Karl Emil Franzos Der Bart des Abraham Weinkäfer Erzählungen Der Aufstand von Wolowce Über die sonnige Heide ging ein Summen, leise und unablässig, als schliefe sie und das wäre ihres Atems Ton. Ich lauschte darauf, wie ich so langsam im Sonnenbrande dahinschritt, und lauschte und konnte nicht ergründen, woher das leise Tönen rühre. Ähnlich hört sich's, wenn urplötzlich – wer weiß, wovon? – ein Windhauch wach wird auf der Heide und im Wacholder wühlt. Aber diesmal standen die Lüfte still über der erhitzten Erde, und droben am Himmel waren die weißen Wölkchen wie angenagelt, und dennoch schwamm jenes seltsame Summen in den lauen Wellen des Äthers. Gezirpe von Grillen konnte es auch nicht sein; das klingt schrill und aus nächster Nähe; jenes Tönen aber zitterte sanft, halb verweht in mein Ohr. Einmal erlosch es ganz, und es war unsägliche Einsamkeit um mich; kein Ton und keine Bewegung, so weit die ungeheure Glocke des Himmels auf der Ebene stand. Dann wachte es wieder auf; zuerst von einer Richtung her, bis sich mählich wieder das Netz der Töne über die ganze Heide spann. War das Musik, eine Fiedel oder Flöte, aber fern, sehr fern? War's vielleicht Jacek der Spielmann? Der irre Greis hat sich ein Plätzlein gesucht, wo das Gesträuch dicht zusammensteht, und seine flickige Jacke darüber gebreitet, und nun spielt er im Schatten leise auf seiner Fiedel, wild, süß, wirr, wie der Vogel sein Lied pfeift. Heut wär's ja nicht zum ersten Male; wie oft hab' ich ihn so getroffen, wenn ich aus der Klosterschule fort und in die Heide lief, immer tiefer hinein, den Faltern nach oder den Wolkenschatten. Ja, der Alte wird es sein, vielleicht wieder drüben beim »schwarzen Kreuz«, da hab' ich ihn an jenem Sonntag zuletzt getroffen ... Und rascher begann ich zu gehen, und immer rascher und – blieb jählings stehen. Ein lautes Lachen kam mich an, und dennoch brannten leise meine Lider. Ich Tor, ich träumender Tor! Fünfzehn Jahre waren's seit jenem Sonntag, und der alte Jacek war längst tot und ich kein wilder Knabe mehr, sondern ein Mann, der sich in aller Herren Ländern müde gewandert hatte und wieder einmal gekommen war, die Heimat zu grüßen. Fünfzehn Jahre! Es ist eine lange Frist, und vieles kann da sterben, um uns und im eigenen Herzen. Und vieles wandelt sich, selbst in dem entlegensten Winkel der Erde, selbst in einem podolischen Heidestädtlein. Vielleicht waren auch die Leute von Barnow dieselben geblieben und nur ich ein anderer geworden, ich weiß nicht! Nur eines weiß ich: Während ich so durch die Gäßchen ging, vorüber an den dumpfigen Hütten und den verwahrlosten Menschen, da habe ich alle jene beneidet, die ihrer Heimat als einer lichten, freundlichen Stätte gedenken können, ich habe sie sehr beneidet. Und zu jener Stunde war's mir unfaßbar, warum ich doch so sehr an dieser Heimat hänge. Aber als ich auf die Heide kam, da verstand ich es. Die Zauber der Ebene kamen wieder über mich und machten mein einsames Herz traurig, ergeben und weit. Die alten Träume kamen über mich, und ich ging, ein Lächeln auf den Lippen und doch sonderbar bewegt, auf das »schwarze Kreuz« zu, als müßt' ich dort den greisen Spielmann treffen. Aber er war nicht zu gewahren, obwohl von dorther jenes Summen über die Heide klang. Je näher ich kam, desto deutlicher wurde es, desto schriller. Es waren zwei Hirtenpfeifen gewesen, die in der Ferne so zauberisch getönt hatten. Das Kreuz ist mächtig und plump gefügt aus schwarzbemalten Tannenbalken. Kein Christus hängt daran, nur der Umriß einer Hacke ist am Fuße derb und roh eingeschnitten. An einem großen Tage ward dies Zeichen aufgerichtet: da die Hörigkeit von den Leibern dieser armen Menschen fiel. Darum haben sie die Hacke eingeritzt, das Merkzeichen des freien Mannes. Auch einige Birken sind ringsum gepflanzt, der einzige Schatten, soweit das Auge blickt. Darum rastet unter diesen Bäumen gern das fahrende Volk, das im Sonnenbrand über die Heide zieht: die Zigeunerschar, die rastlos stehlend umherwandert und daneben wahrsagt, fiedelt und die Pferde kuriert; der slowakische Drahtbinder; der ukrainische Tagelöhner; der jüdische »Dorfgeher«, der von Sonntag bis Freitag von Gehöft zu Gehöft zieht und Waren und Schmeichelworte vertauscht gegen Geld und Schläge; der fremde Gaukler; der russische »Sänger«, sehr ehrwürdig und sehr eigentumsgefährlich, der unserem zahmen Bauer von den Großtaten seiner Ahnen und Stammesgenossen, der Kosaken, berichtet und sich dabei demütig durchbettelt und frech durchstiehlt; endlich Bettler ohne poetische Beschönigung, Bettler schlechtweg, jeglicher Nation, jeglichen Glaubens, darunter der »Schnorrer«, der daneben auch Talmudist ist und die lebendige Zeitung für seine Glaubensgenossen. Sie alle rasten hier unter den Birken und trinken aus der Quelle, die hervorsprudelt; der Platz liegt selten verödet, und selbst wenn von dem fahrenden Volk niemand zur Stelle ist, so freuen sich doch einige Hirten der Kühle. Denn der Hügel, auf dem sich das Kreuz erhebt, bildet zugleich die Markung zwischen den Triften des Städtchens Barnow und des Dorfes Wolowce. Auch heute saßen nur zwei Hirten da und bliesen auf ihren Schalmeien wirr durcheinander, daß es schrill und häßlich klang. Aber als ich ganz nahe herankam, da verstummten sie und erhoben sich. Es waren Knaben, dreizehn-, vierzehnjährig, Flachsköpfe mit stumpfen Gesichtern und jenen sonderbar traurigen Augen, die man bei allen Menschen findet, die einsam heranwachsen in der großen Ebene. Sie waren sehr einfach bekleidet, der eine nur mit Hemd und Hose aus gröbstem grauem Linnen, der andere hatte einen braunen Serdak an, aber dafür kein Hemd darunter. Überhaupt war er der Elegantere, denn er trug einen Strohhut, während sich sein Gefährte mit einem verschossenen blauen Soldatenkäppi behalf. Sie entblößten ihr Haupt vor mir, hielten aber die Kopfbedeckung dicht am Ohr, um sich mit derselben Hand hinter dem Ohr krauen zu können. Ich mehrte ihre Verlegenheit nicht, ich nickte den Hirten zu, aber ich sprach sie nicht an; was hatte ich auch von ihnen zu erfragen? Ob der oder jener noch lebe, der mir hier einst eine Pfeife geschnitzt oder eine Geschichte erzählt hatte?! Tot! Wie oft hatte ich diese Antwort drinnen im Städtchen gehört; ich hatte genug daran, übergenug. Ich warf mich unter die letzte Birke hin, weitab von den Hirten, und dachte an die alte Zeit und jenen Sonntag vor fünfzehn Jahren. Das war ein schöner, fast lenzheller Septembertag gewesen, und ich war auf die Heide hinausgegangen, Abschied von ihr zu nehmen; denn morgen sollte ich wieder auf die lateinische Schule. Und wie ich also, recht müde gewandert, hier unter den Birken saß und ringsum war große Stille – nur zuweilen ging ein Windstoß wie ein jäher Seufzer über die Heide –, da wurden mir die Lider schwer, und ich schlief ein. Aber ein schrilles Tönen schnitt meinen Traum entzwei; und als ich jählings emporfuhr, da glaubte ich erst recht fortzuträumen. Vor mir stand der alte Spielmann, noch zerlumpter als sonst, aber einen großen Blumenstrauß an der Brust, und in den sonst so traurigen, glanzlosen Augen glühte es wildfeurig. Bald küßte er seine Fiedel und drückte sie an die Brust, bald strich er wie toll über die Saiten; es klang so ungefähr wie der Radetzkymarsch. »Grüß Gott, Paniczu! Jungherr. Ich habe dich geweckt, ich muß dir etwas erzählen. Aus dem Kreisgericht komme ich, und meine Fiedel habe ich wieder, weil die Muhme Kasia sie mir aufbewahrt hat, und jetzt übe ich mir den Marsch da ein. Den spiele ich, wenn man den Herrn Wincenty doch endlich zum Galgen führt.« Und wieder klangen lustig die Takte. »Aber wo sind die anderen?« fragte ich. – »Noch im Kerker, wegen des Aufstandes. Mich haben die Schreiber freigelassen: ›Du kannst gehen, du bist verrückt.‹ Nun, Paniczu, verrückt bin ich, das ist wahr, der Starost hat mich verrückt gemacht, als ich noch jung war. Aber das weiß ich doch: Noch lebt der Kaiser, und er wird erfahren, was geschehen ist, und was dann?! Hei, dann legt er den Mund an den Draht Der Bauer in Ostgalizien erweist der Telegraphenleitung große Verehrung, denn durch diesen Draht, meint er, spricht der Kaiser mit seinen Beamten ( Pisary , »Schreiber«). Er legt den Mund an das vergoldete Ende des Drahtes, das in Wien in seinem Zimmer hängt, in dem übrigens alles von Gold ist, und spricht den Befehl hinein, und der klingt dann fort von Stange zu Stange. ... Mehr als einmal habe ich auf meinen Wanderungen einen Bauer getroffen, der, das Haupt ehrfurchtsvoll entblößt und das Ohr fest an die Stange gedrückt, dastand und lauschte. »Er spricht, aber so still, man kann es nicht verstehen.« Nur einmal, in einer Schenke bei Tluste, hat mir ein Bauer hoch und heilig geschworen, er habe ganz deutlich die Worte verstanden: »Ihr Lumpe, nächstens komme ich mit dem ›Kantschu‹ (Peitsche) über euch.« Ich war der einzige ungläubige Zuhörer, sonst glaubten es alle Leute in der Stube. Warum? Hatten sie Ursache dazu? ... und sagt den Schreibern beim Kreisgericht: ›Lasset die Leute von Wolowce heim, es sind brave Leute, auch wenn sie in der Verzweiflung Dummheiten gemacht haben, und was den toten Husaren betrifft, so laufen ja noch genug Zigeuner herum, die man einfangen kann und blau anziehen und auf ein Pferd setzen.‹ Und dem kleinen boshaften Schreiber in Barnow sagt er: ›Laß den Herrn Wincenty henken, die Bauern haben recht gehabt, als sie es tun wollten; er hat es redlich um den Fedko verdient und um die anderen auch.‹ Und dann muß der Dicke dran, ob er will, ob nicht, und nimmt sich wieder die Husaren mit, und sie ziehen den Pallasch und blasen und reiten nach Wolowce; aber diesmal gilt's nicht uns, sondern dem Herrn und seinen Knechten! Und der Dicke sagt betrübt zum Wincenty: ›Herr Bruder, es tut mir leid, aber hängen mußt du!‹ Und sie führen ihn zum Galgen. Ich aber gehe neben dem Karren und spiele diesen Marsch, hörst du, Paniczu, diesen Marsch!« Es klang mir noch im Ohr, wie er damals gespielt an jenem schönen Septembernachmittag. Aber auf Erden hat der alte Spielmann nicht mehr lange gefiedelt, im nächsten Frühling war er tot. Und der Kaiser hat es nicht erfahren, die Leute von Wolowce sind noch lange im Kerker gelegen, und der Herr Wincenty ist nicht gehenkt worden, »obwohl er es redlich um den Fedko verdient hat«. Immer tiefer lockte mich die Erinnerung in jene verschollenen Geschichten, und ich dachte an den unseligen Kampf, der hier gestritten worden ist, an den sonderbaren »Aufstand von Wolowce« ... Ich grübelte lange darüber. Es ist nicht gut, mußte ich mir schließlich sagen, daß solche Geschichten geschehen. Es ist nicht gut für die Polen, nicht für die Ruthenen, nicht für die österreichische Regierung. Und in allerallerletzter Linie ist es auch nicht gut für den lieben Gott. Je höher ein Herr steht, desto mehr muß er auf seine Reputation sehen. Und der liebe Gott steht am höchsten. Er ist allgütig, allgerecht, und da läßt er in Podolien eine solche Geschichte zu; weiß Gott, es ist auch für Gott nicht gut, daß sie geschah. Aber – sie geschah. Recht alltäglich begann, recht seltsam endete sie. Und in ihre erschütternde Tragik mischt sich ein grell komischer Zug. ... Das Dorf Wolowce bei Barnow ist ein großes, schönes Gut. Es gestattet seinem Besitzer ein stattliches Leben. Sogar nach Paris kann er von Zeit zu Zeit gehen und dort den Schneidern, Kokotten und Professionsspielern vergnügte Tage machen. Zu vergnügten Jahren freilich reicht das Einkommen nicht hin. Und wenn sich der Mann gar zehn Jahre nicht um seine Wirtschaft kümmert, sondern fortwährend nur die Pariser Menschheit vergnügt macht, dann muß er freilich im elften Jahre notgedrungen heimkehren, und über sein Haupt kommt Trübsal. Und die Juden dazu. Damit ist das Geschick des Herrn Wincenty von Barwulski genügend berichtet. Da saß er nun in dem düstern, verfallenen Edelhofe und kämpfte gegen die Trübsal und kämpfte gegen die Juden. Mit verschiedenem Erfolg. Denn was die Juden betrifft, so warf er sie freilich anfangs kurzweg hinaus, aber schon in den nächsten Jahren mußte er sie zuerst um Erneuerung der Wechsel bitten, ehe sie hinausflogen, und schließlich beschränkte er sich aus guten Gründen gar nur auf das Bitten und gewöhnte sich das Hinauswerfen ganz ab. Die Juden also besiegten den Herrn Wincenty, hingegen besiegte er die Trübsal. »Denn«, sagt Pestalozzi schön und richtig, »ein guter Mensch ist auch glücklich; ihm fließt aus dem reinen Herzen ein unerschöpflicher Quell harmloser Freuden.« Wort für Wort paßt das auf den Besitzer von Wolowce, der ein guter Mensch war, ein Normalmensch, ein Mustermensch. Den Müßiggang haßte er glühend; ein vergähnter Nachmittag, ein verschnarchter Abend dünkte ihm mit Recht etwas Gräßliches. Darum hazardierte er am Nachmittag und am Abend bis in die Nacht hinein. Wer Makao spielt, der geht nicht müßig, er sitzt und tut etwas; er verliert sein Geld. Übrigens gewann auch später der Normalmensch zuweilen, sogar auffällig, und stand daher allmählich im ganzen Kreise im Rufe eines fleißigen, fingerfertigen Menschen. Aber ärger noch als den Müßiggang haßte er alle geistigen Getränke, und sein ceterum censeo war: »Der Schnaps ist des Menschen Fluch!« Darum vertilgte er ihn, wo er ihn traf, in unglaublichen Mengen, nicht minder den Wein oder den Met. Allnächtlich schlug er die Schlacht gegen den Dämon Alkohol, allnächtlich ward er besiegt und sank im Morgengrauen unter den Tisch; aber gegen die Mittagsstunde erhob er sich wieder und begann düster und entschlossen die Schlacht von neuem. Er gab seinem Erbfeind keinen Pardon, er forderte keinen; es lag Größe in diesem guten Menschen, sittliche Größe. Aber diese Heldenseele war auch weich und zartester Empfindung fähig: Herr Wincenty konnte kein Weib weinen sehen, am wenigsten sein eigenes Weib. Denn er hatte bald nach seiner Heimkehr aus Paris geheiratet, teils der Trübsal, teils der Juden wegen. Eine reiche adelige Erbtochter hatte er freilich nicht gefunden, nur eine Schullehrerstochter. Aber keine gewöhnliche. War da nämlich irgendwo in einem podolischen Städtchen ein Schullehrer, der eine schöne Frau hatte, und ein Dominikanerkloster, das einen stattlichen Prior hatte. Die Schullehrerin gebar dem Schullehrer ein Mädchen, und als die kleine Aniela heranblühte, erwies es sich, daß sie dem Prior ähnlich sah; darum liebte sie der Hochwürdige und bestimmte ihr eine große Mitgift. Aber es fand sich kein Freier trotz der Mitgift und trotz der rührenden Schönheit des armen Kindes, das aus seinen braunen Augen so scheu und traurig in die Welt blickte, als müßte es die Menschen um Vergebung bitten für das Schandmal, das ihm unverschuldet auf dem holden Antlitz brannte. Aber ein Mustermensch kehrt sich an keine Vorurteile; Herr Wincenty heiratete die Aniela, und solange die Mitgift vorhielt und der Prior lebte, hatte die Ärmste keine Launen. Aber als der Hochwürdige starb, da kam Frau Aniela auf sonderbare Einfälle: Nur in einem eiskalten Zimmer wollte sie schlafen, nur schimmeliges Brot essen, und dazu geißelte sie sich täglich so heftig, daß der arme junge Leib über und über bedeckt war von blutigen Striemen. Ja, sie tat sich das alles selbst an; so versicherte wenigstens Herr Wincenty seine Spießgesellen, wenn selbst diese rohen Herzen etwas wie Mitleid verspürten und ihm sagten: »Bruder, fürchte dich vor Gott, nimm eine Hacke und mach's auf einmal ab, aber quäle deine Tränenweide nicht so stückweise zu Tode!« Die »Tränenweide«; denn die Frau weinte beständig. Und der gute Wincenty konnte kein Weib weinen sehen; darum jagte er sie einmal in eisiger Winternacht zum Tor hinaus. Am nächsten Morgen fand man sie erfroren auf der Schwelle. Solch ein Mustermensch war Herr Wincenty Barwulski. Weitere Proben wären überflüssig; auch schreibt es sich schlecht, wenn sich die Hand unwillkürlich zur Faust ballt. Aber ein Zug muß noch notwendig hervorgehoben werden, weil sich auf ihm diese Geschichte aufbaut. Herr Wincenty war nicht schön, nein. Auf dem schwammigen Körper, den zitterige Beinchen mühsam vorwärts schleppten, saß ein Kopf, ganz kahl, sogar ohne Brauen, einem runden, gelblichgrünen Kürbis überaus ähnlich. Nur allnächtlich zu später Stunde, wenn sich die Schlacht wieder einmal ihrem Ende und Herr Wincenty der Diele zuneigte, da flammte der Kürbis violett. Schön also war er nicht; aber warm schlug sein Herz für das Schöne. Darum war keine Frau und kein Mädchen in Wolowce vor ihm sicher; folgte sie nicht willig, so brauchte er Gewalt; wozu hat ein Edelmann Knechte und Stricke im Hause?! Anfangs liefen die armen Bauern nach Barnow und klagten dort dem »Schreiber« ihr Leid, dem k. k. Bezirksvorsteher Herrn Teofil von Strus, was zu deutsch »Hausknecht« bedeutet. Manchmal nahm er die Klage zu Protokoll, manchmal auch nicht; der Effekt blieb derselbe. In der Tat war es lächerlich, einem adeligen Polen zuzumuten, daß er eines armseligen ruthenischen Mädchens wegen einen anderen adeligen Polen ins Zuchthaus bringe; es war höchst lächerlich. Das erkannten allmählich selbst die dummen Bauern und sparten sich den Gang in die Stadt. Auch wußten sie, daß Herr Wincenty ihnen schließlich ihre Weiber und Töchter wiedergab, in drei, vier, höchstens acht Tagen; der Gute konnte ja kein Weib weinen sehen! Aber eine furchtbare Erbitterung sammelte sich allmählich in diesen sonst so stumpfen, geduldigen Menschen, ein unsäglicher Haß. Jählings sollte er zum Ausbruch kommen. Es ist eine Art Dorfgeschichte, freilich nicht in dem beliebten und lieblichen Idyllengenre. Da lebte nämlich zu Wolowce ein junger, stattlicher Bauer, Fedko Hawliuk. Ein prächtiger Mensch, dieser Fedko, ein riesenstarker, schöner, ernster Bursche; wer ihn ansah, mußte an die alten Heldenlieder dieses geknechteten Volkes denken; das war noch eines jener »Falkenangesichter«, vor denen einst Polen und Tataren sich zitternd verkrochen. Er hielt auch etwas auf sich und blickte sehr stolz in die Welt, erstens als der Erbsohn des reichsten Bauernguts im Dorfe, das nach dem Tode seiner Mutter an ihn fallen mußte, ferner als verabschiedeter k. k. Korporal von Nassau-Infanterie. Er war Soldat gewesen, hatte das Lesen und Schreiben erlernt und war in den westlichen Provinzen auf die Entdeckung gekommen, daß auch der Bauer ein Mensch ist. So hätte sich dieser Mann auch ohne besondere Ursache als Untertan des Herrn Wincenty nicht glücklich fühlen können. Es war aber auch noch eine besondere Ursache da. Natürlich eine Liebesgeschichte; Xenia hieß das Mädchen und war ein hübsches, blondes Ding, dabei sehr arm. Trotzdem machte sie der Fedko zu seiner Braut und nicht, wie er wohl gekonnt hätte, zu seiner Geliebten. Er hatte sie eben so recht mit dem Herzen lieb; zuweilen kommt das auch bei podolischen Bauern vor. Ja, so sehr liebte er sie, daß er, zum großen Staunen der ganzen Gemeinde, sein wildes Blut im Zaume hielt, wenn er auf Urlaub zu Hause war. »Meine Xenia muß mit dem Kränzlein im Haar vor den Altar treten«, pflegte er stolz zu sagen. Aber als er nun endlich mit dem Abschied heimkam, da war es nichts damit, nichts mit dem Kränzlein, nichts mit der Hochzeit. Das hatte Herr Wincenty verschuldet mit seinen Knechten und Stricken. Als der Fedko das hörte, wurde er totenblaß, doch sagte er nichts. Nur ging er sogleich nach dem Schlosse und suchte den Herrn. Aber Wincenty war damals gerade im Bade Iwonicz. Dann ging der Bauer zu seiner Braut. Sie sah entsetzlich aus, um zwanzig Jahre gealtert, aber sie wurde nicht ohnmächtig, als er kam; sie konnte ihm ruhig ins Auge blicken und erzählte ausführlich, wie die Untat geschehen war. »Du mußt ihn töten!« schloß sie. – »Natürlich muß ich das«, erwiderte der Fedko. »Leider ist er nicht da, wir müssen warten. Wenn er kommt, dann erschieße ich ihn und lasse mich sogleich mit dir trauen. Und dann gehe ich nach Barnow und übergebe mich des Kaisers Schreibern.« Das stand fest in ihm, ganz fest. Aber es kam doch anders. Da war ja außer der Xenia auch noch seine Mutter, die ihn in Todesangst anflehte, sich nicht zugrunde zu richten; da war der Pope, der ihm mit dem ewigen Feuer und den Höllenstrafen kam; da war sein Kamerad, der Exgefreite Hritzko Barila, der ihm sagte: »Herr Korporal, was wird das Regiment sagen, wenn es hört, daß du als Mörder am Galgen gestorben bist?« Das wirkte auf den Fedko, vielleicht das letzte am meisten. Vierzehn Tage ging er einsam umher und grübelte, dann kam er heim: »Ich will's versuchen, zu leben.« Und der Xenia sagte er: »Verachte mich, aber ich kann's nicht tun.« – »Dann kann ich auch nicht dein Weib werden«, erwiderte sie. Und sie ging aus dem Dorfe fort und verschwand spurlos. Sie ist nie wiedergekommen. Es gibt tiefe, stille Weiher auf unseren Heiden. Darauf vergingen drei, vier Jahre. Und während dieser Jahre verging keine Woche, in der nicht der Fedko einem Heiratsvermittler die Tür gewiesen hätte. Denn durch Zwischenhändler schließen alle Leute in Podolien die Ehe: die Juden in den Städten, die Adeligen auf den Höfen, die Bauern in den Dörfern. Man sieht darauf, daß das Geld und die Familien einander ebenbürtig sind; die Herzen haben ja dann nach der Hochzeit Zeit, sich zu finden. Vielleicht wundert das manchen, und er denkt: Im rohen Osten, wo doch elementare Leidenschaft häufiger ist unter den Menschen, sollte auch die Liebe oder mindestens das sinnliche Begehren bei der Eheschließung ein größerer Faktor sein, als dies, scheußlich genug, im Westen der Fall ist. Aber der vergißt, daß auch der Trieb nach Besitz ein elementarer Trieb ist, gerade bei rohen Naturen am stärksten, ein ganz verwünscht elementarer Trieb. Darum ist es ein blühendes Geschäft, dieser Menschenhandel, bei uns und in Podolien. Auch zum Fedko kam endlich einer, der nicht hinausgeworfen wurde. Aus verschiedenen Gründen nicht. Erstens hatte der junge Bauer schon häufig über das Sprüchlein nachdenken müssen, das in allen Zungen des Ostens klingt: »Eine Wirtschaft ohne Frau ist wie eine Schenke ohne Schnaps.« Zweitens handelte es sich da um eine sehr hübsche, sehr brave und sehr reiche Dirne. Und drittens wußte der Fedko, daß diese schwarze Hanusia aus Okulince ganz rasend in ihn verliebt sei. Vielleicht entschied dies. Denn dieser Bauer hatte ein Herz, ein schwärmerisches Herz sogar; er hat es auch später oft bewiesen bis zu jener Stunde, da die Kugel aus dem Rohre des krummen Michalko geflogen kam und das stolze, unglückliche Herz durchbohrte. Also: der glückliche Zwischenhändler kam und ging zwischen Wolowce und Okulince, und bald kam und ging auch der Fedko, und einige Wochen darauf war die Hochzeit. In Wolowce wurde sie gefeiert, an einem Sonntag so um die Pfingstzeit herum, wenn der Frühling in Podolien anhebt. Denn in diesem Lande ist er ein später Gast, aber wenn er gekommen ist, dann ist er hold und wundertätig, wie allüberall. Die öde Heide blühte, der Himmel lachte, und die Lerchen sangen, und auf der Erde lachten und sangen die Menschen, daß der Frühlingstag zitterte. Am Vormittag war die Trauung gewesen, und weil das junge Paar sehr reich war, so hatte der Pope eine ungeheuer lange Predigt gehalten. Und während er bei Minderbemittelten zu schließen pflegte: »So möget ihr denn mit Gottes Hilfe recht glücklich sein!«, schloß er diesmal: »Ich weiß bestimmt, es ist Gottes Wille, daß ihr sehr glücklich werdet.« Das war unvorsichtig von dem Manne, denn entweder wußte er es doch nicht bestimmt oder änderte sich Gottes Wille binnen wenigen Stunden; über beider Haupt ist unsägliches Unglück gekommen. Nach der Trauung zog alles zur Schenke, auch der Pope, und alles trank und tanzte, auch der Pope, und sehr viele betranken sich, auch der Pope. Es war eine Hochzeit, wie sie das Dorf noch nie gesehen hatte; drei Kapellen spielten auf, Juden, Tschechen und Zigeuner, und außerdem noch der alte Jacek. Und als die Dämmerung einbrach, da konnte der kleine Moschko noch dreister betrügen als bisher und den Schnaps zur Hälfte mit Wasser mischen; es merkte doch kaum mehr jemand, was er trank. Zu dieser Stunde also, da bereits draußen dichte Schatten lagen und nicht minder in den Köpfen, kam ein unerwarteter Gast zu dem Feste. Von draußen hörte man, wie die Zigeuner einen Tusch losließen, aber jählings stockten, dann wie die Bauern wirr durcheinanderriefen. Und durch die Reihen, die sich ihm zögernd öffneten, schritt, von den Nüchternen scheu begrüßt, von den Trunkenen grimmig angeglotzt, Herr Wincenty daher und in die Schenkstube, an den Tisch des Brautpaars. Er grinste freundlich, und als er bemerkte, wie alle jählings verstummten und der Fedko sehr bleich wurde, grinste er noch freundlicher. »Guten Abend, ihr Leute! Ich komme, dir meinen Glückwunsch zu bringen, du glücklicher Bräutigam, von Herzen, von ganzem Herzen!« Der Vater der Braut erhob sich verlegen, aber Fedko blieb sitzen und starrte seinen Todfeind finster an. »Also das ist die Braut!« fuhr der Gute herzlich fort und kniff die Hanusia in die Wange. »Wetter! Ist das ein Prachtmädel! Das ist doch ein anderer Bau als bei der Xenia. An der war nicht viel dran, mein lieber Fedko, glaube mir.« Der junge Bauer sprang auf, alles Blut schoß ihm in den Kopf, jählings tastete seine Hand nach der Stelle, wo er sonst den Gürtel trug und das breite Messer drin. Herr Wincenty bemerkte es, und der gelbe Kürbis wurde noch gelber, sofern das überhaupt möglich war. »Also gute Unterhaltung, ihr Leute, gute Nacht.« Und rasch machte er sich aus dem Staube. Es ist ungewiß, was er mit diesem Besuch vorgehabt hat. Vielleicht wollte er sein Opfer noch einmal öffentlich höhnen, ehe er es in der Stille ganz vernichtete. Vielleicht wollte er sich auch vorher die Hanusia ansehen, ob sie des neuen, ungeheuren Frevels wert sei. Tatsache ist, daß dieser Frevel geschah. Das frohe Lärmen war bald wieder losgebrochen, nachdem Barwulski gegangen war. Nur Fedko saß still und finster da, die übrigen tanzten und tranken weiter. Und als die zehnte Stunde schlug, formierte sich alles, was noch die Beine bewegen konnte, zu einem fröhlichen Zuge. Die Musikanten vorauf, mit Fackeln und Laternen geleitete man die Neuvermählten in das Haus des Fedko; dort blieb das Paar allein zurück, alle anderen zogen wieder in die Schenke. Und weiter ging das Tanzen, Trinken und Johlen, aber schwächer und schwächer; immer weniger Füße tanzten, immer mehr Kehlen schnarchten; drinnen im dumpfigen Raum und draußen auf dem Anger lagen die Schläfer dicht umher. Auch die Musikanten waren eingenickt, und der kleine Moschko wankte vor Müdigkeit und vergaß sogar das Mischen. Als der Morgen grau und zögernd herankam, saß nur noch ein Haufe unverwüstlicher Zecher, darunter Hritzko Barila, um den Tisch vor der Schenke, und der alte Jacek spielte ihnen unermüdlich auf, was ihm in die Finger kam. Da brach er schrill ab und starrte auf die Dorfgasse, als sähe er dort ein Gespenst. Im fahlen Scheine der Dämmerung kam da langsam, sehr langsam eine Gestalt herangewankt, auf die Schenke zu. »Jadwiga!« schrie der Greis wild auf; wer weiß, welche Erinnerung dem armen Wahnsinnigen im Herzen erwachte. »Jadwiga! Meines Starosten Tochter!« Aber der Hritzko erkannte es besser. Mit einem Angstschrei führ er empor und auf jenes Weib zu, das sich mühsam heranschleppte. »Hanusia! Was ist geschehen? Wo ist der Fedko?« Sie starrte ihn an, als verstünde sie ihn nicht. Ihre Züge waren gräßlich verzerrt; Grauen und Schmerz lagen ihr auf dem Antlitz wie eingemeißelt. Sie war halb entkleidet; an Nacken und Armen die Spuren von Geißelhieben; die wenigen Kleider hingen ihr zerfetzt, blutgetränkt um den mißhandelten Leib. »Euer Herr!« stöhnte sie. »Der Fedko liegt gebunden ... mich haben sie ins Schloß geschleppt ... und jetzt hinausgestoßen ...« Sie brach ohnmächtig zusammen. »Tragt sie in die Schenke!« befahl der Hritzko und stürzte mit einigen Gefährten ins Haus des Fedko. Schwaches Stöhnen klang ihnen entgegen. In der Kammer lag auf der Diele der unglückliche Mann, einen Knebel im Munde, Hände und Füße mit Ketten und Stricken in einen Knäuel zusammengekoppelt. Sein Gewand war zerrissen, alles Gerät in der Kammer zerschlagen, Blutspuren und Haarbüschel ringsumher; der Mann mußte sich furchtbar gewehrt haben. Die Leute banden ihn los. Als sie ihm ins Gesicht blickten, erschraken sie sehr; sie glaubten, er sei wahnsinnig geworden. Er aber fragte vor allem: »Sind die Leute noch alle in der Schenke?« – »Ja, auch die Hanusia.« – »Dann kommt!« Aber sie mußten ihn im Gehen stützen. Sie vermieden es, ihm dabei ins Antlitz zu schauen; es ward ihnen zu unheimlich dabei. Denn dies Antlitz war aschgrau und ganz starr, nur die Augen zeigten einen seltsam wechselnden Ausdruck: Bald lohte es wild in ihnen auf, bald wurden sie starr, fast glasig, wie die eines Toten. Um die Schenke war alles wach. Drinnen mühten sich die Weiber wehklagend um die Hanusia. Vor der Schenke standen die Männer, keiner sprach laut, nur zuweilen ging ein dumpfes Flüstern durch die Reihen. Der Rausch war ihnen verflogen; es gibt Dinge, so furchtbar grell, daß sie selbst in das umnebeltste Hirn dringen und die Dünste daraus vertreiben. Als der Fedko herankam, wurden nur wenige Zurufe laut; derlei liegt nicht in der Natur dieses Volkes, das langsam und bedächtig ist und unsäglich zäh. Schweigsam gaben sie ihm Raum, der Hritzko führte ihn zu einer Bank, darauf ließ er sich nieder. Dicht drängten die Bauern heran, es war eine dumpfe Stille unter den zweihundert Menschen. Nur ein Greis rief schluchzend: »Du armer, guter Mensch!« Aber die anderen wiesen ihn zur Ruhe: »Jetzt hat nur der Fedko zu befehlen, wie es zu geschehen hat!« Was geschehen mußte, war ihnen allen klar. Der Fedko erhob sich. »Ihr Leute«, begann er. Aber noch konnte er nicht sprechen. Wie er so die geschmückten Leute ansah, geschmückt zu seinem Hochzeitsfest, und bedachte, was nun gekommen und was er ihnen nun sagen müsse, da war's ihm, als presse eine eiserne Faust seine Kehle zusammen. Eine jähe, schwere Träne brach ihm aus den Augen und rollte die Wange herab. Dann begann er wieder: »Ihr wißt alles, jenes von der Xenia und das Jetzige. Dieser Mensch ist ein wildes Tier, und wir sind ohne Schutz in seine Hand gegeben und ohne Recht; des Kaisers Schreiber ist ein Pole und sein Freund. Da müssen wir selbst uns rächen und verteidigen; es ist nicht unsere Wahl, wir müssen . Wie wir uns zusammentun, den Wolf totzuschießen, so wollen wir jetzt alle hingehen und diesen Menschen henken, es ist derselbe Fall. Wer tut mit?« – »Wir alle!« scholl es ihm stürmisch entgegen. – »Dann kommt!« Fast lautlos setzte sich der Zug in Bewegung und wälzte sich langsam durch die Dorfgasse. Hie und da blieb ein Häuflein stehen; Hacken, Sensen, alte Gewehre wurden herbeigebracht. Die Männer bewaffneten sich. Sie blickten ernst drein; ihnen war wirklich zumute, als zögen sie zur Wolfsjagd aus. Jeder weiß: ›Es kann mein Tod sein.‹ Aber jeder weiß auch: ›Es ist meine Pflicht.‹ Stumm zogen sie in der roten Morgenfrühe auf das Schloß zu. So begann der Aufstand von Wolowce. ...Der Edelhof von Wolowce ist anders gebaut als die meisten Herrensitze in Podolien. Das sind in der Regel große, stattliche Steinhäuser aus dem achtzehnten Jahrhundert, als dieser Adel noch viel Geld hatte, oder kleine ärmliche Steinhäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, wo er wenig Geld mehr hat. Stilvolle Prachtbauten finden sich überaus selten, fast noch seltener altertümliche Burgen. Es ist eben in alten Zeiten gar zu viel Sturm, Krieg und Not über das arme Land dahingebraust. Da kamen Mongolen und Kumanen, Türken und Rumänen, Schweden, Tataren und Moskowiter, und was der sauberen Gäste mehr waren. Was nicht niet- und nagelfest war, das stahlen sie, und was sich nicht in den Schnappsack stecken ließ, so Burgen und Stammwarten, das zündeten sie an. So steht in dieser Landschaft nur weniges aufrecht aus vergangenen Tagen. Und das wenige läßt man, rascher als nötig, verkommen. Es ist unter den Polen, wie in jeder sinkenden Nation, wenig Pietät für die eigene begrabene Größe, wenig echte, werktätige Pietät; an Phrasen freilich, die nur ein bißchen Atem oder Tinte kosten, herrscht gesegneter Überfluß, wie sonst vielleicht nur noch in Spanien. Und so hat mancher stolze Edelmann die Burg seiner Ahnen auf Abbruch verkauft, an den Juden. Darum ist die alte, düstere Feste von Wolowce mit den geschwärzten Riesenmauern, den engen Fensterlein und Schießscharten, den drohenden Ecktürmen eine große Rarität im Lande. Es stecken in dem Bau viele gute, große Quadersteine, eine seltene Ware in der Ebene, und Herr Wincenty hätte sie auch gerne versilbert. Aber noch stehen die Steine zu fest gefügt. Diesen soliden Kitt der Altvordern hat der Mann oft verwünscht, nur in jenen blutigen Tagen nicht, die der Hochzeit des armen Fedko folgten; da ward ihm dadurch das armselige Leben gerettet. Freilich half dazu auch die eigentümliche Lage der Feste. Hart, ganz hart an den Fluß hin ist sie gestellt, an den Sered. Das ist ein trüber, langsamer Geselle: Aus stillen Teichen windet er sich zögernd hervor und schleicht langsam seine freudelosen Wege durch die öde Heide und bleibt zuweilen ganz stehen und bildet große Sümpfe, bis sich seine gelben Wasser mit dem Blau der Dniesterwoge mischen und rasch fortgerissen werden gegen den Pontus zu. An einer der Stellen, wo der Träge stehenbleibt, ist die Feste aufgerichtet, und so ist sie von der Flußseite her durch den Sumpf hinlänglich gedeckt. Auf der Landseite aber ist ein breiter und tiefer Graben gezogen, über den nur eine schmale Holzbrücke zum Tore führt, und im Graben stehen dunkle, ewig stille Wasser, die im Sommer bedenklich zum Himmel emporduften. Aber in jenen Frühlingstagen haben sich dieser Sumpf und dieser Graben um den Hals des Herrn Wincenty gleichfalls sehr verdient gemacht. Das Hauptverdienst freilich gebührt dem katholischen Pfarrer von Okulince oder vielmehr nur zwei seiner Eigenschaften, erstens, daß er eine Nichte hatte, zweitens, daß er ein dicker Mann war, der unmöglich rasch gehen konnte. Darum ist Wincenty Barwulski schließlich doch am Leben geblieben. Des Menschen Herz wird häufig von Ahnungen beschlichen, besonders des reinen, feinfühligen Menschen Herz. Darum befahl Herr Barwulski in jener Nacht seinen Knechten, als es schon gegen Morgen ging: »Nun geißelt mir das Weib noch ganz gehörig im Hof unten, dann aber rasch hinaus mit ihr, sonst kommen am Ende diese dummen Bauern und holen sie ab.« Darum beruhigte sich sein Herz nicht, auch nachdem dies geschehen war, und er rief wieder seinem getreuen Leibdiener, dem krummen Michalko: »Der Mikita soll die Braunen vor die Britschka spannen, wir fahren nach Barnow.« Und in Gedanken fügte er hinzu: ›Ich weiß nicht, aber mir schwant, daß mir dieser Fedko am Ende sonst noch heute hier Unannehmlichkeiten macht; hat schon gestern so seltsam dreingesehen, das Hundsblut.‹ Aber ehe der Mikita wach und das Gefährte gerüstet war, wurde es heller Tag. Und als der Michalko mit zwei anderen Knechten die Riesenflügel des schweren, uralten, eisenbedeckten Tores öffnete, damit die Britschka hinausfahren könne, da blieben sie entsetzt stehen und schlugen dann eiligst die Flügel zu. In demselben Augenblick ward auch droben im Fenster des ersten Stockwerkes der gelbgrüne Kürbiskopf des Herrn Wincenty einen Moment lang violett und dann entsetzlich gelb. Denn da wand sich schon der Zug der Bauern zwischen den Obstgärten des Dorfes hervor, auf die Heide hinaus, der Feste zu. Langsam und lautlos schritten sie, wie das Verhängnis schreitet, und das junge rote Sonnengold umglitzerte ihre Sensen. »Da kommt der Tod!« So durchzuckte es droben den Wincenty, so dachte unten in der Einfahrt der krumme Michalko. Aber während darauf der adelige Wicht nur die Hände zitternd vors Gesicht schlug und ein halbvergessenes Gebet zu lallen begann, handelte der Knecht kaltblütig und klug für sich und ihn. Denn ein Schuft war dieser verkrüppelte Diener, ein Halunke, der jedem Galgen zur Ehre gereicht hätte; aber ein Mann war er dabei, das bewies er in jener Stunde. Er befahl, die anderen Knechte gehorchten. Binnen wenigen Minuten war das Tor verrammelt, die Dienerschaft bewaffnet und an die Schießscharten verteilt. Es waren mit dem Michalko vierzehn Mann im Schloß; ferner einige Weiber, darunter Herr Wincenty, die bargen sich heulend im Erdgeschoß. »Pfeife ich einmal, so schießt jeder zweite Mann in die Luft; pfeife ich zweimal, so schießt ihr alle und in die Menge!« So befahl der Krumme, öffnete die Mitteltür des Stockwerks und trat auf den kleinen Balkon ob der Einfahrt. Auf etwa fünfzig Schritte von dem Brücklein waren die ersten des Haufens bereits herangekommen. »Halt!« rief Michalko. »Was wollt ihr?« Stumm drängten sie vorwärts. »Halt, oder es ist euer Tod!« wiederholte er und pfiff; ein Knall aus sieben Büchsen, die Kugeln zischten über die Köpfe der Bauern. Sie stutzten und wichen einige Schritte zurück. Der Michalko nützte den Moment. »Brüder! Was wollt ihr denn eigentlich?! Lebend betritt niemand die Brücke, das sage ich euch! Aber vielleicht vertragen wir uns im Frieden! Redet, was sucht ihr im Schloß?« Darauf erwiderte zuerst nur ein lustiges Gefiedel, der tolle Jacek. Dann erhob ein Urlauber in den letzten Reihen das Gewehr, zielte und schoß auf den Knecht. Die Kugel bohrte sich ob dessen Haupte ins Mauerwerk. Aber der tapfere Halunke lachte: »Also um meinetwillen gebt ihr dem Schloß die Ehre? Oder war es ein Irrtum? Haltet ihr mich für einen anderen oder gar für einen Rehbock? So sprecht doch!« Derlei wirkt immer; es fand sich kein zweiter Schütze, der auf den kleinen Menschen anlegte, der sich da oben auf den Balkon als Zielscheibe hingestellt hatte. Der Fedko beriet flüsternd mit seinem Adjutanten, dem Hritzko. Sie hatten nicht daran gedacht, ob sie Widerstand finden würden oder nicht; es war ihnen auch gleichgültig; den Wincenty mußten sie fangen und henken, das stand ihnen fest. Und einige seiner Knechte dazu, daran dachten sie so nebenbei. Nun sahen sie, daß die Sache etwas schwierig sei. Das Tor war verrammelt, die Schießscharten waren besetzt. Wohl hatten auch sie einige Gewehre, aber was nützte das gegen die Mauern! Das Eisentor mußte eingerannt werden, das war klar. Aber die Büchsen der Belagerten bestrichen den Zugang, das hölzerne Brücklein. »Es muß sein!« sagte der Fedko seinen Leuten. »Aber einige von uns müssen sterben.« – »Was liegt daran«, antworteten sie ihm, »wenn es eben sein muß.« Es ist ein Zug des Fatalismus unter allen Slawen: Bei diesem Stamm ist er ins Ungeheure gesteigert. ›Ich falle ja doch nur, wenn es mir bestimmt ist‹, dachte jeder, ›der Mensch muß eben seine Pflicht tun.‹ Aber der Fedko hatte Mitleid mit ihnen. Er selbst war vernichtet und zerschmettert, wie vom Blitz der Baum, aber die anderen sollten es nicht um seinetwillen werden. Der Wolf mußte freilich getötet werden, aber vielleicht ging das, ohne daß Menschen ihr Blut vergossen. Es mußte versucht werden. Eine unheimliche eisige Ruhe war über den Mann gekommen, nur in einem Winkel seines Bewußtseins fühlte er sein wahnsinniges Weh lauern, wie eine Wolke. Er ließ die anderen zurücktreten, er allein trat vor, bis auf das Brücklein. »Höre, Michalko!« begann er. »Wir suchen den Herrn.« – »Was wollt ihr von ihm?« – »Das ist unsere Sache.« – »Aber meine auch; ich hüte ihm das Haus.« – »Wenn du es wissen willst, wir bergen es nicht: Wir wollen ihn henken!« – »Gut, aber da müßt ihr ihn in Barnow suchen, er ist in die Stadt gefahren.« – »Kannst du es beschwören?« – »Ja!« – »So wahr deine Seele dem Herrn Christus zugehören möge und nicht dem Teufel?« Der Michalko zauderte einen Augenblick; es ist ein furchtbarer Schwur. ›Aber meine Seele gehört auch ohnehin unter jeder Bedingung dem Teufel‹, dachte er. »Ja!« erwiderte er laut. – »Du lügst!« sagte der Fedko kalt. »Du bist ein meineidiger Hund, ärger als ein Jude, ja sogar ärger als ein Pole. Aber ich spreche weiter mit dir, weil ich Menschenleben schonen will. Du bist ein Galgenstrick, aber ein Ruthene bist du doch! Michalko, ich frage zum letztenmal: Ist der Herr da drin? Schwöre es mir, so wahr deine tote Mutter Ruhe habe im Grabe! Wenn du auch nun ›Ja!‹ sagst, so ziehe ich mit meinen Leuten ab und schlage den Wolf in der Stadt tot!« Der kleine Mensch erblaßte; zu allem auf Erden war er fähig, aber seiner toten Mutter im Grabe die Ruhe zu rauben, das bringt kein Sohn dieses Volkes übers Herz. Zweierlei trägt dazu bei: ein düsterer und ein lichter Zug dieses seltsam gearteten Volksgemüts; der Aberglaube, der sich sehr viel mit den »Ruhelosen« beschäftigt, so daß gerade in diesem Stamme die Sage von den Vampiren geboren ward und von da zu den Polen, Moskowitern und Rumänen überging, und anderseits eine rührende Kindesliebe. Der kleine Schurke stritt einen schweren Kampf, aschgrau, wie die Steinwand, wurde sein Gesicht. »Das kostet mir den Hals«, flüsterte er dumpf; dann aber rief er gellend: »Du Narr, du Hahnrei, du glücklicher Bräutigam der Xenia, du glücklicher Gatte der Hanusia, höre! Der Herr ist im Schloß! Hole ihn, wenn du Mut hast!« Wild heulten die Bauern in Wut auf, aber der Fedko stand unbeweglich und winkte sie zur Ruhe. Neben den Michalko war Mikita, der Kutscher, auf den Balkon getreten, ein junger, schlanker Bursche. Er war sehr blaß, aus den weit aufgerissenen Augen starrte die Todesangst, und mit bebender, durchdringender Stimme schrie er: »Hört an, ihr Leute, hört an mit Barmherzigkeit, was euch alle Knechte sagen lassen. Wenn sich eure Rache mit dem Herrn allein begnügt, wollen wir sogleich das Tor öffnen und keinen Schuß tun. Aber schwöre uns, Fedko, daß wir bei Leib und Leben bleiben. Wenn ihr uns durchprügeln wollt, in Gottes Namen.« – »Du Hund!« schrie Michalko wütend. »Du verräterische Milchfratze!« Er sprang an dem schlanken Jungen empor und rang ihn blitzschnell an der Gurgel nieder und spie ihm ins Gesicht. »Der Abhub von des Herrn Tische hat dir geschmeckt, und der Abhub von des Herrn Bette hat dir geschmeckt, und in der großen Not willst du ihn verraten? Geh zu den Bauern, geh!« Und mit übermenschlicher Kraft schwang er den Körper des Röchelnden empor und stürzte ihn über die Brüstung des Balkons hinab in die Tiefe. Auf dem Steinrand des Schloßgrabens schlug der Kopf des Mikita auf und zerschellte, jäh stürzte der Körper in die Flut, daß sie hoch emporsprang; dann schlossen sich die dunklen Wasser, und nur ein leichtes Kräuseln war noch auf ihrem Spiegel. Das war der erste Mensch, der im Aufstand von Wolowce sein Leben lassen mußte. Einen Augenblick stand alles still und atemlos. Dann sprang der Krumme vom Balkon ins Gemach zurück, und im gleichen Moment kam aus einer der Schießscharten ein Blitz, ein Knall, ein leichtes blaues Wölkchen, und Fedko wankte. Die Flinte entsank seiner Hand, der braune Serdak färbte sich dunkel. Das war der erste und letzte Schuß, den Herr Wincenty selbst tat. Er hatte sich, als alles still geblieben war, aus seinem Versteck hervor und an die Schießscharte gewagt. Da sah er den Todfeind ganz allein und nahe vor dem Schloß stehen, so recht zum Schuß bequem, und wagte daher, loszubrennen, weil es niemand merkte. Des Führers Wunde entflammte die Bauern. »Urraha!« erhoben sie betäubend den uralten Schlachtruf der Kosaken, und vorwärts stürmten sie über das Brücklein auf das Tor. Fürchterlich hallte der Schlag der Äxte auf das Eisen, fürchterlich das Rufen, dazwischen knatterte das Gewehrfeuer der Belagerten, der schrille Notruf der Verwundeten, das Wehegeschrei der Weiber und Kinder im Hintergrund. Und dazwischen immer und immer das Gefiedel des Wahnsinnigen. Aber über all dem Schlachten, Schreien und Streiten, über all den unsäglichen Nöten spannte sich tief und milde leuchtend, wie ein ruhig sinnendes Auge, der lichte Frühlingshimmel. »Urraha!« scholl der Schlachtruf der Männer. »Heilige Jungfrau, dich rufen wir!« klang in ihrem Rücken der schluchzende, durchdringende Ruf aus hundert Frauenkehlen. Aber nichts nützte das Kampfgeschrei, nichts die Tapferkeit, nichts das Beten. Der Kampf war zu ungleich. Auf Erden siegt, nicht wer das bessere Recht, sondern wer die bessere Waffe hat. So hat es sich allorts und allimmer begeben, und so begab es sich auch an jenem Frühlingstag in diesem abgelegenen Winkel der Erde, da sich ein Häuflein Gemarterter gegen ihren Zwingherrn erhob. Der Kampf war zu ungleich. Eisen vermag nichts gegen Eisen, und so widerstand das Tor den Äxten. Die Bauern aber wurden reihenweise durch die Salven niedergemäht. Auch die vorderste Reihe, die dicht am Tor stürmte, stand nicht ganz gedeckt, denn sie konnte aus den Schießscharten der vorspringenden Ecktürme beschossen werden. Und so mußten die Bauern endlich die toten und verwundeten Körper der Ihrigen aufladen und sich aus der Schußweite zurückziehen. Kaum eine halbe Stunde hatte das Schlachten gewährt, die sechste Morgenstunde war knapp vorbei; der Tau blitzte auf den Gräsern mit den Blutstropfen um die Wette, die Lüfte wehten kühl und duftig; ein wonniger Lenzmorgen, und so viel Jammer auf der Erde! Kaum eine halbe Stunde hatte das Schlachten gewährt, und acht Menschen lagen erschossen und wohl fünfmal so viele verwundet. Von den Knechten im Schloß war einer tot, einer verwundet. Beide hatte der Hritzko Barila gefällt; er war der einzige gute Schütze unter den Bauern, der zugleich ein gutes Gewehr hatte. Da hatte er sich nun vor das Brücklein hingekniet, das Gewehr im Anschlag, und hatte scharf gelugt, aus welcher Scharte der Blitz hervorkam und das blaue Wölkchen. Und wie sie hervorkamen, fuhr auch seine Kugel in die Scharte. So hatte er einen Knecht ins Auge, den krummen Michalko ins Schulterblatt getroffen. Die übrigen Toten und Verwundeten waren Bauern. Herzzerreißend scholl das Jammern ihrer Schwestern, Weiber und Mütter ... Herr Wincenty war ein schlechter Schütze gewesen; Fedko hatte nur eine stark blutende, aber leichte Wunde am Oberarm erhalten. Kaum litt er, daß man sie verbinde, dann war er wieder ganz Tat. »Beleuchtet die Kirche, wie am höchsten Festtag, bahrt dort die Toten auf, alle in einer Reihe; für eine heilige Sache sind sie gestorben. Die Verwundeten schafft in ihre Häuser. Gregori Barila, des Hritzko Bruder, fährt nach Okulince um den Feldscher.« Dann berief er die Ältesten zum Kriegsrat. »Tagsüber können wir nichts ausrichten. Wir müssen die Nacht abwarten, wo die Hunde auf die Stürmenden nicht zielen können. Dann drauf und dran auf das Tor und zugleich brennende Pechkränze in alle Fenster! Man ergibt sich doch lieber, ehe man verbrennt.« Alle stimmten zu. Dann schlug er vor, wie man die Zeit bis zur Dämmerung nütze. »Einige winden mit den Weibern die Pechkränze, andere halten das Schloß in großem Halbkreis umschlossen, daß sich die drinnen nicht mit den Barnowern in Verbindung setzen. Der Rest reitet in die nächsten Dorfschaften, sagt den Leuten, was hier geschehen ist, bittet sie, uns zu helfen. Auch bei der Wolfsjagd im Winter helfen sie uns, heute halten wir Wolfsjagd im Frühling. Wir bedürfen Verstärkung; mir schwant, daß es des Kaisers Schreiber in Barnow erfährt und mit den ›Spitzhauben‹ Gendarmen kommt. Zwei Burschen auf den Glockenturm, sie sollen die Notglocke läuten, daß es die Leute in den Einschichten hören.« So geschah's. Drinnen im Dorfe wurde das Brandgeräte gefertigt, und zugleich hallte jedes Haus von Jammer über die Toten, die Sterbenden, die Verwundeten. Aber draußen auf der Heide, die in der ersten Morgenfrühe von so gräßlichem Lärmen erfüllt gewesen, war es jetzt totenstill. Im weiten Halbkreis um die Feste glitzerten die Sensen der Bauernwache; auf der Flußseite wachte für sie der Sumpf. Nur zuweilen kam neuer Zuzug singend gezogen. Oder der Jacek fiedelte urplötzlich einen Tanz. Oder die Notglocke erhob wieder ihre Stimme, und die kurzen Schläge schrillten unheimlich durch die laue Luft. Gegen Mittag kam das Wort Gottes von Wolowce keuchend auf die Heide gelaufen. Vergebens hatte sich die Pfarrerin bemüht, es früher aus dem Bett zu bringen; das Wort Gottes hatte sich gestern bei der Hochzeit gar zu schwer betrunken. Jetzt freilich kam es so rasch als möglich und schlug schon von weitem die Hände über dem Kopf zusammen. »Fedko«, rief es von weitem, »das ist ja Empörung!« – »Notwehr!« erwiderte dieser kalt. – »Aber Gottes Wille ist, daß man sich bei der Obrigkeit das Recht sucht!« – »Wenn man es dort kriegen kann! Im übrigen scheint es mir, Hochwürdiger, als wüßtest du Gottes Willen nicht immer ganz genau. Erinnere dich an die Schlußrede deiner gestrigen Traurede!« – »Aber du kannst ja noch glücklich werden!« – »Glücklich!« lachte der arme Mann bitter auf. Dann fügte er leise und dumpf hinzu, daß es wie ein unterdrückter Weheschrei klang: »O wär' ich tot! – Geh heim, Hochwürdiger!« befahl er dann. »Oder hilf die Kranken pflegen. Jedenfalls aber fahr heute nicht nach Barnow, es könnte dir unangenehm werden!« Verdutzt, sehr verdutzt ging das Wort Gottes von dannen. Gleichwohl erfuhr man in Barnow bereits um die Mittagsstunde von dem Aufstand. Die erste unbestimmte Kunde hatte ein Bettler gebracht; dann kam ein Bote der Belagerten, ein zehnjähriger Knabe. Er sah scheußlich aus, ganz so, wie in der ruthenischen Sage der Moorteufel, über und über mit einer schwarzen Schlammkruste bedeckt. Er hatte sich aus einen Fenster des Schlosses in den Fluß gestürzt und war hindurchgeschwommen und hindurchgewatet; es war ein Wunder, daß er nicht erstickte. Er brachte im Gürtel ein Schreiben des Wincenty an Teofil von Strus, den kaiserlich-königlichen Herrn Bezirksvorsteher und Duodeztyrannen von Barnow. Fast unleserlich waren die Schriftzüge, so sehr hatte dem Wicht die Hand dabei gezittert. »Die Munition gänzlich verschossen ... das Tor aus den Fugen ... dreitausend wütende Bauern ... wenn nicht augenblicklich Hilfe kommt, sind wir verloren.« – »Verloren!« wiederholte Herr Strus und rannte in seinem Bureau umher, »verloren!« und verlor den Kopf. Dann raffte er endlich sich und seine bewaffnete Macht auf. Es waren ganze vier Gendarmen. Aber der Bezirksvorsteher Strus liebte und achtete den Menschen Strus viel zu sehr, um ihn in eine Gefahr zu stürzen. Er beorderte seinen Untergebenen, den k. k. Bezirkskommissär Ladislaus Kaplonski. »Schaffen Sie Ordnung im Dorfe!« befahl er kurz und bündig. Und so stieg die Staatsgewalt, fünf Mann hoch, auf einen Leiterwagen und rollte den »dreitausend« Bauern entgegen. Es klapperten aber einem Fünftel der Staatsgewalt auf dem Wege die Zähne sehr bedeutend. War eben kein Held, dieser Ladislaus Kaplonski; war überhaupt ein sonderbar Stück Menschheit, dieser k. k. Bezirkskommissär, wert, daß man es hier so im Vorbeigehen betrachte. Ein Mann um die Vierzig, eine langgestreckte plumpe Gestalt mit ungeheuren Händen und Füßen, die er komisch nach auswärts streckte, der Rücken gekrümmt von Milliarden und aber Milliarden Verbeugungen, die er im Leben gemacht hatte, das Gesicht, in dem eine rötliche Nase funkelte, überaus süßlich. Der Mann hatte nie studiert, war in seiner Jünglingszeit Laborant in einer Apotheke gewesen; wodurch war er k. k. Kommissär geworden? Durch Verbeugungen! So war er Schreiber, so Kanzlist, so Bräutigam der ältlichen Schwester seines Chefs und Konzeptsbeamter, durch weitere Verbeugungen (die lästige Brautschaft hatte er, nachdem der Zweck erfüllt war, natürlich als Ehrenmann abzuschütteln gewußt) endlich k. k. Bezirkskommissär geworden. An wen er sich sacht heranwand, den Rücken gebeugt, das Antlitz sanft und süß schmunzelnd, der hatte das unheimliche Gefühl, als krieche da ein giftiges Reptil an ihn heran. Freilich hatte leider nicht jeder sogleich dies richtige Gefühl. Aber der Fedko hatte es. Kurz und drastisch war die Szene. Als dem Fedko das Nahen der fünf berichtet wurde, versammelte er einen Haufen seiner Leute um sich und ließ die Staatsgewalt herankommen. Es war ergötzlich, wie sie herankam. Die vier Gendarmen schritten, je zwei und zwei, langsam und ruhig vor. Aber vor ihnen, dann neben ihnen und schließlich hinter ihnen trippelte mit knickenden Beinen, das totenblasse Antlitz ins Süßliche verzerrt, der k. k. Ladislaus. Als sie dicht vor dem Bauernführer standen, mußte er freilich vorschleichen. Demütig zog er den Hut und grüßte ergebenst. Dann begann er zitternd: »Mein lieber Herr Fedko ...« Aber haarscharf schnitt ihm der Bauer das Wort ab: »Kommissär, du weißt, daß ich kein Herr bin, und ich weiß, daß ich dir nicht lieb bin. Spare deine guten Worte, sie nützen nichts. Der Wolf muß erschlagen werden. Zu bösen Worten wirst du es nicht bringen, denn du scheinst mir Furcht zu haben, aber auch das würde nichts nützen. Geh heim, ich rate dir gut, geh schnell heim!« Kaplonski gehorchte, er drückte sich vorläufig gehorsam hinter die Gendarmen. Dem Postenführer, einem alten Soldaten, stieg die Schamröte ins Gesicht. »Im Namen des Kaisers –«, begann er. Aber auch ihn ließ Fedko nicht weitersprechen. »Kamerad, du bist ein braver Kerl, aber sieh doch ein, daß du hier unnütz bist. Reden nützt nichts, und was das Handeln betrifft, so seid ihr vier gegen dreihundert. Was aber das Wort betrifft, das du da gesprochen hast, das Wort, daß ihr in des Kaisers Namen hier seid, so möchte ich noch mit dem Furchtsamen darüber reden. Komm nur heran, Pole, zittre nicht, ich beiße dich nicht. Höre an, was ich dir sage, und erzähle es dem Hauptschreiber in der Stadt. Das Blut, das hier geflossen ist und fließen wird, ihr habt es auf dem Gewissen, und gegen euch zeugt es vor Gott. Wenn ihr gewaltet hättet, wie es der Kaiser will, gerecht und gut, wenn ihr uns geschützt hättet gegen die Bestie, dann hätten wir uns nicht selbst schützen müssen. Pole! Du kommst an unserer Kirche vorüber, steig ab und sieh dir die stillen Männer an, die dort liegen, sie sind heute früh noch laut gewesen. Und denk dann auf dem Wege darüber nach, Pole, warum sie jetzt still sind, denk gründlich darüber nach. Und nun geh!« Sie gingen und kamen in Barnow bei sinkender Sonne an. Auf der Treppe des Amtes erwartete sie Herr Strus. »Es hat nichts genützt!« berichtete Ladislaus. »Sie haben mir den Saum meines Rockes geküßt, aber auseinandergehen wollen sie nicht, ehe sie Herrn von Barwulski erschlagen haben. Fünftausend Mann sind's ungefähr. Gegen mich, wie gesagt, waren sie sehr devot, aber sonst sind sie wütend. Da kann nur Militär helfen.« Aber woher Militär nehmen? In Barnow stand keines; in der Kreisstadt, die sechs Meilen fern war, eine Eskadron Husaren. So telegraphierte denn Herr Strus an den Kreishauptmann: »In Wolowce und Umgegend ungeheurer Bauernaufstand losgebrochen. Achttausend Bauern zusammengerottet, plündern und morden in allen Edelhöfen. Größte Gefahr für Stadt. Augenblicklich Regiment schicken.« ... Wie ein blutroter Ball klebte die Sonne am westlichen Rande der Heide, und stumm blickten ihr die Aufrührer nach. Vielleicht zuckte es durch jedes Herz und Hirn: »Wer weiß, ob ich sie morgen aufgehen sehe?« Die Nacht brach ein, und es war eine furchtbare Nacht, eine Nacht der Greuel und der Schrecken, und mancher Mutter Sohn hatte an jenem Abend die Sonne wirklich zum letzten Male gegrüßt; als sie wieder aufging, da lag er tot, erschossen oder erschlagen, gehenkt oder verbrannt. Es ist Unmenschliches geschehen in jener Nacht, und schließlich würgte die Bestie die Bestie ab; es ist Unsägliches geschehen, soll es hier dennoch breit und behaglich gesagt werden? Nur kurz, was nötig. Unter dem Schutze der Nacht stürmten die Bauern noch einmal gegen das Tor an. Wieder fruchtlos, wieder wurden ganze Reihen durch die Büchsen der Knechte niedergestreckt. Sie schossen eben in die dunkle, festgeballte Masse und trafen auch so sicher, ohne zu zielen. Wieder wichen die Bauern zurück. Aber bald nahten sie wieder, mit Pechkränzen, Fackeln und anderem Brandgerät. Das Dunkel wich grellem, rotem Licht. Nun hätten die Knechte ihren Feind noch sicherer niederschießen können. Aber ihr Feuer schwieg, sie hatten sich verschossen. Das merkten die Bauern und kamen dichter heran, und auf ein Signal flogen die Feuerbrände an hundert Stellen zugleich, mit Steinen beschwert, ins Schloß. Manche Fackel erlosch, in manchem Zimmer löschten die Knechte, aber es war vergebliche Arbeit. Eine halbe Stunde später schlug die helle Lohe zu jedem Fenster heraus, zum Dache empor und in den dunklen Nachthimmel hinein. Das Schloß und seine Bewohner waren verloren, und schauerlich scholl das jubelnde »Urraha!« der Sieger durch die Nacht. Nur die beiden Ecktürme und das massive Geschoß unmittelbar über der Einfahrt blieben vom Feuer verschont. Auch das war günstig für die Bauern; das Eisentor geriet nur in mäßige Glut, und das Holzbrücklein blieb erhalten. So konnten sie noch einmal gegen das Tor heran, und diesmal ging es aus den Fugen. So stürzten sie durch Rauch und Flammen in die Feste. Auf manchen Leichnam stießen sie, aber auf keine lebendige Seele. »Sucht nur in den Ecktürmen!« befahl Fedko. Er hatte richtig vermutet. Aber auch in einem der Türme waren die Geflüchteten bereits im Rauch erstickt. Es waren die Weiber, die im Schloß gewesen, dann drei Knechte, darunter der Michalko. Sie schafften die Leichen ins Freie, und siehe, der Michalko begann in der reinen Luft wieder zu atmen. Da banden sie ihn und schleppten ihn jubelnd auf die Heide. Das war ihr erster lebendiger Gefangener. Im andern Turm fanden sie deren noch vier: drei Knechte und Herrn Wincenty. Er war vor Angst bewußtlos geworden. Die Bauern warfen sich auf ihn, als man ihn vorbeischleppte. Aber Fedko deckte ihn mit seinem eigenen Leibe. »Nicht von eines ehrlichen Menschen Hand, durch den Strick soll der Wolf verenden.« Sie verließen das brennende Schloß und scharten sich auf der Heide um ihre fünf Gefangenen. »Und darauf wurde leider viel Zeit vertrödelt«, hat später der Hritzko Barila vor den Richtern gesagt. Da zimmerten sie zuerst fünf regelrechte Galgen. Dazu brauchten sie einige Stunden, und es wurde heller Tag darüber. Und dann henkten sie die Knechte nacheinander, damit Herr Wincenty einen guten Vorgeschmack habe. Als Wincenty sah, daß er nur noch wenige Minuten zu leben habe, stürzte er vor Fedko nieder und bat, ihm einen Beichtvater zu gestatten. Und dieser Bauer hatte, wie erwähnt, ein schwärmerisches Herz; er gewährte die Bitte und schickte um den katholischen Pfarrer in nahen Okulince. Inzwischen knüpften sie zum Zeitvertreib den Michalko auf und schnitten ihn wieder ab, um das Spiel noch einmal wiederholen zu können. Der Pfarrer von Okulince ließ lange auf sich warten. Denn er hatte eine Nichte, und diese Nichte war zärtlich und wollte ihn nicht zu den wütenden Bauern ziehen lassen. Und als sie ihn endlich aus ihren Armen ließ, da zog er langsam, denn er war dick. Und als er endlich ankam, da waren bereits andere Leute früher gekommen. Das war gegen die neunte Morgenstunde. Die Bauern hatten den Michalko zum zweiten Male vom Galgen geschnitten und machten Miene, ihn zum dritten Male aufzuknüpfen. Da dröhnte der Boden, erst fern, dann näher und näher, dumpf hallend wie ein schweres Wetter; helle Fanfaren erklangen drein – die Husaren waren da. Der Kampf war kurz und eigentlich kaum ein Kampf zu nennen. Ein panischer Schrecken hatte die Bauern ergriffen, sie warfen die Sensen fort und liefen davon. Nur einer brauchte sein Gewehr, der Fedko, der erschoß einen Husaren. Das war der letzte Tote im Aufstand von Wolowce. Rudelweise wurden die Bauern gefangen, die Untersuchung begann, ein hartes, sehr hartes Geschick ereilte die Unseligen, aber ein Todesurteil wurde nicht ausgesprochen. Der einzige, dem der Strick zugedacht war, war entkommen: Der Fedko hatte sich ins Hochgebirg geflüchtet. Er wurde ein »Hajdamak«, wie die Räuber in den Karpaten heißen. Aber ein sonderbarer Räuber: Was er den Reichen nahm, gab er den Armen. Darum verehrten ihn die Bergbewohner abgöttisch, und alle Versuche, ihn zu fangen, waren vergeblich. Alle Preisausschreibungen nützten nichts; den Fedko verriet keiner, er war ja »unser Rächer«! Aber er trieb es doch nicht lange. Der Michalko hatte einen Schwur getan, ihn zu töten, und er hielt den Schwur. Freilich, er hatte diesen Schwur an einer ernsten Stätte gelobt, am Galgen. So schlich sich der tollkühne Mensch ins Gebirge, lauerte dem Räuber auf und erschoß ihn. Michalko und unser Herr Wincenty lebten in tausend Freuden fort. Der Knecht lebt noch heute. So viele gute Menschen mußten sterben und verderben, nur diese beiden nicht. Denn die Tugend wird auf Erden gelohnt und das Laster gebührend bestraft. ... Das war der Aufstand von Wolowce, und diese traurigen Geschichten gingen mir durchs Herz, als ich an jenem Sommertag, fünfzehn Jahre später, im Schatten der Birken lag, neben dem »schwarzen Kreuz«, wohin mich die Schalmeien gezogen, die in der Ferne so zauberisch getönt hatten. Die Burschen saßen noch immer da. Ich erhob mich und trat auf sie zu. »Wie geht's denn jetzt dem Herrn Wincenty?« fragte ich. – »Jetzt geht's ihm endlich schlecht«, erwiderte der Ältere und lachte. – »Wo ist er denn jetzt?« – »In der Hölle.« – »Also ist er tot?« – »Seit fünf Jahren.« – »An welcher Krankheit ist er gestorben?« – »Es war so der Schnaps.« – »Und wer ist jetzt euer Herr?« – »Der Armenier.« – »Welcher Armenier?« – »Der Bogdan.« – »Wie heißt er sonst noch?« – »Sonst heißt er die Wanze.« – »Also seid ihr nicht zufrieden?« – »O ja«, erwiderte der Junge, »der Vater sagt immer: die Wanze beißt, der Wolf zerreißt. Und, sagt er, ein Engel wird doch nie Gutsherr in Podolien.« Engel brauchten es nicht zu sein, dachte ich, wenn es nur Menschen wären! Dann ging ich langsam wieder der Stadt zu. Die weite Heide schwamm im warmen Rot der Abendsonne, nur das »schwarze Kreuz« hob sich dunkel vom leuchtenden Hintergrund. Es ward aufgerichtet, da die Hörigkeit von den Leibern dieser armen Menschen fiel. Wann kommt der Tag, da sie von ihren Seelen fällt? Armes, armes Volk, wann kommt dein Tag?! Gouvernanten und Gespielen Wer den Titel dieser Zeilen liest, erwartet vielleicht eine Schilderung der segensreichen Tätigkeit, welche die »Kulturträgerinnen« aus dem Westen in Rußland und Rumänien, in Galizien und Ungarn entwickeln, erwartet ein liebliches Genrebild, wie das fremde Mädchen im wilden Karpatental zur Beglückerin der ganzen Gegend wird und dafür wärmste Verehrung genießt. Das wäre ein Irrtum; denn nicht einen Hymnus will ich hier anstimmen, sondern einen Warnruf, von dem ich wünsche, daß er allen, die es angeht, erschütternd durchs Ohr ins Herz hineinklinge. Es gehen jährlich Tausende von Bonnen, Gouvernanten und Gesellschafterinnen aus dem Westen nach Halb-Asien. Eine verläßliche Statistik darüber gibt es nicht; nach flüchtiger Schätzung handelt es sich um jährlich drei- bis sechstausend Seelen. Einzelne Fachleute geben weit höhere Zahlen an; so viel ist gewiß, daß der Export wohl ein beständiger, aber gleichwohl von verschiedener Stärke ist. Die oben gegebenen Ziffern sind also dahin zu verstehen, daß in Jahren geringer Nachfrage mindestens dreitausend, in denen stärkeren Bedarfs mindestens sechstausend alleinstehende Mädchen und Frauen als Bildnerinnen nach dem Osten gehen. Am stärksten sind Bonnen begehrt, nächst diesen Gouvernanten, »Gesellschafterinnen« am wenigsten. Noch geringer ist die Zahl der »Gespielen«: Knaben, die gleichsam als lebendige Grammatiken der französischen Sprache nach dem Osten exportiert werden. Von ihnen soll hier zunächst nicht weiter die Rede sein; sprechen wir zunächst nur von den Damen. Faßt man ihre Heimatländer ins Auge und gruppiert diese nach den Zahlen, mit denen sie an dieser Auswanderung beteiligt sind, so ergibt sich folgende Reihe: die Schweiz, Frankreich, Belgien, England, Deutschland, Österreich, Italien. Spanierinnen, Holländerinnen und Däninnen trifft man fast nirgendwo, und dann gewiß nur in Häusern ihrer eigenen Landsleute. Diese Länderskala ist schon deshalb von Wichtigkeit, weil sie auf die Richtung der Kulturbestrebungen im Osten Licht wirft. Die Gebildeten und Halbgebildeten dieser interessanten Nationalitäten blicken nach Paris als dem Mekka der Zivilisation, halten die Kenntnis der französischen Sprache für das Haupterfordernis, oft genug für das einzige Erfordernis der Bildung und wählen daher die Erzieherinnen hauptsächlich unter dem Gesichtspunkte, daß sie ihren Kindern vor allem das Französische beibringen. Darum stehen die drei Länder mit französischer Verkehrssprache obenan. Denn auch die Schweiz ist ihnen beizuzählen, weil nur ihre westlichen Kantone an diesem Export beteiligt sind; daß sie sogar die erste Stelle einnimmt, erklärt sich teils aus den sozialen Verhältnissen dieses Landes, teils daraus, daß die Französin und nun gar die Pariserin nur ungern ihre Heimat verläßt, endlich auch daraus, daß die Schulbildung in der Schweiz eine bessere und gründlichere ist als in Frankreich. So kommt's, daß dieser große Staat erst an zweiter Stelle steht und auch diese gegen das kleine Belgien nur mühsam behauptet. Die beiden germanischen Staaten, die nun folgen, sind mit wesentlich geringeren Zahlen beteiligt. Seit etwa 1870 sind diese übrigens in stetem Wachsen begriffen, insbesondere liefert Deutschland bereits ein stattliches Kontingent, das jenes Englands bald überflügeln dürfte. Nur sehr wenig sind hingegen Österreich und Italien bei diesem Export beteiligt. Beantworten wir nun die nächstliegende Frage, wie sich das Geschick dieser Frauen an den Stätten ihrer Wirksamkeit gestaltet, so kann die Antwort nur eine traurige sein. Von all den Schmerzen, die nur sentimentale Herzen empfinden könnten, sehen wir natürlich ab. Wer einen Posten annimmt, der dreihundert Meilen weit von der Heimat liegt, und dann darüber jammert, daß dies gar zu weit sei, mit dem können wir nicht klagen. Das will eben früher überlegt sein. Aber ist der Schmerz über die Vergeblichkeit der eigenen, ebenso ernstgemeinten wie geübten Tätigkeit etwa auch nur eine Sentimentalität? Muß ihn nicht vielmehr jedes warme Gemüt empfinden, und zwar desto stärker, je ehrlicher es ist?! Nun wird es aber wohl nur wenige Erzieherinnen geben, denen während ihrer Wirksamkeit im Osten dieses peinliche Gefühl erspart geblieben wäre. Der Grund liegt in der geistigen Atmosphäre, in die sie geraten, dieser konsequent betriebenen Kulturheuchelei, die den Schein für das Sein nimmt, die Form will und sich um den Inhalt nicht kümmert. Die Gouvernante, die in ein russisches, rumänisches, polnisches, magyarisches Haus berufen worden ist, wird in den meisten Fällen binnen kurzer Frist erkennen, daß man von ihr gar nicht fordert, sie möge ihren Zöglingen gründliches Wissen beibringen. Die jungen Fräulein sollen das Französische famos parlieren können, mit der Lektüre der französischen Klassiker darf man sie nicht langweilen oder gar mit den trockenen Daten der Geographie und Geschichte. Sie sollen einige Sensationsstückchen auf dem Klavier pauken können, aber daß ihnen der Sinn für Adel und Schönheit der Tonkunst aufgehe, wäre überflüssige Quälerei. Entweder fügt sich nun die Gouvernante in diese Bildungsmaximen, und dann muß sie wohl Unbehagen über die Art empfinden, in der sie ihren Beruf erfüllt; oder sie fügt sich nicht, und dann kann sie eben in ihre Heimat zurückkehren, wo man so pedantische Erzieherinnen nicht bloß duldet, sondern sogar schätzt. Wenn nur die Rückkehr nicht gar so schwer wäre! Man wende mir nicht ein, daß ich dabei nur solche Frauen im Auge habe, die ihren Beruf ideal auffassen, und daß ihre Zahl gering ist. Ich denke, so viel Idealismus hat doch fast jede Erzieherin, um es schmerzlich zu empfinden, wenn sie ihre Aufgabe nicht gründlich, sondern oberflächlich, nicht gewissenhaft, sondern gewissenlos lösen muß! Freilich ist dieser Übelstand noch der geringere; weitaus schwerer wiegt die unwürdige soziale Stellung der Gouverante in jenen Familien, die, nach europäischen Begriffen, schmähliche Behandlung, die sie dort erduldet. Es gibt auch erquickliche Ausnahmen, das gebe ich zu und darf es getrost, weil ich sie selbst beobachtet habe, aber anderseits könnte ich, gleichfalls auf Autopsie gestützt, Geschichten über die Mißhandlung solcher unglücklichen Damen berichten, die den gleichgültigsten Leser zur Entrüstung hinreißen müßten. Ich unterlasse es, weil es doch wieder Ausnahmen nach der entgegengesetzten Seite sind und ich hier nur die Regel zu schildern habe. Die Regel ist, daß die Gouvernante im Hause des rumänischen Bojaren, des magyarischen Magnaten, des moskowitischen oder polnischen Edelmanns so gehalten und behandelt wird, wie sich die deutsche Hausfrau gegen ihr »Mädchen für alles« benimmt. Vor körperlicher Mißhandlung ist sie bewahrt, aber man erteilt ihr jeden Befehl kurz und barsch, man betrachtet sie als ein Wesen, dem man keine Rücksicht der Höflichkeit schuldig ist, als eine Dienerin, die man bezahlt und füttert, damit sie ihre Schuldigkeit leiste, die aber in sozialer oder rein menschlicher Beziehung der Herrschaft so wenig ebenbürtig ist wie etwa eine Kuhmagd. Doch darf man zur Erklärung nicht annehmen, als ob Bosheit etwa ein allgemeiner Zug im Charakter jener Völker wäre; die Behandlung der Gouvernante in Halb-Asien ist eben »ländlich sittlich«, oder richtiger »ländlich schändlich«. Was sollte auch die adeligen Herrschaften jener Länder dazu bestimmen, der Gouvernante in ihrem Hause menschenwürdige Behandlung zu gönnen? Daß dieses brave Mädchen sich durch Arbeit ihr Brot verdient, während sie in ererbtem Besitz prassen? Aber Arbeit ist ja in ihren Augen nichts Achtenswertes, jede Tätigkeit um des Erwerbes willen scheint ihnen erniedrigend. Daß die Fremde gebildeter ist als sie? Aber Respekt vor der Bildung hat nur entweder der Gebildete oder ein naives Gemüt, diese Adeligen gehören wahrlich in keine der beiden Kategorien. Daß sie die Erzieherin ihrer Kinder ist und keine Kuhmagd? Aber dafür wird sie ja bezahlt. Auch kann sie ja gehen, wenn es ihr nicht mehr gefällt. Wenn nur die Rückkehr nicht gar so schwer wäre! Und hier dürfte mir niemand mehr, wenigstens kein Europäer, mit der Einwendung ins Wort fallen, daß ich diese Klage nur im Namen besonders zimperlicher Frauenzimmer anstimmte. Aber auch dies ist noch nicht das Schlimmste, sondern die furchtbare Tatsache ist's, daß unzählige dieser Geschöpfe, junge, makellose Mädchen, Opfer der brutalen Sinnenlust jener Halbbarbaren geworden sind und werden. Man wende nicht beschönigend ein, daß sich Ähnliches wohl auch in verderbten Aristokratenfamilien des Westens an schutzlosen Geschöpfen begibt. Der Fall liegt anders. Denn in Europa haben diese armen Mädchen, so schutzlos sie auch sonst sein mögen, doch mindestens einen Schutz, der das Schlimmste von ihnen abwehrt oder an dem Täter rächt, in Europa ist die Themis nicht, wie in jenen Ländern, eine freche Dirne, die dem reichen Einheimischen vertraulich zublinzelt und die verlassene Fremde höhnisch fortweist. Ferner kommt bei uns derlei nur eben vereinzelt vor; anders in Halb-Asien. Dort kann man – ich wiederhole diesen Ausdruck mit Absicht und kann ihn vertreten – unzählige Fälle dieser Art nachweisen; dort fügt sich auch die Schändlichkeit nicht zufällig, sondern sie ist zum Teil im vorhinein geplant. Ja, im vorhinein! Unter jenen drei- bis sechstausend Mädchen, die jährlich in den Osten ziehen, befinden sich auch jährlich vielleicht hundert, die man nur deshalb dorthin kommen läßt, um sie zugrunde zu richten. Und diese hundert sind nicht minder brav und rein als die übrigen und ziehen nicht minder ahnungslos dahin als die übrigen; auch sie sind berufen, ein ehrliches Brot und eine nützliche Tätigkeit zu finden, und man bereitet ihnen die Schande und den Tod! Alljährlich wird eine Anzahl Opfer nach Ungarn, Rußland und Rumänien verhandelt und bevölkert dort zuerst die Häuser reicher Wüstlinge und dann – die Glücklicheren unter ihnen die Friedhöfe, die Unglücklicheren die Freudenhäuser. Aber wen kümmert's? Sie gehen ja als »Gouvernanten« dahin! Und der Strom der Bildung flutet nun einmal von West nach Ost, und man muß dem edlen Bildungsstreben der Herren Russen und Rumänen, Polen und Magyaren hilfreich entgegenkommen ... »Das ist entsetzlich!« höre ich rufen, jedoch in demselben Atemzuge auch die Frage: »Ist es auch wahr?« Ja, und ich habe es bereits vor langen Jahren bewiesen. Als ich 1874 den Entschluß faßte, die Kulturzustände Halb-Asiens zu schildern, da sagte ich mir sofort, daß es mir eine der ersten Pflichten sein müsse, auf diesen »Gouvernantenhandel« hinzuweisen. Zwar wußte ich, daß kein einzelnes Menschenwort stark genug wäre, um eine so tief eingewurzelte Schändlichkeit zu beseitigen, und nun gar das Wort eines jungen Autors, dem kein größeres Blatt zu Gebote stand. Aber diese Erwägung konnte mich der Erfüllung meiner Pflicht nicht entheben. Ich schrieb einen Artikel für ein österreichisches Blatt, in dem ich das Unwesen im allgemeinen schilderte. Er erschien, und der praktische Erfolg, soweit ich ihn erkennen konnte, waren – drei Briefe aus dem Publikum. Zwei dieser Zuschriften machten sich über mich lustig, weil ich unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung pikante Lektüre einschmuggelte, denn wahr könne die Sache nicht sein, weil man ja sonst auch anderweitig davon gehört haben müßte. Der dritte Brief kam von einer besorgten »Mutter in Graz«, worin sich diese erkundigte, ob einer der ehrenwertesten Kavaliere Galiziens »auch so ein Mensch« sei, denn ihre Tochter Nanni diene in seinem Hause, zwar nicht als Gouvernante, aber als »Küchengehilfin«. Das war alles. Ich dachte, daß Österreich zuwenig bei jenem Export beteiligt sei, ein Artikel in einem norddeutschen Blatte müsse bessere Wirkung tun. Ein Berliner Blatt brachte ihn, und diesmal kam nur ein Brief: »Lügen Sie andere an, wir Berliner sind zu gescheit dazu!« Ich schrieb einen dritten Artikel für ein deutsches Blatt der Schweiz in der Voraussetzung, dort müsse er doch die meiste Wirkung tun. Aber auch dieser dritte Versuch hatte ein sehr bescheidenes Resultat, die Redaktion druckte zwar meine Arbeit ab, schrieb mir jedoch, im allgemeinen sei man dort natürlich bereits über das Unwesen unterrichtet und mehr als Allgemeines biete ja auch mein Aufsatz nicht. So geht es nicht, dachte ich, die einen glauben mir nicht, was ich sage, und die anderen wissen es bereits. Ich muß bewirken, daß die einen mir glauben und daß sich die anderen nicht bloß damit begnügen, um die Sache zu wissen, sondern auch dazu gedrängt werden, etwas dagegen zu tun. Ich will nicht mehr ins Blaue hinein klagen, sondern einzelne Fälle veröffentlichen. Diesem Zwecke dienten die Aufzeichnungen, die ich 1875 zunächst in einem vielgelesenen Wiener Blatte, dann in der ersten Auflage dieses Buches erscheinen ließ. Ich berichtete von jenen unglücklichen »Gouvernanten«, von deren Los ich zufällig während meines Jugendaufenthaltes, dann während meiner späteren Wanderungen im Osten genauere Kunde erhalten hatte, setzte nichts hinzu, aber ich beschönigte auch nichts. Da diese Darstellung auch heute noch nicht gegenstandslos geworden ist, so lasse ich sie hier folgen. ... Es war im Jahre 1858, und ich damals ein zehnjähriger Bube. Aber ich erinnere mich noch genau an alles. Es war ein Frühlingstag; ich war mit meinem Vater, der Bezirksarzt zu Czortkow, einem Städtlein in Ostgalizien, war, über Land gefahren, nach dem Dorfe K. Mein Vater hatte im Dorfe zu tun, mich setzte er im Edelhof ab. Dort hauste Herr Ludwig v. T., der nächst seinem Bruder Henrik, der im benachbarten Dorfe Sz. wohnte, wohl der reichste Edelmann des Kreises war. Beide hatten früh geheiratet, beiden war aus der Ehe je ein Söhnchen entsprossen, das sie nach ihrem Namen nannten. Der kleine Ludwig in K. war schon früher mein Spielkamerad gewesen, und auch an jenem Frühlingstag tollten wir Buben laut und wild genug umher; es war noch ein dritter Knabe dabei, ein blasser, schüchterner Junge: der Cousin Ludwigs, der kleine Henrik v. T. aus Sz. Seine Mutter war früh gestorben, der Vater viel auswärts, gleichwohl kam der arme Junge nur selten zu seinen Verwandten; die beiden Brüder harmonierten wohl nicht sonderlich. Aber diesmal war Henrik schon zwei Wochen auf des Onkels Gute. »Hier ist's lustig«, jauchzte er, als wir uns endlich müde gelaufen hatten und nun auf der Heide nächst der Landstraße eine Burg aus Feldsteinen bauten, »ich habe es mir gar nicht so schön gedacht und wollte nicht von zu Hause fort. Aber ich mußte, denn es ist gerade wieder eine neue Französin angekommen, die mich unterrichten soll.« »Du dummer Henrik«, lachte sein Cousin, »darum hättest du ja gerade zu Hause bleiben müssen!« Aber der blasse Junge schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er, »ich weiß, was ich sage: Eben darum mußte ich fort. Es war im vorigen Jahre nicht anders und vor zwei Jahren auch nicht; sooft ich eine neue Lehrerin bekomme, muß ich fort und darf erst nach einem Monat wiederkommen. Der Papa will es so. Als ich acht Jahre alt war, ist er aus Paris zurückgekommen, hat den Pater weggeschickt und gesagt: ›Morgen kommt deine Lehrerin.‹ Und am nächsten Tage ist sie gekommen, sie war schlank und blond und blaß. Und sehr ernst war sie, obwohl unsere alte Fruzia gesagt: ›Die ist ja selbst fast noch ein Kind, wie soll sie andere Kinder erziehen?‹', und immer hat sie schwarze Kleider getragen. Deshalb habe ich mich auch anfangs vor ihr gefürchtet. Aber sie war so gut wie ein Engel, und ich habe sie sehr liebgehabt, und der Papa auch, er hat immer sehr freundlich mit ihr gesprochen. Aber nach vierzehn Tagen ist er plötzlich furchtbar böse auf sie geworden. Das war an einem Abend, die Amelie hatte mich schon zu Bett gebracht, und ich war eingeschlafen, da wachte ich plötzlich auf, weil der Papa im Nebenzimmer die Amelie furchtbar auszankte und schrie. Sie aber hat nur still geschluchzt. Aber plötzlich reißt sie die Tür auf und kommt auf mein Bett gestürzt und reißt mich heraus. Und mein Papa hinter ihr her, und in der Tür steht sein Diener, der Janko. Da kauert sie in eine Ecke hin und preßt mich fest an sich und schreit meinem Papa etwas entgegen. Da wird er ganz blaß und sagt zum Janko: ›Reiß ihr das Kind weg.‹ Aber dann besinnt er sich und sagt heiser: ›Gute Nacht‹ und lacht und geht weg. Sie aber hat mich fest auf dem Schoß gehalten und sehr geweint, und dann bin ich eingeschlafen. Und seitdem habe ich die Amelie nicht wiedergesehen, denn am nächsten Morgen bin ich spät in meinem Bett aufgewacht, und die alte Fruzia hat mich angezogen, und der Janko hat mich auf den Wagen genommen und ins Kloster geführt, zum Onkel Prior. Dort bin ich einen Monat geblieben. Und wie ich zurückkomme, ist die Amelie nicht mehr da. ›Wo ist sie denn?‹ frage ich. Und da sagt die Fruzia: ›Dein Vater hat sie nach Wien zurückgeschickt, zu der Frau, wo er sie abgeholt hat. Er hat ihr Weinen nicht vertragen können. Ich fürchte aber, sie wird sich am Weg ein Leid antun, ich fürchte, dein Vater wird nicht vor Gott verantworten können, was er an der Amelie verbrochen hat. Dein Vater ist ein schlechter Mensch.‹ Das habe ich meinem Papa erzählt, und er hat die Fruzia dafür prügeln lassen.« »Aber wahr ist es doch«, sagte der kleine Ludwig, »meine Mutter sagt das auch.« Henrik aber erzählte weiter, und was mir etwa von seinem Knabengeplauder entfallen sein mag, ist mir weit später durch Erzählungen aus anderem Munde wieder aufgefrischt worden: »Dann ist im Winter eine zweite Französin gekommen, die hat Josephine geheißen. Aber am Tage, wo sie kommen sollte, hat mich mein Papa durch den Janko wieder zum Onkel Prior führen lassen; ›ich will nicht wieder ähnliche Scherereien haben‹, hat er gesagt. Also war ich wieder einen Monat im Kloster, und wie ich zurück war, hat der Unterricht begonnen. Aber ich habe bei der Josephine wenig gelernt. Sie war ganz anders als die Amelie: recht launisch und klein und schwarz und ist immer herumgesprungen und hat immer gelacht. Aber die Fruzia hat mir erzählt, daß sie anfangs auch sehr geweint hat. Auch später noch hat sie geweint, wenn sie allein war; da habe ich sie oft stundenlang schluchzen gehört: › O ma mere! ‹ Aber das war nur, wenn Papa nicht zu Hause war; vor ihm ist sie immer ganz lustig herumgesprungen. Aber deshalb hat sie sich doch vor ihm gefürchtet, noch mehr als ich. Übrigens war er gut gegen sie, aber im Frühjahr ist er bös geworden und hat sie geschlagen, und sie hat sehr geweint. Und darauf hat sie der Janko nach Lemberg geführt. Und dann ist Papa ein Jahr auf Reisen gewesen, und bei mir war der Pater Ignatius als Hofmeister, ein sehr schlechter Kerl. Nun ist vor drei Wochen der Papa heimgekommen und hat den Pater weggeschickt, und zu mir hat er gesagt: ›Du bekommst wieder eine Französin. Die schaut auch ganz so aus wie die Amelie.‹ Da war ich schon ganz froh, denn die Amelie war ja so gut wie ein Engel. Aber an dem Tage, wo sie kommen sollte, habe ich hierher fort müssen. Nun, hier ist es ja auch sehr lustig ...« Und wir bauten weiter an unserer Burg auf der blühenden Heide, bis wir hungrig wurden. Auch sank schon die Sonne. Aber just als wir heimlaufen wollten, kam ein Wagen die Straße entlanggesprengt. »Das sind unsere Rappen«, rief Henrik und lief auf den Wagen zu, »das ist der Janko. Der kommt gewiß um mich. Nicht wahr, Janko?« Aber der Bediente schüttelte den Kopf. »Wir fahren nach Czortkow, um den Doktor.« – »Mein Papa ist ja hier im Dorfe«, rief ich, und wir Buben kletterten jubelnd auf den Wagen. Am Tore des Edelhofs stand mein Vater im Gespräch mit Herrn Ludwig v. T. »Herr Doktor«, rief Janko, »Sie möchten augenblicklich nach Sz. kommen. Es ist ein Unglück geschehen!« – »Mein Bruder?« rief Herr v. T. erblassend. – »Nein«, erwiderte Janko, »die Französin hat sich vergiftet; ich fürchte, wir finden sie nicht mehr am Leben.« Rasch sprang mein Vater in den Wagen, Herr Ludwig folgte ihm. »Erlauben Sie, daß ich Sie begleite«, sagte er. »Ihr Knabe kann ja hier bleiben.« Aber mein Vater hob mich hinein. »Der Bub kann im Wagen schlafen.« Und dann fuhren wir davon, und die beiden Männer sprachen kein Wort mehr. Nur Herr v. T., der sehr blaß war, sagte einmal dumpf: »Ich wußte, daß es so kommen würde.« Dann brach die Nacht herein, ich schlief ein und erwachte erst, als wir im Schloßhof zu Sz. hielten. Das Gebäude lag dunkel, nur im ersten Stockwerk waren einige Fenster erleuchtet. Die beiden Männer eilten ins Schloß. Ich blinzelte nach den lichten Fenstern hin, dann hüllte ich mich in des Vaters Bunda und schlief abermals ein. Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen war, noch auch, wovon ich erwachte. Als ich die Augen aufschlug, war alles um mich wie früher. Aber die Pferde waren ausgespannt, ich war allein im dunklen Schloßhof. Da begann ich mich zu fürchten, kletterte vom Wagen und ging in das Schloß, meinen Vater zu suchen. Auf der Treppe und im Korridor des ersten Stockwerks war keine Menschenseele. Immer zaghafter schlich ich durch den matt erleuchteten Flur. Endlich sah ich eine halbgeöffnete Tür, da stahl ich mich hinein. Es war ein großes, gleichfalls matt erleuchtetes Zimmer. In der Fensternische saß eine alte Dienerin und weinte bitterlich. Sie beachtete mich nicht. Ich schlich auf den Zehen an eine zweite offene Tür, aus der ein heller Lichtschein drang, steckte mich hinter den Türvorhang und guckte hinein. Es war ein Schlafgemach; auf einem Lager ruhte regungslos eine Frauengestalt. Ich sah wenig von dem Gesicht, ich konnte es kaum von den Kissen unterscheiden, so bleich war es. Aber um so deutlicher sah ich die Flut blonden Haares; es lag wie eine lichte Wolke um das Antlitz. Mein Vater stand an dem Lager; sein Antlitz sah ich deutlich und erschrak fast, so düster hatte ich es nie gesehen. Auch waren die beiden Brüder im Zimmer. Ludwig lehnte in einer Fensternische; Henrik, ein schöner, stattlicher Mann in den Dreißigern, saß in einem Fauteuil und schaute starr nach dem Lager hin. So blieb alles regungslos, nur wenige Sekunden lang. Ich glaube, wäre ich ein Maler geworden, ich könnte noch heute das Bild wiedergeben. Zug um Zug; so tief haften ungewöhnliche Eindrücke im Kindergemüt. Und ebenso weiß ich, was nun folgte. Mein Vater beugte sich noch einmal über das Lager. »Sie ist tot«, sagte er dann, »sie muß ein großes Quantum Arsenik eingenommen haben.« – »Also Arsenik!« knirschte Henrik und schnellte empor. »Nun weiß ich, woher sie das Gift bekam. Die Fruzia hält immer einen Vorrat davon gegen die Ratten. Oh, ich lasse die alte Vettel peitschen, bis ...« Aber Ludwig legte die Hand schwer auf die Schulter des Bruders, so schwer, daß dieser zusammenknickte. »Das wirst du nicht tun«, sagte er dumpf, »denn deshalb hat doch nicht das alte Weib das Mädchen ermordet, sondern – du.« Henrik schwieg. Da fiel der Blick meines Vaters auf den Türvorhang und entdeckte mich da. »Fort mit dir!« rief er heftig und schritt auf mich zu. »Ich habe dich suchen wollen«, stammelte ich. Da ergriff er meine Hand. »Ich kann gehen«, sagte er zu Herrn Henrik. »Es ist ja nichts mehr zu retten.« – »Ich danke Ihnen«, erwiderte der und kam verlegen, die Rechte weit vorgestreckt, auf meinen Vater zu. »Trauriger Zufall ... hm! Bitte um Diskretion!« Aber meines Vaters Rechte ließ meine Hand nicht fahren. »Ich muß meine Pflicht tun«, sagte er. Wir gingen. Hier endet meine persönliche Erinnerung an jenen Fall, die unauslöschlich in meinem Gedächtnis haftet. Ich füge nur noch hinzu: Mein Vater hat seine Pflicht getan und das Gericht von jenem Selbstmord in Kenntnis gesetzt. Darauf wurden er und ein Adjunkt nach Sz. entsendet und die Obduktion vorgenommen. Der Adjunkt stellte fest, daß Charlotte G. das Gift aus dem Vorrat der Haushälterin entwendet habe. Von den Gründen des Selbstmords behaupteten Henrik und seine Dienerschaft keine Ahnung zu haben. Nur die alte Fruzia erklärte kurz und bündig: Das Fräulein habe sich vergiftet, weil der Herr sie die Nacht vorher durch ein Schlafmittel betäubt und in diesem Zustand entehrt habe. Aber schon nach der zweiten Vernehmung der Alten mußte die Untersuchung eingestellt werden. Fruzia widerrief ihre erste Aussage; sie habe gelogen, um sich dafür zu rächen, weil der Herr sie oft habe prügeln lassen. Wie viele Gouvernanten aus Genf Herr v. T. noch in der Folge für seinen Sohn bezogen hat, weiß ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß er noch lange in tausend Freuden lebte und in seinen Kreisen sehr angesehen war. ... Ich kam im Jahre 1872, mit Empfehlungsbriefen reich versehen, in eine Mittelstadt der Moldau. Einer dieser Briefe lautete an einen jungen deutschen Kaufmann, der sich erst vor wenigen Jahren dort etabliert hatte. Herr Friedrich K. empfing mich warm und herzlich und führte mich dann in seine Privatwohnung. Dort stellte er mich seiner Gattin vor, und hatte mich schon der Mann bezaubert, so tat es nun noch mehr seine Frau; eine Gretchenerscheinung, schlank, blauäugig und in jedem Zug, jeder Bewegung der Zauber keuscher Mädchenhaftigkeit. Kaum mochte man glauben, daß dies holde Wesen schon Gattin und Mutter, noch minder, daß es eine Französin sei. Und das war die Dame nach Erziehung und Abstammung von Vaters Seite; ihr »Mütterli« freilich war, wie sie mir in gebrochenem »Schwyzer-Dütsch« sagte, aus Bern gewesen. »Bübeli« nannte sie auch ihren prächtigen zweijährigen Krauskopf, der laut lachend in meine Hand patschte. Ich kann kaum sagen, welch günstigen Eindruck das kleine blühende Hauswesen auf mich machte, und ich wäre auch gerne gleich zum Mittagessen dageblieben, wie die lieben Leute wollten. Aber ich hatte ja noch ein Dutzend Besuche zu machen. Ich sagte also für den nächsten Tag zu und setzte seufzend meine Rundfahrt fort: zu Beamten und Bankiers. Und sie waren leider alle zu Hause. So fand ich denn, als ich am späten Nachmittag im Stadtpark erschien – was man so in der Moldau einen Stadtpark nennt –, um die Weisen der Militärkapelle anzuhören – was man so in Rumänien eine Militärkapelle nennt –, sehr viele neue Bekannte. Aber ich suchte und suchte, bis ich Friedrich und seine Gattin fand. Zu denen setzte ich mich und plauderte, während ihr Büblein auf meinem Schoß mit meinem Schnurrbart ein grausames Spiel trieb. Dazu spielte die Musik ohrenzerreißend, und die stattlichen Honoratioren, denen ich meine ergebenste Aufwartung gemacht hatte, defilierten langsam vorbei. Natürlich grüßte ich respektvoll. Aber man – dankte mir nicht. Hie und da lüftete wohl ein Herr verlegen den Hut, die Damen aber blickten um sich, als wäre ich blaue Luft. Ich lachte anfangs darüber, dann ärgerte ich mich doch und meinte schließlich zu Friedrich: »Aber Ihre Mitbürger sind ja überaus – höflich.« Er wurde blaß, seine Frau errötete. »Die Unhöflichkeit gilt nicht Ihnen«, sagte er endlich gedrückt, »sondern uns. Ich bin ein Verfemter, nicht in geschäftlicher, aber in sozialer Beziehung.« Ich schwieg; nach dieser Eröffnung mußte er ja ein erklärendes Wort beifügen. Er tat es dennoch nicht, und seine Frau blickte, nun todbleich geworden, starr zu Boden. Ich begann darauf rasch von anderen Dingen zu sprechen. Aber das Ehepaar blieb gedrückt und einsilbig. Da wurde mir die Sache schließlich unheimlich, und ich verabschiedete mich. »Wir erwarten Sie morgen«, sagte Friedrich mit mühsamem Lächeln. »Und ich kann Ihnen kaum sagen, wie sehr es uns freuen wird, wenn Sie trotzdem kommen.« Trotzdem?! Ich fuhr in seltsamer Stimmung in mein Hotel zurück. Warum lastete auf diesem lieben jungen Paar ein Bann, so furchtbar, daß es selbst nicht einmal davon zu sprechen wagte?! Aber wen fragen?! Da fand ich auf meinem Tisch eine Einladung für den Abend, von Herrn V. Zwar hatten Frau V. und die beiden schönen Fräulein V. mir heute nachmittag nicht die Gnade erwiesen, mich zu bemerken, aber ich wußte ja nicht, ob ich ihnen das übelnehmen durfte. Ich fuhr hin. Das Ehepaar empfing mich sehr freundlich. Madame begann gleich nach den ersten Worten von jener Begegnung im Stadtpark zu sprechen. Wie sehr es ihr leid getan habe und so weiter, wie man als Fremder solchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sei und so weiter, bis ich endlich fragte: »Ja, was ist's denn mit den Leuten?« Madame schlug verschämt die Augen zu Boden. Herr V. aber flüsterte mir zu: »Herr Friedrich K. ist ein reeller, braver junger Kaufmann. Aber seine Frau war früher eine Dirne. Und direkt aus dem Freudenhause hat er sie zum Traualtar geführt!« – »Unmöglich«, rief ich heftig, »diese Frau –«, da rauschten aber schon die beiden Fräulein V. in den Salon. Ich glaube, ich habe der Familie V. entschieden nicht den Eindruck eines geistreichen Gesellschafters gemacht. Auch noch am nächsten Vormittag war ich sehr zerstreut. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu dem jungen Paar zurück. Wie hatte der Mann, der die verkörperte Ehrbarkeit schien, sich zu solchem Schritt entschließen können?! Aber hatte dieses mädchenhafte Weib in der Tat eine solche Vergangenheit?! Zur Mittagszeit aber trat ich den Weg ins Haus des jungen Kaufmanns an. Denn, sagt' ich zu mir, erstens bist du kein Backfisch, zweitens ein Fremder, der sich um das Urteil dieser guten Stadt den Henker zu scheren braucht, drittens darfst du nicht eine dir zugedachte Freundlichkeit durch eine Grobheit vergelten. Und damit trat ich in Friedrich K.s Kontor. Er drückte mir die Hand, als hätte ich ihm durch mein Erscheinen den größten Dienst erwiesen. »Meine Frau wird sich sehr freuen«, sagte er. »Auch das Bübeli hat schon mehrere Male etwas vom deutschen Onkel gestammelt.« Wir gingen hinauf. Frau Marie sah heute womöglich noch lieblicher aus als gestern. Aber befangen war und blieb sie doch, auch während des Mahls. Als es zu Ende war, erhob sie sich rasch. Wir Herren traten ins Rauchzimmer. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig«, begann Herr K., kaum daß wir Platz genommen hatten. »Ich hätte sie Ihnen schon gestern gerne gegeben, aber meine Frau war ja dabei. So mußte ich es darauf ankommen lassen, daß Ihnen aus fremdem Mund eine Aufklärung zukomme. Wahrscheinlich ist dies auch geschehen, von wem und in welcher Form, ist gleichgültig. Ich selbst sage Ihnen, daß ich das brave Mädchen, das mich heute als Weib glücklicher macht, als ich verdiene, allerdings erst aus dem Haus einer Kupplerin loskaufen mußte, ehe ich es heiraten konnte. Aber wie Marie in dieses Land und in dieses Haus gekommen ist, wird man Ihnen nicht erzählt haben. Hören Sie! Hier« – er zog einen Papierbogen aus der Brusttasche und reichte ihn mir entfaltet hin – »haben Sie einen Dienstvertrag vom März achtzehnhunderteinundsiebzig, abgeschlossen durch die Vermittlung eines Wiener und eines Genfer Placierungsinstituts, zwischen Fräulein Marie Ch. einerseits und der Gutsbesitzerswitwe Frau Sophia K. anderseits. Marie Ch. verpflichtet sich darin, gegen freie Station und ein jährliches Gehalt von tausendachthundert Franken als Gesellschafterin bei Frau K. einzutreten. Insbesondere wird sie verpflichtet, der Dame vorzulesen und sie in Krankheitsfällen zu pflegen. Wie Sie sehen, ein streng juristisch stilisiertes, rechtsverbindliches Instrument und dennoch – die infamste Farce, die je in legalen Formen abgefaßt worden ist. Sophia K. ist allerdings Witwe, aber nicht die eines Gutsbesitzers, sondern eines Lakaien, sie ist sehr gesund, braucht keine Pflege, noch minder aber eine Vorleserin französischer Lektüre, da sie keine Silbe davon versteht. Sie ist die ehemalige Geliebte und gegenwärtige Wirtschafterin des Gutsbesitzers Doxaki P. in S. bei Roman. Der Mann ist vielleicht der infamste Wüstling, der sich in Rumänien findet, und das will etwas sagen. Der Edle lebte regelmäßig den Winter über in Paris und brachte den Sommer auf seinem Gute zu. Um sich auch während dieser Zeit entsprechend zu amüsieren und dabei im Französischen nicht außer Übung zu kommen, bezieht oder vielmehr bezog er bis vor drei Jahren – denn seitdem habe ich ihm das Handwerk gelegt – in jedem Frühling eine Gesellschafterin für seine Wirtschafterin. Er wandte sich dabei im Namen der Sophia K. immer an ganz reelle Vermittlungsinstitute, betonte als erstes Erfordernis die strenge Solidität der Bewerberin und war so sicher, in der Tat immer ein bisher unverdorbenes Opfer seiner Lüste zu erhalten. Dann brachte er im Herbst regelmäßig vor seiner Abreise nach Paris einen Teil seiner Kosten wieder herein. Da verhandelte er nämlich die unglückliche ›Gesellschafterin‹ an die Kupplerin Sara P. in hiesiger Stadt... Sie fühlen sich«, fuhr der junge Kaufmann fort, »von der bloßen Erzählung grauenhaft berührt. Erwägen Sie nun, wie erst der armen Marie ihre Lage erscheinen mußte, als sie, eine elternlose Waise, aber bisher in der Obhut sorglicher Verwandter, sich nun plötzlich im wildfremden Lande, allein und hilflos, der Gewalt dieser Bestie preisgegeben sah. Denn der wackere Doxaki sorgte dafür, daß selbst sie, die Arglose, innerhalb sehr kurzer Zeit zum Bewußtsein ihrer Lage kam. In ihrer Verzweiflung, ihrer Todesangst verrammelte sie sich, da sie kein anderes Mittel fand, sich den Angriffen des Elenden zu entziehen, in ihrem Zimmer und beschloß, sich zu Tode zu hungern. Wie ich ihren Charakter später kennengelernt hatte, bin ich auch überzeugt, daß sie diesen Entschluß ausgeführt hätte. Da wußte sie Herr Doxaki durch eine List davon abzubringen. Er schrieb ihr einen langen, sentimentalen Brief, worin er sie versicherte, er sei von ihrem Heldenmut so gerührt, daß er jeden sträflichen Gedanken aufgebe, auch gerne bereit sei, ihr zur Heimkehr behilflich zu sein. Zu diesem Zwecke lege er ein Bankbillett von fünfhundert Franken bei; sein Wagen stehe dem Fräulein jederzeit zur Verfügung, um es zur nächsten Bahnstation zu bringen. Die Arglose ging in die Falle und ließ Doxaki sogar ihren gerührten Dank sagen. In der nächsten Stunde stand denn auch der Wagen vor der Tür, die Koffer wurden aufgepackt, das Mädchen schritt die Treppe hinab. Da trat ihr Doxaki entgegen und bat nun auch mündlich um ihre Vergebung. Er dankte ihr, daß sie ihm einen Glauben wiedergegeben habe, der ihm in den Stürmen des Lebens längst verlorengegangen sei, den Glauben an Frauenehre. Und zum Schluß erbat er als Zeichen der Versöhnung, daß Marie doch nicht so – halbverhungert aus seinem Hause gehe. Wer hätte solchem reuigen Flehen widerstehen können, besonders da die Tafel schon bereit stand und das arme Kind wirklich entsetzlich hungrig war. Marie aß und trank, und – der Elende hatte seinen Zweck erreicht. In die Speisen war in großer Menge ein Mittel gemischt, das die Sinne des Mädchens betäubte und es zum Opfer des Wüstlings werden ließ ... Als das Mädchen wieder zur Besinnung kam, da war die Wucht seines Jammers zu groß, als daß ihm diese erschütterten Nerven hätten widerstehen können. Marie verfiel in ein hitziges Fieber und schwebte zwischen Leben und Sterben. Das paßte aber Herrn Doxaki schlecht in den Kram; starb das Mädchen, so hatte er doch vielleicht einige Unannehmlichkeiten zu befürchten. Darum machte er seiner würdigen Freundin Sara P. den Vorschlag, das Mädchen, so wie es jetzt sei, gratis in ihr Haus zu liefern. Frau Sara ging das riskante Geschäft ein; die Kranke wurde hierhergebracht; Herr Dr. R., ein Deutscher, behandelte sie. Durch ihn erfuhr ich von dem Fall. Er interessierte mich sehr, aus Gründen, die Ihnen gleichgültig sein können ...« Ein Schatten überflog das Antlitz des Erzählers, dann setzte er doch hinzu: »Ich hatte eine Cousine, die vor langen Jahren gleichfalls in der Fremde verkam. Und diese Cousine hatte ich sehr ... genau gekannt ... Nun, ich lernte also die Genesende kennen und achten. Ich bemitleidete und liebte sie. Und darum machte ich sie zu meinem Weib und bin sehr, sehr glücklich durch sie geworden. Ich bin mir deshalb doch bewußt, ein Mann von Ehre zu sein.« ... Vor langen Jahren war's und zu Lipkany, einem schmutzigen Nest in Bessarabien. Im besten Wirtshaus des Ortes, einer niederträchtigen Spelunke, hielt ich am Abend einige Stunden Rast. Ich war am Morgen von Mohilew ausgefahren und von der langen Tagereise in dem elenden Mietwagen sehr ermüdet. Gleichwohl wollte ich noch in der Nacht weiter, um am nächsten Tage rechtzeitig die österreichische Grenze bei Nowosielica zu gewinnen. Da trat, nachdem ich die Zeche berichtigt hatte, die alte jüdische Wirtin noch einmal an meinen Tisch heran. Sie habe eine Bitte, begann sie verlegen, aber nicht für sich. Das heißt: eigentlich auch für sich, denn das arme Mädchen liege nun da, und hinauswerfen könne man es nicht, und an Bezahlung sei auch nicht zu denken. Das Mädchen wolle nach Hause, aber das sei sehr weit. Ob ich es nicht wenigstens über die Grenze mitnehmen wolle? »Was ist's denn für ein Mädchen?« fragte ich. So eine Art Lehrerin, war die Antwort. Deutsch spreche sie nicht, aber etwas Russisch, und Französisch »wie Wasser«. Der Armen sei ein furchtbares Unrecht geschehen, aber das solle sie mir selbst erzählen. Damit schob sich das gutmütige Weib zur Tür hinaus und kam bald mit ihrem Schützling wieder. Ich bin auf meinen Fahrten in aller Herren Ländern vielem Elend begegnet. Aber ich habe nie einen Menschen gesehen, dessen Anblick erschütternder zum Herzen sprach als der jenes siechen Geschöpfs, das nun zögernd, wankend auf mich zugeschlichen kam. Es war ein sehr dürftig gekleidetes Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren. Schön war dieses Gesicht sicherlich nie gewesen, aber nun war es entstellt durch die Spuren unsäglichen Grams. Etwas wie Todesangst lag darauf festgebannt; die Augen waren entzündet von tagelangem Weinen, und unaufhaltsam quollen die Tränen über die Wangen. Um den Jammer voll zu machen, stand das arme Ding offenbar dicht vor dem Zeitpunkt, wo es Mutter werden sollte. Meine Augen wurden feucht, als ich in dies Antlitz blickte. Ich sprach zu ihr und beteuerte, daß ich ihr hilfreich sein wolle. Die Arme war nicht ganz bei Besinnung; »nach Genf«, stammelte sie nur und hielt die Hände gefaltet. Ich ließ ihr im Wagen ein Lager bereiten und setzte mich zum Kutscher. Wir fuhren die Nacht über. Durch das Rasseln des Wagens hindurch hörte ich unablässig das Wimmern der Kranken. Gegen Mittag kamen wir in den russischen Grenzort Nowosielica. Da zwang ich sie durch vieles Zureden, eine Suppe zu nehmen. Dann fragte ich sie, ob sie einen Paß hätte. Sie brauchte ihn, den russischen Grenzkordon zu überschreiten. »Bei der Generalin«, stammelte sie, »mit den anderen Sachen.« Dann begann sie wieder heftig zu weinen und berichtete mir zwischendurch, stammelnd, schluchzend, wirr, den ungeheuren Frevel, den man an ihr verübt hatte. Das Mädchen war die Tochter eines Genfer Schusters. Sie hatte keine Erziehung genossen, konnte daher nie hoffen, Gouvernante zu werden. Da kam zum Herbstaufenthalt eine russische Generalin nach Vevey, die für ihr fünfjähriges Töchterchen eine Bonne suchte. Die Schusterstochter bekam den Posten und war ganz glücklich darüber; sie wurde gut behandelt, gewann das Kind lieb und ging darum gerne mit der Generalin auch nach Sizilien und dann auf das Gut bei Lipkany. Dann reiste die Generalin nach Baden-Baden; die Bonne blieb mit dem Kind allein auf dem Gut zurück. Da bekam sie im Spätherbst unerwartet glänzende Gesellschaft. Der Sohn der Generalin, ein junger Gardeoffizier, fand es für anzeigt, den Winter über Petersburg zu meiden; wahrscheinlich hatte er seine guten Gründe. Da er sich auf dem öden Edelhof langweilte, so verführte er, die Zeit totzuschlagen, die arme Bonne. Im Frühling durfte er nach Petersburg zurückkehren; einen Monat darauf kam die Generalin heim. Das französische Mädchen hatte kein rechtes Bewußtsein seines Zustands, bis das Gesinde zu sticheln begann. Die Generalin erhielt davon Kunde und ließ das Mädchen rufen. Sie gestand unter Tränen alles. Da geriet die Russin in Raserei, nannte das arme Ding eine Metze und übte Justiz an ihr. Sie ließ sie im Hof entkleiden und mit Ruten streichen. Dem armen Opfer verging vor Scham und Schmerz die Besinnung. Als es wieder zum Bewußtsein kam, fand es sich auf der Landstraße liegen. Barmherzige Tschumaken (kleinrussische Salzfuhrleute) erbarmten sich der Unglücklichen und brachten sie nach Lipkany. Ich war im tiefsten Herzen erschüttert, aber helfen konnte ich junger Bursche dem Mädchen wenig. Ich schmuggelte es mit Hilfe einiger polnischer Gulden, die beim russischen Naczalnik den fehlenden Paß ersetzten, durch den Kordon nach Österreich. Dann nahm sich ein Engländer in Czernowitz werktätig der Unglücklichen an und schaffte ihr Freikarten und Reisekosten nach Wien. Von da wollte sie mit Hilfe ihrer Landsleute nach Genf heimkehren. Ob sie ihre Heimat erreicht hat, weiß ich nicht. ... Ich lebte im Winter von 1872 auf 1873 in Pest und verkehrte dort viel mit einem jungen Arzt, der sich trotz seiner Jugend bereits einer ansehnlichen Praxis erfreute. Als ich an einem Märztag um vier Uhr, wo seine Sprechstunde zu Ende ging, die Treppe seiner Wohnung emporstieg, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen, kam ich an einer schwarzgekleideten Dame vorüber, die regungslos, die Hand auf das Geländer gestützt, auf dem Treppenabsatz stand. Ich blickte sie an, während ich vorüberging, und erschrak heftig. Dieses Antlitz war jung und von edlem Schnitt, aber entsetzlich blaß, selbst die Lippen farblos, und verzerrt von dem Ausdruck höchster Verzweiflung, der darauf wie festgebannt lag. Die Mundwinkel herabgezogen, die Lippen halb geöffnet, als wäre ihnen eben ein Schrei des Entsetzens entflohen, die Augenbrauen hoch emporgezogen und die Augen starr, glanzlos und weit aus ihren Höhlen gequollen, als hätten sie eben das Furchtbarste geschaut. Das Weib durchlitt offenbar einen ungeheuren körperlichen oder seelischen Schmerz. Mich faßte Mitleid und Grauen. »Sie sind unwohl?« Ich wollte es nicht fragen, meine Lippen fragten es selbst. Die Dame zuckte beim Klange meiner Stimme zusammen, griff sich an die Stirn und schüttelte leise den Kopf. Dann wankte sie die Treppe hinab. »War das eine Patientin?« fragte ich oben den jungen Arzt und beschrieb ihm die Dame. – »Ja!« sagte er. »Ein überaus unglückliches Geschöpf. Sie ist Erzieherin und stammt aus Belgien, wie sie behauptet aus sehr ehrenwerter Familie. Sie kam im vorigen Herbst in das Haus eines hiesigen ältlichen, verwitweten Magnaten als Erzieherin seiner beiden kleinen Mädchen. Der Mann verführte sie, und zwar, wie sie schwört, unter der Vorspiegelung, sie zu heiraten. Natürlich droht er ihr nun bei der bloßen Erwähnung dieses Versprechens mit Entlassung. Aber damit nicht genug, er hat sie auch mit einer abscheulichen Krankheit behaftet. Das Mädchen hatte keine Ahnung von dem Charakter dieser Krankheit und hat erst heute, nach langen Monaten, ärztlichen Rat gesucht. Natürlich mußte ich ihr die ganze Wahrheit sagen und auch eröffnen, daß nur sehr wenig Hoffnung auf gänzliche Herstellung sei. Armes Ding!« Damit schloß er die Tür seiner Wohnung, und wir gingen hinab und den menschengefüllten Donaukai auf und nieder, bis die Abendnebel aus dem Fluß aufstiegen. Da schieden wir. Der junge Arzt ahnte nicht, daß sich zur selben Stunde am gegenüberliegenden Ufer seine unglückliche Patientin in den Fluß gestürzt hatte. Sie ertrank, weil der Nebel die Rettung verhinderte. Und das sei die letzte Geschichte – zwar nicht die letzte, die zu meiner Kenntnis gelangt ist, aber die letzte, die ich erzählen will. Nur von den »Gespielen« erübrigt mir noch zu reden, von jenen Knaben, die nach dem Osten gebracht werden, angeblich, um dort in den Häusern der Reichen als lebendige Grammatiken zu dienen; in Wahrheit aber – mindestens zum nicht geringen Teil – um in eigenen Häusern als Gegenstand unnatürlicher Lüste mißbraucht zu werden. In Kiew und Odessa, Bukarest und Galatz, Konstantinopel und Athen bestehen solche Häuser. Mehr darüber zu sagen, ist an dieser Stelle unmöglich und wohl auch überflüssig. Mögen diese Zeilen ihren Zweck erfüllen, aufmerksam zu machen und zu warnen. – So weit meine Darstellung von 1876. Aufmerksam zu machen, zu warnen, war tatsächlich mein einziger Zweck. Daß mit der Erweckung moralischer Entrüstung wenig getan sei, war mir klar – in der Tat ist es ein schöner Wahn, zu glauben, daß je ein Schurke vor ihr die Waffen gestreckt hätte. Und wäre die Sprache dieser Tatsachen, sagte ich mir, laut genug, jeden gesitteten Europäer mit tiefstem Abscheu zu erfüllen, deshalb werden die Herren Bojaren in Halb-Asien doch fortfahren, zu tun, was ihnen beliebt. Aber jenen Mädchen, welche die Reise nach dem Osten wagen, ihren Eltern und Vormündern wollte ich die Augen öffnen, damit sie auf der Hut seien. » Exempla trahunt «, heißt es sonst, vielleicht dachte ich, erreiche ich hier im entgegengesetzten Sinne meine Absicht: » Vestigia terrent .« In der Tat erreichte ich diesen Zweck, und zwar – nur allzusehr! Ich konnte dies aus dem Hagel von Zeitungsartikeln und Briefen schließen, der auf meinen Schreibtisch niederging. Daß ich da in allen Zungen des Ostens zu lesen bekam, ich sei ein Verleumder meiner Heimat und was der Höflichkeiten mehr waren, wunderte und kränkte mich nicht; auch der Vorwurf, daß ich ein »Kulturfeind« sei, der den Osten der fremden Bildungselemente berauben wolle, ließ mich gleichgültig; nachdenklich aber machte mich der Vorwurf, daß ich durch derlei Dinge den armen Mädchen das Herz schwer machte, denn daran war wirklich etwas; auch die Briefe, die mir zukamen, bestätigten es. Es war viel Törichtes darunter, aber aus vielen Briefen klang die erschütternde Klage: »Gut, nun sind wir gewarnt, aber was soll uns dies fruchten?! Wir müssen nach dem Osten gehen, unser Brot zu verdienen, weil wir es in der Heimat nicht finden können. Wir wollen die Gewähr haben, daß wir in ein anständiges Haus kommen, aber wer kann uns diese Gewähr geben?« Die Frage war berechtigt, aber wo die Antwort finden? Anscheinend war sie ja leicht gegeben: »Die Gewähr hat euch jene Agentur zu geben, durch deren Vermittlung ihr engagiert werdet. Vermeidet also die schlechten und bedient euch der gewissenhaften Agenturen.« Aber auch damit ist wenig getan. Es gab und gibt keine Agentur, der sich irgendwie nachweisen ließe, daß sie sich berufsmäßig mit der Vermittlung solcher Schändlichkeiten befasse. Wenn eine Gouvernante, der sie eine Stelle vermittelt, dadurch in schlechte Hände gerät, so trifft den Agenten in Genf, Brüssel, Berlin oder Wien höchstens der Vorwurf des Leichtsinns, aber auch dieser nicht immer. Bestünden solche Agenturen in Europa und bedürfte ihrer das Schandwesen zu seiner Existenz, so wäre es bald vernichtet. Aber es bedarf ihrer nicht, ja noch mehr, es bedarf nicht einmal der Mithilfe der Agentur im eigenen Lande. Bestünden solche Agenturen in Rumänien, Rußland und so weiter, so wären sie gleichfalls bald entlarvt, und man könnte sie durch öffentliche Brandmarkung unschädlich machen. Aber der Fall liegt zumeist ähnlich wie der folgende: Der Gutsbesitzer, Herr L. v. P. in Wolhynien, Witwer und Vater zweier kleiner Mädchen, hat für diese eine Gouvernante bezogen. Er hat von vornherein keine schlimme Absicht; er will in der Tat nur eine Erzieherin für seine Kinder. Aber der Zufall bringt ihm ein junges, reizendes Mädchen ins Haus, und dieser Versuchung vermag seine Brutalität nicht zu widerstehen. Dann schickt er die Ärmste fort: Er weiß, daß sich in seinem Gouvernement kein Ohr ihrer Klage oder Anklage öffnen wird. Diese Erfahrung ermuntert ihn zu weiteren Versuchen; er bestellt bei der Agentur in Warschau abermals eine Gouvernante; Jugend und »freundliches Äußere« macht er vorsichtshalber diesmal bereits zur Bedingung. Aber diese Anforderung wird so oft und von so ehrenwerten Leuten gestellt, daß der Agent daraus wahrlich noch nicht Verdacht schöpfen kann. Woraus sonst? Weitläufige Erkundigungen einzuziehen fällt ihm nicht bei. Er schreibt also an seinen Brüsseler oder Berliner Geschäftsfreund, und dieser wieder ist vollends außerstande, eine Nachforschung zu pflegen, selbst wenn er's wollte. Er schließt mit einer Dame, die den gestellten Bedingungen entspricht, einen Vorvertrag ab, sie erhält einen Reisevorschuß und geht nach Wolhynien. Das weitere – siehe oben! Und was hindert Herrn L. v. P., die Schandtat beliebig oft zu wiederholen? Aber so schauerlich schon dieses Beispiel ist, der Leser weiß bereits, daß es noch schlimmere Fälle gibt; ich erinnere an die Geschichte der Marie Ch. Sowohl das Wiener wie das Genfer Placierungsinstitut, die bei Schließung dieses Vertrages mitwirkten, waren achtbare Firmen. Der Agent kann sich nicht immer erkundigen, und angenommen, daß er es könnte – durch welche Mittel wäre ihm die Verpflichtung dazu so bindend aufzuerlegen, daß er ihr nachkommen müßte ? Wo die Kraft der einzelnen nicht hinreicht, ein gemeinschädliches Übel auszurotten, da darf man mit Recht die Macht des Staates anrufen, auch wenn man im übrigen noch so entschieden der Ansicht sein mag, daß der »Racker von Staat« heutzutage nur allzuviel bemüht wird. Von den Staaten Halb-Asiens war freilich keine Abhilfe zu erwarten, wohl aber von denen Europas. Und so gab ich meinen Vorschlägen endlich die praktische Spitze: Es ist die Pflicht des Staates, seine Angehörigen auch in der Ferne vor Unbill zu schützen. Natürlich können die Schweiz oder das Deutsche Reich nicht jeder Genfer oder Berliner Bonne einen Wächter ihrer Ehre beigeben noch ihren Gesandten auftragen, jede einzelne im Auge zu behalten und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Was sie aber leicht vermögen, ist, ihnen die Sicherheit zu bieten, daß sie nicht in verruchte Hände fallen. Mit anderen Worten: Den Konsulaten ist zur Pflicht zu machen, auf derartige Anfragen von Amts wegen sofort und mit aller Gewissenhaftigkeit Auskunft zu erteilen. Dann sind wenigstens die grellsten Fälle, wie jener der Marie Ch., vermieden. Es ist mir eine hohe Freude, berichten zu dürfen, daß diese Anregung nicht fruchtlos blieb. Im Gegenteil, die praktische Wirkung war größer, als ich sie je zu erhoffen wagte. Ich darf dies betonen, weil das Resultat nicht mir zu danken ist, sondern der Wucht der Tatsachen, weil ich nichts getan habe als meine Pflicht. Die Schweiz steht in jener Skala obenan, und sie war es auch, die zuerst die Frage praktisch löste. Die Bundesregierung in Bern legte, wie mir der Gesandte der Schweiz, Herr Dr. v. Tschudi in Wien, seinerzeit mitteilte, meine Aufsätze einer Enquete vor. Diese schlug eine höchst zweckdienliche Maßregel vor, die auch sofort durchgeführt wurde. Unter dem Patronat der Regierung entstand nämlich eine Gesellschaft, die sich den Schutz der jungen Schweizer Bürgerinnen im Osten zur Aufgabe macht. Dies wird dadurch erreicht, daß die Gesellschaft nicht bloß die Schweizer Konsulate des Ostens zu Hilfe nimmt, sondern auch private auswärtige Mitglieder in jenen Ländern ernennt und die Auswanderer an sie empfiehlt. Noch größeres Gewicht wird aber darauf gelegt, die Schutzlosen von vornherein nicht in schlechte Hände kommen zu lassen. Will zum Beispiel ein junges Mädchen in Lausanne als Gouvernante in ein rumänisches Haus treten, so erhält sie ihren Schweizer Paß nicht eher ausgefolgt, als bis sie in einer Filiale der Gesellschaft den Namen ihrer künftigen Herrschaft angegeben und die Erkundigung, die dann sofort auf telegraphischem Wege eingeholt wird, ein befriedigendes Resultat über den guten Ruf jener Familie ergeben hat. Ich halte dies für den einzig richtigen Weg. So ist für die Schweizerin in Halb-Asien das Schlimmste verhütet. Wer aber schützt die Deutsche? Es ist nicht Zweck dieser Zeilen, selbstgefällig das eine Resultat zu vermelden, sondern diese Frage zu stellen an alle, die es angeht. Der Export von deutschen Gouvernanten, Bonnen und Gesellschafterinnen nach jenen Ländern wächst von Jahr zu Jahr. Hält es der deutsche Bundesrat nicht für seine Pflicht, für die deutschen Mädchen denselben Schutz aufzurichten, dessen sich die Schweizerinnen bereits erfreuen? Die »Gezwungenen« Es war im Jahre 1871, im vollen Frühling. Auf der Promenade von Odessa blühten die Akazienbäume und draußen, im weißblinkenden Villenviertel, die seltsamen Blumen des Südens. Selbst über die arme Heide ging ein Dufthauch, und auf der gelblichen Düne hob der Strandhafer schüchtern sein zartbefiedert Haupt. Und dazu Tag für Tag lenzfröhlicher Sonnenschein über der jungen, schönen Stadt und dem Hafen und der tiefblauen Meerflut; es schien, als gäbe es keine Wolke mehr in jenem Mai. Alles war schön, alles. Aber es nützte mir nichts; ich mußte fort und heim. So schied ich denn mindestens des Abends, wo all die Herrlichkeit verschleiert war. Am nächsten Morgen war ich in Balta, einer ansehnlichen Stadt, was, aus dem Südrussischen übersetzt, bedeutet, daß dort sehr viele Holz- und Lehmhütten beisammen standen. Hier verließ ich die Bahn, oder vielmehr sie mich. Eine Endstation; wer damals von Odessa nach der Bukowina wollte, mußte von Balta ab durch das podolische oder bessarabische Gouvernement die kaiserliche Post benutzen, sofern er nicht wohlweislich einen Lohnwagen vorzog. Denn mit der Post fährt in Neu-Rußland nur der Unkundige, und kundig wird, wer sie einmal verkostet. Diese Post ist nicht so schrecklich wie ihr Ruf; sie ist noch viel schrecklicher. In Alt-Rußland steht es damit besser, in mancher Gegend ganz gut. Aber im Süden kann man den kaiserlichen Marterkarren nicht einmal angehenden Selbstmördern empfehlen. Denn wer den Willen zum Leben noch so energisch verneint, findet doch angenehmere Gelegenheit dazu als das Totgebeuteltwerden. Ich mietete mir also die »Britschka« des Nüssan Goldkäfer aus Hussiatyn. Man darf dabei kaum an das gleichnamige Fuhrwerk denken, welches auch im westlichen Österreich, besonders in Mähren, gebräuchlich ist. Das ist eine so idealisierte und zivilisierte Kutsche, daß sie mit jener meiner Heimat in der Tat kaum mehr gemein hat als den Namen. Es ist schwer, dieses anmutige Gefährt zu schildern, dessen Hauptzweck es zu sein scheint, den Magen des Reisenden fortwährend in gelinder Erschütterung zu erhalten – oft auch in ungelinder, es kommt eben auf den Weg an. Am leichtesten gewinnt der Leser ein Bild davon, wenn er sich auf einem plumpen Gestell mit vier gleich großen Rädern einen offenen Sarg befestigt denkt, an dessen vorderem Ende ein Brettchen angenagelt ist – der Kutschbock – und über dessen hinterem Ende eine Plache in Form einer umgestürzten Mulde gespannt ist, unter welcher der Reisende ruht. So viel zur Erklärung der »Britschka«. Zur Erklärung des Nüssan Goldkäfer aber die Bemerkung, daß, wer im Osten daheim ist, immer den jüdischen Lohnkutscher dem christlichen vorziehen wird. Der Christ ist billiger und williger, das ist wahr. Aber der Jude hat, wenige Ausnahmen abgerechnet, zwei gute Eigenschaften: Er hinterläßt keinem Vetter am Wege als Souvenir ein Gepäckstück des Reisenden, und er betrinkt sich nicht bis zur Bewußtlosigkeit. Ach, was ein Rausch ist, weiß man doch eigentlich nur in Halb-Asien! In diesem zahmen Europa ist man ja geneigt, auch schon eine kleine Erheiterung so zu nennen, welche in einer einzigen Nacht ausgeschlafen ist! Aber wer, wie ich, einmal volle dreißig Stunden in einer elenden Waldschenke hat halten müssen, weil der Kutscher, ein rumänischer Schlingel aus Bessarabien, nicht aus seiner Betäubung aufzurütteln war, der weiß, bis zu welcher Größe ein Rausch gedeihen kann, und hütet sich künftig vor diesen willigen, billigen Burschen. Auch die Juden haben im Osten ein wenig von dieser allgemeinen Feuchtigkeit angezogen, aber sie sind doch die mäßigste Nation in jenem Völkergewirr. Nur in der dunklen, wüsten Sekte der »Chassidim« finden sich Trunkenbolde; der Aberglaube, der Fanatismus, der Müßiggang haben dort zu diesem Laster geführt, wie leider zu manchem anderen auch. Aber mein Nüssan war kein »Chassid«; er gehörte zu den »Misnagdim«, den Oppositionellen, den Bibelgläubigen. Während die Chassidim die Kabbala über den Talmud stellen, achten die Misnagdim nur Bibel und Bibelkommentare und verwerfen die Kabbala. Sie verachten die Wunderrabbis, werden gern Handwerker, Fuhrleute, Gastwirte, Krämer, sind strenggläubig, jedoch nicht fanatisch. So werden sie es zum Beispiel als eine Todsünde meiden, eine Fleisch- und eine Milchspeise hintereinander zu genießen, aber sie hassen niemanden um des Glaubens willen, und die Aneignung fremder Bildung scheinen ihnen lobenswert. Sie sind ( mutatis mutandis! ) die – Altkatholiken des Judentums; trotz aller dogmatischen Strenggläubigkeit sehen sie sich von einer Majorität überflügelt, welche immer neue Dogmen als Staffeln emportürmt – zum Himmel, wie sie glaubt, zum Gipfel des Blödsinns, wie andere glauben ... »Gottlob, ich bin kein Chassid!« sagte mir also mein Herr Goldkäfer grimmig, schon als wir an den letzten Hütten von Balta vorbeifuhren. Eine dieser Hütten war nämlich ein chassidisches »Beth-ha-mid-rasch«, was man, natürlich überaus frei, mit »Volksbibliothek« übersetzen könnte. Ein großer, verwahrloster Raum, in welchem auf den Tischen schmutzige Folianten liegen und auf den Bänken Knaben, Männer und Greise sitzen, denen gleichfalls größere Sauberkeit nicht schaden könnte. Die verehrliche Versammlung schaukelt sich entweder, halblaut in den Folianten lesend, mit der Regelmäßigkeit eines Perpendikels hin und her, oder sie erörtert in gellender Diskussion die Dinge von jener Welt, oder sie widmet sich, wozu die Gelegenheit sich oft genug bietet, einem Ding von dieser Welt, dem Branntwein. Brutstätten des Müßiggangs, in welchen ein wirklich gelehrter Mann sich so häufig findet, wie ein weißer Rabe, wie denn überhaupt die jüdischen Gelehrten nicht unter den Chassidim zu finden sind. »Kein solcher!« rief also Nüssan grimmig und schwang seine Peitsche in unzweideutigster Weise gegen das fromme Haus. »Sondern ein echter Jude, ein Misnagid, ein Mann, ein ehrlicher Mann, ein Fuhrmann!« Und dann begann er, mir seinen Standpunkt des näheren zu erläutern. Ich weiß nicht, warum er es tat; auch im Osten führen die Kutscher in der Regel keine religiös-philosophischen Gespräche. Vielleicht weil er mich durch lebhafte Unterhaltung dafür schadlos halten wollte, daß er einen blinden Passagier, einen feisten Landmann aus der Ukraine, aufgenommen, der nun breit neben ihm auf dem Bock saß. Oder weil er mir beweisen wollte, daß man ein Fuhrmann sein und doch in uraltem Wissen bewandert sein könne. Jeder Mensch, die Zeit der Flegeljahre ausgenommen, die freilich bei manchem bis ins Siebzigste reicht, sucht sich eben gerne seinem Nächsten von der günstigsten Seite zu präsentieren. Und sein Talmudwissen hielt dieser rechtgläubige Jude natürlich für seinen schönsten Schmuck. Ich mußte, während er eifrigst sprach, daß die Zitate nur so niederhagelten, auf ihn blicken und dann auf seinen Nachbar, und sonderbare Gedanken kamen über mich. Die beiden Leute waren einander ungefähr gleich in Vermögen und Lebensweise, in ihrem Verhältnis zur europäischen Kultur, von der sie wohl beide gleich wenig wußten. Auch ihre Kleidung war dieselbe – Zwillichröcke und darüber Schafpelze, der Hitze wegen nach außen gekehrt. Nur daß der eine am Leibe ein Amulett trug, ein Säckchen mit Knoblauchknollen, welches ihm sein Pope zu Ostern um fünfzig Kopeken geweiht; der andere aber eine Art Westchen, an dem die Schaufäden hingen. Und doch – welche ungeheure Kluft trennte den Gedankenkreis dieser beiden Landsleute, bloß deshalb, weil der eine das Knoblauchamulett trug und der andere das Westchen! Der Russine haftete mit slawischer Zähigkeit an der Scholle, und von der Vergangenheit seines Volkes wußte er wahrscheinlich nur, daß bereits sehr viele Russinen gestorben. Der Jude aber – wohl fuhr er auf der podolischen Landstraße hin und her, aber dieses Land war nicht seine Heimat. Seine Heimat war ein fernes, fernes Land, welches er nie gesehen, welches so, wie er es sah, nicht mehr auf Erden bestand: Heute fließen Milch und Honig nicht mehr im Jordantale ... Und all sein Wissen, all sein Denken, alles, was ihn zum Menschen erhob, wurzelte in jenem Lande und seinen Geschichten. Der Staub der Jahrtausende hat sich darüber gelegt; ihm war es die ewig junge, die einzige Welt. Jeder talmudisch erzogene Jude ist eigentlich – sit venia verbo! – ein gelehrter Mensch, aber diese Gelehrsamkeit ist tot und starr; sie beweist nichts als die große Bildungsfähigkeit dieser Rasse; sie nützt nicht ihm noch den Völkern, unter denen er wohnt ... Der Zitatenhagel kam strichweise; bald lichtete er sich, bald ward er wieder stärker. Und nun kam schließlich ein zitatloses Argument. »Aber was kommt dabei heraus? Abfall! Gottlosigkeit! Zuerst zu fromm und dann ganz gottlos! Wenn ein Chassid aufhört, es zu sein, was wird er? Ein ›Meschumed‹ (Abtrünniger)! Ißt Schweinefleisch! Oder Braten und Milchreis von derselben Schüssel. Aber Gott wird wissen, was er mit den Hunden zu tun hat, welche von dem Glauben abfallen, in dem sie geboren sind. Mit allen! ... das heißt« – er stockte und fuhr dann zögernd fort – »hm, mit allen? ... Ich weiß nicht, da fallen mir diese Leute ein ...« Er verstummte und starrte nachdenklich vor sich hin. »Welche Leute, Nüssan?« »Hm – es ist mir nur so eingefallen, weil wir heute an einem solchen Hause vorbeifahren müssen ... Ich meine die ›Gezwungenen‹ ...« »Die Gezwungenen?!« ... Ich dachte an eine neue Sekte. Es ist sonst im Osten just keine große Bewegung der Geister, aber in Glaubenssachen ist dort sehr häufig eine sonderbarliche Neugeburt zu verzeichnen. »Sind es Christen oder Juden?« »Nicht Christen noch Juden, sondern eben ›Gezwungene‹. O Herr, das ist ein großes Elend! Und ein großer Frevel! Unsere Kinder wenigstens werden nichts mehr davon wissen, denn neue Opfer kommen nicht hinzu, und auf den Ehen dieser Menschen lastet ein Fluch: Sie bleiben unfruchtbar. Aber was rede ich nur! – Es ist kein Fluch, sondern ein Segen, eine Barmherzigkeit Gottes! – Soll sich das gräßliche Elend auch noch vererben? ... Die ›Gezwungenen‹ haben keine Kinder; Gott weiß, was er will! ... Aber man soll nicht davon reden; ich Tor, ich Sünder, was schwatze ich da! ...« Und er hieb grimmig auf die Pferde ein, daß der Wagen ruckweise weiterflog. Ich tat keine Frage mehr, ich kenne diese Leute; was sie für eine Sünde halten, tun sie doch nicht; um keinen Preis. Aber ich sollte doch noch am selben Tage von den Leuten hören, denen Gott seine Barmherzigkeit erweist, wenn er sie einsam dahinsterben läßt ... Wir fuhren weiter gegen Westen, immer der Sonne entgegen, durch das waldreiche, sanft gewellte Wiesenland, welches zwischen den grauen, abenteuerlich geformten Kalkfelsen des Dniestertales und dem schwarzen fetten Ackerland der Ukraine liegt. Die Landschaft ist spärlich bewohnt und schlecht bebaut; man kann stundenlang fahren, ohne ein Haus zu gewahren, einen Acker oder sonst eine Spur der Menschenhand, außer der Straße da, welche auch nicht danach aussieht, als ob sich der Menschen Hand viel mit ihr beschäftigte. Kamen wir an eine besonders schlechte Stelle, so stiegen wir aus und gingen neben den Pferden her, und Nüssan fluchte jüdisch, der Landmann russinisch und ich deutsch. Dann setzten wir uns in den Wagen und fuhren schweigend weiter. Als uns die Sonne zu Häupten stand, machten wir in einer Schenke Rast, welche am Rande eines meilenweiten Forstes lag. Diese Wälder gehören einem Potocki, ich glaube dem Grafen Adam, dem ehemaligen österreichischen Minister. Das ist ein guter Wirt. Auch dieser Forst zeigte Spuren von Kultur, und die Schenke war in gutem Bestand. Freilich sah es drinnen ebenso wüst aus wie in allen diesen »Karczmas«. Aber daran war nicht der Graf Adam schuld, sondern die Wirtsleute, die da hausten. Und vielleicht auch nicht diese Leute, sondern die sonderbaren Reinlichkeitsbegriffe des Ostens. Tout comprendre, c'est tout pardonner ; es hat mich sehr betrübt, daß die Wirtin, ein schönes, üppiges, junges Weib, sich offenbar nicht alle Tage das Gesicht wusch, aber grollen konnte ich ihr deshalb nicht. Außer dieser Frau waren noch vier lebendige Wesen in der großen Schenkstube mit den graugrünen Wänden: ein Paar Besitzer unsterblicher Seelen und ein Paar ohne solche. Zwei Viehhändler, ein Moskowiter und ein Kleinrusse, und ihre Köter. Die Köter würgten einander, und die Herren taten dasselbe. »Du Russe!« rief der eine. »Du Russine!« rief der andere, und das in einem Ton, als wären dies die größten Schimpfwörter. Das junge Weib saß schläfrig hinter der Schenkbarre und schaute dem Streit zu. Ihm war die Sache jedenfalls nicht so interessant, als sie sicherlich einem slawischen Bruder aus Österreich gewesen wäre. Ich glaube, Hunde und Katzen haben einander lieber als die einzelnen slawischen Stämme in Rußland. Durch unseren Eintritt nahm der Kampf eine neue Wendung. Der russinische Landmann, der mit uns gekommen, fragte nicht erst, wer im Rechte war, sondern warf sich auf den Großrussen und begann dessen hintere Partien kräftig zu gerben. Der Moskowiter, so zwischen zwei Feuer geraten, zog sich schleunigst in eine Ecke zurück und bombardierte seine Gegner nur noch mit den ehrenrührigsten Ansichten über ihre Nationalität und über ihre – Mütter. »Du Sohn einer Hündin!« Das war noch das relativ Sanfteste, was er hinüberrief. Auch die Russinen sprachen mit großer Sicherheit ihre Ansichten über die ihnen doch gewiß persönlich unbekannte Gebärerin ihres Gegners aus. Aber schließlich knurrten beide Teile nur noch leise und ihre Köter desgleichen. Ich verständigte mich mit der Frau über mein Mittagessen, oder vielmehr: ich versuchte dies, denn sie verstand mich nicht und ich sie nur sehr schwer. Die Juden Südrußlands sprechen freilich auch noch Deutsch, aber das ist nicht bloß von der Sprache Luthers und Lessings, sondern auch von dem Jargon verschieden, welchen die Juden Galiziens und Rumäniens sprechen. Eine Menge slawischer Wörter ist eingewoben, und eine fremdartige Aussprache macht das Ganze fast unverständlich. Ich setze als Sprachprobe die Antwort der Wirtin möglichst getreu hierher. » Rajd pomale; Kardunisch her jech swair. Jech ob nor jajzis w dome in maith. Efscher zan impes jajisnice in potem brutne zjwilis. « Das heißt zu Deutsch: »Redet langsam (slawisches Wort); Deutsch (›Kardunisch‹, d. h. die Sprache, die hinter dem Kordon Grenze gesprochen wird: in Österreich also die deutsche Sprache) verstehe (»höre«) ich schwer. Ich habe nur Eier im Hause (Slawisch) und Met. Vielleicht zum Imbiß Eierspeise und später gebratene Zwiebel.« Ein Satz, der sich dem Hochdeutschen mehr nähert als der vorstehende, dürfte sich aus diesem maßlos korrumpierten Jargon kaum zusammenstellen lassen. Auf »brutne ziwilis« glaubte ich verzichten zu sollen und begnügte mich mit »jajisnice in maith« . Die schöne Frau setzte sich zu mir und suchte den Gast zu unterhalten. Da auch sie »pomale« sprach, so erriet ich, was sie mir mitteilte. Ihr Gatte sei sechzehnjährig und derzeit noch in der Talmundschule, beim Rabbi von Belz. Die Hochzeit habe vor vier Jahren stattgefunden, sie sei damals siebzehn Jahre alt gewesen. Hier, bei den Schwiegereltern, habe sie es sehr gut und bedaure nur ihren armen Mann, der sich noch immer, fern von ihr, in der Schule so sehr anstrengen müsse. Vielleicht klingt dies dem Leser unglaublich ins Ohr. Aber es gibt unter den Juden des Ostens manche ähnliche Ehe ... In diesem Hause war es, wo ich dem ersten »Gezwungenen« begegnen sollte. Wir hatten im Plaudern das Rollen eines Wägelchens überhört, welches langsam vor die Schenke gefahren kam. Erst als es hielt, blickten wir auf. Es war ein ärmlicher Bauernkarren, auf dem ein Fäßchen und ein Korb standen. Ein magerer Klepper zog mühsam das leichte Fuhrwerk. Ein Bauer lenkte es, vor dem Tor sprang er ab. Die junge Wirtin erhob sich hastig. »Was will er?« flüsterte sie. Eine leichte Blässe jagte ihr über die Wangen. Noch auffallender benahm sich mein Kutscher. »Herr, Herr!« rief er mich laut, fast ängstlich an. Und dabei streckte er die Hand gegen die Tür vor, als wollte er sich eine nahende Gefahr vom Leib halten. »Was habt Ihr?« fragte ich erstaunt. Aber er schüttelte nur heftig den Kopf und starrte dem Eintretenden entgegen. Es war dies ein ältlicher Bauer, gekleidet wie alle russinischen Landleute. Von dem Gesicht konnte ich nicht viel sehen, der Strohhut beschattete es. »Wirtin«, wendete er sich an die junge Frau, »möchtet Ihr mir etwas abkaufen? Ich habe alten Weichselschnaps und Holzlöffel, Holzschüsseln, Pfefferbüchsen, Nadelbüchsen, Salzschalen, Holzbecher – eine große Auswahl, gedrechselt oder geschnitten, gutes hartes Holz, alles sehr billig ...« Fast flehend sagte er dies, aber langsam und ohne den Blick zu erheben. An seiner Aussprache war leicht zu merken, daß er kein Russine war, sondern ein Pole. Denn er sprach immer statt des »h« ein »g« und verschluckte die Endvokale. Die Frau blickte ihn scheu an. »Ihr wißt, mein Schwäher hat es verboten«, sagte sie zögernd. »Wegen Eurer Frau ... Aber er ist nicht zu Hause –« Sie stockte und wendete sich zum Kutscher: »Reb Nüssan, werdet Ihr mich nicht verraten? Ihr kommt häufig des Weges ...« Der »Misnagid« zuckte die Achseln und wendete sich ab. »Tut, was Ihr wollt«, brummte er grimmig. »Dann«, sagte die Frau hastig zu dem Bauer, »dann bringt mir nur eine Schüssel und zwölf Löffel. Ich will dem Schwäher schon was aufbinden ...« Und als der Mann gegangen war, seinen Korb zu holen, fuhr sie fort: »Ihr dürft es mir nicht übelnehmen, Reb Nüssan. Es sind gar so arme Leute.« »Freilich! Sehr arme Leute!« erwiderte dieser milder. »Im Leben Hunger und Elend! Und im Tode die Hölle! Und alles unverdient!« Aber da stand schon der Mann mit seinem Korb wieder in der Stube. Die Frau wählte, feilschte und bezahlte endlich die wenigen Kopeken. Ich trat heran und besah mir die Ware; es waren sehr sauber geschnitzte Sächelchen darunter. »Ich habe auch Zigarrendosen«, sagte der Mann und zog demütig den Hut. Aber sein Antlitz war mir vorläufig interessanter als seine Ware. Man sieht selten solche Züge; so viel Leid auch auf Erden wühlen mag, man sieht sie selten. Auf diesem blassen, verhärmten Gesichte lag düsterer Trotz wie eingemeißelt, und die Augen hatten einen Blick, der unwillkürlich ans Herz ging; müd, fast starr, und doch voll leidenschaftlichster Trauer ... »Sie sind ein Pole?« fragte ich. »Ja – aus Litauen.« »Aber Sie wohnen hier in der Gegend?« »In der Dettimer Schenke; acht Werst von hier. Ich bin dort Wirt.« »Und daneben Drechsler?« »Man muß sich helfen, wie man kann. Wir haben selten Gäste im Hause.« »Ihre Schenke liegt abseits?« »Dicht an der Hauptstraße, Herr! Er war einst das beste Wirtsgeschäft zwischen Bug und Dniester. Aber bei uns kehren die Fuhrleute nicht gern ein ...« »Warum nicht?« »Weil – weil sie es für eine Sünde halten. Besonders die Juden.« Und hastig fügte er hinzu: »Wenn Sie etwas kaufen wollen – diese Dose hier ...« Das hübsche Büchschen, welches er mir anbot, liegt vor mir, während ich dieses schreibe. Auf dem Deckel ist die Ansicht eines stattlichen ländlichen Hauses eingeschnitten. Auch heute freut mich die schöne Arbeit, damals aber überraschte mich diese Feinheit der Ausführung so, daß ich ungläubig ausrief: »Und das haben Sie selbst gemacht?« »Ja – alles, mit Drechselbank und Messer.« »Dann sind Sie ja ein Künstler!« rief ich. »Wo haben Sie das Holzschneiden gelernt?« »In Kamieniec-Podolski.« »Auf der Festung?« »Ja. Von einem Mitgefangenen, während des Aufstandes von achtzehnhundertdreiundsechzig.« »Sie waren unter den Insurgenten?« »Nein. Aber man fürchtete, ich könnte zu ihnen gehen. Darum schleppte man mich und die anderen ›Gezwungenen‹ auf die Festung, als der Aufstand losbrach, und ließ uns erst frei, als alles vorbei war.« »Ohne Veranlassung?« »Ohne die geringste. Ich bin nicht bloß heute ein gebrochener Mann, ich war es schon damals. Mir hat, noch als ich ein Jüngling war, die Arbeit in den sibirischen Bergwerken das Mark in den Knochen vergiftet. Auch hatte ich während der fünf Jahre meiner Ansiedlung – ich bin seit achtzehnhundertachtundfünfzig Wirt in jener Schenke – nie den geringsten Grund zum Verdachte gegeben. Aber ich war ein ›Gezwungener‹, und das genügt ...« »Ein ›Gezwungener‹ – was heißt das?« »Nun, ein Mensch, der eben zu allem gezwungen wird, was andere frei wählen dürfen: Wohnort, Gewerbe, Gattin und Glauben!« »Entsetzlich!« rief ich. »Und Sie haben sich gefügt?« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Geht Ihnen das so nahe?« fragte er. »Wir ertragen sonst sehr leicht die schwersten Leiden, welche andere erdulden.« »Das sagt Larochefoucauld«, meinte ich erstaunt. »Haben Sie ihn gelesen?« »Ja, ich habe die französische Literatur einst sehr geliebt. Aber verzeihen Sie meine Bitterkeit. Ich bin an Teilnahme so wenig gewöhnt – und was könnte sie mir auch jetzt noch nützen?« Er starrte schmerzlich vor sich hin und ich schwieg gleichfalls; ich fühlte wohl, daß diesem Menschen gegenüber irgendein Wort leichten Bedauerns eine Roheit wäre. Es war eine peinliche Pause. »Haben Sie nach einer Vorlage gearbeitet?« fragte ich endlich und deutete auf den Schnitt des Deckels. »Nein – aus der Erinnerung.« »Ein sonderbarer Baustil!« »So sind alle Herrenhäuser in Litauen. Nur der alte Wartturm ist auffällig. Es war eben ein sehr altes Haus.« »War? Steht es heute nicht mehr?« »Es ist niedergebrannt, schon vor sieben Jahren. Die Russen haben es ausgeplündert und angezündet. Sie ahnten nicht, daß sie da selbst gegen ihr Eigentum wüteten. Das Haus war seit langen Jahren konfisziert und Krongut seit achtzehnhundertachtundvierzig.« »Und Sie haben die Umrisse noch so fest im Gedächtnisse?« »Natürlich! Denn es ist mein Geburtshaus, ich bin da aufgewachsen und habe es bis zum achtzehnten Jahre selten verlassen. Dergleichen vergißt man nicht. Es sind über zwanzig Jahre her, aber in all diesen Jahren kein Tag, wo ich nicht an das Haus gedacht hätte. Ich wußte wohl, daß meine Mutter tot sei und meine Cousine schlimmer als tot. Ich wußte: das alte Haus steht öde, nur der russische Verwalter haust darin, und wenn er Packleinwand braucht, so nimmt er eines der Familienbilder von den Wänden. Aber ich habe mich doch nach dem alten Hause gesehnt – weiß Gott, wie sehr! Und als es niederbrannte – ich hätte mich ja eigentlich freuen sollen, daß es nun auch der Feind nicht mehr hatte – und dennoch, mir kamen Tränen, als ich es erfuhr. Die ersten Tränen seit langer Zeit und wohl auch meine letzten. Mich kann nichts mehr treffen ...« Ich schreibe, was er sagte. Aber wie er's sagte, kann ich nicht schreiben. Ich glaube, dem härtesten Menschen mußte es ans Herz gehen. Mein Nüssan war kein weicher Mann. Aber dennoch war er leise herbeigeschlichen und nickte nun ernst und wehmütig mit dem bärtigen Haupte. »Erlauben Sie, Pani Walerian«, sagte er, »auf Ehre, es ist eine traurige Geschichte. Gewiß, sehr traurig. Will ich Ihnen aber doch etwas sagen. Nämlich, sehen Sie mich an. Ich – das heißt: nicht ich , Gott behüte, aber sagen wir: ich – fahre allein durch einen großen Wald. Da kommt ein Mann. Schimpft mich. Will mich prügeln. Sagt: ›Du Judenhund!‹ Macht sich daran, mir den Bart auszureißen. Werde ich es mir gefallen lassen? Nein! Sondern? Ich werde mich wehren! Gut! Wenn aber hundert solche Leute kommen? Werde ich mich mit ihnen stellen? Verrückt möcht' ich sein! Sondern ich werde sie im stillen verfluchen bis in ihres Ururgroßvaters Knochen, aber laut werde ich sagen: ›Meine Herren Wohltäter! ›Herr Wohltäter‹ ist eine Höflichkeitsfloskel des Ostens, etwa so, wie man in Wien jedermann adelt. Ein schäbiger Judenbart ist wirklich gar nicht wert, von Ihnen ausgerissen zu werden!‹ Und werde schauen, im Frieden mit den Hunden auszukommen. Also das ist die ganze Geschichte von Polen. Die ganze Geschichte, das ganze Unglück. Nämlich: der Pole ist nicht so klug wie ich. Nämlich: wäre er so stark wie der Russe – prügle dich in Gottes Namen! Aber der Russe ist hundertmal stärker – also, Pani Walerian, was reizen Sie ihn, was stellen Sie sich mit ihm?« Ich mußte lächeln. Aber der arme »Gezwungene« lächelte nicht und würdigte diese Abhandlung über praktische Politik überhaupt keiner Antwort. Nur zu mir gewendet sagte er nach einer Pause: »Aber ich habe mich nicht einmal ›mit dem Russen gestellt‹! Ich habe nur die Strafe des Verbrechers, ohne das schöne Bewußtsein, wirklich ein ›Verbrecher‹ gewesen zu sein und alles für mein Volk gewagt zu haben. Ich war so jung, als sie mich nach Sibirien schleppten, wenig über neunzehn! Mein Vater war früh gestorben, ich hatte die Aufsicht über das kleine Gut. Dann war eine Cousine im Hause, ein schönes, sechzehnjähriges Mädchen – wahrhaftig, ich dachte nicht an Politik! Höchstens, daß ich polnische Tracht trug, unsere Dichter las, besonders Mickiewicz und Slowacki, und in meinem Zimmer ein Bild des Kosciuszko hatte. Und um solcher Hochverrätereien willen hätten mich selbst die Russen in normalen Zeitläuften nicht zertreten. Aber es war im Jahre achtzehnhundertachtundvierzig, und Nikolai Pawlowitsch hatte nicht umsonst geschworen: ›Und wenn ganz Europa brennt, ich halte mein Land feucht, daß kein Funke aufkommt!‹ Und er hielt es feucht – durch Ströme von Blut und Tränen! Wo ein junger polnischer Edelmann lebte, der allenfalls unter Umständen Revolutionär hätte werden können, da ward Haussuchung gehalten, und fand man zum Beispiel nur ein einziges verbotenes Buch, so hieß es: ›Pascholl, nach Sibirien!‹ Auch mit mir kam es so, blitzschnell, sinnverwirrend – ich war schon in Sibirien und glaubte noch immer nicht an mein Elend! Ach, mir war's auf der ganzen Reise, als rotierte ein Kreisel in meinem Gehirn! Dann hoffte ich, sie müßten mich freilassen, denn ich war ja unschuldig, und damals« – er lächelte; es war ein entsetzliches Lächeln –, »damals glaubte ich noch an Gott! Als ich zu hoffen aufgehört, begann ich zu rasen, und schließlich ward ich stumpf. Es war ein entsetzlicher Zustand, oft war wochenlang alle Erinnerung in mir getilgt, höchstens wußte ich noch, wie ich hieß! Das ist buchstäblich wahr, Herr – dieses Sibirien ist eine ganz besondere Gegend! ...« Der Mann war auf eine Bank gesunken, und seine Arme lagen ihm laß im Schoße – so furchtbar müde hab' ich all meine Tage kein Menschenantlitz gesehen. Endlich fuhr er fort: »Zehn Jahre waren so verflossen, wenigstens sagten es mir die Leute; ich hatte es längst aufgegeben, die Tage meines Jammers zu zählen. Wozu auch? Ich war schon so weit herabgekommen, daß ich nicht einmal mehr Mitleid mit mir selbst hatte. Da ward ich eines Tages mit einigen Gefährten zum Inspektor beschieden: Wir seien begnadigt und dürften Kolonisten in Südrußland werden. Des Zars Gnade werde jedem einen Wohnort zuweisen, ein Gewerbe und ein Eheweib, gleichfalls eine Begnadigte. Nur müßten wir uns natürlich zur griechisch-orthodoxen Kirche bekehren. Daran lag uns wenig, Herr, schrecklich wenig! Wir willigten ein, trunken vor Glück – aus Sibirien geht man gerne fort, gleichviel wohin, selbst in den Tod geht man gerne. Und wir hatten ja eine Gnade erfahren! Alexander Nikolajewitsch ist ein gütiger Herr: In Sibirien sind die Bergwerke überfüllt und in Südrußland die Steppen leer! Oh, ein Menschenfreund, ein Beglücker – decus et deliciae generis humani! Übrigens, vielleicht tue ich ihm unrecht! ... Wir traten die ungeheure Reise an und fuhren langsam gegen Südwest – nach acht Monaten waren wir in Mohilew. Da hielten sie uns nur noch in gelinder Haft und ließen vor allem den Popen auf uns wirken. Das war sehr schnell überstanden. Eines Morgens trieben sie uns in einen Saal zusammen, wohl an die hundert Männer und Frauen. Dann kam der Pope, ein baumstarker, schmutziger Mensch, der sich offenbar zu dem heiligen Werke sehr gestärkt hatte, denn er roch auf zwanzig Schritte nach Schnaps und hielt sich mühsam auf den Beinen. ›Ihr Lumpenhunde!‹ grölzte er. ›Ihr Läuse der Menschheit, ihr sollt jetzt rechtgläubige Christen werden, aber viele Mühe werde ich mir mit euch wahrhaftig nicht geben. Denn was meint ihr, was ich per Kopf kriege? Zehn Kopeken! Da soll ein Hund Missionär sein – ich tue es heute wirklich zum letztenmal! Zwar hat unser Väterchen Alexander Nikolajewitsch einen Rubel für den Kopf in den Tarif einstellen lassen, aber der Direktor, der Schuft, stiehlt neunzig Kopeken, und mir läßt er einen Zehner! Für heute habe ich es aber noch übernommen, weil man mir gesagt hat, daß ihr viele seid! Also hört! Ihr seid bis jetzt Katholiken, Protestanten, Juden! Das ist sehr gefehlt! Denn jeder Jude ist eine Wanze, jeder Protestant ein Hund und jeder Katholik ein Schwein! Das sind sie im Leben. Was aber sind sie im Tode? Aas, ihr lieben Leute, Aas! Und wird sich Christus ihrer am Jüngsten Tage erbarmen? Wahrhaftig nein! Wird ihm nicht im Traume einfallen! – Und bis dahin? Die Hölle! – Also, liebe Leute, wozu habt ihr das nötig? Bekehrt euch! Wer also zustimmt, ein rechtgläubiger Christ zu werden, der soll jetzt das Maul halten! Wer sich muckst, kriegt die Knute und muß nach Sibirien zurück! Also, liebe Brüder und Schwestern, wollt ihr rechtgläubige Christen werden?‹ Wir schwiegen. ›Gut!‹ fuhr der Pope fort. ›Nun paßt auf! Wer ohnehin schon Christ ist, braucht bloß die Schwurfinger aufzuheben und mir das Glaubensbekenntnis nachzubeten. Das wird schnell gehen. Aber mit den verdammten Juden hat man immer einen besonderen Verdruß, so auch hier; die Juden muß ich also vorher noch taufen. Juden, treten vor – das andere Lumpenpack kann stehenbleiben, wo es eben steht!‹ Und in dieser erhebenden Weise vollzog sich die Zeremonie!« Der Erzähler hatte dies alles vorgebracht, ohne eine Miene zu verziehen, und auch mir kam kein Lächeln auf die Lippen, so drastisch auch der Bericht war. »Am nächsten Tage«, fuhr Walerian fort, »folgte der zweite Akt: die Wahl des Berufes. Sie war ebenso spontan wie jene des Glaubens, nur daß man hier notgedrungen doch etwas mehr individualisieren mußte. Drei junge Gouvernementsbeamte hatten die Aufgabe, unsere Wünsche zu Protokoll zu nehmen und sie soweit zu berücksichtigen, als dies ›im öffentlichen Interesse ratsam und möglich‹. Der Mann, vor den ich gerufen wurde, war besonders jung, überdies von jener Sorte, die noch mit grauen Haaren bübisch bleibt. Ein äußerlich sehr feines, innerlich entsetzlich rohes Bürschlein, borniert und grausam, ohne eine Spur menschlichen Empfindens. Er machte sich einen Spaß mit uns, einen köstlichen Spaß, der gewiß auch seine Kameraden und seine Mätresse sehr erheitert hat, wenn er es ihnen am Abend erzählt. Der Bube erkundete auf das sorglichste unsere Wünsche und ordnete dann just das Entgegengesetzte an! Da war eine vornehme Frau unter uns, eine Polin von uraltem Geblüt, eine edle, blasse, unglückliche Frau, die in ihrer hilflosen Gebrochenheit dem Rohesten Respekt und Mitleid einflößen mußte. Die Frau war zu alt, um an einen ›Gezwungenen‹ verheiratet zu werden, sie mußte selbst einen Erwerb wählen und bat, als Lehrerin in einem Institut für Offizierstöchter verwendet zu werden; es war auch dringender Bedarf nach solchen Kräften. Aber der junge Herr beorderte sie als Wäscherin in die Garnisonskaserne von Mohilew. Da war ein alter Jude, der nach Sibirien geschickt worden, weil er bei Eydtkuhnen verbotene Bücher über die Grenze geschmuggelt. Er hatte einst eine Buchdruckerei besessen und war auch des Handwerks völlig mächtig. Vielleicht könne er in einer kaiserlichen Druckerei verwendet werden, bat der Greis und hatte daneben nur den flehentlichen Wunsch, in einer Ortschaft leben zu dürfen, wo es wenige oder gar keine Juden gebe. Denn er hatte ja nur gezwungen seinem Glauben entsagt, an dem er mit allen Fasern seiner Seele hing, und zitterte vor dem Gedanken, daß ihn seine ehemaligen Glaubensgenossen nun doch als einen Sünder betrachten und verabscheuen würden. Der junge Beamte nahm dies gewissenhaft zu Protokoll und machte den Mann zum Polizeiagenten in Miaskowka, einem kleinen Städtchen im Gouvernement Podolien, welches ausschließlich von Juden bewohnt wird. Da war ein Schulmeister aus Litauen, ein hektischer, todkranker Mensch, welcher auf den Knien eine letzte Gnade erflehte: irgendwo auf einem Dorfe ruhig sterben zu dürfen; die Landluft tue seiner wunden Brust wohl. ›Natürlich, das ist ein bescheidener Wunsch‹ sagte der nichtswürdige Bube und schickte ihn als Aufwärter in ein Inquisitenspital. Brauche ich ihnen da erst noch zu erzählen, wie es mir erging? Auch ich ließ mich von der heuchlerischen Miene des Schuftes täuschen und offenbarte ihm meine Bitte, irgendwo als Meier auf ein ganz abgelegenes Krongut zu kommen, wo ich mit möglichst wenig Menschen zu verkehren brauchte. Und darum wurde ich Schnapswirt an einer vielbefahrenen Heerstraße ...« Der Unglückliche sprang auf und ging erregt in der Stube auf und ab. »Aber nun kommt das beste!« rief er verzweiflungsvoll. »Der dritte Akt: die Wahl der Gattin!« Doch als er nun wieder ansetzte, um zu sprechen, da konnte er nicht, die wildschmerzliche Entrüstung schnürte ihm die Kehle zu. Er schwieg, aber eine jähe, schwere Träne jagte über seine Wange herab und kündete, wie bitter er noch in der Erinnerung jenen schmachvollen Moment durchlitt. »Es war entsetzlich!« stöhnte er. Endlich faßte er sich. »Herr! Herr!« rief er. »Seit die Sonne aufgeht, hat sie manches entsetzliche Spiel beschienen, welches der Mächtige mit dem Ohnmächtigen getrieben, aber eine wüstere Farce als die Art, wie wir zusammengekoppelt wurden, hat sie wohl noch nie gesehen. In meiner Jugend habe ich einmal in einer Geschichte der Französischen Revolution gelesen, wie Carrier in Nantes die Royalisten mordete. Er ließ den erstbesten Mann an irgendein Weib binden und auf Kähnen die Loire hinabführen. Mitten im Fluß ward die Falltür am Boden aufgezogen, und die Geknebelten verschwanden in den Wellen. Aber dieser Wüterich war ein Engel im Vergleich zu den Beamten des Zars und die ›republikanischen Hochzeiten‹ eine Wohltat im Vergleich zu jenen, die man uns schließen ließ! Denn in Nantes fesselte man die Opfer doch nur zu gemeinsamem Tode, uns aber zu gemeinsamem Leben! ... Da führten sie uns eines Morgens wieder in jenen Saal, wo wir rechtgläubige Christen geworden. Etwa unser Dreißig waren wir; dann wurden ebenso viele Weiber hineingetrieben. Mit ihnen kam jener Nichtswürdige, der uns in so humaner Weise unseren Beruf angeordnet. ›Meine Damen und Herren‹, begann er näselnd, ›Seine Majestät haben Ihnen allen von Herzen vergeben und wünschen, Sie glücklich zu wissen. Der Einsame ist selten glücklich, und darum sollen Sie heiraten. Jeder Herr hat das Recht, eine Dame zu wählen, vorausgesetzt, daß sie damit einverstanden ist. In Berücksichtigung des Umstandes, daß keiner von Ihnen, meine Herren, in der Lage ist, eine Dame zu erkiesen, die seiner unwürdig wäre – denn auch die Damen kommen sämtlich teils aus den Strafkolonien, teils aus den Korrektionshäusern –, da Ihnen Seine Majestät ferner väterlich einen Nahrungszweig zugewiesen, so können und dürfen Sie bloß Ihr Herz sprechen lassen. Hier ist also das Ideal verwirklicht, welches unserem sehr berühmten Landsmann Alexander Herzen vorgeschwebt. Meine Damen und Herren! Sie sind in der Lage, den Traum der sozialistischen Normalehe zu verkörpern! Also ans Werk, verkörpern Sie! Und da ferner jede echte Liebe rasch entglimmt, »jäh wie der Blitz und sanft wie Frühlingssäuseln«, wie unser Lermontow singt, so halte ich eine Stunde Zeit für genügend, um Sie wählen zu lassen. Bedenken Sie auch, daß Ehen im Himmel geschlossen werden, und vertrauen Sie getrost Ihrer inneren Stimme. Meine Glückwünsche im voraus, meine Damen und Herren!‹ Dann legte der junge Schurke seine Uhr vor sich hin, setzte sich auf die Estrade und grinste uns schadenfroh mit seinen grünen Fischaugen an. Den vollen Hohn seiner Rede hatten übrigens die wenigsten verstanden, denn wir waren eine sehr bunte Gesellschaft. Unerhört bunt! Die verwegenste Phantasie hätte sich keine grelleren Gegensätze ersinnen können. Da stand neben dem vertierten bessarabischen Hirten, welcher im Rausch einst sein Weib und Kind massakriert, der hochgebildete Gelehrte aus Wilna, welchen der idealste Trieb der Menschenbrust, die Liebe zu seinem Volk, nach Sibirien gebracht. Da stand der abgefeimte Gewohnheitsdieb aus den Moskauer Kaufläden neben dem polnischen Adeligen, der im tiefsten Unglück noch seine Ehre als das Höchste schätzte, und der junge Exprofessor aus Charkow, welchen seine kommunistischen Träume hierhergeführt, neben dem Straßenräuber vom Don, dem Banknotenfälscher aus Odessa, dem betrügerischen Kridatar aus Cherson! Da stand ich und mir zur Rechten ein Deserteur aus Lipkany, zur Linken ein Baschkire, der schon am Fuß des Galgens begnadigt worden, obwohl er einmal eine Judenfamilie in einem Dorfwirtshaus bei lebendigem Leibe rösten geholfen. Eine Gesellschaft, so wahnsinnig wirr zusammengewürfelt, daß es mir noch in der Erinnerung im Hirn wirbelt! Neben dem schönsten Adel der Menschenbrust die niedrigste Verworfenheit, neben der höchsten Bildung die tiefste, die absolut tierische Verkommenheit! Und die Frauen! Die schamlose Dirne, welche man gern aus der Korrektionsanstalt entlassen, weil sie ihre verworfenen Genossinnen noch verworfener gemacht, neben der unglücklichen Polenfrau, deren reine Seele nie ein Hauch der Gemeinheit vergiftet, deren stilles oder stolzes Glück keine Ahnung eines Kummers getrübt, bis ein Brief, eine Kokarde, eine milde Gabe an einen exilierten Landsmann sie ins Elend gebracht – hierher! Da lehnte die französische Gouvernante, welche mit ihrem jungen Freund, einem Seminaristen, von einer Moskauer Revolution und den ›Vereinigten Staaten von Europa‹ geträumt, neben der Kindesmörderin aus dem russinischen Heidedorf, neben der Diebin aus Mohilew, neben der Geliebten des Straßenräubers aus der Krim. Da drängte sich neben das zarte, jungfräuliche Mädchen, welches kein anderes Verbrechen begangen, als daß es von einer sündigen Mutter in einer Strafkolonie geboren worden, die Gattenmörderin, die Giftmischerin, die infame Kupplerin. Vielleicht waren hier die Gegensätze noch greller, denn nichts ist so gut wie ein edles Weib und nichts so schlecht wie ein verworfenes! ... Und diese Menschen sollten nun einander heiraten – und eine Stunde Zeit war ihnen gegönnt, sich kennenzulernen und zusammenzufinden! O Herr! Vielleicht begreifen Sie nun, warum es mir die Kehle zusammenschnürte, als ich davon berichten sollte! O Herr, das war der scheußlichste und zugleich sonderbarste Frevel, der je auf Erden geschehen!« Er verstummte und ging totenblaß, fast zitternd, in der Stube auf und ab. Auch die junge Wirtin starrte wie verloren vor sich hin, und Reb Nüssan hielt das Haupt gesenkt wie ein Mitfühlender. Dann faßte sich der Unglückliche wieder und fuhr ruhiger fort: »Es wird gewiß ein interessantes Schauspiel gewesen sein, wie wir sechzig Menschen uns in jener Stunde betrugen. Selbst des blasierten Unholds auf der Estrade bemächtigte sich eine fieberhafte Spannung; bald sprang er auf, bald fiel er auf den Stuhl zurück und trommelte mit zitternden Fingern auf das Tischchen. Aber wie es zuging, kann ich Ihnen nicht genau beschreiben – ich bin nicht ganz unbefangen gewesen in jener fürchterlichen Stunde. Nur das weiß ich, daß wir zuerst in zwei Gruppen geballt zusammenstanden, hier die Männer, dort die Frauen, und daß in der ersten Minute kein Blick von einer Gruppe zur anderen flog; kein Blick, geschweige denn ein Wort. Wir starrten alle vor uns hin, als hätte uns der Blitz getroffen, selbst die dumpfsten und frechsten. Eine Stille war im Saal, eine Totenstille, nur zuweilen ein schwerer Seufzer oder ein krampfhaft hastiges Atmen ... Die Minuten verrannen, gewiß nur wenige Minuten, mich dünkten sie eine Ewigkeit. Da sagte plötzlich eine laute, heisere Stimme: ›Auf, ihr Bursche – es sind ja ganz hübsche Weibsen da!‹ Wir blickten auf; es war jener Moskauer Dieb, ein hagerer, verdorrter Mensch mit dem häßlichsten Gesicht, welches ich je gesehen. Er ging auf die Frauen zu und prüfte in seiner Weise, welche die begehrenswerteste sei. Hier empfing ihn ein derber Stoß, dort ein frecher, einladender Blick, wieder andere, die Besseren, zogen sich zitternd vor ihm zurück. Ihm folgte der Baschkire; wie ein plumpes Raubtier tappste er auf die Weiber zu und grölzte: ,Ich will eine Dicke – die Dickste will ich!' Vor dem wichen aber selbst die Häßlichsten und Frechsten zurück; dieser Freier war gar zu scheußlich. Der dritte war der Kosak vom Don, ein hübscher, schlanker Junge – wie er auf die Weiber zugeschritten kam, tänzelte ihm eine freche Dirne entgegen und warf sich ihm an den Hals, aber er schob sie zurück und ging auf jenes üppige, hübsche Ruthenenmädchen zu, welches ihr Kind gemordet. Die Dirne, die er verschmäht, warf ihm ein Schimpfwort nach und hing im nächsten Augenblick an meinem Hals. Ich schüttelte sie ab, sie wiederholte die Prozedur bei meinem Nebenmann, dem ehemaligen Professor, ohne auch da glücklicher zu sein. Ihr Beispiel wirkte: die Frechen und Verderbten unter den Weibern drehten den Spieß um und suchten uns Männer heim. Nach zehn Minuten bot der Saal einen ganz anderen Anblick als zuerst: In der Mitte stand ein Haufe Männer und Weiber in eifrigster Unterhandlung, kreischend und schäkernd; ein oder das andere Paar, welches sich bereits gefunden, zog sich in die Fensternischen zurück, und hier und da zerrte ein Mann an einer Unglücklichen, die sich verzweiflungsvoll seinen Armen zu entwinden suchte. In einen Winkel hatten sich jene Frauen geduckt, denen noch ein Hauch von Weiblichkeit geblieben, und in einem anderen Winkel lehnten wir drei, der Exprofessor, Graf S. und ich, die wir uns instinktiv zusammengefunden, und starrten in das wahnwitzige Treiben. Wir dachten nicht daran, auch selber zu wählen – mir mindestens kam dieser Gedanke keinen Augenblick ... ›Noch eine halbe Stunde, meine Damen und Herren‹, scholl die näselnde Stimme unseres Peinigers. ›Noch zwanzig Minuten!‹ – ›Noch fünfzehn Minuten!‹ Aber ich stand still, wie eingewurzelt, und starrte vor mich hin. Fast brachen unter mir die Knie; mein Herz schlug langsam in dumpfen, schweren Schlägen; aber ich rührte mich nicht. Wohl schlug mir, sooft jene Stimme vernehmbar ward, eine wilde, schwere Blutwelle gegen Kopf und Hirn; aber ich tat keinen Schritt, ich wollte nicht. In mir tobte es fürchterlich – der tiefste Ekel, die bitterste Verzweiflung, die wildeste Entrüstung, die vielleicht je ein armes, dunkles Herz durchschnitten! Nein, rief es in mir, noch bin ich ein Mensch, noch muß ich meine Menschenwürde wahren – ich darf nicht auf die Freite gehen, in diesem Saal, unter den Augen jenes Menschen! Das stand fest in mir; aber einen anderen wilden Wunsch und Willen konnte ich kaum zurückdämmen, denn er war fast stärker als ich. Ich wollte mich auf den Peiniger stürzen und ihn erdrosseln ... Warum ich es schließlich doch nicht tat? Weil ich mein eigenes Leben liebte und nicht am Galgen sterben wollte. Es war die qualvollste Stunde meines Lebens, und doch hatte ich nicht die Kraft, diesen honetten Ausweg, den Selbstmord durch Rache, zu wählen. Ach, Herr, die Quelle des größten Jammers auf Erden ist doch dieser dunkle, heiße Trieb der Erhaltung! Ohne ihn wäre ich heute schmerzlos, seit manchem langen Jahr! ... So stand ich in meiner Ecke und preßte die Hände auf die Brust und hielt die Bestie in mir gefangen, die Bestie oder – das edlere Teil! Es kam nicht zur Ausführung jenes Gedankens. Aber mein Blick mochte verraten, was in mir tobte. Einmal begegnete er sich mit dem des Unholds, und ich sah, wie das Herrchen zusammenfuhr und ergrünte. Dann, nach einer Weile, blinzelte es scheu und tückisch zu mir herüber. Ich wendete mich ab und drückte die Augen zu. ›Noch fünf Minuten, meine Damen und Herren! Wer es noch nicht getan, wird hiermit gebeten, innerhalb dieser Frist sein Herz zu entdecken. Sonst werde ich genötigt sein, die Herrschaften von Amts wegen zusammenzufügen. Ich werde dies zwar nach bestem Wissen und Gewissen tun, aber Sie sind dabei doch immer von der Gefahr bedroht, statt einer Ehe aus Neigung eine Vernunftheirat zu schließen. Also – vorwärts – verlieben Sie sich!‹ Wieder schlug mir alles Blut gegen das Hirn, aber ich regte mich nicht. Mir war's, als machte ich mich zum Mitschuldigen dieses entsetzlichen Frevels, wenn ich nun in der Tat binnen fünf Minuten ›mein Herz entdeckte‹. Aber da begann ein anderer Gedanke an mir zu rütteln – jäh und übergewaltig: ›Es liegt in deiner Hand, mindestens das Schlimmste von dir abzuwehren! Wer weiß, mit wem dich sonst der Schurke zusammenkoppelt! Wähle selbst, wähle!‹ Ich tat einen Schritt vor ... ich riß die Augen auf ... Aber ich konnte nichts sehen. Wie eine rote Wolke lag es mir vor den Augen – mein Blut war so wild empört! Ich taumelte vorwärts – ich suchte die Gestalten um mich zu unterscheiden ... O Herr«, schrie der Erzähler plötzlich gellend auf, »welche Szenen habe ich da gesehen! ... Ich bin nicht feig, aber ich ... ich wage es nicht, davon zu sprechen ... So irrte ich verzweifelnd umher – kaum zwei Minuten, aber ich könnte tagelang davon berichten, was mir während der Zeit durch Herz und Hirn gegangen, und erzählte es doch nicht aus ... Da sah ich in einer Ecke eine Ohnmächtige lehnen, ein junges, schmächtiges Geschöpf, mit blondem Haar – ich habe später erfahren, daß es jenes vaterlose Mädchen gewesen, welches eine verworfene Mutter in einer Strafkolonie geboren. Ein plumper Gesell mit listigen, verschmitzten Zügen, der Banknotenfälscher, beugte sich über die Hingesunkene, suchte sie in seinen Armen aufzurichten und bedeckte den bleichen Mund mit gierigen Küssen. Ich sah es, und mir war's, als führe mir ein Blitz durchs Hirn und erleuchtete es. Ich sprang auf den Menschen zu, riß ihn empor, gab ihm einen Faustschlag auf den Magen, daß er zehn Schritte weit flog, und nahm die Ohnmächtige auf meine Arme wie ein Kind. Ich war entschlossen, sie bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen. Aber es folgte kein weiterer Angriff. Wohl raffte sich der Fälscher auf und wies mir die Fäuste, aber er hatte nicht den Mut, näher zu kommen. Wie er so dastand, hängte sich ihm ein Ersatz an den Hals, ein ekler Fettklumpen, eine Mädchenhändlerin. Er schaute sie etwas verdutzt an, ließ sich aber ihre Freundlichkeiten gefallen ... ›Meine Damen und Herren! Die Uhr schlägt keinem Glücklichen – aber ich muß Sie doch bitten, die Erklärung entgegenzunehmen, daß die Stunde abgelaufen. Ich bitte die einzelnen Paare vorzutreten und mir ihre gegenseitige Neigung zu gestehen. Ich weiß, das tut tiefe, keusche Liebe nicht gern – ich bitte Sie um Entschuldigung, aber mein Amt legt mir diese Pflicht auf. Vor allem bitte ich jene Herren dort, mit ihren Damen vorzutreten.‹ Er deutete auf mich und den Fälscher. Wieder krampfte sich mir das Herz in der Brust zusammen. Aber ich trat vorwärts, meine Last auf den Armen. ›Haltet euren Kantschu bereit!‹ sagte der Schurke zu den Kosaken, die um ihn standen. Dann wendete er sich zu mir: ›Mein Herr Wohltäter, ist es Ihre feste Absicht, die Dame hier nicht bloß in diesem Saal, sondern auch durchs ganze Leben auf Ihren Armen zu tragen?‹ Ich nickte. ›Und Sie, mein verehrtes Fräulein?‹ Aber die Unglückliche lag in tiefster Ohnmacht. ›Sie ist bewußtlos‹, stammelte ich. ›Dann tut es mir leid, mein Herr Wohltäter‹, fuhr der Beamte fort, ›aber ich muß Ihnen leider die Einwilligung verweigern. Im Interesse der Humanität und Menschenwürde muß ich darauf bestehen, daß der beiderseitige Wille durch ein lautes, vernehmliches »Ja!« deklariert werde. Da ich übrigens nicht aus Neugierde, sondern teils aus Pflicht, teils aus rein menschlicher Anteilnahme den Vorgängen in diesem Saal mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt bin, so kann ich Sie auf das bestimmteste versichern, daß nicht Sie es sind, dem die Neigung dieser jungen Dame gehört. Ich will damit Ihren persönlichen Vorzügen nicht nahetreten, aber es ist eben einem andern vor Ihnen gelungen, dies Herz sich zuzuwenden – jenem Herrn dort!‹ Er deutete auf den Fälscher. ›Nur im Übermaß des Glücks, von ihm erwählt zu sein, ist die junge Dame vorhin zusammengebrochen. Darum bitte ich Sie, mein Herr Wohltäter, nicht zwei Herzen zu trennen, die sich fest und innig fürs Leben gefunden! Ihnen winkt ein schönerer Ersatz: jene reife, begehrenswerte Schönheit, welche nur widerwillig am Arme Ihres Nebenbuhlers hängt. Also – changez, messieurs!‹ ›Hund!‹ schrie ich und wollte mich auf ihn stürzen. Aber da sauste ein furchtbarer Hieb auf mein Haupt herab. Blutend, bewußtlos stürzte ich nieder ... Als ich erwachte, ordneten sie eben den Hochzeitszug zur Kapelle. Die Vettel, welche mir der Schurke zugewiesen, kniete neben mir, wusch mir das Blut vom Haupt und hielt mir Essig unter die Nase. ›Du gefällst mir‹, krächzte sie, ›du sollst es gut bei mir haben!‹ Sie richtete mich empor, legte meinen Arm in den ihrigen und zerrte mich vorwärts. Ich war noch immer halb betäubt und folgte willenlos. Sie schleppte mich in die Reihe, die sich eben langsam zur Kirche in Bewegung setzte. Ich litt nicht mehr, während ich so hingezerrt wurde – es war zuviel über mich gekommen –, ich hatte kaum mehr die dunkle Empfindung meiner selbst. Aber während ich mich so mechanisch weiterschleppte, fühlte ich, wie mich eine schwere Hand am Kragen ergriff. ›Bruder‹, grunzte mir eine grobe Stimme ins Ohr, ›deine Dicke gefällt mir. Möchtest du nicht mit mir tauschen? Die meinige ist nicht so dick, aber dafür jünger.‹ Es war mein Hintermann, der Baschkire. Die er vorwärts zerrte, war ein mageres, häßliches, schwarzhaariges Weib, ohnmächtig oder einer Ohnmacht nahe. Der Ausdruck einer grenzenlosen Verzweiflung lag auf ihren Zügen und machte sie vielleicht noch häßlicher. Aber just dies zog mich an. Das Weib, welches so entsetzlich leiden konnte, hatte doch mindestens ein Herz, war doch mindestens nicht ganz verderbt, und darum – gleichviel, was sie hierhergebracht – meiner doch mehr würdig als die grinsende Vettel an meiner Seite. Ich rüttelte mich zusammen. ›Abgemacht!‹ raunte ich dem Baschkiren zu ... Wir überschritten eben die Schwelle der Kapelle, der Zug staute sich einen Augenblick. Wir nutzten den Moment. Wohl krächzte die Vettel auf, aber der Baschkire wußte sie zur Ruhe zu bringen, und als sie ihn näher anschaute, schien er ihr sogar zu gefallen. Das Weib aber, welches nun ich am Arme führte, hatte in seiner dumpfen Verzweiflung den Wechsel wohl kaum bemerkt. So gelang es. Wir wurden getraut. Erst als wir aus der Kapelle traten, wurde unser Peiniger der Änderung gewahr. Dann ließ er mich freilich dafür büßen« – der unglückliche Mann preßte die Zähne aufeinander und wurde noch blasser –, »er ließ mich furchtbar dafür büßen, aber er konnte es nun doch nicht mehr ändern. Der Pope hatte es ja unter Anrufung Gottes ausgesprochen, daß uns nur der Tod noch trennen könne!« Der Erzähler verstummte. »Und wer war das Weib, mit dem Sie getraut wurden?« fragte ich endlich. »Gleichfalls eine Deportierte, welche begnadigt worden. Eine Jüdin, namens Gittel Reismann – sie hatten ihr in der Taufe den Namen Xenia gegeben.« »Und warum« – eine neue Frage schwebte mir auf den Lippen, aber ich wagte es nicht, sie auszusprechen. »Was das Verbrechen meiner Frau gewesen? Auch das kann ich Ihnen erzählen, und es ist in ihrer Art eine kaum minder lustige Geschichte als die meine!« Reb Nüssan hatte bisher still und teilnahmsvoll zugehört. Aber nun, wo von seiner Glaubensgenossin die Rede war, richtete er sich auf und rückte unruhig hin und her. Die Gittel hieß nun Xenia, aber ein jüdisch Kind war sie doch. Es war ihm offenbar peinlich, daß nun ein Christ von ihr sprechen wollte, gleichviel, daß es der eigene Gatte war. »Pani Walerian!« sagte er und kratzte sich hinter dem Ohr. »Die Geschichte von Polen und wie es Ihnen gegangen ist, das können Sie erzählen. Aber was wissen Sie von der Jüdischkeit? Jüdischkeit ist etwas ganz Besonderes. Verzeihen Sie, Pani Walerian – verstehen Sie denn, warum die Gittel ins Unglück gekommen ist? Mir scheint, das können Sie nicht verstehen!« »Laßt nur!« wehrte ich ab. »Ich werde es mir schon zurechtlegen.« Aber Reb Nüssan ließ sich nicht so abweisen. »Sie?« fragte er. »Verzeihen Sie – aber was für einen Rock tragen Sie da? Einen deutschen Rock! Und haben Sie Schaufäden an der Weste? Verzeihen Sie – aber Sie haben keine. Also – was werden Sie viel von der Jüdischkeit verstehen?« »Laßt nur!« wiederholte ich. »Ihr dürft ja dann auch sprechen.« »Dann sprechen? Gut! Im Wagen! Aber kommen Sie in den Wagen! Pani Walerian, leben Sie hundertundzwanzig Jahre und seien Sie gesund und glücklich, aber wir müssen jetzt fort, mein Herr und ich. Denn heute ist Freitag, und in den Sabbat hinein fahre ich nicht, und bis Czapowka haben wir noch acht Werst.« Und erst als dieser dritte Sturm siegreich abgeschlagen war, konnte Walerian erzählen. »Vielleicht hat der Jude recht«, begann er, »vielleicht ist wirklich etwas in diesem Schicksal, was sich ein Mensch anderen Glaubens schwer zurechtlegen kann. Denn die Schwesterliebe allein kann es doch wohl nicht gewesen sein, welche dieses junge scheue Geschöpf dazu stählte, in Kampf und Gefahr zu gehen. Auch der Glaube wird da mitgespielt haben. Und dieser Glaube ist so dunkel, so geheimnisvoll! ... Die Gittel war das Kind eines reichen Mannes in einer Stadt Podoliens, welche fast nur von Juden bewohnt wird, in Belz. Sie werden den Namen gewiß oft gehört haben, es ist eine Art Mekka der Juden in Podolien und Wolhynien, und sie pilgern im Herbst in Scharen dahin, um dort, in der uralten Synagoge, die großen Feiertage zuzubringen. Besonders soll das Gebet am Versöhnungstag, wenn man es in jenem Gotteshaus verrichtet, von aller und jeder Sünde reinigen.« »Was reden Sie da?« fiel ihm der Kutscher ins Wort. »Verzeihen Sie, aber das verstehen Sie nicht! Die Betschul' in Beiz ist gewiß ein heiliges Haus, aber deshalb ist sie doch auch nur Stein und Mörtel. Nicht deshalb fährt man zu den Feiertagen dorthin, sondern weil in dieser Stadt ein heiliger Rabbi sitzt. Zwar auch nur so ein Chassid, aber doch wirklich ein hochheiliger Mann.« »Auch die Juden in Belz«, fuhr Walerian fort, »stehen im Rufe besonderer Frömmigkeit, und nirgendwo werden die tausend Vorschriften des Talmuds so ängstlich befolgt und gewahrt. Auch der alte Naftali, der Vater der Gittel, war sehr fromm; er gehörte sogar zu den Frömmsten. Und da er, wie gesagt, auch sehr begütert war, so erfreute er sich großen Ansehens. Die Gittel, sein ältestes Kind, war kaum zehn Jahre alt, als sich schon Bewerber um sie einfanden, wenn nicht zur Heirat, so doch zur Verlobung. Aber Naftali übereilte sich nicht. Er war Witwer und hatte außer der Gittel noch ein Kind, einen Sohn, der um sechs Jahre jünger war. So konnte er seiner Tochter auch eine große Mitgift bestimmen, und darum war ihm kein Freier gut genug. Als die Gittel dreizehn Jahre alt war, traf ihn ein schweres Unglück: er erblindete. Aber dies erschütterte weder seinen Stolz noch sein Gottvertrauen. ›Ich kann doch zufrieden sein‹, pflegte er zu sagen. ›Naftali Reismann tauscht auch als Blinder mit keinem Menschen!‹« »Verzeihen Sie, aber lachen muß ich!« rief Nüssan. »Hat er sich selbst bei dem Namen genannt, welchen ihm die Christen gegeben haben?! ›Naftali Reismann‹ – es ist ihm gewiß nicht eingefallen! An diesen Namen erinnert man sich wirklich nur, wenn man einen Paß braucht oder – Gott behüte! – zu Gericht gehen muß oder – Gott behüte! – zur Assentierung. Aber sonst? Nie! Sondern er wird gesagt haben: ›Naftali Feigeles‹, weil seine Mutter Feige geheißen hat – oder ›Naftali der Belzer Oscher‹ (Krösus von Belz), denn so hat man ihn genannt –« »Nüssan«, gebot ich entschieden, »alles übrige im Wagen!« »Verzeihen Sie, Naftali Reismann, hehe!« Aber das Lachen klang sehr gezwungen, und grollend schob er sich zur Seite. »Die Leute fühlten sich als Kinder des Glücks«, fuhr der Pole fort, »und wären es geblieben, läge nicht eben Belz in Rußland. Ihr Unglück kam in der Tat nur aus einer echt russischen Veranlassung. Es geschah dies im Jahre achtzehnhundertfünfzig; die Gittel war damals siebzehn, ihr Bruder Ruben elf Jahre alt. Elf Jahre – das gilt sonst in der ganzen Welt nicht als das militärpflichtige Alter. Im Reich der Knute war es sonst auch nicht der Fall, sondern just eben nur in jenen Jahren. Nikolai Pawlowitsch brauchte Soldaten; beim Löschen des ungarischen Brandes waren viele Ströme Blutes vergossen worden; nun sollte überdies der Türke dran. Man rekrutierte im ungeheuren Reich mit fieberhaftem Eifer. Damals waren Konskription und Dienstzeit noch nicht reguliert. Man ging also sehr einfach zu Werke: Man umstellte das Dorf oder die Stadt, trieb die Jünglinge zusammen, wählte die Tauglichen aus und steckte sie auf Lebenszeit in den Militärrock. Das heißt: den Alternden oder Invaliden ward dieser Rock doch wieder ausgezogen, und sie hatten die freie Wahl, hinter jeder ihnen beliebigen Hecke sich aufzuhängen oder Hungers zu sterben. Kurz: Soldat werden hieß und heißt noch heute in Rußland, bei lebendigem Leibe tot sein. Darum wurde und wird niemand gerne Soldat, wes Standes und Volkes er auch sei, nicht einmal der vertierte moskowitische Bauer, dem doch eine gewisse hündische Anhänglichkeit an den Zar durch dasselbe Mittel beigebracht wird, durch welches man den Jagdhund anhänglich macht: durch den Stock. Aber am bittersten traf jene Maßregel die Polen und die Juden, wenngleich beide aus sehr verschiedenen Gründen. Den Juden war dies Reich nicht aus nationalen Motiven verabscheuenswert, nicht darum der Dienst für den Zar bitterer als der Tod; aber die Juden nehmen überhaupt nicht gern tödliche Waffen zur Hand –« Doch da war Nüssan wieder da. »Hören Sie!« sagte er. »Das werde ich doch nicht erst im Wagen sagen, sondern gleich hier, Ihnen ins Gesicht. Was sind Sie? Pani Walerian, ein Pole sind Sie, und darum hassen Sie den Juden. In Sibirien waren Sie, und ein ›Gezwungener‹ sind Sie, aber Pole bleibt Pole. Sie sagen, die Juden sind feig. Kommen Sie her, ich werde Ihnen zeigen, ob ich feig bin! Aber im guten! – Ich werde Ihnen erklären, warum wir nicht gern Soldat werden, besonders bei dem Moskowiter nicht. Erstens, was geht uns der Zar an? Er ist gegen uns, als wären wir Hunde – sollen wir gegen ihn sein, als wäre er unser Vater?! Zweitens, ein Soldat ist kein Jude mehr, er muß christlich essen und selbst am Versöhnungstag exerzieren, so verliert er das Jenseits. Und was hat er in diesem Leben? Er hat es schlechter als ein Hund; er ist tot für seine Verwandten und seine Verwandten für ihn. Aber die Hauptsache, sage ich Ihnen, ist doch: er muß leben, als wäre er kein jüdisch Kind!« Wieder würdigte Walerian die Rede keines Wortes, den Sprecher keines Blickes. »Die Juden werden nicht gerne Soldaten«, sprach er weiter, »die Tatsache war auch dem Zar kein Geheimnis. Und er wußte wohl, daß hier jene Mittel nichts nützten, welche er dagegen bei anderen mit Erfolg angewendet. Wohl wurden auch die Judenstädtchen umzingelt, aber man fand die Vögel zum größten Teil ausgeflogen. Das Geld hatte den Schlauen den Weg zu den Regierungskanzleien geöffnet, und sie wußten schon mehrere Wochen vorher, welche Maßregeln man plante. Von den Gefangenen aber machte sich mancher durch Geld wieder los, und was zurückblieb, war armes, schlechtgenährtes, halbverkrüppeltes Gesindel. Dagegen half, wie gesagt, kein gewöhnliches Mittel, und der Zar wählte ein außergewöhnliches. Es war furchtbar brutal, es sprach aller Menschlichkeit hohn, aber es verbürgte den gewünschten Erfolg. Man fuhr fort, auch auf die militärpflichtigen Juden Jagd zu machen, aber mit noch größerem Eifer griff man auf sieben- bis zwölfjährige Knaben und schickte sie nach der Assentierung in die neugegründeten Soldatenkolonien. Damit war ein Doppeltes erreicht: Man wurde der Knaben leichter habhaft, weil ein Kind schwer aus dem Elternhaus flüchten kann, und man konnte diese verkümmerten Sprößlinge einer weichlichen Rasse zweckmäßig erziehen und willige, robuste Kriegsmaschinen aus ihnen machen. Drakonische Maßregeln gegen die Bestechung förderten die Ausführung. Kurz – der Zar konnte zufrieden sein, obwohl die Sterblichkeit unter den kleinen, bejammernswerten Rekruten schrecklich groß war und nur jeder zweite, oft nur jeder dritte die Kolonie erreichte und heranwuchs. Aber dem beugte man dadurch vor, daß man gleich von vornherein die doppelte Anzahl der Pflichtigen aushob. Ein ganz schlichtes Mittel, und daß dadurch doppelt so viele Existenzen geknickt wurden, als just unbedingt notwendig – was lag daran?! Kein Wort kann wohl die Verzweiflung schildern, welcher sich damals der polnisch-russischen Judenschaft bemächtigte. Aber es war keine stumpfe Verzweiflung, welche die Hände im Schoß ruhen ließ. Alle Sehnen dieser energischen Volksseele spannten sich; ging es doch um das, was ihnen das Heiligste war, um Gott und ihre Kinder! Solange die Kinder in Rußland blieben, gab es kein Entrinnen. Denn es war damals in der Geschichte jenes Reiches wohl der einzige Fall, wo selbst der Rubel viel von seiner Allmächtigkeit einbüßte, der Rubel, welcher doch sonst in diesem tüchtigen, sittlichen Staatswesen ein noch absoluterer Herrscher ist als der Zar. Aber wohin mit den Kindern? Nach Österreich, nach Preußen? Beide Staaten lagen damals in den Banden des ›großen Nikolaus‹, des ›Pfeilers der Ordnung‹, und ließen darum an ihren Grenzen von ihren Soldaten und Beamten nicht bloß die eigenen, sondern auch die russischen Polizeigeschäfte verrichten. So blieb denn Rumänien als die einzige Zuflucht, und bald entwickelte sich längs der Pruthgrenze ein geheimes, verwegenes Treiben. Durch das podolische und bessarabische Gouvernement wurden in den Zwischenräumen von vier bis fünf Meilen Stationen eingerichtet: in einsamen Dorfwirtshäusern oder in einer Kellerei vor der Stadt oder im Vorhof einer abgelegenen Betschule. Gelang es dem jugendlichen Flüchtling, unbehelligt eine dieser Stationen zu erreichen, so war er auch so gut wie gerettet. Denn zwischen diesen Zufluchtstätten bestand ein regelmäßig organisierter Verkehr. Die Knaben blieben den Tag über geborgen und wurden nachts immer um eine Station weiter geführt, gewöhnlich noch überdies mit Tuch umwickelt, als Warenballen. Bei Lipkany war die letzte Station, von da wurden sie auf Kähnen über den Fluß geführt, nach der Moldau, wo ihre Glaubensgenossen sie empfingen und für sie sorgten.« »Obwohl es fremde Kinder waren«, schaltete Nüssan ein, »und obwohl es schon reichere Leute auf der Welt gibt als moldauische Juden. Wir müssen doch nicht gar so böse Hunde sein, wie die Polen sagen!« »Auf die Dauer«, fuhr Walerian fort, »konnte es natürlich den Russen nicht entgehen, daß eine geheime Macht ihre Absichten durchkreuzte und ihnen just die besten Bissen entführte. Ein hoher Preis wurde auf die Enthüllung des Geheimnisses gesetzt, aber obwohl vielleicht hunderttausend Menschen darum wußten, so muß man doch der Wahrheit die Ehre geben und konstatieren, daß sich kein Verräter darunter fand. Die Entdeckung wurde zufällig herbeigeführt.« »Ja, hier ganz in der Nähe«, fiel ihm Nüssan ins Wort. »Der Kutscher hat Roth-Moschele geheißen. Der fährt ganz gemächlich nachts auf der Straße am Dniester, und drinnen liegen zehn Knaben in Kotzen eingewickelt. Begegnen ihm auf einmal dreißig Kosaken. ›Was fährst du da?‹ – ›Pferdedecken‹, sagte Moschele ganz ruhig. – ›Lade sie ab.‹ – Moschele erschrickt nicht, wirft die zehn Ballen auf die Erde, und von den Kindern muckst sich keines, sie sind ohnehin halbtot vor Schreck. Aber da sticht ein Kosak mit seiner Pike in einen Ballen, und das arme angestochene Jüngel schreit. So ist das Ganze aufgekommen. Wie der Russe erst eine Station gewußt hat, hat er auch alle anderen erfahren, und das Retten hat aufgehört. Zwanzigtausend Menschen sind deshalb ins Unglück gekommen, die Jungen unter die Soldaten, die Alten nach Sibirien. Zwanzigtausend!« »Die Zahl ist zu hoch gegriffen«, bemerkte Walerian, »aber nach Tausenden mögen die Opfer jener nächtlichen Enthüllung immerhin zählen. Und durch eine Tücke des Zufalls trat nun erst, nachdem jener Rettungsweg abgeschnitten war, nachdem sich selbst des Mutigsten und Schlauesten tiefste Hoffnungslosigkeit bemächtigt, die Gefahr an das Haus Naftalis heran. Bisher hatte er nur aus Mitleid an der Not seiner Glaubensgenossen regen Anteil genommen und sie durch Geldspenden unterstützt, aber er selbst hatte für seinen Rüben nichts zu fürchten, sowohl der Polizeimeister als der Militärkommandant von Belz waren durch pekuniäre Verpflichtungen völlig in seiner Hand. Da mußte der Offizier abmarschieren, und der Beamte kam in eine Untersuchung, welche ihn Amt und Freiheit kostete. Und bei ihren Nachfolgern war die Furcht größer als die Geldgier. Der alte reiche Mann geriet in tiefste Verzweiflung; er mußte tatlos zusehen, wie ihm die Gefahr immer näher kam, den einzigen Sohn zu verlieren. Er selbst war blind, und unter seinen Glaubensgenossen fand sich niemand, der es versuchen wollte, den Knaben nach der Moldau zu schmuggeln; um alles Geld der Welt wollte es niemand mehr tun. Da nahm die Gittel ihr Herz in beide Hände und erklärte dem Vater, sie werde es versuchen. Es war dies ein ungeheurer Entschluß für ein zartes, scheues, siebzehnjähriges Mädchen, welches bisher, die Tochter eines reichen Hauses, zärtlich behütet, in weichem Wohlleben aufgewachsen war. Und, wie gesagt, all ihre Liebe zu Vater und Bruder reicht nicht aus, solchen Heroismus zu erklären; hier hat offenbar auch die Überzeugung mitgewirkt, daß das Werk um Gottes willen geschehe, geschehen müsse. Der alte Mann sträubte sich lange, aber in seiner hilflosen Verzweiflung willigte er endlich ein. Der Knabe wurde in Mädchenkleider vermummt, was freilich nach dem jüdischen Gesetz eine Sünde war. Aber diesmal schien der Zweck das Mittel genügend zu heiligen. Die Kinder traten die Reise an. Die Details dieser verwegenen Fahrt hat mir die Unglückliche oft genug erzählt und sich dabei bitter angeklagt, sie sei nicht vorsichtig genug gewesen. Doch glaube ich, daß sie sich da schweres Unrecht tut. Ich glaube nach allem, was sie mir berichtet, daß sie damals eine Klugheit und einen Heldenmut bewiesen, wie sie bei einem so zarten, weltfremden Geschöpf geradezu bewundernswürdig genannt werden müssen. Freilich – es nützte alles nichts! Bis Lipkany kam sie glücklich, also bis hart an die Grenze. Nur noch der Fluß trennte sie von ihrem Ziel, und er schien leicht passierbar. Denn der Pruth hat dort sumpfige, dicht mit Weiden bestandene Ufer. Aber sie wurden noch in Lipkany abgefaßt. Durch einen sonderbaren Zufall. Sie kamen des Abends an und wollten nachts die Kahnfahrt antreten. Sie stiegen in einem Wirtshaus ab und beteten dort in ihrem Kämmerchen inbrünstig, daß ihnen auch das Letzte gelingen möge. Das Kämmerchen lag zu ebener Erde; ein Russe ging vorbei und besah sich neugierig die betenden Mädchen. Und dabei fiel es ihm auf, daß sich das kleinere genauso beim Beten bewege wie die Knaben der Chassidim; es beugte sich nach rechts und links und vorwärts, die drei Bewegungen folgten sich regelmäßig wie die Stöße einer Maschine. Das ältere Mädchen aber stand unbeweglich, wie dies der Jüdin beim Gebet vorgeschrieben. Dem Russen gingen die letzten Ukase durch den Kopf und die hohen Belohnungen, welche für Entdeckung eines Flüchtlings ausgesetzt waren. Er ging zum Polizeimeister. Eine Stunde darauf waren beide verhaftet. Am nächsten Morgen wurde Rüben in die Soldatenkolonie abgeschoben, Gittel nach Sibirien ...« Der Erzähler verstummte. »Kommen Sie«, bat Nüssan, »die Sonne sinkt, in drei Stunden ist Sabbat.« Aber ich hatte noch eine Frage auf dem Herzen. »Es ist nicht müßige Neugier«, bat ich, »aber hat Sie Ihre Ehe zu trösten vermocht?« »Zu trösten?« lächelte er schmerzlich. »Für Schmerzen, wie die meinen und die meines Weibes, gibt es keinen Trost. Aber wir sind zwei Menschen, welche man in denselben Kerker gesperrt, und wenn auch nicht in unserer Liebe, so verstehen wir uns doch in unserem Haß. Wir gehen still und dumpf nebeneinander her, wissen wenig von dem, was in des anders Brust lebt, und sind ängstlich bestrebt, einander sowenig wehe zu tun als möglich. Übrigens, ich bin sehr leidend, es wird wohl nicht lange mehr dauern.« Wir schieden. Nüssan trieb die Pferde heftig an, gab aber daneben gleichwohl einen ausführlichen Kommentar zur Erzählung des Polen. Aber ich achtete nicht darauf, mir tat das Herz weh vor ohnmächtigem Mitleid. In der Dämmerung kamen wir an einem einsamen Haus vorbei, aus dem ein dürftiges Licht strahlte. »Das ist die Dettimer Schenke«, sagte Nüssan. »Haltet!« befahl ich. »Aber der Sabbat«, jammerte Nüssan. Er mußte dennoch gehorchen. »Nur einige Minuten«, beruhigte ich ihn und ging auf das Haus zu. Im Schenkzimmer brannte ein Licht, ich schaute hinein. Es war ein großer düsterer Raum, in einer Ecke brannte vor einem Heiligenbild eine Lampe. Hart daneben stand ein Tisch, auf dem zwei Kerzen standen, die man eben anzündete. Eine Frau beugte sich über sie. Ich konnte ihr Antlitz sehen, es waren harte, gramdurchfurchte Züge. Selbst im Gebet verklärten sie sich nicht. Denn die Frau betete; ich sah es an der Bewegung der Lippen und der Hände. Und an den letzteren konnte ich auch erraten, welches Gebet es war: der Segensspruch, welchen das Judenweib am Freitagabend über die Sabbatkerzen spricht. Ich starrte lange in dieses Antlitz und nach den drei Lichtern, bis mich endlich Nüssans jammerndes Bitten abrief ... Das war im Jahre 1871. Aber ich habe nicht vergessen können, was ich an jenem Frühlingstag auf der podolischen Landstraße gehört und gesehen. Und dann hat es mir als Pflicht geschienen, davon zu berichten. Der lateinische Kanonier Es sind lange, lange Jahre seitdem vergangen, aber wär' ich ein Maler, ich könnte doch alles aufzeichnen, so überaus deutlich steht es vor meinen Augen. Sogar an das graue Röckchen weiß ich mich zu erinnern, das mein Nachbar zur Linken trug, der Moses Salzmann, und an die Stiefelhosen des Theodor Bohusiewicz. Aber ich bin leider nur ein Zeichner in Worten geworden und muß es daher so versuchen. Denkt euch also einen düsteren, regnerischen Februartag und in seinem Licht ein düsteres, verregnetes Städtlein und in einer der koterfüllten Straßen ein graues, unheimliches Haus und in diesem Hause eine graue, unheimliche Stube. Freilich zittert für mich, während ich dies niederschreibe, hellgoldiger Sonnenschein der Erinnerung an die eigene Jugend. Denn ich sehe ja auch mich unter den vielen fünfzehn-, sechzehnjährigen Jungen, die da auf niedrigen Schulbänken beisammensitzen. Bang und klopfenden Herzens sitzen wir da und blinzeln nur zuweilen scheu nach dem Katheder hin, als stände dort ein Tiger oder ein Gespenst oder gar der Herr Direktor. Es steht aber nichts Ähnliches dort, sondern im Gegenteil ein hübscher junger Mann, der eben lächelnd den Knoten einer Schnur löst, die einen Haufen von Heften zusammenhält. Das ist der Professor des Latein, Herr Wilhelm Lang, und diese Hefte sind unsere Hauspensa. Er lächelte, weh uns, wir kennen dieses Lächeln. Wer die Aufgabe schleuderhaft gearbeitet hat, erbleicht, und wer sie gar von anderen abgeschrieben hat, knickt zusammen wie ein Taschenmesser. Aber selbst durch die Reihen der »Vorzugisten« geht leises Beben. Denn wer kann sich rühmen: »Ich bestehe vor Professor Lang«, und wer darf von sich sagen: »Ich bin ein Gerechter in seinen Augen«?! Er lächelt, ach, er lächelt immer stärker. Und nun hält er eines der Hefte hoch empor. »Raten Sie«, fragt er, »wer hat die Aufgabe am besten gearbeitet?« Tiefste Stille. Nur einige Seufzer werden hörbar. »Nun, niemand, Also, die beste Arbeit ist die unseres weisen Aristides, Aristides Lewczuk.« Das ist ein Witz. Und darum wird in den ersten Bänken, wo die braven Schüler sitzen, pflichtschuldig gelacht und in den mittleren Bänken, wo die minder braven Schüler sitzen, minder pflichtgemäß gekichert. In den letzten Bänken aber, wo die Trotzigen und die Faulen hocken, die verkannten Genies und die Spezies, der immer »Unrecht geschieht«, dort lacht man nicht, wenn ein Professor einen Witz macht. Dort bleibt's grabesstill ... Aber warum ist das mit dem weisen Aristides ein Witz? Und wer ist Aristides Lewczuk? Quintaner des Gymnasiums zu Czernowitz. Aber noch manches dazu. Seht ihn euch nur einmal an, den großen, plumpen, sechsundzwanzigjährigen Menschen – dort, nahe an der Wand, auf der hintersten Bank. Er hat den Spitznamen »das Faultier«, und wer ihn so in seiner Bank, in der er Alleinherrscher ist, lümmeln sieht, das gelblich aufgedunsene Antlitz mit den schwarzen, glotzigen Äuglein auf beide Arme gestützt, wird die Bezeichnung nicht so ganz unpassend finden. Er ist soeben durch einen Nasenstüber seines Vordermanns aus sanftem Dusel aufgewacht und blickt nun nicht sonderlich geistreich um sich. Geistreich sein ist überhaupt nicht seine Sache. Der arme Junge! Bis zu seinem vierzehnten Jahre hat er zufrieden in Mamornitza gelebt, dem schmutzigen Rumänendörfchen an der Grenze, wo sein Vater Ortsrichter ist, und kein Drang nach dem Höheren hat ihn gequält. Aber das war leider bei seinem Vater der Fall: Aristides mußte studieren und Priester werden. Und so ist der arme dumme Junge zur Stadt gekommen, in die Schule, ach, nur Gott hat die Tränen und Schläge gezählt! Darauf freilich hat Aristides dem Vater erklärt, ihm scheine, er habe »keinen Kopf für das Lateinische«. Aber der Herr Ortsrichter waren anderer Ansicht, und so hat sich Aristides in sein Schicksal gefügt, eine Leuchte der griechisch-nichtunierten Christenheit zu werden. Freilich scheint sich gleichzeitig die Überzeugung bei ihm ausgebildet zu haben, besagte Christenheit habe es nicht so eilig. Denn er hat sich nicht überstürzt und genau acht Jahre für das Untergymnasium gebraucht. Und nun sitzt er in Quinta, in der letzten Bank, der arme, tölpelhafte, vielgehänselte » ultimus ultimorum « ... »Lewczuk!« sagt der Professor; Aristides erhebt sich zögernd und kratzt sich hinter dem Ohr. »Daß ein anderer die Aufgabe verfaßt hat, ist klar. Denn sie ist nicht bloß fehlerlos, sondern in elegantem Latein geschrieben. Und darum begnüge ich mich nicht damit, Ihnen eine ›Dritte‹ einzuzeichnen und dazu die Note ›Hat zu betrügen versucht‹«, Aristides kratzt sich stärker, »sondern ich frage Sie auch: Wer ist der Autor? Ein Gymnasiast ist's nicht!« Aristides schweigt. »Nun – wird's bald?« »Ich kann nicht sagen, wer ist«, stammelte Aristides endlich weinerlich in seinem schwerfälligen Deutsch. »Warum nicht?« »Weil er kriegt sonst gleich fünfundzwanzig.« Wir brechen in stürmisches Lachen aus, auch der Professor lächelt. Nur Aristides bleibt todesernst. »Herr Hauptmann laßt ihm gewiß geben«, fügt er hinzu. »Kommen Sie her, Lewczuk«, ruft Lang ungeduldig. Aristides avanciert langsam, bis er endlich von dem Katheder steht. »Ist denn Ihr bißchen Verstand rebellisch geworden? Wer hat die Aufgabe gemacht?« »Der lateinische Kanonier hat gemacht. Ich weiß nicht, wie heißt. Andere Soldaten sagen immer ›Lateiner‹. Herr Hauptmann ruft auch ›Lateiner‹. Sag' ich auch ›Lateiner‹.« »Und wo haben Sie diese merkwürdige Bekanntschaft gemacht?« »Bei uns, im Hof, bei der Frau Terlecka. Da wohnt auch Herr Hauptmann mit Pferde. ›Lateiner‹ ist Privatdiener vom Herrn Hauptmann, bedient Pferde.« Die Klasse windet sich in Lachkrämpfen. »Und dieser Pferdeknecht hat die Aufgabe gemacht?« ruft der Professor. »Wer ist denn dieser Mensch?« »Sehr guter Mensch!« versichert Aristides. »Brave Seele. Aber ist immer traurig, immer traurig, krank, so auf der Brust. Kommt er neulich zu mir, sagt: ›Sie sind Student?‹ Sag' ich: ›Ja.‹ Sagt er: ›Ich bitte, leihen Sie mir Bücher.‹ Sag' ich: ›Ich hab' nur Schulbücher.‹ Sagt er: ›Leihen Sie mir Schulbücher.‹ Geb' ich Mathematik. Fragt er: ›Vielleicht Klassiker?‹ Frag' ich: ›Können Sie Lateinisch, Griechisch?‹ Sagt er: ›Ja!‹ Geb' ich ihm Ovid, liest er Ovid. Geb' ich ihm Xenophon, liest er Xenophon. Geb' ich ihm Homer, liest er Homer. Ohne Wörterbuch, kann sehr gut. Frag' ich: ›Warum sind Sie gemeiner Soldat?‹ Sagt er: ›Schon fünfzehn Jahre‹, erzählt mir, wegen Paket, wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen ...« »Wie?« unterbricht ihn der Professor erstaunt. »Wegen Paket«, wiederholt Aristides unerschütterlich, »wegen Spitzel, wegen schlechte Menschen. Wissen Sie, Prager Revolution. Hör' ich zu, Herz tut mir weh, sag' ich: ›Ist traurig!‹ Frag' ich: ›Aber können's vielleicht diese Aufgabe machen?‹ Sagt er: ›Ja!‹ Sag' ich: ›Also machen's!‹ Macht er. Schreib' ich ab.« Der Professor war ernst geworden. »Wohnt jemand von Ihnen in der Nähe des Lewczuk?« fragte er dann. Ich melde mich. »Bitte, lassen Sie sich von Lewczuk hinführen. Sprechen Sie mit dem Mann und berichten Sie mir dann. Vielleicht läßt sich etwas für ihn tun.« – Die drei Schulstunden des Vormittags waren vorüber. Ich ging mit Lewczuk durch die kotigen Gäßchen, auf denen der dicke Nebel lag, seiner entlegenen Wohnung zu, in der Russischen Gasse. Mein Mitschüler war so aufgeregt, als das überhaupt bei so glücklicher Naturanlage möglich war. »Verflucht, wann aufkommt«, meinte er. »Hauptmann bekommt Wind, wird bös, laßt fünfundzwanzig geben, Mensch ist krank, wird hin, wer ist schuld? Ich!« Dann aber: »Was ich? Nicht ich! Er selbst! Sag' ich ihm gleich: ›Ich bin kein Primus, ich bin kein Vorzugist, ich bin schlechter Schüler. Machen's also Fehler hinein; vier Fehler: »genügend«, oder fünf: »hinreichend«, oder sechs: »zur Not ausreichend«.‹ Aber so, er verspricht, macht doch ohne Fehler, natürlich! Lang riecht Braten!« Ich erlaubte mir zu fragen, warum mein Herr Kollege nicht bestrebt sei, aus eigener Kraft nur sechs Fehler in einer Aufgabe zu machen. »Nutzt nichts«, meinte er in fatalistischer Ergebung, »bin ja erstes Jahr in Quinta, muß ja ohnehin repetieren. Kein Kopf, zu dumm. Aber schadet nichts! Will ich denn ein Doktor werden? Nein! Oder Advokat? Nein! Oder Professor? Nein! Also, nur Pfarrer, Dorf, Bauern, Kopf gut genug!« Dieses Bekenntnis legte er mir an der Pforte seiner Wohnung ab. Wir wateten durch den Kot des Hofes. »Dort Stallung«, sagte Aristides und wies auf einen kleinen, halbverfallenen Bau, »dort wirst finden. Ich geh' Schlaf machen, bis Mittag. Servus!« Ich trat in die Stalltüre. Zwei glänzend gestriegelte Pferde wieherten mir entgegen, an den Wänden hingen Waffen und Monturstücke. Schon wollte ich mich zurückziehen, da klang mir aus dem Hintergrund, wo ein Lager sein mochte, heftiges Husten entgegen und dann die Frage: »Was wünschen Sie?« Ich blickte hin, vermochte aber im düsteren Licht dieses Tages nichts wahrzunehmen. So rührte ich denn an den Hut und sagte in die Dämmerung hinein: »Ich wünsche den Herrn lateinischen Kanonier zu sprechen.« Der Mann erhob sich und trat mir entgegen. Er war ziemlich hoch gebaut, aber die Haltung war schlaff, die Gestalt verfallen. Er mußte sehr krank sein. Man sah es auch an dem Gesicht; es war kahl, düster, entsetzlich düster. Und noch etwas anderes las man aus diesem Gesicht: daß Reithose und Stalljacke nicht die rechte Bekleidung für diesen Menschen waren. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich zog den Hut. »Ich bin der Kanonier, den Sie suchen.« Ein leises Lächeln spielte dabei um seine Mundwinkel. Dadurch wurde ich erst inne, daß ich, der Wildfremde, ihn eigentlich bei seinem Spitznamen genannt hatte. Dies machte mich so verlegen, daß ich die Erzählung von dem Hauspensum unseres Aristides und dem Auftrag Langs nur sehr verwirrt hervorbrachte. Er sah mich dankbar an mit seinen traurigen blauen Augen. »Ich danke dem Herrn Professor für seine Freundlichkeit und Ihnen für die Mühe, ich danke Ihnen herzlich. Es tut mir leid, daß der arme Lewczuk Verdruß gehabt hat, aber die ›sechs Fehler‹ habe ich wirklich vergessen. Ich hab's überhaupt nicht gerne getan, aber ich war ihm auch Revanche schuldig für die Bücher, die er mir geliehen hatte. Und der Aufsatz war richtig?« »Und wie! Der Professor hat gleich gesagt: ›Das hat kein Gymnasiast geschrieben!‹« »Ja«, sagte er, »wenn man einmal sein Leben an etwas gewendet hat, so vergißt man's nicht so leicht wieder.« Er hustete krampfhaft, und ich sah entsetzt, wie ihm einen Augenblick lang blutiger Schaum auf die Lippen trat. Dann ließ der Anfall nach, und er fuhr fort: »Seit fünfzehn Jahren habe ich kein lateinisches Buch in der Hand gehabt. Nur den Homer hatte ich.« Er ging nach seinem Lager und brachte mir das kleine, dicke, abgegriffene Büchlein. »Das habe ich in jener Nacht vom neunten auf den zehnten Mai achtzehnhundertneunundvierzig, da sie mich zu Prag aus dem Bett rissen, zu mir gesteckt und seitdem, wie durch ein Wunder, überall durchgeschmuggelt. Ich sollte dem Buch eigentlich zürnen«, fuhr er mit entsetzlichem Lächeln fort, »es hat mich am Leben erhalten.« »Oh, ich weiß«, rief ich, »Sie waren bei der Prager Revolution!« Er schüttelte den Kopf. »Nein! Ich war ein fleißiger Student, der nur seinen Studien lebte. Mein Verbrechen war: Ich habe einmal einen gekannt, der sich um Politik kümmerte.« »Wie?!« rief ich entsetzt. »Und darum –« »Ja, darum!« Dann aber meinte er ablenkend: »Sagen Sie also dem Herrn Professor, daß ich ihm herzlich danke. Aber ich wüßte kaum, was sich noch etwa für mich tun ließe.« »Aber Sie sind ja so krank! Sie können nicht länger hier bleiben, in dem feuchten Stall!« »Es wird ja bald Frühling!« erwiderte er mit einem Lächeln, das mir durchs Herz schnitt. »In der schönen Zeit wird mir immer besser. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, mein junger Freund, so werde ich sogar in diesem Frühling ganz gesund!« Mir schossen die Tränen in die Augen. »Sprechen Sie nicht so!« bat ich. »Es kann ja noch alles gut werden. Wir haben ja jetzt den Schmerling!« Ich erinnerte mich, wie drei Jahre vorher, Ende Februar 1861, die ganze Stadt und insbesondere das Gymnasium zu Ehren der Februarverfassung beleuchtet gewesen und wie wir Schüler auf Anweisung unseres Klassenlehrers damals ein Transparent angefertigt hatten: » Liberias et justitia Austriae fundamenta. « Und darum fuhr ich fort: »Wir haben ja jetzt eine Konstitution. Jetzt darf niemandem länger Unrecht geschehen. Jetzt ist ja Österreich auf Freiheit und Gerechtigkeit erbaut ...« Er lächelte, lächelte so sonderbar, daß ich stockte. Ich habe mich oft dieses Lächelns erinnern müssen – am 30. Juli 1865 – am 6. Februar 1871 ... und seither noch oft, sehr oft ... »Vielleicht können wir«, schloß ich, »Ihnen einstweilen Ihr Los erträglicher machen. Sie wünschen Bücher?« »Oh«, rief er erfreut, »das wäre freilich sehr schön! Wenn Sie diese Güte haben wollten! Sie wissen gar nicht, wieviel Sie da an mir täten!« Er war wie elektrisiert, seine Augen glänzten. »Wenn mir der Herr Professor einen tüchtigen Kommentar zum Homer leihen könnte! Dann vielleicht einen Horaz. Sehen Sie, wie ich gleich unersättlich bin! Und dann – Schillers Gedichte möchte ich auch noch einmal gerne lesen, bevor ich – bevor es Frühling wird!« »Alles will ich besorgen«, versprach ich. »Die Klassiker hole ich nachmittags vom Herrn Professor. Aber den Schiller habe ich selbst, den bringe ich gleich.« Ich lief heim und brachte ihm das Buch. Die Art, wie er zitternd danach griff und halblaut zu lesen begann, werde ich niemals vergessen. Darauf ging ich zu Lang und erzählte ihm alles. Er war tief erschüttert und zeigte die lebendigste Teilnahme. Gerne hätte er mir gleich seine ganze Bibliothek mitgegeben; beladen wie ein Maulesel trabte ich in die Russische Gasse. Gleichzeitig überbrachte ich eine Einladung des Professors, ihn doch ja bald zu besuchen. Der arme Kanonier war bis zu Tränen gerührt. Alle Bücher schlug er auf, las die Titel und rief ein Mal über das andere: »Oh, daß ich das noch erlebe!« Dann brachten wir alles in Lewczuks Stube; hier, im ärarischen Stall, waren die Bücher nicht vor Konfiskation sicher. Der wackere Aristides begriff zwar die Freude des armen Lateiners nicht recht, aber er teilte sie. »Freut sich über Bücher!« sagte er erstaunt zu mir. »Ich freu' mich nie über Bücher. Aber wann sich nur freut armer, kranker Mann, freu' ich mich auch!« Auch die Einladung nahm der Kanonier dankbar an. »Am nächsten Sonntag«, sagte er, »wenn mein Hauptmann auf der Jagd in Zuczka ist.« Ich führte ihn an diesem Tage in das Haus des Professors und durfte auch dableiben. Es war rührend zu sehen, wie der Todkranke gleichsam neu auflebte im Verkehr mit einem gebildeten Mann, der lebhaftesten Anteil an ihm nahm und überdies dieselben gelehrten Studien betrieb wie einst er selbst. Und an jenem Tage erzählte er uns die Geschichte seines Lebens, eine schlichte, nüchterne Geschichte und doch voll zermalmender Tragik. »Ich heiße Franz Bauer und bin im südlichen Böhmen, bei Budweis, geboren. Meine Eltern waren arme Leute, und ich mußte mich ganz durch eigene Kraft emporringen. Schon während der Schülerzeit erhielt ich mich durch Privatlektionen und half mir dann auch auf der Universität auf gleiche Weise fort. Ich bezog die Prager Hochschule 1847 und studierte Philologie. An der Bewegung von 1848 nahm ich keinen Anteil; den Prager Junitagen stand ich fern. Nicht etwa, als ob ich stumpf gewesen wäre für die Ideale, die man damals verfocht, es waren die Ideale der Nationalität und der Freiheit, und die hatten mir auch meine Alten gepredigt, wenn auch in ihrer Weise. Aber ich war keine Natur, die für lautes Treiben paßte, ein stiller, scheuer Mensch, und kannte mich eigentlich nur in meinen Büchern aus. Damals begann ich auch die Vorarbeiten für eine Abhandlung: ›Über die Entstehung der homerischen Epen.‹ Der Winter verging mir in rastloser Arbeit, der Frühling von achtzehnhundertneunundvierzig kam. Da entlud sich das Unglück über mir. Ich verkehrte damals ab und zu mit einem Landsmann und Studiengenossen, der Mitglied der Burschenschaft ›Markomannia‹ war. Er war ein braver, fleißiger Mensch, dabei schwärmerisch und den revolutionären Ideen ergeben. Der kam nun eines Tages im März zu mir und erzählte mir, es habe sich ein großer Geheimbund gegen die ›schwarzgelbe Tyrannei‹ gebildet, dem auch er angehöre; der Bund bestehe aus jungen Leuten aller Stände, Deutschen und Tschechen, habe Fühlung mit dem Landvolk und durch einige Offiziere böhmischer Regimenter auch mit dem Militär. Zweck des Bundes sei, sich des Prager Hradschins und sämtlicher Festungswerke zu bemächtigen; auf dieses Signal hin werde sich das ganze Land erheben. Er lud mich ein, dem Bund beizutreten, was ich rundweg abschlug; auch warnte ich ihn, sich nicht in so gefährliche Dinge einzulassen. Er aber meinte, erstens sei es Pflicht, das Vaterland zu befreien, zweitens könne die Sache gar nicht fehlschlagen, denn der Prager Bund stehe nicht allein, er habe durch den russischen Agitator Bakunin Fühlung mit einer großen revolutionären Liga in Dresden und unterhalte Beziehungen zu Görgey, der ja die k. k. Truppen ununterbrochen schlage und sehr bald in Pest, bald auch in Wien sein werde. Überdies stehe der Bund unter der Leitung bewährter und erfahrener Patrioten. Natürlich blieb ich trotzdem bei meiner Weigerung, und er brach verstimmt ab. Wir sprachen auch in der Folge nicht wieder über die Sache, und ich vergaß daran. Sonderlich interessiert hatte sie mich nicht: Sie war mir nur eben als eine törichte, knabenhafte Schwärmerei erschienen. Da sollte ich fürchterlich daran erinnert werden ... Mein Freund hatte mich auch während des Aprils mehrere Male besucht. Er holte mich gewöhnlich am späten Nachmittag ab, worauf wir bis in die Nacht hinein einen größeren Spaziergang machten. So kam er auch in der Abenddämmerung des neunten Mai zu mir, ein großes versiegeltes Paket unter dem Arm. ›Da bin ich‹, sagte er. ›Aber nun mußt du mich auf meine Stube begleiten, dort will ich das Paket in Sicherheit bringen. Dann stehe ich zu deiner Verfügung.‹ Da er aber in einem Gäßchen der Kleinseite wohnte und wir einen Spaziergang in entgegengesetzter Richtung geplant hatten, so meinte ich lachend: ›Laß doch deinen Schatz bis morgen hier! Was ist denn drin?‹ – ›Allerlei Papiere‹, erwiderte er, und ich legte es in meine Tischlade. Wir gingen fort und verbrachten einige recht angenehme Stunden. Gegen zehn Uhr kehrte ich heim, las noch einige griechische Verse und schlief dann ein. Es mochte gegen drei Uhr morgens sein, da weckte mich Gepolter an meiner Tür. Erschreckt fuhr ich auf; ich hörte draußen den Jammerruf meiner alten Hausfrau, die barsche Frage: ›Wo schläft er?‹ und dazu das Geklirre von Waffen. ›Die Soldaten!‹ rief ich entsetzt und sprang auf. Mein erster Gedanke war das verhängnisvolle Paket; das mußte ich beiseite bringen. Aber es war zu spät, da war schon die Patrouille im Zimmer. Ich wurde verhaftet, meine Bücher flüchtig durchstöbert, meine Papiere, darunter das Paket, das ich noch immer in der Hand hielt, zusammengerafft und fortgeschleppt. Dann zerrte man mich die Treppe hinab und führte mich auf einem Wägelchen durch die dämmerigen Gassen zum Hradschin. An den Straßenecken der Stadt, die noch im tiefen Schlaf lag, war eine Proklamation angeschlagen, welche die Einführung des Belagerungszustandes verkündete. Auch sah ich, wie eben aus einem Hause eine Eskorte heraustrat, in ihrer Mitte ein junger Mensch, ein Student. Er war totenblaß, aber er hielt das Haupt aufrecht, und seine Augen leuchteten. ›Hoch die heilige Sache!‹ rief er mir begeistert zu. Ich erwiderte nichts, ich war wie betäubt. Oben waren die Kanonen auf die Stadt gerichtet, der Hradschin glich einem Feldlager ... Ich wurde in ein Gefängnis geworfen. Hier erst kam ich allmählich zum Bewußtsein meiner Lage. Kein Zweifel, jene Verschwörung, von der mein Freund gesprochen hatte, war entdeckt, ich als Mitschuldiger verhaftet. Man hatte die Papiere bei mir gefunden, ich wußte nicht, wie man darauf gekommen war, aber ich war verloren! Dann aber richtete ich mich wieder auf; ich war ja unschuldig, und wenn ein Gott im Himmel lebte, so konnte er nicht dulden, daß ich ein Verbrechen büßte, das ich nicht begangen hatte.« Der Erzähler hielt inne. »Und ich habe es doch gebüßt«, rief er verzweiflungsvoll, »gebüßt mit meinem ganzen Leben.« Dann beruhigte er sich wieder und setzte hinzu: »Die näheren Umstände haben für Sie wohl wenig Interesse. Ich war durch meinen Freund ins Unglück gekommen, aber nicht mit seinem Willen. Er war kurz nach Mitternacht verhaftet worden. Er war noch wach gewesen, hatte die Tür verriegelt und in fliegender Hast einen Zettel an mich geschrieben: ›Vernichte die Papiere!‹ Den hatte er seinem gleichfalls aus dem Schlaf gestörten Hausherrn zur Besorgung übergeben. Und dieser Biedermann hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihn samt meiner Adresse dem Führer der Patrouille zu übergeben. Es ging sehr rasch. Nicht so rasch ging es mit dem Verfahren gegen mich. Die Verhandlung rückte langsam vor, und ich erfuhr eigentlich erst während der unzähligen Verhöre vom Auditor, was für ein gefährlicher Mensch ich war. Meine Unschuld kam nicht an den Tag; die Herren vom Kriegsgericht sprachen mich schuldig. Ich wurde zum Tode verurteilt und die Strafe dann im Gnadenweg zu zwanzigjährigem Dienste im Fuhrwesenkorps gemildert. Was so die Menschen Milde und Gnade nennen! Fünf Jahre später lernte mich mein Hauptmann kennen. Er war Vorsitzender eines Militärgerichts, das mich wegen Aufhetzung meiner Kameraden – ich hatte ihnen meine Geschichte erzählt – zur Versetzung in eine Strafkompanie verurteilte. Mein Schicksal rührte ihn, er nahm mich als Privatdiener zu sich und behandelt mich ziemlich menschlich, das heißt, wenn er nüchtern ist ...« Und leise, sehr leise fügte er noch hinzu: »Ach, wenn es nur schon Frühling wäre!« Ich will nicht beschreiben, was wir beiden Zuhörer bei dieser Erzählung empfanden. Der Professor suchte das Los des Mannes zu mildern, wo er nur konnte, und ich trug ihm wenigstens Bücher zu, da ich doch nichts anderes für ihn zu tun vermochte. Seine Ahnung, seine Hoffnung, er werde im Frühling genesen, hat ihn nicht getäuscht. An einem schönen Sonntag im Mai ging ich mit mehreren Mitschülern die Russische Gasse hinab. Wir wollten nach dem Wäldchen von Horecza. Da kam uns Aristides entgegen; er schlenderte der Stadt zu. »Hei«, riefen wir, »komm mit, Lewczuk«; er war uns als Sündenbock immer willkommen. Aber Aristides schüttelte ernst das Haupt. »Ich geh' auf Begräbnis«, sagte er, und zu mir gewendet fuhr er fort: »Komm mit, ›Lateiner‹ ist tot, armer, kranker Mann, tut nichts mehr weh. Donnerstag bekommt Blutsturz, Hauptmann laßt ihn in Spital schleppen, Freitag früh gestorben. Heute vier Uhr ist Begräbnis, ich hab' Sanitätssoldat Schnaps gezahlt, hat mir erzählt.« Wir gingen zum Militärspital. Punkt vier Uhr kam der traurige Zug geschritten, der Leichenzug eines gemeinen Soldaten. Nur ich und Aristides mochten Leid empfinden. Die Zeremonie auf dem Friedhof war sehr kurz. Der Seelsorger sprach ein kurzes Gebet, dann wurde der Sarg ins Grab gesenkt, und zwei tschechische Sanitätssoldaten schaufelten es lustig zu. Ich kann nicht sagen, was ich dabei empfand. Auch Aristides war sehr bewegt. »Wegen Paket«, murmelte er. »Warum hat Gott zugelassen?« Warum?! Ich weiß keine Antwort darauf. Aber der liebe Gott wohl auch nicht und ebensowenig die – österreichische Regierung. Jancu, der Richter Das folgende ist streng den Tatsachen nacherzählt. Wer es liest, dem wird diese Versicherung fast überflüssig scheinen. Denn diese Geschichte trägt den Stempel ihres Autors, des Schicksals. Nur dieser unbarmherzigste und sorgloseste Poet wagt so gräßliche und dabei so einfache Effekte. Ihm solches nachzudichten, wäre für einen Novellisten vielleicht eine lohnende, aber sicherlich eine traurige Arbeit. Der Schilderer fremder Sitte aber steht auf anderem Standpunkt. Ihm muß die Wahrheit die höchste Göttin sein. ... Vor einer rumänischen Jury sitzt auf dem Schemel des Angeklagten der Bauer Jancu. Sein brauner Serdak (Gürtelrock) ist zerrissen, und durch dessen wie des Hemdes Ritzen sieht man die bronzefarbene Haut schimmern. Das Haar fällt ihm in langen, wirren, mißfarbigen Strähnen ins fahle Antlitz, das Haupt ist auf die Brust gesenkt, das stumpfe Auge stier auf den Boden gerichtet. Kein Blick trifft das Publikum, die Geschworenen, die Richter. Der Gerichtschreiber ruft die Sache auf, der Anklageakt wird vorgetragen. Der Bauer Jancu, Besitzer einer großen Wirtschaft, griechisch-rechtgläubig, 29 Jahre alt, bisher unbescholten und Richter in seinem Dorfe, ist geständig, sein Weib Xenia, 21 Jahre alt, seinen Knecht Alexa, 43 Jahre alt, und die Zigeunerin Mariula, unbekannten Alters, jedenfalls weit über die Fünfzig, in einer und derselben Nacht, Fastnachtsonntag auf Montag, ermordet zu haben. Der Akt schildert die drei Verbrechen nach der Aussage des Angeklagten; Tatzeugen sind nicht vorhanden. Doch ist das Geständnis Jancus, der unmittelbar nach der Tat seine Verhaftung selbst veranlaßt hat, sehr umfassend und durch die Ergebnisse der Leichenschau bestätigt. Jancu hat sein Weib durch eine Kugel ins Herz getötet, den Knecht durch eine Ladung von drei Rehposten gegen den Kopf, die Zigeunerin hat er mit den Händen erwürgt. Über die Gründe, bemerkt der Akt, verweigere er jegliche Auskunft; auch den Zeugen sei die Tat unerklärlich. Das Verhör beginnt. »Jancu«, fragt der Präsident, »gestehet Ihr auch heute Eure Schuld?« Der Angeklagte erhebt sich, aber sein Antlitz bleibt unbewegt, und die Augen haften am Boden. »Ja«, erwidert er dumpf, »es ist alles wahr.« Darauf sinkt er sogleich wieder auf den Schemel zurück. »Ihr müßt stehen bleiben, Jancu«, belehrt ihn der Präsident. »Ihr müßt uns nun alles erzählen, was Ihr getan und gedacht habt an jenem Sonntag und in der Nacht darauf.« Jancu schüttelt den Kopf und läßt ihn noch tiefer auf die Brust sinken. Dann erhebt er sich doch, unwillig, zögernd. Aber seine Stimme klingt dumpf und ohne Erregung, wie früher: »Nein, mein gnädigster Herr, das werde ich nicht tun. Denn wie ich's getan, wißt Ihr schon, und es ist unnötig, daß ich's noch einmal sage. Und warum ich's getan habe, werde ich Euch nicht sagen und keinem Menschen.« »Aber das Gesetz will es so«, sagt der Präsident. »Die Geschworenen müssen das Geständnis aus Eurem Munde hören. Und wenn Ihr die Tat so reumütig bekennt, warum nicht auch die Gründe? Das kann ja nur zu Eurem Vorteil sein, Jancu! Alle Leute in Eurem Dorfe sagen, daß Ihr der bravste, wackerste Mensch gewesen seid. Darum seid Ihr ja in so jungen Jahren Richter in Eurem Dorfe geworden. Auch der Fürst St., bei dem Ihr einst drei Jahre gedient habt, ist selbst zum Untersuchungsrichter gekommen und hat gesagt, er halte sich in seinem Gewissen verpflichtet, für Euch zu bezeugen, daß Ihr, Jancu, der ehrlichste, verständigste, treueste Mensch gewesen seid, den er je um seine Person gehabt hat. Wenn also ein Mensch wie Ihr plötzlich so gräßliche Verbrechen begeht, so ist er entweder wahnsinnig, und das seid Ihr nicht, oder er ist durch irgendein Erlebnis in die fürchterlichste Aufregung versetzt worden. Was war nun dies Erlebnis? Gestehet es doch! Das wird Euer Gewissen erleichtern und Eure Strafe vielleicht milder machen!« Aber wieder schüttelt Jancu den Kopf, und wieder fallen die Worte langsam, ruhig, tonlos von seinen Lippen. »Mein gnädigster Herr, ich danke Euch und meinem guten Fürsten und den Nachbarsleuten, aber das paßt mir alles nicht! Mein Geständnis war nicht reumütig; ich habe nur alles gesagt, was der Richter wissen mußte, damit man mich bestrafen kann, und ich habe es ganz nach der Wahrheit gesagt, weil ich noch niemals gelogen habe und auch in diesem letzten nicht lügen wollte. Aber nicht aus Reue habe ich es getan, denn ich bereue meine Tat nicht. Und wenn ich bis jetzt gewesen wäre, was ich einst war, ein glücklicher, friedlicher Mensch, und wenn ich jetzt erkennen würde, was ich damals erkannt habe, ich würde die drei Menschen in der nächsten Stunde töten, wie ich's in jener Nacht getan habe. Darum brauche ich auch mein Gewissen nicht zu erleichtern, denn es ist leicht. Und was die mildere Strafe betrifft, was soll mir Milde?! Das liebste wäre es mir, wenn diese Herren« – er deutet auf die Geschworenen – »sagen würden: Man soll ihn henken! Das kann aber leider nicht geschehen, weil bei uns das Henken aufgehört hat, und man wird mich nur auf Lebenszeit in die Salzwerke nach Okna stecken. Soll ich wünschen, wieder herauszukommen, wozu?! Nein, das wäre nichts für mich! Ich werde dort bleiben, und die Arbeit, die Hundekost und die Schläge werden mich nach einigen Jahren töten. Und so wird es gut sein. Denn ich sterbe gern, mein gnädigster Herr, sehr gern sterbe ich!« Vielleicht empfängt der Leser von diesen Worten keinen tieferen Eindruck. Dem Zuhörer aber werden sie unvergeßlich sein. Man fühlte es heraus, daß auf der Seele dieses Menschen in der Tat ein Druck lastete, der ihm den Tod als eine Wohltat erscheinen ließ; nicht die Reue, nicht das Schuldbewußtsein, aber ein übermächtiges Etwas, unter dessen Einfluß er gehandelt hatte, das ihn noch heute zu Boden drückte. Das Zeugenverhör begann. Der erste Zeuge war der greise Bauer Thodika, der vor Jancu Dorfrichter gewesen und jetzt wieder das Amt bekleidete, »bis sich ein anderer jüngerer Hausvater findet, der so brav wäre wie der Jancu da«. Der kleine, geschwätzige Alte, mit dem fahlen Gesicht, aus dem die Nase rot hervorglühte wie ein Rubin, leistete den Eid und erzählte dann, wie folgt: »Nun, es war also am Fastnachtsonntag. Das ist ein besonders heiliger Tag, ich bin früh in der Kirche gewesen, dann in der Schenke gegessen, und am Abend bin ich heimgegangen. Weil ich aber einen Eid geschworen habe, so will ich die Wahrheit sagen: nämlich, daß ich nicht gegangen bin, sondern mein Weib und meine Söhne haben mich getragen, weil ich sehr betrunken war. Also gut, da legen sie mich hin, und ich schlafe mich aus. Gegen die dritte Morgenstunde erhebt sich ein furchtbarer Sturmwind; ich höre nichts davon, aber mein Weib sagt zu meiner Tochter Anitza, die bei mir im Hause war, weil ihr Mann sie zu Tode prügeln wollte – aber jetzt sind sie wieder versöhnt – also: ›Anitza‹, sagte sie, ›da hat sich jemand aufgehängt, oder es ist ein großes Verbrechen geschehen, der Wind weht gar zu stark.‹ Und da klopft es auch schon heftig an die Tür. Die Weiber erschrecken. ›Ich bin's, Jancu der Richter, öffnet!‹ Aber wie sie die Kienfackel anzünden und er hereintritt, da erschrecken sie noch mehr; das ist der Jancu und ist's wieder nicht, um zwanzig Jahre älter ist der Mensch plötzlich geworden. ›Was willst du?‹ stammelt mein Weib. Er aber tritt auf mich zu und rüttelt mich auf: ›Thodika, du mußt aufstehen!‹ Anfangs hör' ich nichts, weil ich wirklich ein bißchen zuviel getrunken hatte, dann fahre ich doch empor: ›He, Jancu, was gibt's?‹ Aber wie ich ihn ansehe, bin ich schon vor Schreck halb nüchtern, und ganz nüchtern werde ich, wie er mir sagt: ›Du warst vor mir Richter und bist Ältester im Ausschuß. In deine Hände lege ich mein Amt. Und nun verhafte mich, wie es jetzt deine Pflicht ist, und liefere mich sogleich in die Stadt. Denn ich bin ein Mörder, ich habe mein Weib, meinen Knecht und die alte Hexe getötet.‹ Da springe ich auf: ›Jancu, du bist wahnsinnig!‹ Und dann fällt mir ein, daß ihm den Tag vorher sein einziges Kind gestorben ist, ein liebes kleines Mädchen, die Aniula, und ganz plötzlich, an Krämpfen. Da denke ich mir: er hat ja das Kind so ungemein liebgehabt; sein Sterben wird ihm das Hirn verbrannt haben, und ich sage mitleidig: ›Jancu, dir träumt etwas Furchtbares. Vielleicht wegen deines armen Kindes. Tröste dich, es war Gottes Wille so!‹ – ›Nein‹, ruft er wild, ›es war ja nicht Gottes Wille, aber gleichviel, es ist gerächt! Ich habe im Namen Gottes Gerechtigkeit geübt, nun mögen die Menschen mit mir tun, was sie wollen; führe mich zur Stadt!‹ Und da erkannte ich, daß es wahr war, und mein Herz ist stillgestanden. Es war, um verrückt zu werden, aber es war doch so: unser Richter Jancu war ein Mörder! Nun, da habe ich ihn am Morgen in die Stadt geführt.« »Und hat er Euch nicht gesagt«, fragt der Präsident, »warum er die Tat verübt hat?« Thodika blickt zu Boden und dann verlegen auf Jancu hin. Mit diesem geht eine sonderbare Veränderung vor; sein Haupt hebt sich, seine Züge beleben sich, und sein glühender Blick haftet halb drohend, halb flehend auf dem Antlitz des Zeugen. »Hohe Herren«, stammelt dieser verlegen, »es ist ihm so ein Wort entfahren, wider Willen, als wir zur Stadt fuhren. Aber ich habe ihm heilig versprochen, es niemandem zu sagen. Und nun habe ich hier den Eid geschworen, die ganze Wahrheit zu gestehen. Ich weiß mir gar nicht zu helfen! Jancu, wenn du mir erlauben wolltest ...« »Du wirst schweigen«, fährt dieser wild empor. »Jancu«, sagt der Präsident streng, »noch ein Wort, und ich lasse Euch wegführen.« »Mein Eid«, sagt Thodika weinerlich, »mein lieber Jancu, ich kann dir nicht helfen. Also ...« »Schweig!« ruft der Angeklagte noch einmal wild, gebieterisch. Der Präsident winkt den Polizisten. Aber Jancu fährt fort: »Wenn schon meine ganze Schande offenkundig werden soll unter den Menschen, so soll es doch mindestens keiner aussprechen als ich selbst. Lasset dies schwatzhafte alte Weib zurücktreten. Ich selbst will sagen, wie alles kam ...« Es ist totenstill geworden im weiten Saal. Und Jancu berichtet seine Geschichte, nicht dumpf und stumpf wie früher, sondern wild, leidenschaftlich, fast schluchzend. Kein Herz bleibt unbewegt, kein Auge trocken, als der arme, unselige Mensch erzählt: »Ich will es selbst sagen, so schwer es mir fällt. Aber ich ertrüge es nicht, wenn es ein anderer sagen würde. Ich habe nicht gedacht, daß ich so enden würde, und niemand hat es gedacht. Denn ich bin einmal ein glücklicher Mensch gewesen und ein braver Mensch; ich darf das jetzt sagen, ich spreche ja nicht von mir selbst, sondern wie von einem Toten. Es ist mir anfangs nicht gut im Leben gegangen, ich war der zweite Sohn, der ältere Bruder sollte alles erben, ich mußte als Knecht dienen. Zwar in meines Vaters Hause, aber bei den eigenen Leuten dient sich's oft schwerer als bei fremden, das könnt ihr mir glauben. Nach dem Tode des Vaters bin ich als Diener in die Stadt gegangen; ich war fleißig, treu, alle werden es mir bezeugen. Auch gelernt habe ich, Lesen und Schreiben, und weil ich gesehen habe, wie der Branntwein den Menschen zum Vieh macht, so habe ich niemals einen Tropfen Branntwein getrunken. Dann bin ich zum Fürsten gekommen und bin mit ihm in Deutschland gewesen und in Frankreich. Dort ist ein anderes Land, sogar der Bauer ist dort ein Mensch. Nun, der Fürst war mit mir zufrieden, er hat sich ja selbst jetzt meiner erinnert in meiner großen Not. Ich habe mir damals gedacht: Jetzt bleibst du noch einige Zeit in der Stadt und sparst dir deinen Lohn zusammen, und dann gehst du in dein Dorf und kaufst dir einige Äcker. Aber es kam anders. Wie ich heimkomme von den Reisen, ist mein älterer Bruder tot, und an mich fällt das ganze große Bauerngut. Da setze ich mich nun hin und beginne zu wirtschaften. Aber die Leute sagen, daß mir noch etwas fehlt, und ich spüre es selbst. So habe ich denn angefangen, nach einem Weib auszulugen, und die Xenia habe ich mir genommen. Nicht bloß deshalb, weil sie sehr schön war und mir sehr gefallen hat, sondern auch so halb aus Mitleid. Sie war sehr arm und mußte bei ihrer älteren Schwester Magddienste tun, das hat mich an meine eigene Jugendzeit erinnert. Daß ich sie übrigens aus Edelmut geheiratet habe, will ich nicht sagen; ich war auch sehr in sie verliebt. Die Xenia war ein stilles Mädchen, dem niemand im Dorf etwas nachsagen konnte, und schön, freilich in einer anderen Art, als unsere Mädchen sonst sind. Sie war zart, blond, und hatte stille blaue Augen. Vielleicht hat mir gerade das gefallen. Kurz, in vier Wochen waren wir Mann und Weib. Es war – das Wort will mir nach dem, was nun kommt, schwer über die Zunge, aber ich muß es sagen, weil es die Wahrheit ist –, es war eine recht glückliche Ehe. Mein Weib hat selten gelacht und war nie besonders zärtlich, aber ich habe mir gedacht: ›Das ist nun einmal ihre Art.‹ Als Wirtin war sie brav und ist mir treu zur Seite gestanden in meinem schweren Werk. Denn ich hatte meine Kraft daran gesetzt, eine Musterwirtschaft zu führen und alles Gute nachzuahmen, das ich anderwärts gesehen hatte. Das war schwer mit unseren Knechten, die zu drei Vierteilen Schweine sind und nur zu einem Vierteil Menschen, aber was menschenmöglich war, habe ich getan, und vieles ist mir gelungen, das darf ich sagen. Mein Besitztum wuchs, und weil ich hilfreich war, wo ich konnte, so wuchs auch meine Beliebtheit. Nur eins fehlte mir zu meinem Glück: Ich hatte keine Kinder. Da gebar mir mein Weib vor zwei Jahren ein Kind, ein holdseliges Mädchen, blond und blauäugig, so ein schönes, liebes Kind! O meine Aniula! ...« Dem Mann versagt die Stimme. Er starrt vor sich hin und schüttelt den Kopf. Dann fährt er fort: »Alles hat sich mir gut gefügt; Richter bin ich geworden in so jungen Jahren! Wenn mich am Samstag mittag vor jenem Schreckenstag jemand gefragt hätte: ›Richter Jancu, wer ist der glücklichste Mensch auf der Welt?‹, es ist wohl möglich, daß ich gesagt hätte: ›Fast will mir scheinen, daß ich es bin.‹ Und etwas mehr als einen Tag darauf war ich der unglücklichste; so elend ist noch niemals jemand gewesen, niemals! Ich will kurz erzählen, wie das kam. Denn wenn ich daran denke, wirbelt mir das Hirn, und meine Kraft will mich verlassen. Also Samstag mittag war's. Ich komme heim vom Teich, wo ich Eis ausheben lasse für die Bukarester Bierwirte, und setze mich zum Essen hin. Mein Weib trägt mir Fleisch auf und dann einen süßen Reisbrei. Von dem mag ich aber nichts mehr essen, die Aniula jedoch, die auf meinem Schoß sitzt, greift begierig danach. Ich lasse das Kind bei der Speise und reite wieder rasch hinaus zu den Arbeitern. Etwa zwei Stunden bin ich dort, da kommt eine Magd gelaufen, schreckensbleich, das Kind liege im Sterben. Ich reite wie der Wind, aber wie ich komme, ist mein Töchterchen tot. Mein Weib hält es im Schoß und ist selbst tränenlos, starr und blaß wie eine Tote. Die Mariula, die alte Zigeunerin, steht daneben und sagt: ›Es waren Krämpfe, wie sie bei Kindern oft vorkommen!‹ Mir bricht fast das Herz, aber ich fasse mich, wie ein Mann soll. Ich ordne alles bezüglich der Aufbahrung an und gehe zum Popen. Dann komme ich heim, das Weib schicke ich schlafen, ich selbst aber setzte mich neben die Leiche hin und bleibe so die ganze Nacht. Nur die Kerzen knistern, und zuweilen höre ich, wie mein Weib seufzt; so vergeht die Nacht. Am Morgen ordne ich alles in der Wirtschaft, dann halte ich Gerichtstag in der Gemeindestube, wie meine Pflicht ist, und komme darauf heim. Da hockt mein Weib am Boden und starrt auf die Leiche, mit trockenen Augen, es ist etwas, wie der Wahnsinn darin. Ich will sie aufheben und trösten, da schreit sie aber wild: ›Rühr mich nicht an!‹ und stürzt hinaus. Ich schaue ihr verwundert nach, dann denke ich mir aber: ›Sie war immer so eigen und still, der Schmerz zeigt sich bei ihr auch in eigener Art.‹ Dann setze ich mich wieder hin, und da löst sich mein Schmerz, und ich habe lange geweint ... Tränen sind eine große Wohltat, seitdem habe ich nicht mehr weinen können ...« Wieder starrt der Mann vor sich hin. Dann seufzt er tief auf und fährt fort: »Im Zwielicht mache ich mich auf und gehe zum Popen, das letzte wegen der morgigen Bestattung zu besprechen. Ich gehe aber den Seitenpfad über die Äcker. Da höre ich hinter einer Hecke ein Wimmern. ›Wer ist da?‹ rufe ich. – ›Ich bin's, Mariula‹, erwidert die Hexe. ›Dich führt Gott her, Jancu, oder der Teufel. Aber gleichviel, wenn ich auch selbst an den Galgen muß, er und sie sollen mit. Hier liege ich, halbtot hat er mich geschlagen, der Alexa, weil ich mein ehrliches Geld von ihm gefordert habe, das Geld für das Gift, das ich der Xenia gegeben habe. Ist's denn meine Schuld, daß das Kind gestorben ist und nicht du? Mein Gift war ja doch gut!‹ – ›Hexe‹, schreie ich auf, ›was redest du da?‹ – ›O du Kluger!‹ höhnt sie. ›Ahnst du denn nichts? Weißt du denn nicht, daß dich dein Weib haßt, daß sie dich nur deiner Wirtschaft wegen genommen hat? Jeder andere ist ihr lieber als du, mit dem alten häßlichen Alexa hält sie's jetzt; sie haben dich vergiften wollen, ich habe ihnen das Gift verschafft.‹ Mir steht das Haar zu Berge. ›Du lügst!‹ schreie ich endlich. Sie lacht höhnisch. ›Überzeuge dich doch! Gehe heim und sage deinem Weib, daß du wegen deines Amtes in die Stadt mußt und erst morgen wiederkommst. Du aber komm dann in drei Stunden wieder, und ich wette, du findest die beiden beisammen.‹ ... Wie mir zumute war, das läßt sich nicht sagen. Ich gehe heim, lade meine Pistolen, lasse den zweiten Knecht einspannen und sage meinem Weib: ›Ich komme erst zur Bestattung wieder.‹ Aber beim nächsten Feldwirtshaus lasse ich halten und gehe dann heim durch die Sturmnacht. Das Fenster der Schlafkammer ist matt erleuchtet, ich trete heran, es ist nur der Lichtschein, der vom Katafalk durch die offene Tür fällt. Und« – der Erzähler stockt, dann schreit er mit entsetzlich heiserer Stimme auf – »fünf Schritte vor der Leiche sind die beiden beisammen gewesen! ... Ich seh's, drücke die Scheibe ein, ziele und schieße, erst sie, dann er, blitzschnell. Beide verröcheln in ihrem Blut. Dann gehe ich hinein und zerre seine Leiche fort, damit niemand den ungeheuren Frevel dieser beiden gewahre. Und dann stehe ich lange, lange und starre auf die Leichen. Da kichert's neben mir: ›Brav, Jancu, brav!‹ Die Mariula hatte sich hereingeschlichen. Da habe ich sie erwürgt, weil auch sie schuldig war. Dann bin ich zum Thodika gegangen ... Und nun bitte ich, wäre es nicht möglich, daß mir aus Gnade die Todesstrafe wird?« Es war nicht möglich. Jancu wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Okna verurteilt. Die Geschworenen hatten nach neunstündiger Beratung mit acht gegen vier Stimmen ihr Schuldig gesprochen. Es fehlte also nur eine Stimme zur Freisprechung. Der Bart des Abraham Weinkäfer Im südrussischen Gouvernement Podolien, an dem Schienenstrang, der Kiew mit dem Schwarzen Meer verbindet, liegt das Städtchen Winniza. Dort lebte ein jüdischer Mann, Abraham Weinkäfer mit Namen, seines Zeichens ein Glasermeister. Still und friedlich lebte er dahin; ein guter Gatte und Vater, ein fleißiger Handwerker. Die öffentliche Aufmerksamkeit zog er durch nichts auf sich. Wohl hatte er vor seinen Mitbürgern einen Vorzug, doch kam dieser in Winniza, wo das Schönheitsgefühl wenig ausgebildet ist, nicht zur Geltung: Er hatte den stattlichsten Bart im Städtchen, einen Riesenbart, der besonders schön und ehrfurchtgebietend aussah, nachdem er ergraut war. Es war im Jahre 1871, und Abraham stand damals in der Mitte der Fünfzig, als eines Tages der Generalgouverneur von Podolien nach Winniza kam. Eine neue Schule, für deren Begründung er sich lebhaft interessiert hatte, sollte eröffnet werden, und er wollte bei der Feier nicht fehlen. Der Mann war von altem Adel, hatte nicht nur eine vornehme Erziehung genossen, sondern auch wirklich etwas gelernt, schwärmte für alles Schöne und dilettierte in den Künsten; er machte niedliche Verse und malte recht nette Aquarelle. Aber er war nicht nur ein vollendeter Kavalier, sondern auch eine wahrhaft liebenswürdige, wohlwollende Natur und strebte auch als Beamter stets nur das Gute an. Nur, daß er etwas zerstreut war und überaus vergeßlich; man erzählte sich die lustigsten Anekdoten darüber, u. a. wie er einmal an der Hoftafel zu Petersburg – er gehörte zu den bevorzugten Lieblingen Alexanders II. und des ganzen kaiserlichen Hauses – seinen Teller zurückgeschoben, den Bleistift hervorgezogen und zum Entsetzen seiner Nachbarn auf der weißen Damastdecke zu zeichnen begonnen habe. Er selbst war sich dieser Schwäche bewußt und wählte, um sie auszugleichen, einen Adjutanten von ausgezeichnetem Gedächtnis. Alle Bewohner des Städtchens hatten sich zu Ehren des hohen Besuchs im Festgewand vor der neuen Schule versammelt, auch unser Held war darunter. Er nahm sich in seinem schwarzen Seidenkaftan, im Schmuck des Riesenbartes, ganz prächtig aus und mußte ein Malerauge sofort fesseln. Daher blieb denn auch der Gouverneur, als er nach beendeter Feier, von dem Adjutanten und dem Polizeimeister der Stadt gefolgt, durch die Reihen schritt, vor ihm stehen, musterte ihn mit wohlgefälligem Lächeln und fragte freundlich nach seinem Stand und Namen. Der schlichte Mann war über diese unverhoffte Ehre so fassungslos, daß er die Antwort nur stammelnd zu geben vermochte. »Das ist brav«, sagte der Gouverneur und klopfte ihm herablassend auf die Schulter. »Glasermeister – das höre ich gerne; Handwerk hat einen goldenen Boden ... Aber sage doch«, er sagte »Du« zu dem alten Manne, weil es nur eben ein Jude war, aber er meinte es gewiß nicht böse, »wie bist du zu diesem Bart gekommen?« Darüber ward der gute Abraham noch viel verblüffter. »Wie soll ich zu meinem Bart gekommen sein?« fragte er endlich demütig. »Er ist mir eben gewachsen! ...« »Ein herrlicher Bart!« rief die Exzellenz enthusiastisch. »Und was die Hauptsache ist, er stimmt zu deinem Gesicht, deiner ganzen Erscheinung. Du scheinst gar nicht zu wissen, guter Abraham, welche Merkwürdigkeit du bist ... Möchtest du mir Modell sitzen? Ich möchte dich zeichnen. Nur eine Bleistiftskizze, eine Stunde genügt.« »Zeichnen?« rief Abraham und hob abwehrend die Hand. »Was ist an einem alten Juden zu zeichnen?« »Also ebenso bescheiden wie schön!« lachte der Gouverneur. Aber der Polizeimeister verstand den weinerlichen Ton Abrahams besser. »Damit hat es seine besondere Bewandtnis!« erklärte er seinem Vorgesetzten. »Der Mann gehört wohl nicht selbst zu den streng Orthodoxen, fürchtet aber ihren Zorn. Diese nämlich halten es für sündhaft, wenn sich ein Jude porträtieren läßt ... Du wirst tun, was Seine Exzellenz befiehlt«, schloß er barsch, zu Abraham gewendet. »Nicht diesen Ton!« wehrte der Gouverneur ab. »Der Mann ist ja nicht dazu verpflichtet, mir zu sitzen ... Aber wenn ich dich nochmals darum bitte«, sagte er zu dem Juden, »so tust du es vielleicht doch? Wie gesagt, nur eine Stunde, etwa morgen früh, da ich schon um die Mittagsstunde abreise ...« Natürlich weigerte sich der Jude nun nicht länger, und am nächsten Morgen fand die »Sitzung« statt. Der Gouverneur unterhielt sich auf das leutseligste mit dem Juden und schenkte ihm beim Abschied eine wertvolle Bernsteinspitze. Diese Spitze und der Bericht Abrahams über seine Gespräche mit dem Gouverneur beschäftigten die Leute von Winniza noch durch Wochen. Der Glasermeister konnte die Herablassung seines hohen Gönners nicht genug rühmen; nur über die Skizze äußerte er sich ziemlich geringschätzig; er selbst, obwohl er doch sein eigenes Gesicht gut genug kenne, habe sich in diesem Krixkrax von Bleistiftstrichen nicht auszukennen vermocht. Doch tat er durch dies Urteil dem Talent des Gouverneurs schweres Unrecht; es war eine recht hübsche und charakteristisch durchgeführte Skizze. Dieser Ansicht war denn auch einige Monate später eine sehr hohe Dame am Petersburger Hof, als ihr der Gouverneur das Blatt vorwies. Es war die dem Kaiserhause verwandte, durch feinen Kunstsinn ausgezeichnete Herzogin von L., die sich auch nicht ohne Glück als Malerin im historischen Genre versuchte. »Vortrefflich!« rief sie, und ihre Augen leuchteten auf. »Welch schöner Patriarchenkopf! Was wäre dies für ein Modell zum Erzvater Abraham in der biblischen Szene, die ich seit langem malen will! Immer wieder habe ich die Ausführung verzögert, weil sich eben kein ganz passendes Modell finden wollte ... Bitte, lassen Sie mir das Blatt hier!« »Mit Vergnügen, Hoheit!« versicherte der General. »Aber ich könnte Ihnen ja auch den Mann selbst schaffen ...« »Oh«, rief die Herzogin, »glauben Sie, daß dies möglich wäre ... Das wäre ja entzückend!« »Es ist nichts unmöglich, wenn Hoheit befehlen!« erwiderte der Kavalier galant. »Übrigens dürfte es nicht einmal so schwierig sein; der Mann wird es gegen Geld und gute Worte sehr gerne tun. Er wohnt in Winniza; sein Name ist mir freilich entfallen, doch wird mein Adjutant ihn sicherlich noch wissen. Ich will ihm noch heute Auftrag geben; er wird die Sache gewiß rasch und bestens ordnen. In spätestens einer Woche haben Sie Ihr Modell hier.« Der Adjutant wußte wirklich noch den Namen, ja alle sonstigen Einzelheiten, sogar daß Abraham einen Augenblick aus Furcht vor dem Fanatismus seiner Glaubensgenossen gezögert. Aber auch sonst wäre ihm die amtliche Requirierung als die einzig sichere erschienen. Die Herzogin von L. durfte man jedenfalls nicht warten lassen. Und so telegraphierte er denn an die Gouvernementskanzlei in Kaminnetz-Podolsk, daß der Jude Abraham Weinkäfer in Winniza sofort zur Reise nach Petersburg zu verhalten sei, wo er sich nach seinem Eintreffen ungesäumt bei dem Gouverneur zu melden habe, der auch die Kosten der Reise trage. Ein verläßlicher Mann sei dem Juden als Begleiter beizugeben. Das Telegramm gelangte in die Hände des Vizegouverneurs, und dieser Beamte hätte sich vielleicht darüber gewundert, wenn er gerade mehr Zeit gehabt hätte. So aber trug er nur einem seiner Kanzleiräte rasch auf, den Juden nach Petersburg zu schaffen, auf kürzestem Wege und unter Bedeckung. Und der Kanzleirat hatte just auch keine Zeit und gab daher den Auftrag an seinen Sekretär weiter, nur daß er bereits das Wort »verhaften« gebrauchte. »Was kann denn dieser Winnizer Glasermeister angestellt haben«, fragte der junge Beamte neugierig, »daß man ihn direkt nach Petersburg schicken muß?« – »Offenbar ein politisches Verbrechen!« sagte der Kanzleirat. Das leuchtete dem Sekretär ein, und es mußte wohl ein schweres Verbrechen sein, da sonst nicht solche Raschheit befohlen worden wäre. Und so telegraphierte er denn an den Polizeimeister von Winniza, der Glasermeister Abraham Weinkäfer sei sofort, als schweren politischen Verbrechens angeklagt, unter Eskorte mit möglichster Beschleunigung nach Petersburg zu schaffen. Der Polizeimeister las den Auftrag mit grenzenlosem Erstaunen; was immer er hinter dem schönen Bart gesucht hätte, politische Umtriebe sicherlich nicht. Auch kam ihm der Gedanke, daß hier ein Mißverständnis obwalte, aber das half ja nichts; der Auftrag lautete klar genug und mußte erfüllt werden. Er ließ den Juden vorladen, der in einiger Aufregung erschien; die Polizei hatte sich sein Leben lang nicht um ihn gekümmert. Von Entsetzen gelähmt, vernahm er den Befehl und konnte lange keinen Laut hervorbringen. »Erbarmen!« flehte er endlich und warf sich dem Polizeimeister zu Füßen. »Es kann nicht wahr sein, was habe ich mit ›Politik‹ zu tun. Wenn Sie es mir nicht eben erklärt hätten, ich verstünde das Wort nicht!« Der Beamte war Menschenkenner genug, um zu wissen, daß dieser Ton echt sei. Von Mitleid für den Unglücklichen ergriffen, beschloß er, das einzige für ihn zu tun, was in seiner Macht stand: Er fragte telegraphisch beim Gouvernement an, ob hier nicht eine Namensverwechselung vorliege; inzwischen mußte er ihn freilich als Gefangenen verwahren. Weib und Kinder durften ihn natürlich besuchen. Nachdem der erste furchtbare Schrecken verwunden war, begannen auch sie, gleich ihm selbst, wieder zu hoffen: Die Sache mußte sich ja aufklären. Auch alle Bewohner von Winniza waren der festen Überzeugung, daß ihr braver, friedlicher Mitbürger, der sich bisher nie um die trüben Händel der Welt, sondern nur um seine klaren Fensterscheiben gekümmert, unmöglich ein gefährlicher Verschwörer sein könne. Erst drei Tage später traf die Antwort des Gouvernements ein, von jenem Sekretär gezeichnet; sie enthielt einen Verweis für den Polizeimeister, weil er durch überflüssige Fragen den Gang der Justiz aufhalte; ein Mißverständnis liege nicht vor. Vielleicht hätte sich ein Beamter des Westens vorher nochmals genau instruiert, jeder hätte es wohl auch nicht getan, da ja der Befehl ganz bestimmt lautete. Jedenfalls handelte auch jener Sekretär nicht böswillig – und dieses ist eben das bezeichnende Moment dieser Geschichte. Am nächsten Morgen wurde Abraham auf einem Wägelchen schwer gefesselt zur Bahnstation geführt. Ihm gegenüber saßen zwei Soldaten mit geladenem Gewehr; sein Weib und seine Kinder liefen jammernd neben dem Gefährt einher, und viele der Gemeinde folgten hinterdrein, aus Neugier oder aus Mitleid. Den unglücklichen Mann verließ die Fassung nicht; wohl rannen ihm die Tränen unablässig über das bleiche Antlitz, aber er fuhr fort, Weib und Kinder zu trösten. »Vertrauet auf den Allmächtigen, wie ich auf ihn vertraue«, rief er ihnen zu, »er wird mich Unschuldigen nicht zugrunde gehen lassen. Mir sagt's mein Herz: Ich sehe euch bald und in Freuden wieder.« Drei Wochen währte es, bis Abraham nach Petersburg eingeliefert wurde, an das Festungsgefängnis, die Abteilung für politische Verbrecher. In der Aufnahmekanzlei wurde ein kurzes Verhör mit ihm aufgenommen; er beteuerte natürlich seine Unschuld, und ebenso natürlich wurde ihm nicht geglaubt. Wohl lag nur ein einziges Dokument über ihn vor: der Begleitbericht des Polizeimeisters von Winniza, worin dieser meldete, daß er den Abraham Weinkäfer, als politischen Verbrechens bezichtigt, dem Befehl eines hohen Gouvernements gemäß, anbei abliefere – aber dies genügte ja, um den Mann in Haft zu behalten. Die Akten, dachten die Herren, würden wohl bald nachfolgen. Der Gefangene wurde in Inquisitenkleider gesteckt, und da der lange Bart gegen die Gefängnisordnung ging, so wurde er ihm abrasiert. Der herrliche, der Patriarchenbart! Dem unglücklichen Mann tat dies weiter nicht weh; er hatte schwereren Kummer. Aber wie hätten die beiden kunstliebenden Seelen, der Generalgouverneur und die Herzogin, geklagt, wenn sie diesen unersetzlichen Verlust für die Kunst erfahren hätten. Das trefflichste Modell für einen Erzvater, das sich im Reiche fand, war freventlich verstümmelt worden. Aber sie erfuhren es nicht. Wohl erkundigte sich die Herzogin, als vierzehn Tage seit ihrer Unterredung mit dem Generalgouverneur verstrichen waren, gelegentlich bei diesem, wie es um ihr Modell stehe, und er fragte sofort seinen Adjutanten, der seinerseits telegraphisch beim Gouvernement anfragte. Aber die Antwort: die Angelegenheit habe sich durch die Saumseligkeit des Polizeimeisters von Winniza verzögert, sei aber jetzt in bester Ordnung, und der Jude würde jedenfalls in den nächsten Tagen in Petersburg sein, beruhigte alle Beteiligten wieder. Bald darauf verließ der Gouverneur die Hauptstadt, um eine Erholungsreise ins Ausland anzutreten. Von seinem Adjutanten nahm er nun für immer Abschied; er selbst hatte den trefflichen Mann für einen höheren Posten in einem nördlichen Gouvernement empfohlen. Als der Gouverneur einige Monate später nach seinem Amtssitz zurückkehrte, war von dem Juden nicht weiter die Rede. Er hatte ihn gänzlich vergessen, ebenso seine Beamten. Um so inniger gedachte die arme, verlassene Frau ihres unglücklichen Gatten. Als ein Jahr vergeblichen Harrens verstrichen war, entschloß sie sich zur Reise nach Kaminnetz-Podolsk. Sie wollte den Gouverneur um Erbarmen anflehen; das Beweisstück seines einstigen Wohlwollens, die Bernsteinspitze, nahm sie mit; sie hatte sie nicht veräußert, obwohl allmählich die Not in das Haus, das seines Ernährers beraubt war, ihren Einzug gehalten. Ein schlimmer Zufall wollte es, daß der Gouverneur damals eben wieder in Petersburg war. Aber sein Stellvertreter empfing sie, und auch er war kein gewissenloser Mann; er hörte ihre Klagen geduldig an und gab ihr dann jene Antwort, die er ihr geben mußte: daß für politische Verbrechen einzig das Gericht maßgebend sei; weder er noch sein Chef könnten in dieser Sache etwas anordnen. Wenn aber ihr Mann wirklich unschuldig sei, so werde er ohne Zweifel bald heimkehren. Mit diesem kargen Trost kehrte sie zurück und harrte wieder geduldig. Als aber auch ein zweites Jahr verstrichen war, wollte sie die Reise zum Gouverneur wiederholen, obwohl sie nun die Bernsteinspitze nicht mehr vorweisen konnte. Aber da sagten ihr die Leute, daß ihr Gönner seit einigen Monaten versetzt sei; er habe einen hohen Verwaltungsposten in Moskau erhalten. Inzwischen saß Abraham im Gefängnis zu Petersburg. Man hatte ihm gesagt, daß er bald zum Verhör werde vorgeführt werden, aber Tag um Tag, Monat um Monat und ein Jahr verging, ohne daß sich jemand um ihn bekümmerte. Seine Bitten um ein Verhör blieben vergeblich, sie gelangten nicht einmal zu dem Untersuchungsrichter. »Du wirst vorgeführt, sobald die Reihe an dich kommt«, sagte ihm der Gefangenenwärter. Endlich, bei einer Inspektion der Gefängnisse, lenkte sich die Aufmerksamkeit auf ihn. Ein Jahr Haft ohne Verhör – das schien dem Inspektor doch auffallend, und er fragte beim Untersuchungsrichter an. Aber dieser konnte sich darauf berufen, daß die Schuld ja nicht an ihm liege – die Akten seien eben noch nicht da, und diesen Grund mußte auch der Inspektor gelten lassen. Ein zweites Jahr verstrich. Der alte Mann verfiel immer mehr; er hätte nun höchstens noch zu einem Hiob Modell sitzen können. Lange hatte ihn sein Gottvertrauen aufrechterhalten, endlich übermannte ihn die Wut der Verzweiflung. Er begann in seiner Zelle zu toben, so daß ihm eine schwere Disziplinarstrafe auferlegt wurde. Aber der Vorfall hatte doch das Gute, wieder an ihn zu erinnern. Das Untersuchungsgericht requirierte vom Gouvernement die Akten. Die Antwort lief erst nach Monaten ein; sie lautete natürlich, daß dort von der Sache nichts bekannt sei; die Verhaftung sei im Auftrage des einstigen Generalgouverneurs erfolgt, der jetzt in Moskau lebe. Nun richtete das Gericht eine Anfrage an diesen. Von seinem Stellvertreter kam die Antwort, Seine Exzellenz seien im Bade; die Sache werde ihm nach seiner Rückkunft vorgelegt werden. Und wieder verstrich ein Jahr, da kam ein neuer Inspektor. Der Anblick des Greises erschütterte ihn, noch mehr dessen Erzählung. Er beschloß der Sache auf den Grund zu kommen und fing es ganz regelrecht an. Zunächst interpellierte er den Polizeimeister von Winniza. »Auftrag des Gouvernements«, war die Antwort, aber damit begnügte sich der brave Mann nicht; er wiederholte seine Vermutung, daß hier ein Mißverständnis vorliege. Wenn dem so sei, dann habe es bereits furchtbare Folgen gehabt: Das Weib des Gefangenen sei vor Gram gestorben, seine Kinder im größten Elend zurückgeblieben. Nun wandte sich der Inspektor an das Gouvernement: Es berief sich auf seine Antwort vom vorigen Jahre. Jetzt endlich wurde die Anfrage wieder an den einstigen Gouverneur gerichtet, und diesmal kam auch sofort die Antwort: Er habe niemals einen politischen Verbrecher direkt nach Petersburg schaffen lassen. In der Tat durfte der hohe Herr, so unverläßlich auch sonst sein Gedächtnis war, diesen Bescheid mit größter Sicherheit geben; er hatte politische Untersuchungen stets den Gerichten überlassen. Jetzt wurde dem Inspektor die Sache vollends unheimlich: Er beantragte Freilassung des Gefangenen, denn ein Verbrecher sei wohl da, jedoch kein Verbrechen. Aber das Gericht verlangte zuerst völlige Klarstellung und stellte neue Recherchen an. Doch noch ehe diese zum Abschluß gelangten waren, kam Licht in die Sache. Der Gouverneur kam nach Petersburg, wohin inzwischen auch sein einstiger Adjutant versetzt worden war. Dieser suchte ihn auf und bat um seine Fürsprache zur Erlangung eines hohen Postens. Der Gouverneur versprach es gern; mit Hilfe der sehr einflußreichen Herzogin von L. werde es gewiß leicht gehen. Er begab sich zu der hohen Dame und empfahl ihr seinen Schützling. Sie versprach ihre Vermittlung in liebenswürdigster Weise, weil aber ihr Gedächtnis ebenso trefflich war als jenes des Gouverneurs schwach, so fragte sie mit etwas boshaftem Lächeln: »Es ist doch derselbe Herr, der mir das Modell so pünktlich besorgt hat?« »Derselbe!« rief der Gouverneur eifrig. »Das hatte ich ganz vergessen. Haben Sie den Juden gemalt? Nicht wahr, ein prächtiger Kopf?« »Gewiß – aber ich habe ihn nie gesehen!« Der Gouverneur teilte es bestürzt seinem Schützling mit. Dieser leitete seine Recherchen kräftig ein; er wollte die hohe Gönnerin überzeugen, daß er das Seine getan. Schon am nächsten Tage konnte er dem Gouverneur entsetzt mitteilen, wo sich das arme Modell befinde. Beide Herren begaben sich sofort nach den Gefängnissen. Kein Zweifel, da stand ja der Name in der Liste. Der Kerkermeister wurde geholt. »Lassen Sie den Abraham Weinkäfer sofort herbeibringen!« ward ihm befohlen. Der Beamte stand verlegen da. »Verzeihen, Exzellenz ... der Mann ist vor zwei Monaten gestorben. Es ist ein wahres Wunder, daß er es so lange ausgehalten hat. Aber er hoffte noch immer ...« Die beiden Herren haben für die verwaisten Kinder gesorgt. Den Toten konnten auch sie nicht mehr lebendig machen. Das ist die Geschichte vom Bart des Abraham Weinkäfer, und ich finde kein Wort, das ich ihr hinzufügen könnte. Zwei Retter Wer jemals in Barnow gewesen ist, der hat gewiß auch die alte Frau Hanna, des Vorstehers Mutter, kennengelernt und sich ehrlich gefreut an ihrer feinfühligen, grundgütigen Art, und wer nicht dort war, dem ist kaum eine Vorstellung davon zu geben, wie lieb und klug diese Greisin war. »Babele« (Großmütterchen) nannten sie alle Leute des Städtchens, nicht bloß ihre eigenen Enkelkinder, und mit gutem Grunde, denn sie stand allen bei mit Rat und Tat, unermüdlich ihr ganzes, langes, gesegnetes Leben hindurch, und auch jene, die weder ihr Geld noch ihren Beirat brauchten, suchten sie gerne auf, um sich eine leere Stunde mit einer hübschen Geschichte ausfüllen zu lassen. Sie war als Erzählerin ebenso geschätzt und geliebt wie als Helferin, und wer an einem Sabbatnachmittag im Sommer, gegen die dritte Stunde, an der alten Synagoge, der »Judenburg« vorüberging, konnte mit eigenen Augen sehen, wie viele ihr gerne lauschten, und zugleich mit eigenen Ohren vernehmen, wie sehr sie dies verdiente. Da saß die Greisin auf dem Treppchen im Schatten und um sie her wohl an die fünfzig Männer und Frauen, dicht geschart und lautlos, um kein Wort aus diesem Munde zu verlieren. Was sie erzählte, ist bald gesagt: Geschichten aus dem Leben der Gemeinde, die sie gehört oder mit angesehen; wie sie erzählte, wäre kaum zu schildern. Wenn ich es dennoch unternehme, ihr eine dieser Geschichten nachzuerzählen, so habe ich nur eine Ermutigung für dies Wagnis: Es ist jene Geschichte, die sie am häufigsten zu berichten pflegte, und ich selbst habe sie oft genug mit angehört, um sie, soweit dies eben in hochdeutschen Worten möglich ist, treulich wiedergeben zu können, wie ich sie vernommen habe. »Wer ist groß«, begann Frau Hanna, »und wer ist klein? Wer ist mächtig und wer ist schwach? Unsere armen kurzsichtigen Menschenaugen können das selten richtig entscheiden! Uns ist der Reiche und Starke mächtig und groß, der Arme und Hinfällige schwach und klein. Aber in Wahrheit ist es anders, nicht der Reichtum entscheidet, nicht die Kraft in den Armen, sondern der starke Wille und das gute Herz. Und zuweilen, ihr Leute, zuweilen läßt uns Gott dies deutlich erkennen, und wir Barnower wissen etwas davon zu erzählen! Zwei Male ist unsere Gemeinde in Not und Jammer gewesen, in Bedrängnis und Todesgefahr, und zwei Male sind Retter unter uns erstanden und haben die Not abgewehrt und den Jammerschrei in Dankgebet gewandelt. Und wer waren diese Retter? Etwa die Stärksten und Reichsten unter uns?! Höret, was ich erzähle, genauso, wie es geschehen ist. Wenn ihr über den Marktplatz geht, so seht ihr, gerade vor dem Kloster der Dominikaner, einen dicken, großen Holzblock aus dem Boden emporragen. Er ist morsch und verwittert, und längst hätte man ihn weggeschafft, wenn er nicht eine Erinnerung wäre an eine furchtbar drangvolle Zeit. Ihr wißt nichts von dieser alten Zeit – freut euch dieses Glückes! Ich will es euch nicht nehmen; was ich erzählen will, ist eine schöne Tat aus jener häßlichen Zeit. An dieser Tat möget ihr euch freuen, denn sie war eine Heldentat, so hell, so stolz, so groß, wie nur jemals eine auf Erden vollbracht worden ist. Ein einfach jüdisch Weib hat sie vollbracht; der Drang der Zeit hat ihr weiches Herz gestählt und sie zu einer Heldin gemacht. Lea hieß sie und war die Gattin des reichen, frommen Samuel – das Geschlecht ist später, als die kaiserliche Herrschaft ins Land kam und deutsche Namen für unsere Familien festgesetzt wurden, Beermann genannt worden. Denn zur Zeit, wo diese Geschichte sich begeben hat, da hatten wir noch keine solchen Namen. Das war vor mehr als hundert Jahren, und wir lebten unter dem polnischen Adler. Oh, das war ein grimmiger Raubvogel, dieser einköpfige weiße Adler! Als noch sein Gefieder unversehrt war und sein Auge klar und seine Fänge fest und scharf, da war er ein edles, stolzes Tier, das scharf um sich hieb und großmütig alles schützte, was unter seine Flügel flüchtete. Auch wir wohnten da durch lange drei Jahrhunderte in Licht und Freiheit. Aber als der Adler alt und schwach wurde und die anderen Raubvögel ringsum ihm eine Feder nach der andern ausrupften, da wurde er feig, heimtückisch und schlecht, und weil er sich nicht traute, den Schnabel gegen die Dränger zu gebrauchen, so hieb er auf die wehrlosen Juden los. Der Könige Macht ward zum Kinderspott und mit ihr die Freiheitsbriefe, die sie uns gegeben hatten. Die Adeligen wurden unsere Herren und quälten uns und schalteten und walteten über unserem Gut und Leben, wie es ihnen beliebte. Oh, es war eine unsagbare Bedrückung! Unser Städtchen gehörte schon damals dem adeligen Geschlecht der Bortynski, denen später der gute Kaiser Joseph den Grafentitel geschenkt hat. In jenem Jahre hatte gerade der junge Joseph Bortynski das Besitztum angetreten, ein stiller, frommer, demütiger Mensch; er war in einem Kloster erzogen worden. Seine Art war nicht wie die der anderen jungen Herren, er haßte den Wein, die Karten und die Weiber, stand selbst der Wirtschaft vor und betete täglich vier Stunden. Gegen seine Untertanen war er gerecht und liebreich. Wir freilich bekamen wenig davon zu spüren, gegen uns war er hart und grausam. Und selbst wenn sich sein Herz regen wollte, so wußte dies sein Erzieher zu verhindern, der jetzt sein Schloßkaplan war und großen Einfluß auf ihn hatte. Sein Name ist nicht auf uns gekommen, man pflegte ihn immer nur den ›schwarzen Herrn‹ zu nennen. Wir Juden hielten uns damals sehr ängstlich geduckt, und selbst die Bösen unter uns hüteten sich vor jedem Unrecht. ›Ihr habt mir meinen Gott gekreuzigt‹, hatte ja der Graf zu Samuel gesagt und zürnend hinzugefügt: ›Wehe Euch, wenn ich einen Frevel unter Euch entdecke, ich lasse Euer Nest ausbrennen, wie es einst Euer Gott mit Sodom und Gomorrha getan hat‹ – da könnt ihr denken, wie uns zumute war. So kam der Frühling des Jahres siebzehnhundertdreiundsiebzig heran. Das Osterfest stand vor der Tür, und es ging das Gerücht, die Kaiserin in Wien wolle den Polen alles Gebiet wegnehmen und ihre Schreiber darüber setzen. Aber vorläufig war nichts davon zu sehen. In demselben alten Hause, das noch heute am Marktplatz steht, im ›Gelben Hause‹, wohnte damals der Vorsteher Samuel und sein Weib Lea. Sie waren beide sehr geachtet in der Gemeinde, der Mann wegen seines Reichtums, seiner Klugheit und Frömmigkeit und sein junges schönes Weib wegen ihrer Milde und Wohltätigkeit. Sie waren gerade zur Osterzeit in schwerer Betrübnis: Ihr einziges Kind, ein Knäblein von anderthalb Jahren, war wenige Tage vorher plötzlich gestorben, und die Eltern konnten den Schmerz kaum überwinden. So saßen sie auch eines Sonntags, des Abends spät, in stummer Trauer nebeneinander. Am nächsten Abend sollte das Osterfest beginnen, es war den ganzen Tag über im Hause gereinigt und gescheuert worden, und die Frau fühlte sich sehr müde. Da schreckte sie plötzlich ein Pochen am Haustor empor. Samuel ging zum Fenster, öffnete und blickte hinaus. Vor dem Tor stand mit einem Bündel auf dem Rücken ein altes Bauernweib, das kläglich wimmerte und stöhnte und um Einlaß bat. Sie sei zu schwach, um heute noch in ihr Dorf heimzukehren, klagte sie, und bitte daher um ein Nachtlager. ›Hier ist kein Wirtshaus‹, erwiderte ihr Samuel kurz und schlug das Fenster zu. – ›Das arme Weib‹, meinte Lea, ›sollen wir sie von unserer Schwelle weisen?‹ – ›Es ist eine böse Zeit‹, erwiderte Samuel, ›ich mag keine Fremde in meinem Hause dulden!‹ – ›Aber sie ist ja krank und schwach‹, bat Lea, und da das Weib draußen noch immer flehte und stöhnte, willfahrte er ihr und ließ es ein. Da die Dienerinnen bereits schliefen, geleitete Lea selbst den späten Gast in eine Bodenkammer, brachte auch Speise und Trank herbei und entfernte sich mit freundlichem Gruß. Am nächsten Morgen verabschiedete sich das fremde Weib schon sehr früh unter tausend Dank- und Segensworten. Lea hatte den Tag über sehr viel für den Feiertag zu rüsten, und erst am späten Nachmittag kam sie dazu, in jener Bodenkammer nachzusehen, denn vor Beginn des Festes wollte die Hausfrau in allen Räumen Umschau halten, ob sich nicht irgendwo noch gesäuertes Brot vorfinde. In der Kammer war alles in Ordnung, nur die Luft war von einem sehr widrigen Geruch erfüllt. Er verlor sich nicht, auch als Lea das Fenster öffnete. Sie konnte nicht entdecken, woher der abscheuliche Geruch kam, sie forschte in allen Ecken und sah endlich unter der Bettstatt nach. Da gerann ihr das Blut, ihr Haar sträubte sich vor Entsetzen. Unter der Bettstatt lag der nackte, abgezehrte Leichnam eines Kindes, mit breiten Wunden an Hals und Brust. Mit Blitzesschnelle durchschaute das Weib den Frevel und kämpfte mit allen Seelenkräften gegen die Ohnmacht. Die Fremde hatte den Leichnam ins Haus geschleppt, damit man das alte furchtbare Märchen, die Juden schlachteten Christenkinder zu dem Osterfest, wieder einmal glaubhaft machen und grausam rächen könne. Mit Blitzesschnelle erkannte sie auch die furchtbaren Folgen, sie gedachte der Worte, die der Graf zu ihrem Mann gesprochen. Das arme Weib brach fast zusammen unter der Wucht dieser entsetzlichen Gedanken. Ach, sie, sie allein hatte den Jammer, die Verfolgung und den Tod über ihr Haus, über die ganze Gemeinde heraufbeschworen, denn sie war ja die Ursache, daß jenes Weib eingelassen worden. Und während sie so in Todesängsten dasaß, klang von der Straße wildes Rufen und Schreien und Jammern zu ihr empor. Dazwischen klang das Klirren von Waffen. ›Sie kommen schon‹, flüsterte sie, und in diesem Augenblick durchzuckte sie ein Gedanke, so seltsam und gräßlich, wie er vielleicht noch nie vorher in eines Weibes Hirn entstanden war, und doch wieder edel und opfermutig, wie ihn nur ein Weib zu fassen vermag. ›Ich habe die Schuld‹, rief es in ihr, ›ich muß sie büßen.‹ Sie richtete sich hoch auf und preßte die Lippen aufeinander und überwand ihr Grauen. Dann griff sie nach dem Leichnam des Kindes, hüllte ihn in ein Linnen und nahm ihn auf den Schoß. Sie horchte ... furchtbar langsam verrannen die Minuten. Dann hörte sie, wie draußen der junge Graf mit ihrem Gatten und dem zweiten Vorsteher heftig sprach, wie er sagte: ›Das Weib hat das Todesröcheln ganz deutlich gehört. Keinen Stein lasse ich auf dem andern, wenn ich den Leichnam finde.‹ Sie hörte, wie die Männer alle Gemächer durchsuchten. Als sie sich der Kammer näherten, erhob sie sich und trat ans offene Fenster. Das Dach fiel steil ab, unten in der Tiefe dehnte sich der Steinhof des Hauses. Die Türe ward aufgerissen, der Graf trat mit den beiden Vorstehern ein, hinter ihm seine Trabanten. Mit gellendem Lachen stürzte ihnen Lea entgegen, wies ihnen den Leichnam und schleuderte ihn dann durch das Fenster, daß er auf den Steinen des Hofes zerschellte ... ›Ich bin eine Mörderin‹, rief sie dem Grafen entgegen, ›ja, ja! Nehmt mich, bindet mich, tötet mich! Ich hab' heute nacht mein eigen Kind getötet, ich leugne es nicht!‹ Die Männer standen starr. Dann wildes Rufen, Schreien und Fragen. Samuel, der starke, kluge Mann verlor die Besinnung. Die anderen Juden durchschauten schnell den Sachverhalt und unterstützten Lea in ihrer Notlüge; so allein ersahen sie sich Rettung aus sicherem Untergang. Lea blieb fest bei ihrer Aussage. Der Graf sah sie durchdringend an, sie hielt seinen Blick ruhig aus. ›Höre, Weib‹, sagte er, ›ist es wahr, was du sagst, so sollst du den furchtbarsten Martertod erleiden, den je ein Mensch gestorben ist. Haben aber andere das Kind geschlachtet, um sein Blut beim Fest zu trinken, so sollst du und dein Mann straflos ausgehen, nur die andern sollen's büßen. Das schwöre ich dir! Und nun – entscheide dich!‹ Lea schwankte einen Augenblick. ›Es war mein Kind!‹ erwiderte sie. Der Graf ließ das Weib allein in den Kerker führen. Er sah wohl ein, wie unwahrscheinlich ihre Angabe war. Aber er glaubte an keine Seelengröße bei unserem Volke. ›Wenn es nicht wahr wäre‹, dachte er, ›wie käme das Weib dazu, sich zu opfern?‹ Die Untersuchung brachte nicht die Wahrheit an den Tag. Alle jüdischen Zeugen belasteten die Lea. Der eine erzählte, wie sie ihr Kind gehaßt, der andere, wie sie gedroht habe, es zu töten. Die Todesangst legte ihnen diese Lügen auf die Zunge. Die einzige christliche Zeugin aber war – die Haushälterin des ›schwarzen Herrn‹. Als Bäuerin vermummt, war sie an jenem Abend vor das Haus gekommen, um die Gemeinde zu verderben. Sie habe in der Nacht das Kind röcheln hören, erzählte sie. Das allein konnte sie vorbringen, ohne sich zu verraten, und das paßte zu Leas Erzählung. Der ›schwarze Herr‹ selbst schien sich um die Untersuchung gar nicht zu kümmern. Er fürchtete wohl die zufällige Entdeckung seines Frevels. Des Grafen Richter sprachen das Urteil. Lea sollte auf dem Marktplatz gerädert, dann enthauptet werden. Jener Holzblock wurde dazu aufgerichtet. Aber Lea starb nicht auf der Richtstätte, sie starb, eine hochbetagte Greisin, umgeben von Kindern und Enkeln, vierzig Jahre später friedlich in ihrem Hause. Die kaiserliche Militärregierung war im Sommer jenes Jahres ins Land gekommen, ein Auditor übernahm alle peinlichen Fälle, ihm entdeckte der verzweifelte Samuel die Wahrheit, er ließ Lea frei. Der Holzblock steht noch heute. Er mahnt an dunkle Zeiten, aber auch an eine lichte, heldenmütige Tat. Und ein Weib war's, das sie vollbracht hat, ein schwaches Weib hat die Gemeinde gerettet ... Und siebzig Jahre später, ihr Leute, siebzig Jahre später waren wir in gleicher Bedrängnis und Todesangst, und wer hat uns da gerettet?! Nicht ein Weib, aber doch nur ein kleines zitteriges Männlein, dessen Namen ich bloß zu nennen brauche, um euch zum Lachen zu bringen. Es war Klein Mendele ... ei seht, wie ihr schmunzelt! Nun – 's ist aber auch ein närrisch Männlein! Denn erstens steckt er voll von lustigen Schnurren und weiß sie auch prächtig zu erzählen, und dann ist er selber so komisch, der grauhaarige Mann mit der Gestalt und dem Wesen eines Kindes. Er geht nicht durch die Straßen, er hüpft; er spricht nicht seine Reden, er singt sie, und seine Hände scheint er nur dazu zu haben, um auf den Tisch zu trommeln oder den Takt zu schlagen. Aber was tut das?! – Lieber ein lustiger Mensch als ein Kopfhänger. Mendele Abendstern ist ein braver und ein großer Sänger, und wir können stolz darauf sein, daß er unser Vorbeter ist. Freilich trällert er manchmal ein rührendes Gebet herunter, als wär's ein Walzer, und springt vor der Thora von einem Bein aufs andere, als wär' er ein Tänzer auf dem Theater. Aber unsere Andacht stört das nicht, wir sind an Klein Mendele gewöhnt seit vierzig Jahren, und wenn einer sich mit Recht über ihn ärgert, so darf er es ihm nicht nachtragen. Denn der muß daran denken, wie Klein Mendele auch ernst sein kann und wie er einmal als armer ›Chasen‹ der Stadt durch seinen Gesang einen größeren Dienst erwiesen hat als alle ihre Weisen und Reichen durch ihren Rat und durch ihr Geld. Ich will euch erzählen, wie das kam. Ihr wißt, daß jetzt der Jude ein Mensch ist, so gut wie jeder andere. Und wenn jetzt ein Edelmann oder ein Bauer einen Juden schlägt oder bedrückt, so braucht er nur in das Haus zu gehen, wo der große Adler über dem Tore hängt, und der kaiserliche Bezirksrichter, unser Herr Negrusz, verschafft ihm schon sein Recht. Aber vor dem großen Jahr, wo der Kaiser alle Menschen gleichgemacht hat, da war das nicht, da hat der Gutsherr das Recht geübt durch seinen Mandatar, aber dieses Recht war meistens ein großes Unrecht. Ach, Kinder, das war eine sehr schwere Zeit! Dem Gutsherrn hat der Grund und Boden gehört, dem Gutsherrn die Menschen, dem Gutsherrn das Mark in den Knochen, sogar die Luft und das Wasser haben dem Gutsherrn gehört. Unser Herr, der Graf Bortynski hat immer in Paris gelebt und sich gar nicht um sein Besitztum gekümmert. Alle Vollmachten hat sein Mandatar gehabt, und so haben wir immer beten müssen, daß dieser ein guter Mensch sei, denn nur so haben wir ruhig leben können. Zuerst ist unsere Bitte von Gott erhört worden, und der dicke Herr Stephan Grudza war ein Mandatar, wie wir Juden ihn nicht besser wünschen konnten. Betrunken war er freilich vom Morgen bis zum Abend, aber wenn er betrunken war, so war er lustig, und wenn er lustig war, so hat er nicht gerne andere Menschen traurig gemacht. Aber einmal war er bei der Mittagstafel besonders lustig, und nach der Tafel hat ihn der Schlag getroffen. Als er begraben wurde, war große Betrübnis in unserer Gemeinde. Denn erstens war dieser Herr Grudza wirklich ein guter Mensch und dann konnte man wissen, wie sein Nachfolger sein würde?! Diese Betrübnis war auch sehr begründet. Der neue Mandatar hieß Friedrich Wollmann und war ein Deutscher. Sonst sind die Deutschen milder gegen uns als die Polen, aber er war eine Ausnahme. Er war ein großer, magerer Mann mit schwarzen Haaren und dunklen blitzenden Augen. Sein Gesicht war finster und traurig immer, immer – er hat nie gelächelt. Auf die Wirtschaft und auf die Menschen hat er sich ausgezeichnet verstanden, die Mörder und Gauner hat er zum Geständnis zu bringen gewußt wie kein anderer, und bezüglich der Steuern hat ihn gewiß niemand um einen Heller betrogen. Aber uns Juden hat er furchtbar gehaßt und uns jedenTag brennendes Leid angetan. Unsere Abgaben hat er verdreifacht, unsere Söhne hat er ins Militär gesteckt, unsere Feste hat er gestört, und hatten wir Rechtshändel mit den Christen, so war unser Wort nichts und des Christen Wort alles. Auch die Bauern hat er gewiß streng gehalten, erbarmungslos streng, und die Robot hat seit Menschengedenken kein Mandatar in Barnow so durchgeführt wie er, jedoch darin war noch immer eine gewisse Gerechtigkeit. Aber sobald es sich um Juden handelte, hörte aller Verstand auf und alles Recht. Und warum verfolgte er uns so? Man wußte es nicht, aber man ahnte es. Man erzählte sich, er habe früher Froim Wollmann geheißen und sei ein getaufter Jude aus Posen. Er habe aus Liebe zu einem Christenmädchen seinen Glauben gewechselt, aber die Juden seiner Heimat hätten ihn aus Zorn und Empörung darüber so verfolgt und verleumdet, daß ihm die Eltern das Mädchen doch nicht gegeben. Wer die Kunde unter uns gebracht hat, weiß ich nicht, aber wenn man sein Gesicht sah, so klang es nicht unwahrscheinlich und besonders, wenn man sein Benehmen gegen uns sah. So haben wir damals traurige Tage gehabt, und Wollmann hat uns gedrückt, gleichviel, ob wir etwas verschuldet hatten oder nicht. War aber wirklich ein Grund da, so gab es kein Entrinnen aus seiner Hand. Und so war es im Herbst vor dem großen Jahr. Bei uns Soldat zu sein, ist nichts Angenehmes, aber in Rußland gar ist es ärger als der Tod, und wenn ein jüdisch Kind dort zum Militär abgestellt wird, so ist es verloren für Gott, für seine Eltern und für sich selbst. Kann man sich da wundern, wenn die Juden in Rußland alles tun, um ihre Kinder loszukaufen, oder wenn ein Jüngling, den das Unglück trifft, zu entfliehen sucht?! Viele solche Fälle kommen vor; manche Flüchtlinge werden eingefangen, und denen wäre besser, sie wären nie geboren; manchen aber glückt es auch, sie entkommen über die Grenze, nach der Moldau oder zu uns. So ein Fall ereignete sich auch in jener Zeit; ein jüdischer Soldat – er war aus Berdiczow – kam bei Hussiatyn über die Grenze herein und wurde von da nach Batnow gebracht. Die Gemeinde tat für ihn, was sie konnte, und ein reicher, mildtätiger Mann, Chaim Grünstein, der Schwiegervater von Moses Freudenthal, nahm ihn als Pferdeknecht in seinen Dienst. Die russische Regierung forschte natürlich nach dem Flüchtling, und alle unsere Ämter erhielten den Befehl, nach ihm zu suchen. Auch unser Mandatar bekam eine solche Schrift. Sogleich ließ er die Vorsteher der Gemeinde zu sich entbieten und fragte sie aus. Sie erschraken sehr, dann aber faßten sie sich und leugneten, von dem Fremdling zu wissen. Es war gerade am Vortag des ›Versöhnungstages‹; wie hätten sie am Abend vor Gott treten können, wenn sie den Ärmsten verraten hätten?! Darum blieben sie fest, ob auch der Mandatar drohte und wütete. Als er sah, daß sie entweder nichts zu sagen wußten oder nichts sagen wollten, entließ er sie und sagte nur finster: ›Weh euch, wenn der Bursche doch in Barnow ist! Ihr kennt mich noch nicht, aber dann – bei Gott, dann sollt ihr mich kennenlernen!‹ Die Männer gingen, und es ist kaum zu sagen, welche Trauer, Furcht und Betrübnis diese Kunde in der Stadt hervorrief. Der Bursche, um den es sich handelte, war ein braver, fleißiger Mensch; man durfte ihn nicht in seiner Not verlassen. Wenn er in Barnow blieb, so war das sehr gefährlich, denn Wollmann fand ihn doch, früher oder später; diesem Menschen konnte nichts verborgen bleiben. Wenn man ihn aber fortschickte, so ohne Paß, ohne alle Ausweise, so fingen sie ihn gewiß einige Meilen weiter. Man beriet lange hin und her, endlich kam Chaim Grünstein auf einen Einfall. Er hatte einen Verwandten, welcher Gutspächter in der Marmaros war, in Ungarn. Dorthin sollte der Bursche gleich in der Nacht nach dem Versöhnungstag abreisen und nur die Nächte zur Fahrt benützen. So konnte er seinen Drängern am sichersten entgehen. Alle stimmten bei, und erleichterten Herzens nahmen sie die große Mahlzeit ein, welche für das Durchfasten des Versöhnungstages stärken soll. Dann brach die Dämmerung herein, in der Betschul' wurden die vielen, vielen Wachslichter angezündet, und die ganze Gemeinde eilte dorthin, bangen und zerknirschten Herzens, voll Demut und Reue. Denn das sind ja die schweren Stunden, wo wir zu unser aller Richter flehen, daß er uns gnädig sei und unsere Schuld vergebe. In weißem Gewand gingen die Frauen, in weißem Sterbekleid die Männer. Auch Chaim Grünstein und sein Haus gingen dahin, sich vor Gott zu beugen, darunter auch der arme Bursche, der vor Angst an allen Gliedern zitterte. Als alle versammelt waren und der Gottesdienst beginnen sollte und Klein Mendele die Hand flach an die Kehle setzte, um die ersten Töne der ›Kol-Nidra‹ recht beweglich und zitternd hervorzubringen, entstand eine Bewegung an der Tür, gräfliche Trabanten besetzten den Ausgang, und an den Sitzreihen vorüber schritt langsam Herr Wollmann vor, bis er an der Thora-Lade stand, hart neben Klein Mendele. Dieser wich zitternd zur Seite, die Gemeindevorsteher aber traten demütig heran. ›Ich weiß, daß der Bursche unter euch ist‹, sagte Wollmann. ›Wollt ihr ihn jetzt herausgeben?‹ Die Männer schwiegen. ›Nun‹, fuhr der Mandatar fort, ›so werd' ich ihn denn fassen lassen, wenn ihr das Bethaus verlasset. Und nicht nur er, ihr alle werdet des Abends gedenken, das versichere ich euch. Doch nun laßt euch nicht stören, betet nur immer zu. Ich habe Zeit, ich will zuhören.‹ Totenstille folgte; nur von oben, aus der Frauenschul', hörte man den schrillen Angstruf eines Weibes. Alle waren wie gelähmt vor Entsetzen. Dann aber faßten sie sich und erhoben die Blicke zu Gott. Stumm kehrten sie auf ihre Sitze zurück. Klein Mendele zitterte an allen Gliedern. Dann aber richtete er sich auf und begann die Töne der ›Kol-Nidra‹, jener uralten, einfachen Weise, die niemand vergessen kann, der sie einmal gehört hat. Zitternd und unsicher klang anfangs seine Stimme, dann aber ward sie immer mächtiger, und klar und voll und herzbewegend klang sie durch den Raum und über die Beter hin und empor zu Gott. So hat Klein Mendele nie wieder gesungen wie an jenem Abend. Eine wundersame Weihe war über den Menschen gekommen. Wie er so sang, war er kein trällernd Männlein mehr, sondern ein gewaltiger Priester, der für sein Volk zu Gott die Stimme erhebt. Er dachte an die einstige Herrlichkeit und dann an die vielen Jahrhunderte der Schmach und der Verfolgung, und in seiner Stimme klang es, wie wir ruhelos gehetzt worden sind über die Erde, die Ärmsten unter den Armen, die Unglücklichsten unter den Unglücklichen. Und wie die Verfolgung noch nicht geendet hat und wie immer neue Dränger gegen uns den Arm erheben und wie immer neue Schwerter in unserem Fleische wühlen. All unser Leid klang in seiner Stimme, unser unsägliches Leid, unsere unzähligen Tränen. Aber noch etwas anderes klang darin, unser Stolz, unsere Zuversicht, unser Gottvertrauen. Oh, es ist nicht zu sagen, wie Klein Mendele sang in jener schweren Stunde – weinen, weinen, weinen mußte jeder, und doch mußte er wieder stolz sein Haupt erheben ... Die Weiber weinten laut, als er geendet; die Männer schluchzten; Klein Mendele aber barg sein Antlitz in den Händen und brach zusammen. Wollmann hatte sein Gesicht während des Gesanges der Thora-Lade zugekehrt, dann aber wendete er sich um. Er war entsetzlich blaß, seine Knie zitterten, der starke Mann konnte sich kaum aufrechterhalten. In seinen Augen flimmerte es wie von Tränen. Wankenden Schrittes, gebeugten Hauptes schritt er an Mendele vorüber und durch die Reihen gegen den Ausgang. Dort gab er den Trabanten einen Wink, ihm zu folgen ... Was über ihn gekommen war, ahnte man wohl, man sprach es aber nicht aus. Am Tage nach dem Fest ließ er Chaim Grünstein zu sich rufen und gab ihm einen unausgefüllten Paß und sagte nichts dazu, als: ›Ihr könnt's vielleicht brauchen.‹ Von da ab war er milde gegen uns. Es dauerte aber nicht lange. Im Frühling des ›großen Jahres‹ haben ihn die Bauern, die er einst sehr gequält, erschlagen ... Seht, ihr Leute, das ist die Geschichte von unseren Rettern. Und nun überdenket noch einmal, wer groß ist und wer klein, wer schwach und wer mächtig!«