Wilhelm Fischer. Frauendienst.   Leipzig Georg Heinrich Meyer 1898.   I. In das Hans des Meisters Matthie aus Göttweih war ein fremder Ritter eingekehrt. Meister Matthie übte die löbliche Heilkunst aus und führte mit Ehren den Namen eines Magisters. Als solcher war er nicht nur in Graz, wo er hauste, sondern auch in den andern Städten der alten steirischen Mark rühmlich bekannt. Dieser gute Ruf hatte auch den fremden Ritter bewogen, sich ihm als Arzte anzuvertrauen. Er war nur mit Geleite eines Knechtes gekommen und hatte diesen alsbald wieder verabschiedet. Beider Gewandung erschien einfach, aber die Rosse, die sie ritten, waren edel, und Sattelzeug und Decke so beschaffen, wie sie mit Fug ein vornehmes 4 Geschlecht führte. Das Übel, dessen Heilung er Meister Matthies Kunst anvertraute, war seltsamer Art. Von fester wohlgebauter Gestalt, wie er sich sonst zeigte, trug sein Leib nur einen Fehl: er hatte einen ungefügen Mund. Statt zweier Lippen, wie andere gute Männer, hatte er deren drei, nämlich die Oberlippe war doppelt. Dieses Versehen, welches die Natur an ihm verübte, wollte er durch Meister Matthie wieder gut machen lassen; und der hatte ihm den Monat Mai als einzig heilsam für die ärztliche That bezeichnet. So war er im Lenzmonde in die alte Stadt an der Mur gekommen. Draußen lachte der Sonnenschein auf den Gassen und beglänzte die schmalen hochgegiebelten Häuser, und er mußte wie ein Gefangener in enger Haft sitzen. Aber es war ein kühner wohlgemuter Mann; denn als Meister Matthie ihm den Mund durchschnitt, litt er es sänftlich, ohne sich binden zu lassen, wie jener wollte, der seinem duldenden Gaste großen Schaden weissagte, wenn er sich nur um ein Haar rühre. Aber er blieb unbeweglich, und der Schnitt gelang meisterlich. 5 Freilich schwoll der Mund übermäßig an, allein dies war der Weg zur Heilung, es gab keinen andern. So saß nun der jugendliche Mann, der sein Roß auf grüner Aue überaus ritterlich tummeln konnte, mit trauriger Gestalt in Meister Matthies Stube. Ein anderer hätte es an seiner Stelle schwerlich gethan, das wußte er, denn die überschüssige Lippe war kein Ding, um sich solcher Gefahr unter dem Messer des kunstfreudigen Arztes auszusetzen, wie er es that; aber es mußte sein: eine hohe Frau hatte es ihm geboten, und in ihrem Dienste ließe er sich auch die rechte Hand abhauen, das wußte er, wenn sie ihr mißfallen hätte. Nun sann er, wie ihm die Minne Not schaffe; aber dieses Leid war ihm kostbar, und er hätte es nicht missen mögen um alles Gut in der Welt. Bei seiner Geburt hatte ihm ein gelehrter Astrolog die Sterntafel zur Deutung seines Lebensschicksals gestellt und darin gefunden, daß dem Neugeborenen von der Minne viel Ungemach drohe. Das war dem Knaben, als er verständig wurde, zu Ohren 6 gekommen, und er dachte sich, daß die Minne, die er nicht kannte, etwas Ungeheures sei, vor dem er sich wahren müsse. Als er aber zum Jüngling erwuchs, las er eines Tages in einem schönen Buche den Spruch eines Minnesängers, der sagte: Junger Mann! erst wenn der Abglanz der Weibeswürde aus deiner Seele und deinen Augen strahlt, dann hast du Freude und giebst Freude: das ist die Minne. Nun war sein ganzes Sinnen verändert, und er dachte, er müsse nur die Minne in der Welt suchen und nichts anderes, die solche Freude gebe. So hatte er sich dem Dienste einer hohen Frau gebunden, deren Gebot ihn in das Haus Meister Matthies brachte, wo er nun mit arg geschwollenem Antlitze saß und sein rätselhaftes Schicksal bedachte. Das mochte noch eine geraume Zeit dauern, obgleich ihm Meister Matthie seine ärztliche Kunst nach bestem Wissen und Können angedeihen ließ. Dieser lebte mit seiner Ehefrau, die Jiute hieß, in behaglicher Wirtschaft. Es fehlte nur der Kindersegen, denn die Leibeserben, die 7 gekommen waren, starben alsbald. Deshalb nährte Meister Matthie gegen sein Eheweib etwas wie geheimen Groll, der sich hier und da in nicht allzufeiner Rede Luft machte; denn er hielt dafür, daß ein kräftiges Weib ihre Kinder mit Lebensfähigkeit ausstatte, und Frau Jiute war ziemlich schwächlicher Art, ohne gerade kränklich zu sein. Vielleicht that er ihr hierin unrecht; aber er war einer von den Männern, die im Hause immer recht behalten wollen. Sein Gast hatte dessen wenig acht, was um ihn her geschah; er war mit dem beschäftigt, was ihn selbst unfriedlich anging: das war vor allem die schwärende Wunde an seiner Lippe; und wie er das Antlitz wohl geborgen in einem Tuche trug, so war auch sein Sinnen mit einer Hülle umgeben, die ihm den Blick in die Umgebung wehrte. Aber innerhalb dieser Hülle stand das Bild seiner hohen Gebieterin verheißungsvoll vor ihm und tröstete ihn über das Ungemach, dem er nur diente um ihretwillen. Da der Maienmorgen leuchtend über den Dächern der Häuser lag, gedachte er mit 8 heimlicher Sehnsucht des grünen Waldes und der blumengeschmückten Aue, die sich nun taufunkelnd prächtig dahin erstreckte. Er gedachte seiner hohen Burg daheim im steirischen Oberlande, von der es herrliche Umschau gab auf die blauen duftverklärten Berge und auf mächtig ragende Felszinnen, die noch der Winterschnee bedeckte. Er aber befand sich in der bis zur Schulterhöhe braun getäfelten Stube des Meisters Matthie, die ihm als allzu enge Welt erschien. Es lockte ihn hinaus in das Gärtchen, das, nicht minder eng, hinter dem Hause notdürftigen Raum gewann, worüber aber der Maienhimmel glänzte. Frau Jiute hatte es mit Küchenkräutern wohl bestellt, und ein einziger blühender Apfelbaum zierte es nun. Als er hinaus trat, sah er eine weibliche Gestalt darin wirtschaften, die sich emsig zu den Beeten hinab bückte. Sie war jugendlich, in einfacher Kleidung, und es dünkte ihm die Magd des Hauses zu sein, da er wußte, daß Frau Jiute keine Tochter besaß. Als sie sich gegen ihn wandte, sah er verwundert ihr Antlitz, das ihn wie ein junger Maienmorgen anlachte. Das Tuch, das 9 er um Wange und Mund trug, nahm ihm viel von der Würde, die ihm sonst eigen sein mochte, und er fühlte es, daß eine etwas klägliche Gestalt unter dem blühenden Apfelbaum stand, die er selbst war. Doch bot er der Magd seinen Gruß, und als sie ihn mit Neigen des blonden Hauptes erwiderte, bemerkte er, daß dies mit edler Art geschah, obgleich sie das Fürtuch voll Küchenkräuter trug. Dann seufzte er ein wenig, indem er in die sonnige Luft hinaus blickte, und dies bewog sie, näher an ihn heran zu treten und ihn zu fragen, ob er sich schon besser befinde. Sie machte dazu ein Gesicht, so ernst, als sie es vermochte; nur ihre Augen lachten noch, das konnte sie nicht verhindern. Über sein Befinden gab er notdürftigen Bescheid und sprach dann, wenn sie die Magd des Hauses sei, wie er vermute, so möge sie ihm ihren Namen nennen. Sie erstaunte ein wenig, doch ohne sich lange zu besinnen, antwortete sie, daß hier im Gärtlein freilich nur die Magd des Hauses schalten dürfe; somit stünde ihr diese Eigenschaft wohl an. Wenn er ihren Namen wissen wolle, so heiße sie Brechtel. 10 Inzwischen war Frau Jiute herausgekommen und machte, als sie dies vernahm, ein erschrockenes Gesicht. Die junge Magd zwinkerte ihr aber lustig zu, und so hörte sie es unschlüssig und verlegen mit an, als der Gast freundlich sagte: »Nun finde ich, daß du eine gute Magd bist, Brechtel, weil du mir vermummtem Manne Erbarmen entgegen bringst. Und Ihr seid auch zufrieden mit ihr, Frau Jiute? Das müßt Ihr mir bejahen.« Also wandte er sich an die Hauswirtin, die näher getreten war. »Ob ich mit ihr zufrieden bin! das weiß Gott;« sagte sie befangen. »Dann sind wir guten Menschen bei einander,« sprach der Gast. »Denn trotz meines erbärmlichen Gesichts bin ich ein guter Mann, Brechtel, des getröste ich mich zu deinem freundlichen Herzen. Warum habe ich aber zu meiner Pflege immer nur Frau Jiute gefunden, die mir sonst ehrenreich ist, und nicht auch ein wenig deine mildthätige Hand?« »Einem Herrn wie Euch muß die Frau mit 11 Pflege nahen und nicht die Magd,« antwortete sie bescheiden, aber mit lachendem Lichtschein im Antlitze. »Ich bin zu wenig würdig, Euch mit Handreichung zu dienen.« »Das sollst du ungesagt lassen, Brechtel, denn guter Wille giebt überall Würde, und Mildthätigkeit schmückt das Weib, sei sie Frau oder Magd.« »Das mag sein; aber ich darf mich nur an Festtagen schmücken, und heute ist noch keiner, obgleich ich Euch vor mir sehe, edler Herr.« Er blickte sie erstaunt an: »Ei, da sprach nicht die Magd aus dir. Wer bist du denn?« »Wer seid Ihr, edler Herr?« »Das muß verschwiegen bleiben, Brechtel. Denn auch ich stehe im Dienste, und um meines Dienstes willen, darf ich meinen Namen nicht nennen.« Er sprach dies mit einer Stimme, die von dem seinen Mund bergenden Tuche sehr gedämpft klang. Unter dem Apfelbaume war ein Tischchen mit 12 einer kleinen Bank. Frau Jiute saß nieder und begann die Küchenkräuter, die Brechtel gesammelt hatte, mit einem Messerchen zu putzen; diese half ihr dabei. Der Gast stand vor ihnen. Ein leiser Maienwind zog ihnen zu Häupten in dem Wipfel des Baumes, dessen Zweige sich rührten, und die rötlich weißen Apfelblüten fielen reichlich herab auf die Daruntersitzenden und auf den Tisch. Brechtel nahm eine Handvoll und ordnete sie spielend zu zierlichen Ranken, dann verwirrte sie diese wieder und fügte sie aufs neue zusammen. Der Gast folgte ihren weißen Händen, die ihm nicht die einer Magd schienen, und sah erstaunt, wie sich unter ihnen zierliche Buchstaben entwirkten – und endlich stand es deutlich vor ihm in rötlich weißen Apfelblüten lesbar: Ulr. v. Liechtenstein . Er wäre schier wie über ein Wunder erschrocken, wenn ein kühner Mann, wie er, hätte erschrecken können. Aber er blickte sprachlos auf die seltsame Magd, die mit geneigtem Haupte vor ihm saß. Da geschah es, daß sich ein Mailüftchen wieder stärker erhob und die duftigen Buchstaben 13 aus einander wehte, so daß sie eine Zeitlang wirr in der Luft schwebten, ehe sie herab fielen. Brechtel sprang auf und rief: »O meine Apfelblüten!« und als wollte sie die zarten Flüchtlinge haschen, griff sie mit den Händen danach, folgte den Schwebenden und verschwand durch die Thüre ins Haus. II. Frau Jiute hatte dem allen zugesehen; aber die Buchstaben, die sich aus den Blüten entwirkten, waren ihr fremd, denn sie konnte nicht lesen. Das war damals nur der Erziehung vornehmer Frauen vorbehalten. Nun raffte sie eilends das gereinigte Grünzeug zusammen; und ohne auf die Frage des Gastes, wer um Gottes willen die Magd sei, anders zu antworten als »das möge sie Euch selbst sagen«, folgte sie der jugendlichen Genossin ins Haus. So stand Herr Ulrich von Liechtenstein einsam in dem Paradiesgärtchen. 14 Nun begann ihm eine seltsame Zeit zu tagen. Während früher einzig und allein eine Gestalt sein Sinnen erfüllte, drängte sich nun eine zweite in sein Herzkämmerlein und hatte dort gute Lagerstatt. Dagegen konnte er nichts thun; das kam so mit heimlicher Gewalt, wie ein Sonnenstrahl sich in einen verschlossenen Raum stiehlt. Die zweite Gestalt war jene, die sich Brechtel nannte, und die er nicht mehr im Hause Meister Matthies mit leiblichem Auge sah. Sie war entschwunden; aber er mußte sich mit ihrem Bilde tragen, obgleich er sich der Sünde bewußt war, die er damit an seiner hohen Herrin verübte. Nach dem strengen Minnedienst jener Zeit durfte er neben der Einen, zu der er als zu dem Hort aller seiner Wünsche aufblickte, das Bild keines zweiten Weibes in seinem Herzen aufnehmen. Und nun mußte er, gläubig wie er in diesem Frauendienste war, es klagen, daß dieses selbe Herz, das sein eigen war, noch für eine andere Raum hatte. Wie sollte das nicht ein schwerer Kampf sein für einen Ritter jener von der Minne festtäglich geschmückten Zeit! 15 Denn wie oft hatte er vor ihr, der Einzigen es gesagt und geglaubt: sie muß mir wegen Rittersthat noch Dank schenken, oder Leib, Gut, Sinne und Leben, das alles geht verloren. – Das sollte doch eine Liebe sein, stärker als Tod und Hölle. Und nun hatte es ihm auch eine Zweite angethan, von der er sich sagen mußte, klagend, wie er meinte: Sie – Brechtel! Als sie mich so gütig ansah, ließen meine Augen ihren lichten Schein gleich mitten in mein Herz eindringen. Seine Augen, das waren treulose Wächter, die er verwünschte. Und das war ein harter Kampf für einen, der um Gunst diente bei der einzigen Frau in selbst zu jener Zeit seltener Hingebung. Denn sie hatte ihm jede Hoffnung abgesprochen, jemals solche Gunst von ihr zu erlangen. Aber gerade dies war die selig-traurigste Würze seines liebereichen Sehnens, daß sie ihm angekündigt hatte, die einzig Hohe, sie wollte alt werden, ohne je das kennen zu lernen, was sie heimliche Minne nennen. Dies gerade hatte auf seine Sehnsucht wie die Lebenslust 16 gewirkt, in welcher sie nur gedeihen konnte; und er hatte immer ernstlich zu Gott gehofft, daß er ihm als höchste Tugend die Treue anrechnen werde, die er gegen das hohe Weib ohne Falsch einzig und allein im Herzen trage. Und diese Treue ward nun so ernstlich bedroht. Das war Ursache genug, daß er sich nicht mehr in seinem Wesen gefestigt fühlte, wie früher, und schwankender Mut galt ihm als eines von den bösesten Dingen auf Erden: das hatte ihm alles Brechtel angethan mit ihren spielenden, süßen Augen, die rätselhafte Magd, wie er sich sagte. Sie kannte ihn, sie wußte, wer er war, und ihm war sie fremd, vertraut, aber doch fremd. Welche Ungleichheit, wo der Vorteil nicht auf seiner Seite war! Und unter dem Tuche, welches noch immer seine Wangen umhüllte, fühlte er die Röte des Unmutes aufsteigen. Er nahm es auf sich, Frau Jiute um ihre junge Magd zu befragen. Sie neigte höflich das Haupt und sprach: »Der gute Gott grüße mir diese Magd auf ihrem Wege, wo sie geht und steht; aber ich kann 17 Euch nichts über sie verkünden, was sie nicht selbst sagen will.« Mit dem mußte er sich zufrieden geben, fand aber wenig Genügen daran. – Endlich geschah es, daß es Meister Matthie hörte, wie er wieder mit bedachter Wendung sich der Frage näherte, ob Frau Jiute, eine wackere Hauswirtin, nicht wissen sollte, wo Brechtel, ihre Magd, weile. Sie ward in der Gegenwart ihres Eheherrn zwar ein wenig betroffen, antwortete aber listig: »Es giebt hier nur eine Magd, die hat Meister Matthie und die Magd bin ich. Er muß alles dessen gewaltig sein, was ein Weib an Dienstbarkeit leistet, das Frau Jiute heißt. Doch will es mir eitel Herzleid machen, daß er immer wider mich dräuend steht wie eine Donnerwolke über einem Pfingsttage.« »Ei ja! Du bist ein Pfingsttag, nicht wahr Jiutel?« fing jener an. »Gott sei mir gnädig und streiche diesen Festtag aus dem Kalender, wenn du es bist. Freilich, die Rede ist ihrer Zunge immer so nahe, wie das Wasser dem Mühlrade. Aber der Weibersinn sitzt thöricht im 18 Oberstübchen und mahlt schlechtes Korn. Meinst du, das soll mich nähren? Ich will mir meine Halme selber schneiden und einen Strohwisch für dich zum Kranze übrig lassen. Wie sie guter Dinge ist, meine Jiutel! Woher? Eija! hoppaldei! Willst du tanzen, Jiutel? Ich lass' dir einen Fiedler kommen. Denk' an das Tanzen fleißiglich alle Tage, so lange du heut sagen kannst, und deine jungen Haare noch auf dem alten Kopfe wachsen. Ei ja!« In diesem dicken Tone ging es fort, und die Frau hörte ihm geduldig zu, bis er fertig war. Der Gast verbarg ein Lächeln unter dem Tuche, das er trug. Daß Meister Matthie seiner Hausfrau so ungebührlich begegnete, erschien ihm nicht seltsam; denn das Vorrecht, dem Weibe zu dienen und sie über sich in den Äther zu erheben, lag nur bei dem ritterlichen Manne, dachte er sich. Doch gebot er ihm Einhalt und nahm Frau Jiute in Schutz: er hatte eine Frage an sie gerichtet, der sie sich mit ihrer Anrede an Meister Matthie entzog. – Warum hatte sie sich der Frage entzogen? warum hatte sie ihn so 19 lustiglich wie zum Kampfe bereit angeredet? tönte seine eifrige Gegenrede, und der Gast erzählte ihm, was er vergeblich von ihr erfahren wollte. Nichts als dies? Das wollte er ihm gleich mitteilen. Sie versuchte eine Einrede, aber er kehrte sich nicht daran und sprach: »Die Ihr im Hause gesehen habt, ist unser edles Fräulein Berchta von Weißenstein. Sie wohnt auf Stadeck bei ihrer Schwester. Und Jiutel hier war ihre Amme, als sie noch Weibeskraft besaß, ein solches Amt auszuüben, zu welchem sie nun längst unbrauchbar geworden ist. Aber was rede ich darüber! Die Lieblichkeit, die ihr Gott stets mit sparsamem Maß zugemessen hat, ist ihr nun so geblieben, wie die Maienblüte dem Eismonat. Ja, das ist mein Herzenskleinod Jiutel!« Sie nahm die Rede gelassen auf, wie sie es gewohnt war und sagte nur. »Mein Fräulein Berchta wollte es nicht leiden, daß ihr Name genannt werde, und du hast es nun gegen ihren Willen gethan, Mann!« 20 »Das nehme ich auf mich,« erwiderte er, »und du, meine Königin, begieb dich getrost in dein Reich, das ist die Küche, und laß dir von den Töpfen, die dort stehen, die Ehrerbietung erweisen, die deiner Holdseligkeit gebührt.« III. Nun wußte der leidende Gast, daß jene Magd aus edlem Geschlechte sei. Um so mehr begann er mit sich zu hadern, daß er sie im Sinne trug. Wie mochte er seine Herrin, die Edelste von allen, so sehr kränken, um ihr eine Andere an die Seite zu stellen! Dennoch konnte er seinem Empfinden nicht genugsam gebieten, um sich ihr, der beinahe Unbekannten, gänzlich wieder zu entfremden, wie er wohl mochte. Was habe ich mit ihr zu schaffen? sagte er sich offen, und dennoch ersehnte er heimlich den Augenblick, sie wieder zu sehen. 21 Dieser kam. Eines Morgens sah er von seinem Erkerstübchen, wo er auf der Fensterbank mit noch immer nicht heilem Munde saß, die Ersehnte herannahen. Sie ritt diesmal in zierlicher Frauenweise auf einem feinen Zelter, und ein gut gekleideter Knabe folgte ihr, der ihres Pferdes, wie üblich, Sorge trug, als sie herabstieg und in Meister Matthies Haus trat. Nach einer gebührenden Weile ging der Gast in das Gärtchen hinab. Der Apfelbaum hatte diesmal seine Blüten bereits abgeschüttelt, aber alles grünte und sproßte in dem kleinen Raum noch frühlingsmäßig, und der Sonnenäther lagerte darin. Aus dem grünen Rahmen des Paradiesgärtleins leuchtete ihm alsbald die Gestalt Brechtels entgegen. Sie saß wieder auf der Bank unter dem Apfelbaum, und an ihrer Seite Frau Jiute. Sie war auch diesmal einfach gekleidet, in langem, lichtem Sommergewande, und der Schleier war zum Nacken zurückgeschlagen, der sie auf dem Ritte gegen die Sonne geschützt hatte. 22 So saß sie dort mit liebenswürdiger Gebärde, eine rechte Herzensmeisterin, wie er sich wieder sagen mußte. Er gab ihr mit Gruß Willkommen und empfing solchen. Beides geschah mit Zucht und Ehren. Daß ihr Name von Meister Matthie dem Gaste preisgegeben wurde, mochte sie verzeihen. Warum sie sich verborgen hielt? Sein Antlitz, des Gastes, war ihr so geheimnisvoll erschienen, daß sie auch die eigene Stirn mit dem Zipfel eines Geheimnisses verhüllen wollte. Das sei alles. Nun aber begegneten sich beide mit offenen Zügen, unbeschadet des leichten Tüchleins, das er noch immer um den duldenden Mund trage und das ihn aber nicht am Reden hindere, wie sie gern bemerken wolle. Gott, der so gnädig jeglicher Gestalt walte, werde auch seinem Munde die rechte Bildung geben. Dann sei alles im guten Geleise, und es werde sich dann, und mit mehr Fug, erst recht ein Geheimnis zwischen beide herabsenken: das der Ferne. Ob er sie nicht auch dann wiedersehen könnte? fragte er. Sie verneinte es; aber da die Mur weit früher 23 vor seiner Burg vorbeiströme, bevor sie nach Graz käme, so könne er ihr einen Gruß ins Wasser schreiben, den sie aufmerksam lesen werde. »Wahrlich,« sagte er, »das Rauschen der Wellen mag Euch viel von mir verkünden. Ich bin auch weiter oben gewesen, wo die Mur ihre Wiege hat. Doch wenn sie an meiner Burg vorbeizieht, ist sie wie eine liebliche Maid geworden, die den schönen Sang der ersten Sehnsucht singt. Und wer sich in ihrem klaren Antlitze spiegeln mag, ist ein heilvoller Mann. Das möge sie Euch immer von mir sagen.« »Daran möchte ich mich nicht zu lange erinnern. Denn was da leicht dahinfließt, vergißt man bald,« sagte sie. »Wozu bedarf ich dann der Mur als Botin? Ich sage es Euch selbst, daß ich vor Eurem Antlitze ein heilvoller Mann sein möchte.« »Könnt Ihr mir ein Recht dazu nennen?« »Das Recht eines freien Mannes.« »Mit Verlaub, das seid Ihr nicht.« »Edle, was sagt Ihr da! Mein Geschlecht ist frei und adelig wie eines in der steirischen Mark.« 24 »Nein! Ihr dient.« »Nur meinem Herrn, dem Herzog von Österreich, wie jeder andere gute Rittersmann, sonst keinem.« »Ihr seid ein Dienstmann –« »Wie!« »Eurer Herrin.« »Ach, so meint Ihr es! Nun, auch das ist guten Mannes Freude und rechte Tugend. Aber es ist geheimnisvoll und unsichtbar, wie das Herz im Busen. Was wißt Ihr davon, was in meinem Herzen verborgen liegt, Edle! Nur mein Blick mag es Euch offenbaren, der zu Euch spricht, und zur Stunde kein anderes Bild empfängt als das Eure. Ist das nicht Freude, rechte Freude?« Er wartete auf eine Antwort, sie schwieg aber; und wie er sie anblickte, sagte er sich: Wenn ihr Mund lacht, so lachen die Augen mit, und wenn ihr Mund nicht lacht, wie jetzt, wo sie sinnt, so lachen die Augen noch immer. Da antwortete sie plötzlich: 25 »Rechter Freude wer da waltet, Der hat immer neue Jugend; So macht Sorge, daß man altet Und verderbet manche Tugend.« Als er dies hörte, verwunderte er sich über die Maßen und es ward ihm, als säße vor ihm eine fremde Gestalt, die unter dem zurückgeschlagenen Schleier noch einmal verschleiert war. Denn diese Zeilen waren aus einem Lied, das er kürzlich seiner Herrin gesendet hatte und das, wie er dachte, niemand sonst in der Welt kannte; so heimlich hatte er es ihr geschickt. Und nun hörte er die Worte seines Liedes aus Brechtels Munde. Das dünkte ihm so verwunderlich, daß er darob der Rede vergaß. Dann kam es ihm zu Sinne, daß sie um den Namen seiner Herrin wissen müsse, und sein Geheimnis, das er vor aller Welt verborgen hielt, ihr offenbar sei. Sie aber ergötzte sich an seinem unmäßigen Erstaunen mit unschuldiger Miene, nur daß die Grübchen in ihren Wangen lachten, denn die konnten nicht anders. Frau Jiute, die sich mit einem Nadelwerk beschäftigte, verstand von dem allen nichts oder wenig. 26 Endlich rang er sich zur Rede auf und bat sie, ihm zu sagen, woher ihr Kunde ward von dem, was sie gesprochen. Das mochte sie ihm nicht so glattweg anvertrauen; wer weiß, woher es ihr in den Sinn geflogen kam: vielleicht habe es ihr geträumt. Nein, entgegnete er, sie müsse es von einer hohen Frau vernommen haben, denn niemand wußte zur Zeit darum als eine einzige; so hätte er gedacht. Nun sehe er wohl, daß es auch aus anderm Frauenmunde ihm entgegen töne, was er im verschlossenen Briefe der einen Einzigen geschickt hatte; aber Brechtel könne es nur von ihr erfahren haben und von keiner Seele sonst unter der Sonne. – Nun, und wenn dem so wäre? sie brauchte sich solches Vertrauens wohl nicht zu schämen von der Einzigen, wie er sie mit Fug benenne. Denn sie ist einzig in Hoheit und allen Weibestugenden, sagte sie. Wie heißt sie nur? Da bat er sie um Gottes willen ihren Namen nicht zu nennen; denn er habe bisher den Lüften mißtraut, daß sie ihn nicht weiter tragen sollten und ihn deshalb nie laut genannt. Nur im 27 tiefsten Grunde seines Herzens hätte er bisher als Kleinod geruht, das ihn mit innerem Glanze durchleuchte und beselige. Diese seine Worte zauberten wieder eine klare Heiterkeit auf ihrem Antlitze hervor. »Gut,« sagte sie, »da soll sie die Herzogin von Belrepeire heißen, sie, von der Ihr gesprochen, mit welchem Namen keinem lebenden Weibe nahe getreten wird. Nun aber, zum Lohne meiner Verschwiegenheit müßt Ihr mir den Ruhm der hohen Frau verkünden. Denn ich schmachte danach, ihn von einem so guten Manne zu hören, wie Ihr seid.« Er erwiderte: »Ich habe den Ruhm der Herzogin von Belrepeire, wie Ihr sie nennt, oft genug in Liedern verkündet, und nun macht Ihr mich traurig, indem Ihr mich daran mahnt.« »Ein trauriger Ritter erwirbt nie ein wertes Weib; er sollte lieber froh sein; so würde die Herzogin sagen, wenn sie Euch hörte.« Das gefiel ihm, und er begann alsbald wieder mit beruhigter Miene zu fragen, wo Brechtel jene Herzogin gesehen und mit ihr gesprochen 28 hätte? Da hielt sie aber weislich an sich und sagte: eine solche Mitteilung müßte er sich verdienen. Das ginge nicht mit leichten Dingen zu. Sie wolle ihm eine Aufgabe stellen; wenn er sie erfülle, sei ihm die Mitteilung gewährt, sonst nicht. Die Aufgabe sei aber diese: Sie sitze auf einer einfachen Holzbank unter dem Apfelbaum. Er möge sich nun einbilden, es sei ein guter Sessel mit reichem Gewebe bedeckt, und sie selbst, Brechtel, sei die Herzogin, Frau Jiute aber ihre erste Kammerfrau und Vertraute. Nun solle er sie gerade so anreden, wie er es vor der Herzogin thäte, wenn sie da säße, und seinen Dienst ehrlich beteuern. Wenn sie damit zufrieden sei, solle ihm die gewünschte Mitteilung werden, sonst nicht. Sie sah ihn dabei so gütig und spöttisch an, daß der lichte Glanz ihrer Veilchenaugen sein Herz überaus erwärmte. Er dachte sich: zwar spielt sie mit mir; aber ist man eines Weibes Thor, so soll man es mit gutem Willen sein; und erklärte sich bereit, zu erfüllen, was sie von ihm begehrte. 29 Sie nahm darauf eine ernste Miene an und fragte strenge: »Was habt Ihr mir zu sagen, Herr Ulrich?« Und er verneigte sich tief und erwiderte: »Seid Ihr wirklich die Herzogin von Belrepeire, meine hohe Frau?« »Ich bin es,« antwortete sie einfach. »Nun dann preise ich den Tag, an dem ich Euer holdes Antlitz erblicke. Mir ist selig zu Mute wie einem Pilgrim, der den Ort des Heils erreicht hat. Mein Herz hüpft im Leibe vor jäher Freude zu der Musik ihrer Worte, die sie freundlich zu mir spricht. Denn ihre Gebärde ist lieblich, wie die einer Fürstin, die sich gnädig der Bitte entgegen neigt. Darum muß ich sie preisen, weil ich durch ihre selige Anmut, mit der sie mich aufnimmt, Adel und hohen Mut gewonnen habe. Von ihr gutes zu reden, das macht mich zum bessern Manne, als ich vorher war, und alles Gut der Erde überhöht sie durch ihre Güte zu mir. Wenn die Sonne aufgeht und wenn sie sinkt, so lag ein Tag dazwischen, und wenn sie ihre 30 Augen aufschlägt und wieder senkt, so lag ein leuchtender Morgen dazwischen. Der Himmel am Tage ist zuweilen umwölkt, aber was aus ihren blauen Augen glänzt, das ist die nie umwölkte Heiterkeit des Weibes. Die Sonne lockt Blüten aus der Frühlingserde, und ihr Frohsinn Lieder aus meinem Herzen. Wenn sich der Lenz erhebt, bringt er Blumenduft mit sich, so thut der Hauch von ihrem Wesen: er ist lenzhaft. Was in ihr verborgen liegt: die Weibesseligkeit berauscht mich mehr als der Duft der jungen Rose. Sie Holde, sie Süße, sie Reine, sie kann mir Wonne spenden, wenn sie mich anlacht und das gewährende Licht ihrer Augen sich mit dem bittenden der meinen vermählt. So empfange sie mich in Gnaden, daß unser beider Herzen zwei Lieder mit einem Klange singen mögen und vom Lauschen ihrer selbst in seligem Schlummer dahin schwinden. Dies Wiegenlied der Liebe lehre sie mich und lerne sie von mir. Dann sind Tag und Nacht nicht mehr, weil sie eins geworden sind, die Nacht der strahlende Tag 31 und der Tag die geheimnisvolle Nacht; und sie ist es, die das alles wirkt: das sei ihr zum Preise gesagt.« Sie lauschte verwundert. Er hatte das Tüchlein abgenommen, bevor er zu sprechen begann, und sein der Heilung naher Mund war wohlgestaltet geworden. Als er geendigt hatte, erhob sie das Haupt. Der Ernst war verschwunden; über ihr Antlitz glitt ein Lichtschein, nicht mehr Ernst, aber noch nicht Scherz: etwas wie lächelnder Ernst. »Wollt Ihr«, sagte sie, »daß ich Euch als die leibhaftige Herzogin von Belrepeire antworte?« »Ja; ich bitte Euch darum.« »So hört!« Und sie sprach mit Würde: »Was ich mir denke, ist heimlich und lauter wie Gold im Innern der Erde, und meine Weiblichkeit ist klar und rein wie der Felsbrunnen im Walde. Nun sage ihm, o Weiblichkeit, er sei ein thörichter Mann, daß er mir auf solchen Wahn dient, der einem Könige zu viel wäre; denn es ward nie ein Mann so hoch geboren, von dem 32 solche Rede mich nicht erzürnte, und ich verwundere mich, wie er den Mut dazu gewonnen hat.« »Ich aber verkünde Euch in Ehrfurcht, edle Herzogin,« erwiderte er, »daß ich eher Gut und Leben, als von solchem Wahn lassen will.« »Dann gilt Euch Eure Thorheit mehr als Gut und Leben, die doch wahrlich gering an Wert ist; wie jede Thorheit. Meint Ihr nicht?« »Was Ihr Thorheit nennt, das ist der ganze Inhalt meines Lebens.« »Ein gutes Leben verschmäht einen thörichten Inhalt.« »Nein, Edle! die Liebe, durch die mein Leben erhalten wird, ist eine große Weisheit.« »Nun, erhaltet Euch Eure Weisheit, und ich will mir die meinige bewahren. So bleibt jedem von uns sein Teil reinlich geschieden, und wir, die stolzen Besitzer, bleiben es auch.« »Nein, Edle! Legen wir vielmehr unsere Weisheit zusammen, dann haben wir einigen Besitz und zwiefache Freude.« »Ich bin ein einfaches Weib und hasse alles 33 zwiefache, auch in der Rede. – Darum will ich auch nicht mehr zwiefache Gestalt haben und thue von mir die Hoheit der Herzogin von Belrepeire und bin wieder Brechtel, die Euch nun zum Lohne von der andern erzählen will, der Herzogin: Ihre Burg steht auf einem hohen Berg und wird von Riesen bewacht, die aber am hellen Tage vor gewöhnlichen Augen wie Tannen erscheinen. Sie steigen den Berg hinan bis nahe zum Burgthore und beschützen mit grünen Schilden den Eingang. Hirsche und Rehe kommen viel herab, das sind verwandelte Ritter, die in ihrem Dienste stehen. Oben am Burgthore glänzt in der Bogenwölbung ihr Wappen: eine Krone, darin sind schwarze Streifen aus Agat, dem Zaubersteine, der die Menschenherzen bindet, und die Krone blitzt in einem Felde, das purpurn ist. Wenn die hohe Frau vor das Thor tritt, liegen alle Hirsche und Rehböcke ihr zu Füßen und schmachten sie an; sie aber blickt sorglos in die Tiefe, wo die Mur vorüber strömt, oder hinüber, wo Glein und Hochalpe weit dahin blauen. Und 34 der Name der Herzogin von Belrepeire, den sie daheim führt, ist –« »Genug,« fiel er jetzt erschrocken ein, »genug, Edle! Ihr sollt ihren Namen nicht nennen. Ich sehe, daß Ihr ihn kennt, und das sei mir genug, mir selig unseligem Manne.« »Damit ist auch unsere Aventiure zu Ende,« sagte sie heiter und erhob sich. »Soll ich Euch nicht mehr treffen!« rief er bestürzt aus. »Kann ich Euch nicht daheim aufsuchen? Mir ist der Herr von Stadeck wohl vertraut und er wird mich freundlich aufnehmen. Wollt Ihr es auch thun?« »Euer hoher Mut verdient es, daß Euch jede Frau gut aufnimmt. Aber bedenkt das eine: Ihr lebt hier verborgen. Wird nicht, wenn Ihr auf Stadeck kommt, die Ursache Eures hiesigen Aufenthalts bekannt, und das Geheimnis, das Ihr wahren wollt, verraten?« »Ja,« erwiderte er und senkte das Haupt. »So werdet Ihr am besten in der Verborgenheit bleiben, die Ihr Euch selbst erwählt habt. Und ich, die Herzogin von Belrepeire, mit deren 35 Würde ich mich noch einmal umkleide, sage Euch dafür Dank. Und Gott nehme Euch in seinen gnädigen Schutz.« Mit diesen Worten entfernte sie sich still lächelnd, und Frau Jiute folgte ihr. Er blieb allein. IV. Nun ging die Zeit seines Aufenthaltes in Meister Matthies Hause zu Ende, denn seine Lippe war geheilt. Doch mochte er sich nicht zur Heimfahrt entschließen, ohne Brechtel noch einmal gesehen zu haben. Er vertraute sich Frau Jiuten an; sie sollte Rat schaffen, wie er unerkannt nach Stadeck kommen könnte, sei es in die Burg, oder in deren Umgebung, um ihr noch einmal nahe zu sein, an die er immer denken mußte. Seine hohe Herrin schwebte im Äther, und Brechtel schritt auf der jungen Erde, und er irdischer Mann fühlte sich zum irdischen Weibe hingezogen. 36 Frau Jiute war gutmütig geneigt, ihm mit Rat beizustehen. Sie sagte, daß nächsten Sonntag im Dorfe Gabriach unweit der Burg Kirchmeß sei, und daß Brechtel mit ihrer Schwester, der Herrin von Stadeck, gegen Abend zur Dorflinde kommen werde. Das geschehe nach Brauch, daß die Burgfrau den Tanz der jungen Dorfgenossenschaft durch ihre Anwesenheit verherrliche. Dort könne der Gast die Gelegenheit wahrnehmen, um sich dem Fräulein auf irgend eine Weise zu nähern. Auf diesen Vorschlag ging er mit großem Eifer ein. Er bat nun Frau Jiute, ihm eine ärmliche Kleidung zu verschaffen, in der er unauffällig auf dem Dorfplatze unter der Linde erscheinen könnte. Dazu war sie gerne bereit; eine abgetragene Joppe war im Hause, das übrige wollte sie von einer Nachbarin entlehnen. Sie erschloß den Almer, in welchem sie Meister Matthies alte Kleider bewahrte, und da erblickte der Gast eine Geige, die mit Fiedelbogen im oberen Fache lag. Ein Gedanke erwachte alsbald in ihm; er bat sie, ihm auch die Geige zu leihen. 37 Auf ihre verwunderte Frage, was er damit wolle, antwortete er, daß er damit umzugehen verstehe. Das habe er von Jugend auf gelernt, und seine Hand wisse nicht nur den Speer, sondern auch den Fiedelbogen zu führen. Zum Beweis dessen nahm er die Geige an sich, stimmte sie und begann einen lustigen Reigen aufzuspielen. Sie schlug die Hände vor Verwunderung über dem Kopfe zusammen, und die Rhythmik der Tanzweise fuhr ihr in die Glieder, ohne daß sie es wußte. Ihr Leib wiegte sich leise nach dem Takte des Reigens, aber noch standen ihre Füße fest, und der Gast geigte immer feuriger. Das war wie ein seltsamer Zauber, der sie band und zog und dessen sie sich schier nimmer erwehren konnte – da trat Meister Matthie in die Stube. Verwundert sah er seine Jiutel sich wiegen unter den fröhlichen Geigenklängen, die der Gast meisterlich, wie irgend einer vom fahrenden Volke, hervorlockte. »Ei ja!« rief er spöttisch, »hab' ich's nicht immer gesagt? Meine Jiutel will den Hoppaldei 38 tanzen, denn sie ist noch jung und wohlgemut und blüht wie ein Maienröslein. Das ist Weibesart, die niemals merkt, daß ihr das Alter über den Buckel gekrochen ist, auch wenn der Zopf grau geworden ist. Potz Daus! Sehe einer, wie sie so lieblich die Füße zum Tanze setzt, meine Jiutel! bin ich nicht ein seliger Mann um ihretwillen? Nun, mein Engel mit dem Altweibergesicht, willst du auch mit mir den Reigen tanzen? Ich bitte dich! Sträube dich ein klein wenig ja zu sagen, da dies eine holde Frau immer thut, wenn ihr das Nein zuwider ist, und dann hoppaldei, Jiutel! springen wir, daß die Röcke fliegen, und der Gast spielt auf.« Diesmal war Frau Jiute so erzürnt, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, die Stube verließ, welcher Rückzug den Spott ihres Ehewirtes noch mehr herausforderte. Er erging sich darin mit Herzenslust, bis ihm der Gast Einhalt gebot und über sein Begehren mit ihm zu Worte kam, nämlich das edle Fräulein wieder zu sehen. Meister Matthie, dem der vornehme Stand seines Gastes nicht mehr verborgen war, erklärte sich 39 zu allem bereit, überließ ihm willig Joppe und Geige und wünschte ihm überdies Glück auf die Spielmannsfahrt. V. Sonach schritt der Gast am Kirchtage unkenntlich in seiner unscheinbaren Tracht mit der Fiedel am Rücken ins Freie. Der Frühling war zum jungen Sommer geworden und prangte in leisem Anflug der künftigen Fülle. Das anmutige, edel gegliederte Hügelgelände zog sich dem Wanderer zur Rechten bis zu dem höher ansteigenden Gebirge hinan, das in dunkelblauer Herrlichkeit die Landschaft abschloß. Überall grünte und sproßte es wie in einem weiten Garten, blumig geschmückt auf saftigem Grunde, mit jungen Reben auf den Hügeln und üppigen Obstbäumen unter dem lachend blauen Himmel. Aber zur Linken strömte jugendlich heiter der Bergstrom durch die grüne Aue dahin, die Mur 40 und goldene Funken leuchteten von ihrem Antlitze auf. Drüben dehnte sich weit das Feld dahin mit fruchtbarem Ackerboden, den wogende Saat mit bläulich grünem Scheine bedeckte. Aus gänzlich ebenem Grunde stieg auch drüben, unweit vom Strome, ein silbern graulich schimmernder Fels steil empor, wie ein seltsames Gebilde, und trug auf seinem Scheitel ein weißes Kirchlein. Erst weit jenseits begrenzte eine stattliche Hügelkette wieder den Horizont, und dort, wo der Strom aus der Bergenge hervorbrach, krönte eine stolze Burg einen der vielen Gipfel. Aber aus dem Oberlande blickten die Alpen, vom schneeigen Mantel umhüllt, auf die in stiller Schönheit ruhende Landschaft herab. Der jugendliche Gast schritt wohlgemut dahin, und der sonnige Äther, der ihn umwebte, füllte ihm Augen und Herz mit lichtem Scheine. Weit in der Ferne, auf dem Wiesenraine zwischen den Äckern tauchte eine seltsame Erscheinung auf: ein Wagen mit zwei weißen Kühen bespannt, auf welchem ein geschmücktes Bild in Gestalt eines seltsamen Weibes geführt wurde, und Gesang 41 und Jauchzen der Dorfgenossenschaft umhallte das Gefährte. Es war der Zug der alten heidnischen Göttin, die die Felder segnete. Etwas wie ein Zauberhauch berührte die Landschaft im Morgenglanze. Davon ward ihm das Herz bewegt, daß es Sprache gewann, um seine Freude zu verkünden, und er sang vor sich hin: »In dem Walde süße Töne Singen kleine Vögelein; Auf der Auen Blumen schöne Blühen in des Maien Schein. Also blüht mein hoher Mut Im Gedanken ihrer Blüte, Die bereichet mein Gemüte, Wie's ein Traum dem Armen thut.« Wenn er in den Himmel über sich blickte, der Ströme blauen Lichtes herabsandte, dachte er an Brechtels Augen: die gewannen ihr Licht von der Seele des Weibes. Diese, die Seele des Weibes, war die Sonne, welche die ganze Gestalt umspielte und in Anmut tauchte, so daß jede ihrer Gebärden, wenn sie ging oder saß, selig war. Lachendes Glück im jungen Mädchenleib, 42 so war sie ihm erschienen. Daraus war ihm Sehnsucht nach ihr im eigenen Herzen erblüht. Seiner hohen Herrin, der Herzogin von Belrepeire, wollte er immer dienen, das war Ritterart; Brechtel aber wollte er liebend als sein Weib umarmen, das war Menschenart. Nun fuhr der überschwengliche Ritter aus, um die Wirklichkeit zu erobern, und ein silbernes Lachen zog in den Lüften mit ihm. Auf der Wegscheide lag ein Gehöfte mit einer Schmiede. Der Schmied, ein freier Mann, hielt Herberge und schänkte den eignen Wein aus, der ihm auf der Sonnenleiten des Hügels wuchs. Dort saßen in einer offenen Laube um den Tisch mehrere Gesellen, die schienen guten Mutes zu sein, obgleich sie nicht viel Reichtum mit sich trugen. Denn ihre Gewänder waren fadenscheinig und hatten mit Wind und Wetter überlange Bekanntschaft gepflogen. Aber ein bäuchiger Krug Weines stand vor ihnen auf dem Tische, und sie tranken aus irdenen Köpfen und Näpfen fröhlich in den Tag. Ihnen zur Seite lagen Futterale aus grünem Zwilch, aus denen Geigen und Flöten 43 hervorblickten, und der Gast, der heranschritt, merkte, daß es eine Gilde sei, zu der er selbst nun gehörte: die der fahrenden Musikanten. Da setzte er sich ohne viel Bedenken mit freiem Gruße frisch und fröhlich zu ihnen, die ihn darob verwundert ansahen, denn er schien ihnen doch nicht gänzlich ihresgleichen zu sein. Aber als er keck das Wort ergriff und nach woher? und wohin? fragte, ergab sich aus Rede und Gegenrede, daß sie gerade nach Gabriach wollten, wo Kirchweih wäre, um dem Dorfvolke unter der Linde zum Reigen aufzuspielen. Das füge sich gut, denn er wandere nur so ins Blaue hinein, sagte er, und wenn sie ihn in ihre edle Genossenschaft aufnehmen wollten, so sei er dabei. Besser eine Geige mehr als weniger, denn die Beine der Bauern seien rastlos beim Tanz; und je kräftiger es von den Fiedeln klinge, destomehr Silberpfennige kämen von den reichen Bauern in die Taschen der Musikanten gesprungen. Denn die Geige locke Pfennige herbei, wie die Salzschüssel Schafe: sie kommen zu Haus. Also fröhlich den Tag begonnen, und noch fröhlicher 44 beendet! Das sei fahrender Leute Art. Und gleich noch einen Krug vom Besten bestellt! seinen Teil der Zeche lege er auf den Tisch. Und ist ein Krug und der zweite zu wenig, so gebe Gott einen dritten. Damit gewann er bald das Wohlgefallen der Gesellen und ward mit ihnen eines Herzens und Sinnes, so daß sie ihn in ihre Gemeinschaft mit Eid und Handveste ohne Tinte und Pergament aufnahmen. Da saß er nun unter ihnen, der wohlgemute Gast, in ärmlicher Tracht. Es ahnte wohl keiner von den fahrenden Leuten, daß dieser schon zu manchem Feste herrlich geschritten war in einem Kleide von grünem Pfelle, darein goldene Ranken gestickt waren, und einem Mantel von Scharlach darüber, mit einem Hut auf dem Haupte, der köstlich mit Perlen geziert war, mit goldenen Sporen an den Fersen, und das ritterliche Schwert zur Seite. Nun war er im Gehaben und Gebahren wie einer von ihnen. »Höre, Geselle,« sprach der Älteste des Volkes zu ihm und strich sich seinen wirren grauen Bart: »wenn du nach Gabriach kommst, daß du 45 mir nicht zu sehr nach den hübschen Bauerndirnen gaffst; denn die Bursche dort sind stolze Hähne auf ihrem Mist und leiden es nicht, daß ein anderer ihnen ins Gäu kommt. Sie schlagen derb zu und finden je mehr Spaß daran, je länger sie es thun. Und wir sind ein friedlich Volk.« »Die Bauern hier sind noch lange nicht so arg,« ließ sich ein anderer vernehmen; »aber zu Tuln an der Donau, da sollte man sie sehen! Da stolzieren sie einher wie die Ritter mit Schwert an der Seite, tragen eine bunt gestickte Gickelhaube auf dem Schädel und ein rundes Spiegelchen um den Hals gehängt, darin sie sich oft verwundert ob ihrer Holdseligkeit betrachten. Die sind rasch und ungestüm; aber auch die Hiesigen führen immerhin die Faust wuchtig genug, das ist wahr, wenn sie Hagelwetter machen.« Der Gast beruhigte sie mit der Versicherung, daß auch er ein friedlicher Mann sei, der jedem das Seine gönne und kein Spiel verderbe. Im übrigen stelle er auch seinen Mann, so es die Not gebiete; was sie ihm gerne glaubten. 46 VI. Sie machten sich dann auf den Weg, als die Zeche bezahlt war, und schritten fröhlich fürbaß. Mit solchem guten Mute kamen sie auch nach Gabriach und wurden dort wohl empfangen; denn es war die Sonne gegen Mittag gestiegen, der Kirchgang vorbei, und es wurde ein stattlicher Imbiß gerüstet. Zwei lange Tische prangten, mit weißem Linnen bedeckt, im Freien auf grünem Plane unter Ahornbäumen, die reichen Schatten gaben. Und funkelte die Sonne hier und da durch das Gezweige und spiegelte sich in den zahlreichen Zinnschüsseln und Bechern, so focht das die biedere Dorfschar wenig an, die das Mahl gemeinsam gerüstet hatte und nun mit Weib und Kind in sonntäglicher Tracht zu Tische saß. Auch den Musikanten wurde abseits eine kleine Tafel gestellt und reichlich mit Speise und Trank versehen. Da hub dann ein fröhliches Schmausen an der freien Bauernschaft in der grünen Landschaft; denn sie war nicht dienstbar, 47 außer geringem Zins, den sie dem Burgherrn zu zollen hatte. Zwischen dem Mahle trat, wie von ferner Fahrt kommend, eine fremde Gestalt auf. Es war ein ehrwürdiger Greis in der Kutte eines Benediktinermönchs, der in schlichten Reimen seinen Namen nannte, und es war kein geringerer als der heilige Veit, der Schutzpatron der Kirche, der auf den Plan trat. Er verschwieg auch nicht sein Vorhaben, auf diesem schönen Boden, den er sich durch himmlische Eingebung erwählt, dem Herrn ein Haus zu bauen. Dazu sollte der Wald ausgerodet werden; doch war er allein zu schwach zu solchem Werke und erbat sich vom Himmel Beistand. Da kam ein Bauer wie von ungefähr des Weges geschritten, der trug eine Axt auf der Schulter: das war die Hilfe, deren der heilige Mann zu seinem Werke bedurfte. So wies er alsbald dem Bauer ein wundersames Weizenkorn auf der flachen Hand und kündigte ihm an, daß daraus auf der Waldstätte dereinst goldene Ähren ihre vollen Häupter erheben und stattliche Höfe sich innerhalb der Äcker scharen sollen. Die 48 edelste Frucht des Bodens, die den Menschen das tägliche Brot beschaffe, empfange ihre Kraft vom Sonnenlichte, und die edelste Frucht des Herzens, der Glaube, der die Menschen mit Trost und Zuversicht nähre, empfange seine Kraft von der heiligen Kirche. Dazu solle er ihm seinen Arm und Beistand leihen, den Wald zu roden und die Kirche zu errichten. Der Bauer zeigte sich willig zum Werke, denn er bemerkte den Heiligenschein um das Haupt des fremden Mannes. Inzwischen war noch eine dritte Gestalt aufgetreten, die sich als lustige Person bekannte und mit derben Possen in das würdige Zwiegespräch der beiden hineinfuhr. Sie hielt dem Bauer spöttisch vor, wie es ihm Vorteil brächte, im Schirm und Schatten der Kirche zu sitzen, die ihn mit geistlicher Speise sein Leben lang versorgen werde, wofür er ihr mit leiblicher Nahrung zu zinsen und zehnten hätte. So wasche eine Hand die andere nach gutem Brauch. Die Kirche ohne Bauern sei ein ungedeckter Tisch, und der Bauer ohne Kirche ein Roß ohne Reiter. 49 Schließlich wurde er von dem heiligen Veit ob seiner zu freien Rede verwarnt und mit allen Höllenstrafen bedroht, worauf er in sich ging und Buße that. Er kniete bereitwillig mit dem Bauer nieder, um sich in die Hände des Heiligen mitzugeloben zum Dienste des Gotteshauses, das auf dem Grunde des gerodeten Waldes erstehen sollte. Seine Gebärde war aber bei dieser symbolischen Handlung nicht ohne Zusatz von Schalkheit; denn er benützte die Hände, sobald er sie frei hatte, um die langen Ohren seiner Narrenkappe noch um ein erkleckliches zu verlängern; welche gleichfalls symbolische Gebärde der versammelten Dorfgenossenschaft behagliches Lachen schuf; war aber ebensobald mit der Schlußmoral zur Hand, die dahin lautete: Es gäbe keinen schöneren Beweis der Heiligkeit einer Sache, als wenn sie von der Narrheit verspottet wird. Diese sei denn auch zu etwas gut und deshalb von Gott mit anderem Getier erschaffen worden. So verlief alles glimpflich, und der Kirche ward die Ehre gezollt, die ihr gebührte. Der würdige Pfarrherr, der selbst inmitten der 50 Bauernschaft am oberen Ende der Tafel auf dem Ehrensitze saß, nahm das Spiel der lustigen Person nicht anders auf als alle übrigen Zuschauer. Sodann entfernten sich die drei Personen vom Schauplatze, und der Heilige wie die lustige Person enthüllten sich als zwei benachbarte Bauern, die wohlgemut ihre Sitze wieder an der Tafel einnahmen, um mit dem Dritten im Bunde das Lob der Gesellschaft ob ihrer trefflichen Darstellung einzuheimsen. VII. Nach diesem Zwischenspiel nahm das Mahl seinen gedeihlichen Verlauf bis zum Nachmittagssegen, der sie wieder in die Kirche rief. Da alle nicht darin Raum fanden, so standen sie andächtig vor der Pforte auf dem kleinen Friedhofe, dessen Hügel rings um die Kirche blühten. Die Musikanten aber sagten sich: Ist ohnehin der Platz dort enge, so wollen wir ihn nicht noch schmälern, und bleiben, wo wir sind. Wir gelten 51 so wie so nicht als Kirchenvolk, weil der freie Himmel das einzige Dach unseres Gotteshauses ist. Laßt sie denn noch beten, dann kommen wir daran. So geschah es auch. Nach dem Kirchgange ging es alsbald zum Reigen auf den Dorfplatz unter der großen Linde. Im Gezweige war oben ein wohlgefügter Tisch mit Bänklein angebracht, zu welchem Stufen hinan führten. Das war der luftige Saal der Musikanten im Wipfel, von wo aus sie ihre hellen Weisen ertönen ließen, als ob sie vom Himmel selber herab kämen, um das Volk zu ehrbarer Fröhlichkeit zu führen. Das geschah denn auch weidlich, als jene oben zurecht saßen und die Weise anstimmten. Hand in Hand traten die Paare der jungen Dorfgenossenschaft den Reigen an und bewegten sich jauchzend in gemessenem Tanzschritt um die Linde. Zur Seite saßen die Alten an den Tischen bei den Krügen und erlabten sich noch bedächtig an einem guten Trunk, während das Bild des bunten Reigens vor ihren Blicken vorüber glitt. Sie lauschten zuweilen erstaunt 52 zum Wipfel der Linde auf. Denn ein ungewöhnlich süßes Geigengetön kam von dort oben herab, wie sie es noch nicht gehört hatten. Das war der fremde Gast, der mitten unter den Gesellen saß und sich vernehmbar machte, so daß diese selbst ihm verwundert mit ihrem Spiele folgten. Er aber blickte wohlgemut von seinem luftigen Sitze in die sonnig blühende Weite hinaus. Der Strom wand sich schimmernd durch die grüne Aue an dem grauen Mauergürtel der fernen Stadt vorbei, die ein getürmter Berg herrlich überragte, und in noch weiterer Ferne blauten Berge mit leisem Duft in den klaren Äther. Wenn er das Haupt zur Seite wandte, sah er die feste Burg Stadeck mit ihrem Bergfried ragen. Von dort mußte sie herab kommen, um deretwillen er nun im Gezweige als musizierender Vogel saß. Er lachte in sich hinein und lauschte eifrig den Tönen seiner übermütigen Fiedel, die er nun so freudig in der Hand hielt, wie sonst den ritterlichen Speer im Turniere. Und als der Abend rötlich warm zwischen den Tannen am Berghang hindurch schien, sah er auch zwei 53 weibliche Gestalten mit einem Knaben herab kommen. Da begann seine Fiedel schwächer zu klingen, weil sein Herz jähe stärker schlug. Doch das dauerte nur einen Augenblick, dann strich er den Bogen über die Saiten, daß es einen freudig hellen Klang gab. Die zwei weiblichen Gestalten waren Brechtel und ihre Schwester, Frau Elsabecht. Schlank und anmutig schritt Brechtel neben der stattlichen Schwester einher und führte deren Söhnlein, einen schönen blondhaarigen Knaben an der Hand. Sie trug weiches weißes Gewand, das mit jedem Schritte in edlen Falten bis zur Fußspitze hinab floß, und ihr Antlitz schien den Sommerabend anzulachen, wenn sie die Stirne nicht zu dem Kinde hinab neigte. Der Althuber des Dorfes empfing die Frauen mit tiefem Neigen und dankte der Ehre des Besuches mit ziemender Rede. Dann wurden sie zu einem Tische geleitet, wo sie nieder saßen und von dem Weine zu kosten geruhten, der ihnen zum Willkomm gereicht wurde. Auch brachte man ihnen auf einem blinkenden Zinnteller weißes Weizenbrot und Honigküchlein als Zukost, was sie freundlich annahmen. 54 So ehrten sie das Fest mit ihrer Gegenwart, während sich der Reigen in ungehemmter Fröhlichkeit erging und sein buntes Bild unter der Linde im roten Abendschimmer entwirkte. VIII. Auch die beiden Frauen lauschten den Klängen, die aus dem Wipfel ertönten, und sie erkannten, daß sie ungewöhnlicher als sonst bei ähnlicher Gelegenheit waren. Die Weise jubelte aus dem Laube heraus, geführt von einer starken und süß tönenden Fiedel, der sich alle andern Instrumente willig fügten. Mitunter klang auch ein Lied herab, das von einem der Spielleute angestimmt wurde: meistens in kurzen Zeilen, die von dörflicher Liebe in zusammengefaßter Kraft schalkhaft handelten; bis auch einmal ein Lied ertönte, das nicht auf ländlichem Boden gewachsen war. Es hub so an: 55 »In dem luftesüßen Maien, So der Wald gekleidet steht, Sieht man wandeln schön zu zweien Alles, was da liebes hat, Und ist mit einander froh: Das ist recht; die Zeit will's so. Wo zwei Lieb einander meinen Herzlich gar und ohne Wank, Und sich beide so vereinen, Daß die Liebe niemals krank, Die hat Gott zusammen geben Auf ein wonnigliches Leben.« In diesem Gange bewegte es sich fort bis zu Ende. Die Weise war neu und innig, und die Spielleute sahen verwundert auf ihn, der sang: es war der Gast, der zu ihnen gestoßen war, und da stieg ihnen der Verdacht auf, daß er doch nicht zu ihnen gehörte, der solch höfisches Lied anstimmte. Aber jener merkte alsbald das Mißtrauen, mit dem sie ihn betrachteten, und um diesen Eindruck auszulöschen, strich er über die Fiedel und ließ einen Ridewanz ertönen, wie ihn nur je Spielleute kräftig den Dörfern zum Reigen aufspielten. Da fielen alle gleich fröhlich ein, 56 und unter dem jungen Volke unten ging der Tanzschritt mit festem Gestampfe einher, und es scholl weithin jubelnd: traranuretum, traranuretum, traranuriruntundeie! Dann erschien es allen geboten, sich auch einer Rast zu erfreuen. Das junge Volk setzte sich an die Tische, um sich zu erlaben, und auch die Musikanten im Wipfel bekamen Urlaub herab zu kommen und sich herzhaft zu atzen und tränken. Auch der fremde Vogel betrat da wieder den Erdboden und strich wie von ungefähr an dem Tische vorbei, wo die edlen Frauen saßen. Frau Elsabechts Söhnlein, das vorhin sich den Sänger auf der Linde gemerkt hatte, erkannte ihn nun und hielt ihn mit den Worten an: »Ich möchte auch so schön singen können, wie du, Spielmann!« Diesen Wunsch beantwortete jener mit einem Gegenwunsche: »Also mögest du dereinst so schön und noch schöner singen können, als ich armer fahrender Geselle, du edles, junges Blut!« und dabei legte er seine Hand liebkosend auf das 57 blonde Haupt des Knäbleins, das zu ihm freundlich aufblickte. Frau Elsabecht gab dem Gegenwunsche mütterlichen Dank, und da sie seine stattliche Gestalt betrachtet hatte, lud sie ihn ein, näher zu treten und sich an den Tisch zu setzen, wo sie ihm einen Becher Weines reichen ließ. Der Gast leerte ihn mit Zucht und Sitte auf das Heil der beiden Frauen, wie auch auf die tugendlichen künftigen Thaten des Knäbleins, das sich an ihn schmiegte. Brechtel neigte die Stirn zum Danke und hielt den Blick beharrlich gesenkt, so daß er sich sagte: Mich hat der lichte Schein ihrer Augen so eben noch angeblitzt, und nun senkt sich ein Vorhang darüber von dunkler Seide. Aber darunter flimmert und zuckt es wie unter einem Wölklein, das die Sonne verdeckt. Brechtel war von seiner Anwesenheit überrascht; so blieb sie schweigend. Auch er vergaß der Rede, weil er sie ansah. Aber Frau Elsabecht fragte ihn, wo er sein Geigenspiel erlernt, und er gab ihr zur Antwort, daß er in welschen Landen gefahren sei und von den dortigen Meistern 58 viel zu Nutz und Frommen gelernt habe. Er bat um die Erlaubnis, morgen in die Burg schreiten zu dürfen: dort wolle er den Frauen noch manches von seiner Kunst bieten. Das Knäblein von Stadeck schlug freudig die Hände zusammen und rief: »Ja, ja, liebe Mutter! laß ihn kommen, den guten Spielmann!« Nun erhob Brechtel die Stirn und sprach zu ihm: »Ihr seid wohl auch viel in steirischen Landen gefahren?« »Gewiß«, sagte er, »und immer habe ich den Spruch bewährt gefunden: Güte ist wohl das beste Frauengewand, Das an Weibes Leib je ward gewandt.« »Das mag sein. Und Ihr habt Euch überall Lob gekauft mit Eurem Spiel?« »Wenn ich es erhielt, so hat meine Geige darum geworben, nicht ich. Laßt mich nur morgen in die Burg kommen, so gebt Ihr mir Freude Euch damit zu dienen. Und je mehr Ihr mir 59 Freude gebt, je mehr will ich sie wieder zahlen mit gutem Spiel.« »Ihr sprecht mutig, aber unsere Weibessitte will doch Eurer Spielmannsart entbehren.« »Spreche ich mutig, so glaubt mir: Mannesmut und Weibessitte gesellen sich am edelsten.« Frau Elsabecht sagte jetzt: »Liebe Schwester, ist es doch nicht wider Zucht und Ehre, den Spielmann in die Burg zu laden, auf daß er uns mit seiner Geige erfreue, das ist allenthalben Brauch.« Und das Söhnlein stimmte ihr eifrig bei. »Weißt du's, Schwester?« erwiderte Brechtel, »dann wird es wohl sein. Der Spielmann mag denn zur Burg schreiten und dich ergötzen. Aber lausche meinen Worten, Spielmann! – du bist viel im Lande gefahren und hast guten Ruf gewonnen. Ich weiß es; denn eine hohe Frau verlangt nach dir und will deine Geige hören: die Herzogin von Belrepeire.« »Wie?« fragte Frau Elsabecht erstaunt. »Sind mir doch alle edlen Geschlechter im Lande wohlbekannt, und doch habe ich noch nie von einer Herzogin dieses Namens vernommen!« 60 »Laß dich's nicht verdrießen, Schwester,« erwiderte Brechtel. »Sie lebt im Lande, und dieser Spielmann weiß gar wohl, wo ihre Burg steht. – Nun sagt, wollt Ihr ihrem Rufe folgen und vor dem Thore erscheinen, wo die hohe Frau sitzt?« Jener blieb stumm. Dann raffte er sich zur Frage auf: »Ist es wahr, hat sie nach mir begehrt?« »Es ist wahr,« antwortete sie mit lächelnden Augen. Er kämpfte eine Weile mit sich einen schweren Kampf und sagte dann: »Es giebt eine Frau, der ich zu ferne bin, weil sie mir immer zu nahe ist.« »Ihr?« fragte Frau Elsabecht immer mehr verwundert. »Als ein Spielmann führt Ihr sonderbare Reden. Das ist wohl eine Frau, die wie Ihr durch die Lande fährt?« »Auch die Sonne fährt durch die Lande,« erwiderte er, »und ich werde nie abstehen von meiner Treue gegen sie.« »Sie wird Euch, Sonntagskind, Dank wissen,« 61 sagte Brechtel mit unmerklichem Spott, »glaubt es mir. – Nun, Schwester, entbiete ihn zur Burg. Du wirst sehen, wie er kommen wird, um dich und unsern Neffen hier zu ergötzen.« »Ja,« sagte das Knäblein, »das wird er thun.« Inzwischen war die Rast, die sich die junge Dorfgenossenschaft gegönnt, wieder vorbei. Die Musikanten bestiegen den Wipfel der Linde, einen neuen Reigen zu beginnen und riefen ihrem Gesellen zu, der noch bei den edlen Frauen saß, ihnen zu folgen. Dieser stand auf und sagte: »Meines Weilens ist nicht mehr hier; ich muß dem Rufe folgen. Meine Treue gehört Euch, allerschönste Herzogin von Belrepeire!« und indem er Brechtel fest anblickte, neigte er sich vor den Frauen und entschritt. »Das ist ein wunderlicher Geselle,« sagte Frau Elsabecht. »Hast du ihn närrisch gemacht mit deiner Herzogin von Belrepeire?« Sie lachte: »Hältst du mich für klug genug, um einen närrisch zu machen?« 62 Die Musikanten warteten aber vergebens auf ihn, der mit seiner Geige den Reigen führen sollte. Er kam nicht und blieb entschwunden. Sie mußten denn das Spiel ohne ihn beginnen, was sie mit viel Fragen, Erstaunen und Ärger auch thaten. Jener aber schritt schon, ferne dem Dorfe, durch die Aue der Stadt zu. IX. Als Brechtel wieder nach einiger Zeit in Meister Matthies Hause abstieg, um mit Frau Jiute traulich zu reden, da war das Haus bereits vom Gaste geräumt. Jiute erzählte, daß er am Morgen nach seiner Spielmannsfahrt dem Wirte Heilung und Pflege mit freigebiger Hand gelohnt und dann mit Urlaub sein Roß bestiegen hatte und von dannen geritten war. Meister Matthie, ein gröblicher Mann, wie sie seufzend sagte, hatte seiner Kunst fein gewaltet und ihn von dem Gebrechen an der Lippe gänzlich erlöst. Dessen 63 waren beide froh: er, der Heilung gefunden, und der Meister, der sich am reichen Lohn erfreute. Nun rügte es aber Brechtel halb scherzhaft, halb zornig, daß sie dem Gaste den Weg nach Gabriach gewiesen hatte zur Kirchweih; denn sie dachte sich, daß er den Rat dazu von niemand andern empfangen hätte als von Jiute. Diese leugnete es auch nicht und sprach: »Mein trautes Kind, ich that es nur, weil ich sah, daß er dich im Herzen und Sinne trug. Willst du mir oder ihm darob gram sein? Ist er doch ein wohlgemuter Mann und von edler Herkunft! Wie sollte er nicht um dich freien dürfen, da ihm der Sinn danach steht? Ich will es noch um dich verdienen, daß du mir dafür Dank sagst. Sprach er mir doch immer nur von dir und rühmte dein ganzes Wesen, wie ein guter Mann es thut, dem etwas zu jüngst im Herzen geschehen ist, was er nicht verwinden kann. Sag' mir, willst du es ihm gar nicht lohnen?« »Das lohne ihm der Wind, dem er 64 entgegenreitet, er thörichter Mann,« sagte Brechtel lachend und unmutig. »Er soll meiner billig entraten, so lang ich Witz genug habe, um ihm den Spott zu schenken, den er verdient.« »Um Gottes willen, trautes Kind, hätte ich doch nie gedacht, daß dir so zu Mute ist wider ihn, den jungen edlen Herrn! Wenn mir männliche Art gegen das Weib nur halbwegs bekannt ist, so begehrt er dein mit aller Liebe eines treuen Herzens.« »Seine Liebe trag' er in die Ferne, auf daß sie mir nicht nahe sei; sie ist eine Ware, die er jedem Weibe zuschlägt, das auch nicht den geringsten Anbot darauf macht.« »Das kann nicht sein, Kind! er meint nur dich.« »Und eine andere, und vielleicht noch eine andere. Was weiß ich!« »Wie? freit er noch anderswo, Kind? Nein! was sagst du?« »Und weißt du es nicht, Jiutel? Du hast es wohl selbst gehört, als wir unter dem Apfelbaum saßen und davon sprachen.« 65 »Was sagst du? Er will ein anderes Weib nehmen?« »Nein, das meinte ich nicht. Zum Weibe nehmen kann er sie nicht. Da steht ihr eigener werter Eheherr dagegen.« Frau Jiute machte ein erstauntes Gesicht und sagte: »Er wirbt um Minne? Das ist die Sitte der Zeit bei ritterlichen Männern, hört' ich sagen.« »Ja. Er dient ihr auf solchen Wahn. Aber auch wenn sie ledig wäre, wollte sie ihn nicht, denn sie ist zu hoch dazu.« »Kind, laß mich dir noch vermelden: Mag jener einer andern dienen, weil es der Brauch so will, aber ich halte daran fest, daß er nur dich zum Weibe begehrt und keine andere. Das habe ich an ihm erprobt und gesehen, wie seine Augen aufleuchteten, wenn er deinen Namen nannte.« »Halte fest,« sagte Brechtel spöttisch, »und laß mich los. Dann ist es auch gut.« Mit ihrer Schwester kam sie auch auf das Ereignis mit dem seltsamen Spielmann zu reden, 66 der auf der Linde saß und seinen Gesellen plötzlich entschwand. Frau Elsabecht unterließ es nicht, sie um alles zu befragen, was sie über ihn zu wissen wünschte und war höchlich verwundert, als ihr Brechtel mitteilte, wer da mit der Fiedel kam und wieder ging. Einer mit edlem Namen, der im Oberlande drei Burgen besaß und reiches Land, alten Salboden, neue Stadel und genug Schwaighöfe. Sie staunte in weiblicher Art höchlich, daß ein solcher sich in ärmlicher Tracht unter das fahrende Volk mengte, obgleich er die Geige trefflich zu meistern wußte, wie je einer. Welche Absicht in dieser Mummerei lag? Das wollte sie wissen. Und der Gedanke erleuchtete sie ohne Säumen: Brechtel! er hat es um deinetwillen gethan! Es schien ihr wunderlich, doch ward ihr Herz davon gerührt. »Wie!« sagte sie, »ein Mann, wie dieser, mild, treu und wohlgezogen, zieht mit der Geige über Land, einer nahe zu sein, die du bist, Schwesterlein! Und will es Gott, so darfst du ihm nicht herb sein darob und sollst ihm vielmehr Gunst erweisen, wie er es in Ehren begehrt.« 67 Das sagte sie, weil sie ihre junge Schwester zärtlich liebte; denn diese, deren Anblick viele erfreute, galt ihr zumeist wert. Aber Brechtel lehnte jede Zumutung ab, den fahrenden Ritter und Spielmann anders als scherzhaft zu nehmen. Den Ernst spare sie auf künftige Zeiten; für diesen sei es gleiche Münze, wenn sie den Schalk mit Scherz bezahle. Und davon brachte sie auch Frau Elsabecht mit aller Einrede nicht ab. So begann sie denn die Schwester ob ihres Hochmuts auszuschelten, was aber aus liebevollem Herzen so lauter und zärtlich floß, daß ihr Brechtel nun auch das mitteilte: wie Jener sich dem Dienste einer andern Frau gebunden habe, und daß sie einem solchen zwiespältigen Wesen niemals hold sein werde. Auch dagegen brachte Frau Elsabecht ihren Einwand vor: »Wie viele ritterliche Männer dienen einer Frau und freien doch die Maid, die die Herrin des Hauses und die Mutter des künftigen Geschlechtes wird! Sollte jener davon abstehen, was die Meisten thun, und nicht höfisch sein? Wenn er dein begehrt und um deine 68 Neigung aus Liebe wirbt, so lass' es ihm nicht zu dauerndem Spotte geschehen, daß er einer andern nach höfischer Sitte dient, die Herzogin von Belrepeire heißt, obgleich ich von dem Geschlechte im Lande nie gehört habe.« Brechtel lächelte verstohlen und sagte: »Nein, Schwester, da bringst du mich nicht ab. Er mag ziehen, wohin er will und Minnelieder singen und Speere verstechen, in wessen Dienst er will: mir soll er nicht kommen. Ich will dieses Freiers gänzlich entraten, so lang ich Witz und Verstand habe.« Dabei blieb es, und Frau Elsabecht vermochte nichts gegen Brechtel auszurichten, deren Einsicht sie sich auch sonst willig unterordnete, obgleich sie die Ältere war und als erfahrene Hausfrau mit dem Schlüsselbund am Gürtel einher schritt. X. Da kam eines Tages vornehmer Besuch auf die Burg. Es war eine Gräfin, deren Namen 69 unter den ersten Familien des Landes edelsten Klang besaß. Frau Elsabecht und Brechtel standen in entfernter Verwandtschaft zu ihr. Aber insbesondere war es Brechtel, mit der die hohe Frau befreundet war und um deretwillen sie auf der Reise nach dem Unterlande auf der Burg Stadeck als Gast einkehrte. Sie wurde mit ihrem Gefolge ehrenreich empfangen und mit allem sorgsam bewirtet, was das Haus bot, um ihr den Aufenthalt behaglich zu machen. Sie weilte nur einen Tag und eine Nacht, und man sah sie viel mit Brechtel vertraulich reden. Als die beiden Frauen sich im Grünen ergingen, so gaben sie wohl jedem Auge, das sie erblickte, erfreuliche Schau. Denn beide waren überaus wohlgestaltet, und mehr noch: ihre Gesichtszüge besaßen eine entfernte Ähnlichkeit mit einander, insbesondere im Ausdrucke der lieblichen blauen Augen; nur daß Brechtels ihre schalkhaft leuchteten, während die der Gräfin ernst blickten. Sie nahm dann mit herzlichem Dank von ihren Wirten Abschied und mit Umarmung von 70 Brechtel, um ihre Reise fortzusetzen. Als sie mit ihrem Gefolge schon in der Ferne ritt, und Brechtel mit ihrer Schwester von dem Geleite zurückkehrte, das sie ihr gegeben hatten, und den Waldweg wieder hinanstiegen, da neigte sie sich an Frau Elsabechts Ohr und sagte, mit dem Finger hinabdeutend: »Die dort reitet, ist die Herzogin von Belrepeire.« Frau Elsabecht erstaunte, daß es ihr die Rede verschlug, bis sie endlich zurückflüsterte: »Deshalb habe ich immer gesagt, es gäbe keine Familie dieses Namens im Lande! Sie! Wahrlich, da hat sich dein Fiedler hoch vermessen.« »Der Meine?« antwortete Brechtel. »Hätte ich Thoren feil, so würde ich ihn dir um ein geringes Geld verkaufen.« Doch konnte sich ihr Sinn seiner nicht so gänzlich entschlagen, wie sie zu wollen schien. Denn einst kam ein Bote und brachte ihr einen Brief mit folgendem Inhalte: »Soll ich Euch nahe sein, so muß ich Euer immer gedenken, und weil ich das thue, so bin 71 ich Euch niemals ferne. Ein Bergschrätlein hat mir mitgeteilt, wo Ihr am Nachmittag zu weilen liebt: im Walde am Felsen, wo der kühle Bronnen zu Tage springt. Seid Ihr weiblich edel gesinnt, so laßt mich Euch dort morgen sehen. Weiblichkeit ist die höchste Tugend des Weibes. Es giebt Frauen, die unweiblich sind, aber ein echtes Weib ist niemals unweiblich. Darum hört mein                 Weibeslob . Das Weib ist rein, das Weib ist gut Und holder weit, als was da sei. Das Weib ist schön und wohlgemut Und alles herben Wesens frei. Das Weib, das heilt sehnendes Leid Und fügt zum Heile Würdigkeit. Drum immer müsse selig sein Ihr so viel ehrenreicher Leib, Das sag' ich von der Frauen mein, Sie so viel reines, süßes Weib! Sie ist noch besser weit als gut Und schön dazu und wohlgemut. Gott sei mir stets, als ich ihr sei Und mög' ihr immer Freunde geben; Gott mach' sie jedes Leides frei, 72 Gott lasse mich die Zeit erleben, Daß es mir also wohl geschehe, Daß ich sie einst mir freundliche sehe. U. v. L.«                               Brechtel las diesen Brief mit Lachen und Unmut. Der Bote harrte auf Antwort und bekam sie mit den Worten: »Sagt Eurem Herrn, daß sein Brief mich nicht verhindere, auch morgen dorthin zu gehen, wohin ich alle Tage gehe, wenn das Licht des Tages scheint und der Wald mich ruft.« Damit schied der Bote. Sie teilte den Inhalt des Briefes ihrer Schwester mit, wie auch die Antwort, die sie darauf entsendet hatte. Frau Elsabecht war es zufrieden und mochte nur die Schwester zum Orte begleiten. Sie aber erwiderte: »Willst du als meine Wächterin mitkommen, so ist etwas an mir, was bewacht werden muß. Dem ist aber nicht so; darum gehe ich unbewacht wie sonst. Die mir das Geleite geben, sind Rudi, mein lieber Neffe, und Hugd, der brave Hofwart; die sollen mir auch diesmal genügen.« 73 Und sie streichelte den Kopf eines großen gelben Hundes, der ihr überall hin folgte und stolz wie ein Leue war. Dabei blieb es. Sie kam zu dem lauschigen Orte, wie sie es pflegte, und fand den Gast ihrer harren. Sie erstaunte nicht darüber, wohl aber Hugd, der sich in seiner gewaltigen Größe dem Fremden gleichsam fragend näherte. Doch dieser blickte ihm furchtlos und freundlich in die Augen, sprach ihm in sanftem Tone den Willkomm, so daß sich der Löwe nach einigem Erstaunen williglich das breite Haupt streicheln ließ zum Zeichen, daß er die angebotene Freundschaft angenommen habe. Dann neigte sich der Gast, der diesmal seinem Stande gemäß in einfacher vornehmer Tracht erschien, und bot ihr seinen Gruß. Er dankte ihr, daß sie gekommen war, und sie erwiderte ihm in ihrer Weise scherzhaft, er möge seinen Dank an den grünen Wald und den kühlen Quell richten, die sie eingeladen hätten, auch heute zu kommen, wie gestern und vorgestern. Er sagte darauf, daß sie allerdings einen nähern Weg hätte, als er, der aus der Ferne 74 gekommen war. Er deutete den Hang hinab, wo auf einer kleinen Lichtung zwei gesattelte Rosse und ein Knecht zwischen den Tannen sichtbar waren. Allein er wisse, daß er immer den weitern Weg machen müsse, um zu ihr zu kommen. Auch jetzt, wo sie ganz nahe bei einander stünden, sei der Weg von ihm zu ihr viel weiter als von ihr zu ihm. Darauf war sie so freundlich, ihm nicht zu widersprechen: es freue sie, ihm recht geben zu können. »Ach«, sagte er, »Ihr gebt mir recht! Das wäre sonst süßer Wohlklang, und ist nun unerwünscht. Zustimmung, ein Wort, das Freude geben soll, giebt nun Leid. Wie klingt es harsch! doch nein, der Ton Eures Wortes, sei es was es sei, birgt immer Wohlklang in sich.« »Ihr sprecht als ein Fiedler meisterlich von Wohlklang«, erwiderte sie, »und ich will Euch mein Lob nicht vorenthalten: Ihr habt wieder fein gespielt.« Nun ward das Knäblein, das den Gast aufmerksam betrachtet hatte, seiner Sache gewiß und 75 rief: »Ei! du bist der Spielmann von der Linde. Wie kommst du nun in vornehmer Tracht wie ein Ritter?« »Willst du nicht auch ein Ritter werden?« fragte er es freundlich. »Ja, das will ich, wie mein Vater,« antwortete es. »Und willst du nicht auch ein Sänger werden?« »Auch.« »Nun sieh, ich bin beides: Ritter und Sänger.« »Aber du bist doch unter dem fahrenden Volk gesessen. Das thut kein Ritter.« »O du kluger, kleiner Mann! meinst du's? Nun sieh, du hast recht. Ich will zum Papste nach Rom fahren und mir Vergebung dieser Sünde erbitten. Bist du nun zufrieden?« »Ja, dann wohl,« antwortete der Knabe staunend. Doch war seine Neugierde gestillt, und er schwieg. Brechtel setzte sich auf den erhöhten Rasensitz neben dem Quell, und der Gast blieb vor ihr stehen. Der Knabe sprang in den Wald, pflückte 76 Blumen, oder jagte sich mit dem Hunde umher. »Seid Ihr mir hold gesinnt?« fragte er sie, die vor ihm saß. »Auf eine solche Frage gehört stets eine höfliche Antwort. Seid Ihr zufrieden damit?« »Womit?« »Mit meiner Höflichkeit, die mich Euch hold gesinnt erscheinen läßt.« »Gönnt Ihr mir Glück?« »Alles, was Ihr verdient.« »Nun laßt mich Eure Neigung verdienen.« »Meine Neigung ist zu flüchtig für Euer gewichtiges Verdienst; sie flöge Euch davon.« »Ich kann warten, Edle. Wen das Glück beschweren will, dem giebt es vor der Zeit, was er begehrt, um ihm auch vor der Zeit wieder zu nehmen, was es ihm gegeben hat.« »Wie seid Ihr weise, edler Herr!« »Die Weisheit sucht immer die Schönheit auf: darin ist sie weise.« »Das ist nicht glücklich von Euch, daß Ihr 77 die Schönheit erst aufsuchen müßt. Warum habt Ihr sie nicht selbst?« »Liebt mich erst, und Ihr werdet mich schön finden.« »Nein, ich muß mich gar grämen, daß ich Euch nicht lieben kann, denn ich möchte Euch so gern schön finden«, sagte sie spöttisch. Und er: »Mein Sinnen ist schön, denn Ihr seid darin eingeschlossen. Liebt mich, und Ihr findet jemanden in mir, der Euch vertraut ist: Euch selbst. Seht das klare Wasser des Bronnens hier, der aus dem Berge quillt, man weiß nicht, wie tief, und weiße wundersame Blumen mit breiten Blättern tauchen herauf, man weiß nicht woher. Also wie diese Blumen ist das Sinnen, das aus meinem Herzen empor blüht Euch entgegen und dem Sonnenlichte. – Neigt Ihr Euch dem Bronnen zu, so seht Ihr Euer klares Bild; also auch, wenn Ihr Euch meinem Herzen zuneigt. Und die Stimmen des grünen Waldes, die über dem Bronnen rauschen, das sind in mir die Lieder, die ich für Euch sinne. Seht! goldiggrünes Licht durchwebt den 78 ganzen Tannensaal, es steigt von den Wipfeln herab und flimmert über dem Bronnen: also durchwebt trauliches Licht mein Herz wie ein liebliches Rätsel, dessen Lösung Eure Gestalt ist. Ihr seid das Geheimnis meines Herzens, und das golden dämmernde Licht darin habe ich im Traum empfangen, da ich von Euch träumte. Das geschah im Schlummer und im Wachen. Ach des süßen Rätsels! es heißt die Herrlichkeit Eures weiblichen Wesens. Doch ist es noch ungelöst, und ich ahne es nur, wenn ich Euch ins Auge blicke. Da ist das Licht meines Traumes: ein sonnig blauer Himmel, der sich geheimnisvoll umdämmert und bis in die Tiefe meines Herzens, wie in einen Märchenwald hinab scheint, immer tiefer, bis er zur Frühlingsnacht der Liebe wird. Und da tönt es darin, immer traumhafter und seliger. Das ist die Stimme des Waldes, die aus mir spricht; wollt Ihr sie nicht hören? Nein? – So laßt mich etwas hören! Laßt mich die süßeste Musik hören, die ich armer Fiedler je vernommen, und sagt Ja! Sagt, Ulrich von Liechtenstein, da Ihr der Meine seid mit 79 Leib und Seele, so will ich auch die Eure sein mit Leib und Seele. Sagt Ja!« Er schwieg. »Ich will Euch etwas sagen,« erwiderte sie. »Ich höre, Fraue!« Da kam aber der kleine Neffe mit dem Hunde gesprungen und rief: »Muhmelein, da bring' ich dir Blumen, die ich gebrockt habe. Sieh; wie schön!« Sie nahm die Blumen aus seinen Händchen und küßte ihn. »Muhmelein, weißt du? Hugd kann auch Blumen brocken.« »Wirklich!« sagte sie und blickte auf den Hund, der ruhig daneben stand. »Ja; nur will er nicht. Nicht wahr, Hugd?« Der Hund schüttelte den Kopf. Dies that er, weil er sich am ganzen Leibe gerne und auch diesmal schüttelte. »Siehst du, Muhmelein! so habe ich ihn schon oft gefragt, ob er will, aber er mag nicht.« Darauf sprang er wieder fröhlich mit Hugd in den Wald. »Ihr wartet auf eine Antwort, edler Herr,« 80 sagte sie. »Ich will Euch eine Märe erzählen. Das sei meine Antwort. Hört. – Ein Ritter sang einer Frau viele Lieder, diente ihr und bat um ihre Gunst. Die Frau war hochgemut und dachte sich: der mein Herr ist durch Gottes Willen und dem ich durch Priesters Hand ehelich verbunden bin, kann dessen immer ohne Angst sein, daß ich je fremden Mann minnen werde. Ich wollte es niemals thun um meiner Ehre willen, die meine stärkste Macht ist. Doch jener läßt nicht ab, um meine Huld zu dienen in Hoffnung auf Dank. Davon soll er mir abstehen. Sie ließ ihm deshalb mit Frauenlist gute Botschaft entbieten, daß er des Nachts zur Burg kommen möge. Sie wolle seiner nach Willen pflegen. Er hielt es für treue Botschaft und kam freudiglich zur Burg. Die hochgemute Frau ließ ein Leilach zum Fenster ihrer Kemenate hinab, darein stieg der Held, ward hinauf gezogen und betrat ihr Gemach. Sie war herrlich gekleidet, trug ein Gewand von Scharlach und darüber einen grünen Mantel. Acht Frauen standen dienend um sie her, 81 gleichfalls in köstlicher Kleidung. Sie sprach zu ihm mit freundlicher Gebärde, so daß er noch wohlgemuter ward als vorher. Doch plötzlich that sie, als ob ein Späher im Vorgemache nahe und sprach: Weh mir! meine Ehre ist verloren, so man Euch hier findet. Tretet wieder in das Leilach, meine Frauen sollen Euch ein Stück aus dem Fenster hinab lassen und Euch dort halten, bis sich der Späher entfernt hat. Thut rasch, wie Euch geboten ist. Dem Ritter ward die Freude genommen und er sprach: Soll ich so auf ungewisse Hoffnung von Euch scheiden, ohne Pfand Eurer Huld? das verwindet mein Herz nicht. Sie aber wiederholte holdselig das Gebot: Tretet in das Leilach und seid ohne Sorge. Ihr sollt mich so lange bei der Hand halten, bis sich der Späher entfernt hat. So seid Ihr gewiß, daß ich es treu meine. Nun that er, wie ihm geheißen ward. Als er draußen vor dem Fenster war, neigte sie sich zu ihm hinab und sprach. Nun küsse mich, Freund! Darüber vergaß er seines Witzes ließ ihre Hand 82 fahren und wollte sie umhalsen. Im selben Augenblick fuhr er aber so schnell hinab, daß ihm alle Glieder krachten, als er unten auf dem Boden angekommen war, und er konnte von Glück sagen, daß er sich nicht zu Tod gefallen hatte. Dann zogen die Frauen das Leilach hinauf. Er aber raffte sich vom Boden auf und hatte nun den Lohn dahin, den ihm die hochgemute Frau gegeben. – Nun sagt, was dünkt Euch um den Helden? Kann ein solcher noch mit Fug zu guten Frauen kommen und sagen: Ich liebe Euch?« Der Gast hatte mit wenig freudiger Empfindung der Märe gelauscht, die Brechtel mit ernstem Angesicht und spöttischen Augen erzählte, und die ihm als wahres Ereignis besser als jedem bekannt war. Doch faßte er sich rasch und sprach: »Ich habe darum gebüßt, und es ist vorbei. Der Fall war hart. Doch das ist Aventiure, wie sie so manchem edlen Manne begegnet ist. Jene ist mir deshalb immer noch wie der Stern der Frau Venus am Himmel, der von oben 83 glänzt, aber unerreichbar ist. Ihr aber seid mir Frau Venus selber auf Erden, die das Glück spendet, das mir werden soll. Dort stieg ich in die Luft empor und ward hinabgestürzt. Das mag Rittersitte im Frauendienste leicht verwinden. Hier aber ist die heimische Erde und der grüne Waldgrund unter meinen Füßen, hier kann ich nicht wanken und hier muß ich beharren. Ihr seid Maid, um Euch darf ich freien und Euch zu meiner holden Ehefrau machen. Und ist noch nicht alles im vollen Einklang, denn mein Geist wirbt dort und mein Herz hier, so werdet Ihr Geist und Herz in mir zu vollen süßem Einklang bringen, wenn Ihr mich ganzen Mann mit Eurer ganzen Weiblichkeit umfangt. Von dort kam ich; von Euch kann ich nicht mehr kommen. Denn was bindet bis in den Tod, ist nicht des Menschen Geist, sondern des Menschen Herz. Und das gehört Euch.« »Vergeßt nicht, edler Herr! die Herzogin von Belrepeire hat Euch auch Euren Geist im Leilach zurückgeschickt.« »Ihr spottet! Das steht Euch wohl an, weil 84 Ihr es seid. Doch würde Eure Weiblichkeit nicht holder so zu mir sprechen: Mann, laß fahren deinen Verstand, zu was soll er dir? Du mußt ihn ja ohnehin in meinen Armen verlieren. Wenn ich nur dein Herz besitze, das ist alles – und etwas mehr. Und das besitzt Ihr ganz, wenn Ihr mich habt. Alle guten Frauen im Lande werden mich darum loben, daß ich bin, wie ich bin, und nicht anders. Drum seid hold, nehmt mich und sagt Ja!« »Ja! wenn Euch alle guten Frauen im Lande darum loben, dann kommt wieder, dann will ich Ja sagen.« »Wie meint Ihr dies?« »Wenn Euch alle guten Frauen im Lande loben um das, was Ihr gethan habt, dann kommt wieder – ist es nicht klar geredet? Ich setze Euch ein Pfand: Ihr kommt am jüngsten Tage wieder.« »Setzt mir Euer Ja zum Pfand, und ich komme früher wieder.« »Geht, geht!« sagte sie zornig. »Nun seid Ihr mir gram, und ich gehe. Aber 85 ich komme wieder, um das Pfand einzulösen. Dessen seid gewiß, Edle!« Er neigte sich tief vor ihr und schied. XI. Auf die eifrige Frage Frau Elsabechts, wie die Zwiesprache ergangen sei, erwiderte Brechtel, sich traulich zu der Schwester setzend: »Ist dir leid zu Mute? mir nicht. Ich habe ihn heimgeschickt.« Da mußte sie alsbald hören, daß sie nicht klug daran gethan hätte; denn es sei immerhin ein hochgemuter Mann, der es verdiene, daß seine Freude durch liebliche Frauengunst gehöhet werde. Und die Liebe, die er zu Brechtel trage, sei unverborgen. Das waltende Geschick habe bereits so viel Fäden zwischen beiden gewoben. Warum sie die freventlich zerreiße? Ein guter Mann ist guter Seiden wert, heißt es im Sprüchwort. 86 Und Brechtel antwortete: »Liebe Schwester, deiner Sorge um ihn mag von mir kaum Rat werden. Denn ich habe ihm solches auferlegt, daß er mir nimmer wiederkommen wird. Ich spare meine Seide für einen einfachen Mann. Der Zwiefache kann mir zu jeder Tagesfrist gestohlen werden, und ich sage, der Verlust ist Gewinn.« »Das alles sprichst du nur, weil dir sein Frauendienst mißbehagt, darin er doch nur dem folgt, was die Sitte der Zeit gut heißt.« »Mög' er es immer thun! Ich habe meine eigene Sitte. Und ich bin mir mehr als die Zeit. Ich bin ein vernünftiges lebendes Geschöpf. Und was ist die Zeit? Sage mir das, wenn du kannst.« Frau Elsabecht antwortete nach einigem Nachdenken: »Die Zeit ist das, was alle wollen.« »Und ich bin das, was ich will. Darin lebe ich wohlgemut wie ein Engel, denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich.« »Schwesterlein, laß es dir doch sagen, daß 87 Frauendienst dem edlen Manne nicht verbietet, sich die Braut heimzuführen.« »Dann weißt du mehr davon als ich, Else. Aber siehe, vielleicht weiß auch dieser etwas davon.« Sie wies auf Meister Matthie, der in das Gemach trat. Er war aus der Stadt gekommen, um einem Burgknechte mit dem Schröpfeisen das böse Geblüt zu mildern, und gab der Herrin darüber Bericht. Als er damit fertig war, fragte ihn Brechtel: »Wißt Ihr auch, Meister Matthie, was Frauendienst ist?« »Gewiß,« sagte er, »das ist mir kund. Gott hat so viel Fleiß daran gelegt, meine Ehefrau mit Wohlgestalt zu begaben, daß ich ihr immer diene ohne Klage und ohne Reue. Zwar thut sie nicht alleweil, was ich will; dafür will auch ich nicht immer, was sie thut. Denn will ich Antwort, so schweigt sie, und begehr' ich Schweigen, so antwortet sie. Sie ist die höchste Zier meines Erdendaseins und das Kreuz auf dem Turme meines Glücks. Gott gesegne mir dies Kreuz immerdar, denn es macht mich zum Heiligen, 88 der ich sonst nicht wäre. Ja, das ist der Ruhm meiner Frauen, daß ich all meine Sünden schon auf Erden abbüße, und meiner nur der Himmel wartet, um des Weibes willen, das mir gegeben ward. Wenn sich das Wetter wenden will, so weiß ich es vorher an ihrem Gehaben: das verändert sich so oft wie das Wetter. Das ist meiner Heilkunst zu beträchtlichem Nutzen, daß ich den Wechsel der großen Natur an der Veränderung der kleinen Natur, die das Weib ist, kennen lerne. Also bin ich ihr in Lieb' und Treue ergeben, und da sie mich, wie gesagt, zum Heiligen macht, so ist mein Frauendienst mehr als der eines jeden Ritters und Minnesängers, denn er ist ein heiliger Dienst. Dazu sei mir unser Herr, der Meister, der aller Welt waltet und dem Teufel obgesiegt hat, auch fürder gnädig!« »Geht, Ihr seid ein böser Schalk,« sagte Frau Elsabecht unwillig, während Brechtel belustigt zugehört hatte. »Ihr sprecht übel von Eurem Weibe. Habt Ihr Euch schon jemals der Guten wohlgefällig gezeigt?« »Edle Frau! der Agat ist ein Stein, der die 89 Kraft besitzt, einen, der ihn trägt, allen Menschen wohlgefällig zu machen. Ich trage fürsichtiglich seit Jahren in diesem Ringe einen Agat; aber auch dieses Mittel verfängt nicht bei ihr. Ist aber damit nicht klärlich erwiesen, daß ich ihr wohlgefällig sein will und vermag es nicht. Doch sei mir ihre Milde, Schönheit und edle Zucht immer gerühmt! Das sage ich, um noch mehr als ein Heiliger in meinem Frauendienste zu erscheinen, als ich es ohnedem schon bin.« »Ich weiß es,« erwiderte ihm nun Brechtel. »Du bist ein Ehrenmann, Meister Matthie. Willst du nicht auf einen Tag deine Frau herausschicken, auf daß sie sich die Zeit vertreibe und mit uns ein wenig ergötze?« »Wozu soll sie sich etwas vertreiben, was sie nie genug hat, die Zeit? Edles Fräulein, die vertriebene Zeit kommt nicht wieder. Und wer eines Hauses zu walten hat, wie meine Jiutel, hat Ergötzlichkeit genug. Ihre Hände und ihre Zunge sind nie müßig.« »Gieb ihr doch Urlaub auf zwei Tage, edler Meister Matthie!« 90 »Jetzt sind es schon zwei! Ich bin nicht edel,« sagte er, »das überlasse ich euch anderen. Und ich kann ihrer nicht auf einen Tag entbehren. Sie mag in Küche und Kammer lustwandeln, da ist Raumes genug.« »Siehst du, edler Meister und Lästermaul, was du für ein Weib hast. Du kannst sie nicht auf einen Tag entbehren und doch schmähst du die Gute. Und auf meinen Wunsch, daß sie auf acht Tage kommen soll, antwortest du hämisch.« »Acht Tage! Mein Heiland! Nicht mehr? – Euer Grund?« »Ich will.« »Was wundert es mich,« antwortete er verdrießlich, »daß Ihr Euren Willen gegen mich armen Mann durchsetzet. Seid Ihr doch hochgeboren und habt noch dazu Jiutels Milch gesogen. Hätte Euch der barmherzige Gott zu jener Zeit eine andere Amme beschert, so würdet Ihr nicht so ungebührliches von mir fordern.« »Das ist wahr, gestrenger Meister Matthie. Aber ungebührlich nennst du es nur, weil du deine Zufriedenheit verbergen willst darüber, daß 91 du deiner Jiutel eine Freude machen kannst. Ist es nicht so?« »Ja, weil Ihr es sagt. Ich trage Euch einen freundlicheren Willen, als Ihr zu mir hegt und wünsche, Gott möge Euch nie die Freude so lohnen, wie Ihr mir sie heute spendet.« »Auf acht Tage soll sie kommen, hörst du?« »Auf acht Tage. Ich bin nun wie ein Heiliger in der Kirchennische, der alles anhören muß, und zustimmt, weil er schweigt.« Damit verabschiedete er sich und ging verdrießlich hinweg. »Ein selbstsüchtiger Mann!« sagte Frau Elsabecht hinter ihm drein. »Giebt es andere, Schwester?« fragte Brechtel. »Ja,« seufzte die stattliche Frau mit heiterem Antlitz, »da ist etwas Wahres daran.« XII. Es verstrich aber eine Zeit, da kam der Burgherr von Stadeck und erzählte den beiden 92 Schwestern, als sie traulich im Gemache saßen, eine Begebenheit, deren Ruf weit im Lande erscholl und die auch er vernommen hatte. »Ich will euch etwas berichten,« begann er, »das wie wundersame Märe klingt. Eine solche ward wohl in alten Büchern gesungen; aber schier unglaublich dünkt es mich, daß sie sich noch in unseren Tagen ereignen konnte.« Auf die neugierige Frage der Gattin, was es sei, fuhr er fort: »Aus altem Griechenbuche haben wir es überkommen, daß Frau Venus aus dem Meere aufgestiegen sei. Also erstand sie auch in diesen Tagen aus dem Meere bei Venedig und ward in Mestre mit herrlichem Gefolge gesehen. Sie trägt ein gutes Gewand von weißem Tuche; darüber hat sie einen köstlichen Mantel gelegt, der ist von weißem Sammet. Ihr Gürtel ist herrlich mit Gold beschlagen. Aber wenn sie zum Kampfe reitet, waffnet sie sich vorher mit silberweißem Harnisch und Helm, der mit einer Krone geziert ist. Sattel, Satteldecke und Zaum ihres Rosses sind silberweiß, ebenso Schild und 93 Speer, die sie führt, und die Gewänder der zwölf Knappen, die ihr folgen: alles silberweiß, und es sei ein märchenhafter Anblick, sagt man. Es sei so seltene Pracht niemals in unseren Tagen beisammen gesehen worden. Sie ließ Briefe aussenden, die genau die Richtung ihrer Fahrt beschreiben von Mestre bis nach Österreich an der Grenze durch das Kärntnerland und die Steiermark. Sie läßt sagen: Jeder Ritter, der ihr entgegen reitet und wider sie einen Speer versticht und besteht, dem giebt sie zum Lohne ein goldenes Fingerlein: dem wohnt eine besondere Kraft inne, läßt sie entbieten. Es zaubert im Herzen der auserwählten Frau Huld und Minne hervor gegen den Ritter, der es ihr überbringt, auch wenn sie vorher noch so streng gewesen sei. Sticht aber jemand Frau Venus vom Pferde, so soll er alle Rosse haben, die sie mit sich führt, und deren sind nicht wenig. Bisher ist sie aber noch immer aufrecht geblieben; denn ihr könnt euch leicht vorstellen, daß es ein starker Ritter ist, der so als Frau 94 Venus verkleidet durch die Lande fährt zu Ehren aller guten Frauen, wie es im Sendbrief heißt. Sie hat bisher schon über zweihundert Speere verstochen und eine große Anzahl goldener Fingerlinge verschenkt. Denn die besten Ritter reiten ihr entgegen, um an ihr Ehre zu gewinnen. Der Fürst in Kärnten hat einen Speer wider sie verstochen, und unser Fürst in Österreich, wie wir hören, will es auch thun und rüstet sich schon mit glänzendem Gefolge ihr entgegen, um sie im Lande zu bewillkommnen. So wird ihr überall Ehre geboten und am meisten von den Frauen. Ihrer zweihundert haben sie in Tarvis zur Kirche geleitet; denn Frau Venus ist, wenn sie den Harnisch ablegt, fromm und wohlgesittet und nichts weniger als heidnisch. Vor ihrem Antlitze trägt sie einen feinen weißen Schleier, so daß es niemand sehen kann. Ihr Lob tönt mit hohem Schall aus Frauenmunde. Vor der Kirche zu Tarvis wurde sie freudiglich begrüßt, und der Gruß lautete, wie man mir sagte, also: 95 Das hat verdient wohl Euer Leib, Daß Euch sollen alle guten Weib Grüßen und auch ehren, Eure Ehre vermehren. Alle baten, daß sie Gott in seinen Schutz nehmen möge, und vor der Kirchthüre ward sie von einer hochgeborenen Frau um aller andern guten Frauen willen auf den Mund geküßt, wobei sie ein wenig den Schleier lüftete. Diese merkte wohl, daß es ein Mann sei, dem sie ihre Lippen bot, aber sie schwieg wohlweislich darüber. Nun ist Frau Venus auf ihrer Fahrt bis Glocknitz gekommen und hält dort Hoflager. Ich aber will mich aufmachen und hinaufreiten zu ihr, auf daß ich auch einen Speer mit der Tugendreichen versteche und mir durch Rittersitte einen ihrer goldenen Fingerlinge gewinne. Das sei euch verkündet.« Frau Elsabecht staunte über die Nachricht, dann sagte sie: »Lieber Herr, willst du ein goldenes Reiflein gewinnen und bist doch meiner Huld gewiß! Wozu soll es?« 96 »Man kann nie genug thun, um der Huld der Frauen willen,« antwortete er, »drum will ich die Kraft des goldenen Reifleins an dir erproben, wenn ich es, wie ich hoffe, gewinne. Das laß dir gesagt sein. Morgen reite ich nach Glocknitz.« Auch Brechtel hatte erstaunt zugehört, und die Begebenheit schien ihr, wie allen, fast unglaublich zu sein. Der Herr von Stadeck that aber, wie er gesagt hatte, und ritt mit Gefolge hinauf ins Oberland. Inzwischen kam Frau Jiute, die von Meister Matthie frei gelassen wurde, und ward von Brechtel und ihrer Schwester herzlich empfangen. Ihr werter Mann ging aber in der Stadt murrend der Kunst nach, deren Meister er war. Zu jener Zeit, als Frau Jiute außerhalb der Burg wandelte, trat ihr unvermutet der Gast entgegen, der in ihrem Hause Heilung gefunden hatte, legte erst den Finger an die gesundete Lippe und bat sie dann vertraulich, ihm Einlaß in die Burg zu verschaffen ohne Brechtels Wissen. Sie war dazu bereit und besprach sich 97 mit Frau Elsabecht. Diese besann sich eine Weile und kam zu dem Schlusse, daß ein ansehnlicher Gast wie jener mit Fug nicht abzuweisen sei, wenn er in Ehren käme. So lieh sie ihre Hilfe dazu; und als Brechtel gerade einsam im Gemache über einem feinen Nadelwerke saß, trat einer herein, den sie alsbald erkannte. Sie erhob sich überrascht und blickte ihn fragend an. Er aber sprach wohlgemut: »Was blickt Ihr erstaunt, Edle? Ulrich von Liechtenstein kommt nach Stadeck. Ihm verschließt sich kein Thor einer Burg im Lande, wenn er als er selbst kommt.« »Dem mag ich nicht widersprechen,« sagte sie sittiglich. »Nehmt Platz!« Sie setzte sich wieder auf die Bank im Erker, dessen Fenster den nahen Strom, die ferne Stadt und das noch fernere blaue Gebirge umrahmte, und er nahm ihr gegenüber Platz. »Edle, ich bin gekommen, um mir etwas überaus Köstliches zu holen, was Euch gehört.« »Was ist das?« 98 »Euer Jawort.« »Ihr kommt zu früh. Heute ist doch nicht der jüngste Tag. Seht, wie die Sonne strahlt! Der Welt Ende ist noch lange nicht nahe.« »Nein, aber das Ende Eures lieblichen Spottes ist nahe, und meine Seligkeit beginnt aufzuleben.« »Ach, ich meine, Eure Seligkeit schläft noch tief, denn sie träumt soeben ungereimtes Zeug.« »Ich kann Euch auch gereimtes bieten. – Sagtet Ihr nicht: kommt wieder, wenn Euch alle guten Frauen im Lande loben –? Das haben sie gethan mit den Worten: Das hat verdient wohl Euer Leib, Daß Euch alle guten Weib Grüßen und auch ehren. Eure Ehre vermehren. Die Forderung, die Ihr mir stelltet, ist erfüllt. Nun ist es an Euch, die meine zu erfüllen.« Sie erhob sich bestürzt. »Wie!« sagte sie, »jene Worte wurden einem märchenhaften Ritter, der als Frau Venus im Lande fährt, zu Tarvis 99 zugesungen. So erzählte mir mein Schwager. Was wollt Ihr damit?« »Ich will damit Euer Jawort einlösen. Denn Euch dient mein Herz als der wahrhaften Frau auf Erden, die meiner Treue lohnen soll.« »Geht zur Herzogin von Belrepeire! sie wird Euch wieder lohnen.« »Sie ist der Stern der Frau Venus, und Ihr seid Frau Venus selbst. Sagt' ich Euch das nicht? Nur in Eurer Gestalt fuhr ich durch die Lande, erwarb mir Ehre von allen edlen Männern und Dank und Gruß von allen guten Frauen. Ich bin es, der von Mestre aufbrach und unerkannt bis Glocknitz gekommen ist. Schier dreihundert Speere hab' ich verstochen, ohne im Sattel zu wanken, und über zweihundert Goldreife ausgeteilt an starke Männer, auf daß sie ihnen Frauenhuld brächten. Was sagt Ihr dazu?« »Ich weiß nicht, was ich sagen soll! Verzeiht meinem Erstaunen. Ihr seid jener märchenhafte Ritter?« »Ich bin es.« »Ich muß Eurem Worte glauben.« Sie 100 bezwang ihre Verwirrung. »Dann haben Euch in der That alle guten Frauen im Lande gelobt.« »Auch Ihr?« »Auch ich, wie alle andern.« »Dann ist die Bedingung erfüllt, Edle! Nun ist es an Euch, mir ärmstem Manne den höchsten Reichtum zu schenken: die Seligkeit auf Erden; und, glaubt mir, ich will mir dann auch die himmlische Seligkeit mit Eurer Hilfe als ein guter Mann gewinnen. Was sagt Ihr dazu?« »Ich fürchte mich vor Euch.« »Dann seid Ihr mir hold.« »Laßt Euch Eure Eigenliebe nicht zu sehr schmeicheln, edler Herr! Meine Furcht ist ohne Schwäche. Ihr habt so viel Ehre gewonnen, daß ich fürchte, sie könnte für mich allein zu groß sein: eine Krone, die noch für andere Häupter Raum hat. Darum paßt sie mir nicht, und ich passe nicht für Euch.« »Euer lieblicher Spott soll Euch nichts nützen, Edle, das sage ich Euch kühnlich. Denn Ihr könnt nicht widerstehen.« »Ei, seid Ihr so unwiderstehlich, edler Herr! 101 Man sieht, Ihr habt Weibertracht getragen und damit Weibessinn gewonnen.« »Spottet nicht über Euch selbst, Edle, denn Ihr seid ein Weib. Wie sagt' ich Euch? giebt es auch Frauen, die unweiblich sind, so ist ein echtes Weib nie unweiblich, denn sie würde sich der Krone entäußern, die sie trägt. Doch geruht mich eine Weile anzuhören, ich will Euch eine kleine Begebenheit erzählen. – Als ich einst auf meiner Fahrt durch einen Wald ritt – ich hatte mein Gefolge voraus geschickt, um einsam meinem Sinnen nachzuhängen – da ward es urplötzlich helle vor mir mit rosigem Schein, als wenn sich tausend Rosen in Licht verwandelt hätten. Das entstrahlte einer wundersamen Frauengestalt, die vor mir stand in leuchtend weißem Gewande, das von einem goldenen Gürtel in der Mitte umfaßt war. Göttliche Schöne ging von ihrem Leibe aus, ihre Augen lächelten. Sie sprach: Ich bin Frau Venus, in deren Dienst du zu Ehren aller guten Frauen reitest in einem Gewande, das dem meinen gleicht. Ich will dich darum belohnen. Allen Rittern, 102 die dich bestanden, hast du Goldreife gegeben, die ihnen die Huld der Frauen gewinnen, denen sie dienen. Du allein, der du der strengsten unter allen Frauen am treuesten dienst, bist ohne Gabe geblieben. Darum nimm von mir diesen Goldring, und wenn du ihn der Guten, der du dienst, an den Finger steckst, so muß sie dir in Huld gewogen sein, ob sie will oder nicht. – Damit übergab sie mir den edelsten aller Reife und entschwand wie eine Lichterscheinung in die Nacht.« »Nun, Herr Ritter, Ihr werdet doch diesen wunderbaren Reif der Herzogin von Belrepeire übergeben, auf daß sie Euch in Huld gewogen sei, ob sie will oder nicht? Das rate ich Euch.« »Nein, Edle! Ich habe Frau Venus betrachtet, und Ihr gleicht ihr so, wie noch nie mein Auge ähnliches gesehen hat. An Euren Finger will ich diesen Ring stecken, der uns beiden das Leben zu süßer Ehe binden soll. Und durch diesen Ring bin ich unwiderstehlich: so hat es mich Frau Venus gelehrt.« Nun stand Brechtel ratlos da, die Wangen 103 mit heller Glut übergossen, und sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Da stürmte der kleine Neffe ins Gemach, sah verwundert auf den Gast und rief, als er ihn erkannte: »Der Fiedler! der Fiedler! bist du da? Sei tausendstund willkommen!« und schmiegte sich an ihn. Er hob ihn zu sich empor und sagte: »Du hast mich lieb. Hat mich dein Muhmelein auch lieb?« »Ja, ja,« rief er, »sie hat dich auch lieb. »Kindesmund giebt stets die Wahrheit kund,« sagte der Gast. Brechtel schwieg mit gesenkten Wimpern. »Nun gehe, kleiner Freund, und rufe dein Mütterlein, auf daß sie auch höre, daß mich diese da lieb hat, wie du sagst.« »Ja, ja, das will ich,« rief er und stürmte davon, als ihn der Gast wieder auf den Boden gestellt hatte. Dann wandte er sich mit zarter Gebärde zu Brechtel und steckte ihr den Verlobungsring an den Finger. 104 Sie ließ es geschehen und sprach leise: »O weh! Nun habt Ihr mich besiegt.« Und er: »Nicht ich habe dich besiegt, du Süße! Frau Venus hat dich besiegt«; und küßte sie auf die zitternden Lippen.