodurch alle Sprachen so schwer zu erlernen sind, wenn man durch ein einfaches T bezeichnen kann: Drehung, Hub, Reihe, Runde, Umlauf, Ausflug, Wanderung, Reise, Spritze, Abstecher, Bestellung, Weg, Bestellweg, Gang, Zug, Fahrt, Strecke, Rundreise, Reihenfolge, Tanz, Marsch, Linie, Wechsel. Warum schreiben und sprechen die Welscher die Formel Tour , während doch die noch kürzere Formel T dieselbe Wirkung tut? Und würdigt man nicht den wahrhaft amerikanischen Fortschritt aus dem Wirrwar von Volk, Menschen, Zuschauer, Zuhörer, Käufer, Anwesende, Besucher, Leser, Gäste, Fahrgäste, Badegäste, Kurgäste, Spaziergänger, Gemeinwesen, Ganzes, Einwohner, Bevölkerung, Kreis und 100 andern weitschweifigen deutschen Wörtern zur schlichten und doch erhabenen Einfachheit des bloßen P ( Publikum )? Oder die volkswirtschaftlich kaum abzuschätzende Ersparnis durch Pl für: Arbeiter, Beamte, Angestellte, Werkleute, Schauspieler, Mannschaft, Besatzung, Leute, Dienerschaft, Belegschaft, Fahrer, Kutscher, Lehrer, Setzer, Drucker, Schneider, Schlosser und reichlich 200 überflüssige deutsche Schwerfälligkeiten, wofür sonst der doch so bequeme und findige Welscher sich noch immer mit der dreisilbigen Formel Personal abquält? Vor allem aber bedürfen wir einer abkürzenden Formel k für jedes der 50 Steigerungswörter von ›sehr‹ bis ›riesenhaft‹ und ›ungeheuerlich‹: kolossal ist die eigentliche ›deutsche‹ Nationaldevise geworden. Die andern Völker, besonders unsre durch den Krieg sehr feinhörig gewordenen Feinde, nennen uns das ›Volk des Kolossal ‹, nicht um unsrer Taten willen, sondern weil ihnen, in all ihrer Unwissenheit Deutschland gegenüber, dieses Welschwort so recht als Maßstab unsrer Sprachbildung erscheint. Übrigens ist kolossal sprachlich nicht gemeiner als die 500 – oder sind's 800? – andern Welschereien auf al . Der Leser setze dieses Verzeichnis knappester Formeln selber fort und werde sich dabei des tiefsten Seelengrundes der Welscherei voll bewußt: Welsch ist überhaupt keine Sprache, denn Sprache heißt: Gedachtes, Gefühltes, Gesehenes durch lebendig empfundene, fein unterschiedene Klanggebilde in lebendiges Nachdenken, Nachfühlen, Nachsehen wandeln. Der Welscher hält sich mit dem Versuch einer denkenden, fühlenden, sehenden und sehenmachenden Unterscheidungssprache nicht auf, sondern handelt wie der Kaufmann, der für seine drahtliche Geschäftssprache auf alle Gefühlswerte verzichtend sich eines Wörterbuches mit lauter an sich sinnlosen Buchstabengruppen, eines sogenannten Code , bedient. Die Fremdwörter sind für die ungeheure Mehrheit unsers Volkes sinnlose Formeln, die ohne Gefühlsanteil auswendig gelernt oder in einem Code , genannt Fremdwörterbuch, nachgeschlagen werden müssen. Für die gebildete Minderheit sind sie zwar nicht ganz sinnlos, denn man hat sie durch die auf der Schule erworbenen Sprachkenntnisse äußerlich aufgenommen, auswendig, ganz und gar aus wendig, gelernt; der inwendige Mensch hat mit ihnen nichts zu schaffen.   Ungefühltes, unverstandenes Welsch Selbstverständlicher Zweck alles Sprechens und Schreibens ist: Verständnis bei Hörer und Leser. Die Ausnahmen, die man Sprachschwindel nennen muß, in denen also Schreiber zu allerlei unlautern Zwecken absichtlich oder halbbewußt unverstanden bleiben wollen und sich als des besten Täuschungsmittels des Welsch bedienen, werden bei allen passenden Gelegenheiten genannt werden. Ich hatte auf S. 72 für Milieu nur 16 gute deutsche Ausdrücke beigebracht, für Material nur 23, für Zentrale nur 14; für Tour nur 23. Es gibt für jedes dieser und zahlloser andrer welscher Dunst-, Gummi- und Formelwörter reichlich dreimal mehr gute deutsche Wörter, als ich hier anführen durfte. Der nachdenkliche Leser begreift ohne weiteres, daß Formeln wie Interesse, amüsant, funktionieren, individuell, Milieu, Apparat, düpieren (vgl. S. 148) , Zentrale, Tour, Personal, kolossal nicht dem allgemeinen Verstandenwerden, sondern dem Verdunsten, Verschleimen, Verflauen des klaren Begriffes Vorschub leisten. Ich gelte für einen Mann, der eine ziemliche Anzahl fremder Sprachen gründlich kennt, ja sprechen kann, mehr Sprachen und jede besser als die meisten Welscher, die durch ihr Bemausen aller Zungen von Indien bis Spanien eine, nichtvorhandene, Kenntnis vortäuschen wollen. Ich darf dies ohne Unbescheidenheit einmal aussprechen, grade weil ich mit meiner Sprachenkenntnis noch nie einem Leser lästig gefallen bin, sondern mich ihrer nur bedient habe, wozu sie für vernünftige Menschen bestimmt ist: zum Verkehr mit fremdzungigen Menschen und zum Lesen ihrer Schriften, nicht aber zum geckenhaften Prunken. Nun wohl, ich bekenne dem Leser frank und frei, daß ich, der Sprachenkundige, nicht die holde Vertrautheit mit dem tiefsten Sinn und Gefühlswert all der Welschwörter besitze, welcher diesen vielleicht eigen ist. Oh ich könnte, wenn ich mich sprachlich und schriftstellerisch so tief erniedrigen wollte, welschen wie irgendein Meister der überwelschenden Überwissenschaft. Ich traue mir zu, die Poppenberg, Wilamowitz, Roethe, Ziegler, Lamprecht, Sombart, Simmel, Delbrück niederzuwelschen. Ich kenne sie alle, die letzten Geheimnisse des ..ismus , der ..ik , der ..istik , der ..izierung, ..ifizierung, ..ifikation, ..ise, ..ose, ..use . Mir sind sie alle vertraut die antis, hypers, katas, syns , die ..logies, ..nomies, ..itis , denn ich habe, da ich eine Unzahl deutscher Bücher und Blätter gelesen, mit jenen allen bis zur äußersten Ermüdung, bis zum tiefsten Ekel verkehren müssen. Trotzdem erkläre ich: das Welsch ist mir bis auf diese Stunde geblieben, was es in Wirklichkeit ist: eine Schwindelsprache ohne Klarheit, ohne Wahrheit, ohne Leben. Es ist die Sprache eines Geistesgolems , Gespenstersprache. Diese Erkenntnis ist so alt wie die Geisterwelt; Paulus spricht sie im 1. Korintherbrief (14) mit größter Schärfe aus, und es hat mich stets wundergenommen, daß seine Worte – und Paulus war ein sprachenkundiger Mann – im Streit um die Reinheit oder Verschmutzung des Deutschen meines Wissens noch nie angeführt wurden. Der Leser behalte und benutze sie, wo immer es nottut –: ›Also auch ihr, wenn ihr mit [fremden] Zungen redet, so ihr nicht eine deutliche Rede gebet, wie kann man wissen, was geredet ist? Denn ihr werdet in den Wind reden. So ich nun nicht weiß der Stimme Deutung, werde ich undeutlich sein dem, der da redet; und der da redet, wird mir undeutlich sein. Aber ich will in der Gemeine lieber fünf Worte reden mit meinem Sinne, auf daß ich auch andere unterweise, denn sonst zehntausend Worte mit [fremden] Zungen .‹ Auch Goethe hat vernichtende Worte gesprochen über die Unverständlichkeit der deutschen Wissenschaftsprache: ›Wie sollen erst Engländer und Franzosen von der Sprache unsrer Philosophen denken, wenn wir Deutschen sie selber nicht verstehen?‹ Warum nicht verstehen? Wegen der übergroßen Gedankentiefe? Die wäre wohl Goethen nicht zu tief gewesen. Ach nein, nur darum, weil die deutsche Philosophensprache, gleich aller Wissenschaftsprache in Deutschland, nicht deutsch, also deutlich verständlich, sondern welsch, also unverständlich ist. ›In einer Sprache wird man nur groß. Nur in der Muttersprache widerhallen alle Hochgefühle‹ (Jahn). Der sprachkranke Welscher, der ja nichts vom tiefsten Wesen der Sprache weiß, redet sich und andern ein, man könne sich unter Volksgenossen auch in fremden Brocken, selbst in entstellten, verquatschten, verluderten, ja in solchen, die nie einer wirklichen Menschensprache angehört haben, wie individuell, reell, Interessent , vollkommen verständlich machen. Goethe wußte es besser, und der verstand wenigstens eine der Sprachen gründlich, aus denen die Welscher richtige und falsche Bröcklein stibitzen. ›Soll ich‹ – so fragt der gewaltige Meister des Deutschen – ›soll ich Französisch reden? Eine fremde Sprache, in der man immer albern erscheint, man mag sich stellen wie man will, weil man immer nur das Gemeine (Gewöhnliche), nur die groben Züge ausdrücken kann.‹ Völlige Verständlichkeit für jedermann ist nur durch die Muttersprache möglich; jedes Fremdwort entbehrt der aus den Tiefen der Seele, aus den frühesten Spracherinnerungen der Kinderzeit heraufquellenden – ich muß das oft mißbrauchte Wort hersetzen – Verständnisinnigkeit der Muttersprache. Man täusche sich doch nicht darüber: auswendiglernen und mit dunkeln Begriffen verbinden kann man jedes Fremdwort, kann sich also irgend etwas Verschwommenes dabei denken oder zu denken einreden; doch nur die deutschen Wortwurzeln sind uns in Herz und Hirn eingesenkt, nur sie werden von dem kreisenden Strom unsers geistigen und gefühligen Lebensblutes genährt. Der Sprachgebildete, vollends der Gelehrte, redet sich ein, er empfinde wenigstens solche Fremdwörter wie Natur, Musik, Religion, Literatur, Politik, Nation als vollkommen gleichwertige Klänge neben den deutschen. Nach tiefbohrender Selbstprüfung bestreite ich diesen weitverbreiteten Wahnglauben. Ich empfinde und sehe bei weitem tiefer und klarer: All, Allsein, Weltall, Weltwesen, Allleben als Natur; Tonkunst als Musik; Gottgefühl, Frommgefühl, Frommsein als Religion; Schrifttum, Dichtungen, Schriftwerke, Geisteswerke als Literatur; Staatsmannschaft, Staatsweisheit, Voraussicht als Politik; Volk oder Volkheit als Nation . Der noch sprachgesunde, nicht verwelschte Leser mache ganz unbefangen und mit festem Wahrheitswillen an sich dieselben Versuche: ich bin sicher, er wird zu demselben Ergebnis durchdringen wie ich. Es gehört eine unendlich lange Zeit, selten unter einem Jahrtausend, dazu, um ein fremdwurzliges Wort völlig einzudeutschen, d. h. es nicht nur zu einem oberflächlichen Verstandes- und Verstehenswort, sondern zu einem Atemzug und Herzschlag unsers tiefsten Lebens zu machen. Das Fremdwort Streik wird allgemein verstanden, aber nichts in der Seele schwingt bei seinem Erklingen mit, denn Streik , gleich jedem Fremdwort, selbst gleich jeder Fremdwörtersippe, steht einsam da inmitten der Fülle anklingender, gefühlter Deutschwörter. Sage ich aber: Ausstand, (Arbeits-)Einstellung, so schwingen alle Töne mit, die durch aus und Stand, ein und stellen angeschlagen werden. Dieser Kernsatz der ganzen Fremdwörterfrage klingt dem Welscher chinesisch, denn er kennt nur eine ungefähre Verständigungssprache: ihm sind Code, Volapük, Esperanto , Welsch gleichbedeutend mit Menschensprache. Von der Sprache als pulsendem Leben weiß der Fremdbrockler nichts. Was lebendige Sprache ist, wird in der Kinderstube, nicht in den Jahren von Quarta bis Prima, auch nicht in den 6 oder 8 Semestern auf Hochschulen aufgesogen. Erstes Wort, das mir erschallet, Süßes erstes Liebeswort, Erster Ton, den ich gelallet, Klingest ewig in mir fort. Weiß nicht jeder welterfahrene Leser, welch unendlicher, öder Fremdwortstreit selbst die gebildete Menschheit in Deutschland immerwährend aufregt, ja zuweilen bis zur gefährlichen Feindschaft aufgestachelt hat? Das berühmteste Beispiel ist wohl der Zank der Parteien des preußischen Abgeordnetenhauses mit der Regierung Preußens über die wahre Bedeutung des elenden Welschwortes Indemnität im Herbst 1866. Sogar zwischen dem König Wilhelm I. und Bismarck bestand Zwiespalt über die Bedeutung von Indemnität . Der König faßte sie auf als ›Eingeständnis begangenen Unrechts‹; Bismarck als ›Anerkennung der Tatsache, daß die Regierung nach Lage der Dinge richtig gehandelt hätte‹. Eine Einigung über das verquatschte küchenlateinische Welschwort war überhaupt unmöglich, denn in irgendeiner der damals umstrittenen Bedeutungen gibt es nicht einmal eine küchenlateinische Indemnitas , und selbst die französische Indemnité half nichts zur Entscheidung aller jener widerwärtigen Streitereien. Und siehe da: kaum hatte man die unzweideutige deutsche ›nachträgliche Verwilligung‹ vorgeschlagen, so waren sofort König, des Königs erster Ratgeber, Volksvertretung und Volk eines Sinnes. Das blöde Welschwort hätte bei einem Haar das beigelegte verhängnisvolle Zerwürfnis, Konflikt geheißen, zwischen einer deutschen Regierung und einem großen deutschen Volk von neuem heraufbeschworen. In diesen Tagen des deutschen Riesenkrieges erleben wir ein weltgeschichtliches Seitenstück: der Deutsche Kanzler des Deutschen Reiches will im Deutschen Reichstag dem Deutschen Volke verkünden, was es durch seine grausigen Opfer edelsten Blutes in diesem Weltringen für die Zukunft erworben haben solle, findet aber, da er gar nicht gesucht, nichts andres als die › realen Garantien ‹. Ich habe Latein gelernt, weiß genug vom scholastischen Mönchslatein, spreche und lese geläufig französisch, weiß aber nicht genau, was reale Garantien sind. Mit dieser Unwissenheit befinde ich mich in der größten und besten Gesellschaft, denn seit einem Jahr streiten sich meine Volksgenossen aller Parteien und Bildungsschichten darüber, was wohl in der Welt der unbeschränkten Zukunftsmöglichkeiten unter › realen Garantien ‹ zu verstehen sei. Der Reichskanzler wird es wissen, er allein; oder gar er selber nicht? Hätte der Deutsche Reichskanzler zum Deutschen Volke Deutsch gesprochen, so wäre wohl noch ein Streit über das notwendige Maß der eisernen Bollwerke für Deutschlands Sicherheit und Fortentwicklung möglich, nicht jedoch über ihren Wortsinn selber. Was soll der sprachenunkundige Mann, unser Bruder, sich unter Fiskus vorstellen, was selbst der Gebildete? ›Ich habe meinen Prozeß gegen den Fiskus verloren‹, hört ein Bauersmann einen gebildeten Städter sagen. ›Was? Lebt der verfluchte alte Racker immer noch? Mit dem Kerl hat ja schon mein Großvater einen Krach gehabt.‹ Der welschgebildete Städter lacht den dummen Bauer überlegen aus; ich finde gar nichts dabei zu lachen, eher schon das Gegenteil. Was ist Naturalismus, Realismus, Materialismus, Idealismus ? Was ist modern , die Moderne, Monismus ? Ganze Bücher mit nichts als Wortstreit sind über diese erkünstelten Welschwörter vollgeschmiert worden; sie wären überflüssig gewesen, hätte man klare Vorstellungen, die allerdings fehlten, durch klare, also deutsche, Wörter ausgedrückt. Naturalismus soll, so vermute ich, bedeuten: Naturabklatsch, Naturtreue, Wirklichkeitsbild, Lebenstreue, Naturabbild, Alltagskunst usw.; so sage man es mir deutlich und isme nicht großspurig und dunkeldünkelhaft! Es gibt in jeder großen Bücherei einige hundert Schriften voll tiefsinnigen Streites über das wahre Wesen der Tragik . Der Streit ist hoffnungslos, soweit er an das Wort Tragik anknüpft, denn dieses besagt im besten Falle: Bockskunst, also nichts Brauchbares. Hätte ein kühner deutscher Geist, etwa Lessing, ein kernhaftes deutsches Wort gewählt oder geprägt, so wäre der Streit zu Ende gewesen.   Das Volk der zwei Sprachen Ganz allgemein: wer gibt einem deutschen Schreiber das Recht, von seinen lesenden Volksgenossen zu verlangen, daß sie – nicht etwa seine Sprachkenntnisse, denn die lassen sich erwerben, aber seine willkürlich erleimten und erdrechselten Welschwörter kennen und genau so verstehen, wie der Schreiber sie gemeint hat? Selbst die besten Fremdwörterbücher reichen nicht aus, um der rohen Willkür jedes eitlen Welschers im Gebrauch der alten und im Zurechtmanschen seiner vielen neuen Welschwörter zu folgen. Wie sprachenkundig muß man sein, um Wörter wie Silhouette, hermetisch, mephitisch, Halluzination, fanatisch, Euphorie, Roué, edafisch, Fiasko, styptisch, Pivot sprachlich richtig und genau zu verstehen? Und was nützt einem Lateinkundigen sein Latein gegenüber Wörtern wie separieren , das ebensowohl trennen wie zusammenlegen bedeuten kann? Was bedeutet eigentlich ›Bismarcks Mausoleum ‹? Weiß auch nur jeder Gebildete vom Fleck, warum eine Gruft, die doch kein Mauseloch ist, Mausoleum heißt? Irgendwo in Deutschland wird ein Genesungsheim für Arbeiter errichtet; wie wird es genannt? Welsch, denn Welsch ist die Sprache der vornehmen Öffentlichkeit in Deutschland, und dem Stifter oder Leiter darf doch nicht zugemutet werden, ›seine akademische Bildung zu verleugnen‹. Einer der Ärzte dieses Rekonvaleszenten heims hat tolle Briefaufschriften für Insassen der Anstalt gesammelt; ich gebe nur ein paar und erwarte von meinen Lesern, daß sie nicht die Briefschreiber, sondern den welschenden Benamser der Anstalt auslachen werden –: Regenwalissentenheim, Reckavaliszendenheim, Rekomvalenzenheim, Rekonfalzentenheim, Rexonfaleszentenheim, Renevales Zentenfeind. Und wie groß mag die Zahl der halbwegs richtigen Anschriften an einen bayrischen Chevauleger sein? Schwalangsche ist noch die der richtigen am nächsten kommende. Noch einmal frage ich: Wer gibt einem noch so gelehrten Schreiber, nun gar einem halbgebildeten, das Recht, zu unbekannten Lesern sehr verschiedener Bildungstufen in einer nichtdeutschen Mengselsprache zu reden, die ihnen, wie er wissen muß und weiß, halb oder ganz unverständlich ist? Keinem, der nicht für seine engsten Fachgenossen schreibt, die genau so welschen wie er, steht dieses Recht, richtiger diese Anmaßung zu. In einer Halbspalte einer Nummer der verbreitetsten Zeitung, in einem billigen Volksblatt, fand ich im Fölljetong folgende Beweise, wie herrlich weit es die deutsche Volksbildung gebracht hat: an Küchenlatein und Griechelei nur opponieren, oppositionelle Elemente, Analysen, Theoretiker, Kritizismus, Abbreviationen, Psychoanalyse ; an Berlinfranzösisch ›sich ein Air geben‹ und Revirement , an wirklichem Französisch 6 Perlen. Man sagt, die Zeitung habe 400 000 Bezieher, also über eine Million Leser; nicht 10 000 verstanden alle jene Herrlichkeiten, aber grade die übrigen 990 000 bewundern den großartigen Schreiber des Unverständlichen. Könnte man deutsche Leser zu der Pflicht erziehen, jede Zeitung wegzuwerfen und abzubestellen, die sich mit unverständlichem Gewelsch über ihre Leser lustig macht, so wäre das Elend unsrer Sprache schnell beseitigt; denn noch weit mehr als das Buch, ja selbst als die Schule, ist die Zeitung die Spracherzieherin des ganzen deutschen Volkes. Es ist zum Weinen, welch gewaltiger Verlust an Volksbildung dadurch entsteht, daß ein großer Teil des reichen Bildungstoffes in Büchern und Zeitungen durch seine welsche Sprache vernichtet wird. Ein ungeheurer Aufwand nutzlos wird vertan. Ich habe Stöße von ›Büchern fürs Volk‹ daraufhin geprüft: fast auf jeder Seite ein nicht ganz oder ein gar nicht verständlicher verwelschter Satz. Das Fremdwort ist der Feind der deutschen Volkseinheit. Es gibt keinen völkischen Staat ohne gemeinsame Sprache; es gibt erst recht keinen mit unvölkischer, mit volkswidriger Sprache. An seinem Sprachelend krankt das deutsche Volk in einem Grade, der noch von den wenigsten erkannt wird. Nicht die Mundarten spalten ein Volk, wie leider selbst Jakob Grimm gemeint hat; sondern diese wahre Doppelsprachigkeit: daß die Gebildeten oder sich dafür Haltenden eine sich dünkelhaft überhebende erkünstelte Sprache, die großen Massen ihre echte Volkssprache reden. Kommt es gar so weit, daß ein Volk sich seiner unverfälschten, unverwelschten Muttersprache schämt und sie für unfähig hält, im geistigen Wettlauf der Völker zu bestehen, so sind Volk und Sprache auf dem absterbenden Ast. ›Ein Volk, das seine eigne Sprache verlernt, gibt sein Stimmrecht in der Menschheit auf und ist zur stummen Rolle auf der Völkerbühne verwiesen‹ (Jahn).   Gehören die deutschen Arbeiter zu den nach Bildung strebenden Klassen des Volkes? Man sollte es annehmen. In keinem Lande so sehr wie in Deutschland. Aber zu diesen Klassen, deren Bildungshunger den der meisten reicheren Stände weit übertrifft, redet die deutsche Wissenschaft, redet die Zeitung, redet unbegreiflicherweise selbst die Arbeiterpresse in jenem grauenvollen Protzenwelsch, das ein gescheiter Arbeiter zur Not halb errät, dessen ganzer Sinn ihm aber verschlossen bleiben muß. Sollte man es für möglich halten: es gibt Fremdwörterbücher mit mühseliger Aussprachenangabe für Arbeiter, damit sie sich doch ja keine Verstöße gegen echtes Englisch, Französisch, Lateinisch, Griechisch zuschulden kommen lassen! Und da manche Arbeiterführer ihrer Gefolgschaft aufreden, das Nachstammeln unverstandener Fremdbrocken sei sozusagen das Erkennungszeichen der ›Bildung‹, so erniedrigen sich vernünftige Arbeiter wahr und wahrhaftig bis zur Nachäffung des halbgebildeten Bürgertums, ohne zu ahnen, daß es kein so sicheres Merkmal der Scheinbildung, ja der Unbildung gibt wie die Welscherei im Munde eines Sprachenunkundigen. Viele Arbeiter fühlen die Sinnlosigkeit dieses Sprachzustandes ihrer Presse und ihres ganzen Schriftenwesens, sind aber machtlos gegen ihre Führer, die da aufprotzen: ›Sollen wir denn unsre akademische Bildung verleugnen?‹ Die meisten deutschen Bücher mit Ausnahme der fachwissenschaftlichen wenden sich zugleich an die Frauenwelt , also an die Hälfte des ganzen Volkes, und bis jetzt ist die Zahl der › akademisch gebildeten‹, also zu den Bildungsströmen des Lateinischen zugelassenen Frauen sehr gering, die der Griechisch verstehenden fast verschwindend. Was ist das Ergebnis des Lesens durchwelschter Bücher, Zeitschriften und Zeitungen bei den strebenden Frauen? Halbbildung , bemitleidenswertes Nachplappern innerlich nicht verarbeiteter, nur oberflächlich verstandener aufgeschnappter Welschbrocken. Warum lassen sich feingebildete, nicht durchwelschte deutsche Frauen diese Bildungslüge aufzwingen? Ein Welschwort im Munde einer nicht › akademisch gebildeten‹ Frau wird an widerwärtiger Stillosigkeit schwerlich überboten, denn hier hört das bewußte Reden auf und beginnt das papageienmäßige Quasseln.   Welschender Schwindel Deutsch sein, sagt Richard Wagner, heißt, eine Sache um ihrer selbst willen treiben. Also nicht um eines Scheines willen, nicht um eine Sache und sich durch die Sache aufzuputzen, nicht ›taum upposamentieren‹, seggt Unkel Bräsig. Wo gewelscht wird, da wird geschwindelt, verschieden im Grade, verschieden in der Absicht; aber gleichviel ob grob oder fein, offensichtlich oder verhohlen – Schwindel bleibt Schwindel, und Unwahrhaftigkeit scheidet sich von der blanken Wahrheit. Was beabsichtigt der Welscher, der statt des alten Welschwortes historisch mit historistisch und historizistisch anrückt? Er will im Leser den Glauben erwecken, er, der Schreiber, sei mehr als der welschende Schächer, der sich mit historisch behelfen muß. Daß zu diesem Emporblähen weiter nichts gehört als Dreistigkeit, macht nichts; der Historistische und gar der Historizistische hat eben die edle Dreistigkeit, weiter nichts, der bloß Historische hat sie nicht. Der Historist und der Historizist unterscheidet sich im innersten Kern durch nichts von seinem Sprachgenossen, der statt Stiefelwichse schreibt: Blendol , statt Wagenschmiere: viskosives Concentricum . Der Unterschied der Fakultäten , dort Historizismus , hier quacksalbernde Schwindelhuberei, spielt keine Rolle. Der Leser mache die Probe: kennt er irgendeine schwindelhafte Marktschreierei bis zum frechen Massenbetruge ohne starke Mithilfe der Welscherei? Mir ist noch keine vorgekommen, vom Astral leib des Okkultismus und Spiritismus , vom Scientismus, Eddyismus zum Glühweinol, Kaffeenol, Backin und andern Surrogaten . Wo immer in Deutschland ein Surrogat , also eine Unechtheit dem Käufer angeschmiert werden soll, da geschieht dies auf Welsch. Man sagt ungern Ersatz, sagt es zurzeit nur unter dem Zwange der Kriegsverordnungen; denn Ersatz, ein deutsches Wort, sagt die Wahrheit; Surrogat , ein Welschwort, versucht zu schwindeln. Niemals sagt ein Verkäufer unechten Tandes: unecht; mit allen Künsten des Welsch schwindelt er sich an der Wahrheit vorbei. Unechte, nur ganz oberflächlich vergoldete Ware heißt großartig Doublé ; jede noch so wertlose Nachahmung heißt vornehm Imitation und zur Krönung des Schwindels: garantiert echte Imitation . Niemand zeigt ›unechte Edelsteine‹ an, sondern welscht mit den stolzesten Männern der Wissenschaft um die Wette: synthetische , damit die Nichtallewerdenden sie für etwas noch viel Kostbareres halten als die echten. Die Synthese , eine der neuesten Flitterperlen unsrer welschenden Wissenschaft, hat bei den Glasflußhändlern das Simili abgelöst. Nennen sich zahlreiche vornehme neue Amtsstellen Zentrale , warum soll der Milchpantscher in einem Kellerladen nicht eine Milch zentrale , der Schuhflicker nicht eine Schuh zentrale oder gar ein Institut für Besohlung auftun? Und warum soll ein Jahrmarktsphotograph seine Bude nicht Atelier oder Salon nennen, wenn sich vornehme deutsche Künstler nicht schämen, ihre Werkstatt Atelier , ihre Ausstellung Salon zu bewelschen? Oh, unsre Schwindler sind sehr tiefe Seelenforscher, profunde Psychologen : sie wissen, daß in Deutschland Deutsch für gemein oder doch für gewöhnlich, Welsch für vornehm gilt, also – welschen sie. Was ist vom Standpunkt des Schwindlers natürlicher? Nennten sich die geldschneiderischen Gesundbeter plump deutsch so und nicht anders, so könnten sie kaum die Allerdümmsten um ihr Geld betrügen und ins Grab beten. Sie wissen, was sie tun, wenn sie ihren Hokuspokus Scientismus nennen, denn jeder Ismus flößt dem an sein Welsch gewöhnten deutschen Bildungsmenschen Schauer gläubiger Verehrung ein. Noch der niedrigste Dorfquacksalber heilt vornehm mit Sympathie , wie sich der frechste Hochstapler seinen Opfern gegenüber vornehm Kavalier nennt. Alles Wertvollste im deutschen Wesen und Streben geht auf Echtheit und Tüchtigkeit; unsre Bildungssprache ist unecht und untüchtig geworden, bedient sich trügerischer Mittel, ist des deutschen Geistesvolkes unwürdig. Sie nennt einen nutzlosen Nichtstuer mit genügendem Gelde in großartigem Berlinfranzösisch einen Privatier , beschönigt den offenen Diebstahl durch die gelehrte Defraudation , den geistigen Raub durch das klassische Plagiat , verschönt noch die Strolcherei durch die schwungvolle Vagabondage und eine niedrige Rüpelei durch den vornehmen Exzeß . Früher sprach man von einer ›verdrehten Schraube‹ und meinte, was man sagte; heute heißt ein überflüssiges Frauenzimmer, namentlich eines mit unterschiedsloser, gar nicht besonders differenzierter Gunstausteilung: › erotisch differenziertes Weib‹, weil dies noch vornehmer klingt als Mondäne, Demimondlerin oder Kokotte . Wenn ein Zeitgenosse weiter gar nichts ist als eben Zeitgenosse, ein Individuum ist er trotzdem, wenn nicht gar eine Individualität , die verlangen kann, daß man sie nach den Prinzipien des Individualismus individuell nehme und nicht schnöde generalisiere . Will doch die strengste Wissenschaft sich und uns einreden, daß Individualität viel feiner, viel wissenschaftlicher sei als Persönlichkeit, Philologie als Sprachwissenschaft, Psychologie als Seelenforschung, Germanistik als Deutschkunde, Moral , nun gar Ethik , als Sittlichkeit. Unwillkürlich denkt man an Bräsigs Herleitung der Armut von der Powerteh. Welch öder Schwindel, jawohl Schwindel, wird in Deutschland, in Deutschland allein, getrieben mit der welschenden Gelehrttuerei Subjektiv und Objektiv ! Subjektiv ist nicht um eines Schattens Schatten mehr als persönlich; Objektiv ist genau dasselbe wie unpersönlich, gegenständlich, sachlich. Dies weiß jeder wissenschaftliche Mensch, schämt sich aber nicht des Unfuges, jedem andern, zumal jedem Gegner, vorzuwerfen: du bist nur subjektiv , nämlich ein Mensch mit einer menschlichen Persönlichkeit, also mit einer nur ihm eignen persönlichen Meinung; wohingegen er, der große Objektive , sich und seine Meinung für abgeklärt objektiv ausgibt, was nichts andres bedeutet, als daß er sich im Besitz der ewigen Wahrheit und Weisheit wähnt. Kein Mann der Wissenschaft würde wagen, jemand vorwurfsvoll entgegenzuhalten: Das ist nur Ihre persönliche Meinung; denn er weiß, der andre würde ihn auslachen mit der Gegenfrage: Welche Meinung, wenn nicht meine persönliche, soll ich denn sonst haben? Etwa die Ihrige, die Sie offenbar für die objektive halten? Als des herzigen Präsidenten Wilson böser Wille uns bis dicht vor den Krieg mit Amerika gebracht, warf ein großes Berliner Blatt einem der gefährlichsten Feinde Deutschlands ›Mangel an Objektivität ‹ vor. Aber ein deutscher Gelehrter nannte ja auch die russische Raubgier, die in Ostpreußen teuflisch mit Brand, mit Raubmord und Notzucht gewütet, überaus gelehrt, aber überaus läppisch: ›Rußlands Expansions drang‹.   Welsch eine Volkskrankheit Völkerseelenforschung ist eine junge Wissenschaft; ein gründliches Buch über die deutsche Seele gibt es noch nicht. Bei der Schwierigkeit der Selbsterkenntnis ist es wenig wahrscheinlich, daß es von einem Deutschen geschrieben werden wird. Nebenbei: es würde zweifellos heißen ›Die deutsche Psyche ‹. In keinem Werke dieser Art darf ein großer, fast beherrschender Abschnitt fehlen: Die Ausländerei . Eine ihrer sichtbarsten Erscheinungsformen ist das Welschen , und es gilt, sie wissenschaftlich als das zu erkennen und darzustellen, was sie in der unerbittlichen Wahrheit ist, die allein vielleicht heilen kann. Seit Jahrhunderten wird die Welscherei von den besten deutschen Männern schonungslos gescholten, aber keiner hat sie beim rechten Namen genannt. Üble Gewohnheit, Untugend, Laster, Schande heißt sie bei den Freunden saubrer Sprache je nach der Stimmung; doch mit alledem wird nicht ins Schwarze getroffen. Die Naturwidrigkeit , die darin liegt, daß ein Volk durchaus die Sprache andrer Völker nachstammeln will, wurde von manchen erkannt: › Hast du je einen Vogel blärren, eine Kuh pfeifen hören? Und ihr wollet die edle Sprache, die euch angeboren, so gar nicht zu Obacht nehmen in eurem Vaterland? Pfui dich der Schand!‹ (Moscherosch). Ein Volk, das dem Drange, fremden Völkern nachzublärren und zu pfeifen, nachzunäseln, zu zischen, zu lispeln nicht widerstehen kann, das selbst die Urbegriffe jedes Menschen verwelscht, das dies sogar in einer Blüte seiner Sprachwissenschaft und Dichtung, in einer Hochgezeit seiner staatlichen Geltung fortsetzt, ist an dieser Stelle seelisch krank. Die Welscherei ist eine seelische Volkskrankheit . Aus welchen völkischen Urtrieben sie entspringt, wird in den zwei nächsten Abschnitten aufgezeigt werden; hier gilt es zunächst, das Wesen der Krankheit selbst bloßzulegen. Schon früher wurde zur Versinnbildlichung dieser Krankheitsform das Gleichnis vom Krebs und Schwamm gebraucht. Es ist kein bloßes Gleichnis, es ist die volle Wirklichkeit. Es gibt wohl keinen zweiten Fall einer seelischen Krankheit, die man schildern kann wie eine leibliche. Der einzige Unterschied zwischen Krebs, Geschwulst, Schwamm im Körper oder im Holz – und den gleichen Erkrankungen der Sprachseele besteht darin, daß wir den ersten Krankheitserreger bei der Sprache deutlich bestimmen können, bei den stofflichen Wucherungen nicht. Den Keim der Welscherkrankheit bildet eine vorerst vereinzelte, nicht bösartig aussehende Welschwurzel. Sie bohrt sich mit einem spitzigen Giftstachel in den gesunden Sprachkörper fest und tief genug hinein, wird zuerst nur als ein ungefährlicher Fremdschoß empfunden, dessen man beliebig Herr werden könne, und nun beginnt das, was man bei leiblichen Durchseuchungen die Brütezeit nennt. Ein erster Krankheitsherd hat sich gebildet, und von ihm strahlt die Ansteckung nach allen Richtungen aus. Der winzige Giftherd, das wuchernde Schimmelpilznest wird zu einer Eiterbeule, die wächst, schwillt, um sich frißt, strotzt, leider niemals platzt. Sprechen wir nicht so bildreich allgemein, sondern nehmen wir einen bekannten Krebsherd unters Glas. Was ist harmloser als solch einzelnes, noch dazu vornehmes Welschwort wie Jus . Es wird im Anfang nur neben Recht gebraucht und bleibt ein Weilchen so unschädlich wie heute etwa der Name eines fremdländischen Nahrungsmittels, wie Kakao, das nur so heißen kann und sprachlich keine Wucherungen erzeugt. Kaum aber sitzt der Schwammkern Jus fest im Fleisch, so sendet er Schwammstoff in den Blutumlauf – auf Welsch: in succum et sanguinem – aus, und binnen kurzem sehen wir einen breiten Krankheitsherd, bestehend aus: Jura, Jurist, Jury, Juror, juristisch, Juristerei, juridisch, Jurisprudenz, Jurisdiktion, Justiz, Justitiar, justiziell, justifizieren, Justifikation, Justifikatorium, Judikatur, Judikation, judizieren, Judicium, judicial, Judikat, judikatorisch, justieren, adjustieren. Oder die Krankheit verläuft mit einer kleinen Abweichung in der Vorbrütezeit so: der gesunde kraftvolle Sprachkörper verarbeitet den ersten Keim, die lateinische Wurzel stat z. B.; aus dem Worte Status wird das völlig eingedeutschte Lehnwort Staat. Ungefährlich aber ist selbst solch ein Keim nicht; denn bis er selbst nützlich verarbeitet worden, hat er schon Giftstoffe ausgeschieden oder verwandte Giftkeime zur Niederlassung angelockt, welche die Vergiftung aus eignen Mitteln besorgen. Neben dem deutschgewordenen Staat sehen wir die fressenden Wucherungen des Schwamm- oder Krebskeimes stat: Status (Stand), Statut, statutarisch, statuarisch, statarisch, statuieren, Statik, statisch, Station, stationieren, stationär, statiös, Statist, Statistik, statistisch, Statistiker, Stativ, Statue, Statuette . Der Fremdkeim Person mit der nächsten Ableitung ›persönlich‹ wurde zu brauchbarem Lebensstoff der Sprache verarbeitet; die Wucherungen von Persona: Personal, personal, personell, note personnelle, in persona, Personalien, personifizieren, Personifikation, Personage, Personalität führen als Riesenschwamm ihr ungestörtes muntres Wucherleben im deutschen Sprachkörper fort. Oder man betrachte den Wucherherd der so edlen Idee ! Zu den auf S. 71 genannten 36 Wucherungen müssen hier nachgetragen werden: Ideologe, Ideologie, idealisch . Nicht minder fruchtbar ist die im Fremdwörterbuch gleich dahinter folgende, hier nur unvollständige Schwammbildung um den Kern idio : Idiom, idiomatisch, Idiotismus, Idiot, idiotisch, idiotistisch, idiographisch, idiokratisch, Idiolatrie, Idiopathie, idiopathisch, Idiosynkrasie, Idiotikon, idiotisieren. Oder man sehe, was daraus wird, wenn man ohne die geringste Not irgendeiner fremden Wurzel das Gastrecht einräumt, an dem Lateinwort committere : Kommis, Komiss, Kommisa(ä)r, Kommissariat, kommissarisch, kommissorisch Kommission, Kommissionär, Kommissorium, Kommissur (Goethe!), Kommittent, Komité. Aber, so wendet der Welscher ein, bist du denn blind gegen die ›Bereicherungen‹, die unsre ›Sprache‹ durch solche Neubildungen erfährt? – Für den Sonderforscher der Schwammkunde ist jede Abart des Hausschwammes eine Bereicherung, für das Haus und seinen Besitzer ist sie ein fressender Schaden. Das giftige Gewächs lebt ja nicht für sich und aus sich, sondern es lebt und wuchert aus den Säften des Sprachkörpers, in den es sich eingestielt hat. Jedes Fremdwort zusamt seiner schrankenlos wuchernden Verwandtschaft saugt einem guten deutschen Gebilde nach dem andern Saft und Kraft aus, bis sie alle kümmern, welken, oft genug absterben. Das Fremdgewächs aber strotzt immer voller, protzt sich immer breiter hin, verfilzt sich so fest mit dem ausgesogenen Sprachgewebe, daß es scheinbar nur mit Gefahr für das Leben des verseuchten Teiles entfernt werden kann. So scheint es, so ist es keineswegs. Mit unerbittlich scharfem Messer ausgeschnitten, wird es sogleich ungefährlich, die Schnittwunde schließt sich im Augenblick, heilt ohne Nachkrankheit, und nun nimmt das Kreisen der ein neues Leben bildenden Säfte an der sprachlich abgestorbenen Stelle seinen Lauf. Alles dies ist, ich wiederhole es, kein Bild, sondern die Sprachwirklichkeit selbst. Man prüfe die Wirkung sämtlicher einzelner Fremdwucherungen auf S. 72: überall, wo sie sich eingefressen, sind die deutschen Gebilde unterdrückt, überwachsen, ausgemergelt, und frohlockend fragt der Welscher, der begeisterte Feinschmecker der fremden Unkräuter: Wie wollt ihr amüsant, Interessen, düpieren, Apparat, individuell, Milieu durch ein gleichgutes deutsches Wort ersetzen? In der Tat, es ist nicht ganz leicht, eine strotzende Geschwulst durch ein einstmals gesundes, jetzt ausgesogenes und entkräftetes Gewebe zu ersetzen. Wird das Fremdgewächs nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet, so wird es im weiten Umkreise zum Herrn: der Schwamm frißt und frißt, und wir erleben das Schwammwort, den Wortdunst, die Formel. Milieu verdrängt die Umwelt und reichlich 30 gute farbige deutsche Wörter; Dekadent macht's ebenso; Motiv wird das Schwammwort für jede Tat- oder Denkursache: für Trieb, Antrieb, Triebfeder, Anlaß, Veranlassung, Grund, Beweggrund, Anstoß, Zug, Leitgedanke, Grundgedanke, Grundzug, Vorwurf, Gegenstand, Erklärung, Schlüssel usw. usw. Denn die deutsche Sprak ist arm und plump, Welsch ist reich und fein, oder wie einer der Lobpreiser des Welsch, der Jüngstdeutsche Hermann Conradi, so unübertrefflich klar und entzückend sprachschön gesagt hat: ›Das Fremdwort ist und wird bleiben das natürliche Motivations herz des Aphorismus . Das Fremdwort ist das Prinzip der Synthese , es hat Atmosphäre .‹   Bleibt noch ein Wort zu sagen über den Scheinreichtum vieler welscher Schwammwörter. In meinem nächstens erscheinenden Fremdwörterbuch ›Entwelschung‹ gebe ich für Idee 36 deutsche Ausdrücke, deren jeder lebensvoll, anschaulich, eigenartig, farbig, gefühlt ist gegenüber der einen blassen Idee . Der Welscher mit seinem verrenkten Sprachsinn folgert hieraus: Oh wie ist das Welsch so reich, 36 mal so reich wie das armselige Deutsch! Der sprachgesunde Deutsche weiß es besser: 36 mal so reich ist das Deutsche wie das Welsch, 36 mal so fein und treffend kann das Deutsche tönen, färben, schatten, sichten, sondern, wählen, gliedern, spalten, scheiden. Welscher sagt ein für allemal differenzieren , denn so heißt es im Welsch. Woher aber auch nur der Scheinreichtum an Begriffsfarben, der dem einen Welschwort innewohnt? Das ist kein Geheimnis: es hat sie alle aus dem gesunden Leibe der deutschen Sprache gesogen, hat sich immer wieder wie ein Schwamm bis zum Überlaufen gesättigt mit den Säften der Wirtssprache, und in diesem schwammigstrotzenden Zustande – Welscher sagt: Plethora , – gefällt das Welschwort dem deutschen Gewohnheitswelscher am besten.   Leben und Tod der deutschen Sprache Die Welscher, welche die Verkümmerung, ja den Tod ungezählter deutscher Wörter verschuldet haben und immerfort aufs neue verschulden, haben die Stirn, von der Freiheit und dem Leben der deutschen Sprache zu reden. Nur ja nicht, so warnen sie die Reinschreiber, in das ›Leben der Sprache‹ eingreifen! Und in der berüchtigten Erklärung von 1889 gegen den Deutschen Sprachverein wird hohlredensartlich geschwögt von ›unsrer durch die Freiheit gedeihenden Sprache‹. Der Ausdruck ›Leben der Sprache‹ ist romantischer Nebel; es gibt kein Eigenleben einer Sprache, weil die Sprache zum Leben der sie sprechenden Menschen gehört und in ihrer Entwicklung durchaus von menschlichen Gewohnheiten und Trieben, Tugenden und Gebrechen, Weisheiten und Dummheiten abhängt. Die Sprachgeschichte der Menschheit zeigt uns zu allen Zeiten langsame oder schnelle Wandlungen der Sprachen durch gewaltsame oder sanfte Einwirkungen von Menschen auf Menschen. Nicht aus einem innern Triebe hat sich die deutsche Sprache im 16. Jahrhundert verlateinert, im 17. verfranzöselt, im 18. und 19. durch und durch verwelscht; sondern deutlich nachweisbare Willensäußerungen der deutschen Bildungswelt, namentlich der gelehrten, haben das Deutsche entgegen seinem wahren Lebenswesen verschmutzt. Die sogenannte ›Freiheit‹ unsrer Sprache, wovon die Welscher reden, besteht für sie in ihrer, der Welscher, schrankenlosen Freiheit oder Frechheit, aus dem Prunkmantel der deutschen Sprache nach der Laune ihrer Eitelkeit, nach der Roheit ihres Sprachsinnes eine Narrenjacke zu machen. Wer wissen will wie eine Sprache in wahrer Freiheit lebt, der darf nicht auf die welschenden Gelehrten hören, sondern wie Luther geraten und getan, ›die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden‹. Nur gewährenlassen muß man das Volk, das seine Sprache spricht; das tun unsre immer neue Welschwörter drechselnden gelehrten Schreiber eben nicht, vielmehr tun sie der edlen reinen Volkssprache Gewalt an. Ein wunderbares Beispiel wahrhaft lebendiger Blüte unsrer Sprache bieten uns im Weltkriege unsre Feldgrauen , die ja das Volk darstellen, und unter denen selbst die wenigen gelehrten Welscher sich zu anständigem Deutsch bekehrt haben. In dem reichhaltigen neuen Schützengrabendeutsch , wie dessen feinsinniger Kenner Gustav Hochstetter es in seinem Büchlein ›Der feldgraue Büchmann‹ gesammelt hat, findet sich nicht ein einziges neues Welschwort, hingegen eine große Zahl prächtig gelungener Verdeutschungen, denen kein Welscher Urkraft und Fülle echten Sprachlebens abstreiten wird. Das ist Freiheit, das ist Leben unsrer Sprache; allerdings nicht die Welscherfreiheit, mit unsrer Muttersprache ruchloser als mit einem Misthaufen umzugehen (vgl. S. 15).   Wie es zu den größten Lebenswundern gehört, daß das deutsche Volk sich durch alle Wetter der Geschichte seinen kraftvollen Bestand gerettet hat, so muß auf geistigem Gebiet die Fortdauer einer Sprache, die wenigstens im Munde der Ungelehrten noch eine halbwegs reine Volkssprache geblieben, als einer der stärksten Beweise für die Unverwüstlichkeit deutschen Volkstumes angestaunt werden. Seit mehr als drei Jahrhunderten sind die sprachzerstörenden Kräfte am Werke; seit drei Jahrhunderten säen die Teufel der völkischen Würdelosigkeit und des Gelehrtendünkels das wüste Unkraut der Welscherei, den Schwindelhafer der Ausländerei unter den deutschen Weizen; saugen sie den Fruchtboden natürlichen Sprachlebens geil und geiler aus; rühmen sie überhebungsvoll das Giftkraut und die Fliegenpilze, die emporschießen und die gesunden Früchte verdrängen, als Blüten der ›weltbürgerlichen Aneignungsfähigkeit‹, wie der Phrasendrusch in der ›Erklärung‹ der Welscher von 1889 lautete. Die deutsche Sprache ist offenbar nicht leicht ums Leben zu bringen, denn in der Dichtung der echten Dichter lebt und webt sie noch unangetastet, unbesudelt wie alle Sprachen der andern großen Bildungsvölker. Von der Gefahr, die auch dieser Sprache droht, wurde früher gesprochen (S. 71). Die Welscher werfen den Reinigern der deutschen Sprache vor, sie handelten ›gewalttätig‹! Die Aussäer und Pfleger des Unkrautes beschimpfen die getreuen Ackersleute, die das Unzeug ausreuten und neuen Weizen streuen, verächtlich ›Reiniger‹; aber sie können selbst dies nicht in reinlicher Sprache sagen, sondern welschen: Puristen . Die verkehrte, die verdrehte Welt! Und es gibt leider manchen wackern Ausjäter und Sämann, der sich durch solche Umdrehung aller Wahrheit verblüffen und verschüchtern läßt. Daß ich keiner dieser Zagen bin, wird der Leser gemerkt haben, und ich kann ihm nur raten, bei jeder passenden Gelegenheit im Streiten wie im Handeln meinem Beispiel zu folgen und zur Katze – Katze zu sagen. Muß ich im einzelnen nachweisen, wie das Welschwort das deutsche Wort ertötet ? Ich brauche nur in einem beliebigen Fremdwörterbuch zu blättern, um an ungezählten Beispielen zu zeigen, wie das Welschwort sich den Vortritt vor dem deutschen angemaßt hat. Energisch protestieren lautet heute die festgegossene ständige Redensart, nicht: entschieden Einspruch erheben. Die Kurage hat in weiten Kreisen nahezu den Mut verdrängt. Die Nation ist mindestens ebenbürtig dem Volke geworden und beginnt es langsam zu verdrängen. Über ›völkisch‹ neben national wird die Nase gerümpft, allerdings fast nur von den Unvölkischen. Wir hatten einst ein untadliges Deutschwort Quehle; es ist fürs Hochdeutsche vollständig durch Serviette totgeschlagen worden, kümmert sein Leben nur noch im Niederdeutschen hier und da fort. Es wieder einzubürgern, ist undenkbar; dagegen wäre es eine Kleinigkeit für einen unsrer führenden Welscher, das englische Napkin in Schwung zu bringen. Wer kennt heute noch ein deutsches Kernwort für Scharnier ? Allenfalls gibt es in der gehobenen, in der Dichtersprache noch Angel. In Süddeutschland sagt das Volk zuweilen: Gewerbe, anderswo Gelenk; das eigentlichste Deutschwort Haspe ist so gut wie tot. Wieviele deutsche Kern- und Kraftwörter sind durch das lächerliche solid geknickt oder ausgetrampelt worden! Wie verhältnismäßig selten hört man noch im Volke: redlich, gewissenhaft, tüchtig, zuverlässig, dauerhaft! Zweifellos viel seltener als das sprachwissenschaftlich gemeine reell . Die sinnlose Endung ell wird an beliebige Welschwörter angeleimt ( kulturell, rationell, generell, ideell, individuell ), und kein Sprachgebildeter, erst recht kein Ungebildeter nimmt an dieser Roheit Anstoß. Hingegen die wirksamen Endungen bar, sam, haft, schaft verdorren, treiben keine neue Schösse: hundertmal eher wird das sprachlich niedrige Welschwort experimentell hingeschmiert, als etwa versuchlich, versuchsam, versuchbar gewagt. Der Schreiber solcher gutdeutscher Bildungen würde von dem welschenden Schmierer als nationalistischer Purist verhöhnt werden; jeder Gummistempler dagegen kommt mit experimentell in den Geruch der ›Wissenschaftlichkeit‹. Mir erscheint dieser ganze jammervolle, meist hoffnungslose Kampf mit dem übermächtigen Welsch ums Dasein der deutschen Sprache noch außer dem Schwamm und dem Krebs unter dem Lebensbilde der Schlupfwespe, die in die Schmetterlingspuppe eindringt und sie auffrißt. Das Wesen der deutschen Sprache ist schrankenlose Lebensfülle ; es gibt keine Sprache auf Erden, die sich nur von weitem an Schöpfergabe der Neubildung mit ihr vergleichen läßt. Aber grade an die Wurzeln dieser überschwänglichen Lebenskraft legt die Welscherei die tötende Axt: Wozu Neubildung, wozu überhaupt Leben, wenn sich jede augenblickliche Lücke im hinfließenden Satz durch den Gummistempel mit einem welschen Kautschukwort ausfüllen läßt? Es gibt ganze große Sprachgebiete, deren Kraftwörterschatz schon jetzt weit überwiegend welsch geworden ist; ich nenne nur unser öffentliches Leben, Staatsleben, Bürgerleben, wofür ja fast ausschließlich Politik gesagt wird. Um die Zeit des Aufschwunges deutschen Staatslebens, also um die Wende der ersten zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hatte die Vorherrschaft der Welscher den sprachschöpferischen Geist in Deutschland schon völlig gebrochen, und man wagte nicht einmal den Versuch, neues deutsches Leben mit neuen deutschen Wörtern oder mit wohlgeeigneten alten auszusprechen.   Die deutsche Auslandskrankheit So weit über die deutsche Sprachkrankheit selbst; nun zu ihrer Geschichte und ihren Ursachen , – zur Genesis und Ätiologie , sagt die wissenschaftelnde Welscherei. Als Entschuldigung der Verschmutzung unsrer heutigen Sprache führen ihre Verschmutzer an, es habe im Deutschen von jeher Fremdwörter gegeben; zuerst, in den ältesten geschichtlichen Zeiten, die zu guten Lehnwörtern gewordenen Anleihen bei den Römern; in der mittelhochdeutschen Zeit die den Franzosen nachgeschriebenen Fremdwörter, die sich sogar bei den meisten mittelhochdeutschen Dichtern finden. Über die ältesten Lehnwörter wird an andrer Stelle (S. 161) gesprochen. Die altfranzösischen Fremdbrocken, die übrigens zum allergrößten Teil längst wieder ausgeschieden worden, finden sich vornehmlich bei solchen mittelhochdeutschen Dichtern, die nach französischen Vorlagen geschaffen haben, so bei Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach. Bemerkenswert ist, daß der nach Stoffen und Formen von Frankreich unabhängige Walther von der Vogelweide in vollkommen reiner deutscher Sprache geschrieben hat. Wie kann man aber die paar Dutzend altfranzösischer spielerischer Wendungen, die von deutschen Umdichtern französischen Vorlagen nachgeschrieben wurden, vergleichen mit dem aufs Mehrtausendfache angeschwollenen Fremdwörterbuch heutiger noch sogenannt deutscher Sprache! Welche geschichtliche Ursachen die Verwelschung unsrer Sprache begünstigt haben, darunter auch, keineswegs vornehmlich, die staatliche Ohnmacht Deutschlands nach dem 30jährigen Kriege, das ist so allgemein bekannt, daß es hier keiner eingehenden Darstellung bedarf. Sich aber am hellen Tage des 20. Jahrhunderts noch zu berufen auf die jammervolle Ohnmacht des 17., um die noch immer anwachsende Verschmutzung unsrer Sprache zu rechtfertigen, das läuft doch hinaus auf die Entschuldigung jenes Russen: Bei uns wurde im Beamtentum immer bestochen und gestohlen, – warum soll denn nicht weiter bestochen und gestohlen werden? Und dann der große Unterschied zwischen der Welscherei des 17. und der des 20. Jahrhunderts! Dazumal sagten die Welscher ganz offenherzig, was sie dachten: Latein und Französisch sind feiner als Deutsch, darum schreiben wir mitten zwischen dem Deutschen zu feinerer Mischung Latein und Französisch. Die heutigen Welscher singen Loblieder auf die wonnesame traute deutsche Sprache, schreiben aber in Tausenden von Fällen Undeutsch, weil, wie sie erklären, in jedem dieser Fälle kein einziges deutsches Wort sich mit dem welschen ›deckt‹, was in ehrlicher Sprache nur besagen kann: die wonnesame traute deutsche Sprache versagt in Tausenden von Fällen. Das 17. Jahrhundert, tiefverwelscht wie es war, übertraf an Wahrhaftigkeit das 20. mit seinen spitzfindig tiftelnden Rechtfertigern der Welscherei. Hierbei lasse ich außer Betracht die großen Fortschritte, welche die sprachwissenschaftliche Erkenntnis seit dem 17. Jahrhundert gemacht hat oder haben sollte. Mit der Fremdwörterei ist es doch schon viel besser geworden, höre ich oft und höre ich manchen Leser sagen. Ich bestreite das und kann meine Ansicht beweisen. Die an die Besserung Glaubenden halten sich an manche erfreuliche Reinigungen im Kleinen und Kleinsten, die jedoch für den Gesamtzustand unsrer Sprache so gut wie nicht in Betracht kommen. Ja wohl, die Post-, die Heeres-, die Gerichtsverwaltung haben manches Hundert überflüssiger Fremdbrocken ausgemerzt. Namentlich während des Weltkrieges bekamen wir fast täglich sehr schöne, gewiß ernstgemeinte Verordnungen oder Ermahnungen deutscher Behörden gegen die Fremdwörterei zu lesen. Ich stelle dem gegenüber einfach fest: die höchsten Leiter unsrer Behörden, Namen brauche ich nicht zu nennen, denn jedermann kennt sie, sprechen und schreiben im Kriege genau dieselbe Fremdwörtersprache wie ehedem, halten es also mit ihren Verordnungen ebenso wie die wissenschaftlichen Welscher, die schmerzbewegt die Fremdwörterei rügen – bei allen Andern. Solange es in Deutschland möglich ist, daß deutsche Unterrichtsminister schöne Verordnungen gegen überflüssige Fremdwörter, besonders gegen immer neue erlassen, aber nichts daran auszusetzen finden, daß die ehrliche alte Mädchenschule in ein jedermann unverständliches Lyzeum und Oberlyzeum umgewandelt wird, erscheinen mir die schönen Verordnungen wie die schönen Sandbauten der am Meeresstrand spielenden Kinder. Die tatsächliche Herrschaft über den Zustand unsrer Sprache üben keine Verordnungen, übt auch nicht die Schule, sondern die Wissenschaft und die Presse . Die deutsche Wissenschaft, die keiner Verordnung zu gehorchen braucht, spricht fast durchweg Welsch, und da sie die vornehmste Geistesbehörde Deutschlands ist, so bildet ihre Sprache das Vorbild für die meisten Schreiber. Die Presse aber, diese dauernde Lehranstalt jedes Volkes, wird von Männern der welschenden Wissenschaft vorgebildet und schreibt die Sprache ihrer Lehrer: Welsch. Der sprachliche Einfluß der fast durchweg welschenden Presse ist unendlich größer als der einiger trefflich verordnender, aber selbst weniger trefflich schreibender Behörden.   Vor einigen Jahren urteilte eine damals Deutschland gegenüber anständige französische Literaturzeitung in der Besprechung eines neuen Bandes von Karl Lamprecht: › L' Auslaenderei est toujours encore un défaut des Allemands ‹, womit sie höflich den Satz umschrieb: Wieder ein deutsches Buch in halbfranzösischer Sprache. Für die einem Franzosen ebenso unfaßbare als widerwärtige Ausländerei fand der Schreiber kein französisches Wort, mußte sich also eines deutschen Fremdwortes bedienen! Als beim Ausbruch des Krieges im Sturm der deutschen Begeisterung das Schild des weithin bekannten Café Français in Leipzig niedergeholt wurde, rief ein alter Leipziger arglos entzückt aus: ›1870 haben sie das eegal so scheene gemacht!‹ Noch ein ebenso ›scheenes‹ wie wahres Geschichtchen: Die deutsche Besitzerin eines Landhauses für Fremde in Warnemünde änderte im August 1914 die frühere, vornehmlich auf russische Gäste berechnete Bezeichnung Datscha aus glühender Vaterlandsliebe in: Villeggiatur . Ich fahre mit Geschichtenerzählen fort, bemerke aber zuvor auf die etwaige Frage, was solche vereinzelte Geschichten beweisen? –: sie sind nicht vereinzelt, sondern sie sind ein winziger Ausschnitt aus der Ausländerei unsers ganzen öffentlichen Lebens und sie beweisen, was eigentlich kaum noch bewiesen zu werden braucht, daß ein weitverbreitetes Undeutschland mitten in Deutschland liegt. – Eine der großen Berliner Zeitungen, eine sonst gutdeutsch gesinnte, schließt einen schwungvollen Aufsatz über die deutsche Kriegsanleihe: ›Wir zweifeln nicht, daß es zu einer wahren Levée en masse kommen wird.‹ Also bis in die wahrhaft deutschen Reihen macht sich die Wirkung der sprachlichen Fremdenlegion in Deutschland fühlbar. Mit witzig sein sollendem Spott berichten deutsche Zeitungen, daß die Pariser Riechstoffhandlungen im Kriege statt Eau de Cologne feilhalten: Eau de Pologne ; werfen sich wohl gar in die Brust ob der deutschen › kosmopolitischen Unbefangenheit‹, der ›weltbürgerlichen Aneignungsfähigkeit‹. Ich trete, gleichfalls im Kriege, in eine feine Butterhandlung Berlins und sehe ein großes frischgefertigtes Schild: ›Deutscher Fromage de Brie ‹. Warum denn nicht? Deutsche Dichter sammeln ihre Liedlein zu ›Deutschen Chansons ‹; deutsche Rennställe veranstalten das ›Deutsche Derby ‹ auf dem ›deutschen Turf ‹ mit Handicap und englisch-französischen Pferdenamen; wir erfreuen uns einer ›Deutschen Revue ‹; wir sind besorgt ums ›deutsche Prestige ‹; deutsche Minister sprechen zu deutschen Volksvertretungen in französischen Brocken; ein deutscher Hof ist erst vollkommen mit einer Maison militaire (S. 37); deutsche Kriegshilfe hat ein Zentraldépôt ; die kaiserlichen Statthalter in den besetzten feindlichen Gebieten heißen Generalgouverneur ; ja, in Brüssel hat sich sogar eine ›Bildungszentrale des Generalgouvernements ‹ – darf ich sagen: aufgetan?, oder nicht auf Gebildet besser: etabliert, konstituiert, organisiert, installiert, zentralisiert und ihre Aktion durch ein Zirkular inauguriert ? Möchtest du, mein Leser, dich nicht einmal in aller Geschwindigkeit überzeugen, daß du die sprachliche Ausländerei in deiner eignen Westentasche mit dir herumträgst? Zieh deine Taschenuhr heraus, öffne Außen- und Innenkapsel – ach so, ich muß diese, damit du mich verstehst, Cuvette nennen –, und schau einmal auf die kleine Scheibe zur Gangberichtigung ( Regulierung ). Das Vorrücken wird durch A ( Avancer ), das Verlangsamen durch R ( Retard ) bezeichnet. – Ich höre die Entschuldigung der ›weltbürgerlichen Aneignungsfähigkeit‹: die meisten Taschenuhren kommen aus der französischen Schweiz. Freilich, aber keinem deutschen Uhrenhändler fällt es ein, den Erzeugern in der Schweiz deutsche Bezeichnungen vorzuschreiben. Die englischen Händler schreiben ihnen F ( Fast ) und S ( Slow ) vor. Merkst du den Unterschied? Es ist der kleine zwischen Herren- und Dienervolk! Ich habe, wie gewiß viele Leser, deutsche Zeitangaben mit a. m. ( ante meridiem , Vormittag) und p. m. ( post meridiem , Nachmittag) gesehen; denn in England gibt es nur solche Zeitangaben, und das von Gott gebührendermaßen zu strafende England ist für Undeutschland maßgebend, sintemalen ›das Ausländische immer einen gewissen vornehmen Anstrich für uns hat‹ (Otto von Bismarck, 1849). Sprachliches und sonstiges Bediententum . Das Wort ist nicht von mir, die besten Männer Deutschlands haben es seit Jahrhunderten auf die deutsche Ausländerei angewandt: Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverei: Folgt daraus, daß Frankreich Herr, aber Deutschland Diener sei? Freies Deutschland, schäm' dich doch dieser schnöden Kriecherei! (Logau.) ›So geht es mit den Teutschen, daß sie immerdar wähnen, des andern Kuh habe ein größer Euter. Aus diesem ist geflossen, daß die Teutschen mehr von Indianern wissen zu sagen denn von Teutschen. Kunst, Sprach, Weisheit, Red und Taten, die lassen sie demütig andern, ja geben es ihnen selbst und rühmen und bewundern fast törigt andrer Rat, Tat, Bücher, Lehre, Red, und gefällt einem Teutschen nichts, was sein eigen ist, sondern der Fremden Sitten, Sprachen, Kleidung, Geberden ... Und in Summa wie die Affen sich anmaßen, also daß Germania itzt voll teutscher Franzosen ist. Ein Franzos wünscht sich nicht, daß er ginge, redt wie ein Teutscher. Ein Ungar nähme einen teutschen Rock nicht geschenkt. Ein Teutscher hat aber des ein Wollust, mag nit sein eigen Sprach, Kleidung . (Anton Pirkheimers ›Traktat an die Teutschen‹ von 1515, genau vor 400 Jahren!) Die Franzosen betrachten denn auch die deutschen Welscher als ihre sprachlichen Bedienten. Sie haben uns dies seit Jahrhunderten ins Gesicht gespien –, geholfen hat es nichts. Im Jahre 1783 schrieb der Franzose Rivarol in einer von der Berliner – nicht von der Pariser! – Akademie Preisgekrönten Schrift ›Über die Weltherrschaft der französischen Sprache‹ den ewig denkwürdigen Satz: ›Wir lernen die Verachtung der deutschen Sprache von den Deutschen. ‹ Hat sich seit diesem von einer deutschen Akademie preisgekrönten Satz etwas Wesentliches im sprachlichen Undeutschland geändert? Oh, man möchte wohl anders, aber man mag in Wahrheit nicht, denn man kann nicht. Laß dich, mein Leser, nicht täuschen durch bloßes deutschtuendes Gerede in Undeutschland! Dergleichen hört sich sehr patriotisch und national an, ist aber nur Wortgebimmel. Eine große anständige süddeutsche Zeitung druckt ›Die zehn Gebote des Krieges‹, darunter dieses: ›Laß dich nie mehr gelüsten nach deiner Nachbarn Sitte, Unsitte, Sprechweise und Tracht, noch nach irgend etwas, das nur für die Fremden gemacht ist‹. Ich habe mit einem Kantel einen Rahmen von 15 Zentimetern Breite rings um jene überaus patriotischen und nationalen Zehn Gebote abgemessen und die Wörter der fremden Sprechweise im Raume dieses Rahmens gezählt: es waren nur 27, davon 11 Französeleien, nicht mehr. Man kann doch aber solche unschuldige kleine Ausländereien treiben, ohne daß der Patriotismus , die nationale Gesinnung, – oh pardon! die Vaterlandsliebe dadurch Schaden nimmt.‹ Wollen wir, mein Leser, uns nicht mit rückhaltloser Offenherzigkeit auch über das Wesen echter Vaterlandsliebe klarwerden? Wollen wir nicht endlich einsehen, daß uns die redensartlich gewordene ›Vaterlandsliebe‹ aus dem Elend Undeutschlands nicht erlösen kann, sondern daß wir dazu dessen bedürfen, was alle unsre Feinde besitzen und wodurch sie ihr Volkstum unbeschädigt, unbesudelt durch die Jahrtausende hindurch getragen haben: die Vaterlandsleidenschaft ? Einzig sie, die tiefe läuternde Leidenschaft, kann uns retten: mit der lauen Liebe, die jeder im Munde führt, auch der ärgste Welscher, ist nichts getan. Nur die Völker, die mit leicht reizbarer Leidenschaft , mit schnell verletztem Ehrgefühl jedes ihrer Güter, und wäre es nur ein Satz, ein Wort, behüten, nur sie drücken einem stetig wachsenden Teile der Menschheit ihr Gepräge auf und schreiten als Herrenvölker durch die Zeit. Nur ein deutschsprechendes deutsches Volk kann Herrenvolk werden und bleiben. Unterwirft es sich den Sprachen andrer Völker, so begibt es sich in deren Hörigkeit. – Einem deutschen welschenden Professor war es vorbehalten, inmitten des Weltkrieges den schmachvollen Satz niederzuschreiben: ›Ich kenne nur eine Privat ehre, eine Volksehre gibt es nicht.‹ Zum Glück hatte ein andrer deutscher Professor, Friedrich Schiller , mehr als 100 Jahre zuvor geschrieben: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre – und hatte zu einer Zeit, als er Deutschlands Verhängnis herannahen fühlte, in einer unvollendet gebliebenen Dichtung seinem Volk über alle Zeitenferne zugerufen, was auf Seite 177 zu lesen steht und von jedem Deutschen auswendig, noch mehr inwendig gelernt werden sollte.   Deutsche Sprachehre Daß es eine Volksehre gibt, sehen wohl selbst die meisten deutschen Welscher ein. Daß jedes große Volk seine Sprachehre haben und hüten muß, ist den unbelehrbaren Welschern unfaßbar, denn ihnen ist die Sprache nur Verständigungsmittel, nicht heiliges Leben der Volksseele. Man hat dumme unreife deutsche Mädchen, die mit französischen Kriegsgefangenen geliebäugelt, ins Gefängnis gesperrt ›wegen Würdelosigkeit ‹. Wie denkt der Leser über deutsche Würde angesichts folgender recht bekannt gewordener Vorkommnisse inmitten des deutschen Weltkrieges? Ein preußischer Hauptmann weist voll Entrüstung zurück eine ihm ins Feld geschickte Zigarettenschachtel mit der Aufschrift: › Extra Noblesse de la fabrique Patria à Posen ‹ und fragt in der Täglichen Rundschau: ›Wird es noch nicht anders?‹ Er hatte gefühlt, was wir alle wissen: Es wird nicht anders. In einer salbungsvollen, ebenso ethischen wie patriotischen Kriegsrede fordert ein deutscher Pädagoge im Kriege im Interesse der deutschen Zukunft ›eine schärfere Disziplinierung , eindringlichere Zivilisierung, Kultivierung, Moralisierung und Divinisierung der Jugend‹. Alle diese wundervollen Ierungen der deutschen Jugend sind nur auf Undeutsch möglich. In Leipzig wurde während des Weltkrieges an dem großartigen Bahnhofsplatz ein großartiger neuer Gasthof fertig. Wie ward er benannt? Etwa nach Hindenburg? O viel großartiger: Hotel Astoria ! Zu Ehren Amerikas, das den Tod von Hunderttausenden unsrer Brüder verschuldet. Zu Ehren der längst stockenglisch-amerikanischen deutschfeindlichen Dollarraffersippe Astor. Und das Leipziger Polizeipräsidium, Dezernat für Revisionen von Hochbauten, hatte nichts dagegen. Warum denn auch nicht? Es handelt sich ja um eine ›deutsche Verkehrssitte‹. Mitten im Kriege suchte das Heringsdorfer Kurhaus durch Zeitungsanzeige: ›1 flotten Saucier , 1 Entremetier , 1 Rotisseur mit Zeugnissen erster Häuser‹. Der Zeitung kommt es natürlich nicht in den Sinn, dem welschen Kurhause in Heringsdorf zu erklären: Rücken Sie Ihre Anzeige in den Matin ein, nicht in ein anständiges deutsches Blatt! In Berlin gab es bis zum Ausbruch des Weltkrieges eine Schnapsschenke für Kavaliere, Gents und Gentlemen : The Queen Bar . Nach der Kriegserklärung Englands erfrechte sich dieser Bums, sich umzutaufen in: ›Hoch Deutschland!‹, gleichwie der Biermusikstall › Piccadilly ‹ sich am gleichen Tage › Café Vaterland‹ umzunennen erdreistete, alles mit Zustimmung der Polizei, wahrscheinlich des Dezernats für Restaurations wesen. Aber warte nur, balde, balde nach dem Krieg! Im Frühling 1914 erschien in Leipzig eine Volksausgabe – für das welschdeutsche Volk – von Richard Wagners Werken. Wie hieß sie stilgemäß? Nationaledition . Ein deutsches Hoftheater führt das vaterländische Schauspiel › 1812 ‹ auf und kündet auf dem Zettel: › Abonnement suspendu ‹. Wenn die Franzosen uns im Weltkriege besiegen sollten, könnte es viel schlimmer um die deutsche Sprache stehen? Ganz Frankreich brüllt uns stündlich sein Boches , also Schweinehunde! Hundsfötter! entgegen, verhöhnt unsre Sprache als ›das Bosch ‹ (vgl. S. 52); – der deutsche Welscher zuckt mitleidig überlegen die Achseln und beruft sich auf seine ›weltbürgerliche Aneignungsfähigkeit‹. Und nach diesen Beispielen, wenigen von den unzähligen, die man blindlings – mit der Zange, mit der Mistgabel – aus dem ausländernden Unflat jedes Tages herausgreifen kann, frage ich den Leser: Hat das deutsche Volk sprachliche Würde und Ehre? Der Deutsche ist der einzige Mensch auf Erden, der seine Muttersprache verachtet , der sich ihrer schämt. Dies ist die nackte Wahrheit, und kein begeisternd tuendes Gesinge von ›Muttersprache, Mutterlaut‹ darf uns über sie hinwegtäuschen. Es gibt die bekannte Englische Krankheit, die Erweichung des leiblichen Knochengerüstes; wir Deutsche leiden an der viel weniger bekannten Deutschen Krankheit , der seelischen Knochenerweichung. Es sollte sich in Paris, London, Rom, selbst in Petersburg ein Mensch ohne vaterländische Würde beikommen lassen, eine einzige der sprachlichen Ehrlosigkeiten an offner Straße zu begehen, die uns in Deutschland auf Schritt und Tritt entgegenschreien, was würde sein Schicksal sein? Ich habe mehr Achtung vor dem französischen Händler mit Eau de Pologne als vor dem deutschen mit ›deutschem Fromage de Brie ‹, ja selbst mit Eau de Cologne . Da streiten sich die Leut' herum, warum den Deutschen der Haß der ganzen Welt verfolgt. Hier und da hat man unter den Gründen dieses Hasses allerlei Läppereien aufgestöbert, bis zum Jägerhemd und Lodenrock der deutschen Wanderer, die unser gutes Gold in das uns stets abgünstig und gehässig gesinnte Ausland trugen. In diesem Zusammenhange hat man sogar etwas von einem ›deutschen Mangel an Würde‹, nämlich dem des Lodenrockes, geflüstert. An der schmachvollen Würdelosigkeit, daß ein so gewaltiges Volk wie das deutsche selbst noch in seinen Todesnöten des furchtbarsten Ringens der Weltgeschichte die Sprachen seiner giftigsten Feinde anbettelt, sind ›die deutschen Wortborger und Allerweltsanpumper‹, wie Vischer uns nannte, blind oder heuchlerisch vorübergegangen. Die geistige Hörigkeit dem Auslande gegenüber ist würdeloser als Jägerhemd und Lodenrock. Wir sind das Volk ohne festgefügte Muttersprache, das Volk ohne Schatten: der Peter Schlemihl unter den Völkern. So oft ich mich mit einem Welscher unterhalten habe über die Frage: In welcher Sprache wird das siegreiche Deutschland mit den Besiegten verhandeln? , bin ich ausgelacht worden mit meiner Forderung, es dürfe einzig in deutscher Sprache über den deutschen Frieden gesprochen werden. Der siegreiche Boche wird die vornehmere Sprache des besiegten ›ritterlichen Franzosen‹ stammeln. Dies lasse ich stehn und lass' es gern drauf ankommen, dereinst ins Unrecht gesetzt zu werden. Hüten wir uns, o meine Brüder, daß wir nicht völlig gleich werden unsern sprachlichen Lehnsherren, den Franzosen: der hohlen Phrasenmacherei zu verfallen. Hören wir ein für allemal auf, Muttersprache, Mutterlaut! zu singen, bis wir gelernt haben, die Mutterlaute der Muttersprache zu achten und nicht zu fordern, daß ein deutsches Wort sich ›decke‹ mit dem gemeinsten Welschwort, um des Zutritts in die vornehme Bildungssprache gewürdigt zu werden. Hören wir endlich auf, Geibels edles Wort: Und es mag an deutschem Wesen Einmal noch die Welt genesen – ohne tiefes Mitempfinden nachzuplappern; sondern horchen wir auf das Mahnwort desselben Dichters in seinem Trinkspruch von 1871: Wenn heut die ›patriot'schen‹ Gläser klingen, Dann sagt man wohl: Es soll die Welt genesen Noch einmal wieder an dem deutschen Wesen – Deutsche, genest ihr selbst vor allen Dingen! Und lassen wir uns noch von einem andern deutschen Dichter an Herz und Gewissen rühren, von Karl Immermann , der als Jüngling zornvolle Verse zurief seinem verwelschten Volke: – Das seines Banners Farben feig verhüllt Und mit entartet buhlerischem Trachten Dem Fremden huldigt, das ihm höher gilt; Es werde Knecht , denn es ist Knecht geboren; Es hat sich selbst geschändet und verloren.   Gelehrttuerei, Pennälerei In gemütlich behäbigem Spott hat Goethe einmal seines Herzens Meinung über den Kern der ganzen Sprachfrage kundgetan: Der Deutsche ist gelehrt, Wenn er sein Deutsch versteht ; Doch bleib' ihm unverwehrt, Wenn er nach außen geht. Er komme dann zurück, Gewiß um viel gelehrter, Doch ist's ein großes Glück, Wenn nicht um viel verkehrter. Viele Welscher kennen diesen Spruch und lächeln darüber: Der gute Goethe! Gelehrt mit Deutsch allein? Kindlicher Wahn, den man diesem nun mal hochberühmten alten Herrn konzedieren mag, der aber jeder wissenschaftlichen Fundamentierung entbehrt. Für die ganze Welt, nicht bloß für Deutschland, gilt Goethes Spruch in dem Sinne, daß man für einen hochgebildeten Menschen zu gelten hat, wenn man seine Muttersprache vollkommen beherrscht, sich in ihr edel und künstlerisch ausdrückt. In Deutschland gehört zur Gelehrsamkeit unerläßlich die Kenntnis von Fremdsprachen mancherlei, zum mindesten drei oder vier; doch wird keiner im reifen Alter auf seine wirkliche Gelehrsamkeit geprüft, keiner nach seinen fremdsprachlichen Papieren gefragt: als Ausweis genügt die durchs Welschen in möglichst vielen Sprachen an den Tag gelegte Scheingelehrtheit . Wirkliche Sprachenkenntnis kann sogar störend wirken: wer eine fremde Sprache gründlich kennt, ist meist zu stolz, um mit Bröcklein zu prunken, und schätzt sie zu hoch, um sie fremdwörtelnd zu verschandeln. Die welschende Gelehrttuerei ist in den meisten Fällen ein sicherer Beweis, daß der Herr Welscher von den geplünderten Sprachen nicht viel mehr als die Fundstellen fürs bequeme Mausen kennt. ›Soll ich denn meine akademische Bildung verleugnen?‹ (vgl. S. 62). Hier haben wir den musterbildlichen Ausdruck für den Seelenvorgang im Welscher: die Pennälerei . Dem Welscher ist in seiner scheingelehrten Haut nicht recht wohl; er fühlt sich trotz allem Dünkel gar nicht so sicher, wie er tut; leidet trotz allem an der heimlichen Furcht, der Inhalt seiner erhabenen Offenbarungen möchte doch vielleicht – es gibt so böse Menschen und so scharfe Augen – nicht jedermann auf der Stelle von der Strahlenkrone der Gelehrsamkeit umflossen erscheinen: besser ist besser, also zeige ich immer wieder die Papiere meiner Gelehrsamkeit vor, die Urkunde der höchsten Bildung, die da heißet Fremdwörterbuch. Sein Lebenlang schleppt der deutsche Welscher als der Ewige Pennäler sein Schulränzel mit sich und holt daraus bei jeder Gelegenheit die Beweise heraus, daß er von Kindesbeinen an Lateinisch, Griechisch, Französisch getrieben hat, also ein Mensch höherer Ordnung ist. Dem welschenden Pennäler genügt es nicht, etwas zu verschieben: auf Sankt Nimmerstag, auf die lange Bank, auf Pflaumenpfingsten, zu Pfingsten auf dem Eise, wenn die Böcke lammen, auf zweiten Sonntag vorm ersten Schnee, wenn der Kater Junge kriegt, – was alles jedermann, auch der Welscher, versteht; sondern stolz schreibt er: ad kalendas graecas , was nur einzelne Gelehrte genau verstehen. Wer aber wagt, solchem Beweise den Glauben an die ›akademische Bildung‹ zu versagen? Wir haben das liebenswürdige Wort Johannistrieb für die Verjüngung im Alter. Ganz hübsch; aber der den Schein der Gelehrtheit suchende Ewige Pennäler muß selbst in solchem Falle lateinern, und wo das Latein versagt, erfindet er sich ein Latein nach seiner Fasson und wird dabei selig. Ein noch lebender ordentlicher deutscher Professor, die letzte Säule der grundsätzlichen Bekämpfung eines saubern Deutsch, Hans Delbrück, schreibt Rejuveneszenz , denn alles andre ist ihm › nationale Verschleimung‹. Ein vermutlich großartiger Mann, ein Herr Bernouilli, möchte der Welt seine großartige ›wissenschaftliche‹ Entdeckung mitteilen: Je mehr einer schon besitzt, desto geringer ist seine Freude an der Vermehrung des Besitzes. Dieser Satz könnte aus einer Kinderfibel stammen, also muß er in erhabene Wissenschaft umgewelscht werden. Dies geschieht so: ›Der subjektive Befriedigungswert eines objektiven Quantums der Güter ist der Summe der von dem betreffenden Subjekte bereits besessenen Güter umgekehrt proportional .‹ Erst in dieser Fassung wird der Fibelsatz zur analytischen Psychologie oder Psychoanalyse , und wenn ich einer solchen Leuchte der Wissenschaft die pappene Welschermaske abreiße, so wird sie sehr böse, schimpft mich subjektiv und einen Puristen . Was denkt sich der Leser bei dem Satze: ›Je stärker die Eiterung, desto stärker die Ätzung‹? Er wird sagen: Sehr richtig, aber das ist keine neue Offenbarung der Wissenschaft. Geduld, mein Freund, im Umsehen – Geschwindigkeit ist keine Hexerei – macht der welschende Scheingelehrte hieraus einen Satz, der an Wissenschaftlichkeit nichts mehr zu wünschen läßt: ›Die Intensität der Kauterisation muß proportional sein der Intensität der Blennorhoe .‹ He? Siehst du jetzt, wie unentbehrlich solche wissenschaftlichen Ingredienzien wie tät, isation, ional sind? Die Kunst dieser Wissenschaft ist nicht so leicht, wie du denkst; aber auch nicht so schwer, wie man dir vorschwindelt. Sie erinnert ein wenig an das Hexeneinmaleins im Faust: Aus eins mach zehn, Und zwei laß gehn, Und drei mach gleich, So bist du reich. Sehr wohl, aber gelernt muß man das haben, und wenn du dich für ein Weilchen in meine Lehre begeben willst, so kannst du die wirksamsten Griffe dieser wissenschaftlichen Hexerei so gut wie irgendein welschender Wissenschafter vom Bau erlernen. Lies nach, was ich über die Geheimnisse der Welscherei schon früher ausgeführt (S. 68), und merke dir noch einige fernere Kunstgeheimnisse. Leihe dir von einem befreundeten Tertianer eine kleine lateinische und griechische Sprachlehre und lerne die Vorwörter, denn der vollkommne Welscher ist ohne sie nicht denkbar. Lerne für die Griechelei noch einige andre Künste, als da sind: neo (neu), miso (feindlich), pseudo (fälschlich), poly (viel), iso (gleich), pan (all), mono (allein), tele (fern), mikro, makro (klein, groß). Dies sind die häufigsten Vorderteile zusammengesetzter griechischer Wörter, und hast du erst einige Dutzend griechischer Wurzelwörter gelernt, so durchschaust du die Geheimnisse einiger Hundert überaus gebildeter Welschwörter. Schwieriger, desto ergiebiger ist das Erlernen der zahlreichen Welsch-Endungen. So viel wirst du schon allein gemerkt haben, daß ismus die tiefsinnigste ist, daß aber auch ik, ist, istik den deutschen Mann der Wissenschaft zieren. Das ist allerdings ist schon zu arg ausgeschrotet: die Lageristen und Probisten haben es den Idealisten und Germanisten gleichgetan; hingegen ist mit ik , besonders mit iker noch Ehre einzulegen. Carl Busse z. B. nennt Geibel einen Balladiker , eine Sprachfeinheit auf der Höhe von Budiker . Als Goethe und Schiller ihr Balladenjahr durchlebten, kam keiner von ihnen auf diese Bezeichnung ihres Tuns, – ein Beweis mehr, wie entwicklungsfähig trotz allem unsre arm Sprak, unsre plump Sprak ist. Gichtiker wurde auch schon von einem unsrer Sprachmeister gewagt, und der Alpiniker gilt mit Recht für noch vornehmer als der Alpinist . Wie wär's mit Novelliker neben Dramatiker ? Mit Schlachtiker und Bühniker ? Und wie mit Geistiker zur Ablösung des nachgerade schon etwas anrüchig werdenden Intellektuellen ? Leimst du gar unbekümmert um Sprachgesetze, ja um jeden sprachlichen Anstand an griechisches ist deutsches isch, so gewinnst du im Umsehn mehr als 500 Welschwörter von solcher Vornehmheit, daß kein noch so gutes deutsches Wort sich damit ›deckt‹. Die größten deutschen Gelehrten machen es nicht anders, und wenn du dich nicht schämst, deine Sprache mit andern roh zusammenzumanschen, so nimmst du es mit der Sprache der berühmtesten Gelehrten und Scheingelehrten auf. Die Kenntnis der bestbewährten Prima-Prima lateinischen Welschendungen erwirbst du dir durch oberflächliches Blättern in einem beliebigen Fremdwörterbuch. Die Kenntnis von tät, ität, ation, ition, otion, ution, ifikation, al, ell, iell, isieren, izieren, ifizieren, izität und ähnlicher Hilfsmittelchen setze ich bei dir voraus. Merke dir jedoch, daß neuerdings noch etwas feiner als die durch Überwelscherei mit der Zeit deklassierten ist und istisch die iv und ivisch geworden sind. Vergiß auch nicht, daß du alle Endungen, griechische, lateinische, französische, deutsche beliebig durcheinander quirlen darfst. Sprachgesetze gibt es hierfür nicht, Geschmack hat überhaupt nichts mit Welscherkunst zu tun: du kannst dir also ein Bild machen von den völlig unbegrenzten Möglichkeiten, dem Gebrauche deutscher Wörter aus dem Wege zu gehen und mit schier göttlicher Unbekümmertheit unter den Dutzenden von täten, itäten, ierungen, isierungen, izitäten, ivitäten usw. zu wählen. Wiederum sage ich dir: die berühmtesten Leuchten deutscher Wissenschaft treiben es sprachlich nicht anders. Der Gefahr, eine blitzeinfache Sache redlich durch ein blitzeinfaches Wort auszudrücken, kannst du stets entgehen, wenn du folgende wenige Beispielchen gründlich durchforschest. Ranke will nicht Ehe schreiben, denn so schreibt ja auch seine Köchin, und Ehe ist ganz und gar nicht gelehrt. Er schreibt › maritales Verhältnis‹, und sogleich waten wir tief in der Wissenschaft. – Du willst sagen: ›Die Vaterlandsliebe hat wie jedes Ding, jedes Gefühl zwei Seiten.‹ Sage: ›Es gibt eine Bipolarität der Gefühle,‹ und du stehst auf der sprachlichen Höhe Schellings. Soeben finde ich bei einem Herrn R. Scheu: Bilateralität , – Glück muß man haben! Im Weltkriege entstand das Bedürfnis, zu der ›Einmischung‹, die selbstverständlich nur Intervention heißen konnte, ein persönliches Wort zu bilden. Kein Mensch in Wissenschaft und Zeitung verfiel auf ›Einmischer‹, denn der Deutsche lehnt ein deutsches Wort ohne weiteres – › a limine, a priori, eo ipso, implizite, prinzipiell ‹ – ab. Nein, gestritten wurde, der Krieg ließ Zeit und Laune dazu, was ›besser‹, was ›richtiger‹ sei, und ganze tieftiftelnde Aufsätze, esprit volle Fölljetonkß , wurden geschrieben über den Vorrang von: Interventisten, Interventionisten, Interventionalisten , und es entstand ein Hallo, als ein Welscher, einer von den mehr schlichten, schüchtern vorschlug: Intervenisten . Kein noch so verwegener Purist wagte sich in den deutschen Männerstreit mit der Frage, ob man es nicht mit ›Einmischer‹ versuchen wolle. Vermeide solche deutsche Plattheiten wie Arme und Beine; obere und untere Gliedmaßen sind schon etwas vornehmer, aber doch eben nur deutsch; schreibe Extremitäten , so ist dies zwar nicht einmal Küchenlatein oder Kellnerfranzösisch, aber feinstes Welsch. Schiller überschreibt seine Doktorarbeit: ›Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit der geistigen.‹ Du begreifst, daß eine solche schlichtdeutsche Bezeichnung sich für einen Klassiker eigentlich nicht schickt; ein hochgelehrter Germanist kommt darüber und übersetzt Schillers plumpe Überschrift in wissenschaftliches ›Deutsch‹: ›Der Connex der physischen und geistigen Natur des Menschen.‹ Geht dir die höhere Nüankße dieser Fassung nicht auf, so wird im Leben kein brauchbarer Welscher aus dir. – Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft wurde von Robert Mayer und Helmholtz deutsch und allgemein verständlich benannt: Gesetz von der Erhaltung der Kraft; die ihnen nachfolgenden Koryphäen reden und schreiben fast nur noch von der › Konstanz der Energie ‹ und schwingen sich dadurch hoch über Mayer und Helmholtz hinaus. Erniedrige dich nicht zu solchen Alltagswörtern wie Wasserkraft; schreib' und sprich hydraulische Energie , und niemand wird an deiner akademischen Bildung zu zweifeln wagen. – Was ist ein Loch? Bist du geistreich, so antwortest du vielleicht: eine Lücke im Weltenbau. Geistreichsein ist gut, Gelehrsamkeit oder ihr Schein stehen höher im Preise; antworte: ›Die partielle, formell variable Negation einer relativen Totalität .‹ Denn die Hauptsache für einen Gelehrten oder einen, der dafür gehalten sein möchte, ist die Kunst, ›sich en parlant von der Canaille zu distinguieren ‹, wie der dieses eine Mal witzige Gottsched die sprachliche Gelehrttuerei überaus glücklich benannt hat. Ebenso witzig, noch dazu in aller Herzensunschuld, fragte nach der gewiß zuverlässigen Quelle der Fliegenden Blätter ein vaterländisch bestrebtes Backfischchen seine ebenso vaterländische Tante zur Zeit des deutschen Hochschwunges im Weltkriege: ›Als anständiger Deutscher gebraucht man keine Fremdwörter mehr; aber – woran merken denn nun die Menschen, daß man gebildet ist? ‹ Mit dieser nur zu wohl berechtigten bangen Frage eines in Einfalt ahnenden kindlichen Gemütes vergleiche man die stolzbewußte Entgegnung des akademisch gebildeten Museumsleiters auf S. 62. O ihr dunkeln Abgründe der menschlichen Seele, ihr noch dunkleren der deutschen! Aus Vornehmtuerei wird bei uns in allen nach Vornehmheit strebernden, d. h. in allen sich überhebenden Schichten gewelscht. Vornehm möchte jeder Welscher mit seinem scheingelehrten Pennälerkram scheinen. Wie rätselhaft, daß noch keiner die obenaufliegende Wahrheit begriffen hat: Da jeder Schmierer welscht, genau so welscht wie der ernste, aber sprachlich verbildete Schreiber, so kann es doch nur eine echte Vornehmheit geben: nicht zu welschen, sondern Deutsch zu schreiben . Von der Einsicht in diese Binsenwahrheit hängt das Schicksal der deutschen Sprache in Deutschland ab. Laß dich, mein Leser, nicht verblüffen durch die welschende Scheingelehrsamkeit! Hinter ihre gar durchsichtigen Künstlein und Künsteleien, hinter ihre ruppige Vornehmheit wirst du mittlerweile gekommen sein. Es gibt ein altes lustig zu lesendes Büchlein von Hermann Detmold: Anleitung zur Kunstkennerschaft (1838); darin wird der sprachliche Hokuspokus der Kunstschreiber mit vernichtendem Spott bloßgelegt. Die Kunst, in 24 Stunden ein vollkommner Welscher zu werden, hat für dich keinen Reiz; wohl aber läßt sich in kürzerer Zeit entdecken, woher die Scheingelehrsamkeit ihren Schein bezieht. Sei unerbittlich gegen diesen Schein, diesen dünnen brüchig absplitternden Firnis. Kratz ihn ab und sieh streng zu, was darunter sitzt: du wirst in den allermeisten Fällen, selbst bei nicht wertlosen Schreibern gewahr werden, daß durchaus keine neue tiefe Offenbarung unter dem Welschplunder steckt, sondern eine Dürftigkeit, die eben nur durch ihn aufgeputzt werden sollte. Der wahre wissenschaftliche Wert eines deutschen Buches besteht nur in dem, was nach der Verdeutschung seiner Welschbrocken übrig bleibt.   Das unvornehme Deutsch Jedes Volk auf dem Erdenrund hält seine Muttersprache für die vornehmste; der Deutsche, d. h. der Welscher, hält Deutsch für unvornehm, jedenfalls für unvornehmer als alle von ihm geplünderte Fremdsprachen. Ohne die Vornehmtuerei hätte das Gewelsch nie seinen ungeheuren Umfang angenommen. Ein Wandel der Wertung des Welsch, ein kräftiger und nachhaltiger Anstoß von den Höhen des Volkes, von den Herrschenden oder den Geistigen, – und die Mode würde sich drehen: Welsch würde für so unvornehm gelten, wie es in Wahrheit ist; für unvornehmer, als Gummiwäsche zu tragen oder stählerne Messer abzulecken. Wohl erst dann würde diese höchst widerwärtige Bildungskrankheit geheilt sein. In früheren Zeiten war man wenigstens ehrlich genug, die Unvornehmheit des Deutschen gegenüber dem Welsch treuherzig zu bekennen. Im 17. und 18. Jahrhundert schrieb man Welsch ohne wissenschaftliche Verbrämungen, besonders das französelnde um der größeren Fürnehmheit willen. Campe berichtet den köstlichen Einwand des Goethefreundes Philipp Moritz gegen Frühstück für Déjeuner : ›Es würde sonderbar klingen, wenn man sagen wollte: Der Prinz gab ein Frühstück‹. Schon damals ›deckte‹ sich das plumpe Deutsch nicht mit den Feinheiten des welschen Zeitalters. Übertreibe ich etwa? Hat nicht z. B. die ganze überaus vornehme Welt der Hôteliers , besonders der Grandseigneurs der Grandhôtels sich gegen den deutschen Gasthof ausgesprochen, weil für einen anständigen Gasthof nur Hôtel passe? Und aus welchem andern Grunde als dem der größeren Vornehmheit schwelgt grade die höchste Bildung in Welschereien wie Lyzeum, Direktor, Kurator, Assistent, Sekretär, Redakteur, Redaktion, Präsident, Kustos und die Unbildung in der Vornehmheit von Friseur, Friseuse, Masseur, Maniküre, Pediküre, ondulieren ? – Der Snob ist ein Schmock oder ein Fatzke; aber selbst der lächerlichste Snob behält einen Schimmer weltmännischer Vornehmheit gegenüber dem ehrlichen Schmock und Fatzke. – Smart ist um nichts mehr oder besser als etwa ›deftig‹. Smart ist vornehm, über deftig wird die Nase gerümpft, obwohl es ein untadliges altes, schon 1663 von Schottel erwähntes Wort ist. – Warum es leugnen: Poesie gilt den Meisten für vornehmer als Dichtung, Romancier als Romandichter, Chic als Schick, Situation als Lage, und ein Direktor ist unvergleichlich vornehmer als ein Leiter. Wer wagt heute noch einen gutgekleideten Langfinger Dieb zu nennen? Der Mann darf nicht einmal an der Stehlsucht leiden, sondern an der Kleptomanie und wird hierdurch zum interessanten Objekt und Phänomen der experimentellen Psychiatrie oder Phrenologie . Ein Mensch der ›besseren Stände‹ stirbt nie am Suff, kaum an der Trunksucht, allenfalls am Alkoholismus , denn jeder Ismus hat eine reinigende Kraft. Eines der vornehmsten Welschwörter des Geisteslebens ist zurzeit die Mentalität , die selbstverständlich für unvergleichlich vornehmer gilt als Seelenzustand, Gesinnung, Hirnverfassung, Geistigkeit. Es hat nie eine mönchs-, nie eine küchenlateinische mentalitas gegeben; aber seit etwa 5 Jahren ist die Mentalität in der Welschersprache da, und kein sich achtender Welscher läßt dies duftige Veilchen unbemerkt, das ihm am Wege blühet. Woher auf einmal dieses köstliche Gewächs? Weil die Franzosen ganz berechtigterweise zu ihrem romanischen Eigenschaftswort mental die mentalité geprägt und diese ebenso berechtigterweise jüngst in ihren wissenschaftlichen Sprachgebrauch eingeführt hatten. Die deutsche Wissenschaft besaß außer den vielen guten deutschen noch ein halbes Dutzend altbewährter welscher Wörter aus dem Küchenlatein für Seelenzustand usw.; kaum aber hatten unsre heimparisischen Welscher erfahren, daß die Herren Franzosen jetzt mentalité sagen, so mußte diese aufgeschnappt werden, und jetzt droht sie selbst das schönste Küchenlatein zu verdrängen. Sic transit – seufzt der Welscher. Man denke nur an die entsetzliche Offensive , die uns im Weltkriege in jeder deutschen Zeitung vom Deutschen Reichsanzeiger zum Kuhschnappler Lokal- oder Generalanzeiger morgens, mittags, abends je zehnmal vorgesetzt wurde, bis Angriff, Vorgehen, Ansturm, Vormarsch wie Wörter aus einer andern, niederen Welt klangen, und bis uns die Welscher versichern durften, daß sich mit der einzigartigen Offensive nichts auf deutscher oder fremder Erde ›decke‹. In meinem Hause und Freundeskreise wurde dem Schwindel mit der Offensive dadurch ein Ende gesetzt, daß wir sie nie anders als Ofenseife nannten, gleichwie die Vornehmheit der Doppelnäselei Entente durch ihre Volks etymologisierung zum Ententee schon im Keim erstickt ward. Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehn. Wie mögen es nur die kämpfenden Russen, Serben, Bulgaren, Türken, Griechen, Japaner anfangen ohne die ›unentbehrliche‹ Offensive ? Der welschende Schmock ertiftelt sich sogar Gradunterschiede der Vornehmheit seines Wortschatzes, die es nur in seinem Hirn gibt. Ich verweise auf die Rangklassen von Novum, Novität, Nouveauté (S. 19). Die sprachwissenschaftlich pöbelhafte Endung ell ist für den Welscher etwas besonders Vornehmes: zu den Sprachkleinoden jedes Welschers gehören individuell, originell, sexuell, reell (neben real ) , ideell, formell . Eine kleine feine Abart der Vornehmtuerei ist das Italienisch des Kunstschreibers . Wo der sprachlich Gesunde ›15. Jahrhundert‹ sagt, da heißt es bei jenem: Quattrocento , weil die Italiener so sagen. Kinder oder Engelein sind Putten , auf der höchsten Stufe der Vornehmheit Putti , weil die Italiener so sagen. Das Jesukind heißt auf Vornehm: Bambino , denn so sagt man in Italien. Maria mit dem toten Sohne heißt unbedingt Pietà , Mariens Himmelfahrt ist im Kunstschmockwelsch ausschließlich Assunta , obwohl Schmock keine Ahnung hat, was oder wer Assunta ist, und Christi Verklärung heißt in seiner technischen Terminologie gar fürnehm Transfiguration , in den Weihestunden seines Lebens Trasfigurazione . Kein französischer, englischer, italienischer Gelehrter kommt je auf den unverschämten Gedanken, daß er, der noch so berühmte Einzelmensch, über seiner Muttersprache stehe, daß sie einmal nicht ausreichen könne, seinem kühnsten Gedankenfluge zu folgen, ja ihn zu überflügeln. Nur der deutsche Schreiber aller Stufen bläht sich vornehmtuerisch über die Sprache seines Volkes empor und sagt durch jedes seiner Tausende von Welschwörtern, daß für ihn das Deutsche ein längst überwundener Standpunkt, allenfalls noch die Domäne primitiver nationalistischer Puristen ist. Der große humanistische Philologe Birt in Marburg (vgl. S. 106) verkündet wörtlich: ›Eine von allem (?) Fremden gereinigte deutsche Sprache wäre nicht mehr diensttauglich [also ›dauernd unbrauchbar‹], nicht mehr lebensfähig; es wäre ein Zurückschrauben ins Primitive .‹ Hierdurch erfahre ich endlich, was ich bin: ein Primitiver , also so etwas wie einer aus der Steinzeit oder aus dem Weltalter der Bärenhaut. So hoch gefürstet ist kein Fürst, ja selbst kein Professor, daß er nicht durch reines Deutsch an wahrer Vornehmheit gewönne, durch noch so vornehmtuerisches großartiges Welsch verlöre. Welsch ist durch und durch niedrig, gemein, unvornehm, oder, um von den Welschern besser verstanden zu werden, in ihrer Sprache: subaltern, inferior, ordinär, kommun, kommiss, vulgär, plebejisch . Sehr alt schon ist der Spottgebrauch der Lustspieldichter, das unvornehme Geckentum durch seine blöde Fremdwörterei zu kennzeichnen: Lanzilot im Kaufmann von Venedig, Holzapfel in Viel Lärm um nichts sind köstliche Beispiele für den Späherblick des großen Seelenkündigers selbst in solchen Kleinigkeiten. Daß ein wahrhaft vornehmer Mensch je fremdwörteln könne, erschien dem englischen Dichter allerdings undenkbar. Bei uns hat ein Jahrhundert nach Shakespeare Leibniz der welschenden Vornehmtuerei gesagt, wie es in Wahrheit mit ihr stehe: ›Sagen sie (die Gelehrten), daß sie nach vielem Nachsinnen und Nagelbeißen kein Teutsch gefunden, so ihre herrliche Gedanken auszudrücken gut genugsam gewesen, so geben sie wahrlich mehr Armut ihrer vermeinten Beredsamkeit als die Vortrefflichkeit ihrer Einfälle zu erkennen.‹   2. Was die Welscher sagen Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, Man soll sie billig hören alle beede! – Hören wir also die Gegner , die welschenden Deutschen, die vom Welsch nicht lassen können, nicht lassen wollen, und die dieses Unvermögen und Nichtwollen zu verteidigen suchen. Es gibt schwerlich eine der großen Streitfragen des deutschen Volkes, über die mit den Gegnern zu verhandeln so widerwärtig und so hoffnungslos unfruchtbar ist, wie die, ob Welsch oder Deutsch die Sprache Deutschlands sein soll. Ich führe den Streit an dieser Stelle auch nicht etwa, um einen Berufswelscher zu überzeugen und zu bekehren, denn das ist so gut wie unmöglich; sondern um den unbefangenen, dem Welsch noch nicht rettungslos verfallenen, besonders den jungen Leser zu belehren, gegen wen es Kampf gilt. Widerwärtig ist dieser ganze Streit schon seinem Kerne nach: Deutsche sind gezwungen mit Deutschen zu streiten, ob in Deutschland die deutsche Sprache oder etwas andres gesprochen und geschrieben werden soll! Bedarf es der Worte, um das beschämende Ärgernis solches Streites verständlich zu machen? – Unfruchtbar ist er wegen der verblüffenden, oft fast entwaffnenden Unwissenheit des Gegners. Er weiß nichts von der Wissenschaft unsrer Frage; hat nie eins von den gründlichen Büchern über sie gelesen; kommt, gleichviel wie hoch sein Rang in andern Wissenszweigen, wie ein bildungsloser Stümper immer wieder mit kindlichen und kindischen Beweisgründen, deren Bodenlosigkeit seit einem Jahrhundert, besonders seit Campe, für jeden bewiesen ist, der lesen kann. Aber der Gegner liest nichts, weiß nichts, sondern schüttelt in der erleuchtenden Eingebung des Augenblicks Gründe aus dem Ärmel, die er, der Laie auf diesem Gebiet, für vernichtend hält und die den unterrichteten Fachmann nur zu mitleidigem Lachen zwingen oder ihn anöden. Als wollte ich, der nie eine kranke Lunge gesehen, mit einem Lungenarzt über sein Sonderfach streiten. Hinzu kommt die verzweifelte Lage des mit einem Welscher streitenden Verteidigers deutscher Sprache, den Gegner selbst über diese deutsche Grundfrage welschen zu hören. Ein einzig Mal haben sich die Welscher den Streit in deutscher Sprache zu führen herabgelassen: die tolle ›Erklärung‹ der 41 vereinigten Welscher von 1889 gegen den Deutschen Sprachverein war ausnahmsweise mit listiger Absicht in fast reinem Deutsch abgefaßt, um den harmlosen Lesern vorzutäuschen, daß die Verfertiger und Unterzeichner selber Feinde der Verwelschung unsrer Sprache seien und nur aus reinsten wissenschaftlichen Gründen den vermeintlich ›puristischen‹ Sprachverein bekämpften. Es war in Wahrheit das erste und letzte Schriftstück in reindeutscher Sprache, das der Verfertiger und der Verbreiter, die Professoren Erich Schmidt und Hans Delbrück, je unter ihrem Namen in die Welt gesandt hatten. Die Freunde deutscher Sprache führen eine Sache , die welschenden Gegner fechten für ihre Person . Auf Welsch: wir sind die Objektiven , die Desinteressierten ; sie die Subjektiven , die Interessierten . Selbstlosigkeit kämpft gegen Eigennutz: so, nicht anders, steht der Kampf. Was in aller Welt erwartet der Verteidiger deutscher Sprache von seinem Siege für sich? Außer der sachlichen Befriedigung gar nichts. Für den schreibenden Welscher hingegen geht es in diesem Kampf um sein persönliches schriftstellerisches Dasein, und er fühlt das, er weiß das, sagt es aber nie. Er verteidigt seine Welschersprache, die einzige, die er schreiben kann, und er weiß, daß, wenn die deutsche Sprache aus diesem Kampf als Siegerin hervorgeht, alles Welschgeschriebene schon vom nächsten Geschlecht als unlesbar empfunden werden wird, es sei denn daß ein erlauchter Name und unsterbliche Werke dahinter stehen. So kämpft er verzweifelt für den Dauerbestand seines Welsch wie für sein Haupt und für sein Leben, und könnte unser Mitleid erregen, wenn nicht die Heiligkeit der von uns verfochtenen Sache uns hart machte gegen den Feind, der sein einziges Sprachgut zu retten sucht. Umlernen kann er nicht, will er nicht: zu tief haben sich Fremddenken und Fremdsprechen eingefressen, zu hoch bläht sich der Dünkel auf die größere Vornehmheit und Wissenschaftlichkeit der Ieren-, Ik- und Tät- Sprache. Die Quellkraft deutscher Rede ist ihm durch menschenaltriges Welschen versiegt. Im Unterbewußtsein aber lauert trotz aller Fremdgroßsprecherei die bange Sorge, ob ohne den Aufputz mit -ieren und -iken und -täten , mit individuell, Analyse und Synthese der bloße Inhalt seines Schriftwerkes Verstand und rechten Sinn genug besitze, um den vornehmlich nach dem Aufputz urteilenden gewohnheitsmäßigen Welschlesern ebenso ›wissenschaftlich‹ zu erscheinen. Dieser Aufputz war sein Stolz, das Insiegel auf seinen ›akademischen Bildungspapieren‹. Einen andern ›Stil‹ als den welschen kann er nicht schreiben; er müßte seine Feder zerbrechen, wenn diese Schreibweise der verdienten allgemeinen Lächerlichkeit und Verachtung verfiele. Begreifst du nun, mein Leser, warum die Welscher die Forderung reiner Menschenrede mit allen Mitteln, bis zum Geschimpf über die ›Puristen‹, bekämpfen? Und wo blieben ihre welschgeschriebenen Bücher, wenn Deutsch die Schriftsprache Deutschlands würde? Der Gedanke ist für sie grausig: eine ganze Literatur mit all ihrer Großtuerei versunken, – versunken wie die des 17. Jahrhunderts, versunken aus demselben Grunde: durch den Wechsel der Sprachform. Unzweifelhaft werden künftige Geschlechter die Schriften der heutigen Welscher mit den gleichen Gefühlen, dem gleichen Spottgelächter lesen, womit heute ein Stil wie der Wallensteinsche (S. 8) gelesen wird. Dazu kommt bei den Welschern von heute die krankhafte Selbsttäuschung, jedes ihrer einmal hingeschriebenen Welschwörter sei geheimer Kräfte voll, obwohl sie alle das ausgedroschenste Stroh der Sprache sind, worüber jeder Schmierer verfügt. Auf die zauberischen Nüankßen von Individualität, analysieren, synthethisch, Milieu, Interesse verzichten und sich mit plumpem Deutsch begnügen, das sich ja mit keinem noch so elenden Welschwort ›deckt‹ –? Unausdenkbar! Wo bliebe dabei die ›akademische Bildung‹?   Die Welscher in der Macht Und die Welscher haben die Macht ! Nicht die Macht der Gründe, aber schlichtweg die Macht. Sie sind Hochschullehrer, dürfen also die ihnen schutzlos preisgegebene, zu reinem Deutsch auf den Mittelschulen erzogene Jugend sprachlich in Grund und Boden verderben, immer neue Geschlechter von Welschern züchten, sich also ihre Sprachrichter selbst zurichten. Oder sie sind hochmögende Beamte, dürfen in einer Sprache ihres Gemäches zum Volke reden, das sie nur halb versteht, aber nicht etwa aufmucken darf: Wir haben zu fordern, daß unsre Beamten Deutsch zu uns Deutschen reden! Oder, was vielleicht das Gefährlichste ist: sie sind die Verfertiger der Druckschriften, die jeder, der Klügste wie der Dümmste, lesen muß , die Zeitungsschreiber, und sie zwingen ihre welsche Sprache durch die ständige Wiederkehr derselben Brocken den Millionen auf. Wer der Alltagsrede, sagen wir z. B. der Kannegießerei, aufmerksam lauscht, der kann in einer Stunde schon ein kleines Welschwörterbüchlein sammeln mit all den abgegriffenen, ausgefransten Ladenhütern wie: energisch protestieren, vitalste Interessen, frondieren, individualisieren, organisieren, zentralisieren . Ja sie sind in der Macht; sie beherrschen den Tag, sie beherrschen die Stunde und sie halten die Zukunft deutscher Sprache zwischen ihren Schreibfingern, ohne eine Ahnung der ungeheuren geistigen Verantwortung, die auf ihnen ruht. Und weil sie in der Macht und Übermacht sind, ist der Kampf gegen sie bisher mit einer scheuen Lauheit und zarten Rücksicht geführt worden, durch die sie nur noch sicherer gemacht wurden. Mit demütigen Mahnungen und Bitten hat man Sprachverderber behandelt, die höchstens durch schroffstes Zurechtweisen und Anherrschen allenfalls zu einigem Nachdenken über ihr Tun gebracht werden könnten. Nur durch mein schonungsloses Aussprechen der Wahrheit in der ›Deutschen Stilkunst‹ habe ich den hochberühmten Führer der welschenden Gemeinde zur Einkehr und Umkehr gezwungen; habe ich einen andern Welscher bewogen, seine erste welsche Auflage in eine zweite deutsche zu übersetzen, und es wäre mir wohl auch mit ihnen nicht gelungen, wenn mir nicht ihre eigne Gescheitheit geholfen hätte. Gegen die sich im Rechte des Besitzes spreizende Unheilsmacht ist mit sanft liebreichem Zureden gar nichts auszurichten. Wie soll man höflich bleiben gegen einen berühmten Welscher, der sich erdreistet, die große Volksbewegung zu reiner Sprache ›Puristendummheit‹ zu schimpfen, ihn der noch für Deutsch, für Bildungssprache hält Sätze wie: ›Diogenes gerierte sich im Leben als ein potenzierter Sokrates‹, was heute schon ein besserer Handlungsreisender verschmähen würde –? Oder gegen den anmaßendsten und zugleich unbedeutendsten Germanisten , der sich hochnäsig über jede Sprachbewegung erhaben bläht, aber in einer Schrift über nationale Erziehung, wahrhaftig über nationale , ein Zeug verübt wie: ›Die Interessenpolitik des Territoriums oder des Standes atomisiert die Nation ?‹ Oder gegen einen gradezu krankhaften Verfolger jeder völkischen Scham in Sprachfragen, der Gustav Freytag vorwarf, er habe sich von der ›Seuche der Sprachreinigung unterkriegen lassen‹? Freytag hatte nämlich in einer Neuausgabe seiner Werke über 500 überflüssige Fremdbrocken dahin geworfen, wohin sie gehören: auf den Müllhaufen der Sprache. Man stelle sich vor, was doch nicht zu den naturwidrigen Unmöglichkeiten gehört: Ein junger Gelehrter, der gern Professor werden möchte, erklärte, ohne Welsch kann ich so wenig mündlich wie schriftlich lehren, und die Anstellungsbehörde erwiderte ihm: Dann kann ich dich nicht zum Jugendlehrer machen, denn ich stelle nur solche Männer an, die Deutsch sprechen und schreiben, und ich habe mehr als einen Bewerber mit gleichen Fähigkeiten wie den deinen, der Deutsch sprechen und schreiben kann und will. Hier sähen wir die Macht gegen die Macht, und was wäre das Ergebnis? Der unbelehrbarste Welscher würde sich fügen, sobald er durch einen heilsamen Lebenszwang angehalten würde, auch in sprachlichen Dingen Anstand zu wahren und Ehrgefühl zu bekunden. In allen Bildungsländern herrscht dieser durch kein Gesetz geübte Volksehrenzwang: ein französischer, englischer, italienischer Hochschullehrer mit roh verschmutzter Sprache wäre unmöglich bei Behörden und Schülern, gleichwie eine Zeitung jener Länder mit volkswidriger Sprache nicht ein Jahr leben könnte.   Nur keinen Zwang! Verstehst du jetzt, mein Leser, das Angstgeschrei der Welscher: Nur keinen Zwang in sprachlichen Dingen!, nur keine Sprachpolizei !, nur festes Vertrauen auf die siegreiche ›Macht der Freiheit‹, oder wie es in der denkwürdigen Erklärung der Welscher von 1889, ihrem Glaubensbekenntnis, hieß: ›Unsere durch die Freiheit gedeihende Sprache –‹? O ja, sie ist durch die Vogelfreiheit der Sprache, durch die Freiheit der Welscher, jede Fremdwurzel ins Erdreich deutscher Sprache zu pflanzen, herrlich gediehen: bis zu den 100 000 Welschereien unsrer immer noch unvollständigen Fremdwörterbücher. Und dann, Zwang gegen Zwang: unsre Hochschuljugend wird gezwungen , das Welsch ihrer Lehrer zu erdulden; der Staat schützt sie nicht. Völkisch und sauber empfindende Menschen werden gezwungen , sich durch das verwelschte Straßenbild beleidigen zu lassen; die Polizei, die Herrin der Straße, hat nichts gegen einen Burschen, der inmitten des Krieges in schreiend großen Buchstaben hinter seinen Schaufenstern anpreist: Rubans, douze mètres garantis . Aber das ganze Rasaunen gegen den verderblichen Zwang in der Frage reiner Sprache ist ja nur gedankenloses Wortemachen. Fast jede durchgreifende Säuberung unsrer besudelten Sprache verdanken wir dem Zwange. Zwang war's, wodurch die Postverwaltung unter Heinrich Stephan mehr als 600 Welschbrocken auf einmal vom Schwammleben zum Tode beförderte, gewaltsam eingreifend in die holde Freiheit, welche die Welscher meinen. Zwang war die Säuberung der Heeressprache von mehr als 400 widerwärtigen und überflüssigen Fremdbrocken. Zwang ist in unsern Tagen jede der mancherlei Säuberungen, die eine Staatsbehörde, eine Stadt, eine Erwerbsgesellschaft für ihre Geschäftskreise vornehmen. Fehlt leider nur der wichtigste und notwendigste Zwang. Nicht der eines Polizeimeisters, sondern eines tapfern Unterrichtsministers , der sich selbst vor welschenden Professoren – in Bonn heißen sie zutreffend Halbgötter – nicht fürchtet, sondern ihnen und dem ganzen Volke ebenso bestimmt wie höflich erklärt: ›Die Mengselsprache der jetzt zufällig lebenden mir unterstellten Männer der Wissenschaft gehört nicht zu den ewigen Heiligtümern des deutschen Volkes. Einer der Hauptgewinne dieses deutschen Krieges soll sein, daß unsre Jugend in Zukunft möglichst reines Deutsch als die selbstverständliche Sprache jedes Deutschen anzusehen erzogen wird. Aus dieser Jugend werden alsdann die neuen, gewiß nicht schlechteren, Professoren hervorgehen, die unser Volk durch Lehre und Beispiel davon überzeugen: Fremdwörterei ist das untrügliche Zeichen geistiger Unvornehmheit und zieht den Mann der Wissenschaft auf die Sprachstufe des Friseurs, Tailleurs, Masseurs hinab.‹ Unsre Haupt- und Überwelscher spiegeln den Unkundigen vor, die schändlichen Puristen wollten den welschenden Gelehrten, den ›Vertretern der freien Wissenschaft‹, gewaltsam reines Deutsch aufzwingen lassen. Da sei Gott vor! Gar nichts liegt an sich daran, in welcher Sprache oder Unsprache sie schreiben; die Vergeltung wird ja ohne alles Zutun der Freunde deutscher Sprache geübt: durch das unentrinnbare Versinken aller welschenden Schreiberei. Wie lange noch, und ein ganzes Geschlecht aufgeblasener Welscher ist dahin. Nur sollen sie nach Möglichkeit – wenn nicht anders, dann durch Zwang – verhindert werden, Unmündige zum Welsch zu erziehen, und solchen verhütenden Zwang zu üben hat der Unterrichtsstaat wie das Recht, so die Pflicht.   Weitere Gründe der Welscher Was haben unsre Welscher außer ihrer leidenschaftlichen Liebe für die Freiheit – des Verwelschens der Sprache – sonst noch gegen die Verteidiger des Deutschen vorzubringen? Oh gar manches, und nichts soll hier ungerecht, aus Mangel an Objektivität , übergangen werden; in die Nebel jeder Phrase soll helles, ja grelles Licht dringen. ›Wir stehen wie in allem, so in der Sprache auf den Schultern der Vorfahren und dürfen die geschichtlichen Zusammenhänge nicht zerreißen.‹ So, aus dem Welsch übersetzt, lautet einer der Hauptgründe der Welscher für die Notwendigkeit, ihre geheiligte Mundart zu bewahren. Wollen wir nicht um der geschichtlichen Zusammenhänge willen gelegentlich ein Hexlein oder ein paar Juden verbrennen; die Spießruten und Stockprügel im Heer, wenigstens in einigen historischen Eliteregimentern , wieder einführen; die Zollschranke zwischen Preußen und Lippe wieder aufrichten; die Fronarbeit auf dem Lande, wenn auch nur in den Stammgebieten Preußens, erneuern? Aber wenn es wirklich etwas so Schönes um die geschichtlichen Überlieferungen – auf Welsch regelmäßig: historischen Traditionen – ist, was ich nicht leugne, ei wollen wir dann nicht doch lieber gleich anknüpfen an eine noch ehrwürdigere Tradition , nämlich an die Zeit Luthers, an die Jahrhunderte vor der Schlammflut des echten und des unechten Lateins im 16., vor der des Französischen im 17. Jahrhundert, also an eine Zeit, in der man in Deutschland Deutsch sprach und schrieb? Dafür, daß die Erinnerung an die welschen Jahrhunderte Deutschlands nicht ganz erlöschen wird, ist überreichlich gesorgt: Menschengeschlechter nach uns werden durch die sich noch lange forterbenden Halblehnwörter wie Natur, Poesie, Nation, Politik, Minister, regieren und ein halbes Hundert andrer stets gemahnt werden, wie es einst ums Deutsche bestellt war; dazu sind Komfortismus, tantifizieren, atomisieren, akribos ebensowenig nötig wie Milieu, Problem, Interesse, Psyche, Analyse, Synthese, Individualität . Aber die reiche geschichtliche und sonstige Belehrung , die aus den fremden Wörtern zu uns spricht! Was kann man nicht alles aus ihnen lernen! Welche Fülle des Wissens gewinnen wir durch sie spielend, d. h. welschend! Man denke nur: indem man ein Wort wie lakonisch hört oder schreibt, gedenkt man mit frommen geschichtlichen Schauern der Lakonier, der Lakedämonier, der Spartiaten, der bekanntlich ewig unerreichbaren Vorbilder für deutsche Jünglinge, z. B. für die mit ›Deutschland über alles!‹ auf den Lippen singend in den Tod stürmenden Helden von Langemark. Wie sie zu schweigen verstanden, oder kurz angebunden waren, jene herrlichen, klassischen autochthonen Lakonen, das ist doch zum Entzücken gar. Wo bleiben gegen lakonisch solche primitiv deutschen Stümpereien wie: wortkarg, schweigsam, kurz angebunden, einsilbig, kurz und bündig, maulfaul? Und wie harmonisch würde die lapidare Synthese von Moderne und Antike , wenn es hieße: Moltke, der große Lakonier !   Noch einen schwereren Verlust befürchten die Welscher von der Ausmistung der welschen Ställe unsrer Sprache, – wir brauchen den ehrlichen alten Augias hierbei ebensowenig zu bemühen wie den göttlichen Herakles. Ja, es ist wahr, es ist wirklich wahr, man hat es geschrieben: Mit ihren Fremdwörtern würde die deutsche Sprache einen unersetzlichen Verlust an zartesten Feinheiten – den so allgemein beliebten Nüankßen – erleiden, sie würde › national verschleimen‹ (so Professor Hans Delbrück), sie wäre ›nicht mehr lebensfähig‹ (so Professor Theodor Birt). Jedes Fremdwort enthält irgendwelche Sonderfarbe, oder doch ein Sonderfärblein; ohne alle diese Färblein und Färbelchen würde das Deutsche verblassen, verschleimen, verarmen; es würde so arm, so farblos, so blaß werden wie – nun wie Goethes Gedichte, die, grausig zu denken, aller dieser Welschfarben entbehren, oder wie Luthers Bibel, die so deutsch ist wie kein zweites deutsches Buch. So landen wir immer wieder an derselben Sandbank: Die deutsche Sprak ist zu arm und plump für den Geistesreichtum von uns Welschern. Ruft man ihnen mit Hebbel zu: Seien die Stempel uns heilig, die alle Jahrhunderte brauchten, Sei es die Weise sogar, die sie bedächtig gewählt. Fand ein Goethe doch Raum in diesen gemessenen Schranken, Wären sie plötzlich zu eng für die Heroen von heut ? – so zucken sie überlegen die Achseln und schimpfen: Purist! Aber die Welscher werden verkannt: das ist das Los des Schönen hier auf Erden. Sie welschen durchaus nicht aus Liebe zum Welsch, sondern – zum Deutsch. Grade durchs Welschen bewahrt man die wonnesame Muttersprache, den trauten Mutterlaut vor Entweihung. Du hältst solchen Unsinn nicht für menschenmöglich, mein Leser? Erinnere dich des tiefen Erfahrungswortes Goethes über gewisse Gelehrte, die im Stande seien, aus Rechthaberei ihre fünf Sinnen zu verleugnen, und glaube mir, es war möglich, tatsächlich, wirklich, und nicht einem einzelnen Dummkopf, sondern einer langen Reihe angesehener, berühmter toter und lebender Welscher, zu behaupten: Indem ich im Alltag des Lebens schmutzig welsche, bewahre ich die edlen deutschen Gleichworte rein. Ein Professor für Sprachen, und nicht ein erstbester, hat erklärt: Indem ich Terrain schreibe, bewahre ich dem edleren ›Gelände‹ seinen sprachlichen Adel. Dieser Tempelhüter des Deutschen steht an der Spitze einer Berliner Lehranstalt für deutsche Knaben. Ein andrer, noch berühmterer, verteidigt seine und seiner Berufsgenossen welsche Schriftensprache so: ›Die Sprache im Arbeitskittel – er meint die der wissenschaftlichen Arbeit! – ist eine andere als die des Festtags – er meint die schriftstellerische Arbeit. Im Tagewerk darf sich der (geistige!) Arbeiter vor Unsauberkeit (!) nicht scheuen und fragt nicht (ich frage!) nach den schmierigen (die Unterstreichung ist von mir) Flecken an Kleid und Händen; feiert er Sonntag, so säubert er sich (einmal in der Woche!) und erscheint mit strahlendem Gesicht und blanken Händen, in frischer Wäsche (einmal in der Woche) im Kreis der Seinen.‹ Holdrio! Dies ist die Auffassung des Professors Theodor Birt von Schmierigkeit und Sauberkeit der deutschen Sprache, seiner Muttersprache! Ich halte es für Pflicht, solchem Ausspruch eines der neuesten Bekämpfer saubrer deutscher Sprache die kleine Unsterblichkeit durch mein Buch zu sichern, aus dem ja andre Bücher über den Gegenstand schöpfen werden. Also nach Herrn Birt ist das, was die Wissenschaft an Schriften leistet, schmierig und darf schmierig sein. Aber die Sonntagsarbeit muß sich gewaschen haben. Herr Birt liefert auch zuweilen Sonntagsarbeit, z. B. in seinen ›Griechischen Erinnerungen‹. Da ich mit dem Altern nur noch deutschgeschriebene Bücher ganz lese, so habe ich mich zur Prüfung der Birtschen Sonntags- und Festsprache auf eine zufällig aufgeschlagene Seite beschränkt und an strahlenden, blanken, frischgewaschenen Stellen gefunden: ›Von monotonen Bergen eingeschlossen‹, – ›seiner Priesterschaft und den Patienten ‹ (des Gottes Asklepios!), – ›das aesthetische Moment wiegt vor‹ (beim Theater zu Epidaurus), – ›Ein Trichter hat überhaupt Talent zum Schönen‹, – ›Euripides muß hier wirklich agiert worden sein‹. – An diesem Tage las ich weiter nicht, auch an keinem andern, und die ›schmierigen Flecken an Kleid und Händen‹ dieses Wochentagsarbeiters lasse ich ›all in ihrer Unsauberkeit‹. Der Satz ist wertvoll, er enthält das ehrliche Bekenntnis dessen, was ich stets behauptet habe: Die Sprache des größten Teiles deutscher Wissenschaft ist schmierige Sudelei. Nur muß man diese Sudelköche ernstlich fragen: Möchten sie dann nicht lieber das verschmutzte Latein unwissender Mönche unvermischt schreiben und unsre Muttersprache unbetastet, unbeschmiert, unbesudelt lassen? Oder wollen sie uns unglückselige Deutsche mit zwei Sprachen beglücken, einer für den schmierigen Arbeitstag, einer andern für die Sonntagsweihe? Wobei zu bemerken bleibt, daß diese Tempelhüter keineswegs gelegentlich Sonntagsruhe im Welschen halten, sondern einen Tag wie alle gleichmäßig dieselbe Sprache schmieren. Kam je ein andres Bildungsvolk auf einen so hirnverbrannten Gedanken? Haben die Griechen die Entadelung ihrer Wörter für Gott, Seele, Tugend, Tapferkeit, Freundschaft, Ehre, Vaterland befürchtet, wenn sie sie stets im Munde führten, anstatt sie durch Schutzkapseln aus Ägypten, Chaldäa, Phönizien, Persien vor der Abnutzung, vor Verschmutzung zu hüten? Fürwahr, die Welscher machen es einem nicht leicht, ernst oder nur höflich gegen sie zu bleiben, und sind doch sonst auf ihren Arbeitsgebieten, zu denen aber die deutsche Sprache nicht gehört, ernste und zuweilen umgängliche Männer. Vom sorgsam zu achtenden ›Leben der Sprache‹ als einem redensartlichen Kampfmittel der Welscher war schon die Rede (S. 84); so gute Dinge aber vertragen es, von verschiedenen Seiten betrachtet zu werden. ›Fürchterlich modernstes Kunstdeutsch‹ nannte der gewaltige Sprachforscher Hans Delbrück den ›unlautern Wettbewerb‹, der vor etwa 25 Jahren die damals geltende › Concurrence illoyale ‹ ersetzen sollte und seitdem zu Delbrücks tiefem Schmerz wirklich ersetzt hat. › Concurrence illoyale ‹ war ihm edles altes Naturdeutsch, entsprossen aus den Wurzeln deutschen Sprachlebens. Derselbe, oder war's ein andrer?, Verfechter des lebensvollen Naturdeutsch eiferte gegen die ›erkünstelte Enteignung‹, es müsse schlicht und natürlich heißen Expropriation . Jedes in rohester Willkür irgendwoher gemauste Welschwort heißt ›Leben der Sprache‹; jedes gute deutsche Wort, das den fremden Wechselbalg verdrängen will, ist ›künstlicher Eingriff in Freiheit und Leben unsrer Sprache‹! Der Sportismus des Herrn Sombart ist Leben, die Sportfexerei ist Künstelei. In Welschdeutschland stehen die Dinge und wandeln die Menschen auf dem Kopf.   Fremdwörter andrer Völker Wohl das Sinnloseste in diesem Meer des Welscherunsinns ist die aus tiefer Unwissenheit und – aus der Tiefe des schlechten Gewissens geschöpfte Entschuldigung: Andre Völker fremdwörteln gleichfalls. Ein Blick auf jede beliebige Seite eines wissenschaftlichen deutschen Buches, auf jede Spalte jeder deutschen Zeitung, und dann ein stundenlanges Lesen in französischen, englischen, italienischen Büchern und Zeitungen beweist, daß solche Entschuldigung ebenso dumm wie bewußt unwahr ist. Auf einer Seite jedes wissenschaftlichen deutschen Durchschnittsbuches stehen mehr Fremdwörter als auf 10 000 Seiten von 20 fremden Büchern, und jede Spalte einer deutschen Zeitung, allenfalls mit Ausnahme der Kölnischen, prunkt mit mehr Fremdbrocken als alle Zeitungsnummern in den drei genannten fremden Ländern. Für wie dumm und unwissend halten die Welscher, die solchen Unsinn behaupten, ihre Leser! Ein französischer Schreiber, ein untergeordneter Schmierer, der sich einfallen ließe, die seiner Muttersprache angeblich mangelnden Nüankßen in jedem Falle durch Anleihen bei Deutsch oder Englisch zu ersetzen, also etwa zu schreiben: C'est très gemutlique ici, – Je me sens awfully wohlique, – Il souffre du Heimwèhe, – Il a vortragé cela avec une grande Inniquète, – Je passe l'été dans une Sommerfriche , würde für den Esel oder Gecken oder beides zusammen erklärt werden, der er unzweifelhaft wäre. Dem Französischen gebricht's an der Unterscheidung zwischen Mann und Mensch ( homme ): ist je einem Franzosen der Gedanke gekommen, diese Lücke durch ein deutsches Fremdwort auszufüllen? Es gibt kein einfaches französisches Zeitwort für Stehen ( être debout ), Sitzen ( être assis ), Reiten ( aller à cheval ): war je ein Franzose so sprachkrank, es mit stéher, sitzer, reiter zu versuchen? Aber, hier muß es wiederholt werden: Hast du schon einen Vogel blärren und eine Kuh pfeifen hören? (Moscherosch). Und der Vollständigkeit wegen: in dem größten englischen Wörterbuch, dem Oxforder, stehen nur 80 deutsche Fremdwörter, von denen 60 so gut wie nie gebraucht werden. Im Weltkriege haben Engländer und Franzosen uns vorgeworfen, nur wir hätten ein Wort für Schadenfreude: hat je im Frieden ein englischer oder französischer Schreiber dieses in der Tat ihnen fehlende brauchbare Wort uns nachgeschrieben? Ist keinem eingefallen; denn alle andern Völker sind sprachgesund, wir leiden an einer Sprachkrankheit , für die sich aber höchst wissenschaftliche Welschnamen drechseln lassen, wodurch sie gar vornehm erscheint: Repetitis, Simiotis, Kleptomania linguistica, Polylalie, Heteroglossitis, Mezzofantismus . Wo aber bliebe die ›weltbürgerliche Aneignungsfähigkeit‹ ohne die Fremdwörter? Nun wir haben im Weltkriege von den Völkern, deren Sprachen wir uns weltbürgerlich zum Welschen angeeignet, zu hören bekommen, wie sie diese unsre Fähigkeit bewerten: ›Le Boche tel qu'on le parle‹ hieß ihnen das von gestohlenen Nüankßen strotzende Deutsch, womit sie allerdings nicht die Sprache des deutschen Volkes, sondern nur die der deutschen Schreiber treffen wollten, zur Schmach für das unschuldige Volk, ohne Wirkung auf dessen Schreiber. Selbst ein so deutschgesinnter Mann wie Jakob Grimm war sich über diese Kernfrage deutscher Sprache nicht völlig klar geworden. Er, der selbst sehr reines Deutsch schrieb und der Welscherei den Zutritt zu seinem Deutschen Wörterbuch versagte, hat die Fremdwörter doch zum Teil entschuldigt, weil ›der Verkehr mit Nachbarn sie unausbleiblich einführte‹. Unausbleiblich? Bei den Nachbarn, die doch auch mit uns verkehrten, sind sie ausgeblieben, weil die Nachbarn sprachgesund waren. Und nicht der Verkehr hat Deutschlands Sprach- und Schriftenwesen verwelscht; sondern 99 von 100 Fremdbrocken sind mit kaltem Blut von verkehrten, geschmacklos dünkelhaften deutschen Schreibern den Nachbarsprachen oder dem Küchenlatein äffisch am Schreibtisch nachgeschmiert worden.   Nur in Deutschland darf sich jeder schreibende Gelehrte für einen Schriftsteller halten und über eine Kunst, denn das ist die Prosa, mitreden, für die er nicht die kleinste Begabung hat. So erklärt es denn der gelehrte Welscher mit staunenswerter Anmaßung für unmöglich , reines Deutsch zu schreiben, weil er es nicht kann; erklärt durchwelschtes Deutsch für die einzig mögliche Schreibform, weil er von frühauf keine andre versucht, niemals die geringste Sprachzucht an sich geübt hat. Der richtige Welscher weiß natürlich nicht, denn was kümmert ihn in seiner Selbstbewunderung solche Nebensache?, daß es hervorragende deutsche Bücher in bewundernswert reiner Sprache gibt. Mit Luther allerdings darf man ihm nicht kommen, weder mit der ganz deutschen Bibel, noch mit seinen eignen Schriften, z. B. mit seinen drei herrlichen Sendschreiben: An den christlichen Adel, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, Von der Freiheit eines Christenmenschen; denn, nicht wahr, wie gering war Luthers Gedankenwelt im Vergleich mit der unsrer welschenden ›Heroen von heut‹? Und des Welschers Sprachsinn ist so vertaubt und verdumpft, daß er beim Lesen der Bücher von Brehm, Ratzel, Jähns, Moltke, Treitschte, R. Hildebrand, K. Wörmann, G. Freytag (in der von ihm selbst gereinigten Fassung) gar nicht merkt, daß diese deutschen Schriftsteller mit weniger Fremdwörtern in einem ganzen Bande, als unsre Heroen der welschenden Wissenschaft auf zwei Seiten auskommen. ›Unmöglich!‹ Man gebe mir die Macht, dem ärgsten Gewelscheschmierer das Gegenteil an seinem Leibe zu beweisen, und der Beweis wird mir gelingen. Ein sanfter Zwang – nur ›als Problema sozusagen‹ –, ein liebreiches Einsperren bei Wasser und Brot mit der Bedingung: Du wirft nicht eher entlassen, als bis du einen lesbaren Druckbogen über einen Gegenstand deines Faches in deutscher Sprache geschrieben, – was gilt die Wette, daß der Welscher diese Leistung zur vollen Zufriedenheit auf einen Sitz vollbringt? Nicht zu seiner Zufriedenheit, denn mit der welschen Durchsprenkelung wäre die Arbeit ›akademisch gebildeter‹, subtiler differenziert ausgefallen; aber darauf kommt für den Beweis der leichten Möglichkeit des Deutschschreibens nichts an. Was an Sprachreinigung von dem welschenden Philister schon alles für unmöglich erklärt wurde, soll der Leser weiterhin durch die verblüffendsten Beispiele erfahren. Selbst jeder Welscher kennt ihrer viele, hat den deutschen Sprachsieg über Unmöglichkeiten wie den Ersatz von Kondukteur, Appellation, rekommandiert, Perron, Coupé, Insinuationsdokument, Exekution, Expropriation, Aktuar selbst erlebt; liest in den Tagen, wo ich dieses schreibe, die deutschen Heeresberichte in deutscher Sprache. Nichts aber vermag einen Schreiber zu überzeugen, der nur zu deutlich fühlt, daß sein Geschreibsel ohne den welschen Flitterputz als das erscheinen müßte, was es wirklich ist: Gedankenkitsch . Das Einzige, wozu sich unter dem Druck der großen deutschen Zeit die unverbesserlichen Welscher aufschwingen, ist die Albernheit, irgendeinen abgedroschenen Fremdbrocken nach wie vor hinzuschmieren und dummdreist in Klammern hinzuzufügen: ›Ich bitte um ein deutsches Wort hierfür‹, – was doch jedesmal nur bedeutet: Die deutsche Sprache versagt selbst für den Ausdruck der gewöhnlichsten Begriffe. Man stelle sich vor, ein französischer Schmock unterstände sich, seinen Lesern erst ein deutsches Wort zuzumuten und sie dann mit der frechen Bitte um ein französisches herauszufordern!   Unentbehrlichkeit der Fremdwörter ›Die Fremdwörter sind der deutschen Sprache unentbehrlich ‹, sagt der Welscher, ohne den Satz je der Goldprobe eines ehrlichen Versuches unterzogen zu haben. Nicht alle, sagt er, sind unentbehrlich, nicht die Zehntausende der Andern; aber meine ›paar Fremdwörter‹ – es sind je nachdem ein paar hundert oder ein paar tausend – sind ›unübersetzbar‹, also unentbehrlich, denn Deutschschreiben heißt für ihn: eine Welschvorlage ins Deutsche übersetzen, und was ich nicht auf den ersten Hieb so übersetzen kann, daß Deutsch und Welsch sich vollkommen ›decken‹, das hat für unentbehrlich zu gelten. Was ich nicht übersetzen kann, sieht man für unersetzlich an. Goethe war ganz andrer Meinung; sein stärkster Ausspruch zu unsrer Frage lautet: ›Wir geben gerne zu, daß jeder Deutsche seine vollkommene Ausbildung innerhalb unsrer Sprache ohne irgendeine fremde Beihilfe gewinnen kann .‹ Nur auf deutsche Leser kann dieser Satz nahezu verblüffend wirken; für die alten Griechen, die Franzosen, Engländer, Italiener spricht er nur das Selbstverständliche aus. Unentbehrliche, unersetzliche Fremdwörter gibt es überhaupt nicht. Die Sprache jedes Volkes vermag jeden Begriff ihres Volkes mit ihren eignen Mitteln auszudrücken. Dieser Satz ist einer der grundlegenden aller Wissenschaft von der Sprache. Nicht als ›Fremdwörter‹ in diesem Sinne haben zu gelten Namen für Erzeugnisse fremder Länder, die mit den Erzeugnissen zu uns gedrungen sind. Wörter wie Kaffe, Tee, Kakao, Tabak, Kola, Zebra, Lama, Elefant sind keine Fremdwörter, denn: sie verdrängen kein deutsches Wort . Das wahre Fremdwort wird daran erkannt, daß es überflüssig ist, weil wir ein deutsches Wort haben, das also durch das Fremdwort nur verdrängt wird. In Zweifelsfällen entscheidet selbstverständlich nicht der unheilbar sprachkranke Welscher, für den es eigentlich gar kein Fremdwort gibt, sondern Ohr und Geschmack und Wissenschaft des sprachgesunden Deutschen, der sich deutsch zu denken und zu schreiben erzogen hat. Es gibt keine unentbehrlichen, unersetzlichen Fremdwörter; aber es gibt eine Anzahl solcher, die nicht beliebig von jedermann verdeutscht werden dürfen, weil sie nicht freier Wortschatz des Einzelnen sind, sondern gesetzlicher Sprach- oder doch Benennungsbesitz der Gesamtheit. Amtstitel wie Minister, Staatssekretär, General, selbst sprachlich so widerwärtige wie Ministerialdirektor, Lyzealdirektor, Gymnasialdirektor, Katasterkontrolleur müssen wir widerwillig so lange dulden, bis geläuterter Geschmack und verfeinerter Sinn für die Sprachlehre unsers Volkes all jenes Küchenlatein ausgekehrt haben. Ähnliches gilt von Fachwörtern, aber nur von sehr wenigen, wie Elektrizität, Telegraphie, Turbine, die um der allgemeinen Verständlichkeit willen nur durch Beschluß der Fachmänner mit Gefühl für völkische Sprachwürde durch ein feststehendes deutsches Wort ersetzt werden können. Blieben aber diese paar Fremdwörter unverdeutscht, so wär's kein großes Unglück: als vereinsamte Fremdzellen im reinen deutschen Sprachleibe könnten sie für späte Geschlechter die › historische Tradition ‹ der Sprache darstellen, auf die ja der Welscher so großen Wert legt. Alles, was darüber, ist vom Übel, zudem ganz überflüssig. Ich habe wiederholt ausgezeichnete deutsche Schreiber mit reinem Deutsch als Eideshelfer aufgerufen. Darf ich nicht einmal mit geziemender Bescheidenheit von mir sprechen als einem nicht ganz erfolglos gebliebenen Schreiber, der ein Menschenalter hindurch nur deutsch geschrieben hat? Brave freuen sich der Tat, ich mich der meinen. Ich darf mich mit Fug und ohne Vorwurf der Überhebung einen erfolgreichen Schreiber nennen, nicht weil meine reindeutsch geschriebenen Bücher viele Auflagen erlebt haben, sondern weil mir grade auf dem Gebiete, von dem dieses Buch handelt, ein von mir selbst nie für möglich gehaltener Erfolg zuteil geworden: den, leider hingeschiedenen, stolzesten Anführer der welschenden Germanisten zu überzeugen und zu bekehren, und einen glücklicherweise noch lebenden Germanisten sogar zum Deutschschreiben zu bewegen. Und diese zwei Riesentaten habe ich mit reinem Deutsch vollbracht! Nun wohl, soweit die Welt von mir weiß, kennt sie mich als einen, der mancher Völkerzungen mächtig ist, der z B. die Sprachen, aus denen die allermeisten Welscher nur Bröcklein mausen können, welche andre ihnen langst vorgemaust haben, leidlich beherrscht, d. h. spricht und zur Not schreibt. Auch wird man mir ohne besondere Beteuerung glauben, daß mir am wirksamsten Ausdruck, an der allerallerfeinsten Nüankße ebensoviel liegt wie dem Welscher, der sie auf dem fertigen Gummistempel als fertiges welsches Formelwort findet. Endlich weiß niemand besser als ich, daß Welsch in Deutschland für überaus wissenschaftlich und vornehm gilt. Warum also wohl verzichte ich, der ich alle bequemen Hilfsmittelchen der feinsten Nüankße , der gefeierten Wissenschaft, der unbezweifelten Vornehmheit genau kenne, auf alle diese Herrlichkeiten? Ein großer Welscher vor dem Herrn hat mir einst öffentlich sanft, fast mitleidsvoll vorgeworfen, daß ich ›sogar die brauchbaren Fremdwörter verschmähte‹. Wie wenn ich diese für mich eben nicht brauchbar fände? Wie wenn ich sie verschwommen, also unredlich fände? Und wie wenn mich alle diese abgenutzten Gummistempelformeln ebenso sprachlich gemein wie künstlerisch unvornehm dünkten? Und wie endlich, wenn ein langes Schriftstellerleben mir und meinen nicht wenigen Lesern den greifbaren Beweis geboten hätte, daß man über alles, worüber andre nur auf Welsch schreiben zu können vermeinen, auf Schlichtdeutsch verständlich und wirksam schreiben kann? Ich habe mein Lebtag nur über sehr interessante Menschen und Dinge geschrieben; mich bestrebt, meine Interessenten dafür zu interessieren und ihr Interesse so wachzurufen, daß die dadurch gewonnene Kenntnis ein Faktor , ein Element , ein Koeffizient ihrer intellektuellen Entwicklung würde, und habe dies in manchen gar dicken Büchern getan, ohne je ein einziges jener ›brauchbaren Fremdwörter‹ zu gebrauchen. Und was das Merkwürdigste: noch nie hat sich ein Leser beklagt, ja noch nie einer von meinen nicht wenigen und nicht gelinden Widersachern mit Grund gerügt, daß ich alle jene Schätze deutscher Bildungssprache verachtungsvoll verschmähe. Ich schreibe wie jeder Schreiber für ein Publikum ; aber meiner Feder ist dieses ›Ding, das man itzo (1760) in Berlin so nennt‹ (Gottsched), so fremd, wie es meinem Ohr ein Greuel, meinem Hirn eine sprachliche Gemeinheit ist. Luther hat sozusagen auch für ein Publikum geschrieben, aber er hat das Wort nicht gekannt. Darf er noch zu den einigermaßen beachtenswerten deutschen Schreibern gezählt werden? Lessing, der Zweifler, kam ohne Skepsis, skeptisch und Skeptiker aus: der › national verschleimte‹ Lessing, nicht wahr? – Lessing, Goethe, Schiller hatten in all ihrer idealistischen Klassizität hin und wieder mit leidigen Geldsachen zu tun, aber ihrem Wörterbuche fehlten pekuniär und finanziell . Wer von den Hunderten unsrer lebenden Intellektuellen kann sich ein Leben ohne jene Unentbehrlichkeiten deutscher Kultursprache denken? Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Mörike, Storm, Keller haben Milieu, suggerieren und Suggestion nicht gekannt; aber die waren eben sprachlich nicht so zart differenziert wie unsre Fortbildner der armen Muttersprak. Kann sich ein deutscher Welscher vorstellen, daß man ohne Genre leben, ja sogar über Kunst schreiben kann? Lessing hat das fertiggebracht. Oder gar ohne Grazie ? Erst Winckelmann hat es 1759 gebraucht. Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts dürfte es schon Triebe gegeben haben, aber erst lange nach der Mitte tauchten die Instinkte auf. Wie mögen die armen Deutschen vor 1750 ohne dieses unersetzliche Welschwort menschenwürdig hingelebt haben? Erst seit 1800 gibt es in Deutschland Gêne, gênant . Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Erotik , von der noch Goethe, der erotische Erotiker , der Dichter der Römischen Elegien, nichts wußte. Erst nach der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnt der Wucherschwamm Interesse im Sinne von Anteilnahme, erst im letzten Viertel desselben Welschjahrhunderts interessant sich auszubreiten. Hunderte von ähnlichen Beweisen für die verhältnismäßige Jugend der heute ›unentbehrlichen‹ Welschereien findet der Leser in meinem Fremdwörterbuch ›Entwelschung‹. Es ist nicht auszudenken, in welcher sprachlichen Verelendung die Millionen deutscher Menschen, die Tausende deutscher Schriftsteller hindämmern mußten, bevor kühne Bahnbrecher unsre Sprache mit solchen unentbehrlichen Nüankßen bereicherten. Aber haben doch Lessing und Schiller sogar ganz ohne Nüankße auskommen müssen! Kann man heutigen Tags ein einziges deutsches Blatt in die Hand nehmen, ohne fünfmal, zehnmal auf die uns bekanntlich allein vor dem Untergang im Weltkrieg rettende Organisation zu stoßen? Wie krankhaft verschroben muß ein Schreiber sein, der keine Organisation kennt, nichts organisiert , auf jede organisatorische Tätigkeit verzichtet und um keinen Preis ein Organ werden oder haben will! Ich bin dieser abnorm, unnormal, anomal, anormal, abnormal organisierte Schreiber und befinde mich bis jetzt ganz wohl, sogar ganz normal dabei. Oder findet der Leser etwas zu bemängeln an folgendem Satz, den ich einer der größten deutschen Zeitungen entnehme: ›Für die gleichmäßige Butterversorgung hat der Rat der Stadt Leipzig eine sicher wirkende Vorsorge getroffen‹? Gewiß nicht, vielleicht steht ihm die im voraus wirkende Sorge eines wohlmeinenden Stadtrates anschaulich vor Augen. Was aber schauen seine Augen, was lebt in seiner deutschen Seele, wenn es geheißen hätte: ›eine sicher wirkende Organisation ‹? Im besten Fall ein Stück Papier, kreuz und quer bedruckt mit › Organisation ‹. – Ich habe mir einen kleinen Scherz erlaubt: so hatte es natürlich in jener Zeitung nicht geheißen, denn die deutsche Sprache unsrer Tage kennt nicht Vorsorge, Obsorge, Wirkordnung usw., sondern einzig Organisation . Der Unterschied zwischen Organisation und Vorsorge ist für den sprachgesunden Deutschen der zwischen einer europäischen Redensart auf dem Gummistempel und einem Bildwort, das obendrein um die Hälfte kürzer, freilich leider nur deutsch ist. Über den sprachwissenschaftlichen Greuel einer Wortform Organisation brauche ich einem Sprachkenner mit Sprachsinn und Geschmack nichts zu sagen.   Unsre Klassiker Jawohl, erwidert der Überwelscher, ich schreibe hier und da ein Fremdwort, ganz vereinzelt, nur wo es durchaus nicht anders geht, nur wo das Deutsche im Ausnahmefall versagt – er denkt dabei: mit seiner Wortarmut gegenüber meinem Gedankenreichtum; aber Lessing, Goethe, Schiller, ›meine Vorgänger‹, haben es ebenso gemacht wie ich, also ›Wir stehen in diesen Fragen da, wo die freien Meister der Sprache, unsere Klassiker , standen‹ (Erich Schmidts Erklärung von 1889). Mit den gelegentlichen Fremdwörtern beim Dichter des Faust rechtfertigt jeder nichtige Dutzendschreiber seine lächerlichste Welscherei. Ein für allemal: unsre Klassiker sind uns leuchtende Vorbilder in allem Großen und Schönen, das ihnen ureigen; aber nicht im Kleinen und Unerfreulichen, das ihnen die Ungunst des deutschen Schicksals als trauriges Erbe aufgeladen. Keinem Freunde reiner deutscher Sprache kommt es bei, mit Goethe hinterher zu hadern, weil seine Prosaschriften die deutsche Sprache des 18. Jahrhunderts aufweisen, des Jahrhunderts vereinigter Welscherei von Küchenlatein und Französisch; aber man verschone uns endlich mit der unbeschämten Entschuldigung des Gewelsches im 20. Jahrhundert durch die leider nicht abzuleugnende Fremdwörterei unsrer Klassiker. Auch Friedrich der Große ist uns bis heute in mehr als einer Mannestugend das hochragende Vorbild: will man sich darum auf sein französisches Deutsch berufen, für das er so wenig konnte wie Goethe für seine ererbten Fremdwörter? Nicht daß unsre Klassiker Spuren der allgemeinen Sprachverderbnis ihres Zeitalters zeigen, dessen Kinder sie waren, ist für uns Nachgeborene das Wichtige; sondern daß sie als Enkel eines Geschlechtes ohne Vaterland, als Erben einer mehr lateinfranzösischen als deutschen Geistesbildung grade in den führenden Schichten, dennoch ihrem Volke aus wüster Barbarei eine edle Sprache und eine unsterbliche Dichtung geschaffen haben. Unser heutiges Gewelsch dagegen ist ein kläglicher Rückfall ins 17. Jahrhundert mit seiner ebenso lächerlichen wie rohen und geschmacklosen Verschmutzung unsrer Sprache. Ähnliches ist denen zu erwidern, die sich der Berufung auf Bismarcks Staats- und Gesandtenfachdeutsch erdreisten. Wie unsre Klassiker da, wo sie sich über das Gewohnheitserbe ihres Jahrhunderts bewußt emporschwangen, über die Fremdwörterei gedacht und gesprochen haben, kann hier nur mit wenigen Beispielsätzen angedeutet werden. Der Leser findet in meiner ›Deutschen Stilkunst‹ auf den Seiten 157 bis 158 und 243 bis 248 die schlagenden Beweise dafür, daß unsre Klassiker in Lehre und Leben überzeugte Verteidiger der Forderung gewesen: Sprich Deutsch! Da fährt Lessing gegen Wieland, den echtesten Sohn des deutschen Franzosenzeitalters, los: ›Alle Augenblicke läßt er seine Leser über ein französisches Wort stolpern; Lizenz, visieren, Edukation, Disziplin, Moderation, Eleganz, Ämulation, Jalousie, Korruption, Dexterität und noch hundert solche Wörter, die nicht das geringste mehr sagen als die deutschen, erwecken auch dem einen Ekel , der nichts weniger als ein Purist ist.‹ Da streicht Goethe in der ersten Gesamtausgabe seiner Werke von 1787 die Fremdwörter dutzendweise; lernt von dem größten deutschen Sprachreiniger und Wortschöpfer Campe in mehr als hundert Fällen, wie man eingefressene fremde Schädlinge der Sprache kurzerhand ausreißt und durch kerndeutsche Ausdrücke ersetzt; überbietet ihn noch an Kühnheit der Sprachschöpfung im Verdeutschen; gibt 1813 dem Fremdwortfeinde Riemer für den Druck von Dichtung und Wahrheit die Vollmacht: ›Ausländische Worte zu verdeutschen, sei Ihnen ganz überlassen‹; eifert gegen solche Sprachroheiten wie Komposition für künstlerische Leistungen: ›ein ganz niederträchtiges Wort, das wir den Franzosen verdanken und das wir so bald als möglich wieder loszuwerden suchen sollten‹; ersetzt das damalige Modewelschwort › polierte (heute zivilisierte ) Völker‹ durch ›gesittete Völker‹ und beteiligte sich im Hause der Mutter Schopenhauers eifrig an der geselligen Arbeit kühnen Verdeutschens der Welschereien. Da säubert Schiller seine zuerst in den Horen erschienenen Gedichte für die Buchausgabe sogar von nicht besonders anstößigen Fremdwörtern, ersetzt › majestätisch ‹ durch ›prangend‹, › Elemente ‹ durch ›Stoffe‹, › sympathetische Triebe‹ durch ›Flammentriebe‹. Kurz, er und alle Großen seines Jahrhunderts erweisen ihrer Sprache die geziemende Ehre; nicht einer hat spitzfindig tiftelnd aus der überkommenen Not und Schmach der deutschen Vergangenheit eine Tugend und schmückende Verfeinerung unsrer Sprache zu machen versucht, wie das unsre wissenschaftlichen Welscher bis auf diesen Tag unternehmen. Noch eines unterscheidet unsre nicht ganz rein schreibenden Klassiker von unsern heutigen welschenden Heroen. Lessing, Goethe, auch Schiller sprachen fließend das Französische, damals die feinste Hof- und Gesellschaftssprache in Deutschland; wie viele heutige Überwelscher beherrschen das Französische? Von einer Reihe der bekanntesten weiß ich bestimmt, daß sie ein französisches Buch lesen, aber keinem ernsten französischen Gespräch zwei Minuten lang gewachsen sind. Welschend naschen und stehlen ist um ein Beträchtliches leichter, und an der Geschmack- und Würdelosigkeit des Nachplapperns fremder Brocken hat sich ein richtiger Welscher noch nie gestoßen. Täuschen wir uns aber nicht über die ernste Gefahr der Fremdwörter sogar für den Dauerbestand der Prosaschriften unsrer Klassiker! Viele viele Stellen, viel zu viele, in Goethes Werken sind schon heute den Mittelgebildeten ganz, den Höchstgebildeten halb unverständlich nur wegen der Fremdwörter. In dem einen 10. Briefbande der großen Weimarer Gesamtausgabe stehen Wörter wie ajustieren, augurieren, coincidieren, repliieren, Effiziationen, Prolifikationen und ein paar Dutzend ähnlicher Schreckgebilde, die selbst im Zusammenhang nicht klarer werden. Dürfen wir solch Zeug schreiben, weil Goethe es getreu im Stil des 18. Jahrhunderts zu schreiben für gut gefunden? Dürfen wir von Spinoza als von einem ›ruhigen Particulier ‹ sprechen, weil Goethe es getan? Wagt der ärgste Welscher, allenfalls Simmel ausgenommen, heute zu schreiben, wie Goethe über Winckelmann schreiben durfte: ›Wir finden bei ihm das unnachlassende Streben nach Ästimation und Konsideration ‹? Soll Goethe uns ein Sprachmuster sein auch mit Wörtern wie: Chromagenesie, styptisch, Adiaphorie, anastomosiert, Acheminement, equestre Statue ? Darf man heute schreiben, wie Goethe arglos durfte: ›Ich habe mich greulich prostituiert ‹ –? Der gemeine Welscher von heute schreibt: blamiert , der feinere: kompromittiert . Die Fremdwörter wechseln, ihre sprachliche Roheit bleibt die gleiche. Weiß selbst jeder unsrer Heimpariser, ohne im Sachs-Villatte nachzuschlagen, was des jungen Goethe häufiges Turlupinieren bedeutet? Wollen, ja müssen wir das nicht alsbald nachschreiben, weil uns ein Goethe damit vorangegangen? Und endlich: als Erich Schmidt eine Auswahl von Goethes Werken fürs Volk herausgab, sah er, der Anführer der Welschergemeinde von 1889, sich gezwungen, seiner Ausgabe ein umfangreiches Fremdwörterbuch beizufügen, solchermaßen selbst bekennend, daß Goethes Prosa wegen ihrer fremden Beimengungen schon heute dem deutschen Volke nicht mehr vollverständlich ist! Gibt es einen schlagenderen Beweis für die Gefährdung eines großen Kunstbesitzes durch die unselige Welscherei? Es lebt kein zweites Volk mit einer so schnell sprachlich vermuffenden und versinkenden Prosaliteratur, wie das deutsche. Was das zerstäubende Holzpapier nicht vollbringt, das besorgt die vergängliche welsche Sprache aufs sicherste.   Es deckt sich nicht O wie leidenschaftlich gern schriebe ich Deutsch, sagt der Welscher, wenn die deutsche Sprache nur nicht so oft an dem bedauerlichen Gebrechen litte, sich mit einer fremden nicht zu › decken ‹! Und man begreift: erste Forderung an ein deutsches Wort, um den durch ein Welschwort angemaßten Platz zu erobern, ist, daß es sich mit dem Welschwort decke; denn diesem gebührt in der Sprache der Deutschen das Herrenrecht, dem deutschen Wort das Recht des Bettlers. Es deckt sich nicht! : so lautet der Kerngrund der Welscher gegen die untadligsten deutschen Ausdrücke. Man horche nur hin, oder lese nur: wo immer zwischen den Verteidigern der Zehntausende von Fremdbrocken und den Freunden deutscher Sprache gestritten und für die überflüssigste Welscherei ein gutes deutsches Wort vorgeschlagen wird, da erklingt von der Walze des Welschers: Es deckt sich nicht. Nämlich: es deckt sich nicht das vollverständliche, weil gefühlte, deutsche Wort mit dem unbestimmten, weil nichtgefühlten, Fremdwort. Und die gutmütigen Verteidiger des Grundsatzes, ein Deutscher habe Deutsch zu reden, fallen fast durchweg auf die Trugforderung hinein: Das beste deutsche Wort muß, um Gnade zu finden, sich mit dem sprachlich schlampigsten, begrifflich unklarsten Fremdwort ›decken‹. Die verkehrteste umgekehrte Welt! Schüchtern klopft ein gutgebildetes, allgemein verständliches, vollwichtiges deutsches Wort an die Ehrenpforte der deutschen Sprache, sagen wir z. B. das Wort Abteil , und begehrt, nein erbittet, Einlaß. Herrisch und überlegen schnauzt das Coupé grob daher: Was, du, ein gewöhnliches nur deutsches Wort willst dich hier auf oktroyieren ? Hier bin ich im Besitze, also im Recht, denn beati possidentes . – Verzeihen Sie gütigst, flüstert das deutsche Abteil, ich dachte, halten zu Gnaden, in den Hallen deutscher Sprache sollte für mich anständiges deutsches Wort wohl ein Plätzchen sein; ich begnüge mich vorerst gern mit der Anwendung für die dritte Klasse. – Da könnte ja das ganze Grimmsche Wörterbuch um Entrée bitten und unsre Plätze okkupieren . Zeig deine Legitimationen vor, deine Dokumente über Indigenat, Etymologie, Konstruktion, Flexion, Nomenklatur ! – Und nun muß das sprachsaubre Abteil sich von dem lächerlichen Wechselbalg Coupé gefallen lassen, daß an ihm geschnüffelt, genörgelt, gekrittelt, gespöttelt wird, wie dies im Tempel deutscher Sprache mit keinem noch so zigeunerisch verluderten Fremdwort jemals geschieht. Da wird es dem deutschmichelhaft geduldigen Abteil schließlich zu dumm, und es begehrt gegen das französisch freche Coupé auf: Wer und was bist du denn? Hast du überhaupt ein gültiges Zeugnis? Ein Franzos willst du sein? Dein Zeugnis ist gefälscht: es gibt ja auf der französischen Eisenbahn gar keine Coupés , allenfalls im berlinischen Frankreich, wo man ganze Rudel solches falschfranzösischen Gesindels geduldet oder gezüchtet hat. – Aber Sie Abteil decken sich nicht mit mir, Sie sind ja bloß deutsch, auch haben Sie nicht mal einen Akßang ! Sie sind mir kaum analog , jedenfalls nicht adäquat , geschweige denn äquivalent , und sicher nicht kongruent . – Ich soll mich mit einem hergelaufenen Berlinfranzosen auch noch decken? Fällt mir nicht ein; meine Aufgabe ist nur, mich mit dem deutschen Begriff eines abgeteilten Wagenstückes zu decken; das tu ich , das tust du nicht, also hinaus mit dir! – Worauf sich das stolze Coupé sogleich feige drückt, denn sowie man kräftig deutsch zu solchem Zigeunervolke spricht, verliert es Kurage, Toupet, Aplomb, Arroganz, Insolenz, Impudenz und verduftet; höfliches Verhandeln mit ihm und seinen deutschen Beschützern bleibt erfolglos. Ja, es ist die verkehrte Welt! Deutschgeschriebenes muß, um gleiche Geltung zu erlangen wie die welschende Mengselsprache, eine sich peinlich genau deckende Verdeutschung, also einwandfreie Übersetzung aus dem Welsch sein. Und so mühen sich denn Tausende von wackern deutschen Schreibern, besonders die Mitglieder des Deutschen Sprachvereins, löblich ab, aus einer maßgebenden Unsprache zu übersetzen, zu verdeutschen, und fühlen kaum, welcher ungeheuerlichen Anforderung sie sich damit fügsam unterwerfen. Für den eingefleischten Welscher steht fest: kein noch so gutes deutsches Wort deckt sich mit dem abgedroschensten Welschwort. Da ist die Gegenfrage geboten: Warum deckt sich niemals ein noch so gutes Fremdwort mit einem der in deutschen Gedichten auszudrückenden Dinge und Gefühle? Dem Welscher ist die selbstverständliche Antwort unverständlich: Weil jedes Fremdwort minderwertig ist. In Deutschland stellt man an die Dichtung die strengsten Forderungen, für die Prosa begnügt man sich mit jeder beliebigen Schlamperei: dies ist die tiefste Quelle des deutschen Schlammstromes. Zum Schluß dieses Abschnittes noch ein Wort über den angeblichen ›Verlust‹ beim Verzicht aufs genaue Decken von Welsch und Deutsch. Ich selbst gebe zu, daß durch die lange Gewöhnung an ein Welschwort – nur durch sie, nicht durch die eignen Tugenden des Welsch – aus den früher entwickelten Gründen gewisse Gefühlswerte künstlich erzeugt werden können, alle auf Kosten der Gefühlswelt und der Lebenskraft des Deutschen. Trotzdem habe ich beim Schreiben nie gezögert, auf den ›Gefühlswert‹ eines Welschwortes zu verzichten, weil mir der dafür eingetauschte Stilgewinn des reinen Kunstmittels unvergleichlich höher steht. Von diesem Kunstgeheimnis reiner Sprache hat der durch und durch unkünstlerische Welscher keine Ahnung; darum ist er im tiefsten Grunde, mit seiner eignen Sprache benannt, ein Banause des Stils, ein Unkunstschreiber. Auch der Marmorbildner könnte vielleicht durch Benutzung wirklicher Menschenhaare, Porzellanzähne, Glasaugen auf Kunstrohlinge einen gewissen Eindruck machen; warum wohl verzichtet er auf solche ›Kunstgefühlswerte‹ –? Ist diese Seite der Welscherei einmal richtig erkannt, dann wird kein gebildeter Schreiber, der mit der Feder so etwas wie Kunst schaffen will, sich jemals wieder zu Wirkungsmitteln erniedrigen, die außerhalb aller Kunst, ja außerhalb alles saubern Handwerks liegen.   Das Gerede vom Purismus Ein Tag wird kommen, meine Augen werden ihn nicht schauen, wo man in Deutschland kaum glauben wird, daß die Besudler und Verderber reiner deutscher Sprache die Stirn gehabt und die Duldung genossen haben, die Verteidiger der Muttersprache zu verhöhnen, ja zu beschimpfen. Die Schmutzigen verhöhnen die Saubern ob ihrer allzu großen Sauberkeit und schimpfen sie in einer schmutzigen Unsprache: Puristen! Ein Schimpfwort, ersonnen zur Täuschung der Urteilslosen und als Ersatz für den Mangel der Schimpfer an vernünftigen Gründen. Weiß der Leser, was ein Purist ist? Er weiß es bestimmt nicht; aber die Welscher reden ihm vor, es gebe in Deutschland Puristen , ganze Vereine von Puristen , die ein verrücktes Deutsch fordern und selbst schreiben: Gesichtserker statt Nase, Dachnase statt Schornstein, Windfang statt Mantel, Gebärerin statt Natur, Allgemeiner statt General, Mitstreit für Konzert. Kein Leser hat solche Narren je gesehen; aber es muß ihrer doch eine Menge geben, denn – es hat ja so in der Zeitung gestanden. Dem Leser kann geholfen werden: er kennt mindestens einen Puristen , den zurzeit entschiedensten, den von den Welschern gehaßtesten oder gefürchtetsten, also den schlimmsten: den Verfasser dieses Buches und mancher andrer Werke in ebenso lächerlicher Puristik , und nun möge er selbst urteilen, wie es um das Deutsch der Puristen bestellt ist. Purist ist das kindisch böswillige Schimpfwort des Welschers mit dem schlechten Gewissen für die dummen deutschen Kerle, die verlangen, in Deutschland solle Deutsch gesprochen werden. Alles Abern gegen diese Erklärung ist hohles Gerede. Es gibt keinen Puristen , der festgewurzelte, wirklich eingedeutschte Wörter fremden Ursprungs, fremdbürtige Titel, nun gar deutschgewordene Lehnwörter, viele alte und manche neue, gewaltsam ausmerzen will. Wie der schlimmste aller Puristen in diesem Punkte denkt und schreibt, weiß der Leser dieses Buches; aber noch kein Welscher, selbst kein von mir mit Namen genannter und bekämpfter, hat sich unterstanden, zum Beweise für seine Puristenhatz etwa mein ›lächerliches Puristendeutsch‹ anzuziehen. Mit dem läppischen Schimpfwort Purist wollen die Welscher nicht etwa rechtfertigen, daß sie ein paar schwer ersetzbare, sondern daß sie zehntausend überflüssige Fremdwörter gebrauchen. Sie beschimpfen die, welche in engsten Grenzen die uns geschichtlich leider aufgezwungenen fremden Eindringlinge dulden müssen, um sich selber ihr Willkürrecht unbegrenzter Welscherei zu sichern. Eine der uneigennützigsten, edelsten Bestrebungen zur Stärkung deutschen Volkstums wird verhöhnt, als ob es je gelingen könnte, einem großen klugen Volke einen so ausgemachten Unsinn aufzureden, wie sich ihn die unwissenden oder unwahrhaftigen Welscher in ihrem Truggebilde Purismus erfunden haben. Unsre traurige Sprachgeschichte lehrt uns doch auf jeder gedruckten Blattseite, daß es tausendfach leichter ist, dem deutschen Volk tausendfachen noch so elenden Auslandsschund aufzuhalsen, als es zu einem Schritt ins reindeutsche Leben zu bewegen. Dem Fremdwörtler heißt jeder, der reines, ja nur ein wenig reineres Deutsch fordert, Purist . Wie aber nennt sich und seinesgleichen der Fremdwörtler? Sich selbst hat noch kein Fremdwörtler mit diesem Namen genannt; denn hört man jeden, so gebraucht jeder nur genau soviel Fremdwörter, wie bei seiner Gedankenüberfülle und beim traurigen Versagen des Deutschen unbedingt notwendig sind, nicht eines zuviel. Wer also ist der Fremdwörtler, dessen Vorkommen in Deutschland kein Fremdwörtler bestreitet, das er mitunter sogar in edler Entrüstung beklagt? Der Andre, der böse Andre! Nämlich jedes ihm zufällig nicht geläufige Fremdwort ist ihm ein Greuel, eine Schändung der ach so heiß geliebten Muttersprache; wehe aber dem, der eines seiner Fremdwörter anzutasten wagt: nur ein ›dummer Purist ‹ ist zu solcher Missetat fähig. Schont man nur dieses einen Welschers Fremdwörterbuch, so darf man ungescheut das jedes andern verwerfen. Der Welscher treibt seine Phrasenliebe fürs Deutsche sogar so weit, daß er sich für einen Freund der Sprachreinigung erklärt. Wirklich, der Fall ist nicht ganz selten. Aber er stellt zwei Bedingungen: Man wage sich nicht an seine Fremdwörter und – ›man halte Maß‹! Mit rührender Sorge warnt der Welscher, z. B. ein Herr Vietor, Phonetiker, Germanist, und Anglist in Marburg, davor, ›alles fremde Sprachgesindel hereinzulassen und zu dulden‹; aber hübsch mit Maß, also ›keine Auslieferung unsrer – unsrer! – Fremdwörter an Sprachreiniger‹; wohl aber, nicht wahr?, die Auslieferung unsrer deutschen Sprache an die Welscher. Denn wer sonst die Sprache vom Sprachgesindel reinigen soll als die Sprachreiniger, das haben uns die Welscher der letzten drei Jahrhunderte nie gesagt. Also immer ›mit Maß‹; dann besteht vielleicht doch eine leise Hoffnung, daß von den 150 000 gebräuchlichen Fremdwörtern in 100 Jahren etwa 10 000 beseitigt sind, so daß man im Jahr 2017 nur noch armselige 140 000 hätte, wenn nicht bis dahin durch die rastlos weiter schaffende Welscherei für die 10 000 beseitigten 20 000 neue unsrer trauten Muttersprache einverleibt sein sollten.   Vom Maß und von den Auswüchsen Immer mit Maß ! Wüßten wir nur, wer das Maß in seinen gerecht abwägenden Händen hält? Der Mensch ist das Maß aller Dinge, sagte ein weiser alter Grieche; ich bin das Maß für reines Deutsch, sagt jeder Welscher. Wo ich mit Welschen aufhöre, da fängt das Übermaß, das Unmaß des Welschens an; wo ich mit Welschen anfange, da hört das Maß der erlaubten Sprachreinigung auf. Wer's nicht glaube, der erinnere sich der köstlichen Beispiele zweier der größten Welscher unsrer Tage auf Seite 42. In keiner der liebreichen Warnungen unsrer Welscher vor der übergroßen Sprachreinlichkeit und ihren Gefahren, wie sie z. B. Herr Theodort Birt so erschreckend ausmalt (S. 99), in keiner dieser unwissenschaftlichen Salbadereien fehlen zwei redensartliche Gummistempel: Man hüte sich vor den ›Auswüchsen der Sprachreinigung‹!, und: ›Man schütte das Kind nicht mit dem Bade aus!‹ Wo in Wahrheit die Auswüchse, die Geschwülste, die Schwammgewächse der Verschmutzung am Leibe unsrer Sprache wuchern, das wurde eingehend aufgewiesen. Wo die verderblichen Auswüchse der Reinlichkeit sitzen, die zur ›Dienstunfähigkeit‹, ja; entsetzlich zu sagen, zur › Primitivität ‹ führen, das sollten uns die getreuen welschenden Eckarte des Deutschen endlich einmal zeigen. Es läuft mit solchen hohlen Warnereien bei ernster Prüfung doch hinaus auf die entsetzte Frage jenes polnischen Juden vor der befohlenen Waschung des ganzen Leibes für eine ärztliche Untersuchung –: ›Auch die Fieß?!‹, oder auf eine Beanstandung der ›Lausoleen‹ im Felde mit dem Hinweis, daß dann ja womöglich keine Laus am Leben bliebe. Und was das Gewäsch vom Kinde und Bade betrifft, so ist das Kind doch wohl die deutsche Sprache, und das Bad der Unrat, in dem das arme Kind bis zum Halse steckt. Ich habe längst das ganze Schmutzbad ausgeschüttet, habe aber nicht bemerkt, daß das Kind den geringsten Schaden dadurch erlitten. Jeder vernünftige Grundsatz muß die Probe vertragen, auf die Spitze getrieben zu werden, und jeder verträgt sie. Die sprachgesunden Völker alle, von den Griechen zu den Franzosen, haben von dem Grundsatz reiner Sprache keine Ausnahmen geduldet, die Verschmutzung selbst nicht im leidlichsten Maß erlaubt. Daß die Reinlichkeit ›Auswüchse‹ erzeuge, daß man das schmierigste Wasser beileibe nicht ausschütten dürfe, diese Entdeckungen blieben unsern Welschern vorbehalten. Zwei sich von selbst aufzwingende Fragen: Was wird aus der deutschen Sprache, wenn ihre Durchsetzung mit Welsch unbegrenzt so weiter geht wie bisher und wie zur Stunde, wo ich dies schreibe? – Was aber würde aus ihr, wenn die deutschen Schreiber allesamt Deutsch schrieben, wenn auch z. B. nur so kümmerliches wie ich, der ich eben schreibe, ›als ich kann‹? Ernsthaft: Kann man sich die rein deutsche Sprache eines vernünftigen Schreibers je so lächerlich, so alfanzig, so ekelhaft vorstellen wie die mit den Proben auf Seite 40? Der von mir nicht mit Sammethandschuhen angefaßte Welscher sage aus berechtigtem Unmut sein Ärgstes über mein Deutsch, er sage es meinethalben in seinem grimmigsten Welsch, – wenn er nicht ein böswilliger Rechthaber oder gar Lügner ist, so mag er meine Sprache tadeln, geringschätzen, verachten, weil er eine viel buntere, reizvollere, nüankßenreichere schreibe; aber deutsch und verständlich ist meine Sprache, und soviel Scham traue ich noch dem letzten Welscher zu, daß er das Deutsche nicht öffentlich zu belachen wagt, weil es nur deutsch ist. Und wem schaden die angeblichen ›Auswüchse‹ der Sprachreinigung? Etwa dem Welscher? Kann er nicht, wird er nicht ruhig weiter welschen? Oder der edlen deutschen Sprache selbst? Wie denkt man sich einen Schaden für sie durch die ›Auswüchse‹? In der Tat, es könnte dahin kommen, daß durch ähnliche Machtgebote deutschgesinnter Behörden, wie einst durch das des schöpferischen Reichspostmeisters Stephan, einige Hundert überflüssiger Fremdbrocken durch gute deutsche Wörter ersetzt würden; aber wo wäre der Schaden für die deutsche Sprache? Die Welscher würden genau wie dazumal gegen Eingeschrieben für Rekommandiert , Behändigungsschein für Insinuationsdokument , Abschnitt für Coupon ihr ödes Gezeter erheben; aber schon nach einem Jahr hätte sich das ganze deutsche Volk, einschließlich der Zeterer, an die guten deutschen Wörter gewöhnt, und das Bad des Kindes wäre einigen Schmutz losgeworden. Will man aber mit dem Gerede von den ›Auswüchsen‹ solche unberufenen Sprachreiniger treffen, die gelegentlich ein etwas ungeschicktes deutsches Wort an die Stelle eines ganz elenden Fremdbrockens setzen möchten, so gibt es hierbei keinen schlimmeren Schaden, als daß dieser vereinzelte Ungeschickte keinen Erfolg hat und sich höchstens selbst ein wenig lächerlich macht. Einen Schaden aber für die deutsche Sprache? Keine Spur davon. Hingegen stellt jedes neue willkürlich erdrechselte Welschwort eine sichere neue Beschmutzung unsrer Sprache dar; denn alle deutsche Sprachgeschichte lehrt, daß jeder neue noch so verrückte Welscherunfug wie ein Lauffeuer durch die ganze deutsche Schreiberwelt flammt und nicht mehr auszutreten ist, während die Heldentat jenes puristischen Halbgottes in den Mistställen des Augias ein Kinderspiel war gegen jeden Sprachreinigungsversuch in Deutschland. Herakles brauchte nur die Stalltore aufzusperren und einem reinigenden Wasserschwall den Weg zu öffnen, so war der ganze Mist etlicher Jahre auf einmal weggespült. In Deutschland darf der bergehohe Sprachmist dreier Jahrhunderte nur ›mit Maß‹, mit dem Fingerhutmaß ausgeräumt werden; und dieweilen dies von den geschmähten Puristen , den Freunden der Reinlichkeit, mühsam unter dem Spott der Mistbeschützer vom Stamme des Augias versucht wird, kommt immer neuer Mist in Kübeln und Karren hinzu. Dem Freunde deutscher Sprache ist weniges so nützlich, wie der Blick in die Sprachseele des Welschers; nichts so erfreulich, wie die daraus bestärkte Überzeugung von der Bodenlosigkeit der Welscherei. In einem Aufsatz des 5. Jahrbuchs des Schwäbischen Bundes für Heimatschutz (!) beschäftigt sich Professor Theobald Ziegler u. a. mit dem Kampf gegen die Fremdwörterei. Vortrefflich, nicht wahr? Es gibt in der Tat keinen sichrern Heimatschutz als diesen Kampf. Aber so meint Herr Ziegler das nicht, sondern – umgekehrt: Der Kampf muß geführt werden gegen die Sprachreiniger! Man greift sich an den Kopf; aber es steht so da, und entsetzt denkt man wieder einmal an Goethes tiefen Spruch über rechthaberische ›Gelehrte, die imstande sind, ihre fünf Sinnen zu verleugnen‹. ›Neben der Reinheit stehen als weitere Vorzüge der deutschen Sprache ihr Reichtum – (an Fremdwörtern!) – und ihre Fülle – (an Fremdwörtern!) –, ihre Biegsamkeit – (mit ation, ition, ution, ik, ist, istik, isieren, ifizieren, isation und 200 andern Biegsamkeiten) – und Anpassungsfähigkeit (an 5–6 verluderte Fremdsprachen)‹. Daß Herr Ziegler nicht deutsch schreiben kann, ist bekannt. Er hat sogar das Welschwörterbuch noch um eine Reihe von nagelneuen Biegsamkeiten bereichert, z. B. um die Egoität, luxurieren und das einzig dastehende individual los, ein Eigenschaftswort mit ›los‹! Aber wenn er selber nicht anders als reinlos schreiben kann, warum bekämpft er die Männer, die aus deutscher Gesinnung und mit nichtbestrittenem Können schmutziglos schreiben? Besonders gefährlich erscheinen ihm solche Deutschverderber wie ›Herr S. oder Herr E.‹ und das, was diese Schädlinge ›als Ersatz erfinden‹. S. ist Otto Sarrazin, E. ist wohl Eduard Engel, und gegen beide Feinde muß die schwerbedrohte traute deutsche Heimat geschützt werden. Denn bekanntlich verfügen diese beiden Hauptfeinde der deutschen Sprache, welche die Ziegler und Genossen einzig beherrschen, nämlich des Welsch, über die unumschränkte Staatsgewalt im Deutschen Reich und können ganz nach ihrer ›Willkür hinter dem Schreibtisch‹ (wörtlich so Herr Ziegler) dem ganzen deutschen Volke ihre ›künstlichen und gesuchten und lächerlichen Ersatzmittel‹ aufzwingen. Wiederum greift man sich an den Kopf: mit solchen Gegnern muß man sich abgeben – man muß , denn sie haben die Macht –, wenn man die Verschmutzung deutscher Sprache vom ärgsten Unrate säubern will! Daß Herr Theobald Ziegler keine Ahnung von dem Gegenstande hat, über den er schreibt, nichts von der Geschichte der erfolgreichen Sprachreiniger weiß, denen er selber Hunderte von unentbehrlichen Wörtern verdankt, daß er z. B. Engel für einen ›Erfinder von Ersatz‹ hält, nimmt allerdings niemand Wunder, der die Streitschriften der Verteidiger der deutschen Sprachverschmutzung kennt. Lasse sich doch keiner, dem der welsche Unflat in unsrer Sprache die deutsche Luft verpestet und den Atem deutscher Seele versetzt, durch das Gespött oder Geschimpf unsrer Welscher einschüchtern! Der deutsche Purist weiß gar nicht, zu welcher erlauchten Gesellschaft er gehört. ›Dummen Purismus ‹, wie z. B. Wilamowitz-Möllendorff, einer unsrer Meisterwelscher, zu schimpfen beliebt, haben Luther, Lessing, Goethe, Schiller, Moltke getrieben. Dummen Purismus weist jede bedeutsame geschichtliche Urkunde Deutschlands auf. Man lese nur den Aufruf An mein Volk vom März 1813, Fichtes Reden an die deutsche Nation, König Wilhelms I. erste Thronrede an den Norddeutschen Reichstag, seine Schlußrede nach der ersten Tagung; prüfe die mächtige Kundgebung des Reichstags an den Bundesfeldherrn beim Ausbruch des Krieges von 1870 mit Frankreich; genieße die edle Reinheit des kaiserlichen Erlasses vom 18. Januar 1871 über die Begründung des Deutschen Reiches ; würdige die Weihe der puristischen Gedenkrede Bismarcks im Reichstag auf den Tod des alten Kaisers vom 9. März 1888; die Aufrufe des Kaisers Wilhelms II. an Volk und Heer beim Ausbruch des Weltkrieges und zu Beginn des dritten Kriegsjahres! Wollen die Welscher auch den deutschen Helden Hindenburg als ›dummen Puristen ‹ bemakeln, der einem sächsischen Speisewirt die Erlaubnis, sein Haus mit dem Namen Hindenburg zu schmücken, nur unter der Bedingung erteilte, daß es ›Gasthaus zum Hindenburg‹ benannt würde, ›denn Restaurant ist eine undeutsche Bezeichnung‹? Und endlich, was haben unsre über Purismus höhnenden Welscher zu sagen gegen den mit schärfster Absicht geübten Purismus unsrer Obersten Heeresleitung in ihren bald tausend täglichen langen Berichten über die Großtaten unsrer grauen Helden? Hier handelt es sich fürwahr um die höchsten Ziele eines Weltvolkes in der Weltgeschichte; hier wäre die schönste Gelegenheit für Aktion und Alliierte , für Disposition und disponieren, System und systematisch, enorm und kolossal und katastrophal, Okkupation und okkupieren, Protest und energisch protestieren, Terrain und Territorium, Material und Objekte und Apparate , für Funktion und funktionieren ; für all die Hunderte, nein Tausende von Welschwörtern, ohne die der durchschnittliche deutsche Schreiber nichts über die Lebensweise der Blattläuse, die Vorvergangenheitsform eines Zeitwortes, die Zubereitung der eßbaren Saatkrähe, den Stoff einer Posse, die Wirkung eines Geigenvortrages sagen kann, sintemalen sich nur das ganze Welschwörterbuch mit seinem unermeßlich reichen Gedankenschatze über alle jene Probleme, Sujets und Materien ›deckt‹. Unsre weltgeschichtlichen Heerführer dagegen melden und beschreiben die umwälzenden Taten, deren Nachklang durch die Jahrhunderte hallen wird, mit voller Verständlichkeit in einer Sprache, die der ärmste deutsche Tagelöhner, der bescheidenste deutsche Schipper versteht. Wer aber dieses puristische Sprachwunder nicht fassen kann, dem sei es hiermit erklärt: die Führer unsrer Heldenheere stehen an Gesinnung und Leistung so hoch, daß sie erhaben sind über die armselige Eitelkeit gelehrter oder gelehrttuender Schreiber, die ihren zu allermeist schon eine Woche nach dem Druck in alle Winde zerstiebenden Plunder wichtigtuerisch aufputzen möchten mit dem glitzernden Sprachkatzengold aus aller unsrer Feinde Ländern. Nie zuvor hat die deutsche Völkerwelt Jahre hindurch Tag für Tag solch reinigendes Sprachbad genossen, nie solchen Sieg des Purismus über die Welscherei erlebt wie im deutschen Weltkriege. Aber, auch dieses muß gesagt werden: ohne sichtbare Frucht für die allgemeine Reinigung deutscher Sprache von der welschen Schmutzkruste; denn rund um die deutschgeschriebenen Berichte unsrer deutsch denkenden und sprechenden Feldherren stehen in jeder deutschen Zeitung die welschgeschriebenen Kakeleien über jene Musterstücke echtdeutscher, durch und durch ›puristischer‹ Edelsprache.   Campe und die schöpferische Sprachreinigung Was wäre aus der deutschen Sprache geworden ohne die verspotteten Puristen , die nach deutscher Art ihre Sache um ihrer selbst willen betrieben und, nicht Spott noch Hohn achtend, sich vor der stärksten aller Mächte, der Dummheit, nicht fürchtend, Schritt vor Schritt ihren dornenvollen Weg dahinzogen? Die unsterblichen Verdienste der großen Meister unsrer Dichtung und Prosa um Kraft und Fülle, Schwung und Anmut, Tiefe und Glanz der deutschen Sprache in den höchsten Ehren, – an unmittelbarer Bereicherung des deutschen Wortschatzes stehen sie allesamt hinter unsern verlästerten Puristen , d. h. hinter den ebenso glücklichen wie kühnen Wägern und Wagern der deutschen Sprachreinigung. Nur die tiefe Finsternis der Unwissenheit im verwelschten Deutschland über diese Glanzleistungen unsrer Sprachgeschichte erklärt den frechen Spott der Welscher über Sprachreiniger wie die Fruchtbringende Gesellschaft und Philipp von Zesen . Doch selbst in den Kreisen wahrer deutscher Sprachwissenschaft wird der volle Umfang der dauernden Bereicherung an bester deutscher Sprache durch Joachim Heinrich Campe (1746 bis 1818) nicht allgemein gewürdigt. Ein überaus merkwürdiger Fall: ein unschöpferischer Schriftsteller, der belehrsame Verwässerer des Robinson, selbst als Sprachgelehrter nur mittelmäßig, hat dieser eine Mann das Neuhochdeutsche um mehr glückliche Neuprägungen oder dauernde Belebungen guter alter Ausdrücke bereichert, als irgendein deutscher Schreiber, ja um mehr als unsre drei größten Klassiker zusammengenommen. Ein enggedruckter voller Bogen dieses Buches würde nicht hinreichen, den reichen Campeschen Neuwortschatz einfach abzudrucken. Alle Germanisten seit Jakob Grimm haben vereint nicht den hundertsten Teil neuen, unentbehrlichen Sprachgutes zum Deutschen beigesteuert, den wir dem einen Campe verdanken. Was hat z. B. Jakob Grimm selber für die Mehrung deutscher Sprache geleistet? Außer einigen kinderleicht zu formenden platten Fachwörtern der Sprachlehre wie Anlaut, Ablaut, Inlaut, Umlaut, Lautverschiebung noch den einen gründlich mißlungenen Versuch einer Verdeutschung: Auslauf für Exkurs , eine Geschmacklosigkeit, derengleichen sich keine bei Campe findet. Fast noch schlimmer steht es mit Grimms andern Verdeutschungen: Renaissance durch Wiederanfachung, Regierung – die kaum einer Verdeutschung bedarf – durch öffentliche Lenkung, Uniformierung durch Einförmigmachung. Allerdings hat auch Jakob Grimm leider zu denen gehört, die ohne Verständnis für Campes unvergleichlichen Schöpfungsreichtum sich kleinlich und, es muß einmal gesagt werden, neidvoll an diesem fruchtbarsten und glücklichsten Bereicherer des Deutschen gerieben haben. Jakob Grimms Nörgeleien gegen Campe, z. B. seine unhaltbare Behauptung, appetitlich sei unverdeutschbar, weil das, nach seiner Ansicht einzig in Frage kommende, althochdeutsche lustîc(h) veraltet sei, – all das ist versunken; urlebendig aber sind geblieben die Hunderte ausgezeichneter, aus unserer Sprache nicht mehr wegzudenkender Neuschöpfungen Campes. Läse man sie nicht in seinen verschiedenen Verdeutschungsbüchern, so könnte man kaum glauben, daß wir Campen verdanken: Zerrbild ( Karikatur ), Beweggrund ( Motiv ), Öffentlichkeit ( Publizität ), geeignet ( qualifiziert ), prickelnd ( pikant ), Dienstalter ( Anciennität ), Tondichter ( Komponist ), Sterblichkeit ( Mortalität ), verlacht und bekämpft von der ganzen damaligen Welscherschaft; Zartgefühl ( Delikatesse ); gegenständlich ( objektiv ), nicht von Heinroth, wie Goethe, der Bewunderer von ›gegenständlich‹, geglaubt hat. Von Campe rührt das Wort Bannware ( Konterbande ) her; von Campe: Schnittwaren, Modekrankheit, schlechterdings ( partout ), ursächlich ( kausal ), verwirklichen ( realisieren ), Tageblatt ( Journal ), Ersatzmittel ( Surrogat ), Molkenkur, mittellos, Mißernte, Mißerfolg ( Fiasko ), Treibeis, Treibjagd, Triebkraft ( Energie ), trübsinnig ( melancholisch ), Zwielicht ( Clair-obscur ), unumwunden, Hochschule ( Universität ), Umwelt (1811, von Goethe 1816 nachgeschrieben), lecker ( appetitlich ), vervollständigen ( kompletieren ), höhnisch bekämpft; Eilbote ( Expresser ), Umschlag ( Couvert ), unausstehlich, unentgeltlich, ungeschminkt, örtlich ( lokal ), Selbander ( Tête à tête ), Rentner ( Rentier ), Söller (zuerst von Campe für Balkon vorgeschlagen), übernächtig, übersichtlich, zweifellos ( evident ), wortkarg ( lakonisch ), Laube für Loge , also nicht erst seit der Wormser Festbühne; Übertreibung ( Hyperbel ), Finsterling ( Obskurant ), Walze ( Zylinder ), Wortschwall ( Deklamation ), Selbstsucht und selbstsüchtig ( Egoismus, egoistisch ), prall ( elastisch ), Vorzeichen ( Omen ), Ureigenheit ( Originalität ); volksmäßig, gemeinverständlich, volksverständlich, leutselig (alle von Campe für populär ); Gemeinwesen und Leserwelt für Publikum , Empfänglichkeit ( Rezeptivität ), Stelldichein und Sammelplatz ( Rendez-vous ), Freistaat ( Republik ). Scheinwerfer für Réverbère ist eine Neubildung Campes; Haft ( Arrest ), Farbengebung ( Kolorit ), abstechen ( kontrastieren ), Lehrgang ( Kursus ), gefallsüchtig ( kokett ) – alle von Campe. Geisteskrank geistesabwesend – von Campe. Genußsucht, Gewaltstreich, Guthaben, Gutsbesitzer, Lohndiener, luftdicht ( hermetisch ), Altmeister, anspruchsvoll ( prätentiös ), aufbauschen, auffällig, Bekanntmachung, einschließlich, Einzelheit ( Detail ), Eßlust ( Appetit ), bewahrheiten (Adelung: ›Albernes Wort einiger Neulinge‹) – von Campe dem Puristen . Folgerecht ( konsequent ), Zuckungen ( Konvulsionen ), Schnellpost ( Diligence ), belegen ( dokumentieren ), Ehrensold ( Honorar ), Kunstfleiß ( Industrie ), mündig und volljährig ( majorenn ), Gegenstück ( Pendant ), Ergebnis ( Resultat ) – alle von dem verspotteten Sprachreiniger Campe. Ein Neunmalweiser in der damals maßgebenden Allgemeinen Literaturzeitung machte sich lustig über Campes Umwälzung für Revolution , fand sie ›schwerfällig‹, – schwerfälliger als die um zwei Silben längere Revolution ! So könnte ich seitenlang fortfahren; doch mir sind diese Beispiele genug, dem Leser wohl übergenug. Bei mehr als einem Hundert der Campeschen Schöpfungen greift man sich an den Kopf und fragt sich: Ist denn die deutsche Bildungswelt blind und taub, daß sie angesichts solcher Ruhmestaten schon eines Sprachreinigers den Welschern erlaubt, nur den Mund aufzutun gegen die Puristen ? Ganz auf Welsch kann ja der weltbürgerlichste Aneigner seine Offenbarungen nicht kundtun, eine gewisse Zahl deutscher Begriffswörter muß auch er anwenden – nicht weil sein Welschwörterbuch nicht ausreicht, sondern weil es bei den verwelschtesten deutschen Lesern sprachliche Grenzen gibt; da sollte man ihm sagen oder ins Ohr schreien, denn er ahnt nichts davon, daß ein ansehnlicher Teil der selbst von ihm der Zulassung gewürdigten deutschen Wörter von einem Puristen herrühren. ›In dieser Schöpfung (glücklicher Neuworte) kann sich kein Autor mit ihm messen‹, hatte schon Jean Paul gerecht erkannt und bekannt. Goethe hat Campen so ungerecht, oder noch ungerechter, behandelt wie Heinrich von Kleist. Wir mögen zu verstehen suchen, warum; mögen Goethes allgemeine Abneigung gegen Sprachkrittler teilen, die in läppischer Weise an des Meisters edelstem Deutsch herumstöberten, – Ungerechtigkeit bleibt auch bei Goethe Ungerechtigkeit, bleibt sie um so mehr, als er über Campe spottete, aber in Dutzenden von Fällen die Campeschen Neuschöpfungen nachschrieb. Mit edler Höflichkeit hat Campe diesen Vorgang gekennzeichnet: ›Was unsern Glauben, daß die Benennungen Purist usw. keine beschimpfende, sondern vielmehr eine schmeichelhafte Bedeutung haben müssen, bis zur Gewißheit erhöht, ist die Bemerkung, daß der Herr Geheimrat von Goethe oft selbst kühn und glücklich genug dem Geschäfte der Verdeutschung obliegt, daß er statt der unsrer Sprache aufgebürdeten Fremdwörter neue deutsche bildet, daß er ferner auch von Andern vorgeschlagenen Verdeutschungen einen Platz in seinen Schriften gönnt.‹ Goethe hatte den nicht sonderlich tiefen und neuen, aber unbezweifelbaren Ausspruch getan: › Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe ‹ (in dem Aufsatz ›Die deutsche Sprache‹). Auf die Frage, wer von seinen Zeitgenossen alsdann den Ruhmeskranz für Sprachreinigung und -bereicherung zugleich verdiene, hätte Goethe nur den einen Campe nennen müssen, wenn ihn nicht voreinnehmende Verärgerung durch Andre befangen gemacht hätte. Uns aber dürfte niemand verübeln, wenn uns bei der dummdreisten Verspottung des Purismus durch die elendesten Sprachverschmutzer die Galle überliefe, und wir ihnen den großen Reiniger Campe nennend zuriefen: Habt Respekt, ihr Buben!   Zesen und andre Sprachreiniger Campe war nicht der erste glückliche Purist : zwei Jahrhunderte hindurch hatte das Bestreben der besten Köpfe gewährt, die Sprache zu reinigen und zugleich zu bereichern, ehe Campe auf den Plan trat. In gewissen kindischen Fibeln, die sich Literaturgeschichten für höhere Schulen nennen, so namentlich in der verbreitetsten eines gewissen Hermann Kluge, nicht etwa des bedeutenden Forschers in Freiburg, wird – oh wie deutsch! – unter Vorbringung der blödesten Ammenmärchen die Tätigkeit Derer verspottet, die inmitten des Dreißigjährigen Krieges die deutsche Sprachehre blank zu halten trachteten: der Fruchtbringenden Gesellschaft und ihres schriftstellerisch, besonders deutschsprachlich, hervorragendsten Mitgliedes Philipps von Zesen . Außer Campe hat kein Deutscher so kühn und so glücklich gedeutscht wie Zesen, wofür ihm das von den Welschern über Sprache belehrte deutsche Volk gedankt hat durch solche bis auf diesen Tag verbreitete Kindereien: Zesen habe Mantel, Nase, Natur und andre Wörter so lächerlich verdeutschen wollen, wie auf S. 117 verzeichnet steht. Es war nicht zu grob, daß der verlästerte Streiter für saubres Deutsch solche schon damals gegen ihn erfundene Dummheiten ›unverschämte, grobe, ehrlose Schand- und Landlügen‹ nannte. Hoch über Jakob Grimm, hoch über der gesamten Germanistik einer germanistischen-seminaristischen Aera steht an Sprachbildnerkraft der eine Philipp von Zesen. Das Verzeichnis seiner glücklichen, bis heute fortlebenden Neugebilde würde mindestens eine enggedruckte Seite füllen. Von Zesen rühren her: Vollmacht ( Plenipotenz ), Vertrag ( Kontrakt ), Ausübung ( Praxis ), Letzter Wille ( Testament ), Gotteshaus ( Tempel ), Urwesen ( Element ), Gottestisch ( Altar ), Tierkreis ( Zodiakus ), Liebreiz ( Grazie ), Zweikampf ( Duell ), Lehrsatz ( Axiom ), Gesichtskreis ( Horizont ). Von Zesen zuerst wurden gewagt und durchgesetzt: Völkerrecht, Liebesbrief, kunterbunt, himmelhoch (dazu himmelweit von Opitz). Neben Zesen stehen die Puristen Schottel, Opitz, Logau , weiterhin Gottsched (Jahrhundert!), Spalding, Jahn (Volkstum!) – mit zusammen reichlich 200 heute unentbehrlichen Neuschöpfungen. Man nenne mir nur bescheidene zehn gleich wertvolle Bereicherungen des deutschen Wortschatzes durch die gesamte zur Stunde lebende Welscherschar, von dem Gräkologen Wilamowitz-Möllendorff, dem Verhöhner des ›dummen Purismus ‹, dem Meister des Satzes vom ›sich gerierenden Diogenes und dem potenzierten Sokrates‹, zu dem Germanisten Roethe, dem Entdecker des ethischen Pathos des deutschen Helden Siegfried! Ihrer Gräkologie und Germanistik alle Ehren, die ihnen gebühren; in Fragen deutscher Sprache verbitten wir Deutschschreiber uns jedes Mitreden solcher unberufenen Vertreter des Welschdeutsch, und das von Rechts wegen.   Du bekämpfest, so wirft vielleicht ein vereinzelter Leser ein, den Spott der Welscher, empörst dich über ihr Schimpfwort Purist , und bist doch selbst der Sünde bloß: du schiltst sie Welscher, und an Spott lassest du's wahrlich nicht fehlen. – Zunächst steht fest, wer angefangen hat: die Welscherei ist um Jahrhunderte älter als der Purismus . Und dann Schimpf gegen Schimpf, Spott gegen Spott: wo in aller Welt ist Raum zum mildesten Schimpf, zum leisesten Spott gegen Männer, die für deutsche Schreiber die deutsche Sprache verlangen und für sich selbst dieses Verlangen befriedigen? Und ist es denn überhaupt menschenmöglich, gleichmütig, ohne einen Ausbruch des Zornes oder des Spottes, vorüberzugehen an der tausendfachen Schändung der Muttersprache durch die Welscher? Ist etwa der Leser gleichgültig geblieben bei den wenigen Proben des Gewelsches, die ein Büchlein wie dieses ja nur darbieten kann, die aber jeder Blick in eins der zehntausend Welschbücher und Welschblätter vermehrt? Was in Sonderheit meinen Spott über die Welscher angeht, so sei am Schlusse dieses Abschnittes einmal für immer gesagt: der Spott ist ja mein einziger Selbstschutz, meine gelindeste Abwehr gegen die schonungslose eigne Grobheit, die den Welschern gegenüber von Rechtswegen geboten wäre. Ich ziehe den Spott vor, weil ich ihn besser beherrsche als die Grobheit und weil ich, vielleicht mit Unrecht, glaube, daß der wohlbegründete Spott auf die Leser des Gewelsches stärker wirkt als die ebenso wohlverdiente saftigste Grobheit.   3. Wie ist zu helfen? Deutscher Wille Daß der jetzige Zustand deutscher Sprache eine Geistesschmach des deutschen Volkes ist, hat sich dieses seit Beginn des Weltkrieges selbst gesagt; haben ihm seine Feinde, in diesem einen Punkte keine Verleumder, mehr als einmal ins Gesicht gehöhnt (vgl. S. 52). Staat, Geisteswelt, Volksmasse haben öffentlich bekannt, daß es im Deutschland der Zukunft mit der deutschen Sprachschande so nicht weitergehen darf, daß es besser werden muß. Wie und durch wen soll es besser werden? Durch andern Willen als bisher; durch andres Verfahren als bisher; durch jeden ehrlichen Freund deutscher Sprache, also nicht durch die welschenden Nachplapperer von ›Muttersprache, Mutterlaut‹! Ich spreche zu Denen, die gleich mir, ohne Wenn und Aber, die schlichte Überzeugung hegen: In Deutschland muß Deutsch geredet und geschrieben werden , und diesen Lesern will ich, statt weitschweifiger sprachwissenschaftlicher Auseinandersetzungen, ein ganz einfaches, aber unfehlbares Mittel verraten, wie sie im Weltkriege und allezeit nachher sich im Worte würdig erweisen können der Taten unsrer geliebten Brüder und Helden im Felde. Wer da glauben sollte, mit deutschem Volkstum sei welschende Sprache dauernd verträglich, für den ist dieses Buch nicht geschrieben: er und ich verstehen einander nicht, was sehr begreiflich ist, da er Welsch, ich Deutsch spreche. Ich weiß aber, daß es unzählige Deutsche aller Bildungsstufen gibt, die unbeirrt durch den gelehrttuerischen Kampf der Fremdwörtler gegen die Freunde reiner deutscher Sprache den innigen Wunsch hegen, Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Denen sei das Zaubermittel verraten, das geheimnisvolle Zauberwort verkündet, wodurch sie mit einem Schlage, ganz von selbst, reines, edles, kraftvolles Deutsch zunächst schreiben, nach einiger Zucht und Übung auch sprechen können. Das Zauberwort heißt nicht etwa: Ich möchte gern! Dieses bedeutet ebensowohl: Ich mag aber nicht, denn es ist zu schwer. Das Zauberwort lautet anders: Die Sterne reißt's vom Himmel, Das eine Wort: Ich will! Ein andres Zauberwort habe ich, der ich überhaupt nicht anders als Deutsch schreiben kann, niemals besessen. Der Leser braucht nur seinen Gedanken mit äußerster Schärfe und Helle durchzudenken, jedes sich aufdringlich heranschleichende bequeme, aber unklare, schwammige Welschwort durch noch größere Vertiefung in den Gehalt als wertlos zu verscheuchen; er braucht dies nur mit unbeugsamem Ernst zu wollen, was im Deutschen Wollen heißt, und er wird zu seinem freudigen Staunen gewahren, nicht nur daß er's kann, was sich für einen noch nicht ganz welschverbildeten Deutschen von selbst versteht; sondern daß alles von ihm Geschriebene allsogleich das Gepräge lauterer Echtheit, Wahrheit, Klarheit gewinnt. Ins Schrullenhafte braucht sich kein deutscher Schreiber dabei zu verirren. Allgemein übliche, nicht der geckischen Eitelkeit und Gelehrttuerei entsprossene Fremdwörter wie Politik, liberal, Literatur, Drama, Religion, Konzert und noch einige Dutzend andrer braucht keiner ängstlich zu meiden. Es ist jedoch etwelcher Unterschied zwischen diesen paar Dutzend – mehr sind es nicht! – und den vielen Hunderten, nein Tausenden überflüssiger Welschwörter, aus denen der Sprachflitterschatz unsrer meisten Schreiber, mit Ausnahme der Dichter, besteht. Dazu muß als Heilmittel kommen das tägliche Gesundungsbad in reinem Deutsch. Leicht ist es nicht zu beschaffen, denn 99 Hundertstel alles bedruckten Papiers in Deutschland sind welsch. Obenan stehen unsre Dichter, d. h. ihre Dichtungen: ganz deutsch sind fast nur der deutsche Vers oder die dichterische Prosa. Ferner: Luthers Bibel, Moltke, Brehm, Ratzel, Treitschke, Helmholtz, D. Schäfer, Nietzsche (aber nur die Gedichte und Zarathustra), Clausewitz, Jähns, Vischer, Köstlin, C. Justi, Lichtwark, Wörmann, Gurlitt, Volkelt, Eucken, R. Huch, H. Hettner, Francé, Kräpelin, – die deutschen Heeresberichte. In meinem Sammelbande › Deutsche Meisterprosa ‹ findet der Leser das Beste der Besten und Fingerzeige für eine ganze Bücherei deutscher Schriften in deutscher Sprache. Leser mit solcher Selbsterziehung werden gefeit sein gegen die Verführung durch welschende Bücher und Zeitungen. Aus den Büchern schöpfe man das Wissen, das sie nach Abzug des welschen Aufputzes enthalten mögen, und bestärke sich in der Verachtung der sprachlichen Unwahrhaftigkeit und Vornehmtuerei alles Gewelsches. Jedes Buch eines deutschen Schreibers in der Fremdbrockensprache, er sei noch so berühmt – seit gestern, für heute, vielleicht bis morgen –, sei ihm zuerst und für lange verdächtig; denn ein Deutscher, der seine Weisheit nicht auf Deutsch vortragen kann, schleppt einen Erdenrest mit sich, unreinlich und peinlich. Es müßte schon ein außerordentlicher Schreiber, ein Geistesriese sein, der etwas durchweg Bedeutendes in so gemeiner Sprache wie dem Welsch vortrüge. Bis jetzt hat Deutschland solch einen nicht erzeugt, obwohl so ziemlich jeder Überwelscher sich für einen hält und andre auf Welsch an ihn zu glauben bereden möchte. Der Leser kann ganz sicher sein: kein von ihm um der ekelhaften Sprache willen in die Ecke geworfenes Buch bedeutet einen unersetzlichen Verlust.   Kampf gegen das Welsch Und im ganzen: rücksichtsloser Kampf aller deutsch und sauber Fühlenden gegen die Verschmutzer unsrer Sprache! Alle Schüchternheit der Verteidiger des Deutschen gegen das Welsch ist vom Übel: grade dadurch sind unsre Welscher in Buch und Zeitung so anmaßend geworden. Die reine deutsche Sprache braucht nicht demütig um Einlaß in die Hallen des Staates, der Wissenschaft, des Volkslebens zu betteln; sondern diese Spenderin aus reichem Horne, Schöpferin aus vollem Borne, Wohnerin im Sternenzelt hat kraft ihres königlichen Herrscherrechtes zu fordern, daß das fremdbürtige Bettlergesindel den angemaßten, von ihm besudelten Platz räume. Aber erscheinet sie selbst, hinaus vor die Türe, Gesinde! Auf den Sessel der Frau pflanze die Magd sich nicht hin! (Schiller.) Man lasse endlich ab von der wissenschaftlich tuenden Tiftelei, womit der Kampf für reines Deutsch bisher zumeist geführt worden. Will man sich nicht darauf beschränken, daß das Welschgeschmier ein Hohn auf deutsches Volkstum ist, was eigentlich genügen könnte, so schreie man es mit Donnerstimme hinein ins unverbildete deutsche Volk: Fremdwörterei ist gemein, Welscherei ist pöbelhaft, undeutsche Sprache ist roh, Aufputz ist Schwindelei, Brockenmausen ist Geckenwerk. Unbekümmert um Namen und Titel wiederhole man hartnäckig diese Urteile, steigere ihre Schärfe je nach dem Einfluß oder der Anmaßung des Schreibers, lasse die Dutzendwelscher unbeachtet, halte sich vornehmlich an die Koryphäen, Autoritäten, Sommitäten, Kapazitäten , die Geniüsse der Welscherei, nicht an die von ihnen verführten Welscherlein in der Presse, im Handel, im Gewerbe. Der Schlammquell, der ewig fließt und jedes Gewässer der Niederungen verschmutzt, entspringt hochoben, auf den Gipfeln der schreibenden Wissenschaft. Der Kampf gegen die deutsche Sprachschande könnte vielleicht auch anders geführt werden. Mit Sanftmut, mit Behutsamkeit, mit ängstlich berechnendem Maß, mit Schonung der Hauptschuldigen: der Welscher an den Hochsitzen der Wissenschaft; mit Geduld, mit noch mehr Geduld, mit dem festen Glauben an den Satz: Steter Tropfen höhlt den Stein. Kennt der Leser die allerliebste Geschichte vom klugen Hirtenbüblein, dem Kaiser und dem Demantberg? Nein? Dann lese er sie geschwind, um zu verstehen, wenn ich sage: der Demantberg ist die deutsche Welscherei, das Schnäblein wetzende Vöglein ist der in Deutschland von Einzelnen, oder ganzen großen Vereinen lobesam gegen die Welscherei geführte Kampf. Kann sein, der Riesendemantberg wird auch durch solches Schnäbleinwetzen noch vor Ablauf der Ewigkeit abgetragen; das deutsche Volk aber hat so lange weder Zeit noch Geduld, und die Jüngeren unter den Lebenden möchten und sollten es noch erleben oder mit einiger Wahrscheinlichkeit erhoffen, daß in Deutschland Deutsch, nicht Welsch die herrschende Sprache wird.   Die Pflicht des deutschen Staates Wer in deutschen Landen eine durchgreifende Verbesserung erstrebt, der ruft nach dem Staat . Alle andern großen Bildungsvölker halten ohne staatliche Hilfe ihre Landessprachen rein; Wissenschaft, Kunst, Presse, Schule, Gesellschaft – alles wetteifert dort, Hüter zu sein des höchsten Gutes seines Volkes, der eigentlichen Lebensurkunde jedes Menschenstammes. In Deutschland walten nur die Dichter des völkischen Heiligtums; alle andern Volksteile, und zwar je höher auf der geistigen Leiter desto gewissenloser, gehen mit der Sprache ihres Volkes gleichgültiger um, als nach Schopenhauers immer wieder zu beschwörendem Gleichnis die gesetzlichen Schützer eines Misthaufens. Die ganze lange Leidensgeschichte deutscher Sprachreinigung vom Unrat der Jahrhunderte hat uns gelehrt, daß es auf dem bisherigen Wege geht wie mit dem unverwüstlichen Demantberge. Gegen die Übermacht der Welscher kann nur die noch stärkere Obermacht der öffentlichen Gewalt helfen. Glaubt die deutsche Staatsgewalt wirklich, daß durch sanftes Zureden, durch liebreiche Verordnungen und Ermahnungen dieser Schandfleck auf der deutschen Volksehre allmählich, in einigen Jahren oder Jahrzehnten ausgetilgt werden wird, nachdem er Jahrhunderte hindurch dem sanften wie dem unsanften Zureden, den liebreichen wie den schärferen Verordnungen und Ermahnungen getrotzt hat, so glaubt sie an ein Wunder, und gegen solchen Glauben kämpfen selbst wir Sprachfreunde vergebens. Sind aber die Träger der deutschen Staatsgewalt ernstlich gesonnen, unsrer Welscherschmach wahr und wahrhaftig ein Ende zu machen oder doch das Ende vorzubereiten, dann haben sie ohne Rücksicht auf versteinerte inhaltlose Redensarten die Ehrenpflicht, jedes anständige und wirksame Mittel gegen die Verschmutzung des Ausdruckes deutscher Seele anzuwenden. Mit der weißen Salbe der immer erneuten, immer wirkungslosen Verordnungen und Rundschreiben heilt man keine schwärende Wunde am deutschen Volksleibe wie die Entvolkung unsrer Sprache. Obenan steht die Forderung jedes Volksgenossen an jede Staatsbehörde, daß sie selbst deutsch, nur deutsch zu Deutschen reden soll. Aufhören muß der unerträgliche Zustand, daß hohe deutsche Beamte in Reden oder Erlassen an das deutsche Volk sich des Küchenlateinischen und des Französischen bedienen, ihm von Démarchen, Désinteressement, absoluter Aktualität, realen Garantien sprechen. Wir mußten erleben, daß amtliche Bekanntmachungen eines der höchsten Reichsämter über die Unterscheidungszeichen echter und unechter Banknoten hervorhob, wie die Guillochen auf den echten Scheinen aussähen, während doch auf hunderttausend deutsche Menschen kaum einer kommt, der da weiß, was im Französischen Guilloche bedeutet. Dem welschenden Schriftsteller in Buch und Zeitung hat der Staat nicht vorzuschreiben, wie er mit seiner Feder die völkische Ehre zu achten habe. Um diesen Preis geistiger Bevormundung will selbst ich den hohen Gewinn saubrer deutscher Sprache nicht eintauschen. Wohl aber hat der Staat wie die Macht so das Recht und die Pflicht, streng darauf zu halten, daß seine Verwaltungsbeamten Deutsch, nur Deutsch, bestmögliches Deutsch schreiben; denn mit jedem ihrer Schriftstücke vertreten sie die Sprachehre ihres Staates, mit jedem Schriftstück in schludriger, lächerlicher, nun gar volkswidriger Sprache schädigen sie Ansehen und Ehre der Staatsgewalt, die sie vom höchsten bis zum letzten schreibenden Beamten zu vertreten beschworen haben. Zum Zweiten wohnt dem Staate das Recht bei und liegt ihm die Pflicht ob, die seinen Schulen anvertraute oder seiner Schulaufsicht unterstellte Jugend davor zu behüten, daß sie durch den staatlich geordneten Unterricht, gleichviel auf welchen Stufen, ob in der Volks- oder auf der Hochschule, daran gewöhnt werde, die Sprache ihres Volkes mißachtend zu besudeln und fremden Flitterkram für vornehm, wissenschaftlich, unentbehrlich zu halten. Daß der Staat bei diesem Bestreben auf die freudige Unterstützung der Volks- und Mittelschullehrer zählen kann, ist nicht zu bezweifeln; wo er schroffem Widerstande begegnen wird, das brauche ich unsern weisen Staatsmännern nicht zu sagen. Und warum am Schlusse dieses Abschnittes nicht sprechen von dem, woran doch jeder Leser längst gedacht hat: von Macht und Beispiel des Deutschen Kaisers ? Er gehe seinem Volke gebieterisch voran auf einem Felde deutschen Geistes, das von deutschen Fürsten nur selten nach seiner hohen Bedeutung gepflegt wurde, und er darf sicher sein: Nachahmend heiliget ein ganzes Volk Die edle Tat der Herrscher zum Gesetz. (Iphigenie 5, 6.) Darf uns der Staat vorschreiben, wieviel Lot Brot und Fleisch und Zucker und Butter wir wöchentlich essen können; wieviel Wolle und Baumwolle und Leinen und Seife wir an unsern Leib wenden dürfen; ob uns knallige Kinobilder anschreien sollen; ob wir das Recht haben, über das Wichtigste unsers Volkes: die Ziele des Weltkrieges, öffentlich zu sprechen und zu schreiben; so steht ihm unzweifelhaft auch das Recht zu – ich behaupte: die Pflicht  –, das deutsche Straßenbild vor niedriger Entwürdigung zu schützen. Die Polizei, die jedes Ladenschild auf Länge, Breite, Höhe, Verkehrssicherheit prüft; die den Bürgern befiehlt, rechts zu gehen und auszuweichen; die überhaupt Herrin der Straße ist, die sollte nicht verbieten dürfen, daß ein Krämer seinen Kram Maison, Modes, Manteaux nenne und die deutsche Würde stinkend mache in den Nasen unsrer Feinde? – ›Was kann ein unschuldiges französisches Wort dafür, daß die Franzosen uns mit Hilfe der Engländer und Russen und aller andern gegen uns zu kaufenden weißen, braunen, schwarzen, gelben Völker vernichten wollen?‹ Wir kennen die Weise, wir kennen den Ton, wir kennen die Herren Verfasser. Sie sind dieselben, die unter keinen Umständen wollen, daß der deutsche Reiseverkehr nach dem Kriege die Länder meide, wo man uns Jahre hindurch bübisch verleumdet und begeifert hat. ›Tragen etwa die unschuldweißen Firngletscher der Dent du Midi, tragen die Venus von Medici und vom Kapitol eine Mitschuld an der Haßgesinnung der schweizerischen Franzosen, an der Treulosigkeit der Italiener?‹ Ein Narr, wer mit solchen Menschen über Scham und Würde eines Volkes streitet. Ein seiner Würde bewußter Staat hat ohne langes Hin- und Herreden, ohne sprachwissenschaftelnde Spitzfindigkeiten seine Polizei anzuweisen: Jede Welscherei auf Ladenschildern deutscher Händler ist zu verbieten; in Zweifelsfällen entscheidet die Behörde, die über öffentliche Würde und Sauberkeit zu wachen hat, nach Anhörung eines Sachverständigen aus dem Deutschen Sprachverein.   Die Pflicht der Schule Die Staatsgewalt vermag viel durch Verbot und Befehl, doch dieses Vermögen hat nur Augenblickswert. Dauer erzeugt sie nur durch Verständnis und innere Mitarbeit des Volkes. Das ganze junge Stammesgeschlecht muß aufwachsen mit einem neuen Ehrgefühl in allen völkischen Dingen und vor allen andern in seiner Sprache. Mit jedem deutschen Wort, das deutsche Lippen sprechen, tut die deutsche Seele einen Atemzug ihres Lebens; mit jedem elenden Fremdbrocken, den eine deutsche Zunge bewußt verschmäht, wird deutsches Volksbewußtsein gestärkt. Wer dies Nationalismus und Chauvinismus nennt, dem drehe man den Rücken zu: es muß doch ein paar deutsche Grundfragen geben, über die zwischen Deutschen kein Streit erlaubt ist. Immer wieder muß gefragt werden: Ist es dem deutschen Staat ernst mit seinen immer erneuten Verordnungen über die Reinheit deutscher Sprache im Verkehr der Behörden und besonders im Unterricht seiner Schulen ? Gibt es kein wirksameres Mittel gegen die deutsche Sprachverluderung als Verordnungen, die nur beschriebenes oder bedrucktes Papier bleiben? Deutschland vor allen Ländern ist der Hochsitz der Sprachwissenschaft, und Deutschland vor allen Ländern ist das mit der öffentlichen Mißachtung und Besudelung der eignen Landessprache. Darf eine würdevolle Staatsgewalt dieser von niemand bestrittenen, von ihr selbst beklagten Tatsache länger mit völlig wirkungslosen Verordnungen begegnen? Der Staat hält in starken Händen das stärkste Mittel der Abhilfe und gebraucht es nicht: die Schule . Man wende mir nicht ein: Der Staat tut, was er kann; Unmögliches ist von ihm nicht zu fordern. Wenn es dem Unterrichtsstaat notwendig erscheint, ein bestimmtes Pensum im Latein, im Griechischen, in der Mathematik vom Durchschnitt der Schüler zu fordern und zu erzwingen, so sollte es ihm nicht gelingen, alle seine Schüler im Gebrauch der reinen Muttersprache unbedingt zu festigen und sie gegen jeden Rückfall in die alte deutsche Sprachschande auf den höchsten Unterrichtsstufen zu schützen? Merkwürdige deutsche Staatsgewalt, die diese Selbstverständlichkeit nicht durchsetzen könnte, wenn sie – wollte ! Eisern wollte , ohne feilschende Redensarten, ohne auf schreibende Welscher, auf die ganz und gar nicht objektiven Interessenten , zu hören, die mit Recht das Versinken ihres welschen Flitterwerkes befürchten, wenn ein Geschlecht junger deutscher Leser heranwüchse, die Welschgeschriebenes verlachen, verachten, verwerfen. Wenn von einem deutschen Knaben verlangt wird, daß er niemals, selbst nicht im Schlaf, ut oder ne oder quin mit dem verwerflichen Modus indicativus verbinde; daß er spätestens in der Tertia keinen Verstoß mehr gegen die ehrwürdige Consecutio temporum begehe; wenn er sitzen bleibt, weil er que und comme verwechselt oder vom Subjonctif nichts weiß; wenn er keine Humaniora studieren , also nicht Oberlehrer werden darf ohne einige Kenntnisse im ionischen Dialekt , – so meine ich, der allmächtige oder doch sehr mächtige deutsche Unterrichtsstaat wird seinen Schülern mit gleicher Festigkeit den Schul- und Lebensgrundsatz einhämmern können: Welschen ist ungebildet, unwürdig, gemein. Nichts Geringeres kann helfen: das hat uns ein Menschenalter, angefüllt mit wohlgemeinten wirkungslosen Verordnungen, erwiesen, seit jenem feierlichen Erlaß des Preußischen Unterrichtsministers von Goßler (15. Januar 1889): › In der Hut und Pflege des in unserer Sprache uns überkommenen Besitzes erkennt die preußische Schulbehörde eine heilige Aufgabe unsrer Schule ‹, bis zu den vielen nicht minder feierlichen Ermahnungen während des Weltkrieges. Gibt es einen triftigen Einwand gegen folgenden Erlaß aller deutschen Unterrichtsminister: ›Kein deutscher Lehrer wird angestellt, befördert und – ausgezeichnet, der sich nicht in Wort und Schrift möglichst reiner deutscher Sprache befleißigt‹ –? Dieser Erlaß unerbittlich angewandt, durch alle Stufen des Lehrerstandes: vom Volksschullehrer, wo er kaum nötig wäre, über den Mittelschullehrer, wo er jedenfalls nichts schaden würde, zum Hochschullehrer aller Grade, wo er allein helfen kann, – und in 25 Jahren hätten wir ein sprachsaubres Vaterland. Die wackeren deutschen Lehrer – mit den Ausnahmen, die jeder kennt – warten nur auf solche Unterstützung ihres völkischen Strebens durch den Staat, und unsre Knaben und Mädchen werden als deutsche Männer und Frauen den Staatsmann, den Fürsten segnen, die ihrem Volke den deutschen Weg gewiesen.   Ist denn das klug und wohlgetan? Was willst du Freund' und Feinde kränken? So ließ Goethe sich in ähnlichen Fragen gründlicher Umkehr fragen und antwortete sogleich selbst: Erwachs'ne gehn mich nichts mehr an, Ich muß nur an die Enkel denken. Nicht auf dem lebenden Welschergeschlecht ist Deutschlands Zukunft gegründet wie Fels im Meer, sondern auf der in die neue deutsche Zeit hineinwachsenden Jugend. Darum auch hier die Mahnung, die widerbellenden angejahrten Schreiber, die nichts andres als das Welsch darzubieten haben, also ihre Ware verteidigen und anpreisen, als ganz belanglos anzusehen, sie keines Streites zu würdigen über eine Sprache, die sie nicht beherrschen: die deutsche. Nur an die Jugend sollten sich alle Vereine zur Stärkung deutschen Volksgefühls, z. B. die Sprachvereine, wenden. Ein paar rührende Vorkommnisse im Weltkriege haben gezeigt, was mit der richtig geleiteten deutschen Jugend zu erreichen wäre. Im Dezember 1914 wurde ich gebeten, eine ›Kriegserklärung‹ deutscher Schüler gegen – die englischen Stahlfedern zu unterstützen: ›Wir wollen dafür kämpfen, daß bei uns nur noch die deutsche Feder gebraucht wird.‹ Ich antwortete dem Comité – ohne Comité oder Centralcomité keine völkische Bestrebung in Deutschland –: ›Es ist bei weitem schimpflicher, mit deutschen Stahlfedern zu welschen, als mit englischen reines Deutsch zu schreiben‹, was mir das Comité gewiß nie verzeihen wird. – Dann aber etwas Erfreulicheres: Die deutsche Jugend hat seit dem Kriege ein Fremdwort völlig ausgetilgt, vorbehaltlich seines Wiederauflebens im Frieden: sie sagt nicht mehr Adieu , hat sogar vielen Erwachsenen das Adieu verleidet, und nun redet man sich in Deutschland ein: der Bann der Welscherei ist gebrochen, weiter braucht die Reinigung doch nicht zu gehen. Zu Lesern dieses Buches wünsche ich mir mehr junge als alte, und den jungen rufe ich über den Raum meines eignen Lebens hinweg zu: Erfüllet euch bis in den letzten Blutstropfen und in jede Gehirnzelle mit der Überzeugung: in Deutschland muß um der deutschen Ehre, der deutschen Bildung, der deutschen Wortkunst willen Deutsch geredet und geschrieben werden. Auch ihr Jungen, grade ihr Jungen, in den höheren und höchsten Schulen, denn ihr seid berufen, dereinst die Führer und die Hüter eures Volkes zu sein. Ihr seid die neuen Schläuche für den neuen lautern deutschen Wein. Lasset die gelehrten Toten ihr totes Welsch begraben, ihr aber schreibet die lebendige Sprache eines neuen deutschen Lebens . Habt Achtung vor einem vereinzelten alten Lehrer, der noch welscht, weil man ihn in seinen jungen Jahren so gelehrt hat; euch aber festiget um so gewisser gegen jede Verwelschung eures Geisteslebens. Gebet nie dem leisesten Zweifel Raum, ob nicht irgendeine Sprache der alten oder neuen Zeit vornehmer, reicher, biegsamer zu jedem Menschenwerke sei, als die deutsche. Lasset euch durch keinen Ruhm, keinen Titelglanz eines alten Welschers irremachen: ehret sein Wissen und lernet von ihm; verachtet seine Sprache und welschet ihr nicht nach! Ihr seid die Träger des neuen deutschen Jahrhunderts, ihr die Gestalter seiner Sprache, denn jede Erneuung eingerosteter oder verschmutzter Sprache ist von einer neuen Jugend ausgegangen. Mehr als einmal im letzten Jahrhundert hat die deutsche Jugend, das junge, das jüngste, das allerjüngste Deutschland neue Moden in Dichtung und Ausdruck aufgebracht; immer waren die Moden aus der Fremde, meist aus Frankreich, übernommen. Meint ihr nicht, man sollte es auch einmal – oh nur der Abwechslung wegen! – mit einer deutschen Mode versuchen, z. B. mit der, in Deutschland Deutsch zu schreiben? Die neue Zeit sucht nach einem neuen Stil; hier habt ihr ihn in höchster Vollendung, wenn euch vor ihm nicht graut: den deutschen Stil . Das ist ein Stil, denn Stil, gleichviel welcher, heißt reiner Stil; sprachlicher Gummistempel ist kein Stil, ist weder Kunst noch Handwerk, sondern – Gummistempel. Vielleicht sogar – Bücher haben ihre Schicksale – liest dieses Buch ein Jüngling, der sein Leben der Deutschforschung zu weihen gedenkt. Ein Funke in seine Seele, und zum Manne gereift sagt er, als Fachgenosse zu Fachgenossen mit stärkerer Wirkung als ich, den alsdann etwa noch lebenden welschen Germanisten : Eine lächerlich-widerwärtigere Gestalt als einen undeutsches Zeug hinschmierenden Germanisten kann die ausgelassenste Posse nicht bieten; es ist Zeit, daß diese Affenschande der deutschen Wissenschaft aufhöre!   Handel und Presse Wie spricht der deutsche Handel , vom königlichen Kaufmann, der die deutsche Ehre in allen Ländern der Erde zu vertreten hat, wie kein zweiter Stand, bis zum Kleinkrämer im Kellerloch? So spricht er: à, per, pro, circa, präter propter; en détail, en gros, en masse, en face, en bloc; Export, Import, Transit, Transport; à Conto, à Condition, a Dato, à fonds perdu, a Meta, à jour, à la baisse, à la hausse, al pari, à tout prix, au fond, au fait, au courant, au porteur, a vista, à vue; kreditiert, debitiert, spezialisiert , usw. usw. Also ebenso welsch wie der deutsche Mann der Wissenschaft? Nein, ganz so arg nicht, denn in der Welt des Welsch ist die deutsche Wissenschaft uneinholbar voran; aber unter den Prima-Prima -Welschern liefert der deutsche Kaufmann Qualitäts ware. Ein Hauptunterschied zwischen dem wissenschaftlichen und dem kaufmännischen Welscher soll nicht übersehen werden: Der gebildete Kaufmann kennt dieses Gebrechen seines Standes, schämt sich seiner, macht Anstrengungen, aus der Selbsterniedrigung herauszukommen, und es gibt schon eine stattliche Reihe großer Handelshäuser, die der Wissenschaft zu Vorbildern dienen könnten. Die deutsche Wissenschaft hingegen versinkt immer tiefer in den undeutschen Sprachschlamm, und viele ihrer zu deutscher Sprache unfähigen Führer erdreisten sich sogar beleidigenden hochmütigen Hohnes über die Ermahner zur deutschen Würde. Am Kaufmannsstande, dessen bin ich sicher, würde der Staat bei seinem Bestreben, Deutschland seine Sprachehre wiederzugeben, sehr bald einen Helfer finden, wenn zu spüren wäre, daß der Staat ernstlich will . Freilich würde der Kaufmann, und das ist sein Recht, zum Staate sagen: Willst du uns Deutsch sprechen lehren, so sprich du es zuerst und allewege! Ein Polizeipräsident , dessen sozialpolitischer Dezernent die Konstituierung einer Kommission zur Reform des Firmenregisters proponiert , wird dem Manne der Wirklichkeit nicht grade als Muster edler Reinheit der Absicht und des Ausdruckes dienen. Das aber wird der Gesetzgeber, zumal nach dem Kriege, vom deutschen Kaufmann fordern müssen, daß keine in Deutschland erzeugte Ware von einem deutschen Händler mit fremdsprachiger Bezeichnung in Deutschland feilgeboten werden darf, zumal da es in solchem Falle nicht bloß um die deutsche Ehre, sondern fast immer auch um die deutsche Ehrlichkeit geht. Viskosives Konzentrikum ist als Wagenschmiere, Eau de Cologne als Kölnisches Wasser zu verkaufen. Und sollte, was ich bestreite, der Absatz darunter leiden, so ist Absatz nicht das allerhöchste Gut eines großen Volkes, und selbst kaufmännisch gerechnet haben Würde und Ehre des Handels auch einen gewissen Marktwert.   Eine sehr alte und nicht ganz unwahre Redensart lautet: Wer die Schule hat, der gebietet über die Zukunft. Ich stelle ihr den noch wahreren Satz gegenüber: die eigentliche Schule eines Volkes ist seine Presse ; sie ist die Fortbildungsschule, deren Unterricht es genießt, solange ihm die Augen den Dienst zum Lesen leihen. Aus der Zeitung, unvergleichlich mehr als aus dem Buch, schöpft die große Masse jedes lesenden Volkes, auch des deutschen, ihre Bildung und ihre Sprache. Schon vor dem Kriege haben die Einsichtsvollen gewußt, was der Krieg uns jetzt alle gelehrt hat: die deutsche Presse steht durch Ehrenhaftigkeit, Wissen und Belehrungsreichtum hoch über der aller andern großen Länder. Ein unerschöpflicher Bildungsstrom durchflutet täglich aus den deutschen Zeitungen unser ganzes Volk bis hinein in die kleinsten Nester des Landes. An vielseitigem Wissen und Können überragt noch der Leiter jeder durchschnittlichen deutschen Provinzzeitung seine meisten Berufsgenossen in England, Frankreich, nun gar im Englisch sprechenden Amerika, und die Käuflichkeit, die sich namentlich in Paris für jede einflußreiche Zeitung von selbst versteht und keine mehr im mindesten in der öffentlichen Meinung bemakelt, würde jedes deutsche Blatt einfach unmöglich machen. Mit diesem starken Gefühl für Mannes- und Berufsehre ist das für die schwere Verantwortung des Zeitungsamtes bei den weitaus meisten Mitarbeitern der Presse verbunden. Verbrecherische Aufhetzer und Giftmischer wie in der französischen und englischen Presse – von der zumeist in jeder Hinsicht minderwertigen englisch-amerikanischen gar nicht zu reden – haben selbst die Leidenschaften des Weltkrieges in Deutschland nicht erzeugt. Wie immer sonst das Urteil über manche Formgebrechen unsrer Presse lauten mag, – wer da leugnet, daß sie die anständigste und gebildetste auf Erden ist, der weiß nichts von ihr oder nichts von Anstand und Bildung. Zur deutschen Presse in enger oder loser Verbindung steht irgendwie fast jeder deutsche Schreiber von irgendwelcher Bedeutung. Daß ich selbst mehr als ein Menschenalter nicht nur durch Bücher, sondern öfter noch durch Zeitungen zu wirken vermocht, rechne ich mir als eine Ehre an. All dies kann mich nicht abhalten, die beschämende Wahrheit auszusprechen: Die deutsche Presse ist eine Hauptquelle der sprachlichen Verwelschung Deutschlands. Sie ist bei weitem nicht so schuldig wie die deutsche Gelehrsamkeit, die aus schlechtem Gewissen ihre eigne schwerere Schuld gern auf die Zeitung abwälzt. Der welschende Mann der Wissenschaft ist unentschuldbar, denn er verübt seine Sprachschmutzereien in aller Gemächlichkeit, in voller Muße, mit Vorsatz und Bedacht, und er verübt sie zum allergrößten Teil aus unwürdig eitler Vornehmtuerei. Der Zeitungsmann welscht hauptsächlich aus übler Gewohnheit, im Drange der knappen Zeit und fast ohne den Kitzel persönlicher Eitelkeit, denn der Leser erfährt ja meist den Namen des Welschers gar nicht. Dennoch bleibt die Schuld der deutschen Zeitung an der Verwelschung der Sprache unsers Volkes riesengroß, wenn man an die Verbreitung der Zeitungssprache in allen Schichten der Leser denkt. In dem Augenblick, wo ich diesen Satz abgeschlossen habe und nach einem Zeitungsblatt greife, das die Kunde von einer neuen deutschen Großtat im deutschen Kriege gegen den englischen Zwingherrn der Meere bringt: der Ankunft eines unsrer Tauchkreuzer in den nordamerikanischen Gewässern, fallen meine Augen auf die fettgedruckte Überschrift: Ein Ozean- Raid . Ist mir's zu verdenken, daß ich das Blatt zerknüllt in den Papierkorb werfe mit dem Gefühl, das Friedrich Vischer ›brecherisch‹ nannte? Es ist nur eine Kleinigkeit, denkt mancher allzu milde oder längst durch noch Tolleres abgestumpfte Leser. In Fragen völkischer Ehre gibt es keine Kleinigkeiten, und aus ähnlichen Kleinigkeiten zu Zehntausenden setzt sich die deutsche Sprachschande zusammen. Ein deutscher Zeitungsschreiber ist also schon so stumpf in seinem völkischen Ehrgefühl geworden, daß er einen weltgeschichtlichen deutschen Sieg über den Todfeind England nur mit einem englischen Wort bezeichnen kann! Jedoch warum sollte der Zeitungsschreiber das unterlassen? Hat er zu befürchten, daß sogleich nach dem Erscheinen seiner Albernheit 20, 100 empörte Briefe an den Verleger abgehen: Entweder Sie entlassen den Menschen, der Ihr Blatt bloßstellt, oder wir verzichten auf dessen ferneren Bezug? Nicht ein deutscher Leser kommt auf den Gedanken, das zu schreiben; die meisten, besonders die nicht Englisch verstehenden, bewundern den sprachkundigen Schmock. Ein schmutzigfreches Tingeltangel in Berlin wird während des Krieges verboten; ein großes Heimpariserblatt bedauert dies als einen ›Eingriff in die Kunst, deren Diener sich unter der Führung eines Conférenciers zu einem Ensemble mit saloppmondäner Linie vereinigt hatten‹. – Ludwig Fulda hält im Kriege einen wackern Vortrag in Berlin über die deutsche Ausländerei; eine der größten Berliner Zeitungen berichtet: ›Der beliebte Conférencier erntete vielfach lebhaften Beifall für seine geistvollen Aperçus .‹ – Aus derselben Zeitung ein Satz über die hellen Sommerabende in Schweden: ›Jetzt ist es 9 Uhr abends, und die Souveränin Sonne hat ihren Séjour am Horizont noch nicht abgebrochen.‹ Aber wozu diese oder noch so viele, noch so tolle weitere Beispiele? Jeder Leser weiß so gut wie ich, daß es schwerlich eine einzige deutsche Zeitung mit 2–3 Sätzen hintereinander in reindeutscher Sprache gibt. Die einzige Ausnahme, auf die ich aber nicht schwören will, ist an manchen Tagen die Kölnische Zeitung. Alle deutsche Heereszeitungen allerdings stehen sprachlich hoch über der gesamten deutschen Presse, und eine so saubre Zeitung wie z. B. die Wilnaer des 10. deutschen Heeres oder die Liller hat es in Alldeutschland noch niemals gegeben und wird es nach dem Kriege für absehbare Zeit nicht wieder geben. Zwei berühmte deutsche Männer der Wissenschaft haben ziemlich übereinstimmend die deutsche Zeitungssprache in der bekannten splitterrichterlichen Art verdammt: Schopenhauer und Nietzsche. Jener schimpfte über den ›schändlichen Jargon, in welchem meistens die deutschen Zeitungen geschrieben sind‹; dieser rasaunte von oben herab: ›Schweinedeutsch ... Verzeihung, Zeitungsdeutsch!‹ Ähnlich wie diese beiden Großen maßt sich der letzte Sudler der Wissenschaft an, sich über die ›gar zu schlechte Zeitungssprache‹ überlegen emporzublähen. Die schlichte Wahrheit ist diese: die Zeitungsschreiber haben ihr Welsch von den Männern der Wissenschaft gelernt, welschen im Durchschnitt lange nicht so schamlos wie die Wissenschafter und schreiben in der Mehrzahl einen weit bessern Stil als die meisten wissenschaftlichen Schreiber. Trotzdem bleibe ich dabei: der durch die welschende Zeitung am deutschen Sprachgefühl angerichtete Schaden ist unvergleichlich größer als der durch die sittlich schuldigere Wissenschaft verursachte. Wissenschaftliche welschende Bücher lesen wenige Hunderttausende, welschende Zeitungen viele Millionen. Von jeher hat die an Verrücktheit streifende unverständliche Schreibweise deutscher Zeitungen das Staunen des nachdenklichen Beobachters erregt. Im Jahre 1644 fragte der Badener Hans Heinrich Schill in seinem ›Teutscher Sprache Ehrenkranz‹: ›Wem schreiben sie die Zeitungen zu lesen? Nicht den Franzosen, nicht den Italienern, nicht den Spaniern; sondern es geschieht dem ehrlichen Teutschen zu lieb. Aber was ist das, da so viel Französisch, Italienisch, Spanisch darinnen, daß solches kein Teutscher verstehen kann, und ist gewiß, welcher nicht auch im Französischen oder Italienischen weiß, daß derselb kein Zeitung verstehen kann.‹ – Verrücktheit ist ein sehr scharfes Wort, aber der Leser urteile selbst: ein Mann schreibt in einer Zeitung für Hunderttausende von Lesern Wörter aus 5, 6 fremden Sprachen, von denen er weiß , daß kaum einer von hundert sie verstehen kann, und er hat nicht einmal die allgemein menschliche Entschuldigung, daß er damit seine eigne kleine Eitelkeit befriedigen wollte, denn er nennt ja nicht seinen Namen. Der Geistesarzt steht hier vor einer überaus merkwürdigen Krankheitserscheinung: ein im übrigen gesunder Mensch handelt bewußt zweckwidrig, sinnlos, und hat höchstens die Genugtuung, sich selbst darob zu bewundern. Unter dem geistigen Druck des Krieges sind viele deutsche Redaktionen und Redakteure so weit sprachdeutsch geworden, daß sie sich in Schriftleitungen und Schriftleiter umnannten. Die heimparisischen ›erstklassigen‹ Chefredakteure allerdings haben fast durchweg diese Qualitäts -Bezeichnung beibehalten. Vor dem Kriege war es nur in den seltensten Ausnahmefällen möglich, einen deutschen Redakteur zu der Bezeichnung Schriftleiter zu bewegen; die tiefsinnige Ablehnung des deutschen Wortes lautete: Ich leite keine Schrift, sondern ich leite eine Zeitung. Meine Entgegnung in solchen Fällen war: Also sind Sie auch kein Schriftsteller, denn Sie stellen keine Schrift, – was zwar verblüffend, aber nicht überzeugend wirkte, dieweilen ein vollendeter Welscher weder durch Menschen- noch durch Engelszungen überzeugt werden kann. Daß gegen die welschende Zeitung mit keiner Staatsgewalt etwas ausgerichtet werden kann, auch nicht soll, versteht sich von selbst. Nur eine Möglichkeit der Umkehr von dieser für die deutsche Sprache lebensgefährlichen Verwilderung ist denkbar und könnte uns durch die tiefe Erschütterung des Krieges ums deutsche Dasein doch am Ende beschieden werden: durch das Besinnen der deutschen Presse auf ihre ungeheure völkische Verpflichtung. Man täusche sich nicht: jedes Hinhören auf eine Unterhaltung des Alltags, jeder Brief, jedes Buch eines Durchschnittschreibers lehrt, daß die deutsche Zeitungssprache die deutsche Volkssprache unsrer Tage geworden ist. Die Überzeugung, daß es so wie jetzt mit der Zeitungssprache nicht bleiben darf, ist in den Kreisen unsrer Presse selbst schon weit verbreitet. Leider entschuldigen sich die meisten Zeitungsmänner mit einer nachgrade abgenutzten unstichhaltigen Ausrede: Die Eile, mit der im Zeitungswesen gearbeitet werden muß, rechtfertige die herrschende Welscherei. Dies bedeutet doch nichts andres als: Ich habe keine Zeit, deutsch zu sein. Keine noch so hetzende Eile würde einen Zeitungsschreiber entschuldigen, der Mir und Mich verwechselte, Durch mit dem dritten Fall, Von mit dem vierten verbände; und ein sich achtender Zeitungsschreiber verfällt nach einem Und nicht mehr in die fehlerhafte Satzumdrehung, schreibt auch nicht mehr Derselbe, Dieselbe, Dasselbe statt Er, Sie, Es. Ein anständiger Schreiber darf gewisse Verstöße gegen sprachliche Anständigkeit und Sauberkeit nicht einmal im Rausch oder im Traum begehen. Das müßte fürwahr ein durchaus unfähiger deutscher Zeitungsmann sein, der selbst im äußersten Drang der Eile seinen deutschen Gedanken nicht in deutsche Worte kleiden könnte, – wenn er wollte ; wenn er nicht bloß möchte, sondern wirklich wollte . Unter Wollen verstehe ich nicht den bloß redensartlichen ›besten Willen‹, sondern ganz einfach den guten Willen, der viel besser ist als der ›beste‹. Schwierig allerdings, das gebe ich zu, ist das Übersetzen eines welsch gedachten und zuerst welsch niedergeschriebenen Satzes ins Deutsche; aber Deutschschreiben heißt nicht: ins Deutsche übersetzen, sondern Deutschgedachtes deutsch aussprechen. Ich muß leider, so sehr ich mich dessen schäme, diese und andre Selbstverständlichkeiten bis zur Ermüdung wiederholen, denn für die meisten Schreiber sind sie Offenbarungen. Der deutsche Zeitungsmann komme mir auch nicht mit der windigen Entschuldigung, es gebe keine allgemein feststehende und verständliche deutsche Gleichwerte für solche Fremdwörter des eisernen Zeitungsbestandes wie: Politik, Minister, Staatssekretär, Parlament, liberal, konservativ, Zentrum, Präsident, Interpellation, Finanzen, Justiz . Einmal ist selbst dies für alle hier aufgezählte Haupt- und Kraftwörter der Zeitungssprache in allen Fällen nicht wahr, wie ein Blick in mein Fremdwörterbuch zeigen wird; und zweitens wird kein vernünftiger Sprachreiniger einem sonst saubern deutschen Zeitungsschreiber einen Vorwurf machen; wenn er jene und noch gut hundert andre tief eingenistete Fremdbrocken nachbrockelt. Von den Tausenden jedoch der überflüssigen Welschereien soll er sich selbst unterm Donner seiner Schnellpressen aus deutschem Ekel und schriftstellerischem Stolz fernhalten; und niemals, unter keinen Umständen, in keiner Hetze, aus keiner sogenannten Bequemlichkeit, deren wahrer Name Lodderei ist, darf ein Mann, der die Ehre hat, der deutschen Presse zu dienen, die schon vorhandenen genügend dicken Fremdwörterbücher um ein einziges neues Welschwort bereichern. Und noch eins muß ein für allemal aus der deutschen Presse verschwinden: das völkische Ärgernis, daß in einigen viel gelesenen, allerdings weniger geachteten Zeitungen jedes Streben nach Reinigung unsrer Sprache von einigem wenigem Schmutz zur Zielscheibe der salzlosen Späße sehr unwissender, darum sehr anmaßender Schreiber letzten Ranges gemacht wird. Wiederum muß gefragt werden: in welchem andern Lande würde man solche Verhöhnung eines Bestrebens dulden, das selbst im Falle eines vereinzelten Vergreifens noch um seines völkischen Gehaltes willen Achtung verdient? Zum Schlusse dieses Abschnittes eine Bemerkung rein geschäftlicher Art, die vielleicht stärker wirken mag als jede von höherer Warte. Eine anständige, gut geleitete, gut unterrichtete und unterrichtende deutsche Zeitung in deutscher Sprache würde in überraschend kurzer Zeit die meistgelesene Deutschlands sein und ihren mutigen Begründer zum schwerreichen Manne machen. Desgleichen würde jede große schon bestehende deutsche Zeitung, die mit Strenge, aber ohne schrullenhafte Peinlichkeit reines Deutsch vom Titel bis zur letzten Anzeige ein- und durchführte, in weniger als einem Jahr an der Spitze des deutschen Zeitungswesens stehen. Nötig ist dazu weiter nichts als ein Wille, der wirklich will .   Unsre Heeressprache Redet man einem Welscher der Gelehrsamkeit oder der Presse ins Gewissen, so entschuldigt er sich, nach einigem Hin- und Herreden, mit der törichten Frage: Und die Fremdwörter im Heer ? Man fahre jedem Welscher, der es wagt, seine Geckensprache durch solchen Hinweis zu rechtfertigen, rücksichtslos übern Mund: die hundert Fremdwörter im Heer sind geschichtlich aufgezwungene Fachwörter, die Tausende des Wissenschafters und Zeitungsschreibers sind sprachliche Ohnmacht oder Dünkel oder beides vereint. Man lese nach, was ich über die musterhafte Reinsprache unsrer Obersten Heeresverwaltung auf Seite 121 gesagt habe, und vergleiche mit ihr das Deutsch der berühmten Heroen der Wissenschaft, die in ihren ›Deutschen Reden in schwerer Zeit‹ bewiesen haben, wie herrlich weit es die deutsche Sprache unter den Händen unsrer Welscher seit Fichtes ganz deutschen Reden an die deutsche Nation gebracht hat. Das Fehlen jeder Eitelkeit im Gebrauch ihrer Fachfremdwörter ist das zweifellose Kennzeichen unsrer Heeressprache. Niemals hat die deutsche Heeresverwaltung eine Spur der unanständigen Überhebung über jedes Bestreben nach reiner deutscher Sprache gezeigt, wie die welschende Wissenschaft. Unter denen, die Erich Schmidts und Hans Delbrücks anmaßliche Erklärung gegen den Deutschen Sprachverein unterschrieben – die Besten nur durch erweisbare Täuschungen verleitet –, war kein einziger der vielen ausgezeichneten Heeresschriftsteller, war vor allen nicht Moltke , einer der bewußten Reinschreiber seines Zeitalters. Fremdwörter wie Armeekorps, Division, Brigade, Regiment, Bataillon, Kompagnie, General, Major, Leutnant sind geschichtlich und fachlich durchaus anders zu bewerten als solch Geckenwelsch wie Milieu, Psyche, Analyse, Synthese oder eine Pennälersprache wie halbieren, inhaftieren, Lagerist, Probist, Germanist . Keinem deutschen General fällt es ein, solche von geschichtlichem Ruhmesglanz umstrahlte Wörter wie Armeekorps usw. eitel tiftelnd als besonders nüankßenreich und darum unverdeutschbar zu verspitzfindeln; sondern er sagt einfach: es sind mehrhundertjährige Fachwörter, die seit dem 17. Jahrhundert europäisches Gesamtsprachgut aller Heere sind und um der Einheitlichkeit unsrer amtlichen Heeressprache willen nicht willkürlich von einem Unberufenen geändert werden dürfen. Regiment muß es heißen, bis der oberste Kriegsherr für gut befindet, ein vollkommen entsprechendes deutsches Wort, das es natürlich gibt, anzubefehlen. Dieses Wort wird alsdann nach einem Jahr fester deutscher Sprachbesitz geworden sein, wie vor 80 Jahren der Hauptmann statt des Capitaines , vor 20 Jahren der Leutnant und Oberleutnant statt des Second- und Premierlieutenants einfach durch Befehl eingeführt wurden. Hingegen hat die deutsche ›Seele‹ Jahrtausende hindurch dem vernünftigen deutschen Volke, allen seinen großen Dichtern und Denkern genügt, bis gespreizter Dünkel in der Wissenschaft und ihren Nachbargebieten die Geckennase über Seele rümpfte und Psyche lispelte. Und noch eine kennzeichnende Kluft zwischen der Ehrerbietung der Männer der Tat vor ihrer Muttersprache – und deren schnöder Geringschätzung durch die welschende Wissenschaft: planmäßig hat die Heeresverwaltung im letzten Menschenalter das getrieben, was ein besonders anmaßender, besonders schlecht schreibender Wissenschafter ›dummen Purismus ‹ genannt; sie hat viele Hunderte tiefgewurzelter fremder Fachwörter wie Terrain, Lizière, Plateau, Tête, Avantgarde, Arrièregarde, Rekognoszierung, Requisition hinausgeworfen und mühelos durch gute deutsche Ausdrücke ersetzt. Die welschende Wissenschaft dagegen hat solch deutsches Beginnen höchst mißfällig betrachtet, und zwei Professoren, Hans Delbrück und Paul Cauer, dieser sogar ein Schulrat, also ein Berater unsrer Schulverwaltung, haben sich entschieden für Terrain , gegen Gelände ins Zeug gelegt. Daß die welschende Wissenschaft durch den Krieg nicht zum sprachlichen Deutschtum bekehrt werden wird, steht schon jetzt fest: ihre Welscherei und ihr Hohn über die dummen Verteidiger reiner Sprache sind alle diese Kriegsjahre hindurch die gleichen geblieben wie im Frieden. Hingegen unsre Feldherren! Laßt sie nur mit ihren paar Fremdwörtern, an denen als den Erbstücken ruhmvoller Jahrhunderte sie selbst unschuldig sind, im Deutschen Kriege siegen, siegen, siegen, dann werden sie im Deutschen Frieden zweifellos freudig bereit sein, immer noch reineres Deutsch zu schreiben. Ihre Fremdwörter sind keine Entschuldigung für die Schreiber, die keine Schlacht bei Tannenberg, an der Somme, bei Hermannstadt geschlagen haben, so wenig wie Goethes Fremdwörter seines Franzosenjahrhunderts eine Rechtfertigung der welschenden Germanisten sind, von denen ganz bestimmt keiner einen Götz oder einen Faust geschrieben hat oder schreiben wird. Und es gibt ein hübsches römisches Sprüchlein, so recht für die Welscher geschaffen, das anfängt: Quod licet Jovi –! Im 70er Kriege mahnte Vischers Schartenmeyer: Und warum die Sprach' von jenen, Die man doch geklopft, entlehnen? Premier-, Sekondlieutenant, Warum das im deutschen Land? Laßt den Zopf dem alten Fritze, Sagt statt Tête kecklich Spitze, Spricht sich Kette, Saum so schwer? Braucht man Chaine und Lisière ? Alle diese von Vischer gerügte Welschbrocken sind aus dem deutschen Heere längst verschwunden; wie aber heißt das elendeste Flitterwort, auf das die deutsche Wissenschaft je freiwillig verzichtet hätte? Ihre Sprachbereicherung heißt einzig Aufplusterung der ihnen immer noch nicht genügenden Riesenfremdwörterbücher.   4. Vom Verdeutschen In diesen gewaltigen deutschen Zeiten fragen sich viele wackere Deutsche, fragt mich wohl mancher Leser dieses Buches: Wie soll man verdeutschen? Löblich gemeinte Frage; um so löblicher, je ernster sie gemeint ist; – und doch: wie tief beschämend, ja wie grausig sinnlos klingt sie dem sprachgesunden Menschen! Der sich zum vollen Deutschtum durchringende Deutsche begreift, daß dazu die deutsche Sprache gehört; um sie aber zu sprechen, muß er verdeutschen , muß Fremdes erst in Deutsch verwandeln! Reines Deutsch also kann der Deutsche, wenigstens der gebildete, nur sprechen, indem er Welsch ins Deutsche übersetzt . Fühlt der Leser die Kranksinnigkeit, die hierin liegt? Ehe sie ihm in ihrer erschreckenden Grelle vor die Seele getreten, kann er alles Folgende nicht ganz verstehen, denn dazu gehört innerstes Mitfühlen. Für den sprachgesunden Deutschen gibt es nur eine natürliche Verdeutschung: Deutschgedachtes in Deutschgeschriebenes umzuformen, ohne daß sich irgendeine Trübung und Störung durch Fremdgedachtes dazwischendrängt. In diesem Zustand völliger Sprachgesundheit leben in Deutschland außer den Dichtern – fürs Dichten! – keine hundert gebildete Menschen, d. h. Gewohnheitsleser von Büchern und Zeitungen. So muß denn, trotz Beschämung und Widersinn, vom Verdeutschen , vom Übersetzen aus Welsch in Deutsch geredet werden, weil zwischen Denken und Deutsch hinein allemal das Welsch näselt und gurgelt, lispelt und zischt. Muß denn aber leider verdeutscht werden, dann mit tiefer Verachtung des zufälligen Fremdwortes, dagegen mit sorgsamer Erwägung des zu erfüllenden Sprachzweckes. Das Fremdwort an sich, selbst das anständigste, erfüllt diesen fast niemals ganz. Religion sagt so gut wie nichts über seinen jetzigen Begriffswert, Kultur nicht viel, Literatur etwas Unbestimmtes, Politik kommt im Griechischen als Hauptwort gar nicht vor, Philosophie heißt Weisheitsliebe, Tragödie Bocksgesang. In zahlreichen Fällen hat selbst der Sprachkundige, auch der dünkelhafteste Wissenschafter, ohne gelehrte Sonderforschungen keine Ahnung von der eigentlichen Bedeutung der Fremdbrocken, die er genau so unfühlend nachplappert wie der Ungebildetste. Wer weiß vom Fleck zu sagen, wie es steht mit dem Sinne von: frivol, Fiasko, Roué, Panne, Halluzination, Kontrast, fanatisch, panegyrisch, Fronde, Aphorismen, grassieren, Enfant terrible, Snob, Derby, Clou, Bucketshop , und Dutzenden andrer, die er gefühl- und gedankenlos nachredet? Ja, ich gehe weiter: wer beherrscht denn überhaupt vollkommen die Begriffswelt der meisten Wörter aus 5–6 fremden Sprachen? Doch nur der Mensch, der in eine dieser Sprachen hineingeboren wurde. Man gebe sich über diesen wichtigen Punkt keiner Selbsttäuschung hin, wie sie grade in Deutschland alltäglich ist: es ist nicht wahr, daß ein Fremder die Seelenwelt einer fremden Sprache – und der Welscher gaukelt in einem halben Dutzend solcher Welten – jemals ganz in sich aufnehmen kann. Man höre auf, solche unwissenschaftliche Redensarten nachzureden von den vielen Deutschen, die außer der eignen Sprache noch eine fremde ›vollkommen beherrscht‹ hätten. Es hat niemals einen deutschen Menschen von einiger Bedeutung gegeben, der eine fremde Sprache gleich der eignen gesprochen oder geschrieben hätte. Die tiefer dringende Sprachwissenschaft weiß, warum das unmöglich ist. Friedrichs des Großen Französisch war in der Tat › tudesque ‹, wie jeder deutsche Kenner der Sprache mit Voltaire übereinstimmend urteilen muß. Der Königin Luise zahlreiche französische Briefe an Gatten, Vater, Bruder sind so schülerhaft unfranzösisch, daß man seine Freude dran hat. Friedrich Gentz, Metternichs meist Französisch schreibende rechte Hand, verfertigte Noten in einem überaus spaßigen Französisch. Bismarcks Französisch klingt nur deutschen Lesern ganz französisch, und er selbst wußte, wie sauer ihm das Französischsprechen wurde (vgl. Engels Deutsche Stilkunst, S. 198). Heine hat in 26 Pariser Lebensjahren nicht Französisch gelernt; Max Müller in 40 Oxforder Jahren nicht so vollkommnes Englisch, daß er ohne die Durchsicht eines Engländers seine englischgeschriebenen Bücher in den Druck zu geben wagte. Und Goethe, der von Jugend auf ans Französische im Sprechen und Schreiben gewöhnte, bekannte in dem deutschen Nachwort zu einem französischen Brief aus der Schweiz: ›Soll ich französisch reden? eine fremde Sprache, in der man immer albern erscheint, man mag sich stellen wie man will, weil man immer nur das Gemeine, nur die groben Züge ausdrücken kann?‹ Unsre großartigen Welscher in 6 Sprachen aber erklären aus ihrer versechsfacht feinsten Sprachkenntnis heraus von jedem deutschen Ersatzworte, es ›decke‹ sich nicht mit den geheimnisvollen Bedeutungen der Tausende welscher Brocken, die ihnen alle ihre letzten Geheimnisse offenbart haben.   Verdeutschung des deutschen Begriffs Das zu verdeutschende Fremdwort muß leider, wie die Dinge in Deutschland stehen, oft der Ausgang sein; nicht aber ist das ›Decken‹ mit dem Fremdwort das höchste Ziel. Es ist gleichgültig, ob sich Bahnsteig mit Perron , Abteil mit Coupé , Abschnitt mit Coupon , Hauptmann mit Capitaine , Volkstum mit Nationalität deckt; die Hauptsache ist, daß sich die deutschen Wörter mit dem deutschen Begriff decken. Alle glücklichen Verdeutscher von Zesen über Campe zu Stephan haben sich nur um den genügenden Sinn des zu suchenden deutschen Wortes gekümmert, nicht ums genaue Wiedergeben des fremden. Eingeschrieben ist keine Übersetzung von Rekommandiert , Umwelt keine von Milieu , Zerrbild keine von Karikatur , Liebreiz nicht von Grazie , leutselig nicht von populär ; aber trotzdem, oder grade darum, haben sie sich so schnell durchgesetzt. Die erfolgreichen Verdeutscher wollten etwas Vernünftiges aus allen deutschen Kräften: darum haben sie erreicht, was sie gewollt. Sie wollten Diener und Pfleger des deutschen Gedankenwortes sein, nicht demütige Sklaven eines ludrigschludrigen Welschbrockens wie Perron, Coupé, Coupon : darum sind diese ›besten Köpfe‹ nach Goethes Verheißung Reiniger und Bereicherer ihrer Sprache geworden. Wille ist alles! Mit diesem Willen zum Vaterland, das ja nicht bloß Heimatscholle, sondern Seelenheimat ist, haben die heute lebenden Griechen ihre unter dem schmutzigen Wust der Jahrtausende verschüttete edle Sprache zu einer der reinsten der Erde gemacht; verschmähen jedes romanische Fremdwort; bestreiten spielend alle Sprachbedürfnisse eines Bildungsvolkes der Gegenwart einzig mit den Mitteln ihrer Sprache; kennen nicht General, Minister, Sekretär, Gouverneur, Partei, liberal, konservativ, Parlament, Billett, Marine , nicht Offensive noch Defensive noch Reserve noch Munition noch Proviant und sind um die vollkommen deckende griechische, d. h. vaterländische, völkische Benennung aller dieser Herrlichkeiten nicht einen Augenblick in Verlegenheit. Allerdings wurzelt ihr Wille zur reinen Muttersprache in der höchstgespannten Vaterlandsleidenschaft; doch, o Wunder!, ein schmelzendes Lied wie ›Muttersprache, Mutterlaut‹ singen sie nicht dazu.   Wer Deutsch schreiben, ja wer auch nur verdeutschen will, kümmere sich nicht um den welschenden Philister ! Er verlache ihn, verachte ihn, bemitleide ihn allenfalls, aber er trotze ihm! Nicht ein einziges glückliches Neuwort hat sich den Platz einer blöden eingewurzelten Welscherei erobert ohne den Spott, den Widerstand, das Geschimpfe des Philisters, – des Philisters im allerweitesten Sinne. Jedes gute neue Wort Campes (vgl. S. 123) ist bekrittelt, verhöhnt, verworfen worden und – hat sich durchgesetzt. › Mundart ‹ für Dialekt : ›Mundart ist lächerlich; Mundart kann nur eine Art des Mundes bedeuten, nicht eine Art der Sprache‹ (Allgemeine Literaturzeitung). – › Unlauterer Wettbewerb – fürchterliches modernstes Kunstdeutsch‹ (Professor Hans Delbrück). – › Eingeschrieben ! Was wird nicht alles eingeschrieben!‹ (ein Licht im Deutschen Reichstag). – › Sternwarte ‹ für Observatorium : ›Welch ein Unsinn! Wartet man dort auf die Sterne? oder wartet man dort der Sterne?‹ (Vossische Zeitung). – › Scheinwerfer für Réverbère : lächerlich‹ (Weber im Demokritos). – › Feldzug für Campagne : in welches Feld zieht man, oder welches Feld zieht man?‹ (Adelung). – Tatsache (von Spalding) für Faktum : ›Unschicklich und wider die Analogie zusammengesetzt‹ (Ramler). – Gemeinort oder Gemeinplatz für Locus communis : ›Gemeinort ist eine buchstäbliche und daher sehr ungeschickte Übersetzung. Noch verwerflicher ist Gemeinplatz‹, so Adelung, der deutsche Sprachpapst seiner Zeit, von sich selbst dafür gehalten, von den Besten beachtet, ja gefürchtet. Es ist das tiefste Wesen des Philisters, das zufällig Bestehende, wär's auch der größte Unsinn, für das Einzigmögliche zu halten, das vernünftigste Neue dummfrech zu belachen, aber – nach Einführung des Neuen nicht begreifen zu können, daß es nicht zugleich mit ihm, dem Philister, geboren ward. Und dieses höhnende Philistertum hat in dem Jahrhundert seit Campe an Macht um so viel gewonnen, wie die Welscherei durch die Presse zur Seuche eines Millionenvolkes geworden. Bei jedem ursprünglichen oder durch Verdeutschung gewonnenen deutschen Kernwort muß man sich heute fragen: Wie würde es der welschende Philister verspotten, wenn man es heute an die Stelle eines Fremdwortes zu setzen wagte! Schutzmann für Konstabler : ›Hat der Schutzmann nur zu schützen? hat er nicht zu ordnen, zu regeln, zu befehlen, zu schreiben, zu melden? Schutzmann deckt sich nicht!‹ – Stab für Adjutantur : ›Stab? Hat man je etwas so Verkehrtes gehört? Stab soll sich mit Adjutantur decken? Diese dummen Puristen !‹ – Oberste Heeresleitung für Generalkommando oder Generalstabschef : ›Oberste Heeresleitung! Welch eine weitschweifige, nüchterne, willkürliche, puristische kunstdeutsche Übersetzung von Generalkommando , mit dem sie sich obendrein nicht deckt!‹ – Man versuche sich auszudenken: ein Purist mache heute den in seiner Tollkühnheit an Irrsinn grenzenden Vorschlag, den hochvornehmen Sculptor durch den gemeinen Bildhauer zu verdeutschen! Aber es ist ja nicht auszudenken. ›Knochenhauer, Fleischhauer, Steinhauer – gewiß; aber Bildhauer! Hauer eines Bildes! Wär's nicht an der Zeit, daß der Staat im Verein mit Germanistik und Journalismus , unter Führung des getreuen Eckarts deutschen Sprachadels, Hans Delbrücks, solchem unsre edle Sprache lächerlich machenden puristischen Unverstand, solcher › nationalen Verschleimung, solchem fürchterlichen modernsten Kunstdeutsch‹ ein Ende setzte? Sculptor muß es heißen, mit Sculptor deckt sich kein deutsches Wort, Sculptor nun und in secula seculorum . Bildhauer schraubt die Sprache ins Primitive zurück, ein Unglück, vor dem uns nur die tiefe Spracheinsicht Hans Delbrücks, Theodor Birts und Paul Cauers gnädig behüten kann. Oder nehmen wir die im Weltkriege schüchtern hier und da, z. B. in meinem Kriegstagebuch, gewagte Ohnseitigkeit für Neutralität ! Es gibt Ohnmacht, ohnmächtig; also an der Deutschheit von Ohnseitigkeit oder Ohnseite ist nicht zu zweifeln. Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Grund gegen Ohnseitigkeit; es gibt alle Gründe der Sprachsauberkeit gegen die küchenlateinische, nicht etwa lateinische, Neutralität . Tut nichts: Philister verlacht die Ohnseitigkeit und bleibt bei der Neutralität . Sollte sich wider alle Wahrscheinlichkeit das deutsche Wort behaupten, so hat Philister es vorausgesehen und mitgewirkt. – Gegen den Zuckerbäcker statt des Konditors wurde in diesen Tagen geltendgemacht: Er bäckt doch keinen Zucker, sondern mit Zucker! – Man lese nach, was selbst ein Mann wie Jakob Grimm für das angeblich unverdeutschbare appetitlich vorgebracht (S. 122); erinnere sich der Dummheiten gegen Postkarte für Korrespondenzkarte , gegen bewahrheiten für verifizieren , gegen Kleinbahn für Sekundär- oder Vizinal bahn, des noch heute andauernden Gehöhnes gewisser Heimpariser gegen das untadlige völkisch (seit 1875) für national , – und erfülle sich dadurch mit dem festen Willen, beim Verdeutschen weder auf Philister noch auf unvölkische Heimpariser, aber überhaupt nicht auf Einwände von Welschern zu hören. Dies muß hinfort unerschütterlicher Grundsatz aller wahren Freunde deutscher Sprache werden, nicht zuletzt der Sprachvereine: In Fragen deutscher Sprache haben die Welscher keine Stimme. Wer durch ein langes Welscherleben bewiesen hat, daß er das Deutsche weder schreiben will noch kann; wer durch seine unzähligen Fremdbrocken ausspricht, daß er die deutsche Sprache für unfähig hält, seinen Gedankenreichtum auszudrücken, den sollen wir als Sachverständigen in der zartesten und wichtigsten Frage deutscher Sprache zulassen? Auf dessen drollige Warnungen sollen wir hören – vor den gefährlichen Exzessen der Reinheit; vor dem extremen Bade mit dem ausgeschütteten armen Kinde; vor dem outrierten nationalistischen Purismus , der nicht nur die Fingerspitzen, sondern auch die Füße (S. 118) waschen will; vor dem Bruch mit den historischen und kulturellen Traditionen und vor dem Zurückschrauben in die lebensunfähige Primitivität ?!   Kühnheit im Verdeutschen Den gewichtigsten Rat fürs Verdeutschen hat Lessing erteilt, als er Boden 1768 ›empfindsam‹ für sentimental (›Yoriks empfindsame Reise‹) empfahl mit dem Zusatz: › Wagen Sie es! Was die Leser fürs erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen.‹ Der feine Purist Lessing hat damit alles in zwei Zeilen gesagt, was wir arme Nachfahren auf 20 Seiten sagen müssen, um besser verstanden zu werden; denn verstanden wurde Lessing mit seiner gemütlich bündigen Kürze weder von Bode noch von den Welschern der folgenden anderthalb Jahrhunderte. Wagen Sie es!: alle echte Wortschöpfung ist, wie alle Kunst, Wagnis; Wortklabasterung wie sentimental ist kein Wagnis, aber eben auch keine Kunst. – Die Leser werden sich gewöhnen: zunächst allerdings werden sie lachen, spotten, Naserümpfen, denn ›empfindsam‹ ist neu und nur deutsch; mit dem öftern Hören wird die Neuheit schwinden, und über ein kurzes klingt ihnen aus ›empfindsam‹ alles heraus, was ja nicht etwa wirklich in sentimental steckt, sondern verschwommen hineingedacht und unklar herausgehört wurde. Sprache kommt von Sprechen , nicht von Schreiben! Sprache ist nicht gedrucktes Wörterbuch, sondern lebendiger Seelenodem. Zuerst war das Sprechen, lange nachher kam das Schreiben. Goethe, der Meister der Sprache des Sprechens, ging so weit: ›Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache.‹ Noch dies muß den welschenden Verhöhnern jedes guten deutschen Stammwortes gesagt werden: Der Mensch spricht nicht in einzelnen, alleinstehenden Wörtern, sondern in zusammenhängenden inhaltvollen Sätzen, deren Wörter sich in ihrer Bedeutung wechselseitig tragen und ergänzen. Was ist ein Umschlag ? Ich weiß es nicht, denn es kann mancherlei bedeuten; aber ich weiß, was es in den Sätzen bedeutet: Ich habe die Rechnung in einen Umschlag gesteckt, – Gestern ist ein vollständiger Umschlag des Wetters eingetreten, – Gegen Zahnschmerz hilft vielleicht ein warmer Umschlag, – Der Elbeumschlag ist eine wirtschaftlich wichtige Einrichtung. Als aber empfohlen wurde, vom Briefumschlag zu sprechen, da lachte Welscher überlegen: Umschlag! was ist Umschlag?, Kuvert muß es heißen! – Welscher hält nämlich Kuvert , oder noch feiner: Kuwähr, für feinstes Französisch, und doch ist es nur das Französisch der Berliner Mulacksgasse. Es stört ihn aber auch nicht, wenn man ihm nachweist, daß die Franzosen das Ding Enveloppe nennen. Entscheidend für den richtigen Welschphilister ist nicht Echt oder Unecht, sondern Welsch, um jeden Preis Welsch, nur nicht das ›fürchterliche modernste Kunstdeutsch‹ Umschlag. Jede Verdeutschung muß im Satzzusammenhang, nicht für sich alleinstehend auf ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Man spreche sich das einzuführende, selbstverständlich gutgebildete, gutdeutsche Wort fünfmal, zehnmal mitsamt dem Satze vor und belausche die Wirkung! Man stumpfe solchermaßen das stärkste, aber oft trügerische, Hemmnis der Ungewohnheit ab! Man horche auf Klang und Flüssigkeit, prüfe Bildkraft und Nachbild, untersuche die Ableitbarkeit für Haupt-, Eigenschafts-, Zeit-, Umstandswort, die Eignung fürs Abschatten durch Vor- und Nachsilben, und vertraue im übrigen auf das gute Glück jedes guten deutschen Wortes. Die Umgewöhnung des Lesers tritt überraschend schnell ein. Jede leidlich verbreitete Zeitung kann jedes brauchbare Wort in zwei Wochen einbürgern, tut das jedoch leider fast nur mit schlechten Fremdwörtern. Einschreiben und Eingeschrieben hatten in weniger als einem halben Jahr ganz Deutschland vom Rekommandieren gesäubert. Alsbald tritt dann die natürliche Wirkung ein, daß das deutsche Wort vertraut und vertrauter, das welsche ungewohnt, seltsam, putzig klingt, bis zu solchen Wirkungen wie mit Goethes Prostituieren und dem ruhigen Particulier Spinoza. Der gesamte Gefühlsreichtum, den das Welschwort den verdrängten deutschen Ausdrücken ausgesogen hatte, strömt aus Herz und Hirn des Sprechenden in das deutsche Neuwort über, und nach einigen Jahren kann der verrannteste Welscher nicht ohne das deutsche Wort auskommen, erscheint ihm selber das Welschwort lächerlich bis zur Albernheit. Vor 30 Jahren hätte kein Radler von seinem Rade sprechen dürfen; heute sagt der rückständigste Welscher nicht mehr Veloziped . Mit Schuppen oder Unterstand sind wir noch nicht so weit: die Vornehmheit verlangt unbedingt die (die!) Garage . Nur zehn große deutsche Gasthöfe brauchten zu erklären: uns erscheint Hotel nicht mehr Prima , nur Hof oder Gasthof ist erstklassig, und ein Jahr drauf würde der letzte Gasthofbesitzer in Trippstrill die Minderwertigkeit des Hotels einsehen. Wagen Sie es! rät Lessing; ›äußerste Vorsicht bei jedem Eingriff ins Leben der geliebten Muttersprache‹ sagt der Welscher, der sich keiner sprachlichen Gemeinheit schämt, nicht zurückscheut vor dem sich gerierenden Diogenes und potenzierten Sokrates, nicht vor Siegfrieds ethischem Pathos und der territorial atomisierten Nation , nicht vor dem tantifizierenden Komfortismus und Sportismus , nicht vor den eliminierten, isolierten, konzentrierten, prononzierten Gefühlserregern. Das ganze große Wörterbuch glücklicher Verdeutschungen ist die Frucht äußerster sprachschöpferischer Kühnheit . Man prüfe sie Wort für Wort, die Neubildungen unsrer großen Puristen von Schottel über Zesen, Opitz zu Lessing, Goethe, Campe, Jahn, Stephan, – welch eine verblüffende Fülle von Kühnheiten, die heute keiner der durch anmaßende Welscher eingeschüchterten Verdeutscher mehr wagen würde! Wer dürfte sich heute unterstehen, Abhandlung statt Traktat vorzuschlagen? Welche Waghalsigkeiten waren Lustspiel, Trauerspiel, Schauspiel für Komödie, Tragödie, Drama , Wörterbuch für Lexikon , Leidenschaft für Passion , Staatsmann für Politiker , Schriftsteller für Autor , Stecher (Campe!) für Graveur , Schauspieler und Schauspielerin für Acteur und Actrice , Briefwechsel für Korrespondenz , Jahrhundert für Seculum , Dichtkunst für Poesie , Beschaffenheit für Qualität , Gegenstand für Objekt , gegenständlich für objektiv , und die Hunderte von bereichernden Verdeutschungen, deren jede, jede sich erst im Kampf gegen Sprachstumpfsinn und Anmaßung durchsetzen konnte. Ein einziger Tollkühner, der darob zuerst verhöhnte Ludwig Jahn, hat außer dem lange belachten Volkstum den ganzen Wortschatz für das Turnen neu geschaffen. Wie viel mehr Gutdeutsches könnten wir heute haben, wenn sich unsre kühnsten reinigenden Bereicherer nicht doch vor dem gelehrten sprachvertaubten Philister gefürchtet hätten, Campe z. B. vor dem unausstehlichen ›Hund‹ Adelung, wie ihn Wieland nannte! Wie gern hätte Campe uns schon damals von der lächerlichen Elektrizität , der drolligen Bernsteinigkeit, befreit! Er setzte an, seufzte, wagte es nicht. ›Sollte man nicht verinseln (für isolieren ) und verinselt ( isoliert ) wagen dürfen?‹ Hätte er's nur gewagt! Auf Welsch darf man so sagen; wer's auf Deutsch sagt, wird verhöhnt (vgl. S. 64 zu vermittelpunkten ).   Ansprüche der Welscher ans Deutsche Vom deutschen Wort verlangt der Welscher das Unmögliche, und da dies nicht zu leisten ist, so lehnt er's ab. Gegen kein noch so sextanerhaft gebildetes Küchenlateinwort ohne Sinn, Verstand, Wohlklang, Gefühlswert hat er je etwas eingewandt; jedes ist ihm recht, jedes vermehrt den Schatz seiner Nüankßen kleinode. Das neue deutsche Wort muß, um dem Welscher vielleicht ein gönnerhaftes Löblein abzugewinnen, aber trotzdem nicht angewandt zu werden, aus Märchenbrunnentiefen aufgeschöpft sein; das Fremdwort darf man vom Kehrichthaufen irgendwelcher Sprache oder Unsprache auflesen: an seinem Herrscherrecht darf kein dummer Purist rütteln. Jeden Begriffsfarbenton muß das deutsche Neuwort genau deckend widerspiegeln; andernfalls wird dringend empfohlen, ›es bei dem bewährten Fremdwort zu belassen‹. Kraftbrühe besagt nichts über die Klarheit der Suppe, also muß Consommé , das weder Kraft noch Klarheit und für den nicht sehr Sprachkundigen überhaupt nichts bedeutet, erhalten bleiben. Deutschkunde sagt kurz und genau, was gemeint ist: Kunde vom Deutschen; das Wortgebilde ist so untadlig wie Erdkunde, Naturkunde, Lateinkunde; es ist deutsch und dazu bestimmt, eine zwar für sehr vornehm geltende, aber sprachlich gemeine fremde Wortdrechselei Germanistik zu verdrängen. Aber nein, ›Deutschkunde ist scheußlich‹, sagt Franz Muncker, der Germanist , dem die Sprachreinheit, so sagt er, sonst, nämlich bei den Andern, sehr am Herzen liegt.   Der Vorgang ist immer derselbe: bei der Namengebung für neue Dinge, neue Begriffe drängt sich sogleich der Welscher vor und bastelt ein beliebiges Unwort mit ismus, ik, istik, ation, isation, ifizieren zusammen. Dieses fremde Unwort genießt fortan alle Ehrenrechte, Vorrechte, Alleinrechte der gesetzlich herrschenden Landes-, Wissens-, Lebenssprache. Keiner darf an ihm rütteln, keiner wagt dran zu rütteln. Das Wort selbst ist fast sinnlos, ergibt bei strenger Prüfung nur eine schwache Andeutung des Begriffs, ist sprachwissenschaftlich Quartanerwerk, – gleichviel, es ist da, es gilt, es gewinnt geheimnisvolle Kräfte, eingebildete nur, aber es ist ein gelehrtklingendes Welscherwort, also ragt es kraftvoll über das niedre nur deutsche Wortgestrüpp hinaus in die Wolken. Ein Gelehrter ohne deutschen Sprachsinn, Häckel, will seiner Weltauffassung von der Einheit alles Seins einen schlagkräftigen Namen geben. Warum sollte er nicht? Indessen da er ein deutscher Gelehrter ist, so kommt ihm selbstverständlich nicht für einen Augenblick der Gedanke, seine Lehre auf Deutsch zu benennen. Er würde jeden, der ihm diese Möglichkeit andeutete, auslachen, wahrscheinlich einen dummen Puristen nennen. Da ihn auch kein feiner Sprachsinn fürs Griechische behindert, so ›schafft‹ er aus der griechischen Wurzel mon (allein, eins) mit Hilfe des Gummistempels ismus den großartigen Monismus , der durch seine sprachliche Erbärmlichkeit bei Platon und Aristoteles Übelkeiten hervorgerufen hätte. Es bildet sich ferner ein ebenso großartiger Monisten bund, dessen Mitglieder zum großen Teil nichts von der Wurzel mon wissen, sie aber für ebenso zauberkräftig und unersetzlich halten wie die Springwurzel des Märchens. Und nun soll sich einmal ein anmaßender Purist unterfangen, ein gutes verständliches deutsches Wort statt des elenden, unverständlichen sprachlichen Kielkropfes Monismus vorzuschlagen, etwa: Einslehre! Das Gewäsch vom Nichtdecken, von der mangelnden Schärfe, von der Mißverständlichkeit, von der nationalen Einseitigkeit, dem Kunstdeutsch usw.! – was alles im Grunde nichts weiter besagt als: Einslehre ist deutsch und verständlich, Monismus ist nicht deutsch, klingt aber vornehmgelehrt, und im übrigen wünschen wir in unsrer internationalen technischen Terminologie nicht durch puristische Velleitäten molestiert, derangiert und irritiert zu werden. Ein zweites Beispiel. Ein ärztlicher dichtender Welscher erbastelt ein plattes griechisches Wort Euphorie , das nichts weiter als Wohlsein bedeutet; bezeichnet damit großartig den schmerzlosen Zustand mancher Kranken kurz vor dem Hinscheiden und fragt dann den dummen oder doch gutmütigen Puristen : He? wie willst du das übersetzen?, denn Sprache ist dem Welscher, dem ewigen Pennäler, das Übersetzen. Der Purist fällt drauf hinein, quält sich ab mit den selbstverständlich besseren deutschen Wörtern: Sterbefrieden, Sterbseligkeit, Erlösungsglück, Scheideglück, Sterbeglück, Schmerzlösung, anstatt dem Deutsch- und Griechischverderber zu entgegnen: Zeige mir in einem griechischen Wörterbuch deine Euphorie in der von dir willkürlich erklügelten Sonderbedeutung, so will ich dir's übersetzen; hast du aber nur eine neue Welscherei aus eigner Vollmacht verübt, so mach' ich's wie du, nenne das Ding Virama , sage, es sei Sanskrit, und erwarte den Gegenbeweis. Da Sanskrit noch vornehmischer als Griechisch ist, so hast du nicht zu mucken. Die Vorgänge mit Monismus und Euphorie sind vorbildlich – Welscher sagt: typisch. Sozialismus ist aus derselben Sprachkrankheit entsprossen: der akademisch gebildete deutsche Arbeiterführer hielt es unter seiner Würde, für die aus Frankreich nach Deutschland dringende Bewegung kühn und kernhaft einen deutschen Namen zu prägen, etwa: Genossung, Gemeinung, Gesellung, sondern stammelte als gelehriger Höriger der Franzosen das französisch-küchenlateinische Wort nach. Im 18. Jahrhundert hatte die deutsche Geisteswelt noch die Sprachkraft besessen, sich ein eignes Wort für die beherrschende Strömung zu bilden: Aufklärung, eine der ganz vereinzelten deutschen Inseln im welschen Weltmeer für alles geistige Leben Deutschlands.   Freiheit und Neubildung Die tiefste, die stärkste, die fruchtbarste Nährwurzel der deutschen Sprache heißt Freiheit ; aber Freiheit, die wir meinen: sich aus ihren eignen Lebenssäften immergrün und jugendfrisch zu erhalten, sich ewig neu zu gebären. Keine Sprache eines Volkes, das Träger der Menschheitbildung geworden, kann sich mit dem von der Freiheit erzeugten Wortreichtum des Deutschen messen; keine Sprache hat auch nur annähernd die Bildkraft der deutschen. Der Welscher ist stolzbeglückt, wenn er dem Franzosen sein düpieren , dessen wahre Bedeutung er gar nicht kennt, gehorsam nach-iert, womit sich bekanntlich nichts Deutsches ›deckt‹. Der dumme Purist denkt an Goethes Wort über die deutsche Sprache: Fass' an zum Siege, Macht, das Schwert, Und über Nachbarn Ruhm! – greift einmal, zweimal, dreimal tief hinein in die deutsche Schatzkammer und breitet die im Fluge erhaschten echten Wortkunstwerke, wenige aus der unerschöpfbaren Fülle, nur 60, aus: täuschen, vortäuschen, betrügen, hintergehen, hineinlegen, narren, zum Narren halten, zum Narren machen, prellen, foppen, anführen, nasführen, irreführen, am Narrenseil führen, hinters Licht führen, äffen, dummachen, etwas vormachen, beschwindeln, übers Ohr hauen, betimpeln, übern Löffel barbieren, übertölpeln, meiern, lackmeiern, x für u machen, überlisten, betören, übervorteilen, einseifen, einwickeln, leimen, auf den Leim locken, Schindluder treiben (spielen), falsches Spiel treiben, aufbinden, weismachen, in den April schicken, blauen Dunst vormachen, beschupfen, zudecken, berücken, ins Garn locken, umgarnen, anschmieren, Streich spielen, Schabernack spielen, Sand in die Augen streuen, etwas aufbinden, ködern, ein Bein stellen, Grube graben, Falle legen, Schnippchen schlagen, Wippchen vormachen, Seil um die Hörner werfen, Binde um die Augen, zum Besten haben, beschummeln, hochnehmen, bemogeln. Der Welscher lächelt überlegen, der Armut des Deutschen spottend, entschieden ablehnend, und bleibt bei dem wundervollen düpieren , kann dieser absonderlichen Nüankße für seine Meisterwerke nicht entraten, erklärt grade sie für unentbehrlich, – obgleich Lessing, der Ärmste, sie noch entbehren mußte. Riesengroß, hoffnungslos: das ist mein Gefühl der deutschen Sprache gegenüber in den Jahren gewesen, in denen ich z. B. für mein Fremdwörterbuch ›Entwelschung‹ den gediegenen Reichtum des Deutschen dem dürftigen welschen Plunder gegenüberzustellen suchte. Ermattet mußte ich immer wieder die Hände sinken lassen: ein Leben hätte nicht gereicht, die bereit daliegenden Schätze echten Gepräges zu sammeln; dicke Bände nicht, sie alle aufzunehmen. Zornige Scham durchglühte mich all die Arbeitszeit hindurch bei dem Gedanken, daß ein großes geistiges Volk auch nur für kurze Spannen der Verirrung das fremde Katzengold seinem eignen unermeßlichen Kronschatz vorziehen konnte. Es gibt kaum ein einziges Fremdwort, dem nur ein gutes, nein besseres, deutsches gegenübersteht, – ein klangvolles, gefühltes, verständliches. Ich darf den knappen, durch den Krieg ums Dreifache verteuerten Papierraum dieses Buches nicht mit Abschriften aus meinem Fremdwörterbuch › Entwelschung ‹ füllen; drum verweise ich den Leser mit dem guten Willen und dem Mut zur deutschen Sprache auf die in jenem deutschen Wortschatz enthaltenen Gegenstücke zu den ›unübersetzbaren, unersetzbaren‹ welschen Modekinkerlitzchen. Einige Proben findet er schon auf S. 72 dieses Buches. Die Neubildungskraft des Deutschen ist unberechenbar, unabsehbar. Umbildung der Wurzelwörter im Innern, Neubildung durch Vorsilben, durch Endungen, Zusammensetzungen jeder Art, Bildersprache, endlich Neubelebung vergessener Wörter, vernachlässigter Wurzeln: wo ist die Grenze der Möglichkeiten für die ›besten Köpfe, die Sprache zugleich zu reinigen und zu bereichern‹? Im Grimmschen Wörterbuch stehen 510 Zusammensetzungen mit Geist, 613 mit Kunst, 730 mit Land, 287 mit Liebe, – sicher um ein gutes Hundert für jedes dieser vier Grundwörter zu wenig. Allein die Kölner Mundart hat über 15 Sonderwörter für Ohrfeige, das Berlinische mehr als 50 für Prügel und prügeln. Es gibt über 100 Bildwörter für Henken und Hängen (am Galgen!). Das Schweizerische kennt 454 verschiedene deutsche Namen für Äpfel. Sobald es in Deutschland nur erst für vornehmer gelten wird, Deutsch als Welsch zu schreiben, werden sich die Schreiber wetteifernd wundern über den Reichtum ihrer Sprache, an dem sie aus Bewunderung für den welschen Tand achtlos vorübergegangen. ›Aber die Fremdwörter stellen trotz allem Reichtum des Deutschen immerhin eine weitere Bereicherung dar, auf die zu verzichten eine Verarmung wäre‹, – sagt der Welscher, der nur dem Reichtum des Welsch seinen Glanz verdankt. Gewiß, auch gestohlene Flitter sind sozusagen eine Bereicherung; ja mit ihnen läßt sich eine Unsprache ins Unendliche bereichern. Lohnt es aber nicht, zu untersuchen, warum alle Völker, deren Sprachen Weltgeltung im Geistes- oder Güterleben der Menschheit erlangt haben und die wir selbst für so vornehm und überreich halten, daß wir sie bestehlen, warum sie alle auf Bereicherung durch Diebstahl, oder milder durch Zwangsanleihen verzichten, hingegen das deutsche Volk mit all seinen Anleihen bei fremden Sprachen den Zustand seiner so überaus bereicherten Prosa selbst für bejammernswert hält? Als freier Schalter und Walter solches Reichtums wie des Deutschen hat jeder sprachgesunde deutsche Schreiber Recht und Pflicht, Erhalter und Mehrer unsers Schatzes zu sein. Nur der zehnte Teil dessen, was die Welscher sich an Schamlosigkeit im Verwelschen unsrer Sprache unterstehen, an Kühnheit im Verdeutschen gewagt, und das Deutsche gewinnt eine Triebkraft, wie nur in den Hochgezeiten seines Lebens. Die Welscherei selbst läßt die saftvollen Blätter am Baum der Sprache verdorren; der Kampf der Welscher um ihr Schreiberdasein gegen die Erneuerer des Deutschen gräbt diesem die Saugwurzeln ab. Man kann im Deutschsprechen und Verdeutschen nie zu kühn sein, nie so kühn wie die Welscher im Verwelschen. Noch der erfolgloseste Verdeutscher hat mehr lebendiges Sprachgefühl als der glückliche Welscher, dessen höchste Leistung, sein Rekord , ein neuer Ismus , ein neues Ieren ist, wie jeder Tertianer sie beliebig an griechische oder lateinische Wurzeln kleben kann. Selbst ein nur halbgelungenes deutsches Wort ist sprachedler als die ja fast durch die Bank sprachwissenschaftlich unmöglichen Welschwörter. Bahnsteig z. B. ist solch ein nur halbgelungenes Neuwort: Steig müßte es heißen, denn auf dem Bahnhof weiß jeder, daß es sich nicht um einen Gebirgssteig, Wildsteig, Hühnersteig handelt. Und doch, was ist gegen Bahnsteig der lächerliche näselnde Perron , über den jeder Franzose höhnt, weil es nur in Deutschland, nicht in Frankreich Perrongß auf Bahnhöfen gibt. Von wie herzerfrischender Kühnheit ist des Herzogs Karl August wie etwas Selbstverständliches gewagte Verdeutschung: die Freifranken für die republikanischen Franzosen in einem Brief an Goethe (24. 3. 1793)! Braucht man einem gebildeten, seine Sprache ehrerbietig liebenden Deutschen zu sagen, daß die äußerste Kühnheit und Freiheit sich in den selbstaufgerichteten Schranken der Besonnenheit und des guten Geschmackes halten müssen? Aber gibt es denn einen noch so kühnen Deutschschreiber, der nicht jedes seiner reindeutschen Wagewörter vorsichtiger bedenkt, als der maßvollste Welscher seine zahllosen Gummistempelabdrücke? Und wo hat je ein erwähnenswerter Verdeutscher Geschmacklosigkeiten begangen, wie sie bei Lichte besehen fast alle Fremdwörter, auch die scheinbar harmlosesten, enthalten, vom sich gerierenden Diogenes (Wilamowitz) und den flanierenden alten Germanen (R. Gottschall), zum ethischpathetischen Helden der deutschen Sage (G. Roethe)? Will man sich überzeugen, wie gar nicht umzubringen die Lebenskraft der deutschen Sprache trotz der allmächtigen Knechtung durchs Welsch geblieben ist, so genieße man unsre Soldatensprache im Weltkriege, am besten in Gustav Hochstetters Sammlung ›Der feldgraue Büchmann‹ (Berlin 1916, Eysler und Gesellschaft), auf die ich gern noch einmal zu sprechen komme. Unerschöpflich sprudelt darin der Springquell des Lebens unsrer Sprache; und, wie sich von selbst versteht: nicht nur ist jede der kühnen, der verwegensten Neuschöpfungen kerndeutsch, sondern durchweg zeigt sich die Verachtung des aufgedrungenen Welschwortes, das Streben, es irgendwie feldgrau und ehrlich zu machen. Während der heimkriegerisch-heimparisische Verfertiger ›deutscher Reden in schwerer Zeit‹ noch von Aviatikern und Aeroplanen und Biplanen quasselt, sagt der Feldgraue, der in schwerer Zeit wirklich Deutsch spricht, für Flugzeug: Kiste, Taube, Kahn, Koffer, Walfisch, Molle, Bock, Puppchen usw.; für Flieger: Schwalbenvater, Bauernschreck, Purrlejäger ( Pour le mérite! ), Wolkenkratzer. Und während der Welschweise bestreitet, daß für Ballon ein sich ganz ›deckendes‹ deutsches Wort gefunden werden kann, deckt der deutsche Kriegsmann seine sprachlichen Bedürfnisse mit: Wasserblase, Preßkopf, graue Leberwurst, Strohsack, Schwartemagen (bayrisch!), Himmelswurst, Quersack, Luftgurke. Bekanntlich gibt es für das Sprachvermögen des kosmopolitisch-internationalen Universalitäts welschers kein denkbares deutsches Deckwort für Telegraphist . Unser feldgrauer Bruder nennt diese ganze Truppe: Drahter; aber wie primitiv, nationalistisch und undifferenziert ist die Sprache unsers feldgrauen Volksheeres gegen das Hochkulturwelsch eines unsrer Intellektuellen ! Erst im Felde haben unsre gebildeten Brüder die sprachliche Erbärmlichkeit eines so überaus vornehmen Welschwortes wie orientieren erkannt, und während sich die Heimkrieger tiefsinnig über die Neu orientierung unsers Lebens streiten, macht man sich im Felde durch das anfangs nur verspottete, dann immer fester gewurzelte ›morgenländern‹ lustig. Der ob solcher ›nationalen Verschleimung‹ unsrer Sprache vaterländisch entrüstete Welscher wäre zu fragen, ob orientieren irgend etwas andres besagt als ›morgenländern‹, nur mit dem Unterschiede, daß orientieren eine sprachlich gemeine Verquatschung von Oriens , ›morgenländern‹ eine untadlige Neubildung aus ›Morgenland‹ ist. Neben ›morgenländern‹ gibt es noch ›veröstlichen‹, und mit der Zeit wird man zum einfachen bessern feldgrauen ›osten‹ (Ostung) gelangen.   Länge und Kürze Scheu und schüchtern gemacht durch die unerfüllbaren Ansprüche des Welschers an jedes gute deutsche Wort, das ein schlechtes Welschwort ersetzen soll, bemühen sich die meisten Verdeutscher, mit einem neuen deutschen Wort Wunderdinge zu leisten, den ganzen Schwamminhalt eines welschen Wucherwortes durch ein mühselig erdrechseltes zwei-, dreiteiliges deutsches auszudrücken. Vergebliche Mühe! Lehnt der Welscher ein kurzes deutsches Wort als nicht erschöpfend ab, so verspottet er ein nach seiner Meinung zu langes wegen dessen Schwerfälligkeit. Auf Kürze oder Länge eines deutschen Wortes kommt nichts oder wenig an, wenn es nur seinen sprachlichen Zweck mit nicht größeren Mitteln erreicht, als nötig sind. Maßgebend ist auch hierfür niemals der Umfang des auszutilgenden Fremdworts, sondern einzig die Aufgabe: das Verständnis für einen Begriff durch ein geeignetes Wort zu vermitteln. Kein Wort irgendeiner Sprache besagt alles, was der entsprechende Begriff enthält; jedes Wort verlangt vom Sprecher und Hörer die Ergänzung durch Erinnerungsbilder, die nicht in dem Worte selbst stecken, sondern nur durch dessen Erklingen im inneren Ohr Leben gewinnen. Nicht Gott noch Volk noch Land noch Tisch sagen das Geringste über ihre Bedeutung aus; alles, was wir bei ihrem Erklingen fühlen, denken, sehen, ist unser Zutun. So geht es dem Welscher mit seiner sogenannten Sprache, so dem Deutschen mit der seinigen; nur daß für den Welscher das Welsch bloß äußerlicher, spät auswendig gelernter Klingklang ist, für den Deutschen sein Deutsch die alle Fibern des Herzens rührenden Glockentöne aus Kinderland. Der Welscher gebraucht Panne , denkt sich etwas Unbestimmtes dabei, hat keine Ahnung, was Panne eigentlich besagt. Der Deutsche gebraucht: Schaden, Pech, Unfall, Sprung, Bruch, Riß, und bei jedem dieser deutschen Wörter stehen deutliche Bilder vor seiner Seele; aber keines sagt, daß es sich um einen Krafter oder Kraftwagen handelt! Das ist auch nicht nötig, denn Sprecher und Hörer sind ›im Bilde‹ und ergänzen innerlich, was zu ergänzen ist. Allgemeine Lehre hieraus: die gute Verdeutschung kann ohne Schaden, im Gegenteil zu großem Nutzen, alles weglassen, was mühelos im Sprechen und Lesen ergänzt wird. Rad ist besser als Zweirad, Schuppen besser als Kraftwagenschuppen, Glas besser als Augenglas oder Opernglas, Schlangen oder Ketten besser als Papierschlangen oder -ketten ( Confetti ), Steig besser als Bahnsteig. Vortrefflich ist die neue amtliche Bezeichnung Geber statt Briefmarken automat ; genügend und gut ist Nehmer für Kohärer ; besser als Pincenez sind Zwicker, Klemmer, Kneifer, Glas, obwohl sie nichts von der Nase, nichts vom Auge sagen. Der Welscher fordert für jedes dumm oder ungeschickt geleimte nichtssagende Welschwort eine sich völlig deckende, inhaltreiche, lückenlose Verdeutschung. Der Verdeutscher höre nicht auf ihn, erwidre ihm nichts, sondern spreche Deutsch und vertraue auf den ergänzenden Verstand der gleich ihm Deutschsprechenden. Konversationslexikon bedeutet: Unterhaltungswörterbuch, weiter nichts, und ist eine offenbar ungeschickte, sehr mangelhafte Welschleimerei. Kommt man dem Welscher mit der Verdeutschung ›Unterhaltungswörterbuch‹, so sagt er: weitschweifig, schwerfällig; zähle ich ihm vor, das deutsche Wort hat 7, das Welschwort 8 Silben, so sagt er wieder irgend etwas, denn gegen ein deutsches Wort weiß er immer irgend etwas zu sagen. Schlage ich ›Sachwörterbuch‹ oder gar ›Sachbuch‹ vor, so erklärt er sie für zu unbestimmt; ›Weltwissenbuch‹ nimmt für ihn den Mund zu voll, denn alles Wissen steht nicht darin. Also muß es beim Unterhaltungswörterbuch sein Bewenden haben, jedoch in der Form der Zusammenkleisterung eines küchenlateinischen und eines schlechtgriechischen Wortes: Konversationslexikon ! Es gibt kein Gesetz fürs Verdeutschen, das da lautet: Das deutsche Wort muß das welsche möglichst nicht an Länge übertreffen. Das längste deutsche Wort kann besser sein als das kürzeste welsche, und – umgekehrt. Nirgends auch steht geschrieben, außer bei unwissenden Welschern, daß der Verdeutscher unter keinen Umständen ein Fremdwort durch zwei oder gar mehr deutsche wiedergeben darf. Der Verdeutscher empfängt sein Gesetz einzig von der deutschen Sprache, niemals von einer fremden. Jeder der auf S. 148 stehenden längeren Verdeutschungen von düpieren ist besser als das für jeden Deutschen gefühlsleere kürzere Welschwort. – ›Daß ich's nicht vergesse, bei der Gelegenheit, dabei fällt mir ein, da wir grade davon sprechen, übrigens, nebenbei, grade recht, gelegen, wie gerufen,‹ sind alle besser als das für den Deutschen sinnlose à propos . – Was gehen mich die nur 3 Silben von Experte an, wenn ich den fünfsilbigen Sachverständigen habe? Welscher haben Snob und Gent zu retten gesucht, ›weil diese sich durch Kürze empfehlen‹. In den meisten Fällen genügen ja die ebenso kurzen Schmock und Geck; doch verachte man darum nicht die Zweisilber Affe, Laffe, Fatzke; nicht die Dreisilber: Nachäffer, Zierbengel, Modehengst. So dir aber ein Welscher einwenden sollte, wie mir's geschah: Schmock deckt sich nicht mit Snob , Geck nicht mit Gent , so tu den nur dem Welscher dunkeln, uns Deutschen sonnenklaren Ausspruch: Sage nur fleißig Schmock und Geck, – je öfter sie sich nicht decken, desto mehr decken sie sich doch . Sollte er's nicht glauben, so tröste ihn: Lessing hat's gesagt! (vgl. S. 144) In wie zahllosen Fällen das deutsche Wort kürzer und schlagkräftiger ist als das welsche, weiß jeder Leser. Krach ist besser als Débâcle , Ring als Syndikat , Stift als Piccolo , Pech als Panne , Brennerei als Spiritusfabrikation . ›Reinheit der Sprache‹, – so sagt der fremdwortfreundliche Deutsche, › Reinheit , sie kümmert mich nicht; Kürze verdienet den Preis!‹ Siehe, nun weißt du, warum er die Not stets Kalamität nennt, Und von der Mehrheit sagt immer: die Majorität . Wirt heißt Restaurateur , und Räume sind Lokalitäten ; Taugt eine Sache, so heißt's, daß sie sich qualifiziert . Wahl? Nein, Alternative ; Verwalter? Nein, Administrator . Ändert er irgend etwas? Nicht doch, er modifiziert . (W. Gensel).   Mundart und Volksmund ›Ohne Mundarten wird der Sprachleib zum Sprachleichnam‹ (Jahn). Gegen das ja immer nur papierne Welsch bediene man sich jedes lebendigen Sprachmittels, und eines der wirksamsten sind Mundart und Volksmund . Noch das niedrigste Alltagswort steht sprachlich höher als der feinstgedrechselte Fremdbrocken, denn jenes ist echt, dieser nur › garantiert echte Imitation ‹. Eine deutsche Köchin machte aus der sinnlosen Sauce Béchamel eine Pechhammelsoße und handelte als Sprachkünstlerin. Ratzenkahl für radikal , Reißmatismus für Rheumatismus , Pfotengram (bei Fischart) für Podagra , Kientopp für Kinematograph , österreichisches Reindl für Kasserolle , hamburgische Boltjes für Bonbons , Koje für Kabine , raunzen und frozzeln für räsonnieren und persiflieren , Rausreißer für Pièce de résistance , höchster Spinat (in Wien) für Clou , moselländisches Waschlawarche für Lavoir , das wenig schöne befummeln oder deichseln für das ekelhafte managen, die feldgrauen Veredelungen der gemeinen Welschereien – alles das zeige dem Leser, wo sprachliches Leben fließt. Noch eine Quelle sei genannt, aus der manches Gute zu schöpfen ist: das Niederländische . Neben allerlei lächerlichen Französeleien hat es in weitaus mehr Fällen den deutschen Wortschatz treuer bewahrt, als das Hochdeutsche. Schauburg für Theater beginnt sich in Deutschland hier und da einzubürgern. Kein Holländer sagt Appetit , es heißt Eetlust; die Chaussée ist Steenweg, das Interesse Belang, das Portemonnaie Geldbeurs, der Tapezierer ein Behanger, neutral ist onzijdig (unseitig), politisch staatkundig, Medizin Geneeskunde, Spirituosen Sterkedranken. Dabei gehören einige dieser Welschwörter zu den vom deutschen Welscher für ganz unentbehrlich gehaltenen.   Wie übersetzen Sie ..? Keinem Freunde deutscher Sprache bleibt die frohlockende Frage eines Welschers erspart: Wie übersetzen Sie ..? folgt irgendein elender Welschbrocken, den der Welscher für eine Perle – Schmock sagt: Brillanten – der Sprache, seiner Sprache, hält. Mich fragte einmal öffentlich ein jetzt verstorbener germanistischer Überwelscher: Zwischen ihm und mir bestehe eine › praestabilierte Harmonie ; das ist wirklich kein schöner Ausdruck, aber wie soll ich die Fremdworte ersetzen?‹ Ich habe ihm hierauf öffentlich erwidert, ich sei nicht dazu da, seiner Unfähigkeit im deutschen Ausdruck nachzuhelfen. Wenn er sich bei seiner Welscherei etwas Klares gedacht habe, so müsse er imstande sein, es deutsch auszudrücken; könne er dies nicht, so möge er aufhören, in einer Sprache zu schreiben, die er nicht beherrsche, sondern möge Latein schreiben, was schon Goethe ihm und seinesgleichen empfohlen habe: ›Die Modernen sollen nur lateinisch schreiben, wenn sie aus nichts etwas zu machen haben. ‹ Auch dieser Vorgang ist vorbildlich für das Verhalten fast aller Welscher. Ihre Auffassung vom Wesen der deutschen Sprache, nur der deutschen, keiner andern, ist die, daß man Deutsch spricht – wenn man nicht vorzieht zu welschen –, indem man aus fremden Sprachen zu übersetzen versucht. Die fremde Sprache ist die gegebene, die deutsche die erst zu suchende. Gelingt die Übersetzung nach des Welschers Geschmacke nicht – und sie gelingt niemals –, so ist für ihn bewiesen, daß der dumme Purismus nichts taugt, daß es also bei dem Welschwort zu bewenden hat, selbst wenn es ›kein schöner Ausdruck ist‹, denn jeder deutsche Ausdruck ist noch viel weniger schön. Daß sein aus Unfähigkeit im Deutschen, aus Trägheit, schlechter Gewohnheit, Geschmacklosigkeit, aus dem Dünkel, seine Kenntnis eines Leibnizischen Ausdruckes zu zeigen, tapsig herausgegriffener und hingeschmierter Welschbrocken nichts tauge, keiner Übersetzung wert sei, keinen guten Ersatz finden könne, weil er an sich nicht gut sei, daß er also überhaupt nicht hätte hingeschmiert werden dürfen: all das klingt ihm wie aus einer Welt, die ihm geistig, sprachlich unzugänglich ist. Man lehne jede solche törichte Frage: Wie übersetzen Sie ...? schroff ab: Ich trage gar kein Verlangen, irgendeine mir von Ihnen gestellte Übersetzungsaufgabe zu lösen; ich erkenne das von Ihnen genannte Fremdwort überhaupt nicht als zu Recht bestehend an, ich lehne es ab, es ist für mich nicht da; behalten Sie es nur für sich, wenn es Sie glücklich macht. Ich spreche Deutsch, Sie sprechen Welsch. Perser nennen es Bidamag buden, Deutsche sagen Katzenjammer – so drückt Goethe aus, daß jede Sprache behalten mag, was ihr gehört; denn die Deutschen sagen wohl Katzenjammer, doch ist dieser keine Übersetzung von Bidamag buden. Fürwahr, wir leben in Deutschland sprachlich in der verdrehten Welt, wie es nicht anders sein kann in dem wunderlichen Volke, das sich hartnäckig weigert, seine eigne Sprache zu reden, vielmehr seine höhere und höchste Bildung im Nachsprechen oder Nachstammeln fremder Sprachen erblickt. Die Blinden führen die Sehenden, die Tauben erklären den Hörenden die Geheimnisse des Wohlklangs und lehren sie die Wahl der wirksamsten Ausdrucksmittel. Es fällt dem Welscher gar nicht ein, ›nur‹ einen seiner Welschbrocken aufzugeben zugunsten der Verdeutschung irgendeines dummen Puristen , da ja keine Verdeutschung sich vollkommen ›deckt‹ mit einem der meisterlichen Kleisterwörter und Gummistempel des Welsch. Trotzdem erteilt der welschende Gegner alles Verdeutschens weise Lehren über die gute und die schlechte Art des Verdeutschens. Und das Seltsamste bei dieser Umdrehung der Rollen ist, daß die Freunde reiner Sprache sich von deren berufsmäßigem Verschmutzer belehren und gängeln lassen. Eine der feierlichen Warnungen der Welscher an die Verdeutscher lautet: Nur beileibe keine sklavische, keine wörtliche Übersetzung ! Auch diese Lehre des Welschers ist grundfalsch; sie beweist nur wiederum seine tiefe Unwissenheit in sprachgeschichtlichen Dingen. Es gibt fürs Verdeutschen keine Regel: Du sollst nicht übersetzen. Im Gegenteil, trotz aller nötigen und nützlichen Freiheit fürs deutsche Sprechen und fürs Reinigen unsrer Sprache vom fremden Unrat hat einer der fruchtbarsten Ratschläge zu lauten: Man versuche, neben allen andern Verfahren, auch durch wörtliche Übersetzung ein gutes deutsches Wort zu finden oder zu schaffen. Alle unsre glücklichen Verdeutscher haben dieses Mittel neben jedem andern benutzt, und in wer weiß wie vielen Fällen mit bestem Erfolge. Die haltlose Warnung, vor wörtlichem Übersetzen ist sehr alt: man lese nach, was z. B. der sprachstumpfe Adelung gegen Campes glücklichen Griff Gemeinplatz für Locus communis anmaßend vorgebracht hat (S. 142). Unterhaltung ist entstanden durch wörtliche Übersetzung von Entretien ; Enteignung durch ziemlich wörtliche Übersetzung von Expropriation ; die Vollmacht Zesens in der Fruchtbringenden Gesellschaft ist die wörtliche Übersetzung der Plenipotenz ; Mitleid ist die erst im 17. Jahrhundert kühn gewagte wörtliche Verdeutschung von Sympathie ; Volkswirtschaft ist die erst 80 Jahre alte wörtliche Übersetzung von Nationalökonomie ; Sendung entspricht wörtlich der Mission , Anschauung der Theorie , ausdrücklich und Ausdruck sind genaue Übersetzungen von express und Expression , und Vorhaut ist Luthers wörtliche Verdeutschung von praeputium . Campe hat sehr wohl daran getan, so gute deutsche Neuwörter wie vervollständigen, gipfeln, Öffentlichkeit, Umwälzung, vereinfachen, oberflächlich zu gewinnen durch wörtliches Nachdeutschen von kompletieren, kulminieren, Publizität, Revolution, simplifizieren, superfiziell . Noch mehr: selbst eine falsche wörtliche Übersetzung kann unter Umständen zu einer glücklichen Bereicherung führen: auf dem Laufenden sein oder halten ist entstanden durch die falsche Übersetzung von au courant , was nicht auf dem Laufenden, sondern in der Strömung bedeutet. Der Grund, warum man den Versuch einer möglichst nahekommenden Übersetzung nicht verschmähen darf, liegt auf der Hand: fast alle in Deutschland umgehenden Welschwörter sind indogermanischen Sprachen entlehnt, und deren innerstes Gefüge ist nicht so völlig verschieden, daß man es nicht zunächst mit dem Nachdenken des in fremder Sprache Gedachten wagen sollte.   Wird es besser? Aller redensartlichen Schleier entkleidet, ist der Sprachzustand in Deutschland dieser: die Herrschaft halten die Welscher in festen Händen, Welsch ist die deutsche Schrift-, vielfach die deutsche Amts- und Umgangssprache; das Deutsche und die Freunde des Deutschen sind in die Verteidigungsstellung gedrückt. Bittend, mahnend, beschwörend müssen sich Einzelne und Vereine verhalten, wenn sie für die deutsche Sprache eintreten. Dieser steht kein forderndes Recht zu, sondern nur die demütige Bittschrift. Daher die ängstliche Scheu der Verteidiger unsrer Sprache vor jedem Anstoß bei deren Verderbern. Daher die Leisetreterei der Sprachreiniger in Wort und Tat gegenüber Denen, die auf ihr geschichtliches und staatlich geschütztes ›Recht‹ zum Verschmutzen der Sprache pochend jeden Andersdenkenden unbeschämt ›dummen Puristen‹ schimpfen. Daher die Sorge, durch die einfache und selbstverständliche Forderung: In Deutschland ist Deutsch zu sprechen! , Anstoß zu erregen bei Denen, die das nicht wollen und nicht können. Der Deutsche Sprachverein hat die edelsten Absichten, arbeitet mit Bienenfleiß seit einem vollen Menschenalter und darüber, wird geleitet von sprachbegeisterten und sprachkundigen Männern, und – muß bei unbarmherziger Prüfung des Sprachzustandes in Deutschland und bei seinem Streben nach der Wahrheit, nicht nach einer Selbsttäuschung, bekennen: an allen für den Sprachzustand eines Landes entscheidenden Stellen wütet das Welsch mit unverminderter Kraft. Unsre schreibende Wissenschaft ist fast durchweg welsch; vereinzelte rühmliche Ausnahmen täuschen keinen kundigen Beobachter darüber, daß die Welscherei in der deutschen Wissenschaft wahrhaft erschreckend zunimmt. Welscher wie Wilamowitz, Karl Lamprecht, Simmel, Th. Ziegler, Poppenberg, Hofmannsthal, R. M. Meyer hatte es in dem Menschenalter vor ihnen nicht gegeben. Die gesamte jüngere Kunstwissenschaft ist welsch. Über Dichtung, Tonkunst, Bühne, Malerei, Bildnerei wird fast nur im verwildertsten Welsch geschrieben. Die deutsche Presse schreibt Welsch; sie klagt, zumal seit dem Kriege, hier und da sanft übers Welsch – der Andern, aber sie bleibt beim Welsch. Sie hofft, daß das deutsche Volk vom Welsch ablassen werde, natürlich ohne Überstürzung, ohne ins Extrem zu verfallen, ohne die Extravaganzen und Exzesse der Puristen , ohne ›Auswüchse‹ – ›Auswüchse‹ heißen die ganz vereinzelten Verirrungen ins Reindeutsche, so bin ich z. B. offenbar ein Ausgewachsener. Sie hofft und seufzt und – schreibt Welsch. Einige Redakteure heißen jetzt Schriftleiter, einige Chefredakteure Hauptschriftleiter; aus einigen Expeditionen sind Geschäftsstellen, aus Abonnement vielfach Bezug, aus Annoncen Anzeigen geworden, – wer anders als ein extremer Purist kann von der deutschen Presse mehr verlangen? Der Reichstag spricht im Kriege sein Welsch wie im Frieden. Er spricht über die deutsche Gegenwart Welsch, er spricht über die deutsche Neu orientierung Welsch; hat zu einem Teil die Überzeugung von der größeren Demokratisierung des zukünftigen Deutschlands, zum andern Teil von der gerechteren Parität für alle Konfessionen ; ist sicher, daß die alten Konflikte wegen National und Antinational nicht wieder galvanisiert werden, für alle Fälle protestiert man schon jetzt energisch dagegen. Und da man die Budgetkommission jetzt – auf dem Papier, nicht in der Rede – Hauptausschuß nennt, so ist ja die Zukunft der deutschen Sprache im Deutschen Reichstag gesichert, – genau so wie seit dem Ersetzen des Adieu der Schulkinder und der Steuerboten durch ›Wiedersehn!‹ Zwar der Herr Reichskanzler ist bei Démarchen, Désintéressement, absolut aktuell, realen Garantien , die sämtlichen Minister und Staatssekretäre bei ihren wenigen hundert Fremdwörtern geblieben. Aber hat nicht die Gutehoffnungshütte in Oberhausen ein eignes Verdeutschungsbuch für ihre Angestellten ausgearbeitet?, das Haus Krupp 2000 Verdeutschungshefte für die seinigen angeschafft? Haben nicht vier deutsche Unterrichtsverwaltungen ihre ausgezeichneten Ermahnungen aus drei früheren Jahrzehnten erneut in Erinnerung gebracht? Haben nicht die Versicherungsgesellschaften Securitas und Providentia , das Wort Polize durch Versicherungsurkunde ersetzt; der Magistrat von Trudering Deutsch als seine Geschäftssprache erklärt; das Zentralproviantdépôt von Reuß jüngerer Linie die Bezeichnung Lieferant durch Lieferer verbessert? Und wird jetzt nicht fast allgemein in den höheren preußischen Schulen Zoetus statt Coetus, Lyzeum statt Lyceum geschrieben?   Gut und Ungut des Deutschen Ohne alle Spottbitterkeit, die beim Schreiben über deutsche Sprachzustände wirklich schwer zu vermeiden: es wird schlimmer und schlimmer mit dem Deutschen, toller und toller mit dem Welsch. Und hieran trägt keine geringe Mitschuld die Kampfesweise der Verteidiger der deutschen Sprache. Sie sind eben nur Verteidiger; sie fürchten sich vor dem Vorwurf, Angreifer zu sein. Das Höchste, wozu sie sich aufgeschwungen haben, ist der – nicht Kampf-, sondern Abwehrspruch: Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann. Diesem Spruche antworten die Tatsachen, antwortet der Zustand der Sprache in Wissenschaft, Presse und öffentlichem Leben: Kein deutsches Wort für das, was bequem durch ein altes, vornehm durch ein neues Fremdwort ausgedrückt werden kann. Der Abwehrspruch: Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann, klingt wacker, verständig, jedenfalls unschuldig, ist aber, wie die ganze Geschichte der Sprachreinigung bewiesen hat, kraftlos, unklar, gefährlich. Daß er auf die Welscher gar nicht wirkt, liegt vor aller Augen. Im Gegenteil: er gibt den Welschern das Heft in die Hand. Wer hat zu entscheiden, ob etwas ›deutsch‹ gut ausgedrückt wird? Der Welscher, und der findet es deutsch schlecht ausgedrückt. Er findet den besten Ausdruck des Sprachreinigers schlecht, erklärt den ›unlautern Wettbewerb‹ für ›fürchterliches Kunstdeutsch‹ und bekommt in diesem einen Falle durch die Entwicklung Unrecht; aber er bemakelt auch alle andern guten deutschen Ausdrücke und behält Recht. Jener Abwehrspruch nimmt die Entscheidung aus den Händen der Reinen und legt sie in die der Verschmutzer. Er fordert deren Urteil über Gut und Schlecht im deutschen Ausdruck gradezu heraus, und ihr Urteil lautet je nachdem: Mittelmäßig, mangelhaft, ungenügend. Man prüfe den für den Gipfel weiser Sprachreinigung gehaltenen Wehr- und Wahlspruch einmal unter diesem Licht: Wäre er im alten Griechenland denkbar gewesen? Wäre er in Frankreich, in Italien faßbar? Hat je ein Grieche, ein Franzose, ein Italiener einen Zweifel geduldet, daß seine Sprache alles Sicht- oder Denkbare auf Griechisch, Französisch, Italienisch gut ausdrücken kann?, je die Möglichkeit zugelassen, daß ein Wort der eignen Sprache nicht gut, daß es mangelhaft sei, schlechter als eins der fremden Sprachen, daß also das fremde Wort das eigne in manchen Fällen verdrängen müsse? Besagt nicht jener bieder bescheiden klingende Wahlspruch mittelbar: Deutsche Ausdrücke müssen zur Gleichberechtigung mit fremden ›gut‹ sein, sonst müssen sie den fremden weichen? Und da der Spruch nichts über die Gemeinheit des Fremdwortes sagt, so bedeutet er zugleich: Nur die Güte des deutschen Ausdrucks unterliegt der Prüfung, die des fremden kommt nicht in Frage. Wird ein deutscher Ausdruck für nicht gut , für nicht ganz gut erklärt – und von wem? –, so gebührt der Vorrang dem Fremdwort, auch dem sprachwidrigst zusammengekleisterten, auch dem abgedroschensten und verschwommensten. Jeder Leser kennt den Richterspruch der zum Urteil über die ›Güte‹ deutscher Ausdrücke aufgerufenen Welscher: ›Diese Verdeutschung ist nicht gut, und solange keine bessere gefunden wird, müssen wir bei dem bewährten Fremdwort bleiben. Unser deutsches Herz blutet, aber was sollen wir tun? Zerbrecht euch nur weiter eure Puristenschädel, wetzet weiter eure artigen Schnäbel an dem bewußten Demantberge, bringt uns neue Bittgesuche, – wir werden alles, dessen dürft ihr sicher sein, wie bisher in wohlwollende Erwägung ziehen; schätzbares Material ist es ja auf alle Fälle.‹ Der berühmte Wahlspruch der sanftgemäßigten Sprachreiniger enthält in all seiner scheinbaren Harmlosigkeit die lebensgefährlichste Falle für die deutsche Sprache: er setzt als selbstverständlich voraus, es gebe so schlechte deutsche Ausdrücke, daß das Fremdwort, also auch das schlechteste der Zehntausende von schlechten, besser sei. Wie stellt man sich die ›Schlechtigkeit‹ deutscher Ausdrücke vor? Was für eine Auffassung von Sprache haben die Männer, die jenen Wahlspruch als die letzte deutsche Sprachweisheit verkünden? Darf von irgendeiner Sprache zugegeben werden, nun gar von den Geistessöhnen dieser Sprache, daß sie ›schlechte‹ Ausdrücke hat, so schlechte, daß man zum Ersatz nach fremden greifen muß? Jede Sprache genügt ihrem Volke, solange es sprachgesund ist, vollkommen für alle Zwecke des weltlichen und geistigen Lebens. Jede Sprache eines sprachgesunden Volkes schafft sich für jedes neue Bedürfnis neue genügende Mittel aus dem eignen Wurzel- oder Wortbestande. Solche Ausnahmen wie Kaffe, Tee, Tabak, Zigarre ändern an dieser Grundwahrheit aller Sprachwissenschaft nicht das geringste. Kein Volksgenosse hat ein begründetes Recht, an einem Ausdruck seiner Sprache zu mäkeln, dessen ›Güte‹ in Frage zu stellen. In keinem andern als dem deutschen Volk hat sich je ein Mensch gegen die ›Schlechtigkeit‹ eines Teiles seiner eignen Sprache zu raunzen unterstanden, oder – es wäre ihm übel bekommen. Wann allenfalls könnte, dürfte, möchte ein deutscher Ausdruck für nicht ›gut‹ gelten? Wenn ihn ein zu deutscher Sprache Unfähiger oder ein Böswilliger erdrechselt hätte. Der eingefleischte Welscher Karl Lamprecht tat das mit seiner ›Reizsamkeit‹, als ihm selber seine Emotivität und Irritabilität langweilig geworden waren; und irgendein geistreichelnder heimparisischer Schmock rieb sich am ›dummen Purismus‹ durch seinen blödwitzelnden Vorschlag ›Allgemeiner Stellvertreter‹ für Generalleutnant . Sonst aber –? Wollen wir nicht einmal den ganzen deutschen Wörterschatz auf seine ›Güte‹ untersuchen, alles Nichtgute schleunig ausmerzen und durch Fremdbrocken ersetzen? Bei der Begeisterung der Welscher für deutsche Sprache war solche Untersuchung schon längst notwendig. Beginnen wir mit einigen Ausdrücken, an denen ältere Verdeutscher schuld sind, und beschnüffeln wir sie mit dem Schnüfflergeschmack der zeitgenössischen berufenen Sprachrichter. Da ist die Rechtschreibung der Fruchtbringenden für Orthographie –: ›Dieses ist keine Umdeutschung, sondern alleinig eine unfeine Übersetzung von Schülern.‹ Da schreibt Lessing Marktschreier für Charlatan : ›Ein viel zu heftiges Wort; auch gibt es gar viele Charlatans , die nicht auf Märkten schreien.‹ Schriftsteller statt Autor –: Klopstock, wirklich Klopstock: ›Stellt man denn Schrift? Deutsche, zaudert nicht länger, dies Wort zu verbannen!‹ Mundart für Dialekt – ich muß den Satz auf S. 142 wiederholen –: ›Mundart kann nur eine Art des Mundes bedeuten, nicht eine Art der Sprache.‹ – Bannware für Konterbande : ›Ungeschickt, man denkt an Bannfluch, Bannstrahl‹ (Allgemeine Literaturzeitung). Indessen genug von diesem in den Rumpelkammern deutscher Sprachgeschichte modernden Unsinn, der seit frühen Zeiten bis auf Hans Delbrück und seine Geistesgenossen gegen die ›Güte‹ jedes neuen deutschen Wortes losgelassen wurde. Fast noch lehrreicher ist die Untersuchung der Güte alter, nicht durch Verdeutschung entstandener Ausdrücke, an denen der tollste Welscher noch nichts Ungutes herausgeschnüffelt hat. Was dünket euch von Eisbein? Ist das ›gut‹? Warum Eis? Ist das nicht offenbarer Unsinn? Schaffen wir ihn aus der Welt durch: Pied de cochon ! – Eine Bahn von Köln nach Kassel: besagt Bahn, daß es sich um eine Bahn von Eisen handelt? Könnte es nicht eine Rennbahn sein? – › Weißsauer ‹! Saures Weiß! Was für ein Weiß? Wo ist darin das Geringste vom Schwein, von der Gans? Und das soll ›gut‹ sein? Sagen wir besser: Viande en gelée ! Nun schlage aber ein dummer Purist mal ›Eieröl‹ für Remoulade vor! – › Falscher Hase ‹: Selbst in seiner äußersten Falschheit erinnert er durch nichts an einen Hasen; also sagen wir Aneignungsfähigen: Haché en forme oder Pain de veau , nicht wahr? – Besteck ! Ward je solch Zeug gehört? Was wird besteckt oder bestochen, und womit und wozu? Obendrein spricht ja der Schiffer auch von seinem Besteck und meint etwas ganz andres als der Arzt. Das soll ›gutes‹ Deutsch sein? Kein Fremdwort für das, was deutsch gut ausgedrückt werden kann, freilich, selbstverständlich; wenn jedoch etwas so offensichtlich ungut ausgedrückt ist wie hier, müssen wir da nicht bei einem so ›bewährten Fremdwort‹ wie Etui bleiben? Oder wenn denn doch etwas Neues nötig, aber im Deutschen nachweislich nicht zu finden ist, warum dann nicht Trousse , das von allen Pariser Ärzten längst zu ihrer vollen Zufriedenheit gebraucht wird? Aug apfel , Perl mutter , Back fisch , Schild wache, Steck brief, Leit faden , Fenster scheibe (gibt es viereckige Scheiben?) – lauter sinnwidrige Teutschtümelei, nix gut, naplü! – Er wurde durch eine Kugel getötet: dumm Zeug, man schießt nicht mit Kugeln. – Mittag brot , Abend brot , vielleicht gut für Zuchthäusler, aber auch für Kommerzienräte und Gentlemen? Und da eifert man gegen Diner und Souper , uralte ›eingedeutschte‹, liebgewordene fremde Gäste! – Kellner ! Geht der vornehme Herr Ober je in den Keller? – Schneider ! Als ob er bloß schnitte, nicht weit mehr nähte! Allerdings, hm, Tailleur ; aber der leitet sich wohl von Taille ab (was er schon darum nicht tut, weil die deutsche Tallje und die französische Taille in jeder Hinsicht zweierlei sind). Zwei Brüder heißen Geschwister , ebenso wie zwei Schwestern, und das ist ›gute‹ Sprache? – Schauspieler ! Spielt er Schau, spielt er zum Schauen? Er spielt doch überwiegend zum Hören, er handelt, also wie darf ein so ungutes Puristenwort den Acteur verdrängen wollen? – › Glühlicht ‹! Kennen Sie ein Licht, das nicht glüht? Heilige Flamme, glüh, Glüh und verlösche nie!, war die etwa ihr lächerliches Glühlicht? – Glühbirne oder gar einfach Birne ! Und so etwas wagen uns die Puristen für die Inkandeszenz zuzumuten? Nächstens beglücken uns die gar mit einem Glühstrumpf . – Der Krug im Dorfe! Und mit solcher puristischen Stümperei hofft man Restauration zu verdrängen? Ein Krug, in dem es nur Gläser, allenfalls noch Tassen gibt? Und nun der Krüger , also der Mann des Kruges ohne Krüge! Was ist eine Grasmücke ? Es gibt unzählige Mücken an Gräsern. Was sagen Sie? Das ist gar keine Mücke, sondern ein Vogel? Die Puristen haben offenbar selber eine Grasmücke. (Feiner Witz eines Fölljetongs über Puristerei, was?). – Ein Flügel soll ein Klavier, ein Fortepiano , ein Pianoforte , ein Instrument bedeuten? Das soll ›gut‹ sein? Na seien Sie so gut! (Glänzende Abfuhr der Puristen in einem Fölljetong über Sprach chauvinismus , nicht?) – Hahn soll einen Wasser-, Bier-, Gasauslaß apparat bezeichnen? Wahrhaftig, höchst bezeichnend für die › nationale Verschleimung‹ durch die Puristen. (Denen hab' ich's gründlich gegeben!) Gerechtigkeit ? Na ja, in gewissen Fällen nicht leicht zu verwelschen, obwohl Justiz meist genügt; aber was seh' ich, man will Servitut damit ›verdeutschen‹? Die Verdeutscherei artet wirklich zur echten und gerechten Landplage aus. – Baumwolle ! Wächst diese ›Wolle‹ auf Bäumen? Der Purismus ist allerdings, um auf die Bäume zu klettern. (He? das war ein esprit volles, sarkastisches Aperçu und Bonmot !) Hühnerauge ? – Hm, gewissermaßen, wenn man sich's intensiv ansieht und bei metaphorischer Diktion nicht allzu akribos ist, kann man's passieren lassen. Aber Leichdorn ? Wollen Sie mit unsrer edlen Muttersprache Schindluder treiben? Ist die zu jeder Dummheit eines Puristen gut genug? Tischler ! Das soll ein ›gutes‹ Wort sein? Macht er nur Tische? Es gibt doch genug solche Professionisten , die nie einen Tisch machen. – Oder Schreiner ! Der gleiche Unsinn. Aber nun, hoffe ich, ist es genug mit dieser Musterkarte schlechter deutscher Wörter. Vom Bedienten , der kein Bedienter, sondern ein Bedienender ist, wage ich dem Manne mit dem feinen Sprachgefühl gar nicht zu sprechen, denn auch der Sprachunsinn hat seine Grenzen, oder auf Welsch: Sunt certi denique fines. Köstliche weitere Proben der zahllosen Ungutheit des deutschen Wortschatzes muß ich leider ohne jede Bemerkung hersetzen: den Ziegenpeter , die Ohrfeige, Maulschelle, Backpfeife samt Katzenkopf , den alten Junggesellen , den Greis, der sagt: ich bin nicht mehr der Alte, das rauchschwache (für schwachrauchige) Pulver, das Köpfen (das doch nur Kopfaufsetzen bedeuten kann, nicht wahr?). Alles das muß sich mit dem bloßen Aufzählen begnügen und ist doch nicht der hundertste Teil des Nichtguten im deutschen Wörterbuch. Hoffentlich gibt ein junger Germanist nächstens den vollständigen ›Wortschatz des schlechten Deutsch‹ heraus, damit die Fremdwörtler ihres Verschönerungsamtes in jedem Falle walten, wo etwas ›deutsch nicht gut ausgedrückt werden kann‹. Der Verfasser hört mit dem Spott, seiner Notwehr, seinem Rettungsgürtel im Meere des Welscherunsinns, auf, wird wieder so ernst, wie es der Ernst der Frage nach einigem Erholungsscherz fordert, und sagt dem sprachdeutsch gesinnten Leser, mit dem er sich zu verstehen hofft: Jedes gewachsene Wort deiner Muttersprache ist gut. Jedes von einem gebildeten, seine Sprache achtenden und liebenden Deutschen in guter Absicht und nach ernstem Bedacht geschaffene Wort zur Verdrängung eines welschen ist allermindestens so gut oder besser als das Welschwort. Es ist schon darum für jedes sprachgesunde Ohr unvergleichlich besser, weil es sich in Lautwesen, Tonfall, Formgepräge, Beugungsgesetzen der Sprache einschmiegt, die unsre Kinder-, unsre Seelensprache ist; der Sprache, die allein alle unsre Heimatgeschwister verstehen; der Sprache, in der allein wir beten, lieben, schwärmen, träumen, jubeln, weinen, dichten, aber nur mit Mühe lügen können. Ob ein neues Wort bequem oder zuerst durch seine Neuheit unbequem ist, ändert nichts an seinem Vorzug vor dem Fremdwort. Allgewaltig ist die Macht der Muttersprache. Sie glättet jede Schärfe und Schroffe, geschweigt jedes Stutzen und Befremden, läßt uns seinen Sinn noch im Sinnlosen entdecken oder ahnen, schafft aus altem oder neuem Mittelgut Kleinode; macht seltsamste Kühnheiten zu Selbstverständlichkeiten, – kurz, sie ist in Wahrheit die Unsterbliche, von der Rückerts wunderschönes Lied An unsre Sprache singt: Reine Jungfrau, ewig schöne, Geist'ge Mutter deiner Söhne, Mächtige vom Zauberbann, Du, in der ich leb' und brenne, Meine Brüder kenn' und nenne, Und dich selber preisen kann! Nur in der, nur in dir! Wir hören kraft der Allmacht unsrer Muttersprache in ›Klopstock‹ nichts vom Klopfen, nichts vom Stock; denken bei ›Schiller‹ an nichts Schillerndes; sehen den Schneider nähen und passen, den Tischler Stühle und Särge machen; vernehmen einen Flügel klingen, eine Mücke singen; empfinden Mundart als Sprachart; sehen den Bedienten sinnvoll bedienen. Daß jedes alte Wort gut ist, beweist sein bloßes Dasein; ob ein neues gut ist, beweisen einzig der Versuch und die Zeit. Gut ist z. B. jedes deutsche Wort, das von deutschbeseelten einsichtsvollen Männern anbefohlen wird. Was wäre aus Stephans, aus unsrer Heeresleitung Verdeutschungen geworden, wenn sie nicht anbefohlen, sondern von einer Prüfung – durch welschende Gelehrte! – abhängig gemacht worden wären? Vor dem anbefohlenen Wort beugt sich der nörgelsüchtigste Welscher; er schimpft eine Weile und – schreibt es dann selbst. Womit ich beileibe nicht sagen will, daß uns ein ganzes deutsches Wörterbuch von Amts wegen anbefohlen werden sollte. Nein, die treue Arbeit sprachkundiger, sprachsinniger, sprachliebender, Deutsch sprechender und schreibender Männer genügt, uns aus dem schmachvollen Zustande deutscher Sprache herauszuretten, wenn die öffentlichen Gewalten ihnen die Macht verleihen, worüber jetzt die Welscher gebieten. Dann wird es bald richtiger heißen: Kein Fremdwort für das, was deutsch gesagt werden kann ; deutsch aber kann, deutsch soll alles gesagt werden. So meint es auch der Verein, dessen Ziele die meinigen sind, und dessen Leiter schwerlich anders fühlen als ich. Sie glauben nur, durch vermeintlich kluge Nachgiebigkeit die Welscher hier und da zu einigem Deutsch zu bekehren, da ihnen volles Deutsch unzugänglich ist. Daß diese Kampfesweise erfolglos ist, haben mehr als 30 Jahre selbstloser Mühen gelehrt.   Alte und neue Lehnwörter So willst du also jedes fremde Wort ohne irgendwelche Ausnahme aus der deutschen Sprache ausgetilgt sehen? – Es gibt keinen noch so leidenschaftlichen Freund reiner deutscher Sprache, der solches fordert. Nur die unwissendsten und unehrlichsten unter den Welschern, die um ihre geistige Lebensluft, das Welsch, bangen, wenn Deutsch die Bildungssprache in Deutschland würde, die erfinden für leichtgläubige sachunkundige Leser eine ganze Narrenzunft, die jedem alten oder neuen Wort mit fremdstämmiger Wurzel den Tod geschworen. Es gibt, außer im Hirn und im schlechten Gewissen einiger anmaßender und sich um nichts als um ihr Welsch kümmernder Fremdwörtler, heute keinen einzigen bekannten oder nennenswerten ›Puristen‹, der die Beseitigung jedes Fremdwortes fordert oder zurzeit für möglich hält. Für mich wie für jeden Sprachforscher, der sich über so ernste Fragen belehrt, bevor er mit Verantwortlichkeitsgefühl von ihnen spricht, gibt es gewisse Wörter fremden Ursprungs, die von dem berechtigten allgemeinen Verdammungsurteil über die Welscherei nicht betroffen werden. Da sind zunächst die vielen, etwa 200, unentbehrlichen alten Lehnwörter , die, meist römischen Ursprungs, vor einem Jahrtausend oder mehr als Bezeichnungen für Dinge, die den alten Deutschen fremd gewesen, in ihr völkisches Leben aufgenommen wurden. Solche entliehene Altwörter sind z. B.: Kirche, Priester, Kloster, Fenster, Keller, Tisch, Kirsche, Pfirsich. Wahrscheinlich gehören auch so urdeutsch klingende Wörter wie Pelle und kosen zu dieser durchweg anständigen und saubern Gesellschaft. Gemeinsam ist ihnen allen, im Unterschiede von den heutigen welschgebliebenen Welschereien, die vollkommen deutsche Wortform, deutsche Betonung, deutsche Aussprache. Selbst ein Fremdsprachunkundiger sieht und fühlt die Sprachkluft zwischen Altlehnwörtern des deutschen Volkes wie: Krone, Kreuz, Mauer, Essig, Öl, Münze – und Neuwelschereien der Gelehrttuer und der Heimpariser wie: Analyse, Synthese, spezialisieren, interessieren, Revirement, Milieu . Noch bei den scheinbar zutiefst eingedrungenen Fremdwörtern aus späterer Zeit als der des echten Lehnwortes hört das gesunde deutsche Ohr sofort die Fremde heraus: sie verraten sich außer der Form durch ihre von der deutschen abweichende Tonverteilung über die Wortsilben: Kultúr, Politík, Kritík, Religión, Natión, Literatúr , und werden dem feinen Gehör immerdar fremd klingen. Ein fremdes Wort unverändert in seiner undeutschen Form, Lautfolge, Betonung ins Gefüge deutscher Rede roh hineinzustopfen, wäre dem gesunden Sprachgefühl der alten Germanen unerträglich gewesen. Von der Germanistik ahnten sie noch nichts, die es fertig bringt, das Germanische durch eliminieren, isolieren, konzentrieren und durch das wunderkräftige ethische Pathos so anmutig zu bereichern. Kein einziges altes Lehnwort wurde aus eitler Geckerei aufgenommen, der Hauptquelle aller heutiger Fremdbrocken. Völlig ausgerottet hat selbst die jedes Sprachgefühl abstumpfende Gelehrtenwelscherei nicht die Gabe deutscher Zunge zum wirklichen Eindeutschen neuer Lehnwörter . Allerdings Schundzeug wie assimilieren, spezialisieren, realisieren, objektivieren, Objektivität, Subjektivität, Emotivität, Irritabilität, Inkompatibilität werden in alle Ewigkeit fremde Bankerte im deutschen Hause bleiben. Sie werden mit der Zeit vermuffen, vermultern, vermodern, wie tausend ähnliche, und nach einem Jahrhundert wird man schaudernd oder lachend sie auf dem Müll der Sprache finden, wie apprehendieren, Apprehensionen, turlupinieren, sich prostituieren, effilieren , die zu Goethes Zeiten für überaus fein und unentbehrlich galten. Wohl aber gibt es eine sich noch immer mehrende Zahl von Wörtern fremden Ursprungs, Halblehnwörter nenne ich sie, die durch ihre Form, Aussprache, Betonung fest und fester Wurzel im deutschen Sprachmutterboden schlagen und so lange freundlich geduldet werden dürfen, bis ihr Schicksal sich endgültig entschieden hat. Ich meine Wörter wie: Rest, Liste, Kasse, Bluse, Brosche, Bresche, Nische, Bombe, Takt, Büste, Stil , – das man aus mehr als einem Grunde Stiel schreiben sollte, – Front, Pult, Rente, Rasse, Rampe, Gruppe, Truppe, fix, Vase (Wase zu schreiben), schassen, Park, Scheck, Streik . Kein Freund deutscher Sprachreinheit braucht diese und manche Wörter ähnlichen Gepräges ängstlich zu meiden, so wenig wie gewisse Warennamen: etwa Mull, Barchent, Schirting, Muslin, Baresche, Taft , die fast auf gleicher Sprachstufe stehen wie Kaffe, Tee, Tabak, Zigarre. Auch ihnen allen gemeinsam ist der Ursprung aus der Bequemlichkeit des täglichen Lebens, nicht aus der sich blähenden Gelehrttuerei. Freilich ist allgemein zu bemerken: eine Notwendigkeit besteht nicht für jedes dieser Halblehnwörter. Genau so gut, wie die Franzosen eben nur Stirn ( Front ) sagen, können wir's, und Zins ist ebenso gut wie Rente . Wie weit hierüber hinaus der Freund reiner Sprache noch gehen will, kann ihm vertrauensvoll überlassen werden. Er wird die edle Freiheit gesunden Sprachlebens nicht überschreiten, denn ihn verlocken nicht die dürftigen kleinen Eitelkeiten des auf seine ›akademische Bildung‹ stolzen Vornehmtuers, noch die Heimpariserei von Schreibern, ästhetischen oder politischen , die im Grunde nur kosmopolitisch gebildete Hausknechte wie Raimunds unsterblicher Habakuk (S. 49) sind oder hätten werden sollen. Nichts ist mehr einzuwenden gegen fremdstämmige Wörter wie Soldat, Kamerad, Rakete, Granate, Musik, Konzert, Drama, Theater, Phrase . Nur sollte dem Welscher, der sich auf solche hundert unschuldige Bequemlichkeiten als Rechtfertigung seiner zehntausend Geckereien berufen will, so derb wie möglich heimgegeigt werden. Noch weiter, viel weiter reicht die Freiheit, die Weite und Breite – aber nicht die Latitüde ! – im Gebrauch fremder Wortgebilde, die von dem Wellenspiel mannigfachster Bildungsströme in zwei Jahrtausenden deutscher Geschichte an unsern Strand gespült wurden. Wohl oder übel werden wir jetzt und noch lange dulden müssen: Religion, Literatur, Politik, liberal, sozial . Keines dieser Fremdwörter ist unentbehrlich oder gar unübersetzbar; für jedes habe ich mühelos in meinen Schriften zuweilen ein besseres, weil weniger schwammiges, gebraucht, ohne je Mißverständnis oder nur Staunen zu erzeugen. Religion im höchsten Sinne z. B. ist grade in einer feierlichen, einer › religiösen ‹ Dichtung unmöglich! ›Wir heißen's Frommsein‹ sagt Goethe in seiner herrlichen ›Elegie‹ von 1823. ›Glauben an Gott‹ schreibt Frau Rath in ihrem ergreifenden Klagebrief über den Tod ihrer einzigen Tochter; ›Glauben an Gott‹ heißt es in einem berühmten Bekenntnisworte Bismarcks im Felde vom 8. September 1870. Aber mit feinstem Bedacht läßt Goethe Gretchen ihren Faust fragen: ›Wie hast du's mit der Religion ?‹, denn so hat sie das Ding in der › Religions stunde‹ zu nennen gelernt.   Nützliche Fremdwörter Viele, gar viele Fremdwörter muß der gegen sich selbst äußerst strenge Sprachbehandler dem großen unbekannten Schreibervolk nachsehen und darf sie nicht krittelnd schelten. Ach, wollten sich unsre Welscher in Wissenschaft und Zeitung mit diesen läßlichen Fremdlingen – 50, 100, selbst 200 – begnügen, wie wohl stände es um ihre und ihres Volkes Sprache! Und kein Gedankenblitz, kein Farbenrausch, kein Gefühlstaumel brauchte bei nur 200 Fremdwörtern unsern ›Schönfunkenfarbenbrunnenmeistern‹, den Zauberern der sprachlichen Kalospinthechromokrene , aus Mangel an Ausdrücken verloren zu gehen. Sie sollen nicht verzichten auf die mancherlei geistreichen, drolligen, überraschenden, prickelnden, witzigen Wirkungen solcher Prachtstücke wie: Staatshämorrhoidarius, Prinzipienreiter; nicht auf solche Geschichtswörter wie Reptilien, Reptilienfonds, skrofuloses Gesindel; nicht auf Kunstausdrücke wie Sonate, Symphonie, Oratorium – aber wohl auf Ouvertüre ; nicht auf so unentbehrliche Schlagwörter wie Philister und philisterhaft; nicht auf spaßig gemeinte wie Probiermamsell, Klappmatismus, Wuppdizität, oder auf bequeme Aushilfen wie Galoschen; auf Halblehnwörter von der Art wie Natur, Charakter, Kalender, Musik; feste Neuwörter: Gamaschendienst und Manschetten haben; aber nicht Gamaschen , sondern Überstrümpfe; nicht Manschetten , sondern Stulpen. Quadrat ist überflüssig, wir haben Geviert; aber gegen Quadratschnauze, Quadratlaatschen ist nichts einzuwenden. Der Sprachgebildete mag den musenlosen Seifensieder, den Gevatter Schneider und Handschuhmacher getrost Banause nennen, denn es ist für ihn ein Fachwort. Zum Ausspotten eines Selbstsüchtlings sind Gemütsathlet, zum Abtun eines ohnmächtigen Geschmäcklers Ästhet nicht übel. Selbst Milieu , etwa in der Form Mirljöh, Nüance als Nüankße, Feuilleton als Fölljetong sind für den lobenswerten Zweck, die Welscherei so lächerlich erscheinen zu lassen, wie sie's verdient, gar nützlich. Schema F , heiliger Bürokratius, Zitateles, Fressabilien – alles noch lange beizubehalten. Material ist oft gemein und stets entbehrlich, ›schätzbares Material‹ im Munde des Spötters wirksam und einwandfrei. Nichts zu sagen ist gegen solche Späßchen wie Rederitis, pyramidal, schauderös; gegen solche Spielereien wie Luftikus, ein Vokativus, Schwachmatikus, in Schwulibus oder Schwulitäten. All dergleichen, natürlich nur am rechten Platz, wird ja gewissermaßen in Gänsefüßchen gedacht, gesagt, geschrieben; hat mit der unheilvollen Welscherei nichts zu tun; verschmutzt die deutsche Sprache nicht, sondern vermag sie gelegentlich heiter zu erfrischen. So sind die mancherlei Fremdwörter aufzufassen, die unsre Dichter zu bestimmten durchaus berechtigten Kunstzwecken benutzen: zur Verspottung, zur Witzwirkung, besonders zur Wiedergabe der Zeit- und Gesellschaftsfarbe. Welscher, die sich für ihre fremdbrockligen Plattheiten auf solche Dichterfeinheiten zu berufen erdreisten, fertige man gebührend lateinisch ab, wie auf S. 139 steht, denn in diesem Falle ist das Deutsche zu höflich. Das ist ja grade so kennzeichnend für das innerste Wesen des Fremdwortes, daß es sich ausgezeichnet für jede Form des Spottes eignet: man fühlt seine Minderwertigkeit, Brüchigkeit, Anrüchigkeit, Putzigkeit; weiß, daß es im Grunde selber ein Hohn auf Sprache und echte Bildung ist, – wie denn von jeher die Lustspieldichter sich der Fremdwörterei im Munde ihrer Narren bedient haben, um diese und ihr eitles Narrenteiding zu verspotten. Zur Selbstschilderung eines zeitechten Gecken, eines Schmocks, Snobs, Ästheten, Gents, Zavaliers, Zitateles, Gemütsathleten sind ja die Fremdwörter, je mehr je besser, unschätzbar. Namentlich sollte kein Freund deutscher Sprache mit einem Welscher anders als im tollsten Welsch streiten, wenn er sich überhaupt die hoffnungslose Mühe geben will, einen Menschen zu überzeugen, daß die einzige Sprache, die er beherrscht, keinen Pfifferling wert ist. Welche Sprache unsre Fachleute im engsten Fachkreise sprechen und schreiben wollen, geht die deutsche Bildung nichts an. Erst wenn sie das Wissenswerte aus ihren Sondergebieten ihrem Volk als allgemeinen Bildungsstoff mitteilen wollen, haben sie sich der gebildeten saubern Volkssprache zu bedienen. Wenn z. B. unsre Germanisten so wenig einfachstes Stilgefühl haben, daß sie die Lächerlichkeit einer Germanistik in ungermanischem Kauderwelsch nicht empfinden, so mögen sie ganz unter sich ruhig weiter ihr Küchenlatein, Tertianergriechisch, Kellnerfranzösisch reden und schreiben, mögen sich mit Goethes Psyche , Goethe intime , Goethes lyrischem Oeuvre , Siegfrieds ethischem Pathos und seiner Note personnelle großartig dünken. Wenden sie sich aber in deutschen Rundschauen oder Zeitungen an gebildete Leser, oder sprechen sie im Auftrag eines deutschen Staates zu deutschen Jünglingen über deutsche Sprache und Dichtung, so haben sie sich sprachlich sauber – nicht ›schmierig‹, Herr Professor Birt! – zu halten, gleichwie es keinem Hochschullehrer erlaubt ist, ungekämmt, ungewaschen, schmutzig gekleidet oder abgerissen einen staatlichen Lehrstuhl zu betreten.   Die Goldprobe des Welsch Der Leser hat den berechtigten Wunsch nach einem zuverlässigen Ratgeber für sein Verhalten einem Fremdwort gegenüber, das dem Grenzgebiet zwischen Gemein und Erlaubt angehört. Die allgemeine Regel lautet: Das Fremdwort ist minderwertig bis hinunter zur Albernheit und Pöbelei. Die Ausnahmen von dieser Regel nicht durch die Willkür des Einzelgeschmackes, sondern durch einen unfehlbaren Prüfstein zu erkunden, ist jedem Freunde deutscher Sprache, der keiner Übertreibung verfallen will, gewiß von Nutzen. Solchen Prüfstein gibt es; mit seiner Hilfe kann jeder leicht die Goldprobe an jedem Welschwort vornehmen. Über die Sprach- und Stilgemeinheit solcher Welschereien wie: Individualität, Interesse, eliminieren, isolieren, komponieren bestehen unter sprachgesunden Menschen keine Meinungsunterschiede. Zweifel herrschen nur über scheinbar oder wirklich edlere Fremdwörter, die nicht so sehr der Gelehrttuerei wie der Überlieferung und Bequemlichkeit entspringen. Die strengste Goldprobe besteht darin: Jedes Fremdwort, das beim Gebrauch in der erhabenen oder künstlerischen Rede durchaus lächerlich wird, ist als innerlich wertlos zu verwerfen . Natürlich hat der Welscher eine seiner Trugphrasen auch hiergegen zur Hand; auf S. 106 steht sie: das Gerede von der erlaubten ›Unsauberkeit und den schmierigen Flecken an Kleid und Händen im Tagewerk‹. Mit dem die schmierige Welscherei solchermaßen beredt verteidigenden Professor Theodor Birt glauben die meisten Welscher: deutsche Prosa darf hingeschmiert werden, sie ist ›Sprache im Arbeitskittel, Betrieb der Alltäglichkeit‹; nur die Dichtung braucht sprachsauber zu sein, nur der Dichter ›feiert Sonntag, säubert sich und erscheint mit strahlendem Gesicht und blanken Händen, in frischer Wäsche im Kreis der Seinen‹. Könnte der boshafteste Purist eine hohnvollere Schilderung des ›schmierigen‹ Gewerbes der welschenden Wissenschaft geben als dieser offenbar genau unterrichtete Sachverständige? Der Freund deutscher Sprache, der überzeugt ist, alles Schreiben für Andre ist saubres Werk, will Schmierigkeit oder Reinlichkeit jedes zweifelhaften Fremdwortes erkennen, und das mache er so: Er prüfe die ihm liebsten Dichterstellen auf ihre Fremdwörter und setze da, wo keines steht, eines ein! Er wird seine Freude erleben. Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter im Milieu der Welt. – Womit zu vergleichen: ›Kein Talent, doch ein Charakter‹ bei Heine. Und doch gilt Milieu für das Feinste vom Feinen – in der Schmockwelt. Immerzu, immerzu, Ohne Pause , ohne Ruh. – Dabei ist Pause schon Halblehnwort. Und hinter ihm in wesenloser Sphäre Lag, was uns alle zwingt, das Ordinäre . – Du sprichst ein großes Wort lakonisch aus. – Und an dem Ufer steh' ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Psyche suchend – was doch für die Griechin Iphigenie viel stilgemäßer ist als die arme plumpe Seele. Willst du genau erfahren, was dezent (oder: bon ton ), So frage nur bei edlen Frauen an. – Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet, Chanson , das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet – denn haben wir nicht, dank unsrer Moderne , › Deutsche Chansons ‹ (vgl. S. 33)? Auf Klippen und Wolken Fotöllchs sind bereitet Um goldene Tische. Was ist dagegen zu sagen? Sind Fauteuils nicht unvergleichlich feiner als Stühle? Mein schönes Fräulein, darf ich riskieren , Meinen Arm und Geleit Ihr zu offerieren ? Hat je ein Welscher sich vor der Gemeinheit von riskieren und offerieren gescheut? – Und warum sollte man Ulrich von Hutten nicht ausrufen lassen: ›Ich hab's riskiert !‹? Ich habe mit eignen Ohren Minister, Professoren, sogar Chefredakteure so vornehm sprechen hören. Denn ein Momang , gelebt im Paradiese, Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt. Moment ist gemein? Ei warum nicht gar! ›Unsre Sprache strebt in ihren geheimsten Momenten zur Reinheit‹, sagt in einer Kaisergeburtstagsrede, also gewiß einem feierlichen Momang, der Berliner Professor ordinarius für Germanistik Gustav Roethe, der Mann mit dem ethischen Pathos der altdeutschen Helden und der atomisierten Nation . Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerz kalmierest  – So wandert er am leichten Stabe Dorthin vom Gotte inspiriert  – Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte Familiarität  – Wenn Diskussionen sie begleiten, So fließt die Arbeit munter fort – Mir hilft der Geist! Ich sehe Rat mir schon Und schreibe getrost: Im Anfang war Aktion ! Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Preis der Müh, Ehrt den König seine Würde, Ehret uns die Industrie . Was ist Händefleiß gegen Industrie ? Und an Deutschlands Sich gerieren , Mag sich einst die Welt kurieren . Herr von Wilamowitz, der Todfeind des dummen Purismus, würde sich ernstlich verbitten, daß man seinen sich gerierenden Diogenes gemein nennte. So nimm nun mein totales Wesen hin! (Tasso, 5, 4). Ist daran etwas auszusetzen? Schreibt nicht der feinste Welscher total ? Spricht nicht die ganze welschende Goethephilologie von Goethes Totalität ? Was ist feiner: Werkstatt oder Atelier ? Zweifellos Atelier , denn nur um der Feinheit willen schreibt es der Welscher; also z. B.: In seinem Atelier Sonntags früh Steht unser teurer Meister hie. Ein Schuhmacher und Poet dazu wie Hans Sachs hat so gut wie ein andrer Anspruch auf ein vornehmes Atelier . Entschlafen sind nun wilde Triebe Mit jedem vehementen ( violenten, petulanten, extravaganten ) Tun. Und wie nüankßenreich! Gibt es Nobleres als nobel ? Also: Nobel sei der Mensch, hilfreich und gut – Ein nobler Mensch zieht noble Menschen an – Auch in der sittlichen Welt ist Noblesse  – Aurelie erklärt im Wilhelm Meister das französische perfid für unersetzlich. Warum hat Schiller sich's nicht gemerkt und besser geschrieben: Die Falschheit herrscht und die Perfidie Bei dem feigen Menschengeschlechte –? Allerfeinstes Welsch ist heute in der Kunstsprache: Intérieur ; also, nicht wahr? –: Ins Änkteriöhr der Welt dringt kein erschaffner Geist, Glückselig, wem sie nur das Extériöhre weist. Man unterlasse nicht, auch an der dürftig deutschen Sprache der Bibel diese Verfeinerungsarbeit zu üben, also: ›Im Anfang kreierte Gott Himmel und Erde‹, oder ›Was Gott komponiert hat, soll der Mensch nicht separieren ‹, oder noch feiner, weil griechisch: ›Eine Synthese Gottes widerstrebt der Analyse des Menschen.‹ Endlich unterwerfe man die Ieren - Sprache dieser Goldprobe und sehe zu, was herauskommt. Man wird finden, daß von den reichlich 2000 Zeitwörtern auf ieren keine 5 die Probe bestehen, die einzig über Brauchbarkeit oder Gemeinheit entscheidet: nämlich ob sie in der edlen Menschensprache, also in Predigt, Feierrede, Dichtung möglich sind. Regieren gehört zu den ganz wenigen durch mehr als halbtausendjährigen Gebrauch veredelten: Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. Untersuchungen dieser Art eignen sich trefflich zu einem höheren Gesellschaftsspiel für belesene Freunde deutscher Sprache! Der Welscher wird einwenden: Dichtung und Prosa sind zweierlei, und jede fordert ihre eigne Sprache, – was natürlich ein dummer Purist, z. B. ich, auch dann nicht weiß, wenn er selber Dichtung und Prosa geschrieben. Die Wahrheit ist diese: der Welscher zieht ja für all sein Geschreibe, alltägtägliches wie erhaben-wissenschaftliches, das Welsch als das Subtilere, Nüankßiertere, Differenziertere vor. Der Gedanke, daß es das Gemeine, Platte, Alberne sein könne, liegt ihm meilenfern, diametral . Nun zeigt ihm die unerbittliche Wahrheit der Kunst, ja schon des flitterlosen Lebensernstes, daß das Welsch in der Adelsprache des deutschen Menschen nicht etwa nur um einen Grad weniger edel, künstlerisch, bedeutsam als das Deutsche, sondern daß es elendester Schund und Bafel ist, den ein gebildeter Mann zu gebildeter Rede überhaupt niemals in den Mund und in die Feder nehmen darf. Sprich Deutsch! heißt die an jeden Deutschen zu richtende Grundforderung würdigen deutschen Lebens, – Sprich Deutsch! sage jeder Deutsche zur deutschen Obrigkeit, die über ihn gesetzt ist, – Sprich Deutsch und Lehre Deutsch! laute die Mahnung an die deutsche Schule von der niedersten zur allerhöchsten. – Sprich Deutsch! rufe man jedem deutschen Schreiber von Buch oder Zeitung zu, der das hohe Amt auf sich nimmt, seine Volksgenossen durch Schrift zu fühlen, zu belehren oder zu unterhalten. 5. Gutes Deutsch Gutes Deutsch in welscher Sprache ist ein vollkommner Widerspruch, gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren. Gewisse Welscher, die kaum einen Satz ohne Welsch hinschreiben, nur wie durch Zufall einen wichtigen Begriff durch ein deutsches Wort ausdrücken, gehören nicht zum deutschen Schriftwesen, gehören auch zu keinem andern, führen ein Schreibereintagsleben nur für Welschdeutschland und versinken unfehlbar in die große Vergessenheit, die alles Unwahre und Naturwidrige verschlingt. Reines Deutsch – ohne Peinlichkeit und Schrullen, aber mit Strenge gegen jedes überflüssige, jedes schwammige, jedes dünkelhafte Fremdwort, ist die Grundbedingung alles Schreibens, das auf Dauer berechnet ist. Doch mit der selbstverständlichen Reinheit der Sprache ist der Begriff Gutes Deutsch nicht erschöpft; richtiges Deutsch und klarer Stil müssen hinzukommen, wenn wir mit der deutschen Prosa auf die Höhe gelangen wollen, die sich für jeden achtbaren Schreiber der andern großen Bildungsvölker von selbst versteht. Richtiges Deutsch wird auf allen unsern Schulen gelehrt, aber nicht von allen Schülern so gelernt, wie unbedingt von einem Volke mit Achtung und Liebe für seine Muttersprache zu verlangen ist. Daß die Welscherei in Deutschland, mit ihrer unvermeidlichen Folge: der Abstumpfung des deutschen Sprachgefühls, die Hauptschuld an der schlampigen Behandlung deutscher Sprache und deutschen Stiles trägt, ist nicht zu bezweifeln. Man kann hierfür sogar den greifbaren Beweis führen: die ärgsten Mißhandler der deutschen Sprachlehre, von der Beugung der Haupt- und Zeitwörter bis zum Bau des einfachen Satzes, sind dieselben Schreiber, die grundsätzlich das Welschwort dem deutschen vorziehen. Der Leser achte darauf, ob seine Zeitung über den in Deutschland üblichen Durchschnitt hinaus welscht: wenn ja, so wird sie zugleich so ziemlich alle grobe Sprach- und Satzfehler begehen, vor denen auf den folgenden Seiten gewarnt wird. Dringend empfehle ich jedem Schreiber, selbst wenn er nichts drucken läßt, sich eins der mancherlei nützlichen Sprachhilfsbücher anzuschaffen, durch die er befestigen kann, was er in der Schule gelernt, und hinzulernen, was er gar nicht oder nur mangelhaft gelernt hat. Es gibt sehr wenige deutsche Schreiber, bis hinauf zu den berühmtesten, die aus einem guten Leitfaden für richtiges Deutsch nichts mehr lernen können. Albert Heintzes ›Gut Deutsch‹ und Theodor Matthias' ›Sprachleben und Sprachschäden‹ gehören zu den Hilfsmitteln, die jeder deutsche Schreiber ohne Ausnahme gut tut allermindestens einmal langsam durchzublättern. Vor Wustmanns ›Sprachdummheiten‹ warne ich jeden Leser, der nicht die Freude an der deutschen Sprache und alle Sicherheit im Schreiben verlieren will. Das Gute jenes Buches steht in jedem brauchbaren und bescheidenen Hilfsbuch; vieles andre ist nur anmaßende Schulmeisterei; das Ganze vorgetragen im Ton der Unfehlbarkeit und maßlosen Überhebung eines Schreibers, der selbst keine einzige wertvolle Leistung hinter sich hatte. Was es alles, trotz löblichem deutschem Sprachunterricht in Volks- und höheren Schulen, für den richtigen Gebrauch des Deutschen bei uns zu lernen gibt, wie brüchig selbst die einfachsten Grundlagen der Sprachlehre sind, dafür drei Beispielchen. Eine der größten deutschen Zeitungen überschreibt einen Aufsatz: Mit Weihnachtskisten des ›Berliner Tageblatt‹ nach Serbien. Der Schreiber ist einer unsrer großartigen Welscher in sechs Sprachen; aber er weiß nicht, daß der zweite Fall von Tageblatt unter allen Umständen Tageblatts heißt und daß noch so viele Anführungsstriche an dieser Grundregel einer Vorschulklasse nichts ändern. Es heißt nicht: in ›Die Bürgschaft‹ von Schiller, sondern: in Schillers Bürgschaft, oder: in der Bürgschaft von Schiller; auch nicht: aus ›Der Kaufmann von Venedig‹, sondern: aus dem ... – Sprache, auch geschriebene, ist fürs Ohr und daneben fürs Auge, nicht ausschließlich für Papier und Auge. Das größte Berliner Warenhaus bittet seine Käufer, ›wegen Mangel an Bindfaden die Pakete uneingeschnürt mitzunehmen‹. Der große Herr im Zentralbureau oder der dirigierende Rayonchef , der dieses Plakat redigiert hat, erinnerte sich nicht, daß er einst in Quinta, oder war es in Sexta oder in der vorletzten Klasse der Volksschule?, gelernt hatte: nach wegen steht der zweite Fall, und der zweite Fall von Mangel heißt Mangels. Gerhart Hauptmann, Deutschlands ›größter Dichter‹ – nach oder neben oder vor Goethe – schreibt unter anderm, ach unter vielem andern: ›Er nahm an Friedrichens Seite Platz.‹ Der zweite Fall von Friedrich heißt Friedrichs, hat niemals Friedrichens geheißen. Deutschlands größter Dichter weiß dies nicht; aber er weiß, wie Lesezimmer auf Englisch heißt (S. 56). – Er schreibt in Prosa: ›Als sänke sich von allen Seiten Finsternis.‹ Er weiß nicht, daß die Vergangenheit von senken ›senkte‹ heißt; aber er weiß, wie Erstes Zeichen zum Mittagessen auf Englisch, und er weiß, wie ein Musikstück im Berliner Französisch heißt.   Die deutsche Sprachlehre fordert: ich brauche zu tun; ich brauche das nicht tun ist falsch. Wenn ich dies oder andres falsch nenne, so treibe ich keine Sprachschulmeisterei, sondern erinnere den Leser nur an die Tatsache, daß jede Sprache unerschütterliche Gesetze kennt, die gröblich zu verletzen Unbildung genannt wird, allerdings nicht in Deutschland. ›Des Herrn Rechtsanwalts Schulze‹ schreibt der Deutsche, der sein Deutsch beherrscht; ›des Herrn Rechtsanwalt‹ beweist, daß der Schreiber sich hinsetzen und die deutsche Hauptwortbeugung noch einmal erlernen sollte. ›Er wohnt in einer Mansarde, ein Raum von minimalen Dimensionen .‹ Man kann dergleichen in mehr als einer Zeitung lesen, aber sicher sein, daß der Schreiber ein ungebildeter Mensch ist, wenngleich er meisterlich welscht. Schriebe eine Töchterschülerin oder Lyzeistin : Je suis plus grand comme lui , so würde sie nicht versetzt und gälte als beklagenswert unwissend in den Anfangsgründen höherer deutscher und formaler Bildung, wozu bekanntlich unbedingt Französisch gehört. Schreibt sie, was nicht nur in Töchterschulen, sondern in mehr als einem wissenschaftlichen Buch, in den meisten Zeitungen, in vielen schwungvollen Reichstagsreden vorkommt: Ich bin größer wie er, so führt das in Deutschland zu gar keinen üblen Folgen, denn es ist nur ein grober deutscher Sprachfehler. Es muß heißen: so schwarz wie Tinte, aber: schwärzer als Tinte. Wenn Ranke schreibt: Mehr wie irgendeine andre Partei, so ist dies nur ein Beweis mehr für die sprachverderbende Wirkung der nachlässigen Welscherei: Ranke war leider einer der ärgsten Welscher, und sein gewichtiges Lebenswerk wird hieran ganz zugrunde gehen, wenn es nicht beizeiten durch eine Umarbeitung ins Deutsche gerettet wird. Von Ranke rührt das Wort voll reicher Erfahrung her: ›Es bleiben nur die schöngeschriebenen Geschichtswerke.‹ Rankes Werke sind welsch, also häßlich geschrieben. Die persönlichen Fürwörter dritter Person heißen: Er Sie Es. Dies lernt jeder Deutsche mit 7 Jahren. Unzählige Deutsche schreiben trotzdem noch mit 30 Jahren nicht Er Sie Es, sondern Derselbe Dieselbe Dasselbe , z. B.: ›Herr S... hat über seine Reise Bericht erstattet, und ist derselbe soeben erschienen.‹ Diesen Satz habe ich nicht etwa erfunden, sondern gefunden, und zwar bei einem hochberühmten Welscher, der 1889 gegen den Deutschen Sprachverein energisch protestiert hatte. In demselben Satze steht noch ein zweiter niedriger Fehler: nach und wenden nur sprachlich ungebildete Schreiber die Fragestellung des Satzes an. Der doppelt falsche Satz des großen Welschers müßte richtig heißen: ... und dieser, oder er, ist soeben erschienen. Viele Schreiber, die sehr wohl wissen, daß das griechische ean oder ei (wenn) nur mit einer Möglichkeitsform, das französische si (wenn) nur in seltenen Ausnahmefällen mit solcher Form des Zeitwortes verbunden werden dürfen, wissen nicht, daß ein sprachgebildeter Deutscher sich schämen sollte, zu schreiben: Wenn ich wissen würde , statt: Wenn ich wüßte . ›Schiller siedelte nach Weimar über, um wenige Jahre darauf dort zu sterben.‹ Das ist Schillern natürlich gar nicht eingefallen; aber ich kenne mehr als einen Schreiber, der nicht merkt, welchen Unsinn er durch solchen grundfalschen Gebrauch des um zu begeht; dieses ist, wie der Leser sich selbst sagen kann, nur für eine absichtsvolle Handlung möglich. Mir ist kein neuzeitliches Beispiel dieser lächerlichen Schludrigkeit bei andern als welschenden Schreibern vorgekommen. Die deutsche Sprache, wie übrigens alle ihr verwandten, kennt nur die richtige Ausdrucksweise: ›Die Darstellung war gut‹; falsche Reckung ist: ›...  eine gute ‹. Erster und Letzter genügen nicht nur, sondern sind die allein vernünftigen und richtigen Formen. Statt letzt steht sehr oft besser: dies . Ein Welscher schrieb: ›Bismarck begann, sich dem Zentrum zu nähern; dieses letztere ...‹ Der Leser begreift, welch Gestümper dies (nicht ›dies letztere‹!) ist. ›Das Wetter dieses Sommers war selten schön ‹, ›Die Zigarren des Bremer Hauses sind selten gut .‹ Wie waren nun Wetter und Zigarren: meist unschön und meist schlecht, oder schön und gut wie nur selten? ›Selten‹ bedeutet nur: nicht oft; aber nicht: wie es selten der Fall ist. Man hüte sich vor einem ›selten zuverlässigen Wörterbuch‹, sondern kaufe sich ein ›in seltenem Grade zuverlässiges‹. Es wäre an der Zeit, daß aus Deutschland verschwänden: Die reitende Artilleriekaserne , der wollene Strumpfwarenwirker, der ausgestopfte Tierhändler, der umgehackte Nußbaumbesitzer; aber sie kommen immer noch vor. Her und hin , herauf und hinauf , heraus und hinaus werden in Nord- und Mitteldeutschland, aber fast nie in Süddeutschland und Österreich, als Wörter betrachtet, die man beliebig miteinander vertauschen dürfe. Man kann niemand aus einem Zimmer herauswerfen: her heißt heran zum Sprechenden, hin heißt irgendwo anders hin. Her und hin unterscheiden sich ähnlich wie dieser und jener. In Süddeutschland sagt man: ›naus mit dir!‹, in Norddeutschland ›raus ...!‹ Gut ist dies nicht, aber es muß als geltende Form nachsichtig beurteilt werden. Wustmann und seine Anhänger betrachten welcher (statt: der) im bezüglichen Nebensatz (›Der Mann, welchen ich gesehen habe‹, statt ›... den ich ...‹) fast wie ein Schwerverbrechen, fordern sogar unbedingt: ›Die, die die Gesetze übertreten‹, und das alles nur aus herrischer Willkür. Zuzugeben ist, daß in der Regel der genügt und als kürzer und flüssiger dem ›welcher‹ vorzuziehen ist. In manchen Fällen jedoch bietet sich welcher grade des Wohlklangs wegen und zur Erleichterung sofortigen Verständnisses bequem dar. – Ganz allgemein: solange das Deutsche an der tödlichen Welschkrankheit leidet, darf jeder Verstoß gegen ein deutsches Sprachgesetz milder beurteilt werden. Es gibt nur eine Todsünde im Deutschen: das Undeutsche. Ein trauriger Welscher schreibt: ›Zwischen Goethes heiterer Objektivität im Aufnehmen und Produzieren und zwischen Schillers leidenschaftlicher Subjektivität in beiden ...‹ und beweist wieder, daß bestes Welsch leichter ist als mittelmäßiges Deutsch: jenes kann man gedankenlos mittels der bekannten Gummistempel anfertigen; bei diesem muß man ein wenig nachdenken: zwischen steht nur einmal. Laß dich in all diesen Fragen nicht beirren durch den Nachweis einer einsamen Stelle, wo Lessing oder Goethe oder Schiller versehentlich oder aus der Schreibweise ihres Zeitalters heraus einmal ähnliches geschrieben haben mögen. Der Sprachgebrauch ändert sich: wir dürfen nicht mehr in jedem Falle schreiben wie Luther oder Goethe; und nicht die Versehen unsrer Meister, sondern ihre Tugenden sollen unsre Vorbilder sein. All dies ist nicht Sprachschulmeisterei, sondern nur heilsames Gesetz, ›und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben‹ (Goethe); Gesetzlosigkeit führt zum Sprachgeschlamp, dessen schauderhafte Entfaltung wir in der gesetzlosen Welscherei wüten sehen. Jeder Schreiber werde sein eigner strenger Schulmeister, denn Deutschschreiben ist oder sollte in jedem, auch dem einfachsten, Falle sein: Ausübung einer Kunst. Der Künstler wählt ; der Welscher braucht nicht zu wählen, denn seine welschen Formeln liegen ihm wahllos zu Händen: es ist gleichgültig, ob er Moment, Element, Faktor, Koeffizient schreibt; ob er die Gummistempel sekkieren, molestieren, kujonieren, malträtieren, schikanieren in die Satzlücke drückt; ob er halb im Schlaf interessieren, funktionieren, arrangieren, organisieren hinschmiert. Der deutsche Schreiber hat es weniger bequem: er muß sorgsam wägen und wählen und wagen; er darf, wenn er ein der deutschen Sprache würdiges Schriftstück zustande bringen will, sich nicht begnügen mit den abgegriffensten Wortstempeln, und er braucht es nicht; denn der echte Reichtum seiner reinen Sprache ist unendlich größer als die Scheinfülle der welschen Schmutzerei. Man meide abgedroschene Schlag- und Modewörter! Man erkennt sie ohne weiteres daran, daß jeder Sprachstümper sie mit Vorliebe gebraucht. Man schreibe nie: voll und ganz , denn dies sprechen und schreiben nur noch die gedankenärmsten Redner in Volksversammlungen und Volksvertretungen. ›Voll und ganz‹ macht ein großes Getöse, aber es ist nur das Dröhnen eines hohlen Bierfasses. Es steht auf der Höhe von energisch protestieren und vitalsten Interessen . Alle Welt sagt seit zehn Jahren › ausgeschlossen ‹ statt ›nein‹, wie alle Welt › kolossal ‹ sagt statt ›sehr‹. Was alle Welt gedankenlos nachspricht, vermeidet der sorgsame Schreiber eben darum. Wer durchaus auf der Höhe der Sprachmode stehen will, der schreibt: ausgeschlossen und kolossal , schneidig und tadellos (mit dem Ton auf der letzten Silbe!); aber Sprachmoden wie alle Moden versinken schnell, sie vermoden und vermodern, und was wird dann aus dem einst modischen Glanzwort, dem › Brillanten ‹ Schmocks? Natürlich können deutsche Modewörter nie ganz so lächerlich werden wie welsche, wie z. B. Milieu, subjektiv und objektiv, Individualität und Synthese , denn jene bleiben an sich gute Wörter einer natürlichen Menschensprache; die welschen versinken für immer oder sie verwesen, und ihr Geruch ist dann nicht fein, wie wir an Goethes Particulier, prostituieren, turlupinieren gespürt haben. Nichts Ab- und Ausgedroschenes; aber ebensowenig etwas Gesuchtes zum Erhaschen des Beifalls der Urteilslosen. Ein Schreiber, der statt ›König von Italien‹ sagt: ›Savoyerherrscher‹, statt ›Fürst Bismarck‹: ›der Kniephofer‹, statt ›Königin Luise‹: ›die Mirower Ahnfrau‹, statt ›Gerüchte täuschen‹: ›Schälle täuben‹, ist ein Schlangenmensch des Gedankens, ein Hanswurst der Sprache, ein Gesichterschneider des Stils, kann es aber mit solchen Affentheaterkünsten zum beneideten Ruhme von ›Deutschlands größtem Stilisten‹ bringen. Willst du durchaus bildern – aber wer zwingt dich dazu? –, so bleibe ›im Bilde‹! Bilder, wie: ›Der Zahn der Zeit, der schon so viele Tränen getrocknet, wird auch über diesen Schmerz Gras wachsen lassen‹, – ›Die Universitäten sind wie die rohen Eier: tritt man ihnen zu nahe, so stellen sie sich auf die Hinterbeine und wehren sich‹, – ›Dies ist des Pudels Kern, der sich als roter Faden durch die stachlige Frage zieht‹ sind als Bilder, etwa des futuristischen Expressionismus , nicht übel, als Gedankenausdruck mehr verrückt als verständlich. Versuche nicht, den Strom der Geschichte an der Stirnlocke zu fassen, laß keinen Schwerpunkt in etwas gipfeln, lege keine warme Lanze für etwas ein und laß auch den Ärmsten nicht mit einem Fuß am Rande des Grabes stehen, mit dem andern am Hungertuche nagen. Schreibe deinen Stil, nicht den eines noch so berühmten Andern. Alles Schreiben hat nur Zweck und Wert, wenn es Ausdruck einer Persönlichkeit ist. Reichen deine Schreiberkünste nicht hin zur Aufführung großartig verschlungener Satzbauten, so baue kurze Sätze und baue sie um so fester, klarer, schöner. Der Punkt ist das nützlichste, das wichtigste Satzzeichen: spare nicht damit! Die Gedankenreihe läuft nicht in endlos grader Linie zum Ziel, sondern in Biegungen oder ganz verschiedenen Richtungen. Mache Absätze, oft Absätze, wenn deine Gedanken oft absetzend die Richtung wechseln. Baue deine Sätze nicht gleich gewissen Elfenbeinschnitzereien der Chinesen: Kügelchen in Küglein in Kugel. Unterbrich den Hauptsatz deines Hauptgedankens nicht durch Seitensprünge, Einschachtelungen , allzu viele Nebensätze und Nebennebensätze. Gib jedem wertvollen Gedanken sein selbständiges Recht und schmuggle ihn nicht als Füllsel und Stopfsel in einen andern ein. Schreibe Leben , nicht Papier. Schreiben ist sichtbares Abbild des Sprechens, nicht ein nebelhaftes Ding für sich. Ein Satz, wie ihn der Gebildetste und Schreibgewandteste niemals sprechen würde noch könnte, ist nur beschriebenes Papier, nicht Menschensprache. Je ähnlicher das Geschriebene dem Gesprochenen eines gebildeten Mannes klingt, desto lebensvoller, verständlicher und wirksamer. Nur Lebendiges bleibt am Leben; totes Papier gewinnt niemals volles Leben. Glaube nicht, daß Breite Kraft bedeutet, daß Doppelt oder Dreifach in der Sprache mehr ist als Einfach; sie sind weniger, sie schwächen ab statt zu verstärken. ›Getret'ner Quark wird breit, nicht stark‹, heißt es bei Goethe. Nur ein wichtigtuerischer Schreiber hält ›in Erfahrung bringen‹ für schöner, für bedeutsamer als ›erfahren‹, ›Mitteilung machen‹ als ›mitteilen‹, ›zum Zweck der ...‹ als ›zur‹. Dies ist der Gummistil, wie die Welscherei der Gummistempelstil. Meide weder ängstlich das derbe, aber in guter Gesellschaft nicht anstößige Kraftwort, wo es deutlicher ist als das blasse papierne, noch scheue dich schamhaft vor einem treffenden Worte der Mundart (vgl. S. 153). Aber nicht jede Wendung einer Landschaft ist angemessen: ›man‹ statt ›nur‹ ist zu nachlässig, ›mang‹ statt ›darin‹ oder ›zwischen‹ zu hemdsärmlig, nach Dresden ›machen‹ gar zu ausschließlich bliemchensächsisch. Gemeiner als z. B. das welsche funktionieren für all und jede Wirktätigkeit ist es nicht; aber der Freund des Deutschen hütet sich vor gemeinem Deutsch. Für den richtigen Welscher gibt es überhaupt kein zu gemeines Welsch: funktionieren wird von keinem Welscher verschmäht. Österreichische Leser werden es mir nicht verargen, wenn ich ihnen sage: auch ihre Mundart ist vollberechtigt, ja sie hat viele feine Reize; aber nicht gute Mundart, sondern schlechte Schreibgewohnheit ist: vergessen auf etwas (statt: etwas vergessen), über Antrag (statt: auf Antrag), nur mehr (statt: nur noch), beiläufig (statt: ungefähr). Du hast gehört, daß man sich in Deutschland heftig gestritten hat und noch streitet über die beste Schrift- und Druckform fürs Deutsche: lateinische oder deutsche – auf Welsch: Antiqua oder Fraktur . Vielleicht möchtest du meine Ansicht über diese Frage kennen; hier ist sie: Die Frage der Schriftform ist überflüssig, ja lächerlich, so lange die Sprachform des allermeisten Gedruckten welsch ist. Man verschiebe die Entscheidung über Antiqua oder Fraktur bis zu dem Tage, hoffentlich nicht Nimmerstage, wo in Deutschland nur Deutschgeschriebenes gedruckt wird. Bis dahin aber drucke man, wie in diesem Buche geschieht, alles Welsche in der ihm zukommenden lateinischen Schrift. So haben es die ehrlicheren Welscher im 17. Jahrhundert gehalten. Vielleicht lernt der deutsche Leser durchs Auge, was die meisten durchs Ohr zu lernen unvermögend sind: daß das Sprachgewand der meisten deutschen Bücher und Zeitungen eine buntscheckige Narrenjacke ist. Schlußwort Der Weltkrieg war, und ist zur Stunde noch, der gewaltigste Wesensprüfer aller kämpfenden und vieler nur zuschauenden Völker. Über allen schwebt das Eisen, Das sie auf die Probe stellt. Freu' dich, Volk, du sollst erweisen, Ob du wert bist, dich zu preisen Über alles in der Welt. (R. Dehmel). Wie unsre ringenden, blutenden, fallenden, siegenden Helden und Brüder sich im Kampf gegen eine Welt erprobt haben, das wissen und fühlen wir hochklopfenden Herzens und tränenden Auges. Abgefallen ist von ihnen, was an die deutsche Schmach des Tangozeitalters vor dem Kriege erinnern könnte, vor allem die Auslandssucht im Handeln und Sprechen. Während die deutsche Heimatpresse welscht, wie sie stets gewelscht, ja während sie sich eine Reihe neuer Welschereien freudig als Kriegsbereicherungen angeeignet hat: das Exposé und das Communiqué , das Revirement und den Convoi , die Offensive und Defensive und Entente , sind unsre prächtigen Heereszeitungen unter den Händen wackerer Kriegsleute und ausgezeichneter Schriftsteller zu einer Reinheit der Sprache gelangt, die nie zuvor in der gesamten deutschen Zeitungswelt erhört war, und siehe: über den Wert unsrer Heerespresse nach Inhalt und Form herrscht Einhelligkeit draußen und daheim, mit Einschluß der Welscher. Die Kämpfer hat der Krieg von Grund aus gewandelt; die Zuhausegebliebenen nicht, trotz allen hochbrüstigen Versicherungen, trotz Deutschen Reden in schwerer Zeit – und in welscher Sprache. Unsre grauen Brüder in den Feindesländern haben im Innersten erlebt, was Muttersprache heißt. Unsre Welscher zu Hause haben nichts davon erfahren, sondern haben ihr Welsch noch um einiges quantifiziert, tantifiziert und differenziert , aber ach – ›Der Differenzierung folgt keine Integration ‹, wie der sich vor deutscher Begeisterung und Englandhaß überschlagende Richter der deutschen Helden und englischen Händler in seinem vollkommensten Heldendeutsch so unübertrefflich klar und schön gesagt hat. Rund heraus: Der Krieg ums Dasein des deutschen Volkstumes hat in dem Volk zu Hause, besonders in dessen zu Hause weilenden geistigen Führern, das Pflichtbewußtsein gegenüber dem höchsten Gut alles Volkstumes, der Sprache, nicht berührt, geschweige gestärkt. Im Gegenteil: mitten im Kriege der Welt gegen den Bestand des Deutschen Reiches haben einzelne welschende Gelehrte und mehr als eine große Zeitung abermals die Würdelosigkeit begangen, Bestrebungen höhnend zu bekämpfen, die auf Säuberung der Trägerin deutschen Volkstums, der deutschen Sprache, von der Beschmutzung durch unzählige Fremdbrocken abzielen. ›Jeder ist zu jedem Opfer bereit!‹ rief einer der welschenden Verfertiger ›Deutscher Reden in schwerer Zeit‹ mit höchstem ethisch-patriotischem Pathos in eine Beifall spendende Hörermenge hinein. Man sollte von dem begeisterten Opferer einmal das Opfer der Hälfte seines Welsch auf dem Altar deutscher Sprachehre fordern! In der Neujahrsnacht von 1914 auf 1915 schrieb ich in mein ›Tagebuch des Weltkrieges‹: ›Umheult von der Lüge, von der giftigen Verleumdung fast der ganzen Welt, durchleben wir einen tiefen Wandel unsers völkischen Bewußtseins, der, das hoffe, das wünsche ich so leidenschaftlich wie den Schlachtensieg, diesen Krieg überdauern wird: unsre Volksseele bekommt Schwielen, unsre rosige Galle färbt sich mit dem Dunkelrot zorniger Scham, unsre geistige Lakaienlappenpracht fällt ab, und wir gesunden endlich zu festem Selbstgefühl. Ein Volk, das durch einen Lügensumpf gewatet ist, wie das deutsche; das erfahren hat, wohin die entwürdigende Ausländerei geführt hat, das wird für lange, vielleicht für immer geheilt sein von der zehrendsten Wunde seines Leibes.‹ Ich schäme mich noch heute nicht, diese Herzensverheißung hinausgerufen zu haben; ich schäme mich als Volksgenosse nur, daß mein Volk sie noch heute, nach zwei weiteren Jahren voll Blut und Tränen nicht erfüllt hat. Meine Hoffnung gründet sich einzig auf unsre heimkehrenden Sieger; von den Andern erwarte ich nichts. Kein einziger bekannter Berufswelscher daheim ist durch den Krieg überzeugt worden von der Würdelosigkeit, andern Völkern, besonders den feindlichen, ihre Sprachen abzuhorchen und nachzuschreiben. › Germania delenda est! ‹, Deutschland, deutsches Volkstum muß vernichtet werden! so brüllen uns noch täglich die Feinde ins Angesicht. Die Antwort unsrer Führer besteht in wohlgesetzten Verteidigungen deutscher Zivilisation , deutscher Organisation , deutscher Intelligenz , deutscher Industrie und deutscher Humanität durch unsre Intellektuellen in einem energischen Protest an die Neutralen und Objektiven . Darin ist das ganze völkischgesinnte Deutschland von jeher einig gewesen: das gefährlichste Gebrechen der deutschen Volksseele heißt Mangel an vaterländischem Stolz. Ist es wirklich so schwer, zu begreifen, welch unlösliches Lebensband Vaterlandsgefühl und Muttersprache , Landesehre und heilig gehaltene Landessprache , Volksbestand und Unantastbarkeit der Volkssprache verknüpft? Fühlt man nicht, daß jede jetzt beklagte Schwäche des Deutschgefühls, jede feige Unterwerfung unter fremde Sitte und Unsitte, jede der zahllosen Würdelosigkeiten unsers einzelnen und öffentlichen Lebens sogleich unmöglich würden, wenn unser Volk mit festem Stolz an seiner unverfälschten, unverwelschten Sprache hinge, jede Besudelung durch romanische oder britische Brocken als sprachlichen Landesverrat brandmarkte und austilgte? Vom Erwachen und Erstarken oder vom Hindämmern und Erlöschen des Sprachehrgefühls unsers Volkes, mit seinen geistigen Führern an der Spitze, hängt noch mehr ab als die Entwicklung unsrer Sprache zu edlem Deutsch oder niedrigem Welsch. Die Zukunft des deutschen Volkstums blüht oder welkt mit der Zukunft deutscher Sprache. Werden wir das Volk bleiben, dem einst Immermann in heiligem Zorne zugerufen, was in diesem Buche gedruckt steht (S. 93)? Oder das Volk, das schon von Schiller angeklagt wurde: Ewige Schmach dem deutschen Sohne, Der die angeborne Krone Seines Menschenadels schmäht, Der sich beugt vor fremden Götzen, Der des Briten toten Schätzen Huldigt und des Franken Glanz –? Oder nicht dennoch das Volk, von dem Vischer verzweifelnd und hoffend gesagt: Modenachtreter, Welschenanbeter, Fremdwortkneter. Doch, wie oft er entgleist, Empor sich ringender Nicht umzubringender Ureigener Geist  –? Also das Volk, an das trotz allem und allem glaubend auch Schiller am Schlusse seines unvollendeten Feiergesangs von ›Deutscher Größe‹ geweissagt: Jedem Volk der Erde glänzt Einst sein Tag in der Geschichte, Wo es strahlt im höchsten Lichte Und mit hohem Ruhm sich kränzt; Doch des Deutschen Tag wird scheinen, Wenn der Zeiten Kreis sich füllt. Endlich das Volk, welchem Schiller – und Dichter sind Seher – auf demselben rührend-ehrwürdigen Blatte verheißen hat: › Die deutsche Sprache wird die Welt beherrschen !‹ Gemeint hat Schiller nicht die welsche der deutschen Welscher, sondern die deutsche Sprache der Deutschen. Und zugerufen hat er uns allen damit: Deutscher, sprich Deutsch!