Nach einem Gemälde von Martha Stettler, Paris Hugo Marti Rudolf von Tavel Leben und Werk                                                 Servir et disparaître Verlag von A. Francke AG., Bern Sechstes Tausend 1936 Inhaltsverzeichnis Vorwort Die kleine und die grosse Welt Licht und Schatten über der Jugend Zwischen Beruf und Berufung Wege und Umwege Bernisches Epos Mensch unter Menschen Das Vermächtnis Von Rudolf von Tavel stammen die folgenden Abschnitte des Buches Meine Kindheit Noah und Napoleon Wie-n-i zum Herr Dumermueth cho bi Das Ende meines Schülerlebens Aus meinen Journalistenjahren Finkenschlag (Gedicht) Im alten Berner Stadttheater E Schosshaldesüüfzer (Dramatische Szene) Der Läbchueche Wie der Buechfink und d'Bärgtanne mir der Wäg gwise hei Ein Taufspruch (Gedicht) Ds Glück wytergä! An des Vaters Grab (Gedicht) 5 Vorwort Grosse und wichtige Teile dieses Buches hat Rudolf von Tavel selber geschrieben. Erinnerungen an seine Kindheit, Tagebücher aus seiner Jugend und seinen Mannesjahren, zahllose Briefe, Hefte voll Notizen, Entwürfe und Einfälle: alles durfte ich benützen, um das Bild seines Lebens möglichst getreu aufzeichnen zu können. Von seinen Brüdern kamen wertvolle Mitteilungen, von seinen Jugendfreunden wichtige Ergänzungen und Bestätigungen. Unermüdlich in der Hilfe und von schrankenlosem Vertrauen war die Gattin des Dichters, ohne deren ordnende Vorarbeit das Buch nicht hätte geschrieben werden können. Meine Absicht war keineswegs, eine literarhistorische oder kritische Würdigung des Werks zu versuchen, sondern eine Darstellung des Lebens von Rudolf von Tavel, das mir in seiner menschlichen Erfüllung vorbildlich scheint. Das Buch will denen, die Rudolf von Tavel als Dichter verehren, den Zugang zu seiner Persönlichkeit öffnen, denn aus ihr erwuchs sein Werk. Den andern aber, die ihn als Menschen kannten, will es sein Bildnis bewahren helfen. 7 Die kleine und die grosse Welt Die Absicht, seine Jugenderinnerungen niederzuschreiben, hat Rudolf von Tavel des öftern beschäftigt. Noch im letzten Sommer seines Lebens, wenige Wochen vor dem Tode, als seine Gedanken forschend und dichtend um die rätselvolle Gestalt des Rudolf von Erlach kreisten und die Vorarbeit zu dem neuen Roman «Ds Schwärt vo Loupe» schon bis in Einzelheiten gediehen war, riet ihm ein Freund, von Rudolf von Erlach solle er schon wegen der historischen Ungewissheit lieber absehen, dagegen sei jetzt für ihn der Augenblick gekommen, seine Jugenderinnerungen zu schreiben und preiszugeben. «An Letzteres habe ich schon oft gedacht», bemerkt Tavel am 16. Juni 1934 in einem Brief an Professor Max Huber, «aber es hat damit seine eigene Bewandtnis. Das Schönste des Erlebens berührt doch vielfach Menschen, die entweder selber noch leben oder die noch in frischer Erinnerung stehen. Es ist eine so delikate Sache, dass man es darauf müsste ankommen lassen, ob nicht das Ganze dann doch einstweilen in 8 einen wohlverschlossenen Kasten und der Schlüssel dazu in die Hand derer gehört, die nach uns kommen. Dies sollte mich freilich nicht abhalten. Es ist eine Schwäche des demokratisch eingestellten Menschen, immer die Saat wollen aufgehen zu sehen. Wahrlich grösser wäre es, den Nachkommen die Ernte zu überlassen und die Augen vertrauensvoll zu schliessen, bevor die Saat aufgeht. Allerdings müsste man die Verantwortung dafür auf sich nehmen.» Müssen wir also leider auf eine vollständige Lebensdarstellung aus des Dichters eigener Hand verzichten, so können wir doch an bruchstückhaften Aufzeichnungen, die er zu verschiedenen Malen in seinen spätern Jahren begann, genügend ermessen, wie frisch und reich ihm der Quell der Erinnerung floss und was für ihn und die Gestaltung seines Charakters die Erlebnisse, Umwelt und geistige Luft seiner frühesten Jugend bedeuteten. Dass sie gar für sein dichterisches Werk den Grundstoff lieferten, nämlich die schicksalshafte Verbundenheit mit bernischer Geschichte und bernischem Wesen, bedarf kaum des besondern Hinweises. So mag er selber, ein besserer Erzähler als jeder Biograph es wäre, das Lob seines Herkommens aussagen und die frühesten Stätten 9 schildern, die sein Auge geschaut und sein Herz als unverlierbaren Besitz in sich aufgenommen hat. Rudolf von Tavel gab seinen weder in sich geschlossenen noch endgültig bereinigten Aufzeichnungen den Titel: Meine Kindheit Am oberen Ende der Spitalgasse sonnseits stand bis zum Jahre 1909 ein gar stattliches, altes Haus dicht neben der Heiliggeistkirche, die man damals noch ziemlich allgemein Spittelchilche nannte. Es bildete die Ecke zwischen der Spitalgasse und dem äusseren Bollwerk, das aber längst kein Bollwerk mehr war, sondern eine breite Strasse, die zwischen dem genannten Wohnhaus und der Kirche hindurch nach dem Aarbergertor hinausführte und sich dicht hinter der Kirche zu dem mit Kastanienbäumen bepflanzten Bahnhofplatz erweiterte. Am nördlichen Ende des Platzes stand, dem Bahnhof gegenüber, das alte Hotel Schweizerhof, und an dieses schloss sich ein schöner Parterrebau, dessen Mitte die Dalpsche Buchhandlung innehatte. Mit seiner andern Schmalseite stiess dieses Magazingebäude an den kleinen Dependenzflügel des Eckhauses. Dieser ganze Komplex vom «Schweizerhof» bis an die Spitalgasse war Eigentum der Frau Julie von Tavel geb. von Wagner, Witwe des 10 Emanuel Rudolf von Tavel, gew. Oberamtmann von Frutigen und ehedem Hauptmann im holländischen Schweizerregiment Nr. 23. Die schon hochbetagte Dame bewohnte mit zwei ledigen Töchtern das erste Stockwerk des Eckhauses, eine behagliche Wohnung von z. T. sehr grossen Zimmern. Der zweite Stock bildete die Behausung des Grossrats und Burgerratsschreibers Alexander von Tavel-von Wattenwyl und seiner aus Gattin, drei Knaben und zwei Töchterchen bestehenden Familie. Als die Grossmutter starb, zogen die Tanten in den dritten Stock, und Alexander von Tavel bewohnte den ersten Stock, der durch drei Zimmer im Dependenzbau der grösseren Familie mehr Platz bot. Im zweiten Stock wohnte dann der pensionierte Neapolitaneroberst August von Stürler. Im Erdgeschoss betrieb ein polnischer Flüchtling namens Edler ein Uhrmachergeschäft, daneben der biedere Meister Schilt einen sehr frequentierten Coiffeurladen und im Anbau der Vater Binder eine Confiserie. Dem Burgerratsschreiber – er war der zweite Sohn der Hausbesitzerin – wurde in der längsten Nacht des Jahres 1866 ein viertes Söhnchen geboren, das der Nestbuz bleiben sollte und in der schönen Barockkirche nebenan auf die Namen Otto Friedrich Rudolf getauft wurde. Zu Gevatter standen ihm der 11 Oberst und Stadtpräsident Otto von Büren, der Altertumskenner Friedrich Bürki und die Frau Adele von Graffenried geb. von Erlach in Muri. Die ältere Schwester Marie soll Tränen vergossen haben, als ihr an ihrem Geburtstage statt des erhofften Schwesterchens der Storch einen vierten Bruder bescherte. Nachgetragen hat sie die Enttäuschung dem Jüngsten, mit dem sie bis an ihr Ende Jahr um Jahr den gemeinsamen Geburtstag feierte, nie. Zu den zahlreichen Hausgenossen gehörten die Kindsmagd Mädeli, später und bei schlechter Laune Madle genannt, welche den Nesthöck mit der für einen solchen üblichen Verwöhnung betreute, und der gutherzige Wasserträger Hans, der die Küchen des Hauses alltäglich mit Brunnenwasser versorgte. Dieser bezeugte mir seine Freundschaft, indem er mich zum erstenmal in meinem Leben – ich mag 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein – in ein Wirtshaus brachte, und zwar an der Brunngasse. In meine zarteste Jugend fällt ein vorübergehender Aufenthalt im Schattenhof an der Muristrasse. Von dort aus sah ich Truppen, die zur Grenzbesetzung während des deutsch-französischen Krieges einrückten, vorübermarschieren. Der jüngere Bruder meines Vaters, Onkel Franz, ging als Scharfschützenhauptmann mit. Er hatte bis zur 12 Aufhebung der Kapitulationen als Offizier im Berner Regiment in Neapel gedient und sich dann in Oberhofen mit einer von uns allen sehr geliebten Oberländerin, Elisabeth Ritschard, verheiratet und niedergelassen. Während des Krieges 1870/71 wohnten wir aber in der Stadt, denn ich erinnere mich noch gut der internierten Franzosen, die in der Heiliggeistkirche untergebracht waren und für die man – nicht zum Entzücken der Hausbewohner – vor unsern Fenstern am Bollwerk Latrinen gebaut hatte. Noch nach dem Krieg bekam unser Mädeli jedesmal, wenn er zum Militärdienst einrücken musste, den Besuch ihres Bruders, des Tambours Nobs, dessen graurot gestreifte «Schwalbennester» (Epauletten) mir mehr imponierten als sein «Gitzibart». Da Mädeli immer nur «der Brueder» sagte, wenn sie von ihm sprach, ward er für mich auch schlechtweg der Brueder, was für mich gleichbedeutend war mit Tambour, so dass ich auf die Frage, was ich werden wolle, mit Bestimmtheit antwortete: «Brueder». Kurz bevor ich mich in das warme Nest an der Spitalgasse gesetzt hatte, war mein Vater in den Grossen Rat gewählt worden. Da er nun zufällig in jenen Tagen einen neuen Überzieher mit einem Samtkragen anschaffte, 13 brachte einer meiner Brüder diesen Samtkragen mit des Vaters neuer Würde in Zusammenhang. Ob er deshalb auch gerne Grossrat geworden wäre, weiss ich nicht. Das Eckhaus war eine Art Lueginsland. Was da nicht alles vorbeiging und -fuhr! Alles, was vom Bahnhof, vom Aarberger- und vom Murtentor herkam, ging an unsern Fenstern vorüber. Eines Tages sah ich eine dicke Bauernfrau zu Markte kommen; die hatte ein feuerrotes Tuch um den Kopf gebunden und trug unter dem Arm einen gewaltigen himmelblauen Regenschirm mit messingenem Krückgriff. Mädeli erklärte, das sei eine «Fryburgere». Sie kam also von Westen, wie der aus dem Laupenamt stammende «Brueder». Von Westen waren auch die Franzosen gekommen. Im Westen spielten die Schauergeschichten, die mir Mädeli und das «Nähjer-Lisebeth» aus Schliern erzählten. Im Westen war das «Mohrepoh» (Mädis Aussprache für Monrepos), ein Landgut, von dem gelegentlich die Rede war, und noch so vieles andere Merkwürdige. Auch gingen die Fenster der Kinderstube gegen Westen. Was Wunder, wenn da der Westen für mich eine seltsame, fast mystische Bedeutung bekam, die noch heute, nach bald 60 Jahren, in meiner unbewussten Vorstellungsmaschinerie eine gewisse Rolle spielt 14 und unbestimmte Ahnungen weckt. Über Köniz ging übrigens auch der gute Stern meiner Mannesjahre in schönem Glanz auf, meine Gattin. Ohne Zweifel hatte aber auch das Innere des Hauses Anteil an meiner Gemütsbildung, weshalb ich noch einiges davon mitteilen muss. Schon der ungeheure Estrich mit seinen geheimnisvollen Kammern. Sie hatten alle unten an der Türe ein Katzenloch, durch das man, platt auf den Backsteinplatten liegend, wunderbare Sachen zu sehen vermeinte. In der einen stand im dunklen Hintergrund ein prächtiger antiker Schrank, in welchem es geisterte, in der andern hing an vier Seilen eine «Brügi», auf welcher Reservebettstücke, vor den Mäusen gesichert, lagerten. Waren wir unartig, so drohten uns die Mägde, wir würden abends auf dieser Brügi schlafen gelegt – schauervoller Gedanke! Die nächtliche Einsamkeit da oben bei Mäusen und Ratten! Ratten stellte ich mir vor als Tiere mit brauner Schafwolle am fusslangen Leib, schwarzem Kopf und halbellenlangem Schwanz. Zum Entsetzen meiner treuen Behüter brachte ich von jeder Entdeckungsreise in diesen Regionen abgetakeltes Spielzeug herunter, das man um so inniger ans Herz schloss, je zerbrochener und darum erbarmungsbedürftiger es war. 15 Im ersten Stocke hauste die «Gramamma» mit Papas ledigen Schwestern, die man nach der Art ihres Lachens die Tanten «Hihihi» und «Hähähä» nannte. Alle drei waren feine heimelige Damen, die wir respektierten und herzlich liebten. In ihrem Wohnzimmer webte etwas, das meinen Gedanken die Richtung in die Vergangenheit wies. Kam es daher, dass man uns oft von kriegerischen Ereignissen und andern vergangenen Dingen erzählte? Dort lag auch das «grosse Kriegsbuch», ein Bilderbuch von den napoleonischen Kriegen, das gelegentlich beim Erklären auf die Person des «Onkel Obrist» führte, einen damals schon verstorbenen Bruder meines Grossvaters, der als bayrischer Offizier den russischen Feldzug mitgemacht und bei Polotzk verwundet worden war. Bei den Tanten wirkte ich zum erstenmal in einem lebenden Bilde mit. Meine ältere Schwester «machte» die Lotte, und ich sollte als kleiner Knirps dabei stehen. Da nun meine Höslein doch schon nach vorn aufgingen, so dass man den Hemdzipfel nicht, wie auf dem Bilde, hinten konnte heraushängen lassen, heftete man mir ein weisses Taschentuch an den Hinterteil. Da war aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Ding genierte mich, und ich tat wie ein kleines Ungeheuer. Ein 16 ander Mal fand ich mich als ungebetener Gast bei den Tanten ein, als sie ein Souper gaben. Unsre Eltern waren dabei. Eben als man oben bei Tische sass, entstand zwischen einem meiner Brüder und dem Kindermädchen Streit, wobei mein Bruder eine sehr drohende Haltung annahm. Da lief ich hinunter, brach ins Esszimmer und schrie in die tafelnde Gesellschaft: «Mama, der Bärti wott ds Mädeli ermorde!» Mit dem Rat, es darauf ankommen zu lassen, und einigem süssen Backwerk wurde ich tröstlich abgefertigt. Zu meiner Genugtuung fand ich Mädeli noch am Leben. Ich hing sehr an ihr, und nicht viel fehlte, so hätte die mich verwöhnende Magd in meinem Herzen den ersten Rang erstritten. Das ging, bis ich einmal Mädeli unter den Dienstboten Mamas Schelten nachahmen hörte. Da war das Verhältnis für immer zurechtgerückt, obschon ich der Magd bis an ihr Ende zugetan blieb. Das Geburtshaus bei der Heiliggeistkirche Der Christoffelturm wurde 1865, im Jahr vor Tavels Geburt, abgebrochen Der Bewohner des zweiten Stockes, Oberst von Stürler, war uns Kindern sehr gewogen, aber allzu oft sahen wir ihn nicht. In den Sommermonaten bewohnte er Oberried bei Belp. Dort durften wir ihn einmal besuchen, und von daher datiert meine Bekanntschaft mit dem herrlichen Landsitz. Ich glaube nicht, dass ich diesen von nahe wieder sah, bis «Jä 17 gäll, so geit's!» geschrieben war, sonst würde ich Haus und Hof anders geschildert haben. Nun der erste Stock, den wir nach dem Tode der Grossmutter bezogen. Es war keine elegante, aber eine sehr behagliche Wohnung. Der Hausrat war von gutem alten Geschmack. Über Tag hielten wir Kinder uns in dem grossen, nach der Hofseite gelegenen Esszimmer auf, das in der Rückwand einen mächtigen Kachelofen mit «Tritt» enthielt. Dieser Tritt war uns Wiege, Thron, Altar, Kanzel, Schaubühne, Burg und war deshalb immer heiss umstritten. Die Wände waren mit Familienportraits vollständig besetzt. Die alten Damen und Herren hielten täglich Zwiesprache mit uns, und es hat sich gefügt, dass sie bis auf den heutigen Tag meine Zimmergenossen blieben. Es ist nie einer von ihnen aus dem Rahmen gestiegen, nie hat einer den Mund aufgetan; aber ich fühle, dass sie mir auf die Finger schauen, und ihre Blicke halten mir vor, was ich ihnen schulde. Ich denke ihrer Leiden und Kämpfe, ihres Ringens um das Heil ihrer Seelen, um das Glück ihrer Kinder. Sie hätten so vieles mir zu sagen, womit sie mich warnen und mir den Weg leichter machen möchten. Manchmal, wenn ich so allein mit ihnen bin, ist mir, ich sollte jedem einzelnen mit einem lauten, dankerfüllten Ja antworten. Da sind 18 die ganz alten Herren, die mit grossen Ambitionen in fremde Kriegsdienste traten, Ratsherren, die ihr Vaterland zugleich mit ihrem Namen gross zu machen hofften, da ist der etwas grimmige Gamaliel mit dem Federhut und der schön geschmiedeten Partisane, der weitgereiste, der eine Salis-Soglio zum Weibe nahm und die Viviser in der ersten Schlacht bei Villmergen führte. Des Rats von Vivis war er und hat dann die Berner Kaufleute wohl in Harnisch gebracht mit der Einrichtung des «welschen Tuchladens». Er war der erste und letzte, der es mit dem Handel probierte. Sein wackerer Sohn gab sein Leben für die bernisch-protestantische Sache im Toggenburgerkrieg. Dann blieben sie alle beim Waffenhandwerk und Staatsdienst und machten meist ihre Lehrzeit in der französischen Armee bis zu jenem eleganten Ratsherrn im Rokokokleid, der meinen armen Urgrossvater nach den Ideen J. J. Rousseaus erzog. Arm – warum? Weil er den Untergang des Vaterlandes erleben musste. So viele ihrer damals das Alter hatten, haben sie unter Berns Fahnen gestritten und gelitten. Den Grossvater habe ich nie gesehen. Er diente in Holland, ward hernach Oberamtmann auf der Tellenburg und führte, wie mein Vater, eine gute Feder. Er besass Humor. 19 In einem der vielen tiefen Wandschränke wohnte die Romantik des Esszimmers. Da waren die Waffen der alten Herrschaften aufbewahrt und auch einige Kostüme, die Mama gelegentlich zum Komödie- oder Scharadenspielen herausgab. Vom Esszimmer kam man durch ein finsteres Kämmerlein, in dem ich hinter beidseitig verriegelten Türen meine erste, von Papas Schreibtisch gestohlene Zigarre rauchte, in den nach der Spitalgasse gelegenen Salon, der auch nicht prunkhaft, aber im Stile Second Empire hübsch möbliert war. Für uns Kinder spielte er nur an seltenen Festtagen eine Rolle, besonders am Neujahr. Die Neujahrsbescherung wusste Papa meisterhaft zu gestalten. Er schenkte reichlich und mit Sinn und Verstand. Törichte Wünsche blieben stets ohne Erfolg. Durch die Wahl der Geschenke suchte er erzieherisch zu wirken, wobei er es einerseits auf die Gewöhnung ans Einfache, Nützliche, anderseits auf die Bildung des Geschmacks abgesehen hatte. Alles musste echt und währschaft sein. Papa kaufte mir nicht schön lackierte Pferde und Wägelchen. Nein, einen massiv gearbeiteten kleinen Lastwagen und ein Viergespann roh geschnitzter, mit Brandtupfen verzierter Pferde vom Besenmarkt, wie man sie sonst nur in Bauernhäusern fand. 20 Einmal liess er mir aus schwarzem Samt eine komplette preussische Totenkopf-Husarenuniform machen, bei der nur der Totenkopf am Kolpak durch einen Stern ersetzt war. Zur Beruhigung der Antimilitaristen sei hier gleich mitgeteilt, dass ich bis heute nie jemand ermordet habe und es heute weniger als je zu tun gedenke. Westwärts an den Salon stiess Papas Arbeits- und Schlafkabinett und an dieses Mamas Schlafzimmer. Zeitweise schliefen auch wir Kleinen drin. Dann wieder diente es als Allerwelts-Wohnzimmer. Es enthielt u. a. ein hübsches Marmorkamin mit grossem Wandspiegel, über welchem auf blauem Grund in weissem Relief eine Bacchantenszene dargestellt war. Während langer Zeit diente diese grosse Stube meinem anspruchslosen Vater gleichzeitig als Arbeitszimmer. In der Ecke am Fenster stand sein reich beladener Schreibtisch und in der Mitte sein mächtiger Sekretärschrank. Vor diesem Möbel hatten wir gewaltigen Respekt. Es enthielt neben ererbten Familienheiligtümern wie Tagebüchern, Briefen, Goldmünzen, Orden, Siegeln u. dgl. die tadellos geführten Rechnungsbücher Papas. Aus seinen Schublädchen empfing Mama das Haushaltungsgeld, wir Kinder unser bescheidenes und daher um so wertvolleres Taschengeld. Auf dem heruntergeklappten Schreibbrett, an dem Papa 21 stehend und gehend arbeitete, wurden scharfe Zeitungsartikel geschrieben, wurde das Hausbuch geführt, wurden unsere Schulzeugnisse unterzeichnet. Und da diese Zeugnisse oft schlecht waren (die meinen fast regelmässig), empfing man vor diesem unheimlich geheimnisvollen Möbel eindrucksvolle Strafpredigten und vergoss davor viele Tränen. Wir Kinder haben, glaube ich, hier ausnahmslos auch Blut vergossen. Das Schreibbrett befand sich in der richtigen Höhe, um im Alter von zehn bis zwölf Jahren gerade mit dem Kopf an seine scharfen Ecken zu rennen, was jedes von uns aus Unachtsamkeit wenigstens einmal tat. An das Eckzimmer stiess auf der Westseite, der Kirche gegenüber, die Bubenstube, die als wichtigsten Gegenstand einen Trittofen mit zwei Platten enthielt, auf denen sich prachtvolle Festungen bauen liessen für die Bleisoldatenarmee, der wir die zärtlichste Aufmerksamkeit widmeten. Sowie man die nötigen Batzen beisammen hatte, lief man zu Frau Berner hinüber, welche gerade gegenüber an der Spitalgasse ein wahres Paradies von einem Soldatenladen hielt. So ein sauberes Druckli «Preussen im Feuer» oder «Franzosen im Sturm», nicht zu reden von der fahrbaren Artillerie, entschädigte reichlich für wochenlanges Schulungemach. 22 An die Bubenstube schloss sich die Küche und dann jenseits des hellen, geräumigen Treppenhauses das «Stöckli» mit drei Zimmern. Das mittlere davon war die Kinderstube, in der ich die ersten sechs oder sieben Jahre meines Lebens in Gesellschaft Mädelis verbrachte. Da ist die Volkspoesie zu mir zu Gaste gekommen. Abends, wenn ich schlafen sollte, kamen in diesem Zimmer die Mägde zusammen und sangen Volkslieder, bis ich vor Rührung laut zu heulen begann. Da auch setzte sich die Romantik zu mir, denn zwischen Mädis Bett und den halbherausgezogenen Schubladen der Chiffonnière bauten wir mit Tischbrettern und Tüchern die Baumwohnung und das Schiff Robinsons, von dem die Geschwister mir erzählten. Ach, was leistete da die Phantasie für herrliche Sachen! Da auch blickte die Weltgeschichte zu mir herein, als die Franzosen in der Kirche drüben einquartiert wurden. Einen ungeheuren Eindruck hinterliess mir der Feueralarm und das Strassengetümmel beim Brand der Spinnerei Felsenau und später der Brand eines Nachbarhauses an der Spitalgasse. Dazu kamen die Bilder des schon erwähnten Kriegsbuches und die Geschichten, die das Nähjer-Lisebeth und das Hüter-Lisebeth, eine liebe alte «Lismere», erzählten. All das arbeitete an meinen 23 Gemütsanlagen herum und befruchtete meine Phantasie. Endlich muss ich des kleinen Hofes erwähnen, der mit seinen niedrigen Holzschöpfen, auf denen sich wunderschön Feuerwehr spielen liess, mein Lieblingstummelplatz war. In diesen Hof holte ich manchmal ganze Heerscharen von Kameraden zum Spiel. Ich wundere mich noch heute über die Geduld der Nachbarn, die sich unsern Heidenlärm gefallen liessen, wundere mich auch über die treue Heerfolge, die meine Kameraden dem kleinen Demagogen so willig leisteten, dass ich mir bald genug einbildete, ich müsste was Besonderes sein. Auf die Gasse kam ich eigentlich selten. Eine Zeitlang wurde auf der kleinen Schanze emsig Soldaten gespielt. Ein Kamerad besass eine grosse hübsche Kanone mit Bronzerohr. Da wurde mir beigebracht, dass eine Kanone gerichtet werden müsse, und das sei eine grosse Kunst. Ich glaube aber, das «Klepfen» habe mir zeitlebens mehr Spass gemacht als das «Breichen». Als Nesthöck von verschiedenen Seiten verwöhnt und wohl manchmal schon recht aufs Anerkanntwerden erpicht, daher vermutlich oft frech, fand ich an meinem Vater den rechten Meister, und die Geschwister unterstützten ihn, indem sie sich von mir doch nicht 24 ganz alles gefallen liessen. Vor Papa hatten wir gewaltigen Respekt, und wenn auch die Reitpeitsche, welche die älteren Geschwister bei Tisch wegen schlechter Haltung oder unziemlichen Manieren zu fühlen bekamen, schon bald nach meinem Eintreffen ausser Gebrauch gesetzt wurde, so wusste ich doch von Anfang an, wessen ich mich zu versehen hatte bei schlechter Aufführung. Ohrfeigen gab es immer noch, aber äusserst selten, und das war gut; denn in mir lösten sie die schlechtesten Wirkungen aus: Selbstbedauern, Bitterkeit, tiefinnere Auflehnung. Für die väterliche Strenge in den Kinderjahren kann ich Gott nicht genug danken. Was die Eltern in den Kinderjahren versäumen, wird nie wieder eingeholt. Das ist meine vollendete Überzeugung. Jede noch so schmerzhafte Korrektur in den Kinderjahren erspart einem bittere Erfahrungen im Jünglings- und Mannesalter. Dafür, dass die Strenge nicht zu hart empfunden wurde, sorgte in herrlicher Weise die unerschöpfliche Geduld und Güte der Mutter, die niemals Zuflucht versagte und doch nichts verdarb, weil sie selber Papa mit unerschütterlicher Hochachtung gegenüber stand und es für ein Sakrilegium gehalten hätte, seinen erzieherischen Massnahmen auch nur den leisesten Widerstand entgegen zu stellen. Und uns allen 25 kam immer vor, die ganze Verwandtschaft beiderseits bilde eine geschlossene Phalanx in gleicher Gesinnung und Lebensanschauung. Erst in den späteren Gymnasialjahren entdeckte man bei der Verwandtschaft etwa Meinungsverschiedenheiten, die jedoch nie sehr tief gingen. Im zweiten Gliede hinter den Eltern standen, diese durch Übereinstimmung fest unterstützend, die Grosseltern. Den Grossvater von Tavel habe ich selber nicht erlebt. Er war schon 1840 gestorben. Das Grossmütterchen habe ich in ziemlich blasser Erinnerung als eine liebe alte Dame, die uns, auf ihrem heimeligen Ruhbett sitzend, Schokoladetäfeli spendete. Sie führte mit den zwei unverheirateten Schwestern meines Vaters ein sehr stilles Leben. Ein Familienleben, wie die drei Damen es führten, würde vielen Kindern der heutigen Generation, die sich vor nichts so sehr fürchten wie vor der Stille und dem Beisammensein mit sich selbst, langweilig vorkommen. Es war aber keineswegs langweilig. Die frohe Traulichkeit, in der ein fein kultivierter Geist und wahrhaft vornehme Gesinnung walteten, ist uns allen zeitlebens in erquickendster Erinnerung geblieben, trotz der strengen Ordnung, die dort herrschte. Papas übrige Geschwister waren von 26 gleicher Gesinnung. Sein älterer Bruder Rudolf, vormals Tagsatzungssekretär, lebte zurückgezogen im alten Schlösschen zu Gerzensee. Er interessierte sich für Politik, ohne sich am öffentlichen Leben stark zu beteiligen, las viel, malte in Öl und gab hie und da seinen Gedanken Form in ein paar guten Versen. Seine Frau, geb. von Werdt vom Längmoos, war eine äusserst korrekte, ordnungsliebende Dame, der keine unserer Dummheiten entging. Sie hatte nicht nur offene, sondern erstaunlich scharfe Augen und Ohren. Von ihrem Lieblingsplatz auf dem «Bergli» erkannte sie ihre auf der Station Wichtrach aussteigenden Besuche. Am Hufschlag der Pferde, so ging unter uns die Sage, erkannte sie in grosser Entfernung die vorüberfahrenden Equipagen der benachbarten Landgüter. Am Anfang durch die scharfe Aufmerksamkeit der Tante etwas eingeschüchtert, gewannen wir sie mit der Zeit immer lieber, und die Aufenthalte in Gerzensee wurden mehr und mehr zu lichten Höhepunkten unserer Jugendjahre. Es war ja gar nicht anders möglich. So liebenswerte Menschen in einem solchen Paradies, wie das alte Schlösschen zu Gerzensee! Eine halbe Stunde weiter westwärts liegt das Längmoos-Gut, damals von Frau von Pourtalès-von Werdt, einer Schwester meiner Tante, 27 und ihren Kindern bewohnt. Dort gab es einen Teich mit einem Kahn und einen wirklichen lebendigen Esel, auf dem wir reiten durften. Herz, was willst du mehr! Nicht minder schön waren die Tage, die wir in Schloss Hünigen zubrachten. Der Besitzer, Herr Alfred von May, hatte Papas älteste Schwester Julie zur Frau, eine sehr fein veranlagte Dame, die ebenfalls in aller Stille Gedichte machte. Onkel May war eine schöne, respektgebietende Erscheinung und als Gutsherr ausserordentlich exakt. Im Gegensatz zu dem stillen Gerzensee ging es hier schon etwas lebhafter zu, trotz Onkels strengem Regiment. Söhne und Töchter brachten von der Stadt her viel Besuch mit, so dass der herrliche, von der Kiesen durchströmte Garten nicht selten von fröhlichem Getümmel erfüllt war. Das Schlossgut an sich war belebt, denn an das Schloss war die Mühle angebaut. Jenseits des Gartens lag die grosse Sägerei, die Schmiede, später eine Knochenstampfe, und das Ganze lag inmitten eines schönen landwirtschaftlichen Komplexes. Man hatte Pferde, Wagen, Kutscher und Gärtner. In gewissem Sinne genossen wir fast noch am meisten die Aufenthalte bei Papas jüngerem Bruder Franz in Oberhofen, in dem kleinen Häuschen, das rebenumsponnen zwischen 28 dem Klösterli und dem Sägebach zuoberst im Dorfe Oberhofen am Thunersee lag, denn hier wohnte die Freiheit. Onkel Franz, der zurückgezogen lebte, war eine sehr behäbige Erscheinung, ein heimeliger humorvoller Jägersmann, der vortrefflich zu erzählen wusste von seinen Kriegs- und Jagdabenteuern. Er malte hübsche Landschaften in Öl, was uns mit stiller Bewunderung erfüllte. Seine Frau, eine anmutige, lebhafte und sehr gesprächige Oberländerin, wusste uns die Ferienaufenthalte auf ihre Art zu verschönern, verstand sie sich doch nebenbei vortrefflich auf das Backen guter Sachen. Bei ihnen wohnte eine junge Nichte der Tante, ein liebes blondes Mädchen, mit dem wir alle sehr befreundet waren. Ein weiterer guter Spielgenosse war der schöne Hühnerhund Ali. Mit Jagdtrophäen und Waffen reich geschmückt, besass das mit Lauben versehene Häuschen einen unvergleichlichen Charme. Dazu kam die Nähe des Sees und die wilde Schlucht des Mühlebachs, Balm genannt, die Gelegenheit zu den herrlichsten Entdeckungsreisen bot, nach denen Tante Elise jedesmal tüchtig zu flicken bekam. Dass hinter dem Idyll auch Mühsal verborgen lag, kümmerte uns Kinder wenig. Wir sahen nur das Schöne, um so mehr als zwischen den Eltern und ihren Geschwistern in Oberhofen ein sehr 29 freundliches Verhältnis bestand. Onkel Franz kam eine Zeitlang nach Bern, wo er als Kupferstecher im topographischen Bureau arbeitete, was er aber infolge schwerer Erkrankung bald wieder aufgeben musste. Er kehrte dann wieder nach Oberhofen zurück, wo er 1888 starb. Einen unauslöschlichen Eindruck hinterliess mir sein Begräbnis. Das halbe Dorf folgte seinem Sarge, den man an einem wunderschönen Tage angesichts der herrlichen Thunersee-Landschaft über die Höhe nach dem malerischen Friedhof bei der Hilterfingerkirche trug. Lautes Wehklagen, das unzweideutig für die grosse Herzensgüte dieses Erdenpilgers zeugte, erscholl am offenen Grabe. Die Tante Elise verbrachte ihre letzten Tage im Hause meiner Eltern, in der Schosshalde. Von den weitern Verwandten väterlicherseits möchte ich noch Frau Sophie von Diesbach-von Tavel nennen, eine Cousine meines Vaters, deren Haus ein gesellschaftliches Zentrum war. Sehr lebhaften Geistes, liebte sie theatralische Veranstaltungen. In ihrem Salon wurde gespielt, gelesen, musiziert und getanzt. Dort trafen sich die Spitzen der Berner Gesellschaft mit Diplomaten, Gelehrten und Künstlern. Sie selbst amüsierte sich aufs beste dabei, blieb aber in echtem Humor über der Sache. Selber ein Original, gute Traditionen in sich 30 verkörpernd, wusste sie aus dem Schatz ihres Gedächtnisses viele Anekdoten aus der Gesellschaft auf köstlichste Art wiederzugeben. Als ich in das Alter kam, wo mir die nahe Verwandtschaft mit einer solchen Persönlichkeit von grossem Nutzen hätte sein können, war Frau von Diesbach schon bedeutend stiller geworden. Die schönen Künste spielten in ihrem Hause keine grosse Rolle mehr. Aber ihre persönliche Originalität verbreitete noch Leben um sich bis nahe an ihr Hinscheiden. Fast noch mehr hatte die Verwandtschaft von der Mutterseite dazu beigetragen, meine Jugendjahre froh und sonnig zu gestalten. Da war einmal die ältere Schwester meiner Mama, Frau von Wattenwyl von Rubigen, eine originelle Persönlichkeit. An der Seite ihres Mannes und als Mutter von vier Söhnen und zwei Töchtern hielt sie im alten Herrschaftsgute von Rubigen offenes Haus. Das war auch ein gesellschaftliches Zentrum, aber von ganz anderer Art, bernisches Landjunkertum schlichter, froher Art. Um Landwirtschaft und Militär bewegte sich in Rubigen das Interesse. Dort gewann man Einblick in bernisches Landleben. Die Hochzeiten meiner Vettern und Cousinen waren Familienfeste alten Gepräges. Tante Jenny, die mit der Zeit das Gehör vollständig verlor, überlebte ihren Gatten, eine 31 Patriarchengestalt, und alle ihre Söhne, blieb aber gastfrei und gesellig bis an ihr Ende. Eine jüngere Schwester meiner Mutter hatte den Forstmeister von Wurstemberger von Wittikofen geheiratet. Sie starb ziemlich jung, und ich kann mich ihrer nicht erinnern. Dagegen blieb uns in ihrem Manne, den wir kurzweg Onkel Wurst nannten, noch viele Jahre ein herrlicher Oheim erhalten. Ein mittelgrosser, gedrungener Mann mit martialischem Schnurrbart, war er eine originelle, richtige Försterfigur. Er wusste unzählige Schnacken, hatte ein gewaltiges, hinreissendes Lachen und teilte mit seiner fleischigen Hand, an der ein halber Finger abgeschossen war, klatschende «Freundschaftsbrätsche» aus. Da er lahm war, besorgte er seine Amtsgänge häufig zu Pferde, und zwar auf einem hübschen Araberschimmel, den er von den Bourbakisoldaten gekauft hatte, was in unsern Augen die Romantik von Wittikofen und seinem Besitzer noch erhöhte. Wittikofen, damals noch mehr in uralten Bäumen versteckt als heute, war wie gemacht als Wohnsitz für einen Forstmann. Im tiefüberschatteten Hofe brodelte ein gewaltiger Brunnen. Das Haus, in grauer Vergangenheit Filiale des Klosters Interlaken, war voll geheimnisvoller Winkel und enthielt in seinem nördlichen, durch offene Lauben mit dem 32 bewohnten Südflügel verbundenen Bau einen selten benützten Saal, in dessen Familienbildern man die Spuren französischer Bajonette (von 1798) sah. Ein als Waschhaus dienender Anbau, vor dem sich der herrliche Lindensaal ausbreitete, enthielt eine fahrbare Feuerspritze, von der später noch die Rede sein wird. Das Schloss stand mitten in einem grossen Landwirtschaftsgut, dessen Marche ringsherum mit prächtigen alten Eichen bestanden war. Diese nach allen Himmelsrichtungen laufenden Eichenreihen geben noch heute der Gegend ein eigenartig schönes Gepräge. Der Vater Alexander von Tavel Nach einem Porträt von Dietler 1857, kopiert von Wilhelm Balmer Der alte Herr war nicht nur selber ein Original, er hatte auch ein entsprechendes Dienstpersonal, darunter eine alte Kammerjungfer, die wir Marie Härzig nannten, weil sie zu allem, was ihr gefiel, sagte: «Eh wie härzig!» Da sie im Hauswesen regierte und uns Kindern besonders zugetan war, liebten wir sie sehr. Aber es gab Leute, die sie von einer andern Seite kannten. Da war z. B. der alte Spenglermeister Engel, ein ehemaliger Soldat vom preussischen Neuchateller Bataillon, der noch immer neben seinem weissen Kranzbart die sog. Neuchatellerlocken trug, d. h. er hatte die Schläfenhaare zu spitzen Hörnchen nach vorn gedreht und gewichst. Dieser originelle Kauz besorgte in der ganzen Verwandtschaft die 33 Spenglerarbeiten. Er verfügte über eine wahre Donnerbaßstimme, die er nie dämpfte, so dass man ihn immer im ganzen Hause hörte. Wenn er ein wenig angesäuselt war, pflegte er, wo er gerade stand und ging, zu donnern: «Ja, ja, es ischt alles eitel, es ischt alles ganz eitel, sagt der Prediger.» Mit dieser gleichen Bärenstimme nun erklärte er einmal von unserer geliebten Marie Härzig, er ginge gerne nach Wittikofen hinaus, aber «ds Marie, dä donners Regierhung ma-n-i nid lyde!» Den lebhaftesten Verkehr pflegten wir mit der Familie von Mamas Bruder Albert, der mit der sehr feinen und hübschen Claire von Wattenwyl verheiratet war und damals das Amt des Regierungsstatthalters von Bern bekleidete und später während langer Zeit als Polizeidirektor dem Regierungsrat angehörte. Sie hatten zwei Söhne und eine Tochter, die uns drei jüngsten Geschwistern im Alter nahe standen. Man war nicht nur verwandt, sondern gut befreundet und kam sich noch näher, als die beiden Familien gleichzeitig den Schattenhof bewohnten, wir das heute noch stehende, damals jedoch viel einfacher aussehende und mit der Scheune zusammengebaute Chalet, Onkel Alberts ein seither abgebrochenes, heimeliges Landhaus. Es waren mit der später durch Feuer zerstörten Kalchegg die einzigen 34 unmittelbar an der Muristrasse gelegenen Wohnhäuser. Wir lebten also trotz der Nähe der Stadt ganz auf dem Lande. Beide Familien unternahmen häufig gemeinsame Ausflüge in die weitere Umgebung von Bern. Wenn die Eisenbahn nicht benützt wurde, nahm man einen kleinen, schön blau gestrichenen Leiterwagen mit, den man hatte bauen lassen. Der Wagen ist unser Spielkamerad geblieben, bis auch die Jüngsten keine Zeit mehr fanden zum Spielen. Auf den Ausflügen diente er zum Transport des Proviants und aller Dinge, die man nicht auf dem Leibe tragen wollte, so namentlich auch der müden Knirpse, die sonst auf dem Heimweg doch von den Vätern hätten Huckepack getragen werden müssen. Zuweilen aber wurden die Rollen vertauscht, und dann gab es einen Hauptspektakel, so namentlich, wenn der Herr Regierungsstatthalter sich auf den Wagen setzte und von der ganzen Kinderschar unter grossem Geschrei und Hundegebell durchs Land gefahren wurde. Den schönsten Treffpunkt der ganzen Verwandtschaft mütterlicherseits bildete aber das grosselterliche Haus. Die Grosseltern waren in jeder Hinsicht würdige originelle Repräsentanten der guten alten Berner Gesellschaft. Wir hatten gewaltigen Respekt vor ihnen und liebten sie sehr, denn es waren liebe, heimelige 35 Menschen voll goldenen Humors. Der Grossvater, Hauptmann Emanuel von Wattenwyl, Sohn des vom «Stecklikrieg» her bekannten Generals, der am 5. März 1798 die Kapitulation mit Schauenburg abschloss und damit die Stadt Bern vor einer Plünderung durch die Franzosen rettete, war ein mittelgrosser Mann, eine sehr sympathische Erscheinung. Von der Grossmutter immer als «Mandli» angesprochen, hiess er auch bei den Enkeln bald allgemein Grandpapa Mandli. Seine Frau, Rosalie von Ougspurger, von den Dienstleuten nach damaligem Brauch «Frau Hauptmänni» genannt, war eine famose Hauptmännin und blieb es auch nach dem Tode ihres Mannes. Sie verstand es vortrefflich, ein mildes Regiment zu führen. Ich erinnere mich noch sehr deutlich ihres Bruders Fritz, des letzten damals noch lebenden Offiziers der französischen Schweizergarde. Er trug «Vatermörder», breite schwarzseidene Halsbinden und rauchte im Gegensatz zu Grandpapa Mandli, der aus einer Schildkrott-Tabatiere schnupfte, lange Pfeifen, und zwar so fleissig, dass sein Mund, auch wenn der alte Herr in seinem Lehnstuhl eingeschlafen war, immerfort die Bewegung des Saugens an der Pfeife machte. Dem einsamen Junggesellen, der hochinteressante Kriegserinnerungen hatte, 36 leistete ein schöner Kater idyllische Gesellschaft. Die Grosseltern von Wattenwyl waren begütert und sehr freigebig. Sie lebten winters am «Wybermärit», wie man damals die Marktgasse noch nannte, sommers in der Schosshalde. Da sowohl das so geheissene Landgut, wie dessen Umgebung, die als Quartier den gleichen Namen trägt, für mich und meine Familie die eigentliche engste Heimat wurde, muss ich über diesen Tummelplatz meiner Jugendjahre hier noch einiges mitteilen. Östlich von Bern führt der steile Kleine Muristalden auf ein aus Moränenhügeln gebildetes Hochplateau, dessen natürliche Terrassen eine herrliche Aussicht auf die Berner Alpen bieten. Den der Stadt zunächst liegenden Teil nannte man die vordere, den nach dem Ostermundigenberg zu in steilem Waldbord abfallenden, höher gelegenen Teil die hintere Schosshalde. Im Norden trennt die Bolligenallee die Schosshalde vom Exerzierplatz Beundenfeld. Ihr südlichster Wall läuft in das flache Murifeld aus, und nach Westen ist sie durch die herrliche Muriallee von der Brunnadernflur und dem Kirchenfeld geschieden. Wir zählten die angrenzenden Gebiete des Kirchenfeldes mit dem Dählhölzli, 37 Brunnadern, Elfenau, Murifeld und das östlich angrenzende Wittikofen auch zur Schosshalde, denn das alles trug den gleichen Charakter und gehörte zu unserm Tummelplatz. Was war denn da besonders Charakteristisches daran? Nun, zu Beginn meiner Wallfahrt, bis gegen das Ende des Jahrhunderts noch, bestand das umschriebene Gebiet aus lauter Landgütern alter Berner Familien und einigen Komplexen von Feldäckern und Waldparzellen, die der Burgergemeinde gehörten. Von der Stadt nur durch die Aare getrennt, war das ganze Gebiet vollkommen ländlich. Von Vorstadt war gar nichts zu sehen. Die Güter bestanden alle aus einem von Park und Garten umgebenen Herrenhaus und einem Pachthof. Da und dort lag eine Vorwerksscheune oder ein kleines Taglöhnerhaus. Jedes Gut hatte seine Eigenart, die freilich nicht immer in die Augen sprang. Das Schönste war aber die Bevölkerung dieser Güter. Nicht dass es an Zwisten etwa gefehlt hätte, bewahre! Aber im Ganzen herrschte zwischen all diesen Herrenfamilien, die zum Teil den Winter in ihren Stadthäusern zubrachten, ein schönes Einvernehmen, und auf allen Höfen bestand ein sehr erfreuliches, patriarchalisches Verhältnis zwischen Herrschaft, Pächtern und Dienstleuten. Man 38 kannte sich, wie eine Dorfbevölkerung sich kennt. Unvergesslich sind mir z. B. die Leichenbegängnisse, die bei gutem Wetter im Freien stattfanden und an denen Herren, Pächter und Knechte als eine einzige Trauerfamilie beisammen standen. Von diesem glücklichen Völklein muss ich hier ein wenig erzählen. Die nördlichste Gütergruppe bildeten der Rosenberg, der Schönberg und der Baumgarten. Der herrlich gelegene Rosenberg, zu dessen Füssen die Aare die Stadt umrauscht, war die Domäne der Thormann. Herr Georg Thormann, Oberstleutnant im Generalstab und Präsident der Gesellschaft zu Pfistern, erbaute am Hang gegen die Stadt eine elegante Villa französischen Stils, die in ihren Mauern häufig grosse Gesellschaft vereinigte. Nahe bei der Villa stand das Schulhaus der «Stalden-Primarschule». Von uns Herrensöhnen besuchte keiner diese Schule; aber unsere Gespielen von den Gutshöfen empfingen dort ihre Bildung, die Lehrer erteilten dem einen und andern von uns Privatstunden, unsere Väter sassen in der Schulkommission, unsere Mütter halfen beim Handarbeitsunterricht – man nahm ein freundschaftliches Interesse an der Volksschule. An der Bolligenallee lag der Baumgarten, das Gut des alt Schultheissen 39 von Fischer. Ich kann mich seiner nicht erinnern, wohl aber seines Sohnes, des Herrn von Fischer-Manuel, gew. Genie-Offizier in österreichischen Diensten. Er hiess in der Schosshalde «le petit Capitaine» oder auch «petit Avoyer». Der treffliche Mann war leider taub, was ihn aber nicht hinderte, jeden Sonntag dem Gottesdienst in der Nydeckkirche beizuwohnen, um seiner religiösen Pflicht zu genügen und sich zur Kirche zu bekennen. Der Baumgarten ist wohl das einzige Gut, dessen Bewohner noch bis in die Gegenwart Brot vom eigenen Getreide essen und Wein von eigenen Reben (Bougy und Rolle) trinken. Der Schönberg, das höchstgelegene Gut der Schosshalde, war der Sitz der Familie von Fischer-von Bondeli. Auch in diesem Hause war feiner gesellschaftlicher Ton mit bernischer Biederkeit in glücklicher Weise verbunden. Frau von Fischer war bekannt als ausgezeichnete, praktische Hausfrau. Wir hatten wegen ihrer Geradheit in der Meinungsäusserung einen gewaltigen Respekt vor ihr. Als ich ihr dann durch meine Heirat näher kam, lernte ich sie aufrichtig lieben. Sie war ein naiver Charakter, durch und durch originell in ihren Äusserungen. Bezeichnend für die Art, wie sie sich am Wohlergehen ihrer Kinder und Enkel freute, war folgendes: Als meine 40 Frau und ich in der ersten Zeit unseres Eheglücks einen Besuch gemacht hatten, begleitete sie uns bis zum Gartentor, wo man gewöhnlich noch zu einem kleinen Schwatz stehen blieb. Plötzlich sagte sie: «Ganget jitz! I muess ech luege!» Wir wanderten, und sie verfolgte uns noch lange mit Blicken mütterlichen Wohlgefallens. Es war Freude an unserm jungen Glück. Sie schwärmte für Goethe und sagte von ihm: «Er isch schön gsi, wiene junge Gott.» Sehr originell in ihrer Ausdrucksweise, konnte sie auch mit hinreissendem Lachen hübsche Ereignisse besonders anschaulich erzählen. Von zwei ungleich hübschen Schwestern pflegte sie zu reden als von der «besseren» und der «minderen». Eine mittlere Gruppe bildeten die an der Schosshaldenstrasse gelegenen Güter der von Wattenwyl, von Wyttenbach und von Büren. Grossvaters Gut umfasste das heutige Obstbergquartier und reichte vom Abhang über dem Bärengraben bis an das Egelmoos. An allen ein- und ausspringenden Winkeln standen als Wahrzeichen mächtige Pappeln. Östlich grenzte daran das Gut des Stadtpräsidenten und Obersten von Büren, das bis in die hintere Schosshalde sich ausdehnte und dort zwei von armen Leuten bewohnte Vorwerke hatte. Das 41 kleinere Wyttenbachsche Gut lag zwischen beide hineingeschoben. Die heute noch stehenden Herrenhäuser der drei Güter haben eine hervorragend schöne Lage auf dem mittleren Moränenzug der Schosshalde. Sie dominieren das Vorgelände und bieten freie Aussicht auf die Alpenkette. Unser grosselterliches Haus war für die bernische Art des Wohnens damaliger Zeit so typisch, dass ich hier noch ein wenig hineinleuchten möchte. Mit der Rückseite lag es hart an der Strasse. Die Mitte der Südfront nahm das mit grün gestrichenen Möbeln und herrlichen Blumenetageren (meist englische Geranium) ausgestattete Peristyle ein. Davor hing an sonnigen Tagen das gelbgestreifte «Pente-à-l'air» über dem bekiesten Vorplatz. Hinter dem Peristyle lag das ziemlich dunkle Esszimmer, an das links die Küche stiess, rechts, durch einen Korridor getrennt, das «Sääli», worin man sich aufhielt, sobald das Wetter den Aufenthalt im offenen Peristyle nicht gestattete. Dieses «Sääli» war der Inbegriff des Vornehm-Heimeligen. Vornehm sah es aus wegen seiner schönen alten, mit gelbem Seidendamast bezogenen Möbel, heimelig wegen der Einfachheit und der bescheidenen Dimensionen und besonders wegen des Wesens seiner Bewohner, des Grosselternpaares, unter 42 dessen Augen einem bei aller Familiendisziplin und Ordnungsliebe äusserst wohl war. Durch die zwei Frontfenster streifte der Blick in den herrlich gepflegten Park, durch das westwärts gelegene Eckfenster auf die «Bande», d. h. eine Blumenrabatte, die sich zu Füssen einer wohl hundert Schritte langen Spalierwand vom Hause bis zu einer prachtvollen Gruppe von Rosskastanien hinunter zog. Im ersten Stock, über Esszimmer und Peristyle, lag der grosse, mit sehr schönen Familienbildern geschmückte Saal, der nur benutzt wurde, wenn man unten nicht genug Raum hatte. Vor dem Hause, nach Süden, lag ein grosser Rasenplatz, über den hinweg man die herrlichste Hochgebirgsaussicht genoss. Er war umrahmt von herrlichen Baumgruppen, links ein Hickory und eine Lärchengruppe, rechts ein Tulpenbaum und eine mächtige Gruppe von Weymouth-Kiefern und Akazien. Hinter diesen Bäumen lag links das «obere Bosquet», rechts, von einem rotblühenden Rosskastanienbaum überschattet und von einem dichten Kranz von Capucines umrankt, ein kleiner Teich mit Springbrunnen und etwas weiter das «untere Bosquet» und der Obstgarten des Herrenhauses. Er zog sich, durch die oben genannte Spalierwand von der Strasse getrennt, bis zu den alten Rosskastanien, unter denen 43 eine mit dem Wappen v. Steiger und Nägeli geschmückte Pforte nach der Ausmündung des Kleinen Muristaldens hinaus führte. Die Stützmauer daneben war ein beliebter Luegaus. Von diesen Parkanlagen senkte sich südwärts das Gelände bis an das malerisch von Bäumen umgebene Egelmoos. Ostwärts vom Herrenhaus, von diesem nur durch die Einfahrt in den Hof getrennt, lag an der Strasse das «Stöckli» mit der Pächterwohnung, das Ofenhaus, der Gemüsegarten des Herrenhauses und weiterhin ein grosser Obstgarten. Nördlich der Strasse standen zwei grosse Scheunen, ein Gemüsegarten der Pächtersfrau und zwei weitere Obstgärten. Im äussersten nördlichen Winkel des Gutes, da, wo sich die Laubeckstrasse mit dem Haspelweg schneidet, standen die Küherscheuer und ein Taglöhnerhaus. In dieser Küherscheuer winterte jeweilen ein Senn mit seiner Herde. Im Hof, am Rande des «obern Bosquet», brodelte ein stattlicher Brunnen der Schosshalden-Wasserversorgung, die in den Sechziger Jahren auf die Initiative von Oberst von Büren genossenschaftlich errichtet wurde und vom Ferrenberg her gutes Quellwasser in die Schosshalde leitete. Zum Tränken des Viehs diente ein hinter der Hauptscheune stehender Sodbrunnen. Ein weiterer solcher, der sog. «gemeine Sod», 44 stand zwischen zwei Pappeln am Strassenbord, da, wo heute das Mädchensekundarschulhaus steht, gegenüber dem Spritzenhaus. Herrliche alte Nussbäume, riesige Silberpappeln und Reihen von Flieder- und Goldregenbüschen säumten die Strasse. Vom Grosselternpaar, das in diesem Paradies ein mildes Regiment führte, sprach ich schon. Unter der Dienerschaft spielte neben dem «Chammermeitli» älterer Observanz der Kutscher und Gärtner Zaugg Hans die erste Rolle. Das war ein Prachtskerl. Einst blond, trug er zu meiner Zeit schon einen grauen Kranzbart mit rasierter Oberlippe. Er hätte einen schönen Kapuzinerpater abgegeben. Wenn er in der Livree auf dem Bock sass, imponierte er sehr. Er war aber auch im Garten uns gegenüber mit gewissen polizeilichen Kompetenzen ausgestattet. Ich hielt mich aus nicht allzu fern liegenden Gründen mehr als nötig in der Küche auf. Um mir das abzugewöhnen, hing mir Zaugg Hans auf so verzwackte Weise eine hölzerne Kelle in den Aufhänger meines Rockes, dass ich die grösste Mühe hatte, sie loszukriegen. Die Dienstboten und Knechte genierten sich überhaupt nicht, uns aus dem Bereich ihrer Arbeit abzuschieben, wenn wir ihnen lästig wurden. Der Melker spritzte uns vom Euter weg Milch auf die 45 sauberen Kleider. Einen meiner Vettern setzte er ungeachtet seiner hellen Indienne-Höslein oben auf die geladene Mistbäre. Derlei Vorkehren wirkten endgültig, denn überall drohte im Hintergrund die Autorität der Grossmutter. Ich erinnere mich eines Sommernachmittags, da wir sechs Geschwister bei der Grossmama zu Besuch waren. Da verlockte uns ein grosser Ast der ältesten Weymouth-Kiefer, der in erreichbarer Höhe über den Parkweg hing, uns alle gleichzeitig mit den Händen daran zu hängen. Das war nun dem Ast doch zu viel. Er tat einen Knacks, und wir lagen am Boden. Die vier Ältesten von uns fanden nun der Grossmutter einen plausiblen Grund anzugeben, weshalb sie daheim, in der Stadt, zu Nacht essen müssten, und liessen die beiden Jüngsten allein. Wir sahen einem vernichtenden Strafgewitter entgegen. Sei es nun, dass Grossmutter von dem Schaden noch nichts erfahren oder dass sie die älteren Geschwister durchschaut hatte, es geschah nichts, und wir atmeten nach Stunden grosser Angst wieder auf. 46 Licht und Schatten über der Jugend Jedes Kind ist ein Dichter. Es bewältigt die grosse Welt, in die sein Leben hineingestellt ist, durch dichterische Verzauberung, indem es lebendige Beziehungen zu Sonne, Baum und Hund schafft, indem es sich seine kleine Welt neu schöpft, wie der Dichter es tut, im Märchen der subjektiven Wirklichkeit. Über diese Erfassung und Bewältigung der Wirklichkeit hinaus aber wirkt kindliche Phantasie schöpferisch, indem sie erfindet und gestaltet, was nicht ist. Vom kleinen Rudi erzählt sein um acht Jahre älterer Bruder, er habe sich schon früh, sobald ihm der Gebrauch der Sprache einigermassen geläufig gewesen sei, im Erzählen der abenteuerlichsten Geschichten gefallen. Doch habe er sich diese nicht abnötigen lassen. Wenn ihn seine Mutter und die Geschwister wiederholt um eine Geschichte gebeten hatten, konnte er nach langem Zögern etwa die lakonische Antwort geben: «Es Ross etrünnt . . .» Wahrlich eine Kurzgeschichte! Aber was mochte für die kindliche Einbildungskraft an Bewegung, 47 Farbe und Geschehen hinter dem geheimnisvoll geballten Stichwort lebendig sein! Und die ungeduldigen Zuhörer mussten sich damit eben zufrieden geben. Als Jüngster in einem Haushalt, der seine ausgeprägten Gewohnheiten schon besass, hatte er sich in manchem Tun und Lassen frühzeitig nach den Älteren zu richten, glich sich wohl auch früher, als es seinen Jahren entsprochen hätte, ihren Gebräuchen an. Sprachen die Geschwister am Samstagvormittag mit den Wochenzensuren und dem Ausgabenbüchlein, zu dessen genauer Führung sie verpflichtet waren, bei dem Vater vor, um das wöchentliche Taschengeld zu erbitten, so schloss sich Rudolf diesem Gange an, auch als er noch nicht schulpflichtig war. Man bemerkte ihm, dass er ebenfalls eine Zensur vorweisen müsse, wenn er auf seinem Bittgang Erfolg haben wolle. Da begab er sich zu seiner ältesten Schwester, die ihm gelegentlich eine Stunde erteilte, und ersuchte sie um ein Zeugnis. «Ja, was soll ich da schreiben», sagte Marie, «vielleicht, Rudi hat nicht Schule haben wollen?» Auf das Geheul des Enttäuschten erbarmte die Schwester sich seiner und schrieb mit vorsichtiger Logik: «Rudi war fleissig, wenn er Schule hatte.» Mit diesem Orakelspruch trat Rudolf vor den Vater, 48 und wir haben keinen Grund anzunehmen, dass er seinen Batzen nicht erhielt. Es mag dies der erste Orakelspruch gewesen sein, den ihm die Schule spendete, und dass er nur durch tiefen kindlichen Schmerz überhaupt zu erlangen war, hätte dem kleinen Mann ein bedeutungsvolles Zeichen sein müssen; aber noch ahnte er damals nicht die Sorgen, die seiner auf dem Gang durch die Schule warteten. Noch war ihm das Leben ein Spiel, und zum Spielen taugte alles, was ihm gehörte, nicht bloss die Uniform der Totenkopfhusaren oder die Arche Noah, sondern auch sein stolzer, dreifacher Vorname, als er an einem Abend, nachdem er bereits artig Gutenacht gesagt hatte und zu Bett gebracht worden war, wieder am elterlichen Tisch erschien, im tiefsten Negligé, und auf erstauntes Befragen, was er da wolle, ernsthaft erklärte, er sei nicht der Rudi, sondern der Otto. Man liess es gelten, die anwesenden Gäste fanden es drollig, und die Mutter steckte ihm abermals Süssigkeiten zu und hiess ihn verschwinden. Als er aber nach wenigen Minuten neuerdings auftrat, diesmal unter dem Namen Friedrich, wurde ihm bedeutet, dass auch Witze sich durch Wiederholung abnutzen. Die alte Schosshalde Man mag solchen Einfällen eines Kindes nicht mehr Gewicht geben, als sie verdienen. 49 Dennoch sind sie flüchtige Zeugnisse eines Geistes, dem schon früh das schöpferische Spiel der Verwandlung gelingt und der daran Gefallen findet. Dass der Dichter selber später hinter den Spielzeugfiguren seiner Jugend tiefere Beziehungen zu den Gestalten seiner schöpferischen Phantasie suchte und fand, zeigt uns eine «Erinnerung us der Chinderstube», die er mit seiner festen Schrift auf graues, starkes Papier niederschrieb und am Schluss mit einem zarten zeichnerischen Schnörkel versah: Noah und Napoleon Im Gfätterzüügschaft vo der Gramama lige zwo ehrwürdigi Reliquie us em guldige Zytalter vo myr zartischte Juged. Di einti isch es fingerlängs Mandli vo Papier-maché i mene bruune Kapuzinerchittel. Das Mandli het e länge graue Bart, und syni blutte Füess standen uf mene spinetgrüene, runde Brättli. Das isch der Erzvater Noah gsi us der Arche. D'Archen isch o no da; aber si isch der reinscht Tierspittel worde, vowägen allne Tierli fählt entweder es Bei oder der Stil oder gar der Chopf. Er isch Wittlig, der Noah. D'Frou isch scho lang gstorbe. Der Unggle Fritz het se vertrappet, wo-n-er einisch isch cho Visite mache, und 50 mir hei ihri Trümmer i mene Zündhölzlidruckli uf em Vögelitotehof im obere Bosquet beärdiget. Di anderi Reliquie isch der Napoleon. Dä isch vo Blei und öppis chlyner als der Noah. Beidi trage Spure vo mene bewegte Läbe. Dem Noah syni blutte Bei stecken i dicke rotbruune Sigellackstrümpf, und der Näpi het e kei Brosme Farb meh im Gsicht. Und di Verschönerunge verdanke si sech gägesytig. Das isch so zuegange. Einisch – mer sy scho i den obere Klasse gsi und hei längschtes nümme mit der Arche gfätterlet, nid emal meh mit de Soldate – het is d'Gramama i d'Ferien yglade gha, und mer sy mit nere-n-a menen Aben im Sääli gsässe. Da brichtet si, es gäb jitz de ne Basar für di zerstreute Proteschtante, und si heig derfür vo menen armen Italiäner es luschtigs Hüsi vo Zemänt gkouft. Si het das Ding uf e Tisch gstellt, und mir hei's nid gnue chönne bewundere. Aber bald het men afah dischputiere, was es eigetlech söll vorstelle. Di Einte hei gfunde, es glychi a mene sarazenische Castell, di Andere hei welle ha, es syg es Chloschter, di Dritte, es syg e römischi Villa. Afin, es hätti o chönne ds Modäll sy zum zuekünftige Casino. Jitz het me du sölle rate, was me für ne Staffage söll druuf tue. Ds Fanny het für Mönchen oder Nunne gstimmt, wil es gar fridliebend isch 51 gsi. Dem Fränzi hätte natürlech Ritter besser gfalle, und d'Gramama het gseit: «Kei Red, da ghöre Kanone druuf und Soldate!» Si het äbe vo Juged uuf gar viel uf schönem Militär gha; das gseht me doch am Porträt vom Grampapa sälig, wo i junge Jahre z'Naples gsi isch. Der Moritzli, wo juscht dennzumal zum Herr Blösch i d'Sunntigschuel gangen isch, chunnt uf d'Idee, das wär jitz es Huus für e Noah, geit ne ga reichen im Schaft und stellt nen uf d'Zinne vo däm Hüsi, und Alli hei gfunde, er mach sech gar möhrig i sym bruune Röckli uf däm wysse Schlössli. Bi der Glägeheit isch du neue der Napoleon o vüregschleipft worde und isch näbe der Lampen uf em Burgerbuech blybe ligen und vergässe worde. Wo men i ds Bett gangen isch, het men o der Noah uf syr Zinne la stah. Wil mer gar mängs im Huus gsi sy, het me mir uf em Ruehbett im Sääli bettet. Me het sech guet Nacht gseit, und i bi i ds Bett gschloffe. Es isch e wundervolli Mondnacht gsi, so dass me schier ohni Liecht hätti chönne läse. Lang, lang han i nid chönne schlafe und ha allergattig Ferieplän gspunne. Derby han i uf e Tisch übere gluegt und no einisch so Freud gha a däm luschtige Modäll, wo sech im glahrige Mondschyn no viel nätter gmacht het als im Lampeliecht. 52 Plötzlech gsehn i, dass sech uf em Burgerbuech öppis bewegt, und wo-n-i necher luege, spaziert my Napoleon uf em Tisch ume, d'Händ uf em Rügge und der Fäldstächer i der Hand. Er isch geng dem Rand vom Tisch nah gloffe, vo Zyt zu Zyt blibe stah, het mit em Fernröhrli i der Stuben ume gluegt, ungeduldig gstämpferlet und töubbelet, und de isch er de wieder wyter gloffe, es paarmal um e Tisch ume. Ändlech setzt er sech wieder uf ds Burgerbuech und seit vor sech ane: «Vraiment, ils ont oublié celui qui les a rendus si grands. O cette ingratitude!» Ändlech fallt sy Blick uf ds Castell, und er steit uuf: «A! qu'estce que c'est? Il n'y a personne là-haut?» I der süesse Hoffnung, das alte Mandli da obe syg eine vo syne vieux grognards, geit der Näpi uf ds Castell zue, und wahrschynlich het er im Stägen-uufgah scho wieder e Fäldzugsplan etworfe. «Dis donc», räblet er der Noah mit em impertinäntischte Gsicht vo der Wält a, «comment t'appelles-tu, vieux camarade? Quelles batailles? Jena, Wagram, Austerlitz, Eylau, Leipsic, Dennewitz?» «Verzieht, Herr Amperör», seit der Noah bescheide, «Dir trumpieret Ech allwäg. I bi der Noah. I bi äbe z'Nürebärg worden und bi leider nie im Wältsche gsi, geng nume hie z'Bärn.» 53 «A, tu t'appelles Noé, c'est toi qui a sauvé la race humaine? Faudrait te décorer.» Der Näpi het i allne Gilet-Täschli na mene Chrüz vo der Ehrelegion gsuecht. «Leut Dir das nume sy», seit der Noah, «i ha's ja nid Euch z'lieb ta.» «Wo esch du jitze dyne grosse Schiff?» fahrt der Napoleon furt, «lue, wenn mer ne ätte da, mer chönnte fahre ga Toulon pour y recommencer. Es isch so längwylig da à St. Hélène.» «I gloub, es isch gschyder, mer heig es nid da», antwortet üses alte Mandli, «sünsch würdet Dir no einisch d'Wält z'underobe rüehre!» Das het du der Näpi verdrosse, und er het du o agfange der Noah stichle: «Schwyg nume, Noé, wenn i wär gsi a dym Platz, i ätt emel nid gmacht so dumm. Alli gruusige Tier i dyne Schiff tue anstatt se la sech ertrinke, alle Schlang und Chrott und Mousquito und puces und punaises.» «I ha drum nid chönnen usläse», erklärt ihm der Noah, «i ha se-n-alli müesse näh. Sünsch wär's de scho am gschydschte gsi, i hätt das dahinde gla, vo däm du abstammisch.» So uverschant isch dem Näpi syr Läbtig no niemer cho. Er zieht sy Däge – es isch e Gufe gsi us em Plomb vo der Gramama – und faht a der Noah gusle dermit. Aber dä het e kei Gspass verstande, nimmt sy Stäcken und hout dem Näpi eis über d'Nase, dass d'Farb vom ganze Gsicht abspringt. Im Handgmäng aber erwütscht der Näpi der Noah bim Bart und wirft ne vom Castell uf e Tisch abe. Erschrocke rönnt er d'Stägen ab, für ga z'luege, öb er no läbi. Wo-n-er du gseht, dass der Noah beidi Bei broche het, isch er wieder uf ds Burgerbuech ga sitze. I gloub er heig ghüület. I däm Momänt bin i erwachet vo mene Grüüsch, und i gloub, es syg e Muus vom Tisch abegumpet und hinder en Umhang gschosse. Afin, am Morgen isch emel der Noah mit brochene Bei dagläge. D'Gramama het ne du uf ds Verlange vom Fanny mit Sigellack dokteret. Der Näpi hingäge het me la sy, wie-n-er gsi isch. Und wo-n-i ne du my Troum erzellt ha, wie wenn's di purlötigi Wahrheit wär, het der Moritzi schier briegget, so het ne der Noah duuret, und er isch der Napoleon am Schlüssel vo der Chiffonnière ga erhänke. 55 Die Vignette, mit der Rudolf von Tavel diese Jugenderinnerung beschloss, lässt ein ungewöhnliches Geschick der zeichnenden Hand erahnen. Früh hat er sich in dieser Kunst geübt. Auf den Blättern eines Schulheftes finden wir Federzeichnungen: Schlachten, Kriegsgerichtsverhandlungen, Lagerleben, Bombardement der Stadt München, einen zwölfköpfigen Generalstab in lauter verschiedenen Uniformen, alles zierlich hingekritzelt, doch nicht ohne Schwung in den Bewegungen von Soldat und Pferd, und offenbar von Menzelscher Zuverlässigkeit bis auf den letzten Gamaschenknopf! In diesen Liebhabereien traf sich Rudolf von Tavel mit dem früh verwaisten Alphons von Steiger, dem Spielgefährten aus Kinderstubentagen, der später in deutschen Diensten als Husar den Weltkrieg mitgemacht hat und 1915 in Polen verwundet wurde und gestorben ist. Ihm widmete Rudolf von Tavel ein Gedenkwort, in dem die gemeinsame Jugendzeit heraufbeschworen wird: «Lasst mich noch einmal einen Blick zurückwerfen auf die sonnigen Tage unserer Kindheit. Ob wir uns in der Schule kennen lernten, oder ob man uns ausserhalb derselben zusammenführte, weiss ich nicht mehr. Deutlich steht mir noch in Erinnerung, dass ich 56 einmal zu meinem Freund eingeladen wurde bei seiner Tante, einer sehr freundlichen, achtunggebietenden Dame, die meinen Freund und seinen jüngeren Bruder in Pflege hatte. Dass wir in manchem ganz ähnlich empfanden, zeigte sich alsobald – unter anderem hatten wir beide einen stark ausgeprägten Sinn für das Seltsame, uns komisch Erscheinende an anderen Leuten – aber ebenso schnell wurde mir der Unterschied bewusst, den unsere beiderseitige Lebensstellung in allerhand kleinen Dingen mit sich brachte. Das Bedauern mit dem so früh Verwaisten führte dazu, dass er von den Verwandten mit sehr schönem Spielzeug bedacht wurde, während in meinen eigenen Beständen die pädagogisch strengen Grundsätze meines Vaters sich deutlich ausprägten. Da besass z. B. mein Freund wunderhübsche mit Fell überzogene Pferdchen, ein pickfeines Coupé aus glanzvoll firnisiertem Blech und einen Livreekutscher. Ich dagegen besass vier jener rohhölzernen Gäule vom «Besenmärit» mit eingebrannten Tupfen und Rosshaarringelschweifen, dazu einen ebenso unverwüstlichen Lastwagen. Und Geschirre sollte ich mir aus Packschnüren herstellen. Die Kinderstubenpoesie, die um ein so primitives Gespann schwebt, vermochte ich damals noch nicht zu empfinden und verging fast vor Neid. Diese 57 Differenz blieb für unser ganzes Leben charakteristisch. Aber sie tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. Wir entdeckten in unserer kleinen Welt immer neue Gebiete, die unser beider Interesse in Anspruch nahmen. Neben die Rösslein traten die Soldaten, dann Zeichnen und Malen. Diese Dinge wuchsen mit uns, und zwischen ihnen nisteten sich bei uns beiden allerhand zunächst noch harmlose jugendliche Leidenschaften ein, die immerhin Keime zu Schlimmerem enthielten und uns schon früh zu quälen anfingen. Deutlich empfanden wir das Unvereinbare zwischen dem, was uns der Geist der Lerberschule, unterstützt durch die Gesinnung unserer Nächsten lehrte, und dem, was die natürlichen Neigungen von uns wollten. Zunächst aber genossen wir harmlos, und unsere kleinen Laster kamen uns interessant vor. Wenn Sonntags meine Eltern und Geschwister in die Kirche gegangen, kam mein Freund zu mir, und wir schwelgten dann im Rest des vom Frühstück übrig gebliebenen schwarzen Kaffees, den wir stark zuckerten, und spielten Karten, bis es Zeit war – zur Sonntagsschule . . .» Das Leben in freier Luft, das ungebundene Streifen durch die Weiten der Schosshalde und des Murifeldes, Pirsch- und 58 Holzfrevelgänge, auf denen man sich vor dem gestrengen Onkel Forstmeister von Wittikofen hüten musste, der «den patentlosen Neffen nicht glimpflicher vornahm als den Mätteler», und später das soldatische Spiel im Steigercorps, das am Kalcheggweg im Hof unter der grossen Linde seine Kaserne hatte – dies alles bildete ein gesundes Gegengewicht zu den immer schwereren Lasten und Sorgen, die das Gymnasium dem Jüngling aufbürdete. Reisen und Wanderungen, oft zusammen mit dem Vater, brachten willkommene Abwechslung; so im Jahre 1876 die Fahrt durch den Jura nach Belfort, wo die Befestigungswerke auf den militärbegeisterten Rudolf den grössten Eindruck machten, oder zwei Jahre später eine Fussreise ins Berner Oberland auf das Hohtürli, wobei man sich im Gewitter mit einem des Wegs nicht kundigen Träger auf dem Blümlisalpgletscher verirrte, dann nach dem Abstieg über den Öschinensee in Kandersteg den weiblichen Teil der Familie wieder traf und andern Tags gemeinsam in Kutschen talauswärts nach Spiez fuhr und von da über den See nach Sigriswil, wo man den Rest der Ferien zubrachte. «Diese Fahrt von Kandersteg nach Spiez ist mir unvergesslich», notiert Rudolf sechs Jahre später in seinen «Memoiren», «denn selten habe ich meine lieben 59 Eltern in solchem Masse fröhlich und vergnügt gesehen wie damals.» Was war denn jenes Freicorps Steiger, das auch in den Erinnerungen des Freundes Paul von Greyerz eine so hervorragende Rolle spielt? Die «Memoiren» geben erschöpfende Auskunft; sie schildern ein Bubenidyll, in dem die Abenteuerlust wie der unbewusste Drang zur militärischen Disziplin nicht zu kurz kamen. «An einem stillen Spätsommerabend wurde der Entschluss gefasst, eine Art von freiwilligem Kadettencorps zu gründen. Es wurde vorausbestimmt, dass das Kommando in die Hände Oswald von Steigers kommen solle. Er war ein ausgezeichneter Führer, wenn auch oft despotisch und hartköpfig gegen die Räte wohlmeinender Offiziere. Für den Anfang wurden acht bis zehn Mann, darunter meine Wenigkeit, angeworben, die dunkle Waffenröcke mit roten Aufschlägen und graue Beinkleider trugen. Als Waffen hatten sie das Vorderlader-Kadettengewehr. Später trug man eine schwarze Feldbinde mit weissem Kreuz am linken Arm. Die Kopfbedeckung war die sog. Polizeimütze. Weisse Metallknöpfe zierten den Waffenrock. Die Achselklappen waren weiss und schwarz. Nicht lange nachher wurde noch eine Schützenkompagnie errichtet . . .», die eine andere Uniform und einen 60 Hut mit Hahnenfederbusch trug und der Rudolf vorerst zugeteilt wurde. Als er sich jedoch anerbot, eine Artillerieabteilung aus eigenen Mitteln zu errichten, winkte ihm die Beförderung zum Lieutenant. Er hatte Glück, denn eines Tages beobachtete ein älterer Herr, der offenbar von Artillerie etwas verstand, die Schar beim Exerzieren, rief Rudolf zu sich und versprach ihm «ein nach den Modellen der eidgenössischen Armee gearbeitetes Geschütz, das er vollständig selbst angefertigt hatte. Der Lauf war aus reiner Bronze gegossen, von einzolligem Kaliber. Die Bedienungsmannschaft zählte vier bis sechs Köpfe . . .» Die Gefechte, in denen sich das Steigercorps mit andern Konkurrenzunternehmen wie dem sog. Eschercorps mass, erfahren eine liebevolle Schilderung, in der an Pulverdampf und Strategie nicht gespart wird. Der Freund und Kanonierkorporal Paul von Greyerz bringt sogar aus, dass man hin und wieder die Sonntagsschule geschwänzt und «droben bei Rudi in der Schosshalde auf der Terrasse mit Pulver und alten Schulheften Patronen für das Kanönchen fabriziert» habe. Welch herrliches Gefühl, wenn man nach siegreicher Schlacht heimkehrte: «Inmitten unserer Infanteristen marschierten die Gefangenen. Unser Geschütz war mit eroberten Waffen 61 beladen. In Brunnadern angelangt, machte man ein Joch, d. h. man nahm unsere Fahne, ein Mann musste sie beim Spitz, ein andrer am untern Ende auf die Schulter nehmen, und dann wurden alle Gefangenen drunter weggejagt. Von diesem Tag gewann das Freicorps von Steiger einen grossen Namen. Es lebte, wuchs und blühte schöner als je.» Warum wir so lange bei diesem Spiel verweilen, das allerdings die Taten der Erwachsenen mit leidenschaftlichem Eifer nachahmte? Weil es in den «Memoiren», dieser Niederschrift von selbstbesinnlicher Art des Achtzehnjährigen, einen ungemein breiten Raum einnimmt, also offenbar eine wichtige Episode in jenen Entwicklungsjahren darstellt. Rudolf bekennt es sogar ausdrücklich, wenn er schreibt: «Diese Geschichten interessierten mich mehr und mehr, so dass ich von gar nichts anderem mehr sprechen wollte als vom Corps und Militär. Mein Vater fand dies gefährlich, wegen meiner ohnehin schwachen Stellung in der Schule! Er gebot mir, mich weniger damit abzugeben. Deshalb gab ich meine Stelle als Lieutenant der Artillerie auf und stellte mich als Feldwebel an die Spitze der Unteroffiziere . . . Im Frühling 1881 bestand ich zwar das Promotionsexamen, wollte aber um keinen Preis die bevorstehende 62 Klasse durchmachen . . . Die Lerberschule war mir so verleidet, dass ich nichts mehr von ihr wissen wollte.» So steht es also mit dem Freicorpsführer! Der Schritt aus dem Glanz jugendlichen Ruhms in das Düster der Schulmisere ist kurz. «Mein Vater gebot mir . . .» Er war ein strenger, aber gerechter Vater, der seine Kinder nicht pedantisch erzog – was ihm sein Sohn Albert in einer schönen, auch kulturhistorisch interessanten Biographie bestätigt. Aber er mochte sich seine berechtigten Sorgen machen über das so gar nicht schulgemässe, scheinbar zerfahrene und unaufmerksame, in Wahrheit wohl vorwiegend phantasiegeprägte und langsam aufnehmende und verarbeitende Wesen seines Jüngsten. Er selber, der im Nebenamt als Journalist eine scharfe Feder führte, hatte zwar Verständnis für Extratouren in das Reich der Kunst, der Phantasie, der Unwirklichkeit; ebenso war er ein Freund gesunder Leibesübungen und billigte das militärische Spiel, dem die jungen Leute oblagen und das sie übrigens ganz aus eigener Tasche bestreiten mussten; aber die Schule durfte unter diesen Ablenkungen doch nicht leiden. Dass er Direktionspräsident des Gymnasiums war, machte den Fall für Vater und Sohn nicht einfacher. Wie er ihn zu lösen verstand, stellt seiner 63 erzieherischen Einsicht ein treffliches Zeugnis aus. Lassen wir darüber den Sohn selber berichten, der, als er auch ein Schulpräsident geworden war, von jenem wichtigen Sommer 1881 (in den Mitteilungen aus der Neuen Mädchenschule) erzählte: Wie-n-i zum Herr Dumermueth cho bi I gar mängem Pfarrhuus, landuuf, landab, findt me Chinder, die men us irged mene Grund het müessen aparti tue, wie men öppe nes Meiestöckli, wo särblet, a nes bsunders Plätzli stelle muess, damit es wieder zwägchunnt. Di meischte vo dene Chinder sy settigi, die z'viel Ufgabe gmacht hei und uf de Närve schwach worde sy. I weiss aber e Bueb, dä me so i nes Pfarrhuus ta het, wil er juschtemänt z'wenig Ufgabe gmacht und gar keini Närve söll gha ha. Dä Bueb isch nid zwangswys, sondere schröcklech gärn i sys Pfarrhuus gange, wil er vo de Lehrer i der Stadt zum mindischte so gnue gha het, wie si vo ihm. Und derby isch er doch gar kei untane Kärli gsi. Ds Einzige, was ihm im Wäg gstanden isch, isch sy unbändigi Phantasie gsi. Und das het offebar vo syne Lehrer keine gmerkt. Stundelang hei si doziert und brichtet und sech e Hundsmüej gä mit ihrer Klass. Und derby isch üse Bueb glücksälig da gsässe – z'vorderscht 64 vorne – und hätti am Schluss vo der Stund mängisch chuum chönne säge, öb me Wältsch oder Geometrie gha heigi. So isch me sech gägesytig verleidet, und hätti me nid dä unglücklech Klasseschleipftrog i mene schöne Früehlig uf sys eigete flähetleche Verlangen us der Schuel gnoh und dem Pfarrer Dumermueth i Pänsion gä, so hätti di Neui Mädcheschuel hütt no einisch kei Presidänt, vowäge dä arm Bueb isch äbe dä gsi, wo hie schrybt, mit der süesse Hoffnung, das chlyne Bitzli Läbesgschicht dieni alle Lehrgotten und Lehrgöttine zum warnenden Exämpel. E, was isch mir ds sältmal di Schuel verleidet gsi! I gloub, wenn Eine cho wär und hätt mer gseit, i chönn mit ihm zu de Kannibale ga Schaf hüete, wenn i uf eim Bei bis ga Neueburg well hopse, i hätt's gmacht. Aber da isch Eine gsi, wo's besser mit mer gmeint het, my liebe, unändlech geduldige Vater. «So syg's!» het's gheisse, «me muess dä Bueb öpperem i d'Kur gä und no-n-es halbs Jahr Geduld ha. Villicht git's de glych no öppis us ihm.» Die Mutter mit Rosalie und Rudolf Das isch du e Früehlig gsi, wie-n-i no nid mänge ha erläbt gha, so heiter und schön. Der Herr Dumermueth, dä fründlech Herr, mit sym schöne, blunde Bart und de lieben Ouge, isch mer vo nes paar Ushülfsstunde, wo-n-er is einisch gä het, i gar guetem Andänke gsi. 65 Erscht woni zwüsche Papa und Mama der Bürestutz uuf gwanderet bi, der Ysebahn zue, sy mer du Bedänke cho. Eigetlech so zu mene Pfarrer, so ganz und gar zue-n-ihm, under ds glyche Dach mit ihm, und de geng under synen Ouge z'sy! I der Schuel isch me doch höchschtes sibe Stunde täglech i der Gwalt vo de Lehrer gsi. Und de äbe, öb de so-n-e Pfarrer nid eigetlech nätter wär vo wytem? – I bsinne mi no, wie wenn's geschter gsi wär, dass i z'oberscht am Stutz myne Gedanke mit der unbeholfene Frag Luft gmacht ha: «Chan er ächt de o mängisch chly lache?» (Der Herr Pfarrer nämlech.) Myni Eltere sy viel z'zartfüehlend gsi, als dass si mi hätte la gspüre, dass di verrateni Angscht se-n-amüsieri. Si hei wohl glachet, aber nume, für mi z'tröschte. Und wieder hätti sech's my Papa nid erloubt, mer d'Nase druuf z'stosse, dass d'Pfarrer o Möntsche syge, was ja so nach gläge wär und was my Papa läbhaft sälber epfunde het. Z'Chise sy mer sälbdritt i nes heimeligs gääls Pöschtli gsässen und – glung glung gling gling – am Schlossbärg vorby über Oppligen und Herblige gäge Diessbach zue gfahre. I der üppig grüene Talmulde zwüsche Falkeflueh, Glasholz und der Huben isch my neui Heimet vor is gläge, ds stattleche Dorf Diessbach, 66 so schön und heimelig. Aber mitts us em Wirrwarr vo breite Schüüredecher und heitergrüene Boumchrone het sech – für mi wie-n-e warnende Zeigfinger – der schlank Chilchsturm mit sym glänzige Schindelhälm ufgreckt und es ärnschts Wort mit mer afah rede. Um so tröschtlecher het am Dorfygang zur Linggen e Chramlade mi aglachet. Aber es paar Schritt wyter, rächter Hand – wär i statt dem alte roschtigtüpflete Schümmel vorgspannet gsi, hätt's ohni Zwyfel e Sytesprung und en Usläärete gäh – hei die lääre Stube vom Sekundarschuelhuus is us breite Bogefänschter agrännet, und wie Fangarme hei sech verdolggeti Schuelbänk vor em Huus bis a d'Strass vüre greckt. 's isch Putzete gsi, und Burewyber hei d'Tische vorusse gfägt. Am stattleche «Leue» vorby isch me, hert under der Chilchhofmuure düre, zum primitive Poschtbureau cho, wo der Herr Pfarrer is erwartet het. Ohni bsunderi Ufforderung het er mer bewise, dass er o chly het chönne lache, und mer hei später no mängisch rächt härzhaft zsäme glachet. Me isch du sälbander i ds Pfarrhuus ufe, wo gar verwändt heimelig übere höche Läbhag vom Vorplätzli übere gluegt het. D'Frou Pfarrer het is mit mene währschafte Café ufgwartet. Die neui Vizemama het mi mit grosser Fründlechkeit und 67 Liebi i ihri Obhuet gnoh und grad welle wüsse, ob mer o albeneinischt öppis fähli und weler Gattig men öppe müessti doktere. Si het e so allerwälts nüt Rässes a sech gha, dass i grad dänkt ha, hie wärd's mer wohl sy. Und i ha mi nid trumpiert. Im erschten Etage hindenuse het me mer my Stuben agwise, e wahri Allmänd mit mene Kamin und vier Fänschter, drüü gäge d'Hoschtet und eis gäge Gköchgarte. Si hätte nere no meh gha. Im Dach obe sy emel no zwo oder drei prächtigi Stube gsi mit bruun gröuktem, tannigem Täfel. Aber si hei söllen unghüürig sy, und i wär nid für viel Gäld dert ufe ga schlafe. Hinder myr Stuben isch e Loube gsi, e Loube, sägen ig ech, wie si numen i menen alte Bärner Pfarrhuus chönne sy. Es Eldorado vo nere Grümpelchammere mit mene Gstelli voll uröppige Büecher. Dert han i doch mängisch gschnouset. Es isch es eigets Gfüehl gsi, wo mi ds Herr Pfarrers am Abe, nam Abschid vo den Eltere, i my Stube gfüehrt und gfragt hei, öb mer jitz nüt meh fähli. Nei, es het mer nüt gfählt als der Übermuet. Und doch bin i zfride gsi. I bi i ds Bett gschloffe, und dert han i du no d'Bekanntschaft gmacht vom ehrwürdige Schutzpatron vom Pfarrhuus. Als einzige 68 Wandschmuck isch nämlech zu myne Höupten in effigie der Samuel Lucius ghanget, e kuriosi Helge. Ds eigetleche Porträt het d'Umschrift treit: «Jesus nimmt sich der Sünder an. – Samuel Lucius, Pfarrherr zu Ansoldingen. aetatis 55». Und drunder isch es Landschäftli gsi mit nere strahlende Sunnen über de Bärge. Vor mene Brunne weidet es Schäfli, und vis-à-vis dervo chunnt e grässleche Leu us nere Höhli und wott's cho frässe. Aber us nere Wulke chunnt e Hand, wo der Leu a nere Chetti het. I der Umrahmung heisst es: «Gott zäumet meinen Feind, der so erbosst und wild. Sonst wär ich längst dahin! Der Herr ist Wonn und Schild». I ha denn natürlech no nüt gwüsst vo däm Ma. Aber es isch mer hütt, wie wenn er my Schutzgeischt gsi wär. Und warum wär er's nid gsi? Dä Gloubesheld het ja dert inne gwohnt und isch Anno 1750 dert gstorbe. He nu, wenn i scho e Söubueb gsi bi, so bsinnen i mi doch, dass i o damals flyssig zu mym Heiland bättet ha und dass der Spruch vom Sünder-Heiland nid für nüt ob mym Bett ghanget isch. Zmorndrisch het für mi d'Schuel wieder agfange, aber wie anders als z'Bärn! Es het scho ganz anders gschmöckt als a der Schouplatzgass. Wahreddäm i mit dem Herr Pfarrer 69 am Schrybtisch gsässe bi und er mi i Caesaris bellum gallicum umegsprängt het, het der Sigerischt vor den offene Fänschter Bschütti usta, und d'Güggle hei gchräjt, und me het d'Bure ghört d'Sägesse wetze, für di erschti Grasig z'näh. I der Zwüschezyt het's allerhand luschtigi Arbeit im Garte gä, und dernäbe han i ghulfe goume. I ha der erscht und damals no einzig Suhn vom Herr Pfarrer im Wägeli dasume gstosse. I ha o bald Bekanntschaft gmacht mit de pfarrherrleche Trabante. Das sy originelli Chuze gsi. Der Organischt, e steialte Primarschuelmeischter, het einisch, wo e frömde Prediger a mene kirchleche Bezirksfescht es ungwahnets Lied agä het, vom Lättner zur Chanzlen übere grüeft: «Herr Pfarrer, das geit nid; es isch es molligs». Der Sigerischt het ei Tag e chly z'stark z'Nüüni gnoh, göb dass er het welle ga elfi lüte. Und wil's no nid ganz nache gsi isch, het er uf mene Stäg under de Glogge no-n-es Nückli gnoh. Na anderthalb Stunden isch er erwachet und het, i der Meinung, es wärd jitz angähnds nache sy, afah lüte, bis die vo Äschle mit der Füürsprütze sy cho z'fahre. Na de Früehligsferien isch mer wieder e neui Wält ufgange. Für di ordinäreri Wüsseschaft nämlech het me mi i d'Sekundarschuel 70 gschickt. Dert bin i zum erschten und einzige Mal i der glyche Stube mit de «Modeni» i d'Schuel gange. Die sy hinde gsi, d'Buebe vorne. Und wettige Huufen i der glyche Klass! I der Freistund isch men uf e Turnplatz use gange, und da sy si um mi umegstande, hei mi tschärbis agluegt, d'Buebe no dümmer als d'Meitscheni. Und ändlech seit Eine, wo scho einisch z'Bärn inne gsi isch, zue mer: «Wie hiissisch?» Und wo-n-ig ihm my ehrleche Chrischtename säge, antwortet er mer: «Du luegsch grad wie Nordmann z'Bärn». Es het mi o, so lang i z'Diessbach gsi bi, keine vo myne Kamerade bi mym Name gnennt; sondere für si bin i «ds Pfarrers Bueb» gsi und blibe, und so han i im ganze Dorf gheisse. I gloub, das heig mir besser gfallen als dem Pfarrer. O der Lehrer het nid sy rächte Name bhalte. Flückiger hätt er gheisse; aber si hein ihm «Flügu» gseit. I der Underwysig hei si mi no gspässiger agluegt. Wil i z'hinderscht gsässe bi, het der Pfarrer di ganzi Zyt müesse schmähle: «Was heit der aber hinderez'luege? Passet uuf! Marlisi Schüpbech, was isch dein einziger Troscht im Läben und im Stärbe? – Lue, du weisch es nid! So geit's, we me geng hindere gaffet.» Es isch nid lang gange, so han i mer myni Fründen usegläse gha, nid geng mit dem beschte 71 Gschick; aber der Herr Pfarrer het de scho gwüsst z'verhüete, dass i mi a di Lätze ghänkt ha. Am nächschte bin i de Buebe vo der Leuewirti cho, und dür die han i du o vieli Erwachseni glehrt kenne. I dänke vorewäg a d'Leuewirti, e stattlechi, guethärzigi, aber energischi Witfrou, die näben allne Wirtschaftssorge geng Zyt gfunde het für ihri Chinder und für di vielen andere Lüt, wo dert ihres Brot gfunde hei. Ihren Eltischte, der Hans, isch öppis jünger gsi als i, aber zächemal elter i allne Sache, wo ds praktische Läben i Huus und Hof agange sy. Mer sy bald rächt guet befründet gsi, aber nie ganz intim worde. Der Hans isch der Buresuhn blibe – im beschte Sinn vom Wort – i der Stadtfisel. Näbem jüngere Brueder, dem Hermann, het de der Suhn vom Lächema e bedütendi Rolle bi üsnen Undernähmunge gspilt. Er het Louis gheisse, uf dütsch Ludi oder «Lüdu». I menen Abou a Leuen isch e chlyni Schaal etabliert gsi, und dert han i i aller Form glehrt metzge. Der Gwunder het mi dert ynegfüehrt, einisch im Ougeblick, wo der Metzger – e grosse, schwäre Ma, wo langsam i brodierte Pantofflen und mit mene guetmüetige Gsicht um ds Huus umetrappet isch – juscht es Chalb het uf em Schrage gha. Es het der Chopf la abehange, und der ganz flüssig Inhalt het sech dür sys 72 Muul etläärt. Da seit der Metzger zue mer: «Häb mer da chly der Cring!» (nämlech nid dem Metzger syne, sondere der Chalbschopf). Dienschtfertig bin i zuechegsprungen und ha dä Chalberchopf über ne Züber gha, und der Metzger isch furtgloffe, vermuetlech, für eis ga z'näh i d'Gaschtstuben übere. Das isch du öppis anders gsi als Cäsar und Cicero; aber i ha dem Metzger sy Bosheit nid übel gnoh, sondere bin ihm treu bliben und ha nah-ti-nah ganz e guete Begriff übercho vo der Metzgerei. Näbem gwunderigen alte Poschthalter isch de no es stumms Faktotum da gsi, wo sech überall nützlech gmacht het und – das muess i säge – nid öppen als halbwärtige Möntsch verachtet, sondere geng mit mene gwüsse fromme Respäkt behandlet worden isch. Wo der Heuet cho isch, bin i mit allne dene Lüten uf ds Fäld. Es git doch nüt Schöners i der Landwirtschaft als so ne Heuet bi guetem Wätter. Es isch der Inbegriff vo nere luschtigen Arbeit, und müesst me no so grüüslech schwitze. Aber ei Tag hätt' es lätz chönne gah. Üser drei Buebe sy mit mene lääre Leiterwage der Hubestutz ufgfahre. Der Hans het gfüehrt. Da chunnt oben am Stutz es chlys schwarzes Hündli cho z'springen und schnellt ds einte Ross i d'Nase. Wägeliryten isch sünscht e schöni Sach; aber sältmal wär i lieber z'Fuess 73 gange – das chan ig ech säge. Im rasende Galopp i mene lotterige Leiterwage, uf mene holperige Charrwäg, isch en eigeti Art Reise! Mer hei nüt gwüsst z'machen als brüele. Und z'gueterletscht hei d'Ross i mene gäje Rank vom Wäg abbogen und sy mit is dür ne Hoschtet ab gfahre, mer hei schier nümme dörfe luege. Aber mer sy ganz ohni Schade dervo cho. Ds Heuervolk het is gseh cho z'chessle, isch is etgäge cho und het du uf freiem Fäld usse der Jagd chönnen es Änd mache. Der Heuet het sy Abschluss gfunde i der sogenannte Heuete. Der Herr Pfarrer het mer erloubt d'Yladung derzue az'näh, wenn i de zur Zyt well hei cho. I ha's natürlech versprochen und bi gange. I nere ziemlech dumpfe Burestube bim Lächema vom Leue hei sech Meischterlüt, Chnächte, Tauner, Jungfrouen und e grossi Trybete Chinder um mehreri Tische gschaaret und mit lüüchtender Feschtstimmung uf ds Ässe gwartet. Zum erschtemal i mym Läbe han i vo «Vorässe» ghöre brichte und bi nid wenig verwunderet gsi, wo men es chüschtigs Ragout under däm Namen uftreit het. Was me sünsch no alles gha het, bsinnen i mi nid, aber viel isch es gsi. Und me het's mit 74 wyssem Wy bschüttet, so sträng me möge het. Zwüschenyne het men eis über ds andere gsunge. Unvergässlech blybt mer, was der Stumm zum Beschte gä het. Uf eis mal het's gheisse: «Still, Buebe! Der Stumm wott singe». Alles isch müüslistill gsi, und ärnscht sy si alli blibe, wie währed mene Tischgebätt. Me het e grosse Meje vor e Stumm häregstellt, und du het er dä Meje mit verliebten Ouge gschouet, ne hie und da e chly dräjt und gestikuliert, wie wenn er mit dene Blueme zärtlech würdi rede, und derzue in unartikulierte Tönen es längs, chindlechs Lied gsunge. I bi sicher, Stadtchinder hätte ds Lache nid chönne verha; aber di Burelüt sy, wieni säge, still und andächtig blibe. Nachhär isch d'Luscht wieder losbroche, und «ds Pfarrers Bueb» het nid a ds Heigah dänkt, bis vo de chlynere Chinder eis um ds andere vor Schlaf ab em Stuehl trohlet isch. Ändlech het mi es dunkels Gfüehl doch heizoge. Wo-n-i i ds Pfarrhuus chume, steit oben a der Stäge di längi Gstalt vom Herr Pfarrer, i der einte Hand es Liecht, i der anderen en Uhr. Ohni uf d'Uhr z'luege, bin i an ihm vorbygstürmt, i my Stuben und i ds Bett. «Aber, aber!» het der Samuel Lucius gseit, und i ha d'Dechi über d'Ohre zoge, für nid wyterz'lose. 75 Viel und oft han i vom Wunderdokter z'Bränzikofe ghört brichte. Me het nen o mängisch uf sym Rytwägeli gseh vorbychessle. Wenn er Sprächstund gha het, so sy si Tagreise wyt cho z'fahren und z'loufe, und er het ne für Möntschen und Vieh ghulfe. Albeneinisch het ne de der Regierungsstatthalter nachegnoh wäge Kurpfuscherei. Aber im Ougeblick, wenn si ne z'Schlosswyl hei wellen i Turm tue, het er ne de albe gseit: «I ha ne Notfall. Leut mi gah, süscht stirbt er!» Und de hei si ne de la loufe. Meh und meh han i Land und Lüt glehrt kenne, vo der gueten und böse Syte. I ha emel o um Chüneli ghandlet mit de Burebuebe, und i müesst mi trumpiere, wenn si mer nid d'Chüneli, wo-n-ig nen abkouft ha, verschleikterwys wieder us der Pfruendschüüre heigreicht hätte. Es isch, wenn men us so verschidene Verhältnissen use gwachsen isch, nid liecht, ängeri Fründschafte z'schliesse. Derzue chunnt de no es gwüsses Misstroue, wo näben alle gueten Eigeschaften üser Landbevölkerung ahaftet. E modus vivendi findt me mit de Bure nid schwär, aber ihres Vertroue gwinnt me langsam. Als «ds Pfarrers Bueb» han i de frylech wieder mängi Fründlechkeit gha z'quittiere, die me sech dem frömde Stadtbueb gägenüber vermuetlech erspart hätti. 76 Ei Tag han i bi mene Burehuus müesse ga schärme. Si hei dinne juscht z'Vieri gnoh. Da het's bald gheisse: «Chumm yhe!» und «Hock zueche!» I ha nid gwüsst, wär di Lüt sy, bis i dinnen i der Stuben eine vo myne Schuelkamerade gseh ha. D'Familie – im alt römische Sinn, denn es isch alles bi-n-enandere gsi vom Buur bis zum Hüeterbueb – isch fridlech und schwygsam um ne blank gwäschene Tisch ume gsässe. Niemer het nüt gseit, am allerwenigschte my Schuelkamerad, dä mi mit de grüüslechschte Glotzouge verfolget het. D'Büüri het mer us menen unerchannt grosse Heimbärghafen e Tasse voll Milchcafé ygschänkt und mer es aghoues vierpfündigs Brot zuegschobe: «Nimm ume!» – Ja, nimm ume! Chönne wär no besser gsi. Der Café isch e so füürig gsi, dass i ne schier nid ha dörfen aluege, gschwyge de arüehre. Und mit däm Brot han i ohni Mässer erscht rächt nüt gwüsst az'fah. Wo si my Verlägeheit gmerkt hei, isch mer ändlech der Mälcher z'Hülf cho und het mer sy Sackhegel etlehnt. Es het o nie lang hinderenand a Visite gfählt, wo Abwächslung i üses stille Läben im Pfarrhuus bracht het. Schuderhaft luschtig het's mi dunkt, wenn albe ds Herr Pfarrers Brueder vo der Langenegg cho isch, e währschafte Burema i mene blaue Burgunder. Kei Möntsch hätti 77 dra gsinnet, dass das Brüeder wäre, der eint e so fyn, schlank und schier dürsichtig und der ander so bürsch. Und doch het me de bald gmerkt, dass si us der glyche, gsunde Wurzle gwachse sy und sech brüederlech verstanden und gärn gha hei. Einisch sy anderi Verwandti vom Herr Pfarrer cho z'chaisle. Wo die wieder hei wellen aspanne, het der Bschüttilochdechel under ihrem Schümmel la gah. Das isch du-n-e Gschicht gsi, wohl, bis me das guete Tier wieder het dusse gha! O vo Bärn sy öppe Lüt cho. Einisch het mi der Herr Oberscht vo Büre mit zweenen andere vo synen unzählige Göttibuebe greicht und isch mit is um die ganzi Falkeflueh umen uf e Stauffe, wo-n-er es Landguet gha het. Da sy viel Lüt us der ganzen Umgäged zsämecho, und me het e so en Art es religiöses Fescht veranstaltet. Aber es sy nid nume Lüt vo der evangelische Gsellschaft derby gsi. I bsinne mi emel a ne Pfarrer us em Ämmetal – i will ne nid mit Name nenne – dä het zum Etsetze vo üsem verehrte Herr Oberscht zum Beschte gä, ihm syg's grad glych, wenn d'Lüt, statt zue-n-ihm z'Predig z'cho, daheim vor em Huus blybe sitze. I hätt ihm am liebschte g'antwortet, si wärde wohl wüsse warum und heige villicht no rächt. Aber der Oberscht het ihm sys Missfallen uf ne milderi, wenn o bestimmti Art kundgä. Wenn i nid irre, het du di unglücklechi Gmeind vo däm Mietling, wo si na ihm en ärnschte Pfarrer übercho het, dä gar nid mögen erlyden und het ne na nes paar Jahre gflämmt. Es anders mal het mi e Fründ vom Herr Pfarrer mitgnoh i ds fründleche Pfarrhuus vo der Schwarzenegg, wo-n-ig es paar Tag bi der Familie Rohr herrlech und i Freude gläbt und a nüt meh wyters dänkt ha, bis es Telegramm vom Herr Dumermueth cho isch: «Wo bleibt unser Rudolf?» Hals über Chopf bin i Diessbach zuegreiset. D'Frou Pfarrer het mer welle ds Mösch putze, wil i so lang furtblibe bi. Im Gköchgarte, zwüsche de Buchshegleni, het si mi z'Red gstellt. Die gueti Seel het sech uf ds Ufbegähre schlächt verstande, und doch het mer ihri sanfti Schmählete viel meh Ydruck gmacht als mängs vo de grossartigschte Kathedergwitter. Nume z'gschwind isch di herrlechi Zyt verstriche. Was si für mys ganze Läbe bedütet, han i erscht lang, lang nachhär afah begryfe. Dert, im stille Pfarrhuus, han i der Grund gleit zu mym erschte schriftstellerische Produkt. Es uralts Büechli übere Tiroler Freiheits-Chrieg vo anno nüüni isch my liebschti Lektüre gsi, und da druus isch später der «Sandwirt von 79 Passeyer» worde. Der Houptwärt vo mym Diessbacherufethalt ligt aber im Blick, wo-n-i damals mit eifältige Chinderougen i ds Härz vo Land und Lüt ta ha. Was i dert ahnungslos i mi ufgnoh ha, isch mer hütt en unerschöpflechi Quelle für ds Schaffen us der Erinnerung. Und wenn i e pädagogische Rat us myr Pfarrhuuszyt darf ableite, so isch es dä: Heit Geduld mit de Sorgechinder! Versetzet se, wenn's nümme wott gah, i nes anders Gschirrli und stellet se-n-a d'Sunne vo geduldiger, chrischtlecher Liebi; die macht mängs ume guet. Als Rudolf aus Diessbach zurückkehrte, war er guter Vorsätze voll. Der regelmässige Unterricht hatte ihn gefördert, das spürte er selbst, und frühere Lücken ausgefüllt. Zwar sind seine Briefe und Karten noch immer recht unregelmässig geschrieben: auf dem Umschlag steht in fast gemalter Zierschrift die Adresse des Herrn Burgerratsschreibers, der Brief selber aber schliesst mit den kecken Zeilen: «Zürne mir nicht wegen Sudelei und Flüchtigkeit; denn ich schreibe in ganz Blücherschem Styl, denn ich bin ein alter Soldat und die lieben's ausnehmend so.» Der alte Soldat bequemte sich immerhin, im Steigercorps den weniger auffälligen Rang des Auditors zu 80 übernehmen und an den Sonntagen nach der Predigt den Offizieren Vorträge über Kriegsgeschichte mit Betrachtungen über die Fortschritte in der Bewaffnung und Gefechtsführung der europäischen Armeen seit Anfang des 19. Jahrhunderts zu halten. Vielleicht hatten der ländliche Frieden und der tägliche Umgang mit der trefflichen Familie in Diessbach den wilden jungen Mann doch zu einer Einkehr geführt, für die er offenbar inzwischen reif geworden war. Nicht ohne innere Bewegung lesen wir, dass schon dort und damals in ihm die dichterische Saat zu keimen begann, mit jenem Andreas Hofer-Drama, das ihn unvollendet noch jahrelang begleiten sollte, ehe es durch Ernst von Wildenbruch die fachmännisch entscheidende Kritik erfuhr. Stand es nicht im Mittelpunkt endloser Gespräche, denen sich ein Freundeskreis der letzten Schuljahre mit jener begeisterungsfähigen Unermüdlichkeit hingab, wie sie nur Gymnasiasten zu den letzten weltanschaulichen und ästhetischen Problemen hinreisst? Bei ihnen fand Rudolf von Tavel nach einem kürzeren Intermezzo im « Mutzenleist », der eine etwas altkluge Nachahmung echter Leistsitten und als Bestes ein paar gesellige Fusswanderungen und Bergbesteigungen mit sich gebracht hatte, jene geistige Atmosphäre 81 wahrer Freundschaft, die Jahrzehnte und Schicksale überdauerte und auch durch die verschiedensten Entwicklungen nie mehr ganz ausgeschaltet wurde. Doch diesem, für die Reife des Tavelschen Charakters unermesslich wichtigen Freundschaftsbunde ging eine neue Verdunkelung des Schulhimmels voran, ein Zwischenfall, der leicht zur Katastrophe hätte werden können, wenn nicht der «unendlich geduldige» Vater noch einmal das bereits bewährte Mittel angewendet und den Sohn vorübergehend aus der städtischen Schule genommen und einem ländlichen Einpauker überlassen hätte. Das Tagebuch meldet knapp, aber vielsagend: «Im Frühling des Jahres 1884 fiel ich beim Examen ins Gymnasium durch, weshalb ich nach Rapperswil geschickt wurde zu Herrn Pfarrer Lenz.» Aber schon bald nachher hiess es: «Von Rechts wegen hätte mir der Aufenthalt im Pfarrhaus zu Rapperswil eine Strafe sein sollen, und in Wirklichkeit wurde er mir zu einer Zeit der Freuden und Wonne. Es geht eben oft so, und ich denke mir immer dabei: Der Mensch denkt und Gott lenkt.» Offenbar war das Pfarrhaus von Rapperswil bekannt als Nothafen für Lebensschifflein, die an den Riffen und Klippen der Schule zu zerschellen drohten oder vorübergehend auf 82 einer Sandbank der Trägheit gestrandet waren. Denn der Postillon, mit dem Rudolf von Münchenbuchsee abfuhr, hatte bald erraten, dass auch er «einer von den vielen sei, die in jedem Frühjahr nach Rapperswil pilgerten, gewöhnlich zu denselben Zwecken». Aber der mit spürbaren Vorbehalten angetretene Aufenthalt erwies sich alsobald als jene Mischung von geduldiger Arbeit und ungebundenem Freiluftleben, wie sie Rudolf schätzte, und das Tagebuch seiner zweiten «Verbannung» bezeugt in mannigfachen Erlebnissen und Schilderungen, wie heimisch er sich dort fühlte. Mit den zwei Söhnen und dem zehnjährigen Töchterchen des Hauses und den andern Pensionären durchstreift er die nahe und ferne Umgebung bei jedem Wetter, ein Brand bei Wierezwil hinterlässt starken Eindruck und zeigt zum erstenmal, wie empfänglich er, der spätere Feuerwehroffizier, für Sensationen dieser Art war; der lebhafte und noch jugendliche Pfarrherr schliesst sich gelegentlich von den Spielen der Jugend nicht aus, und die Frau ist ihm «das wahre Musterbild einer Pfarrerin, sie wurde mir, mit einem Wort, zur zweiten Mutter». Bezeichnend für Rudolfs inneren Zustand dünken uns zwei Eintragungen. Bei einem Ausflug nach Frieswil geraten die jungen Wanderer in ein 83 heftiges Gewitter und sind erschrockene Zeugen eines Blitzschlages, der in den Wald bei Kallnach bricht, als sie sich eben entschlossen haben, diesen Wald nicht zu betreten, sondern der Landstrasse nach Bargen zu folgen; Rudolf glaubt an eine Mahnung Gottes, die ihnen zuteil geworden sei, und beschliesst den denkwürdigen Tag in Dankbarkeit gegen den Allmächtigen. Am Jakobstag aber, nachdem ihr Holzstoss niedergebrannt ist, liest er am späten Abend noch in den Biographien bernischer Generale. «Dabei dachte ich mir, möchte Gott mir einst Gelegenheit geben, in solcher Stellung meinem Vaterland gute Dienste zu leisten. Unmöglich ist am Ende nichts!» Die kurzen Ferien verbrachte er zu Hause, folgte an einem Tag einer hitzigen Gefechtsübung des elften Infanterieregiments bei Worb und Wil – wir besitzen eine Federzeichnung von ihm, die eine ausführliche Schilderung im Tagebuch illustriert – und beschäftigte sich wiederum mit Plänen zu einem neuen Leist, in dem auch das Schiess- und Jagdwesen gepflegt werden sollte. Denn inzwischen hatte er auch reiten gelernt, und das Rapperswiler Tagebuch verzeichnet mehr als einmal, dass er «vor dem Gottesdienst einen Habicht gejagt» habe. Und wie er dann, nach gehöriger Vorbereitung durch seinen 84 Mentor, am 13. Oktober in Bern sein Eintrittsexamen in die Tertia bestanden hatte, ritt er zwei Tage später nach Rapperswil hinaus, um dem pfarrherrlichen Ehepaar den Bericht über das glückliche Ereignis zu bringen. «Unsre Bekanntschaft und unsre bis zu seinem Tod andauernde Freundschaft gehen auf die Zeit zurück, wo Rudolf von Tavel im Frühling 1885, nach seiner Verbannung nach Rapperswil, in unsre Klasse eintrat», schreibt Professor Dr. med. Fritz de Quervain in einer liebevollen und scharfsinnigen Studie, die den wichtigsten Beitrag zur Darstellung der Entwicklungskrise in des Dichters Leben liefert. Da Professor de Quervain mit alt Pfarrer Hermann Rohr und Dr. Franz Thormann jenem engsten Kreise angehört, dem sich Rudolf von Tavel seit den Schul- und Studienjahren verbunden fühlte, sind uns seine Ausführungen in ihrer intimen Unmittelbarkeit des Verstehens und Abwägens von besonderm Wert. Hören wir, wie er die Schule schildert, in der sich Rudolf dem letzten Examen entgegenarbeitete, und wie sich ihm – wohl eher heute in der Rückschau als damals im Miterleben – die Wandlung vom Knaben zum Mann darstellt, in ihrer Art wohl nichts Aussergewöhnliches, aber in diesem Fall doch eine glückliche Lösung von nicht ganz 85 alltäglich gelagerten Konflikten. Prof. de Quervain schreibt: «Die Lerberschule war im Sinne ihres Gründers vor allem ein Literargymnasium. Das hinderte aber nicht, dass – zum Leidwesen des Direktors und der Philologen – Mathematik und Physik dank der Tätigkeit von J. H. Graf sehr stark in den Vordergrund traten. Damit war für unsern Freund ein erster schwerwiegender Gegensatz zwischen Neigung und Pflicht geschaffen. Rudolf von Tavel lebte in einer ganz andern Sphäre als derjenigen der trockenen Zahlen und konnte sich mit dieser nicht befreunden. Dies hinderte übrigens nicht, dass er in der Zeit der Examennöte in Graf eine kräftige Stütze fand und das auch dankbar anerkannte. Auch in den sprachlich-geschichtlichen Fächern kam ein vor allem dichterisch und psychologisch veranlagter Schüler nicht immer auf seine Rechnung. Wenn in der Lateinstunde die deutsche Übersetzung Virgils sich dem Buche des Lehrers entwand und sich vor uns auf dem Boden ausbreitete, und wenn der Unglücksmann – Gott hab' ihn selig – gestützt auf seinen deutschen Zettel einen Ausdruck erklärte, der im lateinischen Text gar nicht stand, dann ging das Vertrauen dahin, und man konnte es uns nicht verargen, wenn wir während der 86 Unterrichtsstunde mit Freilassen von jungen Fröschen und ähnlichen Protestäusserungen unserer Missbilligung Ausdruck gaben. Unser Griechischlehrer war ein gerader, ehrlicher Mann, und wir hüteten uns, ihn zu verletzen. Er war aber zu gelehrt. Bei den schönsten Stellen von Homer erfuhren wir nur, dass der Philologe Böckh eine andere Lesart vertrete. Dass es in Homer noch anderes gab als Lesarten, das entdeckten wir erst, wenn etwa der Deutschlehrer für ihn einsprang und mit Begeisterung in Wort und Gebärde die trojanischen Helden vor unserm geistigen Auge vorbeiziehen liess. Darum war auch die Deutschstunde der Ruhepunkt für unser Gemüt, freilich nicht ein Ruhepunkt im gewöhnlichen Sinn. Im Frag- und Antwortspiel mit dem immer beweglichen Basler – es ist kaum nötig, den vorzüglichen Daniel Huber mit Namen zu nennen – war schon die zweite Frage da, bevor ein bedächtiger Berner die Antwort auf die erste bereit hatte. "Ziehen, ziehen!" rief dann etwa Daniel Huber, um die Klasse an das Seil der Antwort zu spannen. Diesen Stunden verdankt mancher Schüler, wenn es ihm damals auch nicht zum Bewusstsein kam, etwas Wertvolles, die Beherrschung der Muttersprache. Dass die deutsche Literatur bei Huber mit Goethe abschloss, tat nichts zur 87 Sache. Die Romantiker, Heine, die damaligen Zeitgenossen Scheffel und die beiden grossen Zürcher Dichter wusste man sich zu verschaffen und erfreute sich privat an ihnen. Mit Befriedigung sahen wir in den obersten Klassen den Lateinunterricht an Huber übergehen. Arbeiten musste man freilich, aber man tat es mit Interesse, wenn es galt, die Oden des Horaz metrisch zu übersetzen, und wenn sich dann die Gelegenheit bot, über die richtige Deutung des carpe diem zu diskutieren. Unsre Deutung entsprach, nebenbei gesagt, wahrscheinlich mehr derjenigen des Horaz als die Deutung Hubers. Bei Huber fand von Tavel grösseres Verständnis als bei den meisten Lehrern, aber auch hier kam es gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten in sprachlichen Dingen. Eine aus solchem Grunde erteilte schlechte Aufsatznote empfand er als pedantisch, und sie betrübte ihn tiefer als eine Schlappe in irgendeinem andern Fache. Dass wir vor Huber einen Deutschunterricht genossen hatten, der nicht auf der gleichen Höhe stand, das sei hier nur angedeutet. Wenn der ganze "Wilhelm Tell" von Schweizerschülern in ein Schema mit Unterabteilungen von I bis zu aa gepresst und bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt wurde – und das noch von einem Landsmann Schillers – so wird man darüber nachträglich den Mantel der Liebe decken. Wir Schüler verfügten aber, obwohl Lerberschüler, nicht über so viel christliche Liebe und äusserten unsere Missbilligung in jeder uns zugänglichen Form. Der Religionsunterricht, der das Fundament der Schule sein sollte, lief oft auf ein Auswendiglernen von Namen und Daten hinaus, und die Könige von Juda und Israel musste man wie ein Kirchenlied können. Nicht jeder zur Religionsstunde befohlene Lehrer verfügte über den Geist des genialen Theologen Schlatter, dem dieser Unterricht während einiger Zeit übertragen war. Hingerissen wurden wir durch den naturgeschichtlichen Unterricht des spätern Politikers und Tagblattredaktors Gottlieb Beck – freilich mit dem Hintergedanken, dass auch er sich gelegentlich durch seine Phantasie hinreissen lasse. Auf diesem Untergrunde entwickelte sich bei Rudolf von Tavel die Krise, welche ihn während der drei Gymnasialjahre vom Knaben zum Mann führte. Auf der einen Seite stand, wie er sich selbst ausdrückte, die unbotmässige Phantasie, die ihn in den Schulstunden auf Schlachtfeldern, Bergspitzen, Ratsälen, Leiststuben herumzerrte, wobei das 89 Häuflein Energie, welches in ihm wohnte, durch das Gefecht mit einem unbändigen Stolz in Anspruch genommen worden sei. Auf der andern Seite stand die durch den strengen Vater verkörperte Familientradition, standen die Anforderungen des Schulbetriebes und das Gespenst des Maturitätsexamens. Die Familientradition war, wie ein Lehrer dem ungefügigen Schüler ehrfurchtsvoll einzuprägen versuchte, hochkonservativ und dabei streng religiös, und die Schule war, wie von Tavel selbst 50 Jahre später am 75. Gedenktage der Schulgründung hervorhob, auf die Bibel und das Kirchenlied gegründet. Ein weniger fest in der Tradition verankerter Charakter konnte in diesem Konflikt entweder zugrunde gehen oder ganz aus der Art schlagen. Er tat weder das eine noch das andere, sondern er mauserte sich, überwand das Knabenhafte, behielt seine poetischen Ideale und begann tüchtig zu arbeiten. Freilich fragte er sich oft: Warum bin ich, was Vergnügungen und Geistesbefriedigung anbetrifft, nicht so genügsam und anspruchslos wie meine Kameraden? Die Antwort fand er im "Kennenlernen anderer Leute" und im "Begreifen seiner eigenen Lebensaufgabe". Er wurde unbewusst ruhiger und geduldiger. "Nach heftigem Kampf", sagte er, "empfand 90 ich, es sei in mir ein alter Mensch abgestorben. Ein eisernes Vertrauen auf Gottes Hilfe erfassend, ging ich mutig vorwärts." Diese wenigen Zitate aus seinen in jenen Jahren niedergeschriebenen Erinnerungen zeigen, dass das religiöse Moment, wie es durch Familie und Schule gegeben war, der Grundton blieb. Einen Konflikt zwischen Glaube und Wissen, wie er gerade in jener Zeit beim Aufeinanderprallen einer starr dogmatischen Tradition mit voraussetzungsloser Forschung oft entstand, gab es für ihn nicht, und damit auch keine das Innere aufwühlende Problematik. Die religiöse Überzeugung war für ihn etwas Gegebenes und blieb es sein ganzes Leben hindurch, nicht als eine dogmatische Frömmigkeit, sondern als ein Christentum der Tat, das in seiner Weitherzigkeit bestes Menschentum war. Von den Kämpfen, in denen er sich im höchsten Sinne selbst gefunden, merkten selbst wir Studienkameraden nicht viel. Er schrieb: "Wenn ich grollenden Herzens aus der Schule heimkam, so schwand gewöhnlich der Unmut bald." Auf dem Heimwege gab es noch einige Kraftausdrücke, und dann verarbeitete er das Weitere im stillen, mit sich selbst. Über den allmählich aus der Tradition in sein geistiges Besitztum übergehenden religiösen 91 Untergrund äusserte er sich nie, der blieb Privatsache. So entwickelte sich aus dem zerstreuten und unbotmässigen Schüler der bedächtige Mann der Ordnung und der Arbeit, als den wir ihn sein ganzes späteres Leben hindurch kannten, und wenn er in der ersten Hälfte seiner Schulzeit mehr egozentrisch eingestellt war, so gilt von seiner ganzen spätern Laufbahn das Gegenteil, er wurde zum ausgesprochenen Altruisten. Er selbst hat später öfter hervorgehoben, dass ihm jene schwierigen Zeiten dadurch in besonderer Weise erleichtert worden seien, dass seine Freunde zu ihm gestanden seien. Ohne das treue Zusammenhalten unter seinen Freunden wäre es ihm schwer geworden, diese Zeiten zu überstehen. Mehr und mehr traten in seiner Gymnasialzeit, sozusagen parallel zu seiner Krise, dichterische Pläne den knabenhaften Interessen gegenüber in den Vordergrund. Sie bildeten neben den Schulerlebnissen den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung. Tag für Tag trafen wir auf dem Schulweg zusammen und trennten uns abends an der Kreuzung von Muristalden und Schosshaldenstrasse wieder, wenn nicht der Plan des "Andreas Hofer" Rudolf von Tavel veranlasste, im Schatten der Muriallee noch ein Stück weiterzupilgern und 92 uns seine Projekte und Entwürfe auseinanderzusetzen. Als Ausfluss der literarischen Bedürfnisse unseres Kreises wurde eine hektographierte Klassenzeitung gegründet. Ferner wurde am Ende unserer Gymnasialzeit eine Wandermappe für literarische Beiträge der Klassengenossen angelegt, dem griechischen Namen des Gründungsmonates entsprechend als "Elaphebolion" [ἐλαφηβολιών = zweite März- und erste Aprilhälfte] bezeichnet. Die Freude am Wohlklang der griechischen Sprache und die Vorliebe unseres Griechischlehrers für diese Monatsbenennung halfen bei der Wahl des Namens mit.» Soweit unser Gewährsmann, dessen klaren Worten wir höchstens beizufügen hätten, dass nach Tavels eigenem Zeugnis von allen Lehrern den nachhaltigsten Einfluss auf ihn der Gründer und alte Direktor der Schule, Theodor von Lerber, ausgeübt habe. Ihm hat er später in einer Biographie ein pietätvolles Denkmal errichtet. Offen liegen nunmehr die seelischen Elemente da, mit denen Rudolf von Tavel das Fegfeuer der Schule verliess. Hatte es sie nicht geläutert und ihre Kräfte gestärkt? Hatte sich nicht auch an ihm bewährt, dass unter einem oft sehr schweren äussern Druck die Geburt des Dichters vor sich geht? Was aber ahnten 93 davon die Lehrer, ja auch die Familienglieder, die begreiflicherweise in ihm nur den Kandidaten des drohenden Maturitätsexamens sahen? Und es nahte, nahte unerbittlich und war plötzlich da. Die letzten Wochen und Monate des Winters hatten im Zeichen übermässiger Arbeit gestanden, die Kräfte hatten abgenommen, der Blick zu den nächtlichen Sternen empor durch das schmale Giebelfenster, wenn er sich spät müde hingelegt hatte, war einziger und starker Trost. Und eines Abends fuhr die kleine Schar nach Burgdorf, wo die Lerberschule damals ihre Matura zu absolvieren pflegte. Wie ins letzte Gefecht ging es, nachdem man dem Direktor vorher noch den Fahneneid geschworen hatte, sich jeder Anwendung unerlaubter Hilfsmittel zu enthalten. Rudolf von Tavel beschrieb diese tagelange Schlacht in einem Aufsatz, dem er die aufatmende Überschrift gab: Das Ende meines Schülerlebens Wir quartierten uns, dem alten Gebrauch der Schule gemäss, im Gasthof zu Metzgern in Burgdorf ein. Nach dem Abendessen repetierte jeder noch etwas für sich, und dann legten wir uns zur Ruhe. Die Zimmer und die Betten waren kalt, und daher schlief man 94 noch eine Weile nicht ein. Es war ein düsterer und banger Abend. Ich malte mir noch vor, was für mich vom Gelingen der Prüfung abhing. Der Zufall wollte es, dass ich in meinem Nachttisch die Karte eines Schülers unseres Gymnasiums fand, welcher vor zwei Jahren beim Examen in Burgdorf durchgefallen war. Aber dieser kleine Zwischenfall vermochte mich nicht zu entmutigen; ich wusste, dass meine Lieben daheim und die Lehrer unser in Fürbitte gedachten. Wir Kameraden taten ein Gleiches unter uns. Wir hielten treu zusammen. Was uns an jenem trüben Abend ärgerte, das war eine Blechmusik, die sich bis nachts 12 Uhr im untern Saale des Gasthofes abmühte, ein Potpourri zu üben. Es war wirklich geduldraubend, als diese eifrigen Trompeter unendlich viele Male hintereinander ein und dasselbe melancholische «thurututuh» hören liessen. Am andern Morgen begannen die schriftlichen Prüfungen. Die Tage waren lang und unheimlich. Nach jeder Fachprüfung irrten wir umher, um irgendwie zu erfahren, ob die Arbeit, die wir geliefert, etwas wert war, ob wir hoffen durften. Die einen fanden die Ruhe, welche ich gewöhnlich an den Tag legte, sonderbar. Wahrscheinlich hielten sie mich 95 für gleichgültig. Andere sahen darin ein gutes Zeichen und bestärkten mich im Vertrauen. Am Ende der schriftlichen Prüfungen kehrte ich, das Herz voll guter Hoffnungen, nach Bern zurück. Ungefähr eine Woche später fuhren wir zum zweitenmal nach Burgdorf zu den mündlichen Prüfungen. Diese waren peinlicher als die ersten, und es erging mir dabei weniger gut. In der Mathematik erlitt ich eine bedenkliche Niederlage, die mich sehr einschüchterte. Aber ich verlor die Hoffnung nicht. Es überkam mich vielmehr eine Art Galgenhumor. Abends sank der Mut wieder, nachdem ich nachgerechnet, dass nun der Entscheid des Ganzen von den Prüfungen des folgenden Morgens abhinge. Es blieben noch Physik und Geschichte zu bestehen. Ruhig und gelassen ging ich in diese letzten Gefechte. Mit dem wenigen, was mir in diesen Fächern zu Gebote stand, wehrte ich mich verzweifelt. Als ich am Mittwoch vom Gymnasium wegging, hatte ich den Eindruck, als ob es gewonnen wäre! Beim Mittagessen hingegen gaben die Lehrer mir gegenüber schon den schlimmsten Befürchtungen Ausdruck. Aber selbst als Dr. Graf mich trösten wollte mit einem zweiten glücklicheren Examen im Herbst, gab ich die Hoffnung auf ein diesmaliges Durchschlüpfen 96 nicht auf. Als Dr. Graf fortging, um das Resultat zu erfahren, sagte er mir: «Wenn ich beim Verlassen des Gymnasiums lachen werde, dann gilt dieses Lachen Ihnen.» Die Übrigen gingen auch weg, und bald war ich allein im Zimmer. Was ich in dieser Stunde, wo die Professoren über mein Schicksal berieten, gedacht und getan habe, das brauche ich hier nicht mitzuteilen. Schliesslich liess mir die bange Erwartung nicht länger Ruhe, ich eilte auf die Strasse, wo ich einige Kameraden fand, welche zum Gymnasium hinunter wollten, um den Entscheid zu vernehmen. Ich schloss mich ihnen an. Kaum waren wir um eine Strassenecke gebogen, als in grossen Sprüngen meine Freunde angerannt kamen. Auf einmal fiel der schwere Alp, der mich so lange gedrückt, von meinem Herzen. Er begann schon zu rutschen, als ich die Kameraden anrennen sah. Mit sausender Schnelligkeit verbreitete sich der Ruf: «Alle durch!» im ganzen Städtchen. Von allen Seiten eilten die Abiturienten herbei. Und Herr Dr. Graf, ach, er hatte sich mir zulieb unter die Türe des Gymnasiums gestellt und herzlich gelacht – und ich war nicht einmal zugegen. Es tut mir heute noch leid. Der Schüler Beim Rektor erfuhren wir die offizielle Mitteilung vom allgemeinen Gelingen. Die 97 Freude! Wir stürmten das Telegraphenbureau, um Eltern und Kameraden zu benachrichtigen. Unser Direktor versammelte uns um sich, um Gott mit uns zu danken. Die Worte aus den Psalmen: «Keiner wird zu Schanden, der deiner harrt» hat er mir nicht nur in mein Losungsbüchlein, sondern ins Herz geschrieben. Das war eine glückliche Heimfahrt. Am Bahnhof empfingen uns mit stürmischer Freude die Kameraden. Wie gerne eilte ich heim! Das war ein anderes Heimkommen, als ich es seit Jahren erlebte, wenn ich von der Schulbank seufzend heimging. So war ich denn frei, ganz frei von den Schulsorgen. Der Kampf war endlich zu Ende. Nun durfte ich anders anfangen. Aber eines lernte ich dabei wieder: dass, um frei zu werden, man sterben können muss, seinen Leidenschaften, Freuden und seinem Stolz absterben! 98 Zwischen Beruf und Berufung Die ernste Stimmung, in die Tavels eigener Bericht über die Maturität ausklingt, mochte gewiss seinem innersten Zustand entsprechen, mochte seine Erkenntnis der Opfer an Selbstüberwindung und Selbstzucht andeuten, die er geleistet hatte. Aber ebenso natürlich war der Jubel, der jetzt manchmal aus seiner Brust hervorbrechen konnte, wenn er sich «der vollen, goldenen Freiheit» bewusst wurde, die er in diesem Frühling genoss. Nächtliche Träume bannten ihn etwa noch in die Schule zurück oder in bange Examenstunden; Schreckträume, die auch den reifen und sogar den bejahrten Mann noch plagen konnten; aber der Tag gehörte neuem Hoffen und neuem Tun. «Es wäre wohl so recht eine Periode der Poesie geworden, dies Frühjahr, und doch, die Gedichte wollten nicht von der Feder. Mein Gemüt war zu erleichtert, zu freudig aufgeregt, als dass es sich mit der ruhigen Abfassung von Liedern hätte abgeben können.» Aber ein Gedicht sei ihm in jenen Apriltagen doch gelungen, vermerkt er weiter, bei dem 99 Denkmal für Albrecht von Haller am schattigen Rand des Schosshaldenwäldchens, der sein Lieblingsaufenthalt geworden war – und zeitlebens sein Lieblingsspaziergang geblieben ist. Wir besitzen die Blätter mit dem Gedicht «Berufung»: in einem romantischen Rausch inneren Stolzes und Glückes schreitet er an der Hand des Dichters der «Alpen» zu dem Waldheiligtum der Siona, die in ihm ihren Sänger grüsst und ihm die goldene Harfe reicht, damit er das verklungene Lied aufwecke und es den Menschen wieder singe. So knüpft auch seine junge Kunst, wie er es sich vorstellt, an bester bernischer Tradition an, bei jenem «erleuchteten Vorgänger» aus gleichem Stand und Blut wie die, denen Rudolf von Tavel sich verpflichtet fühlt. Aber eben diese Überlieferung, die ihm in den Nöten der Schule schon das Rückgrat gestärkt hatte, hielt ihn nicht bloss aufrecht, sondern zwang ihn vorerst noch streng zur Rücksichtnahme auf väterliche Wünsche und Erwägungen. In der Familie waren spürbare Veränderungen eingetreten. Seit dem Jakobstag 1879 wohnte man ständig in der Schosshalde, wo der Burgerratsschreiber sich ein Haus im englischen Stil gebaut hatte, in unmittelbarer Nähe des geliebten grosselterlichen Sitzes, der 100 schon das Paradies der Kinder gewesen war. Die Grosseltern lebten allerdings nicht mehr. Aber auch der älteste Bruder Alexander hatte 1882 Haus und Heimat verlassen, um in Amerika sein Auskommen als Landwirt zu suchen; ein Jahr darauf heiratete die Schwester Marie nach Luzern, im Examensfrühling auch die jüngere Schwester Rosalie, die sogar nach dem fernen Ostpreussen zog. Dieser Abschied ging Rudolf besonders nahe, denn er war von frühesten Kindertagen an gewohnt gewesen, mit ihr Freud und Leid zu teilen. Als ein neckisches Nachspiel fügte er den Trauerworten über diese Trennung bei: «In der Schosshalde schien das Heiraten plötzlich Mode geworden zu sein. Dem Gärtner fiel es ein, sich in die Kammerzofe zu verlieben, und nach ein paar Wochen hatten wir ein neues Brautpaar im Hause. Der Gärtner, mein Musiklehrer, trat bald darauf aus seinem Dienste aus und zog sich in seinen Heimatort Seelhofen zurück. Damit schwand auch die letzte Spur von Musikgenuss aus der Schosshalde; denn im allgemeinen war man in der Familie doch zu wenig begeistert für mein Trompetenspiel, als dass man mir ein eigenes Instrument angeschafft hätte, und selber vermochte ich es nicht, eines zu kaufen.» Die Monate nach dem Examen brachten 101 nicht nur eine Wetterhornbesteigung mit Freund Rohr, nicht nur den Besuch des siebzehnjährigen Prinzen Heinrich XXXI. Reuss jüngere Linie, den Rudolf von Tavel zum Trümmelbach begleitete und den er als «etwas undeutlich sprechend, aber sehr freundlich und bescheiden» kennzeichnet – sondern sie brachten auch die Einberufung in die Rekrutenschule, die er im Mai und Juni in Bern absolvierte, worauf er anschliessend die Unteroffiziersschule in Chur und im gleichen Jahr noch die Offiziersschule in Luzern durchlief. Auch das gehörte zur Tradition, war eine der höchsten Forderungen, die es zu erfüllen galt: Dienst am Vaterlande. Wie hatte der Jüngling schon gebangt, dass ihm seine Kurzsichtigkeit zum unübersteigbaren Hindernis auf dieser Laufbahn werden könnte! Dem Tag der Rekrutenprüfung blickte er in ängstlicher Spannung entgegen. «Auf mir ruhte die Hoffnung, dass ein von Tavel dieser Generation die militärische Ehre der Familie retten würde; dessen war ich mir wohl bewusst.» Und seine Freude über die Tauglicherklärung giesst er in einen innigen Dank an Gott, der seine «langjährigen heissen Wünsche» erhört hat. Sonderbar mag es vielleicht anmuten, gerade von ihm, dessen jünglinghaftes Gemüt so oft die Verlockungen des früher traditionellen 102 Dienstes in fremdem Sold gespürt hatte, jetzt das besinnliche Lob des demokratischen Waffendienstes zu vernehmen: «Unter den körperlichen Strapazen, der eisernen Disziplin, dem Zwange, mit Leuten jeglichen Standes dasselbe Brot zu essen, dasselbe Nachtquartier zu teilen, genau dieselben Rechte und Pflichten zu haben, bildet sich der Charakter, der Horizont der Weltanschauung wird weiter und das Pflichtgefühl wie das persönliche Ehrgefühl schärfer.» Mit einem Blick, der von keinem politischen oder Standesvorurteil getrübt ist, sieht der junge Offizier «den unschätzbaren Wert der allgemeinen Dienstpflicht für das soziale Leben eines Volkes». Ein Freund und zugleich Dienstkamerad bezeugt von ihm, dass er durch sein bescheidenes, freundliches und dabei doch so gefestigtes sicheres Wesen die Hochachtung und Sympathie auch solcher Kameraden gewann, die weltanschaulich aus entgegengesetzten Lagern kamen. Und schrieb Tavel nicht eben diesem Freund, vielleicht in Erinnerung an den gemeinsam geleisteten Militärdienst, fast fünfzig Jahre später das nachdenkliche Wort: «Wie merkwürdig harmoniert doch eigentlich die richtige Soldatenmentalität mit der christlichen Lebensauffassung! Gerade in den letzten Zeiten bin ich immer einleuchtender zur Erkenntnis geführt 103 worden, dass das Erfassen der Gnade eigentlich Disziplin ist. Man möchte gut, rein, heilig sein und quält sich damit herum, anstatt zu denken: es ist alles Gnade. Und wenn Gott selbst aus seinen unerforschlichen Erwägungen heraus uns auf unbestimmte Zeit im Sumpf wollte liegen lassen, nun, so sei's! Für uns heisst es ganz einfach: Begnügt euch mit eurem Kommisbrote!» Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir den Eifer, ja die Begeisterung für den Militärdienst, die Rudolf von Tavel damals erfüllte, in ursächliche Beziehung setzen zu den tiefen Enttäuschungen seiner Schuljahre, die ihm ein schweres Minderwertigkeitsgefühl eingehämmert hatten, und wenn wir den Dienst als Gegengewicht, das seine gesunde Natur forderte, zu den geahnten Gefahren eines künstlerischen, aber vorläufig noch ziellosen Strebens bewerten. Die beiden Neigungen liegen in ihm, offenbar ohne sich allzu heftig zu bekämpfen. Auch unter den Waffen schweigt ihm die Muse nicht. Auf nächtlichen Patrouillengängen sinnt er gelegentlich dichterischen Plänen nach und beklagt sich nur, dass ihm die Zeit fehle, die guten Einfälle niederzuschreiben; und das künstlerische Arbeiten, dem er sich neben den Studien alsbald eifrig hingab, unterbrach er immer wieder von Zeit 104 zu Zeit, um militärische Kurse zu absolvieren, eine Schießschule in Wallenstadt, den Truppenzusammenzug 1888 im Oberaargau, den er den Freunden im «Elaphebolion» launig beschrieb und in drolligen Federzeichnungen festhielt, später den Wiederholungskurs und die Zentralschule in Thun. Federzeichnungen in den «Erinnerungen eines Siebenund- dreissigers aus dem Truppenzusammenzuge 1888» 106 Fast sah es eine Zeitlang so aus, als ob er sich ganz der militärischen Laufbahn hätte verschreiben wollen. Er legte den Plan, Instruktor zu werden, schon vor der Maturität in einem Brief seinem Vater zur Erwägung vor; erschütternd ist darin die Verteidigung gegen den Vorwurf, er hätte gar keinen Trieb in sich und könne es deshalb zu nichts bringen: «Das hat bei mir tiefer eingeschnitten, als die Betreffenden glaubten; denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich Trieb in mir habe. Unglücklicherweise sind aber die Triebe, die mir eingepflanzt sind, derart, dass sie Dir und andern Leuten nicht einleuchten und das wohl mit Grund.» Der Vater, der vielleicht den Sohn besser kannte als dieser sich selber, schickte ihn vorerst an die Akademie in Lausanne, wobei er ihn dem Professor Busset, bei dem Rudolf wohnen sollte, als für ernsthafte Studien nicht reif schilderte, aber beifügte: «il a pourtant des goûts littéraires et un certain talent assez prononcé pour écrire.» Das erste Semester sollte die allgemeine Bildung weiter fördern, ausserdem gestattete der Vater, dass Rudolf Unterricht im Zeichnen nahm. An zwei Nachmittagen in der Woche besuchte er das Atelier des Malers Bischof und studierte dort «mit Feuereifer». Glaubte er, auf diesem Feld der 107 Kunst nicht die gleichen Schwierigkeiten anzutreffen, die er auf dem Gebiet der Literatur schon zu spüren bekommen hatte? Schien ihm dieser Weg leichter, vielleicht sogar ein Ausweg aus gesellschaftlichen Verwicklungen zu sein, denen er als Dichter nicht glaubte entrinnen zu können? Er bekundete die Absicht, zur Ölmalerei fortzuschreiten, was den Vater veranlasste, den Rat des Onkels Rudolf in Gerzensee einzuholen; dieser wies auf die Gefahren einer zu früh und ohne rechte zeichnerische Unterlage begonnenen Malerei hin. Der Vater legte deshalb sein Veto ein. Der Sohn empfand dieses Verbot zwar schmerzlich, fügte sich jedoch. Ist uns an ihm ein Maler verloren gegangen? Wir glauben es nicht. Dass er es im Zeichnen zu mehr als bloss lernbarer Fertigkeit gebracht hat, beweisen uns die Skizzenbücher, die er auch in späteren Jahren nicht vernachlässigte. Aber gerade dass er diesen etwas altmeisterlichen Baumschlag und die strichzarten Landschaften zeitlebens pflegte, zur Erholung von anderer Arbeit und zum eigenen Vergnügen, scheint uns den konfliktlosen Abschied von einem flüchtigen Malertraum zu bezeugen; als Liebhaberei behält man nicht bei, was man als Lebenszweck aufgeben musste. So gehört Rudolf von Tavel zu den nicht seltenen Dichtern, deren Begabung 108 offensichtlich stark visuell bedingt und deren Kunst von wirklicher Welt-Anschauung getragen ist. Seine Dichtung ist in hohem Masse Augenkunst, schaubar für das innere Gesicht des Lesers oder Hörers. Einer seiner besten Leser hat einmal, ohne des jungen Tavel Umweg durch das Atelier Bischof in Lausanne zu kennen, sehr zutreffend dem Verfasser des «Ring i der Chetti» geschrieben: «Sie hätten sicherlich das Zeug zu einem Maler. Wer die Murtenschlacht wie Sie darzustellen imstande ist, so grosslinig und plastisch, der weiss auch, wie ein grosses nationales Freskogemälde aussehen müsste.» So darf man wohl sagen, es sei im Wachstum von Tavels Kunst kein Jahrring saftlos geblieben und auch dieser Umweg nicht umsonst gewesen. Es war übrigens noch lange nicht der letzte. Zum erstenmal erhalten wir aus dem Lausanner Tagebuch Kenntnis von einer journalistischen Tätigkeit: «Spedierte heute an Herrn Redaktor Burren einen Artikel über die Folgen der Progressivsteuern.» Das war ganz im Sinne des Vaters, der ihn wohl gern nach dieser Seite in einen bürgerlichen Beruf einschwenken sah. Am 21. Geburtstag schrieb Rudolf seinem Bruder in Amerika: «Bezüglich meines Berufes kann ich noch nichts sagen. Ich werde wahrscheinlich Journalist 109 oder so etwas.» Um ihm die dazu nötige Unterlage zu verschaffen, schickte ihn der Vater, damit übrigens «ächt altbernischer Auffassung» folgend, im Herbst 1888 zum Studium der Jurisprudenz und der Kameralwissenschaften nach Leipzig. Dort blieb er die nächsten zwei Semester. In die ersten Tage seines Leipziger Aufenthaltes fällt ein Ereignis, das auf den jungen Studenten tiefen Eindruck macht. Ein Freund aus Bern wird beim Fechten schwer verletzt, der Hieb durchschlägt über dem Auge die Hirnschale, eine Trepanation muss vorgenommen werden. Tavel wird herbeigerufen und muss sich sowohl des unglücklichen Gegners annehmen, wie auch die Familie des Verletzten schonend benachrichtigen. Er empfängt den Vater, der herbeieilt, und verzeichnet im Tagebuch jede leiseste Besserung im Zustand des Verunglückten. Dass die Großstadt dem jungen Berner auch neben den Vorlesungen allerlei zu bieten hat, versteht sich von selbst. Das Theater wird fleissig besucht, Ibsen sehr kritisch diskutiert. Das Auftreten Stöckers in einer Volksversammlung lenkt die Aufmerksamkeit auf politische Fragen. Im Schweizerverein macht der Student einen Ball mit, wozu er die ihm vom Komitee zugeteilte Dame in einer Kutsche 110 abholt, «eine kolossal resolute Waadtländer Gouvernante. Ich verlor sie lange Zeit vor dem Souper . . .». Doch trifft er dort auch einige Zürcher Studenten, und mit einem von ihnen, Rudolf Römer, begibt er sich im Frühsommer 1889 auf eine Fahrt nach der Insel Rügen, wobei sich in Berlin Franz Thormann den beiden anschliesst. Die Reise hat durch Tavel eine ausführliche illustrierte Schilderung erfahren. Ob ihm die landschaftlichen Schönheiten, die Segelfahrt auf dem Meer vor den Kreidefelsen, das Naturalienkabinett im einsamen Wirtshaus mit dem versteinerten «rechten Fuss der heiligen Hertha» und der romantische Besuch des Jagdschlösschens Putbus mehr Eindruck gemacht haben als der Anblick des Reichskanzlers Bismarck, der im gleichen Zug wie die jungen Schweizer nach Stettin fuhr, ist nicht leicht aus der begeisterten Schilderung zu entscheiden, die Tavel allen Erlebnissen auf dieser Reise zuteil werden liess. Der Mutter schrieb er darüber: «Bei der Abfahrt von Berlin begann das Publikum "Hoch" zu rufen, und bald hatten wir's heraus, dass Bismarck mit uns im gleichen Zug fahre. Dass ich von diesem Moment an kaum mehr ruhig sitzen konnte und bei jeder Station den Kopf ellenweit aus dem Wagen streckte, könnt ihr euch leicht denken. Endlich hielt der Zug in 111 einem grösseren Bahnhof an. Ich ohne weiteres auf die Suche nach Bismarck! Die andern blieben zurück. Da sehe ich einen schönen Personenwagen, auf welchen von weitem die Leute hinblickten. Ich trete so nahe wie möglich an den Wagen heran und gewahre sogleich den Grafen Herbert Bismarck. A bah! dachte ich schon. Aber auf einmal streckt der leibhaftige alte Bismarck seinen Bronzekopf zum Fenster hinaus und schaute mich an mit einem Paar Augen, dass ich unwillkürlich nach einer Rückzugslinie spähte. Er kam mir viel rüstiger und jünger vor als auf den neuern Bildern. Einen Gesichtsausdruck hat der Mann, ich werde ihn meiner Lebtage nicht vergessen. Unterdessen drängte das Volk herzu und brüllte; wir taten auch dergleichen. Man hob ein Kind nach dem andern ans Wagenfenster, um Blumen hineinzureichen. Da drängte sich mitten im Getümmel ein armselig gekleideter Arbeiter hervor bis zum Wagen und schüttelte dem Fürsten lange die Hand. Mitten in dieser Ovation erschien die Hand der Madame Bismarck und setzte sorglich ihrem Gatten von hinten einen uralten, verpöleten Filzhut auf den Kopf, was der Kanzler aber mit einem furchtbar ärgerlichen Gesicht zurückwies. Das Glück, den grössten Staatsmann des Jahrhunderts so 112 nahe gesehen zu haben, schien uns allen unerhört.» Der Student und Literat in Berlin Dass auch in Leipzig neben den Studien die literarischen Pläne nicht vernachlässigt wurden, beweisen häufige Eintragungen im Tagebuch und vor allem die Briefe, die er mit den Freunden wechselte. Schon in Lausanne hatte er begonnen, eine Antwort auf Dranmors «Requiem» zu dichten, einen ganzen Verszyklus, den er «Cypressen» betitelte und zu veröffentlichen gedachte. Einer der Freunde sandte ihm eine offenbar ablehnende Rezension dieser Gedichte nach Leipzig, das Vorhaben verzögerte sich und wurde dann fallen gelassen. Eifriger wurde dafür das Hofer-Drama gefördert. «Ich habe mich nach und nach so in den Stoff hineingearbeitet, dass ich oft mit meinem Haupthelden und seinen Leidensgefährten ein Mitleid empfinde, als wäre der edle Mann lebendig vor meinen Augen. Die Begeisterung für die Sache steigt bei mir noch, und ich arbeite mit ziemlicher Leichtigkeit daran. Letzten Sonntag z. B. rückte ich um mehr denn 200 Verse vor.» Schon dachte er an die Möglichkeit einer Aufführung im Berner Stadttheater, erprobte aber vorerst die Wirkung im kleinen Kreis: «Die beiden ersten Akte habe ich letzthin zwei Zürcher Studenten vorgetragen. Obwohl mir gegen das Ende fast 113 der Atem ausging – es dauerte wohl eine Stunde – waren sie befriedigt davon.» Im Sommer 1889 schrieb er «den letzten Strich» am «Sandwirt von Passeyer», wie das Werk nun endgültig hiess, und legte die Jambentragödie in kühnem Entschluss Ernst von Wildenbruch vor, der ihm als damals erfolgreicher Dramatiker höchste Instanz in der Beurteilung seines Werkes bedeuten musste. Wildenbruch scheint ihm das Drama ziemlich scharf kritisiert zu haben, was Tavel veranlasste, es später in Prosa umzugiessen. Zwar bestand Wildenbruchs Rat zur Hauptsache darin, Tavel solle sich eher der erzählenden Dichtung zuwenden, wofür er grösseres Talent zu haben scheine; dennoch wagte er es, ihm auch noch sein nächstes Drama «Major Davel» zu unterbreiten und ihn abermals um sein kompetentes Urteil anzugehen. Die Antwort liess auf sich warten. Eine Annäherung an die journalistische Tätigkeit bedeutete für Tavel der Umgang im Hause des «Daheim»-Redaktors und Literarhistorikers Dr. W. König, der ihm allerdings deutlich davon abriet, in die Redaktion eines politischen Blattes einzutreten: «es sei ein undankbarer Beruf, eine dornenvolle Lebensbahn, nur für den gemacht, der ein dickes Fell besitze, viel aushalten könne und der Feder mächtig sei. Ich behauptete nun ganz kühn», 114 schrieb Tavel seinem Vater, «diese Eigenschaften stehen mir nicht sehr fern, und fragte ihn um seinen Rat betreffend die zu machenden Studien». Über eine erste unglückliche Fühlungnahme mit dem «Leipziger Familienblatt» berichtet er dem Freunde: «Da gebe ich jüngst dem Redaktor ein Gedicht "Schweizers Heimweh". Er nahm es mit vielem Dank an, kam aber am letzten Sonntag zu mir und sagte, er hätte das Gedicht durch eine dritte Person in dem Sinn umändern lassen, dass das speziell Schweizerische daraus verschwinde, nur damit es den Deutschen besser gefalle. Ich wurde fast ohnmächtig ob dieser Schaueridee. Sofort gab ich ihm den "Napoleon vor Moskau" und verlangte das andere Manuskript zurück, habe es aber heute noch nicht. Es ist mir angst und bang, eines schönen Tages werde der unglückliche Bastard von Gedicht gedruckt mit meiner Namensunterschrift erscheinen.» Im Herbst 1889 siedelte Rudolf von Tavel nach Berlin über, wo er wiederum zwei Semester blieb und seine Studien schon im Blick auf einen Abschluss systematisch fortführte, neben den Kameralwissenschaften aber auch bei Treitschke hörte, bei Hermann Grimm Kunstgeschichte und bei Erich Schmidt Geschichte des Dramas. Die Berliner Zeit war 115 wohl die heiterste und ungebundenste Periode seines Studiums. In der «lustigen Acht» war er abgestiegen, bei der «gnädigen Frau»; beide Abkürzungen würzen andauernd seine Berliner Briefe und werfen noch Jahrzehnte später einen verklärenden Schein auf die Erinnerung an jene Tage. Frau von Lagerström, Artilleriestrasse 8, war nicht nur für viele Schweizerstudenten die traditionelle Berliner Mutter, sondern sie betreute auch die zum erstenmal in der deutschen Hauptstadt auftauchenden japanischen Jünger der Wissenschaft, wofür sie die lebenslängliche Anhänglichkeit der später zu hohen Würden aufgestiegenen Söhne des Ostens gewann. Über seine Ankunft in ihrem höchst originellen Haushalt, gemeinsam mit Freund Thormann, der schon früher hier gewohnt hatte, berichtete Tavel seinen Eltern: «Letzten Mittwoch abends um 9 Uhr langten wir hier an. Ich sagte im Eisenbahnzug noch zu Th., an das merkwürdige Wesen unserer Wirtin denkend: Das wird jedenfalls einen rührenden Empfang absetzen! Aber, wie sonderbar fiel dieser in Wirklichkeit aus! Als wir das Haus betraten, eilte mein Freund voraus ins Esszimmer, wo zwei Pensionäre sassen, die ihn herzlich begrüssten. Auf seine Frage jedoch, wo die "Gnädige" sei, hiess es, 116 dieselbe hätte uns gar nicht erwartet, da Th. die Zimmer gar nicht definitiv bestellt hätte. Die Zimmer waren in der Tat mit zwei Russen besetzt. Nicht lange darauf erschien Frau von Lagerström und stürzte mit lautem Geschrei auf Th. los: "Aber, was haben Sie denn angerichtet?" Und nun ging eine richtige Debatte los. Niemand wollte im Fehler sein, mein Freund schimpfte wie ein Rohrspatz, und ich platzte einmal über das andere vor Lachen heraus. Um den Streit abzubrechen, befahl die Gnädige, wir sollten ihr folgen; sie wolle uns unsere provisorischen Nachtquartiere anweisen. Für die nächsten Tage wollte sie uns Zimmer auswärts suchen, bis die Russen weggezogen seien. Th. weigerte sich, ihr zu folgen. Da ergriff sie mich bei der Hand und schleppte mich durch die Küche über eine kleine Treppe in die obere Etage und brüllte in einem fort: "Kommen Sie erst her und sehen Sie, wie brillant ich kombiniert habe!" Wir traten ein in ein niederes Zimmer mit einem einzigen, kleinen kreisrunden Fenster. "Hier", erklärte sie pathetisch, "ist das Himmelreich, hier wird Herr Th. einstweilen wohnen." Ich erklärte, dieses Himmelreich wäre denn doch ein wenig dunkel. "Aber, lieber, einziger Herr", meinte sie, "das ist wie geschaffen, um recht, recht fleissig zu sein!" Unterdessen 117 war mein Freund auch erschienen. "Sehn Sie, mein Herr", jauchzte die Gnädige ihm entgegen, "Sie werden hier im Himmelreich schlafen, und Ihr Freund, der kommt" – ich dachte schon in die Hölle – "in die Felsenspalte". Das klang ja ganz romantisch. Wohlweislich führte sie mich aber noch nicht in die "Felsenspalte", sondern fütterte uns erst ab. Erst als Mitternacht über Berlin ruhte, ergriff sie mich abermals an der Hand und befahl mir, ihr zu folgen. Wieder ging's durch die Küche und dann über eine halsbrecherische Treppe hinunter, bis vor so eine Art Stalltüre. Da blieb man mit geheimnisvollen Mienen stehen, und sie hub an: "Schlafen Sie lieber kalt oder warm?" "Das ist mir egal", sagte ich, "ich komme ja aus dem Lande der Felsenspalten." Dann öffnete sie hocherfreut die Türe, ging hinein, und ich versuchte zu folgen, was aber aus Mangel an Raum nicht möglich war. Diese Felsenspalte ist ein weissgetünchtes Loch, das von seinem Mobiliar, einem Bett, einem ganz schmalen Tischchen und einem Stück von einem ganz alten Büchergestell als Nachttischchen soweit ausgefüllt ist, dass ein Mensch grad noch stehen kann. Das Gemach hat zwei Fenster, eines gegen den Hof, das man mit der Hälfte dieses Papierbogens füglich verkleben könnte, 118 das andere doch etwas grösser gegen die halsbrecherische Treppe. Die Gnädige entfernte sich. Ich setzte mich mit einem Seufzer auf das Bett: "Das sind also die Paläste der Großstadt! Daheim dürfte man keinen Schelm so einsperren!" Nichtsdestoweniger schlief ich sehr gut und lange. Als ich am Morgen zum Déjeuner ging, war mein Freund schon ausgegangen, ohne zu sagen, wo ich ihn etwa treffen könnte. Ich suchte ihn auf der Universität, dann daheim, dann wieder auf der Universität und fand ihn – nirgends. Halbwütend stürmte ich unter den Linden herum. Wo sollte ich bleiben? Ich hatte ja kein Zimmer! Endlich musste ich lachen über mein ganzes Missgeschick, rannte nach Hause und fand Th., aber nicht allein, so dass ich meinem Zorn nicht Luft machen konnte. Er klagte über Kopfweh und verzog sich in sein "Himmelreich". Nun bestürmte ich die Gnädige, mir das versprochene Zimmer im Nebenhause anzuweisen. Endlich kam sie mit. Im fraglichen Haus führte man uns in ein schönes Zimmer, das aber offenbar bewohnt war. Die Hauswirtin erschien auch und erklärte: "Tut mir leid, gnä Frau, aber der Doktor sind noch nicht weggezogen!" "Aha." Vor der Türe packte mich die Gnädige wieder, 119 und so ging man weiter. Plötzlich sagte sie: "Dies Zimmer nehmen wir doch, und bis es leer ist, wohnen Sie bei uns!" "Ja, wo denn?" In die Felsenspalte wollte ich nicht wieder, und so ging man weiter fort, bis an einen andern Ort, wo sich dieselbe Geschichte abspielte. Ich sah mich in Gedanken der Felsenspalte wieder nahe gerückt. Beim Schlossermeister Knopfe hing ein Zettel am Hause: "Ein Garçonlogis." Wir erstürmten dieses Haus, welches, nebenbei gesagt, in der Ziegelstrasse steht, und fanden das Zimmer sehr gut, aber – teuer. Wir zogen uns zurück. Auf der Treppe blieb Frau von Lagerström stehen, lauschte mit gespitzten Ohren nach unten, wo man eben zwei Studenten mit Reisegepäck anrücken hörte. Da sagte sie zu mir: "Liebster Herr, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, wollen Sie das Zimmer? Ja oder nein?" Des Herumrutschens müde, sagte ich ja. Die beiden Studenten waren unterdessen schon bei uns angelangt, und so entstand ein Wettrennen. Die Gnädige hängte sich an den Glockenzug und brüllte in den Flur: "Wir nehmen das Zimmer!" 42 Mark mit Bedienung und Kaffee. Dieser Preis ist ja eigentlich für Berlin nicht zu hoch. Ich werde nun hier bleiben, bis es bei Frau von Lagerström Platz gibt. Das Zimmer hat sie gemietet, nicht ich.» 120 Aber trotz dieser turbulenten Ankunft gefiel es Tavel sehr wohl in der «lustigen Acht», wo er in eine recht bunte Gesellschaft geraten war. Neben dem Komponisten Krasting und dem Kunstmaler Curt Liebich samt einigen deutschen Studenten, einem Amerikaner, den Japanern und Russen lernte er dort den jungen Grafen Felix von Stosch kennen, einen Gardeoffizier, der durch seine strenge und fordernde Gläubigkeit vorübergehend auf den innerlich noch immer nicht ganz gefestigten Tavel starken Einfluss gewann und ihn in neue Zweifel und Seelenkämpfe stürzte, aus denen er jedoch bereichert und geklärter hervorging. Die aufwühlende Begegnung mit dem faszinierenden Junker hinterliess nicht nur einen nachhaltigen Eindruck, sondern sie beruhigte sich später in einer Freundschaft, die sogar die Jahre des Weltkrieges überdauerte. In welchen inneren Konflikt sie aber den Studenten Tavel gedrängt hat, belegt ein Brief vom 2. Juni 1890 an die Schwester: «Die Ursache, warum ich Dir so lange nicht geschrieben, liegt weder an Mangel an Stoff, noch an Mangel an Schreiblust, sondern einfach darin, dass ich mit mir selber nicht einig werden konnte, in welchem Sinne ich schreiben wollte, waren doch die vergangenen Tage für mich eine unerfreuliche, ja peinliche Zeit. 121 Die Frage des Theologiestudiums war abermals und dringender als je vor mich getreten, woran nicht zum wenigsten Stosch schuld war. Die Sache ging mir so nahe, dass ich jeden Sonntag in der Kirche dem Heulen nahe war. Das ganze Gewicht der Frage, deren Lösung über das Gelingen und das Glück meines Lebens entscheiden muss, voll und ganz fühlend, überlegte ich unendlich oft, und je mehr ich überlegte, desto schwieriger wurde mir die Entscheidung. Einen Moment hätte ich jeden um Rat fragen können, im nächsten lief ich weg, um keinen Rat zu hören. Schliesslich weiss der Mensch selber am besten, für was er in der Welt steht. Nun war das Unangenehmste für mich das Verhältnis zu Stosch. Hatte ich im Anfang seines Hierseins keinen Moment versäumt ihn zu sehen, so wich ich ihm in der letzten Zeit mehr und mehr aus, geplagt vom Bewusstsein, dass mir damit manche schöne, wertvolle Stunde verloren ging. Seine lieben freundlichen Augen, die mich früher aus der schlechtesten Laune wegzauberten und in mir so viel Zutrauen geweckt, waren wie Pfeile und Messer. Er wollte mit aller Gewalt einen Pfarrer aus mir machen, und ich wollte mich nicht beeinflussen lassen durch einen, der mich zwar kennt, der aber meine Verhältnisse nicht kennt. Ich wollte ruhige Überlegung 122 haben, er wollte im Sturm vorgehen und gewissermassen dem lieben Gott eine Entscheidung baldigst abnötigen. Er selber war mit den gleichen Fragen beschäftigt und sollte sich bis zum Schlusse seines Dienstes entschlossen haben. Mit ruhiger Überlegung schien es bei ihm aus zu sein, und ich gab ihm zu verstehen: Wenn's denn absolut sein muss, so sattle um, ich muss mich noch länger besinnen. Das war am Dienstag vor acht Tagen. Diesen Tag werde ich meiner Lebtag nie vergessen. Die Frage war da am brennendsten geworden, und wir gingen ohne Entscheidung auseinander, ich aber doch mit dem Gefühle, als ob's bei mir mit der Theologie ein Ende hätte. Am Sonntag früh sagte ich zu Stosch: Ich bin entschlossen, nicht Theologie zu studieren, es sei denn, dass bis zum Schlusse des Semesters etwas Besonderes passiere, was mich umstimmen könnte. Er hatte unterdessen einen abratenden Brief von seiner Mutter erhalten und hatte denselben Entschluss gefasst. Heute früh ist er nach Grünberg abgereist, und wir sind in süssester Harmonie der Seelen geblieben. Was mich zum Entschluss gebracht hat, kann ich hier nicht ausführen. Der Hauptgrund ist der, dass ich das Risiko, jetzt ein Studium neu anzufangen, von dem ich absolut nicht weiss, ob es mir zusagen wird, während 123 ich am bisherigen immer mehr Interesse bekomme, nicht so ohne weiteres übernehmen will. Ich will mit Gottes Hilfe und treuem Fleiss weiter arbeiten und im Glauben zu erringen suchen, was mir vorschwebt. Es wird mir oft sehr schwer, aber es muss so sein, ich würde sonst übermütig. Leide ich Schiffbruch, so ist es mit meinem Glück und Frieden auf immer fertig, lässt es mir Gott gelingen, den Eltern als Entschädigung für die viele auf mich verwendete Geduld einmal eine Freude zu bereiten, so habe ich erreicht, was ich will. Ich habe jetzt furchtbar viel Arbeit und sehe noch gar nicht, wie ich mit allem fertig werden soll, ich hoffe, dass mir der Mut, den ich gefasst, bleiben wird. Letzthin spazierte ich einsam im Tiergarten. Da begegnete mir eine reizende kleine Amazone mit fliegenden blonden Locken, die bis fast auf den Sattel herunter reichten. Sie war gefolgt von einem Kammerdiener. Nun habe ich erfahren, dass es die elfjährige Prinzessin Feodora von Sachsen-Meiningen war. Im Kolleg sitzt mit mir der Prinz Ruprecht von Bayern, ältester Enkel des Prinzregenten, also zukünftiger König von Bayern. Diesen hatte ich bis gestern immer für einen Welschschweizer (etwa Neuenburger) angesehen, weil er ganz diesen Typus hatte. 124 Heute abend werde ich mir im königlichen Schauspielhaus eine Vorstellung von Wildenbruchs Stück "Die Quitzows" ansehen. Vor 14 Tagen habe ich an Wildenbruch einen Brief geschrieben, aber bis heute noch keine Antwort erhalten, woraus ich schliesse, dass er abwesend ist. Es handelt sich um sein Urteil über "Major Davel", welches Stück meiner Ansicht nach, was Kunstgerechtigkeit anbetrifft, den "Andreas Hofer" vollständig in Schatten stellt.» Am Studium hatte Tavel inzwischen richtige Freude bekommen. Das Verdienst, ihn dazu gebracht zu haben, schob er Stosch zu, auf dessen Rat er die Schriftstellerei «bis auf weiteres an den Nagel hängte». Der Entschluss dazu kam ihn hart an, und ein kleines Hintertürchen behielt er sich immerhin offen, wenn er beifügte: «Damit ist nicht gesagt, dass ich nicht an einem Sonntag in der Stille noch etwas schreiben kann. Aber ich habe die bestimmte Zuversicht, dass ich mit den Berufsstudien ein Ziel erringen kann, und ich will es.» Um bei den Hofpredigern Stöcker und Frommel die Besuche abstatten zu können, zu denen er von daheim angehalten wurde, liess er sich eine «Bratiskutte bauen», da man ihm gesagt hatte, er müsse bei solchem Anlass «einen vernünftigen Gehrock» tragen. Über 125 die Besuche, die er in Gesellschaft zweier Mitbewohner aus der «lustigen Acht» absolvierte, dem stud. jur. Cleve aus Weimar und dem Japaner Tanaka, berichtet er nach Hause in jener übermütigen Art, die drollige Kleinigkeiten ebensowenig übersieht wie pathetische Gebärden. Man kann sich einzelne Abschnitte dieser Briefberichte ins Berndeutsche übersetzen: sie liegen nicht sehr fern von jener gemütvollen Situationskomik, die er später in seinen Erzählungen so meisterhaft heraufzuzaubern vermochte. «Bei Stöcker habe ich mich sehr formlos eingeführt. Nämlich Cleve nahm mich einfach mit an einem Empfangsabend und liess mich zuvor anmelden. Man hiess uns eintreten. Da standen wir mitten in einem grossen Kreis von unbekannten Herren und auch einigen Damen. Stöcker begrüsste mich sehr freundlich als einen alten Bekannten aus Bern und stellte mich sofort zwei Fräulein v. B. von Vaumarcus vor, die auf einem Sopha thronten. Man setzte sich, und ich nahm Platz neben dem jüngeren Fräulein v. B., die mir "fei e chly guet" gefiel. Stöcker sprach über verschiedene Tagesfragen, auch über Gerok, wobei ein fürchterliches altes Weib, das hinter ihm sass, ihm einmal übers andere ins Wort fiel. Erst dachte ich, Stöcker müsse fürwahr 126 in Herzenssachen weniger guten Geschmack haben als in der Politik, denn ich hielt die Person für seine Gattin, von der es heisst, sie habe diese Art des Dreinredens auch. Später belehrte mich Cleve, die fragliche Person sei gewissermassen ein deutsches Reichspfarrhaus-Faktotum, das von einem Pfarrhaus ins andere rutscht. Sie heisst mit Namen Osiander und wird in der Leute Mund "Hosianna" genannt. Als Stöcker verstummte, ging ein allgemeines Colloquium los, wobei ich mich herrlich mit meiner Nachbarin unterhielt. Beim Abendessen verteilte sich die Gesellschaft an drei Tische. Stöcker ordnete die Sitzerei, indem er sich verschiedene Personen auslas, die seine nächste Umgebung bilden sollten am ersten Tisch. Diese Ehre wurde auch mir zuteil, indem er mich neben Fräulein v. B. setzte, und diese sass neben ihm. Ausserdem sassen da die liebenswürdige Frau Hofprediger, ein Fräulein v. R., die, wenn sie lachte, zum Küssen, wenn sie nicht lachte, zum Kläpfen war. Beim Nachhausegehen hätte man Küss die Hand machen sollen, aber für diesmal brachte ich's noch nicht über mich. Vielleicht ein ander Mal git's es de öppe. Als ich schon im Korridor war, rief mich Stöcker wieder ins Zimmer und trug mir freundliche Grüsse an 127 die Eltern auf. Der Abend war im höchsten Grade genussreich. Sonntag war ich bei Frommels zum Tee eingeladen mit Dr. Tanaka. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir daselbst den Salon ganz vollgedrückt fanden. Es empfing einen kaum jemand, so dass man sich wohl oder übel anschicken musste, von einem zum andern zu gehen, seinen Kratzfuss zu machen, den Namen zu nennen und den Namen des andern – natürlich nicht zu verstehen. Zum Glück fand ich einen Genfer, den ich oft im Christlichen Verein gesehen hatte. Ein furchtbar schneidiger Leutnant von den Gardefüsilieren begrüsste mich bei der Vorstellung so furchtbar freundlich, dass ich gar nicht begriff, was er eigentlich von mir wollte . . . Endlich kam ich im Gedränge zum Hofprediger selber: Er fragte mich – wie ich heisse! Ich war empört, dass er mich nicht wieder erkannte. Sehr liebenswürdig waren die Töchter Frommel. Auf einmal wurde ein Flügel aufgeklappt, mehrere Geigen herbeigeschleppt. Die Gesellschaft setzte sich wie die Fliegen an die Wände. Viele mussten stehen bleiben, da keine Stühle vorhanden waren. Ich "gruppierte" mich vor einem geschnitzten Trog, als wollte ich vor versammeltem Reichstag eine Rede halten. Nun fing das Geklimper an, und laut 128 quiekend fielen die Geigen ein. Alles sass in stummer Bewunderung da. Ich benützte die Gelegenheit, um mir die versammelte Menschheit etwas näher anzusehen . . . Ein glänzendes Bild! Da sass mein Mongole neben irgendeiner strahlenden Gerichtsrätin und grinste überglücklich aus seinen schiefen Äuglein. Mir gegenüber sass ein hübscher 6 bis 7jähriger Bub, der Großsohn Frommels. Eine recht deutsche Idee, den Kleinen da zu behalten, der immer einschlief! Er konnte sich zwischenhinein einfach nicht mehr halten, störte die Musikvorträge. So wurde er nicht etwa ins Bett geschickt, sondern in einer Fensternische auf eine gepolsterte Bank hingelegt. Aber er "ranggelte" immerfort. Da beugte sich Dr. Tanaka zähnefletschend über ihn und wollte ihm flattieren. Aber der Anblick des Mongolengesichts erzeugte den gegenteiligen Effekt. Es wurde nicht besser, bis man den Bengel entfernte. Als Klavier und Geigen schwiegen, stellte sich Papa Frommel mit seinen Töchtern und seinem Sohn beim Klavier auf, und sie sangen alle ein Lied . . . Nachdem man seiner Bewunderung allseitig gehörigen Ausdruck verliehen, ging man zu Tisch. An einer langen, langen Tafel sass man zusammengepfercht wie die Häringe. Zu meiner Rechten sass eine Frau Dr. W., zu meiner Linken der junge Frommel. 129 Von meiner Nachbarin bekam ich nur Rippenstösse. Absolut nicht wissend, was mit der resoluten Dame anfangen, stürzte ich mich krampfhaft auf das ergiebige Thema des Theaters und der Wagneropern. Da ging sie darauf ein. Ich glaube, die Worte, die sich an diesem Abend nicht auf Musik bezogen, wären leicht zu zählen trotz der 40 bis 50 Personen, die da waren. Beim Dessert musste die ganze Corona ein Lied singen lernen mit Klavierhilfe. Als das fertig war, hielt der Hofprediger eine lange, lange Rede, die mich nun erst darüber aufklärte, dass heute zum erstenmal nach geraumer Zeit der Familientrauer eine Soirée bei Frommels stattfand. Zum Schluss der Rede musste nun das eben erst gelernte Lied noch einmal gesungen werden . . . Endlich wurde die Tafel aufgehoben, und die Musik begann wieder. Mittlerweile waren aber noch mehr Gäste gekommen. Ein Herr fiel mir besonders auf. Er war sehr lang, so lang, dass er bei jedem Bückling entweder mit dem Hinterteil oder mit dem Kopf an jemand anschoss. Da vorn an dem Gestell der Johanniterorden und hinten daran ein goldener Schlüssel hing, hatte ich bald weg, dass es ein Kammerherr war. Es war nämlich der Kammerherr der Kaiserin von Ende. Er hiesse besser ohn' Ende! Nun kam der höfliche 130 Leutnant, der mich anfangs so freundlich gegrüsst, auf mich zu und fragte mich, ob ich Schwede sei. "Schweizer", sagte ich, worauf er erwiderte: "Ach, entschuldigen Sie, ich habe mich in Ihnen getäuscht!" Also daher die freundliche Begrüssung.» Was sich der Student und angehende Literat von seinem Aufenthalt in Berlin erwünscht hatte: «Ich wollte Leben, Kunst und Menschen sehn!», das wurde ihm in reichem Masse zuteil. So nahm er denn in einem beschwingten Gedicht ernsten, fast gerührten Abschied von der Großstadt, indem er ihr dafür dankte, was sie zu seiner Entwicklung beigesteuert hatte: Zur Freiheit, der ich einmal ward geboren, Ward mir ein ordnendes Gesetz gefügt. Wo in die Wildnis sich der Geist verloren, Wird, Frucht zu schaffen, fetter Grund gepflügt. In Furchen liegt der Same tief vergraben, Bald wird er spriessen in der Sonne Glut. Nun lass der Morgenstille Tau ihn laben! Im Keime wallt ein junges starkes Blut. Er durfte mit Recht der eigenen Einsicht in sein inneres Wachstum, der Erkenntnis seiner organischen Reife mehr vertrauen als dem Spruch der Zigeunerin, die ihm am Schlachtensee gewahrsagt hatte, er werde 85 Jahre alt 131 werden, zwei Söhne und zwei Töchter haben und 32 Jahre lang glücklich sein! So begab er sich, entschlossen, die Studien auf dem raschesten Weg zum Abschluss zu bringen, im November 1890 nach Heidelberg, wo er bei Geheimrat Knies seine Dissertation über «Die wichtigsten Änderungen in der Lebenshaltung der schweizerischen Hochgebirgsbewohner im Laufe des 19. Jahrhunderts» ausarbeitete. Die gründliche Abhandlung, die Tavel mit selbstgezeichneten Verkehrskarten des Alpengebiets versah, fand die Billigung des Professors. Auf die Prüfung bereitete sich Tavel mit «Ruhe, aber nicht ohne Sorge» vor; einzelne Fächer wurden auf der «Dampfschnellbleiche» repetiert. Von Schriftstellerei ist in diesen Wochen nicht mehr die Rede; der Phantasie, die ihn «in den goldenen Faulenzstunden des frühen Morgens selten so verfolgt hat wie jetzt», darf kein Gehör geschenkt werden. Nur teilt er dem Freunde eben noch gerade mit, dass er sein Quartier im Nebelschen Hause am Fusse des Schlossbergs aufgeschlagen habe, «worin nebst Goethe auch J. V. Widmann gehorstet hat». Frau Rat Nebel sorgt mit ihren Töchtern so gut für das leibliche Wohl ihrer Studenten, dass Tavel sich vorkommt wie eine Fliege im Honigtopf und der Mutter gegenüber in einem Brief sich 132 so weit gehen lässt, dass er zu fluchen anfängt: «Donner und Doria, sind doch die Weiber ein leimsiederiges Gewächs! Ich möchte manchmal mit dem Stecken dreinschlagen . . . Ich weiss nicht, ob ich es je noch dazu bringen werde, mein Herz zu verlieren! Die ganze Familie hier vergeht fast vor Süssigkeit, es ist mir einfach des Guten zuviel.» Lässt ihn die Nervosität vor dem Examen die schuldige Zurückhaltung vor der geliebten Mutter verlieren? Dennoch schenkt er der Frau Rat zu ihrem Geburtstag eine Tuschfederzeichnung, die den Reichenbachfall darstellt und die er nach einem Kupferstich von Lory angefertigt hat. Fast reut es ihn, das Stück wegzugeben, da es die Arbeit vieler Sonntage der letzten Semester in sich birgt; doch es findet grossen Anklang. Wenige Tage später steigt er ins Doktorexamen, und am 4. Juli 1891 meldet der Draht nach Bern: «Mit dem zweiten Grad durch.» Wenig später kehrt er selber zurück in die Schosshalde und in eine Heimat, der er als geprüfter und bestandener Mann dienen will. Bern feiert in jenem Sommer mit mächtigem patriotischem Schwung das 700jährige Jubiläum seiner Gründung. Sein Sohn feierte die stolze Vergangenheit aus befreitem Herzen mit. Aber wie durfte er an der Zukunft dieser Heimat mitarbeiten? 133 Wege und Umwege Die Leser des konservativen «Berner Tagblattes» besassen im Winter 1889 und im folgenden Jahr in Berlin einen R.-Korrespondenten, der sie auf eine angenehme Art und Weise, sachlich und farbig zugleich, mit Neuigkeiten aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben der strebsamen deutschen Hauptstadt versorgte. Er berichtete gleich prompt über die Einweihung des neuen Hauses des christlichen Vereins junger Männer wie über die Reichstagswahlen, über das neue Infanteriegewehr der Garde wie über eine Rassehundeausstellung, über den evangelisch-sozialen Kongress wie über die grosse Frühjahrsparade auf dem Tempelhoferfeld, immer knapp und anschaulich, gelegentlich mit kleinen Blitzlichtern über humoristische Situationen, und er vergass nie, die Teilnahme des Kaiserhauses bei diesem und jenem Anlass zu erwähnen. Man merkte aber seinen Artikeln gut an, dass ein Berner sie geschrieben hatte; so, wenn er berichtete, ein Deutscher, dem er vom Setzerstreik in Bern gesprochen habe, sei 134 in Erstaunen geraten und habe gefragt: «Polizei haben Sie wohl keine in der Schweiz?» oder wenn er das Gerücht verzeichnete, der Kaiser wolle die Schweiz besuchen, «wahrscheinlich um sich das grösste Kuriosum der Welt, den bernischen Grossen Rat, anzusehen». Solche Nebenbemerkungen liessen die Leser schmunzeln und weckten wohl in ihnen die Neugier nach dem Namen des gemütvoll witzigen Berliner Korrespondenten. Von künstlerischen Angelegenheiten war weniger oft die Rede. Das Aufführungsverbot, das allerhöchster Befehl über Ernst von Wildenbruchs Tragödie «Der Generalfeldoberst» gelegt hatte, war mehr ein gesellschaftliches als ein literarisches Ereignis; denn es hatte seinen Grund in dem Missfallen des Kaisers an der Darstellung eines Hohenzollern, des Kurfürsten Georg Wilhelm, der in dem Stück, «wie er eben war, naturgetreu, als Schwächling» geschildert wurde. Immerhin fand es der Korrespondent merkwürdig, dass Wildenbruchs Stück verboten wurde, während gleichzeitig das skandalöse Drama eines gewissen Hauptmann, betitelt «Vor Sonnenaufgang», auf einigen Bühnen ohne Schwierigkeiten zur Aufführung gelangte. Und auch die Beschreibung des Bismarck-Porträts von Lenbach dient mehr der Kennzeichnung der politischen 135 Lage als etwa einem Urteil über zeitgenössische Malerei. Dabei hatte der Gelegenheitskorrespondent mit seinem Berliner Jahr entschieden journalistisches Glück. Im Januar meldete er den Tod der Kaiserin Augusta und beschrieb darauf in mehreren Aufsätzen die Trauerfeierlichkeiten, wobei er die Uniformen und Kostüme mit spürbarer Freude an dem historischen Detail schilderte. Und einige Wochen später fand die Entlassung des Kanzlers statt, worauf schon anfangs März ein Leitartikel des Berliner Korrespondenten über «Moltke und Bismarck» die Leser vorbereitet hatte. Mit Sachkenntnis beschrieb er wiederum die erste deutsche Pferdeausstellung; doch verkniff er sich die Bemerkung nicht, dass ihm das Galoppfahren der Gardeartillerie nicht mehr imponiert habe als dasjenige der schweizerischen Feldbatterien. Und der historische Festzug des zehnten deutschen Bundesschiessens forderte seine spitze Feder geradezu heraus: «Unter den ersten, die mir auf dem Festplatz begegnen, fällt mir der grosse Kurfürst besonders auf, der sich zu Fuss, in seinem weissen Wams, zu einem recht bescheidenen Einzug in die eben verlassene Hauptstadt anschickt. Durch das Gewühl in der Münchener Kindl-Kneipe schleicht, auch schon müde, Friedrich der 136 Grosse an seinem Krückstock einher. Noch mehr Spass verursachen Goethe und Beethoven, welche mehr als angeheitert zwischen Landsknechten und Marodeuren umhertaumeln. Nicht am wenigsten gaben manche Schützenmeister Anlass zum Lachen. Diese, meist ältere, wohlbeleibte oder auch spindeldürre Herren, bewegten sich mit grosser Würde in ihren glänzenden Uniformen. Die meisten von ihnen trugen Generalsuniformen nach dem Stile der Dreissiger- und Vierzigerjahre, schöne Waffenröcke, weisse Beinkleider, Kanonenstiefel oder moderne Generalshosen mit doppelten roten Streifen und auf dem Kopfe einen Nebelspalter mit wallendem Federbusch. Zahllose Medaillen und ähnliche Ehrenzeichen zeugen von den Taten, welche sie auf dem Schlachtfelde früherer Schützenfeste vollbracht. Mehr noch als sie selber, brüsten sich die mit ihnen Arm in Arm wandelnden Gattinnen und die hinterher torkelnde Kinderschar. Es ist wirklich unglaublich, mit welch kindlicher Freude diese alten Nickel ihre Uniformen tragen! Ein anwesender Schweizer raunte mir zu: So dumm tüe de üsi Schütze doch nid, und ich muss ihm vollständig Recht geben.» Noch im selben Jahr, da Rudolf von Tavel nach Bern zurückkehrte, trat er in die 137 Redaktion des «Berner Tagblattes» ein und wirkte dort zuerst im lokalen, später im Auslandsteil. «Es war keine leichte Stellung, viel Arbeit und wenig Lohn», bekannte er in einer autobiographischen Skizze. Aber die Arbeit muss dem ehemaligen Berliner R.-Korrespondenten doch zugesagt haben; er wurde, wenn auch nie ein sensationsgieriger Reporter, doch ein neuigkeitenfroher und überzeugungstreuer Journalist. Er wusste sich in den Spuren seines Vaters und durfte wohl von einer Tradition in der Familie sprechen, wenn er selber viel später einem Neffen den Weg zur Publizistik anriet. Die Arbeit in der Presse schätzte er hoch ein, sie war ihm eine Möglichkeit der Volkserziehung, und er liess sich, als er das zweitemal in die Redaktion des «Berner Tagblattes» eintrat, von einem Professor der Theologie zurufen: «Ich gratuliere zu der Kanzel!» In einer humorvollen Skizze hat Rudolf von Tavel, als er längst nicht mehr an eine Zeitung gebunden war, seiner Dienstzeit als Redaktor gedacht und dabei ein paar grundsätzliche Bemerkungen zur Ausbildung und Eignung des Journalisten gemacht, die erst recht zeigen, wie stark sein ganzes Können an jenem Berufe beteiligt war, den er doch gern aufgab, sobald ihn sein Schicksal um einen 138 neuen Wegrank des Lebens geführt hatte. Er veröffentlichte 1932 im «Berner Tagblatt» seine Erinnerungen: Aus meinen Journalistenjahren Aus meiner Journalistenzeit soll ich etwas erzählen, und dabei weiss ich eigentlich nicht einmal recht, ob es mir zur Ehre gereicht oder nicht, denn von keinem andern Beruf kann mit so viel Recht gesagt werden, es komme nur darauf an, wie man ihn ausübt. Der Theologe, der Advokat, der Mediziner, der Lehrer, alle müssen strenge Prüfungen passieren, bevor sie ihren Beruf ausüben dürfen. Das ist zu Nutz und Frommen des Volkes in allen ordentlich regierten Ländern eingeführt. Dagegen hat sonderbarerweise jeder Mensch ohne weiteres das Recht, den Beruf eines Zeitungsschreibers, den einflussreichsten und gemeingefährlichsten von allen, auszuüben. Ich halte das, offen gestanden, ungeachtet meiner Überzeugung, dass die Pressfreiheit in der Republik unentbehrlich sei, für einen Übelstand. Nicht dass ich mir einbildete, die Welt sähe wesentlich besser aus, wenn die Ausübung des Journalistenberufes von dem Bestehen einer Fachprüfung abhängig gemacht würde. Der gewissenlose Mensch bleibt gewissenlos, und ginge er summa cum laude durch sieben Examina 139 rigorosa. Aber das öffentliche Leben würde doch grossen Gewinn daraus ziehen, wenn nur wahrhaft gebildeten Menschen die Ausübung des Redaktorenberufes gestattet würde. Artikel einsenden soll jedermann dürfen; aber derjenige, der über ihre Publikation entscheidet, sollte unbedingt ein akademisch vielseitig gebildeter Mensch sein. Ist auch von der wissenschaftlichen Bildung nicht alles zu erwarten, so kann doch nicht geleugnet werden, dass sie wenigstens urteilsfähig macht, und darauf kommt es beim verantwortlichen Redaktor hauptsächlich an. Als mich das Schicksal in die journalistische Laufbahn führte, war ich noch recht weit davon, Anspruch auf die Qualifikation als vielseitig gebildeter Mensch erheben zu dürfen, trotz wohlerworbenem Doktorhut und Studien an vier Universitäten. (Den grösseren Teil meines höchst bescheidenen Wissens erwarb ich dann eben im Zeitungsdienst.) Ich musste froh sein, zunächst – ohne einen Batzen Lohn – den Frühdienst als Stellvertreter besorgen zu dürfen. Bei der nächsten Vakanz wurde ich dann als Redaktor für Lokales und Handlanger für die Sonntagsbeilage angestellt. Eine Feuilletonredaktion hätte man damals für einen unverantwortlichen Luxus gehalten. Es gab viel Arbeit und sehr wenig Lohn, und 140 doch gäbe ich diese schwere Lehrzeit nicht billig. Sie hat mir für vieles die Augen aufgetan. Der Frühdienst, der immer mehr zu einem Nachtdienst wurde, brachte mancherlei amüsante Erlebnisse mit sich. Den Charme unserer lieben alten Stadt lernte ich nie eigenartiger kennen, als wenn ich so zur Winterszeit die nächtlich stillen Lauben durchwanderte und meine eigenen Schritte an den Gewölben widerhallen hörte. Es gab so eine Stunde, in der es unglaublich still war in den Gassen. Ausser Katzen und Polizeipatrouillen, die auf gleich leisen Sohlen gingen, traf man kein Lebewesen. Da hätte man sich nicht gewundert, eine Gestalt aus dem 18. Jahrhundert vorüberhuschen zu sehen oder eines der von Hedwig Correvon heraufbeschworenen Gespenster. Einmal, als ich nach getaner Pflicht in stockfinsterer Nacht nachdenklich über die Nydeckbrücke hinauswanderte, war mir plötzlich, als schwebte jemand neben mir in freier Luft. Ich blickte auf und sah einen Mann ausserhalb der Geländermauer stehen, mitten auf dem grossen Bogen. «Was machet Dir da?» fragte ich. «Das isch my Sach», antwortete der Unbekannte. «Chömet übere!» befahl ich. «Das isch kei Platz für bravi Lüt, da usse.» – «I cha dänk sy, wo's mir gfallt.» 141 – «Nüt da! Chömet übere!» Ich packte den Unglücklichen am Kragen. Und nach kurzem, immerhin mir nicht gerade gemütlichem Widerstreben brachte ich ihn herüber. Ich führte ihn mit mir bis zum Bärengraben und redete ihm ins Gewissen. Als ich mich überzeugt hatte, dass er sich dem Aargauerstalden zuwandte, ging ich meines Weges weiter. Ein andermal sah ich, heimkehrend, in der Schosshaldenstrasse ein schwarzes Tier auf mich zukommen. Dass es kein Hund sei, erkannte ich gleich am Gang; aber um diese Zeit ein verirrtes Schaf auf der Strasse anzutreffen, darauf war ich nicht gefasst. Ich liess es seines Weges ziehen und ging heim. Da war mein Arbeitskollege, der Metteur en pages, gewissenhafter. Als er auf dem Weg zum Frühdienst an der Kramgasse einem entlaufenen Schwein begegnete, trieb er es auf die Polizeiwache, wo es zuhanden des glücklichen Besitzers entgegengenommen wurde. Dieser, statt sich dem Finder erkenntlich zu zeigen, machte meinem Kollegen noch Vorwürfe, er habe seine Schweine auf nächtlichen Promenaden nicht zu belästigen. Die Aufgabe des Nachtredaktors bestand darin, die letzten Nachrichten zu redigieren, zu ordnen, im Bürstenabzug zu lesen und einen letzten Blick auf das fertige Blatt zu 142 werfen. Die Arbeit war nicht so einfach, wie der verehrte Leser es sich vielleicht vorstellt. Es galt immerhin zu entscheiden, was wichtig und unwichtig sei, und die manchmal in bedenklicher Verstümmelung einlaufenden Depeschen mussten in verständliches Deutsch gebracht werden. Sie kamen von einem Bureau der Havas. Erhielt man sie in der französischen Fassung, war's gut; kamen sie jedoch in verdächtig lautender Übersetzung, so war guter Rat teuer, und es gehörte mitunter schon etwas journalistisches Flair dazu, ihnen die richtige Wendung zu geben. Ich erinnere mich einer Depesche, die zur Zeit von Kaiser Wilhelms Aufenthalt in Rom bei uns einlief. Die lautete: «Kaiser Wilhelm konferierte mit Rampolla im Schwarzen Adler.» Auf gut Glück redigierte ich: «Kaiser Wilhelm hat Rampolla den Schwarzen Adler-Orden verliehen», was sich dann auch als zutreffend herausstellte. Schon rätselhafter klang jene andere Depesche, welche meldete, ein mit Krokodilen beladener Dampfer sei vor Belgrad an einen Brückenpfeiler gestossen und gesunken. Es hätte heissen sollen, der Dampfer «Krokodil» sei angestossen und gesunken. Dieses Entziffern in stiller Nachtstunde, wo jedes Fragen und um Rat telephonieren ausgeschlossen blieb, war für einen jungen Mann 143 eine recht gesunde Übung und zwang einen, sich tüchtig auf dem Laufenden zu halten. Der Nachtdienst an einer Zeitung ist anstrengend und kann bei zunehmender Müdigkeit qualvoll werden; aber er ist, wie man sieht, nicht ohne Reiz, und anderseits ist der Tagesdienst mitunter noch schwerer. Wehe dem Redaktor, der nicht mit Humor gewappnet an seine Arbeit geht! Solange man ungestört arbeiten kann, ist es eine Lust; wenn einmal das Telephon zu funktionieren beginnt, hört die Behaglichkeit auf. Aber der schrecklichste der Schrecken ist das liebe Publikum. Es wird um so furchtbarer, je mehr Respekt man ihm schuldet, wie folgendes Exempel beweist. Der Zwölfiherr war eine Respektsperson erster Güte, ein Mann, dem man übrigens nicht nur pflichtschuldigst, sondern ganz von Herzen die höchste Achtung zollte; aber – er gehörte zur «Redaktionsphyloxera», indem er immer um 12 Uhr erschien, wenn man schon den Hut in der Hand hielt, und dann mit erbarmungsloser Ausdauer seine Anliegen vorbrachte. Da halfen die höflichsten und dringendsten Formen des Hinausdrängens nichts, und grob werden – das gab's ihm gegenüber nicht. Also, der Zwölfiherr kam. Er trat in die Haustür. Es war absolut unmöglich, 144 die dringende Arbeit zu bewältigen, wenn man sich mit ihm einliess. Was tun? – In meiner Verzweiflung raffe ich meine Papiere und das Schreibzeug zusammen, entwische in das hinter der Redaktionsstube liegende Papiermagazin und richte mir einen Ballen als Schreibtisch ein. Es klopft an der Korridortüre – klopft wieder – klopft zum drittenmal. Leise Schritte gehen zum Redaktionszimmer. Es pöpperlet – poppelt – poltert. Ich verhalte den Atem. Jetzt nur nicht niesen müssen! Die Türe zum Redaktionszimmer geht auf. Schritte, ein Stuhl wird gerückt. Dann bleibt es still. Unten hört man die Setzmaschinen rasseln, die Schnellpresse surren. Ich schreibe, schreibe, bis mir irgend etwas fehlt, das ich zur Arbeit brauche. Ich horche auf. Totenstille. Jetzt ist er doch wohl fort. Vorsichtig trete ich an die Tür und lausche. Es regt sich nichts. Hinein! Da sitzt der Zwölfiherr an meinem Platz. – Gott im Himmel! Das geht über mein Vermögen. Aber was will ich? Man lernt alles, wenn man muss. Und so gelingt es mir, auch da alle schuldige Höflichkeit aufzubringen. Und das Blatt ist doch fertig geworden, zur rechten Zeit, und war gewiss nicht die schlechteste Nummer. Man kann alles, wenn's sein muss. Wir hatten noch andere gleichartige 145 Kunden, die an unserer menschlichen Vervollkommnung arbeiteten, so zum Beispiel einen sehr scharfsinnigen Juristen, der keinen Artikel ablieferte, ohne dann mindestens noch dreimal vorzusprechen, um das Manuskript abzuändern, einen Lehrer, der einem stundenlang Vortrag hielt, böse wurde, wenn man abbrechen wollte, und bis in die Wohnung nachlief, wenn man ihm zu entrinnen suchte. Und dann die vielen, die einem mit ihrer schandbaren Handschrift das Leben sauer machten und noch die Beleidigten spielten, wenn ein Wort falsch entziffert wurde! Für seine Mühsal findet der Lokalredaktor Entschädigung in manchem nicht alltäglichen Besuch. Was da für Käuze auftauchen! Ein amüsantes Kontingent stellen die Globetrotter, Akrobaten, Riesen und Zwerge. Kam doch einmal ein Zirkusbesitzer mit einem hübschen Pferdchen von mehr als meterhohem Widerrist in den zweiten Stock hinauf. Es stellte die Tragkraft des Zimmerbodens nicht schwerer auf die Probe als der Riese Pisiak, der unsern Ausläufer wie einen Liliputen auf der einen Hand schaukelte. Eines Tages erschien ein bekannter Komiker mit einem gewaltigen Paket und machte uns Enthüllungen über die Geheimnisse einer Dame, die sich als Riesin in einer Wirtschaft produzierte. Sie war wirklich 146 sehr gross, auch ohne den griechischen Götterhelm, den sie auf dem Haupte trug, um den Eindruck ihres Übermasses zu verstärken. «Aber ein Schwindel ist doch dabei», sagte der Komiker, «schauen Sie nur her!» Damit schlug er die Hüllen des Pakets auseinander und legte einen ungeheuren Schuh auf den Tisch, in dessen Schaft ein Damenschuh von gar nicht so abnormen Dimensionen eingebaut war. «Den habe ich der Riesin unterm Bett weggenommen», erklärte der Komiker. Wir waren aber gar nicht geneigt, auf die Enthüllungen einzutreten, denn einen Krawall auch mit der reduzierten Riesin zu bestehen, hatte niemand Lust. Von den politischen Katzbalgereien und Verärgerungen fange ich hier gar nicht an; sie gehören zu den Selbstverständlichkeiten des Berufes. Ich habe auch darin viel Bitteres erlebt, Schnödigkeiten, die schwer zu vergessen sind. Und trotz alledem sage ich: Journalist sein ist ein schöner, ein innerlich so bereichernder Beruf, dass er es verdiente, ein wenig schwerer zugänglich gemacht zu werden. Kein anderer Beruf bietet so viel Gelegenheit, mit bedeutenden Persönlichkeiten aller Fächer und Richtungen in Verkehr zu treten wie das Amt eines Redaktors. Staatsmänner, Gelehrte, Künstler gehen da ein und aus und vertrauen 147 einem ihre besondern Sorgen an. Und wenn man neunundneunzigmal seine Zeit mit ihnen verlieren würde, so hat man den unschätzbaren Vorzug, am hundertsten Mal einer grossen, der Menschheit nützlichen Sache Vorspann leisten zu dürfen. Das entschädigt reichlich genug. * Falsch wäre es aber, zu glauben, Rudolf von Tavel hätte in den Anfängen seiner journalistischen Laufbahn keine Zeit übrig gehabt für Nebenarbeiten, die ihm gewiss näher am Herzen lagen als die Lokalspalte. Als er aus Heidelberg zurückkehrte, war sein Sinn erfüllt von den eben vollendeten Dramen. Sollte man sie in Bern nicht aufführen können? Besass nicht die Philadelphia, ein Verein junger Männer für Geselligkeit und Bildung auf christlicher Grundlage, den man 1885 zu gründen mitgeholfen hatte, eine Anzahl spielfreudiger Talente in ihren Reihen? Das Stadttheater, dem man den «Major Davel» auch vorgelegt hatte, lobte zwar das Stück, lehnte aber eine Aufführung als zu kostspielig ab; vielleicht war dieser übliche Bescheid, der am Anfang fast jeder Dramatikerlaufbahn steht, in Tavels Fall wirklich gerechtfertigt, denn das Werk forderte die Besetzung von mindestens zwanzig Sprechrollen und 148 verlangte für seine fünf Aufzüge nicht wenig Bühnenaufwand. Die 46 Spieler in der Philadelphia und unter Freunden und Bekannten aufzubringen, ihnen die passenden Rollen zuzuweisen, Absagende zu ersetzen und Missvergnügte zu beschwichtigen: dies alles war eine äusserst mühselige Arbeit für den Autor, der sich am Ende noch entschliessen musste, die Hauptrolle selber zu übernehmen. Eine besondere Schwierigkeit bot die Besetzung der Frauenrollen. Zuerst wollten sich keine Damen bereit finden; als man sie endlich gewonnen hatte, erhob sich Widerspruch im Verein; um Taktlosigkeiten zu vermeiden, übertrug man die beiden Frauenrollen zwei jungen Männern, wogegen nun wieder einige Mitwirkende protestierten! Aber es blieb dabei, und die Kritik lobte dann ganz besonders Spiel und Darstellung der Katharina . . . Am 3. Februar 1892 fand im grossen Saal des alten Casino vor dicht besetzten Bänken die Aufführung des «Major Davel» statt. Der Erfolg war stark, am 11. musste die Aufführung wiederholt werden. Eine gewisse Sensation lag für das Berner Publikum in dem Umstand, dass in einer Zeit nervöser politischer Spannung zwischen Bern und der Waadt ein Trauerspiel um die Person des unglücklichen einstigen Waadtländer Rebellen durch 149 einen Berner Patrizier geschrieben und in Szene gesetzt wurde. Auch Tavels Vater fühlte sich von dieser Tatsache schwer betroffen. Die Waadtländer Presse richtete gegen die Dilettantenaufführung in Bern scharfe Ausfälle, nur die «Gazette de Lausanne» wurde dem Charakter des Stückes gerecht, das ja gerade in dem tragischen Helden dem Märtyrer der waadtländischen Freiheit ein Denkmal setzte, allerdings ohne die bernische Herrschaft zu schmähen. Rudolf von Tavel hat in seiner gewissenhaften Art die Umstände, unter denen «Major Davel» gespielt, und die Urteile, mit denen er von der Öffentlichkeit aufgenommen wurde, in einem dauerhaften Heft verzeichnet und die Pressekritiken mit seinen eigenen Bemerkungen kommentiert. In diesen Aufzeichnungen verwahrte er nicht nur sich selber gegen die Missdeutungen, die sein Werk erfahren hatte, und setzte er sich nicht bloss mit seinem Vater auseinander, dessen Widerstand bewirkt hatte, dass Tavel «die Bühne mit blutendem Herzen betrat»; er wollte vielmehr, nicht ohne jenen schalkhaften Gleichmut, der ihn schon damals standhaft machte, nach den Mühsalen des Kampfes und dem Rausch des Sieges «nachrechnen, was ihn der erste Lorbeer gekostet hatte». Dass er bei der zweiten 150 Aufführung unter den Zuschauern auch den wieder ausgesöhnten Vater bemerken durfte, wog für ihn wohl schwerer als alle Erfolge. Eine ganze Reihe von dramatischen Dichtungen folgte in den nächsten Jahren diesem verheissungsvollen, wenn auch widerspruchsvoll beurteilten Anfang. «Der Sandwirt von Passeyer» wurde aufgeführt, dann in Prosa umgearbeitet und wieder aufgeführt. Grossen Erfolg erzielte im Stadttheater das Lustspiel «Die Weiber von Schorndorf», womit er in Konkurrenz zu einer Heyseschen Bearbeitung des gleichen Stoffes trat. Das Versdrama «Johannes Steiger oder Der Gattin Vermächtnis» schöpfte aus dem Quell bernischer Geschichte und war, nach den Erfahrungen mit dem «Major Davel», ausdrücklich den Vätern und ihrem ruhmvollen Gedächtnis geweiht. Aber als der Schauspieler Weigel die Premiere des Stückes, in dem er als Schultheiss Nägeli auftrat, am 1. Februar 1895 zu seinem Benefizabend wählte, hatte er sich doch verrechnet: die guten Berner blieben der Aufführung fern, es wurde vor fast leeren Bänken gespielt, und der betrübte Autor legte dem betrübten Benefizianten aus der eigenen Tasche zu. Der «Bund» tadelte die Altberner, die ihren Tavel im Stich gelassen hatten: «Diese Leute, man 151 muss es sagen, halten auf die Überlieferung der Rasse, die dahin geht, einen Poeten aus ihrer eigenen Mitte, heisse er nun Haller oder Muralt oder Tavel, nur ja nicht zu ermutigen.» Und Rudolf von Tavel selber rächte sich elegant, indem er am Tage nach der verunglückten Premiere ein keckes Liedchen schrieb und es auch in der Sonntagsbeilage seines Blattes veröffentlichte mit der deutlichen Adresse: «Denen, die mich am 1. Februar im Stich gelassen, ins Stammbuch.» Das Gedicht lautet: Finkenschlag         Auf kahlem Baume sitzt ein Fink Und jubiliert drauf los. Er fliegt und hüpft so frisch und flink Und preist sein lieblich Los. Er achtet nicht des Winters Schnee, Der Wolken grauen Zug, Und tut ihm auch die Kälte weh, Sie stört nicht seinen Flug. Er denkt: «Ich singe halt wie's kommt, Ob manches sich verkroch, Weil ihm der frohe Sang nicht frommt – Einst kommt der Frühling doch. 152 Und wer mein Lied nicht hören will, Halt sich die Ohren zu. – Macht vor dem Lenz der Frost mich still, So sei's, ihr habt dann Ruh.» Der Fink, der hat mir's angetan, So macht's der Dichter auch: Er schreitet fröhlich seine Bahn, Wie es des Sängers Brauch. Was kümmert's mich, ob man mich hört; Ich sing, weil's mir gefällt. Es tut mir leid, wenn ich gestört, Und euch die Lust vergällt. Doch wölbt sich einmal über mir Ein stilles, kühles Grab, Mich reut's dann nicht, das merke dir, Dass ich gesungen hab! Gute Aufnahme fand «Der Twingherrenstreit», der zugunsten des Lerbergymnasiums von Dilettanten gespielt wurde, und auch das soziale Schauspiel «Die Walzgesellen», das die Philadelphia auf die Bretter brachte, während das Schauspiel «Amor und Psyche» vom Dichter selber als ein verfehlter Versuch bezeichnet wurde. Mit dem Dichternamen Rudolf von Tavel 153 werden alle diese dramatischen Werke nicht verbunden bleiben; sie haben ihre Wirkung getan, haben Erfolg oder Misserfolg geerntet, aber keine Spuren in der Entwicklung des schweizerischen Dramas hinterlassen. War der Griff nach dem Lorbeer des Dramatikers ein Fehlgriff? Er war wohl eher eine Gebärde im Sinne jener Zeit, die mit dem Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer das Drama als die absolut höchste Form der Dichtkunst betrachtete und die ihr Streben mehr nach ästhetischen Paragraphen als nach innerer Veranlagung regeln zu können glaubte. Die Erkenntnis, dass er kein Dramatiker von Geblüt war, trat Rudolf von Tavel erst ins Bewusstsein, als er ein grosses Problem, das er aus seiner eigenen Seele und nicht aus dem Anekdotenschatz der Geschichte geschöpft hatte, in dramatischer Form gestalten wollte; es auch unter Aufbietung aller Kräfte gestaltete, aber einsehen musste, dass es die dramatische Form gesprengt und aufgehoben hatte. Dies war der Fall mit dem nie veröffentlichten und nie aufgeführten Drama «Der Söldner», das einen Wendepunkt in Tavels dichterischer Entwicklung bezeichnet. In seiner schon damals klaren, beherrschten Handschrift geschrieben, liegt das Werk in seiner ersten Fassung mit sieben Aufzügen 154 und einem Epilog vor uns. Das Titelblatt zeigt eine Federzeichnung des Dichters: rechts eine ferne, kahle Meeresküste, links eine Alphütte vor heimatlichem Tannenwald, zu der ein Kriegsmann auf dem Wiesenpfad zwischen den Steinblöcken emporsteigt. Er kehrt aus der Fremde heim, und das symbolische Stück behandelt denn auch «den Gedanken von der Rückkehr des in fremde Gebiete ausschweifenden Menschen in seine Heimat». Zugrunde lag diesem symbolischen Geschehen die religiöse Vorstellung, «dass die Schöpfung dem Schöpfer entwendet, alles Ideale und Schöne, das zur Verherrlichung Gottes bestimmt, von den Menschen zu ihrer eigenen Verherrlichung entrissen worden sei. Alles muss Gott wieder dargebracht, alles seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben werden. Der Mensch selber, in die Irre gegangen, muss heimkehren. Von diesem Gedanken war ich in jener Zeit aufs tiefste ergriffen, ja vollkommen beherrscht», fügt Tavel später einer kurzen Umschreibung des Stückes bei und erklärt geradeheraus: «Die Heimkehr des Söldners ist meine Heimkehr zum inneren Frieden, in die Freiheit der Kinder Gottes.» Es ist tief bedeutungsvoll, dass der von solchen Gedanken erfüllte Dichter sich in Bern ausgerechnet an den Freigeist J. V. Widmann 155 im entgegengesetzten politischen Lager wenden musste, um Verständnis und Anerkennung für sein Werk zu finden. Er stand, seitdem er den älteren, angesehenen Kollegen persönlich kennen gelernt hatte, mit ihm in einem respektvollen Verhältnis offenen Gedankenaustausches. Widmann, der Tavels Entwicklung mit fördernder Anteilnahme verfolgte, hatte des jungen Dichters Werke mehrmals mit brieflichen Kritiken beantwortet, die wesentlicher und wertvoller waren als die gedruckten. Er hatte ihn, wie früher schon Wildenbruch, auf die Erzählung hingewiesen, die seinem Talent angemessener zu sein scheine, und er hatte ihm bei der Aufführung des «Twingherrenstreits» seine Begabung für echten Humor attestiert. Nun schrieb er ihm am 12. Februar 1899 nach der Lektüre des «Söldners» einen ausführlichen Brief, der Gesamtheit wie Einzelheiten des Stückes liebevoll, doch ohne Floskeln und Flausen unter die kritische Lupe nahm, der lobte und rügte und dem Verfasser wie ein vielstimmiges Echo auf sein Werk vorkommen musste. «Gehen wir auch», schrieb Widmann, «mit unsern religiös-philosophischen Anschauungen und Gedanken wohl sehr weit auseinander, so habe ich mich unter dem Phantasie- und Gefühlseindruck Ihres Werkes doch ganz auf Ihren 156 Standpunkt stellen können und darf sagen, dass ich dieses mit herzlicher Rührung gelesen habe.» Der Brief schloss mit der Versicherung, dass der «Söldner» bei all seinen Mängeln in viel höherem Grade als alles, was Widmann bisher von Tavel gelesen, ein dichterisch empfundenes Werk sei, und mit der Mahnung: «Bevor Sie nun aber in eine Dichtung, die Ihr intimstes Seelenleben aufschliesst, die ganze Welt hineinblicken lassen, in der es nicht an kalten spottsüchtigen Gemütern fehlt, überlegen Sie recht, wie Sie Ihr Werk möglichst unanfechtbar gestalten können.» Es gab für Tavel in dieser Richtung nicht mehr viel zu überlegen. Der Konflikt, in dem er sich befand, hatte religiöse Untergründe; der Eintritt seines Bruders in die Heilsarmee, damals ein Ereignis von aufregender gesellschaftlicher Bedeutung, stellte die landeskirchlich gesinnte Familie vor ernsthafte Auseinandersetzungen und den Dichter vor die Gewissensfrage, ob er «als aufrichtiger Christ fernerhin für das seiner ursprünglichen Bestimmung entwendete Theater arbeiten solle. Nach meiner Überzeugung soll alle Kunst zur Verherrlichung Gottes, der sie den Menschen geschenkt, dienen, auch wenn das Religiöse darin nicht unmittelbar zum Ausdruck kommt. Da ich zu keinem sicheren Schluss gelangen 157 konnte, wandte ich mich, trotzdem ich mein Carnet noch voll Ideen für dramatische Arbeiten hatte, der Novelle zu.» Mit dieser Überlegung, die gewiss noch ganz andere, in seiner schöpferischen Veranlagung ruhende Beweggründe hatte, kehrte um die Jahrhundertwende Rudolf von Tavel einer bisher recht eifrig betriebenen dramatischen Tätigkeit den Rücken. Was er in Zukunft auf diesem Gebiet noch schaffen sollte, waren reizende historische Miniaturen wie «Im Char à banc» (1910) oder Dramatisierungen von Novellen wie «Di gfreutischti Frou» (1922, nach «Bim Wort gnoh») und «Par respect de l'amour» (1925, nach «E Häxechuchi») oder bestellte Gelegenheitsarbeiten wie «Der Sterkscht isch Meischter» (1919, zugunsten des Fürsorgevereins für tuberkulöse Kranke der Stadt Bern) und «Zwöierlei Schatzig» (1926, zur Hundertjahrfeier der Mobiliarversicherungsgesellschaft) und endlich «Der Heimat einen ganzen Mann», ein Bubenberg-Stück, das 1930 als Festspiel zum 25jährigen Jubiläum der Berner Vereinigung für Heimatschutz im Schlosshof von Spiez, also vor historisch echten Kulissen uraufgeführt wurde. Eine Ausnahme vom äusserlich bedingten Anlass zum dramatischen Schaffen, der seit dem «Söldner» die Regel war, machte nur 158 noch das Spätwerk «Caravaggio», das den Konflikt eines Künstlers in seiner Umwelt zu gestalten sucht und in dem Tavel Probleme verdichten wollte, die ihm damals, inmitten grosser epischer Arbeiten und auf der Höhe seiner Erfolge als Erzähler, besonders am Herzen lagen. Das Werk entstand sehr rasch im Spätherbst 1928; es bedeutet jedoch keine nachträgliche Widerlegung des vor dreissig Jahren gefassten Entschlusses, «es mit dem Erzählen zu versuchen». Das Drama vom heimkehrenden Söldner kennzeichnet auch für seinen Dichter die Heimkehr in eine künstlerische Heimat, die er auf Umwegen erwandern musste, ehe er sie betreten und sein eigen nennen durfte. Einen Weggefährten nicht nur für sein Leben, sondern auch in seiner künstlerischen Entwicklung hatte er in Frau Adele geb. Stettler gefunden, mit der er sich am 10. Mai 1894 verheiratete. Feinhörige Leser seiner Feuilletons im «Tagblatt» mochten den Unterton einer Plauderei im September des vorhergehenden Jahres als Wetterzeichen dafür deuten, dass für sein Junggesellentum Gefahr im Verzug sei. Er hatte dem Baugerüst auf dem Münsterturm einen Frühmorgenbesuch abgestattet, um der Jungfrau, «welche zeitlebens am 159 Trümmelbach sitzt und ins schöne Bernerland hinausschaut, ohne ein Wort zu reden», seine Aufwartung zu machen. «Der Jungfrau am Trümmelbach ist es ganz egal, ob ein edler Jüngling im Schweisse seines Angesichts und beinahe mit Lebensgefahr auf den Münsterturm klimmt, um sie zu betrachten. Ein Kind der Zeit, verlangt sie von ihren Anbetern, dass sie sich ihr mit teuren Wengernalpbahnbillets in der Tasche nähern. Wer das nicht tut, riskiert eben, dass die Holde im entscheidenden Moment das Umhängli zieht, und dann hat er sie gesehen. Also auch die bernischen Jungfrauen! Ja, loset jitz nume! Ob ein Anbeter den Kampf der Tugend kämpft, ob er noch so sehr sich abmüht, aus sich selber etwas Rechtes zu machen, sich in allen Dingen zu vervollkommnen und die höchsten Höhen der Menschheit zu erklimmen, das ist den verehrtesten Angehörigen des allein guten Geschlechts würster denn wurst. Da heisst es einfach: Hast du soundsoviel teure Eisenbahnaktien oder gleichwertige Billets in der Tasche, so bin ich zu haben; sonst aber nicht. – Was ist die Folge? Dass Hunderte von ihnen am Trümmel oder sonst einem Bach sitzen bleiben, weil bei dem grässlichen Zudrang an den Papierschaltern die bescheidenen und tugendhaften Jünglinge 160 neben hinausgedrückt werden und den grünen Zweig nicht erwischen können. Ja, so ist's. Wär's nid gloubt, cha's sälber gseh. Nun wird mir's kein Leser verargen, wenn ich konstatiere, dass es immerhin Fälle gibt, wo meine Vergleichung nicht stimmt. Vor allen edlen Jungfrauen, die sich durch dieselbe nicht betroffen fühlen, ziehe ich hiemit den Hut ab bis a Bode und sage feierlich: Nüt für unguet; dir söllet hoch läbe!» In seiner Gattin besass der Dichter eine getreue Helferin bei seinem Schaffen und die verständnisvollste Beurteilerin seiner Werke. Ihr gesundes, nüchternes Urteil rühmte er schon früh. So sah der Maler Wilhelm Balmer das Paar: ihn auf der Gartenterrasse im grünen Schatten der blühenden Apfelzweige stehend, sie am Tische sitzend, mit der Feder in der Hand seinem Gedankengang folgend. Vier Jahrzehnte einer glücklichen Ehe verbanden die beiden, tiefer noch die Kraft einer gemeinsamen Welt- und Lebensanschauung. Die Liebe ihrer Herzen, der eigene Kinder versagt blieben, nährte sein Lebenswerk, nicht nur das künstlerische, und machte ihr Heim für viele, nicht am wenigsten für die heranwachsende Schar der Neffen und Nichten, zu einem Ort, an dem das Vertrauen gedieh und die Hilfe sich aus unerschöpflichem Vorrat 161 verschenkte und wo die wärmende Herdglut menschlicher Güte jeden Gast wohlig umfing.                                         Zeichnung von Rudolf von Tavel Akazien in der Schosshalde 1891                                         Zeichnung von Rudolf von Tavel Kastanienwald bei Bex 1896                                         Zeichnung von Rudolf von Tavel Am Schosshaldenwäldchen 1902 Zuerst bezog das junge Paar eine kleine Wohnung am Waisenhausplatz, einige Jahre darauf siedelte es ins väterliche Haus in der Schosshalde über, die für Rudolf von Tavel die eigentliche irdische Heimat war und blieb. Beide Male gab ein Feueralarm dem Wohnungsbezug die höhere Weihe. Denn Tavel tat in jenen Jahren mit Leib und Seele Dienst in der Feuerwehr; er war zwei Jahre lang noch einfacher Löschmann, als er im Militär schon den Rang eines Oberleutnants und Regimentsadjutanten bekleidete, später während vielen Jahren Offizier. Er gestand, von Kindsbeinen an eine besondere Liebhaberei für Feuersbrünste und ihre Bekämpfung besessen zu haben. Als Offizier stand er zu gewissen Zeiten «auf Pikett» und musste Tag und Nacht des dringlichen Appells durch den «Haspel», die Feuerglocke auf dem Münsterturm, gewärtig sein. So auch an dem Tage, da er vom Waisenhausplatz in die Schosshalde übersiedelte. Er legte deshalb, während der Hausrat verpackt und weggetragen wurde, der Frau die «Montur» mit Helm und Beil besonders ans Herz: nicht dass man lange nach ihr suchen müsse! «Es wird de hütt nid grad brönne», dachte die Frau optimistisch bei sich und legte die 162 Uniform beiseite. Abends spät zog man beim Schein von Kerzen und Petroleumlämpchen in der Schosshalde ein und sank müde in die Kissen. Plötzlich Feueralarm, der Quartierpolizist stand unter dem Fenster und schrie Fürio. Auf! Die Uniform war rasch gefunden, aber wo blieben der Helm mit dem schönen weissen Busch und das blinkende Beil? Grosse Aufregung. Die ganze Familie suchte in der finstern Nacht, alles wurde durcheinander gebracht, Kisten und Kasten geöffnet und ihres Inhalts entleert. Kein Helm, kein Beil war zu fassen. Schliesslich musste der Brand im Altenberg auch ohne diese Wehr und Waffen bekämpft werden. Tags darauf fand sich beides wieder in einem zurückgebliebenen Kleiderschrank in der alten verlassenen Wohnung . . . An jene Zeiten erinnert ein launiger Aufsatz, den Rudolf von Tavel 1931 im «Berner Tagblatt» veröffentlichte: Im alten Berner Stadttheater In drei verschiedenen Eigenschaften hatte ich Gelegenheit, dem alten Musentempel im Hotel de Musique hinter die Kulissen zu schauen: als Journalist und Theaterreferent, als dramatischer Autor und als Feuerwehroffizier. Und in allen drei Eigenschaften 163 erlebte ich Heiteres und Ernstes mit dem alten, während langer Jahre den bernischen Verhältnissen vorzüglich angepassten Kasten und seinen Künstlern. Was ich als Theaterreferent erlebte, dürfte wenig von dem abweichen, was andere Leute in dieser Eigenschaft auch hörten und sahen. Das Erfreulichste dabei war, dass man mit originellen Leuten, mitunter bedeutenden Künstlern, in Verkehr kam, und ich muss sagen, dass mir aus diesem Verkehr eine grosse Liebenswürdigkeit in Erinnerung geblieben ist, hinter welcher das Absonderliche weit zurückbleibt. Kam es auch etwa vor, dass ein Schauspieler, der sich durch die Kritik ungerechterweise betupft fühlte, auf der Redaktionsstube erschien und sich beschwerte, so brachten die Besuche liebenswürdiger junger Damen von der Bühne ein höchst willkommenes Gegengewicht in den grauen Alltag des Redaktionsbetriebes. In noch engeren Verkehr mit dem Personal kam ich als Autor. Doch war da die Berührung mit den Darstellern in der Regel nur sehr vorübergehend, während ich mit denjenigen Leuten, welche während langer Jahre an unserem Stadttheater in Stellung blieben, schon näher vertraut wurde, so mit dem höchst originellen Direktor Julius Nicolini. Welcher Direktor unseres heutigen Theaters 164 würde sich mit einem Bureau zufrieden geben wie dem Raum, in welchem Nicolini unter Assistenz einer alten Schauspielerin, die als Sekretärin funktionierte, und des Souffleurs seines schwierigen Amtes waltete? Dieses Bureau befand sich im nördlichen Flügel der an die Französische Kirche angebauten Kaserne und diente nebenbei noch als Atelier für das Flicken und Zusammenkleistern von allerhand Requisiten. Als Heizung diente ein offenes Kohlenbecken unter dem Schreibtisch. Ich muss heute noch den göttlichen Humor bewundern, mit welchem Nicolini hier seine Besucher empfing. Die eigenartigsten Theatererlebnisse sind mir aber doch in meiner Eigenschaft als Feuerwehroffizier zuteil geworden. Man kam oft an die Reihe und lernte so nicht nur das seltsame Theatergebäude gründlich kennen, sondern auch das Personal mit seinen Gewohnheiten und Schrullen, die ganze Garderobe und den Dekorationsapparat. Es gab da Kleidungsstücke, die nachgerade in jedem Stück irgendwie Verwendung fanden, sofern die Handlung in die Vergangenheit wies. Ein gewisser mit Pelz verbrämter Samtmantel diente in allem, was im Zeitraum von der Ritterzeit bis nahe an die Gegenwart sich abspielte. Wie bescheiden war der Reichtum an 165 Dekorationen! Dennoch tat der Apparat seinen Dienst und versetzte die nüchternen Berner in eine romantische Vorstellungswelt. Es gab freilich dank der Enge des Raumes auch Situationen, in denen das Erhabene und das Zwerchfellerschütternde unheimlich nahe beieinander waren. Es ist heute beinahe nicht mehr zu verstehen, wie man in einem so engen Rahmen Szenerien zuwege brachte, wie sie etwa «Der fliegende Holländer» oder die Wolfsschlucht mit ihren Ungeheuern im «Freischütz» erfordern. Die Kulissenschieber hatten ihre ganz besondere Nomenklatur, die man erst nach und nach verstehen lernte. Wie oft hörte ich den Theatermeister in den Schnürboden hinaufrufen: «Churzgotisch abe!» oder auch «Halbgotisch!» Wundervoll in ihrer Volkstümlichkeit, aber leider hier nicht wiederzugeben, waren die Glossen, mit welchen Bühnenarbeiter und «Brandkörpsler» gelegentlich die Vorgänge auf der Bühne bedachten. Uns Feuerwehrmännern war ganz gehörig eingeschärft, welche Verantwortung wir trugen. Hätte man es mit dem Dienst nicht ernst genommen, so wäre das alte Haus und mit ihm das ganze schöne Hotel de Musique schon vor Jahrzehnten ein Raub der Flammen geworden. Während meiner Dienstzeit fing es mehrmals Feuer; aber man wurde seiner immer 166 rechtzeitig Herr. Einmal in der Mittagszeit brach das Feuer aus dem unter den Sperrsitzen befindlichen Ofen durch den Boden, und die Stichflamme loderte bis an die Decke des Zuschauerraumes auf. Vor Beginn der Vorstellung wurde jeweilen die zum Theaterdienst kommandierte Mannschaft im nahen Polizeigebäude inspiziert. Dann marschierte man mit vergitterten Laternen, die an bestimmten Stellen aufgehängt werden mussten, und anderem Material ins Theater, kontrollierte den Signalapparat und die Wasserleitungen. Ein Mann wurde auf den Estrich über den Zuschauerraum kommandiert, der sich zu überzeugen hatte, ob die nach der vorhergehenden Vorstellung behufs Entleerung der Röhrenleitungen geöffneten Hahnen geschlossen seien. Auf sein Zeichen hin wurde unten im Souterrain der Haupthahn geöffnet und damit das ganze Röhrensystem unter Druck gesetzt. Wehe nun, wenn nicht richtig signalisiert wurde! Es kam einmal vor, dass das Wasser vorzeitig in den Dachraum aufstieg, in den Schlauch des dortigen Hydranten schoss und ihn in einen wild sich ringelnden Lindwurm verwandelte, der durch die Kehle des Wendrohrs den vollen Strahl ausgerechnet in die Bassgeigenecke des Orchesters hinunterjagte. Zum Glück war solches schon vor meiner Zeit 167 vorgekommen; man war dadurch gewarnt und nahm es um so genauer mit den vorgeschriebenen Funktionen. Mit dem Dienst während der Vorstellungen war die Feuerwehrpflicht aber noch nicht erfüllt. Der Rondeoffizier hatte in später Nachtstunde das ganze Theater vom Keller bis in den Estrich noch einmal zu begehen. Da stiess man denn manchmal auf gespensterhafte Erscheinungen, je nach der Ordnung, in welcher die Darsteller ihre Garderoben zurückgelassen hatten. Nach einer Wallenstein-Aufführung fand ich mich einmal bei düsterem Laternenschein in einer feierlichen Versammlung von den Wänden entlang aufgestellten Harnischen, deren Helme alle auf einen Punkt in der Mitte des Raumes zu blicken schienen. Auf diesem Punkt aber stand – ein bis an den Rand gefülltes . . . Auch eine Illustration zu der Beschränktheit des Raumes im alten Musentempel! * Im Jahre 1896 verliess Rudolf von Tavel die Redaktion und trat, «um seine pekuniäre Lage zu verbessern», die Stelle eines Direktionssekretärs bei der Schweizerischen Mobiliarversicherung an. Widmann sprach sein Bedauern aus, «dass die stadtbernische Presse 168 einen mir so werten Kollegen verliert; zugleich freue ich mich aber auch für Sie, dass Sie künftig in einem Ihnen besser zusagenden Berufe wirken können». Das war wohl ein liebenswürdiger Irrtum: der neue Beruf befriedigte Tavel keineswegs, aber er liess ihm etwas mehr freie Zeit, gab ihm die Abende und Feiertage zurück, schenkte ihm neben der materiellen Sicherstellung die Möglichkeit, sein künstlerisches Werk zu schaffen. Den Verdacht, er hätte die Bureaustunden zum Dichten missbraucht, wies Tavel stets in drolliger Entrüstung zurück; aber er bestritt nicht, dass es ihm schwer gefallen sei, sie abzusitzen und dass er oft den Abend herbeigesehnt habe, der ihn an sein Manuskript zurückkehren liess. Die Jahre hatten den gereiften Sohn nun wieder an die Seite des Vaters geführt. Wie tief war das Verständnis, das er ihm jetzt entgegenzubringen wusste, wie tief auch das dankbare Gefühl, Bestes in seiner eigenen Art von ihm geerbt zu haben! «Wir waren in allen wichtigen Dingen ein Herz und eine Seele», bezeugte der Sohn lange nach dem Tode des Vaters, der am 10. September 1900 starb; von ihm leitete er die Lust am Theater her, die ihn selber beseelte, von ihm, der ein überaus klarer und gründlicher Denker war, sein 169 literarisches Darstellungsvermögen und seine Empfänglichkeit für den Geist der vaterländischen Geschichte. Abgeklärte Gerechtigkeit liess ihn jetzt urteilen: «Wenn er meinen Neigungen nicht nachgegeben hat, so geschah es aus Sorge um meine zukünftige materielle Existenz und vor allem, um mich vor sittlicher Versumpfung zu bewahren. Geniale Liederlichkeit war ihm ein Greuel. Dass mein Vater die erfolgreichere Zeit meines Schaffens nicht mehr erleben durfte, schmerzt mich noch heute, denn ich habe dem guten Mann in meinen Schuljahren viel Sorgen bereitet.» Dieses schmerzliche Gefühl wich nie mehr aus Rudolf von Tavels Leben. «Erfolge hatte ich erst, als er nicht mehr da war», schrieb er noch zwanzig Jahre später seinem ältesten Bruder. Und dabei trennte eine so geringe Spanne Zeit den Tod des Vaters von dem grossen Durchbruch des Sohnes zu seinem schriftstellerischen Erfolg. Denn im Herbst 1901 lag auf den bernischen Büchertischen ein Werk, das endlich wieder einmal zum literarischen Stadtgespräch wurde, über dem man den Kopf schüttelte, aus vollem Herzen lachte und Tränen der Rührung vergoss. Wie, einer hatte es gewagt und eine historische Novelle, «e luschtigi Gschicht us 170 truuriger Zyt», folgerichtig von Anfang bis zu Ende berndeutsch geschrieben, so wie er eben sprach und wie alle sprachen? – und nun sprachen alle davon und von dem wagemutigen Verfasser, Rudolf von Tavel. Jä gäll, so geit's! 171 Bernisches Epos «Warum ich "Jä gäll, so geit's!" berndeutsch verfasste, weiss ich nicht; es war ein glücklicher Einfall. Ich hatte damit mein ureigenes Gebiet entdeckt.» Dies ist Tavels Erklärung, kurz und bündig, und wir haben uns an sie zu halten. Warum auch nicht? Glückhafte Entdeckungen können sehr wohl die Folge glücklicher Ein- und Zufälle sein. Trotzdem drängt es uns, dort weiter nachzugrübeln, wo der Dichter sich, begreiflich genug, mit der Tatsache zufrieden gab. Hatte er nicht schon früher Stoffe aus der bernischen Geschichte bearbeitet, den Major Davel, den Johannes Steiger, und nicht im geringsten daran gedacht, diese Dramen, in denen es doch auf unmittelbarste Wirkung ankam, in der realistischen Mundart zu schreiben? Hier mag die schulmässige Überlieferung vom klassischen Drama mit seinen Formgesetzen von so zwingendem Einfluss gewesen sein, dass ein «glücklicher Einfall» gar nicht in Frage kam. Anderseits würzte der Student Tavel 172 seine Briefe immer gern mit berndeutschen Ausdrücken, wenn es galt, drastische Situationen treffsicher zu beschreiben, und der Journalist bediente sich bei gemütvollen oder witzigen Wendungen des gleichen Mittels. Das Berndeutsch seines Standes, stark mit französischen Brocken durchsetzt, nicht eigentlich die Sprache der städtischen Bevölkerung, sondern die der alten Junkerngasse und der Schosshalde und der «Campagnen» nah und fern der Stadt, war für Rudolf von Tavel zeitlebens nicht nur im täglichen Gebrauch, sondern ebenso gut bei literarkritischen Erörterungen oder in kirchenpolitischen Debatten das präziseste Instrument des Ausdrucks, für seine Gedanken der schmiegsamste Wortkörper. Was ihm glückte, war, diese ausdrucksfähige Mundart, die bis in wendige Einzelheiten und zarteste Färbungen sein persönlichster Besitz schien, unverbogen und unverblasst in die schriftliche Form zu übertragen. Er entging der Gefahr, die auf jeden Schriftsteller und nicht am wenigsten auf den Mundartdichter lauert: den Ausdruck zwischen Gedanke und Form sich versteifen, erstarren zu lassen. Mit andern Worten: sein berndeutscher Ausdruck ist ein durchaus gesprochener, kein geschriebener, und sein ganzes berndeutsches Werk kann und muss 173 gehört, nicht gelesen werden, wenn es in seiner Pracht und Macht, lieblich und stark zugleich, auf uns wirken soll. Darum war auch keiner besser als er selber geeignet, dieses Werk vorzulesen, das so deutlich spürbar den Atem seines Schöpfers atmet und das Gefälle seines Temperaments im Flussbett der Erzählung aufgefangen hat. Ist es bernisches Gemüt und bernische Seele schlechthin, die hier ihren stilistischen Ausdruck gefunden hat? Man möchte dies nicht wohl behaupten dürfen oder beweisen können. Zu geschmeidig im Beschreiben, zu gefällig im Umschreiben gar ist diese Dichtersprache, der es, wie Otto von Greyerz als zuständiger Beurteiler lobte, gelungen ist, dem hartkörnigen Material mit den Kunstgriffen eines feinern Meissels weiche, spielerische Formen zu geben. So ist das Berndeutsche, das Tavels erzählerisches Werk zu einem Sonderfall im schweizerischen Schrifttum macht, durchaus persönlichen Gepräges, auch wenn es dem Volkstum natürlich enger als jeder schriftdeutsche Ausdruck verhaftet ist. Man mag es vielleicht bedauern, dass wir kein berndeutsches Gegenwartswerk besitzen, das Tavels Dichterhand geformt hat. Dafür hat er uns eine dramatische Skizze hinterlassen, die sein Bemühen um das reine Berndeutsch in humoristischer Selbstbespiegelung zeigt, und 174 eine Schallplatte bewahrt uns den Tonfall seiner eigenen Sprache auf. In beiden Kleinwerken, liebenswürdigen Gelegenheitsprodukten, schlägt das Herzblut dieses Sprachmeisters; und hören wir durch die historischen Epen das Blut der früheren Generationen mitrauschen, so lauschen wir hier um so bewegter dem intimen Ton seiner Sprache, sehen ihn selber sozusagen bei der Handhabung seines Meisterwerkzeuges zum Privatgebrauch. An einem Altjahrabend wurde im weiteren Familienkreis von jugendlichen Spielern die köstliche Szene aufgeführt, in der Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung sich durcheinander tummeln, scheinbar ganz spielerisch an der Oberfläche; aber im Grunde rühren sie doch an den Nerv der Tavelschen Kunst, und man kann spüren, dass er ihm ab und zu empfindlich juckte. Dann stiess sein sonst so geduldiger Mund wohl aus, was er ein für allemal nannte: E Schosshaldesüüfzer Er: Es isch doch o-n-es Eländ mit där brotlose Chunscht. Me het nume ds Tüüfels Dank! Jitz fahrt me wieder über mi här wäge der «Mundart der Hauptstadt», da seit me si syg im Gägesatz zur Buresprach abgschliffe, verwässeret und mit Hochdütsch vermischt. Und 175 das schrybt me de juschtemänt im Ougeblick, wo si z'Zürich uf jedi Glägeheit passe, für üs als Heimatdichter abz'tue. Es isch rächt ergerlech! Sie: Ja lue, my Liebe, mi muess sech mit däm Literatevolk nid y la. I ha dir geng grate, du söllisch dy Sach mache und se la brüele! Er: Du bisch guet, nid y la! Du channsch lang di nid wellen y la, wenn si sech mit eim y la . . . weisch, so i de Zytunge . . . Das sy halt Sache! Sie: Ja, ja, das sy Sache. Er: Je meh me sech Müej git, descht weniger merke si's. I wott gar nüt säge vo de Skribifaxe, wo vom Land yne chömen und gar nid wüsse, was üses Stadtbärndütsch isch. Die meine, wenn öpper «rärret», so syg er e Patrizier, und wenn er rr seit, so syg's en andere Stärbleche. Ja, so sy si, di Kaffere! Vo de halbe Sache wüsse si nümme, was es isch! Was weiss e so eine vo Peristyle, Pente à l'air, Servante, Chauffe-pieds, Cabarets, Barille! Wie gröber, descht besser, meine si. Geng suecht eine der ander mit Urwüchsigkeit z'übertrumpfe, und ob allem däm merke si gar nid, dass nen all Ougeblick öppis i d'Fädere louft, wo nüt weniger als bärndütsch isch. Es isch es wahrs Glück, dass men emel no i 176 üsne Familie chly druuf achtet und Sorg het zum gueten alte subere Bärndütsch! (Charlotte kommt herein) Sie: Eh, wär chunnt jitz da? Ds Lotti! Grüess di, was hesch du uf em Härz? Lotti: Grüess di, Tante, grüess di, Unggle. Er: Grüess di, wie geit's? Du gsehsch grad uus, wie wenn du öppis im Schild füehrtisch. Lotti: He ja. Der Papa lat la frage, ob du öppe ne Landcharte vo Fryburg hättisch. Mer göh dä Namittag . . . Er und Sie: Was?! Was weit dr dä Namittag? Lotti: Mer göh . . . Er (aufspringend) : Los jitz! Los jitz! Üses eige Fleisch und Bluet! Hesch ghört? Sie: Aber, Lotti! Er: Hesch ghört? Mer göh – mer stöh – mer löh! Das bysst eim ja wie Flöh! Lotti: E – wie seit me de? Sie: Das söttisch du wüsse. Allons, bsinn di chly! Lotti: Aha, wohl i weiss . . . mer gönge . . . Er: Los mer jitz e so öppis! Es jagt eim ja d'Wänd uuf. Anno 1923 seit e Bärner Patrizierstochter: mer göh, mer gönge. Es isch nümme zum Derbysy. – I gibe dir kei Landcharte, bis du rächt lehrsch bärndütsch rede. 177 Lotti: Ja nu, so gange mer . . . Sie: Aha, los, me cha, wenn me wott. Lotti: . . . i'ren andere Richtig . . . Er: So! Da hei mer's wieder: i're – i're – warum nid Irrenanstalt? Und Richtig! Was söll das sy? Richtig isch äbe nid richtig! La gseh, wie seit me? Lotti: I nen anderi – Diräktion. Sie: Aha, du wettisch dem Unggle druusschlüüfe, gäll? Lotti: E mira Richtung. Er: A la bonne heure! So, jitz will i's la gälte! – Lue, da isch e Charte! Wo weit dr düre? Lotti: Über Chehrsatz. Er: Was, wo düre? Weisch nid, dass me z'Bärn Chäsertz seit? Lotti: Also über Chäsertz. Er: Aber de müesst dr ech uf d'Bei mache, das isch wyt. Lotti: Sowieso. Er: Los jitz! Los jitz! Jitz chunnt das o no mit däm donschtigs Sowieso! Wär het o das uufbracht? Öppis Dumms e so! Sie: Dir hättet scho vor nere Stund söllen ufbräche. Lotti: Es sy drum zwöi Herre bim Papa. Er: Tante, reich mer es Pfund Watte, i muess mer d'Ohre verschoppe. Zwöi Herre, 178 drü Froue, zwee Chinder, zwo Manne! Was ächt no? D'Tanten und du und i sy wieviel Möntsche? Lotti: He drü . . . Er: Äbe, da hei mer's! Drü Möntsche! Los jitz, i will dir es Värsli säge: Es hei zwee Manne zwo Froue gha Und jedi dervo zwöi Chinder. Und hätte drei Manne drei Froue gnoh Und vo dene dreie drü Chinder übercho, So hätte si dänk nid minder? Stimmt's? Lotti: I muess zerscht nacherächne! Er: So? Das wär guet! Wenn sech nume d'Lüt mit dem Läse vo myne Büecher o chly wette Zyt näh! Het mer nid öpper gseit, er läsi so nes Bändli i eim Abe düre, wo-n-i doch meh als dreihundertfüfesächzig Tag dranne schrybe. Lotti: So lang schrybsch du a menen einzige Buech? Sie: Ja meinsch du, der Unggle chönni das alles so us em Ermel schüttle? Er: Nei – i weiss scho, was d'Lüt meine: Me schicki mir Witzen und Güntli schübelswys! I bruuchi nume der Briefchaschte ga z'läären und alles schön zsäme z'hänke, wie Chrälli a mene Fade, und ds Buech sygi fertig. So stellet dir ech das Gschäft vor, und dernah chönn i d'Füflibere vo däm Faden abstreife, 179 wie düri Bohne, und bi de guete Wärk, wo a Gäldmangel lyde, gloube si, i heig Abrysskaländer vo Tuuseternötli zum Abrupfe. So – jitz muess i gah! Chansch jitz ds Värsli no? Lotti: Es hei zwöi Manne drü Froue gha . . . Er: Da hei mer's! Mit euch isch halt nüt az'fah. I gloub, i tüej besser uf ds Bärndütsch verzichte Und fürder chinesisch mit ech brichte. Gäll, öppe so: Gring – Hung – Hang? Aber eigetlech isch es halt doch e Schang! * Der Hinweis auf das derbere Landberndeutsch, von dem Tavel hier schalkhaft drei Wortformen (für Kopf, Hund und Hand) als chinesisch zitiert, soll natürlich kein abfälliges Urteil über die Sprache der Bauern sein. Er kannte und schätzte auch sie, er wusste sie sehr wohl in seinen Erzählungen dort zu verwenden, wo sie am Platze war, und scheute dann auch vor ihren Derbheiten nicht zurück. Aber sich dieser Mundart nur zu dem Zwecke zu bedienen, um mit ihren patinierten Absonderlichkeiten und ungehobelten Kraftausdrücken billige Erfolge zu erzielen, die mit dichterischer Gestaltung nichts zu schaffen haben: das ging ihm völlig wider den Strich, 180 und es schmerzte ihn, hier gelegentlich das Opfer von Verwechslungen zu werden. Beispiele von eingestreutem Bauernberndeutsch, oberländischem wie emmentalischem, finden sich in seinen Werken häufig. Auf der Schallplatte, die Tavel selber mit einer lustigen Anekdote besprach, dient es zur unmissverständlichen Charakterisierung des ländlichen Handwerkers, der beim städtischen Zuckerbäcker so umständlich wie möglich einen Lebkuchen mit Zuckerguss bestellt. Da diese Anekdote in die Form einer Kindheitserinnerung gekleidet ist, gehört sie mit «Noah und Napoleon» zum Erlebnisschatz der frühen Jugend, der eine künstlerische Behandlung und, in diesem Falle zweifellos, auch eine künstliche Verwandlung erfahren hat. Aber Selbsterlebtes gab wenigstens doch auch die Atmosphäre her zu dieser heiteren Geschichte, die Rudolf von Tavel unvergesslich vortragen konnte, mit dem ersten Worte schon den Hörer unwiderstehlich fesselnd: Der Läbchueche Wo-n-i no-n-e Bueb gsi bi, hei mr z'Bärn am üssere Bollwärk gwohnt, grediübere vo der Chilche. Undeninne het e Paschtetebeck sy Lade gha. Aber er het nid nume Paschtete gmacht. Da het's allerhand gueti Sache gä. Me 181 het o Glacen übercho, und i menen Egge vom Laden isch Tee und Chocolat serviert worde, und bsunders berüehmt isch der Papa Durheim gsi für syni Bärner Läbchueche. Der Lade het usgseh wie-n-es Märli. Uf em grosse Tisch i der Mitti sy d'Süessigkeiten arrangiert gsi wie Gartebeet und Bluemegroupes. I allne Farbe hei si ein aglachet. Und wär weiss, me hätti sech nid mögen ebha, mit beidne Hände da dry z'fahre, wäri nid der Zouberer, der Herr Durheim sälber, i sym bländig wysse Zuckerbeck-Costüme derhinder gstande! A de Wände zringsetum hei glesigi Türmli glänzt voll grüeni, roti, gääli Täfeli, drunder zueche gheimnisvolli Schublädli, wahri Schatzchammere, Bärgwärk vo Chocolat. Und gschmöckt het's, i sägen ech, gschmöckt . . . ! He nu, da isch einisch, a mene Zyschtig, d'Frou alt-Läheskommissäri Dufresne cho Sache bstelle für ne Soirée, Baselweggli, Schulthesse-Brötli, Röschtiwys, und was weiss i sünsch no alles! Und wil das het gä z'brichte, het si sech du im Laden etabliert und sech e Tasse Chocolat la serviere. Chuum isch si abgsässe, geit d'Türen uuf, und e Ma vom Land chunnt yne, e Buur und doch nid ganz e Buur, me het nid rächt gwüsst, was men us ihm mache söll. 182 «Was wär gfellig?» fragt d'Ladejumpfere mit menen übersühnige Tönli i der Stimm. Es het se würklech wundergnoh, was so-n-en eltere Halblynige da suechi. «E Läbchueche», seit er, «aber de e schöne, tolle, grosse!» Es isch nid juscht vor Wiehnachte gsi, aber wäge de Frömde het me geng öppen öppis im Vorrat gha. D'Ladejumpfere nimmt e Läbchuechen us der Montere. Si dänkt, dä Ma heig ne villicht im Vorbygah gseh und sygi drob gluschtig worde. «So öppis?» fragt si und het ihm ne dar. «Wie tüür dä?» D'Ladejumpfere schilet zum Herr Durheim übere, wo wie-n-e früsch ufbouete Schneedoggel hinder sym Güetzigarte steit und o dänkt: du wirsch wohl sövel a ne Läbchueche wage! «Drüü füfesibezg», seit er schier chly obenabe. «So?» antwortet der Buur, «drüü föifesibezg? Hiit Dr kener grössere? Uf ne Föifedryssger chunnt's mr nid a.» «Bhüet is wohl. – Bis zu're halbe Jucherte», seit der Herr Durheim und nimmt en allmänds Bärner Läckerli-Tafelen us em Glasschäftli. «So öppis?» «Prezis, da isch es si emel de o derwärt, dryz'bysse. Wie tüür dä?» 183 «Dä chunnt Ech uf füüf.» «Henusode. Weder äbe. – Es cha mer's nüt, was da druffe stiit. – "Gruess aus Bärn." Da'sch dumm.» «Ja, was sötti de druffe sy?» «He, my Name. – Adouf.» «Das cha men Ech ja mache.» «Jä, wie lang giit de das?» «He, we' Dr öppen e Stund chönnet warte . . . Gmacht isch es gly, aber wägem Trochne . . .» «He ja, i chönnt ja zwüschenyhe no hurti i "Stärne" hingere, i mangleti dert no mit iim ga z'rede.» «Guet», seit der Papa Durheim, «machet Dir das!» «Jä chan i de druuf zelle?» fragt der Buur. «Also i're Stung?» Derzue luegt er dür d'Lademonteren a ds Chilchezyt ufe. «Parole d'honneur», antwortet der Zuckerbeck, «am halbi vieri lyt Eue Läbchueche fix und fertig da.» Vor der Ladetüren ussen isch der Buur no blybe stah, het i d'Montere gluegt und du no einisch uf ds Chilchezyt, und du isch er langsam dür ds Bollwärk uus gange. – «Nei, was es doch für wunderlechi Lüt git!» seit d'Frou Läheskommissäri. «Ja, ja», meint der Herr Durheim, «Dir machet Ech kei Begriff, Frou Dufresni, was da 184 mängisch für Kundine chöme, öppe so a mene Märittag. – Eh, loset, Roseli, tüet dä wieder, wo-n-er highört. Mr nähme de da eine vo denen ohni Décor. Di Sach isch ja grad richtig.» «Dä het e Schatz. Dä het eifach e Schatz», fahrt d'Frou Läheskommissäri furt. «Was will i wette, dä het e Schatz! Aber dass er de nid däm sy Name bstellt het! Quel drôle d'individu! E Buur isch es nid.» «I weiss nid, wo-n-i ne hi tue söll», seit der Zuckerbeck, «öppen e Handwärchsma vom Land wird es sy, de Chnode nah e Schuehmacher oder sünscht öppis eso.» «Es nähm mi wunder, wie das de no wyter geit, aber i cha nid druuf warte. Weit Dr mr säge, was i schuldig bi, Herr Durheim?» «Eh, mi nimmt de dä Chocolat uf ds Nötli.» Das het d'Frou Dufresne nid begährt. Si het zahlt und isch gange, und der Zuckerbeck het uf dä Läbchueche gross und prächtig la schrybe: Adolf. Ne Momänt het me sech gfragt, ob nid am Änd dä Bsteller se für e Narre heig. Aber item, di Sach isch emel du gmacht worde, und wo der Ma umecho isch, het ihm d'Ladejumpfere der Läbchueche dargstreckt und derzue nes Gsicht gmacht, wie-n-es Schuelmeitschi, wo ne ganz e schöni Exameschrift abgit. 185 «Isch es öppe nid rächt?» fragt si, wo der Bsteller der Läbchuechen aluegt und aluegt und mit der Sprach nid wott userücke. «Hm», macht er, «hm . . . Adouf hiess es jetze. Weder äbe, i hiisse drum nid eso.» «So? wie de? Dir heit doch gseit, me söll "Adolf" druuf mache. Oder öppe nid?» «He ja, sälb wohl, aber das schrybt me drum angers. Mit eme ph hinger dranne. So wie Dir's jitz da gmacht hiit, mit emen f, dörft i's nume niemerem ziige.» «Eh, das het dänk öppe nüt z'säge!» wott der Herr Durheim sy neue Chund brichte. «Das isch halt jitz di neui Mode. I ha's emel e so glehrt.» «Un i ha's der anger Wäg glehrt. U so wott i's ha. U fertig! Süsch frässit miera dä Läbchueche säuber.» «Hehe! Nume nid grad so ruuch, Mano! Me chan Ech ja das ändere, we' Dr drann hanget.» «He nu guet. So machit! Angers wott ne nid.» «Also guet». Der Läbchuechen isch wieder i d'Bachstube gwanderet. «Jä, wie lang giit de das?» «Nid lang. Es isch grad richtig. Sitzet Dir es Ougeblickli da zueche. – Näht Dr öppe nes Glesli Anisette?» 186 «I wiiss nid, was das isch. Weder es wird öppe scho rächt sy.» Der Herr Durheim schänkt ihm y. Und der Herr Adolf probiert. «Da'sch guete Züüg», seit er, «chly wohl süess, aber i ha's de no gärn.» «Nähmet no eis!» «Dank hiigit!» Er schläcket no der Schnouz, wo men ihm der Läbchueche mit dem verbessereten Adolph bringt. «Jitz isch rächt», seit er, «jitz wohl», und leit sy Füüfliber uf e Tisch. «U de da dä Glesu – i wiiss nümme, wie Dr ihm sägit.» «Das isch de drübery.» «So? He nu, so Dank hiigit!» «Sooli», seit d'Ladejumpferen und nimmt e rosefarbige Papierboge vüre, «jitz wei mr Euch dä Läbchueche schön ypacke.» Si dänkt, er machi de däm Schatz deschtmeh Ydruck. «Es manglet's nid», wehrt der Herr Adolf ab, «löit das nume la sy. I ha ne für mi säuber gchuuft, un i isse ne grad uf em Heiwäg. – Nüt für unguet! U bhüet Ech der lieb Gott auisame. Adie.» Dermit isch er use, mit dem Läbchuechen i der Hand. Wo-n-er der erscht Egge dervo abbisse het, weiss i nid. * 187 Wenn auch sicher kein Zweifel besteht, dass hier die Mundart ein Element behaglichen Humors ist, so täte man doch Tavels künstlerischer Überzeugung und seinem schöpferischen Ernst ein Unrecht an, wenn man glaubte, er habe auf diesem, allerdings stark begangenen Weg seine Entwicklung zum mundartlichen Ausdruck durchgemacht. Als ihn der «Bund» einmal anfragte, warum er Mundart schreibe, liess er sich ausführlich darüber aus, mit der Versicherung, er sei der Redaktion von Herzen dankbar, dass sie ihm Gelegenheit gebe, den Verdacht zu entkräften, er spekuliere auf die Lachlust der Leser. «Es wäre dies übrigens eine sehr unglückliche Spekulation, denn es ist uns wohl bewusst, dass wir durch die Pflege der Mundart die Grenzen unseres Leserkreises ganz bedeutend verengern.» Tavel fährt in jenem Aufsatz, der 1928 im «Bund» veröffentlicht wurde, mit folgenden Ausführungen fort, die gleichzeitig wichtige Aufschlüsse über das Entstehen seines berndeutschen Erstlings und über dessen Fortsetzung enthalten: «Bezeichnenderweise sind meinem ersten Versuch, dem Humor in einer Erzählung Luft zu machen, Wochen, ja Monate tiefster innerer Zerrissenheit und Niedergeschlagenheit vorausgegangen, deren Grund ich hier 188 nicht mitteilen kann. Da kam mir eines Tages ganz unverhofft – ein Gottesgeschenk – der glückliche Einfall, aus welchem "Jä gäll, so geit's!" wurde. Ein paar Tage trug ich die Geschichte im Kopfe herum. An Gustav Freytags Technik des Dramas geschult, entwarf ich mir, wie ich es heute noch tue, die einzelnen Figuren, erkannte, dass es klappen würde, und nun erhob sich die Frage, welcher Ton da anzuschlagen sei. Daraus ergab sich ganz von selbst die Notwendigkeit, es einmal mit der Mundart zu probieren, weil im Bereiche meines Könnens kein anderes Ausdrucksmittel dem Inhalt der Novelle besser entsprochen hätte. Der Erfolg hat dem Entschluss recht gegeben. Trotzdem habe ich mir in der Wahl der sprachlichen Mittel die volle Freiheit gewahrt. Lange noch beschäftigte mich das Problem sehr intensiv. Das Manuskript des "Houpme Lombach" blieb monatelang unvollendet verpackt und verschnürt im Kasten liegen, weil ich erst mit meinem ethischen und künstlerischen Gewissen ganz ins Reine kommen wollte. Erst im Laufe der Jahre klärte sich das alles völlig ab. Heute brauche ich nicht lange über die Frage nachzudenken, ob ich einen Stoff hochdeutsch oder bärndeutsch verarbeiten wolle. Sie löst sich ganz von selbst, indem schon beim 189 Aufreissen der Charaktere die Ausprägung ihres Wesens automatisch den sprachlichen Ausdruck bestimmt. Die Handlung entsteht durch das Reagieren der verschiedenen Charaktere aufeinander, und da stellen sich schon bei den ersten Notizen Worte und Sätze ein. Diese ersten Notizen gestalten sich oft zu Dialogen, die mit geringen Veränderungen in das definitive Manuskript übergehen. Hier löst sich also die Frage, ob eine Erzählung hochdeutsch oder in der Mundart zu schreiben sei. Ich bin so frei zu behaupten, dass man einen Satz von ganz bestimmter Nuance nicht in zwei Sprachen genau gleich formulieren kann. Da nun die meisten meiner Figuren Berner sind, so komme ich der Vollkommenheit ihrer Darstellung am nächsten, wenn ich sie bärndütsch reden lasse. Ich könnte sie freilich auch hochdeutsch miteinander reden lassen, aber dann sind sie eben firnisiert. Ich finde das bloss Gewichste schöner, und manchmal ist auch eine ungehobelte Fläche am Platz. Ich schreibe also nicht Mundart, weil mir das Bärndütsch Spass macht, sondern weil die Mundart der wirksamste Ausdruck für das ist, was ich sagen möchte, und mir am besten hilft, aus meiner Erfindung ein echtes Kunstwerk zu machen.» Mundart ist an und für sich ein realistisches 190 Ausdrucksmittel. Sie reisst die Ereignisse, die sie schildert, in die Gegenwart, in den Alltag herein. Das mochte für den Erzähler historischer Zustände und Begebenheiten ein willkommener Kunstgriff nach dem zeitlich Fernliegenden sein, eine Überbrückung jener Kluft, die der Leser historischer Romane so häufig und so störend zwischen sich und dem dargestellten Gegenstand empfindet. Die Mundart bedeutet in Tavels Werk eine beständige Verzauberung – nicht der Gestalten, die der Leser sieht, sondern des Lesers, der diese Gestalten so sprechen hört, als ob sie von heute wären. Dies weckt das Gefühl der Blutsverwandtschaft mit jenen Rotröcken, die unter Napoleon an der Beresina kämpften, mit den aufständischen Bauern und den Stadtbürgern, die Niklaus Manuels Fastnachtspielen lauschten; einer Blutsverwandtschaft, die ja echt genug und wirklich ist, hier aber in erhöhtem Mass durch den Laut der gemeinsamen Sprache beglaubigt wird. Die historische Perspektive verflüchtigt sich wie ein Herbstnebel vor den warmen Strahlen der Sonne. So erschloss Rudolf von Tavel dem bernischen Leser – dem deutschschweizerischen überhaupt und, das sei nicht vergessen, wie vielen welschsprachigen und reichsdeutschen, die den Schlüssel zu diesem Schatz zu gebrauchen 191 lernten! – eine Vergangenheit, die Jahrhunderte umspannt. Aus dem «glücklichen Einfall» des schmalen Erstlings entfaltete sich im Lauf von mehr als dreissig Jahren das vielhundertseitige Epos der Vaterstadt, ein dichterisches Denkmal, wie es seit den Chronisten kein Sohn dieser Stadt geschaffen und ihr dargebracht hat und um das sie manches Geschwister in deutschen und welschen Landen beneiden mag. «Solang es ein Bern und eine Berner Sprache gibt, solange wird Ihre Dichtung das schönste Kleinod mundartlicher Literatur sein und bleiben», schrieb in prophetischem Überschwang J. V. Widmann dem Dichter in einem Brief schon nach dem ersten Buch. «Und, wie Sie an meiner Frau und mir wieder sehen, können auch Deutschschweizer aus andern Kantonen es vollkommen würdigen; ja, Sie gewinnen durch Ihre Dichtung die Herzen nicht nur Ihrem Buche, sondern auch Ihrer Vaterstadt, deren eigenstes Wesen Sie so liebenswürdig schildern; Bern wird einem noch viel lieber, wenn man Ihre herrliche Erzählung gelesen hat.» Widmann konnte, als er diesen spontanen Dankesbrief für «Jä gäll, so geit's!» entsandte, nicht ahnen, in welch reichem Masse die Zukunft von Tavels Werk seinem raschen, aber sichern Urteil recht 192 geben würde. So unbezweifelbar war für den erfahrenen Kritiker die Wirkung, die von dem Erstling ausging. Die Verleger waren vorsichtiger gewesen. Einer, der damals zu den Unternehmendsten gehörte, bot dem Verfasser ein Honorar von 75 Franken an gegen endgültige Abtretung aller Rechte. Auch Alexander Francke, an den Rudolf von Tavel sich alsdann wandte, wagte bloss eine kleine Auflage; da aber die 500 Exemplare mit den Bildchen von Walter von May sofort vergriffen waren, fasste er Mut und legte das Werklein neu auf, in einer neuen, von Rudolf Münger und Gustav von Steiger besorgten Ausstattung. «Soweit unsere Erfahrung reicht, steht solcher Erfolg eines berndeutschen Buches einzig da», schrieb der Verleger dem Dichter. Der gute Stern, unter dem das erste berndeutsche Werk Tavels stand, strahlte nicht nur über den vierzehn andern, die ihm folgten, sondern auch über dem Verhältnis zwischen Dichter und Verleger, das ein musterhaftes Beispiel von gegenseitigem Verstehen und Vertrauen war. «Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich das Glück», schrieb Tavel beim Tode Franckes, «in dem Verstorbenen einen Mann an meiner Seite zu wissen, der gerade das, worüber so unendlich viel gutes 193 Einvernehmen und Lebensfreude zugrunde gehen kann, die materielle Seite eines idealen Berufes, dazu benützte, mir lauterste Freundschaft zu erweisen und unverbrüchlich zu bewahren. Er hat für mich gewagt, mit mir gekämpft und gelitten um den Sieg dessen, was uns beide im tiefsten Herzen bewegte.» Francke hatte ähnlich empfunden, wenn er an seinem 70. Geburtstag dem Dichter schrieb: «Das ist wohl das Höchste, was ein Verleger sich wünschen kann, sich eins zu wissen mit einem edel gesinnten Autor und mit ihm vereint für das Gemeinwohl des Volkes zu arbeiten.» Tavels Werke gaben aber auch in der weiten Leserschaft dem Verlag Francke sein ausgesprochenes Profil und zusammen mit Emanuel Friedlis monumentalem «Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums» und Otto von Greyerz' «Im Röseligarte» den Charakter einer Stätte der Bewahrung und Pflege gesunden Volkstums. Es ging Rudolf von Tavel mit seinem jungen Brautpaar am Ende des ersten Buches gerade so wie Gotthelf, der einmal seufzte, es sei schwer, mit einer Geschichte Schluss zu machen, da sie doch, wie das Leben, immer eine Fortsetzung habe. Bethli Vilbrecht wandelt mit ihrer weltklugen Güte und Grazie als «di legitimschti Majestät uf Gottes Ärdbode» 194 noch durch zwei Fortsetzungen: «Der Houpme Lombach» 1903 und «Götti und Gotteli» 1906, die dann gesammelt unter dem Titel «Familie Landorfer» die Leser von der Franzosenzeit durch Helvetik und Mediation bis in die Restauration der 30er Jahre führte. Familientradition und eigene Jugenderinnerung steuerten der Phantasie des Erzählers bei, der in einem Brief an Fräulein E. R. über den Houpme Lombach schrieb: «Eine gewisse Wärme und Lebendigkeit in dieser Erzählung ist ohne Zweifel darauf zurückzuführen, dass indirekt etwas von dem russischen Feldzug in meine Kindheit hineingespielt hat. Ein Bruder meines Grossvaters, Oberst von Tavel, hat den Krieg als ganz junger bayrischer Leutnant mitgemacht bis zur Schlacht von Polotzk, in welcher er ziemlich schwer verwundet wurde. Das rettete ihm vermutlich das Leben. Er kam unter vielen Abenteuern auf weiten Umwegen in die Heimat zurück und trat dann mit meinem Grossvater in holländischen Militärdienst. Ob ich ihn je gesehen, weiss ich nicht. Ich kann mich nur blass erinnern, einmal als ganz kleiner Bub bei einem majestätischen Grossonkel gewesen zu sein, komme aber nicht ins Klare, ob es der oder ein anderer gewesen. Aber der Onkel Oberst schwebte immer wie ein sagenhaftes 195 Wesen hinter den Familiengesprächen. Man erzählte dies und jenes von ihm, was mir in meiner Kindheitsempfänglichkeit einen ungeheuren Eindruck machte. Ein Napoleonbuch mit kolorierten Schlachtenbildern tat das übrige hinzu, so dass ich in meinen Phantasien recht oft jenseits des Njemen weilte. Wenn man sich so in eine Zeit hineingelebt hat, so ergibt sich die Anschaulichkeit von selbst.» Vorerst verliess aber Tavel diese Zeit wieder, um sich in die Geschichte des 17. Jahrhunderts zu vertiefen. Im «Schtärn vo Buebebärg» und in den Fortsetzungsbänden «D'Frou Kätheli und ihri Buebe», 1907 und 1909 erschienen, werden wieder die Schicksale einer Familie, des Obersten Wendschatz und seiner Frau, geborene Willading, vor dem dunklen Hintergrund des Bauernkriegs und der nachfolgenden Ereignisse bis zur zweiten Villmergerschlacht geschildert. Dem Obersten Wendschatz, durch den Rudolf von Tavel eigenste Gedanken aussprechen liess, hatte er das Bild jenes Hans Rudolf von May von Rued unterlegt, den er in Tilliers Geschichte des Freistaates Bern als einen tüchtigen Kriegsmann mit dem Herzen auf dem rechten Fleck kennengelernt hatte. Er schrieb über diese Gestalt, die unter dem unverrückbaren Stern 196 seines Ideals, der Bubenberge, stand, folgende wichtige Auskunft an Fräulein E. R.: «Und nun möchte ich Ihnen erklären, wie ich zu meinem Oberst Wendschatz gekommen bin. Sie wollen es mir nicht als Unbescheidenheit auslegen, wenn ich ein wenig den Deckel meines eigenen Herzens ablüpfe. Von jeher hatte ich eine besondere Sympathie für Menschen, die in stiller Pflichterfüllung ihrem Volk dienen, ohne nach klingendem Erfolg zu haschen. Diese Sympathie verstärkte sich und vertiefte sich noch ganz bedeutend während der Jahre, da ich am politischen Leben aktiven Anteil nahm. Es steigerte sich, je mehr ich Einblick gewann, meine Abneigung gegen die Erfolgmenschen bis zu Hass und Verachtung, meine Neigung zum Schaffen und Tragen in der Stille bis zum Leiden. Diesen Gefühlen musste ich Luft machen. Ich suchte den künstlerischen Ausdruck dafür in einem Roman. Keine Epoche schien mir als geschichtlicher Hintergrund dafür passender, als diejenige des Bauernkriegs mit den darauffolgenden Villmergerkriegen. Es musste ein dunkler Hintergrund sein, eine Zeit der Niederlagen. Als Schauplatz wollte ich eine Gegend haben, die mir völlig vertraut war und die in mir warme Gefühle erweckte. So kam ich auf Hünigen und seine Umgebung, wo ich in den Jahren der besten 197 Empfänglichkeit so viele Eindrücke in mich aufgenommen habe. Durch diese beiden Momente: historischer Hintergrund und wirkliche Gegend im Bernerland, wurde ich genötigt, auch in der Person des Helden eine Figur zu suchen, die ihrem Wesen nach als Vertreter jener Zeit gelten kann. Sie musste zugleich eine Verbindung herstellen zwischen dem Aargau und Hünigen. Dazu eignete sich dieser Hans Rudolf May vorzüglich, obschon er meines Wissens nie Eigentümer von Hünigen gewesen. Er musste mir nur als Kostümfigur dienen. Den ganzen seelischen Inhalt wollte ich ihm nach freiem Ermessen geben. Um auch ganz frei zu sein, gab ich ihm einen andern Namen. Die Vorbemerkung in dem Buch dient eigentlich nur als Schild gegen den Einwurf, ich hätte in diesem und jenem Punkt Begebenheiten einer wirklich historischen Persönlichkeit herangezogen. Es ist herzwenig. Wenn trotzdem die Figur des Oberst Wendschatz einigermassen Fleisch und Blut angenommen hat, so ist das lediglich dem Umstande zuzuschreiben, dass ich aus vollem Herzen schreiben konnte. Meine Gefühle sind seither nicht anders geworden. Sie haben sich wohl in der gleichen Richtung weiter vertieft, aber ich stehe diesen Empfindungen heute gelassener gegenüber. Ich 198 weiss, dass die rücksichtslos egoistischen Erfolgmenschen obenan stehen werden und dass andere dafür tragen und leiden werden, solange dieses Menschengeschlecht die Erde belebt. Man findet sich mit dieser Tatsache um so leichter ab, je tiefer man in das Bewusstsein hineinwächst, dass unser wahres Leben nicht hienieden sich abspielt, wenngleich, wie ich in "Heinz Tillmann" andeutete, die goldenen Gassen schon hier betreten werden können.» Der Brief ist 1921 geschrieben. Dass Tavel mit diesem Werk sein Schaffen ungemein vertieft hatte, spürte seine Leserschaft in beglücktem Miterleben. Widmann attestierte: «Wenn "Jä gäll, so geit's!" ein genialer Wurf war, bei dem der Verfasser vielleicht wirklich wie im Traum, d. h. naiv das Rechte traf, so ist "Der Schtärn vo Buebebärg" das erste eigentliche Meisterwerk des Dichters.» Einige Freunde, «gar guet bschlage» in seinen Schriften, hatten ihm zum Dank durch Rudolf Münger ein Bild malen lassen, das darstellte, wie der Oberst seinem Töldi das Porträt der Lenzburger Tante zeigt, und überreichten es dem Dichter bei einem festlichen Freundschaftsmahl in der Zunftstube zu Schmieden. Die Ehrung freute Rudolf von Tavel ungemein. Noch tiefer zurück in die Vergangenheit 199 griff die Erzählung «Gueti Gschpane», die er 1912 herausgab. Die Reformation und die Mailänder Feldzüge bilden den geschichtlichen Hintergrund, die kräftigen Gestalten eines Niklaus Manuel und Albrecht vom Stein heben sich gross davon ab. Hier hatte sich der Dichter «gewissermassen in zwei Persönlichkeiten zerlegt, wovon die eine beherrscht ist vom brutalen Streben nach Erfolg, die andere vom Glauben an den Sieg der selbstlosen Pflichterfüllung». Das Zeugnis des Dichters selbst rückt also auch diese Erzählung und die Gestalt Niklaus Manuels unter das Licht des Bubenbergsterns, der ihm fürderhin nicht mehr verblassen sollte. Scharfe Angriffe von katholischer Seite, die das Buch erfuhr, machten ihn nicht irre an seinem Glauben, dass «die treuen Christen beider Konfessionen einmal wieder eins werden», ebensowenig aber an der Wahrheitstreue der Chronisten, nach denen er den Zerfall der Kirche und den Bildersturm schilderte. Im Kriegsjahr 1915 schrieb er den «Donnergueg», der nun wieder zeitlich eine Fortsetzung der «Familie Landorfer» ist und die historische Episode der Schweizersöldner in Neapel schildert. Diesmal steht wieder ein Frauenwesen im Mittelpunkt, eine von den Sanftmütigen, die das Erdreich besitzen 200 werden; wenn man sie im Dorf Gerzensee den Donnergueg nennt, so ist das, weil sie es nach der Behauptung der Pächtersfrau «ghört i de Gringe donnere, wenn z'änetum no niemer e keis Wüukli gseht». Diese Annemarie Sunnefroh verliert zwar ihre zwei Freier, gewinnt aber dafür mehr und mehr das Bewusstsein ihrer ewigen Bestimmung und damit ein neues Wertverhältnis von Zeit und Ewigkeit. Deutlich münden die inneren Erfahrungen Tavels in diese Perspektive des Romans, den er fern von der täglichen Befassung mit Kriegsnachrichten und Gefangenenelend im stillen Schloss Wildenstein vollendete.                                         Gemälde von R. Münger . . . Nume dem Töldi het's der Oberscht zeigt und ne gfragt: "Weisch no, wär das isch?". . . . . Aus dem "Schtärn vo Buebebärg" In die Zeiten des Übergangs und der Helvetik leiteten noch einmal die beiden Romane «D'Haselmuus» und «Unspunne» zurück, die er 1921 und 1923 veröffentlichte. Eine Fortsetzung des ersten Buches war zuerst nicht geplant, aber, sagt Tavel, «das Gefühl, Xandi komme schliesslich doch zu unverdient in den Besitz seiner Geliebten, veranlasste mich, die Geschichte weiter zu spinnen. Doch legte ich dem Ganzen ein anderes Ziel zugrunde und benannte demgemäss das zum Zeitgemälde ausgewachsene Buch Unspunne, womit der Grundgedanke ausgesprochen ist». Künstlernaturen, wie der Schriftsteller und Historiker Sigmund Wagner, der Maler König, der Sigriswiler 201 Pfarrhelfer und Liederdichter Kuhn und Hans Rudolf Wyss, der Herausgeber der «Alpenrosen», denken diesen Grundgedanken zuerst und der Wirklichkeit voraus: «Mer wei jitz Liecht machen und dem Volk zeige, dass Grund gnue da isch, sech z'freue, dass es es Land het, wo's wärt isch, sech derfür z'wehre, und dass es imstand isch, sech z'wehre, ohni frömdi Hülf und frömdi Regänte. D'Schwyz isch es Glück für d'Wält, aber nume so lang si äbe d'Schwyz blybt. Sobald si den andere Länder glych wird, isch si nümme, was si sy söll. D'Schwyz i ihrer Freiheit isch e Gottesoffebarung, und wenn men ere d'Freiheit nimmt, so isch es Wunderwärk gschändet. Drum wei mir a d'Arbeit und im Ougschte z'Unspunnen obe ds Volk la i Spiegel luege. Da müesset dir, Chünschtler und Poete, vora!» Unschwer spürt man aus solchen Worten wiederum den Druck der Gegenwart, die schwere moralische Last der Nachkriegsjahre auf Rudolf von Tavels Dichterherz. Auch dieses Werk wollte erziehen, indem es unterhielt und erfreute. Immer schwerere Akzente setzte er auf seine Dichtungen. Die letzten fünf grossen Romane bieten breit angelegte Charakter und Entwicklungsstudien, gründliche Seelenanalysen, die aber durchaus künstlerisch in Handlung und Schilderung aufgelöst sind. In den Jahren 1924 und 1925 schrieb er «Ds verlorne Lied», einen eigentlichen Erziehungsroman, dessen Schauplätze das Gürbetal und Lothringen sind, und wozu er einige Anregung von dem «Leben Johannes Justingers» empfing, einer autobiographischen Veröffentlichung des Georg Samuel von Werdt von Toffen, die dieser 1785 in Berlin hatte drucken lassen. Tavel gewährte während der Arbeit Fräulein E. R. Einblick in seine Werkstatt, indem er ihr von seinen Bemühungen um den Helden des Romans, den Junker Raffael Senno, berichtete: «Also . . . mein Raffi wächst wie eine Pflanze in gutem Erdreich, und ich mache alle Sorgen mit ihm durch, die man mit so einem Buch allemal wieder durchmachen muss. Einen Tag kommt's mir vor, als müsste gerade dieser Roman das Beste werden, was mir in die Feder gekommen ist, andern Tags beschleichen mich wieder bange Zweifel. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mir je bei einer früheren Arbeit so viele dankbare Nebenkonflikte aus dem Hauptkonflikt herausgewachsen wären. Da heisst es, immer auf Beschränkung bedacht sein . . . Je tiefer die Konflikte greifen, desto schwieriger gestaltet sich die Lösung, und manchmal scheint es, als wüsste niemand anders einen Ausweg als der Gevatter Tod. Da reizt 203 mich nun just die Schwierigkeit der Aufgabe, und ich will es versuchen, ob nicht mit Umgehung aller durch den Tod herbeizuführenden Lösungen die wachsende sittliche Kraft Raffis all diese Situationen siegreich zu überwinden vermag. Ich fange an, daran zu glauben. Diese sittliche Kraft ist im Grunde genommen bei ihm nichts anderes als der Glaube an die Weltüberwindung durch Jesus.» Und als der Roman vollendet war, kehrte Tavel noch einmal zu der Gestalt des Helden zurück: «Allerdings habe ich in den Raffi am meisten von meinem Bein hineingetan, und drum ist er – nicht kräftiger geworden. Was Gutes und Grosses an ihm ist, ist leider bei mir immer noch Programmnummer anstatt Fleisch und Blut. Und bald bin ich zu alt, um Erträumtes und Erstrebtes Gestalt werden zu lassen.» Eine pessimistische Anwandlung, die, auf sein künstlerisches Schaffen bezogen, durch die nächsten Werke widerlegt wurde. Im Herbst 1927 erschien der Roman «Veteranezyt», an den er im Frühling auf den Maiensässen ob Sitten die letzte Hand gelegt hatte. Das Buch ist gesättigt voll von der seligen Atmosphäre seiner frühesten Jugend, die Handlung spielt auf den Besitzungen draussen vor der Stadt Bern in den Sechzigerjahren und endigt mit dem deutsch-französischen 204 Krieg. «D'Gandegg isch voll desoeuvrierti Offizier gsi, Veteranen us frömde Dienschte, bsunders Napolitaner.» Darf man aber nicht vielmehr sagen, dass hier ein Gemeiner vor allen Offizieren die Hauptrolle spielt? Peter Wyme, der stattliche Kutscher, der zweien Herren zu dienen hat, gewinnt mit seinem abenteuerlichen und schweren Schicksal unsere Anteilnahme in stärkerem Mass als die ganze, doch so bunte, sozial schon etwas zusammengewürfelte Nachbarngesellschaft der Patrizier Rhagor und Doxat und des Gerichtspräsidenten Bürki, «konservativ bis i d'Zahndwürze ynen und e brave Ma, aber e Demokrat, eifach e Demokrat, der einzig i der ganze Gandegg». Und nun bekennt Rudolf von Tavel zu allem Überfluss schon während der Niederschrift des Romans in einem Briefe noch: «Natürlich wird die Seele dieses Peter auch die Züge meiner Seele tragen, aber du wirst mich von einer andern, neuen Seite kennen lernen und sagen, so ein Mensch sei ich doch nicht. Und doch bin ich's. Aber du wirst dann hoffentlich aus dem Buch auch sehen, was die Liebe, die mir zuteil wurde, aus dem Menschen machen kann und auch aus mir innerlich gemacht hat.» Der leise Hinweis soll nicht überhört werden. Das nächste Jahr brachte eine Sammlung 205 von sieben Novellen, die er unter dem Titel «Am Kaminfüür» seinen Patenkindern zueignete. Auch diese Geschichten erzählen zum Teil von den Altvorderen; denn kenne man die, so lerne man die Gegenwart erst recht verstehen. «D'Möntsche sy, wie si geng gsi sy. Gäb was d'Möntschheit düregmacht het, glehrt het si nüt. Me chönnt's anders ha.» Während Tavel mit der Zusammenstellung dieser Erzählungen beschäftigt war, umkreiste sein schaffender Geist ein Problem, das seit dem «Söldner»-Drama im innersten Ring seiner Gedanken gestanden hatte, und eine Zeit, die mit ihrem wandernden Soldatentum immer seine Phantasie angelockt hatte. Ein Besuch auf Schloss Wildenstein, wo er seinerzeit den «Donnergueg» niedergeschrieben, liess auf ihn wieder die «wundervolle historische Landschaft» des Aargau wirken, was er in einem Brief an Fräulein E. R. schon im November 1927 zum Anlass dazu nahm, die verständnisvolle Freundin in seine neuen Pläne einzuweihen und ihr in grossem Überblick sein Berufsleben zu charakterisieren, das ihn von 1905 bis 1915 wieder in die Redaktion des «Berner Tagblattes» geführt hatte: «Ich bin froh, dass ich den Blick auffrischen konnte, denn meine Pläne führen mich abermals in die Zeit des dreissigjährigen Krieges, 206 der mich schon in meinen Knabenjahren in ganz besondere Stimmungen zu versetzen vermochte. Wenn's mir, wie ich hoffe, gelingt, das richtige Trom zu erfassen, so möchte ich den Faden nach Venedig und in dessen Türkenkriege hineinspinnen. Die Hauptfiguren habe ich schon ziemlich klar im Kopf. Den leitenden Gedanken brauche ich nicht mehr zu suchen. Es ist das Heimkehrmotiv, das mich nicht mehr loslassen wird, solange ich hienieden lebe. Ich habe mich seit dreissig Jahren damit befasst, und es zieht sich im Untergrund durch alles, was ich schrieb, nur bin ich heute besser imstande, mich in die Rolle dessen einzufühlen, der mit zerbrochenen Masten, zerrissenen Fahnen und zunichte gewordenen Plänen aus der Fremde in die Heimat zurückkehrt. Ich kann das jetzt besser fühlen, nicht weil ich erfolglos hinter den Ofen des Stöckli kriechen müsste – es geht mir ja gut – aber am inwendigsten Menschen habe ich es verstehen gelernt. Als ich mein Söldnerdrama schrieb, beherrschte mich die Überzeugung, der Christ solle nie in die Fremde gehen, nie in einen Beruf sich einnisten, der nicht die beste Möglichkeit bietet, da zu bleiben, wo er gewissermassen sich ununterbrochen vor Gottes Angesicht sieht. Es bedeutete damals für mich: 207 einen Beruf wählen, der es gestattet, direkt für das Reich Gottes zu werben oder wenigstens sich aller Tätigkeit zu enthalten, die Gefahren für die religiöse Entwicklung bietet . . . Heute denke ich darüber ganz anders. Gott führt uns eben andere Wege. Gewöhnlich zeigt uns das Werkzeug, das er uns in die Hand gibt – die natürliche Begabung – den Weg, den wir zu gehen haben. Aber nicht selten führt er uns in ein Land, wo wir mit diesem Werkzeug nichts anzufangen wissen, wo uns scheint, wir seien am lätzen Ort. Wir müssen unser mitgebrachtes Werkzeug zur Seite legen und mit einem uns fremden arbeiten. Das hat aber sein Gutes. Jetzt erst lernen wir unser Werkzeug lieben und schätzen. Es ist, als ob Gott es uns zeitweilig wegnähme, um uns deutlicher empfinden zu lassen, was wir daran haben. So wird die Sehnsucht, mit dem uns speziell Verliehenen fruchtbar zu werden, angespannt; sie wird jetzt erst recht zur Kraft. Mir ist es ganz deutlich so gegangen! Solange ich auf der Redaktion des "Tagblattes" war, blieb ich in einer Halbheit. Ich konnte meine Gabe verwerten und doch nicht recht, weil ich ihr nicht ganz leben konnte. Dann kam ich neun Jahre nach – "Ägyptenland", in die Dürre des Versicherungswesens, damit die Sehnsucht nach meiner Bestimmung zur 208 Kraft werde. Dann ging's weitere neun Jahre wieder in die Halbheit, die Redaktionsstube, die mir mehr und mehr zum zweiten Aufenthalt in der Wüste wurde, und dann brach der Tag an, an dem ich auf den mir zugewiesenen Acker gehen durfte. Wie oft dachte ich doch, es hätte kürzere Wege zu diesem Äckerlein gegeben. Aber jetzt sehe ich immer deutlicher, dass nichts verloren ging. Der Aufenthalt in der Wüste hatte sein Gutes, hat die Sehne gespannt und mit dem Wüstensand manches geputzt . . .» Als von Tavel 1927 diesen Brief schrieb, arbeitete er bereits am «Frondeur». Dieser wurde 1929 auf dem Stauffen vollendet, einem Weidberg bei Röthenbach im Emmental, nicht fern von den Jagdgründen seiner unvergesslichen Diessbacher Verbannung. Aber die Quintessenz der neuen Auffassung, die er in jenem Brief bekannte, fanden seine Leser schon auf der letzten Seite der eben erschienenen «Veteranezyt», wo die Jungfer Carlotta ein Rätsel aufgibt: «Was isch überall a sym Platz und doch niene daheim?» Der Kutscher Peter hätte gerne gesagt: ein Soldat, und Frau Marianne: eine Krankenschwester. Aber die Jungfer Carlotta antwortete selber auf ihre Frage: «I will ech's säge: e Chrischtemöntsch.» So verflechten 209 Tavels Grundprobleme seine Schöpfungen aus reifster Zeit mit seinen Jugendwerken, tauchen bald in dieser, bald in jener Form früh oder später auf und leiten seiner Kunst das nährende Herzblut seiner Überzeugung und seines Bekenntnisses zu. Der «Frondeur», der dem Dichter den stillen Dank der Täufergemeinde in bernischen Landen und einen Buchpreis der Schweizerischen Schillerstiftung eintrug; hätte ursprünglich in eine Rahmenhandlung hineingestellt werden sollen, die das moderne Parallelschicksal in einer Bauernfamilie aufgezeigt hätte. Der Dichter des Heros-Romans hätte diesen selbst erzählt, und zwar an einer Reihe von Abenden im Chuderhüsi, einem Gasthof auf aussichtsreicher Höhe im Emmental, wo gerade eine nationalrätliche Kommission tagt. «Durch das Anhören angeregt, hätte eine, das Land in Wahrheit repräsentierende Bäuerin ihres Sohnes Geschichte derb, schlicht und bieder zum besten gegeben. Darüber wäre es mit den Parlamentariern zur Diskussion gekommen, und das Weib hätte den Ratsherren von heutzutage unter Hinweis auf die einstigen alle Schande gesagt.» Das Notizenheft zum «Frondeur» enthält über diese Rahmenerzählung ausführliche Einzelheiten, die an Deutlichkeit der Gesinnung 210 nicht nur der Bäuerin, sondern auch des Dichters keinen Zweifel gestatten, und am Ende die knappe Bemerkung: «Ich liess dann den Rahmen weg, weil es wohl nicht der Moment war, die zwar verdiente Bloßstellung der Nationalräte vorzunehmen.» Statt der verurteilenden Kritik wandte sich Rudolf von Tavel der mahnenden Darstellung des grossen Beispiels zu. Es hiess für ihn: Bubenberg! Und er gestaltete es im grossen Roman «Ring i der Chetti», der 1931 erschien und dem Andenken an den getreuen Freund Rudolf Münger gewidmet war. Der Maler, der so viele Bücher Tavels mit seiner Kunst ausgestattet hatte und seinem Schaffen immer mit leidenschaftlicher Teilnahme gefolgt war, hatte ihm wiederholt nahegelegt, einen Bubenbergroman zu schreiben, zuletzt noch wenige Tage vor seinem Hinschied im September 1929. Bald darauf machte sich Tavel an die Arbeit. Für die oberländischen Stellen war ihm Pfarrer Egger in Äschi kritischer Ratgeber. Der Roman erschien zuerst im Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung», wodurch sich Tavels Mundartkunst in der Ostschweiz eine Leserschaft eroberte, die bisher der berndeutschen Sprachform eines Romans voll ungerechtfertigter Zurückhaltung oder gar in Ablehnung gegenübergestanden hatte. 211 Schon im Januar 1927 schrieb Tavel an Fräulein E. R.: «Ich weiss nicht, ob ich nicht eines Tages einen zweiten "Schtärn vo Buebebärg" schreiben werde, um noch einmal unsern Demagogen recht vor Augen zu halten, wie sie die Demokratie ad absurdum führen. Im Kanton Bern gibt es zwei hochmoderne Tänze, die noch viel schlimmer sind als die importierten Negertänze: den um das goldene Kalb, getreulich mitgetanzt von manchem, der Lobeshymnen auf den heiligen Franz singt, und den um das Simmentaler Fleckviehkalb. Und trotzdem liebe ich ja das Bernervolk von Herzen und immer mehr, woraus sich ein tiefgehender Konflikt entwickelt. Ob ich die Kraft aufbringe, dem noch einmal Gestalt zu geben? Nun, wenn es Gottes Wille ist, wird's seinerzeit dazu kommen.» Als er dann zwei Jahre später die Arbeit unternahm, mit gründlichen Vorstudien auf dem geschichtlichen Gebiet, das ihm übrigens schon von früher her gut vertraut war, gab ihm die Gestaltung diesmal besonders viel zu schaffen, weil er einerseits historische Biographie und künstlerisches Lebensbild in Einklang zu bringen, anderseits aus der Vielgestaltigkeit des gegebenen Stoffes die möglichst einfache, alles Nötige klar und vollständig aussagende Form herauszuprägen hatte. Denn dieses 212 stellte er sich hier als besondere Aufgabe: das Bild zu zeichnen, das «für den Sehenden alles enthält und dem schlichten Menschen so verständlich ist, dass er, auch wenn er's nie in Worte prägen könnte, seinen ganzen Inhalt fühlt und ahnt». Obwohl verschiedene, zum Teil grosse und wichtige Nebenarbeiten wie der Generalbericht des Synodalrates für das Jahrzehnt 1920 bis 1930 ihn gelegentlich stark ablenkten, rückte der Roman dennoch ruhig und stetig vor: «All das Gestürm der letzten Wochen hat mich nicht einmal so draus gebracht. Je mehr ich mich einlebe in die Hauptgestalt, desto menschlicher wird mir Adrian, und doch wird er hoch ins Heroische wachsen», schrieb er Ende 1930 und fügte, seine eigene Begeisterung nachsichtig verulkend, die Glosse bei: «Ich bin sogar so voller Huldigung an meinen Helden, dass ich neulich abends an der Stelle, wo früher sein Denkmal stand, nicht nur das Knie bog, sondern mich platt auf den Bauch legte, quer über die Tramschienen; dass gerade kein Tram kam, ist ein gutes Omen für den Roman.» Das Standbild Bubenbergs war in jenem Jahr aus Rücksicht auf den wachsenden Verkehr, dem es im Wege stand, vom Bubenbergplatz an den benachbarten Hirschengraben verlegt worden. 213 Über grundsätzliche Fragen der dichterischen Arbeit, die ihn so tief bewegte, gab sich Rudolf von Tavel Rechenschaft in einem Brief an Fräulein E. R., der Ende Juli 1931 geschrieben wurde, als der endgültige Abschluss in Sicht stand: «Es war eben wieder einmal eine Zeit voll Arbeit und Unruhe. Auf dem Mont Pélerin konnte ich wohl tüchtig vorwärts machen mit meinem Bubenberg, aber fertig wurde ich noch lange nicht. Gerade der sehr schwierige Schluss gab mir viel zu denken und zu schaffen. Man sollte einen derartigen Stoff ein Jahrzehnt mit sich herumtragen können, bevor man ans Niederschreiben geht. Ich habe ja freilich schon vor Jahren daran gedacht, aber so recht in die Bubenberghaut hineingewachsen bin ich dann doch erst bei der Ergründung des historischen Stoffes, der gross und weitschichtig ist und in bezug auf die Figur Adrians schwere Rätsel aufgibt. Da man in wesentlichen Fragen ganz auf Vermutungen angewiesen ist, wäre ja der dichterischen Phantasie volle Freiheit gewährt, aber es widerstrebte mir, aus Adrian eine romantische Idealfigur zu machen, die unserm bernischen Empfinden gar nicht entspräche. Es bleibt übrigens auch bei Weglassung aller Vergötterungsversuche des Grossen noch reichlich genug, namentlich Züge, die vielleicht von 214 unserer Generation nicht als besonders gross empfunden werden, es aber in Wahrheit sind. Manchem Leser mag das Buch eine Enttäuschung sein, weil er sich von Helden nach den landläufigen Überlieferungen eine ganz andere Vorstellung macht. Tant pis! Gegen meine Überzeugung schreiben kann ich nicht. Eine grosse Schwierigkeit bot die Rücksichtnahme auf den heutigen Durchschnittleser, bei dem man so wenig geschichtliche Kenntnis voraussetzen darf und der sich auch nicht die Mühe nimmt, zum Geschichtsbuch zu greifen, um den Zusammenhang zu verstehen. So war ich genötigt, allerhand einzuflechten, was die Rundung des Romanbildes eher beeinträchtigen muss. Die damalige Zeit ist überreich an Geschehnissen, ungeheuer bewegt, und die politische Situation ist so kompliziert wie nur möglich und für den nicht historisch Unterrichteten schon deshalb schwer zu verstehen, weil ja die Staatengebilde gar nicht den heutigen entsprechen. Es ist überhaupt alles anders, das Kulturelle, die Rechtsverhältnisse, die Mentalität usw. Und doch – wie merkwürdig gleichen die Zeiterscheinungen in manchem Punkt der heutigen Nachkriegszeit! Gleiche Ursachen erzeugten gleiche Folgen, so dass Bubenbergs letzte Sorge sein musste, im Interesse der 215 gesunden Fortentwicklung des eidgenössischen Gedankens und der Stadt Bern der durch die Kriegswirren heraufbeschworenen Korruption zu wehren. An wen sollte er sich wenden, um seinen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen? Alle führenden Männer mussten dem Volk als der Bestechung durch Pensionen, als dem Mammonismus verfallen erscheinen. Und da Adrian selber zwar als verschuldet, aber doch als reich galt, musste auch das Vertrauen in ihn gefährdet sein. So wenigstens musste ihm selber die Situation erscheinen. Notgedrungen muss er auf den hinweisen, der aller Korruption unzugänglich war, weil auf allen Gewinn und Genuss verzichtend, auf einen unbestechlichen Richter in Israel. Er kannte ihn nicht, aber er war bereits da, in der Gestalt des Niklaus von der Flüeh, den ich nur noch wie ein Phantom andeuten konnte. Und heute? Wartet nicht unsere Zeit auf den, der den Mut hat zu lehren und zu beweisen, dass die Lösung der sozialen Frage nicht in der allgemeinen Besserstellung (die ich ja jedem von Herzen gönne), sondern in der Fähigkeit und im Willen zum Verzicht zu suchen ist?» Der Hinweis auf den Bruder Klaus fand übrigens im Buche selbst Ausdruck in einer Schlussvignette, die der Berner Maler Fritz 216 Traffelet zeichnete. Und wiederum stand der Bruder Klaus unsichthar mitten in der Arbeit, die alsobald in Angriff genommen wurde, kaum war der Bubenberg-Roman erschienen. Zwar, auf dem grauen Notizenheft stehen die Initialen des Niklaus Manuel Deutsch und des Caspar von Mülinen und beim Maler das Zeichen des Dolches, womit er seine Bilder signierte, beim Ritter das Wappen; aber die gotterfüllte Weltweisheit: «Dä wo nüt het, cha alles!» stammt aus dem Tun und Lassen des Klausners im Ranft, wenn eine Notiz Tavels sie auch dem Maler und Reformationsdichter zuschreibt: «Manuel sieht das Nüt ha als Voraussetzung und geht so weit, dass man auch die anvertrauten Talente haben muss, als hätte man sie nicht, so dass man frei ist zu jeder Aufgabe.» Und im Vorspruch zum neuen Roman «Meischter und Ritter», der im Herbst 1933 erschien, wurde der Bruder Klaus fast wie ein Schutzheiliger für das Buch angerufen: «Hie und da stellt der lieb Gott eine zwüschenyne, wo grad bliben isch, wie-n-e Tanne, fescht gwachsen im Heimetboden und mit dem Trib der Sunne zue. So einen isch der Brueder Chlous gsi. A däm gmässe sy mr allizsäme glych weneli nutz, die vo dennzumalen und di Jüngschten i der Schwyz, ob Meischter oder Ritter.» Die Handschrift des Schülers Diessbach, 26. September 1881 Die Handschrift des Mannes 217 Tavels letzter Roman birgt der Probleme womöglich noch mehr als der Bubenberg. «Rätsel um Niklaus Manuel» betitelte Tavel einen Aufsatz, den er in jener Zeit schrieb, und er meinte dort vorwiegend diejenigen, die seine künstlerische Persönlichkeit umgeben; aber die menschlichen, waren die nicht noch tiefer? Es lockte ihn, diese Künstlergestalt zu beschwören, die als «Läufer Gottes» mit dem höchsten Amt belehnt ist. Den Geistesmenschen stellte er dem Mächtigen dieser Welt gegenüber, den Künstler dem Politiker. Dieser Gegensatz bedeutete in den Zeiten der Reformation so gut ein Zeichen der Krise, wie er es heute ist. Die Kluft im Sinnbild zu überbrücken, war Rudolf von Tavels letzte künstlerische Aufgabe. Es ist das Grundproblem aller verantwortungsbewussten Kunst, die wirken, erziehen, Menschenherzen bilden und nicht nur unterhalten will. Welchen gewaltigen Weg hat der Epiker von dem graziösen Auftakt «Jä gäll, so geit's!» bis zum monumentalen Schlussgesang im «Meischter und Ritter» zurückgelegt! Durch wie viele Menschenleben, Schicksale, aufblühende und gebrochene Herzen, über wie viele Schlachtfelder Europas und der verzagten und siegenden Seele führte der Weg ihn und uns, seine Leser. Bald war es eine Avenue 218 enchanteresse, wie er den Muristalden einmal nennt, der im Angesicht der altersgrauen stolzen Stadt die grüne Halde langsam erklimmt, bald eine Via triumphalis, als welche er die Alleen besingt, die aus der Stadt hinaus ins fruchtbare Land und unter den Fernglanz der ewigen Berge führen; bald aber auch nur der abseitige Pfad eines Einsamen, eine dunkle Hintergasse durch Not und Elend. Nichts wäre irriger, als aus Tavels Romanen nur den zierlichen Ton gemessener Menuette oder das Harnischklirren heisser Schlachten vernehmen zu wollen. Ihm ging es um die verschwiegenere Sprache der Herzen. Und um das Windessausen der Ewigkeit durch der Menschen Leben, das da ist wie Gras. Um seiner Kunst diesen höchsten Ausdruck abzuringen, war ihm das Mittel der berndeutschen Mundart recht und gut genug. Über ihre Möglichkeiten und Grenzen gab er sich früh schon Rechenschaft, aber nichts freute ihn mehr, als dass sich seine Leser im Lauf der Jahre davon überzeugen liessen, der Mundart sei kein tiefstes Gefühl unaussprechlich. Allerdings fand er noch am Ende seines Schaffens die frühe Überzeugung bestätigt, «dass verschiedenartiges Schweigen der bei den Bernern am meisten gebrauchte Ausdruck für pathetische Empfindung ist». So schrieb er Charly 219 Clerc, dem besten welschen Kenner des zeitgenössischen deutsch-schweizerischen Schrifttums, der mit Ausdauer und erstaunlicher Einfühlung auch Tavels Mundartwerke zu würdigen wusste. Noch im Todesjahr hatte der Dichter die Genugtuung, dass sein welscher Kritiker die Möglichkeit gelten lassen musste, im Berndeutschen auch tragische Töne mit Erfolg anzuschlagen. «Sollten Sie ein Vorurteil überwunden haben, so habe ohne jeden Zweifel auch ich im Laufe der Jahre etwas gelernt», schrieb ihm Tavel mit feinem Augenzwinkern. Den kenntnisreichsten und zuständigsten Beurteiler seines sprachlichen Ausdrucks schätzte er in Otto von Greyerz. An ihn, den «zutraulichen Weggenossen», wandte er sich gelegentlich in mundartlichen Fragen – und etwa auch mitten aus eifriger Arbeit mit dem Stoßseufzer: «Berndeutsch – je mehr ich's pflege, desto heikler kommt's mir vor!» Ihm sprach er auch bei der öffentlichen Feier seines 70. Geburtstages den Dank für die unentwegte Erfüllung seiner Sendung aus, die darin bestanden habe, sich als Akademiker für die Sache der Mundart einzusetzen und «der so oft missverstandenen und in ihrer künstlerischen und kulturellen Bedeutung unterschätzten Bewegung die ihr gebührende Achtung 220 auch in den Kreisen der Gelehrten zu verschaffen». In Otto von Greyerz sah er aber auch 1916 «den Arzt, der selbst gespürt hat, wie's weh tut». Was tat weh, was war geschehen? Rudolf von Tavel hatte einen hochdeutsch geschriebenen Roman herausgegeben: «Die heilige Flamme», der in bäuerlichem Milieu während der Zeit des grossen Krieges und der Grenzbesetzung spielt. Sein Verleger, Dr. Francke, hatte ihm während der Arbeit, nach Lektüre einiger Teile des Manuskripts geschrieben: «Ich habe es ohne jedes Vorurteil als eine gegebene Tatsache hingenommen, dass der Roman schriftdeutsch geschrieben ist. Je weiter ich aber beim Lesen kam, um so stärker stieg mir das Bedauern auf, dass Sie sich nicht unseres lieben Berndeutsch bedient haben . . . Denn damit sage ich Ihnen nichts Neues, wenn ich feststelle, dass die Anhänglichkeit und Liebe der deutschen Schweiz, insonderheit des Berner Volks, dem Bärndütschdichter gilt, der die Mundart aus der Tiefe des Unbeachtetseins hervorgeholt und durch seine Prägung zu neuem Leben erweckt hat. Wie Sie den Patrizier, den Städter, den Bauern reden lassen, das ist Ihr Verdienst und Ihre Eigenart, das klingt in den Ohren so heimelig wie keine andre Sprache und ist dem Berner eine Musik, 221 der sich nichts anderes vergleichen lässt. Und darauf wollen Sie verzichten? Ohne zwingenden Grund? Glauben Sie mir, es ist nicht nur das Was, es ist ebensosehr das Wie, das die Herzen höher schlagen lässt beim Lesen Ihrer Bücher, an deren Seite das neue in seinem fremden Gewand wie ein – Stiefbruder erscheinen würde . . . Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Es hat mich schwere Stunden gekostet, bis ich mich entschloss, Ihnen dies Geständnis zu machen. Nehmen Sie mein Wort als das, was es ist: die Herzenserleichterung eines Ihnen treu ergebenen Mannes.» Es war mehr als das: ein Appell, dem Tavel kaum widerstand, kam er doch aus dem Munde nicht nur des besorgten Verlegers, sondern eines wahrhaft freundschaftlich gesinnten Verehrers seiner Werke, der besser als viele andere in die Werkstatt des Dichters Einblick hatte. Dennoch blieb Tavel bei seinem Entschluss. Er hatte ja, gerade in den Jahren, die vorangingen, eine Anzahl Geschichten für Zeitschriften, Kalender und auf Anfragen anderer Verlage in hochdeutscher Sprache geschrieben. Der Verleger musste feststellen, dass es «im Grunde also die Erfüllung eines alten Wunsches» sei, wenn Tavel mit einem grösseren schriftdeutschen Werk vor die 222 Leserwelt trete; aber selbst als das Werk erschienen war und grossen Erfolg hatte, wollte sich Dr. Francke noch immer nicht recht über das Preisgeben der Mundart trösten lassen, wie der Dichter dem Kritiker Otto von Greyerz mitteilte. Trotzdem behielt Tavel die hochdeutsche Sprache auch für den drei Jahre später erscheinenden Roman «Heinz Tillmann» bei, das Gegenstück zur «Heiligen Flamme», sowie für eine Reihe kleinerer und grösserer Erzählungen, die in den letzten Kriegsjahren und seither geschrieben wurden. Den äusseren Anlass zu ihrer Niederschrift mag in manchen Fällen der Umstand geboten haben, dass Rudolf von Tavel im Frühjahr 1917 die Redaktion einer vom Verleger Friedrich Reinhardt in Basel neu gegründeten Zeitschrift übernahm, die auf Tavels Vorschlag den Namen «Die Garbe» erhielt. In ihr veröffentlichte er zahlreiche Novellen, teils historischen Inhalts wie «Mutter und Heldin» (nach den Memoiren der Marquise de Bonchamps) oder «Amor im Burgunderkrieg» (in der Buchausgabe «Amors Rache» betitelt), teils aus der problemgesättigten Gegenwart oder aus der froh und frei spielenden Phantasie erdichtet wie «Düss», eine Pfarrergeschichte, oder «Heimgefunden» und «Die Sonntagsschüler». Einige davon 223 sind als Stab-Bücher im gleichen Verlag erschienen. Zwei grössere Novellensammlungen gab er bei Francke heraus: 1918 «Bernbiet» und 1932 «Schweizer daheim und draussen». Im letzten Band befindet sich «Theterli am Wendelsee», entstanden 1924, vor «Ring i der Chetti» eine Beschwörung der Zeit und Welt um Bubenberg, wie es später das Schauspiel «Der Heimat einen ganzen Mann» noch einmal war. Der Bau der bernischen Kraftwerke gab den Anstoss zu einem grösseren Roman, dessen Schauplatz auch die Grimsel mit ihren gewaltigen Stauseebauten hätte sein sollen; ausgeführt wurde aber 1920 bloss eine Darstellung der Mühleberganlage unter dem Titel «Von grosser Arbeit»; die Maler Carlo von Courten und Rudolf Münger illustrierten das in Novellenform den Bau schildernde Buch. Ein Ferienaufenthalt in Adelboden endlich regte 1921 die Erzählung «Simeon und Eisi» an, die mit ihren religiösen Problemen «ein gut Stück Selbstbekenntnis» ist, wie Tavel in einer Notiz vermerkt. Man wird dem hochdeutsch geschriebenen Werk des Dichters dann am besten gerecht, wenn man seine Herkunft aus den gleichen Quellen betrachtet, denen die berndeutschen Schöpfungen entströmt sind. Denn ihr Wesen ist ein und dasselbe. Alle diese Erzählungen, 224 auch die beiden Romane, hätten ebensogut berndeutsch geschrieben sein können, ohne etwas von ihrer Eigenart einzubüssen. Ja, ist es nicht so, dass wir durch ihr hochdeutsches Lautbild Tavels urtümlichen Tonfall zu hören vermeinen, sein Berndeutsch, aus dem sich dieses Schriftdeutsch Satz für Satz genährt hat? Und dass wir es wie ein Versagen des künstlerischen Gestaltungswillens dort empfinden, wo der berndeutsche Untergrund verlassen wird? Rudolf von Tavel war sich selber wohl der Stärke bewusst, auf die er sich verlassen durfte. Er kannte seinen Weg wie seine Um- und Abwege; er hatte sie im Lauf der Jahre und aus der Erfahrungen Fülle kennen gelernt. Als Dr. Alexander Francke, der bekanntlich eine breitästige Bergtanne zum Verlagssignet gewählt und als Briefkopf einen lustigen Buchfinken hatte zeichnen lassen, seinen 70. Geburtstag feierte, schenkte ihm Tavel eine Skizze, die man wohl als ein Stück Lebensgeschichte des Dichters bezeichnen darf und die rückschauend über die wichtigste Entscheidung in seiner künstlerischen Laufbahn noch einmal Auskunft gibt über jenen «glücklichen Einfall», der ihn sein ureigenstes Gebiet entdecken liess: 225 Wie der Buechfink und d'Bärgtanne mir der Wäg gwise hei Wenn me numen ei Wäg weiss, so het me sech hald usbsunne. Aber gar mänge kennt zwe oder no meh Wäge, wo alli zletscht a ds glych Zil füehre, und es verwärweiset mänge ds halb Läbe, gäb er sech uf d'Strümpf macht, und de ma-n-er nümme gcho mit dene paar Jahr, wo-n-ihm no blybe. Und anderi wei's geng nid gloube, wenn me ne seit: das da isch dy Wäg. Si gange lieber en andere, wo-n-es se dunkt, er verheissi ne meh. Di Schlimmschte gange geng da, wo der gross Huufe geit, und meine, si chömen am wytischte, und de sy si de mängisch ganz verwunderet, dass si im Huufen undergangen und hindedry nume niemer nüt vo ne wott gmerkt ha. He nu! I bi emel uf myr Walz o einisch i ds Wärweise cho. I d'Härzstadt vom Bärnervolk hätt i möge. Und die isch dahinde, ganz z'hinderscht i de Bärgen obe, wo me nid so liecht zuechechunnt. Zerscht isch es no ring gange, schier äbeswägs, und wil me geng no d'Schneebärge het gseh übere Wald und über d'Hublen uus luege, het me nid wohl chönne lätz gah. 226 Bi no jung gsi und ha gsunge, was mer so under em blaue Himmel z'Sinn cho isch. Aber nah-ti-nah sy di schöne Schneechappen und d'Silberfirschte hinder em Wald verschwunde, und me het müesse luege, dass me nid us der Richtung chunnt. Uf nere schöne stille Bärgmatte het sech der Wäg gablet. Ds Fahrsträssli isch graduus gange, ungfähr dem Bach nah. Aber e Fuesswäg het rächts abboge, chly holperig und verwahrloset. Fuesswäge sy gwöhnlech chürzer und füehren ehnder a ds Zil; aber mi weiss nid, was si eim öppe beizen a Stotzigi, a Sumpf, Chräche, Risete, Bachbett, ja mängisch gange si under Wasserfälle düre, über schwindligi Fluehbänder, Gletscherspält und Chrinele, wo Steine drinn chöme cho der dürab z'schiesse. Wär weiss! Zmitts uf der Weid, a der Wäggable, steit e währschafte rot und schwarz agstrichene Wägwyser, obe dran zwe Arme. Der eint het ufe Fahrwäg dütet, und druffe het's gheisse: Hochdütsch. Der ander Arm het gäge ds Fuesswägli zeigt: Bärndütsch. Ja, jitz, was han i mit däm gwüsst? Eigetlech het's mi meh uf Fuesswäge zoge; aber sones Fahrsträssli het o öppis für sech. Me trifft meh Lüt a. Es geit dür Dörfer, und gwöhnlech findt me gueti Wirtshüser und Frässbedli a de Strasse, nid z'rede vo der 227 Müglechkeit, dass men öppe no a mene Fuehrwärk cha hinden ufsitze, wenn me nümme sött wyter möge. I bi einschtwyle chly über di Weid gloffe bis zu mene Fündlig, wo zwüsche schönen Ysehuetstuden und Silberdischtle glägen isch. Dert bin i druuf gsässen und ha gstudiert, was i söll. Nid wyt dervo isch en alti Bärgtanne gstande, schön g'aschtet bis a Boden abe und voll Zäpfe, wo ds Harz wie guldigi Hungtropfe dranne glänzt het. Uf eis mal chäderet öppis näbe mir uf mym Stei, und wo-n-i luege, fäcklet da-n-e Buechfink umenandere, gümperlet, stellt sys Chöpfli schreg, luegt mi bald mit dem rächte, bald mit dem linggen Öugli a, wetzt der Schnabel am Fündling und seit: «Was witt?» «He, wenn's di wunder nimmt», sägen i, «i dänke drüber nache, wele Wag dass i söll näh.» «Dyne», seit der Fink. «Myne?» «Wele sünsch?» «Ja, wenn i jitz erscht no wüsst, weles mynen isch.» «Du bisch mir eine, du! Chunnt da ufen und weiss nid emal, wo düre dass er wott.» Mit däm isch my chlyne Fründ dervo gstobe. Uf en oberschte Zwisel vo der Tanne, wo sech 228 schön zmitts zwüsche Mönch und Jungfrou i d'Sunnen ufegreckt het. «Los jitz! Los jitz!» het er pfiffe. I sitzen uf mym Stei, der Chopf i de Händ und d'Ellbögen uf de Chneu und lose. Jitz faht's hübscheli afah sühnen und suusen i der Tanne. Und du isch es Ruusche druus worde, wie wenn me vo ganz wytem e Wasserfall ghört, kei Harfe chönnt's schöner. Bald het's tönt wie-n-es Chörli vo Chinder, bald wienen alti Mannsstimm. Und nah-ti-nah het's Sinn und Wort übercho. «Also, du möchtisch zum Bärnervolk und weisch der Wäg nid? Was suechsch du eigetlech dert?» «Was i sueche? Ungfähr das, was eine suecht, wenn er a nere Felswand oder dem Wald öppis zuerüeft.» «Aha, es Echo.» «Ja, nume git der Wald alles ume, was men ihm zuerüeft, und i möcht, dass ds Volk da oben antworteti, was na sym Sinn isch. Härz zu Härz! Das wär so, was mir gfiel.» «Guet, so fah du numen a. Gang uf em chürzischte Wäg, uf em Fuesswäg!» «Das wär mir scho aständig, aber i förchte, si achte sech desse nume gar nid, wenn eine da so chunnt uf em Wägli, wo der Joggeli sy Bränte treit. Si hei ehnder es Oug uf e 229 Fahrwäg. Uf mene gfäcklete Schümmel sött me cho z'ryten und uf nere guldige Harfe spile. Da würde si luegen und lose.» «He ja, oder grad mit nere glänzige Blächmusik und nere tolle Pouke, gäll! Dass si us allne Gässleni chämte cho z'springen und "Bravo" brüelete, gäb si nume wüsste, für was. Nei, gang du nume z'Fuess!» «Däm Bravo früeg i nüt dernah. Aber weisch, es git halt Sache, wo me nume mit der Bassgyge cha säge, so gross und fyrlech.» «Das bildisch du dir y. Grad di allergröschten und tiefschte Sache cha men am dütlechschte säge, wenn me redt, wie eim der Schnabel gwachsen isch. Git's e höcheri Höchi, e tieferen Abgrund als ds Härz vo menen Einsame? Git's e blauere Himmel als der Himmel, wo-n-es eifalts Härz dry ufe luegt? Git's e vollere Ton als der gsund Härzschlag? Was bruuchsch du ne guldigi Harfe, für was e gfäcklete Schümmel? Gang wie du bisch, nimm ds Härz uf d'Zunge, und red, wie si rede: bärndütsch. Und du wirsch gseh, dass der grad di Beschte losen und Bscheid gäbe. Das raten i dir, di uralti Tanne, wo mit tuused und aber tuused Nadle lost und weiss, was ds Läben isch uf de Bärge. Folg mer nume, und du wirsch di nid greuig wärde!» 230 Und i ha nere gfolget und bi der Fuesswäg gange, ha ds Härz uf d'Zunge gnoh und gredt wie d'Bärner rede, und i gloube, si heige mi verstande. Der Buechfink isch geng mit mer gfloge vo Tanne zu Tanne bis i d'Härzstadt vom Bärnervolk und het derzue pfiffe: «Jä gäll, so geit's! wenn me der alte Tanne folget.» Ja, ja, Dank heigisch, Buechfink! 231 Mensch unter Menschen Rudolf von Tavel hatte das Glück, durch seine Werke mit einem grossen und dankbaren Leserkreis in einem anregenden Verhältnis zu stehen, das zwar zu gewissen Zeiten für ihn eine anstrengende Belastung bedeutete, ihm aber doch auch manchen Beweis für den Segen bot, den sein Wirken in das Volk hinaustrug. Wenn ihm ein Farmer, der irgendwo in Südamerika unter fremden Menschen verloren lebte, herzergreifend dafür dankte, dass er ihm die Heimat, das Gürbetal mit den Dörfern und Höfen und dem waldigen Längenberg neu geschenkt habe, so freute ihn solcher Dank wohl mehr als manche fachmännische Anerkennung; vielleicht sogar noch mehr als die Mitteilung eines Zürcher Pfarrherrn, er lasse sich am Samstag stets ein Kapitel Tavel vorlesen, bevor er daran gehe, seine Sonntagspredigt zu schreiben. Einer Leserin, die ihm gestand, dass sein letztes Buch ihr den Schlaf geraubt habe, erzählte er als Gegengewicht gegen dieses gutgemeinte Lob: «Es isch einisch, dass i mi bsinne, 232 einen ob mym Vorläsen ygschlafe, und i han ihm's nid emal übel gnoh» – es war nämlich ein Deutscher, der die Sprache nicht verstand! Gegengewichte brachte er in sich selber stillschweigend schon an, wenn ihm des Guten zuviel erwiesen wurde, wusste aber auch die Sonnenwärme des Glücks dankbar auszukosten. So schrieb er nach dem grossen Bucherfolg des «Frondeur» an Fräulein E. R.: «In gewissen Kreisen war man um mich besorgt, wurde ich doch gefragt, ob ich die Festtage gut überstanden hätte. Als ich sagte: "Bhüetis ja, i ha mer Zyt gnoh und ha no jitz e Bitz Läbchueche", sagte die Interpellantin: "I meine nid das, i ha nume geng müesse a dä Herr Pfarrer dänke, wo einisch a nere Missionsbrut, wil me so ihres Lob gsunge het, gseit het: das bruucht jitz mängs Unservater, bis wieder alles i der Ornig isch." – Es ist schon dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Übrigens meine ich, das immer nur in der Trübsal zitierte Wort: "Denen, die Gott lieben (und ich füge bei, die Gott liebt), müssen alle Dinge zum Besten dienen" dürfte wohl auch einmal in Zeiten des Glücks und der Freude repetiert werden . . .» Noch nicht in den Himmel gewachsen ist jedenfalls das Apfelbäumchen, das ein dankbarer Leser der Erzählung «Christens Chrigi» 233 dem Dichter in den Garten pflanzte. Der Besitzer einer Baumschule hatte um die Erlaubnis angefragt, einer Apfelsorte, die gute Früchte trage, «frühe saure Äpfel», den Namen Houpme Lombach geben zu dürfen. Die Erlaubnis wurde gewährt, und der Züchter sandte ein Probebäumchen in den Garten, der vor dem Arbeitszimmer des Dichters so verschwiegen schön hinunter zum Egelmöösli führt und zwischen dunklen Tannen und üppigen Rosenbüschen den Blick auf die Berge des Oberlandes freigibt. Das Apfelbäumchen trug seine erste Frucht im Todesjahre Tavels. Eine Anerkennung, die ihn hingegen nachdenklich, ja sogar ärgerlich stimmen konnte, war die nicht seltene Versicherung eines Lesers: «Mir hei schuderhaft müesse lache!» Tavel verzeichnet diesen Dank in einem Brief ausgerechnet für «Ds verlorne Lied» und fügt bei: «Ich hätte dem Mann am liebsten den Rücken gekehrt.» Aber wie, Rudolf von Tavel war doch ein Humorist? Seine Werke liegen doch alle im heiteren Glanz einer humorvollen Weltbetrachtung? Der Mann, der einmal einen gründlichen Vortrag über den Humor gehalten hat, gab sich genaue Rechenschaft über das Wesen und die Wirkung dieser Kraft. «Humor ist die 234 Fähigkeit, über die Torheiten der Menschen mit Liebe zu urteilen . . . Seine Aufgabe also das liebevolle Urteil über die Torheiten der Menschen. Indem der Künstler sich gewissermassen mit dem Humor identifiziert, ihn zur Triebfeder seines Handelns macht, übernimmt er das Richteramt des Humors, und um dieses ausüben zu können, muss er die Voraussetzung für die Existenz des Humors erfüllen: er muss also in allererster Linie fähig sein, das Wichtige vom Nebensächlichen zu unterscheiden.» Es heisst nun aber doch wohl das Nebensächliche mit dem Wichtigen verwechseln, wenn man von einem Tavel-Roman bloss die humoristische Haltung des Urteilenden, aber nicht seinen Urteilsspruch in Erinnerung behält. Solche Erfahrungen gaben dem Dichter immer wieder zu denken. Er mochte sich dann selber überlegen, wie er seinerzeit von der Tragik des «Söldners» zum Humor des «Jä gäll, so geit's!» fortgeschritten war. Er hatte dabei instinktmässig gehandelt, als er diese Wandlung vollzog. In einem Brief an Fräulein E. R. sagt er rückblickend: «Den Humor hatte ich. Was er seinem Wesen nach ist, lernte ich erst mit der Zeit. Unterdessen musste sich der Konflikt noch einmal erheben. Es geschah mitten in der Arbeit am "Houpme Lombach". Ich war meiner 235 Sache noch nicht ganz gewiss, dass auch der Humor ein Gottesgeschenk sei und seine der Tragik ebenbürtige, wenn nicht sogar überlegene Aufgabe an den Menschen habe. Ich sah wohl, dass ich meine Leser amüsieren konnte, aber mein Gewissen sagte mir, dass es dabei nicht bleiben dürfe. Mein Herzensdrang, Gutes zu geben und von der Liebe Gottes zu zeugen, gab sich nicht zufrieden. Der Konflikt wurde wieder so, dass ich das Manuskript des "Lombach" versiegelte und mir gelobte, die Siegel nicht eher zu brechen, als bis ich zur inneren Klarheit gekommen sei. Es lohnte sich, denn im ruhigen Besinnen ging mir dann das Wesen des Humors auf. Ich erkannte, dass echter Humor nicht in Komik sich ersättigt, sondern im tiefsten Grunde von herzlicher Liebe beseelt ist, die über die Torheit der Menschen in Tränen lächelt. Wie ein feiner Unterton klingt das erhabene Kreuzeswort hindurch: "Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Einmal zu dieser Erkenntnis durchgedrungen, konnte ich nun die Siegel brechen. Und mein ganzes seitheriges Schaffen wurzelt nun mehr oder weniger in dieser Formel.» Humor war ihm ein Element seines Schaffens. Als er sich einmal gegen die Vermutung verwahren musste, er arbeite nach Modellen, 236 schrieb er den bedeutsamen Satz: «Ich hätte ja Modelle genug in meiner Umgebung, aber so darf man's eben nicht treiben. Es ist besser, die verschiedenen Farben einzusammeln und dann auf der Palette nach eigenem Ermessen zu mischen, wie es die Harmonie des Bildes erheischt. Die Untermalung bin überall ich selber, ob ich's will oder nicht, und der liebe Gott gibt aus seinem hellen blauen Himmel den Humor als Bindemittel.» Man darf sein Wort von der «Untermalung», die er überall selber sei, nicht allzu pedantisch auslegen; welcher Dichter könnte von sich nicht das gleiche behaupten, wenn er es ehrlich meint? Rudolf von Tavel verstand es sehr wohl, sich selber und sein persönliches Gefühl aus dem Spiele zu lassen, wenn er Menschen schuf. Hier habe der Dichter nur nach klarer Überlegung die Geschicke seiner Figuren zu lenken, auch wenn er sich damit in Gegensatz zu den Sympathien begebe, die etwa der Leser für den Helden des Romans empfinde. «Sie werden sagen», schreibt er der Leserin E. R., «so gehe es in der Welt nicht, sondern Gott lasse Gnade für Recht ergehn, sonst sähe es schlimm aus. Sie haben recht, aber der Dichter darf nicht auf der göttlichen Weltregierung spielen wie auf einem Klavier . . .» Trotzdem kann einer in seinen Büchern 237 wie in einem grossen, immer klareren Selbstbekenntnis lesen: «Die beabsichtigte Ablegung einer Lebensbeichte unterblieb; vielleicht werde ich überhaupt nie einen Roman zu solcher Beichte benützen, die eigentlich niemanden nichts angeht. Bekenntnis findet sich für den, der zu lesen weiss, in allen meinen Erzählungen genug. Freilich bin ich mir bewusst, dass es ein wunderliches Compositum von einem Menschen gäbe, wenn man sich aus diesen Eindrücken ein Bild von mir zusammenstellen wollte. Aber so bin ich eben, so sind wir alle. Das Zusammenstellen lohnt sich nicht einmal. Ich will mich zufrieden geben, wenn ich in jedem meiner Bücher nur irgendeine kleine Offenbarung von der Herrlichkeit Gottes andeuten darf . . .» Der Dichter, der sein künstlerisches Werk als einen Gottesdienst auffasste und auch von andern aufgefasst wissen wollte, entzog sich nicht dem Rufe, der von der bernischen Landeskirche an ihn erging: mit unermüdlichem Eifer, dem auch seine in den letzten Lebensjahren zunehmende Schwerhörigkeit keinen Abbruch tat, stellte er seine Kraft in ihren Dienst. Auch darin folgte er einer guten Tradition seiner Familie, und es mochte für den 34jährigen Mann eine feierliche Selbstverständlichkeit sein, als ihm nach dem Tode 238 seines Vaters dessen Sitz im Kirchgemeinderat der Nydeck angeboten wurde; er präsidierte ihn später während mehr als zwanzig Jahren. Ebensolange wirkte er in der kantonalen Kirchensynode, in den letzten Jahren auch in ihrem Rat. Die grösste Beanspruchung seiner Kräfte und seiner Zeit bedeutete wohl das Amt, das er in der Verwaltung der stadtbernischen Kirchen betreute; dieser Kommission stand er in den letzten Jahren als Präsident vor. Sein ruhiges, wohlüberlegtes Wort wog schwer in jeder Diskussion. Dabei bezeugte man seiner Anschauung auch dort Achtung, wo man sie nicht teilte; es fiel niemandem leicht, ihm widersprechen zu müssen. Denn man spürte aus seinem Wort immer den Ernst, die Vornehmheit der Gesinnung und das feine Mass der Gerechtigkeit, das er an alles Menschliche legte. Ein wertvolles Dokument für seine Weltbetrachtung vom christlichen Standpunkt aus ist sein Bericht über das religiöse, kirchliche und sittliche Leben der bernischen Landeskirche in den Jahren 1920 bis 1930; er gab ihn im Auftrag des Synodalrates heraus unter dem Titel «Volk heran, zur Arbeit!». Eine Unsumme von Fleiss steckt in der Schrift; galt es doch, mehr als zweihundert Einzelberichte von Pfarrern und Kirchgemeinderäten 239 aus dem ganzen Kanton zu lesen und auf einen Generalnenner zu bringen, der doch – das war bei Tavel selbstverständlich – der verantwortlichen Prägung durch den Verfasser nicht ermangeln durfte. Die Arbeit fand als ein «Meisterwerk nach Inhalt und Form» Anerkennung auch ausserhalb des Kantons, sogar der Schweiz, und man rechnete ihrem Verfasser hoch an, dass er sich getraute, allerlei auszusprechen, was man sonst zu verschweigen vorzieht. Die Sache beim rechten Namen nennen: das ist Tavel letzten Endes nicht nur seiner ethischen Überzeugung, sondern auch seinem dichterischen Sprachgefühl schuldig, und bei einem solchen Anlass offenbart sich die innige Verbundenheit beider aufs schönste. Sie erhellt seine Kunst nicht minder als seinen tapfern Glauben. Dabei hatte Rudolf von Tavel aus einem unerschöpflichen Vorrat an gesundem Menschenverstand beizusteuern, der sich auch in den schlichtesten und nachdrücklichsten Wendungen auszusprechen verstand. So wenn er von der Beziehung der Kirche zu Jugend und Sport schreibt: «Die in dunklem Drange sich vorwärts tastende Jugend empfindet die Kirche vielfach nur als Hemmung. Hemmung aber duldet sie nicht; sie stürmt deshalb an der Kirche vorbei auf den Sportplatz, um 240 ihren Kräften Luft zu machen. Soll nun die Kirche hinter ihr dreinlaufen, auf den Sportplatz hinaus, und ihr dort im Sportdress das Evangelium anpreisen? Ich sage nicht rundweg nein. Ich fürchte nur, sie wird dort recht unwillkommen sein. Es war seit Christi Erdenleben schon immer so, dass die à la mode-Leute kein Verlangen trugen nach dem Evangelium, und wir wollen uns nicht einbilden, dass wir daran etwas ändern können. Lasst sie turnen, schuten, schwimmen, stüpfen, bis ihnen die Knochen wehtun – es ist schon immer besser als Wirtshaushocken – dann wird ihre innere Sehnsucht sich melden und sagen: "Alles recht, aber so meinte ich es nicht. Mit alledem ist die Welt um keinen Zoll vorwärts gekommen." Vielleicht hilft dann die gesunde Müdigkeit dieser Generation zur Einkehr, und dann kann ein stärkeres Geschlecht die Sache an die Hand nehmen.» Das Heim des Dichters in der Schosshalde In der aktiven Politik hatte sich Rudolf von Tavel mit einer kurzen Gastrolle als Berner Stadtrat begnügt. Seine Gedanken zur Politik stecken in seinen erzählenden Werken, wo sie meistens am praktischen Beispiel in einem Lebensschicksal demonstriert werden; niemand kann sie dort übersehen, und sie sind durchaus ethisch orientiert. Trotzdem lehnte er die Behandlung politischer Tagesfragen auf der 241 Kanzel ab, da die Kirche mit den politischen Körperschaften nicht in Konkurrenz treten, sondern ihrem Schaffen den Herzschlag geben solle. Er mahnte nachdrücklich: «Die führenden Männer der Kirche sollten, um Irrwege desto sicherer zu vermeiden, immer eine gewisse Distanz behalten von der Arena des politischen Lebens, in den oberen Rängen verbleiben und nicht im Parterre sitzen wollen, wo der leidenschaftliche Hauch der Anteilnahme die Köpfe umnebelt und das "Blut der Gladiatoren" sie bespritzt. Die Behauptung, es komme Leben in die Kirche erst wenn die Wortverkündigung politische Tagesfragen streife, hat den Anschein einer gewissen Berechtigung, führt aber auf eine trügerische Eisfläche, unter deren brüchiger Bahn das jämmerliche Ertrinken in den Dingen dieser Welt droht. Das "Anziehen" der politischen Tagesfragen auf der Kanzel bringt allerdings das Blut der Gemeinde in Wallung; aber was sich da regt, ist nie und nimmer religiöses Leben, wie es die Gemeinde braucht; es ist Unruhe, aber nicht die Beunruhigung, die uns nötigt, in uns aufzuräumen und auszuscheiden, was uns im Aufstieg zur fruchtbaren, lebenwirkenden "Ruhe" des Volkes Gottes hemmt. Vergessen wir doch bei der Stellungnahme zu den politischen und volkswirtschaftlichen Fragen das eine nicht: 242 es ist in unserer Demokratie erstaunlich viel guter, sogar bewusst oder unbewusst dem Reiche Gottes zudrängender Wille vorhanden, und nur ein Tor kann leugnen, dass eine religiöse Klärung und Befruchtung dieses Willens möglich sei; nur verwerflicher Pessimismus verharrt in der Verachtung dieses Willens; aber was er schafft, bleibt Kompromiss. Wir werden das durch Gesetzgebung Geschaffene niemals als Reinkultur der Wohlfahrtspflege erleben. Jede Mitwirkung am Kompromiss ist ein Stück Parteileben, und je unmittelbarer wir in das Zustandebringen des Kompromisses eingreifen, desto tiefer verwickeln wir uns ins Parteigetriebe. Darum Distanz behalten! Beschränkung auf Klärung und Befruchtung des politisch schaffenden Volkswillens durch Einwirkung auf das religiöse Gewissen. Das Wort Gottes reden lassen und selber dahinter zurückbleiben! Der Pfarrer hüte sich davor, beim Studieren der Predigt politische – oder auch theologisch-richtungspolitische – Schrotschüsse zu laden. Einmal geladen, gehen sie dem diszipliniertesten Redner los, und wo Schrot niedergeht, halten es die Hörer vernünftigerweise mit den Spatzen. Wir sind nun einmal Demokraten. Der Demokrat aber will nicht als Schulbub angesprochen sein, und darin hat er recht.» 243 Man spürt berechtigterweise aus solchen Äusserungen eine gewisse innere Autorität heraus, die Rudolf von Tavel offenbar in sich selber empfand und welcher Ausdruck zu geben ihn Pflicht und Aufgabe dünkte. Diese Autorität, zu sagen, was sein Verantwortungsgefühl nach reiflicher Überlegung als richtig erkannt hatte, gab auch den Aufrufen, die er zu Bundesfeiern oder vor wichtigen Abstimmungen oder vor Sammlungen zu wohltätigen Zwecken an die Öffentlichkeit richtete, ihre schlichte Kraft; da sie nie des volkstümlichen Tones entbehrten, wenn er angemessen war, und sogar sein erzählerisches Geschick gelegentlich in den Dienst der guten Sache stellten, trafen sie stets ins Schwarze. Noch in seinen letzten Lebensjahren benützte er gern die Tageszeitung, um zu aktuellen Fragen Stellung zu nehmen; es geschah immer aus dem Geiste des gegenseitigen Dienens und des Opferbringens heraus. Welch ernster aber gläubiger Wille sprach aus ihm, wenn er schrieb: «Man lächle nicht über den vaterländischen Idealismus! Der redliche Versuch, die reale Welt nach seinem Rat einzurichten, hat sich noch immer gelohnt; denn, so wahr Gott lebt, das Sehnen nach Heil und Frieden in unserer Brust ist kein Wahn, sondern eine lebendige Kraft, der man Raum geben muss, sich 244 auszuwirken.» Dass er ein unverbesserlicher Optimist sei, gab er noch in seinem Todesjahr einem welschen Kritiker zu, der diese Eigenschaft liebenswürdig als Tavels einzigen Fehler bezeichnet hatte: «Es ist zwar sicher nicht mein einziger Fehler, aber es muss etwas daran sein, an meinem Optimismus, denn vor rund fünfzig Jahren hielt unser Mathematikprofessor mir, seinem schlechtesten Schüler, eine gewaltige Strafpredigt und schloss: "Sie sind ein heilloser, unverbesserlicher Optimist und werden deshalb im Examen durchfallen." Letzteres ist wiederholt geschehen. Mein Lehrer hatte somit richtig geurteilt, aber Optimist bin ich geblieben . . .» Dieser Optimismus gab ihm, so seltsam es klingen mag, die unbeirrbare Sicherheit in gewissen Entscheidungen oder Anordnungen, deren kluge, ja diplomatische Form uns auffällt. Auch hier lag ihm Überlieferung im Blute. Ob er zwei streitbare Pfarrherren, die sich wegen einer Divergenz in der religiösen Überzeugung bekämpften, zum Frieden mahnte oder einem etwas schwer zugänglichen Gemeindehirten den Wunsch seiner Gemeinde vortrug: immer tat er es mit der verbindlichen Gebärde dessen, der sich im Rechte weiss und es dem andern zutraut, das Rechte auch tun zu wollen. Seinem eigenen Temperament lag 245 eine fast unbegrenzte Langmut mit andern Menschen nahe, und seine Geduld überwand oft in schwierigen und unlösbar scheinenden Konflikten Widerstände, vor denen hitzigere Naturen längst die Waffen gestreckt hätten. Nie konnte Rudolf von Tavel diese diplomatischen Fähigkeiten, die sich mit seiner weltmännischen Art verbanden und in einer andern Generation aus ihm vielleicht einen erfolgreichen Staatsmann gemacht hätten, besser verwenden als in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, die für ihn ein Lebenskapitel voll besonderer Aufgaben bedeuteten. Der Krieg holte ihn am 1. August 1914 aus der Redaktionsstube und stellte ihn an die Spitze des stadtbernischen Landsturmbataillons, das er als Hauptmann kommandierte. Mit zwei Kompagnien zog er zur Bewachung der Anlagen des Kanderwerkes an den Thunersee, nach Spiez, Wimmis und Kandersteg. Der Dienst war harmlos, bot aber allerlei interessante Beobachtungen und auch jene Landsturmidyllen, die nach den ersten Schreckenstagen die Aufregung des friedlichen Schweizerbürgers abgelöst hatten. Der Jugendfreund und Dienstkamerad Paul von Greyerz überliefert die Geschichte, wie Hauptmann von Tavel einen bestandenen Landsturmsoldaten aufforderte: «Dir da, bringet dä Brief da zum 246 Oberscht ga Spiez, aber es pressiert de e chly.» Der Landstürmer erwidert treuherzig: «O, Herr Houpme, i bi neue nümme so chlupfige!» Tavel darauf: «E nu, so ganget jitz glych.» – Der Dienst war nach wenigen Wochen zu Ende, und Tavel kehrte in die Redaktion zurück. Aus dieser Stellung, die ihm längst nicht mehr zusagte, riss ihn im Juni 1915 eine Anfrage aus dem Generalstab, ob er bereit wäre, die Leitung der Berner Filiale der Genfer internationalen Kriegsgefangenen-Agentur zu übernehmen. Tavel sagte zu, ohne zu ahnen, dass ihn diese und daraus erwachsende Arbeiten während vollen sechs Jahren in Anspruch nehmen und dauernd aus der Redaktion lösen sollten. Er wurde zum Armeestab versetzt und leitete ein Bureau, das an festangestellten und freiwilligen Arbeitskräften in seiner grössten Tätigkeit 350 Personen beschäftigte. Als schon im Herbst 1915 die Berner Agentur für die Ermittlung der Vermissten und Gefangenen aufgelöst und ihr Material an Genf übergeben wurde, gründeten Tavel und seine Berner Helfer und Helferinnen eine Hilfsstelle für Kriegsgefangene, die unter dem Namen Pro Captivis dem schweizerischen Roten Kreuz unterstellt wurde und vorerst hauptsächlich die Fürsorge deutscher Kriegsgefangener an 247 die Hand nahm. Die segensreiche Arbeit, die hier geleistet wurde, veranlasste den Bundesrat, dieser Stelle auch die Betreuung der österreichischen, bulgarischen, rumänischen, türkischen und jüdischen Kriegsgefangenen zu übertragen und ihre Tätigkeit auf die Zivilinternierten auszudehnen. Schon im ersten Winter wurde die Fürsorgestelle mit einer Aufgabe betraut, die an ihre organisatorische Kraft hohe Ansprüche stellte: sie sollte die Herstellung und den Versand von 100,000 Weihnachtspaketen im Wert von einer halben Million Franken für deutsche Kriegsgefangene in Frankreich übernehmen. Kein Kaufmann hatte auf die Angelegenheit eintreten wollen, so mussten Rudolf von Tavel und sein arbeitsfreudiger Stab von Hilfskräften die Aufgabe allein bewältigen. Engroseinkäufe von Schokolade, Basler Leckerli, Notizkalendern, Stumpen und Zigarren und Dauerwürsten mussten besorgt, Schachteln bestellt, gepackt und mit Widmungskarten und Empfangsbestätigungen versehen und die Kisten bis zum Zeitpunkt der Absendung magaziniert werden. Aber die grössere Schwierigkeit bestand darin, von der französischen Heeresleitung die Gefangenenlager und ihre Belegziffern zu erfahren und einen Verteilungsplan nach Armeeregionen, Bahnlinien 248 und Tragkraft der französischen Bahnwagen aufzustellen. Das grosse Unternehmen glückte in allen Teilen, innerhalb elf Tagen war der ganze Vorrat in den weiträumigen Gängen des Burgerspitals fix und fertig verpackt und wurde vom 16. Dezember an zur Grenze geführt und den französischen Bahnbehörden übergeben; an den Weihnachtstagen empfing der Gefangene sein Paket mit einem Tannenzweiglein aus den bernischen Forsten. Nunmehr, nach diesem geglückten Versuch, nahm der Liebesgabendienst einen riesigen Umfang an; mit bloss freiwilligen Hilfskräften war er fortan nicht mehr zu bewältigen. In Fräulein Sophie Loos, einer durch den Krieg nach Bern verschlagenen Österreicherin, besass Tavel die fleissige, zuverlässige und taktvolle Mitarbeiterin, die ohne Entgelt dem Werk bis zum Ende treu blieb. Eine Bibliothekabteilung, die Hermann Hesse besorgte, wurde 1916 angeschlossen, eine Zweigstelle in Barcelona angegliedert. Später kam das nicht weniger grosse Unternehmen der Arbeitsbeschaffung für die in der Schweiz internierten Kriegsgefangenen hinzu. Und als 1920 das Liebeswerk für die Kriegsgefangenen abgeschlossen und liquidiert wurde, hatte schon die Hilfe für die notleidenden Wienerkinder eingesetzt und Rudolf von Tavel an die Spitze 249 des schweizerischen Zentralkomitees für notleidende Kinder aus allen Kriegsländern geführt. Das war nun so recht eine Tätigkeit nach dem Sinn und Herzen des kinderlosen Kinderfreundes und seiner Gattin, die ihn auf allen Reisen zu den zahlreichen Verhandlungen, Kongressen und Besichtigungen begleitete. Mehr als 125,000 fremde Kinder fanden in der Schweiz vorübergehend Unterkunft und Erholung, manche hier ihre zweite Heimat, alle in Rudolf von Tavel ihren Freund, der für ihr Wohl seine Zeit und Kraft hingab, ohne zu rechnen und zu kargen. Selten sind in jenen Jahren die Eintragungen im Tagebuch, die von künstlerischem Arbeiten berichten. Dafür sind mühsame Reisen nach den vom Krieg ausgehungerten Ländern verzeichnet, zu einer Ausstellung von Kriegsinternierten-Arbeiten in Frankfurt, in das monoton ernste Berlin des letzten Kriegssommers, in das aufgewühlte Wien nach dem Umsturz, dessen kaiserlicher Glanz verblichen war, wo neue Männer die schweizerischen Kinderfreunde in der Hofburg empfingen, wo in den Salons unverhohlen Lebensmittelpreise und Verpflegungsmöglichkeiten diskutiert wurden, wo man am gleichen Tag die Elendsquartiere und Schönbrunn besuchte und eine Menge internationaler Persönlichkeiten kennenlernte. 250 Tavel bewegte sich auf dem Parkett wie in den «Hungerlöchern» mit der gleichen angeborenen Ruhe und Würde; er erweiterte seinen Kreis an Menschenbekanntschaften und Menschenerfahrung bis zu der deutschen Kaiserin und bis zu zahllosen invaliden Gefangenen, die, namenlos, fortan in seinem Herzen und seiner Erinnerung lebten. Und dann die Kinder, die lieben Kinder! Kaum mochte man sich von ihnen wieder trennen, die so zutraulich sich in die Schweizer Bergluft oder gar in die Gartenstille der Schosshalde eingelebt hatten. Sie trugen durch das grosse Weltunglück das zarte Glück ihrer reinen Unschuld, und der Dichter hatte teil daran. Kinder: auch im engsten Kreise der Familiengemeinschaft waren sie seinem Herzen nahe. In der Vorrede zum Novellenband «Am Kaminfüür» versammelt er seine Patenkinder um sich und erzählt ihnen Geschichten aus alter und neuer Zeit, und dem Göttibuben Rudi Stettler schrieb er am Tag der Taufe zur Wegleitung fürs Leben den Spruch: Möcht wohl die Hand dir geben,                         du kleiner Wandersmann. Dein Weg ist weit und dornicht                         vielleicht auch dann und wann. Wenn ich zur Ruh mich lege                         dereinst am Wegesrand, 251 Wirst du noch wandern müssen                         in Frost und Sonnenbrand, Gefährten kennenlernen,                         die schwer zu lieben sind, Weil sie für deine Sorgen                         dir scheinen taub und blind. Dann denke nur des Einen,                         der alle hat geliebt, Am Kreuze gottverlassen                         noch Liebe hat geübt. Dem haben wir dich heute                         ans treue Herz gelegt, Das, ohne müd zu werden,                         für alle Müden schlägt. Der keinen noch vergessen                         und alle lieben kann, Wird an der Hand dich führen,                         du kleiner Wandersmann. Solche literarischen Gunstbezeugungen mussten aber immer freiwillig erfolgen, sie konnten nicht erschlichen noch erbettelt werden. Der Wunsch: «Unggle, mach es Gedicht!» hatte schon beim jungen Mann taube Ohren gefunden, und das Alter machte ihn in diesem Punkt nicht nachgiebiger. Die wenigen Gedichte, die er geschrieben hat, verdanken ihr Entstehen meistens irgendeinem äusserlichen Anlass, sind also im schönsten Sinn Gelegenheitsgedichte. Aber anderseits liess er sich 252 durch den Anlass nicht zwingen, wenn ihm die Reife der Form nicht geschenkt wurde. So schrieb er wohl einmal einer Dame, die ihn für einen wohltätigen Zweck um ein Gedicht gebeten hatte: «Wenn Sie Verse wollen, so müssen Sie sich an einen Lyriker wenden. Schlechte Verse will ich nicht machen, und gute kann ich nicht machen – jedenfalls jetzt nicht und vielleicht nie mehr, denn mein Frühling liegt schon weit hinter mir.» Durfte er im Jahre 1914, unter dem Eindruck der ersten Kriegsmonate schreiben, der lyrische Frühling sei verblüht, so ahnte er allerdings nicht, wie reich sein epischer Herbst sein würde! Rudolf von Tavel war, als das Hilfswerk nach dem Krieg ihn wieder frei gab, ein unabhängiger Schriftsteller, der nur noch seinem dichterischen Werk leben wollte. Eine feste Anstellung ging er in der Folge nicht mehr ein. Neben seinen kirchlichen Ämtern legten aber auch der Vorsitz in der Direktion der Neuen Mädchenschule während mehr als zwanzig Jahren und die Arbeit im Vorstand und als Präsident der Taubstummenanstalt in Wabern bei Bern Beschlag auf seine Zeit und Kraft; beides Werke, denen seine Umsicht und Zuverlässigkeit in hohem Masse von Nutzen waren. Den Verein der Freunde des 253 Berner Kunstmuseums hatte er ins Leben gerufen und ihm bei der Gründung vorgestanden. Seine Liebe zur bildenden Kunst und sein Verständnis für Malerei machten nicht halt vor den Schranken der neueren Darstellungsweisen; wohl galt seine tiefe Verehrung den klassischen Meistern, und ein Albert Anker besass unter den Älteren seiner Generation die Zuneigung des leidenschaftlichen ehemaligen Zeichnungsschülers, aber auch dem Schaffen Cuno Amiets brachte er die Offenheit seiner künstlerischen und einfühlsamen Natur entgegen; gerade als er den Meister von der Oschwand an seinem 60. Geburtstag feierte, sprach er das frohe Wort, indem er auf Hodlers «Elu», Karl Stauffers «Gekreuzigten» und Amiets «Orchesterdirigenten», alle im gleichen Museumssaal vereinigt, hinwies: «Stolzer kann der Florentiner in der Tribuna, der Römer im Cortile del Belvedere nicht sein als wir Berner vor diesen drei Bernern» – wobei er den Solothurner vom Aarestrand auch gleich ein wenig geistig annektierte! Reisen gehörten zeitlebens zu Tavels weltfreudigsten Erlebnissen. In der Jugend und in den ersten Mannesjahren waren Wanderungen und Bergbesteigungen seine Leidenschaft; manches frohe Blatt im Tagebuch und mancher Aufsatz in Zeitung und Zeitschrift zeugen 254 davon. Zäh und kräftig, wagte er sich an anstrengende Touren; Rekorde lagen dem Berggänger damals fern. Später suchte er gern fremde Länder und Städte auf. Seine Studienjahre machten ihn mit deutschen Bildungszentren, aber auch mit den verschiedensten Landschaften des Reichs bekannt. Im Jahr 1905 sah er das seit seinem Studienaufenthalt stark veränderte Berlin wieder, traf dort die «gnädige Frau» in der «lustigen Acht» noch am Leben und besuchte den ehemaligen Seelenfreund Grafen Stosch auf seinem Landgut in Polnisch Kessel. Noch vor dem Krieg, 1913, besah er sich im Anschluss an eine Kur in Bad Wildungen die Städte Kassel, München und Nürnberg. Die Arbeit für die Kriegsgefangenen und Internierten führte ihn dann noch mehrmals nach Deutschland. Paris schenkte ihm 1910 das Erlebnis der grossen Stadt und ihrer Vergangenheit, mit der er seit Knabenjahren auf romantische Art vertraut war; gestand er nicht, dass er versucht gewesen sei, den Theosophen mit ihrem Glauben an die Reinkarnation Recht zu geben? «Meinst du nicht auch, es wäre möglich, dass ich vor hundert Jahren als Offizier im Heere des grossen Napoleon gedient habe? Mir kommt's manchmal so vor. Nur denke ich, ich müsste in den Tugenden und Untugenden 255 friedlicher Bürgerlichkeit von einer Erdenwallfahrt zur andern unglaubliche Fortschritte gemacht haben. Item, gestern war mir, als hätte der Geist Napoleons zum Lohn für das grosse Interesse, das ich noch in diesem meinem gegenwärtigen Leben seiner Armee entgegenbringe, mir an klassischer Stätte eine Extraparade angereiset . . . Äusserlich galt sie dem König von Bulgarien . . .» An die Tage in Paris schloss sich ein Ausflug nach Saint-Malo, in die Heimat Chateaubriands, und ein Aufenthalt auf der Insel Jersey, später eine genussvolle Reise durch die Kunststätten von Holland und ein längeres Verweilen auf der Insel Walcheren, wo Rudolf von Tavel und seine Frau bei Domburg eine kleine Fischerhütte am Strand hinter den Dünen ganz allein bewohnten und dem Rauschen des Meeres Tag und Nacht lauschten. Italien war auf der Hochzeitsreise 1894 in den Gesichtskreis des Dichters getreten: Genua, Venedig und Verona. Diese Stadt hatte er allerdings im Jahr vorher schon von dem damals österreichischen Rovereto aus besucht, wo er bei einem Vetter zu Gaste war und in dem Festungskommandanten von Trient einen waschechten Berner kennenlernte, dem der lange Dienst in der österreichischen Armee und das Avancement bis zum 256 Feldmarschall-Lieutenant die Liebe zur Vaterstadt nicht erstickt hatten. Venedig besuchte er später nochmals, als vor seinem Geist die lombardischen Heerstrassen und die Galeeren in den Lagunen auftauchten, auf denen junge Berner freiwillig, oder gezwungen als verschickte Täufer, harten Kriegsdienst leisteten: da stand der Dichter in der Vorarbeit zum «Frondeur». Ach, diese Spuren bernischen Söldnertums in allen Winden: in Österreich und Russland, in Potsdam und Paris und auch in Italien! Oft waren sie blutgetränkt, noch öfter mündeten sie in namenlose Massengräber. Einer solchen, vom Lavastaub des Vesuvs verwehten Spur ging er im Herbst 1926 nach, als ihn eine Seereise von Genua nach Neapel geführt hatte. In einem halbzerfallenen, längst nicht mehr benutzten Friedhof fand er die Grabmäler der Soldaten und den Denkstein für die Offiziere, die am 15. Mai 1848 vor den Barrikaden in der Strasse Santa Brigida gefallen waren. In einem Briefe schrieb er: «Da ich mit diesen historischen Vorgängen so vertraut bin und noch mit Augenzeugen der Kämpfe gesprochen habe, machte mir der Friedhof in seiner Vergessenheit einen tiefen Eindruck.» In der «Veteranezyt» liess er die Napolitaner dann wieder auferstehen.                                 Zeichnung von F. Traffelet Gratulation des Burgerrats der Stadt Bern beim 60. Geburtstag des Dichters Rom bildete den Abschluss jener Reise. An 257 der Spanischen Treppe wohnten der Dichter und seine Frau im Spätherbst «bis zum letztmöglichen Termin» und genossen das «unbeschattete Glück» wie selten zuvor. «Was ist es denn nur, das uns, die wir zu Rom gar keine historischen Beziehungen haben, nach der ewigen Stadt hinzieht?», fragte sich Rudolf von Tavel. «Seine Kunstschätze? Nun ja, Rom ist unendlich reich an Kunstwerken aus fünfundzwanzig Jahrhunderten, und je absonderlicher die Wege sind, welche die moderne einheimische Kunst uns führt, desto lebhafter regt sich in uns die Sehnsucht, wieder einmal an den erquickenden Schöpfungen einer vergangenen, künstlerisch gewaltig produktiven Zeit sich satt zu schauen. Satt werden wir ja dabei nie, und darum müssen und müssen wir immer wieder den Weg nach den klassischen Stätten der Kunst antreten. Aber die Kunstschätze allein sind es doch nicht, welche den unwiderstehlichen Zauber Roms ausmachen. Sind es die grossen historischen Erinnerungen? Damit kommen wir einer einleuchtenden Erklärung schon näher. Aber wie viele sind es unter den unzählbaren Rompilgern, die so viel Verständnis für die Weltgeschichte haben, dass das Übereinander und Durcheinander der Trümmer aus allen Kulturperioden sie bewöge, eine so weite Reise zu unternehmen? Es 258 bedarf schon sehr reicher Kenntnisse, eines sichern Stilgefühls und einer geschulten Phantasie, um sich das Bild der Tempel und Paläste einer bestimmten Zeit wieder herzustellen. Es gibt viele Reisende, denen die Steine des Forums gar nichts sagen, und ihrer noch mehr, die gar nichts damit anzufangen wissen, sich dessen aber schämen und deshalb tun und reden, als wären sie vom Anblick der Säulen, der Statuen ohne Kopf und Hände erschüttert. Von Rompilgern sprachen wir soeben. Ist es nicht der Petersdom, der den Hauptanziehungspunkt bildet, und der Sitz des Hauptes einer weltumfassenden Kirche? Für Millionen von Katholiken gewiss und mit gutem Grund. Wenn man beobachtet, mit welcher Ergriffenheit viele Rompilger den Dom betreten, mit welcher heiligen Begeisterung der Papst von den Wallfahrern begrüsst wird, kommt manchem, der sonst kein Verständnis dafür hatte, die gewaltige Bedeutung auch des Äusserlichen der katholischen Kirche zum Bewusstsein, mag er sich noch so sehr stossen an Einzelheiten dieses Äusserlichen. Und die Protestanten? Ich wage zu behaupten, dass auch für den gläubigen Protestanten das Kirchengeschichtliche bewusst oder unbewusst den wahren Anziehungspunkt der ewigen Stadt bildet, und darin kommen wir 259 einander sehr nahe, Katholiken und Protestanten. Zu dem denkenden, über das Werden des Seienden nachsinnenden Menschen redet Rom, auch wenn er für die Stimme der Kunst unempfänglich sein sollte, eine gewaltige Sprache. Der 1926 in Forte dei Marmi auf der Heimreise von Rom zum tiefen Schmerz seiner grossen Berner Gemeinde ertrunkene Pfarrer Hermann Amsler, eine Franziskus-Seele von ungewöhnlich tiefer Religiosität, fuhr nicht, wie die meisten andern, im Schnellzug nach Rom hinein. Er verliess irgendwo vorher den Zug, um als Wanderer auf den Höhen des Monte Mario die Stadt vor seinen Augen auftauchen zu sehen. Er wollte diesen Augenblick in Sammlung und ohne Störung geniessen. Wer verstünde das nicht? Aber wenigen ist es vergönnt, in dieser Weise sich der ewigen Stadt zu nähern. Wir andern müssen uns dafür entschädigen durch die Betrachtung der Stadt in stiller Stunde von einem dazu geeigneten Punkt. Nicht der Pincio mit seinem wundervollen Blick auf die St. Peterskuppel und nicht die Piazza Garibaldi mit ihrem herrlichen Überblick über die ganze Stadt ist der Punkt, nach dem mich immer wieder verlangen wird, sondern das nun leichter zugängliche Belvedere im Südwestwinkel des Palatin, besonders zur Zeit des Sonnenuntergangs. 260 Selig, wer sich dort ungestört einer Träumerei hingeben darf!» Die «Träumerei auf dem Palatin», die Rudolf von Tavel in seinem Todesjahr für das Jahrbuch «Die Ernte» schrieb, mündete in eine ehrfürchtige Betrachtung der steinernen Zeugen für den Sieg des Christentums, die aber durch die unsichtbare Kirche überdauert werden, wenn auch das letzte Kunstwerk dieses Äons in Staub aufgelöst sei. Dem Menschenwerk, das dauert bis seine Zeit sich erfüllet hat, widmete der Schriftsteller Rudolf von Tavel zu mehreren Malen Darstellungen, die eigentliche Auftragsarbeiten waren, so zwei Schilderungen der Vaterstadt Bern (1914 und 1922), eine Denkschrift zur Feier des hundertjährigen Bestandes der Deposito-Cassa der Stadt Bern (1925), eine Geschichte des «Regiments von Erlach in französischen Diensten», wozu der Uniformenkenner Adolf Pochon die kostümgetreuen Bilder und einen Text hinterlassen hatte, den Tavel ergänzte und auf den doppelten Umfang erweiterte (1933) und endlich die Schrift, die unter dem Titel «Kraft und Herrlichkeit» zum neunzigjährigen Bestehen des Diakonissen-Mutterhauses in Bern erschien. Es war das letzte Buch, das die Hand des Dichters schrieb; auch das ein Zeugnis eines aus bescheidensten 261 Anfängen grossartig aufgeblühten Liebeswerkes, das von bernischem Herzblut Nahrung empfangen hatte. Wie war Tavel glücklich, den «lieben Hauben» ihre Festschrift abzufassen. Sie lag Ende Juli 1934 in ihren Händen, ein Vierteljahr vor seinem Tode. Frohen Sinnes, schaffenslustig, mitten in den Plänen zu einem neuen Werk, fuhr er mit seiner Gattin in den goldenen Herbst des Genfersees. Die Notizenhefte füllten sich, wie reife Frucht brachte er die Ernte der Gedanken ein, er arbeitete im Wandern durch die Landschaft, auf sonnigen Ruhebänken, im stillen Hotelzimmer. Auf der Rückfahrt von Glion am 18. Oktober hörte sein Herz nach ganz kurzem Unwohlsein zu schlagen auf, im Eisenbahnzug zwischen den beiden Zähringerstädten Freiburg und Bern. Der Herbst stand mit flammenden Fahnen an der Heimfahrt und um die Totenfeier des Dichters, dessen Leib von der geliebten Nydeckkirche auf dem ältesten Boden der Stadt zum Friedhof geführt wurde, der nach der Schosshalde benannt ist. Rudolf von Tavel als Mensch unter Menschen: welcher Art die Kraft gewesen ist, die sein Leben bewegt hat, verspüren wir aus seinem Werk. Die mit ihm lebten, fühlten sie im Umgang mit ihm. Er bildete sich wenig 262 darauf ein, sie war ihm als Gabe und aus Gnade verliehen, und er quälte sich oft mit der Frage, ob er den rechten Gebrauch von ihr mache. Er besass eine schlichte, fast bescheidene Formel, nach der er leben – und sterben wollte; er hatte sie in einem seiner Notizbücher aufgezeichnet, von Jugenderinnerungen überglänzt, vom Bergwind umspielt; sie lautet: Ds Glück wytergä! Änet dem grosse Chamme, wo men übere gseht uf d'Walliser Schneebärgen und abe i ds tiefe, heisse Rhonetal, isch a menen Ort, zwüsche de Gletscherzungen und dem fyschtere wilde Tannewald es hilbs Plätzli, so still und verwachse, dass es ein dunkt, es chönni no nie e Möntsch dert düre cho sy. Hert ob de letschte Tanne, wo us mängem Rindeschranz ihres gääle Harz i ds düre Gras leu la tropfe, stande di graue Flüeh bis a Buuch i de hundertjährige Risete. Ds Rägewasser het schwarzi Striemen über se-n-abe zeichnet, dass si usgseh, wie wenn ne ds nasse Haar über ds Gsicht abehiengi. D'Riseten isch ydeckt mit mene dicke Mantel vo grossbletterigem Chrut, und um di verfulete Stämm ume stande chneuhöch di blaue Vergissmeinnicht und derzwüsche di gääle Chnöpf vo den Ankebälli im 263 glahrige guldige Sunneschyn. Zwüsche de Tannescht gseht me wyter äne no ne Schneeplätz düreschyne. Aber ds Schönschte vo allem lyt zwüsche de Fluehsätzen inne. Dert hangen i mächtige glänzige Tschuppe ganzi Meje vo Alperosen über die vermieschete Mutten abe. Wie-n-e grossi Kuppele Feriechinder chöme si dür di schattigi Tüelen ab und blybe doch geng geduldig am glychen Ort, bis d'Sunnen über d'Flüeh yne ma. Und so still isch es – so andächtig still, me ghört gar nüt als es ewig glychligs Ruusche, wo ganz hübscheli dür d'Tannen uuf düüsselet, wyt unden ufe vom Tal. Fascht möchti me, wenn me so i di wyti blaui Bärglandschaft use luegt, säge, es sygi ds Ruusche vo der Zyt, wo geit - geit - geit und doch geng no da isch. Isch es öppe nid e so? Isch es nid ds grosse Heer vo de lutere Tröpfli, wo us tuused blaue Gletscherschründen abe louft – dem Meer zue – Tag und Nacht und ohni Änd? – O, du liebs schöns Ruusche, wie tuesch du wohl, wenn me gnue het vom Wältlärme! Das Ruusche het o a mene Mannli gruusam wohl ta, wo fascht so guet versteckt wie-n-e Gueg under mene Blatt im warme Schatte vo nere Wattertanne ghöcklet isch und über d'Alpmatten und d'Waldchräche wäg i ds breite brüetige Tal abe gstuunet het. Der 264 Panamahuet het er näbe sech uf mene Felsblock gha und de Sunnestrahle nid gwehrt, wo hie und da zwüsche de Chriseschtli düre-n-über syni churzgschnittene graue Haar gfloge sy. Di brave magere bruune Händ het er über em Haaggestäcken inenandere gleit gha. Di schöni grossi Stirne het glänzt wie-n-es polierts Chupferchessi. Der Underchifel isch e chly wyt vüregstanden und het ein, wenn me scharf vo der Syte gluegt het, es bitzli a ne Schublade gmahnet, wo nid ganz im Schloss isch; aber e churze borschtige schwarzgraue Schnouz het ein das nid so la merke. Wie bi de meischte Möntschen isch d'Nase nid ganz loträcht im Gsicht gstande. Me hätt's nid g'achtet, hätte's nid di regelmässige Fält z'beidne Syte verrate. Zwüsche denen inne het d'Nase so öppis Tannewürzemässigs gha. So isch äben o der Ma gsi, so eine, wo sech treu und zäj a sym Tütschi het, gäb welewäg der Luft blaset. Und über zfriden oder nid zfride het me nid lang bruuche z'frage. Us de dunkelbruunen Ouge het me chönne läse, dass dä Ma ds Läben ärnscht gnoh und der Rank gfunde het. Ärnscht, aber sicher yghänkt und guet im Greis. Dem Herr isch es gange, wie's öppe fascht allne Lüte geit, gäb wie guet si's im Läbe hei. Wenn men einisch a nes rächt schöns und 265 fridlechs Plätzli chunnt und's eim en Ougeblick e so gruusam wohl isch, so chunnt eim undereinisch der Gedanke, hie möcht men einisch begrabe sy – einisch – begryfet dr? Das isch ds Luschtigen a däm Yfall. Wenn me no dänkti: jitz grad, jitz isch's mer wohl, i bi zfride mit Gott und mit der Wält, ha niemerem nüt meh nachez'trage, i wär jitz e so suber um ds Gmüet ume, bruuchti mi nid z'hert z'geniere, wenn i vor d'Himmelstüre chäm; es wär schad, wenn i jitz wieder i Dräck yne müesst – nu, das hätti no ne Sinn. Aber ds Gspässigen isch, dass men i settigen Ougeblicke geng dänkt – einisch – einisch möchti me de da begrabe sy. Prezys wie wenn einen im Toteboum no chönnti d'Ussicht luege. Oder isch es öppe wäge der Uferstehung? I dänke, da git's de ander Sache z'luege, und für d'Stimmung isch de o gsorget, ohni Alpeglüeje. – Villicht dänkt men ehnder a die, wo de dahäre chöme cho spaziere. Wenn si de der Namen uf em Grabstei läse, währeddäm si ergriffe sy vo der Schönheit vom Ort, so bhalte si de bsunders es agnähms Adänken a eim. Item – der Herr het emel jitz o dänkt, hie wett er einisch begrabe sy, und zwar isch es ihm bsunders drum z'tue gsi, dass er de grad so i nere fründleche Gmüetsverfassung chönnti verschwinde, still, fridlech und ohni alles 266 Wäse. – Sowyt isch dä Ma gsi i sym Sinnen und Dänke. Aber halt! het's du gheissen i syne Gedankegänge. So wyt sy mer äbe juscht no nid. – Der Herr het nid emal öppe bsunders a sy Stieftochter, ds Marie dänkt, was de die nachhär sötti vürnäh. Nei, es isch ihm undereinisch wieder schwär uf ds Härz gfalle, was ne scho alli di Jahr geng plaget het: dass, wenn er jitz stürb, sys Läbe zum Änd chäm, bevor es e Frucht treit hätti. Nid dass er öppe nüt Guets ta hätti! Bhüetis, dä Ma het mit sym irdische Hab und Guet brav huusgha und het nid bruuche z'sorge, dass ihm niemer e Träne nachebrieggeti. Aber er het tiefer dänkt. Ihm isch es Möntscheläben es Wäse gsi, wo ewig het sölle furtduure. Niemer, so het er dänkt, emel kei Chrischt, sötti vo der Wält furt müesse oder er heig en andere Möntsch zum glückleche Läbe gweckt. Scho wo-n-er als Chind i d'Sunntigschuel gangen isch z'Bärn, «uf em Saal» i der Nydeggloube, hein ihm di guldige Sprüch a der Wand so ne bsunderen Ydruck gmacht. Da het's gheisse: «Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so viele zur Gerechtigkeit gewiesen haben, wie die Sterne immer und ewiglich.» Das wäge de Lehrer het ihm lang nid rächt yne welle. Als Schuelbueb het er nid viel anders a ne gseh 267 glänzen als d'Brüllegleser und di abgfieggete Hose. Erscht lang nachhär, wo-n-er e so i ds Juged- und i ds Schuelläbe het chönne zrückluege, wie men öppe no einisch i sys Heimettäli zrückluegt, wen men uf em Wäg isch für z'grächtem furt, oder wie eine, wo änet dem Meer a sy Heimat dänkt und nid weiss, wo-n-er ds Gäld härnähm für ume hei, isch er's du gwahr worde, dass es Lehrer und Lehrer git, und dass äbe so im Hindertsiluege grad die am schönschte dastande, wo me villicht am längschte nid begriffe het. Es isch ihm gsi, wie wenn vo settigen öppis Guets an ihm ebhanget wär, und undereinisch het's nen afah duure, für so ne braven alte Schuelmeischter, wo Brosmen um Brosme vo sym Härz a d'Chinder furt git und zueluege muess, wie si dermit furtloufe, 's gschänden und nume niemeh ne dankbare Blick zrücktüe. Aber settigi Lehrer stande doch in Ehre da! So eine, het's ne dunkt, müess mit mene ganz bsundere Friden im Härz chönne d'Ouge zuetue. Und de z'vollem, wenn so eine sech dörfi säge, er heigi däm und disem uf e Wag zum Himmel ghulfe. Da isch ihm de albe das Lied wieder im Chopf ume gange, wo si einisch für ds grosse Singexame hei müessen ypouke: «Die Ihm lebten, die Ihm starben, bringen jauchzend ihre Garben.» 268 Schaluus isch der Herr nid gsi, aber wenn ihm de albe z'Sinn cho isch, wie sy Fründ, der Pfarrer Forsch, Sunntig für Sunntig d'Chilche gstacket graglet voll gha het und du, wo-n-er grad i de beschte Jahre gstorben isch, so mänge gseit het, es dunk ne, das chönni nid sy und mi mögi schier nid wyter ohni dä Füehrer, da het's ne de möge, dass är e so in aller Wält niemerem uf di rächti Spur chönni hälfen und dass är de einisch übere müessi und ga säge, zu allem heig er Sorg gha und gwüss niemerem z'leid gwärchet, aber änen ume bracht heig er halt wäger kei Chatz. Ob settige Gedanken isch ihm de allimal e Schatten über d'Wält cho und grad am allermeischten a de schönschten Orte. Grad dert het's ne de albe dunkt – und jitz grad under syr Wättertannen o – er müessi eifach dem liebe Gott der Dank abstatte für di schöni Wält und alles Guete, wo-n-er heig. Ja, di schöni Wält, wo di meischte Lüt drin umeloufen und enandere plagen und ds Glück nid finde. Rächtschaffe g'ergeret het's ne. Scho mängs Jahr het ne das plaget und je länger descht meh. Und jitz het's einisch müesse sy. So het's nümme länger sölle gah. Und wil er's scho so mängisch sech het vorgnoh gha und 's doch nie z'stand bracht, so het er sech hütt gschwore: Jitz hingäge! Und i chume niemeh a das herrleche Plätzli, i 269 mym ganze Läbe, oder i heig es Möntschechind änen ume bracht. Heilig het er sech versproche, er welli sys eigete Glück wyter gä, gäb es z'spät syg. Liecht en andere wär jitz a Bode gchneuet und hätti villicht no d'Händ zum Himmel ufgstreckt, für dem liebe Gott ds Verspräche z'gä. Aber der Herr isch äben e Stockbärner gsi, het sech vor sich sälber und allne Blüemli geniert, da so ne Gschicht z'mache. Aber er het der Stäcke härzhaft i d'Hand gnoh, der Blick graduus grichtet und sys Glübd fescht und hert ta, ohni nume ne Ton vo sech z'gä. Aber d'Läfzge hei's doch vo sech gä, und 's isch abgmacht gsi. 270 Das Vermächtnis Der junge Student Rudolf von Tavel verzeichnet in seinem Lausanner Tagebuch einen Besuch der Familienkapelle in Vivis, wobei ihn sein Bruder begleitete, der zur gemeinsamen Feier des Auffahrtstages aus Bern eingetroffen war. Diesem selben Bruder berichtet der fast Sechzigjährige in einem Brief aus Bex, wo er am Roman «Unspunne» arbeitet, er habe in Vivis nach Tavelspuren geforscht. Denn von dort stammt das Geschlecht; der Zweig, dem der Dichter angehört, kam im Anfang des 18. Jahrhunderts nach Bern. Es war im Hause des Herrn Burgerratsschreibers eine selbstverständliche Sache, dass man über seine Vorfahren einigen Bescheid wusste. Aber ebenso selbstverständlich war, dass die Vorfahren ihre Nachkommen verpflichteten, das begonnene Werk über die Generation hinweg weiterzuführen und in ihrem Sinn einer Zukunft, nicht einer Vergangenheit zu leben. Ein erschütterndes Gedicht, mehr Selbstgespräch als Kunstwerk im strengen Verstand, hat Rudolf von Tavel einmal im Andenken an seinen Vater 271 geschrieben; es zeigt sehr deutlich, dass Ahnenkult in der Erziehung dieses Hauses keine Flucht vor der eigenen Verantwortung jedes neuen Geschlechts bedeutete. An des Vaters Grab         Du schaust mich an, Dein Blick ist Frage und lässt nimmer los. In der feinen edlen Wölbung deiner Höhlen spielen Licht und Schatten Und formen Fragen, fordern Antwort. Und ich stehe da und weiss die Worte nicht, die mich rechtfertigen. Du fragst: Wo sind meine Waffen? Und sind sie blank noch? oder rostig? Haben sie in deiner Hand gewirkt? oder geschlafen? Oder hast du sie missbraucht und schartig geschlagen? Was hast du mit Haus und Hof getan? mit Geld und Gut? Wie brauchtest du Hand und Fuss? Gingen sie auf gerechten Pfaden? Wieviel bist du schuldig geblieben Meinem Andenken, meiner Ehre? Deinem Nächsten? Deinem – meinem Vaterland? Deinem – meinem Gott? Wie steht es um deine Saat? 272 Um deine Liebe? Du? Mein Sohn. Hörst du's, mein Sohn? Leb ich in dir? Hast du vollendet meinen Kampf, hast du meinen Sieg vollendet, Die Sünde, die mich verfolgte, niedergeworfen? Oder hast du ihr Raum gegeben, Gewalt gegeben über mein Andenken? Kämpfst du noch? Glaubst du noch? Hoffst du noch? Hast du noch Siegeszuversicht? Vater, frage nicht weiter! Wie streng ist deiner Augen Blick. Ich weiss nicht Bescheid noch Antwort. Meine Augen sind Fleisch und brennen. Und du zwingst mich zu denken, zurückzuschauen auf meinen Weg. Nein, Sohn. Wenn du, der du dastehst an meinem Grabe, mein Sohn bist,     so schaust du vorwärts. Noch hast du Weg vor dir. Kurz zwar ist die Strecke     schon zwischen dir und mir, aber lang genug, um ewig zu werden,     unvergängliche Saat auszustreuen. Vergiss nicht! Aus diesen meinen Augen, die Licht und Schatten sind,     hat der Schöpfer des Himmels und der Erde, hat dich der angeschaut,     der dich schuf. 273 Und nun lass schlummern in der Erde, was von der Erde genommen ist. Und komm – komm zu mir, ins Licht, Das sich in deinem Sein schon bricht. Im Grunde sprechen Tavels dichterische Werke alle mehr oder weniger deutlich diese schlichte Lehre aus. Wie eine Summa seiner Gedanken vom «Wert der Tradition» mutet uns aber ein Vortrag an, den er am 11. Februar 1931 in einer Berner Gesellschaft von Standesgenossen hielt; hier sprach er ein Bekenntnis aus, das sein Leben und Werk durchdrang und das, richtig verstanden, keineswegs für einen Stand allein, sondern für jeden einzelnen gilt, der sich auf Ursprung und Ziel seines Lebens und damit auf eine höhere Heimat besinnt, als sie der nur im Irdischen Sesshafte zu besitzen vermeint. In diesem Vortrag wiederholte Rudolf von Tavel ausgreifend, was sein Gedicht im Zwiegespräch mit dem Schatten des Vaters angetönt hatte: «Ein Stammbaum sollte uns niemals nur ein Apparat zum Sichvornehm-Dünken sein, niemals bloss Dokument zum Nachweis adeliger Herkunft, sondern eine erschütternde Aufforderung zum Nachdenken über das Woher und Wohin, ein Mahnruf zur Überlegung der eigenen Tüchtigkeit oder 274 Nichtswürdigkeit. Ist er nicht die lapidare Urkunde von unzähligen Leiden, gehegten und zerstörten Hoffnungen, von Zeiten des Glücks und des Unglücks, von Schuld und Sühne, durch die alle dein Blut geronnen ist? Fühlst du nicht die Frage all dieser Wappenschilder und Namen an dich gerichtet, die Frage: Wirst du es vollenden? Bist du deinem, unserm Volk, dem Lande, für das wir unser Leben einsetzten, was du ihm sein sollst? Würdigst du die Opfer, die wir für die gemeinsame Sache brachten?» Früh mag ihm in kindgemässen Formen die sittliche Verpflichtung der Tradition bewusst oder gefühlsmässig klar geworden sein. Uns ist durch das Zeugnis der einstigen Schulfreunde die Erinnerung an das peinvolle Ereignis bewahrt, wie ein Lehrer dem langsamen und verträumten Schüler, der immer wieder in seinen Leistungen versagte, tadelnd den Besitz eines Siegelringes vorhielt, den er seit kurzem trug, und wie der Gescholtene in jäher Aufwallung vom Sitz aufsprang und dem taktlosen Lehrer zurief: «Das geht Sie gar nichts an, ob ich einen Siegelring trage oder nicht!» Der Zwischenfall muss bei den jugendlichen Zeugen einen starken Eindruck hinterlassen haben, während Rudolf von Tavel ihn in seinen Aufzeichnungen nicht erwähnt. War er 275 ihm entfallen? Hatte er ihn im Gedächtnis weggeschoben, wie er es offenbar damals, in jenen schweren Schuljahren, mit allerlei Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten auf virtuose Art zustande brachte? Uns will wahrscheinlicher dünken, er habe in der grossen Krise und Wandlung, die sein Leben noch während den letzten Schuljahren erfasste, die Berechtigung des schulmeisterlichen Tadels innerlich anerkannt, wenn auch seine Form verletzend war und blieb, und vielleicht zum erstenmal den Wert der Tradition in ihrer Mahnung zum Leisten, in ihrem unbedingten Aufruf zur Pflichterfüllung am eigenen Leibe verspürt; er habe sich zum erstenmal als Ring in der Kette gefühlt und als Nachfahr, dem zu vollenden aufgegeben sei, was andere begonnen. Der Einzelne und die gemeinsame Sache: unter diesem Gesichtswinkel betrachtete Tavel das Leben und die Geschichte. Seine grosse epische Dichtung, wir haben es von Buch zu Buch festgestellt, war eine immer wiederholte, vertiefte, immer leidenschaftlichere Beschwörung bernischer Vergangenheit, als ob aus ihr alles zu schauen und zu erfahren, ja zu lernen wäre, was man zur Bewältigung der Gegenwart und zum Bau der Zukunft wissen müsste. Das Rankenwerk des Anekdotischen umspielt diese 276 Offenbarung, nicht als etwas ihr Wesensfremdes, sondern als dichterischer Ausdruck einer historischen Wahrheit. Je weiter sein gestaltender Geist in die Zeiten der Vergangenheit ausgriff, um so sicherer verliess sich die Phantasie auf seine Einsicht in das Wesen der bernischen Volksseele. Er hatte sie in jungen Jahren schon kennengelernt, im Elternhaus wie bei unfreiwilligen Begegnungen weit jenseits der Grenzen seines herkömmlichen Kreises, und er wurde zeitlebens nicht müde, ihren verborgensten Regungen und heimlichsten Eigenschaften nachzuspüren. Nicht nur den Patrizier und den Städter alten Schlags kannte er, der Handwerker und Bauer waren ihm ebensowenig fremd wie der Pfarrer und Offizier. «Dir wüsset ja alles», schrieb ihm eine begeisterte Leserin, «nie isch es dernäbe. I gloube, für nes Ross z'gschirre oder z'Acher z'fahre stundet Dir nid zrügg. Dir wüsset villecht no wie me der Suurchabis ymacht, u dernäbe schynt's mer, ds Häägglen und ds Filochiere syg Ech o nid frömd.» Aber wichtiger als die Kenntnis aller Hantierungen war die der Seele. Ihre Grundzüge stellte er in mehr als einer Gestalt dar, und immer verliess er sich dabei auf eine gewisse Unwandelbarkeit durch die Zeiten hindurch. «Das eigentliche Wesen, der Charakter 277 des Volkes ist, wo dieses nicht allzusehr mit fremden Elementen untermischt ist, derselbe geblieben, wie er vor Jahrhunderten war. Er hat nach den Stürmen, die ihn auf die Probe stellten und zeitweise verwischten, immer wieder das alte tüchtige und loyale Gepräge angenommen und den Untugenden, die ihm anhaften, standgehalten, eine Feststellung, die uns erlaubt, getrost in die Zukunft zu blicken.» So schrieb er in einem Aufsatz über die bernische Volksseele. Unter den grossen Gestalten der Vergangenheit, die er heraufbeschwor, waren es vor allem die Bubenberge, die ihm die schönsten Züge der bernischen Seele zu verkörpern schienen. Sie rief er denn auch in jenem Vortrag über den Wert der Tradition zu Kronzeugen einer Gesinnung an, die wahren Adel beweist: «Das Grosse in ihrem Verhalten war ihr Verantwortungsbewusstsein. Sie fühlten sich durch ihren Besitz dem Volke verpflichtet. Sie kargten nicht mit ihren Opfern. Sie rechneten gar nicht, sondern sie gaben sich hin an die gemeinsame Sache, die Bubenberge sogar in so unhaushälterischem Mass, dass sie sich innerhalb dreier Generationen wirtschaftlich ruinierten.» In seiner selbstlosen Treue zu Bern wächst Adrian von Bubenberg zu heroischer Grösse empor. Ob wohl Tavel, 278 während er den «Ring i der Chetti» schrieb, an den Brief dachte, den 1844 Gotthelf seinem Freunde Rudolf Fetscherin gesandt hatte mit dem Stoßseufzer: «Adrian von Bubenberg hatte ich schon lange im Auge als den herrlichsten Stoff zu einem historischen Roman, ein Stoff, wie Walter Scott ihn nicht hatte . . . aber mir fehlt dazu der nötige Boden, die Detailkenntnis der Schauplätze; wenn ich die hätte, ich wollte daraus einen Roman machen, wie kein Schweizer noch einen gemacht hat.» Die historischen Unterlagen zu seinem Werk erarbeitete Tavel sich in einem gründlichen Studium der Chroniken und Spezialabhandlungen und in manchen Reisen und Wanderungen zu den Stätten, deren Vergangenheit er schildern wollte. Die Notizenhefte sind voll von Aufzeichnungen über Adrian und seine Zeit, über den Burgunderherzog und seinen Hof. Nur auf diesem sicheren Fundament gelang es Tavel, das dichterische Denkmal für den Ritter zu errichten, um dessen erzenes sich Karl Stauffer ohne Erfolg bemüht und gequält hatte. Bubenbergs Wappenstern stand ja schon über einer früheren Dichtung Tavels. Unvergesslich die Szene, da Oberst Wendschatz beim Schachspiel den lauen, der Regierung ergebenen Pfarrer Gryph heftig anfährt: «Ds Volk 279 wott nid nume Gsicht und Händ vo syr Regierung gseh, es wott ihres Härz für sech ghöre schla, und da het's es Rächt druuf, Herr Pfarrer. Es wott nid nume Pfleg wie öppe-n-es Chueli, es wott Liebi gspüre, Liebi. Und es het es Rächt uf Regänten und Füehrer, die jeden Ougeblick parat sy, öppis uf sech z'näh, z'lyde für ds Wohl vom Ganzen und, wenn's nötig wird, o z'stärbe für ds Volk. Das hei äbe d'Buebebärge verstande. Das isch der Stärn vo Buebebärg, dä muess wieder ufgah, und däm wott i folge.» Später kommt er auf seine Lieblingsidee zurück, die von den Standesgenossen so leicht missverstanden wird: «Wo-n-i gseit ha, me sötti dem Volk zeige, dass es eim lieb syg, het's gheisse, ja frylech, me müess ihm jitz chüderle! I fragen Ech, Herr Pfarrer, chüderle! Wenn i vo mene Stärn vo Buebebärg rede, so meinen i äbe, me sött Höch und Nider derzue bringe, sech a kei vergänglechi Regierung z'binde, a kei stärbleche Möntsch, sonderen es söll es jedes derzue cho, z'erchenne, was dem ganze Volk zum Heil dienet. Si hei doch wahrhaftig di öschtrychische Vögt nid verjagt und der Burgunder z'Murte nid gchlopfet und z'Loupe di chlyne Deschpote nid us em Sattel glüpft, für sech nachhär sälber wieder unter nen unwürdigi Chnächtschaft z'stelle.» 280 Früh schon kündete sich hier, im «Schtärn vo Buebebärg», der 1907 erschien, die Gestalt des Niklaus von der Flüeh an, dem später des Dichters ganze Liebe gehörte und den er doch nie als handelnde Person in einem Werk auftreten liess. Der Bubenbergroman wies auf ihn als auf den Vollender dessen hin, was Adrian gewollt und begonnen hatte: «I mache's nümme; aber er chunnt de, dä, wo nüt het. Däm lose si de», sagt der Ritter auf dem Totenbett. Tavels nachdenklicher Leser, Professor Max Huber, schrieb darauf dem Dichter: «Ihre Hemmungen, den Klausner aus dem Ranft unmittelbar in die Erzählung einzuführen, verstehe ich sehr gut; den einen Lesern wäre die Darstellung zu viel und den andern zu wenig "katholisch".» Ein Jahr nach diesem Brief übergab Tavel dem, der ihn geschrieben, den neuen Roman mit den Worten: «Den Bruder Klaus konnte ich nur so an die Wand des Hintergrundes malen; aber ich hoffe, er werde vom Leser trotz dem Gewimmel der im Raum des Romans agierenden Personen noch bemerkt. Es ist wahr, seine Stimme sollte heute deutlicher denn je vernommen werden.» Dann aber trat neben den Klausner in den Gesichtskreis des Dichters jener Rudolf von Erlach, den der Oberst Wendschatz auch schon in seinem Rückblick 281 auf Berns Vergangenheit nennt, der Sieger von Laupen. So fern in frühe Zeiten der Stadt Bern hatte sich des Dichters Schau noch nie vorgewagt. Ein namhafter Historiker, dem er in einer Gesellschaft von dem Plane Kenntnis gab, bestärkte ihn darin: je näher der Stadtgründung, desto schöner sei die Geschichte. Die anwesenden Damen protestierten unisono und verwiesen den Dichter ins 18. oder 19. Jahrhundert. Das erinnerte Tavel an die biedere, ihm sehr ergebene Leserin in Adelboden, die schon am Bubenbergroman auszusetzen hatte: «Ach ja, es ischt ja o schön, aber – wie soll i sägen? Es ischt halt meh so Schwyzergschicht.» Auf den Beifall der Leser, die Romane lieben, in denen sie einander kriegen, konnte Rudolf von Tavel nicht ohne weiteres mehr zählen, wenn er die Gestalt des Rudolf von Erlach heraufbeschwor, dessen glücklich-unselige Liebe die Stadt Bern war. Aber diese lächelnde Erwägung hinderte den Dichter nicht, an das grosse Werk zu gehen. Wir treten ehrfürchtig in die Werkstatt, die der Meister verlassen hat, und betrachten die Vorarbeiten, die den Griff seiner Hand verraten und uns seine Absichten enthüllen, nicht bis ins Letzte allerdings, aber doch in grossen Umrissen. Das Letzte, die Vollendung, nahm 282 er mit sich ins Grab; was uns blieb, ist ein Entwurf. Doch bis zu welchem Grad der Reife dieser Entwurf gediehen ist, belegt uns aufs anschaulichste ein Übersichtsplan über die Gestalten und Hauptereignisse des Romans. Tavel liebte es, auf solchen synoptischen Darstellungen die überbordende Fülle des Materials in einen strengen Rahmen zu schliessen und sich selber über die Dichte des epischen Gewebes auf allen zeitlichen Stufen des Handlungsverlaufes genaue, vergleichende Rechenschaft zu geben. Es sind mehrere solcher Übersichtspläne von früheren Werken erhalten; sie dienten dem Dichter gleichsam als Unterlage während seines Schaffens, als feste Orientierung auf seinen epischen Gängen. Wie die Landkarte eines Gebietes, das Schritt um Schritt erobert sein will, lag der umfangreiche, aus mehreren Stücken zusammengeklebte Plan im Arbeitsraum des Dichters, während er Bogen um Bogen des Manuskripts, meist starkes graues Papier, mit den regelmässigen Zügen seiner Handschrift bedeckte. Der Übersichtsplan zur «Unvollendeten» seines epischen Lebenswerks hatte ihn an den Genfersee begleitet, wo ihm die letzten Arbeitstage beschieden waren; in ihm, der als Anhang unserm Buche beigefügt ist, 283 dürfen wir seines Schaffens äusserste Grenze sehen. Welches aber war nun der Stoff, den dieser Plan umriss? In einem graugebundenen Heft, auf dessen Umschlag der Titel des werdenden Buches mit sicherer Schrift vermerkt steht: «Ds Schwärt vo Loupe», lesen wir, was Tavel selber als erste Idee bezeichnet: «I. Idee. Ritter Rudolf von Erlach, Dienstmann des Grafen von Nidau, Vogt und Freund seiner Söhne, in engstem Vertrauensverhältnis zu dem Grafen, erblickt in der Stadt Bern das Heil der Zukunft (die Weisheit und Kraft ihrer leitenden Männer und die Opferwilligkeit ihrer Burgerschaft eine Garantie für Sicherheit und Entwicklung). Er sieht in der feindseligen Solidarität des Adels eine schwere Bedrohung der Stadt; aber anderseits geht der Adel dem Zerfall entgegen, weil jeder vorerst für sich sorgt und nur soweit an der Solidarität teilnimmt, als er in ihr Schutz für seine Interessen erblickt. Dabei fressen sie, wenn's darauf ankommt, sich gegenseitig auf. Es läuft darauf hinaus, dass brutale Gewalt und List, Besitz und gute Verbindung dem Einzelnen Erfolg garantieren. (Der Wert der Tugend, der ehrlichen Freundschaft!?!) Man schont auch die nächsten Verwandten nicht und opfert sie, wenn's grad 284 dienlich ist. Dieser Zustand macht das Leben ungfreut. Der Ritter erkennt, dass man im Schoss einer biderben Burgerschaft von diesem Druck befreit würde. Dort gönnt man dem Nächsten seine Sache. Sein Gedeihen ist das Interesse aller und das Gemeinsame, zu Kraft und Macht erwachsen, der beste Schutz für alle. Das Geheimnis der Prosperität liegt in der Förderung und im Schutz der freien Entfaltung des Einzelnen durch die Macht des gemeinsamen Ganzen, das zugleich die Grenze der individuellen Freiheit bezeichnet. Sobald das Interesse des Einzelnen das Ganze schädigt, muss es beschnitten werden. Draussen im Adel bedeutet solche Operation Erweckung des Rachedurstes. Innerhalb der Stadtmauern begreift man deren Notwendigkeit. Das gemeinsam aufgestellte Gesetz ersetzt den brutalen Zwang des Herrn. Die Seele dieses Verhältnisses ist die Genügsamkeit, die sich auch mit der Lehre der Kirche deckt, da Reichtum Blendwerk ist und dem Einzelnen zum Verderben wird. Erlach dringt zwar zu dieser Einsicht durch; aber er überwindet sich selber nicht, sondern möchte nur den Schutz der Stadt ausbeuten für seine eigenen Interessen. Nur denen zuliebe dient er der Stadt. 285 So verknüpft er die Söhne von Nidau mit der Stadt, und es entsteht der Konflikt mit dem Grafen, der zwar nicht bestreiten kann, dass Erlach recht hat; aber er selber ist im Adel verwurzelt, ist Ritter durch und durch, hält zum Alten und kommt darin heldenhaft um. Er will nicht in dem Ding syn und zieht es vor, mit dem Alten zu siegen oder zu sterben, obschon eigentlich auch er einsieht, dass Bern vieles für sich hätte; aber Ritter und Burger!! Die Söhne hingegen erfassen die Wahrheit und erschliessen sich Erlach, dessen Inkonsequenz sie noch nicht erkennen. Der Tod des Vaters macht den einen stutzig, überzeugt den andern. Die Söhne kommen zwischen Erlach und ihrem Vater in einen Konflikt, der über die Kraft ihres Alters geht. Der Krieg zerreisst sie, und sie verstehen den Ausgang nicht. Erst spät geht dem Überlebenden das Licht auf über die Bedeutung des Berner Sieges. Nach und nach aber erkennt er auch den Zwiespalt zwischen Erlachs Egoismus und dem Wesen Berns, für das er sich doch bei Laupen eingesetzt mit Leib und Leben. Es entsteht ein neuer Konflikt. Der tragische Ausgang erschüttert ihn, und er erkennt jetzt erst recht die conditio sine qua non des demokratischen Gemeinwesens. Kann man denn nicht 286 Rittertum bewahren auch in den Mauern der Stadt, unter dem Bärenbanner?» Das ist das historische Gerüst des Romans. Solid, tragfähig baut es der Meister vorerst auf. Sofort aber verstärkt er einzelne Pfeiler, die Hauptträger sind, so die Rolle der Stadt in der Bildung und Bewährung des Gemeinschaftsinnes: «Die Stadt bietet den Zufluchtnehmenden nicht nur materielle Vorteile und Existenzsicherheit, sondern sie weckt in ihnen das Verantwortungsgefühl für ein Ganzes, und dieses Gefühl weckt in ihnen die Fähigkeit und den Willen zur demokratischen Betätigung, im Ritter wie im Handwerker. Nur dieser aus Verantwortung erwachsende Eifer um das Heil des Ganzen gibt Berufung und Recht zur demokratischen Betätigung. Streber und Usurpatoren haben kein Recht darauf und müssen ausscheiden. Der gesunde Solidaritätstrieb soll diese Ausscheidung bewirken.» Jetzt aber drängt sich dem Dichter die menschliche Atmosphäre um Erlach, sein privates Schicksal, zwischen die politischen Erwägungen, und er umreisst den Ritter knapp als den in Frauendienst und Sinnesgenuss verstrickten Mann, der die Liebe einer Frau in Rachedurst verwandelt, da er sie nach dem Auflodern der Leidenschaft fahren 287 lässt und aufgibt. Ihr Hass gibt Erlach dem Mörder preis. Er fällt unter den Streichen der Streitaxt, die er bei Laupen siegreich geführt hat. Abschliessend zieht Tavel in diesem ersten Entwurf, dessen Aufzeichnung sechs Seiten füllt, das Fazit des Romans in folgenden Sätzen und Stichworten: «Die Lehre von Laupen ist: Gott sitzt im Regimente und gibt den unbegreiflichen Sieg dem Schwachen, der da glaubt. Auf diesem Grunde bauen Bubenberg und Baselwind. Erlach hingegen Realpolitiker à outrance meint, durch Aufbau der Gewalt die Aufgabe lösen zu können und zu müssen. Mammon die Seele dieses Prinzips mit aller seiner brutalen Skrupellosigkeit. Nicht für sich will er's, aber der Stadt zuliebe. So muss er präventiv (Vorsehung) ausgeschieden werden, bevor Unheil geschieht, der Stadt und dem, was die Stadt jetzt in der Welt bedeutet, zulieb. Ausführendes Organ ist die Streitaxt von Laupen, die Siegerin, Sinnbild des guten Prinzips, des Gottvertrauens, des Glaubens Gideons, in der Hand des Fanatikers, der, weil interessiert, nicht der Berufene ist, sondern die richterliche Funktion und Gewalt usurpiert. – Erlach ein Ideal, aber nicht Gott, und wenn das Werkzeug zum Unheil sich wendet, 288 verwirft Gott es. Hier nimmt er es weg. Jes. 45, 9–15, V. 13.» Nun folgen vorerst Notizen aus Äschbacher, Bloesch, Wattenwyl und aus Urkunden, später eine genealogische Darstellung der Erlacher Familienverhältnisse, eine Zeittafel der Schultheissen von Bern zwischen 1320 und 1361, Kostümstudien nach Schilling und andere Notizen aus der Lektüre historischer Werke. Dazwischen aber stehen drei «Fassungen» des Romans; Entwürfe, die zum Teil schon in Kapitel unterteilt sind und die eine Fülle von Einzelheiten, Einfällen, Nebenhandlungen enthalten, die aber auch die gleiche Idee in verschiedenen Wendungen wiederholen und die von nachträglichen Bleistiftergänzungen durchsetzt sind. Die erste Fassung ist nicht datiert, die zweite stammt vom 1. August 1934, die letzte vom 8. August. Aus einigen Formulierungen wichtiger Motive wie des schicksalhaften Schwertes (das in der ersten «Idee» eine Streitaxt war) oder des Liebeshasses der Frau Varenne (später Verena genannt) ersieht man deutlich, wie das ganze Gedankengut noch im Flusse war, wie der Dichter es andauernd überprüfte, abwog, umgoss. Der Ritter von Erlach ist ihm keine pathetische Festspielfigur, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, Gottes Werkzeug und der Sünde Knecht, 289 ein Mann in Licht und Schatten, der als Rivale Bubenbergs um die mächtige Braut Bern wirbt. Sein Gegenspieler ist aber nicht so sehr der ritterliche Bubenberg, sondern der Leutpriester Baselwind, der an der Spitze des Heeres in die Schlacht zog und auf die politische Entwicklung des noch jungen Gemeinwesens offenbar starken Einfluss gewann. Der Dichter schildert in seinen Entwürfen diese historische Gestalt als Seher, dem die göttlichen Kräfte im Wachstum der Stadt und im Schicksal Erlachs bewusst und spürbar sind: «Bern wird zur Stätte, da einzelne Menschen sich dem Willen Gottes zur Verfügung stellen im wahren christlichen Sinn; vorbehaltlos glaubend, setzen sie ohne Anspruch für sich selbst das Evangelium in die Tat um» (Tavel erinnert an die wohltätigen Stiftungen der Frau Bela und der Frau Anna Seiler für eine geordnete Krankenpflege in der Stadt). Aber Gott schirmt die Stadt «auch gegen Missleitung und beseitigt, was seine Pläne durchkreuzt, geschähe es auch in der edelsten Menschlichkeit. Das Objekt der Gottesliebe muss ganz und rein erhalten bleiben.» Der Leutpriester Baselwind nun erhält in der Gestalt des Mönchs oder Schreibers Hilari einen Genossen, der in Tavels Notizen 290 während der Arbeit erst auftaucht, dann aber in der dritten Fassung des Entwurfes und in dem breitangelegten Übersichtsplan über alle Figuren eine wichtige, ja zentrale Stellung erhält. Er «gibt den Text» zu einer Ansprache des Leutpriesters an die Ritter Bubenberg und Erlach. Welchen Text? Tavel teilt ihn klipp und klar mit; es ist eine Stelle aus der Inschrift über dem Höllentor in Dantes Göttlicher Komödie: (Fecemi) la divina potestate, La somma sapienza e il primo amore. (Geschaffen ward ich durch die Allmacht Gottes, Durch höchste Weisheit und durch erste Liebe.) Baselwind wendet diese Worte auf das junge Gemeinwesen an, vor dessen Mauern er mit den Rittern zusammentrifft; Erlach «fühlt, dass da etwas Wahres, Grosses drin steckt, aber schon hier lächelt er in sich hinein ob dem Idealismus». Wie kommt nun aber der Vertreter des religiösen Gedankens zu diesem Dante-Spruch? In Italien mochte allerdings, wie Erwähnungen bei Zeitgenossen beweisen, Dantes Werk bei seinem Tod 1321 einigermassen bekannt sein; aber diesseits der Alpen war das sicher nicht der Fall. Also muss Hilari dem Leutpriester die Kenntnis des Spruchs 291 übermittelt, muss ihn hergebracht haben: war er ein wandernder Scholar? Ein Fremder, vielleicht ein Italiener? Auf etwas Derartiges mag der Umstand hindeuten, dass die Besprechung des Priesters mit den Rittern vor dem obern Tor auf dem Weg zum Spital hinaus stattfindet, wo doch wohl auch die Passantenherberge war. Seltsam berührt uns die Einführung dieses unbekannten Hilari mit seinem Dante-Wort in den Kreis der altbernischen Ritter und Priester. Wir spüren, dass seine Verszeile zur religiösen Achse des Werkes wird, um die sich Opfer, Ehrgeiz, Dienst und Ruhm der handelnden Personen drehen werden. In den Urkunden hat man uns die Existenz eines Hilarius nicht nachweisen können. Also hat ihn Rudolf von Tavel erfunden, als den Repräsentanten der göttlichen, geistigen Macht gegenüber den Vertretern der weltlichen, materiellen Kräfte. Warum aber nannte er ihn Hilari? Wie kam er auf diesen nicht sehr gebräuchlichen Namen? Die Notizen geben keinen Aufschluss. Aber wir möchten eine Vermutung nicht unterdrücken, die uns innerlich begründet erscheint und die auf ein Hauptproblem der Tavelschen Kunst ein unerwartetes Licht wirft. In der Dante-Forschung spielt der 292 lateinische Brief eines Mönchs Hilarius vom Kloster Santa Croce auf dem Monte Corvo eine gewisse Rolle. Danach sollte Dante auf seiner Landflüchtigkeit in jenem Kloster nahe bei Pisa eingekehrt sein und dem Mönch von seinen damals vollendeten Gesängen Kenntnis gegeben haben. Frater Hilarius verwunderte sich, dass der Dichter einen so hohen Gegenstand in der Volkssprache behandelt habe. Dante gab zu, dass er zuerst wie alle gebildete Welt lateinisch geschrieben habe, ehe er den Entschluss gefasst, sich des Ausdrucks der Menge zu bedienen. Die Echtheit dieses Hilarius-Briefes wird von der Forschung bestritten, Scartazzini bezeichnet ihn als zweifellose Fälschung; aber es tut natürlich nichts zur Sache, ob der Brief echt oder falsch ist und ob Hilarius überhaupt gelebt hat – wenn bloss Rudolf von Tavel von ihm gelesen oder gehört und seine suggestive Frage an den grossen Dichter auf sich selber hat wirken lassen: Warum schreibst du die Mundart des Volkes? Nachweisen können wir diese Bekanntschaft ebensowenig wie einen Ausflug Tavels von Pisa, wo er 1926 einige Stunden weilte, zum Kloster Santa Croce, wo eine Inschrift an Dantes Besuch erinnert; aber dass diese Frage unsern Berner Dichter mindestens so tief wie den Florentiner ins Herz getroffen hat, wenn 293 er sie vernahm, das wissen wir aus zahlreichen Zeugnissen. Und so würden wir verstehen, warum er den Namen des umstrittenen Hilari in sein Werk übernommen hätte, das wie kein anderes den höchsten Gegenstand, Gottes Walten in bernischer Wirklichkeit, in der schlichten Sprache des Volkes aussprechen sollte. Verliert sich hier auch unser Wissen in das Dämmer der Vermutung, so schauen wir doch klar genug das fast mythische Bild, das sich Rudolf von Tavel von der jungen Stadt Bern machte. Er baute sie auf als eine Utopie der Vergangenheit, als eine Burg des Friedens für die Friedfertigen, als eine wahre Gottesstätte. «Das Heilige in der Stadt erträgt keine menschlich ausgedachte Führung, die nicht von Gott eingegeben ist.» Im Aufstieg Berns sieht er den «Sieg des demokratischen Gedankens». Wahrer Adel dient. Ein unvollendetes Werk, dessen Grundrisse wir entziffern, lässt uns trauernd die Grösse des geplanten Baues ahnen. Aber es kann uns nicht die Sicht verstellen auf das bestehende Lebenswerk, das wie des Dichters Leben selber nach grossem Plan einheitlich geworden und in seiner Art glücklich vollendet ist.