F. W. Hackländer. Handel und Wandel. Erstes Kapitel . Der Beruf. In den für mich so denkwürdigen Tagen, wo ich Schulbank und Spielplatz verlassen mußte, um als Glied in die Kette einzutreten, an der unter dem Namen Geschäftsleben die ganze Welt zappelt und vergebens nach der verlorenen Freiheit ringt, in jener Zeit war noch viel weniger als jetzt von einer Kunst die Rede, in der man es freilich bis auf diesen Tag noch nicht weit gebracht hat. Ich meine die Kunst, den Kopf eines Menschen mit einigen gewandten Griffen zu betasten und ihm genau zu sagen, welche Anlagen er besitzt, welche Fähigkeiten er auszubilden hat und welches Geschäft er ergreifen muß, damit er später nicht, gleich so vielen, über verfehlten Beruf zu klagen haben möge. Wäre es aber auch damals möglich gewesen, mir nach den Auswüchsen meines Kopfes genau zu sagen, wozu ich befähigt sei, so hätten es mir doch die Verhältnisse nicht erlaubt, ein anderes Geschäft zu ergreifen, als wozu mich die Vorsehung und einiger Geldmangel bestimmt hatten. Ich hatte keine Eltern mehr und befand mich im Hause und unter der Aufsicht einer Tante, die Witwe war und einen kleinen Laden führte, wo ich ihr in meinen Freistunden hilfreiche Hand leistete. Ich fertigte ausgezeichnete Papiertüten und hatte es schon so weit gebracht, daß ich ein Pfund Zucker oder Kaffee abwiegen konnte, als die Zeit herankam, wo ich ins Leben treten sollte. Meine Großmutter hatte damals ihren Wohnort im Hause meiner Tante aufgeschlagen. Es war eine gute alte Frau, mit der ich aber nie im besten Einverständnis lebte. Noch sehe ich sie auf ihrem großen, geschnitzten Lehnstuhle sitzen, auf einem Kissen von gestreiftem Kattunzeug, das sie alle Sonnabend zu einer bestimmten Stunde mit einem frischen Ueberzuge versah. Neben ihr auf dem Tische lagen mehrere Sammlungen alter Predigten, die sie Gott weiß wie oft schon durchgelesen hatte. Auf dem obersten dieser Bücher lag eine silberne Brille, die sie beim Lesen gebrauchte. Ihr Anzug stammte aus der Zeit ihrer Jugend und wurde zum Teil aus einer kleinen Eitelkeit beibehalten; sie behauptete, die jetzigen Trachten seien geschmacklos und häßlich, und wenn sie auf dieses Kapitel zu sprechen kam und gut gelaunt war, vertraute sie mir oftmals, was für ein schönes Mädchen sie gewesen sei und welches Aufsehen sie in ihren dermaligen Kleidern gemacht. Man konnte das wohl glauben, wenn man sah, wie in ihrem jetzigen Alter von siebzig Jahren ihr Gesicht noch immer einen edlen, schönen Ausdruck bewahrte und ihre hohe Gestalt fortwährend ansehnlich und ungebeugt war. Nach uralter Mode trug sie eine Haube, unter welcher um die Schläfe und über die Stirn kleine Löckchen hervorsahen. Alle Sachen, die sie täglich gebrauchte, hatten ihre eigenen, oft höchst interessanten Geschichten, die ich so oft angehört hatte, daß ich sie auswendig wußte. Der Stuhl, auf dem sie saß, war in der Familie erblich und stammte wer weiß von welchem Urgroßvater her. Die silberne Brille hatte einem französischen General gehört, der in den Kriegen der Revolution eines Abends zum Tode verwundet in die Pfarrwohnung gebracht wurde, wo er nach einigen Wochen starb. Der Franzose muß ein arger Heide gewesen sein; meine gute Großmutter erzählte, wie entsetzlich er anfangs über alles geflucht habe; sie setzte aber nicht ohne Stolz hinzu, daß in ihrer stillen, christlichen Wohnung sein Herz sich bald beruhigt habe und er sanft und selig verschieden sei. Besonders große Stücke hielt sie auf eine kleine goldene Tabakdose, die sie ebenfalls in Kriegszeiten von einer Gräfin erhalten hatte, welcher ihr Eheherr einen wesentlichen Dienst geleistet. Wie gesagt, stand ich mit der Großmutter nicht immer auf dem besten Fuße. Ihr war der Lärm und der Spektakel, den ich oft im Hause anstiftete, unerträglich; hauptsächlich konnte sie nicht leiden, wenn ich mich mit Knaben meines Alters auf Straßen und Feldern umhertrieb, und dies trug mir oft gewaltige Strafpredigten ein, die sie mir in einer Reihe von Sprichwörtern hielt. »Da kommt er,« sagte sie, »einer der eifrigsten in der Rotte Korah! Willst du dir denn nie merken, daß böses Beispiel gute Sitten verderbt? Ja, ich habe es dir immer gesagt, wer sich grün macht, den fressen die Ziegen; der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht; mit gefangen, mit gehangen.« – Ich war damals ein junger Mensch von schmächtigstem Körperbau, kleiner als alle Knaben meines Alters, und hatte ein blasses, eingefallenes Gesicht, kurz, ein ganz erbärmliches Aussehen, was meiner Großmutter ein Dorn im Auge war. Sie behauptete, das komme von meinem immerwährenden Springen und Klettern und weil ich ohne Mütze im Regen herumlaufe und es mir eine wahre Freude sei, nasse Füße zu haben. Sie hatte mir den Namen »Schattenkopf« geschaffen und jammerte viel darüber, daß sie einen so schlecht aussehenden Enkel habe. »Ach,« sagte sie, »es steht wohl geschrieben: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, aber meine Tochter, die Luise, deine Mutter, Gott habe sie selig! das war, wie ich, eine schöne, starke Frau, und du kommst mir nicht anders vor wie Spreu unter dem Weizen.« So lebte ich nach der Konfirmation noch ein halbes Jahr bei der Tante, und es war mitten im Winter an einem Sonntagnachmittag, als im Zimmer meiner Großmutter ein Familienrat gehalten wurde, um zu beschließen, was eigentlich aus mir werden sollte. Meine Großmutter, der ich am selben Morgen eine ihrer schönsten Tassen zerbrochen hatte, meinte zwar, es sei vorauszusehen, daß aus mir ein Taugenichts werde; doch müsse man das Seinige tun, damit man seine Hände in Unschuld waschen könne. Ich war an diesem Tage in der trübsten Stimmung von der Welt. Draußen waren Bäche und Teiche zugefroren, und meine Kameraden trieben sich dort umher. Auch ich war mit einem Paar sehr defekter Eisschuhe hinausgegangen, mußte aber unverrichteter Sache wieder umkehren; in der vergangenen Nacht war tiefer Schnee gefallen, alle Teiche, bis auf einen, waren damit bedeckt, und bei diesem einzigen standen einige Männer, die ihn vom Schnee gereinigt hatten und für diese Dienstleistung von jedem zwei Pfennige forderten, eine Summe, die ich in meinen damaligen Verhältnissen nicht erschwingen konnte. Mißmutig kehrte ich nach Hause zurück und nahm mir fest vor, jetzt bald etwas Tüchtiges zu lernen, damit ich mir mein eigen Geld verdienen könne. So trat ich in das Zimmer meiner Großmutter, wo ich denn bald zu meiner großen Verwunderung hörte, daß man sich eifrig mit meinem Schicksal beschäftigte. Außer der Tante, bei der ich wohnte, war eine ihrer Schwestern zu Besuch gekommen, und auf dem Tische lag ein Brief meines Vormunds, in dem dieser seinen Willen in betreff meiner schriftlich kund tat, so daß ein vollständiger Familienrat beisammen war. Ein anderes stimmführendes Mitglied bei dieser Verhandlung war eine gute alte Person, die in meinem väterlichen Hause Wirtschafterin gewesen war und mich sehr verhätschelt hatte. Sie trug noch beständig eine große Liebe zu mir, und wenn sie mich irgendwo auf der Straße oder sonstwo erblickte, brach sie in Tränen aus und jammerte über meinen seligen Vater, daß er so früh gestorben und ich dadurch ihrer trefflichen Leitung entzogen worden sei. Auch jetzt hatte ich mich kaum in dem Zimmer blicken lassen und Platz hinter dem Ofen genommen, als sie mich wehmütig ansah, Nase und Mund heftig verzog und ihr Schnupftuch hervorsuchte, um einige herabrollende Tränen abzutrocknen. Meine Großmutter, die viel festerer Natur war, sagte ihr dagegen verweisend: »Weine Sie doch nicht, Jungfer Schmiedin; dem Jungen wird nichts Leides geschehen: Unkraut verdirbt nicht.« – »Ach,« schluchzte die Schmiedin dagegen, »wenn doch der selige Herr noch lebte! da müßte der Junge studieren und ein Pfarrer werden wie der selige Großvater. So hat der selige Herr immer gesagt. Aber jetzt soll er in dem Laden stehen und Kaufmann werden! Gott, er soll Kaufmann werden!« Obgleich meine beiden Tanten, so lieb sie mich hatten, über mein künftiges Schicksal nicht so sehr beunruhigt waren, mochte dieser Augenblick doch auch ihnen wichtig genug vorkommen, um ihm eine stille Zähre zu weihen; sie holten zu gleicher Zeit ihre Schnupftücher hervor und brachten selbst meine Großmutter in Bewegung, die das ihrige ebenfalls unter ihrem gestreiften Ruhekissen hervorholte. Man wird mir verzeihen, daß ich im selben Augenblick desgleichen tat. Erst die verdorbene Schlittschuhpartie und dann die Ungewißheit des Loses, das über mich geworfen wurde, lösten mein Herz in Wehmut auf; dazu kam das Heulen der Schmiedin und die Tränen meiner Verwandten, und ehe ich's mir versah, rollten mir ein paar große Tränen über die Wangen auf den heißen Ofen, der sie zischend verzehrte. Meine Großmutter war die erste, die aus diesem Meer von Tränen und Seufzern wieder als festes Land auftauchte; sie nahm eine Prise aus ihrer gräflichen Dose, setzte die Brille des verstorbenen Generals auf und ermahnte mich, ihr mit größter Aufmerksamkeit zuzuhören. Darauf hielt sie mir eine Rede, die mit Sprichwörtern aller Art gespickt war und in welcher sie nach einer Masse von guten Lehren und Ermahnungen darauf zu sprechen kam, daß der Mensch neben dem allgemeinen Beruf, sich zum Himmel heranzubilden, auch noch die Pflicht habe, sich einem speziellen Beruf zu ergeben, auf daß er sein tägliches Brot verdiene. – »Die Wahl eines Berufs hat dir Gott der Herr nicht schwer gemacht,« fuhr sie fort; »denn aus Mangel an einer gewissen Materie, die man Geld nennt, ist dir nur der Handelsstand geblieben, unter dessen verschiedenen Zweigen du aber wählen kannst, welcher am meisten nach deinem Geschmack ist.« – »Ja,« nahm meine älteste Tante das Wort, »du kannst dich in dem Punkte entscheiden, wofür du den meisten Beruf hast.« Ich sollte mich entscheiden, wozu ich den meisten Beruf habe, und ich fühlte doch gar nichts von dergleichen in mir. Wenn ich einen Maler sah, so spürte ich in mir den Künstler und glaubte, es müßte mir gar nicht schwer werden, in diesem Fache Glänzendes zu leisten. Sah ich dagegen einen Studenten mit kurzem Samtrock, weißer Mütze und langen, buntfarbigen Troddeln an der Pfeife, so war ich überzeugt, daß ich alles das mit eben dem Anstand führen würde, also einstens einen trefflichen Studenten abgeben könnte. Ebenso erging es mir, wenn ich in den öffentlichen Gerichtssälen die Advokaten plaidieren hörte, oder wenn ich Sonntags auf der Wachtparade die Offiziere geschniegelt und gebügelt einherspazieren sah. Und glücklicherweise hatte auch der Handelsstand einen Platz in diesem Ideenkreise. Das Kontorsitzen kam mir freilich nicht eben angenehm vor, und das Stehen hinter dem Ladentisch schien mir sogar unerträglich; aber in meinen kindischen Träumen war der Handelsstand in unsern Städten nur eine der niedrigsten Stufen des Gewerbes, über die man sich auf einen höheren Standpunkt zu schwingen habe, wo man den Handel in ganz anderem Lichte erblickte. Dabei schwebte mir immer der Kommerz in den Seeplätzen vor, von dem ich aus meiner Grammatik etwas hatte kennen lernen. Da sah ich mich denn mit meinem Pult dicht am Ufer des Meeres, um Schiff und Ladung aus der ersten Hand zu empfangen, und ließ mir gleich von den Matrosen schöne Geschichten erzählen, wie es drüben aussehe unter den Wilden und Hottentotten. Meine Großmutter ging nun die verschiedenen Arten des Handelsstandes mit mir durch, und meine älteste Tante beleuchtete mir dieselben von allen Seiten. Zuerst kam der Fabrikant; diesen verwarf ich von vornherein, weil er nicht in die Welt hinauskommt, sondern immer hinter seinen Maschinen kleben bleibt. Dann wurde mir der Engroshändler vorgeführt, gegen den ich mich ebenfalls entschied, da er beständig über den Büchern liegt und mit den Waren selbst, die mit ihrem eigentümlichen Duft und ihrer seltsamen Verpackung so schön an die fernen Länder erinnern, wo sie herkommen, fast gar nicht in Berührung kommt. Wechselgeschäfte waren mir von jeher in den Tod zuwider und zwar wegen eines eigenen Vorfalls. Ich hatte einst mit dem Sohne eines Bankiers innige Freundschaft geschlossen, war aber von ihm einem andern Jungen meines Alters, der einen bessern Rock trug, überhaupt reicher und vornehmer war als ich, aufgeopfert worden. – Meine Großmutter, der ich dies traurige Ereignis damals erzählte, entgegnete mir darauf in ihrer Weise: »Wer viel Geld im Beutel hat, dessen Herz ist kalt und matt.« Ich merkte mir das Sprichwort und nahm mir vor, nie ein Bankier zu werden und viel Geld zu bekommen, damit mein Herz nicht matt und kalt werde. So war denn nach Beleuchtung dieser verschiedenen Handelsarten noch eine einzige übrig, für welche sich meine Verwandten einstimmig erklärten, hauptsächlich, weil die Erlernung derselben am wenigsten kostete. Es war dies das Handelsgeschäft in seinen kleinsten Anfängen, der Spezereiladen. Ich ließ mir den Vorschlag gefallen, und der ganze Familienrat freute sich darüber, mit Ausnahme der Schmiedin, deren Tränen während der ganzen Verhandlung sachte herabgeträufelt waren und jetzt wieder mit erneuter Gewalt flossen. »Ach,« jammerte die Schmiedin, »jetzt soll das Kind ein Krämer werden und nicht ein Pfarrer, wie der selige Herr gewollt hat! Ach, Frau Pastorin,« wandte sie sich an meine Großmutter, »ich habe während seiner ganzen Kindheit seine Neigungen beobachtet und laß es mir nicht ausreden, daß er ganz zu einem Pfarrer geboren ist. Sie hätten ihn sehen sollen am Sonntagnachmittag, wenn es draußen regnete und er mit andern Kindern in der Stube spielen mußte. Denken Sie sich, Frau Pastorin, da nahm er sich eine schwarze seidene Schürze von mir, und ich mußte ihm von weißem Papier einen Kragen machen, wie ihn die geistlichen Herren tragen – so lang – und dann stellte er sich auf ein paar Stühle und hielt den andern Kindern eine Predigt, ganz wie in der Kirche. Sie bestand just wie dort aus zwei Teilen. Ach, das war gar zu schön!« Fast hätte mich die Schmiedin verführt, aufs neue ein Duett mit ihr zu weinen, aber meine Großmutter sagte ziemlich ernst: »Sei Sie doch klug, Jungfer Schmiedin; man muß einem Kinde nie dergleichen vorsagen, was es doch nie erreichen kann. Sag' Sie ihm lieber etwas Gutes über den Kaufmannsstand. Freilich,« setzte die alte Frau mit einem Seufzer hinzu, »säh' ich meinen Enkel auch lieber auf der Kanzel als hinter dem Ladentisch. Aber der Wille des Herrn geschehe!« Die Schmiedin, die eigentlich eine sehr kluge Person war, fügte sich mit großem Takt, und es dauerte nicht lange, so versicherte sie den anwesenden Damen, ich sei ein äußerst kluges Kind und habe eigentlich zu allem Talent. »Ach,« sagte sie, unter Tränen hervorlächelnd, wie die Sonne an einem Apriltage, »wenn er einmal Kaufmann ist, so wird er gewiß ein guter Korrespondent werden. Denken Sie sich, Frau Pastorin, da war der alte Fritz, der Briefträger – Gott hab' ihn selig! er ist lange tot und begraben – der brachte dem seligen Herr die Briefe, und da wollte der Junge auch seine Briefe haben und nahm immer Papierstreifen und machte Briefe daraus, ja, und gab sie dem alten Fritz, der sollte sie wegtragen, und da hätten Sie die Freude sehen sollen, wenn der am andern Tage dem Kinde dieselben Briefe als Antwort zurückbrachte. Dann nahm er meine Brille, setzte sie auf und las in den Papieren umher, ganz wie der selige Herr, kopfschüttelnd und lachend. O Gott, o Gott!« So war es denn im Familienrat beschlossen und von mir genehmigt, daß ich meine kaufmännische Laufbahn in einer Spezereihandlung beginnen sollte. Ich hatte die Anfangsgründe dieses Geschäfts einigermaßen schon bei meiner Tante studiert und bildete mir ein, daß es nicht schwer sein würde, mich zu einem tüchtigen Kaufmann heranzubilden. Was meine Familie bewog, mich diesem Geschäftszweige zu widmen, war neben dem Geldpunkte die Rücksicht, daß ich, um eine derartige Stelle zu finden, wahrscheinlich die Stadt nicht zu verlassen brauchte. – Meine Großmutter nahm daher die neuesten Lokalblätter vor, um unter den Anzeigen nach einem Anerbieten zu suchen. Es fanden sich auch mehrere, doch führten sie alle eine Bedingung mit sich, die sich mit meinen Verhältnissen nicht vertrug. So hieß es: »Der Lehrling erhält Kost und Wohnung bei seinem Prinzipal, wofür eine angemessene Vergütung bezahlt wird.« Ein andermal war mit andern Worten dasselbe gesagt: man forderte vom eintretenden jungen Menschen jährlich ein gewisses Lehrgeld, wofür er Kost und Logis erhalten sollte. Der Familienrat suchte lange vergeblich, um etwas zu finden, das ohne dergleichen unangenehme Bedingungen wäre, aber vergeblich, und so wurde einstimmig der Beschluß gefaßt, eine Anzeige für die Zeitung zu entwerfen, in der ich dem christlichen Mitleid empfohlen und als Lehrling angetragen würde. Meine Großmutter nahm zu diesem Zweck einen Bogen Papier vor sich, spitzte die Feder und fing an zu schreiben, während ihr die Schmiedin über die Achsel sah, wobei sie ihr Schnupftuch bereit hielt; ihr ahnendes Herz sagte ihr, daß sie bald wieder in den Fall kommen würde, einige bittere Tränen über mein Wohl zu vergießen. – Wirklich hatte auch die Großmutter kaum ein paar Worte geschrieben, so begann die Schmiedin ihr Gesicht zu verziehen, schüttelte den Kopf und sagte, die Augen voll Wasser: »Aber, Frau Pastorin, das Kind ist ja kein Subjekt.« – Ich horchte hoch auf, und selbst meine Tanten sahen bei dieser Aeußerung meine Großmutter fragend an; diese aber schrieb weiter, ohne sich irre machen zu lassen, und als sie geendet hatte, hob sie das Papier empor und las: »Ein junges Subjekt von guter Familie, ohne Vermögen, aber mit den nötigen Vorkenntnissen versehen, sucht eine Stelle in einem Spezereiladen, um dieses Geschäft zu erlernen, kann aber für Kost und Logis, die es im Hause haben müßte, nur eine sehr mäßige Vergütung bezahlen.« Ich hörte dies ruhig zu Ende lesen, dann aber mischte ich mich auch einmal ins Gespräch und sagte zu meiner Großmutter ziemlich ernst: wie es mir vorkomme, sei ich doch eigentlich kein Subjekt, und ich habe eine solche Bezeichnung nie anders brauchen hören, als von Schullehrergehilfen, die eine Stelle suchen. wo es immer heiße, zu der und der Stelle mögen sich taugliche Subjekte melden. – Die Schmiedin, ohne ein Wort hervorbringen zu können, stimmte mir kopfnickend bei und selbst meine Tanten nahmen an dem Worte Subjekt Anstoß und brachten meine Großmutter endlich dahin, daß sie es abänderte und setzte: »Ein junger Mensch von guter Familie usw.« – Diesen Aufsatz mußte ich eigenhändig abschreiben, worauf ich beordert wurde, ihn auf die Zeitungsexpedition zu bringen, weshalb ich mein Mützchen von der Wand nahm und mich zum Fortgehen anschickte. Die Schmiedin, deren tieffühlendes Herz wohl einsah, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen sei, wo sich mein Leben zum Guten oder Bösen wenden müsse, eilte mir nach, um mich noch einmal weinend an ihr Herz zu drücken, wobei sie mir zugleich einen Silbergroschen in die Hand schob, den ich dankbar einsteckte und dazu eine Grimasse schnitt, als sei mir ebenfalls das Weinen näher als das Lachen. Sie wurde dadurch tief gerührt, und noch auf der Treppe hörte ich, wie sie schluchzend versicherte, ich sei das beste Kind von der Welt, und bei dem Talent, das ich zu allem besitze, würde ich selbst im Kramladen etwas Außerordentliches werden. Zweites Kapitel . Herr Reißmehl. Am Morgen nach diesem höchst merkwürdigen Tage war es mein erstes Geschäft, die Zeitung zu holen, um darin nachzusehen, ob die von meiner Großmutter verfaßte Urkunde über mich schon abgedruckt sei. Wirklich, da stand sie, schön und leserlich, und war im Viereck mit einem saubern, schwarzen Striche eingefaßt. Ich fühlte mich nicht wenig davon erbaut, daß etwas über mich gedruckt worden. Es dauerte auch nur wenige Tage, so begann die Anzeige zu wirken, und die Expedition der Zeitung schickte mehrere Briefe, die unter der bezeichneten Chiffre eingelaufen waren. Meine Großmutter, die sichtlich darüber erfreut war, öffnete einen Brief nach dem andern, sah sich aber nach Durchlesung derselben sehr in ihren Erwartungen getäuscht; in allen diesen Briefen waren Bedingungen gestellt, die man nicht erfüllen konnte oder wollte. So hieß es in einem: »Auf die unterm 10. currentis in hiesiger Zeitung Nr. 220 unter Chiffre H. H. eingerückte Anzeige fragt Unterzeichneter an, ob der ausgebotene junge Mensch auch von kräftigem Körperbau ist, da ihm bei uns unter anderm die Verpflichtung obliegen würde, die Gewölbe reinigen zu helfen.« Eine andere Epistel besagte nach ähnlichem Eingang: »Da ich mit meinem Spezerei- und Gewürzwarengeschäft den Verlag unseres vielgelesenen Lokalblattes »Der Verbreiter« verbunden habe, so gehört es zu den Obliegenheiten des fraglichen jungen Mannes, wöchentlich zweimal die Blätter dieses Journals den betreffenden Abonnenten zuzutragen.« Ein dritter, der zu meiner Person Lust trug, stellte die Anfrage, ob ich auch mit Kindern umzugehen wisse, da bei seiner zahlreichen Familie der Lehrling in seinen Mußestunden abends nach acht Uhr Lust und Liebe dazu haben müsse, seine älteren Kinder zu hüten und allerlei vernünftige und gefahrlose Spiele mit ihnen zu treiben. Ein Vierter, der sich mit salbungsvollen Worten danach erkundigte, ob der offerierte junge Mensch sich auch vor Gott eines wahrhaft christlichen Gemüts zu rühmen habe, würde meiner Großmutter schon angestanden haben, wenn dieser Fromme nicht eine unmäßig hohe Vergütung für Kost und Wohnung gefordert hätte. So fand sich denn nichts Passendes für mich, und obgleich sich meine Großmutter damit zu trösten suchte, daß aller Anfang schwer sei und kein Baum auf den ersten Hieb falle, so war sie doch sichtlich über die schlechten Aussichten verdrießlich und behauptete fester als je, ich sei ein junger Taugenichts, auf dem der Segen des Herrn nicht ruhe. – Dieser schlechte Erfolg war mir um so verdrießlicher, da ich mich von meinen bisherigen Schulkameraden bereits mit einem gewissen Stolz abgesondert hatte und anfing, sie etwas von oben herab zu behandeln, wie es einem angehenden Geschäftsmann zukommt, der die Kinderschuhe abgetreten hat. Da lief noch spät ein Brief ein, den meine Großmutter hastig öffnete und mit vieler Zufriedenheit durchlas. Er war von Herrn Reißmehl, dem Inhaber einer mittelgroßen Spezereihandlung, der meine Familie persönlich kannte und ausnehmend annehmbare Bedingungen für mich stellte. Freilich sollte meine Lehrzeit fünf Jahre dauern, aber ich dafür alles unentgeltlich im Hause haben. Auch versicherte er in seinem Briefe, daß die Lehrlinge bei ihm nur zu den Geschäften des Ladens gebraucht werden und nicht, wie in so manchen andern Häusern, Dienste zu verrichten haben, die nicht für sie passen. Ich kannte den Herrn Reißmehl sehr gut und hatte eigentlich diese annehmbaren Bedingungen nicht um ihn verdient. Das Haus, das er bewohnte, lag neben unserem Schulgebäude, und sein Garten stieß an unsern Spielplatz. Sie waren durch eine ziemlich hohe Mauer geschieden, was uns jedoch so wenig wie die Ermahnungen des Lehrers davon abhalten konnte, dem alten Nachbar allen möglichen Schabernack zu spielen. Sah man aber seine Figur an, so konnte man es uns jungen Leuten nicht verübeln, wenn das Ergötzen, das uns dieselbe verursachte, manchmal ausartete und uns zu allerlei abgeschmackten Spaßen antrieb. Unsere Schule fing im Sommer um sieben Uhr an; wir fanden uns aber gewöhnlich schon eine halbe Stunde früher ein und erwarteten die Erscheinung unseres Nachbars, der regelmäßig eine Viertelstunde vor sieben Uhr in seinen Garten trat, um nachzusehen, wie viel seine Pflanzen und Gemüse über Nacht gewachsen waren. Er war dann bereits in vollem Staat und seine kleine, magere Figur aufs seltsamste geschmückt. Sein spitziges Gesicht war von einer braunen, fuchsigen Perücke gekrönt, auf welche er den kleinen runden Hut so stark vornüber gesetzt trug, daß die obere Kante desselben genau mit den Spitzen seiner Schuhe korrespondierte. Sein übriger Körper stak in einem braunen Rock, einer dito Weste und schwarzen, kurzen Beinkleidern mit weißen Strümpfen. Kaum war er in den Garten getreten, so ging er mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten auf eine alte Sonnenuhr los, die in einem Winkel desselben stand, und zerrte mit einigen gewaltigen Zügen an der stählernen Kette eine kleine, unförmlich dicke Taschenuhr heraus, um diese, wenn gerade Sonnenschein war, nach dem alten Gnomon zu richten. Nach diesem Geschäft zog er seine Schnupftabakdose hervor, klopfte bedächtig auf den Deckel und nahm eine Prise, während er sich wohlgefällig umsah. So weit war für uns, die aufmerksam zuschauende Schuljugend, die Sache nicht besonders auffallend und bemerkenswert. Nachdem nun aber der Herr Reißmehl seine Prise genommen hatte, begann er seine Runde im Garten, der wir mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgten, obgleich, oder vielmehr, weil wir alles, was kommen sollte, bis auf die kleinsten Einzelheiten voraus wußten; der Zeiger einer Uhr kann Tag für Tag nicht regelmäßiger über das Zifferblatt laufen als unser Nachbar durch seinen Garten. Neben der Sonnenuhr stand ein großer Birnbaum; der alte Herr blieb davor stehen, blinzelte erst hinauf und versetzte dann dem Stamm mit der flachen Hand drei leichte Hiebe. Dann ging er gradeaus zu einer Reihe junger Obstbäume, von denen jeder nur ein einziges Mal von seiner Hand berührt wurde. Hatte er aber zufällig einmal einen übersprungen, so kehrte er sicher um und der arme Vergessene bekam dafür einen desto herzlicheren Handschlag. Dies letztere war es besonders, auf was wir in unserm Versteck an der Schulmauer lauerten, und, so oft der alte Herr einen der Bäume oder ein Stück des Geländers, das er jeden Morgen gleichfalls zu berühren pflegte, vergessen hatte, riefen wir ihm, laut lachend und spottend zu, er möchte doch gefälligst umkehren. Diese Promenade durch den Garten dauerte ungefähr eine Viertelstunde, während welcher Zeit er, wie schon gesagt, jeden Tag regelmäßig dieselben Schritte machte, bei denselben Beeten und Bäumen stehen blieb, und immer die gleichen Stellen des Treppengeländers sowie des Gartenzaunes mit der Hand berührte. Der alte Herr war weit entfernt, sich durch unsern Spott und unser Geschrei gekränkt zu fühlen, vielmehr wandte er sich bei solchen Ausbrüchen unserer Freude nicht selten lachend gegen uns um und nickte uns mit seinem hagern, blassen Gesicht freundlich zu, ein Lächeln, das aber etwas so Sonderbares hatte, daß die kleineren Knaben darob in Angst gerieten und jedesmal unter die Mauer des Spielplatzes sprangen, wenn der alte Reißmehl uns so starr und mit so seltsamer Freundlichkeit ansah. Gegen sieben Uhr hatte er seinen Spaziergang beendigt und wandte sich gegen das Haus zurück, wo sich unterdessen neben der Tür ein Fensterladen geöffnet hatte, aus welchem die Schwester unseres alten Nachbars, die Jungfer Reißmehl, herausschaute. Sie beschäftigte sich damit, eine flanellene Nachtjacke an die Sonne zu hängen, darauf warf sie einen prüfenden Blick über den Garten, zog sich dann in das Haus zurück, um die Gartentür von innen zu öffnen, und ließ einen kleinen, dicken Mops heraus, der alsbald mit großer Mühe in den Garten hinkte, um dort durch ein schwaches Knurren und Bellen seinem Herrn den Morgengruß zu bringen. – Um diese Zeit läutete droben unsere Schulglocke; wir hatten nun aber auch alles gesehen, was im nachbarlichen Garten vorfiel, denn nachdem der alte Mops einige Züge frischer Morgenluft geschöpft sowie ein anderes Geschäft verrichtet, watschelte er ins Haus zurück, gefolgt von Herrn Reißmehl, der nun zu seinem Kaffee ging. Im Vorbeigehen berührte er noch seine Flanelljacke an vier Stellen mit der Hand, drückte die Türklinke jedesmal mit zwei Händen auf und verschwand im Hause, nachdem er vorher regelmäßig ein paarmal gehustet hatte. Dieser Herr Reißmehl war es also, der auf die Anzeige in der Zeitung sich unter so annehmbaren Bedingungen bereit erklärt hatte, mich praktisch und theoretisch zum Kaufmann ausbilden zu helfen. Meine Großmutter, die zur Erörterung dieser wichtigen Frage einen zweiten Familienrat zusammenberufen, war sehr für unsern Schulnachbar, ebenso meine Tante, und ich selbst hatte für meine Person auch nichts gegen Herr Reißmehl. So große Ursache er hatte, über mich und meine Kameraden ungehalten zu sein, so war er doch weit entfernt davon; er gab uns vielmehr, wenn wir die Schule verließen und er unter der Tür seines Ladens stand, zahlreiche Beweise seiner Freundlichkeit und seines Wohlwollens, bestehend in ganzen Händen voll Rosinen, Mandeln und getrockneten Pflaumen. Wem aber das Ding gar nicht einleuchtete, das war die Jungfer Schmiedin. Obgleich sie aufs kräftigste nach Fassung rang, so konnte sie dennoch einigen Tränen nicht verbieten, über die Wangen hinabzurollen. Sie schüttelte lange wehmütig den Kopf, als meine Großmutter das vorteilhafte Anerbieten des Herrn Reißmehl auseinandersetzte, doch wagte sie es nicht, die alte Frau zu unterbrechen, und erst als diese geendigt und der ganze Familienrat halb und halb seine Zustimmung gegeben, versuchte sie es mit einigen schwachen Worten, dem Projekt entgegenzuarbeiten. »Ach, Frau Pastorin,« sagte sie, »Gott soll mich bewahren, daß ich mir je einfallen ließe, über einen Mitmenschen etwas Böses zu sagen, aber vom alten Reißmehl munkelt man doch so allerlei, so seltsame Sachen, ja –« – »Nun, was denn?« fiel ihr meine Großmutter etwas barsch in die Rede. – »Ach, Frau Pastorin, Sie glauben freilich so etwas nicht, und ich für mein Teil, nun ja, ich will es auch eigentlich nicht beschwören, aber man behauptet, der alte Reißmehl müsse etwas auf dem Herzen haben, denn er steige beständig ohne Ruhe in seinem Hause umher, fasse überall mit der Hand hin, als suche er etwas; kurz, Frau Pastorin, es ist nicht richtig.« – »Ja, Großmutter,« fiel ich der Schmiedin altklug in die Rede, »daß er überall herumtappt und alles angreift, das habe ich auch schon oft gesehen.« Aber meine Großmutter erklärte alles das für dummes Zeug und schrieb ohne Verzug einen eigenhändigen christlichen Brief, wie sie es nannte, an Herrn Reißmehl, in dem sie mit ihm noch einiges über meine Lehrzeit besprach, und als der alte Herr noch an demselben Tage befriedigend geantwortet hatte, war ich Reißmehlscher Lehrling und mußte tags darauf meine Funktion antreten. Meine Tante packte mein bißchen Wäsche und meine Kleider in einen kleinen Koffer, die Großmutter schenkte mir ein Exemplar der Bibel, ein paar Gesangbücher und eine mehrbändige Predigtsammlung, und im Augenblick, da ich das Haus verlassen wollte, um meinen ersten Schritt ins Geschäftsleben zu tun, erschien die Schmiedin in der Haustür und übergab mir mit abgewandtem Gesicht ein Paar Ueberärmel von dunklem Kattun, die sie für mich genäht, wobei sie mich bat, ihrer nicht zu vergessen. Ich schritt allein und nachdenklich durch die Straßen und stand bald vor dem Reißmehlschen Hause, wo ich mit einem tiefen Seufzer stehen blieb, um am Schulgebäude nebenan hinaufzublinzeln, wo ich so manche süße und schmerzliche Stunde verlebt. Diese beiden Häuser sahen mir, obgleich ich mit großen Hoffnungen in den Kaufmannsstand trat, wie die Bilder der Vergangenheit und Zukunft aus. Die niedrige, aber freundliche, neugebaute Schule mit ihren hellen, großen Fenstern war mir nie so heimisch erschienen, wie gerade am heutigen Morgen, da ich an der offenen Tür vorbei mußte, um in das Nebenhaus zu treten, das ein so ganz anderes, ernstes und gebietendes Aussehen hatte. Es war eines jener Gebäude, wie es deren in alten Städten noch so viele gibt, hoch, schmal, mit kleinen, unregelmäßigen Fenstern, die so wirr durcheinander standen, daß es von außen schwer zu bestimmen war, wie viele Stockwerke das Haus eigentlich habe. Der Giebel war der Straße zugekehrt und seine Pyramide mit einer alten, hölzernen Figur gekrönt, der aber der Kopf fehlte. Im untern Stock war das Ladengewölbe, und vor demselben, am Eingang, stand eine alte, steinerne Figur, roh ausgehauen, die einen mittelalterlichen reisigen Knecht vorstellte, der seltsamerweise mit einer ungeheuer langen Nase versehen war. Die Nase dieses steinernen Kerls hatte uns von jeher nicht wenig ergötzt. Wie oft war sie von einigen der mutigsten unter uns mit roter, grüner oder gelber Farbe angestrichen worden; wie oft hatten wir eine Tonkugel an sie geklebt und dergleichen mehr getrieben! Sie war vom ewigen Anfassen und Betasten so glatt wie ein Spiegel geworden und glänzte weithin. Es war mir ganz bange ums Herz, als ich so vor den beiden Häusern stand, und so oft ich einen Schritt machen wollte gegen das Reißmehlsche Haus, hielt mich das Summen und Lärmen in den Schulzimmern fast gewaltsam zurück, und ich hörte mit Lust meinen Kameraden zu, die jetzt ihre Singestunde anfingen. Ich sah sie von den Bänken aufstehen, sah, wie sie die kleinen Bücher zur Hand nahmen, aus denen auch ich hundertmal gesungen, und als sie ein altes, bekanntes Lied anstimmten: Der Winter ist gekommen, Der Winter mit seinem Schnee usw. da überfiel mich die Wehmut, und es ging mir wie der Schmiedin. Da stand ich zwischen den beiden Häusern, ein armes, verlassenes Kind: dort die Schule, aber sie mit ihrem lieben Spielplatz – für mich war sie nicht mehr da, und hier das Leben, es winkte mir so ernst und düster. Der steinerne Soldat schien mir zum erstenmal ein recht spöttisches Gesicht zu machen; auf seiner glänzenden Nase funkelte und lachte die Wintersonne. Und doch war ich froh, daß es nur die Wintersonne war, die zwischen Schneewolken hindurch meinem Lebenswechsel zusah. Ja, ich war herzlich froh darüber; denn hätten meine Kameraden dort oben etwa gesungen: Der Mai, er ist gekommen Mit Blüten und Sonnenschein usw. wie viel schwerer wäre mir das Herz geworden, und wer weiß, ich wäre wohl gar zu meiner Großmutter zurückgelaufen und hätte ihr weinend erklärt, ich wolle nun und nimmermehr in das finstere Haus zum Herrn Reißmehl. In der Angst hätte ich vielleicht gelogen und versichert: »Ja, Großmutter, der steinerne Kerl an der Haustür mit der langen Nase hat mir erzählt, die Jungfer Schmiedin habe recht, es sei in dem Hause recht finster und unheimlich.« Doch jetzt verhallte der Gesang in der Schule, ich hörte die Stimme des Lehrers, der laut ermahnte, hübsch still und ordentlich nach Hause zu gehen; die Bücher schlugen zu, die Rechentafeln klapperten, und ich, um von meinen ehemaligen Kameraden nicht beim Eintritt ins bürgerliche Leben überrascht zu werden, trat schnell in den Laden des Herrn Reißmehl. Drittes Kapitel . Philipp. Ich trat in den Laden des Herrn Reißmehl. Wem schweben nicht aus seiner Kindheit die Gewölbe vor, in welchen Zucker, Rosinen, Mandeln und dergleichen Herrlichkeiten verkauft werden? Wer gedenkt nicht der Zeiten, wo er mit einigen eroberten Pfennigen vor den Ladentisch trat, seinen Gelüsten den Zügel schießen ließ und Kandiszucker und getrocknete Pflaumen verlangte? Mit welch gierigen, neidischen Augen sah man damals in die Kästen, in welchen diese Artikel aufbewahrt wurden, und wünschte nichts sehnlicher, als im vertrauten Umgang mit diesen Schubladen leben zu können, um ihres Inhalts zu genießen, so oft es einem einfiele! Törichte Wünsche! sie ändern sich wohl mit den Jahren, aber sie verlassen uns nie! Als ich aber an jenem Morgen in den Laden meines künftigen Herrn trat, dachte ich nicht an den süßen Inhalt der Fächer, nein, ich wünschte mit Sehnsucht den Augenblick herbei, wo ich, ein gelernter Kaufmann, dieses Gewölbe verließ, um in das Leben hinauszutreten, wo ich der Seestadt zueilte mit ihrem unendlichen Wasserspiegel und ihrem Mastenwald. Ich konnte diesen Träumen nicht lange nachhängen; Herr Reißmehl, der meiner bereits ansichtig geworden war, trat aus einer kleinen Glastür, über welcher mit goldenen Buchstaben das Wort Schreibstube zu lesen war. Sein hageres Gesicht hatte ganz denselben freundlich lächelnden Ausdruck, mit dem er im Garten unsere Spöttereien hinnahm; nur trug er auf dem Kopfe statt des Hutes eine weiße Nachtmütze, und statt des braunen Rocks hatte er eine rund abgeschnittene Jacke an. Vom Handgelenk bis zum Ellbogen reichten ein Paar dunkelfarbige Ueberärmel, die auf der untern Seite ganz glänzend waren. Auch hatte der gute Mann eine Brille auf der Nase, die er beim Eintritt in den Laden fester gegen die Augen drückte. Wie es einem so gehen kann, ich hatte den Herrn Reißmehl in meinem Leben viele hundertmal gesehen, aber ihn noch nie ein Wort sprechen hören, so daß mir nicht anders war, als besitze er diese edle Gabe gar nicht, und ich ihn mir nur stumm dachte. Auch an diesem Morgen wurde ich nicht sogleich aus meiner Täuschung gerissen, denn er sah mich durch seine Brille an, nickte ein paarmal freundlich mit dem Kopfe und blickte alsdann auf dem Ladentisch umher, wo seine Augen auf einer kleinen feuchten Stelle haften blieben. Er trat hinzu, wischte etwas mit dem Finger davon auf und brachte es an seine Nase, um sich durch den Geruch zu überzeugen, was es eigentlich sei; zugleich fixierte er es so scharf mit seinen Blicken, daß ihm die Augen ganz schief standen; dennoch aber mußte er den Sinn des Geschmacks zu Hilfe nehmen. »Ei, ei, so, so!« murmelte er vor sich hin, und ich war ordentlich überrascht, ihn sprechen zu hören; »hm, hm, 's ist Kornbranntwein, doppelter, vom sechsundzwanziggrädigen; sollte nicht so leichtsinnig verschüttet werden! He, Philipp!« – Darauf wandte er sich an mich und begrüßte mich mit den Worten: »Aha! mein lieber junger Mann! scharmant, scharmant, daß Sie heute kommen! aber Ihre Frau Großmutter, die gute Frau, hat Ihnen wahrscheinlich nicht die Stunde angegeben. Ich hatte sie gebeten, die Frau Pastorin, Sie um zwölf Uhr zu schicken. Es sind aber auf meiner –« mit diesen Worten haspelte er die lange Stahlkette und an derselben den dicken Uhrkasten hervor – »es sind aber auf meiner Uhr schon fünf Minuten drüber, fünf Minuten! ei! ei! – He, Philipp!« rief er jetzt abermals ins Haus hinein. »Wo steckt Ihr?« Der Gerufene erschien langsamen Schrittes und zeigte eine solche Figur und stellte sich mit so ernstem, feierlichem Blick unter die Tür, daß, wenn es nicht heller Mittag gewesen wäre, ich auf alle Fälle geglaubt hätte, Herr Reißmehl habe einen Geist zitiert. Philipp, so hieß die Erscheinung, war ein ziemlich langer Bursche, der wegen übergroßer Magerkeit noch länger aussah, als er wirklich war. Er hatte hellblondes, fast gelbes Haar, das von beiden Seiten des Scheitels, den er mitten auf seinem Schädel angebracht, borstig und straff herabhing und so von weitem einem kleinen Strohdache nicht unähnlich sah. Mochte es diese Frisur sein, die zum Gesicht gar nicht paßte, oder war es der feierliche, gravitätische Ausdruck in Philipps Gesicht, das seinesteils mit den langen, schlottrigen Gliedmaßen gar nicht übereinstimmte, genug, die ganze Figur hatte etwas überaus Komisches. Philipp also, mein kollegialischer Vorgesetzter, erschien unter der Tür und hatte, beiläufig gesagt, so lange Arme, daß er, ohne sich zu bücken, bequem seine Knieschnallen hätte lösen können, wenn er welche gehabt hätte. »Philipp,« fragte der alte Herr, »warum wird denn immer der Ladentisch voll Branntwein geschüttet? Ich kann das nicht leiden! Habe ich doch alle möglichen Lappen und Schwämme angeschafft. Ei, ei! das Holz wird schmutzig und der gute sechsundzwanziggrädige Branntwein vergeudet.« – Philipp wandte den Kopf stark auf die linke Seite, wahrscheinlich aus Demut, und um, da er größer als der Prinzipal war, diesem nicht von oben herab ins Gesicht sehen zu müssen. Dann öffnete er seinen breiten Mund und sagte mit leiser Stimme und einer Langsamkeit, wie ich in meinem Leben nichts Aehnliches gehört: »Herr Prinzipal, 's ist nur ein Versehen. Als ich den Branntwein hier gemessen hatte, fing drinnen das Möpschen so an zu heulen, daß ich eilig hineinging, um nachzusehen.« – »Ei, ei, so, so!« fiel ihm der Alte in die Rede. »Was ist der armen Fanny geschehen?« – »O, nichts, Herr Prinzipal,« antwortete Philipp; »sie lag nur am Fenster in der Sonne, ja, und da kam eine Wolke und machte Schatten, und das mißfiel dem armen Hunde.« – »Nun, nun,« entgegnete Herr Reißmehl, »laßt nur gut sein, die Sonne wird schon wiederkommen. Hier ist unser neuer Lehrling,« fuhr er fort, indem er auf mich zeigte. – »Ich hoffe, Philipp, Ihr werdet Euch seiner aufs beste annehmen und ihn nach und nach mit allem bekannt machen.« Philipp hob jetzt seinen Kopf einen Augenblick in die Höhe, um mich etwas von oben herab anzusehen; dann aber ließ er ihn auf die rechte Seite sinken und versicherte dem Prinzipal, er werde sein möglichstes tun, mich aufs beste heranzubilden. Darauf zog sich Herr Reißmehl in seine Schreibstube zurück, und ich folgte meinem neuen Lehrer in das Ladenstübchen, wo er gleich seinen Unterricht begann. Ich mußte die Ueberärmel anziehen, die mir die Jungfer Schmiedin genäht hatte, und als mir darauf Philipp eine grüne Schürze gab, welche ich um meine Lenden gürtete, gedachte ich lebhaft der guten Person, und was sie wohl sagen würde, wenn sie mich in diesem Aufzug sähe. Das erste, wozu mir Philipp Anleitung gab, war das edle und notwendige Geschäft des Tütenmachens, und da ich die Anfangsgründe desselben bereits bei meiner Tante erlernt hatte, so ging die Arbeit rasch von der Hand. Ich merkte mir schnell die verschiedenen Größen und Formen, die im Reißmehlschen Geschäft gang und gäbe waren, und als der Prinzipal um ein Uhr in das Ladenstübchen trat, um uns zum Mittagessen zu rufen, war er sichtlich erfreut über meine reißenden Fortschritte und versicherte, ich würde mich bald in das Praktische eingeschossen haben. Bei der Mittagstafel wurde ich der dritten Person des Hauses, der Schwester unseres Prinzipals, der Jungfer Barbara Reißmehl, vorgestellt, die ich schon von ihrem täglichen Erscheinen am Gartenfenster her kannte. Diese gute Person war über die Blüte ihres Lebens hinaus, und von der Frische und Regsamkeit der Jugend war ihr nichts geblieben als eine Lebendigkeit der Sprachorgane, die in Erstaunen setzen konnte. Sie war äußerst liebenswürdig gegen mich, und während sie ihre Suppe verzehrte, erzählte sie mir von meiner Großmutter, von allen meinen Tanten und von einer Menge anderer Personen, die als Staffage dieser Geschichte dienten. Der Prinzipal dagegen war bei Tische äußerst schweigsam, was mir keinen übeln Begriff von seinem Verstand gab oder von seiner Güte gegen uns. Hätte er auch erzählt, wie Jungfer Barbara, so würden wir schwerlich einen Bissen hinunterbekommen haben; denn der Anstand erforderte es doch, wenn sie in ihrer Erzählung an einen wichtigen Moment kam, was leider gar zu oft geschah, daß wir Messer und Gabel ruhen ließen, um aufzuhorchen. Philipp machte es wenigstens so und saß fast das halbe Mittagessen über aufmerksam lauschend, mit offenem Maule da; ein Benehmen, wodurch er sich offenbar in der Gunst Barbaras festgesetzt hatte. Ich bin aber noch heutigen Tages des Glaubens, daß eben hierdurch seine Magerkeit täglich zunahm. Nach dem Essen wünschte Philipp dem Prinzipal und Jungfer Barbara eine gesegnete Mahlzeit, ich tat desgleichen, und wir zogen uns zurück. Der Nachmittag wurde dazu angewendet, mich noch ferner ins Praktische einzuschießen, und ich lernte allerhand schöne und nützliche Dinge, als: Oel und Essig ausmessen, wobei mir aber ein kühner und geschickter Handgriff Philipps, um die vom Maß abträufelnde Flüssigkeit wieder in den Trog zu streifen, nicht gleich gelingen wollte. Auch lehrte er mich, wie man Kaffee, Zucker usw. abzuwiegen habe, ohne die Kunden zu beeinträchtigen und dem Prinzipal zu schaden. Während dieser Lektion verschwand einmal mein junger Vorgesetzter in das Nebenzimmer, wo wir gespeist hatten. Dann hörte ich zuweilen die Stimme der Jungfer Barbara leise sprechen, und mein feines, geübtes Ohr vernahm deutlich das Geklapper von Tassen, ein Geräusch, das zu süßen Hoffnungen berechtigte, die aber wenigstens für mich nicht in Erfüllung gingen. Philipp dagegen schien der Jungfer Barbara eine Kaffeevisite gemacht zu haben, denn obgleich er sich bei der Zurückkunft mit dem oberen reinlichen Teile seines Ueberärmels das Gesicht tüchtig wischte, konnte er doch einige braune Flecken nicht vertilgen, die sich in seinem langen, faltigen Mundwinkel festgesetzt hatten. Natürlich verdroß mich diese Vernachlässigung meiner Person, da ich obendrein heute noch als Gast betrachtet werden konnte. Da bemerkte ich aber zu meiner großen Verwunderung, daß der gute Prinzipal ebensowenig zum Kaffee geladen wurde, oder überhaupt welchen erhielt wie ich; vielmehr erklärte ihm später Jungfer Barbara auf seine Frage ins Nebenzimmer hinein, ob heute Kaffee bereitet würde, sie habe keine Zeit. O weh! in mir stiegen ganz sonderbare Ideen auf, und wenn ich in Jungfer Barbara alsbald eine mächtige Person erkannt hatte, so konnte ich nach diesem Vorfalle nicht umhin, erstaunt an Philipp hinaufzusehen. Welche enormen Talente und Kenntnisse muß er besitzen, um sogar vor dem Prinzipal einen Vorzug zu erhalten! Als es Abend wurde, gegen acht Uhr, zog der Herr Reißmehl seine Schreibärmel und seine Jacke aus, die er hinter seinem Pult an einen großen Nagel hing; seine Nachtmütze setzte er einem kleinen steinernen Ungeheuer auf, das auf dem Ofen stand, und dem er dabei freundlich auf die Backen klopfte, dann schloß er die Schreibstube ab, warf sich in das Kostüm, in dem er seine Gartenvisiten machte, setzte den Hut ebenso vornüber und vervollständigte diesen Anzug durch ein langes spanisches Rohr mit silbernem Knopfe, worauf er sich bei Jungfer Barbara beurlaubte, einen prüfenden Blick im Laden umherwarf, hier und da eine Schublade zudrückte, die etwas geöffnet war, oder ein Gefäß vorzog, das zu weit nach hinten stand. Als er bei mir vorbeikam, sah er mich einen Augenblick durch seine Brille an, nickte mit dem Kopfe und fragte, wie mir das Geschäft gefalle. Darauf blieb er unter der Ladentür stehen und rief den Mops, die kleine Fanny, heraus, die auch herbeigewatschelt kam und den Prinzipal bis vor das Haus begleitete, dann aber eilends zurückkehrte. Philipp gab mir einige blecherne Oelmaße zu putzen, und während ich dies Geschäft besorgte, verschwand er ins Nebenzimmer, von wo er erst gegen neun Uhr wiederkehrte, um mir Anleitung zu geben, wie die Läden des Gewölbes zu schließen seien. Darauf holte er eine große kupferne Lampe, zündete sie an, und wir stiegen die Treppen hinauf, nachdem mir vorher im Laden ein frugales Abendbrot, aus einem Butterbrot und einem Glase Bier bestehend, vorgesetzt worden war. Viertes Kapitel . Ein Nachbar. Das Reißmehlsche Haus war im Innern ebenso unheimlich und finster, wie es auf der Straße erschien. Fast kein Zimmer lag mit dem andern in gleicher Höhe; die Gemächer waren durch eine Menge kleiner Treppen, die bald auf, bald ab führten, miteinander verbunden. Diese Treppen waren alt, von braunem Holz, mit geschnitzten Lehnen, und krachten bei jedem Tritt. An jeder Wendung derselben waren überdies seltsam geformte hölzerne Figuren zu sehen, die einen so unerwartet bald anlachten, bald angrinsten, daß es mir, als ich zum erstenmal hinaufstieg, nicht übel zu nehmen war, wenn ich vor diesen Gestalten zurückfuhr, die beim flackernden Lampenlicht zu leben und sich zu bewegen schienen. Was das Unheimliche noch vermehrte, waren kleine runde oder eckige Fenster, die fast aus allen Zimmern auf die Treppe gingen und beim Schein des Lichts wie dunkelglänzende Augen aussahen. Ich muß gestehen, ich fürchtete mich ein wenig; ich mußte immer an den steinernen Kerl mit der langen Nase draußen vor dem Hause denken, und ich weiß nicht, wie mir die tolle Idee kam, die mich die ganze Nacht im Traume verfolgte, als haben die hölzernen Figuren mit jenem steinernen Soldaten, der früher im Hause selbst placiert gewesen, in der Mitternacht Streit bekommen und ihn vor die Tür gesetzt. Ueber die Treppen des ersten Stocks eilte Philipp rasch hinweg und sagte mir auf meine Frage leichthin, er sei unbewohnt. Im zweiten Stock ging er langsamer und zeigte mir die Schlafzimmer des Prinzipals und der Jungfer Barbara. Dann ging es eine alte Wendeltreppe hinauf in den dritten Stock, wo unsere Kammer lag. Dieses Gemach war durch eine dünne Bretterwand in zwei Teile geschieden, in deren jedem ein Bett stand, meines an der äußern Mauer, so daß sich das Dach liebend darüber hinbeugte. Der Baumeister mußte große Vorliebe für das Schnitzwerk gehabt haben, denn selbst die Balken des Daches waren verziert und bemalt; wo sie auf der Mauer auflagen, sah man groteske Köpfe von Menschen und allerhand Untieren, die mein Bett lachend und grinsend umstanden. Am Fußende desselben war ein Fenster, welches auf den Zwischenraum ging, der uns vom Nachbarhause trennte, ein Zwischenraum, keine drei Fuß breit, aber desto tiefer, denn beide Gebäude hatten eine ansehnliche Höhe. Diesem Fenster gegenüber befand sich im Nachbarhause ein anderes, das etwas tiefer, aber uns so nahe lag, daß man leicht mit der Hand hinüberreichen konnte. Im ersten Gemach, wo Philipp schlief, stand ein kleiner Ofen, und mein Kollege bemühte sich, ein kleines Feuer anzuzünden, das aber bei der Größe des Raumes ungefähr dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie respektive das Butterbrot vorhin in meinem Magen, weshalb wir ein paar Stühle so nahe wie möglich an den Ofen rückten und eine Unterhaltung begannen, in welcher Philipp mir die allgemeinen Begriffe vom Handel beizubringen suchte. Er sprach vom Verkauf überhaupt, kam dann aufs Kreditgeben im speziellen, und versicherte mir, es sei äußerst schwierig, eines ohne das andere zu treiben, und doppelt schwierig, die rechte Mitte zwischen beiden zu beobachten. Mitten in diesem interessanten Gespräch wurden wir plötzlich durch sonderbare Töne unterbrochen, die draußen vor unserem Fenster erklangen. Man konnte es für eine Art Gesang halten, es glich aber auch dem Geheul eines großen Hundes. Ich horchte und sah meinen Kollegen fragend an, der aber ein unruhiges, verdrießliches Gesicht machte und mit seiner traurigen Stimme sagte: »Ach, es ist unser Nachbar, der Herr Burbus, der eben nach Hause kommt.« – »Der Herr Burbus?« fragte ich. »Wer ist das?« – »O,« entgegnen Philipp ängstlich, »Sie werden ihn schon noch kennen lernen, werden ihn gewiß noch kennen lernen – hören Sie?« Es wurde an unser Fenster gepocht, und gleich darauf vernahm man eine tiefe Baßstimme, die mit großer Jovialität rief: »He, Herr Philipp! – junges, langbeiniges Individuum! kaufmännisches Genie!« Es pochte stärker, und nicht lange, so schrie es deutlicher: »Oeffnen Sie doch Ihre langen Ohren, Sie Ritter von der traurigen Gestalt!« – Philipp war indessen bereits aufgestanden, zog auf meine leise Frage, was denn das bedeute, seine spitzen Schultern so hoch empor, daß sie fast seine lang herabhängenden Ohrlappen berührten, und ging ins Nebenzimmer, wo er stillschweigend das Fenster an meinem Bett öffnete. – »Guten Abend, Herr Burbus!« – »Herr Doktor Burbus! Ich habe Ihnen das schon tausendmal gesagt.« – »Was wünschen Sie, Herr Doktor Burbus?« – »Liebster Jüngling,« entgegnete die Baßstimme freundlicher, »Sie würden mich durch ein kleines Anlehen von etlichem Holz und Kohlen sehr glücklich machen. Es ist verdammt kalt, und ich vergaß heute morgen, der Magd zu befehlen – ich gab ihr vielmehr Geld zum Einkauf dieser Gegenstände, und die Person hat's vergessen. – Da, hier ist mein Nachtsack; füllen Sie gefälligst etwas hinein.« Bei diesen Worten fiel etwas in meinem Zimmer auf den Boden, und Philipp kehrte gleich darauf zu mir zurück, in der Hand einen Nachtsack, der so schmutzig war, daß man ihm ansah, er habe schon verschiedene Male denselben Dienst wie heute versehen. Mein Kollege bückte sich seufzend zum Ofen nieder, schaufelte eine Partie Kohlen hinein, nahm ein Scheit Holz unter den Arm und trug beides ins Nebenzimmer. Darauf sprach die Baßstimme: » Merci, Jüngling!« Das Fenster wurde geschlossen, und der heulende Gesang tönte, nur gedämpfter, noch eine gute Weile fort. Ich sah Philipp fragend an; so neugierig ich war, warum mein Vorgesetzter jenes unbescheidene Verlangen alsbald erfüllt hatte, so mochte ich doch das tiefe, melancholische Nachdenken, in welches er versunken war, nicht unterbrechen, sowie das Selbstgespräch, das er dazu hielt. »Ja,« murmelte er vor sich hin, »es ist noch mein Tod! er soll, er muß mich in Ruhe lassen! ich will alles, alles sagen – alles?« setzte er fragend hinzu und seufzte tief auf: »Nein, nein, ich kann nicht. – O Barbar –« Hier unterbrach er sich, und ich blieb im Zweifel, ob er Barbar sagen wollte oder eine verhängnisvolle Endsilbe verschluckte. Mit trübem Blick schaute er darauf ins Feuer und war sichtlich tief ergriffen. Es mochte ihm wohltun, seine Brust in etwas zu erleichtern; nach einem tiefen Seufzer und ohne auf eine ausdrückliche Frage von meiner Seite zu warten, hob er an zu erzählen: »Als ich vor drei Jahren hier ins Haus kam, wohnte ich gleich in diesem Zimmer hier und es gefiel mir ganz wohl. Ich lebte den Tag über meinem Geschäft, denn damals schwärmte ich für den Spezereihandel noch mehr als jetzt. Ich liebte meine Tüten und konnte stundenlang den Kaffee und Reis durch die Finger gleiten lassen, mich freuen über ihre Güte. Das Zimmer im Nachbarhause drüben war noch leer; es diente als Rumpelkammer. Da sah ich, wie man eines Tages die Fenster öffnete, wie die alten Möbel hinausgeschafft wurden und man den Boden fegte. Ich erfuhr, die Stube sei an einen medizinischen Studenten vermietet, der frisch von der Universität komme und hier eine Zeitlang still für sich leben wolle, um sich auf das Examen vorzubereiten. Ich freute mich ordentlich auf diesen Herrn; da unsere Fenster so nahe beisammen liegen, hoffte ich auf manche geistreiche Unterhaltung mit dem jungen Doktor drüben und dachte dabei namentlich, meine Kräuterkenntnis zu vermehren, denn wir machen auch in Kräutern. – Aber, akuter Gott! Er zog ein, denken Sie sich, er zog ein, mit drei Büchern – ein Student mit drei Büchern! aber mit einem Dutzend Pfeifen, mit einem ungeheuren Bierglase und etlichen Mordwaffen und, was glauben Sie? – mit – dem Gerippe eines Menschen! Die Magd drüben hat mir erzählt, ihre Madame sei beim Anblick dieses scheußlichen Dinges in Ohnmacht gefallen und habe verlangt, der Student solle sogleich wieder ausziehen, worauf dieser sie ausgelacht habe und dageblieben sei. Er ließ sich nicht vertreiben, und die Polizei, an die man sich wendete, sagte, man könne nichts tun. Als man drauf dem Herrn Burbus gleich wieder aufkündigte, versicherte er lachend, er wolle gern das Mäuseloch räumen, aber sein Skelett habe eine solche Neigung zum düstern Zimmerchen gefaßt, daß es jedenfalls in Person der Frau vom Hause seine Aufwartung machen und um Verlängerung des Mietkontraktes anhalten würde. Ich bitte Sie! fassen Sie den gräßlichen Gedanken? Auch bekam unsere Nachbarin die allerbedenklichsten Zufälle, und ich hatte einen ganzen Tag fast nichts zu tun, als Kampfer und Hirschhorngeist für sie abzuwiegen. Herr Burbus aber blieb, und denken Sie sich, er erwarb sich die Freundschaft der Madame drüben, aber durch einen für uns sehr betrübten Vorfall. Schon lange lebte Jungfer Barbara mit dieser Nachbarin nicht im besten Einvernehmen, und da beider Schlafzimmer zwei Treppen unter dem unsrigen einander gegenüberlagen, so hatte man schon oft davon gesprochen, die Fenster vermauern zu lassen; denn Madame drüben behauptete, Jungfer Barbara laure beständig in ihr Schlafzimmer hinüber. Wie dem sei, kurze Zeit nachdem Herr Burbus eingezogen war, ziehe ich eines Morgens ruhig meine Jacke an, als ich plötzlich vom untern Stock her ein gräßliches Geschrei vernehme. Es war die Stimme der Jungfer Barbara, die einen so gellenden Schrei ausgestoßen, daß man es durch die halbe Stadt hören konnte. Darauf rief der Prinzipal nach Salmiakgeist, nach kaltem Wasser, und Sie können sich denken, wie ich die Treppen hinabstürzte. Ja, ich vergaß mich in der Alteration so weit und rannte in das offenstehende Schlafgemach der Jungfer Barbara, wo ich einen entsetzlichen Auftritt sah. Jungfer Barbara lag mit halb geschlossenen Augen auf einem Lehnstuhl am Fenster – denken Sie, nur halb angekleidet – und hatte mit der Hand krampfhaft die Schnur des Vorhangs gefaßt, der dadurch in halber Höhe aufgezogen war. Ich blickte durch das Fenster nach dem Nachbarhause, und was sehe ich am offenen Fenster des Schlafgemachs gegenüber? Das Gerippe des Herrn Burbus, angetan mit einer großen, schwarzen Halsbinde, ein Leinentuch um den Leib geschlungen, und aus dem grinsenden Maule hing ein Zettel, wie man es auf alten Bildern sieht, worauf geschrieben stand: »Guten Morgen, liebe Schwester!« Ich stürzte gleich auf die Polizei, doch als ich mit einem Sergeanten zurückkam, war das Skelett drüben weg, und die Sicherheitsbehörde konnte nichts für uns tun, als daß sie der Madame drüben nach diesem Vorfall die Erlaubnis gab, den Herrn Burbus sofort vor die Tür zu setzen. Das tat sie aber nicht, nein, sie tat es nicht, und er blieb zu meinem Schrecken und Entsetzen – Sie können sich vorstellen, daß ich mich anfangs um meinen fürchterlichen Nachbar gar nicht bekümmerte. Ich hielt meine Fenster verschlossen, und wenn er beim Laden vorbeikam, wandte ich den Kopf weg. Doch was half es? Gott mag wissen, weshalb er es auf mich abgesehen hatte, aber er wandte alles an, um meine Bekanntschaft zu machen und mich zum Sprechen zu bringen. Wie oft kam er in den Laden, um Tabak zu kaufen, und wie oft reichte ich ihm das Verlangte hin, ohne ein Wort zu sprechen! Da war er aber boshaft genug, mir die gräßlichsten Dinge vorzusagen, von Leichnamen, die er zerschnitten und denen er die Haut abgezogen. Und das wußte er alles so schauderhaft auszumalen, daß ich vor Ekel den ganzen Tag kein Fleisch ansehen konnte, und obendrein kam er mit dergleichen Geschichten meist vormittags; kurz, ich wußte mich nicht vor ihm zu retten. Da, eines Tages hatten wir eine Geschichte miteinander. – – Nun, das Nähere wird Sie eben nicht interessieren.« – Hier stockte Philipp und schien eine unangenehme Erinnerung niederzukämpfen. – »Also von dem Tage an mußte ich mein Fenster öffnen, Gott! mußte gute Nachbarschaft mit dem Ungeheuer halten! Haben Sie nie die Geschichte jener reinen Jungfrau gelesen, die in der Höhle des Drachen angekettet war und die dem Scheusal die Pfeife stopfen und Kaffee kochen mußte? Just so erging es auch mir. Von jenem Tage an mußte auch ich ihm für Tabak und Kaffee sorgen, denn er hatte mich belauscht und einen Beweis gegen mich in Händen. – O Barbar . . .« »Aber,« entgegnete ich meinem unglücklichen Kollegen, »taten Sie denn nie etwas, um sich der Herrschaft des Doktor Burbus zu entreißen?« – Philipp faltete bei dieser Frage die Hände über den spitzen, magern Knien und sagte mit betrübter Stimme: »O Gott, ja! Nach langem Kampfe mit mir selber ließ ich ihm eines Tages sagen, als er aufs neue Tabak und Kaffee verlangte, er möchte die Gnade haben und vorher die alte Rechnung berichtigen. Was tat er? Als ich abends harmlos am offenen Fenster lehne und ihm ein recht freundliches Gesicht mache und eben ein versöhnendes Gespräch einleiten will, zeigt er auf einmal eine große Flasche, auf der mit deutlichen Buchstaben zu lesen steht: Scheidewasser. Und diese Flasche setzt er auf das Fenstergesims, indem er mir einen fürchterlichen Blick zuwirft. Ich sehe ihm harmlos zu, wie er eine große, gläserne Spritze mit Scheidewasser anfüllt. Er legt sie vor sich hin, steckt sich erst eine lange Pfeife an, und jetzt nimmt er die Spritze, denken Sie, und richtet sie auf mich. Daß ich laut schreiend zurückfuhr und die Fenster zuwarf, können Sie sich leicht denken. Gott, ich kannte ihn! Er hätte mich sicherlich unglücklich gemacht auf zeitlebens. – Von der Zeit an,« schloß Philipp seine Erzählung, »habe ich nie mehr gewagt, ihm etwas abzuschlagen, und ich will nur sehen, wie lange ihn der Himmel noch da drüben duldet. – Doch jetzt ist es zehn Uhr, und da Jungfer Barbara befohlen hat, daß um diese Stunde kein Licht mehr im Hause brennen darf, so wollen wir uns zu Bett legen.« Ich war das gleichfalls zufrieden; doch ehe ich mich unter mein Dach schob, beleuchtete ich vorher nochmals die geschnitzte Gesellschaft, die mein Lager umgab, und ergötzte mich an den abenteuerlichen Gestalten der kleinen Figuren. Fünftes Kapitel . Die Schreibstube. Wie dieser erste Tag, den ich im Spezereiladen zugebracht, vergingen nach und nach mehrere, die sich alle glichen wie ein Ei dem andern, selbst in den unbedeutendsten Kleinigkeiten, sogar in Sachen, die eigentlich gar nicht zum Geschäft gehörten, so unter anderm im Vorzug, den die Jungfer Barbara meinem Kollegen vor mir und selbst vor dem Prinzipal gab. Anfänglich hatte mich das, wie gesagt, ein wenig geärgert, als ich aber an einem Feiertage und bald darauf auch an einem Sonntage bemerkte, daß Philipp, während ich meine Großmutter besuchte, zu Hause bleiben mußte, um der Jungfer Barbara aus einem Erbauungsbuche vorzulesen, als ich sah, daß er mir einen sehnsüchtigen Blick nachwarf, und er mir am Abend anvertraute, er wäre gern mit mir ein wenig spazieren gegangen, und seufzend hinzusetzte, er habe so wenig freie Stunden, da beneidete ich ihn nicht mehr und konnte ein gelindes Lachen nicht unterdrücken, wenn er von der Jungfer Barbara zum Kaffee gerufen wurde oder wenn er abends ins Nebenzimmer ging, um daselbst ohne Zweifel eine bessere Abendmahlzeit einzunehmen als die meinige, welche gewöhnlich aus Butterbrot und Bier bestand. Aber dieses Lachen mochte Jungfer Barbara ein und das andre Mal bemerkt haben; sie nahm es sehr ungnädig auf, und ich merkte bald, daß ich in ihrer Gunst keine Fortschritte machte. Vielmehr entdeckte mir die Jungfer Schmiedin eines Tags, und wie gewöhnlich unter einem Strom von Tränen, Barbara habe mich für leichtsinnig und unzuverlässig erklärt. Ganz unrecht hatte sie nicht, denn es war unter anderem vorgekommen, daß ich statt eines Pfundes ein Gewicht von anderthalb in die Wagschale gelegt hatte. Was sie besonders empört hatte, war ein Kredit, in fünf Silbergroschen für Oel bestehend, den ich einer armen Schustersfrau eigenmächtig bewilligt; und als diese den andern Tag das Geld richtig brachte, und ich es meinerseits der Jungfer Barbara triumphierend zeigte, so erbitterte sie meine Rechthaberei, wie sie es nannte, nur noch mehr. Gleich am zweiten Tage hatte ich mir einen großen Fehler gegen sie zu schulden kommen lassen. Sie verwahrte den Ladenschlüssel bei Nacht; morgens mußte ich ihn aus ihrem Schlafgemach abholen, und da fand ich sie im Zimmer in einer nichts weniger als gewählten Toilette. Indessen verfehlte ich nicht, ihr einen guten Morgen zu wünschen, worauf ich aber keine Antwort erhielt. Als sie nun später, wohlfrisiert und angezogen, mit schwarzem Haar anstatt des grauen, herunterkam, sagte ich ihr natürlich nichts mehr und wunderte mich nicht wenig, als sie mich fragte, warum ich ihr keinen guten Morgen biete? Ohne entfernt an Spott zu denken, versicherte ich ihr aufs freundlichste, ich habe sie nicht nur heute morgen schon gesehen, sondern ihr auch einen guten Morgen gewünscht. Mochte sie nun den lustigen Ausdruck in meinem Gesicht für eine Erinnerung an ihre Toilette halten, genug, sie verzieh mir das nie, und ich durfte ihr Heiligtum nicht mehr betreten; Philipp mußte den Schlüssel bei ihr abholen und ihn mir draußen einhändigen. Es dauerte nicht lange, so sah ich ein, daß ich mir die Reize des Spezereihandels allzu groß vorgestellt hatte, und begann zu fühlen, daß dies nicht der Weg sei, um eine kaufmännische Karriere zu machen. Doch was war zu tun? Meine Großmutter, der ich eines Sonntagnachmittags etwas derartiges vertraute, legte erstaunt die Brille des alten Generals auf ihr Gebetbuch und meinte, es sei ein Unglück, daß die Eier immer klüger sein wollten als die Henne; aller Anfang sei schwer, und alle Wege führten zuletzt nach Rom. Die Jungfer Schmiedin dagegen konnte mir aus meine Klagen über die Barbara aus allzu großer Rührung gar nichts antworten. Sie schüttelte betrübt ihr Haupt, weinte etwas weniges und brachte später, als sie sich gesammelt, mühsam die Worte hervor: »O Gott, o Gott, wenn nur der selige Herr noch lebte!« Bis jetzt hatte ich die Schreibstube des Prinzipals nur ausnahmsweise betreten dürfen, wenn er eine Rechnung quittierte, oder wenn ich ein altes Briefpaket, das er nötig hatte, vorher abstäuben mußte. Als ich aber etwa vierzehn Tage im Hause war, berief er mich eines Tages vor sein Pult und erklärte mir mit vieler Feierlichkeit, daß ich jetzt anfangen müsse, mich in das Theoretische des Geschäfts einzuschießen. Zu dem Zwecke bekam ich Briefe zu kopieren. Ach, der erste dieser Briefe ist mir noch immer sehr gut im Gedächtnis! Er lief nicht nach einem berühmten See- und Handelsplatz, es war nicht von Schiffsladungen die Rede; er ging an einen benachbarten Müller, dem sich mein Prinzipal auf dessen Geehrtes vom so und so vielten mit Unwillen zu erwidern gezwungen sah, daß sich in dem mit Faktura vom gleichen Tage übersandten Sack Graumehl, gezeichnet H. H. Nr. 6, eine Unzahl Mäusedreck vorgefunden habe. Schließlich bemerkte er, das Mehl habe weit unter dem Preise an das Militärspital verkauft werden müssen, und darauf empfahl er sich achtungsvoll und ergebenst Johann Peter Reißmehl. – Das schrieb ich ab, und um es sehr gut zu machen, wie ich meinte, malte ich am Schlusse die Unterschrift des Prinzipals merkwürdig genau nach, was mir aber eine gelinde Nase eintrug, indem Herr Reißmehl versicherte: »Es schickt sich ganz und gar nicht für einen Lehrling, die Handschrift des Prinzipals nachzumachen.« Diese Schreibstube des Prinzipals hatte, wie das ganze Haus, des Sonderbaren und Merkwürdigen genug. Das Pult war ebenfalls mit Schnitzwerk und Figuren versehen, wie oben die Dachbalken, unter denen ich schlief. Davor standen für den Prinzipal und für Philipp ein Paar hohe Schreibböcke ohne Schrauben, und für mich befand sich am oberen Teile des Pultes ein Klapptischchen mit einem kleinen Rohrschemel. Hier saß ich nun und schaute aufwärts in das ernste, ehrfurchtgebietende Gesicht des Herrn Reißmehl und in die melancholischen, langweiligen Züge Philipps, der gewöhnlich hier im Bunde der Dritte war und schon zu großartigen Geschäften gebraucht wurde, z. B. zu Eintragung der Posten in das Journal von einer großen Rechentafel, auf welche sie im Gewölbe geschrieben wurden. Da ich in der Schreibstube zuweilen sehr viel müßige Zeit hatte, so kann man sich denken, daß ich mitunter auf mancherlei Torheiten verfiel. Schon in der Schule hatte ich eine merkwürdige Fertigkeit darin gehabt, aus einem Federkiel wie aus einem Blaserohr kleine Brotkugeln zu schießen, ein Studium, das ich auch hier wieder vornahm. Ich begann damit, meinen Kollegen Philipp zu necken, indem ich ihm eins auf die Nase schoß. Aber dieser Edle war viel zu phlegmatischer Natur, als daß mich das Spiel mit ihm lange unterhalten hätte. Mochte er kein Gefühl haben oder wollte er aus Respekt vor dem Prinzipal sich nichts merken lassen, genug, wenn ich ihn auch noch so empfindlich traf, fuhr er wohl schreckhaft zusammen, sah aber dann den Herrn Reißmehl mit einem ängstlichen Blicke an, als wollte er sehen, ob dieser auch bemerkt habe, daß er es gewagt, sich zu bewegen. Nun befand sich aber in der Schreibstube außer uns dreien, und zwar in der Ecke des Gemachs, gerade vor meinen Augen, ein Wollsack, auf dem Fanny, der Mops, seine Schlummerstunden, so ziemlich vierundzwanzig des Tages, hielt. Mit welcher Zärtlichkeit, ja mit welcher Ehrfurcht behandelte Philipp diesen Hund! Ich habe oft bemerkt, daß, wenn im gleichen Augenblick der Prinzipal rief und Fanny bellte, Philipp zu ihr hinstürzte, um zu sehen, was ihr fehle. Das war nur ein Sporn mehr für mich, um dem faulen Vieh zuweilen meine Kugeln zuzusenden. Ich traf den Hund vortrefflich, bald auf den dicken Leib, bald auf die Nase, und da er zu faul war, sich vom Wollsack zu erheben, so brach er in ein kläglich heiseres Gebell aus, ein Ton, so schrecklich für Philipp, daß er fast von seinem Bock herunterstürzte. Auch der Prinzipal ging hin, um nachzusehen, was dem Tier fehle, und Jungfer Barbara stürzte aus der Küche herein. Letztere aber fand einmal, als sie ihren Liebling genau untersuchte, einige der verschossenen Kugeln. Natürlich warf sie im Augenblick ihren Verdacht auf mich; da ich mich aber sehr unschuldig benahm, wagte sie es nicht, mich anzuklagen, und paßte hierzu einen günstigeren Augenblick ab, der auch bald erschien. Sie konnte unsere Schreibstube vom viel besprochenen Nebenzimmer aus durch ein rundes Fensterchen übersehen und mich von da belauern, was sie auch redlich tat. Seit jener Stunde nun, da mich Fanny durch ihr Geheul fast verraten hätte, hatte ich eine andere Zielscheibe entdeckt, und diese war nichts Geringeres, als der Hut des Prinzipals, der an einem großen Nagel neben dem kleinen Fenster hing. Da Jungfer Barbara bei ihrem Lauschen nur auf den Mops schaute, so hätte sie mein neues Ziel nicht so bald entdeckt, wenn nicht eine meiner Kugeln, statt den Hut zu treffen, an das Fenster gefahren wäre. Es erfolgte ein gellender Schrei, Philipp ließ erstarrt die Feder fallen und sah bestürzt den Prinzipal an, der aber ganz ruhig sitzen blieb und sich nur mit lauter Stimme erkundigte, was es gäbe. Mir ahnte es wohl, als Jungfer Barbara zornglühend hereinstürzte und, anfangs keines Wortes mächtig, nur einige Gestikulationen gegen mich machte. Es dauerte aber nicht lange, so war ihr Mundwerk wieder in voller Arbeit, und die Wände der Schreibstube hallten wider von der gräßlichen Klage, die gegen mich erhoben wurde. Ich suchte mich zu verteidigen, aber Barbara hatte mit einem kühnen Griff sich des Federrohrs bemächtigt, und ich mußte auf ihren Befehl die Hand öffnen, in welcher sich leider als unumstößlicher Beweis meiner Untat noch einige Freikugeln vorfanden. Auch nützte es mir nichts, daß ich am Ende versicherte, ich habe nur nach dem Hute geschossen; sie blieb fest dabei, ich habe nach ihrem Gesicht gezielt, um sie in den Tod hinein zu erschrecken. Der Prinzipal schüttelte den Kopf und warf mir einen sehr unfreundlichen Blick zu. Philipp, der durch diesen Frevel ganz betäubt war, faltete die Hände über dem Pult und sah mich verächtlich an, und Jungfer Barbara führte den Zipfel ihrer Schürze vor die Augen, indem sie schluchzend sagte: »Noch so jung und doch so boshaft!« Nachdem mir der Prinzipal eine, wenn auch ernste, doch nicht scheltende Strafpredigt gehalten hatte, mußte er dem Verlangen seiner Schwester nachgeben und die ganze Untat meiner Großmutter brieflich mitteilen, was denn auch alsbald geschah, und ich mußte diese Depesche, ein zweiter Urias, eigenhändig hintragen. – Wenn auch meine Verwandten so vernünftig waren, im Vorgefallenen mehr einen Akt des Mutwillens als der Bosheit zu sehen, so hielt mir die Großmutter dennoch eine stattliche Standrede, und aus den sinnreichen Sprüchen, die sie dabei anbrachte, wie: »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehs« und »Quäle nie ein Tier zum Scherz«, konnte ich ersehen, daß Herr Reißmehl in seinem Briefe mehr das Attentat gegen Fanny, als das gegen seine Schwester hervorgehoben hatte. Als ich wieder in den Laden kam, affektierte Jungfer Barbara noch eine große Abspannung und würdigte mich erst wieder beim Abendessen eines Wortes, indem sie mich fragte, was denn die Großmutter zu der Unart gesagt, die ich gegen die Schwester meines Prinzipals begangen? O, hätte ich in diesem Augenblick meinen Kopf gesenkt und wie zerknirscht vor Scham nur undeutliche Worte gemurmelt! Aber nein, ohne etwas Arges dabei zu denken, versicherte ich der Jungfer Barbara, meine Großmutter habe gesagt, man solle nie ein Tier zum Scherz quälen, und der Gerechte erbarme sich auch seines Viehs. Das hatte ich in der Tat gut gemacht, und wenn ich nicht schon am unendlichen Zornblick, den mir die Jungfer zuwarf, meinen Schnitzer erkannt hätte, so hätte ich's am veränderten Betragen Philipps ersehen müssen, der heute abend kein Wort mit mir sprach, sondern sich stillschweigend in seinem Schlafzimmer an den Tisch setzte und in tiefes Nachdenken versank, wahrscheinlich über all die Schändlichkeiten, die ich begangen. Sechstes Kapitel . Herr Doktor Burbus. Da mich Philipp nach den erzählten Vorfällen mit so ausgezeichneter Verachtung behandelte und ich einen genügenden Grund hierzu gar nicht einsah, so machte ich keinen Versuch, mich ihm zu nähern, wie er vielleicht erwartet hatte, sondern warf vielmehr die Tür des Bretterverschlags, der meine Zimmerabteilung von der seinigen trennte, mit solcher Gewalt ins Schloß, daß das Gebälk zitterte. Da saß ich nun im Dunkeln und hatte recht langweilige Stunden vor mir, denn es war Sonntagabend, wo das Gewölbe schon bei einbrechender Nacht geschlossen wurde, und da diese gegen sechs Uhr eintrat, so hatte ich bis gegen zehn vollauf Zeit, an meine Sünden zu denken. Ich machte das Fenster auf, das gegen das Nachbarhaus sah; da war aber alles ebenso dunkel, wie in meinem Stübchen. Unser Nachbar war noch nicht zu Hause, und das einzige Zeichen von Leben war der trübe Schein einer Straßenlaterne, der sich in das tiefe Dunkel des Abgrunds zwischen den beiden Häusern stahl und hier einen vergeblichen Versuch machte, die dicke Finsternis aufzuhellen. Ich schloß mein Fenster wieder, warf mich gelangweilt auf mein Bett und ließ das Erlebte an mir vorübergehen. Ich hatte aber noch nicht lange so gelegen, als ich von drüben die Stimme des Herrn Burbus vernahm, der meinen Kollegen rief und bald an mein Fenster klopfte. Ich sprang auf und sah, daß das Zimmer unseres Nachbars erleuchtet war und er selbst im Fenster lag. »He, hollah!« rief er. »Freundlicher Zögling Merkurs, wo weilen Sie? Philipp! Philipp der Mazedonier! Oeffnen Sie doch gefälligst Ihr Fenster!« An seiner Stelle tat ich, um was Herr Burbus bat, und fragte ihn, was er wünsche. Meine Stimme klang ihn. unbekannt, da er mich aber schon einigemal im Laden gesehen hatte, erinnerte er sich meiner. »Ah so, Sie sind es, junge Pflanze? Wo befindet sich denn Ihr würdiger Mentor und Kollege? Richten Sie ihm gefälligst meinen freundlichen Gruß aus und fragen ihn, ob er mich nicht ein wenig besuchen wolle.« Ich trat vom Fenster weg, öffnete die Tür zu Philipps Gemach, sah aber mit Befremden, daß er nicht da war. Auf dem Tisch war das Talglicht schon etwas herabgebrannt, und die Tür stand halb offen. Ich trat aus dem Zimmer, um auf dem Gange nachzusehen, aber das Haus war von oben bis unten still wie ein Kirchhof. Ja, wie schon gesagt, es hatte etwas Unheimliches, das Reißmehlsche Haus, und da ich mich allein fühlte, war es mir ganz behaglich, mit dem Herrn Burbus drüben plaudern zu können, der noch immer am Fenster stand und auf mich wartete. »Es tut mir leid,« rief ich ihm zu, »aber ich kann den Herrn Philipp nicht finden.« – »Ho, ho!« lachte er. »Monsieur Philipp, der Schäker! O, daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der dürren Liebe! Aber wissen Sie was?« fuhr er lustig fort, »ohne Ihnen mein Kompliment machen zu wollen, Sie scheinen mir weniger Kamel zu sein, als Ihr würdiger Kollege. Wollten Sie mir wohl die Ehre erzeigen und auf eine Stunde oder länger zu mir herüber kommen? Ich beschäftige mich gerade mit der Anfertigung eines feinen Punsches, der Ihrem jungen kaufmännischen Gaumen behagen wird.« Ich dankte ihm für dieses schmeichelhafte Anerbieten, bemerkte aber, es sei mir bis jetzt unklar, wie ich über den Zwischenraum der beiden Häuser in sein Fenster hineingelangen sollte, worauf er mir versicherte, dies habe gar keine Schwierigkeiten. Flugs holte er aus dem Hintergrunde seines Zimmers ein großes Brett, schob es zu seinem Fenster heraus bis an meines und versicherte mich, da er es recht fest halte, bilde es die bequemste Brücke, die man sich denken könne. Beim Anblick dieses Steges meinte ich, es möchte doch eine halsbrechende Arbeit sein, ihn zu passieren; aber Herr Burbus, der meine Zweifel aus dem rechten Gesichtspunkte ansah, bemerkte in sehr ruhigem Tone: »Lieber Jüngling, Sie scheinen mir einen großen Mangel an Mutüberfluß zu besitzen. Aber wenn ich Ihnen sage, daß selbst Philipp, der Edle, diesen Weg zuweilen gemacht hat, Philipp, einer der ängstlichsten Menschen der ganzen Christenheit, so werden Sie sich nicht länger besinnen.« Ich muß gestehen, nur die Furcht, vor dem Herrn Doktor Burbus als Feiger zu erscheinen, trieb mich an, den Uebersiedelungsversuch anzustellen. Ich kletterte durch das Fenster, legte mich mit dem Bauch auf das Brett, und alsbald fühlte ich mich an den Füßen von einer kräftigen Hand erfaßt, so daß ich blitzschnell nach dem andern Fenster hinüberfuhr und dort zum großen Ergötzen des Herrn Burbus auf den Fußboden hinkollerte. Nachdem ich wieder festen Fuß gefaßt, machte ich dem Doktor mein Kompliment und warf einen flüchtigen Blick in seinem Gemach umher. Mein Zimmer war gewiß nicht glänzend möbliert und eingerichtet; aber, guter Gott! wie sah es hier aus! Die Wände waren ursprünglich angestrichen gewesen, aber der Zahn der Zeit und der Mutwille des Mietmanns hatten sie nach und nach der Farbe beraubt, und jetzt prangten sie in einem schmutzigen Weiß. Herr Burbus hatte indessen für die Verzierung derselben alle mögliche Sorge getragen, und als er sah, daß meine Blicke umherirrten, nahm er das Licht, das, beiläufig gesagt, statt in einem Leuchter in einer zerbrochenen Flasche steckte, und zeigte mir, daß die Wände mit allerhand grotesken Figuren bemalt waren, die nach seiner Erklärung zusammengenommen einen Hexentanz darstellten. Ich äußerte meine Freude über die Schönheit dieser Fresken und meine Verwunderung, daß mit Kohle und Siegellack ein solcher Effekt hervorzubringen sei. Ich erfuhr, die Schildereien rühren von einem seiner Freunde her, einem Maler, der ihn zuweilen besuche. Da waren Menschen, Ungeheuer und Tiere durcheinander, und es kam mir vor, als erkenne ich unter den ersteren hier und da jemand. Richtig, da war der Doktor Burbus selbst; die lange Pfeife in der Hand, mit hohen Stiefeln und allmächtigen Sporen ritt er auf einer großen Flasche, und dort, ich mußte laut auflachen, dort kam mein würdiger Kollege Philipp; er ritt auf einem Besenstiel, und mit seinem traurigen Gesicht, das in den Nacken gedreht war, schaute er die Jungfer Barbara an, die majestätisch auf Fanny saß. Dahinter kam der Herr Reißmehl im Gartenkostüm; zwischen seinen Beinen hatte er das Hauptbuch, in der Hand einen Trichter und auf dem Kopfe statt des Hutes eine große Tüte. So sehr mich diese Malereien ergötzten, so suchten meine Blicke doch etwas anderes, nämlich das Gerippe, von dem mir Philipp erzählt. Ah, dort stand es, neben dem Lager des Doktors, der ihm einen alten Samtrock über die Schultern gehängt und seine Mütze aufgesetzt hatte. In der rechten Hand, die ausgestreckt war, hatte der Knochenmann ein Talglicht stecken, das dem Herrn Burbus nachts beim Lesen im Bette diente. An der herabhängenden Linken war vermittelst eines eisernen Häkchens ein großer Krug befestigt, wahrscheinlich, um vorkommenden Falles den Durst des Doktors zu löschen. Nachdem ich mir das Zimmer genugsam betrachtet, fand ich Zeit, um den Herrn desselben, der sich unterdessen in einen Stuhl geworfen hatte und mir einen andern anbot, etwas näher zu betrachten. Herr Burbus mochte ein Mann von wenigstens dreißig Jahren sein; er war von sehr kräftiger, untersetzter Figur, und sein Gesicht, das beständig lächelte und überhaupt etwas sehr Gutmütiges hatte, war von einem sehr starken Schnurr- und Knebelbart beschattet, der dichter und reichlicher wuchs als sein Haupthaar, dessen dünne Büsche hier und da helle verdächtige Stellen zeigten. Auf den Ofen hatte er ein irdenes Gefäß gestellt, welches große Aehnlichkeit mit einer Waschschüssel hatte und worin er zum beabsichtigten Punsch das Wasser erwärmte, was bald geschehen war. Dann brachte er eine Flasche mit Branntwein hervor, einige Zitronen sowie eine Tüte von grauem Löschpapier mit Zucker und mischte das Getränk. Er bot mir eine Pfeife an, und da ich mich schämte, sie auszuschlagen, fing ich das mir ganz ungewohnte Geschäft des Rauchens an. Nachdem er zwei große Biergläser mit dem warmen Getränk angefüllt, lehnte er sich mit seinem Stuhl an die Wand und forderte mich auf, zu trinken und lustig zu sein. »Aber sagen Sie mir, Teuerster,« fuhr er fort, nachdem er einen tüchtigen Schluck getan, »wie kommen Sie eigentlich auf die verrückte Idee, ein Käsekrämer zu werden? Warum studieren Sie nicht?« – »Lieber Herr Doktor,« entgegnete ich, »es fehlt mir an den nötigen Mitteln; ich habe keine Eltern mehr, die mich so lange unterhalten könnten.« – »O, Ehrwürdigster,« lachte der Doktor, »sehen Sie mich an! Ich habe auch schon seit langen Jahren niemand, der für mich sorgt, und helfe mir doch durch die Welt und bringe es zu etwas. Kennen Sie nicht das große Wort »Pump«? Das ist der Zauberspruch, der dem, der ihn richtig anzuwenden versteht, Kisten und Kasten öffnet.« Ich versicherte ihm, ich habe noch nie etwas davon gehört, worauf er in ein brüllendes Gelächter ausbrach, einen gewaltigen Schluck von seinem Gebräu nahm und mir versicherte, wenn ich einmal besser mit ihm bekannt sei, werde ich es schon lernen. – »Aber sagen Sie mir,« fuhr er fort, »wie es gekommen ist, daß Sie, um das edle Gewerbe eines Kaufmanns zu erlernen, gerade bei der unangenehmsten, prosaischesten Branche dieses Geschäfts, beim Spezereiladen, angefangen haben?« Ich weiß nicht, ob es die Kraft des Punsches war, von dem ich, dem Beispiel des Herrn Burbus folgend, schon ein gutes Quantum verschluckt, was mich so redselig und offenherzig machte, genug, ich erzählte dem Doktor zu seinem großen Ergötzen, daß ich immer beim Anblick von Kaffee und Zucker an die fernen Meere gedacht und von wunderbaren Ländern geträumt, mit denen ich durch den Spezereihandel in, wenn auch indirekte Verbindung trete. Diese poetische Idee, mit der Prosa des Reißmehlschen Hauses zusammengehalten, schien ihm gar komisch, und er brach aufs neue in ein homerisches Lachen aus. »Ja, ja, Teuerster,« sagte er endlich, »es ist wirklich schade, daß sich vor eurem Laden nicht die See ausbreitet, denn ein alter Seehund ist schon drüben, an einem jungen Stockfisch fehlt's auch nicht, und die alte Barbara würde sich als Meerjungfer gar nicht schlecht ausnehmen.« – Durch diesen Ausfall gegen meine unmittelbaren und mittelbaren Vorgesetzten kam er auf die Verhältnisse derselben zu sprechen, und seine Reden trugen gerade nicht dazu bei, meine Ehrfurcht vor dem Prinzipal und dessen Schwester zu steigern. Er meinte, der alte Philister sei ein guter Kerl, der aber nicht mucksen dürfe, indem die »Phileuse« das Regiment drüben sehr gut führe. Daß der Doktor mit diesen seltsamen Ausdrücken Herrn Reißmehl und seine Schwester meinte, wurde mir erst im Verlauf des Gesprächs klar, als er von meinem Kollegen, den er für das größte Schiff der Wüste erklärte, versicherte, dieser kommandiere das Haus allein, indem ihm die Phileuse allen Willen tun müsse, und, wie schon gesagt, der Philister von dieser ganz abhängig sei. Diese Gespräche mit Herrn Burbus waren eben nicht geeignet, meine Liebe zum Handelsstand überhaupt und zum Reißmehlschen Hause insbesondere zu befestigen. Unterdessen hatten Pfeife und Punsch ihre Wirkung nicht verfehlt, ihre unangenehmen und sehr entgegengesetzten Wirkungen auszuüben. Letzterer brachte mein Blut in Wallung, regte meine Gedanken auf und beflügelte meine Zunge, wogegen der Tabak lähmend auf mich wirkte. Ich fühlte mich plötzlich von einer unnennbaren Angst befallen, welche mir die Schweißtropfen auf die Stirn trieb; ich empfand eine entsetzliche Uebelkeit, und als ich aufstand und dem Herrn Doktor Burbus stammelnd versicherte, ich müsse jetzt nach Hause, schien sich das ganze Zimmer im Kreise mit mir herumzudrehen. Es kam mir vor, als seien die Figuren an den Wänden lebendig geworden und zögen mit unaufhörlichem, seltsamem Sausen an mir vorüber. Das Gerippe in der Ecke schien zu wanken und sah viel unheimlicher aus als früher. Selbst mein gutmütiger Wirt, der vor mir stand und aus vollem Halse lachte, erschien mir wie ein böser Geist, und mit geheimem Entsetzen suchte ich wankend das Fenster, um meine luftige Wanderung anzutreten. Doktor Burbus redete mir vergeblich zu, ich solle die Nacht bei ihm bleiben, indem ich mich in einem Zustand befinde, der eine solche Rutschpartie etwas gefährlich mache. Ich hörte nicht auf ihn; da schob er das Brett vors Fenster, und ich kletterte wieder hinauf; als mich aber die frische Nachtluft anwehte und ich über dem Abgrund schwebte, fing ich an laut zu weinen und bekam einen solchen Schwindel, daß ich mich am Brett festklammerte und weder vor- noch rückwärts wollte. Aus diesem denkwürdigen Augenblick, wo es plötzlich in meinem Innern sehr dunkel und häßlich wurde, erinnere ich mich, aber ziemlich undeutlich, daß der Doktor hinter mir laut fluchte und schimpfte; bald aber fühlte ich, wie er mit dem Stock auf den Teil meines Körpers schlug, den ich ihm entgegenstreckte, und so oft ich einen Schlag erhalten, rutschte ich eine Strecke weiter. Endlich spürte ich eine wärmere Luft, die mich umgab, ich purzelte auf den Boden meines Zimmers und schlief flugs ein. Meine Plage war aber noch nicht zu Ende; ich fühlte mich gerüttelt und gestoßen, und als ich mühsam meine Augen aufriegelte, sah ich eine Gestalt vor mir, die ich anfangs für das Gerippe des Doktor Burbus hielt. Bald aber erkannte ich meinen Kollegen Philipp, der mich seufzend und wehklagend zu Bett brachte, und darauf sank ich in einen festen Schlaf. Siebentes Kapitel . Jammer. Als ich am Morgen nach dem denkwürdigen Besuch bei Doktor Burbus erwachte, graute eben der Tag; ach, es graute auch mir, denn ich befand mich in einem Zustande, der um so schrecklicher war, da ich noch gar nicht wußte, ob es die Folgen des gestrigen Abends waren oder der Anfang einer schweren Krankheit. Ich hatte den ausgebildetsten, entsetzlichsten Katzenjammer, der sich je auf einen Menschen niedergelassen hat. In meinem Kopf war es wüste und leer; und als ich versuchte, ihn aufzurichten und um mich herzuschauen, drehten sich, gerade wie gestern abend, Zimmer, Tisch und Stühle um mich herum; und als ich darauf meine Augen wieder schloß, um dem Schwindel zu entgehen, war es mir, als hätte mich einer bei den Haaren aufgehängt und gäbe mir dazu in einem fort warmes Wasser zu trinken. Ich wendete mich in meinem Bett hin und her und kapitulierte mit mir selbst von Viertelstunde zu Viertelstunde; endlich war es aber die höchste Zeit. Philipp im Nebenzimmer hustete, scharrte und plätscherte in seinem Waschbecken umher, kurz, machte all den Lärm, womit er jeden Morgen seine Toilette begleitete. Als ich aufstand, ging es mir besser, als ich erwartet; ich hatte gemeint, ich müßte augenblicklich auf den Boden stürzen, ich konnte aber noch so ziemlich auf den Beinen stehen. Nur machte mich eine unbeschreibliche Schwäche besorgt, und ich konnte mir nicht erklären, warum meine Hände zitterten, wenn ich etwas anfaßte. Ich legte mich ins Fenster, teils um die frische Morgenluft zu genießen, teils um in das Zimmer des Doktor Burbus zu schauen, wo ich gestern einen Abend erlebt, an den ich nur mit Schauder zurückdenken konnte. Alles, was ich dort drüben gesehen, war mir im tollen Reihentanze der Träume wieder erschienen, und selbst jetzt noch, am hellen Morgen, wenn ich die Augen schloß, huschten die Zimmergemälde des Doktors sowie das Skelett und er selbst an mir vorüber, und gerade daß ich diese Erinnerungen und diese Bilder nicht los werden konnte, war mir peinigender als mein körperliches Unwohlsein. Wußte ich doch damals noch gar nichts vom Elend, das man physischen und moralischen Katzenjammer nennt, von denen der letztere der schrecklichere ist. Aber der Doktor drüben schien sich keiner Schuld und keines Unwohlseins bewußt. Er hatte trotz der kalten Nacht das Fenster offen gelassen und das Brett, auf welchem ich herübergerutscht, war nur halb hereingezogen. Dabei schnarchte der Treffliche mit solcher Kraft, daß sich seine Fenstervorhänge bewegt haben müßten, wenn sein Zimmer auf solche Art garniert gewesen wäre. Philipp öffnete jetzt die Tür seines Schlafzimmers, und als er mich dastehen sah, noch unangezogen, mit blassem Gesicht, und wie ich, das Haus drüben anstarrend, bedenklich hinter den Ohren kratzte, machte er ein recht trauriges Gesicht, faltete seine Hände und sah mich mit einem unbeschreiblich wehmütigen Blicke an. Ich meinesteils betrachtete ihn auch; da ich aber aus seiner Stellung ersah, daß er ob meines Leichtsinns und meiner Verdorbenheit ein brünstiges Stoßgebet gen Himmel schickte, ärgerte ich mich und fragte ihn verdrießlich, was er eigentlich wolle. – »O, nichts,« erwiderte Philipp langsam und feierlich; »ich wollte nur sehen, ob Sie bei Ihrem gestrigen Fall ins Zimmer herein keinen Schaden genommen haben, weiter gar nichts.« – »Ich bin ja gar nicht gefallen,« entgegnete ich ihm mürrisch; »das müßte ich doch auch wissen.« – Da flog ein wehmütiges Lächeln über die Züge meines Vorgesetzten, und er sprach: »O Gott, Sie befanden sich in einem Zustande, wo man nicht mehr weiß, ob man fällt oder steht. Ach, und wenn man denn auch körperlich nicht fällt, so ist man geistig doch schon sehr tief gefallen.« Ich merkte, daß der Gute im Begriff war, mir eine Predigt zu halten, und da ich in meiner Verstimmung durchaus nicht gelaunt war, dergleichen hinzunehmen, sagte ich heftig, er solle mich in Frieden lassen. Ueberhaupt, setzte ich im Zorn hinzu, sei mir sein Kriechen und Scherwenzeln höchst widerlich, und er täte mir einen großen Gefallen, wenn er sich künftig gar nicht mehr um mich bekümmerte. – Diese Antwort hatte Philipp von seinem Untergebenen nicht erwartet, und ich glaube, zu einer andern Stunde hätte ich sie ihm auch nicht gegeben. Er hob die gefalteten Hände gegen die Brust, senkte seinen Kopf etwas und sagte nach einer langen Pause mit tonloser Stimme, als presse ihm ein harter Kampf die Worte aus: »So muß ich dem Herrn Prinzipal anzeigen, daß es mir nach dem, was Sie unserer verehrten Jungfer Barbara angetan, sowie nach Ihrer Herzlosigkeit, womit Sie die kleine Fanny gequält, ungerechnet den wenigen Respekt, den Sie dem Hute des Prinzipals und somit diesem selbst bewiesen, und nach Ihrer Aufführung von gestern abend als ordentlichem Handlungsgehilfen unmöglich ist, ferner mit Ihnen zusammen zu leben. Einer von uns muß also das Haus verlassen, Sie – oder –« setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu – »ich!« Wenn es mir auch im ganzen gar nicht unangenehm gewesen wäre, das Reißmehlsche Haus verlassen zu können, da mir nach dem, was ich hier erlebt, diese Branche des Handelsstandes gründlich verhaßt geworden war, so wußte ich doch zu gut, daß ich durch einen solchen Austritt die Meinigen aufs tiefste betrübt, und sie mich in einen andern Laden gesteckt hätten, wo es mir vielleicht noch schlimmer ergangen wäre. Deshalb erschreckte mich Philipps Aeußerung, und ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte: da fiel mir auf einmal eine Aeußerung des Doktor Burbus ein, eine Anspielung auf eine Geschichte, die im ersten Stock des Reißmehlschen Hauses vorgefallen sei, und dies wandte ich durch plötzliche Eingebung auf Philipp an. So ruhig wie möglich sagte ich ihm: »Gut, Herr Philipp, erzählen Sie dem Prinzipal von mir, was Sie wollen; ich werde ihm dagegen etwas mitteilen, was mir der Herr Doktor Burbus gesagt. Verstehen Sie mich, Herr Philipp? etwas, was da unten im ersten Stock passiert ist.« Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so tat es mir schon leid, denn aus Philipps Augen sprach die vollkommenste Verzweiflung. Er tat einen Schritt zurück, schlug die Hände vors Gesicht und konnte nur die Worte hervorbringen: »O Gott! das Ungeheuer! – O Barbar . . .!« – »Ja, sehen Sie!« entgegnete ich ihm, »so wie Sie muß man nicht sein! Es ist viel besser, wir bleiben gute Freunde. Wir wollen zusammenhalten, und keiner verrät den andern.« Er antwortete mir nichts, sondern nickte nur mit dem Kopfe; als ich mich aber umwandte und ihn dann wieder rasch ansah, bemerkte ich, daß er eine Hand in die Tasche seines Kamisols gesteckt hatte und sie zu einer Faust ballte, die wahrscheinlich halb mir, halb dem Doktor Burbus galt, der soeben drüben mit einem sehr nüchternen Gesicht an seinem Fenster erschien, um es zu schließen. Meine Anspielung auf den ersten Stock hatte den unglücklichen Philipp sichtlich aufs tiefste erschüttert, und ich hätte gar zu gern gewußt, was es mit der Geschichte für eine Bewandtnis habe. Natürlich durfte ich nicht merken lassen, daß ich eigentlich nichts davon wisse, ich nahm mir aber fest vor, bei der nächsten Gelegenheit meinen Kollegen auszuforschen. So sanftmütig dieser überhaupt war, so grenzte doch heute seine Nachgiebigkeit und Freundlichkeit ans Unglaubliche. Ich wurde wirklich gerührt, als er kurz nach Oeffnung des Ladens eigenhändig aus dem Keller eine Handvoll Sauerkraut holte, das er mir als Universalmittel gegen meinen derzeitigen Zustand anpries, und ob ich es gleich mehr in der Absicht verspeiste, ihm einen Beweis meines Zutrauens zu geben, so muß ich doch gestehen, daß es auf meinen Magen die beste Wirkung ausübte. Meine Furcht, er möchte mich wegen des gestrigen Exzesses beim Prinzipal und der Jungfer Barbara verklagen, verschwand völlig, vielmehr trieb er seinen Edelmut so weit, daß er letztere auf die Blässe meiner Wangen aufmerksam machte und ihr dabei zu verstehen gab, er vermute, ich habe aus Gewissensbissen über die Unart, die ich gestern gegen sie begangen, die ganze Nacht kein Auge zugetan, und ich grämte mich sichtlich deswegen ab. Diese Voraussetzung zerteilte in etwas die finstern Wolken, womit, wenn sie mich ansah, Barbaras Auge umflort waren, und ließ mich heute zuweilen das Streiflicht eines freundlichen Blickes genießen. – Es war aber, als habe sich das Schicksal einmal vorgesetzt, mich dieser Jungfer gegenüber auf keinen grünen Zweig kommen zu lassen. Achtes Kapitel . Krampfstillende Tropfen. In der Ecke des Ladens befand sich ein kleiner Schrank, zu welchem Jungfer Barbara allein den Schlüssel hatte. Es wurden daselbst allerlei Sachen zum innern Betrieb der Haushaltung verwahrt, als da sind Gläser mit eingemachten Kirschen, Gurken und dergleichen mehr. Auch hatte Jungfer Barbara in diesem Kasten eine große Flasche mit Arznei stehen, aus der sie verschiedene Male des Tages einen großen Eßlöffel voll nahm, indem sie behauptete, ohne dieses krampfstillende und blutberuhigende Mittel könnte sie bei der immerwährenden Alteration, der sie in Küche und Laden ausgesetzt sei, unmöglich bestehen. Zuweilen, doch selten, ließ Jungfer Barbara den Schlüssel zu diesem Kasten stecken, und selbiges geschah auch eines Nachmittags, nachdem sie wegen ungeheurer Blutaufregung bereits mehrere Löffel voll genommen hatte. Wenn sie so am Tage öfters zu ihrem Schrank hinging, hatte ich immer bei mir gedacht, es sei doch unverantwortlich, eine Person mit so krankhaften Zuständen so allein in Küche und Keller umherwirtschaften zu lassen; ich hatte schon oft gefürchtet, es könnte ihr einmal etwas zustoßen, eine Schwäche und dergleichen, wo sie nicht gleich ihre krampfstillende Medizin bei der Hand hätte. Und so geschah es richtig am heutigen Nachmittag. Jungfer Barbara war seit einiger Zeit nicht sichtbar gewesen, als wir plötzlich über unseren Häuptern im ersten Stock ein solch Gepolter hörten, daß selbst der ruhige, gleichmütige Prinzipal in die Höhe schaute und befahl, nachzusehen, was es oben gebe. Mir war nichts erwünschter; ich konnte doch einmal einen Blick in den berühmten ersten Stock werfen, weshalb ich eilig die Treppe hinaufsprang. Oben war eine Tür geöffnet, obgleich es aber heller Tag war, konnte ich anfangs im Zimmer, zu dem sie führte, nichts unterscheiden. Alle Fensterläden waren von außen geschlossen und von innen obendrein dichte Vorhänge heruntergelassen, so daß völlige Finsternis in diesem Zimmer des ersten Stockes herrschte. Endlich, nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, unterschied ich in einer Ecke des Zimmers ein Sofa, auf welchem Jungfer Barbara mit geschlossenen Augen ruhte und nur zuweilen einige schwache Seufzer ausstieß. Rechts und links waren Türen halb geöffnet, die in andere ebenso dunkle Nebenzimmer führten. Ich weiß nicht, mir kam der Gedanke, Jungfer Barbara sei gestorben und liege hier auf dem Paradebett, und das war mir so unheimlich, daß ich wieder hinabstürzte, um den Prinzipal zu holen. Auf der Treppe rannte ich gegen Philipp, der auch den Lärm gehört hatte und der Jungfer Barbara zu Hilfe eilen wollte. Unten am Schreibpult saß der Prinzipal und addierte eine große Rechnung, wobei er die Zahlen wie gewöhnlich halblaut vor sich hinsprach: »Sechs und acht macht vierzehn und neun macht dreiundzwanzig –« »Herr Reißmehl,« sagte ich ihm, »Jungfer Barbara liegt auf dem Sofa und ist ohnmächtig geworden.« – Er winkte mit der Hand, still zu sein. »Und sieben macht dreißig, und neun neununddreißig. – Bringen Sie ihr Wasser hinauf, ich werde gleich selbst nachsehen.« – Als ich mich umwandte, um mit einem Gefäß nach dem Brunnen zu eilen, sah ich, daß der Schlüssel am geschnitzten Schrank nicht abgezogen war, und um mich durch meine Umsicht bei Jungfer Barbara recht in Gunst zu setzen, öffnete ich, ergriff die Flasche mit der krampfstillenden Medizin und den großen Löffel, und eilte damit die Treppe hinauf. Hinter mir hörte ich, wie der Prinzipal seinen alten, knarrenden Kontorstuhl herumdrehte und mir langsam folgte. Aber bei Jungfer Barbara hatte die Gegenwart Philipps bereits Wunder gewirkt; sie war aus ihrer Ohnmacht erwacht und saß in der Ecke des Sofas. Bei meinem Eintritt hörte ich, wie sie meinem Kollegen erzählte, sie habe im Zimmer etwas zu tun gehabt, und als sie so dagestanden, sei ihr plötzlich vorgekommen, als gehe jemand bei ihr vorüber, darauf sei sie vor Schrecken vor dem Sofa zu Boden gesunken. Philipp hatte ein Fenster halb geöffnet, und als ich eintrat, gefolgt vom Prinzipal, hatte mich Jungfer Barbara mit der Flasche in der Hand nicht so bald erblickt. als sie mir zornig entgegensprang und fragte, was ich wolle. So sanft und gefühlvoll wie möglich entgegnete ich, da unten zufällig der Schrank unverschlossen gewesen sei, habe ich ihre Arznei, von der sie einigemal des Tages nehme, zu ihrer Stärkung mit heraufgenommen. Hätte ich in diesem Augenblick hinter mich sehen können, so würde ich bemerkt haben, daß bei meinen Worten ein leises Lachen über die Züge des Prinzipals flog; aber was ich vor mir sah, war gar nicht zum Lachen. Jungfer Barbara hielt sich an der Sofaecke fest und schien im Zweifel zu sein, ob sie wieder in Ohnmacht fallen solle oder nicht; dabei sah ich zu meinem Schrecken, daß ihre Züge einen Ausdruck von Zorn annahmen, wie ich früher nie an ihr bemerkt. Jetzt trat der Prinzipal vor und griff nach der Flasche in meiner Hand, wobei er lächelnd zu seiner Schwester sagte: »Ja, siehst du, liebe Barbara, wenn es dir gut tut, nimm nur in Gottes Namen von deiner schmerzstillenden Arznei.« Doch kaum hatte er die Hand nach mir ausgestreckt, so stürzte auch Barbara selbst hinzu, um mir die Flasche zu entreißen, und da ich im ersten Augenblick nicht wußte, was das zu bedeuten habe, ließ ich die Flasche los, noch ehe sie der Prinzipal oder Jungfer Barbara gefaßt hatten, worauf sie natürlich zu Boden fiel und allda in tausend Scherben zerbrach. Sogleich verbreitete sich ein anmutiger Liqueurduft um uns, und ich, aufs höchste betroffen und überrascht, konnte mich nicht enthalten, auszurufen: »Ei, das ist ja eine Schnapsflasche!« – »Ja!« kreischte Barbara mir entgegen, »ja, Sie junger, nichtswürdiger Mensch! 's ist freilich eine Schnapsflasche, und Gott mag wissen, wo Sie sie her haben.« Das war mir denn doch etwas zu stark, und ich entgegnete nachdrücklich: »Wo ich sie her habe, Jungfer Barbara? Nun, wo anders als aus Ihrem Küchenschrank?« – »So, so?« schrie die Dame noch heftiger, »aus meinem Küchenschrank will Er sie haben! der – der – Sie –« und bei diesen letzten Worten sah ich ihre zehn Finger, mit ziemlichen Nägeln bewachsen, dicht vor meinem Gesicht schweben. »Ja,« rief ich, jetzt auch heftiger werdend, »aus dem Küchenschrank ist sie, und es ist dieselbe Schnapsflasche, aus der Sie jeden Tag mit dem großen Löffel Ihre schmerzstillende Arznei nehmen.« – Indem ich diese Worte ausrief, trat ich unwillkürlich einen Schritt rückwärts und hatte sehr wohl getan, denn die zehn Finger der Jungfer zuckten nach mir und beschrieben in der Luft eine Kurve, wie die Pfoten einer erbosten Katze. Als sie aber ihr Ziel, das wahrscheinlich in meiner Nase bestand, nicht erreichten, wankte sie auf das Sofa zurück und sank mit geschlossenen Augen nieder, indem sie ausrief: »Ich sterbe! ich sterbe!« In Gottes Namen! dachte ich, wandte mich um und eilte die Treppe hinab in die Schreibstube, wo ich mich auf meinen Stuhl setzte und aus Aerger und Verdruß laut zu weinen anfing. Bald darauf folgte mir der Prinzipal, und als er mich so dasitzen sah, legte er seine Hände auf den Rücken und ging in der Schreibstube auf und nieder. Er war offenbar in großer Bewegung und gab das durch häufiges Anfassen der Gegenstände, die um ihn waren, zu erkennen. So zwickte er jedesmal, wenn er vorüberkam, das kleine Ungeheuer auf dem Ofen in die Nase und stieß mit dem Fuße an den Korb des Mopses, der bei dem Geschrei oben einen schwachen Versuch gemacht hatte, aufzustehen, dessen Faulheit aber größer war als die Anhänglichkeit an die Herrschaft. Endlich stellte sich der Prinzipal an sein Pult, und während er mit einem Federstumpen eilig im Tintenfaß herumrührte, sprach er, ohne mich anzusehen: »Sehen Sie, die vorgefallenen Geschichtchen, lieber junger Freund, sind mir äußerst, ja sehr äußerst unangenehm. In Entgegnung auf Ihre Zeitungsannonce damals schrieb ich mein Ergebenstes vom sechsten Dezember an Ihre Großmutter, worauf wir uns einigten, Sie bei mir in die Lehre zu nehmen, um Ihnen den Handel in seinen Anfangsgründen beizubringen. Daß Sie unaufmerksam oder nachlässig seien, kann ich nicht sagen, aber jung sind Sie, sehen Sie, sehr jung, lieber Freund, und daher mag's wohl kommen, daß alle die kleinen, unbedeutenden Sachen vorgefallen sind, die machen, daß meine Schwester, die Jungfer Barbara, höchlich über Sie erzürnt ist, ein Verhältnis, das für Sie unangenehm sein muß, und das sich, ich kenne das, nicht so bald umgestalten dürfte. Daher wär' es meine Meinung, Sie suchten Ihre Großmutter zu bewegen – richtig, Sie haben ja auch einen Vormund – daß man ein anderes Geschäft für Sie suchte, eine andere Handlung, wo Geschäft und Familienleben nicht so unzertrennlich verbunden sind wie bei mir. Nun ja, Sie werden mich schon verstehen; tragen Sie das Ihrer Großmutter einmal vor.« Wirklich verstand ich den Herrn Reißmehl sehr gut. Aus der Lehre entlassen zu werden, wäre mir unter anderen Umständen als etwas Schreckliches erschienen; ich hatte aber das Spezereigeschäft gar zu satt, und so machte des Herrn Reißmehl Rede gar keinen ungünstigen Eindruck auf mich. Aber meine Großmutter, meine Tanten – o weh! ich sah da harten Kämpfen entgegen. Herr Reißmehl versicherte mir nochmals, was er gesagt, sei nur ein Vorschlag, den ich mir mit meinen Verwandten genau überlegen und darauf einen ruhigen Beschluß fassen möchte. – Ich nahm meine Mütze vom Nagel in der Schreibstube, empfahl mich auf kurze Zeit dem Herrn Reißmehl und kannte nicht unterlassen, als ich an der Treppe vorbeiging, einen recht ingrimmigen Blick nach dem ersten Stock hinaufzuschicken. Neuntes Kapitel . Rache. Als ich auf die Straße hinauskam, atmete ich tief auf; es war mir wie einem Vogel, der dem Käfig entschlüpft ist. Wenn die Meinigen den Austritt aus dem Reißmehlschen Hause billigten, so hatte ich doch wieder etwas Ungewisses vor mir, eine frische Zukunft, in welche ich die buntesten, üppigsten Luftschlösser hineinbauen konnte. Ich fühlte es, während meines kurzen Lehrlingsstandes hatten sich meine Wünsche bedeutend erweitert; erschien mir doch jetzt jedes Handlungshaus in der Stadt, selbst das größte, wie ein Reißmehlscher Spezereiladen, und nur auf der andern Seite der Welt, d. h. jenseits der Mauern unserer Stadt, konnte es schön und herrlich sein. Unter diesen Betrachtungen ging ich beim steinernen Kerl vorbei, der an der Haustür stand, und strich ihm über seine lange Nase, wobei ich ihm spottend zurief: »Alter Kamerad, du kannst nicht mit mir hinaus in die Welt, du bist an das Reißmehlsche Haus gebunden und an Jungfer Barbara.« Doch als ich die Kälte des Steines in meiner Hand fühlte, durchlief es plötzlich meinen Körper eiskalt, und mir fiel ein, daß meine Großmutter nur ihre Einwilligung verweigern durfte, so war auch ich wieder an das Reißmehlsche Haus gebannt, und unter noch viel drückenderen Verhältnissen als der steinerne Kriegsknecht, der, wie es mir schien, heute einen sonderbar lachenden Ausdruck hatte. Ich eilte um die Ecke, doch kaum war ich einige Schritte weit gegangen, als mich aus einer Seitengasse eine Baßstimme anrief, bei deren Ton ich sogleich wußte, wer der Herr derselben sei. »He, teuerster Kaufmannsjüngling, edelster Ladenhüter!« schrie Doktor Burbus hinter mir drein. »Wohin stolpern Sie so eilig? Ist vielleicht der edlen Jungfer Barbara ein Unglück passiert? oder hat sich Philipp, der Klapperstorch, aus Gram gekränkter Liebe in ein Oelfaß gestürzt?« Bei diesen letzten Worten hatte mich der Doktor erreicht. Ich wunderte mich nicht wenig, den Edeln statt mit der langen Pfeife mit Büchern unter dem Arm zu erblicken. Ueberhaupt war sein heutiger Aufzug von seinem gewöhnlichen sehr verschieden. Statt des verschossenen grünen Sämtlings, wie er seinen Samtrock nannte, hatte er einen schwarzen Frack an mit langen, sehr spitzigen Schößen, eine Weste von gleicher Farbe zierte den beträchtlichen Umfang seines Leibes, und statt des breiten Hemdkragens, den er sonst herauslegte, war heute sein Hals in eine Krawatte gepreßt, die so hoch und steif war, daß er den Kopf nicht zu mir herabbiegen konnte, sondern nur unter merklicher Verzerrung seines Gesichts die Augen senkte und hob, wenn er mit mir sprach. Zur Vervollständigung dieses feierlichen Kostüms trug er auf dem Kopfe einen sehr defekten Hut mit kaum fingerbreiter Krempe, und an den Händen weiße baumwollene Handschuhe, die schon längere Zeit gedient haben mochten; denn der Doktor hatte sie am Daumen und Zeigefinger zusammengedreht, um seine neugierigen Fingerspitzen zu verbergen, die gar zu gern durch einige Löcher ins Freie geschaut hätten. Der Doktor erkundigte sich teilnehmend, wie ich geschlafen, besonders aber, wie ich aufgewacht. Ich schilderte zu seinem großen Ergötzen den Jammer, der zum erstenmal wie ein Gespenst in mein junges Leben getreten. Aber kaum hatte ich angedeutet, daß der heutige Tag noch ganz andere Abenteuer mit sich gebracht, so drang er neugierig in mich, ihm auf sein Zimmer zu folgen und alles zu erzählen. – Da ich im Grunde mit der Eröffnung des Reißmehlschen Antrags an meine Großmutter keine Eile hatte, so ging ich mit ihm in unser Nachbarhaus, in dem sich dicht neben unserem Laden eine Ellenwarenhandlung befand. Mit den jungen Leuten dort war ich sehr selten in Berührung gekommen; einmal waren sie älter als ich, und dann glaubten sie auch, als Ritter von der Elle auf einer höhern Stufe der Gesellschaft zu stehen, und behandelten uns so ziemlich von oben herab. Auch heute, als ich mit dem Doktor eintrat, steckten sie die Köpfe zusammen und verzogen ihre langweiligen Gesichter, und einer fragte mich ziemlich spitz, was ich eigentlich zu kaufen gedächte, worauf aber der Doktor zu meiner nicht geringen Verwunderung mit lauter Stimme entgegnete: »Hören Sie, Junker vom Ladentisch, ich muß es mir für die Zukunft verbitten, daß Sie meine Patienten ausfragen. Unserem jungen Nachbar hier ist heute mittag – was war es denn eigentlich? ja ein Oelfaß auf den Arm gefallen und hat ihm eine nicht unbedeutende Quetschung verursacht, wogegen er meiner ärztlichen Hilfe bedarf. Sie sehen also, junger Mensch, daß er nach den Leistungen Ihrer Elle nicht begierig ist.« Die Ladendiener sahen mich verblüfft an und einige Käufer, die im Laden waren, schauten ebenso verwundert auf den Doktor, der würdevoll durch das Gewölbe schritt und sich hinten im Hausgang mit lauter Stimme bei der Magd erkundigte, wieviel Kranke während seiner Abwesenheit nach ihm gefragt hätten. Das Frauenzimmer lachte ihm ins Gesicht, ohne daß sich der Doktor dadurch gekränkt fühlte, vielmehr schrie er noch lauter, daß man es deutlich vorn im Laden hören konnte: »So? also sechs Stück Kranke, von denen zwei bettlägerig?« Darauf stieg er ruhig die Treppe hinauf, und ich folgte ihm. An seiner Stubentür hing eine große Tafel, auf der deutlich zu lesen stand: »Doktor Burbus, praktischer Arzt, ist wegen seiner vielen Geschäfte in der Stadt nur morgens von acht bis zehn und nachmittags von fünf bis sieben anzutreffen. Bedürftige Personen werden unentgeltlich behandelt.« Nach dem, was ich mir bisher vom Wissen und Können des Doktors vorgestellt, und was mir mein Kollege davon mitgeteilt, erwartete ich, auf der Tafel keinen einzigen Namen zu finden, und verwunderte mich daher nicht wenig, als ich las: »Wann wird mich der Herr Doktor nach so vielen schriftlichem Ermahnungen endlich besuchen? Kranz, Schneidermeister.« Und darunter: »Der Herr Doktor seindt gebetten, doch nächsten Samstag in Eichener Person bei mir herüberzukommen. Die Wascherin.« Ferner hieß es noch: »Herrn Doktor wünscht persönlich und mündlich zu sprechen Joachim Klotz, Schuhmachermeister. S. P. Von wegen der neuen Stiepeln, die fertig sein.« – »Ei,« sagte ich, nachdem ich diese Episteln überflogen, »Sie haben ja schon eine ziemliche Praxis und ordentliche Leute. Sind diese Patienten gefährlich krank? Den Schneider Kranz kenn' ich, er hat mir schon einen neuen Rock gemacht.« – »So?« entgegnete der Doktor gleichgültig; »ja, sie befinden sich meist im letzten Stadium ihrer Krankheit; jawohl – es hilft bei ihnen nichts mehr, ich habe sie so ziemlich alle aufgegeben.« Wir traten in das Zimmer, das mir von gestern nacht her noch sehr gut im Gedächtnis war: aber heute, beim spärlichen Licht, das durch das einzige Fenster hereinfiel, sah es noch viel düsterer und unheimlicher aus. Während ich nach des Doktors Aufforderung meinen Bericht über die heutigen Ereignisse fortsetzte, sah ich mich neugierig um. Das Skelett hatte die Mütze des Doktors auf dem Kopfe, und der grüne Sämtling hing um seine Schultern; zwischen den Zähnen hielt es eine lange Pfeife, und das Talglicht, das der Knochenmann in der Hand trug, war so herabgebrannt, daß die Finger vom Feuer geschwärzt waren. Auf Tisch und Stühlen herrschte malerische Unordnung; hier lag ein zerbrochenes Rapier, dort ein paar beschmutzte Bücher und andere Papiere. Am Fenster lehnte noch das Brett, auf dem ich gestern nacht herübergerutscht, und es schien mir interessant, beim Tageslicht den Abgrund zu betrachten, über dem ich geschwebt, sowie das Fenster meines Schlafzimmers gegenüber. Kaum aber hatte ich einen Blick hinüber geworfen, so fuhr ich zurück, denn ich erblickte drüben meinen Kollegen Philipp und neben ihm die ohnmächtige Jungfer Barbara, die aber jetzt nicht mehr ohnmächtig war; beide lehnten vertraulich an meinem Fenster. Der gute Philipp, ohne Zweifel durch die letzte unerhörte Schandtat, die ich an unserer Hausjungfer verübt, aufs äußerste gegen mich erbost, machte Gebärden, die mir deutlich sagten, daß er der ehrwürdigen Schwester unseres Prinzipals meinen Besuch beim Doktor mit allen seinen Folgen, als da waren die Rutschpartie und mein Krankheitszustand von heute morgen, erzählte. Der Doktor, der hinter mir stand und sich eine Pfeife stopfte, merkte so gut wie ich, daß ich in Anklagestand versetzt wurde, und trat rasch vor, wobei er mit seiner starken Figur das schmale Fenster so ausfüllte, daß ich ungesehen von außen zwischen seinen Armen durch deutlich und zu meiner großen Freude den Schrecken der Jungfer Barbara und Philipps sehen konnte, als ihnen Herr Burbus einen guten Abend hinüberschrie. Die Dame wollte sich alsbald zurückziehen, aber der Doktor fuhr rasch fort: »O, weilen Sie doch in meiner Nähe, Holdeste Ihres Geschlechts! Blümlein von Sheriods Heide, weshalb willst du verschwinden, da kaum der perlende Nachttau deine Blätter benetzt hat? Und Sie, freundlicher Nachbar,« wandte er sich an Philipp, »teuerster Junker vom Oelmaß, edler Kavalier vom ersten Stock, es drängt mich, ein angenehmes Zwiegespräch mit Ihnen zu halten. Deshalb ersuche ich Sie höflich, zu bleiben, sonst werde ich eine Geschichte hinausschreien in die Welt, eine Geschichte – nun, Sie verstehen mich schon.« Barbara wurde vor Zorn bald blaß, bald rot, aber sie mochte sich vor dem Gebrüll des Doktors fürchten und verließ das Fenster nicht. – »Aber was wünschen Sie denn von mir?« sagte Philipp kleinlaut. – »Tapferer Don,« entgegnete der Doktor, »als Arzt bin ich Physiognom, und aus Ihren Mienen, die, beiläufig gesagt, erbärmlich genug sind, ersah ich deutlich, welche Geschichten Sie den keuschen Ohren der Jungfer Barbara erzählten. Aber warum wollen Sie andere anschwärzen, da Sie mich ja selbst zum öfteren auf diesem unsichern, ja schwankenden Pfade des Lasters mit Ihrem Besuche beehrt haben? Auch Sie halfen mir ja manches gute Glas Punsch austrinken und verließen mich darauf in einem Zustande, der füglich ein sehr erheiterter genannt werden konnte.« Hatte Jungfer Barbara bisher schon grimmig dreingeschaut, so zog sie bei dieser Aussage wider Philipp ihre Augen und Mundwinkel noch enger zusammen. Der Unglückliche wagte nicht einmal zu leugnen, er fürchtete, der schreckliche Nachbar möchte noch mit anderem herausrücken, mit anderem, viel Schlimmerem, was einstens bei einem solchen Besuch im Zimmer des Doktors vorgefallen war. O, hätte Barbara in diesem Augenblick ihren Zorn verschluckt und wäre vom Fenster zurückgetreten, statt daß sie dem Doktor ziemlich unverblümt sagte: wenn sich auch Philipp wirklich eine Uebereilung habe zu schulden kommen lassen, so sei er wahrscheinlich von ihm verführt worden; was aber meine Person betreffe, setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, so sei ich einer der vielversprechendsten jungen Taugenichtse, die es gebe. Das war zu viel für meinen Freund, den Doktor; er griff mit der Hand hinter sich, erwischte eine alte, rostige Pistole, die an einem Nagel neben dem Fenster hing, und richtete sie plötzlich auf Philipp, mit dem fürchterlichen Schwur, er wolle ihm, so wahr die Pistole mit zwei Kugeln und einigem gehackten Blei geladen sei, den Hirnkasten damit zerschmettern, wenn er nicht augenblicklich der Wahrheit die Ehre gebe und bekenne, ob er ihn verführt, oder ob ihn nicht vielmehr zwei schwarze, glühende Augen magnetisch angezogen. Die Weiber haben in solchen Dingen einen merkwürdigen Scharfsinn; kaum hatte der Doktor der beiden schwarzen Augen erwähnt, so erriet Jungfer Barbara den Zusammenhang. Einen Augenblick wartete sie, schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, ob nicht der unglückliche Philipp diese Anklage mit den fürchterlichsten Eiden von sich weisen werde. Mochte ihn nun aber das Bewußtsein ungeheurer Schuld oder die fürchterliche Waffe drüben mit Entsetzen lähmen, genug, er senkte sein Haupt und schwieg. »Philipp,« sagte jetzt Jungfer Barbara; aber sie sprach dieses einzige Wort in einem Tone, daß es klang, als spräche Vater Thibaut: »Antworte bei dem Gott, der droben donnert: gehörst du zu den Heiligen und Reinen?« Und Philipp senkte sein Haupt noch tiefer und schwieg. Da raffte sich Barbara zusammen und verließ verzweiflungsvoll das Fenster, und plötzlich verschwand auch Philipp. Eilte er ihr nach oder drückte ihn die Größe der Schuld auf den Boden nieder? Doktor Burbus aber erhob sich im Fenster in seiner ganzen Majestät und Größe und donnerte der Enteilenden nach: »Kardinal, ich habe das Meinige getan, tun Sie das Ihre!« Darauf zog auch er sich vom Fenster zurück, warf sich auf einen Stuhl und konnte vor dem ausgelassensten Gelächter lange nicht zu sich selber kommen. Wenn ich auch nicht so ganz mit mir im reinen war, was es mit den schwarzen, glänzenden Augen des Doktor Burbus für eine Bewandtnis habe, so setzte ich mir doch etwas in meinen Gedanken zusammen, was der Wahrheit so ziemlich nahe kam. – Während der Doktor in die Ecke ging, um sich seines festlichen Anzuges zu entledigen, sah ich mich auf dem Tisch um und erblickte, halb von Tabaksasche und angebrannten Fidibussen bedeckt, ein Heft mit der Ueberschrift: Tagebuch des Doktor Burbus. Auch ich hatte einst Tagebücher führen müssen, ein Geschäft, das für mich zu den allerschwierigsten gehörte. Da sollte man lange Seiten voll schreiben über die Spaziergänge, die man gemacht, über das, was man in den verflossenen Tagen alles gelernt usw. Da aber, offenherzig gestanden, des Gelernten bei mir eben nicht viel war, so füllte ich die meisten Seiten meines Tagebuches aus, wie folgt: den 16. fiel nichts besonders Merkwürdiges vor. – Ich war nun aber wirklich begierig, womit ein Mann von der Erfahrung und Gelehrsamkeit des Doktor Burbus seine Denkblätter gefüllt haben mochte. Nachdem ich ihn höflich um Erlaubnis gebeten, öffnete ich das Buch und war sehr erstaunt, als ich sah, daß es zum größten Teil aus unbeschriebenem Papier bestand. Ich meinte, es sei ein erst vor kurzer Zeit neu angefangenes Tagebuch, aber die Jahreszahl auf der ersten Seite zeigte mir, daß es wenigstens zehn Jahre alt war, und für die lange Zeit hatte der Doktor sehr wenig hineingeschrieben. Auf der ersten Seite stand die Erzählung eines sehr fidelen Abends, der mit einer soliden »Holzerei« geendigt. Ein halbes Jahr später kam die Bemerkung: »Von heute an gewöhnte ich mir an, auf jede Aeußerung eines anderen zu erwidern: Das ist sehr mittelmäßig.« Einige Zeit darauf gesteht er, daß er diese Phrase abgeändert und alles »impossible« gefunden; weiterhin fand er alles ganz klassisch, und endlich wurde der Kernspruch Mode: »Auf Ehre, ganz famos!« Zwischen diesen Notizen waren hier und da Blätter herausgerissen und zuweilen Bier- und Weinrechnungen oder auch Waschzettel hineingeschrieben. Als ich die beschriebenen Blätter hinter mir hatte und schon glaubte, es sei alles zu Ende, kam ich an eine Seite, wo der Vers zu lesen war: Nimm meinen Rat in kluges Ohr Und schmücke die alte Schenke, Steck' einen grünen Busch vors Tor Und rüste frisches Getränke. Dann hieß es: »Zweiter Weihnachtstag, heute begann das Bier außerordentlich gut zu werden, abends Rausch – am siebenundzwanzigsten: morgens Katzenjammer, abends Rausch; am achtundzwanzigsten: morgens Katzenjammer, abends Rausch; am neunundzwanzigsten und dreißigsten desgleichen; am einunddreißigsten: morgens Katzenjammer, mittags eine kleine geistige Erheiterung, nachher gelinder dito, abends einen äußerst großartigen Silvesterrausch. – Am ersten Januar, nachdem ich mir zum neuen Jahre gratuliert, eine berühmte Schrift des unsterblichen Sieben gelesen, die mir N. geliehen: »Der Katzenjammer heilbar!« Ich schöpfte daraus viel Nützliches.« Damit waren die Bekenntnisse einer schönen Seele zu Ende; wenn auch hier und da einige Federstriche und Tintenkleckse einen Versuch anzeigten, den Faden des merkwürdigen Erlebten wieder aufzunehmen, so war es doch beim Gedanken geblieben, denn es fand sich nichts mehr vor. Allermittelst hatte der Doktor seinen grünen Samtrock wieder angezogen, und nachdem ich noch einen Blick hinübergeworfen hatte auf das Reißmehlsche Haus, verließen wir das Zimmer. Der Doktor wischte auf seiner Tafel die drei unheilbaren Patienten aus, und wir eilten, ich zu meiner Großmutter, er in seinen Klub, wo sich, wie er versicherte, die geistreichste Gesellschaft der ganzen Christenheit zusammenfand. Zehntes Kapitel . Familienrat. Ich erreichte das Haus meiner Großmutter, als es gerade anfing, dunkel zu werden. Auf der Straße wurden mit vielem Geräusch die Laternen herabgelassen, angezündet und wieder hinaufgezogen, ein Manöver, dem ich in meiner Kindheit immer mit großem Vergnügen zugesehen. Als ich in den Laden meiner Tante trat, kam sie gerade mit einem Licht aus der Stube und mußte, vom Schein geblendet, die Hand vor das Auge halten, um mich zu erkennen. Nicht ohne Herzklopfen, aber äußerlich ganz ruhig, bot ich ihr einen guten Abend und begab mich in das Zimmer der Großmutter, die eben damit beschäftigt war, einen großen grünen Schirm auf einer Lampe zu befestigen. Zu meiner großen Freude erblickte ich auch die Jungfer Schmiedin, die an der andern Seite des Tisches saß und ein Stück Zeug vor sich ausgebreitet hatte, von dem sie mittels eines Papiermodells eifrigst ein Stück herunterschnitt. Es war im Stübchen recht angenehm; auf unsere Dachkammer wurde uns kein Holz mehr zum Einheizen geliefert, da es stark aufs Frühjahr losging; aber die Großmutter hatte am kühlen Abend ein Feuerchen anmachen lassen, welches das Zimmer behaglich erwärmte, und auf dem Ofen lagen einige Aepfel, die anfingen zu braten und unter sinnigem Knistern und Pfeifen einen angenehmen Duft verbreiteten. Die beiden Damen bemerkten mich anfangs gar nicht. Großmutter war in ihr Geschäft so vertieft, daß sie nicht einmal auf Jungfer Schmiedin zu hören schien, die in leisen, sanften Worten etwas sprach, was ich nicht verstand. Aber es mochten fromme Betrachtungen sein, um welche sich die Unterhaltung drehte, denn als der Lichtschirm befestigt war und die Großmutter die Brille des Generals auf ihre Nase gesetzt hatte, lehnte sie sich in ihren Stuhl zurück, schlug die Hände übereinander und sagte: »Ja, ja, Schmiedin, selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.« – Jetzt, dachte ich, ist es Zeit, und riß mit einem lauten: »Guten Abend, Großmutter!« den Faden der frommen Unterhaltung auf einmal entzwei. »So, bist du auch wieder einmal da?« sagte die Frau und hob ihren Lichtschirm in die Höhe, um mich anzusehen; die Schmiedin aber blickte freudig von ihrer Arbeit auf und lächelte mir herzlich zu, während sie mir einen Stuhl an den Tisch schob, auf welchem ich mich zögernd niederließ. Es war mir gar nicht behaglich zu Mute; denn wenn ich mit dem herausrückte, was mich heute abend hierher führte, so unterbrach ich die feierliche Stimmung, in der sich beide Frauenzimmer befanden, doch auf eine gar zu unangenehme Art. Indessen schien die Großmutter sehr gut gelaunt, denn sie zitierte anfangs keine Sprichwörter, sondern fragte lachend, ob ich dem klugen Gott Merkurius schon einiges von seinen Kniffen und Pfiffen abgelernt. Auch erkundigte sie sich nach dem Befinden des Herrn Reißmehl und nach dem Wohlsein der Jungfer Barbara, wobei ich mit Freuden bemerkte, daß, als sie diese Namen aussprach, die Schmiedin ein wegwerfendes, verdrießliches Gesicht machte. Aha, dachte ich bei mir, hier ist es an der Zeit, einen Notanker auszuwerfen. Nachdem ich der Großmutter versichert, daß sich Herr Reißmehl sehr wohl befinde, setzte ich hinzu: »Was aber die Jungfer Barbara betrifft, so ist es mir sehr gleichgültig, wie es ihr geht, denn, Großmutter, eine boshaftere Person als sie können Sie sich nicht denken.« Bei diesen letzten Worten sah ich die Schmiedin an; ihr Gesicht strahlte vor Freude. »Ja,« fuhr ich fort und nahm einen Ton an, als sei mir das Weinen näher als das Lachen, »ja, Jungfer Barbara quält mich den ganzen Tag, und ich sag' es Ihnen gerade heraus, Großmutter, daß ich's bei Herrn Reißmehl schwerlich länger aushalte.« Die alte Frau war über meine plötzliche energische Aeußerung so erstaunt, daß sie mich eine Zeitlang ansah, ehe sie ein Wort sprechen konnte. Die Schmiedin aber fing leise zu schluchzen an und konnte kaum die Worte hervorbringen: »O Gott, o Gott, Frau Pastorin, ich habe es Ihnen ja gesagt, ich habe es ja gesagt! Nur nicht in das Reißmehlsche Haus, das schon von außen so finster und unheimlich aussieht! Ach, der arme Schelm!« – »Ei was,« entgegnete meine Großmutter, nachdem sie sich von ihrem Erstaunen erholt, »was, armer Schelm! Ich bitt' Sie recht sehr, Jungfer Schmiedin, bestärk' Sie den Jungen nicht in seinen bösartigen Aeußerungen über eine so achtbare Person wie die Jungfer Barbara Reißmehl!« – »Achtbare Person!« jammerte die Schmiedin. »Ach, Frau Pastorin, ich könnte Ihnen eine Geschichte erzählen – doch ich schweige,« setzte sie hinzu, »ja, ich will schweigen, und er soll erzählen, wie ihn die Jungfer Barbara behandelt.« Das ließ ich mir denn auch nicht zweimal sagen und erzählte all die kleinen, freundschaftlichen Renkontres mit Barbara, in die ich durch Fanny, durch Philipp, durch die krampfstillende Medizin und durch Doktor Burbus verwickelt worden. Daß ich die Farben etwas stark auftrug, kann man sich leicht denken, und damit entstand ein so grelles Bild vom Charakter der bösen Jungfer, daß die Großmutter ernsthaft den Kopf schüttelte, und meine Tante, die unterdessen auch eingetreten war, mehrere Male sagte: »Ah, das ist stark! das ist sehr stark!« Aber die Schmiedin erst – die lachte und weinte durcheinander; jetzt erpreßte ihr mein trauriges Schicksal die herbsten Tränen, und gleich darauf triumphierte sie, daß sie sich in Jungfer Barbara nicht geirrt. Ich ermangelte auch nicht, mit einzuflechten, daß ich im Geschäft des Herrn Reißmehl so gut wie gar nichts lerne, daß nichts anderes vorkomme, als Kaffee und Zucker wiegen u. s. f. »Und deshalb,« schloß ich meine Klage, »will ich ebenso gern Schneider werden, als noch länger im Hause dort bleiben, wo es ohnehin so unheimlich ist, daß man nicht anders glauben kann, als es müsse ein Geist umgehen.« Für diese letzte Aeußerung warf mir die Schmiedin einen sehr dankbaren Blick zu; sie nahm meine Verteidigung mit einer Zungenfertigkeit auf und unterstützte meinen Wunsch, das Reißmehlsche Haus zu verlassen, mit so triftigen Gründen, daß sich am Ende Großmutter und Tante bestimmen ließen, vorläufig ihre Einwilligung zu geben, wenn nämlich der Vormund nichts dawider habe. – Wer war glücklicher als ich, daß dieser Sturm so gut vorübergegangen war! Während des Nachtessens wurde ich so keck, daß ich, allerdings vorsichtig, anfing von der Skelettgeschichte zu erzählen, was die ganze weibliche Gesellschaft, die mir aufmerksam zuhörte, so ergötzte, daß sie, einschließlich meiner Großmutter, laut auflachten. Im Eifer des Gespräches war es spät geworden, und nachdem mir meine Großmutter fest versprochen, gleich morgen früh dem Vormund zu schreiben und so meine Lösung aus den Reißmehlschen Banden zu erlangen, stand ich auf, um mich zu empfehlen. Elftes Kapitel . Das heimliche Gericht. Es war hohe Zeit, daß ich mich nach Hause verfügte; die Uhren schlugen alle die elfte Stunde, und wenn ich auch noch so genau nachzählte, es hatte sich keine geirrt. Der Himmel, der abends bewölkt gewesen, hatte sich aufgeklärt, aber es war um so kälter geworden, und es fror still vor sich hin. Die Wasserlachen auf der Straße waren mit einer dünnen Eisdecke überzogen und knarrten unter meinen Fußtritten. Aus den Wirtshäusern kamen zahlreiche Gäste, da mit der Polizeistunde die Lichter gelöscht werden mußten, und nur in großen Gasthöfen und geschlossenen Gesellschaften war alles noch munter und lebhaft. Ich kam aus den größeren Straßen in die kleineren, winkligen des Stadtviertels, wo wir wohnten; da gewahrte ich plötzlich auf einer Seite der Häuser fünf bis sechs Leute, die leise zusammen lachten und mit etwas beschäftigt schienen. Was mochte es sein? Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, daß sie vor einer großen Putzwarenhandlung standen. Einer trug auf der Schulter ein langes Brett, und ein anderer schwang sich auf die Fensterbrüstung, nahm dem ersten das Brett ab und befestigte es oberhalb der Tür, was alles in weniger als einer Minute geschehen war. Dann traten sie vor das Haus hin und betrachteten mit unterdrücktem Gelächter ihr Werk. Gar zu gern hätte ich gewußt, was die Leute eigentlich machten, und ich blieb nicht nur stehen, sondern trat einen Schritt näher. Auf einmal wurde mich einer gewahr, und alsbald kamen ihrer zwei auf mich zu, die in Manieren und Aussehen überraschende Aehnlichkeit mit meinem Freunde, dem Doktor Burbus, hatten. Sie fragten mich eben nicht höflich, was ich hier zu schaffen habe; ich geriet in einen Wortwechsel mit ihnen. Eben hatte mir einer die Mütze vom Kopfe gerissen, als auch die andern, die bisher im Schatten des Hauses geblieben waren, in die Mitte der Straße eilten, und es wäre mir vielleicht schlecht ergangen, wenn nicht plötzlich eine mir wohlbekannte Baßstimme die Worte ausgerufen hätte: »Ei, ei, da ist ja mein Freund Patient! Ladenjüngling, woher des Weges?« Ich war hocherfreut, den Doktor hier zu sehen, und beklagte mich über das Benehmen seiner Herren Kameraden. Der Doktor gab mir halb und halb recht; er stellte mich der ganzen ehrenwerten Gesellschaft vor und verbürgte sich für meine gute Aufführung, worauf mir erlaubt wurde, mitzuziehen und fernerhin am großartigen »Ulken« teilzunehmen. Dieses Wort war mir ganz fremd. Um mir einen Begriff davon zu geben, führte mich der Doktor an das Haus, vor welchem ich die Gesellschaft gefunden, und ich sah nun, daß die Herren neben dem Schild mit der Aufschrift »Putzwarenhandlung« ein anderes hingepflanzt hatten, auf dem zu lesen stand: »Susanne Kehricht, privilegierte Hebamme.« – Was aber das fernere Ulken betraf, so hatte der Himmel ein Einsehen; dichte Wolken, die der Wind auf einmal über unseren Häuptern zusammengeweht hatte, legten sich ins Mittel und sandten ein mit Regen vermischtes Schneegestöber herab, das den Aufenthalt auf den Straßen sehr unangenehm machte, weshalb beschlossen wurde, ruhig nach Hause zu ziehen und allenfalls mitzunehmen, was sich von selbst darböte. – So kam ich mit dieser Gesellschaft lustiger Brüder in die Gegend des Reißmehlschen Hauses, und meine Besorgnis, wie ich zu so später Stunde ins Haus kommen sollte, war nicht gering. Als wir beim Soldaten mit der langen Nase vorbeikamen, hörten wir plötzlich zu den Füßen des steinernen Kerls ein heiseres Bellen, worauf der Doktor eilig mit der Hand hingriff, sie aber hastig zurückzog, indem er versicherte, es habe ihn etwas in die Finger gebissen. Jetzt wurde die Sache genauer untersucht, und da fand es sich denn, daß es Fanny war, unser alter, feister Mops, der Gott weiß durch welche Tücke des Schicksals ausgeschlossen war, um die Nacht hier in Schnee und Regen zu verbringen. Hätte Jungfer Barbara auf ihrem weichen Lager das schreckliche Geschick ihres Lieblings gewußt, sie hätte kein Auge geschlossen; und erst Philipp! ich war überzeugt, sein Schlaf wurde von schaurigen Ahnungen durchzogen. Was den Prinzipal betraf, so setzte ich bestimmt voraus, er sei noch nicht zu Hause; er müßte das Jammergeschrei des Hundes so gut wie wir gehört und den Liebling mit hineingenommen haben. Unterdessen hatte der Doktor aus seinem Schnupftuch eine Schlinge gemacht, hatte sie dem Hunde um den Hals geworfen und zerrte ihn hervor. Vergebens bat ich, seiner zu schonen; der Doktor erzählte den andern, wie ich eigentlich um dieses Hundes willen die Gunst des Prinzipals verscherzt habe; ferner trug er vor, dieser feiste Mops sei der Liebling seiner beiden Todfeinde, der Jungfer Barbara und Philipps, und er müsse exemplarisch gezüchtigt werden für die Frechheit, abends so spät aus dem Hause zu gehen. Darauf hielt die Gesellschaft einen kurzen Kriegsrat, und der armen Fanny wurde förmlich das Todesurteil gesprochen. Nur konnte man sich nicht gleich über die Todesart einigen. Der Doktor wollte den Hund mit nach Hause nehmen, um zum besten der Menschheit, wie er sich ausdrückte, interessante Versuche mit Blausäure an ihm zu machen, wogegen sich aber ein Jurist heftig aussprach, indem er behauptete, Hinrichtungen mittels Gift seien gänzlich aus der Mode gekommen, und er stimme vielmehr dafür, daß Delinquentin gehenkt werde. Da diese Ansicht des Juristen den andern einleuchtete, und Doktor Burbus sich überstimmt sah, so bat er sich wenigstens aus, daß Fanny am steinernen Soldaten gehenkt werde; auch hiergegen protestierten die andern als eine Verletzung des Respekts gegen den alten gedienten Kriegsmann. Als aber einer im Uebermut rief: »A la lanterne!« brüllten die andern dieses schreckliche Wort nach, und zwei machten sich gleich daran, den Laternenkasten aufzubrechen und den Strick zu lösen, worauf die brennende Straßenlaterne langsam und feierlich herabschwebte. Soweit hatte ich die Verhandlungen kommen lassen, aber in diesem entsetzlichen Augenblick sprang ich dazwischen, ergriff den Hund bei einem Bein und erklärte angesichts des schauerlich leuchtenden Galgens, daß ich den Tod des Hundes nimmermehr zugeben würde. Ich sprach eifrig und lange verwirrtes Zeug durcheinander und weiß mich nur noch zu erinnern, daß ich unter anderem sagte, ich werde nötigenfalls laut schreien und die Polizei zu Hilfe rufen. Diese letzte Drohung schien zu wirken. Zuerst trat Doktor Burbus lachend auf meine Seite, indem er erklärte, er wolle sich eine andere Strafe gefallen lassen, aber Züchtigung müsse stattfinden. Nach und nach traten ihm die andern bei, bis auf den Juristen, der hartnäckig behauptete, es stehe selbst dem Gerichtshofe nicht zu, die einmal ausgesprochene Todesstrafe willkürlich in eine andere zu verwandeln. Er wurde aber überstimmt, und als jetzt der Doktor vorschlug, man solle das Licht in der Straßenlaterne auslöschen, den Hund lebendig einsperren und dann die ganze Maschine wieder hinaufziehen, wurde dies mit Jubel aufgenommen und sogleich ausgeführt. Fanny wurde, nachdem die Lampe ausgeblasen worden, in die sehr geräumige Laterne eingeschlossen, in die Höhe gezogen und ihrem Schicksal überlassen. Während dieses heimlichen Gerichts gab der Himmel in einem fort sein Mißfallen zu erkennen über die Untat, die wir begingen. Es stürmte unaufhörlich, und wir waren von dem Schnee und Regen, der herabströmte, ganz durchnäßt. Ueber unseren Häuptern schaukelte sich ächzend die Straßenlaterne, und der Hund in derselben, von der ungewohnten Bewegung geängstigt, nahm seine letzten Kräfte zusammen und brach in ein Geheul aus, das schauerlich durch die öden Straßen hallte. Jetzt trennte sich die Gesellschaft, und ich ließ mich vom Doktor überreden, mit ihm in sein Zimmer zu gehen, um von dort über das Brett in mein Fenster zu gelangen. – Kaum waren wir in den Schatten seines Hauses getreten, so hörten wir durch die Straße herauf Tritte, und in dem Manne, der auf das behutsamste auf uns zukam und mit der größten Sorgfalt die Kotlachen vermied, erkannte ich alsbald meinen Prinzipal, den Herrn Reißmehl, der aus seinem Klub nach Hause kam. Auf einmal blieb er mitten in der Straße stehen, drehte seinen Regenschirm etwas auf die Seite und horchte in die Höhe; er hatte die Klagelaute Fannys vernommen. Nachdem er sich nach allen Richtungen umgesehen, ohne etwas zu entdecken, glaubte er, er habe sich geirrt und trat ruhig an die Tür des Ladens. Aber kaum hatte er das Schloß geöffnet, als Fanny aufs neue in den kläglichsten Tönen ihre Anwesenheit kund gab. Der Prinzipal tat jetzt einen Schritt in die Straße hinein und schaute aufmerksam an seinem Hause empor. Aber da war alles finster und still. Ich bemerkte deutlich, wie er endlich kopfschüttelnd ins Haus trat. Wir schlichen hinzu und sahen durch den Fensterladen, wie der Herr Reißmehl in seiner Schreibstube das Licht anzündete. Jetzt, dachten wir, wird er nach dem Lager Fannys sehen und den Hund mit Schrecken vermissen. Richtig, so war es auch, und nun sahen wir ihn eilig wieder in die Tür treten und mit dem Lichte hinausleuchten. Aber ein Windstoß, der durch die Straßen heulte, blies ihm die Kerze aus und bewegte die Laterne in heftigeren Schwingungen, worauf der Hund jämmerlicher als je zu heulen begann. Da aber jetzt der Prinzipal aufs neue sein Licht anzündete und die Treppe hinaufging, wahrscheinlich, um Fanny oben zu suchen, wobei er vielleicht auch auf unser Zimmer kommen konnte, so bat ich den Doktor, mit mir hinaufzueilen, damit ich vorher mein Fenster und mein Bett gewinnen könnte. Er schloß die Tür auf, wir tappten eilig die Treppe hinan und traten in sein Zimmer. Ich ging ans Fenster, um das Brett hinauszuschieben, und bemerkte, daß sich der Prinzipal mit dem Lichte im ersten Stock befand und jetzt in das Schlafzimmer der Jungfer Barbara trat. Ich schob das Brett hinaus bis in mein Fenster, das glücklicherweise geöffnet war. Der Doktor hielt das eine Ende fest, und ich setzte mich rittlings darauf, um langsam vorwärts rutschend den Hafen zu gewinnen. Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück schreitet schnell. Wahrscheinlich hatte der Prinzipal seine Schwester mit der Trauerbotschaft, Fanny sei verschwunden und er höre sie in der Luft irgendwo kläglich schreien, aus ihrem süßen, jungfräulichen Schlummer gerüttelt. Sie war im ersten Schrecken dem Bett entsprungen, um selbst nach dem Liebling auszuspähen; denn plötzlich hörte ich unter mir ein Fenster öffnen und »schön wie der Mond, der nächtig einsam wallt,« erschien sie mit brennendem Licht am Fenster, wohl in der Meinung, der Mops liege am Boden zwischen den beiden Häusern. Was sollte ich tun? In der ersten Angst versuchte ich ungeschickterweise, zum Doktor zurückzurutschen. Wär' ich nur ruhig auf dem Fleck geblieben, so hätte sie mich vielleicht nicht bemerkt. Aber auf einmal vernahm sie das Krachen des Brettes, blickte in die Höhe, und als sie da zwischen Himmel und Erde eine Figur schweben sah, kreischte sie: »Mörder! Diebe!« ließ vor Schreck das Licht zwischen die Fenster hinabstürzen und verschwand vom Fenster. Ob diesem plötzlichen Zusammentrafen mißlicher Umstände wäre ich fast dem Licht gefolgt. Indessen hielt ich mich am Brett fest und begann, eifrig meinem Fenster zuzurutschen. Schon hatte ich es erreicht und saß vor demselben, als die Tür des Nebenzimmers hastig aufgerissen wurde. Der Prinzipal, mit einem rostigen Schwerte bewaffnet, stürzte in mein Zimmer, hinter ihm Philipp im bloßen Hemde, einen Besenstiel in der Hand, und draußen auf dem Gange erblickte ich eine ganz fabelhafte Gestalt, die wie Jungfer Barbara aussah und krampfhaft das Treppengeländer umklammert hielt. – Dieser Augenblick war der schrecklichste meines Lebens. Hinter mir stand der Doktor Burbus am Fenster und lachte aus vollem Halse, denn auch er konnte ungefähr bemerken, was vorfiel. Schon hatte der Prinzipal mich am Kragen gefaßt, als er erst bemerkte, daß es sein eigener Lehrling sei, der das Haus in Alarm brachte. Konnte man es ihm übelnehmen, wenn er, anstatt meinen Kragen loszulassen, mich nach dieser Entdeckung unsanft ins Zimmer zog, mir mit dem rostigen Schwerte einige ziemlich fühlbare Ritterschläge versetzte und mich auf diese Art, wie es früher bei den Zünften Sitte war, feierlich von der Lehre lossprach? Jungfer Barbara drohte in eine lebensgefährliche Ohnmacht zu fallen, wenn sie mit einem solchen Ungeheuer noch eine Nacht unter demselben Dache verbringen müsse, und verlangte, ich solle unverzüglich das Haus verlassen. Nach solchen Vorgängen war ich dies denn auch zufrieden; und kaum hatte mein Prinzipal mir den Rücken gekehrt, als ich mich wieder vors Fenster hinausschwang und auf meinem luftigen Wege zum Doktor Burbus zurückkehrte. Philipp, versteinert ob all dem Ungeheuren, was geschehen, sah mir sprachlos nach; ich rief ihm mit dem Abschiedswort die Kunde zu, wo Fanny, der edle Mops, sich befinde, und somit sagte ich dem Reißmehlschen Hause Valet auf immer. Zwölftes Kapitel . Fanny in der Laterne. Wie es in einem Vulkan nach einem gewaltigen Ausbruch erst allmählich ruhiger wird, wie es im Innern fortwährend dumpf donnert, und zuckende Blitze den Krater erleuchten, gerade so war es nach meinem Abgang durch das Fenster im Reißmehlschen Hause zum Herrn Doktor Burbus in den Gemächern des ersteren. Wie ein falber Blitz beugte sich Philipp in seinem unentbehrlichen Kleidungsstück weit hinleuchtend zum Fenster hinaus, um aus einem Ueberrest kameradschaftlicher Teilnahme in die Tiefe hinabzuspähen, ob ich nicht da unten mit einigen zerbrochenen Gliedmaßen liege. Unten in den Zimmern der Jungfer Barbara wurde es bald hell, bald dunkel, und man konnte am Schatten, der zuweilen gegen die weiße Gardine fiel, sehen, daß diese Würdige im Begriff war, sich vollständig anzukleiden, wahrscheinlich, um ihren Liebling, die teure Fanny, eigenhändig aus der Laterne zu erretten. Der Prinzipal aber polterte die Stiegen hinauf und hinab, und ganz gegen seine Gewohnheit sprach er viel und so laut, daß ich im Zimmer des Doktors deutlich vernehmen konnte, wie er meiner Person nicht auf die schmeichelhafteste Art erwähnte. Oben am Bodenfenster wurde jetzt ebenfalls ein Licht sichtbar, woraus ich schloß, daß die Magd geweckt worden sei. Alles deutete auf einen allgemeinen Ausfall, der aus dem Reißmehlschen Hause unternommen werden sollte, um das Tier zu befreien. Und so war es auch. Bald verschwanden alle Lichter im obern Teil des Hauses und zogen sich in das untere Stockwerk, und ich legte mich mit dem Doktor Burbus so weit wie möglich zu dessen Fenster hinaus, wo wir die Laterne nur eben in dunklen Umrissen erblickten, aber desto deutlicher das Aechzen der rostigen Kette hören konnten, an welcher sie hing, sowie ein schwaches Geschrei, das Fanny zuweilen ausstieß. Jetzt öffnete sich die Haustür, ein Lichtschimmer fiel auf die Straße, und wir bemerkten zwei Gestalten, wahrscheinlich der Prinzipal und Philipp, deren eine unter die Laterne trat, während die andere an das Kästchen ging, in dem dieselbe vermittelst eines eisernen Zackenrades hinaufgezogen und herabgelassen wurde. Mein edler Kollege, der als ruhiger Staatsbürger wahrscheinlich noch nie in den Fall gekommen war, Laternenkästen aufzubrechen, mochte mit diesem schwierigen Geschäft nicht umzugehen wissen, und statt vier Finger hinter den kleinen Laden zu legen, um mit einem kräftigen Druck das schlechte Schloß aufzusprengen, hörten wir durch die Stille, die ringsum herrschte, wie er verschiedene Schlüssel probierte, von denen lange keiner passen wollte. Endlich aber mußte der Kasten geöffnet sein, denn wir hörten, wie sich das Rad langsam drehte und die Laterne sich herab bewegte. Sobald dieselbe dicht über der Erde schwebte, stürzte eine weibliche Person aus dem Hause und öffnete nach einigen vergeblichen Versuchen das schwere Gehäuse, um den armen Hund seines gläsernen Gefängnisses zu entlassen. Es war eine rührende Erkennungsszene: Fanny heulte, und Jungfer Barbara schluchzte vor Wehmut und Freude. In diesem Augenblick hätte ich Philipp sehen mögen, wie er in der kalten Nacht fröstelnd am Laternenkasten stand, indem er sah, wie das Herz, das er liebte, mit der zartesten Sorgfalt beschäftigt war, den durchkälteten Mops im Busentuche zu erwärmen. Eilig schlüpfte Barbara jetzt ins Haus zurück, der Prinzipal folgte und ließ dem armen Philipp allein das Geschäft übrig, die schwere Laterne in die Höhe zu ziehen. Noch immer fegte der rauhe Wind durch die Straßen und pfiff zwischen den beiden Häusern hindurch, so daß unsere Haare sich lüfteten und wirr unsere Gesichter bedeckten. Im Reißmehlschen Hause mußte eine Hintertür offen geblieben sein, wodurch im Gange ein starker Zug verursacht wurde; denn plötzlich hörten wir die Haustür mit voller Gewalt zuschlagen. Es konnte nicht anders als ein Zufall sein; welche Ursache hätte Jungfer Barbara gehabt, den armen Philipp auszusperren, der sich längere Zeit vergeblich abmühte, die schwere Laterne in die Höhe zu winden. Ja, es ist dies ein schweres Geschäft, und ich warne jeden, der nicht gut damit umzugehen versteht, besonders in der Nacht, den Lampenputzern in das Handwerk zu pfuschen und eine Laterne herabzulassen, wenn er nicht genau weiß, wie die alte, rostige Winde zu handhaben ist, um sie später wieder in die Höhe zu ziehen. Während wir so im Fenster lagen und manchen Seufzer Philipps belauschten, manchen Ausruf der Ungeduld, den ihm die vergeblichen Anstrengungen erpreßten, fuhr der Doktor Burbus plötzlich in die Höhe und horchte aufmerksam in die Nacht hinaus; sein in dergleichen Dingen geübtes Ohr wußte sehr gut, was ein leises Klirren und Schlürfen auf dem Straßenpflaster zu bedeuten hatte, das ich aus einer ganz unschuldigen Ursache herleitete. Desto größer war aber mein Schreck, als er sich jetzt wieder zu mir herabbeugte und mir hastig und mit einer gewissen teuflischen Freude ins Ohr flüsterte: »Da kommt Polizei!« – Unglücklicher Philipp! harmlosester und unschuldigster aller Menschen, die je im nächtlichen Dunkel eine Straßenlaterne herabgelassen, du bist verloren! »Aha, glücklich erwischt!« hörten wir jetzt eine Stimme rufen, in einem Tone, der so unverschämt die Stille der heiligen Nacht unterbrach, daß man deutlich daraus entnehmen konnte, sie müsse notwendig einem angehören, der von Gottes Gnaden die Befugnis hat, auf der Straße laut zu schreien; und eine andere Stimme antwortete: »Na! endlich haben wir einmal diese Schlingel! Vogel, man wird ihn warm setzen!« Durch die Dunkelheit erblickten wir nur hier und da das Leuchten einer Epaulette oder eines Säbels. Philipp, der wahrscheinlich in diesem Augenblick vor Schrecken wie versteinert war, mußte bei dieser fürchterlichen Ueberraschung die Handhabe des eisernen Drehrades losgelassen haben, denn wir hörten, wie sich dieses, von der Schwere der Laterne in Bewegung gesetzt, ächzend einigemal sehr schnell umdrehte; dann erfolgte ein klirrender Fall auf das Straßenpflaster: die Laterne war herabgestürzt und in tausend Stücke zerbrochen. Doktor Burbus rief mir zu: »Hoho, sie haben ihn erwischt! Unglückseligster Ladenjüngling, warum bist du nicht in Jerusalem geblieben!« In diesem Augenblick sahen wir Philipp wie ein gescheuchtes Reh dem Reißmehlschen Hause zufliehen; doch ehe er die rettende Schwelle erreicht, hatte ihn die heilige Hermandad wieder erfaßt und begann ihn mit Gewalt fortzuschleppen. Umsonst heulte Philipp in den kläglichsten Tönen, er habe nichts verbrochen, er sei Gehilfe in der Reißmehlschen Spezereiwarenhandlung, umsonst öffnete die alte Magd, deren Licht der starke Luftzug ausgelöscht hatte, und die sich erst ein neues anzünden mußte, die Haustür und stieß beim Anblick, der sich ihren Augen darbot, ein gellendes Zetergeschrei aus, umsonst schrie sie nach Jungfer Barbara und dem Prinzipal. Ehe das würdige Paar in dieser unheilvollen Nacht zum zweitenmal die notwendigsten Kleidungsstücke um sich geworfen hatte und auf die Straße stürzte, war Philipp bereits hinweggeführt, und sein Hilfegeschrei zerriß der sausende Wind und brachte nichts zum Ohr der unglückseligen alten Jungfer, die in stummer Verzweiflung die Hände rang. Bei meinem unfreiwilligen Ausscheiden aus dem Reißmehlschen Hause hatte mir nicht so sehr das Herz geklopft, hatte ich nicht so sehr moralisches Unbehagen empfunden, wie jetzt, da sich der unschuldige Philipp in den Krallen der Justiz befand. Polizei! dieses Wort schlug entsetzlich an mein Ohr, und es durchrieselte mich kalt. Ich war noch nie mit diesem wohltätigen Institut in Berührung gekommen; aber die Eindrücke meiner frühesten Kindheit lebten in mir auf. Wenn die Androhung aller möglichen Strafen für Lärm und Unfug vergeblich waren, so brauchte nur erwähnt zu werden, daß uns heute abend die Polizei abholen werde, und wir waren mäuschenstill. Ich konnte mir diese Leute im blauen Rock mit dem roten Kragen, im großen Hut und ein spanisches Rohr in der Hand, nur in Verbindung denken mit einem schmutzigen, kellerähnlichen Loche, das sich bei uns unter einem alten Turm befand, wohin man allerhand zerlumpte Leute sperrte, die, wie unsere Magd versicherte, erschrecklich viel Ungeziefer hätten. Daß dahin der arme Philipp kommen sollte, erschien mir gar zu schrecklich, und ich konnte heute abend in die Späße des Doktor Burbus unmöglich einstimmen, vielmehr erklärte ich ihm nach einem langen Kampfe mit mir selber, daß ich morgen früh auf die Polizei gehen wolle, um die Unschuld meines Kollegen darzutun. Ueber diesen Vorsatz brach der Doktor in ein lautes Gelächter aus, und um mich für heute abend zu beruhigen, versicherte er mir am Ende aufs feierlichste, daß Philipp schon morgen früh ohne Hilfe seines Arrestes entlassen werden würde, indem in unsern Tagen die heilige Hermandad viel zu aufgeklärt sei, um einen Unschuldigen zu bestrafen. Auch tröstete er mich in betreff des schmutzigen Loches, indem er mir versicherte, daß es für alle Rangklassen der bürgerlichen Gesellschaft passende Lokale gebe, in welchen sie die Torheiten ihrer Jugend absitzen könnten. Dreizehntes Kapitel . Bisse des Gewissens. So sehr mich gestern abend der Gedanke begeistert hatte, den unglücklichen Philipp mit Aufopferung meiner Person aus seinem Arrest zu befreien, so brach doch kaum das dämmernde Licht des trüben Märztages in das Zimmer des Doktor Burbus, wo ich auf einer alten Matratze die Nacht zugebracht, als mir auch die ganze gestrige Unglücksgeschichte in ganz anderen Umrissen vors Auge trat. Ich empfand einen kleinen Schauder, wenn ich daran dachte, vielleicht gleich meinem Exkollegen die nächste Nacht im Loche zubringen zu müssen; denn der Doktor hatte vor dem Einschlafen einigemal in den Bart gebrummt: »Na, geben Sie acht, der Ellenprinz wird uns noch anzeigen.« Das Wetter war trübe, und schmutziggrau blickte mich das kleine Stückchen Himmel an, das ich von meinem Lager aus zwischen den beiden Dächern sehen konnte. Ebenso grau und verdrießlich erschien mir auch meine vergangene Lehrzeit im Reißmehlschen Hause. Es wollte mich bedünken, als habe ich dort in manchen Dingen vielseitiges Unrecht verübt, und als hätte ich mich sogar mit Jungfer Barbara weit besser stellen können, wenn ich es nur klüger angefangen hätte. Doch was konnte es mir helfen, daß ich die Vergangenheit beklagte! Mit der weiblichen Regierung, an deren Spitze meine Großmutter stand, schmeichelte ich mir, schon über eine neue Kondition ins reine zu kommen; doch war sie, was die Bestimmung über mein zukünftiges Leben betraf, nur eine untergeordnete Behörde und mußte an die oberste Stelle, an meinen Vormund, appellieren. Letzterer Gedanke war mir besonders unangenehm und trübte meine frohen Aussichten gänzlich. Ich kannte ihn gar zu gut, meinen Vormund! Bei vielen guten Seiten, die er hatte, und obgleich er redlich für meine Erziehung gesorgt, fürchtete ich ihn doch aufs entschiedenste und vermied ihn, wo ich nur konnte. Er war ein kleiner, untersetzter Mann; man hätte ihn wohlbeleibt nennen können, dabei war er aber von einer eidechsenartigen und wahrhaft erschreckenden Lebendigkeit, besonders für uns Kinder. In den letzten Kriegen hatte er bei der Armee große Magazine verwaltet, und da ihm Ordnungsliebe schon angeboren war, hatte sich diese durch den langen Dienst so geschärft, daß sie in Kleinigkeitskrämerei ausartete. Der Blick dieses Mannes war wirklich bewundernswürdig. Wenn er am Morgen aufstand – und das geschah gewöhnlich sehr spät, da er sich schon im vorgerückten Alter befand – so waren seine eigenen Kinder, so wie ich, die wir in der großen Stube des Hauses beim Frühstück versammelt waren, aufs angelegentlichste bemüht, gegenseitig unsern Anzug zu mustern, ob nichts Unordentliches daran zu bemerken sei. Bald öffnete sich droben seine Tür, und wir hörten ihn, in gewissen Zwischenpausen hustend, die Treppe herabkommen. Nun fuhr alles zusammen, und wir saßen gerade wie Kerzen um den Tisch. Selbst die Mägde in der Küche sahen sich unwillkürlich um, ob alles so in der Ordnung sei, wie es der Herr befohlen. Dabei kam es sehr darauf an, ob er guter oder übler Laune war. So konnte er in die Stube treten und sogleich mit derjenigen seiner Töchter, an der die Woche war, seine Zimmer in Ordnung zu bringen, ein für uns alle sehr unangenehmes Haushaltungsgespräch anfangen. »Hm, hm! du hast die Woche, Karoline, hm! So, ei, hm! Zum wievieltausendstenmal, Gott mag es wissen! hab' ich schon gesagt, ja hab' ich befohlen, daß mein Waschwasser vom Pumpbrunnen in der Küche und nicht vom großen Ziehbrunnen im Hofe genommen werden soll? Hm, hm! Aber nicht wahr, Mamsell Karoline, es ist Ihrer Faulheit viel anständiger und bequemer, das Wasser aus einem der großen Eimer im Hof nehmen zu lassen, wenn es auch schon den vorigen Tag und die Nacht durch gestanden und also schon halb faul ist? Für den Vater ist es doch gut genug.« – »Aber verzeihen Sie, Papa . . .« – »So, du widersprichst schon wieder? muß ich mich denn beständig über dich ärgern und deine Widersprüche anhören? Ich sage dir, du wirst es noch so weit treiben, daß ich dir die Woche ganz abnehme, und dann wehe dir!« Bei solchen Morgengrüßen saßen wir andern zitternd und bleich vor Angst da, denn wenn der alte Herr einmal im Zuge war, ging es leicht der Reihe nach über uns alle her, und es mochte leicht der Fall sein, daß er am vergangenen Tage von irgend einem eine ähnliche Untat erfahren hatte, bei welcher Gelegenheit er, um seinem Gedächtnis nachzuhelfen, jedesmal in sein buntseidenes Taschentuch einen Knoten machte, um die Sache nicht zu vergessen. Aber gerade diese Knoten im Schnupftuche waren unser doppeltes Unglück; denn erstens, wie gesagt, brachten sie ihn auf unsere Unarten zu sprechen, und dann vergaß er auch meistens, die erledigten Knoten wieder aufzulösen, wodurch sich unsere Verbrechen beständig häuften. Bei einer Unterredung, wie die obige, oder wenn er sonst schlecht gelaunt war, begann er, langsam sein Tuch aus der Tasche zu zupfen, und da er nicht immer wußte, wem der betreffende Knoten in demselben galt, so sah er uns alsdann scharf der Reihe nach an, und wer am ängstlichsten nach dem Tuche spähte, der mußte der Schuldige sein und war es auch gewöhnlich. Die Urteilssprüche, welche die Knoten im Schnupftuch hervorgerufen, wurden auch häufig durch eben dieses Instrument recht fühlbar vollzogen, worauf sich dann der alte Herr in seine Kanzlei begab, recht zufrieden, in seinem Hauswesen wieder alles ins reine gebracht zu haben; denn es war ihm gerade nicht lieb, wie er selbst oft behauptete, den ganzen Tag verweisen und strafen zu müssen, und hatte er ausgetobt, so war er der beste Mann von der Welt. Alsdann erzählte er uns Geschichten oder spielte mit uns; doch konnten wir uns auch in solchen Augenblicken seiner guten Laune nicht genug in acht nehmen, die geringste Ungeschicklichkeit oder Unaufmerksamkeit konnte seinen Eifer aufs neue rege machen. Dadurch aber hatte seine Anwesenheit für seine eigenen Kinder sowie für mich, etwas sehr Peinliches und Beengendes, und wir konnten uns erst dann recht freuen, wenn er das Haus verlassen hatte. Dann mußte eines von uns durch ein kleines Fenster an der Seite des Hauses auf die Straße sehen, ob er wirklich um die Ecke gegangen sei, worauf wir uns durch den größtmöglichen Unfug aller Art entschädigten und einen Spektakel anfingen, in welchen gewöhnlich die alte Haushälterin und sämtliche Mägde kräftigst einstimmten. Ich war ein Jahr in seinem Hause gewesen und obgleich es mir da im ganzen besser ging, als später bei meiner Tante, so war ich doch herzlich froh, als ich es wieder verlassen konnte. Der alte Herr belegte mich auch gar zu häufig mit Strafen, die für mich die empfindlichsten waren. So mußte ich mit ihm auf seine Kanzlei gehen, namentlich an Sonn- und Feiertagen, und dort bekam ich ein großes Buch und ein Stück Papier, das ich voll schreiben mußte, und so oft er einen Fehler darin entdeckte, mußte ich es von neuem abschreiben, und immer wieder abschreiben. Obendrein saß ich an seiner Seite, und wenn ich nicht fleißig war oder die Feder nicht recht hielt, so nahm er langsam ein langes, flaches Lineal und gab mir damit einen starken Klaps auf die Finger. Auch mußte ich nicht selten dableiben, wenn er fortging, und dann schloß er mich ein, und dies waren für mich die schrecklichsten Augenblicke. Die Kanzleistube war ein altes, düsteres Gemach und hatte kleine, vergitterte Fenster, zu welchen kaum das nötige Licht hereindrang, und da saß ich Aermster, meine Finger durch das Schreiben mit Tinte beschmutzt bis an die Knöchel, worauf meine Tränen fielen. Und wenn ich dann einen Versuch machte, meine nassen Augen mit den Fingern zu trocknen, so nahm das Gesicht bereitwillig die Tintenflecken an. Auch mein weißer Hemdkragen färbte sich schwarz, was später zu neuen unangenehmen Erörterungen Veranlassung gab. Draußen vor der Kanzleistube summte und wogte an solchen Feiertagen das fröhliche Volk vorbei. Ich erkannte die Stimmen meiner Spielkameraden und mußte hören, wie sie lustig davonzogen, wahrscheinlich vor das Tor, auf eine grüne, duftige Wiese, unsern gewöhnlichen Spielplatz. Wie roch ich in Gedanken den Duft des Grases, wie hörte ich über meinem Haupte die Bäume rauschen, während ich im Staub vergilbter Akten saß und sich über meinem Haupte nur je zuweilen im Luftzug ein alter, zerrissener, kattunener Vorhang bewegte, eine Unzahl Motten aus ihrer beschaulichen Ruhe aufstörend! Dergleichen Gedanken und Erinnerungen quälten mich, wie gesagt, auf der alten Matratze beim Doktor Burbus, und wenn ich mich auch mit Schaudern jener Zeit beim Vormund erinnerte, so kam sie mir doch wie ein holder Maitag gegen das Sturmwetter vor, das sich nach den schweren Ereignissen von gestern abend gegen mich zusammenzog. Weh mir! meine Großmutter, meine Tante, der Vormund, Philipp auf der Polizei – das alles machte mich so entsetzlich unruhig, daß ich in meiner Angst anfing, den Doktor aufzuwecken, ein Geschäft, das mir erst nach vielen fruchtlosen Bemühungen gelang. Endlich hob er sein schweres Haupt aus den zerrissenen Kissen in die Höhe, um mich anzuschauen. Dazu blinzelte er mit den Augen und bot mir laut gähnend einen guten Morgen. »Ach, lieber Herr Doktor,« sagte ich, »mich haben die Vorfälle von gestern abend gar nicht schlafen lassen. Sie erinnern sich doch der Sache? Wissen Sie, wo Philipp ist?« – »O ja,« entgegnete der Doktor Burbus mit einer sehr heiseren und trockenen Stimme, »freilich erinnere ich mich. Hahaha! Philipp der Edle hat das Asyl treuer Liebe mit einem Quartier in Numero Sicher vertauscht.« – »Ja, aber lieber Herr Doktor,« entgegnete ich, »Sie sagten gestern vor dem Einschlafen, Philipp könnte uns angeben, und dann . . .« – »Ganz recht, Verehrtester,« antwortete der Doktor, indem er sich aufrecht ins Bett setzte, so daß seine beiden Füße den Boden berührten, wo er nach ein Paar alten, gelben Pantoffeln angelte, »wenn uns Philipp verdächtigt – und das trau' ich ihm gar zu gern zu – so werden wir vor das Friedensgericht zitiert. Kennen Sie dieses Institut?« – »O Gott, nein!« jammerte ich, und es war mir gerade, als habe mich schon einer mit rotem Kragen und blauem Rock gefaßt und schleppe mich, ein armes, wehrloses Opfer, durch die Straße. »Sehen Sie,« fuhr der Doktor gähnend fort, indem er in seinen alten, grünen Sämtling schlüpfte und einen entsetzlich nüchternen, trostlosen Blick an den grau überzogenen Himmel warf, »Friedensgericht ist für diese wohltätige Anstalt eine sehr sonderbare Benennung. Da werden zwei Parteien, die uneins sind, mit Gewalt hinzitiert, vor einen alten Herrn, der sitzt in einem großen Lehnstuhl und hat grausame Langeweile. Er hört die Leute ruhig an, und nachdem sie sich tüchtig ausgeschrien haben, versucht er, einen Vergleich zwischen ihnen zustande zu bringen. Aber das gelingt ihm höchst selten, ist ihm aber im Grunde auch gleichgültig, und wenn die Leute auch vor dem Friedensgericht tun, als haben sie sich wirklich verständigt, so rennen sie, wenn sie kaum aus der Tür sind, zu zwei verschiedenen Advokaten und machen die Sache beim Landgericht anhängig. Aber da fällt mir eben ein, daß die Sache mit Philipp wohl vor das Polizeigericht kommen wird, eine andere, nicht minder wohltätige Anstalt.« – »Und was geschieht da, lieber Herr Doktor?« fragte ich kleinlaut. – »Ja, da,« entgegnete der Doktor, »wird mit dem ehrwürdigen Philipp ziemlich kurzer Prozeß gemacht. Der betreffende Polizist beteuert bei seinem Diensteid, er habe den Inkulpaten im Augenblicke erwischt, wo er höchlichst an einer königlichen Straßenlaterne gefrevelt, und dann ist's wie eins, zwei, drei. Der Polizeidirektor sagt: So! schlägt das Polizeistrafgesetzbuch auf und dekretiert: ergo conclusum – drei Tage in Arrest nebst Schadenersatz.« – »Aber um Gottes willen!« rief ich, »Philipp ist ja unschuldig!« – »Das tut nichts, Verehrtester, alles, Ort und Umstände, wie er attrappiert worden, zeugt gegen ihn, und er mag nur Gott danken, daß auf das Verbrechen, eine Straßenlaterne zertrümmert zu haben, nicht Todesstrafe steht, indem er alsdann unfehlbar gehenkt würde.« – »Nein, lieber Herr Doktor,« erwiderte ich, »das dürfen wir eigentlich nicht zugeben; ich, oder vielmehr Sie, der die Sache besser kennt, sollten auf die Polizei gehen und dort erklären, daß Philipp unschuldig ist. Sie brauchen ja nicht zu sagen,« setzte ich hinzu, »daß wir beteiligt sind; wir haben es nur zufällig mitangesehen und können für seine Unschuld zeugen.« – »Junger Mensch,« sprach der Doktor sehr ernst, indem er ein blechernes Gefäß hervorsuchte, worin er seinen Kaffee zu bereiten pflegte, »du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Aber nehmen Sie mir's nicht übel, davon verstehen Sie gar nichts, und ich desto mehr. Sehen Sie, wenn ich mich in einer so zweideutigen Angelegenheit auf der Polizei sehen lasse, so begnügen sich die scharmanten Leute dort nicht mit meinem Zeugnis; sie gehen in ihrer unendlichen Wißbegierde so weit, mich um Paß, Heimatschein, Aufenthaltskarte usw. zu fragen, und würden sich am Ende noch angelegentlich erkundigen, wovon ich denn eigentlich in hiesiger Stadt meinen Unterhalt bestreite. Fragen, auf welche ich wahrhaftig keinen Bescheid zu geben wüßte.« »Ja, aber lieber Herr Doktor, wenn Sie mir erlauben, unbescheiden zu fragen, Sie müssen doch ein gewisses Vermögen haben, von dem Sie die Leute bezahlen, denen Sie etwas schuldig sind.« – »Ja freilich,« erwiderte Burbus, »Schulden bezahlen – jawohl, jawohl! – Es gab eine Zeit,« fuhr er fort, indem er eine Spirituslampe anzündete, »eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich Gott mein Nachtgebet schuldig geblieben war; aber das ist schon lange her, und seit jenen Tagen unschuldiger Kindheit habe ich es gänzlich verlernt, meine Schulden zu bezahlen.« Unterdessen war ich ans Fenster getreten und schaute zum Himmel empor, wo schmutziggraue Wolken von einem kalten Winde eilfertig und ihre Gestalt beständig ändernd hinweggeführt wurden. Auf der Straße war es naß und kotig, und wenige Schritte vor dem Reißmehlschen Hause lag auf der Erde ein ganzer Trümmerhaufen von Stricken, Glas, kurz allen Bestandteilen, woraus eine ordentliche Straßenlaterne gefertigt ist. Drüben im Hause meines ehemaligen Prinzipals war noch alles still und ruhig, und das Fenster meines Zimmers war geöffnet, und der Wind fuhr hinein und spielte mit dem bunten Kattunvorhang, der mein früheres Bett umgab. Es war ein häßlicher, unfreundlicher Morgen, und ich befand mich in derselben Stimmung wie damals, als ich nach dem zu viel genossenen Punsch bei Doktor Burbus in meinem Bett drüben erwachte. Doch war mein Katzenjammer am heutigen Morgen ein weit schlimmerer, ein durchaus moralischer, und Philipp hätte ihn nicht wie damals durch eine Handvoll Sauerkraut vertreiben können. Während ich im Fenster lag, braute der Doktor seinen Kaffee, dessen ganzer Geruch und Ansehen mir keinen großen Appetit machte, zumal, als ich sah, daß seine Filtriermaschine aus dem untern Teile eines Strumpfes bestand, den er über einem eisernen Ring befestigt hatte. Ich konnte es aber nicht verhindern, daß er mir eine Tasse eingoß, und dann nötigte mich die Kälte des Morgens, einen Schluck vom warmen Gebräu zu nehmen. Der Doktor rauchte aus einer langen Pfeife und ließ sich auf sein Bett nieder, indem er die unendliche Unsauberkeit und Unordnung in seinem Zimmer mit einem wohlgefälligen Blick zu betrachten schien. Ich dagegen konnte mich eines geheimen Ekels nicht erwehren, und wenn es mir Spaß gemacht hatte, ein paar Stunden lang diese zerfetzten Möbel, den grotesken Hexentanz an der Wand und den Schlafkameraden Totenbein anzusehen, so fing ich jetzt fast an, ein geheimes Grauen vor dem Doktor zu fühlen, der sich beständig in dieser schauderhaften Umgebung befand und sich darin gefiel. Indessen wurde der Blick des Doktors, je länger er um sich schaute und mit den Fingern durch das verwirrte Kopf- und Barthaar fuhr, immer weniger lustig und nahm zuletzt einen ernsten, ich möchte sagen traurigen Ausdruck an, den ich früher nie an ihm bemerkt hatte. Mit seinen Beinen klopfte er taktmäßig gegen das Bett, und nachdem er einen Augenblick zum Fenster hinausgeschaut, vor dem jetzt ein feiner, kalter Regen herabrieselte, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und stieß einen tiefen Seufzer aus. Dann betrachtete er mich und sagte: »Wenn man Sie auch drüben aus dem Hause weggeschickt hat und Sie von Ihrer Familie bedeutende Unannehmlichkeiten zu erwarten haben, so sind Sie doch, bei Gott! gegen mich ein ganz glücklicher Mensch. Auf mein Wort versichere ich Ihnen, ich fühle mich oft als einen der miserabelsten Sterblichen, die es gibt. Wer, wie ich, so allein steht, ach, so entsetzlich allein steht, und weder Mittel hat, wovon er anständig leben kann, noch etwas gelernt hat, um diese Mittel zu erwerben, ist wahrlich schlimmer daran als der Tagelöhner und Lastträger, der mit saurer Arbeit sein mageres Stück Brot verdient. Glauben Sie mir, Teuerster, unter allen dummen Streichen, die ich in meinem Leben gemacht – und deren Zahl ist Legion – ist der unverantwortlichste und größte, daß ich während meines achtjährigen Studentenlebens von allen Wissenschaften und Künsten, die sich auf Gottes Erdboden breit machen, auch nicht die Idee profitiert habe.« – »Aber,« entgegnete ich hastig, »Sie haben ja lange Zeit die Universität besucht und studiert?« – »Freilich,« antwortete der Doktor, »habe ich die Universität besucht, aber das bißchen Vermögen, das mir von meinen Eltern hinterlassen wurde, mit leichter Mühe vertan; es war gar zu unbedeutend, so unbedeutend, daß ich Hunger und Kummer dabei ausstehen mußte; denn wenn Sie etwas Unbedeutendes auf sechzehn Semester verteilen, so können die Rationen nicht groß werden. Dann habe ich mich, wie schon gesagt, wohl des Studierens halber auf der Universität aufgehalten, jedoch ohne mich dem sauren Geschäft des Lernens zu unterwerfen. Und so, junger Mensch,« fuhr der Doktor ernster fort, »sehen Sie einen jungen Kerl von zweiunddreißig Jahren vor sich, der nichts versteht, als einem Bierkommers glanzvoll vorzusitzen, das Rapier gut zu führen und auf der Guitarre drei und einen halben Akkord anzuschlagen.« Hastig war der Doktor bei diesen letzten Worten aufgestanden und lief im Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt. »Wenn Sie,« fuhr er fort, »den Zorn Ihrer Familie wegen Ihrer Entfernung aus dem Hause Reißmehl u. Comp. hinabgeschluckt haben, so lassen Sie sich in Gottes Namen in einen andern Spezereiladen stecken und – nehmen Sie mir's nicht übel – führen sich dort solider auf als bis jetzt. Hoffentlich wird dort kein Doktor Burbus in der Nähe sein, denn dergleichen Leute wie ich sind euch jungen Burschen ungemein gefährlich. Apropos, ich erinnere mich, Ihnen an einem schönen Abend gesagt zu haben, daß es für Sie weit besser wäre, wenn Sie Ihre kaufmännische Karriere verließen und sich ebenfalls aufs Studieren verlegten; aber im gegenwärtigen Augenblicke, wo ich nicht in Phantasien umhertaumle, beschwöre ich Sie, bleiben Sie bei dem, was Sie ergriffen. Ihre Familie scheint mir auch nicht imstande, Sie durch große Geldzuschüsse oder später durch Einfluß zu unterstützen; sie ist aber vielleicht wohlhabend genug, um Ihnen einmal einen kleinen Kramladen einzurichten, in welchem Sie, ein zweiter Reißmehl, thronen und regieren können. – Hätte ich in meiner Jugend,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, während er abermals seine Stirn mit der Hand wischte und sie dann umgekehrt vor den Augen vorbeifahren ließ, »hätte ich jemand gehabt, der mir die Sache vernünftig auseinandergesetzt hätte, statt daß meine Mutter durchaus einen gelehrten Herrn aus mir machen wollte, so wäre ich bei meinem Vater geblieben, der, Gott weiß von wieviel Generationen her, eine alte Mühle in Pacht hatte. Ich hätte dieses edle Geschäft ebenfalls erlernt und könnte jetzt vielleicht im weißen, bemehlten Kamisol ein ruhiges, glückliches Leben führen. Aber das ist alles, alles unwiederbringlich dahin. Mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, ehe sie in ihrem Herrn Sohn einen Gelehrten erblickt, die Mühle ist in andere Hände übergegangen, und ich bin auf Gottes weitem Erdboden gar nichts, als ein miserabler Kerl, ein elender Lump.« Bei diesen letzten Worten warf sich der Doktor so stürmisch auf sein Bett, daß es in allen Fugen krachte. Darauf schien es, als wolle er mit Gewalt diese finstern Gedanken von seiner Seele wälzen, und er begann aus voller Brust ein bekanntes Lied: »Das Jahr ist gut, braun Bier ist geraten.« Er sang mehrere Strophen desselben in einem Atem fort, während ich dasaß, ob dem sonderbaren Menschen aufs tiefste erschüttert. Endlich sprang er wieder auf, faßte mich bei den Schultern und sagte so lustig wie möglich: »Jetzt, teuerster Exladenjüngling, fliehen Sie heim gen Zion und halten Sie sich in den ersten Tagen still in Ihrem Kämmerlein verborgen. Ich habe stets einen guten Löffel geführt und werde wahrscheinlich auch Ihren Teil an der garstigen Polizeisuppe verspeisen. Jetzt gehen Sie, es ist acht Uhr, und überlassen Sie mich meinem Schicksal. Doch ehe ich dieser sündhaften Stadt den Rücken kehre, was vielleicht bald geschehen wird, werde ich Sie in aller Stille aufsuchen, um mich zu beurlauben. Leben Sie wohl, junger, halbverlorener Sohn.« Er öffnete die Tür, schüttelte mir die Hand, und ich stieg nachdenklich die Treppen hinab. Von oben schallte mir des Doktors Stimme nach, der das begonnene Lied zu Ende brachte, und unten hörte ich noch deutlich, wie er den Vers sang: »Und wenn ich einst sterbe, so laßt mich begraben, Nicht unter den Kirchhof, nicht über den Schragen, Nein, tief in den Keller, wohl unter das Faß; Lieg' gar nicht gern trocken, lieg' allweil gern naß.« Mir war zu Mute, als sollte mir das Herz in der Brust zerspringen. Rasch eilte ich auf die Straße, und der herabfallende eisige Regen tat mir gar nicht wohl; auch fühlte ich in meinen Stiefeln einige verdächtige Oeffnungen. Obgleich ich aber unter diesen Umständen zu eilen hatte, wieder unter Obdach zu kommen, hielt es mich doch einen Augenblick vor dem Reißmehlschen Hause fest, wo der alte steinerne Soldat mit der langen Nase stand. Ihn verließ ich ungern und nickte ihm freundlich zu. Ach, vielleicht war er der einzige vom ganzen Hause, der mich ungern scheiden sah, wenigstens bildete ich es mir ein, und wer wird es mir übel nehmen, wenn ich in meinem gedrückten Gemütszustande das Wasser, welches an der großen Nase des steinernen Kriegsmannes herablief, für mitleidige Abschiedstränen hielt? Vierzehntes Kapitel . Heimkehr. O weh! Obgleich es vom Reißmehlschen Hause zu meiner Großmutter nicht weit war und ich meine Tour dahin mit schnellen Schritten begonnen hatte, so kam ich doch nicht so bald hin. Je mehr ich mich dem Ziele näherte desto höher wuchs meine Angst, und desto langsamer wurde mein Schritt. Die gute Großmutter hatte gewiß noch keine Ahnung von den neuen Ereignissen, und wenn sie auch aus meinem Gespräch gestern abend wohl ersehen, daß ich mit meiner Kondition sehr unzufrieden war, wenn sie auch zu meiner Entfernung aus dem Geschäft ihre Zustimmung gegeben, so stand ja im Hintergrunde der Wille des Vormunds, an dem, wie an einem mächtigen Felsen, unsere Beschlüsse zersplittern konnten. Doch so klein ich auch meine Schritte machte, so zögernd ich vorwärts ging, ich kam doch endlich in die Straße, wo das Haus meiner Tante lag, und schon sah ich es vor mir, sah das Fenster des Ladens und daneben das des Zimmers meiner Großmutter, wo die gute Frau wahrscheinlich ihren Kaffee trank, nachdem sie vorher in einem geistlichen Morgen- und Abendopfer ein Kapitel gelesen. Ich wußte, wie ruhig und friedlich es namentlich in den Morgenstunden in diesem Zimmer aussah. Zu dieser Zeit war die Großmutter des besten Humors, und wenn sie ihren Kaffee getrunken, nahm sie meistens ein altes Paket Briefe zur Hand, das, mit einer grünseidenen Schnur umwickelt, beständig im Tischschoße vor ihr lag. Dieses Briefpaket war ihr Heiligtum, ihr Archiv. Wie oft hatte sie der Tante und mir Auszüge davon mitgeteilt, und ich erinnere mich ganz genau, daß der erste Brief, der obenauf lag, ein Schreiben meines seligen Großvaters war, worin er der guten Großmutter die ersten schüchternen Geständnisse seiner Liebe ablegte. Dieser Brief begann mit der Ueberschrift: »Achtungswerte, höchst zu verehrende Jungfer!« Dahinter kamen noch mehrere Schreiben in ähnlichem Genre, dann folgte der Kopulationsschein, und dann, ein Jahr später datiert, der Taufschein meiner Mutter, als ihrer ältesten Tochter. Bald aber wurde das Archiv traurigeren Inhalts; es kam ein Schreiben von sehr weit her, daß ein Bruder der Großmutter in der Fremde und im Elend gestorben. So folgten die Schreiben in bunter Reihe aufeinander, mit Haarlocken, vertrockneten Blumen und vergilbten Stammbuchblättern untermischt. Da hatte mein Vater freudig geschrieben, daß ihm der erste Sohn geboren sei, und gleich daneben lag ein Brief mit schwarzem Siegel, in dem zu lesen stand, daß meine Mutter wenige Tage darauf gestorben. Den Brief hatte mir meine Großmutter oft gezeigt und immer dazu gesagt: »Siehst du, Junge, mit dem Briefe ist der Segen von eurem Hause gewichen; du bist nach und nach verwildert und ein Taugenichts geworden.« So stand ich an der Straßenecke, mitten im Regen, und träumte mit wachen Augen; als ich aber an die Stelle kam, wo meine Großmutter mich einen Taugenichts nannte, kam ich wieder zu mir und wollte nach Hause eilen, als eine Figur auf der Straße, die dasselbe Ziel wie ich zu haben schien, meinen Schritt aufs neue hemmte. Obgleich ich von der Gestalt nichts sah als oben einen brennendroten Regenschirm, unten den Zipfel eines braunen Rocks, weiße Strümpfe und Schuhe mit Stahlschnallen, so erkannte ich doch augenblicklich den Herrn Reißmehl. Jetzt war er in die Haustür getreten, machte den Regenschirm zu, öffnete und schloß ihn einigemal nacheinander, um den daran hängenden Regen abzuschütteln. Dann blickte er an den grauen Himmel hinauf, ob sich nicht irgendwo ein blaues Fleckchen zeige, sah dann an seinen weißen Strümpfen hinunter, ob sich da nicht ein graues dito angesetzt habe, und verschwand mit einem großen Schritt im Hausgang. Mir war die Kehle wie zugeschnürt, und wenn es mir auch auf der andern Seite nicht unlieb war, daß ich am Prinzipal einen Vorläufer hatte, der meine Missetaten kund machte, so wäre ich doch andererseits um keinen Preis jetzt nach Hause zurückgekehrt. Was sollte ich tun? Hier im Regen stehen bleiben, der mir schon durch das dünne Röckchen auf den Körper drang und mich so durchkältete, daß mir die Zähne klapperten, das konnte ich nicht aushalten. Bekannte hatte ich auch nicht, und so fiel mir denn glücklicherweise die Domkirche ein, die nicht weit weg lag und deren weite, hohe Hallen uns schon oft zum Spielplatz gedient. Dorthin ging ich, und die leichte Wärme, die im großen Gebäude, im Gegensatz zu der naßkalten Straße, herrschte, tat mir unendlich wohl. Ich schlich in eine Seitenkapelle und setzte mich dort in einen alten, braunen, geschnitzten Chorstuhl, der einem Muttergottesbild, das den kleinen Christus auf dem Arm trug, gegenüberstand. Ich hatte hier noch nicht lange gesessen, als statt der Kälte, die mich eben durchschüttelt, eine starke Hitze durch meinen Körper fuhr, und ich zugleich einen Druck auf meinen Kopf fühlte, der mich nötigte, die Augen zu schließen, worauf ich bald einschlief. Während dieses Schlummers hatte ich ganz sonderbare Träume; alles, was mir in den letzten Tagen im Reißmehlschen Hause begegnet war, tummelte sich in den wildesten, schreckhaftesten Gestalten vor meinem Innern vorbei. Jetzt kam es mir vor, als stoße mich Jungfer Barbara in ein tiefes Eismeer, wo ich vor Kälte umkommen sollte; wenn aber meine Glieder kaum vor Frost zu zittern anfingen, so wurde das Eis glühend, und mich durchströmte die rasendste Hitze. Zuweilen erwachte ich halb aus dem Schlaf, und da lag die weite Kirche leer vor mir, und mein matter Blick konnte nichts unterscheiden als die freundliche Muttergottes mit dem Kinde auf dem Arm. Wie lange ich eigentlich so halb schlafend im Fiebertraume gelegen, weiß ich nicht. Endlich aber fühlte ich, daß ein starker, köstlicher Geruch in meine Nase stieg, und als ich die Augen aufschlug und um mich schaute, meinte ich anfangs nicht anders, als die Muttergottes sei herabgestiegen und stehe mit dem Kinde an der Hand vor meinem Stuhl. Sie, da sie sich halb über mich beugte und mir ein kleines Fläschchen an die Nase hielt, hatte ein so anmutiges, liebes Gesicht, so schön und freundlich, wie ich nie etwas gesehen, und da ich sie für ein überirdisches Wesen hielt, so wollte ich schon meine Augen wieder schließen, um mich blindlings ihrem Schutze anzuvertrauen. Aber das Kind an ihrer Hand; ein junges Mädchen, das ebenso lieb und freundlich aussah wie sie, sagte: »Ach, Mama, das arme Kind wird doch nicht sterben?« – eine Aeußerung, die mich zu mir selbst brachte, so daß ich die Augen wieder öffnete und mich langsam im Stuhle erhob. Da sah ich denn wohl, daß es nicht die Muttergottes war, die vor mir stand, sondern eine sehr schöne, mir gänzlich fremde Dame, so fein und prächtig gekleidet, wie ich nie etwas gesehen. Das kleine Mädchen an ihrer Hand schien ihre Tochter zu sein, denn sie sah ihr sehr ähnlich, nur daß die Mutter schwarzes Haar und das Kind dichte blonde Locken hatte. Hinter den beiden stand ein Mann in einem langen, blauen Ueberrock mit goldenen Knöpfen, der hatte ein paar Regenschirme unter dem Arm. »Aber wer bist du, mein Kind?« fragte mich die Dame, »und wie kommst du mit so nassen Kleidern hierher in die Kirche? Warum gehst du nicht nach Hause, wenn du krank bist?« Die Dame hatte eigentlich gut fragen und ich schlecht antworten. Ich hätte ihr viel zu erzählen gehabt, um ihr begreiflich zu machen, warum ich in den nassen Kleidern hierher gekommen; dazu konnte ich mich aber nicht entschließen. Auch fühlte ich, daß die Dame recht hatte, daß ich krank war, denn als ich aufstand, wobei ich versicherte, daß ich jetzt nach Hause gehen wolle, konnte ich nicht auf meinen Beinen stehen. Die Säulen der Kirche, die bunten Fenster, alles lief im Kreise mit mir herum. Ich hörte nur, wie die Dame weiter fragte: »Aber, um Gottes willen, wo wohnst du denn, mein Kind?« und ich erinnerte mich nachher dunkel, daß ich ihr den Namen unserer Straße sowie das Haus meiner Tante angegeben. Was nun weiter geschah, ist mir wie ein Traum. Ich glaube, der Mann mit dem Regenschirm nahm mich auf den Arm und setzte mich in eine Kutsche. Auch die Dame mit dem kleinen hübschen Mädchen stieg hinein, und letzteres hielt mir zuweilen das Glas mit dem Wohlgeruch unter die Nase. Dann rollten wir durch ein paar Straßen, und plötzlich sah ich meine Tante sowie die alte Großmutter, die gewaltige Knickse machten, worauf ich in tiefen Schlaf verfiel. Fünfzehntes Kapitel . Geheimnisse. Während sich das alles mit mir begab, war es dem unglücklichen Philipp am Abend nach der Entkerkerung der Fanny noch weit schlimmer ergangen. Daß er beim Anblick der heiligen Hermandad der Reißmehlschen Pforte zufloh, ist bereits gemeldet, wie auch, daß der Jammervolle, trotz allen Beteuerns seiner Unschuld, beim Kragen genommen und hinweggeschleppt wurde. Glücklicherweise war Philipp von allen schrecklichem Ereignissen des Abends so zusammengedonnert, daß er, als nun jene Katastrophe eintrat, nach den ersten ohnmächtigen Versuchen, sich zu verteidigen, in völlige Apathie versank und sich wie das Lamm zur Schlachtbank ruhig fortschleppen ließ. Es waren zwei handfeste Polizeisoldaten, die ihn im wahren Sinne des Wortes durch die Straßen schleiften. Philipps Kniee waren eingesunken, und seine unendlich langen Arme und sein Kopf hingen schlaff hernieder. Obendrein hatte er seine Pantoffeln verloren – es waren ein Paar abgeschnittene Stiefel, die er in den Feierstunden an den Füßen trug – und während das Wasser von unten seine Beine benetzte, drang der Regen von oben in sein herabhängendes Haar und näßte seine bunte Kattunjacke. Hierzu kam noch, daß durch das kräftige Anfassen der Häscher Philipps Hemdkragen auf der einen Seite gewaltig in die Höhe gezogen wurde. Alle diese Umstände trugen nicht wenig dazu bei, daß der Schließer des Polizeigefängnisses, wo man nun anlangte, den unschuldigen Philipp mißtrauisch anschaute und sein Aussehen für sehr verdächtig erklärte. Philipp kannte das Polizeigefängnis nur dem Namen nach, und oft, wenn er in Aufträgen seines Prinzipals an diesen hohen, grauen Mauern vorbeigegangen war, hatte er mit Entsetzen die fest verschlossenen Türen, die stark vergitterten Fenster angeschaut, und wenn sich an letzteren hier und da ein mageres Gesicht mit langem, struppigem Bart zeigte, hatte der menschenfreundliche junge Mensch geseufzt und bei sich gesprochen: »Man sollte selbst einen Mörder nicht unmenschlich halten!« Und jetzt, jetzt stand er selbst in der Vorhalle dieses schrecklichen Gebäudes, und vor ihm saß der diensthabende Polizeiwachtmeister, einige Fragen nach seinem Namen, Stand usw. an ihn richtend. Wenngleich Philipp diese aufs wahrhaftigste beantwortete, schüttelte doch der Polizeimann ungläubig den Kopf und entgegnete: »Ist alles erlogen, alles erlogen; kenne wohl den Herrn Reißmehl; ein sehr ordentlicher Geschäftsmann und ruhiger Bürger, hat in seinem Laden zwei Subjekte, eines, das schon ein paar Jahre dort ist und sich beständig gut aufgeführt hat, von dem auch die Polizei nichts Schlimmes weiß . . .« – »Bitte recht sehr, verehrtester Herr Kommissär, aber der bin ich ja selber.« – »Er?« entgegnete der Kommissär mit einem sehr verächtlichen Blick, »halt Er das Maul mit Seinem Lügen, oder ich will Ihm . . .« – Der arme Philipp, den das gräßliche Lokal, wo er sich befand, kaum wieder etwas zu sich selber gebracht hatte, war im Begriff, den Verstand zu verlieren, als er hörte, daß man ihm beweisen wollte, er sei nicht er selber. »Märtens!« rief der Wachtmeister in eine kleine, räucherige Nebenstube hinein, wo man beim Schein einer trüben Oellampe mehrere bewaffnete Leute erblickte, die auf einer Pritsche zu schlafen schienen, »Märtens, komm Er heraus und seh Er diesen Burschen genau an. Er treibt sich ja in dem Stadtviertel, wo der Herr Reißmehl wohnt, beständig umher und sollte dessen Leute wohl kennen.« – »Kenn' sie auch,« antwortete drinnen eine sehr heisere Stimme, und ein alter Polizeisoldat erschien in der Tür, der gähnend und sich reckend näher schlich; »kenn' sie alle, Herr Wachtmeister.« »Dann ist's gut,« dachte Philipp bei sich, »man wird gleich sehen, woran man ist,« und freudig durchzuckte ihn ein kleiner Hoffnungsstrahl. Er wandte seinen Kopf gegen den Polizeisoldaten, der ihn einen Augenblick gleichgültig ansah und darauf seinem Vorgesetzten ebenso gleichgültig meldete, den Menschen kenne er nicht. – Auf diesen schrecklichen Ausspruch hin fing es an in Philipps Kopf ernstlich umzugehen; es sauste ihm vor den Ohren, und er begann an sich selbst zu zweifeln. Sein erster Gedanke war, wenn er nur einen Spiegel hätte, in dem er sich betrachten könnte, um ins reine zu kommen, ob er es denn wirklich sei. Doch dauerten diese leichten, aber schrecklichen Anfälle nicht lange; denn Philipp war moralisch und physisch zu sehr von sich selber überzeugt. Gerechter Gott! dies waren ja seine langen, dürren Beine, dies waren seine magern Finger, und wenn sein Haar, in welchem er jetzt verzweiflungsvoll umherfuhr, nicht so strohdachähnlich geordnet, wie sonst, herunterhing, so war es doch immer das alte, lang, fahl, blond und struppig. »Sieht Er, junger Landstreicher,« fuhr der Wachtmeister fort, »sieht Er, daß man vor hoher Polizei mit dem Lügen nicht weit kommt? Doch wird sich Seine Sache morgen früh beim Verhör schon aufklären. Wir wollen unterdessen Sein Nationale aufnehmen und Ihn in Numro 4 unterbringen, da wird Er gut aufgehoben sein.« – Philipp stellte sich ein ehrsames Polizeigefängnis ungefähr so vor, wie er in alten Ritterbüchern von den Verließen gelesen hatte: tiefe, feuchte, haarsträubende Löcher, bevölkert von Ratten, Eidechsen und Fledermäusen – ach! und letztere fürchtete Philipp entsetzlich; tief im Grunde modern einige Skelette, an den Wänden herab fließt trübe Feuchtigkeit, dumpfes Kettengerassel, und nur oben durch wankendes Gesträuch fällt ein einziger Mondstrahl in den schauerlichen Raum. Das alles schwebte vor Philipps Phantasie, und er machte noch einen letzten, aber ebenso fruchtlosen Versuch, den Polizeimann von der Identität seiner Person zu überzeugen. Vergebens; es war elf Uhr, der Schließer sehnte sich nach Ruhe, die Tat der Laternenzertrümmerung war so gut wie bewiesen, und Märtens, der schon wieder auf seine Pritsche hinaufgekrochen war, beteuerte nochmals schon halb im Schlafe mit schwerer Zunge, den Herrn Philipp beim Herrn Reißmehl, den kenne er ganz genau, das sei ein scharmanter junger Mensch, und er wolle sich morgen früh einen Gang nicht gereuen lassen, um ihm zu erzählen, daß sich dieses polizeiwidrige Subjekt für ihn ausgegeben. Wie dem Unglücklichen, der dem Schließer durch einen Hof eine steinerne Wendeltreppe hinauf folgte, zu Mute war, kann man sich leicht denken, und obgleich ihm der Polizeimann versicherte, daß er ihn aus Gnade und Barmherzigkeit in Numro 4, eines der bessern Lokale, bringe, wo er anständige Gesellschaft finden werde, so konnte sich doch Philipp eines neuen Schauderns nicht erwehren, als die Tür zu Numro 4 vor ihm geöffnet war und er in ein Gemach schaute, aus dem ihm ein warmer, unangenehmer Duft entgegendrang, und das, von einem einzigen, fast erlöschenden Oellicht erhellt, ein sehr trostloses Aussehen hatte. Philipp wurde hineingeschoben, die Tür hinter ihm verschlossen, und so stand er da, von der ganzen zivilisierten Welt getrennt, inmitten einer Rotte Gefangener, von denen, wie der Unglückliche glaubte, wohl jeder ein Mörder sein konnte. Das Gemach mochte einige vierzig Schuh in der Länge und Breite haben; die Decke wurde von zwei hölzernen Pfeilern getragen, und drei vergitterte Löcher, die sich oben an der Wand befanden, stellten die Fenster vor. Rings herum liefen hölzerne Pritschen, auf denen die Bewohner von Numro 4 zum Schlafen ausgestreckt lagen. Es waren ihrer sechs, von denen aber nur zwei der Schlummer wirklich in die Arme genommen, was sich durch ein unheimliches Schnauben und Schnarchen verriet. Von den übrigen hatten sich drei um einen vierten gelagert, der oben auf der Pritsche zusammengekauert saß. Letzterer hatte die Beine kreuzweise übereinandergeschlagen, wie es die Schneider zu machen pflegen, und schien vor dem Eintritt Philipps gesprochen zu haben, hörte aber jetzt auf, und die vier schauten den Unglücklichen an, der entsetzt und verwirrt an der Tür stehen blieb und keinen Schritt vorwärts wagte. Wenn Philipp schon durch sein Bewußtsein, sich im Kerker zu befinden, moralisch niedergedrückt war, so wirkte der sonderbare Duft, der im Gemach herrschte und in welchem der Zwiebelgeruch die Oberhand hatte, physisch so vernichtend auf ihn, daß ihm der helle Schweiß von der Stirn troff und er sich an der mit Eisen beschlagenen Tür festhielt, um nicht umzufallen. Aengstlich sah er hinter sich, ob er nicht einen Sitz gewahr würde, auf dem er sich niederlassen könnte, und wirklich bemerkte er neben der Tür eine kleine hölzerne Bank, auf die er sich, nachdem er sie vorher mit den Händen betastet, langsam und geräuschlos niedersetzte. Doch wie ward ihm, als er hierbei mit dem Fuße an etwas stieß, das er alsbald als eine schwere eiserne Kette erkannte, die an einem Balken befestigt war und deren leerer, offener Schlußring ihn freundlich einzuladen schien, sich seiner zu bedienen. Von den vieren auf der Pritsche, die den Bewegungen Philipps aufmerksam zugeschaut, wandte sich einer an den, der etwas erhöht saß, und sagte ihm leise: »Der scheint mir auch noch nicht oft hier gewesen zu sein.« – »Jott!« antwortete jener, der durch den Dialekt alsbald seine Landsmannschaft verriet, »Gott, wie er sich retiré hält! Ich glaube, daß er Angst hat, oder es sieht in seinem Kopfe hochmütig aus. Man kann das nicht immer wissen, Männeken.« – »Ach was, hochmütig!« meinte der andere, »daß der Angst hat, kann jeder sehen. Habt ihr nicht bemerkt, wie er zusammenfuhr, als er an die Kette unter der Bank stieß?« – »Wir wollen schon dahinter kommen,« sagte der Sitzende. »Ich will ihn anreden und bald erfahren, wie es eigentlich mit ihm aussieht.« Bei diesen Worten reckte er sich so hoch wie möglich empor und rief laut: »He, Sie dort hinten an der Tür! Wissen Sie denn gar nicht, was sich schickt, wenn man in eine anständige Gesellschaft hineinkommt, und daß man den Leuten, die schon beisammen sind, einen juten Abend wünscht? Das ist Ton in der ganzen Welt.« Philipp, der die Bewegungen der vier nicht außer acht gelassen, bemerkte kaum, daß er mit dieser Anrede gemeint sei, als er sich rasch erhob, eine Verbeugung machte und in der Angst die Worte stotterte: er wünsche guten Abend, und es sei ihm nicht in den Sinn gekommen, gegen irgend jemand unhöflich zu sein; vielmehr habe er geglaubt, den Schlaf der Herren zu stören, und sei deshalb . . . – »Seht ihr wohl?« sagte einer der drei. »Was Hochmut! Angst war es. Mach ihn couragiert, Schneider! Wir wollen doch erfahren, wer es eigentlich ist.« Der Schneider veränderte die Lage seiner Beine etwas, nickte mit dem Kopfe und wandte sich, jetzt in Ton und Worten viel höflicher, an Philipp, indem er ihn bat, näher zu kommen und an der Unterhaltung teilzunehmen, was derselbe denn auch tat, indem er seine Kettenbank verließ und sich auf den äußersten Rand der Pritsche niedersetzte. »So,« sagte der Schneider in sehr herablassendem Tone, »hier befinden Sie sich weit besser; wie ich nach Ihrem Aussehen schließe, ohne Ihnen Komplimente machen zu wollen, scheinen Sie mir zur juten Gesellschaft zu gehören und nicht auf die Bank dorten zu passen, allwo ein sehr verdächtiger Platz ist.« – »Ja, das mein' ich auch,« nahm ein anderer das Wort, »hab's vorhin gleich gesagt, daß Sie noch nicht oft hier waren und gewiß auch nicht mit der Polizei in schwere Geschichten verwickelt sind.« – »Hat vielleicht gefochten, wie ich,« meinte ein dritter. – »Hat man Sie auf dem Fechten attrappiert, junger Mensch?« lachte der Schneider. »Ja, sehen Sie, es gibt im Menschenleben Augenblicke, sagte der unsterbliche Schiller, ehe sie ihm zu Stuttgart eine Bildsäule gesetzt.« – »Also gefochten? Das kostet höchstens drei Tage, dann werden Sie auf den Schub gesetzt und kommen unentgeltlich nach Hause.« – »Aber, meine Herren,« entgegnete Philipp kleinlaut, »ich verstehe Sie in der Tat nicht. Ich bin sehr friedfertiger Natur, habe nie in meinem Leben gefochten, mag überhaupt die spitzen und scharfen Waffen nicht leiden.« Ob dieser Aeußerung lachte der Schneider übermäßig, und nachdem er sich vergeblich bei Philipp erkundigt, welches Zeichens er sei, da der Ladendiener auch diesen Ausdruck nicht kannte, setzte er ihm auseinander, daß Fechten in der Handwerkssprache so viel bedeute, als an irgend einer geöffneten Haustür oder auf der Landstraße an einem vorbeirollenden Wagen um eine kleine Anleihe zu bitten. – Durch diese freundschaftlichen Lehren aufgemuntert, ließ der unschuldige Arrestant sich nicht lange nötigen und erzählte, durch welche Tücke des Schicksals er hierher gebracht worden sei, eine Geschichte, welche die vier nicht wenig ergötzte; namentlich schienen sie, jedoch zum großen Mißvergnügen Philipps, am Doktor Burbus viel Geschmack zu finden, und einer der Burschen meinte, das sei ein Kapitalkerl. Der Schneider aber ließ nach einer Weile wehmütig sein Haupt sinken und sagte in traurigem Tone: »Ach, Jott, mit solchen Verwechslungen – das kann sehr unangenehme Ausläufe nach sich ziehen, ja, ich versichere euch, sehr unangenehme Ausläufe!« – »Hast du hierin ebenfalls unangenehme Erfahrungen gemacht, Schneider?« fragte einer lachend, worauf der Schneider sein Haupt noch tiefer auf die Brust senkte und zur Antwort gab: »O Jott, Bruder Danziger, dieses war der schrecklichste Augenblick meines Lebens!« – »Das soll er uns erzählen,« riefen die andern, und der Bruder Danziger setzte hinzu: »Ja, Bruder Schneider, erzähle, es wird dein armes Herz erleichtern.« Der Kleiderkünstler richtete sich auf bei dieser Anrede, geschmeichelt durch das allgemeine Verlangen, seine Geschichte zu hören, und zog seine Beine fester an sich, wie er es jedesmal machte, wenn er ein Hauptstück Arbeit begann, fädelte sein Gedächtnis in die spitze Zunge und begann, nachdem er vorher drei tiefe Seufzer getan: »Wenn es auch in meiner zarten Jugend gerade nicht mein Wille war, das Schneiderhandwerk zu erlernen, so mußte ich doch hierin meinem Papa selig folgen, der seines Zeichens ein Küster war und beständig behauptete, bei meinem schwächlichen Körperbau sei das Schneiderhandwerk das einzige, wozu mich Gott mit den natürlichen Anlagen versehen. Das muß wahr sein, ich war beständig sehr friedfertiger und stiller Natur. Wenn sich die andern Knaben herumbalgten, saß ich entfernt und schaute zu. Wißt ihr, es war damals schon so etwas Sinniges, Sentimentales in mir.« – »Verstehe, verstehe,« sagte der Bruder Danziger, der Schlosser, und brachte sein breites, rotes Haupt in eine bequeme Lage, indem er ein Paar kräftige Fäuste darunter stützte. »Von allen Spielen,« fuhr der Schneider fort, »wobei es galt, Gefahren zu bestehen oder körperliche Kraft zu entfalten, hielt ich mich, wie gesagt, fern, und mußte deshalb viel von meinen Kameraden erleiden. Wie oft schlichen sie in die Kirche, wenn mein Herr Papa selig zur Vesper die Glocke anzog, und faßten alsdann, wenn er fort war, die Seile, um sich durch die noch hin und her schwingenden Glocken hoch gegen die Decke schleudern zu lassen; ein schreckliches Vergnügen, das mir jedesmal Haarsträuben machte. Da ich auf diese Art so gar nicht mit meinen Kameraden harmonierte, wurde es mir nicht schwer, die Heimat zu verlassen, um in der benachbarten Stadt die Schneiderei zu erlernen. Auch war mein schwärmerischer und sinniger Charakter schuld, daß ich mir die zarteste Branche des Geschäfts erkor. Ich bildete mich zum Damenkleidermacher aus. Ich weiß nicht, für mich lag in dem Worte Damenkleidermacher so etwas Zartes, Gefühlvolles, und wenn ich in meinen Freistunden schöne, lehrreiche Bücher las, worin die Geliebte zu ihrem Geliebten sagt: »O Ritter vom halben Mond, wie liebe ich dich!« da dachte ich – es war vielleicht Schwachheit – wie viel schöner es klingen würde, wenn sie spräche: »Ach, Damenkleidermacher, wie liebe ich dich!« »Aha!« lachte der Schlosser, »bei den Gedanken wird's lange Stiche in den Kleidern und lange Striche auf deinen Rücken gegeben haben.« – »O, du irrst, Danziger. Ich kann es mir zum Ruhme nachsagen, daß ich einer der fleißigsten und geschicktesten Arbeiter war. Dafür schenkte mir auch der Meister sein Zutrauen, und es dauerte nicht lange, so wurde mir das Maß anvertraut, und ich durfte hier und da zu den Kunden gehen, um sie zu bedienen. Ach, das waren süße Stunden für mich, Stunden, von denen du, Bruder Schlosser, bei deinem schwarzen, sauren Geschäft, und ihr andern bei eurer Hobelbank keine Ahnung habt. Seht ihr, das Maß anlegen zu dürfen um die Taille irgend eines hübschen Mädchens, darauf den Querschnitt von der rechten Hüfte über die linke Brust bis auf die Achsel hinauf messen zu dürfen – ach, und die Fragen, die mir erlaubt waren!« – »Hm! hm!« schmunzelte der Schlosser, und die beiden Schreiner leckten sich augenscheinlich an den Lippen; selbst über Philipps Gesicht fuhr eine gelinde Röte. »Der Schneider und der Doktor,« fuhr der Erzähler fort, »der Doktor und der Schneider, vor diesen beiden Geschäften genieren sich die Weiber am allerwenigsten. Ich sage euch, Leute, ich muß meine Erinnerungen gewaltsam unterdrücken; dieses Arrestlokal und jene süßen Andenken – schauderhaft! – So war ich bei meinem Meister in der Stadt von meinem sechzehnten bis zu meinem zwanzigsten Jahre, und was mich bei den Gefahren, die meine Moral rings umgaben, allein erhielt, das war, ach Jott! eine ehrerbietige, reine Liebe, die ich zur Tochter meines Meisters – sie hieß Rosine – in meinem Herzen nährte. – Rosine – Damenkleidermacherin – das waren Worte, die mir, mit süßen Bildern umgeben, im Traum und Wachen vorschwebten. Ihr hättet sie aber auch sehen sollen, Leute. Zum Maß ihrer Taille höchstens Numro 23 oder 24, dagegen der Querschnitt, o Jott! zwischen 50 und 60! dabei hatte sie schwarze, feurige Augen, schönes Haar, rote Backen, schneeweiße Zähne.« – Bei dieser Beschreibung machte Bruder Danziger, der Schlosser, eine kleine Bewegung und legte sich auf die Seite. »Wie ihr es mir jetzt noch anseht,« fuhr der Schneider fort, »kann man von mir nicht sagen, daß ich sehr robust und von starkem Körperbau sei. Damals, das sind nun schon vier Jahre her, war ich noch etwas schmächtiger, wonach ihr euch leicht vorstellen könnt, daß ich wie ein Kind neben der Jungfer Rosine stand. Doch schreckte mich das nicht ab, vielmehr dachte ich an den unsterblichen Schiller, wenn er sagt, daß nur das Ungleiche einen guten Klang gibt, und daß sich das Harte stets mit dem Weichen verbinden müsse. Ob Jungfer Rosine,« fuhr der Schneider fort, »von meiner Liebe damals eine Ahnung hatte oder nicht, wer weiß es? Daß sie mich nicht zärtlich wieder liebte, das konnte ich allenfalls wohl sehen, doch glaubte ich deswegen nichts von den Sticheleien meiner Kameraden, wenn sie einander ziemlich laut ins Ohr raunten, daß Jungfer Rosine eine ernstliche Liebschaft mit einem gewissen Ulanenwachtmeister habe, den auch ich sehr wohl kannte. Daß sie zufälligerweise gewöhnlich am Fenster war, wenn die Schwadron vorbeiritt, und daß sie dem Wachtmeister zulächelte, wenn er eine kleine Bewegung mit dem Säbel gegen sie machte, hatte schon seine Richtigkeit. Aber, mein Jott! was konnte ich daraus Arges abnehmen? Er kannte den Meister von früher her, kam auch hier und da ins Haus, kurz, ich sah nichts Böses dahinter. Da, eines Tages schickte mich der Meister zu Jungfer Rosine hinauf, um ihr einen neuen Ueberrock anzumessen, den ich die Ehre haben sollte, zuzuschneiden. Ich maß, o Jott! Und wenn ich auch zehnmal zuschaute, ob ich nicht ein falsches Maß erwischt habe, und wenn ich das Leder auch noch so stark anzog, es blieb nicht mehr bei den Vierundzwanzigen.« – »Oho!« lachte Bruder Danziger, »das hab' ich mir gedacht!« – »Ich dachte aber nichts dabei,« sagte der Schneider schwermütig; »ich maß in meiner Unschuld ruhig fort, und nicht einmal das Lachen meiner Kollegen unten, als ich die Zahlen in das Maßbuch eintrug, vermochte argwöhnische Gedanken in mir zu erregen. Jungfer Rosine war zur damaligen Zeit freundlicher gegen mich als gewöhnlich, und ich nährte die Hoffnung, endlich ihr jungfräuliches Herz erweichen zu können. Mit keinem sprach sie so freundlich, und stets war eines ihrer teuren Kleidungsstücke bei mir in der Werkstätte, um es auszubessern. Daß ich für diese kleinen Aufmerksamkeiten nicht unempfindlich war, könnt ihr euch denken. Bruder Danziger, hast du eine Idee davon, was Schmachten heißt?« »Jawohl, jawohl!« rief der Schlosser, »wenn ich auf der Reise kein Geld mehr hatte und das Fechten nicht gelingen wollte, da hab' ich geschmachtet.« – »O Bruder,« erwiderte der Schneider sanft, »du bist entsetzlich prosaisch! Nein, schmachten mit der Geliebten ist was ganz anderes. Du kommst abends aus dem Bierhause heim, wo du nur an sie gedacht, es ist spät in der Nacht, du bist weich gestimmt, dein Herz singt: Es regnet und es schneit, Es geht ein kühler Wind. Es schlafen alle Leut' Und alle Bürgerskind.« Der Schneider schwieg und ließ das Haupt auf die Brust sinken. Nach einer Weile fragte einer der andern: »Nun, wie ging's weiter?« – »Eines Abends spät,« fuhr jener fort, »kam ich aus dem Bierhause . . .« – Er schüttelte wehmütig den Kopf. »Nein, erlaßt mir die Geschichte der schrecklichsten Nacht meines Lebens – für jetzt wenigstens; die Erinnerung ist mir gar zu schwer, und ich bin entsetzlich müde. Morgen sollt ihr hören, wie meine Liebe zu Grabe ging.« Es war allermittelst sehr spät geworden; die Oellampe auf dem Gesims zuckte sterbend zusammen. Der Schneider sprang von der Pritsche auf und präparierte sich zum Schlafen, wie er es nannte, indem er ein kattunenes Schnupftuch um den Kopf wickelte, den Rock auszog und ihn, so gut es ging, über seinen Körper deckte. Philipp hatte sich über der Erzählung des Schneiders eine Weile selbst vergessen; jetzt aber saß er wieder trostlos auf der Ecke der Pritsche und konnte sich nicht entschließen, seine Glieder auf das harte Holz auszustrecken. Er hätte auch wahrscheinlich die ganze Nacht so sitzend zugebracht, wenn ihm der Schneider nicht Mut eingesprochen: eine einzige Nacht könne man es auf der Pritsche wohl aushalten, man müsse alles im Leben lernen, und mit einem ruhigen Gewissen schlafe man überall gut. Was das letztere betraf, so konnte sich Philipp dessen rühmen, und als er, den Ermahnungen des Schneiders folgend, seinen armen Körper auf der harten Pritsche in die beste Lage gebracht, fiel er nach all den Mühseligkeiten des Tages in einen festen Schlaf, der bis an den hellen Morgen dauerte. Um diese Zeit wiegte er sich gerade in angenehmen Träumen. Er war mit Jungfer Barbara im ersten Stock, lehnte vertraulich mit ihr am Fenster, das in Hof und Garten hinausging, und freute sich an dem herrlichen Gottessegen, der dort gedieh. »Das ist alles dein,« sprach eine weiche, schmelzende Stimme, die er wohl kannte; »das ist alles dein, und drunten die Hühner im Hofe sind dein, und das Spezereigeschäft Reißmehl u. Comp. ist dein und heißt jetzt Reißmehl und Philipp.« Es war dem guten Philipp im Traum nicht anders, als wäre alles schon sein; die Blüten nickten ihm ordentlich zu; die Hühner drunten schienen die tiefsten Reverenzen zu machen, und aus der Küche strömte ein Duft empor wie von frischgebackenem Hochzeitskuchen. Da krähte der Hahn, und Philipp fuhr erschrocken von der Pritsche in die Höhe. Verschwunden war sein süßer Traum, aber der Hahn hatte wirklich gekräht und krähte zum zweiten- und drittenmal, und als sich Philipp erstaunt nach dem Tier umschaute, sah er, daß es der Damenkleidermacher war, der wieder wie gestern hoch auf der Pritsche saß und lustig krähte, wobei er seine Morgentoilette machte. Bruder Danziger wälzte sich ihm zu Füßen, unmutige Worte zwischen den Zähnen murmelnd, und die beiden Schreinergesellen hatten sich zärtlich umarmt und schnarchten aufs eifrigste, Brust an Brust und Nase an Nase. Gott! er war nicht im ersten Stock bei Jungfer Barbara, er roch nicht den Duft der ihm zu Ehren gebackenen Hochzeitskuchen; er war im Arrest, im Gefängnis, im Kerker. Jetzt stand der gestrige Abend wieder klar vor ihm, er hörte die unglückliche Fanny heulen, er sah die Laterne zertrümmert am Boden liegen, und seine Glieder zitterten aufs neue vor Schreck, als er daran dachte, wie er gestern abend von den Schergen fortgeschleppt worden war. Diese Betrachtungen waren so schmerzlich, daß sie den Unglücklichen aufs neue niederdrückten, und er saß da auf der Pritsche trost- und hoffnungslos, die Hände gefaltet und den Kopf tief auf die Brust hinabgesenkt. Sechzehntes Kapitel . Krankheit. Nach jenem Vor- und Unfalle in der Domkirche fiel ich, wie gesagt, in einen tiefen Schlaf, wobei die gespenstischen Träume, die mich vor dem Muttergottesbilde im Chorstuhle umwebt, sich fortspannen. Allmählich aber wurden sie lichter, ruhiger, und wenn ich hier und da die Augen öffnete, erschienen vor mir dickbäuchige und langhalsige Medizinflaschen, die alsdann in meinen Phantasien Ruhe predigend und das wilde Volk besänftigend wieder vorkamen. Diese Flaschen mit ihrem dunkelbraunen, fast schwarzen Saft und mit der weißen Etikette am Halse erschienen mir wie würdige Pfarrherren, vor dem bösen, wilden Volke predigend. Ich lag in der Stube bei meiner Tante, die ich auch vor meinem Eintritt in das Reißmehlsche Haus bewohnt hatte, und nach und nach übten die wohlbekannten alten Gerätschaften eine wohltätige Macht auf mich und führten mein Bewußtsein allmählich zurück. Von meinem Bett aus konnte ich die beiden Fenster der Stube sehen, vor denen Vorhänge hingen, die mit wunderbaren Landschaften bemalt waren. Aus dem einen Bilde erhob sich hinten ein großer Fels, welcher ein stattliches Schloß mit hohen Mauern und Türmen trug. Unten war ein breiter Fluß, auf welchem Leute in einem Nachen fuhren, und daneben zog sich zum Schlosse ein Hohlweg hinauf, auf dem eine Schar Ritter und Reisige, vollkommen geharnischt, einzog. Der andere Vorhang stellte einen anmutigen Talgrund vor, in welchem sich eine Mühle befand. Das Wasser sprühte über das Wehr hinab, und das Rad der Mühle war so natürlich dargestellt, daß man glauben konnte, es drehe sich wirklich um. Im Fenster lag der Müller mit einer spitzen Mütze auf dem Kopfe und rauchte aus einer kurzen Pfeife. Vor der Mühle war ein Garten, in welchem ein paar Kinder spielten, und diese stille Szene umzog dichter, finsterer Hochwald, vor welchem hier und da ein Hirsch oder ein Reh stand. Auf diesen Gemälden kannte ich jeden Stein und jeden Baum; ich wußte sogar mehr, als wirklich darauf zu sehen war. Dort, wo sich nach dem Schlosse hinauf der Hohlweg hinter dem Berge verlor, sah ich im Geiste ganz deutlich die Fortsetzung desselben. Dort zogen schon andere Heerhaufen dem zurückkehrenden Ritter voran. Und wie ich mir die Aussicht von den Zinnen der Burg droben und das dahinterliegende Tal malte – etwas Schöneres konnte es auf der ganzen Erde nicht geben. Viel lieber aber war mir die Mühle; für sie hatte ich aus den Erzählungen meiner Tante einen reellen Anhaltspunkt, den ich nach Belieben ausmalen konnte. Schon oft hatte sie nämlich von einem Vetter erzählt, der, einige Meilen von der Stadt entfernt, tief im Walde eine Mühle besaß. Meine Tante, die sich in ihrer Jugend dort zuweilen wochenlang aufgehalten hatte, wußte vom stillen Leben im Tale so viel Trauliches zu erzählen, daß meine Sehnsucht, die dunkeln Eichenwälder zu durchwandern und den Hirschen und Rehen zuzuschauen, nicht gering war. Wenn ich den Vorhang mit der Mühle anschaute, so war es mir, als sei ich schon dort, ich durchwanderte das ganze Haus, setzte mich an das sprühende Mühlrad und konnte mit dem alten Müller dort im Fenster die vernünftigsten Gespräche führen. Schon bei einer früheren Krankheit waren diese beiden Vorhänge eine bedeutende Ressource für mich gewesen. Ich konnte mich bei der Ritterburg in romantische Träumereien einwiegen, mich in höhere Sphären versteigen, und stieg dann bei der Mühle wieder zur Wirklichkeit herab. Auch jetzt, sobald ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, waren die beiden Landschaften das einzige, womit ich mich unterhalten mochte. Den mich umgebenden Personen, obgleich ich sie wohl erkannte, schenkte ich wenig Aufmerksamkeit; ich war zu schwach und angegriffen dazu, und wenn ich einige Minuten lang in meinen Landschaften spazieren gegangen war, schloß ich die Augen und schlief sachte wieder ein. Daß alle Mitglieder des Hauses meiner Tante sowie alle Gevatterinnen und nächsten Bekannten an meinem Schicksal innigen Anteil nahmen, kann man sich vorstellen. Die Großmutter hatte, was wohl seit zehn Jahren nicht vorgekommen war, ihren Tisch und Stuhl mit dem kattunenen Kissen von ihrer Stelle rücken und zu mir heraufbringen lassen. Ja, sie war förmlich mit der silbernen Brille des französischen Generals und der kleinen Tabakdose der seligen Gräfin ausgewandert, und nicht zu vergessen ihr Staatsarchiv, das sie unter dem Arme trug, hatte sie sich förmlich bei mir oben einquartiert. Es versteht sich von selbst, daß sie, als Haupt des Hauses, die ganze weibliche Einwohnerschaft nach sich zog und um sich versammelte. Durch diese ihre Aufopferung hatte meine Krankheit erst eine rechte Wichtigkeit bekommen. Die Schneiderswitwe, die zur Miete im dritten Stock wohnte, sowie die Frau des Schusters, der im Hintergebäude sein Leder verklopfte, waren täglich da, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, zarte Aufmerksamkeiten, die neben meinem Leben wohl dem guten Kaffee und den feinen Likören galten, welche meine Tante bei solchen Veranlassungen freigebig spendete. Wenn ich bis jetzt bei diesen Krankenbesuchen der Jungfer Schmiedin nicht gedachte, so möge man es mir nicht als Undank gegen diese würdige Person auslegen, vielmehr muß ich ihrer aufopfernden Tätigkeit mit einigen Worten extra gedenken. Als ich sie nach meinem Delirium zum erstenmal wiedererkannte – ich hatte der Burg sowie der Mühle eben einen kleinen Besuch abgestattet – da stand die Schmiedin am Fußende des Bettes mit einer umfangreichen Medizinflasche in der einen und einem silbernen Löffel in der andern Hand, wobei sie mich stumm betrachtete. Mir schien, als habe sich die Jungfer Schmiedin sehr verändert, sie sah auffallend blaß aus, und ihre Toilette, die namentlich, was Hauben anbetraf, immer äußerst sauber war, kam mir heute gar nicht so geordnet vor, wie sonst. Ach, ich wußte nicht, daß es Spuren der vergangenen Nacht waren, in welcher die Jungfer Schmiedin bei mir am Bette gewacht! Großmutter thronte am Tisch in stiller Majestät und wandte jetzt den Kopf nach meinem Bette, wobei sie die Brille etwas zurechtschob. »Aber, Schmiedin,« sagte sie, »jedes Ding hat seine Zeit; jetzt fehlt ja noch eine ganze Viertelstunde an drei Uhr.« – »Ach, Frau Pastorin,« antwortete jene, und ich konnte trotz meiner halb geschlossenen Augen sehen, wie ihr Blick von Tränen feucht wurde, »lassen Sie mich doch! Die paar Minuten steh' ich gerne so, damit die Medizin genau zur rechten Zeit genommen wird, denn das hat der Herr Doktor ausdrücklich befohlen.« – »Wem nicht zu raten, dem ist nicht zu helfen,« brummte die Großmutter, und ich schlief nach dieser Szene wieder ein. So oft ich am Tage wieder erwachte, und auch meistens in der Nacht, war die Schmiedin da und schaute mich wehmütig an. Zu meiner großen Schande muß ich gestehen, daß ich nicht viel gute Worte für die arme Person hatte, sie vielmehr eines Tages sehr beleidigte. In gesunden Tagen hatte mich ihr weinerliches Wesen sehr gerührt, und da es meistens mit meinen Interessen Hand in Hand ging, so mochte ich es wohl leiden; aber ich weiß nicht, woher es kam, daß ihr ewig kummervolles Gesicht sowie ihre Tränenfluten jetzt, da ich im Bett lag, einen unangenehmen Eindruck auf mich machten. Genug, ich sagte es eines Tages der Großmutter, die mir ruhig erwiderte: »Gewohnheiten, böse Gewohnheiten!« und es der Schmiedin wiedererzählte. Später erst hat mir die gute Person vertraut, wie furchtbar ich sie damit gekränkt; der Großmutter aber antwortete sie, während ihre Tränen an Nase, Kinn und Halstuch kleine Wasserfälle bildeten: »O, Frau Pastorin, von Natur bin ich vom festesten Charakter, den nichts zu erschüttern vermag; aber wenn dem Kinde, das ich von Geburt an gepflegt, etwas Leides geschieht, da muß ich weinen, und wenn es unser Herrgott verböte.« – Daß ihr die Großmutter über die letztere unchristliche Aeußerung den Text las, kann man sich denken; aber den Vorwurf über ihre Weinerlichkeit hatte sie sich gemerkt und gab mir später in meinem Bett viel Stoff zur Heiterkeit. Die merkwürdigen Gesichter, welche die Schmiedin von jetzt an schnitt, um das Weinen zu verbeißen und lächelnd auszusehen, hätten einen Todkranken lustig stimmen müssen. In der Reißmehlschen Angelegenheit hatte ich der Schmiedin wieder sehr viel zu verdanken: sie brachte im weiblichen Kollegium, das sich täglich in meinem Zimmer versammelte, mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit die fürchterlichsten Anklagen gegen den Prinzipal, gegen Philipp und namentlich gegen Jungfer Barbara vor, und motivierte dieselben aufs glänzendste, so daß selbst die Großmutter gestehen mußte: ja, es sei nicht das rechte Haus gewesen. – »Ach, Frau Pastorin,« schluchzte die Schmiedin mit trockenen Augen, »ich hab' es ja immer gesagt, die Jungfer Barbara ist eine bösartige Person, und das arme Kind in dem finsteren, unheimlichen Hause – nein, das war nicht zum Aushalten!« – »Ja, ja,« wiederholten meine Tanten, die Schneiders und die Schustersfrau unisono, »das war nicht zum Aushalten!« Mein Vormund aber, der mich von den Geschäften in seiner finstern Kanzleistube gar ziemlich genau zu kennen die Ehre hatte, mochte nicht ganz dieser Meinung sein. Er hatte der Großmutter einen langen Brief geschrieben, aus dem man mir in betreff meiner nur die schonendsten, zartesten Stellen mitteilte, aus denen ich aber entnahm, daß noch ein ziemliches Gewitter für mich im Anzuge sei, das, wie es am Schlusse des Briefes hieß, wahrscheinlich in der Person des Onkels und Vormundes nächster Tage anrücken werde. Bei der sorgfältigen Behandlung, die man mir angedeihen ließ, machte ich in meiner Gesundheit rasche Fortschritte, und ich hatte noch nicht ganze vier Tage im Bette zugebracht, so erklärte mich der Doktor außer Gefahr und verordnete mir stärkende Suppen, ein Thema, das bei dem weiblichen Personal zu nicht wenig Streitigkeiten Anlaß gab. Der Arzt, ein dicker, gemütlicher Herr – er trug immer einen blauen Frack und eine weiße, hohe Halsbinde – saß alsdann vor meinem Bett und leitete die stürmische Sitzung. »Ach, Herr Doktor,« jammerte die Schmiedin, »ich bin nun einmal für die Weinsuppe; ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß auf einen geschwächten Magen die Weinsuppe . . .« – »Ja,« unterbrach sie die Schustersfrau; »Weinsuppe mit Rosinen . . .« – »Was, Weinsuppe!« fiel meine Großmutter ein, »eine gute Fleischbrühe ist viel kräftiger« – »oder ein zartes, junges Huhn,« setzte die verwitwete Schneiderin hinzu. Und nun begannen die Parteien zu streiten; man hörte die Vorzüge der Weinsuppe und Fleischbrühe aufs heftigste verteidigen. Der Doktor hatte alsdann seinen Stock zwischen die Beine gestellt, den Kopf darauf gestützt, und sah lächelnd die Parteien an. Er war ein kluger Mann, der Doktor, und bei solchen Gelegenheiten handelte er höchst selten streng durchgreifend, er wartete mit Ruhe den Schluß der Verhandlungen ab und sagte alsdann seine Meinung, die natürlich die Oberhand behielt. Wenn so etwa die äußerste Rechte in der Person der Großmutter die Motion für Fleischbrühe glücklich durchgebracht hatte, und die Schmiedin als äußerste Linke noch ihre einzige Hoffnung auf den Doktor setzte, erhob sich dieser stillschweigend, fühlte mir nochmals an den Puls und sagte ruhig: »Liebe Frau Pastorin, mir scheint, wenn Sie dem Jungen einen tüchtigen Gerstenschleim machen ließen, das wäre das beste.« – »Ja, ja,« jauchzte die Schmiedin, um doch nicht unrecht zu behalten, »Weinsuppe oder Gerstenschleim! doch ist das letztere besser!« Und der Doktor entfernte sich lachend. Mein würdiger Prinzipal, Herr Reißmehl, hatte sich trotz all den Unbilden, die ich ihm zugefügt, doch zuweilen nach meinem Befinden erkundigen lassen, sogar, wie die Sage aus dem Munde unserer Hausmagd lautete, war eines Nachmittags eine schauerliche Gestalt erschienen, deren Aeußeres, wie sie beschrieben wurde, viel Aehnlichkeit mit Philipp hatte. Ich hätte alle die Besuche darum gegeben, wenn ich nur über das Schicksal meines Freundes Burbus etwas hätte erfahren können. Daß er noch in der Stadt war, mußte ich glauben; er hatte mir ja feierlich versprochen, mich vor seiner Abreise heimzusuchen. Mir war der Doktor wirklich lieb; im Gegensatz zu den dürren, trostlosen Steppen des Reißmehlschen Hauses erschien mir mein Freund wie ein saftiger Rasenplatz, auf dem freilich viel Unkraut wucherte. Neben meiner Freundschaft für ihn quälte es mich auch, etwas über die Laternengeschichte zu erfahren. Wenn ich an das Polizeigericht dachte, überlief es mich kalt, und ich sah den armen Doktor schon im Geiste in den Krallen der heiligen Hermandad. Unter diesen Umständen war es mir ein Bedürfnis, seine Freundschaft für mich den Meinigen gegenüber ins hellste Licht zu setzen. Zuerst eroberte ich das Herz der Schmiedin zugunsten des Doktors; die Schmiedin influierte sofort auf die Tante, und es gelang, sogar die Großmutter etwas Weniges für ihn einzunehmen. Bei der alten Frau aber tat der Name mehr, als was ich von seiner Persönlichkeit zu erzählen wußte. »Burbus!« sagte sie, und nahm eine Prise aus der gräflichen Dose; »Burbus!« wiederholte sie, und schob die Brille des alten Generals in die Höhe, wie sie immer zu tun pflegte, wenn sie nachdachte. – »Mama,« sagte die Tante, »erinnern Sie sich? Burbus, so hieß der alte Müller, von dem Vetter Lamprecht die Mühle kaufte.« – »Ganz recht,« sagte die Großmutter nachdenklich; »ich habe ihn mit meinem Mann selig oft besucht. Jawohl, jawohl, die Mühle gehörte auch zu unserem Pfarrdorf; wird wohl der Burbus sein.« – »Gewiß!« rief ich, »er hat mir einmal erzählt, sein Vater sei Müller gewesen.« – »Auch erinnere ich mich,« fuhr die Großmutter fort, »damals einen kleinen, pausbackigen Jungen gesehen zu haben, der vor der Tür spielte.« – »Ja, Großmutter,« sagte ich, »das wird er wohl gewesen sein.« – »Und jetzt, jetzt geht es ihm so schlecht!« seufzte die Schmiedin dazwischen. »Das arme, arme Kind!« – »Bitt' Sie, Schmiedin!« rief die Großmutter etwas ärgerlich, »fang' Sie nicht wieder an zu lamentieren! Was Kind! Das sind jetzt dreißig Jahre her.« – Die Schmiedin legte die Hand aufs Herz und schwieg mit einem Blicke still, der deutlich sagte: Warum hat mich der liebe Herrgott so zartfühlend geschaffen! Siebzehntes Kapitel . Verlobung und Edelmut. Im Reißmehlschen Hause war auf die gestrige furchtbare Katastrophe tiefe Ruhe gefolgt. Fanny lag in ihrem Korbe und ruhte von der Laternenstrapaze aus; aber manchmal zuckte sie zusammen und öffnete das Maul zu einem leisen Geheul, eine trübe Erinnerung an schreckliche Stunden. Philipp, den nach der schlimmen Nacht im Arrest Barbaras außerordentlich herzliche Begrüßungen, eines starken und guten Kaffees nicht zu gedenken, vollkommen restauriert hatten, stand wie gewöhnlich wieder hinter dem Ladentisch in seiner ganzen Glorie. Das Strohdachähnliche seiner Frisur war sorgfältig hergestellt, eine neue Kattunjacke schmückte ihn, und Barbara hatte an Stelle der in der Nacht verloren gegangenen Pantoffeln ihre eigenen Hausschuhe hergegeben, die, warm und dicht, Füße und Herz des unschuldig Mißhandelten aufs sanfteste erwärmten. Gegen Mittag aber kam ihm eine Nachricht zu, die ihn wieder bedeutend aufregte, da sie mit den Ereignissen der verflossenen Nacht offenbar im engsten Zusammenhang stand. Eine Magd aus dem Nachbarhause, die in den Laden kam, erzählte ihm, am Morgen sei Doktor Burbus auf die Polizei gerufen worden, habe sich aber mit Krankheit entschuldigt; als nun nach Verfluß einer Stunde der Polizeikommissär selbst sich eingefunden, um sich von der Wahrheit des Vorgebens zu überzeugen, sei der Doktor verschwunden gewesen, und eben jetzt befinden sich Gerichtsschreiber und Urkundspersonen drüben in seinem Zimmer, um die Pfändung seiner Habe vorzunehmen, welches Geschäft schnell beendigt sein werde. Philipp faltete die Hände, als er dies vernahm, und sein erster Gedanke war, daß doch auch bei der Justiz Gerechtigkeit zu finden sei, und seine zweite Regung war Mitleid mit dem, der sich oft so schwer an ihm versündigt. Der Prinzipal, den der Gang auf die Polizei aus dem gewöhnlichen Gleise seiner Geschäfte gebracht, war heute morgen, statt um sieben, erst um elf Uhr nach einer langen Unterredung mit der Jungfer Barbara in den Garten gegangen, und erschien offenbar sehr zerstreut. Seit zwanzig Jahren vergaß er zum erstenmal, seine Taschenuhr nach dem alten Gnomon zu richten, nahm auf der gewöhnlichen Stelle keine Prise, betrachtete den großen Birnbaum neben der Sonnenuhr kaum mit einem flüchtigen Blick und beklatschte keinen der jungen Obstbäume mit der flachen Hand. Und an dieser ganzen Aenderung seines Wesens war nicht mein Auftritt aus dem Hause schuld, auch nicht die Einkerkerung des unschuldigen Philipps, sondern die Unterredung mit seiner Schwester, der Jungfer Barbara, welche ihrem überströmenden Herzen gegen den Bruder Luft gemacht und ihm erklärt hatte, Philipp liebe sie, und da auch ihre Gefühle mit dieser zarten Neigung harmonierten, so sei sie entschlossen, seinen Bewerbungen Gehör zu geben und als seine Ehehälfte mit ihm fortzuziehen, wenn der Bruder auf diese Eröffnung hin nicht geneigt sei, seinen früheren Gehilfen als Kompagnon ins Geschäft zu nehmen. Dies überlegte Herr Reißmehl, während er im Garten auf und ab lief. Die Sache beschäftigte seinen Geist gewaltig. Der sonst so reinliche Mann achtete der Wasserpfützen im Garten nicht, sondern trabte unverdrossen durch die Wege, so daß seine weißen Strümpfe und schwarzen, kurzen Beinkleider bald so bespritzt aussahen, als wäre er Kurier geritten. Wenn ihm auch Philipp als Schwager nicht sonderlich behagen mochte, so bedachte er dagegen, daß seine Schwester die Hälfte des Vermögens ansprechen könne, und daß er bei einer Trennung vielleicht nicht sobald wieder einen Gehilfen fände wie Philipp. Diese Gründe stimmten am Ende Herrn Reißmehl zugunsten seines Ladendieners; jedoch fragte er zuvor noch das Schicksal um Rat, indem er eine Reihe junger Obstbäume, deren Anzahl er nicht auswendig wußte, mit: soll ich oder nicht? durchzählte, und als ihm der letzte dieser Bäume, leider ein mißratener, halb vertrockneter, junger Apfelbaum, ein bestimmendes Ja zuflüsterte, war Herr Reißmehl entschlossen und ging in das Haus zurück, um seine Schwester aufzusuchen. Diese war im ersten Stock beschäftigt, hatte die Fenster öffnen lassen und putzte mit einem seidenen Tuch die alten, wurmstichigen Möbel ab. Ein Dutzend Stühle und einige Tische waren schon gesäubert, und jetzt kam die Reihe an ein riesiges Bett mit gedrehten Säulen, welche zierliche Amoretten trugen, die auf ihren Händen den aus Holz geschnitzten Betthimmel hielten. Nach allem, was an diesem Morgen das Herz der keuschen Jungfrau bewegt, konnte sie den Anblick dieses Möbels nicht ertragen und schlüpfte mit einem Seufzer ins Nebenzimmer, wo sie alsbald eifrigst in ihrem Geschäfte fortfuhr und einen Kupferstich reinigte, auf welchem Adam und Eva zu sehen waren. Sehr vertieft in diese Arbeit, hörte sie nicht, daß die Tür sich hinter ihr öffnete, durch welche der Herr Reißmehl, Philipp an der Hand führend, eintrat. Erst als der Prinzipal so sanft wie möglich »Liebe Schwester!« sagte, fuhr Barbara erschrocken herum und ihr Gesicht überzog sich mit einer lieblichen Röte. Auch Philipp, der wohl wußte, was jetzt kommen würde, befand sich in großer Verlegenheit; mit der rechten Hand strich er durch sein fahles, blondes Haar und kratzte mit dem linken Fuße hinten aus. »Liebe Schwester,« sagte Herr Reißmehl, »wozu viele Worte, da eure beiden Herzen einig sind? Herr Philipp« – dieses »Herr« sprach er heute zum erstenmal aus – »Herr Philipp ist mir in meinem Geschäft beständig brauchbar gewesen, er wird es auch künftig sein, und wir wollen später die Bedingungen aufsetzen, unter welchen die alte Firma Reißmehl und Compagnie von uns gemeinschaftlich fortgesetzt wird. Ich gebe zu allem meine Einwilligung. Seid glücklich!« Der alte Herr war bei dieser Rede augenscheinlich gerührt worden, weshalb er sich nach den letzten Worten umwandte und eilig das Zimmer verließ. »Seid glücklich!« wiederholte Philipp schwärmerisch und lüftete seine langen Arme ein klein wenig. Aber Barbara kam ihm zuvor, eine Ohnmacht schien ihre Sinne zu umfangen, weshalb sie den teuren Bräutigam umhalste, und so ruhten beide sprachlos eine Weile Herz an Herz. Bald aber lösten sich ihre Arme, ihre Zungen folgten diesem Beispiele und ergossen sich in Gesprächen, die viel zu zart und duftig sind, um sie hier niederzuschreiben. Dies alles begab sich am Fenster, von welchem aus man das Zimmer des Doktor Burbus sehen konnte. Die beiden Glücklichen lebten die vergangenen Tage, trotz ihrer schrecklichen Vorfälle, wieder durch, und daß dabei des Doktor Burbus und meiner nicht auf die glimpflichste Art erwähnt wurde, ist nur zu wahrscheinlich. – »Ja, ja, so geht es,« sprach Philipp und zeigte mit dem Finger auf das Fenster seines früheren Nachbars, an welchem in diesem Augenblicke eine der Urkundspersonen, ein Drechslermeister sichtbar war, um die zurückgelassenen Pfeifen des Doktors zu taxieren. In aller Kürze hatte Philipp seine Verlobte von der Flucht des Doktors in Kenntnis gesetzt und ihr erzählt, daß man soeben dessen Effekten gerichtlich aufnehme. Mochte es nun die frohe Vorstellung sein, daß der entflohene Doktor ihm nicht mehr schaden könne, war es edles Mitleid mit dem Unglücklichen, der jetzt hilflos in der Welt umherstrich, oder hatte der feierliche Moment das Herz Philipps überhaupt weich gestimmt, genug, er sprach einige Worte zu gunsten des Doktors, und ließ, dessen Schicksal bejammernd, einen Augenblick das Haupt auf seine Brust sinken. Plötzlich aber erhob er es wieder; ihm war ein edler, sehr schöner Gedanke gekommen. »O Barbara,« sprach er, »wenn auch Ihr – dein Herz, wollte ich sagen, so zum Verzeihen geneigt ist wie meines, woran ich nicht zweifle, denn ich weiß ja, du bist edelmütiger als ich, so laß uns für all die Unbilden, die dir der Doktor zugefügt, feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln, auch wenn er als Flüchtiger nichts mehr davon ahnt! Laß uns durch eine schöne Tat etwas vom Unrecht sühnen, dessen er sich schuldig gemacht! Barbara, erlaube mir, daß ich drüben jenes Gerippe erstehe, um ihm die Ruhe in geweihter Erde zu geben.« Erschreckt wand sich die Jungfrau aus den umstrickenden Armen ihres Geliebten, als sie den Knochenmann drüben erwähnen hörte, und in Gedanken sah sie ihn wie damals am Fenster stehen, den langen Zettel im grinsenden Maul. Doch mochte ihr der Entschluß Philipps von mehr als einer Seite nobel erscheinen, und so willigte sie ein und gab dem Ueberglücklichen sogar ihre Haushaltungsbörse, worauf sich die beiden nach einem langen Kusse und nach tausend süßen Worten trennten. Noch im Weggehen bat Jungfer Barbara den Verlobten, den Bruder vom Ankauf des Skeletts nicht in Kenntnis zu setzen, da er von der Poesie des Lebens zu wenig begreife, um den Wert dieser schönen Handlung zu würdigen, auch stellte sie die Bedingung, daß ihr das Skelett nie vor Augen kommen dürfe. Philipp begab sich sogleich in das Nachbarhaus und in das Zimmer des Doktors. Man war gerade mit dem Aufnehmen sämtlicher Effekten fertig geworden, und obgleich man in allen Dingen nicht zu wenig taxiert, war doch nur die Summe von zirka acht Talern herausgekommen, auf welche die Hauswirtin, die mit ihren unbezahlten Mietsrechnungen in der Hand lauernd an der Tür stand, bereits Beschlag gelegt zu haben schien. Philipp brachte sein Anliegen vor: er habe Auftrag, das Skelett zu erstehen, und wolle es nach seinem vollen Wert bezahlen. Der Gerichtsschreiber hatte das unheimliche Objekt zu einem Taler angesetzt; er meinte aber, für den Liebhaber sei es allerdings mehr wert, und der assistierende Drechslermeister erklärte, für so schöne Knochen seien vier Taler nicht zu viel. Philipp zog ohne Widerrede sein Beutelchen, erlegte die Summe und, nachdem er versprochen, das Skelett gelegentlich abholen zu lassen, begab er sich eilends hinweg, denn ihm graute in dem Zimmer des Doktor Burbus und namentlich in der Nähe des Knochenmannes. Diesem Kauf hatte die Hauswirtin aufmerksam lächelnd zugeschaut, und kaum war Philipp die Treppe hinab, so sagte sie: »Ei, Herr Gerichtsschreiber, nun das Ding verkauft ist, brauche ich es auch keine Minute länger im Hause zu behalten, nicht wahr?« – Der Beamte meinte, wenn der Käufer es nicht alsbald holen lasse, könne sie es in Gottes Namen hinstellen, wohin sie wolle, nur nicht auf die Straße, dagegen müsse er im Namen der Polizei Einsprache tun. – »Aber auf meiner Treppe,« sagte die Hauswirtin, »werde ich es doch nicht stehen lassen, und das Zimmer, an dem ich schon Schaden genug habe, brauche ich notwendig.« – »Ei,« erwiderte der Polizeimann, »so lassen Sie es ihm hintragen.« – Auf diesen Bescheid hatte die Frau nur gewartet, denn alsbald schoß sie die Treppen hinab und kam gleich darauf mit zwei ihrer Ladengehilfen und einem großen Leinentuch wieder. Letzteres wurde um das Gerippe so drapiert, daß nur der blanke Schädel etwas hervorschaute, und nun wurden die beiden jungen Leute beordert, die Gestalt in das Nebenhaus zu Herrn Reißmehl zu tragen. Es war heute kein Markttag, und im Reißmehlschen Geschäft so still wie nie. Philipp und Barbara befanden sich im Hinterstübchen, der Prinzipal saß vor seinem Pult in der Schreibstube, und Fanny, der Mops, lag noch immer träumend auf dem Rücken. Da unterbrach plötzlich die allgemeine Ruhe vom Laden her ein so gräßliches Geschrei, daß sämtliche Bewohner, Fanny eingeschlossen, emporfuhren und angstvoll lauschten. Es war die Stimme der Küchenmagd, die, unartikuliert brüllend, jedesmal, wenn ihr der Atem ausging, mit einem gellenden »O je! o je!« schloß. Zwischen das Geschrei der Hausmagd hinein tönte das Gelächter mutwilliger Buben und das Geheul des Mopses, der, etwas Erschreckliches witternd, nach Kräften in den Spektakel einstimmte. Philipp stürzte aus dem Hinterstübchen in den Laden, gefolgt von Jungfer Barbara, die aber beim Anblick, der sich ihr darbot, die Hände vor das Gesicht schlug und laut kreischend wieder entfloh. Da stand vorn im Laden das grinsende Skelett des Doktor Burbus, in ein weißes Leinentuch gehüllt. Philipp traute seinen Augen kaum, und im ersten Moment, da sich beim schrecklichen Anblick seine Begriffe verwirrten, glaubte er, das Skelett sei ihm gefolgt, um sich für die gute Tat, die er an ihm begangen, zu bedanken. Doch das Gelächter einiger zwanzig Buben, die vor dem Laden versammelt standen, brachte ihn zu sich, und er sah wohl, daß ihm die Nachbarin den Streich gespielt habe. Was sollte er beginnen? Im Hinterstübchen mußte Jungfer Barbara eben aus ihrer Ohnmacht erwacht sein, denn sie kreischte von neuem mit verdoppelter Kraft; die Magd hörte nicht auf »o je! o je!« zu schreien, und dabei focht sie mit einem langen Besen gegen den Knochenmann. Die Buben auf der Gasse belustigten sich mit allerhand schlechten Späßen. »Fastnacht ist da!« – »Nein, es war der Tod selbst; er will den Herrn Reißmehl holen.« – »Ich weiß, ich weiß!« schrie jetzt eine quiekende Stimme aus dem dicksten Haufen; »Jungfer Barbara hat sich maskiert, die war es!« Und ein ungeheures Gelächter folgte dieser letzten Bemerkung. Jetzt stürzte auch der Prinzipal, den selbst der furchtbare Lärm bis jetzt in einer wichtigen Addition nicht gestört hatte, aus der Schreibstube und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als er in seinem ehrsamen Laden solchen Auftritt sah. »Philipp!« schrie er, »was soll das heißen?« Und als dieser keine Antwort gab, wandte er sich an die Magd und sagte: »Margret, lauf Sie auf die Polizei! das ist mir zu arg!« – Nach der Polizei brauchte die Magd nicht zu gehen; denn bereits arbeitete sich Märtens durch den dichten Haufen der Buben durch und trat in den Laden. »Herrr!« schrie der Prinzipal, der nach vielen Jahren zum erstenmal in Zorn geriet, »was sind das für Geschichten? Wie können Sie es leiden, daß ein ehrsames Handlungshaus zum Gespött frecher Buben wird? Warum schützen Sie mein Hans nicht?« – »Hat sich viel zu schützen, Herr Reißmehl,« entgegnete der Polizeisoldat. »Der beste Schutz ist, wenn Sie das Ding, das Sie doch einmal gekauft haben, so schnell wie möglich ins Haus hineinschaffen.« – »Ich? ich? ich hätte das Ding gekauft?« – »Ja, Sie oder Ihr Ladengehilfe. Da steht er ja. Er soll es Ihnen selbst sagen.« Philipp stand da, ein Bild des Jammers. Es gibt für ein edles Gemüt nichts Empfindlicheres als eine gute Tat, die man im stillen hat begehen wollen, so öffentlich dem rohen Urteil der Welt preisgegeben zu sehen. Und Philipp mußte seinen Edelmut preisgeben und dem Prinzipal gestehen, daß Jungfer Barbara und er das Skelett gekauft, und weshalb. Diese Auskunft war aber nicht geeignet, die Aufregung des Prinzipals zu besänftigen; vielmehr war es schauerlich anzusehen, wie der sonst so ruhige und gemessene Mann ob dieser Entheiligung seines Ladengewölbes in den schrecklichsten Zorn geriet. Wie toll sprang Herr Reißmehl mit beiden Beinen zugleich in die Höhe; bald rief er gegen das Hinterstübchen nach seiner Schwester, bald drohte er mit der Faust dem unglücklichen Philipp, jetzt sprang er gegen das Skelett selbst an und drehte sich dabei so blitzschnell im Kreise, daß sich seine fuchsige Perücke hinten und vorn lüftete. Trotz aller Mühe wollte es unterdessen dem Polizeisoldaten nicht gelingen, die Bubenschar zu verjagen; es kamen ihrer von Minute zu Minute mehr hinzu, und die hintersten drängten die ersten, so daß diese dem Knochenmann immer mehr auf den Leib rückten. Herr Reißmehl befahl in seinem Zorn mit kreischender Stimme, das Haus zu schließen; niemand gehorchte ihm, und die Buben, die ein wenig zurückwichen, wenn er einen Satz gegen sie machte, drangen gleich darauf um so weiter wieder vor, und so kam es denn, daß bei einem solchen Stoße die vordern, obgleich kreischend und widerstrebend, gegen das Skelett gedrückt wurden, Dieses begann zu wanken, bekam das Uebergewicht und stürzte mit solcher Gewalt auf den Steinboden, daß die meisten Drähte des Knochengebäudes brachen, Rippen, Arme und Beine zersprangen, und der Kopf dem unglücklichen Herrn Reißmehl zwischen die Füße rollte, der über den Schädel hinweg einen furchtbaren Satz machte und dann in die Schreibstube stürzte, wo er kraftlos auf einem Stuhl zusammenfiel. Beim Sturz des Skeletts stoben die Buben vor Schreck nach allen Richtungen auseinander, und der Polizeisoldat, der allein kaltes Blut behalten, war endlich imstande, die Haustür zu schließen. Philipp, mit dem Kopf auf den Ladentisch gesunken, weinte vor Jammer und Aufregung so heftig, daß seine Tränen, einem Bächlein vergleichbar, auf dem eichenen Tisch dahinliefen. Und Barbara? Wenn ich sage, daß Margarete, die Dienstmagd, nach drei verschiedenen Aerzten geschickt wurde, so kann man sich leicht denken, wie es im Hinterstübchen aussah. Achtzehntes Kapitel . Genesung. Von all diesen Stürmen in dem Hause, in dem ich bis jetzt als Lehrling gedient, erfuhr ich natürlich gar nichts, sondern lag in meinem Bett, schlief fast den ganzen Tag oder schaute die Mühle und die Ritterburg an. Leider aber war in meiner Krankheit ein Rückfall eingetreten; ich hatte die Nacht sehr unruhig verbracht und lag am Morgen zum Entsetzen der Schmiedin in heftigem Fieber. Sie stand an meinem Bett und fühlte mir den Puls, wobei sie den Kopf wegwandte, daß ich ihre Tränen nicht sehen sollte, und als die Großmutter sagte, ich habe mich wahrscheinlich in der Nacht erkältet, schüttelte sie traurig das Haupt und hatte etwas auf der Zunge; man sah, daß sie kräftig mit sich selbst rang, es hinunterzuschlucken. Endlich aber konnte sie sich nicht mehr halten und schluchzte so laut, daß ich erschrocken auffuhr. »Ach, Frau Pastorin,« rief sie, »und wenn Sie's mir noch so übel nehmen, ich kann es doch nicht verhalten! Erkältung? O Gott, nein! Sie wissen ja wohl, daß ich die Bettdecke jeden Abend festbinde! Nein, Frau Pastorin, aber der Gerstenschleim – ja, ich muß es behaupten, der Gerstenschleim, der hat das Fieber aufs neue herbeigeführt. Hätte man dem Kinde Weinsuppe gegeben, wie ich es vorgeschlagen habe, so liefe es heute wieder frisch und gesund herum. Aber Gerstenschleim ist ein wahres Gift.« »Hör' Sie,« sagte die Großmutter sehr ernst, »ich kann Ihr wegen Ihrer Rechthaberei nicht ewig den Text lesen; aber Schmiedin, Schmiedin, die Rechthaber und Wortklauber sind unangenehm vor dem Herrn, hat mein Mann selig, der Pastor, hundertmal gesagt. Was Weinsuppe oder Gerstenschleim! Das hat keins von beiden getan. Sie ist doch sonst eine gescheite Person, geh' Sie mir mit den Kindereien!« Damit entfernte sich die Großmutter ziemlich ärgerlich, aber die Schmiedin blieb am Bett stehen und hielt ein Selbstgespräch, von dem ich nur die Worte Weinsuppe und Gerstenschleim vernahm. Aber meine durch das Fieber erhitzte Phantasie hatte genug daran, und ich träumte davon. Mochte nun mein Rückfall kommen, woher er wollte, so war es schlimmer mit mir, als am Tage, wo man mich aus der Kirche gebracht hatte, und ich phantasierte die ganze Nacht und ein gutes Stück des folgenden Morgens. Das ging ein paar Tage so fort, während deren es ganz dunkel in meinem Zimmer war und ich niemand unterscheiden konnte, als die Schmiedin am unterdrückten Weinen, wenn sie mir die Arznei einflößte. Wohl hörte ich hier und da, daß noch andere Personen im Zimmer sein mußten, ja ich glaubte zuweilen eine tiefe Stimme zu vernehmen, die mir nicht unbekannt war. Doch war ich zu schwach, um meinen Gedanken nachhängen zu können, und alle und jede Erinnerung entschlüpfte mir im gleichen Augenblicke wieder, wo ich mich ihrer bemächtigt zu haben glaubte. Eines Abends ließ mein Fieber etwas nach, und gegen Morgen schlief ich ganz ruhig, wurde aber durch den Klang jener tiefen Stimme geweckt, die ziemlich laut und deutlich sagte: »Aber, Jungfer Schmiedin, Sie werden erlauben, daß ich Ihnen gehorsamst bemerke, daß es meines Erachtens viel vernünftiger wäre, ihn noch eine Stunde schlafen zu lassen, als ihn wieder aufzuwecken, um ihm einen Löffel voll des garstigen Zeugs in den Magen zu schütten.« – »Ach, Herr Doktor,« entgegnete die Schmiedin, »Sie mögen selbst ein ganz guter Arzt sein, aber was das Abwarten eines Kranken betrifft, da stelle ich meinen Mann.« – »Wollen sagen, Ihre Frau,« erwiderte die tiefe Stimme, und setzte dann, geschmeichelt durch das Kompliment, hinzu: »Allerdings, wir praktischen Aerzte – freilich wohl, das Einhalten der Stunden – ja, wir wollen ihn also sanft erwecken.« Das war nun eigentlich gar nicht nötig, denn ich hatte schon längst meine Augen ein wenig geöffnet und würde mich schon lange gemeldet haben, wenn ich die Erscheinung vor mir nicht für einen Traum gehalten hätte; denn es war mein Freund, der dort im Zimmer stand, der Doktor Burbus, angetan mit einem rotkarierten Schlafrock, der meinem Onkel selig gehört, sowie die gelben Pantoffeln, die er an den Füßen, und eine weiße, spitze Nachtmütze, die er auf dem Kopfe trug. Seinen Bart hatte er ziemlich ordentlich behandelt und sah überhaupt ganz anständig aus. Neben ihm stand die Schmiedin, wieder einmal sehr im Negligee, und schüttelte das Arzneiglas in ihrer Hand. Nachdem ich mir einigemal die Augen gewischt und mich überzeugt, daß ich nicht träume, freute ich mich unendlich, den Doktor wiederzusehen, und rief ihn laut beim Namen. Die Schmiedin schrak zusammen, daß sie fast das Glas fallen ließ, so kräftig hatte ich geschrien, der Doktor aber kam lachend auf mich zu, setzte sich auf mein Bett, und mußte nun vor allen Dingen erzählen, wie er ins Haus und zu mir gekommen. – Die Geschichte war kurz und einfach. Der Laternenhandel hatte beim Doktor das Maß voll gemacht oder, wenn man will, dem Faß den Boden ausgeschlagen. Bekam er deshalb Händel mit der Polizei, so war seines Bleibens in der Stadt nicht mehr. Er hatte daher, als er wirklich zitiert wurde, in seinem Hauswesen alles, was des Mitnehmens wert war – und dessen war gar nicht viel – zusammengerafft und sich ins Spital geflüchtet, das heißt zum Adjunkten des Spitalarztes, einem Studiengenossen. Nachdem er sich dort ein paar Tage verborgen, beschloß er, seinen Stab weiterzusetzen, wohin, wußte er selbst nicht, zuvor aber wollte er sein Wort einlösen und von mir Abschied nehmen. So hatte er sich denn vorgestern in der Abenddämmerung hergeschlichen. Als er unten im Hause nach mir gefragt, war die Großmutter beim Namen Burbus aufmerksam geworden und hatte sich mit ihm unterhalten. Da nun der teure Doktor Burbus gerade nicht auf den Mund gefallen war, wie wir wissen, so unterhielt er die gute alte Frau von seinen traurigen Erlebnissen, wie es ihm teils mit, teils ohne sein Verschulden schlecht gegangen; denn er war ehrlich und auch klug genug, um ihr gegenüber zuzugeben, daß er seine Jugend nicht ganz so angewendet, wie er gesollt. Natürlich mischte er in die Erzählung seiner letzten Unglücksfälle sehr viel Reißmehl, Barbara und Philipp, und seine Angaben stimmten mit den meinigen in so vielen Punkten überein, daß die Großmutter wohl einsah, man habe mir aufs himmelschreiendste unrecht getan. Auch gefiel ihr die Anhänglichkeit des Doktors an mich, kurz, sie lud ihn ein, einige Tage bis zu meiner Genesung dazubleiben; er habe ja dann noch immer Zeit, eine neue Laufbahn anzutreten. Meine Freude, den Doktor um mich zu haben, war nicht gering, und wir machten den ganzen Tag schöne Pläne für die Zukunft. Mit meiner Besserung ging es indessen rasch vorwärts. Ich konnte bald das Bett verlassen und mich ans geöffnete Fenster setzen. Wie wohl tat mir die junge, frische Frühlingsluft, die selbst über die Dächer der Häuser und in die engen Straßen ihren Weg zu finden wußte und mir im süßen Duft erzählte von tausend aufbrechenden Knospen im Walde, von bunten Blumen und Blüten und von den eisbefreiten rauschenden Bächlein! Ich hatte eine gewaltige Sehnsucht nach dem Walde, und die Stadt lag mir beängstigend auf der Brust. Das sagte ich eines Tages dem Arzt, als er im blauen Frack mit der weißen Halsbinde vor mir saß, worauf er lächelnd mit dem Kopfe nickte und meinte, das würde sich wohl arrangieren lassen. Ja, und es kam auch wirklich auf die schönste Weise zustande. Der Arzt schrieb auf der Großmutter Veranlassung einige Zeilen an den Vormund, und nach einigen Tagen antwortete dieser so gut und freundlich, als wir es nur wünschen konnten. Im Briefe stand unter anderem: »Was mir der Doktor über den Jungen geschrieben, freut mich, da ich sehe, daß er sich wieder in der Besserung befindet. Auch glaube ich, er hat ganz recht, wenn er vorschreibt, man solle ihn das Frühjahr und den Sommer zu seiner Erholung auf dem Lande zubringen lassen, und ich bin ganz damit einverstanden. Ich denke, man schreibt an den Vetter, der die Waldmühle hat. Er wird sich gern gegen ein mäßiges Kostgeld dazu verstehen, den Jungen ein halbes Jahr aufzunehmen.« Dieser Vorschlag leuchtete der Großmutter sowie der Tante ein, nur die Schmiedin schluchzte einiges von Mühlenwassern, Rädern und dergleichen gefährlichen Geschichten. Es wurde sogleich an den Vetter geschrieben, und schon nach einigen Tagen kam die befriedigendste Antwort. Von einem Kostgelde wollte der vermögende Mann nichts wissen. Die Aussicht, den Sommer auf dem Lande zubringen zu können, statt wieder in einen finstern Laden zu kriechen, machte mich überglücklich. An meinen guten Freund Burbus hatte ich dabei nicht gedacht, der am Morgen, nachdem man sich den Abend vorher im großen Familienrat entschlossen, mich in einigen Tagen fortzuschicken, statt im rotkarierten Schlafrock, in seinem eigenen Anzug erschien und erklärte, er sei jetzt reisefertig, um in die Welt hinauszuziehen. Das fiel mir schwer aufs Herz, und als die Jungfer Schmiedin allein bei mir saß und mich traurig betrachtete, was sie jetzt bei meiner bevorstehenden Abreise nur zu häufig tat, eröffnete ich ihr mein Herz, wie traurig es mich mache, daß uns jetzt der arme Doktor Burbus verlasse, der keinen Menschen auf der weitem Welt habe. Daß es leicht war, sie bis zu Tränen zu rühren, versteht sich, und sie versprach mir, mit der Großmutter darüber zu reden, was sie denn auch alsbald tat. Und der Erfolg blieb nicht aus: der Doktor erschien vor mir und erzählte mir, die gute Frau habe ihm ins Gewissen geredet und ihn ermahnt, jetzt endlich einen ordentlichen Lebenswandel anzufangen, ihm aber sofort gesagt, wenn er mich auf ein paar Monate begleiten wolle, so würde dies dem Vetter gewiß ganz angenehm sein, und er habe inzwischen Zeit, sich nach etwas anderem umzusehen. Jetzt war Freude an allen Ecken. In kurzer Zeit waren die nötigen Vorkehrungen getroffen, meine Reiseequipage besorgt, und der Doktor, den das ganze weibliche Personal recht wohl leiden konnte, ging auch nicht leer aus. – An einem schönen Morgen, als die Sonne zum erstenmal recht warm schien, entließ uns die Großmutter mit einem stillen Händedruck und ihrem lauten Segen. Die Tante gab uns Grüße an den Vetter mit, und die Schmiedin weinte auf herzzerreißende Weise. Durch all diese Zeremonien war es zehn Uhr geworden, als wir endlich durch die Straßen dem Tore zuschritten. Plötzlich blieb der Doktor stehen und rief, indem er auf einen vorbeirollenden Wagen deutete, laut aus: »Bei Gott, das ist der edle Philipp!« Auch ich sah hin und erblickte ihn neben der bräutlich geputzten Barbara; auf dem Rücksitz saß Herr Reißmehl, der einen ungeheuren Blumenstrauß trug. Die holde Braut mußte auch uns erblickt haben: sie machte plötzlich ein sehr erschrockenes Gesicht, da der Anblick des Doktor Burbus auf diesem Wege ihr als ein böses Omen erscheinen mochte. Der Wagen lenkte gegen die Spitalkirche. Bald hatten wir die Stadttore hinter uns, vor uns die weite Erde, die in ihrem bräutlichen Blütenschmuck noch herrlicher prangte als Jungfer Barbara, und während ich auf diese Art vorderhand vom Handel Abschied nahm, beschloß Doktor Burbus ernstlich, einen neuen Wandel anzufangen. Neunzehntes Kapitel . Kleine Reiseabenteuer. So zogen wir zum Tore hinaus, Frühling um uns her, Frühling im Herzen. Die Lerchen auf dem Felde flogen auf, die Sonne sah uns freundlich ins Gesicht und jagte die Nebel in Schluchten und Täler zurück, wo dieselben zu tausend glänzenden Tropfen aufgelöst, noch eine Zeitlang an den Grasspitzen zitterten, um alsdann von dem durstigen Erdreich gierig aufgesogen zu werden. Den Doktor Burbus hatte ich noch nie so froh und heiter gesehen, und seine Fröhlichkeit stach sehr von derjenigen ab, mit welcher er auf seinem Zimmer, Kneipe genannt, das Traurige seiner Lage zu übertäuben versuchte. Allen Bauernweibern, denen er auf der Straße begegnete, bot er einen guten Tag und gab ihnen weise Lehren für den bevorstehenden Markt. Wo er mehrere beisammen fand, die mit Butter oder Obst am Chausseegraben saßen, um zur ferneren Tour auszuruhen, da stellte er sich zu ihnen, und während er die Güte der Waren untersuchte, begann er laut zu gähnen, worauf es ihm eine außerordentliche Genugtuung gewährte, wenn zuerst die angeredete Person ihm unwillkürlich nachahmte und alsdann in kurzer Zeit die ganze Reihe mit aufgesperrten Mäulern dasaß. Den vorbeirollenden Wagen rannte er nicht selten eine Strecke weit mit abgenommener Mütze nach, um lachend zurückzubleiben, wenn man ihm ein kleines Geldstück herauswerfen wollte. Kurz, er konnte es nicht lassen, eine Menge unschuldiger Allotria zu treiben. Bisweilen auch machte er Pläne für die Zukunft und versicherte mir, wie er in der Waldmühle meines Vetters Botanik zu treiben beabsichtige und wie er sich dort im Hydraulischen zu vervollkommnen suchen werde. So zogen wir dahin und erreichten am Abend ein kleines Landstädtchen, wo wir übernachteten und am nächsten Morgen mit aufgehender Sonne unsere Tour fortsetzten. Den ganzen gestrigen Tag waren wir in einer großen Ebene fortgewandelt, meist an den Ufern eines kleinen Flusses hin, und näherten uns nun dem Waldgebirge, aus dem er hervorbrauste, und in einem dessen Täler unser Reiseziel lag. Ach, wie freuten wir uns, den frischen Tannenduft wieder einzuatmen und die staubige Stadt, ihre kalten Straßen und Häuser mit dem duftigen Waldpalast vertauscht zu haben, unter dessen Säulen wir nun langsam aufwärts stiegen. Der Doktor war merklich ernster als gestern, und als wir auf der ersten Höhe des Waldgebirges ankamen, von der wir, rückwärts schauend, in weiter, weiter Ferne die Türme der gestern verlassenen Stadt erblickten, fuhr er mit der Hand über die Augen, grüßte, bitter lachend, hinüber und schüttelte sich dann, wie ein Hund nach starkem Regen. Doch dauerte die Traurigkeit bei diesem sonderbaren Menschen nicht lange, und obgleich er mir mehrmals heilig und gewiß versicherte, er werde beim Eintritt in die Waldmühle den alten Adam gänzlich ausziehen, so traute ich ihm vorderhand doch nicht recht, indem er mir im Laufe des heutigen Tages noch einen merkwürdigen Streich spielte. Nach einer kleinen Stunde nämlich erreichten wir das Städtchen T., welches zwischen der Stadt, wo wir herkamen, und der Stadt E., gerade in der Mitte liegt und beide Regierungsbezirke scheidet. Hier treffen sich die Gendarmen von beiden Städten, übergeben einander die mitgebrachten Vagabunden und Verbrecher, wechseln sie gegeneinander aus, und jeder nimmt die für sein Kreisgefängnis bestimmten wieder mit sich zurück. Als wir vor das Wirtshaus kamen, in welchem die Auswechselungen geschehen, es war, wenn ich nicht irre, der goldene Schweinskopf, so fanden wir dort eine ansehnliche derartige geschlossene Gesellschaft, teils zu Wagen, teils zu Fuß, welche behufs dieser Auswechselung ihren Einzug in das Wirtshaus hielt, wo die Gendarmen bei einem Glase Bier oder Wein einander die Papiere der Verbrecher übergaben. Am obern Ende eines langen Tisches saßen die Handhaber der Gewalt, langgediente Unteroffiziere der Armee, die das Uebertreten in die Gendarmerie als Avancement ansahen, kräftige Gestalten im besten Mannesalter mit großen Schnurrbärten. Ich muß nun hier beifügen, daß der Doktor Burbus nichts so sehr haßte, wie alle polizeiliche Gewalt, und von dieser galt ihm die Gendarmerie als Quintessenz. Daß wir in die Wirtsstube zum wilden Schweinskopf eintraten, wunderte mich gar nicht, daß der Doktor mit mir an den Wänden bei den Vagabunden und Verbrechern stehen blieb, glaubte ich seiner Neugier, die Auswechselung besser ansehen zu können, zuschreiben zu dürfen. Es mochten ungefähr zehn bis zwölf Gefangene da sein, worunter einige mit Ketten geschlossen, zerlumpt und zerrissen, mit höchst verdächtigen, wilden Physiognomien, andere, denen bloß die Daumen zusammengeschnürt waren, und sogar einige, die ganz ohne Banden waren. Von den letzteren näherte sich hier und da einer den Gendarmen, leise mit bittender Miene fragend, ob er ein Glas Wasser genießen dürfe, der ein Glas Bier, jener ein Glas Branntwein. Meistens wurden die Bitten mit Kopfnicken bewilligt, oder es wurden einige Bemerkungen hinzugefügt. Jetzt trat auch der Doktor aus dem Haufen heraus zu den Gendarmen hin und fragte mit leiser Stimme, ob ihm der Herr Wachtmeister nicht den Genuß eines Schoppen Weines gnädigst gestatten würde? »So, Wein?« fragte dieser, ohne von seinen Papieren auszusehen, »Er muß viel übriges Geld haben. Na, meinetwegen!« Darauf rückte sich der Doktor mit größter Gemütsruhe einen Stuhl zum Tische neben den Gendarmen, warf sich darauf hin und schrie mit seiner kräftigen Stimme: »Eine Flasche Moselwein!« wobei er mit der Hand auf den Tisch schlug, daß die Tintenfässer der Gendarmen in die Höhe fuhren. Erstaunt sahen diese empor, und der, welcher dem Doktor seine Bitte gewährt hatte, rief ihm zu: »Höre, Bursche, noch einmal solchen Exzeß, und ich werde dich schließen lassen. Scher Er sich vom Tisch weg und trink Er seinen Schoppen dort in der Ecke!« – »Ei was,« entgegnete Burbus noch lauter, »ich darf hier ebensogut sitzen wie ein Gendarm.« – »Was!« schrie der andere, »Er will sich hier unnütz machen? Wenn Er nicht augenblicklich sein Maul hält, wird man Ihn schließen lassen. – Was ist denn das für ein Kerl?« fragte er leise seinen Kollegen. Der Doktor aber trommelte mit seinen beiden Fäusten auf den Tisch und brüllte zum lauten Ergötzen sämtlicher Herren Vagabunden: »Wein her, Wein her, Oder ich fall' um!« Man kann sich denken, daß ich bei dieser sonderbaren Szene mich bestürzt an die Wand zurückzog und des Doktors verrückte Einfälle tausendmal verwünschte, die mir hier obendrein ein sehr schlimmes Ende zu nehmen schienen; denn der eine Gendarm riß das Fenster auf und befahl, man solle vom Wagen draußen ein Paar Handschellen hereinbringen. Und dieser Befehl, statt den Doktor einzuschüchtern, stachelte ihn vielmehr auf, mit lauter Stimme sich über den Mißbrauch der polizeilichen und gendarmerielichen Gewalt auszulassen. »Hör Er,« schrie ihm der eine Gendarm zu, »ich werde nicht eher ruhen, bis Er zum Anfang seiner Gefängnisstrafe auf vierzehn Tage das Hundeloch bekommt.« – »Und,« setzte der andere hinzu, »ich werde Ihn dergestalt empfehlen, daß Er während der zehn Jahre oder wieviel Er hat, keine ruhige Minute verlebt.« – »Hören Sie, meine Herren,« entgegnete Burbus, »ich verbitte mir das Er, und erlaube mir, Ihnen zu erkennen zu geben, daß mir sogar das vertrauliche Du viel lieber wäre.« Jetzt riß den beiden Gendarmen der Geduldsfaden gänzlich, und wer weiß, was dem Doktor geschehen wäre, hätte man nicht in diesem Augenblick die Handschellen gebracht, und sie vor den beiden Machthabern auf den Tisch hingelegt. »Laß den Kerl schließen!« sprach einer der Gendarmen zum andern. – »Ja, das mein' ich auch,« entgegnete dieser, »laß ihn schließen.« – »Ich?« versetzte der erste, »das kann ich nicht tun, nachdem ich ihn von dir abgenommen.« – »Wie ist mir denn,« sagte der andere leise, indem er seine Papiere durchsah, »er gehört ja zu deinem Bezirk. Uebergib mir seine Papiere, und ich will den Kerl schon zahm machen.« So leise dieses Gespräch von den Gendarmen geführt wurde, während sie ihre Akten durchsahen, so drang es doch zu den Ohren des Doktors, der selbstzufrieden in sich hineinlachte. »Wie heißt Er?« – »Doktor Burbus, einstens Kandidat der Jurisprudenz, jetzt werdender hydraulischer Wasserkünstler.« – »Burbus,« entgegneten beide Gendarmen und warfen sich sonderbare Blicke zu. »Was hat Er getan? weshalb wird Er eingeliefert?« Und leiser sagte einer zum andern: »Auf Ehre, du mußt den Kerl mitgebracht haben. Ich habe ihn nicht in meinen Papieren.« »Wenn ich Ihnen, meine beiden hochverehrten Herren, alles erzählen sollte, was ich in meinem Leben schon getan habe, so könnte das etwas lang werden. Wenn ich eingeliefert worden bin, so weiß ich nicht, warum.« Der eine Gendarm schüttelte den Kopf und sagte: »Mir scheint, man hat seinen Spaß mit uns treiben wollen,« und der andere setzte hinzu: »Das wird nicht so hingehen!« Der Doktor zog ganz ruhig seine Börse und während er dem Wirt den getrunkenen Wein bezahlte, versicherte er den Gendarmen, so etwas absonderlich Kurioses sei ihm in seinem Leben nicht passiert. Wie er als ruhiger, friedsamer Staatsbürger, dessen erster Grundsatz es sei, sich der öffentlichen Gewalt, wo er sie fände, unterzuordnen, so auch hier nicht verfehlt habe, die hohe polizeiliche Erlaubnis zur Genießung eines Schoppen Weins einzuholen, und daß er deshalb als Verbrecher angesehen und behandelt werden sollte, käme ihm sonderbar vor, und er würde deshalb bei dem Bezirksamt Anklage erheben. Die beiden Gendarmen sahen sich etwas verblüfft an, und nachdem einer derselben sich noch den Paß des Doktors zeigen ließ, der aber in bester Ordnung war, vertieften sie sich, ohne ein Wort ferner zu sprechen, in ihre Papiere, und ich war äußerst froh, als wir uns wieder auf offener Landstraße befanden, daß der Handel so gut abgelaufen sei. Der Doktor aber lachte noch während einer Viertelstunde unbändig und versicherte mir, jetzt erst könne er ein anderer Mensch werden. »Sehen Sie, lieber Jüngling, das war noch ein Rest von Uebermut, der in mir steckt und der hinaus mußte, damit er nicht bei mir fortwucherte und mich von einer gänzlichen Besserung abhielte.« Bald umfing uns wieder das Waldgebirge mit seinem traulichen Schatten, und da wir die Hauptstraße verlassen hatten, so war der Weg, wenn auch nicht mehr so bequem und breit wie früher, doch dafür viel traulicher und heimlicher. Die niedern Waldkulturen, welche die Landstraßen begrenzten, verwandelten sich zuerst in hohes Strauchwerk und wechselten dann mit stattlichen, kräftigen Bäumen ab. Die Buchen mit ihrem breiten Laubdach wurden zahlreicher, dann kamen ernste, hohe Eichen, die kräftige, schlanke Tanne, welche erst einzeln, dann in immer größeren Gruppen erschien, und ließen uns erkennen, daß wir uns der Höhe des Gebirges näherten. Auch die Bäche und Waldwasser, die uns entgegenkamen, änderten von Schritt zu Schritt ihren Charakter. Das Blut dieser Wasseradern pulsierte heftiger und heftiger, je höher wir stiegen, und wie uns hier oben im Waldesgrün das Herz fröhlicher schlug, so sprangen auch die unten so trägen Bäche hier oben heftiger einher, bald einen Weg durch dicke Wurzeln und bemooste Steine suchend, bald einen Abhang hinunterstürzend, die Blätter und Gräser umher mit frischem Wasserstaub netzend. An solch einem Punkt setzten wir uns nieder, der Doktor stützte den Kopf auf die Hand und wurde nachdenklich. »Heute abend also,« sprach er, »kommen wir bei Ihrem Vetter auf der Waldmühle an. Das ist an sich schon sehr schön und gut. Sie bleiben ein paar Monate da, dann sucht man Ihnen eine neue Stelle. Sie werden wieder hinter den Ladentisch gesteckt und können, wenn auch keine glänzende Karriere, sich doch eine gute Zukunft bereiten. Ich aber, schon ein alter Kerl, müßte, um auf meinem angefangenen Wege vorwärts zu kommen, noch einige Semester irgendwo studieren und dort sehr fleißig sein, um ein Examen zuwege zu bringen. Dazu brauche ich erstens Geld und zweitens Geld und drittens Geld, und das fehlt mir erstens, zweitens und drittens. Ich versichere Ihnen, es ist eine verfluchte Geschichte. Ich habe schon daran gedacht, Soldat zu werden, und mich dort auf medizinischem Wege der leidenden Tierwelt zu widmen. Aber das geht auch nicht, ich sehe wahrhaftig nirgends einen Ausweg.« – »Ich kann Ihnen freilich,« entgegnete ich darauf, »nicht viel Tröstliches sagen; doch verlieren Sie den Mut nicht. Wer weiß, ob sich in der Zeit, die Sie in der Waldmühle zubringen, nicht irgend eine Aussicht eröffnet oder ein Glück zufällt, mag es nun kommen, woher es will.« – »Ja, ja, so dachte ich auch einstens; in dem ersten Rosenglanz der Jugend glaubt man noch an Wunder. Doch am Ende haben Sie recht, was hilft das Grübeln? Lassen Sie uns Hoffnung fassen. Und nun erzählen Sie mir vor allen Dingen, wer Ihr Vetter eigentlich da drunten ist, und aus welchen Bestandteilen überhaupt der ganze Kreis besteht, in welchen wir so mir nichts, dir nichts hineinplumpsen.« – »Es ist schon lange her,« entgegnete ich, »daß ich einmal dort war; ich war noch ein ganz kleiner Bube und der Liebling von allen, sogar von meinem Vetter, dem Müller.« – »Warum sagen Sie sogar von Ihrem Vetter, dem Müller?« – »Nun, er ist ein etwas mürrischer, ernster Mann, früher war er Förster, doch weiß ich nicht, weshalb er dies Amt niederlegte. Genug, ich erinnere mich wohl noch, in damaliger Zeit in meiner Familie von einem großen Unglück gehört zu haben, das den Vetter Christoph betroffen. Darauf kaufte er die Mühle, und als ich zu ihm kam, konnte er vielleicht in den Vierzigen sein. Das sind jetzt zehn Jahre her. Alles im Hause mußte tätig sein, und selbst ich, nachdem ich ein paar Tage dort war, bekam meine kleine Beschäftigung.« – »Ei, ei,« meinte der Doktor, »was werden wir beide dort anfangen? denn sowohl Sie und noch viel mehr ich sind über die Jahre hinaus, wo man Unkraut vertilgt und Pflanzen anbindet.« – »Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Nun, ein paar Wochen wird's schon so gehen.« – »Ich werde dem alten Herrn gelehrte Vorlesungen halten oder werfe mich, wie schon gesagt, aufs Hydraulische.« – »Die Frau meines Vetters dagegen,« fuhr ich fort, »ach, die ist ganz, ganz anders, eine sehr kluge und gescheite Frau. Sie hat in ihrer Jugend in der Stadt gelebt; ihr Vater war Pfarrer, und sie ist in allem das Gegenteil von ihrem Manne. Der Vetter Christoph treibt sich Tag und Nacht in seinem Mühlenwerke herum und ißt mittags und abends mit seinen Knechten. Ist er müde, so legt er sich vor dem Herd auf eine Bank und hört den Erzählungen und Gesprächen der Leute zu, ohne ein Wort zu sprechen, oder wenn er etwas sagt, trifft er gewiß den Nagel auf den Kopf. Obgleich er so im Aeußern rauh, ja heftig ist, so lieben und verehren ihn seine Kinder doch ungemein, und er ist in der Umgegend angesehen wie ein Friedensrichter, schlichtet auch mehr Prozesse und Streitigkeiten als wie die umliegenden Bezirksgerichte alle zusammen. Die Frau, die ihrem Hauswesen aufs beste vorsteht, muß auch an diesen Mittags- und Abendmahlzeiten der Dienstleute teilnehmen, steht aber dabei auf einer ganz andern Bildungsstufe. Sie hat in dem weitläuftigen Gebäude ihre eigenen Zimmer, die der Vetter nur selten betritt. Ach, und in denen ist es sehr schön, da sind Bücher und schöne Blumen und Kupferstiche und hübsche Stühle und Tische, ja sogar ein Klavier, das sie selbst spielt. Ferner sind im Hause zwei Söhne und zwei Töchter. Ueber deren Erziehung soll es anfänglich viel Streit gegeben haben. Vetter Christoph meinte, bei seiner Frau sei es zufällig einmal gut ausgeschlagen, aber sonst sei im allgemeinen ein Mädchen, das städtische Manieren angenommen und das die Nase in die Bücher gesteckt habe, auf dem Lande nicht mehr zu brauchen. Das hat viel Streit und der armen Frau viel Kummer gemacht. Der älteste Sohn heißt Kaspar, und nebenbei, daß er ein tüchtiger Müller ist, hat er vom Vater die Leidenschaft für die Jagd geerbt, der aber selbst kein Gewehr mehr anrührt. Der zweite, Franz, würde der Mutter nachgeartet sein, wenn der Vater nicht diese verkehrte Richtung, wie er es nannte, mit Gewalt unterdrückt hätte. Die älteste Tochter, Elisabeth, ist der Liebling des Vaters, eine sehr gute Person; mich mochte sie besonders leiden, sie ließ mich auf den Ackerpferden immer nach Hause reiten und lud mir heimlich das Gewehr des Bruders, um Sperlinge zu schießen. Die jüngste endlich, die Sibylle, war damals wenige Jahre älter als ich, und sie ist die einzige, die ich später noch wiedergesehen habe. Sie war in ihrer frühen Jugend kränklich, weshalb es ihre Mutter durchsetzte, daß sie einige Jahre in der Stadt zubringen mußte, wo sie nach den Begriffen des Vetters eine ganz verkehrte Erziehung erhielt und deshalb nicht sein besonderer Liebling ist. Sie ist still und sanft, und wie ich gehört habe, sollen ihre Neigungen und ihr Körperbau nicht zur Feldarbeit gepaßt haben.« Diese Mitteilungen schienen meinen Reisegefährten sehr zu beschäftigen, denn er ließ einige »Hm! Hm!« und »So! So!« hören und schlenderte wortlos an meiner Seite dahin. Unser Weg führte jetzt über eine breite Waldebene hin. Nach Verlauf einer Viertelstunde kamen wir auf einen freien Platz, von dem mehrere Wege nach verschiedenen Richtungen ausliefen. Mir tauchten alte Erinnerungen auf, namentlich beim Anblick eines alten Kreuzes, das hier oben fast in Gras und Moos versunken stand, und ich erinnerte mich wohl, mit meinem Vetter Kaspar hier oftmals ausgeruht zu haben, besonders, wenn wir an Sonn- und Festtagen durch den Wald streiften, er mit dem Gewehr voran, ich ihm die Jagdtasche nachschleppend. Zur Nachtzeit wurde die Gegend um das Kreuz von den Leuten vermieden. Hier war vor langen, langen Jahren ein Mord geschehen, über den weder die Bewohner der Gegend noch die Gerichte je einen Aufschluß erhalten hatten. Man fand damals hier breite Blutlachen, zerstampfte Gräser und Gesträuche, und das war alles. Zwei der Wege, die hier zusammentrafen, führten ins Tal hinab; auf dem Wegzeiger des einen stand zu lesen: Königsbronner Mühle; das war unser Ziel. Dort also hinab. Doch vorher setzte sich der Doktor auf das bemooste Kreuz und versicherte mir, er müsse sich sammeln und vorher einige Augenblicke ausruhen. Zwanzigstes Kapitel . In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad. Die Waldebene lag um uns her, bestrahlt vom rotgoldenen Licht der sinkenden Abendsonne. Die Bäume, die um das Kreuz standen, warfen lange Schatten hinter sich, und die eine Seite des Stammes glänzte hell, während die andere Seite tief beschattet war. Der Pfad vor uns zur Königsbronner Mühle verlor sich bald in einem tiefen Hohlweg, dessen Ende, soweit wir es sehen konnten, schon in Nacht gehüllt dalag. Aus dem Tale zu unsern Füßen stiegen blaue Abendnebel auf, und die Spitzen der Tannen und hohen Bäume, die noch von der Sonne bestrahlt waren, schwammen wie grüngoldene Flecken auf blauem, wogendem Meer. Bald traten wir in die nächtlichen Schatten des Hohlweges. Nicht lange dauerte es, so strahlten uns vom Grunde des Tales Lichter entgegen. Wir vernahmen das einförmige Geräusch eines Mühlenwerks und deutlich das Rauschen des Wassers. Bald erblickten wir Gebäude in dunklen Umrissen, endlich das mir wohlbekannte Wohnhaus, die Mühle, die Wirtschaftshäuser. Links lagen die Stallungen, und es befremdete mich, bei der Schmiede, die dort war, eine Menge Leute zu sehen und viele Lichter. Auch glaubte ich ein paar Gestalten zu erkennen. Wir traten näher und erblickten bald deutlich ein landwirtschaftliches Nachtstück. Das war die hohe, kräftige Gestalt des Vetters, und er hielt den Zaum eines Gaules, der den Kopf hängen ließ und, wie es mir schien, auf seinen Beinen schwankte. Neben dem Pferde lag ein großer Haufen Stroh, der ihm wahrscheinlich das Niederfallen leicht machen sollte. Da stand auch der Vetter Kaspar und die Elsbeth, die den Gaul streichelte, und oben aus dem Fenster schaute Franz mit einer weißen Mütze. Als wir ganz nahe traten, hörten wir sprechen und verstanden einzelne Worte. »Der Gaul hat sich erhitzt,« sagte die Elsbeth, »und zu viel Klee gefressen.« – Der Vetter Kaspar meinte, es käme vom Geblüt, das im Frühjahr immer unruhig und rebellisch würde. – »Das beste ist,« rief Franz zum Fenster heraus, »laßt ihm eine warme Decke auflegen und tüchtig herumtraben, bis er in Schweiß kommt.« – »Ach was,« antwortete Kaspar, »wenn der Gaul vom vielen Fressen Kolik hätte, so würde er unruhig sein.« – Der alte Müller streichelte den Hals seines Pferdes und fragte: »Wann ist der Bub zum Kurschmied geritten? Könnt' schon da sein!« – »Was meint Ihr, Vater,« sagte die Elsbeth, »wenn wir den Gaul tüchtig unterlaufen ließen?« – »Wenn der Mensch krank ist,« entgegnete der Müller, »muß er Ruhe haben, und das Vieh wahrscheinlich auch. Und da ich von der Medizin leider nichts verstehe, will ich so meiner Idee folgen. Man bringe ihn in den Stall, bis der Kurschmied kommt.« Jetzt traten wir beide plötzlich in den Kreis, und es dauerte ein paar Sekunden, ehe mich die Familie erkannte. »Donnerwetter!« sagte Kaspar, »du bist's! Nun, das freut mich!« Und die Elsbeth reichte mir die Hand und sagte: »Was der Bub' groß geworden ist!« Der alte Müller warf den Zügel seines Pferdes dem Knecht zu, legte mir eine Hand auf den Kopf und sagte: »Na, dir ist es auch in der Stadt schlecht ergangen. Sähst auch nicht so schwächlich aus, wenn du damals hier geblieben wärst!« Franz oben im Fenster schrie mir freundlich entgegen und verschwand vom Fenster, indem er nach der Mutter und Sibylle rief. Unter diesen verwandtschaftlichen Begrüßungen hatte man nicht auf den Doktor geachtet, der unterdessen den Kopf des Gaules ergriffen und denselben etwas auf die Seite drehte. Es war aber Zeit, ihn vorzustellen. »Ist das der Doktor, von dem die Großtante geschrieben?« sagte Kaspar; und Elsbeth setzte hinzu: »Weißt du, Vater, ein Sohn vom Müller Burbus!« Des Alten Gesicht sah aber nicht so freundlich aus, als der Doktor genannt wurde, als wie er meiner ansichtig wurde. Burbus ließ sich jedoch nicht stören, sagte kurzweg: »Guten Abend!« und ließ das Pferd eine plötzliche Wendung links machen, wobei wir alle sahen, daß es den rechten Vorder- und Hinterfuß schmerzhaft in die Höhe zog. Diese Bewegung wiederholte er ein paarmal und sagte dann ganz ruhig: »Mit Verlaub, Müller, der Gaul hat sich weder überfressen, noch plagt ihn das Blut, sondern er ist im Stall zu kurz herumgedreht worden und hat sich etwas im Bug verrenkt.« »Wahrhaftig,« schrie die Elsbeth, »das glaub' ich auch. Ich hab's dem Anton, dem unnützen Buben, tausendmal gesagt, er soll das Vieh nicht so kurz drehen.« – »Ja, ja,« meinte Kaspar, »davon kann's herkommen.« Der Müller machte darauf mit dem Pferde dieselben Bewegungen, sah das schmerzhafte Benehmen des Tieres, wenn er ihm die Seite fühlte, und sagte: »Kann wirklich so sein!« – »Es ist aber auch so,« entgegnete fest und bestimmt der Doktor. »Laßt das Pferd augenblicklich in den Stall bringen; etwas Baumöl, um ihm einzugeben, wird wohl im Hause sein, und eine Salbe zum Einreiben werde ich aufschreiben.« – »Und das versteht der Herr?« sagte der Müller, indem er seine Mütze in die Höhe rückte. »Natürlich,« sagte der Doktor, »ich habe mich hauptsächlich auf die Behandlung des kranken Viehs gelegt.« Ich war über diesen Zufall sehr erfreut, denn wenn ich auch viel auf den Brief meiner Großmutter baute, so mußte ich doch fürchten, dem Vetter Christoph sei die Anwesenheit eines halb ausgelernten Studenten, in seinen Augen natürlich ein fauler, unpraktischer Mensch, nicht sehr angenehm. Jetzt kamen auch die Müllerin und Sibylle aus dem Hause, von denen ich einen herzlichen Kuß bekam, und darauf wurde ich im Triumph in die Mühle geführt; denn der Doktor Burbus ging selbst mit in den Stall, um bestmöglich für die Lagerstätte des kranken Tieres zu sorgen. Für heute trat auch der Vetter Christoph ausnahmsweise in die schönen Zimmer seiner Frau, in welche ich geführt wurde, um mir eine Ehre zu erzeigen, und ich wurde ausgefragt, wie es der Großmutter ging und meinen sämtlichen Tanten und Onkels, sogar der Jungfer Schmiedin, die einmal ein paar Wochen hier zugebracht hatte, wurde gedacht. Ich fand die Familie meines Vetters fast in demselben Zustande, wie ich sie vor mehreren Jahren verlassen. Freilich war der Müller älter und grauer geworden, und der Stammhalter Kaspar, der sich unterdessen verheiratet hatte und mit Weib und Kind ebenfalls auf dem Hofe wohnte, konnte, wie er selbst scherzhaft sagte, sein früher glänzend schwarzes Haar nicht recht vom Mehlstaub reinigen. Das feine, kluge Gesicht der Müllerin hatten auch einige tiefe Furchen durchzogen, und Elisabeth war beträchtlich älter und dicker geworden. In Mannskleidern würde sie den besten Kürassier abgegeben haben. Gegen das Heiraten bewährte sie eine auffallende Abneigung, und ein kleiner, schwarzer Bart auf der Oberlippe, mit dem man sie früher immer geneckt, wurde größer und bemerkbarer. Sibylle war ein sehr hübsches Mädchen geworden, viel zarter und feiner als die Elisabeth, die mir jetzt weit besser gefiel als damals, wo ich die ältere Schwester so gut leiden konnte, weil sie mich mit ihrer Körperstärke vor den Neckereien der Brüder schützte. Auch erschien sie mir viel artiger, viel verständiger, denn während ich, den Kopf auf meine Arme stützend, am Tische ruhte, saß Sibylle neben der Mutter, heftete ihre blauen Augen auf mich und fragte mich dies und das, wobei sie emsig fortstrickte. Bald trat auch der Doktor ein und versicherte, der Gaul befände sich etwas besser. Der Vetter machte ihm Platz und sprach auch einige Worte mit ihm, woraus ich ersah, daß er keine eigentliche Abneigung gegen ihn fühlte. Als nun nach dem Abendessen, das diesmal im Kreise der Familie und nicht bei den Leuten eingenommen wurde, der Kurschmied erschien und die Behandlung des kranken Pferdes, wie sie Burbus angeordnet hatte, vollkommen billigte, stieg der Doktor augenscheinlich in der Gunst sämtlicher Bewohner der Königsbronner Mühle. Einundzwanzigstes Kapitel . Kontorist und Hilfsarbeiter. Der Doktor und ich wurden nicht zusammen einlogiert. Er bekam eine Kammer neben dem unverheirateten Sohne Franz, und mir wurde ein allerliebstes Zimmerchen bei denen der alten Müllerin angewiesen. Es war sehr heimlich und traulich dort. Die Mühle lag nicht auf dem tiefsten Grunde des Tales, und vor meinen Fenstern ging es noch ungefähr hundert Schuh weiter hinab, links von mir war das Mühlwehr, und wenn ich die Hand zum Fenster hinausstreckte, wurde sie vom sprühenden Wasser benetzt. Unter meinem Fenster floß das gebrauchte Wasser schon viel ruhiger in einem Holzkanal weiter und stürzte erst rechts vom Hause durch eine steinige Schlucht in die Tiefe des Tales hinab. Als alles schon zur Ruhe war, lag ich noch lange im Fenster und erfreute mich an der schweigenden Nacht, die um mich herrschte. Am andern Tage ging in der Mühle alles seinen gewohnten Gang; man bekümmerte sich um uns so wenig, als seien wir schon jahrelang da gewesen. Der Doktor setzte sein Heilverfahren mit dem kranken Gaule fort, gab dem Müller auf kurze Fragen kurze Antworten, sprach mit Elsbeth über Ersatzmittel für den gewöhnlichen Dünger und erzählte den beiden Söhnen nach dem Abendessen, wenn sie zusammen eine Pfeife rauchten, eine Menge kurzweiliger Anekdoten aus seinem Studentenleben. Um die Müllerin und Sibylle bekümmerte er sich gar nicht, und ließ mir vollkommene Freiheit, das zu machen, was ich wolle. Bekannt mit den Gesinnungen meines Vetters, versuchte ich auch, mir Beschäftigung zu machen; doch war ich kein Kind mehr wie vor Jahren, das Unkrautausjäten fiel mir sehr schwer, und wenn ich Sibylle beim Anbinden der Pflanzen half, so trieben wir soviel Kindereien zusammen, daß mehr verdorben, als gut gemacht wurde. Jeden andern hätte der Vetter Christoph am Ende ungehindert gehen lassen, d. h. mit vollkommener Entziehung höchsten Wohlwollens, doch nicht so mich, seinen leiblichen Vetter, dem er geneigt war, und für den er als jungen Menschen alles mögliche glaubte tun zu müssen, um ihn zur Arbeit zu gewöhnen. So hatte er denn auch eines Morgens ein Geschäftchen für mich gefunden, was mich genugsam beschäftigte, dafür aber auch an den Tisch fesselte, obgleich ich viel lieber in Feld und Wald umhergelaufen wäre. Er führte mich in seine Schreibstube und stellte mich als ersten Buchhalter und Korrespondenten an. »Das Geschäft ist klein,« sagte er, »aber mach's ordentlich, mach's pünktlich, du kannst was dabei lernen.« Anfänglich war ich auch in dem Punkte des Fleißigseins für den Doktor besorgt gewesen und hielt ihn, wie man es natürlich finden wird, für einen faulen und zur Arbeit untauglichen Menschen. Doch war der Doktor klug genug, meine Vermutungen Lügen zu strafen. Nachdem die Pferdekur vollendet war, suchte er sich andere Beschäftigungen, und hielt sich besonders an den alten Müller, mit dem er unter anderem morgens in aller Frühe in den Wäldern umherzog und sich bald in dessen Vertrauen so festsetzte, daß er dort die Knechte beim Holzfällen beaufsichtigen durfte. Hier und da führte er auch einen großen, vierspännigen Holzwagen hochbeladen aus dem Walde in den Hof, wobei er so furchtbar mit der Peitsche knallte, daß alles lachend zusammenlief, und sich selbst der Vetter Christoph eines Schmunzelns nicht erwehren konnte. Freund Burbus war aber auch in solchen Augenblicken eine höchst komische Erscheinung. Sein großer Bart beschattete das halbe Gesicht, und eine kleine Cerevismütze balancierte er mit vieler Geschicklichkeit gegen Wind und Wetter auf dem Kopfe. Oftmals hatte ich ihm gestanden, wie sehr mich seine totale Umwandlung freue, aber wie unerklärlich sie mir andrerseits auch sei, worauf er mir antwortete: »Lieber Jüngling, es mußte anders werden; das Arbeiten mußte ich erst wieder erlernen, denn es ist an sich eine schwere Kunst, und Sie können mir glauben, wenn ich hier mal eine Zeitlang von morgens bis in die Nacht an schwerer Arbeit tätig war, wird es mir später leicht werden, etwas anderes zu ergreifen und beharrlich durchzuführen.« Ich schrieb also Briefe an benachbarte Gutsbesitzer, an die Forstämter, und machte Rechnungen über Getreide und Mehl. Mein Kontor lag gerade über der Mühle. Der Boden desselben zitterte beständig, wie bei einem leichten Erdbeben. Bald besuchte mich der alte Müller, etwas nachsehend oder angebend, bald kam Kaspar mit weißbestaubtem Gesicht und rauchte ein paar Züge aus einer Pfeife, am öftesten aber, und das war mir am liebsten, kam Sibylle mit ihrem Nähzeug, setzte sich zu mir hin, und wenn wir auch stundenlang nichts sprachen, so gab es doch wieder Augenblicke, wo wir uns eifrig über frühere Zeiten unterhielten, und ich ihr von den Bekannten, die sie in der Stadt hatte, erzählte, was ich wußte. Auch der Doktor erschien zuweilen, bald mit der Peitsche, bald mit der Axt in der Hand, blieb aber nie lange, wenn Sibylle bei mir war. So vertraut er überhaupt mit den beiden Söhnen und mit Elsbeth war, und soviel er mit ihnen lachte und Späße trieb, so schien er sich unbehaglich zu fühlen, wenn die alte Müllerin oder Sibylle sich in der Nähe befand. Der letzteren war das auch aufgefallen, und sie erzählte mir, sie habe es ihrer Mutter mitgeteilt, welche ihr entgegnet: sie müsse ihn dafür desto freundlicher und artiger behandeln; denn er sei ein verlorener Sohn, der, auf dem Wege der Besserung begriffen, sich doch noch nicht bei stillen, freundlichen Menschen ganz heimisch fühle. »Es ist eigentlich schade,« setzte Sibylle hinzu, »daß er mit der Mutter nicht viel spricht, denn neulich, als sie ihn in das Gespräch zog und über einige neuere Bücher fragte, war sie sehr zufrieden mit seinen Antworten. Aber er hat einen furchtbar häßlichen Bart. Du mußt dir niemals einen solchen wachsen lassen.« Ich fuhr mit der Hand an mein äußerst glattes Kinn und versprach es ihr. Zweiundzwanzigstes Kapitel . Vergnügungen auf der Mühle. Auf einer solchen Mühle, mitten im Walde, an keiner großen Straße gelegen, herrscht im allgemeinen ein fast einförmiges Leben, und die einzigen Unterbrechungen sind Sonntagsbesuche bei den Nachbarn, oder auch eine Kirchweihe, und dabei Tanz oder Jagdpartien, öffentliche und heimliche. Und letztere ließ sich Kaspar zuweilen eifrigst angelegen sein, und bei diesen hatte ich namentlich in früheren Zeiten oft die Ehre, ihn begleiten zu dürfen. Das Jagdrevier, zur Mühle gehörig, und vom Vetter gepachtet, war nicht groß und befriedigte lange nicht die Jagdgelüste Kaspars. Zu dem heimlichen Jagdvergnügen besaß er ein Gewehr, dessen Schaft mit Batterie man abnehmen und in die Tasche stecken konnte. Den Lauf bildete ein Stock, den er wohlgemut in die Hand nahm, und so zogen wir an schönen Herbsttagen, harmlos ausschauend, in der Frühe, sobald der Tag graute, aus. Da war in der Nähe ein herrschaftliches Revier, eine tiefe und lange Schlucht, an welche oben Krautäcker stießen, und in welcher die Hasen nach eingenommener Abendmahlzeit droben ihr Nachtquartier aufschlugen. An den Wänden dieser Schlucht standen große Buchen, und am Fuße eines solchen Stammes, im dichten Moos, nahm das Wild sein Lager, so daß es von den Wänden der Schlucht und von den Bäumen vor Regen und Wind geschützt war. Wie alle unrechtmäßig gebrochene Frucht am meisten reizt, so war es auch unser größtes Vergnügen, bei grauendem Morgen aus dem dampfenden Tale hinauf in die Krautäcker zu steigen und dort, den Rand der Schlucht umgehend, auf die Hasen zu spähen, die uns eigentlich gar nichts angingen. Hatten wir, oben umherschleichend, so zwei, drei gefunden, die unter uns, in süßen Morgenträumen befangen, lagen, so mußte ich mich oben hinstellen und ein Zeichen geben, wo sie waren; Kaspar schraubte den Schaft an sein Rohr, schlich sich näher und schoß die Unglücklichen in ihrem Lager, worauf ich als Apporteur hinzustürzte, sie aufnahm, und wir kehrten nicht ohne eine Beute von zwei, drei bis vieren bei aufgehender Sonne nach Haus. Von den herrschaftlichen Jägern waren wir eigentlich niemals ertappt worden, hatten aber mehrmals in großer Gefahr geschwebt, es zu werden. Ich erinnere mich sehr genau, wie einstmals, als ich einen getöteten Hasen aus seinem Moosbett herausgezogen, Kaspar aufmerksam in den Wald hineinhorchte, dann auf mich zusprang und, mich am Kragen ergreifend, mit mir durch dick und dünn, sogar durch einen Teil des Mühlbaches durchstürzend, nach Hause flog, und wie bald darauf ein paar herrschaftliche Jäger auf die Mühle kamen, um sich die Pfeife anzuzünden, und Kaspar, der sich umgezogen hatte, reichte ihnen das Feuer mit der Miene eines Menschen, der eben erst aus dem Bette steigt. Interessanter als diese Hasenjagden waren die Hetzen mit großen Hunden auf den Dachs, die abends angestellt wurden. Da zogen wir unser fünf und sechs mit den Hof und Jagdhunden bei einbrechender Nacht aus. Einige von uns hatten große eiserne Gabeln, andere waren mit schweren Knütteln bewaffnet. Spürten die Hunde den Dachs auf, so wurden sie losgelassen; der Dachs entfloh, was er laufen konnte, die Hunde eilten ihm nach, und wir folgten den Hunden, so schnell uns unsere Beine zu tragen vermochten, durch Wald und Busch und Feld, eine schreckliche Jagd. Da ging es unbesehen durch Wasserbäche und Dornengestrüpp, so daß wir oft jämmerlich zugerichtet nach Hause kamen. Hatten die Hunde den Dachs erreicht, so umstellten sie ihn und hielten ihn fest, bis wir dazu kamen. Die mit den eisernen Gabeln suchten ihn mit denselben zu erreichen und niederzudrücken, worauf er von den andern feierlichst totgeschlagen wurde. Ein weit harmloseres, aber für mich uninteressanteres Vergnügen waren die Kirchweihen; desto mehr aber freuten sich alle übrigen Bewohner der Mühle auf ein derartiges Tanzvergnügen, und selbst Sibylle besuchte mit ihrer Schwester Elsbeth die der größeren Dörfer, wo die Gesellschaft deshalb etwas ausgewählt war. Man kann sich denken, daß der Doktor auf dem Tanzboden keinem nachstand. Er fegte umher, wie er es noch von den Studentenjahren her gewöhnt war, und spielte in jeder Hinsicht die Hauptperson. Beim Hinfahren ließ er es sich nicht nehmen, die Rosse zu lenken, und er tat dies mit besonderer Geschicklichkeit. Diese sonntäglichen Kirchweihtage sind immer die allergrößten Feste und beginnen schon vormittags, wenn Herrschaften und Dienstboten aus der Kirche kommen. Da wird aus dem Schuppen der größte Leiterwagen gezogen, der vorhanden ist. Es werden Querbretter darauf gelegt, auf welche man mit Stroh ausgestopfte Säcke bindet, und alsdann wird der Wagen rings mit grünen Reisern bedeckt, sowohl zum Schutz gegen die Sonne, als auch zur angenehmen Verzierung. Wer sich von den Knechten und Mägden untadelhaft aufgeführt hat, wird von dem Bas – so nennen sie den Herrn – zur Partie eingeladen, und gegen elf Uhr geht es fort, was die Pferde laufen können. Es war ein blendend schöner Sonntagsmorgen im Frühjahr, als wir in diesem Jahre die erste derartige Partie mitmachten. Der Vetter Christoph und der Doktor waren die einzigen, welche die Kirche nicht viel frequentierten, und letzterer trieb sich schon vor neun Uhr in den Ställen umher, um Pferde und Geschirr in den besten Stand zu setzen. Um elf Uhr war alles bereit. Der Doktor hatte die vier trefflichsten Pferde vor den größten Leiterwagen gespannt und kutschierte mit der Kreuzleine vom ersten Sitz. Er sah wirklich majestätisch aus. Von vormaligen Schlittenpartien her hatte er sich eine immense Fertigkeit erworben, die längste Schlittenpeitsche zu handhaben. Und, um diese Kunst vollkommen zeigen zu können, hatte er sich heute eine Peitsche angefertigt mit einer unendlich langen Schnur. Neben dem Wagen standen in ehrerbietiger Erwartung der Großknecht, die Altemagd, der erste Müllerbursche und die Viehmagd, aufs sauberste geputzt, im besten Sonntagsstaat. Jetzt erschien der Bas mit Vetter Franz, Vetter Kaspar mit seiner Frau und nahmen ihre Plätze ein. Dann erschien Elsbeth, und sogar die Müllerin mit Sibylle, und des Doktors Gesicht, das vor Behagen strahlte, wurde sichtlich ernster, als die beiden letzteren sich ebenfalls anschickten, auf den Wagen zu steigen. Ich begriff gar nicht, was ihm einfiel, denn als Sibylle und ich auf den ersten Sitz neben ihn kletterten, wollte er die Zügel der Pferde an Kaspar abgeben, der sie aber lachend zurückwies. Jetzt war alles bereit, der Bas rief: Vorwärts!« Der Doktor tat einen fürchterlichen Hieb mit der Peitsche in die Luft, und die vier Rosse galoppierten davon, mit den Schellen klingend, und das blank geputzte Messingzeug funkelte und glitzerte in der Morgensonne. Mittags um ein Uhr erreichte man den Ort, wo die Kirchweihe gefeiert wurde. Es war dies ein großes Gehöft, und wir fanden dort schon alle Anstalten zu einem großen Mittagessen. Unter der Haustür stand der Freund des Vetters Christoph und bewillkommnete uns. Er war in kurzen Hosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, angetan mit einer langen Weste von braunem Manchester, und befand sich in Hemdärmeln, mit der weißen Mütze auf dem Kopfe. Die Frau hielt hinter ihm, hatte zum Willkommen einen Zipfel der langen, weißen Schürze emporgeschlagen, und beide grüßten die Gesellschaft äußerst freundlich. Auf dem Herde prasselte ein ungeheures Feuer, über welchem ein schwarzer eiserner Kessel hing, in dem ein immenser Schinken herrlich duftete. In einem andern Gefäß kochten Erbsen und Bohnen, und neben einem riesenhaften Napf mit Suppe erblickten wir die unentbehrlichen Kartoffeln, schneeweiß und mehlig. Alles wurde nach der Reihe bewillkommnet, und daß mir, als einem Bekannten aus früheren Jahren, ein sehr herzlicher Empfang zuteil wurde, kann man sich leicht denken. Die Frau des Vetters wurde von der Wirtin in die Staatsstube geführt, Vetter Christoph und Elsbeth gingen mit dem Gastfreunde in den Ställen umher, Sibylle spazierte mit Annemarie, der jüngsten Tochter des Hauses, in den Garten, die Altemagd und die Viehmagd halfen ihren Kolleginnen bei den siedenden Kesseln, und der Großknecht sowie der Müllerbursche setzten sich dazu, steckten Holz in den Herd und machten Bekanntschaft zu dem Tanzvergnügen heute abend. Ich half dem Doktor, die Pferde ausspannen, worauf zu Tisch gerufen wurde. Die Tafel war im Freien, im Garten aufgeschlagen und bestand aus vier in die Erde geschlagenen Pfählen, auf welche lange Bretter gelegt waren und über diese ein blendend weißes Tischtuch. Der Hausherr sprach das Gebet, und alles setzte sich in bunter Reihe um den Tisch, sowohl wir, die Fremden, als die ganze Hauswirtschaft unseres Gastfreundes mit Knechten und Mägden. Wenn ich an dergleichen Mahlzeiten zurückdenke, so empfinde ich beständig ein innerliches Behagen. Die frische Luft hatte den Appetit außerordentlich geschärft, und zu der einfachen, kräftigen Kost unter Gottes freiem, schönem Himmel, unter dem Gesang der Vögel, wurden ebenso einfache wie kräftige Tischreden geführt. Von großer Etikette war keine Rede, wir Männer saßen in Hemdsärmeln da, und alles ließ sich's wohl sein. Nach Beendigung der Mahlzeit war jedem bis zum Kaffeetrinken Freiheit vergönnt, zu treiben, was er wollte. Die älteren hielten Gespräche über Landwirtschaft und Viehzucht, das junge Volk neckte sich im Garten umher. Der Doktor und ich nahmen unsere Mützen und schlenderten zum Hofe hinaus über die kleine Brücke eines schäumenden Bergwassers, den Wald hinauf. Langsam gingen wir den herabstürzenden Wassern entgegen und ergötzten uns, ohne ein Wort zu sprechen, an den kleinen Wasserfällen, die der Bach in den glatten Kieseln bildete. Es war recht warm, und als oben an einem kleinen Felsen, dessen Fuß mit weichem Moos bewachsen war, der Doktor den Vorschlag machte, ein Mittagsschläfchen zu halten, pflichtete ich ihm bei. Wir streckten uns auf dem grünen, natürlichen Bette nieder und waren bald im Schlummer. Nach einer halben Stunde erwachte ich wieder, da mir die Sonne, durch die Zweige brechend, in die Augen schien. Der Doktor aber, der im Schatten lag, schlief ruhig weiter. Vielleicht hundert Schritte oder auch weniger neben mir in dem dichten Gesträuch hörte ich lachen und leise singen. Es war die Stimme Sibyllens, und sie begann das Volkslied: »In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad,« und sang es erst mit leiser, summender Stimme, wie es schien, zuerst schüchtern und verschämt, der lauschenden Annemarie vor; nachher aber wurde der Gesang lauter und klang bei dem letzten Vers recht hell durch den Wald. Man hörte aber dem Herzen, aus dem der Gesang kam, an, daß um seinetwillen noch kein Ringlein zersprang. Der Doktor lag neben mir im Schlaf, und er schien einen guten Traum zu haben. Hier und da bewegte er die Lippen und lachte und spitzte auch zuweilen den Mund, als tue er einen tiefen Zug. Die Mädchen drüben lachten und schäkerten nach Beendigung des Liedes. »Höre, Sibylle,« sagte Annemarie, »die Leute behaupten, der Doktor, wie heißt er doch, habe dich früher in der Stadt gesehen und sei dir zuliebe herausgekommen.« – »Warum nicht gar!« lachte die andere. »Was soll er von mir wollen?« – »Nun,« entgegnete Annemarie, »er will dich, wie es in den Büchern oft so schön vorkommt, zuerst kennen lernen und dann heiraten.« Ich sah unruhig auf den Doktor neben mir, und es war mir recht, daß er schlief und nichts von dem Gespräch hörte. Obgleich aber bis jetzt sein Gesicht noch größten teils von tiefem Schatten bedeckt war, so war die Sonne doch nicht zurückzuhalten, und fing schon an, um seine Nasenspitze zu spielen. Annemarie drüben fuhr fort und sagte: »Er hat einen so ganz spaßigen Namen; wie heißt er denn eigentlich?« – »Nun, wie wird er heißen?« entgegnete Sibylle, »Doktor Burbus heißt er.« – »Burbus, Burbus!« schrie die andere, so laut sie konnte, »das klingt beinahe, wie der Kuckuck drüben ruft.« Und nun fing sie an, aus Leibeskräften in den Wald hineinzurufen: »Burbus! Kuckuck! Burbus! Kuckuck! – Burbus! Burbus!« Und dabei lachten die beiden Mädchen so allerliebst und mutwillig. Der Doktor aber erwachte und fuhr überrascht in die Höhe, als er seinen Namen so rufen hörte. Ich hatte eben Zeit, bevor er mit seiner ungeheuren Stimme dem Rufe antworten konnte, ihm zu sagen, was die Veranlassung sei. »Laß das dumme Zeug,« bat jetzt Sibylle; »du weißt, man soll mit dem Kuckuck keinen Scherz treiben.« – »Warum nicht,« lachte die andere. »Wir wollen jetzt gleich hören, in wieviel Zeit du einen Mann bekommst.« Und laut rief sie wieder in den Wald hinein: »Kuckuck, Kuckuck, sag' mir an: Wann kommt der Sibylle ihr Freiersmann?« Dann ward alles still, und die Mädchen lauschten offenbar, was der Kuckuck im Dickicht des Waldes für eine Antwort gebe. Da aber zufällig keiner bei der Hand war und ringsum alles still blieb, so nahm der Doktor seine beiden Hände vor den Mund und brachte ein so natürliches Kuckuck hervor, wie ich es in meinem Leben aus keinem Menschenmunde gehört habe. »Einmal! – zweimal! – dreimal! – viermal!« rief Annemarie, »nahe über drei Jahre kommt dein Freiersmann. Aber eins bitt' ich mir aus,« setzte sie hinzu, »wenn ich deine Brautjungfer werden soll, so muß dein Bräutigam erst den garstigen Bart abschneiden. Pfui, der ist mir unausstehlich! befiehl ihm, er soll ihn herunterschneiden.« – »Ach, Annemarie,« entgegnete Sibylle, »schwätz' doch nicht so dummes Zeug. Was geht mich der Doktor Burbus und sein Bart an? Dann glaube ich auch,« setzte sie leiser hinzu, »er läßt ihn meiner Schwester Elsbeth zuliebe stehen« – eine Bemerkung, die von der andern mit einem äußerst ungläubigen und lauten Lachen beantwortet wurde. Der Doktor hatte dieser Unterredung mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Er war sichtlich ernster geworden, und bei der Aeußerung, er lasse der Elsbeth zuliebe seinen Bart stehen, fuhr ein ungläubiges Lächeln über sein Gesicht. Ich wollte durchaus die beiden Mädchen überraschen und sie tüchtig auslachen, doch ließ es der Doktor nicht zu und bat mich, mit ihm ins Dorf zurückzukehren. Am Abend nun war großes Tanzvergnügen. Der Tanzplatz war das mächtig große Wirtszimmer der Dorfschenke, wo es natürlicherweise so eng herging, daß namentlich beim Walzen die ganze Gesellschaft nicht von der Stelle kam, sondern sich jedes Paar wie ein Kreisel auf dem Platze herumdrehte. Da natürlich bei Erbauung dieses Lokals an einen Platz für die Musiker nicht gedacht war, so hatte man später für sie gesorgt, und das auf äußerst sinnreiche Art. In die Balken der Wand waren nämlich sehr starke Nägel eingeschlagen, an welchen Stühle wie Kupferstiche aufgehängt waren, und auf diesen saßen die Musikanten. Ihre Beine hingen in der Luft, und der Chef des Orchesters, der durch zu starke Bewegungen mit denselben den Takt angab, kam dadurch nicht selten in verdrießliche Berührung mit den Köpfen der Tanzenden. Es war auffallend, wie wenig Anteil der Doktor heute abend an dem Tanzvergnügen nahm. Er mußte mit der Elsbeth tanzen, die ihn früher dazu aufgefordert, und ich sah, daß er sie mit einigem Widerstreben holte. Er mußte sie auch fast mit Gewalt einem Gespräch über die Schaf- und Rinderzucht entreißen, das sie an der Seite eines benachbarten Bauernsohnes mit lauterer Stimme, als nötig war, hielt. Auch bemerkte ich, daß eben dieser Bauernsohn dem Doktor einen nichts weniger als freundlichen Blick schenkte. Warum Burbus mit Sibylle nicht tanzte, begriff ich nicht. Wohl sah ich zuweilen, wie er hinschielte, aber sich alsdann mit der Hand über die Augen fuhr, als habe er sich selbst über etwas Unerlaubtem ertappt. Ich konnte nicht umhin, ihn darauf aufmerksam zu machen, indem ich sagte, daß es nicht mehr als billig sei, auch mit der jüngsten Tochter des Vetter Christoph zu tanzen, worauf er sich nach längerem Ueberlegen hierzu entschloß. Mehrmals aber sah ich, daß er mit der Hand mißmutig durch seinen dicken Bart fuhr. Jetzt trat er mit Sibylle zu einem Walzer an, und ich hatte wohl bemerkt, daß sie bei der Aufforderung hierzu die Augen niederschlug. Die beiden tanzten so hübsch, daß fast alle übrigen Paare aufhörten und ihnen fast den ganzen Tanzboden zur Verfügung ließen. Anfänglich hatte Sibylle die Augen fest auf den Boden geheftet, aber als sie, nach und nach von der Sicherheit ihres Tänzers angenehm berührt, ebenso sicher in ihren Bewegungen ward, hob sie den Kopf höher und höher und schwebte endlich stolz dahin wie eine Prinzessin. Ein allgemeines Händeklatschen der ganzen Tanzgesellschaft gab endlich das Zeichen zum Aufhören, und Sibylle, die mit laut klopfendem Herzen neben dem Doktor stand, bemerkte jetzt erst, daß sie die ganze Zeit allein getanzt hatten, und schlug errötend und verwirrt die Augen nieder. Ich stand gerade hinter ihr und wollte der hübschen Tänzerin etwas Schönes sagen; doch weiß ich nicht, es kam mir ein dummer Gedanke: ich neigte mich an ihr Ohr hin und flüsterte leise: »Kuckuck!« Erschreckt fuhr Sibylle zusammen, wandte sich einen Augenblick nach mir, um im nächsten darauf ihren Tänzer stehen zu lassen, und eilte zu Annemarie, mit der sie vom Tanzboden verschwand. Bei dem Heimfahren am heutigen Abend fehlte zur bestimmten Zeit niemand von den Leuten, weshalb keine Verzögerung eintrat und es mit Vetter Christoph keinen Verdruß gab; denn mit dem Vetter Christoph war an solchen Abenden nach einem Tage, wo er es für seine Schuldigkeit hielt, den Keller seines Gastfreundes gehörig zu untersuchen, nicht zu spaßen. Wir saßen alle auf, der Doktor hatte die Zügel erfaßt, und neben ihm auf der Bank saßen Sibylle und ich. Es war ein außerordentlich schöner Abend. Nachdem wir eine Zeitlang, ohne zu sprechen, gefahren waren, forderte mich Sibylle zum Singen auf, und wir sangen allerhand lustige und ernste Weisen in die Nacht hinaus. Ich hatte, wie ich meistens zu tun pflegte, wenn ich neben Sibylle saß, meinen Arm um ihren Leib geschlungen, und sie lehnte an mir, bald mir etwas flüsternd erzählend, bald wieder die Augen schließend, als wollte sie schlafen. Mit dem Doktor sprach sie kein Wort. Dieser hatte auch heute abend ein ganz sonderbares Aussehen. Er sah so grimmig auf seine Pferde, hatte die Zügel straff angezogen und knallte mit seiner Peitsche viel mehr als nötig. Oftmals lehnte er sich weit rückwärts, als wolle er die Pferde mit Gewalt anhalten, aber ich bemerkte ganz wohl, daß er zu uns herüberschielte, namentlich auf meine Hand, mit der ich die Hand Sibyllens erfaßt hatte. Er machte allerhand Kunststücke im Fahren, und als wir an eine schwierige Stelle kamen, wo es den Berg hinab in einem Bogen über eine sehr kleine Brücke ging, ließ er die Pferde in vollem Galopp laufen, so daß alle Frauenzimmer auf dem Wagen »Jesus Marie und Josef!« riefen. Sibylle und ich hatten uns gerade Märchen erzählt, und als der Doktor nach diesem Ausruf des Schreckens laut auflachte, flüsterte das Mädchen: »So hat gewiß der Blaubart gelacht!« Unterdessen funkelten die Sterne und schien der Mond, und als wir die großen Wiesen wieder erreichten neben der Mühle, verschwand nach und nach das Rauschen des Wassers aus den Bergen, wo wir herkamen, in den Gebüschen rechts und links zirpten die Heimchen und klagten die Nachtigallen wunderbar schön und bezaubernd. Bald erreichten wir die Mühle, und alles suchte, ermüdet von des Tages Last und Hitze, von dem starken Mittagessen sowie dem Tanze, sein Lager; nur den Doktor hörte ich noch nach einer Stunde ein altes, bekanntes Lied singen, worin es heißt: »Und schaust du hin, so schau' ich her!« Dreiundzwanzigstes Kapitel . Doktor Burbus!! Abschied. Den andern Tag ging es in der Mühle seinen alten, gewohnten Gang: die Räder klapperten wie zuvor, der Vetter Franz lief mit bestaubtem Gesicht und Kamisol umher, Elsbeth ging in die Viehställe, die Müllerin und Sibylle arbeiteten auf ihrem Zimmer, und ich trug die Rechnungsbücher auf meinem kleinen Kontor ein unter obligater Bodenerschütterung, nur der Doktor war nicht mehr derselbe. Statt daß er wie sonst heiter und lustig in den Wald hinauszog, und, wenn er zurückkam, sich oft zu mir hinsetzte und lachte und scherzte, so ging er jetzt in aller Frühe mit ausfallend bösem Humor fort und kam erst abends spät zum Nachtessen wieder und legte sich oft zu Bett, ohne mir ein Wort zu sagen. Auch bemerkte ich seit einigen Tagen, daß er jedesmal einen Strauß Waldblumen oder Erdbeeren mit nach Hause brachte, die er aber niemand gab, sondern mit in sein Schlafzimmer nahm und sie von dort aus in den Mühlbach warf. Eines Abends war der Vetter Christoph über Land geritten; es war an einem Sonntage, und er wurde zum Nachtessen zurückerwartet. Der Doktor hatte auch heute den ganzen Tag im Walde umhergeschwärmt, ohne mich wie sonst mitzunehmen, was mir äußerst schmerzlich war. Abends kam er zurück, mit seinen Waldblumen in der Hand, und da das Gesinde schon abgegessen hatte, so wies man ihn in das Zimmer der Müllerin, wo das Nachtessen für uns und den Vetter Christoph wartete. Wir standen an den offenen Fenstern, und da Burbus, verstimmt, wie seit einiger Zeit immer, zu uns trat, so nahm die Müllerin, die das auch längst bemerkt hatte, Veranlassung, von seinen Blumen zu sprechen, um ihn in die Unterredung zu ziehen. Er hob sie hastig empor, sah sie an und reichte sie Sibyllen dar, welche sie auch annahm. »Wie kommt es, Herr Burbus,« sagte die Müllerin, »daß man Euch gar nicht mehr sieht? Ihr streift den ganzen Tag im Walde umher und kommt erst abends heim.« – »Haben Sie das bemerkt, Frau Müllerin?« entgegnete der Doktor ernst. »Ich muß gestehen, daß mir das wohl tut, denn ich bin ja eigentlich so heimatlos und allein in der Welt, daß an meinem Dasein oder Nichtdasein kein Mensch Anteil nimmt.« – »Das könnt Ihr,« versetzte die Müllerin, »doch im Ernst von uns nicht sagen!« – »Nein, nein,« entgegnete hastig der Doktor, mit bitterem Lächeln; »man ist hier sehr freundlich und gütig gegen mich; ich muß gewiß dafür dankbar sein.« Sibylle zog mich in ein anderes Fenster, und der Doktor trat näher zur Müllerin, die ihm mit ihrer wohltuenden, angenehmen Stimme sagte: »Hört, Doktor Burbus, Ihr habt eigentlich ein krankes Gemüt. Anfänglich glaubte ich, die Entfernung von der Welt und die Stille auf unserer Mühle in dem schönen Walde werden Euch wohl tun. Ihr schient auch in der ersten Zeit heiter und vergnügt zu sein. Doch jetzt weiß ich nicht, was Euch plötzlich widerfährt, denn seit einiger Zeit habt Ihr das Ansehen eines Menschen, der von der Vergangenheit geplagt wird.« – »Nein, nein, das gewiß nicht,« entgegnete der Doktor und lehnte sich zum Fenster hinaus. – »Nun, ich glaube wohl,« sagte die Müllerin, »daß Ihr eigentlich nichts auf dem Herzen habt, was Euch Vorwürfe macht, und Ihr seid noch jung genug, um ein bloß lustiges und etwas leichtsinniges Leben in allen Teilen wieder gutzumachen.« – »Das wohl, gute Frau,« entgegnete der Doktor, »nur muß man Gelegenheit dazu haben. Ich bin schon wochen-, ja mondenlang hier, ich laufe ins Holz, ich seh' nach den Knechten, ich fahre mit den Pferden; aber alles das, was ich tue, kann der geringste Knecht auch für Euch tun.« – »Ja, aber wer sagt denn, daß Ihr etwas für uns tun sollt? Ihr seid unser Gast.« – »Ja, und dann?« – »Nun, so bleibt, solange als es Euch hier gefällt.« – »Ja, und dann,« entgegnete der Doktor nach einer Pause, »dann schüttle ich Euch allen an einem schönen Morgen die Hand und sage zu Euch: Lebt wohl, Vetter Christoph, lebt wohl, Frau Müllerin, lebt wohl, Sibylle.« – Wir hatten bis zu diesem Augenblick unwillkürlich das Gespräch des Doktors belauscht. Sibylle sprach kein Wort, sondern lehnte zum Fenster hinaus und hielt den Strauß von Waldblumen in ihren Händen über dem langsam dahinströmenden Mühlbach. Bei den Worten des Doktors aber: »Lebt wohl, Sibylle,« seufzte sie leise auf, ihrer Hand entglitten die Waldblumen und fielen in das Wasser hinab, das sie langsam fortführte. Ein lautes Ach! folgte nun den Blumen, durch das der Doktor und die Müllerin in ihrem Gespräch plötzlich unterbrochen wurden und ebenfalls hinabschauten. »Da schwimmen sie!« rief der Doktor mit einem lauten Lachen, das aber keineswegs freundlich klang; »bald werden sie unter das Wehr kommen und zerrissen und zerstreut werden.« – »Könnte man sie nur wieder holen!« sagte Sibylle mit einem eigenen Ton in der Stimme. – »Wünscht Ihr das, Jungfer Sibylle?« rief der Doktor freudig auf. »Eine starke Hand und ein guter Wille kann viel. So wollen wir denn ernstlich den Versuch machen, die Blumen zu schützen und sie, wenn der gute Gott will, in Eure Hand zu legen.« Ehe ich ihn zurückhalten konnte, schwang er sich zum Fenster hinaus, glitt an einem Rebgelände hinab und eilte festen Schrittes und schwindelfrei auf dem schmalen Mühlbachrande dahin. Er erreichte die Blumen wirklich, ehe sie unter das Wehr kamen, zog sie triumphierend heraus und kam eilends zurück, um sie Sibylle zu reichen, die ihre Hände danach ausstreckte. Das schöne Mädchen war bleich geworden wie eine Lilie, und nachdem sie die Blumen erfaßt, eilte sie zu ihrer Mutter hin und verbarg ihr Gesicht in deren Hände. Ich glaube gewiß, sie hat sogar geweint. Der Doktor kam den Abend nicht mehr zum Vorschein, und die Müllerin hatte am andern Morgen mit dem Vetter Christoph eine lange Unterredung, welcher daraus äußerst üblen Humors zu Tische kam. Gegen mich war der Doktor übrigens nicht freundlicher geworden, und je mehr er sich von mir zurückzog, um so mehr war ich bei Sibylle, da ich doch in meinen Freistunden jemand zur Gesellschaft haben mußte, und so oft mich der Doktor mit dem Mädchen Hand in Hand im Garten sah oder wir in den engen Fenstern der Mühle lagen, wo es bei dem schmalen Raum nicht anders möglich war, als daß ich meinen Arm um ihren Leib schlang, so machte er mir ein finsteres Gesicht. Ich hatte wahrhaftig damals keine Idee, was ich ihm konnte zuleide getan haben; jetzt wüßte ich es freilich schon besser. So war es einmal an einem heißen Sommertage; die Sonne ging unter, und der glänzende Abendhimmel war erfüllt mit warmer, lauer Luft. Sibylle und ich lagen im Fenster der großen Wohnstube und sahen auf das Mühlenwehr hinab. Es war um die Abendzeit, wo dem Doktor in die Familienzimmer kein Zutritt mehr gewährt wurde, und nur ich als Familienglied und kleiner Bursche das Recht hatte, bei meiner Nichte zu sein, die in solchem Augenblicke im ländlichsten Negligé sich befand. Ich hatte ein dünnes Sommerröckchen an, und während die Mutter in ihren Büchern las, schwatzten wir von alten, vergangenen Tagen, und lachten über die Jugendstreiche, die wir ausgeführt. Ich schlief damals in dem großen Gastbett neben dem Zimmer der Müllerin, und Sonntagmorgens, ehe wir gewaschen und angezogen wurden, schlüpfte Sibylle zu mir ins Bett, und wir machten Pläne, wie der Sonntag hinzubringen sei. Auch erinnerten wir uns, wie wir zuweilen ein großes Leinentuch entwendeten und damit im Garten ein Zelt aufschlugen, woselbst der große Kettenhund, wenn er zum Besuch kam, mit großen Ehren empfangen wurde. So lagen wir im Fenster und träumten, und als es zehn Uhr wurde, ging die Müllerin zu Bett, und wir erhielten die Erlaubnis, noch ein paar Minuten aufbleiben zu dürfen. Nachtschmetterlinge flogen umher, Leuchtkäfer blitzten auf dem Grase, und als ich so dicht an dem warmen Körper des Mädchens lag, durchschauerte mich ein kleiner Frost. Es mochten wohl die Wassernebel sein, die aus dem Mühlenteich und den Bergwassern aufstiegen. Sibylle bemerkte es, hob ihr warmes Tuch etwas von der Brust und warf es über mich hin. Gott, es war wie damals, als wir am Sonntagmorgen unter einer Decke spielten. Das Herz des Mädchens fühlte ich deutlich an meiner Brust schlagen, aber der Frost wollte darum doch nicht aufhören. Plötzlich hörten wir durch die Stille der Nacht ein Klopfen, wie Holz auf Holz, und erblickten bald darauf den Doktor, der sich an dem Mühlenwehr zu schaffen machte. Er sah von Zeit zu Zeit zu uns herauf, und ich bot ihm einen guten Abend. Anfänglich glaubte ich, er habe mich nicht gehört; doch war dem nicht so, denn als Sibylle viel leiser sagte: »Guten Abend, Herr Burbus!« sprang er auf den Rand des Mühlbachs und trat unter das Fenster. »Was machen Sie da?« fragte Sibylle. – »Ich mochte nicht schlafen,« entgegnete der Doktor, »ging um das Wehr spazieren, und bemerkte dort einen Pfahl, der los geworden und den das Wasser morgen wahrscheinlich abgespült hätte.« Ich weiß nicht, der Doktor sah heut abend so ingrimmig aus, und dabei tief betrübt, gerade wie an dem regnerischen Novembermorgen, als ich in seiner Stube neben dem Reißmehlschen Hause erwachte und er jenen unvergeßlichen Kaffee kochte. »Es ist eine schöne Nacht heute, lieber Doktor,« sagte ich ihm, und er entgegnete: »Jawohl – vielleicht – wie man's nimmt! Mich packt der Mißmut, und ich werde verdrießlich, ja traurig, wenn ich an schönen Sommerabenden allein bin. Sie sind wohl nie melancholisch,« setzte er, spöttisch lachend, hinzu. – »Gott sei Dank, nein!« sagte Sibylle für mich. »In den Kinderjahren hat man keine Ursache, traurig zu sein.« – »In den Kinderjahren,« lachte der Doktor, »nun, das ist ein tüchtiges Kind.« – »Ja, aber doch noch mein Kind,« versetzte Sibylle und küßte mich auf die Stirn. »Nicht wahr, du? Und sehen Sie, Doktor,« fuhr sie in ihrer unschuldigen Natürlichkeit fort, und zeigte auf ihr Tuch, »ich habe ihn sorgfältig zugedeckt, damit er sich nicht erkältet.« – »Aber ein glückliches Kind,« sagte der Doktor, »wenn ich mich zum Beispiel erkälte, danach fragt kein Mensch.« – »Ja, das ist das alte Kapitel,« entgegnete Sibylle, »und da hat die Mutter ganz recht, wenn sie Ihnen antwortete, es sei nicht schön, daß Sie glauben, man nehme keinen Anteil an Ihnen. Man nimmt gewiß Anteil und sehr viel Anteil an Ihnen.« – »Ist das wahr,« sagte der Doktor freudig, »ist das gewiß wahr? Geben Sie mir die Hand darauf.« – »Wie kann ich Ihnen denn vom Fenster aus die Hand darauf geben?« lachte das Mädchen. Doch er bat wiederholt und flehentlich: »O, geben Sie mir die Hand darauf.« – »So gib ihm doch die Hand, Sibylle,« sagte ich. Und langsam wickelte sie den Arm aus dem warmen Tuch und streckte sie dem Doktor hinab. Später erinnerte ich mich dieses Augenblicks noch sehr lebhaft, wie der Doktor diese Hand erfaßte und sie herzlich küßte, und, soviel ich es mir jetzt vergegenwärtigen kann, war es eine schöne, kleine Hand, und neben der Hand wurde noch der Arm sichtbar, der war sehr rund und weich. Der Doktor gab sich sehr viel Mühe, nachdem er die Hand geküßt, auch noch ein Grübchen im Arme mit seinen Lippen zu berühren, was ihm aber erst nach vielen Anstrengungen gelang. Dann aber jubelte er mit leiser Stimme und doch hoch auf, hoch aus recht freudigem und glücklichem Gemüt. Auch ich bekam wieder freundliche Worte von ihm. »Lieber Exladenjüngling,« lachte er; »kommen Sie, wir müssen noch einen Spaziergang in den Wald machen. Lieber Gott im Himmel, die Welt ist doch schön.« Er warf mir eine Kußhand herauf und sprang über das Wehr hinab. Sibylle sah ihm nach, und während sie zu mir sagte: »Gute Nacht, mein Lieber, schlaf recht wohl,« hatte sie ein seltsames, himmlisch-freundliches Lächeln auf den Lippen. Darauf ging sie in ihre Kammer, und es war mir recht lieb, daß sie ging; denn wenn ich auch gern bei meiner Nichte war, so zog ich doch eine nächtliche Waldpromenade mit meinem Doktor vor. Es mochte Mitternacht sein, als wir zur Mühle zurückkehrten, die still und dunkel in der Talschlucht vor uns lag. Hinter uns stand der Mond über dem Bergesrand und versilberte das kleine Fenster, wo Sibylle schlief. Von dem gesperrten Wehr fielen einzelne Tropfen herab, leuchteten im Fallen wie Silber, und wo sie das Wasser berührten, gab es einen zitternden, hellen Kreis, der sich langsam weiter und weiter ausdehnte. »Kennen Sie das Märchen vom Dornröslein?« fragte mich der Doktor. Und nachdem er mir dies Märchen erzählt hatte, stützte er den Kopf auf die Hände, und seine Züge nahmen einen ernsten, fast erbitterten Ausdruck an, und er sang mit halblauter Stimme: »In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebchen ist verschwunden, Das dort gewohnet hat. Sie hat mir Treu' versprochen, Gab mir ein Ringelein, Sie hat die Treu gebrochen, Das Ringlein sprang entzwei.« »Weg, weg mit allen finstern Gedanken,« unterbrach er sich selber und rief laut: »Gott ist groß! Gute Nacht, Exladenjüngling! Gedenken Sie meiner beständig; wir werden uns, hoff' ich, freudigst wiedersehen.« – »Bis morgen,« entgegnete ich lachend. – »Wer weiß,« versetzte er und schwang sich durch das Fenster in sein Schlafzimmer. – Am andern Tage, als ich aus meinem Zimmer herunterkam, befand sich alles in der Mühle in großer Aufregung. Der Doktor Burbus nämlich war in der Frühe nicht zu finden gewesen, und nach einer Stunde brachte ein kleiner Bauernbursche einen Brief von ihm, den er ihm im Walde gegeben, an die Müllerin. Dieser Brief mußte ganz sonderbares Zeug enthalten haben, denn der Vetter war verdrießlicher als je, und Sibylle kam mit rotgeweinten Augen zu Tische. Bis zum Gesinde herab erschöpfte man sich in Vermutungen, wo er hin sei; aber nachdem einige Tage lang die Knechte und Mägde, die ihn recht lieb gehabt, sich in phantasiereichen Vermutungen erschöpft, sprach man nicht mehr von ihm und gedachte seiner nimmer. Nur, wenn ich bei Sibylle war, wurde sein Name genannt, und daß der Doktor so plötzlich fortgegangen war, schien dem Mädchen sehr, sehr wehe zu tun. Doch das Rad meines Schicksals, das während dieses Frühjahrs und Sommers sanft und angenehm zwischen Blumen und Wald dahingerollt war, sollte plötzlich einen neuen Aufschwung nehmen, und die Kraft zu diesem Aufschwung kam in Gestalt eines Briefes meines Onkels und Vormunds, der in C. bei meiner Großmutter geschrieben und wahrscheinlich das Resultat eines neuen großen Familienrates war. Er lautete folgendermaßen: »Mir scheint, daß das Schlaraffenleben auf der Mühle Dir sehr wohl bekommt, wenigstens, daß Du größer und stärker geworden bist, habe ich von dem Vetter erfahren, daß Du aber in Deinem unverantwortlichen Leichtsinn nicht daran denkst, auf welche Art sich Deine Zukunft gestalten könnte, und daß Du nicht ein einziges Mal an mich schreibst, ich möchte Dir doch ja für den Winter eine neue Kondition besorgen, wie gesagt, daß Du alles das vergißt, um dafür Deine kostbare Jugendzeit durchzubringen, indem Du dem Vieh nachschlenderst und Vogelnester ausnimmst, das wundert mich gar nicht, denn ich kenne Dich. Danke es also Deinem Glück, in mir einen unermüdlichen Vormund gefunden zu haben, und danke es meinen vielverbreiteten Bekanntschaften, die Dir eine Lehrlingsstelle in der Fabrikstadt E. verschafften, und obendrein keine Stelle in einem Spezereigeschäft, sondern in einer Modewarenhandlung bei dem höchst ehrenwerten Hause Johann Kaspar Stieglitz u. Comp. Nach E. wirst Du zu Fuß gehen. Dort angekommen, wirst Du die einliegenden Zeilen unserem Vetter, Herrn Professor W., überreichen, und dieser verehrte Freund wird Deine Einführung in dem Handlungshause, wo man Dich aufzunehmen gedenkt, bestens und freundlichst vermitteln. Viele Ermahnungen habe ich nicht mehr Lust, Dir zu geben; schlägt auch diesmal das bißchen Hoffnung, das wir auf Deine künftige gute Aufführung setzen, fehl, so ziehe ich meine Hand gänzlich von Dir, und Du kannst alsdann den letzten Notanker ergreifen, welcher jungen, liederlichen Subjekten übrig bleibt, d. h. zum Kalbfell schwören. Im übrigen grüßen dich meine Kinder aufs freundlichste, sowie ich, und verbleibe dabei bis auf weiteres Dein wohlgeneigter Oheim.« Vierundzwanzigstes Kapitel . Hinaus in die Welt. Mit dieser trostreichen Epistel war nun unter meine stille und friedliche Mühlenidylle ein dicker, schwarzer Strich gezogen und, was jenseits desselben lag, der duftige Wald, die frische, herrliche Luft, das sprudelnde Wasser und die einsame Mühle mit den lieben, freundlichem Menschen darin, zu einem Traumbild geworden, das mir gemach und langsam entschwebte und das ich schon jetzt, obgleich ich noch mitten darin war, kaum mehr festzuhalten vermochte. Vor mir dehnte sich aber eine weite, traurige Heide aus, bevölkert mit Reißmehlschen Gestalten, und fern am Horizont schwebte das Bild des Freundes, meines teuren Doktor Burbus, von dem seit seiner Abreise keiner von uns eine Silbe vernommen. So kam mein letzter Tag und meine letzte Nacht auf der Mühle; das Geklapper der Räder, das mich sonst in Schlaf gewiegt, ließ mich heute kein Auge zutun, das Rauschen des Mühlbachs, das bisher mit seinen einförmigen Tönen glänzende Traumbilder in meinen Schlummer zeichnete, war mir heute nacht das Tosen des Weltstroms, der mich vom friedlichen Ufergestade hinweg in die wilden Wogen des Lebens fortreißen wollte, und zu mir sprach: »Schwimme oder geh' unter!« Am andern Morgen nahm alles den herzlichsten Abschied von mir, der Vetter drückte mir die Hand und sagte: »Wenn du einmal Urlaub bekommst, so besuche uns, es wird uns jederzeit freuen, nur mußt du vorher in deinem neuen Geschäft mindestens ein ganzes Jahr ausgehalten haben.« Die Nichte konnte nicht viel sprechen, und als Sibylle mich zum Abschied herzlich küßte, und als ich fühlte, wie ihre warmen Tränen an meinem Gesicht herabliefen, brach meine Standhaftigkeit, die ich bis jetzt bewahrt, und unter den heftigsten Tränen eilte ich, so schnell ich konnte, das Tal hinauf. Franz und Elsbeth hatten sich nicht gezeigt, sie vermochten es wohl nicht über sich zu bringen, mich ein feuchtes Auge sehen zu lassen; und so schieden wir ohne Gruß und Händedruck, nur Kaspar schwenkte seine weiße Mütze zum Fenster hinaus. Es war ein schöner Herbstmorgen, und je mehr ich die Talschlucht hinaufkam, um so klarer schien mir der Himmel, dessen blaues Bild drunten in der Schlucht dichte Nebel verdeckt hatten. Das Moos und Gras zu meinen Füßen glänzte und strahlte in tausend Lichtpunkten, Gesträuche und Bäume waren mit Tautropfen, wie mit unzähligen Juwelen bedeckt. Bei dem alten Kreuze auf der Höhe stand ich still und setzte mich auf den verwitterten Stein. Da lag der Talkessel vor mir, aber ich konnte nichts in demselben unterscheiden, denn die glänzende, klare Sonne, die aufstieg, drückte den Nebel dort hinab, und die Schlucht sah aus wie ein Gebirgssee mit grauem Wasser, für mich ein Zaubersee, denn dort unten auf dem Grund versenkt, lagen die Orte, wo ich zum erstenmal seit meiner frühesten Kindheit wieder vollkommen fröhliche, harmlose Stunden genossen. So war ich denn hinausgestoßen aus dem Zaubergrunde und stand auf der Höhe, ein armes, verlassenes Kind. Lange blieb ich bei dem alten Kreuze und schwankte heftig in meinen Entschlüssen, mehrmals war ich im Begriff, wieder zur Mühle hinabzusteigen und den Vetter zu bitten, er möge mich als Müllerbursche annehmen und für immer dabehalten. Was kümmerte mich die geräuschvolle, glänzende Welt, die draußen lag! Ich kannte sie ja noch nicht, und es schauerte mich, von dem Strudel derselben fortgerissen zu werden. Wenn ich in späteren Jahren weite Länderstrecken durchflog und nach langem Fahren, namentlich zur Nachtzeit, ein einsames Gehöft oder einen Talgrund mit einer Mühle, wie diese, erreichte, so begriff ich nicht mehr, wie man so abgeschieden von der Welt, zufrieden und glücklich sein könne; ich begriff es aber nur solange nicht, bis die Erinnerung an die heutige Stunde bei dem alten Kreuz wieder lebhaft in mir auftauchte! Dann dachte ich anders, und oftmals sagte ich mir später noch im Geräusch der großen Welt wie heute an dem stillen Herbstmorgen: wenn du einmal recht alt geworden bist und von vielem Schaffen und Arbeiten recht müde, dann gehst du zurück, langsam hinab in das Tal und lebst da, vergessen und vergessend, den Rest deines Lebens. Diesem Entschluß verdankte ich den schnellen Abschied, den ich von der mir lieb gewordenen Gegend nahm, und daß ich nun ruhig und rüstig daraus los schritt, um E. noch bei guter Zeit zu erreichen. Abenteuer, wie damals, als ich mit Doktor Burbus aus der Stadt zog, erlebte ich keine, ich suchte sie ja nicht; das einzige, das mir Außergewöhnliches aufstieß, war ein freundlicher Kondukteur, der, in seinem Wagen allein sitzend, einen langen Berg hinauffuhr; die Pferde gingen im Schritt, wedelten mit ihren Schweifen die Fliegen von sich ab und ließen die Ohren hängen. Es war recht warm geworden; der Kondukteur aber lud mich ein, zu ihm hinaufzusitzen und eine Stunde mit ihm zu fahren. Auf mein eingewendetes Bedenken, daß ich nicht viel Geld habe, um ihn zu bezahlen, lachte er mich aus und meinte, ich solle nur zu ihm hinaufsitzen. Das tat ich auch alsbald und befand mich in den weichen Kissen des Wagens recht wohl. Der Kondukteur war schon ein ältlicher Mann von derbem, gutmütigem Wesen, ein alter Soldat, hatte als Wachtmeister bei den Husaren gedient, und war deshalb schon für mich eine hohe und wichtige Person. Auf meine Frage nach militärischen Verhältnissen ließ er mich viel Unangenehmes vom Gamaschendienst vernehmen, und teilte mir aus dem Soldatenleben manches mit, was gerade nicht sehr reizend war und mich in den festgefaßten Vorsätzen bestärkte, von jetzt an mit Fleiß und Aufmerksamkeit zu arbeiten, um nicht einmal, wie mir der Vormund angedroht hatte, genötigt zu sein, zum Kalbfell zu schwören, d. h. Soldat zu werden. Nachdem wir die vor uns liegende Höhe erreicht hatten, ließ mich der Kondukteur absteigen und zeigte mir, nicht weit entfernt, die Türme von E., das Ziel meiner Reise. Ich nahm von dem freundlichen Manne Abschied und schritt rüstig den Berg hinab, meiner neuen Bestimmung entgegen; lustig fuhr der Postwagen voraus, eine Zeitlang sah ich noch die trabenden Pferde und dann nichts mehr als eine Staubwolke. E., eine reiche Fabrikstadt, hatte ein ganz anderes Ansehen als C., die einzige große Stadt, die ich bis jetzt gekannt. Dort ragten mächtige gotische Türme und alte, schwärzliche Bauwerke aller Art über die Spitzen verschnörkelter Giebeldächer der hohen Bürgerhäuser aus früheren Jahrhunderten empor, hier sah man hohe und spitze Kirchtürme, mit grauem Schiefer gedeckt, ungeheure, seltsame Schornsteine, große Gebäude mit unzähligen Fenstern, und alles schien jung und neu, alles mit weißem und hellem Anstrich und frischen, grünen Fensterladen. Ueberall stieg Dampf auf, aus den Schornsteinen schwärzlichgrau, wie ich es bei den Dampfbooten gesehen, und daneben anderer schneeweiß. Und wie das in den Straßen, welche ich schüchtern durchwandelte, summte und wogte! Hier rasselte und klapperte es, dort rauschten große Wasser, und als ich zu einem der Häuser hinblickte, sah ich Hunderte von Rädern und Rädchen sich unaufhaltsam und pfeilgeschwind drehen, daß mir fast schwindlig wurde. Dazu hatten die Straßen einen so eigentümlichen, scharfen Geruch, namentlich an dem Fluß, über dessen Brücke ich dahinschritt, und wo unter mir viele Menschen beschäftigt waren, rote und farbige Stoffe abzuwaschen; das Wasser war ganz gefärbt davon. Große Wagenzüge begegneten mir, mit Warenballen und Kohlen beladen. Ich war in einer ganz neuen Welt und zog als einzigen Rettungsanker meinen Brief an den Vetter aus der Tasche und befragte um das Haus, wo er wohl wohnen könnte, mit abgezogenem Hut mehrere Leute, die mir begegneten. Die meisten kannten den Herrn Professor nicht, endlich fand ich aber einen freundlichen Mann, der mich mit sich nahm durch unendlich lange Straßen, um mir das Haus meines Vetters zu zeigen. Schon hatte ich gefürchtet, er möchte auch in der Nähe einer so klappernden und zischenden Fabrik wohnen und war um so angenehmer überrascht, als mir mein Begleiter auf einer sanften Anhöhe vor der Stadt ein kleines, gelbes Haus zwischen grünen Bäumen zeigte und mich dort hinaufwies. Mit klopfendem Herzen stieg ich einen kleinen Weg hinan und befand mich in kurzer Zeit vor einer Gittertür, wo ich bescheidentlich die Glocke zog. Eine ältliche Frau mit klugem, freundlichem Wesen und sanften, hellen Augen öffnete mir die Tür und fragte nach meinem Begehr. Mir war, als hätte ich die Frau schon irgendwo gesehen, aber soviel ich mich auch bemühte, eine deutliche Erinnerung hervorzurufen, wollte es mir nicht gelingen. Ich zeigte meinen Brief, die Frau lud mich ein, in den kleinen Garten zu treten, der das Haus umgab, und fragte ein junges Mädchen, das beschäftigt war, allerlei Blumen und Pflanzen zu begießen: »Wo ist der Vater?« Die kleine Person schaute einen Augenblick von ihrer Arbeit auf und sah mich befremdend an. Sie hatte dieselben klaren und freundlichen Augen wie die alte Frau, und antwortete: »Papa ist in seinem Zimmer und sitzt spazieren.« Dieses Mädchen war mir ebenfalls nicht unbekannt; doch wo ich ihr begegnet war, wollte mir, wie schon gesagt, nicht einfallen. Die Frau nahm mir den Brief ab und ging damit ins Haus, kam aber bald darauf lachend wieder, reichte mir die Hand und sagte freundlich: »Ich freue mich recht, dich zu sehen, du gleichst deiner Mutter, und ich habe im ersten Augenblick in deinem Gesicht eine Aehnlichkeit erkannt, wußte aber nicht, wo ich sie hin tun sollte; nun komm herein zum Vetter und laß dir deine Antrittspredigt geben, er meint's nicht so schlimm. Emma,« sprach sie zu dem Mädchen, »das ist der Vetter, von dem ich dir gesagt, und der hierher kommt, um Kaufmann zu werden.« Emma setzte ihre Gießkanne auf den Boden und sagte zu mir ernst und trocken: »So, so, der Vetter, das freut mich; aber,« setzte sie nach einem Blick auf meine bestäubten Stiefel hinzu, »du bist zu Fuß gegangen und wirst hungrig sein, ich will dir ein Butterbrot holen.« Die Frau erwiderte für mich lachend: »Ja, tu das,« und ging mir voran ins Haus. Fünfundzwanzigstes Kapitel . Der Vetter Professor. Hier sah es nun ganz anders aus als auf der Mühle. Vor der Tür standen schöne Bäume und Gesträuche, und an denselben hingen gelbe Früchte, die ich von der Reißmehlschen Praxis her als Orangen und Zitronen erkannte. In den Zimmern, durch die wir gingen, herrschte durch grüne Fenstervorhänge, die wegen der Sonne zugezogen waren, eine leichte, anmutige Dämmerung. Endlich kamen wir zum Vetter, er saß in einem Zimmer, das mit merkwürdigen Gegenständen vollgepfropft war. Eine Seite der Wand nahm ein Büchergestell ein, und auf den andern Seiten sah man ungeheure Fernröhren, eine Elektrisiermaschine, die ich aus der Schule her kannte, und andere blank geputzte messingne Maschinen und seltsam aussehende Dinge, über deren Verwendung ich mir keine Rechenschaft geben konnte. Der Vetter saß in einem großen, braunen, geschnitzten Lehnstuhle, hatte das rechte Bein über das linke geschlagen, und bewegte die Spitze dieses Fußes, sowie den Zeigefinger der rechten Hand taktmäßig auf und ab. Ich fand Zeit genug, mir das Zimmer und den Professor genau zu betrachten, denn auf einem kleinen Tischchen vor sich hatte dieser ein aufgeschlagenes Buch, aus welchem er trotz meines Eintritts – die Frau war vor der Zimmertür geblieben – ruhig weiter las. Er war ein langer, dürrer Mann und schon ziemlich bei Jahren, hatte ein blasses, aber gutmütiges Gesicht und trug eine braune Perücke. In einer Ecke des Zimmers stand ein messingner Käfig mit einem weißen Papagei, wie ich früher schon in Menagerien gesehen, und dies Tier war schuld, daß der Vetter mich endlich einer Anrede würdigte. Der Vogel sträubte seinen roten Federbusch auf, drehte seinen Kopf vertraulich nach mir hin und sagte, als ich natürlicherweise ruhig auf meinem Platze stehen blieb, sehr deutlich und laut: » Filou! « Hierauf klappte der Vetter sein Buch zu, nahm eine Prise aus einer vor ihm stehenden Dose und sagte mit einer ernsten, feierlichen Stimme: »Ei, ei! Joco begrüßt dich und kommt mir zuvor, indem er dich mit Filou anredet, was so viel besagen will, als: Spitzbub; diesen Ausdruck, der mir jedoch und trotz vielem über dich von deinem Vormund Erfahrenen einigermaßen zu stark vorkommt, würde ich vielleicht zu einer ersten Ansprache nicht benutzt haben, kann aber nicht umhin, dich mit dem Namen eines jungen, ungeratenen Familienmitgliedes zu belegen, denn also hat dich dein Herr Oheim bei mir bestens oder vielmehr schlechtestes prädiziert.« »Herr Vetter,« stotterte ich verlegen und wurde rot wie der Kamm meines unartigen Begrüßers, »ich habe mir gewiß und ernstlich vorgenommen, dem Vormund keine Ursache zum Klagen mehr zu geben.« – »Schön,« entgegnete der Vetter, »hoffen wir, daß sich dein löblicher Vorsatz erfülle, und da es in jedes Menschen Gewalt gegeben ist, sein Inneres zu verbessern, so wird auch dir dieses an und für sich schwierige Bestreben gelingen; aber laß es nicht bei dem Vorsatz verbleiben, denn merke dir das Sprichwort: Die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, und auch hier im Leben tritt man gern auf ihnen herum.« Ich versprach mein möglichstes zu tun, versuchte, mich gelinde zu entschuldigen, ohne gerade die Anklage meines Oheims zu verdächtigen, und versprach nochmals, in meiner neuen Stelle mit Fleiß und Aufmerksamkeit zu arbeiten, worauf ich vom Vetter huldreicher entlassen wurde, als sein Willkommen war. »So geh' denn hinaus,« sprach er, »du wirst müde und hungrig sein, meine Frau soll dir eine Erfrischung zubereiten, ich muß fortfahren, mich noch eine halbe Stunde zu bewegen, der Blutumlauf des Körpers geht durch regelmäßig andauernde Bewegung rascher von statten, was der Gesundheit äußerst zuträglich ist.« Ich suchte eilig die Tür und sah an derselben, wie der Herr Professor mit Fußspitze und Zeigefinger dieselbe taktmäßige Bewegung wieder begann, in welcher ich ihn durch meinen Eintritt unterbrochen; mir kam das äußerst sonderbar vor, sowie auch der Schluß seiner Rede, er wolle sich noch einige Bewegung machen. Später, als ich in der Familie genauer bekannt wurde, erfuhr ich dann zu meinem großen Ergötzen, daß der Vetter, der das Spazierengehen für Zeitverschwendung hielt, überhaupt seine Wohnung äußerst selten verließ, der Ansicht war, die geringste Bewegung des Körpers reiche hin, um den Blutumlauf zu beschleunigen, und so saß er denn stundenlang, bloß den Zeigefinger und die Fußspitze bewegend, und das war es, was Emma mit dem Ausdruck: »Papa sitzt spazieren« bezeichnete. Der Vetter war überhaupt ein seltsamer Mensch; in seiner Jugend hatte er eifrige und große Studien gemacht, lebte aber beständig sehr abgeschlossen und in sich gekehrt, und war deshalb nie zu großen Reisen gekommen, wozu er die Mittel besaß, und die er sich auch vorgenommen, auszuführen; er war aber nicht imstande, sich aus seinen Zimmern und von seinen Gewohnheiten loszureißen. Später wurde er Professor der Mathematik, dozierte eine Zeitlang an einer Universität, verließ dieselbe aber aus einer eigentümlichen Ursache: der Hörsaal, in dem er seine Vorlesungen hielt, war unregelmäßig gebaut und hatte dem Katheder gegenüber zwei vollkommen ungleiche Fenster, das eine hoch gewölbt, das andere klein und viereckig. Ihm war der Anblick dieser Fenster so außerordentlich störend, daß er seine Gedanken nur beisammen halten konnte, indem er die Augen fest auf sein Manuskript richtete, sobald er aber aufsah und diese beiden unregelmäßigen Figuren erblickte, die ihm durch nichts in harmonischen Einklang zu bringen schienen, so wurde er verwirrt, mißgestimmt und unmutig. Statt aber jemand diesen Alp, der ihn drückte zu offenbaren, nahm er plötzlich seinen Abschied mit der verdienten Pension und zog sich hierher zurück, so gut wie gar keinen Umgang anknüpfend. Anfänglich hatte er abends eine Gesellschaft besucht, wo in großen, stattlichen Zimmern zur Erholung und Unterhaltung der Mitglieder alles getan war. Da gab es Lesekabinette und Billardzimmer, Restaurationen und Kegelbahnen, und dorthin ging der Professor einige Male abends in der Woche. Da er aber auch dort wenig Bekanntschaften machte, selten mit jemand sprach, so war der lange, dürre und schweigsame Mann beständig ein fremdes Element, das einsam und unberührt auf den Wogen der Gesellschaft dahinschwamm. Stundenlang konnte er vor dem Billard stehen und den Lauf der Kugel, sowie die Winkel, welche von den anprallenden beschrieben wurden, aufmerksam verfolgen und sich daraus allerlei mathematische Figuren zusammenstellen. Später setzte er sich in eine Ecke des Zimmers, nahm eine Tasse Tee, schlief darüber ein und erwachte erst wieder gegen zehn Uhr an dem Geräusch von dem Hin- und Herrücken der Stühle und Zuschlagen der Türen, indem die Mehrzahl der Mitglieder um diese Zeit nach Hause ging. Hier nun spielten ihm einmal mehrere junge Leute einen gar argen Streich, der sorgfältig überlegt und gut ausgeführt wurde. Eines Abends hatte der Professor seinen Tee getrunken, den Kopf zurückgelegt und war wie gewöhnlich eingeschlafen; da verschloß man die Türen zum anstoßenden Zimmer, löschte sämtliche Lichter aus, und nachdem alles eine Zeitlang schweigsam verharrt, wurde plötzlich an verschiedenen Tischen mit den Stühlen gerückt, laut mit den Füßen gescharrt, Türen wurden auf- und zugemacht, und von diesem Geräusch erwachte der Professor. Er hört, wie gewöhnlich, mehrere Partien in demselben Zimmer ihre Spiele laut und mit vielem Sprechen fortführen. Dort heißt es: »Coeur ist Trumpf,« und die Karten platschen auf dem Tisch; an einer andern Stelle klappern die Dominosteine, und aus dem Nebenzimmer erschallt das Rollen der Billardkugeln und das Sprechen und Gelächter der Spielenden. Der Professor reibt sich bestürzt die Augen, vollständig erwacht, befindet er sich in tiefer Nacht und vernimmt dazu, wie alles um ihn seinen gewöhnlichen Gang geht. Er reißt die Augen weit auf, schaut um sich her, bringt die Hände vor das Gesicht, sieht aber in dem festverschlossenen Gemach keinen Schimmer und fängt an, ängstlich zu werden. »Um Gottes willen,« denkt er, »ich bin ja blind!« Er erhebt sich von seinem Stuhl und stößt einen daneben sitzenden Spieler beinahe über den Haufen. »Ei, ei,« sagt dieser, »beinahe hätten Sie mich umgerannt, Herr Professor.« – »Aber teuerster Herr und Freund,« entgegnet dieser mit unsicherer Stimme, »ist ein solches Anrennen wohl seltsam zu nennen, da in diesem Zimmer die tiefste Dunkelheit herrscht?« – »Die tiefste Dunkelheit?« fragen mehrere mit erstaunter Stimme, »es ist ja heut abend hier so hell wie immer.« – »Sie spaßen, mein Herr, ich sehe gar nichts!« ruft der Professor mit lauter Stimme. Auf dieses hin erhebt man sich von allen Tischen und stellt sich in dichtem Kreis um den vermeintlichen Blinden. »Lassen Sie Ihre Augen sehen,« hört er die bekannte Stimme eines jungen Arztes sagen. »Ich sehe nichts Auffallendes in denselben,« fährt er fort, und der arme Professor, der schon im Begriff steht, sich das namenlose Unglück sehr zu Herzen zu nehmen, hört aus der Ecke des Zimmers ein unterdrücktes Kichern und Lachen. Rasch entschlossen, greift er neben sich an die Wand nach der Klingelschnur, die, wie ihm wohlbekannt, dort hängen muß, und läutet heftig dem Kellner. Dieser erscheint, reißt ihn aber nicht aus seiner Ungewißheit, indem er sich anstellt, als sehe er nichts Außergewöhnliches; kurz und gut, der Professor fängt an zu glauben, er sei erblindet, und bittet mit fester Stimme, ihn nach Hause zu führen. Doch soll es so weit nicht kommen, denn in demselben Augenblicke öffnet sich die Tür des Zimmers, und ein neuer Gast, der eben ankommt, fragt erstaunt, warum es so dunkel sei. Der Professor, ruhig und besonnen wie immer, nimmt von dem Platze neben sich seinen Hut und sein spanisches Rohr, sagt gelassen: »Meine Herren, einem Blinden muß man schon zu gut halten, wenn er nicht sieht, wohin einige wohlangebrachte Schläge, die er auszuteilen für unumgänglich notwendig findet, eigentlich treffen,« und nach diesen Worten erhebt er seinen Stock und beginnt, tüchtig auf den vor ihm befindlichen Kreis einzuhauen. Anfänglich wollen sich einige widersetzen, doch die Besonnensten, die mit dem ganzen Spaß nie einverstanden waren, gebieten flüsternd Ruhe, und man läßt den Professor ziehen. Am andern Morgen schreibt er ein Billet an die Gesellschaft, worin er seinen Austritt anzeigt, und zugleich diejenigen Herren, welche er gestern mit seinem Stocke getroffen, ersucht, sich ihm zu nennen, indem er entschlossen sei, ihnen die vollkommenste Genugtuung zu geben; doch hat sich keiner derselben gemeldet, und der Professor besuchte natürlicherweise die Gesellschaft nicht mehr. So viel von dem früheren Leben des Professors. In dem netten Gärtchen des Hauses hatte man einige Erfrischungen für mich hergerichtet und ich ließ mich behaglich nieder bei der freundlichen alten Frau und meiner Nichte, der kleinen Emma; ich mußte denselben von Familienmitgliedern erzählen, die sie kannten und lange nicht gesehen hatten. »Weißt du auch,« sagte die Professorin zu mir, »daß wir eigentlich alte Bekannte sind? Nein, du erinnerst dich dessen nicht mehr.« – »Doch,« entgegnete ich erwartungsvoll, »als ich in den Garten trat und Sie plötzlich vor mir sah, da fiel mir ein, daß wir uns schon irgendwo gesehen.« – »Ich weiß, wo es war,« sprach die kleine Emma, »in einer großen, schönen Kirche, es ist noch gar nicht lange her, du warst krank, Vetter, und wir fanden dich am Boden liegen, ein alter Mann hob dich auf, und als wir dich nach Hause brachten, war das Haus, wo du wohntest, gerade dasselbe, wo wir hinwollten.« – »Ich besuchte meine Tante, deine alte Großmutter,« ergänzte die Professorin, »du wurdest aber darauf so bedeutend krank, daß du uns nicht wiedererkanntest, als wir Abschied nahmen.« Mir ging ein freundliches Licht auf. Ganz richtig, es war meine kleine Kirchenbekanntschaft! »Aber dennoch habe ich euch erkannt,« sagte ich rasch, und setzte lächelnd hinzu: »nur meinte ich in meinem Fieber, es sei ein Heiligenbild aus der Kirche, das mit dem kleinen Engelein sich nach meinem Befinden zu erkundigen komme.« Sie lachten herzlich über diese Bemerkung, und das Andenken an unsere erste Begegnung machte uns schneller bekannt. Die Aussicht von dem Garten auf die Stadt war recht freundlich, frohe Hoffnung öffnete mir das Herz, und nachdem ich den beiden Damen mit aller Offenheit meine früheren Schicksale mitgeteilt, worüber sie sehr lachten, namentlich über den Doktor Burbus und dessen Skelett, das eine so große Rolle gespielt, wurden wir ganz gute Freunde, und Emma vertraute mir an demselben Abend noch, sie habe mich für einen recht bösen Menschen gehalten. »Aber jetzt denkst du anders von mir?« fragte ich lachend. »Wir wollen sehen,« antwortete die kleine Person sehr altklug, »das hängt, wie der Papa sagt, alles von deiner künftigen Aufführung ab.« Sechsundzwanzigstes Kapitel . Die Einführung ins neue Geschäft. In dem Reißmehlschen Hause hatte ich die unterste Stufe der edlen Kaufmannschaft betreten und sollte jetzt, wie mir der Vetter am andern Morgen beim Frühstück sagte, etwas höher hinaus, denn das Geschäft, für welches ich bestimmt war, eine Modehandlung, hatte zugleich eine kleine Seidenfabrik, und so konnte ich nebst der Handhabung der Elle auch die Geheimnisse der Fabrikation erlernen. Dies letztere tröstete und beruhigte mich einigermaßen, denn es versprach mir eine angenehme Abwechslung und verminderte meine Abneigung, die ich im allgemeinen vor dem Kaufmannsstande hatte. Aber so etwas erschaffen und werden zu sehen, wie der schöne, glänzende Stoff aus der unscheinbaren Seide, wie ihn die Raupe gibt, das sagte meiner Einbildungskraft schon mehr zu; auch muß ich ferner gestehen, daß der Gedanke, ein angehender Fabrikant zu sein, mir sehr schmeichelhaft war. »Dein neues Haus,« sagte mein Vetter, »ist das sehr ehrenwerte Handlungsgeschäft mit der Firma Stieglitz und Compagnie. Was diese Compagnie anbetrifft, so hast du mit derselben nichts zu tun, und für dich existiert nur Herr und Madame Stieglitz; die »Compagnie« ist dem Namen nur angehängt worden, weil in Amsterdam ein Geschäft existiert, welches mit Indigo handelt, und woran die hiesigen Stieglitz einen gewissen Anteil haben. Für mich, der eine Sache gern klar vor sich sieht und die unnützen, nichtssagenden Bezeichnungen haßt, sind die komplizierten Kaufmannsfirmen nicht gemacht, und du wirst in hiesiger Stadt auf gar sonderbare stoßen. Da sind oftmals die Voreltern mit hineingezogen, und es heißt zum Beispiel: »Jakob, Peter Holzens Sohn«; oder die Lebenden betrachten sich nur als Erben und schreiben: »Kaspar Friedrich Schnitz sel. Erben«; oftmals sind auch bei Brüdern sämtliche Namen derselben angeführt und man sagt: »Heinrich Josef und Leopold Kreuzwegs Söhne und Erben«. Was nun dein Haus anbelangt, so ist der Prinzipal desselben, der Herr Stieglitz, sonst ein würdiger und braver Mann, doch nicht das Haupt des Geschäftes, es regiert vielmehr Madame Stieglitz das Ganze, und ihre Gunst zu erringen, wirst du hauptsächlich bemüht sein müssen, was leicht auf dem Wege Rechtens geschehen kann. Denn Madame Stieglitz ist eine brave und achtbare Dame, und,« setzte er mit sarkastischem Lächeln hinzu, »über die Maßen fromm und gottesfürchtig; ferner ist im Hause und Geschäft besonders zu achten und zu bemerken der Buchhalter Herr Specht.« Solchermaßen instruiert, nahm ich herzlichen Abschied von meiner Nichte, der kleinen Emma, und trat klopfenden Herzens, in Begleitung des Vetters, meinen Weg in die neue Kondition an. Das Stieglitzsche Haus war ein neues und schönes Gebäude, und der Laden im untern Stock zeigte durch hohe, helle Spiegelfenster, wie ich nie ähnliche gesehen, dem Vorüberwandelnden die herrlichsten Stoffe und Gegenstände. Auf meinen äußern Menschen hatte ich heute morgen besondere Sorgfalt verwendet; der Anzug war schwarz, mein Haar glatt gekämmt und sorgfältig gescheitelt. Letzteres hatte meine Nichte besorgt und mir dabei zugeflüstert, ich solle der Madame Stieglitz gegenüber recht bescheiden und schüchtern auftreten. Der Vetter führte mich am Laden vorbei zu der Eingangstür des Hauses und zog dort die Glocke. Bald wurde uns von einem kleinen Manne geöffnet, der, eine Brille auf der Nase, ziemlich verdrießlich nach unserm Begehren fragte. Dieser Mann, eine verkümmerte, dürre Figur, etwas stark auf die Seite gebogen, welche Abhängigkeit er durch die in die Seite gestemmte linke Hand zu vergleichen suchte, hatte einen braunen, bis auf die Füße gehenden Oberrock an, eine weiße, etwas gelbe Halsbinde, und war der Herr Stieglitz in eigener Person. Er öffnete ein Zimmer zu ebener Erde und ließ uns eintreten, worauf mich ihm der Vetter vorstellte; ich wollte mich gerade mit ein paar passenden Worten dem neuen Prinzipal empfehlen, als er mich mit heiserer Stimme in derselben mürrischen Weise, mit der er die Tür öffnete, unterbrach und mit den Worten: »Schon gut, ich will meine Frau rufen!« auf großen Pantoffeln, die er lässig an den Füßen trug, davonschlürfte. Dieses unfreundliche Wesen meines Chefs hatte einen unangenehmen Eindruck auf mich gemacht, zudem wurde jetzt in dem Hausflur eine Stimme laut, welche in tiefem Ton und ziemlich heftig die Worte sprach: »Hat denn die Geschichte solche Eile? Ist es nicht möglich, daß man mich einen Augenblick ruhig an meinen Geschäften läßt, kann denn das neue Subjekt nicht warten?« und die Sprecherin trat gleich darauf ins Zimmer, eine große, rüstige Frau mit strengem Gesicht, ziemlich weißem Haar, das unter einer einfachen Haube hervorschaute. An der Schürze trug sie ein mächtiges Schlüsselbund, und das Zepter des Ladens, die Elle, hatte sie in der Hand. Der Vetter stellte mich der Prinzipalin, denn diese war es, vor; Madame Stieglitz bot dem Professor einen Stuhl an, die beiden setzten sich, und der Prinzipal und ich blieben stehen. Mit aufmerksamem Blick sah mich Madame Stieglitz an und sagte zum Vetter: »Der junge Mensch sieht nicht übel aus, ich hätte mir ihn aber größer und stärker gedacht.« Sie wandte sich an mich: »Hat Er Lust, den Kaufmannsstand zu erlernen?« fragte sie barsch, und ich antwortete schüchtern, daß ich mir alle Mühe geben werde, und vorzüglich sei es die Fabrikation der Seidenstoffe, welche zu begreifen ich außerordentlich begierig sei. »Was, Fabrikation?« antwortete Madame Stieglitz, »daran denkt man vorderhand noch nicht, wer einen Stoff erzeugen will, muß ihn vorher genau kennen lernen. Darum zuerst ein paar Jahre die Elle in die Hand genommen und die kleinen Bücher geschrieben! Dann sieht man, ob Fleiß und Betragen danach sind, daß man Ihn auf der Wiegkammer gebrauchen kann; ich verlange Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, offene Augen und Gehorsam, das andere findet sich alsdann von selbst.« – »Ja, das findet sich von selbst,« wiederholte der Prinzipal. – »Wann wünschen Sie,« sagte der Vetter, »daß der junge Mensch seinen Dienst antrete; vielleicht zu Mitte dieses Monats? Er kann in diesem Falle die acht Tage bis dahin in meinem Hause zubringen.« Wie dankte ich dem Vetter für die freundliche Aussicht, die er mir eröffnete, noch acht Tage lang frei und in seinem schönen Garten sein zu dürfen! Doch warf die Frau Prinzipalin die Luftschlösser, welche ich in Gedanken schnell erbaute, mit einemmal über den Haufen, indem sie sagte: »Was, Mitte eines Monats, Herr Professor? Um etwas Tüchtiges zu lernen, kann man nie früh genug anfangen, und der Kaufmannsstand ist nicht so leicht, wie mancher glaubt; wenn es auch schwerer ist, sich große Wissenschaften anzueignen und gelehrt zu werden, so braucht man doch auch Zeit, um die unzähligen Stoffe, mit denen wir umgehen, kennen zu lernen, und ein Hauptbuch gut und sauber zu führen. Lassen Sie mir den jungen Menschen gleich heute da, wir wollen ihn schon beschäftigen.« Und der Prinzipal setzte hinzu: »Ja, wir wollen ihn schon beschäftigen.« Achselzuckend nahm der Vetter seinen Hut, empfahl sich dem Hause Stieglitz und Compagnie und ging eilig davon, nachdem er mir die Hand gereicht. Mir war das Weinen näher als das Lachen, und ich blieb wie angemauert auf meinem Platze stehen; der Prinzipal wurde mit einem bedeutsamen Wink vor die Tür geschickt, und als wir allein waren, hielt mir Madame Stieglitz eine Antrittsrede, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen will: »Junger Mensch,« sprach sie, »wir sind allein, und das ist gut; denn wenn ich meinen Leuten etwas Unangenehmes zu sagen habe, so braucht es keine weiteren Ohren als die meinigen und die, welche meine Worte hören sollen; aber da wir einmal bei den Ohren sind, so bitte ich, das, was ich jetzt sage, nicht zum einen hinein, zum andern hinaus gehen zu lassen, und sich alsdann wohl zu merken, daß ich allen meinen Leuten nur dreimal ernste Worte ins Gewissen spreche: das erste Mal beim Antritt, wo es mir wie bei Ihm notwendig erscheint, das zweite Mal, wenn die Aufführung nicht so ist, wie ich es vermute und will, und das dritte Mal, wenn ich jemand fortschicke. Er also ist mir von seinem Oheim und Vormund als ein etwas leichtsinniges und unruhiges Subjekt, das gern dumme Streiche macht, geschildert worden, und man hat mich gebeten, ein aufmerksames Auge auf Ihn zu haben, um den Versuch zu machen, ob es möglich sei, Ihn zu einem brauchbaren Mitglied der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Das will ich getreulich tun, aber helf' Er mir; Heiterkeit nach getaner Arbeit, die anständig ist und Gott den Herrn nicht beleidigt, ist auch mir nicht zuwider, aber dummes Spaßmachen hasse ich in den Tod; arbeite Er fleißig, bete Er fleißig, denn ohne Gottes Hilfe ist an das Gelingen eines guten Werkes nicht zu gedenken. Ich tue es auch und fange kein Geschäft an, ohne den Himmel zu bitten, daß er mir Kraft zum Vollbringen desselben geben möge; man muß aber auch aufrichtig fromm sein und nicht bloß scheinheilig, und den ganzen Tag tun, als wollte man unsern Herrgott bei den Füßen anfassen. Halte Er sich an meinen Buchhalter Specht, das ist ein frommer, gottgefälliger Mensch und tut seinen Dienst wie ein redlicher Knecht, der mit seinem Pfunde wuchert und es nicht vergräbt. Komm Er jetzt mit, wir fertigen gerade die Bilanz, und da kann Er nach Seinen Kräften helfen.« Voll von der Rede, die mir gehalten, und dir mir ernst und mahnend, wie die Posaune des jüngsten Gerichts, in den Ohren geklungen, folgte ich meiner Prinzipalin in das Warenmagazin im obern Stock, wo ich angewiesen wurde, mehrere Stücke Merino und ähnliche Stoffe hinunter in den Hof zu tragen, dort auf einen Tisch zu legen und mit einem kleinen Stöckchen derb auszuklopfen. Nachdem das geschehen war, erschien der Prinzipal in höchst eigener Person und zeigte mir, wie man die Elle handhaben müsse; das Stück wurde abgewickelt, gemessen und wieder aufgewickelt – ein höchst angenehmer Zeitvertreib. Der Hof, in welchem mir so die Anfangsgründe des Modewarengeschäfts beigebracht wurden, war von allen Seiten mit hohen Häusern umgeben, deren hintern Teil ich mit all den Einzelheiten des Familienlebens vor Augen hatte: an vielen Fenstern flatterte weiße Wäsche, dort zum Trocknen aufgehängt, an andern standen Blumenstöcke, und daß die Pflanzen in denselben hier und da begossen wurden, zeigten lange, schmutzige Streifen, die an den Wänden hinabliefen. Unterdes klopfte ich wacker darauf los, und Madame Stieglitz, die einigemale ernst und feierlich aus dem Kontorfenster neben mir herausschaute, schien nicht unzufrieden mit meinem Fleiß. Als es zwölf Uhr geschlagen hatte, rief sie mich selbst zu Tisch. Das Mittagsmahl wurde neben dem Kontor eingenommen, und ich erlaubte mir einen schüchternen Blick in die Schreibstube; hier war alles viel vornehmer und sah reicher aus als bei meinem früheren Prinzipal; Herrn Reißmehl, es standen da ein paar große, schöne Pulte, eine Kopiermaschine, an der Wand hingen Landkarten und ein Kalender, große Musterkarten lagen auf den Tischen umher, gelbe, glänzende Seide, in Bündel gebunden, war zierlich in einem großen Wandschrank mit vielen Fächern geordnet, und was mir am merkwürdigsten erschien, war die Prinzipalin selbst, die vor dem Pult auf einem Drehstuhle saß, eine Brille auf der Nase, und so lange schrieb, bis die Suppe aufgetragen wurde. Der Prinzipal stand in einer Ecke und schnitt von verschiedenen Stoffen kleine Müsterchen ab; endlich setzten wir uns zu Tische, und hier lernte ich auch den Buchhalter, Herrn Specht, kennen, und ich könnte nicht sagen, daß derselbe einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Obgleich vielleicht erst dreißig Jahre alt, hatte er eine lange, trockene Gestalt und erinnerte mich höchst unangenehm – ich weiß nicht, durch was – an meinen früheren Oberkollegen Philipp, doch war der Herr Specht ohne Vergleich viel sauberer angezogen; er trug, wie der Herr Stieglitz, eine helle Halsbinde, aus welcher das bleiche, hagere Gesicht mit schwarzen Haaren recht gespensterhaft herausschaute, auch war der Herr Specht mangelhaft gewachsen; er hatte beinahe gar keinen Oberkörper und sah deshalb einem aufgesperrten Zirkel nicht unähnlich. Auf seinen Zügen thronte ein immerwährendes Lächeln, demütig gegen die Prinzipalin, vertraulich gegen den Prinzipal, protegierend gegen mich, und vornehm gegen die Ladenjungfer. Letztere war ein harmloses, bescheidenes und sehr häßliches Frauenzimmer, welches in seiner Schüchternheit mit beständig niedergeschlagenen Augen die Anwesenden fortdauernd um Verzeihung zu bitten schien, daß es überhaupt in der Welt sei. Das Essen war gut und wurde durch ein langes Gebet eingeleitet, welches der Herr Specht mit tief herabgesenktem Haupte sprach. Die Prinzipalin schwang den Vorlegelöffel sowie das Tranchiermesser und gab den Grundton zur Unterhaltung. Herr Specht variierte dies Thema, vollkommen übereinstimmend mit den Ansichten von Madame, und der Prinzipal, dessen mürrisches Gesicht sich bei der Suppe aufklärte, wagte hier und da einen kleinen Witz, welchen die Ladenjungfer allein durch ein trauriges Lächeln belohnte. »Wie bekommt Ihm das Ausklopfen?« fragte die Prinzipalin und setzte hinzu: »Man muß mit dem A anfangen und in allen Sachen erst buchstabieren lernen, ehe man zu lesen anfängt.« Ich versicherte, daß es mir außerordentlich nützlich erscheine, die verschiedenen Stoffe kennen zu lernen. »Er ist zum erstenmal hier?« fuhr die Herrin fort. Ich bejahte diese Frage; nun sagte sie: »Das Haus Seines Vetters wird Ihm gefallen haben, schön eingerichtet, ein schöner Garten und eine angenehme Aussicht über die ganze Stadt.« – »Ja, ja,« spöttelte der Prinzipal, »wenn man reich ist, kann man sich auf sein Landgut zurückziehen und seine Tage angenehm und in Ruhe beschließen.« Ob dieser Aeußerung lachte der Herr Specht mit einem Seitenblick auf mich, und die Ladenjungfer kicherte. »Ei was?« entgegnete Madame Stieglitz, »der Herr Professor ist bei allen seinen Eigenheiten doch ein braver Mann, er gibt gerne den Armen, und mir sollte es leid tun, wenn er in seinen alten Tagen doch noch genötigt wäre, sein Haus und seinen Garten zu verkaufen.« Ich verstand diese Aeußerungen damals nicht und war nur der Prinzipalin dankbar, daß sie meinen Vetter für einen braven Mann erklärte. Nach Tisch ging meine Beschäftigung wieder an, und ich alarmierte den Staub in den Warenballen, bis die Sonne sank, wo ich von der Ladenjungfer angewiesen wurde, die beiden großen Lampen, mit denen abends der Laden erleuchtet wurde, zu putzen und anzuzünden, was ich auch, da ich einen guten Sinn für alles Praktische besaß, leicht begriff und zu ihrer Zufriedenheit ausführte. Um acht Uhr wurde der Laden geschlossen, und alsdann beschäftigten wir uns mit den großen Musterkarten, die ich heute morgen im Kontor gesehen, aus welchen die »vergriffenen« Muster, d. h. solche Stoffe, von denen nichts mehr da war, entfernt und andere eingeklebt wurden. Da früher Papparbeiten aller Art meine Lieblingsbeschäftigungen waren, so hatte ich hierdurch in den nächsten Tagen Gelegenheit, mir die Gunst der Prinzipalin zu erwerben. Sie wollte ein neues Seidekärtchen anfertigen lassen und befahl mir, das Papier sowie die bunten Stoffe zum Buchbinder zu bringen, damit er sie kunstgerecht einklebe und mit einem kleinen Strich von Goldpapier einfasse. Ich bat, mir die Arbeit zu übertragen und führte sie so zur Zufriedenheit aus, daß Madame Stieglitz mir mit einem freundlichen Lächeln sagte: »Ei, ei, mir scheint, Er ist zu gebrauchen.« Die Musterkartenbeschäftigung, bei welcher abwechselnd bald von Herrn Specht, bald von der Ladenjungfer ein Kapitel aus einem Andachtsbuche gelesen wurde, schien dem Prinzipal nicht besonders zu behagen, gewöhnlich empfand er Kopfweh und begab sich auf sein Zimmer, von einem ernsten Blick seiner Frau begleitet. Letztere schien mir wirklich eine fromme Frau zu sein, wurde aber hierin von Herrn Specht übertroffen, dessen Mund von andächtigen, lieblichen Redensarten, die Verehrung Gottes betreffend, beständig überfloß. Er begleitete seine Vorlesungen, die er mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen hielt, mit den beredsamsten Kommentaren und sprach sich alsdann in eine wahre Begeisterung hinein, bis sein erhabenes Auge glänzte und ein leichtes Rot auf seinen blassen Wangen erschien und die Prinzipalin mit sanftem Ton sagte: »Specht, Er ist ein braver und frommer Christ, aber les' Er nur weiter.« Um zehn Uhr wurden die Tagewerke des Hauses beschlossen, und wir gingen zu Bett. Mein Zimmer war gelegen zwischen dem des Herrn Specht und der Ladenjungfer. Ermüdet von alledem, was ich heute gesehen, legte ich mich nieder und hörte noch, wie der Buchhalter neben meinem Zimmer ein geistliches Lied mit lauter Stimme absang. Siebenundzwanzigstes Kapitel . Das Warenmagazin. Etiketten. Nachdem das Ausklopfen mehrere Tage auf die beschriebene Art gedauert, und nachdem man genau ermittelt, wie viel Ellen Seide, Band und andere Stoffe sich vorfanden, wodurch die Aktiven des Handlungshauses festgestellt werden konnten, ging man daran, das Warenmagazin wieder einzuräumen, wobei ich dem Prinzipal hilfreiche Hand leisten sollte, und ich fand da ein Geschäft, das mir weit mehr zusagte, als die Beschäftigung der letzten Tage. Da waren tausenderlei Artikel, die ich gern betrachtete und die mir Stoff zum Nachdenken und zu den freundlichsten Phantasien gaben. Der Prinzipal war, sowie er sich mit mir allein befand, redseliger und freundlicher als sonst, und belehrte mich gern über das Vaterland und die Entstehung vieler fremdartiger Artikel. Ueber seine Stellung hier im Hause konnte ich nicht recht klug werden, seine Ansichten schienen nicht viel Gewicht zu haben, und seine Frau, wie der Herr Specht, schienen dieselben wenig zu beachten, überhaupt ließ man ihn kaum zu Worte kommen. Dafür mochte er aber auch den Buchhalter nicht leiden. Wie ich wohl schon bemerkt hatte, sprach er selten mit ihm, und wenn derselbe irgend etwas erzählte, so hörte er nicht zu, und wenn er gar Bibelstellen oder geistliche Lieder rezitierte, ging er gewöhnlich mürrisch hinweg. Hier auf dem Warenlager war er recht gesprächig, wir legten türkische Teppiche zusammen, und ich lobte die schönen Zeichnungen und die hellen Farben. »Wissen Sie auch, wo das gemacht wird?« fragte er mich, »das will ich Ihnen erzählen: weit drinnen in der Türkei, bei der schönen Stadt Smyrna, fertigen die Leute in den Dörfern dieses bunte Gewebe, und da dasselbe aus einem Stück besteht, so sind oft zwanzig bis dreißig Menschen damit beschäftigt; in der Mitte fangen sie an und arbeiten immer weiter auseinander mit Nadel und Faden, bis der Teppich so groß ist, wie sie ihn haben wollen.« Bei den schweren Samt- und Seidenstoffen sprach er von Genua und Venedig, und namentlich bei dem Andenken an die letzte Stadt seufzte er tief auf, als er von der Herrlichkeit dieser Königin der Gewässer sprach; auf meine schüchterne Frage, ob er vielleicht da gewesen sei, antwortete er lebhaft: » Per Dio , das will ich meinen, das ist eine Stadt! Statt der Straßen lauter Wasser, und statt in Wagen fährt man in kleinen schwarzen Schiffchen, Gondeln genannt, und liegt darin in Kissen von schwarzem, schönem Atlas; gerade solcher Stoff wie dieser hier. – Hätte auch besser getan,« setzte er mürrisch hinzu, »lieber dort zu bleiben und sich zum Sitzkissen für eine schöne Venetianerin gebrauchen zu lassen, als hier zu einem langweiligen deutschen Kleide verschnitten zu werden, der Stoff nämlich,« fügte er bei, sah sich aber scheu um, ob seine Rede niemand gehört. Bei den schönen, breiten Atlasbändern erzählte er mir allerlei Schnurren von Paris, und bei der holländischen Leinwand zog er ein Papier aus der Tasche, wickelte eine Zigarre heraus, die er anzündete, nachdem er mir aber vorher befohlen, das Fenster zu öffnen. Neben den Stoffen selbst machten mir auch die Etiketten, die an denselben hingen, angenehmen Zeitvertreib. Hier war ein Schiff zu sehen mit vollen Segeln, welches gerade in der kleinen Bucht eines fernen Weltteils anlegte. Die Matrosen schwenkten ihre Hüte, und schlanke Palmen und Brotbäume nickten über den Uferrand. Gott, wer das einmal in Wirklichkeit ansehen könnte! Wie beneidete ich den Schiffsjungen, der auf dem Verdeck stand und das Maul vor Erstaunen weit aufriß! Hatte ich dort das wirkliche Meer gesehen, so erblickte ich auf Zeugen, die von Kamelhaaren gemacht waren, lange Karawanenzüge, die durch ein unendliches Sandmeer zogen. Hier war ich schon besser bekannt; wie oft war ich dem Kamel durch alle Straßen gefolgt, auf welchem der kleine, rote Affe saß, und hatte sehnlich gewünscht, es möge mir nur einmal vergönnt sein, das Land zu sehen, in dem diese Tiere wild umherspringen! Niederländische Leinwand zeigte in schönem Golddruck einen Holländer, der aus seiner tönernen Pfeife große Rauchwolken blies; Samte aller Farben hatten Etiketten von Silberfäden, die einen bunten Streifen desselben Stoffes einrahmten, und Tücher waren da mit den uns so wohlbekannten langhaarigen Kanten, und neben denselben mit großen goldenen Buchstaben gedruckt, die Firma des Hauses, das sie angefertigt. Bei all diesem Sehen und Nachdenke waren wir recht fleißig und räumten das Magazin mit der größten Geschwindigkeit aus. Der Prinzipal rauchte, erzählte und brachte jetzt eine große Schachtel herbei, von welcher er den Deckel abhob, um mir eine Menge bunter Blumen zu zeigen, die aus farbiger Leinwand, Federn und Klappergold gemacht waren und freundlich und geheimnisvoll rauschten, wenn man sie in die Hand nahm, gleich wie die Zweige des Tannenbaumes mit seinen goldenen Fahnen zur Zeit des Weihnachtsfestes. »Diese Blumen,« sagte der Prinzipal, »werden von den Bauern gekauft und gebraucht bei Bittgängen und Prozessionen – weiß Er, was Bittgänge und Prozessionen sind?« Da ich aus einer katholischen Stadt kam, obgleich ich ebenso wie das Stieglitzsche Haus, evangelischer Religion war, entgegnete ich ihm, daß ich beides ganz genau kenne und mich namentlich der schönen Prozessionen, die ich in meiner Jugend gesehen, mit großem Vergnügen erinnere. Eifrig erzählte ich von dem Läuten der Glocken, von den Tausenden geputzter Menschen, welche die Straßen füllten, und von diesen Straßen selbst, wie sie so reich geschmückt waren mit schönen Girlanden von Tannenreisern, die quer über die Gasse von einem Hause zum andern hingen, wobei namentlich die schönen Kronen, die an diesen Girlanden frei in der Luft schwebten, in der Erinnerung lebhaft vor meine Augen traten. Diese Kronen, von großen Blumen und weißen Eiern gemacht, waren behängt mit Glasstücken und bunten Bändern, und wenn ein leiser Wind ging, so rauschten die Zweige und klingelten die Glasstücke aneinander, so hell und anmutig, und dazwischen hörte man die ernsten und feierlichen Töne der Musik, mit der die Prozession durch die mit Tausenden von Zuschauern angefüllten Straßen nahte. Zuerst kam die niedere Geistlichkeit in weißen und violetten Gewändern, dann erschienen diese Kleider immer reicher, bald mit Gold- und Silberstickerei bedeckt, und hinter weißgekleideten Mädchen, die Blumen streuten, wurde der rotsamtene Baldachin getragen; auf seinem Dache prangte das silberne Lamm mit der weißen Fahne, und unter derselben wankte der alte Bischof einher, auf dem schneeweißen Haare die schwere Mütze, und vor ihm wurde das Allerheiligste in einer goldenen Monstranz getragen. Eifrig erzählten wir uns diese Geschichten, der Prinzipal und der Lehrling, und hatten uns dabei auf den Warenballen niedergelassen, und die Blumen, die wir in der Hand hielten, mit ihrem eigentümlichen Geruch, versetzten mich wie durch Zauber in jene Zeit zurück. Auch der Prinzipal schien in der Erinnerung an vergangene Tage zu schwelgen, sah aber dabei finster vor sich nieder. »Und die schönen katholischen Kirchen,« fragte er mich, »wie sind sie so herrlich und anmutig! Die tiefe Dämmerung in denselben, das zauberische Licht, welches durch die gemalten Scheiben hereindringt, haben Sie das schon alles gesehen und bemerkt?« »Ja,« entgegnete ich eifrig, und mir fielen die Stunden ein, die ich spielend und kindlich betend in jenen schönen, großen Hallen verbracht; ach, ich erinnerte mich noch des Tages, wo ich aus dem Reißmehlschen Hause entlaufen war, wo mich vor dem Muttergottesbild das Fieber erfaßt und darniedergeworfen hatte, und wo ich meine Nichte Emma, die ich damals noch nicht gekannt, zum erstenmal sah! »Mir gefallen unsere Kirchen eigentlich gar wenig,« sagte ich nach einer Pause vorwitzig und altklug, »man sieht nichts in denselben als weiße Wände, braune Stühle und den Pfarrer in seinem schwarzen Kleide.« – »Ei, ei,« entgegnete der Prinzipal, sonderbar lachend, »das sind ja seltsame Ansichten, nehmen Sie sich in acht, daß dergleichen hier im Hause außer mir niemand hört, namentlich würde Herr Specht in Krämpfe verfallen, wenn er Sie mit solcher Begeisterung von den Baalspfaffen sprechen hörte. Sagen Sie nie, daß Ihnen eine Prozession gefalle, niemandem als mir! Was mich nämlich anbelangt,« setzte er seufzend hinzu, »der so lange in dem schönen Italien war, mir ist es am Ende gleichgültig, ob man betet: »Vater unser« oder »Ave Maria.« In diesem Augenblick räusperte und hustete es neben uns sehr bemerklich, und als ich aufschaute, stand der Herr Specht vor uns mit gefalteten Händen, er hatte die Augen erhoben und lispelte: »Gehe nicht ins Gericht,« den Nachsatz: »mit den Gottlosen« verschwieg er, wahrscheinlich aus Ehrfurcht gegen den Prinzipal. Dieser saß aber da in zorniger Verlegenheit, eine der Heiligenblumen in der Hand, die Zigarre im Munde. »Es riecht hier sehr nach Tabak,« sagte der erste Buchhalter, »die Frau Prinzipalin haben diesen für sie sehr unangenehmen Geruch auch schon im Kontor bemerkt und mich ersucht, nachzusehen.« Der Prinzipal, dem jetzt erst der ungeheure Frevel, den er begangen, klar und deutlich wurde, warf die Zigarre auf den Boden und trat sie mit dem Fuße aus. »Um Gottes willen!« fuhr der Buchhalter fort und hob sie wieder auf, »man könnte auf diese Art das Haus anzünden.« Es war aber, wie ich glaube, weniger diese Besorgnis, die ihn veranlaßte, die erloschene Zigarre mitzunehmen, als um drunten das corpus delicti vorzeigen zu können. Er ging nicht, ohne mir einen mißbilligenden Blick zugeworfen zu haben, und wir blieben allein. Der Prinzipal kratzte sich verdrießlich am Kopfe, und wir beendeten die Aufräumung des Magazins, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Während des Mittagessens unterstand sich der Prinzipal nicht, wie er sonst wohl zu tun pflegte, einen kleinen Spaß anzugeben. Madame Stieglitz sah sehr ernst aus, Herr Specht hob zuweilen die Augen gegen den Himmel, hatte heute auch ein viel längeres Tischgebet als gewöhnlich vorgenommen und dieses äußerst anzüglich und eindringlich mit sehr bewegter Stimme gesprochen. Ich verwandte kein Auge von meinem Teller und hatte, namentlich nach Tisch, als mich die Prinzipalin in das Kontor zitierte, ganz das Ansehen eines armen Sünders. »Hör' Er,« sagte Madame Stieglitz zu mir, »ich habe Ihm neulich schon gesagt, daß ich meinen Leuten nur drei Strafpredigten zu halten pflege, die erste hat Er zu Anfang genossen und an der zweiten streift Er heute hart vorbei, da ich im ganzen mit Ihm nicht unzufrieden bin; aber merk' Er sich meine Worte und halte er sich im Hause außer mir nur an den Herrn Specht, an niemand sonsten; hat Er mich verstanden?« Leider hatte ich ihre Rede sehr wohl begriffen, und es tat mir sehr leid, die Gesellschaft und Unterhaltung des Prinzipals, der mir ein sehr vernünftiger und lustiger Mann zu sein schien, als eine verbotene Frucht ansehen zu müssen. Achtundzwanzigstes Kapitel . Prinzipalin und Prinzipal. Trotzdem, was neulich im Warenlager vorgefallen war und mir einen ernstlichen Verweis eingetragen hatte, konnte ich doch nicht umhin, dem Leben und Treiben des Herrn Stieglitz, soviel es mir vergönnt war, die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Da ich nicht hoffen durfte, von Herrn Specht etwas Näheres zu erfahren, so wandte ich mich an die häßliche Ladenjungfer, die aber ebensowenig geneigt schien, mich über die Familienverhältnisse des Hauses aufzuklären. Was sie mir sagte, waren allgemeine Redensarten oder Sachen, die ich schon längst wußte, so, daß der Prinzipal um die Geschäfte des Hauses sich nicht viel bekümmere, daß er das Regiment gänzlich an seine Frau abgetreten habe, daß er früher große Reisen gemacht und ein entfernter Verwandter seiner Frau sei. Ich beschloß daher, meine Neugierde zu bezähmen bis zu dem Tage, dem ich sehnsüchtig entgegensah, an welchem es mir vergönnt sein sollte, das freundliche Haus meines Vetters besuchen zu dürfen. Bald war ich denn über vier Wochen im Geschäft, und kann, ohne ruhmredig zu sein, von mir selbst sagen, daß ich mir in den Elementen des Modewarengeschäfts schon einige Kenntnisse erworben, überhaupt recht fleißig gewesen war, um etwas zu erlernen. Dieses Bestreben verdankte ich neben meinem festen Vorsatz, mich zu einem tüchtigen Kaufmann heranzubilden, der Furcht vor dem strengen Gesicht der Madame Stieglitz, das sie augenblicklich anzunehmen pflegte, sowie sie irgendwo die geringste Unordnung sah. Und ihrem scharfen Auge blieb nichts verborgen: war ein Brief nicht sorgfältig gesiegelt, stand die Aufschrift etwas schief oder hatte sich gar ein Schreibfehler eingeschlichen, so war man sicher, ein ernstes Gesicht zu sehen, das sie mit einem einfachen »Ei, ei!« begleitete. Im Laden selbst, wo ich jetzt auch zum Aufräumen zugelassen wurde, entging ihrem Blick ein schiefliegendes Stück Zeug ebensowenig wie eine falsch umgelegte Schnur; die Farben der einzelnen Stücke mußten dem Auge wohltuend geordnet sein und sämtliche Etiketten regelmäßig in dem Glaskasten in einer Linie hängen. Der Lampen, die von der Ladenjungfer etwas vernachlässigt waren, hatte ich mich eifrig angenommen, Gläser und Glocken waren spiegelblank geputzt, und die helle, glänzende Beleuchtung, die dadurch entstand, trug mir hier und da einen freundlichen Blick der Prinzipalin ein. Das Geschäft selbst war eines der besten in der ganzen Stadt; das Haus Stieglitz u. Comp. verkaufte teurer als alle andern, setzte aber seinen Stolz darein, dafür auch die beste, solideste Ware zu liefern. Auch hatte Madame Stieglitz einen feinen Geschmack, und die Damen gaben beim Aussuchen der Modeartikel viel auf ihren Rat, obgleich dieser immer mit kurzen Worten, ja etwas barsch gegeben wurde, wobei sie das Aeußere ihrer Kunden nicht zu schonen pflegte. »Verzeihen Sie, Madame X.,« konnte sie zu einer schon älteren Frau sagen, »in unseren Jahren trägt man so helle Farben nicht,« oder zu einer andern, die außerordentlich häßlich war: »Mein liebes Fräulein, wenn man so blendende Garderobe aussucht, so muß man sich auch des Rechts bewußt sein, die Augen der ganzen Welt auf sich zu ziehen.« Doch gab sie ihre Meinungen nur dann, wenn man sie verlangte, betrat überhaupt nur den Laden in solchen Fällen, wo sie von den Kunden gerufen wurde. Sie hatte sich bei der ganzen Damenwelt hierdurch ein gutes Renommee erworben, und wer von der Madame Stieglitz ausstaffiert war, konnte gewiß sein, geschmackvoll in der Welt zu erscheinen. Aus diesem Grunde hatte sie auch viele auswärtige Kunden, teils in den kleinen Städten, teils auf den umliegenden Landgütern, die sie nach bestem Ermessen mit Toilettegegenständen versah. Natürlich mußte sie die Damen persönlich kennen, weshalb dieselben genötigt waren, bei Anfang des Geschäftsverkehrs unsere Prinzipalin zu besuchen. Ein solcher Besuch war äußerst merkwürdig, denn von einem neuen Kunden wurde ein solch genaues Signalement aufgenommen, daß sich keine Polizeibehörde daran zu schämen gehabt hätte. Das Buch, worin die Signalements verzeichnet wurden, war das einzige, welches der Prinzipal zu führen hatte. Wenn niemand als ich zugegen war, nannte er es seinen Harem und trug allzeit die Notizen mit großer Wichtigkeit ein; alsdann legte er seinen Schlafrock ab, zog statt der gewöhnlichen ausgetretenen Pantoffeln ein Paar hübsche von grünem Saffian an und war in solchen Fällen recht aufgeräumt und galant. Madame Stieglitz brachte in feingeschliffenem Glase einen guten Wein und Backwerk, und der Prinzipal schrieb in sein Buch: »Madame N., Gemahlin des Gutsbesitzers Herrn N. Größe: 4' 4". Gesicht: oval. Haare: blond. Augen: blau.« Und so fort bis zu den besonderen Kennzeichen, wo es alsdann etwa hieß: »liebt Seide oder wollene Stoffe und Hellblau oder Rosa.« Jetzt war für die Kundin in alle Ewigkeit gesorgt, das Alter wurde natürlich auch, aber in den meisten Fällen nur annähernd, angegeben, und sodann bei allen Bestellungen nur die bezeichnete Pagina aufschlagen, worauf Madame Stieglitz dasjenige aussuchte, was sie für Sommer- und Wintertoilette passend erachtete. Der Prinzipal hatte sein Buch in der Schublade des Tisches eingeschlossen und wachte mit der größten Eifersucht darüber, daß sich niemand außer ihm – lag es einmal zufällig auf dem Tische – unterstand, auch nur den Deckel zu öffnen. Selbst der Herr Specht, der sich im Hause viel herausnehmen konnte, hatte es nur ein einziges Mal gewagt, eine Pagina desselben aufzuschlagen, denn der Prinzipal fiel ihn wie ein gereizter Löwe an, und Specht, der auf das sanfteste opponieren wollte, konnte nur durch die Dazwischenkunft der Prinzipalin vor einer mächtigen Ohrfeige gerettet werden. Ueberhaupt hatte der Herr Prinzipal hier und da dergleichen Ausbrüche wegen meistens unbedeutender Kleinigkeiten; alsdann entfernte Madame Stieglitz die Leute aus dem Kontor, ließ ihn austoben und brachte ihn darauf in seine Zimmer, die zu ebener Erde in den Hof gingen; sie aber bewohnte im ersten Stock ein einziges, sehr geräumiges Gemach. In die Zimmer des Herrn Stieglitz kam niemand von den Hausbewohnern, auch waren die Fenster nach dem Hof zu beständig mit grünen Vorhängen dicht behängt. An solchen Tagen des Sturmes kam er nicht mehr zum Vorschein, und einmal, als ich nach einem ähnlichen Auftritte zufällig über den Hof ging, hatte er eines seiner Fenster halb geöffnet und saß an demselben in einem großen Lehnstuhle, das bleiche, ganz zusammengefallene Gesicht mit einer roten Mütze bedeckt, wie sie die Türken zu tragen pflegen. Auf den Knien lag ein großes, beschriebenes Buch, in welchem er eifrig las. Er bemerkte mich wohl und nickte mir zu, ohne ein Wort zu sprechen. Der Sonntag war für uns alle ein höchst angenehmer und ruhiger Tag; an demselben wurde der Laden nicht geöffnet, denn der Tag des Herrn, wie die Prinzipalin zu sagen pflegte, müsse würdig und ohne das Geräusch der Woche gefeiert werden. Morgens ging ich in Begleitung des Herrn Specht in die Kirche, Prinzipal und Prinzipalin ebenso, und hier galt es, aufmerksam zu sein. Während des Gottesdienstes überwachte der Buchhalter meine Andacht und sagte mir mit seiner sanften Stimme, das Herumschauen in der Kirche während der Predigt sei sehr mißfällig und gebe der Gemeinde ein Aergernis. Zu Hause aber examinierte Madame Stieglitz über den Text der Predigt und über die Lieder, welche die Gemeinde gesungen hatte. Was das erstere anbetraf, so konnte ich ihr den Inhalt des Vortrages immer genau und zu ihrer Zufriedenheit erzählen, mit den Liedern nahm ich es nicht so genau, was ihr auch nicht von großer Wichtigkeit erschien. – – Im Stieglitzschen Hause wurde recht gut gegessen, namentlich aber kamen Sonntags einige Gerichte mehr, sowie auch an diesem Tage Wein getrunken wurde; der Prinzipal leerte seine Flasche mit außerordentlichem Appetit und ward dabei zusehends munterer und freundlicher. Regelmäßig an diesem Tage erschien zum Nachmittagskaffee der Prediger unserer Kirche, ein dicker, behäbiger Mann von munterem Aeußern, und was die Frömmigkeit anbelangt, vom reinsten Wasser. Bei diesen Kaffees nun wurden vom Pfarrer Sproßer und dem Herrn Specht die lieblichsten Reden geführt, und wie es mir schien, in besonderer Beziehung auf mich und die Ladenjungfer, in deren Innern, sowie in dem meinen, der vorhandene Funke der Gnade unter sündhafter Asche zu ersticken drohte. Der Prinzipal zog sich gewöhnlich nach der Ankunft des Pfarrers in sein Zimmer zurück, und oft schaute ihm der letztere mitleidig nach und sagte seufzend: »Ein armer Mann!« Die Prinzipalin horchte wohl auf die Reden des Pfarrers und ihres Buchhalters, suchte aber das Gespräch meistens ins Praktische hinüberzuspielen und sprach von den Verhältnissen der Gemeinde und von gewissen frommen Armen, die reichlich von ihr unterstützt wurden. Nachdem sich der Pfarrer Sproßer entfernt hatte und die Kaffeestunde beendigt war, gab mir die Prinzipalin zu meinem größten Vergnügen einen Urlaub bis abends acht Uhr, um meinen Vetter zu besuchen; zugleich erhielt ich von ihr ein Schreiben an denselben. Man kann sich denken, mit welcher Freude ich die Straßen dahinflog, um das freundliche Haus baldigst zu erreichen. Die Nichte und Emma waren dann gewöhnlich im Garten und lasen; der Vetter befand sich um diese Zeit gewöhnlich in seinem Zimmer und saß spazieren. Ich überreichte ihm meinen Brief, und der Papagei rief: »Bon jour!« – »Siehst du,« sagte der Professor, nachdem er den Brief gelesen, »wie der kluge Vogel dir heute und mit gutem Recht einen andern Willkomm zuteil werden läßt, als bei deinem ersten Erscheinen! Ich sage mit gutem Recht, denn Madame Stieglitz, deine Prinzipalin, schreibt mir soeben einige freundliche Worte über dich, und daß sie mit deiner Aufführung bis jetzt vollkommen zufrieden sei. Fahre zu deinem eigenen Besten so fort, und ich werde nicht unterlassen, dem Vormund das Erfreuliche über dich zu melden; jetzt gehe in den Garten und zeige auch meiner Frau diesen Brief.« Ich tat gern, wie mir geheißen, und die beiden Damen erfreuten sich sehr an dem Lob, das mir Madame Stieglitz gespendet. Emma machte mir ein freundliches Gesicht, reichte mir die Hand und nannte mich zum erstenmal ihren lieben Vetter. Dann mußte ich erzählen von dem Stieglitzschen Hause und führte die Personen desselben so natürlich vor, daß alle lachten, selbst der ernsthafte Vetter, der sich auch zu uns gesetzt hatte. »Wenn ich nur,« sagte ich am Schluß meiner Erzählung, »über meinen oft sonderbaren Prinzipal etwas Näheres erfahren könnte; ich weiß wahrhaftig nicht, was ich von ihm zu halten habe.« »Darüber will ich versuchen, dich aufzuklären,« antwortete der Vetter. »Es ist gut und sogar unumgänglich notwendig, daß man die Grundzüge der Verhältnisse, in denen man lebt, genau kennen lernt. Dein Prinzipal ist allerdings ein sonderbarer Kauz, sehr Genaues weiß eigentlich niemand von ihm. Als ein entfernter Verwandter seiner Frau, der Madame Stieglitz, beschlossen die Eltern dieser beiden, sie zu verheiraten, um das damals schon bedeutende Vermögen zusammenzuhalten. Der junge Stieglitz wurde zu einem tüchtigen Kaufmann herangebildet und lernte die große Handelswelt kennen, was ihm von Nutzen hätte sein können. Darauf machte er bedeutende Reisen, was ihm dagegen nicht von Nutzen war. Er ging nach Italien, Frankreich und Spanien, ja mit einem Schiffe seines Hauses nach Konstantinopel und Smyrna und brachte in Alexandrien mehrere Jahre zu. Auf diesen Reisen muß er aber etwas locker gelebt haben, denn er kam außerordentlich gealtert und schwermütig zurück, ja sogar sein sonst so klarer Verstand schien umdüstert zu sein, wenigstens seine Spannkraft verloren zu haben. Bei einem Karawanenzuge, den er mitgemacht, hatte er ein Gefecht mit den Arabern bestanden und eine tiefe Kopfwunde erhalten, die wohl an seinem Leiden schuld sein mochte. Bald darauf kam er hierher – damals lebte der Vater der Madame Stieglitz noch – und das stille Geschäft, in welches er eintrat, war für ihn so wohltuend, daß er vollkommen genas und sich sein früherer Zustand nur noch hier und da durch eine Gereiztheit des Gemüts kundgab, sowie durch auflodernde Heftigkeit. Er heiratete dann seine jetzige Frau, die ihn sehr gut zu leiten verstand. Anfänglich besuchte er die Kaufmannsgesellschaft, kam in verschiedene Wirtshäuser, doch konnte ihn ein zu viel genossenes Glas Wein in einen bedenklichen Zustand versetzen. Alsdann tauchte die Erinnerung an sein vergangenes bewegtes Leben vor ihm auf, und er wurde lebhaft, gesprächig, konnte zuweilen die Gesellschaft, die ihn umgab, nächtelang aufs beste unterhalten, leider aber auch zuweilen in grenzenlose Heftigkeit ausbrechen, die für seine Umgebung unangenehm und gefährlich wurde. So z. B. hatte er in Spanien eine ungemeine Fertigkeit erlangt, sein Messer nach einem bezeichneten Punkt zu werfen. Dies produzierte er eines Abends eine Zeitlang zum Ergötzen der Gesellschaft, bis ihm einfiel, es solle ihm jemand das Aß einer Karte an die Wand halten, er wolle es richtig treffen. Lachend weigerten sich die Anwesenden, an dem gefährlichen Kunststück teilzunehmen, aber er wurde immer ernster und dringender, und mit Erschrecken sahen die Gäste ein unheimliches Feuer in seinen Augen auflodern und hörten ihn endlich mit einem fürchterlichen Schwur bekräftigen, wenn der und der, den er bezeichnete, ihm nicht alsbald die Karte halte, so würde er ihm das große Tischmesser, das er in der Hand hielt, augenblicklich ins Herz werfen. Was war zu tun! Nach einigem Besinnen wurde ihm die Karte gehalten, und auf zehn bis zwölf Schritte schleuderte er das Messer so geschickt, daß die Spitze der Klinge das Aß durchbohrte. Daß ihn auf diese Geschichte hin jeder Mensch sorgfältig vermied, kann man sich leicht denken; die Gesellschaft stand auf, wo er sich sehen ließ, und so blieb er nach und nach öfter zu Hause. Seine Frau übt mit ihrem ruhigen, derben Wesen eine merkwürdige Gewalt über ihn aus, und er folgt ihr wie ein Kind. Es soll sie anfangs sehr viel Mühe gekostet haben, ihn zu Haus zu halten, denn wenn es Abend wurde, wollte er fort, um ein paar Stunden umherzuschwärmen, und man erzählt sich,« sagte der Vetter lachend, »was ich aber nicht beschwören kann, daß man ihm keine Stiefel zum Anziehen gegeben habe, und auch jetzt noch soll er dieselben nur am Freitag Abend erhalten, wo er alsdann ein paar Stunden ausgeht.« »So viel ist gewiß,« ergänzte ich, »daß der Prinzipal immer in Pantoffeln geht, ich habe ihn nie anders gesehen.« Ich verbrachte einen recht angenehmen Abend bei meinen Verwandten und verließ das freundliche Haus so zeitig, daß ich gegen acht Uhr an der Tür des Stieglitzschen Hauses anlangen konnte. Emma begleitete mich bis an den Fuß des Hügels, reichte mir die Hand und ermahnte mich, mein möglichstes zu tun, damit ich bald wiederkommen dürfe. Neunundzwanzigstes Kapitel . Bekehrungsversuche des Herrn Specht. Ueber unsern vortrefflichen Buchhalter – vortrefflich in den Augen der Prinzipalin, und als Kaufmann, wie mir schien, ohne Tadel – habe ich eigentlich noch gar nichts gesagt. Er war die Seele des Geschäfts und sah ebenso auf Ordnung wie Madame Stieglitz, nur gab er sein Gefallen oder Mißfallen auf ganz andere Art zu erkennen. Jene machte bei einem vorkommenden Fehler ein ernstes Gesicht, sagte: »Ei, ei,« und sah sich wohl veranlaßt, bei größeren Nachlässigkeiten der Ladenjungfer und mir einige ernste, derbe Worte zu sagen, dieser dagegen brauchte nie einen heftigen Ausdruck. Hatte ich ein Etikett unrichtig bezeichnet, zu welchem wichtigen Geschäft ich nach und nach gebraucht wurde, so faltete er die Hände, machte mich mit leiser Stimme auf meinen Fehler aufmerksam und konnte hinzusetzen: »Der Herr möge Sie erleuchten!« Mit der Ladenjungfer schien er nie recht zufrieden; sie war eine arme, gutmütige Person aus einem Dorfe in der Nachbarschaft und hatte ein unbeholfenes, ja etwas bäurisches Wesen nie recht ablegen können. Auch schien die Gnade des Herrn, wovon der Buchhalter soviel sprach, nicht bei ihr zum Durchbruch kommen zu können, und selbst die frömmsten Reden desselben machten keinen Eindruck auf sie. Wenn sie auf ein ernstes Wort der Prinzipalin einen begangenen Fehler augenblicklich und mit dem besten Willen verbesserte, so konnte sie bei ähnlicher Gelegenheit einen frommen Wunsch des Herrn Specht, sie möge Gott um Kraft bitten, ihre Geschäfte mit mehr Pünktlichkeit besorgen zu können, mit einem recht bösen Lächeln beantworten, und ich hatte oft schon bemerkt, wie dann aus den sanften Augen des Buchhalters ein giftiger, unheimlicher Blick zuckte. Obgleich sie nichts weniger als schön war, so erschienen doch die Formen ihres Körpers nicht unangenehm; sie war stark und kräftig und handhabte die schwersten Stoffe mit der größten Leichtigkeit. Den Buchhalter zu necken, war ihr größtes Vergnügen, und da auch mir der süßliche, schleichende Mensch mißfiel, so freute ich mich über alle Streiche, die sie ihm spielte. Zwischen diesen beiden herrschte überhaupt ein merkwürdiges Verhältnis, doch war es kein freundliches. Eines Abends aber sah ich noch mehr, denn als ich etwas später als die beiden in mein Schlafzimmer ging und leise ohne Licht die Treppen hinaufstieg, bemerkte ich den Herrn Buchhalter und die Ladenjungfer, die eben auf dem Gange zusammen sprachen, sie lachend, er mit leiser Stimme in heftiger Bewegung. »Versuchen Sie es,« sprach er, »tun Sie sich Zwang an, den himmlischen Funken, der auch in Ihrer Brust wohnt, zur hellen, freundlichen, gottgefälligen Flamme anzublasen, lassen Sie zerschmelzen die rauhe Schale, so Ihr Herz umgibt, lassen Sie mich mit sanfter Freundeshand die helle Leuchte wahren Christentums in Ihnen entzünden, daß das liebliche Licht unser beider Leben mit rosigem Schein beleuchte.« Das Mädchen lächelte, eifriger fuhr der Herr Specht fort und schluchzte bedeutend. »Ihr Herz, Ihr Gemüt ist kalt, weil es finster ist, ohne belebendes Sonnenlicht! O, könnten Sie einmal die Wonne der sanften Wärme genießen, die durch mein Inneres bebt, Sie würden alsdann auf dem Rosenpfade der christlichen Liebe fort und fort wandeln, bis ich Sie einführen dürfte in den grünen Schatten der duftigen Hütten, wo das geläuterte Herz, nachdem es seine Prüfungen bestanden, sanft gegen einen gleichgesinnten Busen schlagen darf.« Er hatte bei diesen letzten Worten die Hand des Mädchens ergriffen und küßte sie eifrig, worauf sie, ängstlich lächelnd, erwiderte: »Lassen Sie Ihre Reden, Herr Specht, ich verstehe Sie nicht, und es wird mir ängstlich dabei.« – »Diese Aengstlichkeit,« antwortete der Buchhalter und küßte feuriger, »diese Aengstlichkeit entzückt mich, der böse Feind in Ihnen ist erschüttert, es wankt das Fundament Ihres Unglaubens, öffnen Sie die Fenster Ihres Herzens und lassen Sie hinein das junge, rosige Morgenlicht.« Er umschlang ihren Leib und sagte dringender: »Kommen Sie, Therese, lassen Sie uns gemeinsam beten, o wie sind die Lippen so holdselig, wenn sie, bewegt von milden, christlichen Worten, freundlich einem gläubigen Freunde während das Herz dem Herzen geöffnet ist, ein begeistertes Hallelujah jauchzen!« Der Busen des Mädchens hob sich heftig, als er fortfuhr, zu sprechen: »Und wie würde sich unser äußeres Leben freundlich und gottgefällig gestalten, wenn wir, im Glauben vereint, des Tages Last und Mühe gemeinschaftlich trügen!« – Jetzt hustete ich auf der Treppe und trat eilig herauf. »Verzeihen Sie, Mamsell Therese,« sagte da der Herr Specht in ganz anderem Tone als vorhin, »mir ist meine Lampe erloschen, ich wünschte sie an Ihrem Licht anzuzünden.« Die beiden wurden meiner ansichtig, da ich die Treppe ganz hinaufstieg; ich wünschte eine gute Nacht und ging in mein Zimmer. Es war noch früh, und obgleich in meiner Stube ziemlich kalt, setzte ich mich hin, etwas zu lesen, doch trat gleich darauf der Buchhalter zu mir und war äußerst freundlich und gesprächig. »Schön, schön,« sagte er, »daß Sie sich in Ihren Feierstunden beschäftigen, doch sollten Sie, statt die Zeit mit unnützen Schriftstellern zu verderben, eine fromme, geistliche Lektüre erwählen, und Ihr Herz durch die herrlichen Lehren der Heiligen Schrift stählen gegen die Versuchungen der Welt; kommen Sie zu mir herüber, mein Zimmer ist durch die unverdiente Freundlichkeit der Frau Prinzipalin erwärmt, und da ist es angenehmer, denn die Kälte ist nicht geeignet, das Herz empfänglich zu stimmen.« War mir der Buchhalter auf der Treppe in seinen Reden sonderbar, ja lächerlich vorgekommen, so mußte ich mir jetzt bei seinem Anblick gestehen, daß ich nie früher diesen seltsamen Gesichtsausdruck an ihm bemerkte. Sein Auge glänzte, seine Wangen glühten, und über sein ganzes, sonst so melancholisches Gesicht lagerte der Schein einer wilden Lustigkeit. Ich folgte ihm, und es war das erste Mal, daß ich sein Zimmer betrat. Das erste, was ich bemerkte, war eine starke Punsch-Atmosphäre, welche sich aus einem großen, halbgefüllten Glase, das auf dem Tisch stand, entwickelte. In der Stube befanden sich etwas bessere Möbel, als in der meinigen, auch hatte er ein Sofa und einen Ofen, von welchem eine behagliche Wärme ausströmte. Diese Wärme war um so wohltuender, da wir schon Ende November hatten und es in den Zimmern, namentlich abends, schon recht kalt war. Obgleich die Prinzipalin keinem von uns verwehrte, bis zehn, auch halb elf Uhr in dem geheizten Speisezimmer zu bleiben und dort bei einer Lampe zu lesen, so zog ich es doch vor, abends für mich allein auf meinem Zimmer zu sein, wo ich dann trotz der Kälte noch etwas schrieb oder las. Unserem Hause gegenüber war der größte Gasthof der Stadt, und ich konnte stundenlang an meinem Fenster sitzen und dem Leben und Treiben drüben zuschauen. Wenn drüben alles so hell erleuchtet war und in jedem Zimmer andere Szenen spielten, denen ich öfters in der Dunkelheit zulauschen konnte – das war für mich ein eigentümlicher Genuß. Auf dem Tische des Herrn Specht lag eine aufgeschlagene Bibel, und ich sah an der Ueberschrift, daß es das Hohelied Salomonis sei, worin der Buchhalter gelesen. Er rückte mir einen Stuhl an den Ofen, und wir setzten uns. Der Herr Specht war so freundlich, mir von seinem Leben zu erzählen, und ich bemerkte dabei, daß er gern bei den Erinnerungen verweilte, die ihm aus den Jahren, wo er bei dem Hause Stieglitz u. Comp. in Amsterdam konditioniert, in seinem Innern aufstiegen. »Ja, mein Freund,« sagte er, »ein großes Geschäft ist und bleibt immer ein großes Geschäft, und nur das, daß ich hier die Prokura besitze, also eigentlich Mitchef bin, kann mir den Verlust meiner schönen Reisen einigermaßen erträglich machen. Auch,« setzte er mit frommem Blick gen Himmel hinzu, »kommt man endlich in die Zeit, wo man ein stilles, beschauliches Leben dem geräuschvollen Treiben der Welt vorzieht, und ich habe geräuschvoll und vergnügt gelebt, mein Lieber! Ich reiste für das Haus Stieglitz u. Comp. in Indigo, in blauem Indigo, und reiste mit zwei Pferden und einem Kutscher; unser Haus war berühmt, ich brauchte bloß zu sagen: »Mein Name ist Specht vom Hause Stieglitz u. Comp.«, so füllte sich meine Schreibtafel augenblicklich mit Bestellungen. Ah, das war ein Leben, junger Freund!« Er nahm das Glas vom Tische, tat einen großen Zug daraus und bot auch mir zu trinken an, ich ließ mich nicht lange nötigen und fand einen recht guten Punsch. »So strenge ich,« fuhr der Buchhalter fort, »in meinem gewöhnlichen Leben bin, und so sehr ich eigentlich den Genuß geistiger Getränke hasse, so gibt es doch Augenblicke, wo ich meinem Geist, der bleiern und schwer, das Diesseits nicht verlassen will, aufhelfe, damit er fröhlich emporflattere. Der Mensch ist ein schwaches Geschöpf, und das, was wir Körper nennen, muß hier und da aufgestachelt werden, damit es sich aufraffe und dem jubilierenden Lerchenschlag der Seele nicht widerstrebe, die aus den schweren Banden nach der himmlischen Höhe strebt.« Mir schien, der Herr Specht habe sich schon bedeutend aufgestachelt, denn aus seinem flammenden Auge sprach eine außerordentlich jubilierende Seele, und er führte Redensarten, die für einen wenig Erleuchteten, wie ich, unverständlich waren; doch ging ich in seine Ideen ein und versprach auf seine dringende Bitte, alles mögliche an mir zu tun, damit das Licht in meinem Innern, welches ebenfalls durch sündige Asche verdeckt sei, zu einem hellen Aufflackern gelangen könne. Meine guten Vorsätze rührten den Herrn Specht, und da ich sehr viel Punsch dazu trank, auch ihm das Glas häufig hinreichte, so wurde er ganz glückselig und jubilierte schluchzend, und dankte seinem Schöpfer, daß es ihm gelungen sei, abermals eine Seele auf den richtigen Weg zu führen. Dieses Jubilieren artete aber zuletzt in so merkwürdige Redensarten und Ausrufungen aus, daß es mir nicht möglich war, einen Sinn darin zu finden. Ich beurlaubte mich deshalb und ging in mein Zimmer zurück, wo ich meinem Vorgesetzten noch lange zuhorchte, wie er Bibelstellen rezitierte und mit unsicherer Stimme Verse aus dem Gesangbuch ableierte. Endlich schlief ich ein und versäumte am andern Morgen zum erstenmal die Stunde des Aufstehens, was mir einen sehr ernsten Blick der Madame Stieglitz zutrug. Im allgemeinen war es mir aber wirklich gelungen, die Gunst der ernsten, finstern Frau zu gewinnen. Sie erlaubte mir häufig, meine Verwandten zu besuchen, und nach jedem Brief, den ich dem Professor bei solcher Gelegenheit übergab, wurde sein Gesicht freundlicher, und der Empfang bei seiner Frau und der kleinen Emma herzlicher. Wenn ich von der kleinen Emma spreche, so war dieses Prädikat durch ihr Aeußeres gar nicht gerechtfertigt; Emma, obgleich erst vierzehn Jahre, war schon ziemlich ausgewachsen, und wenn wir uns zuweilen durch einen Strich an die Tür maßen, so behauptete sie immer, ich habe sie übervorteilt und sei wenigstens einen halben Zoll kleiner. Ich war damals sechzehn Jahre alt und begann aus allen Kräften zu wachsen; daß ich auf diese Art von Woche zu Woche fast merklich größer wurde, war mir nun recht lieb, dagegen kümmerte es mich sehr, daß meine Kleidungsstücke mich treuloserweise stecken ließen und nicht mit mir in die Höhe und Breite wuchsen. Der Vormund hatte erklärt, es seien keine Mittel vorhanden, mir vor Ablauf eines Jahres irgend etwas an neuer Garderobe zu verschaffen, und wenn mir die Großmutter nebst einem eindringlichen Briefe nicht das Geld zu einem Mantel geschickt, so hätte ich schon im Spätherbst bedeutend frieren müssen. Um mein einziges Tuchbeinkleid einigermaßen dem Körper passend zu erhalten, wurde durch die dicksten Stege unter den Stiefeln und ein furchtbares Anschnallen der Hosenträger das Uebermögliche getan, so daß die Knöpfe schon mehrere Male abgerissen waren, und ich dieselben abends selbst wieder befestigen mußte. Doch hat alles in der Welt seine Grenzen, auch die Dehnbarkeit eines abgetragenen Beinkleides, und so geschah es mir eines Tages, daß, als ich einige Stücke schweren Stoffs von der Stelle heben wollte, sämtliche Anhaltspunkte meiner Hose mit einemmal unerbittlich ihren Dienst aufkündigten und mir sogar der Stoff des linken Beines in der Gegend des Knies rund herum abriß. Verzweiflungsvoll eilte ich auf mein Zimmer und überlegte mit tiefem Schmerz, was nun zu tun sei, denn der Schaden war augenblicklich nicht zu ersetzen. So eifrig ich auch meine Garderobe, die in einer Ecke des Zimmers sich hinter einem baumwollenen Vorhange befand, durchmusterte, es war wirklich kein Ersatzstück zu finden, als eine nicht mehr neue, graufarbige Sommerhose. Ich entschloß mich kurz und gut, sie anzuziehen, warf einen wehmütigen Blick auf die Eisblumen am Fenster und litt, während ich hinunterging, mehr von dem Gefühle meiner Armut als von der Kälte. Herr Specht schüttelte den Kopf, die Ladenjungfer lächelte, und die Prinzipalin winkte mir ins Speisezimmer. »Nehme Er mir nicht übel,« sagte die Frau ernst, »aber in solchem Anzug geht man nicht in den Laden!« Ich schwieg. »Ei, ei,« fuhr sie fort, »wie kann man sich so vergessen! Oder,« sagte sie zögernd und sah mich mit einem gutmütigen Blick an, der sich in einen herzlichen und freundlichen verwandelte, als sie bemerkte, daß sich meine Augen mit Tränen füllten, »oder ist Seine Garderobe vielleicht so schlecht bestellt?« Ich nickte ja und setzte mit unsicherer Stimme hinzu, da mein Vormund sich geweigert habe, mir binnen Jahresfrist anderes machen zu lassen, so sei ich nicht imstande, dieselbe zu verbessern. »Es tut mir unendlich leid, so zu erscheinen, aber ich habe nichts anderes.« »Hm, hm,« sagte die Prinzipalin, »das geht aber nicht, und ich werde mich darum bekümmern. Schau Er, mein Freund, ich habe mit Vergnügen bemerkt, daß Er seine Kleidungsstücke recht sauber ausputzt, aber ebenso ist es mir nicht entgangen, daß dieselben nicht waren, wie sie hätten sein müssen; glaub' Er mir aber, es ist für mich ein delikater Punkt, und wenn man auch behauptet, die Frau Stieglitz sei eine derbe, verdrießliche Frau, die kein Gefühl habe, so ist das doch nicht wahr! Ich bin hart und gefühllos gegen schlechte Subjekte, aber für Leute, die sich gut aufführen, wie Er bis jetzt getan, sorge ich mit großem Vergnügen. Er kann,« fuhr sie fort, »ein paar Tage aus dem Laden wegbleiben und anfangen, das neue Hauptbuch einzurichten, und während der Zeit läßt Er sich machen, was Er braucht.« – »Aber,« entgegnete ich, gerührt durch die freundlichen Worte der ernsten alten Frau, »ich weiß nicht, ob der Vormund . . .« – »Was aber! was Vormund!« fuhr sie mich hart an, »tu' Er, wie ich Ihm geheißen, und sei Er nicht naseweis, auch schenken will ich Ihm nichts, da kann Er ruhig sein, es wird schon die Zeit kommen, wo ich mit Ihm Abrechnung halte; pack' Er droben seine Garderobe und seine Wäsche aus, ich will die Geschichte einmal nachsehen; trotzdem Er ein langer, großer Mensch ist, ist Er noch wie ein kleines Kind. Er hätte früher schon offenherziger gegen mich sein sollen, nur keine falsche Scham! Jetzt geh' Er!« Nach Tisch kam der Schneider und maß mein Aeußeres nach allen Richtungen. Seit jenem Abend auf seinem Zimmer hatte mich der Buchhalter lebhaft protegiert, gab mir alle möglichen Anleitungen und Erleichterungen beim Buchführen, nahm mich sogar eines Tages auf die Wiegkammer und zeigte mir, wie die Seidenstücke zusammengelegt wurden. Auch gegen seine ewige Zielscheibe, die Ladenjungfer, war er auffallend freundlich geworden, und wirklich schienen die beiden, wie der Herr Specht an jenem Abend gesagt, »im Glauben vereint des Tages Last und Mühen freundlich und gemeinschaftlich zu tragen«. – Ich fand damals nichts Arges hierin. Mich ging das ja auch nichts weiter an, und ich bekümmerte mich nicht darum. Auch in das Zimmer des Buchhalters ging ich nur auf seine Einladung und bekam da oftmals einen guten Punsch zu trinken. Doch nahm er sich auch meines inneren Menschen eifriger als je an und füllte meinen Kopf so mit mystischen Redensarten, machte mir solche Angst vor dem Bösen, das in uns beschäftigt sei, Seele und Leib zu verderben, daß ich eifrig seine Mittel dagegen benutzte. Diese bestanden im Lesen sonderbarer Bücher, die er mir mitteilte, beständigem Gebet und wiederholtem Auswendiglernen von Liedern aus dem Gesangbuch, die er mir förmlich aufgab. Diese Uebungen an und für sich wären nun nicht so übel gewesen, doch lag etwas in denselben, was die Phantasie reizte und im Innersten des Herzens Bilder widerspiegeln ließ, von denen ich früher keine Ahnung hatte. Seine Vorträge, die er mir öfters hielt, waren glatt und wie verhängt mit dunkeln Reden, so daß der Sinn in diesem ungewissen Umherstreifen gern einen Schimmer erfaßte, den er zuweilen hineinfallen ließ. »Man kann nichts lieben,« sagte er, »von dem man sich keinen Begriff machen kann; ich liebe Gott, ich liebe die Kirche, doch trage ich diese Neigung auf ein Bild über, das ich in meines Herzens Innerstem aufstelle. – Was ist Gott? – Gott ist alles um uns her – ist aber unser Begriffsvermögen groß genug, um alles um uns her mit der glühenden Liebe zu erfassen, die wir unserem Schöpfer schuldig sind? Nein, und eben deshalb ist es uns erlaubt, unsere Andacht vor einem Bilde zu begehen, das wir uns gläubig entwerfen, indem wir doch nur das Höchste lieben. Der schwache Mensch,« fuhr er fort, »ist nun einmal gezwungen, sein bestes Gefühl nur dem zuzuwenden, was er begreifen kann, und er begreift nur das, was er sieht.« So ungefähr sprach der Buchhalter mit mir und warf meine Begriffe fürchterlich durcheinander; daß man nur etwas Körperlichem zugetan sein könne, das begriff ich vollkommen, konnte aber keine Vereinigung finden zwischen der Liebe, die man zu Gott haben soll, und zwischen der Liebe zu einem Bilde, das ich in mir auf stellte und ihm doch nicht glich. Ich bemerkte diese Zweifel meinem Lehrer und sagte ihm offenherzig, daß ich gegen ein höchstes Wesen nach einem Bilde, wie man es gewöhnlich von ihm macht (ein alter, ernster, ja zorniger Mann, mit langem Bart, der auf den Wetterwolken einherfährt), unmöglich eine Neigung fassen könne, wie er sie in diesem Falle verlange. Herr Specht lächelte sanft, erhob den Blick gen Himmel, und ich mußte ihm das Hohelied Salomonis vorlesen. »Er küsse mich mit dem Kuß seines Mundes, denn deine Brüste sind lieblicher denn Wein.« Der Buchhalter lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen, während ich ihm vorlas, mir aber machte diese Lektüre viel zu schaffen, und wenn sie auch sonderbare Blitze in meine Phantasie warf, so leuchteten sie mir doch nicht auf dem dunkeln Pfade, den ich betreten. Bei vielen Stellen nickte der Herr Specht mit dem Kopfe, und manche mußte ich ihm zweimal lesen: »Siehe, meine Freundin, du bist schön, schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. »Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern. »Komm, meine Braut vom Libanon, komm vom Libanon. »Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer.« Als ich zu Ende gelesen hatte, erlaubte ich mir die schüchterne Frage, die mir viele Zweifel klar machen sollte: »Hat denn König Salomon mit der Liebe, von der er in seinem Hohenliede von einer Freundin und Braut spricht, die Liebe zu Gott und der Kirche gemeint?« – eine Frage, die mir der Buchhalter nicht geradezu beantwortete. »Lesen Sie,« sprach er mit seltsamem Lächeln, »lesen Sie dieses vortreffliche Lied häufig durch, sprechen Sie in diesen schönen, glühenden Strophen zu einem Bilde, das Sie verehren wollen, und das andere wird sich finden.« Ich tat, wie mir Herr Specht anbefohlen, und obgleich ich in der ersten Zeit nicht viel von dem versprochenen Lichte merkte, so gewann ich doch durch die geheimnisvollen Worte, die mir freundlich anklangen, die Lehren des Buchhalters lieb und folgte mit gläubigem Vertrauen durch die Irrgänge seiner unverständlichen Reden. Dreißigstes Kapitel . Das Bild meiner Andacht. Ich war nun, dank der Freundlichkeit meiner Prinzipalin, vollkommen und aufs beste ausgestattet und konnte mich überall sehen lassen. Es war ein ganzer Tisch voll Sachen, die mir der Schneider und die Näherin gebracht hatten, und als ich gegen Madame Stieglitz meinen Dank aussprach, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken, daß ich doch mit einiger Angst dem Moment entgegensähe, wo mir die Rechnungen all der Gegenstände vorgelegt würden. »Denk' Er nicht daran,« antwortete die Frau ernst und bestimmt, »nehm' Er sich vielmehr mit allem Fleiß, wie bisher, seines Hauptbuches an, und vergesse Er es nie, daß ich es Ihm an demselben Tage übergeben.« So verging der Winter, das Frühjahr kam, es wurde Sommer, wieder Herbst, und ich konnte mir mit Stolz gestehen, in dem verflogenen Jahre etwas Tüchtiges gelernt zu haben. Der Prinzipal war während dieser Zeit noch ernster und mürrischer geworden als früher, und zuletzt kam er nur noch des Morgens eine Stunde auf das Kontor bis zum Mittagessen, und alsdann verschwand er für den Rest des Tages. Meine Besuche beim Vetter setzte ich fleißig fort und brachte alle meine Freistunden in dem lieben Hause zu. Der Professor war so artig und freundlich mit mir, wie es seine ernste Natur erlaubte, seine Frau behandelte mich wie einen Sohn, und die kleine Emma hatte sich in dem vergangenen Jahre merkwürdig geändert, wie es im Liede heißt: »Sie war ein Kind vor wenig Tagen, Sie ist es nicht mehr, wahrlich nein.« So war auch Emma aus dem Kinde zu einer Jungfrau aufgeblüht, ohne daß es jemand bemerkt hätte; ihr ruhiges, verständiges Wesen war sich gleich geblieben, als Kind war sie nicht ausgelassen lustig gewesen, und sie brauchte sich deshalb als Jungfrau nicht anders zu benehmen. Aber schön war das Mädchen, das mußte ihr jeder eingestehen, namentlich hatte sich ihr klares, fast übergroßes Auge mit dem sanften, sinnigen Ausdruck noch vergeistigt und war mit dem übrigen Gesicht in ein richtiges Verhältnis getreten. Früher dominierten diese Augen, jetzt waren sie nur noch eine angenehme Zugabe zu dem lieben Ausdruck des Gesichts. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen, als wenn wir mit der Mutter abends im Garten saßen, und der helle Strahl des Mondes das dunkle Blau ihrer Augen mit Silberglanz erfüllte. Die Mutter pflegte zu sagen: »Emma hat Taubenaugen,« und dieser Ausdruck fuhr einstens zündend in mein Inneres, und ich murmelte halblaut: »Siehe, meine Freundin, du bist schön, schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen.« Ich war darauf den ganzen Abend zerstreut, und inmitten der verworrenen Bilder und Gedanken, mit welchen der Buchhalter meinen Kopf vollgepfropft, flammte ein heller Stern, und ich glaubte, das Bild, in welchem sich alle unsere heiligen und guten Gedanken sammeln sollen, gefunden zu haben. Eine unerklärliche Scheu hielt mich ab, dem Buchhalter dies Geständnis zu tun, ich verschloß dies Bild in das Innerste meines Herzens und nahm mir vor, meine Andacht vor allen Augen geheim zu halten. Ich hatte um so weniger Lust, dem Herrn Specht in dieser Beziehung den Namen meiner Nichte Emma zu nennen, als derselbe schon mehrmals den Wunsch ausgesprochen, meinen Vetter und seine Familie kennen zu lernen. Und gerade jetzt ersuchte er mich dringender darum als je. Ich konnte nicht mehr entkommen und versprach ihm, meinen Vetter von seinem Wunsch in Kenntnis zu setzen. Dies tat ich bei meinem nächsten Besuch, und da meine Verwandten glauben mochten, es könne mir von Nutzen sein, wenn sie das Faktotum des Hauses freundlich behandelten, so wurde mir erlaubt, ihn mitzubringen. Der Vetter war bei diesem Besuch ernst und gemessen, seine Frau artig, wie es sich gehörte, und Emma beschäftigte sich wie gewöhnlich mit mir. »Sie sind ein glücklicher Vetter,« sagte der Herr Specht auf dem Heimwege zu mir, »ich muß Ihnen gestehen, ich habe lange nicht ein so schönes Mädchen gesehen, wie Ihre Nichte Emma ist.« Von da an machte der Buchhalter mit und ohne mich häufige Besuche in dem Hause meines Vetters, was mir insofern angenehm war, als er mich nun zu Hause aufs eifrigste protegierte. Um von mir selber zu reden, das heißt, von meinem Fühlen und Denken, so muß ich gestehen, ich war nicht mehr der harmlose, fröhliche Mensch, ich blickte nicht mehr so frei in die Welt und sah nicht mehr, wie sonst, alles, was mir in die Augen fiel, als unverfänglich und natürlich an. Als ich noch harmlos war, lag ein ewiger Sonnenschein auf allen meinen Stunden, und mein Auge schweifte nur in angenehmen und freundlichen Fernsichten, die mir das unbekannte Leben gewähren sollte. Ich hielt die Welt und alle Menschen für gut, und wenn es auch hier und da böse Seelen gäbe, so seien das Ausnahmen, dachte ich mir. Die Lehren des Herrn Specht aber hatten mich eines andern belehrt: ich sah dichte, dunkle Nebel aufsteigen, wo ich bis jetzt nichts erblickt, als sonnenbeglänzte Täler, und nichts gehört, als frommes Glockengeläut. Er lehrte mich zweifeln an der Güte der Menschen und führte seinen Lieblingsspruch: »Das Dichten und Trachten der Menschen ist böse von Jugend auf,« in unzähligen Variationen aus. Bei ihm war die Zahl der Bösen vorherrschend, die der Guten gering, und wenn er mir einen Spiegel vor mein eigenes Ich hielt, so mußte ich gestehen, daß ich, obgleich mir keiner großen Sünde bewußt, noch tief unter den Mittelmäßigen stand. Von sich selbst sprach er eigentlich auch nicht viel besser, doch versicherte er, daß ihm in lichteren Augenblicken klar würde, wie der Gnadenfunke bei ihm allmählich zum Durchbruch komme. »Jeder Mensch,« lehrte der Buchhalter, »ist mit diesem Gnadenfunken versehen, die meisten aber töten ihn durch den Schlamm der Sünde und fühlen den Verlust nicht, wir aber wissen das unschätzbare Gut zu erkennen; das Gefühl eines Menschen, wenn bei ihm die Gnade zum Durchbruch gekommen ist, soll ein beseligendes sein, die Sünde kann ihn ferner nicht verderben, und wenn er wirklich sündigt, so tut er es unter dem Schein dieser Gnade, und seine Sünden werden ihm nicht angerechnet.« – »Aber,« fragte ich ihn, »gibt es denn kein Merkmal, woran man erkennt, daß die Gnade zum Durchbruch gekommen sei?« – »Ein bestimmtes? Nein,« antwortete er, »dies Gefühl ist bei jedem verschieden, es gibt selige Momente, wo man, aufgelöst in das Bild, das, auf dem Altar des Herzens aufgestellt, das höchste Wesen vertritt, genau und deutlich fühlt, wie süße, heilige Flammen allmählich die Seele durchdringen; in solchen Augenblicken,« setzte er mit seinem bekannten, seltsamen Lächeln hinzu, »ist man Begnadigter, und zwei Seelen durch innige Hingebung sind, in heißem Gebet vereinigt, eher imstande, die vollkommene Gnade zu gewinnen, als eine einzelne.« Ich war durch solche Lehren und Reden auf dem besten Wege, ein ausgemachter Kopfhänger zu werden: das Lesen der Bücher, die er mir gab, das Studieren des unverständlichen Alten Testaments brachte mich in eine tiefe Finsternis, die mir zu gleicher Zeit schrecklich und doch lieb war. Ich träumte von einer unbekannten Kirche und befand mich alsdann in einem hohen, prächtigen Gewölbe, süße Musik erschallte und im Hintergrunde einer dunkeln Kapelle entzündete sich langsam ein rosiges Licht, in dessen Mitte zugleich mit der anschwellenden Musik sich nach und nach eine Gestalt abzeichnete, die, wenn sie mir klarer wurde, die schönen Züge meiner Nichte Emma trug. Mein Herz konnte sich auflösen in den klaren Wolken, die das Bild umgaben, und ich konnte fühlen, wie mich eine feurige Lohe durchzuckte, wenn ich mich so in Gedanken an meine Heilige anschmiegte. Aber in der Wirklichkeit ging es mir durch diese Träumereien nicht gut, und ich hatte bei meinen Verwandten manches deshalb auszustehen. Der Vetter hatte mir schon mehrere Male gesagt, es sei recht schön und lobenswert, gottesfürchtig und fromm zu sein, aber beständig davon zu sprechen, wie ich es täte, müsse in meinen Jahren lächerlich erscheinen. Mehrere Male hatte ich auch versucht, wenn ich bei Emma allein war, derselben einige von den Reden des Buchhalters mitzuteilen, doch mußte ich zu meinem Bedauern bemerken, daß das Mädchen für die Gnade gar nicht empfänglich schien. »Höre, Vetter,« sagte sie, »du bist nicht böse, und ich auch nicht, was tust du denn Sündhaftes? Ich wüßte nicht, du arbeitest auf deinem Kontor, du hast die Gunst deiner Prinzipalin, einer braven Frau, und es stände deinen Jahren viel besser an, lustig und munter zu sein, wie du früher auch gewesen bist, und dich deines Lebens zu freuen. Ich erkenne dich in der letzten Zeit nicht mehr und wünsche nur, dein Doktor Burbus, von dem du früher so viel erzähltest, ließe sich einmal hier sehen und setzte dir den Kopf zurecht. – Was brauchst du dich für einen schlechten Menschen zu halten? Ueberlaß das dem Herrn Specht, der mag seine Gründe dafür haben.« Diese Worte des Mädchens, das ich unbewußt anbetete, warfen schreckliche Zweifel in meine Seele, sie rissen aber auch ein Fenster meines Herzens auf und ließen in das Dunkel, das dort herrschte, einen hellen Sonnenschein fallen, der mir außerordentlich wohltat, und den ich doch nicht ertragen konnte. Soviel war gewiß, daß ich mich in ruhigen Augenblicken nicht für sündhaft hielt, wie mir der Buchhalter sagte, und daß ich nach dem Durchbruch der Gnade nur verlangte, weil ich in dem Augenblick durch ein unbekanntes, herrliches Gefühl belohnt werden sollte. Ich erzählte dem Buchhalter von der Unterredung meiner Nichte, und er lächelte still vor sich hin und sagte mit erhobenem Blick: »Lassen Sie das gut sein, und fahren Sie fort, gläubige Gespräche mit ihr zu führen, auch dies Mädchen wird einstens anfangen, sich nach der Gnade zu sehnen.« Ein unheimlicher Glanz füllte bei diesen Worten seine Augen. Von meiner Familie vernahm ich während dieser Zeit nicht viel. Die Großmutter hatte mir einigemale geschrieben, und jedesmal war alsdann ein Postskriptum von der guten Schmiedin angehängt, aus welchem ich deutlich ersah, daß sie ihre traurige Gewohnheit des beständigen Weinens noch nicht abgelegt hatte, denn die Zeilen, die sie schrieb, und in welchen sie jammerte, daß ich so fern sei, und sie mich solange nicht gesehen, waren meistens durch ihre Tränen halb ausgelöscht. Von dem Doktor Burbus erfuhr ich nie etwas – auch auf der Königsbronner Mühle schien man nichts von ihm zu wissen – wo war mein Freund geblieben? Von meinem Vormund dagegen erhielt ich eines Tages ein längeres Schreiben, worin er seine Zufriedenheit aussprach, daß ich endlich Raison angenommen habe und einsehen gelernt, wie man etwas Tüchtiges lernen müsse, um durch die Welt zu kommen. »Deine Prinzipalin,« schrieb er, »hat mir alles mögliche Gute von Dir gesagt, und mir sogar die angenehme Hoffnung gemacht, daß sie in Anbetracht der Kenntnisse, die Du Dir erworben, und des Nutzens, den Du ihrem Geschäft brächtest, sich wohl entschließen könne, Dir schon für die letzten Jahre Deiner Lehrzeit ein mäßiges Salair auszusetzen. Ich danke Dir, daß Du meinen Ermahnungen endlich Folge geleistet, und bin vollkommen zufrieden mit Deiner Aufführung. Dagegen,« hieß es in dem Schreiben weiter, »hat mir der Vetter einiges über Dich mitgeteilt, welches ich nur mißbilligen kann, und was mich sehr betrübt. Du seist, behauptet der Vetter, gänzlich in die Hände Deines pietistischen Buchhalters gefallen und auf dem besten Wege, selbst ein Heuchler zu werden. Ja, ein Heuchler, mein Freund, ich kenne jenes Volk und weiß genau, daß viele von ihnen ihre frommen Redensarten und ihr Tun vor der Welt nur dazu gebrauchen, schlechten Lüsten und wohlbekannten Sünden den Deckmantel umzuhängen. Nimm dich in acht! Jener Herr Specht, der mir ein unsauberer Zeisig zu sein scheint, hat etwelche Absicht auf dich, überwache Deine Handlungen und tue nur das, was Du mit dem Gewissen eines redlichen Mannes und nicht mit dem Gewissen eines pietistischen Heuchlers vereinigen kannst. »Apropos, bald hätte ich vergessen, Dir zu sagen, daß Dein früherer Prinzipal, der Herr Reißmehl, gestorben ist. Der Herr Philipp führt das Geschäft auf seine Rechnung fort und ist Vater eines gesunden Knaben.« Mit diesem Briefe saß ich an demselben Abend lange auf meinem Zimmer, und dicke Tränen fielen auf das Papier. Hatte der Vormund recht? Was konnte aber der Buchhalter von mir wollen? Daß mir an seinem Betragen manches rätselhaft erschien, gestand ich mir wohl; so schrieb er auf seinem Zimmer viele Briefe an auswärtige Handlungshäuser, namentlich an unser Amsterdamer Haus, und diese Briefe kopierte er selbst, und ich mußte sie ihm in letzterer Zeit auf die Post tragen, nachdem ich ihm das Versprechen gegeben, niemand davon zu sagen; auch erhielt er viele Briefe mit seinem Namen, und diese mußte ich auf der Post, wo ich die ganze Korrespondenz täglich abholte, aussondern und ihm insgeheim übergeben. Einmal hatte ich auf seinem Tisch ein Schreiben liegen sehen, worin ihm ein Bekannter anzeigt, er habe den Wechsel im Betrage von so und so viel richtig erhalten und ihm gutgeschrieben. Doch war an allem diesem eigentlich nichts Verdächtiges, der Herr Specht hatte ja die Prokura des Hauses und konnte wohl aus Befehl der Prinzipalin einzelne Geschäfte, die im Kontor nicht bekannt werden sollten, auf seinem Zimmer abmachen. Nur etwas war mir eines Abends, als wir beisammen saßen, aufgefallen, daß nämlich der Buchhalter mir einen Brief mit der Unterschrift der Madame Stieglitz vorlegte und dazu sagte: »Unsere Prinzipalin hat eine eigene kritzelige Handschrift, halb Männer-, halb Frauenhand, die Schriftzüge derselben haben mit Ihrer Schreibart eine merkwürdige Aehnlichkeit, schreiben Sie mir doch des Spaßes halber einmal die Unterschrift nach.« Ich tat, wie mir geheißen, und brachte sie täuschend ähnlich hervor. Er warf das Blatt in eine Mappe, und wir sprachen nicht mehr davon. Lange Zeit war ich unschlüssig, was ich mit dem Briefe meines Vormunds anfangen sollte, ich schwankte, ob es besser wäre, ihn der Madame Stieglitz vorzulegen oder ihn vertrauensvoll dem Buchhalter zu übergeben. Ich entschied mich für das letztere, der Herr Specht dankte mir herzlich für meine Anhänglichkeit an ihn und versprach, dieselbe nach seinem besten Willen zu belohnen. »Sehen Sie,« sagte er mit aufgehobenen Augen, »der Unschuldige muß viel leiden,« und setzte mit feierlicher Stimme hinzu: »Herr, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig, ich hoffe auf den Herrn, darum werde ich nicht fallen. Ihre Offenheit,« fuhr er mit sanfter Stimme fort, »hat mir bewiesen, daß Sie auf dem wahren Wege des Heils der süßen Gnade entgegenwandeln. Es ist an der Zeit, daß ich einen Schritt weiter tue und Sie einführe in jene gottgefälligen Versammlungen, wo mit warmem Herzen und mit heißem Munde das Lob des Herrn verkündet wird, lieblich und wohlgefällig der Seele. Halten Sie sich deshalb bereit, nächsten Freitagabend mit mir auszugehen, für die Erlaubnis hierzu werde ich schon sorgen. Gute Nacht, mein Lieber, Hoffnung und Vertrauen! – Mein Fuß geht richtig, ich will dich loben, Herr, in den Versammlungen!« Einunddreißigstes Kapitel . Die Betstunde. In einem der entlegensten Teile der Stadt, am Ufer des kleinen Flusses, der an der Hauptstraße jenes Viertels vorbeifließt, lag ein kleines Haus, aus welchem der Vorübergehende oftmals, besonders des Freitagabends, geistliche Lieder erschallen hörte, die darin gesungen wurden. Dieses Haus gehörte einem Färbermeister, einem von der Gnade vollkommen durchdrungenen Manne, der sein Geschäft nicht mehr fortsetzte, da er den ganzen Tag Visionen hatte, deren Glanz und Pracht seine Augen so verdunkelten, daß er nicht mehr imstande war, irdische Farben zu erkennen, und also zu seinem Geschäft vollkommen untauglich geworden war. Der Mann hatte sich einen kleinen Weinschank zugelegt, und böse Zungen behaupteten, er sei selbst sein eifrigster Kunde, deshalb den ganzen Tag betrunken, aus welchem Zustande auch seine Visionen stammten. Dem sei nun, wie ihm wolle, die Gemeinde der Auserwählten hielt ihn für ein erkorenes Rüstzeug, und da der Mann trotz seines Weinschanks in seinen Verhältnissen täglich mehr zurückging, so mietete man, um ihm einigermaßen unter die Arme zu greifen, den obern Stock seines Hauses und ließ dort ein paar große Zimmer zu Betversammlungen einrichten. Wer in jenem Stadtviertel keine Geschäfte hatte, ließ sich namentlich des Abends dort nicht sehen; über den ziemlich breiten Fluß drang nicht Klang noch Gesang ans andere Ufer, und dort hinaus befand sich ein zweiter Betsaal, wohin sich die Gemeinde später zurückzog, damit profane Ohren auf der Straße nichts von dem Jauchzen des Halleluja vernähmen. Der Färbermeister hatte, um keine Gäste aus der niedern Klasse in seinem Lokal zu haben, für sehr guten und teuren Wein gesorgt, und so saßen in seinem Hause nur ausgewählte und feine Leute, oben nach dem lebendigen Born himmlischen Wassers, unten nach dem goldenen Born guten Weins trachtend. Die Gäste bestanden aus alten Kaufherren, aus üppigen Kommis, Handlungsreisenden und jungen Beamten; doch war die Anzahl derselben immer klein, da man von einem Stammgast eingeführt sein mußte. In die Wirtszimmer gelangte man von seiten der Straße durch einen dunklen Hausflur, in die Betzimmer aber über eine kleine Altane an der Seite des Flusses, welche auf die Treppe zum ersten Stock führte, und auf diese Art war hinlänglich dafür gesorgt, daß die Kinder Israels von jenen Genossen des Weins und der Sünde nicht gesehen wurden. Was den Freitagabend anbelangt, so hatte der Färbermeister die strengste Weisung, alsdann seine Gaststube geschlossen zu halten und keine Kunden zu empfangen, doch umging er dieses Gebot, indem er seinen Stammgästen ein kleines Gemach nach dem Flusse hin einräumte, wo sie sich ruhig verhalten mußten. Nachdem ich dem Herrn Specht das feierliche Versprechen geleistet, niemand aus der Familie meines Vetters etwas davon zu sagen, daß ich begnadigt worden sei, die Versammlungen der Frommen zu besuchen, nahm er mich den nächsten Freitag abends gegen sieben Uhr mit sich. Wir kamen in jenes für mich bis dahin ganz unbekannte Stadtviertel, und es dunkelte bereits, als wir über die Altane schritten, unter welcher das stille, trübe Wasser des Flusses melancholisch dahinrauschte. Ich weiß nicht, warum ich mit klopfendem Herzen und ängstlichen Gefühlen in die Versammlung trat. Da saßen die Begnadigten auf einfachen Stühlen und Bänken, Männer von jedem Alter, sowie alte und junge Frauen. Da ich in der Stadt überhaupt wenig Bekanntschaften hatte, so sah ich nur ein einziges Gesicht, das mir nicht fremd war, dasjenige meines Schusters, der mich, freundlich blinzelnd, von der Seite ansah und fast unmerklich begrüßte; man überreichte mir ein Gesangbuch, ich ließ mich an der Seite des Herrn Specht nieder, und auf ein gegebenes Zeichen fing die Gemeinde an zu singen: »Es ist noch Raum! Mein Haus ist noch nicht voll, Mein Tisch ist noch zu leer, Der Platz ist da, wo jeder sitzen soll: O bringt noch Gäste her Und nötigt sie auf allen Straßen; Ich habe viel bereiten lassen, Es ist noch Raum! Es ist noch Raum! Seht meinen Schafstall an, Wie breit die Wände gehen, Wie weit gegrünt, so weit man sehen kann, Da große Hürden stehen; Mein Zepter und mein Buch des Lebens Hat nicht so vielen Platz vergebens: Es ist noch Raum!« So ging das Lied fort und wurde mit gefalteten Händen in tiefer Andacht abgesungen. Einige lehnten sich über ihr Buch, andere blickten begeistert zum Himmel, aber – ich wußte nicht, wie es kam – in mir schien sich die Gnade nicht regen zu wollen. Ich konnte mich nicht befreunden mit den seltsamen, schwülstigen Bildern dieser Lieder, mir erschienen jene unseres Kirchengesanges schon innig und herzlich genug. Einige Verse des Gesanges wurden von der Gemeinde mit lispelnder Stimme vorgetragen, andere mit lautem Gesang, mit glänzenden Augen und erhobenen Händen. Es ist noch Raum! Ach wären Augen da, O tiefer Liebesgrund, Kommt, seht hinein und singt Halleluja Und macht es allen kund; Erzählt das mächtige Erwarmen In weiten offnen Liebesarmen, Es ist noch Raum! Nach dem letzten Verse – ich glaube, es war der sechsunddreißigste – wurde ein Augenblick stiller Andacht gepflogen, und darauf trat ein junger Mann, schwarz gekleidet, ein angehender hoffnungsvoller Kandidat, in die Versammlung; er hatte ein eingefallenes, hageres Gesicht, lange, blonde, flatternde Haare, und seine Augen glänzten von einem wilden Feuer; er warf mit seiner weißen, magern Hand die Haare hinter seine Ohren, während er sprach: »Selig sind, die zum Hochzeitsmahle des Lammes berufen sind. Was für ein Jauchzen und Freudengeschrei wird da gehört? Die Stimme einer großen Schar, wie das Rauschen vieler Wasser, wie das Rollen starker Donner ertönt es: Lasset uns freuen und frohlocken, denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, seine Braut ist geschmückt zur Hochzeit – und wie geschmückt! In glänzender Seide, eine Seide nicht vom Seidenwurm, doch vom Baum, der sie am Holze des Kreuzes wirkte und sprach: Ich bin ein Wurm und kein Mensch; in dessen Seide, in dessen Gerechtigkeit gekleidet, erscheint die Braut bei seinem Hochzeitsmahle. Sie wird ihr gegeben und sie nimmt sie an und zieht sie an und erscheint in seinem Schmucke. Wie herrlich wird die Braut des Lammes dastehen! Wie selig, wer dazu berufen ist, und wer dabei erscheinen wird in der glänzenden Seide seiner Gerechtigkeit, im Hochzeitskleide! Denn der Schmarotzer, der kein Hochzeitskleid anhatte und deswegen wieder hinausgeworfen ward, ist ohne Zweifel der Patron derer, die sich die Gerechtigkeit Christi nur so zurechnen, ohne sie anzuziehen und in ihrem glänzenden Schmucke wirklich zu erscheinen. Wenn es heißt: es war der Braut gegeben, daß sie sich kleide in glänzende Seide, die Seide aber ist die Gerechtigkeit des Heiligen, so ist beides wohl zu merken; erstens, daß dieses Kleid gegeben, geschenkt, umsonst dargereicht werden muß, daß es sich kein Mensch selber aus eigenen Kräften wählen kann, und zweitens, daß aber die Heiligen es annehmen, sich zueignen, anziehen und darin wandeln. Darum heißt denn die Gerechtigkeit Christi auch die Gerechtigkeit der Heiligen, weil sie Jesum Christum seinen Sinn und Geist angezogen, sich eigen gemacht haben, und weil das ihr eifriges Bestreben auf Erden ist, daß sie sich stets mit dieser Seide der Braut des Lammes schmücken auf den Tag des Bräutigams, um ihm zu gefallen. »Ja, meine Freunde, süß und lieblich ist das Begehen der Hochzeit des Lammes, süß mit den Genossen und der Genossin, in deren Innern verwandte Flammen schlagen, die im sanften Bunde emporleuchten gleich himmlischen Hochzeitskerzen. Das Lamm ist in uns und ist die Gnade, der wir teilhaftig geworden sind. O nähere dich mir, Genossin, die du im Geist und in der Wahrheit die Hochzeit meines Lammes mit mir begehen willst, wirf von dir alle Eitelkeit dieser Welt, wirf von dir alle Zurückhaltung und folge demütig und bereitwillig der Stimme in deinem Innern; fühlet ihr, Geliebte, wie warm und anmutig die Gnadenflamme euer Herz durchglüht? Ja, ihr fühlet es und fühlet auch, wie holdselig es ist, wenn sich der Genosse und die Genossin des Lammes zum Jauchzen des Halleluja vereinigen. Seht, wie die Flammen des Opfertisches sich einander nähern und lieblich durcheinander flackern, ein gemeinsames, erfreuliches Opfer. »O Genossin des Lammes, du, die du von mir erwählt bist, du bist das Kleid, das sich zur Feier um mein Inneres schlingt, höre und merke dir, dieses Kleid muß gegeben, geschenkt, umsonst dargereicht werden.« So sprach der junge Mensch, und wenn er auch Worte sagte, die ich verstand, so war mir doch der Sinn diesem Worte gänzlich unverständlich, ich konnte mich eines eigenen Schauders nicht erwehren, wenn ich all die glühenden Blicke um mich her bemerkte, die lechzend an seinem Munde hingen; ihnen schien der Sinn seiner Rede nicht zu entgehen, warum denn mir? Sollte das das Werk der Gnade sein, die mir noch abging, und jenen schon zuteil geworden war? Ich dachte an die Lehre des Buchhalters, in meinem Herzen ein Bild aufzustellen, das mir das Unverständliche schon klar machen würde. Unter den Reden des Theologen träumte ich wieder von der dunkeln Kapelle, von der großen Kirche, und die glühenden Worte, die er sprach, tanzten wie rote Blumen und zitternde vielfarbige Streifbilder um das Bild meiner Nichte Emma, das nach und nach in mir aufdämmerte. Doch schauten mich die großen, klaren Augen so ernst und so geisterhaft an, daß ich erschrocken zurückfuhr und alles wieder in Nacht und Finsternis unterging. Der Redner hatte aufgehört, zu sprechen und sank ermattet in seinen Stuhl, ein neues Lied wurde gesungen, und darauf erhob sich der Herr Specht von seinem Stuhl und ging, von meinem Bekannten, dem Schuhmacher, gefolgt, an den Reihen der begnadigten Kinder Israels vorbei. Der Schuster trug auf einer silbernen Platte einen großen, silbernen Krug und ebensolchen Becher, welchen der Herr Specht vollschenkte und jedem der Anwesenden zum Austrinken gab. Auch ich erhielt meinen Teil und trank den süßen Wein, auf eine befehlende Miene des Buchhalters, heftig hinunter. Wunderbar erwärmte mich das Getränk, und mein Gehirn durchkreuzten leuchtende Visionen. »Lassen wir jetzt,« sprach der Kandidat mit tiefer, zitternder Stimme, »lassen wir jetzt zur stillen Betrachtung schreiten.« Die Versammelten erhoben sich, mehrere der anwesenden Weiber schlugen die Augen nieder, andere blickten wild und verlangend um sich. Der Schuster, welcher mir der Diener der Gemeinde zu sein schien, öffnete die Tür des Nebenzimmers, wo von der Decke eine Art Alabasterlampe hing, deren Gehäus aber so dick war, daß kaum so viel Licht durchfiel, um die Gestalten der Hineinwandelnden zu sehen, ohne sie erkennen zu können. Mich erfaßte eine unbeschreibliche Angst, und das geheimnisvolle Dahinschreiten erschien mir grausenhaft, ja gespensterartig. Die Tür schloß sich, die Lampe schien zu erlöschen, und durch die dünnen Vorhänge der Fenster drang vom andern Ufer des Flusses her das ungewisse Licht der Gasflammen; unten rauschte das Wasser, und man hörte in der Versammlung nichts als Flüstern. Nach einiger Zeit erhob der Theologe seine Stimme und sprach: »Siehe, meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen, dein Haar ist wie die Ziegenherden, die beschoren sind auf dem Berge Gilead.« Er schwieg, und nach einer Pause sagte eine andere Stimme: »Deine Zähne sind wie die Herden mit beschnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen, die allzumal Zwillinge tragen, und ist keine unter ihnen unfruchtbar.« Eine dritte Stimme fuhr fort: »Deine Lippen sind wie eine rosenfarbene Schnur, und deine Rede lieblich, deine Wangen sind wie der Ritz am Granatapfel zwischen deinen Zöpfen.« Ein vierter sprach jetzt leise und murmelnd: »Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden.« »Bis der Tag kühl werde,« flüsterte eine Weiberstimme, »und der Schatten weiche, ich will zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauch-Hügel.« Jetzt erkannte ich die Stimme des Buchhalters, der sprach: »Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und deiner Halskette einer. Wie schön sind deine Brüste, meine Schwester, liebe Braut; deine Brüste sind lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze.« So summte und murmelte es um mich her in sonderbar zitterndem Tone und mit eindringender, hastiger Stimme. Durch das Zimmer wehte ein eigener Wohlgeruch, und mir war zu Mute, als hörte ich »den Nordwind und fühlte den Südwind, der durch den Garten wehte, daß seine Würze triefe«. Ich hatte nicht gewagt, niederzusitzen, sondern mich an das Ende einer Bank gestellt, und obgleich meine unerklärliche Bangigkeit immer zunahm, so hielt es mich doch auf dem Platze, solange die summenden Stimmen nicht in meiner nächsten Nähe ertönten. Jetzt aber flüsterte dicht neben mir eine Frauenstimme: »Ich schlafe, aber mein Herz wacht, da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: komm herauf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt ist voll Taues, und meine Locken voll Nachttropfen.« Entsetzt wollte ich auf die Seite fahren, doch faßte eine Hand die meinige und zog mich nieder auf die Bank. Mir sauste es vor den Ohren, mein Herz pochte gewaltig, ich wollte davon und konnte nicht. Eine Zeitlang herrschte ringsum tiefe Stille, dann vernahm ich die Stimme des Kandidaten, der leise sprach, so leise, daß seine Worte ein fast unhörbares Geflüster waren, und doch verstand ich sie. »Mein Freund ist hinabgegangen in den Garten,« sagte er, »zu den Würzgärtlein, daß er sich weide unter den Gärten und Rosen breche. – Halleluja!« »Halleluja!« summte die ganze Versammlung, und ich, der die Augen fest geschlossen hatte, fühlte auf meinem Munde ein paar warme Lippen, die mich innigst küßten. Erschreckt sprang ich empor, riß mich los, stolperte über einige, die mir im Wege saßen, und sprang so heftig gegen die Tür, daß das Schloß aufsprang und ich, hochaufatmend, die Helle des Vorzimmers wiedersah. Hinter mir entstand Geräusch und allgemeiner Aufbruch, ich eilte auf die äußere Tür und stürzte durch dieselbe auf die Treppe, da ich eilige Schritte hinter mir hörte. Den mich Verfolgenden zu entgehen, sprang ich die Stufen in großen Sätzen hinab, als ich mich von hinten gefaßt und festgehalten fühlte. Ich wandte mich um und erblickte das blasse, verstörte Gesicht des Herrn Specht, der mich am Arme festhielt. »Wohin?« rief er mit heiserer Stimme, und jener gewisse Strahl aus seinen Augen blitzte unheimlicher als je auf. »Fort, fort!« rief ich ihm zu, »lassen Sie mich gehen!« – »Er wird uns verraten,« flüsterte eine andere Stimme, und ich erblickte neben mir den Kandidaten, dessen Augen häßlich durch die Nacht leuchteten. »Unbesonnener Mensch,« fuhr er, zähneknirschend, zu dem Buchhalter gewandt, fort, »jemand in unsere Versammlungen zu bringen, dessen man nicht sicher ist.« – »Er soll einen feierlichen Schwur leisten,« entgegnete der Buchhalter, »einen fürchterlichen Schwur, auf daß er uns nicht verrate.« – »Ich schwöre nicht!« schrie ich laut und entschlossen. »Du mußt!« antwortete giftig der Kandidat, »oder, bei Gott, wir werfen dich ins Wasser.« Die beiden packten mich an der Schulter, ich aber faßte krampfhaft die Lehne der Altane und schrie um Hilfe. Einen Augenblick waren die beiden unentschlossen, was sie tun sollten, da öffnete sich der Fensterladen der Wirtsstube, es schaute jemand heraus, und eine mir bekannte Stimme rief laut: »Laßt den Burschen los, ihr Nachteulen, oder ich werf' euch mein Messer in die Rippen, daß keiner von euch das Tageslicht wieder sehen soll. Fort, Halunken, ich komme schon!« Ich erkannte zu meinem höchsten Schrecken die Stimme meines Prinzipals, Herrn Stieglitz, riß mich los, sprang auf die Straße und eilte davon, so schnell mich meine Beine trugen. Zweiunddreißigstes Kapitel . Ein Stern in dunkler Nacht. Es mochte ungefähr zehn Minuten dauern, bis ich das entlegene Stadtviertel, aus welchem ich herkam, wo die Straßen so öde und leer waren, hinter mir hatte; ich ging langsamer, denn ich hörte, daß ich nicht verfolgt wurde, auch sah ich hier in den volkreicheren Straßen noch viele Menschen; es mochte neun Uhr sein. Sollte ich nach Hause gehen? Es schien mir schon später zu sein, als es wirklich war, und ich fürchtete mich vor dem Empfang der Madame Stieglitz, denn was sollte ich sagen? Sollte ich den Buchhalter verklagen? Mir wurde wahrscheinlich nicht geglaubt, und dann hatte derselbe auch Mittel genug an der Hand, mir das Böse, das ich von ihm aussagen würde, vielfach zu vergelten. Im Innersten meines Herzens wünschte ich dem Herrn Specht alle möglichen Strafen, denn ich fühlte deutlich, daß er mich einen falschen Weg geführt, auch schwebte mir der Brief des Vormunds vor Augen, und ich fing an zu begreifen, wie recht er gehabt, indem er mich vor dem Buchhalter warnte, ebenso meine Nichte Emma und der Vetter mit seinem sarkastischen Lächeln. Der kannte sie vielleicht genau, jene Heuchler, mit Honig auf den Lippen und Gift im Herzen. Gott, wenn er mich zu jenen rechnete! Und die kleine Emma! Es wurde mir jetzt klar, daß mich letztere schon seit längerer Zeit mit andern Blicken betrachtete, als früher, und nicht mehr so offen und freundlich gegen mich war. Dieser Gedanke schlug mich vollends darnieder, denn ich fühlte deutlich, ohne mir des Warum bewußt zu sein, welchen Anteil der Beifall meiner Nichte auf meinen Fleiß und auf meine Aufführung gehabt. Wie herzlich drückte sie mir die Hand, als ich bei meinem ersten Besuch den ersten Brief der Madame Stieglitz überbrachte, und obgleich ich später viel größere Zeichen meiner guten Aufführung vorlegte, so entlockten ihr dieselben doch nicht mehr das frohe, herzliche Lächeln wie an jenem Tage. – Ich war recht unglücklich. Unter diesen Gedanken kam ich in die Nähe der Post und sah dem Treiben auf dem Hofe derselben einige Augenblicke gedankenlos zu. Der Eilwagen einer der größten Routen fuhr soeben schwankend in den Hof, der Postillon blies, die Pferde schlichen daher, dampfend und mit gesenkten Köpfen, neugierige Blicke der Reisenden an den Fenstern des Wagens betrachteten die dunklen Häuser der Stadt, und ich sah deutlich jedes Gesicht, als der Eilwagen bei den Gaslampen des Eingangs vorbeifuhr. Jetzt hielt der Postillon mitten im Hofe, der Kondukteur sprang herab, öffnete den Schlag, die eingesperrten Passagiere stiegen aus, froh des Reiseziels und der wiedergewonnenen Freiheit. Es war von jeher eines meiner größten Vergnügen, die Ankunft des Eilwagens abzuwarten, die Reisenden zu betrachten und mir alsdann allerlei Phantasien zu machen. Wie viele Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen waren nicht schon in diesen Kasten eingesperrt, und wie verschiedenartig gebärdeten sich die Ausgestiegenen gemäß dieser Erwartungen und Hoffnungen! Hier stehen mehrere Leute, die einen lieben Bekannten erwarten, und schon, indem der Wagen hereinfährt, wird für und wider gestritten, ob der, welcher ankommen soll, wirklich darin ist. »Im Kabriolett ist er nicht,« sagt eine ältliche Frau; »ich glaube doch, Mama,« entgegnet ein junges Mädchen, »ich habe eine graue Reisemütze gesehen, wie sie mein Schwager trug, als er zum letztenmal bei uns war.« – »Geh doch,« spricht eine dritte, »der mit der grauen Mütze war ein alter, dicker Herr« – und zwei kleine Buben meinen: »Der Schwager würde wahrscheinlich im Wagen selbst sitzen.« Die ganze Gesellschaft trippelt in den Hof, die Mutter erkundigt sich nach ihrem Schwiegersohne bei dem Kondukteur, welcher, mit seinen Briefpaketen beschäftigt, nicht Zeit hat, nach dem Erwünschten zu sehen, und daher die Achseln zuckt. Der Mann mit der grauen Reisemütze ist wirklich ein dicker, alter Herr, und nicht der Erwartete. Er ist mit allen Reiserequisiten versehen, trägt unter dem linken Arm ein Sitzkissen, unter dem rechten einen Fußsack und raucht gleichmütig seine Zigarre. Er hat keine Eile, denn er will in einer Stunde weiterfahren. Da er aber ein höflicher Mann ist, so sagt er zu der alten Frau: »Madame, es kommen noch einige Beichaisen, vielleicht ist dort die Person, welche sie suchen.« – »Es kommen noch Beichaisen,« wiederholen die kleinen Buben, und die hoffende Familie bleibt aufs neue. Jetzt sind auch ein paar Damen dem Wagen entstiegen, jede hat unter jedem Arm eine große Schachtel, und jede hat in jeder Hand extra eine andere Schachtel; sie stellen diese acht Schachteln auf den Boden und ziehen noch erschrecklich viel Gegenstände ans Licht der Laterne aus den Wagentaschen. Auf dem Sitz und unter dem Sitz haben sie Nachtsäcke, Sonn- und Regenschirme, Schals, Mäntel, Taschen und noch zwei ganz kleine Schachteln. Beide Damen schauen sich erwartungsvoll auf dem Posthof um und sehen betrübt, daß noch niemand für sie da ist. Sie sind nicht mehr in der ersten Jugendblüte und deshalb das Warten schon gewöhnt. – »Gott,« sagte die eine, »ich weiß in der großen Stadt keinen Weg, und wenn man uns nicht abholen kommt, so sind wir wahrlich in Verlegenheit.« – »Ja,« versetzte die andere, »sehr in Verlegenheit.« Ein Dienstmädchen kommt eilig daher und leuchtet jedem der Anwesenden mit einer großen Laterne unter die Nase, auch sie hat nicht gefunden, wen sie sucht und wartet nun ebenfalls geduldig auf die Beichaisen. Die eine der alten Damen mit den vielen Schachteln seufzt und spricht zur andern: »Habe ich doch gewiß geglaubt, das Mädchen sei zu uns geschickt! Wenn man uns nur nicht vergißt!« Der höfliche, dicke, alte Herr fühlt sich auch hier wieder berufen, ein Wort des Trostes zu spenden, indem er sagt: »Unbesorgt, meine Damen, der Eilwagen ist heute abend außergewöhnlich früh gekommen, man wird Sie nicht so bald erwarten.« Jetzt blasen in der Entfernung die Beiwagen, und das Geklatsch der Peitschen schallt durch die nächtlich stillen Straßen; auf dem Posthof gerät alles in Bewegung, ja die Frau eilt mit ihrer Gesellschaft ans Tor; die erste Beichaise kommt herein, ein Wagen, so groß wie der Hauptwagen, und die beiden Buben müssen von einem Postoffizianten beiseite gezogen werden, denn sie bezeichnen durch ihr unbändiges Freudengeschrei, daß der erwartete Schwager im Wagen sitzt, und springen beinahe unter die Pferde. »Julius, Wilhelm!« kreischt die Mutter, »wollt ihr gleich herkommen!« – »Der Schwager!« ruft das eine der Mädchen, und dieser ruft aus dem Wagen: »Guten Abend!« Der Postillon flucht und knallt, der Hund des Kondukteurs bellt, und die beiden alten Damen schreien entsetzt auf, da der Ankommende Beiwagen ihre Schachtelpyramide gestreift hat, und die kostbaren Stücke im Hof umherrollen. Es ist eine allgemeine Verwirrung; die Beichaisen entleeren sich ihres Inhalts, der Schwager wird von der überglücklichen Familie, nachdem sich alle geküßt, im Triumph fortgeschleppt. Julius und Wilhelm erliegen fast unter der Last eines kolossalen Mantelsackes und einer riesenhaften Hutschachtel, die sie aber eigenhändig nach Hause schleppen zu dürfen, für eine große Ehre halten. Aehnliche Szenen wiederholen sich auf dem ganzen Posthof: hier ein herzlicher Empfang, dort ein ziemlich kühler. Die Magd mit der großen Laterne leuchtet nochmals sämtlichen Ankommenden in das Gesicht und will davoneilen. Alles hat sein Teil gefunden, bis auf die unglücklichen alten Damen, die inmitten ihrer Schachteln verzweiflungsvoll das Schlachtfeld behaupten. »Du,« sagt die eine, »fragen wir die Jungfer mit der Laterne, ob sie nicht das Haus unseres Bruders weiß?« Gesagt, getan; die andere hält die Davoneilende fest und nennt den Namen ihres Bruders. »I, du mein Gott,« entgegnete das Mädchen, »das ist ja meine Herrschaft! der Herr Kanzleirat sind unwohl und haben mich abgeschickt, Sie zu holen, ich habe Sie wahrhaftig nicht gekannt.« – Neues Erstaunen, seliges Entzücken! Die Magd wird mit den Effekten der beiden Damen beladen und sieht aus wie eine wandernde Schachtelhandlung; die eine der Damen trägt die Laterne, und so ziehen sie dahin, die lange Erwarteten und endlich Gefundenen. Was zurückbleibt, ist nicht der Rede wert, es sind entweder Leute, wie der höfliche, dicke, alte Herr, die weiterreisen, oder ledige Menschen, die ihre Effekten dem Hausknecht anvertrauen und im Weggehen überlegen, was sie zu Nacht speisen wollen. Auf dem Posthof wird es leer und still, die Lichter der Wagen und die Stalllaternen der Postoffizianten werden ausgelöscht, die Fenster der Bureaux verfinstern sich bis auf eins, wo der wachhabende Sekretär sitzt, die Schritte der davoneilenden Passagiere verhallen allmählich in der Straße, der alte Herr mit der grauen Reisemütze steckt sich eine andere Zigarre an und klettert in den abfahrenden Wagen. Der Postillon bläst: »Noch ist Polen nicht verloren,« die Uhr schlägt zehn, der Kondukteur ruft: »Fort!« und der Wagen fährt in die Nacht hinaus. – Da stand ich denn wieder allein an meinem Eckstein, und für mich hatten die ankommenden Wagen nichts gebracht; hätte ich nur ein einziges bekanntes Gesicht gesehen! Die Großmutter, selbst der Vormund, ja sogar die Schmiedin wäre mir willkommen gewesen. Mit einem tiefen Seufzer ging ich davon, und so kleine Schritte ich auch machte, immer näher kam ich dem Stieglitzschen Hause. Ich hatte mich an der andern Seite der Straße gehalten und erreichte so das offenstehende, hellerleuchtete Portal des Gasthofes, der unserem Hause gegenüber lag. In dem Flur desselben standen Kellner mit den Servietten auf dem Arm und Lichtern in der Hand, um einen großen Haufen von Reiseeffekten, und der Oberkellner handhabte die große Glocke und rief die Nummern der Zimmer ab, welche den Gästen angewiesen wurden. Ich starrte in das Gewühl, als plötzlich, wie ein Stern in dunkler Nacht, eine Stimme mein Ohr traf, eine tiefe Baßstimme, welche die Worte sprach: »Teuerster Hausknecht, laden Sie meinen Koffer auf, ich habe jetzt lange genug unter dem Hause gestanden.« Ich trat auf den Sprecher zu, und als ich seinen Namen rief, als ich sagte: »Herr Doktor Burbus!« traten mir die dicken Tränen in die Augen. »Gott steh' mir in allen Gnaden bei!« rief der Doktor, denn er war es; »lieber Freund, sind Sie es wirklich, woher des Weges in so später Nacht? Ich freue mich aber in der Tat und recht sehr, Sie zu sehen. Gehen wir hinauf.« Er legte seine Hand in die meinige, und bald waren wir in seinem Zimmer angekommen. Dort nahm er mich bei den Schultern, küßte mich herzlich und blickte mir kopfschüttelnd ins Gesicht. »Teuerster Buchhalter,« sprach er nach einer Pause, »hoffnungsvoller, angehender Seidenfabrikant, wie geht es Ihnen? Mir scheint, nicht zum besten, denn Ihr Gesicht ist blaß und verstört, und wenn ich Ihren Puls ergreife, so deutet mir sein heftiges Pochen einigermaßen auf bedeutende Gemütsbewegung.« »Lieber Doktor,« entgegnete ich ihm beruhigter, denn da ich den alten Freund gefunden, war mir eine Zentnerlast von der Seele gefallen, »mir geht es gut und schlecht.« »Das wollen wir,« sagte Burbus, »in einer ausführlichen Erzählung erfahren. Haben Sie schon zu Nacht gegessen?« »Nein,« entgegnete ich, und alsbald bestellte er ein kleines Souper, und schon das erste Glas eines guten Weines löste mir die Zunge. Ich erzählte ihm zuerst, was sich seit seinem rätselhaften Verschwinden auf der Mühle ereignet, dann meinen Eintritt in das Hans Stieglitz u. Comp., und vertraute ihm mit aller Umständlichkeit alles, was sich dort mit mir begeben, meine gute Aufführung im Geschäft, das Wohlwollen der Prinzipalin, die Bekehrung durch Herrn Specht bis zu den Szenen von heute abend. Der Doktor war während meiner Erzählung aufgestanden und ging, die Hände auf dem Rücken, mich aufmerksam anhörend, auf und nieder. »Das sind ja,« sagte er, als ich geendet, »ganz merkwürdige und höchst verfluchte Geschichten. Die Sache hat etwas Reißmehlisches, und der Herr Specht scheint mir ein Philipp in der schlimmsten Potenz. Wir müssen genau überlegen, was da zu tun ist. – Verklagen Sie den Buchhalter bei der Prinzipalin, ohne vollgültige Beweise gegen ihn zu haben, so leugnet er Ihnen nicht nur alles rund vor der Nase hinweg, sondern er stellt Zeugen auf und sagt, er habe Sie heute abend in einem verdächtigen Stadtviertel in einer schlechten Kneipe gesehen, habe Sie ermahnt, nach Hause zurückzukehren, und Sie seien ihm entlaufen; o, ich kenne solche schlechten Kerle! Wo wohnen Sie eigentlich, Beflissener der edlen Modewarenhandlung?« – »Dort gegenüber!« sagte ich und trat mit dem Doktor ans Fenster. »Ei, ei,« lachte Burbus, »mir gegenüber, gerade wie damals im Reißmehlschen Hause.« Er lehnte seinen Kopf an die Scheiben und sagte ernst und nachdenklich: »Das war eine trübe Zeit, Gott sei Dank, sie ist vorüber,« und lachend fügte er hinzu, jener Zeiten gedenkend: »Wenn Sie mich heute abend verlassen, so müssen Sie schon den Weg durch die Tür nehmen, denn da hinüber reicht keine Planke.« Auch ich vertiefte mich in das Andenken früherer Tage und dachte jenes nächtlichen Luftritts; doch war ich heute wieder, freilich auf ganz andere Art, in ähnlicher Lage: dort drüben lag das Haus meines Prinzipals, nächtlich finster, kein Fenster erleuchtet, und ich wußte ebensowenig wie damals, auf welche Art ich mich hineinschleichen sollte. Auf einmal sah ich unten an der Tür des Stieglitzschen Hauses jemand vorbeihuschen, die Gestalt sah hinauf, ging bei der Tür vorbei und kehrte wieder um. Richtig, es war der Buchhalter, Herr Specht! Ich zeigte ihn dem Doktor, der in ein unmäßiges Gelächter ausbrach. »Ah, ah, nächtlicher Kamerad,« sprach er, »Sohn der Finsternis, sehen Sie, wie das böse Gewissen dort umzieht, ein Gespenst, das sich selber fürchtet und nicht zur Ruhe kommen kann! Eine richtige Ahnung sagt ihm, daß Sie noch nicht daheim sind, und nun lauert er auf Sie, um Ihnen ein paar passende Worte zu sagen und sich sicher zu stellen, daß Sie ihn nicht verraten. Aber warte, Kamerad! Nachher begleite ich Sie an die Haustür, und dann wollen wir dem Phantom Bedingungen machen. Vorerst soll er aber warten, bis es uns gefällig ist! Setzen wir uns, trinken wir unsern Wein, ich will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist!« Man kann sich denken, wie begierig ich darauf war, des Doktors Erzählung zu vernehmen! Das Bild der guten Sibylle schwebte mir vor, und ich hatte schon ihren Namen auf den Lippen, als der Doktor aus seiner Brieftasche ein Schreiben nahm und es mir zum Lesen gab Das Schreiben war vom alten Müller und lautete folgendermaßen: »Mein lieber Herr Doktor! Erst heute hat mir meine Tochter Sibylle die Briefe vorgelegt, welche Sie ihr seit einem Jahre geschrieben, und ich ersehe daraus, daß Sie Ihre Studien zu Ende gebracht und sich nach gut bestandenem Examen in E. als Arzt niederlassen wollen. Zugleich hat sie mir das Schreiben an mich gegeben, worin Sie um die Hand meiner Tochter anhalten; Sie wissen, daß ich nicht viel Worte mache, und sage deshalb: Ja und Amen! Auch die Mutter ist einverstanden, und wir erwarten Sie, um das Nähere mit Ihnen zu besprechen.« Nachdem ich diesen Brief gelesen, reichte ich dem Doktor gerührt die Hand, wir nahmen die Gläser und stießen herzlich an. »Ich komme nun soeben von der Mühle,« sagte Burbus heiter, »und habe dort erst erfahren, daß Sie hier sind. Die Mutter und Sibylle, Elsbeth, Franz und Kaspar haben mir tausend Grüße an Sie mitgegeben, sich aber zugleich beklagt, daß Sie weder geschrieben, noch ein einziges Mal zum Besuch gekommen seien. Der Vater dagegen meinte, er habe mit Vergnügen gehört, daß Sie fleißig seien und Ihrem Prinzipal zum Danke leben, zugleich habe er aber vernommen, daß Sie,« setzte der Doktor lachend hinzu, »Spechtianer geworden, und wenn das wahr sei, so wäre es ihm nach allen Seiten hin recht, wenn Sie die Mühle mit Ihrem Besuch verschonten.« Das tat mir wehe, und der Doktor hatte alle Mühe, mich zu trösten. »Sie werden,« fuhr er fort, »aus dem Briefe des Vaters ersehen, wie ich meine Zeit nach dem Verschwinden aus der Mühle angewandt; ich kann Ihnen versichern, daß ich fleißig war und furchtbar gearbeitet habe, auch dabei höchst erbärmlich gelebt; meine Kammer gegenüber dem Reißmehlschen Hause war ein Staatsgemach gegen die Appartements, welche ich wegen Ueberfluß an Geldmangel genötigt war, zu bewohnen. In der Universitäts- und Residenzstadt B. habe ich promoviert und, einem alten Kollegen aushelfend, praktiziert, und mir dort so viel gewonnen, daß ich hier imstande bin, so, wie Sie mich vor sich sehen, anständig aufzutreten und mich bescheiden häuslich einzurichten. Die gute Sibylle ist keine vornehme Dame und wird mit dem vorlieb nehmen, was wir haben.« Herzlich wünschte ich dem Doktor Glück, daß er endlich einen sichern Hafen erreicht, und herzlich freute ich mich über das Glück meiner guten Sibylle; wir tranken auf eine glückliche Zukunft, die Burbus auch mir prophezeite, unsere Gläser leer, und der Doktor meinte, es sei jetzt Zeit, das fromme Gespenst drunten zu erlösen. Wir gingen hinunter, rings war es finster und öde, und ein veränderliches Herbstwetter herrschte in den Straßen, ein heftiger Wind peitschte einzelne Regenschauer durch die Stadt, dichte Wolken bedeckten den Himmel, und die Gasflammen flackerten ängstlich auf und nieder. Sofort sahen wir den Buchhalter, der noch immer, die Straße auf- und abspähend, vor dem Hause hin und her ging. Wir wollten ihm gerade entgegengehen, und mir war bei der Unterredung, die wir vor uns hatten, gerade nicht angenehm zu Mute, als wir durch die Stille der Nacht einen unsichern, schlürfenden Schritt hörten und bald darauf eine zweite Gestalt sahen, die, stark hin und her schwankend, sich ebenfalls dem Stieglitzschen Hause näherte. Zu meinem größten Schrecken erkannte ich den Prinzipal und hielt den Doktor am Arme zurück. Der Buchhalter stand gerade an der Haustür, und der Herr Stieglitz, der ihn wohl zu bemerken schien, mochte glauben, es mache sich dort ein Dieb etwas zu schaffen, und schlich sich leise näher, um ihn zu überraschen. Er kam dicht an dem Portal des Gasthofes vorbei, in welches wir uns augenblicklich zurückzogen, und als er seinem Hause gegenüber angelangt war, sprang er auf den vermeintlichen Dieb mit einem solch ungeheuren Satze los, wie ich ihn dem alten Manne nicht zugetraut. Der Buchhalter, welcher sich unvermutet gefaßt und krampfhaft festgehalten fühlte, stieß den Angreifer von sich und wollte entfliehen; plötzlich hörten wir ein heiseres Gelächter, sahen einen glänzenden Punkt wie einen falben Blitz durch die Luft fahren, sahen den Buchhalter wanken und mit dem Ausruf: »Jesus Christus im Himmel!« zusammenstürzen. Das heisere Gelächter wiederholte sich, der Prinzipal öffnete hastig die Haustür, und als sie aufflog, sahen wir den Hausflur hell erleuchtet und Madame Stieglitz darin stehen, ein Licht in der Hand. »Was ist geschehen?« rief die ernste Frau mit zitternder Stimme, als sie den Prinzipal mit wilden, verstörten Zügen ins Haus stürzen sah. Doch starrte sie derselbe mit einem entsetzlichen Ausdruck an, spreizte die Hände von sich und sagte mit tonloser Stimme: »Ich habe mein Messer nach einem Diebe geworfen, er liegt draußen.« Bei diesen Worten sah ich, wie das Licht in der Hand der starken Frau zitterte, doch gefaßt, wie sie war, riß sie an der Schelle der Dienerschaft und führte den Prinzipal nach seinem Zimmer. Der Doktor Burbus hatte den Buchhalter nicht sobald niederstürzen sehen, als er auf ihn zusprang, ihn aufrichtete und ins Haus führte. Ich sprang hinter ihm drein; in dem Tumult aber, der in dem Hause entstand, bei dem Rennen des Hausknechts und der Ladenjungfer, schlüpfte ich eilig auf mein Zimmer, brachte meine Kleider etwas in Unordnung, als sei ich erst eben dem Bett entsprungen, und eilte, zitternd ob all dem Schrecklichen, das ich gesehen, wieder die Treppe hinab. Dreiunddreißigstes Kapitel . Ruhe sanft! Unten im Hause herrschte die grenzenloseste Verwirrung; die Prinzipalin, schon entsetzt durch den Gedanken, der Gemahl habe einen Dieb mit seinem Messer niedergestreckt, rang die Hände, als sie entdeckte, daß dieser vermeintliche Dieb niemand anders als der Buchhalter Herr Specht sei. Die sonst so ruhige Frau war außer sich, und dicke Tränen rollten unter ihren grauen Wimpern hervor. Der Verwundete lag in dem Zimmer an der Tür, in demselben, wo ich durch den Professor vorgestellt worden war. Den Hausknecht, der gerade zum Doktor stürzen wollte, hielt ich noch zur rechten Zeit auf, indem ich ihm bedeutete, eben der Herr, welcher den Buchhalter hereingeführt, sei ein Arzt. Madame Stieglitz war durch dies sonderbare glückliche Zusammentreffen beruhigt, denn sie war überzeugt, daß es noch mehr Aufsehen gegeben hätte, wenn man den Kreisphysikus, den alten Hausarzt, mitten in der Nacht hätte wecken müssen. Auch benahm sich der Doktor Burbus mit solcher Umsicht und Ruhe, daß er das Vertrauen der Madame Stieglitz gewann; glücklicherweise hatte er auch sein Verbandzeug in der Tasche, und nachdem die laut schluchzende, untröstliche Ladenjungfer und der Hausknecht entfernt waren, begab er sich ans Geschäft; auch mich wollte die Prinzipalin wegschicken, doch meinte Burbus, der junge Mensch könnte ihm das Wasserbecken halten, und so durfte ich dableiben. Die Verwundung des Herrn Specht war nicht gefährlich. Das Messer, von sicherer Hand, aber in Dunkelheit geworfen, hatte sein Ziel um wenige Zol1 verfehlt und die linke Seite etwas stark zerschnitten. Es war mehr der Schrecken, verbunden mit der Aufregung, in der sich der Buchhalter ohnehin befand, welche ihn niederwarfen. Bald war der Verband kunstgerecht angelegt, der Kranke bekam ein niederschlagendes Pulver, und somit wäre alles in Ordnung gewesen. Doktor Burbus erzählte der Prinzipalin, daß er zufällig an der Tür des Gasthofes gewesen, als die Szene in der Straße vorfiel. »Madame,« setzte er hinzu, »ich brauche Ihnen nicht die Versicherung zu geben, daß ich eine Hauptpflicht des Arztes, Verschwiegenheit, genau kenne und befolge. Die Sache ist ein Unglück, ein Versehen, und man braucht darüber vor der Welt keine Geschichte zu machen, und wenn Sie,« sagte er leise, und deutete auf mich, »in jenen jungen Menschen vollkommenes Vertrauen setzen, so schicken Sie ihn auf die Straße und lassen ihn jenes unglückselige Messer holen.« – »Ganz recht,« entgegnete Madame Stieglitz, gab mir den Auftrag, und ich sprang auf die finstere Gasse. Emsig mit Augen und Händen suchend, hatte ich bald das Instrument entdeckt: es war das gewöhnliche Taschenmesser des Prinzipals, das er abends, wenn er auszugehen pflegte, einsteckte. Es hatte eine ungefähr vier Zoll lange Klinge, und ich schauderte, als ich es in die Hand nahm, mir schien das Eisen feucht, weshalb ich es an meinem Taschentuch abwischte und alsdann sorgfältig zusammenlegte. Mir kamen die Vorfälle des heutigen Abends wie ein wirrer, gespenstiger Traum vor: jene Altane, auf welcher mir der Buchhalter und der Kandidat gedroht, mich ins Wasser zu werfen, dann die Worte des Prinzipals, der uns nicht kannte, und der, um mich vor meinen Verfolgern zu retten, meinem Angreifer das Messer in die Rippen zu schleudern versprach, was nun später, wenn auch durch ganz andere Veranlassung, wirklich geschah. Ich eilte ins Haus zurück, händigte der Prinzipalin das Messer ein, ohne daß es der Buchhalter bemerkte, der gerade im Begriff war, über sein spätes Nachhausekommen eine artige, aber recht fromme Lüge vorzubringen, die auch der Doktor mit dem gläubigsten Gesicht der Welt anhörte. »Ich nehme,« sagte der Herr Specht, »diese leichte Verwundung aus der Hand meines verehrten Prinzipals als eine Züchtigung Gottes für begangene Sünden; ach, es ist ja kein Mensch fehlerfrei, und mein größter Schmerz ist, daß ich Ihnen, geschätzte Frau Prinzipalin, eine unruhige Stunde bereitet sowie jenem fremden, guten Arzte und meinem kleinen Freunde da.« Er sah mich mit einem forschenden Blicke an und war sichtlich beruhigt, als ich ihm erwiderte: »Was mich anbelangt, verehrter Herr Buchhalter, so versichere ich Ihnen, daß es mir ein aufrichtiges Vergnügen macht, Ihnen einen kleinen, unbedeutenden Dienst leisten zu können. Ich bin überzeugt, daß Ihre Wunde in wenigen Tagen geheilt ist, und dann,« setzte ich mit Betonung hinzu, »denkt gewiß kein Mensch mehr an die Vorfälle dieser Nacht.« – »Amen,« sagte der Buchhalter gerührt, Burbus lächelte ein klein wenig, und Madame Stieglitz nickte mir freundlich zu. Von Burbus und mir unterstützt, erhob sich der Herr Specht, um zu Bett zu gehen. Madame Stieglitz, vollkommen zufrieden, daß die Sache nicht schlimmer ahgelaufen sei, rückte ihre Haube zurecht und ermahnte mich, mit einem innigen Gebet dem Höchsten zu danken, daß er vom Hause ein schlimmes Unglück abgewendet, und bat den Doktor Burbus, doch morgen nach seinem Kranken zu sehen – da öffnete sich langsam die Tür, und hereintrat der Prinzipal, angetan mit einem braunen, sonderbar aussehenden Schlafrock, die rote Mütze auf dem Kopfe. In einer Hand trug er ein Licht, in der andern einen türkischen Säbel. Ich, der zunächst der Tür war, fuhr bei diesem Anblick zurück, und der Doktor, der die seltsame Gestalt erstaunt betrachtete, ließ den Buchhalter auf einen Stuhl niedersitzen. Madame Stieglitz faßte die Tischecke, denn die arme Frau schien zu ahnen, was sich begeben würde. Man mußte den Prinzipal genau kennen, um in diesem langgezogenen, leichenblassen Gesicht seine Züge wiederzufinden; starr blickte er uns an, und seine Augen glänzten von einem unheimlichen Feuer. »Es ist mein Mann, der Herr Stieglitz,« sagte die erschütterte Frau mit kaum vernehmbarer Stimme zu dem Doktor, der sie fragend ansah. »Ja, Madame,« sprach der Prinzipal mit einer Stimme, deren Ton mir durchs Herz drang, »es ist vielmehr Ihr Herr, – dessen starke Hand die Räuber und Mörder von dem Eingange Ihres Gezeltes abwehrte, sie darniederstreckend mit mächtiger Hand. Mir aber sagte die Stimme in meinem Innern, daß man den Verbrecher hineingezogen in meine geheiligten Wände, und wenn ich auch gern Barmherzigkeit übe an jedermann, so kann ich doch nimmermehr zugeben, daß der Missetäter, den mein Schwert niederwarf, mit seinem Blut meine reine Schwelle besudle. – Wo ist der Tote?« Nach dieser Anrede faßte sich der Doktor zuerst und entgegnete: »Verehrter Herr, Sie sind im Irrtum, Sie warfen Ihr Messer und glaubten, einen Räuber zu treffen, und verletzten Ihren eigenen Buchhalter, der im Begriff war, nach Hause zurückzukehren.« – »Wo ist der Tote?« fragte aufs neue der Prinzipal und schaute sich im Kreise ringsum. Der Buchhalter erhob sich mühsam von seinem Stuhl, und sein Gesicht war fast so bleich wie das seines Chefs. »Ich bin nicht tot,« sagte er weinerlich, »nur eine leichte Verwundung, Herr Prinzipal.« – »Nicht tot?« entgegnete dieser, schrecklich lachend, »ei, ei, Spechtlein, Spechtlein, meine Hand ist alt geworden, oder du hast ein zähes Leben; schade darum! Doch fliehe mein Haus, Räuber!« – »Um Gottes willen!« schrie Madame Stieglitz und faßte die Hand ihres Mannes, in der er langsam und feierlich seinen Säbel erhob, »was soll das alles bedeuten? – Es ist ja Herr Specht, unser getreuer und guter Buchhalter, den du in unverantwortlicher Wut verwundet.« Der Prinzipal schüttelte lächelnd den Kopf. »Unser getreuer Buchhalter?« sagte er. »Schau, schau, meine Hand zuckte niemals nach einem Getreuen und Gerechten; mein Messer ist ein verständiges und fühlendes Messer, und wo ich es nach einer menschlichen Brust warf – und das kam schon mehrmals vor, meine Liebe – da war diese menschliche Brust falsch und treulos wie diese.« Das letztere stieß er in gellendem Tone hervor; der Doktor faßte ihn aber jetzt mit starker Hand und hielt ihn an der Tür zurück. »Gehen Sie ihm aus den Augen,« flüsterte er eilig dem Buchhalter zu, und dieser, der infolge seiner begreiflichen Angst vor allen scharfen Instrumenten in der Hand seines Prinzipals, nun plötzlich allein gehen konnte, entfloh eiligst durch eine Seitentür; wir alle sprangen vor den Herr Stieglitz, um ihn nötigenfalls mit Gewalt zu halten, da wir fürchteten, er werde dem Verwundeten nacheilen. Doch ruhig, fast groß blickte er einen Augenblick auf die Tür, durch welche der Herr Specht verschwunden, und sagte: »Er fliehe, sein Schicksal ereilt ihn doch, mir komme er aber nie mehr vors Angesicht!« Er reichte mir die Waffe, die er in der Hand trug. »Nimm dies Schwert, mein Page,« sprach er, »folge mir in mein Gezelt!« Darauf wandte er sich um und ging nach seinem Zimmer. Den Doktor hatte er bei der Hand gefaßt und zog ihn mit sich; ich folgte, den Säbel in der Hand, der Prinzipalin, die mit gefalteten Händen und wankenden Schritten hinter ihnen drein ging. In seinem Zimmer angekommen, war der unglückliche Mann still und folgsam. Der Doktor brachte ihn zu Bett, ließ ihm zur Ader, verordnete ihm Umschläge und erklärte, die Nacht bei dem Kranken bleiben zu wollen. Madame Stieglitz kannte ich nicht wieder, sie hatte sich im Vorzimmer auf einen Lehnstuhl niedergelassen und saß da regungslos und nachdenklich, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. Bald entschlief der Kranke, und auf einen Wink des Doktors ging ich auf mein Zimmer. Den andern Tag durfte niemand zu dem Prinzipal, und selbst der Kreisphysikus, der von dem Apotheker etwas von dem Unfalle gehört hatte, wurde nicht vorgelassen und nur von der Prinzipalin empfangen, welche ihm sagte, gestern abend sei der Herr Stieglitz von einem Schlaganfall getroffen worden, und da ihn zufälligerweise ein junger Arzt, der sich seit kurzem hier niedergelassen, nach Hause begleitet, so wollte er niemand anders, als diesen, um sich sehen. »Sie kennen ja,« setzte die Frau hinzu, »die sonderbare Gemütsstimmung meines Mannes und wissen wohl, daß da nichts zu machen ist.« Der Kreisphysikus war ein alter, aber gutmütiger Mann, kinderlos und sehr reich, der die besten Häuser der Stadt nur noch so aus alter Gewohnheit beibehielt, und weil er, als starker Schnupfer, in fast jedem derselben eine große Schnupftabakdose stehen hatte. Bei seiner schwachen Gesundheit war er des Nachts kaum zu bewegen, seine Patienten zu besuchen, er hielt sich deshalb mehrere junge Aerzte zur Aushilfe und war aus diesen Ursachen auch über den neuen Eindringling im Stieglitzschen Hause nicht ungehalten. Der Verwundung des Buchhalters wurde gar nicht erwähnt, und nachdem sich der Kreisphysikus eine halbe Stunde mit der Prinzipalin unterhalten, die aber seinen lustigen Geschichten diesmal nur ein halbes Ohr lieh, entfernte er sich wieder. Nicht so leicht abzuweisen war der Pfarrer Sproßer, welcher seinen geistlichen Beistand mit aller Gewalt auf- und mit salbungsvollen Worten in das Krankenzimmer eindrang. – »Ist auch unser Wort,« sagte er mit siegreichem Lächeln zur Madame Stieglitz, »bitter für manche Herzen und will nicht eindringen in manches Ohr, so ist es doch für die Seele gesund und stärkend, und muß dem Kranken oftmals wie eine widerwärtige Arznei mit Gewalt eingeflößt werden; namentlich ist mein teurer Freund, der verehrte Chef dieses Hauses,« setzte er listig hinzu, »schon längere Zeit kränker an der Seele, als er es an seinem Leibe je werden kann.« Die Prinzipalin zuckte die Achseln und ließ ihn sein Heil versuchen. Es dauerte aber nicht lange, so kam der Geistliche wieder zurück, etwas blaß und verstörten Angesichts. Der Doktor Burbus war gerade bei der Prinzipalin. »Ich muß,« sagte Sproßer, sonderbar lächelnd, »eine günstigere Zeit abwarten, dann aber mit aller Kraft dahintergehen, eine Seele, die kräftiglich gefaßt ist von den Krallen des Bösen, vom ewigen Verderben zu erretten. O Frau,« setzte er mit erhobenem Blick hinzu, »ich habe gotteslästerliche Reden gehört und wäre fast ein Opfer meines Berufes geworden; die Hand des Bösen regierte den Kranken, und eine silberne Gabel, mit welcher derselbe eingemachte Früchte verspeiste, warf er nach meinem Haupte. Doch der Schirm des hohen Gottes, der beisteht den Gerechten, lenkte sie von mir ab. Laßt uns beten, meine Freunde!« Ein Lächeln zuckte über das Gesicht des Doktors, um aber gleich darauf dem grimmigsten Ernst Platz zu machen. »Man hat Ihnen, Hochverehrtester, bemerkt,« sagte er, »daß der kranke Mann heute nicht zu sprechen ist, und wenn man zu jemand eindringt, der gestern beinahe einem heftigen Schlaganfall unterlag, so muß man sich nicht wundern, wenn die aufgeregten Nerven dem unwillkommenen Besucher nicht gerade angenehme Dinge sagen; der Herr Stieglitz selbst hat befohlen, niemand vor ihn zu lassen.« Erstaunt sah der Prediger auf den Sprecher und wandte seinen Blick auf die Prinzipalin; diese zuckte abermals die Achseln. »Ich bin der Arzt,« sagte Doktor Burbus, »und muß bitten, daß niemand mehr zu dem Kranken gelassen werde, bis ich es erlaube.« Herr Sproßer faltete die Hände und sprach in bitterem Tone: »Ei, Madame Stieglitz, in Ihrem Hause macht sich ein sonderbarer Geist bemerkbar – in diesem Hause, das bis jetzt der Sitz der holdseligsten Frömmigkeit war! – – Wie ich höre,« setzte er lauernd hinzu, »liegt auch mein teurer, gottgefälliger Freund, der Herr Specht, an einer sonderbaren Verwundung darnieder.« –»Allerdings,« versetzte der Doktor, »Verwundung, ja – sonderbar, nein; doch darf derselbe Besuche annehmen und sich der Gegenwart Eurer Hochwürden so lange erfreuen, als es ihm beliebt.« Damit öffnete er die Tür, und da die Prinzipalin, deren Geist sehr beschäftigt war, in ihrer Sofaecke sitzen blieb und den Geistlichen mit keinem Worte aufzuhalten versuchte, schoß derselbe mit einem Giftblick zur Tür hinaus und schritt nach dem Gemach des Buchhalters. Indessen ging im Laden und Geschäft sowie in der Wiegkammer alles seinen gewohnten Gang fort, obgleich das Faktotum des Hauses, der Herr Specht, außer Tätigkeit war. Ich gab mir alle Mühe und war ungeheuer fleißig; bis spät in die Nacht hinein saß ich über den Büchern, trug ein, korrespondierte, machte im Auftrag der Prinzipalin Bestellungen und hatte das ganze Geschäft in der Hand. Der kranke Prinzipal hatte mir sogar den Schlüssel zu der Schublade eingehändigt, in welcher sich sein Buch, sein Harem, befand, und welches er mir dringend auf die Seele band. Auch mußte ich ihm alle paar Tage Vorträge darüber erstatten, und sah ihn auf diese Weise hie und da. Sein Anfall von jenem Abend, jener eigentlich unbedeutende Rückfall des Wahnsinns, an dem er früher gelitten, war durch die Kunst des Doktor Burbus niedergehalten worden, doch konnten die Spuren desselben nicht mehr ganz verwischt werden. Sein Gesicht war und blieb wie umflort, und wenn auch selten heftige Auftritte vorkamen, so waren doch die lichten Stunden, die er zuweilen hatte, beständig schattiert mit einer tiefen Schwermut oder mit einem verwirrten Andenken an seinen Aufenthalt im Morgenlande. Alsdann war ich sein Page und mußte ihm häufig ein Kapitel aus dem Koran vorlesen, der Doktor war sein Leibarzt, Ibrahim Efendi, und zum großen Entsetzen der Prinzipalin, die sich allmählich wieder gefaßt hatte, verlangte er, die Damen seines Harems zu sehen. Ibrahim Efendi, welcher einen Teil des Tages um den Kranken sein mußte, war klug und taktvoll genug, schon den ersten Tag nach dem traurigen Ereignisse den Kreisphysikus aufzusuchen, ihm über den Zustand des Kranken genau zu referieren und dem alten Manne zu schmeicheln, indem er seinen Rat verlangte. Der Alte, ein jovialer Mann, gewann den offenherzigen und geschickten jungen Arzt bald außerordentlich lieb, und da ihm ein guter Operateur abging, so benutzte er ihn bald zu den schwierigsten Geschäften und verhalf ihm um so lieber zu einer guten Kundschaft, als der Pfarrer Sproßer, den er mit seiner ganzen frommen Richtung bis in den Tod haßte, alles anwandte, um dem Doktor Burbus das Zutrauen der Leute zu entziehen. Der Buchhalter aber genas rasch von seiner Wunde, und es trieb ihn um so schneller von dem Krankenzimmer ins Geschäft zurück, als er wohl bemerkte, wie ich von Tag zu Tag mehr in die Gunst der Prinzipalin stieg, und wie es mir nicht schwer wurde, die Geschäfte des Hauses auch ohne ihn zu führen. – Der Prinzipal dagegen ging langsam dem Grabe zu, und seine Krankheit, eine schnell fortschreitende Auszehrung, erlaubte ihm nicht mehr, sein Zimmer zu verlassen. Der Name des Buchhalters durfte nie vor ihm genannt werden, und auch er sprach ihn nur noch ein einziges Mal aus, das war nämlich an seinem letzten Lebenstage, wo er mit klarem Geiste eine lange Unterredung mit seiner Frau hatte. Dabei bat er, sie möge ihm nicht nachtragen das Unrecht, das er ihr zugefügt, und ihm verzeihen den Kummer, den er ihr während seines Lebens oft gemacht. Dagegen warnte er sie vor dem Buchhalter und starb mit der Versicherung, derselbe sei ein schlechter und heuchlerischer Mensch! – – – In dem Geschäft änderte sein Tod vorderhand nichts, wenigstens nichts, was mir zum Vorteil gereicht hätte, wohl aber zum Nachteil. Die Prinzipalin zog sich mehr und mehr zurück und überließ dem Buchhalter, von dessen Redlichkeit und Frömmigkeit sie überzeugt war, alle Anordnungen. Ich wurde auf ein paar unbedeutende Bücher und die Wiegkammer beschränkt. – Die Prinzipalin redete mich schon seit längerer Zeit mit »Sie« an, auch hatte sie mir ein kleines Salair ausgesetzt, von dem ich meine notwendigen Bedürfnisse bestreiten konnte. Der Pfarrer Sproßer kam mehr als je ins Haus, und ich besuchte jetzt mit ihrer Erlaubnis fast jeden Abend das Haus meines Vetters. Daß ich den Doktor Burbus dort eingeführt, und daß er bald Freund des Hauses und Hausarzt war, kann man sich leicht denken; das Stieglitzsche Haus dagegen hatte er verloren, denn nach dem Tode des Prinzipals sandte ihm der Buchhalter Herr Specht im Namen der Prinzipalin ein bedeutendes Honorar und bemerkte ihm dazu, man würde sich erlauben, es ihn wissen zu lassen, sobald man seiner Kunst wieder bedürfe. Der Kreisphysikus schnupfte bei dieser Nachricht eine halbe Dose leer und schwur zornig, er wolle gehenkt werden, wenn er je wieder in dies Pietistenhaus ginge. Vierunddreißigstes Kapitel . Auf der Wiegkammer. Die Wiegkammer ist für die Fabrikation, was das Kontor für das Handlungshaus ist: die Seele des Geschäfts, in der alle Lebensfäden zusammenlaufen. Um vom Urstoff anzufangen, so wird die rohe Seide, welche durch einen Makler von den großen Seidenhändlern erkauft ist, alsbald in das Magazin gebracht; die Bücher hierüber sind in der Wiegkammer, wo sich auch Muster von allen vorrätigen rohen Seiden befinden. Von der Wiegkammer erhält der Färber die Stoffe zugleich mit den Farbenmustern, und dorthin wird die gefertigte Seide wieder eingeliefert. Der Name »Wiegkammer« zeigt schon, daß hier alles genau abgewogen wird; es ist auch mit der Seide nicht anders möglich. Der Kettenscherer, das ist der Mann, welcher zum Stoff die Kette zurichtet, erhält sein Quantum zugewogen und muß die fertige Kette nach Abzug des angenommenen Verlustes in derselben Schwere abliefern; die Einschlagseide wird nach Gewicht von der Wiegkammer zum Spulen gegeben und kommt dorthin zurück. Dies Gemach nun hat ein recht freundliches Aussehen, an den Wänden befinden sich große Regale, in welchen die gespulte Seide, auf zierlichen Röllchen gehaspelt, zu Tausenden aufgestellt ist; da glänzen alle möglichen Farben durcheinander, und von diesen Farben stehen wieder die feinsten Schattierungen, von der hellsten bis zur dunkelsten, schön geordnet nebeneinander. Ich glaube nicht, daß ein Maler so feine Nuancen beobachten muß wie der Seidenfabrikant. Auch die geschorenen Ketten liegen auf Rollen von schönem, hartem Holz gewickelt, nebeneinander, und mit sauber geschriebenen Etiketten versehen, worauf zu lesen ist, von wem die Seide gekauft wurde, wieviel sie in der Station verloren, wer sie gefärbt und geschoren. Ebenso ist hier viel rohe Seide zu sehen, nach ihren verschiedenen Gattungen geordnet, denn rohe Seide ist nicht bloß rohe Seide, sondern hier gibt es auch viele Rassen, wenn ich mich so ausdrücken darf, von der groben Filetseide an bis hinauf zum feinsten Turiner Organzin. Nicht nur jedes Land, jede Stadt liefert verschiedene Seide, sondern auch ein einzelner Cocon, von der äußern grauen Umhüllung an bis zum innersten Gewebe, das wie ein batistenes Schlafhemd die eingesponnene Raupe umgibt. Daß ein Kontortisch und mächtige Bücher in der Wiegkammer nicht fehlen, ist natürlich, ebensowenig mächtige Folianten, in welchen Tausende von Mustern eingeklebt sind. In der Mitte des Zimmers steht ein langer Tisch mit einer schönen, messingnen Wage, fein gearbeitet, denn sie muß das kleinste Gewicht richtig angeben. Dieselbe ist immer blank und sauber geputzt. Jeder Fabrikant, der nur einigermaßen auf Ordnung und Sauberkeit sieht, setzt seinen Stolz darein, daß dieses Gemach hell und freundlich und schön geordnet aussieht, und meistens hat der Herr des Geschäfts selbst, oder bei großen Fabrikanten ein vertrauter Geschäftsführer seinen Sitz auf der Wiegkammer. Hier sind die schärfsten Augen versammelt, und die genauesten, ja unbarmherzigsten Kommis prüfen die Waren, welche der Weber einbringt. Große Strenge ist notwendig, denn bei der Seidenweberei ist die kleinste Nachlässigkeit imstande, ein ganzes Stück zu verderben. Diese Strenge nun war namentlich in früheren Zeiten und bei manchen Fabrikanten, die bei dem armen Arbeiter einen Fehler und ein Unglück nicht als möglich zugaben und nur sich selbst für unfehlbar hielten, oft über alle Maßen gesteigert, und dadurch wurde selbst dem geschickten, sauberen und fleißigen Weber dieser Ort oft zur Qual und Verzweiflung. Da wurde ein kleiner Fehler in der Kette, der einen falschen Punkt vielleicht von der Größe eines Nadelknopfes hervorbrachte, ein unbedeutender Irrtum im Dessin, oder der Verlust einiger Lot an Seide, der sich bei dem Abwiegen des Stücks herausstellte, aufs fürchterlichste mit großen Abzügen geahndet. Dann herrschte noch, namentlich in kleineren Landstädten, der fluchwürdige und schändliche Gebrauch, daß der arme Weber genötigt war, für einen Teil seines sauer verdienten Lohnes Lebensbedürfnisse, als Kaffee, Zucker, Seife, Oel, von dem Fabrikanten statt baren Geldes anzunehmen, zu welchem Zweck sich neben der Wiegkammer eine Art Spezereiladen befand. Die erste Einführung dieses Gebrauchs mag vielleicht in einer guten Absicht geschehen sein, und der Fabrikant, welcher väterlich für seine Arbeiter sorgte, mag hierdurch seinen Leuten gute und billige Lebensmittel haben verschaffen wollen, doch artete das sehr aus. Jetzt ist aber dieser Gebrauch glücklicherweise fast gänzlich wieder verschwunden; ein rechter Fabrikant gab sich ohnehin nie mit diesem Geschäft ab. Es ist morgens acht Uhr, die Wiegkammer wird geöffnet, und vor der Tür haben sich schon eine Menge Weber versammelt, die abgefertigt sein wollen. Einige wohnen in der Stadt, andere auf dem Lande, und diese machten schon in der Frühe einen Marsch von einigen Stunden, um zur rechten Zeit da zu sein. Der Prinzipal des Hauses – ich spreche nicht von dem unsrigen – eine kleine, dicke Gestalt mit rotem Gesicht, eine Brille auf der Nase, kam eben von seinen Zimmern, und die Art, mit der er brummend guten Morgen sagt, und die Heftigkeit, mit welcher er sein Buch aufschlägt, zeigt den Kommis und Lehrlingen an, daß der Chef äußerst schlechter Laune ist, und man sich sehr zusammenzunehmen habe. Er schlägt einige Paginas nach, schielt aber währenddessen nach seinen Leuten, und das erste Ungewitter bricht los. »Herr Block,« sagt er zu einem der Lehrlinge, »sind Sie nicht imstande, Ihre ewige Lust zu Kindereien zu bändigen, oder glauben Sie, es gehöre zum Geschäft, die Wage ewig auf- und abtanzen zu lassen? Nehmen Sie sich zusammen, Herr! Und Sie, Herr Braun, lassen Sie die Leute eintreten!« Der Herr Braun ist ein alter Kommis, viel älter als der Prinzipal, mit einem langen, dürren Gesicht, einer rötlichen Haartour, einer Habichtsnase und mit Augen wie ein Falke, ein wahres Vogelgesicht, denn er hat gar kein Kinn, und wenn er ißt, glaubt man, er schiebe die Speisen in die Nasenlöcher. Bei der Anrede des Prinzipals fährt er erschrocken zusammen, denn er hat höchst verbotenerweise eine Prise genommen. Der Herr Block öffnet die Tür, und der erste Weber tritt ein. Dieser hat bloß einen Einschlag zu verlangen, der Herr Braun schlägt das Konto auf und sagt mit erschrecklicher Fistelstimme: »Es ist dem Meister zu wenig mitgegeben worden, der Herr Block hat die Seide eingeschrieben.« – »Wieder der Herr Block!« entgegnete der Prinzipal. »Ist denn mit Ihnen gar nichts anzufangen? – Doch hätte ein alter Meister wie Er,« wandte er sich an den Weber, »auch eigentlich schon wissen können, was er braucht.« Der Weber erhielt seine Seide und trat in das Nebenzimmer, wo ein solcher Laden eingerichtet war, wie wir ihn vorhin schilderten. Diesem Filialgeschäft stand die Schwester des Prinzipals vor, und Fräulein Pfeffer – so hieß dieselbe – verdiente sich hier im Schweiße ihres Angesichts und in dem der Weber ein kleines Nadelgeld. Von diesem Laden ging eine Blechröhre, eine Art langes Sprachrohr, bis zum Pult des Prinzipals, und kaum war der Weber drüben eingetreten, so erschallte die Stimme des Fräulein Pfeffer, welche ihren Bruder fragte, wieviel der Mann noch zu bekommen habe. »Sobald er abliefert,« war die Antwort, »noch zirka fünf Taler.« – »Wovon er mir,« schallte es zurück, »schon drei Taler schuldig ist; kann ihm nichts mehr geben.« Gleich darauf kam der Weber traurigen Angesichts zurück, und es war zu bemerken, wie er das Seidenpaket, das er in der Hand trug, fest umklammerte. »Herr Pfeffer,« sagte der Mann, »es ist allerdings wahr, daß ich schon für drei Taler Waren bekommen habe, aber ich habe weiß Gott nicht mehr geholt, als ich notdürftig brauchte.« Der Prinzipal zuckte die Achseln und versetzte kalt: »Liefere Er ab!« – »Aber, Herr Pfeffer,« entgegnete schüchtern der Arbeiter, »ich muß doch leben; damals wollt' ich ja nur für einen Taler kaufen, aber man drang mir Waren für drei Taler auf.« Der Prinzipal fuhr in die Höhe. »Was sagt Er? Wer drang auf? Sieh einer an!« – »Nun ja,« antwortete der Weber, »ich nahm freilich für drei Taler, aber heute brauch' ich wieder Oel und Mehl, und Sie können sich denken, daß ich jetzt in einem andern Spezereiladen auch keinen Kredit bekomme.« – »Kann nichts dafür,« entgegnete der Prinzipal, »liefere Er ab und Er kann wieder Waren bekommen.« – »Auch mein Geld?« fragte der Weber gereizt. »Zwei Drittel Waren, ein Drittel Geld, wie es bei mir Brauch ist,« sagte kalt der Herr Pfeffer. Der Weber verließ das Zimmer. Es trat ein anderer ein, ein kleiner, gut aussehender Mann, aber mit tief bekümmertem Gesicht; er hatte ein großes Stück Seide abzuliefern, und der Prinzipal, der ihn freundlicher als den ersten begrüßte, trat an den Tisch, um es mit Herrn Braun durchzumustern. »Schon fertig?« kreischte dieser; »Ihr seid sehr fleißig, Meister Haase.« – »Habe mehrere Nächte durchgearbeitet,« antwortete seufzend der Weber; »mein Weib wird immer kränker, und da muß ich des Nachts wachen und webe unterdessen.« – »Das ist mir nicht lieb,« sagte der Prinzipal, der, unterstützt von den scharfen Augen des Herrn Braun, Elle um Elle mit der größten Genauigkeit durchsah, »das ist mir gar nicht lieb, Meister Haase, das schadet der Ware; sieht Er, hier fangen die Nachtwachen an.« Dabei bezeichnete er eine Stelle des Stoffes, wo der Herr Braun ein kleines Knötchen entdeckt hatte. »Ja, ja, hier fangen die Nachtwachen an,« wiederholte er, »das ist schlechte Arbeit, und da wieder ein Knoten.« – »Schlechte Arbeit,« sagte der Weber, »habe ich noch nie gemacht.« – »Sehen Sie da,« fistelte der Herr Braun, »da ist ein Oelflecken, um Gottes willen, ein Oelflecken!« – »Wahrhaftig, ein Oelflecken!« bekräftigte der Prinzipal; »da müssen wir bedeutende Abzüge machen.« – »Abzüge, Herr Pfeffer?« sagte ernst der Weber, »das kann Ihr Ernst nicht sein; haben Sie mir je einen Fehler nachweisen können? Ich habe den Flecken auch gesehen, aber er läßt sich ganz gut herausbringen; o, dieser Flecken, Herr Pfeffer, ist vorgestern nacht in das Stück gekommen, das war für mich eine schreckliche Nacht! Die Frau im Bett, ich denke, sie stirbt jeden Augenblick, und ich mußte beständig vom Webstuhl zu ihr hinlaufen, die Arbeit stehen lassen und der kranken Frau bald zu trinken geben, bald sie zurechtlegen.« – »Diese Unterbrechungen sieht man wohl an der Arbeit,« bemerkte kalt der Prinzipal. »Auch,« fuhr der Weber ruhig fort, »auch mein kleines Kind ist krank, es konnte nicht schlafen und warf die Lampe vom Webstuhl um, daher kommt der Flecken, wofür Sie wohl diesmal Nachsicht haben können, ich brauche mein Geld so notwendig.« – »Tut mir leid,« sagte der Prinzipal und ging an sein Buch zurück; »notieren Sie die notwendigen Abzüge, Herr Braun. Der Meister Haase bekommt acht Taler sechs Groschen, davon – was macht der Abzug? – also davon zwei Taler sechs Groschen Abzug für schlechte Arbeit, bleibt sechs Taler. Zwei Drittel hiervon werden dem Meister auf Warenkonto gutgeschrieben, bekommt Er bares Geld zwei Taler.« Bei dieser Abrechnung zuckte ein wilder Schmerz über das Gesicht des Webers, und sein sonst gutmütiges Gesicht wurde ernst, ja drohend. »Herr Pfeffer,« sagte er, »Sie wollen also keine Barmherzigkeit mit mir haben, und wollen mir, der Ihnen schon seit langer Zeit untadelhafte Ware geliefert, einen Abzug wegen eines Fehlers machen, der, ich sage es offen, unbedeutend ist, und den zu verhüten, weiß Gott nicht in meiner Macht lag! Nun gut, ziehen Sie mir zwei Taler sechs Groschen ab, ich will nicht vor das Fabrikgericht gehen, aber zahlen Sie mir sechs Taler bares Geld, weiß Gott, ich kann keine Ihrer Waren gebrauchen,« – hier seufzte der Mann – »denn die Waren, welche ich um dieses Geld für meine Kranken kaufen muß, haben Sie ja doch nicht.« Der Prinzipal hob seine Brille aus und sprach kalt: »Was ausgemacht ist, bleibt ausgemacht, zwei Drittel Waren, ein Drittel bares Geld; hier sind zwei Taler, ein so fleißiger Mann, wie Sie, wird den kleinen Verlust bald wieder eingebracht haben. Herr Braun, notieren Sie für den Meister Haase die Rosakette dort, und Sie, Herr Block, geben Sie weißen Einschlag dazu, Nummer 4.« Der Weber kämpfte während dieser Zeit mit sich selbst, doch trat er nach einer Pause ruhig vor den Prinzipal und sagte: »Bemühen Sie sich nicht mit der Rosakette, Herr Pfeffer, schließen Sie mein Konto und zahlen Sie mir meine sechs Taler, ich arbeite nicht mehr für Sie.« Erstaunt blickte der Prinzipal auf, und Herr Braun wollte einige begütigende Worte sagen. »Sparen Sie Ihre Rede,« versetzte der Meister Haase, »so behandelt man keinen Menschen, es wird schon noch die Zeit kommen, wo überhaupt kein ordentlicher Weber mehr in Ihre Wiegkammer kommt.« Der Prinzipal kämpfte einen Augenblick mit sich selber, ob er seinen besten Arbeiter wegen dieser Kleinigkeit solle ziehen lassen, doch zischelte es in diesem Augenblick aus dem Sprachrohr an sein Ohr, und Fräulein Pfeffer sprach die Worte: »Laß den Kerl laufen, er bekommt soviel mehr bezahlt als jeder andere, und hat an meinen Waren immer etwas auszusetzen, hat neulich sogar gesagt, ich habe zu leicht gewogen, und mein Zucker sei naß, der Schlingel.« Dies entschied. Von seinen sechs Talern mußte der Weber die Hälfte stehen lassen, bis er die hölzernen Spulen, die dem Fabrikherrn gehörten und die vielleicht einen Wert von zehn Silbergroschen hatten, abliefern würde, alsdann verließ er mit einem unterdrückten Fluch das Zimmer. Solche Szenen folgten eine der andern. Herr Braun spürte an den Seidenzeugen umher, und seinem Blick entging nichts das geringste. Die Zunge der Wage mußte mit einer Schärfe einspielen, die unglaublich war, Abzüge wegen fehlender Seide oder wegen kleiner und großer Fehler wurden unzählige gemacht, und je größer die Liste derselben wurde, je eifriger rieb sich der Prinzipal die Hände. In dem Sprachrohr zischelte es hin und her, und auch Fräulein Pfeffer machte glänzende Geschäfte. Diese, über die Blütenjahre längst hinaus, war lang und hager, äußerlich ein vollkommener Gegensatz ihres Bruders, im Innern aber harmonierte das Geschwisterpaar aufs vollkommenste. Hatte man aus der Wiegkammer dem armen Weber abgezogen, was nur möglich war, so schraubte ihn Fräulein Pfeffer aufs allerentsetzlichste, indem sie ihm für das Guthaben auf das Warenkonto schlechten Zucker und noch schlechteren Kaffee gab, oder den armen Leuten Sachen aufdrängte, die sie oftmals gar nicht brauchen konnten. Diese würdige Dame trug ein altes, verschossenes, hochgelbes Seidenkleid und hatte auf zwei mächtigen falschen Locken eine große Blondenhaube mit zerknitterten Blumen; dabei war es komisch anzusehen, wenn sie in diesem prachtvollen Anzug Kaffee und Zucker wog und Butter und Seife auf blaues, schmutziges Papier strich. In der Wiegkammer klapperten die Spulen, klirrte die Wage, fistelte der Herr Braun, rumorte der Herr Block mehr, als notwendig schien, und dazwischen annoncierte der Prinzipal seiner Schwester die unglücklichen Schlachtopfer, welche aus dem Regen in die Traufe kamen. »Die Frau Müller,« schallt es in den Laden herüber, »hat gut drei Taler,« und, so angekündigt, erschien die Weberfrau vor dem Fräulein Pfeffer. »Nehmen Sie sich einen Stuhl,« sagt dieselbe herablassend und kritzelte in ihr Buch. »Sie hat zwei Taler gut geschrieben, was wünscht Sie, liebe Frau?« Die Frau Müller zieht ein Papier heraus und legt es auf den Tisch; da sind verzeichnet: Kaffee und Zucker, Salz und Pfeffer, Baumöl und Brennöl, wollener Stoff zu einem Unterrock, wollenes Garn zu Strümpfen für den Mann und baumwollenes Zeug zu Hemden für die Kinder. Das Ganze macht einen Taler und vierundzwanzig Silbergroschen. »Was legen wir hinzu für die sechs Silbergroschen, die noch fehlen?« sagt Fräulein Pfeffer; »Sie ißt ja gern Stockfisch, ein sehr gesundes Essen, und weiß Sie was, tue Sie Ihrem Manne etwas zu gut und nehme ein Pfund Tabak zu zwei Silbergroschen!« – »Aber mein Mann raucht nicht,« sagt die Frau; »den Stockfisch würde ich schon nehmen.« – »Stockfisch macht zwei Silbergroschen,« entgegnet die Schwester des Prinzipals, »dazu legen wir zwei Ellen Band, um Ihre Sonntagshaube aufzuputzen, macht fünf Silbergroschen, und,« setzt sie mit einem Lächeln hinzu, das gutmütig aussehen soll, »wenn man so weit gegangen ist, kann man schon ein Schnäpschen trinken und eine Bretzel essen, macht zusammen sechs Silbergroschen. Ein Taler vierundzwanzig und sechs macht zwei Taler.« Wie der Blitz sind die zwei Ellen verschossenes, für die Frau ganz unbrauchbares Band abgeschnitten, der Kümmel, der sich in einer Flasche befindet, welche so voll mit Fliegen ist, als habe man einen Fliegenlikör zubereiten wollen, ist eingeschenkt, eine harte Bretzel danebengelegt, und die arme Frau muß es hinnehmen. Der Schnaps verdirbt ihr den Magen, und, zu Hause angekommen, harrt ihrer eine unglückliche Familienszene, denn der Meister Müller kann bei seiner sitzenden Lebensweise keinen Stockfisch vertragen und tobt mit vollem Recht, als er die zwei Ellen Band bemerkt, die höchst unnötig sind und drei Silbergroschen gekostet haben. Wie aber oft schon hier in der Welt Vergeltung für Gutes und Böses den betreffenden Taten auf dem Fuße folgt, werden wir zu unserer besonderen Genugtuung auf der Wiegkammer des Herrn Pfeffer zu sehen Gelegenheit haben. Herr Block flüstert dem Herrn Braun einige Worte zu, und dieser meldet dem Prinzipal, der Färber Brand sei draußen. »Was will der Kerl?« fragt der Prinzipal, »ich habe nichts mit ihm zu schaffen.« »Aber ich mit Ihnen,« sagt eine tiefe Stimme, und ohne die Erlaubnis abzuwarten, tritt der Angemeldete ins Gemach. Der Meister Brand ist eine große, kräftige Gestalt, nichts als Muskeln und Sehnen, welche ein außerordentlich starkes und kräftiges Knochengebäude zusammenhalten, eine Gestalt, wie sie recht für einen Färbermeister paßt. Das Gesicht hat einen braunen Anstrich, die Merkmale der frischen Luft und des Wassers, in welch beiden Elementen sich der Meister den Tag über bewegt, doch zeigt die Nase eine verdächtige Röte, welche deutlich beweist, daß der Färber das letztere Element nur äußerlich, und daß er zur innern Erwärmung und Auffrischung andere Mittel anwendet. Seine Hände, die unverhältnismäßig groß und lang sind, spielen in verschiedenen Farben, doch ist Violett und Schwarz vorherrschend. Er hat bei seinem Eintreten die Mütze mit sichtlichem Widerstreben abgenommen und drückt sie in der Hand zusammen. »Was will Er?« fährt ihn der Prinzipal an; »wir sind geschiedene Leute, gehe Er mir aus den Augen, denn mir läuft die Galle über, wenn ich an die schöne Partie Schwarz denke, die Er, Meister Brand, durch Seinen ewigen Brand mir verbrannt.« Es zuckt bei diesen Worten eine kaum merkliche Heiterkeit über seinen gelungenen Witz über das Gesicht des Prinzipals, und der Herr Block und der Herr Braun lachen pflichtschuldigst. Der Färber scheint aber nicht geneigt, diesen Spaß so ruhig hinzunehmen, obgleich er ebenfalls ein klein wenig lacht. »Das sind,« sagt er mit seiner tiefen, rauhen Stimme, »abgemachte Sachen, und davon spricht man nicht weiter. Die Seide war verbrannt, so haben Sie nämlich vor dem Fabrikgericht ausgesagt, obgleich der Meister Steffens eine Ware davon geliefert hat, eine Ware, nun, die nicht schlechter ist als Ihre übrigen. Dabei haben Sie aber vergessen, daß ich den Austrag hatte, die Ware schwerer zu färben, als es eigentlich möglich war, weshalb die Seide verderben mußte, was ich Ihnen auch im voraus gesagt.« – »Und was wollt Ihr eigentlich?« entgegnete Herr Pfeffer, »wir sind im reinen, das Gericht hat Euch den Abzug für die verbrannte Seide zuerkannt, Ihr habt ihn bezahlt, und damit Punktum!« – »Noch lange nicht Punktum,« versetzte der Färber ruhig, »es hat sich in der Abrechnung ein kleiner Fehler ergeben, das haben mein Advokat und ich herausgebracht, und hier ist der Nachweis darüber.« Er legte ein Papier auf den Kontortisch, und der Chef des Hauses, während er es entfaltete, sagte gereizt: »Das ist unmöglich, ich irre mich nie.« – »Zu Ihrem Nachteil, ganz richtig, das kommt wohl selten vor, aber zum Nachteil der armen Leute, die für Sie arbeiten, zuweilen.« – »Was, Ihr wollt mir auf meiner Wiegkammer Injurien sagen?« entgegnete der Prinzipal, »Herr Block, Herr Braun, Sie sind Zeugen.« – »Ja,« entgegnete der Färber lachend, »dies Papier zeugt auch, und wenn es Ihnen lieber ist, so kann ich es auch beim Fabrikgericht vorzeigen.« Der Herr Pfeffer hielt das Papier in zitternder Hand und las es hastig durch, der Zorn stieg ihm blau und rot ins Gesicht, dann sprang er ans Hauptbuch und jagte die Paginas herum, daß Staub und die eingelegten Blätter von seinem Papier in die Höhe wirbelten; dann rechnete er emsig, zerstieß ein paar Federn, notierte aus dem Buch und verglich die Zahlen alsdann mit der Abrechnung des Färbers, wurde ganz blaß, als er zum Endresultat kam, und schnappte mühsam nach Atem. Der Färber hatte dieser Szene lächelnd zugesehen, einen Stuhl an den Tisch gezogen und sich ruhig niedergesetzt. »Wer hat,« fragte jetzt der Chef des Hauses, und die Wut erstickte fast seine Stimme, »wer hat jene Abrechnung für das Fabrikgeschäft ausgezogen? Herr Braun, ich will nicht hoffen?« – »Herr Prinzipal,« entgegnete der dünne Mann schüchtern, »ich war, wie Sie wissen, damals einige Tage unwohl und, wie ich glaube, hat der Herr Block – –« – »Der Herr Block also?« Dieser junge Mensch hatte dem Auftritt mit großer Seelenruhe zugesehen und entgegnete kaltblütig: »Allerdings habe ich den Auszug gemacht und ihn dem Herrn Prinzipal zur Unterschrift vorgelegt, doch stand ja ausdrücklich darunter: Irrtum vorbehalten.« – »Herr Block also,« sagte der Prinzipal, majestätisch und groß, und schlug das Hauptbuch zu, daß es krachte, »Herr Block, Sie sind aus meinen Diensten entlassen, gehen Sie nach Haus, ich werde mit Ihrem Vater über Sie sprechend Herr Block sah den Prinzipal einige Augenblicke ruhig an, und es schien, als habe der Abschied keinen großen Eindruck auf ihn gemacht. Lachend sagte ihm der Färber: »Es tut mir leid, Herr Block, aber machen Sie sich nichts daraus, Sie finden überall eine solche Stelle, wie gesagt, machen Sie sich nichts daraus.« Der Lehrling schien diesen guten Rat auch vollkommen zu befolgen, er nahm seine Mütze von der Wand, klopfte den Staub heraus und sagte, indem er gegen den Prinzipal eine Verbeugung machte: »Adieu, Herr Pfeffer, der Papa hat mir gesagt, als ich hierher kam, das sei ein Glück für mich, ich bekäme einen wohlwollenden, freundlichen Prinzipal, könne was Rechtes hier lernen, und das habe ich auch so geglaubt, aber: Irrtum vorbehalten. Guten Morgen, Herr Pfeffer!« Damit ging er zur Tür hinaus. »Und meine Abrechnung?« sagte der Färber, »nicht wahr, wir können auch rechnen? Ich bekomme demnach noch sechs Taler.« Der Chef würdigte ihn keiner Antwort, er wollte offenbar vollkommen ruhig scheinen, doch als er die Kasse aufschloß, klirrten die Schlüssel bedeutend in seiner Hand, und er zählte die sechs Taler zitternd auf den Tisch. Ein boshaftes Lächeln überflog die Züge des Färbers, indem er sagte: »Ei, wo denken Sie hin, Herr Pfeffer! Ich bekomme freilich sechs Taler, aber wie es immer in Ihrem werten Hause Brauch ist, ein Drittel in barem und zwei Drittel in Waren. Ich kann es wahrhaftig nicht unterlassen, dem Fräulein Pfeffer einen Abschiedsbesuch zu machen.« Das war zu viel für den Prinzipal, er sprang von seinem Stuhl auf und wollte hitzig werden; aus dem Sprachrohr zischelte es: »Laß mir diesen Kerl um Gottes willen nicht in den Laden!« und der Herr Pfeffer hatte darauf allerhand Entwürfe. Doch was war zu tun? Als Fabrikherr auftreten in Würde und Hoheit, das machte keinen Eindruck auf den Färber, nach der Polizei schicken, das widerriet die Fistelstimme des Herrn Braun, vor das Fabrikgericht gehen, das war nicht tunlich, denn er hätte dort unrecht bekommen und wäre von seinen Kollegen ausgelacht worden! Er hatte einmal den Kontrakt mit seinen Arbeitern gemacht, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig. »Ich kann nichts tun,« sagte er in die Sprachröhre, »gib dem Kerl, was er verlangt.« Damit setzte er seine schwarze Samtmütze auf und stürzte aus der Wiegkammer, indem er die Tür hinter sich zuwarf, ohne den Färber anzusehen. Dieser schritt lachend in den Laden und hielt an der Tür Fräulein Pfeffer auf, die ebenfalls eben im Begriff war, zu entfliehen. »Ist das auch eine Art,« sagte er, »wenn man sein Geld sauer verdient hat, daß man Umstände macht, einem die Waren dafür zu geben?« Was wollte die Ladenbesitzerin machen! Es war die herbste Stunde ihres Lebens, aber sie mußte sich in Geduld fügen. Der Färbermeister teilte seine Einkäufe in sehr kleine Portionen, das Geschäft dauerte über eine halbe Stunde, auch bekrittelte er die Waren und wog die Sachen häufig selber nach, da ihm hier und da ein halbes Lot zu fehlen schien. Alsdann machte er seine Rechnung mit mehreren Gläsern Schnaps voll, zu welchem Zweck er aber den Fliegenlikör verwarf, und dann ging er, geistig erheitert und stolz über seinen Sieg, von dannen. Dieser Zustand war wohl schuld, daß er dem Herrn Braun in Gegenwart von ein paar Webern einige höchst unpassende Worte sagte und ihn ermahnte, doch ja zu bedenken, daß der Färber und der Weber eigentlich auch Menschen seien. Herr Pfeffer kam an diesem Tage nicht mehr auf die Wiegkammer, und Fräulein Pfeffer mußte sich heftiger Krämpfe halber zu Bett legen. Fünfunddreißigstes Kapitel . Veränderungen. Auf unserer Wiegkammer kamen nun dergleichen Szenen nicht vor, denn Madame Stieglitz, die das Verderbliche jenes Systems, nach welchem der Arbeiter seinen sauer verdienten Lohn an Waren empfangen sollte, wohl einsah, hatte sich ein für allemal dagegen ausgesprochen, und es durfte nie eingeführt werden. Doch war auch hier nicht alles, wie es hätte sein können. Der Herr Specht, der das ganze Fabrikgeschäft leitete, nahm nur solche Weber an, die von der Gnade durchdrungen waren oder die wenigstens durch Gebet und Gesang dahin strebten, derselben nahe zu kommen; auch hatte ich wohl bemerkt, daß der Buchhalter nebenbei noch ein kleines Geschäft betrieb, das darin bestand, daß er den dringenden Geldverlegenheiten der Weber durch kleine Vorschüsse abhalf, wofür die Leute schwere Zinsen erlegen mußten. Natürlich betrieb er dies Geschäft nicht unter eigener Firma, sondern er gab den Bedürftigen eine Anweisung auf einen christlichen Freund, mit welchem er in Verbindung stand, alsdann behielt er die Leute in der Hand und machte ihnen an ihrem Wochenlohn solange Abzüge, bis die Schuld an den christlichen Freund nebst Zinsen gedeckt war. Seit jenem Abend, wo ich in der Betversammlung geistig verunglückt war, und nachdem der Buchhalter gesehen, daß ich mit keiner Silbe der Ereignisse jenes Abends gedacht, hatte er mich mit seinen Bekehrungsversuchen in Frieden gelassen. Mit Widerwillen dachte ich an das, was ich gesehen und erlebt, und dies, verbunden mit den sonnenklaren und herzlichen Worten meines trefflichen Freundes, des Doktor Burbus, zerriß den finsteren Schleier, welchen der Buchhalter über mein Herz und mein Gemüt geworfen, und welcher gedroht, mich langsam und verderblich zu umwickeln. Das einzige, was mir in der Erinnerung an jene Zeit schmerzlich und doch süß erschien, war das Andenken an meine Nichte Emma; die wilden Träume, die nächtlichen Schatten und grellen Bilder, die ihr Bild damals umgaben, waren wie Herbstnebel vor der aufsteigenden Sonne, vor ihrem klaren Blick in die Tiefe hinabgesunken, aus der sie aufgestiegen, und rein verklärt stand das Bild des schönen Mädchens in meinem Innern. Da ich dem Doktor nichts verschwieg, so machte ich ihn auch mit meinen Gefühlen für meine Nichte bekannt, welches er eine Leidenschaft nannte, die sich vielleicht mit der Zeit zur Liebe abklären könnte. »Für jetzt aber, hochverehrter Kaufmann,« sprach er in seiner derben und gesunden Manier, »für jetzt aber lassen Sie dergleichen Gedanken dahinten und schauen Sie vor sich auf den hohen, steilen Berg, den Sie noch zu erklimmen haben, um einen Ort zu erreichen, wo Sie sich im Schatten einer arbeitsamen Vergangenheit Ihre Hütte bauen können.« Der Doktor hatte gut reden, er hatte jene Höhe erreicht und hatte sich seine Hütte erbaut, welche äußerst geschmackvoll und zierlich eingerichtet war. Diese Hütte bestand aus sechs Zimmern, in einer der besten Straßen der Stadt, und er bewohnte sie seit wenigen Tagen mit seiner Frau Sibylle, die jetzt Frau Doktorin Burbus hieß. Man kann sich leicht denken, wie froh und glücklich unser Wiedersehen gewesen war! Da wurden alle alten Erinnerungen aufgefrischt und nach stundenlangen Erzählungen und Fragen über die lebendigen Wesen in der Mühle, nach vielen Grüßen von dem Vater und der Mutter, von Elsbeth, Franz und Kaspar wurde auch der leblosen Gegenstände gedacht, die uns teuer waren, des rauschenden Mühlbachs, der kleinen Stube, die beständig zitterte, während ich schrieb, und des großen Bettes, in dem wir zusammen geschlafen; auch von der freundlichen Anneliese wurde gesprochen – sie war jetzt ebenfalls verheiratet, und der Kuckuck hatte damals im Frühjahr den beiden richtig prophezeit. Meine Besuche teilte ich nun zwischen dem Hause des Doktors und dem meines Vetters, und Emma fand ich in beiden, denn sie war eine vertraute Freundin der Doktorin geworden. Der Professor, der sich trotz der Ermahnungen des Doktor Burbus keine andere Bewegung machte, als die früher angegebene mit dem Zeigefinger und den Zehen des rechten Fußes, fing schon seit einiger Zeit an zu kränkeln. Obgleich Burbus alles mögliche tat, ihn wiederherzustellen, so war dennoch die Zeit gekommen, wo nach dem Ausdruck des Vetters der Tod als schwarze Linie das höchst unregelmäßige Dreieck schloß, aus dem jedes Menschen Leben besteht, und es der Ewigkeit überließ, den Gehalt, die wahre Größe desselben der hier im Leben gleich X galt, näher zu bestimmen. Der Professor starb ruhig, wie er gelebt, aber nicht so ruhig sollte es nach seinem Tode bleiben in dem freundlichen Hause auf der kleinen Anhöhe. Als wir nach der Beerdigung im Hause des Doktors waren und über den traurigen Fall sprachen, ein Fall, der, wie man sich leicht denken kann, mich so erschüttert hatte, als sei ich zum zweitenmal eine Waise geworden, da schüttelte der Doktor mit dem Kopfe und sagte: »Der armen Emma stehen harte Tage bevor, ich fürchte, was der alte Herr zurückläßt, wird sich auf Null reduzieren.« Mir fielen dabei die Worte der Madame Stieglitz ein, und was sie damals sagte, als die Rede auf den Professor kam: »Mir sollte es leid tun, wenn er genötigt wäre, in seinen alten Tagen Haus und Garten zu verkaufen.« Wenn er es nun auch selbst nicht mehr erlebt hatte, von seinem lieblichen Besitztum zu scheiden, so traf dies Schicksal dagegen um so härter seine Frau und Tochter. Nach seinem Tode wurden die Siegel angelegt, es fanden sich Schulden die Menge vor, aber kein Vermögen; Haus und Garten wurden verkauft, und meiner armen Tante blieb nichts übrig, als mit dem wenigen, das sie gerettet, eine Schwester aufzusuchen, die in einem andern Teile des Landes wohnte. Dagegen konnte sich die Frau des Doktor Burbus nicht entschließen, von Emma zu scheiden, und nach einer langen Unterredung, die dieser mit der Mutter hatte, entschloß sie sich, ihr Kind für kurze Zeit zurückzulassen. Doch sagte sie zu dem Doktor ernst und fest: »Diese Anwesenheit in Ihrem Hause kann und soll nur als zeitweiliger Besuch gelten, und Emma soll sich so bald wie möglich nach einer ehrenhaften Beschäftigung umsehen, die sie in den Stand setzt, für ihr Fortkommen zu sorgen.« So standen die Sachen, und mein Horizont schien sich wieder finster umziehen zu wollen. In unserm Hause herrschte ein düsteres, unerquickliches Leben, die Prinzipalin war durch den Pfarrer Sproßer und den Buchhalter Specht in die Mitte genommen worden, und diese beiden Herren bemühten sich, das Herz der Prinzipalin, das ja in allen Dingen warm und menschlich fühlte, in ihrem Sinne mehr für die wahre Gnade empfänglich zu machen. Die gute alte Frau, welche früher ihr Morgen- und Abendgebet verrichtete, auch gern, wenn sie das Bedürfnis hierzu fühlte, ein Kapitel in einem frommen Buche las oder ein Lied aus dem Gesangbuch, diese fleißige, tätige Frau, die in ihrem langen Leben Tausende von armen Menschen beglückt und unzählig viel Gutes getan hatte und mit ihrem Gewissen im reinen war, wurde nun durch die unablässigen Bemühungen der beiden Begnadigten in ihrem Selbstbewußtsein wankend gemacht. Der Pfarrer Sproßer lamentierte unaufhörlich, welch große Sünder wir allesamt vor dem Herrn seien und strafte mit harten Worten den Gedanken, als könne man selig werden und die Gnade eines zornigen Gottes erhalten durch ein Leben, das, wenn es auch nach den gewöhnlichen Begriffen gut und fromm sei, sich nicht zur eifrigsten Aufgabe gemacht habe, durch ein immerwährendes Beten und aufrichtige Zerknirschung jener Gnade teilhaftig zu werden. »O, was ist der Mensch,« sprach der Prediger, »für ein hoffärtig und sorglos Ding, glaubend, wenn er einem Armen gibt und keine schreienden Sünden begeht, er sei gesichert vor dem Zorn des Höchsten! Wie erkennt man so schlecht seine eigene Sündhaftigkeit und Verworfenheit, sonst würde man ja Tag und Nacht im Staube darniederliegen und flehentlich bitten, damit die Gnade einziehe in die Finsternis unserer Herzen!« Auch das traurige Ereignis mit dem Prinzipal und seinem Buchhalter, den Wahnsinn des ersteren und seinen Tod hatte man sich klug zunutze gemacht, und, indem man es als Strafe des Höchsten bezeichnete, auf diese Weise das Herz der Madame Stieglitz erschüttert. Sie hatte in frühester Jugend den ihr bestimmten Verlobten, ihren späteren Gemahl, herzlich und aufopfernd geliebt, sie hatte sein Unglück tief bedauert und ihn sorgsam gepflegt, wie es einer braven Gattin zukommt. Unter einer rauhen Hülle schlug bei ihr ein liebendes Herz; ihr Ehestand war aber nicht glücklich gewesen, sie hatte keine Kinder und hätte doch so gern solche kleine, innig verwandte Wesen gepflegt und aufgezogen! Das alles fühlte sie jetzt doppelt; ihr Herz war traurig und bewegt, und diesem traurigen und bewegten Herzen, das täglich und stündlich durch tausend Kleinigkeiten an den unglücklichen Gefährten ihres Lebens bitter und schmerzvoll erinnert wurde, riß man die letzte Stütze weg, das Bewußtsein, daß sie recht und brav gehandelt, und gab ihr nichts dafür, als süßliches, trübes Schlammwasser widriger Heuchelei, und beschmutzte damit die Erinnerung an ein vergangenes, tadelloses Leben. Was mich nun anbetraf, so mußte die Prinzipalin vielfache Klagen darüber hören, daß ich nicht geneigt sei, den Weg des wahren Heils zu wandeln; aber obgleich der Buchhalter alles tat, mich in ihrer Gunst herabzudrücken, so gelang ihm dies doch nur halb. Wenn auch die gute Frau meinen innern Menschen als verloren beklagte, so wollte sie doch dafür dem äußern nichts abgehen lassen und hatte mich, noch ehe meine Lehrzeit vorüber war, in den Genuß eines Salairs gesetzt, wie es sonst nur ältere Kommis zu haben pflegten. Unserer Ladenjungfer dagegen war es schlimmer ergangen; nach jener Unterredung auf der Treppe, die sie mit dem Buchhalter hatte, stieg sie, wie schon bemerkt, auffallend in der Gnade desselben, wandelte auch so fest und sicher den Weg des Heils, daß sie, wie ich aus guter Quelle erfuhr, begnadigt wurde, den Betversammlungen beizuwohnen. Doch war diese Freude nicht von langer Dauer, bald kamen wieder neue Händel zwischen ihr und Herrn Specht vor, die oftmals des Abends so heftig wurden, daß ich in meinem Schlafzimmer das Weinen und Jammern der armen Person deutlich hörte; auch wurde sie kränklich, ihr unschönes, aber blühendes Gesicht verblaßte, und eines Morgens hatte sie das Haus verlassen, ohne von mir Abschied zu nehmen. Das tat mir eigentlich weh, denn ich hatte sie immer freundlich und aufmerksam behandelt; doch sah ich sie zufälligerweise wenige Tage nachher, wo ich sie gar nicht erwartet: sie kam aus dem Hause des Doktors, als ich hineinging, und hatte trübe, verweinte Augen. »Leben Sie wohl,« sagte sie schluchzend zu mir, »und denken Sie zuweilen an mich, der Doktor oben weiß um alles.« Damit reichte sie mir die Hand, und ich habe sie nicht mehr gesehen. Als ich darauf in das Studier- und Empfangszimmer meines Freundes kam, siegelte er gerade ein Papier in ein Kuvert und warf es in eine Schublade; auf meine Frage nach der Ladenjungfer sagte er mir: »Ich kann Ihnen, verehrtester Fabrikant, weiter nichts sagen, als daß das Mädchen das Stieglitzsche Haus verlassen mußte; das Warum,« setzte er bedeutungsvoll hinzu, »wird offenbar, nicht, wenn die Toten auferstehen, aber wenn einmal das Gericht, das auf keinen Fall ausbleibt, seinen Anfang nimmt.« Sechsunddreißigstes Kapitel . Emma. So war nun eines Morgens der Verkaufstermin für das Haus meines Vetters, des verstorbenen Professors, angesetzt, und ich tat mir absichtlich die Qual an, für einen Augenblick hinzugehen. Rohes Volk füllte den Garten, die Gänge, Treppen und Zimmer, und die kostbarsten und schönsten Gerätschaften der verarmten Familie wurden schonungslos umhergerissen und von dem Haufen unter schlechten Witzen und gemeinen Bemerkungen taxiert, und, um sie wohlfeiler zu erhalten, in den Augen aller heruntergesetzt. Es half dem armen Joco nichts, daß er unzähligemal »Filou« schrie oder »Mort de ma vie –« er wurde als ein Individuum, welches der Masse durch tägliches Fressen Kosten verursachte, zuerst versteigert. Es war eine Geschichte, wie sie jeder schon erlebt oder mitangesehen hat: die Gegenstände wurden ausgeboten, es hieß »zum ersten, zum zweiten und zum drittenmal«, dann klappte der Hammer, der Eigentümer wurde aufgeschrieben und etwas Neues vorgenommen. Die gute Emma wußte natürlich nicht, was in diesen Tagen vor sich ging, man verheimlichte es ihr, um ihrem Schmerz nicht neue Nahrung zu geben. Im übrigen lebte sie bei dem Doktor aufs allerangenehmste, doch hielt sie mit demselben häufige Konferenzen und bat ihn dringend, eingedenk des Wortes ihrer Mutter, für sie bemüht zu sein und eine Stelle aufzufinden, die ihr erlaube, für sich selbst sorgen zu können. Der Doktor schob diese Entwürfe auf die lange Bank, wie er zu sagen pflegte, und wollte nichts davon wissen, daß das liebe Mädchen sein Haus verlasse. »Bleiben Sie bei meiner Frau,« pflegte er zu sagen; »Sie sind hier gut aufgehoben, wir wollen Sie beide nicht verlassen, wozu auch? Ja, wenn sich einmal etwas außerordentlich Annehmbares findet, so spricht man weiter davon; aber vorderhand bitte ich Euch, hochedles Burgfräulein,« diesen Beinamen hatte er ihr gegeben, »nicht weiter daran zu denken.« Aber Emma dachte wohl daran. Obgleich sie die Frau des Doktors innig liebte, obgleich sie unter andern Verhältnissen vielleicht jahrelang zum Besuch geblieben wäre, so schien ihr doch jetzt jeder Tag, an welchem sie versäumte, sich nach einer dauernden, einträglichen Beschäftigung umzusehen, ein Unrecht, das sie nicht nur an sich, sondern auch an ihrer Mutter begehe, welcher eine sorgenfreie Existenz für das Alter zu verschaffen, ihr glühendster und süßester Wunsch war. Eines Tages nahm mich Emma beiseite, sprach mir von ihrem Plan und der Notwendigkeit, denselben bald ins Werk zu setzen, und forderte mich auf, ihr Beistand zu leisten. Doch hatte mir der Doktor für diesen Fall schon seine Winke gegeben, weshalb ich die Achseln zuckte und versicherte, es sei gewiß äußerst schwierig, ihr eine Stelle zu verschaffen, sie möge sich beruhigen, es habe gar keine Eile, und was dergleichen Redensarten mehr waren. »Warum willst du nicht,« sagte ich, »bei der Doktorin bleiben? Sie hat dich so gern.« – »Warum?« entgegnete das Mädchen, »warum? Weil ich nicht von der Gnade anderer Leute leben will, selbst wenn diese Leute meine besten Freunde sind; warum bist du nicht auf der Mühle geblieben?« fragte sie mich ernst, »gewiß hätte man dich auch dort gern ein paar Jahre behalten.« Dagegen war nun freilich nichts einzuwenden, und doch konnte ich nicht in ihr Verlangen willigen; erstens hatte es mir der Doktor streng verboten, und zweitens war ich Egoist genug, für diesen Fall keine Schritte zu tun, denn ich fürchtete, meine inniggeliebte Nichte, meine gute Emma, aus der Stadt zu verlieren, wenigstens aus dem Hause des Doktors. Einige Zeit nach diesem Vorfall – Emma schien uns nachgegeben zu haben und sprach keine Silbe mehr von ihrem Projekte – wurde der Doktor nach langer Pause wieder, und zwar durch ein Handschreiben des Herrn Specht, in unser Haus berufen. Diese Einladung war ihm um so überraschender, als in unserem Hause einer seiner Kollegen, ein Mann, mit welchem er in keinem guten Einverständnis lebte, welcher aber dafür vollkommen tadellos und wohlgefällig vor den Augen des Herrn Sproßer und des Herrn Buchhalter Specht wandelte, seit längerer Zeit als Hausarzt praktizierte. Die Prinzipalin befand sich auf ihrem Zimmer, als der Doktor eintrat, sie saß an ihrem Schreibtisch, eine Brille auf der Nase, und war beschäftigt, verschiedene Briefe durchzulesen. Sie reichte dem Arzte die Hand, welcher sich einen Stuhl nahm und auf die unbefangenste Art von der Welt, und als sei er erst gestern dagewesen, ein Gespräch einleitete. Wie Burbus mir später versicherte, fand er die Frau sehr gealtert, und wenig mehr von der Energie und dem so angenehmen, kräftigen Wesen an ihr, das sie früher auszeichnete. Sie nahm die Brille ab, lehnte sich in ihren Stuhl zurück und schien nicht ungern den gesunden und lustigen Einfällen des Arztes zuzuhören. Zuweilen fuhr ein Lächeln über ihre ernsten Züge, und sie nahm es gar nicht übel; als ihr der Doktor ziemlich ironisch zu verstehen gab, daß er die gegründetste Hoffnung habe, bald wieder ihr Hausarzt zu werden, indem er sich die außerordentlichste Mühe gebe, sein vergangenes Leben vergessen zu machen und in irgend einen Betklub als verloren gegangenes, aber reuiges Lamm aufgenommen zu werden. Dem Doktor nahm eigentlich nie jemand etwas übel, er hatte eine solch gutmütige Manier, seine beißenden Bemerkungen anzubringen, daß man ihm im Ernst nicht zürnen konnte. »Lassen Sie Ihre Possen,« sagte endlich die Frau, ohne böse zu sein, »die Wege der Menschen treffen sich, laufen zusammen und gehen auseinander.« – »Ganz richtig,« sagte der Doktor, »wie aus dem Billard die Kugeln nach unsanftem Zusammenstoß.« – »Ich habe Sie rufen lassen, lieber Doktor,« fuhr Madame Stieglitz fort, »nicht wegen einer ärztlichen Konsultation, ich befinde mich, dank dem Höchsten, körperlich wohl, vielmehr wegen eines Geschäftes, über welches ich mit Ihnen sprechen möchte; lesen Sie diesen Brief.« Der Doktor entfaltete ein Papier, welches ihm Madame Stieglitz gab, und rieb sich, nachdem er einige Zeilen gelesen und die Unterschrift gesehen, wiederholt die Augen, wie jemand, der nicht glauben will und kann, was er sieht. »O, das ist zu stark,« sagte er nach einer Pause, »aber Sie sind wohl nicht geneigt, darauf einzugehen, Madame Stieglitz?« – »Warum nicht?« entgegnete die Prinzipalin, »ich kenne die Familie, die Leute haben Unglück gehabt, waren aber von achtbarem Charakter, und das Mädchen soll sehr gebildet und wohlerzogen sein, so sagt wenigstens mein Buchhalter, der Herr Specht.« – »Ei so, der Herr Specht,« lachte bitter und zornig der Doktor, »der Herr Specht, den Gott –« verdammen soll, wollte er sagen, verschluckte aber das Wort und schüttelte nur mit dem Kopfe. »Das geht nicht, Madame Stieglitz, das geht durchaus nicht.« – »Und warum nicht? Ist das Mädchen nicht zu empfehlen? Ich habe Sie zu mir gebeten, lieber Herr Doktor, um einige Auskunft über ihren Charakter zu erhalten, sie wohnt ja seit dem Tode ihres Vaters bei Ihnen.« – »Empfehlenswert?« sagte der Doktor; »o, was das anbelangt, da könnte sich jedes Dach glücklich preisen, unter welches dies reine und gute Geschöpf eingeht, sogar das Ihrige,« setzte er ironisch hinzu; »sogar hier, wo des Glaubens hellstes Licht leuchtet, würde man keinen Flecken an ihr finden.« – »So wäre ich also nicht abgeneigt,« sagte Madame Stieglitz, »das Mädchen unter den besten Bedingungen anzunehmen.« »Doch wär' ich in der Tat sehr abgeneigt, das Mädchen aus meinem Hause zu lassen.« – »Sie hat das vorausgesehen,« entgegnete ruhig die Prinzipalin, »und hat mir auch noch privatim geschrieben – der erste Brief gilt dem Hause Stieglitz und Comp. – und gerade dieses zweite Schreiben, in welchem sie Ihrer gastlichen und liebenswürdigen Aufnahme gedenkt und zugleich den Wunsch, sich eine Existenz zu verschaffen, so kindlich schön, ja rührend motiviert, hat mich sehr für sie eingenommen; mir genügen Ihre Aussagen, mein lieber Herr Doktor, vollkommen, und ich werde der Mamsell Emma diese Stelle geben.« – »Als Ladenjungfer!« lachte der Doktor auf seine eigentümliche Art, wenn er seinen Zorn unterdrücken wollte. »Nicht so ganz,« entgegnete die Frau. »Sehen Sie, Herr Doktor, ich werde nachgerade alt und schwach; ich bin nicht mehr dieselbe, die ich noch vor einem halben Jahr war,« sagte sie mit einem trüben Lächeln, »meine Augen lassen nach, ich sitze oft stundenlang einsam und allein, bin meinen Gedanken überlassen und möchte gern ein gutes Wesen um mich haben, das freundlich und liebevoll mit mir spricht, ein weibliches Wesen, das mich, die alte Frau, vielleicht versteht. Ich kann ja nicht immer die kostbare Zeit meines Seelenfreundes, des Herrn Sproßer, in Anspruch nehmen.« Der Doktor sah bei diesen Worten die Frau ernst an und antwortete in schneidendem, gedehntem Tone: »Meine verehrte Frau, Sie eröffnen dem armen, mittellosen Mädchen eine Aussicht, nach welcher viele andere begierig haschen würden, aber vergessen Sie nicht, daß die Emma, obgleich gut erzogen, obgleich gebildet – ihr Charakter ist ohne Fehl, und ihr Herz rein wie Gold, wir Aerzte verstehen uns auf dergleichen – daß die Emma, wollt' ich sagen, nicht mit jenen Tugenden begabt ist, welche die meisten Freunde Ihres Hauses, Madame, auszeichnen; sie ist ein Wesen, dankbar und fromm, mit einem klugen, offenen Verstand, dem aber gänzlich die Fähigkeit mangelt – – der gewissen Gnade teilhaftig zu werden.« Es trat eine kleine Pause ein, Madame Stieglitz senkte den Kopf und antwortete erst nach einigen Augenblicken: »Ich verstehe den Vorwurf vollkommen,« sagte sie, »der in Ihren Worten liegt, aber ich glaube und hoffe zu Gott, daß Sie mir und meinen Freunden unrecht tun. Ich wenigstens bin keine Heuchlerin; sollte ich einen unrechten Weg wandeln, so vergebe mir Gott, ich tue alles ohne Nebengedanken, nur zum Preis und zur Ehre des Höchsten.« Sie erhob sich in ihrer großen, majestätischen Gestalt, und ein paar Tränen rollten ihre bleichen Wangen herab, dann reichte sie dem Doktor die Hand, und dieser, seltsam erschüttert von der gehabten Unterredung, nahm seinen Hut und empfahl sich mit einer stummen Verbeugung. Ich sah ihn die Treppen hinabstürmen und erschrak vor seinem ernsten, ja zornigen Aussehen; noch größer aber wurde mein Schreck, als er mich am Arm faßte und ins offenstehende Speisezimmer zog. Hier betrachtete er mich vom Kopf bis zu den Füßen und sagte: »Ei, ei, Sie sauberer Zeisig, heißt das einem Freunde Wort halten? Habe ich Sie nicht gebeten, habe ich Ihnen nicht ausdrücklich befohlen, ich, ein viel älterer Mensch, als Sie, der es gut mit Ihnen meint, habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollten der Emma bei ihrem tollen Gedanken, sich eine Stelle zu suchen, Ihre Hilfe versagen? Und jetzt wollen Sie sie hier ins Haus schmuggeln als Ladenjungfer des Herrn Specht, als Mamsell Therese, zweite Auflage, Sie Ungeheuer! Bei Ihrem nächsten Unwohlsein verordne ich Ihnen Blausäure, daß die Welt von einem so schädlichen Insekt befreit wird.« Ich stand sprachlos da mit offenem Munde; und als er mich endlich zu Worte kommen ließ, versicherte ich ihm hoch und teuer, ich wüßte von der ganzen Geschichte nichts und gab dem erzürnten Doktor mein Ehrenwort, daß ich der Emma meine Hilfe, wie er es mir eingeschärft, rund abgeschlagen habe. Der Doktor glaubte mir, denn ich hatte ihn nie belogen; er dachte einen Augenblick nach und sagte alsdann heftig: »So hat das verwünschte Mädchen die Aufforderung in der Zeitung gelesen, da ist denn freilich bei ihrem festen Charakter kaum zu helfen.« Er sprang zur Tür hinaus und rannte wie toll nach Hause. Wie es der Doktor vorausgesagt hatte, so war auch bei dem festen Charakter meiner Nichte Emma nicht daran zu denken, daß sie einen einmal gefaßten Entschluß ohne gewichtige Gründe wieder aufgeben würde, und gewichtige Gründe, warum sie eine Stelle in einem achtbaren Hause wie das der Firma Stieglitz u. Comp. nicht annehmen sollte, sah weder die Doktorin noch ich. Ich konnte doch unmöglich vor dem jungen Mädchen mit einer Schilderung des Charakters unseres Buchhalters herausrücken, ich konnte doch ebensowenig von jener Betversammlung erzählen, der ich die Ehre gehabt hatte, einmal beizuwohnen. Der Doktor dagegen schien unentschlossen, ob er seiner Schutzbefohlenen einiges mitteilen solle, was er von dem Buchhalter zu wissen schien; er ging lange mit sich darüber zu Rate und hatte mit mir über diesen Gegenstand eine ernste Unterredung. »Was soll ich tun?« sagte er, »gegen den achtbaren Charakter der Prinzipalin ist nichts zu sagen. Wenn es mir also auch gelänge, den Buchhalter in die Luft zu sprengen – und es ist die Frage, ob mir das gelingt, denn diese Starken im Glauben halten zusammen wie die Ketten – so hätten wir doch nichts dabei gewonnen. Sie würde er mit sich reißen, wie ich Ihnen schon an jenem Abend sagte, indem er sonnenklar bewiese, daß Sie einen höchst unmoralischen Lebenswandel geführt haben. Lassen wir also jetzt der Sache ihren Lauf und behalten wir die Augen offen! Es ist manches faul im Staate Dänemark,« setzte er hinzu, »gehen Sie Ihren graden Weg, lassen Sie mir alle Liebeleien und verlangen Sie meinen Rat, wenn Ihnen etwas Verdächtiges begegnet.« So war es denn in kurzer Zeit entschieden, daß Emma in unser Haus kommen sollte. Der Buchhalter zeigte es mir mit der gleichgültigsten Miene von der Welt an, und die einzige Aufmerksamkeit, die er der neu Angekommenen bewies, war, daß er ihr sein Schlafzimmer mit dem bewußten Ofen abtrat und sich dafür in das meinige einquartierte. Ich kam auf die andere Seite von dem Zimmer meiner Nichte, wo früher Mamsell Therese gewohnt, welches Gemach der Herr Specht nicht zu beziehen wünschte. Es machte mich – wenn ich mir dies auch kaum zu gestehen wagte – unendlich glücklich, nun mit Emma unter einem Dache zu wohnen, sie bei Tische zu sehen, und imstande zu sein, ihr hier und da kleine Dienste zu leisten. Wir hatten einen neuen Lehrling angenommen: ich sage wir, denn auch mir wurde bei solch großen Veranlassungen jetzt eine beratende Stimme eingeräumt. Dieser neue Lehrling, mein Nachfolger, war jener würdige Herr Block, den wir auf der Wiegkammer des Herrn Pfeffer kennen gelernt haben. Er wurde meistens im Laden beschäftigt, und da auch der Herr Specht seit längerer Zeit sich diesem Geschäft fast ausschließlich gewidmet hatte, so gab es hier für eine dritte Person nicht viel zu tun, weshalb auch Emma nicht viel dort war. Gewöhnlich befand sie sich in dem Zimmer der Prinzipalin, nähte und strickte bei ihr, oder las ihr vor. Ich weiß nicht, wie es kam, aber das Mädchen hatte bald eine Herrschaft über das ganze Haus, und jeder nahm sich sorgfältiger als sonst in acht, von der Prinzipalin einen ernsten Blick zu erhalten, wenn Emma in der Nähe war. Auf die Erziehung des einigermaßen vernachlässigten Herrn Block hatte sie einen großen Einfluß, und ein mißbilligendes Wort genügte, ihn für Wochen lang besonnen zu machen. Unser Beisammenleben – ich meine das zwischen mir und meiner Nichte – war freundlich und herzlich; doch merkte ich an Kleinigkeiten, die aber für mich bedeutend waren, daß ich, seit sie im Hause war, weniger als Vetter wie als Kollege von ihr angesehen wurde, und das machte mir viel betrübte Stunden. Das Mädchen hatte mich früher so gern gehabt, wir standen in einem Verhältnis zueinander, dessen Art, das fühlte ich deutlich, uns beide vollkommen beruhigte. Sie liebte mich, ich liebte sie, doch hätten wir uns beide geschämt, uns das einzugestehen. Aber eben dieses selige Bewußtsein brachte in unser Leben eine schöne Harmonie, die nie von Erklärungen und Aufwallungen getrübt wurde. Jetzt aber fühlte ich ganz anders: war es mir früher einmal vergönnt gewesen, ihre Hand zu erfassen, oder hatten sich beim Abschied oder Wiedersehen unsere Lippen gefunden, so nahm ich dieses Glück als eine süße Gabe hin und wartete geduldig, wohl mit Sehnsucht, aber ohne es eifrig herbeizuführen, bis sich das wiederholen würde. Seit sie mir aber hier im Hause einmal ihre Hand entzog, als ich sie ihr leise gedrückt, ohne einen Gegendruck zu fühlen, und als sie mir dabei nicht ohne einige Bewegung gesagt: »Die Zeiten sind jetzt vorbei«, da war ich eifriger als je erpicht, ihre Hand zu berühren, wo es nur immer möglich war, und obgleich ich wohl begriff, daß ich das arme Mädchen dadurch vor den scharfen Blicken des Herrn Specht in manche Verlegenheit brachte, so konnte ich es doch nicht lassen, und das ging so weit, daß Emma, einen Augenblick wahrnehmend, wo wir allein waren, mir, freilich nicht ohne Tränen, aber ruhig und besonnen unsere beiderseitige Lage schilderte. Wenn ich auch fühlte, daß sie vollkommen recht hatte, so konnte und wollte mein schwer verletztes Gemüt ihrem Grundsatz, fleißig zu arbeiten und alles andere Gott zu überlassen, der gewiß unser Schicksal zum besten lenken würde, nicht beistimmen. Gut, dachte ich, sie opfert dich auf, sie will sich bei der Prinzipalin in Gunst setzen, indem sie das frühere Verhältnis mit dir abreißt – mir auch recht! Ich lachte laut auf, sie wollte mir die Hand reichen, und als ich sie nicht annahm, faltete sie ihre Hände auf der Brust und sagte unter Tränen: »Du verstehst mich nicht, und tust mir, weiß Gott im Himmel, bitteres Unrecht!« Ich machte ihr eine Verbeugung, wünschte dem » Fräulein « Emma einen guten Morgen und ging auf mein Zimmer. Noch auf der ersten Treppe redete ich mir vor, ich habe eine große Heldentat begangen, aber schon auf der zweiten wurde ich weicher, und als ich in meinem Zimmer angekommen war, warf ich mich, heftig weinend, auf einen Stuhl und hielt mich für den unglückseligsten aller Menschen. Tausend Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, und wenn mir auch meine Vernunft auf Augenblicke zuredete, das Mädchen habe vollkommen recht, da die Prinzipalin eine solche Liebelei in ihrem Hause nimmermehr dulden würde, so sprach dagegen mein Stolz und meine jugendliche Heftigkeit ganz anders, und ich beschloß, Emma als eine gänzlich Fremde anzusehen, und war in meinem Innern fest überzeugt, daß sie ein kleines, herzloses Ungeheuer sei. Da ich mit meinen verweinten Augen mich nicht im Kontor sehen lassen konnte, und auch wünschte, mein Urteil einer Appellation zu unterwerfen, indem ich doch noch hoffte, eine höhere Instanz werde es umwerfen und mir das Herz des Mädchens in einem für meine Eitelkeit angenehmeren Licht zeigen, so nahm ich meinen Hut und beschloß, den Doktor Burbus aufzusuchen und ihm den Fall vorzutragen. Ich traf den Doktor zu Hause, er kam eben von seinen Kranken und ließ mich meine Erzählung beginnen. Ich war wirklich die Offenheit selber und wunderte mich nachher selbst darüber. Aufs lebhafteste schilderte ich ihm meine Neigung zu meiner kleinen Nichte und erklärte mich mit dem Resultat derselben bis zum Eintritt der Emma ins Haus vollkommen zufrieden. Hier unterbrach mich der Doktor und fragte: »Und wie alt sind Sie jetzt, hochverehrter Herr Buchhalter?« »Nächstens werde ich zwanzig,« entgegnete ich ihm und streckte mich bedeutend in die Höhe. – »Also weiter!« Diese Frage, so einfach sie an und für sich war, hatte mich einigermaßen aus dem Gleichgewicht gebracht, und so klar der erste Teil meiner Erzählung war und, wie ich glaubte, so vollkommen geeignet, einen guten Eindruck zu machen, so verworren und unklar war der zweite Teil derselben, und ich bemerkte deutlich, wie in den Augen des Doktors zuweilen eine gewisse Lustigkeit aufblitzte. Doch als ich geendet, war er sichtlich ernst und sagte nach einer Pause: »Für Ihre Offenheit danke ich, sie ist gegen Ihren alten Freund lobenswert, aber Ihre ganze Geschichte ist faul und überspannt von Anfang bis zu Ende. Das Mädchen hat Ihnen zuweilen die Hand gegeben, hat Sie, ihren Vetter, hier und da geküßt, und was soll das weiter heißen? Daß die Emma dabei nie etwas gedacht hat, ist so klar wie der Tag, und jetzt kommen Sie her und bilden sich ein, das Mädchen sei in Sie verliebt, und darauf bauend, gehen Sie lustigerweise immer weiter und machen die hoffnungsvollsten Anstalten, das arme Kind in dem Hause, wo sie ihr Brot verdienen muß, zu kompromittieren! – Ah, das muß ich mir ausbitten, und wenn ich die Emma sehe, werde ich ihr sagen, daß sie vollkommen recht gehabt hat! Lieber, teuerster Freund, wehe will ich Ihnen wahrhaftig nicht tun, aber jede Arznei ist bitter, auch werden Sie es mir danken, wenn ich jetzt, da es noch möglich ist, Ihr Herzweh mit einigen bitteren Tropfen kuriere, um nicht in den Fall zu kommen, ein späteres heftiges Delirium ebenfalls heftig und höchst unangenehm beseitigen zu müssen. Sie sind noch sehr jung, Sie haben, ich muß es gestehen, etwas gelernt und können in jedem guten Hause eine Anstellung finden; das Stieglitzsche Haus ist demnächst zu klein für Sie, Sie sollen in die Welt hinaus, ich habe Ihrem Vormund schon darüber geschrieben, Sie müssen das Leben kennen lernen. Frisch aufgeschaut, den Kopf in die Höhe, in fünf bis sechs Jahren sprechen wir über diesen Punkt weiter.« Ich antwortete kein Wort und ging träumend nach Hause. Der Doktor hatte recht und unrecht, so dachte ich mir. Daß Emma nie etwas für mich gefühlt habe, als verwandtschaftliche Zuneigung, das wußte ich besser, daß sie sich gänzlich geändert, fühlte ich deutlich und fühlte es mit tiefem Schmerz. Ich sollte zuerst das Leben kennen lernen, hatte der Doktor gesagt, und ich hatte ihn, aber leider, sehr falsch verstanden. Was kannte ich auch vom Leben? Mein bisheriges war eingeteilt in Geschäfte zu Hause und in Besuche bei meinem Vetter und dem Doktor. Ach, die beiden letzten Orte waren ja bis jetzt meine ganze Welt gewesen! Das hatte sich nun geändert, und auch ich beschloß, mich zu ändern, und ein anderes Leben anzufangen, wie der Leser im nächsten Kapitel erfahren wird. Siebenunddreißigstes Kapitel . Der Flegeljahre zweite und vermehrte Auflage. Wenn man die kleinen lieben Kinder ansieht, die zierlichen Geschöpfchen, Miniaturausgabe des Vaters und der Mutter, im kleinen schon begabt mit deren Tugenden und Fehlern, so unterscheidet man augenblicklich in den Spielen und Unterhaltungen den Knaben vom Mädchen. Sind auch die Röckchen gleich lang, sind die blonden Haare gleich geringelt und gekämmt, das stärkere Geschlecht macht sich doch schon in den ersten Jahren bemerkbar. Der Knabe zerstört und verdirbt, wo das Mädchen sammelt und aufbaut. Er regiert den Hammer, zerschlägt Fenster und Blumenstöcke, hascht nach einem Messer, um in die Tische zu schneiden, sie dagegen putzt die Fenster mit ihrem Schürzchen, pflanzt das Ballbukett der Mama in den Sand des Spucknapfes, und wenn sie einmal ein Messer oder eine Schere in die Hand nimmt, so geschieht es vielleicht nur in der Absicht, um aus der besten Schürze der Mama ein Gewand für die Puppe zu schneiden. Das geht nun so fort, und je sanfter das Mädchen beim Heranwachsen wird, desto unartiger und trotziger wird der Knabe; er weiß, wie der Hahn kräht und wie der Ochs brüllt; als Pferd zerrutscht er seine Hosen auf den Knien und stößt sich Splitter in die Hände; als Wolf streckt er die Zunge heraus, und als Papa zerdrückt er dessen Hut, zerschlägt seine Pfeifen und zerstört seine Zigarren. Diese Unarten und kleinen Flegeleien in den ersten Lebensjahren, mit jener zierlichen Unbeholfenheit gepaart, die man liebenswürdig finden kann, bringen die eigenen Eltern selten in Zorn. Man tröstet sich, indem man denkt: Diese Zeit geht vorüber, und der Kleine wird endlich einmal verständig werden. Aber der Kleine wird nicht verständig; er geht endlich mit seiner Schwester in die Spielschule, wie diese in einem reinlichen Röckchen und weißer Schürze, das Mädchen kommt auch ebenso wieder nach Hause, der Bube aber beschmutzt und zerzaust; Nachbars Fritz hat ihm die Mütze in den Kot geworfen und die Schürze beschmutzt; daß er aber Nachbars Fritz die Schiefertafel zerbrach, gesteht der kleine Schlingel nicht. Jetzt kommt die Zeit, wo die Freunde und Freundinnen des Hauses von den Unarten des Sprößlings außerordentlich geplagt werden, ebenso die alte Tante, die ihn erzogen, und natürlicherweise verhätschelt. Sie ist eigentlich die Quelle aller Unarten, wenigstens der großartigen Entwickelung derselben; sie erlaubt ihm hie und da, wenn es niemand sieht, mit dem Fliegenwedel ein Treibjagen auf die Katze anzustellen, auch zuweilen ins Hundehaus zu kriechen, und wenn sich der Vater über dergleichen Geschichten beklagt, so ist die alte Tante glückselig, den Neffen rein anziehen zu dürfen, und versichert, es sei eine Freude, ihn im Hundehause bellen zu hören, der Karo mache es lange nicht so natürlich. Der Bursche ist jetzt fünf Jahre alt, und die Tante macht sich immer noch das Vergnügen, den verwöhnten Bengel einzuschläfern, indem sie ihm eine Stunde lang schöne Lieder vorsingt; auch versteckt sie beim Abendbrot etwas unter ihrer Schürze, und das verspeist er, wenn sie zu Bett geht, schlaftrunken, aber mit einem ungeheuren Heißhunger. Auf vernünftige Vorstellungen hierüber sagt die alte Tante: »Ach, so ein kleines Kind und so eine lange Nacht!« Und zum Dank für diese kleine Güte steht das kleine Kind in der langen Nacht einigemal auf und plagt die Tante mit Bedürfnissen, deren Natur ich mir nicht erlaube, hier auszusprechen. Das Mädchen ist in dieser Zeit schon sehr gesetzt, kleidet ihre Puppen an, kocht für dieselben und gibt ihnen zu essen; man erfreut sich an ihrem stillen Wesen und erfreut sich ebenso sehr an der Ausgelassenheit des Buben, denn dieselbe ist noch harmloser Natur, hat etwas Ursprüngliches und Gutmütiges, wie die Gesellschaft, von der er seine Streiche erlernt. Sein Körperchen und Gesicht wird lang und blaß, die alte Tante hat ihm seine langen blonden Haare abgeschnitten, dieselben sorgfältig in ein Papier gewickelt, und zeigt sie ihm an Sonn- und Festtagen, wobei sie seufzend sagt: »Siehst du, das sind die Haare von dem lieben kleinen Wilhelm, der ist aber längst nicht mehr da, und dafür haben wir jetzt einen langen Schlingel, der alle möglichen dummen Streiche macht.« Das Herz der guten alten Tante nämlich hat sich jetzt zu dem zierlichen sechsjährigen Mädchen hingewendet, welches sanft und klug der guten Person mit ihren kleinen Kräften hilft, wo sie kann. Sie liest ihr in der Küche die Erbsen aus, sie kann das Licht putzen, sie weiß, wo das Gesangbuch und die Brille liegt und vergißt nie, mit ihrem Schürzchen die Gläser abzuwischen, ehe sie dieselben der Tante darreicht. Der Stammhalter dagegen tut der Tante alles mögliche Herzeleid an, er setzt der Katze und dem Jagdhund Schwanzklemmen auf, er trommelt wie ein Rasender im Hause umher, zerbricht alle Augenblicke ein Glas und hat sich des größten Verbrechens dadurch schuldig gemacht, daß er eines Tages die Brillengläser der Tante entwendet, sie vorn und hinten in eine Holzröhre befestigt, wobei er natürlicherweise eins zerbricht, und sich auf diese sinnreiche Art ein Fernrohr verfertigt. Dabei hat er erschrecklich viel musikalische Anlagen, und wenn er mit lauter, krähender Stimme Lieder singt, so schlägt er den Takt hierzu mit der Feuerzange auf dem eisernen Ofenschirm wahrhaft markdurchdringend. Sein Aussehen ist in diesem Zeitpunkte sehr unvorteilhaft, er hat vom Wachsen eine grüne, kränkliche Gesichtsfarbe, ist faul, gefräßig, schläfrig und vorlaut, und der Vater zuckt die Achseln und sagt: »Das ist einmal nicht anders, der Junge kommt in die Flegeljahre.« Da ein Gemüt früher oder später als das andere reift, so ist auch der Eintritt dieser merkwürdigen Zeit, dieser moralischen Knabenkrankheit, äußerst unbestimmt; gewöhnlich aber entfaltet sich die zarte Blüte der Flegelei in den Jahren zwischen zehn und sechzehn, äußert sich zuweilen still und schleichend, als Heuchelei und heimtückisches Wesen, oder wild und lärmend, eine Sturm- und Drangperiode, man könnte auch sagen: eine Sturm- und Trankperiode! Denn der hoffnungsvolle deutsche Gymnasiast bereitet sich jetzt verstohlenerweise durch die ersten Anfänge der Trinkkunst aufs Seminar oder die Universität vor. In diesen eigentlichen Flegeljahren nun ist das männliche Individuum das unausstehlichste und zornerregendste Wesen in der ganzen Schöpfung; seine grenzenlose Faulheit, welche jedoch bei diesem Seelenzustand nicht unumgänglich notwendig ist, seine Sucht, dumme Streiche zu erfinden oder auszuführen, ist unbeschreiblich; deshalb ist auch der Lehrer das geplagteste Geschöpf der Christenheit, und deswegen ist es jammervoll, daß demselben seine Bemühungen und sein grenzenloser Aerger so schlecht bezahlt werden. Es ist eigentlich für den Betreffenden eine selige, vergnügte Zeit, dieses erste Flegeltum, und wir haben gewiß alle die angenehmsten Erinnerungen daran bewahrt. Wie kostbar schmeckt der gestohlene Apfel, wie ist in der Erinnerung selbst das heftige Erbrechen, das wir uns bei der ersten Pfeife Tabak geholt, von einem angenehmen Schimmer umgeben. Wie wenig schmerzten die verbrannten Finger, als wir das Pulverhorn des Vaters geplündert und Sprühteufel gemacht, immer einer größer als der andere, bis uns der letzte, der zu trocken war, in der Hand zerknallte! Unzählig sind die Fensterscheiben, die wir aus Mutwillen oder Leichtsinn zerbrachen, und dann, welcher Schaden wurde angerichtet, wenn wir die Uebungen des Turnplatzes zu Hause fortsetzten, und, um unsere Geschicklichkeit zu zeigen, mit der wir den ganzen Körper schwebend auf einem Arm erhalten konnten, die Lampe auf das Teeservice warfen, so daß alles zerbrach. Auch die höheren und gefährlichen Aeußerungen des Flegeltums sind in der Erinnerung schön. Wer verwechselte nicht einmal Wirtshaus- und andere Schilder? Wer riß nicht Klingelschnüre ab, wer warf keine Laternen ein und spannte in der Dunkelheit nicht Schnüre über die Straßen? Gewiß niemand, der nicht später ein tüchtiger Staatsbeamter oder sonst etwas Rechtes wurde. Auch der Liebe zarte Blüte treibt zuweilen, aber als schüchterne Spezies, die ersten Früchte: der junge Mensch erkiest sich eine gespielende Schwester zu seiner Auserwählten, und, um ihr zu gefallen, sucht er einen Ruhm darin, unter den Flegeln seiner Bekanntschaft der flegelhafteste zu sein. Natürlich ist sie dem Starken, ist sie dem Raufer hold, und triumphierend kommt er mit einem blauen Auge, mit einer dick aufgelaufenen Nase nach Hause. Auch liebt sie die Blumen, und des Vaters prachtvolle Rosen werden zu einem ungeheuren Blumenstrauß vereinigt. Die Tante wird achtungsvoller behandelt, denn er muß ihre Hilfe in Anspruch nehmen, er schwatzt ihr eine goldene Troddel ab, um sie der Geliebten ins Haar zu heften, er führt die Auserkorene in ihr Zimmer und bittet sie, die Fetzen ihres Kleides, die beim Umherspringen im Garten an einem Dornenbusch hängen blieben, wieder zu einem zierlichen Ganzen zu vereinigen. Liebesbriefe werden ebenfalls geschrieben, doch hat der Vater seine Federübungen entdeckt und handgreiflich und streng bestraft; sie unterbleiben deshalb nach diesem ersten Versuch. Auch ist die Geliebte untreu geworden, denn sie hat mit dem Sohne des Nachbars und dessen Familie eine Landpartie gemacht. Demgemäß aber ist das Herz des jungen Flegels zerrissen von Lieb' und Eifersucht, er tobt noch einmal ganz gewaltig, bekommt zur Strafe seiner Unarten zu Hause häufig nichts zu essen, das Taschengeld, welches ihm der Vater entzieht, wird ihm aber durch der Tante wiedererwachte Zärtlichkeit doppelt ersetzt. Er trinkt sehr viel Bier, gerät in kleine Schulden und lernt einsehen, daß er ein anderes Leben anfangen muß. Er hat ausgetobt und ausgegoren, und der Wein seines Lebens, bis jetzt eine trübe, unerquickliche Masse, beginnt sich zu einem klaren Getränk abzusetzen. Wie der geneigte Leser durch meine offenherzigen Bekenntnisse erfahren, so hatte ich meine ersten Flegeljahre in dem Reißmehlschen Hause nach allen Dimensionen durchgemacht, und der Teil lag hinter mir. Doch gibt es im Leben manches Menschen noch eine zweite Reihe von Flegeljahren, die, obgleich sie nicht mit so heftigen Erscheinungen wie die ersten auftreten, doch verderblicher auf Seele und Leib wirken können. Um das Gleichnis vom Wein wieder aufzunehmen: es gibt eine Zeit im Jahre, wenn draußen in der Natur der Frühling erscheint, neues saftiges Grün ansetzt, Tausende von Blumen emporsprossen, wenn ein neuer kräftiger Lebenshauch dahinströmt und durch die würzige Luft unbekannte, mächtige Wonneschauer erzittern, da regt es sich in des Kellers Tiefen, der klare Wein wird trübe und gärt aufs neue. Doch ist eine geschickte Hand leicht imstande, diese Wallungen zu besiegen und dem edlen Stoff eine größere Klarheit zu geben, als er früher besaß; eine ungeschickte aber trübt den Wein mehr und mehr, und es bedarf dann größerer Anstrengung, um ihn wiederherzustellen. Ich war in dem letzteren Fall. Mich hatten die Wonneschauer eines neuen Frühlings ergriffen, ich verschmähte die geschickte Hand eines Freundes, mein Wein trübte sich ernsthaft, und ich geriet in die zweite Auflage der Flegeljahre, von der ich oben sprach. Ich wollte mein Leben genießen und suchte zu dem Zweck lustige Gesellschaft auf, die ich bis jetzt sorgfältig vermieden. Die Prinzipalin ließ mich zu der Zeit meine Freistunden zubringen, auf welche Art ich immer wollte, und diese meine Freistunden waren zahlreich. Um sechs Uhr wurden Wiegkammer und Kontor geschlossen, der Herr Block und Emma blieben im Laden, und der Herr Specht legte mir kein Hindernis in den Weg, zu gehen, wohin ich wollte, ja, es schien ihm sogar lieber zu sein, wenn ich ausging, als wenn ich ihn mit meiner Gesellschaft erfreute. Um acht Uhr war gewöhnlich im Laden nichts mehr zu tun, und die Prinzipalin, Emma, der Buchhalter und Herr Block setzten sich an einen großen, runden Tisch, an welchem ich früher nie gefehlt, und da wurde gelesen und geplaudert. Anfänglich blieb mein Platz zwischen Emma und dem Buchhalter offen, doch als ich ihn allabendlich nicht benutzte, rückte der Buchhalter an meine Stelle, und obgleich ich äußerlich zufrieden und beruhigt, nach getaner Arbeit meinen Hut nahm und wegging, so gab es mir doch jedesmal einen Stich durchs Herz, wenn ich bemerkte, daß niemand auf mich acht gab, und Emma mich nur zuweilen mit einem ernsten Blick anschaute. Hätte sie nur ein einziges Mal gesagt, ich solle dableiben, ich hätte es gewiß getan, aber was lag ihr an meiner Gesellschaft? Außer dem Hause fand ich ja Menschen, die mir mehr zugetan waren – ich dachte hierbei nicht an den Doktor und an Sibylle, denn dorthin ging ich ebenfalls sehr wenig. Mein Freund Burbus tat aber, als ob er das gar nicht bemerkte, und sagte: »Wenn Sie sich anderswo gut amüsieren, ist es mir lieb.« Sibylle war die einzige, die zuweilen freundlich mit mir sprach und mir auch einmal sagte: »Es ist unrecht von dir, daß du die arme Emma unter den fremden Menschen so allein läßt und dich nicht um sie bekümmerst.« Ich lachte dagegen laut auf und entgegnete der Doktorin, indem ich aufs zierlichste meine hellen Glacéhandschuhe anzog: »Was bekümmert sich die Emma um meine Gesellschaft, sie hat ja Madame Stieglitz, den Herrn Block und den Herrn Specht, lauter scharmante Leute!« Damit setzte ich meinen Hut recht unternehmend auf und verließ das Zimmer. Wie in meinem Innern, so hatte ich mich auch in meinem Aeußern umgewandelt; ich war ein Elegant geworden, wie es die Gesellschaft von jungen Leuten, mit denen ich mich jetzt umhertrieb, verlangte. Dabei muß ich gestehen, daß ich gesucht wurde, es fehlte mir nicht an natürlichem Witz und Munterkeit, ich hatte mir leichtsinnige, burschikose Reden angewöhnt, war ein flotter Tänzer geworden, und wenn ein Mietpferd nicht gar zu unbeugsam und eigensinnig war, so wurde ich vollkommen mit ihm fertig, und konnte mir schon erlauben, des Sonntagnachmittags bei den Fenstern derjenigen Damen vorbeizugaloppieren, mit denen ich die Nacht vorher durchtanzt. Daß ich einen Hausschlüssel besaß, brauche ich wohl nicht zu sagen, daß ich aber bei den vielen Vergnügungen, denen ich nachlief, den Geschäften mit Eifer und Fleiß vorstand, glaube ich erwähnen zu dürfen. Ich hatte das ganze Fabrikgeschäft in der Hand, und es war mir ein Vergnügen, den Buchhalter, Herrn Specht, den ich gründlich haßte, hinauszudrängen. Mit den scheinheiligen Kreaturen, welche er auf die Wiegkammer eingeschwärzt, ging ich, wenn sie nicht auch in ihren Arbeiten und in ihrem Leben brave Leute waren, unbarmherzig um und nahm andere auf, die nicht zur Gemeinde des Herrn Pfarrer Sproßer gehörten. Die Prinzipalin hätte mir diese Handlungsweise nicht so hingehen lassen, wäre ich ihr im Fabrikgeschäft nicht von so großem Nutzen gewesen. Doch hatte mein praktischer Sinn dasselbe vollkommen erfaßt, und ein eigenes Talent der Farbenzusammenstellung und ein guter Geschmack, der mir angeboren war, setzten mich in den Stand, neue Stoffe zu erfinden, wenigstens neue Farbenmuster anzugeben, die allgemeinen Beifall fanden, weshalb unsere Waren außerordentlich gesucht und gut bezahlt wurden. Man muß nicht glauben, das lustige Leben, welches ich nun führte, sei gerade ein außerordentlich sündhaftes gewesen; ich machte es, wie tausend andere junge Leute, die einigermaßen Zeit und Geld hatten und beides auf die für sie angenehmste Art verbrauchten. Zu unseren abendlichen Zusammenkünften suchten wir gerade nicht die ersten Gasthöfe der Stadt auf, sondern ein heimliches Plätzchen, wo es guten Wein gab, ward unbedingt vorgezogen; auch gespielt wurde, so hoch es unsere Mittel erlaubten. In einer andern Stadt, namentlich am Rhein, hätten wir höchstens für lustige, fidele Leute gegolten, hier aber, in der fleißigen Fabrikstadt, unter den ernsten Kaufleuten und Fabrikanten, und beaufsichtigt von tausend frommen Augen, denen viel geringere Ausschweifungen schon als Todsünde erschienen, war unsere Gesellschaft, zu deren Haupt ich mich allgemach heranbildete, außerordentlich verrufen, und von den sogenannten ordentlichen Leuten wurden wir geflohen und aufs strengste gemieden. Nicht als ob wir Spieler oder Trinker gewesen wären, oder als ob wir uns diesen beiden Lastern leidenschaftlich ergeben, Gott bewahre! Wir liebten nur den Spektakel, den wir dabei vollführen konnten, und verschmähten namentlich nicht, auf dem Heimwege all die tollen Streiche vorzunehmen, die uns in den ersten Flegeljahren so außerordentlich viel Vergnügen gemacht. Dabei aber hielten wir viel auf unser Aeußeres und versäumten keinen Ball, keine Tanzunterhaltung, und die guten Töchter stiller Familien, denen wir zu Hause als schrecklich verderbte Subjekte geschildert waren, sahen uns doch nicht ungern erscheinen, denn sie mußten sich heimlich gestehen, daß wir viel amüsanter seien, als die andere Gesellschaft, und viel besser tanzten. Herr Specht, dem unser nächtliches Schwärmen und unsere Streiche natürlich nicht fremd blieben, tat alles mögliche, um mich in den Augen der Prinzipalin herabzusetzen, und ich wunderte mich oft, daß ihm seine Bemühungen lange Zeit fehlschlugen. Ich Verblendeter wußte ja nicht, daß am Richterstuhl der Prinzipalin ein guter Schutzengel eifrig für mich sprach, ein gutes, liebes Wesen, dessen reines Herz von der Madame Stieglitz wohl erkannt und hochgeschätzt wurde. Emma wandte alle Ungewitter von mir ab, und obgleich sie keinem Menschen, weder dem Doktor noch dessen Frau, jemals sagte, wie sehr meine Aufführung ihr Herz verwunde, so lächelte sie bei der Prinzipalin über meine kleinen Vergehen, wie sie es nannte, und hielt den guten Glauben derselben für mich aufrecht. Ach, ich wußte das ja nicht, und behandelte ihre Liebe, die sie verschwiegen im tiefsten Herzen für mich trug, mit einer freilich erzwungenen Geringschätzung, ja mit Roheit! So konnte ich spät in der Nacht nach Hause kommen und, statt mich ruhig zu Bett zu legen, in meinem Zimmer herumrumoren und lustige Lieder singen. Letzteres tat ich eigentlich dem Herr Specht zuliebe, dachte aber dabei, es kann auch ihr nichts schaden, wenn sie hört, wie lustig du bist, trotz der Kälte, mit der sie dich behandelt. Mir war es dagegen mit meiner Lustigkeit nicht so sehr ernst, und oft, wenn ich morgens aufstand, zerriß ein heftiger moralischer Katzenjammer mir das Herz. Ich fühlte wohl, daß meine Aufführung, wenn sie auch dem Geschäft keinen Schaden brachte, in einem so frommen Hause, wo der Herr Pfarrer Sproßer täglicher Gast war, nicht zu lange geduldet werden konnte. Dem Familienleben in demselben war ich ohnedies schon fremd geworden, mein Platz an dem runden Tische wurde nicht mehr offen gelassen, und wenn ich zuweilen Miene machte, ihn wieder zu erobern, so stockte die Unterhaltung plötzlich; Emma sah ernst auf ihr Nähzeug, und der Herr Specht schwieg in der salbungsvollsten Rede. Der Herr Block war der einzige, der treulich an mir hing, ich verschwieg hie und da seine leichtsinnigen Streiche und hatte ihn zuletzt durch kräftige Ermahnungen so weit gebracht, daß dieselben seltener wurden und er zur Zufriedenheit arbeitete. Dieser vertraute mir nun eines Abends, daß ich mich vor den Umtrieben des Buchhalters in acht nehmen solle. »Ich habe,« sagte der schlaue Junge, »neulich eine Unterredung desselben mit der Prinzipalin behorcht, und er hat schöne Dinge von Ihnen erzählt, von Ihren Nachtschwärmereien und, nehmen Sie es mir nicht übel, von Ihrem schlechten Umgang.« – »So,« sagte ich einigermaßen betroffen, »und was entgegnete Madame Stieglitz?« – »Ei nun, sie meinte, es sei ihr nicht lieb, daß jemand aus ihrem Hause auswärts so schlecht prädiziert sei, und wenn sich das wirklich so verhalte, so müsse man seinerzeit eine Aenderung treffen.« – »So, eine Aenderung?« entgegnete ich, und ich muß gestehen, daß der Gedanke, das Dach zu verlassen, unter welchem Emma lebte, mich in dem geheimsten innersten Winkel meines Herzens schmerzhaft berührte. »Aber,« sagte ich, »was kann man mir eigentlich zur Last legen?« Der Herr Block schwieg still und sah auf den Boden. »Wenn Sie etwas wissen,« fuhr ich fort, »so sagen Sie mir's frei heraus, ich werde Ihnen dankbar dafür sein und bin sehr verschwiegen.« Der junge Mensch fuhr schüchtern fort: »Ich hörte also ferner, wie der Buchhalter sagte, Sie brächten das Geschäft in vollkommenen Mißkredit, und dabei nannte er den Namen des Meisters Steffen.« – »So, so,« sagte ich bestürzt, »was zum Henker weiß der Buchhalter vom Meister Steffen?« Der Herr Block zuckte die Achseln, und ich versank in tiefes Nachsinnen; freilich, mit dem Meister Steffen hatte es eine eigene Bewandtnis, und wenn ich auch an der Geschichte unschuldig war, so war doch der Schein gegen mich. Dieser Meister Steffen nämlich war mir von einem lockern Zeisig meiner Gesellschaft als fleißiger und geschickter Mann empfohlen worden, und man hatte mich dringend gebeten, ihn auf unserer Wiegkammer zu beschäftigen. Ich nahm ihn auch an, bereute es aber bald wieder, denn der Meister Steffen, obschon ein geschickter Weber, wenn er wollte, war eigentlich ein liederliches Subjekt und fast jeden Tag betrunken. Dazu hatte ich obendrein erfahren, daß er der Vater einer sehr schönen, aber äußerst leichtsinnigen Tochter sei, deren Ruf der schlechteste war, den ein Mädchen nur haben kann, und wenn der gute Buchhalter die Annahme des Vaters aus der Freundschaft gegen die Tochter herleitete, so war das allerdings für die Prinzipalin ein bedeutender Grund, mir ihre Gunst zu entziehen! Und Emma – – ich fühlte, daß bei dem Gedanken an sie eine flammende Röte mein Gesicht bedeckte. »Schurke, infamer!« sagte ich und ballte die Faust, die Zigarre, die ich gerade rauchte, fuhr in einen Winkel, ich sprang auf, dankte dem Herrn Block für seine Aufrichtigkeit und sagte: »Ich weiß genug.« Der junge Mensch sah auf den Boden und entgegnete mir mit leiser Stimme: »Ja, aber noch nicht alles.« – »Noch nicht alles?« fragte ich erstaunt, »was zum Teufel kann denn noch Schlimmeres und Scheußlicheres über mich ausgesagt werden? So reden Sie doch!« – »Ferner meinte der Herr Specht,« antwortete der Lehrling schüchtern, »Ihre großen Ausgaben seien eigentlich in keinem Verhältnis zu Ihren Einnahmen, und – –« Ich stand niedergedonnert und konnte kaum atmen, vor mir öffnete sich ein Abgrund, ein Abgrund, schrecklich finster, an den ich bis jetzt noch nicht gedacht! Obgleich mich mein Bewußtsein von aller Schuld freisprach, so war mir doch, als habe der Geifer, den jener schlechte Kerl auf mich geschleudert, wirklich mein Herz schon angefressen, und mir schien, als sei diese ungeheure Anklage imstande, mich in der Tat schuldig zu machen. Ich hatte ja selbst einen verwerflichen Stolz darin gesucht, daß man mich für einen leichtsinnigen jungen Menschen halte, um so mehr, da ich mir bewußt war, meinen Dienst nie vernachlässigt zu haben. Was sollte ich tun? Den Doktor um Rat fragen? Ich schämte mich vor der ganzen Welt, auch erinnerte mich der Herr Block dringend an mein Versprechen, nichts von dem sagen zu wollen, was er mir mitgeteilt. Ich konnte also nichts tun, als die Dinge, die da kommen würden, abzuwarten und sorgfältiger, als bisher, mein Tun zu prüfen. Das Gift, welches der Buchhalter gegen mich gebraucht, wirkte zwar schneller, aber nicht so heftig, wie er gedacht. Ich wurde den andern Tag zur Prinzipalin berufen, und als ich ihr Zimmer betrat, verließ Emma dasselbe, und mir schien, als habe sie verweinte Augen. Zu meinem Glück war ich durch den Herrn Block vorbereitet und auf das Schlimmste gefaßt, doch kam es für diesmal besser, als ich erwartet. Madame Stieglitz saß auf ihrem Sessel, legte bei meinem Eintritt die Brille auf das Gesangbuch neben sich und redete mich ernst, ja finster an. »Ich habe Ihnen,« sagte sie, »in jeder Hinsicht mein Vertrauen geschenkt, ich habe Ihnen die Geschäfte meiner Fabrik übertragen, und ich muß gestehen, daß Sie dieselben zu meiner Zufriedenheit geführt. Ueber den Geschäftsmann kann ich also nicht klagen; doch habe ich mit großem Schmerz vernommen – ja, mit wahrem Schmerz,« wiederholte die würdige Frau, »daß Ihr Lebenswandel in letzter Zeit sich so zu Ihrem Nachteil geändert habe, daß Ihre besten Freunde den Kopf darüber schütteln. Sie sind, wie man sagt, das Mitglied, der Chef einer Gesellschaft junger, leichtsinniger Menschen, die, obgleich schon bei vorgerücktem Alter, Torheiten und Ausschweifungen begehen, wie sie nur für ganz unerfahrene Menschen verzeihlich wären. Glauben Sie mir, ich habe oft für Sie gebetet, ebenso meine gute Emma, denn Sie selbst denken an dergleichen Kleinigkeiten nicht; ich habe immer gehofft, Sie würden Ihr unregelmäßiges Leben einstellen, und da das nicht geschah, so habe ich gedacht, er ist ja nicht dein Kind und wenn er die Geschäfte des Hauses gut und redlich besorgt, die Ehre desselben bewahrt, so kann es dir am Ende gleichgültig sein, was er außer dem Hause treibt.« Ich hörte regungslos diesen herzlichen Worten zu, und mein Herz war tief bewegt. Nach einer Pause fuhr die Prinzipalin fort: »Jetzt aber habe ich von einer Sache vernommen, welche die Ehre meiner Firma angeht und auf mein Haus ein schlechtes Licht wirft. Sie haben in meiner Wiegkammer einen Menschen angestellt, einen Weber, der nicht nur selbst den schlechtesten Ruf hat, sondern dessen Familie allgemein verachtet ist« – »Den Meister Steffen,« sagte ich ruhig. »Ganz richtig,« antwortete die Prinzipalin, »derselbe; Sie wissen darum, sind meine Vorwürfe ungerecht?« – »Nein, Madame,« entgegnete ich, »aber Sie werden mir erlauben, einiges zu meiner Entschuldigung zu sagen. Dieser Mann wurde mir von einem Bekannten empfohlen; ich hätte allerdings auf diese Empfehlung kein Gewicht legen sollen, doch wurde er mir als fleißig und arbeitsam gerühmt, und ich kann den feierlichsten Eid schwören, daß ich über ihn und seine Familienverhältnisse nichts Nachteiliges gewußt, daß ich ferner von der Familie nie jemand gesehen. Auch,« setzte ich mit erhobener Stimme hinzu, »habe ich erst zufällig vor ein paar Tagen erfahren, wie schlecht dieser Mensch prädiziert ist, und daraufhin hat er gestern seinen Abschied erhalten.« Das war die Wahrheit; ich hatte dem Meister Steffen schon mehrmals mit seiner Entlassung gedroht und sie ihm nach der Unterredung mit Herrn Block augenblicklich zugefertigt. Die Ruhe, mit welcher ich diese Antwort der Madame Stieglitz gab, wirkte sichtlich zu meinen Gunsten auf die gute Frau. »Ich danke Gott,« sagte sie, »daß die Sache sich so verhält. Sie können mir glauben, daß ich an Ihrem Tun und Lassen den innigsten Anteil nehme; beherzigen Sie meine Rede, und wenn Ihnen das Leben, welches Sie bis jetzt geführt, nicht selbst unerträglich ist, so bitten Sie den Höchsten, daß er Sie in Ihrer Finsternis erleuchte und Sie erkennen lasse, daß ein solcher Wandel nicht geeignet ist, die Liebe und Achtung guter Menschen zu erwerben.« Ich war sichtlich von ihren Worten ergriffen, und die Prinzipalin, welche es bemerkte, reichte mir die Hand, die ich ehrerbietig und herzlich küßte. Ich glaube, es fielen auch ein paar Tränen darauf, und meine Stimme zitterte heftig, als ich ihr entgegnete: »Glauben Sie mir, Madame, daß ich Ihnen für Ihre Rede, so hart sie wir auch anfangs erschien, innigst danke. Für jemand, der, wie ich, vater- und mutterlos, ja fast ganz verlassen in der Welt steht, ist die Strenge, mit Herzlichkeit und Liebe gepaart, die Sie mir seither bewiesen, ein Ersatz für die Worte der Eltern, die ich unendlich lange nicht mehr gehört, und Sie sollen sehen, ob Sie zum zweitenmal in den Fall kommen werden, mich daran zu erinnern, was ich der wahrhaft mütterlichen Behandlung, wie ich sie von Ihnen erfahren, schuldig bin.« Mein Herz war zum Zerspringen voll, und ich durfte nicht viele Worte machen, indem ich großer Mensch befürchtete, in lautes Weinen auszubrechen. Und was hätte ich nicht noch alles sagen können? War ich doch einen Augenblick entschlossen, ihr zu sagen, wie sehr ich meine Nichte Emma liebe, und sie kurz und gut zu bitten, bei dem Mädchen für mich zu sprechen; doch brachte ich kein Wort weiter hervor, machte eine stumme Verbeugung und eilte aus dem Zimmer. Unten an der Treppe begegnete mir der Herr Specht, und ich wandte den Kopf ab, um ihn nicht zu sehen und um mein Gesicht nicht sehen zu lassen, auf welchem Schmerz und Freude zu lesen war. Auch sah ich in dem Speisezimmer meine Nichte Emma stehen, welche beschäftigt war, den Tisch zu decken. Ich trat eilig hinein und drückte die Tür hinter mir zu. Das Mädchen ließ die Servietten fallen, als ich auf sie zutrat und hastig ihre Hand ergriff. »Ich komme soeben von der Prinzipalin,« sagte ich sanft, aber ernst, »und ich habe ihr bewiesen, wie falsch man mich anklagt; ja, man hat mich falsch angeklagt,« wiederholte ich, »aber Emma, du hast doch nie etwas Böses von mir geglaubt?« Sie wandte das Gesicht weg und schüttelte mit dem Kopfe. »Emma,« fuhr ich fort, »laß mir einen Augenblick deine Hand, deine liebe Hand, es ist gewiß und wahrhaftig nicht gut, daß du mich immer so kalt und streng behandelst; warum tust du das?« – »Ich weiß es nicht,« antwortete das Mädchen mit leiser Stimme und sah mich mit ihren großen, hellen Augen an, in welchen Tränen standen. »Du weißt nicht, warum du mich quälst?« fuhr ich bewegt fort, »o, das ist doppelt unrecht.« – »Ich will dich nicht quälen,« entgegnete sie, »aber wie kann ich anders sein, ich bin dir fremd geworden, du bist mir fremd geworden!« – »Fremd, gänzlich fremd?« sagte ich erschreckt und ließ ihre Hand los, »also doch gänzlich fremd?« – »Wie ist es anders möglich?« sagte sie, mit schmerzlichem Tone in der Stimme, »du gehst fort, wenn du kannst, und bekümmerst dich um mich gar nicht, o, du tust sehr, sehr übel daran.« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, doch fuhr sie einen Augenblick darauf gefaßt fort: »Ich bin in dies Haus gekommen, wo es außer dir nur ein einziges offenes und gutes Herz gibt, das der Madame Stieglitz, ich bin vertrauensvoll hier eingetreten, indem ich dachte, du seiest ja auch da und werdest mich beschützen wie ein Bruder die Schwester.« – »Ja,« unterbrach ich sie bitter, »wie ein Bruder die Schwester.« – »Und du hast dich schon in der ersten Zeit von mir losgesagt; weshalb? ich weiß es nicht, ich kann es wenigstens nicht begreifen.« – »Weshalb? Emma,« entgegnete ich heftig, »weshalb? Ich will es dir sagen: weil ich dich liebte, und weil du meine Liebe kalt zurückstießest. O, du hast sehr gegen mich gefehlt; ich habe Zerstreuung außer diesem Hause gesucht, Zerstreuung, die mich anekelt, während ich hier vergnügt und glücklich hätte leben können, ja, selig durch ein einziges Wort, wenn du gesagt hättest: »ich liebe dich,« und wenn du mir zuweilen erlaubt hättest, deine Hand zu drücken und hoffend in dein liebes Auge zu sehen – doch war das zu viel verlangt,« setzte ich bitter hinzu, »ich sehe es jetzt wohl ein.« Es trat eine lange Pause ein, peinlich für uns beide, und, mühsam von etwas anderem sprechend, fragte ich: »Was wolltest du aber damit sagen, daß ich dich schützen sollte, du, der Liebling der Prinzipalin, ja die Herrin des Hauses?« Das Mädchen warf einen ängstlichen Blick um sich, faßte heftig meine Hand und flüsterte: »Ja, schütze mich, schütze mich vor dem Buchhalter!« – »Vor dem Buchhalter?« entgegnete ich hastig; »was will der Herr Specht?« – »Er verfolgt mich,« sagte das arme Mädchen, »mit seinen Aufmerksamkeiten und, sind wir allein, mit seinen Anträgen.« – »Mit Anträgen?« In ihrem Gesicht schlug eine glühende Röte auf, die sich hinabsenkte bis auf ihre Brust, wo es unter dem weißen Hauskleidchen so heftig wogte, daß auch ich errötete. »Mit Anträgen?« wiederholte ich; »was trägt er dir an?« – »Ich glaube, seine Hand,« sagte das Mädchen mit gesenktem Blick und kaum vernehmlicher Stimme. »Seine Hand?« wiederholte ich, laut und zornig lachend, »die Hand des Herrn Specht? O, er ist nicht so dumm, der Herr Buchhalter, und du?« setzte ich argwöhnisch hinzu. »Mich hat's geschaudert,« sagte das unschuldige Mädchen und sah mich mit dem klaren, treuen Blick fest an; »aber was soll ich tun? Rate mir! Der Prinzipalin davon sprechen? Du weißt, wie günstig sie über den Buchhalter denkt, und ich bin ja,« setzte sie ernster hinzu, »ein so armes Mädchen. Dem Doktor habe ich davon erzählt.« – »Nun, und was meinte der Doktor?« – »Er stampfte heftig mit dem Fuß,« entgegnete Emma, »und sagte, das habe er sich gedacht; dann gab er mir einen Brief und befahl mir, denselben, sowie sich der Buchhalter an die Prinzipalin wende und diese zu mir von dessen Antrag spreche, ihr zu übergeben.« – »So,« antwortete ich hastig; »gib mir den Brief.« – »Ich möchte gern,« sagte das Mädchen, »denn mir ist das Papier unangenehm, und ich fürchte mich vor demselben, als sei etwas Widerwärtiges, Häßliches darin verschlossen; aber der Doktor hat mir streng verboten, ihn in andere Hände, als die ihrigen, zu geben. Geh aber jetzt, es kommt jemand, und denke nach, was zu machen ist.« – »O, ich wüßte wohl, wie sich alles zum besten lenken könnte,« sagte ich eifrig und küßte ihre Hand. – – – In diesem Augenblick trat der Buchhalter ins Zimmer und sah uns beide mit einem seltsamen Blick an. »Es ist ein Uhr,« sagte er mit leiser Stimme, als er bemerkte, daß noch kein Tisch gedeckt war, »wir werden wohl baldigst essen?« Mein Zorn flackerte auf, als ich den Heuchler sah. »Die Prinzipalin wird mich entschuldigen, ich kann heute nicht hier essen,« sagte ich zu Emma; »und Ihnen,« sprach ich mit festem Blick zum Buchhalter, »und Ihnen, Herr Specht, wünsche ich zum guten Appetit eine gesegnete Mahlzeit.« Achtunddreißigstes Kapitel . Das letzte Souper. Die Prinzipalin hatte, nachdem ich mich vor ihr gerechtfertigt, auch eine Unterredung mit dem Herrn Specht, von welcher mein guter Freund nicht sehr erbaut sein konnte, insofern Madame Stieglitz ihm meine Verteidigung des ersten Anklagepunkts mitteilte, wogegen er nichts erinnern konnte, da der Meister Steffen ihn selbst mit Bittgesuchen um Wiederaufnahme zahlreich überhäufte. Was den zweiten Punkt anbelangt, so war derselbe, wie der Leser weiß, gar nicht gegen mich berührt worden, und hätte ich auch, wenn die Prinzipalin dadurch meiner Ehre zu nahe getreten wäre, alles in Bewegung gesetzt, mich des Buchhalters zu entledigen. Es wäre dann ein erbitterter Kampf um Sein oder Nichtsein daraus entstanden. Das mochte mein schlauer Ankläger auch ganz gut wissen, und da er natürlicherweise keine Beweise gegen mich haben konnte, so ließ er, obgleich aufs tiefste erbittert, die Sache für den Augenblick ruhen, spürte mir aber auf Schritten und Tritten nach, um etwas Rechtes gegen mich aufbringen zu können. Sein Helfershelfer war jener nichtswürdige Kandidat, und Herr Block unterrichtete mich getreulich von den Zusammenkünften jener Herren und von den gewichtigen Unterhandlungen, die sie in meinem Interesse hielten. Ich wurde vorsichtiger und begann, mich langsam von meinen früheren Kameraden zurückzuziehen, ohne aber auffallend mit ihnen zu brechen, und das wurde mir um so leichter, als auch andere unserer Gesellschaft des überlustigen Lebens satt waren, und diese zweite Auflage der Flegeljahre auch für sie nach und nach das Interesse verloren hatte. Ueber die Heiratsanträge des Herrn Specht konnte ich nichts Gewisses mehr erfahren; Emma sagte mir nichts weiter darüber und vermied es aufs eifrigste, mit dem Buchhalter allein zu sein. Auch mochte ein zweiter Plan in ihm aufgestiegen sein, denn so lieb es ihm früher schien, daß ich mich um meine Cousine gar nicht bekümmerte, so sehr hatten ihn dagegen jener Handkuß und die Tränen des Mädchens bei unserer Unterredung im Speisezimmer überrascht und aufmerksam gemacht, und er haßte mich nun natürlich desto mehr. Er wurde sichtlich verschlossener und brütete über geheimen Entwürfen. Es war eines Samstags abends, als ich, zum Ausgehen gerüstet, aufs Kontor ging, um verschiedene Briefe, Rechnungen und dergleichen, die sich gewöhnlich in meinem Pult vorfanden, noch vor dem Sonntage zu erledigen. Der Buchhalter war ausgegangen, und der Herr Block räumte im Kontor und Laden auf, er richtete die Stoffe in den Glaskästen, brachte Schere, Bindfaden und Elle an ihren Platz, legte das große Hängeschloß an die Ladenkasse und pfiff dazu ein lustiges Lied, sich auf den morgenden freien Tag freuend. Ich hatte meinen Hut auf dem Kopfe und war verdrießlich, auf dem Pult noch einen Stoß Papiere zu finden, und fing an, so schnell wie möglich daran herunter zu arbeiten. Es waren ausgezogene Rechnungen, Korrespondenzen des Herrn Specht, welche ich, als das Fabrikgeschäft angehend, mit meinem Visa versehen mußte; ferner Mahnbriefe an hartnäckige Schuldner, Feder- und Stilübungen des jungen Herrn Block; derselbe hatte sich in diesem Geschäftszweige mit Hilfe der vorhandenen Schemas eine ziemliche Fertigkeit erworben und unterschied namentlich dadurch die guten von den minder guten, und die schlechten von den ganz schlechten Zahlern, daß er sich entweder »hochachtungsvoll« oder »mit vollkommenster Ergebenheit« oder »höflichst« oder gar nicht empfahl; diese Briefe hatte ich zu unterschreiben und zeichnete mein »pr. Stieglitz u. Comp.« eiligst darunter. Ein größerer Rechnungsauszug, den ich ebenfalls vorfand, mußte nachgerechnet werden und hielt mich auf; dann kam auch ein eigener Brief der Prinzipalin an unser Bankhaus Schilderer u. Söhne, worin sie die Summe von fünfhundert Talern in Kassenanweisungen für sich verlangte. Dergleichen Briefe der Madame Stieglitz wurden zur besonderen Kontrolle in ein besonderes Buch eingetragen. Man sah recht an den Schriftzügen, daß die gute Frau alt wurde. Von jeher waren dieselben groß und hart gewesen, aber hier waren sie so undeutlich, daß man kaum ihre Forderung und die Zahl entziffern konnte; auch fiel es mir auf, daß das Papier zu diesem Briefe gar so alt und verlegen war. Doch kannte ich ihre Sparsamkeit im großen wie im kleinen und erinnerte mich genau, wie oft ich von ihr ausgescholten und der Verschwendung angeklagt wurde, wenn ich einen Viertelbogen Papier verdorben, worin ich von jeher sehr stark gewesen. Die Unterschrift der Prinzipalin dagegen war korrekt und fließend und erinnerte mich wehmütig an die erste Unterschrift, welche ich von ihr gesehen. Das war damals, als ich mein erstes Belobungsschreiben zu meinem Vetter, dem Professor, hintrug; dazwischen lagen schon mehrere Jahre, und wieviel hatte sich seit der Zeit in dem kleinen Hause auf dem Hügel geändert! Ich versank in Träumereien, während ich meine Briefe zusammenfaltete, überschrieb und siegelte. Endlich war ich fertig, und der Herr Block stand schon neben mir bereit, um meine Aufträge schnellstens zu übernehmen; ihm war es darum zu tun, das Kontor sobald wie möglich zu schließen. Ich breitete die Briefschaften vor ihm aus und gab ihm Anweisung, was er zu besorgen habe, was auf die Post komme, was für den Boten und was für den Hausknecht sei. »Und hier,« sagte ich zum Schluß, »dieser Brief an Schilderer u. Söhne muß noch heute abend und durch Sie selbst besorgt werden.« Der junge Mensch sah mich bittend an und kratzte sich am Kopf. »Ah, ah, ich verstehe Sie,« sagte ich lachend, »junger Leichtsinn, Sie haben heute abend zufällig einen anderen Weg!« Er nickte schmunzelnd mit dem Kopfe. Ich dachte, eine Ehre ist der andern wert, und entgegnete: »Für diesmal will ich es selbst besorgen,« steckte den Brief in die Tasche und ging fort. Der Herr Block schloß eilig das Kontor, nahm seine Mütze und rannte nach einer andern Seite der Stadt; der junge Mensch, dessen Eltern im Orte wohnten, genoß deshalb viel mehr Freiheit, als ich je gehabt. Für mich war der Dienst, den ich ihm leistete, sehr gering, denn ich ging ohnehin auf das Kontor des Bankhauses, um dort einen meiner Bekannten abzuholen. Dieser, zweiter Kassierer bei Schilderer u. Söhne, war ungehalten über mein langes Ausbleiben, und noch mehr, als ich ihm meinen Brief übergab, der noch durchgelesen und besorgt sein mußte. »Laßt's gut sein,« sagte ich ihm, »schickt das Geld morgen früh!« – »Den Teufel auch«, entgegnete der Kassierer, »morgen früh sieht mich das Kontor nicht, die Kasse bleibt geschlossen, da nehmt die fünfhundert Taler; ich gebe Euch zehn Fünfziger, sie sind nicht schwer zu tragen, und hier unterschreibt mir schnell die Empfangsbescheinigung.« – »Meinetwegen,« entgegnete ich, nahm das kleine Paketchen und steckte es in die Brusttasche. Der Kassierer schloß eigenhändig die große Kasse, dann den eisernen Fensterladen und die dicke, beschlagene Tür, auch prüfte er jedes Schloß und jeden Riegel. »Ich bin heute doppelt vorsichtig,« sagte er, »da der erste Kassierer auf einige Tage verreist ist und mir die ganze Geschichte auf dem Halse liegt. So, jetzt wäre alles gut verschlossen und kann ruhen bis Montag. Ihren Brief und Ihre Empfangsbescheinigung lege ich auf den Kontortisch zum Eintragen, und wir sind endlich fertig. Die Arbeit ist getan, jetzt hinaus zum Vergnügen!« Wir gingen davon, einem köstlichen Abend entgegen, ein letztes großes Souper sollte noch einmal unsere Gesellschaft vereinigen, ein Souper mit vielem Champagner und allen Torheiten der Jugend. Dann wollten wir den Klub, der den Leuten der Stadt so viel Aergernis gegeben, feierlichst beschließen und auflösen; der Katzenjammer, den wir mit vollem Recht erwarteten, sollte vor der Hand unser letzter und alsdann jeder bedacht sein, seinen Ruf zu verbessern. Unsere ganze Gesellschaft hatte bei ihren Zusammenkünften Spitznamen, mit denen jeder gerufen wurde; wir wählten bei unserem großen Feste einen Präsidenten, der mit dem Champagnerglase gut umzugehen wußte, und hatten einen Ritus eingeführt, ähnlich dem großen Komment der Studierenden, wie wir denn überhaupt unser ganzes jetziges tolles Leben nach einigen Exemplaren burschikoser Musensöhne eingerichtet hatten, die von der Universität kamen und das corpus juris mit dem Hauptbuch vertauscht hatten. Unser Souper war vortrefflich, der Bordeaux sanft erwärmt, der Champagner eiskalt, und unser Durst kaum zu löschen. Als die Köpfe etwas erhitzt waren, drängte ein Toast den andern, und nachdem unser heutiger Präsident mit den Tränen eines sanften Rausches im Auge unser Wohl getrunken, folgte das seinige, stürmisch ausgebracht, und ein beredter Rückblick auf die lustige Zeit, die wir verlebt. Die kristallenen Trinkgläser flogen an die Wand, und das Ganze artete zu einer wilden Orgie aus. Hier wurden unter strömenden Tränen Freundschaften fürs ganze Leben geschlossen, an die man morgen nicht mehr dachte; dort entzweite sich ein Paar, um sich gleich darauf wieder glänzend zu versöhnen. Als nun obendrein der Präsident einen Damenschuh aus der Tasche zog und die Anwesenden veranlaßte, aus diesem Toilettenstück seiner Holden der ganzen Damenwelt ein Lebehoch zu trinken, überstieg der Jubel alles Maß. Das Souper war zu Ende, und jeder schleppte sich nach Haus, so gut er konnte; ich hatte mir die schwere Aufgabe auferlegt, meinen Freund, den Kassierer des Hauses Schilderer u. Söhne, einen geistig gänzlich Leblosen, ins Bett zu befördern, ehe ich mich selbst zur Ruhe niederlegen konnte. Nichts von jenen wüsten, trostlosen Bildern, die am andern Morgen beim Erwachen meinen Kopf ausfüllten! Das Andenken des gestrigen Abends lag vor mir, wie ein trüber, schmutziger, übelriechender Sumpf, und auf ihm schwammen leere Champagnerflaschen, halbgeleerte Teller, und aus den Tiefen desselben scholl der Lärm und das Gejohl der Zechbrüder an mein Ohr. Brennender Kopfschmerz plagte mich, und deshalb tat mir die Kälte wohl, die in meinem Zimmer herrschte; es war spät im Herbst, grau hing der Himmel über der Erde, und ein feiner Regen fiel herab. Als ich so am Fenster saß und hinausstarrte, kam mir jener Morgen wieder lebhaft in Erinnerung, wo ich in ähnlicher Gemütsstimmung auf dem Zimmer des Doktor Burbus saß, jenen unvergeßlichen Kaffee trank und hinüberstarrte nach meinem verlorenen Paradies, dem Reißmehlschen Hause. Mich schauderte aber, wenn ich an jene Zeit dachte und an den gestrigen Abend. Im Grunde hatte ich mich in einer Beziehung seit damals nicht viel gebessert! Das lastete mir schwer auf der Seele, und das einzige, was einen Lichtstrahl in dieselbe warf, war der Gedanke und feste Vorsatz, zum letztenmal einen solchen Abend gefeiert zu haben. »Ja, ja,« sagte ich zu mir selbst, »das liegt jetzt hinter dir, mache einen dicken Strich unter die Seite und fange ein neues Konto an, ein neues Soll und Haben; ins Soll ein anderes Leben, verdoppelter Fleiß, womöglich ein neuer Wandel; ins Haben setze ihr Bild, ihr liebes, klares Auge – arbeite bei diesem neuen Konto fleißig fort, und wenn du alsdann in ein paar Jahren eine neue Bilanz ziehst, so hat sich vielleicht Soll und Haben freundlich gleichstellt!« Dieser Gedanke erwärmte mir das Herz, und ich wurde munterer. Ich nahm meinen Rock von gestern von dem Stuhl, auf welchen ich ihn geworfen, und im gleichen Augenblick fuhr ich erschrocken nach der Brusttasche, denn jetzt erst fiel mir das Geld der Prinzipalin ein, welches ich dort aufbewahrt – das Paket mit den fünfhundert Talern in Kassenanweisungen war verschwunden! – – Meine Gefühle in diesem Augenblick sind schwer zu schildern und waren auch von so entsetzlicher, unheimlicher Art, daß es gewiß niemand angenehm sein würde, wenn ich dieselben hier zu schildern versuchen wollte. Gott im Himmel, wenn die Prinzipalin nach ihrem Gelde fragte, wenn ich gestehen mußte, ich habe es geholt und verloren! – Wo verloren? Bei einem Bankett, dessen Ausschweifungen gewiß schon heute, zehnfach vergrößert, auch zu ihren Ohren kamen! Andererseits war der einfache Ersatz von fünfhundert Talern für mich keine Kleinigkeit, sie machten einen bedeutenden Teil meines Jahresgehalts aus, und wo sollte ich sie hernehmen? Aber war denn das Geld wirklich verloren? Es war dies ja kaum möglich, aus der Kasse des Bankhauses hatte ich das Paket in die Brusttasche gesteckt und den Rock nicht mehr ausgezogen, bis heute früh auf meinem Zimmer! An eine Entwendung war noch weniger zu denken, denn was diesen Punkt anlangte, so war ich meiner Gesellschaft vollkommen gewiß. Also nachgesucht, es mußte sich wiederfinden! Aber umsonst kehrte ich die Taschen meines Rockes um, umsonst trennte ich das Futter aus der Brust heraus, es fand sich nichts! Ich untersuchte meinen Paletot, das ganze Zimmer – nirgends eine Spur des verlorenen Pakets! Mir standen dicke Schweißtropfen auf der Stirn, ich zog mich an und eilte nach dem Gasthof, wo wir gestern abend unser Souper gehalten. Ein verschlafener Kellner öffnete mir den Saal, wo wir heute nacht gehaust. Welcher Anblick, welche Atmosphäre, welcher Geruch! Die schreckliche Verwirklichung der wildesten Träume, die ich in meinem Katzenjammer gehabt, und ich war gezwungen, in diesem dampfenden Lokal, in dieser schauerlichen Unordnung jeden Winkel zu durchsuchen, und je mühsamer ich Stühle aufrichten mußte, Teller und Gläser wegheben, um auf den Boden zu sehen, um so mehr freute ich mich, daß in diesem Chaos noch viel zu untersuchen sei, denn ich fand ja nicht, was ich suchte! Und ach, auch am Ende war alle meine Mühe vergebens, mein Paket war und blieb verloren! Mein Freund, der zweite Kassierer, in dessen Wohnung ich jetzt eilte, lag in seinem Bett, gepeinigt von den fürchterlichsten Kopfschmerzen, er gab mir nur spärliche Antworten und sagte mir wenig Trostreiches. »Wahrhaftig,« meinte er, »wenn es dir gegangen ist wie mir, so ist das Geld unrettbar verloren; ich weiß nichts mehr von dem, was ich gestern abend getan, ich hätte in meinem Zustande die Kassenanweisungen vielleicht auf die Straße geworfen, oder wohl gar Fidibusse daraus gemacht; so ist es dir vielleicht auch gegangen.« Ich schüttelte schmerzlich mit dem Kopfe, und er fuhr fort: »Aber laß mich um Gottes willen jetzt schlafen, ich bin wie gerädert; es ist ja heute Sonntag, komm morgen früh auf die Kasse, da wollen wir über die Sache weiter sprechen.« Ich eilte wie ein Betrunkener durch die Straßen, ich mattete mein Gehirn ab und rekapitulierte alles von dem Augenblick, wo ich die Kassenanweisungen empfangen, bis ich mich zu Bett gelegt, vor meinem Gedächtnis; ich hatte meine Besinnung durchaus nicht verloren und wußte alles, was ich getan, ganz genau. Unterwegs traf ich zufällig den Doktor, er nahm mich mit nach Hause und gab mir ein Glas Bitterwein; »zur Wiederherstellung Ihres Magens,« sagte er, »denn Sie sehen verteufelt miserabel aus.« Ich gestand unser gestriges Souper, er drohte mit dem Finger, und ich versetzte mit einem tiefen Seufzer, es sei das letzte gewesen. Emma hatte die Doktorin zur Kirche abgeholt, was mir lieb war, denn ich wäre nicht imstande gewesen, in das klare, ruhige Antlitz von Sibylle zu sehen und eine Unterhaltung mit ihr zu führen. Was der Doktor zu mir sprach, rauschte wie ein Waldwasser in meinen Ohren, und als er mir den Namen Emmas nannte, sah ich ihn fragend an. »Sie scheinen einigermaßen geistesabwesend,« lachte mein Freund, »sonst müßten Sie deutlicher hören, daß ich von etwas sprach, das auch Sie freundlich angeht.« –»Von Emma,« antwortete ich zerstreut. »Allerdings,« entgegnete der Doktor, »ich meinte nämlich, daß es bald Zeit sei, daß Sie das Stieglitzsche Haus verlassen, eine andere Kondition annehmen, sich dort in Sprachen und dergleichen mehrerem ausbilden und dann die Leitung des Fabrikgeschäfts der Madame Stieglitz übernehmen oder ein ähnliches anderes. Emma aber könnte die Zeit in unserem Hause zubringen, was passender und schicklicher wäre.« – »Ja freilich,« antwortete ich, immer zerstreuter, ohne recht zu wissen, wovon er sprach; ich überlegte nämlich in dem Augenblicke, ob ich den Doktor von meinem Unglück in Kenntnis setzen solle, und da fiel mir plötzlich ein, daß mir zu Haus, in dem kleinen Verschlag, wo die Schlüssel hängen, derjenige zu meiner Stubentür auf den Boden gefallen war, und ich mich nach ihm gebückt und ihn lange gesucht. Da mußten meine Kassenanweisungen liegen, ich nahm meinen Hut, sagte dem Doktor, der mich wie einen Verrückten anstarrte, eilfertigst »Guten Morgen« und sprang davon. Zu Hause angekommen, öffnete ich jenen Verschlag und untersuchte mit meinem Licht jeden Winkel – ich fand nichts! Darauf eilte ich auf mein Zimmer und überließ mich einer vollkommenen Verzweiflung; wie oft war ich im Begriff, zu der Prinzipalin zu gehen und ihr meinen Verlust, den ich ja durch Abzüge während einiger Jahre decken konnte, anzugeben; o, hätte ich es nur getan! Wie oft hatte ich die Türklinke in der Hand, und immer hielt mich falsche Scham ab, nur ein Gedanke peinigte mich: das war, die Prinzipalin könnte denken, ich habe heute nacht in dem Taumel des Banketts von ihrem Gelde Gebrauch gemacht und scheue mich natürlicherweise, dies einzugestehen. So kam die Mittagszeit; ich ging zu Tisch, und glücklicherweise war Emma, die bei dem Doktor speiste, nicht da. Der gute Herr Block sagte mir, ehe wir ins Speisezimmer traten: »Herr Gott, wie sehen Sie aus!« und ein Blick in den Spiegel überzeugte mich, daß neben den Spuren der vergangenen Nacht auch mein verstörter Seelenzustand deutlich auf meinem Gesicht zu lesen war. Die Prinzipalin sagte sehr ernst: »Ei, ei,« und der Herr Specht hielt ein sehr langes Tischgebet und sprach sein: »Führe uns nicht in Versuchung« mit erhobener Stimme. Nachmittags begann ich mein Suchen nochmals, ging wieder in den Gasthof und fragte Kellner und Hausknecht, ob sie nichts gefunden. Nirgends eine Spur: jetzt ging ich nach Hause mit dem festen Vorsatz, meinen Verlust zu gestehen. Die Prinzipalin war ausgegangen, und als ich mich auf mein Zimmer begab, ihre Rückkunft erwartend, war es schon spät am Abend; bald fing es an zu dunkeln, und ich war etwas ruhiger geworden, denn ich sagte mir, die Geschichte ist ein Unglück, das am Ende jedem vorkommen kann, und die Prinzipalin wird meinen Worten schon glauben. Ich setzte mich ans Fenster, sah dem Leben und Treiben in dem gegenüberliegenden Gasthofe eine Zeitlang zu, und schlief endlich vor Ermattung ein. Als ich wieder erwachte, waren die Lichter in dem großen Hause drüben ausgelöscht, alles still und finster, und meine Uhr zeigte zu meinem großen Schrecken auf zwölf. So hatte ich denn die Ankunft der Madame Stieglitz verschlafen, und ich konnte jetzt nichts Besseres tun, als zu Bett gehen. Vorher aber schrieb ich noch einen langen Brief an den Doktor, worin ich ihm den unglücklichen Vorfall erzählte, ihn um Rat fragte, wie dieser Verlust wohl am besten zu decken sei, und ihn bat, der Prinzipalin ein paar passende Worte darüber zu sagen. Etwas getröstet, schlief ich aufs neue ein und erwachte erst wieder, als es heller Tag war. Neununddreißigstes Kapitel . Ein Verhör – Ein Rendez-vous. Ich glaube, ich hätte noch länger geschlafen, doch knarrte meine Tür, der junge Herr Block schlich herein, sich vorsichtig auf dem Gange umschauend, und trat an mein Bett mit einem gänzlich verstörten Angesicht. »Was haben Sie?« fragte ich erschrocken. Der junge Mensch warf sich auf einen Stuhl, sah mich mit einem traurigen, tränenvollen Blick an und sagte: »Da unten sind schreckliche Geschichten los; gestern abend hat der Herr Specht eine lange Unterredung mit der Prinzipalin gehabt und so geheim, daß sogar Fräulein Emma mich gestern abend spät noch fragte, ob ich nicht wüßte, was er gewollt. Die Prinzipalin kam darauf mit verweinten Augen zum Nachtessen, und alle machten Gesichter zum Davonlaufen. Wenn Sie nur dagewesen wären!« – »Ich war auf meinem Zimmer,« sagte ich zum Lehrling. »O,« entgegnete dieser ungläubig, »der Buchhalter hat aber heute morgen gesagt, Sie seien wieder einmal die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen.« – »Da hat der Buchhalter wieder einmal gelogen,« sagte ich ruhig und erhob mich, um mich anzuziehen, doch blieb ich mitten in diesem Geschäft starr wie eine Bildsäule sitzen, als der Herr Block eiligst fortfuhr: »Dann war der Herr Specht heute morgen in aller Frühe bei Schilderer u. Söhne, er kam mit sehr vergnügtem Gesicht zurück, legte einige Papiere auf den Tisch, und als er hinausging, um seinen kattunenen Regenschirm im Gange aufzuspannen, schaute ich mir die Papiere an.« – »Nun?« – »Es war der Brief der Prinzipalin, den Sie vorgestern gesiegelt, worin sie fünfhundert Taler verlangt, und dabei der Empfangschein von Ihrer Hand.« – »Nun?« wiederholte ich, mich mühsam zusammennehmend, »was nun weiter? Die Sache ist bis so weit ganz in der Ordnung; ich habe, wie Sie wissen, Ihnen zuliebe den Brief selbst hingetragen, das Geld empfangen und darüber quittiert; ist das so etwas Entsetzliches?« – »Durchaus nicht,« sagte stockend der junge Mensch; »doch ist der Brief nicht in das Buch der Prinzipalin eingetragen worden.« – »Verflucht! das habe ich in der Eile vergessen.« – »Das schlimmste aber ist –« – »Und was, und was?« – »Die Prinzipalin,« sprach Herr Block, sich scheu umsehend und mit leiser Stimme, »die Prinzipalin kam alsdann ins Kontor, sah den Brief an, schüttelte heftig mit dem Kopfe und sagte: »So wahr mir Gott helfe, den Brief habe ich weder geschrieben, noch unterschrieben.« – »Ah!« – »Darauf wurden die beiden meiner ansichtig und gingen hinauf in das Zimmer der Prinzipalin.« Meine Hand zitterte, als ich mich erhob, ich faßte an meine Stirn, und etwas Ungeheures, Entsetzliches stieg vor mir auf. »Die Prinzipalin hat den Brief nicht geschrieben,« murmelte ich, »wer hat ihn denn geschrieben?« Mein Blick fiel auf den Lehrling, der erschüttert vor mir stand. Vor meinen Augen tanzten die Fenster im wirren Kreise, und ich schnappte mühsam nach Atem, wie man zu tun pflegt, wenn man in eiskaltes Wasser hinabsteigt. »Ich danke Ihnen,« sagte ich zu dem jungen Menschen, »ich danke Ihnen herzlich, tun Sie mir die Liebe und tragen diesen Brief, sobald Sie können, zum Doktor Burbus: Ich ließe ihn bitten, herzukommen; dann noch eins: Gehen Sie insgeheim zu Schilderer u. Söhne und sagen dem zweiten Kassierer, ich habe das Bewußte nicht gefunden, ich ließe ihn um Gottes willen bitten, mir einen Rat zu geben.« Herr Block eilte fort; so oder so, dachte ich, vielleicht hilft mir der Kassierer mit der Summe aus oder der Doktor Burbus; doch überlegte ich nicht, daß ein schrecklicher Verdacht alsdann auf mir ruhen blieb und die Prinzipalin glauben konnte, ich hätte das Geld entwendet und behalten wollen, wenn ich nicht durch die Umsicht des Buchhalters entdeckt worden wäre; o nein, an so etwas Fürchterliches dachte ich im gegenwärtigen Augenblick nicht. – So langsam ich mich anzog, so wurde ich doch am Ende fertig und zauderte immer, hinabzugehen. Es verstrich eine Stunde. Der Herr Block kam zurück und brachte mir keine tröstlichen Nachrichten; es hatte sich alles gegen mich verschworen: der Doktor war über Land, und mein Freund, der Kassierer, lag zu Hause unwohl im Bett. Bei der Abwesenheit desselben hatte man in dem Bankierhause die große Kasse nicht geöffnet, und ein anderer Kommis besorgte die Auszahlungen aus der Handkasse. »Sei ruhig,« schrieb mir der Kassierer mit Bleistift auf einen kleinen Zettel, »ich werde nachmittags aufstehen und aufs Kontor gehen, vielleicht läßt sich da etwas machen.« Der entscheidende Moment war gekommen, ich nahm meinen Hut und ging langsam die Treppe hinunter nach dem Zimmer der Prinzipalin; unten begegnete mir Emma. Diese sah geisterhaft bleich aus, und ihre großen Augen sahen mich wahrhaft gespenstig an, sie wollte mich aufhalten und mit mir sprechen, doch winkte ich ihr mit der Hand, denn ich hatte meine ganze Fassung notwendig. Sie eilte fort, und ich klopfte an die Zimmertür der Prinzipalin. »Herein!« Ich holte tief Atem, ehe ich eintrat. – Madame Stieglitz hatte die Hand auf den Tisch gestützt und sah mich ernst, aber eher traurig als zornig an. Der Buchhalter lehnte mit gefalteten Händen am Fenster und schaute hinauf an den grauen Novemberhimmel. Es trat eine ziemliche Pause ein, die ich zuerst unterbrach, indem ich sagte: »Madame, es ist mir gestern ein großes Unglück passiert, allerdings ein sehr großes Unglück, das ich wieder gut zu machen hoffe.« Die Prinzipalin zuckte die Achseln, und der Buchhalter stand bewegungslos. »Ich habe vorgestern,« fuhr ich ruhig fort, »auf ein Privatschreiben von Ihnen ein Inkasso gemacht im Betrage von fünfhundert Talern, welche Summe ich empfing und welche Summe ich in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag – – verlor.« Madame Stieglitz fuhr kaum merklich zusammen, als sie mein Geständnis vernahm, und wiederholte, in ungläubigem Tone fragend, mein letztes Wort: »Verlor?« – »Im Spiele vielleicht,« ergänzte der Buchhalter. Ich warf ihm dafür einen verächtlichen Blick zu und fuhr fort: »Ja, Madame, verlor, aber nicht in dem Sinne, wie der Herr Specht meint.« – »Und in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag?« fragte die ernste Frau. »Ja, Madame; ich will offenherzig sein: ich war in einer lustigen Gesellschaft, wir hielten ein letztes Souper, womit wir alle unser etwas leichtsinniges Leben zu beschließen gedachten. Dort oder beim Nachhausegehen oder, der Himmel mag wissen, wo? verlor ich das Paket mit den Kassenanweisungen, das ich hier in meiner Brusttasche verwahrt hatte.« Der Buchhalter wandte sich mit einem vielsagenden Blick zur Prinzipalin, welche langsam und feierlich den bewußten Brief vom Tische nahm, ihn mir entgegenhielt und mit dem tiefen Ton, der so eigentümlich klang, wenn sie heftig erschüttert war, fragte: »Und wer hat diesen Brief geschrieben?« Ich sah ihn flüchtig an und entgegnete: »Wenn Sie ihn nicht geschrieben haben, Madame, so mag Gott wissen, wer es getan hat; ich weiß nichts davon, ich habe ihn nur gesiegelt und fortgetragen.« Hätte der Herr Block mich nicht unterrichtet, daß die Prinzipalin versichert habe, sie hätte diesen Brief nicht geschrieben, so hätte ich diese verfängliche Frage mit viel größerer Bestürzung und Entrüstung beantworten können als so, und man konnte nach der Ruhe meiner Entgegnung voraussetzen, daß es mich nicht sehr überraschte, zu erfahren, dies Schreiben sei verfälscht; ich mußte mir später gestehen, daß eben dies den Verdacht, den man auf mich geworfen hatte, sehr bestärkte. »Also Sie siegelten ihn und trugen ihn fort?« sagte der Buchhalter, »warum tat dies nicht der Herr Block, wie es Brauch ist?« Ich zuckte die Achseln. – »Weil der Herr Block nach Hause eilte und ich gern jemand einen Gefallen erzeige.« – »Auch ist dieser Brief,« forschte Madame Stieglitz weiter, »nicht in das Buch eingetragen.« – »Das habe ich leider vergessen,« sagte ich, und mein Zorn regte sich bei diesen sonderbaren Fragen und bei dem höhnischen Lächeln des Buchhalters. »Madame,« sprach ich ernst und ruhig, »ich sagte Ihnen schon früher, daß mir das Unglück begegnet sei, das Geld zu verlieren; ich will es ersetzen, so schnell es in meinen Kräften steht, und ich hätte wirklich geglaubt, daß man das Unglück eines treuen Dieners nicht so streng nehmen sollte, und dann begreife ich nicht, warum der Herr Specht sich nicht entfernt, wenn er sieht, daß ich eine Unterredung mit Ihnen habe.« – »Es ist mein Wille, daß er dableibt,« versetzte die Frau und setzte bitter hinzu: »Was das Unglück eines getreuen Dieners anbelangt, so –« – »Ließe sich viel darüber denken und sagen,« ergänzte der Herr Specht. »Und was? Herr –« – »Nun,« sagte er mit kalter Stimme, »daß die ganze Geschichte sehr sonderbar ist; der Brief ist gefälscht, Sie gestehen ein, daß Sie ihn gesiegelt und fortgebracht haben, das Geld ist verschwunden, und es fällt Ihnen erst heute ein, davon zu sprechen, obgleich der ganze gestrige Tag dazwischen liegt.« Meine Hand zuckte, und ich hielt mühsam an mich. »Allerdings,« sprach ich mit tonloser Stimme, »ich hätte gestern morgen gleich mit Madame Stieglitz über diesen Verlust sprechen sollen, doch hoffte ich immer, das Paket wiederzufinden, und muß gestehen,« setzte ich offen hinzu, »daß ich glaubte. in einem Hause zu sein, wo ein niedriger, schlechter Verdacht nicht leicht aufkommen könne.« – »Aber eben dieser Verdacht,« sagte giftig der Buchhalter, »scheint leider begründet.« – »Wie begründet, Herr, und wodurch?« – »Durch diesen Brief, den Sie – –« – »Den Sie?« – »Wahrscheinlich selbst verfertigt haben.« Das war zu viel; die Prinzipalin verhüllte ihr Gesicht mit dem Schnupftuch, ich stand einen Moment wie niedergedonnert, dann erfaßte mich einen Augenblick eine namenlose, unbeschreibliche Wut, meine Hand zuckte nach einem zusammengeschlagenen Messer, das auf dem Tische der Prinzipalin lag; der Buchhalter wurde weiß wie die Wand, als er einen Blick auf dies Messer warf und meine Bewegung sah, und auch ich fuhr bebend zurück, als es meine Hand schon fast erreicht hatte – es war das Messer des Prinzipals, das Madame Stieglitz sich selbst zur Qual dort aufbewahrte. »Nein, nein,« brachte ich mühsam hervor und fuhr mit der Hand über die Augen, die mir, wie ich fühlte, feucht wurden, »nein, nein, das war gewiß nur ein bitterer Scherz, Madame, von Ihnen wenigstens, wenn auch nicht von jenem – von jenem schlechten Subjekte –!« Die Prinzipalin sah mich einen Augenblick schmerzhaft bewegt an, dann sagte sie mit zitternder Stimme, die nach Fassung rang: »Es ist leider, leider kein Scherz, ein großer, schwerer Verdacht spricht gegen Sie; Sie sehen, wie die Sache liegt, ist in meinem Hause Ihres Bleibens nicht. Suchen Sie Ihren Freund, den Herrn Doktor Burbus, auf, er solle sich mit mir darüber besprechen, wir wollen die Sache in Ruhe und Frieden beilegen.« Sie streckte mir die Hand entgegen, wie um mir zu sagen, daß ich gehen könne; doch als ich, niedergedrückt und tief erschüttert, diese Hand ergriff, entzog sie mir dieselbe nicht. Mir war, als habe ich zum zweitenmal eine Mutter verloren; ich bedeckte die Hand mit meinen Küssen, und meine Tränen zitterten darauf; ich schleuderte dem Buchhalter einen schrecklichen Blick zu und stürzte wie ein Rasender davon. Die alte Frau warf sich in ihren Sessel und sagte dem Buchhalter in ernstem Tone: »Gehen Sie, lassen Sie mich allein.« Dann sah sie still vor sich hin, und obgleich sie ihr Gesicht nicht verzog, rollten doch dicke, schwere Tränen unaufhaltsam über ihre blassen Wangen herab. Wohin ich wollte, das wußte ich eigentlich selbst nicht. Hinaus ins Freie, rief es in mir, ich konnte in dem Hause nicht mehr Atem holen, es drückte mir die Brust zusammen, ich glaubte, unterliegen zu müssen. In tiefen Zügen atmete ich draußen die kalte Novemberluft ein und rannte eiligen Laufes, aber ohne mir dessen klar bewußt zu sein, durch die bekannten Straßen nach dem Hause des Doktors. Dicht vor demselben lief ich gerade zwischen ein paar Pferde hinein, und die Stimme meines Freundes selbst, der eben von seiner kleinen Tour zurückkam, rief mir zu: »Aber ins Teufels Namen, was treiben Sie denn? Ist das Delirium noch nicht vorüber?« Ich schaute auf, und als der Doktor auf diese Art in mein Gesicht sah, schrak er heftig zusammen und führte mich, ohne ein Wort zu sprechen, ins Haus und in sein Zimmer; ich setzte mich auf einen Sessel und starrte vor mich hin. Burbus warf seinen Hut, Ueberrock, Handschuhe und Peitsche in einen Winkel, stellte sich vor mich hin und sagte: »Ich merk' schon, hier ist manches in großer Unordnung; was ist vorgefallen? Rasch gesprochen!« setzte er dringender hinzu, da ich schwieg; »gesprochen! und wenn es etwas außerordentlich Schlimmes wäre, heraus damit!« – »Es ist mehr als schlimm, es ist schrecklich! lieber Doktor,« entgegnete ich, »aber Sie sollen alles erfahren!« Und nun erzählte ich ihm die ganze Geschichte von A bis Z, das heißt, von dem Moment an, wo ich den Brief gesiegelt, bis vor einer halben Stunde, wo ich das schreckliche Verhör bestanden. Der Doktor war sichtlich in großer Bewegung und ging erschüttert, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, wobei er einigemal vor mir stehen blieb und mir starr ins Gesicht sah. »So ist die ganze Geschichte,« sagte ich am Schluß meines Berichtes, »und ich kann mir wahrhaftig nicht denken, was es mit dem verfluchten Brief für eine Bewandtnis hat.« – »Gewiß nicht?« entgegnete der Doktor und sah mich feierlich an. »Gewiß nicht!« antwortete ich, »bei Gott, ich bin mir keiner Schuld bewußt, als vielleicht der einzigen, daß ich das Geldpaket nicht vorsichtig genug eingeschoben.« Der Doktor stand vor mir und sah mich mit ernstem, festem Blick an, als wollte er durch meine Augen in mein Inneres blicken. Ich hielt seinen Blick ruhig aus und versicherte nochmals, daß sich die Sache so verhalte, wie ich es ihm gesagt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, ja, ich schwöre Ihnen feierlich bei der innigen Liebe zu Emma, daß ich Ihnen die volle Wahrheit gesagt und nichts verheimlicht.« – »Dann ist alles gut,« entgegnete der Doktor und fuhr mit der Hand wie nachdenkend über seine Stirn; »daß der Herr Specht die Geschichte eingefädelt, daß er den Brief selbst geschrieben oder wenigstens schreiben ließ, ist mir vollkommen klar; auch ist das Ganze so plump angelegt, daß es dem Verstande dieses Menschen und seines Freundes, des sauberen Kandidaten, alle Ehre macht; ich sage, es ist plump angelegt und würde lächerlich sein, wenn nicht sehr vieler Leichtsinn von Ihrer Seite und Zusammentreffen sonderbarer Umstände diesen beiden Spitzbuben in ihrem Vorhaben geholfen hätte. Warum plagt Sie der Teufel, Unseligster des ganzen Menschengeschlechts, und läßt Sie den Brief selbst besorgen? Warum schreiben Sie ihn nicht in das Buch ein, warum verlieren Sie das Geld, und warum zeigten Sie diesen Verlust nicht wenigstens gestern morgen in aller Frühe der Prinzipalin an? Da war viel geändert und,« fuhr er ernster fort, »warum taten Sie Ihr verehrtes Maul nicht auf und sprachen mir gestern mittag, als Sie hier waren, von der Geschichte? O, das war ein Mangel an Vertrauen, der Strafe verdient!« Ich beschrieb ihm meinen gestrigen Seelenzustand, meine Angst über den Verlust und zugleich meine Hoffnung, das Paket wiederzufinden, und versicherte ihm, ich sei gerade gestern mittag nur in der Absicht gekommen, ihm alles zu sagen, hätte aber kein Wort herausgebracht. »Jetzt helfen keine Vorwürfe,« sagte der Doktor; »wollten Sie heute morgen noch irgendwohin gehen, haben Sie Hoffnung, das Paket wiederfinden zu können?« – »Nein,« entgegnete ich, »darauf hoffe ich nicht mehr, ich wollte nur meinen Freund, den Kassierer von Schilderer u. Söhne, der heute morgen krank im Bett lag, aufsuchen, um –« – »Das Geld von ihm zu pumpen,« antwortete rasch der Doktor; »dummes Zeug, ein Zechbruder wird Ihnen keine fünfhundert Taler leihen, doch das ist das wenigste; aber jetzt hören Sie meinen Rat: gehen Sie ruhig nach Hause, setzen Sie sich auf Ihrem Zimmer fest und tun Sie im Gefühle Ihrer Unschuld keinen Schritt. Da Madame Stieglitz mich sprechen will, so werde ich später hinkommen, mich aber vorher zu Schilderer und Söhne begeben, mich mit dem Chef des Hauses, dessen Arzt und Freund ich bin, über die Sache besprechen und mir auch dort auf dem Kontor einige Briefe des Herrn Specht ausbitten; es kann vielleicht nichts schaden, die Handschriften ein bißchen zu vergleichen. Nun adieu, ich werde der Sibylle nichts von der Geschichte sagen, bis diese, wie ich zu Gott hoffe, geordnet ist.« Ich verließ den Doktor, ging nach Hause und erreichte mein Zimmer, ohne von irgend jemand gesehen worden zu sein, ich schloß die Tür ab und begann aufs neue zu suchen. Alles vergebens, ich fand keine Spur von dem Paket, ich nahm meine Briefe und Papiere vor, ordnete dieselben, las vieles, was ich vorfand, noch einmal durch, und so verging mir die Zeit. Mittags wurde an meine Tür geklopft, doch da ich keine Antwort gab, mich auch niemand nach Hause kommen sah, so nahm man an, ich sei ausgegangen. Nachmittags hörte ich Emma auf ihr Zimmer gehen und war im Begriff, aufzuspringen und mit ihr zu sprechen; ich brauchte nur die Tür zu öffnen, die zwischen unseren Zimmern war, und konnte ungehindert dem geliebten Mädchen Aufklärung über mein Unglück geben. Wenn sie dich auch nicht liebt, dachte ich traurig, so ist sie doch deine Verwandte und wird schon darum Anteil an dir nehmen; ich hatte früher einmal an der Tür einen Schlüssel gefunden, doch ehe ich ihn hervorsuchen und aufschließen konnte, hatte Emma ihr Zimmer schon wieder verlassen. Stunde um Stunde verging, wenn auch entsetzlich langsam, aber ich hörte doch die Viertel- und ganzen Stunden schlagen. Es fing an zu dunkeln, der Himmel, der sich aufgeklärt hatte, erschien tiefblau, und das Funkeln der Sterne, die nach und nach sichtbar wurden, zeigten mir an, daß es kalt würde; ich fühlte nichts davon, mir war nicht warm, aber ich fror auch nicht. Mein einziger Wunsch war, der Doktor möge kommen, und ich schaute auf die Straße und blickte sehnsüchtig jeden Menschen an, der sich dem Hause näherte. Jetzt verließ ich das Fenster wieder, ging an die Tür und lauschte, ob niemand die Treppe herauf käme. Der Doktor konnte ja dicht an den Häusern entlang und ins Haus gegangen sein, ohne daß ich ihn bemerkt hatte! Eitle Hoffnung! Im Hause war es totenstill, kein Tritt auf der Treppe hörbar, doch jetzt, halt! stieg jemand herauf. Ich weiß nicht, warum ich im Augenblick von der Tür wegging und mich auf meinen Koffer setzte, der in einer Ecke zwischen meinem Kleiderschrank und meinem Bett stand. Ohne daß ich gesehen wurde, hatte ich im Spiegel die Tür des Zimmers vor mir, ein Lichtstrahl fiel jetzt durch das Schlüsselloch, ein Hauptschlüssel wurde eingesteckt, die Tür öffnete sich langsam, und der Buchhalter streckte seinen Kopf ins Zimmer, und sah sich flüchtig um, ob ich da sei. Im ersten Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht auf ihn zustürzen solle, ihn ins Zimmer hereinziehen und ihm mit Gewalt das Geständnis abpressen, daß er mich verleumdet habe, doch konnte ich nicht von der Stelle, ich hielt den Atem an, und die Tür schloß sich wieder. Kurze Zeit darauf hörte ich abermals Schritte auf der Treppe – wieder nicht der Doktor. Es war ein leiser Tritt, der heraufkam – es war Emma, die in ihr Zimmer ging, sie hatte ein Licht bei sich, denn ich sah deutlich, wie auf dem gegenüberliegenden Haufe der Schein ihrer Fenster sichtbar wurde. Jetzt sah ich auch ihren Schatten – dachte sie vielleicht wohl an mein Unglück! Ich stand langsam auf und sagte zu mir: »Du mußt mit ihr sprechen.« Schon hatte ich die Hand nach dem Schlüssel ausgestreckt, den ich in ihrer Abwesenheit in das Schloß gebracht, und wollte ihn umdrehen, als ich hörte, wie vom Gange her ihre Stubentür geöffnet wurde. »Was wollen Sie?« hörte ich sie sagen und vernahm die Stimme des Buchhalters, welcher antwortete: »Nur in einer wichtigen Angelegenheit einige Worte mit Ihnen sprechen.« – »Aber mir scheint,« antwortete Emma, »weder diese Stunde noch dieser Ort ist zu einer Unterredung für uns beide passend.« – »Das kann sein, mein Fräulein,« entgegnete der Buchhalter, »doch wo die Not gebeut, kann man Zeit und Umstände nicht so sorgfältig abwägen, ich wollte von Ihrem Vetter sprechen.« – »Von meinem Vetter?« – »Ja, Fräulein Emma, Sie haben erfahren, in welche höchst unangenehme Geschichte er sich, gewiß nur durch Unbesonnenheit und etwas Leichtsinn, verwickelt – eine Geschichte, die für seine künftige Existenz von den traurigsten Folgen sein kann und die auch, wenn sie bekannt wird, ein unangenehmes Licht, oder wie soll ich sagen, auf seine Familie und seine Freunde wirft.« – »Was das anbelangt, können Sie ruhig sein,« antworte das Mädchen stolz, »Sie haben nicht die Ehre, weder der einen noch den andern anzugehören.« – »Sie tun mir unrecht, mein Fräulein, ich habe dem jungen Menschen gern mit meinem besten Rat zur Seite gestanden, er hat leider nie auf mich gehört, doch nehme ich auch jetzt noch den innigsten Anteil an seinem Schicksal und bin deshalb hier, um zu überlegen, was wir tun könnten, um ihn aus dieser verdrießlichen Lage zu ziehen.« – »Wie?« antwortete mit schmerzlichem Tone das Mädchen, »ach, ich kann ja nichts tun, aber wenn Sie, Herr Specht, im stande sind, seine Unschuld zu beweisen, o, so tun Sie es ja, mein heißester Dank soll Ihnen lohnen.« – »Ihr heißester Dank, nun ja, das wäre schon etwas, aber seine Unschuld zu beweisen, das wird schwer sein.« – »Sie halten ihn also für schuldig?« – »Die Umstände sprechen ziemlich klar gegen ihn.« – »O mein Gott,« sagte das Mädchen mit bewegter Stimme, »dann ist ja alles verloren.« – »Nicht so ganz, Fräulein Emma, mein liebes Fräulein Emma, es gäbe vielleicht noch einen Weg, ihm durchzuhelfen.« – »Ihn als unschuldig darzustellen?« »Ja, wenigstens vor den Augen der Welt, und durch einige Aufopferung meinerseits auch vielleicht vor den Augen der Prinzipalin.« – »O, wenn das möglich wäre, Herr Specht,« hörte ich Emma erfreut sagen, »o, wenn Sie das könnten, Gott würde Ihnen gewiß lohnen.« – »Der Lohn Gottes ist allerdings eine schöne Sache,« versetzte der Heuchler, »doch ziehe ich für diesmal einen Lohn vor, den die Erde bietet,« hier zitterte seine Stimme, »einen süßen Lohn, Fräulein Emma, den Sie mir imstande sind zu geben.« »Um Gottes willen, wie verstehe ich Sie!« – »Es ist nicht das erste Mal, Fräulein Emma, daß ich über diesen Punkt mit Ihnen spreche. Sie haben mich freilich kalt abgewiesen, aber Sie sehen, ich komme wieder und komme nicht mit leeren Händen. Mit der einen Hand biete ich Ihnen eine sorgenfreie Existenz, biete ich Ihnen meinen geachteten Namen, mit der andern die Unschuld Ihres Vetters. – Daß er,« setzte er hastig hinzu, »auf jeden Fall das Haus verlassen müßte, versteht sich von selbst, aber ehrenvoll, sehr ehrenvoll.« Ich stand erschüttert an meiner Tür und lauschte angstvoll der Antwort des Mädchens. Es trat eine lange Pause ein, dann fuhr der Buchhalter fort: »Entscheiden Sie, Fräulein Emma, entscheiden Sie baldigst, morgen früh wird es zu spät sein.« – »Morgen früh,« antwortete sie mit gepreßter Stimme, »was kann morgen früh geschehen?« – »Nun, morgen früh wäre es nicht unmöglich, daß die Prinzipalin bei fortgesetztem Leugnen Ihres Vetters die Sache den Gerichten übergeben könnte.« – »Den Gerichten?« antwortete das Mädchen; und diese zwei Worte klangen wie ein lauter, entsetzlicher Wehruf. Ich knirschte mit den Zähnen und war im Begriff, in das Gemach zu stürzen, doch hielt mich die Stimme Emmas zurück, welche nun kalt und ruhig sagte: »Und wie, Herr Buchhalter, auf welche Art können Sie seine Unschuld beweisen?« Hier entstand eine neue Pause, und als hätte ich durch die Tür blicken können, so hatte ich vor meinem innern Auge das Gesicht des Buchhalters und sah, wie er bei diesen Worten das Mädchen mißtrauisch anschaute. Doch hörte ich ihn jetzt lachen und sagen: »Sie könnten die Absicht haben, mein Fräulein, das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, der Prinzipalin zu entdecken, aber ich fürchte das nicht, es wird Ihnen nichts helfen; meinem Wort, dem erprobten, glaubt Madame Stieglitz unbedingt.« – »Ich weiß es,« seufzte das Mädchen. »Also hören Sie mich: Es fällt mir heute nacht plötzlich ein, daß jener Brief – er trägt, wie Sie nicht vergessen müssen, kein Datum, Ihr Vetter hat das übersehen – daß dieser Brief von der Prinzipalin, wenn auch vor längerer Zeit, wirklich geschrieben wurde; die alte Frau hat das vergessen, ich aber versichere, daß dem so sei. Dies Schreiben nun sollte damals nicht abgehen, und wurde von mir auf die Seite gelegt, kam zufällig auf das Pult unter die andern Papiere und wurde unschuldigerweise expediert. Ihr Vetter hat das Geld geholt, hat es verloren, aber es findet sich natürlicherweise wieder.« – »Und Sie glauben,« antwortete Emma rasch, »daß es sich wirklich wiederfinden wird?« – »Sie müssen mich verstehen,« antwortete der Buchhalter, »das Geld, das Ihr Vetter wahrscheinlich zu seinen Zwecken verbraucht hat, läßt sich allerdings nicht wiederfinden, aber fünfhundert Taler sind fünfhundert Taler, und obgleich schon eine bedeutende Summe an und für sich, ist es doch ein geringes Opfer, um in den Besitz dieser kleinen Hand zu kommen.« Es trat wieder eine Pause ein, dann sprach das Mädchen, und, wie es schien, ängstlich: »Lassen Sie meine Hand, o lassen Sie meine Hand!« – »Bedenken Sie, Emma,« sagte er zudringlicher, »geben Sie mir eine Antwort!« – »O nie, nie,« rief das Mädchen, in Weinen ausbrechend, »mein Vetter ist unschuldig, und Gott im Himmel wird schon dafür sorgen, daß diese Unschuld an den Tag kommt.« – »Allerdings,« hohnlachte der Buchhalter, »und Sie sehen, daß in diesem Augenblicke der höchste Herr des Himmels mich, seinen Schützling und Begnadigten, zu Ihnen schickt, um Ihren Vetter zu retten, aber weisen Sie diese Hilfe nicht zurück, reichen Sie mir Ihre Hand, oder Gott wird die seinige von Ihnen abziehen.« – »Das ist ganz unmöglich, ganz unmöglich,« entgegnete das Mädchen, »o, wie kann das möglich sein, ein ganzes, langes, verlorenes Leben!« – »An meiner Seite,« ergänzte Herr Specht, »nun freilich, es ist viel angenehmer, seinen Anverwandten ein langes Leben, mit Schmach und Unehre beladen, dahinschleppen zu sehen.« »O, wenn Sie ein Mensch sind,« sagte das Mädchen, laut weinend, »wenn Sie menschlich fühlen, so retten Sie meinen Vetter um der Barmherzigkeit Gottes willen und nicht um Lohn; ich kann nicht tun, was Sie verlangen.« »Weil Sie selbst Ihren Vetter lieben,« sagte der schreckliche Mensch kalt. Mein Herz stand still, es wollte nicht mehr schlagen, bevor sie antwortete; doch diese Antwort, ein ängstliches »Nein, nein!« hallte schmerzlich und dröhnend in mir wider. Genug der Qual! dachte ich, hinein in das Zimmer und ihm ins Gesicht gesagt, daß ich lieber tausendmal jene Schuld auf mir behalten wolle, als das arme Mädchen nur einen Augenblick länger martern zu lassen! Doch kamen jetzt Worte aus dem Munde des Buchhalters, die mich für einen Augenblick förmlich an den Boden bannten. »Wenn also,« sagte er in kleinen Pausen, »ein langes Leben an meiner Seite Ihnen schrecklich erscheint, so hören Sie dagegen das Bekenntnis meiner heißen, leidenschaftlichen Liebe zu Ihnen. Ihre Gegenwart, Ihr Anblick reibt mich auf, und die Kälte und Gleichgültigkeit, mit der ich Ihnen gegenüber erscheinen muß, bringt mich zum Wahnsinn; ich fühle eine verzehrende Glut, wenn Sie ins Zimmer treten. Ihr Fußtritt hinterläßt für mich glühende Spuren, die ich küssen möchte; das Rauschen Ihres Kleides weckt eine wilde Lust in mir, die ich nicht mehr zu bändigen vermag. Hier liege ich zu Ihren Füßen, Emma, und flehe Sie an, wenn es Ihnen auch unmöglich erscheint, ein langes Leben mit mir vereint zu sein, ich bin ja genügsam, o, so schenken Sie mir einen einzigen Augenblick Ihre Liebe, begnadigen Sie mich durch eine kleine Stunde, seien Sie mir einen seligen Augenblick alles, was ein Wesen dem andern sein kann – heute nacht –« Ich riß an dem Schloß der Tür, und da von innen der Nachtriegel vorgeschoben war, so sprengte ich ihn, indem ich mich gegen die Tür warf, und stürzte in das Gemach. – – – – Emma flog auf mich zu und klammerte sich an mich mit einer wilden Angst, welche die rasenden, für sie nicht ganz verständlichen Worte des Heuchlers in ihr erregt; er sprang auf, als er mich bemerkte, seine Augen rollten wie die eines Wahnsinnigen, sein Mund schäumte, und so trat er mir entgegen. Ich ließ das Mädchen auf einen Stuhl niedergleiten, faßte ihn an der Brust und warf ihn mit solcher Kraft von mir, daß er in der Mitte des Zimmers zusammenstürzte. Im gleichen Augenblick öffnete sich die Stubentür, und die Prinzipalin, Madame Stieglitz, stand draußen auf dem Gange. Ich war mit meiner Cousine beschäftigt, tröstete sie, so gut ich konnte, und bemerkte die Frau draußen im ersten Augenblicke nicht; als ich aber aufschaute, stand der Buchhalter neben ihr, hatte die Hände gefaltet und sagte: »So geht es den Gerechten in diesem Hause! O, Frau Prinzipalin, was hat sich unter diesem christlichen gottgefälligen Dache ereignet!« Madame Stieglitz trat einen Schritt vorwärts, und die große, majestätische Gestalt der alten Frau war, wie sie mit aufgehobener Hand dastand, wahrhaft erschreckend. Ihre Augen blickten zornig auf mich, und ihre Lippen bebten. »Dank sei dem Höchsten,« fuhr der Heuchler fort, »daß ich das Opfer der Wut jenes Menschen wurde. Gott, wenn ich mir denke, daß Sie, hochgeehrte Frau, dieses sündhafte Paar überrascht hätten, und daß Ihnen vielleicht das gleiche geschehen wäre! Der Herr verzeihe ihnen,« sagte er, und blickte starr zur Decke, »verzeihen auch Sie!« Emma hatte sich am Stuhle aufgerichtet, und ich hatte sie unterstützt, indem ich meinen Arm um ihren Leib legte. So war die Stellung, in der uns Madame Stieglitz überraschte – die Tür von meinem Zimmer in das des Mädchens war geöffnet, der Buchhalter klagte uns an. – Es schien, als ob die alte Frau etwas sagen wollte, aber die Stimme versagte ihr, sie schlug beide Hände vors Gesicht, wandte sich um und ging langsam die Treppe hinab. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Emma das neue Schreckliche begriff, das hier vorgefallen; dann aber riß sie sich von mir los, eilte an ihren Schreibtisch, warf in wilder Haft die Papiere heraus, bis sie gefunden, was sie suchte: es war ein versiegeltes Kuvert, sie hob es hoch empor und stürzte mit dem Ausruf: »Gott wird helfen!« die Treppen hinab. Der Herr Specht und ich standen uns gegenüber und blickten uns ernst und fürchterlich an. Ich glaube, wir haßten uns beide gleich heftig und waren beide im Begriff, übereinander herzufallen, um zu versuchen, wer imstande sei, den andern zu erwürgen. Das dauerte aber nur ein paar Sekunden, dann zog er sich rückwärts schreitend, langsam zurück, ohne mit seinen Augen meinen Blick fahren zu lassen; ich folgte ihm ebenso, doch als er seine Stube erreicht, sprang er mit einem großen Satze hinein und verriegelte die Tür hinter sich. Vierzigstes Kapitel . Ein zweites Verhör und Ende des Buches. So stand ich auf dem Gange allein an dem Treppengeländer und schaute lange, lange in das finstere Haus hinab. Unten aus der Küche drang ein Lichtstrahl, und ich hörte die Mägde zusammen flüstern, unterschied auch die Stimme des Herrn Block, welcher nach dem Buchhalter fragte. Wer hätte glauben können, daß in diesem sonst so ruhigen Hause soviel Jammer für mich entstehen könnte? Willenlos stieg ich eine Stufe um die andere hinab, ging bei der Wiegkammer vorbei und befand mich bald an dem Zimmer der Prinzipalin, welches durch ein Vorgemach von dem Treppenflur getrennt war. Sowohl dieses Vorgemach als die Zimmertür waren nicht fest verschlossen, ein Lichtstrahl drang aus den Zimmern der Madame Stieglitz, doch wurde in denselben nichts gesprochen. Ich ging langsam näher und konnte jetzt das ganze innere Gemach übersehen: da saß die alte Frau in ihrem Lehnstuhl, und zu ihren Füßen, auf einem niederen Schemel, sah ich meine Nichte Emma, welche ihren Kopf auf die Knie der alten Frau gelegt hatte, und das Zucken ihres Körpers verriet, daß sie heftig geweint. Ihre Haarflechten waren aufgegangen, und lang und golden fielen sie über ihre Schultern herab. Madame Stieglitz hielt mit einer Hand einen Brief hinter das Licht, um ihn deutlich lesen zu können, und das, was sie las, mußte für sie sehr ergreifend sein, denn das Papier zitterte, und während des Lesens legte sie ihre andere Hand auf das blonde Haar des Mädchens, sie fest an sich drückend. Jetzt ließ sie den Brief fallen, schüttelte finster mit dem Kopfe und beugte sich dann zu Emma hinab, hob ihr Gesicht sanft am Kinn in die Höhe und sagte: »Mein gutes, armes Kind.« »Nicht wahr,« sagte das Mädchen schluchzend und küßte ihre Hand, »nicht wahr, Sie glauben nicht, daß ich etwas Unrechtes getan?« – »Nein, mein Kind,« tröstete sie die alte Frau, »ich hätte schon deiner wahrhaften Erzählung über den Vorfall geglaubt, und nun erst der Brief, den du mir gegeben; – wann hast du ihn von dem Doktor erhalten?« – »Es war nicht lange, nachdem ich in Ihr Haus kam.« –»Ganz richtig, ungefähr vier Wochen vorher verließ die unglückliche Therese dasselbe; o, das ist ganz entsetzlich, ganz schrecklich!« – »Verzeihen Sie mir eine Frage, eine Bitte,« sagte das Mädchen dringend. »Nicht wahr, Sie übergeben die Sache meines – Vetters – nicht den Gerichten, wie der Buchhalter gedroht?« – »Gott soll mich bewahren,« sagte die Frau, »das würde ich schon nicht getan haben, wenn der junge Mensch auch keine so warme und eifrige Fürsprecherin hätte, wie du bist, mein liebes Kind; dies Papier da – sie zeigte auf den Brief – läßt mich sehr Schlimmes ahnen, doch wäre eine solche Schlechtigkeit unerhört. Du bist überzeugt,« fuhr sie fort, »daß dein Vetter unschuldig ist?« – Das Mädchen richtete sich halb in die Höhe und hob die rechte Hand empor. »So wahr ich an einen Gott glaube,« sagte sie feierlich, »und an eine Vergeltung für alles, was wir Böses tun, so wahr glaube ich, daß er nichts Böses und nichts Schlechtes getan.« »Ei, ei, Mädchen,« sagte Madame Stieglitz freundlicher und küßte sie wiederholt auf die Stirn, »du bist eine eifrige Verteidigerin und nimmst großen, großen Anteil an deinem Vetter; ist das vielleicht mehr als verwandtschaftliche Liebe?« Es entstand eine kleine Pause, Emma drückte ihr Gesicht auf die Hand der würdigen Frau, dann erhob sie es wieder und sagte schüchtern und leise: »Warum soll ich ein Geheimnis vor Ihnen haben, vor Ihnen, die mir wohl will und die mich liebt wie meine Mutter? Ja, es ist mehr als verwandtschaftliche Liebe; verzeihen Sie mir, ich habe dies noch gegen niemand, Gott ist mein Zeuge, gegen niemand ausgesprochen; aber ich liebe meinen Vetter mehr als alles auf der Welt! Alles, alles würde ich verlassen und ihm folgen, und würde ihm um so bereitwilliger folgen, wenn er, mit Verdacht beladen, ins Unglück ginge.« Einen Augenblick sah die Prinzipalin die Sprecherin gerührt an, dann legte sie ihr beide Hände auf das Haupt und sagte feierlich: »Gott segne dich, mein Kind; ich hoffe auf Licht von oben und will zu Gott bitten, daß er ihn nicht ins Unglück gehen lasse.« Meine Gefühle, als ich das alles hörte und sah, sind nicht zu beschreiben; ich wollte ins Zimmer, wollte zu den Füßen der alten Frau stürzen und ihr in den feurigsten, beredtsten Worten von meiner Unschuld sprechen; doch faßte mich in demselben Augenblick eine Hand und drückte herzlich die meinige, und ich vernahm die Stimme des Doktors, welcher unvermerkt an meine Seite gekommen war. »Nicht immer hört der Horcher an der Wand seine eigene Schand',« sagte er, »wir wollen sehen, was zu tun ist; noch weiß ich freilich nicht viel mehr als heute morgen.« Bei unserem Eintritt blickte Madame Stieglitz erstaunt auf, und Emma eilte mit einem leisen Schrei an das andere Ende des Zimmers. Ich hielt mich an der Tür, der Doktor setzte sich auf einen Sessel, den ihm die Prinzipalin mit einer Handbewegung anbot. »Bei uns sind heute merkwürdige Dinge vorgefallen,« sagte sie, »Dinge, die mir ein schauerliches Licht in die Seele geworfen; wo ist das arme Mädchen, die Therese?« setzte sie mit leiser Stimme hinzu. Ebenso leise antwortete der Doktor: »Sie ist gut aufgehoben, und es geht ihr leidlich.« –»Und glauben Sie, daß das Mädchen die reine Wahrheit gesagt hat, daß mein Buchhalter wirklich –?« Sie sah, ohne ihren Satz zu beendigen, den Doktor fragend an. »Ohne Zweifel,« entgegnete dieser; »in solchen Momenten pflegt man nicht zu lügen, auch hat sie mir Briefe des saubern Herrn Specht vorgezeigt, welche keinen Zweifel übrig ließen.« – »Gott schütze die arme Person, es war im Grunde ein braves Mädchen; doch jetzt zu der andern Angelegenheit. Sie wissen, wie die Sachen stehen; was kann man tun, wie kann es uns gelingen, die Wahrheit an den Tag zu bringen?« Der Doktor zuckte die Achseln, stützte den Kopf auf seinen Stock – eine Lieblingsattitüde aller Aerzte – und entgegnete: »Madame, verzeihen Sie mir den Ausdruck, aber wir haben es mit einem verstockten Sünder zu tun; daß der Brief an das Bankierhaus falsch sei, daß er unterschoben wurde, um unseren Freund ins Unglück zu bringen, ist für mich klar, doch ist es schwer, dies zu beweisen.« Auf der Straße ließ sich jetzt das Rollen eines Wagens vernehmen und gleich darauf das Klirren der Hufe von Pferden auf dem Pflaster, die vor dem Hause scharf pariert wurden; wenige Sekunden nachher sprang der Herr Block ins Zimmer und meldete die Ankunft des Herrn Kommerzienrats Schilderer, welcher die Prinzipalin zu sprechen wünschte. Der Herr Kommerzienrat Schilderer war ein sehr gewichtiger und bedeutender Mann in der Handelswelt; als Chef des ersten Bankhauses des ganzen Landes hatte er das Wohl und Wehe einer großen Menge Kaufleute in der Hand, und da er zugleich Präses der Handelskammer und des Fabrikgerichts war, so entschied er zu gleicher Zeit über das Schicksal von Tausenden von Arbeitern, die ihn als einen unparteiischen Richter verehrten, liebten und fürchteten. Im Geschäft streng und unnachsichtlich, war er doch im gewöhnlichen Leben wohlwollend und freundlich, half den Bedrängten und übte Wohltaten au rechter Stelle, wo er nur konnte. Im Aeußern war der Kommerzienrat groß und schlank, hoch in den Fünfzigen, durch eine geschmackvolle und sorgfältig auserwählte Toilette, sowie durch eine glänzend schwarze Perücke in den Augen der Welt als gut konserviert dastehend. Etwas Blendenderes und Frischeres, als die weiße Halsbinde war, die er trug, konnte man nicht leicht sehen; aus derselben hervor streckten sich unendlich steife und sehr lange Vatermörder, welche ihm nicht erlaubten, den Kopf schnell auf die Seite zu drehen. Er mußte diese Bewegung durch eine halbe Wendung des Oberkörpers hervorbringen, was seiner ganzen Erscheinung etwas Steifes, aber zugleich Feierliches verlieh. Sein Kleid war vom feinsten schwarzen Tuch, und im Knopfloch bemerkte man ein farbiges Bändchen. So kam er die Treppen herauf, im Vorgemach stand der Herr Block und nahm seinen Paletot in Empfang mit der Absicht, bei dieser Gelegenheit etwas von dem Gespräch vernehmen zu können. Ich unterstützte dies Vorhaben des jungen Herrn Block, indem ich an der Tür stehen blieb und dieselbe hinter mir offen ließ. Der Kommerzienrat drohte mir leicht, aber nicht unfreundlich mit dem Finger, und mir war, als müsse durch sein Erscheinen meine Sache eine plötzliche und sehr günstige Wendung nehmen. »Guten Abend, Madame Stieglitz; sieh da! Doktor,« sagte der Bankier beim Hereintreten und ließ sich gravitätisch auf einen Sessel nieder, den der letztere hinschob. »Sie werden erstaunen, mich so spät zu sehen, doch hat mir der Doktor da, natürlich im Vertrauen, eine Geschichte erzählt, die ich mir, da ich jenen Leichtsinn wohl kenne, zu Herzen nahm.« Er versuchte bei diesen Worten, mich anzusehen, was ihm aber seine Krawatte nicht erlaubte, da ich ganz in seinem Rücken stand. »Mein Kassierer,« fuhr er fort, »im Geschäft ein sehr brauchbarer Mensch, aber außerhalb ebenfalls etwas lustiger Natur, kam heute abend, nachdem Sie eben fort waren, Doktor, in einem fürchterlichen Katzenjammer – Madame, Sie verzeihen mir dies Wort – auf die Kasse geschlichen, um noch einige notwendige Zahlungen zu besorgen; ich habe ihm natürlich einigermaßen den Text gelesen, doch als er die große Kasse öffnet – sie war seit Samstag verschlossen, denn ich lasse nur in der äußersten Not einen meiner anderen Leute für den Kassierer eintreten – siehe da! unter dem Deckel lag das Paket mit den fünfhundert Talern Kassenanweisungen, um welches es sich handelt.« »Gelobt sei Gott!« rief ich laut auf, eilte auf den Bankier zu und empfing mit zitternden Händen das verloren geglaubte Geld. »Die jungen, leichtsinnigen Menschen,« fuhr der Bankier ernst fort, »dachten am Samstag-Abend, wie mir scheint, mehr an ihre Vergnügungen als an das Geschäft, und statt das Paket einzuschieben, ließen sie es in der Kasse liegen.« Der Doktor reichte mir gerührt die Hand, und die Prinzipalin winkte mir freundlich zu, und aus der Ecke des Zimmers glaubte ich einen frohen Ausruf zu vernehmen. »Es schiene mir jetzt das rätlichste,« sagte Herr Schilderer, »wenn man Ihren Buchhalter, den Herrn Specht, hier erscheinen ließe und ihn veranlaßte, seine Klagepunkte, die mir, aufrichtig gesagt, unbegründet erscheinen, nochmals zu wiederholen.« Die Prinzipalin sagte eifrig: »Ja, ja,« und zog an der Klingelschnur, die ins Kontor führte; doch hatte der junge Herr Block draußen in der Freude seines Herzens den Paletot des Kommerzienrats in einen Winkel geworfen und sprang eiligst die Treppen hinauf. Daß er in diesem Augenblick nicht ein lautes Hurra ausstieß, war eine Mäßigung, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Wenige Augenblicke darauf trat der Herr Specht ins Zimmer, sein Gesicht war etwas blaß, und der Ton, mit dem er guten Abend wünschte, war weniger fest und salbungsvoll als sonst. Ich sah diesem zweiten Verhör mit mehr Ruhe entgegen, als dem gestrigen, und zog mich ins Vorzimmer zurück, um dem Doktor vollkommen Spielraum zu lassen, seine Fragen gegen den Buchhalter zu stellen. Mich überwältigten tausend frohe Gedanken; den Namen Emma wiederholte ich unzählige Male, und einmal ums andere herzlicher und inniger. Stand ich doch jetzt schon von dem schlimmen Verdacht gerechtfertigt da, hatte ich doch ihr süßes Geständnis gehört; nur wie sich das Dunkel hinsichtlich des untergeschobenen Briefes aufklären würde, war ich begierig, zu erfahren. Daß die Unterschrift sehr ähnlich war, konnte man nicht leugnen – die Unterschrift der Prinzipalin – ich dachte nach, dachte eifrigst nach, und auf einmal dämmerte mir ein Licht auf. Ja, so war es, so mußte es sein. Ich trat wieder ins Zimmer in dem Augenblick, als der Doktor sagte: »Sie werden jetzt deutlich einsehen, Herr Specht, daß Ihr Kollege das bewußte Geld in keiner böswilligen Absicht erhob; denn wenn man sich unrechtes Gut aneignen will, so läßt man dies Gut nicht leichtsinnigerweise liegen, sondern nimmt es mit sich. Sagen Sie mir deswegen offen Ihre Meinung: Was glauben Sie, wie konnte jener Brief auf das Pult kommen, wer ist wohl imstande, diese Unterschrift so täuschend nachzumachen?« Der Buchhalter zuckte die Achseln und hob die Augen gen Himmel; doch ich trat festen Schrittes an den Tisch und entgegnete, die Frage des Doktors beantwortend: »Ich glaube zu wissen, wer jene Unterschrift gemacht, und glaube ebenfalls sagen zu können, wer den Brief darüber schrieb, den man auf mein Pult legte.« Alles sah mich erstaunt an, und der Buchhalter zuckte unmerklich zusammen, als ich einen festen Blick auf ihn warf; doch verwandelte sich dieses Erstaunen in Schrecken, als ich ruhig fortfuhr: »Ich selbst habe jene Unterschrift gemacht, ja, ich selbst, aber im Beisein des Herrn Buchhalters.« Sein triumphierender Blick verwandelte sich plötzlich, und er stotterte: »In meinem Beisein?« – »Ja, Herr, in Ihrem Beisein! Sie werden sich jenes Abends erinnern, wo wir von der Schrift der Madame Stieglitz sprachen, wo Sie behaupteten, die Schrift sei sehr schwer nachzumachen, und wo Sie mich scherzend ersuchten, den Namen der Prinzipalin auf ein Blatt Papier zu schreiben.« – »Das ist eine häßliche, verabscheuungswürdige Erfindung,« sagte der Buchhalter mit gefalteten Händen, »so wahr mir Gott helfe!« – »Wenn sich das beweisen ließe,« sagte der Kommerzienrat, »so wäre freilich viel gewonnen.« – »Beweise, um Gottes willen, Beweise!« rief der Doktor. »Dies Papier mit der Unterschrift,« fuhr ich fort, »dort auf dem Tisch liegt es, und ich erkenne es jetzt wieder, warf der Buchhalter nachlässig in eine Mappe, in eine Mappe von grünem Saffian mit einem Stahlschloß, und zugleich ein anderes Papier, worauf ich mehrere Male vergeblich versucht, die Unterschrift nachzubilden, ehe es mir vollkommen gelang; vielleicht, wenn man jene Mappe untersucht, fände sich auch das zweite Papier darin.« »Allerdings, allerdings,« entgegnete der Doktor, und der Buchhalter rief hastig: »O, diese Mappe kann ich vorzeigen, ich werde sie im Augenblick von meinem Zimmer holen.« Er wollte davoneilen, doch sagte der Kommerzienrat lächelnd: »Ich glaube, ohne den Herrn Buchhalter verdächtigen zu wollen, es wäre nicht unzweckmäßig, wenn vielleicht der Doktor den Herrn Buchhalter auf dessen Zimmer begleitete; die Sache handelt sich um Ehre und guten Namen eines anderen, und da muß man schon vorsichtig sein.« »Ich werde den Herrn begleiten,« sagte der Doktor und sprang auf, doch hielt ihn die Prinzipalin beim Arm zurück und sprach: »Verzeihen Sie, meine Herren, ich bin hier vollkommen Ihrer Ansicht, doch glaube ich, es wird besser sein, wenn ich meinen Buchhalter begleite, mir wird derselbe aus dem Inhalt seiner Mappe gewiß kein Geheimnis machen.« Der Buchhalter stand bei diesem Vorschlage da – ein Bild des Jammers und Entsetzens, die stieren Augen traten ihm fast aus dem Kopfe, er schnappte mühsam nach Atem, und seine zitternde Hand knöpfte den Rock, den er trug, auf und zu. Die Prinzipalin hatte einen Leuchter ergriffen, sagte ernst und befehlend: »Folgen Sie mir!« und stieg dem Buchhalter voraus die Treppen hinan. »Ich gehe auch mit,« flüsterte mir der Herr Block zu, »dieser Kerl ist zu allem fähig, ich will für alle Fälle bei der Hand sein.« Wir blieben unten in gespannter Erwartung und sahen erschüttert den Dingen entgegen, die da kommen würden; uns alle beschlich ein eigenes, unheimliches Gefühl, und als wir nach einiger Zeit droben den festen Schritt der Prinzipalin vernahmen, welche langsam die Treppe herabkam, schnürte mir jeder Schritt die Brust zusammen, so daß ich kaum imstande war, zu atmen. Sie mochte eine Viertelstunde ausgeblieben sein, und Emma sagte mir später, sie habe während dieser Zeit auf ihren Knien gelegen und eifrig gebetet. Endlich trat die alte Frau wieder ins Zimmer, und man sah, daß sie sich Mühe gab, den Leuchter fest in der einen Hand zu halten, in der andern Hand trug sie einige Papiere, die sie mit allen Zeichen des Abscheus auf den Tisch warf. Obgleich sie heftig ergriffen schien, obgleich ihr ernstes Gesicht von einer erschreckenden Blässe bedeckt war, ging sie doch stolz und festen Schrittes auf ihren Sessel zu; doch als sie sich niedergelassen, rückte sie ihren Lichtschirm so, daß ihre Züge von tiefem Schatten bedeckt waren. »Die Sache ist aus und entschieden,« sprach sie, »mein bisheriger Buchhalter, der Herr Specht, hat mir die Wahrheit dessen, was Sie,« sie wandte sich zu mir, »was Sie vorhin ausgesagt, eingestanden, er habe Sie fälschlich angeklagt, er habe Sie absichtlich ins Unglück stürzen wollen. Der Buchhalter verläßt morgen mein Haus für immer; Sie sind von dem Verdacht, der auf Ihnen geruht, vollkommen gereinigt, und ich sage es offen, daß es mir sehr leid tut und daß ich bedaure, etwas Uebles von Ihnen geglaubt zu haben; geben Sie mir Ihre Hand!« – »Gott sei Dank!« sagte der Kommerzienrat und erhob sich von seinem Sitz; »die Angst, die Sie ausgestanden, haben Sie einigermaßen verdient, indem Sie das Geld, Sie an meiner Kasse erhoben, leichtsinnigerweise liegen ließen.« – »Ja, ja,« fügte der Doktor bei, »allverehrter Fabrikant, und wenn zufällig das Geld auf der Straße verloren ging, so kam Ihre Unschuld nicht sobald an den Tag, lassen Sie sich das eine Lehre sein!« Ich dankte dem Kommerzienrat herzlich für seine Freundlichkeit und seine Worte; der junge Herr Block half ihm ganz entzückt den Paletot anziehen, und der Bankier empfahl sich mit einigen freundlichen Worten. Der Wagen rollte fort, und der Doktor nahm seinen Hut. »Ich muß meiner Frau,« sagte er, »die glückliche Entwickelung dieser Geschichte anzeigen, sie hat sich sehr um diesen jungen, leichtsinnigen Menschen gegrämt!« Dann setzte er leise, zu mir gewandt, hinzu: »Ich lasse Sie hier allein in der besten Gesellschaft, kommen Sie morgen früh zu mir und erzählen, was Sie heute abend hier noch Neues und Liebes erfahren. Gute Nacht!« Er ging davon, und der junge Herr Block, dem von der Prinzipalin ein freier Abend bewilligt wurde, folgte ihm. Wie ich nachher erfuhr, nahm ihn der Doktor mit nach Haus und hängte ihm in der Freude seines Herzens einen kleinen Rausch an. Wir blieben allein in dem Zimmer, die Prinzipalin, Emma und ich; das Mädchen eilte, vor Freude laut schluchzend, aus ihrem Winkel hervor und ließ sich, wie früher, zu den Füßen der Prinzipalin nieder; auch ich eilte herbei und dankte in herzlichen Worten für alle Liebe und Güte, die sie mir erwiesen. »Meine Kinder,« sagte die alte Frau, und während sie mir ihre rechte Hand gab, legte sie ihre linke auf das Haupt des Mädchens, »meine Kinder, Gott hat euch in seinen Schutz genommen und alles wohlgemacht; ihr liebt einander, ich freue mich darüber, laßt mich für euer Schicksal sorgen; ich habe niemand auf der Welt, ihr beide steht ebenfalls allein da, und so glaube ich, könnte es gelingen, daß wir unsere Tage in Frieden zusammen genießen können; ich will euch Mutter sein, seid ihr meine Kinder – ja, meine Kinder, mit allen Rechten, die ich euch einräumen kann.« Das war ein höchst seliger Moment, der sich nicht beschreiben läßt, und wer einen ähnlichen schon erlebt hat, denke an seine glücklichste Zeit zurück; wer ihn noch vor sich hat, hoffe darauf als auf das Seligste, was ihm diese arme Erde bieten kann. »Jetzt geht, Kinder,« sagte nach einer langen, langen Pause die Prinzipalin, jetzt unsere Mutter; »geht, es ist spät, und ich fühle mich sehr ergriffen. Du, Emma, wirst schon heute nacht die Zimmer neben mir beziehen, und du,« sagte die Prinzipalin zu mir und fügte lächelnd hinzu, indem sie auf Emma zeigte: »sieht Er, Er ist durch sie zum du gekommen – du gehst auf dein Zimmer, und morgen sprechen wir weiter.« Ich begab mich voll Glück und Seligkeit hinweg, und da es mir als ganz notwendig erschien, daß Emma von ihrem Zimmer noch einiges ganz Notwendiges holen mußte, so wartete ich auf der Treppe auf meine kleine Geliebte. Vor zwei Stunden stand ich ebenfalls hier, aber mit welch ganz andern Gefühlen, in welch ganz anderer Lage! Endlich kam Emma, und ich muß gestehen, daß der lange, lange Kuß, den ich jetzt bekam, andere Empfindungen erweckte, als die Küsse, welche früher dem Vetter bewilligt wurden. Am andern Morgen verließ der Buchhalter das Haus, nicht, ohne daß vorher der Pfarrer Sproßer den Versuch gemacht hätte, zu gunsten seines Glaubensgenossen den Entschluß der Madame Stieglitz umzustimmen; doch dauerte die Unterredung, die der Geistliche deswegen mit ihr hatte, nur sehr kurze Zeit; er kam mit einem sehr langen Gesicht, von welchem die gewöhnliche Sicherheit und das ewig lächelnde Behagen gewichen waren. Er verhüllte sein Haupt, als er mich sah, und machte vor der Haustür eine Bewegung, als schüttle er den Staub von den Füßen. Sein Reich in diesem Hause war zu Ende. – Den Herrn Specht aber sah ich nie wieder. Der Doktor freute sich innigst und herzlichst über mein Glück und hatte noch an demselben Tage eine lange Unterredung mit der Prinzipalin, deren Resultat war, daß ich, mit Empfehlungs- und Kreditbriefen wohl ausgerüstet, ein Jahr lang die Seidenfabriken Südfrankreichs besuchen sollte, mittlerweile aber wollte die Prinzipalin das Ladengeschäft verkaufen und die daraus zu erlösenden Fonds sollten nach meiner Rückkehr zur Vergrößerung des Fabrikgeschäfts benutzt werden. Die Nutzung ihres ansehnlichen Privatvermögens, welches in Staatsobligationen und sonst angelegt war, behielt sich Madame Stieglitz bis zu ihrem Tode vor; doch traf sie auch für den Fall ihre Verfügungen, und der Doktor, der als Testamentszeuge zugegen war, sagte nachher: »Ich versichere Ihnen, Sie haben ein unverdientes Glück!« Die gute alte Frau hatte Emma und mich zu ihren Erben eingesetzt unter zwei Bedingungen: die eine war, daß die Fonds des Hauses Stieglitz u. Comp. in Amsterdam ihrem dortigen Vetter verblieben, und die andere war, daß wir erst in den Besitz des übrigen Vermögens kommen sollten, wenn ich das Fabrikgeschäft, das sie mir übergeben, durch Fleiß und Umsicht zu einer gewissen Höhe gebracht haben würde. Unverdiente Unglücksfälle wurden mir nicht angerechnet, doch wurde dies Geschäft durch den Verkauf des beträchtlichen Ladengeschäfts schon so dotiert, daß wohl dies als die alleinige Ursache anzusehen ist, weshalb es in einigen Jahren eines der besten und glänzendsten wurde. Bald darauf reiste ich meiner neuen Bestimmung entgegen. Es war ein klarer, kalter Winterabend, und nachdem ich zu Hause einen herzlichen, aber schweren Abschied sowohl von meiner zweiten Mutter wie von Emma genommen, ging ich in Begleitung des Doktors auf die Post. Vorher aber nahm ich bei Sibylle die zahlreichen Grüße in Empfang, welche sie mir für sämtliche Familienmitglieder, die ich der Reihe nach besuchen sollte, mitgab. Der junge Herr Block ließ es sich nicht nehmen, meine Geldtasche zu tragen, und bald stand ich wieder auf dem Posthofe, wie an jenem unvergeßlichen Abend, und reiste mit demselben Eilwagen, den damals der dicke, alte, höfliche Herr mit der grauen Reisemütze bestiegen. Der Doktor händigte mir eine kleine Summe ein und bat mich, damit einige seiner kleinen Schulden in B. zu bezahlen. »Vergessen Sie nicht,« sagte er lachend, »meine Hauswirtin zu besuchen, und sehen Sie nach, ob die Freskogemälde auf meinem Zimmer noch existieren. Apropos! grüßen Sie Jungfer Barbara, jetzige Madame Philipp, und wenn mein Skelett zufällig noch in ihrem Besitz ist, so kaufen Sie es ihr um jeden Preis ab. Auf baldiges fröhliches Wiedersehen!« Der Wagen eilte davon, und bei Tagesanbruch war ich noch eine kleine Stunde von der Mühle entfernt. Beinahe um dieselbe Stunde wie damals stand ich an dem alten Kreuz, und so licht und hell wie meine Zukunft, so war auch heute meine Aussicht auf das Tal unter mir; da wogte kein trüber Nebel, und alles war mit des Winters Festkleid, dem weißen Schnee, aufgeputzt. Die kahlen Aeste der Bäume und Sträucher ließen mich tief unten die freundliche Mühle sehen, kerzengerade stieg aus dem Schornstein der blaue Rauch und wurde oben vergoldet durch den ersten Strahl der Morgensonne, der über die Berge brach. Das Wasser rauschte über das angeschwollene Wehr, das Mühlrad lief lustig und geschwind herum, als wollte es sich in der Kälte warm machen, und zerbrach dabei die kostbaren, schön geformten Eiszapfen, die sich über Nacht angehängt hatten, und stäubte sie in tausend funkelnden Brillanten in die klare Luft. – Jetzt hatte ich das Gehege erreicht, das den Hof umschloß; jetzt erblickte mich der Baas, der eben im Begriff war, den schweren Rappen in seinen Schlitten zu spannen. Alles war wohl auf und freute sich, mich wiederzusehen; ich mußte der Müllerin von ihrer Tochter, der Doktorin, erzählen, und tat es auch zu ihrer größten Befriedigung. Elsbeth war noch unverheiratet, Kaspar dagegen hatte sich noch ein paar dicke Kinder zugelegt, und den guten Franz konnte ich leider nicht sehen, da er über Feld war. Nach einer Stunde verließ ich mit dem Vetter auf dessen Schlitten die Mühle wieder, und auf der glatten Schneebahn flogen wir pfeilgeschwind gegen B. – An all den Orten kam ich vorbei, wo ich damals mit dem Doktor Burbus gerastet; in dem Wirtshaus, wo er die Gendarmerie geneckt, hielten wir eine halbe Stunde an. Wenige Stunden darauf erreichten wir die Stadt, und mit einbrechender Nacht trat ich in das Zimmer meiner Großmutter. Die Freude der alten Frau war unbeschreiblich, als ich ihr, so stattlich angetan, unter die Augen trat; sie setzte die Brille des alten Generals auf die Nase, und nachdem sie mich von allen Seiten betrachtet, wurde ich der großen Ehre teilhaftig, eine Prise aus der goldenen Dose der verstorbenen Gräfin nehmen zu dürfen. Wir plauderten über dies und das; ich erfuhr unter anderem, daß die Haushälterin des Vormunds vor einigen Tagen gestorben, und daß die älteste Tochter sich nächstens verheiraten werde. Die alte Katze der Großmutter hatte ebenfalls das Zeitliche gesegnet, sowie auch der Schuster im Hinterhause – seine Witwe setzte das Geschäft fort. Ein lautes Schluchzen vor der Tür verkündigte mir die Ankunft der Schmiedin. »Wo ist das Kind?« sagte die gute Person, und als ich ihr entgegentrat und die Hand gab, liefen ihr die hellen Tränen über die alten, eingefallenen Backen. Ich mußte meine Schicksale umständlich erzählen, und das dauerte bis tief in die Nacht hinein. Am andern Morgen steckte ich eine Zigarre an und besuchte mit seltsamen Gefühlen die Orte, wo ich während meines hiesigen Aufenthaltes Leid und Freud' genossen: dort war die Kirche, wo ich meine geliebte Emma zum erstenmal gesehen, jetzt betrat ich mit klopfendem Herzen die Straße, wo das Reißmehlsche Haus stand. In der Wohnung des Doktors war man vergnügt über die paar Taler, die ich in seinem Namen bezahlte; sein Zimmer mochte ich nicht sehen, es sei nun geweißt und frisch herausgeputzt, sagte die Wirtin. Vor dem Zwischenraume der beiden Häuser blieb ich einen Augenblick stehen: ich sah die beiden Fensteröffnungen, welche wir durch eine Bretterplanke verbunden hatten. Dieser Winkel hatte sich in seiner grauen Trübseligkeit in gar nichts geändert; unten lagen große Haufen Kehricht, an den Fenstern flatterten, wie damals, die Schnüre zum Wäschetrocknen. Mir war, als sei meine Flucht aus dem Reißmehlschen Hause erst gestern vor sich gegangen; dort hing auch die bewußte Laterne, auf ihrem Deckel lag eine zierliche Schneekappe. Auch an dem Reißmehlschen Hause hatte sich gar nichts geändert: vor der Tür wankte der getrocknete Stockfisch hin und her, da standen die Fässer mit Mehl und Butter, und neben ihnen der alte, steinerne Kriegsknecht, an seiner langen Nase hing ein schwerer Eiszapfen. Ich trat in den Laden, da saß Philipp, jetzt der Prinzipal, auf dem Stuhle des seligen Herrn Reißmehl. Es war noch dieselbe trübselige Gestalt, doch hatte er sich eine Brille zugelegt; er erkannte mich nicht wieder, und als ich Zigarren verlangte, pries er mir geschäftig verschiedene Blätter. Als ich darauf meinen Namen nannte, rückte er die Brille in die Höhe, und seine Züge überflog ein melancholisches Lächeln; das Wiedersehen machte aber wenig Eindruck auf ihn, er sagte, seine Frau sei abwesend, und ich empfahl mich bald wieder. So hatte ich denn auch das hinter mir, ich nahm einen herzlichen Abschied von der Großmutter sowie von der Schmiedin und meiner Tante, und mittags saß ich im Coupé des Eilwagens; vor mir trabten die vier Pferde lustig auf dem gefrorenen, steinharten Boden, und ich nahm für kurze Zeit Abschied von der heimatlichen Erde, wie ich auch jetzt von dir, geliebter Leser, einen freundlichen Abschied nehme. Wen übrigens die kleinen Abenteuer meines Lebens so sehr interessierten, daß er erfahren möchte, ob ich auch von meiner Reise nach Südfrankreich glücklich heimgekehrt sei, dem will ich anvertrauen, daß in diesem Augenblick Emma, meine Frau, ins Zimmer tritt – es ist Abend, die große Lampe brennt und das Kaminfeuer knistert – und mich ersucht, endlich einmal die lange Geschichte vom »Handel und Wandel«, die ich in meinen Freistunden, wenn Wiegkammer und Kontor geschlossen sind, niederschrieb, zu beendigen, was denn auch hiermit geschieht.   Ende .