Jens Peter Jacobsen Niels Lyhne Erstes Kapitel Sie hatte die schwarzen, strahlenden Augen der Blider mit den feinen, schnurgraden Brauen; sie hatte ihre stark geformte Nase, ihr kräftiges Kinn und ihre schwellenden Lippen. – Den seltsam schmerzlich-sinnlichen Zug um die Mundwinkel und die unruhigen Kopfbewegungen, das hatte sie auch geerbt; aber ihre Wange war bleich, ihr Haar war weich wie Seide und schloß sich lind und glatt den Formen des Kopfes an. So waren die Bliders nicht; ihre Farben waren Rosen und Bronze. Das Haar war widerspenstig und kraus – dick wie eine Mähne; und dann hatten sie die vollen, tiefen, biegsamen Stimmen, die deutlich die Familientraditionen von den lärmenden Jagdzügen der Väter, von feierlichen Morgenandachten und tausenderlei Liebesabenteuern unterstrichen. Ihre Stimme aber war matt und klanglos. Ich erzähle von ihr, so wie sie im Alter von siebzehn Jahren war; einige Jahre später, als sie verheiratet war, hatte ihre Stimme mehr Fülle, die Farbe der Wangen war frischer, und das Auge war matter geworden, zugleich aber erschien es größer und dunkler. Mit siebzehn Jahren war sie sehr verschieden von ihren Geschwistern, und es bestand eigentlich auch kein nahes Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Die Bliders waren nämlich ein praktisches Geschlecht, die das Leben nahmen, so wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf, und es fiel ihnen niemals ein, mehr oder andere Vergnügungen als das Erntefest und drei, vier Weihnachtsschmäuse zu fordern. Religiös bewegt waren sie nicht; aber sie hätten ebensogut daraufverfallen können, ihre Steuern nicht zu bezahlen, als Gott nicht zu geben, was Gottes war, und darum sprachen sie ihr Abendgebet, fuhren an den hohen Festen zur Kirche, sangen Heiligabend ihre Gesänge und gingen zweimal im Jahre zum Abendmahl. Sie waren auch nicht wißbegierig, und was ihren Schönheitssinn betraf, so waren sie keineswegs gefühllos kleinen, sentimentalen Liedern gegenüber; und wenn der Sommer kam und das Gras dicht und üppig auf den Wiesen wuchs und das Korn in Ähren auf den breiten Ackern stand, dann sagten sie oft zueinander, daß dies eine schöne Zeit sei, um über Land zu gehen; aber sie waren keine sonderlich poetischen Naturen, die Schönheit berauschte sie nicht, sie hatten keine unbestimmte Sehnsucht, so wenig wie sie wache Träume kannten. Aber mit Bartholine war das anders; sie hatte gar kein Interesse für die Ereignisse im Stall und auf den Feldern, kein Interesse für Meierei und Haushalt – gar keins. Sie liebte Gedichte. In Gedichten lebte sie, in ihnen träumte sie, und an sie glaubte sie, wie fast an alles andre. Eltern und Geschwister, Nachbarn und Bekannte, sie sagten fast nie ein Wort, dem zu lauschen es sich der Mühe verlohnte; denn ihre Gedanken erhoben sich keinerzeit von der Erde oder der Arbeit, die sie unter Händen hatten, ebensowenig wie ihr Blick jemals von den Verhältnissen und den Begebenheiten abschweifte, die sie gerade vor ihren Augen hatten. Aber die Gedichte dahingegen! die waren für sie voll neuer Gedanken und tiefsinniger Weisheit von dem Leben da draußen in der Welt, wo die Sorge schwarz und die Freude rot ist, und sie funkelten von Bildern, schäumten und perlten in Rhythmen und Reimen; es handelte alles von jungen Mädchen, und die jungen Mädchen waren edel und schön, sie wußten selber nicht wie sehr; ihre Herzen und ihre Liebe waren mehr als alle Reichtümer der Welt, und die Männer trugen sie auf Händen, hielten sie hoch oben, oben im Sonnenglanz des Glückes, ehrten sie und beteten sie an, waren glücklich, ihre Gedanken und Pläne, ihre Siege und ihren Ruhm mit ihnen zu teilen, und sagten dann obendrein, daß diese glücklichen Mädchen den Keim zu allen Plänen gelegt und alle Siege gewonnen hätten. Und warum sollte man selbst denn nicht ein solches Mädchen sein? sie sind so – und sie sind so – und sie wissen es selber nicht; was weiß ich, wie ich bin? und die Dichter sagten ausdrücklich, daß dies das Leben sei und daß das Leben nicht darin bestände, zu nähen, zu säumen, den Haushalt zu führen und dumme Visiten zu machen. Alles zusammengenommen, verbarg sich hinter diesem ja eigentlich nichts weiter als der etwas krankhafte Drang, sich selbst zu fühlen, das Streben danach, sich selbst zu finden, das so oft bei einem etwas mehr als gewöhnlich begabten jungen Mädchen erwacht; aber das Schlimmste war, daß sich in ihrem Umgangskreis keine einzige überlegene Natur fand, die ihrer Begabung eine Art von Ziel hätte setzen können; es gab ja nicht einmal eine verwandte Natur, und darum betrachtete sie sich schließlich als etwas Eigenartiges, Einzigdastehendes, als eine Art tropische Pflanze, die unter einem unmilden Himmelsstrich emporgeschossen war und die jetzt nur kümmerlich ihre Blätter zu entfalten vermochte, während sie in einer wärmeren Luft, unter einer mächtigeren Sonne ranke Stiele mit einem wunderbar reichen, strahlenden Blumenflor hätte schießen können. Das, meinte sie, sei ihr eigentliches Wesen, das, wozu die richtige Umgebung sie machen würde, und sie träumte tausenderlei Träume von jenen sonnenhellen Gegenden und wurde von Sehnsucht nach ihrem wirklichen, reichen Ich verzehrt und vergaß, was zu vergessen so nahe liegt, daß selbst die holdesten Träume, selbst das tiefste Sehnen dem Wuchs des Menschengeistes auch nicht einen einzigen Zoll hinzusetzt.   Dann kommt eines schönen Tages ein Freier zu ihr. Der junge Lyhne auf Lönborghof war es; er war das letzte männliche Glied eines Geschlechts, das während ganzer drei Generationen zu den intelligentesten der Provinz gehört hatte. Als Bürgermeister, Amtsverwalter oder königliche Kommissarien, häufig begnadigt mit dem Justizrattitel, dienten sie in ihrem vorgerückten Alter wirksam und lobenswert König und Vaterland. In ihren jungen Jahren hatten sie auf vernünftig geordneten und gründlich ausgeführten Studienreisen in Frankreich und Deutschland ihren leicht empfänglichen Geist mit den Kenntnissen, Schönheitsgenüssen und Lebenseindrücken bereichert, die die fremden Länder in so reichem Maße darboten; und wenn sie dann heimkehrten, so wurden jene Auslandsjahre nicht zu den alten Erinnerungen beiseite geschoben, wie man die Erinnerung an ein Fest beiseite schiebt, dessen letzte Kerze und letzter Ton eine nach der andern ausgelöscht und einer nach dem andern dahingestorben ist; nein, das Leben daheim wurde auf diesen Jahren aufgebaut, und die Interessen, die damals geweckt worden waren, erhielten keineswegs Erlaubnis, der Vergessenheit anheimzufallen, sondern sie wurden genährt und mit allen Mitteln, die zu ihrer Verfügung standen, entwickelt; und auserwählte Kupferstiche, kostbare Bronzen, deutsche Dichterwerke, französische Gerichtsverhandlungen und französische Philosophie waren alltägliche Dinge und alltägliche Gesprächsstoffe in den Häusern der Lyhnes. Was ihr Wesen betraf, so bewegten sie sich mit einer altmodischen Leichtigkeit und stilvollen Liebenswürdigkeit, die oft seltsam von der plumpen Majestät und der unbeholfenen Stattlichkeit ihrer Standesgenossen abstach. Ihre Rede war breit abgerundet, zierlich pointiert, aber etwas affektiert rhetorisch, das ließ sich nicht leugnen; doch paßte sie gut zu diesen großen, breiten Gestalten mit den hohen, gewölbten Stirnen, mit dem dichten, gelockten Haar, den hellen, lächelnden Augen und den feingeformten, etwas gebogenen Nasen; aber das Untergesicht war zu schwer, der Mund zu breit, und die Lippen waren auch gar zu voll. Wie nun diese äußeren Züge schwächer bei dem jungen Lyhne hervortraten, so war auch die Intelligenz gleichsam in ihm müde geworden, und die geistigen Aufgaben oder die ernsten Kunstgenüsse, denen er auf seinem Wege begegnet war, hatten keineswegs irgendwelchen Eifer oder ein Sehnen in ihm erweckt; aber er hatte sich mit einer pflichtgetreuen Angestrengtheit an sie herangemacht, die nicht gemildert wurde durch irgendwelche Freude, die Kräfte in Schwung kommen zu fühlen, oder die mit stolzem Selbstgefühl belohnt wurde, wenn es sich zeigte, daß sie ausreichten. Die Zufriedenheit damit, daß der Griff getan war, das war all der Lohn, den er erhielt. Sein Gut Lönborghof war ihm als Erbteil von einem kürzlich verstorbenen Bruder seines Vaters zugefallen, und er war deshalb von der traditionellen Auslandsreise zurückgekehrt und wollte selbst der Bewirtschaftung des Gutes vorstehen; und da nun die Bliders seine nächsten Gutsnachbarn waren und der Oheim auf einem vertrauten Fuße mit der Familie gestanden hatte, so machte er seinen Besuch dort, sah Bartholine und verliebte sich in sie. Daß sie sich in ihn verliebte, war fast selbstverständlich. Das war doch endlich einmal einer von da draußen aus der Welt; einer, der in den großen, fernen Städten gelebt hatte, wo Wälder von Zinnen und Türmen sich von dem sonnenklaren Himmel abhoben, wo die Luft erzitterte von dem Klang der Glocken, von dem Brausen der Orgel und den geschwinden Tönen der Mandoline, während strahlende Aufzüge in Gold und Farben sich festlich durch die breiten Straßen wanden; wo Marmorhäuser leuchteten und die bunten Wappenschilder stolzer Geschlechter paarweise über den weiten Toren saßen, während die Fächer blitzten und die Schleier dort oben auf den gewölbten, steinbelaubten Altanen wallten. Das war einer, der jene Gegenden durchwandert hatte, wo siegreiche Heere über die Landstraßen dahingezogen waren, wo gewaltige Schlachten die Namen der Dörfer und Felder mit unsterblichem Glanz umgaben, wo der Rauch von dem Holzstoß der Zigeuner weit über die Kronen der Wälder aufstieg, während rote Ruinen oben von den weinumkränzten Hügeln in das lächelnde Tal hinabsahen, wo das Mühlrad brauste und läutende Herden über breitgewölbte Brücken heimkehrten. Von allen diesen Dingen erzählte er, aber nicht wie die Dichter, weit mehr wirklich und dann so vertraulich, ganz wie die daheim von den Städten und Nachbargemeinden des Stifts sprachen. Er sprach auch von den Malern und Dichtern, und da waren Namen, die er in die Wolken erhob, die sie niemals hatte nennen hören. Er zeigte ihr ihre Bilder und las ihre Gedichte mit ihr unten im Garten, oben auf der Anhöhe, von wo aus sie über das blanke Wasser des Fjords und die braunen Wellen der Heide sehen konnten; – die Liebe machte ihn poetisch, und die Gegend wurde schön, die Wolken wurden zu den Wolken, die durch die Gedichte zogen, und die Bäume des Gartens bekamen das Laubgehänge, das so wehmütig in den Balladen sauste. Bartholine war glücklich, denn ihre Liebe verursachte, daß der ganze Tag sich in eine Reihe poetischer Situationen auflöste. So war es Poesie, wenn sie den Weg hinabschritt, um ihm zu begegnen; die Begegnung war Poesie, der Abschied war es; es war Poesie, wenn sie oben auf der Anhöhe im Schein der Abendsonne stand und ihm ein allerletztes Lebewohl zuwinkte und dann, wehmütig froh zumut, auf ihre einsame Kammer ging, um ungestört an ihn zu denken; und wenn sie in ihrem Abendgebet für ihn betete, dann war auch das Poesie. Sie hatte jetzt nicht mehr diese unbestimmten Wünsche und sehnsüchtigen Gefühle; das neue Leben mit seinen wechselnden Stimmungen war ihr genug, und ihre Gedanken und Anschauungen waren klarer geworden dadurch, daß sie einen hatte, an den sie sich ungezwungen wenden konnte, ohne Furcht davor, mißverstanden zu werden. Auch in anderer Hinsicht hatte sie sich verändert: das Glück hatte sie Eltern und Geschwistern gegenüber liebenswürdiger gemacht, und sie fand, daß sie eigentlich verständiger waren und mehr Gefühl besaßen, als sie angenommen hatte. Dann heirateten sie. Das erste Jahr glich der Verlobungszeit sehr; aber als dann das Zusammenleben etwas älter geworden war, konnte Lyhne es sich selbst nicht länger verbergen, daß er es müde wurde, beständig seiner Liebe neuen Ausdruck zu verleihen, beständig, gehüllt in das Federkleid der Poesie, die Flügel ausgebreitet zu halten, bereit zum Fluge durch die Himmel aller Stimmungen und die Tiefen aller Gedanken; er sehnte sich danach, in beschaulicher Ruhe still auf seinem Zweig zu sitzen und schlummernd sein müdes Haupt unter die wärmende Federschicht des Flügels zu verbergen. Er stellte sich die Liebe nicht vor wie eine ewig wache, lodernde Flamme, die mit ihrem starken, flackernden Schein in alle ruhigen Falten des Daseins hineinleuchtete und phantastisch alles größer und fremder erscheinen ließ, als es war; eher war die Liebe für ihn wie die stille, glimmende Glut, die von ihrem weichen Aschenlager die gleichmäßige Wärme aussendet und die in gedämpfter Dämmerung sänftiglich das Ferne vergißt und das Nahe doppelt nah und doppelt heimatlich erscheinen läßt. Er war müde, ermattet; er konnte all die Poesie nicht ertragen; er schmachtete danach, sich auf die feste Erde des Alltaglebens zu stützen, wie ein Fisch, der in der heißen Luft erstickt, sich nach der klaren, frischen Kälte der Welle sehnen muß. Es mußte aufhören, es mußte von selber aufhören; Bartholine stand dem Leben und den Büchern nicht länger unerfahren gegenüber, sie war ebenso vertraut damit wie er, er hatte ihr alles gegeben, was er erhalten hatte; und nun sollte er fortfahren zu geben; das war unmöglich, er hatte nichts mehr; – sein einziger Trost war, daß Bartholine guter Hoffnung war. Schon lange hatte Bartholine mit Kummer bemerkt, daß sich ihre Ansicht über Lyhne nach und nach verändert hatte und daß er nicht mehr auf der schwindelnden Höhe stand, wohin sie ihn in der Verlobungszeit gestellt hatte. Sie zweifelte noch nicht daran, daß er das war, was sie eine poetische Natur nannte; aber sie war aufgescheucht worden, denn die Prosa hatte begonnen, zuweilen den Pferdefuß hervorzustecken. Desto eifriger jagte sie der Poesie nach und versuchte, den alten Zustand zurückzubringen, indem sie ihn mit noch größerem Stimmungsreichtum, mit noch größerer Begeisterung überschüttete; aber sie fand einen so geringen Widerklang, daß sie sich selbst fast für sentimental und affektiert hielt. Noch eine Zeitlang suchte sie den widerstrebenden Lyhne mitzuziehen; sie wollte nicht an das glauben, was sie ahnte; aber da allmählich das Fruchtlose ihrer Anstrengungen anfing, Zweifel darüber in ihr zu erwecken, ob ihr Geist und Herz wirklich einen so großen Reichtum in sich trugen, wie sie geglaubt hatte, da ließ sie ihn plötzlich fallen, wurde kühl, schweigsam und verschlossen und suchte die Einsamkeit, um in Ruhe über ihre verlorenen Illusionen zu trauern. Denn das sah sie jetzt, daß sie bitter getäuscht war und daß Lyhne eigentlich im innersten Innern sich nicht von ihrer alten Umgebung unterschied und daß das, was sie betrogen hatte, das ganz Gewöhnliche war, daß seine Liebe eine kurze Stunde ihn mit einer flüchtigen Glorie von Geist und Hoheit umgeben hatte, was so oft bei niederen Naturen geschah. Lyhne wurde sowohl betrübt wie auch ängstlich bei dieser Veränderung in ihrem Verhältnis, und er bestrebte sich es gutzumachen durch unglückliche Versuche, wieder den alten, schwärmerischen Flug zu fliegen; aber dies diente nur dazu, Bartholine noch klarer zu beweisen, wie groß ihr Irrtum gewesen war. So stand es zwischen den Eheleuten, als Bartholine ihr erstes Kind zur Welt brachte. Es war ein Knabe, und sie nannten ihn Niels. Zweites Kapitel In gewisser Weise führte das Kind die Eltern wieder zusammen, denn an seiner Wiege trafen sie sich stets in gemeinsamem Hoffen, in gemeinsamer Freude und gemeinsamer Furcht; an das Kind dachten sie, und von ihm sprachen sie gleich gern und gleich oft, und dann war der eine dem andern so dankbar für das Kind und für seine Freude darüber und seine Liebe zu ihm. Aber es lag doch eine weite Kluft zwischen ihnen. Lyhne ging ganz auf in seiner Landwirtschaft und in Gemeindeangelegenheiten, ohne doch in irgendeiner Weise als leitend oder auch nur reformierend aufzutreten; aber er setzte sich pflichtgetreu in das Bestehende hinein, sah zu wie ein interessierter Zuschauer und gab sein Jawort zu den besonnenen Verbesserungen, die sein alter Verwalter oder der Älteste der Gemeinde nach genauer Überlegung, nach sehr genauer Überlegung vorschlug. Niemals fiel ihm ein, die Kenntnisse, die er sich in früheren Tagen erworben hatte, wieder anzuwenden; dazu hatte er zu wenig Zutrauen zu dem, was er Theorie nannte, und allzu großen Respekt vor den durch lange Ausübung ehrwürdig gewordenen Erfahrungssätzen, die die andern das richtig Praktische nannten. Überhaupt war nichts an ihm, was darauf hindeutete, daß er nicht zeit seines Lebens hier gelebt und also gelebt hatte. Eine Kleinigkeit doch ausgenommen. Die nämlich, daß er oft halbe Stunden lang auf einem Fleck oder einem Grenzstein stillsitzen und in seltsam vegetativer Benommenheit über den fruchtbar grünen Roggen oder den golden-fruchtschweren Hafer hinausstarren konnte. Das hatte er anderswoher, das erinnerte an den alten Lyhne, den jungen Lyhne. In ihrer Welt fand Bartholine sich nicht auf diese Weise zurecht, nicht so auf einmal, sofort, ohne Aufheben und ohne Tasten. Nein; erst klagte sie durch die Gedichte von hundert Dichtern, in den breiten Gemeinplätzen jener ganzen Zeit, über die tausenderlei Schranken, Banden und Ketten; und bald waren die Klagen dann wie der hohe Zorn gekleidet, der seinen Wortgeifer gegen die Throne der Kaiser und die Gefängnisse der Tyrannen schleudert, bald wie der ruhige, mitleidige Kummer, der das reiche Licht der Schönheit entweichen sieht von einem blinden, sklavengesonnenen Geschlecht, geknechtet und niedergebeugt von der ideenlosen Geschäftigkeit des Tages; und dann wieder war das Gewand der Klage nur wie ein stiller Seufzer nach dem freien Fluge des Vogels oder nach der Wolke, die so leicht der Ferne entgegensegelt. Aber sie wurde müde zu klagen, und die aufreizende Ohnmacht der Klage stachelte sie an zu Zweifel und zu Bitterkeit; und so wie gewisse Gläubige ihren Heiligen schlagen und ihn mit Füßen treten, wenn er seine Macht nicht zeigen will, so verspottete sie jetzt die vergötterte Poesie und fragte höhnisch sich selber, ob sie nicht glaube, daß der Vogel Rock sich demnächst unten im Gurkenbeet zeigen oder Aladdins Höhle sich unter dem Fußboden im Milchkeller auftun würde; und in kindischem Zynismus belustigte sie sich damit, die Welt übertrieben prosaisch zu machen, nannte den Mond einen grünen Käse und die Rosen Potpourri, alles in dem Gefühl, daß sie sich räche, aber auch mit der halb ängstlichen, halb aufreizenden Empfindung, daß dies Blasphemie war. Der Befreiungsversuch, der diesem zugrunde lag, mißlang. Sie sank in ihre Träume zurück, in Träume aus der Mädchenzeit, aber es bestand der Unterschied, daß nun keine Hoffnung mehr aus ihnen hervorleuchten konnte; und dann war noch das: sie hatte gelernt, daß es nur Träume waren, ferne, berückende Luftbilder, die keine Sehnsucht der Welt zu ihrer Erde hinabzuziehen vermochte, und deshalb, wenn sie sich ihnen jetzt hingab, so geschah es mit Unruhe und trotz der vorwurfsvollen Stimme ihres Innern, die sie verstehen ließ, daß sie dem Trinker gleiche, der weiß, daß seine Leidenschaft verderblich ist und daß ein jeder neue Rausch Kräfte sind, die er von seiner Schwäche nimmt und sie der Kraft seiner Leidenschaften hinzufügt; über die Stimme ertönte vergeblich, denn ein nüchtern gelebtes Leben ohne die leichte Last der Träume war kein lebenswertes Leben – das Leben besaß ja gerade nur den Wert, den ihm die Träume verliehen. So verschieden waren des kleinen Niels Lyhne Vater und Mutter; die beiden freundlichen Mächte, die, ohne es zu wissen, einen Streit um seine junge Seele stritten von dem Augenblick an, wo sich ein Schimmer von Intelligenz zeigte, dessen man habhaft werden konnte; und je älter das Kind wurde, um so stärker wurde der Streit, denn eine desto reichere Auswahl unter den Waffen gab es. Die Anlage des Sohnes, durch die die Mutter auf ihn einzuwirken versuchte, war seine Phantasie, und Phantasie besaß er in vollem Maße; aber schon als ganz kleines Kind zeigte er, daß für ihn ein ganz bedeutender Unterschied zwischen der Fabelwelt bestand, die die Worte der Mutter schufen, und der Welt, die wirklich war; denn es geschah mehr als elfmal, wenn die Mutter ihm Märchen erzählte und schilderte, wie schmerzensreich es um die Helden bestellt war, daß Niels, der gar keinen Ausweg aus all diesem Jammer zu finden vermochte, gar nicht sehen konnte, wie es zu entfernen sei, all dieses Elend, das in einem undurchdringbaren Ring sich enger und enger um ihn und den Helden auftürmte, – ja, da konnte es manch liebes Mal geschehen, daß Niels plötzlich seine Wange an die der Mutter preßte und mit Tränen in den Augen und bebenden Lippen flüsterte: »Das ist doch nicht wirklich wahr?« Und wenn er dann die tröstliche Antwort erhalten hatte, auf die er wartete, so seufzte er tief erleichtert auf und lauschte in wohlbehaglicher Ruhe der Geschichte bis zu Ende. Aber die Mutter liebte eigentlich diese Fahnenflucht nicht. Als er zu groß geworden war für die Märchen und sie es auch müde ward, sie zu erdichten, da erzählte sie ihm mit kleinen Hinzufügungen von all den Heroen des Krieges und des Friedens, deren Leben geeignet war zu zeigen, welche Macht einer Menschenseele innewohnt, wenn sie nur das Eine will, das Große, und sich weder mutlos abschrecken läßt von dem kurzsichtigen Zweifel des Tages, noch hinabsinkt in den weichen, tatenlosen Frieden. Diesen Ton schlugen die Erzählungen an, und da die Geschichte nicht Helden genug besaß, die paßten, erwählte sie sich einen Phantasiehelden, über dessen Handlungen und Schicksale sie ganz verfügen konnte – so einen rechten Helden nach ihrem eignen Herzen, Geist von ihrem Geist, ja auch Fleisch von ihrem Fleisch und Blut. Einige Jahre nach Niels Geburt hatte sie nämlich einen totgeborenen Knaben zur Welt gebracht, und er war es, den sie erwählte; all das, was er hätte werden und ausrichten können, wurde jetzt dem Bruder in wildem Wechsel vorgeführt, Prometheussehnsucht, Messiasmut und Herkuleskräfte in naiv burlesker Verkleidung und unbändiger Verschrobenheit, eine Welt von wohlfeilen Phantasien, die von dem Körper der Wirklichkeit nicht mehr an sich hatten, als gerade dieses arme kleine Kinderskelett, das dort oben auf dem Lönborger Kirchhof zu Moder und Fäulnis verfiel. Niels irrte sich nicht in der Moral dieser Erzählungen; er sah vollkommen ein, daß es verächtlich sei, so zu werden, wie die Menschen im allgemeinen waren; er war auch bereit, sich dem harten Schicksal hinzugeben, das den Heroen zufiel, und in der Phantasie litt er willig unter den aufreibenden Kämpfen, dem harten Mißgeschick, dem Martyrium des Verbanntseins und den friedlosen Siegen; aber es gereichte ihm trotzdem zur unvergleichlichen Erleichterung, daß es bis dahin noch eine gute Weile hatte – daß all dies erst eintreffen sollte, wenn er erwachsen war. Wie die Traumgesichte, die Traumtöne einer Nacht in den wachen Tag übergehen und in Nebelformen, in Tonwolken den Gedanken anrufen können, so daß er gleichsam eine flüchtige Sekunde lauschen kann, verwundert, ob es wirklich rief, – so flüsterten die Vorstellungen von jener traumgeborenen Zukunft gedämpft über Niels Lyhnes Kindheitstage hinweg und erinnerten ihn leise, aber ohne Unterlaß daran, daß dieser glücklichen Zeit eine Grenze gesetzt sei und daß sie einmal, daß sie eines Tages nicht mehr sein würde. Das Bewußtsein hiervon gebar den Drang, das Kindheitsleben in seiner ganzen Fülle zu genießen, es durch alle Sinne einzusaugen, nicht einen Tropfen zu vergeuden, nicht einen einzigen; und darum lag in seinen Spielen eine Innigkeit, die zur Leidenschaft emporgetrieben wurde unter dem Druck des unruhigen Gefühls, daß die Zeit ihm entschwand, ohne daß er aus ihren reichen Wellen all das geborgen hatte, was sie brachte, Welle für Welle; und darum konnte er sich auf die Erde werfen und vor Verzweiflung schluchzen, wenn er sich an einem freien Tage langweilte, weil ihm dies oder jenes fehlte, Spielgefährten, Erfindungsgabe oder trockenes Wetter, und deshalb wollte er auch so ungern ins Bett, denn der Schlaf war das Ereignislose, das vollständig Empfindungslose. Aber nicht immer war es also. Es geschah, daß er sich müde lief und daß seine Phantasie gar keine Farben mehr hatte; dann fühlte er sich ganz unglücklich, fühlte sich gar zu klein und jammervoll für seine ehrgeizigen Träume, ja, es erschien ihm, daß er ein unwürdiger Lügner sei, der sich frech den Anschein gegeben hatte, als liebe er das Große und als verstehe er es, während er in Wirklichkeit nur Gefühle hatte für das Kleine, während er das Alltägliche liebte und alle, alle erdgebundenen Wünsche und Begierden lebendig in sich fühlte; ja, es geschah auch sogar, daß er den Klassenhaß des Gewürms zu dem Erhabenen in sich hatte und daß er mit Freuden diese Heroen gesteinigt hätte, die von besserem Blute waren als er und die wußten, daß sie es waren. An solchen Tagen mied er seine Mutter, und in dem Gefühl, daß er einem unedlen Instinkte folgte, flüchtete er zu dem Vater hin und hatte ein offenes Ohr und einen empfänglichen Sinn für all dessen erdgebundene Gedanken und traumlose Erklärungen. Und er fühlte sich so wohl bei dem Vater, war so froh, daß sie einander ebenbürtig waren, und vergaß fast, daß dies derselbe Vater war, auf den er sonst von den Zinnen seines Traumschlosses mit Mitleid herabgesehen hatte. Dies stand natürlich nicht deutlich vor seinem kindlichen Bewußtsein in der Klarheit und der Bestimmtheit, wie sie das ausgesprochene Wort verleiht, aber es war alles da, unfertig, ungeboren, in vager unbegreiflicher Fötusform; es glich der seltsamen Vegetation eines Meeresbodens, durch fahles Eis hindurchgesehen; schlage das Eis in Stücke oder zieh es dunkel lebend hervor an das Licht der Worte: das Gleiche geschieht, – das, was jetzt gesehen und jetzt gefaßt wird, ist in seiner Klarheit nicht das Dunkle, das war. Drittes Kapitel Und die Jahre entschwanden; ein Weihnachten folgte dem andern, füllte die Luft mit seinem strahlenden Festglanz bis weit über das Fest der heiligen drei Könige hinaus; die Pfingstferien liefen über die blumensprießenden Frühlingswiesen dahin, und Sommerferien auf Sommerferien zogen heran, feierten ihre Frühlingsorgien, ihr Sommergelage und gossen ihren Sommerwein aus vollen Schalen aus, und dann eines Tages, bei sinkender Sonne liefen sie davon, und zurück blieb die Erinnerung mit sonnengebräunter Wange, mit verwunderten Augen und mit tanzendem Blut. Und die Jahre entschwanden, und die Welt war nicht mehr die wundererfüllte Welt, die sie früher gewesen war; diese dunklen Winkel hinter morschen Fliederbüschen, diese geheimnisvollen Bodenkammern und jene unheimliche Steinkiste unter dem Klastrupper Weg – die Schrecken des Märchens wohnten dort nicht mehr; und dieser lange Erdhügel, der sein Gras beim ersten Lerchenschlag unter den purpurgeränderten Sternen des Tausendschönchens und den gelben Glocken des Schlüsselblümchens versteckte, der Bach mit seinen phantastischen Schätzen von Tieren und Pflanzen, und die wilden Bergabhänge der Sandgrube mit ihren schwarzen Feuersteinen und silberglänzenden Granitbrocken – das waren alles nur armselige Blumen, Tiere und Steine; das strahlende Gold der Fee war wieder zu Laub verblaßt. Spiel auf Spiel war alt und sinnlos geworden, dumm und langweilig wie die Bilder in einem A-B-C-Buch, und einst waren sie doch so neu, so unverschleißbar neu gewesen. Dort hatten sie den Reifen gerollt, Niels und Pfarrers Frithjof; und der Reifen war ein Fahrzeug, das strandete, wenn es umfiel, fing man ihn aber auf, ehe er fiel, so hatte man Anker geworfen. Der schmale Durchgang zwischen den Wirtschaftsgebäuden, der so schwierig zu passieren war, hieß Bab-el-Mandeb oder die Pforte des Todes; auf der Stalltür stand mit Kreide geschrieben, daß hier England sei, und auf dem Scheunentor stand: Frankreich. Die Gartenpforte war Rio de Janeiro, aber das Haus des Schmieds war Brasilien. Man hatte auch das Spiel Holger Danske, das konnte zwischen den großen Kletten hinter der Scheune gespielt werden; aber oben auf dem Felde des Müllers waren einige Erdhöhlen, die Knakker genannt wurden, und hier hielt sich Prinz Burmand in höchst eigener Person auf und seine wilden Sarazenen mit rotgrauen Turbanen und gelben Helmbuschen, Kletten und Königskerzen von riesigem Wuchs; dort war erst das richtige Mauritanien, denn diese grenzenlose Üppigkeit, diese wimmelnden Massen fruchtbaren Lebens reizten den Zerstörungstrieb, berauschten die Sinne mit der Wollust des Vernichtens, und die Holzschwerter glänzten mit dem Glanz von Stahl, der grüne Pflanzensaft färbte die Klinge blutigrot, und die abgemähten Stengel knirschten unter den Füßen wie Türkenkörper unter Pferdehufen, mit einem Laut von Knochen, die im Fleisch zermalmt werden. Unten am Fluß hatten sie gespielt; Muscheln wurden als Schiffe ausgesandt, und wenn ein Seegrasbüschel sie aufhielt oder sie auf einer Sandbank strandeten, so war das Kolumbus im Sargassomeer oder die Entdeckung Amerikas. Häfen wurden angelegt und mächtige Dämme, der Nil wurde in dem festen Seesand ausgegraben, und einmal bauten sie Schloß Gurre aus Kieselsteinen, – ein kleiner toter Fisch in einer Austernschale war die tote Tove, und selbst waren sie König Waldemar, der trauernd daneben saß. Aber dies war nun vorbei. Niels war jetzt ein großer Knabe, zwölf Jahre alt, er ging in sein dreizehntes, und er brauchte nicht mehr auf Disteln und Kletten einzuhauen, um seine Ritterphantasien zu genießen, ebensowenig wie er es nötig hatte, seine Entdeckerträume zum Segeln in Muscheln auszusetzen. Jetzt reichten ein Buch und eine Sofaecke aus, und reichten sie nicht aus, wollte ihn das Buch nicht zu jener Küste tragen, die ihm teuer war, so suchte er Frithjof auf und erzählte ihm die Geschichte, die das Buch nicht geben wollte. Arm in Arm gingen sie den Weg entlang, der eine erzählend, beide lauschend, aber wenn sie es richtig genießen, der Phantasie richtiges Licht geben wollten, dann verbargen sie sich in der duftenden Dunkelheit des Heubodens. Bald gingen diese Geschichten jedoch, die schlossen, wenn sie sich gerade so recht in sie eingelebt hatten, in die eine lange Geschichte über, die niemals ein Ende hatte, sondern die eine Generation nach der andern überlebte; denn wenn der Held zu alt wurde oder man ihn unvorsichtigerweise umkommen ließ, so gab man ihm einen Sohn, der alles vom Vater erbte und sogar mit solchen neuen Eigenschaften ausgerüstet wurde, wie man sie im Augenblick gerade besonders schätzte. Alles, was auf Niels Eindruck gemacht hatte von dem, was er sah, von dem, was er verstand und mißverstand, was er bewunderte, und von dem er wußte, daß es bewundert werden sollte, all dies kam in die Geschichte hinein. Wie die gleitenden Wasser von jedem Bild gefärbt werden, das ihrem Spiegel nahekommt, und das Bild in ungestörter Klarheit wiedergeben, wie es sich nun gerade trifft, oder es verzerren und es verdrehen oder es in wellenförmigen, unsicher tanzenden Umrissen zurückwerfen oder es ganz in ihren eigenen Farben und ihrem Linienspiel ertränken, – so ergriff die Geschichte die Gefühle und Gedanken des Knaben, sowohl die eigenen wie die anderer, ergriff Menschen und Ereignisse, Leben und Bücher, so gut wie sie sie zu ergreifen vermochte. Sie war wie ein Leben, das neben dem wirklichen Leben gespielt wurde; sie war wie ein trautes, geheimes Versteck, wo man süß von den wildesten Fahrten träumen konnte; sie war wie ein Feengarten, der sich auf den leisesten Wink hin öffnete und einen in all seine Herrlichkeit aufnahm, alle andern ausschließend; und von oben war er mit flüsternden Palmen geschlossen; von unten, zwischen Blumen aus Sonne, unter gesternten Blättern, auf Ranken von Korallen, dort öffneten sich tausend Wege nach allen Gegenden hin und nach allen Zeiten; schritt man den einen entlang, kam man hierhin, ging man den andern hinab, kam man dorthin, zu Aladdin und Robinson Crusoe, zu Vaulunder und Heinrich Magnard, zu Niels Klim und Mungo Park, zu Peter Simpel und zu Odysseus – und man brauchte es nur zu wünschen, so war man wieder daheim.   Einen Monat nach Niels zwölftem Geburtstag hatten sich zwei neue Gesichter auf Lönborghof gezeigt. Das eine gehörte dem neuen Hauslehrer, das andere war Edele Lyhnes. Der Hauslehrer, Herr Bigum, war ein theologischer Kandidat, auf der Schwelle der Vierziger. Er war etwas klein, aber kräftig, fast lasttierkräftig von Bau, breitbrüstig, hochschultrig, ducknackig. Die Arme waren lang, die Beine stark und kurz, die Füße breit; sein Gang war langsam, schwer und nachdrücklich, die Armbewegungen unbestimmt, ausdruckslos, sie erforderten großen Platz. Rotbärtig war er wie ein Buschmann, sommersprossig blond von Hautfarbe. Seine große, hohe Stirn war flach wie eine Wand mit ein paar senkrechten Falten zwischen den Augenbrauen; die Nase war kurz und plump, der Mund groß mit dicken, frischen Lippen. Das Hübscheste an ihm waren seine Augen, sie waren licht, sanft und klar. An der Bewegung des Augapfels konnte man sehen, daß er etwas schwerhörig war. Dies hinderte ihn jedoch nicht, ein großer Musikliebhaber und ein leidenschaftlicher Violinspieler zu sein; denn Töne, sagte er, würden nicht nur mit dem Ohr gehört, der ganze Körper höre: die Augen, die Finger, die Füße, und versage das Ohr auch ein seltenes Mal, so würde die Hand doch in seltsam instinktmäßiger Genialität den rechten Ton ohne die Hilfe des Ohres zu finden wissen. Übrigens seien doch alle hörbaren Töne zu guter Letzt falsch; wer aber die Gnadengabe der Töne besitze, habe in seinem Innern ein unsichtbares Instrument, gegen das die herrlichste Cremoneser nur sei wie die Kalebasse-Violine des Wilden, und auf diesem Instrument spiele die Seele, aus seinen Saiten klängen die idealsten Töne, und daraufhin hätten die großen Tondichter ihre unsterblichen Werke komponiert; die äußere Musik, die die Luft der Wirklichkeit durchzittere und die die Ohren hörten, die sei nur eine jammervolle Nachahmung, ein stotternder Versuch, das Unaussprechliche zu sagen; man könne sie mit der Musik der Seele vergleichen, wie eine Statue, mit Händen geformt, mit dem Meißel gehauen, mit dem Maß gemessen, zu vergleichen sei mit dem wundersamen Marmortraum der Bildhauer, den zu sehen es niemals den Augen vergönnt war und den die Lippen niemals preisen durften. Musik war jedoch keineswegs Herrn Bigums Hauptinteresse; in erster Linie war er Philosoph; aber nicht einer jener produktiven Philosophen, die neue Gesetze finden und Systeme aufbauen; er lachte über ihre Systeme, diese Schneckenhäuser, die man mit sich über das unendliche Feld des Gedankens schleppt, einfältig glaubend, daß das Feld da drinnen im Schneckenhaus sei. Und diese Gesetze: Gedankengesetze, Naturgesetze! – als wenn ein Gesetz entdecken etwas anders sei, als einen bestimmten Ausdruck dafür zu finden, wie borniert man war; so weit kann ich sehen und nicht weiter, dort ist mein Horizont, das bedeutete die Entdeckung und nicht mehr; denn war da nicht ein neuer Horizont hinter dem ersten und abermals ein neuer, und wieder ein neuer, Horizont hinter Horizont, Gesetz hinter Gesetz bis in eine Unendlichkeit! Nicht auf diese Weise war er Philosoph. Er glaubte nicht, eingebildet zu sein oder sich selbst zu überschätzen, aber er konnte die Augen der Tatsache nicht verschließen, daß seine Intelligenz weitere Gebiete umspannte als die andrer Sterblicher. Vertiefte er sich in die Werke großer Denker, so war es ihm, als schreite er zwischen einem Volk schlummernder Gedankenkämpfer einher, die gebadet im Licht seines Geistes erwachten und ihre Stärke erkannten. Und so überall: jeder fremde Gedanke, jede Stimmung, jedes Gefühl, dem es vergönnt war, in ihm zu erwachen, erwachte mit seinem Zeichen auf der Stirn, geadelt, geläutert, schwingenstark, und mit einer Erhabenheit über sich, einem Reichtum in sich, von dem sein Schöpfer niemals geträumt hatte! Wie oft hatte er sich nicht fast demütig über diesen wunderbaren Reichtum seiner Seele und über die machtsichere Gottesruhe seines Geistes gewundert; denn es gab Tage, wo er die Welt und die Dinge, die in dieser Welt sind, von ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten aus beurteilte, und Tage, an denen er die Welt und ihre Dinge von Voraussetzungen aus betrachtete, die so verschieden voneinander waren wie die Nacht vom Morgen, ohne daß doch diese gewählten Standpunkte und gewählten Voraussetzungen, die er zu den seinen gemacht hatte, jemals auch nur eine Sekunde ihn zu den ihren machten, ebensowenig wie der Gott, der die Gestalt des Stieres oder Schwanes angenommen hat, einen einzigen Augenblick Stier oder Schwan wird und aufhört, Gott zu sein. Und es war niemand, der ahnte, was in ihm wohnte; alle gingen sie blind an ihm vorüber; aber er ergötzte sich an ihrer Blindheit, voll Verachtung gegen die Menschheit. Der Tag würde kommen, wo sein Auge erlosch und das herrliche Gebäude seines Geistes in seinen Stützen barst und zusammenstürzte und erschien, als sei es niemals gewesen; aber er hinterließ kein Werk aus seiner Hand, keinen Tüpfel, der vermelden konnte, was mit ihm verloren gegangen war. Das Genie sollte nicht in ihm durch die Verkennung der Welt dornengekrönt werden, sollte sich auch nicht dem besudelnden Purpurmantel der Bewunderung hingeben; und er jubelte bei dem Gedanken, daß Geschlecht auf Geschlecht geboren werden und sterben würde und die Größten des Geschlechts durch lange Zeiten hindurch ihr Leben dafür einsetzen würden, das zu gewinnen, was er hätte geben können, wenn er seine Hand hätte öffnen wollen. Daß er in so bescheidenen Verhältnissen lebte, verursachte ihm einen eigenen Genuß; denn es lag eine so großzügige Verschwendung darin, daß sein Geist dazu gebraucht werden sollte, Kinder zu unterrichten, und ein so wahnsinniges Mißverhältnis darin, daß seine Zeit mit dem jammervollen täglichen Brot bezahlt wurde, und eine so gigantische Verkehrtheit darin, daß es ihm vergönnt war, dies Brot auf Empfehlung armseliger, gewöhnlicher Menschen hin zu verdienen, die dafür bürgten, daß er tüchtig genug sei, um das elende Amt eines Hauslehrers zu übernehmen. Und man hatte ihn durchfallen lassen, als er das Staatsexamen machte. Oh, es lag eine seltsame Wollust darin, zu fühlen, wie der brutale Unverstand den Menschen beiseite warf wie leere Spreu, indem sie das Leere und Kernlose als goldnes Korn schätzten, und dann bei sich selbst zu wissen, daß der eigne kleinste Gedanke eine Welt aufwog! Aber es gab auch Zeiten, wo die Einsamkeit seiner Größe schwer und erdrückend auf ihm lag. Ach, wie oft, wenn er Stunde auf Stunde, in heiligem Schweigen seiner eignen Stimme gelauscht hatte und dann wieder dem Leben gegenübertrat, das ihn umgab, sehend ward und hörend und es ihm fremd erschien in seiner Niedrigkeit und Verwerflichkeit, wie oft fühlte er sich da nicht wie jener Mönch, der im Klostergarten gelauscht hatte, während der Vogel des Paradieses einen einzigen Triller schlug, und der, als er zurückkehrte, hundert Jahre verronnen fand. Denn war der Mönch einsam in dem unbekannten Geschlecht, das zwischen den bekannten Gräbern lebte, wie viel mehr fühlte da nicht er sich einsam, dessen rechte Mitwelt noch nicht geboren war. In solchen Augenblicken der Verlassenheit konnte ihn die feige Sehnsucht ergreifen, zu dem Haufen der gewöhnlichen Sterblichen herabzusinken und ihr niedriges Glück zu teilen, Bürger auf ihrer großen Erde, Bürger in ihrem kleinen Himmel zu werden. Aber bald war er wieder er selber. Der andere Gast des Gutes war Fräulein Edele Lyhne, Lyhnes sechsundzwanzigjährige Schwester; sie hatte viele Jahre in Kopenhagen gelebt, erst bei der Mutter, die, als sie Witwe geworden war, in die Hauptstadt zog, und nach dem Tode der Mutter bei ihrem reichen Oheim, Etatsrat Neergaard. Der Etatsrat führte ein großes Haus und nahm eifrig teil an dem geselligen Leben, so daß Edele in einem Wirbel von Bällen und Festen lebte. Überall wurde sie bewundert, und der Neid, der treue Schatten der Bewunderung, folgte ihr auch. Es wurde so viel von ihr gesprochen, wie man nur von einer sprechen konnte, die nichts Schlechtes getan hatte, und wenn die Herren sich über die drei Schönheiten der Stadt stritten, waren da immer viele Stimmen, die einen der Namen auslöschen und Edele Lyhnes an die Stelle setzen wollten; aber man konnte sich nicht darüber einigen, welche von den beiden Schönheiten Platz machen sollte, von der dritten konnte nicht die Rede sein. Ganz junge Menschen bewunderten sie jedoch nicht; sie waren immer etwas bange vor ihr und fühlten sich in ihrer Gesellschaft doppelt so dumm, wie sie waren; denn sie lauschte ihnen mit dem leise erdrückenden Ausdruck von Geduld in ihrem Blick, einer boshaft unterstrichenen Geduld, die deutlich erzählte, daß sie es auswendig wußte, all das, was sie sagten und all ihre Anstrengungen, um sich in ihren und in ihren eigenen Augen zu heben, indem sie blasiert taten, nach wilden Paradoxen jagten oder, wenn ihre Verzweiflung auf ihrem Höhepunkt angelangt war, freche Anträge machten; diese Versuche, die sich in jugendlich schlecht motivierten Übergängen aneinander drängten und drückten, sie wurden alle mit dem Schatten eines Lächelns begrüßt, das den Unglücklichen erröten machte und ihm das Gefühl verlieh, er sei die hundertundelfte Fliege in demselben unbarmherzigen Spinngewebe. Außerdem besaß ihre Schönheit weder das Weiche noch das Brennende, das so bezaubernd für junge Herzen ist. Auf Herzen, die älter, und auf Köpfe, die kühler waren, übte sie dahingegen eine seltene Anziehungskraft aus. Sie war groß. Ihr dichtes, langes Haar war blond mit dem matten rötlichen Schein, der über reifendem Weizen liegt, und es wuchs lang in ihren Nacken hinein, in zwei schmäler auslaufende Reihen, etwas heller als das übrige und kräftig gelockt. Von der hohen scharfgeformten Stirn zeichneten sich die etwas hellen Brauen unbestimmt und ohne Linien ab. Die Augen, hellgrau, groß und klar, wurden nicht durch die Brauen hervorgehoben, erhielten auch kein wechselndes Spiel von den leichten, dünnen Augenlidern. Sie hatten etwas Unbestimmtes und Unbestimmbares in ihrem Ausdruck, sahen den Menschen stets voll und offen an, hatten nichts von diesen reich nuancierten Seitenblicken, diesem halben flüchtigen Augenaufschlag, sie erschienen unnatürlich wach, unergründlich, unbezwingbar. Ihr ganzes Mienenspiel lag im Untergesicht, wurde von den Nasenflügeln, dem Mund und Kinn getragen. Die Augen sahen nur zu. Besonders war der Mund ausdrucksvoll mit seinen tiefen Mundwinkeln, seinem scharf gezeichneten Umriß und der anmutig gebogenen Begegnungslinie der Lippen. Es lag nur in der Haltung der Unterlippe etwas Hartes, das im Lächeln bald fast zerschmolz, bald auch zu einem Ausdruck gleichsam von Brutalität erstarrte. Die beinahe gewaltsam geschwungene Linie des Rückens und die große Üppigkeit des Busens im Verhältnis zu den strengen Formen der Schultern und der Arme gaben ihr etwas Verwegenes, etwas bestrickend Tropisches, was noch hervorgehoben wurde durch das blendende Weiß ihrer Haut und die krankhafte, stark blutrote Farbe der Lippen, so daß der Eindruck, indem er aufreizend wirkte, zugleich auch beängstigend wurde. Es lag überhaupt über ihrer hohen, hüftenschlanken Gestalt etwas raffiniert Stilvolles, das sie, namentlich bei ihren Balltoiletten, durch eine resolute und zielsichere Kunst zu unterstreichen wußte, die, indem sie so laut von ihrem Kunstverstand sprach, der hier Selbsterkenntnis bedeutete, ganz leise an schlechten Geschmack erinnerte, so vollkommen geschmackbeherrscht, wie sie war. Und man sah hierin einen Liebreiz mehr. Nichts konnte unantastbarer korrekt sein als ihr Auftreten. In dem, was sie sagte, und in dem, was sie sich sagen ließ, hielt sie sich innerhalb der Grenzen der strengsten Prüderie, und ihre Koketterie bestand darin, daß sie sich nicht im geringsten kokett zeigte, daß sie unheilbar blind war gegen den Eindruck, den sie hervorrief, und daß sie nicht den geringsten Unterschied zwischen ihren Anbetern machte. Aber gerade darum träumten sie alle berauschende Träume von dem Gesicht, das hinter der Maske sein mußte, glaubten an Feuer unter dem Schnee, spürten einen Duft von Verderbnis in der Unschuld. Keiner von ihnen würde erstaunt sein, wenn er erführe, daß sie einen heimlichen Liebhaber habe, aber auch keiner von ihnen würde auch nur die leiseste Andeutung auf seinen Namen wagen. So sah man Edele Lyhne. Der Grund, weshalb sie die Hauptstadt mit Lönborghof vertauscht hatte, war der, daß ihre Gesundheit durch diese beständige gesellige Unruhe gelitten hatte, diese Tausendundeine Nacht von Bällen und Maskeraden, und zum Schluß des Winters hatten sich dann Zeichen bemerkbar gemacht, die darauf deuteten, daß ihre Brust ziemlich stark angegriffen war, weshalb der Arzt Landluft, Ruhe und Milch verordnete, etwas, das sich in vollem Maße an ihrem jetzigen Aufenthalt vorfand. Aber sie fand dort auch eine unaufhörliche Langeweile vor und war noch keine Woche dort gewesen, als sie schon anfing sich zu sehnen und ein brennendes Heimweh nach Kopenhagen empfand. Brief auf Brief füllte sie mit Bitten, daß ihrer Landflüchtigkeit ein Ende gemacht werden möchte, und sie ließ verstehen, daß ihre Sehnsucht ihr mehr Schaden zufüge, als die Luft ihr wohltue. Aber der Arzt hatte Etatsrats so erschreckt, daß sie es für ihre Pflicht hielten, das taube Ohr hinzuhalten, wie bitter sie sich auch beklagte. Es war nicht gerade das Vergnügen selbst, was sie so sehr vermißte, sondern es war das, sein Leben hörbar in die lauterfüllte Luft der großen Stadt hineinklingen zu fühlen, und hier auf dem Lande lag die Stille in Gedanken, in Worten, in den Augen, in allem, so daß man sich unablässig selber hörte, mit derselben unentrinnbaren Bestimmtheit wie die, mit der man in einer schlaflosen Nacht das Ticken der Uhr hört. Und dann zu wissen, daß die da drüben lebten und lebten wie früher – es war, als sei man tot und höre in der stillen Nacht die Töne aus dem Ballsaal über dem eignen Grab verklingen. Niemand war hier, mit dem sie sprechen konnte, denn ihre Worte, die erfaßten sie nicht gerade in der Nuance, die das eigentliche Leben in den Worten bedeutete; sie verstanden sie ganz gewiß, alldieweil es dänisch war, aber mit dem schlaffen Ungefähr, mit dem man eine fremde Sprache versteht, die sprechen zu hören man nicht gewohnt ist. Sie ahnten nicht, auf was oder auf wen man durch diese forcierte Betonung eines Satzes hinzielte, träumten nicht davon, daß dies kleine Wort ein Zitat oder daß jenes andre, geradeso gebraucht, eine neue Variation eines allgemein beliebten Witzes sei. Selbst sprachen sie mit einer rechtschaffenen Magerkeit, so daß man die Rippen der Grammatik durch ihre Phrasen hindurchfühlen konnte, und mit einer buchstäblichen Anwendung der Worte, als hätten sie sie frisch aus den Spalten eines Wörterbuches genommen. Allein die Art und Weise, wie sie »Kopenhagen!« sagten. Bald mit einer mystischen Betonung, als sei es der Ort, wo man kleine Kinder fresse; bald mit einer Entfernung in der Stimme, als sei es eine Stadt im Innern Afrikas; oder auch mit einem festlichen Klang, der von Geschichte zitterte, ebenso wie sie Ninive oder Karthago hätten sagen können. Der Pfarrer sagte nun immer Axelsstadt mit einem erinnerungsvollen Entzücken, als sei das der Name einer seiner alten Geliebten. Keiner von ihnen konnte Kopenhagen so aussprechen, daß es zu einer Stadt wurde, die sich vom Westtor bis zur Zollbude erstreckte, zu beiden Seiten der Oesterstraße und des König-Neumarkts. Und so war es mit allem, was sie sagten; und mit allem, was sie taten, war es ebenso. Es war nichts auf Lönborghof, was ihr nicht mißfiel: diese Essenszeiten, die sich nach der Sonne richteten, dieser Lavendelgeruch in den Schubladen und Schränken, diese spartanischen Stühle, alle diese Provinzmöbel, die sich an die Wände herandrückten, als fürchteten sie sich vor Menschen; und selbst die Luft widerstand ihr, man konnte keinen Spaziergang machen, ohne daß man nicht einen robusten Parfüm von Wiesenheu und Feldblumen in seinem Haar und in seinen Kleidern mit nach Hause brachte, als sei man in einem Wagehaus eingeschlossen gewesen. Ausgesucht angenehm war es auch, Tante genannt zu werden, Tante Edele! Wie das klang! Daran gewöhnte sie sich indessen, aber aus diesem Grunde war anfänglich das Verhältnis zwischen ihr und Niels etwas kühl. Niels war das einerlei. Aber dann war es an einem Sonntag, zu Anfang August, Lyhne und seine Frau waren auf Besuch gefahren, und Niels und Fräulein Edele blieben allein daheim. Vormittags hatte Edele Niels gebeten, ihr einen Strauß Kornblumen zu pflücken, aber er hatte es vergessen, und es fiel ihm erst gegen Nachmittag ein, als er mit Frithjof umherschlenderte. Dann pflückte er die Blumen und lief damit hinauf. Die Stille im Hause erweckte in ihm die Vorstellung, daß die Tante schlafe, und er schlich sich vorsichtig durch die Stuben. Auf der Schwelle zu dem Saal blieb er stehen, um sich zu besinnen, damit er ganz leise auf Edeles Tür zugehen konnte. Das Zimmer war voller Sonnenschein, und ein großer, blühender Oleander machte die Luft da drinnen schwer mit seinem süßen Mandelduft. Der einzige hörbare Laut war das gedämpfte Plätschern, das von dem Blumentisch herklang, wenn die Goldfische sich in ihrem Glas bewegten. Niels ging leise über den Fußboden, er balancierte mit den Armen und mit der Zunge zwischen den Zähnen. Behutsam faßte er an die Türklinke, die, erhitzt von der Sonne, in seiner Hand brannte, drehte sie dann herum, langsam und vorsichtig, indem er die Stirn runzelte und die Augen zusammenkniff. Er machte die Tür ein klein wenig auf, beugte sich in der Öffnung vor und legte den Strauß auf den Stuhl da drinnen hin. Es war dunkel im Zimmer, als seien die Vorhänge geschlossen, und die Luft war gleichsam feucht von Duft, von dem Duft von Rosenöl. In seiner vorgebeugten Stellung sah er nur die helle Strohmatte des Fußbodens, das Paneel unter dem Fenster und den lackierten Fuß eines Gueridons; aber als er sich aufrichtete, um zurückzutreten, sah er die Tante. Sie lag ausgestreckt auf dem seegrünen Atlas des langen Ruhebettes, in ein phantastisches Zigeunerinnenkostüm gekleidet. Auf dem Rücken lag sie dort, das Kinn in die Luft, die Kehle gestreckt, die Stirn abwärts, und ihr langes aufgelöstes Haar floß über das Ende des Ruhebettes herab und über den Teppich dahin. Eine künstliche Granatblume war an Land geschwemmt auf der Insel, die ein bronzefarbener Lederschuh mitten in dem mattgoldenen Strom bildete. Die Farben ihrer Kleidung waren mannigfaltig, aber alle gedämpft. Ein Mieder von losem Stoff, in dunkelblauen, blaßroten, grauen und orangefarbenen Flammen bunt gezeichnet, umschloß ein weißes, seidenes Hemd mit sehr weiten Ärmeln, die über den Ellenbogen hinabreichten. Die Seide war etwas rötlich im Schein und sparsam verwoben mit Fäden aus rotem Gold. Ihr Rock, von aurikelfarbenem Samt, ohne Kante, war nicht geschlossen, sondern lag lose um sie mit einem schiefen Faltenwurf von unten nach oben über dem Ruhebett. Vom Knie ab waren ihre Beine nackend, und die über Kreuz gelegten Knöchel hatte sie mit einem großen Halsschmuck von bleichen Korallen zusammengebunden. Unten auf dem Fußboden lag ein geöffneter Fächer, dessen Zeichnung eine Reihe Spielkarten darstellte, die zu einem Rad geordnet waren, und weiterhin lagen ein Paar laubbraune seidene Strümpfe, der eine ganz in sich selbst hineingeschoben, der andere flach ausgebreitet, er zeigte seine Form und den roten Zwickel, der an dem Schacht hinauflief. Im selben Augenblick, wo Niels sie entdeckte, sah auch sie ihn. Sie machte unwillkürlich eine kleine Bewegung, als wolle sie sich erheben, bezwang sich aber und blieb wie vorhin liegen, drehte nur den Kopf ein wenig und sah den Knaben mit einem fragenden Lächeln an. »Da sind sie«, antwortete er und ging mit den Blumen auf sie zu. Sie streckte die Hand danach aus, verglich mit einem flüchtigen Blick ihre Farben mit den Farben der Kleidung und ließ sie mit einem müde gemurmelten: »Unmöglich!« fallen. Mit einer abweisenden Bewegung der Hand verhinderte sie Niels daran, sie aufzusammeln. »Reich mir das da!« und sie zeigte auf ein rotes Flakon, das auf einem zusammengeknitterten Taschentuch unten neben ihren Füßen lag. Niels ging darauf zu; er war blutrot, und indem er sich über diese mattweißen, langsam sich rundenden Beine und über diese langen schmalen Füße beugte, die in ihren feinen, wiegenden Formen etwas von der Intelligenz einer Hand besaßen, wurde ihm ganz schwindlig, und als die eine Fußspitze sich im selben Augenblick mit einer plötzlichen Bewegung etwas nach unten krümmte, war er nahe daran umzufallen. »Wo hast du die Kornblumen gepflückt?« fragte Edele. Niels nahm sich zusammen und wandte sich nach ihr um. »Ich habe sie in Pfarrers Roggen gepflückt«, antwortete er mit einer Stimme, die ihn selbst erstaunte, so viel Klang lag in ihr. Ohne aufzublicken, reichte er ihr das Flakon. Edele bemerkte seine Erregung und sah ihn erstaunt an. Plötzlich errötete sie, richtete sich auf dem einen Arm in die Höhe und zog die Beine unter den Rock hinauf. »Geh, geh, geh, geh!« sagte sie, halb gereizt, halb beschämt, und bei jedem Wort spritzte sie Rosenessenz auf Niels. Niels ging. Als er zur Tür hinaus war, ließ sie langsam die Beine vom Ruhebett herabgleiten und sah neugierig auf sie nieder. In schnellem, unsicherm Gang eilte Niels durch die Stuben auf sein Zimmer. Er war ganz verwirrt, fühlte eine seltsame Schlaffheit in seinen Knien und hatte eine erstickende Empfindung oben im Hals. Dann warf er sich auf das Sofa und schloß die Augen, konnte aber keine Ruhe finden. Es lag eine unbegreifliche Unruhe über ihm; seine Atemzüge waren so schwer, gleichsam wie in Angst, und das Licht quälte ihn, trotz der geschlossenen Augenlider. Nach und nach wurde es anders; es war, als blase ein warmer, drückender Atem auf ihn herab und mache ihn so hilflos matt. Er hatte das Gefühl, das man in Träumen hat; da ist etwas, was ruft, und man will so gern kommen, aber es ist nicht möglich, einen Fuß zu heben, und man wird von seiner Ohnmacht angestachelt, siecht dahin vor Sehnsucht, fortzukommen, wird bis zum Wahnsinn von diesem Rufen aufgereizt, das nicht versteht, daß man gebunden ist. Und er seufzte ungeduldig wie ein Kranker und sah sich verloren in der Stube um; niemals hatte er sich so unglücklich gefühlt, so einsam, so verlassen und verstoßen. Dann setzte er sich an das Fenster, mitten in den Sonnenschein hinein, und weinte. Von diesem Tag an fühlte Niels sich ängstlich glücklich in Edeles Nähe. Sie war nicht mehr ein Mensch wie alle andern, sondern ein wunderbares, höheres Wesen, durch die Mystik einer seltsamen Schönheit zur Göttin erhoben, und es lag eine herzklopfende Wonne darin, sie zu beschauen, in seinem Herzen vor ihr zu knien, zu ihrem Fuße in selbst auslöschender Demut zu kriechen; aber zuzeiten wurde der Anbetungstrieb auch so stark, daß er sich in äußeren Unterwerfungszeichen Luft zu machen verlangte, und da erspähte er einen günstigen Augenblick, schlich sich in Edeles Zimmer und küßte – die unendliche Anzahl von Küssen war im voraus bestimmt– den kleinen Teppich vor ihrem Bett, ihre Schuhe oder irgendeine andre Reliquie, die sich seinem Fanatismus darbot. Als ein großes Glück betrachtete er den Umstand, daß seine Sonntagsjacke in dieser Zeit zur Alltagsjacke degradiert wurde; denn der Duft, den jene Tropfen von Rosenessenz hinterlassen hatten, besaß einen mächtigen Talisman, der ihm gleichsam in einem magischen Spiegel Edele zeigte, so wie er sie gesehen hatte, hingestreckt auf dem grünen Ruhebett, in einen Maskeradenanzug gekleidet. In der Geschichte, die zwischen ihm und Frithjof spielte, tauchte dieses Bild beständig wieder auf, und der unglückliche Frithjof fühlte sich von nun an niemals sicher vor barfüßigen Prinzessinnen; schleppte er sich durch das Gestrüpp des Urwaldes, so riefen sie ihn aus ihren Hängematten aus Lianen an; suchte er in einer Berghöhle Schutz vor dem Orkan, so erhoben sie sich von ihrem Lager aus samtweichem Moos und hießen ihn willkommen; und sprengte er, pulvergeschwärzt und blutbespritzt, mit einem gewaltigen Säbelhieb zur Tür der Piratenkajüte hinein, so fand er sie auch dort, auf dem grünen Sofa des Kapitäns ruhend. Sie langweilten ihn sehr, und er konnte gar nicht begreifen, warum sie den lieben Helden plötzlich so unentbehrlich geworden waren.   Wie hoch ein Menschenkind auch seinen Thron gestellt hat, wie fest es auch die Tiara der Ausnahme, die Genie bedeutet, um seine Stirn gedrückt hat, es weiß sich doch mit Recht niemals sicher davor, daß es nicht eines Tages wie König Nebukadnezar plötzlich von der seltsamen Lust ergriffen wird, auf allen vieren zu kriechen und mit den ganz gewöhnlichen Tieren des Feldes Gras zu fressen. Das war es, was Herrn Bigum begegnete, der sich nämlich ganz einfach in Fräulein Edele verliebte. Und es half gar nichts, daß er die Weltgeschichte veränderte, um diese seine Liebe zu entschuldigen, es half auch nichts, daß er Edele Beatrice nannte, und Laura oder Viktoria Colonna, denn all der künstliche Glorienschein, mit dem er seine Liebe krönte, wurde ebenso schnell, wie er ihn zu entzünden vermochte, von der Wahrheit wieder gelöscht, daß es Edeles Schönheit war, in die er sich verliebt hatte, und daß es weder die Eigenschaften des Herzens noch des Geistes waren, die ihn bezaubert hatten, dagegen ihre Eleganz, ihr leichter Weltton, ihr Selbstbewußtsein, ja, auch ihre graziöse Unverschämtheit. Es war in jeder Weise eine Liebe, die dazu geeignet war, ihm ein beschämendes Erstaunen über die Unbeständigkeit der Menschenkinder einzustoßen. Aber was tat das! Was hatten alle diese ewigen Wahrheiten und zeitweiligen Lügen zu sagen, die Ring in Ring faßten und zu der Schuppenpanzer-Bürde zusammengeflochten wurden, die er seine Überzeugung nannte, was hatten sie im Vergleich zu seiner Liebe zu sagen? Sie waren ja die Stärke, das Mark, der Kern des Lebens; deshalb mochten sie ihre Stärke zeigen; waren sie schwächer, nun, so mochten sie zerreißen; waren sie stärker ... Aber sie waren zerrissen, auseinandergesprengt wie das Gewebe mürber Fäden. Was machte sie sich aus den ewigen Wahrheiten? Und die gewaltigen Anschauungen, was nützten sie ihm? Gedanken, die die Tiefe der Unendlichkeit ausloteten, konnte er sie mit ihnen gewinnen? Alles, was er besaß, war wertlos. Und wenn seine Seele auch hundertmal herrlicher strahlte als die Sonne, was nützte es, da sie sich unter dem armselig-häßlichen Filz der Diogeneskappe verbarg? Form, Form, gib mir die dreißig Silberlinge der Form für meinen Inhalt; gib mir den Körper des Alkibiades, den Mantel des Don Juan und den Rang eines Kammerjunkers! Aber das besaß er nun einmal nicht, und Edele fühlte sich keineswegs sympathisch berührt von dieser plumpen philosophischen Natur, die die Regungen des Lebens nur durch die barbarische Nüchternheit der Abstraktion betrachtet hatte und die in ihren Äußerungen etwas lärmend Absolutes hatte, das sich mit einer unbehaglichen Sicherheit hervordrängte, ungefähr wie eine schlecht angebrachte Trommel in einem sanften Konzert. Das Angestrengte, das aus ihm sprach, die Art, wie sein Gedanke sich jeder kleinen Frage gegenüber sofort in muskelstarke Position stellte, gleich einem starken Mann, der mit Eisenkugeln spielen soll, das machte ihn lächerlich in ihren Augen, und er reizte sie, wenn er, von einer urteilskranken Moral getrieben, das Inkognito jedes leicht angedeuteten Gefühls indiskret verriet, indem er es unerzogen beim rechten Namen nannte, wenn es im Laufe des Gesprächs an ihm vorbeieilen wollte. Bigum wußte sehr wohl, welch einen unvorteilhaften Eindruck er hervorrief und wie völlig hoffnungslos seine Liebe war; aber er wußte es, so wie man es weiß, wenn man mit der ganzen Macht seiner Seele hofft, daß dieses Wissen falsch sein möge. Es bleibt noch das Wunder zurück, und wohl geschehen keine Wunder, aber sie könnten geschehen. Wer weiß? Vielleicht irrt man sich, vielleicht führen Verstand, Instinkt, die Sinne mit all ihrer taghellen Klarheit einen dennoch irre; vielleicht kommt es gerade darauf an, daß man den unverständigen Mut besitzt, dem Irrlicht der Hoffnung zu folgen, das über der begierdeschwangeren Gärung unserer Leidenschaften schwebt. Erst wenn man die Tür der Entscheidung hat ins Schloß fallen hören, graben sich uns die eisenkalten Klauen der Gewißheit in die Brust, um sich langsam, langsam in unserem Herzen um den nervenfeinen Faden der Hoffnung zu sammeln, an dem unsere Glückswelt hängt; dann wird der Faden durchgeschnitten, dann fällt das, was er trug, dann wird es zertreten, dann gellt der Schrei der Verzweiflung scharf durch die Leere. Im Zweifel verzweifelt niemand.   An einem sonnenreichen Septembernachmittag saß Edele unten auf der Plattform der breiten, altmodischen Holztreppe, die mit fünf, sechs Stufen von dem Gartenzimmer in den Garten hinabführte. Hinter ihr standen die Glastüren weit geöffnet, waren zurückgeschlagen gegen die bunte, leuchtend rote, leuchtend grüne Bekleidung der Mauer aus wildem Wein. Sie lehnte den Kopf gegen den Sitz eines Stuhles, der mit großen, schwarzen Mappen beladen war, und hielt mit beiden Händen einen Kupferstich vor sich hin. Kolorierte Blätter mit der Wiedergabe byzantinischer Mosaiken, in denen Blau und Gold vorherrschte, lagen ausgebreitet auf der mattgrünen Binsenmatte der Plattform, auf der Türschwelle und auf dem eichenbraunen Parkett des Gartenzimmers. Am Fuße der Treppe lag ein weißer Schutzhut, denn Edele war barhäuptig, trug keinen andern Schmuck im Haar als eine Blume aus Goldfiligran, deren Muster sich in dem Armband wiederholte, das sie hoch oben am Arme trug. Ihr weißes Kleid aus halbdurchsichtigem Stoff mit schmalen, seidenblanken Streifen hatte eine gewundene Kante aus grau und orangefarbiger Chenille und war mit kleinen Rosetten in den beiden gleichen Farben verziert. Helle Halbhandschuhe ohne Finger bedeckten ihre Hände und reichten bis über den Ellbogen empor. Sie waren aus perlgrauer Seide, ebenso wie ihre Schuhe. Durch die herabhängenden Zweige einer uralten Esche sickerte das gelbe Sonnenlicht in Strahlenbündeln auf die Treppe herab und bildete in dem kühlen, halbklaren Schatten eine Schicht leuchtender Linien, die die Luft um sie herum mit goldenem Staub erfüllten und klare Flecke auf die Stufen der Treppe, auf Tür und Wand zeichneten, Sonnenfleck neben Sonnenfleck, so daß es aussah, als leuchte das alles durch einen durchlöcherten Schatten dem Licht mit eigenen Farben entgegen, weiß von Edeles weißem Kleide, purpurblutig von den Purpurlippen und gelb wie Bernstein von dem bernsteingelben Haar. Und ringsumher in hundert andern Farben in Blau und Gold, in Eichenbraun, in glasblankem Spiegelglanz und in Rot und Grün. Edele ließ den Kupferstich fallen und öffnete hoffnungslos ihre Augen; der Seufzer, den zu seufzen sie zu müde war, lag stumm klagend in ihrem Blick. Dann setzte sie sich mit einer Bewegung zurecht, als schlösse sie die Umgebung aus und zöge sich in sich selbst zurück. In diesem Augenblick kam Herr Bigum daher. Edele sah müde blinzelnd nach ihm hin, ganz wie ein Kind, das gar zu gut liegt und gar zu schläfrig ist, um auch nur die kleinste Bewegung zu machen, das aber gleichzeitig doch vor Neugierde nicht die Augen schließen kann. Herr Bigum hatte seinen neuen Hut aus Hasenwolle auf; er war ganz in sich selbst vertieft und schlenkerte mit seiner Tombakuhr in der Hand so eifrig, daß die dünne, silberne Halskette, an die sie befestigt war, jeden Augenblick zu reißen drohte. Mit einer plötzlichen Bewegung schlug er fast die Uhr in die Tasche hinab, warf den Kopf ungeduldig zurück, faßte dann mit einem ärgerlichen Griff der Hand um den Aufschlag seines Rockes und schritt mit einem wütenden Ruck seines Körpers weiter und mit einem Gesicht, das der ganze hoffnungslose Zorn verdunkelte, den ein Mann empfinden kann, wenn er vor seinen eigenen, peinlichen Gedanken flüchtet und weiß, daß auch diese Flucht vergebens ist. Edeles Hut, der am Fuß der Treppe, weiß auf der schwarzen Erde des Steiges, lag, hielt ihn in seiner Flucht an. Er nahm ihn vorsichtig mit beiden Händen auf, entdeckte im selben Augenblick Edele, und indem er danach suchte, was er sagen sollte, blieb er mit dem Hut dastehen, ohne ihn ihr zu reichen. Keinen Gedanken konnte er in seinem Gehirn finden, kein Wort wurde auf seiner Zunge geboren, und er sah mit einem dumpfen Ausdruck gelähmten Tiefsinns vor sich hin. »Das ist mein Hut, Herr Bigum«, warf Edele hin, um in all diesem verlegenen Schweigen nicht selbst verlegen zu werden. »Ja«, sagte der Hauslehrer eifrig, als sei er entzückt, von ihr eine Ähnlichkeit bestätigt zu hören, die auch ihm aufgefallen war; aber im selben Augenblick errötete er über das Unbeholfene in seiner Antwort. »Er lag hier,« beeilte er sich hinzuzufügen, »hier unten auf der Erde, so – so lag er«, und er beugte sich herab und zeigte, wie er gelegen hatte, mit der ganzen gedankenlosen Umständlichkeit der Verlegenheit und fast glücklich über die Erleichterung, die darin lag, ein Lebenszeichen von sich zu geben, wie armselig dies Zeichen auch war. Und dabei stand er noch immer da mit dem Hut. »Wollen Sie ihn behalten?« fragte Edele. Bigum wußte nicht, was er antworten sollte. »Ich meine, wollen Sie ihn mir geben?« erklärte sie. Bigum stieg ein paar Stufen hinan und reichte ihr den Hut. »Fräulein Lyhne,« sagte er, »Sie glauben ... Sie dürfen nicht glauben, Fräulein Lyhne ... ich bitte Sie, lassen Sie mich sprechen; das heißt ... ich sage ja nichts, aber haben Sie Geduld mit mir! – Ich liebe Sie, Fräulein Lyhne, unsagbar, unsagbar, es ist gar nicht auszusprechen, wie ich Sie liebe! Ach, wenn es ein Wort gäbe, das die bewundernde Furcht eines Sklaven in sich schlösse, das ekstatische Lächeln eines Märtyrers, das namenlose Heimweh eines Verbannten, eines Landesverwiesenen, so wäre es mit diesem Worte, das ich zu Ihnen sprechen würde: ich liebe Sie. Ach, lassen Sie mich ausreden, hören Sie mich an, hören Sie mich an, stoßen Sie mich noch nicht weg! Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie durch eine wahnsinnige Hoffnung beleidige; ich weiß, wie gering ich in Ihren Augen bin, wie plump ich bin und wie abstoßend, ja abstoßend. Ich vergesse nicht, daß ich arm bin – ja, Sie sollen es hören, so arm, daß ich meine Mutter im Armenhaus wohnen lassen muß, ja, das muß ich, muß ich, so lumpenarm bin ich. Ja, Fräulein Lyhne. Ich bin nur ein demütiger Diener, der Ihres Herrn Bruders Brot ißt, und doch gibt es eine Welt, in der ich herrsche, mächtig, stolz, reich, sage ich, es liegt der Glorienschein des Sieges über mir, und edel, geadelt durch jenen Trieb, der Prometheus das Feuer aus dem Himmel der Götter rauben ließ, und dort bin ich der Bruder all der großen Geister, die die Erde getragen hat, die die Erde trägt, oh, ich verstehe sie, wie nur Ebenbürtige einander verstehen; keinen Flug haben sie geflogen, der zu hoch für die Kraft meiner Flügel gewesen wäre. Verstehen Sie mich, glauben Sie mir? Ach, glauben Sie mir nicht; es ist ja nicht wahr; ich bin nur die erdgeborene Koboldgestalt, die Sie hier sehen! Alles ist aus; denn die furchtbare Verirrung dieser Liebe hat meine Flügel gelähmt, die Augen meines Geistes verlieren ihre Sehkraft, mein Herz verdorrt, meine Seele blutet sich leer bis zur Blutlosigkeit der Feigheit; oh, retten Sie mich vor mir selber, Fräulein Lyhne; wenden Sie sich nicht höhnisch ab, weinen Sie über mich, weinen Sie: Rom steht in Flammen!« Mitten auf der Treppe war er auf die Knie gesunken, er rang die Hände. Sein Gesicht war bleich und verzerrt, die Zähne bissen im Schmerz aufeinander, die Augen schwammen in Tränen, und seine ganze Gestalt bebte in zurückgedrängtem Schluchzen, das sich nur wie ein pfeifender Atem anhörte. Edele hatte sich nicht von der Plattform erhoben. »Fassen Sie sich, Mensch,« sagte sie mit einer ein wenig gar zu mitleidigen Betonung, »fassen Sie sich, lassen Sie sich nicht so überwältigen; seien Sie doch ein Mann! Hören Sie, stehen Sie auf; gehen Sie ein wenig in den Garten hinab und versuchen Sie, zu sich selbst zu kommen.« »Und Sie können mich gar nicht lieben?« stöhnte Bigum fast unhörbar; »ach, das ist furchtbar, es gibt nichts in meiner Seele, das ich nicht morden, entwürdigen würde, wenn ich Sie dadurch gewinnen könnte. Nein, würde mir der Wahnsinn geboten und besäße ich Sie, besäße Sie in den Gesichten des Wahnsinns, so würde ich sagen: hier ist mein Gehirn, grabe mit schonungsloser Hand in seinem wunderbaren Bau und zerreiße jeden feinen Faden, mit dem mein Geist an den strahlenden Triumphwagen des Menschengeistes gebunden ist, und laß mich in den Morast der Materie hinabsinken, unter das Rad des Wagens, und laß die andern die Wege ihrer Herrlichkeit zum Lichte emporziehen! Verstehen Sie mich? begreifen Sie, daß wenn auch Ihre Liebe zu mir käme und wäre all ihres Glanzes, der Majestät all ihrer Reinheit beraubt, ja wäre sie entwürdigt, besudelt, käme sie zu mir wie ein Zerrbild der Liebe, wie ein krankes Phantom: ich würde sie entgegennehmen, kniend, als sei sie eine heilige Hostie. Aber das Beste in mir ist vergebens, das Schlechte ist vergebens. Ich rufe die Sonne an, aber sie scheint nicht; ich rufe die Bildsäule an, aber sie antwortet nicht. – Antworten! – Was ist darauf zu antworten, daß ich leide? Nein, diese unsagbaren Qualen, die mein innerstes Wesen in seiner Wurzel zersplittern, diese Pein, die Sie nur verletzt, Sie mit einer kleinen, kalten Beleidigung beleidigt, und Sie lachen höhnisch in Ihrem Herzen über die unmögliche Leidenschaft des armen Hauslehrers.« »Sie tun mir unrecht, Herr Bigum,« antwortete Edele und erhob sich; Bigum erhob sich gleichfalls; »ich lache nicht, Sie fragen mich, ob es keine Hoffnung gibt, und ich antworte: nein, da ist keine Hoffnung; darin liegt ganz und gar nichts Lächerliches. Aber lassen Sie mich Ihnen eins sagen. Von dem ersten Augenblick an, wo Sie an mich zu denken begannen, konnten Sie wissen, welches meine Antwort sein würde, und Sie haben es auch gewußt, nicht wahr. Sie haben es die ganze Zeit hindurch gewußt; aber trotzdem haben Sie all Ihre Gedanken und Wünsche dem Ziele entgegengetrieben, von dem Sie wußten, daß Sie es niemals erreichen würden. Ihre Liebe beleidigt mich nicht, Herr Bigum, aber ich verurteile sie. Sie haben getan, was so manch ein andrer tut. Man schließt die Augen vor dem wirklichen Leben, man will das Nein nicht hören, das gegen unsere eignen Wünsche ruft; man will die tiefe Kluft vergessen, die es uns zeigt und die zwischen unserem Sehnen und dem, wonach wir uns sehnen, liegt. Man will seinen Traum verwirklichen. Aber das Leben rechnet nicht mit Träumen; es gibt nicht ein einziges Hindernis, das man aus der Wirklichkeit fortträumen könnte, und dann liegt man schließlich da, jammernd am Abgrund, der sich nicht verändert hat, sondern so ist, wie er immer war; aber man hat sich selbst verändert, denn mit den Träumen hat man all seine Gedanken aufgereizt, seine Sehnsucht bis zu der höchsten, höchsten Spannung angetrieben. Aber die Kluft ist nicht schmäler geworden, und alles in uns sehnt sich so schmerzlich danach, auf der andern Seite zu stehen. Aber nein, stets nein; nie etwas andres. Hätte man nur beizeiten auf sich selbst achtgegeben; aber jetzt ist es zu spät, man ist unglücklich.« Sie schwieg gleichsam erwachend. Ihre Stimme war ruhig gewesen, suchend, als spräche sie zu sich selber; jetzt aber wurde sie abweisend, kalt, hart. »Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Bigum, Sie bedeuten für mich nichts von all dem, was Sie zu sein wünschen; macht das Sie unglücklich, so müssen Sie unglücklich sein; leiden Sie, so leiden Sie; es muß Menschen geben, die leiden. Hat man einen Menschen zu seinem Gott und zu dem Herrn seines Schicksals gemacht, so muß man sich unter den Willen seiner Gottheit beugen; aber es ist niemals klug, sich Götter zu machen und seine Seele in die Gewalt eines andern zu geben; denn es gibt Götter, die nicht von ihrem Piedestal herabsteigen wollen. Seien Sie vernünftig, Herr Bigum; Ihr Gott ist so klein und so wenig anbetungswert; wenden Sie sich von ihm ab und werden Sie dann glücklich mit einer von den Töchtern des Landes.« Mit einem schwachen, leisen Lächeln ging sie durch die Gartenstube. Bigum sah ihr mutlos nach. Eine Viertelstunde ging er vor der Treppe auf und nieder. All die Worte, die gesprochen worden, klangen noch in der Luft, dort, wo sie eben gegangen war; es war, als weile hier noch ein Schatten von ihr, als sei sie noch innerhalb des Bereichs des Flehens, als sei alles noch nicht hoffnungslos ganz vorbei. Aber dann kam das Stubenmädchen und sammelte die Kupferstiche auf, nahm den Stuhl hinein, die Mappen, die Binsenmatte – alles. Dann konnte er gehen. Oben in dem offenen Fenster der Bodenkammer saß Niels und starrte ihm nach. Er hatte die ganze Unterhaltung von Anfang bis zu Ende mit angehört, und es lag ein erschreckter Ausdruck in seinem Gesicht, und ein nervöses Zittern ging durch seinen Körper. Zum erstenmal hatte er sich in seinem Leben gefürchtet, zum erstenmal wirklich begriffen, daß, wenn ein Mensch zum Leiden verurteilt war, dieses Urteil weder Dichtung noch Drohung war; sondern dann wurde man zur Folterbank geschleppt, und dann wurde man gefoltert, und es kam im letzten Augenblick keine abenteuerliche Befreiung, kein plötzliches Erwachen wie aus einem bösen Traum. Das war es, was er in ahnungsvoller Angst begriff.   Es ward kein guter Herbst für Edele, und der Winter brach ihre Kräfte vollständig, so daß, als dann der Frühling kam, er keinen armselig verkommenen Lebenskeim fand, gegen den er gut und mild und warm sein konnte; er fand nur ein Welken, das keine Milde, keine Wärme zurückzuhalten, nicht einmal aufzuhalten vermochte. Aber er konnte seinen Lichtschwall über das Verbleichende herableuchten lassen und mit seiner dufterfüllten Wärme den schwindenden Lebenskräften liebevoll das Geleite geben, so wie der Purpur des Abends langsam dem dahinsterbenden Tag nachzieht. Im Mai ging es zu Ende, an einem Tage voll Sonne, an einem Tage, wo die Lerche niemals schweigt und wo der Roggen wächst, so daß man es mit seinen Augen sehen kann. Blütenweiß standen draußen vor ihrem Fenster die Kirschbäume, Sträuße von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppen, Bogen, Girlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blumen mit einem Hintergrund von dem blausten Himmel. Sie fühlte sich matt an diesem Tage, aber doch so leicht in ihrer Mattigkeit, seltsam leicht, und sie wußte, was kommen würde, denn am Vormittag hatte sie Bigum rufen lassen und ihm Lebewohl gesagt. Der Etatsrat war aus Kopenhagen herübergekommen, und den ganzen Nachmittag saß der schöne, weißhaarige Mann an ihrem Bett, seine Hand in ihren Händen gefaltet. Er sprach nicht; zuweilen bewegte er seine Hand, dann drückte sie sie; dann blickte sie auf, und dann lächelte er ihr zu. Ihr Bruder war auch die ganze Zeit bei ihr, reichte ihr die Medizin und machte sich auch sonst nützlich da drinnen. Sie lag ganz still vor sich hin, mit geschlossenen Augen, und trauliche Bilder zogen an ihr vorüber von dem Leben da drüben. Sorgenfreis hängende Buchen, Lygnbys rote Kirche auf ihrem Sockel aus Gräbern und das weiße Landhaus an dem kleinen Hohlweg zum See hinab, wo der Bretterzaun immer grün war, als sei er mit Feuchtigkeit gemalt. Das alles zeichnete sich vor ihr ab, wuchs in Klarheit, nahm ab in Klarheit und schwand dahin. Und andere Bilder folgten. Da war die Breitestraße, wenn die Sonne unterging und das Dunkel langsam an den Häusern emporschlich; und da war das wunderliche Kopenhagen, das man antraf, wenn man eines Vormittags vom Lande zur Stadt hineinkam. Es erschien so phantastisch in seiner Geschäftigkeit und seinem Sonnenschein, mit den gekalkten Fensterscheiben und dem Fruchtduft in den Straßen; die Häuser sahen in dem starken Licht so unwirtlich aus, und es war gleichsam, als läge ein Schweigen auf ihnen, das der Lärm und das Wagengerassel nicht zu vertreiben vermochten ... Dann war die warme, dunkle Wohnstube an den Herbstabenden, wenn man sich zum Theater angekleidet hatte und die andern noch nicht fertig waren: – der Duft des Königs-Räucherpulvers – das Ofenfeuer, das über den Teppich leuchtete – das Klatschen der Regentropfen gegen die Fensterscheiben – die Pferde, die im Torweg stampften – der melancholische Ruf der Muschelverkäufer auf der Straße ... – und hinter diesem allen wartend: das Licht, die Musik und die Pracht des Theaters. In solchen Bildern ging der Nachmittag hin. Drinnen im Saal hielten Niels und seine Mutter sich auf. Niels kniete vor dem Sofa, das Gesicht in den braunen Samt gepreßt und mit über den Kopf gefalteten Händen; er weinte laut und klagend, ohne den Versuch zu machen, sich zu beherrschen, er war ganz außer sich vor Kummer. Frau Lyhne saß neben ihm. Auf dem Tische vor ihr lag ein Gesangbuch, es war bei den Sterbeliedern aufgeschlagen. Hin und wieder las sie ein paar Verse, hin und wieder beugte sie sich über den Sohn herab und sprach ihm tröstende Worte zu und ermahnte ihn; aber Niels ließ sich nicht trösten, und sie vermochte weder seinem Weinen noch den wilden Gebeten seiner Verzweiflung Einhalt zu tun. Dann erschien Lyhne in der Tür zum Krankenzimmer. Er machte kein Zeichen, er sah sie nur ernsthaft an, und dann erhoben sie sich beide und folgten ihm hinein zu seiner Schwester. Er faßte jeden von ihnen an eine Hand und trat mit ihnen hin vor das Bett; und Edele sah auf, sah jeden einzelnen an und bewegte die Lippen wie zu einem Wort. Dann führte Lyhne seine Frau an das Fenster, und er setzte sich neben sie, während Niels sich am Fußende des Bettes auf die Knie warf. Er weinte leise und betete mit gefalteten Händen, innerlich und ohne Aufenthalt mit einem gedämpften, leidenschaftlichen Flüstern; er sagte zu Gott, daß er nicht aufhören wolle zu hoffen; »ich lasse dich nicht, mein Gott, ich lasse dich nicht, bevor du ja gesagt hast; du darfst sie nicht von uns nehmen, denn du weißt ja, wie wir sie lieben; du darfst nicht, du darfst nicht! Ach, ich kann nicht sagen: dein Wille geschehe, denn du willst sie sterben lassen; ach, aber laß sie leben; ich will dir danken und dir gehorchen, ich will all das tun, von dem ich weiß, daß du es von mir verlangst; ich will so gut sein und dir niemals zuwiderhandeln, wenn du sie nur leben lassen willst! Hörst du, Gott! ach, halte inne, halte inne und mache sie gesund, bevor es zu spät ist! Ich will ... ich will ... ach, was kann ich dir versprechen? – ach, ich will dir danken, dich nie, nie vergessen; ach, aber erhör mich doch! du siehst ja, daß sie stirbt; du siehst ja, daß sie stirbt; hörst du, nimm deine Hand weg, nimm sie weg, ich kann es nicht ertragen, sie zu verlieren, Gott, ich kann nicht; laß sie leben; willst du es nicht, willst du es nicht? ach, es ist unrecht von dir ...« Da draußen vor dem Fenster erröteten sie wie Rosen, die weißen Blüten, im Schein der sinkenden Sonne. Bogen auf Bogen baut der Flor sich blumenleicht zu einer Rosenburg auf, zu einem Chor von Rosen, und dämmernd blaute der abendblaue Himmel durch die luftige Wölbung hinein, während goldene Lichter und Lichter aus Gold mit dem Brande des Purpurs in Glorienstrahlen aus all den schwebenden Liniengirlanden des Blumentempels hervorbrachen. Weiß und still lag Edele da drinnen, die Hand des alten Mannes zwischen den ihren. Langsam atmete sie das Leben aus, Zug für Zug; schwächer und schwächer hob sich die Brust, schwerer und schwerer wurden ihre Augenlider. »Grüße – Kopenhagen!« war ihr letztes schwaches Flüstern. Aber ihren letzten Gruß, den hörte niemand. Nicht einmal als Atemhauch kam er über ihre Lippen, ihr Gruß an ihn, den großen Künstler, den sie von ganzer Seele im stillen geliebt hatte, für den sie aber nichts gewesen war, nur ein Name, den sein Ohr kannte, nur eine fremde Gestalt mehr in dem großen bewundernden Publikum. Und das Licht schwand dahin in der blauen Dämmerung, und matt fielen die Hände auseinander. Die Schatten wuchsen – die Schatten des Abends und des Todes. Der Etatsrat beugte sich über das Lager herab und legte seine Hand auf ihren Puls und wartete still; und als das letzte Leben entschwunden, die letzte schwache Welle des Blutes verebbt war, da hob er ihre bleiche Hand an seine Lippen. »Liebe Edele!« Viertes Kapitel Es gibt Menschen, die ihren Kummer auf sich nehmen und ihn tragen können, starke Naturen, die ihre Stärke gerade in dem Gewicht der Bürde fühlen, während die, die schwächer sind, sich dem Kummer hingeben, willenlos, wie man sich in die Gewalt einer Krankheit ergibt; und wie eine Krankheit durchdringt der Kummer sie, trinkt sich in ihr innerstes Wesen hinein und wird eins mit ihnen, wird in langsamem Kampf in ihnen umgestaltet und verliert sich in ihnen in völliger Genesung. Aber es gibt auch solche, für die der Kummer eine Gewalttat bedeutet, die gegen sie verübt ist, eine Grausamkeit, die sie nie als Prüfung oder Züchtigung und als ein gewöhnliches Schicksal betrachten lernen. Für sie ist er ein Ausschlag von Tyrannei, etwas persönlich Gehässiges, und stets bleibt ein Stachel zurück in ihrem Herzen. Es geschieht nicht oft, daß Kinder also trauern; Niels aber tat es. Denn in der Innigkeit seines Gebets hatte er von Angesicht zu Angesicht mit Gott gestanden, er hatte sich auf seinen Knien vor den Fuß des Throns geschleppt, die Hoffnung in ihm hatte vor Angst gezittert, aber er war doch voll festen Glaubens an die Allmacht des Gebets, voller Mut, sich die Erhörung zu erstehen; – und er hatte sich in beschämter Hoffnung aus dem Staub erheben müssen. Er hatte mit seinem Glauben das Wunder nicht aus seinem Himmel herunterzuholen vermocht; kein Gott hatte seinem Ruf geantwortet; ohne zu zögern, war der Tod auf seine Beute zugeschritten, als sei kein Wall von Gebeten schützend bis an die Wolken errichtet worden. Es wurde still in ihm. Sein Glaube hatte sich in blinder Flucht gegen die Pforte des Himmels geworfen, und jetzt lag er mit geknickten Schwingen auf Edeles Grab. Denn er hatte geglaubt; er hatte den geraden, grellen Märchenglauben, der so oft den Kindern gehört, besessen. Es ist nicht der zusammengesetzte, subtil nuancierte Gott, an den sie glauben, die Kinder; es ist der gewaltige, alttestamentarische Gott, er, der Adam und Eva so sehr liebte und dem gegenüber das ganze Menschengeschlecht, Könige, Propheten, Pharaone, nur wie artige oder unartige Kinder sind, dieser gewaltige, väterliche Gott, der mit dem Zorn eines Riesen zürnt und der mit der Freigebigkeit eines Riesen freigebig ist; kaum hat er das Leben geschaffen, so hetzt er den Tod hinter ihm her; er ertränkt seine Erde mit den Gewässern aus seinem Himmel; er donnert Gesetze herab, die für das Geschlecht, das er geschaffen hat, zu schwer sind; und zu Kaiser Augusti Zeiten hat er Mitleid mit ihm empfunden und seinen Sohn in den Tod geschickt, auf daß das Gesetz gebrochen werde, indem man es hielt. Zu diesem Gott, der stets das Wunder als Antwort benutzte, sprechen die Kinder, wenn sie beten. Dann kommt wohl einmal ein Tag, wo sie verstehen, daß sie in dem Erdbeben, das Golgatha erschütterte und die Gräber sprengte, zum letztenmal seine Stimme gehört haben und daß jetzt, wo der Vorhang zum Allerheiligsten zerrissen ist, es der Jesusgott ist, zu dem sie beten; und von diesem Tage an beten sie anders. Aber so weit war Niels nicht. Wohl war er mit gläubigem Sinn Jesus auf seiner Erdenwanderung gefolgt; aber dies, daß er sich stets dem Vater unterordnete, daß er so machtlos einherging und so menschlich litt, das hatte die Gottheit vor ihm verborgen; er hatte in ihm nur den gesehen, der den Willen des Vaters tat, nur den Sohn Gottes, nicht den Sohn selber, und darum war es Gott-Vater gewesen, zu dem er gebetet hatte, und es war Gott-Vater, der ihn in seiner bittern Not im Stich gelassen hatte. Aber hatte Gott sich von ihm gewendet, so konnte er sich auch von Gott wenden. Hatte Gott keine Ohren, so hatte er auch keine Lippen; hatte Gott keine Gnade, so hatte er auch keine Anbetung, und er trotzte und verwies Gott aus seinem Herzen. An dem Tage, als Edele begraben wurde, stampfte er verächtlich auf die Erde des Grabes, jedesmal wenn der Pfarrer den Namen des Herrn nannte; und traf er ihn später in Büchern oder im Gespräch, so runzelte er voll Aufruhr seine Kinderstirn. Wenn er sich des Abends zum Schlafen legte, so wurde ein seltsames Gefühl verlassener Größe in ihm erweckt; er dachte daran, daß jetzt alle Kinder und Erwachsenen zum Herrn beteten und ihre Augen in seinem Namen schlossen, aber er allein hielt die Hände davon zurück, daß sie sich falteten, er allein verweigerte Gott seine Huldigung. Von der Obhut des Himmels war er ausgeschlossen, kein Engel wachte an seiner Seite; einsam und schutzlos trieb er auf den seltsam murmelnden Wassern der Dunkelheit dahin, und die Einsamkeit breitete sich über ihm aus, zog ferner und ferner weichende Kreise; trotzdem aber betete er nicht, sehnte er sich auch bis zu Tränen, er rief doch nicht. Und so blieb es sein Leben lang; denn in Trotz riß er sich los von der Anschauungsweise, in die ihn der Unterricht gebannt hatte, und mit seiner Sympathie floh er nach jener Seite hin, wo die waren, die vergeblich versucht hatten, wider den Stachel zu lecken. In den Büchern, die man ihm zu lesen gegeben, und in dem, was man ihn gelehrt hatte, zogen Gott und die Seinen – die Völker und die Ideen – in einem unaufhaltbaren Siegeszug an ihm vorüber, und er hatte im Jubel mitgejubelt, hingerissen von dem glücklichen Gefühl, zu den stolzen Legionen der Sieger gezahlt zu werden; denn ist der Sieg nicht stets gerecht, und ist der Sieger nicht stets Befreier, Förderer, Lichtspender? Aber jetzt war der Jubel in ihm verstummt, jetzt schwieg er; er dachte mit den Gedanken der Überwundenen, fühlte mit den Herzen der Geschlagenen, und er verstand, daß, weil das Siegende gut ist, das Unterliegende nicht schlecht zu sein braucht; und dann nahm er Partei – so ausgesprochen, wie er es vermochte, gegen Gott, aber wie ein Vasall, der die Waffen gegen seinen rechtmäßigen Herrn gebraucht; denn er glaubte noch und konnte den Glauben nicht wegtrotzen. Sein Lehrer, Herr Bigum, war nicht derjenige, der einer Seele zurückzuhelfen vermochte. Im Gegenteil. Seine Stimmungsphilosophie, die sich von allen Seiten einer Sache bezaubern und begeistern ließ, heute von der einen, morgen von der entgegengesetzten, setzte für seinen Schüler alle Dogmen in Bewegung. Er war wohl eigentlich ein christlicher Mann und würde sicher, wenn man ihn hätte bewegen können, bestimmt zu sagen, was für ihn das Feste in all dem Fließenden sei, er würde gesagt haben, daß es der Glaube und die Lehrsätze der lutherisch-evangelischen Kirche seien, oder jedenfalls etwas Derartiges; aber er war nun einmal so wenig dazu angetan, seine Schüler auf dem bestimmt abgegrenzten Pfad des Kirchenglaubens vorwärts zu treiben und ihnen bei jedem Schritt zuzurufen, daß das geringste Überschreiten der Grenzpfähle ein Gang in Lüge und Dunkelheit sei, der zu der Verderbnis der Seele und zur Hölle führte; denn die leidenschaftliche Fürsorge der Rechtgläubigkeit für Punkte und Tüpfelchen, die fehlte ihm völlig. Er war nämlich auf jene etwas künstlerisch überlegene Art religiös, wie es sich solche Begabungen zu sein erlauben; nicht bange, ein wenig zu harmonisieren, und leicht verführbar zu halb willkürlichen Umschreibungen und Zurechtstutzungen, weil sie in allem und jedem zuallererst ihre Persönlichkeit hervorheben wollen und, in welchen Sphären sie auch fliegen, nur ja das Brausen ihrer eignen Geistesflügel hören müssen. Solche Leute führen ihre Schüler nicht, aber es liegt eine Fülle in ihrem Unterricht, ein Reichtum und eine etwas tastende Vielseitigkeit, die, wenn der Schüler nicht durch sie verwirrt wird, in hohem Grade seine Selbständigkeit entwickelt und ihn fast dazu zwingt, sich eine eigene Anschauung zu bilden, da Kinder sich niemals mit etwas Unbestimmtem und Schwebendem begnügen können, sondern in instinktivem Selbsterhaltungstrieb stets ein reines Ja oder ein reines Nein fordern, ein Für oder Wider, damit sie wissen können, welchen Weg ihr Haß und welchen Weg ihre Liebe einzuschlagen hat. Es gibt deshalb keine sichere und unerschütterliche Autorität, die mit ihrem ständigen Feststellen und Wegweisen Niels zurückführen kann. Er hat den Zügel zwischen die Zähne genommen und läuft auf jeden neuen Steg zu, der sich ihm zeigt, wenn er nur wegführt von dem, was früher das Heim für seine Gefühle und für seine Gedanken gewesen ist. Es liegt eine neue Empfindung von Kraft darin, so mit eignen Augen zu sehen und mit eignem Herzen zu wählen und an sich selber zu formen, und es taucht so vieles auf im Geiste, so manche unbeachtete, zerstreute Seiten seines Wesens schließen sich so wunderbar aneinander zu einem vernünftigen Ganzen. Es ist eine bezaubernde Zeit der Entdeckungen, in der er nach und nach, voll Angst und unsicherem Jubel, voll ungläubigem Glück sich selbst entdeckt. Zum erstenmal sieht er, daß er nicht ist wie die andern; eine geistige Schamhaftigkeit erwacht in ihm und macht ihn scheu und wortkarg und verlegen. Er ist allen Fragen gegenüber mißtrauisch und sieht in allem, was gesprochen wird, Andeutungen auf seine allerverborgensten Seiten. Weil er gelernt hat, in sich selbst zu lesen, glaubt er auch, daß alle andern das, was in ihm geschrieben steht, zu lesen vermögen, und er zieht sich von den Erwachsenen zurück und streift einsam umher. Die Menschen sind ganz plötzlich so sonderbar aufdringlich geworden. Er empfindet ihnen gegenüber ein etwas feindseliges Gefühl, als seien sie Wesen einer andern Rasse, und in seiner Einsamkeit beginnt er, sie vorzunehmen und sie spähend, richtend zu betrachten. Früher gaben die Namen: Vater, Mutter, der Pastor, der Müller vollkommen ausreichend Bescheid. Der Name verbarg die Person ganz vor ihm. Der Pfarrer war der Pfarrer, mehr war von dieser Sache nicht zu sagen. Aber jetzt sah er, daß der Pfarrer ein kleines munteres Männchen war, das sich daheim so klein machte und so still wie möglich verhielt, um nicht von seiner Frau bemerkt zu werden, und das sich draußen stets in einen Rausch von Aufruhr und freiheitsdürstender Gewalttätigkeit hineinredete, um das Joch daheim zu vergessen. Dazu war der Pfarrer geworden. Und jetzt Herr Bigum? Er hatte gesehen, wie er bereit war, alles um Edeles Liebe willen wegzuwerfen, hatte ihn sich selbst und den Geist in sich in jener Leidenschaftsstunde unten im Garten verleugnen hören, und jetzt sprach er stets von der olympischen Ruhe des philosophischen Menschen den vagen Wirbelwinden und dunstgeborenen Regenbogen des Lebens gegenüber. Eine wie schmerzliche Verachtung erweckte dies nicht bei dem Knaben, wie wachsam wurde dadurch nicht der Zweifel in ihm, wie leicht zu wecken! Er wußte ja nicht, daß das, was Herr Bigum bei den Menschen mit niedrigen Namen benannte, anders getauft ward, wenn es von ihm selber handelte, und daß seine olympische Ruhe dem gegenüber, was die Menschen in Erregung brachte, das verächtliche Lächeln eines Titanen war, voll Erinnerungen an die Sehnsucht, an die Leidenschaften der Titanen. Fünftes Kapitel Ein halbes Jahr nach Edeles Tod verlor eine Cousine Lyhnes ihren Mann, den Tonwarenfabrikanten Refstrup. Das Geschäft war niemals glänzend gewesen, die lange Krankheit des Mannes hatte es noch mehr heruntergebracht, und es stand nicht mehr viel zwischen der Witwe und der Armut. Sieben Kinder waren mehr, als sie ernähren konnte. Die beiden jüngsten und der älteste, der in der Fabrik angestellt war, blieben bei ihr, die übrigen nahm die Familie zu sich. Lyhnes bekamen den nächstältesten Knaben; er hieß Erich, war vierzehn Jahre alt und hatte auf dem Gymnasium der Stadt einen Freiplatz gehabt; jetzt erhielt er zusammen mit Niels und Frithjof Petersen, des Pfarrers Frithjof, Unterricht bei Herrn Bigum. Es war nicht mit seinem Einverständnis, daß er zum Studieren angehalten wurde, denn er wollte Bildhauer werden. Der Vater hatte gesagt, das sei Unsinn; aber Lyhne hatte nichts dagegen, er glaubte, daß der Knabe Talent besitze, doch wollte er, daß er erst seine Reifeprüfung mache, dann hatte er immer einen festen Haltepunkt; übrigens war ja klassische Bildung notwendig für einen Bildhauer oder doch auf alle Fälle sehr zu empfehlen. Dabei blieb es vorläufig, und Erich mußte sich mit der nicht unbedeutenden Sammlung guter Kupferstiche und hübscher Bronzen trösten, die er auf Lönborghof vorfand. Das waren jedenfalls große Dinge für einen, der nur den Schund gesehen hatte, den ein mehr wunderlicher als kunstverständiger Drechsler der Stiftsbibliothek testamentarisch vermacht hatte; und Erich war bald eifrig mit dem Bleistift und dem Modellierholz beschäftigt. Nichts sprach ihn so an wie Guido Reni, der ja auch in jenen Tagen einen größeren Namen hatte als Raffael und die Größten. Und vielleicht gibt es nichts, was die jungen Augen besser für die Schönheiten eines Kunstwerkes öffnet, als das sichere Wissen, daß ihre Bewunderung bis zu den höchsten Höhen berechtigt ist. Andrea del Sarto, Parmeggianino und Luini, der später, als sein Talent und er sich gefunden hatten, so viel für ihn bedeuten sollte, die ließen ihn jetzt gleichgültig, während das Schneidige bei Tintoretto, das Bittre bei Salvator Rosa und Caravaggio ihn entzückten; denn das Süße in der Kunst hat keinen Reiz für die ganz Jungen; der lieblichste Miniaturenmaler hat seine Laufbahn in Buonarottis Spuren begonnen, der gemütlichste Lyriker hat seine erste Ausfahrt mit schwarzen Segeln im Blut der Tragödien gemacht. Aber bis jetzt war dies Beschäftigen mit der Kunst für ihn nur ein Spiel, das ihm ein wenig besser gefiel als andere Spiele, und er war nicht stolzer auf einen gut modellierten Kopf oder ein flott ausgeschnittenes Pferd, als er es war, wenn er mit einem Stein die Wetterfahne der Kirchturms traf oder wenn er bis Sönderhagen hinausgeschwommen war und wieder zurück, ohne sich auszuruhen; denn solche Spiele liebte er, wo es auf Körpergewandtheit, auf Kraft, Ausdauer und auf eine sichere Hand, auf ein geübtes Auge ankam, und nicht die Spiele, wie Niels und Frithjof sie pflegten, wo die Phantasie die Hauptrolle spielte und wo die Handlung und das Gelingen der Handlung stets nur in der Einbildung bestand. Bald jedoch verließen sie ihren alten Zeitvertreib, um Erich zu folgen. Die Romane wurden beiseitegelegt, und die endlose Geschichte bekam bei ihrem letzten heimlichen Zusammentreffen auf dem Heuboden ein etwas gewaltsames Ende; und tiefes Schweigen brütete über dem hastig aufgeworfenen Grabhügel, denn sie mochten nicht mit Erich hiervon sprechen, sie ahnten schon, nachdem ihre Bekanntschaft mit ihm erst wenige Tage alt war, daß er sich sowohl über sie, wie auch über ihre Geschichte lustig machen, sie in ihren eignen Augen herabsetzen und sie beschämen würde. Diese Macht besaß er nämlich, weil er frei war von allem, was Träumerei, Exaltation oder Phantasterei hieß. Und da sein klarer, praktischer Knabenverstand mit seiner tadellosen Gesundheit geistigen Gebrechen gegenüber ebenso schonungslos war und bereit zum Hohn, wie es die Kinder im allgemeinen den körperlichen gegenüber sind, so fürchteten Niels und Frithjof sich vor ihm, und sie bildeten sich nach ihm, verleugneten viel und verheimlichten noch mehr. Besonders war Niels schnell bereit, all das bei sich zu unterdrücken, was nicht zu Erichs Welt gehörte; und mit dem heißen Eifer eines Renegaten verhöhnte er Frithjof und machte sich lächerlich über ihn, dessen langsamere und treuere Natur nicht sofort das Alte über das Neue vergessen konnte. Aber was Niels hauptsächlich zu diesem lieblosen Verhalten trieb, war die Eifersucht, denn schon am ersten Tage hatte er sich in Erich verliebt, der scheu und kühl, nur widerstrebend und halb verächtlich kaum duldete, daß man ihn liebte. Ob es unter allen Gefühlsverhältnissen des Lebens etwas gibt, das zarter, edler, inniger ist als die leidenschaftliche und doch so schüchterne Verliebtheit eines Knaben in einen andern? Eine solche Liebe, die niemals spricht, die sich niemals Luft in einer Liebkosung, einem Blick oder einem Wort zu machen wagt, so eine sehende Liebe, die bitter über einen jeden Mangel oder Fehler bei dem trauert, den sie liebt, und die Sehnsucht ist und Bewunderung und Selbstvergessen und Stolz, Demut und ruhig atmendes Glück. Nur ein oder anderthalb Jahre blieb Erich auf Lönborghof; denn während eines Besuchs in Kopenhagen hatte Lyhne mit einem der hervorragendsten Bildhauer gesprochen und ihm die Skizzen des Knaben gezeigt, und Mikkelsen, der Bildhauer, hatte gesagt, daß Talent vorhanden und daß das Studieren ein Zeitverlust sei; es sei keine sonderlich klassische Bildung dazu erforderlich, um einem nackten Menschen einen griechischen Namen zu geben. Darum wurde abgemacht, daß Erich sofort herüberreisen sollte, um die Akademie zu besuchen und in Mikkelsens Atelier zu arbeiten. Am letzten Nachmittag saßen Niels und Erich auf ihrem Zimmer. Niels besah Bilder in einem illustrierten Blatt, Erich war in Spenglers beschreibenden Katalog der Kristiansborger Gemäldesammlung vertieft. Wie oft hatte er dies Buch nicht durchblättert und versucht, sich nach den naiven Beschreibungen eine Vorstellung von den Gemälden zu bilden, fast krank vor Sehnsucht, all diese Kunst und Schönheit wirklich zu schauen, wirklich mit dem Auge zu genießen und mit dem Auge wirklich all die Herrlichkeit der Linien und Farben zu erfassen, so daß sie durch seine Bewunderung sein Eigentum wurden; und wie oft hatte er dann nicht dies Buch geschlossen, müde, in den treibenden, phantastischen Nebel der Worte hineinzustarren, der nicht haften, sich nicht formen, der nichts gebären wollte, um nur in vagem, irreleitendem Wechsel zu wallen und zu gleiten, zu wallen und zu gleiten. Heute aber war es anders; heute aber wußte er, wie bald sie nicht mehr Schatten aus dem Traumland sein würden, und er fühlte sich so reich durch alle Versprechungen des Buches, und heute nahmen die Bilder Gestalt an, deutlich wie nie zuvor, und brachen hervor in flüchtigem Blinken, wie farbenstarke Sonnen aus einem Nebel, der golden war von tanzendem Gold. »Was besiehst du da?« fragte er Niels. Niels zeigte ihm Lassen in seinem Buch, den Helden des zweiten April. »Wie häßlich er ist«, sagte Erich. »Häßlich! er war ja ein Held – nennst du diesen auch häßlich?« Niels hatte zu dem Bilde eines großen Dichters zurückgeblättert. »Entsetzlich häßlich!« versicherte Erich und machte eine Grimasse mit dem Mund. »Was für eine Nase hat er? Und dann der Mund und die Augen, und die Strähnen, die ihm vom Kopf abstehen!« Niels sah, daß er häßlich war, und wurde ganz still; es war ihm niemals eingefallen, daß das, was groß war, nicht immer in eine schöne Form gegossen war. »Das ist ja wahr,« sagte Erich und schloß seinen Spengler, »ich darf nicht vergessen, dir den Schlüssel zum Roof zu geben.« Niels machte eine schwermütig abweisende Bewegung, aber Erich hängte ihm trotzdem einen kleinen Vorlegeschloßschlüssel an einem breiten Band um den Hals. »Wollen wir jetzt dorthin gehen?« fragte er. Sie gingen. Frithjof trafen sie am Gartenzaun; er lag da und aß unreife Stachelbeeren und hatte anläßlich des Abschiedes Tränen in den Augen. Außerdem war er darüber beleidigt, daß sie ihn nicht früher aufgesucht hatten; zwar pflegte er stets von selbst zu kommen, aber an einem solchen Tage wie dem heutigen fand er, daß es etwas formeller zugehen müsse. Schweigend hielt er ihnen eine Handvoll der grünen Frucht hin; sie aber hatten ihre Leibgerichte zu Mittag bekommen und waren wählerisch. »Sauer!« sagte Erich, und ihn schauderte. »Ungesundes Zeug!« fügte Niels überlegen hinzu und sah auf die dargebotenen Beeren herab; »wie kannst du nur? schmeiß das Zeug weg; wir gehen zum Roof«, und er deutete mit dem Kinn auf das Schlüsselband, denn die Hände hatte er in der Tasche. Dann gingen sie alle drei hinunter. Der Roof war ein altes, grün angestrichenes Schiffsroof, das einmal gelegentlich einer Strandungsauktion gekauft war. Es stand unten am Fjord und hatte zu der Zeit, als der Damm aufgeworfen wurde, als Vorratsschuppen gedient, jetzt aber wurde es nicht mehr benutzt, und die Knaben hatten es in Besitz genommen und versteckten dort ihre Fahrzeuge, Flitzbogen, Springstöcke und andere Herrlichkeiten, namentlich die verbotenen, aber unentbehrlichen Dinge wie Pulver, Tabak und Schwefelhölzer. Mit einer Art finsterer Feierlichkeit öffnete Niels die Rooftür, und sie traten ein und suchten ihre Sachen aus den dunklen Winkeln in den leeren Kojenräumen hervor. »Wißt ihr was!« sagte Erich, den Kopf ganz drinnen in einer fernen Ecke, »ich will meins in die Luft sprengen.« »Meins und Frithjofs auch«, antwortete Niels und begleitete seine Worte mit einer feierlich schwörenden Bewegung der Hand. »Nein, zum Kuckuck auch, meins nicht«, rief Frithjof, »womit sollten wir wohl segeln, wenn Erich fort ist.« »Das stimmt«, sagte Niels und wandte sich verächtlich von ihm ab. Frithjof fühlte sich ein wenig unsicher; als aber die andern vor die Tür gegangen waren, zog er sein Fahrzeug in ein sichereres Versteck. Draußen hatten sie das Pulver bald in ein Nest von teergetränktem Werg unten in den Schuten angebracht; dann legten sie die Lunten zurecht, richteten die Segel, zündeten an und sprangen zurück. Und am Strande entlang liefen sie, machten der Mannschaft an Bord Zeichen und erklärten einander mit lauten Stimmen die zufälligen Wendungen und Bewegungen des Schiffes als Wirkungen der nautischen Intelligenz ihrer tüchtigen Kapitäne. Aber die Schuten strandeten auf der Landzunge, ohne daß die gewünschte Explosion stattgefunden hatte, und dadurch bekam Frithjof Gelegenheit, edelmütig die Wattierung seiner Mütze zur Anfertigung neuer und besserer Lunten zu opfern. Mit vollen Segeln steuerten die Schuten auf die Klippen Seelands zu; die schweren Fregatten der Engländer stampften wuchtig in undurchdringbarem Kreis heran, während der Schaum hell unter dem schwarzen Bug zischte und die Kanonen die Luft mit dem scharfen Knattern füllten. Näher und näher; – blau und rot leuchtete es, golden schimmerte es von den klafterhohen Galionen des »Albion« und »Conqueror«; die grauweißen Segelmassen verdeckten den Horizont, der Pulverdampf wälzte sich vor in weißen Wolken und wurde dann wie verschleierter Nebel dicht über das sonnenblanke Blinken der Wogen hingetrieben; da wurde das Verdeck von Erichs kleinem Fahrzeug mit einem schwachen, kleinen Knall zersprengt; das Werg fing Feuer, die rote Flamme schlug heraus, und an den Wanten entlang und in die Rahen hinauf liefen die geschwinden Flammen, fraßen sich langsam schwelend durch das Leik der Segel und schlugen dann gleich langen Blitzen in das Segeltuch ein, das sich brennend aufrollte und auseinanderkrümmte und in großen, schwarzen Schlacken weit über das Meer flog. Noch wehte der Danebrog von der schlanken Spitze des wolkenhohen Schonermastes herab; die Flaggenleine war durchgebrannt, so daß sie wild flatterte, als schlüge sie kampfbereit mit roten Flügeln um sich, – aber die Flamme strich sie in einem kurzen Aufflackern, und ohne Steuer und ohne Steuermann trieb jetzt das rauchschwarze Schiff tot und willenlos dahin, ein Spiel des Windes und der Wellen. Niels Fahrzeug brannte nicht so gut. Das Pulver hatte sich zwar entzündet, und der Rauch war hervorgequollen, aber das war das ganze, und das war zu wenig. »Hallo, Leute,« rief Niels draußen von der Landzunge her, »bohrt sie in den Grund! Richtet die Kanonen durch die Achterluke und macht ihr den Garaus.« Im selben Augenblick bückte er sich nach einem Stein. »Gebt Feuer!« Und der Stein flog aus seiner Hand. Erich und Frithjof ließen mit der Hilfe nicht lange auf sich warten, so daß der Rumpf des Schiffes und auch Erichs Fahrzeug bald zersplittert war. Die Überreste wurden aufs Trockne gebracht, denn jetzt sollten sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Aus ihnen, aus trocknem Seetang und welkem Gras war bald ein brennender, dichtqualmender Haufe gebildet, auf dem die kleinen Kiesel, die mit dem Tang hineingekommen waren, in der starken Hitze eifrig knatterten und knisterten. Eine Zeitlang saßen die Knaben schweigend um den Scheiterhaufen, aber plötzlich sprang der immer noch finster dreinschauende Niels auf und holte alle seine Sachen aus dem Roof, zerbrach sie in Stücke und warf sie auf das Feuer. Dann holte Erich seine, und Frithjof holte auch etwas. Jetzt schlugen die Flammen des Opferfeuers hoch in die Luft, so daß Erich bedenklich wurde, man könne sie vielleicht oben vom Felde aus sehen, und anfing, es mit angefeuchtetem Tang zu dämpfen; aber Niels stand ruhig da und starrte sorgenvoll dem über den Strand dahintreibenden Rauch nach. Frithjof hielt sich weiter zurück und summte einen Heldengesang vor sich hin, den er von Zeit zu Zeit mit wilden, bardenartigen Griffen in die Saiten einer unsichtbaren Harfe begleitete. Schließlich erlosch das Feuer, und Erich und Frithjof gingen heimwärts, während Niels zurückblieb, um das Roof zu schließen. Als das geschehen war, sah er sich vorsichtig nach den andern um und warf dann den Schlüssel mit dem Band weit in den Fjord hinaus. Erich hatte sich gerade im selben Augenblick umgedreht und sah ihn fallen, aber er wandte den Kopf hastig ab und begann mit Frithjof um die Wette zu laufen. Am Tage darauf reiste er ab.   In der ersten Zeit wurde er schmerzlich vermißt, denn alles war für die beiden Zurückbleibenden gleichsam ins Stocken geraten. Das Leben hatte sich allmählich von der Voraussetzung aus geformt, daß sie drei waren, die es lebten; drei, das war Gesellschaft, Mannigfaltigkeit, Abwechslung; zwei, das war Einsamkeit und gar nichts. Was in aller Welt sollten sie vornehmen? Konnten zwei ein Scheibenschießen sein, konnten zwei Ball spielen? Sie konnten Freitag und Robinson Crusoe sein, aber wer sollte dann die Wilden spielen? Welche Sonntage! Niels war des Daseins so überdrüssig, daß er zuerst anfing, seine geographischen Kenntnisse zu wiederholen, und sie darauf mit Hilfe von Herrn Bigums großem Atlas weit über die vorgeschriebenen Grenzen hinaus erweiterte. Schließlich begann er, die ganze Bibel durchzulesen und Tagebuch zu führen, aber Frithjof suchte in seiner völligen Verlassenheit einen entwürdigenden Trost darin, mit seinen Schwestern zu spielen. Allmählich wurde die Vergangenheit weniger deutlich und die Sehnsucht milder; sie konnte an so einem stillen Abend kommen, wenn das Sonnenrot die Wand in der einsamen Kammer beleuchtete und der ferne, eintönige Ruf der Kuckucks ganz aufhörte und die Stille gleichsam weiter und größer machte, – dann konnte die Sehnsucht kommen und alles krank machen und konnte ihre Mattigkeit in das Gemüt hineinstehlen; aber sie quälte nicht mehr, sie kam so unbestimmt, und ihre Last war so weich, daß sie halbwegs süß war wie ein betäubender Schmerz. Auch die Briefe zeigten diesen Weg. Anfangs waren sie voller Klagen, voll von Fragen und Wünschen, die sich lose aneinanderreihten; aber dann wurden sie länger, versuchten mehr abzuschweifen und zu erzählen, und jetzt waren sie ganz stilvoll, wohlgeschrieben, und es sprach eine gewisse Freude aus ihnen, so wohl versteckt zwischen den Linien schreiben zu können. Wie es nun so ging, tauchte auch allerlei auf, das nicht gewagt haben würde, den Kopf zu erheben, solange Erich dort war. Die Phantasie schüttete ihre Flimmerblüten aus über die langsame, gleiche Stille des ereignislosen Lebens; die Traumluft legte sich auf das Gemüt, aufreizend, zehrend mit ihrem Duft von Leben und mit den feinen Giften lebensdurstiger Ahnungen, die in diesem Duft verborgen lagen. Und so wächst denn Niels auf, und alle Kindheitseinflüsse formen an dem weichen Ton, alles formt, alles hat Bedeutung, das, was ist, und das, was erträumt wird, das, was man weiß, und das, was man ahnt, – alles legt seinen leichten, aber sicher gezogenen Gang von Linien, der dann nachgeformt und vertieft, der dann abgeschwächt und verwischt werden soll. Sechstes Kapitel »Student Lyhne – Frau Boye; Student Frithjof Petersen – Frau Boye.« Es war Erich, der vorstellte, und die Vorstellung fand in Mikkelsens Atelier statt, einem großen, lichten Raum mit gestampftem Lehmboden und zwölf Ellen bis zur Decke, mit zwei Türen, die hinausführten, in der einen Wand, und in der andern mit Türen, die zu den kleinen Ateliers dahinter gingen. Alles war darinnen grau von dem Staub von Lehm und Gips und Marmor; er hatte die Spinnengewebe an der Decke dick wie Bindfaden gemacht und Flußkarten auf die großen Fensterscheiben gezeichnet; er lag in den Augen, in Mund und Nase, in den Muskelstreifen, den Locken und Gewändern all der unzähligen Abgüsse, die sich wie ein Fries von der Zerstörung Jerusalems auf langen Borden durch die ganze Stube zogen, und die Lorbeerbäume in der Ecke zum Eingang, die hohen Lorbeerbäume in ihren großen Kübeln, die hatte er auch grauer als die grauen Oliven gepudert. Erich stand mitten im Atelier und modellierte in einer Bluse und mit einer Papiermütze auf dem dunklen, ein wenig gelockten Haar; er hatte jetzt einen Schnurrbart und sah ganz männlich aus im Vergleich zu seinen bleichen, examensmüden Freunden, die so provinzmäßig artig anzusehen waren, mit ihren allzu neuen Kleidern und mit ihren gar zu kurzgeschorenen Köpfen in den etwas zu geräumigen Mützen. Nicht weit von Erichs Gerüst entfernt, saß Frau Boye auf einem niedrigen, hochlehnigen Holzstuhl, ein feines Buch in der einen Hand, einen Klumpen Lehm in der andern. Klein war sie, reichlich klein und leicht brünett, mit klaren, braunen Augen und weißblondem Teint, der in dem Schatten der Rundungen golden matt wurde und gut zu dem glanzvollen Haar paßte, dessen Dunkelheit im Licht den Ton braungebrannter Blondheit annahm. Sie lachte, als sie kamen, wie ein Kind lachen kann, so erleichternd lange und lustig laut, so vergnüglich frei; und in ihren Augen lag auch der offne Blick des Kindes, das freimütige Lächeln eines Kindes spielte um ihren Mund, der noch kindlicher wurde, weil die Oberlippe so kurz war, daß sie die milchweißen Zähne fast nie verdeckte und der Mund stets ein wenig offen stand. Aber sie war kein Kind. War sie vielleicht einige dreißig? Die volle Form des Kinnes sagte nicht nein, ebensowenig das reife Leuchten der Unterlippe; und sie war stark von Wuchs, mit reichen, aber festen Formen, die stark hervorgehoben wurden durch ein dunkelblaues Kleid, das sich stramm und fest wie ein Reitkleid anschloß, eng in der Taille, um Brust und Arme. Um ihren Hals und auf den Schultern lag faltenreich ein dunkles, blutrotes, seidenes Tuch, dessen Spitzen in dem herzförmigen Ausschnitt des Kleides verschwanden, und im Haar trug sie Nelken von der Farbe des Tuches. »Ich fürchte, daß wir Sie in einer angenehmen Lektüre unterbrechen«, sagte Frithjof mit einem Blick auf das feine Buch. »Nicht im geringsten; ach nein! nein, über das, was wir lasen, haben wir uns die ganze Stunde gezankt!« antwortete Frau Boye und sah Frithjof mit großen, unentrinnbaren Augen an. »Herr Refstrup ist in allem, was Kunst anbelangt, ein großer Idealist, und ich finde dies so langweilig, gegenüber der rauhen Wirklichkeit, die geläutert, geklärt und wiedergeboren werden soll, oder wie es nun heißen mag, so daß sie zu guter Letzt zu lauter Nichts wird; tun Sie mir den Gefallen und sehen Sie sich die Bacchantin von Mikkelsen an, nach der der taube Traffelini dort hinten haut; sollte ich die in einem beschreibenden Katalog aufführen ... Herr du meine Güte! Nr. 77. Eine junge Dame im Negligé steht gedankenvoll auf einem Bein und weiß nicht, was sie mit einer Weintraube anfangen soll. – Wenn ich raten dürfte, so sollte sie die Beeren zerquetschen, so daß der rote Saft ihr über die Brust liefe, wie? nicht wahr? Habe ich nicht recht?« und in kindlichem Eifer ergriff sie Frithjofs Ärmel und riß fast daran. »Ja,« gab Frithjof zu, »ja, das möchte ich eigentlich auch sagen, es fehlt dies – Frische – Unmittelbare –.« »Ach, es fehlt das Natürliche, und mein Gott, warum können wir eigentlich nicht natürlich sein? Ach, ich weiß es so gut, es fehlt nur der Mut. Weder die Künstler noch die Dichter besitzen den Mut, den Menschen so wiederzugeben, wie er ist. – Shakespeare, der hatte Mut.« »Ja, das wissen Sie schon,« sagte Erich hinter seiner Figur hervor, »mit Shakespeare werde ich nicht fertig; er macht mir zu viel daraus; ich finde, er jagt einen herum, so daß man schließlich nicht mehr weiß, was eigentlich was ist.« »Das will ich nicht sagen,« wandte Frithjof tadelnd ein, »aber«, fügte er mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu, »ich kann freilich die Berserkerwut des großen englischen Dichters nicht wirklich bewußten und verständigen Künstlermut nennen.« »Nicht? – ach Gott, wie amüsant Sie sind!« und sie lachte aus vollem Halse, indem sie sich erhob und durch das Atelier schritt. Plötzlich wandte sie sich um, streckte Frithjof die Arme entgegen und rief aus: »Gott segne Sie!« und dann krümmte sie sich fast bis zur Erde vor Lachen. Frithjof war nahe daran, beleidigt zu sein, aber es war so umständlich, erzürnt fortzugehen; außerdem hatte er ja vollständig recht mit dem, was er sagte, und schließlich war die junge Frau auch so hübsch. Er blieb und begann eine Unterhaltung mit Erich, indem er, in Gedanken mit Frau Boye beschäftigt, seiner Stimme den Ausdruck reifer Nachsicht zu geben versuchte. Die junge Frau streifte indessen in dem entlegneren Ende des Ateliers mit einem kleinen, nachdenklichen Summen umher, aus dem sie jedoch bald in ein paar rasche, glucksende Triller aufstieg, bald in einem feierlichen Rezitativ langsam emporschwebte. Auf einer großen, hölzernen Kiste stand ein jugendlicher Augustuskopf; den begann sie abzustäuben, und dann suchte sie sich etwas Ton, formte daraus einen Schnurrbart, einen Kinnbart für den Kopf und auch Ringe, die sie in die Ohren setzte. Während sie eifrig damit beschäftigt war, hatte sich Niels unter dem Vorwand, daß er die Borde mit den Abgüssen betrachtete, ganz in die Nähe der jungen Frau begeben. Sie hatte gar nicht nach der Richtung hingesehen, in der er sich aufhielt; aber sie mußte ihn doch in der Nähe wissen, denn ohne sich umzusehen, streckte sie die Hand nach ihm aus und bat ihn, Erichs Hut zu holen. Niels legte den Hut in ihre ausgestreckte Hand, und sie nahm ihn und setzte ihn auf den Augustuskopf. »Alter Shakespeare,« sagte sie zärtlich und streichelte die Wange der travestierten Büste, »alter dummer Bursche, der nicht wußte, was er tat! Saß er da und stocherte in der Tinte, was? und schmierte einen Hamletkopf zusammen, ohne darüber nachzudenken, was; tat er das?« Sie lüftete den Hut der Büste ein wenig und ließ die Hand mütterlich über deren Stirne gleiten, als wolle sie ihr das Haar aus den Augen streichen. »Alter Glückspilz, trotz alledem! du alter, nicht ungeschickter Dichterbursche! Denn, nicht wahr, Herr Lyhne, man kann doch sagen, daß er kein ungeschickter Literat war, dieser Shakespeare?« »Ja, ich habe meine eigene Ansicht über den Mann«, erwiderte Niels etwas kurz und errötete. »Herrgott, haben Sie auch eine eigne Ansicht über Shakespeare? – Was denken Sie denn? Sind Sie für uns, oder sind Sie wider uns?« Sie stellte sich bei diesen Worten lächelnd neben die Büste und legte ihre Hand auf ihren Nacken. »Ich vermag nicht zu sagen, ob die Ansicht, die ich zu Ihrem Erstaunen besitze, so glücklich ist, einige Bedeutung zu erhalten, indem sie mit der Ihren zusammenfällt; aber ich glaube doch sagen zu können, daß sie für Sie und für Ihren Schützling spricht; jedenfalls ist es meine Ansicht, daß er wußte, was er tat, daß er abwog, was er tat, und wagte, was er tat. Manch liebes Mal hat er es voll Zweifel gewagt, so daß der Zweifel noch zu sehen ist; manch liebes Mal hat er es auch nur halb gewagt und das mit neuen Zügen ausgelöscht, was er nicht, so wie es war, stehen zu lassen wagte ...« Und so fuhr er fort. Während er sprach, wurde Frau Boye allmählich unruhig, sie sah nervös bald nach der einen, bald nach der andern Seite und spielte ungeduldig mit den Fingern, während ein sorgenvoller und zuletzt leidender Ausdruck ihr Gesicht mehr und mehr verdunkelte. Endlich konnte sie sich nicht länger bezwingen. »Vergessen Sie nicht, was Sie sagen wollen!« sagte sie; »aber ich bitte Sie, Herr Lyhne, lassen Sie das da mit der Hand, diese Bewegung, als sollten Sie Zähne ausziehen! Bitte, tun Sie es! und dann lassen Sie sich nicht stören, jetzt bin ich wieder aufmerksam, und ich bin ganz einig mit Ihnen!« »Ja, aber dann brauche ich ja nicht mehr zu sagen.« »Warum?« »Nein, wenn wir einig sind!« »Ja, wenn wir einig sind!« Keiner von beiden meinte etwas Besonderes mit diesen letzten Worten; aber sie sprachen sie mit einer bedeutungsvollen Betonung aus, als läge eine Welt von Feinheit darin verborgen, und sie sahen einander an, mit einem geistvollen Lächeln auf den Lippen – der verweilende Schein jenes Geistes, der soeben geleuchtet hatte –, indem sie beide darüber nachsannen, was doch der andere gemeint haben konnte, ein wenig ärgerlich, daß sie so schwer von Begriffen waren. Langsam gingen sie zusammen auf die andern zu, und die junge Frau ließ sich wieder auf den niedrigen Stuhl nieder. Erich und Frithjof waren ihrer Unterhaltung ein wenig müde und freuten sich, daß andere hinzukamen. Frithjof näherte sich deshalb sofort Frau Boye und war sehr liebenswürdig, Erich hielt sich als Wirt bescheiden zurück. »Wäre ich neugierig,« sagte Frithjof, »so würde ich fragen, was für eine Art von Buch es ist, über das Sie und Refstrup sich stritten, als wir kamen.« »Fragen Sie?« fragte Frau Boye. »Ich frage.« »Ergo?« »Ergo!« antwortete Frithjof mit einer demütig bejahenden Verbeugung. Frau Boye hielt das Buch empor und sagte feierlich verkündend: »Helge. Oehlenschlägers Helge. – Und dann, was für ein Lied es war? – Es war: ›Das Meerweib besucht König Helge.‹ – Und dann, was für Verse es waren? – Es waren die, wo Tangkjär sich an Helges Seite gelegt hat und er nicht länger seine Neugierde bezwingen kann und sich umwendet. Und während die Blicke so jünglingswild Hinüber ihm streifen und gleiten, Da ruht ihm das lieblichste Frauenbild An seiner grünenden Seiten. Kein ärmlicher Rock mehr umwölbt das Licht Der Schönheit des blühenden Leibes. Durch den enganliegenden Schleier bricht Der Glanz des üppigen Weibes. Und das ist alles, was wir von der Schönheit des Meerweibes zu sehen bekommen, und darüber war ich unzufrieden. Ich will hier eine üppige, glühende Schilderung haben, daß es mir den Atem raubt. Ich will in die eigenartige Schönheit eines solchen Meerweibkörpers eingeweiht werden, und nun frage ich Sie, was soll ich mit den weißen Armen und herrlichen Gliedmaßen aufstellen, über die ein Stück Seidengaze gebreitet ist. – Mein Gott! – Nein, sie soll nackt sein wie eine Welle, und die wilde Schönheit des Meeres soll sie widerspiegeln. Es müßte etwas von dem Phosphorschimmer des Meeres über ihrer Haut liegen, etwas von den schwarzen, wirren Schrecken des Tangwaldes in ihrem Haar. Nicht wahr? – Ja, die tausenderlei Farben des Wassers müssen in blitzendem Wechsel in ihren Augen kommen und gehen; die bleiche Brust muß kalt sein, von einer wollüstigen, kühlenden Kälte, die Wellen müssen mit wogendem Lauf durch alle ihre Formen rieseln, und in ihrem Kuß ist das Saugen des Strudels, und ihre Umarmung ist wie die weiche Brandung des Schaums.« Sie hatte sich ganz warm geredet und stand da, noch ganz erfüllt von ihrem Thema, und sah ihre jungen Zuhörer mit großen, fragenden Kinderaugen an. Aber die sagten nichts. Niels war rot von Erröten und Erich höchst verlegen. Frithjof war ganz benommen und starrte sie mit der offenherzigsten Bewunderung an, und doch war er derjenige, der am wenigsten sah, wie bezaubernd schön sie war, so wie sie da hinter ihren Worten vor ihnen stand. Nur wenige Wochen waren vergangen, da waren Niels und Frithjof ebenso häufige Gäste in Frau Boyes Hause wie Erich Refstrup. Außer der bleichen Schwestertochter von Frau Boye trafen sie hier verschiedene junge Leute, zukünftige Dichter, Maler, Schauspieler und Architekten, alle mehr Künstler der Jugend als des Talents, alle voller Hoffnung, mutig, kampfbereit und sehr leicht begeisterungsfähig. Es waren vielleicht vereinzelte zwischen ihnen, von diesen stillen Träumern, die wehmütig den entschwundenen Idealen verschwundener Zeiten nachblicken; aber die meisten von ihnen waren von dem erfüllt, was damals neu war, waren taumelnd von den Theorien des Neuen, wild von der Kraft des Neuen und geblendet von ihrer Morgenklarheit. Neu waren sie, erbittert neu, neu bis zur Übertreibung, und dies vielleicht nicht zum mindesten, weil im Allerinnersten ein seltsam instinktstarkes Sehnen wohnte, das betäubt werden sollte, ein Sehnen, das das Neue nicht zu stillen vermochte, so weltengroß, wie das Neue auch war, so allumfassend, allmächtig, alles erleuchtend. Aber das ist gleichgültig; es war ein stürmischer Jubel in den jungen Seelen und Glaube an das Licht großer Gedankensterne, und da war Hoffnung, groß wie Meere; die Begeisterung trug sie auf Adlerschwingen, und das Herz wuchs ihnen in tausendfachem Mut. Das Leben verwischte es wohl später, vertuschte das meiste; die Klugheit riß wohl Stücke davon ab, und sicher nahm die Feigheit die Überbleibsel mit sich, aber was tut das! Die Zeit, die in Gutem vergangen ist, kehrt nicht mehr in Bösem zurück; und nichts in dem Leben, das später gelebt wird, kann einen Tag welken machen oder eine Stunde aus dem Leben, das gelebt ist, auslöschen. Niels erschien die Welt in diesen Tagen ganz anders. Seine geheimsten, vagen Gedanken von zehn verschiedenen Mündern laut ausgesprochen zu hören, seine seltsamen, eigentümlichen Anschauungen zu sehen, die ihm selbst in einer verschleierten Landschaft zu liegen schienen, mit nebelverschwommenen Linien, mit unbestimmten Tiefen und mit gedämpften Tönen; diese Landschaft ohne Schleier zu sehen, in hellen, scharfen, tagklaren Farben, in allen ihren Einzelheiten offenbart, durchfurcht von Wegen, und Menschen in Scharen auf diesen Wegen – es lag etwas seltsam Phantastisches darin, daß das Phantastische so wirklich geworden war. Er war also kein einsamer Kinderkönig mehr, der über Länder herrschte, die er sich erträumt hatte; nein, er war einer in der Menge, ein Mann in der Menge, ein Soldat im Sold der Idee und des Neuen. Ein Schwert lag in seiner Hand, und es gab eine Fahne für ihn. Was für eine seltsame, verheißungsvolle Zeit war es nicht, wie wunderlich nicht, mit eigenen Ohren das undeutliche, geheimnisvolle Flüstern der eigenen Seele in die Luft der Wirklichkeit hinausklingen zu hören wie wild herausfordernde Posaunentöne, wie der Donner von Keulenschlägen auf Tempelmauern, wie das pfeifende Sausen der Davidsteine auf dem Fluge gegen Goliathschädel und wie siegessichere Fanfaren. Es war, als höre man sich selbst in fremden Zungen mit fremder Klarheit und fremder Macht von dem reden, was das tiefste, innere Besitztum unsres Ichs ist. Nicht nur von den Lippen der Gleichaltrigen ertönte das Evangelium des Neuen vom Auflösen und vom Vervollkommnen; es gab auch ältere Leute, Männer, deren Namen einen gewissen Klang besaßen, die Augen für das Neue und seine Herrlichkeit hatten und die breitere Worte besaßen als die Jungen; festlicher waren sie in ihrer Auffassung, die Namen entschwundener Jahrhunderte folgten ihnen, sie hatten die Geschichte zur Seite, die Weltgeschichte, die Geschichte des Menschengeistes, die Odyssee der Idee. Es waren die Männer, die in ihrer Jugend ebenso gepackt worden waren wie die, die jetzt jung waren, und die von dem Geist gezeugt hatten, der sie jetzt ergriff; doch als sie ihren Stimmen entnahmen, was man dem Ruf in die Wüste hinein entnimmt: daß man allein ist, da waren sie verstummt; aber die Jungen dachten nur daran, daß diese Männer gesprochen, nicht, daß sie geschwiegen hatten, und waren bereit, mit Lorbeerkränzen und Märtyrerkronen zu bewundern, und glücklich, bewundern zu können. Und die, denen die Bewunderung galt, sie wiesen diese spätgeborene Anerkennung nicht zurück, sondern setzten in gutem Glauben die Kronen auf, sahen sich selbst von einem großen und geschichtlichen Standpunkt aus, dichteten das weniger Heroische aus ihrer Vorzeit heraus – und ihre alte Überzeugung, die die Ungunst der Zeit abgekühlt hatte, die deklamierten sie wieder in Glut. Niels Lyhnes Familie in Kopenhagen, besonders der alte Etatsrat, war gar nicht zufrieden mit dem Verkehr, den der junge Student sich gewählt hatte. Es waren nicht so sehr die neuen Ideen, die sie bekümmerten, als das lange Haar, die hohen Jagdstiefel und eine leise Unsauberkeit, mit denen einige der jungen Leute den Ideen zu nützen glaubten; und obgleich Niels nach dieser Richtung hin nicht fanatisch war, so war es ihnen doch unangenehm, ihn in solchem Verkehr zu treffen, und noch unangenehmer, daß ihre Bekannten ihn in Gesellschaft also charakterisierter Jünglinge treffen sollten. Aber das war doch nur eine Nebensache im Verhältnis dazu, daß er so viel bei Frau Boye verkehrte und mit ihr und ihrer bleichen Schwestertochter ins Theater ging. Nicht, daß man mit Bestimmtheit Frau Boye etwas hätte nachsagen können. Aber man sprach von ihr. Auf so vielerlei Art. Sie war aus guter Familie, eine geborene Konneroy, und die Konneroys gehörten zu den ältesten und allerfeinsten Patrizierfamilien der ganzen Stadt. Trotzdem hatte sie mit ihnen gebrochen. Einige sagten, wegen eines ausschweifenden Bruders, den man in die Kolonien gesandt hatte. Sicher war, daß der Bruch vollständig war, und es wurde sogar davon geflüstert, daß der alte Konneroy sie verflucht und darauf einen Anfall seines schlimmen Frühlingsasthmas bekommen habe. Dies alles geschah, nachdem sie Witwe geworden war. Boye, der Mann, war Apotheker gewesen, Assessor pharmaciae und Ritter. Als er starb, war er sechzig und Besitzer von anderthalb Tonnen Goldes. Soweit man wußte, hatten sie sehr glücklich zusammen gelebt. Anfangs, während der ersten drei Jahre, war der alternde Mann sehr verliebt; später lebten sie hauptsächlich jeder für sich, er beschäftigte sich mit seinem Garten und damit, seinen Ruf als großer Mann in Herrengesellschaften aufrechtzuerhalten, sie mit Theater, mit Romanzenmusik und deutscher Poesie. Dann starb er. Als das Trauerjahr um war, machte die Witwe eine Reise nach Italien und lebte einige Jahre dort unten, hauptsächlich in Rom. Es war durchaus nichts Wahres daran, daß sie Opium in einem französischen Klub geraucht hatte, ebensowenig wie an der Geschichte, daß sie sich wie Paulina Borghese habe modellieren lassen; und der kleine russische Fürst, der sich erschoß, während sie in Neapel war, der erschoß sich keineswegs ihretwegen. Wahr aber war es, daß die deutschen Künstler sich unermüdlich darin erwiesen, ihr Serenaden zu bringen, und es war auch wahr, daß sie sich eines Morgens, in eine albanische Bäuerinnentracht gekleidet, auf eine Kirchentreppe oben in die Via Sistina gesetzt hatte und daß sie sich von einem neuangekommenen Künstler hatte bewegen lassen, Modell mit einer Kruke auf dem Kopf und einem kleinen, braunen Knaben an der Hand zu stehen. So ein Bild hing auf alle Fälle an ihrer Wand. Auf der Heimreise von Italien traf sie einen Landsmann, einen bekannten, tüchtigen Kritiker, der lieber Dichter gewesen wäre. Man nannte ihn eine negativ-skeptische Natur, einen scharfen Kopf, der seine Mitmenschen hart und unbarmherzig anfaßte, weil er sich selber hart und unbarmherzig anfaßte und deshalb seine Brutalität gerechtfertigt glaubte. Aber er war nicht ganz das, wozu die Leute ihn machten; er war nicht so unangenehm aus einem Guß oder so rücksichtslos konsequent, wie es den Anschein hatte; denn obgleich er immer auf dem Kriegsfuß mit der idealen Richtung der Zeit stand und sie mit andern, verurteilenden Namen nannte, so hatte er doch für dies Ideale, Träumende, Ätherische, dies blaublau Mystische, dies unbegreiflich Hohe und entschwindend Lichte eine Sympathie, die er der erdgebundneren Richtung gegenüber nicht empfand, für die er doch kämpfte und an die er in der Hauptsache glaubte. Widerstrebend verliebte er sich in Frau Boye, sagte es ihr aber nicht, denn es war keine junge und offene, keine hoffnungsfreudige Verliebtheit. Er liebte sie wie ein Wesen einer andern, feineren und glücklicheren Rasse als seine eigene, und darum lag ein Groll in seiner Liebe, eine instinktive Erbitterung gegen das, was die Rasse in ihr war. Mit feindseligen, eifersüchtigen Augen betrachtete er ihre Neigungen und Meinungen, ihre Geschmacksrichtung und ihre Lebensanschauung; und mit allen Waffen, mit seiner Beredsamkeit, mit herzloser Logik und barscher Autorität und in Mitleid gehülltem Spott erkämpfte er sie sich, gewann er sie für sich und seine Anschauung. Aber als nun die Wahrheit gesiegt hatte und sie wie er geworden war, da sah er, daß allzuviel gewonnen war und daß er sie mit ihren Illusionen und Vorurteilen, ihren Träumen und ihren Irrtümern geliebt hatte und nicht wie die, die sie jetzt war. Unzufrieden mit sich selber, mit ihr und mit allem daheim, reiste er weit weg und blieb fort. Aber da hatte sie gerade begonnen, ihn zu lieben. Aus diesem Verhältnis konnten die Leute natürlich viel machen, und das taten sie auch. Die Etatsrätin sprach mit Niels davon, so wie die alte Tugend von den Fehltritten der jungen spricht; aber Niels faßte das in einer Art und Weise auf, die die Etatsrätin sowohl verletzte wie entsetzte, denn er antwortete ihr und sprach in hohen Tönen von der Tyrannei der Gesellschaft und der Freiheit des einzelnen, von der plebejischen Rechtschaffenheit der Menge und von dem Adel der Leidenschaft. Von dem Tage an kam er nur selten zu seinen besorgten Verwandten; Frau Boye aber sah er um so häufiger. Siebentes Kapitel Es war an einem Frühlingsabend; die Sonne schien so rot ins Zimmer hinein, sie war im Begriff unterzugehen. Die Flügel der Mühle oben auf dem Wall jagten ihre Schatten über die Fensterscheiben und über die Wände des Zimmers, sie kamen, sie schwanden in einförmigem Wechsel von Dämmerung und Licht: – eine Sekunde Dämmerung, zwei Sekunden Licht. Am Fenster saß Niels Lyhne und starrte durch die bronzedunklen Rüstern des Walles auf den Brand der Wolken. Er war draußen vor der Stadt gewesen, unter neu ausgeschlagenen Buchen, zwischen grünen Roggenfeldern, über blumenbunten Wiesen. Alles war so leicht und licht gewesen: der Himmel so blau, der Sund so blank und die lustwandelnden Damen so seltsam schön. Singend war er den Waldsteig entlanggegangen; dann fielen die Worte weg aus dem Gesang, dann legte der Rhythmus sich, dann erstarben die Töne, und die Stille kam wie ein Schwindel über ihn. Er schloß die Augen, aber trotzdem merkte er, wie das Licht sich gleichsam in ihn hineintrank und durch alle Nerven flimmerte, während die kühl berauschende Luft ihm bei jedem Atemzuge das seltsam benommene Blut mit immer wilderer Kraft durch die machtlos bebenden Adern trieb; und ihn überkam ein Gefühl, als wenn alles dies Emporschießen, das Springen und Sprießen und Gebären der Frühlingsnatur um ihn her, sich in ihm zu einem großen, großen Ruf zu sammeln versuchte; und er durstete nach diesem Ruf, lauschte, bis sein Lauschen die Form eines unklaren, schwellenden Sehnens annahm. Jetzt, wie er so am Fenster dasaß, erwachte die Sehnsucht wieder. Er sehnte sich tausend zitternden Träumen, Bildern von kühlender Zartheit entgegen: – leichten Farben, fliehendem Duft und der feinen Musik von ängstlich gespannten, bis zum Zerspringen gespannten Strömen silberner Saiten entgegen; – und dann Schweigen, bis in das innerste Herz des Schweigens hinein, wohin die Wellen der Luft niemals auch nur ein Atom eines Tones hintrugen, sondern wo alles sich in der stillen Glut roter Farben und in der wartenden Wärme feurigen Wohlgeruchs zu Tode ruht. – Er sehnte sich nicht nach diesem, aber es glitt heran, hervor aus dem andern und ertränkte dies, bis er sich von ihm wandte und sein eigen hervorholte. Er war müde seiner selbst, der kalten Gedanken und der Hirngespinste. Das Leben ein Gedicht! Nicht, wenn man beständig einherging und an seinem Leben dichtete, statt es zu leben. Wie inhaltslos war es, leer, leer, leer! Diese Jagd auf sich selbst, diese schlaue Beobachtung seiner eignen Spur – natürlich in einem Kreis; dies sich zum Schein in den Strom des Lebens Hinauswerfen und gleichzeitig Dasitzen und nach sich selber Angeln und sich selbst Herausfischen in der einen oder andern kuriosen Vermummung! Wenn es ihn doch nur überkommen wollte – das Leben, die Liebe, die Leidenschaft, so daß er nicht darüber zu dichten brauchte, sondern daß es mit ihm dichtete. Unwillkürlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Im innersten Innern war ihm doch bange vor diesem Mächtigen, das man Leidenschaft nannte. Dieser Sturmwind, der all das Bestehende, all das Berechtigte, all das Erworbene des Menschen von dannen wirbelte gleich welken Blattern! Dies mochte er nicht. Diese lärmende Flamme, die sich verschwenderisch in ihrem eignen Rauch verzehrte –, nein – er wollte langsam brennen. Und doch – es war so jämmerlich mit diesem Dahinleben mit halber Kraft, in stillen Gewässern, die Küste in Sicht; käme doch nur ein Strom, ein Sturm! – wüßte er nur wie, so sollten all seine Segel zu einer Fahrt nach der spanischen See des Lebens gesetzt werden. Lebt wohl dann, ihr langsam tropfenden Tage; lebt wohl, ihr glücklichen, kleinen Augenblicke; ein Lebewohl euch, ihr matten Stimmungen, die ihr vielleicht mit Poesie verziert werden mußtet, um zu schimmern; ihr lauen Gefühle, die ihr in warme Träume gekleidet werden mußtet und die ihr doch erfrort, lebt, so gut ihr könnt! Ich richte den Kurs auf einen Strand, wo die Stimmungen sich wie üppige Ranken an allen Fibern des Herzens emporschlingen – ein wilder Wald; für jede welkende Ranke stehen dort zwanzig in Blüte, für jede blühende Ranke schießen dort hundert Schösser. Ach, wäre ich nur dort! Er lief sich müde in seiner Sehnsucht, er war seiner selbst überdrüssig. Er brauchte Menschen. Aber Erich war natürlich nicht zu Hause, mit Frithjof war er am Vormittag zusammen gewesen, und es war zu spät fürs Theater. Trotzdem ging er aus und trieb sich mißmutig in den Straßen umher. Vielleicht war Frau Boye zu Hause? Es war nicht ihr Abend, und es war ziemlich spät. Ob er es trotzdem versuchen sollte? Frau Boye war zu Hause. Sie war allein zu Hause; die Frühlingsluft hatte sie so sehr ermüdet, deshalb ging sie nicht mit der Schwestertochter in die Mittagsgesellschaft, sondern hatte es vorgezogen, sich auf das Sofa zu legen, starken Tee zu trinken und Heine zu lesen; aber nun war sie der Verse müde und hatte Lust, Lotto zu spielen. So spielten sie denn Lotto. Fünfzehn, zwanzig, siebenundsiebzig und eine lange Reihe Zahlen, das Rasseln der Holzklötzchen und ein irritierendes Rollen mit Kugeln über den Fußboden in der Wohnung über ihnen. »Das ist nicht amüsant«, sagte Frau Boye, als sie nach einer ganzen Weile noch keine Karte besetzt hatten. »Wie? – nein!« antwortete sie sich selber und schüttelte mißmutig den Kopf. »Aber was wollen wir dann spielen?« Sie faltete die Hände vor sich über den Klötzchen, und sah Niels hoffnungslos forschend an. Niels wußte wirklich nichts. »Sagen Sie bloß nicht Musik!« Sie neigte das Gesicht über die Hände herab und berührte die ineinandergeflochtenen Finger mit ihren Lippen, den einen nach dem andern, die ganze Reihe nach vorne und wieder zurück. »Es ist das abscheulichste Dasein, das es gibt«, sagte sie und sah empor. »Es ist nicht möglich, das Allergeringste zu erleben, und wie sollte das bißchen, was das Leben abwirft, uns im Fluge erhalten; nicht wahr, fühlen Sie nicht dasselbe?« »Ja, ich weiß wirklich nichts Besseres, als daß wir es wie der Kalif in Tausendundeiner Nacht machen. Wenn Sie sich nur zu dem seidenen Schlafrock, den Sie anhaben, ein weißes Tuch um den Kopf bänden und ich ihren großen, ostindischen Schal leihen dürfte, so könnten wir ausgezeichnet für zwei Kaufleute aus Mosul gelten.« »Und was sollten wir beiden unglücklichen Kaufleute dann beginnen?« »An die Sturmbrücke hinabgehen, für zwanzig Goldstücke ein Boot mieten und den dunklen Fluß hinaufsegeln.« »An den Sandkasten vorbei?« »Ja, mit bunten Lampen am Mast.« »So wie der Liebessklave Ganem. – Wie ich ihn wiedererkenne, diesen ganzen Gedankengang; es ist so echt männlich, sofort in aller Eile sich damit zu beschäftigen, die Szenerie und die Situation aufzubauen und die Hauptsache selbst vor all diesem Drum und Dran liegen zu lassen. Haben Sie nicht beobachtet, daß wir Frauenzimmer so unendlich viel weniger Phantasten sind als die Männer? Wir können in unserer Phantasie nicht dem Genuß so vorgreifen oder uns das Leiden mit phantastischem Trost vom Leibe halten. Was da ist, das ist da. Die Phantasie! – Das ist so jämmerlich wenig. Ja; wenn man so wie ich älter geworden ist, so begnügt man sich zuweilen mit der Armenkomödie der Phantasterei. Aber das sollte man niemals tun, niemals!« Sie setzte sich erschöpft im Sofa zurecht, halb liegend, halb sitzend, die Hand unter dem Kinn und den Ellbogen auf das Sofakissen gestützt. Der Blick sah träumend in das Zimmer hinein, und sie schien ganz versunken in traurige Gedanken. Niels schwieg auch, und es wurde ganz still. Man hörte das rastlose Hüpfen des Kanarienvogels, die Tafeluhr tickte sich durch das Schweigen hindurch, lauter und lauter, und eine Saite in dem geöffneten Klavier jammerte mit einem kleinen, plötzlichen Ruck und klang in einem langen, leisen, sterbenden Ton zusammen mit dem weichlichen Singen des Schweigens. Sie sah so jung aus, wie sie dalag, gerade unter dem milden, gelben Schein der Astrallampe, vom Scheitel bis zur Sohle beleuchtet, und es lag ein bezauberndes Mißverhältnis zwischen dem herrlichen, starkgeformten Hals, der matronenhaften Charlotte Corday-Haube und dann den kindlich unschuldigen Augen und dem offnen, kleinen Mund mit den milchweißen Zähnen. Niels sah sie bewundernd an. »Wie eigentümlich es ist, wenn man sich nach sich selber sehnt,« sagte sie, indem sie langsam ihre Träume losließ und mit ihrem Blick zurückkehrte, »und ich sehne mich so oft, so oft nach mir selber als junges Mädchen, und ich liebe es wie eine, der ich innerlich nahegestanden habe, mit der ich Leben und Glück und alles andre dazu geteilt und dann verloren habe, ohne daß ich auch nur das Allergeringste dafür konnte. Was war das doch für eine schöne Zeit! Sie ahnen nicht, wie zart und rein das Leben eines solchen jungen Mädchens ist, ganz bis zu der Zeit der ersten Liebe. Man kann das nur in Tönen sagen; aber stellen Sie es sich vor wie ein Fest, ein Fest in einem Feenschloß, wo die Luft leuchtet wie errötendes Silber. Dort sind lauter kühle Blumen, und sie wechseln ihre Farbe, sie tauschen langsam ihre Farben miteinander aus. Alles klingt da drinnen, jubelnd, aber doch gedämpft, und die dämmernden Ahnungen glänzen und glühen wie ein mystischer Wein in feinen, feinen Traumschalen, und es klingt und duftet: tausend Düfte ziehen durch die Säle; ach, ich könnte weinen, wenn ich daran denke, und auch wenn ich daran denke, daß, bekäme ich das Ganze durch ein Wunder wieder, so wie es war, so würde das Leben mich jetzt gar nicht mehr tragen können, ich würde hindurchfallen wie eine Kuh, die auf Spinngeweben tanzen will.« »Nein, gerade nicht,« sagte Niels eifrig; und seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: »Nein, Sie würden gerade weit feiner und weit geistvoller lieben als das junge Mädchen.« »Geistvoll! wie ich diese geistvolle Liebe hasse. Das ist nichts weiter als Zeugblumen, die aus dem Erdboden einer solchen Liebe emporwachsen; sie wachsen nicht einmal, sie werden vom Kopf heruntergenommen und ins Herz gesteckt, weil das Herz selbst keine Blumen hat. Gerade darum beneide ich das junge Mädchen, daß bei ihr nichts Unechtes ist; sie tut nicht das Surrogat der Phantasterei in ihren Liebesbecher. Sie dürfen nicht glauben, daß, weis ihre Liebe von Phantasiebildern und von Bildern von einzig großer, üppiger Unbestimmtheit durchwebt und überschattet ist, daß sie sich deshalb mehr aus den Bildern macht als aus der Erde, auf die sie tritt; das geschieht nur, weil alle Sinne und Instinkte und Gaben in ihr überall nach der Liebe greifen, – überall, ohne daß sie ermüdet. Aber nicht, weil sie ihre Phantasien genießt oder auch nur in ihnen ruht; nein, sie ist ganz anders wirklich, so wirklich, daß sie oft und manches Mal auf ihre eigene, unwissende Art unschuldig zynisch wird. Sie ahnen zum Beispiel nicht, welch ein berauschender Genuß für ein junges Mädchen darin liegen kann, heimlich den Duft des Zigarrenrauches einzuatmen, der dem Anzug ihres Geliebten anhaftet – das bedeutet tausendmal mehr für sie als ein ganzer Feuerbrand von Phantasie. Ich verachte die Phantasie. Wenn unser ganzes Wesen sich nach dem Herzen eines Menschen sehnt, was nützt es dann, in die kalte Vorstube der Phantasie eingelassen zu werden. Und wie oft ist es nicht also! und wie oft müssen wir uns nicht darein finden, daß der, den wir lieben, uns mit seiner Phantasie herausputzt, uns einen Glorienschein um das Haupt legt, uns Flügel an die Schultern bindet und uns in ein sternenbesäetes Gewand einhüllt und uns erst so recht liebenswert findet, wenn wir in all dem Maskeradenzeug einhergehen, in dem niemand von uns sich selber richtig ähnlich sieht, weil wir allzu herausgeputzt sind und weil man uns verwirrt, indem man sich vor uns in den Staub wirft und uns anbetet, statt uns zu nehmen, so wie wir sind, und uns dann nur zu lieben.« Niels war ganz verwirrt; er hatte ihr Taschentuch aufgehoben, das sie verloren hatte, und saß nun da und berauschte sich an ihrem Parfüm und war gar nicht darauf vorbereitet, daß sie ihn ungeduldig fragend ansehen würde, gerade jetzt, wo er sich so in das Studium ihrer Hand vertieft hatte; aber schließlich brachte er doch eine Antwort zustande; er fand, es sei der beste Beweis dafür, wie groß die Liebe des Mannes sei, daß er einen Menschen mit einem Schein von Göttlichkeit umgebe, um dadurch eine unsagbar große Liebe zu ebendiesem Menschen vor sich selbst verantworten zu können. »Ja, das ist ja gerade das Beleidigende,« sagte Frau Boye, »wir sind ja, so wie wir sind, göttlich genug.« Niels lächelte entgegenkommend. »Nein, Sie dürfen nicht lächeln, dies soll gar kein Scherz sein. Im Gegenteil; es ist sehr ernst, denn diese Anbetung ist in ihrem Fanatismus im Grunde tyrannisch; wir sollen gezwungen werden, in das Ideal des Mannes hineinzupassen. Haue eine Ferse ab und schneide eine Zehe weg! das in uns, was nicht zu seinen idealen Vorstellungen paßt, das soll entfernt werden, wenn nicht durch Unterdrückung, so doch dadurch, daß man es übersieht, es systematisch vergißt, daß man ihm jede Entwicklung versagt; und das, was wir gar nicht haben oder was gar nicht eigentümlich für uns ist, das soll zu der wildesten Blüte getrieben werden, indem man es in die Wolken hebt und indem stets vorausgesetzt wird, daß wir es in höchstem Maße besitzen, und indem es zu dem Haupteckstein gemacht wird, auf dem die Liebe des Mannes aufgebaut wurde. Ich nenne es eine Vergewaltigung gegen unsre Natur. Ich nenne es Dressur. Die Liebe des Mannes ist dressierend. Und wir beugen uns davor; selbst die, die niemand liebt, sie beugen sich mit, so verächtlich schwach, wie wir sind!« Sie erhob sich aus ihrer liegenden Stellung und sah drohend zu Niels hinüber. »Wäre ich schön! ach, aber betörend schön, schöner als irgendeine Frau, die gelebt hat, so daß alle, die mich sähen, von einer unauslöschlichen, schmerzlichen Liebe erfaßt und gepackt würden wie von einem Zauber: wie wollte ich sie da durch die Macht meiner Schönheit dazu zwingen, mich anzubeten, nicht ihr traditionelles, blutleeres Ideal, sondern mich selbst, wie ich ginge und stünde, mich selbst Zoll für Zoll, Falte für Falte meines Wesens, Strahl für Strahl meiner Natur.« Sie hatte sich ganz erhoben, und Niels dachte auch daran, zu gehen; aber er stand da und drehte an vielen dreisten Wendungen herum, die er jedoch nicht auszusprechen wagte. Endlich faßte er sich Mut, ergriff ihre Hand und küßte sie; sie aber reichte ihm auch die andre Hand zum Kuß, und da brachte er weiter nichts hervor als: »Gute Nacht.« Niels Lyhne hatte sich in Frau Boye verliebt, und darüber war er froh. Als er durch dieselben Straßen nach Hause ging, durch die er früh am Abend mißmutig geschlendert war, erschien es ihm, als sei es lange, lange her, seit er hier gegangen war. Außerdem war auch eine solche Sicherheit, ein so ruhiger Anstand über seinen Gang und seine Haltung gekommen; und als er seine Handschuhe sorgfältig zuknöpfte, geschah es unter dem Eindruck, daß eine große Veränderung mit ihm geschehen sei, und mit dem halbbewußten Gefühl, daß er es dieser Veränderung schulde, seine Handschuhe – sorgfältig zuzuknöpfen. Durch seine Gedanken zu sehr in Anspruch genommen, um schlafen zu können, ging er auf den Wall. Er denke so merkwürdig ruhig, meinte er; und er wunderte sich über die Ruhe, die in ihm war; aber er glaubte nicht recht an diese Ruhe; es war ihm, als brodele es auf dem tiefsten Grund seines Wesens ganz leise, aber unaufhörlich, als quelle es hervor und gäre und dränge sich vorwärts, aber weit, weit entfernt. Ihm war zumute, als warte er auf etwas, das aus der Ferne kommen sollte, eine ferne Musik, die sich ganz allmählich nähern, die tönend, brausend, schäumend, sausend, schallend auf ihn herabwirbeln, ihn ergreifen würde, er wußte nicht wie, ihn tragen würde, er wußte nicht wohin, die wie ein Fluß kommen, wie eine Brandung kämpfen würde, und dann – – – Jetzt aber war er ruhig, nur dies zitternde Singen in der Ferne; sonst war alles Klarheit und Friede. Er liebte; er sprach es laut vor sich hin, daß er liebte. Viele Male. Es lag ein so wunderbarer Klang von Würde in diesen Worten, und sie bedeuteten so viel. Sie bedeuteten, daß er nicht länger ein Gefangener in der Gewalt all jener phantastischen Kindheitseinflüsse, daß er nicht länger das Spiel zielloser Sehnsucht und verschleierter Träume war, daß er sich aus diesem Elfenland herausgerettet hatte, das mit ihm, um ihn aufgewachsen war und ihn mit hundert Armen umschlungen, ihm die Augen mit hundert Händen geschlossen hatte. Er hatte sich aus diesem Griff herausgewunden und sich selbst zurückgewonnen; streckte es auch die Arme nach ihm aus und flehte es ihn auch an mit dem Locken stummer Blicke, winkte es ihn auch zu sich mit weißen Gewändern, – seine Macht war tot, ein Traum, den der Tag vernichtet, ein Nebel, den die Sonne vertrieb. Denn war seine junge Liebe nicht Tag und Sonne und die ganze Welt! War er früher nicht in einem Ruhmespurpur einherstolziert, der nicht gesponnen war, hatte er sich nicht auf einem Thron breit gemacht, der nicht errichtet war; aber jetzt: er stand auf einem hohen Berg und sah über die weite Ebene der Welt hinaus, einer liederdurstigen Welt, in der er nicht lebte, in der man ihn nicht ahnte, ihn nicht erwartete. Es lag ein jubelnder Gedanke darin, zu denken, daß kein Hauch seines Atems ein Blatt berührt oder eine Welle gekräuselt hatte, in dieser ganzen weiten, wachen Unendlichkeit. All dies war sein, um es zu gewinnen. Und er fühlte, daß er es vermochte, fühlte sich siegessicher und stark, wie nur der es kann, der all seine ungesungenen Lieder in seiner Brust schwellen fühlt. Die laue Frühlingsluft war voll von Duft, nicht geschwängert mit Duft, wie eine Sommernacht es sein kann, sondern gleichsam gestreift von Duft, von dem würzigen Balsamduft junger Pappeln, dem kühlen Atem später Veilchen, dem süßen Mandelwohlgeruch des Faulbaums. Und all dies kam und vermischte sich, ging und trennte sich, loderte einen kurzen Augenblick vereinzelt auf, erlosch plötzlich oder löste sich langsam in der Nachtluft auf. Und gleich wie die Schatten dieses launenvollen Tanzes aller Düfte jagten luftige Stimmungen durch das Gemüt. Und gleich wie die Sinne von den Düften umgaukelt wurden, die schwanden und kamen, wie es ihnen selber beliebte, so sehnte sich das Gemüt auch vergeblich danach, in stillem Fluge, sanft ruhend, von leise fächelnden Flügeln einer Stimmung dahingetragen zu werden; aber es waren keine Vögel mit Flügeln, die tragen konnten; nur Daunen und Federn, die der Wind vor sich hertrieb, schneiten herab und verschwanden. Er versuchte, ihr Bild hervorzurufen, so wie sie auf dem Sofa gelegen und mit ihm gesprochen hatte, aber es kam nicht; er sah sie unten in einer Allee gehen, sah sie sitzen, einen Hut auf dem Kopf, lesen, indem sie eins der großen weißen Blätter des Buches zwischen ihren behandschuhten Fingern hielt, eben dabei, umzublättern, und sah sie blättern und immer weiter blättern; er sah sie abends nach dem Theater in den Wagen steigen, ihm hinter der Fensterscheibe zunicken, und dann fuhr der Wagen; er stand da und sah ihm nach, und der Wagen fuhr weiter, und er verfolgte ihn noch immer mit den Augen; gleichgültige Gesichter kamen und sprachen mit ihm; Gestalten, die er viele Jahre nicht gesehen hatte, gingen die Straße hinab, wandten sich um und sahen ihm nach; und immer noch fuhr der Wagen und fuhr fort zu fahren, er konnte den Wagen nicht los werden, konnte dieses Wagens wegen an keine andern Bilder denken. Und dann gerade in dem Augenblick, als er vor Ungeduld ganz nervös war, da kam es: das gelbe Licht, die Augen, der Mund, die Hand unter dem Kinn, so deutlich, als sähe er es gerade vor sich in der Dunkelheit. Wie schön war sie nicht, wie mild, wie rein! Er liebte sie in kniender Begierde, er bettelte zu ihren Füßen um all diese berückende Schönheit. Wirf dich von deinem Thron herab zu mir! Mach dich zu meiner Sklavin, lege dir selbst die Sklavenkette um deinen Hals, aber nicht im Spiel; ich will an der Kette zerren, es soll Gehorsam in all deinen Gliedern, Knechtschaft in deinem Blick sein! Könnte ich dich zu mir hinabbeugen durch einen Liebestrank, nein, kein Liebestrank, denn der würde dich zwingen, und du würdest willenlos seinem Zwang gehorchen, und nur ich allein will dein Herr sein, und ich würde deinen Willen entgegennehmen, der gebrochen in deinen demütig ausgestreckten Händen liegt. Du solltest meine Königin sein und ich dein Sklave, aber mein Sklavenfuß sollte auf deinem stolzen Königinnennacken stehen. Was ich begehre, ist nicht Wahnsinn; denn ist es nicht Weiberliebe, stolz und stark zu sein und sich zu beugen; ich weiß, es ist Liebe, schwach zu sein und zu herrschen. Er fühlte, daß sich das in ihrer Seele, was die Seele des Üppigen, Blühenden, sinnlich Weichen ihrer Schönheit war, niemals zu ihm hinziehen lassen würde; das würde ihn niemals mit diesen blendenden Juno-Armen umschlingen, niemals im Leben diesen wollustatmenden Nacken seinen Küssen ausliefern. Er sah es genau, das junge Mädchen in ihr konnte er gewinnen, hatte er wohl gewonnen, und sie, die Üppige, das glaubte er sicher, sie hatte gefühlt, wie die junge Schönheit, die in ihr gestorben war, sich mystisch in ihrem lebenden Grabe rührte, um ihn mit schlanken Jungfrauenarmen zu umfangen, ihm mit bangen Jungfrauenlippen zu begegnen. Aber seine Liebe wollte dies nicht. Er liebte nur das, was nicht zu gewinnen war, liebte gerade diesen Nacken mit seiner warmen Blütenweiße und dem Schein betauten Goldes unter dem dunklen Haar. Er schluchzte vor Liebessehnsucht und rang die Hände in schmerzlicher Ohnmacht; er schlang die Arme um einen Baum, lehnte die Wange gegen die Rinde und weinte. Achtes Kapitel Niels Lyhne trug eine gewisse lähmende Besonnenheit mit sich herum, Kind einer instinktiven Unlust zu wagen, Kindeskind eines unklaren Gefühls von fehlender Persönlichkeit; und mit dieser Besonnenheit lebte er in stetem Kampf, hetzte bald sich selbst gegen sie auf, indem er ihr Schmähnamen gab, versuchte bald, sie wie eine Tugend herauszuputzen, die in der innigsten Verbindung mit dem Naturgrund in ihm stand, ja noch mehr: die eigentlich das bedingte, was er war und was er vermochte. Aber wozu er sie auch machte, wie er sie auch betrachtete, so haßte er sie doch stets als ein geheimes Gebrechen, das, so gut man es auch vor der Welt verbergen mochte, sich doch niemals vor ihm selber verstecken konnte, sondern das stets da war, um ihn jedesmal, wenn er mit sich allein war, zu demütigen; und wie eifersüchtig war er dann nicht auf diese selbstbewußte Unbesonnenheit, der die Worte so leicht fallen, die handelt und die Folgen hat, Folgen, denen sie keinen Gedanken schenkt, bevor man ihr auf die Hacken tritt. – Die Leute, die so waren, erschienen ihm wie Zentauren, Mann und Pferd ein Guß, Gedanke und Sprung eins, ein einziges, während er in Pferd und Reiter geteilt war, der Gedanke eins, der Sprung etwas andres. Wenn er sich vorstellte, daß er Frau Boye seine Liebe gestand, und er mußte sich nun einmal alles vorstellen, dann sah er sich deutlich in der Situation, seine ganze Haltung, jede Bewegung, seine ganze Person von vorn, von der Seite und auch vom Rücken, sah sich unsicher gemacht von dem Fieber des Handelns, das ihn stets lähmte und ihm alle Geistesgegenwart raubte, so daß er dastand und eine Antwort entgegennahm, als sei sie ein Schlag, der ihn in die Knie zwang, statt daß er sie wie einen Federball auffing, der auf Gott weiß wie viele verschiedene Arten zurückgeworfen werden und Gott weiß wie oft wiederkehren konnte. Er dachte dann daran, zu sprechen, und er dachte daran, zu schreiben, aber es geradeheraus zu sagen, das vermochte er nicht. Es wurde niemals anders als in verblümten Erklärungen gesagt oder dadurch, daß er in einer halb angenommenen lyrischen Leidenschaftlichkeit sich stellen konnte, als ließe er sich zu liebeswarmen Worten und schwärmerischen Wünschen hinreißen. Aber trotzdem kam es schließlich zu einem Verhältnis zwischen ihnen, einem seltsamen Verhältnis, geboren aus der demütigen Liebe eines Jünglings, aus dem traumheißen Verlangen eines Phantasten und der Lust einer Frau, in romantischer Unerreichbarkeit begehrt zu werden; und das Verhältnis bekam seinen Ausdruck in einer Mythe, die für sie entstand, keiner von ihnen wußte wie, in einer stillen, stubenbleichen Mythe von einem schönen Weib, das in ihrer ersten Jugend einen der großen Geister geliebt hatte, der fortgezogen war, um vergessen, verlassen in einem fernen Lande zu sterben. Und die wunderschöne Frau hatte lange Jahre dagesessen, aber keiner ahnte ihren Kummer; nur die Einsamkeit war heilig genug, um ihren Schmerz zu sehen. Da kam ein Jüngling, der jenen großen Verstorbenen seinen Meister nannte und der erfüllt von seinem Geist und begeistert für sein Werk war. Und er liebte das trauernde Weib. Ihr erschien es, als wenn tote, glückliche Tage aus ihrem Grabe auferstünden und umgingen, so daß sich alles seltsam-süß verwirrte und die Vergangenheit und die Gegenwart zu einem silberverschwommenen, dämmernden Traumtag zusammenschmolzen, wo sie den Jüngling liebte, halb seiner selbst willen, halb als den Schatten eines andern, und ihm ihre halbe Seele schenkte. Aber leise mußte er auftreten, damit der Traum nicht entschwinden sollte; streng mußte er dies heiße, irdische Sehnen verschließen, damit es nicht die sanfte Dämmerung zersprengen, damit sie nicht von neuem zur Sorge erwachen sollte. Ganz allmählich nahm ihr Verhältnis im Schutz dieser Mythe immer festere Formen an. Sie sagten du zueinander und nannten sich bei Vornamen, wenn sie allein waren, Niels und Tema; und die Gegenwart der Schwestertochter wurde so viel wie möglich eingeschränkt. Wohl versuchte Niels ab und zu, die einmal angenommene Schranke zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm zu überlegen, als daß sie nicht leicht und behutsam diese Aufrührerversuche hätte vernichten können; und bald ergab sich Niels und fand sich für eine Weile wieder in diese Liebesphantasie mit den wirklichen lebenden Bildern. Das Verhältnis floß auch nicht in platonische Fadheit aus, ebensowenig wie es sich in der Einförmigkeit eines Gewohnheitsverhältnisses zur Ruhe setzte. Ruhe gab es von allem am wenigsten. Niels Lyhnes Hoffnung ermüdete nie, und wurde sie auch jedesmal, wenn sie verlangend hervorbrach, sanft zurückgedrängt, so geschah es nur, um im Verborgenen noch heißer denn zuvor zu glühen; und wie wurde diese Hoffnung durch Frau Boyes tausendfache Koketterien, durch ihre aufreizende Naivität und ihren nackten Mut, von den allerheikelsten Dingen zu reden, nicht auch wachgehalten! Außerdem hatte sie nicht so ganz und absolut das Spiel in der Hand; denn es konnte zuweilen geschehen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbbezähmte Liebe zu belohnen, sie mit dem reichsten Entzücken aller Liebe verschwenderisch zu überwältigen, um sich dann an ihrem staunenden Glück zu erfreuen. Aber solch ein Traum war nicht leicht zu ersticken, und wenn Niels dann kam, so lag die Nervosität der Sünde, die Demut des Schuldbewußtseins, eine bezaubernde Schamhaftigkeit über ihr, die die Luft seltsam liebesbange machte. Da war auch noch eins, was dem Verhältnis eine eigene Spannkraft verlieh; und das war die große Männlichkeit, die in Niels' Liebe lag, daß er sich so ritterlich davor hütete, in der Phantasie zu nehmen, was die Wirklichkeit ihm versagte, und auch dort in dieser Nebenwelt, wo alles ihm gehorchte, Frau Boye respektierte, als sei sie wirklich zugegen. So war also das Verhältnis von beiden Seiten aus gut gestützt, und es war keine drohende Gefahr, daß es auseinander fallen würde. Es war ja auch gleichsam wie geschaffen für eine so verträumte und doch lebensdurstige Natur wie Niels Lyhnes; und war es nur ein Spiel, so war es doch ein Spiel in der Wirklichkeit und ausreichend, um ihm eine Leidenschaftsgrundlage zu geben, auf der er sich entwickeln konnte. Und dessen bedurfte er. Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden, und in seinen äußeren Lebensbedingungen war auch genug gewesen, was seine Neigungen nach dieser Richtung hin hatte lenken können, genug, was seine Fähigkeiten auf eine solche Aufgabe hatte aufmerksam machen können; aber bis jetzt hatte er kaum etwas andres als seine Träume gehabt, woraufhin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als die Phantasterei; denn in dem scheinbar unendlichen und ewig wechselndem Lande der Träume gibt es in Wirklichkeit gewisse kurze, gegebene Wege, auf denen alle verkehren und über die hinaus sie niemals kommen. Die Menschen können sehr verschieden sein, ihre Träume sind es aber nicht; denn die drei, vier Dinge, die sie begehren, lassen sie sich dort ja mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vollständig geben, aber sie erhalten sie stets, allesamt; es gibt ja niemanden, der sich wirklich mit leeren Händen im Traume sieht; darum entdeckt keiner sich selbst im Traum, wird sich nie seiner Eigentümlichkeit bewußt; denn der Traum weiß nichts davon, wie man sich damit begnügt, den Schatz zu gewinnen, wie man ihn losläßt, wenn er verloren geht, wie man gesättigt wird, wenn man genießt, welchen Weg man einschlägt, wenn man entbehrt. Niels Lyhne hatte deshalb auch so im allgemeinen von einer ästhetischen Persönlichkeit aus gedichtet, die den Frühling schwellend fand, das Meer groß, die Liebe erotisch und den Tod melancholisch. Er selbst war mit dieser Poesie nicht weitergekommen, er machte nur die Gedichte. Aber jetzt begann es anders zu werden. Jetzt, da er um die Liebe einer Frau warb und wollte, daß sie ihn lieben sollte, ihn, ihn, Niels Lyhne von Lönborghof, der dreiundzwanzig Jahre alt war, ein wenig vornübergebeugt ging, schöne Hände und kleine Ohren hatte und von Natur etwas zaghaft war –; er wollte, daß sie ihn lieben sollte und nicht den idealisierten Nikolaus der Träume, mit dem stolzen Gang, den sichern Manieren und der etwas älter war; jetzt interessierte er sich lebhaft für diesen Niels, mit dem er eigentlich als mit einem weniger präsentablen Freund verkehrt hatte. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich mit dem zu schmücken, was ihm fehlte, als daß er Zeit gehabt hatte zu sehen, was er besaß; aber nun begann er mit der Leidenschaft eines Entdeckers aus den Kindheitserinnerungen und Kindheitseindrücken, aus den lebendigen Augenblicken seines Lebens sich selbst zusammenzusuchen, und mit frohem Staunen sah er, wie es zusammenpaßte, Stück für Stück, und sich aneinanderfügte zu einer ganz anders trauten Persönlichkeit als der, der er im Traum nachgelaufen war. Und auch weit mehr echt und stark und tatkräftig. Es war kein toter Klotz von einem Ideal mehr, dies; die wunderbaren, unergründlichen Nuancen des Lebens selbst schimmerten darin in wechselnder Unendlichkeit, hinter tausendgliedriger Einheit. Mein Gott, er hatte ja Kräfte, die so, wie sie waren, gebraucht werden konnten, er war ja Aladdin; es gab ja nichts, was er aus den Wolken zu sich herab begehrt hatte, ohne daß es ihm nicht in seinen Turban gefallen wäre. Und jetzt kam eine glückliche Zeit für Niels. Die glückliche Zeit, wo die mächtige Schwungkraft der Entwicklung uns jubelnd über die toten Punkte in unsrer Natur hinwegsetzt, wo alles in uns wächst und sich rundet, so daß wir in dem Überschuß unserer Kraft die Schultern gegen Berge stemmen, wenn es sein muß, und mutig an dem Babelsturm losbauen, der bis in den Himmel reichen sollte, der aber nur der armseligste Stumpf eines Kolosses wird, an den man den ganzen übrigen Rest seines Lebens Türme und kuriose Erker anbaut. Alles war wie verwandelt; die Natur und die Fähigkeiten und die Arbeit griffen ineinander, wie die Räder einer Maschine ineinandergreifen; es war nicht die Rede davon, Halt zu machen und über seine Kunst zu frohlocken; denn was fertig war, war auch verworfen; er war ihm ja während der Arbeit entwachsen, es wurden nur Stufen, die ihn zu dem stetig zurückweichenden Ziel emporhoben, Stufe auf Stufe zurückgelegte Wege, die bereits vergessen waren, während sie noch unter seinen Schritten widerhallten. Aber wie er nun so von neuen Kräften und neuen Gedanken einer größeren Reife und einem weiteren Gesichtskreis entgegengetragen wurde, da ward es um ihn her auch einsamer, denn der eine seiner Freunde und Parteigenossen nach dem andern glitt zurück und verschwand, in dem Grad, wie es ihm unmöglich war, sich mehr für sie zu interessieren; denn Tag für Tag erschien es ihm schwieriger, irgendwelchen wirklichen Unterschied zwischen diesen Männern der Opposition und zwischen der Majorität, gegen die sie opponierten, zu finden. Alles vereinigte sich für ihn zu einem einzigen großen feindlichen Haufen von Langerweile. Was schrieben sie, wenn sie zum Angriff bliesen? Pessimistische Gedichte, daß die Hunde treuer seien als die Menschen und die Zuchthäusler oft ehrlicher als die, die frei einhergingen; wohltönende Oden von dem Vorzug des grünen Waldes und der braunen Heide, den staubigen Städten gegenüber; Erzählungen von Bauerntugend und den Reicheleute-Lastern, von dem Blut der Natur und der Bleichsucht der Zivilisation; Komödien von dem Unverstand des Alters und den Vorrechten der Jugend. Wie genügsam waren sie nicht, wenn sie schrieben! Da waren sie doch besser, wenn sie innerhalb der vier sichern Wände sprachen. Nein; wenn er einmal fertig wurde, so sollte es Musik werden, – mit Posaunen ... Mit den alten Freunden war es auch nicht mehr so bestellt wie früher. Besonders nicht, was Frithjof anbetraf. Die Sache war die, daß Frithjof, der eine positive Natur war, einen guten Kopf für Systeme und einen breiten Rücken für Dogmen hatte, reichlich viel Heiberg gelesen und es alles für das Evangelium gehalten hatte, ohne zu ahnen, daß die Systematiker kluge Leute sind, die ihre Systeme nach ihren Werken und nicht ihre Werke nach ihren Systemen machen. Es ist ja nun einmal so, daß junge Leute, die in die Gewalt eines Systems geraten sind, leicht augenblicklich große Dogmatiker werden, und zwar wegen der lobenswerten Vorliebe, die die Jugend meist für die fertigen Zustände, für das Feststehende und Absolute hat. Und wenn man nun so Besitzer einer ganzen Wahrheit geworden ist, der ganzen einzigen echten Wahrheit, wäre es da nicht unverzeihlich, wenn man sie ganz allein für sich behielte und seine weniger glücklich gestellten Mitmenschen ihren eigenen, schiefen Weg gehen ließe, statt zu versuchen, sie zu belehren, statt mit einer liebevollen Unbarmherzigkeit nach ihren wilden Schößlingen zu schnappen und sie mit freundlicher Gewalt gegen die Mauer zu klemmen und ihnen zu zeigen, nach welchen Linien ihre Entwicklung gehen muß, auf daß sie dermaleinst, wenn auch spät, als echte und kunstgerechte Spaliere einem für all die Mühe danken werden, die man sich um sie gemacht hat. Niels pflegte freilich zu sagen, daß er nichts so hoch schätze wie Kritik; aber trotzdem war ihm die Bewunderung doch lieber, und er konnte sich gar nicht darein finden, daß Frithjof ihn kritisierte, den er stets wie einen Leibeigenen betrachtet hatte und der auch stets mit Entzücken die Livree seiner Meinungen und seiner Überzeugungen getragen hatte. Und jetzt ging er einher und wollte in der selbstgewählten Maskeradentracht eines Talars den Ebenbürtigen spielen! Das mußte natürlich zurückgewiesen werden, und Niels versuchte erst in überlegener Gutmütigkeit, Frithjof sich selbst lächerlich zu machen; da aber dies mißlang, nahm er seine Zuflucht zu unverschämten Paradoxen, die zu diskutieren er höhnisch abwies; er stellte sie nur in ihrer ganzen barocken Abscheulichkeit auf und zog sich dann in foppendes Schweigen zurück. So kamen sie auseinander. Mit Erik ging es besser. Es hatte stets etwas Zurückhaltendes über ihrer Knabenfreundschaft gelegen, eine gewisse seelische Keuschheit, und dadurch hatten sie die allzu nahe Bekanntschaft miteinander vermieden, die jeder Freundschaft ganz besonders gefährlich ist; in dem Festsaal ihrer Seelen waren sie begeistert füreinander gewesen, sie hatten vertraulich und gemütlich im Wohnzimmer zusammen gesprochen, aber sie waren nicht in den gegenseitigen Schlafstuben, Baderäumen und andern solchen in dem Hause der Seele abseits gelegenen Lokalitäten aus und ein gegangen. Es war jetzt auch nicht anders. Vielleicht war die Zurückhaltung etwas größer, jedenfalls was Niels anbetraf, aber deshalb war die Freundschaft nicht geringer, und ihr Haupteckstein war jetzt wie damals Niels Lyhnes Bewunderung für die Keckheit und den Lebensmut, der über Erik lag, dies, daß er sich im Leben so zu Hause fühlte und so bereit war, einzugreifen und anzufassen. Aber Niels konnte nicht vor sich selber verbergen, daß die Freundschaft äußerst einseitig war, nicht weil es Erik an wirklichem Freundessinn gebrach oder weil er keinen Glauben an Niels hatte. Im Gegenteil; keiner konnte höher von Niels denken als Erik; er betrachtete ihn wie einen, der ihm an Begabung vollständig überlegen war, und es konnte niemals die Rede von Kritik sein; aber gleichzeitig mit dieser blinden Anerkennung hielt er auch das, woran Niels arbeitete, und das, womit seine Gedanken sich beschäftigten, für vollkommen fern von dem Horizont, den er mit seinen Augen erreichen konnte. Er war fest überzeugt, daß Niels den Weg, den er eingeschlagen hatte, auch gehen konnte, aber ebenso überzeugt war er davon, daß seine Beine auf diesem Wege nichts zu tun hatten, und er setzte sie dort auch nicht hin. Dies war aber ein wenig hart für Niels, denn obgleich Eriks Ideale nicht die seinen waren und das, was Erik in seiner Kunst ausdrücken wollte, das Romantische oder vielleicht das Sentimental-Romantische, ihm nicht sympathisch war, so vermochte er doch bei sich eine breitere, weitere Sympathie am Leben zu erhalten und in ihr getreulich der Entwickelung des Freundes zu folgen, sich mit ihm zu freuen, wenn er vorwärtskam, und ihm Hoffnung einzuflößen, wenn er stillstand. Auf diese Weise wurde die Freundschaft einseitig, und es war nicht so merkwürdig, daß Niels in dieser Zeit, als so viel Neues in ihm emporwuchs und das Bedürfnis nach Aussprache und mitempfindendem Verständnis deshalb so groß war, daß ihm gerade jetzt die Augen für die Unzulänglichkeit dieser Freundschaft aufgingen und er voll Bitterkeit darüber den bis dahin so schonend beurteilten Freund etwas schärfer zu betrachten begann; und dabei überkam ihn ein trauriges Gefühl der Einsamkeit; es war, als wenn alles, was er aus alten Tagen von daheim mitgebracht hatte, als wenn das abtrünnig würde, ihn ziehen ließe, vergessen und verlassen. Die Tür zu der Vergangenheit war verriegelt, und er stand draußen mit leeren Händen und allein; was er entbehrte und was er wollte, das mußte er sich selbst erobern: neue Freunde, neue Traulichkeit, neue Herzen und neue Erinnerungen.   Ein ganzes Jahr lang war Frau Boye Niels einziger, wirklicher Lebensgefährte gewesen, als ein Brief seiner Mutter, in dem sie ihm mitteilte, daß der Vater gefährlich erkrankt sei, ihn nach Lönborghof rief. Als er ankam, war der Vater gestorben. Es legte sich Niels schwer, fast wie ein Verbrechen auf die Seele, daß er sich in den letzten Jahren so wenig nach dem Elternhause gesehnt hatte. Er hatte es oft in Gedanken aufgesucht, aber er war nur als Gast dort gewesen, mit dem Staub anderer Gegenden an seinen Kleidern und den Erinnerungen anderer Orte in seinem Herzen; er hatte sich nicht in namenlosem Heimweh nach diesem lichten Heiligtum seines Lebens verzehrt, voll Sehnsucht, seine Erde zu küssen und unter seinem Dach zu ruhen. Nun bereute er, daß er der Heimat untreu gewesen war; und bedrückt, wie er war, von der Trauer, fühlte er, wie seine Reue sich so verdunkelte, daß er sich eine mystische Schuld an dem Geschehenen beimaß, als habe seine Treulosigkeit den Tod herbeigezogen; und er wunderte sich darüber, wie er so ruhig von seiner Heimat entfernt hatte leben können; denn jetzt zog sie ihn mit einer seltsamen Macht an sich, und mit jeder Falte seines Wesens klammerte er sich in einer unendlich entbehrungsschweren Sehnsucht an sie an, fast unruhig darüber, daß die tausend Erinnerungen, die ihn aus jedem Winkel, jedem Busch, aus Tönen und Lichtstimmungen, aus tausend Düften und aus dem Schweigen selbst anriefen, daß all dies ihn mit gar zu fernen Stimmen rief, die sich in der ganzen Fülle und Schärfe, deren er bedurfte, nicht ergreifen ließen, sondern die seiner Seele nur mit dem Laut des Laubes, das zu Boden gefallen ist, zuflüsterten, mit dem Sang der Wellen, die dahinströmen und dahinströmen ... Glücklich ist der in seiner Trauer, der bei dem Tode eines seiner Lieben all seine Tränen über die Leere, das Verlassensein und den Verlust weinen kann; denn schwerer, herber sind die Tränen, die sühnen sollen, was entschwundene Tage an fehlender Liebe zu dem, der jetzt tot ist, gesehen haben, und gegen den man all das, was man verbrochen hat, nicht wieder gutmachen kann. Denn jetzt kehren sie zurück: nicht nur die harten Worte, die sorgfältig vergifteten Antworten, der schonungslose Tadel und der gedankenlose Zorn, sondern auch die scharfen Gedanken, die keine Worte fanden, die schnellen Urteile, die einem durch den Sinn fuhren, das einsame Achselzucken und das ungesehene Lächeln voller Hohn und Ungeduld, – sie kehren alle wieder wie böse Pfeile und senken ihren Stachel tief in die eigene Brust, ihren stumpfen Stachel, denn die Spitze ist ja abgebrochen in dem Herzen, das nicht mehr schlägt. Es lebt nicht mehr, du kannst nichts wieder gutmachen, nichts. Jetzt ist Liebe genug in deinem Herzen, aber jetzt ist es zu spät; geh du ans kalte Grab mit deinem vollen Herzen! Kannst du nicht näher kommen? Pflanze du Blumen und flicht du Kränze; aber bist du deshalb näher gekommen? Auf Lönborghof flochten sie auch Kränze; zu ihnen kamen auch die bittern Erinnerungen an Stunden, wo die Liebe von barscheren Stimmen übertönt worden war; und auch sie konnten aus den strengen Linien um den geschlossenen Mund des Grabes Reue genug herauslesen. Es war eine dunkle und schwere Zeit, aber der Lichtblick darin war; daß sie Mutter und Sohn einander näher brachte, als sie es während vieler, vieler Jahre gewesen waren; denn obgleich sie stets große Liebe zueinander empfunden hatten, so waren sie doch stets auf der Hut gewesen, der eine dem andern gegenüber; und in ihrem Geben und Nehmen hatte schon von der Zeit her, als Niels zu groß wurde, um auf dem Knie seiner Mutter zu sitzen, eine Zurückhaltung gelegen, denn er fürchtete sich vor dem Heftigen und Überspannten in ihrer Natur, während sie sich durch das Verzagte und Zaudernde bei ihm fremdartig berührt fühlte; aber jetzt hatte das Leben mit seinem Geben und Nehmen, seinem Abstimmen und Abdämpfen ihre Herzen bereitet, und bald sollten sie sie einander ganz schenken. Kaum zwei Monate nach der Beerdigung erkrankte Frau Lyhne heftig, und eine Zeitlang schwebte ihr Leben in Gefahr. Die Angst, die über diesen Wochen lag, drängte jene frühere Trauer in den Hintergrund, und als Frau Lyhne sich zu erholen begann, erschien es sowohl ihr wie auch Niels, als hätten sich Jahre zwischen sie und das frische Grab geschoben. Besonders erschien es Frau Lyhne so weit zurückzuliegen; denn sie war während der ganzen Krankheit davon überzeugt gewesen, daß sie sterben sollte, und hatte sich sehr davor gefürchtet; selbst jetzt, wo sie anfing, sich zu erholen, und der Arzt jede Gefahr für überstanden erklärt hatte, konnte sie diese dunklen Gedanken doch nicht loslassen. Es war allerdings auch eine recht traurige Rekonvaleszenz, in der die Kräfte nur tropfenweise und gleichsam widerstrebend zurückkehrten, und es lag keine milde und heilende Schläfrigkeit über ihr, im Gegenteil, sie fühlte eine unruhige Mattigkeit, verbunden mit einem erdrückenden Ohnmachtsgefühl, ein ewiges, mißmutiges Sehnen nach Kräften. Allmählich trat auch hierin eine Veränderung ein, es ging schneller vorwärts, die Kräfte kehrten zurück, aber der Gedanke, daß sie und das Leben bald Abschied voneinander nehmen mußten, wich nicht, sondern lag wie ein Schatten über ihr und hielt sie in einer unruhigen, sehnsüchtigen Wehmut befangen. Eines Abends während dieser Zeit saß sie allein im Gartenzimmer und starrte durch die geöffneten Flügeltüren hinaus. Das Gold und Glühen des Sonnenunterganges wurde durch die Bäume des Gartens versteckt, nur an einer einzigen Stelle öffnete sich ein brandroter Fleck zwischen den Stämmen und ließ eine Sonne von tiefgoldenen, sprühenden Strahlen grüne Farben und einen bronzebraunen Widerschein in der dunklen Laubmasse wecken. Oben über den unruhigen Baumwipfeln jagten die Wolken finster auf einem rauchroten Himmel dahin und verloren in ihrer Jagd kleine Wolkenfetzen hinter sich, kleine schmale Streifen einer losgelösten Wolke, die dann der Sonnenglanz mit weinroter Glut sättigte. Frau Lyhne saß da und lauschte dem Sausen des Windes und folgte mit ganz kleinen Kopfbewegungen dem ungleichen Schwellen und Sinken der Windstöße, wie sie so vorwärtsstürmten, noch höher aufbrausten und dann hinstarben. Aber ihre Augen waren weit fort von hier, weiter fort als die Wolken, denen sie entgegenstarrten. Bleich saß sie dort in ihrem schwarzen Witwenkleid, mit dem Ausdruck schmerzlicher Unruhe auf ihren schwachgefärbten Lippen; und auch über ihren Händen, so wie sie das kleine dicke Buch in ihrem Schoß drehten, lag Unruhe. Es war Rousseaus Heloise. Um sie herum lagen andere Bücher: Schiller, Staffeldt, Ewald und Novalis und große Bände mit Kupferstichen von alten Kirchen, Ruinen und Bergseen. Jetzt ging die Tür da drinnen, aus den dahinterliegenden Stuben hörte man suchende Schritte, und Niels trat herein. Er hatte einen langen Spaziergang am Fjord entlang gemacht. Seine Wangen waren von der frischen Luft gefärbt, und noch saß ihm der Wind in den Haaren. Draußen am Himmel hatten die blaugrauen Farben die Oberhand gewonnen, und einzelne schwere Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Niels erzählte, wie hoch die Wellen emporspülten, erzählte von dem Tang, den sie auf den Strand geworfen hatten, wem er begegnet war, was er gesehen hatte; und während er erzählte, suchte er die Bücher zusammen, schloß die Gartentür und hakte die Fenster fest zu. Dann setzte er sich auf einen Schemel, zu Füssen der Mutter, nahm ihre Hand in die seine und lehnte seine Wange an ihr Knie. Draußen war jetzt alles schwarz geworden, und stoßweise hagelte der Regen in Strömen gegen Fenstergesims und Scheiben. »Weißt du noch,« sagte Niels, als sie lange schweigend dagesessen hatten, »weißt du noch, wie oft wir so in der Dunkelheit dasaßen und auf Märchen auszogen, während Vater in seinem Kontor mit Verwalter Jens sprach und Mamsell Duysen mit dem Teegeschirr in der Eßstube klapperte? Und wenn dann die Lampe hereinkam, dann erwachten wir beide von dem seltsamen Märchen zu der Traulichkeit um uns her; aber ich entsinne mich noch so gut, daß ich mir immer vorstellte, wie das Märchen trotzdem nicht aufhörte, sondern weiterging und sich drüben unter den Hügeln nach Ringköbing zu entwickelte. Er sah das wehmütige Lächeln der Mutter nicht, er fühlte nur, wie ihre Hand sanft über seinen Scheitel glitt. »Weißt du noch,« sagte sie kurz darauf, »wie oft du mir versprachst, daß, wenn du groß sein würdest, du mit einem großen Schiff hinaussegeln und mir alle Herrlichkeiten dieser Welt heimbringen wolltest?« »Ob ich mich dessen entsinne! Es sollten Hyazinthen sein, weil du Hyazinthen so gern hattest, und dann eine Palme so wie die, die eingegangen war, und Säulen von Gold und Marmor. Es waren stets so viele Säulen in deinen Erzählungen. Weißt du wohl noch?« »Ich habe auf dies Schiff gewartet – nein, sei ruhig mein Junge, du verstehst mich nicht – es war nicht meinetwegen, es war das Schiff deines Glücks ... ich hatte gehofft, daß das Leben sich dir reich und groß gestalten sollte, daß du dich auf den strahlenden Straßen bewegen würdest – Berühmtheit ... alles – nein, das nicht, nur daß du im Kampf um das Größte mitkämpfen solltest; ich weiß nicht, wie es zugeht, aber ich bin des alltäglichen Glücks und des alltäglichen Ziels so müde. Kannst du das verstehen?« »Du wolltest mich zu einem Sonntagskind machen, Mütterchen, zu so Einem, der nicht mit den andern am Joch zieht und der seinen eigenen Himmel hat, in dem er selig wird, für den es auch einen eigenen Ort der Verdammnis gibt. – Nicht wahr, es sollten ja auch Blumen an Bord sein, reiche Blumen, um sie über die armselige Welt auszustreuen; aber das Schiff ließ auf sich warten, und Niels und seine Mutter blieben nur ein paar arme Vögel, nicht wahr?« »Habe ich dich verletzt, mein Junge? es waren ja nur Träume, mach dir nichts aus ihnen.« Niels schwieg lange, er schämte sich dessen, was er sagen wollte. »Mutter,« sagte er, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. – Eines Tages wird das Schiff doch kommen ... Wenn du es nur glauben oder an mich glauben wolltest ... Mutter, ich bin Dichter, wirklich – mit ganzer Seele. Glaub nicht, daß es Kinderträume oder Träume der Eitelkeit sind. Könntest du fühlen, mit welch dankbarem Stolz über das Beste in mir und demütiger Freude darüber, daß es da ist, ich dies sage, so gar nicht persönlich, so weit entfernt von Hochmut, so würdest du es glauben, wie ich mir ja so innerlich wünsche, daß du es glauben solltest. Meine liebe Mutter, ich will im Kampf um das Größte mit dabei sein, und ich verspreche dir, daß ich nie versagen, stets treu gegen mich selber und gegen das, was ich besitze, sein werde. Das Beste soll mir gut genug sein und nichts weiter; kein auf Akkord gehen, Mutter; kann ich fühlen, daß es nicht schwer genug wiegt, was ich geschaffen habe, oder kann ich hören, daß es einen Sprung oder Riß hat, zurück in den Schmelztiegel damit, stets nur das Alleräußerste, was ich zu geben vermag! Begreifst du, daß es mir ein Bedürfnis ist, dies zu versprechen? Das ist der Dank für all meinen Reichtum, der mich zu Gelöbnissen drängt, und du sollst sie entgegennehmen, und es soll Sünde gegen dich und gegen das Größte sein, wenn ich abtrünnig werde; denn verdanke ich es nicht dir, daß es in meiner Seele so hoch bis zur Decke ist; sind es nicht deine Sehnsucht und Träume, die meine Fähigkeiten zum Wachsen gebracht haben, und verdanke ich es nicht deinen Sympathien, deinem nie gestillten Schönheitsverlangen, daß ich die Weihe zu dem empfing, was mein Beruf sein soll!« Frau Lyhne weinte still vor sich hin. Sie fühlte sich bleich vor Glück. Ihre beiden Hände legte sie sanft auf das Haupt des Sohnes, und er zog sie leise bis zu seinen Lippen hinab und küßte sie. »Du hast mich so froh gemacht, Niels ... jetzt ist mein Leben nicht bloß ein langer, unnützer Seufzer gewesen, da es dich vorwärtsgetragen hat, so wie ich es mir so innerlich erhofft und geträumt habe. Mein Gott, so unendlich oft geträumt habe! – Und doch mischt sich soviel Wehmut in die Freude, denn, Niels, gerade dies, daß ich meinen liebsten Wunsch erfüllt sehen soll, den Wunsch so vieler Jahre, das trifft erst ein, wenn nicht mehr viel von dem Leben übrig ist.« »So darfst du nicht reden, das darfst du nicht. Es geht ja so gut vorwärts, Tag für Tag wirst du ja kräftiger; nicht wahr, Mütterchen?« »Ich will so ungern sterben«, seufzte sie vor sich hin. – »Weißt du, woran ich in den langen schlaflosen Nächten dachte, als mir der Tod so furchtbar nahe erschien? .. Da glaubte ich, es sei das Schwerste von allem, daß es draußen in der Welt so viel Großes und Schönes gibt, von dem ich wegsterben soll, ohne es gesehen zu haben. Ich dachte an die tausend und abertausend Seelen, denen es Freude gewesen war, die es erfüllt und denen es Wachstum gegeben hatte; aber für mich war es nicht geschaffen, und wenn jetzt meine Seele elend, auf schlaffen Flügeln dahinfuhr, dann trug sie in reichem Erinnern keinen goldnen Abglanz von der Herrlichkeit ihrer Heimat mit sich, sie hatte ja nur in der Ofenecke gesessen und den Märchen von der wunderbaren Welt gelauscht. – Niels, niemand kann erfassen, wie unendlich jammervoll es war, in der schwülen Dämmerung des Krankenzimmers so gefangen zu liegen und in seiner fiebererregten Phantasie zu kämpfen, um die Schönheit ungesehener Gegenden wachzurufen: ich entsinne mich schneebekleideter Alpengipfel über blauschwarzen Seen, blanker Flächen zwischen Weinhügeln und langgezogener Berge, wo die Ruinen aus Wäldern hervortauchten, und dann auch hoher Säle und Marmorgötter – und es dann niemals zu erreichen, stets verloren zu geben, um von vorne zu beginnen, weil es so unendlich schwer war, Lebewohl zu sagen, ohne den geringsten Anteil daran gehabt zu haben ... Ach Gott, Niels, sich so von ganzer Seele danach zu sehnen, während man fühlt, wie man langsam zu der Schwelle hingeschoben wird, die zu einer andern Welt führt; auf der Schwelle zu stehen und mit einem langen Blick rückwärts zu schauen, während man unaufhaltbar durch die Tür dem entgegengetrieben wird, nach dem sich auch nicht eins unserer sehnsuchtsvollen Gefühle drängt... Niels, nimm mich mit dir in einem Gedanken, mein Junge, wenn du einstmals all dieser Herrlichkeit teilhaftig werden wirst, die ich nie, niemals zu sehen bekommen soll.« Sie weinte. Niels versuchte, sie zu trösten; er entwarf kühne Pläne, wie sie zusammen reisen wollten, sobald sie binnen kurzer Zeit ganz genesen war; er wollte zur Stadt fahren, um mit dem Arzt von ihrer Reise zu sprechen, und er war davon überzeugt, daß der Arzt wie er der Meinung sein würde, daß man nichts Besseres unternehmen könne; dieser und jener waren ja auch so gereist, und sie waren die Krankheit allein durch Luftwechsel los geworden; Luftwechsel habe so viel zu sagen. Er nahm mit größter Genauigkeit ihre Reiseroute durch, sprach davon, wie gut er sie einpacken würde, wie kurz die Touren sein sollten, die sie anfänglich unternähmen, welch herrliches Tagebuch sie führen, wie sie auch das Allerunbedeutendste beobachten wollten, wie lustig es werden könnte, wenn sie die seltsamsten Dinge an den herrlichsten Orten äßen, und welch schreckliche Versündigungen sie im Anfang gegen die Grammatik begehen würden. So fuhr er fort sowohl diesen Abend wie auch die Tage darauf und wurde nicht müde, und sie lächelte auch wohl darüber und ging darauf ein, wie man auf eine lustige Phantasie eingeht; aber es war deutlich genug zu merken, wie fest sie davon überzeugt war, daß diese Reise niemals zustande kommen würde. Auf Rat des Arztes fuhr Niels aber fort, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und sie ließ ihn gewähren, den Tag der Abreise und alles festsetzen, überzeugt davon, daß das eintreffen würde, was die Pläne vernichten mußte. Aber als schließlich nur noch einige Tage fehlten und ihr jüngster Bruder, der in ihrer Abwesenheit das Gut leiten sollte, wirklich eintraf, da begann sie, unsicher zu werden, und war jetzt die, die am eifrigsten antrieb, um fortzukommen, weil doch noch eine Angst in ihr zurückgeblieben war, daß das Hindernis sich vorschieben und gerade im allerletzten Augenblick eintreten könne. Und so reisten sie denn. Den ersten Tag war sie noch unruhig und nervös wegen jenes letzten Rests von Furcht, und erst, als sie diesen glücklich überwunden hatte, ward es ihr möglich zu fühlen und zu verstehen, daß sie jetzt wirklich auf dem Wege war zu all dieser Herrlichkeit, nach der sie sich so schwer gesehnt hatte. Eine fast fiebernde Freude überkam sie, und eine überspannte Erwartung zeichnete all ihre Gedanken und Worte aus, die sich nur um das drehten, was die Tage, der eine nach dem andern, bringen würden. Es kam denn ja auch alles, alles kam, aber es erfüllte und benahm sie weder mit der Macht noch mit der Innerlichkeit, die sie erwartet hatte. Ganz anders hatte sie sich das gedacht, ganz anders hatte sie sich selbst aber auch gedacht. In Träumen und in Gedichten, da hatte es immer gleichsam auf der andern Seite des Sees gelegen, der Nebel der Ferne hatte ahnungsvoll das unruhige Gewimmel der Einzelheiten verschleiert, und in großen Zügen die Formen zu einer geschlossenen Einheit gesammelt, und das Schweigen der Ferne hatte seine Feststimmung darüber ausgebreitet, und es war so leicht gewesen, es in Schönheit zu ergreifen; aber jetzt, als sie mitten dazwischenstand und jeder kleine Zug vor sie hintrat und die vielen Stimmen der Wirklichkeit trug und die Schönheit wie das Licht der Prismen verteilt war, jetzt vermochte sie es nicht zu vereinen, es nicht auf die andere Seite des Sees hinüberzuziehen, und mit tiefem Mißmut mußte sie sich selbst gestehen, daß sie sich arm fühlte mitten in all diesem Reichtum, über den sie nicht zu gebieten vermochte. Sie strebte vorwärts und immer weiter vorwärts, ob es denn nicht einen Ort gäbe, den sie als einen Fleck aus ihrer Traumwelt wiedererkennen konnte, die bei jedem Schritt, den sie tat, um ihr nahe zu kommen, den Zauberschein, in dem sie bis dahin erstrahlt hatte, auszulöschen schien und sich ihrem enttäuschten Auge ganz gewöhnlich von Allerweltsmond und Allerweltssonne beleuchtet zeigte. Aber ihr Suchen wurde nicht belohnt, und da das Jahr schon sehr weit vorgeschritten war, eilten sie nach Clarens, wo der Arzt ihnen geraten hatte, den Winter zuzubringen, und von wo auch die letzte leise leuchtende Hoffnung der müden, traumbenommenen Seele winkte; denn war das nicht Rousseaus Clarens, Juliens paradiesisches Clarens! Dort blieben sie denn; aber vergebens zeigte der Winter sich freundlich und hielt seinen kalten Atem von ihr zurück; vor dem Siechtum in ihrem Blut konnte er sie doch nicht schützen, und als der Frühling im Triumphzug durch das Tal kam, mit seinem sprießenden Wunder, seinem knospenden Evangelium, da mußte er sie dort stehen und in all der Üppigkeit des Verjüngens welken lassen, ohne daß seine Kraft, die ihr aus Licht und Luft und Erde und Feuchtigkeit entgegenschwoll, in ihr zu Kraft werden konnte, so daß ihr Blut gesundheitstrunken mitjubeln mußte in dem großen Jubel von der Allmacht des Frühlings; nein, sie mußte dahinwelken; denn der letzte Traum, der sich ihr in dem verborgenen Winkel der Heimat wie eine neue Morgenröte gezeigt hatte, der Traum von der Herrlichkeit der fernen Welt, den hatte der Tag nicht mit sich geführt; seine Farben waren verblaßt, je näher sie ihm kam, und sie fühlte, daß sie nur vor ihren Augen verblaßten, weil sie sich nach Farben gesehnt hatte, die das Leben nicht besitzt, nach einer Schönheit, die die Welt nicht reifen kann. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, immer heißer in ihrem Schmerz, heiß und verzehrend. Und um sie herum feierte der Frühling sein schönheitsschwangeres Fest, die weißen Glocken des Schneeglöckchens läuteten es ein, die geäderten Becher der Krokusblüten begrüßten es jubelnd. Hundert kleine Bergströme stürzten kopfüber in das Tal hinab, um zu melden, daß der Frühling gekommen sei, und sie kamen alle zu spät, denn wo sie zwischen grünen Ufern dahinflossen, standen die Primeln in Gold und die Veilchen in Blau und nickten: wir wissen es, wir wissen es, wir haben es vor dir vernommen! Die Weiden hißten die gelben Wimpel, und krause Farnkräuter und sammetweiches Moos hingen grüne Girlanden an die nackten Weinbergmauern, während tausend Taubnessel den Fuß der Mauer unter langen Verbrämungen von Braun und Grün und mattem Purpur verbargen. Das Gras breitete weit und breit seinen grünen Mantel aus, und viele schmucke Kräuter setzten sich darauf, Hyazinthen mit Blüten wie Sterne und Blüten wie Perlen, Tausendschönchen zu tausenden, Enziane, Anemonen und Löwenzahn und hundert andere Blumen. Und über den Blumen auf der Erde schwebten dort in der Luft, getragen von den hundertjährigen Stämmen der Kirschbäume, wohl tausend strahlende Blumeninseln, das Licht schäumte gegen diese weißen Küsten, und die Schmetterlinge, die Botschaft von dem Blumenfestland da unten brachten, sprenkelten sie mit roten und blauen Punkten. Jeder Tag, der kam, brachte neue Blumen; er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde hervor; er lud sie auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf die Paulownia, und große, purpurgetigerte Tulpen auf die Magnolia. Auf den Steigen zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen dahin, sie füllten die Felder mit gelben Horden; nirgends aber war es so blumendicht, wie oben zwischen den Hügeln in den geschützten, versteckten kleinen Tälern, wo die Lärche mit lichtsprühenden Rubinäpfeln in dem hellen Laub stand; denn dort blühten Narzissen in blendenden Myriaden und füllten die Luft um sich mit dem betäubenden Duft ihrer weißen Orgien. Mitten in all dieser Schönheit saß sie mit ungestillter Schönheitssehnsucht in ihrem Herzen, und nur eine vereinzelte Abendstunde, wenn die Sonne hinter Savoyens länglich abfallenden Hügeln herabsank und die Berge jenseits des Sees wie aus bräunlichem, undurchsichtigem Glas erschienen, gleichsam als hätten die steilen Wände das Licht aufgesogen, nur an einem solchen Abend vermochte die Natur ihre Sinne zu fesseln, wenn gelb beleuchtete Abendnebel die fernen Juraberge verbargen und der See, rot wie ein Kupferspiegel, in dessen sonnenrotem Glühen goldne Flammen sich hineinzüngelten, mit dem Himmelslicht zu einem einzigen, großen, leuchtenden Meer der Unendlichkeit überzugehen schien: da war es ausnahmsweise einmal, als wenn die Sehnsucht verstumme und die Seele das Land gefunden habe, nach dem sie suchte. Je weiter der Frühling vorschritt, desto schwächer wurde sie, und bald verließ sie das Bett nicht mehr; aber jetzt fürchtete sie sich nicht mehr vor dem Tod, sie sehnte sich nach ihm, denn sie hatte die Hoffnung, sich jenseits des Grabes von Angesicht zu Angesicht mit der Herrlichkeit, Seele zu Seele mit der Schönheitsfülle zu sehen, die sie hier auf Erden mit einem ahnungsvollen Sehnen erfüllt hatte, einem Sehnen, das jetzt geläutert und verklärt war durch das sich steigernde Entbehren langer Lebensjahre und deshalb endlich sein Ziel umschließen würde; und sie träumte manch einen sanften, wehmütigen Traum, wie sie in der Erinnerung zu dem zurückkehren würde, was ihr die Erde gegeben hatte, zurückkehren würde droben in dem Lande der Unsterblichen, wo ja alle Schönheit des Erdreichs allzeit jenseits der See liegen würde. So starb sie, und Niels begrub sie auf Clarens freundlichem Friedhof, wo die braune Weinbergerde so vieler Länder Kinder birgt und wo die gebrochnen Säulen und florumwundnen Urnen dieselben Worte der Trauer in so vielen Sprachen wiederholen. Weiß leuchten sie hervor aus dunklen Zypressen und dem im Winter blühenden Viburnum; frühe Rosen streuen ihre Blätter über viele von ihnen aus, und oft blaut die Erde von Veilchen zu ihrem Fuß; aber um jeden Hügel und jeden Stein schlingen sich die blankblättrigen Ranken der sanften Vinca, der Lieblingsblume Rousseaus, so himmelblau wie ein Himmel noch niemals blaute. Neuntes Kapitel Niels Lyhne eilte heimwärts; er konnte die Einsamkeit zwischen all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto stärker bereute er, nicht da draußen geblieben zu sein. Denn wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erich war auf einer Stipendienreise in Italien, ihn also auch nicht; und Frau Boye? – Das Verhältnis zu Frau Boye war so sonderbar. Jetzt, wo er soeben vom Grabe der Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber er konnte es nicht in Einklang bringen mit dem Ton, in dem seine Stimmungen jetzt vibrierten. Es war ein Mißlaut dabei. Wäre es seine verlobte Braut gewesen, ein junges, errötendes Mädchen, dem er entgegenzog, nachdem er sich so lange der Erfüllung seiner Sohnespflichten gewidmet hatte, so würde das nicht im Streit mit seinen Gefühlen gestanden haben. Und es half nichts, daß er versuchte, sich selbst überlegen zu sein, indem er diesen Wechsel in seiner Auffassung des Verhältnisses zu Frau Boye spießbürgerlich und borniert nannte. Das Wort zigeunerhaft blieb doch fast unbewußt daran hängen, als ein Ausdruck des Mißbehagens, von dem er sich nicht losmachen konnte; und es war denn auch eine Art Fortsetzung in gleicher Richtung, daß er, nachdem er sich seine alten Zimmer oben am Wall gesichert hatte, zuerst Etatsrats und nicht Frau Boye aufsuchte. Am nächsten Tage ging er zu ihr, traf sie aber nicht an. Der Portier sagte, sie habe eine Villa in der Nähe von der Emilien-Quelle gemietet, was Niels in Erstaunen setzte, da er wußte, daß ihres Vaters Landsitz nicht weit von dort gelegen war. An einem der nächsten Tage mußte er wohl hinausfahren. Aber schon am Tage darauf erhielt er ein Billett von Frau Boye, die ihn zu sich in ihre Stadtwohnung bestellte. Die bleiche Schwestertochter hatte ihn auf der Straße gesehen. Ein Viertel vor eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm erklären, weshalb, wenn er es nicht schon wüßte . Wußte er es? Er dürfe sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Warum sollte er es so auffassen, wie plebejische Naturen es auffassen würden? Das würde er doch nicht tun? Sie wären ja nicht wie die andern. Wenn er sie nur verstehen wollte. Niels, Niels! Dieser Brief versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich entsann er sich voll Unruhe, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidsvoll angesehen, gelächelt und geschwiegen, so eigenartig geschwiegen hatte. Was konnte es sein, was in aller Welt konnte es sein? Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten hatte, war verschwunden. Er verstand sie nicht einmal mehr, ihm war so bange. Hätten sie sich doch nur wie andere vernünftige Menschen geschrieben! Warum hatten sie das nicht getan! So in Anspruch genommen war er denn doch auch nicht gewesen. Es war so seltsam mit ihm, wie ließ er sich nicht von dem Ort, an dem er gerade lebte, einfangen. Und vergaß all das, was fern lag. Vergaß nicht, sondern ließ es weit zurücktreten, von dem Gegenwärtigen begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß. Endlich. Frau Boye öffnete ihm selber die Entreetür, noch bevor es geschellt hatte. Sie sagte nichts, reichte ihm aber die Hand zu einem langen, beileidbezeugenden Händedruck. Die Zeitungen hatten ja seinen Verlust gemeldet. Niels sagte auch nichts, und so schritten sie schweigend durch die erste Stube, zwischen zwei Reihen Stühle mit rotgestreiften Überzügen hindurch; der Kronleuchter war in Papier gehüllt und die Fenster mit Kreide geweißt. Im Wohnzimmer stand alles wie gewöhnlich, nur waren vor den geöffneten Fenstern die Jalousien herabgerollt, und in dem schwachen Luftzug bewegten sie sich und klapperten mit kleinen eintönigen Schlägen gegen den Fensterpfosten. Das Reflexlicht von dem sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe hindurch und zeichnete in Wellenlinien ein unruhig krauses Getäfel oben unter die Decke, das zitterte, wie die Wellen draußen zittern; sonst war alles weich und still und wartete mit leisem Atemzug voller Geduld ... Frau Boye konnte nicht einig mit sich selber werden, wo sie sitzen wollte; schließlich bestimmte sie sich für den Schaukelstuhl, wischte eifrig den Staub mit ihrem Taschentuch weg, stellte sich aber dann hinter dem Stuhl auf, die Hände auf die Rücklehne gestützt. Die Handschuhe hatte sie noch an, und sie war nur aus dem einen Ärmel der schwarzen anliegenden Mantille gekrochen, die sie über einem schottisch gewürfelten Seidenkleid trug. Der Stoff war ganz kleinkariert, ebenso die breiten Bänder ihres großen, runden Pamelahutes, dessen helles Stroh ihr Gesicht halb verbarg, besonders wie sie so dastand und herabsah, während sie ein wenig heftig mit dem Stuhle schaukelte. Niels saß auf dem Taburett am Klavier, ganz weit von ihr entfernt, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören. »Weißt du es denn, Niels?« »Nein; aber was ist es, das ich nicht weiß?« Der Stuhl stand still. »Ich habe mich verlobt!« »Sie haben sich verlobt, aber warum – wie?« »Ach, sage nicht Sie, sei nicht sofort unsinnig!« Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch verstehen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, wenn ich hier stehen und dir alles erklären soll. Ich will ja gerne, aber du mußt mir helfen.« »Das ist ja Unsinn. Bist du verlobt, oder bist du es nicht?« »Das habe ich ja gesagt«, erwiderte sie mit sanfter Ungeduld und sah auf. »Ja, dann erlaube ich mir, Ihnen Glück zu wünschen, Frau Boye, und Ihnen sehr für die Zeit zu danken, wo wir einander gekannt haben.« Er hatte sich erhoben und verbeugte sich mehrmals sarkastisch. »Und so kannst du dich von mir trennen, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und dann sind wir fertig. Dann ist all das, was wir gemeinsam gehabt haben, eine alte, dumme Geschichte, an die nicht mehr gedacht werden darf. Vorbei soll vorbei sein. So ohne weiteres. – Niels, all die lieben Tage, sollen ihre Erinnerungen von jetzt ab stumm sein, willst du niemals, niemals mehr an mich denken, mich niemals entbehren? Willst du nicht oft an stillen Abenden den Traum wieder ins Leben zurückträumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte aufflammen können? Kannst du es ganz unterlassen, in deinen Gedanken all das wieder hervorzuheben und es zu der Fülle empor zu reifen, die es hatte erreichen können? Kannst du das? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und jedes bißchen zunichte treten, es aus der Welt schaffen? Niels!« »Das hoffe ich; Sie haben mir ja gezeigt, daß es sich machen läßt. – Ach, aber das ist ja alles Geschwätz, grundloses Geschwätz von einem Ende bis zum andern; warum haben Sie diese Komödie veranstaltet? Ich habe ja nicht den Schatten eines Rechts, Ihnen Vorwürfe zu machen. Sie haben mich ja niemals geliebt, niemals gesagt, daß Sie es täten; Sie haben mir erlaubt, Sie zu lieben, das haben Sie getan, und jetzt nehmen Sie Ihre Erlaubnis zurück; oder darf ich fortfahren, jetzt, wo Sie sich einem andern geschenkt haben? Ich verstehe Sie nicht; haben Sie geglaubt, daß das möglich sei? Wir sind doch keine Kinder. Oder fürchten Sie, daß ich Sie zu schnell vergessen werde? Seien Sie ganz ruhig. Sie streicht man nicht weg aus seinem Leben. Aber nehmen Sie sich in acht; einer Liebe wie der meinen begegnet eine Frau nicht zweimal in ihrem Leben. Nehmen Sie sich in acht, daß es Ihnen nicht Unglück bringt, weil Sie mich verstoßen haben. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, nein, nein; möge alle Not und Krankheit sich Ihnen fernhalten, möge all das Glück, das Reichtum, Bewunderung und geselliger Erfolg Ihnen bringen kann, möge es Ihnen im vollsten, im allervollsten Maße zuteil werden, das ist mein Wunsch; möge die ganze Welt Ihnen offenstehen, nur eine kleine Tür nicht, eine einzige kleine Tür nicht, wie viel Sie auch klopfen, wie oft Sie auch versuchen werden; sonst aber alles, alles, so voll und so reichlich, wie Sie sich das nur wünschen können!« Er sagte es langsam, fast betrübt, gar nicht bitter, aber mit einem seltsam zitternden Klang in der Stimme, einem Klang, den sie nicht kannte und der Eindruck auf sie machte. Sie war ein wenig blaß geworden und stand steif auf den Stuhl gestützt da. »Niels,« sagte sie, »prophezeie mir nichts Böses; denke daran, daß du nicht hier warst, Niels; und meine Liebe, ich wußte nicht, wie wirklich sie war, es war mehr, als interessiere sie mich nur; sie klang durch mein Leben wie ein seines und geistvolles Gedicht, sie nahm mich nie mit starken Armen, sie hatte Flügel – nur Flügel. Das glaubte ich; ich wußte es nicht besser, bis jetzt, oder gerade damals, als ich es getan, als ich ja gesagt hatte. Es war auch so schwierig; da kam soviel auf einmal, da waren so viele, auf die ich Rücksicht nehmen mußte. Es begann mit meinem Bruder – Hardenskjold, du weißt, der, der nach Westindien kam; er war hier ein wenig wild gewesen, aber drüben wurde er gesetzt und vernünftig, er wurde Kompagnon von irgend jemandem, verdiente viel Geld und verheiratete sich auch mit einer reichen Witwe, einer allerliebsten kleinen Person, versichere ich dich; und dann kam er also nach Hause, und dann versöhnten er und der Vater sich, denn Hatte war so ganz verändert; ach, er ist so unglaublich respektabel, so empfindlich gegen alles, was die Leute sagen: ach, so gräßlich borniert! Natürlich fand er, daß ich mit der Familie wieder auf vertrauten Fuß kommen sollte, und er predigte und bat und schwatzte jedesmal, wenn er kam, und Vater ist jetzt ja auch ein alter Mann, und da tat ich es denn, und jetzt ist es wieder ganz wie in alten Zeiten.« Sie hielt einen Augenblick inne, begann die Mantille abzunehmen, auch den Hut und die Handschuhe, und wandte sich in der Geschäftigkeit über all dies ein wenig von Niels ab, während sie weitersprach. »Und dann war da ein Freund von Hatte, der sehr angesehen, ungeheuer angesehen ist, und sie fanden alle, daß ich es tun sollte, sie wollten es so gern, und siehst du, dann könnte ich meinen Platz unter den Leuten wieder ganz einnehmen, so wie früher, ja besser eigentlich, denn er ist nach jeder Richtung hin so angesehen, und danach habe ich mich ja schon so lange gesehnt. Nicht wahr, du verstehst mich nicht? Das hättest du nie von mir geglaubt? Ganz das Gegenteil. Weil ich mich immer über die Gesellschaft und alle ihre konventionellen Dummheiten und ihre Patentmoral und ihren Tugendthermometer und Weiblichkeitskompaß lustig gemacht habe; du entsinnst dich wohl noch, wie witzig wir waren. Es ist zum Weinen, du, es war ja nicht wahr, nicht das geringste war wahr; denn ich will dir was sagen: wir Frauenzimmer, Niels, wir können uns wohl für eine Weile losreißen, wenn etwas in unserm Leben uns die Augen für den Freiheitsdrang, der trotzdem in uns ist, geöffnet hat, aber wir halten nicht aus. Uns liegt nun mal eine Passion im Blut für das Korrekteste des Korrekten, ganz bis zu der prüdesten Spitze des Passenden. Wir halten es nicht aus, im Krieg zu liegen mit dem, was nun einmal von all den vielen gewöhnlichen Sterblichen angenommen ist. Im innersten Innern finden wir doch, daß sie recht haben, weil sie es sind, die urteilen, und wir beugen uns in unfern Herzen vor ihrem Urteil und leiden darunter, wie keck wir uns auch anstellen. Es liegt uns Frauenzimmern gar nicht, Ausnahmen zu sein, das tut es nicht, Niels; wir werden so sonderbar dadurch, vielleicht interessanter, aber sonst ... Kannst du es verstehen? findest du, daß es erbärmlich ist? Aber du wirst doch begreifen, daß es einen seltsamen Eindruck auf mich machen muß, zu den alten Umgebungen zurückzukommen; da tauchten so viele Erinnerungen auf – und das Andenken an meine Mutter, wie sie dachte; ich hatte das Gefühl, als sei ich wieder in dem Hafen angelangt; alles war so friedlich und richtig, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um zeit meines Lebens hübsch glücklich zu werden. Und dann ließ ich mich binden, Niels.« Niels konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; er fühlte sich so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie dastand, so jugendlich unglücklich in all ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, er konnte gar keine harten Worte finden. So ging er denn zu ihr hin. Sie hatte inzwischen den Stuhl zu sich hingedreht und sich in ihn sinken lassen, und jetzt saß sie dort zurückgelehnt, ganz matt und weltverlassen, mit herabhängenden Armen, mit erhobenem Antlitz und halbgesenkten Augen, und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den beiden Reihen Stühlen hinaus in das dunkle Vorgemach. Niels legte den Arm über den Stuhlrücken und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie hinab. »Und mich hast du ganz vergessen?« flüsterte er. Es war, als höre sie es nicht, sie schlug nicht einmal die Augen auf, dann endlich schüttelte sie den Kopf, ganz leise, und dann nach einer guten Weile wieder, ganz leise. Zuerst war es so still um sie, dann hörte man auf der Treppe ein Mädchen trällern und Schlösser putzen, und das Rütteln der Türklinke brach brutal in das Schweigen ein und machte es noch größer, als es plötzlich wieder eintrat. Dann verstummten die Laute gänzlich, man hörte nur den leisen, schläfrigen, taktfesten Schlag der Jalousien. Dies Schweigen raubte ihnen die Sprache, fast auch die Gedanken; und sie blieb wie vorhin sitzen, den Blick auf das Dunkel der Vorstube gerichtet; und er blieb stehen, über sie gebeugt, starrte hinab auf die Würfel in ihrem Seidenschoß, und unbewußt, durch das weiche Schweigen dazu verlockt, begann er, sie in ihrem Stuhl zu wiegen, ga–nz weich, ga–nz weich ... Langsam hob sie die Augenlider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung; es war, als schmiege sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging; und wenn er vorwärtswiegte, so daß ihre Füße den Boden berührten, lag etwas von ihm in dem leisen Druck des Bodens gegen die Füße. Er fühlte es auch, das Wiegen begann ihn zu interessieren, und allmählich schaukelte er stärker; es war, als käme sie näher und näher in seinen Bereich, je länger er den Stuhl zurückzog, und es lag gleichsam eine Erwartung in der Sekunde, wo er im Begriff stand, ihn wieder vorwärts zu schieben; und wenn er dann niederstieß, so lag eine seltsame Befriedigung in dem kleinen Knall, mit dem ihre willenlosen Füße gegen den Boden schlugen; und wenn er den Stuhl noch mehr nach vorne zwang, lag ein völliges Besitzen darin, wenn er ihre Fußsohlen sanft gegen den Boden preßte, so daß das Knie sich ein wenig hob. »Laß uns nicht träumen!« sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ den Stuhl resigniert los. »Ja«, sagte sie fast flehend und sah ihn unschuldig mit ihren, großen, wehmutstrunkenen Augen an. Sie hatte sich langsam erhoben. »Nein, nicht träumen!« sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Zwischen uns beiden sind Träume genug hin und her gegangen; hast du das niemals gemerkt? haben sie dich nie wie flüchtiges Atmen über deine Wange oder durch dein Haar erreicht? Ist es möglich, hat die Nacht niemals Seufzer auf Seufzer gehaucht, die ersterbend auf deine Lippen herabsanken?« Er küßte sie, und es erschien ihm, als würde sie weniger jung unter seinen Küssen, weniger jung, aber schöner, glühend schön, bezaubernd. »Du sollst es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, was ich gelitten, wie ich entbehrt habe. Könnten die Stuben am Wall sprechen! Tema!« Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig ihre Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel ganz hinaufglitten, über die brausend weißen Unterärmel hinauf, höher als das graue Gummiband, das sie über dem Ellbogen zusammenhielt. »Was könnten diese Stuben sagen, Niels?« »Tema, könnten sie zehntausendmal sagen und noch mehr, sie könnten in diesem Namen beten, in diesem Namen rasen, seufzen, schluchzen; Tema, sie könnten auch drohen.« »Könnten sie das?« Unten von der Straße kam durch die geöffneten Fenster eine Unterhaltung zu ihnen hinein, ganz und unbeschnitten, die gleichgültigste Weisheit der Welt, in abgenutzten Alltagsworten, von zwei stimmungslosen Klatschstimmen zusammengekaut und geknetet. Die ganze Prosa kam zu ihnen hinein und machte es noch schöner, so zu stehen, Brust an Brust, eingehüllt von dem weichen, gedämpften Licht. »Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? Und dein Haar ... ich vermag kaum zu sprechen, und alle Erinnerungen ... so gut ... alle Erinnerungen aus der Zeit, als ich weinte und unglücklich war und dich so unsagbar schmerzlich vermißte, die drängen hervor, drängen hervor, als wollten sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – kannst du das verstehen? Weißt du noch, Tema, entsinnst du dich noch des Mondscheins im vorigen Jahr? Liebst du ihn? – Ach, du weißt nicht, wie grausam er sein kann. Solch eine mondscheinklare Nacht, wenn die Luft in kühlem Licht erstarrt ist und die Wolken so lange still daliegen, – Tema, Blumen und Laub halten ihren Duft so dicht an sich, als sei es ein Reif von Duft, der auf ihnen liegt, und alle Laute werden so fern und schwinden so plötzlich, verweilen gar nicht; sie ist so unbarmherzig, eine solche Nacht, denn in ihr wächst das Entbehren sich seltsam stark; sie schweigt es aus jedem Winkel, der in unserer Seele ist, hervor; saugt es mit harten Lippen heraus, und es leuchtet keine Hoffnung, schlummert kein Versprechen in all dieser kalten, starrenden Klarheit. Ach, ich weinte, Tema! Tema, hast du dich nie durch eine mondklare Nacht hindurchgeweint? Du Süße, es wäre unrecht, wenn du geweint hättest; du sollst nicht weinen, es soll immer Sonne um dich sein und Rosennächte – eine Rosennacht ...« Sie war ganz in seine Arme zurückgesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, halb erstickt von ihrem Atem, und Worte, die sie wiederholte, seine Worte, gleichsam als flüstere sie sie ihrem Herzen zu. Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest von dem kurzen Steinklang eines Stocks gegen die Fliesen begleitet, entfernten sich wieder nach der andern Seite zu, verweilten lange gedämpft in der Ferne, nahmen dann ab – erstarben. Und das Schweigen schwoll wieder um sie empor, glühte in ihnen auf, herzklopfend, mit schwerem Atem, versagend. Die Worte waren zwischen ihnen ausgedörrt, und die Küsse fielen schwer von ihren Lippen wie zaudernde Fragen, aber sie trugen keine Erlösung in sich, kein genießendes Jetzt. Sie wagten nicht, sich aus den Augen zu lassen, und wagten doch nicht, ihren Blick sprechen zu lassen, sondern senkten einen Schleier über ihn, als versteckten sie sich gleichsam voreinander, schweigend, über geheimnisvollen Träumen brütend. Dann kam ein Zittern in seine Umarmung, das weckte sie, und sie stemmte ihre Hände gegen seine Brust und riß sich los. »Geh Niels, geh; du darfst nicht hier bleiben, du darfst nicht, hörst du!« Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich zurück, wild und bleich. Sie zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und stand da und streckte die Arme vor, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren. Niels wollte niederknien und ihre Hand ergreifen. »Du darfst mich nicht anrühren!« Es lag Verzweiflung in ihrem Blick. »Warum gehst du nicht, wenn ich dich bitte! Herrgott, kannst du denn nicht gehen! Nein, nein, du darfst nicht sprechen. Geh; kannst du nicht sehen, wie ich vor dir zittere? Sieh, sieh! Ach, es ist unrecht von dir, so gegen mich zu sein. Wenn ich dich doch bitte!« Es war nicht möglich, ein Wort zu sagen; sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich, die Tränen strömten ihr aus den Augen, das Gesicht war fast verzerrt und leuchtete förmlich in seiner Blässe. Was sollte er tun? » Willst du nicht gehen? kannst du nicht sehen, wie du mich demütigst, indem du bleibst? Du mißhandelst mich; das tust du! Was habe ich dir getan, daß du so böse sein kannst? Ach, geh! hast du denn gar kein Mitleid?« Mitleid? Er war kalt vor Zorn. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehen. Jetzt ging er. Er mochte die beiden Stuhlreihen nicht; aber er schritt langsam zwischen ihnen hindurch, den Blick steif auf sie gerichtet, wie um zu trotzen. »Exit, Niels Lyhne«, sagte er, als er die Dielentür ins Schloß fallen hörte. Er schritt bedächtig die Stufen hinab, den Hut in der Hand; auf dem Absatz blieb er stehen und gestikulierte vor sich hin: wenn er nur das geringste von dem Ganzen verstand. Warum dies , und dies wieder? Dann ging er weiter. Da waren die geöffneten Fenster. Er hatte Lust, mit schrillem Ruf dies schwüle Schweigen da oben zu zerspalten oder jemanden hier zu haben, mit dem er sprechen konnte, stundenlang sprechen konnte – unerbittlich – über das Schweigen hinwegschwatzen, es in ein kaltes Bad von Geschwätz tauchen. Er konnte es nicht aus seinem Blut vertilgen; er konnte es sehen, es schmecken, er ging darin einher. Plötzlich blieb er stehen und wurde in erbitterter Scham glühendrot. Hatte sie sich selbst durch ihn in Versuchung führen wollen? – Dort oben stand Frau Boye noch immer und weinte; sie hatte sich vor den Spiegel gestellt, beide Hände auf die Konsole gestützt, und weinte, so daß die Tränen in das rosenrote Innre einer großen Muschel tropften. Sie sah in ihr verstörtes Gesicht, sowie es unter dem Nebelfleck auftauchte, den ihr Atem auf dem Spiegel bildete, und sie verfolgte die Tränen, wie sie über den Augenrand hervorquollen und herabrollten. Wie konnten denn noch immer neue kommen! so hatte sie noch niemals geweint; doch, in Frascati damals, als die Pferde mit ihr durchgegangen waren. Allmählich kamen die Tränen immer spärlicher, aber ein nervöses Zittern schüttelte sie noch stoßweise vom Nacken bis zur Ferse. Die Sonne schien mehr auf die Fenster; der zitternde Widerschein der Wellen zog sich schräge oben unter der Decke hin; und neben den Jalousien fiel eine ganze Reihe paralleler Strahlen hinein, ganze Borde gelblichen Lichts. Die Wärme nahm zu, und durch den reifen Duft des erwärmten Holzes und des sonnenwarmen Standes wogten jetzt andere Düfte auf; denn von den bunten Blumen der Sofakissen, von der Seidenrundung der Stuhlrücken, von den Büchern und zusammengelegten Teppichen befreite die Wärme hunderterlei vergessener Parfüms, die gespensterflüchtiggleich durch die Luft zogen. Ganz langsam nahm ihr Zittern ab und ließ einen seltsamen Schwindel zurück, in dem phantastische Gefühle, halbe Empfindungen sich in der Spur ihrer verwunderten Gedanken umherwirbelten. Und sie schloß die Augen, aber blieb, das Gesicht gegen den Spiegel gewandt, ruhig stehen. Seltsam, wie es sie überkommen hatte. Solche kreischende Angst. Hatte sie geschrien? Es zauderte noch ein Schrei in ihrem Ohr, und sie fühlte eine Ermüdung im Hals, wie nach einem langen, angstvollen Ruf. Wenn er sie gepackt hätte! Sie ließ sich packen und preßte abwehrend die Arme gegen die Brust. Sie stritt dagegen an, aber trotzdem – jetzt: es war, als sinke sie nackt durch die Luft herab, glühend, brennend vor Scham, von allen Winden schamlos geliebkost. Er wollte nicht gehen, und bald wurde es zu spät. Ihre ganze Kraft verließ sie wie Blasen, die zersprangen. Blase auf Blase drängte sich über ihre Lippen und zersprang, unaufhörlich; in einer Sekunde war es zu spät! Hatte sie ihn auf den Knien gebeten? Zu spät! Sie wurde widerstandslos in seine Arme gehoben; wie eine Blase, die durch das Wasser aufsteigt – vibrierend, so stieg ihre Seele nackt zu ihm empor, jeder Wunsch war seinem Blick enthüllt, jeder heimliche Traum, jede verborgene Hingabe lag ohne Schleier vor seinem nehmenden Blick. – Wieder in seinen Armen, ruhend in süßem Zittern. Es war eine Statue von Alabaster mitten zwischen Flammen; sie wurde glühend durchsichtig in der Hitze des Feuers, nach und nach, verlor mehr und mehr von ihrem dunklen Kern, bis alles schließlich leuchtend licht ward. Langsam öffnete sie die Augen und betrachtete ihr Spiegelbild mit einem diskreten Lächeln wie einen Mitwissenden, mit dem sie sich nicht allzu sehr einlassen wollte. Dann ging sie im Zimmer umher und suchte Handschuhe, Hut und Mantille zusammen. Der Schwindel war wie weggeblasen. Sie empfand die Schwäche, die sie noch in den Beinen fühlte, als etwas Angenehmes und fuhr fort, umher zu gehen, um sie noch mehr zu fühlen. Heimlich, gleichsam zufällig, versetzte sie dem Schaukelstuhl einen kleinen vertraulichen Puff mit dem Ellbogen. Eigentlich hatte sie Szenen gern. Mit einem Blick nahm sie Abschied von etwas Unsichtbarem da drinnen, dann zog sie die Jalousien auf, und es war ein ganz anderes Zimmer.   Drei Wochen danach war Frau Boye verheiratet, und Niels Lyhne war jetzt ganz allein auf sich angewiesen. Er konnte nicht so recht über seine Empörung hinwegkommen, daß sie sich der Gesellschaft, die sie so oft verspottet, so unwürdig in die Arme geworfen hatte. Natürlich hatte diese nur die Tür geöffnet und ihr gewinkt, und dann war sie gekommen. Aber lohnte es sich, daß er mit Steinen warf, hatte er nicht selbst den magnetischen Zug der braven Spießbürgerlichkeit gefühlt? Nur dieses letzten Zusammentreffens wegen verurteilte er sie, wenn es ein leichtsinniges Lebewohl an das alte Leben hatte sein sollen, der letzte tolle Streich, bevor sie sich zu dem Korrektesten des Korrekten zurückzog. War das möglich! Eine so grenzenlose Selbstverachtung, ein solch zynischer Hohn über sich selbst, der ihn selbst mit in dies Höhnen hineinzog und alles, was sie an gemeinsamem Erinnern und Hoffen, an Begeistrung und heiligen Ideen gehabt hatten! Das machte ihn erröten und brachte ihn zum Rasen. – Aber war das gerecht? Denn auf der andern Seite, was hatte sie weiter getan, als offen und ehrlich zu ihm zu sagen: dies und jenes zieht mich nach der andern Seite hin, zieht mich stark; aber ich erkenne dein Recht an, mehr als du selbst verlangst, und hier bin ich; kannst du mich nehmen, so nimm mich, wenn nicht, dann dahin, wo die Macht am größten ist. – Und wenn dem nun so war, war sie dann nicht in ihrem Recht? Er hatte sie nicht nehmen können ... bei der ganzen Entscheidung konnte es von so wenigem abhängen, von dem Schatten eines Gedankens, von dem Ton einer Stimmung. Wenn er nur wüßte, was sie eine Sekunde doch hatte wissen müssen , vielleicht aber nicht mehr wußte. Er wollte so ungern das glauben, dessen sie zu beschuldigen er doch nicht unterlassen konnte. Nicht nur ihretwegen, das am wenigsten; aber er fand, daß seine Fahne befleckt war. Logisch betrachtet natürlich nicht; aber trotzdem. Wie sie ihn auch verlassen haben mochte, eins stand fest, jetzt war er allein, und er fühlte das als eine Entbehrung, aber auch, ein wenig später, als eine Erleichterung. Es wartete so viel auf ihn. Das Jahr auf Lönborghof und im Auslande war, wie sehr es ihn auch in Anspruch genommen hatte, eine unfreiwillige Ruhe gewesen; und dies, daß er sich in diesem Jahr auf so mancherlei Weise über seine Vorzüge und Mängel klarer geworden war, das konnte ja nur seinen Durst vermehren, in ungestörter Arbeitsruhe wieder seine Kräfte gebrauchen zu dürfen. Nicht um zu schaffen; das hatte keine Eile; sondern um zu sammeln, es war so viel, was er sich zu eigen machen mußte, so unübersehbar viel, so daß er die Kürze des Lebens mit unzufriedenem Auge zu messen begann. Zwar hatte er früher auch nicht seine Zeit vergeudet, aber man macht sich nicht so leicht von dem Bücherschrank der Väter unabhängig, und es liegt so nahe, auf denselben Wegen vorwärts zu streben, die die andern zum Ziel geführt hatten; und deshalb hatte er sich in der weiten Welt der Bücher selbst kein Weinland hervorgesucht, sondern war den Weg gegangen, den die Väter gegangen waren, er hatte autoritätstreu seine Augen vor vielem, das ihm winkte, verschlossen, um besser in der großen Nacht der Edda und der Sagen sehen zu können, und hatte sein Ohr vor manchem verschlossen, das ihn rief, um besser den mystischen Naturlauten der Volksgesänge zu lauschen. Jetzt hatte er es endlich begriffen, daß es keine Naturnotwendigkeit war, weder altnordisch noch romantisch zu sein, und es war einfacher, selbst seine Zweifel auszusprechen, als sie Gorm Lokedyrker in den Mund zu legen, vernünftiger, Laute für die Mystik seines eigenen Wesens zu finden, als die Klostermauern des Mittelalters anzurufen und das, was er selbst ausgesandt hatte, als schwaches Echo zurückzuerhalten. Wohl hatte er ein Auge für das Neue der Zeit gehabt, aber er hatte sich mehr damit beschäftigt zu lauschen, wie das Neue dunkel in dem Alten ausgesprochen wurde, als zu hören, wie das Neue klar und deutlich auf ihn einredete; und darin lag nichts Merkwürdiges, denn es ist noch nie ein neues Evangelium auf Erden gepredigt worden, ohne daß die ganze Welt sich nicht sofort mit den alten Prophezeiungen abgegeben hätte. Aber es gehörte noch anderes dazu, und Niels machte sich voll Begeisterung über seine neue Arbeit her; er war von jener Eroberungslust, dem Durst nach der Macht des Wissens, ergriffen worden, den wohl ein jeder Diener des Geistes, wie demütig er auch später seinen Beruf ausübte, doch einmal gefühlt hat, und wäre es auch nur für eine einzige armselige Stunde gewesen. Wer von uns, den ein freundliches Schicksal so gestellt hat, daß er für die Entwicklung seines Geistes sorgen kann, wer von uns allen hat nicht mit begeisterten Blicken über das gewaltige Meer des Wissens hinausgestarrt, und wer ist nicht zu seinem klaren, kühlen Wasser herabgezogen worden und hat mit dem leichtgläubigen Übermut der Jugend begonnen, es mit der hohlen Hand zu schöpfen, so wie das Kind in der Legende! Weißt du noch? Die Sonne konnte über sommerholdem Lande lächeln; du sahst weder Blume, noch Wolke, noch Quelle; die Feste des Lebens konnten vorüberziehen, sie riefen nicht einmal einen Traum aus deinem jungen Blut wach, selbst das Heim war fern; weißt du noch? Und weißt du dann noch, wie sich aus den vergilbten Blättern der Bücher, geschlossen und gesammelt, in sich selbst ruhend vor deinen Gedanken, ein Kunstwerk aufbaute, und es war deins in jeder Einzelheit, und dein Geist lebte in dem Ganzen. Wenn die Säulen schlank gen Himmel stiegen, voll selbstbewußter Kraft, ihre starke Rundung tragen zu können, so war dieses kecke Steigen von dir, das stolze Tragen war in dir, und wenn das Gewölbe zu schweben schien, weil es all seine Schwerkraft, Stein auf Stein, gesammelt hatte und in einem wuchtigen Gewicht sich sicher auf den Nacken der Säulen herabsenkte, so war er dein, dieser Traum von dem gewichtlosen Schweben, weil die Zuversicht mit der die Wölbung sich herabsenkte, ja du selbst warst, der seinen Fuß auf dein eigen setzte. Ja, so war es, so wächst unser Wesen mit unserm Wissen, wird darin abgeklärt, wird in ihm gesammelt. Es ist so schön zu lernen wie zu leben. Fürchte dich nicht, dich in größeren Geistern als in deinem eignen zu verlieren! Sitze nicht da und grübele ängstlich über die Eigenart deiner Seele; sperre dich nicht ab von dem, was Macht hat, aus Furcht, daß es dich mit sich reißen und deine liebe, innerste Eigentümlichkeit heut in seinem mächtigen Schwellen ertränken könnte. Sei ruhig, deine Eigenart, die in dem Aussondern einer üppigen Entwicklung und in dem Umbilden verloren geht, die ist nur ein Schade, ein Schößling mit dunklen Spitzen gewesen; das Eigentümliche an ihm währte gerade so lange, wie seine kranke und lichtscheue Blässe. Und von dem Gesunden in dir sollst du leben; das Gesunde wird das Große werden.   Der Weihnachtsabend war ganz unerwartet für Niels Lyhne herangekommen. Während des ganzen verflossenen halben Jahres war er nirgends gewesen, nur ein vereinzeltes Mal bei Etatsrats, und von ihnen hatte er eine Einladung, den Abend bei ihnen zu verbringen. Aber die letzten Weihnachten waren Weihnachten in Clarens gewesen, und deshalb wollte er allein sein. Einige Stunden, nachdem es dunkel geworden war, ging er aus. Es war windig; eine dünne, noch nicht ganz festgetretene Schneeschicht lag über den Straßen und machte sie breiter, und der weiße Schnee auf den Dächern, an den Fensterbrettern entlang, verlieh den Häusern ein kleidsames, aber auch ein einsameres Äußere. Die Straßenlaternen, die im Winde flackerten, jagten gleichsam geistesabwesend ihre Lichter an den Mauern entlang, so daß hie und da ein Schild aus seinen Träumen auffuhr und mit großzügiger Gedankenleere vor sich hinstarrte. Auch die Ladenfenster, die nur halb erleuchtet und deren Auslagen in der Geschäftigkeit des Tages in Unordnung geraten waren, sahen anders aus als sonst; es war etwas seltsam nach Innengewandtes über sie gekommen. Er bog in die kleinen Gassen ab, und hier schien das Fest schon in vollem Gange; denn aus Kellerwohnungen und niedrigen Stuben klangen ihm beständig Töne entgegen, zuzeiten von einer Violine, am häufigsten aber von Handharmonikas, die sich unverdrossen durch volkstümliche Tanzweisen hindurchnäselten. Durch die treuherzige Art, in der sie vorgetragen wurden, brachten sie mehr die frohe Arbeit des Tanzes, als das eigentlich Festliche zum Ausdruck. Aber über dem Ganzen lag eine gewisse Illusion von Tritten und dampfender Luft – so erschien es ihm, der da draußen stand und in seiner Einsamkeit gegen all diese Geselligkeit streitsüchtig gestimmt wurde. Er empfand viel mehr Sympathie für den Arbeiter, der vor dem matt erleuchteten Fenster eines kleinen Kramladens stand und mit seinem Kinde wegen eins der billigen Wunder da drinnen verhandelte und der so eifrig erschien, erst unerschütterlich festzustellen, was gewählt werden sollte, bevor sie sich in die Höhle des Versuchers hineinwagten. Und dann mit diesen alten, einfachen Damen, die unablässig eine nach der andern fast in genauem Abstand von hundert Schritten kamen, alle mit den seltsamsten Mänteln und Umhängen aus längst entschlafener Zeit und alle mit verzagten, menschenscheuen Bewegungen in ihren alten Hälsen, so wie mißtrauische Vögel, und mit etwas Unsicherm und Weltabgewandtem in ihrem Gang, als wenn sie tagein, tagaus oben in den obersten Stockwerken in der Entlegenheit der Hintergebäude vergessen dagesessen hätten und nur diesen einen Abend des Jahres mitgenommen und erinnert worden wären. Ihm wurde traurig zumut, wie er daran dachte, und das Herz rührte sich in ihm in einem kranken Gefühl, als er sich träumend in das langsam dahinschwindende Dasein eines solchen alten einsamen Mädchens hineinlebte; und er hörte so peinlich taktfest in seinem Ohr das langsame Wieder-dahin, Wieder-dahin einer Stubenuhr die Schale der Tage mit ihren inhaltslosen Sekunden volltröpfeln. Er mußte versuchen, dies Weihnachtsabendmahl zu überstehen, und kehrte deshalb auf demselben Wege, auf dem er gekommen war, zurück, mit einer halbbewußten Scheu davor, daß in den andern Straßen neue Einsamkeiten aufdämmern, eine andere Verlassenheit auftauchen konnte als die, die ihm hier entgegengeschlagen war und sich bitter auf seine Lippe gelegt hatte. Draußen in den großen Straßen atmete er freier; er schritt schneller dahin, mit einem gewissen Trotz in seinem Gang, und schied sich in dem Gedanken, daß seine Einsamkeit eine selbstgewollte sei, von jeder Gemeinschaft mit dem, was er kürzlich verlassen hatte, aus. So ging er denn in ein größeres Restaurant hinein. Während er dort saß und auf das Essen wartete, beobachtete er hinter einer alten Zeitungsbeilage die Leute, die eintraten. Es waren fast ausschließlich junge Menschen; einige von ihnen kamen allein, einige waren ein wenig herausfordernd in der Haltung, als wollten sie den Anwesenden verbieten, sie für Leidensgefährten zu halten, andere konnten gar nicht verbergen, daß sie sich verlegen fühlten, an einem Abend wie diesem nicht ausgebeten zu sein; aber alle hatten sie einen stark ausgeprägten Geschmack für verborgene Winkel und abseitsgelegene Tische. Manche kamen paarweise, und man konnte deutlich sehen, daß die meisten dieser Paare Brüder waren. Niels hatte niemals so viele Brüder zugleich gesehen; oft waren sie sehr verschieden in Kleidung und Wesen, und ihre Hände trugen ein noch deutlicheres Zeugnis davon, wie verschieden ihre Lebensstellungen oft waren. Man konnte sehr selten, sowohl wenn sie kamen, wie auch später, wenn sie dasaßen und miteinander sprachen, irgendwelche richtige Vertrautheit zwischen ihnen entdecken; hier war der eine der Überlegene, der andere der Bewunderer, dort der eine entgegenkommend, der andere zurückhaltend, und hier war wieder eine wachsende Aufmerksamkeit auf beiden Seiten oder, schlimmer noch, eine ausgesprochene Verurteilung gegenseitiger Ziele, Hoffnungen und Mittel. Für die allermeisten von ihnen bedurfte es offenbar eines solchen Heiligabends und in Verbindung mit ihm einer gewissen Verlassenheit, um in ihnen die Erinnerung an ihren gemeinsamen Ursprung zu wecken und sie zusammenzuführen. Während Niels dasaß und hieran und an die Geduld dachte, mit der all diese Menschen warteten und weder den Kellner heranklingelten noch ihn laut zu sich riefen, als wollten sie, gleichsam nach stillschweigender Übereinkunft, das Restaurationsgepräge so viel wie möglich von diesem Ort fernhalten, – während er hieran dachte, sah er einen Bekannten eintreten, und der plötzliche Anblick eines bekannten Gesichts nach all den fremden kam ihm so überraschend, daß er nicht umhinkonnte, sich zu erheben und den Eintretenden mit einem frohen und auch verwunderten: »Guten Abend« zu begrüßen. »Erwarten Sie jemand?« sagte dieser und sah sich nach einem Haken für seinen Überrock um. »Nein; solo.« »Dann paßt es ja ausgezeichnet.« Der Neuangekommene war ein Doktor Hjerrild, ein junger Mann, mit dem Niels einige Male bei Etatsrats gesprochen hatte und von dem er, nicht aus seinen Reden, sondern aus einigen neckenden Andeutungen von seiten der Etatsrätin, wußte, daß er in religiöser Hinsicht äußerst freidenkend war; aus seinen Reden hatte er dahingegen vernommen, daß Hjerrild in politischer Hinsicht ganz das Entgegengesetzte war. Diese Art Leute traf man sonst bei Etatsrats, die sowohl kirchlich wie auch liberal waren, nicht; und der Doktor gehörte denn auch sowohl nach seinen Anschauungen wie ausdrücklich auch durch seine verstorbene Mutter zu einem jener damals recht zahlreichen Kreise, wo man die neue Freiheit teils mit skeptischen, teils mit feindlichen Blicken betrachtete und wo man in religiöser Hinsicht mehr als rationalistisch, weniger als atheistisch war, wenn man sich nicht überhaupt entweder indifferent oder mystisch stellte, was auch geschehen konnte. Man fand in diesen Kreisen, die ja übrigens sehr verschieden nuanciert waren, daß Holstein dem Herzen wenigstens ebenso nahestand wie Jütland, man fühlte nichts von der Verwandtschaft mit Schweden und machte sich nicht unbedingt etwas aus dem Dänischtum in seinen neudänischen Formen. Schließlich kannte man seinen Molière besser als seinen Holberg, Baggesen besser als Oehlenschläger, und war vielleicht ein wenig süßlich in seinem Kunstgeschmack. Unter dem Einfluß solcher oder jedenfalls naheverwandter Anschauungen und Sympathien hatte Hjerrild sich entwickelt. Er saß da und betrachtete Niels mit einem unsichern Blick, während dieser seine Beobachtungen betreffs der andern Gäste mitteilte und hauptsächlich dabei verweilte, wie sie sich fast schämten, kein Heim oder keinen heimischen Ort zu haben, der sie an diesem Abend zu sich gezogen hatte. »Ja, das verstehe ich so gut«, sagte er kalt und fast abweisend. »Man kommt am Weihnachtsabend nicht aus freien Stücken hierher, und es ist naturgemäß ein demütigendes Gefühl, vor die Tür gesetzt zu sein, mögen es nun die andern oder man selbst getan haben. Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie hier sind? Wenn Sie es nicht mögen, so sagen Sie ruhig nein.« Niels antwortete nichts weiter, als daß er den letzten Heiligabend mit seiner verstorbenen Mutter zugebracht habe. »Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte Hjerrild; »es war sehr freundlich von Ihnen, mir zu antworten, aber Sie müssen mich entschuldigen, ich bin so mißtrauisch. Ich will Ihnen sagen, man könnte sich vorstellen, daß es Leute gibt, die hierher gekommen sind, um dem Weihnachtsfest einen jugendlichen Fußtritt zu versetzen, und sehen Sie, ich bin aus Achtung vor dem Weihnachten anderer hierhergekommen. Es ist der erste Weihnachtsabend hier, den ich nicht bei einer liebenswürdigen Familie, die ich von meiner Heimat her kenne, zubringe; aber mir ist die Idee gekommen, daß ich ihnen im Wege war, wenn sie ihre Weihnachtslieder sangen. Nicht, daß sie sich geniert hätten, dazu waren sie zu tüchtig, aber es machte sie unruhig, jemanden dasitzen zu haben, für den die Lieder nur in die Luft hinaus und ohne Ziel gesungen wurden; das glaube ich wenigstens.« Fast schweigend beendeten sie ihre Mahlzeit, zündeten dann die Zigarren an und kamen überein, daß sie ihren Grog anderswo trinken wollten. Keiner von ihnen hatte Lust, den ganzen Abend die vergoldeten Spiegelrahmen und die roten Sofas, die sie all die andern Abende des Jahres vor Augen zu haben pflegten, anzustarren, und deshalb nahmen sie ihre Zuflucht zu einem kleinen Café, das sie sonst niemals besuchten. Sie erkannten sofort, daß hier ihres Bleibens nicht war. Der Wirt, die Kellner und ein paar Freunde saßen im Hintergrunde der Stube und spielten Dreiblatt mit zwei Trümpfen. Die Frau und die Tochter des Wirts sahen zu und warteten am Tische auf, aber nicht für sie; ein Kellner brachte ihnen, was sie bestellten. Sie beeilten sich zu trinken, als sie merkten, daß sie störten; denn man sprach sofort weniger laut, und der Wirt, der in Hemdsärmel dagesessen, hatte sich nicht überwinden können, sitzen zu bleiben, sondern war in seinen Rock gefahren. »Wir sind heute abend wohl so ziemlich obdachlos«, sagte Niels, als sie die Straße hinabschritten. »Ja, das ist ja ganz in der Ordnung«, war Hjerrilds etwas pathetische Antwort. Sie kamen aufs Christentum zu sprechen. Das Thema lag ja gleichsam in der Luft. Niels sprach heftig, aber ein wenig alltäglich vom Christentum. Hjerrild war es müde, die Spur von neuem mit Diskussionen zu treten, die für ihn alt waren, und er sagte plötzlich, ohne allzunahen Anschluß an das Vorhergehende: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Lyhne; das Christentum hat die Macht. Es ist dumm, sich mit der herrschenden Wahrheit zu entzweien und für die Kronprinzen-Wahrheit Propaganda zu machen.« »Dumm oder nicht dumm, von dieser Rücksicht kann nicht die Rede sein.« »Sagen Sie das nicht so leichtsinnig; es war nicht meine Absicht, Ihnen die Trivialität zu sagen, daß es in materieller Hinsicht dumm sei; ideell ist es dumm, und mehr als das. Nehmen Sie sich in acht; wenn es für Ihre Persönlichkeit nicht unvermeidlich notwendig ist, so verbinden Sie sich nicht allzu eng gerade damit. Als Dichter haben Sie ja so viele andre Interessen.« »Ich verstehe Sie gewiß nicht, ich kann mich doch nicht selbst wie einen Leierkasten behandeln und ein weniger populäres Stück herausnehmen und ein andres, das alle flöten, hineinsetzen.« »Können Sie das nicht? Es gibt Leute, die es können. Aber Sie könnten ja sagen: dies Stück spielen wir nicht. Im allgemeinen kann man nach dieser Richtung hin viel mehr, als man selbst glaubt. Der Mensch hängt nicht so fest zusammen. Wenn Sie beständig den rechten Arm stark gebrauchen, so strömt ein Übermaß von Blut hinzu, und er nimmt zu an Wachstum auf Kosten des übrigen Körpers, während die Beine, die Sie nur zu dem Aller-, Allernotwendigsten gebrauchen, ganz von selbst ein wenig dünn werden. Sie wissen doch wohl, das Bild anzuwenden? Sehen Sie nur, wie die meisten und auch wohl die ideellsten Kräfte hier zu Lande sich ausschließlich der politischen Freiheit zugewandt haben. Achten Sie darauf und lassen Sie sich das als Lehre dienen. Glauben Sie mir, es liegt für einen Menschen ein errettendes Glück darin, für eine Idee zu kämpfen, die Erfolg hat, während es so demoralisierend ist, zu der verlierenden Minorität zu gehören, der das Leben durch die Richtung, in der es sich entwickelt, unrecht gibt, Punkt für Punkt, Schritt für Schritt. Es kann nicht anders sein; denn es ist so bitterlich entmutigend, zu sehen, wie das, was man bis in die verborgenste Stille seiner Seele für die Wahrheit und das Recht hält, – zu sehen, wie diese Wahrheit von dem jämmerlichsten Troßknecht des siegenden Heeres verhöhnt und ins Gesicht geschlagen wird, sie mit Dirnennamen geschmäht zu hören, und dann nichts ausrichten zu können, nichts andres tun zu können, als sie noch treuer zu lieben, in seinem Herzen vor ihr in noch tieferer Ehrfurcht zu knien, ihr schönes Antlitz ebenso strahlend schön in derselben Hoheit und dem gleichen unsterblichen Licht zu sehen, wieviel Staub sie auch um ihre weiße Stirn aufgewirbelt hat, wie dicht und wie giftig der Nebel auch sein mag, der sich um ihren Glorienschein lagert. Es ist bitter entmutigend; es läßt sich nicht vermeiden, daß unsere Seele darunter Schaden leidet; denn es liegt so nahe, sein Herz müde zu hassen, die kalten Schatten der Verachtung um sich hervorzurufen und schmerzensbetäubt die Welt ihren Weg gehen zu lassen. Natürlich, wenn man das in sich trägt, daß man, statt das Leichtere zu wählen, sich selbst von dem Verband mit dem Ganzen lösen und sich aufrecht tragen kann, alle Fähigkeiten angespannt, alle Sympathien wachend; wenn man die vielstacheligen Peitschenhiebe der Niederlage Schlag auf Schlag, so wie sie fallen, entgegennehmen und doch seine blutende Hoffnung vor dem Sinken bewahren kann, indem man den dumpfen Lauten, die den Umschlag in unsrer Zeit prophezeien, lauscht und nach dem schwachen, fernen Schimmer ausspäht, der ein Tag ist – einstmals – vielleicht; wenn man das in sich trägt! aber versuchen Sie das nicht, Lyhne. Stellen Sie sich vor, wie das Leben eines solchen Mannes sich gestalten würde, wenn er sich ganz treu ist. Nicht sprechen zu können, ohne daß nicht Geschrei und Hohn die Spur seiner Rede aufwühlt. Alle seine Worte verzerrt, beschmutzt, verrenkt, zu häßlichen Schlingen gedreht, vor seine Füße geworfen zu sehen, und dann, bevor er sie aus dem Kehricht aufgesammelt und sie ganz entwirrt hat, dann plötzlich die ganze Welt taub zu finden. Und dann von neuem an einem andern Punkt zu beginnen mit dem gleichen Ergebnis, wieder und wieder. Und dann vielleicht das Schmerzlichste von allem, sich von edlen Männern und Frauen, zu denen er trotz ihrer verschiedenen Überzeugung mit Bewunderung und Ehrfurcht aufsieht, verkannt und verachtet zu wissen. Und so muß es sein, es kann gar nicht anders sein. Eine Opposition soll nicht erwarten, um dessentwillen angegriffen zu werden, was sie wirklich ist und will, sondern um dessentwegen, was die Macht glauben will , daß sie ist und bezweckt; und außerdem, die Macht, dem Schwächeren gegenüber angewandt, und der Mißbrauch der Macht, wie sollen das zwei verschiedene Dinge werden? Und da ist doch wohl keiner, der verlangen will, daß die Macht sich selbst schwach stellen soll, um mit gleichen Waffen gegen die Opposition kämpfen zu können. Aber darum wird der Kampf der Opposition gleich schmerzlich, gleich aufreibend. Und glauben Sie nun wirklich, Lyhne, daß ein Mann den Kampf kämpfen kann, mit all den Geierschnäbeln in sich hineingeschlagen, ohne daß er die zähe, blinde Begeisterung, die Fanatismus ist, besitzt? Und wie in aller Welt soll er für etwas Negatives fanatisch werden? Fanatisch für die Idee, daß es keinen Gott gibt! –und ohne Fanatismus gibt es keinen Sieg. Pst! Hören Sie doch!« Sie blieben vor einem hohen Erdgeschoß stehen, wo man die Vorhänge von einem der Fenster zur Seite geschoben hatte, und durch das geöffnete Schiebefenster klang, getragen von hellen Frauen- und Kinderstimmen, zu ihnen hinaus: Ein Kind, geboren in Bethlehem, Bethlehem, Des freuet sich Jerusalem, Halleluja, halleluja! Sie schritten schweigend weiter. Die Melodie, besonders die Töne des Flügels, folgten ihnen die stille Straße hinab. »Hörten Sie,« sagte Hjerrild, »hörten Sie die Begeisterung in diesem alten hebräischen Siegeshurra? – und diese beiden jüdischen Städtenamen – Jerusalem, das war nicht nur symbolisch die ganze Stadt Kopenhagen, Dänemark; das sind wir, das christliche Volk unter den Völkern.« »Es gibt keinen Gott, und der Mensch ist sein Prophet!« sagte Niels bitter, aber auch betrübt. »Ja, nicht wahr,« spottete Hjerrild; kurz darauf sagte er: »Der Atheismus ist doch grenzenlos nüchtern, und sein Ziel ist doch zu guter Letzt nichts weiter als eine desillusionierte Menschheit. Der Glaube an einen lenkenden, richtenden Gott, das ist die letzte, große Illusion der Menschheit; und was dann, wenn sie die verloren hat? Dann ist sie klüger geworden; aber reicher, glücklicher? Ich sehe es nicht.« »Aber,« rief Niels Lyhne aus, »begreifen Sie denn nicht, daß an dem Tage, wo die Menschheit frei jubeln kann: es gibt keinen Gott–, daß an dem Tage wie mit einem Zauberschlage ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen wird? Dann erst wird der Himmel der freie, unendliche Raum statt eines drohenden Späherauges sein. Dann erst ist die Erde unser, und wir gehören der Erde, wenn jene Welt der dunklen Seligkeit und der Verdammnis da draußen wie eine Blase geplatzt ist. Die Erde wird unser wirkliches Vaterland, das Heim unsres Herzens, wo wir nicht eine armselige Stunde wie fremde Gäste leben, sondern immerdar. Und welche Intensivität wird es nicht dem Leben verleihen, wenn alles in ihm enthalten ist, nichts außerhalb desselben gelegt werden soll. Der ungeheure Liebesstrom, der jetzt zu dem Gott emporsteigt, an den man glaubt, wird sich, wenn der Himmel leer ist, über die Erde herablassen, mit liebendem Gang hin zu all den schönen menschlichen Eigenschaften und Gaben, die wir verdichtet und mit denen wir dann die Gottheit geschmückt haben, um sie unsrer Liebe würdig zu machen. Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, wer vermag sie alle zu nennen? Begreifen Sie nicht, welch einen Adel es über die Menschheit ausbreiten wird, wenn sie frei ihr Leben leben und ihren Tod sterben kann, ohne Furcht vor der Hölle oder Hoffnung auf den Himmel, nur sich selber fürchtend, auf sich selber ihre Hoffnung setzend? Wie wird das Gewissen nicht wachsen, und welche Festigkeit wird es nicht geben, wenn tatenlose Reue und Demut nichts mehr zu sühnen vermögen und keine andre Verzeihung möglich ist, als das Böse, das man mit Bösem verbrach, mit Gutem wieder gutzumachen.« »Sie müssen einen wunderbaren Glauben an die Menschheit haben; der Atheismus wird ja größere Forderungen an sie stellen, als das Christentum es tut.« »Selbstverständlich!« »Selbstverständlich; aber woher wollen Sie all die starken Individuen nehmen, die Sie gebrauchen, um ihre atheistische Menschheit zusammenzusetzen?« »Nach und nach, der Atheismus soll sie selbst erziehen; weder diese Generation, noch die nächste, noch die darauffolgende werden den Atheismus tragen können, das sehe ich wohl; aber in jeder Generation wird es einzelne geben, die sich ehrlich ein Leben und einen Tod in dem Atheismus erkämpfen werden, und die werden dann im Laufe der Zeiten eine Reihe geistiger Ahnen bilden, auf die die Nachfolger mit Stolz zurückblicken und an deren Vorbild sie sich stärken können. Im Anfang werden die Verhältnisse am schwersten sein. Da werden die meisten im Kampf unterliegen, und die, die siegen, siegen mit zerfetzten Fahnen; denn ihr innerstes Mark ist noch von Tradition durchtränkt, und weil es auch im Menschen außer dem Gehirn noch so vieles gibt, was überzeugt werden soll: das Blut und die Nerven, die Hoffnung und die Sehnsucht, ja, und meinetwegen auch die Träume. Aber das hat nichts zu sagen, einmal muß es kommen, und dann werden die Wenigen die Vielen sein.« »Glauben Sie? –Ich suche nach einem Namen; könnte man dies nicht den pietistischen Atheismus nennen?« »Jeder wahre Atheismus ...« begann Niels; aber Hjerrild unterbrach ihn schnell. »Selbstverständlich!« sagte er, »selbstverständlich; lassen Sie uns nur eine einzige Pforte, ein einziges Nadelöhr für alle Kamele der Erde offen.« Zehntes Kapitel Erst im Sommer kehrte Erich Refstrup nach zweijährigem Aufenthalt aus Italien zurück. Als Bildhauer war er fortgereist, er kehrte als Maler heim, und er hatte schon Glück gemacht, hatte seine Bilder verkauft und verschiedene Aufträge bekommen. Daß es nun so, gleichsam auf den ersten Wink, gekommen war, das verdankte er der sicheren Selbstbegrenzung, mit der er sein Talent um sich zusammenzog. Er gehörte nicht zu den großen, verheißungsvollen Talenten, deren Hände jedem Lorbeer so nahe sind, deren Gang auf Erden einem Bacchuszug gleicht, der sich durch alle Gegenden hindurchjubelt, mit goldnem Samenstreuen nach allen Seiten hin und Genien auf allen ihren Panthern. Er gehörte zu den Menschen, in denen ein Traum begraben liegt, der Heiligkeit und Friede um einen kleinen Fleck in ihrer Seele ausbreitet, wo sie am meisten sie selbst und am wenigsten sie selbst sind. Und das, was sie in der Kunst, die sie besitzen, schaffen, das klingt stets von demselben sehnsuchtsvollen Refrain wieder, und jedes einzelne ihrer Werke trägt stets denselben ängstlich engen Stempel von Verwandtschaft, als seien es Bilder aus derselben kleinen Heimat, demselben kleinen Winkel tief drinnen zwischen den Bergen. Mit Erich war es also – wo er auch in den Schönheitsozean hinabtauchen mochte, stets holte er dieselbe Perle ans Licht. Seine Bilder waren klein. Im Vordergrund eine einzelne Gestalt, lehmblau in ihrem eigenen Schatten, dahinter Heideerde, Heide oder Campagna, am Horizont der rotgelbe Schein einer untergegangenen Sonne. Eins von ihnen zeigte ein junges Mädchen, das sich selbst nach Art der Italiener weissagte. Sie kniet auf einem Fleck nieder, wo die Erde bräunlich zwischen dem kurzen Gras hervorsieht. Herz, Kreuz und Anker, von geklopftem Silber, hat sie von ihrem Halsschmuck gelöst und auf die Erde gestreut; nun kniet sie, getreulich die Augen geschlossen, die eine Hand bedeckt sie, die andre ist suchend ausgestreckt nach unsagbarem Liebesglück oder bitterem Leid, das das Kreuz mildert, und dem hoffenden Alltagsschicksal der Hoffnung. Sie hat es noch nicht gewagt, die Erde zu berühren. Die Hand ist so ängstlich in dem kalten, geheimnisvollen Schatten, die Wangen glühen, und der Mund steht zwischen Gebet und Weinen. Es ist so feierlich in der Luft, die Sonnenröte droht so wild und heiß da draußen, kommt so wehmutsweich über die Heide daher. Wüßtest du nur: – Liebesglück, unsagbar – bitteres Leid, das das Kreuz mildert, oder der Hoffnung hoffendes Alltagsgeschick? Dann war ein andres, wo sie aufrecht dasteht und sich nach der braunen Heide sehnt, die Wange in den gefalteten Händen zur Ruhe gezwungen, so süß in ihrer naiven Sehnsucht, so ein klein wenig unglücklich über das häßliche Leben, das sie gehen ließ. Warum kommt nicht Eros mit küssenden Rosen; glaubt er, daß sie zu jung sei? Er sollte nur ihr Herz fühlen, wie das pocht, nur mit seiner Hand kommen; ach, es liegt eine Welt da drinnen, die Welt einer Welt; wenn die nur erwachen wollte. Warum ruft es denn nicht? Da drinnen liegt es wie eine Knospe, um all ihre Süße und Schönheit zusammengefaltet, nur für sich selber da und durch sich selbst beklommen. Denn sie weiß ja, daß es das gibt, das, von dem sie nicht weiß, was es ist. Ist es nicht warm um die deckenden Blätter gewesen, ist die Wärme nicht in sie hineingesickert, so daß sie innen licht wurden, ganz bis in ihr innerstes rötestes Dunkel hinein, wo der Duft, sich selbst ahnend, zu einer zitternden Träne duftlos zusammengepreßt liegt? Wird es niemals kommen? Soll sie nie das ausatmen, was die Ahnende besitzt, reich in ihrem Reichtum sein, soll sie nie, niemals sich entfalten und errötend erwachen, während Sonnenstrahlen glitzernd unter alle ihre Blätter hineinsausen? Sie hat wirklich keine Geduld mehr mit Eros; schon zittern ihre Lippen von dem aufsteigenden Weinen; hoffnungslos herausfordernd schweift ihr Blick durch den Raum, und ihr kleiner Kopf sinkt immer verzagter herab, wendet langsam das feine Profil in das Bild hinein, wo ein leiser Luftzug mit rötlichem Staub über dunkelgrünen Ginsterbüschen in den sherrygoldnen Himmel hineinsegelt. So malte Erich, und das, was er geben wollte, fand stets seinen Ausdruck in Bildern wie diese. Er konnte sich wohl andre erträumen, konnte sich aus dem engen Kreis hinaussehnen, innerhalb dessen er sie heraufbeschwor; aber kam er außerhalb desselben und versuchte sich auf anderen Gebieten, so überkam ihn bald das kühle, mißmutige Gefühl, daß er darauf aus war, bei andern zu leihen, und daß das, was er tat, nicht sein war. Kehrte er dann von einem solchen mißglückten Ausflug zurück, der ihn doch jedesmal mehr lehrte, als er selbst ahnte, so wurde er noch mehr als früher Erich Refstrup, gab sich noch mutiger, fast mit einer schmerzlichen Innerlichkeit, seiner Eigentümlichkeit hin und hielt sich, wo er auch ging, in einer pietätvollen Feststimmung, die jede seiner geringsten Handlungen prägte, sich in der ganzen Art und Weise zeigte, wie er mit sich selber verkehrte. Es war, als wenn die schönen Gestalten, die vor ihm aufdämmerten – jüngere Schwestern von Parmeggianinos schlankgliedrigen Frauen mit den langen Hälsen und den großen schmalen Prinzessenhänden –, mit ihm zu Tische säßen und ihm den Becher mit Bewegungen voller Adel und Anmut kredenzten und ihn in der Gewalt ihrer hellen Träume mit dem mystischen nach innen gewandten Lächeln Luinis hielten, einem Lächeln, so unergründlich fein in seiner geheimnisvollen Süße. Aber hatte er dann seinem Gott während der elf Tage treu gedient, so konnte es geschehen, daß andre Mächte in ihm die Oberhand gewannen, und er konnte von einem wahnsinnigen Drang nach groben Genüssen, nach grober Lust ergriffen werden und sich ihnen in die Arme werfen, fieberbesessen von dem menschlichen Trieb nach Selbstvernichtung, der, während das Blut brennt, wie Blut brennen kann, nach Erniedrigung, Verkehrtheit, Schmutz und Dreck strebt, mit genau demselben Maß von Kraft, das von jenem anderen, ebenso menschlichen Trieb besessen wird, dem Trieb, sich selbst zu erhalten, größer, als man selbst ist, und reiner. In solchen Augenblicken war nur wenig ihm roh oder gewaltsam genug, und es währte lange, bevor er das Gleichgewicht wiederfand, nachdem sie vorübergezogen waren; denn gewissermaßen war es ihm eigentlich nicht natürlich; er war zu gesund, zu wenig von Träumen vergiftet, und es kam fast wie ein Ausschlag in entgegengesetzter Richtung zu seiner Hingebung an die höheren Mächte der Kunst, glich fast einer Rache, als fühle sich seine Natur gekränkt durch die Wahl jenes ideellen Lebenszieles, das zu verfolgen die Umstände ihn gezwungen hatten. Indessen beherrschte dieser Kampf nach zwei Seiten hin Erich Refstrup nicht in dem Maße, daß er sich bei ihm nach außen gewandt hätte oder daß es ihm zu einem Bedürfnis geworden wäre, durch ihn sich mit seiner Umgebung in Verständnis zu setzen. Nein; er war derselbe unzusammengesetzte, lebensfrohe Bursche wie früher, ein wenig eckig durch seine Scheu vor Gefühlen, die sprechen konnten, ein wenig freibeuterhaft durch seine Fähigkeit, zuzugreifen und zu nehmen. Aber es lag ja doch trotzdem in ihm und konnte sich in stillen Stunden bemerkbar machen, gleich Glocken, die in der versunkenen Stadt auf dem Meeresgrunde läuten; und er und Niels hatten sich gegenseitig niemals so gut verstanden wie jetzt, das fühlten sie und schlossen schweigend, ein jeder für sich, neue Freundschaft miteinander; und als die Ferienzeit kam und Niels endlich einmal Ernst daraus machen mußte, seine Tante Rosalie zu besuchen, die mit Konsul Claudi in Fjordby verheiratet war, da reiste Erich mit.   Die Hauptlandstraße, die von Fjordbys reichstem Hinterland kommt, erreicht die Stadt zwischen zwei mächtigen Dornenhecken, die das Gehege für Konsul Claudis Küchengarten und seinen großen Strandgarten bilden. Wo die Landstraße dann bleibt, ob sie gerade vor des Konsuls Hofplatz, der so groß ist wie ein Markt, aufhört oder ob sie es ist, die eine Biegung macht und zwischen seiner Scheune und dem Holzplatz als Straße durch die Stadt weiterläuft, das ist eine Ansichtssache, denn viele von den Reisenden nehmen die Biegung mit und fahren weiter; aber es gibt auch viele, die anhalten und das Ziel erreicht glauben, wenn sie innerhalb des geteerten Torwegs des Konsuls angelangt sind, der stets weit offen steht, mit zurückgeschlagenen Flügeln und mit ausgespreizten, zum Trocknen aufgehängten Häuten auf diesen Flügeln. Die Gebäude des Hofes waren alle alt, mit Ausnahme des hohen Speichers, dessen langweiliges totes Schieferdach das Neueste von allem Neuem auf dem Gebiete der Baukunst in Fjordby war. Das lange niedrige Vorderhaus sah aus, als sei es in die Knie gedrückt von drei großen Giebeln, und lief in einem dunklen Winkel zusammen mit dem Brauhaus und den Stallgebäuden, in einem helleren Winkel aber mit dem Packhaus. In der dunklen Ecke lag die Hintertür, die zu dem Laden führte, der zusammen mit der Bauernstube, dem Kontor und der Leutestube eine etwas düstere Welt für sich bildete, wo der gemischte Geruch von billigem Tabak und stockfleckigen Fußböden, von Gewürzen und ranzigem Stockfisch und nassem Beiderwand die Luft so dick machte, daß man sie fast schmecken konnte. Aber war man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden Qualm von Siegellack bis in den Gang hinausgelangt, der die Grenzscheide zwischen dem Geschäft und der Familie bildete, so wurde man von dem hier herrschenden Duft von neuem Damenputz auf die milde Blumenluft der Stuben vorbereitet. Es war nicht der Duft eines Straußes, einer wirklichen Blume; es war die mystische, erinnerungsreiche Atmosphäre, die über einem jeden Heim ruht und von der niemand bestimmt sagen kann, woher sie kommt. Jedes Heim hat ihre eigene, die an tausenderlei Dinge erinnern kann: an den Geruch alter Handschuhe, an neue Spielkarten oder an offenstehende Klaviere; aber stets ist sie verschieden; sie kann von Weihrauch übertäubt werden, von Parfüms, von Zigarrenrauch, aber man kann sie nicht töten; stets kehrt sie wieder und ist da, so unverändert wie früher. Hier glich sie Blumen, nicht Levkojen oder Rosen, keiner Blume, die es gibt, sondern so, wie man sich den Duft dieser phantastischen, saphirmatten Lilienranken vorstellt, die sich in Blumen an den alten Porzellan-Vasen emporranken. Und wie sie zu diesen niedrigen, großen Stuben mit ihren ererbten Möbeln und ihrer altmodischen Zierlichkeit paßte! Die Fußböden waren so weiß, wie nur die Fußböden der Großmutter es sind; die Wände waren einfarbig, mit einer leichten, hellen Girlandenzeichnung unter dem Gesims entlang; es war eine Stuckrose mitten in der Decke, und die Türen waren kanneliert und hatten blanke Messingdrücker, die Delphinen glichen. Um die kleinscheibigen Fenster hingen luftige, filierte Gardinen, weiß wie Schnee, faltenreich und kokett mit farbigen Bandschleifen gerafft, so wie die Vorhänge vor einem Brautbett für Koridon und Phyllis; und auf dem Fensterbrett blühten in grüngesprenkelten Töpfen altmodische Blumen, blauer Agapanthus, blaue Pyramidenglocken, feinblättrige Myrten, brandrote Verbenen und schmetterlingsbunte Geranien. Aber es waren besonders die Möbel, die dem Ganzen das Gepräge verliehen, diese unerschütterlichen Tische mit den großen Flächen aus nachgedunkeltem Mahagoni, Stühle, deren Rücken sich wie ein Spahn um einen krümmen, Möbel mit Schiebladen in allen möglichen Formen, Riesenkommoden mit mythologischen Szenen in hellgelbem Holz, Daphne, Arachne und Narziß, oder auch kleine Sekretäre auf dünnen, geschnörkelten Beinen, wo jede kleine Schublade ein Mosaik aus dendritischem Marmor zeigt, das einsame, viereckige Häuser mit einem Baum in der Nähe vorstellt,– das stammt alles aus der Zeit lange vor Napoleon. Da gibt es auch Spiegel mit Blumen in Weiß und Bronze, auf Glas gemalt: Schilf und Lotus, die auf einem blanken See schwimmen; und dann ist da das Sofa, nicht diese Spielerei auf vier Beinen, mit Platz für zwei, nein, grundgemauert und massiv hebt es sich vom Fußboden ab, eine ganze geräumige Terrasse, nach jeder Seite zu in eins mit einem brusthohen Konsolenschrank gebaut, über welchem wieder ein kleiner Schrank architektonisch bis zu Mannshöhe emporsteigt und eine kostbare alte Kruke außerhalb des Bereichs der Menschenkinder stellt. Es war kein Wunder, daß sich so viele alte Sachen bei dem Konsul fanden, denn sein Vater und sein Großvater vor ihm hatten innerhalb dieser Wände ihr Leben genossen und sich ausgeruht, wenn die Arbeit auf dem Holzlager und im Kontor ihnen Ruhe ließ. Der Großvater, Berendt Berendtsen Claudi, dessen Namen das Geschäft noch führt, hatte das Haus erbaut und sich am meisten für den Laden und Produkten-Handel interessiert; der Vater hatte den Holzhandel emporgetrieben, Ackerboden zu dem Hof gekauft, die Scheune erbaut und zwei Gärten angelegt; der jetzt lebende Konsul Claudi hatte sich stark auf den Kornhandel geworfen, hatte den Speicher errichtet und seine Tätigkeit als englischer und hannoveranischer Vizekonsul und als Lloydagent mit seiner kaufmännischen Arbeit verbunden; und das Korn und die Nordsee machten ihm so viel zu schaffen, daß er nur eine dilettantische Oberaufsicht über die übrigen Zweige des Betriebes zu führen vermochte, die zwischen einem bankerotten Vetter und einem alten unliebenswürdigen Großknecht verteilt waren. Dieser Knecht setzte dem Konsul jeden Augenblick den Stuhl vor die Tür, indem er hervorhob, daß, wie es auch mit dem Kaufmannsgeschäft gehen mochte, die Felder in erster Linie bestellt werden müßten; und wenn er pflügen sollte, so konnten sie sich die Pferde zum Holzfahren nehmen, woher sie wollten, seine durften sie, hol ihn der Teufel, nicht nehmen. Da aber der Knecht tüchtig war, so war ja hierbei nichts zu machen. Konsul Claudi war Anfang der Fünfziger, ein recht ansehnlicher Mann mit regelmäßigen, bis ans Plumpe grenzenden, kräftigen Zügen, die sich ebensoleicht zu einem Ausdruck von Energie und schlauer Klugheit sammeln konnten, wie sie im nächsten Augenblick zu einem fast verschlagenen Ausdruck naschhaften, schmatzenden Genusses erschlafften; und er befand sich auch ebensosehr in seinem richtigen Element, gleichgültig, ob er bei schlauen Bauern listig einen Handel zustande brachte, oder ob er mit einer Schar eigensinniger Bergungsleute akkordierte, oder ob er bei einer letzten Flasche Portwein zwischen ergrauten Sündern den mehr als schlüpfrigen Geschichten lauschte oder sie selbst in jener unvorbehaltenen, ausmalenden Art erzählte, für die er berühmt war. Indessen war dies nicht der ganze Mann. Die Ausbildung, die er erhalten hatte, führte es mit sich, daß er sich außerhalb der Fragen von rein praktischer Natur auf fremdem Grund befand; aber deshalb sprach er nicht höhnisch von dem, was er nicht verstand, verheimlichte auch nicht, daß er sich nicht darauf verstand, und noch weniger fiel es ihm ein, mitzureden und seine Rede respektiert wissen zu wollen, mit Rücksicht darauf, daß er der ältere, praktisch erfahrene, höchstbesteuerte Bürger war. Im Gegenteil; er konnte mit einer fast rührenden Andacht dasitzen und dem Gespräch der Damen oder der jungen Leute über solche Dinge lauschen und hin und wieder mit einer umständlichen Entschuldigung eine bescheidene Frage hervorbringen, die so gut wie immer mit der größten Sorgfalt beantwortet wurde, und dann dankte er für die Antwort mit jener ganzen Verbindlichkeit, die der Ältere so hübsch in seinen Dank an den Jüngeren hineinlegen kann. Es konnte überhaupt in einzelnen, glücklichen Augenblicken etwas überraschend Zartes über Konsul Claudi liegen, ein sehnsuchtsvoller Ausdruck in seinen klaren, braunen Augen, ein wehmütiges Lächeln um seine starken Lippen, ein suchender, erinnerungsvoller Tonfall in seiner Stimme, als sehne er sich nach einer in seinen Augen besseren Welt als die, von der seine Freunde und Bekannten glaubten, daß er ihr mit Haut und Haar verfallen war. Zwischen jener besseren Welt und ihm war seine Gattin die Vermittlerin. Sie gehörte zu diesen bleichen, sanften jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht nicht den Instinkt besitzen, ihre Liebe auszulieben, bis da auch kein Selbst mehr auf dem tiefsten Grund ihrer Seelen zurückgeblieben ist. Nicht einmal den flüchtigsten Augenblick vermögen sie so zu greifen, daß sie sich blind mit fortgerissen unter die Wagenräder des Götzenbildes werfen. Das vermögen sie nicht; aber sonst können sie alles tun für den, den sie lieben. Die schwersten Pflichten können sie erfüllen, zu den schmerzlichsten Opfern sind sie bereit, und es gibt nicht die Demütigung, die zu tragen sie sich fürchten. So sind die besten unter ihnen. Es wurden nun nicht so große Forderungen an Frau Claudi gestellt; aber ganz ohne Sorge war ihre Ehe auch nicht verlaufen; es war nämlich ein offnes Geheimnis in Fjordby, daß der Konsul nicht der allertreueste Ehegatte war, oder wenigstens bis vor einigen wenigen Jahren gewesen war, und daß er mehrere uneheliche Kinder sowohl in der Stadt wie auch auf dem Lande hatte. Natürlich war das ein großer Kummer für sie, und es war ihr nicht leicht geworden, ihr Herz dazu zu zwingen, festzuhalten und nicht loszulassen in dem Aufruhr von Eifersucht, Verachtung, Zorn und Scham und krankhaftem Schrecken, der ihr damals das Gefühl eingeflößt hatte, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Aber sie kämpfte dagegen an. Es kam nicht allein kein vorwurfsvolles Wort über ihre Lippen, sondern sie verhinderte auch jedes Geständnis von seiten des Mannes, eine jede deutliche Bitte um Verzeihung und überhaupt all das, was wie ein reuiges Versprechen aussehen konnte. Sie fühlte, daß, käme es zu Worten, es sie mit sich reißen würde, weg von ihm. Schweigend sollte es getragen werden, und schweigend versuchte sie, sich mitschuldig an dem Vergehen ihres Mannes zu machen, indem sie sich der Selbstverschanzung anklagte, die aufzugeben ihre Liebe nicht stark genug gewesen war. Es glückte ihr, diese Sünde so groß zu gestalten, daß sie einen unbestimmten Drang zur Verzeihung zu empfinden vermochte, und im Laufe der Zeiten kam sie dann so weit mit sich selber, daß das Gerücht entstehen konnte, daß für die Mädchen, die der Konsul Claudi verführt hatte, und deren Kinder außer mit Geld noch anders gesorgt werde; es müsse da eine verborgene Frauenhand sein, die sie beschützte, Böses von ihnen fernhielt, sie hochhielt und sie leitete. So geschah es, daß Sünden sich in Gutes verwandelten und daß ein Sünder und eine Heilige einander besser machten. Claudis hatten zwei Kinder, einen Sohn, der ein Handelskontor in Hamburg besuchte, und eine neunzehnjährige Tochter, die Fennimore hieß, nach der Heldin in »St. Roche«, einem der Romane der Frau von Paalzow, die in Frau Claudis Mädchenzeit so sehr beliebt gewesen waren. Fennimore und der Konsul waren an dem Tage unten am Dampfer, als er Niels und Erich nach Fjordby brachte; und Niels wurde angenehm davon überrascht, daß seine Cousine hübsch war; denn bis dahin hatte er sie nur nach einer schrecklichen, alten Familien-Daguerreotypie gekannt, wo sie in einer dampferfüllten Atmosphäre mit ihrem Bruder und ihren Eltern eine Gruppe bildete, alle mit hektischem Karmin auf den Wangen und mit starker Vergoldung ihres Goldschmucks. Und nun war sie so allerliebst, wie sie dastand in ihrem hellen Vormittagsanzug, mit schmalen Schuhen und schwarzen Kreuzbändern über den weißen Strumpfspann hinauf, dastand mit dem einen Fuß auf der Kante eines Bollwerkbalkens und sich lächelnd vornüberbeugte, um ihm den Griff ihres Sonnenschirmes als »guten Tag« und »Willkommen« zu reichen, bevor noch der Dampfer richtig angelegt hatte. Wie rot waren nicht ihre Lippen und wie weiß ihre Zähne, und wie fein zeichneten sich ihre Stirn und Schläfen ab unter dem breiten Eugenienhut, durch den Schatten der lang herabhängenden schwarzen Spitze, die von jettblanken Perlen schwer war. Endlich wurde die Landungsbrücke hinausgeschoben, und der Konsul zog mit Erich von dannen, dem er sich schon vorgestellt hatte, als noch sechs Ellen Wasser zwischen ihnen lagen; gleich darauf hatte er ihn rufend in ein scherzhaftes Gespräch über die Qualen der Seekrankheit mit einer welken Hutmacherwitwe verwickelt, die auch an Bord des Dampfers war, und jetzt war er im Begriff, seine Bewunderung auf die großen Lindenbäume draußen vor dem Hause des Amtsverwalters hinzuleiten und auf den neuen Schoner, der auf Thomas Rasmussens Werft im Bau begriffen war. Niels folgte mit Fennimore. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß man oben im Strandgarten die Flagge gehißt hatte, um ihn und seinen Freund zu ehren, und dann begannen sie von Etatsrats drüben zu sprechen. Sie waren sofort einig miteinander darin, daß die Etatsrätin ein klein – ein ganz klein wenig – sie wollten das Wort nicht sagen, aber Fennimore setzte ein strammes Lächeln auf, indem sie eine katzenartige Bewegung mit der Hand machte, und das war augenscheinlich bezeichnend genug für die beiden, so wie sie lächelten, und dann sahen sie sofort wieder ernsthaft aus. Schweigend schritten sie weiter, stark in Anspruch genommen von dem Gedanken, wie der eine sich in den Augen des andern ausnehmen mochte. Fennimore hatte sich Niels Lyhne ansehnlicher vorgestellt, ausgeprägter in seinem Wesen, schärfer charakterisiert, gleichsam wie ein Wort mit einem schwarzen Strich darunter. Niels dahingegen hatte soviel mehr gefunden, als er erwartet hatte; er fand sie reizend, fast bezaubernd, trotz ihrer Kleidung, die soviel von der allzu großen Aufgeputztheit einer Provinzdame an sich hatte; und als sie die Diele des Konsuls betraten und sie ihren Hut abnahm, sich damit beschäftigend, ihr Haar mit solchen wunderbar graziösen, lässigen, weichen Bewegungen der Hand und des Handgelenks zu ordnen, da fühlte er sich so dankbar für diese Bewegungen, als seien sie eine Liebkosung gewesen; und weder diesen Tag noch den nächsten konnte er sich von dieser, ihm selbst etwas rätselhaften Dankbarkeit befreien, die zuzeiten so seltsam schwellend wurde, daß er glaubte, es würde das größte Glück sein, wenn er ihr in Worten danken dürfte, weil sie so schön und so lieblich war. Bald fühlten Erich wie auch Niels sich heimisch in dem gastfreien Hause des Konsuls, und nach Verlauf einiger weniger Tage waren sie völlig in Anspruch genommen von dem gemütlich geordneten Faulenzen, das das richtige Ferienleben bedeutet und das so schwer vor der freundlichen Überlast guter Menschen zu beschützen ist; und sie mußten alles aufbieten, was sie an diplomatischen Fähigkeiten besaßen, um all die beklemmenden Abendgesellschaften, die großen Wasserfahrten, die Sommerbälle und Dilettantenvorstellungen zu vermeiden, die beständig ihren Frieden bedrohten. Sie waren nahe daran, zu wünschen, daß das Haus und der Garten des Konsuls auf einer öden Insel lägen; und Robinson war nicht mehr von Furcht befallen, da er fremde Fußspuren im Sande fand, als sie es waren, wenn sie fremde Überröcke auf der Diele sahen oder unbekannte Arbeitstäschchen auf dem Wohnstubentisch entdeckten. Sie wollten viel lieber allein sein, denn sie waren ja noch nicht über die Mitte der ersten Woche hinausgelangt, als sie sich schon in Fennimore verliebt hatten. Nicht mit der Vollreifen Verliebtheit, die ihr Schicksal wissen muß und soll, die sich danach sehnt, zu besitzen, zu umarmen und sich geborgen zu fühlen; die war es noch nicht, es war noch das Dämmern der ersten Liebe, das wie ein seltsamer Lenz in der Luft liegt und mit einer Sehnsucht schwellt, die Wehmut ist, mit einer Unruhe, die dem leise pochenden Glück gleicht. Das Gemüt ist so weich und leicht bewegt, so bereit, sich hinzugeben. Ein Licht über der See, ein Sausen im Laub, ja nur eine Blume, die ihre Blätter auseinanderfaltet, das alles hat eine so seltsame Macht erlangt –; und unbestimmte Hoffnungen ohne Namen brechen plötzlich hervor und verbreiten Sonnenglanz über alles in der Welt, und ebenso plötzlich wieder ist keine Sonne da; ein weiches Verzagtsein segelt wolkenbreit über den Glanz dahin und malt die Funken der Hoffnung hinab in das Grau seines Kielwassers. – So mutlos, schmelzend mutlos und schmerzenssüß ergeben in sein Schicksal, das Herz voller Mitleid mit sich selber und einem Entsagen, das sich selber liebt und sich in stillen Elegien spiegelt und in Seufzern vergeht, die halbwegs Verstellung sind ... und dann wieder, dann raschelt es mit Rosen: das Traumland taucht aus dem Nebel auf, mit Golddunst über weichen Buchenkronen und duftreichem Sommerdunkel unter dem Laub, das sich über Steigen wölbt, von denen niemand weiß, wo sie enden.   Eines Abends nach dem Tee waren sie alle in der Wohnstube beisammen. Es konnte gar keine Rede vom Garten oder von etwas anderem außerhalb der vier Wände sein, denn es goß in Strömen. Sie waren eingesperrt, aber sie waren keineswegs unzufrieden damit; es lag etwas von der Traulichkeit eines Winterabends über der Stube, so zwischen seinen vier Wänden eingeschlossen zu sein, und außerdem war es so gut mit dem Regen. Alles sehnte sich so entsetzlich nach Wasser; und wenn es so recht herabspülte und mit schweren Tropfen auf den Kasten des Spions trommelte, so rief der Laut ganz flüchtig undeutliche Bilder von üppig grünen Feldern, von erfrischtem Laub hervor, und der eine und der andre sprach vor sich hin: »Wie es doch regnet!« und sah zu den Fenstern hinüber, mit einem Gefühl des Wohlbehagens und mit einem kleinen Schimmer von Genuß, in halbbewußtem Einverständnis mit dem da draußen. Erich hatte eine Mandoline geholt, die er von Italien mitgebracht, und hatte von Napoli und leuchtenden Sternen gesungen, und nun saß eine junge Dame, die zum Tee gekommen war, am Klavier und begleitete sich selber zu »Mein kleines Nest in den Bergen« und setzte A's in alle Endungen hinein, damit es recht schwedisch klingen sollte. Niels, der nicht sonderlich musikalisch war, wurde sanft melancholisch von der Musik und verfiel in Gedanken, bis Fennimore zu singen begann. Das weckte ihn. Aber nicht auf eine angenehme Weise; ihr Gesang erfüllte ihn mit Unruhe. Sie war nicht mehr das kleine Provinzmädchen, wenn sie sich dem Klang ihrer Stimme hingab; – wie sie sich doch von diesen Tönen hinreißen ließ, und wie sie in ihnen aufatmete, so rückhaltslos und frei, ja, er empfand es fast als etwas Schamloses; es war, als singe sie nackend vor ihm! Ihm wurde so heiß ums Herz, seine Schläfen klopften, und er schlug die Augen nieder. Sah denn keiner von den andern das? Nein, sie sahen es nicht. Sie war ja ganz außer sich, war weit fort von Fjordby, von Fjordbyer Poesie und Fjordbyer Gefühlen. Sie war in eine andere gewagtere Welt gezogen, wo die Leidenschaften wild auf den großen Bergen wuchsen und dem Sturme die roten Blumen schenkten. War es, weil er sich so wenig auf Musik verstand, daß er so viel in ihren Gesang hineinlegte? Er konnte es nicht ganz glauben, aber er hoffte es; denn er hatte sie viel lieber so, wie sie sonst war. Wenn sie mit einem Nähzeug dasaß und mit der sanften, ruhigen Stimme sprach, mit diesen klaren, treuen Augen aufsah, dann wurde sein ganzes Wesen von der unwiderstehlichen Gewalt eines starken und stillen Heimwehs zu ihr hingezogen. Er sehnte sich danach, sich vor ihr zu demütigen, das Knie zu beugen und sie heilig zu nennen. Stets sehnte er sich so seltsam nach ihr hin, nicht nur, wie sie war, sondern er sehnte sich nach ihrer Kindheit und allen den Tagen, wo er sie nicht gekannt hatte; und wenn sie allein waren, konnte er die Vergangenheit stets in ihrer Rede heraufbeschwören und sie dahin bringen, von ihren kleinen Leiden, ihren kleinen Verirrungen, kleinen Eigenarten, an denen eine jede Kindheit so reich ist, zu erzählen. Und er lebte in diesen Erinnerungen, beugte sich in einem unruhig eifersüchtigen Schmachten zu ihnen hin, in einem unbestimmten Begehren, zu greifen, zu teilen, eins zu werden mit diesen feinen, leise gefärbten Schatten eines Lebens, das zu reicherer und reiferer Glut aufgeflammt war. Aber nun plötzlich dieser Gesang, der so stark war, der ihm so überraschend kam, wie uns ein weiter Horizont bei der Biegung eines Weges überraschen kann und den gemütlichen Waldwinkel, der unsere ganze Welt war, zu einem winzigen Teil einer Landschaft verwandeln und die feinen, gekräuselten Linien klein und unbedeutend vor dem großzügigen Zug der Hügel und fernen Sümpfe gestalten kann! – Ach, aber die Landschaft war nur eine Fata Morgana, nur eine Phantasterei, war das, was er aus dem Gesang herausgehört hatte; denn jetzt sprach sie ja wieder, wie sie immer sprach, und war wieder so herrlich sie selbst. Er wußte es ja an hunderterlei Beispielen, welch stilles Wasser sie war, ohne Sturm und ohne Wellen, den Himmel blau mit Sternen widerspiegelnd. So liebte er Fennimore, so sah er sie, und so wurde sie auch allmählich ihm gegenüber. Nicht durch eine bewußte Verstellung, denn es lag gewissermaßen so viel Wahres darin, und es war so natürlich, wenn jedes seiner Worte, jeder Ausdruck, sein Traum und Gedanke, wenn sie alle mit dem Wunsche, der Bitte und Huldigung gerade zu dieser Seite von ihr kamen –, da war es so natürlich, daß sie sich der Verkleidung, die er ihr aufzwang, ganz anpaßte. Wie sollte sie auch darauf achtgeben können, daß jeder einzelne einen ganz richtigen Eindruck von ihr erhielt, so wie sie war, jetzt, da ihre Gedanken nur von dem Einzigen, von Erich dem Einzigen, ihrem liebeserkorenen Herrn erfüllt waren, von ihm, den sie mit einer Wildheit liebte, die ihr nicht selbst gehörte, und mit einer abgöttischen Anbetung, die sie entsetzte. Sie hatte geglaubt, daß die Liebe eine süße Würde sei, nicht solch eine verzehrende Unruhe, voller Furcht und Demütigung und Zweifel. Oft, wenn sie das Geständnis sich auf Erichs Lippen hervordrängen zu sehen glaubte, konnte es sie überkommen, als sei es ihre Pflicht, die Hand auf seinen Mund zu legen und ihn vor dem Sprechen zu warnen und sich selbst vor ihm anzuklagen und zu sagen, daß sie ihn betrüge, zu sagen, wie wenig sie seiner Liebe wert sei, wie irdisch klein, wie backfischartig sie sei, so weit entfernt von dem Erhabenen, ach, so erbärmlich niedrig und alltäglich häßlich. Sie fühlte sich so falsch unter seinen bewundernden Blicken, so berechnend, wenn sie es nicht vermied, ihm zu entgehen, und so schuldbeladen, wenn sie es nicht übers Herz bringen konnte, den lieben Gott in ihrem Nachtgebet zu bitten, seinen Sinn von ihr zu wenden, so daß eitel Tag, Hoheit und Herrlichkeit über seinem Schicksal ruhen konnte; denn sie würde ihn mit ihrer erdgeborenen Liebe herabziehen. Fast widerstrebend liebte Erich sie. Sein Ideal war immer vornehm gewesen, groß, stolz, mit stiller Schwermut in den bleichen Zügen und tempelkühler Luft um die strengen Falten des Gewandes; aber Fennimores Süße hatte ihn bezwungen. Er konnte ihrer Schönheit nicht widerstehen. Es lag eine so frische, unbewußte Sinnlichkeit über ihrer ganzen Gestalt; wenn sie ging, flüsterte ihr Gang von ihrem Körper; es lag eine Nacktheit über ihren Bewegungen, eine träumende Beredsamkeit über ihrer Ruhe, aber sie konnte nichts dafür, weder für das eine noch für das andere, es wäre ihr nicht möglich gewesen, es zu verbergen oder es zum Schweigen zu bringen, selbst wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte. Niemand sah das besser als Erich, und er wußte zur Genüge, einen wie großen Teil ihre rein körperliche Schönheit an seiner Neigung hatte; darum stritt er dagegen an, denn in seiner Seele bewegten sich hohe, schwärmerische Ideen von Liebe, Ideen, die er vielleicht nicht nur von der Tradition und Poesie übernommen hatte, sondern die aus tieferen Schichten in seiner Natur stammten als die, die im allgemeinen in seinem Wesen zum Ausdruck gelangten. Woher sie auch sein mochten, sie mußten weichen. Noch hatte er Fennimore seine Liebe nicht gestanden; aber dann geschah es, daß »Berendt Claudis Andenken« zurückkam und draußen auf der Reede lag. Weiter oben im Fjord sollte er löschen, deshalb ging er nicht in den Hafen hinein; und da der Konsul sehr stolz auf seinen Schoner war und ihn seinen Gästen zeigen wollte, so ruderte man eines Abends hinaus, um dort Tee zu trinken. Das Wetter war prachtvoll, ganz windstill, und alle waren sie aufgelegt, sich zu amüsieren. Die Zeit verging auch gut, man trank englischen Porter, biß in englische Biskuits hinein, die groß waren wie Monde, und aß gesalzene Makrelen, die auf der Reise über die Nordsee gefangen worden waren. Man pumpte mit der Schiffspumpe, bis sie schäumte, wippte mit dem Kompaß, zog das Wasser aus den Wassertonnen mit dem großen blechernen Schöpfer heraus und hörte den Steuermann auf einer achteckigen Handharmonika spielen. Es war ganz dunkel, als sie sich anschickten, nach Hause zu fahren. Sie ruderten in zwei Abteilungen, Erich, Fennimore und einige der älteren in der Schiffsjolle, die übrigen im Boot des Konsuls. Das erste Boot sollte vorausrudern, erst eine Biegung nach draußen machen und dann langsam hineinrudern, während die andern in gerader Linie an Land fuhren; und die Ursache zu dieser Anordnung war die, daß man hören wollte, wie der Gesang an einem stillen Abend wie dieser über das Wasser hin klingen würde. Deshalb saßen Erich und Fennimore zusammen auf der hintersten Bank des ersten Bootes, sie hatten die Mandoline mitgenommen. Aber lange dachte man nicht an den Gesang, denn als man die Ruder auslegte, zeigte es sich, daß ein ungewöhnlich starkes Meerleuchten im Wasser war, und das nahm sie alle ganz in Anspruch. Leise glitt das Boot dahin, und die glanzlos glatte Fläche wurde von den fortlaufenden Linien und Kreisen eines milden, weißen Lichts durchfurcht, das nur gerade in dem Strich leuchtete, in dem sie fuhren, und nur, wo es am stärksten war, einen feinen, matten Schein, gleich einem Lichtrauch, von sich über die Umgebung hinaussandte. Weiß glänzte es um die Ruder auf und glitt in zitternden Kreisen um die Ruder rückwärts hinweg, in Kreisen, die schwächer und schwächer wurden; und von den Blättern der Ruder spritzten helle Tropfen in einem Phosphorregen auf, der in der Luft erlosch, aber, Tropfen auf Tropfen, das Wasser entzündete. Es war so still über dem Fjord, und der Takt der Ruderschläge maß gleichsam die Stille in gleichgroße Pausen ab. Dämpfend und weich lag die graue Dämmerung über der schweigenden Tiefe, und Boot und Leute waren zu einer dunklen Einheit gesammelt, aus der der schwache Schein des Meerleuchtens nur die dahingleitenden Ruder und hin und wieder einen Strick, der nachschleppte, und das ruhige, braune Gesicht des Matrosen auslöste. Niemand sprach; Fennimore kühlte ihre Hand in dem Wasser, und sie und Erich saßen zurückgelehnt und starrten nach dem Phosphornetz hinaus, das sich lautlos hinter dem Boot herzog und ihre Gedanken in seinem lichten Gewebe einfing. Ein Ruf nach Gesang drüben vom Lande her weckte sie, und sie sangen einige italienische Romanzen zusammen zu der Begleitung der Mandoline. Dann wurde es wieder still. Endlich legten sie neben der kleinen Landungsbrücke an, die sich vom Strandgarten hinausschob. Das Boot des Konsuls lag leer neben der Brücke, und die Gesellschaft hatte sich ins Haus begeben. Die Tante und die andern gingen auch hinauf, aber Erich und Fennimore blieben stehen und sahen dem Boot nach, das zum Schiff zurückruderte. Die Gartenpforte daroben fiel ins Schloß, das Geräusch der Ruder wurde schwächer und schwächer, und die Bewegung des Wassers um die Brücke erstarb. Dann strich ein Windhauch durch das dunkle Laub um sie her, gleich einem Seufzer, der sich versteckt hatte und der jetzt ganz leise die Blätter hob und wegflog und sie einsam zurückließ. Fast gleichzeitig wandten sie sich einander zu, vom Wasser ab. Er ergriff ihre Hand, zog sie langsam, fast fragend, an sich und küßte sie dann. »Fennimore«, flüsterte er, und sie schritten durch den dunklen Garten. »Du hast es so lange gewußt«, sagte er. Sie antwortete ja. Dann schritten sie weiter, und dann fiel die Pforte wieder ins Schloß. Erich konnte nicht schlafen, als er schließlich auf sein Zimmer hinaufgekommen war, nachdem er mit den Gästen Kaffee getrunken und sich an der Haustür von ihnen verabschiedet hatte. Es war keine Luft hier drinnen; er öffnete die Fenster; dann warf er sich auf das Sofa und lauschte. Er wollte wieder hinaus. Wie laut es doch in diesem Hause war! Er konnte die Morgenschuhe des Konsuls hören, und nun öffnete Frau Claudi die Küchentür, um zu sehen, ob das Feuer gelöscht war. – Was nur Niels zu dieser Zeit der Nacht aus seinem Koffer holen wollte! – Da! – Da war eine Maus hinter der Holztäfelung. Jetzt ging da jemand auf Socken über den Boden. – Jetzt gingen da zwei. – Endlich! Er öffnete die Tür, die zu dem dahinter liegenden Gastzimmer führte und lauschte; dann öffnete er das Fenster dort ganz leise und sprang rittlings über das Gesimse in den Hof hinab. Durch die Rollstube konnte er nämlich in den Strandgarten hinausgelangen. Wenn jemand ihn sähe, wollte er sagen, er habe die Mandoline unten auf der Brücke vergessen und wolle sie vor dem Tau retten. Darum trug er sie auf dem Rücken. Der Garten war jetzt heller; es rührte sich ein leiser Lufthauch, und ein klein wenig Mond war zu sehen, der einen zitternden Silberstreifen von der Landungsbrücke bis hinaus zu »Berendt Claudis Andenken« spann. Er trat hinaus auf den Damm, der den Garten beschützte und der sich von dort in scharfem Winkel um einen großen, aufgedämmten Platz bis an die Mole des Hafens hinauszog. Während der ganzen Strecke balancierte er auf den unbequemen, großen, schrägen Steinen entlang. Ein wenig außer Atem, erreichte er den Kopf des Hafens und setzte sich dort auf eine Bank. Hoch über seinem Haupte bewegte die rote Laterne des Hafenfeuers sich leise mit einem seufzenden Laut von Eisen hin und her, und die Flaggenleine klatschte sanft gegen die Stange. Der Mond wurde klarer, aber nicht viel, und warf ein vorsichtiges, grauweißes Licht über die stillen Fahrzeuge im Hafen und über das Wirrwarr der Dächervierecke und die weißen schwarzäugigen Giebel der Stadt. Und dahinter, hoch über dem Ganzen, erhob sich der Kirchturm licht und ruhig. Er lehnte sich träumend zurück, und eine Welle unendlicher Wonne und unsagbaren Jubels schwoll in seinem Herzen an und ließ ihn sich so reich und erfüllt von Macht und Lebenswärme fühlen. Es war ihm, als könne Fennimore jeden Liebesgedanken hören, der aus seinem Glück emporwuchs, Ranke in Ranke und Blume über Blume; und er erhob sich, griff rasch über die Mandoline hin und sang im Triumph der schlafenden Stadt da drinnen zugewandt: Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen, Sie lauschet zu mir hinauf! Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen, Sie lauschet zu mir hinauf! Immer von neuem wiederholte er die Worte des alten Volksliedes, wenn seine Brust zu zerspringen drohte. Allmählich wurde er ruhiger; die Erinnerung an die Stunden vergangener Tage, wo er sich am schwächsten, am geringsten und am verlassensten gefühlt hatte, drängten mit einem kleinen spannenden Schmerz hervor, gleich dem, der die ersten Tränen in unsern Augen erstehen läßt; und er setzte sich auf die Bank, und während seine Hand beschwichtigend auf den Saiten der Mandoline lag, starrte er über die weitgestreckte Fläche des graublauen Fjords hinaus, wo sich die Mondbrücke, an dem dunklen Schiff vorbeiblitzend, bis zu der feinen, melancholischen Linie der Morsöhügel hinüberspannte, gezogen von wolkenblauem Land, durch einen Nebeldunst von Weiß. Und die Erinnerungen drängten sich hervor, milder und milder, sie hoben sich empor zu lichteren Ländern, strahlten gleichsam in einer Morgenröte von Rosen – – – – – – mein Mädchen! Er sang vor sich hin: Wach liegt auf dem Lager mein Mädchen, Sie lauschet zu mir hinauf! Elftes Kapitel Drei Jahre sind verstrichen, Erich und Fennimore sind seit zwei Jahren verheiratet, und sie bewohnen ein kleines Landhaus draußen am Mariager Fjord. Niels hat Fennimore seit jenem Sommer in Fjordby nicht gesehen. Er lebt in Kopenhagen, kommt viel unter die Leute, verkehrt aber mit keinem intim, außer mit Doktor Hjerrild, der sich selbst alt nennt, weil sich in seinem dunklen Haar weiße Fäden zu zeigen beginnen. Diese unerwartete Verlobung war ein harter Schlag für Niels, und er ist ein wenig schlapper davon geworden, auch etwas bitterer und weniger vertrauensvoll; er kann Hjerrilds Mißmut nicht mehr so viel Begeisterung entgegensetzen. Er ist noch immer in seine Studien vertieft, aber sie sind planloser, und der Gedanke, fertig zu werden, vorzutreten und zuzugreifen, hat nur ein flackerndes, unsicheres Leben. Er kommt viel unter die Leute, aber er lebt nicht mit ihnen; wohl interessieren sie ihn, aber er macht sich nicht das geringste daraus, daß sie für ihn Interesse fassen; und schwächer und schwächer, das merkt er, wird die Macht in ihm, die ihn hätte vorwärtstreiben sollen, um das Seine zu tun, die andern für oder wider sich. Er kann warten, sagt er, selbst wenn er warten sollte, bis es zu spät ist. Wer glaubt, der hat keine Eile; das ist seine Entschuldigung. Denn er hat Glauben genug, das fühlt er, wenn er wirklich in sich selbst auf den Grund gehen soll, Glauben genug, um Berge zu versetzen; aber er kann sich nicht dazu überwinden, den Rücken dagegenzustemmen. Zuweilen steigt ein Schaffensdrang in ihm auf, voll Sehnsucht, einen Teil seiner selbst in seiner Arbeit befreit zu sehen, und ganze Tage lang kann sein Wesen angespannt sein von frohen, titanischen Anstrengungen, den Ton für seinen Adam zu kneten; aber es gelingt ihm nie, ihn seinem Vorbild ähnlich zu formen; er hat nicht Ausdauer genug, die Selbstkonzentrierung, die hierfür erforderlich ist, am Leben zu erhalten. Er braucht Wochen, um die Arbeit aufzugeben, aber er gibt sie doch auf und fragt gereizt sich selbst, warum er fortfahren sollte: was kann er noch gewinnen? Er hat das Glück der Empfängnis genossen. Es bleibt nur noch die Arbeit des Aufziehens übrig, zu hegen, zu nähren, es voll auszutragen, – warum? Für wen? Er ist kein Pelikan, sagt er. Aber er kann sagen, was er will, er ist doch mißvergnügt und fühlt, daß er den Forderungen nicht entsprochen hat, die er sich selbst stellte, und es hilft ihm nichts, daß er mit diesen Forderungen ins Gericht geht und daran zu zweifeln versucht, ob ihre Ansprüche an ihn begründet sind. Er steht einer Wahl gegenüber, und er muß wählen. Denn es ist ja so, daß, wenn die erste Jugend vorüber ist, früh oder spät, je nachdem der Naturgrund eines Menschen ist, früh oder spät, so dämmert der Tag hervor, wo die Resignation wie der Versucher zu uns kommt und uns dazu verlocken will, dem Unmöglichen Lebewohl zu sagen und sich zufrieden zu stellen. Und die Resignation hat so vieles, was für sie spricht; denn wie oft sind nicht die idealen Forderungen der Jugend zurückgewiesen, ist ihre Begeisterung beschämt und ihre Hoffnung vernichtet worden! – Die Ideale, die lichten, die holden, die haben wohl noch nichts von ihrem Glanz verloren, aber sie wandern nicht länger auf Erden mitten zwischen uns, wie in den ersten Tagen unserer Jugend; über die breit basierte Treppe der Weltklugheit sind sie, Schritt für Schritt, in den Himmel zurückgeleitet worden, von wo unser einfältiger Glaube sie herabgeholt hatte; und da sitzen sie, strahlend, aber fern, lächelnd, aber müde, in göttlicher Unwirksamkeit, während der Weihrauch einer tatenlosen Anbetung stoßweise in festlichen Windungen zu ihrem Thron hinaufgewirbelt wird. Niels Lyhne war müde; diese häufigen Anläufe zu einem Sprung, der niemals gesprungen wurde, hatten ihn ermattet. Alles erschien ihm hohl, wertlos, verdreht und verwirrt, und außerdem so klein; er fand, es sei das Natürlichste, sich Ohren und Mund zu verstopfen und sich dann in seine Studien zu vertiefen, die nichts mit dem Dunst der Welt zu schaffen hatten, sondern die wie eine stille Meerestiefe für sich waren, mit friedlichen Tangwäldern und wunderlichen Tieren. Er war müde, und die Wurzel seiner Müdigkeit war aus seiner verfehlten Liebeshoffnung entsprungen; von dort hatte sie sich schnell und sicher über sein ganzes Wesen, über all seine Fähigkeiten und Gedanken ausgebreitet. Jetzt war er kalt und leidenschaftslos genug; aber in jener ersten Zeit, als der Schlag ihn getroffen hatte, war seine Liebe gewachsen, Tag für Tag, mit der unaufhaltsamen Macht einer Fieberkrankheit, und es hatte Augenblicke gegeben, wo seine Seele, von wahnsinniger Leidenschaft getrieben, wie eine Welle angeschwollen war, in unendlicher Sehnsucht und schäumendem Verlangen sich erhoben hatte und fortgesetzt gestiegen und gestiegen war, bis jede Fiber seines Gehirns, jede Saite seines Herzens bis an die äußerste Grenze gespannt war. Dann folgte die Müdigkeit, erschlaffend und heilend; sie hatte seine Nerven unempfindlich gegen den Schmerz, sein Blut zu kalt für Begeisterung, seinen Puls zu schwach für die Handlung gemacht. Und mehr als das; sie hatte ihn davor geschützt, zurückzufallen, indem sie ihm die ganze Vorsicht, den ganzen Egoismus eines Rekonvaleszenten verlieh; und wenn er jetzt an die Tage in Fjordby zurückdenkt, so geschieht es mit denselben Gefühlen von Geborgenheit, die der, der kürzlich eine schwere Krankheit durchgemacht hat, in dem Gedanken findet, daß jetzt, wo er sein Leiden gelitten und das Fieber sich selbst bis zur Asche in seinem Körper verzehrt hat, er eine lange, lange Weile frei sein wird. – Und dann geschah es, daß er, als Erich und Fennimore, wie gesagt, zwei Jahre verheiratet gewesen waren, an einem Sommertage einen halb jämmerlichen, halb prahlenden Brief von Erich erhielt, in dem er sich anklagte, seit geraumer Weile seine Zeit vergeudet zu haben; aber er wisse nicht, woran es liege, ihm kämen keine Ideen mehr. Es seien frische, lustige Leute, mit denen er in der Gegend verkehrte, gar nicht prüde oder verschroben, aber der Kunst gegenüber die reinen Dromedare. Es gäbe nicht einen Menschen, mit dem er ordentlich reden könne, und er sei in einen Dusel von Trägheit und Mißstimmung geraten, den er nicht zu überwinden vermöge; denn niemals sähe er eine Idee oder Stimmung, so wie früher, oder werde er inspiriert, so daß ihm oft ganz angst und bange werde, daß es nun mit ihm vorbei sei, daß er niemals mehr etwas schaffen werde. Aber es könne doch unmöglich immer so weitergehen, es müsse doch wiederkommen, er sei zu reich gewesen, als daß es so enden könne, und dann wolle er ihnen zeigen, was Kunst sei, den andern, die immer weitermalten, als wenn das etwas sei, was sie auswendig gelernt hätten. Vorläufig sei es indessen so, als habe sich ein Zauber auf ihn gelegt, und es würde von Niels ein Freundschaftsdienst sein, wenn er an den Mariager Fjord käme, er solle es so gut haben, wie die Umstände es erlaubten, und er könne ja ebensogut dort Sommerferien machen, wie anderswo. Fennimore grüße, sie würde sich sehr freuen. Dieser Brief sah Erich so wenig ähnlich, und es mußte wirklich etwas Ernsthaftes vorliegen, da er so klagen konnte. Dies sah Niels sofort ein, und er wußte auch, wie wenig stark die Quelle von Erichs Produktion war – nur ein kleiner Bach, den ungünstige Verhältnisse leicht auszutrocknen vermochten. Er wollte sofort reisen; was immer auch geschehen war, Erich sollte in ihm einen volltreuen Freund finden; und was die Jahre auch an Banden gelöst und an Illusionen ausgerupft haben mochten, jene Freundschaft aus ihren Kindheitstagen, die wenigstens wollte er zu schützen wissen. Er hatte Erich früher gestützt, er wollte ihn jetzt stützen. Ein fanatisches Freundschaftsgefühl ergriff ihn. Er wollte auf Zukunft verzichten, auf Ruhm, auf ehrgeizige Träume, auf alles, Erichs wegen. Alles, was er an schwellender Begeisterung und gärender Schöpferkraft besaß, wollte er auf Erich setzen; er wollte in Erich aufgehen; er selbst, seine Ideen, alles war bereit, nichts sollte ihm gehören, und er träumte sich den groß, der so unsanft in sein Leben eingegriffen hatte, und sich selbst ausgelöscht, unbeachtet, arm, ohne geistiges Eigentum, und er träumte weiter, wie das, was Erich erhalten hatte, allmählich keine Anleihe mehr war, sondern ihm wirklich gehörte durch den Stempel, den er ihm gab, indem er es in die Tat und ins Werk umsetzte. Erich in Hoheit und Ehre, und er nur einer der vielen, vielen Gewöhnlichen, wirklich nicht mehr; notgezwungen arm zuletzt, nicht freiwillig; ein wirklicher Bettler und kein Prinz in Lumpen ... und es war so süß, sich so bitterlich gering zu träumen. Aber Traum ist Traum, und er lachte über sich selbst und dachte daran, daß Leute, die ihr Eigenes versäumen, stets die Mittel haben, eine Unendlichkeit von Interessen für die Arbeit andrer zu opfern; und er dachte auch daran, daß Erich, wenn sie einander von Angesicht zu Angesicht gegenüberstünden, seinen Brief verleugnen, es ins Scherzhafte ziehen und es unglaublich komisch finden würde, wenn er wirklich hinging und sich bereit meldete, ihm wieder zu seinem Talent zu verhelfen. Trotzdem reiste er; im innersten Innern glaubte er, daß er nützen könne, und wie er auch versuchte es sich auszureden, es anzuzweifeln; er konnte sich doch nicht von dem Gefühl freimachen, daß es wirklich die alte Knabenfreundschaft war, die in ihrer ganzen Naivität, in all ihrer Wärme erwacht war, den Jahren und allem, was den Jahren angehörte, zum Trotz.   Das Landhaus am Mariager Fjord gehörte einem älteren Ehepaar, das aus Gesundheitsrücksichten gezwungen war, sich auf unbestimmte Zeit im Süden niederzulassen. Sie hatten nicht daran gedacht, das Haus zu vermieten, damals, als sie bei der Abreise ein halbes Jahr fortzubleiben glaubten; und deshalb hatten sie alles stehen lassen, so daß Erich, als er das Haus voll möbliert mietete, es im buchstäblichen Sinne tat; er bekam es mit Nippesgegenständen, Familienbildern und allem, ja, selbst mit einer Bodenkammer voller Gerümpel, die Schreibtischschubladen voll alter Briefe. Erich hatte das Haus entdeckt, als er nach seiner Verlobung von Fjordby abgereist war; und da sich hier alles vorfand, dessen sie bedurften, und noch mehr dazu, und da er daran dachte, sich nach Verlauf von einigen Jahren eine Zeitlang in Rom niederzulassen, so hatte er den Konsul dazu bewegen, mit der Anschaffung der Aussteuer zu warten; und sie waren in Marianelund wie in ein Hotel eingezogen, nur daß sie ein paar Koffer mehr mit sich führten als Reisende im allgemeinen. Das Haus lag mit der Fassade nach dem Fjord zu, keine zehn Meter vom Wasser entfernt; es hatte ein ganz gewöhnliches Äußere, oben einen Balkon, unten eine Veranda, und dahinter lag ein junger Garten, dessen Bäume nicht viel dicker als Spazierstöcke waren; dafür ging man aber vom Garten geradeaus in einen prachtvollen Buchenwald, mit offnen Heideflecken und weiten Schluchten zwischen weißen Lehmhügeln. So war Fennimores neues Heim, und eine Zeitlang war es so hell, wie das Glück es zu schaffen vermochte; denn sie waren ja jung und verliebt, gesund und frisch und ohne Sorgen für ihr Auskommen, das geistige so wenig wie das leibliche. Aber jedes Glücksschloß, das sich erhebt, steht auf einem Grund, der mit Sand vermischt ist; und der Sand wird sich ansammeln und unter den Mauern fortrinnen, langsam vielleicht, unmerklich vielleicht; aber er rinnt und rinnt, Korn für Korn ... Und die Liebe? – Auch die Liebe ist kein Fels, wie gerne wir es glauben möchten. Sie liebte ihn von ganzer Seele mit der Heftigkeit, der zitternden Glut der Angst; und er war ihr mehr denn ein Gott, war ihr weit näher, – ein Abgott, den sie anbetete, ohne Rückhalt, über die Maßen. Seine Liebe war so stark wie die ihre, aber ihr fehlte die feine, männliche Zartheit, die die liebende Frau vor sich selbst beschützt und über ihrer Würde wacht. Es mahnte ihn wohl wie eine dunkle Pflicht, rief wie eine leise Stimme, aber er wollte nicht hören; denn sie war so betörend in ihrer blinden Liebe, und ihre Schönheit, die an die unbewachte Üppigkeit und den demütigen Liebreiz einer Sklavin erinnerte, reizte und spornte ihn zu einer Leidenschaft ohne Grenzen und ohne Gnade an. Steht nicht irgendwo in der alten Mythe von Amor, daß er seine Hand auf Psyches Augen legt, bevor sie, süß berauscht, durch die glühende Nacht dahinsausen? Arme Fennimore! Wenn sie von dem Feuer ihres eignen Herzens hätte verzehrt werden können, der, der sie hätte beschirmen sollen, würde in die Flammen hineingeblasen haben; denn er glich jenem trunknen Herrscher, der, mit der Mordbrandfackel in seiner Hand, beim Anblick seiner brennenden Königsstadt jubelte, weil er seinen Rausch mit spielenden Flammen steigerte, bis die Asche ihn nüchtern machte. Arme Fennimore! sie wußte nicht, daß die schwellende Hymne des Glücks so oft gesungen werden kann, bis weder Melodie noch Wort zurückbleibt, sondern nur eine Wirrnis von Trivialität; sie wußte nicht, daß der Rausch, der heute emporhebt, seine Kraft den Flügeln des morgenden Tages entlehnt; und als dann schließlich die Nüchternheit schwer zu tagen anhub, da begann sie zitternd zu verstehen, daß sie sich bis zu einer süßen Verachtung vor sich selbst und voreinander herabgeliebt hatten, zu einer süßen Verachtung, deren Süße Tag für Tag schwächer und schließlich bitter wurde. Sie wandten sich voneinander ab, so weit, wie das sich tun ließ, er, um von einem verratenen Ideal von höhnischer Hoheit und kühlem Liebreiz zu träumen, sie, um in verzweifeltem Sehnen hinüberzustarren nach dem stillen, jetzt so unendlich fernen Ufer ihrer Mädchentage. Tag für Tag wurde es schwerer für sie, die Scham brannte wild in ihren Adern, und ein erstickender Überdruß ihrer selbst ließ ihr alles unglücklich und hoffnungslos erscheinen. Es war eine kleine, leere Kammer da, in der nichts anderes vorhanden war als einige Koffer, die sie von Hause mitgebracht hatte; und dort saß sie oft, Stunde auf Stunde, bis die Sonne draußen über der Welt unterging und die Kammer mit rötlichem Licht erfüllte; dort marterte sie sich mit Gedanken, die spitzer waren als Dornen, und schlug sich selbst mit Worten, weit schärfer als mit Geißeln, bis sie vor Qual und Pein verworren ward und einen betäubenden Trost darin suchte, sich auf den Fußboden zu werfen, wie ein Gegenstand voll widerlicher Fäulnis und Hefe, ein Aas in sich selbst, der zu unreine Sitz für eine Seele. – Die Dirne ihres Mannes – dieser Gedanke verließ ihr Herz nie; mit ihm warf sie sich verächtlich in den Staub zu ihren Füßen, mit ihm sperrte sie jede Hoffnung auf Wiedererhebung aus, mit ihm versteinerte sie jede Erinnerung an das Glück. Allmählich bemächtigte sich ihrer eine harte, eine brutale Gleichgültigkeit; sie hörte auf zu verzweifeln, wie sie zu hoffen aufgehört hatte; ihr Himmel war eingestürzt, und sie fühlte kein Bedürfnis, ihn wieder zu einer Wölbung emporzuträumen; sie stellte keine Forderung an die Seligkeit, sie war nicht zu gut für die Erde, und die Erde nicht für sie, sie waren einander würdig; sie warf ihren Haß nicht auf Erich, auch zog sie sich nicht in Abscheu vor ihm zurück, sie nahm im Gegenteil seine Küsse entgegen, denn sie verachtete sich zu sehr, um sich ihnen entziehen zu müssen, sie war ja seine Frau, die Frau eines Mannes! Auch für Erich war es bitter, zu erwachen, obgleich er sich mit der prosaischen Weitsichtigkeit des Mannes selbst gesagt hatte, daß es notgedrungen einmal so kommen mußte. Aber als es kam, als die Liebe nicht mehr Ersatz für alle Entbehrungen bot und als der glitzernde Goldschleier, in dem sie zu ihm auf die Erde hinabgestiegen war, wegwehte, da empfand er es wie eine Erschlaffung aller Lebensgeister, wie ein Sinken aller Fähigkeiten; dies machte ihn so ärgerlich und besorgt, daß er sich mit einem fieberhaften Eifer seiner Kunst zuwandte, um sich davon zu überzeugen, daß er nicht auch noch etwas andres verloren hatte als das Glück. Aber er erhielt nicht die Antwort, die er erhofft hatte; er geriet auf einige unglückliche Ideen, die er nicht vorwärts brachte und die ganz aufzugeben er sich doch nicht bequemen konnte. Er konnte nichts Rechtes aus ihnen herausbekommen, fuhr aber trotzdem fort, sich mit ihnen zu beschäftigen, und verhinderte, daß andre Ideen sich vordrängten und ihn an sich zogen, und er wurde mutlos und unzufrieden und verfiel in grübelnden Müßiggang, weil die Arbeit so tödlich widerwillig war und weil er dachte, daß er nur zu warten brauche, dann würde der Geist schon wieder über ihn kommen. Aber es zog sich länger und länger hinaus; sein Talent blieb gleich unfruchtbar, und hier an dem stillen Fjord war in seinem Verkehr nichts, das befruchtend auf ihn einwirken konnte, und hier waren auch keine Künstlerkameraden, deren Siege ihn aufregen konnten, weder zum Wettlauf noch zu einer schöpferischen Opposition. Diese Unwirksamkeit wurde unleidlich für ihn, und er sehnte sich heftig danach, sich selber zu fühlen, gleichgültig wie oder wodurch; und da sich nichts zeigte, begann er, sich einem Kreis älterer und jüngerer Landbewohner anzuschließen, die unter der Anführung eines sechzigjährigen Jagdjunkers die Trübseligkeit des Landlebens durch solche Ausschweifungen milderten, wie sie ihre nicht allzu reiche Phantasie, stark begrenzt durch ihren ziemlich einseitigen Geschmack, zu ersinnen vermochte. Der eigentliche Kern der Zerstreuungen war Trinken und Kartenspiel, und das blieb immer das gleiche, ob die Schale, die sie umgab, Jagdausflug genannt wurde oder Jahrmarktreise. Auch machte es keinen sonderlichen Unterschied, daß man hin und wieder den Schauplatz nach einer der nahegelegenen Provinzstädte verlegte und dort im Laufe eines Nachmittags wirkliche oder eingebildete Geschäfte mit den Kaufleuten anknüpfte; denn die Entscheidung fand stets abends im Kruge statt, dessen Wirt mit großer Menschenkenntnis alle Leute von der richtigen Farbe zu ihnen auf Nummer Sicher wies. Waren umherreisende Schauspieler in der Stadt, so ließ man die Kaufleute laufen, denn die Schauspieler waren viel umgänglicher, nicht so zurückhaltend der Flasche gegenüber und im allgemeinen gewillt, sich der leider nur selten mit völligem Erfolg gekrönten Wunderkur zu unterwerfen, nämlich: sich in Genever nüchtern trinken zu lassen, nachdem man sich in Champagner betrunken hatte. Der Hauptstamm dieses Kreises bestand aus Pächtern und kleinen Gutsbesitzern jeglichen Alters, aber es befand sich auch ein massiver junger Geck, ein Branntweinbrenner, darunter und ein weißhalsiger Hauslehrer, der mindestens die letzten zwanzig Jahre kein Hauslehrer gewesen war, sondern mit einem Seehundsfellkoffer und einer grauen Mähre, von der man scherzhaft behauptete, er habe sie bei einem Pferdeschlächter gestohlen, der Reihe nach als Gast bei ihnen lebte. Er war ein schweigsamer Trinker, ein großer Flötenvirtuose, und man nahm an, daß er Arabisch könne. Zu dem, was der Jagdjunker seinen Stab nannte, gehörte auch ein Rechtsanwalt, der stets neue Geschichten erzählte, und dann ein Doktor, der nur eine einzige wußte: die von Anno sechs aus Lübecks Belagerung. Sehr weit verzweigt war dieser Kreis, und es traf sich wohl so gut wie niemals, daß alle versammelt waren; aber wenn jemand die Kompagnie gar zu lange schnitt und sich zu Hause hielt, so ließ der Jagdjunker einen Aufruf an alle Treuen ergehen, und man zog dann aus, um des Abtrünnigen Ochsen zu besehen, worunter zu verstehen war, daß man sich zwei, drei Tage auf dem Hof des Unglücklichen einquartierte und dort alles so arg wie möglich auf den Kopf stellte, mit Saufen und Spielen und anderen ländlichen Streichen, zu denen die Jahreszeit einladen mochte. Während eines solchen Strafbesuchs geschah es einmal, daß die Gesellschaft so lange eingeschneit war, daß Kaffee, Rum und Zucker dem Wirt allmählich ausgingen; zuletzt mußte man sich mit einem Kaffeepunsch begnügen, der von Zichorie gekocht, mit Sirup gesüßt und mit Branntwein durchsetzt war. Es war überhaupt eine sehr grobkörnige Bande, mit der Erich sich eingelassen hatte; aber Leute von einer so riesenhaften Lebenskraft konnten sich freilich in zivilsierteren Vergnügungen nicht Luft machen, und die unerschöpfliche Laune, die sie besaßen, und ihre breite, bärenhafte Gemütlichkeit nahm wirklich viel von der Roheit weg. Wäre Erichs Talent nur mit dem Brouwers oder Ostades verwandt gewesen, so würde diese auserlesene Sammlung von Zechbrüdern eine wahre Goldmine für ihn geworden sein, aber so wie die Dinge nun einmal lagen, war die Ausbeute für ihn wie für die andern nur die, daß man sich vorzüglich amüsierte. Gar zu sehr; denn bald wurde dieses tolle Zechen ihm ganz unentbehrlich und nahm nach und nach seine ganze Zeit in Anspruch; und wenn er sich auch hin und wieder seine Unwirksamkeit vorwarf und sich selbst gelobte, daß dies ein Ende haben sollte, so wurde er doch von der Leere und der geistigen Ohnmacht, die er jedesmal dann verspürte, wenn er zu arbeiten versuchte, beständig zu dem alten Leben zurückgetrieben. Den Brief, den er eines Tages an Niels geschrieben hatte, als seine ewige Unfruchtbarkeit dadurch, daß sie nie ein Ende nehmen wollte, ihm gleichsam den Eindruck einer Auszehrung gemacht hatte, die sein Talent angriff, – diesen Brief bereute er, sobald er abgesandt war, und er hoffte, Niels würde seine Klagen in ein Ohr hinein- und zum andern wieder herausspazieren lassen. Aber Niels kam, der fahrende Freundschaftsritter in eigner Person, und ihm wurde denn auch der halb abweisende, halb klägliche Willkomm zuteil, den die fahrenden Ritter stets von denen erhalten, um derentwillen sie den Rosinante aus dem warmen Stall herausgezogen haben. Da Niels indessen vorsichtig war und abwartete, so taute Erich bald auf, und die alte Vertraulichkeit zwischen ihnen wurde wieder ins Leben zurückgerufen. Und es war Erich ein Bedürfnis, sich auszusprechen, zu klagen und zu bekennen; er wurde fast durch einen physischen Trieb dazu gezwungen. Eines Abends – es war nach Schlafenszeit, und Fennimore hatte sich zur Ruhe begeben – saßen sie in der dunklen Wohnstube bei ihrem Kognak-Grog. Nur das Glühen ihrer Zigarren zeigte, wo sie waren; und dann ein vereinzeltes Mal, wenn Niels sich ganz in seinen Stuhl zurücklehnte, sah man sein emporgewandtes Profil sich schwarz von den dunklen Fenstern abheben. Sie hatten ziemlich viel getrunken, besonders Erich, während sie von alten Zeiten auf Lönborghof sprachen, damals als sie noch Knaben waren. Jetzt war durch Fennimores Weggehen eine Pause entstanden, und keiner von ihnen schien Lust zu haben, sie zu unterbrechen; denn die Gedanken rollten so angenehm weich, während sie schläfrig lauschten, wie das Blut, warm von dem aufsteigenden Rausch, in ihren Ohren sang. »Wie töricht man doch mit zwanzig Jahren war!« ertönte schließlich Erichs Stimme; »Gott mag wissen, worauf man wartete und wie man es sich in den Kopf gesetzt hatte, daß es so etwas gäbe? Wir hatten ja freilich die gleichen Namen dafür, wie die wirklichen Dinge sie haben; aber das, was wir meinten, das war doch so etwas ganz andres im Vergleich zu dem zahmen Gottessegen, den wir bekamen. Eigentlich ist das Leben nicht viel wert. Was meinst du?« »Ach, ich weiß nicht; ich lass es für das gelten, was es ist. Im allgemeinen lebt man ja eigentlich gar nicht recht. Die meiste Zeit ist man nur da. Könnte man sich das Leben in einem ganzen, großen, appetitlichen Kuchen ausliefern lassen, in den man hineinbeißen dürfte ... Aber so, so bissenweise! – das ist nicht lustig.« »Sage mir, Niels – nur mit dir kann man von solchen lächerlichen Dingen reden; aber ich weiß nicht, du bist so sonderbar dabei. Sag mir – hast du etwas in deinem Glas? – Gut! – Hast du jemals an den Tod gedacht?« »Ich! ach ja, und du?« »Ich meine nicht bei Beerdigungen, du, oder wenn man krank ist, aber sonst, wenn man so nichtsahnend dasitzt, so kann es mich überfallen, gleichwie eine ... wie eine Verzweiflung geradezu. – Ich sitze da und starre in die Luft und schaffe nichts, kann nichts schaffen, und dann, dann merke ich geradezu, wie die Zeit mir enteilt, die Stunden, Wochen, Monate! Ohne Inhalt fahren sie an mir vorüber, und ich vermag sie nicht mit meiner Arbeit festzunageln. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine; das ist ja nur solch ein Gefühl von mir, aber ich möchte mich mit etwas, was ich geschaffen habe, an sie anklammern können. Siehst du: wenn ich ein Bild male, so gehört die Zeit, die ich dazu gebrauche, stets mir, oder sie gibt mir etwas; sie ist nicht vorüber, weil sie verstrichen ist. Ich könnte krank werden, wenn ich daran denke, wie die Tage dahineilen – unaufhaltsam. – Und ich habe nichts, oder ich kann nicht dazu gelangen. Das ist eine Qual; ich kann so wütend werden, daß ich im Zimmer auf und ab gehen und etwas ganz Blödsinniges singen muß, damit ich vor Wut nicht weinen soll, und dann bin ich nahe daran, verrückt zu werden, wenn ich Halt mache und daran denke, daß die Zeit inzwischen vergangen ist und vergeht, während ich denke und auf und ab gehe. Es gibt nichts so Jämmerliches, wie Künstler zu sein; hier stehe ich, gesund und stark; ich kann sehen, mein Blut ist warm und reich; mein Herz klopft; meinem Verstande fehlt nichts, und ich will arbeiten, aber trotzdem kann ich nicht, ich kämpfe und greife nach etwas Unsichtbarem, das sich nicht greifen läßt, zu dem keine Anstrengung mir verhelfen kann, und wenn ich mich auch abmühte, bis das Blut unter den Fingernägeln hervorspritzte. Was soll man tun, um eine Inspiration, um eine Idee zu bekommen? Ich kann mich zusammennehmen, soviel ich will; ich kann versuchen, an nichts zu denken, hinauszugehen und mich umzusehen, ohne zu suchen; aber nein! nie, niemals das Allergeringste; nur das Gefühl, daß die Zeit jetzt draußen bis an die Taille in der Ewigkeit steht und die Stunden an sich heranzieht, so daß sie vorbeirutschen, zwölf weiße und zwölf schwarze, ohne Aufenthalt, ohne Aufenthalt. Was soll ich tun? da muß doch etwas sein, was man tut, wenn es so bestellt ist; ich kann doch nicht der erste sein, wie? weißt du nichts?« »Reise.« »Nein, nicht das; wie kommst du darauf? du glaubst doch nicht, daß es mit mir aus ist?« »Mit dir aus ist! nein; aber ich dachte, die neuen Eindrücke ...« »Die neuen Eindrücke! das ist es ja gerade. Hast du niemals von Menschen reden hören, die genug Talent hatten, solange sie in ihrer ersten Jugend standen und frisch und voller Hoffnung und Pläne waren; aber dann, als diese verschwanden, da war auch ihr Talent weg – und kam niemals wieder.« Er schwieg lange. »Sie reisten, Niels, nach neuen Eindrücken. Das war ihre fixe Idee; der Süden, der Orient, alles vergebens; es glitt von ihnen ab wie von Spiegeln. Ich habe ihre Gräber in Rom gesehen. Zwei von ihnen. Aber es sind viele, viele. – Der eine wurde verrückt.« »Das habe ich noch niemals früher von Malern gehört!« »Ja. – Woran glaubst du, daß das liegen mag? Ist es ein verborgener Nerv, der zersprungen ist? oder trägt man selbst schuld daran? Etwas, was man verraten oder vielleicht verbrochen hat, wer weiß! Eine Seele ist ein so zerbrechliches Ding, und niemand weiß, wie weit die Seele in einem Menschen reicht. – Man sollte gut gegen sich selber sein.– – Du!« Seine Stimme klang leise und weich. »Ich habe auch zuweilen diese Sehnsucht fortzureisen, weil ich mich so leer fühle; ich habe sie in dem Maße, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst; aber ich finde, daß ich es nicht wagen darf, denn, den Fall gesetzt, daß es nichts hülfe und daß ich einer von denen bin, die ich vorhin erwähnte. Was dann! Stell dir vor, daß ich von Angesicht zu Angesicht mit der Gewißheit zu stehen käme, daß es mit mir aus sei, daß ich nicht das geringste, gar nichts besäße, daß ich nichts auszurichten vermöchte, stell dir vor: nichts auszurichten vermöchte; das elendeste Geschöpf von einem Menschen, der verachtetste Hund von einem Krüppel, ein erbärmlicher Kastrat! – was meinst du, wo würde ich hinabgleiten? Und siehst du, das ist ja nicht unmöglich. Die erste Jugend liegt hinter uns, und Illusionen und derlei Dinge besitze ich, weiß Gott, nicht allzuviel. Es ist merkwürdig, wieviele man davon zusetzt, und ich habe doch nicht zu den Leuten gehört, die sich darüber freuen, wenn sie sie los werden; mir erging es nicht so wie euch andern, die ihr zu Frau Boye kamt; ihr konntet es gar nicht abwarten, euch gegenseitig die Zierfedern auszurupfen, und je kahler ihr wurdet, desto mehr kröpftet ihr euch. Aber das ist ja übrigens ganz gleichgültig. Einmal verliert man die Federn doch.« Dann schwiegen sie. Die Luft war bitter vom Zigarrenrauch, widerlich vom Kognak, und sie seufzten schwer über all den Dunst hier drinnen und dann über ihre sehr schweren Herzen. Hier saß er jetzt, Niels, der sechzig Meilen gereist war, um zu helfen, saß da und mußte sich über den kälteren Teil seiner Natur schämen. Denn was vermochte er zu tun, wenn es zur Sache kam? Sollte er malerisch mit Erich sprechen, viele Worte gebrauchen mit Purpur und Ultramarin, triefend von Licht und im Schatten watend. Der Traum von etwas Ähnlichem hatte, damals als er reiste, sein Gehirn bewegt. Wie lächerlich war das! Helfen! – Man konnte vielleicht die Göttin mit den geschlossenen Händen von der Tür eines Künstlers wegjagen, aber das war auch das Höchste. Man kann ihm nicht mehr zum Schaffen verhelfen, als man, wenn er gelähmt wäre, ihm dazu verhelfen könnte, daß er selbst den kleinen Finger in die Höhe höbe. Nicht, wenn man auch noch so sehr angefüllt wäre von Herz, von Mitgefühl, Opferfreude und allem, was generös ist. – Auf sich selber achtgeben, das war das, was man tun sollte; das war gesund, und das war nützlich; aber natürlich war es leichter, in die Luft hinein, ganz bis in die höchsten Himmel hinauf, sein Herz schalten und walten zu lassen. Da war nur das dabei auszusetzen, daß es so grenzenlos unpraktisch und so betrübend erfolglos war. – Auf sich selber achtgeben, und das zwar gut; daraufhin würde man nicht selig, man brauchte aber seine Augen vor keinem niederzuschlagen, weder vor Gott noch vor den Menschen. Niels bekam reichlich Gelegenheit, mißmutige Betrachtungen über die Ohnmacht des guten Herzens anzustellen; denn all der Nutzen, den er ausrichtete, war, Erich für einen Monat oder doch mehr als sonst ans Haus zu fesseln. Indessen hatte er nicht Lust, gerade in der warmen Zeit nach Kopenhagen zurückzukehren, er mochte auch nicht ins Unendliche hinein Gast sein, deshalb mietete er sich bei einer Bauernfamilie drüben auf der andern Seite des Fjords ein, nicht weiter entfernt, als daß er in einer Viertelstunde nach Marianelund hinüberrudern konnte. Er konnte ja ebensogut hier sein wie anderswo. Jetzt kannte er außerdem die Gegend, und er gehörte zu den Menschen, die sich leicht von der jeweiligen Örtlichkeit einfangen lassen; und dann hatte er ja seinen Freund hier und seine Cousine Fennimore; das war Grund genug, besonders da es keinen Menschen auf der Welt gab, der ihn irgendwo erwartete. Damals, als er hinüberreiste, hatte er genau überlegt, wie er sich Fennimore gegenüber verhalten wollte, besonders, wie er zeigen wollte, daß er völlig vergessen hätte, so daß er nicht einmal mehr wüßte, als sei etwas zu vergessen gewesen. Vor allen Dingen: keine Kälte, eine herzliche Gleichgültigkeit, ein oberflächliches Entgegenkommen, eine höfliche Sympathie; so sollte es sein. Das war indessen alles überflüssig. Die Fennimore, die er vorfand, war eine ganz andere als die, die er verlassen hatte. Sie war noch schön, ihre Gestalt war üppig und ebenso schön wie früher, und sie hatte die gleichen lässigen, zögernden Bewegungen, die er früher so sehr bewundert hatte; aber in dem Ausdruck um ihren Mund lag eine traurige Gedankenlosigkeit wie bei einer, die zuviel gedacht hat, und aus ihren sanften Augen sprach eine arme, kümmerliche, gequälte Grausamkeit. Er verstand es gar nicht; aber jedenfalls ward es ihm klar, daß sie etwas andres zu tun hatte, als sich seiner zu erinnern, und daß sie den Erinnerungen, die er jetzt erwecken konnte, völlig gefühllos gegenüberstand. Sie sah ganz aus wie jemand, der seinen Entschluß gefaßt und sich alles so übel zurechtgelegt hat, wie nur möglich. Allmählich fing er an zu buchstabieren und zusammenzulegen, und eines Tages, als sie am Strande spazierten, begann er zu verstehen. Erich räumte in seinem Atelier auf; und wie sie dort am Wasser gingen, kam das Mädchen mit einer ganzen Schürze voll Gerümpel und warf es am Strande hin. Es waren alte Pinsel, Bruchstücke von Abgüssen, zerbrochene Spachtel, gesprungene Ölflaschen und ein ganzer Haufe leerer Farbentuben. Niels stieß mit dem Fuß darin herum, und Fennimore sah zu, mit jener unbestimmten Entdeckerlust, die Leute altem Gerümpel gegenüber stets empfinden. Plötzlich zog Niels den Fuß zurück, als habe er sich verbrannt; er besann sich aber sofort und fuhr schnell in dem Haufen umher. »Ach, zeig mir das einmal«, sagte Fennimore und legte die Hand auf seinen Arm, um ihn aufzuhalten. Er beugte sich nieder und zog einen Gipsabguß hervor, eine Hand, die ein Ei hielt. »Das muß ein Irrtum sein«, sagte er. »Nein, sie ist ja zerbrochen«, sagte sie ruhig und nahm sie ihm weg. »Sieh, der Zeigefinger fehlt«, zeigte sie; aber da sie gleichzeitig entdeckte, daß das Gipsei durchgeschnitten und daß mit gelber Farbe ein Dotter hineingemalt war, errötete sie ein wenig, sie beugte sich vornüber und schlug langsam und bedächtig die Hand mit einem Stein in kleine Stücke. »Weißt du noch damals, als sie gegossen wurde?« fragte Niels, um etwas zu sagen. »Ja, ich wurde mit grüner Seife eingerieben, damit der Gips nicht an der Hand hängen bleiben sollte. Meinst du das?« »Nein, ich denke daran, wie Erich den Abguß deiner Hand am Teetisch herumgehen ließ. Erinnerst du dich nicht noch: als er zu deiner alten Tante kam, da traten ihr Tränen in die Augen, und im tiefsten Mitleid mit dir, drückte sie dich an sich und küßte dich auf die Stirn, als habe man dir ein Leid angetan.« »Ja, die Leute sind so gefühlvoll.« »Ach nein; wir lachten ja über sie, aber es lag doch etwas Feines darin, obgleich es so sinnlos war.« »Ja, es gibt viel von dieser sinnlosen Feinheit.« »Du willst dich mit mir zanken, scheint es.« »Nein, das will ich nicht; da ist nur etwas, was ich dir gern sagen möchte. Du wirst doch wohl nicht böse, wenn ich ein wenig offenherzig bin. – Nun, dann sage mir, glaubst du nicht, daß, wenn ein Mann zum Beispiel etwas in Gegenwart seiner Frau erzählen will, das ein wenig grob ist, oder wenn er überhaupt, deiner Ansicht nach, ein wenig rücksichtslos gegen sie ist, glaubst du dann nicht, daß es überflüssig ist, daß du dagegen protestierst, indem du dich übertrieben feinfühlend und ganz entsetzlich ritterlich stellst? Man muß doch annehmen, daß der Mann seine Frau am besten kennt und weiß, daß es ihr nicht schaden oder sie verletzen kann; sonst täte er es ja nicht. Nicht wahr?« »Nein, das ist nicht wahr, so im allgemeinen nicht; aber hier und auf deine Autorität hin, kann ich ja gern ja sagen.« »Ja, tu das; du kannst davon überzeugt sein, daß Frauen nicht solche ätherische Wesen sind, wie so mancher gute Junggeselle sie sich erträumt; sie sind wirklich nicht zarter als die Männer, und sie sind gar nicht anders als die Männer; glaub mir, der Ton, aus dem die beiden geknetet wurden, ist ein wenig schmutzig gewesen.« »Liebste Fennimore, du weißt gottlob gar nicht, was du selbst sagst; aber du bist sehr ungerecht gegen die Frauen, gegen dich selbst; ich glaube an die Reinheit des Weibes.« »An die Reinheit des Weibes, was meinst du mit der Reinheit des Weibes?« »Ich meine ... ja ...« »Du meinst – ich will es dir sagen, du meinst gar nichts, denn dies ist auch eine von diesen sinnlosen Feinheiten. Eine Frau kann nicht rein sein, sie soll nicht rein sein, wie sollte sie das sein? Was ist das für eine Unnatur? Ist sie aus Gottes Hand mit der Bestimmung, es zu sein, hervorgegangen? Antworte mir! – Nein, und zehntausendmal nein. Was ist das denn für ein Wahnsinn? Warum wollt ihr uns denn mit der einen Hand bis zu den Sternen hinaufheben, wenn ihr uns doch mit der andern herabziehen müßt. Könnt ihr uns nicht auf Erden neben euch hergehen lassen, Mensch neben Mensch, und nicht das geringste mehr! Es ist uns ja unmöglich, sicher auf der Prosa dahinzuschreiten, wenn ihr uns mit eurem Irrlicht von Poesie blind macht. Laßt uns in Ruhe! Um Gottes willen laßt uns in Ruhe!« Sie setzte sich nieder und weinte. Niels verstand viel; Fennimore wäre unglücklich gewesen, hätte sie gewußt, wie viel. Es war ja zum Teil die alte Geschichte von dem Festgericht der Liebe, das nicht tägliches Brot werden will, sondern beständig Festgericht bleibt, nur schaler, Tag für Tag widerlicher, immer weniger nahrhaft wird. Und der eine kann das Wunder nicht tun, und der andre kann es auch nicht; und da sitzen sie jetzt in ihren Festgewändern und geben acht darauf, daß sie einander zulächeln und festliche Worte gebrauchen; in ihrem Innern aber herrscht eine Qual von Hunger und Durst, und ihre Blicke beginnen sich voreinander zu fürchten; denn der Haß sprießt in ihren Herzen. War das nicht das erste, und war es dann nicht zweitens auch die andre, ebenso traurige Geschichte von der Verzweiflung einer Frau darüber, daß sie sich nicht selbst zurücknehmen kann, wenn sie entdeckt, daß der Halbgott, deren Braut sie fröhlich war, nur ein ganz gewöhnlicher Sterblicher ist? Erst die Verzweiflung, die unnütze Verzweiflung und dann die nützliche Erschlaffung, war es nicht das? Er glaubte, daß es so war; und er verstand es alles, die Härte bei ihr, die herbe Demut und ihre Roheit, die für sie der herbste Tropfen in dem ganzen Becher war. Allmählich begriff auch er, wie lästig seine Rücksichtnahme, seine ehrerbietige Huldigung ihr sein mußte, sie reizen mußte, weil es für eine Frau, die von dem Purpurlager ihrer Träume auf das Steinpflaster hinausgestürzt ist, so nahe liegt, jeden einzelnen fast zu hassen, der Teppiche über die Steine breiten will; denn in der ersten Bitterkeit will sie gerade die Härte in ihrer ganzen Stärke fühlen; sie läßt sich nicht daran genügen, den Weg auf ihren Füßen zurückzulegen; sie will ihn auf den Knieen entlangkriechen, und das gerade da, wo er am steilsten ist und die Steine am spitzigsten sind. Sie will keine Hand oder Hilfe, will ihren Kopf nicht erheben; laß ihn so schwer wiegen, wie er wiegen mag, sie muß ihr Gesicht ganz tief im Staube wissen, den sie mit ihrer Zunge schmecken will. Sie tat Niels so leid, aber er ließ sie in Ruhe, so wie sie es wollte. Es war so schwer, sie leiden zu sehen, nicht helfen zu dürfen, weit davon zu sitzen und sie in dummen Träumen glücklich zu träumen oder in kluger Ärzteweisheit abzuwarten und zu berechnen, sich selbst so traurig und so klug zu sagen, daß es keine Linderung gibt, bevor ihre alte Hoffnung auf den feinen, funkelnden Reichtum des Lebens sich ganz verblutet hat und ein trägerer Lebensstrom durch die Adern ihres Wesens zu rinnen beginnt und sie schlaff genug gemacht hat, um zu vergessen, schwer genug, um sich zu begnügen, und schließlich, schließlich grob genug, um sich an der Seligkeit einer Stickluft zu erfreuen, viele Himmel tiefer als die, der sie sich entgegensehnte und für die sie sich so flehentlich, so angstvoll Schwingen erbeten hatte, um sie erreichen zu können. – Widerwillen gegen alles ergriff ihn, wenn er so daran dachte, daß sie, vor der er einst in seinem Herzen demütig und anbetend gekniet hatte, daß sie so tief hinabgezwungen, in Knechtschaft gestoßen werden sollte, daß sie am Gitter stehen und frieren sollte, während er hoch zu Pferd vorüberritt und die großen Geldstücke des Lebens in seiner Tasche klingelten.   Eines Sonntagnachmittags Ende August ruderte Niels über den Fjord. Er fand Fennimore allein zu Hause; sie lag drinnen in der Eckstube auf einem Sofa, als er kam, und bei jedem Atemzug jammerte sie mit einem kurzen, regelmäßigen Stöhnen, daß einem die Schmerzen zu erleichtern scheint, wenn man krank ist. Sie sagte, sie habe solche schreckliche Kopfschmerzen und niemand sei zu Hause, um ihr zu helfen. Das Mädchen habe die Erlaubnis erhalten, zu ihren Eltern nach Hadssund zu gehen, und kurz, nachdem sie gegangen, sei jemand gekommen und habe Erich geholt; sie könne nicht begreifen, wohin sie in dem Regenwetter gefahren seien. Jetzt habe sie hier ein paar Stunden gelegen und zu schlafen versucht, aber daran sei gar nicht zu denken vor Schmerzen. Sie habe das noch niemals gehabt, und es sei so plötzlich gekommen – heute mittag habe ihr noch gar nichts gefehlt – zuerst in den Schläfen und dann tiefer und tiefer drinnen, gleichsam hinter dem Auge – wenn es nur nicht gefährlich sei. Sie kenne es gar nicht, krank zu sein, und fühle sich so erschreckt und unglücklich. Niels tröstete sie nach besten Kräften, sagte, sie solle stillliegen, die Augen schließen und schweigen; er suchte einen dicken Schal hervor, den er um ihre Füße legte, holte Essig aus dem Büfett und machte einen nassen Umschlag zurecht, den er ihr auf die Stirn legte. Dann setzte er sich still ans Fenster und sah in den Regen hinaus. Von Zeit zu Zeit schlich er auf den Zehenspitzen zu ihr hin, wechselte den Umschlag, ohne zu sprechen, nickte ihr nur zu, wenn sie dankbar zwischen seinen Händen zu ihm emporsah. Zuweilen wollte sie sprechen, aber er wehrte alle Worte mit beschwichtigender Miene ab, indem er den Kopf schüttelte; dann ging er wieder an seinen Platz zurück. Endlich schlief sie ein. Eine Stunde verging, und noch eine, und sie schlief noch immer; die eine Viertelstunde glitt langsam in die andre über, während das trübselige Tageslicht mehr und mehr abnahm und die Schatten des Zimmers nach und nach wuchsen und aus den Möbeln und den Wänden aufstiegen. Und der Regen da draußen strömte weiter, gleichmäßig und unablässig, alles, was an Lauten lebte, mit seinem rieselnden Sausen dämpfend. Sie schlief noch immer. Die Essigdämpfe und der Vanillegeruch von den Heliotropen in den Fenstern vereinigten sich zu einem säuerlichen Weinduft und füllten die Luft, die, warm von ihrem Atem, einen immer dichteren Tau über die grauen Fensterscheiben legte, je mehr draußen die Kühle des Abends zunahm. Er war jetzt weit weg in Erinnerungen und Träumen, während doch die ganze Zeit ein Teil seines Bewußtseins bei der Schlafenden Wache hielt und ihren Schlaf verfolgte. Ganz allmählich, während die Dunkelheit zunahm, ermüdete die Phantasie von den aufflackernden und immer wieder erlöschenden Träumen, so wie das Erdreich müde wird, beständig dieselbe Frucht hervorzubringen; und die Träume wurden matter, unfruchtbarer, ohne üppige Einzelheiten, und wurden steif, sie verloren ihre lang emporschießenden, seltsam gewundenen Ranken. Und der Sinn ließ es alles fallen, das Ferne, und kehrte heim. – Wie still war es nicht! Befanden sie sich nicht, er wie auch sie, auf einer Insel des Schweigens, die sich über dem einförmigen Tonmeer des Regens erhob? Und ihre Seelen waren still, so still und geborgen, während die Zukunft in einer Friedenswiege zu schlummern schien. Möchte sie nie erwachen, möchte alles so bleiben wie jetzt, auch nicht das geringste Glück mehr als das, was im Frieden lag; aber dann auch keinen Kummer, keine rollende Unruhe! Könnte sich dieser Lebensaugenblick doch schließen, wie eine Knospe sich um sich selber schließt, möchte kein Frühling mehr kommen! Fennimore rief; sie hatte eine Zeitlang wach gelegen, so glücklich, sich von Schmerzen befreit zu fühlen, daß sie nicht daran gedacht hatte, zu sprechen. Jetzt wollte sie sich erheben und Licht anzünden, aber Niels fuhr fort, den Arzt zu spielen, und zwang sie, liegen zu bleiben. Es sei nicht gut für sie, schon jetzt aufzustehen, er habe Streichhölzer und würde die Lampe schon finden. Als er sie angezündet hatte, stellte er sie in die Ecke auf die Blumentreppe, so daß die runde, weißleuchtende Kuppel halbwegs von dem feinen schlummernden Laub einer Akazie versteckt war, und es wurde gerade so hell im Zimmer, daß sie ihre Gesichter sehen konnten. Er setzte sich vor sie hin, und sie sprachen vom Regen, davon, wie gut es sei, daß Erich seinen Regenmantel mitgenommen hatte, und wie naß die arme Trine werden würde. Dann geriet das Gespräch ins Stocken. Fennimores Gedanken waren noch etwas schläfrig, und die Schlaffheit, die sie überfallen hatte, ließ es sie angenehm empfinden, so dazuliegen und halbwegs zu denken, ohne zu sprechen, und Niels war auch nicht zur Unterhaltung aufgelegt, er stand noch unter dem Bann des langen Schweigens dieses Nachmittags. »Magst du dies Haus leiden?« sagte Fennimore endlich. »Ach ja, ganz gern.« »Wirklich! entsinnst du dich der Möbel daheim?« »In Fjordby? – ganz deutlich!« »Wie ich sie liebe, und wie ich mich oft nach ihnen sehne! Diese hier, das sind ja nicht unsre, die sind nur gemietet, haben nichts mit uns zu tun; sie tragen für uns keine Erinnerungen an irgend etwas in sich, und wir werden auch nicht länger mit ihnen leben, als wir hier bleiben. Du findest wohl, daß das seltsam ist; aber ich versichre dich, ich fühle mich oft so einsam zwischen all den fremden Möbeln, sie stehen hier so gleichgültig und so dumm und lassen mich sein, wer ich bin, ohne sich das geringste aus mir zu machen. Und da sie mir nicht folgen sollen, sondern nur bleiben werden, bis andre kommen und sie mieten wollen, so kann ich mich auch gar nicht an sie anschließen oder mich für sie interessieren, wie ich es tun würde, wenn ich wüßte, daß mein Heim stets ihr Heim sein würde und daß das, was das Leben an Gutem oder Bösem bringen wird, mich mitten zwischen ihnen treffen würde. Findest du, daß das kindisch ist? Vielleicht ist es das, aber ich kann nichts dafür.« »Ich weiß nicht, was es ist; ich habe es selbst erfahren, damals, als ich allein im Ausland blieb. Meine Uhr wollte nicht gehen, und als ich sie dann vom Uhrmacher zurückbekam und sie wieder ging, da war es so ... so, wie du es meinst. Ich mochte es gern, es lag etwas Eigenartiges in dem Gefühl – wirklich etwas Gutes.« »Ja, nicht wahr! ach, ich würde sie geküßt haben, wäre ich du gewesen.« »Wirklich?« »Sage mir,« fragte sie plötzlich, »du hast mir niemals etwas von Erich erzählt, damals als er ein Knabe war. Wie war er eigentlich?« »Alles, was gut und schön war, Fennimore. Prächtig, brav, das Knabenideal eines Knaben in jeder Hinsicht, nicht gerade das Ideal einer Mutter oder eines Lehrers, aber das andre, was viel besser ist.« »Wie vertrugt ihr euch, hattet ihr einander gern?« »Ja, siehst du, ich war ganz verliebt in ihn, und er hatte nichts dagegen, so ungefähr war es; wir waren nämlich so verschieden. Ich ging nun immer einher, wollte Dichter werden und berühmt; aber weißt du, was er am liebsten werden wollte, als ich ihn eines Tages darnach fragte? – Indianer, ein richtiger, roter Indianer mit Kriegszeichen und all dem andern! Das konnte ich gar nicht verstehen, ich erinnere mich dessen noch; ich konnte nicht begreifen, daß man sich wünschte, ein Wilder zu werden; so zivilisiert war ich nun einmal.« »Aber war es dann nicht seltsam, daß er Künstler werden wollte?« fragte Fennimore, und es lag etwas Kaltes und Feindliches in dem Ton, in dem sie fragte. Niels bemerkte es und stutzte. »Ach nein,« sagte er dann, »es ist eigentlich selten, daß Menschen ihrer ganzen Natur nach Künstler werden. Und gerade solche offne, lebensgeübte Menschen wie Erich sehnen sich oft so unendlich nach dem, was zart und fein ist: das feine, jungfräulich Kalte, das süß Erhabene, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Nach außen hin können sie robust und vollblütig genug sein, ja, sie können sogar grob sein, und keiner ahnt, was für seltsame, romantische und gefühlvolle Geheimnisse sie mit sich führen, weil sie so schamhaft sind; so seelisch schamhaft, meine ich, sind sie, diese großen hartauftretenden Männer: keine bleiche kleine Jungfrau kann in ihrer Seele schämiger sein als sie. Verstehst du, Fennimore, daß ein solches Geheimnis, das nicht mit schlichten Worten in die gewöhnliche, alltägliche Luft hineinerzählt werden kann, daß das einen Menschen zum Künstler zu stimmen vermag? Und sie können es nicht aussprechen, verstehst du, sie können nicht; man muß daran glauben, daß es da ist und still da drinnen lebt wie eine Zwiebel unten in der Erde, denn hin und wieder sendet es ja seinen duftenden, farbenfeinen Blumenschatz zum Licht hinauf. Verstehst du, verlange nichts für dich selbst von dieser Blumenkraft; glaube an sie, freue dich, sie nähren zu können und zu wissen, daß sie da ist. – Zürne nicht, Fennimore, aber ich fürchte, daß du und Erich nicht gut zueinander seid. Kann das nicht anders werden? Denke nicht daran, wer recht hat, auch nicht an die Größe des Unrechts; du sollst nicht gerecht gegen ihn sein; denn wohin würden die Besten von uns mit Gerechtigkeit kommen; nein, aber denke an ihn, wie er in der Stunde war, als du ihn am heißesten liebtest. Glaube mir, er ist dessen würdig, du sollst nicht messen, nicht abwägen; es gibt Augenblicke in der Liebe, das weiß ich, voll von einer lichten, hoheitsvollen Ekstase, wo man, wenn es verlangt würde, sein Leben für den Geliebten opfern könnte. Nicht wahr? Denke jetzt daran, Fennimore, vergiß es nicht, sowohl seinetwillen wie auch deinetwegen.« Er schwieg. Auch sie sprach nicht; sie lag still da, ein schweres Lächeln um die Lippen, bleich wie eine Blume. Dann erhob sie sich halb und streckte Niels die Hand entgegen. »Willst du mein Freund sein?« sagte sie. »Das bin ich, Fennimore«, und er ergriff ihre Hand. »Willst du, Niels?« »Stets«, antwortete er und führte ihre Hand ehrerbietig an seine Lippen. Dann erhob er sich, aufrechter, schien es Fennimore, denn je zuvor. Kurz darauf kehrte Trine heim und meldete sich, und dann wurde Tee getrunken, und schließlich folgte eine Ruderfahrt durch den traurigen Regen. Am lichten Morgen kam Erich zurück; und als Fennimore in dem kalten, nüchternen Tageslicht ihn sich auskleiden sah, um zu Bett zu gehen, schwer und unsicher vom Trunk, glasäugig vom Spiel und schmutzigbleich von der durchwachten Nacht, da erschienen ihr die holden Worte, die Niels gesprochen hatte, ganz phantastisch, und die lichten Versprechungen, die sie sich in ihrem stillen Sinn gegeben hatte, verblaßten vor dem heranwachsenden Tage–Traumgaukelei und Gedankentand: eine Edelschar von Lügen. Was konnte es helfen, dagegen anzustreiten, mit dieser hoffnungslosen Schwere, die über ihnen beiden lag? Es war so nutzlos, sich zu tauschen; ihr Leben würde doch niemals mehr auf Federn gehen. – Der Frost war dagewesen; das Gebrause von Ranken, und den Ranken der Ranken, mit Büscheln von Rosen und noch Besserem, was sie umschlungen und sie verbunden hatte, das hatte auch das kleinste Blatt und jede Blume verloren; nur die nüchternen, zähen Weidenzweige, die sie mit unauslöslichen Banden zusammenhielten, die waren noch da. Was nützte es, daß sie mit Hilfe der Erinnerungswärme Gefühle längst entschwundener Tage zu einem künstlichen Leben erweckte und ihren Abgott wieder auf einen Sockel stellte, den Glanz der Bewunderung in seine Augen, Anbetungsworte auf seine Lippen und die Röte des Glücks auf seine Wangen legte; was konnte das nützen, wenn er es nicht übernehmen wollte, der Priester dieses Abgotts zu sein, und sie nicht bei ihrem frommen Betrug unterstützte! Er! Er kannte nicht einmal ihre Liebe wieder. Keins ihrer Worte war in seinem Ohr zurückgeblieben, kein Tag ihrer Tage lag geborgen in seiner Seele. Nein, tot und still war die schwellende Liebe ihrer Herzen. Der Duft, das Licht und die zitternden Töne, alles war verweht, und da konnten sie in alter Gewohnheit beieinandersitzen, er mit dem Arm um ihre Taille, sie mit ihrem Kopf gegen seine Schulter gelehnt, so saßen sie schwer in Schweigen versunken da, vergaßen einander; sie, um sich jenes Herrlichen zu erinnern, der er doch niemals gewesen war, er, um sie zu einem Ideal zu erträumen, das er jetzt stets in einer Wolke; hoch über ihrem Haupte, strahlen sah. – Das war ihr Zusammenleben, und die Tage kamen und gingen wieder und brachten keine Veränderung, und Tag auf Tag starrten sie in die Wüste des Lebens hinaus und sagten sich selber, daß es eine Wüste sei, daß es dort keine Blumen und auch keine Aussicht auf Blumen, auf Quellen oder grüne Palmen gab. Je weiter der Herbst vorschritt, desto häufiger wurden Erichs Fahrten zu den Zechgelagen. Was nütze es, sagte er zu Niels, daß er daheimsäße und auf die Ideen wartete, die niemals kämen, bis ihm die Gedanken im Kopf zu Stein würden? Übrigens war Niels' Gesellschaft ihm kein sonderlicher Trost; er hatte Leute nötig mit Lebenskraft, Leute, die brüllendes Fleisch und Blut waren und nicht nur eine Spieluhr zarter Nerven. Deshalb waren Niels und Fennimore oft allein beisammen, denn Niels ruderte jeden Tag hinüber nach Marianelund. Der Freundschaftsbund, den sie miteinander geschlossen hatten, und die Worte, die zwischen ihnen an jenem Sonntagabend gefallen waren, hatten sie ungezwungener und ganz sicher in ihrem Verhältnis zueinander gemacht, und einsam, wie sie beide waren, schlossen sie eine warme und innige Freundschaft, die bald große Macht auf sie ausübte und ihren Sinn so in Anspruch nahm, daß ihre Gedanken, mochten sie nun zusammen oder getrennt sein, sich stets nach diesem Freundschaftsverhältnis hin bewegten, so wie Vögel, die an demselben Nest bauen, all das, was sie einsammeln, wie auch das, was sie verwerfen, mit dem einen trauten Ziel vor Augen sehen, gegenseitig und sich selbst das Nest recht warm und weich zu machen. Kam Niels herüber und war Erich dann fort, so machten sie fast stets, es mochte regnen oder stürmen, lange Spaziergänge durch den Wald, der an den Garten stieß. Sie hatten sich in diesen Wald verliebt, und je mehr sein Sommerleben erlosch, desto lieber wurde er ihnen. Da waren ja auch tausenderlei Dinge zu beobachten. Zuerst, wie das Laub gelb und rot und braun wurde; dann, wie es herabfiel an einem Sturmtag, in gelben Schwärmen dahinfegend; wenn es still war, Blatt und Blatt und Blatt schwach gegeneinander raschelnd und zwischen den steilen Ästen und den schwanken braunen Zweigen hinabgleitend. Und wie jetzt das Laub von Bäumen und Büschen fiel, wie kamen da nicht die verborgensten Geheimnisse des Sommers in Nest auf Nest zum Vorschein; und was lag und saß dort nicht rundumher an zierlichem Samen und farbenreichen Beeren, braunen Nüssen, blanken Eicheln und allerliebsten Eichelnäpfchen, an Korallenbüscheln auf den Berberitzen, schwarz glänzenden Schlehdornbeeren und scharlachroten Urnen der Hagebutte. An den blattlosen Buchen saßen, Punkt neben Punkt, stachlige Bucheckern, und die Eberesche neigte sich schwer von roten Trauben, deren säuerlicher Duft an Apfelmost erinnerte. Späte Brombeeren lagen schwarz und braun in dem nassen Laub des Wegrandes; im Heidekraut wuchsen Tüttebeeren; und die wilde Himbeere trug zum zweitenmal ihre mattroten Früchte; die Farnen hatten wohl hundert Farben, jetzt, da sie welkten; und dann das Moos, das war eine ganze Entdeckung, nicht nur das kräftige Moos in Ebenen und an Abhängen, das, was Tannen und Palmen und Straußenfedern gleichen kann, sondern auch das feine Moos auf den Baumstämmen, das so war, wie man sich die Kornfelder der Elfen vorstellen mag, das in seinen, feinen Halmen, mit dunkelbraunen Knospen oben an der Spitze, wie Ähren, aufschoß. Kreuz und quer streiften sie durch den Wald, eifrig wie Kinder, seine Schätze und Merkwürdigkeiten zu entdecken, und sie hatten ihn unter sich geteilt, auch so, wie Kinder es machen. Das, was auf der einen Seite des Fahrweges war, gehörte Fennimore, das auf der andern Niels, und sie verglichen oft ihre Reiche und stritten darüber, welches am größten in seiner Herrlichkeit war. Alles da drinnen hatte auch Namen, die Schluchten und Hügel, die Steige, Zäune, Gräben und Dämme. Und stand hie und da ein besonders großer oder prächtiger Baum, so bekam auch der seinen Namen. So hatten sie auf jede mögliche Weise von dem Wald Besitz ergriffen, und so hatten sie sich eine kleine Welt für sich allein geschaffen, die niemand sonst kannte und in der sich niemand so bewegen konnte wie sie, und doch war nicht ein Geheimnis zwischen ihnen, was nicht die ganze Welt hätte hören dürfen. Noch gab es keins. Aber die Liebe lebte in ihren Herzen und war doch wiederum nicht wirklich da, so wie sich in einer übersättigten Lösung Kristalle befinden und doch nicht da sind, nicht, bevor Splitter oder auch nur ein Körnchen des Richtigen sich in die Flüssigkeit senkt und gleichsam mit einem Zauberschlag die schlummernden Atome ausscheidet, so daß sie zu einer Begegnung aufeinander zustürzen, sich ineinander hineinbohren, Niet in Niet, nach unerforschlichen Gesetzen, und im selben Augenblick Kristalle sind... Kristalle. So war es auch eine unbedeutende Sache, die sie fühlen ließ, daß sie liebten. Da ist nichts zu erzählen. Es war ein Tag wie jeder andere, sie waren allein in der Wohnstube, wie schon hundertmal zuvor, und ihre Unterhaltung war ganz gleichgültig gewesen, und das, was nach außenhin geschah, war so alltäglich und gewöhnlich, wie nur möglich; es war nichts weiter, als daß Niels am Fenster stand und hinaussah und Fennimore zu ihm hinkam und auch hinaussah; das war das Ganze, aber es war genug; denn gleichsam wie beleuchtet von einem Blitz, wurde die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft für Niels verwandelt durch das Bewußtsein, daß er die Frau, die hier an seiner Seite stand, liebe, nicht wie etwas Helles und Süßes und Glückliches und Schönes, das ihn bis zur Seligkeit und zur Verzückung emporheben konnte, – so war seine Liebe nicht; er liebte sie wie etwas, das er ebensowenig entbehren konnte wie den Lebensatem; und wie einer, der kurz vor dem Ertrinken ist, um sich greift, so ergriff er ihre Hand und drückte sie an das Herz. Und sie verstand ihn. Fast in einem Schrei und in einem Ton voller Entsetzen und Jammer rief sie ihm als Antwort und als Bekenntnis zu: »O ja, Niels!« und zog im selben Augenblick die Hand an sich. Dann stand sie bleich da und schien einen Augenblick fliehen zu wollen, sank dann mit dem einen Knie auf einen gepolsterten Stuhl herab, verbarg ihr Antlitz gegen die sammetscharfe Stuhllehne und schluchzte laut. Niels war einige Sekunden wie mit Blindheit geschlagen, und seine Hände tasteten zwischen den Hyazinthengläsern nach einer Stütze. Das waren nur wenige Sekunden; dann trat er auf den Stuhl zu, wo sie lag, und beugte sich über sie, ohne sie zu berühren, die eine Hand auf die Lehne des Stuhls gestützt. »Sei nicht so verzweifelt, Fennimore, sieh auf und laß uns zusammen sprechen. Willst du, willst du nicht? Du sollst nicht bange sein, laß es uns zusammen tragen, meine Geliebte, laß uns das tun! Versuch, ob du es kannst.« Sie erhob den Kopf ein wenig, dann sah sie ihn an; »Ach Gott, was sollen wir tun! – Ist es nicht furchtbar, Niels! Warum mußte es mir so auf Erden ergehen? Und wie schön hätte es sein können – so glücklich!« und wieder schluchzte sie. »Hätte ich schweigen sollen,« klagte er, »arme Fennimore, wolltest du, du hättest es nie erfahren?« Sie erhob den Kopf wieder und griff nach seiner Hand. »Ich wünschte, daß ich es wüßte und tot wäre; ach, läge ich doch in meinem Grabe und wüßte es; das wäre so schön, ach, so gut und so schön ...!« »Es ist bitter für uns, Fennimore, daß unsere Liebe uns als erstes nur Angst und Tränen bringen muß. Findest du das nicht auch?« »Du darfst nicht hart gegen mich sein, Niels; ich kann ja nicht anders. Du kannst es nicht so beurteilen wie ich; ich sollte stark sein, denn ich bin gebunden. Könnte ich doch meine Liebe mit Macht nehmen und sie in die geheimste Tiefe meiner Seele einsperren und all ihrem Jammer und ihrem Flehen gegenüber taub sein, und dann zu dir sagen, daß du weit, weit fortreisen solltest; aber ich kann es nicht, ich habe so viel gelitten, ich kann nicht auch dies noch ertragen; ich kann es nicht, Niels. Ich kann nicht ohne dich leben, sieh, kann ich es wohl? Glaubst du, daß ich es könnte?« Sie erhob sich und schmiegte sich an seine Brust. »Hier bin ich, und ich lasse dich nicht; ich will dich nicht gehen lassen und selbst in dem alten Dunkel zurückbleiben. Es ist wie ein bodenloser Abgrund von Überdruß und Pein; ich will mich nicht in ihn hinabstürzen; lieber gehe ich ins Wasser, Niels; und wenn auch das neue Leben Schmerzen bringen wird, so sind es doch neue Schmerzen, die nicht den tauben Stachel der alten haben und die nicht so sicher wie die alten zu treffen vermögen, die mein Herz so grausam genau kennen. Rede ich irre? – Ja, aber es tut so gut, rückhaltlos mit dir sprechen zu können, ohne daß ich mich mehr vor all dem vielen hüten muß, was ich dir doch nicht sagen durfte. Aber jetzt besitzt du ja das Recht vor allen andern! Ach, könntest du mich doch ganz nehmen, so daß ich ganz die Deine wäre und ich nicht im geringsten einem anderen gehörte; ach, könntest du mich aus den Verhältnissen, die mich umzäunen, emporheben!« »Wir müssen hindurchbrechen, Fennimore. Ich werde es so gut einrichten, fürchte dich nur nicht; eines schönen Tages, ehe jemand das geringste ahnt, sind wir weit weg von hier.« »Nein, nein; wir dürfen nicht weglaufen, nur das nicht; lieber alles andere, als daß meine Eltern hören sollten, ihre Tochter sei weggelaufen; das ist unmöglich, und ich werde es nie tun; bei Gott im Himmel, Niels, ich tue es nie!« »Ach, aber du mußt, mein Lieb; siehst du denn nicht all das Häßliche und Niedrige, das sich von allen Seiten um uns erhebt, wenn wir bleiben, all diese abscheuliche List und Falschheit und Verstellung, die uns einengen und herabdrücken und uns so elend machen wird! Ich will nicht, daß du von all dem befleckt wirst; es soll sich nicht in unsere Liebe hineinfressen wie ein giftiger Rost.« Aber sie blieb unbeweglich. »Du weißt nicht, wozu du uns verurteilst,« sagte er betrübt, »es wäre viel besser, wenn wir jetzt mit eisernen Absätzen drauflosträten, statt zu schonen. Glaube mir, Fennimore, wenn unsere Liebe nicht unser alles ist, das Einzige, das Erste in der Welt, das, was vor allem andern gerettet werden muß, so daß wir draufloshauen, wo wir am liebsten heilen wollten, und Leid bringen, wo wir so viel lieber jeden Schatten von Leid fernhielten; wenn wir das nicht tun, so sollst du sehen, wie all das, worunter wir uns jetzt beugen, sich schwer auf unsre Schultern legt und uns in die Knie zwingt, so unbarmherzig und unerbittlich. – Ein Kampf auf den Knien, du weißt nicht, wie schwer der zu kämpfen ist! – Du darfst nicht weinen. Wollen wir ihn trotzdem kämpfen, mein Lieb, Seite an Seite, gegen das alles!« Während der ersten Tage fuhr Niels fort, sie zur Flucht zu überreden; dann begann er sich auszumalen, wie schwer es Erich treffen würde, wenn er eines Tages zurückkäme und entdeckte, daß Freund und Frau miteinander fortgelaufen seien; und nach und nach nahm das Ganze in seinen Augen einen unnatürlich tragischen Schein von Unmöglichkeit an, und er gewöhnte es sich ab, an dies wie an so vieles andre, was er sich anders wünschte, zu denken, und gab sich mit ganzer Seele den Verhältnissen hin, so wie sie waren, ohne irgendeinen bewußten Versuch zu machen, sie umzudichten oder mit phantastischen Festons und Girlanden die Mängel wegzulügen. Aber wie süß war es nicht auch, zu lieben, endlich einmal die wirkliche Liebe des Lebens zu lieben; denn das war ja nicht Liebe, das, was er früher für Liebe gehalten hatte, weder die schwer schwellende Sehnsucht des Einsamen, noch das glühende Entbehren des Phantasten, noch die ahnungsvolle Nervosität des Kindes; es waren Ströme in dem großen Quell der Liebe, einzelne Reflexe seines vollen Lichts, Splitter der Liebe, so wie die Meteore, die durch die Luft jagen, Splitter eines Weltkörpers sind; denn das war die Liebe: eine Welt, die ganz war, etwas Volles, Großes, Geordnetes. Da gab es kein verworrenes, sinnloses Jagen von Gefühlen und Stimmungen; die Liebe war wie eine Natur, ewig wechselnd und ewig gebärend, und es starb keine Stimmung, es welkten keine Gefühle, ohne den Keim, den sie in sich trugen, zu etwas noch Vollkommenerem zu erwecken. Ruhig, gesund und mit tiefem Atemzug, so war es schön zu lieben, mit ganzer Seele zu lieben. Jetzt fielen die Tage neu und blank von dem Himmel selbst herab, kamen gar nicht als etwas Selbstverständliches hintereinander hergeschleppt wie die verschlissenen Bilder in einem Guckkasten; jeder von ihnen war eine Offenbarung, denn an jedem von ihnen fand er sich selber größer und stärker, großzügiger vor. Er hatte niemals eine solche Innigkeit und Macht von Gefühlen gekannt, und es gab Augenblicke, wo er sich selbst mehr Titan als Mensch erschien; eine solche Unerschöpflichkeit spürte er in seinem Innern, eine solche schwingenbreite Zärtlichkeit schwoll aus seinem Herzen, so weit war sein Blick, so riesenmild war sein Urteil. Dies war der Anfang und das Glück, und sie waren lange glücklich. Die tägliche Falschheit und Verstellung, die Luft von Unehre, in der sie sich bewegten, all das besaß jetzt noch keine Macht, es konnte sie in der verzückten Höhe, in die Niels ihr Verhältnis und auch sie selbst emporgehoben hatte, nicht erreichen; denn er war nicht nur bloß ein Mann, der die Frau seines Freundes verführte, oder richtiger, er war es; er sagte trotzig, daß er es sei; aber er war auch der, der dadurch eine schuldlose Frau errettete, die das Leben verletzt, gesteinigt, beschmutzt hatte; eine Frau, die sich schon hingelegt hatte, um ihre Seele sterben zu lassen; ihr hatte er wieder Zutrauen zu dem Leben eingeflößt, hatte ihr den Glauben an die besten Mächte des Lebens wiedergegeben, ihren Geist zu Adel und Hoheit emporgehoben, ihr das Glück wiedergeschenkt. Was war am besten, jenes schuldlose Elend oder das, was er für sie gewonnen hatte? Er fragte nicht danach; er hatte ja seine Wahl getroffen. Ganz meinte er dies nicht. Der Mensch baut sich sehr oft Theorien auf, in denen er doch nicht wohnen will; die Gedanken schweifen oft viel weiter voraus, als ihnen das Gefühl für Recht und Unrecht folgen mag. Aber diese Vorstellung lebte in ihm und nahm der stets notwendigen Verschlagenheit, Falschheit, Gemeinheit, der Erbärmlichkeit, viel von ihrem ewig fressenden Eitergift. Allmählich mußte es sich doch fühlbar machen; es nagte an all zu vielen feinen Nerven, als daß es nicht bald Schaden anrichten und Schmerz verursachen mußte; und die Zeit wurde sehr dadurch beschleunigt, daß Erich kurz nach Neujahr meinte, er habe eine Idee bekommen, etwas mit einem grünen Hemd, erzählte er Niels, und in einer drohenden Stellung. Ob er sich des Grünen in Salvator Rosas Jonas erinnere? Etwas nach der Richtung hin. Obgleich Erichs Arbeiten meist darin bestanden, daß er im Atelier auf dem Sofa lag, Shag rauchte und Marryat las, so hielt ihn das doch eine Zeitlang viel zu Hause, zwang sie dadurch zu neuer Vorsicht und verursachte neue Ausreden und neue Lügen. Daß Fennimore sich nach dieser Richtung hin so erfindsam erwies, ließ die erste Wolke am Himmel aufsteigen. Es war anfangs nichts, nur ein funkenflüchtiger, vorüberjagender Zweifel bei Niels, ob seine Liebe nicht edler sei als die, die er liebte. Aber dieser Gedanke war nicht rein und klar, es war nur eine unklare Ahnung, die nach dieser Richtung zeigte, ein undeutliches Versagen in seinem Sinn, das nach dieser Seite neigte. Aber es kehrte wieder und hatte mehr im Gefolge, erst ebenfalls vage und unbestimmt, dann schärfer und schärfer mit jedem Male. Und es war erstaunlich, mit welch einer reißenden Schnelligkeit es untergraben, herabdrücken, den Glanz wegnehmen konnte. Ihre Liebe wurde nicht geringer, im Gegenteil, in dem Maße, wie sie sank, wurde sie leidenschaftlicher, glühender; aber diese Händedrücke, die man sich unter Decken stahl, diese Küsse auf Dielen und hinter Türen, diese langen Blicke, gerade unter den Augen des Betrogenen, das nahm ganz den großen Stil mit sich fort. Das Glück stand nicht mehr still über ihren Köpfen; sie mußten sich sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo es sich gerade am besten machen ließ, und die List und die Schlauheit waren nicht nur traurige Notwendigkeit mehr, sondern auch vergnügliche Triumphe; die Falschheit wurde ihr rechtes Element und machte sie so erbärmlich und klein. Da gab es auch erniedrigende Geheimnisse, über die früher jeder für sich getrauert hatte, sich gegenseitig darüber unwissend haltend, die mußten sie jetzt teilen; denn Erich war nicht schüchtern, und es konnte ihm oft einfallen, seine Frau in Niels Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf den Schoß zu nehmen und sie zu umarmen, und Fennimore wagte nicht, dies abzuweisen, oder besaß nicht wie früher Würde genug, diese Liebkosungen abzuwehren; das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie unsicher und bange. So sank und sank das hohe Schloß ihrer Liebe, das Schloß, von dessen Zinnen herab sie so stolz über die Welt hinausgeschaut und wo sie sich so stark und so groß gefühlt hatten. Aber sie waren zwischen seinen Ruinen froh. Wenn sie jetzt im Walde gingen, so wählten sie am liebsten dunkle Tage, wo der Nebel in den braunen Zweigen hing und zwischen nassen Stämmen eine dichte Wand zog, so daß niemand sie sehen konnte, wenn sie sich hier küßten und dort umarmten, und niemand sie hören konnte, wenn ihre leichtsinnige Rede in übermütigen Lachfanfaren ausklang. Jener Stempel von der Melancholie der Ewigkeit, der ihrer Liebe ihr Gepräge verliehen hatte, war ausgelöscht; eitel Lächeln und Scherz herrschte jetzt zwischen ihnen, und über ihnen lag auch eine fiebernde Geschäftigkeit, eine Gier nach den dahinschwindenden Sekunden des Glücks, als müßten sie sich beeilen zu lieben und hätten nicht das ganze Leben vor sich. Es brachte keine Veränderung mit sich, als Erich nach Verlauf eines Monats seiner Idee überdrüssig wurde und wieder seine Fahrten so eifrig aufnahm, daß er selten zwei Tage hintereinander zu Hause war. Wohin sie gefallen waren, da blieben sie. Vielleicht, daß sie ein vereinzeltes Mal, in einsamen Stunden, mit Bedauern nach den Höhen zurückstarrten, von wo sie herabgefallen waren; vielleicht, daß sie sich nur darüber wunderten, wie anstrengend es gewesen sein mußte, sich dort oben zu halten, und daß sie sich hier, wo sie jetzt waren, weicher gebettet fühlten. Es trat keine Veränderung ein. Jedenfalls keine, die zu der Vergangenheit zurückführte; aber die schlaffe Gemeinheit, die darin lag, so zu leben, wie sie lebten, und doch nicht zusammen fortzulaufen, ward ihnen immer bewußter und koppelte sie immer dichter und niedriger aneinander, in einem gemeinsamen Gefühl ihrer Schuld; denn keiner von beiden wünschte sich die Dinge anders, als sie waren. Auch verbargen sie es nicht voreinander; denn es hatte sich eine zynische Vertraulichkeit zwischen ihnen entwickelt, so wie sie gern zwischen Mitschuldigen zu entstehen pflegt, und es gab nichts in ihrem Verhältnis, das mit Worten zu berühren sie sich fürchteten. Mit einer traurigen Offenherzigkeit nannten sie die Dinge beim rechten Namen; sie sähen ihnen in die Augen, so wie sie waren, sagten sie; und so war es auch. Im Februar hatte es so ausgesehen, als wenn der Winter überstanden sei, aber dann kam Mutter März in ihrem weißen Mantel mit dem losen Futter, und Schneeflocke auf Schneeflocke deckte die Erde zu mit einer dicken Schicht. Späterhin wurde es dann so still, mit klingendem Frost; und auf dem Fjord lag ein viertel Meter dickes Eis, das lange liegen blieb. Gegen Ende des Monats, eines Abends nach dem Tee, saß Fennimore in der Wohnstube und wartete. Das Zimmer war hell erleuchtet; das Klavier stand geöffnet, die Lichter waren angezündet, und der Schleier war von der Lampe genommen, so daß die Goldleisten und alles, was an den Wänden hing, deutlich und wach hervortraten. Die Hyazinthen hatte sie vom Fenster auf den Schreibtisch gesetzt, und jetzt standen sie dort, ein Haufe lichter Farben, und erfüllten die Luft mit ihrem reinen, gleichsam kühlen, starken Duft. Im Ofen brannte das Feuer mit einem gedämpften, vergnüglichen Schnurren. Fennimore ging im Zimmer auf und ab, sie balancierte fast auf einem der dunkelroten Streifen des Teppichs. Sie trug ein etwas altmodisches, schwarzseidenes Kleid, das, schwer von Garnierungen, hinter ihr herschleppte und sich, während sie ging, von der einen Seite auf die andere legte. Sie summte vor sich hin und faßte mit beiden Händen in die blaßgelbe Kette großer Bernsteinperlen, die sie um den Hals trug; und wenn sie auf ihrem roten Streifen schwankte, hörte sie auf zu summen, ließ aber nicht ab, die Kette zu halten. Vielleicht sollte ihr Gang eine Vorbedeutung sein, daß, wenn sie so und so viele Male über den Fußboden gehen konnte, ohne von dem Streifen abzuweichen und ohne die Hände loszulassen, daß dann Niels kommen würde. Er war am Vormittag, als Erich fortfuhr, dagewesen und war bis gegen Abend geblieben; aber er hatte versprochen, wieder nachzusehen, sobald der Mond zum Vorschein käme und es so hell würde, daß er sich vor den offnen Stellen im Eise draußen auf dem Fjord in acht nehmen konnte. Fennimore hatte das Wahrsagen beendet, welches Ergebnis es auch gehabt haben mochte, und trat ans Fenster. Es sah gar nicht so aus, als wenn der Mond noch heute abend zum Vorschein kommen wollte, so schwarz wie der Himmel war; und es war viel dunkler auf dem graublauen Eis als drinnen an Land, wo der Schnee lag. Es war wohl das Richtigste, wenn er ausblieb. Und mit einem resignierten Seufzer setzte sie sich an das Klavier, stand aber wieder auf, um nach der Stutzuhr zu sehen; dann kehrte sie zurück und stellte resolut ein großes, dickes Notenheft vor sich hin, spielte aber trotzdem nicht: sie blätterte geistesabwesend in dem Buch und versank in Gedanken. Wenn er nun trotzdem drüben auf dem andern Ufer stand, die Schlittschuhe anschnallte und in einem Augenblick hier war! Sie sah ihn so deutlich vor sich; er atmete etwas schwer nach dem Lauf und blinzelte mit den Augen bei dem Licht hier drinnen, nach all der Dunkelheit. Es kam solche Kälte mit ihm herein, und sein Bart war ganz voll von winzig kleinen, glitzernden Tropfen. Dann würde er sagen – was würde er sagen? Sie lächelte und sah an sich hinab. Und noch war kein Mond da. Sie trat wieder ans Fenster, blieb stehen und sah in die Dunkelheit hinaus, bis diese in weißen, kleinen Funken und regenbogenfarbigen Ringen vor ihren Augen tanzte. Aber sie waren so unbestimmt. Sie wünschte, es möge draußen ein Feuerwerk sein, Raketen, die in einem langen, langen Streifen in die Luft stiegen und dann zu kleinen Würmern wurden, die sich in den Himmel hineinbohrten und in einem Knall verschwanden; – oder auch eine große, große matte Kugel, die in die Luft emporzitterte und sich dann langsam in einem Regen von tausendfarbigen Sternen herabsenkte: sieh! sieh! so weich und rund wie eine Verbeugung, wie ein Goldregen, der sich neigt, – lebt wohl! lebt wohl! das waren die letzten. – Mein Gott, daß er auch gar nicht kam! – und sie wollte nicht spielen. Im selben Augenblick wandte sie sich nach dem Klavier um, schlug eine Oktave hart an und hielt die Tasten nieder, bis der Ton ganz, ganz verklungen war, und wieder, wieder und immer wieder. Sie wollte nicht spielen. Nicht spielen, nicht spielen. – Aber sie wollte tanzen! – Einen Augenblick schloß sie die Augen und brauste in Gedanken durch einen gewaltig großen Saal von Rot und Weiß und Gold. – Wie herrlich wäre es, wenn man getanzt hätte, wenn man jetzt warm und durstig wäre und Champagner tränke! Dann mußte sie daran denken, wie sie und eine Freundin damals, als sie zur Schule gingen, Champagner aus Selterwasser und Eau de Cologne gemacht hatten und krank geworden waren, als sie es tranken. Sie richtete sich auf und ging durch die Stube, instinktmäßig ihr Kleid nach dem Tanze ordnend. »Als ob wir dann vernünftig geworden wären!« sagte sie halblaut, griff nach ihrer Handarbeit und setzte sich in einen großen Lehnstuhl neben der Lampe hin. Aber sie war nicht fleißig; bald sanken die Hände in den Schoß, und nach und nach kroch sie mit kleinen Bewegungen traulich in dem großen Stuhl zusammen, schmiegte sich rund in ihn hinein, die Hand unter der Wange, und das Kleid einhüllend über die Füße gezogen. Sie dachte neugierig daran, ob die andern Frauen so wären wie sie, ob sie sich geirrt und dann unglücklich gewesen und dann einen andern genommen hätten. Eine nach der andern nahm sie die Damen daheim aus Fjordby vor; dann dachte sie an Frau Boye. Niels hatte ihr von Frau Boye erzählt, und sie war stets ein kitzelndes Rätsel für sie gewesen, dies Frauenzimmer, das sie haßte und durch das sie sich gedemütigt fühlte. Erich hatte ihr auch einmal erzählt, daß er wahnsinnig in Frau Boye verliebt gewesen sei. Wer doch alles von ihr wüßte! Sie lachte bei dem Gedanken an Frau Boyes neuen Mann. Und die ganze Zeit hindurch, während sie mit all diesem beschäftigt war, sehnte sie sich nach Niels, lauschte, ob sie ihn nicht hören könne, und stellte sich ihn vor, wie er käme, beständig draußen über das Eis daherkäme. Sie ahnte ja nicht, daß sich schon seit zwei Stunden ein schwarzer kleiner Punkt von einer ganz anderen Seite her über die schneeweißen Felder vorwärts gearbeitet hatte, mit einer ganz andern Nachricht für sie als die, die sie von der gegenüberliegenden Seite des Fjords erwartete. Es war nur ein Mann in Beiderwand und Schmierstiefeln, und nun klopfte er an das Küchenfenster und erschreckte das Mädchen. Da sei ein Brief, sagte Trine, als sie zu ihrer Herrin in das Wohnzimmer kam. Fennimore nahm ihn entgegen; es war ein Telegramm. Ruhig gab sie dem Mädchen die Bescheinigung und ließ sie gehen; sie war gar nicht ängstlich. Erich hatte in der letzten Zeit verschiedentlich an sie telegraphiert, daß er am nächsten Tage mit einigen Gästen zurückkehre. Und dann las sie. Plötzlich erblaßte sie, fuhr verwirrt von ihrem Sitz auf und starrte mit erwartungsvollem Entsetzen auf die Tür. Sie wollte es nicht hereinlassen, sie wagte es nicht; mit einem Sprung warf sie sich gegen die Tür, stemmte die Schulter dagegen und versuchte, den Schlüssel umzudrehen, so daß er sie in die Hand schnitt. Aber er wollte sich nicht herumdrehen lassen, wie hart sie ihn auch anfaßte. Dann ließ sie los. Es war ja auch wahr – es war ja gar nicht hier, weit fort von ihr in einem fremden Haus. Sie begann zu zittern; ihre Knie konnten sie nicht länger tragen, und neben der Tür glitt sie auf den Fußboden nieder. Erich war tot; die Pferde waren durchgegangen, hatten den Wagen an einer Straßenecke umgeworfen und Erich mit dem Kopf gegen die Mauer geschleudert. Der Kopf war zerschmettert, und jetzt lag Erich tot in Aalborg. So war es zugegangen, und das meiste davon stand im Telegramm. Auf dem Wagen war außer ihm nur der weißhalsige Hauslehrer, der Araber, gewesen; und der hatte telegraphiert. Sie lag an der Erde und jammerte still vor sich hin, beide Hände flach gegen den Teppich gestemmt, den Blick abwärts gewandt, ausdruckslos und starr, hilflos den Oberkörper von der einen Seite zur andern wiegend. Vor einem Augenblick noch war es so licht und duftend um sie gewesen; und sie konnte, so gerne sie auch wollte, dies alles nicht so auf einmal gegen die Trauer und die pechschwarze Nacht der Reue vertauschen. Es war nicht ihre Schuld, aber in ihrem Bewußtsein spukte es noch mit dem unsichern, blendenden Schimmer von Liebesglück und Liebeslust; und starke, törichte Wünsche wollten sich hervorstürzen, sie sehnten sich nach einer Seligkeit des Vergessens oder danach, das krampfhaft rollende Rad der Begebenheiten zurückzustoßen. Aber das verging bald. In schwarzen Schwärmen, aus allen Ecken, flogen die dunklen Gedanken wie Raben heran, angelockt von der Leiche ihres Glücks, und hackten dahinein, Schnabel an Schnabel, während noch die Wärme des Lebens sich zögernd darin aufhielt. Und sie rissen und krallten und machten sie widerlich und unkenntlich; jeder Zug wurde entstellt und verzerrt, bis alles ein ganzer Aashaufen von Scheußlichkeiten und Schrecken ward. Sie erhob sich und ging umher, stützte sich wie eine Kranke gegen Stühle und Tische, und verzweifelt sah sie empor nach einem Spinngewebe von Hilfe, nur nach einem tröstenden Blick, einer kleinen Liebkosung von Mitleid; aber ihre Augen begegneten nur den grell beleuchteten Familienbildern, allen diesen Fremden, die Zeugen ihres Falles und ihrer Schuld gewesen waren, schläfrigen alten Herren, Matronen mit prüden Mündern, und dann diesem ewigen Zwergenkind, das sie überall hatten, dem Mädchen mit den großen, runden Augen und dem ausgehöhlten Stirnberg. Dieser fremde Besitz hatte im Laufe der Zeiten genug Erinnerungen aufgenommen, dieser Tisch hier, dieser Stuhl da, der Schemel mit dem schwarzen Pudel und die schlafrockähnliche Portiere, – sie hatte das alles mit Erinnerungen gesättigt, mit buhlerischen Erinnerungen, die es jetzt von sich spie und hinter ihr herschleuderte – ach, es war schrecklich, mit all diesen Gespenstern der Sünde und mit sich selbst eingesperrt zu sein; sie schauderte vor sich selber, sie drohte ihr, dieser ehrlosen Fennimore, die zu ihren Füßen zusammenkroch; sie zog ihr Kleid aus ihren flehenden Händen weg. Gnade! nein, da gab es keine Gnade; wie konnte es vor jenen toten Augen in der fremden Stadt Gnade geben, die jetzt, da sie gebrochen waren, sahen, wie sie seine Ehre in den Kehricht geworfen, an seiner Lippe gelogen hatte, an seinem Herzen treulos gewesen war. Sie konnte fühlen, wie diese toten Augen an ihr hingen, diese toten Augen, sie wußte nicht woher; sie wand sich unter ihnen, um ihnen zu entgehen, aber sie verfolgten sie, glitten wie zwei eisige Strahlen über sie hin; und während sie so hinabstarrte und jeder Faden in dem Teppich, jeder Stich auf den Schemeln so unnatürlich vor ihren Augen wurde in dem grellen, starken Licht da drinnen, da spürte sie, wie die Schritte eines toten Mannes sie umkreisten und tatsächlich ihre Kleidung berührten, so daß sie voll Entsetzen aufschrie und zur Seite fuhr. Aber dann war es dort vor ihr wie Hände und doch nicht wie Hände, etwas, das langsam nach ihr griff, höhnisch triumphierend nach ihrem Herzen griff, nach diesem Wunder der Falschheit, dieser gelben Perle der Treulosigkeit! Und sie wich zurück, bis sie gegen den Tisch stieß, aber es war noch da, und ihre Brust war kein Schutz dagegen, es griff durch Haut und Fleisch wie ... Sie starb fast vor Angst, während sie dort stand, sich wehrlos hintenüber krümmend über den Tisch, während sich alle Nerven voller Erwartung zusammenzogen und das Auge starrte, als sollte es in seiner Höhle ermordet werden. Dann ging das vorüber. Sie sah sich mit einem unsicheren Blick um, fiel auf die Knie und betete lange. Sie bereute und bekannte wild und rücksichtslos in stetig wachsender Leidenschaftlichkeit, mit ganz demselben fanatischen Haß gegen sich selbst, der die Nonne dazu treibt, ihren nackten Körper zu geißeln. Sie suchte begeistert nach gemeinen Worten und berauschte sich in Selbsterniedrigung und in einer Demut, die nach Geringheit brannte. Endlich erhob sie sich. Ihre Brust bewegte sich stark und unruhig, es lag ein schwacher Glanz auf ihren blassen Wangen, die unter dem Gebet gleichsam voller geworden zu sein schienen. Sie sah sich mit einem Blick in der Stube um, als wenn sie etwas in sich beschwöre, still zu schweigen; dann ging sie in eins der dunklen Seitenzimmer, schloß die Tür hinter sich zu, stand einen Augenblick still, um sich an das Dunkel zu gewöhnen, und tastete sich dann bis zu der Tür vor, die zu der geschlossenen Glasveranda hinausführte, und ging dahinein. Es war heller dort; der Mond, der jetzt zum Vorschein gekommen war, schien durch das Gefunkel von Kristallen auf der zugefrorenen Glaswand, schien gelblich durch die Fensterscheiben, rot und blau durch die Rechtecke aus buntem Glas, die den Rahmen um die Scheiben bildeten. Irgendwo taute sie mit ihrer Hand ein Loch in das Eis und trocknete das Wasser sorgsam mit ihrem Taschentuch. Noch war niemand da draußen auf dem Fjord zu sehen. Dann fing sie an, in ihrem Glasbauer auf und ab zu gehen. Es waren keine andern Möbel da draußen als ein Rohrsofa von geschweiftem Holz; und das lag voll von welken Efeublättern von den Ranken oben unter der Decke. Jedesmal, wenn sie an ihnen vorüberkam, raschelten die Blätter leise im Luftzug, und hin und wieder fand ihr Kleid auch ein Blatt auf dem Fußboden und zog es mit einem kratzenden Laut über die Dielen hinter sich her. Auf und ab ging sie auf ihrem traurigen Wachtposten, die Arme über der Brust gefaltet, sich gegen die Kälte wappnend. Er kam. Mit einem Ruck öffnete sie die Tür und trat in ihren dünnen Schuhen in den eisigen Schnee hinaus. Sie gönnte es sich, sie hätte barfuß zu dieser Begegnung gehen können. Niels mäßigte seine Fahrt beim Anblick dieser schwarzen Gestalt gegen den Schnee und kam dann in zögernden, tastenden Schwingungen langsam auf das Ufer zu. Es war, als brenne diese schleichende Gestalt ihr in den Augen. Jede Bewegung, jeder Zug, den sie wiedererkannte, schlug sie gleichsam wie ein schamloses Verhöhnen, prahlte gleichsam mit entwürdigenden Geheimnissen. Sie zitterte vor Haß, ihr Herz schwoll von Verwünschungen an, und sie konnte kaum ihr Gemüt beherrschen. »Ich bin es,« rief sie ihm höhnisch entgegen, »die Dirne Fennimore!« »Aber in Gottes Namen, Lieb?« fragte er verwundert, jetzt nur noch einige Schritte von ihr entfernt. »Erich ist tot.« »Tot! Und wann?« er mußte auf den Schlittschuhen in den Schnee hineintreten, um nicht zu fallen. »Aber so sprich doch nur!« und er tat eifrig einen Schritt vorwärts. Sie standen einander jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht mit geballter Faust in diese bleichen, verstörten Züge hineinzuschlagen. »Ich werde es dir schon sagen,« antwortete sie, »er ist tot, wie ich dir sage; die Pferde gingen in Aalborg durch, und sein Kopf wurde zerschmettert, als wir hier gingen und ihn betrogen.« »Das ist schrecklich,« stöhnte Niels und griff sich an die Schläfen; »wer hätte auch ahnen können ... ach, wären wir ihm doch treu gewesen, Fennimore! Erich, armer Erich! Ach, wenn es doch nur mich getroffen hätte«, und er schluchzte laut, krümmte sich vor Schmerz. »Ich hasse dich, Niels Lyhne!« »Ah, bah, wir!« stöhnte Niels ungeduldig; »hätten wir ihn doch nur wieder! Arme Fennimore!« verbesserte er sich dann, »kehr dich nicht an mich. Du hassest mich, sagst du? Ja, das darfst du schon.« Er richtete sich plötzlich auf. »Laß uns hineingehen,« sagte er, »ich weiß nicht, was ich selbst spreche. Wer, sagtest du, hat telegraphiert?« »Hineingehen!« schrie Fennimore, die heftig darüber wurde, daß er ihre Feindlichkeit so wenig beachtete, »dort hinein! Niemals mehr wirst du deinen feigen, ehrlosen Fuß in dies Haus setzen. Woran wagst du zu denken, du erbärmlicher Wicht, du falscher Hund, der du hierher geschlichen kamst und die Ehre deines Freundes stahlst, weil sie zu schlecht verwahrt war! Was, stahlst du sie ihm nicht gerade unter den Augen weg, weil er glaubte, daß du ehrlich seist, du Hausdieb!« »St, St, bist du verrückt! Was fehlt dir? Was sind das für Worte, die du gebrauchst!« Er hatte sie fest am Arm gepackt, sie näher zu sich herangezogen und sah ihr erstaunt in das Gesicht. »Du mußt dich zusammennehmen,« fuhr er in einem milderen Tone fort, »was hilft es, Kind, mit häßlichen Worten um sich zu schlagen!« Sie riß ihren Arm von ihm los, so daß er auf seinem unsicheren Stand schwankte. »Hörst du nicht, daß ich dich hasse,« schrie sie, »und besitzt du denn nicht wenigstens soviel von dem Gehirn eines ehrlichen Mannes, daß du das begreifen kannst. Wie blind muß ich gewesen sein, als ich dich liebte, du verlogener Mensch, während ich ihn an meiner Seite hatte, der zehntausendmal besser war als du. Bis an das Ende meines Lebens will ich dich hassen und verachten. Damals, als du kamst, war ich rechtschaffen, ich hatte niemals etwas Böses getan; aber dann kamst du mit deiner Poesie und deinem Schmutz und logst mich mit hinab in den Dreck zu dir. Was hatte ich dir getan, daß du mich nicht in Ruhe lassen konntest, mich, die dir vor allen andern heilig sein sollte! Tagaus, tagein muß ich jetzt mit diesem Schandfleck an meiner Seele leben und kann niemals auch nur den Geringsten treffen, ohne mir nicht selbst sagen zu müssen, daß ich noch geringer bin. Alle meine Jugenderinnerungen hast du mir vergiftet. An was kann ich jetzt zurückdenken, das rein und gut wäre! Du hast es alles befleckt. Nicht er allein ist gestorben, alles, was es an Lichtem und Gutem zwischen uns gegeben hat, ist auch tot und verfault. Ach Gott, hilf mir; ist es gerecht, daß ich keine Rache an dir nehmen kann nach all dem, was du mir angetan hast! Mach mich wieder ehrlich, Niels Lyhne, mach mich fleckenlos und wieder gut! Nein, nein; aber es müßte so sein, daß du dazu gemartert würdest, dein Unrecht wieder gutzumachen. Kannst du, kannst du es ableugnen? Steh nicht da und verkriech dich hier vor meinen Augen unter deiner Hilflosigkeit; winde dich in Pein und Verzweiflung und sei elend; mache ihn elend, mein Gott, laß ihn mir nicht auch noch die Rache stehlen. Geh, du Feigling, geh; ich werfe dich von mir, aber ich schleppe dich hinter mir her, glaub mir, durch all die Qualen hindurch, die ich auf dich herabhassen kann.« Sie hatte die Arme drohend nach ihm ausgestreckt; jetzt wandte sie sich und ging, und die Verandatür fiel leise klirrend hinter ihr zu. Niels stand da und blickte erstaunt, fast ungläubig dem Wege nach, den sie gegangen war. Es schien ihm, als stünde dies bleiche, rachsüchtige Gesicht noch vor ihm, so seltsam gemein und roh in seiner Leidenschaftlichkeit, ganz seiner sonstigen formfeinen Schönheit beraubt, als habe eine gefühllose Hand es in allen seinen Linien aufgefurcht. Er stolperte vorsichtig aufs Eis zurück und lief langsam hinaus, der Fjordmündung zu, vor sich den Mondschein, den Wind im Rücken. Allmählich lief er schneller, in dem Grade, wie die Gedanken seine Aufmerksamkeit von den Umgebungen ablenkten; und die Eisspäne von seinen Schlittschuheisen rasselten klirrend mit ihm über die blanke Fläche dahin, von dem stetig wachsenden Frostwind getragen. Das also war das Ende! So hatte er diese Frauenseele errettet, sie emporgehoben und ihr das Glück geschenkt! Wie schön war doch sein Verhältnis zu dem toten Freund, seinem Jugendfreund, dem er seine Zukunft, sein Leben, alles hatte opfern wollen! Er mit seinem Opfern und mit seinem Erretten! – Himmel und Erde sollten ihn ansehen; dann würden sie einen Mann sehen, der sein Leben auf den Höhen der Ehre hielt, ohne Flecken, ohne Fehl, damit er keinen Schatten auf die Idee werfe, der er diente und die zu verkünden er berufen war. Er jagte dahin. Das war nun auch einer von seinen großrednerischen Gedanken, daß sein armseliges Leben Flecke auf die Sonne der Idee werfen könne. Herrgott, er mußte es stets so hochtrabend nehmen, das war ihm nun einmal angeboren. Konnte er nichts Besseres werden, so wollte er wenigstens ein Judas sein und sich in großzügiger Verschlagenheit Ischariot nennen; das klang doch nach etwas. – Sollte er immer so einhergehen und sich zieren, als sei er verantwortlicher Minister bei der Idee und Mitglied ihres geheimen Staatsrats, so daß er alles, was die Menschheit anbelangte, aus erster Hand erfuhr! Konnte er denn niemals in aller Bescheidenheit lernen, danach zu streben, in dem Garnisonsdienst der Idee seine Pflicht zu tun als Gemeiner von ganz untergeordnetem Range? Rote Feuer brannten auf dem Eise, und er kam so nahe an ihnen vorüber, daß ein riesenlanger Schatten einen Augenblick aus seinen Füßen hervorschoß, sich vorwärts bog und dann verschwand. Er dachte an Erich und an den Freund, der er für Erich gewesen war. Ach, er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände über ihn; die Jugendträume verhüllten das Haupt und weinten über ihn; seine ganze Vergangenheit starrte mit einem langen Blick voller Vorwürfe hinter ihm her. Er hatte das alles um einer Liebe willen verraten, die so niedrig und klein war wie er selber. – Trotzdem hatte Hoheit in der Liebe gelegen, und er hatte auch die verraten. Wohin sollte er vor diesem Anlauf fliehen, der doch stets im Graben endete? Sein ganzes Leben war nichts weiter gewesen, und es würde in Zukunft nicht besser werden, er wußte es, er fühlte es so bestimmt, und er fühlte sich krank bei der Aussicht auf all diese unnütze Mühsal und wünschte von ganzer Seele, daß er entfliehen und diesem sinnlosen Schicksal entgehen könne. Wenn doch das Eis unter ihm bersten wollte, so wie er jetzt dahinfuhr, und alles mit einem Aufschnappen und einer Zuckung unten im kalten Wasser abgetan wäre. Er hielt ermattet im Lauf inne und sah zurück – der Mond war verschwunden, und finster und lang lag der Fjord zwischen den weißen Hügeln des Ufers da. Dann kehrte er um und arbeitete sich gegen den Wind an. Der war jetzt so stark, und er war so müde. Er suchte in den Schutz des hohen Ufers zu gelangen, aber wie er so vorwärtsstrebte, kam er auf eine eisfreie Stelle hinaus, die der Zugwind von den Hügeln her gebildet hatte, und das dünne Eis gab mit einem zähen, knitternden Knarren unter ihm nach. Wie leicht ums Herz fühlte er sich doch, als er wieder auf festes Eis gekommen war! Die Müdigkeit war fast ganz vor der Furcht verschwunden, und kräftig steuerte er vorwärts. Während er da draußen kämpfte, saß Fennimore enttäuscht und gequält in der hellerleuchteten Stube. Sie fühlte sich um ihre Rache betrogen; sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber es war etwas ganz anderes gewesen; ihr hatte etwas Erhabenes und Mächtiges vorgeschwebt, etwas wie Schwerter und rote Flammen, oder nicht das, etwas, das sie trug und sie auf einen Thron setzte; und nun war es so kleinlich und alltäglich ausgefallen, und sie mußte sich mehr wie ein zanksüchtiges Weib fühlen, als wie eine, die verflucht... Etwas hatte sie doch von Niels gelernt. Früh am Morgen des nächsten Tages, während Niels noch schlief, von Müdigkeit erschöpft, reiste sie ab. Zwölftes Kapitel Den größten Teil der nächsten beiden Jahre schweifte Niels Lyhne im Auslande umher. Er war so einsam. Er hatte keine Verwandten, keinen Freund, der seinem Herzen nahestand. Aber es war eine größere Einsamkeit in ihm als diese; denn wohl kann der klagen und sich verlassen fühlen, der auf der ganzen ungeheuren Erde nicht einen einzigen kleinen Fleck hat, den er segnen und dem er Gutes wünschen, dem er sein Herz zuwenden kann, wenn das Herz übervoll ist, nach dem er sich sehnen kann, wenn die Sehnsucht ihre Schwingen ausbreiten will; aber glänzen die klaren, festen Sterne eines Lebensziels über ihm, da ist keine Nacht so einsam, daß er ganz allein wäre. Aber Niels Lyhne hatte keine Sterne. Er wußte nicht, was er mit sich selber und mit seinen Fähigkeiten anfangen sollte. Es war ja recht gut, daß er Talent besaß; er konnte es nur nicht gebrauchen, sondern ging einher und fühlte sich wie ein Maler ohne Hände. Wie beneidete er die andern, die Kleinen wie die Großen, die, wohin sie auch in das Dasein hineingreifen mochten, stets irgendeinen Henkel zu fassen bekamen – denn er konnte gar keinen Henkel finden. Er konnte nur, so erschien es ihm, die alten romantischen Lieder nochmals singen, und alles, was er geschaffen hatte, war denn auch nichts andres gewesen. Es war, als wenn sein Talent etwas Abseitsliegendes in ihm sei, ein stilles Pompeji oder gleichsam eine Harfe, die er aus einem Winkel hervorholen konnte. Es war nicht allgegenwärtig, lief nicht die Straßen hinab mit ihm, saß ihm nicht in den Augen, kribbelte nicht in seinen Fingerspitzen, gar nicht; es hatte ihn nicht packen können, sein Talent. Zuweilen war es ihm, als sei er ein halbes Jahrhundert zu spät geboren, manchmal wiederum, als sei er zu früh gekommen. Das Talent in ihm stand mit seinen Wurzeln in etwas Vergangenem und lebte nur darin, konnte keine Nahrung aus seinen Meinungen, seiner Überzeugung, seinen Sympathien ziehen, konnte es nicht in sich aufnehmen und ihm Form verleihen; sie flössen auseinander, diese beiden Dinge, wie Wasser und Öl; sie konnten zusammen geschüttelt, aber sie konnten nicht vermischt, konnten niemals eins werden. Allmählich begann er dies einzusehen, und das machte ihn grenzenlos mißmutig und ließ ihn sich und seine Vergangenheit mit einem spöttischen, mißtrauischen Blick betrachten. Es müsse ein Fehler an ihm sein, sagte er sich selbst, ein unheilbarer Fehler müsse in dem innersten Mark seines Wesens liegen; denn ein Mensch konnte sich zusammenleben, das glaubte er. In dieser Gemütsverfassung befand er sich, als er sich während des letzten Jahres im Ausland Anfang September in dem kleinen Riva an den Ufern des Gardasees niederließ. Gleich nachdem er gekommen war, schloß sich das Land rundumher mit einem Wall von Umständlichkeiten und Reiseschwierigkeiten ab, der alle Fremden fernhielt. Die Cholera war nämlich im Venezianischen, südwärts in Desenzano und nordwärts um Trient herum ausgebrochen. Unter diesen Verhältnissen war Riva nicht besonders lebhaft, die Hotels leerten sich bei den ersten Gerüchten, und die Italienreisenden machten einen Umweg. Um so näher schlossen die wenigen Zurückbleibenden sich aneinander an. Die merkwürdigste Erscheinung unter ihnen war eine berühmte Opernsängerin, deren wirklicher Name Madame Odéro war. Ihr Theatername hatte einen weit berühmteren Klang. Sie und ihre Gesellschafterin, Niels und ein tauber Doktor aus Wien waren die einzigen Gäste im Hotel »Zur goldnen Sonne«, dem ersten Hotel der Stadt. Niels schloß sich eng an sie an, und sie gab jener Innerlichkeit in seinem Wesen nach, wie das so oft der Fall ist bei Leuten, die im Unfrieden mit sich selber leben und die deshalb darauf angewiesen sind, Geborgenheit bei andern zu suchen. Madame Odéro lebte hier schon im siebenten Monat, um sich in vollständiger Ruhe von den Nachwehen eines Halsleidens zu erholen, das ihre Stimme bedroht hatte; und der Arzt hatte ihr für ein ganzes Jahr jegliches Singen verboten und, damit sie nicht in Versuchung geführt werden sollte, überhaupt jegliche Musik. Erst nach Verlauf von einem Jahr wollte er ihr erlauben, den Versuch zu machen, zu singen, und wenn es sich dann zeigte, daß nicht die geringste Müdigkeit einträte, so würde sie geheilt sein. Niels übte eine Art zivilisierenden Einflusses auf Madame Odéro aus, die eine heftige, feurige Natur mit sehr wenigen Nuancen war. – Es war ja für sie ein schreckliches Urteil gewesen, daß sie ein ganzes Jahr still leben sollte, weit fort von Bewunderung und Vergötterung; und anfangs war sie ganz verzweifelt und starrte, von Schreck gelähmt, in diese zwölfmonatige Zukunft hinaus, als sei es ein tiefes, schwarzes Grab, in das sie lebend hineingelegt werden sollte; aber alle Menschen schienen zu meinen, daß es etwas Unvermeidliches sei, und dann flüchtete sie eines schönen Morgens plötzlich nach Riva. Sie hätte sehr gerne an einem belebteren, besuchteren Ort leben dürfen, aber das wollte sie gerade nicht. Sie schämte sich, und ihr war zumute, als ginge sie mit einem äußerlichen, sichtbaren, körperlichen Schaden umher, und meinte, es den Leuten ansehen zu können, wie sie sie ihres Gebrechens wegen bemitleideten und miteinander davon sprachen. Sie hatte deshalb an ihrem neuen Aufenthaltsort allen Verkehr gemieden und zum großen Teil auf ihren Zimmern gelebt, dessen Türen viel Böses ertragen mußten, wenn diese freiwillige Einsperrung gar zu unerträglich wurde. Jetzt, da alle Menschen fortgezogen waren, tauchte sie wieder hervor und kam dadurch mit Niels Lyhne in Berührung; denn ihr war ja gar nicht bange vor den einzelnen Menschen. Man brauchte gar nicht oft mit ihr zusammen zu sein, um Klarheit darüber zu erlangen, wie weit sie einen leiden konnte oder nicht, denn sie zeigte es deutlich genug. Das, was Niels Lyhne zu sehen bekam, war sehr ermunternd, und sie hatten noch nicht viele Tage miteinander in diesem prächtigen Hotelgarten mit seinen Granaten und Myrten, seinen Lauben und blühenden Oleandern und seiner herrlichen Aussicht gelebt, so waren sie schon sehr vertraut miteinander. Es war gar nicht die Rede davon, daß sie sich ineinander verliebt hatten, jedenfalls nicht sehr; es war eins jener unbestimmten, angenehmen Verhältnisse, wie sie zwischen Männern und Frauen entstehen können, die über ihre erste Jugend mit ihrem Aufflackern und Sehnen nach dem unbekannten Glück hinaus sind. Es ist eine Art fliegender Sommer, wo man zierlich Seite an Seite lustwandelt und sich selbst zu einem Strauß aufliest, sich selbst mit der Hand eines andern streichelt, sich selbst mit den Augen eines andern bewundert. All die hübschen Geheimnisse, die man hat, all die niedlichen, gleichgültigen Dinge, die man aufbewahrt, alle Nippgegenstände der Seele werden hervorgeholt und gehen von Hand zu Hand und werden, in einem artistischen Suchen nach dem besten Licht, prüfend in die Höhe gehalten, während man vergleicht und erklärt. Natürlich findet man für diese Art von Sonntagsverhältnis nur dann Ruhe, wenn das Leben gute Stunden hat; aber hier an dem schönen See hatten die beiden ja Zeit genug. Niels war es, der das Verhältnis einleitete, indem er mit Wort und Mienen Madame Odéro in eine vorteilhafte Melancholie kleidete. Anfänglich war sie mehrmals nahe daran gewesen, den ganzen Putz abzureißen und als die Barbarin, die sie war, zum Vorschein zu kommen; aber da sie fand, daß sie sie so vornehm kleidete, ergriff sie die Melancholie wie eine Rolle und beschränkte sich nicht nur darauf, nicht mehr die Türen zuzuschlagen, sondern suchte in sich selbst nach solchen Stimmungen und Regungen, die zu dem neuen Gewand passen konnten; und zu ihrem Erstaunen entdeckte sie allmählich, wie wenig sie sich selbst gekannt hatte. Ihr Leben war ja gar zu bewegt und wechselnd gewesen, als daß sie früher Zeit hätte finden können, in sich selbst aufzuräumen; und eigentlich näherte sie sich ja erst jetzt dem Alter, wo die Frauen, die viel gelebt und ein gut Teil von der Welt gesehen haben, anfangen, ihre Andenken zu bewahren, auf sich selbst zurückzusehen und sich eine Vergangenheit zu sammeln. Aus dieser Einleitung heraus entwickelte sich das Verhältnis bald schnell und bestimmt, und sie wurden einander ganz unentbehrlich. Man lebte nur halbwegs, wenn man allein war. Eines Morgens, als Niels hinaussegelte, hörte er Madame Odéro im Garten singen. Im ersten Augenblick wollte er umkehren und sie schelten, aber ehe er sich noch besonnen hatte, war er außer Hörweite geglitten; außerdem war der Wind so einladend zu einer Fahrt nach Limone, und er konnte zu Mittag zurück sein. So segelte er denn. Madame Odéro war ungewöhnlich früh in den Garten hinabgekommen. Der frische Duft, der hier draußen herrschte, die runden Wellen, wie sie glasklar und blank unter der Gartenmauer stiegen und fielen, und diese ganze Farbenpracht zu allen Seiten, blauer See und sonnenverbrannte Berge und weiße Segel, die über den See dahinglitten, und rote Blumen in Wölbungen über ihrem Haupt, all dies und dann ein Traum, den sie nicht vergessen konnte, sondern der nicht aufhörte, gegen ihr Herz zu wiegen... sie konnte nicht schweigen, sie mußte in all diesem Leben mit dabei sein. Und so sang sie denn. Voller und voller klang der Jubel ihrer Stimme; sie berauschte sich in ihrem Wohllaut, sie zitterte in einem wollüstigen Gefühl ihrer Macht; und sie sang fort, sie konnte nicht aufhören; dazu trug sie sie gar zu wunderleicht davon, dahin durch himmlische Traume und kommende Triumphe. – Und es war keine Müdigkeit da; sie konnte reisen, sofort reisen, all dieses Nichts der vielen Monate sofort abschütteln, wieder hinaustreten und leben. Um die Mittagszeit war alles zur Abreise bereit. Dann, gerade als der Wagen vorfuhr, fiel ihr Niels Lyhne ein. Sie riß ein jämmerliches kleines Taschenbuch, das sie bei sich trug, hervor und schrieb es voll von Abschiedsworten an Niels; denn die Blätter waren so klein, daß nur drei, vier Wörter auf jedem stehen konnten; sie legte es in einem Briefumschlag hin und fuhr von bannen. Als Niels am Nachmittag – er war von der Gesundheitspolizei in Limone aufgehalten worden – zurückkehrte, hatte sie schon längst Mori erreicht und saß auf der Bahn. Er wunderte sich nicht, war nur traurig, gar nicht böse; er hatte sogar ein kleines, resigniertes Lächeln für diese neue Feindseligkeit des Schicksals. Aber als er dann am Abend in dem leeren, mondhellen Garten saß und dem kleinen Knaben des Wirts die Geschichte von der Prinzessin erzählte, die ihr Federkleid wiedergefunden hatte und von ihrem Geliebten wegflog, zurück in das Land der Feen, da packte ihn eine unendliche Sehnsucht nach Lönborghof, danach, zu fühlen, daß sich etwas wie ein Heim um ihn schloß, ihn an sich zog und ihn festhielt, gleichviel wie. Er konnte die Gleichgültigkeit des Daseins nicht länger ertragen, dies: an allen Ecken und Enden losgelassen und stets auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Kein Heim auf der Erde, keinen Gott im Himmel, kein Ziel draußen in der Zukunft! Er wollte wenigstens ein Heim haben; das würde er zu sich heranziehen, diesen Fleck, im Großen wie im Kleinen, jeden Stein, jeden Baum, das Leblose und das Lebende; er wollte sein Herz unter dies alles teilen, so daß es ihn niemals wieder loslassen konnte. Dreizehntes Kapitel Ungefähr ein Jahr hatte Niels Lyhne auf Lönborghof gewohnt und die Bewirtschaftung geleitet, so gut wie er es vermochte und so viel wie sein Verwalter es ihm gestattete. Er hatte seinen Schild herabgenommen, die Devise ausgelöscht und resigniert. Die Menschheit mochte sich ohne ihn zurechtfinden; er hatte das Glück kennen gelernt, das in der rein körperlichen Arbeit liegt, dies: den Haufen unter seinen Händen wachsen zu sehen; dies: wirklich fertig werden zu können, so daß man selbst fertig ist; dies: wenn man müde weggeht, zu wissen, daß die Kräfte, die man dabei zugesetzt hat, dort hinter einem in der Arbeit lagen, und die Arbeit würde bleiben, würde nicht des Nachts vom Zweifel aufgefressen, nicht von der mürrischen Kritik einer Morgenstunde auseinandergeweht werden. In der Landwirtschaft gab es keine Sisyphussteine. Und dann, seinen Körper müde gearbeitet zu haben; der Genuß, der darin lag, sich zur Ruhe zu begeben und sich neue Kräfte heranzuschlafen, um sie wieder zuzusetzen, regelmäßig, wie Tag und Nacht aufeinanderfolgen, ohne von den Launen des Gehirns gehindert zu werden, ohne sich selbst vorsichtig anzufassen, wie eine gestimmte Gitarre mit verschlissenen Schrauben. Er war so recht gleichmäßig glücklich, und oft konnte man ihn auf einem Zaun oder einem Grenzpfahl sitzen, wie sein Vater gesessen hatte, und in seltsam vegetativer Benommenheit über den goldenen Weizen oder den fruchtschweren Hafer hinausstarren sehen. Noch pflegte er keinen weiteren Verkehr mit den Familien der Gegend. Das einzige Haus, das er einigermaßen häufig besuchte, war das des Kanzleirats Skinnerup in Barde. Sie waren noch zu Lebzeiten seines Vaters in die Stadt gezogen, und da der Kanzleirat einer von Lyhnes alten Universitätsfreunden war, hatten die beiden Familien viel verkehrt. Skinnerup, ein sanfter, kahlköpfiger Mann mit scharfen Zügen und milden Augen, war jetzt Witwer, und er hatte das Haus mehr als voll genug von vier Töchtern, von denen die älteste siebzehn, die jüngste zwölf Jahre alt war. Niels mochte sich gerne mit dem sehr belesenen Kanzleirat über allerlei ästhetische Themata unterhalten; denn weil er angefangen hatte, seine Hände zu gebrauchen, war er deshalb doch keineswegs plötzlich ein Bauer geworden. Er hatte auch die etwas komische Vorsicht gern, mit der er sich ausdrücken mußte, sobald die Rede auf einen Vergleich zwischen dänischer und ausländischer Literatur fiel, und überhaupt auch sonst, wenn Dänemark mit etwas, das nicht dänisch war, gemessen werden sollte; denn es war ganz notwendig, vorsichtig zu sein; der sanfte Kanzleirat gehörte nämlich zu diesen guten, wütenden Patrioten, die es damals gab, Leute, die man dazu bringen konnte, daß sie mürrisch einräumten, Dänemark sei nicht die bedeutendste Großmacht, die aber dann auch nicht mehr ein einziges weiteres Zugeständnis machten, wodurch das Land oder irgend etwas, das dem Lande angehörte, einen andern Platz als an der Spitze erhalten konnte. – Was er auch bei diesen Gesprächen liebte, aber ganz unbestimmt und ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, war die frohe Bewunderung, zu sehen, mit der die Augen der siebzehnjährigen Gerda ihm folgten, wenn er sprach, und sie versuchte immer zugegen zu sein, jedesmal, wenn er da war, und nahm so innigen Anteil, daß er sie manch liebes Mal vor Entzücken erröten sehen konnte, wenn er etwas gesagt hatte, was ihr besonders schön erschien. Er war nämlich ganz unverschuldeterweise das Ideal dieser jungen Dame geworden, ursprünglich hauptsächlich, weil er, wenn er reitend zur Stadt kam, einen ausländischen, grauen Radmantel von sehr romantischem Schnitt trug. Und dann war auch das, daß er zum Beispiel Milano und nicht Mailand sagte, und dann, daß er einsam in der Welt dastand und einen etwas traurigen Gesichtsausdruck hatte. Es war so viel, durch das er sich von allen andern Menschen sowohl in Barde wie auch in Ringköbing unterschied. An einem heißen Sommertage kam Niels durch die kleine Straße hinter dem Garten des Kanzleirates. Die Sonne brannte herab auf die ziegelbraunen kleinen Häuser. Dort im Fluß lagen die Schuten, Binsenmatten hingen an den Seiten herab, damit der Teer nicht aus den Fugen schmelzen sollte; und ringsum hatte man alles geschlossen, um eine Kühle zu erhalten, die sich da draußen nicht vorfand. Innerhalb der offnen Haustüren saßen die Kinder, lernten laut an ihren Aufgaben und summten um die Wette mit den Bienen drüben im Garten, und ein Schwarm von Spatzen schwirrte schweigend von Baum zu Baum, alle auf einmal aufwärts und alle zusammen abwärts. Niels trat in ein kleines Haus, das an den Garten stieß, und wurde von der Frau, die zu dem Nachbar lief, um ihren Mann zu holen, in eine reine, nette, kleine Stube eingelassen, wo es nach Stärkewäsche und Goldlack roch. Als er mit den Bildern, den beiden Hunden auf der Kommode und den Muscheln auf dem Nähkastendeckel fertig war und an das offne Fenster trat, hörte er Gerdas Stimme ganz dicht nebenan, und da standen denn auch alle vier Fräulein Skinnerup unmittelbar neben dem Hause auf der Bleiche des Kanzleirats. Die Balsaminen und die andern Blumen im Fenster versteckten ihn, und er bereitete sich darauf vor, zu lauschen wie auch zu sehen. Offenbar herrschte ein Streit unter ihnen, und die drei jüngeren Schwestern machten gemeinsame Sache gegen Gerda. Alle hatten sie zitronengelbe Reifenstöcke in der Hand, und die jüngste hatte sich drei, vier von den rotumwundenen Reifen wie eine Art Turban auf den Kopf gesetzt. Sie war es, die jetzt sprach. »Sie sagt, er gleiche Themistokles drinnen auf dem Ofen im Bureau,« rief sie ihren beiden Verschworenen zu und setzte ein schwärmerisches Gesicht mit zum Himmel emporgewandten Augen auf. »Bah,« antwortete die mittlere, eine bissige kleine Dame, die im Frühling konfirmiert worden war, »ob Themistokles wohl einen runden Rücken hatte?« und sie ahmte Niels Lyhnes ein wenig vornübergebeugte Haltung nach. »Themistokles, ein schöner Stiefel!« »Es liegt etwas so Männliches in seinem Blick, er ist wirklich ein Mann!« zitierte die zwölfjährige. »Der!« es war wieder die mittlere. »Er geht ja umher und parfümiert sich; ist das männlich? neulich lagen seine Handschuhe da und rochen schon von weitem nach Millefleur.« »Alle Vollkommenheiten!« rief die zwölfjährige in mattem Entzücken aus und schwankte herzergriffen hintenüber. Und sie taten, als richteten sie all diese Repliken an sich untereinander und nicht an Gerda, die etwas abseits dastand, glühendrot, und ihren gelben Stock in die Erde bohrte. Plötzlich richtete sie sich auf. »Ihr seid ungezogene Gören,« sagte sie, »daß ihr so von einem sprecht, von dem beachtet zu werden ihr nicht einmal verdient.« »Er ist doch wohl nur ein Mensch wie wir andern«, wandte jetzt die älteste von den dreien sanft ein, als wolle sie Frieden stiften. »Nein, das ist er gar nicht«, antwortete Gerda. »Er hat doch auch seine Fehler«, fuhr die Schwester fort, indem sie sich stellte, als habe sie nicht gehört, was Gerda sagte. »Nein!« »Liebe Gerda, du weißt doch, daß er nie zur Kirche geht.« »Was sollte er wohl auch dort! er ist viel klüger als der Pfarrer.« »Ja, aber er glaubt ja leider gar nicht an einen Gott, Gerda.« »Ach, du kannst davon überzeugt sein, mein Kind, daß, wenn er das nicht tut, er auch seine guten Gründe dafür hat.« »Pfui Gerda, wie kannst du das sagen!« »Man sollte fast glauben ...« unterbrach die Konfirmierte sie. »Was sollte man fast glauben?« fragte Gerda hastig. »Nichts, nichts, beiß mich nur nicht!« antwortete die Schwester und tat plötzlich ungeheuer friedlich. »Wirst du nun sofort sagen, was du meintest!« »Nein, nein, nein, nein, nein; ich sollte doch meinen, daß ich meinen Mund halten kann, wann ich will.« Sie ging fort, begleitet von der zwölfjährigen, sie hielten sich in schwesterlicher Eintracht umschlungen. Ihnen folgte die ältere, strotzend vor Empörung. Gerda blieb allein zurück und sah trotzig vor sich hin, während sie ihren Reifenstock durch die Luft sausen ließ. Es währte eine kleine Weile, dann klang vom anderen Ende des Gartens her die heisere, singende Stimme der zwölfjährigen: »Du fragst, mein Schatz, Wozu das welke Veilchen.« Niels verstand die Neckerei wohl; er hatte nämlich neulich Gerda ein Buch geschenkt mit einem getrockneten Weinblatt aus dem Garten in Verona, wo Julias Grab liegt. Er konnte sich kaum des Lachens enthalten. Dann kam inzwischen die Frau mit ihrem Mann, den sie endlich gefunden hatte, und Niels bestellte die Tischlerarbeit, weswegen er gekommen war. Von dem Tage an beobachtete Niels Gerda mehr, und von einem Mal zum andern gingen ihm die Augen dafür auf, wie süß und prächtig sie war; und allmählich suchten seine Gedanken dies vertrauensselige kleine Mädchen immer häufiger auf. Sie war auch wirklich allerliebst und besaß so viel von dieser weichen, rührenden Schönheit, die einem fast die Tränen in die Augen zwingt. In ihrer ganzen frühentwickelten Gestalt war das weiblich Üppige durch eine kindliche Fülle gleichsam unschuldig gemacht. Ihre kleinen, weichgeformten Hände, die im Begriff standen, die rosenrote Farbe der Übergangsjahre zu verlieren, waren auch so unschuldig und besaßen nichts von der nervösen, zitternden Neugierde dieses Zeitpunkts. Sie hatte so einen starken kleinen Hals, so weich sich rundende Wangen, eine so niedrige und träumende kleine Frauenstirn, in der die Gedanken, die groß sind, selten kommen und fast weh tun, so daß die vollen Augenbrauen sich dabei zusammenziehen; und das Auge, wie das dalag! so dunkelblau und tief, aber nur tief wie ein Wasser, dessen Grund man sieht, zwischen vollen weichen Augenwinkeln, wo das Lächeln Ruhe fand und so geborgen unter den Lidern saß, die sich in langer Verwunderung hoben. So sah sie aus, die kleine Gerda, weiß und rot und blond, mit all ihrem kurzen goldenglänzenden Haar, ehrbar zu einem zierlich geordneten Knoten aufgesteckt. Sie sprachen oft miteinander, Niels und Gerda, und er wurde immer mehr von ihr eingenommen; ruhig, fein und anfänglich offen; bis dann eines Tages eine Veränderung in der Luft um sie her eintrat, ein kleiner Schimmer von dem, was Sinnlichkeit zu nennen zu plump wäre, aber was doch trotzdem die Hände, den Mund und die Augen dazu treibt, nach dem zu greifen, was das Herz nicht nahe genug an sein Herz pressen kann. Und dann eines andern Tages, kurze Zeit darauf, ging Niels zu Gerdas Vater, weil Gerda so jung und er ihrer Liebe so sicher war. Und der Vater gab sein Ja, und Gerda gab das ihre. Und als es Frühling wurde, heirateten sie. Es erschien Niels, als sei das Dasein so unendlich klar und schlicht geworden, als sei das Leben so einfach zu leben, das Glück so nahe und ebenso leicht zu gewinnen wie die Luft, die er mit einem Atemzug einsog. Er liebte sie, die junge Gattin, die er ja gewonnen hatte, mit der ganzen Feinheit der Gedanken und des Herzens, mit all der großen, zärtlich tiefen Sorgfalt, die in einem Manne lebt, der die Neigung der Liebe zum Sinken kennt und an die Fähigkeit der Liebe, zu steigen, glaubt. Er ging so behutsam mit dieser jungen Seele um, die sich in namenlosem Zutrauen zu ihm hinneigte und die sich an ihn anschmiegte mit der gleichen liebkosenden Zuversicht, derselben geborgenen Überzeugung, daß er nichts anderes als Gutes wollen konnte, wie jenes Lamm in dem Gleichnis seinem Hirten gegenüber empfand, wenn es aus seiner Hand fraß und aus seinem Becher trank. Er brachte es nicht übers Herz, ihr ihren Gott zu nehmen, nicht all jene weißen Engelscharen zu verbannen, die den ganzen Tag singend durch den Himmel schweben und gegen Abend auf die Erde herabkommen und sich in treuer Wacht von Lager zu Lager begeben und die Dunkelheit der Nacht mit einem beschützenden, unsichtbaren Licht erfüllen. Er wollte so ungern, daß seine schwerere, bilderlose Lebensanschauung sich zwischen sie und das milde Blauen des Himmels schieben und ihr das Gefühl von Unsicherheit und Verlassensein geben sollte. Aber sie wollte es anders, sie wollte alles mit ihm teilen; es sollte keine Stätte im Himmel und auf Erden geben, wo ihre Wege auseinandergingen; und was er auch sagen mochte, um sie zurückzuhalten, sie widerlegte alles, wenn auch nicht mit den Worten jenes moabitischen Weibes, so doch mit demselben eigensinnigen Gedanken, der in den Worten lag: dein Volk soll mein Volk und dein Gott mein Gott sein. Und jetzt begann er allen Ernstes, sie zu belehren, und er entwickelte ihr, wie alle Götter Menschenwerk seien und wie alles, was von Menschenhand gemacht war, nicht für ewige Zeiten bestehen konnte, sondern verfallen mußte, Göttergeschlecht auf Göttergeschlecht, weil die Menschheit sich ständig entwickelt und verändert und an ihren Idealen emporwächst. Und ein Gott, in den die ältesten und größten der Geschlechter nicht ihren reichsten, geistigen Inhalt hineingelegt haben, ein Gott, der sein Licht nicht von der Menschheit erhielt, sondern der durch sich selber leuchten sollte, ein Gott, der sich nicht in der Entwicklung befand, sondern in dem historischen Kalk der Dogmen erstarrt war, – der war kein Gott mehr, sondern ein Götze, und deshalb hatte das Judentum Baal und Astarte gegenüber recht, und das Christentum Jupiter und Odin gegenüber; denn ein Götze ist nichts auf der Welt. Von einem Gott zum andern war die Menschheit vorwärts gegangen, und deshalb konnte Christus einerseits, zu dem alten Gott gewandt, sagen, daß er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu vollziehen, und andrerseits über sich selbst hinaus nach einem noch höheren Gottesideal zeigen, mit jenen mystischen Worten von der Sünde, der nicht verziehen werden kann, der Sünde wider den Heiligen Geist. Er lehrte sie ferner, wieder Glaube an einen persönlichen Gott, der alles zum besten leitet und in einem andern Leben straft und belohnt, wie das eine Flucht sei weg aus der rauhen Wirklichkeit, ein ohnmächtiger Versuch, der trostlosen Wirklichkeit des Daseins den Stachel zu nehmen. Er zeigte ihr, wie es das Mitleid der Menschen mit den Unglücklichen erschlaffen, sie weniger bereit machen müßte, alle Kräfte daran zu setzen, um zu helfen, wenn sie sich bei dem Gedanken beruhigen könnten, daß alles, was hier in diesem kurzen Erdenleben erduldet wurde, dem Leidenden den Weg zu einer Ewigkeit in Herrlichkeit und Freude bahnen sollte. Er hob hervor, welche Kraft und Selbständigkeit es dem Menschengeschlecht geben müßte, wenn sie im Glauben an sich selbst ihr Leben im Einklang mit dem zu leben suchten, was der einzelne in seinen besten Augenblicken bei sich selbst am höchsten schätzte, statt es außerhalb seines Bereichs in eine kontrollierende Gottheit zu legen. Er machte seinen Glauben so schön und so segensreich, wie er es nur vermochte; aber er verbarg auch nicht vor ihr, wie erdrückend schwer und trostlos die Wahrheit des Atheismus in den Stunden des Kummers zu tragen sein könne, im Vergleich zu jenem hellen, glücklichen Traum von einem himmlischen Vater, der lenkt und herrscht. Aber sie war mutig; zwar erschütterten viele seiner Lehren sie bis in das Innerste der Seele, und oft gerade die, von denen man es am allerwenigsten geglaubt haben würde; aber ihr Zutrauen zu ihm kannte keine Grenzen, ihre Liebe flog mit ihm fort ans allen Himmeln, und sie liebte es, sich überzeugt zu wissen. Und als mit der Zeit das Neue ihr vertraut und heimatlich erschien, wurde sie im höchsten Grade intolerant und fanatisch, so wie es immer mit den neuen Jüngern ergangen ist, die ihren Meister heiß liebten. Niels tadelte sie oft; aber das konnte sie nie verstehen, daß, wenn das Ihre wahr sei, das andere nicht abscheulich und lasterhaft sein müsse. Drei Jahre lebten sie ein glückliches Leben zusammen, und viel von dem Glück strahlte von einem kleinen Kindergesicht aus, von einem kleinen Knaben, den sie im zweiten Jahr nach ihrer Verheiratung bekommen hatten. Das Glück macht gewöhnlich die Menschen gut, und Niels war auf jede Weise ehrlich danach bestrebt, ihr Leben so edel, schön und nützlich zu gestalten, so daß niemals eine Pause entstand in dem Wachstum ihrer Seelen empor zum Menschheitsideal, an das sie beide glaubten. Aber für ihn war nie mehr die Rede davon oder ein Gedanke daran, daß er die Form der Idee unter die Menschen hinaustragen wollte; ihm genügte es, ihr zu folgen. Wohl geschah es hin und wieder, daß er die alten Versuche hervorholte, aber er wunderte sich stets darüber, daß er es sei, der all diese schönen kunstfertigen Dinge geschrieben hatte, und regelmäßig traten ihm Tränen in die Augen, wenn er seine eigenen Gedichte las. Er hätte indessen für nichts in der Welt mit dem Ärmsten tauschen mögen, der sie geschrieben hatte. Plötzlich, als es Frühling wurde, erkrankte Gerda und konnte nicht leben. Eines Morgens früh – es war der letzte – wachte Niels bei ihr. Die Sonne war im Begriff aufzugehen und warf einen roten Schein auf die weißen Zuggardinen, während das Morgenlicht, das neben der Gardine hereinsickerte, noch blau war und den Schatten zwischen den weißen Falten des Bettes und unter Gerdas bleichen, dünnen Händen, wie sie da auf dem Bettuch gefaltet lagen, blau färbte. Das Häubchen war herabgeglitten, und sie lag da, den Kopf weit hintenüber gelehnt, ganz verändert, so wunderbar geadelt durch die scharfen, spitzen Züge der Krankheit. Sie bewegte die beiden Lippen, als wolle sie sie anfeuchten, und Niels griff nach dem Glas mit dem dunkelroten Trank. Aber sie wiegte verneinend den Kopf. Dann wandte sie plötzlich ihr Gesicht ihm zu und starrte angsterfüllt in seine sorgenschweren Züge. – Je länger sie all diese tiefe Trauer sah, die sie zur Schau trugen, und all diese Hoffnungslosigkeit, die sie ausdrückten, desto mehr ging ihre angstvolle Ahnung in die fürchterlichste Gewißheit über. Sie versuchte sich aufzurichten, vermochte es aber nicht. Niels beugte sich schnell über sie, und sie ergriff seine Hand. »Ist das der Tod?« sagte sie und dämpfte ihre schwache Stimme, als wenn sie es nicht so ganz geradezu aussprechen wollte. Er sah sie nur an, indem er den Atem in einem klagenden Seufzer ausstieß. Gerda umklammerte fest seine Hand und warf sich in ihrer Angst zu ihm hinüber. »Ich wage es nicht!« sagte sie. Er ließ sich vor dem Bett auf die Knie gleiten und legte seinen Arm unter das Kopfkissen, so daß er sie fast an seiner Brust hielt. Die Tränen blendeten ihn, so daß er sie nicht sehen konnte, und liefen eine nach der andern über seine Wange herab. Er führte ihre Hand mit einem Zipfel des Lakens an seine Augen, dann hatte er wieder seine Stimme in der Gewalt. »Sag mir alles, liebe Gerda,« sagte er, »kümmre dich nicht um mich. Ist es der Pfarrer?« Er konnte es sich nicht denken, daß es das sei, es lag ein kleiner Zweifel in seinem Ton. Sie antwortete nicht; sie schloß die Augen und zog den Kopf ein wenig zurück, als wollte sie mit ihren Gedanken allein sein. Es währte eine Weile. Das lange, weiche Flöten einer Drossel erklang unter dem Fenster, dann flötete eine zweite, eine dritte; eine ganze Reihe von Flötentönen schossen durch das Schweigen da drinnen. Dann sah sie wieder auf. »Wenn du mit mir gingest!« sagte sie und lehnte sich schwerer gegen das Kissen, das er stützte. Es lag eine Liebkosung darin, und er fühlte es. »Wenn du mit mir gingest! aber allein!« und sie zupfte leise an seiner Hand und ließ sie dann los; »ich wage es nicht.« Ihre Augen wurden ängstlich. »Du mußt ihn holen, Niels, ich wage nicht, allein so da hinaufzukommen. Wir hatten ja nie daran gedacht, daß ich zuerst sterben sollte; du warst es immer, der voranging. Ich weiß wohl, ... aber wenn wir uns nun doch geirrt hätten, es wäre doch möglich, Niels, wäre es nicht möglich? Du glaubst nein; aber es müßte doch seltsam zugehen, wenn alle Menschen sich irrten und sie so gar nichts zu bedeuten hätten, all die großen Kirchen ... und wenn sie sie begraben, die Glocken ... ich fand immer, daß die Glocken ...« Sie lag still da, als lausche sie ihnen und höre sie. »Es ist unmöglich, Niels, daß es mit dem Tod vorbei sein sollte; du kannst es nicht fühlen, der du gesund bist; du findest, es muß uns ganz totschlagen, weil man so matt ist und alles entschwindet; aber das betrifft nur die äußere Welt; drinnen ist da ebensoviel Seele wie früher; ganz sicher, Niels; ich habe es alles hier drinnen, alles, was ich erhalten habe, dieselbe unendliche Welt, nur stiller, mehr allein für sich, so wie wenn man die Augen schließt. Es ist nur wie ein Licht, du, es geht auch von dir fort, in das Dunkel hinein, in das Dunkel hinein, und es erscheint dir schwächer und schwächer, du kannst es nicht sehen, aber trotzdem leuchtet es dort hinten, wo es ist. – In weiter Ferne – – Ich hatte stets geglaubt, daß ich so eine alte, alte Frau werden würde und bei euch allen bleiben könnte, und nun darf ich nicht mehr; sie nehmen mich weg von Haus und Heim und lassen mich ganz allein gehen. Ich fürchte mich, Niels; dort, wohin ich soll, herrscht der liebe Gott, und der fragt nicht nach unserer Klugheit hienieden, er will das Seine und nichts andres, und es ist so weit weg von mir, all das Seine. Ich habe nicht viel Böses getan, nicht wahr? Aber das ist es nicht ... hole mir den Pfarrer, ich möchte ihn so gerne haben.« Niels erhob sich sofort und holte den Pfarrer; er war dankbar dafür, daß dies nicht im allerletzten Augenblick gekommen war. Der Pfarrer kam und blieb allein mit Gerda. Er war ein schöner Mann in mittleren Jahren mit seinen, regelmäßigen Zügen und großen, braunen Augen. Natürlich kannte er sowohl Niels Lyhne wie auch Gerdas Verhältnis zur Kirche, und ihm waren ja auch hin und wieder verschiedene kirchenfeindliche Äußerungen, die von dem Fanatismus der Frau zeugten, übermittelt worden; aber es fiel ihm gar nicht ein, zu ihr wie zu einer Heidin oder Abtrünnigen zu sprechen; er verstand so gut, daß es allein ihre große Liebe war, die sie auf Irrwege geführt hatte, und er verstand auch dies Gefühl so gut, das jetzt, da die Liebe sie nicht länger begleiten konnte, sie dazu brachte, sich voll Angst nach einer Versöhnung mit ihrem Gott zu sehnen, den sie ehemals gekannt hatte; und er versuchte deshalb, in seiner Rede hauptsächlich ihre schlummernden Erinnerungen zu wecken und ihr solche Stellen aus den Evangelien und solche Gesänge vorzulesen, von denen er sich denken konnte, daß sie sie am besten kannte. Wie heimatlich festlich klangen nicht diese Worte, gleich Glockenklang an einem Weihnachtsmorgen; wie lag nicht sofort vor ihrem Blick das Land ausgebreitet, in dem unsre Phantasie zuallererst heimisch wurde, wo Joseph träumte und wo David sang und wo die Leiter steht, die von der Erde zum Himmel führt. Mit Feigen und Maulbeeren lag es da, und der Jordan glitzerte silberklar durch den Morgennebel hindurch, Jerusalem lag rot und traurig in der Abendsonne, aber über Bethlehem stand eine herrliche Nacht mit großen Sternen in dem Dunkelblau. Wie quoll der Kinderglaube nicht wieder hervor! sie wurde wieder dasselbe kleine Mädchen, das an der Hand ihrer Mutter zur Kirche ging und dasaß und fror und sich darüber wunderte, weshalb die Menschen so viel sündigten. Dann wuchs sie wieder heran unter den hohen Worten der Bergpredigt, und als kranke Sünderin lag sie da, als der Pfarrer von den heiligen Mysterien, von der Taufe und dem Sakrament des Altars sprach. Da gewann der rechte Drang in ihrem Herzen die Oberhand, jenes tiefe Knien vor dem allmächtigen, dem richtenden Gott, jene bittren Reuetränen dem verratenen, verspotteten und gematteten Gott gegenüber und jenes demütige kühne Sehnen nach dem neuen Bund des Weines und des Brotes mit dem geheimnisvollen Gott. Der Pfarrer ging. Im Laufe des Vormittags kehrte er zurück und reichte ihr das Sakrament. Die Kräfte nahmen schnell in einem seltsamen Flackern ab, aber noch in der Dämmerung, als Niels sie zum letztenmal in seine Arme schloß, um ihr Lebewohl zu sagen, bevor die Schatten des Todes allzu nahe kamen, war sie bei vollem Bewußtsein. Doch die Liebe, die das beste Glück seines Lebens bedeutet hatte, war in ihrem Blick erloschen; sie war schon jetzt nicht die Seine mehr, die Schwingen hatten zu wachsen begonnen, sie sehnte sich nach ihrem Gott. Um Mitternacht starb sie. Es waren schwere Zeiten, die jetzt folgten; die Zeit schwoll zu etwas Ungeheurem und Feindlichem an. Jeder Tag war eine unendliche Wüste von Leere, jede Nacht eine Hölle der Erinnerungen. Erst nach Monaten, als der Sommer zur Neige ging, hatte der reißende, schäumende Strom der Trauer sich ein Flußbett in seine Seele gegraben, so daß er wie ein murmelnder, schwerwogiger Strom von Entbehrung und Tiefsinn dahinfließen konnte. Dann geschah es eines Tages, daß er, als er vom Felde heimkehrte, seinen kleinen Knaben schwererkrankt vorfand. Er hatte während der letzten Tage ein wenig gekränkelt und war in der voraufgehenden Nacht unruhig gewesen; aber niemand hatte geahnt, daß dies etwas zu bedeuten habe. Jetzt lag er fieberheiß und fieberkalt in seinem kleinen Bett und stöhnte vor Schmerz. Der Wagen wurde augenblicklich nach Varde zum Arzt geschickt; aber es war keiner zu Hause, und der Kutscher mußte viele Stunden warten. Noch um die Schlafenszeit war er nicht gekommen. Niels saß am Lager des Knaben; wenigstens jede halbe Stunde schickte er einen hinaus, um zu lauschen und nach dem Wagen auszuspähen. Ein reitender Bote wurde auch ausgesandt, er sollte den Wagen treffen, aber er traf keinen Wagen und ritt ganz bis nach Varde hinein. Dieses Warten auf Hilfe, die nicht kommen wollte, machte es noch unerträglicher, Zeuge zu sein, wie das kranke Kind litt. Und die Krankheit nahm schnell zu. Gegen elf trat der erste Krampfanfall ein, und nach dieser Zeit wiederholten sich die Anfälle in kurzen und immer kürzeren Zwischenräumen. Bald nach eins kam der reitende Bote zurück mit dem Bescheid, daß der Wagen für die nächsten Stunden noch nicht zu erwarten sei, da keiner der Ärzte, als er aus der Stadt fortritt, heimgekehrt war. Da brach Niels zusammen; er hatte der Verzweiflung standgehalten, solange es möglich war zu hoffen; jetzt konnte er es nicht länger, er trat in das dunkle Zimmer neben der Krankenstube und starrte durch die schwarzen Scheiben, während seine Nägel sich in das Holz des Fensterpfostens bohrten; seine Augen fraßen sich gleichsam durch das Dunkel nach einer Hoffnung hindurch, sein Gehirn krümmte sich zum Sprung, dem Wunder entgegen; dann wurde es einen Augenblick klar und still, und in dieser Klarheit trat er vom Fenster weg und warf sich über einen Tisch und schluchzte ohne Tränen. Als er wieder in die Krankenstube trat, hatte das Kind Krämpfe. Er starrte es an, als wolle er sich dadurch töten, – diese kleinen Hände, die sich zusammenballten, weiß mit blaßblauen Nägeln; diese starren Augen, die sich aus ihren Höhlen herausrollten; dieser verzerrte Mund, in dem die Zähne, mit einem Laut von Eisen in Stein, knirschten; das war schrecklich und doch nicht das Schlimmste. Nein, aber als dann die Krämpfe aufhörten und der Körper wieder weich und biegsam wurde und sich dem Glück über die abnehmenden Schmerzen hingab, und dann die Angst, die in den Blick des Kindes trat, wenn es von weitem spürte, daß die Krämpfe wiederkehrten. Das sich steigernde Flehen um Hilfe, während die Pein näher und näher rückte, nein dies, und dann nicht helfen zu können, nicht mit seinem Herzblut, nicht mit allem, was er besaß und hatte: – er erhob die geballten Hände drohend gen Himmel, er griff nach seinem Kinde in dem wahnsinnigen Gedanken an Flucht; und dann warf er sich auf die Knie und flehte zu Gott im Himmel, der das Erdreich durch Prüfungen und Zucht in Angst hält, der Not und Krankheit schickt, Leiden und Tod, der will, daß alle Knie sich mit Zittern beugen sollen, und von dem weg es keine Flucht gibt, weder nach dem äußersten Meer noch in die Abgründe hinab. Er, der Gott, der, wenn es ihm gefällt, den zu Boden treten wird, den du am meisten liebst, und ihn unter seinem Fuß zu Staub zurückquälen wird, aus dem er ihn selbst gemacht hat. In solchen Gedanken betete Niels hinauf zu Gott und warf sich in seiner Ohnmacht nieder vor dem Himmelsthron, bekennend, daß die Macht sein sei, sein allein. Aber das Kind litt noch immer. Gegen Morgen, als der alte Kriegsrat, der Arzt des Gutes, zum Tor hineinfuhr, war Niels allein. Vierzehntes Kapitel Jetzt ist es Herbst; droben auf dem Friedhof haben die Gräber keine Blumen mehr, und das Laub liegt braun und faulend in der Feuchtigkeit unter den Bäumen im Garten zu Lönborghof. In den leeren Stuben geht Niels Lyhne in schwerem Trübsinn umher. In der Nacht, als das Kind starb, ist etwas in ihm gebrochen, er hat das Zutrauen zu sich selber verloren, seinen Glauben an die Macht des Menschen, das Leben zu tragen, das zu leben ihm auferlegt wird. Das Dasein war zerrissen, und sein Inhalt sickerte sinnlos nach allen Seiten davon. Es half nichts, daß er jenes Gebet, das er sprach, den wahnsinnigen Ruf eines Vaters um Hilfe für sein Kind nannte, obgleich er wußte, daß niemand den Ruf hören konnte. Er hatte gewußt, was er mitten in seiner Verzweiflung tat. Er war versucht worden und war unterlegen; das war ein Sündenfall, ein Abfall von sich selbst und von der Idee. Es mochte ja sein, daß die Tradition in seinem Blut zu stark gewesen war; das Menschengeschlecht hatte so viele Tausende von Jahren in seiner Not immer gen Himmel gerufen, und nun hatte er diesem ererbten Bedürfnis nachgegeben; aber er hätte dagegen ankämpfen sollen wie gegen einen schlechten Instinkt; er wußte ja doch, bis in die innerste Fiber seines Gehirns hinein, daß Götter Träume waren und daß es ein Traum war, zu dem er flüchtete, sobald er betete; ebensogut, wie er in alten Tagen, wenn er sich in die Arme der Phantasterei warf, gewußt hatte, daß es Phantasterei war. Er hatte nicht vermocht, das Leben zu tragen, so wie es war; nun war er im Kampf um das Größte mit dabeigewesen und war in der Härte des Kampfes seiner Fahne, der er geschworen hatte, untreu geworden; denn das Neue, der Atheismus, die heilige Sache der Wahrheit, welches Ziel hatte dies alles, was andres war dies alles als Flittergoldnamen für das eine Einfache: das Leben zu tragen, so wie es war, und sich das Leben nach den eigenen Gesetzen des Lebens formen zu lassen. Es erschien ihm, als wäre sein Leben mit jener qualvollen Nacht abgeschlossen; das, was folgte, konnte niemals etwas andres als interesselose Szenen werden, die an den fünften Akt angehängt waren, nachdem die Handlung zu Ende gespielt worden war. Er konnte ja seine alte Lebensanschauung wieder hervorholen, wenn er dazu Lust verspürte; aber einmal war er den Fall gefallen, und ob er später dazu kommen sollte, ihn noch einmal zu wiederholen oder ihn nicht zu wiederholen, das war gleichgültig, das eine wie das andre. In dieser Stimmung ging er am häufigsten einher. Dann kam jener Novembertag, als der König starb und der Krieg immer drohender schien. Bald ordnete er alle Angelegenheiten auf Lönborghof und meldete sich als Freiwilliger. Die Langeweile der Ausbildung wurde ihm leicht, zu ertragen; es war ja so außerordentlich viel, kein überflüssiger Mensch mehr zu sein; und dann, als er zur Armee hinüberkam, dieser ewige Kampf dort mit der Kälte, dem Ungeziefer, den Unbequemlichkeiten jeglicher Art, all dies, das die Gedanken vertrieb, so daß sie sich mit dem beschäftigen konnten, was gerade vor der Türe lag; das machte ihn fast lustig, und seine Gesundheit, die durch die Trauer des letzten Jahres ziemlich angegriffen worden war, wurde wieder ganz ausgezeichnet. An einem trüben Märztage wurde er durch die Brust geschossen. Hjerrild, der Lazarettarzt war, sorgte dafür, daß er in einen kleineren Saal gelegt wurde, wo nur vier Betten standen. Der eine, der hier lag, war durchs Rückgrat geschossen worden und lag ganz still; der andere war an der Brust verwundet, er hatte hier ein paar Tage gelegen und phantasierte ganze Stunden hindurch in hastig gesprochenen, abgerissenen Wörtern; der letzte schließlich, der Niels zunächst lag, war ein großer, starker Bauernbursche mit dicken, runden Wangen: er war von einem Granatsplitter ins Gehirn getroffen worden, und unausgesetzt, Stunde auf Stunde, hob er fast jede halbe Minute gleichzeitig den rechten Arm und das rechte Bein in die Höhe und ließ sie sofort wieder zurückfallen, indem er die Bewegung mit einem hörbaren, aber dumpfen und tonlosen Hoh – hoh begleitete, stets in gleichem Takt, stets genau dasselbe Hoh, wenn er die Glieder hob, Hoh, wenn sie herabfielen. Dort lag Niels Lyhne. Die Kugel war durch seine rechte Lunge gedrungen und war nicht wieder herausgekommen. Im Krieg können nicht viele Umstände gemacht werden, und er mußte hören, daß er nicht viel Aussicht habe zu leben. Es wunderte ihn, denn er fühlte sich nicht sterbenskrank und hatte keine großen Schmerzen in seiner Wunde. Aber bald trat eine Erschlaffung ein, die ihm sagte, daß der Arzt recht habe. Dies sollte also das Ende werden. Er dachte an Gerda, er dachte den ersten Tag viel an sie, aber beständig wurde er durch den seltsam kühlen Blick gestört, den sie gehabt hatte, als er sie das letztemal in seine Arme schloß. Wie schön, wie schmerzlich schön wäre es nicht gewesen, wenn sie sich bis ganz zuletzt an ihn geklammert und ihn nicht aus den Augen gelassen hätte, bis daß der Tod sie trübte, wenn sie sich damit begnügt hätte, ihr Leben bis zum letzten Atemzug an seinem Herzen zu leben, das sie so liebte, statt daß sie sich in der letzten Stunde von ihm abwandte, um sich zu mehr Leben, zu noch mehr Leben hinüberzuretten. Den zweiten Tag im Lazarett wurde Niels immer trübsinniger durch den schwülen Dunst da drinnen, und die Sehnsucht nach frischer Luft und der Wunsch zu leben waren in seinen Gedanken seltsam verflochten. Das Leben hatte doch viel Schönes gehabt, dachte er, wenn er sich des frischen Hauches daheim am Strand, des kühlenden Sausens in Seelands Buchenwäldern, der reinen Bergluft in Clarens und der weichen Abendbrise am Gardasee erinnerte. Aber dachte er an, die Menschen, so wurde ihm so krank zumut. Er rief sie zu sich, den einen nach dem andern, und alle gingen sie an ihm vorüber und ließen ihn allein, und nicht einer blieb zurück. Aber wie hatte er denn an ihnen festgehalten, war er treu gewesen? es war nur das, daß er langsamer losließ. Nein, das war es nicht. Es war die große Traurigkeit, daß eine Seele immer allein ist. Jeder Glaube an Verschmelzung zwischen Seele und Seele war eine Lüge. Nicht die Mutter, die einen auf ihren Schoß nahm, nicht ein Freund, nicht die Gattin, die an unserm Herzen ruhte ... Gegen Abend trat Entzündung in der Wunde ein, und die Schmerzen nahmen immer mehr zu. Hjerrild kam und saß am Abend einen Augenblick bei ihm, kehrte dann gegen Mitternacht zurück und blieb lange. Niels litt sehr und stöhnte vor Schmerzen. »Ein Wort im Ernst, Lyhne,« sagte Hjerrild, »wollen Sie einen Pfarrer sprechen?« »Ich habe mit den Geistlichen nicht mehr zu schaffen als Sie«, flüsterte Niels erbittert. »Hier ist nicht die Rede von mir; ich lebe und bin gesund; liegen Sie nicht da und quälen Sie sich mit ihren Anschauungen? Die Menschen, die sterben sollen, haben keine Anschauungen, und es ist auch ganz gleichgültig, ob sie welche haben; die Anschauungen sind nur dazu da, daß man nach ihnen lebt, im Leben sind sie nützlich. Kann es auch nur einem einzigen Menschen nützen, daß er mit dieser Anschauung stirbt oder mit jener? Glauben Sie mir, wir haben ja alle lichte, weiche Erinnerungen aus unserer Kindheit. Ich habe so viele Dutzende sterben sehen; es tröstet stets, die, Erinnerungen hervorzuholen. Lassen Sie uns ehrlich sein; wir mögen sein, wie wir es nennen wollen: niemals können wir doch Gott ganz aus dem Himmel entfernen; unser Gehirn hat ihn sich zu oft dort oben vorgestellt, es ist in das Gehirn hineingeläutet und hineingesungen worden, seit wir ganz klein waren.« Niels nickte. Hjerrild beugte sich zu ihm hinab, um zu hören, ob er etwas sagen wollte. »Sie meinen es gut,« flüsterte Niels, »aber ...« und er schüttelte bestimmt den Kopf. Lange war es still da drinnen; nur das ewige Hoh-Hoh, Hoh-Hoh des Bauernburschen hämmerte langsam die Zeit in Stücke. Hjerrild erhob sich. »Leben Sie wohl, Lyhne,« sagte er, »es ist doch ein schöner Tod, für unser armes Land zu sterben.« »Ja,« sagte Niels, »aber es war doch nicht auf die Weise, daß wir davon träumten, Nutzen zu schaffen, damals vor langer, langer Zeit.« Hjerrild ging; als er auf sein Zimmer gekommen war, stand er lange am Fenster und sah zu den Sternen empor. »Wenn ich Gott wäre,« murmelte er, und in Gedanken fügte er hinzu, »so würde ich weit eher den selig machen, der sich nicht in der letzten Stunde bekehrt.« Die Schmerzen wurden heftiger und heftiger, unbarmherzig klopften und klopften sie drinnen in der Brust, waren so unerträglich. Es hätte so guttun können, einen Gott zu haben, zu dem man hätte klagen und beten können. Gegen Morgen begann er zu phantasieren, die Entzündung war in vollem Gange. Und so hielt es noch zwei Tage an. Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er da und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wolle. Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod.