Friedrich Wilhelm Hackländer Namenlose Geschichten Zweiter Band 1855. Einundzwanzigstes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Das Haus, in welchem die Jungfer Kiliane wohnte, war, wie überhaupt die meisten, die, von der Stadt aus gerechnet, diesseits des alten Grabens standen, uralt und zählte noch mehr Lebensjahre, als das Kloster selbst. Es war versehen mit jenem hohen und spitzen Giebeldache, wie es die Alten so gern auf ihre Häuser setzten, mit mehreren Etagen, Böden und Kammern; dasselbe hielt das Haus warm, schützte es vor allen Winterstürmen und es stund darunter da, wie mit einer riesenhaften und warmen Schlafmütze versehen. Im Hofe dieses Gebäudes befanden sich Wagenschuppen, Holzremisen, die, obgleich sie einer viel, viel späteren Zeit angehörten, doch neben dem gesunden und soliden Hauptbau krüppelhaft und altersschwach dastanden. Auf diesen Remisen waren ein Paar Zimmer, die einmal von einem Handelsherrn erbaut worden, der, im Vorderhause wohnend, im Hintergebäude seine Schreibstuben haben wollte; auch hatte er eine Gallerie bauen lassen, durch welche die verschiedenen Gelasse mit einander verbunden wurden. Nachdem aber nach einer Reihe von Jahren das Geschäft des Kaufmannes in dem Vorderhause aufgehört, wurden die Stuben im Hintergebäude vermiethet – zuerst an ordentliche Leute, solange sie gut aussahen; später, als die Tapeten nach und nach alt wurden, als man die zerbrochenen Fenster nur noch nothdürftig flickte, als die alte Treppe wackelte und unter jedem Fußtritt knarrte, da kam das Logis immer mehr herunter, bis es zuletzt von einer gewissen Madame Müller gemiethet wurde, deren Bekanntschaft wir später machen werden, und die in der schlechten Wohnung vortreffliche und verborgene Eigenschaften erkannte, welche hauptsächlich darin lagen, daß man ihr einen Ausgang durch den finstern Holzschuppen gestattet hatte, durch welchen man in ein Labyrinth dunkler Gäßchen gelangte, vermittelst deren es möglich war, namentlich bei Nacht, fast ungesehen zur Wohnung der Madame Müller zu gelangen. Die Gallerie, von der wir oben sprachen, wurde, als man die beiden Wohnungen nicht mehr zusammen benutzte, ebenfalls sehr vernachläßigt; die Bretter, über welche man ging, verschwanden nach und nach und flogen in Rauch auf; es blieb nichts als das nackte Gerüst, das, ohne erhaltenden Anstrich, ohne Ausbesserung von Regen und Schneewasser nach und nach zerfressen wurde, und jetzt nur noch zwischen beiden Häusern eine gefährliche Brücke bildete, auf der nur zuweilen die verwegensten der Buben aus der Nachbarschaft durch Herumklettern augenscheinliche Halsbrechungsversuche anstellten und es gründlich untersuchten, wieweit die Langmuth ihres himmlischen Schöpfers und Erhalters gehe. Auch wurde dieses Gerüst zum Waschtrocknen benutzt und that so seine Dienste, aus welchem Grunde man es nicht schon lange abgerissen hatte. Für dieses Abreißen hatten sich auch schon mehrere Male die Einwohner des Haupthauses ausgesprochen; denn ihnen war die Verbindung zwischen ihren Zimmern und denen der Madame Müller durchaus nicht angenehm; es waren im Haupthause schon einigemal allerlei verdächtige Geschichten passirt: Thüren erbrochen worden, Kleidungsstücke waren verschwunden und dergleichen mehr, überhaupt waren Sachen vorgefallen, zu deren Mitwissenschaft man die Madame Müller im Hinterhause wohl für fähig hielt. Man hätte auch ein schärferes Auge auf sie gehabt; doch gelang es den eifrigen Bemühungen des vortrefflichen Stadtsoldaten Steinmann jedesmal, einen – wenn auch geringen – Theil der im Haupthause gestohlenen Effekten, aber in ganz anderen Gegenden der Stadt, zu entdecken, wodurch natürlicher Weise die Eigenthümer wegen des Verdachtes, welchen sie auf Madame Müller geworfen, diese arme gekränkte Frau in ihrem Innern stets um Verzeihung baten. Aus diesem Grunde, und weil ein Bauverständiger erklärt hatte, daß das alte morsche Gerüst zwischen beiden Häusern nicht im Stande sei, einen erwachsenen Menschen zu tragen, wurde es nicht weggerissen, der Ausspruch des Bauverständigen dagegen mit leserlicher Schrift als Warnung auf dem Gerüste selbst bemerkt. – – Es war bereits Abend geworden, als der Stadtsoldat Steinmann, nachdem er die Weinstube im Refektorium des Klosters verlassen und noch einige dienstliche Geschäfte besorgt hatte, um abermals durch den Stadtgraben ging, und, als er an dem Hause der Kiliane vorbei kam, beifällig hinauf blinzelte; dann ging er seines Weges durch die Straßen, eine einäugige Nemesis, ein Engel der Gerechtigkeit, hier leise warnend, dort strafend; an diesem Platze jagte er wohlgekleidete Buben, die ein verbotenes Spiel trieben, mit einem entsetzlichen Fratzengesicht nach Hause, an einer andern Stelle, wo er eine Schaar Bettelbuben bei derselben Beschäftigung fand, fuchtelte er sie mit der ledernen Scheide seines Säbels tüchtig zusammen und war auf diese Art streng gerecht und unpartheiisch. Auch verschmähte er es nicht, gelegentlich unter Weges in verschiedene Wirthshäuser einzukehren, und, indem er den Schoppen trank, den ihm der Wirth bereitwillig und gratis vorsetzte, versäumte er es nicht, nach verdächtigen Gesichtern auszuspähen; denn er haßte die fremden Gauner und Vagabunden als Störer der öffentlichen Sicherheit und als – Concurrenten. So gelangte er nach und nach in die breite Straße, wo der Stadtrath Schwämmle wohnte, und wenige Zeit darauf sehen wir ihn auch an der Glasthüre des Genannten die Klingel ziehen. Stadtraths Ricke öffnete die Thür, und nachdem er abermals den vergeblichen Versuch gemacht, das gesunde Mädchen in die dicken Wangen zu kneifen, fragte er nach dem Herrn Stadtrath. »Der Herr Stadtrath sind zu Hause,« sagte das Mädchen und öffnete ihm die Thüre zum Arbeitszimmer ihres Herrn. Vater Schwämmle, der eben im Begriffe war, eine Rede zu memoriren, die er in der nächsten Stadtrathssitzung halten wollte pro neue Kirche contra Löschanstalt, ging dem Stadtsoldaten entgegen und fragte nach seinem Begehren. »Sie verzeihen, Herr Stadtrath,« sagte der Steinmann, »daß ich so spät Abends noch störe; aber es treibt sich wieder auf den Straßen so allerhand verdächtiges Gesindel umher, und ich wollte mir erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es gar nicht so schlimm wäre, in der obern Stadt, wo weniger Läden und weniger Verkehr auf den Straßen ist, ein Bischen schärfer patrouilliren zu lassen; in der unteren Stadt, wo ich jedes Haus wie meine Tasche kenne, wird nicht leicht etwas vorfallen, und da – bin ich selber.« »Allerdings,« sagte der Stadtrath und unterstützte nachdenkend das Kinn mit der Hand, »allerdings muß die Polizei ihren Dienst mit der größten Schärfe versehen; denn ich versichere Ihn, Steinmann, es ist entsetzlich, welche Menge Gaunereien und Diebstähle aller Art in hiesiger Residenz vorkommen; alle Tage bekommt man die Meldung von irgend einem Einbruche, irgend einer Spitzbuberei; es ist ganz entsetzlich, unter den Menschen gibt es weder Treu' noch Glauben mehr; die Immoralität ist furchtbar gestiegen, und weßhalb? das will ich Ihm sagen: weil die Hauptstütze der Moralität, die Religion, in ihren Fundamenten wankt – weil es – weil es – unter den Menschen fast keine Religion mehr gibt; deßhalb, Steinmann, geschehen so viele Gräuelthaten und deßhalb muß jeder redliche Staatsbürger, – – jeder rechtliche, eifrige Staatsbürger, und dazu rechne ich auch Ihn, Steinmann, dafür besorgt sein, daß die Religiosität unter den Menschen immer mehr angeregt wird und daß die christliche Gemeinde, der wir anzugehören die Ehre haben, fest zusammenhalte in Glaube, Liebe und Hoffnung.« »Allerdings!« sagte der Steinmann, der außerordentlich gerührt schien; »und der Herr Stadtrath haben in jeder Beziehung über mich zu befehlen.« »Ich weiß das, guter Steinmann,« sagte Vater Schwämmle, »und rechne in allem Guten stark auf Ihn. Wir alle müssen Hand anlegen, daß die Religion wieder zu einem festen Band wird, das uns innig umschlingt und uns stark macht, den Versuchungen zum Bösen zu widerstehen – nicht wahr, Steinmann?« »Allerdings!« wiederholte der Stadtsoldat und blinzelte mit augenscheinlicher Freude auf das Papier, welches Vater Schwämmle in der Hand hielt und in welches derselbe während des Sprechens zuweilen einen Blick warf. »Ein festes Band, das uns umschlingt, und dieses feste Band, dessen größter und schönster Theil freilich unsichtbar unsere Herzen zusammenhält, muß auch zur Ehre Gottes an's Tageslicht treten, majestätisch und unvergänglich, in Stein und Eisen, ein würdiger Dom für die gläubigste Gemeinde.« Der Stadtsoldat wischte an seinem einen Auge, und Vater Schwämmle legte die Hände mit dem Papier auf den Rücken, hob den Kopf in die Höhe und schritt würdevoll auf und ab. Es entstand eine längere Pause, welche endlich der Stadtsoldat unterbrach, indem er schüchtern sagte: »Es kann mit der neuen Kirche nicht fehlen, Herr Stadtrath, der ganze Honoratiorenstand ist dafür, und die paar Spritzenmacher und Schlauchweber, welche für das Löschcorps stimmen, sind nicht der Rede werth.« »Glaubt Er, Steinmann?« sagte Vater Schwämmle, indem er plötzlich stehen blieb, »glaubt Er, daß wir durchdringen?« »Ohne Zweifel,« entgegnete der Andere und fügte schlau lächelnd hinzu, indem er eine Verbeugung machte: »Und wenn alsdann der Kirchenoberälteste sich gnädigst daran erinnern wollte, welch' saurer Dienst bei der Polizei ist und wie es sich dagegen in der Meßnerei so angenehm sitzt, so wäre der Tag der glücklichste für den armen Steinmann.« Der Stadtrath klopfte seinem ergebenen Diener auf die Schulter und sagte sichtlich bewegt: »Sein Eifer, mein Freund, im Dienste der Stadt ist wohl bekannt, wir wollen sehen, was für Ihn zu machen ist; suche er mir aber ja Gewißheit zu verschaffen, wie im Einzelnen die Stimmung ist pro neue Kirche contra Löschcorps – apropos? Er geht doch fleißig in die Kirche? ich sehe Ihn in der That nicht allzu oft.« Der Steinmann faltete die Hände und sagte mit einer wahren Jammermiene: »der Dienst, Herr Stadtrath, der Dienst läßt unsereins nicht oft dazukommen, das Haus des Herrn zu besuchen. Die Leute haben des Sonntags Morgens eine wahre Wuth, ihre Wäsche zum Fenster hinauszuhängen, sowie ihre Blumentöpfe vor demselben zu begießen; auch kann man es den herrschaftlichen Wagen tausend Mal anempfehlen, bei der Kirche langsam vorbeizufahren, 's hilft Alles nichts, und in dem Punkte sind die Hofkutscher die allerschlimmsten, und unter den Hofkutschern einer – wie heißt er doch gleich? – richtig! Winkler! der allerschlimmste.« »Winkler – Winkler,« entgegnete der Stadtrath; »sonst kein übler Mann, dieser Winkler; ich kenne ihn, seine Mutter war früher bei den Stadtlaternen angestellt, ich habe ihr jetzt die Museumsquittungen anvertraut.« »Leider!« entgegnete der Steinmann; »leider! ich muß das wiederholen, leider! Es ist ein altes, böses Weib, und wenn ich mich recht erinnere, so trägt sie gerade im jetzigen Augenblicke ein Circular des Löschcorps herum.« »Ein Circular des Löschcorps?!« rief entsetzt der Stadtrath; »eine alte Frau, so nahe dem Grabe, agitirt contra neue Kirche? O, das ist ganz entsetzlich!« »Freilich entsetzlich!« seufzte der Stadtsoldat, »und der Herr Stadtrath sollten auf diese Person ein strengeres Auge haben.« »Das werde ich, guter Steinmann,« entgegnete Vater Schwämmle, und machte in ein Papier auf seinem Pult eine kleine Bemerkung; »das werde ich, wie kann ein vernünftiger Mensch pro Löschcorps contra Kirche sein?« Der Stadtsoldat, der, innerlich frohlockend, überzeugt war, Unkraut unter den Waizen gesäet zu haben, und den das Gespräch über eine neue Kirche bedeutend langweilte, zog sich sachte nach der Thür zurück, indem er sagte: »also vermelde ich beim Appel dem Polizeiwachtmeister den Befehl des Herrn Stadtraths ....« »In der obern Stadt fleißig zu patrouilliren,« antwortete bestimmt Vater Schwämmle, »ich will es so, es ist mein Befehl!« »Wünsche eine geruhsame Nacht, Herr Stadtrath!« »Adieu, guter Steinmann!« Der Stadtsoldat stieg die Treppe hinab und konnte kaum an sich halten, um nicht laut hinauszulachen; aber er erschien mit der freundlichsten Miene von der Welt beim Appel der Polizeimannschaft und theilte dem Wachtmeister mit, daß ihn der Stadtrath Schwämmle ersuchen lasse, fleißig in der oberen Stadt zu patrouilliren. Unterdessen war es spät geworden, die Gaslaternen wurden größtentheils ausgelöscht, und als die Glocken zwölf Uhr ansagten, war die gute Stadt so finster, als es Gauner und Spitzbuben nur wünschen konnten. In dem engen Gäßchen hinter dem Hause, wo die Madame Müller wohnte, schlich jenes Subjekt, das wir heute Nachmittags bei dem Stadtsoldaten gesehen, langsam einher und that, als es die Thür des Holzschuppens erreicht, drei leichte Schläge mit der Hand an dieselbe und dann spähte der Kerl an den dunklen Fenstern hinauf, und als er nach einer Minute bemerkte, daß droben Feuer geschlagen wurde, zog er einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thür und trat in den Schuppen, da ihm jenes Zeichen gesagt, daß droben die Luft rein und nichts Verdächtiges in der Nähe sei. Er tappte zwischen Holzhaufen und altem Gerümpel aller Art vorsichtig nach einer Treppe, die er hinaufstieg, oben die Zimmerthür öffnete und in ein kleines Gemach trat, welches nur ein einziges Fenster nach dem Hofe zu hatte; es war eigentlich eine Glasthür, die auf die früher erwähnte Gallerie führte und welche, von innen mit einem tüchtigen wollenen Vorhang bedeckt, keinen Lichtstrahl in den Hof fallen ließ. Das Zimmer war klein, mit einer ärmlichen Eleganz möblirt, das heißt, es befand sich ein Sopha da, mit einem, einstens roth gewesenen Plüsch überzogen, dazu Stühle mit andersfarbigen Stoffen, eine alte Commode, in der Ecke stand eine Guitarre, auf der aber sämmtliche Saiten fehlten. Anwesend war die Madame Müller selbst, eine Frau in den Vierzigen, hoch gewachsen, mit einem verlebten Gesicht, das Spuren früherer Schönheit trug, und diese Frau paßte mit ihrem Anzuge, einem abgeschabten schwarzseidenen Kleide, zu der ärmlichen Eleganz des Zimmers. »Was gibt's so spät?« fuhr sie den Eintretenden an: »bist du wieder einmal auf der Flucht, oder was hat's sonst gegeben? – was willst du hier?« »Bst!« machte der Mann und drückte die Thüre hinter sich zu, worauf er sich in das Sopha warf und die Frau mit einem frechen lachenden Blick ansah. »Nun, werd' ich erfahren, was du hier willst?« sagte diese und stemmte ihre kräftige» Arme in die Seite. »Thut doch nicht so unwirsch! es ist ja gerade so, als ob Ihr einen fressen wolltet! – wir haben ein Geschäft vor, heute Nacht.« »Ein Geschäft?« fragte Madame Müller und ließ die Hände herabsinken; »was für ein Geschäft, Taugenichts?« »Das wird sich Alles finden,« versetzte der Andere; »wo ist die Anna?« »Was geht dich die Anna an, Dummkopf!« entgegnete die Flau und eine gewisse Verlegenheit malte sich auf ihren harten Zügen. »Mich geht sie freilich nichts an,« lachte der Andere mit einem entsetzlichen Schielblick und dehnte sich auf dem Sopha; »aber der Steinmann wird heute Nacht kommen, und wenn der nach der Anna fragt, die– setzte er pfiffig lächelnd hinzu – wohl in Geschäften auswärts ist, so werdet Ihr wohl nicht sagen, daß es den nichts angehe! O, ich bin nicht so dumm, wie der Steinmann bei all' seiner Pfiffigkeit, das kann ich Euch versichern.« »Der Steinmann wird herkommen?« sagte Madame Müller und erschrak sichtlich. »Ja, der Steinmann wird herkommen,« äffte sie der junge Mensch nach, »und wollt Ihr mich jetzt noch anschnauzen, da ich herkomme, Euch das zu sagen, he?« »Aber was will er hier und was willst du hier? – was habt Ihr für ein Geschäft?« »Das will ich Euch einfach sagen, Frau; da drüben die Alte hat heute Abend baar Geld mit nach Hause gebracht, zweihundert Gulden baar Geld, und das wollen wir ohne Quittung bei ihr leihen.« »So, so!« sagte die Frau und wurde augenscheinlich freundlicher. – »Aber,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »es geht nicht, wahrhaftig, es geht nicht! Wir sind schon im Verdacht, und wenn da drüben wieder etwas passirt, so werden wir an's Messer geliefert.« »Dafür laßt den Steinmann sorgen und antwortet mir: ist Anna im Hause oder nicht?« »Nein, sie ist nicht im Hause,« entgegnete die Frau, »aber ich kann sie holen.« »So thut das ja, und schnell, denn es könnte eine Haussuchung geben, und wenn in dem Falle der Steinmann das unschuldige Mädchen nicht in ihrem Bette fände, nun, nun, da wüßtet Ihr selbst, was es geschlagen hat.« »Freilich,« entgegnete Madame Müller, »das wäre schlimm, sehr schlimm! Bleibt Ihr unterdessen hier, ich will sie holen; dort im Wandschrank steht ein Krug Wein, auch was zu essen dabei, und das Tau werdet Ihr wohl mitgebracht haben?« »Allerdings,« sagte der Andere lachend, »ich gehe nie aus, ohne meinen Strick bei mir zu führen; macht aber jetzt, daß Ihr fort kommt.« Madame Müller nahm ein Tuch von der Wand, schlug es über die Schultern und verließ leise das Haus. Der junge Mensch aber holte aus dem Wandschrank den Krug Wein und was er zu essen vorfand, und während er soupirte, zog er seinen Frack aus und brachte einen festgedrehten soliden Strick zum Vorschein, den er unter dem Hemde vielfach um den bloßen Leib gewickelt hatte und der von ansehnlicher Länge war. Dann zog er seine Stiefeln aus, nahm aus der Hosentasche einen kleinen Bindfaden, den er abwickelte und durch eine zerbrochene Scheibe des Glasfensters in den Hof rollen ließ; sodann stieg er die Treppe hinab, schlich auf dem Hofe unter der Gallerie bis an das vordere Haus und spähte da nach einem starken, eisernen Haken, an dem früher in der Höhe der Gallerie Brandleitern aufgehängt waren. Richtig! dort war der Haken; er nahm den Strick doppelt und warf die auf solche Art entstandene Schlinge nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen in den Haken, so daß sie hängen blieb, band die beiden anderen Enden des Strickes an den Bindfaden fest, der auf dem Boden lag, schlich die Treppen hinauf, leitete den Strick durch die Glasthür in's Zimmer, zog ihn so straff als möglich an und befestigte ihn an dem Steine, auf welchem der Ofen stand. Als er damit fertig war, setzte oder legte er sich vielmehr wieder auf das Sopha und sprach von Zeit zu Zeit dem Weinkruge fleißig zu. Es dauerte nicht lange, so hörte er unten an dem Holzschuppen die Thür öffnen, es stieg Jemand die Treppe hinauf, und einige Augenblicke danach traten Mutter und Tochter in's Zimmer. Letztere, eleganter als erstere angezogen, war groß, schön und schlank gewachsen und hatte etwas wirklich Vornehmes an sich. Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf den jungen Menschen, der es bei ihrem Eintritt nicht der Mühe werth fand, sich aus seiner Lage zu erheben, und der ihr, mit vollen Backen kauend, vertraulich zuwinkte. Das Mädchen war sehr jung, frisch und blühend, und bei all' diesen Körpervorzügen erschien die Entsittlichung, der sie in ihrer frühen Jugend – sie war wirklich erst achtzehn Jahre alt – anheimgefallen schien, um so entsetzlicher. Sie trug ein graues seidenes Kleid, einen langen grünen Shawl, den sie flüchtig umgeworfen hatte und dessen Enden sie auf dem Boden nachschleppte; ebenso flüchtig hatte sie ihren Hut aufgesetzt, und man sah überhaupt, daß sie ihre Toilette in großer Eile gemacht. »Ei, ei, mein Lieb,« sagte der junge Mann auf dem Sopha, »warum so verdrießlich? hat man dich gestört? Thut uns gewiß leid, der Mama sowohl, wie mir, aber was ist zu machen, mein Engel? Die Pflicht ruft, die Zeit verrinnt, wir müssen an's Geschäft gehen.« Er hatte augenscheinlich den Wein zu hastig getrunken und war dadurch lustiger geworden, als es zu seinem Vorhaben gerade nothwendig war. Er wollte auf das Mädchen zu und sie mit täppischer Freundlichkeit umarmen, doch stieß sie ihn mit geballter Faust auf die Brust, daß er auf das Sopha zurücktaumelte; dazu blitzte ihr Auge, ihre Oberlippe hob sich trotzig in die Höhe, und während sie eine Reihe schöner, weißer Zähne sehen ließ, stemmte sie den rechte« Arm in die Seite und richtete sich herausfordernd empor, als wollte sie sagen: komm heran, wenn du noch was willst! Als sich aber der junge Mensch nach diesem Auftritt emporraffte, und, ohne sie weiter zu beachten, an die Glasthüre trat, wandte sich das Mädchen um, schleuderte Hut und Shwal auf das Sopha, öffnete ohne Weiteres ihren grauseidenen Ueberrock, und während sie in's Nebenzimmer ging, ließ sie denselben von ihrem Körper herabgleiten und auf der Schwelle liegen, nicht ohne mit dem Fuße noch einen Versuch zu machen, ihn von sich wegzuschleudern. »Ihr habt da ein gut Stück Erziehung gemacht!« sagte der junge Mensch, als das Mädchen verschwunden war, zu der Mutter; »die ist Euch famos über den Kopf gewachsen.« Die Alte zuckte die Achseln, stieß einen tiefen Seufzer aus, ohne Antwort zu geben, raffte die Kleidungsstücke vom Boden und Sopha auf und verschloß sie sorgfältig in einen geheimen Schrank, der sich in der Mauer hinter einem gewöhnlichen Schranke befand, welch' letzterer mit Weiberröcken ganz geringer Art angefüllt war. Der junge Mann prüfte die Festigkeit des Seiles, und als er es fest genug angespannt fand, zog er seine Kleidungsstücke wieder an, bis auf die Schuhe, welche er an einer kleinen Schnur an dem Halse festband; dann wandte er sich zur Müller und sagte: »paßt mir genau auf, Frau, ich gehe setzt hinüber und will mein Heil versuchen. Ihr bleibt hier an dem Glasfenster stehen und behaltet genau die Thüre drüben im Auge; wenn Ihr mich ruhig zurückkommen seht und nichts weiter hört, als daß ich die Thür wieder schließe, so ist Alles in Ordnung; hört Ihr mich aber wie eine Ratte pfeifen – Ihr kennt das Zeichen? – so habt Ihr nichts weiter zu thun, als den Strick vom Ofenstein loszumachen, ihn in den Hof hinab zu werfen und Euch ins Bett zu legen. – Apropos! ist die Thür am Holzschuppen blos angelegt, daß ich sie im Falle der Flucht nur hinter mir zuzuschlagen brauche?« »Alles besorgt!« Versetzte die Frau mit einiger Bewegung; »jetzt aber macht, daß Ihr hinüber kommt, mir ist das Herz so schwer, ich habe immer den Gedanken, es müsse ein Unglück geben.« »Ich auch,« sagte ruhig lächelnd der junge Mensch und fühlte an seine Hosentaschen, ob sein langes Messer auch da sei, das er hier gewöhnlich verwahrte. »Alles in Ordnung!« rief er dann lustig. Madame Müller löschte das Licht aus und der Andere schwang sich durch die Glasthür auf die Gallerie und faßte das Seil, das über seinem Kopfe hing, mit fester Hand. Auf diese Weise war es durchaus nicht schwer, über die morsche Gallerie in's Vorderhaus hinüber zu steigen; er trat mit den Füßen auf die alten Balken, denen er nicht mehr zutraute, als er wußte, daß sie tragen könnten, die jedoch seinem, an dem Seile schwebenden Körper, einen augenblicklichen Unterstützungspunkt boten. Bald hatte er das Vorderhaus erreicht, und die Thüre, welche von dort auf die Gallerie führte, war so leicht verschlossen und dabei so morsch und alt, daß er mit seinem Messer bequem zwischen den beiden Flügeln durchfahren und von innen den Riegel öffnen konnte. Jetzt einmal im Hause, schlich er die Treppen hinan in den zweiten und dritten Stock und blieb oftmals stehen, um zu lauschen, ob sich in dem weiten Gebäude nichts Verdächtiges rege; da war aber Alles still und ruhig, so still, daß er aus einem Zimmer an der Treppe die schweren Athemzüge eines fest Schlafenden vernahm und hörte, wie im untern Stock ein kleines Kind leise hustete. Jetzt hatte er die Thür der Kiliane erreicht. Dieselbe war unverschlossen – er trat hinein und sah bei dem Sternenlicht, wie im zweiten Zimmer die alte Person ruhig auf ihrer Matratze am Boden ausgestreckt lag und schlief, und schauderte einen Augenblick, denn die Schlafende auf der Matratze mit der rothen Einfassung sah in dem dämmerigen Licht gerade so aus, als läge die Person in ihrem Blute schwimmend auf der Erde. Dem Gauner pochte das Herz heftig in der Brust, und seine gierig umherschweifenden Augen entdeckten zu seiner größten Freude das rothcarirte Sacktuch mit dem Gelde vor dem Lager der Kiliane auf einem Stuhle liegen, daneben ein Gebetbuch und eine ausgelöschte Kerze. Er drückte sein Messer fest in die Hand zurück und schlich dem Lager näher. Ihm klapperten fast die Zähne im Munde, als er bei sich selbst sprach: »wenn die alte achtzigjährige Person dort auf der Matratze jetzt aufwachte und dich mit weit aufgerissenen Augen anstierte, so müßtest du doch vielleicht dein Messer gebrauchen!« Glücklicherweise aber schlief die Kiliane ruhig fort, der Dieb nahm ungehindert das Geld von dem Stuhle weg und schlüpfte zurück ins Vorzimmer; dort schaute und tappte er umher, und sah in der halb geöffneten Commode neben andern Dingen, die ihm vollkommen werthlos schienen, ein kleines Packetchen liegen, das er durch einen raschen Griff zu sich brachte, weil es ihm etwas Nützliches zu enthalten schien, und nun entfernte er sich eilig. Ihm war außerordentlich wohl zu Muthe, als er so mit den zweihundert Gulden in der Tasche die Treppen hinabschlüpfte in den zweiten Stock, und dann in den ersten, und als er nur noch wenige Schritte bis zur Gallerie, bis zur Sicherheit hatte. Da blieb er plötzlich horchend stehen, denn es war ihm, als höre er in dem stillen Hause auf einmal leise schlurfende Tritte, die sich einer der Zimmerthüren näherten, welche auf den Gang hinaus gingen. Ihm stockte das Blut in den Adern, er stand regungslos da, nur seine Augen eilten umher, um einen Versteck zu suchen, wo er sich Verbergen könne. Da war aber nichts wie die platten Wände; hinab in den Parterrestock durfte er sich nicht wagen, er hatte da keinen Ausgang und man konnte ihm oben an der Treppe den Rückzug zur Gallerte abschneiden. – Entsetzlich! Jetzt waren die Tritte an der Thüre, jetzt wurde die Klinke des Schlosses aufgedrückt, und der Gauner hatte kaum die Zeit, sein Messer zu ziehen und eine Stellung anzunehmen, die es ihm leicht machte, sich augenblicklich auf den, der heraus trat, stürzen zu können. Obgleich das Aufklinken des Schlosses keine Sekunde dauerte, so däuchte es dem jungen Menschen doch eine lange Zeit, und wenn er auch schon viel gestohlen und betrogen hatte, so klebte doch noch kein Blut an seinen Fingern, und es war der Augenblick gekommen, wo er sich sagen mußte, er sei vielleicht in der nächsten Sekunde ein Mörder! – Jetzt öffnete sich die Thüre und es trat ein alter Mann heraus in einem großblumigen Schlafrock, die Nachtmütze auf dem Kopfe, ein Licht in der Hand. Das Entsetzen, als dieser vor sich eine Gestalt erblickte, die mit aufgehobenem Messer dastand, lähmte seine Zunge und er blieb unbeweglich stehen. So standen Beide vielleicht eine Sekunde einander gegenüber, und der Dieb, der wohl wußte, daß, wenn er seine Stellung nur im mindesten ändere, der Andere einen furchtbaren Schrei ausstoßen würde, sagte mit leiser Stimme, ohne die Lippen zu bewegen und ohne seinen Blick von dem Auge desselben wegzuwenden: »Herr, gehen Sie in Ihr Zimmer zurück, oder Sie sind des Todes!« Mechanisch folgte der alte Mann diesem Befehle, zog sich rückwärts in das Zimmer zurück, und der junge Mensch auf dem Gange hatte die Geistesgegenwart, den Schlüssel der Thüre augenblicklich umzudrehen; im gleichen Moment wurde von innen der Riegel vorgeschoben; doch kaum hatte der draußen die Thüre zur Gallerie erreicht, als er hörte, wie der alte Mann im Zimmer das Fenster nach der Straße zu aufriß und nach den Nachtwächtern und Patrouillen schrie: »Mörder! Räuber! Feuer!« Der Gauner zog die Thüre fest hinter sich zu und blieb wartend stehen, während er fein und scharf nach dem Hintergebäude hinüberpfiff. Augenblicklich gab der Strick drüben nach und fiel in den Hof, der junge Mensch schwang sich über das Geländer der Gallerie und rutschte an dem andern Ende des Strickes, den er mit den Händen festhielt, ebenfalls hinab; dann zog er ihn aus dem Haken heraus, warf ihn über die Schulter, verschwand durch den Holzschuppen und zog die Thüre desselben, welche in die engen Gäßchen führte, hinter sich zu. In dem eben noch so stillen Hause wurde jetzt auf das Geschrei des alten Mannes ein furchtbarer Lärmen wach; die Nebenwohnenden, als sie »Mörder« und »Räuber« rufen hörten, schrieen unter ihren Decken ebenfalls hervor, und Jeder glaubte schon, in irgend einem Fenstervorhang oder einem Handtuch einen Kerl zu erblicken, der ihm nach Geld und Leben trachte; Kinder schrieen, Weiber kreischten, und die alte Kiliane, die geträumt hatte, es schleiche Jemand in ihr Zimmer, wurde durch den Spektakel erweckt, rieb sich die Augen, machte Licht und sah beim Scheine desselben zu ihrem größten Entsetzen, daß die zweihundert Gulden von ihrem Stuhle verschwunden waren. Man kann sich denken, wie schnell sie ihr Kleid überwarf und mit Zetergeschrei hinabeilte, um drunten den erwachten Hausgenossen zu verkünden, daß sie bestohlen worden sei. Der Lärm pflanzte sich von dem Haus auf die Straße fort, ein herbeigeeilter Nachtwächter ließ sein Pfeifchen ertönen, alsbald schritt eine Patrouille heran und einige Polizeisoldaten, unter ihnen der unermüdliche Steinmann, welcher immer der Erste war, wo es galt, für die Ruhe und das Eigenthum der Bürger einzustehen. Vorsichtig wurde die Hausthür geöffnet, der Steinmann mit ein paar Soldaten von der Patrouille hereingelassen, und der alte Mann erzählte von dem Mörder, der mit gezücktem Messer vor ihm gestanden, und die Kiliane berichtete jammernd, daß man ihr zweihundert Gulden baares Geld gestohlen. »Zweihundert Gulden baares Geld?« sagte der Steinmann entsetzt und schlug die Hände zusammen; »und aus Ihrem Zimmer?« »Ja!« jammerte die Kiliane, »zweihundert Gulden in lauter Guldenstücken, die ich gestern mit nach Hause gebracht– es ist ganz entsetzlich!« Und der ganze Chor von alten und jungen Weibern, von alten und jungen Männern, in den phantastischsten Costümen jammerte nach: »es ist ganz entsetzlich!« Der Steinmann und die Soldaten gingen in den ersten Stock hinauf, und Ersterer ließ sich zeigen, wo der Mörder mit dem Messer gestanden; dann untersuchte er den Platz ringsum, ging an die Thüre zur Gallerie und sagte, während er that, als schiebe er den Riegel der Thüre jetzt erst zurück: »wenn der Dieb entkommen ist, so ist er wahrscheinlich hier heraus geflüchtet.« »Unmöglich!« meinte der alte Herr, »auf die morsche Gallerie kann sich keine Katze wagen, und dann meine ich auch, ich hätte ihn die Treppen hinab in den untern Stock springen hören.« »In den untern Stock?« kreischten mehrere Weiber, die da wohnten, und der würdige Stadtsoldat Steinmann hatte sein ganzes Ansehen nothwendig, um das Geschrei endigen zu machen und die Ruhe wieder herzustellen. »Wir müssen unbedingt eine Haussuchung halten,« sagte er und ordnete dazu das Nöthige an. Die Männer des Hauses schloßen sich den Soldaten und dem Steinmann an, es wurden Laternen gebracht, und man fing zuerst auf dem Boden des Hauses an, emsig zu suchen, um, wie der Steinmann wohl wußte, nichts zu finden; ebenso in den Zimmern der Kiliane und in den andern des dritten Stocks, dann im zweiten Stock, im ersten, im Parterre und zuletzt in dem Keller – nirgends fand sich eine Spur von Räubern und Mördern! Der Steinmann war äußerst ergrimmt und fluchte bedeutend über die Frechheit und Verwegenheit der Diebe; er ging in den Hof hinaus, untersuchte den Holzschuppen unter den Zimmern der Madame Müller, fand aber natürlicher Weise nichts und sah, daß die Hinterthüre fest verschlossen und sogar von innen verriegelt war. »Es hilft nichts,« sagte der Steinmann, »wir müssen auch die Zimmer da droben im Hinterhause untersuchen, meine Herren, wenn Sie hier unten warten wollen, ich will mit den Soldaten hinauf gehen und mich droben umsehen.« Mit zitternder Hand zog er an der Klingel, die zur Wohnung der Madame Müller gehörte, und erst, als er sah, daß man droben Feuer schlug, stieg er mit den beiden Soldaten hinauf. Im tiefsten Negligé wurden sie droben von der Bewohnerin empfangen, welche sich schreiend zurückzog, als sie den Steinmann von der Polizei und ein paar Soldaten erblickte und erst nach längerem Parlamentiren dem Ersteren den Eintritt in's Zimmer gewährte; die Soldaten mußten auf der Treppe bleiben. »Alles in Ordnung?« grinste der Steinmann, als die Thüre hinter ihm in's Schloß fiel, und setzte lauernd hinzu: »Ist die Anna im Bette?« »Versteht sich von selbst!« sagte die Frau; »das arme Kind ist so erschrocken!« »Schön,« entgegnete der Stadtsoldat und ein Lächeln flog über sein Gesicht; »ich muß auch in ihrem Zimmer untersuchen, ob sich Niemand dort versteckt hat.« »Aber, Herr Steinmann,« sagte die Alte und that sehr erschreckt, »die Anna ist in ihrem Bette!« »Desto besser!« lachte der Andere, heute komme ich im Dienste! und wenn sie sich an meinen Anblick in ihrem Schlafzimmer gewöhnt hat,« grinste er lustig und setzte mit einem finsteren und bösen Blicke hinzu: »so wird sie auch ein anderes Mal nicht mehr so viele Schwierigkeiten machen. Schließt nur immerhin die Thüre auf, es ist nicht anders.« Die Frau ging an die Thüre ihrer Tochter, klopfte leise an und sagte: »Anna, bist du wach?« »Was wollt Ihr von mir? Was soll es, Mutter?« erschallte die Stimme des Mädchens zurück. »Erschrick' nicht,« suhl die Mutter fort, »in dem vorderen Hause hat man eingebrochen und nun ist Jemand von der Polizei da und muß auch in deinem Zimmer, wie in jedem andern nachsehen, ob sich vielleicht Jemand hier versteckt hat.« »Bei mir ist Niemand versteckt!« sagte grollend das Mädchen, »das muß ich am Besten wissen!« »Aber wir müssen uns davon überzeugen,« entgegnete der Steinmann und sein Auge funkelte, während er in das Schlafzimmer des Mädchens trat. Da lag sie oder saß Vielmehr auf ihrem ärmlichen Bette, das Mädchen, welches mit ihrem stolzen Blick und herrischen Wesen so gar nicht in diese Armseligkeit paßte; die blonden, reichen Haare hingen aufgelöst um ihren Kopf und fielen über ihr erhitztes Gesicht, erhitzt von Zorn und – Scham; von Scham, daß sie gezwungen war, sich vor dem Menschen, den sie vor allen anderen grimmig haßte, so wie sie war, zeigen zu müssen. Ihr dunkelblaues Auge blitzte, während sie die schlechte geflickte Decke ihres Bettes so hoch als möglich empor zog und während sie heftig sagte: »und das könnt Ihr leiden, Mutter, daß Der in mein Schlafzimmer kommt?« Die Frau zuckte mit den Achseln und der Steinmann sagte entschuldigend: »es ist nicht anders, ich muß meine Pflicht thun.« Das Mädchen drehte ihr Gesicht nach der Wand und gab keine Antwort auf die Frage des Stadtsoldaten, ob sie nichts Verdächtiges gehört oder gesehen, worauf die beiden Eingetretenen das Gemach wieder verließen und der Steinmann die Thüre sorgfältig hinter sich zuzog. Als sie im vorderen Zimmer allein waren, sagte er mit leiser, gepreßter Stimme, während er mit flammendem Auge rückwärts nach der Thüre sah: »'s bleibt dabei, Frau Müller, ich habe die Geschichte jetzt satt und will ernten, wo ich so viel gesäet! Sowie davorn im Hause Alles ruhig ist, komme ich wieder; laßt mir die Thüre offen.« Die Frau preßte ihre Hände in sichtlicher Angst zusammen und sagte: »Aber, Herr Steinmann, das geht wahrhaftig nicht, es ist rein unmöglich.« »Was unmöglich?« entgegnete er, und ein böser Blick blitzte aus seinem Auge; »ich werde das Unmögliche schon möglich machen, dafür laßt mich sorgen! Habt Ihr mir nicht schon seit längerer Zeit alle Versprechungen gemacht? warum thut Ihr nicht das Eurige und sorgt nicht, daß Ihr das, was Ihr versprochen, auch halten könnt? Mir ist alles das gleich, jetzt muß ich hinunter, aber sorgt nur dafür, daß ich eine offene Thüre finde.« Die Frau stieß statt aller Antwort einen tiefen Seufzer aus, und der Steinmann ging mit den beiden Soldaten wieder die Treppe hinab und verkündigte den unten Harrenden, daß er auch dort oben nichts gefunden. Es herrschte unter den Einwohnern des Vordergebäudes ein wirres Durcheinandersprechen, ein Beratschlagen über ähnliche Fälle, wenn sie wieder vorkämen, und es wurden Vermuthungen aller Art Preis gegeben über den frechen Dieb und ob er entkommen sei oder trotz des Nachsuchens sich noch irgendwo im Hause versteckt befinde. Die Mehrzahl des weiblichen Theils neigte sich letzterer Ansicht zu und drang mit Bitten in die Männer, doch ja für die heutige Nacht eine Wache zu bestellen, wozu sich auch die Männer bereit erklärten und den Stadtsoldaten Steinmann unter dem Versprechen einer anständigen Belohnung ebenfalls ersuchten, von der Parthie zu sein. Letzterem schien die Idee des Wachehaltens nicht ganz unerwünscht zu kommen und er stimmte bei und setzte hinzu: »wenn der Kerl irgendwo im Hause noch versteckt ist, so kann er seinen Weg nur hinten hinaus nehmen, weßhalb es, glaube ich, das Beste ist, wenn ich da oben die Bewohner des Hinterhauses ersuche, mir bis zum Morgen einen Platz in ihrem Zimmer zu bewilligen.« Gegen diesen Vorschlag aber erklärten sich Viele, namentlich der alte Herr, der vorhin in Lebensgefahr geschwebt hatte; er schwor mehrere Eide, es sei viel zweckmäßiger, das Vorderhaus zu bewachen und allenfalls eine Patrouille in den Hof gehen zu lassen, als das Hinterhaus polizeilich zu besetzen; er sei zu sehr alterirt und müsse eingestehen, daß er heute Nacht nicht im Stande sei, allein in seinem Zimmer auszuhalten; auch sei es, da der Mordversuch vor seinem Zimmer stattgefunden, das Allerbeste, wenn sich der Steinmann dorthin postire. Er nahm den Stadtsoldaten bei diesen Worten am Arm, versprach ihm, Gesellschaft zu leisten, und setzte leise hinzu: für einen guten kalten Punsch werde er schon sorgen. Da die ganze Hausbewohnerschaft für die Idee des alten Herrn sich aussprach, dieser auch für alle Fälle erklärte, er gehe heute Nacht unbedingt nur dahin, wo der Steinmann hingehe, und sei es selbst auf die Polizei, so sah sich der Stadtsoldat genöthigt, nachzugeben, und that dies äußerlich mit vielem Anstande und gutem Willen, innerlich aber voll Zorn und Bosheit. Nun wurde das Haus mit sämmtlichen in demselben wohnenden Männern und Knaben über zwölf Jahre militärisch besetzt, um den versteckten Spitzbuben einzufangen. Im Hofe ging eine beständige Patrouille von Vieren, bewaffnet mit Musketen und rostigen Säbeln; an der Kellertreppe und an der Hausthüre standen wenigstens ebenso viele, auf den Treppen saßen die beherztesten der Weiber und Mädchen, um im Nothfalle Alarmzeichen zu geben, und vor seinem Zimmer auf dem ersten Stocke befand sich der alte Herr mit dem Steinmann bei einem Glase kalten Punsches, und letzterer schielte mit seinem einen Auge beständig nach der Thüre, die zur Gallerie führte, und überlegte, ob es denn wirklich so halsbrechend sei, auf dem alten Gerüst in's Hinterhaus zu gehen, in dem Falle nämlich, daß der alte Herr und die übrige Einwohnerschaft des Wachens noch vor Tagesanbruch müde würden und ihre Betten aufsuchten. In dem Hinterhause hatten die beiden Bewohner die Ruhe auch nicht wieder gefunden, welche durch den Eintritt des Steinmann gestört und unterbrochen worden war. Die Frau saß am Ofen, gedachte des Gesprächs mit dem Stadtsoldaten, lauschte erschreckt auf jedes Geräusch draußen und marterte ihr Gehirn ab, um einen Gedanken zu finden, auf welche Art es möglich sei, den pfiffigen und gewaltthätigen Steinmann zu überlisten. Dabei warf die Frau von Zeit zu Zeit einen schüchternen Blick auf ihre Tochter, welche auf der anderen Seite des Ofens saß, bald den Kopf in die Hände legte und in tiefes Hinbrüten versank, bald wieder ebenso wie die Mutter auf jedes Geräusch drunten lauschte, aber nicht verzagt und ängstlich, wie diese, sondern wild und herausfordernd, als erwarte sie mit Vergnügen einen heftigen Kampf, der ihr bevorstehe. Das Geräusch unten, welches die Beiden hie und da verschiedenartig aufregte, kam von der Patrouille im Hofe, und jedesmal, wenn sich die Schritte dem Holzschuppen näherten, richtete sich das Mädchen in die Höhe, schüttelte die blonden Locken aus dem Gesicht, ihre Augen blitzten und unter den trotzig aufgeworfenen Lippen glänzten jedesmal die großen, schneeweißen Zähne. Die Mutter seufzte mehrere Mal tief auf, als wolle sie die Aufmerksamkeit ihrer Tochter auf sich lenken, und stieß endlich einen wirklichen Seufzer aus, als ihr das nicht gelang und das Mädchen sie in ihren tiefen Gedanken nicht beachtete. »Wenn die Nacht endlich vorüber ist,« sagte nach einer längeren Pause die Mutter und schauerte vor Frost und Erwartung, »so will ich zufrieden sein.« »Und was habt Ihr dadurch gewonnen?« sagte das Mädchen rasch auffahrend; »dann kommt der Tag und wieder eine Nacht ähnlich der heutigen; – o, wir sind recht unglücklich!« »Ja, ja!« seufzte die Mutter, »wir sind freilich recht unglücklich, und du vermehrst meinen Kummer durch deinen Trotz und deine Unbeugsamkeit.« »Durch meinen Trotz und meine Unbeugsamkeit?« sagte das Mädchen krampfhaft lachend; »bin ich gegen Euch trotzig gewesen? habt Ihr mich nicht unter Euren Willen gebeugt, tief gebeugt, entsetzlich tief gebeugt?! und als ich Euren Willen that und mich herabbeugen ließ – o, so tief! – habt Ihr mir nicht das Versprechen gegeben, daß jener schändliche, schlechte Kerl mir nie zu nah' kommen dürft? habt Ihr das nicht gethan?« »Allerdings!« sagte die Frau seufzend; »aber was thut die Armuth nicht? habe ich unser Verhältniß anders machen können, habe ich nicht seine Hülfe annehmen müssen?« »Nein, bei Gott!« rief das Mädchen, »das hättet Ihr nicht gebraucht, das hättet Ihr nie nöthig gehabt, wenn Ihr anders hättet handeln wollen! Warum haben wir bisher nicht gearbeitet? warum habt Ihr mich nichts lernen lassen – als mich anziehen und Guitarre spielen?« setzte sie schrecklich lachend hinzu; »warum nicht? – ich will es Euch sagen,« fuhr sie flüsternd fort: »weil Ihr nicht arbeiten wollt und weil Ihr gesehen, wie ich trotz Elend und Kummer gesund und kräftig heranwuchs, wie ich – ja, ich kann es Euch sagen – ein schönes Mädchen wurde.« Die Mutter barg das Gesicht in ihre Hände und das Mädchen fuhr fort: »Geschehene Dinge, Mutter, sind nicht wohl zu ändern; ich will Euch auch nicht fluchen, denn wenn mein Mund gegen Euch harte, zornige Worte sprechen will, so dränge ich sie gewaltsam zurück; denn, Mutter, wenn ich einmal anfangen wollte, Euch zu sagen, wie es mir hier in meinem Herzen zu Muthe ist, dann solltet Ihr entsetzliche Sachen hören! – Wie gesagt, vergangen ist vergangen; ich blicke nur selten rückwärts und möchte gern vorwärts sehen, aber ich kann nicht, bei Gott! ich kann nicht; nur das möchte ich Euch tausend Mal wiederholen: schützt mich vor jenem Menschen, oder es gibt ein furchtbares Unglück!« »Ich muß deine Worte ertragen,« entgegnete leise die Frau, »obgleich sie nicht ganz gerecht sind; was hätte ich bei unserer Armuth thun sollen, nachdem dein unglückseliger Vater gestorben?« »Arbeiten. Mutter!« »Womit hätte ich dich erziehen sollen?« fuhr die Frau fort, ohne jene Antwort zu beachten; »mußte ich nicht alle Mittel ergreifen, um Geld zu verdienen, um –« »Mich erziehen zu lassen!« lachte das Mädchen. – »Eine vortreffliche Erziehung, die Ihr mir gegeben! Ja, Ihr habt mich erzogen, daß sich Gott erbarm! zu einer ...« Statt dieses entsetzliche Wort auszusprechen, schlug sie sich selbst mit ihren Händen wie wahnsinnig in's Gesicht. Es entstand eine längere Pause, dann fuhr das Mädchen, das mühsam mit sich gekämpft, fort zu sprechen: »als der Vater noch lebte, Mutter, da war es schlimm und doch golden gegen jetzt. Wohl erinnere ich mich aus meiner Kindheit einer glücklicheren Zeit, aber sie liegt so fern und war so kurz, daß ich oft glaube, ich habe sie nur geträumt. Dann, Mutter, kam das Unglück in unser Haus, und damals wußte ich nur – so sagtet Ihr mir freilich, wenn Ihr mir des Morgens statt des Frühstücks ein Stück Schwarzbrod gabt, dann sagtet Ihr: Sieh', Kind, an all' unserem Unglück ist dein Vater schuld! Und wenn ich fragte: wie, Mutter? dann gabt Ihr mir zur Antwort: das Geld, von dem wir einen ganzen Tag leben könnten, »ertrinkt dein Vater Abends im Wirthshause; und das war die Wahrheit, denn so jung ich war, so bemerkte ich doch, wie der Vater Abends berauscht nach Hause kam, und zitterte, wenn er kam, Euch schlug und mich, ein kleines, armes, unschuldiges Kind, mit den Füßen von sich stieß; denn er sagte – was sagte er doch, daß ich sei? – wißt Ihr's noch? ich habe es nicht vergessen – ich sei ein Bastard, sagte er, ein Kukuksei! – o Mutter! von da an, obgleich ich nicht wußte, was er damit meinte, hatte ich sogar an dem grünen Walde keine Freude mehr, wie die übrigen Kinder, und wenn der Kukuk schrie, so dachte ich an die Schläge zu Haus und schauderte.« Die Frau saß da, ohne eine Sylbe zu antworten, ohne einen Blick auf die Tochter zu werfen, den Kopf in die Hände vergraben und seufzte und stöhnte nur zuweilen tief auf. »Ich habe Euch das noch nie gesagt, Mutter,« fuhr das Mädchen fort, »und ich thue es auch nur wegen der heutigen Nacht und wegen der Zukunft; aber Ihr sollt Alles hören! Freilich mißhandelte uns der Vater, Euch und mich, freilich wurden wir eine Bettler-Familie, freilich suchte und fand er seinen Tod in dem Flusse, aber wer, Frau, hat ihn dazu gebracht? – ich will es Euch sagen – Ihr selbst!« Bei diesen Worten fuhr die Frau gewaltsam in die Höhe und starrte ihre Tochter mit einem schrecklichen Blicke an; das Mädchen aber erhob sich ruhig und gab der Mutter Blick um Blick zurück. »Wer hat dir das gesagt?« brachte die Frau endlich mühsam hervor, »wer hat dir das gesagt?« »Ist es vielleicht nicht wahr?« entgegnete ruhig das Mädchen, »bin ich vielleicht kein Bastard – was?« Die Frau fiel auf ihren Stuhl zurück, ohne eine Antwort zu geben, und die Tochter fuhr fort: »Wie gesagt, das ist Alles vorbei, und alle Klagen, alle Verwünschungen bessern uns beide nicht; doch, Mutter, ich beschwöre Euch, laßt uns ein anderes Leben anfangen! Ich bin ja jung und stark, ich kann und will arbeiten, laßt uns die Stadt verlassen, laßt uns im Lande herum betteln gehen – das ist ja für mich doch nichts Neues! – bis wir einen ehrlichen Erwerbszweig gefunden haben.« Nach dieser Rede zum ersten Mal schaute die Mutter ihre Tochter mit einem Blicke an, in welchem sich einige Hoffnung malte, und während sie sich scheu rings umsah, sagte sie hastig, aber mit leiser Stimme: »ja, wir wollen, mein Kind! mein armes, unglückliches Mädchen! – und zahlreiche Thränen entströmten ihren Augen – ja, wir wollen fort von hier, komm! – jetzt gleich! noch heute Nacht!« »Heute Nacht? jetzt gleich?« entgegnete das Mädchen und eine tiefe Röthe flammte in ihrem Gesicht auf. »Heute Nacht wird's nicht gut gehen, auch ist ja die Nacht bald vorüber, aber Morgen Nacht, dann sicher, Mutter! – Nicht wahr, Ihr versprecht mir das?« »Ja, wenn du willst, mein Kind,« sagte die Frau sichtlich erleichtert; »aber der Steinmann? – Wenn der Steinmann kommt?« »Den laßt nur kommen, Mutter,« entgegnete das Mädchen und richtete sich hoch empor, »den laßt kommen, mit dem werde ich fertig, wenn Ihr, Mutter, ihn nicht unterstützt.« So endigte das Gespräch zwischen Mutter und Tochter, und es war der Frau in diesem Augenblicke mit der projektirten Flucht vollkommen Ernst, und während das Mädchen durch den heranbrechenden Morgen ermuthigt, in ihr Bett zurückging, suchte die Mutter allerlei Kleidungsstücke und andere Sachen in den Schubladen und Schränken zusammen, machte ein Paket daraus und verbarg es in dem geheimen Fache des Wandschrankes. Drüben in dem Vorderhause saßen der alte Herr und der Steinmann noch immer vor dem Zimmer des Ersteren und Beide rauchten fleißig Cigarren und tranken fleißig kalten Punsch dazu. Der Steinmann bemerkte ebenfalls den Morgen, der heraufdämmerte, und wenn er auch sehnsüchtig nach dem Hinterhause hinüberblickte, so tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß er am heutigen Tage einiges Geld einzunehmen habe, und daß nach demselben eine andere und bessere Nacht folgen werde. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Anna. Man kann sich leicht denken, daß die plötzliche Abreise des Barons Karl noch zu weit mehr Gerede und Vermuthungen Anlaß gab, als seine Ungnade bei Hofe. Die, welche den Grund derselben wußten, bedauerten ihn von Herzen, und wenn auch Keiner den Muth hatte, die allgewaltige Hofdame direkt ihr Unrecht einigermaßen fühlen zu lassen, so konnten doch Manche nicht umhin, ihre indirekten Bemerkungen so laut und deutlich zu machen, daß sie der Frau von C. zu Ohren kommen mußten und ihr nothwendig sagten, wie man in der Gesellschaft über sie dachte. Von dem Hoffräulein hatte Niemand mit ihr gesprochen, seit sie in den ersten Tagen nach deren Abreise auf dergleichen Fragen die kurze Antwort gab: sie sei zu Verwandten gereist. In der Gunst der alten und der jungen Herzogin stand die Hofdame fester als je. Da sie es nicht Verschmähte, hie und da eine Andere ihre Macht fühlen zu lassen, so war sie wohl gefürchtet, aber nicht gesucht, und man fing schon an, in den Cirkeln einer gesellschaftlichen Opposition den Baron Karl, er mochte nun begangen haben, was er wolle, in Schutz zu nehmen, und begann über den Abwesenden nur Gutes zu reden. Eigentlich wäre es auch schwer gewesen, ihm etwas Böses, etwas Unrechtes oder nur Unliebenswürdiges nachzusagen: er war ein vollendeter Gesellschafter, ein excellenter Tänzer, stets gefällig und liebenswürdig, sowie aufopfernd bis zum Exceß für seine Freunde und Bekannten. Die Schaar der letzteren – eigentliche Freunde hatte er, wie jeder vernünftige Mensch, wenige – fühlten auch seine Abwesenheit recht schwer. Das kleine Haus vor der Stadt war und blieb verschlossen; aus dem Schornstein der Küche schlängelte sich kein Rauch mehr empor, und im Innern ward kein Diner mehr servirt, keine Spieltische aufgestellt; die nächsten Bekannten empfanden dies um so schmerzlicher, und unter diesen am allerschmerzlichsten der Graf Alfons, welcher, ohne sich durch großen Verstand oder sonst etwas auszuzeichnen, mit dem Baron sehr liirt war, weil er, wie man im gewöhnlichen Leben sagt, ein guter Kerl war. Der Graf hatte soeben einen Spazierritt beendigt, er hatte eine Promenade um die Stadt herum gemacht und ließ seinem großen englischen Pferde den Zügel, als er jetzt bei dem kleinen Hause seines Freundes vorbeikam, und stemmte den Arm in die Seite, um mit mehr Muße, und, wie er sich selbst glauben machte, gedankenvoll nach dem Fenster hinaufzuschauen. Da war aber Alles öde und leer und nichts Lebendiges zu sehen und zu hören als der große Hofhund, der seinen Kopf auf die Vordertatzen gelegt hatte und leise heulte, als er einen eleganten Reiter vorbeikommen sah, der nicht sein Herr war. Nachdem sich der Graf einige Sekunden lang mit dem Gedanken gequält, wo der verfluchte Kerl wohl sein könne, ob er das Mädchen gefunden habe oder finden werde, nahm er die Zügel wieder in die Hand und verfolgte in schnellerer Gangart den Weg nach seinem Hause zu. In einer der Hauptstraßen bemerkte er den Wagen seiner Schwester Clara und sah sie selbst aussteigen und die hohe Treppe eines Hauses hinangehen, und da sie oben auf dem Ruheplatz vor der Thür angekommen mit ihm zu Pferde nun in gleicher Höhe sich befand, so ritt er näher, um ein paar Worte mit der Schwester zu wechseln. »Wie geht's bei dir zu Hause?« fragte der Bruder; »was macht dein Mann, hat er ausgeschlafen? Tröste ihn nur über seinen Verlust im Whist gestern Abend; ich habe ihn in der Tasche und sein Gold ist somit in der Familie geblieben.« »Nichts Neues?« fragte die Gräfin, die das Gespräch über die Whistparthie vollständig überhörte. »Gar nichts, mein Kind; wie kannst du auch von mir Neuigkeiten verlangen? Du, die immer an der Quelle des Neuen, des Schönen und alles Heiles sitzt, zu den Füßen deiner angebeteten Adelaide?« Die Gräfin machte ein verdrießliches Gesicht und sprach: »lasse doch deine ewigen ungenießbaren Spässe, sage mir lieber, ob du von dem Baron Karl etwas weißt.« »Und wenn ich etwas wüßte, mein Kind?« fragte lachend der Graf. »So wäre ich begierig darauf, es zu hören,« entgegnete die Schwester. »Nun, so viel kann ich dir schon anvertrauen,« antwortete der Graf, »daß man wohl annehmen kann, daß er dem Aufenthaltsort des Fräuleins auf der Spur ist.« »Und wenn er sie findet,« sagte die Gräfin mit hoher Miene und kaltem Tone, »so wird es ihm doch nichts nützen, ehe er nicht zurückkommt und die Verzeihung der Frau von C. erfleht; sie allein hat das Schicksal Paulinen's zu bestimmen und wird zu solch' einer improvisirten Heirath, wie sie der Baron vor hat, nimmermehr ihre Einwilligung geben.« »Das mag sie halten wie sie will,« antwortete der Graf achselzuckend, »aber in dem Falle heirathen wir ohne Einwilligung.« »Das wollen wir sehen!« entgegnete die Schwester und winkte zum Abschiede leicht mit dem Kopfe, worauf der Bruder seinen Hut lüftete und nach Hause ritt, während er zwischen den Zähnen summte: »Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Adelaide.« An dem Thorweg seines Hauses angekommen, wurde ihm derselbe von einem Stallbuben geöffnet; – er stieg gemächlich von seinem Pferde herunter und ging in seine Zimmer, welche sich im Parterrestock des großen Hauses befanden und mit dem größten Theil ihrer Fenster auf einen großen und zierlich angelegten Garten gingen. Der Graf Alfons war ein Blumenfreund, er hatte zur ersten Zeit des Frühjahrs die schönsten Camelien und pflegte sie mit eigener Hand. Während der Kammerdiener einen schweren Vorhang emporhob, unter welchem er in ein kleines Vorzimmer und dann in seine Garderobe kam, die an's Schlafzimmer stieß, flüsterte ihm der Diener leise zu: im Salon befinde sich eine Dame, die schon seit länger als einer Viertelstunde auf den Herrn Grafen warte. »Wer ist's, Friedrich, eine meiner Bekannten? Kennst du sie?« »Der Herr Graf werden entschuldigen, aber ich habe sie, glaube ich, noch nicht gesehen; sie ist groß, scheint ziemlich schlank, aber dicht verschleiert.« »Sie kam zu Fuß?« »Nein, Herr Graf, in einer Droschke, die unten wartet.« Der Graf gab Hut, Reitpeitsche und Handschuhe in die Hände des Kammerdieners, fuhr mit der Hand leicht über das Haar, als er an einem kleinen Spiegel vorbeikam, drehte seinen schwarzen Schnurrbart aufwärts und trat in seinen Salon, sehr gespannt, wer die Dame wohl sein möge. Da saß dieselbe in einem kleinen Fauteuil in sehr eleganter Morgentoilette, ein grauseidenes Kleid, blauer Atlashut, in einen großen Shawl gewickelt; sie hatte ihren Schleier zurückgeschlagen, doch konnte der Graf im Augenblicke des Eintretens ihr Gesicht nicht sehen, da sie angelegentlichst den Blumentisch voll prachtvoller Camelien, der etwas seitwärts stand, zu betrachten schien. Bei dem Geräusche aber, das der Eintritt des Grafen verursachte, wandte sie ihren Kopf herum und Jener blieb erstaunt in der Mitte des Salons stehen, mit dem überraschten und freudigen Ausrufe: »Anna! – Anna, sind Sie es wirklich? Sehe ich Sie endlich einmal wieder, Sie böses Mädchen? Schöne blonde Fee, die plötzlich erschien, um spurlos wieder zu verschwinden!« »Ich bin es selbst, Herr Graf,« entgegnete das Mädchen mit ruhiger Stimme und heftete die großen dunkelblauen Augen fest auf ihn; »ich muß gestehen, ich bin mir einer Schuld gegen Sie bewußt.« »Einer großen, Anna, einer sehr großen! Sie hatten mir versprochen« – er wollte eigentlich sagen: »du hattest mir versprochen, aber das Mädchen imponirte ihn – »Sie hatten mir versprochen, ich dürfte Sie wieder sehen und haben Ihr Versprechen nicht gut gehalten! wie gesagt, Sie waren spurlos verschwunden – o Gott, Anna! wenn Sie wüßten, wie sehr ich nach Ihnen geforscht, wie ich die ganze Stadt nach Ihnen durchsucht! Nein, Sie haben mich unverantwortlich behandelt!« – Der Graf lehnte sich bei diesen Worten an den Fenstervorhang und versank in stille Bewunderung beim Anblick dieser reizenden Gestalt und dieses edlen, schönen Gesichts mit den seelenvollen Augen. »Aber sagen Sie mir,« fuhr er nach einer Pause fort, »wo waren Sie in all' der Zeit? ich glaube, es ist ein halbes Jahr. Hatten Sie die Stadt verlassen? – hatten Sie? – haben Sie Freunde gefunden, Anna, die es redlicher und besser mit Ihnen meinen, als ich, daß Sie mich so ganz vergessen konnten?« Das Mädchen schüttelte den Kopf und sagte mit fester Stimme: »nein, Herr Graf, ich habe Sie nicht vergessen, ich habe Ihrer beständig freundlich gedacht.« »Nur freundlich, Anna?« Das Mädchen zuckte mit den Lippen und wollte sie trotzig aufwerfen, und man sah schon ihre schneeweißen Zähne hervorblitzen; doch fuhr ein schmerzliches Lächeln über ihre Züge, und sie sagte: »gewiß, Herr Graf, freundlich, recht freundlich; wie kann ich Ihrer anders gedenken?« »Mit Liebe, Anna, mit ein klein wenig Liebe,« versetzte der junge Mann und faßte ihre kleinen Hände, die sie ihm ruhig ließ. »Mit Liebe?« entgegnete das Mädchen, und ihre Zähne wurden abermals unter der Oberlippe sichtbar; – »mit Liebe? Ei, Herr Graf, die läßt sich nicht gebieten, die haben Sie auch nicht von mir verlangt.« – Diese Worte sagte sie in dem scharfen und schneidenden Tone, mit welchem sie in vergangener Nacht zu ihrer Mutter gesprochen. »Ei, ei, Anna!« sagte der Graf lachend, »Sie sind immer noch dieselbe Schwärmerin, eines der sonderbarsten und liebenswürdigsten Mädchen, die ich je gesehen. Aber jetzt Scherz bei Seite! ich freue mich wirklich ganz ungemein, Sie wieder zu sehen, und ich hoffe, Sie werden nicht wieder so spurlos verschwinden.« Die Züge des Mädchens hatten den früheren ruhigen und ernsten Ausdruck wieder angenommen; ja, sie blickte schmerzlich auf, und doch leuchtete ihr Auge im nächsten Augenblick freudig, als sie antwortete: »wer weiß, Herr Graf, vielleicht verschwinde ich noch spurloser, als bisher! das heißt, vielleicht, ja, wahrscheinlich werden Sie mich nie wieder sehen; und daß ich Ihnen das sage und daß ich Ihnen darauf mit einer großen Bitte lästig falle, soll Ihnen beweisen, wie gut ich von Ihnen denke, ja, wie sehr freundlich ich stets Ihrer gedacht.« »Schönste Anna,« sagte der junge Mann entzückt, »Sie haben eine Bitte? Sprechen Sie sie aus, und wenn es mir möglich ist sie zu erfüllen, so soll es gewiß geschehen! Wollen Sie ein reizendes Appartement, eine kleine niedliche Equipage? – befehlen Sie, ich will Alles thun, was Sie wünschen – ich bin so froh, Sie wieder zu sehen!« Das Mädchen schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »es wird mir schwer, meine Bitte auszusprechen, aber ich gebe Ihnen die heilige Versicherung, daß das, was ich von Ihnen wünsche, nicht für mich ist.« »Sprechen Sie, Anna,« entgegnete der Graf und küßte die Stelle ihrer Hand, die zwischen Handschuh und Kleid sichtbar war. »Wohlan,« sprach das Mädchen und zog ihre Hand zurück; »ich brauche fünfzig Louisd'or – – – – – nicht für mich, Herr Graf, bei Gottes Barmherzigkeit, auf die ich hoffe, auf die wir ja alle hoffen müssen, nicht für mich!« »Liebes Kind,« sagte der Graf lachend, »ob Sie die Kleinigkeit für sich brauchen, oder für Jemand anders, ist mir wahrhaftig gleichgültig; ich schätze mich nur glücklich, Ihnen diesen unbedeutenden Dienst leisten zu können.« – Damit eilte er in sein Schreibzimmer und holte eine kleine Rolle, die er in die Hand des Mädchens legte. »Gott lohn' es Ihnen!« versetzte sie, und zwei große Thränen zitterten in ihren Augen, – »Gott lohn' es Ihnen, Herr Graf, Sie haben vielleicht das Glück eines Menschen gemacht!« »Das soll mich freuen!« sagte der leichtsinnige, aber gute junge Mann; »wenn ich Ihnen nur einen frohen Augenblick gemacht habe, ist mir's genug. Aber Sie wollen mich schon verlassen?« setzte er hinzu, als er sah, wie sich Anna aus ihrem Fauteuil erhob und den Schleier über ihr Gesicht fallen ließ. »Wann werde ich Sie wiedersehen, Anna?« »Ich weiß es nicht, Herr Graf; Sie sehen, ich will ehrlich gegen Sie sein, ich weiß wahrhaftig nicht, wann ich Sie wieder sehen werde; aber bemerken Sie den heutigen Tag, Sie haben ein sehr gutes Werk gethan! Dieses Geld wird zu einem schönen und edlen Zwecke benützt.« »Und das ist Alles, was Sie mir heute sagen?« entgegnete der Graf und stützte sich auf den Fauteuil, den das Mädchen eben verlassen; »nicht einmal ein Versprechen geben Sie mir, wann ich Sie wieder sehen soll?« »Ich kann nicht,« sagte Anna und reichte ihm die Hand zum Abschiede; glauben Sie aber, wir sehen uns gewiß wieder. Nehmen Sie nochmals meinen herzlichsten und innigsten Dank für Ihre Güte – leben Sie wohl!« »Leben Sie wohl!« erwiderte der junge Mann und zog das nicht widerstrebende Mädchen leicht an sich, alsdann drückte er einen Kuß auf den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, und als er durch denselben ihre Thränen fühlte, geleitete er sie ehrfurchtsvoll bis an die Thür. Gleich darauf rollte unten ein Wagen fort, und der Graf, der an das Fenster getreten war, fuhr mit der Hand über das Gesicht und sagte zu sich selber: »dieses schöne Mädchen ist wahrhaftig eines der sonderbarsten Geschöpfe, die ich je kennen gelernt, und daß ich sie einstens kennen gelernt, ist für mich eine der seligsten Erinnerungen! – – – So gern ich aber auch ihre Bitte erfüllte, muß ich doch gestehen, daß fünfzig Louisd'or für einen Kuß auf einen Schleier, selbst wenn der Schleier ein so schönes Gesicht bedeckt, theuer genug bezahlt ist.« Die Droschke, worin das Mädchen saß, rollte durch die obere und untere Stadt, verließ den Bezirk der ehemaligen Stadtmauer und die eigentlichen Grenzen der jetzigen Stadt, und der Kutscher lenkte nach einer Vorstadt, wo kleine Häuser mitten in Gärten lagen, und worin der Wohlfeilheit der Miethpreise halber sich Offiziers-Wittwen, pensionirte Beamte, junge Kaufleute und Künstler aller Art zusammengefunden hatten. Ehe sie die Vorstadt erreichte, ließ das Mädchen den Wagen halten, stieg aus und ging, in ihren Shawl gewickelt, tief verschleiert weiter. Der Kutscher, der diese Fahrt schon öfters gemacht zu haben schien, wandte seinen Wagen um, stellte sich mit demselben hinter eine alte Gartenmauer, befestigte für sein Pferd einiges Heu auf der Spitze der Deichsel, und fiel alsdann auf seinem Bock in einen sanften Morgenschlummer. Das Mädchen schritt durch einige enge Straßen, wandte sich rechts, dann links und kam jetzt an ein großes Gartenthor, das sie öffnete und durch das sie eintrat. Dieser Garten schien von bedeutender Ausdehnung zu sein, war größtenteils zum Gemüsebau angelegt, auch sah man Frühbeete und Glashäuser, und einige hundert Schritte vom Eingang war eine Baumgruppe, zwischen welcher versteckt ein kleines Haus lag, heimlich und reizend im frischen jungen Grün, das eben aus den geschwellten Knospen hervorgebrochen war, umduftet von Tausenden von Veilchen, die an der Mauer und unter den Bäumen in großen Partieen wuchsen, und umspielt von einer großen Menge Singvögel, die an diesem schattigen, schönen Plätzchen ihre lustigen Morgenlieder erschallen ließen. Es lag etwas Geheimnißvolles und dabei Anmuthiges über dem kleinen Hause, das, nach der Höhe und Länge zu rechnen, nur zwei Zimmer haben konnte; von der Wand sah man fast gar nichts, denn sie war dicht mit Epheu bekleidet und die schlanken grünen Ranken umspannen bereits die Fenster und wiegten sich in diesem Augenblicke sehnsüchtig auf den vollen Tönen eines Fortepiano, die aus dem Zimmer erschallten. Das junge Mädchen blieb einen Augenblick horchend stehen, und ihre ernsten, ja trotzigen Züge lösten sich in angenehme Weichheit auf, als sie rasch auf das Häuschen zueilte und in demselben verschwand. Sie durchschritt das erste Zimmer und blieb auf der Schwelle des zweiten stehen, laut und fröhlich lachend über die ausgezeichnete Unordnung, die sich hier ihren Blicken darbot. An dem Clavier saß ein junger Mann, der bei ihrem Eintritte hastig emporsprang, und, obgleich man ihm die Freude wohl ansah, welche ihm dieser Besuch verursachte, doch einen Augenblick schüchtern an seinem Stuhle stehen blieb, dann aber auf das Mädchen zueilte, welches sich ihm leidenschaftlich in die Arme warf, worauf er ihren lachenden Mund mit Küssen bedeckte. »Warum lachst du wieder über mich?« sagte der junge Mensch nach einer kleinen süßen Pause; »ich habe geglaubt, ich hätte das Uebermögliche gethan, um mein Zimmer in Ordnung zu bringen.« »Das muß ich gestehen,« entgegnete lustig das Mädchen, »wenn du meinst, ein Uebermögliches gethan zu haben, so möchte ich einmal sehen, wie es hier aussähe, wenn deine Zimmer nach deinen eigenen Begriffen einmal in Unordnung gerathen wären.« – Bei diesen Worten ließ sie sich auf einen Stuhl nieder, der junge Mann blieb neben ihr stehen, legte seine Hand auf ihre Schulter und folgte aufmerksam und selbst mitlachend den Bewegungen ihres Sonnenschirms, mit welchem sie die erwähnte Unordnung klassificirte. »Dort, mein Herr,« sagte sie, »um bei Ihrem Handwerkszeug anzufangen, steht auf dem Clavier eine Kaffeetasse, die Zuckerdose auf der Fensterbank und die Kanne hiezu auf dem Ofen.« »Aber das ist keine Unordnung, mein Herz!« versetzte der junge Mann; »am Clavier habe ich aus der Tasse getrunken, auf der Fensterbank steht mein Vogelbauer, ich habe deinem Vogel Zucker gegeben, und die Kanne habe ich auf den Ofen gestellt, damit sie warm bleiben solle.« »Richtig! auf den kalten Ofen, damit sie warm bleiben solle! Dort auf dem Violinkasten liegt eine weiße Halsbinde und malerisch über jene Pfeife gehängt ein paar hellgelbe Glaçe-Handschuhe. Pfui, mein Herr! Waren dieselben gestern Abend in einer Soiree?« »Leider!« entgegnete der junge Mann; »leider muß ich sagen, denn ich fühle mich in diesen Cirkeln entsetzlich unbehaglich. Weßhalb werden wir armen Künstler auch eingeladen? Um unser selbst willen, um unserer Kunst willen? – Gott bewahre! sondern nur um das, was wir gerade zum Tödten der Zeit zu leisten vermögen oder leisten wollen .... Ich wollte diesen Leuten ja gern den ganzen Abend vorspielen, wenn ich nur nicht wüßte, daß meine Leistung von der Dame des Hauses schon vorher genau aufgerechnet ist – von Acht bis halb Neun Conversation, – natürlich nicht mit mir, man beschäftigt mich mit Aussuchen von Noten an dem Flügel, um der Gesellschaft gleich zu sagen, wer ich eigentlich bin, sie zu warnen vor mir, einem Musiker, einem Paria – also von halb Neun bis Neun singt der Herr X. eine Arie, dann spiele ich, und so weiter. Und wenn dergleichen musikalische Quälereien nur großartig betrieben würden, wie z. B. bei den Engländern, wo man eben so gut weiß und ausgemacht hat, was mein Spiel kosten wird, wie die Gänseleberpasteten und die Austern des Souper, und wo ich nachher meinen Hut nehme und mich stolz wie ein König entferne! – O, nein! das geht hier nicht, – man ist ein Mittelding zwischen eingeladenem Gast und Bedienten, wenigstens der, der es sich gefallen läßt. Und wenn man abgesungen und abgespielt hat, wenn man von Leuten, die von der Kunst nicht so viel verstehen, wie mein Handschuh, ein Dutzend Mal: Göttlich! – Charmant! – Bezaubernd! gehört hat, so soll es vorgekommen sein, daß der Bediente, während die Gesellschaft zum Souper ging, dem Künstler ein Glas Wein und ein paar Butterbrode mit vielsagendem Blick auf das Clavier gestellt – das soll vorgekommen sein, ich habe mich freilich kluger Weise immer gehütet, so was zu erleben.« Der junge Mann hatte dies halb lustig, halb zornig von sich gegeben und rannte dabei unter dem Lachen des gänzlich verwandelten Mädchens im Zimmer auf und ab, um die Ordnung unter Mobilien und Geräthschaften wieder etwas herzustellen, vermehrte aber durch den Eifer, in welchen er gerathen war, die Unordnung bedeutend, indem er unter anderem das Kaffeegeschirr auf ein Blumenbrett vor's Fenster setzte und Halsbinde und Handschuhe in den Papierkorb warf. »Nein, das ist arg! Charles, laß' das Aufräumen nur sein, ich will es gleich besorgen. Aber wie kann man sich über so eine Soiree so ereifern?« »Nun,« sagte der junge Mann, »wer sich über dergleichen unwürdige Geschichten nicht ereifert, der ist kein Mann, oder wenigstens kein Künstler. Ich freilich habe es nie bis zu einer Demüthigung kommen lassen, und wenn mitten in einem Musikstücke so ein rothnasiger Bedienter meldet, daß das Souper servirt sei, so mache ich augenblicklich meinen Schluß, denn ich weiß, daß alsdann doch das Bischen Aufmerksamkeit für uns vorbei ist und sich den gedeckten Tischen zuwendet. Die Dame des Hauses sagt mir mit einem sauersüßen Gesichte: Sogleich werden wir soupiren! und ist unendlich froh, wenn ich meinen Hut nehme und ihr versichere, daß eine kleine Gesellschaft guter Freunde, der ich versprochen, noch zu kommen, mir nicht erlaube, diese Auszeichnung anzunehmen, und ich mich deßhalb bis nächstens zu Gnaden empfehlen müsse. – Aber verzeih', geliebte Anna,« fuhr der junge Mann fort, nachdem er gezeigt mit welch' tiefem Compliment er sich alsdann beurlaube, »verzeih' mir, du gehörst ja auch zu jenen vornehmen Leuten, zu der sogenannten Gesellschaft.« Das Mädchen hatte lustig in die Hände geklatscht und entgegnete geschwinde: »ich als Dame des Hauses würde sagen: Monsieur Charles , geben Sie mir Ihren Arm, dort neben jener alten Fürstin und jener dicken Gräfin ist ein Platz für Sie, ich will jene beiden Damen ehren.« »Das würdest du allerdings thun, theures Mädchen,« sprach der junge Musiker; »wenigstens hast du in diesen bescheidenen Zimmern den guten Willen, es zu thun; ob sich aber dein Herz nicht ändert, wenn du das stille Leben, das du in hiesiger Stadt führst, wieder verlassen mußt, um in deine Salons zurückzukehren? Aber, meine Anna, ich glaube das nicht, du bist ein herrliches Geschöpf, voll Gluth für alles Schöne, voll Poesie, du allein bist im Stande, meinen Widerwillen gegen diese höhere Gesellschaft zu überwinden, du – selbst dieser höheren Gesellschaft angehörend, die dabei den armen Künstler liebt, der nichts hat, als den redlichen Willen, etwas Großes zu schaffen und sich einen Namen zu machen.« »O Charles, mein Freund,« sagte das Mädchen plötzlich sehr ernst werdend und nahm eine seiner Hände zwischen die ihrigen, »o sprich nicht so mit mir! du bist dir deines herrlichen Talentes bewußt und in deinem Geiste liegt eine große glänzende Zukunft; du wirst dich empor schwingen, du wirst dir einen Namen machen, du wirst gefeiert dastehen – aber ich ...« »Aber du?« entgegnete der Musiker und küßte ihre schönen, weißen Hände innig und herzlich, »aber du? du gehörst einer reichen, mächtigen Familie; und der selige Traum,« setzte er leiser hinzu, »dich einstens zu besitzen, wird immer ein Traum bleiben, und das, Anna, meine geliebte Anna, das wirft schwarze entsetzliche Schatten in mein Leben.« Das Mädchen zitterte leicht und schauerte zusammen, während ihre Augen feucht wurden. »Wenn ich auch noch so hoch steige,« fuhr der junge Mann fort, »kann ich die Schranken niederwerfen, welche deinen Stand von dem meinigen trennen? Und doch ist es meine einzige, meine seligste Hoffnung, dich zu verdienen, dich zu erringen, dich, die du mit deinem großen liebevollen Herzen zu mir herabstiegst, die du mich aufgemuntert und unablässig angespornt hast, wenn mich die Kraft verlassen wollte und ich Verzweifelte, ob ich je das Ziel erreichen würde, das ich mir vorgesteckt!« Das Mädchen erhob sich von ihrem Stuhle, legte ihren Shawl und Hut ab und begann, ohne eine Sylbe zu antworten, in dem Zimmer aufzuräumen. Der junge Mann blickte entzückt auf ihre Beschäftigung, und als sie fertig war und sich in der Ecke des Zimmers still auf einen Schemel niederließ, da wußte er, was sie jetzt wünschte, und setzte sich an das Instrument und ließ herrliche, jauchzende, glückselige Töne erklingen. Der junge Musiker war ein schöner Mann, vielleicht vier- bis sechsundzwanzig Jahre alt, hatte ein edel geformtes Gesicht, dunkle Haare, eben solche Augen und Bart, feingeformte Hände und eine natürliche Grazie in allen seinen Bewegungen. Während er auf dem Instrumente phantasirte, blickte er weit, weit hinaus in die Ferne oder schwärmerisch gen Himmel, und nur zuweilen, wenn er den wilden Strom seiner Töne zügelte und in ein reizendes Thema überleitete, blickte er seitwärts auf das Mädchen, die da saß, ihre beiden Hände vor das Gesicht gedrückt. Er bemerkte aber dabei nicht, daß zahlreiche Thränen durch ihre Finger quollen und daß ihr Busen krampfhaft auf und nieder flog. »Der zweite Akt meiner Oper ist fertig,« sagte der Musiker, »und das Duett in demselben ist mir, glaube ich, sehr gelungen. Natürlich ist das nur dein Verdienst, Anna, denn ich sprach zu dir, während ich spielte, dein Bild umgab mich in süßen Tönen – ja, wahrhaftig, wenn ich ein Maler wäre, oder wenn man in den Tönen Farben erkennen könnte, so würde man überall dein hellblondes, dichtes, liebes Haar durchflattern sehen. Für mich haben allerdings die Töne Farben, und die Menschen sind mir Tonarten. Des-dur mit seiner tiefen Liebe, seinem Wohlklang, seiner sanften Innigkeit bist du, meine Anna, ich möchte meine ganze Oper in Des-dur schreiben, wenn das anginge – aber was ist dir, mein Mädchen? du weinst ja!« fuhr der junge Mann fort und sprang auf, »was fehlt dir, Anna? Um Gottes willen, was hast du?« Er kniete neben ihr auf den Boden hin, und sie drückte die blonden Locken fest an sein Gesicht und er fühlte, wie das ihrige fieberhaft brannte. Mehrere Minuten lang hielt er sie fest umschlungen, und ihr Schmerz schien sich allmälig zu legen; sie erhob den Kopf wieder, machte sich sanft aus seinen Armen los und legte ihre beiden Hände auf seine Schultern. »Charles,« sagte sie, »mein Freund, mein Geliebter, wir müssen scheiden! Vielleicht auf immer!« Der junge Musiker sprang in die Höhe und sprach feierlich: »Scheiden? – So sei es drum, wenn es sein muß! Du hast mich auf diesen Augenblick lange Vorbereitet – aber auf lange, auf immer? – Nein, Anna, gewiß nicht! Du weißt, ich habe dir nie nachgeforscht, weil du es nicht gewollt; ich weiß nicht einmal den Namen deiner Familie, und warum sollte ich auch? Eine Liebe, wie die unsrige, ist ein Band für das ganze Leben, ein Band, das nicht zerrissen werden kann.« »Ist das wahr, Charles?« entgegnete das Mädchen; »ist das gewiß und wahrhaftig wahr, glaubst du wirklich daran?« »Du zweifelst, Anna?« versetzte der Musiker; »hast du mir nicht dasselbe zu meinem größten Entzücken selbst gesagt, und jetzt willst du zweifeln?« »Aber es gibt Verhältnisse,« sagte das Mädchen mit lautloser Stimme, »die mächtiger sind, als unser Wille; ja, mächtiger, als unsere Liebe.« »Nicht als die meinige!« entgegnete der junge Mann mit fester Stimme; »mag kommen, was da will, Anna, ich will es wenigstens versuchen, dich zu verdienen, und dieser Versuch muß gelingen!« Abermals schauderte das Mädchen zusammen und barg ihr Gesicht in die Hände, und der junge Mann fuhr fort: »Ich glaube so fest an dich, daß, wenn du mir sagst: wir sehen uns wieder! oder wenn du mir versprichst, mir bald eine Nachricht von dir zu geben, ich auch jetzt nicht forschen will, wohin du gehst und was dich von hier forttreibt; aber gib' mir nur die kleinste Hoffnung, daß ich dich wieder sehen werde, daß du einstens die Meinige wirst, so will ich ruhig fortarbeiten, will aufwärts ringen, bis ich hoch genug stehe, um sagen zu können: Anna, die Welt sieht mich, siehst du mich auch?« Das Mädchen schien vor Schmerz zu vergehen, sie schüttelte leicht mit dem Kopf und sagte: »ich glaube nicht, daß ich je die Deinige werden kann, ich fürchte Charles, daß wir auf immer getrennt werden; aber wir wollen hoffen! Ich verspreche dir bald, ja recht bald, Nachricht von mir zu geben; Gott ist barmherzig, warum sollte er sich nicht auch meiner erbarmen?« Sie faltete krampfhaft die Hände und sank zu den Füßen des jungen Mannes auf ihre Kniee nieder; sie schien einen Augenblick leise zu beten, dann erhob sie sich rasch, strich die Locken aus dem erhitzten Gesichte, nahm schweigend ihren Hut und reichte ihre Hand dem Freunde zum Abschiede hin. »Ist es denn wahr, o Gott! ist es wahr?« rief dieser leidenschaftlich erregt, schloß das schlanke Mädchen ungestüm in seine Arme und drückte brennende Küsse auf ihren Mund, während sich seine Thränen mit den ihrigen vermischten. Einen Augenblick gab sie seiner Umarmung nach, drückte sich fest an seine Brust und erwiderte Kuß um Kuß, gleich wild, gleich leidenschaftlich; dann wand sie sich aus seinen Armen, nahm seine Hand und drückte sie gegen ihr Herz und an ihre Lippen und eilte der Thür zu, während sie ihm durch eine gebietende Bewegung befahl, zurück zu bleiben. Sie glitt durch die Thüre in den Garten hinaus, eilte festen Schrittes auf die Straße, und erst, als das Gartenthor hinter ihr zufiel, schien das Mädchen zusammenbrechen zu wollen und mußte sich an der Mauer festhalten. Sie stieß einen leisen, aber entsetzlichen Weheruf aus und blickte verzweifelt gen Himmel; ihr Auge war glänzend und glühend, wie das dunkle Blau da droben; der Himmel lächelte ruhig und freundlich auf sie herab und schien es nicht zu wissen, nicht zu verstehen, daß hier unten ein Geschöpf im tiefen Seelenschmerze fast verging. Der junge Musiker lag nahe am Fenster auf seinen Knieen, und als er sich erhob, fielen die Strahlen der Sonne schräg in das Zimmer. Er war betrübt und legte häufig die Hand auf die Stirn, wobei er den Kopf schüttelte und zuweilen glaubte, das alles sei nichts als ein böser finsterer Traum gewesen, und doch fühlte er die Wahrheit des Erlebten in seinem zerrissenen Herzen. – Wie hatte er das Mädchen geliebt, wie liebte er sie mehr denn je! – Als er durch das Zimmer schritt, sah er neben einem ihrer Handschuhe, die sie zurückgelassen, ein kleines Packetchen liegen; es war eine Geldrolle, in einen Brief gewickelt, den er hastig erbrach und las: »Mein geliebter Freund! Lebe wohl! rufe ich dir nochmals zu – hoffen wir auf Gott, daß er uns wieder zusammenführt, und wenn er so gnädig ist, um uns dieses Glück zu Theil werden zu lassen, so ist es vielleicht möglich, daß wir uns nicht mehr trennen! Ich sage: vielleicht; meine Liebe für dich ist unwandelbar. O, mein Freund, wie habe ich dich geliebt, wie liebe ich dich noch! wie schaute ich zu dir empor, wie faßte ich jedesmal zitternd deine liebe Hand und betete Nächte lang, diese Hand möge mich einstens emporziehen an dein gutes und edles Herz! O mein Karl, vergiß nie dieses mein Gebet! und wenn wir uns wiedersehen, wenn mir das Glück zu Theil wird, so ziehe mich empor an dein Herz, laß' mich dorthin flüchten vor all' dem Entsetzlichen, was ich in dieser Welt schon erlebt! Wenn du mich wahrhaft liebst, so mache Gebrauch von dem Beigeschlossenen, ich will daran deine Liebe erkennen und bin ja reich, so unendlich reich! Es ist ja nicht für dich, dieses kleine Anlehen, es ist für die heilige Kunst; ich lege es bei dir an, du wirst mir einstens, wenn du willst, schwere Zinsen dafür entrichten müssen. Sei fröhlich, Karl, hoffe auf ein Wiedersehen, wie ich darauf hoffe. Deine Anna.« Als es nun ganz Nacht geworden war, da schlichen sich durch die Straßen der Stadt zwei ärmlich gekleidete Gestalten, eine ältere Frau und ein junges Mädchen. Beide waren in grobe Halstücher gehüllt, beide trugen kleine Bündel in der Hand und gingen dem Thore zu, ohne zusammen zu sprechen und ohne die ihnen Begegnenden zu beachten. Auch sie wurden nicht beachtet, nur ein einziges Mal blieb auf ihrem Wege ein Mann stehen, und sah ihnen einige Sekunden nach. Dieser Mann war der Herr Stadtsoldat Steinmann, dem die beiden Weiber verdächtig schienen; doch ließ er sie ihres Weges ziehen und ging den seinigen in entgegengesetzter Richtung; denn er hatte für heute Nacht andere und höchst wichtige Geschäfte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Ein Bürgerball und seine Folgen. Die Honoratiorentochter, welche wir schon einige Mal zu erwähnen das Vergnügen hatten, hieß Elise, und die zahlreichen Kinder der zahlreichen Familie, mit denen sie umging, nannten sie nur Tante Elise – eine Benennung, die sie sich hätte gern gefallen lassen und gefallen ließ von den kleinen Kindern bis zum vierten Jahr; daß aber herangewachsene Bengel von zwölf bis vierzehn Jahren immer noch Tante Elise sagten, war ihr sehr unangenehm, denn sie fürchtete mit einigem Grunde, sie werde aus dieser Tantenschaft nie mehr herauskommen, eine ewige Tante bleiben, ohne von einem menschlichen Wesen je den Namen einer näheren Verwandten zu erhalten. Tante Elise war die verwaiste Tochter eines Oberregierungsraths und einer Oberregierungsräthin. Ohne daß sie gerade häßlich gewesen wäre, konnte man sie auch nicht hübsch nennen. Sie wurde im nächsten Sommer vierundzwanzig Jahre alt, das gestand sie nämlich ihren vertrauten Freundinnen nunmehr seit zehn Jahren ein, und wenn man so ihr Aeußeres in Summa betrachtete, so war Tante Elise eines von jenen Wesen, von denen man unmöglich glauben kann, daß sie einstens jung und niedlich gewesen sind, – ein Gedanke, der uns ebenfalls beim Hinblicke eines Elephanten oder eines Kameels beschleicht. Die ganze jetzt lebende Generation junger Leute kannte die Tante Elise nur, wie sie jetzt war, und behauptete, sie sei immer so gewesen. Der selige Oberregierungsrath Vater hatte die Erziehung dieses einzigen Kindes geleitet, da die selige Oberregierungsräthin Mutter schon zu ihren Ahnen versammelt wurde, als Elise noch ganz klein war. Der Vater war schon damals ein mürrischer alter Mann, hatte spät geheirathet und haßte alle öffentlichen Vergnügungen, Theater, Bälle, junge Männer und Courmacherei. Daher kam es, daß sich die beiden letzteren Artikel nicht oder nur sehr schüchtern in die Höhle dieses Drachen wagten und daß im Allgemeinen nur sehr schwache Versuche gemacht wurden, Tante Elise aus derselben zu erlösen. Gott! die Arme hatte ein äußerst prosaisches Leben geführt und fühlte dies um so mehr, weil sie viele verbotene Bücher las, wo das, was ihr fehlte, so schön und glühend beschrieben wurde. Eine Zeit lang verzehrte sie sich im stillen Gram nach einem Gegenstande ihrer allerreinsten Liebe, später nach einem Gegenstande ihrer Liebe und dann bloß noch nach einem Gegenstande. – – – – – Ach vergebens! Alle Freuden dieses Lebens Schwanden hin in ein verlornes Ach! sang sie mit dem unsterblichen Dichter und kam in einigen Jahren zu der festen Ueberzeugung, daß das ganze Männergeschlecht eine elende Räuberbande sei, die durchaus nichts tauge und sich nur auf der Welt befinde, um arme Mädchen unglücklich zu machen. Ehe sie zu dieser Erkenntniß kam, hatte sie eine Übergangsperiode, in welcher sie sich aller verlassenen Geliebten, aller unglücklichen Bräute eifrigst annahm. Bald aber genügten diese eingebildeten Leiden ihrem fühlenden Herzen nicht mehr, und dagegen wurde es ihr Bedürfniß, sich an wirklichem Schmerz zu erlaben, zu welchem Zwecke sie sich in alle unglücklichen Ehen drängte, alle verstimmten Eheleute aufsuchte, eine milde Trösterin den Weibern, ein Schrecken den Männern. Von da an datirte sich auch ihre innige Freundschaft für die Hofräthin. Tante Elise kannte demnach die kleinen Zerwürfnisse all' ihrer Bekannten, soweit die unglücklichen Weiber sie ihren jungfräulichen Ohren preisgeben konnten, und indem sie in das Getreibe des Ehestandes hineinsah, vergrößerte sich, wie sie nämlich sagte, der Abscheu vor den Männern in's Fabelhafte, und so faßte sie in ihrem vierunddreißigsten Jahre den unabänderlichen Entschluß, nicht mehr zu heirathen. Aber tugendhaft war Tante Elise, das mußte der Neid ihr nachsagen; es war eine Gott wohlgefällige, herrliche Jungfrau, und wenn in der Oper »Norma« die Seherin ihre Arie anhob: O keusche Göttin! dann blickte sie auf dem zweiten Range stolz umher, als wollte sie sagen: »Seht auf mich!« Da kam das Schicksal an jenem denkwürdigen Ballabende und warf im Drange der Finsterniß und der Gefühle die Honoratiorentochter an die Brust des Herrn Dubel, und der Herr Dubel, von diesem Augenblicke profitirend, schloß seine Arme fester als gerade nothwendig war, und einen solchen Druck nach dem aufregenden Tanze, in der Erschütterung der Angst, welche über die ganze Ballgesellschaft kam, vergißt ein Mädchen nicht leicht, eine alte Jungfer aber niemals! Tante Elise schwärmte für ihren Retter und malte sich ihn mit den schönsten Farben aus, bis sie erfuhr, daß dieser Retter nur ein – Schneider sei; das gab freilich eine Sonnenfinsterniß in ihrem Gemüthe, welcher jedoch der Brand ihres Herzens zu Hülfe kam, den selbst diese Entdeckung nicht löschen konnte. Die heimliche glühende Leidenschaft des so tief unter ihr Stehenden, meinte sie, habe einen ungeheuren poetischen Reiz; sie dachte an alle Romane, wo der Sklave seine Gebieterin geliebt, der gemeine Knecht die Fürstin, und beschloß, sich auch so lieben zu lassen – heimlich und verschwiegen, aber süß und innig! – Anders aber dachte der Herr Dubel. Als er sich die Sache näher und Tante Elise bei Tageslicht besah, kühlten sich seine Gefühle, die er an jenem Ballabende gefaßt, bedeutend ab; als er aber im königlichen Balletsaale die blonde Solotänzerin gesehen, hatte sich sein Herz ganz verwandelt; wenigstens beschloß er, vorsichtig und überlegt zu Werke zu gehen. »Wer weiß,« sagte er zu sich selber, »wer weiß, ob die Liebe jener Dame – er meinte nämlich die Tante Elise – nicht so heftig zu dir ist, daß sie dir Mittel gibt und Wege anzeigt, um zu einer hohen, schönen Stellung im Leben zu gelangen, und will sie dann, wenn du erhaben und würdig dastehst, dich heirathen, so mußt du schon ein Auge zudrücken. In diesem Falle kannst du einer glücklichen Zukunft dein Herz schon zum Opfer bringen. – Wohlan! du willst sie also heirathen!« Tante Elise aber brannte in hellen Flammen und dachte: »warum soll ich nicht, wenn auch in späteren Jahren, die Süßigkeiten einer ersten Liebe genießen, einer Liebe, so verschwiegen, so unschuldig, so gefahrlos? Wer wird eine Ahnung davon haben, daß ich hier bei der alten Büglerin mit einem jungen Manne zusammenkomme? und wenn es Jemand erführe – was thut's? Würde wohl die böseste Zunge im Stande sein, mich zu beschuldigen, ich hätte einen Schneider zum Geliebten?« Mit diesen Gedanken saßen der Herr Dubel und die Tante Elise am nächsten Sonntag in den späteren Nachmittagsstunden in der Wohnung der Jungfer Kiliane, und die alte Büglerin, nachdem sie noch einmal die grauenvolle Geschichte des nächtlichen Einbruchs erzählte, entfernte sich auf eine Viertelstunde, wie sie sagte, um draußen eine nothwendige und dringende Bestellung auszurichten. Die beiden Liebenden waren allein. Sie saßen auf dem alten Sopha, jedes in einer Ecke; der Herr Dubel aber zunächst dem Fenster, wodurch es ihm vergönnt war, ein Stück des blauen Himmels zu sehen, der, von der untergehenden Sonne bestrahlt, glühte und leuchtete. Herr Dubel blickte sinnend zum Fenster hinaus, ohne ein Wort zu sprechen, und die Honoratiorentochter sagte nach einer kleinen Weile: »Warum schauen Sie so angelegentlich da hinaus? Sie erblicken wahrscheinlich den lieblichen Frühlingshimmel?« »Sie sehen ihn nicht, mein theuerssss-tes Fräulein?« fragte der Herr Dubel; »richtig, das Haus verbirgt ihn von Ihrem Sitze aus Ihren Blicken.« »Wenn ich mich etwas bücke,« sprach das schelmische Mädchen, »so kann ich ihn ebenfalls sehen.« Dabei bückte sie sich, rückte näher nach der andern Ecke und sagte: »ach, ich sehe noch nichts!« »Aber er issss-t so schön!« bemerkte der Herr Dubel, dem es warm wurde, und die Honoratiorentochter, die unter allen Umständen einen Blick in den Himmel werfen wollte, bückte und rückte so lange, bis ihre Schulter die Brust des Herrn Dubel berührte. Wer hätte diesen Moment können vorbeigehen lassen, ohne, wie es der Herr Dubel that, ganz leise seinen Arm um ihren Leib zu legen, sie sanft an sich zu drücken und sie zu fragen: »sehen Sie jetzt den Himmel, Elise?« – worauf sie ihm sanft zur Antwort lispelte: »O Heinrich, ich ahne etwas dergleichen!« Das war ein schöner Moment für Beide, wenigstens für die Honoratiorentochter; der Herr Dubel dagegen, der, wenn er gen Himmel in die Höhe sah, an die Höhe dachte, welche er in Folge dieser Leidenschaft in der Gesellschaft wohl einnehmen könne, brachte das Gespräch sanft auf praktische Gegenstände und sprach von einer schönen Zukunft. »Was issss-t eine Liebe,« meinte er, »die sich nicht zum Hauptziel macht, den geliebten Gegenssss-tand zu sich emporzuziehen, ihn sowohl im Innern als auch vor den Augen der Welt zu veredeln und zu erheben? Diese Liebe issss-t die wahre und schöne, und da, theure Elise, Ihre Liebe zu mir gerade von dieser Art issss-t, so fühle ich mich doppelt selig, doppelt glücklich!« »O Heinrich,« sagte die erglühte Dame, »wie kann man in der Liebe nach Zwecken, nach Absichten fragen? Sie braust daher, sie ergreift unser Herz, sie macht uns glücklich, und wer kann dabei an Anderes denken?« »Theuerssss-te Elise,« entgegnete der Herr Dübel, »eine Liebe ohne Zweck, ohne reellen, soliden Zweck issss-t Leidenschaft, und leidenschaftlich,« setzte er etwas ängstlich hinzu und rückte, so weit er konnte, in die Ecke des Sopha's, »leidenschaftlich wollen wir nicht sein!« Doch er hatte gut reden, der Herr Dubel, er hatte dem Feuer, das neben ihm loderte, gut befehlen, es solle einhalten: er sah mit Schrecken ein, wie gefährlich es sei, sich mit einer Jungfrau von gewissen Jahren zu einem Rendezvous zu vereinigen. »Wie können Sie,« fuhr er mit einiger Aengstlichkeit fort, »von einer Liebe ohne Zweck sprechen? – was issss-t eine zwecklose Liebe? – ein Unding! Hat denn unsere – Liebe nicht einen so schönen und edlen Zweck? Ich hoffe so, weil ich Ihr edles Herz zu kennen glaube. O Elise, Sie ssss-tehen auf einer andern SSSS-tufe der menschlichen Gesellschaft, auf einer viel höheren, und wenn ich auch in meinen Gedanken keck dort hinzureisen im SSSS-tande bin, so können es doch meine äußern Verhältnisse nicht. Um nun diese glänzend umzugessss-talten, bieten Sie, ein reiches, unabhängiges Mädchen, Alles auf, was Sie besitzen – o, wie sind Sie so edel, Elise!« Die Dame starrte noch immer zum Himmel empor und sah bei den letzten Worten, die er sprach, auf den Herrn Dubel mit einem Ausdrucke, der zu sagen schien: sie verstehe ihn nicht ganz. »Die Mitwelt wird Sie preisen, Elise,« fuhr der junge Mann fort, »Sie werden hoch dassss-tehen bei Ihren Bekannten; Sie lernen mich durch einen eigenthümlichen Zufall kennen, Ihr Herz bebt nicht zurück, als Sie erfahren, daß ich nur ein Schneider bin – edles Mädchen, nein! Sie bewilligen mir sogar Ihre Liebe, Sie bieten mir Ihr Herz, Ihre Hand.« »Meine Hand?« sagte zweifelnd die Honoratiorentochter; »ich hätte Ihnen meine Hand angeboten?« – Sie rückte ein wenig auf die Seite und sah den Herrn Dubel mit einem sonderbaren Blick an. »Können Sie noch fragen? O, Sie verssss-tellen sich, edles Wesen, sprechen Sie es aus, daß Sie mich zu sich emporheben wollen, daß Sie mich durch eine Heirath ...« »Durch eine Heirath?« kreischte die Dame und fuhr erschrocken zurück; »ich soll Sie heirathen? Sie sollten mich heirathen? O mein Herr,« sagte sie mit einiger Entrüstung, »wer hat Ihnen so etwas weiß gemacht?« »Wie, mein Fräulein!« entgegnete der Herr Dübel ziemlich überrascht, »Sie gessss-tanden mir nicht Ihre Liebe, Sie wollten mich nicht durch den Besitz Ihrer Hand glücklich machen?« »Nimmermehr!« sagte die Honoratiorentochter und rückte in die Ecke des Sopha's, welche sie vorhin freiwillig verlassen. »Kommen Sie mir nicht näher, mein Herr, Sie werden zudringlich!« Obgleich der Schneider über diese Wendung, welche die zärtliche Scene nahm, sich durchaus nicht unglücklich fühlte, so war er doch im höchsten Grade überrascht und konnte sich nicht enthalten, zu fragen: »aber was wollten wir denn eigentlich, mein Fräulein?« »Ich weiß es nicht!« sagte entrüstet die Honoratiorentochter, indem sie von dem Sopha aufstand; »das scheint mir hier ein vorbereiteter Ueberfall gewesen zu sein – o Gott! in welche Falle bin ich gerathen?« – Sie ging mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab und murmelte zwischen den Zähnen: »eine Heirath? – O Gott, diese Schmach! Eine Heirath mit einem Schneider!« Seinerseits erhob sich der Herr Dubel ebenfalls sehr entrüstet und sprach feierlich: »mein Fräulein, ich habe mich entsetzlich in Ihnen getäuscht, ich glaubte bei Ihrem SSSS-tande, bei Ihrer Bildung annehmen zu können, daß die Zuneigung, welche Sie zu mir gefassss-t, auf eine edle Absicht begründet sei, mir die Hand zu reichen und mich dadurch zu dem Range zu erheben, den Sie einnehmen, mir durch Ihre Glücksgüter äußerlich das zu verschaffen, was mir fehlt; ich sage nur äußerlich, mein Fräulein, denn was mein Inneres anbelangt, so issss-t es unendlich reich und könnte zehn Herzen wie das Ihrige mit Edelmuth und anssss-tändigen Gesinnungen ausfüllen, zehn solcher armen Herzen.« »Ich ein armes Herz?« schrie entsetzt das Fräulein und sank auf das Sopha, indem sie that, als weine sie bittere Thränen; »ich ein armes Herz? – Was an mir ist arm? – Nichts! sage ich Ihnen; o mein Gott! und das soll ich mir von einem solchen Subjekt bieten lassen?« »Sie brauchen sich von mir gar nichts bieten zu lassen!« versetzte feierlich Herr Dubel und nahm seine schönste Stellung an; »ich habe überhaupt nicht Lussss-t, Ihnen etwas anzubieten; das einzige Gefühl, das mich manchmal beschleicht, issss-t allein das des Erbarmens, des Bedauerns; ja, mein Fräulein, ich bedaure Sie!« – Damit wandte sich der Herr Dubel nach der Thüre und überhörte, was die erhitzte und erzürnte Schöne ihm nachrief, indem er die Thüre hinter sich in's Schloß warf und schwer aufathmend, aber gar nicht unglücklich, die Treppen hinabeilte. Unten angekommen, ging er in den Hof, um durch die Hinterthüre, welche erst bei einbrechender Nacht geschlossen wurde, in die Straßen zu gelangen. Als er mit leichten Schritten in den dunklen Holzschuppen trat, hörte er, wie zwei Männer die Treppen zur Wohnung über diesem Gelasse hinaufstiegen und miteinander sprachen. Der Eine sagte: »Nun, ich will es Euch glauben, daß sie Euch von ihrer Flucht nichts auf die Nase gebunden haben; ich muß es glauben und ich will es glauben, denn, beim Teufel! wenn ich Euch im Verdacht hätte, daß Ihr den Weibern gegen mich geholfen, so machte ich Euch kalt, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Seid nur nicht gleich so hitzig, Gevatter,« sprach der Andere, »und denkt einmal vernünftig nach, was es mir hätte nützen können, die Weiber zur Flucht zu ermuntern oder ihnen zu helfen; verliere ich nicht an unserer guten Freundin Madame Müller mehr, als Ihr an dem dummen hochmüthigen Mädel? O, sie war eine gescheidte, kluge Person, die Alte nämlich! Was für einen guten Rath hatte sie nicht immer bei der Hand, wie wußte sie Alles zu erklären und scharf zu beurtheilen! Das Geschäft ist fast ruinirt. weil sie nicht mehr dabei ist.« – Dies sagte er mit einem großen Seufzer. »Freilich, freilich!« murmelte der Andere, »sie hat uns viel genützt und ihre Flucht ist uns ein großer Schaden.« »Auch könnte sie uns verrathen.« »O unbesorgt!« entgegnete der Erste, »die Alte ist hart wie Fels und das Mädel weiß wenig von unsern Geschichten – wenn es mir nur nicht immer vorschwebte, als sei ich den Beiden an dem Abend selbst, wo sie davonliefen, auf der Straße begegnet. Wenn dem so ist, möchte ich mir den Kopf einrennen! Aber ich werde sie wieder bekommen, dafür stehe ich Euch; ich habe schon an ein paar gute Bekannte geschrieben, und so wie man mir Nachrichten von den Beiden gibt, setze ich ihnen selbst nach und lasse sie irgendwo als gefährliche Landstreicherinnen arretiren.« »Bravo, Gevatter!« »Wie steht's aber mit der anderen Sache?« fragte die erste Stimme; »habt Ihr was ausgedacht, wie wir den hochmüthigen Kerl ruiniren?« »Laßt mich nur machen!« lachte der Andere; »wir haben ein herrliches Plänchen und das kann nicht fehlschlagen.« Jetzt verloren sich die Stimmen der beiden Sprechenden in's Innere der Wohnung, und der Schneider, welcher weiter nichts hörte, auch genug hatte, um sich allerlei Gedanken darüber zu machen, indem er die Stimme des Herrn Steinmann erkannt hatte und sich wohl erinnerte, wie ihm die alte Kiliane heute Nachmittag gesagt. Niemand als die schlechte Person im Hinterhause, die auch mit ihrer Tochter bereits davongelaufen sei, habe ihr das Geld gestohlen. Nachdenkend schlenderte der Schneider durch die Straßen weiter, und da er keinen Zweck hatte, der ihn da- oder dorthin trieb, so befand er sich bald in der untern Stadt und stand mit einem Male vor seiner früheren Wohnung, Elstergasse Numero Vierundvierzig. Er schaute hinauf und da er in dem Zimmer des Doktor Stechmaier Licht gewahrte, so beschloß er, demselben einen Besuch zu machen. Er trat in's Haus, grüßte die Wirthin freundlich und herablassend und stieg die wohlbekannten Treppen hinauf bis zur Thüre seines ehemaligen Wohnzimmers, wo er sachte anklopfte. »Herein!« Der Doktor saß an seinem Tische, hatte eine Menge Zeitungen vor sich liegen und schrieb emsig. Dem Eintretenden nickte er mit dem gewöhnlichen gleichgültigen Gesichte zu und bat ihn, sich einen Stuhl zu nehmen, da er mit seiner Arbeit im Augenblicke fertig sein würde. Dem Herrn Dubel, dem es sehr interessant war, einen Schriftsteller im Augenblicke des Schaffens zu belauschen, lehnte sich an die Fensterbank und bemerkte von dort aus, wie der Doktor eifrig die Spitze seiner Feder zerkaute, bald an die Decke hinaufsah, in einige Zeitungen blickte und dann wieder eifrigst fortschrieb. Endlich war er fertig, spritzte die Feder aus, legte sich in seinen Stuhl zurück und sagte mit wohlgefälliger Miene zu dem Herrn Dubel: »so, das wäre abgemacht! Nach gethaner Arbeit ist gut ruhen – jetzt wollen wir eine Cigarre oder eine Pfeife rauchen – was beliebt?« Dubel entschied sich für Cigarren, und da der Doktor im Augenblicke die seinigen nicht finden konnte, so nahm er von denen seines Bekannten, steckte aber dagegen bereitwilligst ein Zündhölzchen an. »Darf ich fragen,« sprach der Schneider, nachdem er einige Züge gethan, »welche Arbeit Sie soeben beendigt? ein neues, unssss-terbliches Werk, ein Kapitel eines Romans, einen Akt einer Tragödie?« »Für dieses Mal ist es nur geringere Arbeit,« erwiderte der Doktor ruhig: »eine kleine Theaterrecension.« »Ei!« sagte der Herr Dubel, »verzeihen Sie meine Neugierde, lieber Herr Doktor, aber ich habe niemals eine solche im Manuscript gelesen; wäre es vielleicht unbescheiden, wenn ich Sie bäte, mir Ihre Arbeit zu zeigen?« Der Herr Dubel nahm das Blatt und las: Sonntag, den 4. Mai: Robert der Teufel von Meyerbeer. – »Das issss-t ja erssss-t heute Abend!« rief er mit ziemlichem Erstaunen. »Allerdings,« bemerkte der Doktor sehr ruhig, »es ist das eine Recension für die Vorstellung, welche heute Abend stattfindet; dieselbe wird wohl bis zehn Uhr dauern, und nachher habe ich nicht Zeit noch Lust, das Ding zu schmieren.« »Aber wie kann man so etwas im Voraus machen?« meinte Herr Dubel, worauf der Doktor entgegnete: »Bei einer Theaterrecension kommt es für den Kritiker nicht so genau darauf an, wie jene Vorstellung wirklich gewesen; man folgt dabei dem Schema, das man sich selbst gemacht. Seine Freunde lobt man natürlich, seine Feinde setzt man herunter, mögen sie nun gespielt haben, wie sie wollen, das ist ganz gleichgültig.« »Ah so!« sagte der Schneider mit ziemlich langem Gesichte; »also schreibt man Kritiken, ohne zu wissen, wie die Künssss-tler gespielt?« »Auf alle Fälle,« entgegnete der Doktor; »das bleibt ausgemacht, Unrichtigkeiten kommen natürlicher Weise häufig genug vor, auch wenn man die Sache noch so gründlich betreiben wollte, die meisten Recensionen werden eben um's tägliche Brod geschrieben, und da muß man in dasselbe Horn mit dem Eigenthümer des Blattes blasen; andere schreibt man, wie gesagt, um seine Freunde zu erheben, um seine Feinde zu ärgern, das ist einmal Herkommen, eine ewige Ueberlieferung. Glauben Sie mir, theurer Freund, unter hundert Kritikern versteht kaum Einer etwas Gründliches davon, und die meisten betreiben das Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf die gleiche Art; mich wundert nur Eins: wie nämlich Künstler und Publikum so dumm sein können, auf Recensionen etwas zu geben. – Und sie geben etwas darauf, geben sehr viel darauf! Sehen Sie, wenn z. B. morgen der Herr A., der den Robert spielt – und er spielt ihn nicht schlecht, – in der »Spinne« liest, wie folgt: Die Schönheiten des großartigen Tonwerks von dem unsterblichen Meyerbeer – Meyerbeer, müssen Sie wissen, wird immer gelobt, erstens, weil er ein reicher Mann ist, dem es, wenn er einmal zufällig die »Spinne« zu Gesicht bekommt, nicht darauf ankommt, dem Referenten zwanzig Dukaten zu schicken, und zweitens, weil es der große Meister wirklich verdient – sind zu oft geschildert und besprochen worden, als daß unsere schwache Feder nur ein Wort über dies herrliche Eigenthum sämmtlicher musikliebenden Nationen sich zu sagen erlauben dürfte. Man kann vor diesem kolossalen Werke nur bewundert hinstehen und kann den Genius des Meisters nur preisen, der es vermochte, solch' eine eminente Composition von dieser Ausdehnung so zu erschaffen, daß das entzückte Ohr des Musikkenners von Anfang bis zu Ende athemlos und gefesselt lauscht. Was helfen uns, wie bei unsern großen ältern deutschen Kompositionen, sanfte einschmeichelnde Melodieen, wenn sie, wie so manche derselben, nicht unterstützt durch glänzende, prachtvolle Chöre, farblos vorübergleiten? Hier bei Meyerbeer ist wahres Leben, wahres Gefühl, und wenn jene Opern, für welche die sogenannten klassischen Musikfreunde in vollkommener Lächerlichkeit schwärmen, längst verblichen sind, werden »Robert,« die »Hugenotten,« und der »Prophet« ein herrliches Dreigestirn ewig jung und ewig frisch am musikalischen Himmel prangen!« »Sehen Sie, darüber ärgern sich die Mozart'schen, sie sagen freilich: es steht nur in der »Spinne!« aber sie ärgern sich doch, und daß sie sich ärgern, geschieht ihnen vollkommen recht. Denn dieses eckelhafte Coquettiren mit alter klassischer Musik, wenn sie auch noch so herrlich und groß ist, wird eben durch derartige Leute, die für sonst nichts Sinn haben – sie thun wenigstens so – oder die nichts Anderes mehr wollen gelten lassen, nachgerade entsetzlich langweilig. Derjenigen, die wirklich im Stande sind, die Tiefe und Schönheit unserer älteren deutschen Musik zu begreifen, sind sehr wenige, und die, welche nur nachbeten, was sie von Jenen hören, die schon entzückt sind, wenn sie nur den Namen Mozart und Beethoven lesen, die auf die Gesichter jener Ersteren lauschen, um ja gewiß zu wissen, wo sie eigentlich applaudiren sollen, die, wenn man es ihnen vorher nicht sagte, den ersten Akt des Nabuco für den ersten Akt des Idomeneo hinnehmen und beklatschen würden, das ist das allerschlechteste Publikum, und die sind nicht werth, daß ein Rossini und Bellini so schöne, rein menschliche und zu Herzen gehende Melodieen geschrieben haben. – Es ist eigentlich schade,« fuhr der Doktor fort und rückte an seiner Brille, »daß ich das, was ich eben gesagt, nicht für die »Spinne« aufgeschrieben; – doch weiter im Texte: Um so weniger begreifen wir aber, wie die Theater-Intendanz uns gerade solche Meisterstücke wie »Robert« vorführt, da sie doch wohl selber weiß, daß sie nicht im Stande ist, uns die Schönheiten derselben vollkommen genießen zu lassen. Wer keinen besseren Robert vorzuführen hat, als den Herrn A., der sollte uns die Oper lieber gar nicht vorführen. Träger des ganzen Werks, ohne Stimme, ohne Vortrag, ohne Schule, ohne Spiel, ein Robert ohne Stimme und Spiel, das ist zu viel verlangt, und wir können unsere gerechte Entrüstung bei allem Wohlwollen für die Bemühungen der Intendanz nicht verbergen. Und ist es denn bloß das Publikum allein, welches durch den Herrn A. leidet? muß sich nicht auch ein trefflicher Sänger, ein großer Künstler, – diesen Namen können wir dem Herrn B. (Bertram) mit voller Wahrheit zuerkennen, – nicht sehr gedrückt fühlen, wenn er von Herrn A., Robert, durchaus nicht unterstützt wird, ja beständig gehindert? Und trotz allem dem, wie führte Herr B. seine Parthie durch? wie groß war er namentlich im dritten Akte, wo er sich gehoben fühlte durch unsere Nachtigall, die liebliche Blume der Normandie, durch Fräulein C. als Alice. Doch das Schicksal ist gerecht, und wie sich das Schöne, Würdige findet, so findet sich auch das Häßliche und Unbedeutende, deßhalb erhält auch der Herr Robert am Schluß die Hand der Isabella, der Madame D. und ein würdigeres Paar im Unbedeutenden ist nicht leicht zu finden. Wäre das große Duett im vierten Akt zu ruiniren, so würde es Madame D. unbedingt ruinirt haben, aber ist es zu glauben? – – – – sie wurde sogar applaudirt!« – »Aber woher wissen Sie das?« fragte der Schneider. »Diese Arie wird immer applaudirt,« sagte der Doktor ruhig und fuhr fort: »O ja, es ist zu glauben; außer Denjenigen, welche diese schöne Perle aus dem Diadem des großen Meisters bewundernd anerkannten, gibt es in unserem Theater eine gewisse Anzahl bekannter junger Leute, welche durch unanständiges Händeklatschen gegen alles Schöne eine unwürdige Opposition machen und für alles Unschöne schwärmen. Sollte man es z. B. glauben, daß unsere reizende, vortreffliche Künstlerin, unsere Sylphide, Demoiselle Pauline, einer der Glanzpunkte unsers Ballets, kaum beachtet wurde, als sie so graziös und meisterhaft den ungelenken Robert dazu vermocht, den Cypressenzweig zu rauben? So betrübend das für uns und alle Kunstkenner war, so dankbar müssen wir im Namen der Künstlerin die Bemühungen einiger anderer sehr gebildeter Jünglinge anerkennen, welche sich eifrigst bemühten, den verdienten Applaus der liebenswürdigen Tänzerin zu spenden. – Doch genug für heute! Nur noch ein Wort zum Publikum, von dem eine nicht geringe Anzahl in jener, leider bekannten, schlafmützenartigen Indolenz von Anfang bis zu Ende dasaß, die herrliche Musik über sich ergehen lassend, wie der Hund einen kalten Regenguß. Liebes Publikum, wir bemerken mit Schmerz, daß wieder sehr viel geplaudert wird und daß wieder außerordentlich viel Aepfel verspeist werden. Beides ist sehr störend, aber am allerstörendsten ist und bleibt es jedenfalls, daß ein hoher Adel und verehrungswürdiges Publikum es nicht erwarten kann und ruhig sitzen bleiben, bis der Vorhang am Schluß des letzten Aktes fällt. Dies Aufstehen, Scharren, Sichbewegen, ist ein Raub an dem wahren Musikfreund, der sein Geld doch bezahlt hat, um das ganze Stück zu genießen. Wird man diese Unanständigkeit nicht endlich einsehen lernen, glaubt man vielleicht, das Nachtessen könne nicht noch einen Augenblick länger warten, oder glaubt man vielleicht, Dichter und Componist hätten ihre Stücke so eingerichtet, daß es erbaulich sei, den Schluß derselben durch unausstehlichen Spektakel accompagnirt zu sehen?« Hiemit endete der Doktor seine Vorlesung, setzte sich in seinen Stuhl und legte das Blatt auf den Tisch. Der Herr Dubel war sichtlich ergriffen von der Größe seines Freundes, der sogar im Stande, seine Artikel prophetisch abzufassen, und der obendrein that, als seien derartige Arbeiten gar nichts Besonderes. Er machte ihm einige schüchterne Complimente hierüber und meinte, es sei wohl ebenso schwer, solche Artikel zu verfassen, wie auf die Entgegnungen, die doch zuweilen folgen würden, gehörig zu antworten. Der Doktor streckte sich auf seinem Stuhle aus, steckte seine Hände in die Hosentaschen, gähnte höchst gleichgültig, und meinte: auf Erwiderungen müsse man sich gar nicht einlassen; »was einmal gedruckt ist, ist gedruckt,« sagte er, »und der erste Eindruck ist nicht zu verwischen, solche Erwiderungen nützen den Angegriffenen gar nichts. Etwas Anderes dagegen ist viel schlimmer, wenn z.B. eine auswärtige Redaktion, denen man hie und da Kunstkritiken zusendet, unter irgend einem Artikel boshafte Bemerkungen macht, hie und da ein Fragezeichen einschiebt, ein Ausrufungszeichen, einen Gedankenstrich, oder ein ei! in Parenthese, das ist sehr unangenehm und kann unter Umständen einen ganzen Aufsatz vernichten. So geschah es mir vor einiger Zeit, daß ich in einer Theaterkronik unser Fräulein C., die heutige Alice, außerordentlich lobte und ihre Leistungen bedeutend hervorhob, ich stellte sie als Stern erster Größe hin, als eine Erscheinung, auf die nothwendiger Weise ganz Deutschland sein Auge richten müsse. Was that die Redaktion? – Sie machte unter meinen Artikel die höchst unpassende Bemerkung: Tant de bruit pour une omelette ! Das war doch höchst abgeschmackt von dieser Redaktion, und ich habe es ihr auch fühlen lassen, indem ich ihr keine Artikel mehr zusende. Hatte sie nicht durch diese hämischen Worte mein ganzes Lob vernichtet? und dazu die unzarte Vergleichung einer Sängerin mit einem Eierkuchen, pfui Teufel!« Der Herr Dubel hielt es im Verlauf des Gesprächs für passend, dem Herrn Doktor Stechmaier einige passende Worte über seine Leistung als Fortinbras zu sagen; er that es in höchst feiner Weise, indem er sagte, daß ein Mann, wie der Doktor, ein solch' großes publicistisches Talent, sehr Unrecht thue, wenn er die mit so viel Glück betretene, ihm von Natur angewiesene, literarische Laufbahn verlasse, um sich einer andern Kunst in die Arme zu werfen, von der er doch nicht gewiß sei, ob sie ihm holdselig zulächeln würde. »Das habe ich auch gedacht,« erwiderte der Doktor, »und ich muß Ihnen gestehen, daß ich zu dem Entschluß gekommen bin, unter keinerlei Bedingungen mehr die Bühne zu betreten. Es ist doch ein höchst schlüpfriges und gefährliches Terrain, ich habe durch mein erstes Auftreten einen tiefen Blick in jenes Treiben geworfen. Von aufopfernder Freundlichkeit für einen Anfänger ist bei diesen Leuten keine Rede, Jedem bangt für seine Existenz, und je größer sich ein aufkeimendes Talent zeigt, um so weniger wird es unterstützt; ich könnte einen Band darüber schreiben. Warum veranlaßte mich der Herr M. schon im ersten Akt, meine Rüstung anzuziehen? – um mich zu ermüden! – warum zog mich der Garderobediener mangelhaft an? – weil ihn der Herr A., ein ganz miserabler Anfänger, dazu bestochen! warum gab endlich der Souffleur das Zeichen zum Fallen des Vorhanges so früh? – weil er ein Vetter des Herrn A. ist, und weil er sah, daß ich mich nach einer sehr passenden Kunstpause würdevoll aufrichtete, um durch meine Rede das Trauerspiel effektvoll zu Ende zu bringen. Ich versichere Sie, das ganze Theater ist ein Gewebe von lauter Abscheulichkeiten, weßhalb ich mich auch fest entschlossen habe, keinerlei Versprechungen nachzugeben, sondern mich mit aller Kraft auf die Schriftstellerei zu werfen. Das conservative Journal, von dem ich Ihnen neulich sagte, ist im Entstehen begriffen, mehrere Gutgesinnte haben sich entschlossen, die »Spinne« zu kaufen und sie bedeutend zu vergrößern, der Adel hat seine Mitwirkung zugesagt, und Sie werden bald etwas Großes erleben.« Der Schneider seufzte tief auf, wenn er bedachte, welche Wege zu Glanz und Ruhm seinem Freunde offen ständen und wie er so gar nichts habe, um eine Leiter zu erbauen, auf der er emporsteigen könne über das gewöhnliche Treiben der Menschheit. Er klagte dies dem Doktor, welcher die Achsel zuckte und sagte: »es ist freilich wahr, daß ein Mensch vor dem andern begabter erscheint, doch muß man nicht verzweifeln; machen Sie einmal den Versuch, einen kleinen Artikel zu schreiben. Recensiren Sie einmal ein Buch oder eine Vorstellung im Theater; man muß immer mit dem kleinsten und leichtesten anfangen.« Herr Dubel schüttelte traurig mit dem Kopf und versicherte, hiezu gehen ihm alle Kenntnisse, alle Fähigkeiten ab. »Es ist schade,« fuhr der Doktor fort, »daß Sie es mit dem Theater nicht versuchen können; Sie haben keinen Namen, man wär' von Ihnen überzeugt, daß Sie mit einer bescheidenen Stellung vorlieb nehmen und man würde alsdann keine Kabalen gegen Sie schmieden, es ist wirklich schade!« »Freilich, freilich!« seufzte der arme Schneider, »aber mir fehlt Alles dazu, obgleich ich eine ssss-tarke Brussss-t habe, issss-t meine SSSS-timme doch schwach, und dann kann ich, wie Sie wissen, das es ssss-te nicht aussprechen.« »Ja, ja,« sagte der Doktor und senkte den Kopf nachdenklich auf die Brust, »schade, schade, aber wie wär' es,« sprach er nach einer Pause und sah seinen Bekannten scharf durch die Brille an, »wie wär' es, wenn ich plötzlich etwas für Sie gefunden hätte, wodurch Sie im Stande sind, zu Geld, zu Ruhm, zu Ehre, zu einem Namen zu gelangen?« »Doktor Stechmaier!« rief der Schneider entzückt, »issss-t das wahr, hätten Sie wirklich etwas für mich erdacht?« »Allerdings,« sagte der Doktor sehr ruhig und mit einem wichtigen Ausdruck in seinem Gesicht. »Sie sind gut gewachsen, schlank, leicht, haben angenehme Bewegungen – gehen Sie zum Ballet, werden Sie Tänzer.« Da ward es dem Schneider, als haben sich dunkle Wolken, die bis jetzt seinen Horizont umschattet, gelichtet und würden heller und rosiger, je mehr sie empor schwebten, endlich brach ein heller Sonnenstrahl in sein Gemüth und ließ ihn fast aufjauchzen vor Freude. – Ein Tänzer! – ja, das war es, wonach er sich unbewußt immer gesehnt, hiezu fühlte er die Kraft in sich und es stand klar vor seiner Seele, daß er etwas Großes zu leisten im Stande sei; er erblickte sich schon im seidenen Trikot mit einem zierlichen Kleide von weißem Atlaß. Die Balletratten, welche er neulich gesehen, umschwebten ihn, eine Schaar holdseliger Amoretten, er verdrehte seinen Körper auf die zierlichste Weise und reichte der Mademoiselle Pauline, der schönen blonden Tänzerin, die Hand, seine Brust war so voll, er hörte kaum, was der Doktor Stechmaier lächelnd zu ihm sprach: daß er ihn protegiren werde, daß die »Spinne« ein herrliches Netz um seinen Namen weben solle und der erstaunten Welt zurufen, ein zweiter Vestris sei entstanden. Bald nahm er seinen Hut und eilte, die Brust voll herrlicher Gedanken und schöner Pläne eilends davon. Vierundzwanzigstes Kapitel. Ein neuer Tänzer. Der Herr Dubel hatte eine ziemlich schlaflose Nacht verbracht. Der Wendepunkt seines Lebens, welcher durch den Rath des Doktor Stechmaier jetzt einzutreten schien, war ihm zu wichtig, als daß er nicht hätte stundenlang, ja, fast die ganze Nacht darüber denken sollen. So viel er aber auch die Sache überlegte, so viel er contra Ballet bei sich selber vorbrachte, so war er doch bald mit sich einig, und, als er am andern Morgen aus dem Bette stieg, fest entschlossen, noch heute seinen Bekannten, Signor Benetti, aufzusuchen. Da es ihm aber nicht angenehm und thunlich erschien, seine Wünsche im Theatersaale vor dem Balletpersonal zu sagen, so ging er schon vor Neun von seiner Wohnung, um den Balletmeister noch zu Hause zu treffen, da sich derselbe erst um zehn Uhr in's Theater begab. Signor Benetti wohnte in einem andern Theile der Stadt, in einer zwischen Gemüsegärten neu erbauten Straße, im dritten Stock eines ansehnlichen Hauses. Da stand es auf einer Messingplatte an der Klingel zu lesen: Benetti, Balletmeister und Direktor der königlichen Tanzschule. Je näher der Schneider diesem Hause kam, desto mehr schlug ihm das Herz; es ging ihm, wie dem Doktor Stechmaier bei seinem ersten Debüt. Gestern Abend war er fest überzeugt, daß ihn Signor Benetti mit offenen Armen empfangen würde, und er erinnerte sich mit Freuden, wie ihn derselbe wegen seiner Muskelkraft und Behendigkeit gelobt. Heute Morgen aber stiegen leise Zweifel in ihm auf, er setzte dieses Lob auf Rechnung der Höflichkeit, das ihm als einem Fremden, Unbekannten der Balletmeister bereitwilligst gespendet, höchst wahrscheinlich auch verblendet durch die Equipage des Baron Karl; dem sei nun, wie ihm wolle, unser Freund überlas mehrere Male die Messingplatte an der Thür, zupfte seine Halsbinde in die Höhe und überdachte sich die passenden Worte, welche er sich vorgenommen hatte, an den Balletmeister zu richten. Er stieg die Treppen hinauf, zog oben an der Glasthür im dritten Stock, wo sich eine zweite Messingplatte befand, an der Klingel, und augenblicklich wurde ihm der Eingang geöffnet von einer Frau an die Vierzig mit einem runden, blühenden Gesicht und leuchtenden Augen. Die Haare, von denen man aber nicht viel sah, da der ganze Kopf mit Papilloten bedeckt war, schienen schwarz zu sein. Herr Dubel, der den richtigen Satz recht beherzigte: in einem Hause, wo man etwas wünscht, gegen Alles außerordentlich freundlich zu sein, verbeugte sich tief beim Anblicke der kleinen dicken Dame und sagte: »mein Fräulein, dürfte ich mir erlauben, Sie zu fragen, ob der Herr Balletmeissss-ter vielleicht zufällig zu Hause sind?« Die Dame schien durch die Anrede geschmeichelt, und nachdem sie mit einem Kennerblick den Anzug des jungen Menschen überschaut und versichert war, daß hier von keiner Bettelei die Rede sei, antwortete sie freundlich: »mein Mann, Signor Benetti, ist allerdings zu Hause. Wen habe ich das Vergnügen, ihm anzumelden?« Der Herr Dubel verneigte sich sehr tief vor der Frau des Meisters, er faßte ihre Hand und küßte sie respektvoll, worauf die Dame fortfuhr: »Vielleicht ein junger Künstler, der hier durchreist? – ja, ich bin überzeugt, Sie sind ein Künstler.« Abermals verneigte sich der Herr Dubel und stammelte, daß er allerdings im Begriff sei, sich der göttlichen Kunst zu nähern, daß er überzeugt sei oder vielmehr hoffen wolle, der Ausspruch der Signora sei prophetisch, und daß von solchen Lippen als Künstler begrüßt, ihm erscheine, als habe er schon einen großen Schritt vorwärts gemacht auf der schwierigen Bahn. Die Balletmeisterin ging in's Zimmer und der Herr Dubel vernahm, wie er, Dank seiner Liebenswürdigkeit, dort angemeldet wurde als ein wohl aussehender, sehr anständiger junger Mensch, der den Balletmeister zu sprechen wünsche und den man augenblicklich einlassen müsse. Gleich darauf kam sie wieder in den Gang heraus getrippelt und ließ unsern Freund in ein kleines Zimmer eintreten, wo sie ihm einen Stuhl anbot mit der Versicherung, der Balletmeister werde im Augenblick erscheinen. Bald trat dieser auch aus dem Nebenzimmer heraus, mit würdevoller Haltung und feierlichem Blick, der aber sogleich freundlich wurde, als er den Herrn Dubel erkannte. »Ah! mein lieber Freund,« rief er ihm entgegen und streckte beide Hände aus; »charmirt, Sie wieder zu sehen, sehr charmirt! Was verschafft mir das Vergnügen? Erkundigungen vielleicht nach dem kleinen Engel, der lieben Marie? Ein vortreffliches Kind – macht reißende Fortschritte – muß alle unsere Damen überholen, wird eine große Tänzerin werden!« Dies Letztere sagte er flüsternd mit vorgehaltener Hand und einem schlauen Blick gegen das Nebenzimmer. Dann fuhr er wieder laut fort: »aber was verschafft mir das Vergnügen? vielleicht die Bitte um einen Gehalt für die Kleine? Ist schon besorgt, mein Vortrefflicher!« – dabei rieb er sich freundlich die Hände. »Schon eingegeben zu einem kleinen Gehalt; erhält vom nächsten Ersten an vier Gulden monatlich – ein Nadelgeld, aller Anfang ist klein.« Der Herr Dubel verbeugte sich und dankte dem Balletmeister für seine Sorgfalt und seine Bemühungen um das kleine Kind; dann aber sagte er, daß er noch einen andern Wunsch auf der Seele habe und daß er deßhalb den Herrn Balletmeister so früh belästige, weil die Spannung, in der er seit gestern Abend lebe, in einen Herzkrampf überzugehen drohe und er Gewißheit haben müsse, ob es nicht möglich sei, auch ihn so glücklich zu machen, wie das kleine Mädchen, kurz, mit Einem Worte, ob der Herr Balletmeister etwas für ihn thun wolle, daß er bei dem Ballet angenommen würde, die Tanzschule besuchen zu dürfen, um zu erfahren, ob er das Talent, die Gelenkigkeit und Kraft habe, etwas im Fache der Tanzkunst leisten zu können. Signor Benetti legte nach dieser Eröffnung seinen Kopf sinnend in die linke Hand, wobei er den Zeigefinger derselben an die Nase drückte, kurz, eine nachdenkliche Stellung einnahm. Er betrachtete das Gebäude des Schneiders mit Kennerblicken, und schien mit dem, was er sah, nicht unzufrieden. Er nickte einige Male mit dem Kopfe, dann führte er den jungen Mann von der Thür des Nebenzimmers hinweg in die Fensternische, als fürchte er, belauscht zu werden, und sagte nach einer langen Pause: »Also Sie haben Lust, auf die Bühne zu gehen?« »Es ist mein sehnlichssss-ter Wunsch.« »Wie alt sind Sie?« »Zweiundzwanzig Jahre.« »Haben Sie einiges Vermögen, daß es Ihnen möglich wird, eine Zeit lang ohne Gage zu dienen? denn Sie müssen wissen, daß eine hohe Intendanz sich schwer dazu versteht, einem Anfänger etwas zu bezahlen.« »Ich glaube Wohl, mich während meiner Lehrzeit durchbringen zu können; ich habe eine kleine Anssss-tellung im Hause des Herrn Baron Karl.« »Richtig!« sagte der Balletmeister, »ich weiß das ja schon, aber welches Geschäft haben Sie bis jetzt getrieben, was haben Sie gelernt?« »Ich war ein Schneider, ich lernte....« »Bst!« entgegnete Signor Benetti und deutete auf's Nebenzimmer, »das brauchen die da drinnen nicht zu wissen, das ist Mademoiselle Pauline, sie wohnt hier im Hause bei mir, und so eine Solotänzerin hat gar hochmüthige Ideen; Sie verstehen mich schon, lieber, charmanter junger Mann? das Schneiderhandwerk ist ein außerordentlich ehrenvolles Handwerk, aber – die Damen beim Ballet – nun, Sie verstehen mich, das träumt von lauter jungen Grafen und Baronen, die ihnen zu Lieb' Tänzer werden sollen. Ich für meine Person versichere Ihnen, daß ich schon aus Schneidern die besten Tänzer herangebildet habe; die Beine sind von dem Sitzen auf dem Tisch außerordentlich biegsam und sehr gelenkig, die Hand, welche die leichte Nadel geführt, versteht sich graziös zu drehen, und dann, was Sie mein Freund, speciell anbelangt, so denke ich noch immer an den Sprung auf dem Eis mit einer Sicherheit, einem Aplomb, der Sie zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.« »Also Sie glauben wirklich, eine hohe Intendanz....?« – sagte der entzückte Schneider. »Eine hohe Intendanz,« entgegnete wichtig der Balletmeister, »wird Sie in die Tanzschule aufnehmen, sowie ich Sie vorschlage, und daß ich Sie vorschlage, darauf können Sie sich verlassen; die Sache ist abgemacht. Es soll mich freuen, etwas Tüchtiges aus Ihnen herauszubilden. Sie erinnern sich doch,« sagte er flüsternd, »des großen Craspolini, des eminenten Grotesktänzers? – er war ebenfalls ein Schneider und kam aus Italien hieher, arm, zerlumpt; ich habe einen Mann aus ihm gemacht; – aber wie heißen Sie, mein lieber Freund?« »Mein Name issss-t Dubel,« antwortete der Schneider. »Dubel, Dubel,« entgegnete der Balletmeister und wiegte den Kopf hin und her, »Dubel ist ein harter deutscher Name, er klingt nicht gut; lassen Sie sehen, wie wir ihn ändern, wie wir ihn geschmeidig machen.« Er dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Richtig! ich hab's! es ist ganz leicht, wir hängen ihm zwei kleine Sylben an, und so wird's prächtig. Sie heißen fortan – Dubelli, und so stelle ich Sie bei dem königlichen Ballete vor. Ich bin stolz auf diese Erfindung,« lachte er, »und versichere Ihnen, als Signor Dubelli könnten Sie, was den Namen anbelangt, in Mailand gastiren.« Der Schneider, der das Fremdartige liebte und schon heute Nacht überlegt, daß es sich auf dem Zettel nicht gut ausnehmen würde, wenn es z.B. hieße: »Don Alfonso ... Herr Dubel«. war mit seinem neuen Namen vollkommen zufrieden und verbeugte sich geschmeichelt und dankbar. Während nun Beide nach dieser Unterredung in der Fensterecke sich dem Nebenzimmer näherten, sagte der Balletmeister leise: »ich will Sie meiner Frau, der Signora Benetti, und der Demoiselle Pauline vorstellen; ich hoffe, die Letztere, die schon lange einen gutgewachsenen Tänzer wünscht – denn wir sind darin nicht gut versehen, – soll Sie protegiren. Sie hat bei der hohen Intendanz einen tüchtigen Stein im Brette und kann Einiges durchsetzen. – Bst!« er winkte geheimnißvoll mit dem Finger. Sie traten nun in's Nebenzimmer, wo die Balletmeisterin mit ihren Papilloten hinter einem gut besetzten Kaffeetisch auf dem Sopha saß und sich freundlich erbot, sobald Herr Dubelli ihr vorgestellt war, ihm eine Tasse Kaffee zurecht zu machen. Demoiselle Pauline hatte einen reizenden Morgenüberrock an, die blonden Haare unter einem allerliebsten Häubchen verborgen und lag neben dem Kaffeetisch in einem niedrigen Fauteuil und spielte mit einem kleinen Wachtelhunde. Sie streckte die Fußspitzen gerade aus und neckte den Hund, indem sie ihn bald empor hob, bald von sich stieß. Die Tänzerin erinnerte sich gnädigst des Herrn, und als der Balletmeister ihn als einen Beamten, ja, Bekannten des Baron Karl vorstellte und darauf eröffnete, der Herr Dubelli wolle sich dem Theater, dem Ballet widmen, so schenkte ihm die Künstlerin einen zweiten, forschenden Blick und versicherte, es solle sie außerordentlich freuen, wenn der Balletmeister endlich Jemanden gefunden habe, mit dem man möglicherweise tanzen könne; »denn,« setzte sie hinzu und warf den Kopf in die Höhe, »ich versichere Ihnen, Benetti, es ist nächstens hier nicht mehr auszuhalten, wenn man nicht für bessere Tänzer sorgt! Herr Walzer ist ein recht guter Mensch, aber er hat keine Kraft, er hält nicht aus; wenn Elise und ich erst recht anfangen und wenn er uns am Schlusse leviren soll, so müssen wir uns furchtbar anstrengen, um in die Höhe zu kommen. – Haben Sie schon getanzt?« fragte sie den neuen Collegen, und dieser entgegnete: »Getanzt, was man unter Tanzen als Kunssss-t verssss-teht, so eigentlich nicht« – der Balletmeister winkte ihm mit dem Auge – »das heißt auf keinem größern Theater,« verbesserte sich der Herr Dubel, »Vorssss-tudien habe ich wohl schon gemacht, und ich hoffe, es soll mir bald Einiges gelingen unter Ihrem Protektorate, mein Fräulein, und unter der trefflichen Leitung des Signor Benetti.« Die Tänzerin lächelte geschmeichelt und zeigte bei dieser Gelegenheit ein paar rosige Grübchen in ihren Wangen; die Balletmeisterin bot dem artigen Fremden eine zweite Tasse Kaffee an, und Signor Benetti streckte seinen Kopf in die Höhe und versicherte, das Seine thun zu wollen. Der Herr Dubelli, der sich die Lehren des Doktor Stechmaier, daß man auch Alles loben könne, was man nicht gesehen, fest eingeprägt, schwärmte über die gestrige Vorstellung Robert des Teufels und erhob die Leistung von Mademoiselle Pauline als Aebtissin des verruchten Klosters über alle Himmel hinaus. Die Tänzerin lächelte abermals, und der neue College schien ihr zu gefallen. »Es ist schade,« sagte der Balletmeister, »daß Niemand von unseren jungen Damen in der Nähe ist, um mit Herrn Dubelli eine kleine Probe zu machen. Was meinst du Frau, sollte wohl Mademoiselle Karoline, die uns gegenüber wohnt, noch zu Hause sein? Wir könnten sie ja herüber holen lassen, um mit Herrn Dubelli eine Polka, einen Walzer oder so was zu tanzen, um praktisch zu sehen, ob er einen richtigen Begriff von der edlen Tanzkunst hat.« »Sie wird wohl schon ins Theater gegangen sein,« erwiderte Signora Benetti und warf einen Blick zu dem Fenster über die Straße; »ja, sie ist schon fort, ihre Fenster stehen weit offen.« »Schade, schade!« sagte der Balletmeister, »wir hätten uns dadurch eine Probe auf dem Balletsaal erspart.« »Nun, wir können die Probe ja immerhin machen,« nahm Demoiselle Pauline nachläßig das Wort; gehen Sie an Ihren Flügel, Benetti, ich will mit dem jungen Mann tanzen.« »Oh!« sagte der pfiffige Italiener, als erschrecke er über diesen Vorschlag, »das wäre wahrhaftig zu viel verlangt, Mademoiselle Pauline! La prima bellerina wollte die Gnade haben? – – – – Herr Dubelli,« sprach er stolz zu diesem. Sie haben einen glücklichen Tag.« Der neue Tänzer war sichtlich erschüttert von dem übergroßen Glücke, das ihm zu Theil wurde, und erhob sich ganz gerührt; er fuhr über seine hellen, lederfarbenen Glaçehandschuhe, die er sich zu diesem Zwecke eigens gekauft, als wolle er sie fester an die Hand streifen, legte seinen Hut auf einen Nebentisch und stellte sich in Positur. Die Tänzerin warf den kleinen Hund mit ihrer Fußspitze auf den Sopha, erhob sich aus dem Fauteuil, und während sie ihre beiden Hände auf die Hüften legte, wiegte sie ihren Oberkörper in die Höhe und streckte sich um ein paar Zoll. Das Mädchen hatte eine prachtvolle Taille, und der Herr Dubelli wagte es anfangs nur schüchtern, seinen Arm um sie zu schlingen. »Eine Polka-Masurka!« befahl die Tänzerin und fragte mit einem Blicke, der deutlich sagte, daß eine Verneinung auf diese Frage ihr unmöglich erscheine: »Sie tanzen doch Polka-Masurka?« »Allerdings, mein Fräulein!« entgegnete der Exschneider, und da er sich bewußt war, ein wirklich guter Tänzer zu sein, so fühlte er sich erstaunlich leicht und sein Herz klopfte nur noch ganz gelinde. Signor Benetti fing an zu spielen, und der Tanz begann. Leicht und gewandt schwebten die Beiden dahin, und Dubelli gab sich alle Mühe und nahm sich sehr zusammen, um den schlangenartigen Wendungen seiner Tänzerin zu folgen, was ihm auch so gut gelang, daß ihm die Balletmeisterin auf dem Sopha tüchtig Beifall klatschte und entzückt ausrief: »göttlich! – Demoiselle Pauline – außerordentlich! – großartig! – Gut, Herr Dubelli! – Brav gemacht!« – Der Balletmeister spielte indessen immer geschwinder, und die Beiden rasten ordentlich im Zimmer umher. Endlich fing die Tänzerin an, stärker zu athmen, ihr Busen hob sich heftig in die Höhe, und als bald darauf Signor Benetti aufhörte, zu spielen, erklärte sie, der neue College tanze leicht und gewandt, und was die Ausdauer anbelange, so sei sie ebenfalls mit ihm zufrieden. Der Balletmeister erhob sich von seinem Flügel, klopfte dem angehenden Tänzer auf die Schultern und versicherte ihm, er könne stolz sein auf den Ausspruch der Demoiselle Pauline. »Ich werde noch heute unseren Chef sprechen,« sagte er, »und wenn wir erst ein halbes Jahr auf dem Balletsaale und zu Hause die allergründlichsten Studien gemacht, so hoffe ich etwas Anständiges zu erleben.« Der Herr Dubelli dankte der Tänzerin für die außerordentliche Güte und Freundlichkeit, die sie ihm erzeigt, für die Weihe der Kunst, die sie ihm hiedurch ertheilt; ebenso sagte er dem Balletmeister einige tief empfundene und passende Worte und der Signora Benetti ebenfalls etwas Schönes über den Antheil, den sie an ihm genommen. Als nun bald darauf der Theaterdiener mit der Meldung erschien, der Wagen sei unten, um Demoiselle Pauline nach der Probe abzuholen, beurlaubte er sich durch einen Handkuß von der Signora Benetti und begleitete die Tänzerin an den Wagen, hob sie hinein, machte hinter ihr und seinem neuen Chef den Schlag zu und eilte alsdann, den Doktor Stechmaier aufzusuchen, den er in Kenntniß setzte von all' dem Schönen, was ihm heute Morgen bereits passirt. Der Doktor freute sich aufrichtig über das Glück des Herrn Dubel und versprach, in der nächsten Nummer der »Spinne« etwas über den vortrefflichen Balletmeister des Hoftheaters zu sagen, und wie sehr es anzuerkennen sei, daß er sich bemühe, junge emporkeimende Talente für das Balletcorps zu gewinnen. Frau Welscher und Jungfer Kiliane waren nicht wenig überrascht, als sie den Entschluß des Herrn Dubel erfuhren und er ihnen erzählte, daß er schon so gut wie angenommen bei dem königlichen Balletcorps sei. Sie freuten sich besonders darüber, daß nun die kleine Marie in der Anstalt einen Beschützer habe, und der Herr Dubel dagegen, der das kleine Mädchen außerordentlich lieb hatte, war ebenso erfreut, daß sie dort sei, und ihm kam deßhalb der Balletsaal mit seinen Ratten, seinen Tänzern und Tänzerinnen durchaus nicht so fremd vor, wie einem wohl zu Muthe ist, wenn man unter lauter unbekannte Gesichter hineintritt. Das kleine Mädchen hatte eine außerordentliche Freude, als sie erfuhr, sie werde nun künftig ihren Freund Dubel ebenfalls im Balletsaale sehen; sie nahm ihn gleich an die Stange im Zimmer, er mußte die Füße erschrecklich auswärts biegen, sie machte ihm alle Bewegungen vor, die sie schon gelernt, und es war possirlich, wie sie das Alles that mit dem ernsten Ton einer Lehrmeisterin. Den andern Tag schon erhielt der Herr Dubelli ein Dekret von der königlichen Hoftheaterintendanz, das ihm gestattete, die königliche Tanzschule zu besuchen, und ihm ein Engagement beim Balletcorps in Aussicht stellte, sowie ihn Signor Benetti hiezu würdig befinden werde. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Flucht. Die wohlorganisirte Gaunerei in einem wohlgeordneten Staate hat ihre Polizei, wenn man es so nennen kann, die meistens besser eingerichtet ist, als jene Polizei, welche uns vor jenen Gaunern selbst schützen soll. Ihre Chefs (die der Gauner nämlich) sind wohlbekannte, unter ihnen sehr angesehene Leute; ihre Hehler sind meistens von einer musterhaften Pflichttreue; ihre Schlupfwinkel sind sicher und selten einem Verrathe ausgesetzt, und unter ihnen besteht eine immerwährende Communikation, wodurch sie einander mit der Schnelligkeit eines Telegraphen gegen böswillige Anschläge zu wahren und zu schützen wissen, und wodurch sie rasch und mit Leichtigkeit das erfahren, was der wirklichen Polizei viel fruchtlose Mühe und Kosten verursacht. Der treffliche Steinmann war aber in dieser Hinsicht doppelt gut berathen, da er im öffentlichen Leben an einer Ecke stand und dadurch, wie wir wissen, im Stande war, zwei Seiten auf einmal zu übersehen. Daher kam es denn auch, daß er wenige Tage nach der Flucht der Madame Müller mit ihrer Tochter abermals und mit sehr vergnügtem Gesicht neben seinem Gevatter im Refektorium des alten Klosters saß und sich mit einigen Schoppen weißen Weins erlabte. Es war noch ziemlich früh, in dem Lokale sonst Niemand zugegen und der Steinmann saß an seinem Lieblingsplatze auf der Ofenbank, schlenkerte mit den Füßen und rieb sich lächelnd die Hände. Der Gevatter befand sich, Dank dem Gelde der Jungfer Kiliane, in einem ziemlich anständigen Anzuge, der, wenn er ihm auch theilweise zu weit und zu eng war, ihm doch gestattete, sich auf der Straße an der Seite des Steinmann sehen zu lassen. Dieser hatte seine Uniform mit einer bürgerlichen Kleidung vertauscht, trug einen schwarzen Hut und in der Hand ein spanisches Rohr mit weißem Knopf. Er sah zuweilen auf seine Uhr und ermahnte jetzt den Gevatter, seinen Schoppen auszutrinken, da sie fortgehen müßten. »Was werden die Beiden für ein Vergnügen haben,« lachte der Gevatter, »wenn sie uns plötzlich erscheinen sehen!« »Vergeßt nur nicht,« sagte der Steinmann, »daß wir mit gehöriger Vorsicht auftreten müssen; die Alte ist schlau und brennt durch, wenn sie nur Einen von uns sieht, geschweige denn alle Beide. Wir müssen einen vollkommenen Operationsplan entwerfen und getrennt manövriren. Daß sie in Metthausen sind oder heute Abend dorthin kommen, das weiß ich ganz bestimmt, meine Berichte sind sicher, und wir werden mit dem Omnibus ebenfalls gegen Zehn dort eintreffen; ich werde alsdann gleich erfahren, wo sie sich befinden, und wenn wir das einmal wissen, so dürfen wir unter keiner Bedingung zu gleicher Zeit in's Haus treten; ich gehe dann allein in die Stube, und da ich natürlicher Weise kein Aufsehen erregen will, so werde ich zuerst versuchen, ob sie freiwillig zurückkehren; im Fall sie sich dessen weigern, so habe ich hier in meiner Tasche einen Ausweis für den dortigen Bürgermeister, worin ich ermächtigt bin, die Beiden als gefährliche Landstreicherinnen, als liederliche Personen zu verhaften. Ihr habt ein ähnliches Papier und bleibt vor dem Hause stehen, bis ich Euch hineinrufe, wenn Alles in Ordnung ist. So lange ich Euch aber nicht rufe, paßt mir auf's Genaueste auf, und wenn eine von den Beiden aus dem Hause schlüpft, so folgt Ihr derselben, und wenn sie aus dem Dorf rennt, so rennt Ihr ihr nach; nur macht mir auf der Straße keinen Spektakel und gebt Euch nicht vor versammeltem Volk als Polizeiagent aus, denn sonst könntet Ihr im Geheimen die schönsten Prügel bekommen.« Der Gevatter versprach, Alles sorgfältig zu beobachten, und nachdem er auf diese Art vollständig instruirt war, gingen die Beiden mit einander fort nach dem Omnibus, setzten sich auf und fuhren zur Stadt hinaus. Es war ein unangenehmer, windiger Tag, dunkle Wolken sandten häufig Regenschauer herab, und als es Mittag wurde, umzog sich der Himmel mit einem dichten Grau, gegen Abend fing es wieder an zu regnen; anfänglich tröpfelte es nur schwach, dann immer stärker und endlich strömte ein tüchtiger Landregen auf die Erde, der für die Nacht anzuhalten versprach. Dem Steinmann war dies nicht angenehm, denn er fürchtete, daß die Flüchtlinge, wenn sie Metthausen noch nicht erreicht hätten, vorher schon in irgend einem Bauernhofe oder einer Fuhrmannsherberge an der Straße anhalten und übernachten könnten. Indessen rollte der Omnibus vorwärts, so gut es ging; doch wurde es allmälig spät, aus allen Ortschaften, durch welche sie kamen, glänzten schon die Lichter heraus und immer war von Metthausen noch nichts zu sehen. Während die Reisenden im Omnibus auf dieser Seite des ersehnten Orts häufig und ungeduldig nach demselben ausschauten, machte es ein Reisender auf der andern Seite desselben ebenso. Dieser saß in einer Postkalesche, mit zwei Pferden bespannt; er hatte die Ledervorhänge fest zugezogen, um sich vor dem hereinschlagenden Regen zu sichern, und schaute, wie gesagt, nur zuweilen hinaus, um endlich die Station zu erblicken oder den Postillon zu schnellerem Fahren anzutreiben. Dieser, sowie die Pferde, trofen von Wasser und trabten so langsam wie möglich durch den unergründlichen Schmutz, den der Platzregen schnell auf der Straße gebildet. Metthausen, das Ziel dieser beiden Wagen, war ein kleiner Ort mit einer Posthalterei, mit welcher eine Wirtschaft verbunden war, die aber hauptsächlich von Fuhrleuten und Gästen niederen Ranges besucht wurde. Alles Andere ging in den »Rothen Ochsen«, der gegenüber lag; doch machte der »Rothe Ochse« durch diesen höheren Rang keine besseren Geschäfte, und wenn es hier fast beständig leer war, so sah man drüben die Post beinahe immer mit Gästen angefüllt. So war es auch heute Abend, und in der großen Wirthsstube kaum noch ein Plätzchen zu finden, so besetzt war Alles mit Fuhrleuten, die hier über Nacht blieben, mit Handwerksburschen und mit Einwohnern des Orts, die nach vollbrachtem Tagewerk hier ihren Schoppen genossen. Durch diese große Anzahl von Gästen und durch die Art, wie die Meisten, von dem Regen draußen zugerichtet, herein kamen, das Wasser abschüttelnd, den Schmutz der Straße von den Stiefeln abtretend, war das Zimmer der Post durchaus kein behaglicher Aufenthalt. Der Fußboden war mit Wasser und Schmutz bedeckt; die durchnäßten Kittel der Fuhrleute dampften ebenso arg, wie die Suppe, die vor ihnen auf dem Tische stand; denn wegen des kühlen Wetters hatte man ein Feuer im Ofen angemacht und nebenbei qualmten aus ebenso vielen Tabakspfeifen, als hier waren, ebenso viel unangenehme Gerüche. In der Ecke der Wirthsstube, ziemlich unbemerkt von den übrigen Gästen, saß eine Frau, die wir bereits kennen, mit ihrer Tochter. Das Regenwetter hatte ihre Kleidung stark mitgenommen, und die Frau saß da, den Kopf auf ihre Arme gestützt, und sah mürrisch vor sich hin. Das Mädchen hatte die Hände in den Schooß gelegt und starrte, in tiefes Nachdenken versunken, auf das Gewühl der Trinkenden und Essenden. Vor den Beiden auf dem Tische stand ein Glas Bier nebst einigen Kartoffeln in der Schale. Die Mutter seufzte tief auf und das Mädchen fuhr aus ihren Träumereien in die Höhe. »Warum seufzt Ihr, Mutter?« sagte sie »es wird nicht alle Tage so schlecht gehen, wie heute; wir werden, wenn die Leute fort sind, unsere Kleider trocknen und uns ein Bett zum Schlafen geben lassen. Morgen oder übermorgen kommen wir in eine größere Stadt und da werden wir schon Arbeit finden. Seid nur getrost, Mutter, es wird schon gut werden.« Ein tiefer Seufzer war Alles, was die Frau zur Antwort gab. »Seid doch nicht so entsetzlich betrübt, Mutter,« fuhr das Mädchen fort. »Daß wir Unangenehmes aller Art erleiden müßten, das war ja vorauszusehen; aber haben wir uns nicht vorgenommen, Alles freudig und geduldig zu ertragen, um ein besseres und glücklicheres Leben zu beginnen?« »Ein besseres und glücklicheres Leben?« fragte die Mutter, ohne aufzublicken. »Allerdings, Mutter, ein glücklicheres Leben! Meint Ihr, es könne uns nicht gelingen, mit Ehren durchzukommen? Meint Ihr, Gott im Himmel werde Jemanden verlassen, der sich vornimmt, durch ehrliche Arbeit sich durchzubringen? – Gewiß nicht, Mutter! Drum seid getrost, eßt und trinkt etwas, Ihr müßt gewiß Hunger haben.« »Ich mag aber nicht,« war die Antwort. »Ihr mögt nicht, Mutter? – Leider könnt Ihr für heute nichts Besseres haben, aber lasset den Muth nicht sinken; morgen oder übermorgen finden wir etwas, das für uns paßt, und wir werden gewiß noch zufrieden und glücklich.« »Zufrieden und glücklich?« sagte die Mutter bitter lachend und erhob ihren Kopf, um das Mädchen anzuschauen. »Du willst zufrieden und glücklich werden, wenn du mit den feinen Händen da den ganzen Tag arbeiten sollst? – Wer wird dir überhaupt Arbeit geben? O, es ist nicht so leicht, zu arbeiten! Gehe doch hin und vermiethe dich als Magd, versuch's einmal, man wird dir Zeugnisse abverlangen, und wenn du dich auf dein ehrliches, schönes Gesicht berufst und sie deine glatten Hände sehen, da werden die Leute sagen: du seiest nicht zu harten Arbeiten gemacht, und werden dir den Rath geben, zu deinem früheren Geschäft zurückzukehren.« Obgleich die Mutter die letzten Worte sehr leise sprach, so fuhr doch das Mädchen entsetzt in die Höhe, als habe sie ihr etwas Fürchterliches laut und gellend in die Ohren geschrieen; die Alte stützte den Kopf wieder in ihre Hände, und das Mädchen erwiderte nach einer Pause: »Ihr bereut es wohl, Mutter, daß wir die Stadt verlassen haben? Sagt mir, Mutter, ob Ihr es bereut.« »Ja, das thue ich!« entgegnete die Frau; »ich bereue es gewiß und wahrhaftig, dir gefolgt zu sein, es war nichts als eine Lächerlichkeit von dir, eine Laune; am Ende hättest du doch zu Hause arbeiten können und...« »Ein anderes Leben anfangen, wollt Ihr sagen, Mutter,« bemerkte das Mädchen mit gelassenem Tone, obgleich sie unter dem Tische ihre Hände krampfhaft in einander schloß. »Oder,« fuhr sie fort, »es wäre Euch am Ende gleichgültig gewesen oder noch lieber, wenn ich kein anderes Leben angefangen hätte, sagt es nur frei und offen heraus.« »Ja,« sagte die Alte trotzig, »wozu auch eine solche Geschichte? Was geschehen ist, ist leider geschehen; kannst du dich besser machen, kannst du mit aller Arbeit oder aller Buße anders werden, ungeschehen machen, was einmal geschehen ist?« »Vor den Leuten kann ich das freilich, Mutter,« entgegnete das Mädchen mit leiser Stimme; »in einer fremden Stadt, wo mich Niemand kennt, wo man nicht weiß, was ich gethan, kann ich ein anderes Leben führen, kann geachtet sein und mit Ehren angesehen. Hier,« sie preßte die Hand auf ihr Herz, »kann ich freilich nicht verwischen, was ich erlebt; aber das thut nichts, Mutter, diese quälenden Gedanken sind meine Strafe. – – – Aber was soll geschehen?« fuhr das Mädchen nach einer langen Pause fort; »wollt Ihr vielleicht umkehren, Mutter, und mich allein in die Welt hinausgehen lassen?« Die Alte blickte abermals in die Höhe und schwere Thränentropfen liefen über ihre Wangen hinab. »Nein! nein!« sagte sie; »ich kann dich nicht allein lassen, aber ich kann auch nicht in der Welt mit dir herumziehen; kehre mit mir wieder um, wir wollen alle bisherigen Verbindungen abbrechen und können ja auch zu Hause arbeiten, können ja auch zu Hause ein anderes Leben anfangen.« »Ich habe schon einmal gesagt,« entgegnete fest und bestimmt das Mädchen, »daß es zu Hause nimmermehr angeht; wie wollt Ihr Eure Verbindungen abbrechen? Denkt nur an den Steinmann – – – den Steinmann, Mutter!« wiederholte das Mädchen und starrte mit weit aufgerissenen Augen nach der Thüre des Zimmers – »der Steinmann!« fügte sie mit dem Tone des höchsten Schreckens hinzu und drückte krampfhaft den Arm der Frau – »der Steinmann, Mutter! Ich habe ihn draußen vor der Thüre im Gange gesehen!« »Was sagst du?« rief die Alte und fuhr in die Höhe, »der Steinmann wäre hier?« »Ja, ich habe ihn gesehen!« sagte das Mädchen; »bei Gott, er war es! Kommt, Mutter, laßt uns fliehen! dort durch die Küche in den Hof hinaus, – fort, fort!« »Ich kann heute Abend nicht weiter!« sagte die Alte mürrisch und spähte forschend nach der Thüre, doch schien ihr Blick nicht mehr so trüb und finster, wie früher. »Siehst du wohl,« fuhr sie fort, »ich habe es dir ja gesagt! Was hilft das Fortlaufen? der findet uns doch wieder.« »Nein, nein!« entgegnete das Mädchen in namenloser Angst; »es ist draußen finster, der Regen gießt noch immer vom Himmel herab, und wenn wir nur ein anderes Haus erreichen, so findet er uns nicht, Mutter, ich bitte Euch um Gottes willen, kommt mit!« »Nein,« entgegnete die Alte bestimmt, »ich gehe nicht weiter, ich habe gethan, was ich gekonnt, aber dem können wir doch nicht entfliehen.« »Wir nicht, Mutter?« sagte das Mädchen mit gänzlich verwandeltem Tone und warf, wie an jenem Abende, die Oberlippe trotzig in die Höhe; »sagt doch lieber: ich nicht, weil Ihr nicht wollt, mich dagegen soll keine Macht der Erde vermögen, lebendig wieder in ein Joch zurückzukehren, dem ich einmal entflohen, mich soll nichts in meinem Entschlüsse wankend machen; ich will fliehen, so lange mir ein Ausweg offen bleibt, und nur im schlimmsten Falle der offenbaren Gewalt weichen und alsdann noch Hinausschreien in die Ohren Aller, die es hören können, was man mit mir vor hat, wozu man mich zwingen will. – Aber der Augenblick drängt, noch einmal beschwöre ich Euch, Mutter, kommt mit!« – Sie wollte die Alte am Arme fortziehen, aber diese blieb unbeweglich. Noch einen Augenblick harrte das Mädchen und schaute mit der entsetzlichsten Angst auf ihre Mutter; als diese aber kein Zeichen gab, folgen zu wollen, legte sie ein kleines Paketchen – es enthielt ihr letztes Geld, ihre Ohrringe und was sie sonst an Schmuck besaß – in die Hände der Frau, warf noch einen schmerzlichen Blick auf sie und verschwand durch die neben ihnen befindliche Küchenthüre. Es war in der That der Steinmann gewesen, den der scharfe Blick des Mädchens im Hausgange entdeckte. Mit dem Omnibus, der ihn gebracht, war auch zu gleicher Zeit die Postkalesche angekommen und hielt vor dem Hause. Der Steinmann seinerseits hatte Mutter und Tochter ebenfalls bemerkt, hatte seinen Gevatter im Hausgange gelassen und wollte gerade in die Stube treten, als er sah, daß Anna durch die Küchenthüre hinaus eilte. Das arme Mädchen hatte es mit einem schlauen und hartnäckigen Feinde zu thun, und kaum betrat sie die Küche, so zeigte sich auch der Steinmann an der anderen Thüre. Das Mädchen stand erstarrt und schaute rathlos um sich; in der Küche war von den Hausleuten Niemand; nur ein einzelner sehr großer Mann, derselbe, den die Postkalesche gebracht, stand vor dem Herdfeuer und trocknete die Enden seines Mantels, die der Regen draußen durchnäßt hatte. Er zog es wahrscheinlich vor, lieber hier auf einen neuen Wagen und frische Pferde zu warten, als in der überfüllten Wirthsstube. Das Mädchen, welches den Steinmann näher treten sah und welches keine Rettung mehr erblickte und eine Sekunde überlegte, ob sie in das anstoßende Zimmer zurückkehren und die Anwesenden zu ihrem Schutze auffordern solle, verwarf diesen Gedanken ebenso schnell wieder als unausführbar, und wandte sich dagegen mit der Verzweiflungsvollen Hoffnung, mit welcher der Ertrinkende nach einem Strohhalm greift, an den fremden Mann am Herde, ergriff seinen Mantel und flehte um Gottes Barmherzigkeit willen seinen Schutz an. Der fremde Mann drehte sich schnell zu dem Mädchen herum, das zitternd vor ihm niedersank, und blickte erstaunt in das Gesicht Steinmanns, welcher ebenso erstaunt ihm gegenüber wie angefesselt stehen blieb. Der Stadtsoldat erkannte den Jäger Lukas und wußte, daß er es hier mit keinem geringen Gegner zu thun hatte. »Was soll das bedeuten?« fragte der Jäger mit finsterem Blick, indem er den linken Arm in die Seite stemmte, wodurch der Griff seines Hirschfängers sichtbar wurde, wahrend er mit der andern Hand das Mädchen vom Boden in die Höhe zog. »Was soll das sein? Warum verfolgt Ihr dieses Kind?« Der Steinmann schleuderte einen wüthenden Blick auf den Jäger, da er wohl wußte, daß derselbe jedenfalls Partei gegen ihn nehmen würde, und entgegnete mit frechem Ton: »Was das sein soll? – Ich möchte mich erkundigen, was es bedeuten soll, daß Ihr Euch in meine Angelegenheit mischt?« Ein Lächeln der tiefsten Verachtung überflog die Züge des riesenhaften Mannes, er führte das Mädchen gegen das Herdfeuer, stellte sich zwischen sie und ihren Verfolger und fragte so sanft wie möglich: »sage du mir, mein Kind, was soll das alles bedeuten, warum verfolgt dich dieser Mensch?« Das Mädchen schlug bitterlich weinend die Hände vor's Gesicht und war nicht im Stande, sogleich eine Antwort zu geben; der Steinmann aber übernahm dieselbe an ihrer Statt und sagte höhnisch: »Der Herr Lukas werden mich wahrscheinlich kennen und werden vielleicht wissen, daß ich der Polizei angehöre und in dieser Eigenschaft bin ich also hier und trage den schriftlichen Befehl bei mir, dieses Mädchen mit ihrer Mutter, zwei Landstreicherinnen der schlimmsten Art, zu verhaften.« Bei diesen Worten ließ Anna ihre Hände vom Gesicht heruntergleiten, sah den Jäger an und sprach durch Thränen: »glaubt ihm nicht, Herr, o glaubt ihm nicht! Ich bin keine Landstreicherin, aber dieser da ist ein schlechter Mensch, der mich verderben will.« »Das hat gewiß seine Richtigkeit,« sagte der Jäger lächelnd und schaute über seine Achsel nach dem Stadtsoldaten hin; »sei aber die Sache, wie sie will, so soll ihm der Spaß dieses Mal verdorben werden, ich nehme dich unter meinen Schutz.« Jetzt erlaubte sich der Steinmann eine laute Lache aufzuschlagen, nahm seinen Verhaftsbefehl aus der Tasche, hielt ihn dem Jäger vor die Augen und bemerkte: »wir wollen doch einmal sehen, ob Ihr, ein fremder, unbekannter Mensch, Euch unterstehen wollt, der Polizei in's Amt zu greifen und sie zu verhindern, zwei schlimme Personen zu verhaften, das wollen wir einmal sehen!« Der Jäger überlegte gerade, ob jetzt ein günstiger Moment sei, um den Steinmann zum Fenster hinauszuwerfen, als ihm und dem armen Mädchen in der stämmigen Wirthin des Hauses eine unerwartete Hülfe zu Theil wurde, die kräftig gegen den Steinmann auftrat. »Was!« rief diese würdige Dame mit zornrothem Gesicht, welche die letzten Worte gehört hatte, »ein verkleideter Polizist will in meinem Hause Gäste insultiren und sie verhaften? – Nehme Er sich in Acht, oder ich werde Ihm zeigen lassen, was mein Hausrecht ist!« »Aber, liebe Frau,« entgegnete der Steinmann geschmeidig, »Sie muß wissen, warum es sich handelt. Will Sie in Ihrem Hause vagabundirende Weibsbilder behalten und will Sie die Polizei hindern, solche Geschöpfe, die zum Schaden aller Menschen umherstreifen, unschädlich zu machen? O, das wird Sie nicht wollen, wackere Frau Siemlich! In einem Gasthofe, wie der Ihrige, solche Frauenspersonen? – Denk Sie nur, wie sich darüber die Frau Ochsenwirthin freuen würde! O nein, Sie wird mir helfen und beistehen lassen gegen diesen Herrn da, der sich unbefugter Weise in meine Geschäfte mischt.« Die Frau ließ bei dieser Rede ihre Arme langsam vom Leibe heruntergleiten und sah das Mädchen und den Jäger mit fragenden Blicken an. Allerdings mochte das schöne Gesicht der Ersteren, die weißen Hände und die wohlgeordnete dicke blonde Flechte, die unter der groben Haube hervorgekommen war, im Vergleich mit der unscheinbaren Kleidung verdächtig erscheinen; doch trat der Jäger fest auf sie zu und sagte mit bestimmtem Tone: »Ich versichere Sie, Frau Wirthin, ich kenne jenen Menschen, ich weiß, daß er ein schlechter Gesell ist, und bin fest überzeugt, daß es sich hier um eine Spitzbüberei handelt, um eine Schlechtigkeit, die er einem armen, wehrlosen Geschöpf Ihres Geschlechts anthun will. Das Mädchen ist gewiß unschuldig und von Ihnen, Frau Wirthin, bin ich überzeugt, daß Sie es überhaupt nicht dulden werden, daß in Ihrem Hause ein Spektakel der Art vorfällt, und daß es in dem Orte morgen heißt: die Polizei habe es für nöthig gefunden, aus Ihrem Hause, aus dem Gasthofe »zur Post« Leute zu entfernen. Denken Sie, was Ihnen das hier, sowie in der Residenz, die ich morgen früh erreiche, für ein Renomenée geben würde.« Der Steinmann warf dem Jäger einen wahrhaft teuflischen Blick zu, als er sah, wie die Frau Siemlich abermals ihre Arme in die Seite stemmte, und als sie sagte: »der Herr hat Recht, ich lasse nun und nimmermehr in meinem Hause Jemanden arretiren; sie können heute Nacht dableiben, und wenn sie morgen das Wirthshaus »zur Post« verlassen haben, so mag mit ihnen geschehen, was da will, ich habe dann keine Verantwortung.« Der Steinmann, welcher nicht so leicht abzuweisen war, entgegnete: »dann werdet Ihr mich zwingen, Frau Siemlich, daß ich zum Bürgermeister gehe und mir mit Gewalt nehme, was Ihr mir in Güte verweigert. – Ich will ja durchaus keinen Spektakel machen,« setzte er listig hinzu, »wir bringen das Mädchen mit ihrer Mutter auf ein Zimmer droben, und morgen früh fahren wir mit ihr nach der Residenz zurück, das kann gar kein Aufsehen erregen.« »Nein, nein!« flehte Anna, »laßt es um Gotteswillen nicht geschehen, gebt mich nicht in die Gewalt dieses Menschen!« »Mit Gewalt?« sagte die Wirthin, die nur dieses Wort gehört zu haben schien, und deren Gesicht abermals zornigroth aufflammte, »mit Gewalt in meinem Hause? Das wollen wir doch einmal sehen! – Und mir mit dem Bürgermeister drohen, der drinnen seinen Schoppen trinkt? Ist nicht der Christoph und der Johann im Hause, sitzen nicht in der Wirthsstube draußen sechs meiner besten Kunden, sechs vierspännige Fuhrleute, die der armen Frau Siemlich nichts geschehen lassen? O, wir wollen das einmal sehen!« – Die Frau steigerte ihre Rede zu so lautem Ton, daß der Steinmann und selbst der Jäger sie zu beschwichtigen versuchten. Der Erstere, der einen schnellen Blick in der Küche umherwarf, bemerkte, daß dieselbe nur zwei Ausgänge hatte, einen nach der Hausflur, wo der Gevatter versteckt war, und den anderen nach der Wirthsstube, wo hinein er sich zurückzuziehen beschloß, um mit Madame Müller zu verhandeln, die gewiß nicht so hartnäckig war, und abzuwarten, bis sich die Wirthsstube geleert haben würde. Der Jäger aber bat die Frau Siemlich sich zu beruhigen, indem er schon mit dem Herrn da fertig werden wolle. Der Polizeisoldat zog sich in die Wirthsstube zurück und begann alsbald ein eifriges Gespräch mit der Mutter des Mädchens; die Wirthin eilte in das Hintergebäude, um sich für den Nothfall zu überzeugen, ob Johann und Christoph kampffähig seien. Anna aber sank auf einen Stuhl am Herde und berichtete dem Jäger, der sich neben sie an den Kaminstein lehnte, so viel es nöthig war, von ihrem früheren Leben und wodurch es gekommen sei, daß der Steinmann sie verfolge. »Ich habe immer gewußt, daß er ein schlechter Kerl ist, und es wäre am Besten, wenn man auf Untersuchung gegen ihn antrüge.« »Nein, nein!« entgegnete Anna, »das kann und darf nicht geschehen. Er würde sich herauszuziehen wissen und meine arme Mutter angeben, und sie käme in's Unglück, in's bitterste, entsetzlichste Elend! O, glauben Sie mir, mein Herr, ich habe, so jung ich bin, schon viel, sehr viel erlebt, schon viel, sehr viel gefehlt, aber ich bin kein schlechtes Geschöpf, gewiß nicht! nur unglücklich, fühle jedoch alle Kraft in mir, wieder gut zu machen, was ich vielleicht verbrochen!« Der Jäger blickte in die Gluth des Feuers und versank in tiefes Nachsinnen, ihm kamen wieder seine Ideen des immerwährenden Traumes, er dachte an seine Jugend, an den blauen Regenschirm, an den tiefen See des Dorfes, und gestand sich schaudernd, wenn er damals älter gewesen wäre und verständiger, so wär das nicht vorgefallen, als er damals aus der Stadt im Regen nach Hause ging an ihrer Seite; er hätte vielleicht nicht zu Hause so lange im Bett gelegen und wäre vielleicht nicht in jenen Schlaf gefallen, in welchem er heute noch fortträumte; aber hier war fast der gleiche Fall: eine Mutter, die ihr Kind geopfert, aber ein Kind, das sich selbst emporreißen wollte aus der Tiefe, in die es versunken. Das hatte ihm freilich Anna alles nicht mitgetheilt, aber wie gesagt: er träumte von dem blauen Regenschirm, er träumte von jener Mutter und fühlte in dem Innersten seines Herzens, daß hier der gleiche Fall sei. Das Mädchen hatte lange zugeschaut, wie ihr Retter so tief in Gedanken versunken dastand, und wußte nicht, wie genau er unbewußter Weise in dem Augenblicke ihre Vergangenheit ergründet; doch machte der finstere traurige Blick, mit dem er jetzt aufschaute, sie ängstlich, und ihr Auge hing an seinen Lippen, um zu erfahren, ob er ihr helfen werde. »Da ist nichts zu thun,« sagte Lukas nach einer langen Pause, »als Sie heute noch aus diesem Hause, aus diesem Orte zu bringen. Nach der Residenz zurück wollen Sie nicht und können Sie nicht, ich finde das begreiflich; aber ich will Ihnen etwas sagen: Sie fahren mit dem Wagen, der mich hiehergebracht, zurück nach der Station im nächsten Orte, dort halten Sie sich auf, bis ich nach einigen Tagen zurückkehre, und dann wollen wir sehen, was für Sie zu thun ist.« Das Mädchen ergriff die Hand des Jägers und küßte sie, ehe er dieses hindern konnte; er hätte das auch wohl geschehen lassen, denn er kam sich vor, wie um viele, viele Jahre älter, als die übrige Welt, und es war ihm, als sitze jenes andere Mädchen neben ihm am Feuer, ein junges, unglückliches Kind und klammerte sich fest an seine Hand und flehte ihn an: ziehe mich empor aus dem tiefen Dorfsee, empor an das freundliche Licht der Sonne!« Der Steinmann hatte unterdessen seinem Gevatter draußen die größte Aufmerksamkeit eingeschärft und ihm befohlen, dem Mädchen zu folgen, wohin sie sich auch begeben würde. So saß er denn selbst gesichert bei der Alten in der Wirthsstube, die eigentlich froh war, daß der Stadtsoldat gekommen war und sie wieder mit nach der Residenz nehmen wollte. Was Anna anbelangt, so dachten die Beiden, sie würde nicht weit laufen, und der Gevatter werde sie morgen schon zurückbringen. Unterdessen hatte der Jäger den Postillon, der ihn Hieher gebracht, in die Küche kommen lassen, gab ihm ein reichliches Trinkgeld und ersuchte ihn, das Mädchen bis zur Station mitzunehmen, wozu sich derselbe auch bereitwillig erklärte. Er spannte seine Pferde ein, fuhr an der Hausthür vor und der Jäger begleitete Anna, bis an den Schlag der Postkalesche, hob sie hinein und legte etwas Geld neben sie, damit sie in den nächsten Tagen nicht in Verlegenheit komme. Obgleich sich das Zartgefühl des Mädchens anfangs sträubte, von ihm, dem Fremden, eine Gabe anzunehmen, so waren doch die Worte, mit welchen er sie überreichte, so wohlwollend, überhaupt sein Benehmen gegen sie so ernst und väterlich, daß sie das Geld annahm, ihm die Hand drückte und sich in eine Ecke des Wagens schmiegte. Der Postillon setzte sich auf den Bock, knallte gewaltig mit seiner Peitsche und fuhr durch die nächtlich stille Straße davon. Der Jäger blieb einen Augenblick unter der Hausthür stehen und blickte dem fortrollenden Wagen nach; kam es ihm doch vor, es springe dicht an den Häusern hin neben der Kalesche her ein Mensch, der dem Wagen zu folgen schien. Der Steinmann konnte es nicht sein, denn der saß ruhig in der Wirthsstube. Ah! dachte Lukas, vielleicht ein armer Teufel, der sich die Gelegenheit zu Nutzen macht, um wohlfeil und trocken nach Hause zu kommen. Obgleich der Jäger mit seiner Reise nach der Residenz eilig war, und er hier schon eine halbe Stünde verloren hatte, so konnte er sich doch nicht von der Straße trennen, sondern mußte immer und immerfort dem Wagen nachblicken, der jetzt den Ort verlassen hatte und auf der geraden ansteigenden Chaussee dahinrollte. Er wußte nicht, woher der Antheil kam, den er an dem unbekannten Mädchen nahm, aber es hatte ihn etwas mit Gewalt zu ihr hingezogen, etwas Unerklärliches, Räthselhaftes, und dieses Etwas schien ihm zu winken und ihn dem Wagen nachziehen zu wollen, denn er machte mehreremal einige Schritte nach dem Ausgange des Dorfes, und er mußte sich mit Gewalt zur Umkehr zwingen. Jetzt eilte er an seinen Wagen, um sich hineinzuwerfen und seinen Weg fortzusetzen; jetzt zog er den Fuß wieder von dem Tritte zurück und war im Begriff, umkehren zu lassen und dem andern Wagen nachzufahren. Der Regen hatte aufgehört und die zerrissenen Wolken jagten in phantastischen Gestalten an dem Monde vorbei, der zuweilen hindurchscheinend einen Lichtstrahl auf die Erde fallen ließ; bald hier und bald da durch die zerrissenen Wolken fielen diese Lichter auf die Erde, bald zogen sie sich zu kleinen Punkten zusammen, bald breiteten sie sich für einen Augenblick bis zum Horizonte aus – wie jetzt – und da erblickte der Jäger den Wagen auf der Höhe des Weges, wie er nun eilfertig abwärts fahrend verschwand. Dann war wieder Alles ringsum dunkle Nacht. – Endlich riß sich Lukas mit Gewalt von seinen Träumereien los, stieg in seinen Wagen, versprach doppeltes Trinkgeld für gutes Fahren und fuhr im Galopp davon auf der Straße nach der Residenz. Nach einer kleinen Stunde, die er nachdenkend verbracht, beruhigte sich sein Gemüth und er konnte lächeln über den Antheil, den er an dem unbekannten Mädchen genommen; dann aber kam es wieder über ihn wie eine gewaltige Sehnsucht, er blickte rückwärts zum Wagen hinaus und meinte oftmals, am Ende des Weges eine andere Kalesche der seinigen folgen zu sehen. Zuweilen versank er, auch in einen leichten Halbschlummer, war aber jedesmal froh, wenn ihn das Rütteln des Wagens wieder erweckte, denn er dachte einen und denselben fürchterlichen Gedanken immer und immer wieder. Er stand an dem Dorfsee und blickte hinab und suchte aus dem Grunde desselben einen Gegenstand zu erkennen, den er für den Körper eines Mädchens hielt; doch war es ihm nicht möglich, zur Gewißheit zu gelangen, ob dem wirklich so sei. Er lief um den See herum und blickte von der andern Seite wieder hinein – derselbe Gegenstand tief im Wasser; dieses war so durchsichtig und klar, und jetzt, wo es kühlend sein Gesicht berührte, konnte er deutlich den Grund des See's erblicken. Da sah er auch das Mädchen, aber nicht abschreckend, wie eine Todte, nein! sie saß da unten auf glänzendem Kiesel und flocht sich einen Kranz. Tiefer und tiefer beugte er sich hinab und glitt endlich von dem Ufer in den See. Da sank er langsam unter, und obgleich er anfänglich heftig erschrak, so lachte er gleich darauf und sagte: »ich träume ja nur, und werde erwachen, sowie mein Fuß den Grund des See's erreicht – und so war es auch – heute Nacht! Sowie er mit dem Fuß auf dem Boden des Wassers aufstieß, so erwachte er und fuhr in die Höhe. Draußen war es noch immer finstere Nacht, am Himmel jagten sich die dunklen Wolken, und auf dem Bocke arbeitete der Postillon mit Zügel und Peitsche, um die ermüdeten Pferde rascher vorwärts zu treiben. Schon dämmerte der Morgen, als der Jäger die Residenz vor sich liegen sah und, nach einem kurzen Aufenthalt am Thore, durch die todten, stillen Straßen der schlafenden Stadt rasselte. Noch eine Viertelstunde, und er hielt an dem Gitter, welches das Haus seines Herrn umgab; der Hofhund bellte zuerst zornig, dann heulte er vor Freuden und wedelte mit dem Schweife, als der Jäger abstieg und die Glocke an dem Thore zog. Bald öffnete der alte Diener und Lukas stieg die Treppen hinauf in das Schlafzimmer des Herrn Dubel, der vor Erstaunen fast aus seinem Bette gefallen wäre. Der Jäger legte Mantel und Hirschfänger ab, schüttelte fröstelnd die Erinnerung an die vergangene Nacht von sich, reichte dem Exschneider freundlich die Hand und erzählte, nachdem der alte Diener einen wärmenden Kaffee gebracht, von dem der Herr Dubel in seinem Bette ebenfalls genoß, daß er die besten Nachrichten bringe und freudige Botschaft habe für alle, welche sich für seinen Herrn lebhaft interessirten. »Wir haben sie gefunden, unsere zukünftige Gebieterin, und wie ich fest glaube, sind Beide Vollkommen einig.« »Und auch vereinigt?« fragte Herr Dubel; »schon Verheirathet? darf ich gratuliren?« »Das noch nicht,« entgegnete der Jäger; »gefunden, wie gesagt wäre das Fräulein, glücklich hat sie die Ankunft des Herrn auch gemacht, und einverstanden ist sie auch damit, jede Stunde seine Gemahlin zu werden, aber . . .« »Aber?« sagte der Herr Dubel kleinlaut; »schon wieder ein Aber?« »Als eine dankbare und gehorsame Dame hat sie verlangt, der Baron solle nochmals alle Schritte thun, die Einwilligung der Hofdame, der Frau von C., respektive die der alten Frau Herzogin zu erlangen, und sobald die erfolgt ist, wird die Hochzeit mit allem Glanze vor sich gehen.« »O weh!« sagte der Schneider; »und wenn die Einwilligung nicht erfolgt?« »Hoffentlich werden sie dieses Mal gescheidter sein, die alten Weiber, und wenn dem nicht ist, so wird, wie ich denke, doch geheirathet; der Baron will diesen Versuch nur machen, um Alles gethan zu haben und seine Braut zu beruhigen. Daß er selbst nicht hieher kommen konnte, wird Jedermann begreiflich finden; er hat mich darum zum Kourier gewählt, und ich habe Briefschaften für den Grafen Alfons, der mit der Frau von C. unterhandeln soll, und ich bleibe nur so lange hier, bis ich Ja oder Nein, Schwarz auf Weiß habe.« Herr Dubel rieb sich in seinem Bette vergnügt die Hände und ließ sich alsdann Einiges erzählen von den Reisen, den Kreuz- und Querzügen, die der Baron unterdessen gemacht. »Wir waren in München und Wien,« sagte der Jäger, »gingen dann durch die Schweiz nach Frankreich, nach Paris, und alles das wurde im Fluge abgemacht, die Nächte, welche wir nicht durchfuhren, verbrachte der Baron in Soireen und auf Bällen; es standen ihm ja bei seinen großen Bekanntschaften alle Häuser offen, und so forschte er nach und erkundigte sich überall nach dem Fräulein, und wo er das bei seinen oder ihren Bekannten that, da wunderte man sich sehr über seine Fragen und meinte, er komme ja aus unserer Residenz; man wußte nichts von der Reise der jungen Dame, noch viel weniger von ihrem Aufenthaltsorte, und so zogen wir immer weiter und weiter. Auch Paris, wo sich ein Zweig ihrer Familie befindet, verließen wir, ohne eine Spur entdeckt zu haben, und kamen so nach Brüssel.« »Aha!« sagte Dubel, »nach Brüssel, wo in der Nähe auf einem Schlosse ein alter Onkel des Fräuleins wohnt, der mit der ganzen Familie in Feindschaft lebt; nun, habt ihr ihn besucht? der wird schöne Augen gemacht haben?« »Allerdings machte er schöne Augen,« lächelte der Jäger, »der Baron, der die Feindschaft des alten Herrn mit seiner ganzen Familie wohl kannte, hatte natürlich zu allerletzt daran gedacht, ihn aufzusuchen. O, wären wir nur zuerst dahin gegangen, denn ... was meinen Sie wohl, Dubel?« »Ich will nicht hoffen!« sprach der Exschneider und richtete sich in seinem Bette empor. »Versteht sich!« sagte lachend Lukas, »dort haben wir sie gefunden; der Teufel mag wissen, womit sie den alten Kameraden von hier besänftigt haben; genug, das Fräulein befand sich auf seinem Schlosse, er liebt sie, wie eine Tochter, was auch nicht anders möglich ist, und da man uns ebenfalls von hier aus wahrscheinlich als furchtbare Kerls geschildert hat, so fehlte nicht viel, daß der Alte, als der Baron sich melden ließ, Sturm läuten und die Bauern seiner Dorfschaften herbeirufen ließ, damit sie uns wie einen bösen Feind wegjagen sollten. Aber es brauchte keine großen Explikationen; in einer Stunde Zeit war Alles aufgeklärt, und der Baron hatte, wie es auch nicht anders möglich ist, bei dem alten Herrn den größten Stein im Brette. Alles wurde in Ordnung gebracht; der Onkel gab seine Einwilligung, und jetzt bin ich, wie gesagt, hier, und der Baron macht schriftlich einen vielleicht fruchtlosen Versuch, sich mit Frau von C. zu versöhnen.« Nach dieser Erzählung stand der Jäger von seinem Stuhle auf, ging an's Fenster, blickte auf die bekannten Umgebungen und erkundigte sich, ob Dubel gut Haus gehalten und ob im Innern des Gebäudes Alles in Ordnung sei. Der Exschneider, der sich indessen von seinem Lager erhoben hatte und im Begriffe war, sich anzukleiden, versicherte, er habe sein Möglichstes gethan, und sprach die Hoffnung aus, man werde mit ihm vollkommen zufrieden sein. »Aber, was Teufel!« sagte der Jäger, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, »was haben Sie sich für eine Stange da an die Wand befestigen lassen? Ist das zum Kleidertrocknen oder zum Wäschaufhängen? So ein Möbel habe ich in meinem Leben nicht gesehen.« »Richtig, richtig!« sagte Herr Dubel einigermaßen in Belegenheit und sprang mit einem Entrechats von seinem Bette herunter; »das hatte ich wahrhaftig beinahe Vergessen; ja, ja, es hat sich bei mir Manches verändert, ich habe die Flickschneiderei an den Nagel gehängt; wie Sie mich hier vor sich sehen, verehrter Herr Lukas, so sehen Sie in mir nichts Geringeres, als einen angehenden Tänzer der königlichen Hofbühne.« »Sie spassen!« lachte der Jäger. »Ohne Spaß!« entgegnete feierlich der Herr Dubel, »ich habe die erssss-te Stufe auf der Leiter des Ruhmes erssss-tiegen. Sie wissen selbssss-t, ich fühlte es immer, daß in mir etwas schlummere, ein unnennbares Etwas, welches zur That erweckt, vielleicht im SSSS-tande sein würde, dereinssss-t die Welt in ein gewisses SSSS-taunen zu versetzen. Man hat Talente in mir entdeckt, und obgleich nur eine Eleve der edlen Tanzkunssss-t, glaubt doch Signor Benetti, der königliche Balletmeissss-ter, daß er im SSSStande sein würde, mich baldigssss-t vor einem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum zu produciren. Doch habe ich mir seit jenem Tage den Namen Dubelli beigelegt.« Der Tänzer sagte das in einer sehr gewählten Stellung verharrend, mit außerordentlich wichtiger Miene, und der Jäger lachte dazu, so gut er überhaupt lachen konnte. »Also ein Künstler, Herr Dubelli? Nun, ich gratulire; aber warum haben Sie das nicht geschrieben? Der Baron würde sich außerordentlich darüber gefreut haben.« »Glauben Sie das wirklich?« sagte forschend Herr Dubelli; »glauben Sie wirklich, daß mein hoher Gönner einigen Antheil an mir nimmt und es wirklich nicht ungern sieht, daß ich mit dem ehrenvollen Amte eines Hüters seines Hauses bekleidet, mich dem Theater zugewendet habe?« »Im Gegentheil!« versetzte Lukas, »es wird ihn gewiß freuen, er liebt die Kunst und beschützt, so viel er kann, jeden Künstler.« Herr Dubelli verbeugte sich geschmeichelt und entgegnete: »für jetzt noch nicht Künssss-tler, nur erssss-t Tänzer, aber ich will Alles anwenden; um dem Protektorate meines Gönners Ehre zu machen.« »Nun warten Sie,« sprach der Jäger, »der Baron wird Ihnen Ihr kleines Gehalt, auch wenn Sie dieses Haus verlassen müßten, gern lassen, so sagte er und trug mir auf, irgend etwas für Ihr Unterkommen zu thun, und da ich nun gleich zum Grafen Alfons hingehe, der ein guter Freund des Intendanten ist, so will ich denselben im Namen des Barons um ein Wort für Sie bei Ihrem neuen Chef bitten, was Ihnen gute Früchte tragen solle.« Herr Dubelli war voll Dankbarkeit, und glaubte es dem Jäger schuldig zu sein, ihm einen Begriff geben zu müssen, wie weit er es bis jetzt in der hohen Tanzkunst gebracht. Dieses Exercitium in dem mangelhaften Morgenanzuge des Tänzers sah nun freilich einiger Maßen komisch aus, und als es beendigt war, versicherte der Jäger lachend, es scheine allerdings ein großes Talent in ihm zu schlummern. Unterdessen war es nicht mehr zu früh für den Jäger, seine Briefschaften abzugeben, und nachdem er seinen Anzug geordnet, schritt er durch die Zimmer seines Herrn. – Wie war hier Alles so öde und traurig! Die schweren Vorhänge waren zugezogen, die Fauteuils standen leer vor dem Kamin, die Uhren gingen nicht, dort in dem Schlafzimmer standen Spazierstöcke und Fahrpeitschen so theilnahmlos und ruhig, als wären sie nie gebraucht worden. Selbst die bekannten schönen und freundlichen Bilder blickten dunkel aus ihren Rahmen, und nur ein einziges gefiel dem Jäger heute absonderlich und fesselte seine Aufmerksamkeit. Früher war ihm das Bild nie aufgefallen, und er hatte es doch so oft gesehen! – Es stellte einen Bergsee vor, der mit hohem Gebüsch umgeben war, welches sich auf allen Seiten dunkelgrün in dem Wasser wiederspiegelte; nur in der Mitte, wo der Himmel auf das Wasser sah, glänzte es klar und blau. Es lag eine tiefe, feierliche Stille auf der ganzen Landschaft und hoch in den Lüften kreiste ein Raubvogel. – – Dieser See war der See seines Traumes aus vergangener Nacht, und er trat nachdenkend an's Fenster, hob den Vorhang in die Höhe und schaute nach der Richtung hin, wo er gestern hergekommen war. Wieder glaubte er den Wagen zu erblicken, der langsam davonrollte, bis er hinter dem Berge verschwand, und dann war Alles aus! – – – – Als sich Lukas überzeugt, daß der nunmehrige Herr Dubelli das Haus zur Zufriedenheit in Ordnung gehalten, ging er zum Grafen Alfons, um seine Briefe abzugeben. Dieser empfieng den treuen Diener seines Freundes mit großem Vergnügen, meinte aber, es werde immer einige Tage kosten, bis von der Frau von C. eine Antwort zu erhalten sei – an eine günstige glaube er, aufrichtig gesagt, nicht. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Ende des Traumes. Unterdessen war die Postkalesche, welcher der Jäger Lukas mit so unerklärlicher Sehnsucht nachgeschaut, ebenfalls in dunkler Nacht dahingerollt und hatte früher ihren Bestimmungsort erreicht, als dieser die Residenz. Das Mädchen saß mit gefalteten Händen in der Ecke des Wagens in tiefes Nachdenken versunken und gab dem gutmüthigen Postillon nur spärliche Antworten auf seine mannigfaltigen Fragen. Hinten auf dem Wagen saß aber dieselbe Gestalt, die in Metthausen bei den Häusern vorbeigeschlichen und die Niemand anders war, als der Gevatter des Steinmann. Vergnügt hockte er auf dem Trittbrett der Kutsche, schlenkerte zuweilen mit den Füßen und dachte an die Ueberraschung des Mädchens, wenn er sich ihr morgen früh vorstellen würde. Er hatte beschlossen, vorsichtiger und, wie er glaubte, pfiffiger aufzutreten, als der Steinmann. Er wollte das Mädchen ruhig zu Bette gehen lassen, den Morgen abwarten und dann den Verhaftsbefehl präsentiren. Endlich erblickte man in der Ferne an der Straße dunkle Gegenstände, Häuser, einen Kirchthurm; der Postillon knallte entsetzlich mit seiner Peitsche oder stieß, abwechselnd mit diesem Signal, welches dem schlafenden Schatz seine glückliche Rückkehr anzeigen sollte, lustig in sein Posthorn. Jetzt rollte der Wagen durch die einzige Straße des kleinen Dorfes, kam jetzt vor das Posthaus und hielt an. Der Postillon befahl dem herbeigeeilten Hausknecht, ein Zimmer für die Mamsell zurecht zu machen, hob alsdann das Mädchen aus dem Wagen und begleitete sie in's Haus. Es wurde ihr eine Stube angewiesen, sie schloß in derselben die Thüre hinter sich zu, und ehe sie zu Bette ging, dankte sie Gott mit innigem Gebet für die Rettung, welche er ihr hatte zu Theil werden lassen. Der Gevatter aber, indem er wußte, daß seine Beute in Sicherheit war, kam eine Viertelstunde später als müder Fußgänger und quartierte sich in demselben Hause ein. Am anderen Morgen war er schon bei Tagesanbruch wieder auf den Beinen, und sein erster Gang war zum Schultheißen des Orts, wo er sich als geheimer Polizeiagent auswies und den Fall, so wie er jetzt vorlag, erzählte. Der Schultheiß, ein wohlgenährter, freundlicher Bauer, mit weißem Haar, saß eben an seiner Morgensuppe und schien gerade nicht viel Behagen daran zu finden, zu so früher Morgenstunde in's Wirthshaus zu gehen, um eine Verhaftung vorzunehmen. Der Gevatter trug nämlich auf eine solche an, nachdem er vorher noch einen Versuch gemacht haben werde, Anna zur freiwilligen Rückkehr nach der Residenz zu bewegen, doch wußte er zum Voraus, daß dieser Versuch fehlschlagen würde. Mau kann sich das Entsetzen des armen Mädchens leicht vorstellen, als der Gevatter sich in ihr Zimmer führen ließ, und sie davon in Kenntniß setzte, daß er ihr gefolgt sei und sie mit ihm freiwillig oder gezwungen nach der Residenz zurückkehren müsse. Wenn Anna den Steinmann haßte, so verachtete sie dagegen seinen Gehülfen aus tiefster Seele, und nachdem der erste Moment ihres Schreckens vorbei war, trat sie dem Gevatter mit jener Hoheit in Wort und Blick entgegen, die ihm so bekannt war und die einen solch' gränzenlosen Stolz, eine solche Entschlossenheit aussprach, daß sich der Gevatter achselzuckend nach der Thür zurückzog. »Was wollt Ihr von mir?« sagte das Mädchen und faßte die Lehne eines Sessels, aber durchaus nicht mit dem Ausdruck, als wenn sie sich darauf stützen wollte. »Wie könnt Ihr, der Schlechteste unter den Schlechten, es wagen, in mein Zimmer zu dringen, Euch vor meine Augen zu stellen?« Der Gevatter zuckte abermals mit den Achseln und erwiderte: »warum sich ereifern, Mamsell Anna? Meinetwegen hätten Sie hingehen können, wohin es Ihnen beliebt, aber ich bin hier im Auftrag der Polizei und habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie in der Tasche, von dem ich vollen Gebrauch machen werde, wenn Sie mich dazu zwingen.« Das Mädchen athmete schwer auf und hielt mit ihrem Blicke das Auge des Gevatters fest, als wolle sie erspähen, ob es wahr sei, was dieser Mensch sage; doch blieb sich das Gesicht des Gauners, der diesen fragenden Blick verstand, bis auf den Sehwinkel im Auge, der bald spitz, bald stumpf wurde, vollkommen gleich. Er zog das Papier aus der Tasche und fragte: ob sie ihm in Güte folgen wolle oder nicht. Das Mädchen machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und trat an's Fenster, worauf der Gevatter den Schultheißen, der draußen gewartet, in das Zimmer rief und ihn zur Unterstützung aufforderte, damit er den Befehl, den man ihm ertheilt, ausführen könne. Der alte Bauer trat auf das Mädchen zu und erklärte ihr mit ruhiger Stimme, um was es sich handle, daß er in seinem Amte gezwungen sei, jenen Mann in seiner Pflicht zu unterstützen, daß ihm oft schon ähnliche Fälle unangenehme Stunden bereitet, und daß es am besten wäre, wenn sie in Frieden nach der Residenz zurückkehrte. »Und was geschieht mit mir,« fragte Anna, »wenn ich mich nun weigere, mit jenem Menschen diesen Ort zu verlassen, wenn ich mich alles Ernstes weigere? wenn ich keinen Schritt zurückgehe, wenn ich mich nicht einmal mit Gewalt in einen Wagen bringen lasse? Und das werde ich alles thun! Denn Sie können mir glauben, Herr Schultheiß, daß ich eher das Fürchterlichste begehe, als daß ich mit jenem Menschen nach der Residenz zurückkehre.« Der Beamte des Dorfes blickte fragend auf den Gevatter, welcher eine Geberde machte, die anzeigen sollte: er sei an dergleichen überspannte Geschichten von Seiten des Mädchens schon gewöhnt. »Antworten Sie mir, Herr Schultheiß,« fuhr das Mädchen fort, »was kann also mit mir geschehen, wenn ich mich weigere, mit jenem Menschen zurückzukehren?« »So können wir nichts thun,« entgegnete der alte Bauer, »wahrhaftig, wir können Angesichts dieses Befehles nichts thun, als Sie alsdann in sicheren Gewahrsam bringen.« »Sie meinen in's Gefängniß?« sagte das Mädchen mit fester Stimme; »und dann?« »Wird der Fall nach der Residenz zurück berichtet, und wenn man von dort verlangt, daß Sie eingebracht werden, so ist alsdann nichts Anderes zu machen, als Sie mit einem Gensd'armen zu transportiren.« »Mit einem Gensd'armen?« rief das Mädchen aus, »wie eine Verbrecherin!?« und dabei schlug sie die Hände vor das Gesicht. Doch dauerte diese Erschütterung nur einen Augenblick, dann sagte sie ruhig, aber entschlossen zu dem Beamten: »diesem Menschen da folge ich unter keiner Bedingung; thun Sie aber, was Ihre Pflicht ist; werfen Sie mich in's Gefängnis, berichten Sie nach der Residenz, man soll mich mit Gensd'armen transportiren, lieber mit ehrlichen Gensd'armen, als mit einem schlechten Polizeispion!« – Abermals zuckte ihre Oberlippe in die Höhe und ließ eine ganze Reihe blendend weißer Zähne sehen. Umsonst versuchte es der Schultheiß, das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, sie beharrte fest auf ihrem Entschluß, worauf beide Männer das Zimmer verließen. Anna sank auf einen Stuhl am Fenster nieder, drückte ihr glühendes Gesicht an die kalten Scheiben, und aus der Tiefe ihres zerrissenen Herzens drangen die Worte heraus: »Karl! Karl! mein Karl! Entsetzlich, wenn du es erfahren solltest!« Der Gevatter hatte eine längere Unterredung mit dem Schultheißen, welcher sich zu Gewaltsmaßregeln gegen das Mädchen nicht verstehen wollte, sich überhaupt mit Wohlwollen für dieselbe zu interessiren schien, und hiezu trug des Postillons Zeugniß das Seinige bei. Er erzählte von dem fremden Herrn, den er gestern gefahren, von dem guten Trinkgeld, das er bekommen, zugleich mit dem Befehl, das Mädchen sorgfältig hieher zu bringen, und meinte, der Kerl aus der Residenz, der sie verfolge, scheine ihm viel eher in das Dorfgefängniß zu passen, als das schöne Mädchen. So mußte denn der Gevatter wieder unverrichteter Sache abziehen und eilte zurück nach Metthausen, wo er den Steinmann noch zu finden hoffte, und neue Verhaltungsbefehle von ihm. Doch war der Stadtsoldat im Vertrauen ans die Gewandtheit seines Gehülfen schon nach der Residenz zurückgekehrt, und dorthin folgte ihm der Gevatter mit dem Omnibus und einem schweren Herzen. Der Schultheiß aber nahm das Mädchen mit sich in seine eigene Wohnung und schloß sie in eine Stube ein, die im Erdgeschoß lag und gegen den Garten hinaus ging. Er suchte das Mädchen zu trösten und aufzuheitern so gut wie möglich. »Ich hoffe nicht,« sagte er, »daß ich von der Residenz den Befehl bekomme, Sie dorthin transportiren zu lassen; das wäre dann allerdings sehr schlimm, und ich könnte nichts thun, als Sie bedauern.« »Und bis wann könnte dieser Befehl eintreffen?« fragte Anna ängstlich, worauf der Schultheiß erwiderte: »Wenn es ihnen da drinnen pressirt, schon in dieser Nacht.« »Das wäre entsetzlich!« sagte das Mädchen, worauf der alte Bauer Pfiffig lächelnd meinte: »Ich hoffe nicht, daß Sie mir einen Fluchtversuch machen werden, da ich Sie hier in meiner eigenen Wohnung bewahren muß. Das Ortsgefängniß wird reparirt, und ich habe heute nur diese einzige Stube zur Verfügung, welche allerdings nicht dazu eingerichtet ist, Gefangene aufzubewahren. Das Fenster nach dem Garten ist kaum zwei Schuh vom Boden, die Gartenthüre steht des Nachts gewöhnlich offen und geht auf einen Weg, der von der Chaussee ab in's Gebirge nach dem Städtchen B. führt. Von diesem Fenster aus können Sie die Berge sehen, dort hinter dem großen Tannenwalde liegt das Städtchen, es ist kaum drei Stunden von hier entfernt. Der Schultheiß in demselben ist mein Bruder, und ich heiße Gottlieb Baumberg der Aeltere.« – Dabei lachte der alte Mann laut auf, als er das Zimmer verließ und die Thüre hinter sich zuschloß. Anna setzte sich an's Fenster, ihre Blicke schweiften nach den Bergen, die in schönen Formen nach dem gestrigen Regen so rosig und freundlich vor ihr lagen. Sie hatte den alten Mann wohl verstanden, es gebrach ihr nicht an Muth, der gelinden Haft zu entfliehen und allein in die Welt hinauszugehen; doch dachte sie lebhaft an den finsteren und doch so guten Mann, der sie gestern Abend errettet, und daß er ihr versprochen, er käme in einigen Tagen hier durch und wolle dann sehen, was weiter zu machen sei. »Aber erst in einigen Tagen!« sagte sie zu sich selber, »und morgen schon kann der Steinmann vielleicht selbst wieder hier sein!« Sie legte die Hände in den Schooß, ihr Kopf sank auf die Brust, und sie rief aus der Erinnerung all' die schlimmen und guten Tage, die sie erlebt, all' die schrecklichen und all' die lieben Gestalten, die ihr begegnet, vor ihr inneres Auge. Mit heißer Liebe und klopfendem Herzen gedachte sie des kleinen Hauses, dessen Fenster gerade so in den Garten hinausgingen, wie jetzt die ihres Gefängnisses. Sie dachte des Mannes, den sie unaussprechlich liebte, in dessen Andenken sie so erhaben und edel dastand. Sie hatte ihn betrogen, aber dieser Betrug war das Einzige, was sie glücklich machte, sowie er und ihre Liebe die einzigen Sonnenblicke waren, die hellstrahlend auf ihr trübes, düsteres Leben fielen. – – Beständig aber tauchte zwischen diesen Gedanken das Bild des Mannes auf, den sie gestern Abend kennen gelernt, und sie konnte den Blick nicht vergessen, mit dem er tief nachsinnend in das Heerdfeuer sah. Die Ereignisse des gestrigen Abends, die finsteren Straßen, die sie durchwandelt, der strömende Regen, der sie durchnäßt, die Wirthsstube mit dem Abschied von ihrer Mutter, die Erscheinung Steinmann's – alle diese finsteren Erinnerungen lagen ihr fern, als sie jetzt hinaus in die lachende Gegend blickte, fern, wie etwa ein Traum, den sie vor langen, langen Jahren gethan. Nur sein Bild, getragen von süßen Klängen, erfüllte ihr ganzes Herz. Ja, sie wollte fliehen, wollte in das Gebirge hinauf, und schon jetzt träumte sie lebhaft, wie es ihr zu Muth sein würde, wenn sie droben stände unter den Tannen und hinausschaute in die Freiheit, die vor ihr lag. – Aber wenn sie so nachsann und sich fern am Horizont einen Punkt dachte, eine freundliche Stadt, ein stilles Haus, wo sie vielleicht einstens mit ihm glücklich sein könnte, dann stieg die Vergangenheit gespenstig neben ihr auf und sie hörte die Stimme ihrer Mutter, die ihr wie gestern Abend sagte: »kannst du dich besser machen, kannst du mit aller Arbeit, mit aller Buße anders werden – ungeschehen machen, was einmal geschehen ist?« – – – Flehend wandte das Mädchen ihr Gesicht gegen den Himmel empor und murmelte leise: »soll es denn keine Barmherzigkeit geben da oben? wird mir nicht ein Schutzengel seine rettende Hand reichen, mich vor jedem Rückfall bewahren und emporhalten? wird mir Gott nicht helfen, Gott, der in mein Herz sieht und meine tiefe Reue kennt und meinen innigen Wunsch weiß, durch Buße, Mühseligkeit, Plage und Arbeit aller Art geläutert zu werden, um einstens ihm wieder begegnen zu können mit reinem Herzen, mit reiner Hand?« – – – »Wenn es aber keine solche Barmherzigkeit gibt, wenn ich nicht ungeschehen machen kann, was geschehen ist? und ich fürchte, ich fürchte, meine Mutter hat Recht! O, dann wäre es besser, ich suchte mir einen stillen, tiefen See, um allem Leid auf einmal ein Ende zu machen!« – – – – – – – – – – Nachdem der Jäger den Grafen Alfons verlassen, sowie einige kleine Aufträge besorgt hatte, kehrte er träumend nach dem Hause seines Herrn zurück. Er konnte das Mädchen und die vergangene Nacht nicht vergessen, und ehe er genau wußte, wie er dahingekommen war, stand er wieder vor dem kleinen, finsteren Bilde mit dem stillen Bergsee und versank in tiefes Nachdenken. Er wußte nicht, woher es kam, aber jener Abend, wo er in einen festen Schlaf fiel, aus dem er nicht mehr erwacht, stand so lebendig vor ihm, als sei das alles erst gestern vorgefallen. Der strömende Regen, das fremde, schuldbeladene Mädchen – er legte die brennende Stirne in die Hand, und so viel er sich auch bemühte, diese beiden Gestalten aus einander zu bringen, so schwamm sie doch immer in Eine zusammen, und vor sich hatte er den tiefen, stillen See. Endlich riß er sich mit Gewalt von dem Bilde los und faßte den Entschluß, augenblicklich wieder hinauszufahren, das arme Mädchen aufzusuchen und sie vor ihren Verfolgern in Sicherheit zu bringen. Er machte sich Vorwürfe, gestern Abend nicht gleich besser für sie gesorgt zu haben, und er fühlte es deutlich, daß er sie der Gefahr nicht entrissen. Hatte er nicht ein paar Tage Zeit, die er hier müßig zubringen mußte? war nicht auf alle Fälle der Dubel da, dem man die nöthigen Instruktionen geben konnte? Gesagt – gethan! Lukas wies Dubel an, wenn er in zwei Tagen nicht zurückgekehrt sei und nur für diesen Fall, der aber beinahe unmöglich war, bei dem Grafen Alfons die Antworten zu holen; er bekam eine Summe Geldes, sowie die Adresse des Barons und wurde beauftragt, ihm, wenn Lukas in vier Tagen nicht zurück sei, die Schreiben selbst zu überbringen. Dubel, der die verschlossene Weise des Jägers und Vertrauten seines Gönners kannte, erlaubte sich keine Fragen. Lukas ließ eine leichte Reisekalesche aus der Remise hervorziehen und Postpferde kommen, und als er bei sinkender Nacht zum Thore hinausrollte, athmete er tief auf und wunderte sich selbst über die Instruktionen, die er dem Tänzer gegeben. Was ihn eigentlich so schnell vorwärts zog, dem unbekannten Mädchen nach, das wußte er nicht; aber daß ihn etwas beunruhigte und gewaltsam hinaus trieb, konnte er sich nicht verhehlen. Oft erwachte er wie aus tiefem Traume und konnte dann verwundert um sich schauen und nicht begreifen, was er hier im Wagen auf dem Wege nach Metthausen thue; oft wieder überfiel ihn eine unerklärliche Unruhe und es war ihm, als solle er den Wagen stehen lassen und querfeldein rennen, den Bergen zu, die im schwimmenden Lichte des Mondes langgestreckt neben seinem Wege lagen. Dann aber ermahnte er den Postillon, zu eilen, und der leichte Wagen flog dahin mit der größten Geschwindigkeit, und in der Frühe bei Anbruch des Tages erreichte er Metthausen und gegen acht Uhr den kleinen Ort, wo sich das Mädchen befinden mußte. Jener Postillon, der sie hieher gebracht, lehnte am Hofthor und lachte freundlich, als er den Herrn von vorgestern Abend aussteigen sah. Er erzählte ihm in aller Kürze, was bisher vorgefallen, von der Verfolgung des Polizeiagenten, daß aber der Schulze festgeblieben und daß sich das fremde schöne Mädchen jetzt in dessen Hause befinde. Dabei kniff er listig ein Auge zu, als wollte er sagen: das finde ich begreiflich, daß man einen solchen Schatz aufsucht. Der Jäger eilte indessen zum Hause des Schulzen und der alte Mann öffnete ihm selbst die Thüre, führte ihn in's Zimmer und bat ihn, sich niederzusetzen. Der Dorfbeamte schien einigermaßen in Verlegenheit zu sein, als der Jäger nach dem fremden Mädchen forschte. Er nahm sein Lederkäppchen von dem weißen Haar und drehte es unruhig zwischen den Fingern. Lukas saß da in unbeschreiblicher Spannung und ihm ahnte wohl, was geschehen, und noch viel Schrecklicheres obendrein. »Sehen Sie, mein lieber Herr,« sagte der Schultheiß, »mit der Wahrheit kommt man überall am besten durch; wissen Sie, wenn ich mich nicht selbst für jenes arme Kind lebhaft interessirt hätte, so würde ich sie in's Ortsgefängniß gesperrt haben und würde Ihnen jetzt einfach sagen: was geht Sie meine Gefangene an? Ich habe keinem Fremden darüber Rechenschaft zu geben. Aber so, mein Herr, ist der Fall anders. Ich behielt sie in meinem Hause, hier gleich nebenan – Sie können das Zimmer sehen – die Fenster gehen nur zwei Schuh hoch in den Garten und da hinaus hat sie sich heute Nacht geflüchtet.« Daß er das Mädchen nicht mehr hier finden würde, hatte dem Jäger geträumt, er hatte jedoch seinem Traume nicht geglaubt; deßhalb aber war er nicht weniger bewegt und schmerzlich berührt, sagte aber blos: »so, so! entflohen ist sie in der vergangenen Nacht; und wann kann das gewesen sein?« »Ich schätze so zwischen Zehn und Elf,« versetzte der Schultheiß, »um diese Zeit hat der Hofhund gelärmt. – Sie müssen wissen, Herr,« sagte er pfiffig lächelnd, »daß ich den Hund gestern Abend an seiner Kette ließ, und ebenso machten es die Nachbarn: wissen Sie, es hätte dem armen Geschöpf Unglück passiren können.« »Also habt Ihr gedacht,« entgegnete der Jäger, »daß sich das Mädchen flüchten würde?« »Na, unglaublich erschien es mir nicht,« lachte der Beamte; »mag das Mädchen nun gewesen sein, wer sie will, und gethan haben, was sie will, ich glaube, mit dem Gensdarmen wäre sie nicht nach der Residenz zurückgekehrt, eher hätte sie sich ein Leid angethan.« »Ja, ja!« sagte der Jäger Lukas ruhig und wie zu sich selber sprechend; »ich glaube fast, sie hat sich ein Leid angethan.« »Das wäre ja entsetzlich!« sprach eifrig der Schultheiß und stülpte sein Käppchen hastig auf das Haar; »o, ich kann es nicht glauben, ein so junges und schönes Mädchen!« »Ja, Freund,« versetzte der Jäger, »es gibt Verhältnisse, wo einem jungen, schönen Mädchen der tiefe Grund eines See's lieber ist, als die klare Himmelsluft; ich habe das schon erlebt! – Aber laßt mich das Zimmer sehen, wo sie gewesen.« Bereitwillig führte der Beamte seinen rätselhaften Gast in die Kammer nebenan, und darin befand sich noch alles so, wie Anna es gestern Abend verlassen. Das Fenster nach dem Garten war geöffnet, der Stuhl, auf welchem sie gesessen, stand daneben und vor dem Fenster bemerkte man in der weichen Erde des Gartenbeetes den leichten Abdruck eines kleinen Fußes, und im Kieswege, aber kaum sichtbar, eine zweite ähnliche Spur. Weiter sah man nichts. Der Jäger setzte sich auf den Stuhl am Fenster, und während er sinnend nach den Bergen hinauf sah, fühlte er und sah er deutlich, welchen Weg sie hinauf geeilt; er sah sie dahin schweben, leicht wie ein gescheuchtes Reh, und konnte den Weg, den sie gemacht, verfolgen bis zu dem dunklen Tannenwalde. »Dort hinauf ist sie!« sagte er und zeigte mit dem Finger nach den Bergen. »Das glaube ich auch,« sprach lächelnd der Schultheiß, »ich habe ihr gestern den Weg da hinaus erklärt.« »Und habt Ihr dem Mädchen auch gesagt,« fragte der Jäger wie in tiefem Traume, »daß da droben der Bergsee liegt, umgeben von dichtem Gebüsch, welches nur auf die Mitte des Wassers den blauen Himmel sich abspiegeln läßt?« »Nein, das habe ich ihr nicht gesagt!« entgegnete der Schultheiß überrascht, »aber waren Sie schon in der Gegend, Herr? Haben Sie den wilden See schon gesehen?« »Ich habe davon geträumt,« erwiderte der Jäger finster, worauf der alte Bauer den Kopf schüttelte und seinen Gast mit einem sonderbaren Blicke ansah. »Was sollte ich dem Mädchen von dem See sprechen?« fuhr er fort; »auch liegt er nicht an dem Wege, den sie gegangen ist.« »Ich fürchte, er liegt hart an ihrem Wege!« sagte Lukas finster. »Ach, Possen!« meinte der Schultheiß; »keine so finsteren Gedanken! Ich will Ihnen einen guten Rath geben: gehen Sie die Berge hinauf, dort den Weg, den Sie sehen, er führt nach dem Städtchen B., und da fragen Sie nach Johann Baumberg dem Jüngern, das ist der Schultheiß des Orts, vielleicht werden Sie da etwas Näheres erfahren.« »Und an dem Wege liegt der See, von dem wir vorhin sprachen?« fragte nachdenkend der Jäger. »Keine zweihundert Schritte rechts von der Straße; »wir nennen ihn nur den »wilden See«, obgleich er eben und klar ist, wie ein Spiegel, man kann fast auf seinen Grund sehen.« »So, man kann auf seinen Grund sehen?« »Nun, wissen Sie, Herr, das ist hier so eine Redensart; eigentlich ist er sehr tief, der See und ...« »Wer hinein fiele, käme so leicht nicht mehr heraus!« ergänzte nachsinnend der Jäger. »Nun, ich will mich einmal auf den Weg machen,« fuhr er fort: »also hier durch Euren Garten geht es, dann über die Wiesen, – richtig! Ich will's schon finden! Adieu, Herr Schultheiß! – Auf Wiedersehen!« – Der alte Bauer begleitete seinen Gast bis an das Gartenthor, welches auf die Wiese hinaus führte, dann nahm er Abschied von ihm und ging kopfschüttelnd in's Haus zurück. Es war ein klarer, schöner Frühlingsmorgen, der Regen der letzten Tage hatte Flur und Wiese getränkt, und Alles rings herum dampfte mit innigem Wohlbehagen unter den warmen Strahlen der Sonne. Auf der Wiese blühten Tausende von Blumen, die Lerchen schwangen sich trillernd in die Höhe und dem Jäger war es unbeschreiblich wohl zu Muthe. Er dachte an seine Jugend, an sein stilles Dorf und an jenen Morgen, wo er nach der Stadt ging, um Abends in einen tiefen, langen Schlaf zu fallen. Die Zeit zwischen damals und jetzt schwand ihm zusammen und er ging jetzt, wie damals, nachzusehen, wo das arme Mädchen geblieben sei. Die Geschichte mit dem blauen Regenschirme hatte ihm vielleicht nur geträumt, denn der Himmel war ja so klar über ihm, nirgends eine finstere Wolke, die ein böses Wetter anzeigte; ja, es war gewiß: wenn er in den Wald hinauf kam, fand er dort das Mädchen sitzen im grünen Moos, vielleicht einen Kranz windend, vielleicht auch eingeschlafen von der Ermüdung der vergangenen Nacht. Unter diesen Gedanken schritt er rüstig aufwärts und bald hatte er den schattigen Wald erreicht. Der Weg wand sich in die Höhe zwischen weißstämmigen Birken und hohen Eichen hindurch und bald erreichte er eine Brücke, unter welcher ein geschwätziger Waldbach rauschte, der ihm von der Höhe des Gebirges entgegen kam. Das Wasser murmelte und rauschte über die glatten Kiesel fort, und als sich Lukas über das Geländer der Brücke lehnte und dem herabstürzenden Wasser entgegen sah, und nachdem er lange nachsinnend zugelauscht, verfinsterten sich seine Züge und er glaubte das Gemurmel des Felsbaches, der direkt aus dem Bergsee kam, zu verstehen. Ja, sie war sehr schön! – sehr schön! schien es zu murmeln; so schön haben wir nie etwas gesehen, niemals! Nie! – Nie! Und das lange Haar so blond! So schön und blond! So blond und schön! – Ach! – Ach! Das blonde Haar und das schöne Mädchen! Hin! – Hin! – Hinab! Hinab! Hinab! So flüsterte das Wasser, und Lukas, nachdem er längere Zeit zugelauscht, stieg ruhig weiter, fort in die Höhe. Als er nach einiger Zeit rückwärts sah, lag zu seinen Füßen das kleine Dorf, von dem er eben herkam; auch sah er die Chaussee nach Metthausen, die sie und er in der Nacht gefahren; damals aber rauschte der Regen nieder, heute war Alles klar, und wo ein Wagen denselben Weg rollte, da wirbelte eine leichte Staubwolke empor. Jetzt hatte er die Höhe des Gebirges erreicht, der Weg bog sich sanft links; es ging tiefsinnend rechts durch das Gestrüpp und über Felsen, es zog ihn zu dem stillen See, er wußte selbst nicht wie. – Jetzt lag er vor ihm, gerade so, wie es ihm geträumt und gerade so, wie er ihn auf dem Bilde gesehen. Ringsum war er mit dichtem Gebüsch umgeben, welches sich auf allen Seiten dunkelgrün in dem Wasser widerspiegelte; nur in der Mitte, wo der Himmel auf das Wasser sah, glänzte es klar und blau. Um ihn her lag eine tiefe, feierliche Stille, und hoch in den Lüften kreiste ein Raubvogel. Der See war nicht groß und der Jäger hatte ihn rasch und ängstlich umschritten. Sorgfältig untersuchte er die Gebüsche am Ufer, ob dieselben irgendwo niedergetreten seien; aber er sah nichts dergleichen – die schlanken Zweige wiegten sich im Morgenwinde auf und ab und schienen wohlgefällig ihr Bild im Wasser zu betrachten. Es war schwer, an das Ufer des Sees zu gelangen und nur an Einer Stelle ging es leichter: da war nämlich ein umgehauener Baum auf das Gesträuch gefallen und die Krone desselben ruhte auf dem Wasser. Hier drang Lukas durch, setzte sich auf den Baumstamm, stützte die Arme auf die Zweige und starrte hinab in das Wasser. Oftmals glaubte er auf dem Grunde etwas zu bemerken, das mit einem menschlichen Körper Aehnlichkeit habe; dann sah er aber wieder, daß er sich getäuscht und daß es Schilfrohr war oder vielleicht ein Baumstamm. – – – – – – An jenem Morgen, wo er in tiefem Schlaf in seinem Bette lag, hatten wohl die Bursche des Dorfes ebenso an dem See gestanden und emsig auf den Grund gespäht. Wenn er nur damals dabei gewesen wäre, er hätte den Körper des Mädchens gewiß entdeckt, und dann wäre er nicht in jenen ewigen Traum verfallen, der so finster und quälend auf seinem Geiste lag und aus dem zu erwachen er sich vergeblich abgemüht!– Der Gedanke, nicht wie die anderen Menschen zu leben, ein wirkliches Dasein zu genießen, hatte ihn finster, verschlossen und lebenssatt gemacht. Es zog ihn nieder auf den ruhigen Spiegel des Sees, und er beugte sein glühendes Gesicht auf die kalte Fluth, und die Kühlung that seinem brennenden Gehirn so wohl! – – Wieder floßen die Bilder der beiden Mädchen in einander und wenn er an eines dachte, dachte er an das andere. »O, wenn ich damals,« seufzte er, »ihr nachgefolgt wäre bis an den See, ich hätte sie gewiß herausgeholt! – oder wäre auch drunten geblieben und hätte nicht den ewigen quälenden Traum gehabt! – Aber träume ich jetzt nicht auch?« fuhr er rascher fort und beugte sich tiefer gegen das Wasser; »träume ich nicht von jener Nacht, von jenem unglücklichen Mädchen? von diesem Wasser? Wie, wenn ich auf dem Grunde desselben ein angenehmes und fröhliches Erwachen fände?« – – – Und es geschah, wie er es in der Nacht im Wagen ahnungsvoll gesehen! – Seine Zeit war aus, er glitt durch die Zweige des Baumes in den See, und als er langsam untersank, zitterten tausend glänzende Strahlen um seinen Kopf. Nebel drangen von dem Grund herauf, diese Nebel wurden zu weißen Gewändern und die glänzenden goldenen Strahlen, die ihn immer enger umspannen, waren wie langes und blondes Haar, und er fühlte sich wie mit weichen Armen umschlungen, die ihn langsam niederzogen, und nachdem er eine Stimme vernommen, hell und klar wie Glockentöne, die ihm zurief: »willkommen hier unten!« hörte er weiter nichts mehr. – – – Noch einige Augenblicke später bewegte sich das Wasser des Sees unruhig und warf weite Kreise an die Ufer, und die Bilder der Gesträuche, die rings umher standen, zitterten heftig vor Schrecken und Entsetzen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe sie wieder ruhig und klar wurden. Der Raubvogel, der hoch in den Lüften geschwebt, stieß kreischend hernieder auf den See, und dann schwang er sich empor und verschwand hoch in der Luft an dem unermeßlichen, ewig klaren Himmelsgewölbe. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Aus dem Marstall. Es war Nachmittags gegen vier Uhr, die Thüren und Fenster im königlichen Marstalle standen weit offen, um der milden Mailuft den Eintritt zu gestatten. Von den Pferden war keines zum Herausziehen bereit gemacht, sondern alle standen, den Kopf gegen die Krippen gekehrt, und unterhielten sich flüsternd mit allerhand Tönen und in der, für den sonst so klugen Menschen völlig unverständlichen Pferdesprache, wozu sie wohlbehaglich mit den Schweifen wedelten. Der Stall war leer bis auf eine einzige Person und dies war die Stallwache, welche an der Thür lehnte, die in die königlichen Anlagen ging, und eine neue Schnur an ihrer Peitsche befestigte. Nachdem dies Geschäft beendigt war, steckte die Stallwache ihre beiden Hände in die Hosentaschen, ließ sich auf dem Schrank an der Thüre nieder und machte sich allerlei Gedanken von kühlem Bier und saftigen Rettigen, während sie ihre Blicke über den klaren See des Parks und über das frische junge Grün der Bäume streifen ließ. Dieses selige Nichtsthun in dem offenen Stalle mochte vielleicht eine halbe Stunde gedauert haben, als man um die Ecke des Schlosses ein paar Stallleute kommen sah, denen bald noch mehrere folgten, alle im besten Anzuge, und jetzt wieder ein paar; ja, der ganze Stall schien im höchsten Staate einen Spaziergang gemacht zu haben. Freilich hatten sie das, aber es war ein Spaziergang trauriger Art, indem das sämmtliche Stallpersonal soeben dem Oberkutscher Mundels die letzte Ehre erwiesen und ihn feierlichst zu seiner Ruhestätte auf dem Kirchhofe begleitet hatte. Er war dahingeschieden, der treffliche Rosselenker, an den Folgen eines kleinen Schlages, der sich nach einem sehr starken Nachtessen bei ihm eingestellt; versammelt zu seinen Vätern, saß er jetzt wahrscheinlich im Paradiese, wenn auch nicht im Schooße Abrahams, doch in Gesellschaft vorangegangener Collegen, verstorbener Hof- und Leibkutscher und anderer roß- und wagenkundiger Personen bis hinauf zu den Ajaxen und Achilleusen, welche den Herrn Mundels, als eine Zierde ihrer Kunst, wahrscheinlich mit Stolz empfangen hatten. Die königlichen Stallleute traten in den Stall und wischten sich die Stirn ab; denn es war ihnen in Folge des langen Spazierganges in der Nachmittagssonne, sowie der eindringlichen Grabrede warm geworden. Der Pfarrer hatte sich sehr anzüglich über die Sterbefälle im Allgemeinen, über Schlagfälle im Speciellen und am speciellsten über dergleichen in Folge von starkem Nachtessen, beziehungsweise Nachttrinken ausgelassen, und hatte darauf, in einige Lebensregeln über die Erhaltung der Gesundheit übergehend vor dem allzu lustigen Lebenswandel wieder im Allgemeinen und vor dem zu vielen Weintrinken im Speciellen gewarnt. Er eröffnete dabei den entsetzten Kutschern und Vorreitern die gar nicht tröstliche Aussicht, daß, je nasser es diesseits bei ihnen zugehe, um so trockener und durstiger ihr jenseitiges Leben ausfallen würde. Das hatten sie, um das Grab des Seligen stehend, mit anhören müssen, und obendrein noch hatte ihnen während dieser Rede Seine Excellenz der Oberststallmeister forschende Blicke zugeworfen, welche so viel heißen mochten, als: »ich werde nächstens unter euch treten und fürchterliche Musterung halten.« Aber bei allem dem sind wir fest überzeugt, daß das Stallpersonal heute Mittag ein Uebriges that und daß im Laufe des Tages und Abends das Uebermögliche geleistet wurde, um ihren Kummer über den Dahingeschiedenen in gutem Vierunddreißiger in den Magen hinabzuschwemmen, wo sich, wie wir wissen, nach der Theorie des Verstorbenen die Quelle der Träume befand. Es war bei diesem Verlust ein Glück zu nennen, daß der Herr Mundels keine Familie zurück ließ, daß kein Weib und keine Kinder sein Grab beweinten. Da war Niemand da als einige vergnügte Erben, die das Hauswesen des Leibkutschers baldigst besorgten, das heißt forttrugen. Die zurückkehrenden Stallleute, welche keinen Dienst hatten, begaben sich in ihre Zimmer oberhalb des Stalles und gingen alsdann, wie schon angedeutet, ihrer Wege, um über den so schnellen Verlust alles Irdischen gehörig nachzudenken. Zu denen aber, die im Stalle zurückbleiben mußten, gehörte auch unser Freund, der Herr Winkler, welcher Hut und Rock einem Stallbuben übergab, der ihm dafür seine gewöhnlichen Kleider herunterholen sollte. Joseph klopfte Tibull und Pluto auf die Hinterbacken, welche Liebkosung von den Thieren durch freundliches Ohrenspitzen und Kopfumdrehen erwidert wurde, dann nahm er die Geschirre, legte sie auf den Rücken der Thiere, nachdem er das Kummet über den Kopf gestreift, und schnallte sie fest. Er sollte den Gespensterwagen anspannen, um die erste Hofdame gegen fünf Uhr zu irgend einem Diner zu fahren. Doch war er kaum mit dem Anschirren fertig geworden und wollte die Pferde eben im Ständer herumdrehen, als der Hoflakai Jean erschien und die Fahrt für heute Nachmittag absagte, dagegen den Befehl überbrachte, der Gespensterwagen solle heute Abend um acht Uhr am Schlosse vorfahren. »Wenn die nur einmal da oben in dem alten Schloß eigentlich wüßten, was sie wollten!« brummte Joseph und begann die Pferde sogleich ihres Geschirres zu entledigen. »Also wird heute nicht dinirt?« »Wenigstens nicht auswärts,« lächelte Jean; »wir haben bei uns zu Hause alle Hände voll zu thun und finden deßhalb nicht Zeit, auswärts zu speisen. Ich habe ein Billet von der gnädigen Frau zum russischen Gesandten hingetragen, in welchem sie ihr Ausbleiben entschuldigt.« »Ja so!« sagte Joseph, indem er Pluto's Kummet an den Nagel hängte. »Ihr habt heute wichtige Briefschaften erhalten, ich habe darüber etwas von dem alten Dubel gehört. Na, die da oben wird sich recht ärgern!« Jean schmunzelte wohlgefällig und antwortete: »so viel ist gewiß, daß ihr die Briefe, die heute Morgen der Graf Alfons übergeben, einen unangenehmen Tag gemacht. Zuerst hatten die Beiden eine ziemlich lebhafte Unterredung und der Graf muß sehr bestimmt zu Gunsten seines Freundes gesprochen haben; doch hat er sie keineswegs zum Nachgeben bewogen, denn ihr letztes Wort, das ich deutlich durch die Flügelthüren hörte, war: Nie! Nie! und das wiederholte sie mehrere Male und setzte noch hinzu: »»schreiben Sie ihm, Herr Graf, daß Sie mich gesprochen haben und daß ich entschlossen sei, dazu nie meine Einwilligung zu geben, ich handle vollkommen im Auftrage der Frau Herzogin.«« Darauf zog der Graf natürlich ab und die gnädige Frau schrieb den ganzen Nachmittag Briefe; sie ist auch jetzt noch dabei, läßt Niemanden vor sich und will nur heute Abend einen kleinen Besuch bei der Gräfin Clara machen, die, wie ich glaube, die Antwort der gnädigen Frau ihrem Bruder, dem Grafen Alfons, übergeben soll.« »Das sind ja alte verfluchte Geschichten!« lachte Joseph; »ich würde mich vor der Sünde fürchten, so ein Paar, das so famos zusammen paßt, wie der Baron und das alte Hoffräulein, gewaltsam zu trennen; aber ich hoffe, der Baron wird sich nichts daraus machen; und geheirathet wird doch. So meint auch der Dubel.« Der Lakai nahm eine sehr wichtige Miene an, legte die Hände auf den Rücken und entgegnete: »so viel ich von diesen Geschichten verstehe – und ich verstehe Manches davon – und so weit ich das Hoffräulein kenne, wird die sich dagegen sehr viel daraus machen, wenn die Hofdame und die alte Herzogin nun einmal platterdings ihre Einwilligung zu der Heirath nicht geben wollen.« »Ich wollte die da oben lange fragen!« sagte Joseph; »weit davon ist gut vorm Schuß! Und mich sollte so ein Brief abhalten, wenn ich im Begriff wäre, meinen alten Schatz zu heirathen! Notabene, versteht sich von selbst, wenn ich keine Vorgesetzten hätte.« »Nun, was Eure Heirath anbelangt, Meister Joseph,« sprach pfiffig lächelnd der Lakai, »so wird das arme Mädel da drunten auch bald aus ihrem Jungfernstand erlöst werden; denn ich denke so bei mir: wenn Seine Excellenz einen der Geschicklichkeit nach zum Oberkutscher vorschlägt, da könnte es bei Euch langen. He, Joseph, meint Ihr nicht auch so?« Winkler zuckte mit den Achseln und entgegnete: er habe noch nicht daran gedacht, daß ihm ein solch' unerhörtes altes Glück begegnen könne. »Auch glaube ich heute nicht daran,« setzte er hinzu; »Ihr werdet sehen, Jean, da schiebt man uns einen Fremden hinein, und ich kann mir schon denken, wen. Der selige Mundels hat mir einmal gesagt, als wir mit unserem Wagen neben einander hielten und auf das Ende des Balles warteten – nicht weit von uns stand die Equipage des russischen Gesandten – und da sagte der selige Mundels, indem er auf dieselbe wies: »»Siehst du, mein Junge, ich will dir was sagen: wenn es in dem Stalle eine Gerechtigkeit gäbe, so konnte es gar keinen Anstand haben, daß du einmal Oberkutscher würdest; aber da es nicht immer nach der Ordnung geht, so siehst du da auf dem Juchtenbocke meinen Nachfolger, wenn ich einmal absteige; ich hab's gesagt, denke an mich!«« Das sind die eigenen Worte des seligen Mundels, und Ihr sollt sehen, Jean, daß er Recht hatte.« »Die Sache ist nicht ganz ohne,« entgegnete der Hoflakai, nachdem er einen Augenblick nachgedacht; »wir wissen ganz genau, wie viel der russische Gesandte bis oben hinauf gilt, namentlich hat er bei den Allerhöchsten Damen einen ungeheuren Stein im Brett, und wenn der Jemand empfiehlt, so kann man dem Empfohlenen gratuliren. Aber ich glaube immer nicht,« setzte er nach einer Pause hinzu, »daß Seine Majestät einen Ausländer zum Oberkutscher macht, und was für einen Ausländer! – Ja, wenn es nur ein deutscher Ausländer wäre, ein Oesterreicher oder ein Preuße, das wär' schon schlimm genug, aber ein Engländer! und noch obendrein ein Engländer, der beim russischen Gesandten gedient und dort alles Mögliche gelernt; nein, das glaube ich nimmermehr! Ich würde immer denken: so ein Kerl notirt sich, wenn und wie ich ausfahre, und berichtet darüber an seine Gesandtschaft; die Engländer mischen sich ohnedies gern in Alles, was sie nichts angeht, und nun obendrein ein Engländer, der, wie gesagt, bei Rußland war – 's ist eigentlich unmöglich!« »Gebt nur Acht!« erwiderte Joseph, der seine Geschirre wieder geordnet hatte und den blauen Rock anzog, den ihm einer der Stallbuben ehrfurchtsvoll hinreichte, »gebt nur Acht, der Engländer wird Oberkutscher!« »Wie heißt der Kerl eigentlich?« fragte Jean, und Joseph antwortete: »Ja, wer kann das wissen! Ich habe den Namen wohl schon einmal geschrieben gesehen, aber darauf kann man bei so einem Engländer gar nicht gehen; wenn so ein Kerl sich Snowdov schreibt, so heißt er vielleicht Simpelmater. « »Das ist ganz richtig!« entgegnete Jean, indem er wichtig thuend seine Halsbinde in die Höhe zog; »ich lese zuweilen Einiges von einem englischen Schriftsteller, der sich Dickens schreibt und wird »Boz« ausgesprochen; ja, so ist's bei den Engländern, und daher kommt's auch, daß sie sich überall schlau durchwinden und nie abzufassen sind.« »Und so ein alter Engländer wird unser Oberkutscher!« sagte Joseph bestimmt, setzte den Hut auf's Ohr und ging seiner Wege. Jean rief ihm nach: »Also bis acht Uhr, nicht vergessen!« und dann verließ dieser ebenfalls den Stall und ging in's Schloß zurück. Unterdessen hatte es sich in Betreff des Baron Karl wirklich so begeben, wie der Hoflakai erzählt. Vergeblich hatte Graf Alfons, nachdem er die Briefschaften übergeben, versucht, die Hofdame zu Gunsten seines Freundes umzustimmen. Sie war erbitterter als je gegen das glückliche Paar und fest entschlossen, alle ihre Macht anzuwenden, um eine Verbindung zu hintertreiben, die sie nicht zugeben konnte, weil sie sie nicht eingeleitet und die jenen Menschen beglücken sollte, der es gewagt, sie zu hintergehen. Neben allem dem war Neid und Mißgunst im Spiele und sie konnte es nicht ertragen, das arme Mädchen so plötzlich in eine Existenz versetzt zu sehen, die neben ihrer eigenen, in so falschem Glanz und Schimmer strahlenden, unendlich erhaben war. Sie war freilich erste Hofdame, sie war die Vertraute der Fürstin und das schon lange, lange Jahre gewesen; aber eben, weil sie es lange, lange Jahre gewesen war, so hatte sie die fürchterlich drückende Existenz einer ewigen Hofdame in ihrer ganzen Schwere kennen gelernt. Centnerschwer schleifte die Vergangenheit hinter ihr eine Kette von trostlosen, verlorenen Tagen, eine kalte, glänzende Zeit ohne Wärme, ohne Gemüth. Wie war sie so natürlich und lebensfroh gewesen, als sie an dem Portal des Schlosses zum ersten Mal aus ihrem Wagen sprang und von ihrem Vater, einem armen Landedelmann, in die prachtvollen Gemächer eingeführt wurde! Welch' herrliches Leben, so glaubte sie damals, liege vor ihr! denn sie hatte bis jetzt den Hof nur aus der Entfernung gesehen, staunend und bewundernd den Glanz und die Pracht desselben, wie man im Theater einem großen Schauspiele zusieht. Jetzt sollte sie hinter die Coulissen treten und freute sich darauf. Anfänglich war ihr auch die Dämmerung, die hier herrschte, die Schattenseite des Glanzes, dessen strahlende Seite nur dem Publikum zugekehrt ist, neu und interessant; anfänglich bewunderte sie die künstliche Maschinerie, die dieses Ganze nach außen so blendend in Bewegung erhält; erstaunte über die unzähligen Drähte, welche, manchmal in der Hand eines Unbedeutenden zusammenlaufend, oft im Stande sind, die größten Effekte hervorzubringen; schauderte hie und da bei den Versenkungen und Fallthüren, die sich oft unvermuthet zu den Füßen der Mitspielenden eröffneten; fühlte sich aber dennoch glücklich, mitwirken zu können in all' dem Glanze und hie und da in Pracht und Herrlichkeit herauszutreten vor das Auge des erstaunten Publikums. – Das ging mehrere Jahre so fort, dann begann ihr der Zwang, der sie rings umgab, unerträglich zu werden, und obendrein spielte sie in diesem allgemeinen Schauspiel eine eigene Tragödie der finstersten Art, eine Tragödie, die wie ein Lustspiel anfing und im fünften Akt mit Verrath und Treubruch endigte, und als sich ihr Schicksal so gewendet, sah sie schaudernd ein, wie so gar keine Wahrheit in dem Leben liege, wie Einer mit dem Andern Tag für Tag das gleiche Spiel treibe: freundliches Lächeln auf den Lippen und die geballte Faust hinter dem Rücken. Wie durfte sich so nichts zeigen, wie es wirklich war! Kein Gefühl, warm und frisch, wie es aus dem Herzen quoll, war in seiner Natürlichkeit in diesem Kreise erlaubt; es mußte sich mit allem Anderen beugen unter die herrschenden Regeln, ja unter die jeweilige Laune der Gebieterin. Auf der Wange durfte die Blässe eines tiefen Seelenschmerzes nicht wagen, frei und offen zu erscheinen; das grollende Wort mußte hinabgedrängt werden und eingesperrt im ängstlich klopfenden Herzen, und die Fluth der Gedanken, die oftmals wild und schäumend emporzuschlagen drohte, mußte sanft geebnet daliegen, Frieden athmend und Bild und Wunsch der Gebieterin sanft widerstrahlend. Das dachte die Hofdame, während sie in ihrem Boudoir auf dem kleinen Fauteuil saß und die Hand fest auf's Herz preßte. Wie viele qualvolle Stunden schwebten an ihrem Gedächtnisse vorüber, wie viele finstere Tage schwangen sich im Reihentanz vor ihren Augen, behängt mit den bunten Lappen der Freude, aber die Faust, mit der sie eine Kette bildeten, krampfhaft zusammengedrückt. Verschwunden war von dem Gesicht der Hofdame jene ruhige Freundlichkeit, jener Ausdruck des liebenswürdigen Scherzes, mit dem sie stundenlang die Gesellschaft ergötzt; ihr Gesicht, wie ein Spiegel die Bilder vergangener Zeiten wiedergebend, war blaß und eingefallen und zeigte eine fieberhafte Aufregung. Sie hatte ihre Briefschaften beendigt und die einzelnen Schreiben lagen zerstreut vor ihr. So viel es ihr möglich war, hatte sie in dem Brief an Pauline an deren Herz, an deren Dankbarkeit appellirt und sie beschworen, jene Verbindung nicht einzugehen; aber sie fühlte schon während des Schreibens, daß sie dem jungen Mädchen keine haltbaren Gründe gegen die Verbindung angeben könne, und es zitterte ihre Hand, als sie jene Zeilen schrieb. Sie hatte das Mädchen erzogen, sie hatte sie gebildet, sie hatte sie bei Hof eingeführt und ihr den Weg angebahnt zu dem, was sie selber war. Sie hatte sie mild und freundlich behandelt in Betracht der dornenvollen Bahn, die das Mädchen gleich ihr zu durchlaufen habe; jetzt aber auf einmal und ohne ihr Zuthun wandte sich das Schicksal derselben einem glänzenden Lichte entgegen, einem Lichte, von dem die Hofdame geglaubt, es leuchte ihr selbst in finsterer Nacht und bringe in ihr eigenes Leben einen neuen rosigen Morgen.– – Das war jetzt Alles vorbei und finstere Nacht lag um sie, sie fühlte sich einsam und allein, und eben deßhalb streckte sie die Hand aus und hielt das Mädchen zurück, welche im Begriffe war, mit entzücktem Herzen jener blendenden goldenen Helle, die vor ihren Augen aufstieg, entgegenzueilen. »Ich will nicht,« sprach sie mit fester Stimme, »ich will nun einmal nicht, und wenn die ganze Welt sich mir bittend für die Beiden nahte, bei Gott, ich will nicht!« Es war spät am Nachmittag geworden, und Frau von C. erhob sich aus ihrem Fauteuil, trat an die großen Spiegelfenster und drückte ihre erhitzte Stirn an die kalten Scheiben. Vor ihr lagen die Berge, welche die Stadt umgaben, von der Gluth der Abendsonne bestrahlt, in violetter und rosiger Färbung. Leichte Wolken schifften gegen Westen der Nacht voraus, die nun bald mit dunklem Schleier Alles überziehen würde. »O bräche auch der Abend meines Lebens schon herein!« seufzte die Dame, »o, könnte auch ich untergehen, um einmal noch bestrahlt von dem Lichte eines seligen Glückes! o, wäre meine Zeit um! Es ist ja gewiß keine Redensart, es hört mich ja Niemand – aber ich verlange wirklich nach dem Ende meiner Tage, nach einer Ruhe, die ich ja doch nie hier finden werde!« Die Sonne verschwand allmälig, der Fuß der Berge hüllte sich in ein dunkles Grau, und nur auf den Spitzen derselben lag noch ein letzter goldener Sonnenschein. Auf diesen letzten Schein blickte die Hofdame anhaltend und starr und wollte ihn mit dem Blicke ihrer Augen festhalten – umkehren, meinte sie, solle die Sonne für dieses Mal, wieder größer und heller werden, dieser letzte kleine Punkt, den sie vergoldete, sich ausbreiten und ein neuer Tag anbrechen; aber das war ja unmöglich, die Sonne war untergegangen, der Abend heraufgestiegen, und in wenig Stunden brach die finstere Nacht herein. Seufzend wandte sich die Hofdame vom Fenster ab und warf sich auf's Neue in ihren Fauteuil. Jean trat soeben mit leisen, kaum hörbaren Schritten in das Gemach und trug zwei Armleuchter in den Händen, welche er auf den Kamin niedersetzte, um sich dann, rückwärtsschreitend, ehrerbietig zu entfernen. »Ist mein Wagen bestellt?« fragte die Dame den Lakaien, worauf Jean erwiderte: »Nach dem Befehl der gnädigen Frau auf acht Uhr.« Alsdann befahl ihm ein leichtes Kopfnicken, sich zu entfernen, und er verließ das Boudoir, auf den Zehen schreitend, und zog die Flügelthüren leise hinter sich zu. – In der Nähe des Marstalles gingen in diesem Augenblick zwei Personen und näherten sich demselben in angelegentlichem Gespräch. Es war der Herr Winkler mit seiner Frau Mutter, und als sie das Thor erreicht, öffnete er dasselbe als galanter Mann und guter Sohn und ließ die Mutter zuerst in den Stall treten. Beide näherten sich nun den Ständern von Tibull und Pluto, und während der Kutscher seinen blauen Rock auszog und ihn neben dem Hut an den Nagel hängte, sagte er: »Habt lieber keine Hoffnungen, alte Frau, ich versichere Euch, 's ist besser so, und dann kann ich vor allen Dingen das Beschreien nicht leiden. Sagt mir heute Nachmittag der Steinle, der alte Esel: ich gratulire, Herr Oberkutscher! Ich habe ihm aber gleich das Handwerk gelegt und ihn gebeten, er möge gefälligst sein altes Maul halten.« Die Frau Winkler schüttelte still lächelnd den Kopf und sprach: »du magst nun sagen, was du willst, ich habe es gestern Abend in den Karten gelesen, es steht dir ein großes Ereigniß bevor.« »Ja,« versetzte Joseph, »es ist mir in meinem alten Leib wahrhaftig auch so wie ein Ereigniß, aber wie kein angenehmes, hol' mich der Teufel; ich habe so eine alte Unruhe in mir, wie in meinem ganzen Leben nicht.« »Das glaub' ich wohl!« kicherte die Alte; »wenn man so schöne Aussichten hat, Herr Oberkutscher und Frau Oberkutscher! Ach!« setzte die Frau Winklere gerührt hinzu: »wenn mich unser Herrgott noch dieses Vergnügen wollte erleben lassen!« – Sie fuhr mit dem Zipfel ihrer Schürze an die Augen, und that, als trockne sie sich Freudenthränen ab. »Altes dummes Zeug!« brummte Joseph; »was geschehen soll, das soll geschehen, aber man muß so etwas nicht vorher besprechen, das taugt in alle Ewigkeit nicht.« »Aber hat nicht Seine Excellenz, der Herr Oberststallmeister, schon ein ähnliches Wörtlein fallen lassen?« fragte die Mutter. »Allerdings!« entgegnete der Sohn; »er hat gesagt, man könne nicht wissen, was Seine Majestät der König zu thun gesonnen sei, bei fortgesetztem gutem Lebenswandel, und wenn die Aufführung im Stalle so bliebe wie jetzt; na! was so Herren überhaupt schwätzen, wenn sie einem armen Teufel eine vergebliche Hoffnung machen.« Unterdessen hatte er die Pferde aufgeschirrt und drehte sie in ihren Ständern herum, um ihnen das Kopfzeug aufzulegen. Als dies beendigt war, sah er auf seine Uhr, es war halb Acht, und zog dann stillschweigend seinen Rock an. »Ich weiß nicht,« sagte die Frau Winklere, die ihm dabei behülflich war, »warum du heute so mürrisch und verdrießlich bist; ein Anderer würde lachen und springen.« »Ich weiß es selbst nicht,« entgegnete Joseph, »aber Gott soll mich – – es liegt mir wie tausend Pfund Blei auf dem Herzen, es ist mir gerade, als sollte mir etwas Unangenehmes passiren. Ich bin doch sonst nicht furchtsam und weiß nicht, woher mir heute so alte dumme Gedanken kommen.« »Das ist ganz begreiflich,« sagte beschwichtigend die Mutter, »das kommt von dem Begräbniß heute; wenn man so etwas mitmacht und eine Leichenpredigt anhört, da hat man den ganzen Tag seine absonderlichen und betrübten Gedanken.« »Ich glaube, Ihr habt Recht, alte Frau,« entgegnete Joseph; »was helfen auch die alten Grübeleien? Was kommt, kommt doch, und wenn ich mit meiner heutigen Fahrt glücklich zu Ende bin, so seht Ihr mich noch am Abend bei Euch – sie wird doch auch kommen?« »Allerdings wird sie kommen!« schmunzelte die Mutter; »ach, was das gute Mädchen für eine Freude hat bei den schönen Aussichten!« »Mutter ...« »Nun ja!« sagte die Alte beschwichtigend, »laß' mir doch die guten Aussichten! Es ist mir ja bis jetzt immer so betrübt gegangen, kaum meine ich ja, ich hätte etwas – muck! wird mir's wieder entzogen. Ich war auch heute bei dem Stadtrath Schwämmle und bat ihn, er möchte mir doch die Museumsquittungen wieder geben, doch er sagte: er könne für mich gar nichts mehr thun, und er rieth mir recht höhnisch, ich solle mich bei dem neuen Löschcorps anstellen lassen.« »Ein unverschämter Gesell,« brummte Joseph, indem er die Pferde herauszog; »aber so ein schlechter Reiter, wie der ist, kann das alte Herz nun und nimmermehr auf dem rechten Flecke haben. Nun, lebe Sie wohl, Frau Mutter, so Gott will, bis nachher!« Dahin ging der gewandte königliche Hofkutscher und gute Sohn, und die Mutter sah ihm mit großem Stolze nach. Auch gewahrte sie zu ihrer großen Befriedigung, wie die Stallwache ehrfurchtsvoller als sonst die Thüre vor ihm aufriß; denn es war schon etwas Wahres an dem Gerüchte, welches den Hofkutscher Winkler an die Stelle des verstorbenen Herrn Mundels beförderte. Achtundzwanzigstes Kapitel. Aus dem Marstall. Joseph zog in die Remise, spannte Tibull und Pluto ein, befestigte alles noch sorgfältiger als sonst, untersuchte die Zugstränge, die Aufhalter, die Schnallen am Kopfzeug, was er sonst auf die gleiche Art nie that, schwang sich endlich in den Bock, faßte die Zügel fest in die Hand und fuhr langsam durch das Portal des Schlosses. »Wenn die Alte da oben heute nicht ausfahren wollte,« brummte er in sich hinein, »so – ich weiß nicht warum, – aber so wäre mir ein großer Dienst geschehen.« Und darauf sprach er ermuthigend zu sich: »nun, die Augen auf, die Hand fest, es wird, so Gott will, wohl gut gehen wie immer.« Jean stand schon am Thor, als der Wagen anfuhr, und eilte hinauf, um seine Meldung zu machen. Wenige Augenblicke danach stieg die Hofdame die breiten Treppen hinab, trug ein kleines Paket in der Hand und näherte sich dem Wagen. Jean riß den Schlag auf und ließ den Tritt herab. »Wer fährt heute?« so hörte Joseph die Dame fragen, ehe sie einstieg, und der Hoflakai antwortete: »Es ist der Winkler, gnädige Frau, der Sie ja fast immer fährt, der beste Kutscher des ganzen Stalles.« »Er soll vorsichtig sein,« bemerkte die Dame und zog bei diesen Worten den Fuß zurück, den sie schon auf den Tritt gestellt hatte, während sie fortfuhr: »sehen Sie einmal nach, Jean, ich glaube, der Tritt ist nicht recht fest, er gab unter meinem Fuße nach.« »Gnädige Frau wollen verzeihen,« entgegnete der Lakai, »aber es ist Alles an dem Wagen in Ordnung, der Wagenkasten schwankt nur ein wenig auf die Seite.« »So, so!« sagte die Dame und stieg ein. Jean schlug den Tritt hinauf, drückte die Wagenthür zu und nannte dem Kutscher den Namen der Gräfin Clara, dann sprang er hinten auf, und Joseph fuhr aus dem Schloßhof auf die Straße. Es mochte nun daher kommen, daß der Kutscher, aufgeregt wie er war, die Zügel etwas schärfer anzog, als sonst, oder daher, daß die beiden Pferde den Stall gestern und heute noch nicht verlassen – genug, Tibull und Pluto waren lustiger als sonst und galoppirten abwechselnd auf dem Pflaster dahin, statt in einem ruhigen Trabe zu laufen. Dunkel war es auf den Straßen, es brannten noch keine Gaslaternen, und jetzt bog der Wagen von der Hauptstraße ab auf einen einsam gelegenen Platz, der dicht mit Bäumen besetzt war und vollkommen finster dalag. Joseph blickte scharf vor sich hin und sah nichts, wie ein paar Leute, die ebenfalls desselben Weges zu gehen schienen und jetzt, wie der Wagen näher kam, rechts und links hinter die Bäume traten. – – – – Auf einmal straucheln beide Pferde zugleich, Tibull stürzt hin und Pluto, der sich auf den Beinen hält, macht einen Satz rechts gegen die Bäume, wobei der Kutscher zu seinem größten Schrecken deutlich fühlte, daß die Deichsel brach. Jetzt schnellte auch Tibull in die Höhe, bog ebenfalls rechts ab und die starken Thiere rissen, trotz des Kutschers verzweifeltem Anhalten, den Wagen zwischen die dicht stehenden Bäume hinein. Jean, der durch den Stoß des Wagens von dem Tritt hinten herab geschleudert wurde und glücklicher Weise mit seinen Armen einen Baumstamm erhaschen konnte, sah, wie die Hofdame den Schlag öffnete, um aus dem Wagen zu springen. Umsonst rief er ihr zu, sie möge sitzen bleiben; die durchgehenden Pferde rasten mit dem Wagen dahin, bald mit diesem, bald mit jenem Rad krachend an die Bäume schlagend. Einen Augenblick hielt die Hofdame am Schlage fest, dann sprang sie rasch hinaus und wurde von der Gewalt des Falles so gegen einen Baumstamm geschleudert, daß sie besinnungslos liegen blieb. Noch immer hielt Joseph die Zügel in der Hand und suchte die Pferde mit übermenschlicher Kraft zu halten, aber umsonst! Schon sah er den Schloßplatz vor sich, wo er einen weiten Spielraum hatte, um die Thiere vielleicht bändigen zu können, ehe sie den Wagen zerschellten, da streckte sich ein Baumast gerade vor ihm aus, und auch hier in der drohenden Gefahr ließ er seine Zügel nicht fahren, doch fühlte er in der nächsten Sekunde diesen Baumast an seine Stirn schlagen, und bald darauf jagten die Pferde ohne Kutscher mit dem halb zertrümmerten Wagen über den freien Platz dahin nach den Ställen zurück, wo sie von der entsetzten Stallwache aufgefangen wurden. Der Hoflakai, der sich im ersten Augenblick vergeblich nach Hülfe umsah – es waren wenig Menschen auf der Straße, – bemerkte endlich ein paar Wagenlaternen durch die Nacht schimmern und sah bald darauf, daß es ein Hofwagen war, der sich dem Platze, wo das Unglück geschehen war, näherte. Auf seinen Ruf hielt die Equipage, der Bediente sprang herab und half seinem Collegen Jean die wie leblos daliegende Dame in den Wagen heben. Dann fuhren sie langsam in's Schloß zurück. An dem Portal kam ihnen schon die alte Kammerfrau händeringend entgegen, denn die Kunde von einem Unfall hatte sich wie ein Lauffeuer aus dem Stalle in das Schloß verbreitet. – Frau von C. wurde sorgfältig hinaufgetragen und in ihre Zimmer gebracht. Unterdessen hatten sich mehrere der Stallleute mit großen Laternen auf den Weg gemacht, um nach Joseph zu suchen, den sie auch nach kurzer Zeit unter den Bäumen dahin gestreckt auffanden. Er stöhnte schwer, als man ihn aufhob; der Baumast, gegen den er gestoßen, hatte ihm die Stirn bedeutend verletzt; doch war er bei Besinnung und im Stande, auf einige Fragen über den Vorfall selbst Antwort zu geben; woher und wie es eigentlich gekommen sei und weßhalb die Pferde niedergestürzt und gescheut, war er nicht im Stande anzugeben. Doch meinte Joseph und ebenso Jean, der auch hinzueilte, nachdem Frau von C. im Schlosse war, die Sache sei nicht mit rechten Dingen zugegangen, und mehrere Kutscher eilten an den Ort, wo die Pferde auf die Seite gesprungen, fanden aber auf dem Boden durchaus nichts Verdächtiges. Joseph wurde nun auf eine Tragbahre gelegt und von seinen Collegen in das Hospital gebracht. Mittlerweile waren die Leibärzte in's Schloß geeilt, ebenso die Gräfin Clara, die man von dem Vorfalle augenblicklich in Kenntniß gesetzt. Im Vorzimmer befanden sich mehrere Lakaien der alten Herzogin, um über das Befinden der Kranken von Viertelstunde zu Viertelstunde Nachricht zu geben. Die Aerzte umstanden das Lager, sie hatten die Kranke, welche wieder zu sich gekommen war, sorgfältig untersucht, und der erste Leibmedicus, ein alter Herr mit grauen Haaren, sagte mit tiefbekümmertem Gesicht, daß man äußerlich durchaus keine Verletzung wahrnehme und daß er überzeugt sei, die Sache werde ohne große Folgen vorübergehen. Zu gleicher Zeit aber warf er einem jüngeren Collegen einen bedeutungsvollen Blick zu und fuhr leicht mit der Hand über den Rücken desselben, ihm so ein Zeichen gebend, worauf Jener traurig nickte und so beistimmte. Nachdem die Herren Mehreres verordnet, zogen sie sich in das Nebenzimmer zu einer Consultation zurück, die aber gar nicht lange dauerte. Der alte Leibmedicus sagte am Schlusse desselben: »es ist furchtbar, aber da kann nur Gott allein helfen. Lassen wir den Doktor M. und den Chirurgus C. für alle möglichen Fälle heute Nacht da, und wenn die Kranke, was ich aber nicht glaube, nach mir verlangen sollte, so schicken Sie nur in meine Wohnung. Uebrigens werde ich auch ungerufen gegen vier Uhr morgen früh wieder kommen. – Guten Abend, meine Herren!« Der Leibmedicus mit einem andern Collegen begab sich hinweg und der Doktor M. und der Chirurgus gingen in leisem, angelegentlichem Gespräche auf dem dicken Teppich des Vorzimmers unhörbar auf und ab. Neben dem Bette der Kranken saß die Gräfin Clara und hatte ihre Hand erfaßt, welche sie mit ihren Thränen benetzte. »Arme Adelaide!« sagte sie im Uebermaße eines wirklichen Schmerzes; »wie kann man so unglücklich sein!« Die Hofdame drückte die Hand ihrer Freundin und blickte bedeutungsvoll aufwärts, als wollte sie sagen: »es ist ein höheres Geschick, das so plötzlich in unser Leben eingreift;« und dann bat sie mit leiser Stimme, die Gräfin möge ihr ein kleines Packet geben, welches der Hoflakai der Kammerfrau eingehändigt und diese auf den Tisch gelegt hatte. Mit zitternder Hand riß Frau von C. den Umschlag herunter, öffnete einen Brief in demselben, den sie der Gräfin zum Lesen offen darreichte. Nachdem diese das Schreiben durchflogen, gab sie es kopfnickend in die Hände der Hofdame zurück, worauf diese sagte: »liebe Clara, Sie versprechen mir, nie Jemanden den Inhalt dieses Schreibens mitzutheilen. Sie habe ich davon in Kenntniß gesetzt, um Sie zu überzeugen, daß erst ein großes Unglück über mich kommen mußte, um gegen das arme Mädchen mild und gerecht zu verfahren.« – Damit zerriß sie den Brief in viele Stücke und fuhr mühsam fort: »Theure Clara, erzeigen Sie mir die Liebe und schreiben Sie dort an meinem Schreibtische ein paar Zeilen, die ich Ihnen ansagen werde – wollen Sie so gut sein?« Die Gräfin nickte schweigend, denn sie konnte nicht sprechen, erhob sich von ihrem Stuhle und setzte sich an den Schreibtisch. Die Kranke im Bette diktirte: »Mein liebes gutes Mädchen! »Es hat mich ein großes Unglück getroffen, und wenn du diese Zeilen erhältst, bin ich wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden.« – – »Adelaide!« schrie die Gräfin entsetzt auf; »das kann ich nicht niederschreiben!« »Schreiben Sie immerhin!« sagte die Kranke mit einem matten Lächeln. »Mit dem Gefühle, das ich im Herzen habe, spricht man keine Unwahrheit; mit ihm sind alle Täuschungen verschwunden.« – »Bin ich nicht mehr unter den Lebenden,« – fuhr sie fort. »O, Pauline, mein liebes Kind, daß du in diesem Augenblicke nicht an meinem Lager stehst, ist die schrecklichste Empfindung, die ich habe. Daß ich dir so aus der Ferne ein ewiges Lebewohl zurufen muß, o, das quält und martert mich entsetzlich! Aber es hat ja so kommen sollen! Nimm, mein gutes Kind, diesen letzten Abschied hin! Vergiß die trüben Stunden, die ich dir gemacht; ich segne deine Verbindung; sei glücklich und denke zuweilen an mich.« Als die Gräfin dieses Papier mit einer Feder in die Hand der Kranken gab, war es ganz feucht von ihren Thränen, und sie wandte sich ab, als ihre Freundin mit zitternder Hand »Adelaide« darunter schrieb. Dann eilte sie in's Vorzimmer, zog die beiden Aerzte durch mehrere Gemächer mit sich fort und forschte alsdann verzweiflungsvoll, ob ihre Freundin in einer wirklichen und dringenden Gefahr schwebe. Die beiden Herren zuckten mit den Achseln und sprachen von schweren, unheilbaren, innerlichen Verletzungen. Als die Gräfin darauf gefaßter in das Zimmer zurück ging, lag die Kranke in einem leichten Schlummer. Die alte Kammerfrau stand am Bette, hatte eine ihrer Hände erfaßt, und ihre Thränen rieselten unaufhörlich hinab. So schritt die Nacht langsam dahin und lagerte finster und gespenstig mit ihrem dunklen Gefolge in den hohen Zimmern des Schlosses und auf den langen Korridors und Treppen. Die Uhren in der Stadt schlugen oftmals, eine nach der andern; die Schildwachen marschirten mit gleichförmigem Tritt auf und ab, und als gegen vier Uhr der Wagen des Leibmedicus in den Hof rollte, brach auch der junge Tag im Osten herauf; aber die Sonne, welche die Kranke gestern Abend noch so schön untergehen sah, kam noch lange, lange nicht. Die Hofdame war von ihrem Schlummer erwacht, und als der Arzt an ihr Bett trat, schien sie ihn zu erkennen; sie bewegte leise die Lippen und flüsterte den Namen der alten Herzogin. Der Leibmedicus ging in das Vorzimmer, gab dem dort wartenden Lakaien einen Befehl, und dieser eilte alsbald die Treppen hinab zu den Appartements der Fürstin. In kurzer Zeit kehrte er wieder zurück, meldete dem Arzte etwas, und dieser sagte darauf der Kranken, die Frau Herzogin werde sogleich heraufkommen, worauf ein freundliches Lächeln über ihre Züge flog. Sonst aber schien sie theilnahmlos gegen Alles, was sie umgab, und der Leibmedicus zog sich mit der Gräfin in's Vorzimmer zurück; nur die alte Kammerfrau blieb bei der Kranken, welche derselben ein Zeichen machte, ihren Anzug einigermaßen in Ordnung zu bringen. Als dies geschehen war, sagte sie mit kaum verständlicher Stimme: »wenn die Frau Herzogin da ist, so unterstütze meinen Kopf, daß ich eine kleine Verbeugung machen kann,« worauf die Kammerfrau gehorsam ihre Hand unter das Kopfkissen legte. Jetzt hörte man Tritte auf der Treppe, man vernahm, wie die Flügelthüren in mehreren nach einander folgenden Zimmern geöffnet und wieder geschlossen wurden; jetzt rauschte ein seidenes Kleid vor dem Eingange des Schlafzimmers, der Leibmedicus öffnete die Thüre und die Herzogin trat ein. Die Kerzen auf den silbernen Armleuchtern waren tief herabgebrannt und durch die dichten Fenstervorhänge merkte man das Grauen des Tages. Die alte Fürstin trat tief erschüttert an das Bett ihrer Hofdame und stützte die gefalteten Hände auf das Fußende desselben. Die Hand der Kammerfrau ließ die Kranke eine tiefe Neigung mit dem Kopfe machen. – »Wie geht es Ihnen, theure Adelaide?« sagte die Herzogin; »man hat mir von Stunde zu Stunde während dieser unglückseligen Nacht den Stand Ihres Befindens mitgetheilt, und ich glaube, die Aerzte sind nicht unzufrieden damit.« Ein kaum bemerkbares Lächeln spielte um den Mund der Hofdame, während ihr Kopf eine tiefe Verbeugung machte; doch gab sie keine Antwort. »Sie befinden sich etwas besser?« fragte die Herzogin ängstlich und blickte ihr forschend in das bleiche Gesicht. – – – – Dieses Mal zuckte nicht mehr der Mund der Kranken, ihr Auge war fest verschlossen und nur die Kammerfrau ließ das Haupt ihrer Gebieterin eine abermalige Verbeugung machen. Die alte Herzogin zog sich langsam zurück nach dem Vorzimmer, wo sich der Leibmedicus befand, und schaute entsetzt nach dem bleichen Gesicht, das sich tief verneigte. »Doctor!« rief die Fürstin und hielt sich erschrocken an der Thüre; »Doctor, um Gotteswillen, kommen Sie herein!« Der Leibmedicus öffnete schnell die Thüre in dem Augenblicke, als sich der Kopf der Hofdame zur letzten Verbeugung schwer erhob. Er eilte an das Bett, warf einen Blick in das Gesicht der Daliegenden und sagte erschüttert zu der Kammerfrau, die der verschwindenden Herzogin diese letzte Verbeugung machte: »laßt die Todten ruhen!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Treten wir für einen Augenblick an ein anderes Bett, das sich in einem Zimmer eines weitläufigen Hauses befindet. Dieses Zimmer hat ein einziges großes Fenster, der grüne Vorhang vor demselben ist halb herabgelassen und freundliche Sonnenstrahlen haben sich hineingeschlichen und glänzen auf dem weißen Fußboden. Im Bette liegt Joseph, der Kutscher, mit einer Wunde am Kopfe und ist in einen erquickenden Schlummer gefallen; vor ihm auf einem Stuhle sitzt ein junges, blühendes, bildschönes Mädchen und hält die Hand des Kranken in der ihren. Die Frau Winkler steht an der Thüre und befragt ängstlich den Chirurgus des Spitals, der im Begriffe ist, sich zu entfernen. Das junge Mädchen hat den Kopf herumgewandt, um zu hören, was er spricht. »Seien Sie ganz ruhig,« sagt der Chirurgus lächelnd, »unser Freund Winkler hat einen harten Kopf, es ist von einer ernstlichen Verletzung gar nicht die Rede; in sechs bis acht Tagen kann er gesund hinausspazieren.« »Gelobt sei Gott!« sprechen die Weiber, das Mädchen küßt innig die Hand des Kranken und dieser lächelt im Schlafe. Neunundzwanzigstes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Die Dämmerung war hereingebrochen, und es war jene Zeit, ehe es ganz dunkel wird, wo man gern ohne Licht in der Stube sitzt und seinen Gedanken Audienz gibt, wo sich der Blick, unbeirrt von zerstreuenden Gegenständen, so gern nach innen kehrt, und man die Erinnerung an gute und schlechte Stunden, an gute und böse Thaten, die schmerzliche Vergangenheit und die Hoffnung für die Zukunft so gern hervorruft, um mit ihnen in mannigfaltigen Gestalten die Einsamkeit zu bevölkern. Ebenso that es die Frau Müller in ihrer Stube im Hinterhause unter dem Stadtgraben, nur daß bei derselben dunkle und unheimliche Erinnerungen sehr vorherrschend waren. Sie saß da in der einen Ecke des alten Sopha's gegenüber der Thüre des Schlafzimmers, das ihre Tochter noch vor Kurzem bewohnt; sie hatte ihren Kopf auf den Arm gelegt, und man hätte glauben können, sie schliefe; doch war die wohlthätige Ruhe ihr fern, denn sie saß da und ließ ihr ganzes vergangenes Leben in Gedanken an sich vorübergleiten, und diese finstere Reise, die sich ihrem inneren Blick entfaltete, preßte ihr manchen tiefen Seufzer ab, manch' schmerzliches Stöhnen. Eigentlich jagte sie die Bilder finsterer Tage hinweg und schlug im Buche ihres Lebens die schwarzgefärbten Blätter hastig um, um auf den ersten Seiten desselben, bei ihrer Jugendzeit, länger zu verweilen. Ach! es waren ihrer nur wenige, die sich mit freundlichen Erinnerungen angefüllt dem nachsuchenden Blicke zeigten; nur sehr kurz war die Zeit ihrer Freude, ihrer Unschuld gewesen; nur wenige gute, freundliche Jahre waren da, welche von dem Gewicht des ganzen übrigen schuldbeladenen Lebens in die Höhe, geschnellt wurden. Es war eine alte bekannte Geschichte, dieses Leben, aber darum nicht minder entsetzlich, weil sie in dieser Welt so oft vorkommt. Ihre eigene Mutter hatte sie dem Laster in die Arme geführt und hatte ihre Reue, ihre Verzweiflung, diese Zeugen ihrer Schuld, die sich anfänglich heftig einzustellen pflegten, durch falsche Trostgründe zu entkräften gesucht, und es war ihr das auch gelungen und sie als Mädchen immer tiefer gesunken. Doch hatte sie Glück gehabt, sie hatte eine Heirath geschlossen, die im Stande gewesen wäre, sie wieder emporzuheben; ihr guter Engel hatte ihr in der Gestalt ihres Mannes die Hand gereicht, um die Verlorene aufzuheben und sie zu unterstützen, daß sie auf einem guten Pfade fortan dahinwandle. – Aber vergebens! – sie strauchelte und fiel als Weib, wie sie als Mädchen gefallen war; das Glück verließ sie fortan vollständig, und der Engel ihres Lebens verhüllte sein Gesicht und entfloh weinend. Dann ward ihre Tochter geboren, und das arme, kleine, unschuldige Wesen rief ihr für einige Jahre die eigene Kindheit in's Gedächtniß zurück, und sie fühlte öfter die eigene Reue und Verzweiflung, die damals ihr Herz ergriffen, als ihre Mutter sie ebenso angeleitet, wie sie ihre Tochter. Zwischen diesen Gedanken entwand sich ihren Lippen oftmals ein schmerzlicher Ausruf nach der Tochter und der Name »Anna« zitterte häufig durch das stille Gemach. Wie war das Kind so gut und unschuldig gewesen! Wie fühlte jetzt die Mutter mit entsetzlichem Schmerze, was sie schon hier allein verbrochen, wie furchtbar sie gefrevelt an dem herrlichen heiligen Geschenk, das ihr der gütige Himmel mit ihrem Kinde gegeben! – Einmal in ihrer Jugend war sie dem Tode nahe gewesen, und das war gerade damals, als sie ihre ersten Fehltritte begangen, und nur durch ein Wunder war sie gerettet worden. Wie wahr und innig entrang sich jetzt der Wunsch ihrer Brust: »o wenn man mich damals nicht gerettet hätte, wenn ich untergegangen wäre in dem tiefen See meines heimathlichen Dorfes!« – Immer tiefer vergrub die Frau ihren Kopf in die Hand und eine Fluth von Thränen bedeckte ihr Gesicht. »Anna!« seufzte sie abermals, und die Sehnsucht nach ihrem Kinde wurde zur Verzweiflung. Sie hatte sie gefürchtet, die eigene Tochter, gefürchtet, wie man in ihrer Lage ein besseres Wesen fürchtet; denn sie kannte das Herz ihres Mädchens und wußte, daß es rein geblieben war, rein in der Sünde, welche sie umgeben. Ja, sie hatte sie gefürchtet, aber zugleich mit Hoffen zu ihr emporgeschaut, indem sie geglaubt, daß, so lange Anna in ihrer Nähe sei, der Himmel sich ihrer noch erbarmen und kein größeres Unglück über sie hereinbrechen würde. Jetzt war das Mädchen fort. Wohin? – wer konnte es wissen? Ihr ärmliches Lager drüben im Schlafzimmer war so liegen geblieben, wie sie es damals verlassen, und als sie den ersten und zweiten Tag nicht zurückkam, als selbst der Steinmann keine Kunde von ihr erhielt, da hatte sie in halb wahnsinniger Freude das seidene Kleid des Mädchens, ihre feinen Schuhe, ihren Hut und einen Handschuh, den sie gefunden – wo der andere geblieben war, wußte sie nicht – auf das armselige Bett gelegt. Das war heute Nachmittag gewesen, und sie hatte mit teuflischer Lust den Steinmann an das Lager geführt, ihm die Kleider gezeigt und ihm Alles von dem Mädchen erzählt, Alles, was sie wußte und was er nicht geahnt. Sie hatte sich geweidet an seiner Wuth, an dem wilden Schmerze, den er gezeigt, und es hatte sie die Fluth von Verwünschungen beruhigt, welche er auf ihr Haupt herabströmen ließ – Verwünschungen, die der entflohenen Beute galten, welche er so sicher geglaubt und die allein ihm nicht zu Theil geworden. Wie hatte er erstarrt dagestanden, als ihm die Mutter erzählt von dem ungeheuren Frevel, den sie an ihrer Tochter begangen, und wie hatte er das Messer in seiner Tasche ergriffen, als sie ihm hohnlachend erzählte, nur um seinetwillen sei das Mädchen geflohen, und ihr wäre der tiefe Grund des Flusses lieber gewesen, als ein freundliches Wort von seinen Lippen! Der Steinmann hatte nie etwas Schrecklicheres erfahren, eine härtere Strafe hätte dem wüsten und leidenschaftlichen Menschen nie zu Theil werden können. Mit einem Geheul der Wuth war er hinweggestürzt, furchtbare Rache schwörend. Darüber aber lachte die Frau – was konnte er thun, das sie noch elender machte, als sie sich im jetzigen Augenblicke schon fühlte? – Wie hatte sie das Kleid ihrer Tochter mit Küssen bedeckt, wie ihre feinen Stiefelchen und den kleinen Handschuh! – Das alles überdachte die Frau in der Ecke des Sopha's, und obgleich ihr die Dämmerung in dem Zimmer wohl that, so fürchtete sie sich doch. Oft hob sie den Kopf empor, indem sie geglaubt, sie höre Geräusch in dem Schlafzimmer ihrer Tochter, doch war das jedesmal Täuschung und nur das eigene Blut, das rasend in ihren Pulsen klopfte. Jetzt erhob sie abermals den Kopf und blieb wie erstarrt sitzen, denn die Thüre, die von der Treppe in das Zimmer führte, hatte sich langsam geöffnet, und sie erblickte eine lange, dunkle Gestalt, welche unbeweglich stehen blieb und nach ihr hinzublicken schien. Die Frau faßte krampfhaft die Lehne des Sopha's und erhob sich langsam und leise; denn sie fürchtete, daß das unter der Thüre ein entsetzliches Gespenst sei, das bei dem geringsten Laute, bei der geringsten auffallenden Bewegung über sie herfallen würde. Das dauerte einige Sekunden, während Beide sich fest anblickten, worauf die Gestalt einen Schritt in's Zimmer trat und die Frau mit leiser, zitternder Stimme sagte: »wer bist du?« Bei dem Klange dieser Stimme zuckte das dunkle Wesen an der Thüre zusammen und antwortete mit tiefer, klangloser Stimme: »ich bin der Lukas!« Noch einen Augenblick hielt die Frau sich aufrecht an dem Sopha, dann stürzte sie auf denselben nieder und rief: »Jesus, Maria, was wollt Ihr von mir?« »Ich habe einen Brief von deiner Tochter,« sagte die Gestalt mit derselben tiefen Stimme, »wahrscheinlich das letzte Wort, das du in diesem Leben von ihr erhalten wirst. Der Brief war offen, als er gefunden wurde, ich weiß seinen Inhalt. Daß du es sein mußtest, habe ich geahnet, als ich deine Anna zum ersten Mal gesehen; dein Ausruf, als du vorhin meines Namen hörtest, hat es mir bestätigt.« – »Hattest du nicht genug mit deinem eigenen Geschick?« fuhr die Gestalt fort zu reden; »jammervolles Geschöpf, erinnertest du dich nicht mehr der Qualen, die du, wenn auch nur kurze Zeit, selbst erduldet, als deine Mutter dich zu so etwas Entsetzlichem gezwungen? – Nein, du hast dich daran nicht erinnert, du hast ein viel besseres Geschöpf, tausendmal besser, als du je gewesen, und reiner als tausend andere ihres Geschlechts, die stolz und ohne Mackel einhergehen, hinuntergedrückt, zuerst geistig, dann leiblich vernichtet!« – – »Du hast nicht die Hand Gottes erkannt, die dich in jener Nacht errettet, zweimal verkannt hast du sie, du fingst kein besseres Leben an und brachtest deine Tochter demselben Tode zur Beute, dem du wunderbarer und ungerechter Weise entgangen!« »Meine Anna!« schrie die Frau verzweifelnd auf, »meine Anna! wo ist mein Kind?« »Bei Gott!« sagte die Gestalt feierlich, »du hast dem klaren tiefen See Lust nach seiner Beute gemacht, aber er mochte dich nicht, du warst dem Tod zu schlecht, du entgingst ihm, aber deine Tochter fiel ihm zu. Ihr ist wohl!« »O, o!« stöhnte die Frau und zerraufte ihr Haar; »du bist nicht der, für den du dich ausgibst, du bist kein lebendes Wesen, du bist ein Teufel, der mich zur Verzweiflung bringt!« »Kann wohl sein,« antwortete die Gestalt mit derselben tiefen Stimme; »wahrlich, ich bin ein Todesbote! nimm hin den Brief.« Als die Frau ihr wirres Haar aus dem Gesichte warf und aufblickte, sah sie durch die Dunkelheit ein weißes Blatt Papier auf dem Boden flattern, die Thüre schloß sich ebenso geräuschlos, wie sie sich geöffnet, und als die Frau in entsetzlicher Angst an die Treppe eilte, erblickte sie nichts, als einen schwarzen Mantel, der hinabzuflattern schien. – Wie lange nach dieser schauerlichen Scene die Frau in der Sophaecke gelegen, wußte sie selbst nicht. Sie war beschäftigt mit schrecklichen, ja blutigen Bildern, die unablässig ihr Inneres erfüllten. Sie kämpfte einen gewaltigen Kampf und endlich drang ein Lichtstrahl in ihr finsteres Gemüth. Darauf blieb sie noch einen Augenblick ruhig sitzen und hörte alsdann, wie die Treppe, welche zu ihren Zimmern führte, unter starken Fußtritten knarrte und ächzte. Die Thüre wurde geräuschvoll geöffnet und zwei Männer traten in das Zimmer, blieben aber an der Thüre stehen, als sie die Dunkelheit bemerkten. »Ist Niemand da? he!« vernahm sie die Stimme Steinmann's, »Frau Müller, seid Ihr nicht da?« Und die Angeredete antwortete: »was soll's wieder? was wollt Ihr von mir?« »Die Frau hält Betrachtungen im Dunklen,« sagte lachend der Gevatter, welcher mit dem Stadtsoldaten eingetreten war; »was sollen die Geschichten? macht doch Licht!« »Sogleich!« erwiderte die Frau, stand von ihrem Sopha auf und that, wie der Gevatter sie geheißen. Dieser aber schüttelte mit dem Kopf, als er nun bei dem Scheine der Kerze in das Gesicht der Frau sah, das so geisterhaft bleich und entsetzlich abgespannt aussah, und als er die wirren Haare bemerkte, die um den Kopf und um die unheimlich glühenden Augen flatterten. Der Steinmann, der das ebenfalls bemerkte, wunderte sich weniger darüber, denn ihm schien das Aussehen der Frau eine Nachwirkung zu sein von dem Auftritte, den er heute Nachmittag mit ihr gehabt. Da es ihn nebenbei freut und ihm schmeichelhaft war, daß sein Zorn diesen Eindruck auf sie gemacht, er es auch für viel passender und kluger hielt, mit seiner redlichen Hehlerin nicht vollkommen zu brechen, so reichte er ihr die Hand, indem er sagte: »nun laßt's gut sein, Frau! Geschehen ist einmal geschehen! Laßt uns für die Zukunft unsere Sachen ehrlicher und besser einrichten!« worauf die Frau mit ruhiger, aber klangloser Stimme erwiderte: »Ja, geschehen ist einmal geschehen, wir wollen für die Zukunft unsere Sachen schon ehrlicher und besser einrichten.« »Aber vor allen Dingen,« sprach der Gevatter lustig dazwischen, »vor allen Dingen, Frau Müller, öffnet Euren Wandschrank und laßt einen Krug guten Weins herausspazieren; ich bin verteufelt durstig und hab' während des ganzen Nachmittags kaum ein paar elende Schoppen über die Lippen gebracht.« »Denkt nicht eher an's Saufen,« sagte grämlich der Steinmann, »als bis Ihr wißt, ob alles ringsum sicher ist – habt Ihr nichts Verdächtiges bemerkt, Frau? – nicht? so ist's recht! Jetzt aber riegelt vor allen Dingen die Hinterthür zu und laßt den dicken grünen Vorhang vor das Fenster da herab.« Schweigend that die Frau, wie ihr geheißen, und während sie die Hinterthüre verschloß und verriegelte, verbarg sie das Briefchen ihrer Tochter, denn sie hatte nicht den Muth, es zu lesen. Die beiden Herren hatten es sich unterdeß droben bequem gemacht, und jeder lag in einer Ecke des alten Sopha's. Der Gevatter hatte höchsteigenhändig einen Krug Wein aus dem verborgenen Schranke hervorgeholt, und nachdem er einen tüchtigen Zug gethan, wischte er sich behaglich den Mund, und die Blicke seiner beiden schiefstehenden Augen gaben sich alsdann ein Vergnügliches Rendezvous auf der röthlichglänzenden Nase. Der Steinmann schien nicht so ganz guter Laune zu sein; er dämpfte oftmals die Lustigkeit des Gevatters mit einem Wort und versank ein anderes Mal in tiefes Hinbrüten. Die Frau Müller hatte sich neben den Ofen gesetzt, den Kopf an die Wand gelegt und that, als ob sie schliefe. Aus einem solch' tiefen Nachdenken fuhr der Steinmann in die Höhe und sagte: »ich hätte doch nicht gewünscht, daß die ganze Geschichte so schlimm ablief! es schauert mich doch ein wenig, wenn ich daran denke.« »Daß das Mädel davongelaufen ist?« lachte der Gevatter, »wie kann man so etwas nicht schon in der nächsten Stunde vergessen!« – Seine Augen kreuzten sich bei diesen Worten auf dem Weinkruge, den er emporhob. »Nein!« antwortete der Steinmann, »ich meine die andere Geschichte.« »So, die andere Geschichte,« murmelte achselzuckend der Gevatter, wobei seine Augen mit einiger Verlegenheit gegeneinander hinzuschielen schienen. »Ja, da läßt sich nichts mehr ändern, man muß die Sache als ein Unglück betrachten; das ist gerade so, als wenn ich Jemanden die Fenster einwerfen will und treffe ihn selbst zufällig mit dem Steine vor den Kopf, daß er todt hinfällt, – das ist nichts weiter als ein Unglück.« »Freilich ein Unglück, aber ein großes; wir haben freilich dem Kerl dem Winkler, einen tüchtigen Possen gespielt, er liegt an einer Kopfwunde bedeutend, wenn auch nicht gefährlich, darnieder, und sowie er gesund wird, heißt es freilich vor der Hand: Adieu Hofkutscher! und er kann die graue Livree anziehen; aber der Oberststallmeister hat eine gründliche Untersuchung versprochen, und wenn man auch nichts herausbringt, daß an dem Abend Jemand um den Weg gewesen, der die Pferde absichtlich zum Stürzen und Durchgehen gebracht, so werden doch Alle vom Stalle auftreten, wenigstens die Meisten, und ein gutes Zeugnis; für den hoffärtigen Lumpen ablegen – was ist da gewonnen?« Der Gevatter zuckte abermals mit den Achseln und gab die Richtigkeit dieser Bemerkungen zu. »Ich bin sonst nicht ängstlich,« fuhr der Steinmann fort, »aber mich schaudert's, wenn ich an den Leichenzug von der Hofdame denke; steigt da Abends gesund und frisch in den Wagen und liegt am andern Morgen todt auf ihrem Bette!« »Allerdings!« antwortete der Gevatter, »es ist ein unangenehmer Zufall.« Er that einen neuen Zug aus dem Kruge, und die Frau am Ofen zuckte kaum merklich zusammen. »Bei allem dem aber,« fuhr der Gevatter fort, »müßt Ihr meine gutgetroffenen Anstalten höchlich beloben: wie haben die vom Stalle den ganzen Platz mit den Laternen untersucht, und haben sie etwas gefunden? – nicht das Geringste! und ich selbst hatte mich wohl gehütet, als Zuschauer auf dem Platz zu bleiben.« »Man muß gestehen,« versetzte der Stadtsoldat, »daß die Sache außerordentlich schön eingefädelt war; nur hat dieser Kerl ein unverschämtes, unerhörtes Glück. Ich ließ mich gleich nach dem Vorfall auf dem Platze sehen und stieß zufällig auf den Hoflakaien Jean; ich hätte den Kerl gern niedergeschlagen, denn er sah mich mit einem wahren Giftblick an, mit einem Blick, als wollte er sagen: du wirst auch nicht betrübt sein über das Unglück des Hofkutschers.« »Ihr hättet doch besser gethan, an dem Abend wegzubleiben,« entgegnete der Gevatter; »ich war froh, als ich das ganze Stadtviertel hinter dem Rücken hatte, und das versichere ich Euch, es wird lange Zeit dauern, ehe ich mich entschließen kann, des Nachts dort unter die Bäume zu gehen; ich sehe noch immer zu deutlich den Stamm vor mir, an welchem die Frau hinstürzte und liegen blieb; es ist, beim Teufel, ein unangenehmes Gefühl – sprechen wir nicht mehr von der Sache, kommen wir auf etwas Anderes!« Der Steinmann ließ sich herab, jetzt ebenfalls einen Schluck aus dem Kruge zu nehmen, und sagte beistimmend: »ja, von etwas Anderem!« »Apropos,« fuhr der Gevatter fort, »ich habe auch die Papiere gründlich durchgesehen, die in dem Packetchen waren, welches ich in jener denkwürdigen Nacht bei der alten Person im Vorderhaus mitspazieren ließ. Sie betreffen die verstorbene Marie, Ihr wißt ja wohl, die damals als Lampenputzerin mit unter Eurer Fuchtel war. Sie hat ein kleines Mädchen hinterlassen, welches die Welscher aufzieht. Es fanden sich nun in dem Packele meistens dünne Liebesbriefe, vertrocknete Blumen, Haare und dergleichen einfältige und nichtssagende Geschichten; nur ein Papier darunter ist sehr beachtenswerth: es ist das Schreiben eines Advokaten aus Mailand, welcher der Verstorbenen anzeigt, daß er den Auftrag habe, ihr eine nicht unbedeutende Summe nach und nach auszahlen zu lassen, sowie sie sich, die Marie nämlich, an ihn deßhalb wenden wolle und genaue Auskunft gebe, wie es ihr und namentlich ihrem kleinen Kinde ergehe. Dieser Advokat heißt, wenn ich nicht irre, Cäsar Bartolini, und sagt in einem zweiten Schreiben, welches ein halbes Jahr nach dem ersten hier angekommen sein muß: wenn dagegen die Marie geneigt sein sollte, ihr Kind durch die Vermittlung eines hiesigen Handlungshauses in eine Pension nach Paris zu geben, so habe eben dieses Handlungshaus den Auftrag, derselben einen anständigen Jahresgehalt für ihre Lebenszeit auszuzahlen.« »Ei, ei!« sagte der Steinmann und sein eines Auge glänzte freundlich, »und die dumme Person ist darauf nicht eingegangen? Ich glaube wenigstens nicht, daß sie es that, denn sonst wäre sie nicht in so bitterer Armuth gestorben.« »Versteht sich!« lachte der Gevatter, »die dumme Gans hat diese Anerbietungen alle abgelehnt; denn ich fand einen dritten Brief von dem Advokaten, worin er sagt: »»ich habe Ihre Antwort auf meine beiden Briefe erhalten und dieselbe dem Herrn Grafen mitgetheilt; es hat ihn außerordentlich schmerzlich berührt, daß Sie seinen vernünftigen Vorstellungen kein Gehör geben. Indem ich mich genöthigt sehe, Ihnen hiermit zum letzten Mal zu schreiben, glaube ich die Versicherung ausdrücken zu können, daß der Herr Graf stets geneigt sein wird, Ihnen zu helfen, sobald Sie einmal in den Fall kommen werden, diese Hülfe durch mich in Anspruch nehmen zu wollen.«« Nach dieser Mittheilung dachte der Steinmann eine Weile ruhig nach, und der Gevatter schien sich ebenfalls in ergiebige Plane zu Versenken. »Da wären nun zwei Wege,« sagte der Erstere nach einer Pause, »um aus diesem Briefe einigen Nutzen zu ziehen: entweder wir schreiben diesem Herrn Bartolini, das heißt, wir lassen die Marie eigentlich schreiben – es wird Euch ein Leichtes sein, aus vorgefundenen Briefen ihre Handschrift so täuschend nachzuahmen, daß der Italiener damit zufrieden sein kann – oder wir bleiben bei der Wahrheit und schreiben dem Advokaten, daß die Marie gestorben ist, daß sich das Kind im Elend befinde, daß es von der Gnade armer Leute leben müsse, was ja Alles wahr ist, und erbitten uns eine namhafte Summe zu deren Unterstützung.« »Das Letzte ist besser,« versetzte der Gevatter und rieb sich vergnügt die Hände; »bleiben wir bei der Wahrheit, ich liebe die Wahrheit über Alles; und dann haben wir auch wegen der Adresse keine Schwierigkeit. Ihr unterschreibt den Brief, Ihr mit Eurem Namen und Titel, als zur Polizei gehörig, und so wird Euch der Italiener vollkommen trauen.« »Das wird doch nicht gut angehen,« meinte der Steinmann und unterstützte das Kinn mit der Hand; »beim Teufel auch, meinen Namen! bedenkt doch, meinen Namen!« »Den Teufel auch!« spottete ihm der Gevatter nach, »bedenkt doch, meine Haut, die ich immer zu Markt getragen, und meinen Hals, wenn die Kutschergeschichte herauskäme, und meinen ehrlichen Namen, wenn sie mich einmal als Vagabund aufgreifen, und meinen Rücken, wenn sie mich wegen ausgezeichneten Diebstahls einmal sechs Jahre aufheben, zu Anfang und zu Ende geschärft durch Stockhiebe, bedenkt doch das auch, Gevatter! all' diese edlen Theile um Euren lumpigen Namen! Thut in's Teufels Namen nicht so kostbar. Ihr wißt selbst, wenn die Leute »Steinmann« gesagt haben, so spucken sie nachher aus, und das soll alsdann so viel heißen, als: Pfui Teufel!« »Die Gauner und Vagabunden,« sagte ruhig lächelnd der Stadtsoldat, »thun freilich dergleichen, und die bösen Buben auf der Gasse und einige alte Weiber mit schlechten Mäulern.« Bei diesen Worten schaute der Stadtsoldat auf die Müller, die aber fest zu schlafen schien. »Aber was rechte Leute sind, die wissen schon, was sie an dem strengen, aufmerksamen, unnachsichtigen Steinmann haben, das versichere ich Euch; ich bin bei Einem wohlweisen Magistrat recht gut angeschrieben, und weil ich das bin und mich dadurch emporzubringen hoffe, so wollen wir dieses letzte Geschäft noch selbander bestens zu Ende bringen.« »Wie so, dieses letzte Geschäft?« fragte erstaunt der Gevatter und stellte den Krug, den er eben erhoben, erwartungsvoll auf das Knie. »Das will ich dir sagen, mein Junge,« versetzte der Steinmann, »ich hoffe nächstens aus dem Polizeidienste auszuscheiden und ein anderes Pöstchen zu erlangen; es kann mir das auf keinen Fall fehlschlagen; wenn ich aber eben dieses Pöstchen bekomme, so ist es unumgänglich nothwendig, daß ich wenigstens vor der Hand alle Verbindungen abbreche, die meinem guten Rufe Abbruch zu thun im Stande wären.« »So, so! ei, ei!« entgegnete der Gevatter, und ihm schien diese Aussicht nicht besonders zu gefallen; »aber was soll dann aus mir werden?« »Du hast dir auf alle Fälle etwas zusammengespart,« meinte der Steinmann, »und für dich wäre es auch die höchste Zeit, nach einem soliden, stillen Lebenswandel zu greifen, denn ...« »Ich mir etwas zusammengespart?« lachte der Gevatter, »nicht einen Kreuzer! Wie gewonnen, so zerronnen! Was hab' ich nicht für schwere Ausgaben gehabt! kostet mich doch z. B. die Kutschergeschichte für Zurüstungen an fünf Gulden dreißig Kreuzer, die Ihr mir aber auf alle Fälle ersetzen müßt, Gevatter, und was Euer Pöstchen anbelangt, so wird die Anstellung wohl noch gute Wege haben. Ihr habt schon oft von dergleichen gesprochen, ich bin aber vor der Hand erfreut, daß wir das einträgliche Geschäft mit dem Italiener zusammen machen; ich entwerfe und unterschreibe den Brief, und so könnt Ihr auf keine Weise compromittirt werden.« »Abgemacht!« entgegnete der Steinmann; »aber vergeßt nicht, was ich Euch gesagt; seht Euch nach irgend einem anständigen Brod um, unsere Sache wird mir nachgerade langweilig; auch das Haus hier,« setzte er leise hinzu, »eckelt mich an – wie war das sonst anders!« setzte er mit einem Seufzer hinzu; »aber die Frau da wird unausstehlich langweilig.« »Ja, ja,« bekräftigte der Gevatter, »sie gönnt uns kaum mehr ein freundliches Wort, und selbst ihr Wein ist in der letzten Zeit verdammt schlecht geworden; jetzt lehnt sie in einer Ecke und schläft.« »Den Schlaf der Gerechten!« lachte höhnisch der Steinmann, und dann erhoben sich Beide und schlichen, ohne »Gute Nacht« zu sagen, die Treppen hinab zur Hinterthüre hinaus in die engen Gäßchen. Obgleich Beide über die Frau droben kein Wort weiter sprachen, so hatten sich doch Beide mit ihr beschäftigt, und als sie ein paar hundert Schritte von dem Hause entfernt waren, blieb der Gevatter plötzlich stehen und sagte: »Seit die Anna fort ist, gefällt die da droben mir wahrhaftig ganz und gar nicht mehr; mich soll der Teufel lothweis holen, aber ich gehe nicht mehr gern in das Haus; 's ist mir immer, als müsse da einmal irgend einem von uns ein großes Unglück geschehen.« »Na, wißt Ihr was, Gevatter,« sagte der Steinmann grinsend, und aus seinem einen Auge schoß ein wahrhaft teuflischer Blick: »so kommt Eurer Ahnung zuvor und richtet selbst ein großes Unglück da an.« »Meint Ihr?« »Warum nicht?« »Ich hab' der alten Hexe nie recht getraut, und wenn Ihr nicht von den Augen ihrer Tochter verblendet gewesen wäret, so hätten wir sie nie so tief in unser Getreibe sehen lassen,« sprach der Gevatter, und der Steinmann fügte hinzu: »Auch hat sie beständig ihren Vortheil ...« »Glaubt Ihr?« »Da ist vom Glauben keine Rede, ich weiß, daß die Alte Geld hat, viel Geld hat sie versteckt.« »Glaubt Ihr wirklich?« »Hat sie doch in Metthausen ein schweres Päckchen – es mußte Geld darin sein – nie aus der Hand geben wollen; o die Alte ist schlau und hat uns Beide immer an der Nase herumgeführt! oder hat sie,« setzte der Steinmann ingrimmig hinzu, »mich vielleicht nicht an der Nase herumgeführt? mich mit dem verfluchten Mädel, Euch mit vielem, vielem Geld!« »Mit vielem, vielem Geld!« wiederholte der Gevatter gedankenvoll und faßte zuckend nach dem Messer in seiner Hosentasche. »Ja, das soll anders werden!« setzte er wie zu sich selbst sprechend hinzu, »wir wollen der Geschichte ein Ende machen!« »Aber nicht eher darf das geschehen,« sagte der Steinmann fest und bestimmt, »bis das italienische Geschäft bereinigt ist; dann mit den Piastern in der Tasche und mit dem Gelde der Alten da oben könnt Ihr Euch schon durch die Welt schlagen; aber früher etwas thun, wäre der offenbarste Wahnsinn.« »Ich hasse die Müllerin!« sprach ingrimmig der Gevatter; »ich habe sie immer gehaßt; haben mich dieses Weib und ihre schlechte Tochter nicht immer behandelt wie ein räudiges Thier? Ja, die Anna hat ausgespuckt vor mir, bis ich ihr eines Tages zugeschworen, ich steche sie nieder, wenn sie es noch einmal thue.« »Nur noch eine kleine Weile Geduld!« sagte der Steinmann, »keine voreiligen Thorheiten! Jetzt geht ruhig nach Hause und schlaft Euren Rausch aus – widersprecht mir nicht – Ihr habt wieder einen Rausch, macht morgen die Briefe, und in circa vierzehn Tagen, so denk' ich, haben wir ein ordentliches Kapitälchen beisammen.« Der Gevatter wünschte gute Nacht und stolperte brummend und fluchend nach Hause; der Steinmann aber lachte sich in's Fäustchen und dachte bei sich: »wenn der Kerl eine rechte Dummheit anstellt, so muß er schleunigst flüchtig werden, dann bin ich ihn für alle Zeiten los. – Droben in ihrem Zimmer lag unterdessen das auserkorene Opfer der teuflischen Berechnung der beiden Gauner vor ihrem Sopha auf den Knieen und benetzte ein kleines, beschmutztes Papier mit ihren Thränen. Es waren die letzten Worte ihres einzigen Kindes, ihrer schönen Anna, und sie hatte, mit Bleistift geschrieben, der Mutter ein ewiges Lebewohl gesagt. »Allein in der Welt stehend,« schrieb sie, »erliegend unter fürchterlichen Erinnerungen, sei ihr das Leben eine Last, und die Mutter möge noch das Einzige für ihr Kind thun, was ihr zu thun übrig bliebe, und Gottes Barmherzigkeit anstehen, daß er ihre vielen und schweren Sünden ihr vergebe.« Dreißigstes Kapitel. Das Ende des Traumes. An jenem denkwürdigen Morgen, wo der Jäger Lukas aus der Wohnung des Schultheißen in die Berge hinaufgeeilt war, um von dem verschwundenen Mädchen eine Spur aufzufinden, an jenem Morgen, wo er das Ende seines Traums erleben sollte, blieb der Schultheiß des Dörfchens, Gottlieb Baumberg der Ältere, als er den Jäger bis an das Ende seines Gartens begleitet, kopfschüttelnd stehen und sah dem sonderbaren Fremden einen Augenblick nach in tiefe Gedanken versunken, dann rückte er sein Morgenkäppchen auf dem weißen Haar unschlüssig hin und her, stützte sich auf das Gartenthor und überdachte die sonderbaren Reden, die der unbekannte Mann geführt. Sein sorgfältiges Erkundigen nach dem Bergsee da droben, nach der Tiefe desselben und ob er recht einsam vom Wege abläge, dieses Alles schien ihm sehr verdächtig. »Hollah, hollah!« sagte er zu sich selber, »die Sache will mir durchaus nicht gefallen, da muß ich schon ein Bischen meine Vorkehrungen treffen! Peter! Anton!« rief er, während er eilig durch den Garten nach seiner Wohnung zurückschritt, »Anton! Peter! wo steckt ihr?« Bald erschienen die Gerufenen, zwei handfeste Bauernbursche, unter dem Scheuernthor und liefen zu ihrem Herrn in den Garten. »Paßt mir auf,« sagte der Schultheiß, »und merkt euch, was ich jetzt will! Ihr Beiden, ohne aber vorher im Dorf mit Jemand darüber zu sprechen, lauft, was ihr könnt, zu meinem Gevatter nach der Sägmühle, da nehmt ihr die beiden Söhne des Gevatters mit – ich lasse meinen schönen Gruß machen und darum bitten – und nehmt zugleich den leichten Nachen vom Mühlteich und fünfzig Klafter Strick, ein paar lange Stangen und springt hinauf, was ihr könnt, an den wilden See. Ich werde noch vor euch da sein, – na! schaut mich nicht so an! macht, daß ihr fortkommt! Ich habe euch noch niemals eine Dummheit befohlen und schlechte Witze mache ich auch keine; – aber eilt, was ihr könnt, 's gilt ein Menschenleben!« Jetzt flogen die Bursche davon über das bethaute Gras hinweg nach der Mühle, die in einer Schlucht am Fuße der Berge lag. Der alte Schultheiß ging an das Gartenthor zurück, hielt die Hand als einen Schirm gegen die Sonne an die Augen und blickte nach dem fremden Manne. Dieser war rüstig aufwärts gestiegen und stand jetzt auf der Brücke des Waldwassers in demselben Augenblicke, wo Anton und Peter die Mühle erreichten. Jetzt nickte der Schultheiß zufrieden lächelnd vor sich hin, ging in's Haus zurück, entledigte sich seiner Schuhe und zog dafür ein paar hohe Stiefel an; dann setzte er den runden Hut auf, ging in seinen Stall, sattelte ein kleines, gedrungenes braunes Pferd, und nachdem er noch einige Befehle für das Haus zurückgelassen, schwang er sich auf den Rücken des Thieres und trabte ebenfalls den Bergen zu. Anton und Peter hatten, wie gesagt, die Mühle erreicht, hatten den Gevatter des Schultheißen bei Seite genommen und ihm eilig den Wunsch, beziehungsweise Befehl desselben zugeflüstert. »Da hat's Eile!« meinte der alte Müller, brachte seine Finger an den Mund und pfiff so gellend, daß es das Geklapper der Mühle übertönte. Augenblicklich darauf ließ sich an einem der oberen Fenster ein weiß gepuderter Kopf sehen sowie ein paar breite Schultern, worauf der Kopf saß, und bald darnach kam ein zweites Gesicht zum Vorschein, welches dem erstern über die Achsel sah, und Beide zusammen verschwanden wie der Blitz, als ihnen der alte Müller eine Geberde machte, welche sie eiligst Herabkommen hieß. Mit wenigen Worten theilte nun der Vater seinen beiden Söhnen mit, um was es sich handle, worauf Tau und Stangen in der größten Geschwindigkeit herbeigeschafft und der leichte Nachen aus dem Mühlenteich gehoben wurde. Darauf traten sie ihre Wanderung in's Gebirge an, und da abwechselnd zwei und zwei den Nachen trugen, so kamen sie rasch vorwärts. Bald hatten sie die Höhe des Berges erreicht und brauchten auf dem Kamme desselben nur noch ein paar tausend Schritte zu gehen, um den »wilden See« zu erreichen. Rings um war Alles still und auch nicht der leiseste Wind rauschte in den Blättern der Bäume; daher kam es denn auch, daß sie, obgleich noch eine gute Strecke von dem See entfernt, auf einmal deutlich ein Geräusch vernahmen, als plätschere etwas in dem Wasser. Dies hören und im schnellsten Laufe herbeieilen, war bei den vier kräftigen Burschen Eins und dasselbe. Jetzt sahen sie den See vor sich liegen und sahen, wie das Wasser nur noch kaum bemerkbar weite Kreise warf. In diesem Augenblicke kam auch der Schultheiß auf seinem Pferde herbeigesprengt, warf sich vom Sattel und leitete mit großer Umsicht die Rettungsanstalten. Der Nachen wurde in das Wasser geschoben und schnell an das Ende eines großen Tannenbaums gerudert, der umgefallen war und weit in den See hineinragte. Einer der Söhne des Müllers, ein tüchtiger Schwimmer, warf seine Kleider ab, wand das Ende des Strickes um die Faust und stürzte in den See. Schnell sank er unter, doch vergingen einige bange Sekunden, ehe an dem Seil durch eine zitternde Bewegung ein Zeichen gegeben wurde, es hinaufzuziehen. Heftig zogen nun die vier starken Männer, theils im Nachen stehend, theils sich an dem Baumstamme haltend, das Tau in die Höhe, und bald darauf kam der Retter in die Höhe, den Geretteten fest am Kragen nach sich ziehend. Der Schultheiß nickte vergnügt mit dem Kopf, als sie nun den unbekannten Mann auf das weiche Moos am Ufer des Sees niederlegten und derselbe nach wenigen Sekunden tief aufathmete, die Augen öffnete, sie aber bald darauf wieder schloß. Der Schultheiß, der auf Alles vorbereitet war, hielt ihm ein Fläschchen an die Lippen und flößte ihm etwas Stärkendes ein; dann befahl er den jungen Burschen, in die Mühle zurück zu gehen und einige Kleidungsstücke für den Fremden herauf zu bringen. Dieser schlug nach einiger Zeit abermals die Augen auf, schaute den alten Mann, der neben ihm kniete, mit großen Augen an und richtete sich langsam in die Höhe. »Wir haben uns ja heute Morgen schon gesehen,« sagte der Jäger mit matter Stimme, und blickte schaudernd um sich auf das stille Wasser an seiner Seite. »Allerdings, mein Freund,« erwiderte der Schultheiß lachend, »bevor Sie an den See gegangen und auf jeden Fall aus Unvorsichtigkeit hinein gefallen sind.« »Ja, das muß wohl so sein,« entgegnete Lukas; »aber habe ich nicht jenes Mädchen suchen wollen, das drunten im See liegt?« »Possen! wer wird drunten im See liegen?« versetzte der alte Mann; »das Mädchen wahrhaftig nicht.« »Doch, doch!« entgegnete der Jäger; »ich habe sie gesehen, so glaube ich wenigstens; ihre langen blonden Haare habe ich gesehen, es ist schade um das arme schöne Geschöpf.« »Na, wenn Sie wollen, so können wir nachher den ganzen See nochmal mit Stangen und Seilen untersuchen,« sagte der gutmüthige alte Mann; »doch wenn die Unglückliche wirklich da unten liegt, so thut ihr kein Finger mehr weh. Aber wie fühlen Sie sich? Wie ist Ihnen zu Muthe?« »Mir ist außerordentlich wohl zu Muthe,« antwortete lächelnd der Jäger, »mir ist eine schwere drückende Last von der Brust genommen, ich habe das Gefühl, als sei ich aus einem tiefen, lang anhaltenden Traume erwacht. – Ganz richtig!« sagte er nachsinnend, »ich ging nach der Residenz mit Briefen von meinem Herrn, den ich liebe und verehre, und dann traf ich unterwegs jenes Mädchen und schickte sie mit meinem Wagen in das Dorf da unten – das ist doch Alles wahr, Schultheiß? Ich habe also eigentlich nie geträumt! Wie man doch so seltsames Zeug denken kann! – Richtig! richtig! der See hat mich angezogen; denn ich erinnere mich aus meiner Jugend einer ähnlichen Geschichte, wie ein armes Mädchen ebenfalls in einen See sprang und wie man lange nach ihr suchte, sie aber nie fand. Damals fiel ich in eine schwere Krankheit, und als ich genas, war es dunkel und trübe in meinem Kopfe; aber jetzt hat sich's aufgeklärt, – ja, Gott sei Dank! es hat sich aufgeklärt, das kalte Bad hat mir wohl gethan.« Der Schultheiß hatte diesem Selbstgespräch lächelnd zugehört und sah sichtlich erfreut, wie die finsteren Schatten auf dem Gesichte des fremden Mannes einem angenehmeren, milderen Ausdrucke Platz gemacht. Nur so oft er an das verschwundene Mädchen dachte, flog es wie tiefer Kummer über seine Züge, und er konnte sie nicht vergessen. Nachdem die Kleider gekommen, ging der Schultheiß mit dem Jäger langsam nach dem Dorfe zurück, und die vier jungen Männer gaben sich nochmals alle Mühe, wie es der Schultheiß versprochen, und untersuchten den See mit Tau und Stange ohne Erfolg nach allen Richtungen. Nach ein paar Stunden brachten diese die Botschaft in's Dorf hinab, zugleich aber ein kleines Papier in der Form eines Briefes, das sie auf dem Waldwege am See gefunden. Lukas las diesen Brief, und obgleich man in dem See nichts gefunden, so war er doch überzeugt, daß sich das arme Mädchen ein Leides angethan, um so mehr, als ihm der Schultheiß gestand, daß man den tiefen See eigentlich nicht gründlich untersuchen könne. Wie der Jäger schon droben auf dem Berge gesagt, so war es ihm wirklich zu Muthe. Er fühlte sich befreit wie aus beengenden Banden, wie aus einem tiefen Schlafe erwacht, und da er sich wie im Traume in den See gestürzt hatte, so schauderte er wohl zurück, wenn er daran dachte, er habe so leichtsinnig und frevelhaft seinem Leben ein Ende machen wollen; doch wurde der Kummer darüber gemildert durch das Andenken an jenen Zustand, in welchem er so Manches fast willenlos gethan. Jetzt lag ein neues, angenehmes Leben vor ihm, er brauchte nicht mehr wie früher ein schreckliches Erwachen zu befürchten; das lag hinter ihm, wie dunkle Wetterwolken, wie das Leuchten falber Blitze und wie das tiefe, unheimliche Rollen des Donners. Vor ihm aber hatte sich der Himmel aufgeklärt und er sah einen hellen Schein auf der Zukunft seines Lebens. Wenn er rückwärts blickte, so erschütterte ihn nur Eins, das war nämlich das Bild jenes fremden und ihm doch so bekannten Mädchens, das aus dem dunklen Gewölke die Arme stehend ausstreckte und ihn bat: rette mich! Zuweilen erschien ihm dieses Bild auch, wenn er in die Zukunft blickte, und stand alsdann licht und freundlich vor seinem inneren Auge. Die Aufschrift jenes Briefes hatte er hundert Mal gelesen, kannte aber den Namen der Frau nicht, an welche der Brief gerichtet war, beschloß jedoch, bei seiner Rückkunft in die Residenz genaue Erkundigungen einzuziehen über Alles, was das verschwundene Mädchen beträfe; und das that er auch. – – – – – – – – – – – – – Wenige Tage nach diesem Vorfalle hielt abermals eine Extrapost in dem kleinen Dorfe D., und während der Postillon von Metthausen aus-, und der neue Postillon, den wir bereits kennen, lächelnd einspannte, unterhielt sich der Herr Lukas, der soeben von der Residenz zurück kam, neben dem Wagen stehend auf's Freundlichste mit dem alten Schultheißen. Beide schüttelten einander herzlich die Hände, und als nun der Jäger wieder in seine Kalesche stieg, und während der Schultheiß vergnügt sich die Hände rieb, da er überzeugt war, er habe einem wackeren Mann geholfen, rollte der Wagen des Jägers von dannen, das Verdeck zurückgeschlagen, in der milden, warmen Frühlingsluft. Hinter sich ließ er die Residenz mit vielen finstern und unheimlichen Erinnerungen, die in den letzten Tagen noch um eine vermehrt werden waren; neben sich hatte er in einer ledernen Tasche den so sehr wichtigen Brief für den Baron Karl, traurig und angenehm zugleich, und so fuhr er dahin durch die grünen Felder auf der langen, langen Chaussee, durch Dörfer und Städtchen, ein sehr glücklicher Mensch. – Reisen, namentlich im Frühjahr, ist etwas sehr Angenehmes, und wenn uns der geneigte Leser im nächsten Kapitel folgen will, so wollen wir mit Zaubermacht dem dahin rollenden Wagen voraus eilen und uns selbst nach dem Baron Karl umsehen, der schon so lange aus unserem Gesichtskreis entschwunden. Einunddreißigstes Kapitel. Ein Hofball und seine Folgen. Der Baron Karl verlebte in Brüssel oder vielmehr auf einem Schlosse bei Brüssel, wo sich Pauline bei ihrem Oheime aufhielt, die seligsten Stunden. Der alte Oheim, der ihn lieb gewonnen hatte, that anfänglich etwas karg mit den Stunden, in denen es dem jungen Manne erlaubt war, herauszukommen und seine Braut zu sehen. Der Baron aber verstand, sich dem alten Herrn bald nützlich und angenehm zu machen, indem er jetzt mit ihm in die Waldungen ritt, jetzt ihm in den Glashäusern ordnen half und Abends mit ihm über Belgien politisirte und Beide dieses Land als das glücklichste auf dem weiten Erdenrunde darzustellen bemüht waren – und sie hatten Recht! Man muß dieses herrliche Land kennen mit seinen blühenden Städten, seinen reichen Dörfern inmitten ungeheurer Getreidefelder, mit seinen Kanälen, seinen schiffbaren Flüssen, bespült vom Weltmeer, zu welchem hin aus allen Theilen des Landes die keuchende Lokomotive große Waarentransporte hinschleppt, um andere dafür zurückzunehmen. Der Baron liebte aber Belgien wie sein Heimathland. War es doch das Land, wo seine Wiege gestanden, wo er seine Jugendzeit verlebt. Sein Vater, von dem altfranzösischen Geschlecht der René, hatte nach dem Sturze des Kaiserreichs Frankreich verlassen, sein ganzes ungeheures Vermögen nach Belgien übergesiedelt, sich dort verheirathet und hinterließ, als er noch im besten Mannesalter starb, diesen einzigen Sohn, der von der Mutter in Brüssel und später auf einem Schlosse bei Lüttich erzogen wurde. Sobald in diesem glückseligen Frühjahr die Sonne aufging, so saß der Baron in seinem leichten Wagen und fuhr hinaus nach dem Schlosse des alten Herrn, um erst bei der Dämmerung oder bei einbrechender Nacht wieder zurückzukehren. Mit welcher Sehnsucht harrte er der Rückkehr des Jägers, und wie oft rechnete er Station um Station nach und zählte die Stunden, wann er wieder eintreffen könne! Unterdessen kam aber Lukas immer noch nicht, und der Baron, den dringende Geschäfte nach Lüttich, wo er große Güter hatte, riefen, sah sich gezwungen, diese kleine Tour zu unternehmen, was ihm am Ende lieb war, da es ihm peinlich wurde, die Antwort auf seinen Brief an Frau von C. in der Nähe des Wesens abwarten zu müssen, das mit Zittern und Zagen einem Ja oder Nein entgegen sah. Auch freute er sich darauf, Lüttich einmal wieder zu sehen, die schöne Stadt, wo er als Knabe und Jüngling gelebt, wo er gespielt und wo er gelernt unter den Augen seiner verstorbenen, unvergeßlichen Mutter. Der Abschied von Paulinen und dem alten Herrn war kurz und herzlich, und bald saß der Baron auf dem Eisenbahnzuge, welcher gegen Lüttich hinabfuhr. Da er begreiflicher Weise diesen Weg früher auf der Eisenbahn nie hatte machen können, weil sie noch nicht existirte, so erschien ihm die Gegend ziemlich unbekannt, und erst, als er die Kirchthürme wieder sah, als er die Landhäuser auf den Höhen erblickte, wo er als Knabe so oft gewesen, und als er vom Bahnhofe hinweg durch die bekannten Straßen rollte, erst da fand er sich wieder zurecht, und die Erinnerung an seine Jugendzeit stieg freundlich in ihm auf und machte sein Herz schneller schlagen. Wie ist es so süß und angenehm, nach langer Abwesenheit seine Heimath wieder zu sehen, den Ort, wo man geboren und erzogen wurde, wo man spielte und lernte, wo man der Kindheit Leiden und Freuden erfuhr! Wenn auch in dem Hause, wo unsere Wiege stand, kein verwandtes Herz mehr ist, wenn uns auch kein freudiger Ausruf, keine herzliche Bewillkommnung die Thüre des elterlichen Hauses öffnet, wenn aus den Fenstern auch unbekannte Gesichter schauen und den Fremden neugierig betrachten, wie er die alte Hausthüre anstarrt und emsig auf der steinernen Bank vor derselben die Stelle sucht, wo er als Kind mit seinem kleinen Messer einen Schnitt in den Stein gemacht – ach! es ist doch das Elternhaus, es ist doch der Grund und Boden, wo wir gewurzelt und zu dem uns eine unerklärliche Sehnsucht immer wieder hinzieht. Dort ist der kleine Bach, wo die ungeheure Flotte, kunstreich aus Holz und Bindfaden gemacht, hinabschwamm; dort ist der Spielplatz und immer tummelt sich dort ein frisches, junges Leben. Andere Kinder spielen freilich da, just dieselben Spiele, wie wir vor dreißig Jahren; aber kleiner ist Alles geworden; es kommt uns wenigstens so vor. Der Bach, der in unserer Erinnerung wie ein ziemlicher Strom lebte, ist mit einem guten Satz zu überspringen, der Spielplatz ist gegen das, was in der Erinnerung davon lebte, ganz zusammengeschrumpft, und das elterliche Haus, das wie ein großer Palast dastand, ist ein kleines Gebäude mit kleinen Fenstern, und man begreift nicht mehr, wie unser drei Kinder da auf einmal hatten hinausschauen können. Nur eins noch: der Gottesacker hinter der Kirche, wie ist der klein geworden! Welche fürchterliche lange Strecke war das, als ich dort zum letzten Mal hinging in dem großen Zuge, ein armes, verwaistes Kind, dem man das Theuerste, was es auf Erden besaß, in die kalte, schwarze Erde senkte! Sogar das Grab ist kleiner geworden, damals wenigstens bildeten die Gräber von Vater und Mutter einen einzigen großen Garten; jetzt steht nur noch ein einziges Stöckchen da, das auch bald absterben wird. – Auch die Freunde sind anders geworden, die Gespielen und Schulkameraden, d. h. die, welche noch aufzufinden sind. Die Meisten sind in alle Welt zerstreut, Hunderte von Meilen auseinander hat Jeder ein Plätzchen gefunden, wo er entweder seinen eigenen Herd gründete oder an fremdem Tische sein Brod findet. Was auf diese Art in der Heimath von Freunden noch übrig blieb, hat sich gewaltig geändert und die Meisten können auf die Frage: »wie geht es dir?« mit Falstaff antworten: »alt, Herr Schaal, alt!« Das heißt: alt im Verhältniß zu ihren Jahren, denn eigentliche Greise sind aus den Schulkameraden noch nicht erwachsen. – Nachdem der Baron seine Geschäfte besorgt, besuchte er seine alten Bekannten nach der Reihe, und es that seinem Herzen wohl, die Freunde und intimsten Schulkameraden in guten, ja, meistens glänzenden Verhältnissen zu finden. Bei den Meisten war die Brille vorherrschend und fast bei Allen hatte sich der üppige Haarwuchs gelichtet. Arbeit und Sorge, das Hauptbuch und das Fabrikbuch, deren schwere Lasten sie unablässig getragen, hatte sie im Aeußern einigermaßen verändert. Die Meisten waren verheirathet und von diesen waren drei Viertel, welche sich über das Wiedersehen eines alten Schulkameraden, der freilich noch Junggeselle ist und mit dem sie viel tolle Streiche gemacht, herzlich freuten. An dieser aufrichtigen Freude nahm auch alsdann die ganze Familie Theil. Die Frauen drohten zuweilen schalkhaft mit dem Finger und verriethen ihren Mann, der ihnen hie und da schöne Dinge aus dem Jugendleben erzählt. Die Kinder pflanzten sich vor dem Baron hin und staunten den Freund des Vaters an, von dem er ihnen oft erzählt. »Siehst du,« sagt sein Freund, »so waren auch wir, als wir über die Hecke des Nachbars die Aepfel holten, oder Nachts einige Klingeln abrissen.« »Das kann ich auch, Papa!« meint der hoffnungsvolle Sprößling, und Alles lacht. Fast ein Viertel der Freunde aber lebt still zurückgezogen für sich und öffnet dem alten Schulkameraden, der noch dazu unverheirathet ist, nicht leicht seine Häuser. »Meine Frau hat Migräne und bedauert sehr,« hieß es da, »meine Frau sieht Niemanden. Kann ich dir ein Glas Wein anbieten?« – »Danke recht schön! Aber wenn du zu Mittag im Gasthof mit mir speisen willst, beschwören wir bei einem Glase Wein die Jugendzeit herauf.« – Da zuckt eine wehmüthige Freude über das Gesicht des armen Bekannten und er sagt schnell: »mit Vergnügen, wenn – wenn es die Geschäfte erlauben!« setzt er seufzend hinzu und blickt scheu nach der Thüre des Nebenzimmers, wo sich ein Schlüssel, wie es ihm scheint, langsam herumdreht. So wären denn die lebendigen Zeugen seiner Jugendzeit; die leblosen aber sind ganz anders. Feld und Flur, Bach und Wald ist immer dasselbe geblieben und es treibt den Baron Nachmittags hinaus, die alten entfernten Spielplätze wieder aufzusuchen. Da ist es doch gerade, als habe er gestern hier sein Lesebuch verloren und komme heute, es zu suchen. Da sieht man nicht, daß zwischen gestern und heute ein Zeitraum von ungefähr zwanzig Jahren liegt. Der Bach macht dieselben Biegungen, wie früher; dort, wo die großen Steine seinen Lauf hemmen, spritzt er das Wasser, ungeduldig werdend, einen Schuh in die Höhe, wie damals, und benetzt den großen Stein am Ufer, an dem die wilden Rosen wachsen, ganz wie damals. Einer seiner Bekannten begleitet ihn, und die ganze Gegend, die sie jetzt durchschreiten, ist ihnen wie ein großes historisches Blatt, das die Weltgeschichte leserlich und deutlich beschrieben. Dort auf jenem Teich liefen sie Schlittschuh; drüben auf der Höhe hatten sie eine kleine Burg erbaut, wo der tapfere Ritter wohnte, und daneben im Thal sammelten sich die räuberischen Schaaren, welche die Burg überfielen und verbrannten. »Apropos,« sagte der Baron zu seinem Bekannten, »wir wollen zu guter Letzt noch die Wiese besuchen, von der man die ganze Stadt übersieht; du weißt, jenen herrlichen Hügel, der sich an den dichten Waldberg legt und von wo es hinaufgeht zu dem alten Försterhause.« »Ja so,« entgegnete sein Freund, »das hätte ich bald vergessen, dir zu sagen; gut, daß du mich daran erinnerst; den Punkt haben auch andere Leute schön gefunden, und denk' nur, wer sich dort eine wunderliebliche Villa erbaut hat!« »Mich freut's nur,« antwortete Baron Karl, »daß überhaupt sich dort Jemand angebaut hat. Man übersieht von da die ganze Stadt, aber wer hat den klugen Einfall oder vielmehr das Geld dazu gehabt? Ich wüßte doch keinen von unsern hiesigen Bekannten.« »Es ist auch keiner unserer hiesigen Bekannten, und doch, wie er mir oft erzählt, ein Bekannter von dir. Unser Kriegskamerad in Friedenszeiten, Alfred aus C.« »Richtig,« entgegnete der Baron, »Alfred!« und er sann nach, wo er ihn zuletzt gesehen. Es zog wie bunte glänzende Fäden durch sein Gedächtniß und bildete seltsame malerische Bilder vor seinem inneren Auge. »Ja, so war's! Zwischen Ruschtschuk und Adrianopel hatte ich ihm zum letzten Mal die Hand gedrückt, ich ging damals nach dem Orient, Alfred kam von da zurück. In einer kleinen Thalschlucht des Balkans, nicht weit von Schumla, kreuzten sich unsere Wege. Unser Tatar kochte eine Tasse Kaffee bei dürrem Reisig, das wir aufgelesen. Ermüdet von dem weiten Ritt, lagerten wir neben unsern Pferden und rauchten aus der langen Pfeife. Da meldete der türkische Reitknecht, daß sich drei Reiter nahen, ein Tatar, ein Franke und dessen Diener. Du kannst dir denken, wie gespannt wir auf diese Begegnung waren. War es ein Engländer, ein Franzose oder ein Deutscher? Richtig, es mußte ein Deutscher sein und noch obendrein einer meiner besten Bekannten. Eine herzlichere Begegnung ist vielleicht uns Beiden nie mehr zu Theil geworden. Alfred sah ganz wie ein Türke aus. Du kennst seine Liebhaberei für Waffen. Er hatte die kostbarsten an seinem Gürtel stecken oder an seinem Sattel hängen. Leider war die Zeit zu kurz, um viel zu erzählen. Wir tranken unsere Tasse Kaffe zusammen, schüttelten uns die Hände und ich gab ihm tausend Grüße an die Heimath mit.« »»Grüß' mir den Libanon!«« rief er mir noch zu, »»grüß' mir Beirut und das kleine Haus, wo ich gewohnt.«« »Damit schieden wir. Wir stiegen aus dem Thal, Beide aufwärts, und sahen uns noch lange, wenn wir uns umwandten. Noch einen Gruß von der Höhe des Berges und abwärts ging's in sausendem Galopp in das nächste Nachtlager. – Ist er verheirathet? – wohnt er beständig hier?« »Nein!« entgegnete der Freund des Barons, »er lebt nur den Sommer über hier, im Winter geht er bald nach Rom, bald nach Paris. Er führt ein ganz glückliches Leben. Gehen wir gleich zu ihm.« »Ist er alt geworden?« fragte der Baron. »Seinem unsteten Leben nach könnte man es vermuthen.« »Das könnte ich gerade nicht sagen, obgleich er ziemlich stark wurde, und du weißt ja, daß er sich durch einen Sturz mit dem Pferde das linke Bein stark verletzt hatte. Seit der Zeit führt er beständig einen tüchtigen Stock.« »So, er hinkt noch immer ein wenig?« »Unmerklich.« Bei der Biegung des Weges sahen die Beiden nun den bekannten Hügel vor sich liegen und auf demselben eine der pikantesten Villen, die der Baron seit lange gesehen. Sie stand auf einer großen Terrasse, zu der eine breite Treppe hinaufführte. Vor demselben war ein Springbrunnen, der seine Strahlen lustig in die Höhe warf. Das ganze Häuschen war keck und lustig, wie der Sinn des Bewohners, und schaute mit einer übergroßen Menge von Fenstern, Bogengängen und Balkonen in die schöne Gegend hinaus. Ueberall rankten üppige Schlingpflanzen, und die Terrasse war mit Orangenbäumen dicht besäet, welche ihren süßen Duft weit hinaus sandten. Hie und da blickte verstohlen durch das dunkle Grün eine weiße Marmor-Figur, und überall rauschten Wasser, das Leben der Landschaft. Die Beiden stiegen auf einem gut erhaltenen, breiten Fahrwege hinauf bis an die große Treppe der Terrasse. Alles war still und ruhig. Es war ein ziemlich warmer Tag, man hörte nichts als den Gesang einiger Vögel in dem Wald hinter dem Hause und das Murmeln der Quellen. Niemand war zu sehen. Auf der Terrasse genossen sie eine wahrhaft entzückende Aussicht; denn war ihnen dieselbe früher schön vorgekommen, so fanden sie sie jetzt, eingerahmt durch hochstämmige Bäume und Säulengänge, doppelt reizend. »Wir müssen einen Diener suchen,« sagte der Freund des Barons, »der Teufel mag wissen, wo Alfred steckt!« »Ich will mich lieber auf gut Orientalisch annonciren,« erwiderte der Baron und stieß den lauten gellenden Ruf aus, mit dem die Tartaren in ein türkisches Dorf einziehen. »Oho!« antwortete es von der andern Seite des Gartens, und derselbe Ruf erscholl von dorther lauter zurück. Ihm folgte augenblicklich darauf der Freund, und kurz darauf umarmten die Zwei sich auf das Herzlichste. »Allah il Allah!« rief der Baron, »du bist ziemlich stark geworden.« »Muhamed Nasul Allah! wo warst du in all' der Zeit?« Nun ging es an ein Fragen und Erzählen aus Abendland und Morgenland, daß einem Dritten, wie dem Freunde, mit dem der Baron gekommen, ganz einsam zu Muth wurde. Er behauptete, in der Stadt heute Vormittag noch dringende Geschäfte zu haben und wollte sich empfehlen. »Du bleibst aber da!« sagte Alfred zu dem Baron. »Gustav soll dein Gepäck hieher schaffen lassen, denn ich fürchte nicht, daß du meinem kleinen Landhause den Gasthof vorziehst – du thust mir den Gefallen,« sprach er zu dem Anderen, »und besorgst das. Können wir dich heute zum Diner haben? Na, du mußt schon kommen, und dann bringst du heute Nachmittag den und den mit, und so wollen wir einen vergnügten Abend feiern und uns in Jugend- und anderen Erinnerungen satt schwelgen.« »Abgemacht, ich komme!« – – Die innere Einrichtung der kleinen Villa stimmte, was Geschmack, Eleganz und Lieblichkeit anbetraf, vollkommen mit der äußern überein. Man konnte keine zweckmäßigere Einrichtung sehen. Da wechselten Zimmer, kleine Cabinette mit heimlichen Ruhewinkeln; alle Gemächer liefen durch einander und jedes hatte doch wieder seinen besonderen Ausgang. Die Wohn- und Arbeitszimmer des Besitzers sahen mit ihren Fenstern in die freie Gegend hinaus, während das Schlaf-, sowie das Speisezimmer nach einem Hofe gingen, der ein Muster von Nettigkeit und Eleganz war. So wenig wie im ganzen Hause ein strenger Baustyl herrschte, so wenig auch in diesem Hofe, und ein orthodoxer Architekt würde bedeutend den Kopf geschüttelt haben. Einen ähnlichen Hof hatte der Baron in seinem Leben nicht gesehen, und doch trafen ihn in demselben tausend Erinnerungen. Da war die ganze Form wie dem Hofe des Diomedes ans Pompeji entnommen. Da waren kleine geschnitzte Thüren, wie aus Damascus. Da war maurisches Marmor-Mosaikpflaster und ein lustiger Springbrunnen, der aus einer Schaale emporsprudelte, welche von weißen marmornen Löwen getragen ward – eine Erinnerung an die Alhambra. Da führte aus einer Ecke des Hofes, luftig von Säulen getragen und mit dichten Reben umsponnen, eine Treppe in die obern Zimmer, wie sie in italienischen Häusern, namentlich auf der wunderschönen Küste von Genua nach Livorno, in allen Höfen zu finden ist, dort meist mit reizenden Weibern bevölkert; denn diese Treppe ist, als zu den Schlafzimmern führend, das ausschließliche Eigenthum der italienischen Damen, und dort in dem kühlen Hofe sitzen sie auf den Stufen der Treppe amphitheatralisch über einander, strickend und spinnend, nähend und singend, und lassen ihre gefährlichen großen schwarzen Augen umherwandeln, während unten mit ihnen Konversation gemacht wird. »Woran denkst du?« fragte Alfred den Baron, als er sah, wie dieser in tiefes Nachdenken versunken dastand. »An Italien,« entgegnete der Gefragte, »namentlich an ein kleines Landhaus bei Genua, wo auch eine solche Treppe war.« »Die in die oberen Gemächer führte,« unterbrach ihn Alfred lachend, »ich verstehe.« »Dann dachte ich lebhaft an Pompeji,« fuhr der Baron fort, »es war ein heißer Tag, wie wir dort waren. Ferner erinnerte ich mich lebhaft an Damascus, an Scham, die herrliche, und insbesondere an meine guten kleinen Armenierinnen, die mir die Pfeife anrauchten und denen ich dafür schlechte Zeichnungen machte. Du kannst das sehr genau in meiner berühmten Reise nachlesen.« »Eigentlich,« sagte Alfred, »wird es dir sonderbar vorkommen, wie ich mich unterstehen konnte, diese Bau-Erinnerungen in dem kleinen Hofe zusammen zu bringen.« »Ein Architekt würde dich dafür steinigen,« entgegnete der Baron, »aber mir macht es unbeschreibliche Freude.« Und so war es auch. Es war nichts von allen diesen Bildern aus verschiedenen Weltgegenden mit den Haaren herbeigezogen. Jedes schien vollkommen an seinem Platze zu sein und dahin zu gehören. »Meine ganze Villa,« lachte Alfred, »ist einer Göttin geweiht, die ich für die größte und mächtigste halte und der ich täglich und stündlich opfere; ja in ihrem Dienste werde ich mein ganzes Leben verbringen. Die Göttin, die ich meine, ist die Erinnerung. Ihr habe ich in jedem Winkel meines Hauses Altäre errichtet. Was sind wir ohne Erinnerungen? Was sind namentlich Reisen ohne die Erinnerung daran? Ein solch' wahnsinniges Reiten, Tage lang durch Dick und Dünn, ist in der Wirklichkeit sehr prosaisch; aber wenn ich vor meinen Reitaltar hintrete, das heißt, dort in jenes kleine Zimmer, wo mein ganzes Sattelzeug hängt, meine Reisepistolen, mein bulgarischer Kantschu, meine ausgenähten Stiefel, da kommt es mir vor, als habe ich mit diesen Gegenständen eine Reihe von glückseligen und wunderschönen Stunden verlebt, und in der Wirklichkeit waren nur sehr wenige und kurze Augenblicke wirklich schön.« Und Alfred hatte Recht. Sein ganzes Haus war der Erinnerung geweiht. Es war phantastisch eingerichtet und dabei äußerst geschmackvoll. Die Wände bedeckten Costümbilder und Landschaften aus Gegenden, die er besucht hatte. In den Ecken und Nischen standen Statuen, und Waffen aus allen Weltgegenden sah man in Trophäen zusammengestellt oder als einzelne kostbare Exemplare auf den Tischen ausgelegt. – Ein ganzes Reiseleben! Nur ein einziges kleines Gemach war sehr einfach möblirt und seine ganze Verzierung bestand in einem großen Gemälde, das, mit einem grünen Schleier bedeckt, die hintere Wand einnahm. Das kleine Zimmer machte einen wehmüthigen Eindruck ans den Baron, den ee sich nicht erklären konnte. Das einzige Fenster desselben ging in den Wald hinauf, und dort folgte das Auge in gerader Richtung einem ausgefahrenen alten Waldwege, der mit Moos und niederem Strauchwerk bedeckt war und dessen Richtung nur noch hie und da von alten, verwitterten Steinen angegeben wurde oder von morschen Kreuzen, welche der fromme Glaube früherer Zeiten dort hingepflanzt und die sich nun, alt und gebrechlich, vor dem Wind auf die Seite gebeugt hatten. Das Ende dieses Weges wurde von dem alten Försterhause begränzt, das mit seinem spitzen Dach und hohen Wartthurm einer Dorfkirche ähnlich sah; ja, einer Dorfkirche, und wenn man so aus dem Fenster hinaussah in den stillen Waldweg, so konnte man glauben, man habe einen heimlichen, ruhigen Friedhof vor sich. Vor dem Gemälde stand ein Tischchen in Form eines Altars und auf demselben lag ein Album – so lautete wenigstens die Aufschrift des schwarz eingebundenen Buchs. Sehr ernst schaute der Hausherr den Baron an, als sie dieses kleine Gemach betraten, und sagte ihm: »Um dir einen Beweis zu geben, wie hoch ich deine Ankunft schätze, führe ich dich auch in dieses Zimmer und zeige dir dieses Bild. Es wird nur an hohen Festtagen enthüllt, nicht Festtagen, die der Kalender bringt, sondern Fest- und Feiertagen, die in meinem Herzen unauslöschlich eingegraben sind.« Er zog den Vorhang von dem Bilde zurück und eine unnennbar wohlthuende Wärme durchströmte das Herz des Barons. Sorrento – Ja, es war Sorrento, die wunderbare liebliche kleine Stadt im prachtvollen Meerbusen Neapels. Der Standpunkt des Malers war auf der Terrasse der Villa Tasso, rechts lag in violetter Abendfärbung der Vesuv und über ihm die unbewegliche Rauchwolke, von der untergehenden Sonne wie ein flammender Pinienbaum bemalt. Am Fuße des Gebirgs hingeschmiegt lag Portici und Neapel, und dunkelblau vor ihnen ausgebreitet war das Meer und all' die herrlichen Inseln: Capri, Ischia und Procida. An der Terrasse lehnte ein junges Mädchen in einfachem, schwarzen Kleide, welches die zierlichen und schlanken Formen des Körpers reizend hervorhob. Sie wandte den Blick träumend von der Landschaft ab, indem sie die rechte Hand auf das Geländer stützte, und auf diese Art hat uns der Maler gegeben, was er vermochte: die reiche herrliche Landschaft und den Kopf eines Weibes, reizend, wie ihn die Natur nur an Feiertagen hervorbringt. War es eine Italienerin? Sie hatte den edlen römischen Gesichtsschnitt. War es eine Französin? Sie hatte den zierlichen Mund und die elegante Gestalt. Der Baron sah seinen Freund fragend an. Dieser verhüllte das Gemälde wieder und sagte leise: »eine Reisebekanntschaft.« »Also ein Portrait und ähnlich?« fragte der Baron. »So ähnlich,« antwortete er, »wie es ein geschickter Maler, der sie nur zweimal sah, machen konnte.« »Gib mir Aufschlüsse darüber,« bat ihn der Baron. »Später einmal,« entgegnete er und lehnte sich an's Fenster. Der Baron öffnete den Deckel des Albums. Es lag nichts darin, als ein einfaches gelbes Blatt und auf demselben ein kleines Briefchen. »Komm,« sagte Alfred, »wir wollen lustig sein.« »Ja,« versetzte der Andere, »das Leben ist so kurz.« »Und doch wieder so lang,« sagte Alfred. Und ohne zu sprechen schlenderten Beide durch den Garten. – Bald kamen die erwarteten Freunde, und es waren nun ihrer Sechs, die gute und richtige Zahl für ein kleines, feines Diner. Das Speisezimmer, das, wie schon bemerkt, in den Hof hinaus lag, war zweckmäßig und passend möblirt. Ein großes Büffet in der Ecke bog sich unter der Last von Krystall und Silber, und wie das Service, das den Tisch bedeckt, elegant und solid, so war auch das Diner, mit Einem Worte: unübertrefflich. Nach Tisch aber lernten die Gäste ihren Freund als Weltmann doppelt schätzen, denn er gab ihnen den Kaffee in einem anstoßenden Zimmer, dem Ideale eines Kaffee- und Rauchzimmers. Hier herrschte unbedingt der Orient. Den Boden bedeckten persische Teppiche und an drei Seiten des Zimmers liefen breite schwellende Divans, während die vierte Seite eine einzige große Glasthüre bildete und die Aussicht ließ auf den schönsten Punkt der Umgegend. Hier lagerten nun Alle und rauchten ihre Cigarren, und Jeder überließ sich seinen Betrachtungen, wie man das nach einem guten Diner überhaupt thun soll. Es dauerte eine starke halbe Stunde, ehe eine sparsame Conversation in Gang kam, und Niemand wollte sich zum Hauptsprecher hergeben. »Jetzt fehlt nur der Mährchen-Erzähler,« sagte der Baron, »wie in den Kaffeehäusern von Stambul.« »Ja,« entgegnete Alfred, »die Orientalen wissen zu leben.« »Sei liebenswürdig, Alfred,« sprach ein Anderer und gib uns eine Geschichte zum Besten. Kröne deine Gastfreundschaft.« »Als Mährchen-Erzähler?« »Wie du willst,« antwortete der Baron. »Weißt du was, Alfred, wir sind hier unter lauter guten Freunden. Ich kann den Eindruck des Bildes nicht los werden. Gib uns die Geschichte desselben.« »Halt!« sagte einer der Gäste; »du weißt, Alfred ist als Freund vollkommen. Wenn du ihn unter einem guten Grunde um seine Villa bittest, so zieht er morgen aus. Aber von der Geschichte hat er noch keinem Menschen etwas zum Besten gegeben.« Alfred war sichtlich ernst geworden und sagte endlich zu dem, der eben gesprochen: »ich will dir beweisen, daß du nicht Unrecht hast. Ich thue Alles für meine Freunde – hört mir zu.« Zweiunddreißigstes Kapitel. Alfred's Erzählung. »Die Meisten von euch,« sagte Alfred, »haben meinen Vater gekannt: wenigstens müßt ihr euch des alten Herrn noch deutlich erinnern mit der weißen Halsbinde und dem freundlich lächelnden Gesicht. Er selbst, ein tüchtiger Kaufmann, ein großer Banquier, der sein immenses Vermögen am Comptoirtische selbst verdient hatte, konnte doch seine Aversion gegen das Zahlenleben, wie er es nannte, nicht überwinden. Wie oft sagte er zu uns: »Jungens, werdet mir keine Kaufleute, werdet Alles in der Welt, nur keine Zahlenmenschen! Lauft herum in Gottes freier Natur, geht auf Reisen, wenn ihr könnt, werdet Jägerburschen, in Gottes Namen, wenn's nicht anders ist, Holzhauer, nur bleibt aus der Schreibstube!« Bei mir fanden diese Lehren den willigsten Eingang, mir war das Stillsitzen von jeher verhaßt gewesen. Ich hatte schon als Kind etwas Praktisches an mir und lernte am liebsten das, was von außen auf mich einwirkte. Dank aber der Strenge meines Vaters blieb ich auch in den Schulfächern nicht zurück und hätte mit sechszehn Jahren ein preußisches Artillerieoffizier-Examen machen können, was schon etwas sagen will. Dann schickte mich mein Vater auf Reisen, und ich war in London, als er starb. Nach Hause zurückgekehrt, um seinen letzten Willen zu vernehmen, sah ich, daß mir die Wahl blieb, in das Geschäft einzutreten oder, mich mit einer sehr ansehnlichen Jahresrente begnügend, dasselbe meinem Onkel zu überlassen. Ich wählte Letzteres und saß eine Stunde darauf in meinem Reisewagen, gegen Süden eilend. Ich ging über Mailand, Florenz, Rom nach Neapel und beschloß, dort einige Monate zu bleiben. Eines Tages schlenderte ich auf dem Molo umher, und mir fiel ein, daß ich einem Deutschen, der in der Villa di Roma wohnte, schon mehrere Tage einen Gegenbesuch schuldig sei. Ich nahm deßhalb ein Cabriolet und fuhr nach diesem Hotel ab. An der Thüre desselben angekommen, bricht das linke Rad des Cabriolets, ich springe hinaus, komme glücklicher Weise auf die Füße zu stehen, pralle aber an einem alten Herrn an und hätte um ein Haar eine junge Dame, mit der er im Begriffe war, auszugehen, über den Haufen gerannt. Ich war in ziemlicher Verwirrung und entschuldigte mich, so gut es ging. Mein deutscher Bekannter war ausgegangen, und am andern Tage fuhr ich wieder bei der Villa di Roma vor, dieses Mal aber in meinem eignen Wagen, um kein neues Malheur zu haben, und machte zwei Besuche, den gestern projektirten und den andern bei dem alten Herrn, mit dem ich carambolirte. Es war ein Franzose, ein Vicomte tel et tel ; die junge Dame aber, die gestern bei ihm war, seine Tochter, dieselbe, die auf dem Bilde dort in jenem Cabinet an der Terrasse der Villa Tasso lehnt. »Ah!« Der alte Herr nahm meinen Besuch freundlich auf und erlaubte mir wieder zu kommen. Auch Mathilde, so hieß seine Tochter, schien sich in meiner Gesellschaft nicht zu langweilen, und von der Zeit an war ich in der Villa di Roma mehr als in meinem eigenen Hotel. Schon nach den ersten vierzehn Tagen unserer Bekanntschaft liebte ich das Mädchen leidenschaftlich. Gibt's wohl einen zweiten Ort in der Welt, der mit seiner großartigen, wunderbaren Natur so dazu gemacht ist, zärtliche Gefühle zu nähren, wie Neapel? Denkt an die unzähligen prachtvollen Punkte der Umgegend, die ich alle mit Mathilden und ihrem Vater besuchte. Denkt an Camaldoli, mit seiner herrlichen Aussicht! Wir standen an einem Rande der wilden Felsen, die fast senkrecht in's Meer hinunter gehen. Dort schwindelte es ihr und sie legte ihre Hand auf meine Schulter: es war ihre erste Berührung, aber ich werde die sanfte Wärme, die mich in diesem Augenblicke durchströmte, nie vergessen. Denkt an Portici, an Pompeji. Die Meisten von euch haben auch kleine Parthieen dorthin gemacht. Wir waren immer zu Drei, oder, wenn man will, zu Zwei; denn der alte Herr, obgleich bei uns, hatte beständig mit seinen Correspondenzen zu thun. Er las entweder eingelaufene Briefschaften oder notirte die Antworten in seine Schreibtafel. Mathilde hing unbefangen an meinem Arme, und ihr süßes Geplauder will ich nie vergessen. Es war eines Abends in Torre del Greco. Wir hatten den Vesuv bestiegen und machten hier unten auf der Terrasse eines niedlichen Landhauses ein kleines Diner. Vor uns stieg majestätisch der schwarze Lavakegel empor. Mathilde stand neben mir, wiegte sich an einer Rebe und ich sprach viel und emsig in sie hinein – nicht von Liebe, das hätte ich nie gewagt, auch nicht von dem flammenden Vesuv, sondern von der Heimath erzählte ich, von Deutschland und seinen herrlichen Thälern, und malte eine kleine Villa aus, wie ich sie in meinen süßesten Träumen erfunden. Das Mädchen hörte mir aufmerksam zu und drückte ihr Gesicht in das Laub der Rebe. Ich verwandte keinen Blick von ihr, während ich sprach, und sah, wie ihr schlanker Körper sichtbar erzitterte. Mathilde, sprach ich leise und innig, wäre ein solcher Ruhepunkt, nachdem man die Welt gesehen, nicht himmlisch und beneidenswerth? Aber ich erhielt keine Antwort, sie wandte sich um und verließ schnell die Terrasse. Ich sah ihr schmerzlich bewegt nach. Ist denn kein Gefühl in diesem für alles Schöne sonst so empfänglichen Herzen? murmelte ich verletzt in mich hinein. Wenn sie mich auch nicht liebt, etwas müßte sie doch empfinden, wenn ich ihr mit aller Innigkeit ein Bild der Heimath gebe. – Und einen Augenblick darauf wollte ich mich überreden, ich liebe sie auch ganz und gar nicht, und wollte mich glauben machen, wenn ich Neapel verließe, bliebe mir nichts übrig, als das Andenken an eine Reisebekanntschaft. Doch nein, nein, tönte es mir, betrüge dich nicht, du liebst das Mädchen namenlos, du kannst ferner nicht ohne sie leben. Und einmal diese Scheu meines eigenen Herzens überwunden, jauchzte und frohlockte es an den dunklen Nachthimmel hinauf: Ja, ich liebe dich, liebe dich unendlich, ewig! Ich drückte meinen Mund gegen die dunklen Blätter, gegen dieselbe Stelle, wo ihre Stirn geruht, und fuhr überrascht, ja entsetzt zurück; denn die Blätter waren feucht, nicht vom Abendthau: sie hatte geweint. Ich hoffte, aber Mathilde war nicht mehr dieselbe. Wenn wir allein vorausgingen, war sie befangen und zerstreut, und wenn wir Abends allein auf der Terrasse der Villa di Roma standen, so wußte sie Gespräche einzuleiten und festzuhalten, Gespräche, die ich alsdann unmöglich in meine Bahn hinüberziehen konnte. Der alte Herr, ihr Vater, blieb sich immer gleich. Ich sah, daß er nicht reich war. Er lebte ziemlich bescheiden, und nachdem einmal seine Scheu vor mir, als Fremden, überwunden war, bediente er sich gern meiner Bedienten und meiner Equipage. Er war aus der Normandie, wie er mir eines Tags erzählte, und nach dem Tode seiner Frau nach Italien gegangen, weil ihm die Gesundheit seiner Tochter Mathilde Besorgnisse eingeflößt. Seine Frau war überdieß eine Italienerin gewesen, und Mathilde hatte sich schon lange darauf gefreut, das Heimathland ihrer Mutter zu sehen. Ich könnte gerade nicht behaupten, daß das Aeußere des Vicomte angenehm und Vertrauen erregend gewesen wäre. Es war meistens ein finsterer Ernst auf seinem Gesicht und oft, wenn er nach Beendigung seiner Correspondenzen zu uns auf die Terrasse kam, war er fürchterlich abgespannt, und nur das liebenswürdige Geplauder seiner Tochter vermochte ihn nach und nach zu beruhigen. Ich versichere euch, ich stand mehrere Mal auf dem Punkte, ihm meine Liebe zu Mathilden zu erklären und förmlich um ihre Hand anzuhalten; denn daß ich ihr nicht gleichgültig war, wußte ich. Ich leitete auch diese Sache langsam ein, indem ich ihm mit größter Offenheit meine Verhältnisse auseinandersetzte. Da schlug ich eines Tages eine kleine Partie nach Capri vor und nach Sorrento, das die Beiden noch nicht kannten. Wir fuhren nach der Tafel; das Meer war wie ein Spiegel, und Capri glänzte in einer Farbenpracht, wie ich es nie gesehen. Wir fuhren auf den kleinen, niedrigen Booten durch das enge Felsenthor in die blaue Grotte und Mathilde war vor Vergnügen außer sich. Der Schiffer erzählte die alte bekannte Geschichte von Fremden, die bei gutem Wetter eingefahren waren und durch einen plötzlichen Sturm genöthigt wurden, volle zwei Tage in der Grotte zu bleiben. Mathilde meinte, so hier abgeschieden von der Welt zu leben, wenn es möglich sei, wäre herrlich. Möchten Sie so leben, Mathilde? fragte ich sie, so jetzt hier leben? – und auch mit mir? setzte ich zögernd hinzu. Ja, sagte sie mit leiser Stimme und fügte mit entschlossenem Tone hinzu: wohl verstanden, wenn es möglich wäre, abgeschnitten von der Welt und allen Erinnerungen. Das gab mir zu denken, und doch hoffte ich. Abends waren wir in Sorrent, der Vicomte las seine Briefe, und wir standen auf der Terrasse allein, auf der Terrasse der Villa Tasso, von deren wunderbarer Aussicht euch der Künstler einen schwachen Begriff gab. Wir sprachen lange kein Wort; ich legte meine Hand auf ihre Hand, sie zuckte zusammen, zog sie aber nicht weg. Ich legte meinen Arm um ihren Leib, sie entwand sich mir nicht, aber sie athmete tief und schwer. Mathilde, sagte ich mit zitternder Stimme, Mathilde, ich liebe Sie, wollen sie die Meine sein? Sie antwortete nicht. Mathilde, sagte ich weiter, seien Sie aufrichtig gegen mich, seien Sie barmherzig! Könnten Sie mich lieben? Darf ich hoffen? Da wandte sie sich rasch und leidenschaftlich um, und reichliche Thränen zitterten auf ihrem Gesicht. Alfred, sagte sie zu mir, ich will Ihre Frage beantworten, aber geben Sie mir Ihr Ehrenwort, alsdann einer Bitte, einem Wunsch, einem Befehl augenblicklich Folge zu leisten. Ich gab ihr mein Wort. Ja, Alfred, sagte sie, ich liebe Sie, ich liebe Sie, wie die Rose das Licht, wie alles Lebende die Luft, die es einathmet! Sie warf sich an meine Brust und weinte und zitterte heftig in meinen Armen. Ich war für einen Augenblick der glücklichste Mensch auf der weiten Welt, doch nur für einen Augenblick. Sie entwand sich mir und sagte mit tonloser, aber fester Stimme: jetzt meine Bitte, mein Befehl! Wäre nach diesem Moment der Vesuv flammend und krachend in's Meer gestürzt, es hätte mich nicht so überrascht und entsetzt, wie ihre Worte. Gehen Sie zu meinem Vater, sprach das Mädchen, sagen Sie ihm, wichtige Briefe riefen Sie in die Heimath. Gehen Sie noch heute nach Neapel zurück und verlassen Sie morgen Italien. Nie, nie! rief ich, du liebst mich, Mathilde, das ist mir genug. Ja, entgegnete sie, ich liebe Sie, aber ich würde Sie hassen, wenn Sie Ihr Wort brächen. Ich will euch nicht erzählen von der schrecklichen Scene, die ich noch durchmachte. Sie blieb fest und sagte nur: Gott sieht mein Herz! Ich stürzte fort, und hörte noch Ihren letzten Ruf: lebe wohl, Alfred! Ich warf mich auf mein Pferd, und weiß nicht, wie ich nach Neapel kam. Ihr Geständniß, daß sie mich liebe, klang unaufhörlich in mir wieder, und dazwischen wie Hohnlachen mein Ehrenwort, das ich ihr gegeben. Ich ließ augenblicklich einpacken und verließ mit dem ersten Schiff Neapel. Mein Wort jagte mich; ich ging nach Marseille und Paris, blieb dort über ein halbes Jahr und stürzte mich in den Strudel aller Vergnügungen, um sie zu vergessen. Unmöglich. Bald aber widerte mich das wilde Leben an. Ich verließ Paris und durchstreifte die Normandie allein und zu Fuß. Ich forschte in jeder Stadt, in den zahlreichen Schlössern, ja in jedem Dorfe, in jedem einzeln stehenden Hause nach dem Vicomte. Ich hatte ja nicht mit meinem Ehrenwort versprochen, sie nicht wieder aufzusuchen. Alles umsonst. Niemand kannte ihn. Er mußte mir einen falschen Namen genannt haben. Ich ging zurück nach Italien, nach Neapel, nach Sorrent. Ich besuchte alle die Orte wieder, die ich mit ihr gesehen, und ihr könnt denken, was ich dabei gelitten. Von dem Vicomte und seiner Tochter natürlich keine Spur. Sie waren abgereist, Niemand wußte wohin. Zu meinem größten Troste fand ich dort einen Maler, der bei Ausflügen viel in unserer Gesellschaft gewesen und der es unternahm, aus der Erinnerung ihr Bild zu malen – das Bild, wie ihr es Alle kennt. Ich ging durch Spanien nach Paris zurück, stürzte da auf einem Spazierritt mit dem Pferde und verletzte meinen Fuß, woran ich noch heute zu leiden habe. Da schrieb mir eines Tages mein Onkel und sandte mir eine Menge Papiere. Von einem der Commis unseres Hauses, der darauf flüchtig wurde, war ein falscher Kreditbrief ausgestellt worden im Betrage von dreitausend Pfund auf ein Londoner Haus. Der junge Mensch, dessen Signalement beigefügt war, gehörte einer guten uns befreundeten Familie an, weßhalb mich mein Onkel ersuchte, selbst nach London zu gehen, um dort, wenn der Kreditbrief von dem Commis vorgezeigt werde, so schonend wie immer möglich gegen ihn zu verfahren. Da ich nicht viel zu thun hatte, so fuhr ich sogleich nach Ostende; das Packetboot nach England ging Abends um acht Uhr ab. Es dämmerte schon, als ich das Schiff betrat. Wir fuhren ab. Das Meer war ziemlich ruhig, obgleich das Wetter sonst nicht angenehm war. Wie meistens gegen Ende August, bedeckten schon trübe Wolken den Himmel, kalt wehte der Wind, und nur hie und da stahl sich ein Blick des Mondes auf's Verdeck, die dort Umherwandelnden matt beleuchtend. Die See war schmutzig grau. Das Schiff stöhnte, kurz es war eine unerquickliche Fahrt. Ich dachte unwillkürlich an meine Seereisen auf dem Mittelmeer. Die Gesellschaft war auch nicht bemerkenswerth. Ich hinkte an meinem Krückenstock über das Verdeck, ließ mich endlich gegen zehn Uhr in der Nähe des Steuerruders nieder und starrte gedankenvoll in die Fluthen. Die Schiffsglocke schlug mehrere Male an, ich saß lange da. Nicht weit von mir hatte sich ein Herr mit einer Dame niedergelassen, doch beachteten wir uns gegenseitig nicht. Plötzlich sagte der Herr: wenn du noch oben bleiben willst, so ist mir's recht, ich gehe hinunter. Die Stimme durchschauerte mich furchtbar, und ich erhob mich rasch. Als aber erst die Dame antwortete: ich werde nicht lange mehr hier oben bleiben, so war ich meiner Sache gewiß – es war Mathilde! Ihr glaubt nun, ich wäre auf sie zugestürzt, ich hätte leidenschaftlich ihren Namen ausgerufen. – Nein! ich hielt mich ruhig an dem Verdeckgeländer, und obgleich mein Herz fieberhaft schlug, so war doch etwas Unerklärliches in mir, das mich an die Stelle bannte. Ich sah den Vicomte – er war es – ruhig in der Cajüte verschwinden; ich sah, wie Mathilde den Kopf auf den Arm gestützt, in das Meer hinabblickte. Nach wenigen Augenblicken trat ich ruhig vor sie hin und nannte ihren Namen. Sie schaute auf, erschrak heftig, und machte eine Bewegung, mir entfliehen zu wollen. Bleiben Sie, Mathilde! bat ich, um Gotteswillen bleiben Sie! Und ich setzte mich an ihre Seite und erzählte ihr ruhig, was ich von dem Tage an, wo ich sie in Sorrent verlassen, um sie gelitten, wie ich sie in der Zeit gesucht. Aeußerlich ruhig erzählte ich ihr das; aber nicht leidenschaftslos. Ihr Blick ruhte auf mir und Thränen entströmten ihren Augen; Thränen wie damals in Sorrent, nur ganz anderer Art. Sie hatte sich sehr verändert. Sie sah sehr bleich aus; hatte sie sich um mich gegrämt? Aber alles das war mir eigentlich ganz gleichgültig. Eine merkwürdige Ruhe hatte sich um mein Inneres ergossen. Ich hatte sie, die ich heute ebenso liebe, wie damals, wieder gefunden. Rings um uns war das Meer. Sie konnte mir nicht entfliehen. Ob sie das wohl fühlte? Ihre Hand, welche ich in der meinigen hielt, zitterte heftig. Mathilde, sagte ich endlich, und Sie freuen sich nicht, mich wieder zu sehen? Und habe ich nicht mein Wort gehalten? bin ich nicht abgereist, wie Sie befohlen? O Alfred, entgegnete sie, halten Sie auch ferner Ihr Wort; verpfänden Sie mir es wieder und gehen Sie nach Norden, wenn ich gegen Süden gehe. Eisig durchzuckten mich diese Worte. Und Sie lieben mich nicht mehr? haben mich vergessen? Ich liebe nur einmal in diesem Leben, und wen ich liebe, habe ich in Sorrent gesagt. Nun denn, Mathilde! rief ich aus, so verlasse ich Sie nicht mehr. Jetzt gleich will ich zu Ihrem Vater und ihn um seine Einwilligung bitten. In kurzer Zeit sind wir in England, und dort wirst du mein Weib. Todtenblässe bedeckte ihr Gesicht, und ein recht furchtbares Lächeln überflog ihre Züge. Fliehen Sie mich! sprach sie tonlos, halten Sie Ihr Wort! Nein, entgegnete ich, ich will zu Ihrem Vater. Zu meinem Vater! sprach sie schrecklich lachend. Ja, zum Vicomte, zu Ihrem Vater. Der Vicomte ist so wenig mein Vater, wie ich seine Tochter. Oh! Sie fuhr anscheinend ruhig fort. Was kümmert Sie das? – Ja, ich bin nicht die Tochter des Vicomte. Mathilde, um Gotteswillen! wer sind Sie? Sie lachte wieder so entsetzlich, wie vorhin. Wer ich bin? Nun, eine Französin bin ich. Ich habe mir die Welt besehen. Der Vicomte hat mich kürzlich geheirathet und deßhalb, mein Herr, sehen Sie wohl ein, daß ich nicht länger hier oben bei Ihnen allein bleiben kann. Sie stand auf und entfernte sich langsam. Ich knirschte mit den Zähnen, ich riß an dem Verdeckgeländer. Ich war einen Augenblick unschlüssig, ob ich nicht da unten in dem grauen Wasser ein ewiges Vergessen finden könne. Betrogen! betrogen! hohnlachte es in mir, und mir klang das Rollen der Wogen, das Pfeifen des Seewindes im Tauwerk wie Hohngelächter. Ich verbrachte eine schreckliche Nacht, bei Weitem entsetzlicher, als jene, wo ich Sorrent verließ. Ich hatte den Glauben an die ganze Menschheit verloren. Endlich brach der Morgen an, trübe und unheimlich. Englands weiße Küste lag dicht vor uns. Wir fuhren in die Themse, und bald legte das Schiff am Uferplatze bei. Ich sprang an's Land, warf mich in einen Wagen und fuhr zu dem Banquier, bei dem ich meines Oheims Geschäft besorgen sollte. Noch denselben Mittag wollte ich London wieder verlassen. Die ganze Welt war mir voll schrecklicher Gespenster. Ich hatte ja nichts mehr zu suchen. Sorrent, Neapel waren nicht mehr, wie damals, schmerzliche Gräber meiner schönen Vergangenheit: Alles, Alles war für mich verloren. Ich war in meinen heiligsten Empfindungen leichtsinnig und frevelhaft betrogen worden. Unser Geschäftsfreund war von meiner Ankunft unterrichtet. Wir kannten uns von früher her sehr genau, und er empfing mich auf's Herzlichste. Was die verdrießliche Geschichte mit dem falschen Creditbriefe anbelangte, so hatte er seit mehreren Tagen einen Constabler in einem Nebenzimmer seines Bureau's, um den Vorzeiger des Creditbriefes augenblicklich festnehmen zu können. Wir saßen in seinem Cabinet neben dem Zimmer der Hauptkasse und hatten die Thüren da hinein geöffnet. Es herrschte hier das Leben und Treiben, das ihr alle kennt. Da wurden Creditbriefe, Wechsel vorgezeigt und ausgezahlt; da wurden Gelder gebracht, Banknoten und andere Papiere ausgewechselt. Ich lehnte an der Thüre und sah dem Getreibe zu, als plötzlich mir gegenüber der Vicomte in das Kassenzimmer trat. Ich wollte mich zurückziehen; doch es war zu spät: er hatte mich schon bemerkt und trat freundlich lachend auf mich zu. Der Mann hatte mir eigentlich nichts gethan, und ich war ihm obendrein Dank schuldig, daß er mir in Neapel so freundlich und unbefangen erlaubte, seiner Gesellschafterin den Hof zu machen. Aha, Monsieur Alfred! rief er mir zu, italienischer Flüchtling! findet man Sie so wieder? Er reichte mir die Hand und trat in das Cabinet des Banquiers. Ich machte die Beiden mit einander bekannt, und der Vicomte nahm gern eine Cigarre, die ihm der Banquier offerirte. Wir plauderten über Italien und der Vicomte erzählte von unserem Zusammenleben in Neapel. Es war für mich eine peinliche halbe Stunde. Glücklicherweise erwähnte er seiner Tochter gar nicht, und man kann sich denken, wie froh ich endlich war, als er seine Briefschaften hervorzog und dem Banquier einige Papiere gab, die derselbe, sich auf den Kamin stützend, durchlas. Ich stellte mich an's Fenster und sah in die nebelige Morgenluft hinaus. Ich starrte in das emsige Getreibe auf den Straßen und es that mir wohl, auch draußen ein solch' wirres Durcheinanderlaufen zu finden, wie in meinem Kopfe. Ich tauchte meine Ideen da hinein und konnte es so einen Augenblick über mich gewinnen, an nichts zu denken. Ich hatte den Banquier und den Vicomte vergessen. Doch bewog mich ein Ausruf des letztern, den Kopf herumzudrehen. Der Banquier hatte die Thüre in's Kassenzimmer geschlossen, neben ihm stand der Constabler. Er deutete auf den Vicomte und sprach: arretiren Sie diesen Herrn, sein Creditbrief ist falsch. Einen Augenblick stand ich regungslos am Fenster. Mich hatte der Schreck fast gelähmt. Dann stürzte ich hinzu, noch ehe der Constabler Zeit hatte, sich dem Vicomte zu nähern. Halten Sie ein! rief ich dem Banquier zu. Hier muß ein Irrthum vorliegen. Der Vicomte hatte, bleich wie der Tod, die Lehne eines Stuhles erfaßt. Es ist kein Irrthum möglich, sagte der Banquier; es ist der Creditbrief, von dem Sie selbst die Anzeige brachten, daß er verfälscht sei. Der Vicomte warf mir einen schmerzlichen Blick zu. Ich nahm das Papier und starrte hinein. Es war der von mir bezeichnete Creditbrief von dreitausend Pfund, und die Unterschrift meines Oheims war täuschend nachgemacht. Wie kommen Sie in den Besitz dieses Papiers? fragte ich den Vicomte. Ich habe es gekauft, sagte er; denn er bemerkte wohl, daß er entdeckt war, und machte gar keinen Versuch, zu läugnen. Auf meine Bitte trat der Constabler ab. Machen Sie keine Umstände! sprach der Vicomte bitter lachend. Das Schmerzliche, daß Sie, Monsieur Alfred, mein Ankläger sind, ist nun überwunden. Gehen wir. Aber plötzlich fuhr er zusammen und ein entsetzlicher Schmerz malte sich auf seinem Gesichte. Mathilde! stöhnte er; Mathilde,! o das Unglück! Er wandte sich zu mir. Sie waren so freundlich gegen uns, sagte er dringend. Hier ist die Adresse meiner Wohnung. Gehen Sie zu Mathilden, erzählen Sie ihr mein Unglück. Sagen Sie meiner Tochter, was mich betroffen. Ihrer Tochter? entgegnete ich ihm und wies die Karte zurück. Er ließ die Hand ruhig sinken und entgegnete: verzeihen Sie, aber ich bedachte in dem Augenblicke nicht, daß Sie die Tochter des entehrten Vaters nicht mehr kennen werden. Ihre Tochter wohl, antwortete ich, aber nicht Ihre – Frau. Meine Frau, entgegnete der Vicomte, hat das Alles nicht erlebt. O mein unglückliches Kind! Ihm schossen die Thränen über den grauen Bart. Ich zitterte wie ein Kind vor einem Gespenst, zitterte vor etwas Entsetzlichem, was hier verhüllt schien. Reden Sie! rief ich ihm zu; reden Sie um alles was Ihnen heilig ist: ist Mathilde Ihre Tochter oder nicht? Er reichte mir stillschweigend aus seiner Brieftasche einige Papiere, aus denen ich ersah, daß Mathilde wirklich seine Tochter war. Ich versichere euch, ich war in dem Moment dem Wahnsinn nahe, und doch jauchzte mein Herz auf, wie vor einer ungeheuren Freude. Ich riß die Karte aus der Hand des Vicomte, überlegte wenige Augenblicke und nahm alsdann den Creditbrief, dem ich einige Worte hinzufügte. Was machen Sie da? rief der Banquier, der mir über die Achsel sah; Sie bestätigen dies verfälschte Papier? Als Bevollmächtigter meines Oheims. Ich überreichte den Creditbrief dem Vicomte, der uns zweifelnd ansah. Der Banquier öffnete die Thüre des Nebenzimmers und sagte kalt: dort ist die Kasse. Ich stürzte fort, warf mich in meinen Wagen und eilte der Straße und dem Hause zu, die auf der Karte verzeichnet waren. Ich eilte die Treppe hinauf, suchte das Quartier; die Thüren desselben sind weit geöffnet. Ich nenne bebend den Namen Mathildens. Das Mädchen übergibt mir einen Brief und sagt gleichgültig: die Dame ist vor einer halben Stunde abgereist. Ohne die Aufschrift des Briefes näher anzusehen, reiße ich das Couvert ab und lese: »Mein Vater! Ich kann Sie nicht verlassen, ohne Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich kann aber auch nicht bleiben; denn es müßte Ihnen fürchterlicher sein, das beständige Unglück Ihrer Tochter, als dieselbe gar nicht mehr zu sehen. Ich kann und darf Ihnen keine Vorwürfe machen, aber ich kann und darf Ihnen in Erinnerung bringen, wie oft ich Sie auf meinen Knieen gebeten, nicht durch unüberlegte Handlungen die Ehre Ihres und meines Namens auf's Spiel zu setzen. Ich habe Ihnen geopfert, was ein Kind seinem Vater opfern kann; mein ganzes Lebensglück, meine Liebe, alles, alles, was ich besaß. Leben Sie wohl, Vater, und forschen Sie nicht nach mir. Für uns ist kein Wiedersehen möglich. Mathilde.« So lautete der Brief und mir ward Alles schrecklich klar. Ich hatte das edelste Herz verloren, das je in einem weiblichen Busen schlug, auf ewig verloren – ich habe seit der Zeit nie wieder etwas von ihr gehört. – Das, meine Freunde, ist die Geschichte des Bildes, und jenes Albumblatt der Creditbrief meines Oheims – er wurde mir später von dem Banquier in London geschickt.« – – Das war die Erzählung des Hausherrn. Unterdessen war es Nacht geworden, und der Mond, der drüben über die schwarzen Tannen emporstieg, beleuchtete die ernsten Gesichter der Gesellschaft und eine stille Thräne. Dreiunddreißigstes Kapitel. Ein Hofball und seine Folgen. Am andern Morgen saßen die beiden Freunde auf der schattigen Terrasse des kleinen Landhauses. Sie hatten gefrühstückt, von alten Tagen gesprochen, Alfred ließ sich eine vortreffliche Cigarre bringen, und während Beide sich in ihre kleinen Drahtfauteuils zurücklehnten, schlürften sie den würzigen Duft des guten Blattes. Die Terrasse war tief beschattet von rothblühenden Kastanien und hochstämmigen Orangen. Die Sonne konnte nicht in das Dickicht dringen, und die Kühle hier war um so wohlthuender, als man bemerkte, wie die Hitze des Junimorgens draußen auf den Feldern brütete. Nur hie und da, wenn ein leichter Luftzug die Blätter hob und senkte, drang ein Sonnenblick durch, spielte auf dem feinen gelben Sand der Terrasse und beleuchtete irgend einen kleinen Käfer, der dort munter herumlief. Neben der Terrasse befand sich ein Springbrunnen, zwei weiße marmorne Schalen über einander und oben eine schöne Copie der prachtvollen Venus von Jean de Bologne, deren Original auf dem herrlichen Landhause di Petreia in der Nähe von Florenz steht. Die Göttin ist dargestellt, wie sie, dem Meer entstiegen, ihr herabwallendes Haar mit den Händen ausdrückt; das Wasser, das demselben unaufhörlich entfließt, füllt die obere Schale und strömt aus dieser, melodisch murmelnd, in die zweite über. Dieser Morgenwinkel, wo sich die Freunde gerade befanden, und so genannt, weil er während des Vormittags durch seine Lage der Sonne den Eintritt verweigerte, war ein lieber, kleiner Platz mit schönen Vasen und Marmorstatuen verziert. Eine weite Flügelthüre führte in eine kühle gewölbte Halle, wo man sich während der Mittagshitze zurückzog und auch wohl frühstückte. Diese Halle, mit einem bunten Steinboden, Wände und Decke mit reichen Holzsculpturen verziert, war dem Mittelalter geweiht. Ein riesenhafter Kamin nahm fast eine ganze Wand ein, auf demselben waren Aufsätze fast bis zur Decke, und auf ihnen sah man kleine Steinfiguren, Drachen und allerlei von tapfern Rittern besiegte Ungeheuer und dazwischen große Glaspokale, auf welchen Turniere und bunte Wappenschilder eingebrannt waren, sowie irdene Krüge mit merkwürdigen Verzierungen. Die übrigen Wände dieses Gemachs waren bedeckt mit mittelalterlichen Waffen aller Art, und in zierlichen Gruppen geordnet sah man hier alte Harnische, Hellebarden, zweihändige Schwerter, blanke Helme und schöne, mit Gold und Silber eingelegte Armbrüste. In der That, der Erschaffer dieses Landhauses war zu beneiden um dieses herrliche Besitzthum und um die Kunstschätze, die er seit einer langen Reihe von Jahren auf seiner weiten Reise gesammelt und die er mit feinem Geschmacke zusammengestellt. Wenn man auf der Terrasse saß, so erblickte man das Gebüsch wie durch Zufall auf einer Seite geöffnet und es gewährte einen herrlichen Blick auf die reizende Stadt Lüttich und auf die klaren Fluthen der Maas, welche die Stadt liebend umfaßt. Die beiden Freunde hatten eine Zeit lang fortgeraucht, ohne zu sprechen, und der Baron Karl blickte mit Interesse über die Stadt hinaus, nach der Höhe von Ans, wo der Eisenbahnzug von der stehenden Maschine hinaufgeschleppt wurde, um von da gegen Brüssel zu rollen. Dorthin zog sein Herz auch ihn, und er konnte nicht unterlassen, an den Rand der Terrasse zu treten und dem davondampfenden Zuge stille Grüße mitzugeben. Lustig flog der Convoi über die Hochebene dahin und war bald seinen Blicken entschwunden. Alfred war ruhig sitzen geblieben und lächelte dem zurückkehrenden Freunde herzlich zu. »Du bist wirklich ein glücklicher Mensch, Karl,« sagte er nach einer Pause, »und ich hoffe, du wirst es zu erkennen und zu würdigen wissen. Wenn ich überhaupt zum Neid geneigt wäre, so würde ich dich unbedingt beneiden; deine Braut muß ein vortreffliches Wesen sein. Obgleich ich sie noch nicht kenne, so entnehme ich es aus deinen Schilderungen und kenne ja deinen feinen Geschmack für alles Schöne.« Der Baron nickte glückselig lächelnd mit dem Kopfe. »Du stehst am Ziel deiner Wünsche,« fuhr Alfred fort, »heute Morgen kann die nothwendige Bewilligung eintreffen, du feierst eine kleine, stille Hochzeit, hebst deine kleine Frau in einen Reisewagen und fort geht's im schönsten Frühlingswetter über die Berge, hinaus in die Welt, ohne Rast und Ruh, immer weiter, immer weiter. Du bist doppelt glücklich – außer deiner großen orientalischen Tour bist du nicht viel gereist, wenigstens in den letzten Jahren nicht, und wie neu und frisch wird dir Alles erscheinen? wie lieblich wird sich eine prachtvolle Stadt, eine reizende Landschaft in dem vor Freude funkelnden Blick deines Weibes wiederspiegeln. Wahrhaftig, du bist unverschämt glücklich!« »Wahr, sehr wahr,« lachte der Baron; »aber lieber Freund, sag' um Gottes willen: unberufen! Wenn mir die Frau von C. irgend einen Spuk macht, so wird es mich Mühe kosten, Paulinen zu bereden, und wenn sie auch am Ende ohne die verlangte Einwilligung meine Frau wird, so gibt's doch eine verdrießliche Verzögerung.« »Sie wird dir keinen Spuk machen, die Frau von C.,« sagte Alfred ernst; »ich habe in solchen Sachen eine richtige Vorahnung – sie wird ihre Einwilligung geben, es hat mir heute Nacht von der unbekannten Dame geträumt.« »Ah!« lachte der Baron, »dein zweites Gesicht kommt wieder zum Vorschein; und hast du etwas Gutes im Geiste gesehen?« »So, so!« sagte der Andere. »Ich sah die Frau v. C., wie du sie mir beschrieben, nur sah sie todtenbleich aus; sie reichte deiner Braut die Hand, dann versank sie vor unsern Augen. Nun, das ist nicht so übel,« setzte Alfred hinzu, »und du wirst auf jeden Fall baldigst Nachricht bekommen!.« »Nach meiner Berechnung,« meinte der Baron, »hätte mein Jäger schon gestern zurück sein können. Ich muß dir nur gestehen, daß ich auch einestheils deßhalb hieher gekommen bin, um hier meinen Boten zu erwarten und eine gute oder schlimme Nachricht selbst zu überbringen. Ach, mein Freund, du kannst mir's glauben, dieses kleine Hinderniß, das noch immer zwischen unserer Verbindung steht, thut mir eigentlich wohl; mein Glück ohne alle Beunruhigung wäre offenbar zu groß. Aber,« fuhr er lebhaft fort und stieß die Asche von seiner Cigarre ab, »du sprachst vorhin mit so großem Feuer, mit wahrer Begeisterung von Reisen in die Welt hinaus – ich muß dir offenherzig gestehen, ich würde es jedenfalls vorziehen, statt auf der staubigen Chaussee zu rollen, eine kleine Sejour mit meiner jungen Frau auf einer reizenden Villa, wie die deinige ist, zu machen, natürlich, wenn die Villa mein eigen wäre.« »Ich will sie dir gern abtreten,« sagte ruhig der Andere; »ich muß gestehen, ich fange an, mich bedeutend hier zu langweilen.« »Unmöglich!« rief der Baron aus; »wie könnte ich mich hier auf diesem herrlichen Punkte langweilen, wenn ich mir denke, daß ich hier jeden Morgen säße, in dem kühlen Schatten, bei dem murmelnden Springbrunnen, vor mir die schönste Aussicht der Welt!« »Und mit deiner Frau,« sagte der Andere mit einem trüben Lächeln. »Allerdings mit meiner Frau,« fuhr der Baron lustig fort; »und dann die kleinen Diners in deinem charmanten Speisezimmer.« »Mit deiner Frau,« sagte abermals der Andere. »Ja, das versteht sich von selbst; ich glaube, ich wäre unbeschreiblich glücklich.« »Das wäre ich auch an deiner Stelle,« antwortete Alfred; »aber auf dieser Terrasse, deren Schönheiten du so rühmst, sitze ich fast Morgen für Morgen allein; in meinem Speisezimmer siehst du beständig ein einzelnes Couvert, und wenn es mir je einmal zu einsam wird und mein Herz dringend nach einer Gesellschaft verlangt, so ziehe ich den Vorhang von dem Bilde, das du gestern Abend gesehen – voilà tout .« Der Baron reichte seinem Freunde stumm die Hand und es trat eine längere Pause ein, in der man nichts hörte, als das Rauschen des Wassers und den Gesang der Vögel in dem dichten Laubwerk. »Höre, Alfred,« fragte endlich der Baron, »willst du wirklich keinen Versuch mehr machen, das Mädchen aufzufinden?« »Freilich habe ich zuweilen daran gedacht,« sagte der Andere, »aber wo soll ich mich hinwenden? Die Spuren, die ihr leichter Fuß hinterläßt, sind zu unbedeutend. Ist sie in England geblieben, ist sie nach Frankreich gegangen oder nach Italien? und gesetzt den Fall, ich kreuzte ihren Weg durch ein glückliches Ungefähr, wird sie nicht Alles anwenden, um vor mir unsichtbar zu bleiben? – Ja, sie wird mich fliehen und sie hat die Macht dazu, dies zu thun. Wenn ich, wie gesagt, wirklich durch Zufall den Ort erreiche, wo sie sich gerade befindet, was wird's mir nützen? Ich stehe im Licht, sie im Schatten; sie wird erfahren, daß ich da bin, sie wird mir verschwinden, ehe ich eine Spur von ihr sehe.« »Aber ich habe ja auch gesucht und gefunden,« entgegnete der Baron. »Das, lieber Freund,« sagte Alfred, »ist ein ganz anderes Verhältniß. Deine Braut, wenn sie auch, ihrer Erzieherin gehorsam, den Ort verließ, wo du warst, that es nicht aus eigenem Antrieb und hatte wahrhaftig kein Interesse dabei und auch nicht den festen Willen, dich nie wieder zu sehen. Aber lassen wir diese traurigen Gespräche; ich fühle wohl, daß ich es nicht lange mehr hier allein aushalten werde; sprechen wir lieber von deinen Planen für die Zukunft; vielleicht, daß ich später euren Schlitten folge. Wohin denkst du zu gehen?« »Ich habe mir vorgenommen, Italien einmal wieder zu besuchen,« versetzte der Baron. »Der alte Herr, bei dem Pauline sich aufhält, hat mir von einer allerliebsten Besitzung gesprochen, die er am Comersee hat, und ich glaube, es würde ihm sehr angenehm sein, wenn dort Jemand von der Familie ein paar Jahre zubrächte, und ich denke, man kann sich's am Comersee schon gefallen lassen. Wir wollen also auf unserer Tour nach Mailand diese Besitzung ansehen und dann Florenz, Rom und Neapel besuchen, dann das Frühjahr am Comersee und Vielleicht später den Winter in Paris zubringen, und so fort. Mich zieht's gewaltig nach Italien, und wenn es Paulinen ebenso dort gefällt, so wäre es nicht unmöglich, daß wir dort für mehrere Jahre unsern beständigen Aufenthalt nähmen.« »Bravo!« sagte Alfred; »ich kann diesen Entschluß nur billigen, und mir wäre es außerordentlich erwünscht, euch dort vielleicht später finden zu können. Nach Italien zieht's mich auch wieder, und wenn ich hier noch eine Zeit lang ausgeruht habe und vielleicht ruhiger geworden bin, folge ich euch, und einer solchen Zeit des freundschaftlichen Zusammenlebens würde ich mit Sehnsucht entgegensehen. – Daß es dich nach deinem bisherigen Aufenthalt, der kleinen Residenz, nicht zurückzieht, kann ich mir ganz gut denken; überhaupt begreife ich nicht recht, wie du es dort so lange aushalten konntest.« »Das habe ich oft selbst nicht begriffen,« lachte der Baron, »aber jetzt danke ich meinem Schicksal, das mich vor sechs Jahren – ich wollte damals nur durchreisen – dort festhielt. Fand ich nicht da das Glück meines Lebens? Aber jetzt ist mir die Stadt und das Leben dort entsetzlich verleidet. Schade um die paar guten Menschen, die ich dort kennen lernte und wahrscheinlich so bald nicht wieder sehe! – Doch schau,« unterbrach der Baron den Fluß seiner Rede und blickte scharf in die Gegend hinaus, »dort biegt von der Hauptstraße ein Wagen ab und scheint sich hieher zu dirigiren.« Die beiden Freunde traten an den Rand der Terrasse, Alfred richtete ein großes Fernrohr, das sich dort befand, nach dem fraglichen Punkte und sagte, nachdem er hindurchgesehen: »es ist ein leichter Wagen mit Postpferden, schaue selbst!« Der Baron richtete seine Augen an das Glas und nachdem er einen Augenblick hingesehen, hob er vergnügt die Hand empor und rief aus: »das ist bei Gott meine kleine Reisekalesche und Lukas sitzt darin. Freund, der große Augenblick naht, dort kommt eine Botschaft!« In der That war es Lukas, den man durch das scharfe Glas in seiner ganzen Gestalt und deutlich bemerkte. Wie aufrecht saß er im Wagen, die Arme über einander geschlagen und schaute unverwandten Blickes nach der kleinen Villa empor, die jetzt der Postillon als Ziel der Reise, indem er mit der Peitsche darauf hinwies, zeigte. Bald kam der Wagen näher und in einer kleinen Viertelstunde schien der Jäger zu bemerken, wie ihm Jemand von der Terrasse dort oben zuwinkte. Herzlich erwiderte er diesen Gruß und stieß darauf den Postillon freundschaftlich in die Rippen, der nun seinerseits, eines guten Trinkgeldes gewärtig, die schäumenden Pferde im Galopp den Berg hinauffliegen ließ. Jetzt hielten sie vor der Treppe und Lukas schwang sich aus der Kalesche, eilte hinauf und der Baron in der Freude seines Herzens begrüßte den treuen Diener, wie einen langvermißten guten Freund, der endlich wieder gekommen ist. »Wie steht's, Lukas?« rief er ihm schon von Weitem entgegen, und der Jäger, der aus seiner Reisetasche ein großes Schreiben hervorholte und übergab, entgegnete: »Ich glaube, es steht nicht so schlecht, ich habe neben diesem Briefe eine Menge persönlicher Grüße von dem Grafen Alfons auszurichten.« »Wie kommt's aber,« sagte der Baron bestürzt, als er das Schreiben betrachtete, »daß der Graf schwarz siegelt? Ist Jemand gestorben?« Der Jäger zuckte mit den Achseln, während der Baron den Umschlag abriß. Eifrig durchlas er die Zeilen, die ihm sein Freund schrieb, und beim Lesen wurden seine Züge nachdenklicher und ernster. Als er mit dem ersten Schreiben fertig war und die Einlage geöffnet hatte, fuhr er mit der Hand über die Augen und ging abseits in den Garten, um die letzten Zeilen der verstorbenen Erzieherin seiner Braut durchzulesen. Als er nach einiger Zeit zurückkam, theilte er den Inhalt beider Schreiben seinem Freunde Alfred mit, der an dem schrecklichen Ereignisse innigen Antheil nahm, und dann mußte Lukas erzählen von dem traurigen Vorfalle selbst, von den Bekannten in der Residenz, und als nun später die beiden Freunde wieder allein waren, sagte der Baron: »ich bin überzeugt, daß diese Nachricht Paulinen tief erschüttern wird; es ist eigentlich ein trauriges Hochzeitsfest, durch den Tod eingesegnet.« »Desto freundlicher wird sich ihr Leben gestalten,« entgegnete Alfred; »es ist eine Fügung des Himmels, schauerlich, aber glücklich für euch; denn nach dem, was du mir früher über die Frau von C. mitgetheilt, und nach dem, was ich aus den Briefen des Grafen Alfons erfahren, standen eure Sachen nicht zum Besten. Die Dame hätte sicherlich nicht nachgegeben; deßhalb sei Egoist und beruhige dich. Jedes Leben muß durchgekämpft werden, und nur wenn Andere fallen, ist eine Möglichkeit da, daß wir stehen bleiben. Der Verstorbenen ein gutes Andenken, meinetwegen eine stille Thräne und dann auf nach Brüssel!« So geschah es denn auch am Nachmittage desselben Tages, und den letzten Eisenbahnzug, der mühsam die Höhe von Ans erklomm, sahen die Freunde nicht mehr von der Terrasse des Landhauses; vielmehr, droben angekommen, blickten Beide hinab auf das stille Haus, wie es so friedlich zwischen den Bäumen lag, und dann sausten sie in traulichem Gespräche mit dem Zuge davon. Der Baron hatte Recht, als er geglaubt, daß die Nachricht von dem Tode der Frau von C. seine Braut tief erschüttern würde. Ja, es bedurfte seiner innigen Bitten und der ernstlichen Zureden des alten Oheims, um sie zu dem Entschlusse zu vermögen, ihre Verbindung mit dem Baron nicht länger hinauszuschieben. Diese fand auch in den nächsten Tagen statt – eine stille Trauung mit wenigen Zeugen, worunter natürlicher Weise Alfred, und nach einem kleinen Frühstücke bestiegen die beiden, nun für's Leben vereinigten glücklichen Menschen ihren Reisewagen. Lukas war ein paar Stunden vorher als Courier vorausgereist und genoß, seiner finsteren Träume ledig, schon im Voraus die herrlichen Gefilde Italiens. Alfred hatte das junge Paar in den Wagen gehoben, hatte nochmals versprochen, ihnen, wenn er überhaupt seine Villa verließe, nachzufolgen, und kehrte trotz der Bitten des alten Herrn, er möge einige Tage bei ihm bleiben, noch am selben Abend nach Hause zurück. Dort angekommen, begab er sich in das kleine, uns wohlbekannte Zimmer, zog den Vorhang von dem Bilde zurück und saß lange davor in tiefes Nachdenken versunken. Vierunddreißigstes Kapitel. Elstergasse Numero Vierundvierzig. Doktor Stechmaier gehörte zur literarischen Aristokratie. Er trug, wie wir bereits wissen, einen guten Hut, einen untadelhaften Paletot und Glacéhandschuhe, so lange er deren besaß. Wenn der letztere Luxusartikel nicht mehr zusammenhalten wollte, pflegte er lieber die Hände in seine Rocktaschen zu stecken, als sich vor dem Publikum eine Blöße zu geben. Dabei hatte er stets verabscheut, sich, wie die meisten seiner Collegen, einen großen Bart wachsen zu lassen, war überhaupt der einmal eingeschlagenen Richtung beständig treu geblieben und hatte nicht einmal den Versuch gemacht, durch eine kleine Neigung nach links, der »Spinne« ein größeres Netz zu geben, um durch dieses Mannöver zahlreiche Abonnenten einzufangen. Daher konnte es auch nicht fehlen, daß der wohlhabende und ruhige Bürger, sowie der hohe Adel, nachdem dieselben endlich eingesehen, daß die Presse anfange, eine Macht zu werden, ihr Auge auf die »Spinne« und Doktor Stechmaier warfen, als besonders tüchtig und fähig, die Interessen der conservativen Partei in die Hand zu nehmen. Nicht so bald hatte der Doktor seinerseits diesen Entschluß vernommen, der seine kühnsten Wünsche, ein größeres Journal mit ausgebreitetern Mitteln zu redigiren, realisiren sollte, als er in Anbetracht der Mittel, welche jener Partei zu Gebot standen, sich der kühnen Hoffnung hingab, jetzt die Thürklinke zum Glückstempel in der Hand zu haben. Was konnte nicht aus einem Journal werden, für das sich die besitzende Klasse und der hohe Adel interessirte! Gelang es nicht schon der andern Partei, die wenige Kapitale in der Hand hatte, ihre Journale als selbstständig hinzustellen, ihnen ein Ansehen zu geben, sie würdig auszustatten? Und das ging von Leuten aus, denen die wenigen Kreuzer, welche sie ihrer politischen Meinung darzubringen im Stande waren, ja sogar die Zeit, welche sie ihren Journalen opferten, sehr kostbar war. Dagegen die conservative Partei mit großen Geldmitteln, mit tüchtigen Mitarbeitern! Ja, der Doktor war seines Gelingens gewiß, und der Eigenthümer der »Spinne«, ein armer Buchdrucker, begeisterte sich bei diesen schönen Hoffnungen für den Conservatismus und fing an, vollkommen rechts überzuhängen. In seiner Druckerei wurden keine vorwitzigen Redensarten mehr geduldet, das Tragen von rothen Halsbinden den Setzern aufs Strengste untersagt und der Druck eines kleinen Blattes von entschieden liberaler Färbung von der Hand gewiesen. Das projektirte neue Journal auf Aktien herauszugeben, erschien nicht ganz thunlich; denn die wenigsten conservativen Menschen sind, bei aller Begeisterung für ihre Sache, geneigt, im ersten Augenblick eine größere Summe so in's Ungewisse hin auszugeben. Diesem widerspricht schon der Name »Conservatismus,« als das Erhalten des Bestehenden bezeichnend, und hiebei ist auch außerordentlich begreiflich, daß die Leute, welche etwas zu erhalten haben, zuerst an sich denken und ihre eigenen Geldmittel conserviren. Nebenbei schien ein anderer Plan, den der Doktor gefaßt, ihm viel ersprießlicher und für die gute Sache nützlicher. Das war nämlich der, die vielen vermögenden Mitglieder der conservativen Partei: Fürsten, Grafen, Herren, wohlhabende Bürger, zu vermögen, eine erkleckliche Anzahl von Unterschriften zu zeichnen, eine große Anzahl von Exemplaren zu nehmen, diese Exemplare an Unbemitteltere zu vertheilen und so nach allen Seiten hin zu wirken. Eine vorläufige Liste von den erwähnten Personen, welche der Doktor und der Buchdrucker gemeinschaftlich aufsetzten, und eine ganz bescheidene Zahl von Exemplaren, die sie jeder zuerkannten, gab eine solch' immense Summe von Abonnenten, daß den beiden Unternehmern ordentlich schwindelte. Wir sagen: den beiden Unternehmern ; denn der Buchdrucker hielt es für gerathener, seinen Hauptredakteur mit in's Interesse – und, wenn die Sache nicht so ganz gut ginge, was aber unmöglich schien – ebenfalls mit in den Schaden zu ziehen. Die Idee des neuen conservativen Journals fand denn auch bei der ersten Besprechung in verschiedenen Cirkeln den besten Anklang. Dies war eigentlich durchaus nicht zu verwundern; denn der Doktor Stechmaier war mit seinem Unternehmen der Erste, der für die Rechte arbeiten und leiden wollte. Es war nämlich die Führung eines solchen Journals für den Redakteur nicht ganz ohne Gefahr; denn es war schon früher einmal vorgekommen, daß ein ähnliches Unternehmen sich gewaltsam zerschlagen hatte, oder vielmehr nächtlicher Weise auf dem armen Redakteur zerschlagen worden war. Darum bekümmerte sich aber der Doktor Stechmaier bei seiner bekannten Gleichgültigkeit nicht besonders. Er verachtete allen Zwang, und es that seinem Herzen wohl, denen, die ihn haßten und verfolgten, tüchtig die Meinung sagen zu können. Für das Unternehmen interessirten sich nun gewichtige Männer aller Klassen der conservativen Partei. Diese gewichtigen Männer zeichneten auch eine ziemliche Anzahl von Exemplaren und mancher unter ihnen hatte dabei das Zartgefühl, dem andern den Vorrang auf der Subscriptionsliste einzuräumen, woher es denn kam, daß die ersten Seiten dieser Listen ein wenig leer blieben und nur sich auf den letzten untern Spalten einige Namen in schüchterner Bescheidenheit zeigten. Die Meisten unterzeichneten aber vor der Hand gar nicht und waren großherzig genug, im Stillen für das neue Unternehmen wirken zu wollen. So sagten sie dem Doktor Stechmaier mit gnädigem Händedruck, und wenn man ihrem vielsagenden Blick glauben wollte, so konnte sich der Buchdrucker veranlaßt sehen, ganze Bände geheimer Subskriptionslisten einbinden zu lassen, und große Geldkisten aufzustellen, und die reichlichen anonymen Beiträge aufzunehmen. Ebenso ging es auch mit den Versprechungen zu schriftlichen Beiträgen für das Beste ihrer eigenen Sache und des Blattes. Der Doktor sah schon im Geiste, wie er täglich aus einem ungeheuren Stoße von Manuskripten das Beste herauszulesen habe, und war überzeugt, daß er sich bald genöthigt sehen würde, Ergänzungsblätter zu dem neuen Journal auszugeben; denn geistreiche Mitarbeiter, die ohne Honorar liefern, dadurch vor den Kopf zu stoßen, daß man ihre Sachen in den Papierkorb legt, war durchaus nicht thunlich. So war es denn auf's Beste vorbereitet; die paar hundert Abonnenten der bisherigen »Spinne,« der bürgerlichen Mittelklasse angehörend, schienen trotz des vergrößerten Formats und des erhöhten Preises treu bleiben zu wollen, und der Doktor begann frohen Muthes sich mit der großen Schwierigkeit zu befassen, dem neuen Journal einen pikanten und noch nie dagewesenen Namen zu geben. Diese Sache, die an und für sich sehr leicht erscheint, ist aber außerordentlich schwierig; denn jeder, der etwas mit dem Journalwesen vertraut ist, weiß, wie viel man auf einen neuen passenden Namen hält und wie schwer es ist, einen solchen aufzufinden, da in der Welt fast schon Alles dagewesen. Der Doktor begann damit, das Original zur bisherigen Benennung, »die Spinne,« in Gedanken körperlich zu Vergrößern: – Kreuzspinne, Vogelspinne, – unmöglich! hat keinen Sinn. – Tarantel würde bei dem Blatt eine abentheuerliche, schwankende Haltung voraussetzen; auch gäbe es zu schlechten Witzen auf den Redakteur Veranlassung, wenn man z. B. einmal sagte: der Redakteur der Tarantel scheint von seinem eigenen Blatte gestochen zu sein. Weiter also! – Meerspinne – mit einem stehenden Artikel: Deutsche Flotte – zu ungewiß und nicht bezeichnend genug. – Der Krebs – wäre nicht so ganz übel, man könnte vielleicht die demokratische Partei als den Krebs bezeichnen, welcher an den Grundrechten der menschlichen Gesellschaft nagt. – Doch weiter! – Krebs könnte den Buchhändlern nicht angenehm erscheinen und sie veranlassen, sich nicht für das Journal zu interessiren. Der Doctor verließ das Reich der Insekten und suchte unter den gefiederten Bewohnern der Luft. Die Lerche, mit hellem Lied aufsteigend, eine bessere Zeit verkündigend – unpassend für ein konservatives Journal! – die Fledermaus – zu dämmerig! – Der Phönix – schon dagewesen, schon einigemal verbrannt, ohne verjüngt wieder aufgestanden zu sein – die Schnepfe, mit dem Motto: Oculi, da kommen sie – schmeckt zu sehr nach einer Jagdzeitung. Adler – Lämmergeier – Habicht – Sperber – sind lauter Raubvögel und von keiner conservativen Haltung. – Einen Augenblick blieb der Doktor bei dem Edelfalken stehen, dem schönen Jagdvogel, dem Verfolger schädlichen Gevögels – ja, der Name »Edelfalke« schien ihm bei dem Antheil, den die Edlen des Landes seinem Unternehmen zuwendeten, nicht so ganz unpassend. Doch suchte er weiter unter den fliegenden Geschöpfen – Wespe – war leider schon mehrere Mal dagewesen – Fliege – zu alltäglich, obgleich der Titel: »die conservative Fliege« keinen so schlechten Klang gehabt hätte. Einen Augenblick dachte der Doktor au das Fabelthier, den Drachen oder den Greif, der verborgene Schätze hütet. Dieser Name war wirklich nicht zu verwerfen; Schätze besaß die Partei genugsam, sowohl Schätze des Geistes, wie klingende Schätze; verborgen waren diese Schätze vorderhand auch noch; ebenso hätte sich der Greif bildlich dargestellt nicht so übel gemacht. Indessen überlegte der Doktor, daß es dabei doch wohl nöthig sei, vorher bei der Cotta'schen Buchhandlung anzufragen, ob man sich deren Wappenthier aneignen dürfe. So saß der Doktor lange, und konnte nicht mit sich in's Reine kommen, welcher gewichtige, pikante und unbekannte Namen dem Journal eigentlich geschöpft werden sollte. Zur gewöhnlichen Zeitung, Kronik oder Journal mit einem bezeichnenden Vorwort seine Zuflucht zu nehmen, war ihm zu alltäglich, zu unbedeutend, und, nebenbei gesagt, wie viele Zeitungen, Kroniken, Journale gab es nicht schon durch das ganze Alphabet durch! Waren nicht schon alle nur einiger Maßen passende Bezeichnungen mit Zeitung, Journal etc. zusammengeleimt worden? – Unmöglich, hierin etwas noch nicht Dagewesenes zu finden. Aber ein Name mußte entdeckt werden, und wo möglich noch heute; denn schon in den nächsten Tagen sollte die erste Nummer des vergrößerten, conservativen Journals erscheinen. Der Doktor hatte schon mehrere Federn zerkaut, hatte mit seinem Blicke fast ein Loch durch die Decke gebohrt und stand jetzt mißmuthig von seinem Stuhle auf und trat an's Fenster, Feder und Papier in der Hand, da ihm die eingetretene Dämmerung nicht mehr erlaubte, das am Tische aufzuschreiben, was ihm vielleicht in nächster Sekunde einfallen würde. – Da unten auf der Straße gingen die Leute ihren Geschäften nach, so beruhigt und alltäglich wie immer. Jeder dachte nur an sich, und keiner der Vorübergehenden schien eine Ahnung davon zu haben, wie sehr der unglückliche Journalist droben sein Gehirn abquälte, um eine passende Benennung zu finden. Allmälig wurden in den gegenüberliegenden Häusern die Lichter angesteckt, Gesellen und Lehrbuben erschienen unter der Hausthüre, um vor dem Nachtessen noch einen Mund voll frische Luft zu nehmen. Drüben an dem Eckhause waren noch die letzten und unartigsten einer Schaar Buben mit dem interessanten Spiel »Anwerfen« beschäftigt. Die besseren dieser kleinen Galgenvögel oder die, welche sich auf keine solide Lüge hinsichtlich ihres Ausbleibens besinnen konnten, waren schon längst zu Hause. Dort kamen schon die Weiber mit den Zeitungen gelaufen, hinter ihnen drein auch der kleine Bube mit der »Spinne.« Ach! er hatte an seinen Exemplaren nicht viel zu schleppen, aber doch kam er, der kleine Junge mit der defekten Hose, ein winziges Packetchen unter dem Arm, neben jenen andern Großmächten der Gesandte eines sehr kleinen Staates. Und er trug heute die vorletzte »Spinne« herum, morgen früh nach dem Kaffee gab es Verschiedene heißhungrige Setzer, welche erstaunlich lüstern waren, den Namen des neuen Blattes zu setzen. Der Prospektus war da, schön, bieder, gerade, wahr, umfassend und kurz, wie ein Prospektus sein soll. Schon lange, hieß es in irgend einer bescheidenen Stelle, ist ein großer Theil von Vierzig Millionen Deutschen mit uns derselben Ansicht, wie dringend und nothwendig es sei, auch in unserer Residenz den Uebergriffen einer zügellosen Presse kräftig und geharnischt entgegen zu treten. – Aber gerade diese Kunststelle war es, welche den Doktor einigermaßen unmuthig stimmte; denn so gleichgültig im Allgemeinen er auch war, so fand er es doch durchaus nicht spaßhaft, den größeren Theil von Vierzig Millionen Deutschen, wenn auch nur einen Tag lang, auf das Journal warten zu lassen. Und warten mußten sie ohne alle Gnade, wenn der Doktor nicht noch heute Abend einen Namen erfand. Drum einen Namen. Ein Königreich um einen Namen! Mittlerweile war es ganz dunkel geworden, und der Doktor der sehr hoch oben wohnte, bemerkte an dem plötzlichen Hellwerden hie und da in den Straßen, daß die Gaslaternen angesteckt wurden. Jetzt erschien der Aufklärungsbeamte mit seinem langen Stock und der kleinen Laterne daran auch in der Elstergasse, wo sich dem Hause Nummer Vierundvierzig gegenüber ebenfalls eine Gaslaterne befand. Der Anzünder drehte mit seinem Stock den Hahn, hielt sein Laternchen in die Oeffnung des Brenners, und ein milder Lichtstrahl ergoß sich über die dunklen Häuser der Elstergasse, welche darüber vor innerer Freude ordentlich zu schmunzeln schienen, wenigstens blinzelte hie und da ein altes Fenster vergnüglich in die Nacht und bei dem hellen Licht und dem tiefen Schatten an den Vorsprüngungen eines anderen Hauses hätte man darauf schwören können, es verziehe grinsend sein Gesicht zu einer behaglichen Geberde. Der Doktor hatte dem Anzünder nachsinnend zugeschaut, und als jetzt die weiße Flamme herausfuhr und sich auf seine Fenster und sein Gesicht lagerte, ging ihm plötzlich ein riesenhaftes Licht auf, eine ganze Gasbeleuchtung, ein wahrer Waldbrand – prächtig! jubelte er in sich hinein; – köstlich, unübertrefflich! ja, das ist neu, noch nicht da gewesen, bezeichnend, umfassend! Hastig schrieb er ein Wort auf sein Papier hin, faßte sich aber bald wieder, denn er hielt es für schwach und unmännlich, sogar sich selber eine freudige Bewegung zuzugestehen, sich zuzugeben, daß er sich selbst durch einen sublimen Gedanken überrascht. Er drückte das Kinn fest auf die Halsbinde und brachte die Brille näher ans Gesicht und sagte mit außerordentlicher Ruhe: »ja, so könnte es vielleicht gehen, das Blatt muß auf jeden Fall »»die Laterne«« heißen, ein Helles Licht, das wir der Welt aufstecken, angenehm für unsere Partei, hell und blendend für die blöden Augen der Radikalen!« So hieß denn das berühmte conservative Journal »die Laterne;« und der Eigenthümer fand den Namen nicht so ganz übel, die heißhungrigen Setzer setzten ihn den andern Morgen, in der Residenz las man es noch denselben Tag, und in den nächsten Tagen wußte die Mehrzahl von vierzig Millionen Deutschen, daß ein neues Blatt, »die Laterne« entstanden sei. Jetzt war für die conservative Partei einem längst gefühlten dringenden Bedürfnis abgeholfen, das Blatt war da und es fehlte an nichts, als an zahlreichen Abonnenten, um es zu unterstützen. Hatte man nicht schon lange geseufzt und gesprochen? – Freilich, statt zu handeln, nur geseufzt und gesprochen. Ja, wenn wir einmal ein Organ hätten, worin wir unsere Ansichten niederlegen könnten, unsern gerechten Grimm aussprechen über die Uebergriffe einer zügellosen Partei, wie wollten wir auftreten! hatten sie gesagt und hatten gedroht, wie in dem Mährchen das Schlachtmesser zum Dachladen heraus: O hätt' ich dich, Wie wollt' ich dich Mit meinem langen Messer! Das lange Messer war nun freilich schon lange da; auch die, auf welche es gezückt werden konnte, zogen sich nicht feig zurück, sondern stellten sich dahin und sagten: »hier bin ich!« Aber das lange Messer wurde darum doch nicht gezückt; sie scheuten es, das lange Messer, und wenn es hie und da einmal zu arg wurde, und es nahm Einer muthig das lange Messer in die Hand, so eilten die Andern davon oder blickten scheu und vorsichtig auf die Seite und konnten es nicht mit ansehen, wie das lange Messer – – in das Innere eines Beefsteaks fuhr. Aber es war den Leuten nicht übel zu nehmen, daß sie sich nicht gegen den gemeinschaftlichen Feind vereinigten; sie hatten keinen Vereinigungspunkt. Ja, wenn sich einmal ein muthiger, gewandter Arm fände, der das lange Messer kräftig in die Hand nähme und es zum Nutzen und Frommen gegen den Feind führte, wie wollten wir ihn heimlich unterstützen! Ihm öffentlich zur Seite stehen, war freilich nicht thunlich, aber ihm wenigstens aus dem Dunkel heraus unter die Arme zu greifen und ihn aufrecht zu erhalten, das hätten sie schon thun können. Der Arm hatte sich gefunden: Doktor Stechmaier stellte sich offen und frei hin, hieb mit der Waffe der Satire und des Humors um sich, und focht mit einem Heldenmuthe, der, wenn auch nicht einer besseren Sache, doch besserer Mitkämpfer würdig gewesen wäre. Die Mitkämpfer aber, einige gewichtige, hochherzige Männer ausgenommen, hatten schon am ersten Tage Manches an der »Laterne« auszusetzen, an dem Journal für die conservative Partei, für welches sie bis jetzt gar nichts gethan. Schon der Name war ihnen anstößig, unangenehm, unheimlich, und es schwebte ihnen die Aristokratie an der »Laterne« vor. Dann erlaubte es sich der Doktor Stechmaier auch zuweilen, auf ein altes verrostetes Vorurtheil der eigenen Partei hinzuweisen, oder erkühnte sich zu sagen: »hättet ihr das und das von selbst gethan, so würde man es euch nicht abnöthigen!« Edel von dem Doktor Stechmaier, schade für das Blatt; denn darauf hin beschlossen Viele, die bis jetzt kein Abonnement auf die Laterne hatten, gar keins zu nehmen. Andere und sehr hohe Herren, von denen man mit Recht erwartet, sie würden ein Unternehmen, das ihre Sache verfechte, auf's Kräftigste unterstützen, trieben die Bescheidenheit so weit, sich mit einem einzigen Exemplar zu begnügen. Die geheimen Geldbeiträge blieben aus, die geistigen Beiträge ebenfalls; denn es war doch zu gewagt, sich mit einem Blatte einzulassen, das so offenkundig und schonungslos gegen die mächtige demokratische Partei auftrat. Man konnte ja nicht wissen, ob die Namen der Mitarbeiter nicht später einmal bekannt würden, und was daraus entstehen könnte. So blieben die Kassen auf der Druckerei leer, und die großen Bücher füllten sich mit unbezahlten Rechnungen, von denen sich der Unternehmer des Blattes für seinen Theil sehr, der Doktor Stechmaier für den seinigen gar nicht gedrückt fühlte. So brannte in der »Laterne« ein kümmerliches, elendes Licht, und wenn es auch den Aufopferungen Derer, die es mit dem Blatte gut meinten, gelang, hie und da einen hellen Schein auf das Treiben der anderen Partei zu werfen, so waren dieser Wenigen zu wenig, und nach einem solchen Aufflackern herrschte allemal trübseligeres Dunkel als zuvor, und bald sah jede Nummer wie eine Grabrede auf sich selbst aus. Die gewichtigen Männer, die ihr Geld dazu gegeben, sahen bald, daß das Blatt, an allgemeiner Theilnahmlosigkeit kränkelnd, nicht zu halten sei und zogen sich gleichfalls zurück. Der Buchdrucker und Eigenthümer hängte dem Doktor Stechmaier von den aufgeopferten Unkosten so viel an den Hals, als er, ein deutscher Literat, zu tragen im Stande war, und die acceptirten Wechsel des Redakteurs, die vor der Verfallzeit wie leichte, lose Blätter flatterten, wurden plötzlich nach diesem denkwürdigen Tage zu eben so viel Mühlsteinen, welche, an ihm hängend, ihn unaufhaltsam in den Abgrund niederzogen. Das Blatt hörte demnächst auf, und Doktor Stechmaier, der, seit er nicht mehr in dem Wandschranke wohnte, der Polizei zugänglich geworden war, sah sich an einem schönen Morgen genöthigt, der freundlichen Einladung des Polizeicommissärs seines Bezirkes nachzukommen und sich auf das Polizeibureau zu verfügen, wo der eben genannte vortreffliche Beamte eine solche Anhänglichkeit an den Doktor und Redakteur bezeugte, daß ein härteres und grausameres Gemüth als das unseres Freundes dazu gehört hätte, dieser zarten Neigung zu widerstehen. Der Doktor, der dies auch einsah, machte keinen fruchtlosen Versuch, sich der Freundschaft des Polizeicommissärs zu entziehen, und so geschah es denn, daß er das Quartier in der Elstergasse Numero vierundvierzig verließ, ohne eigentlich ausgezogen zu sein, und daß er dafür ein anderes Gemach bezog, in der Nähe des eben genannten würdigen Freundes, ein kleines bescheidenes Zimmer mit vier weißen Wänden, einem tannenen Tisch und Stuhl, einer Bettlade und einigem Bettwerk, versehen mit Wasserkrug und sonstigen nothwendigen Utensilien und geschmückt mit einem kunstreichen Gitter, welches das Fenster in phantastischen Formen bedeckte. Hier befand sich der Doktor eigentlich nicht schlecht, abgesehen davon, daß die Sonne nur Mittags zwischen zwölf und ein Uhr den schwachen Versuch machte, mit dem erwähnten Gitter zu liebäugeln; und abgesehen von der sonderbaren Gewohnheit, ein paar Riegel vor die Thüre zu schieben, welche der alte Mann, der ihm das spärliche Essen brachte, angenommen hatte, sah der Doktor in dieser Aufbewahrungsanstalt durchaus nichts Abschreckendes, und nachdem er berechnet, daß er wohl lebenslänglich hier sitzen könne, bis sich eine mitleidige Seele seiner Partei herbeiließ, ihm die Schulden zu bezahlen, und nachdem er gefunden, daß diese Zeit doch gar zu lang sei, entschloß er sich, mit allem Fleiß an literarische Arbeiten zu gehen, vor Allem aber seine Memoiren zu schreiben, um darin jungen, unerfahrenen Schriftstellern durch sein Beispiel zu zeigen, wie höchst gefährlich es sei, auf die Theilnahme der conservativen Partei bauend, ein Journal in deren Interesse zu unternehmen. Fünfunddreißigstes Kapitel. Im Hoftheater. Es war ein heißer Sommernachmittag. Schattenlos lagen die Straßen der Stadt, kein kühles Lüftchen ging, und wenn sich hie und da einmal ein kleiner Wind erhob, so war das, als bliese die Natur in übermäßiger Hitze und stieße einen heißen, schweren Seufzer aus, der aber nur einige Kehrichthaufen beunruhigte oder eine leichte Staubwolke durch die heißen Straßen jagte. In den Zimmern des Grafen Alfons war das Mögliche gethan, um durch Zugluft, Jalousieen, aufgespannte Marquisen die Hitze zu verscheuchen, und dies war auch so weit gelungen, daß, wenn man von der Straße hereintrat, man eine angenehme Kühle fühlte und eine frische, würzige Luft, hervorgezaubert durch die Menge von Gewächsen und Blumen, welche auf der Treppe, im Gange und in den Zimmern dufteten und blühten. Der Hausherr lag in einem Fauteuil am Fenster und rauchte eine Cigarre, wobei er fleißig einer Limonade zusprach, die neben ihm auf dem Marmortischchen stand. Das Zimmer war ganz verdunkelt und kein Strahl der Sonne drang durch die rothen Fensterverhüllungen. Es herrschte eine tiefe Dämmerung, sämmtliche Bilder an den Wänden sahen bräunlich aus und die breiten goldenen Rahmen glänzten wie dunkelglühendes Feuer. Am Ende des Salons vor einem großen Flügel saß ein junger Mann, den Arm auf das Notenpult gestützt und den Kopf in die Hand gelegt. Er rauchte ebenfalls eine süß duftende Cigarre und schlug jetzt mit der linken Hand eine chromatische Tonleiter pianissimo an, wie um eine im Gespräch entstandene Pause auszufüllen. »Wie schon bemerkt, mein lieber Charles,« lachte der Graf nach einer Weile, »ist durchaus nichts Anderes zu machen, als Donna Elisa, unsere stolze erste Tänzerin, um Verzeihung zu bitten und sie beinebst feierlicher Versprechung einer künftigen besseren Aufführung zu vermögen, daß sie die Rolle in Ihrem Ballet dennoch übernimmt.« »Nimmermehr!« sagte der Andere und schlug einen dröhnenden Accord an. » Aut aut !« antwortete der Graf; »entweder Elise oder kein Ballet; was Sie nun von diesen Sachen vorziehen, weiß ich wahrhaftig nicht; aber das wird Ihnen jeder Coulissenkundige schriftlich geben, daß Ihr Ballet, so schön und gediegen es ist, nimmermehr zur Aufführung kommt, wenn unsere erste Tänzerin sagt: ich will nicht!« »Aber ist es nicht entsetzlich,« sprach der Musiker am Flügel, »ist es nicht herabwürdigend für Kunst und Künstler, daß es von dem Willen einer Tänzerin abhängen soll, ob ein Musikwerk, über welches sich der Kapellmeister günstig ausgesprochen, ob ein Ballet, welches der Balletmeister für eines der besseren neueren erklärt, gegeben werden soll oder nicht? ist es nicht ganz entsetzlich, von der Laune eines Weibes abhängen zu müssen?« Der Graf lachte laut auf und sagte alsdann: »mein guter Charles, man sieht wohl, daß Sie die Welt nicht mehr besuchen, oder vielmehr, daß Sie eigentlich nie den Versuch gemacht haben, den inneren Mechanismus unseres gesellschaftlichen Verkehrs zu ergründen. Ihnen kommt es entsetzlich vor, von der Laune eines Weibes abzuhängen; aber sagen Sie mir, Theuerster, wer, der einigermaßen eine Stellung einnimmt, befindet sich nicht im selben Falle? Glauben Sie mir, wir Herren der Schöpfung sind im Grunde nichts als die Sclaven des sogenannten schwachen Geschlechts und werden von diesem, wenn es hoch kommt, sanft geleitet, gewöhnlich aber derb an der Nase herumgeführt. Ich könnte Ihnen davon merkwürdige Geschichten erzählen.« Abermals trat eine Pause ein, und wieder säuselte eine chromatische Tonleiter aus den Tasten hervor. Dann antwortete der Musiker: »ich verstehe vollkommen, was Sie eben sagten, aber mein Fall ist eigentlich ein ganz anderer. Sich von einem vielleicht geliebten Weibe leiten zu lassen, oder von der tyrannischen Laune eines unbekannten abzuhängen, ist zweierlei.« »Versteht sich, ist zweierlei,« entgegnete der Graf; »aber es ist darum nichts Unerhörtes, das Sie zu einem Schrei des Entsetzens veranlassen könnte, und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem die Laune einer Frau einen Strich durch seine schönste Rechnung macht; das kommt uns Allen täglich, ja stündlich vor und ich wollte vorhin nur sagen, daß ich nicht begriffe, wie dergleichen Sie eigentlich so außer sich bringen kann. Und dann haben Sie im Grunde gegen die Tänzerin gefehlt.« »Ich hätte gegen sie gefehlt?« sagte hastig der Musiker; »und in wie fern, wenn ich fragen darf?« »Das liegt auf der Hand,« versetzte der Graf, »und ich hätte Sie bei Gott nicht für so befangen, nicht für so blind gehalten, daß Sie die Ecken, wo Sie anstoßen, nicht sehen sollten. Ich werde mir eine neue Cigarre anstecken und Ihnen es dann aus einander setzen, was Sie verschuldet. Wenn wir auf diese Art Anfang und Sitz der Krankheit ergründen, so finden wir vielleicht ein Heilmittel. – Brennt Ihre Cigarre noch? Werfen Sie sie weg und nehmen Sie sich eine andere. – Ich würde mir einen geistreichen Vergleich erlauben, indem ich Ihnen sage, daß mir das ganze Leben wie eine Cigarre vorkommt, süß und berauschend, versteht sich von selbst, oder auch scharf und bitter; aber der Hauptpunkt, worin sich Cigarre und Leben außerordentlich ähnlich sind, ist, daß beide nur bis zur Hälfte schön sind: dann geht's abwärts, sie will nicht mehr recht brennen, sie bekommt zugleich mit dem angenehmen Dampf mehr und mehr einen bitteren Nachgeschmack, die Asche glimmt nicht mehr rund und voll; kurz, es ist eine ganz verdrießliche Geschichte. Darum werfen Sie Ihren Rest weg und nehmen eine neue. – So. – Ach! die ersten Züge haben etwas wunderbar Wohlschmeckendes, wie die ersten vollen Züge aus dem Becher des Lebens.« Der Musiker hatte den Rath seines Freundes befolgt, und einen Augenblick darauf sah man zwei dunkle glühende Punkte durch die Dämmerung des Zimmers leuchten. »Jetzt also hören Sie Ihre Geschichte, Theuerster! Sie haben eine vortreffliche Oper geschrieben, die aber nicht ganz fertig ist; der zweite Akt soll, ich mache ihm keine Complimente, nach dem Urtheil von Musikkennern ein kleines Meisterwerk sein – sehr gut! Sie componiren in der Zwischenzeit ein Ballet, und da das schneller fertig ist als die Oper, so beeilen Sie sich, es der Intendanz zur Aufführung zu übergeben.« »Um einmal selbst zu hören,« unterbrach ihn der Musiker, »um einen vollkommen klaren Begriff von meiner eigenen Instrumentation zu bekommen; es war mir dies für meine Oper von großem Nutzen.« »Ganz recht!« fuhr der Graf fort, »die Intendanz nimmt Ihr Ballet an, man schickt Sie zu dem Balletmeister und so weit ist Alles in Ordnung. Sie kommen zu Signor Benetti und hätten ihm sagen müssen: Hier bin ich, der Componist des neuen Ballets, dem ein Erfolg in Aussicht steht, sowie Sie es in Ihre Künstlerhand nehmen. Was die Besetzung der Rollen anbelangt, Herr Balletmeister, – so mußten Sie nämlich sprechen – so verfahren Sie darin ganz nach Ihrem Gutdünken. – Statt aber also zu thun, sehen Sie bei dem Italiener zufällig unsere zweite, auch sehr gute Tänzerin, Demoiselle Pauline, und sagen dem Balletmeister, dieser und keiner andern dürfe die erste Rolle in Ihrem Ballet zu Theil werden. – Und weßhalb thaten Sie das, junger, leichtsinniger Künstler? – Sie thaten es nur, wie Sie mir selbst eingestanden, weil das Mädchen so schöne blonde Haare hat.« »Ich gebe das zu,« sagte der Musiker mit leiser Stimme, indem er eine reizende Melodie anschlug; »ich gebe das vollkommen zu, denn mir schwebte bei meiner Arbeit ein himmlisches Wesen vor, mit hellem, lichtem, goldenem Haar.« »Das ist Alles schön und gut,« antwortete der Graf, »man kann seine Passionen haben – auch ich liebe die blonden Haare leidenschaftlich; doch hören wir weiter, wohin diese Liebhaberei Sie geführt! Daß Demoiselle Pauline Ihren Ausspruch, den Ausspruch des Componisten, für ein Orakel hält und sich die Rolle zueignet, können Sie sich denken. Sie ist entzückt davon, sie wird in den vier verschiedenartigen neuen Costümen deliciös aussehen und alle Einwendungen des Eigner Benetti beantwortet sie kurz dahin, daß die Rolle für sie componirt sei. Mit ähnlichen Geschichten, mein lieber Freund, machen Dichter und Componisten den Intendanzen viel böse Händel, und wenn der Verfasser irgend eines neuen Trauerspiels an einen beliebigen Schauspieler, um ihm zu schmeicheln, schreibt: diese oder jene Rolle (die eigentlich gar nicht für ihn paßt) wird in Ihren Händen gut aufgehoben sein, so klammert sich der Mime daran, und gute Nacht Rollenaustheilung von Seiten der Intendanz oder der Regisseure! Diese Rolle ist speziell für mich geschrieben, sagt der Künstler, der Dichter hat meine Persönlichkeit dabei bis in die kleinsten Einzelnheiten berücksichtigt, er hat mir die Rolle selbst zugetheilt, und ich werde sie spielen, werde groß darin sein, jeder Zoll ein Künstler!« »Nun ich sollte meinen,« antwortete der Musiker, »daß im Grunde genommen Dichter und Componist auch wohl das Recht haben, eine Rolle in irgend einem Stück, einer Oper für diese oder jene Persönlichkeit zu schreiben.« »Verzeihen Sie, theuerster Freund,« antwortete der Graf, »dieses Recht gebe ich Ihnen für die Pariser große Oper zu, auch vielleicht für ein paar unserer ersten Bühnen in Deutschland, wo die Künstler und ihre Fähigkeiten so genau bekannt sind; aber für kleinere Theater kann man Dichtern und Componisten dieses Recht durchaus nicht einräumen, wenigstens ihre Ansicht nicht zum Gesetz erheben. Was nun überhaupt das Ballet anbelangt, so ist dieses in der Theatergrammatik ein höchst unregelmäßiges Zeitwort, und die Eigenheiten und Launen der Tänzerinnen sind nach keiner feststehenden Regel zu conjugiren.« »Das ist ihre eigene Schuld und schlimm für sie,« sagte der Musiker. »Nein, mein Freund!« lachte der Graf, »im Gegentheil, das ist schlimm für den Componisten, wir werden das erfahren. – Also Demoiselle Pauline hat kaum ihre Rolle erhalten und Demoiselle Elise, dem Rang und Titel nach die erste Tänzerin, hat dies kaum erfahren, so reklamirt sie die Rolle als ihr Eigenthum, die Andere, von Signor Benetti unterstützt, gibt nicht nach. Elise fährt zum Intendanten, der Intendant zuckt die Achsel, sagt, sie habe ein Recht auf die Rolle und weist sie an den Balletmeister. Signor Benetti sucht sie zu besänftigen, versichert sie, es sei für Demoiselle Pauline die größte Demüthigung, wenn sie eine einmal empfangene Rolle abgeben müsse. Umsonst! Die Andere besteht auf ihrem Recht; jetzt werden Sie, edler Musikmeister, nochmals gefragt und ...« »Bleibe bei meinem ersten Ausspruch,« sagte der Musiker. »Richtig!« fuhr der Graf lachend fort, »Demoiselle Pauline soll die Rolle erhalten, weil sie blonde Haare hat.« »Ja, weil sie blonde Haare hat,« sprach ebenfalls lachend der Musiker. »Der Intendant,« fuhr der Graf fort, »nachdem er sich natürlicher Weise lange gesträubt, gibt endlich Ihren Bitten, meinen Bitten, denen des Balletmeisters und der schönen blonden Tänzerin nach und Sie triumphirten für einen Augenblick; ich aber, der die Verhältnisse besser kenne, triumphirte nicht und fand es vollkommen begreiflich, als am selben Tage, wo die Proben Ihres Ballets beginnen sollen, unser erster Tänzer sich unwohl erklärt, indem er versichert, Alles, was er für die Intendanz thun könne, sei, das morgen stattfindende, schon längst einstudirte Ballet ein paar Mal zu tanzen, dann müßte er aber wegen seiner geschwächten Gesundheit einige Monate Ruhe haben. Nun sieht der Tänzer allerdings erbarmungswürdig mager und elend aus, aber so war er schon so lange ich ihn kenne, und wenn morgen Demoiselle Elise die bewußte Rolle erhielte, so tanzte er Ihr Ballet sechsunddreißig Abende nach einander, ohne dadurch kränker zu werden.« »Gleichviel!« sagte heftig der junge Musiker, »ich habe das Meinige gethan und bin nicht im Stande, diese Intriguen zu contrecariren.« »Also ist das Ende vom Lied,« versetzte der Graf, »daß der Tänzer nicht tanzt, und daß, da wir keinen andern haben, Ihr Ballet nicht gegeben wird.« »Immerhin!« entgegnete der Musiker, »ich habe der Demoiselle Pauline einmal die Rolle übertragen und kann sie ihr nicht wieder abnehmen, und wenn ich es könnte, thäte ich es doch nicht. Ich habe mir einmal vorgenommen, dies Mädchen in meinem Ballete zu sehen und dabei bleibe ich!« »Wegen der blonden Haare,« lachte abermals der Graf. »Sie sind ein Trotzkopf, aber da mir diese Caprice gefällt – man hat sogar in der Gesellschaft sich über diese Ihre Grille schon beifällig geäußert und die Damen behaupten, wenn Sie nicht gar ein stiller Anbeter unserer blonden Tänzerin seien, so müßte Ihre Geliebte nothwendiger Weise ein ähnliches Haar haben – so will ich alles Mögliche versuchen, allen meinen Einfluß aufbieten, um zu sehen, ob etwas für Sie oder Ihr Ballet zu thun ist; meine einzige Hoffnung beruht auf Signor Benetti, der Alles daran setzen wird, Ihr Werk durchzubringen. – Jetzt wollen wir aber gleich einen Schritt hiezu thun und Sie können mich begleiten.« Mit diesen Worten zog der Graf an einer Klingelschnur, die in der Nähe hing, worauf der Kammerdiener leise eintrat und auf die Frage seines Herrn: wann heute die Balletprobe anfinge, zur Antwort gab, es sei ihm angezeigt worden, dieselbe beginne um fünf Uhr. Ein Blick auf die Pendule belehrte den Grafen, daß bis dahin eine Viertelstunde Zeit sei, er erhob sich langsam und schwerfällig aus seinem Fauteuil, ließ die Gardinen zu einer Glasthüre, die in den Garten führte, aufziehen, die Thüre selbst öffnen, und da die Sonne von dieser Seite des Hauses verschwunden war, so zog eine kühle, mit Blumenduft geschwängerte Luft in den Salon. In wenigen Minuten war die Toilette beendigt, der Phaeton des Grafen fuhr vor, Beide stiegen ein und die munteren Pferde, sich der kühleren Luft freuend, tanzten lustig und heiter dem Theatergebäude zu. – Wenn die Treppen und Gänge im königlichen Hoftheater, welche auf die Bühne führen, schon am Abend bei spärlicher Lampenbeleuchtung ziemlich finster waren, so gehörte heute am Tage, wo die einzige Beleuchtung in einem Sonnenstrahl bestand, der sich am Ende eines ungeheuer langen Corridors durch ein kleines, vergittertes Fenster stahl, keine geringe Ortskenntniß dazu, um nicht, statt auf die Bühne, unter das Podium oder auf den Schnürboden zu gerathen. Graf Alfons aber, der diese Ortskenntniß hier in hohem Grade besaß, behielt die richtige Mitte, und so gelangten die Beiden durch eine kleine, von selbst zufallende Thür hinter die Coulissen, wo ein lebendiges, aber nebelhaftes Getreibe stattfand. Es wurde hier, wie schon bemerkt, eine Balletprobe gehalten, mit sehr vielen Maschinerien, Versenkungen, Statisten und sehr wenig Licht. Nur vorne brannten einige Prosceniumslampen und aus dem Orchester glänzte hie und da ein Lichtstrahl gedämpft unter einem Schirm hervor und beleuchtete das Notenblatt, die Violine des Musikanten und dessen Nase, die eifrig dem abgespielten Takt auf dem Papier folgte. Der Anzug der Tänzerinnen war ganz in derselben Art, wie wir ihn auf dem Balletsaale kennen gelernt haben, ebenso der des Balletmeisters. Der erste Tänzer mit dem seidenen Faden um den Kopf stand in der vordersten Coulisse und versuchte mit einigen kühnen Verdrehungen seines Körpers, ob kein Gelenk an demselben eingerostet sei. In der zweiten Coulisse stand unser Freund, der Herr Dubel, jetzt Dubelli, in gelben Nanking gekleidet und sein langes blondes Haar wurde ebenfalls durch den unentbehrlichen seidenen Faden festgehalten. Herr Dubel wurde gerade von einigen ältern Ratten haranguirt, indem es denselben zu Ohren gekommen war, der College wohne in dem allerliebsten Hause vor dem Thore ganz allein, was die Tänzerinnen im höchsten Grade unpassend, ja menschenfeindlich und durchaus nicht gentil fanden. Eine volle kleine Person aber mit einem der elegantesten, sehr langen Oberkörper, wie man ihn nur sehen konnte, und den sie so leicht in den Hüften wiegte, daß man glauben mußte, sie müsse nothwendiger Weise einmal mitten von einander brechen, meinte: wenn der Baron Karl noch immer ein Beschützer der Kunst ist, so soll er es beweisen und einigen von uns in seinem hübschen Hause ebenfalls Wohnung einräumen. »Seien Sie ganz unbesorgt, Dubelli,« sagte die kleine Kokette und machte ein immenses Barrement, »seien Sie ganz unbesorgt, Ihr Ruf sollte nicht darunter leiden, denn Sie wissen, ich wohne mit meiner Mutter zusammen.« »Ja,« lachte eine Andere mit einem außerordentlich kurzen Tanzrock und sehr starken Waden, »und die ganze Welt weiß ja auch, daß du einen feurigen Anbeter hast. Eure treue Liebe ist bekannt.« »Das ist sie auch, Jungfer Naseweis,« entgegnete die Erste gereizt und warf sich mit einer halben Pirouette dem Tänzer für einen Augenblick in die Arme; »und ich hoffe nicht, daß es dich etwas angeht; du solltest dich überhaupt in deinem Alter besinnen und nicht von Courmachen und dergleichen sprechen. Pfui! du junges, unreifes Ding!« Nach dieser Strafpredigt schritt sie stolz auf die Bühne hinaus, mit den Händen fest ihre Hüften umspannend und hin und her wedelnd wie ein junger Wachtelhund. Die Anderen lachten ihr unbändig nach, namentlich die Ausgescholtene, eine schlanke Blondine mit einem reizenden Gesichtchen. Sie mochte siebenzehn Jahre alt sein und die erzürnte Tugend, die eben von dannen schritt, vielleicht neunzehn. »Es ist recht, daß sie geht, das hochmüthige Ding,« sagte eine Dritte, während sie einen Entrechat um die Andern machte, »ihre Courmacher hat sie nicht durch gutes Tanzen erworben und wenn sie hie und da einmal applaudirt wird, so weiß man schon, aus welcher Loge das Zeichen gegeben wird und wo im Parterre die bezahlten Claquers sitzen. Das braucht unsereins nicht.« Die also sprach, war von der Natur mit minderer Körperschönheit begabt, aber die erste Chortänzerin, die auch zuweilen zu kleinen Partien benutzt wurde. »Wohnen Sie denn wirklich in dem Hause allein, Dubelli?« fragte sie, während sie ihren Fuß ans eine der Coulissenlatten setzte und an dem Sitz ihrer Trikots etwas corrigirte. »Wohnen Sie denn wirklich in dem ganzen Hause allein? na, da könnten Sie wirklich unsereinem ein Stübchen abtreten; der Baron, so heißt es, kommt ja doch nicht wieder, er soll artig sein und sein Haus jungen tugendhaften Tänzerinnen vermachen, die natürlicher Weise keine Liebhaber haben dürfen und sich solid und anständig aufführen.« Alle lachten abermals laut auf, als nun der Tänzer antwortete: »auf solche Art, unter solchen Bedingungen glaube ich, kann's der Baron schon versprechen, da wird's ziemlich leer bleiben,« worauf die schlanke Blondine erwiderte: »Pfui, Dubelli! meinen Sie das wegen dem solid und anständig sein?« Doch küßte ihr der Tänzer galant die Hand und sagte: »Nein, theuerssss-te Bertha, ich meine es nur von wegen der Liebhaber.« Er wollte noch einige passende Worte hinzufügen, doch machte in diesem Augenblick auf der Bühne die dritte Solotänzerin, Mademoiselle Therese, ein so gewaltiges Pirouette, daß sie darüber das Gleichgewicht verlor und sich nur vor dem Fallen retten konnte, indem sie dem Tänzer an die Brust stürzte, der sie auch als guter College festhielt und von dem Fall rettete. »Du wirst dich auch mit deinen wilden Pirouettes einmal blamiren!« sprach die erste Chortänzerin, »dein Oberkörper ist viel zu schwer zu dergleichen und dann trittst du mit dem Fuße viel zu heftig ab. Ihr meint aber immer, ein Pirouette sei nur schön, wenn man vierundzwanzig Mal herumfliegt wie ein Kreisel. Das ist aber eine ganz falsche Voraussetzung, dreht euch drei – vier Mal sicher, und steht dann mit einem Applomb und einer graziösen Attitude vor dem Publikum fest, so ist's viel schöner. Da ist der Dubelli, der macht ein Pirouette, wie es vielleicht Benetti in seiner guten Zeit nicht besser ausgeführt.« »Oho!« sagte der geschmeichelte Tänzer, »Sie sind viel zu gütig, ich? – ein Anfänger? ein Pirouette ist eine sehr schwere Sache.« »Ja, das ist's!« versetzte Demoiselle Therese, »und ich weiß, das meine ist mangelhaft.« »Du hast recht, mein Schatz,« lachte die Chortänzerin, »Takt und Applomb muß einem angeboren sein. Allons, Dubelli! machen Sie uns einmal ein Pirouette in vier schnellen Touren und dann stehen Sie wie eine Mauer, – kommt hinaus auf die Bühne!« »Ja, ja,« sagte Demoiselle Therese, »er soll eins machen, hat ja heut' doch nichts zu thun.« Und das Corps der Ratten drängte ihn auf die Bühne und wiederholte unter lautem Gelächter: »ja, ja, er muß ein Pirouette machen!« Nun hatte sich mit dieser Art von Exercice der ehemalige Schneider schon früher eifrigst beschäftigt. Denken wir nur an jenen unvergeßlichen Bürgerball, wo er dadurch den jungen Eduard und die Putzmacherin so sehr entzückte; und er war wirklich im Stande, ein Pirouette zur vollkommensten Zufriedenheit des Signor Benetti und zum vollkommensten Aerger des ersten Tänzers aufzuführen. Doch war er durchaus nicht geneigt, dem Drängen, ja Befehlen dieses jungen unverschämten Volkes nachzugeben. Er sträubte sich mit Händen und Füßen gegen den Vorschlag, diese Tanzübung anzustellen; aber umsonst! je mehr er sich weigerte, um so stärker lärmten die Ratten, und von dem Spektakel angelockt, eilten alle Chortänzerinnen aus ihren Schlupfwinkeln hervor auf die Bühne, hinter Felsen und Büschen, aus Pallästen und Grotten kamen sie hervor und der einstimmige Ruf erscholl: »Dubelli muß ein Pirouette machen!« Umsonst klopfte der Balletmeister, der mit einigen Kunstfreunden im Hintergründe stand, mit seinem Stock auf die Bühne, es half Alles nichts, die Tänzerinnen bildeten einen großen Kreis und sogar Signor Benetti sah sich endlich veranlaßt, lächelnd näher zu treten und seinen Schüler zu ersuchen, dem wilden Volke diesen Gefallen zu thun. Endlich gab er nach, strich das Haar zurecht, wiegte den Oberkörper aus den Hüften heraus, nahm seine Stellung, stieß sich kunstgerecht mit dem Fuße ab, fuhr sechs Mal herum und stand danach wie eine Mauer. – Allgemeines Bravo! – Hiedurch ermuntert und geschmeichelt, machte der Tänzer ein zweites und drittes Pirouette, eins besser als das andere. Sogar der Balletmeister klatschte ihm Beifall zu. Jetzt spähte Dubelli neben sich auf den Boden, wo eine Versenkung mit einem weißen Kreidestrich bezeichnet bereit war, um einen bösen Geist zu Anfang des Ballets in die Hölle hinabzuführen, er wußte, ein leichter Stoß mit dem Fuß war das Zeichen für die Zimmerleute drunten, um die Fallthüre herabzulassen. Dies überlegend und angespornt durch die Blicke des ganzen Personals, die auf ihm ruhten, machte er ein neues wunderschönes Pirouette, stand darauf, sich zierlich verneigend, einen Augenblick still, sprang aber mit einem gewaltigen Satz auf die Versenkung, gab das Zeichen und verschwand unter einem nimmer enden wollenden Beifallsgeschrei. Der Graf, der mit dem Musiker bei Signor Benetti stand, hatte eifrigst applaudirt und wandte sich alsdann zum jungen Künstler, indem er ihm leise in's Ohr flüsterte: »unbesorgt, lieber Freund, wir sind gerettet! Dubelli muß die erste Partie in Ihrem Ballet übernehmen und wird sie glanzvoll ausführen.« Als nun der Tänzer unter dem Podium herauf wieder an das Tageslicht hervortrat, wurde er mit einer Fluth von Complimenten überschüttet. Der Balletmeister schüttelte ihm die Hand, nannte den Sprung etwas gewagt, aber von außerordentlichem Effekt. Die erste Chortänzerin hob stolz den Kopf, als wollte sie sagen: sie sei es, die den Collegen auf die in ihm wohnende Kraft aufmerksam gemacht, und Demoiselle Pauline, die ebenfalls herbeigeeilt war, versicherte ihn, sie sei bereit, morgen, wenn es sein müßte, ein Pas de deux mit ihm zu tanzen. Nur zwei Personen schienen von dem Talent des Herrn Dubelli nicht erbaut, das war der magere erste Tänzer und Mademoiselle Elise, La Prima Ballerina Assoluta. Sie saß in einem kleinen Fauteuil vorn bei den Prosceniumslampen und that, als ob sie den Spektakel gar nicht gesehen. Er drehte der Bühne den Rücken zu und sagte etwas von Seiltänzern, von Mangel an jedem Kunstgefühl, und dann warf die Tänzerin trotzig den Kopf in die Höhe und versicherte, es sei bald auf dieser Bühne gar nicht mehr auszuhalten. Es waren noch einige Vorbereitungen an Maschinerien und Zaubereien aller Art zu machen, ehe die Probe beginnen konnte, und während dieser Zeit näherte sich Graf Alfons der ersten Tänzerin, die er sehr genau gekannt, um ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Doch drehte ihm die schöne stolze Dame, als er nun neben ihrem Fauteuil stand, entschieden den Rücken, antwortete auf seine verbindlichen Redensarten lange nicht und als er nicht nachließ, ihr ein freundliches Wort abzugewinnen, wandte sie ihm das reizende, erzürnte Gesicht zu und sagte heftig: »Graf, ich hasse Sie!« »Das ist ja entsetzlich, schöne Elise!« entgegnete der also Empfangene, »und doch ist mir selbst Ihr Haß schmeichelhaft, man kann nur etwas hassen, dem man einstens Werth beigelegt hat; aber Scherz bei Seite,« fuhr er schmeichelnd fort, »ich glaube in der That nicht, daß ich Ihren Haß verdiene.« »In der That, Sie glauben das nicht?« »Wahrhaftig nicht, schöne Elise!« »Das ist in der That komisch.« »Es ist gar nicht komisch, Ihr Haß ist mir schrecklich, um so mehr, da ich mir nicht bewußt bin, ihn verdient zu haben.« »Sie protegiren meine Feinde!« fuhr die Tänzerin heftig auf, und der Graf entgegnete: »Ich Ihre Feinde protegiren? haben Sie überhaupt Feinde, reizende Künstlerin?« »Sie protegiren jenen jungen Musiker,« sagte sie entrüstet, »Sie protegiren sein abgeschmacktes Ballet, ein Ballet ohne Sinn und Geschmack, wie der Maestro selbst, der es gemacht!« »O, Sie urtheilen in doppelter Hinsicht ungerecht; erstens, indem Sie voraussetzen, daß ich durch meine Protektion jenes jungen Künstlers Ihnen zu schaden beabsichtigte, und dann, daß Sie einen jungen Menschen unsinnig und geschmacklos nennen, der noch nicht das Glück hat, von Ihnen gekannt zu sein.« »Wahrhaftig, Graf,« sagte die Tänzerin bitter lachend, »ich bin nach der Bekanntschaft nicht lüstern. Haben Sie je etwas Lächerlicheres gehört, als das, eine zweite Künstlerin für eine Rolle befähigter zu halten, als die erste, weil die zweite blondes Haar hat? o es ist ganz absurd!« »Nennen Sie es eine Grille,« antwortete begnügend der Graf. »Eine Grille?« rief entrüstet die Tänzerin und fuhr in die Höhe, »eine Laune also? ein junger, unbekannter Mensch wagt es, gegen eine erste Tänzerin grillenhaft, launenhaft zu sein! – doch was ereifere ich mich? mich geht die Geschichte weiter nichts an, und vielleicht ist es auch Bescheidenheit von Ihrem jungen Menschen,« setzte sie höhnisch lachend hinzu, »er zieht es wahrscheinlich vor, sein Ballet zweiten Ranges mit Künstlern zweiten Ranges zu besetzen. Aber Ihnen, Graf, werde ich diese Perfidie niemals vergessen; wie gesagt, ich hasse Sie!« Damit sprang die Dame so hastig auf, daß ihr atlaßnes Mieder krachte und rauschte, und ging in die Coulissen. Der Graf sah ihr achselzuckend und lächelnd nach und sagte zu sich selber: »wenn ich nur einmal das Protegiren lassen könnte! da stehe ich nun, wie Herkules am Scheidewege. Es ist mir zum Bedürfniß geworden, mit den Tänzerinnen auf einem guten Fuß zu leben, ich kann nicht leiden, wem mir eine auf der Bühne ein böses Gesicht macht. Was thun? Sie wieder ärgern und der tugendhaften Pauline nun zuletzt die Cour machen oder der da morgen das kleine Pferd schicken, das sie neulich so auffallend gelobt? mich dauert nur der arme Charles! – – – – Nun, wenn sie ferner keine Geschichten machen will, so will ich das Pferd schon opfern, schreib's zu dem Uebrigen.« – – – In diesem Augenblicke begaben sich die Musikanten an ihren Pult, der Kapellmeister schraubte seinen Stuhl in die Höhe, setzte sich hinauf, grüßte auf die Bühne und schlug die Partitur auf, nachdem er eine Prise genommen. Signor Benetti trat vor, an der Hand führte er die kleine Marie, seinen Liebling, und setzte sie sorgfältig auf den Fauteuil nieder, den die erste Tänzerin eben verlassen. Hier mußte das liebliche Kind die Probe mit ansehen und der alte Italiener trat öfter neben ihren Stuhl und erklärte ihr dies und das. Die Kleine wurde aber auch von dem ganzen Personal auf den Händen getragen, und als nun die Probe begann und der Chor mit Blumenkörben auf die Bühne tanzte, neigten sich Alle freundlich vor dem Kinde und grüßten sie mit Hand und Mund, und die, welche gerade in ihre Nähe kamen, drückten ihr die kleinen Händchen. Nach dem ersten Akte versuchte es der Balletmeister unter Beihülfe des Grafen, nachdem sie vorher den jungen Charles bearbeitet, Demoiselle Elise zu bereden, sie möge die Rolle in dem Ballet übernehmen. Aber umsonst! Sie erklärte fest und bestimmt, eine Partie, die ihr einmal entzogen, nicht anzunehmen. Dann begann der zweite Akt, und da die erste Tänzerin in demselben fast nichts zu thun hatte, so ging sie zu ihrem Fauteuil, auf welchem die kleine Marie saß. Sorgfältig hob sie das Kind empor, nahm es auf ihren Schoos und drückte sein Köpfchen an ihre Brust. Da saß sie nun auf der halbdunklen Bühne, die gefeierte Tänzerin, reich, jung und schön, ein munteres, lebenslustiges Mädchen, und vor ihren Augen entwirrten sich die Touren, in welchen auch sie morgen erscheinen würde, mit ungeheurem Beifall überschüttet; und während sie das dachte und das Kind, das die Tänzerin gern hatte, sich fest an sie schmiegte, wurde ihr Auge feucht und schwere Thränen tropften dann unter den langen, schwarzen Wimpern hervor. Sie umschlang das kleine Geschöpf mit ihren Armen, und der Schmerz, der in ihrem Herzen zuckte, war keine Folge der ihr entrissenen Partie, auch haßte sie in diesem Augenblicke diejenigen nicht, welche ihr die Rolle genommen, weil sie sie genommen, sondern sie haßte sie, weil Beide im öffentlichen Leben einen so verschiedenen Standpunkt einnahmen. Pauline war arm, das heißt, sie hatte nur ihre Gage, und die junge Männerwelt sagte: sie ist ein kaltes Geschöpf. Sie, die erste Tänzerin, dagegen war sehr reich, und die elegantesten jungen Männer geizten darnach, ihr die Hand küssen zu dürfen. An Alles das dachte sie und drückte das unschuldige Mädchen auf ihrem Schooße fester in die Arme. Sie neigte das Gesicht auf das schwarze Haar des Kindes und flüsterte unhörbar: »warum mußt du eine Tänzerin werden, mein Kind? thu' es nicht! flieh' unser glänzendes Elend! so gut, so lieb, so unschuldig! O, wenn ich denken muß, welcher Schmerz nach zehn Jahren in dieser kleinen Brust wohnen wird, wie viel getäuschte Hoffnungen, wie viel Kummer und Leid! O Kind, dir wäre besser, du hättest kein Talent, und Gott möge es denen vergelten, die dich hieher brachten!« Sie drückte ihre heißen Lippen auf die Stirn des Mädchens und sagte unter reichlichen Thränen: »armes Kind, warum willst du eine Tänzerin werden?«. Die Probe ging unterdessen ihren Gang fort, es kam die Scene, deren sich der Leser vom Balletsaal her erinnern wird, das Pas de deux des Ritters Astolfo mit Demoiselle Pauline. »Was sind die Reize meiner Braut, die mir vom Schicksal bestimmt ist, gegen die deinigen, o Holde?« und dann antwortete sie: sie könne ihn nicht lieben, er habe ja eine Braut und doch liebt sie ihn, aber das Schicksal trennt sie unerbittlich. Auch das ging vorüber und das ganze Ballet zur vollkommensten Zufriedenheit des Signor Benetti. Als Alles beendigt war, verließen die Musiker ihre Plätze, der Kapellmeister wechselte noch ein paar Worte mit dem Inspicienten, dann wurden die Lichter an den Musikständern ausgelöscht, die Prosceniumslampen verschwanden, die Theaterwagen mit den ersten Tänzerinnen rollten nach Hause, die Ratten gingen zu Fuß hinweg, unter dem Arm ein kleines Bündel oder ein Paar Schuhe tragend, die nothwendiger Reparaturen bedurften, und die Letzten, die das Opernhaus verließen, waren der Balletmeister, Graf Alfons, Charles der Musiker und der Herr Dubelli. Auf dem Gesicht des Letzteren strahlte ein außerordentliches Glück, und wir finden das begreiflich, nachdem wir die letzten Worte des Signor Benetti vernommen. »Es bleibt also dabei,« sagte dieser würdige Mann, »Demoiselle Pauline behält ihre Partie und Sie, Dubelli, tanzen die andere. Ich will doch sehen, ob ich noch Herr und Meister im Balletsaal bin. Aber, junger Mann, es gilt ein ernsthaftes Studium, Tag und Nacht bis zu der Aufführung, Tag und Nacht unausgesetzt fort, da Sie das ungeheure Glück haben, nach kaum zweimonatlichen Studien eine schöne glänzende Rolle vor dem Publikum tanzen zu dürfen. – Guten Abend, meine Herrn!« Die Pferde des Grafen, die lange gewartet – es war beinahe halb Neun geworden und die Sonne am Untergehen – knirschten ungeduldig in die Zügel und fuhren nun wie der Blitz mit dem leichten Phaeton davon. Der Graf brachte den Musiker nach dessen kleinem bescheidenem Gartenhause vor der Stadt, und als nun der Künstler allein in seinem Zimmer war, setzte er sich an sein Instrument, rief wilde schmerzliche Melodien aus den Saiten und seufzte, indem er das Licht der untergehenden Sonne sah: »o Anna, mein entschwundener Schutzgeist, wenn auch du mein erstes Werk hören könntest!« Sechsunddreißigstes Kapitel. Ein Bürgerball und seine Folgen. Es gibt unter dem, was man gesellschaftliche Formen, oder noch besser gesagt, herkömmliche Anstandsregeln nennt, gewisse Dinge, denen sich die meisten Menschen nur mit Widerwillen unterwerfen, deren Fesseln sich aber der Ungebundenste nicht entziehen kann, wenn ihm ferner daran gelegen ist, unter seinen Mitbürgern zu leben. Wir rechnen hiezu das Hutabnehmen im Allgemeinen, namentlich aber Visiten aller Art; mögen es nun Antrittsvisiten sein, mögen sie nothwendig sein, als von einer Reise zurückgekommen, oder nach einem Diner, einer Abendgesellschaft, alle sind gleich hassenswerth, und das Menschengeschlecht von diesem Zwange zu erlösen, sollten sich einige muthvolle liberale Männer zusammenthun und man sollte gesellschaftliche Grundrechte erfinden und §. 7 müßte heißen: Alle zwecklosen Visiten, sie mögen Namen haben, welche sie wollen, sind aufgehoben. Und wenn man auch drei Tage nach einem Diner nicht vor der betreffenden Thüre kratzfußt, kann man doch ein gebildeter Mensch sein. Die schrecklichste dieser schrecklichen Visiten aber ist eine Species, welche ich dir, geliebte Leserin, schüchtern nenne und welche du sanft erröthend vernimmst: so reizend, hold und anmuthig auch die Quelle ist, aus welcher diese Art Visiten entspringen, so sind sie um so schrecklicher, da sie die Betreffenden Veranlassen, eine kostbare unersetzliche Zeit nutzlos zu vergeuden. Wir meinen nämlich Braut-Visiten. Obgleich wir selber nicht in dem Fall waren, dergleichen zu machen, denn wir glaubten nie, diese Zeitverschwendung entschuldigen zu können, so sehen wir doch täglich dergleichen Schlachtopfer gesellschaftlicher Grausamkeit durch die Straßen rollen, mit langweiligen, ermüdeten Gesichtern, mit einer Leere im Herzen, die selbst für diesen Tag das gegenseitige zärtlichste Händedrücken nicht auszufüllen vermag. Er hat eine lange Liste in der Hand mit circa achthundertvierundachtzig Namen, welche man alle brautvisiten muß. Einige sind freilich so anständig und lassen sich nicht zu Hause finden, und das Brautpaar, über diese feine Aufmerksamkeit entzückt, gibt schnell ein paar Karten ab und der Wagen rollt weiter. Aber die wenigsten von denen, welche auf der Liste stehen, sind so, die allerwenigsten. Gewöhnlich rapportirt der Bediente das Donnerwort: »es wird Herrn und Madame N. N. eine große Ehre sein, und der alten Fräulein Y. ebenfalls«; und Herr und Madame N. N. und die alte Fräulein Y. bilden sich zuweilen noch obendrein ein, sie seien in diesem Moment ungeheuer höflich gegen das Brautpaar, und sie fühlen nicht, daß sie zwei ihrer Nebenmenschen um die kostbarsten Minuten bestehlen. Sie haben das Brautpaar noch gestern Abend in der Gesellschaft gesehen. Thut nichts, sie müssen die vier Treppen hinauf und sich präsentiren. Und was müssen sie da oben hören? Eine alltägliche, langweilige, abgedroschene Leier. Ist die Braut eine Fremde und kommt durch die Heirath in die Stadt, so belobt man den Bräutigam, daß er die Häuser um ein Angenehmes vermehrt und die Damengesellschaft um eine reiche Zierde bereichert. Ist er aber fremd und nimmt die junge Dame mit sich, dann wird er sanft geschmäht und man bedauert unendlich, daß er die schönste Perle der Mädchenwelt so grausam den stillen Vergnügungen der heimathlichen Stadt entreiße. Dann ist man ferner von ewiger Freundschaft überzeugt, oder hofft auf ein baldiges Wiedersehen, es werden Stühle gerückt und unten im Wagen angekommen, ist der Bräutigam hoch erfreut, auf seiner Liste einen neuen Strich machen zu können. Oben in seinem Zimmer aber sagt der Herr N.: die Braut hätte wohl eine andere Partie machen können, und dasselbe sagt Madame R. vom Bräutigam. Auch die alte Fräulein Y. seufzt von so vielen verfehlten Hoffnungen im Allgemeinen, von schlechten Ehen im Speciellen und schätzt sich glücklich, daß sie allen Versuchungen bis jetzt glänzend widerstanden. Einen solchen Brautvisitenwagen kennt man schon von Weitem. Wo keine eigene Equipage vorhanden, da bedient man sich einer nicht nummerirten Droschke. Die Geschirre sind blank geputzt, der Wagen und der Kutscher ebenfalls. Letzterer befindet sich im blauen Rock mit rundem Hut und neben ihm sitzt ein Lohnbedienter im schwarzen Frack, weißer Halsbinde, ditto baumwollenen Handschuhen und mit einem erfreulichen, sehr heiteren Gesichtsausdruck. Dieser Ausdruck steigert sich zu einem seligen Lächeln, wenn er irgendwo die Klingel zieht und der Braut den Wagenschlag öffnet. Zuweilen während des Fahrens schleicht sich aber auch ein ernster, melancholischer Zug über sein Gesicht, und dies geschieht gewöhnlich in der Nähe einer der Hauptkirchen, denn da denkt er an das morgige Leichenbegängnis;, bei welchem er, in derselben Kleidung wie heute, ebenfalls eine Rolle spielen wird, und probirt schon die Miene für Morgen. Eine solche Kutsche nun bewegt sich bei dem langsamen Hundetrapp der Pferde in stiller Langweiligkeit Nachmittags durch die Straßen der Residenz, von denen die brennende Sonne des Spätsommers Fußgänger und Wagen ziemlich vertrieben. Die Brautkutsche hält fast vor jedem Hause, und da das Paar in demselben beinahe in jedem Hause angenommen und hinaufgenöthigt wird, so sind wir fest überzeugt, es muß etwas Außerordentliches, ganz Besonderes sich in der Kutsche befinden. Dort in dem großen Hause bleiben sie ziemlich lange, jetzt aber bellt ein Hund die Stiegen hinab, der Lohnlakai öffnet die Thüre – aufgepaßt! – – – – Lieber Leser, verzeihe uns die sonderbare Ueberraschung, aber Wahrheit vor Allem! – Es ist der junge Eduard und die Honoratiorentochter, welche dort in den Wagen hüpfen. Die Sache ist ziemlich unglaublich, aber wir können sie nicht läugnen. Doch wollen wir uns bemühen, so viel wie möglich den unsichtbaren Fäden nachzuspüren, welche diese Verbindung geknüpft, und sehen uns deßhalb veranlaßt, in unserer Erzählung einige Monate zurückzugreifen, bis zu jenem Moment, wo der Herr Dubel, jetzt Dubelli, ein zweiter Joseph, die Flucht ergriff. In dem Zimmer der Kiliane blieb damals Niemand zurück als Tante Elise mit ihrem Schmerz. Aber dieser Schmerz war fürchterlich, und Tante Elise war es nicht minder. Vergebens sehnte sie sich nach einem Opfer, das bereit sei, ihrem Grimme zu fallen. Es war Niemand da, die Kiliane erschien nicht wieder und die alte Katze derselben schien kein genugsam aufopferndes Gemüth zu besitzen, um sich ungestraft knuffen zu lassen. Tante Elise raffte demnach Hut und Shawl zusammen, und eilte auf die Straße, wo die einbrechende Dämmerung und der würzige Hauch der Frühlingsluft ihren Schmerz einigermaßen besänftigte und ihren Zorn in reichliche Thränen auflöste, die unter dem Schleier über ihre dicken Backen herabflossen. Wohin mich wenden? fragte sie sich selbst und die Beantwortung dieser Frage war nicht leicht. Soll ich nach Hause in meine einsamen Zimmer, kann ich mit verweinten Augen ins Theater oder zu einer Freundin, und welche von den letztern wäre passend, um ihr irgend eine fabelhafte Geschichte zu erzählen, die ihr Mitleid rege macht? – Daß Tante Elise natürlich nicht im Sinne hatte, das Vorgefallene, wie es sich wirklich begeben, zu erzählen, kann sich jeder Unbefangene selbst denken. Da fiel der armen Dulderin die Hofräthin ein, und sie beschloß, am Busen dieser fühlenden Frau, welche wußte, was Jammer des Herzens sei, sich auszuweinen. Hatte nicht die Hofräthin ihrerseits den Augen der Tante Elise ebenfalls manches Thränenspiel zum Besten gegeben, und konnte Letztere deßhalb nicht ein Gleiches erwarten? Gesagt, gethan. Es trieb die Honoratiorentochter eilenden Laufes durch die Straßen, ein allgewaltiges Schicksal jagte sie und ließ nicht ab von ihr, bis sie das Haus der Hofräthin erreicht, bis sie die Treppen hinaufgeeilt, bis sie die Glasthüre geöffnet hatte und nun bereit war, ins Zimmer zu stürzen an den Busen ihrer mütterlichen Freundin. Hier stand sie einen Augenblick still und wunderte sich ein paar Sekunden lang, daß sie Hofraths Mine nicht in der Küche beschäftigt hörte. Doch da es zuweilen vorkam, daß diese Dame ihre eigenen Gänge zu besorgen pflegte, in der Zeit des Zwielichts, wo die Hofräthin es außerordentlich liebte, in ihrer Sophaecke zu sitzen und über ihr Vergangenes freudenloses Leben nachzudenken, und deßhalb auf das Treiben des Dienstmädchens nicht genau Acht gab, so dachte die Honoratiorentochter, es sei heute ebenfalls so, eilte in das Zimmer der Hofräthin und warf sich, um ihren Eintritt recht ergreifend zu halten, schluchzend auf das Sopha und in die Arme – nicht der Hofräthin, wie sie erwartet, sondern des jungen Eduard, der hier in der Ecke einem sanften Schlummer oblag. Dieser vortreffliche junge Mann hatte heute sein Comptoir geschwänzt und eine kleine Landpartie gemacht, aber durchaus nicht in der Absicht, um der Arbeit zu entgehen, vielmehr mit dem sehr löblichen Vorsatze, etwas Nützliches zu erlernen, indem ein anderer junger Buchhändler, der lange am Rheine conditionirte, versprochen hatte, ein neues, sehr gutes Getränk anzufertigen, bekannt unter dem sanften Namen: Maitrank, und dessen Recept mitzutheilen. Dies war auch geschehen. Der Maitrank gelang außerordentlich gut und eine allgemeine Erheiterung war die Folge der zweiten Bowle. Man kann sich denken, daß der junge Eduard, vollständig überrascht, aus seinem Schlummer emporfuhr, und da ihm geträumt, er müsse sich an irgend einen beliebigen Pfeiler anklammern, um nicht in ein wildes tosendes Meer zu seinen Füßen zu fallen, so hielt er einen Augenblick die erschrockene Honoratiorentochter fest in seinen Armen. Bald aber klärte sich das Mißverständniß auf, und in dem Zimmer dagegen wurde es immer dunkler. Wir wollen mit dieser Aufklärung nicht gesagt haben, als ob die Honoratiorentochter die Scene, welche sie mit dem Herrn Dubel gehabt, erzählt – Gott bewahre! sondern sie erfand vielmehr ein recht artiges Mährchen, an dessen Schlusse sich der junge Eduard in dem Glauben befand, als habe Tante Elise seit jenem unvergeßlichen Ballabend seiner zärtlich gedacht, ja, ihn eigentlich geliebt. Dafür nun bezeugte sich Eduard sehr dankbar; auch er erklärte der Tante Elise, nach jenem ersten Tage beständig mit einer Hochachtung, die an Liebe grenze, ihrer gedacht zu haben, und als die Hofräthin, vielleicht eine Stunde später, nach Hause kam, fand sie zu ihrem größten Erstaunen ein Brautpaar vor, das sich ihren mütterlichen Segen erbat. Was wollte die gute Frau machen? Sie kannte die Honoratiorentochter als ein sehr braves verständiges Mädchen, die mit einem anständigen Vermögen sehr viele Vorzüge des Geistes und Herzens verband. Den jungen Eduard zu bessern, hatte sie ohnedies als zu schwierig aufgegeben und beschloß, dieses seiner Frau zu überlassen. Der Hofrath Vater machte an demselben Abend ebenfalls eine gute Miene zum bösen Spiel, meinte aber in den nächsten Tagen und Wochen, der junge Eduard sei eigentlich viel zu jung zum Heirathen und müsse noch ein paar Jahre zuwarten, wogegen sich aber Tante Elise auf's Entschiedenste erklärte, und fest darauf bestand, die Hochzeit müsse in ganz kurzer Zeit vor sich gehen. Das sollte also geschehen und die Brautvisiten wurden schleunigst abgemacht. Nur müssen wir bei dieser Gelegenheit noch bemerken, daß der junge Eduard, als er in den Wagen stieg, durchaus nicht das freudetrunkene Gesicht zeigte, das man an den meisten Bräutigamen zu sehen gewohnt ist; vielmehr sah er oftmals schüchtern die Straße hinauf und hinab, und wenn ihm alsdann die Tante Elise die Hand zum Schlage hinausreichte, um ihn sanft hineinzuziehen, so war es, als fasse ihn ein finsteres Verhängniß und ziehe ihn gewaltsam ab von den Freuden dieses Lebens und einer trüben Zukunft entgegen. Man kann sich denken, daß nichts desto weniger im Hause der Tante Elise, sowie in dem der zukünftigen Schwiegereltern viel Lust und Freude herrschte. Die junge Braut saß regelmäßig des Morgens mehrere Stunden im Prunkgemache ihres Appartements und nahm Gegenbesuche an. Dieses Prunkgemach, wie es die meisten Familien, welche wissen, was sich geziemt, besitzen, war das schönste im Hause, sehr elegant möblirt und wurde nur bei großen Veranlassungen gebraucht. An gewöhnlichen gemeinen Tagen waren hier die Fensterläden verschlossen, die Vorhänge herabgelassen, Plüsch-Sopha und eben solche Stühle waren mit weißem Zeug verhängt, ebenso der Kronleuchter an der Decke und es sah aus, als trüge der Haken, an dem er hing, einen ungeheuren Kuchen in einer riesenhaften Serviette. Die Goldrahmen der Spiegel waren mit Gaze verkleidet, und im ganzen Raume wehte jener bekannte Duft, den man in verschlossenen Zimmern findet. Es ist etwas sehr Trostloses um diese Prunkstuben; finster und unbewohnt liegen sie zwischen den andern Zimmern, als befinde sich darin ein Gestorbener oder als sei sonst etwas Schreckliches da verwahrt. Der Hausherr mit seinen Stiefeln darf dieses Heiligthum nie betreten, die Mutter nur geht zuweilen leisen Schrittes hinein, um den Staub abzuwischen, die Kinder schleichen entsetzt hindurch, denn sie fürchten, einer der weißen Vorhänge, die auf dem Sopha ruhen, hebe sich langsam empor und zeige das Gesicht eines Kobolds, der sich dort eingenistet. So sind jene Stuben, und manche Hausfrau würde sie gern aufschließen und sich beständig an den freundlichen hübschen Möbeln erfreuen, aber sie darf nicht, da die alt hergebrachten Regeln, von denen wir oben zu sprechen die Ehre hatten, dagegen sind, und keine ihrer Bekannten das beste und wohnlichste Zimmer zum Wohnen benutzt. In des Hofraths Hause ging es nun schon lustiger und vergnügter zu, als in dem der Braut. Stadtrath Schwämmle, der anfänglich auf's höchste überrascht war, hatte sich doch mit der Partie einverstanden erklärt, und meinte, ein solcher Wildfang wie der junge Eduard sei eigentlich nur durch eine solide, gesetzte Frau zu bändigen. Er hatte so eben die Visite der Schwiegereltern erwiedert, – denn auch diese sind bei derlei Veranlassungen gezwungen, ihre Bekannten unnöthiger Weise zu belästigen, wie denn überhaupt die Verlobung eines bekannten Brautpaars eine ganze Stadt in Allarm bringen kann – und ging vergnügt und händereibend in seinem Zimmer auf und ab. Doch glaube man nicht, daß die große Seele dieses würdigen Stadtvaters durch die Aussicht auf eine große Hochzeit in Jubel versetzt worden sei, – weit gefehlt! Vielmehr waren heute Morgen andere sehr erfreuliche Nachrichten eingelaufen, welche in nichts Geringerem bestanden, als daß der Stadtrath beschlossen und die Regierung genehmigt habe, den Bau einer neuen Kirche unverzüglich in Angriff zu nehmen. Des Löschcorps wurde vorderhand nicht weiter gedacht, denn es hatte den ganzen Winter nur sechsmal gebrannt, und es waren durch mangelhafte Rettungsanstalten nur vier brave Familienväter verunglückt, als sie ihren Nebenmenschen zu Hülfe eilen wollten. Die frommen Seelen der Stadt hatten bedeutende Beiträge, eine verstorbene Wittib hatte mitten in der Stadt einen sehr schönen Bauplatz für die projektirte Kirche dem Baucomite testamentarisch vermacht, mit der ganz bescheidenen, anspruchslosen Bedingung, daß ihr Name am Altarstein eingravirt würde. Da dies natürlicher Weise bewilligt wurde, so hatte man den Bauplatz bereits in Beschlag genommen, und eine Menge gottgefälliger alter Jungfern begannen, als sie vom Vermächtniß gehört, eine große, wunderschöne Decke zu sticken, welche zum Zweck hatte, den Altarstein und jenen Namen auf ewige Zeiten vollständig zu verhüllen. Stadtrath Schwämmle eilte in seinem Zimmer auf und ab, hielt die Hände auf den Rücken und hatte ein Papier in denselben, von welchem er aber dieses Mal keine Rede memorirte. Dieses Papier war nichts weniger als eine feierliche Danksagung des gesammten Magistrats für Schwämmle's vielfache und erfolgreiche Bemühungen pro Gasbeleuchtung und pro neue Kirche. Es war eine papierne Bürgerkrone, welche ihm überreicht ward, zugleich mit dem sehr ambitionirten Posten eines Vorstandes des Stiftungsrathes – ein sehr wichtiger Posten für Kirche und Schule; aber wo fand sich zu dem erledigten Posten ein Würdigerer, als Vater Schwämmle? Häufiger als je blieb er an der Thüre des Nebenzimmers stehen und warf der dicken Gattin einige Worte hinein, sprach von Beharrlichkeit und schönstem Ziele, von außerordentlicher Willenskraft und glorreichem Ueberwinden aller Schwierigkeiten und setzte am Ende ganz gerührt hinzu: wie er seinem Schöpfer zu so großem Danke verpflichtet sei, da es ihm gestattet, der Familie Schwämmle einen so neuen und noch nie dagewesenen Glanz zu verleihen. Umsonst wartete der Gatte nach dieser feierlichen Rede auf einige Acclamation aus dem Nebenzimmer! Die dicke Stadträthin blieb vor der Hand stumm, und man vernahm nichts, als das Geklapper ihres Bügeleisens, mit welchem sie lebhaft hantierte. »Es ist aber auch an der Zeit,« fuhr der Stadtrath fort, »die Anhänger der Partei zu belohnen und es die Gegner fühlen zu lassen, daß sie nicht bloß gegen uns, sondern auch gegen die heilige Kirche gefrevelt.« – Er hob bei diesen Worten sein Kinn drohend aus der Halsbinde hervor und ließ es einen Augenblick frei um sich schauen, ehe er es wieder in die Tiefe derselben hinabtauchte. »Ich werde es machen wie die Minister in großen Staaten, und nur unsere Freunde und die, so ihnen zugethan sind, sollen ruhen unter dem Schatten des neuerschaffenen Oelbaums. Ich habe da eben,« sagte er mit erhobener Stimme und rauschte mit einigen Papieren, »die Meßnerei, den Dienst eines Küsters an der Stadtkirche zu vergeben, und wer wäre hiezu tauglicher, als der gute Steinmann, jener mißkannte und so vielfach falsch beurtheilte Mann?« Vater Schwämmle blickte bei diesen letzten Worten, die er sehr laut gesprochen, forschend nach der Thüre des Nebenzimmers und lächelte sanft, als er hörte, daß dort das Bügeleisen lebhaft niedergesetzt wurde, und als die Stimme der Stadträthin nun erscholl, welche sagte: »so ist es denn wahr, was sich die halbe Stadt mit Verwunderung erzählt, du wollest dem Steinmann, dem einäugigen Polizeidiener, zu der Meßnerei in der Stadtkirche verhelfen, allen Gegenvorstellungen zum Trotz und zum Skandal der Bürgerschaft, die jenen Menschen mit vollem Recht verabscheut?« »Liebe Frau,« entgegnete der Stadtrath sehr sanft, »die Welt pflegt nur nach dem Aeußeren zu urtheilen, und dieses ist allerdings an dem guten Steinmann nicht das Empfehlungswertheste. Ich aber habe den Kern, das Innere desselben ergründet, und bin mir bewußt, keinen Fehlgriff zu thun.« Die Stadträthin wollte etwas heftig erwidern, doch sagte Vater Schwämmle, nachdem er einen Blick durch's Fenster geworfen: »ich bitte dich, Frau, mäßige deine Stimme, ich sehe den wackeren Steinmann unserm Hause sich nähern und möchte nicht gern, daß er es vernähme, wir zwei Eheleute seien in einem Streit begriffen, und gar in einem Streite, der seine Person angeht.« – Die Stadträthin eilte in ihr Zimmer zurück, die Thüre flog ziemlich heftig in's Schloß, und als es draußen schellte und der Steinmann eintrat, rumorte das Bügeleisen,, oder vielmehr zwei Bügeleisen, indem Stadtraths Ricke das andere führte, auf eine wirklich erschreckliche Art. Vater Schwämmle, der im Grunde seines Herzens ein gemüthlicher Mensch war und alles Ernstes überzeugt, der Kern in der häßlichen Steinmann'schen Schale sei rein und echt, reichte dem Stadtsoldaten gerührt die Hand, vergrub sein Kinn tief in die Halsbinde und war sichtbarlich ergriffen, als er nun dem Steinmann das große Glück, welches ihn erwarte, mittheilte. Auch über die Züge des nunmehrigen würdigen Meßners flog ein falber Schein von Freude, ein unheimliches Wetterleuchten des Entzückens, und er fand nicht Worte, seinen Dank auszudrücken. Er hörte auch nur mit halbem Ohr, was ihm der Stadtrath von der neuen Kirche sagte, und empfahl sich so bald wie möglich und ging so nachdenklich seines Weges, daß er beim Weggehen nicht einmal Stadtraths Ricke bemerkte, welche ihm freundlicher als sonst die Glasthüre öffnete. Der Steinmann schien mit seiner Ernennung in der Tasche augenblicklich den Polizeibeamten ausgezogen zu haben; wenigstens ging er auf der Straße theilnahmlos bei einigen Buben vorbei, die in ernstlichem Streit mit einer Obsthändlerin begriffen waren, er sah eine Droschke auf der Straße dahingaloppiren, ohne sie anzurufen oder sich die Nummer zu merken, ja, er bemerkte mehrere Cigarrenraucher und stellte sie nicht zur Rede. Es war aber nicht die Freude über seine Ernennung, welche ihn so nachdenklich machte; denn er wünschte im jetzigen Augenblicke die Stelle eines Meßners nicht ambitionirt zu haben, ja er wollte, sie wäre nicht erfolgt und er harmloser Polizeisoldat geblieben. Ihm graute vor der Kirche, und wenn es auch bei ihm lag, ein anderes Leben anzufangen, so war es ihm doch nicht möglich, das Andenken an vergangene Tage zu verwischen. Doch dauerten diese de- und wehmüthigen Betrachtungen nicht gar zu lange, und als er sich den Zorn der vielen durchgefallenen Aspiranten auf diese Stelle lebhaft vorstellte, so blinzelte sein eines Auge freundlicher und er schritt wieder erhobenen Hauptes dahin. Eilig nahm er seinen Weg nach dem Stadtgraben, verschwand hinter dem Hause, in welchem die Jungfer Kiliane wohnte, drückte sich an den Häusern in den engen Gäßchen hin und eilte schnell durch die Hinterthüre der Holzställe über die Treppe hinauf in die Wohnung der Frau Müller. Dort schien man ihn erwartet zu haben, wenigstens der Gevatter, der in ausgelassener Lustigkeit entsetzlich schielte und, auf dem Sopha sitzend, die Füße lustig hin und her schlenkerte. Die Frau saß in der Ecke des Zimmers und nähte an einem alten Ueberock. »Wie gerufen, wie gerufen!« lachte der Gevatter dem Eintretenden entgegen; »rathet, was ich hier für Euch habe!« »Nun, was wirds sein!« sagte mürrisch der Steinmann; »irgend eine Gaunerei, eine schlechte Geschichte, oder,« setzte er freundlicher hinzu, »am Ende ein Brief von der Anna – wie, Alte?« Die Frau gab keine Antwort, ja, sie blickte nicht einmal in die Höhe; der Gevatter aber rief lustig: »besser als das, viel besser als das! Na, rathet einmal! – Könnt Ihr nicht? Habt Ihr gar keine Ahnung? Nun, ich will es Euch sagen, – Briefe aus Mailand habe ich, schöne Briefe aus Mailand, poste restante an Eure Adresse, ich habe sie von der Post geholt. Da nehmt! Gott verdamm mich, die haben schnell geantwortet!« Der Steinmann wechselte einen Augenblick die Farbe, aber kaum merklich, als ihm der Gevatter das Packet überreichte; dann schielte er zu der Frau Müller hinüber, welche aber wie vorhin that, als achte sie nicht auf das Gerede der Beiden. Darauf trat er mit dem Packet ans Fenster, riß den Umschlag ab und der Gevatter, der vom Sopha aufgestanden war, lehnte sich an dasselbe und sah forschend in das geöffnete Packet und auf die Züge des Steinmanns. Es waren ein paar Briefe in demselben, sowie einige zusammengefaltete Papiere, welche das gierige Auge des Gevatters alsbald für Wechsel erkannte. Der Steinmann las die Briefe durch, sein Gesicht wurde ernster und ernster, und er ließ die Unterlippe nachdenklich herabhängen. Als er mit Lesen fertig war, fuhr er mit der Hand über die Augen und sagte: »ich wollte wahrhaftig, wir hätten das nicht gethan. Da ist ein Schreiben darin von dem Vater des kleinen Mädchens, der gar kläglich und gerührt über den Tod desselben thut.« Der Gevatter rieb sich vergnügt die Hände, während die Frau Müller näher trat und sich angelegentlich erkundigte, von welchem Kind und von welchem Todesfall man eigentlich spreche. »Faxen, Faxen!« rief lustig der Gevatter. »Frau, Ihr bekommt ein merkwürdig schlechtes Gedächtnis; in der letzten Zeit. Ihr wißt doch, die Papiere, die ich drüben mitnahm, die von dem kleinen Mädchen, das bei der Welscher wohnt – nun ja! – und da haben wir deren hochgeborenem Papa geschrieben und ihm angezeigt, daß Mutter und Kind gestorben seien, und daß wir braven Leute sie bis zu ihrem Ende unterstützt und ihnen die letzten Stunden leicht gemacht. – Ha! ha! ha! und jetzt schickt der Herr einiges Geld – nun, wie viel ist's denn?« Er griff mit zitternden Händen nach den Wechseln. »Es sind nach unserem Geld achthundert Gulden,« sagte der Steinmann und eine tiefe Röthe schlug auf seinem Gesicht auf. »Achthundert Gulden!« jauchzte der Gevatter, und die Frau schauderte zusammen und ging in ihre Ecke zurück. »Achthundert Gulden,« wiederholte der Steinmann, setzte sich an den Tisch und breitete die Wechsel vor sich aus. Der Gevatter wollte darnach langen, aber der Stadtsoldat legte seine breite Hand darüber hin und wehrte ihn ab, »Ich wollte,« sagte er alsdann, »wir hätten die Geschichte nicht gemacht, es ist riskirt, es kann herauskommen, wahrhaftig ich wollte, es wäre nicht geschehen!« »Wie ist mir denn, Gevatter?« lachte der Andere und sah dem Steinmann starr ins Gesicht. »Seid Ihr fromm geworden, oder ist es vielleicht wahr, was man sich in der Stadt munkelt, man habe Euch die Meßnerei an der Stadtkirche übertragen? He! was ist Wahres daran?« »Ja,« sagte der Steinmann fest und bestimmt, »es ist so, und deßhalb bin ich eigentlich da, um mit euch Beiden ein paar ernste Worte zu sprechen. Mit dir und mit der Frau da.« Der Gevatter stützte die Ellbogen auf den Tisch, legte den Kopf darauf und horchte aufmerksam zu, ohne einen Blick von den Wechseln abzuwenden. »Ihr wißt,« sagte der Steinmann, »daß ich stets mit euch treu und redlich zusammen gehalten, daß wir eine Reihe von Jahren gute Geschäfte gemacht, und daß ich euch in keiner Weise übervortheilt. Gebt das zu, Gevatter, und Ihr auch, Frau, das Bischen, das ich hie und da mehr bekam, war nicht der Rede werth für die größere Arbeit, für die Gefahr, in der ich beständig geschwebt, und für den trefflichen Rath, den ich Euch immer gegeben, nicht zu gedenken des polizeilichen Schutzes, der Euch durch mich zu Theil wurde. Ich habe Euch aber schon vor längerer Zeit gesagt, daß, wenn ich einmal in den Fall komme, meine bisherige Stellung zu verlassen und mich zu verbessern, alsdann unsere Verbindung aufhören müsse, und der Augenblick ist jetzt gekommen. Es ist wahr, ich habe den Meßnereidienst an der Stadtkirche erhalten, und ebenso wahr ist es, daß ich einestheils auf diesem Posten doch schicklicher Weise unsere Geschäfte nicht fortsetzen kann, und daß ich Euch anderntheils wenig mehr nützen kann, indem ich meine bisherige Stellung verlasse. Deßhalb müssen wir uns trennen.« Der Gevatter nickte finster mit dem Kopfe und die Frau nähte ruhig weiter. »Ja,« fuhr der Steinmann fort, »wir müssen uns trennen, aber in Freundschaft. Was die Frau Müller anbelangt, so wird sie schon einen kleinen Erwerb finden, und bin ich auch gern bereit, ihr, wo es thunlich ist, mit gutem Rath an die Hand zu gehen. Ihr aber, Gevatter, müßt die Stadt verlassen und das sobald wie möglich. Ich kann Euch versichern, Ihr seid in den Registern der Polizei ungeheuer schlecht angeschrieben, man späht Euch nach, und wenn sie Euch einfangen, so sitzt Ihr ohne Gnade für eine lange Reihe von Jahren. Nehmt deßhalb Euren Wanderstab und zieht in's Teufels Namen von hinnen. Hier sind die Mittel, daß Ihr eine Zeit lang Euer Leben anständig fristen könnt, und dann müßt Ihr Euch anderswo selbst helfen. Von dem Betrag dieser Wechsel will ich nichts.« »Nichts, gar nichts?« sagte der Gevatter mit gierigem Auge; »das soll Alles mein sein?« »Nicht so ganz, mein Freund,« versetzte der Steinmann listig lächelnd; »bedenkt unsere wackere Frau Müller, und dann will ich Euch etwas sagen, was ohne Widerrede gilt: hier sind achthundert Gulden, die theile ich in zwei gleiche Hälften – schaut mich doch nicht an, wie ein böser Hund, ich will ja nichts von dem Bettel, – die eine Hälfte, vierhundert Gulden, ist für Euch, die anderen vierhundert Gulden aber sind für das Kind selbst, dem wir die ganze Summe eigentlich doch gestohlen.« Die Frau blickte zweifelnd von ihrer Arbeit auf und der Gevatter knirschte mit den Zähnen. »Seid doch nicht so dumm und habgierig!« sagte der Steinmann heftig, »wir müssen dem Kinde etwas abgeben – den Teufel auch, wer weiß, ob der Italiener nicht seinen Korrespondenten hier hat! Ich glaube wohl, daß Euch Alles einerlei ist, aber nicht mir. Mein Name hat auf dem Briefe gestanden, und wenn von der Geschichte je etwas herauskäme, so würde man sich an mich halten; also keine Widerrede; wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Ich bringe Euch morgen die vierhundert Gulden – oder mich soll der Teufel holen, wenn ich nicht die Wische da vor Euren Augen zerreiße, dann habt Ihr gar nichts.« Der Gevatter vergrub die Hände in sein Haar, murmelte etwas vor sich hin, und als er vergeblich versucht, den Steinmann zum Nachgeben zu bewegen, sagte er mürrisch: »und was meint die Frau dazu?« »Ich?« erwiderte die Müller, »o, laßt mich bei der Geschichte aus dem Spiel, ich will nichts, gar nichts von Eurem Geld.« »Nichts?« sagte der Gevatter grinsend; »ei, das ist schön! dann kommen auf meinen Theil vierhundert Gulden, ich laß' mir das gefallen.« »Nein, nein!« sprach der Steinmann eifrig, »die Frau muß ihren Theil haben; wovon will sie leben, wenn das Geschäft aufhört?« »Vielleicht werde ich arbeiten,« sagte die Frau mit Thränen in den Augen und blickte nach dem Zimmer, wo ihre Tochter gewohnt. »Kümmert euch nicht um mich, ihr Herrn, denkt nicht mehr an mich.« Der Steinmann zuckte mit den Achseln, raffte Wechsel und Briefe zusammen und stand auf. Die Frau erhob sich ebenfalls von ihrem Platze und sagte: »Laßt mich den Brief lesen, den der Vater des Kindes geschrieben hat.« »Wozu, Frau?« entgegnete der Steinmann; »es ist ein jammervoller Brief, hätt' nicht geglaubt, daß dem Herrn das uneheliche Kind so am Herzen liegt, obendrein da er verheirathet ist, wie der italienische Advokat schreibt.« »Aber er hat vielleicht weiter keine Kinder?« sagte forschend die Frau. »So scheints in der That,« entgegnete der Steinmann, nachdem er noch einen Blick in die Papiere geworfen. »Ich glaube, er wäre im Stande gewesen, das Mädchen zu sich zu nehmen; er ist aber jetzt nach Sicilien abgereist.« »Und wie heißt der Herr?« forschte die Frau weiter und der Gevatter sagte lachend: »Ja, das möchte ich auch wissen!« »Graf von St. Alban,« las der Steinmann aus dem Briefe und steckte seine sämmtlichen Papiere in die Tasche, worauf der Gevatter lustig sagte: »Nun, jetzt weiß ich doch, wem ich dankbar bin, und werde wahrhaftig nicht ermangeln, einige Schoppen auf das Wohl des Grafen von St. Alban zu trinken – wann bekomme ich mein Geld, Steinmann?« »Morgen früh,« entgegnete mürrisch der Stadtsoldat. »Ihr könnt kommen und es bei mir holen; aber schmiert Eure Sohlen und packt Eure Garderobe zusammen. Ihr müßt morgen noch die Stadt verlassen. An Euch werde ich denken, Frau.« Damit ging er die Treppen hinab, gefolgt von dem Gevatter, der in dem dunkeln Vorplatze zurückblieb, bis der Steinmann die nächsten Gäßchen hinter sich hatte. Dann schlüpfte auch er auf die Straße. So waren denn die Verbündeten zum letzten Male freundschaftlich bei einander gewesen, und es hatte sich ein Bund aufgelöst, der so lange und fest gehalten in guter und schlechter Zeit. Der Steinmann war der Einzige, der, wie immer, sich mit Vortheil zurückzog, während des ganzen Zusammenlebens mit seinen Verbündeten und so auch heute. Lustig und vergnügt schritt er durch die Straßen, die gute Meßnerei in Aussicht und achthundert Gulden in der Brieftasche, von denen er freilich vierhundert abgeben mußte, doch blieben ihm noch immerhin vierhundert, um – seine ersten Ausgaben beim Antritt des neuen Amtes bestreiten zu können. Siebenunddreißigstes Kapitel. Aus dem Marstall. Der Sommer war vergangen, der Herbst gekommen. Alles Laubwerk in den Spaziergängen und in den Waldungen um die Stadt nahm die wohlbekannte, malerisch bunte und so wehmüthige Färbung an. Schöner ist der Anblick der Natur in diesem Theile des Jahres, als im Frühling, aber nicht so lieblich, nicht so hoffnungs- und wonnevoll. Der Herbst, ein stattlicher Mann bei Jahren, mit gebräunter Wange und leicht ergrautem Haar, geht langsamen Schrittes nach dem Hause, das er sich gebaut, um darin zu sterben und nicht mehr zum Vorschein zu kommen. Wohl athmet man noch längere Zeit sein Dasein; aber seit die letzten Blätter von den Bäumen fielen, seit der Wind mit eisigem Hauch über die Stoppeln jagt, spricht man leiser vom vergangenen Jahr, sehr leise, damit der sterbende Herbst nicht erfahre, daß man von seinem Regimente nichts mehr hält und daß man sich nur auf den zukünftigen Herrscher freut. Armer alter Herbst! Sie haben dich bei lebendigem Leibe beerbt, ja, sie haben Alles genommen, was du ihnen so freundlich, ja reichlich geboten. In Keltern und auf Speichern lagern deine Gaben in bunten farbigen Haufen. Das ganze Menschengeschlecht hast du bedacht und jede Altersklasse besonders, und wenn das Kind in den rothbackigen Apfel beißt, so versucht der Mann prüfend den neuen schäumenden Wein und dankt dir kaum, wenn er ausgezeichnet ist, und schmäht dich, wenn er den vorjährigen nicht übertrifft. – Armer alter Herbst! Die Menschen sind ein undankbares Geschlecht; wie haben sie in deinem Arme, an deinem warmen, liebevollen Herzen geschwelgt, so lange du noch frisch und jung warst! Jetzt verläugnen sie dich alle, und wenn man von dir spricht, ein seltener Treugebliebener nämlich, und will dich aufsuchen auf ödem Feld und in entblättertem Walde, so sagen sie: bleib' doch zu Hause, der Spätherbst ist unangenehm! – So entschläfst du sanft und selig, im süßen Bewußtsein all' des Guten, das du gethan, und flüsternde Nachtwinde vertrauen dem neuen Winter, der nun mit starker Hand das Regiment ergreift, wie das undankbare Menschengeschlecht mit dir umging. Das macht den Winter hart und wild, denn er denkt: wartet, ich will euch schütteln! Und er schüttelt und bläst und saust und kracht durch die Natur und seine wilden Gesellen, die Schneewinde, schlagen den Menschen die Thüre vor der Nase zu, wenn sie in's Freie wollen, und zerzausen sie, wo sich einer sehen läßt. Der Winter selbst aber schreitet hohnlachend einher und schüttelt seine weiße Pelzmütze, und wenn er sie schüttelt, rufen die Menschen: es schneit, es schneit! So war es denn wieder einmal Herbst geworden. Der Wind, der des Morgens über die Stoppeln zur Stadt kam, riß in den Alleen ganze Körbe voll Blätter ab und warf sie auf den Boden, einen buntfarbigen Teppich bildend, was ganz allerliebst aussah. Reizendes schuf die herbstliche Natur bei einem kleinen Rasenplatz vor dem Schlosse, – ein frischer, grüner Fleck, umgeben von einer doppelten Reihe uralter Kastanienbäume, welche ihre dürren Blätter schon fast alle fallen ließen, und so sah der Platz aus, wie mit einem kolossalen, grünen Shawl bespannt, dessen Bordüre das herabfallende Laub gebildet, Gelb in Gelb, Roth, Braun, Violett, die wunderlichsten und schönsten Figuren in allen erdenklichen Farben. Die Bäume vor dem königlichen Marstall waren ebenfalls entblättert, und die Stallwache, die heute da saß und in die Anlagen hinausblickte, konnte bis an's äußerste Ende desselben sehen und bemerkte große Teiche mit Schwanenhäusern, Statuen, Gebäude: lauter Sachen, die sonst dem Blick durch die grüne Laubwand verdeckt waren. Als wir uns, geneigte Leser, zum letzten Mal hier befanden, war es noch Frühjahr und dieselbe Stallwache, auf demselben Eckstein, hatte unterschiedliche Ahnungen von kühlem Bier und saftigen Rettigen. Jetzt aber schauerte sie gelinde zusammen, wenn ein Windstoß um die Ecke des Schlosses kam, und dachte an einen warmen Ofen und an ein Glas Punsch. Ja, die Stallwache dachte an ein großes Souper, das nächstens stattfinden solle mit verschiedenen Gattungen von Getränken, aufs reichlichste versehen mit ungeheuren Portionen Kutscherbraten, ansehnlichen Schinken, großen Schüsseln voll Kartoffelsalat, mit Würsten von verschiedenem Geschmack und sehr verschiedenem Kaliber. – Ueberhaupt müssen wir gestehen, daß der ganze Marstall einen festlichen Anstrich hatte; die Strohmatten am Boden waren auf's allerzierlichste geflochten, die Fenster blank geputzt, die Geschirre wie nach der Schnur aufgehängt, und die Ständer von Tibull und Pluto waren mit Epheukränzen verziert. Angelegentlich blickte dieselbe Stallwache von demselben Eckstein wie damals nach dem Schlosse, und wie an jenem traurig denkwürdigen Tage, wo sie dem zu seinen Vätern versammelten Oberkutscher Mündels die letzte Ehre erwiesen, kam auch heute das sämmtliche Stallpersonal festlich geputzt daher. Doch waren ihre Mienen fröhlicher, die altern Kutscher und Reitknechte schienen mit dem, was sie eben gehört und erlebt, zufrieden, die Stallbuben machten einander kleine Anleihen von Kopfnüssen und dergleichen, die in demselben Augenblicke aber schon mit reichlichem Zins zurückbezahlt wurden. Sie pufften sich nach allen möglichen Richtungen herum und thaten so, als freuten sie sich heute zum letzten Mal ihres Lebens, indem sie wußten, daß schon morgen eine feste, strenge Hand über ihrem Haupte schweben würde. Jetzt war das sämmtliche Personal in dem Stalle versammelt, und Alles begab sich unaufgefordert zu seinen Pferden, stellte sich dort auf und sah erwartungsvoll die Stallgasse hinab. Auch die Stallwache hatte ihren Posten verlassen, hatte neben Tibull und Pluto zwei Stallbuben aufgestellt, wovon der eine einen bordirten Hut, der andere die berühmte Peitsche mit dem Elfenbeingriffe trug. Lieber Leser! wir bemerken deine peinliche Spannung und wollen deßhalb kraft der Macht, die uns verliehen, unserer »Namenlosen Geschichte« einen Augenblick vorgreifen, und wollen dir hiemit feierlichst Verkündet haben, daß Seine Majestät der König geruht, an die Stelle des seligen Herrn Mündels einen neuen Oberkutscher zu ernennen, und daß dieser Oberkutscher nicht der russische Engländer mit dem unaussprechlichen Namen war, vielmehr unser Freund, – der Herr Joseph Winkler. Dort kommt er in Begleitung eines königlichen Stallmeisters von dem alten Oberstallmeisteramte mit dem alten Dekret in der Tasche, kraft dessen er nicht mehr nöthig hat, den alten Gespensterwagen zu fahren, vielmehr dadurch befähigt ist, die Allerhöchste Leibkutsche zu dirigiren. Obgleich der Chirurgus nach jenem Unglücke die Genesung in circa sechs bis acht Tagen versprochen, so hatte doch dieselbe länger auf sich warten lassen, und der Oberststallmeister, der dem Joseph sehr gewogen war, hatte eine genaue Untersuchung über jenen Vorfall anstellen lassen, woraus sich nun freilich ergab, daß eine Teufelei im Spiele gewesen war, doch hatte man sonst nichts herausgebracht. Das war am Ende für den Joseph auch einerlei, denn er wurde Oberkutscher, und als solchen sehen wir ihn soeben die Gratulationen seiner Collegen, sowie Hut und Peitsche aus den Händen der Stallbuben feierlichst in Empfang nehmen. Nachdem dieser offizielle Akt vollzogen war, begab sich der Oberkutscher, Herr Winkler, in seine neue Wohnung, aus vier geräumigen Piecen bestehend, und nahm dort andere, noch angenehmere Glückwünsche in Empfang. Hier befanden sich die Frau Winkler in neuem, sehr sauberem Anzuge, ferner die Frau Welscher und die Jungfer Kiliane mit der kleinen Marie, auch Herr Dubelli, sowie Jean der Hoflakai, und Alle saßen um einen großen Tisch, auf dem verschiedene Kaffeekannen prangten und große Kugelhopfen aufgestellt waren. Die Honneurs dieser Gesellschaft machte jenes reizende, frische Mädchen, das wir am Krankenbette des Herrn Winkler gesehen und das einmal über das andere erröthete, wenn die Frau Winkler senior oder Jean der Hoflakai einige unpassende Bemerkungen zum Besten gaben. Man schien bei der Ankunft des Oberkutschers in einem kleinen Streite begriffen zu sein über die Reihenfolge der Festlichkeiten für die nächsten Tage,, und die verschiedenen Parteien appellirten deßhalb an das endgültige Urtheil der eben eingetretenen Hauptperson. »Hör' Sie, alte Frau,« sagte der Oberkutscher nach einiger Ueberlegung, »mir scheint, der Dubelli hat eigentlich die beste Ansicht, und ich glaube, wir könnten die alten Geschichten so abmachen. Morgen also, da Sie noch genug Vorbereitungen zu der alten Hochzeit zu machen hat, lassen wir Ihr den ganzen Tag Zeit dazu und gehen den Abend alle zusammen in's Theater, um das Ballet anzusehen, in welchem unser Freund, der alte Dubel, jetziger Dubelli, zum ersten Male auftreten wird. Uebermorgen ist dann die Hochzeit, wenn die Jungfer Braut nichts dagegen hat.« »O ja!« lachte Jean; »ihr wird's schon morgen lieber sein!« – eine Bemerkung, welche die Erwähnte zu überhören schien, indem sie dem Oberkutscher freundlich zunickte. »Also übermorgen die Hochzeit!« fuhr der Oberkutscher fort, »und den Tag danach das Banket mit dem Stallpersonal. Auf diese Art haben wir, wie die großen Herrschaften, drei hohe festliche Tage.« Alles war mit diesem Plane einverstanden und versprach, nicht zu fehlen bei dem Theater morgen Abend und der Hochzeit übermorgen, bis auf die alte Kiliane, deren Aussehen heute überhaupt nicht so frisch und gesund war, wie sonst. Sie hatte auch nur eine einzige Tasse Kaffee und ein halbes Stück Kugelhopfen genossen und versicherte, es sei ihr gar nicht zu Muthe, wie sonst. Dies bekräftigte die Frau Welscher und sagte leise zu ihrer Nachbarin, die Jungfer Kiliane sei mehrere Tage zu Hause geblieben, habe ihr Bett aufschlagen lassen und ihr Zimmer in die schönste Ordnung gebracht, worauf die Winklere unter dem Tisch die Hände faltete und leicht mit dem Kopf schüttelte. Die alte Jungfer dagegen schien dies, sowie überhaupt von den Verhandlungen nicht viel zu bemerken. Neben ihr auf einem Schemel saß die kleine Marie und sie pätschelte mit ihren dürren weißen Händen den schwarzen Lockenkopf des Kindes. Sie saß in tiefen Gedanken, und als die Gesellschaft schon längst wieder über etwas Anderes gesprochen hatte, sagte sie auf einmal: »ja, übermorgen ist Donnerstag und wenn ich auch vielleicht nicht selbst zur Trauung kommen kann, so will ich zu Hause für Euch beten.« »Ei, ei! Jungfer Kiliane,« bemerkte die Frau Welscher ermuthigend, »wer wird so sprechen! Warum soll Sie nicht zur Trauung kommen können, zum Hochzeitsschmaus? Sie, welche die ganze Stadt durchläuft, wird doch die paar Schritte zur Stadtkirche machen können!« Die alte Person schüttelte traurig lächelnd mit dem Kopfe, und Frau Winkler, die das Wort der Welscher aufnahm, sagte bekümmert zu ihrem Sohne: »also willst du dich doch in der Stadtkirche trauen lassen, trotzdem, daß der böse Kerl dort Meßner geworden ist? Ich ließ' mir doch durch den Anblick dieses häßlichen Gesichtes meinen schönsten Tag nicht verderben.« »Und ich versichere euch,« entgegnete lustig der Oberkutscher, »daß mich der Anblick des Steinmann's doch eigentlich freut; was für ein Gesicht wird der alte Hallunke schneiden! Ich bin fest überzeugt, er hat alle die drei Sonntage, wo wir abgerufen wurden, Bauchweh gehabt, und ich lebe immer noch der Hoffnung, daß er sich am Glockenseile aufhängt, wenn er mich ankommen sieht als Oberkutscher und alter Hochzeiter.« »Das meine ich auch,« sagte Jean, »und was kann der schlechte Giftmichel machen? Er soll läuten, daß er schwarz wird und bekommt von mir nicht einen Kreuzer Trinkgeld.« »Auch nicht von mir!« sprach Dubelli und so alle Andern. Als es nun dunkel ward, wurde die Kaffeegesellschaft aufgehoben der Oberkutscher brachte seine Braut nach Hause, und ließ sie dort mit ihrer Mutter allein, denn sie hatten erschrecklich viel zu thun. Wie verging dem Oberkutscher die Zeit mit rasender Geschwindigkeit! Am andern Morgen war er kaum aufgestanden, hatte kaum sein Amt angetreten, so war es schon Mittag und nachdem er bei seiner Braut dinirt, jagten die Stunden einander ordentlich hinweg, ja sie schienen sich förmlich auf die Haken zu treten, und kaum hatte es voll ausgeschlagen, da vernahm er schon wieder ein neues Viertel. Es war wahrhaftig nicht zum Aushalten! Jetzt schlug es Fünf, und sämmtliche gestern Eingeladene, mit Ausnahme der Kiliane, die sich zu Bett gelegt hatte, stiegen die Treppen zum königlichen Hoftheater hinauf– Alle in ängstlicher Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Alle sehr aufgeregt, da sie eifrigst Partei nahmen für den Debütanten Herrn Dubelli. Als sie in dem weiten Hause ankamen und auf der dritten Gallerie ihre Sitze einnahmen, war es noch ziemlich dunkel rings umher; nur die Plätze oben und neben ihnen waren besetzt, in den Logen sah man noch keine Seele und unten im Parterre nur leere Bänke. Blos im Orchester waren ein paar Lampen angezündet und warfen ein schwaches Licht um sich her und strahlten kümmerlich aus der reichen Vergoldung der Prosceniumslogen wider. Die Leute in den oberen Logen, die sich vor der eigenen Stimme fürchteten, welche so laut in dem leeren Raume klang, sprachen leise aber eifrig zusammen, und so summte und wogte es unverständlich durch einander. Jeder fühlte sich in der Dunkelheit, die hier herrschte, unbehaglich; es war wie bei Erschaffung der Welt, ehe es Licht ward, wonach sich Alles gesehnt, und deßhalb schaute auch hier Jeder erwartungsvoll an die Decke hinauf, wo ein kleiner, unbeleuchteter Spalt sichtbar wurde, der sich allmälig vergrößerte, jetzt zu einer großen runden Oeffnung wurde, aus welcher langsam und feierlich der Kronleuchter mit seinen hundert Lichtern hell und strahlend darnieder schwebte. Wie kehrten sich nun plötzlich alle Gesichter, wie die Blätter einer Epheuwand im Thurm, dem Lichte zu! Wie fühlten sich die Aelteren so beruhigt, wie lachten und jubelten die Jüngeren, die das zum ersten Male sahen! Jetzt wurden auf Notenpulten im Orchester die Stimmen aufgelegt, jetzt erschienen die Musiker nach und nach, jetzt der Kapellmeister, dann füllte sich das Parterre, endlich auch kurz vor dem Anfange die Logen mit Einem Male; es war gerade, als hätten die Leute auf diesen Moment draußen auf dem Gange geharrt. Jetzt erscheint der Hof, die Offiziere auf ihren Plätzen erheben sich, und ebenso auf dem dritten Range der neue Oberkutscher respektvollst, denn es ist heute die erste Vorstellung, der er sitzend beiwohnt. Die Ouvertüre beginnt und wird am Schlusse rasend beklatscht. Zuerst fängt ausnahmsweise die erste Gallerie an, dann der dritte Gang, wo der Oberkutscher nicht sobald seine Hände in Bewegung gesetzt hatte, als die wackeren Fäuste von einigen dreißig Stallleuten auf's Allerkräftigste einfielen und das erstaunte Parterre mit sich fortrissen. Jetzt begann das Ballet und die Zeit bis zum Auftreten des Herrn Dubelli, die seinen bangen Freunden so unendlich lang erschien, flog rasch dahin. Jetzt betrat der Debütant die Bühne. Ein lauter Applaus empfing ihn und munterte ihn auf, und wir sind im Stande, gerührten Herzens versichern zu können, daß er sich dieses Empfanges vollkommen würdig erwies. Jede Nummer der wirklich schönen Musik gefiel außerordentlich, jeder Tanz wurde rasend applaudirt und schon nach dem ersten Akt verlangte das Publikum nach dem Componisten, nach dem Tänzer und nach dem Balletmeister. Ebenso nach dem zweiten Akt; und erst am Schlusse. Da wollte des Tobens und Schreiens kein Ende werden. Es flogen Blumen in Massen auf die Bühne, und als Demoiselle Pauline, die blonde Sylphide, dem jungen Komponisten einen Lorbeerkranz aufsetzte, da wurde das Publikum zur Begeisterung gebracht und es raste wahrer Beifallssturm durch das Haus. Armes kleines harmloses Lustspiel, welches nach dem Ballet gegeben wurde! Niemand achtete deiner. Niemand wollte dich hören! Laut sprach man im Parterre und in den Logen von der vortrefflichen Musik und dem neuen Componisten, und die Gesellschaft, welcher er, wie wir bereits wissen, hie und da etwas vorgespielt, war stolz darauf, dieses Talent geahnet zu haben, und Manche sah man bei den lieblichen Melodieen selbstzufrieden den Kopf wiegen, als wollten sie sagen: diese Melodie hat mir immer am Besten gefallen, und: Publikum, du verdankst uns diesen Abend, denn wenn wir den jungen Künstler nicht in unsere Gesellschaft gezogen hätten, ihn nicht auf's Kräftigste mit Thee und Butterbrod protegirt, so hättest du auf den heutigen köstlichen Genuß verzichten müssen. – – – Wo war aber in diesem Augenblick das Mädchen, das dem jungen Mann treu zur Seite gestanden, jenes edle Herz, das untergegangen war, das sich selbst geopfert hatte, um den Geliebten zu erheben? War sie vielleicht in jenen glänzenden Logen, bedeckt mit Brillanten, deren Glanz vor dem Schimmer ihres Auges erblichen wären? War sie dort, wo der beste Platz eben gut genug gewesen wäre für ihr aufopferndes, edles, reines Herz? – – – Nein, sie war nicht da, es war ihrer Seele nicht gegönnt, unter jenen lieblichen Melodien, die sie gekannt und gepflegt, unter jenem Beifallssturm süß zu erschauern und zu erzittern. Sie war verschwunden, spurlos verschwunden! untergegangen, wie rosige Gluth des Abends, verflogen, wie der Duft eines ganzen Blüthenwaldes! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Dem Oberkutscher Herrn Winkler hatte diese Vorstellung außer dem Eintrittsgeld für sich und seine Gesellschaft ein Paar schöne neue Handschuhe gekostet, die er buchstäblich zerklopfte, auch war er so heiser geworden, daß er nicht ganz ohne Grund fürchtete, der Pfarrer werde sich morgen bei der höchst wichtigen Ceremonie statt des feierlichen Ja mit einem Kopfnicken begnügen müssen. Nichts desto weniger aber ging er außerordentlich zufrieden nach Hause, und allen Betheiligten erging es heute Abend so. Der große Beschützer des jungen Komponisten, der Graf Alfons, hatte demselben ein kleines Souper veranstaltet, zu welchem auch Signor Benetti und Signor Dubelli, der erste Tänzer, geladen waren. Mit welchen Gefühlen sich hierauf Letzterer in einen eleganten schwarzen Frack und in eine Droschke warf, brauchen wir nicht zu sagen. Genug, er hatte vor der Hand keine Wünsche mehr, fühlte sich überselig und konnte mit jenem großen Manne sagen: »Dieser Abend ist der glücklichste Tag meines Lebens!« Achtunddreißigstes Kapitel. Eine Hochzeit ohne Geläute. Die Meßnerei der Stadtkirche war ein stilles, harmloses Gebäude, ein kleines Häuschen, an die Kirche gebaut, mit vier Zimmern, wovon eines eine Art Vorsakristei war und von den Geistlichen bei Ausübung ihres Amtes meistens zum An- und Ausziehen benützt wurde. Es mochte Morgens gegen neun Uhr sein, als der Meßner benannter Kirche, der ehemalige Stadtsoldat Herr Steinmann, die Hände auf den Rücken gelegt, eifrigst auf und ab spazierte. Sein Aeußeres hatte sich sehr verändert; er war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine weiße Halsbinde, ein Anzug, welcher gegen seine frühere bunte Kleidung sehr abstach, und auch auf dem Gesichte schien sich offenbar der Ernst eines anderen Lebens zu spiegeln. Verschwunden war die lustige, fröhliche Bosheit, die auf seinen Zügen thronte, sein einziges Auge sogar hatte das bekannte unheimliche Feuer verloren, in welchem es meistens zu glänzen pflegte; ja, der ganze Mann sah vollkommen ermüdet, ja abgespannt aus. Häufig wischte er mit der Hand die Stirne und besah alsdann die Fläche derselben, ob sie nicht feucht sei; denn er hatte beständig das Gefühl, als trete ihm der Schweiß in dicken Tropfen auf die Stirn, und dieses Gefühl schien daher zu entstehen, weil ihn eine heftige, nie gekannte Brustbeklemmung anwandelte, sowie ein lebhaftes Herzklopfen, das er bis jetzt nicht gekannt. Hatte er doch in den letzten Tagen sehr harmlos und ruhig gelebt, hatte gesund geschlafen, seine Nerven waren nicht aufgeregt durch irgend ein Geschäft, das er vorhatte, und doch diese Unruhe, die ihn im Zimmer auf und ab trieb! Er sah über den Platz hin, als erwarte er Jemanden und als fürchte er zugleich, es möchte dort etwas Ungeahntes, Schreckliches erscheinen. Er zählte die Bretter des Fußbodens, während er über sie hinschritt. Verflucht! sein Blut wollte sich nicht beruhigen, seine Pulse schlugen heftiger und nicht einmal ein guter Schoppen Vierunddreißiger war im Stande, sein Gemüth zu beruhigen. Hätte er nur auffinden können, woher diese Unruhe komme! – Die Hochzeit des Oberkutschers, seines Todfeindes, heute Morgen in der Stadtkirche, zu welcher er läuten mußte, war ihm freilich nicht angenehm; doch wenn er sich selbst überreden wollte, dies allein quäle und beunruhige ihn, so gelang ihm das nicht, indem er es selbst nicht glaubte. Auch war diese Handlung höchstens im Stande, ihn mit Zorn und Wuth zu erfüllen; aber die Unruhe, die ihn umhertrieb, mit der er jeden Augenblick durch's Fenster schaute und zusammenfuhr, wenn er draussen einen Schritt vernahm! Wahrhaftig, er mußte gestern etwas sehr Unverdauliches gegessen haben! Ein paar Mal war es ihm zu Muthe, als zöge es ihn mit Gewalt aus der Meßnerei fort, als jage ihn etwas hastig von dannen, und er hatte das Gefühl, als könne ihm nur Erleichterung werden durch eine Flucht in die weite Welt hinaus; wenn er Alles dahinten ließe, sein Amt, sein Haus, sein so mühsam erworbenes Vermögen. Doch lächelte er einen Augenblick darauf über diese Phantasien; aber dieses Lächeln war ein mattes, erkünsteltes, und obgleich er sich fest aufrichtete, als wolle er Allem, was da kommen könne, standhaft in's Angesicht sehen, so fuhr er doch im nächsten Augenblick heftig erschreckt nach der Stubenthüre, wo sich ein Geräusch vernehmen ließ, und knickte fast zusammen, als dieselbe geöffnet wurde und der Gevatter herein trat – der Gevatter, der, wie der Steinmann sicher glaubte, Stadt und Land schon längst verlassen habe. Mit bebender Lippe versuchte es der Steinmann, eine Fluth von Verwünschungen über ihn auszusprudeln; aber der Gevatter, welcher sehr blaß und angegriffen aussah, schüttelte leicht mit Kopf und Hand und versuchte solchergestalt pantomimisch auszudrücken, daß der Zeitpunkt nicht gut gewählt sei, eine Strafpredigt zu halten. »Gebt mir einen Schluck Wein,« sagte er, indem er sich auf einen Stuhl niederwarf, nach der Flasche auf dem Tische griff und einen langen Zug daraus that. »So! jetzt ist mir besser. Wenn ich nur schon wieder fort wäre!« Als der Gevatter nach der Flasche griff und sie an seinen Mund brachte, sah der Steinmann starr auf die Hand desselben, und er mußte etwas Unheimliches da bemerken, denn sein Gesicht wurde noch fahler, als es schon war, sein eines Auge vergrößerte sich zusehends und sogar das andere, das schon Jahre lang in seiner Höhle verborgen schlief, schien neugierig durch den Spalt derselben zu lauschen. Dann, ohne seinen Blick von der Hand abzuwenden, nickte er dem Gevatter fragend mit dem Kopfe, worauf derselbe ebenfalls einen Blick auf die Faust warf und dann mit den Achseln zuckte und ebenfalls nickte. An der Hand befand sich ein kleiner rother Blutflecken. – »Wer?« fragte der Steinmann mit tonloser Stimme; »war sie es?« »Natürlich!« entgegnete der Gevatter, indem er den Flecken naß machte und wegputzte; »aber die Sache ist schlecht abgelaufen, ich habe sie gefehlt, Gott verdamme sie, sie war mir zu stark! Sie schrie wie rasend um Hülfe und ich fand kaum noch Zeit, zur Hinterthüre hinaus zu fliehen, als ich auch schon merkte, daß mir Leute auf der Ferse waren.« Bei dieser Nachricht durchfuhr ein heftiges Zittern den Körper des Steinmann, und wie ein Fisch auf trockenem Sande nach Luft, so schnappten seine Finger nach einem großen Messer, das neben dem Weinkruge auf dem Tische lag. »Hollah!« rief ihm der Gevatter zu, »es ist keine Zeit zu Faseleien, laßt die Dummheiten sein und kommt eiligst mit.« »Hast du mir nicht versprochen, du wollest die Stadt sogleich verlassen?« sagte der Steinmann nachsinnend, aber wie in halber Geistesabwesenheit. »Es war damals, als ich dir die vierhundert Gulden gab, warum bist du hier geblieben? – – – Schlechter Kerl!« »Warum ich hier geblieben bin? Soll ich dir vielleicht das Geld, das die Müller zusammengescharrt hat, allein überlassen? So hast du freilich gewollt, nicht wahr, Bursche?« »Welches Geld?« antwortete der Steinmann, »die Müller ist arm, sehr arm; wer sagt, daß sie Geld hat?«– – – »Hast du es mir nicht gesagt, verfluchter Lügner, falscher, meineidiger Hund? Hast du mir nicht erzählt, sie hätte in Metthausen ein ganzes Packet mit Geld gehabt?« schrie der Gevatter und sprang auf den Steinmann zu, ihn am Halse nehmend. Dieser machte gar keine Bewegung, sich zu vertheidigen, sondern fuhr mit der Hand über die Stirn, als besinne er sich auf etwas. »Ja, du hast es gesagt!« wiederholte der Gevatter fast schreiend; »du hast mich dadurch verlockt, Satan, miserabler! Du hast mich hingehalten; wer hätte nicht mit vierhundert Gulden in die Welt hinaus können und glücklich sein? Vierhundert Gulden und Freiheit, und jetzt! – gar nichts! und verloren zu sein! – Barmherzigkeit, es ist zu spät!« Bei diesen Worten ließ der Gevatter den Steinmann los und schaute mit erdfahlem Gesicht über den Platz hin, wo sich mehrere Leute näherten, unter ihnen einige frühere Collegen des Steinmann. Dieser drehte bei den Worten: »es ist zu spät!« den Kopf langsam nach dem Fenster herum, als fürchte er, ein Gespenst zu sehen; dann aber, als er für ihn noch viel Schrecklicheres bemerkte, warf er den Gevatter hastig von sich ab, stürzte zur Zimmerthüre hinaus und warf sie hinter sich ins Schloß, und das war das Werk eines Augenblickes. Der Gevatter, davon überrascht, stürzte ebenfalls nach der Thüre und erfaßte gerade mit den Händen das Schloß, als er bemerkte, wie von außen der Schlüssel umgedreht wurde. Dann eilte er zurück an die vergitterten Fenster, riß einen Flügel auf und schrie hinaus auf den Platz: »Hieher Leute, Hieher! Da bin ich! Der Steinmann ist auch hier, aber paßt um Gottes willen auf, er ist in Kirche hinein! Gebt Achtung, ich bitte euch, gebt Achtung, daß er nicht davon kommt!« Auf dies hin sprangen einige der Polizeisoldaten in die Meßnerei, und während sie die Thüre des Wohnzimmers aufschloßen, und den Gevatter festnahmen, blieben andere um die Kirche herum, Thüren und Fenster derselben genau im Auge behaltend. Der Steinmann, dem, als er Gewißheit über sein Schicksal hatte, für einen Augenblick die alte Geistesgegenwart zurückkehrte, war in der That durch die Sakristei in die Kirche geeilt und spähte umher, wo eine Möglichkeit des Entkommens sei. Richtig! dort war die kleine unbekannte Thüre, die hinab in unterirdische Gewölbe führte und durch einen kleinen Gang mit dem Keller des benachbarten ehemaligen Klosters unter dem Stadtgraben zusammenhing. Dieser Gang war unten nur mit einer leichten Lattenthüre verschlossen, welche unschwer zu erbrechen war. – Also da hinaus! – Dort war allerdings die Thüre, welche in die Gewölbe hinabführte, und als der Steinmann sie bemerkte, sprang er auf sie zu, prallte aber im nächsten Augenblicke zurück, denn ihm fiel ein, daß er die Schlüssel zu derselben auf dem Tisch im Zimmer liegen gelassen. Umsonst rannte er mit dem Kopf gegen die eiserne Pforte, sie wankte nicht unter seinen kräftigen Stößen; wohl aber verwirrten sich seine Gedanken, und sein Auge starrte gläsern nach der Thüre des Glockenthurms, welchen er aufgeschlossen hatte, um an die Glocken zu gelangen. Da hinauf eilte er, willenlos und gejagt von schrecklichen Gedanken, die wie Gespenster hinter ihm drein zogen, und die er vergebens von sich abzusperren suchte, indem er die eiserne Thüre zur schmalen Wendeltreppe des Thurmes hastig hinter sich zuwarf, und von innen verriegelte. Vergebens! sagen wir, denn die Gedanken schienen die schmale Treppe zu erfüllen und ihn aufwärts zu drängen, immer höher den Thurm hinauf, und ließen nur zuweilen von ihm ab, damit er durch eines der schmalen Fenster hinabschaue auf den Platz vor der Kirche, welcher jetzt plötzlich mit Menschen bedeckt war, und alle die tausend Augen starrten auf die Kirche und jubelten, daß der Steinmann gefangen sei und daß sie ihn bald herausschleppen würden, gefesselt wie ein wildes Thier. Er aber, dem alles das galt, knirschte mit den Zähnen, und in seinem siedenden Gehirn rollte ein einziger Gedanke – die Lust, all' denen da drunten ihre Freude zu verderben, und während sich sein Haar auflüpfte und er die letzte Treppe hinaufraste bis zu dem Raum, wo die Glockenseile herabhingen, knüpfte er mit zitternden Händen eines um seinen Hals und jauchzte in teuflischer Freude: »nein, Ihr sollt den Steinmann nicht lebendig haben!« – – – – – – – – – – – – – – – – Unterdessen hatte sich der Oberkutscher, Herr Winkler, im besten Civilstaat: schwarzem Frack und dergleichen, in dem er sich aber ganz sonderbar vorkam, mit einem mächtigen Blumenstrauß im Knopfloch, bei seiner Braut eingefunden, hatte außerordentlich herablassend die Gratulationen verschiedener Collegen angenommen, die sich zu diesem Zwecke dort befanden, hatte darauf sämmtliche Gäste sehr zum Essen und Trinken genöthigt, und lief nebenbei alle Augenblicke ans Fenster, um zu lauschen, ob denn von der Stadtkirche noch nicht geläutet werde. Ihm lag dieses Geläute sehr am Herzen, weniger, weil es die feierliche Fahrt zur Kirche verherrlichte, als vielmehr, weil er dabei bedachte, mit welch' unsinniger Wuth der Steinmann, der alte Hallunke, an dem Seil zerren würde. »Thut nichts!« sagte er nach jedesmaligem vergeblichem Hinaushorchen, »er mag sich so lange sperren, als er will, endlich muß der alte Steinmann doch an die Glocke, das ist ausbedungen und bezahlt.« – Aber der Mund der Glocke blieb stumm, so sehnsüchtig auch sämmtliche Hochzeitgäste dieses Zeichen zum Aufbruch erwarteten. Dort lag der alte graue Thurm vor ihnen, einige Dohlen flogen schreiend um seine Spitze, und der Zeiger der Uhr ging unaufhaltsam vorwärts. »Jetzt können wir aber nicht mehr warten!« sagte Frau Winklere, »es ist drei Viertel auf Zehn vorbei, und Punkt zehn Uhr kommt der Pfarrer. Laßt uns in Gottes Namen aufbrechen!« »Nun, meinetwegen!« sagte Joseph, »laßt uns fahren! Die alten Glocken werden wahrscheinlich unter Wegs anfangen. Alter Dubel – Dubelli wollte ich sagen, – nehm' Er die alte Braut am Arm, und dann vorwärts!« So geschah es. Drunten standen mehrere Miethwagen bereit, welche nach und nach von der zahlreichen Gesellschaft angefüllt wurden und dann einzeln davonfuhren. Signor Dubelli saß neben der Braut, welche ihr Sacktuch vor die Augen hielt und, wie es bei solchen feierlichen Veranlassungen Sitte und Anstand gebietet, einige Thränen vergoß. »Laßt sie fließen, die Thränen der Wonne, Sie verkünden unendliche Lust.« Jetzt nahten sie der Kirche, und zu seiner großen Befriedigung bemerkte der Herr Winkler die ziemliche Menschenmenge auf dem Platz vor derselben, indem er überzeugt war, daß Alles blos hieher geeilt sei, um seiner Hochzeit zuzuschauen. Endlich schienen auch in diesem Augenblicke die Glocken ihren Dienst thun zu wollen, aber nein! es war nur ein einziger schriller Schlag, den die kleine Feuerglocke that, ein Schlag so seltsam und eigenthümlich, daß er einem durch Mark und Bein ging. Joseph hatte Lust, in einen großen Zorn zu gerathen, indem er versicherte, den einzigen Schlag mit der Feuerglocke habe der alte boshafte Kerl, der Steinmann, nur gethan, um ihn zu ärgern. – Es war nur ein einziger, klagender, schriller Klang. – – An der Kirchthüre entledigten sich die Wagen ihres Inhalts, und das Brautpaar, von den Brautführern und Brautjungfern begleitet, trat in die Kirche. Es waren viele Menschen versammelt, die unruhig durcheinandergingen und sprachen. Doch wurde es still, als die heilige Handlung begann, und ein Schlosser, der mit seinem Gehülfen die Thüre zum Glockenthurm aufzubrechen versuchte, hörte ebenfalls auf zu arbeiten und sah zu. Jetzt war das Paar eingesegnet und der Winkler, als er seine junge Frau an der Hand zur Kirche hinausführte, konnte sich nicht enthalten, ihr im Uebermaaße des Glückes einen tüchtigen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken. Vor der Kirchthüre hob er darauf die Frau Oberkutscher in den Wagen; Jean, der Hoflakai, hatte ehrerbietig den Tritt herabgelassen, und dann mußte die junge Frau ihren Gemahl lachend daran erinnern, daß heute neben ihr im Wagen sein Platz sei; denn er war in einiger Geistesabwesenheit eben im Begriff gewesen, sich vorn auf den Bock zu schwingen. Alsdann ging's nach Hause zu einem sehr soliden Mittagessen, und wenn es leider nicht so oft in der Welt vorkäme, daß Freude durch Leid getrübt wird, so wäre am heutigen Tage nichts zu wünschen übrig geblieben. Aber so erhob sich am Ende der Mahlzeit, und nachdem das junge Paar, dessen Eltern und Verwandte, Seine Majestät der König und Seine Excellenz der Oberststallmeister mit vielen Toasten gefeiert worden waren, erhob sich, sagen wir, der Herr Dubelli mit sehr ernster Miene, hielt sein Glas vor die Augen und sagte: »Meine Herrn und Damen! Nehmen wir das Unvermeidliche an, und erlauben Sie mir in die freudigen Töne allgemeiner Lussss-t, die hier herrschen, einen kleinen Akkord der Trauer anzuschlagen. Unsere Freundin, unsere wackere Freundin, ja, unsere edle und geliebte Freundin, Jungfer Kiliane – issss-t nicht mehr! Sie ssss-tarb heute Morgen sanft und selig, wie wir alle wissen, in dem hohen Alter von vierundachtzig Jahren. Ihr, meine Freunde, habt sie gekannt, ihre Lussss-t an guten Thaten, ihren vortrefflichen Lebenswandel. Leeren wir dieses Glas auf ihr Andenken, auf die Hoffnung, daß sie jetzt in heiteren besseren Gefilden, wie sie es so sehr verdiente, aufgenommen isssstt. Friede ihrer Asche!« Damit leerten Alle ihre Gläser, und manches Auge wurde feucht, und namentlich rollten von der Wange der Frau Welscher ein paar große Thränen herab in den Wein. Die kleine Marie sah man allein nicht weinen, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht bei Tisch war. Sie hatte flehentlich gebeten, sie bei ihrer alten Freundin zu lassen, und dort saß sie an dem Bette derselben; das gute, träumerische Kind hatte eine der erkalteten Hände erfaßt, und wenn sie die Augen schloß, so durchschauerte es sie mild und freundlich; denn sie dachte, sie sitze an dem Bette ihrer Mutter, ihrer armen, unglücklichen, unvergeßlichen Mutter.