Anastasius Grün Robin Hood Sämtliche Werke Herausgegeben von Anton Schlossar Leipzig o. J. [1907] Band IX Inhalt         Einleitung Robin Hoods Geburt Robin Hoods Gang nach Nottingham Robin Hood und John Klein Robin Hood und Maid Marian Robin Hood und der Töpfer Robin Hoods Kirchengang Robin Hood und Guy von Gisborne Robin Hood und der Bischof Robin Hood und der Gerber Robin Hood und der Klosterbruder Robin Hoods goldner Lohn Robin Hood rette der Witwe drei Söhne Robin Hood und der goldene Pfeil Robin Hood und Allin vom Tal Robin Hood und der Bischof von Hereford Klein Hohn und die vier Bettler König Richard und Robin Hood Robin Hood verläßt den Hof Der König jagt auf Robin Hood Robin Hood und die Königin Katharine Robin Hood und der Bettler Robin Hood zur See Robin Hoods Tod Einleitung. Wenn wir die Reihen jener echten Volkshelden mustern, deren Andenken sich in Lied und Sage, in Festen und Gebräuchen der verschiedensten Völker lebendig zu erhalten wußte, so werden wir kaum einen finden, dessen Volkstümlichkeit und Beliebtheit an Höhe und Dauer jene überträfe, deren sich der Name Robin Hood bei dem Volke Englands noch bis zum heutigen Tage erfreut. Wir erfahren aber auch gleichzeitig ans dem Munde der Überlieferung, daß der Träger dieses Namens eine Art Räuber und Wildschütze, ein geächteter und außerhalb des allgemeinen Gesetzes stehender Mann ( outlaw ), ein aus der Gesellschaft Ausgestoßener und mit dem Makel des Freibeutertums Gebrandmarkter gewesen. Der erste befremdende Eindruck dieser Tatsache kann jedoch unsere Überzeugung nicht erschüttern, daß der gesunde Kern und Keim einer solchen, sechs Jahrhunderte überdauernden Volksgunst denn doch nur in edleren, sittlicheren Motiven zu suchen sei. Und so dürfen wir die richtige Erklärung derselben keinesfalls bloß in dem negativen Standpunkte, den jener Volksheros gegenüber den Gesetzen seines Landes einnahm, und welchen er auch mit dem gemeinen Verbrecher teilt, sondern vielmehr in positiveren Verhältnissen, in wirklichen Verdiensten um sein Volk zu finden hoffen. Wir werden nicht irre gehen,. wenn wir mit gerechtfertigter Wißbegierde noch weiter nach der Lebensstellung und den Schicksalen des Helden forschen, um in diesen den Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu gewinnen. J. Ritson Siehe die Note 25 . , dessen ausführliche, im Jahre 1795 erschienene Biographie Robin Hoods mehr von dem bienenartigen Sammlerfleiße des Verfassers, der sich keine auf seinen Helden irgend bezügliche Notiz entgehen ließ, als von kritischer Sichtung und Bewältigung des Materiales zeugt, gelangt im wesentlichen zu folgenden Resultaten: »Robin Hood war geboren in Locksley in der Grafschaft Nottingham unter der Regierung König Heinrichs II. und um das Jahr 1160 n. Chr. G. Er war von edler Abkunft und hieß eigentlich Robert Fitzood, ein Name, welcher im Volksmunde sich leicht in Robin Hood verwandelte. Nach ziemlich allgemeiner Annahme soll er ein Earl of Huntington gewesen sein. Ein ungezügeltes Jugendleben soll sein Erbe verzehrt, ihm manche Geldbuße und Schulden halber die Acht zugezogen haben, so daß er nicht minder aus Not, denn aus eigener Wahl eine Zufluchtstätte in jenen Büschen und Wäldern suchte, mit denen zu jener Zeit unabsehbare Strecken Englands besonders in den nördlichen Gegenden bedeckt waren. Unter diesen Forsten liebte er ganz besonders Barnsdale in Yorkshire, Sherwood in Nottinghamshire und nach einigen auch Plumptonpark in Cumberland. Hier fand er bereits oder versammelte er später um sich eine Anzahl von Leuten ähnlichen Schlages und Geschickes, welche ihm als Haupt und Führer willige Folge leisteten. Seine vorzüglichsten Lieblinge in dieser Schar oder doch jene, in die er ob ihres Mutes und ihrer Treue das meiste Vertrauen setzte, waren: Little John mit dem Zunamen Nailor (Nagelschmied); William Scatlock (auch Scathelock oder Scarlet); George a Green, der Hürdenaufseher von Wakefield; Much, eines Müllers Sohn, und ein Mönch oder Klosterbruder, namens Tuck. Auch soll ihm seine Geliebte, ein junges Frauenzimmer namens Marion, in seine Zufluchtsstätte gefolgt sein. Die Schar wuchs mit der Zeit auf beiläufig hundert Schützen und übertraf im Schießen mit dem Langbogen alle andern Schützen im Lande. In dieser Gesellschaft herrschte Robin Hood eine Reihe von Jahren in den Wäldern wie ein unabhängiger Fürst in fast ununterbrochenem Kriege mit dem König von England und dessen Untertanen mit einziger Ausnahme der Armen und Hilflosen, der Verfolgten und Unterdrückten oder sonst seines Schutzes Bedürftigen. Wenn er an dem einen Orte von überlegenen Kräften bedroht war. flüchtete er zu einem andern, immer Trotz bietend der Macht dessen, was »Gesetz und Regierung« hieß. Hieraus folgere man aber nicht, daß er ein Aufrührer oder Hochverräter gewesen: ein Geächteter ( outlaw ) jener Tage war ebenso beraubt jedes oberherrlichen Schutzes, als er gegen niemanden durch den Eid der Treue gebunden war: ›Seine Hand war gegen jedermann und jedermanns Hand gegen ihn!‹ Die königlichen Forste lieferten unserem Helden und seinen Gefährten durchs ganze Jahr Überfluß an Wild uns Feuerung; den Rest ihrer Lebensbedürfnisse deckte teils der Handel mit benachbarten Ortschaften, teils der ihr Gebiet betretende wohlhabende Reisende. Daß der Held und seine Genossen mitunter auch zum Raube ihre Zuflucht nahmen, läßt sich weder leugnen noch bemänteln. Fordun im 14. Jahrhundert nennt jenen: ›ille famosissimus siccarius‹ , und Major bezeichnet ihn und Klein John als ›famatissimi latrones‹ , wenngleich letztgenannter Geschichtschreiber beifügt, daß Robin Hood bei solchen Gewalttaten nur die Habe der Reichen sich angeeignet, nie, außer im ehrlichen Kampfe, einen Menschen getötet, nie die Mißhandlung eines Weibes geduldet und nie einem Armen etwas entzogen, im Gegenteil diese wohltätig aus der Beute bewirtet habe, die er reichen Prälaten abgenommen. Den Abt von St. Marys in York scheint er durch besondere Feindschaft ausgezeichnet zu haben: ebenso den Sheriff von Nottingham, der wohl durch allzu pflichteifrige Verfolgung der Geächteten sich seinen Haß zugezogen haben mochte. Nachdem Robin Hood so durch viele Jahre eine Art unabhängiger Selbstherrschaft geführt und Königen, Richtern und Gerichtspersonen Trotz geboten hatte, wurde ein Aufruf veröffentlicht, welcher auf seine Habhaftwerdung und Einbringung, sei's tot oder lebendig, eine namhafte Belohnung aussetzte; dieses Ausschreiben scheint aber keinen besseren Erfolg gehabt zu haben, als die früheren Versuche ähnlicher Art. Endlich als die Gebrechen des Alters auch auf ihm zu lasten begannen und er von einem Krankheitsanfalle durch einen Aderlaß Erleichterung hoffte, wandte er sich zu diesem Behufe an seine Verwandte, die Priorin von Kirkleys in Yorkshire, da Frauen, insbesondere Nonnen jener Zeit, mit chirurgischen Verrichtungen vertrauter waren als heutzutage. Diese ließ ihn verräterischerweise zu Tode verbluten. Solches geschah am 18. November 1247 im 87. Jahre seines Alters und im 31. Jahre der Regierung König Heinrichs III. Er wurde in geringer Entfernung vom Klostergebäude unter einer Baumgruppe begraben, ein Stein auf das Grab gesetzt und mit einer Inschrift zu seinem Gedächtnis versehen. Nach Robin Hoods Tode zerstreute sich seine Schar.« Aus diesen Hauptmomenten des von Ritson entworfenen lebensgeschichtlichen Bildes leuchten allerdings einzelne Züge hervor, welche vorübergehend die Teilnahme des Volkes für den Helden nähren konnten; aber sie bieten uns bei weitem nicht die genügende Erklärung, die wir erwarten. Wir können uns nicht verhehlen, daß es den Volkssympathien für jenen offenbar hätte Eintrag tun müssen, wenn er, wie dort geschildert ist, nur durch eigene Schuld in die Lage eines vom allgemeinen Rechtsschutze Abgeschlossenen geraten wäre; ja, indem wir in dem Bilde hie und da Streiflichter von Ideen, Spuren von Kämpfen zu erblicken glauben, welche die Menschheit seit Jahrhunderten bewegen, sehen wir diese Ideen nur mit Unlust durch einen Träger vertreten, der denn doch nur als ein nobler Verbrecher, günstigstenfalls als ein begabterer Taugenichts anzusehen wäre. Unbefriedigt verfolgen wir die spärlichen Fußstapfen des Helden, so weit sie auf geschichtlichem Boden erkennbar sind, bis in die Dämmerungen einer fernen und quellenarmen Vergangenheit, um nach genügenderen Ergebnissen zu forschen. An der Hand und mit der Leuchte neuerer Geschichtschreibung und Kritik gelangen wir auf diesem Wege in die Tage der Eroberung und Beherrschung Englands durch die Normannen. Wilhelm der Bastard, Herzog der Normandie, war mit einem zahlreichen normannischen Heere in England gelandet, um die durch den Tod Edwards des Bekenners erledigte angelsächsische Königskrone gegen seinen Mitbewerber Harald, Herzog von Wessex, der bereits den Titel eines Königs der Angelsachsen angenommen hatte, mit dem Schwerte zu erringen. Der 14. Oktober des Jahres 1066 war der ewig denkwürdige Tag, an dem sich Englands Schicksal durch die bei Senlac in der Nähe von Hastings geschlagene Schlacht entschied, in welcher Harald Leben und Thron an seinen glücklicheren Mitbewerber verlor. Die Krönung Wilhelms zum Könige von England war das Resultat der Begebenheit, die wir mit dem Ausdrucke: »Eroberung Englands durch die Normannen« zu bezeichnen gewohnt sind. Die drückenden und nachteiligen Folgen, welche jede Regierung eines ausländischen Fürsten mit sich führt, wenn er zu gleicher Zeit eine bedeutende Anzahl seiner Landsleute in sein neues Reich mitbringt, mußte durch die gewaltigen Heermassen von Normannen, die natürlicherweise den »Eroberer« begleiteten, für das angelsächsische Volk um so drückender werden. »Die Schlacht bei Hastings,« sagt ein neuerer Geschichtschreiber Ch. B. Macaulay, The history of England from de accession of James II. Chap. I. , »und die darauf folgenden Ereignisse setzten nicht nur einen Herzog der Normandie auf den englischen Thron, sondern sie gaben auch die ganze Bevölkerung Englands der Tyrannei der normännischen Rasse preis. Die Unterjochung eines Volksstammes durch einen anderen war selten, selbst in Asien nicht, von einer größeren Vollständigkeit. Das Land wurde zerstückt und unter die Führer der Eindringlinge verteilt. Strenge militärische Einrichtungen im engsten Zusammenhange mit den Eigentumsgesetzen boten den fremden Eroberern die geeignete Handhabe zur Unterdrückung der Landeskinder. Ein grausames Strafgesetzbuch, mit Grausamkeit durchgeführt, beschützte die Vorrechte, ja selbst die Vergnügungen der fremden Unterdrücker. Aber der überwundene Volksstamm, wenngleich niedergeworfen und unter die Füße getreten, ließ jene noch immer seinen Stachel fühlen.« Mögen auch die schwereren Versündigungen gegen die Rechte der Eingeborenen mehr den Nachfolgern Wilhelms in der Regierung, als diesem selbst zur Last fallen, so bleibt es doch unbestritten, daß Wilhelm alles Land, das seinen Vorgängern auf dem angelsächsischen Throne angehört hatte, sowie auch die Besitzungen jener Angelsachsen, die gegen ihn gekämpft hatten, wieder für sich genommen; daß er alle von Harald gemachten Verleihungen widerrufen und mit auf diese Art in seinen Besitz gebrachten Gütern sein Heer belohnt habe. König Wilhelm stellte die gesetzliche Norm auf, daß jeder Eigentumstitel, der älter als seine Eroberung, und jede Güterübertragung, welche jünger als diese, ohne seine förmliche Zustimmung und Gutheißung null und nichtig seien. Schon unter seiner Regierung wurden Klagen darüber laut, daß die normännisch-französische Sprache mit Gewalt in den Gerichtshöfen und namentlich in der königlichen Kurie eingeführt worden sei, was für die Angelsachsen um so drückender gewesen, als sie ohnehin gegen die Anmaßungen der normannischen Barone in den gewöhnlichen Volksgerichten nicht zu ihrem Rechte gelangen konnten und daher an die königliche Kurie sich wenden mußten. Die durch den Übermut der Normannen hervorgerufenen Empörungen der angelsächsischen Großen hatten für diese den Verlust ihrer Lehen wegen Felonie zur Folge, und so wurden alle hohen Ämter im Reiche, namentlich die Grafenwürde und die Stellen in der königlichen Kurie nur von Normannen besetzt, während die angelsächsischen Thane immer mehr daraus entschwanden. Siehe G. Phillips, Englische Reichs- und Rechtsgeschichte seit der Ankunft der Normannen im J. 1066 n. Chr. G. Berlin 1827. §. X. Unter Wilhelm I. wurde das Lehnwesen in England auf Grundlage der militärischen Rangfolge organisiert, und dadurch jener Zusammenhang und jene Disziplin, welchen die Glieder des Eroberungsheeres auf dessen Kriegsfahrten unterworfen waren, auch auf dem neugewonnenen Boden bewahrt und verstärkt. Die unermeßliche Ausbeute jener allgemeinen Güterkonfiskationen diente als Sold für die Abenteurer aus allen Ländern, welche sich unter die normännischen Fahnen eingereiht hatten, und denen neue Glücksritter in massenhaften Zügen über den Kanal nachfolgten. »Ihre Namen, niedrig und dunkel auf jener Seite der Meerenge, wurden edel und ruhmreich auf dieser,« sagt Augustin Thierry Augustin Thierry, Histoire de la conquête de l'Angleterre par les Normands. Livre IV. , dem wir großenteils in der nachstehenden Darstellung folgen. Authentische Stellen bezeichnen einen Hugo den Schneider, Wilhelm den Kärrner u. dgl. als normännische Ritter in England. Die Mandeville und Dandeville. die Omfreville und Domfreville, die Mohun und Bohun usw., die Bastard, Brassard, Baynard, die Lucy, Lacy, Percy usf. und wie all die Eroberernamen auf den noch vorhandenen gereimten Listen heißen mögen, das waren die Männer, welche ihre Adelstitel für sich und ihre Nachkommen mit gewaffneter Hand nach England verpflanzten; die Diener, Stallmeister und Speerträger der normännischen Krieger wurden urplötzlich zu Edelleuten neben den reichsten und edelsten angelsächsischen Geschlechtern. »Diese Fremdlinge,« erzählt ein alter Chronist, »schützen sich gegenseitig, sie bilden einen engen Bund, dessen Glieder sich fest aneinander schließen, wie am Drachenkörper Schuppe mit Schuppe sich verbindet.« Während die normännischen Barone und Ritter ausgedehnten Grundbesitz mit Schlössern, Ortschaften, selbst ganzen Städten als Beuteteil erhielten, wurden die Vasallen untergeordneten Ranges mit mäßigeren Anteilen bedacht, einige mit barem Geld, andere durch Zwangsheiraten mit den begüterten Witwen der gebliebenen Gegner abgefertigt. Die Mehrzahl der Bistümer und Abteien mußte, wie die Güter der Reichen, die Freiheit der Armen und die Schönheit der Frauen, dazu dienen, die Kosten der Eroberung zu bezahlen. Ein Schwarm geistlicher Abenteurer aus Frankreich ergoß sich über die Prälaturen, Archidiakonate und Dechanteien Englands. Die meisten trugen in ihrer neuen Stellung die schamloseste Sittenlosigkeit zur Schau; einer von ihnen wurde von einem Weibe getötet, welchem er Gewalt antun wollte: andere machten sich berüchtigt durch ihre Völlerei und durch Ausschweifungen aller Art; Bischöfe plünderten Klöster und Kirchen und schmolzen deren Gold- und Silbergeräte für sich ein. Die Eingebornen wurden entwaffnet und gezwungen, dem neuen Oberhaupte, welches ihnen durch Waffengewalt aufgenötigt war, Treue und Gehorsam zu schwören. Sie leisteten zwar den Eid, aber im Grunde des Herzens glaubten sie nimmer, daß der Fremdling Englands rechtmäßiger König sei; ihr zahlreichen, sich immer wieder erneuernden Aufstände und Kämpf gegen diesen sprechen es nur zu deutlich aus. Den weltlichen Waffen gesellten sich geistliche; angelsächsische Bischöfe schleuderten den Bannfluch der Kirche gegen die Unterdrücker, aber er prallte wirkungslos an dem Könige ab, denn »Wilhelm hatte seine (normännischen) Priester, um die angelsächsischen Priester zu entwaffnen, wie er Normannenschwerter hatte, um die Sachsenschwerter zu brechen.« Nach der allmählichen Niederwerfung der organisierten Teile der angelsächsischen Kriegsmacht gab es nur noch einige zerstreute Trümmer des Heeres und der überwältigten Besatzungen, Soldaten ohne Führer und Führer ohne Gefolge. Der Krieg gegen diese nahm den Charakter persönlicher Verfolgungen an. Die hervorragenderen wurden feierlich gerichtet und verurteilt, die übrigen der Willkür der fremden Krieger überlassen, welche sie entweder niedermetzelten oder als Leibeigene auf ihre Ländereien versetzten. Abteilungen normännischen Kriegsvolks durchzogen den Nordosten in allen Richtungen, um das Land zu verwüsten und unbewohnbar zu machen sowohl für die Dänen, deren Landungen man befürchtete, als auch für die Angelsachsen, die man im Verdachte hatte, diese zu begünstigen. So wurde die angelsächsische Bevölkerung notwendigerweise in das Innere des Landes zurückgedrängt. Eine Anzahl Eingeborner, deren Mittel es gestatteten, und denen es glückte, die Häfen von Wales oder Schottland zu erreichen, wanderte ins Ausland. Dänemark, Norwegen, überhaupt die Länder germanischer Zunge, aber mitunter auch der minder stammverwandte Süden wurde das Ziel dieser Auswanderer. Von dem günstigen Lose angezogen, dessen sich die skandinavische Kaisergarde in Konstantinopel, die Waräger, damals erfreute, suchte eine Anzahl junger Leute dort ihr weiteres Fortkommen. Von jenen angelsächsischen Männern jedoch, welche weder auswandern konnten noch wollten, flüchteten viele mit ihren Familien, und wenn sie reich und mächtig waren, mit Dienern und Gefolge in die Wälder. Die großen Heerstraßen, auf welchen die normännischen Reisezüge sich bewegten, wurden von ihren bewaffneten Banden unsicher gemacht; sie holten sich mit List die Entschädigung für ihr verlornes Erbe, oder sie rächten in Blut die Niedermetzelung ihrer Stammgenossen. Während die mit der Eroberung befreundeten Geschichtschreiber diese Flüchtlinge nur als Räuber und Auswürflinge bezeichnen, welche frei- und böswillig gegen die rechtmäßige gesellschaftliche Ordnung in Waffen standen, glaubte die eingeborene Bevölkerung jene Männer ganz in dem guten Rechte, die Güter zurückzunehmen, die man ihnen gewaltsam entrissen hatte: und wenn sie zu Räubern wurden, so war es nach der Volksmeinung eben nur, um sich wieder in den Besitz des ihnen geraubten Eigentums zu setzen. Die Ordnung, gegen welche sie sich empörten, das Gesetz, welches sie verletzten, entbehrte in den Augen des Volkes jeder rechtmäßigen Weihe, und das englische Wort outlaw verlor von nun an im Munde der Unterjochten seine alte ungünstige Bedeutung: im Gegenteile, die alten englischen Erzählungen, Legenden und Volksballaden verbreiteten einen eigentümlichen dichterischen Reiz und Glanz um die Person des Verbannten und dessen unstetes, aber freies Waldleben. Der Norden Englands, welcher am kräftigsten den Eindringlingen widerstanden hatte, wurde vorzugsweise das Land solcher bewaffneter Wanderscharen, dieses letzten Protestes der Überwundenen. Die weiten Wälder der Provinz York wurden der Aufenthalt einer zahlreichen Bande unter der Anführung Sweyns, des Sohnes von Sigg. Im Innern des Landes und selbst in der Umgebung Londons rotteten sich Haufen solcher Männer zusammen, die von Sklaverei nichts wissen wollten, die Wildnis zu ihrer Wohnstätte erkiesend. Ihr Zusammentreffen mit den Eroberern war immer blutig. Neckereien, Überfälle und Kämpfe, Rachetaten an Wehrlosen waren an der Tagesordnung. Schrecken herrschte im Lande. Jede angelsächsische Wohnung war befestigt, von Waffen und Bewaffneten voll, verschlossen und verbollwerkt wie eine belagerte Stadt; nur bis an die Zähne bewaffnet wagte man sich aus seinem Hause. Einer jener Zufluchtsorte und Sammelplätze, das mitten in den Sümpfen der Provinz Cambridge auf der sogenannten Insel Ely errichtete, mit Erdwällen und Verhauen geschützte »Lager der Zuflucht« ( camp du refuge – castra refugii ) erhielt seine größere historische Berühmtheit und Weihe als »Bollwerk der angelsächsischen Unabhängigkeit« durch den Namen Hereward, der als Verteidiger der angelsächsischen Volksrechte und Rächer der Unbill aus ihm hervorging, und dessen Heldentaten und Märtyrertod (1072) lange in den Liedern des Volkes lebten. Die normännischen Könige, Nachfolger des Bastards, bewohnten und beherrschten längst in voller Sicherheit die Provinzen des Südens, während sie nur im Geleite eines kriegstüchtigen Heeres wagen durften, die nördlich des Humberflusses gelegenen Landstriche zu betreten. Im Norden erhielt sich am längsten der Geist des Widerstandes gegen die durch die Eroberung eingeführte Ordnung der Dinge; hier ergänzten sich durch mehr als zwei Jahrhunderte die Mannschaften der Outlaws, dieser politischen Nachfolger der Flüchtlinge des Lagers von Ely und der Gefährten Herewards. Von der Geschichte verkannt oder mißverstanden, werden sie von dieser entweder mit Stillschweigen übergangen oder nach der üblichen Amtssprache jener Zeit mit Benennungen gebrandmarkt, welche ihnen alle Teilnahme entfremden könnten, nämlich mit den Namen von Aufrührern, Dieben und Banditen. Aber diese Titel sind dieselben, mit welchen in jedem unter Fremdherrschaft schmachtenden Lande die kleine Zahl tapferer und unabhängiger Männer bezeichnet wird, welche es vorzogen. in die Berge und Wälder zu flüchten, als den Aufenthalt in den Städten mit jenen zu teilen, welche das Sklavenjoch zu ertragen vermochten. Das Volk, das ihnen zu folgen nicht den Mut hatte, liebte sie dennoch und begleitete sie mit seinen Wünschen. Während Verordnungen in französischer Sprache die Stadt- und Landbewohner Englands aufriefen, die geächteten Männer des Waldes wie Wölfe zu hetzen und von Bezirk zu Bezirk zu verfolgen, pries das Volkslied in angelsächsischer Sprache den Ruhm dieser Feinde der Fremdengewalt, »deren Schatzkammer die Börse des Grafen, deren Herde das Damwild des Königs« sei. Zur Vervollständigung des vor uns aufgerollten Geschichtsbildes sei ein Blick auf die normännischen Jagdgesetze geworfen. Wilhelm I. ließ eine zwischen Salisbury und der Seeküste gelegene Landstrecke mit Bäumen besetzen und in Wald umwandeln und nannte sie New forest (novum forestum) . Diese Strecke Landes umfaßte vor ihrer Umgestaltung in Wald mehr als sechzig Kirchspiele, welche der Eroberer auflöste und deren Bewohner er vertrieb. Es ist zweifelhaft, ob der Beweggrund hierzu politischer Natur gewesen, oder ob er nur in des Königs und seiner Söhne maßloser Vorliebe für die Jagd zu suchen sei. Dieser ungezähmten Leidenschaft schreibt man auch die sonderbaren und grausamen Verordnungen zu, die er über das Waffentragen in den englischen Forsten erließ; aber man darf mit Recht annehmen, daß diese Verfügungen einen tieferen Grund hatten und gegen die Angelsachsen gerichtet waren, welche unter dem Vorwand der Jagd sich ein Stelldichein in Waffen geben konnten. Die Strafen, die Wilhelm auf die Tötung eines Hirsches oder anderen Wildes gesetzt hatte (Verlust der Augen, Entmannung usw.) waren so strenge, daß eine Chronik ihm nachsagt, »er habe das Wild so sehr geliebt, als ob er der Vater wilder Bestien sei«. Diese Jagdgesetze, mit besonderer Härte gegen die Angelsachsen in Geltung gebracht, steigerten deren Elend, denn vielen aus ihnen war die Jagd das einzige Mittel zur Fristung des Lebens. Die königlichen Jagdreviere Wilhelms umfaßten alle großen Waldungen Englands, er selbst besaß achtundsechzig Forste Phillips a. a. O. II. § 31. , welche für die Eroberer furchtbar werden konnten, da sie der Zufluchtsort ihrer letzten Gegner blieben. Jene Gesetze, welche durch ihre Besorgtheit um das Leben der Hasen den Spott der Sachsen weckten, waren doch eine mächtige Schutzwache für das Leben der Normänner, und um die Durchführung derselben zu sichern, wurde die Jagd in den königlichen Forsten zu einem Vorrechte, dessen Verleihung sich der König ausschließlich vorbehielt. Hochgestellte Personen normännischen Stammes, empfindlicher für die ihnen auferlegte Beschränkung, als für die Interessen der Eroberung, murrten gegen die Ausschließlichkeit des Gesetzes. Aber solange der nationale Geist sich unter den Besiegten lebendig erhielt, konnte dieser Wunsch normännischer Großen den festen Willen ihrer Könige nicht erschüttern. Von dem Gefühle der politischen Notwendigkeit geleitet, bewahrten die Söhne Wilhelms ebenso ausschließlich wie er selbst das Vorrecht der Jagd, und erst später, im 13. Jahrhundert, als die Notwendigkeit dieses Privilegiums nicht mehr vorhanden war, ließen sich ihre Nachfolger nicht ohne Bedauern dazu bewegen, auf dasselbe zugunsten der Parkbesitzer normännischer Rasse teilweise zu verzichten. An diese und deren Jagdaufseher ging nun die Befugnis über, den auf Hasen und Damwild lauernden Angelsachsen ungestraft zu töten, bis endlich der arme Abkömmling dieses Stammes dem reichen Sprossen des andern furchtbar zu sein aufgehört und seine Jagdfrevel mit gelinderen Strafen zu büßen hatte. »Wenn der Leser nun« – wir lassen unsern Gewährsmann A. Thierry Thierry a. a. O. livre VI . sprechen – »all diese Tatsachen zusammenfaßt, mag er sich eine richtige Vorstellung dessen bilden, was England zur Zeit seiner Eroberung durch Wilhelm von der Normandie gewesen ist: doch darf er sich nicht etwa einen einfachen Regierungswechsel oder den Sieg eines Thronwerbers vorstellen, sondern das Einbringen eines ganzen Volkes in den Schoß eines andern Volkes, welches durch das erstere zersprengt worden, und dessen zerstreute Trümmer in die neue gesellschaftliche Ordnung nur Aufnahme gefunden als persönliches Zugehör, oder um den Ausdruck der alten Schriftstücke zu gebrauchen, als »Kleid der Erde« ( Terrae vestitus, Terrae vestita. Id est agri cum domibus, hominibus et pecoribus ). Man darf nicht auf der einen Seite Wilhelm als König und Despoten sich vergegenwärtigen und auf der andern Seite vornehmere oder niedrigere, reichere oder ärmere Untertanen, sämtlich Bewohner Englands und somit sämtlich Engländer, ihm gegenüberstellen; man muß sich eher zwei ganz verschiedene Völkerschaften vor Augen halten, nämlich Engländer durch Abstammung und Herkunft und Engländer durch feindlichen Einfall, beide in ein und dasselbe Land sich teilend und doch auf demselben Boden streng gesondert. Oder man vergegenwärtige sich vielmehr zweierlei Länder unter ganz verschiedenen Verhältnissen; das Land der Normänner reich und abgabenfrei, das Land der Sachsen arm, dienstbar und mit Grundzinsen bedrückt; das erstere voll geräumiger Paläste und gemauerter, mit Schießscharten versehener Burgen, das andere besät mit Strohhüten und ärmlichen verfallenden Wohnstätten; jenes bevölkert von Glücklichen und müßigen, von Rittern und Edlen, dieses bewohnt von Männern des Mühsals und der Arbeit, von Ackersleuten und Handwerkern; in dem einen die Üppigkeit und der Übermut, in dem andern das Elend und die Mißgunst; doch nicht die Mißgunst des Armen beim Anblick fremden Reichtums, sondern die des Beraubten dem Räuber gegenüber. Endlich, um das Bild vollständig zu machen, sind beide Länder gewissermaßen eines von dem andern durchschlungen, sie berühren sich an allen Punkten und sind doch schärfer getrennt, als wenn das Meer zwischen ihnen wogte. Jedes hat seine ihm eigentümliche, dem andern gänzlich fremde Sprache; das Französische ist die des Hofes, der Schlösser, der reichen Abteien, kurz aller Orte, wo die Macht und die Pracht herrschen, während das alte Landesidiom am Herde des Armen und Leibeigenen sich heimisch erhielt. Noch lange pflanzten sich beide Sprachen .....The folk of Normandie Among us woneth yet and shalleth evermore. Of Normans beth these high men that beth in this land And the low men of Saxons.... Robert of Gloucester's Chronicle. unvermengt fort und blieben, die eine das Kennzeichen des Adels, die andere das des gemeinen Mannes.« Zur Ergänzung des vorstehenden sei noch erwähnt, daß der fünfte normännische König Englands, Heinrich II., nachdem ein volles Jahrhundert seit der Eroberung verflossen war, noch nicht so viel Englisch wußte, um die Worte »Gode olde kynge« , womit ihn ein Eingeborner in der Grafschaft Pembroke begrüßte, ohne Dolmetsch zu verstehen. Auch von seinem Sohne und Nachfolger Richard – zu dessen Geschichte uns die Spuren des historischen Robin Hood nun leiten – ist es nachgewiesen, daß er nicht imstande war, ein Gespräch in englischer Mundart zu führen; dagegen sprach und schrieb er korrekt die beiden romanischen Sprachen Frankreichs, die langue d'oui und die langue d'oc , und dichtete sogar in der letzteren. Nachdem Richard I. Löwenherz aus der Gefangenschaft, in die er auf seiner Rückreise aus Palästina geraten, nach England heimgekehrt und gegen die Usurpation seines Bruders Johann in sein königliches Recht wieder eingesetzt war, blieb ihm nur noch der Widerstand der Besatzung von Nottingham zu brechen. Er eilte in Person dahin und siegte auch dort durch seine Tatkraft. »Nach diesem Siege« – wir nehmen wieder Thierrys Darstellung Thierry a. a. O. liv. XI . in dessen eigenen Worten auf – »unternahm König Richard zu seiner Erholung eine Lustreise in den größten der Forste Englands, welcher sich auf einem Raume von mehreren hundert Meilen von Nottingham bis in den Mittelpunkt der Grafschaft York erstreckte; die Sachsen nannten ihn Sire-Wode, ein Name, welcher sich im Laufe der Zeit in Sherwood verwandelte. »Noch nie in seinem Leben«, so erzählt ein Zeitgenosse, »hatte er diese Wälder gesehen, und sie gefielen ihm ungemein.« »Anno 1194 vicesima nona die Martii Richardus rex Angliae profectus est videre Clipstone et forestas de Sirewode, quas ipse nunquam viderat antea; et placuerunt ei multum et eodem die rediit ad Nottingham.« Rog. de Hoveden, Annales. Nach einer langen Gefangenschaft ist man besonders empfänglich für die Reize landschaftlicher Schönheit, und zudem mochte sich dieser natürlichen Anziehungskraft auch eine andere, für den abenteuernden Geist Richards noch bestechendere beigesellt haben. Sherwood war damals ein für die Normänner gefährlicher Wald, der Aufenthaltsort der letzten Trümmer jener bewaffneten angelsächsischen Scharen, welche, die Eroberung nicht anerkennend, nach freiem Willen außerhalb des Fremdlingsgesetzes lebten. Überall verjagt, verfolgt, gehetzt wie wilde Tiere, konnten sie nur hier sich in größerer Anzahl behaupten, begünstigt durch die örtliche Lage und unter einer Art militärischer Organisation, welche ihnen einen achtungswerteren Charakter verlieh, als jenen gemeiner Strauchdiebe und Straßenräuber.« »Zu der Zeit, als der Heros der anglonormännischen Barone den Forst von Sherwood besuchte, lebte in demselben ein Mann, welcher der Held der Leibeigenen, der armen und kleinen Leute, mit einem Worte der Held des angelsächsischen Volkes war. ›Unter den ihres Erbes Beraubten‹, berichtet ein alter Chronist, ›machte sich damals der berühmte Räuber Robert Hode bemerklich, welchen das gemeine Volk mit so großer Vorliebe in Festen und Schauspielen feiert, und dessen Geschichte, von den Minstrels gesungen, es jeder andern vorzieht.‹ »Hoc in tempore de exhaeredatis surrexit ille famosissimus siccarius Robertus Hode cum suis complicibus, de quibus stolidum vulgus hianter in comoediis festum faciunt et super caeteras romancias mimos et bardanos cantitare delectantur.« – Forduni Scotor. histor. ed. Hearne p. 774. Auf diese wenigen Worte beschränken sich unsere historischen Daten über das Dasein jenes letzten Angelsachsen, der dem Vorbilde Herewards so eifrig nachstrebte, und um nur einige Züge seines Lebens und Charakters aufzufinden, muß man notwendigerweise zu den alten Romanzen und Volksballaden seine Zuflucht nehmen. Kann man auch den darin geschilderten seltsamen und oft sich widersprechenden Taten und Ereignissen nicht unbedingt Glauben beimessen, so bleiben sie doch ein unanfechtbares Zeugnis der warmen Liebe des englischen Volkes für den Bandenhäuptling, welchen jene Poesien verherrlichen, und für dessen Genossen, die statt für ihre Herren das Ackerland zu bebauen, lieber, wie das alte Lied singt, »froh und frei durch die Wälder streiften«. »Es steht außer Zweifel, daß Robert, oder im Volksmunde Robin Hood, von angelsächsischer Abstammung gewesen. Sein französischer Vorname ist kein Gegenbeweis, denn schon im zweiten Menschenalter nach der Eroberung kamen durch den Einfluß des normännischen Klerus die alten Taufnamen allmählich außer Gebrauch und wurden durch die in der Normandie üblichen Heiligennamen ersetzt. Der Name Hood ist sächsisch, und die ältesten und daher beachtenswertesten Balladen reihen seine Vorfahren unter die Yeomanry, d. i. die Klasse der freien Landleute ein. I shall you tell of a good yeman His name was Robyn Hode. V Lytell geste of R. H. Fytte I. oder: Robin Hood was the yemans name That was boyt corteys and fre. Robin Hode and the Potter. Später, als das Andenken an die durch die Eroberung bewirkte Umwälzung sich abschwächte, verfielen die Dorfpoeten darauf, ihren Liebling mit dem Aufputz der Größe und des Reichtums auszustaffieren; sie machten aus ihm einen Grafen oder doch mindestens den Enkel eines Grafen. Vergl. in der vorliegenden Sammlung die Ballade: » Robin Hoods Geburt «. . . . Diese Annahme jedoch entbehrt jeder historischen Grundlage.« »Sei es nun wahr oder falsch, daß Robin Hood ›im Walde zwischen blühenden Lilien‹, wie die Ballade singt, geboren ward, das ist dagegen sicher, daß er im Walde sein Leben zubrachte an der Spitze mehrerer Hundert von Bogenschützen, gefürchtet von Baronen, Bischöfen und Äbten, aber geliebt vom Landmann und Arbeiter, von Witwen und armen Leuten.« . . . »Sie waren alle (nämlich Robin Hood und dessen bereits erwähnte Genossen) von fröhlicher Laune, nicht begierig sich zu bereichern, sondern nur bemüht, mit ihrer Beute das Leben zu fristen, und ihren Überfluß teilend mit den Familien derer, welche in der großen Plünderung durch die Eroberer um ihren Besitz gekommen waren.« . . . »Ihre Hiebe fielen nur auf die Agenten der königlichen Polizei und auf die hohen Regierungsbeamten in den Städten und Provinzen, welche von den Normännern Vicomtes, von den Engländern Sheriffs genannt wurden. Der Sheriff von Nottingham war insbesondere derjenige, mit dem Robert Hood am häufigsten zu kämpfen hatte, der diesen am lebhaftesten mit Fußvolk und Reitern verfolgte, auf seinen Kopf einen Preis setzte und seine Freunde und Gefährten – wiewohl immer ohne Erfolg – zum Verrat an ihrem Meister zu verführen suchte.« »Die staunenswerten Abenteuer dieses Bandenhäuptlings des 12. Jahrhunderts, seine Siege über die Männer normännischen Stammes, seine Kriegslisten und Rettungen aus Gefahren waren lange Zeit der einzige Stoff vaterländischer Geschichte, welchen ein Mann aus dem Volke Englands seinen Söhnen überlieferte, wie er selbst ihn von seinen Vorfahren überkommen hatte.« »Zwischen den Flüchtlingen des Lagers von Ely und den Männern von Sherwood, zwischen Hereward und Robin Hood hatte es eine Reihe von Häuptlingen der geächteten Parteigänger namentlich im nördlichen England gegeben, welche gleichfalls zwar eines gewissen Rufes nicht entbehrten, von denen man aber viel zu wenig Sicheres weiß, um sie als historische Personen gelten zu lassen. Die Namen einiger, wie Adam Bel, Clym of the Clough und William Cloudesley haben sich lange im Andenken des Volkes erhalten. Eine längere, wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert herrührende Ballade In des Bischofs Th. Percys »Reliques of ancient english poetry« und anderen späteren Sammlungen abgedruckt. besingt die Abenteuer dieser drei Männer, welche voneinander ebensowenig getrennt werden können, als Robin Hood und Klein John. Sie veranschaulicht dem heutigen Leser noch deutlicher den Begriff, welchen sich das englische Volk über den sittlichen Charakter solcher Männer, die lieber Räuber als Sklaven sein wollten, gebildet hatte.« »Wenn Robin Hood der letzte Häuptling jener angelsächsischen Geächteten ( outlaws ) bleibt, welcher sich einer wahrhaft volkstümlichen Berühmtheit zu erfreuen hatte, so berechtigt uns dies doch nicht zu der Annahme, daß nicht auch andere Männer desselben Volksstammes nach ihm dieselbe Lebensweise geführt haben, beseelt von dem Geiste politischer Gegnerschaft gegen eine Regierung von Leuten fremder Abkunft und Sprache. Der volkstümliche Widerstand sollte unter der Form des Freibeutertums noch länger fortdauern und die Begriffe: ›freier Mann‹ und: ›Gegner des Gesetzes‹ noch lange unzertrennlich voneinander bleiben. Aber auch dieser Zustand mußte sein Ende erreichen, je mehr man sich von der Zeit der Eroberung entfernte. In dem Maße, als der angelsächsische Volksstamm sich später durch Gewohnheit in Verhältnisse einlebte, welche er früher in Verzweiflung ertragen hatte, verlor jenes Freibeutertum allmählich seine patriotische Weihe und sank zu seiner natürlichen Bedeutung zurück, nämlich zu jener eines entehrenden Handwerks. Von diesem Augenblicke an war ein solches in den englischen Wäldern zwar nicht minder gefahrvoll und erheischte nicht weniger Mut und persönliche Gewandtheit, aber es erzeugte keine Helden mehr. Es blieb in den unteren Volksschichten nur eine große Hinneigung zur Verletzung der Jagdgesetze und eine ausgesprochene Sympathie für jene zurück, die, sei es aus Not, sei es aus Übermut, diese Verordnungen der Eroberer mißachteten. Das Treiben abenteuernder Wilddiebe und das Waldleben überhaupt wird mit Liebe in einer Menge neuerer Lieder gefeiert; sie alle preisen die Unabhängigkeit, deren man sich im grünenden Waldes erfreut, wo man keinen anderen Feind hat ›als den Winter und das Unwetter‹, wo man fröhlich ist, solange der Tag währt und leichten Sinnes wie das Blatt auf dem Baume.‹« Thierry a. a. O. liv. XI . Noch einmal flammte der alte Rassenhaß der beiden Stämme zur verheerenden Kriegsfackel empor, welche, von einem Fremdling zwar geschwungen, nach dem vorübergehenden Siege der Volkssache bei Lewes (1264) später in den Blutströmen des Schlachtfeldes von Evesham (1265) mit dessen Leben erlosch. Der Name Simon von Montfort (Leicester) aber lebt als der eines ruhmreichen Führers angelsächsischer Scharen, eines Kämpfers und Blutzeugen für die in der Magna charta (1213) errungenen gemeinsamen Rechte und Freiheiten noch im Andenken und Liede des Volkes fort. Als Ausdruck wahrhafter Volkstrauer kann die auch dichterisch schwungvolle Totenklage »The lament of Simon de Montfort« gelten, deren normännisch-französischer Urtext am korrektesten in Thom. Wright's Political songs of England 1839 abgedruckt ist. Englische Übersetzungen davon lieferten W. Scott und G. Ellis. Bei Montforts Unternehmungen war der Volkssache bereits ein Teil des unabhängigen normännischen Adels beigetreten. So langer Zeit hatte es bedurft, um, nach den Worten eines neueren englischen Kritikers Siehe den Aufsatz über Robert Hoods Leben und Charakter im London and Westminster Review. No. LXV. März 1840. , »die tiefe moralische Kluft, welche die Eroberung zwischen zwei einander durchaus fremde Volksstämme gerissen hatte, so weit auszufüllen. daß es für beide Teile möglich ward, von einem und demselben öffentlichen Geiste beseelt, ein gemeinsames politisches Ziel zu verfolgen, und daß die Nachfolger und Abkömmlinge der militärischen Kolonisten, welche Wilhelm I. nur als gelagert im Lande der Angelsachsen zurückgelassen hatte, sich daselbst als angesiedelt betrachten konnten«. Endlich sei noch des großen Bauernaufstandes unter Wat-Tyler (1381) Erwähnung getan, als des Schlußaktes in der Reihe der angelsächsischen Volksaufstände und als des Eingangsaktes zu einer ganz andern Gattung politischer Bewegungen. Die tiefe Überzeugung von der Ungerechtigkeit und Verwerflichkeit der Leibeigenschaft und Hörigkeit, welche die vereinigende Losung der Verschwörung von 1381 gewesen war und den angelsächsischen Dienstpflichtigen zur Empörung getrieben hatte, gewann auch bei dem normännischen Herrn allmählich die Oberhand. Zahlreiche Freibriefe, deren Mehrzahl dem 14. und 15. Jahrhundert angehört, geben noch heute Zeugnis, wie Englands Adel freiwillig das Band der Dienstbarkeit des Landmanns löste und somit das verhaßteste Erbstück aus der Eroberungszeit von sich warf. Und als es allmählich auch der Volkssprache in ihrer letzten Mischung gelang. sich wieder zu den Gerichtshöfen und endlich in das Parlament Bahn zu brechen, war auch ihr vollständiger und dauerhafter Sieg ausgesprochen und besiegelt. Die auf den früheren Blättern mehrfach erwähnten Angaben Thierrys finden in den Arbeiten neuerer Forscher über die Lebens- und Zeitverhältnisse Robin Hoods (z. B. Gutchs Siehe die Note 26 . , Spencer Halls The forester's Offering. London 1841. , Allies On the jovial Hunter of Bromsgrove, Horne the hunter, and Robin Hood, by Jabez Allies, Esq. London 1845. und des obengenannten Reviewers ) ihre Bestätigung und teilweise Ergänzung. Nur weichen diese von Thierry in dem Zeitpunkte ab, welchen sie dem Auftreten Robin Hoods in der Geschichte anweisen; denn während Thierry (wie auch Ritson) ihn zum Zeitgenossen Richards I. macht, verlegen die andern sein Erscheinen in eine etwas spätere Zeit, nämlich in die Tage Heinrichs III. (1216 bis 1272) und Edwards I. (1272 bis 1307), ja sie lassen ihn mit aller Wahrscheinlichkeit die Schlachten bei Lewes und bei Evesham unter Simon von Montfort mitfechten und erst nach der Niederlage der Volkssache in die Wälder fliehen. Sie stützen ihre Angaben erstens auf eine eingehendere Prüfung der bezüglichen Stellen des Chronisten Fordun; dann auf den unter dem Titel: »A lytell geste« bekannten Balladenzyklus, eines jener Mitteldinge von freier Dichtung und Reimchronik. wie solche als fast alleinige Geschichtsquellen für das Volk damals im Gange waren. Die Chronik des Weltpriesters Fordun, welcher in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte, daher den Ereignissen, um die es sich handelt, näher stand, verdient schon um dieses Umstands willen mehr Glauben als die späteren für die Zeitgenossenschaft Robin Hoods mit Heinrich II. und Richard I. zeugenden Chronisten. Ähnlich verhält es sich mit dem Balladenkranz A lytell geste Die älteste Ausgabe dürfte die (wahrscheinlich im Jahre 1489) bei Wynkin de Worde in London gedruckte sein, die den Titel führt: »Here beginneth a merry geste of Robin Hode and his meyne and of the prod sheryfe of Notyngham.« Vgl. auch die Ein merkwürdiges Zeugnis für diese Popularität bleibt es, daß in Schottland schon im Jahre 1508, also bereits so bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst, eine Ausgabe von »The lytell geste« und zwar bei Chapman und Myllar in Edinburgh erschien. . , dessen Entstehung in die Tage Chaucers, etwa in die Regierungsperiode Richards II. und Heinrichs IV. (1377–1413) fallen dürfte, mithin in Zeiten, da die Volkstradition über Robin Hood noch ziemlich frisch und unverfälscht erhalten war, und dessen Glaubwürdigkeit auch sonst durch mannigfache vollkommen geschichttreue Züge und Einzelheiten bewährt erscheint. In Forduns Scotichronicon, fortgesetzt vom Abt Bower, wird unter dem Jahre 1266 erzählt: »In diesem Jahre« – also ein Jahr nach der Schlacht bei Evesham – »kam es zu heftigeren Feindseligkeiten zwischen den ihres Erbes beraubten englischen Baronen und den Königlichen, von welchen Roger Mortimer die Grenzen von Wales und John Daynil die Insel Ely besetzt hielten. Um diese Zeit lebte Robert Hood als Verbannter in den Büschen und Dickichten des Waldes.« Die Originalstelle lautet: »Isto etiam anno grassati sunt acrius Angliae barones exheredati et regales; inter quos Rogerus de Mortuomari marchias Walliae, Johannes Daynillis insulam de Heli occupabant. Robertus Hode nunc inter fruteta et dumeta silvestria exulabat.« Scotichronicon, ed. Geodall, vol. II. Weiter berichtet derselbe Chronist folgendes Abenteuer Robin Hoods: »Als dieser eines Tages in Barnsdale, wohin er sich vor dem Zorne des Königs und dem Hasse des Prinzen geflüchtet hatte, sehr andächtig die Messe hörte, wie es seine Gewohnheit war, in welcher er sich durch nichts hindern ließ, wurde er von einem Vizegrafen und anderen königlichen Beamten, die ihm schon längst nachgestellt hatten, in jenem geheimen Waldverstecke, wo er Messe hörte, ausgekundschaftet. Einige seiner Leute, die hiervon Kenntnis erhalten hatten, beschworen ihn, in aller Eile zu fliehen; doch aus Andacht vor der heiligen Handlung, welcher er gerade seine innigste Andacht widmete, weigerte er sich entschieden dies zu tun. Während der Rest seiner Schar in Todesfurcht bebte, bestand Robert im Vertrauen auf Ihn, den er furchtlos verehrte, mit den wenigen seiner Gefährten, die ihm zufällig zur Seite waren, den Angriff der Feinde, besiegte diese mit Leichtigkeit und bereicherte sich mit deren Beute und Lösegeld, von jetzt an die Priester der Kirche und die Messen in noch höheren Ehren haltend als bisher, und eingedenk des Volksspruches: »Wer fleißig Messe hört, wird auch von Gott erhört.« Der Urtext lautet: »Cum ipse quondam in Barnisdale, iram regis et fremitum principis declinans, missam, ut solitus erat, devotissime audiret, nec aliqua necessitate volebat interrumpere officium; quadam die cum audiret missam, a quodam vicecomite et ministris regis, eum saepius per prius ipsum infestantibus, in illo secretissimo loco nemorali, ubi missae interfuit, exploratus, venientes ad eum qui hoc de suis perceperunt, ut omni annisu fugeret suggesserunt. Quod ob reverentiam sacramenti, quod tunc devotissime venerebatur, omnino facere recusavit. Sed, caeteris suis ob metum mortis trepidantibus, Robertus tantum confisus in eum quem coluit, inveritus, cum paucissimis qui tunc forte ei affuerunt, inimicos congressus, eos de facili devicit, et de eorum spoliis ac redemptione ditatus, ministros ecclesiae et missas in majore veneratione semper et de post habere praelegit, attendens quod vulgariter dictum est: Hunc Deus exaudit, qui missam saepius audit.« Scotichronicon, 1. c Vgl. auch die Ballade: » Robert Hoods Kirchengang « dieser Sammlung. Der mehrerwähnte Verfasser des Aufsatzes im »London und Westminster Review« schließt aus der Erwähnung des »Königs« und des »Prinzen«, daß das hier erzählte Ereignis gegen Ende jener zwei Jahre nach der Schlacht bei Evesham stattgefunden habe, in welchen Prinz Edward mit der Bewältigung der über mehrere Landesteile zerstreuten bewaffneten Banden beschäftigt gewesen; in dem gleichfalls erwähnten Vicecomes ( viscount ) sei aber der in den Balladen so oft genannte Sheriff von Nottingham nicht zu verkennen. Während Ritson das Lebensalter Robin Hoods (angeblich geboren 1160, gestorben 1247) auf 87 Jahre bringt, schließt Gutch aus obigen Stellen Forduns und aus den Versen des Lytell geste : So lebt' er zwanzig Jahr und zwei Im grünen Waldesdicht, Und alle Macht König Edwards bracht' Zurück zu Hof ihn nicht Vgl. die Ballade » Robert Hood verläßt den Hof «, welche dem »Lytell geste« entnommen ist. Die oben angeführte Stelle lautet im Original: »Robin dwelled in greene wode Twenty yere and two For all drede of Edward our kynge Again would not he go.« daß der Volksheld, um etwa als vierzigjähriger Mann die Schlacht bei Evesham (1265) mitzufechten, im Jahre 1225 geboren, und da er unter Edward I., der 1272 zur Regierung kam, 22 Jahre im Walde zubrachte, etwa um 1294, mithin im Alter von 69 Jahren gestorben sein mußte. Diese Taten scheint Hr. Gutch, wenn die Zeitungen genau berichteten, seither modifiziert zu haben. In einem Aufsatze nämlich, welchen er in der 1852 in Newark abgehaltenen Versammlung der britischen archäologischen Gesellschaft vorlas, suchte er die Ansicht des berühmten Antiquars Joseph Hunter näher zu begründen, daß R. Hood mit dem in den Exchequer Records als Torwächter ( yeoman porter ) König Edwards II. im Jahr 1323 erwähnten Robert Hood identisch sei. (Siehe Augsburger Allgemeine Zeitung, Jahrg. 1852, Nr. 237.) Wäre das früher von Gutch angenommene Geburtsjahr 1225 richtig, so müßte Robin Hood mindestens das Alter von 98 Jahren, also ein weit höheres als das von Ritson angegebene, erreicht haben. Der bereits erwähnte Altertumsforscher aus Worcestershire J. Allies Jabez Allies a. a. O. hält Loxley in Staffordshire oder Loxley in Warwikshire für den Geburtsort Robin Hoods, den Wald von Fekenham in Worcestershire aber für den frühesten Schauplatz seiner Taten und glaubt, daß Robin Hood erst nach der Schlacht bei Evesham in den Wald Sherwood in Nottinghamshire und Barnsdale in Yorkshire gezogen sei. Er erzählt, daß unter Heinrich II. die Grenzen des Fekenhamer Forstes zur höchsten Betrübnis der Anwohner so weit ausgedehnt wurden, daß der größte Teil des Nordens und Nordostens von Worcestershire in demselben eingeschlossen war (wie denn auch Sherwood fast ganz Nottinghamshire bedeckte). Allies hält sonach Robin Hood gleichfalls für einen Zeitgenossen Heinrichs III. und Edwards I. und stellt die Vermutung auf, daß Robins Vater oder Großvater, gleich tausend anderen, von Heinrich II., als er jenen Forst erweiterte, gewaltsam aus seinem Grundbesitz verdrängt worden sei, wodurch die entschiedene Feindseligkeit Robin Hoods gegen die Forstgesetze noch erklärbarer würde. So tritt aus dem großartigen, wenn auch mitunter dunkeln und nebelhaften geschichtlichen Hintergrunde deutlicher erkennbar die edlere historische Gestalt Robin Hoods hervor als die eines echten Frei- und Landsassen, eines wahren germanischen Gau- und Freimannes ( yeoman, freeman ). Von den Yeoman untrennbar ist der Bogen, und in der Heeresformation jener Zeit bilden die landsässigen Bogenschützen die Masse des Fußvolks, sowie andererseits die lanzenbewaffneten Ritter den Kern der Reiterei. Der tapfere, gutherzige und trotz der Unterdrückung unabhängig gebliebene Yeoman steht vor uns als Verteidiger seiner Stammgenossen, als Feind der Fremdherrschaft, als Kämpfer für das alte angelsächsische Recht, die Gesetze Edwards des Bekenners, und für die neuen in der Magna Charta verbriefen Freiheiten, die er im Vereine mit den volksfreundlichen und unabhängigen Baronen gegen die Übergriffe der Herrscher mannhaft verficht: kurz, wir erblicken in ihm einen Volkshelden edelster Natur. Wir sehen seinen Trotz und Haß gegen das Gesetz nicht aus mutwilliger Freude an gesetzlosen und anarchischen Zuständen, sondern aus einer reineren Quelle, ja aus wahrer Rechtsachtung entspringen; er mißachtet jenes nur, weil es ein fremdes, seinem Volke gewaltsam aufgezwungenes ist. Er haßt und verfolgt die Reichen, die Barone und Prälaten nicht aus gemeiner Habsucht und Mißgunst, nicht wegen ihrer höheren Lebensstellung, nicht aus Irreligiosität, sondern weil sie die Räuber angelsächsischer Güter, weil sie die Eindringlinge und Unterdrücker sind. Die Wohltaten, die er Armen, Witwen und Waisen zuwendet, sind ebensoviel Geschenke an leidende Stammgenossen und daher echt patriotische Gaben. Er flieht in den Wald nicht aus Hang zum Müßiggang und Vagabundenleben, sondern weil er, seines väterlichen Erbes beraubt, dort allein seinen Unterhalt und gegen den Jammer, die Knechtschaft und Trostlosigkeit des äußern Lebens in den Armen der Natur Heiterkeit, Freiheit und Trost zu finden hofft. Bei solchem innern Adel der ganzen Erscheinung freuen wir uns fast, daß die von Ritson mit mehr Vorliebe als Kritik vorgeführten Adelsdokumente Robin Hoods die gegründetsten Bedenken erregen; daß namentlich der auf Dr.  Stukeleys Aus dessen »Palaeographia Brittannica« . Autorität aufgenommene Stammbaum, ebenso wie die nach Angabe Thoresbys Aus Dr. Gales Papieren mitgeteilt in Thoresbys Ducatus Leodiensis« . Den Wortlaut der Grabschrift siehe in den Anmerkungen zu der Ballade: » Robin Hoods Tod « wieder abgedruckte Grabschrift vor der geschichtlichen Kritik nicht standhalten: wie denn auch beide schon von früheren Kritikern, namentlich dem sachkundigen Bischof Dr.  Percy stark angezweifelt worden sind. Wir lächeln fast befriedigt zu der Annahme, daß insbesondere der adlige Geschlechtsname eines Earl of Huntington sich sehr natürlich in ein Wortspiel, in einen für einen Wildschützen sehr passenden Scherznamen (von hunt, hunting, die Jagd) auslösen dürfte. Wir sehen nach alledem die fast beispiellose Vorliebe des englischen Volkes für seinen Helden auch aus sittlichen Motiven vollkommen gerechtfertigt und erquicken uns um so lieber an den Erscheinungen einer so seltenen Popularität. Als Zeugnis für diese mag es gelten, daß die Geschichte und Taten Robin Hoods und seiner Genossen den Stoff zu mannigfaltigen dramatischen Vorstellungen und zu zahlreichen, in wohlfeilen Ausgaben verbreiteten Volksromanen und Prosaerzählungen, sowie zu vielfachen Anspielungen gegeben haben, welche sich in englischen Dichtern und Prosaikern, namentlich in Shakespeares Werken, zahlreich vorfinden. In neuerer Zeit haben zwei ausgezeichnete Schriftsteller Englands, Walter Scott in seinem Roman »Ivanhoe« und James in seiner Erzählung »Forest days,« es nicht verschmäht, ihre Dichtungen mit Episoden aus dem Leben Robin Hoods zu schmücken; zu geschweigen eines späteren ähnlichen Versuches in Peacocks »Maid Marian« . Dem Verfasser nur in der französischen Übersetzung von Louis Barrs ( Bruxelles 1855 ) bekannt. In unseren Tagen (1860) ward eine Oper von Macfarrens »Robin Hood« als werdendes Kassenstück für »Her Majestys« Theater von der Londoner Presse mit vollen Posaunenstößen gepriesen, ein Erfolg, an welchem der Held des Librettos seinen nicht unerheblichen Anteil haben mag. Ihm verdanken verschiedene ältere und neuere, bei Ritson wörtlich aufgeführte Sprichwörter ihren Ursprung; bei Robin Hood oder einem seiner Genossen zu schwören, scheint Landesbrauch gewesen zu sein. Seine Lieder wurden bei feierlichen Gelegenheiten gesungen und sein Dienst bisweilen dem Worte Gottes vorgezogen. So berichtet Bischof Latimer (unter Edward VI., 1547–53) mit großer Entrüstung, wie er auf der Heimreise nach London in eine Ortschaft gekommen sei, wo er sich vorher habe anmelden lassen, um zu predigen; bei seiner Ankunft aber habe er den Ort leer und die Kirche verschlossen gefunden und habe erfahren, daß Robin Hoods day sei, und daß niemand zur Kirche kommen würde; demnach habe er wohl oder übel den Robin Hoods men Platz machen müssen. Man darf Robin Hood als Schutzpatron des Schützenwesens ansehen, und wenn er auch nicht förmlich heilig gesprochen wurde, so erhielt er doch die vorzüglichste Auszeichnung eines Heiligen, nämlich das Zugeständnis eines eigenen Festtages, an welchem alle Geschäfte ruhen mußten, und den selbst der religiöse Eifer der Reformationszeit nicht zu beseitigen vermochte. Der erste Mai ist der Robin Hoods day , und feierliche Spiele, Schützen- und Maifeste, zu Ehren seines Gedächtnisses eingeführt, wurden bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts regelmäßig abgehalten und zwar nicht von den unteren Volksklassen allein, sondern von Königen, Prinzen und ernsthaften Magistratspersonen, sowohl in England als Schottland; Feste, nach den Anschauungen der früheren Jahrhunderte so innig verflochten mit der bürgerlichen und religiösen Freiheit des Volkes, daß die Regierung sie zu unterdrücken nicht wagen durfte. Die Söhne der Sachsen und die Söhne der Normänner nahmen gemeinsam teil an diesen volkstümlichen Festvergnügungen, ohne sich entfernt daran zu erinnern, daß diese ein Denkmal sind der alten Feindschaft ihrer beiderseitigen Ahnen. König Heinrich VIII. pflegte regelmäßig seine Maifeier zu begehen; Beispiele davon aus verschiedenen Jahren hat der Chronist Hall sorgfältig aufgezeichnet. So bringt dieser aus dem Jahre 1516 folgenden hübschen Bericht über eine von Offizieren der königlichen Leibwache aufgeführte Festszene: »König und Königin im Kreise von Lords und Ladies machten einen Lustritt zu den Höhen von Shooters Hill: da erblickten sie am Wege eine Schar von etwa 90 tüchtigen Burschen in grünen Kleidern und Hüten, mit Bogen und Pfeilen bewehrt. Einer der Bursche, welcher sich selbst als Robin Hood dem König vorstellte, lud diesen ein, seine Leute schießen zu sehen; was der König zugestand. Nachdem dieser den Übungen zugesehen hatte, machte Robin Hood seine Einladung an König und Königin, ihnen in den grünen Wald zu folgen und das Leben der Geächteten anzusehen. Als die Königin und die Damen auf die Frage des Königs, ob sie dazu geneigt wären, zugestimmt hatten, begleitete Hörnerschall sie bis zu dem Walde, der am Fuße von Shooters Hill gelegen ist. Daselbst befand sich eine Laube aus frischen Zweigen aufgebaut und darin ein Saal, eine größere und eine kleinere Kammer mit Blumen und duftigen Kräutern ausgeschmückt, was dem König gar wohl gefiel. Darauf sagte Robin Hood: »Herr, der Geächteten, Frühstück ist Wildbret, und Ihr müßt Euch bescheiden mit dem Mahle, das wir haben.« König und Königin ließen sich nieder, und Robin Hood und seine Leute bedienten sie mit Wildbret und Wein. Als der König und sein Gefolge sich entfernten, gab Robin Hood mit seiner Schaar ihm noch das Geleite. Auf dem Rückwege begegneten sie zweien Jungfrauen in einem reichverzierten, von fünf Pferden gezogenen Wagen; jedes Pferd hatte seinen Namen am Haupte angeschrieben; auf jedem Pferde saß ein Fräulein mit der Aufschrift ihres Namens, und auf dem Wagensitze saß Lady May, begleitet von Lady Flora in reichstem Schmuck, und sie begrüßten den König mit mancherlei Gesängen und geleiteten ihn dann nach Greenwich.« Aus Halls Chronicle auszugsweise in: »Londiniana or Reminiscenses of the british Metropolis: including characteristic sketches antiquarian, topographical, descriptive and literary, by Edw. Wedlake Brayley etc.« London 1828. Bd. III. S. 231. Unter den mit den Maispielen zusammentreffenden Lustbarkeiten nimmt der sogenannte Morris-Tanz Näheres über diesen in den Anmerkungen zu der Ballade: » Robin Hood und Maid Marian «. , in welchem Robin Hood, Klein John, Bruder Tuck und Maid Marion stehende Charaktermasken sind, eine hervorragende Stelle ein. Im Kirchspiel von Halifax zeigt man noch einen ungeheuren Stein oder Felsen, der Robin Hoods Pennystone (Pfennigstein) heißt, mit welchem er zur Kurzweil nach einem Ziele geworfen habe. In einer andern Felsengruppe bei Birchover heißen ein paar der höchsten Spitzen Robin Hoods stride (Schritt, Fußstapfe). Sein Bogen nebst Pfeilen in Fountainsabbey, sein Stuhl in Sherwood (ein Felsensitz in den Kirkby Crags heißt Robin Hoods chair ) wurden noch im vorigen Jahrhundert gezeigt. Auf diesem Stuhle fand mit gewissen Feierlichkeiten die Aufnahme in die dort zu seinen Ehren bestandene Brüderschaft statt. Eine Hügelreihe in der Nähe von Nottingham, sowie die Quelle, aus welcher er seinen Durst zu löschen pflegte ( Robin Hoods well ), ebenso auch eine Bucht und Ortschaft an der Küste von Yorkshire ( Robin Hoods bay ) tragen seinen Namen. Dieser bezeichnet wohl noch ein Dutzend Gäßchen, Höfe und öffentliche Plätze in London, und bis zur Abschaffung der aushängenden Schilde kam Robin Hoods Bild auch in der Hauptstadt fast so häufig als Aushängeschild vor, wie noch gegenwärtig auf dem Lande. Ein in England wohlbekannter, im Jahre 1613 in London gestifteter Klub für öffentliche Redeübungen nahm seit seiner Übersiedelung in ein Haus in Butcher Row, welches solch ein Schild führte, den Namen Robin Hoods Society an. Aber nicht in England allein, auch in Irland und insbesondere in Schottland, welches eine eigentümlich national gefärbte Reihe von Robin Hoods-Liedern aufzuweisen hat, war die Popularität unseres Helden eine tief eingewurzelte und weitverbreitete. Ein merkwürdiges Zeugnis für diese Popularität bleibt es, daß in Schottland schon im Jahre 1508, also bereits so bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst, eine Ausgabe von »The lytell geste« und zwar bei Chapman und Myllar in Edinburgh erschien. Auch in Schottland hatte er seine Jahresfeier in Volksspielen und Festen, und der oft wiederholte Versuch der Behörden, diese Festfeier, wenn sie auf einen Sonn- oder Feiertag fiel, zu unterdrücken, hatte im Jahre 1561 in Edinburgh einen sehr ernsthaften Volkstumult zur Folge. Noch im Jahre 1592 klagte die General-Assembly über die Entheiligung des Sabbats durch die Robin Hood-Spiele. Nach Arnots History of Edinburgh. Ch. II. Wenn wir, dem Ziele der gegenwärtigen Erörterungen näher rückend, das englische Volkslied genauer ins Auge fassen als einen jener Spiegel, welche uns von der volkstümlichen Geltung des Helden das treueste Abbild bieten, so finden wir das Andenken und die Taten Robin Hoods in einem Kreise zahlreicher Reime, Lieder und Balladen aus früherer und späterer Zeit, von höherem und geringerem dichterischen Werte gefeiert, welchen die geistreiche und gründliche Kennerin der Volkspoesie, Frau Robinson Jakob Talvj, Versuch einer geschichtlichen Charakteristik der Volkslieder germanischer Nationen. Leipzig 1840. »als den merkwürdigsten Teil der englischen Volksliteratur« betrachtet. Zur Blütezeit des englischen Volksgesanges wurden diese oft unmittelbar aus dem Volke selbst hervorgegangenen, dem gemeinen Manne bereits geläufigen Gesänge durch die Minstrels und Jongleurs ( Glemen, fiddlers angelsächsisch) auch an den Höfen der Könige und Großen eingebürgert, bis sie durch die Erfindung der Buchdruckerkunst und durch das Emporblühen der Kunstpoesie in allmählichen Übergängen aus den höheren Schichten endlich ganz verdrängt, den entartenden Nachfolgern jener Minstrels, bettelhaften Musikanten und Bänkelsängern anheimfielen, von solchen Organen auch an Gehalt entwertet, wenn auch vom Volke um des Helden willen noch immer mit Interesse und Vorliebe aufgenommen. So läßt sich, nach dem Ausspruche eines sachkundigen Gewährsmannes W. Dönniges, Allschottische und Altenglische Volksballaden. Nach den originalen bearbeitet. München 1852. , »an den Robin Hoods-Liedern allein schon die Blüte und der Untergang des englischen Volksgesanges verfolgen«, welcher in dem Ministrelgesang des 14. Jahrhunderts sein eigentlich goldenes Zeitalter gefunden hatte, während die Regierungszeit Elisabeths als die seines entschiedenen Verfalls angenommen werden kann. Noch durch das ganze 17. Jahrhundert wurden die erhalten gebliebenen Robin Hoods-Balladen in Flugblättern durch Hausierer auf den Dörfern feilgeboten und nach einer Art Rezitativ abgesungen: eine große Anzahl der ältesten aber war nachweisbar bereits mit ihren Sängern verschollen oder, wenn je niedergeschrieben, sonst verloren gegangen. Der Buchdruckerkunst, welche der Flüchtigkeit mündlicher Überlieferungen zu Hilfe kam, und dem Sammlerfleiße einiger Freunde des Volkslieder blieb es vorbehalten, etwa ein halbes Hundert jener Balladen, deren älteste und wertvollste wohl noch dem 14. Jahrhundert angehören, für unsere Tage zu retten. Sehr richtig jedoch bemerkt Talvj Vgl. Talvj a. a. O. S. 496. , daß das Volkslied, bevor es niedergeschrieben wird, oft jahrhundertelang sich traditionell fortpflanzt und so, während es im ganzen dasselbe bleibt, in Einzelheiten und in der Ausdrucksweise sich verändert. So mögen einige dieser Balladen, welche der Sprache nach etwa dem 15. Jahrhundert, d. h. der Zeitperiode, in welcher sie zu Papier gebracht wurden, angehören, doch in ihrer Komposition wesentlich älter sein. Als Verfasser einiger der ältesten Robin Hood-Lieder wird Richard Grove, der in der Nähe von Doncaster wohnte, genannt; als Autor eines der späteren aus dem 17. Jahrhundert nennt sich Martin Parker selbst. Die ältesten, ursprünglich zum Volksgebrauche bestimmten Drucke solcher Lieder erschienen teils vereinzelt als fliegende Blätter in sogenannter gotischer Schrift ( black letter ) mit groben Holzschnitten, teils in mehr oder minder umfangreichen, oft neu aufgelegten Sammlungen unter dem für ähnliche Sammelwerke damals sehr beliebten Titel der »Garlands« Eine der ältesten Ausgaben soll die im Jahre 1670 bei T. Coles, W. Vere und J. Wright erschienene sein. Ritson scheint diese nicht gekannt zu haben und führt als die älteste ihm bekannte die bei J. Clark, W. Thackeray und Th. Passenger im Jahre 1686 gedruckte an; eine der letzten in London aufgelegten führt den Titel: »Robin Hoods garland being a complete history of all the notable and merry exploits performed by him and his men on many occasions. To which is added a preface giving a more full and particular account of his birth etc.: than any hitherto published.« (Kränze). Begreiflicherweise sind diese alten Drucke gegenwärtig typographische Seltenheiten und nur noch hie und da in namhafteren Bibliotheken vorfindig. Einzelne Stücke davon kamen in den mit kritischerem Geiste zusammengestellten Sammlungen von Percy a. a. O. , Jamieson Jamieson, Popular Songs. , Halliwell Hallywell, Nursery Rhymes of England. , Walter Scott W. Scott, Minstrelsy of the Scottish Border. u. a. in neuerer Zeit zum Wiederabdrucke für den modernen Leser. Das unbestreitbare Verdienst der ersten tunlichst vollständigen Gesamtausgabe aller über Robin Hood auffindbaren Volkslieder gebührt aber dem fleißigen Sonderling J. Ritson Robin Hood: a collection of all the ancient poems, songs and ballads, now extant relative to that celebrated English Outlaw. To which are prefixed historical anecdotes of his live. By Joseph Ritson, Esqu. Second Edition. London 1832. 2 Bde. Die erste Auflage erschien 1795. , welcher es zugleich unternahm, jenes bereits mehrfach erwähnte historische Lebensbild zu zeichnen, dessen hier und da etwas allzu kühne Konturen eine spätere Kritik zwar auf die richtigerer Umrisse zurückführen darf, ohne des Dankes zu geschweigen, den sie ihm für die Reichhaltigkeit des zutage geförderter Materiales schuldet. Ritsons Sammlung bildet den wertvollen Grundstock der neuesten, begreiflicherweise noch vollständigeren Gesamtausgabe der Robin Hood-Poesien, welche J. W. Gutch A lytell geste of Robin Hode with other ancient et modern ballads and songs relating to this celebrated yeoman to which is prefixed his history and character grounded upon other documents than those made use of by his former biographer Mister Ritson. Edited by J. M. Grutch, F. S. A. In two volumes. London 1847. im Jahre 1847 ans Licht treten ließ und mit gediegenen, auch in unserer Darstellung dankbar benützten historisch-kritischen Beigaben bereicherte. Über Wert und Bedeutung dieser Dichtungen in ihrem Heimatlande läßt sich die bewährte Stimme Allan Cunninghams Siehe diesen Aufsatz: »Robin Hoods Ballads in Knights Store of Knowledge. wie folgt vernehmen: »Diese Balladen in ihrer ungekünstelten Anschaulichkeit werden manchem vielleicht roh erscheinen. In der Tat müssen wir zugestehen, daß dieselben öfters wenig wohllautend sind und jenes Tonfalles entbehren, welchen der Kritiker heutzutage wünschen muß; aber in jener Zeit, als sie entstanden, war das Auge noch nicht, wie jetzt, auf den Richterstuhl berufen, und das Ohr begnügte sich, da Musik ohne störendes Übergewicht die Worte begleitete, mit einer gewissen Übereinstimmung der Töne. Der Balladensänger war demnach minder besorgt um den Fluß der Worte, die Richtigkeit des Silbenmaßes und den Reinklang der Reime. Seine Dichtungen, an denen sich unsere Vorfahren wahrhaft ergötzten, klingen rauh und herb für das verwöhnte Ohr der Neuzeit, denn unser Geschmack ist empfindlicher in Sachen der Reinheit und des Wohlklangs der Töne. Sie sind aber reich an Handlung und rein menschlichem Charakter; sie spiegeln die Sitten und Gefühle ferner Zeiten wieder; sie zeichnen manches, was der Maler nicht ausführte und der Geschichtschreiber übersah; ohne verletzende Bitterkeit spricht aus ihnen die Empfindlichkeit gegen Unbill und Unrecht im öffentlichen wie im Privatleben; ja, sie schwingen sich bisweilen in die höheren Regionen der Phantasie empor und liefern Gemälde im echten Geiste der Romantik. Ein unwiderstehlicher Drang zum Kampfe, der ihnen nur Spiel scheint; Verachtung gegen alles, was hinterlistig und feig, Liebe für alles, was frei, mannhaft und warmherzig ist; Haß gegen alle Unterdrücker, seien es Priester oder Laien, und Hinneigung zu allen jenen, welche die wahre Lustigkeit in Wort und Tat lieben: das sind die Eigenschaften, durch welche die Robin Hoods-Balladen sich auszeichnen. Der persönliche Charakter, so gut wie die Geschichte des kühnen Geächteten ist jedem Verse aufgeprägt.« Bei solchen Eigenschaften ist die ungemeine und andauernde Beliebtheit und Verbreitung dieser Lieder durch alle Gesellschaftskreise Englands erklärbar. Jedes Handwerk wollte sein eigenes Robin Hood-Lied besitzen, und so finden wir den Helden im Zusammentreffen mit einem Gerber, einem Töpfer, einem Fleischer, einem Schäfer, einem Färber, einem Kesselflicker u. a. m. Manche dieser Balladen mag gelegenheitlich für ein anderes Handwerk zurecht gemodelt worden sein, wie denn auch im Deutschen beispielsweise das hübsche Lied vom »Zimmergesell« und »der jungen Markgräfin« Vgl. K. Simrocks deutsche Volkslieder in der von ihm herausgegebenen Sammlung der »deutschen Volksbücher«. anderweitig auch von einem Schuhmacher, einem Schmiede, einem Schneider, einem Bäcker, einem Büttner, einem Schlosser, einem Tischlergesellen, endlich auch von einem Schreiber gesungen wird; und wie hier die verschiedenen Handwerke um die genossene Gunst einer schönen und vornehmen Frau wetteifern, so geizen sie dort nach dem Ruhme, sich durch einen der Ihrigen mit Robin Hood im Kampf gemessen, diesen besiegt und allenfalls tüchtig durchgebleut zu haben. Es bleibt ein schöner Zug im Volksgemüte, daß es in Lied und Überlieferung seine Helden möglichst emporzuheben, auszuschmücken und zu veredeln bestrebt ist. Indem es hierbei nicht ansteht, Taten und Erlebnisse anderer Berühmtheiten auf seine Lieblinge zu übertragen, diese in die Umgebung edlerer Personen, auf den Boden einer interessanteren Zeit zu stellen, ihr Andenken in seine Feste und Gebräuche zu verweben usw., gerät es treulich mit der historischen Gewissenhaftigkeit hie und da in arge Konflikte. Daß solche auch bei den Volkstraditionen über Robin Hood mannigfach obwalten, wurde bereits nachgewiesen. In solchen Fällen wird es dann wieder die Aufgabe späterer Kritiker, in ihren Forschungen auf die Urgestalten zurückzugehen und den echten historischen Kern aus dem poetischen und traditionellen Schmuck und Beiwerk zu lösen. In dieser Richtung sei auf A. Kuhns Siehe dessen Aufsatz »Wodan« im V. Bd. der Zeitschrift für deutsches Altertum, herausg. von Moritz Haupt. 1845. interessanten Versuch hingewiesen, die mythische Gestalt Robin Hoods aus der Rolle, die ihm bei den Weihnachts- ( Christmas ) und Frühlingsfesten und anderen Volksgebräuchen zugewiesen ist, zurückzuführen auf Wodan als »Gott des Frühlings, der den Sommer bringt«, dem aber auch die Zeit der Wintersonnenwende geheiligt gewesen. Mag immerhin rücksichtlich einzelner Daten über Robin Hood einiger Widerspruch zwischen Historie und Poesie bestehen, so stimmt doch mit dessen Charakterbilde im großen Ganzen, wie es die Geschichte aufstellt, die Zeichnung des Helden in der Volksdichtung wesentlich überein; diese ergänzt jenes und führt es in einzelnen Zügen noch sorgsamer aus. Ein Beschützer der Armen und Schwachen, ein Feind der Unterdrücker ist er auch hier; seinem König ergeben in Treuen, schwingt er doch die Waffe gegen dessen Beamte und Höflinge als Feinde seines Volkes; bis zum Übermaße fromm und gottesfürchtig, läßt er sich doch nicht aus Respekt vor dem geistlichen Talare abhalten von Angriffen auf hochmütige Bischöfe und geldgierige Prälaten des Eindringlingstammes. Zäh und fest im Unglück, an Entbehrungen gewohnt und diese mit guter Laune ertragend, zeigt er sich als echter Lebemann und großmütiger Spender im Glück und Überfluß, immer munter und schlagfertig, gutherzig und voll des frischesten aber mitunter sehr derben englischen Humors. Ein trefflicher Bogenschütze weiß er jedoch auch das Schwert und die Stange, den Langstab ( quarterstaff ), ja im Notfalle auch die Faust trefflich zu führen. In seiner Hand wird der Stock geadelt und zur ritterlichen Waffe erhoben. Im Walde widerhallt es von Schlägen, die der Held reichlich austeilt, aber fast noch reichlicher empfängt; denn ungleich andern immer siegreichen Helden der Kunst- und Volkspoesie, vor deren bloßem Anblicke schon die Feinde bewältigt niederstürzen, läßt ihn das englische Volkslied sehr oft als Besiegten und jämmerlich Durchgeprügelten erscheinen, sei es, daß die Volksdichtung, diesen Zug von Naturwahrheit festhaltend, ihren Liebling der allgemeinen menschlichen Hinfälligkeit nicht entkleiden und ihn dadurch dem Auditorium näher rücken wollte, sei es daß sie ihn absichtlich den Schwächern spielen läßt, um seine Gegner zu Anhängern zu werben und sie in die Herrlichkeiten des Waldlebens einzuführen. Dieses Wald- und Jagdleben, von dessen Reizen uns die Balladen mit wenigen aber kräftigen Pinselstrichen ein so naturwahres Gemälde entwerfen, hat nichts gemein mit der weichlichen Kunstblumenpoesie modernster Waldseligkeit. Hier trägt der Wald noch seinen alten großartig einfachen Charakter; in seinem ehrwürdigen, noch ungelichteten Dunkel, in seiner knorrigen Urwüchsigkeit und erhabenen Wildheit ist er das Asyl der Verfolgten, die Schule freiwilliger Entbehrung und Kraftübung, aber auch die Heimat der wettergehärteten Gesundheit und Mannesfreiheit. Das Leben des Helden schließt in Geschichte und Dichtung mit tragisch erschütternder Wirkung ab; der andächtige Verehrer der heiligen Jungfrau, der Mann, welcher nie einer Frau ein Leides tat oder antun ließ, findet in einem Frauenkloster seinen Untergang und verblutet unter den Händen eines Weibes, dessen christlicher Beruf es war, ihm Hilfe zu leisten, die er vertrauensvoll gesucht hatte. Die erklärbare Anziehungskraft, welche von einer solchen Heldengestalt ausgeht, rechtfertigt wohl auch den Wunsch, diese in treuem Spiegelbilde der deutschen Lesewelt vorzuführen; ja, so mächtig war diese Anziehungskraft, daß der Übersetzer selbst durch die warnende Stimme Talvjs, welche die Robin Hoods-Balladen bei ihrem vorwiegend »lokalen Gepräge, so durchwirkt mit Orts- und Gewerbsnamen« für »ganz unübersetzbar« erklärt, von dem Unternehmen sich nicht abschrecken ließ. Bei dessen Ausführung aber mußte es als die geeignetste Form erscheinen, die getroffene Auswahl der dichterisch anziehendsten Stücke wo möglich in ein auch innerlich zusammenhängendes Ganzes zu vereinigen und diese sprachlich und zeiträumlich so geschiedenen, nur in der Verherrlichung ihres Helden übereinstimmenden Produkte des dichtenden Volksgeistes zu einem abgeschlossenen, einheitlichen Lebensbilde zusammenzufassen. Diese Aufgabe fest im Auge behalten, war auch die Art der Behandlung des verfügbaren Materiales von selbst vorgezeichnet. Bei aller gewissenhaft beobachteten Treue gegen Geist und Wort der Originale, war doch in der Zusammenstellung der Einzelteile des Gemäldes ein gewisses Maß von Freiheit unentbehrlich. Schon in der Reihenfolge der einzelnen Stücke mußte der Übersetzer von den Herausgebern des englischen Urtextes abweichen, da diese die Aneinanderreihung nach deren sprachlichem Alter durchführten, während in der deutschen Auswahl die geschilderten Momente am rechten Orte an den Lebensfaden des Haupthelden anzuknüpfen waren; dort war die philologische, hier die historische Chronologie maßgebend. Manche dieser Lieder aus der späteren Zeit beginnen, dem gewerbsmäßigen Charakter der vortragenden Volkssänger entsprechend, mit einer einladenden Ansprache an das Publikum Z. B. »Wollt ihr gedulden, edle Herrn, So sing' ich euch zum Lohn Ein gutes Lied von Robin Hood Und seinem wackern Klein John.«   Robin Hood's birth, breeding, valour and marriage. oder: »Ihr edlen Herrn und freien Leut', Rückt näher zu mir her, Von Robin Hood, dem tapfern Mann, Erzähl' ich euch eine Mär'.«                         Robin Hood and the Shepherd. oder: »Kommt, edle Herrn, und gebt eine Weil' Auf meine Erzählung acht, Wie Robin Hood den Bischof bedient Und um sein Gold gebracht.«                           Robin Hood and the bishop. oder mit einer kurzen Inhaltsangabe des zum Vortrag kommenden Liedes, das in der Regel als ein abgeschlossenes Stück selbständig für sich gelten mochte. Die Festhaltung der Einheit und des Zusammenschlusses der verschiedenen Balladen erforderte es, in unserer Sammlung derlei störende Eingänge ebenso zu beseitigen, wie die in einigen Liedern vorkommenden, meist auch unübersetzbaren Kehrreime ( Refrains ) Z. B. »Derry derry down Hey down, derry down.« oder: »With a hey dawn, down, a down, down.« , welche doch nur für den Gesangsvortrag erheblich, hier aber nicht minder störend wären. Kenner des Volksliedes wissen aus Erfahrung, und die so häufigen Varianten, namentlich in beliebteren Volksliedern, beurkunden es, wie mannigfaltigen Änderungen, Zusätzen, Erweiterungen und Weglassungen das Volkslied im mündlichen Vortrage unterworfen ist. Einem geübten Blick und Gefühl sind derlei Stellen leicht erkennbar und teilweise Kürzungen, Ergänzungen und Abrundungen, wenn mit Takt und Maß, mit Gewissenhaftigkeit und am rechten Orte vorgenommen, gewiß ein nicht unerlaubter Versuch zur Wiederherstellung des Ursprünglichen. Dabei ist der Übersetzer jedoch sich bewußt geblieben, auch hier jene gewissenhafte Achtung und Treue vor dem echten Volksliede bewahrt zu haben, welche ihm bereits bei einer früheren Arbeit ähnlicher Richtung Volkslieder aus Krain. Übersetzt von A. Grün. Leipzig 1850. als strenge Richtschnur diente. Die Gegenwart kennt nicht Acht und Bann, wenigstens nicht in den schroffen Formen und Wirkungen der Vorzeit; sie hat keine Geächteten und Friedlosen, und die etwa als solche sich Fühlenden sind es doch nicht in dem Sinne jener früheren Tage. Aber auch die Neuzeit kennt inmitten ihrer kämpfenden Gegensätze noch immer jenes unwiderstehliche Verlangen, jene tiefe Sehnsucht des Menschenherzens, welches aus der Atmosphäre gärender Neugestaltungen, aus den Walstätten ringender Ideen und Parteien, aus dem verwirrenden Durcheinander ihrer Feldrufe, aus dem Unbestand der Tagesmeinungen unbefriedigt hinausdrängt nach einem Momente der Selbstsammlung und Erfrischung, nach einem, wenn auch nur augenblicklichen Ruhepunkt und Halt, welchen ihm das nach ewig unveränderlichen Gesetzen sich bewegende Leben der Natur in seiner Ruhe, Klarheit und Stetigkeit zu bieten vermag. In solchen Stunden und in solcher Stimmung war es, daß der Herausgeber dieser Blätter im Geiste an der Hand des alten Geächteten und Friedlosen, Robin Hoods, in die Wälder Altenglands wanderte und im Schatten ihrer stämmigen Eichen das Mosaikbild zusammenstellte, welches in diesem Büchlein der deutschen Lesewelt vorliegt. Möchte es gelungen sein, in der aus mitunter sprödem Gestein zusammengefügten Arbeit die ragende Gestalt des Helden und den frischen Schmelz des grünen Waldgrundes dem Urbilde ähnlich hier wiedergegeben zu haben. Dann wird auch durch diese Blätter ein Ton ziehen, als ob von ferne der nie ganz erfolglose Waldhornruf Robin Hoods erklänge und den deutschen Leser, nicht ohne auf dessen nachträgliche Zustimmung zu hoffen, freundlich einlüde zu einem Gange in die erfrischenden Schatten, zu einem Stündchen Aufenthalt »im lustigen grünen Wald«. Robin Hoods Geburt. Diese Ballade, zuerst in Jamiesons Popular Songs nach dem mündlichen Vortrage einer Mrs. Brown mitgeteilt, behandelt zwar die neuere Sage von Rob. Hoods adeliger Abkunft und beruht sonach auf geringer historischer Glaubwürdigkeit, doch ist sie nicht im Widerspruch mit des Helden späterem Verhalten und in Ton und Haltung noch frisch und eigentümlich.         Willie war stark von Gliederbau Und edler Ahnen Sohn, Zum Grafen Richard kam er einst Und dient' um Kost und Lohn. Graf Richard hatt' ein Töchterlein, Wie eine Lilie zart, Sie schlossen ihren Herzensbund Nach echter Liebesart. Es fiel auf eine Sommernacht, Das Laub war schön und licht, Da traf Willie sein Fräulein hold Allein im Waldesdicht. »O Willie, mein Gewand ist eng, Das sonst mir war so weit! Fort ist mein schönes Wangenrot, Mein Stolz zu andrer Zeit! Erfährt mein Vater nur ein Wort, Was zwischen uns geschehn, Er äße nicht, und er tränke nicht, Bis er dich hängen gesehn. Doch komm zu meinem Kämmerlein, Wann sich geneigt der Tag, Und nimm in beide Arme mich, Daß ich nicht fallen mag.« Und als der Tag zur Neige ging, Kam er an ihr Kämmerlein, Da blickte sie zum Fenster aus Im hellen Mondenschein. Sie schlüpft' ins Kleid von Scharlach rot Wohl ohne Furcht und Harm, Und Willie, stark von Gliederbau, Hob sie in seinen Arm. Sie gingen in den grünen Wald, Und eh' die Nacht entflohn, Gebar sie zwischen grünem Laub Ihm einen schmucken Sohn. Die Nacht verstrich, der Tag begann, Die Sonne brach hervor, Da fuhr Graf Richard aus dem Schlaf Und raffte sich empor. Er rief nun seine rüst'gen Leut', Wohl einen, zwei und drei: »Was ist's mit meiner Tochter lieb, Daß sie nicht kommt herbei? Ich träumte bösen Traum heut' nacht, Gott geb', es ende gut! Ich sah im Traum die Tochter lieb Ertränkt in der Salzsee Flut. Doch ob sie krank sei, ob sie tot, Und ob sie sei geraubt, Ich schwör' den Eid und halt' ihn treu, All' hängt ihr Haupt bei Haupt!« Sie suchten hier, sie suchten dort, Sie suchten auf und ab Und fanden sie, wie im grünen Wald Dem Kind die Brust sie gab. Er nahm das Knäblein auf den Arm Und küßt's mit zärtlichem Mut: »Und hängt' ich deinen Vater gern, Doch blieb ich der Mutter gut.« Er küßt es aber und abermal: »Ich heiße dich Enkelein, Und Robin Hood im grünen Wald, Das soll dein Name sein.« Manch einer singt vom Gras, vom Gras, Manch einer vom Korn im Feld, Manch einer der singt von Robin Hood, Weiß nicht, wo er kam zur Welt. Das war nicht in der Hall', in der Hall', Nicht im Saal, von Farben bunt, Es war im lieben, grünen Wald, Wo die Lilien blühn im Rund. Robin Hoods Gang nach Nottingham.         Ein prächt'ger Bursch war Robin Hood Und fünfzehn Winter alt, Ein mutig Herz war Robin Hood Und hoch und schlank von Gestalt. Robin, der wollt' nach Nottingham, Zur Mahlzeit dort zu sein; Auf fünfzehn Förster stieß er da » Auf fünfzehn Förster stieß er da. « Während der angelsächsischen Zeit war die Ausübung der Jagd von seiten des Königs nur insofern lästig gewesen, als derselbe das Recht hatte, seine Untertanen zur Jagdfolge ( Huntnoth ) aufzubieten; ein eigentliches Jagdregal wurde in England erst eingeführt durch den ersten König normännischen Stammes. Eine solche Neuerung bedurfte bei der großen Ausdehnung der für allen Privatgebrauch geschlossenen königlichen Jagdreviere natürlich auch vieler Beamter, die für die Beachtung der königlichen Verbote sorgten und deren Übertretung straften. Diese Beamten kommen vor unter dem Namen forestarii . Es waren hauptsächlich folgende Fälle, die in das Bereich ihrer Jurisdiktion gehörten: das Essartum , worunter das Reinigen des Waldes von Dorngebüschen u. dgl. zu verstehen ist, und wahrscheinlich auch das Fernhalten unbefugter Personen, die sich dieses Geschäft anmaßten; sodann das Fällen und Verbrennen von Bäumen, das Jagen in den Forsten; sie zogen ferner denjenigen zur Verantwortung, der sich im Walde mit Armbrust, Wurfspieß oder Jagdhunden blicken ließ, sowie denjenigen, der nicht dem Aufgebote zur Jagdfolge nachgekommen war, oder sein Vieh hatte in den Wald laufen lassen. Sie hatten allen Jagdfreveln, namentlich wenn z. B. eine abgezogene Tierhaut oder Fleisch im Walde gefunden wurde, nachzuspüren. (Vgl. Philipps »Englische Reichs- und Rechtsgeschichte«, Bd. II, § XXXI.) Bei Bier und Ale und Wein. »Was Neu's? Was Neu's?« frug Robin Hood, »Was willst für Neuigkeit? Der König schrieb ein Schießen aus.« »Mein Bogen ist bereit.« »Das brächt' uns Schande,« sprachen sie, »Solch Bübchen an dem Tag Vorm König mit dem Bogen zu sehn, Den kaum es spannen mag!« »Ich wett' euch zwanzig Mark,« sprach er, »Mit Gunst der heil'gen Maid, Ich treff' das Ziel und fäll' den Hirsch Auf hundert Ruten weit. » Ich treff' das Ziel und fäll' den Hirsch / Auf hundert Ruten weit. « A rod, pole oder perche (Rute), ein Längenmaß, welches gewöhnlich zu 16½ Fuß, in Sherwood aber zu 21 Fuß, den Fuß zu 18 Zoll ( inches ) gerechnet, angenommen wird. « »Wir wetten zwanzig gegen dich, Mit Gunst der heil'gen Maid, Du triffst kein Ziel, fällst keinen Hirsch Auf hundert Ruten weit.« Robin spannt seinen Bogen gut, Sein breiter Pfeil entschnellt; Er trifft auf hundert Ruten weit Und hat den Hirsch gefällt. Man stritt, ob der drei Rippen brach, Ob eine oder zwei; Der Pfeil blieb haften nicht daran, Doch streift' er zwei bis drei. Der Hirsch sprang auf und schnellt' empor, Der Hirsch lag auf dem Grund. »Die Wett' ist mein!« rief Robin Hood, »Und gält' es tausend Pfund.« »Sie ist nicht dein!« die Förster drauf, »Hast dich zu früh gefreut! Nimm deinen Bogen, pack dich heim, Sonst wird dein Fell gebleut.« Robin nahm seinen Bogen rasch Und nahm die Pfeile mit, Er lächelte still, er lachte laut, Als hin durchs Feld er schritt Robin spannt seinen Bogen gut, Läßt fliehn die Pfeile scharf, Bis von den fünfzehn Förstern er Vierzehn zu Boden warf. Nur jener, der den Streit begann, Lief noch die Flur dahin, Doch Robin spannt den Bogen gut Und überholt auch ihn. »Ihr sagtet, daß kein Schütz' ich sei; Ob ihr das jetzt noch glaubt?« Da schnellt er ab noch einen Pfeil, Der spaltet ihm das Haupt. »Nun bin ich euch als Schütz' erprobt, Drob manche Frau wohl klagt; Das Wort: den Bogen spann' ich kaum, Jetzt wünscht sie's ungesagt.« Aus Nottingham lief alles Volk Und strömt im Wahn herbei, Daß von den Förstern, die jetzt tot, Kühn Robin gefangen sei. Noch mancher kam um Arm und Bein, Und mancher wurde kalt; Doch Robin mit seinem Bogen schritt Zum lust'gen, grünen Wald. Die Förster brachte man zur Stadt, Wie's mancher dort gedenkt; Am Kirchhof hat in einer Reih' Man sie ins Grab gesenkt. » Am Kirchhof wurden in einer Reih' / Ins Grab sie eingesenkt. « Gentleman's Magazine April 1796 brachte folgende Notiz: »Als vor wenigen Tagen einige Arbeiter zu Foxlane nächst Nottingham in einem Garten gruben, stießen sie auf sechs vollständige menschliche Skelette, die in regelmäßiger Ordnung hart nebeneinander lagen, und von denen man vermutet, daß sie der Zahl jener fünfzehn Förster, welche R. Hood tötete, angehört haben mögen.« Robin Hood und John Klein. John Klein, oder wie er gewöhnlich heißt Klein John, dieser treueste, lustigste und tapferste Genosse und untrennbare Begleiter Robin Hoods (schon Fortun erwähnt sie zusammen: »Robertus Hude et littill Johanne« ) soll mit seinem eigentlichen Zunamen Nailor geheißen haben, wenn diese Bezeichnung nicht etwa auf sein früheres Handwerk ( nailor, Nagelschmied) hinweisen mag. Angebliche Nachkommen Johns mit dem Familiennamen Nailor existierten noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Um dieselbe Zeit befand sich in dem Besitze eines Edelmanns in Yorkshire ein Bogen, angeblich von Klein John herrührend und mit dem Namen »Naylor« bezeichnet. Nach Robin Hoods Tode und Zerstreuung seiner Bande soll Klein John sich in Irland und Schottland flüchtig herumgetrieben haben; eine Sage läßt ihn sogar auf Arborhill in Dublin hingerichtet werden. Jedenfalls streiten drei Länder (England, Schottland und Irland) um die Ehre, seine Todes- und Begräbnisstätte in sich zu schließen; die Wahrscheinlichkeit jedoch spricht für England. In der Ortschaft Hathersage, sechs englische Meilen von Castleton in Derbyshire, wird noch Johns Wohnhaus und dessen Grabstätte mit zwei aufrecht stehenden Steinen gezeigt. Letztere ward gegen Ende des vorigen Jahrhunderts aus Veranlassung eines Neugierigen geöffnet und daraus ein menschliches Gerippe ausgegraben, dessen ungewöhnliche Größe mit den traditionellen Körperverhältnissen Johns völlig übereinstimmte. Da diese Entheiligung der Grabesruhe dem Veranlasser derselben und dem dabei mitwirkenden Küster eine Reihe von Unfällen zuzog, wurden jene Reste bald wieder der Erde zurückgegeben. Johns Grab und dessen Umgebung war lange berühmt, die besten Schleifsteine zu liefern. In dem bekannten »Morristanz« ist der Figur Klein Johns eine der Hauptrollen zugeteilt.         Kaum zwanzig Jahr war Robin alt, Als sich John Klein ihm fand, Ein muntres Blut, fürs Handwerk gut, Ein Arm, geflohn im Land. Klein hieß er, sieben Fuß doch maß Sein Körper ungeschlacht, Voll Kraft dabei. Hört, wie die zwei Bekanntschaft einst gemacht. Robin zu seinen Schützen sprach: »Bitt' euch, bleibt hier im Hain, Merkt auf den Schall des Horns mir all', Derweil ich streif waldein. Zwei Wochen keine Kurzweil gab's, Drum seh' ich jetzt mich um; Wenn ich bedrängt und eingeengt, Dann bleibt mein Horn nicht stumm.« Den Leuten sagt er Lebewohl Und schüttelt jede Hand; Er schritt gemach, bis dort am Bach Er einen Fremdling fand. Auf schmaler Brücke standen sie, Wollt' keiner weichen auch, Robin stand quer und rief: »Ich lehr' Dich Nottinghamer Brauch!« Vom Köcher nimmt er einen Pfeil Mit Graugansschwingen dran; Der Fremdling schnell: »Ich walk' dein Fell, Rührst du den Strang nur an!« »Du sprichst wie'n Esel!« versetzt Robin, »Wenn mein Geschoß gespannt, Durchs Herz so stolz fliegt dir mein Bolz, Bevor du ballst die Hand.« »Du sprichst wie'n Feigling,« jener drauf, »Bist mit Geschoß bewehrt, Durchbohrst mit Lust des Gegners Brust, Dem nur ein Stab beschert.« »Nie heiß' ich Feigling!« rief Robin, Den Bogen schleudr' ich weit; Ein Stab bewähr' auf dein Begehr Mir deine Tapferkeit.« Im Busch den braunen Eichenpflock Erlas sich Robin Hood; Als das getan, trat er heran Zum Fremdling frohgemut: »Sieh, hier mein Stock ist schwer und zäh, Die Walstatt sei der Steg; Besiegt soll sein, wer fällt hinein, Dann ziehn wir unsern Weg.« »Von Herzen gern!« der Fremdling drauf, »Ich weich' um keinen Strich.« Dies Wörtlein bloß, dann geht es los, Die Stecken schwingen sich. Robin gibt ihm den ersten Schlag, Daß jeder Knochen klingt; Der Fremdling sprach: »Das zahl' ich nach! Ich geb's, so gut Ihr's bringt. Solang' den Stock ich schwinge, Freund, Pfui, wenn ich dein Schuldner blieb'!« Drauf ging's von vorn, als dräschen sie Korn, Mit Wucht fiel Hieb auf Hieb. Der Fremdling klopft' auf Robins Haupt, Daß Blut entquoll sogleich. Robin in Hast, von Zorn erfaßt, Ließ wettern Streich auf Streich. Er schlug auf ihn wie Hagelschlag So dicht, so schwer und jäh, Daß Dampf auftrieb von jedem Hieb, Als ob in Brand er steh'. Hei! da ergrimmt der Fremde wild, Wirft einen Blick voll Wut, Führt einen Schlag, und Robin lag Geschleudert in die Flut! »Sag an, Gesell, wo bist du nun?« So höhnt der Fremdling ihn; Kühn Robin spricht: »Mein Eid, im Bach! Im Strome treib' ich hin. Du bist ein tapfres Herz, fürwahr, Und Friede sei gemacht! Gern stimm' ich ein: der Tag ist dein, Zu End' ist unsre Schlacht.« Er watet ans Gestad und schwingt Sich auf am Hagedorn Und bläst alsbald, daß laut es schallt, In sein vielliebes Horn. Das Echo durch die Täler flog, Die Schützen rief der Klang; Im Grüngewand, das prächtig stand, Den Meister suchten sie bang. »Was ist hier los?« frug Will Stuteley, » Was ist hier los? frug Will Stuteley. « William Stuteley, auch Stouteley, ein oft genanntes Mitglied der Schützenschar Robin Hoods, so benannt wahrscheinlich nach seiner hervortretendsten Eigenschaft ( stoutly, herzhaft, tapfer). »Meister, wie naß Ihr seid!« »Nichts ist hier los, dies Bürschlein bloß Warf mich hinein im Streit.« »Das sei vergolten!« drohten sie Und tauchten gern ihn ein; Robin rief schnell: Halt! der Gesell Ist brav, drum laßt es sein! Von keinem fürcht' ein Leides, Freund, Die Schützen sind mein Schutz, Wohl sechzig und neun; ei, werde mein, Du trägst dann gleichen Putz. Trägst, was dem Mann an Rüstung frommt; Sprich frei, mein Junge, sprich! Ich lehr dann auch des Bogens Brauch, Den Schuß aufs Damwild dich.« »Topp!« rief der Fremdling, »Hand darauf! Ich dien' Euch mit Herz und Haupt, Bin rühriger Hand, John Klein genannt, Spiel meinen Part, das glaubt!« »Den Namen ändern wir!« sprach Will, »Als Pate tret' ich ein. Bestellt ein Mahl, doch nicht zu schmal, Und laßt uns fröhlich sein!« Sie holen ein paar fette Hirsch' Und Trank, der feurig rinnt, Sie lieben was gut! – So in Waldeshut Tauft man das holde Kind. Das mißt zwei Ellen um den Leib, Ist lang bloß sieben Schuh: Ein Püppchen schwach! Kühn Robin sprach Das Taufgebet dazu. Im Kreise stehn die Schützen all', Aus Nottingham entstammt, Mit sieben Mann kommt Stuteley dann Und übt sein Patenamt. »Dies Knäblein,« sprach er, »hieß John Klein, Nun tauscht des Namens Klang, Versetzt die Wort': er heißt sofort Klein John sein Lebelang.« Da jubelt's daß die Luft erbebt, Und nach der Taufe zog Die Schar zu Tisch, wo froh und frisch Den edlen Trank sie sog. Robin staffiert das Knäblein aus Vom Scheitel bis zum Schuh, In grün Gewand, das prächtig stand, Den Bogen schmuck dazu. »Ein Schütze sei, den besten gleich! Durchstreif mit uns den Wald; Uns fehlt nicht Gold, solang's noch hold In Bischofsbörsen schallt. Wir leben Lords und Rittern gleich Auch ohn' ein Fußbreit Land, Wir tafeln hier bei Wein und Bier Und jeden Wunsch zur Hand.« Musik und Tanz beschließt den Tag, Die Sonne senkt den Lauf, Die Schar auch sucht in Waldesschlucht Die Lagerstätten auf. John Klein jedoch, so groß er war, Hieß, seinem Wuchs zum Hohn, Seit dieser Stund' in aller Mund Sein Lebtag nur Klein John. Robin Hood und Maid Marian. Maid Marian (auch Marion) spielt in dem Zyklus der Robin Hoods-Traditionen eine so bedeutende Rolle, daß die Aufnahme der von ihr handelnden, wiewohl dichterisch unbedeutenden Ballade neueren Datums in diese Sammlung gerechtfertigt sein dürfte. Weder im »Lytell geste« noch in einer der ältern Balladen findet sich eine Erwähnung Marions. Doch in den beiden alten Schauspielen »The death« und »Downfall of Robert Earl of Huntington« (geschrieben vor 1600) spielt sie bereits eine Hauptrolle und wird auch in Dramatikern und andern Schriftstellern jener Zeit sehr häufig genannt. Der in alter Zeit so berühmte und volkstümliche Morristanz zählte zu seinen stehenden Charakteren nebst Robin Hood, Klein John und dem Frater Tuck auch Maid Marian. Dieser Tanz hat seinen Namen von dem spanischen Morisco- (Mohren-, Mauren-) Tanz, jetzt Fandango, nahm jedoch in England dem Volkscharakter gemäß eine wesentlich andere Gestalt an. Nebst obgenannten vier Charaktermasken bestand der Morristanz noch aus einem Clown oder Narren, dem Reiter des Steckenpferdes ( Hobby-horse ), dem Tamburinschläger und Tänzern ohne bestimmte Zahl. Bei den zu Ehren Robin Hoods errichteten Maispielen, welche ursprünglich Schützenfeste zur Ermunterung des Schützenwesens waren, fand gewöhnlich auch der Morristanz statt, doch war dieser nicht die Hauptsache der Zeremonie. Mit dem Verfall des Schützenwesens gingen die Maifeste allmählich in die andern Frühlingsfeiern über. Maid Marian jedoch blieb die Fürstin dieser Feste; sie ist die holde Königin des Mai, wie Robin Hood der heitere Maikönig. Maispiele untergeordneter Art waren die Tänze um den Maibaum in den Dörfern, vielleicht Überreste der altgermanischen Frühlingsfeste oder wohl gar der römischen Floralia . – Die Volkssage, welche der »Maid Marian« eine so hervorragende Stelle im Herzen und im Gefolge Robin Hoods anweist, erzählt uns weiter, daß dies ursprünglich der Name sei, welchen die schöne Matilda, Tochter Lord Robert Fitzwaters, zur Zeit der Achterklärung Robin Hoods angenommen habe. Sie soll vor der fürstlichen Zudringlichkeit des Prinzen John zu ihrem ersten Geliebten, Robin Hood, in die Wälder geflohen sein. Das noch ziemlich wohlerhaltene Grabmal dieser Matilda Marian wird in der vormaligen Prioratskirche von Dunmow in Essex noch heute gezeigt. (Vgl. auch Brands Observations on popular antiquities etc. London 1841 und Strutts Sports and Pastimes of the people of England etc. London 1845 .)         Ein lieblich Kind von edlem Geschlecht, Maid Marian war sie genannt, Sie lebte im Nord, von Ritter und Lord Gepriesen im ganzen Land. An Anmut wich die ländliche Maid Wohl keiner Königin, In zärtlicher Glut warb Robin Hood Um sie mit treuem Sinn. Die roten Lippen trafen sich, Ein Sinn nur waren allbeid', Wo sie sich sahn, ein süß Umfahn In Lieb' und Einigkeit! Das Glück doch blieb nicht lange hold Und schied die Liebsten bald; Mit traurigem Mut schritt Robin Hood Zum lustigen, grünen Wald. Marian, die Arme, um den Freund In Klagen sich verzehrt, Ruft ihn zurück mit Tränen im Blick Und preist nur seinen Wert. In Leid und Gram statt Fraungewands Nimmt sie ein Pagenkleid Und streift im Wald, zu finden bald Den Bravsten seiner Zeit. Mit Köcher und Pfeil, mit Schwert und Schild Gar mannhaft kühn bewehrt, So zieht sie dahin und sucht Robin, Der mehr als Gold ihr wert. Robin doch trug Verkleidung selbst, Als Gegner stehn die zwei, Robin empfand bald, wie gewandt Der Feind in Hieben sei. Sie zogen das Schwert und fochten fort Ein Stündlein, wenn nicht mehr, Bis Blut ihm dicht rann übers Gesicht, Und sie verwundet war schwer. »Halt ein, halt ein!« rief Robin Hood, »Sei meiner Schar ein Glied, Leb in Waldeshut mit Robin Hood Beim Nachtigallenlied.« Marian, als sie die Stimme hört, Wirft die Verkleidung fort, Mit holdem Gruß, mit süßem Kuß Erwidert sie sein Wort. Als Robin seine Marian sah, Herr Gott, welch seliger Tag! Ein endlos Umfangen, ein Streicheln der Wangen, Und dann welch herrlich Gelag! Klein John, den Bogen flink zur Hand, Durchstreift die Waldesbahn, Er geht zur Pirsch auf den leckern Hirsch Für Robin und Marian. In grüner Schattenlaube stand Ein köstlich Mahl bereit, Mit Wildbret zart ward nicht gespart Und nicht mit Lustbarkeit. Am Tisch die großen Humpen voll Wein, Sie kreisten fröhlich im Rund, Der stärkende Sekt, der die Rücken streckt, Wenn Kniee sich senken zum Grund. Jetzt hob auf der Geliebten Heil Robin sein Glas empor, Die Schützenschar, so bunt sie war, Stimmt freudig ein im Chor. Mit muntrem Sinn erhoben sie Die Becher all' zur Hand, Nach jedem Zug sind sie im Flug Gefüllt bis an den Rand. Und nach dem Fest lustwallten sie Im grünen Wald aufs neu', Allwo Klein John und Maid Marion Lang dienten Robin treu. So lebten sie voll Fröhlichkeit In lustiger Schützenschar Wohl ohne Land von der eignen Hand Und lebten so manch Jahr. Robin Hood und der Töpfer. 1.               Im Sommer, wenn das Laub so frisch, Voll Blühen jeder Ast, Gar lustig tönt der Vöglein Sang In schattiger Waldesrast. Der Besten einer war Robin, Die Bogen je gestrammt; Zu Ehren unsrer lieben Frau Ehrt' er die Fraun allsamt. Der Freisaß gut stand eines Tags In seiner lustigen Schar, Da nahm er auf dem Weg vom Feld 'nen stolzen Töpfer wahr. Er rief: »Dort kommt ein Töpfer stolz, Der lang' den Weg schon zieht, Doch einen Penny Wegezolls Mit Art zu zahlen flieht.« »Ich traf zu Wentbreg ihn,« sprach John, »Verdammt sei er dafür, Er gab mir Rippenstöße drei, Daß ich sie heut' noch spür'! Um vierzig Schilling wett' ich euch Und zahl' sie diesen Tag, Daß keiner von uns allen ihm Ein Pfand entringen mag.« »Hier vierzig Schilling!« rief Robin, »Du sagst noch diesen Tag, Daß ich dem stolzen Töpfer wohl Ein Pfand entringen mag.« Aufzählten jetzt das Geld allbeid', Ein Schütz' bewahrt es auf: Dem Töpfersmann entgegen eilt Robin in flinkem Lauf. Er legt die Hand jetzt an sein Pferd Und heißt ihn stehn zur Stell'; Der Töpfer fragt mit kurzem Wort: »Was willst von mir, Gesell?« »Drei Jahre, Töpfer, sind's und mehr, Daß du den Weg hier ziehst Und einen Penny Wegezolls Mit Art zu zahlen fliehst.« Der Töpfer frug: »Wie heißest du, Der du nach Wegzoll fragst?« »Mein Nam' ist Robin Hood, dem du Ein Pfand wohl nicht versagst.« Der Töpfer rief: »Ich geb' kein Pfand, Noch zahl' ich Wegezoll; Die Hand hinweg von meinem Gaul, Wenn dich's nicht reuen soll!« Zu seinem Karren trat er dann Und suchte drin nicht lang', Zog eine tüchtige Stange draus, Die aus Robin er schwang. Den Arm, geschützt von seinem Schild, Zückt Robin jetzt das Schwert, Der Töpfersmann ging auf ihn los: »Gesell, gib frei mein Pferd!« So trafen die zwei Männer sich, Ein Anblick schön zu sehn! Am Hügel unter einem Baum Die Leute Robins stehn. Klein John zu den Genossen sprach: »Der Töpfer hält gut stand!« Da schlug der Töpfer raschen Hiebs Den Schild aus Robins Hand. Bevor Robin, zum Grund gebückt, Aufheben kann den Schild, Packt ihn der Töpfer beim Genick Und wirft ihn aufs Gefild. Das sah von ferne Robins Schar, Die in den Schatten stand; Da rief Klein John: »Dem Meister helft Aus jenes Töpfers Hand!« Da fliegt die ganze Schützenschar Herbei, so schnell sie kann; Klein John doch frägt: »Nun, Meister, sprich, Wer unsre Wett' gewann? Sind meine vierzig Schilling dein, Sind deine vierzig mein?« »Und wären's hundert,« rief Robin, »Fürwahr, sie all' sind dein!« Der Töpfer sprach: »Nicht ist's Manier, So meinen weise Leut', Daß arme Sassen auf dem Weg Man aufhält und bedräut.« »Traun, du sprichst Wahrheit,« rief Robin, »Nach guter Freimannsart! Nie mehr, und zögst du täglich hier, Bedräu' ich deine Fahrt! Mich treibt's, nach Nottingham zu gehn, Willst du mein Helfer sein? Gib mir dein Kleid, nimm meins dafür, Komm, geh den Handel ein!« »Gern brächt' ich dir,« der Töpfer sprach's, »Als guter Kundmann Glück; Verkaufst die Töpfe du nicht gut, Kehr, wie du gehst, zurück.« »Nein, meiner Treu,« versetzt Robin, »Zum Pfand geb' ich den Kopf! So wahr ein Weib noch Töpfe kauft, Zurück kommt dir kein Topf!« »Bedenk,« rief John und rings die Schar, »Der Sheriff ist dir gram!« » Bedenk . . . . . . . / Der Sheriff ist dir gram. « Hier geschieht des Hauptfeindes Robin Hoods, des verhaßten Sheriffs von Nottingham, zuerst Erwähnung. Ritson nennt nach Fullers »Worthies of England« die Namen Ralph Murdach und mehrere Jahre nach diesem William Brewerre als Sheriffe von Derby- und Nottinghamshire zur Regierungszeit Richards I., als dessen Zeitgenosse Robin Hood in den vorliegenden Balladen angenommen wird. Der Sheriff ist ein hoher richterlicher Würdenträger in England. Durch die Angelsachsen war deren heimatliches Gerichtswesen auch nach Britannien verpflanzt worden. Die kleineren Gemeinden, in welche der Gau ( scire ) zerfiel, hatten so wie dieser ihre besonderen Gerichte. So bestanden die Zehntgerichte, die Gerichte der Hundreden und die großen Gaugerichte; die letzteren wurden gehalten unter dem Vorsitze des Sciregerefa, eines ursprünglich aus der Gemeinde von ihr selbst gewählten, späterhin aber vom Könige aus der Zahl seiner Gefolgsgefährten ( Geferan ) eingesetzten Beamten. Auch die Vorsteher kleinerer Gemeinden kommen unter der Benennung Gerefan vor, welche, wie angedeutet, mit dem germanischen Gefolgschaftwesen zusammenhängt. Als unter den normännischen Königen für jede einzelne Shire ein Comes als königlicher Statthalter eingesetzt war, fing man an den ehemaligen Sciregerefa auch mit dem Ausdrucke Vice-Comes (Vescaunt) zu bezeichnen und seinen Wirkungskreis wesentlich der königlichen Kurie namentlich in allen Entscheidungen, bei welchen das Interesse des Königs im Spiel war. unterzuordnen. (Vgl. Philipps a. a. O.) »Umsonst! Im Schutz der heiligen Maid Zieh' ich nach Nottingham.« So sprach Robin und zog ins Land Froh mit der Töpferwar'; Der Töpfer ließ sich's wohl ergehn Im Wald mit Robins Schar.   2. Als Robin kam nach Nottingham, Die Wahrheit künd' ich treu, Sein Pferd spannt er vom Wagen aus, Gibt Hafer ihm und Heu. Er stellt im Mittelpunkt der Stadt Zur Schau die Waren auf; »Kauft Töpfe! Töpfe!« schrie er laut, »Gebt Handgeld auf den Kauf!« Gerade vor des Sheriffs Haus Er seinen Standort nahm, Und Fraun und Witwen drängten sich Zu kaufen seinen Kram. »Wohlfeile Töpfe!« schrie er laut, »Hier stehn ist nicht mein Hang!« Da sprach, wer ihn jetzt sah: »Der Mann Treibt das Gewerb' nicht lang'!« Die Töpfe, die fünf Pence wohl wert, Gibt er um drei sogleich; Und Mann und Weib stimmt überein: » Der Töpfer wird nicht reich!« So blieben von den Waren all' Fünf Töpfe noch zur Schau; Er nimmt vom Wagen die und schickt Sie an des Sheriffs Frau. Die Frau sagt ihm gar schönen Dank Und war unmaßen froh: »Gern kauf' ich, wenn Ihr wiederkehrt, Von Euren Töpfen so.« Er rief: »Die besten sind für Euch, Schwör's beim dreieinigen Gott!« Sie lud ihn in des Sheriffs Haus Mit Art zum Mittagsbrot. Als Robin in die Halle trat, Den Sheriff traf er hier, Der Töpfer kennt die Lebensart Und grüßt ihn mit Manier. »Seht, was der Töpfer uns verehrt, Fünf Töpfe, breit' und schmal'!« »Willkommen!« sprach der Sheriff, »nehmt Handwasser, dann zum Mahl!«  . . . . . . . . » Nehmt / Handwasser, dann zum Mahl. « »Der Akt des Händewaschens vor und nach jeder Mahlzeit, in früheren Zeiten allgemein gebräuchlich, scheint seit Einführung der Gabeln um das Jahr 1620, welches Werkzeug unsere Vorfahren mit den Fingern ersetzen mußten, außer Übung gekommen zusein.« (Ritson a. a. O.) Sie saßen dort bei edler Kost, Dran sich der Gaum erfreut; Da sprach von einem Wettspiel groß Ein Paar der Sheriffsleut'. Von einem Schießen gut und fein, Bestimmt für nächsten Tag; Und vierzig Schilling stehn als Preis Für den, der siegen mag. Der stolze Töpfer saß ganz still, Im Sinn doch blieb's ihm stehn: »So wahr ein guter Christ ich bin, Dies Schießen muß ich sehn!« Als sie bei Brot und Ale und Wein Getafelt gute Zeit, Mit Pfeil und Bogen machten sie Zum Schießen sich bereit. Des Sheriffs Leute schossen gut, Wie's guter Schützen Spiel, Doch blieb um halbe Bogenläng' Ein jeder fern vom Ziel. Der Töpfer, der bisher ganz still, Rief jetzt schier mit Verdruß: »O hätt' ich einen Bogen nur, Ich zeigt' euch einen Schuß!« »Ihn haben sollst!« der Sheriff sprach's, »Den besten wähl' aus drein! Du scheinst ein stolzer tüchtiger Bursch', Erprobt nun sollst du sein.« Nach Bogen schickt' er einen Mann, Der ihm zur Seite stand, Davon den besten jetzt Robin Mit einer Schnur bespannt. Laß sehn, ob du, wie's Schützen ziemt, Bringst bis ans Ohr die Schnur?« Der Töpfer rief: »So Gott mir helf', Ein Kinderspiel ist's nur!« Er nahm aus einem Köcher dann Den besten Pfeil zum Schuß, Der flog ganz nah zum Zeichen hin. Es fehlte nicht ein Fuß. Noch schießen all die Sheriffsleut', Und Robin nach der Reih', Er trifft das Ziel, sein Bolzen schießt Den Scheibenpflock entzwei. Da schämten sich die Sheriffsleut', Daß er den Preis gewann; Der Sheriff lacht und macht gut Spiel: »Du Töpfer bist ein Mann!« Der Töpfer sprach: »Ein Bogen liegt In meines Karrens Hut; Das ist ein guter Bogen, traun, Hab' ihn von Robin Hood!« »Kennst Robin Hood?« der Sheriff frug, »Bitt' dich, erzähl' davon.« »Ich schoß mit ihm am krummen Baum Zu hundertmalen schon.« »Gern gäb' ich hundert Pfund, ich schwör's Bei dem dreieinigen Gott, Den Schelm hier neben mir zu sehn; Der Preis wär' mir ein Spott!« Der Töpfer sprach: »Tut, wie ich rat'! Wollt kühn Ihr mit mir gehn, Sollt morgen vor dem Frühmahl noch Den Robin Hood Ihr sehn.« Der Sheriff schwur: »So will ich tun Bei dem dreieinigen Gott!« Drauf gingen sie vom Schießen fort Heimwärts zum Abendbrot. Frühmorgens wie der Tag beginnt, Bereit sind Mann und Pferd, Der Töpfer blieb' ungern zurück, Und rüstet sein Gefährt. Er sagt Lebwohl und Dank der Frau Für all', was er empfing: »Nehmt, holde Frau, und mir zulieb Tragt diesen goldnen Ring.« »Vergelt' Euch's Gott!« die Fraue rief, »Und mög' Euch's wohl ergehn!« Des Sheriffs Herz war freudenvoll, Den schönen Wald zu sehn. Und als sie kamen in den Wald, Von grünem Laub umlacht, Im Busch die Vöglein sangen froh, Das war nur Lust und Pracht! »Hier lebt sich's fröhlich,« sprach Robin, »Wenn man zu zehren hat! Mein Horn sag' uns, ob Robin Hood Unfern von unsrem Pfad.« Robin setzt an den Mund sein Horn, Das tönt so laut und voll, Im Walde hören's seine Leut' Und rennen her wie toll. Und als sie rings um ihn gereiht, Klein John sogleich hob an: »Nun sagt, wie ging's in Nottingham? Ging Eure War' an Mann?« »Es wachse dir,« versetzt Robin, »Darob kein graues Haar; Ich bringe hier den Sheriff euch Zum Tausch für unsre War'.« »Er ist willkommen!« sprach Klein John, »Du gibst uns Gutes kund!« Jetzt gäb', daß er ihn nie gesehn, Der Sheriff hundert Pfund: »Hätt' ich in Nottingham gewußt, Was jetzt mir worden klar, Du kämst mir nicht mehr in den Wald Die nächsten tausend Jahr'!« »Das glaub' ich gern!« versetzt Robin, »Gott dank' ich, daß ich hier! Drum sollt Ihr lassen uns das Pferd Und Börs' und Goldeszier. Ihr kamt hierher gar stolz zu Roß, Heim sollt Ihr gehn zu Fuß; Doch Eure Frau ist lieb und gut, Drum bringt ihr meinen Gruß. Den weißen Zelter send' ich ihr, Der wie der Wind hin flieht; Nur Eurer lieben Frau zulieb' Nicht Schlimmres Euch geschieht.« Als heimwärts dann der Sheriff kam, Willkommen hieß sie ihn. »Wie lebtet Ihr im grünen Wald? Und fingt Ihr den Robin?« »Zum Teufel ihn mit Haut und Haar! Er nahm mir Geld und Hab'; Nur diesen schmucken Zelter schickt Er dir als Ehrengab'.« Sie lacht hellauf und schwört bei Ihm, Den einst das Kreuz beschwert: »Ihr habt die Töpfe nun bezahlt, Die Robin mir verehrt!« Im Wald zum Töpfer sprach Robin: »Nun schätze deine War'!« Der sprach: »Man gäbe wohl dafür Zwei Nobelstücke bar.« »Nimm hier zehn Pfund,« sprach Robin Hood, »In Münzen gut und fein! Und wann du kommst zum grünen Wald, Willkommen sollst du sein!« Robin Hoods Kirchengang. Die Begebenheit, welche als die historische Grundlage dieser Ballade anzusehen ist, findet sich in der »Einleitung« zu diesen Blättern S. 20 mit den Worten des Chronisten Fordun ausführlich mitgeteilt.             Im Sommer, wenn der Hain sich schmückt, Die Blätter breit und lang, Ist's eine Lust zu lauschen dort Im Wald dem Vogelsang; Zu sehn, wie vom Gebirg herab Zu Tal die Hindin zieht Und unterm grünen Waldesbaum In kühlen Schatten flieht. Es fiel auf Pfingsten-Sonntag früh An einem Maientag, Die Sonne stieg in Glanz empor, Froh klang der Vögel Schlag. »Ein froher Morgen!« rief Klein John, »So wahr uns Christ befreit! So froh wie ich ist schier kein Mann In aller Christenheit! Auf, teurer Meister, frohen Sinns Und freud'gen Herzens sei! Genieß die Wonn' und Herrlichkeit Der Morgenstund' im Mai.« »Mich schmerzt das eine,« sprach Robin, »Und füllt mein Herz mit Weh, Daß ich an solchem Festtag nicht Zu Mett' und Hochamt geh'. Seit ich zuletzt im Haus des Herrn, Zwei Wochen sind's, auch drei, Doch heut will ich nach Nottingham, Steht mir die Jungfrau bei.« »Zwölf Männer nimm in Waffen mit!« Warnt Much, des Müllers Sohn; » Warnt Much, des Müllers Sohn. « Dieser oft genannte Gefährte Robin Hoods mag nach der vorherrschenden Meinung seinen Namen Much (Viel, Groß) wohl in ebenso positiver Art von seiner Körperkraft und Größe erhalten haben, wie Klein John den seinigen in ironisch-negativer Weise, und es wäre demnach anzunehmen, daß in Robin Hoods Gefolgschaft ein solches Riesenpaar als dessen treueste Leibwache vor allen hervorragte. Spenser Halls gegenteilige Vermutung (a. a. O.) der Beiname Much beruhe auf derselben Logik des Gegensätzlichen, wie die Bezeichnung little (klein) bei dem riesigen John, und sei dem Kleinsten der Schar verliehen worden, scheint indes doch nicht ganz unstichhaltig im Hinblick auf den Umstand, daß Much in den Balladen auch oft unter dem zwar klangverwandten, aber einen Kleinheitsbegriff ausdrückenden Namen Midge (Mücke), ja geradezu unter der Bezeichnung »der kleine Midge« vorkommt. Freilich könnte letztere möglicherweise eben auch nur ironisch gemeint sein. Wenn so kontradiktorische Epitheta für ein und dieselbe Person zusammentreffen, ist bei dem Abgang sonstiger Anhaltspunkte die Entscheidung sehr schwierig, welches von beiden das ernsthaft gemeinte, welches das scherzhafte sei. Aus all diesen Scherznamen geht aber unzweifelhaft hervor, daß Robin Hoods Bande, gleich manch anderer ungesetzlicher Genossenschaft späterer Tage, alle Ursache hatte, ihre wirklichen Namen hinter angenommenen oder fingierten Bezeichnungen zu verbergen. »Wer sich an dich, den einzlen, wagt, Spricht doch nicht zwölfen Hohn.« »Nicht einen brauch' ich,« rief Robin, »Bleibt all' daheim, ihr Leut'! Klein John nur meinen Bogen trag, Bis mich's zu schießen freut.« »Trag deinen Bogen selbst,« sprach John, »Wie ich den meinen trag', Laß um den Penny schießen uns Zur Wett' im grünen Hag.« »Nicht gelt' ein Penny,« sprach Robin, »Als Wettpreis für uns zwei! Denn jedem Penny, den du hältst, Entgegen setz' ich drei!« So schossen sie auf Ast und Strauch Und schossen immerzu, Bis John fünf Schilling schon gewann, Grad recht auf Strümpf' und Schuh'. Drob kam es unterwegs zum Streit, Bis beide sich entzwein; Klein John, der prahlt mit seinem Sieg, Robin sagt kurzweg: nein. »Das lügst du,« sprach Robin zu John Und schlug ihn mit der Hand, Da zog Klein John sein blankes Schwert, Vom Jähzorn übermannt. »Wärst du mein Meister nicht,« rief John, »Du büßtest mir's gar schwer; Such, dir den Dienstmann, wo du willst, Mich hältst du nimmermehr!« So zog Robin gen Nottingham, Trübselig ganz allein, Klein John strich auf bekanntem Pfad Gen Sherwoods Forst waldein. Robin ging frei nach Nottingham, Da betet er mit Brunst, Daß ihn auch heimführ' heiler Haut Gott und der Jungfrau Gunst. Er kniet' in der Marienkirch' Zum Kreuz am Hochaltar, Daß alles Volk ihn konnte sehn, Das in der Kirche war. Ein Mönch (den Dickkopf strafe Gott!) An seiner Seite stand, Der hat, sowie er ihn erblickt, Alsbald Robin erkannt. Der Mönch nun rannt' in aller Hast Hinaus zur Kirchentür Und ließ ganz Nottingham die Stadt Versperren für und für. »Auf! stolzer Sheriff, mach dich auf! Des Königs Feind ist da! Mein eignes Aug' hier in der Stadt Den falschen Schelm ersah; Mein eignes Aug' sah bei der Mess' Ihn stehn im Gotteshaus, Doch diesmal ist's um ihn geschehn, Jetzt kommt er uns nicht aus. Der Bösewicht heißt Robin Hood Und wohnt im grünen Wald; Er raubte mir einst hundert Pfund, Vergess' ihm's nicht sobald!« Hin zieht der Sheriff und mit ihm Gar mancher Mutter Sohn; Sie drangen in die Kirchenhall', Und ihre Knüttel drohn. »Ach, dich vermiss' ich jetzt, Klein John!« Seufzt Robin hartbedrängt, Er zieht sein doppelhändig Schwert, Das bis ans Knie ihm hängt. Und dreimal drängt er auf den Troß, Wo er am dichtsten war, Verwundet mancher Mutter Sohn, Und tötet zwölf der Schar. Doch an des Sheriffs Kopf zersprang Das Schwert in Robins Arm: »Den Schmied, der dich geschmiedet hat, Den schlage Gott mit Harm! Nun bin ich wehr- und waffenlos! Den Willen beugt die Not; Entkomm' ich diesen Schurken nicht, So ist's gewiß mein Tod.« Als Robins Volk die Nachricht hört, Zur Kirche läuft's hinein, Manch einer fällt wie leblos um, Und liegt erstarrt zum Stein. Sie waren wie von Sinnen all' Bis auf Klein John, der sprach: »Jetzt, wo es gälte herzhaft sein, Euch so zu sehn, o Schmach! Der Meister, oft schon in Gefahr, Entkam stets ungekränkt; Wohlan, ermuntert euer Herz Und meiner Worte denkt! Er diente stets der heil'gen Magd, Wird dienen ihr allzeit, Drum bau' ich drauf, daß ihn ihr Schutz Von schnödem Tod befreit. Seid heitren Sinns und frohen Muts, Und lasset Klag' und Leid! Dem Mönche weis' ich seinen Weg Mit Hilf' der reinen Maid. Entfernt euch nicht von unsrem Baum Dort an dem schmalen Hang, Und sorgt derweil für edles Wild, Das streicht dies Tal entlang.« So hat Klein John mit Much allein Sich auf den Weg gemacht Und blieb im Elternhaus des Much, Der Heerstraß' nah, zu Nacht. Am Fenster stand des Morgens John Und blickt' ins Land hinein; Des Wegs geritten kam der Mönch, Mit ihm ein Page klein. »Bei meiner Treu,« sprach John zu Much, »Ich sag' dir Zeitung gut, Den Mönch erblick' ich, reitend her, Ich kenn' den weißen Hut.« Entgegen gehn dem Mönch die zwei Mit Art und Höflichkeit Und fragen ihn nach neuer Mär', Wie Freund' aus alter Zeit. »Woher des Weges?« frug Klein John, »Erzähl uns neue Ding' Von einem Schelm, der Robin heißt, Und den man gestern fing. Um zwanzig Mark hat er beraubt Einst mich und meine Leut', Und ist der schnöde Wicht in Haft, O wie das uns erfreut!« »Auch mich bestahl er,« sprach der Mönch, »Um hundert Pfund und mehr; Der erste legt' ich Hand an ihn, Ihr könnt mir danken sehr.« »Vergelte Gott Euch's,« rief Klein John, »Wie wir Euch's gern getan! Ist's Euch genehm, ziehn wir mit Euch, Geleitend Eure Bahn. Denn Robin hat gar wildes Volk, Glaubt mir, ich spreche wahr, Und wüßt' es, daß Ihr reitet hier, Es brächt' Euch Todsgefahr.« Und wie sie im Gespräche so Dahin des Weges gehn, Des Mönches Pferd faßt John am Zaum Und macht es plötzlich stehn. Des Mönches Pferd faßt John am Zaum Fürwahr, wie ich euch sag', So faßt auch Much des Pagen Pferd, Daß den's nicht weiter trag'. Am Kragen faßt' und riß Klein John Den Mönch herab zur Flur, Mit wenig Ehrfurcht warf er ihn Aufs Haupt samt der Tonsur. So zornentflammt war da Klein John, Daß hoch sein Schwert er schwang; Der Mönch ersah sein nahes End', Und schrie um Gnade bang. »Mein Meister war es,« rief Klein John, »Den du ins Elend warfst, Doch nimmer unserm König du Die Botschaft bringen darfst!« John hieb des Mönches Haupt herab, Da war's mit dem vorbei, Much tat dem kleinen Pagen so, Daß der auch schweigsam sei. Dann gruben sie die Toten ein In Moos und Heide tief; Zum König trugen John und Much Vereint des Sheriffs Brief. Und als Klein John zum König kam, Beugt' er das Knie sogleich: »Erhalte Gott Euch, hoher Herr, Christ segn' Euch gnadenreich!« Der Fürst erbrach und las den Brief: »So wahr wir Heil erflehn! Im lust'gen England ist kein Mann, Den ich so gern gesehn! Der Mönch, der diesen Brief gebracht, O sagt mir, wo er weilt?« »Traun, auf der Reise,« sprach Klein John, »Hat ihn der Tod ereilt.« Der König huldvoll zwanzig Pfund Den beiden schenken hieß, Ernannt' als Königsschützen sie Und gnädig sie entließ. Er gab an John sein Siegel auch, Dem Sheriff sandt' er's zu, Daß man ihm bringe Robin Hood, Doch niemand Leids ihm tu'. In Nottingham das Stadttor fand Klein John verschlossen fest, Er rief den Pförtner, der nicht lang' Auf Antwort harren läßt. »Was hältst du so die Stadt versperrt?« Klein John zum Pförtner rief; Der Pförtner drauf: »Weil Robin Hood Hier liegt im Kerker tief. Und John und Much und Will Skadlock, » Und John und Much und Will Skadlock. « Ein gleichfalls oft erwähnter Gefährte R. Hoods war William Scarlett, auch Skadlock, Skathelock (wörtlich Locken- oder Haarverderber) genannt, letzteres wahrscheinlich von seiner Gewandtheit, den Gegnern im Kampfe den Schädel einzuschlagen. »Manche der Namen aus den alten Balladen,« so berichtet ein neuerer Tourist, »haben sich in Familien erhalten, welche noch heute in den Umgebungen des Sherwoodforstes leben. Unter diesen rühmen sich die Scarletts ihrer sächsischen Abkunft und wissen noch mancherlei Taten ihrer Voreltern aus den Tagen Robin Hoods zu erzählen. Das ländliche Wohnhaus, in welchem deren Abkömmlinge jetzt leben, trägt unverkennbare Spuren hohen Altertums; die Haken an denn massiven eichenen Sparrenwerk hatten ohne Zweifel manches Stück fetten Damwildes zu tragen. Der erhöhte Herd und die alten Feuerböcke gehören einem fernen Zeitalter; die Bänder und Beschläge des Haustores könnte ein Altertümler nur mit Andacht beschauen. Die zierlich gewundenen Rauchfänge fesseln den staunenden Blick des Fremdlings, den sein Weg durch diese Strecken von Stechginster und Heide und Farrenkraut führt, welches knietief und meilenweit am Saume des Forstes wuchert. In diesem Hause ward der jetzige Besitzer Hubert Scarlett vor 40 Jahren geboren; seit mehreren Menschenaltern trägt nämlich der älteste Sohn den Taufnamen Hubert. Er ist, wie seine Vorfahren von Beruf ein Förster.« (S. Pictures of county life, and sommer rambles, by Thomas Miller. London 1846. ) Fürwahr' wie ich Euch sag', Sie töten unsre Leut' am Wall Und necken uns alltag.« Zuerst den Sheriff sucht Klein John, Der sich gar schleunig fand; Des Königs Siegel zeigt er ihm Und legt's in seine Hand. Als das Sigill der Sheriff sah, Den Hut gleich zog er ab: »Wo blieb der Mönch, dem ich den Brief An unsern König gab?« »Des Königs Gunst schenkt' ihm,« sprach John, »Ein Los ganz sorgenfrei, Er macht' ihn zu Westminsters Abt, Zum Lord von der Abtei.« Der Sheriff gab ein Mahl den zwein, Den besten Wein dazu, Des Abends gingen sie zu Bett Und jedermann zur Ruh'. Und als vom Wein und Bier berauscht Der Sheriff lag im Traum, Da stiegen sie, Klein John und Much, Hinab zum Kerkerraum. Klein John, der rief den Schließer auf. »Vom Bett raff' dich empor! Denn durchgebrochen ist Robin, Entwischt hinaus zum Tor.« Der Schließer springt vom Lager auf, Sobald er hört den Ton; Doch rasch mit seinem Schwerte spießt Ihn an die Wand Klein John. »Nun will ich Pförtner sein,« sprach John, Die Schlüssel in der Hand. Zu Robin Hood lenkt er den Schritt Und löst sein Fesselband. Er reicht ein gutes Schwert ihm dar, Sein Haupt zu schirmen frei; Und wo die Mauer nicht zu hoch, Entspringen alle drei. Da hob der Hahn zu krähen an, Die Nacht begann zu fliehn; Der Sheriff fand den Schließer tot, Lärmglocken ließ er ziehn, Und rufen ließ er's durch die Stadt: »Knecht oder Freier sei's, Wer mir den Robin bringt zurück, Empfängt gar hohen Preis! Denn nimmer wieder darf ich sonst Dem König vors Gesicht, Und wollt' ich's wagen, sicherlich Dem Strick' entging' ich nicht.« Der Sheriff sucht in Haus und Stall, Durchsucht die ganze Stadt; In Sherwood doch war Robin längst Frisch wie am Baum das Blatt. Da sprach Klein John zu Robin Hood: »Mit einem guten Streich Hab' ich den schlechten dir bezahlt: Kannst du's, so tu' mir's gleich! Mit gutem Streich hab' ich bezahlt: Den schlechten, wie ich's sag', Hab' dich gebracht zum grünen Wald, Fahr wohl und guten Tag!« »Nein, meiner Treu,« sprach Robin Hood, »So darf es nicht geschehn! Du sollst der Meister sein von mir Und allen, die hier stehn.« »Nein, meiner Treu,« versetzt Klein John, »So komm' es nimmermehr! Ich bleib' euch ein Genosse gut, Sonst hab' ich kein Begehr.« Als Robins Volk den Meister sah, Da ward es freudenvoll, Da gab's ein Fest, das Wildbret dampft', Und Wein in Fülle quoll. Die Nachricht kam zum König auch, Wie Robin Hood entwich, Da sagte unser Fürst und Herr, Er sagt' es ärgerlich: »Den Sheriff hat Klein John geprellt, Auch mich geprellt hat John! Er prellt' uns beide, sonst fürwahr Der Sheriff hinge schon! Zum Königsschützen macht' ich ihn, Beschenkt von meiner Hand; Ich gab ihm Gruß und frei Geleit Durch all mein Engelland. Ich gab ihm Gruß und frei Geleit, So wahr wir Heil erflehn! Traun, in ganz England sind ihm gleich Drei Männer nicht zu sehn! Treu seinem Meister ist Klein John, Liebt mehr ihn als uns all'; Doch lassen wir jetzt dies Gespräch, Es hat nicht guten Schall.« Robin Hood und Guy von Gisborne. Gisborne ist ein Marktflecken im Westen von Yorkshire an der Grenze von Lancashire. Des hier gemeinten Guy von Gisborne geschieht zwar durch einen bekannten schottischen Dichter, William Dunbar, im fünfzehnten Jahrhundert bereits Erwähnung, welcher ihn neben Robin Hood, Adam Bell und anderen Zelebritäten als einen Helden ähnlichen Gepräges nennt; doch ist von Guys Taten und Erlebnissen nichts auf die spätere Nachwelt gelangt. Darin war das Glück den andern genannten günstiger. Die vorliegende Ballade gilt übrigens als eines der ältesten und bestangelegten Stücke des ganzen Liederkreises.         Wenn grün und sonnig Busch und Flur, Die Blätter breit und lang, Ist's lustig durch den Wald zu gehn, Erfüllt vom Vogelsang. Walddrossel sang und hielt nicht ein, Sie sang so laut vom Ast, Daß Robin Hood im grünen Wald Erwacht aus seiner Rast. »Nun, meiner Treu,« sprach Robin Hood, »Ein Traum ward mir heut nacht Von zwei Freisassen flink, die mich In heißen Kampf gebracht. Sie schlugen mich, sie banden mich, Mein Bogen ward geraubt, So wahr Robin im Land noch lebt, Sie büßen's noch, das glaubt!« »Es fliehn die Träume,« sprach Klein John, »Wie Wind um Hügel streicht, So laut er stürmte nachts, doch schweigt Er morgens still vielleicht.« »Wohlauf, wohlan, ihr muntern Leut', Klein John soll mit mir gehn, Ob wir die zwei Freisassen flink Im grünen Wald erspähn?« Sie nahmen um die Mäntel grün, Die Bogen an die Seit'; So schritten sie den Wald hinein Zum Schießen wohlbereit. Bis ihrem Lieblingsplatz sie nah Im grünen Waldesraum; Da sahn sie einen Freisaß flink Gelehnt an einen Baum. Er trug am Gürtel Schwert und Dolch, Den Tod von manchem Mann, Sein Kleid war eines Rosses Fell Mit Schweif und Mähne dran. »Hier, Meister, unterm grünen Baum,« Sprach John, »hier haltet still, Derweil ich geh', den Freisaß flink Zu fragen, was er will?« »O John, du denkst gering von mir Und sprichst gar wunderlich! Wann sandt' ich je mein Volk voraus, Indes ich hinten schlich? Es ist nicht schwer, am bloßen Wort Erkennen Knecht und Herrn, Und spräng' entzwei mein Bogen nicht, Den Kopf dir bräch' ich gern!« Ein Wort hat Unheil oft gebracht, So schied Robin von John; Der macht auf wohlbekanntem Pfad Waldeinwärts sich davon. Doch als er kam nach Barnesdal', Groß Leid ihm widerfuhr, Denn zwei Genossen fand er da Erschlagen auf der Flur; Und Skarlett war auf flücht'gem Fuß, Der lief durch Stock und Stein, Er lief mit hundertvierzig Mann, Der Sheriff hinterdrein. »Jetzt schieß' ich einen Schuß,« sprach John, »So Gott mir helfen will; Der Sheriff, der so schnell jetzt rennt, Er hält dann gerne still.« Den langen Bogen spannte John Und richtet' ihn zum Schuß, Der Bogen war von schwachem Ast Und fiel ihm vor den Fuß. »Weh dir, du jämmerliches Holz, Daß du dem Wald entstammt! Grad heut, wo du mein Trost sein sollst, Zum Unglück mir verdammt!« Der Schuß war nur ein matter Schuß, Doch fand der Pfeil ein Ziel, Traf einen aus des Sheriffs Volk, Und William Trent, der fiel. Dem William wär's ein beßres Los, Wenn krank im Bett er läg', Als daß er lief durch grünen Wald Johns Pfeilen in den Weg! Fünf Männer wiegen mehr als drei, Der Spruch ist allbekannt; Der Sheriff fing Klein John und fest An einen Baum ihn band: »Du wirst geschleift zu Berg und Tal, Am Hügel dann gehenkt!« »Vielleicht auch nicht!« versetzt Klein John, »Wenn Christ es anders lenkt.« Nun lassen wir den kleinen John, Für Robin mach' er Raum, Wie dieser kam zum Freisaß flink, Der dort noch lehnt' am Baum. »Ei, guten Morgen, Kamerad!« So sprach jetzt Robin Hood, »Mir sagt der Bogen, den du führst, Daß du ein Schütze gut.« Der Freisaß sprach: »Ich bin verirrt An Weg und Tageszeit.« »Ich geb' im Wald dir,« sprach Robin, »Als Führer das Geleit.« »Ich suche einen Vogelfrei'n, Man nennt ihn Robin Hood, Und fänd' ich ihn, mir lieber wär's Als vierzig Pfunde gut.« »Nun, flinker Freisaß, komm mit mir, Den Robin siehst du bald, Doch suchen wir erst Zeitvertreib Uns hier im grünen Wald. Und proben wir Geschick und Glück Hier auf dem Waldesplan, Der Robin tritt uns in die Quer Vielleicht, eh' wir's versahn.« Zwei Jahrestriebe schnitten sie Vom Hagebuttenstrauch Und steckten sechzig Ruten weit Das Ziel nach Schützenbrauch. »Beginn, Geselle,« sprach Robin, »Den Schuß dir räum' ich ein.« »Nein, wahrlich, nein!« der Freisaß drauf, »Du sollst mein Vormann sein.« Zuerst schoß Robin nach dem Ziel, Nicht fehlt' er fingersdicht; Der Freisaß war ein Schütze gut, Ihm gleich doch tat er's nicht. Der Freisaß tat den zweiten Schuß, Er traf wohl in den Kreis, Doch Robin traf viel besser noch, Er schoß entzwei das Reis. »Gott segne dich!« der Freisaß rief, »Gesell, dein Schuß ist gut, Bist, wenn das Herz gut wie die Hand, Mehr wert als Robin Hood. Nun sag mir deinen Namen, Freund, Am Lindenbaum allhier.« »Nein, wahrlich, nein!« versetzt Robin, »Erst sag' den deinen mir.« Der Freisaß sprach. »Ich wohn' im Tal, Robin zu fahn ich schwur, Wer recht den Namen kennt, der nennt Guy von Gisborn' mich nur.« »Ich wohn' im Wald hier,« sprach Robin, »Und bin vor dir nicht bang, Bin Robin Hood von Barnesdal', Den du gesucht so lang'.« Wer nicht verwandt, bekannt den zwein, » Wer nicht verwandt, bekannt den Zwein. « »Kythe nor king« ein alter alliterierender Ausdruck für die im Mittelalter heilig gehaltenen Geschlechts- und Freundschaftsgenossenschaften. (Dönniges.) Für den war's schön zu sehn, Wie sie mit Klingen hell und blank Im Kampf zu Leib sich gehn; » Wie sie mit Klingen hell und blank / Im Kampf zu Leib' sich gehn. « »With blades both browne and bright,« buchstäblich: »mit Klingen braun und glänzend«, was jedoch ein Widerspruch wäre. Zwar bemerkt Bischof Percy ( Reliques etc. ) zu dieser Stelle, daß brown bei den alten Dichtern das gewöhnliche Epitheton für Schwerter und andere Angriffswaffen sei (z. B. brown brand, brown sword, brown bill ), zuweilen sogar in der Zusammenstellung mit »glänzend« ( bright brown sword ); er weist darauf hin, daß Chaucer und Spenser in ähnlicher Bedeutung das Wort rusty (rostig) gebrauchten, und meint, es habe den Anschein, daß unsere Vorfahren wenig Wert auf die Blankerhaltung der Waffen legten, es vielmehr für ehrenhafter hielten, diese getränkt mit dem Blute ihrer Gegner zu zeigen. Allein diese Bemerkungen lösen jenen Widerspruch nicht, welcher noch erhöht wird, wenn man sich Glanz und Blutrost in Verbindung denkt. Der Übersetzer hielt sich daher an die ihm freundlichst mitgeteilte Deutung eines verehrten Germanisten (K. Weinhold), welcher das altenglische browne hier gleichbedeutend mit dem altdeutschen brûn (hell, glänzend) erklärt. Wie sie zwei Stunden fochten fort An einem Sommertag, Nicht Robin Hood und nicht Sir Guy Wich oder unterlag. Robin sah eine Wurzel nicht, Die macht' ihn straucheln jetzt, Und Guy hat rasch und flink den Hieb Von seitwärts ihm versetzt. »Liebfraue du,« rief Robin Hood, »Die Mutter bist und Maid, Es war noch keines Manns Geschick, Zu sterben vor der Zeit.« Robin dacht' unsrer lieben Frau Und sprang empor sogleich, Er führte solch gewalt'gen Hieb, Sir Guy fiel tot vom Streich. Er faßt am Haar das Haupt Sir Guys, Steckt's an den Bogenknauf: »Du warst ein Schelm dein Lebetag, Das hör' nun endlich auf.« Er zog ein irisch Messer vor Und kerbt' ihm das Gesicht; Den, der dies Haupt erkennen mag, Gebar das Weib noch nicht: »Da lieg nun, liege nun, Sir Guy, Und wünsche mir kein Leid; Empfingst die schlimmern Streiche du, Nimm nun das beßre Kleid.« Den grünen Mantel legt' er ab Und hüllt' Sir Guy darein, Dann steckt' er in die Roßhaut sich Vom Haupt hinab zum Bein. »Dein Bogen, Pfeil und kleines Horn In meinen Händen bleibt; Ich will nach Barnesdal', zu sehn, Was meine Schar dort treibt.« Das Horn Sir Guys führt' er zum Mund Und blies, daß laut es klang, Das hört' der Sheriff Nottinghams, Gelehnt am Bergeshang. »Horch!« rief der Sheriff, horch, mir klingt Botschaft von bestem Schall! Ich hör's, dort stößt Sir Guy ins Horn, Das kündet Robins Fall. Ich hörs, dort stößt Sir Guy ins Horn, Es schallt so schön zurzeit; Dort kommt er selbst, der Freisaß flink, In seinem Roßfellkleid. Komm her, Sir Guy, du Wackrer, komm, Nimm, was du willst von mir!« »Ich will dein Gold nicht,« sprach Robin. »Will keinen Lohn von dir. Doch da erschlagen ich den Herrn, Laß mich's auch tun dem Knecht, Dies sei mein Preis und Lohn allein, Kein andrer käm' mir recht.« Der Sheriff rief: »Du bist ein Narr! Dir ziemte Ritters Lohn; Doch weil so mäßig dein Begehr, So ist's bewilligt schon.« Klein John hört seines Meisters Stimm' Und weiß, sein Glücksstern lacht: »Nun werd' ich frei,« so rief er froh, »Mit Christi Gnad' und Macht!« Und Robin fliegt zum kleinen John, Ihn eilig zu befrein, Der Sheriff mit dem ganzen Troß Folgt hastig hinterdrein. »Zurück, zurück!« rief Robin Hood, »Welch tolles Drängen auch! Zu hören eines andern Beicht' War hierzuland nie Brauch.« Ein irisch Messer zog Robin, Löst John an Arm und Bein, Und reicht den Bogen ihm Sir Guys, Der soll sein Retter sein. John nahm den Bogen Guys zur Hand, Die Bolzen auch und Pfeil', Der Sheriff sah, wie er ihn spannt', Und sucht' im Fliehn sein Heil. Er lief nach Haus gen Nottingham, Wie er noch nie gerannt, Und so tat seine ganze Schar, Da hielt nicht einer stand. Doch konnt' er laufen nicht so schnell, Nicht reiten so in Eil', Klein John mit breitem Bolzen traf Ihn noch ins Hinterteil. Robin Hood und der Bischof.         Es war ein Tag voll Sonnenschein Wohl um die Morgenzeit, Und Robin Hood, der Schütze gut, Gestimmt zur Fröhlichkeit. Doch als er Kurzweil zu ersehn Dahinschritt durch das Holz, Ward er gewahr des Bischofs Schar Und auch den Bischof stolz. »Was ist zu tun,« sprach Robin Hood, »Wenn mich der Bischof fängt? Erbarmungslos fällt dann mein Los, Ich weiß, daß er mich hängt.« » Wenn mich der Bischof fängt, / Erbarmungslos fällt dann mein Los, / Ich weiß, daß er mich hängt. « Wohl eine Hindeutung auf die jurisdiktionellen Befugnisse. welche die Bischöfe als ständige Mitglieder der Grafschaftsgerichte in älterer Zeit ausübten. Flink wendet sich Robin und sieht Ein Häuschen auf dem Plan, Ein altes Weib für seinen Leib Um Rettung ruft er an. »Wer bist du?« frug das Mütterlein, »Gib mir's in Lieb' bekannt.« »Ich bin ein Mann in Acht und Bann, Bin Robin Hood genannt. Dort ist der Bischof und sein Volk; Und wenn man jetzt mich fängt, Hält Tag und Nacht er mich bewacht, Bis man zum Schluß mich hängt.« »Bist du Robin,« sprach drauf das Weib, »Wie mir's erscheint als wahr, So schütz' ich dich, so berg' ich dich Vor ihm und seiner Schar. Noch denk' ich an Sonnabends Nacht, Du gabst mir Strümpf' und Schuh'; Drum schütz' ich dich und berge dich, Schaff' dir vor Feinden Ruh'.« »So gib mir schnell dein grau Gewand, Nimm meinen Mantel grün; Gib Spindel, Garn mir in den Arm, Nimm meine Pfeile kühn.« So angetan kehrt Robin Hood Zu seiner Schar zurück, Mit Spindel, Garn; den Bischofsschwarm Behält er doch im Blick. Da rief Klein John: »Was wandelt dort? Was kommt dort im Gefild? Ich send' im Nu den Pfeil ihm zu, Ein wahres Hexenbild!« »Halt ein, halt ein,« rief Robin Hood, »Die kühnen Pfeile spar. Bin Robin Hood, dein Meister gut, Du wirst es bald gewahr.« Der Bischof vor des Weibes Haus Jetzt kam und rief in Wut: »Heraus den Wicht ans Tageslicht! Heraus den Robin Hood!« Das Weib mußt' auf ein milchweiß Pferd, Ein scheckig Roß trug ihn, Im freud'gen Wahn, Robin zu ha'n, Ritt lachend er dahin. Doch als sie ritten im Gehölz, Der Bischof konnt' ersehn Im Waldesgrün die Schützen grün, An Zahl wohl hundert, stehn. Der Bischof frug: »Wer ist's, der dort Steht an des Dickichts Rand?« Die Alte meint: »Ein Mann, wie's scheint, Der Robin Hood genannt.« »Wer bist denn du,« der Bischof rief, »Den ich hier mit mir zieh'?« »Ein Weiblein alt, du Bischofsschalk, Mein Bein heb auf und sieh!« Der Bischof sprach: »Dann wehe mir, Daß ich den Tag gesehn!« Er kehrt sich ab, doch Robin gab Den Wink ihm, still zu stehn. Sein Pferd hielt Robin an und band's An eines Baumes Schaft, Mit Lachen blickt Klein John und nickt Froh der Genossenschaft. Robin zieht seinen Mantel ab, Ihn breitend auf den Grund, Leert, was im Sack des Bischofs stak, Und zählt fünfhundert Pfund. »Nun laßt ihn ziehn!« rief Robin Hood, »Nicht doch!« versetzt Klein John, »Er sing' zuvor die Mess' – ich's schwor! Eh' er uns zieht davon.« Den Bischof nahm Robin und band Ihn an des Baumes Schaft, Der sang, Gott weiß! die Mess' mit Fleiß Ihm und der Schützenschaft. Dann führt die Schar ihn aus dem Wald, Setzt auf den Schecken ihn, Den Roßschweif spannt als Zaum die Hand: »Bet' eifrig für Robin!« Robin Hood und der Gerber. »Artur a Bland, der Gerber von Nottingham«, sagt einer der englischen Kommentatoren dieser Balladen, »war ein wilder, unsteter Bursche, welcher die Häute mehr liebte, wenn sie noch warm und rauh auf dem Rücken der Bullen sich befanden, als in seiner Gerbergrube im Übergangsstadium, um Sohlen und Oberleder für die Beschuhung zu werden. Es war damals eine schlechte Zeit für das Gerbergeschäft; jeder Hausvater gerbte das Leder für Schuhe und Riemzeug selbst, mittels eines Verfahrens, welches, von der Wissenschaft unserer Tage zwar belächelt, doch ein festes und dauerhaftes Produkt lieferte. So kam es wohl, daß der ehrenwerte Artur mehr an Barnesdale und seinen Vetter John dachte, als an seine Beschäftigung mit einem unlieblich duftenden Gemenge von Eichenrinde und Gossenwasser. Mit so unstetem Gemüt und mit dem Rufe eines Raufbolds wanderte er in den Wald, gleich gefaßt auf gute und schlimme Abenteuer und gleich unbekümmert, einem Stück Rotwild oder einem bewaffneten Outlaw zu begegnen.« (Gutch II, 182.)               In Nottingham ein Gerber war, Genannt Artur von Bland: So weit sich zieht das Landgebiet, Kein Junker hielt ihm stand. Mit seiner Stange lang und spitz Schafft er sich freie Bahn, Treibt zwei und mehr wohl vor sich her, Denn ungern hält er an. Und als er kam zur Sommersfrüh In Sherwoods lust'gen Wald Und dort und da nach Rotwild sah, Traf er Robin alsbald. Sowie er Robin Hood erblickt, Sann einem Schwank er nach, Mit einem Wink gebot er flink Ihm still zu stehn und sprach: »Wer bist du, kühner Bursche, sprich, Der hier so kecklich streicht? Wohl scheinst du mir ein Dieb, der hier Des Königs Wild begleicht. Als Hüter bin ich dieses Forsts Vom König selbst bestallt, Dem Rotwild nah, das dort und da, Drum dir gebiet' ich Halt!« »Wenn du ein Hüter dieses Forsts Und hast so viel Gewalt, Rufst du wohl mehr Genossen her, Eh' du mich bringst zum Halt!« »Ich ruf' nicht mehr Genossen her, Da mir kein andrer not; Ich weiß, mein Stock vom Eichenpflock Vollstreckt wohl mein Gebot. Dein Bogenholz, dein Schwert und Bolz Ist mir nicht Strohhalms wert: Wenn ich nur klopf' auf deinen Kopf, Dann schießest du verkehrt.« »Sprich feiner, Bursche!« rief Robin, »Wähl andre Worte dir! Sonst ich dich weis' ins rechte Gleis' Und lehre dich Manier.« »Hol dich der Henker!« sprach Artur, »Bist du solch großes Tier? Dein Trutzgesicht, mich kümmert's nicht, Erst lehr' dich selbst Manier.« Da löst Robin sein Wehrgehenk Und legt den Bogen hin, Wählt einen Stock vom Eichenpflock, Der stark genug ihm schien. »Ich nehme dein Gewaffen, Freund, Da meins dir nicht gefiel, Sieh hier den Stock vom Eichenpflock, Am Maße fehlt nicht viel. Doch laß uns messen ganz genau, Bevor der Kampf hebt an; Denn wenn ich hab' den längern Stab, Kein ehrlich Spiel ist's dann.« »Die Länge tut nichts!« sprach Artur, »Mein Stock ist Eichenstoff, Mißt Schuh neunthalb und fällt ein Kalb, Fällt dich auch, wie ich hoff'.« Jetzt hielt Robin sich länger nicht, Sein Hieb, der fiel so schwer, Da sprang gar schnell ein blut'ger Quell; Zehn Uhr war's ungefähr. Doch rasch ermannt traf Artur ihn Aufs Haupt mit solchem Stoß, Daß beiderseit vom Haupte breit Das Blut ihm rieselnd floß. Robin tobt', als sein Blut er sah, Dem wilden Eber gleich; Artur in Hast hieb ohne Rast, Als fällte Holz sein Streich. Und um und um geht's, rundherum, Zwei Keiler auf der Jagd, Sie dringen ein auf Arm und Bein, Sich hackend unverzagt. Sie teilen wacker Hieb für Hieb, Zwei Stunden lang und mehr; Von jedem Schlag rings klang der Hag, So eifrig ging es her. »Halt ein, halt ein!« rief Robin Hood, »Und laß die Fehde heut'! Denn dreschen wir gleich die Knochen uns weich, Doch trägt's uns keinen Deut; Und künftig sei die Bahn dir frei Im schönen Waldrevier.« »Schön Dank für nichts! Mein Stock erficht's, Ihm dank' ich's und nicht dir.« »Was ist dein Handwerk?« frug Robin, »Freund, sag mir's ohne Scheu, Sag noch dazu: wo wohnest du? Gern wüßt' ich beides treu.« »Ich bin ein Gerber, der sich plagt' In Nottingham manch Jahr; Treff' ich dich dort, ich gerb', aufs Wort, Umsonst die Haut dir gar.« »Schön Dank, schön Dank!« rief Robin Hood, »Du meinst es gut mit mir, Du gerbst, Gesell, umsonst mein Fell, Mit gleichem dien' ich dir. Doch willst du, müd' der Gerberei, Mit mir zur Waldeshut, Beim Kreuzes Holz, dein Sold wird stolz, Mein Nam' ist Robin Hood.« »Bist Robin Hood,« sprach Artur drauf, »So wie mir's wirklich scheint, Nimm hier die Hand Arturs von Bland, Wir bleiben jetzt vereint. Doch sag mir an, wo Klein Johann? Nach ihm verlangt mich sehr, Da wir durchs Band des Bluts verwandt Von Mutterseiten her.« Da stieß Robin ins Jägerhorn, Er blies, daß laut es klang, Da rannte schon der kleine John Herab den grünen Hang. »Was gibt's? Was gibt's?« so rief Klein John, »O Meister, kund mir's tut! Ihr steht gebannt, den Stab in der Hand, Ich fürcht', es geht nicht gut.« »Ich halte stand, weil mich gebannt Der Gerber hier zur Stell', Ein Meister der Kraft und Gerberschaft, Er gerbte schön mein Fell.« »Das macht ihm Ehre,« sprach Klein John, »Wenn solche Tat sein Brauch; Doch sei er ein Held, ich halt' ihm das Feld, Und gerbt mein Fell er auch.« »Halt ein, halt ein!« rief Robin Hood, »Er ist, wie ich's verstand, Ein Freisaß gut aus deinem Blut Und heißt Artur von Bland.« Da warf Klein John den Stecken hin, Soweit er fliegen mocht', Und kam gerannt zu Artur von Bland Und seinen Hals umflocht. Sie sind nicht scheu und sagen's treu, Wie's jauchzt in ihrer Brust, Sie sehn sich dann mit Freuden an Und weinen gar vor Lust. Robin, die beiden an der Hand, Umtanzt die Eiche rund: »Wir sind drei Leut', drei lust'ge Leut', Drei lust'ge Leut im Bund! Solang' wir leben, laßt uns drei Nur eins und einig sein! Der Wald erkling', alt Weiblein sing' Noch lange von uns drein!« Robin Hood und der Klosterbruder. Die Volksüberlieferung stellt dem frommen und andachteifrigen Robin Hood auch eine Art Haus- und Feldkaplan in der Person eines Mönches, des Fraters ( friars ) Tuck an die Seite. In W. Scotts Ivanhoe fand dieser gleichfalls seine charakteristische Stelle. Im Morristanz ist ihm eine der vier Hauptrollen zugewiesen. Sollte der Klosterbruder dieser Ballade mit dem Bruder Tuck identisch sein, so müßte letzterer dem Zisterzienserorden, dessen Eigentum Fountains Abbey war, angehört haben.         Im Sommer war's, das Laub war grün, Die Blumen frisch in Pracht, Auf Spiel und Kurzweil war Robin Mit seiner Schar bedacht. Der eine springt, der andre läuft, Geschoß der dritte probt; Wer schnellt den Pfeil mir, daß sein Schuß Den guten Schützen lobt? Wer legt mir einen Dambock hin, Wer legt mir hin ein Tier, Wer legt den fetten Hirsch mir hin, Fünfhundert Fuß von hier? Will Skadlock legt den Rehbock hin, Und Midge legt hin das Tier, Klein John legt hin den fetten Hirsch, Fünfhundert Fuß von hier. »Gott segne dich,« sprach Robin Hood, »Für diesen Schuß zum Kern! Zu finden deinesgleichen ritt' Ich hundert Meilen gern!« Da lacht Will Skadlock herzlich auf, Er lacht, daß er sich biegt: »In Fountains Stift, da lebt ein Mönch, Der euch allzwei besiegt. In Fountains Abbey jener Mönch Den stärksten Bogen strammt, Und dich und deine ganze Schar, Er schlägt euch allgesamt!« Da schwur Robin den Eid, er schwur's Bei unsrer lieben Frau: »Ich esse nicht, ich trinke nicht, Bis ich den Mönch erschau'!« Robin nahm seinen Harnisch blank, Aufs Haupt den Eisenhut, Nahm Schild und Breitschwert an die Seit', Die Rüstung stand ihm gut. Er nahm den Bogen in die Hand Aus zähem Holz wie Stahl, Ein Bündel Pfeile ins Gehäng' Und zog gen Fountains Tal. Und als er kam ins Klostertal, Hemmt' er des Rosses Gang, Den Klosterbruder sah er dort, Der schritt den Strom entlang. Der Mönch trug einen Harnisch blank, Am Haupt den Eisenhut Und Schild und Breitschwert an der Seit', Die Rüstung stand ihm gut. Vom Sattel sprang Robin und band An einen Strauch sein Pferd: »Auf, Frater, trag mich durch den Strom, Wenn dir dein Leben wert!« Der Mönch lud auf den Rücken ihn, Das Wasser war nicht seicht, Er sprach kein Wort, nicht gut, nicht bös, Bis er den Strand erreicht. Flink sprang Robin vom Mönch herab, Der Frater doch spricht nun: »Trag du mich durch den Strom, Gesell, Sonst möcht' es leid dir tun.« Robin lädt auf den Rücken ihn, Das Wasser ist nicht seicht, Er spricht kein Wort, nicht gut, nicht bös, Bis er den Strand erreicht. Flink sprang der Mönch von Robin ab, Doch sprach Robin aufs neu': »Jetzt, Frater, trage mich zurück, Sonst brächte dir es Reu'.« Der Mönch nimmt auf den Rücken ihn, Steigt knietief in die Flut, Er spricht bis mitten in dem Strom Kein Wort, nicht bös, nicht gut. Doch als er mitten stand im Strom, Da warf er ihn hinein: »Versink nun oder schwimm heraus, Gesell, die Wahl ist dein!« Robin schwamm hin zum Ginsterbusch, Der Mönch zum Weidenbaum; Robin nahm sein Geschoß zur Hand, Als er am Ufer kaum. Und seines Köchers besten Pfeil Sandt' er dem Bruder zu; Der Mönch mit seinem Eisenschild, Der fängt ihn auf mit Ruh'. »Schieß zu, Geselle schieße zu, Und schieße noch so viel; Schieß einen ganzen Sommertag, Gern dien' ich dir als Ziel!« Robin der schoß mit Meisterschaft, Sein letzter Pfeil flog aus, Da griffen sie zu Schwert und Schild, Da gab's mannhaften Strauß. Der währt vom zehnten Glockenschlag Bis vier Uhr nachmittag, Bis, Gnade flehend, Robin Hood Auf seinen Knien lag. »Eins bitt' ich, Mönch, und laß' gewährt Mir diese Bitte sein, Laß führen mich mein Horn zum Mund Und dreimal blasen drein.« »Das mag geschehn!« der Frater sprach, »Du bläsest mir kein Leid; O blase, bis dir aus dem Kopf Die Augen springen beid'!« Robin setzt an den Mund sein Horn Und bläst der Stöße drei: Ein halbes Hundert Schützen flog Zum Schuß bereit herbei. »Wes sind die Leute,« frug der Mönch, »Die kommen wie im Flug?« »Mein sind die Leute,« sprach Robin, »Mönch, hast du nun genug?« »Eins bitt' ich,« sprach der Mönch, »und laß' Gewährt es gleichfalls sein, Laß führen mich die Faust zum Mund Und dreimal pfeifen drein!« »Das mag geschehn!« sprach Robin Hood, »Sonst brächte mir's kein Lob! Drei Pfiff' in eines Mönchleins Faust, Nur lachen kann ich drob.« Der Mönch setzt an den Mund die Faust Und pfeift der Pfiffe drei; Da fliegt ein halbes Hundert wohl Von Doggen flink herbei. »Da ist ein Hund für jeden Mann, Dir will ich selber stehn!« »Bei meinem Eid!« rief Robin Hood, »Das kann und soll nicht gehn.« Zwei Hunde springen Robin an Rückwärts und vorn im Bund, Sein linkolngrüner Mantel fliegt, » Sein linkolngrüner Mantel fliegt. « Linkoln stand in älterer Zeit in dem Rufe, das beste Grün zu färben. In gleichem Ansehen stand Coventry für Blau; auch Kendalgrün erfreut sich großer Berühmtheit. Jäger und Förster liebten die grüne Farbe, welche sie im Walde davor schützte, vom Wilde zu früh wahrgenommen zu werden. So pflegten die schottischen Hochländer braune Plaids zu tragen, um auf der Heide sich nicht bemerklich zu machen. Vom Leib gezerrt, zum Grund. Der Schützen Pfeil gen Ost und West, Gen Nord und Süden fährt, Die Doggen fahn die Pfeil' im Mund, So hat man sie's gelehrt. »Schaff fort die Hunde!« rief Klein John, »Tu, Mönch, wie ich gesagt!« »Wes Dienstmann bist du,« frug der Mönch, »Der hier solch Reden wagt?« »Ich bin Klein John, bin Robins Mann, Mönch, glaub' es auf mein Wort: Tust du's nicht schnell, so schaff' ich selbst Dich samt den Kötern fort.« Den Bogen nimmt Klein John zur Hand, Er schießt mit Meisterschaft, Da lagen auf dem Grund alsbald Zehn Doggen hingerafft. »Halt ein, Geselle!« bat der Mönch, »Und noch in dieser Stund' Mit deinem Meister schlag' ich ein Den Friedensschluß und Bund!« Da sprach Robin: »Laß Fountains Tal, Laß die Abtei zurück! Alljeden Sonntag sei dein Lohn Ein blankes Nobelstück; Alljeden Festtag neu Gewand, Dir schmückend die Gestalt; Und wie im Kreuzgang still und kühl, Ist's auch im grünen Wald.« Der Mönch, der sieben Jahr' und mehr Im Kloster hat gelebt, Der lebt im Walde jetzt, will's Gott, Bis man ihn einst begräbt. Robin Hoods goldner Lohn.         Einst zog Robin die Straß' entlang, Als Mönch gekleidet ganz, Er trug Kapuz' und Mönchshabit, Trug Kreuz und Rosenkranz. Er ging zwei Meilen oder drei, Da ward sein Blick gewahr In schwarzem Kleid zu Rosse hoch Ein stattlich Priesterpaar. »Benedicite!« rief Robin Hood, »Die milde Hand mir leiht, Grüßt mit dem Gröschlein mir die Hand » Grüßt mit dem Gröschlein mir die Hand, « oder wie Dönniges übersetzt: »Mit einem Kreuzer kreuzt meine Hand,« ein Versuch, die Alliteration des Originals: »cross with a groat« im Deutschen nachzubilden. »Cross my hand with silver« ist übrigens ein sehr gewöhnlicher Zuruf bettelnden Zigeunervolkes. Zur Ehr' der heil'gen Maid. Ich wandre schon den ganzen Tag, Doch blieb ich bar und blank, Bekam nicht einen Bissen Brot, Nicht einen Schluck zum Trank.« Sie riefen: »Bei der heil'gen Maid, Uns mangelt's selbst an Geld: Man hat heut morgen uns beraubt, Aus uns kein Pfennig fällt!« »Ich fürchte sehr,« sprach Robin Hood, »Daß ihr 'ne Lüge sagt; Und eh' ihr mögt von hinnen ziehn, Sei ein Versuch gewagt.« Die Priester, als sie dies gehört, Schnell ritten sie davon, Doch Robin, auf den Sohlen flink, Hat eingeholt sie schon. Er hielt in ihrer Flucht sie auf Und riß vom Pferd das Paar. »Verschon uns, Bruder,« riefen sie, »Dein Mitleid uns bewahr!« »Da ihr kein Geld habt,« sprach Robin, »So laßt allhier im Feld Aufs Knie uns fallen alle drei Und flehn zu Gott um Geld!« Die Priester widerstrebten nicht Und senkten sich aufs Knie. »O send' uns Geld in unsrer Not! O send' es!« flehten sie. Die Priester blickten sauer drein, Die Hände ringend bang, Bald weinten sie, bald schrien sie laut, Robin doch lustig sang. Als so das Jammern und Gebet Ein Stündchen wohl gewährt, Rief Robin: »Laßt uns sehn, wieviel Der Himmel uns beschert? Wir teilen jetzt zu gleichem Teil, Was unser ward an Geld, Und unter uns soll keiner sein, Der den Genossen prellt.« Die Priester griffen in den Sack Und sagten, daß nichts drin. »Der eine such' den andern durch, Der Reih' nach!« sprach Robin. Robin durchsuchte selbst die zwei Und machte goldnen Fund, Fünfhundert Stücke zählt er bar Wohl auf den Rasengrund. »Ein holder Anblick,« rief Robin, »Solch Haufen Golds, o seht! Ihr sollt auch haben euren Teil Für euer fromm Gebet.« Drauf gab er jedem fünfzig Pfund, Den Rest nahm er für sich, Die Priester wagten nicht ein Wort Und seufzten wunderlich. Dann sprangen beide von den Knien, Im Wahn, sie könnten fort. »Nicht doch!« sprach Robin, »eh' ihr zieht, Vernehmt nur noch ein Wort: Ihr sollt auf diesem heil'gen Gras Mir schwören einen Eid, Daß keine Lüg' ihr wieder sagt, Wo ihr auch immer seid. Dann schwört ihr mir den zweiten Eid, Daß bei lebend'gem Leib Nie eine Jungfrau ihr verführt, Nie liegt bei fremdem Weib. Zuletzt beschwört, stets milde Hand Zu leihn dem armen Mann, Sagt, daß euch's lehrt' ein heil'ger Mönch, Nichts weiter wünsch' ich dann.« Drauf half den Priestern er zu Pferd, Sie ritten fort alsbald, Er aber kehrte froh und stolz Zum lust'gen, grünen Wald. Robin Hood rettet der Witwe drei Söhne.         Zwölf Monat' gibt's im ganzen Jahr, So spricht man, daß es sei, Der lustigste jedoch im Jahr, Das ist der lustige Mai. Nach Nottingham ging Robin Hood, Ging singend durch das Land, Bis er ein schlichtes altes Weib Am Weg in Tränen fand. »Was Neus? Was Neus? du altes Weib, Was bringst für Neuigkeit?« Sie sprach: »Drei Junker in der Stadt Hält man zum Tod bereit.« »Ei, haben Dörfer sie verbrannt? Geschlagen Priesters Leib? Ei, haben Jungfraun sie geraubt? Entehrt des andern Weib?« »Nicht haben Dörfer sie verbrannt, Bedroht nicht Priesters Leib; Nicht haben Jungfraun sie geraubt, Entehrt kein fremdes Weib.« »Ei nun, was taten sie? sag an!« So drängt Robin und frägt; »Ihr Bogen hat, dem Euren gleich, Des Königs Wild erlegt.« »Weib,« sprach er, »weißt noch, wie du einst Mir Speis' und Trank gereicht? Fürwahr, du fändest für dein Wort So gute Zeit nicht leicht.« Und Robin ging nach Nottingham, Ging singend durch das Land, Bis einen armen Pilgersmann Er auf der Straße fand. »Was Neus? Was Neus? du alter Mann, Was bringst für Neuigkeit?« Der sprach: »Drei Junker in der Stadt Hält man zum Tod bereit.« »Komm, tausche dein Gewand mit mir, Komm, geh den Tausch nur ein, Nimm vierzig Schilling Silbers hier, Vertrink's in Bier und Wein.« Der Alte sprach. »Dein Kleid ist gut, Meins will in Fetzen gehn; Nie treibe mit dem Alter Spott, Wo du magst gehn und stehn.« »Komm, alter Kerl, und tausch mit mir, Komm, geh den Tausch nur ein, Hier hast du zwanzig Goldstück' blank, Die Brüder bewirt mit Wein!« Er setzt den Hut des Alten auf, Der kaum am Scheitel saß: »Beim ersten Kampf, den ich besteh', Wohl fliegst du fort ins Gras!« Er zog des Alten Mantel an, Geflickt schwarz, rot und blau, Er schämt sich nicht, den Brotsack heut Zu tragen frei zur Schau. Er zog des Alten Hosen an, Mit Flicken allerseit: »Bei meiner Treu, den guten Mann Plagt nicht die Eitelkeit!« Er zog des Alten Strümpfe an, Von Löchern ganz zerfetzt: »Bei meiner Treu, wär' ich gestimmt Zum Lachen, lacht' ich jetzt!« Er zog des Alten Schuhe an, Mit Lappen überstreut, Da schwor er einen heil'gen Schwur: »Ja, Kleider machen Leut'!« Und Robin kam nach Nottingham, Ging singend seinen Gang, Den stolzen Sheriff traf er da, Der schritt die Stadt entlang. Und Robin rief: »Christ blick' auf Euch! Christ steh' Euch, Sheriff, bei! Was gebt Ihr einem alten Mann, Der heut' Euch Henker sei?« »Ein neu Gewand,« der Sheriff sprach, »Ein neu Gewand kriegst du; Ein neu Gewand ist Henkers Lohn Und dreizehn Pence dazu.« Da dreht sich Robin um und um, Springt über Stock und Stein, Der Sheriff schwur: »Ei, alter Knab', Das heißt gesprungen sein.« »Mein Lebtag war kein Henker ich, Noch werb' ich um solch Amt; Der sich zuerst zum Henker lieh, Der sei von Gott verdammt! Hab' einen Sack für Mehl und Malz, Hab' einen für Gerst' und Korn, Hab' einen Sack für Brot und Fleisch Und einen für mein klein Horn. Ich hab' in meinem Sack ein Horn, Bekam's von Robin Hood, Und setz' ich das an meinen Mund, Für dich wohl bläst's nicht gut.« »Ei, stoß ins Horn, du eitler Wicht, Mir macht es wenig Graus; O bliesest du, bis dir vom Kopf Die Augen sprängen aus!« Er stieß ins Horn zum erstenmal, Daß weit und grell es klang; Da kamen hundertfünfzig Mann Gesprengt vom Bergeshang. Er stieß ins Horn zum andernmal, Das klang so stark und hell, Da glänzten auf dem Felde hin Wohl sechzig Mann zur Stell'. »O, wer sind die,« der Sheriff frug, »Die rennen übers Feld?« »Ei, meine Leute,« sprach Robin, »Dir zum Besuch gesellt.« Vom Galgen lösen sie das Seil, Die Junker sind nun frei, Und hängt dafür der Sheriff nicht, So ist viel Glück dabei. » Und hängt dafür der Sheriff nicht, / So ist viel Glück dabei. « Im Urtext wird der Sheriff wirklich gehängt. Wenn der Übersetzer sich hier eine Art Begnadigungsrecht anmaßte, so möge man dies nicht als eine Überschreitung jenes bescheidenen Maßes von Freiheit, welches er für die Behandlung dieses Balladenkreises in Anspruch nehmen mußte, sondern fast als Gebot der Notwendigkeit ansehen, indem es nicht wohl anging, den Sheriff, welcher schon in der nächsten, wie in den späteren Balladen, ungeschädigten Leibes in sehr entschiedener Weise auftritt, unmittelbar vorher vom Leben zum Tode bringen zu lassen. Diese Änderung schien um so mehr erlaubt, als eine andere, genau denselben Gegenstand und oft mit den gleichen Worten behandelnde Ballade (unter dem Titel: Robin Hood rescuing the three squires from Nottingham gallows ) jenen für den Sheriff so verhängnisvollen Schluß nicht hat, sondern einfach mit der Rettung der drei Junker abschließt. Der in der Ballade mit dem deutschen Worte »Junker« übersetzte Ausdruck Squire, Esquire bezeichnet in der englischen Adelswelt die nächste Rangstufe nach dem Ritter, ursprünglich aber einen Knappen oder Schildträger ( Ecuyer, Escudero ). Robin Hood und der goldene Pfeil.         In Nottingham des Sheriffs Herz Der Ärger fast zerrieb, Er spricht nicht gut von Robin Hood, Dem kühnen, trotz'gen Dieb. Sein Leid zu klagen, hat er sich Nach London aufgemacht; Der König dort zog jedes Wort Gar ernstlich in Bedacht. »Ei,« sprach Richard, »was kann ich tun? Bist nicht mein Sheriff du? Gesetz in Kraft schützt dich und schafft Dir vor Beleid'gern Ruh'. Drum geh nach Haus, und mit dir selbst Berat ein schlaues Spiel, Das bring' zu Fall die Meutrer all', So hilf dir selbst ans Ziel.« Der Sheriff schied, auf seinem Weg Des Königsworts gedenk, Wie er die Sach' fein allgemach Zu gutem Ende lenk'. In seinem Sinn so vor sich hin, Dacht' er ein Kampfspiel aus, Da fänden sich ein die Vogelfrein Als Schützen wohl zum Strauß. Und einen Pfeil, des Spitze Gold, Des Schaft von Silber weiß, Den trägt zum Lohn der Sieger davon, Als Schützenrecht und Preis. Die Nachricht kam zu Robin Hood Im grünen Waldrevier: »Auf! rüstet heut euch, meine Leut', Zum Festspiel wollen wir!« Da trat ein wackres Bürschlein vor, David von Donkaster: »Rührt euch sobald nicht aus dem Wald, O tut, wie ich begehr'! In Wahrheit, ich erfuhr's genau, Das Spiel ist eitel Lug, Der Sheriff, wißt, ersann die List Uns Schützen nur zum Trug.« »Das schmeckt nach Feigheit!« rief Robin, »Mir sprichst du nicht zu Gunst; Ich prüf' aufs Glück heut mein Geschick In edler Schützenkunst.« Drauf sprach der tapfre, kleine John: »Laßt uns den Gang bestehn! Doch kommt und hört, wie ungestört Und unerkannt wir gehn. Die Mäntel all' von Linkolngrün, Die bleiben hier versteckt. Wählt mit Bedacht verschiedne Tracht, So gehn wir unentdeckt. Der eine weiß, der andre blau, Der gelb und jener rot, So ganz entstellt zum Schützenfeld Gehn wir, und was auch droht.« Sie ziehn, das Herz voll Mut und Stolz, Zum grünen Wald hinaus, All' hocherfreut, des Sheriffs Leut' Hart zu bestehn im Strauß. Sie mengten sich zum andern Volk, Daß jeder Argwohn ruht, Denn stünden sie zusammen hie, Es wäre Übermut. Der Sheriff sieht sich um im Kreis Wohl von achthundert Mann, Doch kamen nicht ihm zu Gesicht, Die längst er wünscht' heran. Man sprach: »Selbst Robin, wär' er hier Samt seiner Kumpanie, Besiegte heut nicht diese Leut', So prächtig schießen sie!« »Ich dacht', er käm',« der Sheriff ruft's Und kratzt sich hinterm Ohr, »Doch da er fehlt, scheint's, daß der Held Dazu den Mut verlor.« Das Wort schnitt tief in Robins Herz Und trieb empor sein Blut: »Nicht lange währt's, und er erfährt's, Daß hier war Robin Hood!« »Blaujacke!« ruft man hier, dort: »braun!« »Brav Gelb!« ein dritter spricht, Ein vierter dann: »In Rot der Mann Hat hier desgleichen nicht!« Und dieser war Kühn Robin selbst Er trug ein rot Gewand, Mit jedem Schuß gewann zum Schluß Solch fest' und sichre Hand. Den Pfeil, des Spitze ganz aus Gold, Des Schaft von Silber weiß, Den trug zum Lohn Robin davon Als Schützenrecht und Preis. Und jeden Argwohn zu zerstreun, Die Schar den Heimweg nahm, In kleiner Zahl, drei, vier zumal, So ging sie, wie sie kam. Als sie beisammen saßen all' Im grünen Waldesdicht, Gedacht' ihr Wort der Kurzweil dort Mit fröhlichem Bericht. »Eins kümmert mich,« sprach Robin Hood, »Wie ich's dem Sheriff kann Verkünden klar, daß ich es war, Der seinen Pfeil gewann?« Da sprach Klein John: »Mein guter Rat Hat Euch zuvor erfreut, So mein' ich drum, – nehmt Ihr's nicht krumm – Ich rat' Euch nochmals heut.« »O sprich.« rief Robin, »sprich, dein Witz Ist flink und echt zugleich, Kein Mann, ich weiß, ist hier im Kreis An Mutterwitz so reich.« »Mein Rat ist dieser,« sprach Klein John, »Man schreibt ein Brieflein fein, Und schickt das Blatt in seine Stadt Dem Sheriff dann hinein.« »Der Rat ist gut,« sprach Robin Hood, »Doch wie wird's hingesandt?« »Bah, Meister, das ist Kinderspaß, Laßt Ihr mir freie Hand. Ich steck' an meinen Pfeil den Brief Und schieß' ihn in die Stadt; Wenn's niederfiel, bringt schon ans Ziel Die Aufschrift Euer Blatt.« So flog's hinein nach Nottingham, Der Sheriff hob's empor, Ward rot und blaß, als er's durchlas, Und kratzt sich hinterm Ohr. Robin Hood und Allin vom Tal. Allan o' the dale, nach Spenser Hall ein Minstrel und liebenswürdiger Charakter, gleichfalls der Bande Robin Hoods angehörig.     Im Waldesraum stand Robin Hood Wohl unterm grünen Baum, Da sah er einen jungen Mann, Den schönern traf man kaum. Der trug ein Kleid von Scharlach rot, Von Scharlach hell und fein, Er sprang gar froh den Pfad entlang Und sang ein Rundlied drein. Am nächsten Morgen stand Robin Im lust'gen Laubgeheg', Er sah denselben jungen Mann Gar traurig ziehn den Weg. Er trägt nicht mehr das Scharlachkleid, In dem er gestern schritt, Er jammert kläglich ach und weh Und seufzt bei jedem Tritt. Klein John, der Wackre, trat heran Und Midge, des Müllers Sohn; Als die der Jüngling kommen sah, Spannt' er den Bogen schon. »Steht stille!« rief der junge Mann, »Und sagt, was mein ihr wollt?« »Daß Ihr dort unterm grünen Baum Zu unserm Meister sollt!« Und als er trat vor Robin Hood, Frug der mit guter Art: »Hast du für mich und meine Leut' Wohl etwas Geld gespart?« Der Junker sprach: »Fünf Schilling nur Und dieser Ring ist mein, Den wahrt' ich sieben lange Jahr', Zum Brautring ihn zu weihn. Die Hochzeit sollte gestern sein, Da nahm man mir die Maid, 'nen alten Ritter zu erfreun; Drum ist mein Herz voll Leid.« »Wie ist dein Name?« frug Robin, »Sprich ohne Rückhalt frei!« Er sprach: »Ich heiß' Allin vom Tal, So Gott mir gnädig sei.« »Was gibst du mir,« frug Robin Hood, »Seis Gold, sei's Goldeswert, Wenn ich dir helf', daß dein Treulieb In deine Arme kehrt?« Drauf sprach der Junker: »Weder Gold, Noch Goldeswert ist mein; Doch schwör' ich dir's aufs heil'ge Buch, Dein Dienstmann treu zu sein.« »Wie weit zu deinem Treulieb ist's? Sprich ohne Rückhalt frei!« Er sprach: »Fünf kleine Meilen nur, So Gott mir gnädig sei.« Da hastet Robin durchs Gefild, Ihn läßt's nicht stille stehn, Bis er in jene Kirche kommt, Die für das Fest ersehn. Der Bischof frug: »Was treibt dich her? Das wolle mir vertraun.« »Ich bin ein Harfner,« sprach Robin, »Der beste in Nordens Gaun.« »Willkommen hoch!« der Bischof rief's, »Sehr lieb' ich Harfenlaut!« »Ich spiele nur,« versetzt Robin, »Vor Bräutigam und Braut.« Da trat ein reicher Ritter ein, Gar alt und ernst zumal, Und dann ein Fräulein wunderlieb, Das glänzt wie Goldesstrahl. »Kein rechter Bund ist's,« sprach Robin, »Den ihr da knüpfen wollt! Da wir 'mal hier, erwähl' die Braut Doch selbst den Liebsten hold!« Sein Horn zum Munde führt Robin, Zwei-, dreimal bläst er drauf, Und vierundzwanzig Schützen kühn Sind da im schnellsten Lauf. Sie schreiten übern Kirchhofgrund, In eine Reih' gesellt, Der erste vorn Allin vom Tal, Der Robins Bogen hält. »Allin, dies ist dein treues Lieb, So hört' ich,« sprach Robin, »Ihr sollt vermählt sein noch zur Stund', Eh' wir von dannen ziehn.« Der Bischof rief: »Das geht nicht an! Dein Wort hat nicht Bestand; Dreimal ein kirchlich Aufgebot Will das Gesetz im Land.« Des Bischofs Mantel nahm Robin, Den zog Klein John jetzt an, »Bei meiner Treu!« rief Robin Hood, »Dies Kleid macht dich zum Mann!« Und als Klein John zum Chore schritt, Da lachten all' im Raum; Drauf bot er siebenmal sie aus, Dreimal genügt's ihm kaum. John frug: »Wer führt die Braut mir zu?« »Ich tu's!« sprach Robin drauf, »Und wer sie je von Allin reißt, Der büßt's mit teurem Kauf!« Die Braut glich einer Königin! Nun ist die Hochzeit aus; So kehrten all' zum lust'gen Wald, Ins grüne Laub nach Haus. Robin Hood und der Bischof von Hereford. Hereford, die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft angeblich auf den Trümmern Acriconiums gebaut, ist eine der ältesten Bischofstädte Englands. Die Domkirche, welche sich über dem Grabe des ostanglischen Königs Ethelbert erhebt, wurde 1055 durch die Normannen zerstört, jedoch im zwölften Jahrhundert wieder neugebaut.         Im lust'gen Barnsdal' ist's geschehn, Im grünen Waldgeheg', Der Bischof von Hereford sollte ziehn Mit seiner Schar den Weg. »Kommt, schießt ein Wildbret,« sprach Robin, »Schießt mir ein fettes Tier, Der Bischof von Hereford ist mein Gast, Zahlt heut' die Zeche mir. Kommt, schießen wir ein fettes Wild Und braten's hart am Weg Und wachen, daß der Bischof nicht Hinreit' auf andrem Steg.« Robin zog sich als Schäfer an, Sechs Schützen ebenso; Die sprangen, als der Bischof naht', Im Kreis ums Feuer froh. Der Bischof frug: »Was ist hier los? Wem gilt die Lustbarkeit? Was tötet ihr des Königs Wild, Da ihr so wenige seid?« »Herr,« sprach Robin, »wir hüten Schaf' Jahrüber im Gefild; Doch heut' mal woll'n wir lustig sein, Und schießen Königswild.« »Seid wackre Leut'!« der Bischof rief, »Dem König werd' es kund; Drum hurtig auf! Ihr sollt mit mir Zum König hin zur Stund'.« »O Gnade, Gnade!« rief Robin, »Seid gnädig und verzeiht! So viele Leut' dem Tod zu weihn, Steht schlecht zu Eurem Kleid.« »O nichts von Gnad' und von Verzeihn!« So rief des Bischofs Mund, »Nur hurtig auf! Ihr müßt mit mir Zum König fort zur Stund'.« Robin lehnt sich an einen Baum, Den Fuß an einen Dorn Und zieht aus seinem Schäferkleid Hervor sein Jägerhorn. Er setzt die Spitze an den Mund Und bläst gar laut darein, Da sprangen siebzig seiner Leut' Heran in vollen Reihn. Sie neigten all' vor Robin sich, Ein Anblick war's voll Pracht; »Was gibt's denn, Meister,« frug Klein John, »Daß Ihr so bliest mit Macht?« »Der Bischof hier von Hereford steht, Der keine Gnad' uns gab!« »Schlagt ihm den Kopf ab!« rief Klein John, »Und werft ihn in sein Grab!« »O Gnade, Gnad'!« der Bischof rief, »Seid gnädig und verzeiht! Hätt' ich gewußt, daß ihr allhie, Wohl zög' ich anderweit.« »O nichts von Gnad' und von Verzeihn!« Versetzte Robins Mund, »Nur hurtig auf! Ihr sollt mit mir Nach Barnesdal' zur Stund'.« Er führt den Bischof an der Hand Zum lust'gen Wald hinein, Setzt ihn zu sich ans Abendmahl Und schenkt ihm Bier und Wein. »Die Rechnung!« rief der Bischof bang, »Mich sorgt, sie schwillt zu dick!« »Leiht Eure Börse mir,« sprach John, »Ihr hört's im Augenblick.« Des Bischofs Mantel nahm Klein John, Er breitet ihn zum Grund, Und aus des Bischofs Mantelsack Zählt er dreihundert Pfund. »Hier ist des Gelds genug!« rief John, »Ein Anblick wunderhold! Das söhnt mich mit dem Bischof aus, Obschon er mir noch grollt.« Drauf Robin: »Spielleut', aufgespielt!« Des Bischofs Hand er nahm, Der mußt' in Stiefeln tanzen rund, Froh, daß er so entkam. Klein John und die vier Bettler. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Robin Hood und seine Leute, so sehr sie das Glück mitunter begünstigte, doch zeitweise in Mangel gerieten und in allem Ernst bisweilen aufs Betteln sich verlegen mußten. (Ritson.)         Zur Schar im Walde sprach Robin: »Es geht uns knapp und schmal, Ein Mann sei ersehn, aufs Betteln zu gehn, Klein John, dich trifft die Wahl.« Sprach John: »Und muß ich betteln gehn, Gebt mir zur Bettelfahrt Den Knotenstock, den Lumpenrock Und Säcke jeder Art. Gebt einen Sack mir für den Quark Und einen für das Brot Und einen fürs Geld; wenn das drein fällt Dann leid' ich keine Not.« Da zog Klein John aufs Betteln aus Und fleht um Gotteslohn, Soviel er fand der Bettler im Land, Ihr Schmuck doch blieb Klein John. Einst als er einsam schritt des Wegs, Vier Bettler nahm er wahr, Der blind, der stumm, der lahm, der krumm, Er denkt: 'ne schmucke Schar! »Gut'n Morgen, Brüder,« sprach Klein John, »Euch fand mein guter Stern; Wohin die Bahn? O sagt mir's an, Gesellschaft träf' ich gern. Doch sagt, was gibt's, daß Läuten rings Von allen Glocken schallt? Wird einer gehängt? Wo Volk sich drängt, Erfrägt man so was bald.« »Gehängt wird keiner,« sprach der erst', »Und laß dir's sagen, Gauch, Doch einer, der tot, gibt Käs' uns und Brot, Manch Pennystück wohl auch.« » Doch einer der tot, gibt Käs' uns und Brot, / Manch Pennystück wohl auch. « Zur Zeit des Papsttums war es in England Sitte, unter alle Leute ohne Unterschied, welche sich zum Leichenbegängnisse eines Nachbars einfanden, Brot und Geld zu verteilen, und zwar um sie zu desto andächtigerem Gebete für die Seele des Verstorbenen zu ermuntern. Und noch jetzt ist es bei den untern und Mittelklassen des nördlichen Englands Gebrauch, wenn ein Mitglied der Familie starb, in deren Namen durch den Bäcker in jedem Hause des Kirchspiels so viel Pennylaibe Brotes und kleine Rosinenkuchen ( plumb-cakes ), als Personen den Hausstand bilden, verteilen zu lassen. (Ritson nach Peeks Mspt.) »Wir zählen Brüder rings im Land,« Der zweite Bettler spricht, »Doch keinen dir gleich im weiten Reich, Du krüppelhafter Wicht! Drum pack dich fort, du Krüppelwicht, Und für dein Haupt nimm das!« »Ich geh' nicht von hier, bis jeder mit mir In einem Gang sich maß. Kommt all' herbei, kommt nach der Reih', Wenn ihr so schlagbereit, Kämpft alle vier, weicht nicht von hier, Ob Freund, ob Feind ihr seid!« John schlägt den Stummen, daß er brüllt, Macht sehend den, der blind; Der sieben Jahr ein Lahmer war, Flieht schneller als der Wind. All' an die Wand wirft seine Hand Mit mächt'gem Stoß und Drang, Klein John, der singt, weil die Steinwand klingt Laut von des Goldes Klang. Aus ihren Mänteln zog er vor Dreihundert Pfund in Gold: »Mein guter Stern war mir nicht fern, Gönnt mir den Anblick hold.« Was fand in ihren Säcken er? Dreihundert Pfund und mehr; »Wenn ich Wasser trink', solang' dies blinkt, Sei einst mein Sterben schwer! Nun sei vorbei die Bettelei, Da mir gelacht das Glück! Was säum' ich hier? Fort ins Revier Des lustigen Walds zurück!« Und als er trat in Sherwoods Wald, Da ward er schnell gewahr Kühn Robin Hood, den Meister gut, Und seine ganze Schar. »Was Neus? Was Neus?« frug Robin Hood, »Klein John, nun gib mir kund, Welch Glück dir ward auf der Bettelfahrt? Mir wässert schon der Mund.« »Nur gutes Neus!« rief John. »Es stand Das Bettelglück mir bei; Sieh hier den Sold in Silber und Gold, Sechshundert Pfund und drei!« Und Robin Hood am Arm Klein Johns Tanzt um den Eichbaum her: »Wer Wasser trinkt, solang' dies blinkt, Dem sei das Sterben schwer!« König Richard und Robin Hood. Ein junger finnischer Forscher, Herr E. G. Estlander, welcher kürzlich zwei Abhandlungen in schwedischer Sprache: Richard Lejonhjerta und Folkesangerna om Richard, worin er die zweite Hälfte des zwölften Jahrhunderts als das Zeitalter Robin Hoods annimmt, ans Licht gestellt hat, charakterisiert das von W. Scott im Ivanhoe geschilderte Zusammentreffen König Richards mit Robin Hood in folgenden Worten, welche auch auf unsere Volksballade Anwendung finden: »Persönliche Berührung beider hat schwerlich stattgefunden, und doch kann eine wahrheitsgemäßere Veränderung der historischen Wirklichkeit nicht gedacht werden als diejenige, welche den Ritterkönig auf dem Thron und den Freibeuterkönig der Wildnis einander begegnen läßt. Denn wie unermeßlich auch der Abstand scheinen mag zwischen dem Beherrscher der mächtigsten Nation des Westens, dessen Wille Gesetz war für ein blühendes Reich, dessen Fahnen die stolzeste Ritterschaft folgte, und dem rechtlosen Freibeuter, der mit seinen Leuten dem Wilde gleich gejagt ward in Sherwoods Wäldern, so begegnen sich ihre Charaktere doch in zwei wesentlichen Punkten. Beide Männer sind echt romantische Persönlichkeiten wegen ihrer Losgebundenheit von den trivialen Verhältnissen des alltäglichen Lebens; beide sind außerdem gleichzeitige Repräsentanten zweier Völker, welche nach der Schlacht bei Hastings so lange feindlich nebeneinander wohnten in demselben Lande. Während die Normannen mit Begeisterung ihrem Helden folgten auf seiner weltberühmten Ritterfahrt nach dem heiligen Lande, sieht das Volk der Angelsachsen mit Gram in Sherwoods Freibeutern die letzten Kämpfer um seine Selbständigkeit. Der Gegensatz der beiden Persönlichkeiten erweitert sich so zu einem Gegensatze des Charakters, der Lebensbedingungen und sozialen Stellung zweier Völker.« (Vgl. den Aufsatz: »Richard Löwenherz und Robin Hood« in Nr. 23 des Magazins für die Literatur des Auslandes. Jahrg. 1861.)           Der König Richard hat gehört Manch Stücklein von Robin, Drob staunt' er sehr und wünscht' noch mehr Zu sehn sein Volk und ihn. Mit einem Dutzend seiner Lords Ritt er nach Nottingham, Wo er befahl ein gutes Mahl, Wo er die Herberg' nahm. Als eine Zeit er da verweilt Und doch sein Ziel nicht fand, Er und die Lords einstimm'gen Worts Anzogen Mönchsgewand. Von Fountains-Abbey ritt der Zug Gen Barnsdal' hin gewandt, Wo kampfbereit die Schar gereiht Von Robin Hood schon stand. Der König überragt den Troß, Daß Robin heimlich dacht', Das sei der Abt, und schon sich labt Am Fange, den er macht. Er faßt des Königs Pferd am Zaum: »Halt, Abt,« so rief er, »halt! Ich wend' mich gern an solche Herrn, Die Pracht und Prunk umwallt.« »Wir sind des Königs Botenschar,« Der König selbst versetzt, »Nicht ferne steht die Majestät, Mit dir zu sprechen jetzt.« »Gott schütz' den König,« rief Robin, »Und all', die zu ihm stehn; Wer seinen Thron wagt zu bedrohn, Der soll zur Hölle gehn.« »Dich selbst verdammst du,« rief der Fürst, »Du übst Verräters Art!« »O nein, bei Gott! Ob Königsbot', Das lügst du in den Bart! Nie tat ich Leides einem Mann, Der treu und ehrlich lebt; Mich reizt nur der, des schnöd' Begehr Nach fremdem Gute strebt. Ich tat kein Leid dem Ackersmann, Der pflügt auf seinem Grund, Noch dem, der hier das Waldrevier Durchstreift mit Falk und Hund. Erzfeind bin ich der Geistlichkeit, Die übermächtig heut! Solch fauler Bauch und schelmischer Gauch, Ein Fang ist's, der mich freut! Doch bin ich froh, daß ich Euch traf Auf Eurer Botenfahrt; Kommt, Freund, ich biet' Euch, eh' Ihr zieht, Ein Mahl nach Waldesart.« Verwundert steht der König da Und alle nach der Reih', Und jeder fragt sich halbverzagt, Was für ein Mahl das sei? Da führt Robin zu seinem Zelt Des Königs Pferd am Zaum: »Dich schickt,« sprach er, »mein Fürst und Herr, Sonst ehrt' ich so dich kaum. Zulieb dem König Richard tu' Ich mehr als dieses heut; Habt Ihr mehr Geld, als je ich zählt', Ich nehm Euch keinen Deut.« Robin setzt an den Mund sein Horn, Bläst laut und hell darein, Und hundertzehn der Schützen gehn Heran in vollen Reihn. Als sie vorbei an Robin ziehn, Beugt jeder Mann das Knie: Der König dacht': Ei, welche Pracht! Wohl Schönres sah ich nie! Er dachte: O Robin, wie hast Dein Volk du in Gewalt, Mehr huldigt's dir, als meines mir, So lern' der Hof vom Wald! Zum Mahle setzten dann sich all' Auf grünem Rasengrund, Die ganze Zahl, rot, schwarz und fahl, Ein Anblick seltsam bunt. Geflügel gab's, Wildbret vollauf Und aus dem Fluß den Fisch; Der König schwur: »Auf See und Flur, Nie hielt ich bessern Tisch!« Robin ergriff die Kanne Ale: »Nun den Beginn gemacht! Und jedermann erheb' die Kann': Dem König sei's gebracht!« Der König selbst trank Königs Heil, Das ging die Rund' entlang, So daß dies Wohl zwei Tonnen voll Des besten Biers verschlang. Dann einen Becher Weines schwingt Robin hoch in der Hand: »Will trinken Wein im grünen Hain Bis an des Grabes Rand! Nun spannt mir eure Bogen all', Beschwingt mit Grauganskiel, Zeigt eine Prob' der Kunst, als ob Der König säh' das Spiel.« Sie schossen all' so meisterlich Wohl Stab und Schaft entzwei; Der König fand, daß kaum ein Land Mit ihresgleichen sei! »Brav, Robin!« sprach der König dann, »Wenn ich dir bring' Verzeihn, Willst jederzeit du dienstbereit Und treu dem König sein?« »Ja,« rief Robin, »von Herzen, ja!« Und jeder schwang den Hut, »Wir sind allzeit ihm dienstbereit Und weihn ihm Gut und Blut! Ein Priester war mein erster Feind, Drum hass' ich diesen Stand; Da Ihr Euch zeigt so wohlgeneigt, Sei auch mein Groll verbannt!« Der König hielt nicht länger sich, Von mildem Sinn erfüllt: »Robin, dir sei nun frank und frei Die Wahrheit ganz enthüllt! Ich bin der König, euer Herr, Der eurem Blick sich zeigt.« Als Robin da die Wahrheit sah, Ist schon sein Knie geneigt. Der König sprach: »Steh wieder auf! Dir sei in Huld verziehn! Mein Freund, steh auf! – Wer hemmt den Lauf Der Gunst, die ich verliehn?« Laut jubelnd ging's nach Nottingham, Daß dort das Volk wohl meint Den König tot, die Stadt bedroht, Im Anzug schon den Feind. Der Pflüger ließ den Pflug im Feld. Die Esse ließ der Schmied, Manch Alter, der geht mit Beschwer, Am Krückstab hinkend flieht. Doch als der König Kunde gab Dem Volke, was geschehn, Im Chore schallt sein: »Gott erhalt'!« »Heil, unsre Stadt bleibt stehn!« Der Sheriff frug: »Ist dies Robin, Der Schelm, der mir verhaßt, Der wunderlich mein Volk und mich Geladen jüngst zu Gast?« »Ei,« rief Robin, »so tut mir's gleich! Bestellt ein Nachtmahl frisch! Der König sag' von diesem Tag: Nie hielt ich bessern Tisch!« Als tags darauf der ganze Zug Aufbrach mit Mann und Roß, Zog auch Robin nach London hin Ins hohe Königsschloß. Robin Hood verläßt den Hof. Diese Ballade ist dem mehrfach genannten »Lyttel geste« entnommen und findet sich in der 8. Abteilung ( fytte ) des genannten Balladenkranzes.         Als Robin fünfzehn Monde kaum Am Königshofe war, Verzehrt' er seiner Leute Sold Und hundert Pfunde bar. Am Jahresschluß verblieben ihm Zwei Leute ganz allein, Das war Klein John und Skadlock gut, Die wollten treu ihm sein. Bei frohem Bogenschießen traf Einst junges Volk Robin; »Weh mir, weh mir!« so klagt' er schwer, »Mein Reichtum ist dahin! Einst war auch ich ein Schütze gut Von fester, sicherer Hand; Man pries den besten Schützen mich Im lustigen Engelland. Weh mir, weh mir!« so klagt' er schwer, »Weh mir und dreimal weh! Bleib' ich beim König länger noch, Vor Trübsal ich vergeh'!« Da wandte Robin Hood sich ab Und ging zum König grad': »O König Englands, hoher Herr, Gewähr' mir eine Gnad'! Ich baut' ein Kirchlein in Barnesdal', Gar lieblich ist's zu sehn, Marien Magdalenen geweiht, Und dorthin möcht' ich gehn. Die letzten sieben Nächte drob Kein Schlaf ins Aug' mir kam, Die letzten sieben Tage drob Nicht Trank, nicht Speis' ich nahm. Mich treibt's nach Barnesdal' mit Macht, Es leidet mich nicht fern, Barfüßig und im Büßerhemd Dahin wohl eilt' ich gern.« Der König sprach: »Und ist es so, So mag nichts besser sein, Ich geb' dir Urlaub, doch nicht mehr Als sieben Nächt' allein.« »O schönen Dank, Herr!« rief Robin Und fiel aufs Knie alsbald. Dann Abschied nahm er artiglich Und schritt zum grünen Wald. Und als er kam zum grünen Wald In fröhlicher Morgenzeit, Da hört' er lustigen Vogelsang Vielstimmig weit und breit. »Wohl lange Zeit ist's,« sprach Robin, »Daß ich zuletzt war hier; Und einmal wieder schöss' ich gern Aufs liebe braune Tier!« Robin schoß einen mächtigen Hirsch, Führt dann sein Horn zum Mund, Der Ton ist allen Vogelfrein In diesem Walde kund. Sie sammeln sich in Rotten schnell; Kaum eines Schusses weit Stehn hundertvierzig prächtige Bursch', In eine Schar gereiht. Sie nehmen fein die Hüte ab Und beugen dann ihr Knie; »Willkommen, Meister,« riefen all', »Im grünen Holz allhie.« So lebt er zwanzig Jahr und zwei Im grünen Waldesdicht, Und alle Macht des Königs bracht' Zurück zu Hof ihn nicht. Der König jagt auf Robin Hood.     Wohl hat er fürstlich ihm verziehn, Als Robin vor ihm stand, Den König doch verdroß es hoch, Als er sich heimgewandt. Vom Hofe eilt der König fort, Es grollt ihm Herz und Mut, Und dort und da, wohl fern und nah Fragt er nach Robin Hood. Und als er kam nach Nottingham, Robin im Walde lag: »Nun laßt uns gehn und laßt mich sehn, Wer ihn wohl finden mag?« Als Robin hört', der König zieh' Auf ihn heran zur Jagd, Da sprach Klein John: »Wir ziehn davon, Wo's besser uns behagt.« Sie flohn aus Sherwoods lustigem Wald, Nach Yorkshire ging ihr Zug; Der Fürst zog aus mit Schall und Braus, Doch nimmer nah genug. Doch Robin hält nicht an, bis er Newcastles Stadt erreicht, Ruht Stunden zwei, vielleicht auch drei, Drauf er gen Berwick weicht. Als Robins Flucht der König sah, Kaum zähmt' er den Verdruß, Folgt überall mit Braus und Schall: »Dich fang' ich doch zum Schluß!« »Nur fort und fort!« ermahnt Klein John, »Folg' uns, wer's kann und wagt! Nach Carlisle heut', ihr lieben Leut', Dann nach Lancaster jagt!« Nach Chester von Lancaster ging's, Und nach's der König tat; Robin in Hast hält nimmer Rast Und fürchtet den Verrat. »Laßt uns nach London,« sprach Robin, »Zur Fürstin unerreicht! Derweil uns jagt ihr Herr, behagt Gesellschaft ihr vielleicht.« Und als er vor der Königin stand, Beugt' er sein Knie und Haupt: »Ich spräche gern mit unserm Herrn Ein Wort, wenn Ihr erlaubt.« Antwortet drauf die Königin: »Er ist in Sherwoods Wald, Er gab beim Gehn mir zu verstehn: Den Robin seh' ich bald.« »So lebt denn wohl, holdselige Frau, Nach Sherwood treibt's mich fort, Daß mir's kein Hehl, was sein Befehl; O fänd' ich ihn noch dort!« Der König kehrte voll Verdruß Und müdgehetzt zurück; Als er vernahm, wie Robin kam, Verwünscht' er sein böses Glück. Die Fürstin sprach: »Willkommen heim, Mein König und Gemahl! Kühn Robin Hood, der Schütze gut, Hat Euch gesucht zumal.« Der König lacht: »Ich such' ihn selbst, Den Schelm an Wochen drei; Sucht' er nach mir, so haben wir Kein Glück wohl alle zwei.« Robin Hood und die Königin Katharine. Es ist hier hervorzuheben, daß bis zur Zeit Heinrichs V. unter den Gemahlinnen der Könige von England keine einzige mit dem Namen Katharina vorkommt. Heinrich VIII. jedoch, der eifrige Veranlasser und Teilnehmer der Maifeste, der selbst einmal in der Maske Robin Hoods die Königin und deren Damen erschreckte und erlustigte, hatte nicht weniger als drei Frauen jenes Namens. Es ist daher erklärlich, daß letzterer den späteren Balladendichtern ziemlich geläufig war. Der Originaltext dieser Ballade, welche je nach den verschiedenen Abdrücken entweder in einem oder auch in zwei Teilen vorliegt, scheint überhaupt an mancherlei Lücken, Wort- und Strophenversetzungen und widersprechenden Lesarten zu leiden, wodurch das Verständnis, namentlich der bei dem Wettschießen beobachteten Ordnung, wesentlich erschwert wird. Wenn nicht etwa eine Strophe, in welcher die Schützen der Königin einmal schießen, vor jener, in welcher die Schützen des Königs zum zweitenmal schießend auftreten, ganz ausgefallen sein sollte, so läßt sich nur annehmen, daß sechs Schützen des Königs und nur drei Schützen der Königin sich gegenüberstanden und letztere nur gewinnen konnten, wenn sie qualitativ ganz gleiche oder bessere Schüsse als jene gemacht hatten.         Robin nahm Gold in Hüll' und Füll' Den Königsboten ab, Doch sandt' er's an die Königin Als eine Ehrengab'. »Und leb' ich nur dies Jahr zu End',« Sprach Käth', die Königin, »Dir, Robin Hood, und deiner Schar Erweist sich hold mein Sinn!« In ihr Gemach begibt sie sich, So eilig sie nur kann, Sie ruft den Richard Patrington, Den Pagen traut, heran. »Komm her zu mir, komm her zu mir, Du trauter Page mein, Du mußt jetzt fort nach Nottingham, So rasch es nur mag sein. Und wenn du nah bei Nottingham, Durchforsch' den Wald mir gut, Bei ein' und anderm Landsaß wohl Erfrägst du Robin Hood.« Er ging ein Stück, er lief ein Stück, So rasch es konnte sein; Und als er kam nach Nottingham, Im Schenkhaus sprach er ein. Und als er so in Nottingham Nun saß im Schenkhaus drin, Trank eine Flasche Rheinweins er Aufs Wohl der Königin. Ein Freisaß, ihm zur Seite, frug: »Sag mir, du Page lieb, Welch ein Geschäft und Auftrag dich So weit nach Norden trieb?« »Herr, mein Geschäft und Auftrag ist, Ich sag's mit gutem Mut, Bei ein' und anderm Landsaß wohl Erfragen Robin Hood.« »Ich steige morgen früh zu Roß, Bevor der Tag noch klar, Und zeig' den kühnen Robin dir Und seine lustige Schar.« Als vor Robin der Page stand, Senkt' auf sein Knie er sich: »Es grüßt Euch schön die Königin, Sie grüßt Euch schön durch mich. An Londons Hof beruft sie Euch, Laßt jede Furcht verbannt! Ein Festspiel gibt's; hier diesen Ring Empfangt von ihrer Hand.« Den Mantel grünen Linkolntuchs Vom Rücken nahm Robin, Daß ihn der Page zum Geschenk Darbring' der Königin. Zur Sommerszeit, als grün das Laub, Sah jeglich Aug' erfreut, Wie Robin Hood das Kleid gewählt Für sich und seine Leut'. Sie zogen all' in Linkolngrün, Haargleich, wie er's gebot, Die Hüte schwarz, die Federn weiß, Er selbst in Scharlachrot. Und als er kam an Londons Hof, Beugt er das Knie sogleich; Die Königin rief: »Dich und dein Volk, Willkommen heiß' ich euch!« Der König schritt gen Finsbury » Der König schritt gen Fiusbury. « Finsburyfield, ein Grundstück nächst Moorfields in London, berühmt und vielgenannt wegen der Vereinsfeste und Schießübungen der Bogenschützen, deren Hauptschauplatz es in früheren Zeiten war. Zu diesem Zwecke waren die daselbst befindlichen Gärten im Jahre 1498 in einen geeigneten offenen Platz umgestaltet worden. Ausführlicheres über das englische Schützenwesen und dessen Geschichte s. in Strutts Sports and Pastimes of the people of England. London 1845. Im Zug von Kriegerreihn, Kühn Robin und sein lustig Volk, Die folgten hintendrein. Die Fürstin sprach: »Erst wüßt' ich gern, Was ist der Kampfpreis hier?« »Dreihundert Tonnen Wein vom Rhein, Dreihundert Tonnen Bier! Dreihundert Hirsch' aus Dallomspark, Die fettsten, die zu sehn!« »Ein fürstlich Wettspiel!« rief die Frau, »Das muß ich zugestehn!« Den Bogenträger rief der Fürst: »Komm, Tepus, komm herbei! Mit dieser Schnur miß uns das Ziel, Wie lang die Schießbahn sei.« Da bat ein Clifton rasch und keck: »Das Fernmaß nicht geschont! Mein hoher Herr, wir schießen gar Auf Sonne und auf Mond.« »Dreihundert Schritt sei fern das Ziel, Dreihundert steckt mir ab!« »Den Bogen wett' ich,« Clifton sprach's, »Ich spalt' den Weidenstab.« Des Königs Schützen legten an, Drei trafen gut das Ziel; Die Damen schrien: »O hohe Frau, Traun, Ihr verliert das Spiel!« »Erhört mich!« rief die Königin, »Seht kniend hier mich flehn; Will keiner aus des Königs Rat Auf meiner Seite stehn? Komm her zu mir, Sir Richard Lee, Du bist ein Ritter gut, Dein edler Stammbaum sagt mir's ja, Daß du aus Gowers Blut! Komm her, Bischof von Herefordshire, Du Priester ehrenreich!« »Bei meinem Silberhut, ich wett' Kein Pennystück für Euch! Der König hat die eigne Schar Von Schützen kunstgewandt; Die Euren sind nur fremdes Volk, Uns allen unbekannt.« »Wenn für uns nicht, doch gegen uns Was wettst du?« frug Robin; Der Bischof sprach: »Bei meinem Hut, Den Säckel und was drin!« »Was ist im Säckel?« frug Robin, »So schütt' ihn auf den Grund!« Der Bischof drauf: »An Nobeln sind's In Gold bei hundert Pfund.« Robin auch seinen Säckel löst' Und warf ihn auf das Feld; Will Skadlock lacht': Ich kenne wohl Den, der gewinnt dies Geld. Des Königs Schützen legten an, Noch dreimal trafen sie, Die Damen schrien dem Robin zu: »Nun, Närrchen, beug dein Knie!« Der König sprach: »Drei sind's und drei, Jetzt hängt's an euren drei'n.« Der Fürstin flüstert Robin zu: »Des Königs Teil sei klein!« Und Robin legt den Pfeil jetzt an Und schießt ihn kunstvoll ab; Klein John mit gutem Zirkelschuß » Klein John mit gutem Zirkelschuß, « im Original: »with a bearing arrow«, worunter nach einigen der Schuß aus einer Armbrust verstanden sein soll. Wahrscheinlicher scheint die Auslegung Strutts (a. a. O.), daß unter jenem Ausdruck ein Pfeilschuß zu verstehen sei, dessen Flug das Segment eines Zirkels beschreibt, also ein Bogen-, Kreis- oder Zirkelschuß. Zerspellt den Weidenstab. Der kleine Midge, des Müllers Sohn, Das Ziel nicht schlechter hält, Sein Pfeil drang fingersnah zum Kern: »Nun, Bischof, bring dein Geld!« »Erhört mich, Herr,« die Fürstin sprach's, »Laßt kniend mich's erflehn, Schenkt allen Gnade, die Ihr seht Auf meiner Seite stehn!« »»Zum Kommen geb' ich vierzig Tag', Zum Gehn auch vierzig Tag', Dreimal so viel zu Spiel und Tanz, Ob's Freund, ob Feind sein mag.«« »Willkommen, Robin,« sprach sie drauf, »Klein John, das gilt auch dir, Und Midge, dem Müllersohn, – seid all' Willkommen dreimal mir!« Der König frug: »Ist dies Robin? Es kam mir doch Bericht, Daß man in Nordens Forsten ihm Ausblies das Lebenslicht.« »Ist dies Robin?« der Bischof frug, »Wohl scheint mir's sein Gesicht; Kein Pennystück hätt' ich gesetzt, Wenn ich erkannt den Wicht. Sonnabends war's, daß er mich fing, An einen Baum mich schloß, Und Messe lesen mußt' ich ihm Und seinem saubern Troß.« »Dran tat ich wohl,« sprach Robin Hood, »Die Messe gab mir Glück; Zum Dank dafür nimm deines Golds Die Halbscheid hier zurück.« »Nicht also, Meister!« rief Klein John, »Nicht wirf das Gold von dir! Trinkgelder gibt's fürs Hofgesind Und nützt noch dir und mir.« Robin Hood und der Bettler. Motherwell ( »Minstrelsy ancient and modern« ) und Finlay ( »Scottish Historical and Romantic Ballads« ) erklären diese Ballade schottischen Ursprungs. Auch Ritson hält dafür, daß sie aus Schottland oder doch aus dem Norden Englands entstamme. Eine ähnliche Geschichte ( »Comment un moine se débarasse des Voleurs« ) findet man in »Le moyen de parvenir«. Ausg. 1739. 1.             Es war zur Zeit, als Robin Hood An Jahren reich und Mühn, Da ging er 'mal aus Bernesdal' Im schönen Abendglühn. Da traf er einen Bettler an, Der schritt mit festem Gang, Trug einen Stecken in der Hand, Der war gar zäh und lang. Ein Mantel hing um ihn zerfetzt Wohl gegen Frost zur Wehr, Das kleinste Stückchen war geflickt Wohl zwanzigmal und mehr. Sein Mehlsack um die Schultern hing An einem Lederstreif, Mit breiter Schnalle festgemacht, Die war gar stark und steif. Er trug drei Hüte auf dem Kopf, Der ein' im andern steckt, Er achtet Wind und Wetter nicht, Soweit sein Pfad sich streckt. Robin vertrat ihm jetzt den Weg, Ihn deucht's des Schauens wert; Er denkt, wenn Geld ein Bettler hat, Sei dem ein Teil beschert. »Halt an, halt an,« rief Robin Hood, »Halt an nur auf ein Wort!« Der Bettler tat, als hört' er nicht, Und schritt noch rascher fort. »Nicht so gemeint ist's,« sprach Robin, »Nun hör und stehe still!« »Bei meiner Treu,« der Bettler drauf, »Das ist's, was ich nicht will! Es will schon werden späte Zeit, Noch weit hab' ich nach Haus; Versäumt' ich dort mein Abendmahl, Es säh' gar albern aus.« »Nun, meiner Treu,« sprach Robin Hood, »Ich seh's an deiner Eil', Gut sorgst du für dein Abendbrot, Doch minder für mein Teil. Den ganzen Tag noch aß ich nicht, Weiß nicht, wo nachts ich ruh', Und wollt' ich in die Schenke gehn, Fehlt mir das Geld dazu. Drum mußt du leihn mir etwas Geld, Bis wir uns wiedersehn.« Der Bettler doch sprach ärgerlich: »Ich hab' kein Geld zu Lehn. Du bist ein Mann so jung wie ich, Doch scheinst ein träger Gauch, Und fastest du, bis ich dich speis', Bleibt leer dies Jahr dein Bauch.« »Nun, meiner Treu,« sprach Robin Hood, »Weil wir beisammen schon, Der Pfennig, den du hast, sei mein, Bevor du ziehst davon. Drum leg den Lumpenmantel ab, Besinne dich nicht viel, Tu' deiner Säcke Riemen auf, Laß meiner Hand frei Spiel. Und nun gelob' ich dir's bei Gott, Entfährt dir nur ein Laut, Versuch' ich's, ob ein Breitpfeil dringt Durch eines Bettlers Haut!« Der Bettler lachend Antwort gab: »O laß mich ungeneckt! Der Tand, dein dummes krummes Holz, Glaub nicht, daß es mich schreckt! Glaub nicht, daß mich in Furcht versetzt Dein Kinderspiel von Pfeil! Ich wüßte nicht, wozu es nütz, Wenn nicht zum Puddingspeil. Hier trotz' ich dir und lache dein, Wie du auch toben magst, Du holst dir Unheil nur von mir, So oft du's mit mir wagst.« Den edlen Bogen nahm Robin, Vom Zorne heiß entbrannt, Er legte drauf den breiten Pfeil, Hielt sein Geschoß gespannt. Der Bettler mit dem edlen Stab Gab rasch ihm solchen Hieb, Daß Pfeil und Bogen weitherum In kleinen Splittern trieb. Nach seinem Schwerte griff Robin, Doch hielt's nicht besser stand; Der Bettler mit dem Stecken klopft' Ihn tüchtig auf die Hand. Fürwahr, er kann das Schwert nicht ziehn Wohl vierzig Tag' und mehr: Kein Wörtlein bringt Robin heraus, Nie war sein Herz so schwer. Nicht fechten konnt' er und nicht fliehn, Nicht wußt' er, was zu tun. Der Bettler klopft drauflos und läßt Den edlen Stab nicht ruhn. Er bleute Robin weidlich durch Und zahlt' ihm derben Lohn, Der Stecken walkt' ihn ab und auf, Bis ihm die Sinne flohn. Der Bettler höhnt': »Ei, Mann, steh auf! Pfui, wer so schlafen kann! Steh auf und nimm mein Geld mir ab, Das stünde baß dir an. Geh dann ins Schenkhaus und bezahl So Wein als Bier genug, Daß deine Freunde prahlen stolz, Du kamst vom Beutezug!« Robin antwortet' nicht ein Wort, Lag wie ein Stein in Ruh', Sein Antlitz war wie Kreide bleich Und seine Augen zu. Der Bettler, der für tot ihn hielt, Schritt tapfer an sein Ziel. Wie schad', daß ihr nicht war't dabei, Nicht spieltet mit das Spiel!   2. Da zogen dieses Wegs vorbei Drei Leut' aus Robins Schar Und fanden liegen ihn im Feld, Wohl aller Sinne bar. Sie hoben ihren Meister auf Mit Jammerlaut und Klag', Doch ringsum ist kein Mensch zu sehn, Der Auskunft geben mag. Und als sie seinen Leib besehn, War keine Wunde dran, Nur aus dem Mund ein reicher Quell Von rotem Blute rann. Sie spritzten kaltes Wasser schnell Ihm übers Angesicht, Da öffnet er die Augen schon, Nicht lange währt's, er spricht. Sie fragten: »Meister, gebt uns kund, Was Euch befiel zurzeit.« Da seufzt Robin, bevor sein Mund Dem Unfall Worte leiht: »Ich halt' in diesen Forsten Wacht Bei vierzig Jahre schier, Doch nie ward ich so arg bedacht, Wie ihr mich fandet hier. Ein Bettelmann im Lumpenrock, Von dem ich's nicht versehn, Hat mich geschmiert mit seinem Stock; Nun ist's um mich geschehn! O seht ihn dort, drei Hüt' am Kopf, Hinziehn den Hügelpfad; Wenn je euch euer Meister lieb, So rächt ihr jetzt die Tat. Und wenn es nur in eurer Macht, So bringt ihn mir zurück, Daß, eh' ich sterbe, ich ihn seh' Gestraft vor meinem Blick. Doch könnt ihr ihn nicht bringen her, Entlaßt ihn nicht zu leicht! Es droht uns allen Schmach und Spott, Wenn nochmals er entweicht!« »Von uns bleibt einer hier bei Euch, Da, Meister, Ihr in Pein, Die andern bringen ihn zurück; Ihr sollt ihm Richter sein!« »Nun, meiner Treu,« sprach Robin Hood, »Daß ihr gewarnt mir seid! Laßt ihr den Stock ihn führen frei, Er zahlt euch aus allbeid'! Drum schneidet schlau den Weg ihm ab, Bevor er euch ersehn, Bemächtigt euch des Stocks zuerst, So wird's am besten gehn.« »Seid ohne Sorge, Meister lieb, Uns zwei besiegt er kaum, Der Bettelheld, der sonst nichts hat Als einen Ast vom Baum! Sein Holz ihm nicht viel helfen soll! Gebunden seh' er bald, Ob Ihr ihn niederschlagen laßt, Ob hängen in dem Wald.« Robin, der mit dem einen blieb, War wie ein Kind zu sehn, So alt er war, an fremder Hand Lernt' er jetzt gehn und stehn. Die beiden andern eilten fort, Vertraut mit Weg und Steg; Auf nähern Pfaden kürzten sie Drei Meilen sich vom Weg. Nicht ruht' das Paar, bis es die Bahn Dem Bettler abgewann; Ein kleines Wäldchen lag im Tal, Da hielten jetzt sie an. Sie wählten jeder einen Baum Am Zugang beiderseit; Da kam heran der Bettelmann, Der sich versah kein Leid. Der Bettler schritt dazwischen hin, Sie sprangen auf ihn dreist, Der eine hielt den Stecken fest, Den scheuten sie zumeist. Der andre setzt den blanken Dolch Ihm an die Brust behend: »Laß, Schurke, deinen Stecken los, Sonst ist's dein letztes End'!« Sie nahmen ihm den Langstock ab, Der steckt jetzt dort im Grund; Er ließ ihn nur mit Ingrimm los Zu seiner schlimmsten Stund'. Der Bettler war der ärmste Mann, Den's je auf Erden gab: Kein Ausweg, wo er fliehen kann! Ganz hilflos ohne Stab! »Laßt mir das Leben!« rief er bang, »Um Christi Leid und Not! Und tut das garstige Messer weg, Die Angst bringt mir den Tod! Ich tat mein Lebtag euch kein Leid Wohl nun und nimmermehr! Wenn ihr solch armen Mann erschlagt, Versündigt ihr euch schwer.« »Bei allen Eiden,« riefen sie, »Das lügst du, Bösewicht! Den besten Mann erschlugst du fast, Der je gewallt im Licht. Drum bringen wir gebunden dich Zu ihm zurück alsbald, Dann sieh, ob er erschlagen dich, Ob hängen läßt im Wald.« Der Bettler denkt: Nun ist's vorbei! Die beiden sind sein Tod; O hätt' er seinen Stab nur frei, Der half' aus aller Not! Er brütet, wie er die Gewalt Besiegt mit List vielleicht; Der scharfe Wind ist ihm nach Wunsch, Der durch die Felder streicht. Er sprach: »Ihr edlen Herrn, seid gut! Schont eines armen Wichts! Traun, eines armen Bettlers Blut Hilft euch so viel wie nichts. Nur Notwehr war's in Streit und Strauß, Wenn ich ihm tat ein Leid; Mit euch gleich' ich die Rechnung aus, Daß ihr im Vorteil seid! Schenkt ihr die Freiheit mir zur Stund' Und tut mir kein Beschwer, So geb' ich euch wohl hundert Pfund Und Silbers noch viel mehr! Ich hab's in diesem Lumpenrock Gesammelt manches Jahr Und in den Tiefen meines Sacks Geborgen vor Gefahr.« Sie sprachen: »Schurke, spute dich, Dein Geld nun zähle her, Das nur ein Bußgeld eigentlich Für deine Schandtat wär'. Doch schenken wir dir freie Bahn, Geschehe, was da soll, Wenn, was du sagst, du auch getan, Gezahlt die Summe voll.« Er löst den Lumpenmantel ab, Den er zu Boden legt, Drauf zwischen jene und den Wind Er manches Bündel trägt. Vom Nacken nahm er einen Pack Voll Mehles groß und schwer, Zwei Metzen mind'stens hielt der Sack, So deucht mich, wenn nicht mehr. Er legt ihn auf den Mantel hin, Die Mündung öffnend weit, Dann bückt er sich, zu wühlen drin, Die beiden spähn zur Seit'. Er faßt den großen Ledersack, In jeder Hand ein End', Und schnellt das Mehl mit raschem Schwung In ihr Gesicht behend. Er hatte sie geblendet so, Sie sahn kein Stäubchen mehr, Es jauchzt sein Herz, er schwingt gar froh Den mächtigen Stab einher. Er denkt, weil er so arg den zwein Mit Mehl bestaubt den Rock, So müss' er ihn jetzt wieder rein Ausklopfen mit dem Stock. Eh' einer sich die Augen rieb, Eh' sie nur spannweit sahn, Ein volles Dutzend tüchtiger Hieb' Hat jeder schon empfahn. Sie flohn in Hast; der Bettler rief: »Was rennt ihr so wie toll? Bleibt doch! Wollt euer Geld ihr nicht? Ich zahl' euch's gerne voll. Und wenn das Lüften meines Sacks Euch blies ins Augenpaar, Ich hab' ein gutes Werkzeug hier, Das putzt sie wieder klar.« Die jungen Leut' antworten nicht, Sie blieben stumm wie Stein, Der Bettler schwand im Buschwerk dicht, Sie kehrten heim allein. Robin befragt sie, wie es ging. Sie sprachen: »Übler Art!« »Nicht möglich!« rief er, »da ihr erst In einer Mühle wart. Die Mühl' ist ein nahrhafter Ort, Da nascht man ohne Leid; Ihr lerntet wohl das Handwerk dort, So sagt mir euer Kleid.« Gebeugten Hauptes steht das Paar, Das nicht ein Wörtlein sprach; Er rief: »Weil ich in Ohnmacht war, Mich deucht, tut ihr mir's nach.« Ob ihr Bericht ihn schlecht erfreut, Der Rachedurst ihm schmolz, Doch lacht' er, daß die jungen Leut' Gekostet auch vom Holz. Robin Hood zur See. Robin Hoods Bay, eine Bucht und ein Fischerdorf an der Küste von Yorkshire zwischen Whitby und Scarborough, wurde bereits in der Einleitung erwähnt. Wenn Robin Hood infolge Aufsehen erregender Räubereien um seine Sicherheit besorgt ward, verließ er seine gewöhnlichen Aufenthaltsorte, und nordwärts fliehend durch die Moorgründe um Whitby, suchte er die Meeresküste zu erreichen, wo immer irgend ein Fischerfahrzeug in Bereitschaft lag, welches ihn in die offene See trug und allen Verfolgern trotzen ließ. So erzählt ein älterer Schriftsteller namens Charlton, und diese Tradition mag wohl zu obiger Ballade Anlaß gegeben haben.                 Als Lilienkron' und Hageros' Entknospt und froh erblüht, Ward Robin einst in seinem Sinn Des Walds und Weidwerks müd'. »Dem braven Fischer kommt mehr Geld Als zwei, drei Krämern ein, Drum will ich gehn nach Scarborough, Ein braver Fischer sein.« Er rief herbei die lustige Schar, Die dort im Schatten ruht': »Wenn Geld ihr zu verschenken habt, So schenkt's dem Robin Hood!« »Nun,« sprach er, »fort nach Scarborough! Gab's schönern Tag wohl je?« Er kehrt' bei einer Witfrau ein Hart an der grauen See. Sie frug: »Wo ist dein Heimatort? Und wo dein Reiseziel?« »Ich bin ein armer Fischersmann, Der tief ins Elend fiel.« »Wie ist dein Name, wackrer Bursch? Das, bitt' ich, gib mir kund.« »Den Simon von der Ebne nennt Daheim mich jeder Mund.« »Wie Simon Peter,« sprach die Frau, »Mach deinem Namen Ehr'!« Ob ihrer Güt' und Höflichkeit Erfreut sich Robin sehr. »Simon, willst du mein Dienstmann sein? Ich geb' dir schönen Sold; Ich hab' ein Schiff so gut als eins, Das durch die Wogen rollt. An Ankern fehlt's, an Planken nicht, An Taun und Masten lang.« Er sprach: »Staffiert Ihr so mich aus, Geht alles guten Gang.« Man hob die Anker, ging in See, Nicht zwei, drei Tage nur! Die andern warfen Köder aus, Doch er die leere Schnur. Der Bootsmann sprach: »Das braucht noch lang', Bis der zur See bewährt! Von unsern Fischen kriegt er nichts, Der Lümmel ist's nicht wert!« Und Simon rief: »Weh mir den Tag, Der mich gebracht zur See! Ich wollt', ich wär' in Plomptonpark Und jagt' aufs braune Reh! Hier lacht mich jeder Tölpel aus, Und läßt mir wenig Ehr'; O hätt' ich sie in Plomptonpark! Ich ehrte sie nicht mehr.« Man hebt die Anker, segelt fort, Nicht zwei, drei Tage nur! Da nahm Simon ein Kriegsschiff wahr, Das kühn auf sie losfuhr. Der Bootsmann rief. »Weh mir den Tag, Da ich geboren ward! Vom ganzen Fischzug bleibt uns jetzt Kein Bissen aufgespart! Der Franzmann dort, der Räuber, schont Von uns nicht einen Mann; Er schleppt an Frankreichs Küsten uns, Sperrt in den Turm uns dann.« Doch Simon rief: »Seid sorgenlos, Da es der Furcht nicht lohnt! Gebt meinen Bogen mir zur Hand, Kein Franzmann bleibt verschont.« »Halt's Maul, du langer Schlingel du, Der nichts als prahlen kann! Würf' ich dich über Bord, es wär' Ein Lümmel weniger dann!« Da wurde Simon bitterbös', Gar bös' ob diesem Wort; Er nahm den Bogen rasch zur Hand, Sprang an des Schiffes Bord. »O Meister, bind mich fest am Mast, So ziel' ich wie gewohnt; Dann gib den Bogen mir zur Hand, Kein Franzmann bleibt verschont!« Er spannt den Bogen bis ans End', Spannt ihn mit Kraft und Lust; Der Pfeil in einem Augenwink Durchbohrt des Franzmanns Brust. Tot fiel der Franzmann aufs Verdeck, Aufs Unterdeck dann fort; Ein andrer Franzmann sah's und warf Den Leichnam über Bord. »O Meister, löst mich jetzt vom Mast, Der Furcht es nimmer lohnt! Solang' der Bogen mir zur Hand, Kein Franzmann bleibt verschont.« Sie sprangen aufs Franzosenschiff, Wo tot die Mannschaft all'; Sie fanden drin zwölftausend Pfund In blinkendem Metall. Und Simon sprach: »Der Dienstfrau mein Und ihrem Kindlein zart Gehör' ein Teil; ihr, Brüder, nehmt Den andern als Halbpart.« Der Bootsmann doch erwidert drauf: »Simon, so soll's nicht sein! Da ihn nur deine Hand gewann, So sei der Anteil dein.« Und Simon rief: »Dann um dies Gold Bau' ich ein Armenhaus, Daß mancher drin von Müh' und Not Einst ruh' in Frieden aus.« Robin Hoods Tod.             Am Ufer dort, wo Ginster wächst, Sprach Robin zu Klein John: »Wir schossen manchen guten Schuß Für manches Goldpfund schon. Doch jetzt kein Schuß mir glücken will, Mein Pfeil das Fliegen scheut; Im Kloster dort mein Mühmchen soll Mir aderlassen heut.« Da brach Robin gen Kirkley auf, » Da brach Robin gen Kirkley auf. « Kirkleys, Kirklees, jetzt Kirkless Park genannt, zwischen den Städten Wakefield und Huddersfield, auch Kirkleghes, früher Kuthale, in der Dekanei von Pontrefract, war ein Nonnenkloster des Zisterzienser, nach andern des Benediktinerordens, unter der Regierung Heinrichs II. von Reynerus Flandrensis zu Ehren der Jungfrau Maria und des heil. Jakob gegründet. Nach dem »Lyttell geste« soll ein Sir Roger of Doncaster, der gegen Robin wegen irgend einer erlittenen Unbill aufgebracht war, die Priorin von Kirkleys (nach einigen Robins Muhme) zu dem tödlichen Vorgehen gegen diesen aufgereizt haben. Die Priorin ließ den Leichnam Robin Hoods hart an der Heerstraße, wo er manche seiner Räubereien begangen hatte, begraben, damit die Vorübergehenden nun mit jenem Gefühl von Sicherheit, welches ihnen bei seinen Lebzeiten fremd war, ihren Weg fortsetzen möchten. Die in den Papieren des Dr.  Gales, weiland Dechants von York, aufgefundene, wohl apokryphe Grabschrift soll gelautet haben: »Hear undernead dis laitl stean laiz robert earl of huntingtun nea arcir ver az hie sae gend an pipl kauld im Robin Hend sick utlawz as hi an is men vil England nivir si agen.     obiit 24 kal, dekembris, 1247. Auf der gegenwärtig als Grabstätte Robin Hoods bezeichneten Stelle befindet sich ein sehr beschädigter Stein mit einem Kreuze und unlesbarer Inschrift. Dieser Grabstein wurde jedoch wahrscheinlich anders woher an diese Stelle gebracht und bezeichnet wohl die letzte Ruhestätte einer ganz andern Person, vermutlich der Elisabeth de Staynton, Priorin des Klosters. Ein Stein mit der oben angeführten Inschrift aber befand sich niemals an diesem Orte. Die Nachgrabungen, welche der verstorbene Grundeigentümer Sir Samuel Armitage daselbst veranlaßt hatte, sollen das Vorhandensein einer Leichenstätte an dieser Stelle durchaus nicht bestätigt haben. (Ritson und Gutch.) In der Erzählung über Robin Hoods Todesart stimmen Volkslied und Tradition mit den Sitten des 12. Jahrhunderts ganz überein. Wie bereits erwähnt, beschäftigten sich damals in den reichen Klöstern viele der Frauen mit dem Studium der Heilkunde und mit der Verfertigung von Arzneien, welche sie den Armen unentgeltlich ausfolgten. Zudem waren seit der Eroberung die Oberinnen [und] die meisten Nonnen in den Klöstern Englands von normännischer Abkunft, wovon noch ihre in altfranzösischer Sprache verfaßten Satzungen Zeugnis geben. In diesem Umstande liegt wohl die Erklärung, wie der vom König geächtete Sachsenhäuptling in einem Kloster statt der gesuchten Hilfe nur seinen Untergang finden sollte. So schnell als er nur kann, Doch eh' er kam dahin, bei Gott, Gar übel ward dem Mann. Und als er kam nach Kirkleyhall, Da schellt er laut am Tor; Sein Mühmchen läßt ihn ein gar schnell, Niemand kam ihr zuvor. »Ei, setzt Euch, Vetter,« sprach sie hold, »Trinkt guten Biers ein Glas!« »Ich esse nicht, ich trinke nicht, Erst mach den Aderlaß.« »Hab' eine Zelle,« sprach sie hold, »Nie saht Ihr das Gelaß, Beliebt es Euch, so mach' ich dort Euch Euren Aderlaß.« Sie reicht die Hand ihm lilienweiß Und führt ihn ins Gemach; Sie ließ ihm Blut, solang' hervor Ein roter Tropfen brach. Sie sah ihn an mit mildem Blick: »Er ist mein Vetter gut.« Da regt sich mitleidvoll die Hand, Zu stillen ihm das Blut. Sie sah ihn an mit strengem Blick: »Der Priester Feind ist er!« Da sank erbarmungslos die Hand, Das Blut floß immer mehr. Sie ließ mit offner Ader ihn Und schloß die Zelle dann, Daß all den langen Tag sein Blut Bis nächsten Mittag rann. Da fiel sein Blick aufs Fenster frei, Das ladet ihn zur Flucht; Er ist zu schwach zu Sprung und Schwung, Drum läßt er's unversucht. Da fiel sein Blick aufs treue Horn, Das hing zu seinen Knien; Er setzt's zum Mund und läßt ins Rund Drei schwache Stöße ziehn. Das hört alsbald der kleine John Wohl unterm Waldesdach, »Dem Meister droht wohl Todesnot, Er bläst so schwer und schwach.« Klein John lief gegen Kirkley schnell, So schnell er kann herbei. In Kirkleyhall sprengt er in Hast Zwei Schlösser oder drei; Und als er stand vor Robin Hood, Aufs Knie fällt der Genoß. »Gewährt, o Meister,« sprach Klein John, »Mir eine Gnade bloß.« »Und welche Gnade?« frug Robin, »O nenne dein Begehr!« »Verbrennen laß mich Kirkleyhall Und all sein Nonnenheer!« »Nicht doch, nicht doch!« sprach Robin Hood, »Die Bitt' versag' ich dir; Nie tat ich Leides einer Frau Und keinem, der mit ihr. Nie tat ich Leides einer Maid Und tu's auch nicht zum Schluß; Doch gib den Bogen mir zur Hand Und einen Pfeil zum Schuß. Und wo der Pfeil jetzt niederfällt, Sollt graben ihr mein Grab; Legt unters Haupt, legt mir zum Fuß Ein Rasenstück hinab; Legt meinen Bogen mir zur Seit', Der wie Musik mir klang, Und macht den Rand aus Gras und Sand, Macht's breit genug und lang; Macht schlicht und schlecht das Bett zurecht Dem Schläfer, der da ruht; Dann spricht noch spät, wer vorübergeht: Hier liegt kühn Robin Hood.«