Kaum genügend Schulgeschichten von Fritz Müller-Partenkirchen     L. Staackmann Verlag Leipzig 1927     Inhalt         Statt einer Vorrede Kaum genügend Stumm Der Äther Geographie O Königin –! Der Sprecher Ungewollt Beim Haarschneiden Das eiserne Gedächtnis Müller \& Co. Wispern Falsche Namen Vom Hans, der nicht Dankschön sagen konnte Der Betrug Kaiser Heinrich IV. aber dachte Nutzanwendung Die Lücke Jugendfreunde Strupp und Graßl Beziehungen Ihr Heizer Wenn ich Millionär wäre Die Oberprima Singen Der Wohltätigkeitsbub Bewerbungsschreiben Der Faden Mein Firmling Verjeben und verjessen Im neuen Schulhaus Maurer Das zweite Blühen     Statt einer Vorrede Lieber Freund! Endlich kommt einmal in dir einer, der wirklich berechtigt und berufen ist, uns Schulgeschichten zu schenken. An Schulgeschichten und Schulgedichten ist ja unser Schrifttum wahrhaftig nicht arm. Kein Wunder. Denn dazu glaubt sich jeder berufen, der nur einigermaßen die Feder führen kann und der früher einmal in eine »Penne«, wes Nam und Art sie auch sei, gestiegen ist. Aber die allermeisten dieser Schulgeschichtenschreiber – ich wüßte augenblicklich überhaupt keine Ausnahme – geben doch nur schiefe, unvollkommene oder gar verzerrte Bilder vom Schulleben. Sie kennen es eben nur von der Schülerseite her, und von dieser Seite müssen sie es ihr ganzes Leben betrachten. Bei dir ist es anders: du kennst auch die Lehrerseite. Aus deiner Münchner Schulbubenzeit kennst du die Knabenseele bis in ihre Winkel hinein, als Vater hast du in deinen vier Kindern die Schulzeit zum zweiten Male durchgemacht, als Lehrer und Leiter von Handelsschulen hast du auch des Schulmeisters Leid und Freud gekostet; mehr Freud als Leid, du Glücklicher! Du weißt also, daß weder Schüler noch Lehrer reine Engel oder reine Teufel sind. Du kennst genau »das verhängnisvolle Mißverstehen unserer Schulen«. Weißt du, welche deiner Schulgeschichten den tiefsten Eindruck auf mich, den Schulmann, gemacht hat? Jene ernste Stelle in deiner Geschichte »Stumm«, wo dem vom Lehrer überraschten »Klassenviech« Welz zum erstenmal eine Ahnung aufgeht, »daß Lehrer keine Feinde sind. Daß sie Menschen sind mit Freud und Qual. Daß ihre Fehler unsere Fehler sind. Daß sie in harten Stunden ihre Hand herüberreichten. Daß sie nicht verstanden wurden. Daß sie seitdem, verhaltener Angst voll, längs des Grabens laufen. Das verzogene Antlitz deuten, die am drübren Grabenrande laufen, als Feindschaft gegen ihre Jugend. Und dazwischen gähnt der Graben – jahrelang.« Siehst du, das ist's. Fast alle anderen Verfasser von Schulgeschichten (von der »Meyeriade« bis zu Thomas »Lausbubengeschichten«) haben diesen Graben nie übersprungen, konnten ihn auch nicht überspringen, weil sie keine Lehrer waren. Du kennst beide Grabenseiten. Darum ist in deinen Schulgeschichten keine gehässige Verzerrung, keine Schminke und keine Verhimmelung, alles ist echt, Nichts verzierlicht und nichts verkritzelt, Nichts verlindert und nichts verwitzelt. Es ist nicht ganz unmöglich, daß ein überängstlicher Kollege bei dem Gedanken, daß die eine oder andere deiner Geschichten auch der Schuljugend in die Hand kommt, mit bedenklich hochgezogenen Brauen sagt: »Jaaa, aber die Autorität des Lehrers –!« Glaub's nicht. Wie oft habe ich schon manche deiner Schulgeschichten meinen Schülern vorgelesen. Nicht nur, z. B. bei Schulausflügen, meinen Primanern, sondern auch den jüngeren, die doch laut Oskar Jäger im »autoritätsbedürftigen Alter« stehen. Glaubst du, ich hätte dadurch nur eine Spur meiner »Autorität« eingebüßt? Wem's um seine Autorität bange ist, der hat nie eine gehabt. Ich wünsche sogar deine Schulgeschichten in die Hände recht vieler Schüler. Manche ist drunter, die einen Bubenspiegel, ja einen Klassenspiegel abgeben könnte. Sicher aber wirst du mit deinen Schulgeschichten auf die Gesichter aller Alten ein behagliches Schmunzeln zaubern, selbst wenn sie nicht immer die ersten Bänke geziert und ein »stets tadelloses Betragen an den Tag gelegt« haben. Jeder wird in irgend einer deiner vielen Bubengestalten sich selbst wiedererkennen und nach dem Lesen so mancher Geschichte aus dem alten Studentenlied zitieren: Sei vergessen, was bedrückt Mich mit Sorg und Plage, Heut ein Hoch dem, was beglückt Meine jungen Tage! Denn du hast vieles, was unsre jungen Tage beglückt hat, in deinen Schulgeschichten wieder aufleben lassen. Darum begleite ich dein neues Buch bei seinem Gange in die Welt mit einem herzlichen Glück auf! In treuer Freundschaft Professor Konrad Meyer (Nürnberg).   Kaum genügend Eben hat die alte Frundsbergerstraße widerhallt vom Gelärm der Gymnasiasten, die in die Weihnachtsferien zogen. Und schon fünf Minuten später war alles wieder still vor dem großen grauen Hause, das sie das Frundsberggymnasium hießen. Aber halt – da ging nochmal die Mitteltüre auf. Der alte Pedell Mittermaier streckte den Kopf heraus, hielt mit dem linken Fuß die Türe fest und begann umständlich zwischen Tür und Angel zu schnupfen. So eifrig war er bei der Sache, daß er übersah und überhörte, wie ein Mann die sieben ausgetretenen Treppenstufen zum Portal heraufkam: »Erlauben Sie, ist Herr Rektor Ritz noch oben?« Der Pedell vergaß aufs Niesen, so war er erschrocken. »Ja, Herr Rektor Professor Doktor Ritz ist noch im Amtszimmer,« sagte er. »Danke,« erwiderte der Fremde und war schon in der Halle. »Zweiter Stock rechts hinten,« rief der Pedell ihm nach. »Weiß schon, weiß schon, Herr Mittermaier. Halten Sie sich gar nicht auf!« Zum zweitenmal vergaß der Pedell aufs Niesen, und die schon gehobenen Nasenflügel nahmen enttäuscht die gewohnte Stellung wieder ein. »Hm,« sagte der Pedell, schüttelte den Kopf und schob im Weitergehen die schwarze Amtsmappe aus der linken Achsel unter die rechte, »hm, woher weiß der fremde Mensch – hm, woher weiß der fremde Mensch . . .?« Der Pedell Mittermaier hatte nämlich die Angewohnheit, seine Sätze nicht fertig zu machen. Dafür wiederholte er von der Mitte ab die erste Hälfte. Das war dann grad so gut, behauptete der Rektor Professor Doktor Ritz. Denn von diesem hatte er die merkwürdige Angewohnheit angenommen. Wenn man dreißig Jahre lang beisammen ist, kommen solche Angleichungen von selber. Der Fremde hatte inzwischen nur die ersten Innenstufen eilig erstiegen – so lange ihm nämlich der Pedell noch nachsah. Dann hielt er ein und ließ sich Zeit. Er schaute auf die Stufen und stellte mit einem Lächeln fest, daß sie alle rechts mehr abgenutzt waren, als auf der andern Seite. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und sah zum Fenster hinaus. Da lag der Schulhof. Er machte geschwind die Augen zu. »Woll'n mal sehen,« dachte er für sich hin, »ob ich's noch weiß. Also da käme zuerst ein Streifen gelber Kies –« Er sah mit überdachten Augen hinaus, um nicht weiter schauen zu müssen, als der Streifen breit war. Richtig, da lag der gelbe Kies. »– und dann, dann käme ein Rasenstück –« Richtig, da lag es, das Rasenstück. »– und dann ein Bach, ein wirklicher Bach in einem Schulhof; sie sollen mir einmal ein zweites Gymnasium in Deutschland zeigen mit einem Bach im Schulhof –« Richtig, da glitzerte der Bach herauf mit einem dünnen Rand von Schnee. Und darüber führte eine Brücke zum großen Turn- und Spielplatz des Gymnasiums – Himmel, das war ein Schulhof. Und dann sah er sich selbst mit dem Kameraden darauf, damals. Dort in der Ecke stand wieder der lange Gunzelmann mit den Händen auf den Knien und ließ ihn Bock springen über seinen Rücken. Und da drüben lernten sie immer noch geschwind den Xenophon in der Zehnuhrpause, ach ja, ach ja . . . Und der kleine Hügel überm Bache stand ja auch noch da. Wo sie kämpften in den untern Klassen. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpften auf Tod und Leben um den Besitz des Hügels, jeden Samstag nachmittag. Der Fremde fuhr sich über seine Schläfe und lächelte wieder – die Spur von einer Schramme, von einer Siegerschramme aus der Hügelzeit, war jetzt noch fühlbar. Dann ging er sinnend weiter. Da lag die Flucht der Klassenzimmer. Ein jedes kannte er. In einem jeden hatte er gesessen, der Reihe nach, neun volle Jahr lang. Er machte eines auf. ›IIIIB‹, stand auf der Türe. Und er wunderte sich wieder, wie damals, daß es vier Striche waren und nicht eine I vor einer V. Dort stand das Katheder – jaja, das Katheder. Und er seufzte ein ganz klein wenig. Und es waren noch vierzehn Bänke, und der Alexander hing noch an der Wand, und die Pallas Athene mit dem Speere in der Hand, und der Zeuskopf mit seiner Lockenfülle, alles, alles . . . Die alte Schiefertafel sah ihn an, wie damals, halb unvermeidlich und halb drohend. Ein Gesicht hatte sie, ein richtiges Gesicht. Das Gesicht der Wissenschaft, der unerbittlichen, blickte aus den feinen schiefrigen Abblätterungen herunter auf ihn. Er setzte sich in eine Bank. Natürlich war sie viel zu klein. Die Knie stießen oben an. Aber das machte nichts. Ganz brav und still saß er eine Weile da und sah auf den schwarz lackierten Schultisch hinunter. Das war ja doch sein Platz von damals. Und da – da, unter der Lackschicht sahen noch verschwommene Umrisse durch. Kaum, daß sie noch zu sehen waren. Aber er fühlte sie auswendig nach: Ein ›A‹ und daneben ein ›L‹. Anna Leutwein, ja, so hieß sie, seine erste stille Liebe, von der das blonde Mädel nie etwas erfahren hatte. Trotzdem sie in dem Nachbargrundstück wohnte überm Frundsbergbach, gleich neben dem Schlachtenhügel, wo er seine Siege erstritt. Jawohl, unter ihren Augen erstritt. Nicht, daß er schüchtern war – o nein, im Gegenteil. Doch an dem Tage, wo er sich ein Herz genommen hatte, sie zu grüßen, ward sie krank. Und war in einer Woche weggestorben . . . »Wackernagel! Die Odyssee, Seite sechsundneunzig, zweiter Absatz, beginnen Sie!« Er fuhr zusammen bei der Kathederstimme aus der Vergangenheit. Er, der Mann mit einem schwarzen Vollbart, fuhr zusammen in der Quartaschulbank, weil er ungenügend vorbereitet hatte in der Odyssee. Aber schon lächelte er wieder wehmütig. Was doch die Erinnerung für Stimmen heraufbeschwören kann. Wie oft war er da drunten in Australien nächtens aus dem Bette aufgefahren, wenn er seine mündliche Prüfung im Traume mit Ach und Krach zum ixten Male bestand. Wenn die sechzehn blitzenden Brillengläser des Prüfungskörpers durchdringend auf ihn gerichtet waren. Weiß der Teufel, so hatte er selbst in Australien nie geschwitzt am Mittag, wie damals in dem kühlen Prüfungssaale. Nein, nein, Lorbeeren hatte er keine geerntet in diesem grauen Hause, sicher nicht. Eine Kette von schwierigen Übergängen waren ihm die Klassen. Und er sah den Rektor, wie er ihm mehr als einmal auf die Schulter klopfte: »Mit knapper Not, Wackernagel, mit knapper Not . . .« Ja, warum war er denn um Himmelswillen hergegangen, jetzt nach achtzehn Jahren? Was hatte ihn getrieben, eine Stätte aufzusuchen, die ihm keine Kränze flocht? – Er lächelte wieder. Als er vor acht Tagen angekommen war, von Hamburg her, direkt vom Schiffe, hatte er das ›Lokale‹ durchgelesen im ›Tagblatt‹, langsam kostend, wie man Mutters beste Speise kostete, wenn man aus den Ferien kam. Und da war sein Auge hängen geblieben an einer kleinen Notiz: ›Das alte Frundsberggymnasium wird wahrscheinlich an die Stadtgrenze verlegt werden müssen. Den großen Schulhof, der gepachtet war, will der Besitzer der Bebauung zuführen.‹ Der große Schulhof! – Und dann hatte er lange über das Zeitungsblatt hinausgeschaut und geträumt. Herumgetrieben hatte es ihn dann in der Stadt acht Tage lang, dahin, dorthin, und morgen – richtig – morgen mußte er wieder abfahren. Zuerst in die Reichshauptstadt und dann zurück nach Neu-Süd-Wales, wo seine Lebensarbeit lag und auf ihn wartete. Vorher galt es aber noch, den Rektor aufzusuchen, seinen alten Rektor. Zweiter Stock, rechts hinten. Leise hatte er das Klassenzimmer IIIIB wieder geschlossen, war noch eine Treppe aufgestiegen und klopfte hinten rechts. »Herein!« Ja, das war des Rektors Stimme. Er war eingetreten und sah den weiß gewordenen alten Rektor schreiben, an langen Bögen schreiben. Er kannte diese Bögen, die Notenlisten der Schüler, die die Schule in ihren Akten behielt. Der Statistik halber, und – man konnte nie wissen, ob nicht vielleicht später der und jener . . . »Sie wünschen?« Gleichmütig sah der alte Rektor auf. Wie war sein gutes altes Gesicht verrunzelt. Wie war sein Scheitel licht geworden. Aber die Augen, die blauen Augen hinter der goldrandigen Brille waren noch die gleichen. »Ein ehemaliger Schüler von Ihnen, Herr Rektor, hat mir aufgetragen, einen Gruß zu bestellen.« »So, so, einen Gruß, einen Gruß?« »Ja, einen Gruß von Fritz Wackernagel, Herr Rektor.« »Wackernagel – Wackernagel Fritz – warten Sie – Wa–cker–na–gel, jaja, weiß schon, weiß schon  –« »Er hat mir gesagt, daß er zwar kein guter Schüler war –« »Hm, kein guter Schüler? Na, es ging – es ging – absolvierte dreiundneunzig, glaube ich – warten Sie – warten Sie –« Er hatte hoch hinauf gereicht an dem Registraturschrank und einen blauen Akt hervorgeholt. Darin blätterte er. »Uhlig Franz – Ufermann Heinrich – Vlissinger Karl – warten Sie, warten Sie – Vlissinger Karl – da ist er ja schon – Wackernagel Fritz . . .« Er war ganz versunken in die Notenliste. Da räusperte sich der Fremde. »Im Lateinischen, glaub ich, war er nicht besonders, Herr Rektor.« »Im Lateinischen? Kaum genügend – kaum genügend –« »Und im Griechischen, glaub ich, war er auch nicht viel besser?« »Im Griechischen? Kaum genügend, steht da, kaum genügend –. Jaja, und in der Mathematik, da steht auch ein Kaum genügend. Überhaupt, überhaupt . . .« »Aber in der Geographie, sagte er mir –« »Ja, in der Geographie und im Deutschen, da war er gar nicht übel. Sehen Sie, das riß ihn wieder heraus, damals, in der Abschlußprüfung. Trotzdem er damals die dumme Geschichte hatte mit der Reliefkarte. Aber er hat es wieder in Ordnung gebracht – wirklich auf eine noble Art in Ordnung gebracht, – das muß man sagen – aber . . .« Er sah erschrocken auf. »Entschuldigen Sie, ich erzähle Ihnen da – ich weiß nicht – es war dumm von mir – vielleicht wissen Sie gar nicht . . .« Des fremden Mannes Augen glänzten. »Doch, doch, Herr Rektor. Ich weiß alles, alles. Vor mir hat der Fritz nie ein Geheimnis gehabt. Ich weiß recht gut, daß er die schöne Reliefkarte, auf die er ganz versessen war, einen Tag lang in seinem Zimmer aufgehängt hatte –« »Leihweise, bitte, leihweise –« »Und daß Sie dann, Herr Rektor –« »Ich? Nein, nein, da hat er Ihnen etwas vorgeflunkert, der Wackernagel; das hat er alles selbst ins rechte Blei gebracht, jawohl, ganz von selbst. Und übrigens, das muß ich Ihnen sagen, ich habe ihn sehr gut leiden mögen, den Wackernagel, trotzdem er kein Sitzfleisch hatte damals und es knapp zu ›Kaum genügend‹ – und Sie kennen ihn also? Und einen Gruß an mich hat er Ihnen – hat er Ihnen? So, soso? Und wo ist er denn? Wie ging – wie ging –?« Er war ganz lebhaft geworden, der alte Herr. »Der Wackernagel? Oh, dem geht es gut. In Australien sitzt er jetzt und kauft ein Bergwerk um das andre.« »Der Wacker–, hm, der Wacker–na–gel Fritz?« Und ungläubig ging sein Blick wieder über die Notenliste aus dem Jahre achtzehnhundertdreiundneunzig. »Ja, der Wackernagel, Herr Rektor. Und ein gehöriges Stück Glück hat er auch gehabt, der Mensch.« »Und da erinnert er sich noch nach achtzehn Jahren an sein altes Gymnasium – wirklich, das ist – das ist –« »Ja, und den alten Schulhof, Herr Rektor, hat er mir aufgetragen, den müßte ich noch ganz besonders von ihm grüßen.« »Den alten Schulhof, so?« Des Rektors gutmütige Augen bekamen plötzlich einen anderen Ausdruck. »Ja, ich habe ihn angesehen, Herr Rektor, beim Heraufgehen. Es ist ein wundervoller Schulhof, ein Schulhof mit Bach und Rasen und mit Hügeln –« »Hat sich was, mein Herr, hat sich was! Mit dem ist's vorbei. Den haben sie uns gekündigt. Jetzt nach dreißig Jahren, mein Herr. Verbauen wollen sie ihn. Hohe Häuser, Mietskasernen. Und wir mitten drin und ohne Hof. Da ist unser Schulhaus auch geliefert. Und das alte Frundsberggymnasium muß hinaus vor die Stadt, wissen Sie, aus der Frundsbergstraße in die Pariserstraße oder so was . . .« Er war aufgesprungen und hatte bei der ›Pariserstraße‹ zweimal kräftig auf den Tisch geschlagen. Dann aber besann er sich. »Entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich mich vergesse. Sie sind ein Fremder, und was kann Ihnen schließlich an unserm alten Schulhof – an unserm alten Schulhof . . .« Des fremden Mannes Augen glänzten. »Aber sehen Sie,« fuhr der Rektor wieder fort, »sehen Sie, ich bin ein alter Mann, und das Haus da und der Schulhof, die sind mir beide ein wenig an das Herz gewachsen. Und ich weiß auch, daß die Jungens – daß die Jungens –. Nun, wenn sogar der Wackernagel, der Wackernagel Fritz aus – was sagten Sie?« Der Fremde war auch aufgestanden und an das Fenster getreten. Das ging auch auf den Schulhof hinaus. Gelb sah der Kies herauf und wintergrün der Rasen, weiß der Schnee am Rand des Wassers, und der Bach erglänzte . . . »Herr Rektor,« sagte er, und seine Stimme schwankte ein wenig, »Herr Rektor, seien Sie nicht böse – ich habe die Hofgrundstücke da drunten selber gekauft – aber bauen will ich nicht darauf, wissen Sie – sondern hier habe ich einen Pachtvertrag – einen neuen Pachtvertrag auf zwanzig Jahre – er ist nicht schlechter und nicht besser als der alte – unterschrieben ist er auch schon – von mir, vom Schulrat – nur Ihre Unterschrift fehlt noch, Herr Rektor . . .« Der Rektor hatte in freudigem Schrecken seine goldene Brille abgenommen und war dem Fremden dicht vor die Augen getreten, dem Fremden, der das alte Schulmännlein um Haupteslänge überragte. »Entschuldigen Sie – Sie haben mir ja Ihren Namen nicht genannt – ich weiß ja gar nicht – wirklich, ich weiß ja gar nicht –« Seine zittrigen alten Hände hatte der Rektor halb erhoben. So, wie er's immer machte, wenn er einem Jungen die väterliche Meinung auseinandersetzte. »Nochmals, seien Sie nicht böse, Herr Rektor, – ich bin der Wackernagel selber.« Da sagte der Rektor gar nichts mehr. Sondern kritzelte seinen Namen unter das Schriftstück, das der alte Schüler auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte. Und während er mit der rechten Hand unterschrieb, griff die Linke nach der Notenliste des Wackernagel Fritz aus dem Jahre achtzehnhundertdreiundneunzig. Und dieweil dann der Fremde den unterschriebenen Vertrag faltete und in seine Brusttasche schob, hatte der Rektor an den Rand der Notenliste noch einen Vermerk gesetzt, mit tiefgebücktem Kopfe, langsam und deutlich schreibend: Weihnachten 1911: Wir haben uns in dem Schüler doch geirrt. Nicht ›Kaum genügend‹, sondern ›genügend‹. »Wissen Sie,« sagte er lächelnd während des Schreibens und ohne aufzusehen, »wissen Sie: mehr als eine halbe Note Verbesserung erlaubt die Satzung unserer hohen Schulbehörde nicht.« Aber als er aufsah, sah er nur noch, wie sich die Türklinke von draußen bewegte – Fritz Wackernagel hatte sich davongeschlichen.   Stumm Die Pause war vorüber. Unser Schönschreiblehrer, der Kallix, kam immer noch nicht. Natürlich wurde Lärm gemacht. Frechdachs Welz hatte sich auf eine Bank geschwungen und machte den Ausrufer am Jahrmarkt: »Hier ist zu sehen Gorogoro, der Wunderaffe. Er springt so hoch, daß er in der Luft verhungert, weshalb wir zu jeder Vorstellung einen neuen Affen benötigen!« Gelächter. »Hier ist zu sehen Mpuapua, die Riesenschlange, sie mißt vom Kopf bis zum Schwanz zwanzig Meter, vom Schwanz bis zum Kopf dreißig Meter, macht zusammen fünfzig Meter – in der Mitte soll sie noch dicker sein!« Gedröhn. »Hier ist zu sehen der Ja–guar und der Nein–guar, der Papa–gei und der Mama–gei, der Kaka–du und der Kaka–sie!« »Bravo, bravo, weiter!« »Hier ist zu sehen Schiuschiu, die Giraffe, sie hat einen so langen Hals, daß sie eine Tribüne um denselben tragen muß, um beim Hinabsehen nicht schwindlig zu werden!« Gebrüll. »Der Laie staunt, der Fachmann schmunzelt, dem Spezialisten rinnen die Tränen über die Wangen, und selbst der zufällig anwesende Landesfürst konnte nicht umhin zu sagen: ›Es ist e–norm!‹« »Jetzt die Grabrede, die Grab–re–de!« Unser Kallix hatte nämlich kürzlich eine halten müssen. Sofort pflanzte sich der Frechdachs aufs Katheder und setzte eine Brille aus Draht auf die Nase. Dann nahm er Trauerhaltung an und spritzte aus einem Glas Wasser in regelmäßigen Zwischenräumen Wasser in die Bänke. Jetzt machte er den Tonfall unseres Kallix täuschend nach: »Värährte Trauerversammlung! Wär stähen hier am Grabe eines Mannes, von däm wär mät Fug ond Rächt bähaupten können, daß är geboren wurde, läbte ond – starb. Nächt väle der värährten Anwäsenden wärden dassälbe von säch behaupten können. Denn könnten sie äs, läbten sie nicht mähr, und läbten sä, könnten sä äs nächt. In däsem Sinne bätte ich das Glas zo erheben und mät mär einzustimmen än dän Ruf –« Er stutzte. Schon eine Weile war der Beifall ganz verstummt. Was hatten seine Hörer plötzlich? Er las in ihren Augen den Schrecken. Na, von seiner Grabrede brauchten sie doch nicht – Er warf einen Blick zur Seite und erschrak am meisten. Dort an der Tür stand der Kallix. Regungslos. Schon eine ganze Weile. Das Gesicht des Lehrers war ganz weiß. Der stumme Kummer eines ganzen Lehrerlebens stand darauf gemeißelt. Die ganze Klasse lag im Starrkrampf. Minuten verstrichen. Dem Welz wurde es unheimlich auf seinem Pultplatz. Er wollte scheu herunterschleichen. Aber wie der Lehrer ihn ansah, gramvoll, unausweichlich, da konnte er es nicht. Wenigstens das Glas wollte er hinsetzen. Er konnte es nicht. Nicht die kleinste Bewegung floß aus ihm. Vielleicht kam ihm die Ahnung, daß Lehrer keine Feinde sind. Daß sie Menschen sind mit Freud und Qual. Daß ihre Fehler unsere Fehler sind. Daß sie in harten Stunden ihre Hand herüberreichten. Daß sie nicht verstanden wurden. Daß sie seitdem, verhaltener Angst voll, längs des Grabens laufen. Das verzogene Antlitz deuten, die am drübren Grabenrande laufen, als Feindschaft gegen ihre Jugend. Und dazwischen gähnt der Graben – jahrelang. Nicht, als hätten wir es damals so empfunden. Solche Dinge werden erst viel später klar. Unbewußt noch wehte uns das alte Leid der Schule an. Bewußt ward nur das Bangen. Und aus dem Bangen ward ein Grauen, als Minute um Minute so verstrich. Als noch immer keiner muckste. Als die jungen Herzen stummen Generalmarsch schlugen, als sie schwächer trommelten vor Erschöpfung im Erleben einer Riesenstunde. Ich bin sicher, so alt wir alle werden, keiner wird die Stunde je vergessen. Keiner wird vergessen, wie nach undenklich langer Zeit die Stundenglocke auf dem Gange schrillte. Wird vergessen, wie der Lehrer wortlos aus der Türe ging, verschwand wie ein Gespenst. Wie wir langsam wieder die Gesichter auf den Hälsen drehen konnten. Wie nur Welz mit seinem Glase noch immer starr dastand. Jetzt fiel's aus seiner Hand, zerschellte. Vom Gesicht rutschte ihm die Drahtbrille. Ich habe sie aufgehoben und eingesteckt. Schweigend sind wir alle heimgegangen. Über das Erlebnis haben wir uns niemals ausgesprochen. Jedesmal, wenn wir den Mund auftaten, sahen wir das erstarrte Antlitz unseres Lehrers an der Türe, und das Wort erstarb. Neulich kramte ich unter Andenken. Da stieß ich auf die Drahtbrille. Ich wollte lächeln. Aber die Brille sah gar nicht mehr komisch aus. Grausam sah durch ihre leeren Löcher das verhängnisvolle Mißverstehen unserer Schulen.   Der Äther Als wir in der Physik zum Äther kamen, ergab es sich, daß keiner ihn verstand. Die Äthertheorie nämlich, die man erfinden mußte, um die Natur des Lichtes zu erklären. Der Professor mühte sich und mühte sich und sagte endlich sehr gereizt – es war in Bayern –: »Also, der Äther ist einfach der Träger des Lichtes, verstanden? Seid's jetzt ihr so vernagelt oder bin's ich?« Dann rief er den Wieselhuber auf und sagte: »Wieselhuber, weißt du, was ein Hund ist?« »Jawohl, Herr Professor,« sagte der Wieselhuber. »Und weißt du auch, was ein Strick ist?« »Jawohl, Herr Professor.« »Also, paß auf, Wieselhuber: Wenn der Strick am Schwanz von einem Hund an'bund'n ist, und am anderen End hast du den Strick in der Hand und ziehst gehörig an – was tut der Hund?« »Heul'n tut er, Herr Professor.« »Brav, Wieselhuber, brav. Und warum heult er?« »Weil's ihm weh tut, Herr Professor.« »Und warum tut's ihm weh – sag du das, Hausmann.« Der Hausmann war der erste in der Klasse. Er erhob sich und sagte: »Weil die Zerrbewegung des Wieselhuberschen Armes durch das Medium des Strickes auf den Schwanz des Hundes übertragen wird.« »Ausgezeichnet, Hausmann, ausgezeichnet. Also auf die Theorie des Lichtes übertragen: Was ist die Hand?« »Die Emissionsquelle des Lichtstrahls, Herr Professor.« »Gut – und der Schwanz des Hundes?« »Die Netzhaut des menschlichen Auges.« »Sehr gut – und der Strick, was ist der Strick?« »Der Äther, Herr Professor, als Träger des Lichtes.« Das vergaßen wir nie mehr. Und ich habe seither, all die vielen Jahre nach der Schule, keinen Hund mehr sehen können, der mit dem Schwanze wedelte, ohne zwangsweise an die Äthertheorie denken zu müssen. Und ich bin schmerzlich berührt gewesen, als ich dieser Tage in den ›Annalen der Physik‹ lesen mußte, es gäbe überhaupt keinen Äther. Der habe seine Rolle seit der Einsteinschen Theorie ausgespielt. Ich habe das meinem alten Schulkameraden Wieselhuber erzählt. Der war starr. »So,« hat er gesagt, »so? Und wie soll's denn dann der Hund spürn, wenn kein Strick dazwischen ist?«   Geographie Wenn ich an meine Geographiestunden in der Mittelschule zurückdenke, dann wird mir, ich weiß nicht, wie. »Heute kommen wir zu den Städten am Rhein,« sagte der Geographieprofessor und strich sich seinen Bart, um das erste Gähnen zu verbergen. Dann kam eine Pause. Darauf fing er wieder an: »Also zu den Städten am Rhein kommen wir heute.« Wieder eine Pause. »Also, was der Rhein ist, das wissen wir ja schon – Welzel, was ist der Rhein?« »Der Rhein ist Deutschlands schönster Strom,« schnurrte der Welzel herunter. Elegant umschiffte er die Klippe des Doppelzischlautes innerhalb Deutschlands schönstem Strom. Denn er hatte den Satz vorschriftsmäßig auswendig gelernt für heute. »Gut,« sagte der Professor, »jetzt soll der Leschner noch die Länge wiederholen.« Und der Leschner wiederholte die Länge von Deutschlands schönstem Strom: »Der Rhein ist elfhundertzweiundsechzig Kilometer lang,« sagte der Leschner, wie aus der Pistole geschossen. »Ist richtig – soo – und jetzt soll mir noch der Hausmann – nein, der Hausmann war schon in der letzten Stunde dran – jetzt soll mir noch der – der Schwegerl etwas sagen –« Schwegerl war mäßig interessiert. Schwegerl konnte mit den Ohren wackeln. Diese Ohren bewegte jetzt der Schwegerl in der Richtung nach dem Katheder und blinzelte dazu. Natürlich mußten wir lachen. »Schwegerl, warum lachst du?« sagte der Professor. »Ich habe nicht gelacht,« sagte der Schwegerl und legte seine Ohren wieder langsam nach rückwärts. Natürlich mußten wir jetzt noch mehr lachen. Und dann gab es, ebenso natürlich, eine viertelstündige Untersuchung über das Gelächter. Und natürlich kam nichts dabei heraus, denn wir hielten fest zusammen. Aber etwas, dachte der Schwegerl bei der Untersuchung, kommt doch heraus dabei: Er wird seine Frage an mich vergessen. Und verstohlen wollte er sich setzen. »Halt,« sagte der Professor, »halt, Schwegerl, du hast meine Frage noch nicht beantwortet – auf das Gelächter werde ich später noch zurückkommen. Also, Schwegerl, gib jetzt Antwort auf meine Frage.« Schwegerl schwieg und bewegte leise seine Ohren, wie zwei Fühler. Und wir zwickten uns erfolgreich in den Oberschenkel, um das Lachen zu unterdrücken. »Nun, wird's bald, Schwegerl?« Schwegerl schwieg, nur seine Ohren sprachen eine stumme Sprache. »Wenn du auf eine solche leichte Frage nicht antworten kannst, Schwegerl, muß ich dir einen Vierer notieren.« Schwegerls Ohren wurden vor Schrecken starr. Dafür ging jetzt sein Mund auf: »Entschuldigen Sie, Herr Professor, aber Sie haben mich noch gar nichts gefragt.« »Was? Ich hätte dich nichts gefragt? Natürlich habe ich dich gefragt. Sattler, sag ihm meine Frage.« Sattler war der Erste in der Klasse. Er wußte alles, er wußte mehr als alles, und er kannte den Professor in- und auswendig. »Als was stürzt sich der Rhein in den Bodensee?« deklamierte Sattler. »Nun, siehst du, Schwegerl, das habe ich dich gefragt.« Eine Welle der Empörung ging durch die Klasse. Ein drohendes Gemurmel flog auf. »Was ist denn los?« sagte der Professor. Ich hob den Finger, ich schnellte empor, ich haspelte heraus: »Der Sattler hat etwas gesagt, was Sie gar nicht gefragt haben, Herr Professor.« Ein anderer Finger flog in die Höhe: »Der Sattler hat etwas gesagt, Herr Professor, was Sie haben sagen wollen.« »Was ich sagen wollte?« sagte nachdenklich der Professor, und es gab eine lange Pause des Nachdenkens. Dann sagte der Professor: »Der Sattler hat recht – das habe ich wirklich fragen wollen. Also, Schwegerl: Als was stürzt sich der Rhein in den Bodensee?« Dem Schwegerl war die eisern festgelegte Antwort längst eingeflüstert worden: »Als ein Jüngling,« sagte er bedächtig, und seine Ohren legten sich befriedigt wieder nach hinten. Auch der Professor war befriedigt. »Schön,« sagte er, »als ein Jüngling – soo, und jetzt kommen wir also zu den Städten am Rhein – aufgepaßt, die ganze Klasse!« Mit dem Zeigestab fuhr er über die Landkarte. Jetzt blieb der Stab auf einem dicken runden Punkte stehen. Die Spitze zitterte darum herum: »Köln ist die größte Stadt am Rhein,« sagte der Professor langsam und feierlich. Und dann noch einmal: »Köln ist die größte Stadt am Rhein – Salzbrunner, wiederhol's.« Und der Salzbrunner wiederholte: »Köln ist die größte Stadt am Rhein.« »Schön,« sagte der Professor, und die Spitze seines Zeigestabes zitterte weiter nordwärts, »schön, und jetzt kommen wir zu Düsseldorf. Aufgepaßt, die ganze Klasse! Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein.« Dann kam eine Pause. Und dann: »Dort gibt es den besten Weinmostrich – den besten Weinmostrich – Brandstetter, sag's nach.« »Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein.« Dann schwieg er. »Weiter,« sagte der Geographieprofessor. »Düsseldorf ist die schönste Stadt am Rhein,« wiederholte der Brandstetter zögernd. »Weiter, weiter, immer weiter!« »Dort gibt es den besten – den besten Mostrich.« »Weinmostrich,« verbesserte der Professor. Und ich kann es wieder beschwören: Das war alles, was wir über Düsseldorf hörten. Neulich hat mich ein Freund, ein alter Klassenkamerad besucht. »Und wo hast du deinen Wohnsitz jetzt?« fragte ich ihn. »In Düsseldorf,« sagte er. »Aha,« sagte ich, »wo es den besten – den besten –« »– den besten Weinmostrich gibt,« ergänzte er und lächelte. Aber da fällt mir noch so ein schöner Satz ein, ein Wüstensatz, den wir bei ihm auswendig lernen mußten, als unser Geographieunterricht den afrikanischen Erdteil ausdörrte. »Gefleckt wie ein Pantherfell liegt die Wüste vor den Augen des Beschauers, gelb der Sand, schwarz die Oasen.« So hieß dieser Satz. Und ihr werdet mir sagen, das ist ein schöner Satz. Und recht habt ihr, es ist ein schöner Satz. Aber einen Augenblick, bitte – laßt euch diesen Satz fünfmal vorsagen, jedesmal mit einem wuchtigen Akzent vorne und einem unterdrückten Gähnen hinten: »Hr hrr. Gefleckt wie ein Pantherfell liegt die Wüste vor den Augen des Beschauers, gelb der Sand, schwarz die Oasen, uah . . .« und lernt ihn auswendig bis zum nächsten Freitag (beide Zeigefinger in den Ohren): »Gefleckt wie ein Pantherfell – gefleckt wie ein Pantherfell – gefleckt wie ein Pantherfell . . .«, und hört ihn wieder am nächsten Freitag, erst vom Schüler: »Wie ein Pantherfell liegt die Wüste vor den –« »Falsch! Der Nächste!« »Wie ein –« »Wieder falsch! Sattler, sag's du!« Und Sattler, der Erste, sagte stolz und fest. »Gefleckt wie ein Pantherfell liegt die Wüste . . .« »Brav, Sattler,« sagte der Professor, »soo – jetzt der erste noch einmal . . .,« und schreibt dann den Wüstensatz sauber nieder in eure Klassenarbeit: »Gefleckt wie ein Pantherfell . . .«, und hört ihn wieder bei der allgemeinen Wiederholung: »Gefleckt wie ein Pantherfell . . .«, und sagt ihn schließlich in der Prüfung vor dem Herrn Inspektor auf: »Gefleckt wie ein Pantherfell . . .«, und nachdem ihr das alles getan habt, will ich euch wieder fragen: »Ein schöner Satz, nicht wahr? Ein wundervoller Satz . . .?« Und dazu möchte ich euer Gesicht photographieren, daß ihr's wißt. Und als eine Rache, freilich, eine vorausgenommene Rache, hätte ich euch erlaubt, daß ihr mein Gesicht, daß ihr die Gesichter unserer Klasse abphotographiert hättet, als eines Tages ein neuer Geographieprofessor in unser Klassenzimmer trat und sagte: »Nehmt einmal den Atlas, bitte.« Den Atlas? O, der war noch fast ganz neu. Den Atlas hatten wir doch früher nie gebraucht? Was wollte nur der Neue mit dem Atlas? »Nun schlagt die Alpen auf.« »Wir wollen heute einmal eine Wanderung von München nach Venedig machen. Schaut die Karte genau an: Welchen Weg werden wir da wohl machen – der erste in der ersten Bank?« Der erste in der ersten Bank, das war der Sattler: »Entschuldigen Sie, Herr Professor,« sagte er, »das haben wir noch nicht gehabt.« »Das weiß ich schon, drum sollt ihr's selber finden lernen auf der Karte.« Aber der Sattler fand nichts auf der Karte, sondern blieb dabei, wir hätten es noch nicht gehabt. Und da geschah das Merkwürdige, daß der Schwegerl seinen Finger hob. Derselbe Schwegerl, der mit den Ohren wackeln konnte. Derselbe Schwegerl, der noch nie in einer Geographiestunde den Finger gehoben hatte. Und dann geschah das weitere Wunder, daß der Schwegerl tatsächlich den Alpenweg über die Brennerstraße aus der Karte herauslesen konnte. Fluß für Fluß, und Stadt für Stadt. Und des Schwegerl Ohren haben nicht gewackelt wie früher ›aus Klassenviecherei‹, sondern nur ein wenig gezittert haben sie vor lauter Eifer und vor Aufregung, daß er einen Alpenweg hat finden können, daß er einen Alpenweg hat finden dürfen . . . Und wie er fertig war, der Schwegerl, wie er angelangt war in Venedig, da sagte der neue Professor: »Das war ganz richtig aus der Karte herausgelesen. So, und nun will ich euch diesen wichtigen Alpenweg auch noch lebendig machen mit dem, was ich selbst darauf gesehen habe, als ich einmal südwärts zog.« Und dann erzählte der Neue, erzählte und erzählte . . . Mäuschenstill saßen wir auf unseren Bänken. Der grüne Innstrom rauschte. Innsbruck tauchte auf mit seinen Bergen überm ›Goldenen Dachl‹, seinen erznen Helden in der Hofkirche. Andreas Hofer stand am Iselberg mit seinen Schützen, die so prächtig zielen konnten. In die schweigende Pracht der Alpen ging es hinauf. Schäumend schoß der Eisack durch das Klassenzimmer – Bozen tauchte auf, das alte Bozen – und in der Ferne winkte schon Venedig . . .   O Königin –! Wand an Wand mit mir wohnt ein Plötzist. Er geht ins Gymnasium und hat jeden Tag Sätze »auf«. Sätze aus dem Plötz. Ich kenne das. Ich habe auch Sätze aus dem Plötz aufgehabt. Aber das war vor reichlich fünfundzwanzig Jahren. Vergessen und vorbei, dachte ich. Aber das stimmt nicht. Wer einmal Sätze aus dem Plötz aufgehabt hat, bleibt verseucht. Er muß früher oder später dran glauben. Besonders wenn die Wand so dünn ist und der Nachbar eine starke Stimme hat – »Die tapferen Generale,« dröhnte er, »die tapferen Generale –« »Aha,« dachte ich zwangshaft, » le général, les généraux , unregelmäßiger Plural, Plötz, Seite 23 –« »– hatten die blitzenden Schwerter in der Hand – hatten die blitzenden – hatten die blitzenden –« »Meinetwegen,« dachte ich, »was geht mich das an? Ich will mich jetzt an meine Arbeit machen –« »– hatten die blitzenden Schwerter in der Hand –« »In Gottes Namen, mochten sie sie in der Hand behalten, bis sie Starrkrampf hatten – aha, ein neuer Satz – bin doch begierig – doch begierig –« »Das Huhn des Kapitäns – das Huhn des Kapitäns –« »Huhn des Kapitäns? merkwürdig, das hatten wir nicht gehabt. Das Huhn des Kapitäns mußte erst in eine neue Plötzauflage hereingelaufen sein.« »Das Huhn des Kapitäns – das Huhn des Kapitäns –« Ich wurde ungeduldig, ich suchte mich zu beherrschen. Ich suchte mir einzureden, daß das Huhn des Kapitäns mich nicht so viel kümmere – »Das Huhn des Kapitäns – das Huhn des Kapitäns –« »Zum Donnerwetter,« dachte ich, »was war denn mit dem Huhn des Kapitäns?« »Das Huhn des Kapitäns – das Huhn des Kapitäns –« Ich trommelte gegen die Wand. Es trat Stille ein. Gott sei Dank, dacht ich. Aber das war ein Irrtum. Ein abgehacktes Huhn gibt erst recht keine Ruhe. Schicksale stiegen vor mir auf, dunkle Hühnerschicksale – da, hatte ich es nicht gewußt – »Das Huhn des Kapitäns ist im Hafen von Genua gestorben . . .« »Das arme Huhn!« dachte ich befriedigt, »aber immerhin, gestorben ist es – Friede seiner Asche . . . hm, ob es wohl ein Grab bekommen hat, das Huhn des Kapitäns? – oder ob gestorben nur eine plötzische Beschönigung für gefressenwerden ist? – sicher hatte es der Kapitän abschlachten lassen – Kapitäne sind oft roh – nicht, als hätte ich nicht selber dann und wann Verständnis für verdauliche Vernichtung eines Huhnes – aber meine Hühner sind damit erledigt, während die im Hafen von Genua gestorbenen Hühner des Kapitäns ewig im Plötz herumlaufen behufs Einübung des Genetivs – das Huhn des Kapitäns – welches Kapitäns? – wenn man diesen Menschen nur erwischen könnte – wenn ich an Plötz schriebe? – oder an die Hafenverwaltung von Genua –« »O Königin, du hast in deinem Garten – in deinem Garten – o Königin –« »Ah, endlich, die Königin – die geliebte alte plötzische Königin – die Königin, die etwas hat – behufs Einübung von avoir – gleichviel, was sie hat – im Plötz meiner Jugend hatte sie einen Sonnenschirm – einen roten, glaube ich – im Präsens, glaub' ich – im Imparfait hatte sie einen blauen Sonnenschirm, während sie sich im Passé défini mit einer Krankheit herumschleppte – la reine eut une maladie, hieß es auf Seite 27 des Plötz – aber sie ist nicht daran gestorben, die Königin, wie das Huhn des Kapitäns im Hafen von Genua – Plötz ließ es nicht zu –Plötz hatte die Königin noch einmal im Futurum nötig – la reine aura – die Königin wird haben – was wird die Königin haben? – wie man das nur vergessen konnte – la reine aura, aura – entweder war es ein Gemahl oder eine neue Krankheit, eine tödliche Krankheit – ach nein, nicht tödlich, plötzische Königinnen sind unsterblich –« »O Königin, du hast in deinem Garten – hast in deinem Garten – hattest in deinem Garten – wirst in deinem Garten haben –« »Aha, jetzt kam es –« »O Königin, du wirst in deinem Garten haben – o Königin, du würdest in deinem Garten haben – o Königin, du wirst in deinem Garten gehabt haben – o Königin, du würdest in deinem Garten gehabt haben –« Ich bibberte. Ich nahm einen Hammer. Ich würde ihn gegen die Mauer schleudern, wenn die Königin nicht endlich sagte, sagen würde, gesagt haben würde – »O Königin, du hast in deinem Garten ein Schwert, eine Ameise und eine Volksversammlung –« Ich war starr. Ich rannte auf den Gang. Ich riß die Türe des Nachbarzimmers auf: »Junger Mann,« schrie ich, »warum hat die Königin in ihrem Garten ein Schwert?« »Es – es steht so drin,« stotterte der Plötzist. »Unmöglich, vor einer Viertelstunde sagten Sie, daß sämtliche Schwerter im Besitze der blitzenden Generale –« »Eines wird die Königin zurückbehalten haben,« sagte schüchtern der Plötzist. »Gut, das Schwert mag hingehen, aber die Ameise –« »Aber ich finde es ganz natürlich,« sagte er, mutiger werdend, »daß in einem Garten Ameisen –« »–sen, gewiß, aber –se! Junger Mann, bleiben Sie bei der Wahrheit! Eben sagten Sie, die Königin habe in ihrem Garten eine Ameise – bedenken Sie, in einem großen Königsgarten eine Ameise, ausgerechnet eine einzige Ameise –« »Mir genügt die eine, den Plural von Ameisen haben wir noch nicht gehabt.« »Aber nun sagen Sie um Himmels willen, was bedeutet im Garten einer Königin neben einem verrosteten Schwert, einer einsamen Ameise noch eine ganze Volksversammlung!« »Wir wollen meinen Professor fragen, gleich beginnt der Unterricht, kommen Sie . . .« Ich kam. Ich stieg mit ihm die Treppen meines alten Gymnasiums hinauf. Sonderbare Gefühle beschlichen mich. Ich wurde unsicher. Mein rechter Arm kam mir so leer vor. Wo war denn meine Büchermappe? Herrgott, mein französisches Heft vergessen, und der Professor Schwippel, der da keinen Spaß verstand – »Entschuldigung,« sagte ich zu meinem Begleiter, »ich habe keine Zeit –« Aber da hatte er mich schon hineingeschoben in die Klasse, in die volle Klasse. Und Professor Schwippel, nur wenig älter als zu meiner Zeit, schob die Brille in die Höhe: »Ein neuer, nicht? – nein, nein, ich kenne Sie – ein Repetent, ein alter Repetent – gut, wir beginnen – der zweite in der ersten Bank: »Das Huhn des Kapitäns –« » La poile du capitaine mourut au port de Gênes. « »Na, das geht ja, jetzt der Repetent: O Königin, du hast –« »Ich wollte fragen, Herr Professor –« »Fragen kommen später,« sah er mich streng an, »erst mal übersetzen – O Königin, du hast in deinem Garten –« »Herr Professor, ich finde diesen Satz –« »Aha, Ausreden – nicht vorbereitet –« »Ich muß doch bitten, Herr Professor –« »Sie haben nichts zu bitten, zu übersetzen haben Sie: O Königin, du hast in deinem Garten ein Schwert –« »Das Schwert ist Blech, das Schwert ist blankes Blech –« »Unverschämtheit! Natürlich, diese Repetenten –« Er blätterte in einem Büchlein. »Sie waren schon vor fünfundzwanzig Jahren so ein Lausbub, ein nichtsnutziger – einen Vierer und außerdem eine Stunde Arrest! – setzen! Der Nächste –« stampfte Professor Schwippel mit dem Fuße auf . . . Ich erwachte, ich rieb mir die Augen, ich horchte . . . das Stampfen war ein Klopfen an der Türe. Ich stand von meinem Tische auf, an dem ich gestern abend eingeschlafen war, ein zartes Briefchen schob sich unten durch die Türe . . . »Sehr geehrter Herr! Bei diesem wundervollen Wetter sich in der Stadt zu treffen, wäre abscheulich. Ich schlage Ihnen das obere Birkenwäldchen vor . . .« »O Königin,« jubelte ich, »du hast – du bist – Donnerwetter, die verflixten Sätze aus der Schulzeit . . .« Es war ein wundervoller Nachmittag da droben im Birkenwäldchen. Adele saß neben mir auf einer Moosbank. Die Sonne schien so gütig. Auch Adele. Ich durfte mich an ihre Schulter lehnen. »Au!« schrie ich, von einer spitzen Busennadel gestochen, »au!« Lachend wollte sie mich begütigen. Aber die Nadel hatte die Sätze wieder in mir wachgestochen: »O Königin,« sagte ich düster, »du hast in deinem Garten ein Schwert –« Sie fuhr fort zu lächeln, während etwas Sechsfüßiges unter ihrem Kinn in holdes Dunkel krabbelte. »– eine Ameise –« Sie zuckte leicht zusammen, aber blieb. »– und eine Volksversammlung.« »Sie gemeiner Mensch. Sie werden sich doch nicht einbilden, daß ich für Sie allein auf der Welt bin!« rief sie und entlief. Auf Nimmerwiedersehn. Der verdammte Plötz!   Der Sprecher Ich meine nicht den allmächtigen »Speaker« im englischen Unterhause. Auch den Sprecher meine ich nicht, den man ans Radio anschließt. Noch weniger einen, der sich mausig macht, was wir Münchner Buben damals gleichfalls einen »Sprecher« nannten. Ich meine vielmehr unsren Rektor selig, der uns alle Nasenlänge – »Anlaß« hieß es amtlich – aus den Klassenzimmern in die Aula sprengte, um zu reden. »Verährte Ältern, wärtes Lährerkollächium, liebe Schöler! Könich Odo ist dod, äch benötze dese Drauerkonde, . . .« Ach ja, er hat sie benützt, diese Trauerkunde. Zu einer Rede hat er sie benutzt, die Punkt acht Uhr fünfundzwanzig anfing, und die zu Ende ging um – aber ich will's der Reihe nach erzählen. 8 Uhr 45 gähnte der Zeichenlehrer. 8 Uhr 50 unterdrückte der Naturgeschichtsprofessor einen Gähnkrampf mittels Nasenkitzeln. 8 Uhr 55 hatte das ganze »Lährerkollächium« um die respektiven Nasen was zu kitzeln. 9 Uhr wurde der Göggelmann von der Tertia ohnmächtig und mußte hinausgetragen werden, während es vom Katheder tönte: »Äch komme non zu meiner Räde zweiten Absatz . . .« »Ein Stiefel, dachte ich, hätte nur einen Absatz,« hörte ich neben mir den Aufsatzlehrer brummen. Um 9 Uhr 10 Minuten hatten die aus der Oberprima ein Mittel erfunden, um sich auf den Beinen zu erhalten. Immer zwei stützten sich Rücken gegen Rücken. Um 9 Uhr 15 Minuten hörte ich den Wiehrler Max zu seinem Nachbarn sagen: »Schaug, daß d' aa ohnmächtig werst, damit i mit nauskomm.« – »Meinst, des geht so leicht bei mir mit mei'm roten Beli, probier's du, du schaugst sowieso alleweil kaasweiß aus, dir glaubt ma's ehnder.« Da sie sich nicht einig werden konnten, wurden sie um 9 Uhr 30 alle beide ohnmächtig, der mit dem roten Beli und der mit dem kaasweißen, und wurden unter Beihilfe eines Trauergefolges hinausgebracht, dem sich lawinenartig ganze Erdrutsche von links und rechts anschlossen, während unerschütterlich der Sprecher droben weiterfuhr: »Äch komme non zu den sättlichen Folgerungen, die säch für ons aus däser Drauerkonde ergäben . . .« Nichts, was um ihn vorging, sah und hörte er. Um 9 Uhr 40 sagte der Ledermann Karl, der fade Mensch, der die Rede auf der hochgezogenen Kniescheibe nachstenographierte, er fände sie sehr interessant. Um 9 Uhr 45 als sie sahen, daß der ganze Vormittag dran glauben würde müssen, hatten alle Lehrer heimlich eine Verschwörung geschmiedet. In abgemessenen Zwischenräumen und auf Zehenspitzen räumte eine Klasse nach der andern das Lokal, um in ihren Zimmern unten ihrer Tagesarbeit nachzugehen. Da es Dutzende von Klassen waren, sollte der geheime Wechsel so gedeichselt werden, daß durch die Hinterpforte wieder neugestärkte Klassen einrückten, um die Lücken an der Vorderpforte eine Weile auszufüllen. Ich bin an diesem Tage dreimal aus der Aula aus- und in die Aula wieder eingerückt . . . ». . . ond so sähen wir denn, verährte Anwäsende –,« scholl's beim Fortgang, » . . . ond so haben wir denn gesähen –,« scholl's beim Eintritt. Wie ein zäher Gletscherstrom floß es durch diese Aula, indes es droben unbekümmert weitersprach und sprach: »Ond so fassen wir denn, läbe Anwesende, en onseremGeiste zosammen . . .« Elf Uhr dröhnte es dumpf von der nahen Paulskirche an die Aulascheiben und er faßte noch immer zusammen. 11 Uhr 30 . . . er faßte zusammen. 11 Uhr 40 . . . er faßte. 12 Uhr faßte der Pedell – sich ein Herz und rasselte mit den Schlüsseln. Zum ersten Male, daß der Rektor stutzte. Der alte Pedell stand, wie alle alten Pedelle, heimlich überm Rektor, welcher eilig schloß: ». . . ond in däsem Sänne bätte ich Sä, mit mir einzostämmen en dän Rof –« Er stockte. Er hatte den Ruf vergessen. Er begann von neuem. Die Aula leerte sich hastig. Ich wurde mit hinausgespült. Ich habe nie erfahren, welchem Ruf wir Folge hätten leisten sollen. Doch, ich habe es erfahren. Nach der Schule. Wir alle, welche wir uns damals gähnend und mit Wadenkrämpfen Rücken gegen Rücken aufrechthielten, haben es erfahren. Dem Ruf des Lebens hatten wir zu folgen. Wir folgten ihm. Wir wurden Männer. Wir arbeiteten. Wir wählten Führer in die Parlamente. Wir kamen einmal, als uns alte Oberprimaner der Zufall irgendwo zusammenspülte, auf den schnurrigen Gedanken, die Gewählten anzuhören. Da standen wir denn eines Tages, vor Ehrfurcht schauernd, auf der Parlamentstribüne. Jemand redete. »Meine sähr verährten Härren! Könich Odo ist dod . . .« So, oder wenigstens so ähnlich klang es. 3 Uhr 45 gähnte unser alter Klassenerster. 3 Uhr 55 unterdrückte unser alter Klassenletzter einen Gähnkrampf mittels Nasenkitzelns. 4 Uhr, als es von der Rostra tönte: »Äch komme non zom zweiten Ponkt . . .«, sahen wir uns erinnernd an und lehnten Rücken gegen Rücken. 4 Uhr 15 wurde der Göggelmann käsweiß, 4 Uhr 20 der Wiehrler Max krebsrot. »Äch komme non zo den sättlichen Folgerungen, dä säch aus däser Gesätzesvorlache ergäben . . .« Wir sahen uns an. Wir blickten nach der Wand, wo von Lenbachs Hand der Bismarck hing. Ach, daß der alte Pedell des Deutschen Reiches mit den Schlüsseln rasselte . . . Sieh da, hatten die umbuschten Augen nicht geblitzt. Hatte nicht der herbe Mund sich aufgetan. Ward der Mann am Rednerpulte nicht auf einmal seltsam irre: ». . . ond in däsem Sinne bätte ich Sä, mit mir einzustämmen en dän Ruf –« Er stockte. Er hatte den Ruf vergessen. Er begann von neuem: »– en dän Rof – dän Rof –« »An die Arbeit, Kinder!« wehte es vom Bild des alten Reichspedellen. Schweigend sind wir heimgegangen. Zu unserer Arbeit. »Da rauf bringt mich kein Mensch mehr,« sagte der Göggelmann. »Keine vierzig Ross',« sagte der Wiehrler Max. Nur der Ledermann Karl sagte nichts, der fade Mensch. »Na, warte,« sagten wir und – wählten ihn im nächsten Frühjahr in das Parlament.   Ungewollt »Bedaure, der Herr Lehrer ist nicht zu Hause,« sagte die alte verrunzelte Haushälterin zu dem großen fremden Herrn und wischte mit ihrer Schürze einen unsichtbaren Staub auf der Klinke der Gangtüre ab. »Ich bin sein alter Schüler,« sagte der Fremde, der nicht gehen wollte. »Dann – dann,« sagte das alte Weiblein unsicher, »dann – ich will doch mal fragen – er schläft nämlich immer um diese Zeit – einen Augenblick, bitte.« Sie verschwand im Halbdunkel des Ganges, kehrte aber bei der Schillerbüste nochmal um. »Wen darf ich – welchen Namen darf ich –?« Der große Fremde hatte schon eine Besuchskarte in der Hand. Es war viel Gedrucktes darauf. So lang konnte sein Name nicht sein. Da mußten auch Titel und Würden auf der Karte stehen. Eben tanzte über diese Karte das Flimmerlicht der messingenen Flurglocke, deren Griff noch vom Läuten vorhin hin und herschwankte. Diese tanzenden Lichtkringel schienen sich über die Titel auf der Karte lustig zu machen. Auf einmal hatte der Fremde die Karte wieder eingesteckt. »Sagen Sie, der Schmalhofer Emil sei da,« sagte er geschwind. Der Fremde saß allein im Besuchszimmer seines alten Lehrers. Er versuchte, das Zimmer vertraut anzusehen, die roten Armpolster auf den Fensterbrettern, die Bilder an den Wänden, den Tisch, die Stühle – aber das Zimmer schüttelte unvertraut den Kopf: »Ich kenne dich nicht.« – »Ich bin doch meinem alten Lehrer sein alter Schüler.« – »Ach, mein Herr hatte Hunderte von alten Schülern, Tausende vielleicht.« – »Aber ich war doch sein Lieblingsschüler.« – »Mein Herr hatte Dutzende von Lieblingsschülern, in jeder Klasse jedes Jahr einen, das macht seit den einundvierzig Jahren, seit er unterrichtet –« – »Aber ich bin doch unter den Dutzenden der Schmalhofer Emil, der –« Bis hierher war das stumme Gespräch zwischen dem Fremden und dem Zimmer gediehen, als aus dem Nebenzimmer eine sehr langsame Stimme wie von ferne hörbar wurde: »Wie, sagen Sie, Brigitte, daß er heißt? – Schmal Emil? – wie, Schmalhofer Emil? – warten Sie, warten Sie, Brigitte, – ja ja, jetzt weiß ich's wieder – einen Schmalhofer Emil hatte ich einmal – ganz am Anfang, ja, ganz am Anfang – war damals noch ein junger Lehrer, selbst beinahe ein Schmalhofer Emil – ja, ja, sagen Sie dem Schmalhofer Emil, sein alter Lehrer käme gleich, käme sofort – wie, nicht so laut soll ich sprechen? Er könnte es nebenan hören? – aber das schadet doch nicht, Brigitte, dann brauch ich's ihm nicht noch einmal zu sagen, dem Schmalhofer Emil . . .« Der Fremde im Besuchszimmer lächelte. Er hatte den zerarbeiteten Kopf über die Stuhllehne geneigt und horchte auf die ferne Stimme seines alten Lehrers, der da drinnen nach Schwerhörigenart so laut und langsam sprach. Durch eine dünne Tür von ihm getrennt. Dünn? Ei, dick genug war diese Türe, immerhin so fünfunddreißig Jahre dick. Der Fremde saß noch immer da, mit der Hand am geneigten Ohr, wie einer, der am Meeresstrand sich über einen Felsen beugt nach einer Melodie, die aus einem längst verschlossenen Wellengrabe aufsteigt und nun von fern dahergesegelt kommt . . . Dann saß er auf dem Sofa seinem alten Lehrer gegenüber. Der hatte keinerlei Willkommensatz gedrechselt. Nur immer angesehen hatte er den Fremden. Und erst nach einer ganzen Weile hatte er nach der Hand des Besuchers gegriffen und langsam und mit unverwandtem Gesicht gesagt: »Das also ist – das also ist –.« Es war noch ein Fragezeichen in dem Satz. Er vollendete ihn auch nicht. Er suchte in dem fremden Gesicht noch das geistige Faltengewebe ab, an dem sein Unterricht einmal mitgewebt hatte. Aber er fand lauter fremde Knüpfungen, keine, die er geschlungen hatte. Das waren breite Linien des schaffenden Erfolges in der Welt da draußen. Das waren harte Arbeitsmuster, die keine Schule webt. Das waren unzählige Enttäuschungsfältchen, die keine Schule kräuselt. Das waren verwüstete Flächenstücke auf den Wangen, über die die Faust »Ich will!« hinfuhr, bis hinauf auf die angegraute Schläfe – lauter Dinge, die keine Schule und kein Lehrer ins Gesicht von Schülern gräbt. Jetzt zuckte der Fremde unter dem forschenden Blick des alten Lehrers ein wenig ängstlich mit den Augen. »Das also ist –« hatte der zum dritten Male fragend angesetzt. Und da war es, daß das ängstliche Augenzucken die Leine, die Erkenntnisleine über die fünfunddreißig Jahre hinüberwarf, und daß der alte Lehrer nicht mehr fragte, sondern händeschüttelnd zum vierten Male anhub: »Ja, ja, das ist noch mein alter Schmalhofer Emil, grüß Sie Gott!« »Grüß Gott, Herr Lehrer,« sagte der Fremde. »Sie sind was Tüchtiges geworden da draußen, in den fünfunddreißig Jahren, ich seh' es Ihnen an.« »Wie man's nimmt, Herr Lehrer. Sie haben mich Bahnen im Orient bauen lassen. Sie haben mich zum Leiter von Gesellschaften gemacht, die deutsche Pionierarbeit im Auslande leisten. Sie –« »Emil Schmalhofer,« unterbrach ihn der Lehrer, »Sie erzählen dieses ›sie‹, als wären dieses ›sie‹ die Leute, als würde dieses ›sie‹ klein geschrieben.« »Und wie meinen Sie, Herr Lehrer, daß es geschrieben werden müßte?« »Groß. Nicht die Leute haben Sie zum Pionier gemacht. Sie selber taten's, Emil Schmalhofer.« Stolz auf seinen alten Schüler schimmerte im Satz. »Hm, mit dem großgeschriebenen ›Sie‹ mögen Sie vielleicht recht haben, Herr Lehrer,« sagte der Besucher bewegt. »Na also, Schmalhofer Emil,« klopfte ihm der Lehrer auf die Schulter. »Aber nicht so, wie Sie es meinen, sondern – sondern umgekehrt.« »Umgekehrt? ›Sie‹ umgekehrt gibt ›Eis‹,« scherzte der Lehrer. »Eis? Gut, auch das soll gelten, Herr Lehrer. Ich bin heute zu Ihnen gekommen, ein fünfunddreißigjähriges Eis zu schmelzen. Um Ihnen zu sagen, Herr Lehrer, daß ich den Erfolg auf meiner Lebensleiter Ihnen verdanke. So meine ich das ›Sie‹. – Sie haben mich zum Pionier da draußen gemacht –.« »Ich?« sagte der alte Mann erschrocken, »ich? Sie täuschen sich, Schmalhofer Emil – Sie müssen einem alten Lehrer nach so langer Zeit keine freundlich geschmierten Honigschnitten überreichen – ich weiß ganz genau, daß erst das Lebensfeuer hinter der Schule den Stahl macht – daß so ein ehemaliger Lehrer für Deutsch und Geschichte blutwenig zu der Stahlbereitung beitragen kann und –« »Herr Lehrer, Sie müssen mir schon den Gefallen tun, meine Worte ernst zu nehmen. Als Leiter einer Auslandsbahn von zehntausend Kilometern ist man kein Schönheitsschwätzer mehr. Da meint man, was man sagt. Da reist man nicht mitten in der Arbeit einen Tag und eine Nacht extra in die vergessene Heimatstadt, um seinen alten Lehrer einen vollgestrichenen Honiglöffel hinzuhalten: ›Bitte, machen Sie den Mund auf, Herr Lehrer.‹« »Schmalhofer Emil,« jubelte da ein alter Lehrer, »wäre es wirklich möglich, daß ich armes Lehrerlein, ohne es zu wissen, Ihnen – Ihnen –« Er fand die Worte nicht. »– mir die Türe aufgestoßen haben zu einem steilen Bergweg, jawohl, Herr Lehrer, das ist nicht nur möglich, das ist mehr als möglich, das ist die Wahrheit.« Der Lehrer war vom Sofa aufgesprungen. Ein Stößlein verbesserter blauer Hefte hatte er achtlos von einem Tisch gewischt. Ans Fenster war er mit den alten Füßen getrippelt. Auf die roten Fensterbrettkissen hatte er von rückwärts seine Arme aufgestützt. Zu wachsen schien er. Der dünnbehaarte Lehrerschädel trommelte vor Erregung an der Fensterscheibe. »Aber Schmalhofer Emil, bedenken Sie doch nur,« sagte er, mit einem Abendrot auf den alten Wangen, das einem Morgenrot auf Mädchenwangen zum Verwechseln ähnlich war, »bedenken Sie doch nur, Schmalhofer Emil, was könnten die paar deutschen Aufsätzlein für einen Einfluß –?« »Ich meine nicht den deutschen Aufsatz, Herr Lehrer.« »Oder was könnte der Lieblingskaiser meines Geschichtsunterrichts, was könnte Barbarossa auf Sie für einen Einfluß –?« »Es war auch nicht der Barbarossa, Herr Lehrer.« »Oder der Themistokles –?« »Auch der Themistokles war's nicht, Herr Lehrer,« wetterte es über des Besuchers Gesicht. Einen Augenblick schien der Lehrer betroffen. Seine hochgestützten Hände schienen vom roten Fensterpolster herabrutschen zu wollen. Aber dann strafften sie sich wieder: »Aha, jetzt weiß ich's,« sagte er fast verschmitzt, »jetzt weiß ich's. Der Leonidas, der heldenhafte Leonidas, den ich euch schilderte, der war's, der auch Sie auf Ihrem Weg begleitet hat, und der –« »Nein, Herr Lehrer, der Leonidas hat mich nicht begleitet. Seien Sie nicht böse, daß ich heute kaum mehr als seinen Namen von ihm weiß, wenn ich auch einen Nebenstrang unserer großen Eisenbahnlinie in sein Land hineingelegt habe –.« »Wie, die Thermopylen hätten Sie beschient mit Ihrem Eisen?« »Nicht ganz, Herr Lehrer. Aber ich und mein Eisen sind in dieser Stunde Nebensache. Von Ihnen wollten wir ja sprechen, von Ihrem Eisen, das Sie mir ins Rückgrat eingeschoben haben, und das nicht gebrochen ist bis heute, Herr Lehrer.« »Von meinem Eisen?« stotterte der alte Lehrer, »ich wüßte wirklich nicht, Herr Direktor, daß –« »Schmalhofer Emil heiß ich.« »Ich wüßte wirklich nicht, Schmalhofer Emil, daß in meinem Unterricht jemals die Rede war vom Eisen oder etwas Eisernem.« »Sie haben recht, Herr Lehrer: Nicht in Ihrem eigentlichen Unterrichte –« Die aufgestützten Hände rutschten jetzt wirklich vom Fensterpolster herab. Kleiner wurde die Gestalt. Der alte Lehrerschädel trommelte nicht mehr gegen die Scheibe dahinter. Vorüber sank er ein wenig. Kaum sichtbar war der alte Lehrermund, der jetzt murmelte: »Nicht in meinem Unterrichte, Schmalhofer Emil – nicht in meinem Unterrichte?« »Wenigstens nicht in Ihrem amtlichen Unterrichte, Herr Lehrer.« »Ach so, Sie meinen, nicht im lehrplanmäßigen,« leuchtete die Lehrerhoffnung bescheidener wieder auf, »Sie meinen sicher eine Randbemerkung, die nicht eigentlich zum Unterricht gehörte, ja, ja, mit solchen unvorgeschriebenen Glossen kann ein Lehrer sein Herz oft mehr aufschließen, als mit einem langen Lehrplan, ach ja, ach ja.« Jetzt hatte sich auch der Besucher vom Sofa erhoben. Ganz nahe war er seinem Lehrer unters Angesicht getreten. Fest schaute er ihm ins Auge, als er sagte: »Recht haben Sie. Das von den Erziehern Gewollte, das Lehrplanmäßige, ist nie das Entscheidende für einen Jungen. Entscheidend ist das Ungewollte, selbst das Unbewußte – was einem so herausrutscht – nein, nicht herausrutscht – was plötzlich wie ein Falke in die Luft stößt und den Schüler auf den Schwingen mitnimmt – Kreise ziehend – hoch, höher – weit hinein in den Orient etwa – und sehen Sie, um für ein solches ungewolltes Wort aus Ihrem Mund zu danken, für einen solchen Falken, der einmal von Ihnen in die Luft stieß und den Schmalhofer Emil hochnahm, ohne daß Sie's wußten – deshalb bin ich hergekommen – dieserwegen hat's mich nach fünfunddreißig Jahren plötzlich einmal gepackt: ›Mensch, geh' zu deinem alten Lehrer und danke ihm für jenes gute Wort, bevor's zu spät ist.‹« Wieder stieg die Mädchenröte in die wächsernen Lehrerwangen. Aber sein Mund ging nicht mehr auf. Er saß jetzt auf einem Stuhl und horchte nur, ein wenig vorgebeugt den Kopf, genau wie vorhin der Schmalhofer Emil selber. »Nein, nein, Herr Lehrer, es war auch keine Randbemerkung im Unterricht – ich sehe schon, ich muß es kurz zusammenfassen, sonst reden wir noch in einer Stunde aneinander vorbei. Vielleicht wissen Sie noch vom Schmalhofer Emil, daß er eigentlich ein schüchterner Junge war. Jawohl, von Natur aus hatte ich immer Angst – noch heute spüre ich manchmal einen Rest davon in einem ungewissen Augenzwinkern – aber damals saß mir die Ängstlichkeit um und um, die mich nicht herzhaft anfassen ließ, die mir weite Strecken meiner Jugendzeit unrettbar verdorben hat. – Wovor ich ängstlich war, weiß ich selber nicht – vielleicht vor mir selber und den Kräften, die in mir schlummerten – sei's wie's sei, ich hatte alle Klassen durch Angst vor meiner eigenen Courage, bis – bis mich in der letzten Klasse ein Satz von Ihnen wandelte – nein, nein, lassen Sie mich fertig erzählen – es ist jetzt ganz rasch gesagt, wie Sie einmal in einer Geschichtsstunde nicht erschienen sind – wie eine Viertelstunde, eine halbe Stunde in unserer Klasse verging – wie wir unruhig wurden – wie mich die andern aufs Rektorat hinunterschickten – wie ich zaghaft im Vorzimmer des Rektors stand und nicht zu klopfen wagte – wie zwei erregte Stimmen aus dem Rektorzimmer kamen – wie eine Stimme sagte, ich weiß es noch wie heute, weil es wie ein Aufschrei klang: ›Ich habe immer das getan, wovor ich mich gefürchtet habe!‹ – Ha, wie eine Offenbarung traf dieser Satz mein Jungenherz – aus dem Vorzimmer rannte ich, wieder die Treppe hinauf ins Klassenzimmer. Die Klasse lärmte mir entgegen: ›Was ist, was hast gehört?‹ – ›Was ich gehört habe,‹ sagte ich wie geistesabwesend, ›ich habe immer das getan, wovor ich mich gefürchtet habe.‹ – ›Der Schmalhofer Emil ist nicht ganz bei Trost!‹ schrien sie – ich glaube, verprügelt hätten sie mich, wenn nicht plötzlich Sie eingetreten wären, Herr Lehrer, weiß wie der Wandkalk, vom Rektorzimmer kommend – Ihre Geschichtsstunde aufnehmend . . . Was ist Ihnen, Herr Lehrer? Ist Ihnen nicht wohl? – Habe ich täppisch alte Erinnerungen heraufbeschworen, die Ihnen wehe tun? – Reden Sie, reden Sie, Herr Lehrer!« »Es ist nichts – mir ist nicht gut – das Alter eben, das Alter, Schmalhofer Emil,« versuchte das plötzlich eingefallene Gesicht des alten Lehrers zu lächeln, »seien Sie mir nicht bös, wenn ich – wenn ich –« »Ich gehe – aber ich darf wiederkommen, – morgen, nicht wahr, wenn Ihnen wieder gut ist – ich habe – ich habe Ihnen ja noch gar nicht richtig gedankt – gedankt für Ihren Satz von damals – für Ihren Edelfalken, der mich hochnahm: ›Ich habe immer das getan, wovor ich mich gefürchtet habe‹ – denn sehen Sie, von da ab tat ich, was ich damals hörte – tat ich immer gerade das, wovor ich mich gefürchtet habe, und bin – und bin ein Pionier geworden, Herr Lehrer – dafür dank' ich Ihnen, Herr Lehrer – nicht bös sein, Herr Lehrer, gelt? – und morgen darf ich wiederkommen . . .« Er kam nicht wieder. Ein Bote suchte ihn im ersten Hotel und brachte ihm ein Brieflein. Zittrig liefen auf dem Briefbogen ein paar Sätze durcheinander: »Mein lieber Schmalhofer Emil, Sie müssen nicht mehr wiederkommen. Sie haben sich geirrt. Zweimal sogar. Den Satz vom Tun und Fürchten hat in meiner bittersten Stunde der Rektor gesprochen, nicht ich. Sie haben die Stimmen verwechselt. Und auch den Satz selber hörten Sie nicht richtig. Ein ›nicht‹ darin muß in der Rektortür damals stecken geblieben sein. ›Ich habe das getan, wovor ich mich nicht gefürchtet habe,‹ hat damals mein Rektor und mein Feind gesagt. Nehmen Sie's nicht tragisch. Daß Sie ein Falke hochnahm, der aus Ihrer eigenen Brust stieg, nicht aus der Ihres alten Lehrers, ist das schlimmste nicht. ›Entscheidend für einen Jungen‹, sagten Sie, ›ist nicht des Lehrers Lehrplan, sondern ist sein Ungewolltes.‹ Recht haben Sie. Ich bin bescheiden geworden, lieber Pionier; ich bin zufrieden mit dem Ungewollten. Ihr alter Lehrer.«   Beim Haarschneiden Als ich zum ersten Male das englische › th ‹ mit vorgeschobenem Unterkiefer herauszischen konnte, und › lay ‹ von › lie ‹ zu unterscheiden vermochte, bekam ich den englischen Koller. Das war auf Seite 185 vom Deutschbein in der Unterprima. Manche bekommen den englischen Koller ein paar Seiten später erst beim Gerundium. Aber bekommen tun sie ihn alle. Einfach deshalb, weil sie Deutsche sind. Es ist ein Rückschlag in die Blutsverwandtschaft unserer englischen Vettern unter Hengist und Horsa. Weiter nichts. Beim englischen Koller verschiebt sich das Gedächtnis in der Richtung nach Liverpool. Man gockelt vom heimischen Bahnhof her mit der müden Empfindung: »O, sein das ein minderwertig German Stadt, the devil übereinander . . .«, und dann sucht man einen anständigen Friseur. Also suchte ich auch einen Friseur damals, einen anständigen. Am Gradinger Bernhard hinterm Glockenbach ging ich detestfully vorbei. Weil das ein Friseur aus meiner vorenglischen Zeit war, der mir schon als kleinem Buben die Haare schnitt. Wohingegen ich beim Friseur Schwartenmaier Georg in der Prielmaierstraße völlig unbekannt war. Weshalb ich also in den Laden des Schwartenmaier Georg stelzte. Als ich steifleinen über die Schwartenmaiersche Ladenschwelle schritt, war ich jeder Zoll ein trueborn Englishman . Was ich zunächst dadurch bewies, daß ich nicht grüßte, sondern meinen Hut auf dem Kopfe behielt. Alsdann versuchte ich meinen Mund so zu bewegen, als ob ich einen Doppelleberknödel zu kauen und dazwischen »Schastikum Gummi Elastikum« zu sagen hätte. »Schastikum Gummi Elastikum«, vermischt mit einem gekauten Leberknödel, gibt klar und deutlich: » I want to have my hair cut, Sir, « wobei ich mit einer rasierenden Bewegung über meinen Hut hinfuhr. Worauf der Friseur Schwartenmaier Georg mit Verbeugung sagte: » O yes. « Was mich beinahe aus der Fassung brachte, weil ich blitzschnell denken mußte: Um Gotteswillen, ist der Schwartenmaier etwa auch aus Liverpool ein trueborn Englishman ? Aber als er weiter sagte. »Des wer'n ma glei ham, Herr Inglischmann«, ward ich wieder zuversichtlich und flegelte mich in einen Armstuhl vor dem Spiegel. Nach Deutschbein, Seite 96, flegelt sich ein jeder Englishman beim Sitzen hin und streckte die Beine aus. »Schaug'n nur an, den g'selchten englischen Affen, wie'ra sich ins Fotöich einischmeißt,« sagte jetzt der Friseur Schwartenmaier zu seinem Gehilfen. Auf ein Haar wäre ich empört emporgefahren. Aber rechtzeitig fiel es mir noch ein, daß ich ja directly aus Liverpool gekommen war und keine Ahnung von deutscher Sprache zu haben hatte. Laut Deutschbein, Seite 123, sprechen reisende Engländer niemals eine andere Sprache als die englische. So begnügte ich mich damit, meine englische Hand nochmals gentlemanlike über meinen Kopf kreisen zu lassen und einen Doppelleberknödel zu kauen. »Ja, mei Lieba,« sagte der Friseur Schwartenmaier mit gewinnendem Lächeln und einem wiederholten Bückling, »da müssen S' wenigstens Ihren damischen Hut runtertuan, Sie ausg'stopfte Angorikatz Sie.« Dabei blinzelte er nach dem Friseurgehilfen hinüber, der – ich konnte es deutlich durch den Spiegel sehen, – plötzlich Magenkrämpfe zu bekommen schien. Ich beschloß, » O yes « zu sagen und mich im übrigen nicht zu rühren, um keine Kenntnis von der ausgestopften Angorikatze zu verraten. Worauf mir der Friseur Schwartenmaier mit einer eleganten Handbewegung meinen Hut abnahm und an den Nagel hängte. Während er mit der Schere klippte, beschloß ich, mich wenigstens auf englisch für die Gemeinheit zu rächen und ihm ein saftiges englisches Schimpfwort in aller Kühlheit an den Friseurschädel zu schmeißen. »Hundsheitener Schuft, gemeiner!« beschloß ich, ihn zu heißen. Auf englisch, natürlich. »Himmelssakra,« dachte ich, »wie heißt jetzt gleich ›Schuft‹ auf englisch?« Aber ich kam nicht darauf. In dem ganzen Deutschbein war ein so notwendiges Wort für den Umgang mit Menschen nicht vorgekommen. Und »hundsheitener« natürlich erst recht nicht. Der verfluchte Deutschbein: ›Die tapferen Generale hatten die blitzenden Schwerter in der Hand‹, so was stand natürlich drin. Zweimal sogar. Einmal auf Seite 67, und das zweite Mal auf Seite 73. Und ›Ist die Schwester des Gärtners deines Onkels im Garten?‹ mit der dazugehörigen Antwort: ›Nein, aber es sind viele Obstbäume darin‹ – alles das stand darin, auf Seite 46, glaub ich – aber von ›Schuft‹, von einem ›hundsheitenen Schuft‹ keine Spur – nicht einmal bei den unregelmäßigen Verben. Nun bitt ich Sie . . . Aber da fiel mir ein: ›gemein‹, was ›gemein‹ heißt, das stand drin. ›Das Haus der Gemeinen‹ auf Seite 43 – ich erinnerte mich genau – das hieß › The House of Commons ‹. Also ›gemeiner Kerl‹ wenigstens konnte ich ihm sagen. Und während er noch immer mit der Schere klippte, quetschte ich mit einer nachlässig-freundlichen Handbewegung heraus: » O yes, you common man, you! « »Was hat er g'sagt, der englische Spritzer?« wandte sich der Friseur Schwartenmaier an seinen Gehilfen. » O yes, kurz möcht er's g'schnitten ham, seine Haar,« erklärte der Gehilfe zuversichtlich. War mir gar nicht eingefallen. Sondern im Gegenteil – mittellang wollte ich sie geschnitten haben. Aber das half nun nichts. Denn der Herr Schwartenmaier hatte schon einen tüchtigen Büschel herausgesäbelt aus meinem englischen Haar. Und dann ging es friedlich weiter. Zwischenhinein sagte der Friseur immer wieder eine liebreiche Bemerkung an die Engländer im allgemeinen und an mich im besonderen, und umrahmte sie gefällig mit einem › O yes ‹ hinten und einem verbindlichen heimtückischen › O yes ‹ vorne. Ich aber hielt stille und murmelte dann und wann: » O yes, you common man, you - you common man, you. « Fürs Leben gern hätte ich ein ›Rindvieh‹ oder so was zugesetzt. Aber es ging nicht, es ging einfach nicht – einfach deshalb, weil der Deutschbein glatt versagte. Immerhin, es machte sich. Und die Schneiderei war fast zu Ende, als der Friseur Schwartenmaier plötzlich zu seinem Gehilfen sagte: »Woaßt, Schorschel, bei dem damischen Engländer kannst ruhig das Doppelte verlangen, wenn er zahlt – a Trinkgeld geb'n die notigen Hanswurscht'n ja doch net, woaßt.« Es durchfuhr mich siedend. Hier war der Punkt, wo selbst mein gelassenes Engländertum sterblich war. Ich hatte nämlich nur knapp soviel Geld bei mir, als die Münchner Gebühr für das Haarschneiden seit Menschengedenken betrug. Ich hatte eine fürchterliche Wahl: eine englische Insolvenzerklärung oder ein nachträgliches Bekenntnis zu meinem Deutschtum. Ich schwankte – heiß stieg es mir in meinen Schläfen auf. Da beschloß ich . . . In diesem Augenblick ward die Tür geöffnet, und ich ward starr vor Schrecken: durch den Spiegel sah ich, wie der Milchfraupepperl, mein alter Kamerad aus der vorenglischen Volksschulzeit, zum Haarschneiden hereinkam. Ich gab ihm ein verzweifeltes Zeichen mit der Hand, ein internationales Zeichen. Aber er hatte schon den Mund geöffnet und schrie: »Jessesna, da is ja der Müllerfritzel – Servus . . .!«   Das eiserne Gedächtnis Als er ein Knabe war, spielte er mit andern auf der Straße. Am liebsten tollte er den langen Zaun entlang, hinter dem die Eisenwerke lagen. Es ging nicht immer friedlich zu. Räuber und Gendarmen spielten sie. Das waren wilde Jagden. Am tollsten aber ging es zu, wenn die Losung ›Deutsche und Franzosen‹ war. Da stürzten sich die jungen Heere aufeinander, als gälte es Tod und Leben. Im Nahkampf wirbelten die Fäuste und Füße. Man zeigte sich mit Stolz die blauen Male auf den Heldenhäuten. Immer siegten Deutsche über die Franzosen. Das war recht natürlich. Denn man stellte stets die Schwächeren auf der andern Seite ein. Einmal aber ging's verkehrt. Da tat der kleine Doppler Emil auf der andern Seite mit, der neue Schüler, den man noch nicht kannte. Und der entwickelte strategische Talente mit einem Löwenmute, daß die Wage nach der andern Seite ausschlug: Die Deutschen mußten fliehen. Welche Schande! Sie rannten regellos den langen Zaun entlang. Und immer dichter kam der Feind auf ihre Fersen. Da raffte er, der Riesenhofer August, im blinden Zorne einen Eisenstein vom Boden, der von den Erzvorräten seines Vaters an den Zaun gekollert war. Den schmiß er in die Reihen der Verfolger. Niemand sah es in dem Durcheinander, wer den Eisenstein geworfen hatte. Der flog dem Doppler Emil auf die Stirne, prallte ab und sprang im Bogen wieder übern Zaun aufs Eisenlager. An seinem Rande war Blut. Was folgte war nicht lustig. Der Doppler Emil brach zusammen. Man trug ihn heim. Gehirnentzündung, wochenlanges Krankenlager, und am Ende noch Verlust der Sehkraft eines Auges. In der Schule, bei den Eltern gab es eine lange Untersuchung. Ohne Ergebnis natürlich. Denn der Riesenhofer August schwieg. Dann flossen Jahre darüber hin. Schwächer wurde das Gedächtnis an den unheilvollen Wurf. Schließlich wischte es der Werfer selbst aus seinem Kopfe. Er sprach sich frei und hatte es vergessen. So der Mensch. Nicht so der Stein von Eisen. Den faßten Eisengreifer auf dem Lager, wo er hingefallen war, und warfen ihn auf einen Wagen. Der Wagen ward elektrisch über eine schiefe Bahn gezogen und kippte auf der Höhe seine Last in ein dunkles Maul. Das war die Gicht eines Hochofens. Da kollerte der Eisenstein auf silbergrauen Koks, der glühend wurde von den heißen Winden, die vom Ofen unten in die Höhe strichen. Der kleine Blutfleck zischte auf und sott sich in den Eisenstein hinein. Unauslöschlich, unausrottbar. Jetzt war die Lohe stärker. Der Eisenstein erweichte. In einer dicken Träne rann er durch den Ofen und tropfte durch die Schlacke in das untere Becken. Da floß er an das Stichloch, ward abgelassen und rieselte mit Funkensprühen durch den Sand zur Pfanne. Die führte ihn ins Stahlwerk. In einer Riesenbirne ward er dort zu Stahl geblasen, war ein Stück von einem Block in weißer Glut, erkaltete zur Rotglut, knirschte unterm Walzwerk und verließ als Stückchen einer Stange die Fabrik. Nur um in eine andere zu wandern. Da ging er nochmals durch die Hitze, durch Pressen und durch Stanzen und durch hundert Hände. Und am Ende ward es eine saubere, spitze, kleine Feder. Die lag im Federkasten bei dem Händler vor der Schule. Die sah den Riesenhofer August eines Tags durch die Türe kommen und hörte, daß er Federn kaufen wollte. Da blitzte sie ihn an, so daß er unwillkürlich nach ihr griff und sie erstand. »Wissen Sie,« sagte der Riesenhofer August zu dem Händler, »ich will mein Examen morgen damit schreiben.« »Ei, da wünsche ich Glück, Herr Riesenhofer,« sagte der Händler und unterstrich das Herr. »Danke,« sagte der Riesenhofer August lächelnd, denn er hatte ein gutes Gewissen. Ein gut Gewissen? War da nicht ein dunkler Punkt . . .? Ach was, ein gut Gewissen zum Examen. Denn er war der Erste in den Klassen stets gewesen. »So,« sagte der Rektor am andern Tage und teilte die Prüfungsblätter für den deutschen Aufsatz aus, »das Thema heißt: ›Unauslöschlich sind des Menschen Taten‹. Ihr habt vier Stunden. Nehmt euch zusammen. Der deutsche Aufsatz zählt am meisten.« Die Federn der Gymnasiasten setzten sich langsam in Bewegung auf den weißen Blättern. ›Unauslöschlich sind des Menschen Taten‹, ei, das ist ein schönes Thema, dachte der Riesenhofer August und begann zu schreiben. Er machte einen Schwung zu einem U. Aber sonderbar – es ward ein D daraus; n schrieb er, und es war ein o. Mit Erstaunen sah er, wie da plötzlich Doppler Emil auf dem weißen Bogen stand. Die Feder hatte es geschrieben. Es war ihm sonderbar zumute. »Herr Professor, einen neuen Bogen, bitte,« sagte er, und seine Stimme zitterte ein wenig. Wieder setzte er die Feder an, und wieder stand ganz deutlich Doppler Emil auf dem Bogen. Mit zusammengebissenen Zähnen schrieb er weiter. Doppler Emil – Doppler Emil – Doppler Emil – . . . bedeckte sich die Seite, unermüdlich, unerbittlich. Dem Primus brach der Schweiß aus. Jetzt stockte seine Feder. Hängen blieb sie an einer losen Faser am Papier, bog sich und – schnellte weiter – Doppler Emil. Und mit dem Schnellen seiner Feder schnellten auch die Gedanken des Riesenhofer August um Jahre rückwärts zu einem langen Zaun, zu einem wilden Knabenspiel, zu einem bösen Steinwurf, zu einem böseren Verschweigen . . . »Ich bitte um die Erlaubnis, Herr Professor, einen Augenblick zum Rektor gehen zu dürfen,« sagte der Primus. Erstaunt sah ihn der aufsichtsführende Professor an. »Sie sind ganz weiß, fehlt Ihnen was?« »Ich muß dem Rektor etwas sagen, Herr Professor.« »Dann machen Sie geschwind, Riesenhofer, die Zeit ist kostbar.« Ein Gymnasiast stürmte über die Treppen und den Gang ins Rektorzimmer. »Herr Rektor,« quoll es aus bedrängter Brust, »Herr Rektor, ich habe zu bekennen, daß ich vor fünf Jahren den Stein geworfen habe, wovon der Doppler Emil blind auf einem Auge wurde. Ich bitte, es bekannt zu geben. Meinem Vater will ich es bekennen. Ich will ihn herzlich bitten, für den Doppler Emil auch zu sorgen, der sich hart tun soll in einer Lehre. Und ich bitte auch um meine Strafe, Herr Rektor.« Der Rektor runzelte die Stirne und besann sich. »Geh zurück an deinen Aufsatz,« sagte er langsam, »nach der Prüfung wird sich alles finden.« Wieder stürmte ein Gymnasiast über die Treppen und die Gänge. Diesmal mit einer freien Brust. Wieder saß der Riesenhofer August in dem Prüfungssaal auf seiner Bank vor einem neuen Bogen und setzte seine Feder an zum Schreiben. Ein freier Schwung – da stand das U, da stand das n, da stand das a . . . ›Unauslöschlich sind des Menschen Taten‹, leuchtete schwarz vom Papier. Und dann schrieb der Riesenhofer August einen Aufsatz, der durchglüht war vom erstrittenen Mute. Es war sein bester Aufsatz. Und als er fertig war damit, wischte er die Feder wieder glänzend. Und diese Feder hat der Riesenhofer August heute noch.   Müller \& Co. Neun Jahre war ich alt damals. Und mein Vater hatte ein Speditionsgeschäft in der Bayerstraße. Müller u. Co. hieß es und war nach meiner Meinung das erste Speditionsgeschäft der Welt. Welcher Junge hätte seines Vaters Handel nicht gerade so betrachtet? Aber dieses Jungen Kameraden sind ebenso natürlich die geborenen Zweifler. »Was?« sagten sie, »was? das größte Speditionsgeschäft der Welt? Daß i net lach – schon in der nächsten Straße kennt's kein Mensch mehr.« Jetzt galt es meines Vaters Ehre und die meine. Eine Ehre wieder herzustellen, dazu sind die Wetten da: »Woll'n wir wett'n,« sagte ich, »woll'n wir wett'n, wenn wir in der nächsten Straße irgend einen Menschen nach der Firma meines Vaters fragen – woll'n wir wett'n, daß er auf der Stell' uns sagen kann, wer sie ist und wo sie ist – woll'n wir wett'n, ha?« »Jesses, da mußt d' glatt verliern, mei Liaba . . .« Also gut, zu fünft bogen wir die Heustraße hinein. Ein dicker Mann kam uns entgegen. »Sie, erlaub'n S',« sagte ich, »wo ist denn da Müller und Kompagnie, das große Speditionsgeschäft von Müller und Kompagnie?« »Müller und Kompagnie? Müller und Kompagnie?« sagte der Dicke freundlich, »ja mei, Kinder, da geht's grad um die Ecken rum dort, nacha sechts es scho.« Und dann ging er weiter, der Dicke. Ich aber stand vor meinen Kameraden triumphierend als ein König. »Sechts es jetzt, ös Schneider übereinand . . .« sagte ich. »Des gilt net, das war zu nah. Noch eine Straße weiter – wenn's da auch so bekannt ist, nacha stimmt's,« sagten die »Verspielten«. Und dann gingen wir in die Landwehrstraße. Ein dünner Mann kam uns entgegen, ein himmellanger. »Sie, erlaub'n S', wo ist denn da Müller und Kompagnie, wiss'n S', das große Speditionsgeschäft Müller und Kompagnie?« »Müller und Kompagnie?« sagte der, »wart einmal, Müller und Kompagnie –?« Plötzlich sah er scharf in mein Gesicht. »– Müller und Kompagnie, sagst d', willst d' wissen,« und haut mir eine runter, »du g'hörst ja selber dazu, du Lausbua, du drecketer!«   Wispern Es war so langweilig im Wagen, wie es Vorschrift ist nach drei Stunden Bahnfahrt. Da stiegen drei Schulbuben ein. Sofort ward's heller. »Heut hamma's eahm aber zeigt!« rief der mit der blauen Kappe. »Sapprawolt, hat si der gfuchst!« schnalzte der mit dem grünen Hut. »I gönn's eahm, dem faden Hanswurschten!« schloß der mit der roten Mütze. Der fade Hanswurscht war der Lehrer. Die Einigkeit war lückenlos. Wie immer, wenn es über einen hergeht. Dann kamen die letzten Klassenrechnungen aufs Tapet. »a Quadrat muß mit b multipliziert wern!« rief der mit der blauen Kappe. »Net wahr is's, dividiert muß's wern!« schnalzte der mit dem grünen Hut. »Alle zwei seid's Deppen, d' Wurzel werd draus auszogn!« schloß der mit der roten Mütze. Sie lachten, daß es schepperte. Innere Einigkeit braucht durch geteilte Meinung nicht gestört werden. Dann kam die Rede auf ein Mäderl. »Mir hat s' ein Abziehbildl geschenkt,« rief der mit der blauen Kappe. »Mir a Banderl!« schnalzte der mit dem grünen Hut. »Und mir zwoa!« schloß der mit der roten Mütze. Sie lachten nicht mehr. Aber in die Haare fuhren sie sich doch nicht. Bei aufgedeckten Karten hat das keinen Sinn. Da wisperte der mit der blauen Kappe dem mit dem grünen Hüterl was ins Ohr. Der mit dem grünen Hüterl überlegte, daß der mit der roten Mütze sich darüber ärgern könnte, blinzelte ihm zu und wisperte ihm was ins Ohr. Weil die drei Köpferln schon so eng beisammensteckten, zog der mit der roten Mütze den mit der blauen Kappe am Ohr heran und wisperte hinein. So wisperten sie und wisperten alle drei zu gleicher Zeit reihum. Und weil jedem, der da wisperte, selber was ins Ohr gewispert wurde, verstand keiner ein Wort bei dieser allgemeinen Wisperei. Mißtrauisch schossen ihre Äuglein hin und her und, hast du nicht gesehn, war eine stramme Keilerei im Gange, daß die Kappen, Hände, Haare sich ineinanderfilzten. »Ja, was waar denn jetzt net dös!« sagte der würdevolle Zugführer, »warum raufts ös Himmelherrgottsschlingel gar so grausam, han?« »Weil – weil der gewispert hat, der gemeine Hund!« rief der mit der blauen Kappe. »Und der aa!« schrie der mit dem grünen Hut. »Und die no mehra, die zwoa Schuften!« schnappte der mit der roten Mütze. Und raufte weiter, daß die Fetzen flogen. Da hielt der Zug auf offener Strecke. Eins, zwei, drei, waren die drei Bürscheln auf den Bahndamm gesetzt. »So,« sagte der Zugführer, sich die Hände reibend, dieweil der Zug sich wieder in Bewegung setzte, »zwei Stunden ham 's noch z'laufen in der Sonn, da können sie sich bequem auswispern.« Im Wagen herrschte Schweigen. Bis plötzlich einer aus dem Leitartikel in der Zeitung aufsah: »Die verdammte Geheimdiplomatie! So gut hätten sie sich vertragen, die drei Nationen –« »Welche?« fragte ich. Er zeigte auf zerfetzte Kopfbedeckungsreste auf dem Boden: »Welche? Die mit der blauen Kappe, die mit dem grünen Hut, die mit der roten Mütze.«   Falsche Namen Der Übelacker Maxl und ich, wir hatten's immer mit dem Wasser. Als Realschulbuben hatten wir im Lech ein heimlich Sonntagsbadquartier. Heute noch, wenn einer Sonntag sagt, muß ich ans Wasser denken, und wenn einer was vom Wasser sagt, so wird mir's auf der Stelle sonntäglich. Natürlich war das Baden dort verboten. Es ist ein Naturgesetz, was köstlich war in Jugendtagen, ist verboten. Sonst wär's vielleicht nicht halb so köstlich. Und ebenso natürlich wurden wir erwischt. Wir sahen ihn von weitem kommen, den schweigenden Wachtmeister mit dem beredten Bart. Blitzschnell züngelte im Wasser unsre Überlegung hin und her: »Er schreibt uns auf – er zeigt uns an – weißt was? Falsche Namen! Verstehst?« »Falsche Namen? Aber –« »Der Bimpfinger sagt, wenn man so erwischt wird, muß man immer einen falschen Namen –« »Ja, aber was für einen?« »Ganz einfach, irgendeinen.« »Also sag ein'.« »Sag du ein'.« »Jesses, du wirst wohl einen Namen wissen!« »Xerxes.« »So was Dumm's!« »Weißt ein' bessern?« »Stempfhuber.« »Schaf, so heißt der Bürgermeister.« »Dann – dann – Fliegen – Fliegenbrummer vielleicht?« »Weißt nicht noch was Dümmer's!« »Oder Hinterschustermeister?« »Den gibt's ja gar nicht.« »Dann vielleicht Rettichschwanz?« »Den glaubt er nicht.« »B'sinn du dich – g'schwind, g'schwind!« Wir schwitzten. Gibt's doch hunderttausend Namen, und ein falscher ist so schwer. »Jetzt weiß ich's – ich sag dein'.« »Und ich?« »Du? Du sagst mein'.« »Haut scho'!« Da stand er schon, der Schutzmann. Er sagte kein Wort. Nur sein Bart wackelte, und sein Bleistift schrieb. »Müller Fritz,« sagte der Übelacker Max unaufgefordert. »Übelacker Max,« sagte ich erzstirnig. Ein Blick des Schutzmanns nach den Realschulmützen im Gesträuch. Und schweigend stapfte er von dannen, die Sache war erledigt. Irgend etwas Dunkles, Ungeklärtes saß uns zwar den ganzen Sonntagnachmittag im Hinterkopf. Aber wir dachten immer scharf daran vorbei. Krampfhaft zuversichtlich hatten wir den Montag angefangen. Die erste Stunde verlief glatt, die zweite glänzend. Um zehn Uhr stand der Rektor in der Klasse und sagte: »Wegen verbotenen Badens im Lech eine Stunde Arrest haben die Schüler Müller Fritz und Übelacker Max.« Sprach's und schwand. Der Übelacker Max und ich, wir sahen uns starr an. Die Geheimnisse göttlicher Unerbittlichkeit durchrannen uns. Auch die Gerechtigkeit hat dunkle Wege, dachten wir. Was nütze nun der ganze Aufwand falscher Namen? Nein, wir wollten nie mehr wieder . . . Gott, in wieviel Flüssen mit und ohne Wasser haben wir seitdem gebadet trotz Verbots – wie oft blinzelten wir Brüder gleicher Kappen uns in diesem Leben zu: »Bscht, weißt was? Den legen wir herein . . .« Wieviel falsche Namen haben wir den Fragen dieses Lebens angegeben – Nicht nur ich und der Übelacker Max. Du auch, mein Freund. Wir alle, Freunde. Ganze Völker selbst nicht ausgenommen. Warum, warum? Irgend etwas Dunkles, Ungeklärtes, sitzt uns freilich dann die ganze Zeit im Hinterkopf. Der Abend würde kommen, die Nacht . . . Krampfhaft zuversichtlich fangen wir da drüben unsern Montag an. Bis der Herrgott schweigend am Katheder steht, mit einem Blick dich umfassend und uns alle. Ja, uns alle. Nicht einer, der nicht falsche Namen angegeben hätte. Wozu, wozu? Was nützte nun der ganze Aufwand, Freunde . . .?   Vom Hans, der nicht Dankschön sagen konnte Heißen wir ihn Hans. Denn er ist ein berühmter Mann geworden. Und alle berühmten Männer haben, als sie ganz kleine Jungen waren, Hans geheißen, oder Hansi, oder Hansl, oder Hansei, oder Hansemann. Später hießen sie natürlich anders. Amadeus etwa, oder Wolfgang, oder Konrad, Ferdinand, oder Zacharias. Der Hans also war ein prächtiger Junge. Aber er konnte nicht Dankschön sagen. »Hans, bedank' dich beim lieben Onkel Paul für den lieben Apfel.« Hans blieb stumm. »Aber Hans, ein braver Bub, bedankt sich fürs Geschenkte!« Hans verzog das Gesicht ein wenig. Es sah fast wie Schmerz aus. »Hans, Hans, der Onkel Paul erwartet, daß ein lieber Junge sich auch lieb bedankt!« So klein und glatt es war, das Kindergesichtel, es arbeitete drin und pflügte. Aber Dankschön sagen tat es nicht. Der Dank ist eine Ernte. Eine Ernte schießt nicht hinterm Pflug hervor. Zwischen Pflug und Ernte steht Regen, Wind und Schnee. Und währenddessen wächst es still und unvermerkt und Zoll um Zoll nur, und man weiß nicht, was es werden will. Und erst, wenn die andern nicht mehr daran denken, und sich abgewendet haben, überfällt es sie mit einem Male weich und schwer von hinten: Halme schießen um sie auf, sonder Zahl, Ähren nicken ihnen zu und überdachen sie und streicheln sie: »Weißt du noch? Ich bin dir etwas schuldig.« Aber sie wissen nichts. Und sie sind arg verwundert, wenn sich die Ähren plötzlich ohne Dreschen spreiten und wenn die goldne Körnerflut ihnen sanft und unvermutet in den Nacken rieselt: »Dankschön, danke schön,« rieseln die Körner. Und noch immer tun sie nicht den Mund zum Dankschönreden auf, weil sonst Mehl in alle Winde stäubte. »Entschuldige, lieber Onkel, Hans ist so ein sonderbares Kind, man kann ihn nicht zum Danken bringen.« »Na ja, er wird es lernen,« sagte Onkel Paul beleidigt und ging. Draußen sprach er es herum: Ein Kind hätten die, das sei schauderhaft erzogen. Keine Ahnung hätte es von Anstand und Gemüt. Denn Grundlage allen Anstands sei doch, daß man danken könne. Oder ob es einer besser wisse? Nein, es wußte keiner besser. Nein, er habe recht, ein wohlgesetzter Dank sei etwas Köstliches. Dieser Hackstock von einem Hans brauche sich nur Onkel Pauls Sohn, den Max, zum Vorbild zu nehmen. Wie wisse dieser wohlerzogene Junge zu danken. Ein Vergnügen sei es, zu geben, wisse man sich so bedankt. Ja, oder Onkel Pauls Tochter, die Friederike, hieß es von der anderen Seite. Ob man schon ein Kind einen zierlicheren Dankknix habe machen sehen, als die Friederike? Der möchte man immerzu was schenken, nur um sie knixdanken zu sehen. Oder ob man besser dankknixen sage? Das sei gleich, auf die Gesinnung komme es an. Er, der Onkel Paul, sehe nur auf Gesinnung. Und darum sei es ihm so schmerzlich, einen so gesinnungslosen Neffen, wie den Hans . . . Während dieser Verhandlungen über den Dank hätte man dreiundzwanzigmal den von Onkel Paul geschenkten Apfel essen können, so zog er sich in die Länge. Der Dank, nicht der Apfel. Aber es war nicht der Apfel allein, für den der Hans nicht dankte. Der Lehrer schenkte ihm ein Bild für seinen Fleiß. Er nahm es und blieb stumm. »Ei, Hans, bedanken könntest du dich doch dafür?« Hans verzog das Gesicht und warf Fältchen, wie bei einer Knospe, die eine plumpe Hand gewaltsam zur Blüte auseinanderwickelt. Hans fiel in den Bach. Jemand zog ihn heraus. Der triefte von Wasser. Nicht so der Hans von Dank. »Aber Hans, so danke doch!« Hans schlug die vom Wasserschrecken aufgerissenen Kinderaugen noch größer auf. Nur die Pupille blieb klein. Wie ein Lichtlein, das einen menschenlebenlangen Weg erst hergewandert kommt. Dann brachten sie ihn ins Bett. »Hat er nun eigentlich gedankt oder nicht?« »Vielleicht, seine Augen waren wenigstens ganz naß.« »Das kann auch Bachwasser gewesen sein.« Und sie stritten sich, ob Bachwasser, oder Salzwasser. Am liebsten hätten sie den liebevollen Finger gestreckt und geleckt: »Nein, jetzt so etwas: süßes Bachwasser! Es ist ein grundverdorbener Junge!« Hans lernte tanzen. Auf seinem ersten Ball führte er seine erste Tänzerin stumm auf ihren Platz zurück. »Ich glaube gar, dieser junge Mensch hat sich nicht einmal bei dir bedankt?« sagte ihre Tante. »Aber Tante, ich hatte doch die gleiche Freude,« entschuldigte sie ihn. Hans trat ins Leben. Er kam schwer voran. Er dankte nicht. Sie duckten ihn. Sie behandelten ihn schlecht. Er hatte Unglück. Sie lachten ihn aus. Er arbeitete wie ein Pferd. Er kam nicht hoch. Da geschah es eines Tages, daß ein Vorgesetzter gütig zu ihm war. Von der Güte, die er mechanisch dann und wann an alle Untergebenen streute, und deren Quittung man, am Schreibtisch sitzend, ohne aufzusehen erwartet: »Ich danke Ihnen, Herr Geheimrat . . . Ich bin Ihnen zu tiefstem Dank verpflichtet, sehr verehrter Herr Geheimrat . . . Sie überwältigen mich mit Ihrer Güte, hochverehrter Herr Geheimrat . . .« So saß auch jetzt der Vorgesetzte, halb über seinen Schreibtisch gebeugt, empfangsbereit für die gewohnte süße Litanei . . . Ei, was war denn das? Der Mann schwieg? Der Mann dankte nicht? Das war denn doch das erstemal, daß – Der Geheimrat schaute auf. Zum ersten Male sah er einen aufrechten Menschen vor sich stehen, kerzengerade und stumm. Nur die Augen leuchteten ein wenig mit dem ungewissen Lichtlein, das von ferne her zugewandert kommt und noch lange unterwegs sein wird. Der Geheimrat überlegte: Wenn das in diesen Augen und in dieser Haltung Dank war, dann hatte sich noch keiner in der Beamtenschar bei ihm bedankt. »Es ist gut, Sie können gehen.« Dem Vorgesetzten ging's noch einen Tag und einen halben durch den Kopf. Dann vergaß er's. Wenn man hundert Untergebene hat und hunderteins gekrümmte Rücken um sich sieht, verschwindet einem auch ein grader drunter. Auf einmal sah er ihn wieder vor sich stehen. Im Sommerurlaub war es, hoch auf einem Berge droben. Der Geheimrat war allein gegangen, hatte sich verstiegen, ward von einem Sturm überrascht, duckte sich unter einem Felsenvorsprung und blinzelte zum Himmel, ob es nicht bald besser würde. Da sah er über sich im Wettermantel einen Mann im Sturme fechten. Mit beiden Armen focht er mit den Elementen. Ein unbändiges Vergnügen schien er dabei zu haben. Kerzengerade stand er. Gewaltig übertönte er den Sturm: »Ich danke dir, Sturm!« schrie er, »dich kann ich brauchen, dich und deinesgleichen! Nur her mit dir, Geselle. He, he, ich danke dir, ich danke dir!« Nach dem Sommerurlaub ließ der Geheimrat den Hunderteinen zu sich kommen: »Sie brüllen Ihren Feinden einen Dank ins Gesicht. Das Holz ist selten. Ich bin schon lange auf der Suche nach ihm. Sie sind mein Mann. Sie sollen steigen.« Der vor ihm stand unbewegt. Nur seine Augen glitzerten einen Einwand: »Aber wenn ich danken müßte?« – Hans stieg und dankte nicht. Hans wurde groß und dankte nicht. Hans überholte seinen Gönner, den Geheimrat, und dankte nicht. Hans wurde Minister und dankte nicht. Hans kämpfte mit den Parteien, mit dem Unverstand der Massen, mit Verrat, mit seinem König, mit Gott, der Welt und mit dem Teufel. Und nach jedem Strauß schloß er sich ein ins Kämmerlein, warf die Arme und rief frisch und froh: »Ich danke euch, ich danke euch. Euch kann ich gebrauchen. Her mit euch, nur her mit euch!« Als Hans auf seines Lebens Höhe seinem Vaterlande diente, passierte seinem Onkel Paul, der ganz verarmt war, etwas Sonderbares. Es floß ihm jährlich von einem Unbekannten eine Rente zu. Es mußte ein Verrückter sein. Denn auf den Anweisungsabschnitten stand jedesmal: »Zum Ausgleich für den Apfel.« Und zur selben Zeit war es, daß ein pensionierter Lehrer zu seinem Geburtstag ein großes, teueres Werk erhielt, das er sich längst gewünscht hatte, ohne es von seinem schmalen Gehalt anschaffen zu können. Der Absender war unbekannt. Nur in der großen Bücherkiste lag ein kleiner Zettel: Von einem, der sich nicht bedankt hat. Nicht lange nachher war es, daß ein kleiner Kaufmann vor dem Bankrott stand. In der Not des Ertrinkens griff er und vergriff sich am Gute eines Menschen. Und als die Fälligkeit des Gutes da war, als der Mensch bei ihm erschien und als er's ihm bekennen wollte, bereit, danach ins Gefängnis zu wandern, überreichte jener eine Quittung. »Ich danke Ihnen für die Rückerstattung. Aber da hat Ihr Mittelsmann zwischen den Geldscheinen aus Versehen einen Zettel liegen lassen – sehen Sie.« Und er las die unbegriffenen Worte: »Eine Rettung vom Ertrinken ist der anderen wert.« Als seine Zeit erfüllt war, kam's bei dem berühmten Manne zum Sterben. »Du Liebe,« sagte er zu seiner Gattin neben seinem Sterbebette, »es drückt mich noch etwas: Ich habe dir damals auf meinem ersten Ball nicht für den ersten Tanz gedankt.« Es blitzte aber bei diesen Worten ein ganz kleiner Schalk in den Augen des Sterbenden. »Aber Liebster,« weinte die Frau, »als ob nicht dein ganzes Leben ein unverdienter Dank für mich gewesen wäre.« »Ich bin so froh, mein treuer Kamerad, daß ich dir nie anders zu danken brauchte – lebe wohl.« So starb der berühmte Mann, der jetzt natürlich – schlagt in keinem »Kürschner« nach – nicht mehr Hans hieß. Noch lange Zeit standen die Leute verwundert vor seinem Grabstein, auf dem klein in der linken Ecke zu lesen stand: »Dank sag auf der Stell' dem Ungemach, Dank tu zu deiner Zeit in deiner Sprach!« »Schade, daß die Verse hinken,« sagten viele. »Dafür ging er selber um so grader,« sagte einer. Der Betrug »Geradeaus, zweites Hinterhaus, dritte Tür links, da schafft er immer noch, der alte Krengeldanz,« sagte die Putzfrau und schwabbelte vor Verwunderung, daß der noble Mann den verdrehten Zimmermann besuchen wollte. »Aber hören tut er so gut wie nix!« rief sie dem Noblen nach. Der drehte sich nicht um. Er hörte selber schlecht, der Professor Waxenstein. »Geradeaus, zweites Hinterhaus, dritte Türe links,« murmelte er, und sein Zylinder zitterte leicht, als er unter der offenen Werkstattüre stand. Der alte Krengeldanz hobelte ein hochgelegnes Brett. Unterm Ellenbogen sah er den Besuch und hobelte ruhig weiter: »Jaja,« sagte er, »ich komme schon, wenn möglich heute nachmittag.« Raaatsch ratsch, raaatsch ratsch, machte der Hobel. »Sie irren sich –« »Jaja, ich weiß schon, Lüster in der Aula – also heute nachmittag.« Raaatsch ratsch, raaatsch ratsch . . . »Du irrst dich wirklich, Krengeldanz,« sagte der Weißhaarige leise, nahm den Zylinder ab, setzte sich auf einen Holzbock, faltete die Hände überm Knie und sah den Hobler traurig an: »Krengeldanz, kennst du mich nicht mehr?« Der Hobler setzte ein paar Hobelstriche aus. Es kam ja früher öfter vor, daß gelehrte Herren mit ihm plaudern mochten. Freilich, jetzt, wo er beinah' taub war – immerhin, man konnte ja dem Rektor den Gefallen tun, sich so zu stellen, als ob – »Jaja, so geht es halt –« »Krengeldanz, verstell dich nicht – ich bin der Waxenstein!« »Jaja, so ist es,« nickte der Hobler, raaatsch ratsch, raaatsch ratsch – »Krengeldanz, hör' mich an – ich will kein spätes Drama machen – bin zu alt dazu – du auch – will ganz still bekennen – komm, leg deinen Hobel hin –« Er legte den Hobel wirklich hin. Aber nicht, weil er's gehört hatte – kein Wort verstand er – sondern weil ihm etwas aufgefallen war im Angesicht des Fremden. Fremde Gesichter still studieren war sein einziges Vergnügen geworden, seit er taub war. Nur durfte man's nicht merken lassen – sie könnten's krumm genommen haben – sondern reden lassen und nicken, reden lassen und nicken . . . »Jaja, Herr Rektor, jaja –« »Krengeldanz, was soll der ›Rektor‹ – schau, sogar zum Geheimrat haben sie mich längst gemacht da draußen – aber was sind Titel, wenn man beichten geht – ja, beichten. Krengeldanz – wirst zwar sagen, hätt' mir Zeit gelassen, seit ich damals in der Prüfung – du weißt doch noch, im alten Max-Gymnasium –« »Jaja, Max-Gymnasium, jaja,« sagte der Zimmermann, dessen taube Ohren aus den Wortgeräuschen seltsam dieses eine Wort herausgepickt, »ich weiß schon, Max-Gymnasium – Lüster in der Aula –« raatsch ratsch, raatsch ratsch – »Du hast's also nicht vergessen, Krengeldanz, wie wir damals in der Prüfung unterm Lüster saßen – komm, hör' auf zu hobeln, Krengeldanz – wie du die Mathematikaufgaben zum Pulte hingetragen hattest, wo der Aktuar die Zeitung las, derweil ich über mein Blatt versehentlich die Tinte goß – nein, das letzte hast du nicht gewußt – warst ja hinausgegangen – hast nicht gewußt, daß sich mir vor Schreck die Haare sträubten – eine Vier im Fach, das sechsmal zählte, um Gottes willen – hast nicht gewußt, daß mein Blatt ganz unlesbar geworden, und daß keine Zeit mehr war, sie neu zu rechnen – wußtest nicht, wie ich doch vom Aktuar neues Papier verlangte – ›Da,‹ sagte er und sah nicht auf, so daß ich mit den leeren Blättern dein abgeliefert Blatt unbemerkt hereingenommen habe, auf das Bänkchen unterm Lüster – hast nie erfahren, daß ich alles abschrieb – daß mir aber plötzlich der Gedanke kam: ›Wie, wenn Fehler drin sind, die dein Abschreiben ans Tageslicht bringen?‹ – daß ich, wie im Fieber, dein Blatt zusammenknitterte und in die Tasche schob – daß ich in fliegender Eile deine Schrift nachahmend, auf dem leeren Blatte deinen Namen schrieb und eben daran war, etwas veränderte Lösungen draufzumalen, als es läutete – als der Aktuar hinter seiner Zeitung auffuhr: ›Einsammeln, rasch, keine Minute darf laut Vorschrift zugegeben werden!‹ – und als er, wie wir zögerten, an den Bänken entlang tigerte und alle Blätter wegriß, darunter auch das angefangene mit deinem Namen!« Der Sprechende verschnaufte: »Krengeldanz, jetzt ist's heraussen,« setzte er mit einem Blick zum Boden zu. »Soso ist die Geschichte?« sagte der alte Hobler, der kein Wort verstanden hatte. »Das wird schon passen,« dachte er, »das paßt auf alle hunderteins Geschichten, die die Leute meinen tauben Ohren schon anvertraut haben – schnurrig sind die Leute oft, so schnurrig.« Und laut setzte er hinzu: »Jaja, da kann man halt nichts machen.« »Krengeldanz, das sagst du jetzt so ruhig? – Freilich hätte ich noch was machen können, damals – hätte vor Verkündigung der Prüfungsnoten hin zum Rektor laufen können: ›Das hab' ich getan, ja das!‹ – aber dann hätten sie mich geschmissen – während so – wer weiß, vielleicht kamst du trotz des leeren Blattes durch – vielleicht ward alles gut – vielleicht konnten meine reichen Eltern deinen armen Eltern ein wenig unter die Arme greifen zum Ausgleich – vielleicht konnte ich – ›. . . und Schüler Krengeldanz ist wegen völligen Versagens in einem Fache durchgefallen,‹ gellte mir des Rektors Stimme in den Ohren – und hat doch nicht so arg gegellt, als was du, totenbleich, neben mir geflüstert hast: ›Weiß schon, es wird der deutsche Aufsatz sein‹ – Krengeldanz, wirst du je verzeihen können, sag?« Den Boden baten seine Augen. Raatsch ratsch, zwei Hobelstriche: »Hm ja, das ist so eine Sach' – eine Sach' –« »Schau, Krengeldanz, ich könnte sagen, dein Vater, der kleine Handwerksmann, war damals praktisch am Bankrott – könnte geltend machen, mein Vater hat auf meine flehentliche Bitte helfend eingegriffen – könnte anführen, daß ich als Student von meinem Monatswechsel gut ein Drittel sparte, was dann namenlos an deine Adresse ging, damit du die Lehre, in die du nach dem Durchfall eingesteckt warst, leichter überstehen solltest – all das könnt' ich sagen und noch mehr, womit ich meine Schuld betäubte damals, daß sie wirklich 's Maul nicht aufgemacht hat, viele, viele Jahre – was aber nützt das alles – unterirdisch hat's mich doch herumgetrieben all die Zeit her – gewiß, ich bin vorangekommen in der Welt, was man so heißt – habe Ehren eingeheimst und Titel, Orden – aber glaub mir, Krengeldanz: ich bin nie froh geworden mehr seitdem – weißt du, was das heißt: nie froh – weißt du, was das sagen will: immer wenn eine Freude kam, eine Freude fällig war, die ich mir mit einer Arbeit oder einer Treue verdient zu haben glaubte, wenn das Gesicht die Sorgenfalten abwarf und die Entspannung kommen wollte, die dem Leben erst den Sinn des neuen Quellens gibt – hui, gellte mir das Flüstern in die Ohren: ›Weiß schon, der deutsche Aufsatz wird es sein‹ – ratsch, weg war alle Freude – ja, raatsch ratsch, wie es dein Hobel macht – Krengeldanz, die Strafe war nicht klein – und doch und doch, es soll Leute ohne Freude geben, die damit keine Schuld zu büßen haben – also blieb ein ungetilgter Rest, ein Rest der Reue, den ich mitgeschleppt durchs Leben – schau, Krengeldanz, gewerkelt habe ich wie du durchs ganze Leben, ehrlich mich geschunden, um eine Unehrlichkeit zu vergessen – eine, Krengeldanz, ich habe nur die eine – ich hab' es endlich mit der rastlosen Werkelei dahingebracht, daß dein Flüstern dumpfer ward und dumpfer – daß ich mit Erfolg so tat, als könnt' ich's nicht verstehen – daß ich mich betrog, bis sie mich jetzt am späten Lebensabend pensionierten. – Und was geschah – am ersten arbeitslosen Tage gellte es: ›Weiß schon, der deutsche Aufsatz wird es sein!‹ – Als alten Mann hat es mich hergetrieben in die lang gemiedne Vaterstadt, an die mich nichts mehr band, als ein Gymnasialverbrechen – hergetrieben, um's dir in die Ohren abzubeichten: ›Nein, Krengeldanz, der deutsche Aufsatz war es nicht, ich bin es gewesen, der Geheimrat Waxenstein, der die Leiter aufstieg hinter dem Betrug, indessen der Betrogene sich durchs Leben hobeln mußte!‹ – Einmal hat es ja so kommen müssen, das war klar – nur was mir nie recht klar geworden draußen, Krengeldanz, das war: ›Warum hat's der Krengeldanz in seinem Fach nicht hochgebracht, warum ist er seiner Lebtag – sei nicht bös – ein Flickzimmermann geblieben, der sich von den Sorgen für den nächsten Tag nie los hat schuften können mit aller Arbeit?‹ – Gar zu gerne hätt' ich mein Gewissen damit ausgestopft: ›Also hätte es der Krengeldanz, auch wenn er durch die Prüfung damals durchgekommen wäre, auch nicht weitgebracht‹ – grausam hat man mir den bequemen Star gestochen, als ich herkam: ›Jaja, der Krengeldanz hat sich damals, als er durchfiel, dem Alkohol ergeben vor Verzweiflung, und des Vaters Kampf dagegen war ein Schlag ins Wasser deshalb, weil der Junge monatlich geheimnisvolle Gelder kriegte . . .‹ – meine Gelder, Krengeldanz – ich auch daran schuld – die Folgen einer bösen Tat sind eisern, selbst darin, was wir gutzumachen hoffen – Krengeldanz, ich frag' dich nicht mehr: ›Kannst du mir vergeben?‹ – was ich tat, ist unvergebbar – nein, nicht zu winseln bin ich hergekommen, sondern zu bekennen: ›Krengeldanz, ich habe dich vernichtet, vernichte mich auch, strafe mich, züchtige mich, tu was du willst mit dem Betrüger deiner Jugend!‹« Erschüttert hatte es der Alte hingeflüstert, nicht die Augen wagte er zu heben. Der Hinterhauswind strich durch das offene Werkstattfenster und zauste leicht an weißen Locken, ließ unbewegt den starren kahlen Schädel des alten Zimmermanns, der ein wenig unbehaglich dachte: »Komisch, daß der Rektor mir so langen Sums erzählt – scheint sich in irgend etwas Luft zu machen – keine Ahnung, was es sein mag – wird ein Tratsch sein, wie bei den alten Weibern, die ihr Herz mit Vorlieb' grad in meine tauben Ohren schütten – Tratsch, wie fast alles in dem Leben, nur ein wenig feiner – heißt das, sein Gesicht ist anders als die andern – studier' es jetzt seit einer halben Stunde, was besonders daran ist – ja, jetzt weiß ich's: keine Freude hat es, nicht die Spur von Freude! – soll oft so sein in hohen Ständen, sagen sie – na, da haben wir's doch schöner an den Hobelbänken dieses Lebens: wenn's auch knorrig kommt mit harten Ästen, ein Stückel Freud' ist manchmal doch dabei – jaso, eine Antwort scheint er zu erwarten, der Herr Rektor?« »Raatsch ratsch, hm ja, das ist so eine Sach' –« »Sieh, Krengeldanz, ich hab' dir eine Rente ausgesetzt – heute oder morgen kannst du deinen Hobel in die Ecke werfen – kannst behaglich leben bis ans Ende – dennoch, dennoch, meine Strafe will ich, meine Strafe!« »Ja, heute nachmittag um drei Uhr also in der Aula – nichts für ungut, ich muß weiterhobeln – raatsch ratsch, raatsch ratsch . . .« Der Herr mit dem Zylinder ging gedrückt durch die Hinterhöfe: »An die Stätte meiner Schandtat hat er mich bestellt? – gut, gut – was er mir auch auferlegt, wenn ich darnach nur einmal wieder Freude –« Sein Zylinder schwankte leise. »Sonderbar,« guckte ihm die Putzfrau nach, »sonderbar, sollte dieser feine Herr mit dem alten Saufaus eins gemeinsam hinter die Binde . . .?« Es war fünf Minuten vor drei Uhr, als der Pedell des Max-Gymnasiums mit dem Zimmermann Krengeldanz mürrisch die Aulatreppe hinauf stieg: »Jetzt, wo die Ferien kaum begonnen haben,« brummte er, »hätten Sie auch später –« »Jaja,« sagte der Kahlkopf, »um drei Uhr hat er mich bestellt, der Rektor.« »Dummes Zeug, der ist ja in den Ferien!« »Jaja, wird schon so sein – also das da ist der Lüster?« Er schaute ein wenig stier auf die Decke der Aula, in der sie seinen frühen Jungenehrgeiz elendiglich ersaufen hatten lassen. Aber es zuckte nichts in seinem Gesicht. Alles weggehobelt, glatt weggehobelt – raatsch ratsch – »Den Fußboden darüber hab' ich selber freigelegt,« sagte der Pedell, »Sie haben nur das Sperrholz nachzusehen, das die Verschraubung hält – nach meiner Meinung hält der Lüster ja noch lange, aber der Herr Rektor hat nun einmal die Vermutung, daß er sich gelockert haben könnte – kommen Sie ins obere Stockwerk, bitte.« Sie stiegen auf den Speicher. Sie bückten sich im Zwielicht über eine aufgerissene Diele. »Jaja,« sagte der alte Zimmermann und fuhr mit einer Zange in den Fehlboden, »jaja, man kann schlecht sehen.« Der Pedell horchte in das Loch hinunter. »Da drunten ist eine Tür gegangen,« sagte er ärgerlich, »sicher haben Sie die Aulatür' nicht hinter sich geschlossen, und jetzt spielt der Wind mit –« »Jaja, recht schlecht sehen kann man – wenn Sie ein Zündholz –?« Ein Streichholz flammte auf. Die Zange fuhr an eine eiserne Verschraubung, die in einen hölzernen Querbolzen eingelassen war. Aber sie griff daneben an das Holz. Das zerbröselte wie Zunder. »Mensch!« schrie der Zimmermann den erschrockenen Pedell an, »wissen Sie auch, daß das die höchste Zeit – heißt das, wenn's nicht überhaupt zu spät –« Die Zange klopfte auf die doppelte Verschraubung, die heraufglotzte wie die beiden Augen eines wilden Tieres. Da – jetzt ächzte das Tier – nein, das zundrige Querholz – die Augen sanken ein – wie durch Butter sanken sie – verschwanden – Moder wirbelte aus dem Fehlboden – das Knirschen der zerbissnen Auladecke wurde hörbar – ein Krach, ein fürchterlicher Schrei – von unten her – Die beiden standen entgeistert in der Aulatüre und starrten auf den weißhaarigen Mann, dem die Spitze des herabsausenden Lüsters haargenau im Scheitel den Schädel zerspalten hatte. Wie zwei aufgeschlagene Blätter sah es aus: ein weißes, unbeschrieben glänzendes, links vom Scheitel – und rechts vom Scheitel ein dunkles, vom Blut beschriebenes . . .   Kaiser Heinrich IV. aber dachte . . . Ich habe meinen Neffen, den Studenten, besucht. Wir bummelten friedlich in der Stadt herum. Da kam er auf die sonderbare Idee, mich in eine Vorlesung mitzunehmen. Neffen nehmen sonst ihren Onkel nicht in Vorlesungen mit. Sie schlagen das Theater vor oder eine Galerie oder das Hofbräuhaus. Auf die Universität aber kommen sie nicht, obgleich es das nächstliegende wäre. Nun, mein Neffe kam darauf und sagte: »Du, Onkel, in einer Viertelstunde liest der berühmte Soundso, willst du mit?« »Darf ich denn?« »Ach, weißt du, wir setzen uns in die letzte Bank.« »Worüber liest er denn?« »Über Kaiser Heinrich IV.« Meine eigene Schulzeit kam mir in den Sinn. Canossa stieg auf. Ein ungewöhnlicher Mensch, der deutscher Kaiser war, wanderte über die Alpen durch den Schnee und stand büßend, bettelnd im Vorhof von Canossa, wo der Papst ihn einen halben Tag lang warten ließ, bevor er ihn empfing . . . »Ja,« sagte ich, »ich gehe mit.« Und dann saßen wir in dem großen Hörsaal auf der letzten Bank, ich und mein Neffe. Blutjunge Studentengesichter fuhren alle Augenblicke nach mir herum und staunten: »Was will denn dieser alter Knabe mit dem Vollbart im Kolleg?« Jedoch ich war kein bißchen verlegen, sah den jungen Leuten fest ins Angesicht und staunte: »Was wollen diese jungen Menschen hier? Niemals können sie diese Vorlesung über eines der abgründigsten Kapitel der Weltgeschichte ganz erfassen.« Dann aber kam der berühmte Professor, schnitt unser gegenseitiges Erstaunen ab und lenkte es mit einem wundervollen Vortrag auf die verdüsterte Gestalt des vierten Heinrichs. Ein gewaltiges Gemälde rollte auf. Kaisertum und Papsttum führten einen Riesenkampf dort vorn am Katheder. Heere zogen und Schwerter blitzten. Aus Trümmern brennender Städte stieg Rauch. Fanatisch läutete die Kirche ihre Aufruhrsglocken. Und das kaiserliche Schwert hieb sich am Glockenerz die Scharte . . . ein Gebrochener stand im Schloßhof von Canossa und bettelte um Einlaß und Vergebung. Alle Fäden dieses alten Trauerspieles zog der Mann auf dem Katheder aus der Tiefe der Vergangenheit und webte aus ihnen einen Teppich von Brokat. Man sah, wie die Fäden sich zu dem düsteren Muster fügten, das »der vierte Heinrich« heißt. Alle Ränke jener Zeit lagen bloß, und über Alpenkämme sah man ganze Völker wütend sich in die Flanken fahren. Wir saßen stumm auf unsern Bänken und spürten, wie der Flügelschlag des Mittelalters an uns vorüberrauschte. Mein Neffe sah mir in die Augen: »Welch ein Mann!« flüsterte er. »Welch ein Mann!« gab ich zurück. Mein Neffe meinte den Professor und ich den vierten Heinrich. Und nun zündete der Mann da droben eine neue Fackel an und warf sie in die Seele jenes Kaisers Heinrich. Ein zerrissenes Menschenherz ward sichtbar, in dem schon vorher alle Schlachten ausgefochten wurden, die der Kaiser nachher auf den Feldern schlagen mußte. Wir saßen atemlos. Jetzt unternahm es der Professor, die entscheidenden Wurzeln in der Seele seines Helden aufzuzeigen. ». . . Kaiser Heinrich der Vierte aber dachte –,« sagte er – da schlug ihm das schrille Gebimmel der Glocke draußen das Wort aus Hand und Mund. Jäh schloß er mitten in dem Satze und ging. Was Heinrich der Vierte dachte, erfuhren wir nicht. Still gingen wir aus dem Kolleg. Still gingen wir eine lange Straße hinauf, mein Neffe und ich. ». . . Heinrich der Vierte aber dachte –« klang es nach in uns, »Heinrich der Vierte aber dachte . . .« Und meine Gedanken liefen weite, weite Wege . . . »Was glaubst du wohl, Onkel,« unterbrach mein Neffe da mein Denken, »was glaubst du wohl, was Kaiser Heinrich damals dachte?« »Ich weiß es nicht,« sagte ich fest. »Der Professor würde –« »Der Professor weiß es auch nicht,« fuhr es mir heraus. »Aber Onkel,« sagte mein Neffe betroffen, »du willst doch den Professor nicht erniedrigen. Ich sah doch – du selber warst ganz hingerissen von dem Vortrag.« »War ich auch, so gut wie du.« »Dann verstehe ich dich nicht.« »Der Mann, den der Professor auf dem Katheder meißelte, war nicht der vierte Heinrich.« »Sondern?« fragte verwundert mein Neffe. »War er selber, der Professor.« »Also eine Fälschung, meinst du?« »Nein, keine Fälschung. Der vierte Heinrich von vorhin war lebendig, wie lebendig –! Aber in ihm pulste nicht Heinrichs Blut, sondern das Blut dieses großen Gelehrten.« »Du meinst also, es könnte niemand die Geschichte auslegen, ohne –« »Ohne sich selber mit hineinzulegen, ja, das meine ich.« »Und was diese Gelehrten in lebenslangen Studien mühevoll errungen haben?« »Ist im Grunde nur der Herren eigener Geist, der sich im Geiste der Zeiten widerspiegelt.« »Du hältst es also für unmöglich, die Gedanken eines verstorbenen Herrschers aus den Quellen wieder aufzubauen, Stück für Stück?« »Lieber Neffe, wir haben vier oder fünf großartige Geschichtswerke über den Untergang des Römerreiches und seine Ursachen. Ein jedes ward von den Zeitgenossen umjubelt. »Hier ist die Wahrheit!« hieß es. Und ein jedes widerlegte nur das andere. Und ein jedes war das Abbild des Verfassers. So viele sich auch befassen mit dem Untergang des Römerreiches, so viele Untergänge gibt es.« »Hm, es ist wahr: was wissen wir von den Gedanken selbst der nächsten Menschen, die mit uns leben?« »Nichts. Sogar unsre eigenen Gedanken, die wir gestern dachten, sehn uns heute fremd in das Gesicht.« »Und somit bliebe nichts –?« »Nichts, was wir wirklich wissen, es sei denn unser eigener Gedanke, wenn er seinen Kopf hebt.« »Nur wenn er seinen Kopf hebt?« »Ja, denn wenn er ausgesprochen ist, dann ist er schon nicht mehr unser, schon eine Stunde später kann er unser Feind sein.« »Also nicht mehr: ›Kaiser Heinrich der Vierte aber dachte –?‹« »Nein, sondern: ich denke . . .!«   Nutzanwendung In der fünften Stunde döst man gern ein wenig. Darum hatten wir von zwölf bis eins Naturgeschichte. Die kann es vertragen, dachte wohl der Rektor. Der Inspektor dachte anders. Darum kam er vorzugsweise in die fünfte Stunde. »Wo also stehn wir, Herr Kollege?« sagte er mit jener öligen Liebreichigkeit, die nicht ohne Grund gefürchtet ist, »bei den Fischen? Schön. Lassen Sie sich gar nicht stören. Tuen Sie, als wäre ich nicht da.« Wir sahen auf die Uhr. Zwölf dreiviertel. Um zwölf dreiviertel pflegte unser Lehrer zu erzählen. Ob er's heute wagte? »Also wie gesagt, Sie fahren einfach fort. Mit den Aalen haben Sie begonnen? Nun, ich hätte lieber was gehört von Karpfen. Schon gehabt? Das schadet nicht. Den Karpfen also nochmal, bitte. Und wie gesagt, nicht stören lassen. Ich bin nicht da. Und dann noch eins, ich liebe die Vergleiche. Vergleiche bringen Leben. Zum Beispiel Hecht und Karpfen. Wie, Hecht noch nicht gehabt? Schadet nicht. Auf so was Simples wie ein Hecht sind gute Lehrer immer vorbereitet.« Wir sahen den Inspektor an und seine spitze, stoßbereite Schnauze. Wir sahen unsren braven Lehrer an und seinen guten Mund, den der Schrecken rund geöffnet hatte wie bei einem Karpfen. Ob wohl Karpfen immer vorbereitet sind auf Hechte, und nicht eher umgekehrt? Vorbereitet pflegt zu sein, wer frißt. Unvorbereitet, wer gefressen wird. »Und was ich noch erwähnen wollte, Herr Kollege: Immer eine Nutzanwendung, bitte. Vergleiche aus dem Tierreich ohne Nutzanwendung für die Jugend wären für die Katze. Und wie gesagt, ich bin nicht da – beginnen Sie!« Der Inspektor, der nicht da war, füllte den Kathedersessel, wie Gewitterwolkenbäuche eine Landschaft füllen. Der Lehrer, welcher da war, aber sich nicht stören lassen sollte, stand zwischen Pult und Bänken wie ein Rehlein, das sich bekanntlich auch nicht stören läßt, wenn es der Wolf verspeist. »Hecht und Karpfen, ein Vergleich und eine Nutzanwendung?« dachte er angestrengt. Da fiel ihm etwas Hübsches ein. Ob wir wüßten, welcher Unterschied bestünde zwischen dem Verstand und dem Instinkt? Den wußten wir. Instinkt war unbewußter dumpfer Trieb, Verstand dagegen ein Produkt bewußten Denkens. »Und des Lernens,« ergänzte mit Nachdruck der Inspektor, der nicht da war. Ob Fische Instinkt hätten? Ja, den hätten sie, nickte die Klasse. Ob wir ein Beispiel wüßten? Eine Klasse weiß immer Beispiele, es sei denn, der Inspektor wäre da. Dann ist sie auf den Mund geschlagen. Dann wolle er, der Lehrer, eins erzählen, das er selber einmal ausprobiert: »Denkt euch einen Fischbehälter. Links ein Karpfen. Rechts winzige Mollusken. Der Karpfen ist voll Hunger. Er fährt auf die Mollusken los –« »Aus?« rief der Inspektor uns zu, »aus?« Wir sahen uns an. »Aus was?« schrie der Inspektor. Wir schwiegen. »Zum Donnerwetter, aus Instinkt natürlich! Warum gabt ihr keine Antwort, he?« »Aus Inschtinkt,« sagte langsam in der ersten Bank der lange Kapfer, der sich angeredet glaubte, »der Herr Inschbektor hänt ja gsait, wir solle uns nit störe losse und Sie wäre gar nit do.« Der Lehrer bekam einen roten Kopf, der Inspektor einen blauen. Krampfhaft fuhr der Lehrer weiter: »Nun denkt euch die Molluskenecke abgeschlossen durch ein quergestelltes Glas, das der Karpfen, weil es Wasserfarbe hat, nicht sehen kann. Was tut der Karpfen?« »Sei Mul breit schlage an der Glasscheib,« sagte der Lange. »Gut, wie lange?« »Alleweil, weil er koin Verstand hett.« »Und nichts lernt ,« ergänzte der Inspektor mit Bedeutung. »Nun denkt euch statt des Karpfens einen Hecht, der von seiner Nahrung durch das quergestellte Glas geschieden ist. Was tut der?« »Aach drauf los fahre.« »Gut, wie lange?« »Bis sei Mul ihm weh tut.« »Dem Karpfen tat es auch weh.« »Bis er kapiert hett, daß er nix verwische ka.« »Also weil er was gelernt hat,« unterstrich der Herr Inspektor, »weiter, Herr Kollege.« Unser Lehrer schien verlegen: »Eigentlich ist die Geschichte aus.« »Hm, eigentlich, Herr Kollege, ist das Experiment nur halb. Ein Forscher, wie es doch ein jeder Lehrer sein soll, hätte dann die Glaswand neuerdings herausgenommen.« »Tat ich,« sagte der Lehrer etwas gepreßt. »Aha,« triumphierte der Inspektor, »aus dem Gegenexperiment ergibt sich erst die rechte Nutzanwendung. Was meint ihr, Kinder, daß der Karpfen bei wieder herausgenommener Glasscheibe tat?« »Niwwerschieße, weiterfresse,« sagte unser Langer. »War's so, Herr Kollege?« Der Lehrer nickte. »Seht ihr, Kinder,« triumphierte der Inspektor weiter, »wir brauchen das Experiment gar nicht. Uns sagt's der Verstand. Damit wollen wir für heute schließen –« »Und der Hecht?« schrie der Lange. »Hm, der Hecht?« sagte der Inspektor nachdenklich, »ich denke, Herr Kollege, das erzählen Sie den Kindern einmal später.« »Braucht's nit, mir wisset's scho!« schrie der Lange. »Na, dann sag es, was der Hecht tat,« sagte der Inspektor ärgerlich. »Bliwwe is er, wo er war.« »Stimmt das, Herr Kollege?« »Allerdings.« »Schön, dann lassen wir ihn drüben und wollen jetzt –« »Mir wisset aach, warum er driwwerbliwwe is, Herr Inschbektor!« rief der Lange, »weil er sich denkt hett, ich tät mir doch bloß 's Mul verschlage, noi, mich stimmt ihr nit, ihr Malefiz!« »Schon gut, es ist jetzt ein Uhr und –« »Und dann ist er gestorwe, der Hecht, vor Hunger, und wisset Sie aach, warum, Herr Inschbektor?« rief er dem plötzlich Eiligen nach, »wenn er nit so arg viel g'lernt hett, wär er noch am Lewe wie der Karpfe, Herr Inschbektor . . .!«   Die Lücke Die Ferien waren vorbei. Es war der erste Schultag. Der erste Schultag hat ein unlustiges Gesicht. Es ist aber nur im Anfang so. Wenn der Lehrer den ersten Rüffel hergegeben hat, so ist man wieder drin im alten Dreh. Nach der dritten Unterrichtsstunde ist es so, als hätte es niemals und nirgendwo auf der Welt Ferien gegeben. Sondern immer nur Unterricht und Aufgaben, Aufgaben und Unterricht. Und Hefte, die mit gerunzelter Stirne zurückgegeben werden . . . Die Aufsätze hatte er schon zurückgegeben und besprochen, unser Aufsatzlehrer, in der ersten Stunde nach den Ferien. »Soweit ganz nett,« hatte er zu dem einen gesagt. »Ich bin zufrieden,« zu dem zweiten. »Eine gute, recht gute Arbeit,« zu dem dritten und hinzugefügt: »Besonders den Sonnenuntergang im Gebirge haben Sie gut geschrieben, Obermaier.« Danach griff er zu dem vierten: »Hier aber ist ein Aufsatz, mit dem ich nicht zufrieden bin,« sagte er, »weder in der Form, noch im Inhalt – und der Sonnenuntergang im Gebirge ist so ungewöhnlich – so verdreht dargestellt – ich weiß nicht, was sich der ›Herr Verfasser‹ dabei gedacht hat – und dann hat er niemals ein Komma vor ›daß‹ gemacht – ich meine, das sollten Sie nachgerade wissen, daß vor ›daß‹ ein Komma gehört – so – und nun machen Sie eine ordentliche Verbesserung, Hürlimann . . .« Ah, der Hürlimann war es. Wir sahen alle auf eine Lücke in der fünften Bank. »Nun, Hürlimann, wollen Sie Ihren Aufsatz in Empfang nehmen oder nicht?« sagte der Professor ungeduldig und hielt das Heft mit der rechten Hand über die Bänke hin, während er mit der Linken an der Brille rückte. Einer lachte unterdrückt. Ein anderer sagte: »Hürlimann fehlt.« »Was? Hürlimann fehlt?« sagte der Professor ärgerlich und warf das Heft auf das Katheder, daß es klatschte. »Das ist ja nett, wenn die Leute gleich in der ersten Stunde nach den Ferien fehlen.« Verschiedene lächelten. Aber da stand der lange Keil auf, hinten in der letzten Bank, der lange, wortkarge Keil August, der immer Hürlimanns Vertrauter war, und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Professor, aber der Hürlimann kommt überhaupt nicht mehr.« »Kommt überhaupt nicht mehr? Was soll das heißen? Ist er etwa krank?« »Nein, Herr Professor.« »Oder sind seine Eltern verzogen?« »Nein, Herr Professor.« Der lange Keil August sagte nie ein Wort mehr, als er gefragt wurde. Des Professors Mienen wurden plötzlich ernst. »Er ist doch nicht –?« sagte er langsam. »Man weiß es nicht, Herr Professor,« sagte der Keil August etwas verwirrt. Man weiß es nicht? Die ganze Klasse war mit einem Schlage mäuschenstill geworden. Man weiß es nicht. Was steckte dahinter? Alle blickten wir noch schärfer auf die leere Stelle in der fünften Bank. »Keil August,« sagte der Professor, »ich fordere Sie auf, uns zusammenhängend zu berichten, was Sie wissen.« Da kam es heraus. Stoßweise. Mit langen Pausen zwischen den Sätzen: Der Hürlimann wäre vor vierzehn Tagen ins Gebirg gegangen mit einem Kameraden aus dem Realgymnasium. Bis zum Paß hinterm Glärnisch seien sie zusammen gewandert. Und sie wären ganz fröhlich gewesen. Und da hätte sich der Kamerad den Fuß vertreten. Dann sei der Hürlimann allein gewandert, weiter hinauf ins Gebirge. Und dann – und dann – Hier brach der Erzählende ab. »Und dann?« wiederholte dringlich der Professor. »Und dann ist er nicht mehr zurückgekommen, Herr Professor – und man hat auch keine Spur von ihm gefunden – bis heute, Herr Professor – und in der Zeitung ist es auch gestanden – und – und –« Er wollte noch etwas sagen. Aber da setzte er sich plötzlich. Der Professor sagte lange nichts. Über der Klasse hing ein fürchterliches Schweigen. Ich weiß noch, daß ich zur Decke hinaufblickte. Und es kam mir vor, als senke sie sich. Als ginge der weißgraue Deckel immer mehr herunter – näher – näher – um uns alle zu erdrücken . . . Und dann ging der Professor ans Fenster und sah hinaus. Dabei trommelte er ganz leise gegen die Scheibe: Ein wenig nervös. Und wir hörten jeden Ton davon bis in die letzte Bank hinter. Das ist ein Trommelwirbel, mußte ich denken. Als neulich einer mit militärischen Ehren beerdigt wurde, da war es auch so. Da haben sie hinter dem Sarge her getrommelt. Der Hürlimann hat keinen Leichenzug gehabt. Und dann mußte ich denken – so ist man halt, wenn man jung ist – dann mußte ich denken: Nun hat er noch kurz vor seinem Tode einen schlechten Aufsatz geschrieben, der Hürlimann. Und den Sonnenuntergang im Gebirge hat er schlecht geschrieben. »So sonderbar, so verdreht dargestellt,« hatte der Professor gesagt. Und vor »daß« hat er nie ein Komma gemacht . . . Bei dieser Stelle meines Denkens aber kam es mir zum erstenmal in der Schulzeit in den Sinn, daß die Schule gar nicht das Wichtigste sei – daß es da draußen noch was anderes geben müsse – etwas Ungeheueres, etwas Riesenhaftes – etwas, vor dem alle Kommas wesenlos erblaßten. Vielleicht hat der Professor auch so etwas gedacht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er nach dem Aufsatzheft von Hürlimann hinübergeschaut hat, das mit einer blauen Ecke über das Katheder vorsah. »Keil August,« sagte er, »wollen Sie das Heft in die Wohnung von – von Hürlimann mit –?« Aber plötzlich besann er sich. Er dachte vielleicht an die vielen roten Striche darin, die nicht ins Trauerhaus gehörten. »Nein,« sagte er, »das Heft bleibt da – ich will es aufbewahren.« Und dann wollte er wieder mit dem Unterrichten fortfahren. Aber es ging nicht recht. Er redete, und wir redeten – aber wir dachten gar nicht an das, was wir redeten. Und seine runden Professoraugen gingen immer über das Lesebuch hinaus und blieben an der Lücke hängen in der fünften Bank. Wir sahen es genau, und mit unseren Augen ging es auch so. Immerzu, immerzu . . . Und jetzt sagte der Michelmann etwas ganz Verkehrtes auf eine Frage des Professors. Aber der Professor merkte es gar nicht. Und es kam uns plötzlich alles so gleichgültig vor, so fürchterlich gleichgültig. Zum drittenmal hatte jetzt der Professor unbehaglich auf seine Taschenuhr gesehen. Aber es war erst halb. Plötzlich richtete sich der Professor gerader auf. Immer noch sah er auf den leeren Platz. Die Lücke auf der fünften Bank zerschnitt die ganze Unterrichtsstunde. Sie würde auch die folgenden Unterrichtsstunden aushöhlen und zerstören . . . »Michelmann,« sagte der Professor, »Sie sind der letzte in der hintern Bank – wollen Sie sich auf den leeren Platz in der fünften Bank setzen?« Michelmann rührte sich nicht. Wir sahen ihn alle an. Wir begriffen ihn so gut. »Nun?« sagte der Professor noch einmal. Aber Michelmann rührte sich noch immer nicht. Da stand der Keil August ganz ruhig auf, sagte kein Wort, nahm seine Bücher und seine Hefte unter den Arm und setzte sich still und selbstverständlich auf des toten Freundes Platz. Und wir begriffen ihn auch so gut. Der Professor sagte nichts. Aber es war uns allen, als ob eine große, drohende Lücke in unserm Dasein friedlich geschlossen worden wäre. Es war uns allen: Jetzt hat sich über unserm Kameraden Hürlimann erst das Grab geschlossen – jetzt hat er seine Ruhe. Und dann ging es wieder an die Schularbeit. Wir schauten nicht mehr zurück. Als ich geschwind nach der Decke blickte, sah ich, daß sie wieder hochgegangen war. Jetzt war es kein weißlich grauer Sargdeckel mehr, der sich auf uns senkte. Jetzt sah es aus wie der ferne hohe Wolkenhimmel.   Jugendfreunde Was wollen Sie? Jeder hat mal eine Idee. Ob sie verrückt ist, sieht man erst nachher. Da spielte mich das Schicksal zwischen zwei Schnellzügen in meine Heimatstadt. Vor siebenundzwanzig Jahren hatte ich sie zuletzt gesehen, als mich das Schulhaus in die Hand des Lebens gab. Natürlich überkam es mich wie alle Heimatfinder: Rührung, Staunen – Staunen, Rührung. Nein, wie sich diese Stadt verändert hatte. Wie, wenn ich jetzt behaglich durch sie schlenderte, alter Erinnerungen voll? Aber nein – ich sah auf meine Uhr – eine halbe Stunde noch bis zu meinem Schnellzug. Es ging nicht. Nicht mal zu einem Besüchlein langte es bei einem alten Freunde. Hm, hatte ich denn solche hier? Verwandte? Keinen. Und Bekannte? Je nun, da waren die alten Schulkameraden. He, Kellner, bitte, das Adreßbuch, aber 'n bißchen fix! Die Erinnerung kramte in versunkenen Namen, während der Finger durchs Adreßbuch fuhr: Billmann – aha. Roderich Billmann – ja, ja, das war der Billmann in der dritten Bank, links an der Ecke – der mit dem braven Gesicht, der immer so schüchtern wisperte, wenn der Lehrer ihn nur fragte, jaja . . . Jaja . . . Und da, richtig, das war der Diggelmaier! Halt, ob es auch der richtige war! Jawohl. Franz Xaver – es gab nur einen Franz Xaver – es gab nur einen Franz Xaver Diggelmaier in der ganzen Stadt – der, der immer auf der letzten Bank saß – der mit der lustigen Stimme –, der immer den Kopf voll Lustigkeiten und Viechereien hatte, ach ja . . . Jaja . . . Und da – da stand ja auch noch der Praxmaier Anton, mein Nebenmann, in der fünften Bank, der gemütliche Praxmaier, der mich immer verstohlen zwickte, wenn der Lehrer was Komisches oder was Dummes sagte – denn auch Lehrer sagen mal was Dummes – ach ja, der Praxmaier . . . Jaja . . . Und der Schwickelmann, unser Franz Schwickelmann stand auch noch da – der erste in der ersten Bank, der würdige Schwickelmann mit der fetten Stimme, der immer alles wußte – der dem Lehrer immer sagen durfte, wo wir das letztemal stehen geblieben sind – ach ja, der Schwickelmann . . . Jaja . . . Ich schlug das Adreßbuch zu. Schade, daß so wenig Zeit war. Ich hätte sie gar zu gern mal besucht, diese alten Schulkameraden. Aber natürlich, wenn so wenig Zeit war. – Halt, da fiel mir etwas ein. Kellner! Sie wünschen? fragte der Kellner in der Bahnhofswirtschaft dienstbereit. Das Telephonbuch, bitte! Und eine halbe Minute später setzte sich eine Kurbel in der dunklen Zelle in Bewegung. Hier Amt! Nummer einundachtzig vierundneunzig, Billmann, bitte! Nummer genügt, Name ist nicht nötig – rrr. Pause. Dann eine grobe Stimme: Hier Billmann \& Co., wer dort? Nein, hatte dieser Billmann mit dem braven Gesicht, dieser Roderich Billmann, der immer so schüchtern wisperte, wenn der Lehrer ihn was fragte, hatte der sich einen groben Angestellten zugelegt. Ich möchte Herrn Roderich Billmann sprechen, bitte! Bin ich selbst! brüllte die grobe Stimme. Ich ließ vor Schrecken den Hörer fallen. Mir verging die Lust am Weitersprechen. Der liebe, brave Roderich Billmann – ein Traum versank. Ich läutete ab. Ich würde jäh von Billmann \& Co. getrennt. Ich hatte nichts dagegen. Ich kurbelte wieder. Hier Amt! Nummer achtzehn vierundneunzig! Hier Professor Diggelmaier! sagte eine ungemein würdige Stimme. – Franz Xaver, ja? sagte ich ein wenig beklommen. Professor Diggelmaier, betonte die würdige Stimme ärgerlich, was geht Sie mein Vorname an. – Sie wünschen? Aber rasch, bitte, meine Zeit ist gemessen, Herr! Ich – ich wünsche nichts – nichts mehr. – Schluß, stotterte ich. Unverschämt! grollte der Professor Diggelmaiersche Zorn durchs Telephon. Den Hörer hängte ich ein. Das also war der lustige Franz Xaver Diggelmaier, der den Kopf voller Lustigkeiten und Viechereien hatte – der würdige Professor – ach ja . . . Jaja . . . Ich blätterte weiter im Telephonbuch: Praxmaier Anton – nein, der stand nicht darin, der hatte nicht einmal ein Telephon. Vielleicht war's gut so. Vielleicht hätte er mich erst recht enttäuscht, der gemütliche Praxmaier, der immer die Hausaufgaben von mir abschrieb – der mich immer verstohlen zwickte, wenn der Lehrer was Dummes sagte. Ich hatte weiter geblättert. Den Franz Schwickelmann hatte ich aufgeblättert. Sechzehn vierunddreißig, bitte, Fräulein! Rrrr . . . Hier Schwickelmann – Franz Schwickelmann – Schriftsteller Franz Schwickelmann. – Sie wünschen? Ah, endlich eine angenehme Enttäuschung. – Die würdevolle Stimme unseres Klassenersten, der immer alles wußte, hatte nach der fröhlichen Seite umgeschlagen. Grüß dich Gott, Franz Schwickelmann, wie geht's? Hm, das kommt darauf an, wer am andern Ende dieses Drahtes ist. – Sie haben mir Ihren Namen noch nicht genannt, mein lieber Herr. Hier Fritz Müller. Fritz Müller? Kenn' ich nicht! Aber, Franz Schwickelmann, kennen Sie denn nicht mehr Ihren alten Schulkameraden Fritz Müller? Hm, warten Sie – Fritz Müller, sagen Sie? War das nicht . . . Hm, ja, lassen Sie die Dummheiten, Herr! Mein Schulkamerad Fritz Müller – jaja, der in der fünften Bank – der hatte eine glockenhelle Stimme und kein solches Gequickse, wie Sie es am Telephon machen! Halten Sie gefälligst andere Leute zum besten, verehrter Herr! – Und außerdem, mich kriegen Sie nicht dran; der, der Sie sein wollen, der Fritz Müller, ist ja längst gestorben. – Schluß! Aus der Telephonzelle ging ein zerknitterter Mann. Der Mann war ich. Lächelnd kam der Kellner auf mich zu: Wieviel Telephongespräche, bitte, Herr Fritz Müller? Ich fuhr auf, woher wußte dieser Mensch meinen Namen? Sie haben an der Telephonzelle gelauscht? Hatte ich wirklich nicht nötig, hatte ich wirklich nicht nötig, sagte er gemütlich und seine Hand machte eine halb verstohlene Bewegung, als wolle er mich zwicken – wie damals der Anton Praxmaier, wenn der Lehrer mal was Dummes gesagt hatte . . . So, hatten Sie nicht nötig, wer sind Sie eigentlich, he? Der Anton Praxmaier neben Ihnen in der fünften Bank – der Anton Praxmaier, der so oft die Hausaufgaben von Ihnen abgeschrieben hat . . . Und dann stellte es sich in fünf Minuten eines eiligen Schwatzens heraus, daß der Anton Praxmaier, der gemütliche Praxmaier, der einzige meiner Schulkameraden im Adreßbuch war, der sich kein bißchen verändert hatte. Der ganz der alte, liebe, gemütliche Anton Praxmaier aus der fünften Bank geblieben war. Wenn er auch nur ein Kellner wurde. Und in der langen Schnellzugsmuße, die ich nachher hatte, dachte ich darüber nach, ob es vielleicht damit zusammenhing, daß alle anderen Telephon bekommen hatten und der Anton Praxmaier keins.   Strupp und Graßl »Eine vorsichtige Einleitung und einen glatten Schluß, wenn ihr die erst gut gedrechselt habt, die Ausführung ist dann Kinderspiel.« So der Deutschprofessor Heumann. Sechs Jahre hat er es uns eingehämmert. »Famos,« sagte rechts mein Nachbar, der Max Graßl, »nun hat man endlich ein Rezept, nach dem man alles deichseln kann.« Und wenn die Stundenglocke schrillte, war er sauber mit dem Aufsatz fertig und kriegte einen Einser nach dem andern. Während sich mein Nachbar links, der Peter Strupp, so lange mit dem Mittelstück herumschlug, im Guten und im Bösen, daß er immer noch drin steckte, wenn die Stundenglocke schlug und die Aufsatzblätter eingesammelt wurden. Sodaß er einen Vierer nach dem andern kriegte. Sie sind mir später mehr als einmal wieder über meinen Weg gelaufen, mein Nachbar links, mein Nachbar rechts. »Nun, wie geht's, Max Graßl?« sagte ich. Kühl bedächtig sah er mich durch seine Brille an. »Ich habe eine gute Sache. Die will überlegt sein. Nicht nur der Anfang, auch das Ende. Dann gerät sie ganz von selbst. Professor Heumann, du erinnerst dich –?« Ich erinnerte mich und traf den Peter Strupp. In einem Wirbel von Dingen, Menschen, Werken. »Peter,« sagte ich, »hast du dir den Anfang und das Ende auch gehörig ausgemauert?« »Keine Zeit, mein Lieber, das kommt später,« lachte er und wirbelte davon. Nach einem halben Leben kam ich von Amerika zurück. »Wie geht's Max Graßl?« fragte ich die alten Kameraden. »Hm, Max Graßl?« sagten sie zerstreut und gähnten. »Ei, wißt ihr nicht mehr, unser Klassenerster damals?« »Ach der – na ja, gestorben.« »Ist das alles, was ihr von ihm wißt?« »Nun ja, gewiß, er ward mit allem fertig, was er unternahm.« »Und jetzt?« »Jetzt werden seine Erben mit dem fertig, sauber fertig, was er hinterließ.« »Und dem Peter Strupp, wie geht es dem?« Da senkten sie die Köpfe: »Tot.« »Ist das alles, was ihr von ihm wißt?« Da hoben sie die Köpfe: »Ja, der Strupp – der Strupp!« »Was hat er hinterlassen?« »Hm, Gelder keine, aber weißt du,« sagten sie und ihre Augen fingen an zu leuchten, »ein paar Mittelstücke seiner Arbeit, an denen haben wir nach rechts und links Jahrzehnte auszubauen.«   Beziehungen Als wir Studenten waren, kam er eifrig auf mich zu: »Ich habe doch die Ehre mit Herrn Müller –?« »Müller? ja – Ehre? weiß ich nicht.« Er lachte nicht, er blieb toternst. »Sind Sie verwandt mit dem Polizeipräsidenten Müller?« »Gott behüte.« Sein Eifer fiel zusammen, er wandte sich enttäuscht, ich war erledigt. Er nicht für mich, sein gehetzter Ausdruck ging mir nach: Armer Mensch, warum, warum . . . Nicht viel später erwischte er mich abermals am Rockknopf: »Nun hab' ich es. Sie sind der Neffe des berühmten –« »Allerdings, kann aber nicht dafür, außerdem ist der Berühmte letzten Herbst gestorben.« Wieder traf es ihn wie Peitschenschlag. »Gestorben?« murmelte er, »dann allerdings – Entschuldigung . . .« Er sprach mich nicht mehr an. Dafür erzählten mir die andern: »Komischer Kauz, dieser Dicke, steht stundenlang vor dem Dozentenzimmer, reißt den Hut zur Erde, wenn die Türe knarrt –« »Mir hat er erzählt, er belege außer hier in Wien und Heidelberg, vielleicht, daß ihm die sämtlichen belegten Semester addiert würden –« »Das tollste soll in der letzten Fakultätssitzung gewesen sein. Zieht da ein Professor aus der Tasche einen Brief, einer der Studenten verdiene besondere Rücksicht, er komme aus der Kaufmannschaft, sei später Student, erstrebe mit fieberhaftem Ehrgeiz seinen Doktor – Hm, meint der Professor rechts, darf ich mal das Ende Ihres Briefes – aha: ›Sie, verehrter Herr Professor, sind in erster Linie meine Hoffnung . . .,‹ genau das gleiche schrieb er mir – Mir auch – mir auch, ertönt es in der Sitzungsrunde, und ebensoviel Briefe knisterten aus ebensoviel Taschen . . .« Es wurde arg gelacht. Ich konnte nicht recht mittun, das verhetzte Gesicht des Dicken stand mir vor der Seele. In einer Zwischenprüfung saß er neben mir. Er schrieb rasend. Es waren lauter Fragen mit Gedächtniskram. An einer Frage blieb er plötzlich hängen. Er schwitzte, sah sich hilflos um, steckte mir einen Zettel zu: »Ich habe Beziehungen zum Generaldirektor der Handelsbank, wenn ich Ihnen einmal nützen könnte? Bäte um Gegenrecht in Frage 17, bitte.« Frage 17 war kinderleicht, nur galt's ein wenig denken, weil sie nicht wörtlich im »Großen Philippovich« gestanden hatte. Mich stach der Hafer: »Ich pfeife auf den Bankdirektor,« schrieb ich auf den Gegenzettel, »die Lösung von Frage 17 lautet so und so.« Er übersah den Pfiff und blieb für Frage 17 dankbar. Einmal legte er mir seine Hand vertraulich auf die Schulter: »Unsereiner hat es schwer. Wenn man von unten her kommt, außer aller Reihe, lassen sie einen nicht hinauf, es sei denn, daß man Beziehungen –« Er klappte eine Brieftasche auseinander: Ganze Päckchen abgegriffener Visitenkarten mit langen Titeln und Krönchen blätterten sich auf: »Wenn ich Ihnen auch mal dienen –?« »Ich sagte Ihnen schon, ich pfeife.« Er sah mich unbeleidigt, fast traurig an, so etwa: Armer Mensch . . . Dann ging er weiter, ein wenig geduckt. Ich sah ihm nach, so etwa: Armer Mensch . . . Einmal in der Pause faltete er besorgt ein Wiener Blatt zusammen: »Erzherzog Karl Ferdinand ist krank, denken Sie.« »Sie kennen ihn?« »Das nicht, aber –« »Haben Beziehungen zu ihm?« »Noch nicht, aber . . .« Sechs Stunden später hatte er sie. Er schoß quer über die Straße auf mich zu, klappte die Brieftasche selig auseinander und zeigte zitternd auf ein Telegramm: »Kaiserliche Hoheit lassen für Wünsche danken, langsame Besserung. v. Schröffelmann, Adjutant.« »Nun, was sagen Sie jetzt?« »Nichts.« Er hörte gar nicht zu, schoß wieder auf die andere Straßenseite, klappte vor einem andern Bekannten die Depesche auseinander . . . Eine Woche später war sein Seminarvortrag fällig: Galizischer Eierexport. Ich sah ihn, die Brieftasche krampfhaft in der Hand, in eine Menge Häuser laufen. Sein Bratenrock flatterte eifrig und bekümmert, je nachdem er eine Wendung machte. In seinem Vortrag saßen sie alle da, die Eingeladenen, scheinbar eifrig, innerlich bekümmert. Denn sie, die Sekretäre, Assessoren und Doktoren und was sonst noch einen Namen in dem Städtchen hatte, verstanden keine Bohne von dem galizischen Eiervortrag. Trotzdem der Dicke gezeichnete Statistiken mit einer Unmenge farbiger Eier, großen und kleinen, an die Tafel nagelte. So gewalttätig drückte er die Reißnägel ein, daß die Kappe absprang und der Nagel in den Daumen drang. Er merkte es nicht vor lauter Eifer und fuhr blutig über die Statistikblätter und stand plötzlich ratlos vor dem roten Streifen, der von Ei zu Ei ging. Er erinnerte sich nicht, ihn eingezeichnet zu haben, aber bedeuten mußte doch der Streifen was. Er stotterte an seiner Deutung: »Die Beziehungen zwischen den hier chronologisch geordneten Beziehungen sind derart, daß – daß –« Er blieb stecken. Er gackste etwas von Exportusanzen. Er beschrieb die Länge, Breite, Tiefe aller Eierkisten. Er streifte flüchtig die Ersatzpflicht, wenn die Eierkisten brachen – Das Seminar schmunzelte. Ich weiß nicht, warum die Vorstellung von zerbrochenen Eiermengen die vom Bruche Nichtbetroffenen immer fröhlich stimmt. Vielleicht dachten wir uns den Schwitzenden auf dem Pulte von all den Eiern, die Galizien jährlich ausführt, überschüttet. Die eingeladenen Laien lächelten vergnügt, sie waren jetzt im Bilde. Der Professor hielt den Kopf gesenkt, aber an den Ohren ließ sich sehen, daß er nicht betrübt war. Der Vortragende spürte die Stimmung. »Meine Herren, der galizische Eierexport ist durchaus keine Sache zum Lachen . . .« Glucksen im Saal. Der Dicke droben verhedderte sich immer mehr. Alle Vortragsfäden waren ihm entglitten. Unzusammenhängende Sätze, sinnlose Eiersätze gab er von sich, in der Aufgeregtheit zerrte er die Brieftasche aus dem Rock, klappte sie auseinander: »Die Eier – die Beziehungen – der Export – die Kisten – die Eierbeziehungen –« Flutsch, glitt ihm alles aus der Hand, Ströme von Beziehungen, alten und neuen, fluteten, klatschten in den Saal. Und wir hatten alle das Gefühl, als sei der Strom gelb, eigelb, mit weißen Rändern, glitschigen Eiweißrändern . . . Das Examen rückte heran. Des Dicken Fleiß fing an zu rauchen. Kein Dozent konnte ein Buch erwähnen, das er nicht am nächsten Tag verschlungen hätte. Wörtlich. Das er nicht am übernächsten Tage hätte wiederholen können. Wörtlich. Im Kaffeehause, wo er Professoren wußte, zog er mich an Tische nebenan und versetzte mir die Bücher Wort für Wort und laut. Den Lehrern tat er leid. Ich hörte zwei sich unterhalten: »Seine Dissertation ist rasend fleißig.« – »Und sein Wissen?« – »Er weiß alles.« – »Können?« – »Null. Er pocht auf seinen Doktorschein.« – »Der und Doktor?!« – »Was soll man tun?« – »Terminsverlegung, mürbe machen . . .« Fünfmal verlegten sie ihm den Termin. Mürbe ward er nicht. Er schrieb, schrieb eingeschrieben, schrieb mit Trauerrand, schrieb mit hochgehobenen Händen. Er kam persönlich in die Wohnung, angemeldet, unangemeldet, verwünscht, verflucht, verleugnet. Er telegraphierte, einfach, dringend, mit bezahlter Antwort, nachts zu bestellen. Er telephonierte, jammerte elektrisch, seine Braut in Temesvar habe depeschiert, sie ginge ins Wasser, wenn er nicht bis längstens März den Doktor baue. Es half alles nichts. Der Professor im Hauptfach blieb bei der Terminsverlegung. Da verschwand er. Er kam mit einem großen Bogen wieder. Darauf stand: »Die Unterzeichneten bitten . . .« Unterschrieben waren Direktoren, Grafen, Exzellenzen, Erzherzöge . . . Ich hätte nie geglaubt, daß auf einem einzigen Kanzleibogen, 32 Zentimeter lang und 23 Zentimeter breit, so viele Beziehungen Platz hätten. Wieder wollte der Professor im Hauptfach den Termin verlegen. Aber der Rektor entschied: »Wenn wir ihn nicht prüfen, sind wir in alle Ewigkeit geprüft.« So baute er den Doktor. Glückselig fuhr er heim nach Temesvar. Aus dem rollenden Zuge winkte er mir zu: »Und wenn ich Ihnen einmal unter die Arme – Sie verstehen – Beziehungen . . .« Er hat mir nicht unter die Arme gegriffen. Ich aber ihm. Das war Jahre später, als er ein großes Verwaltungstier geworden war, und ich ihn unter einem Straßenbahnwagen herauszog, unter den er beim Abspringen geglitten war. Er lag Monate im Krankenhause. Die beiden Füße waren futsch. Ich fand ihn still in seinen Kissen. Auf dem Tischchen neben seinem Bette lag die Brieftasche, dick wie immer. Suchend gingen seine Augen um im Zimmer. Gehetzt der Ausdruck, wie damals beim Examen. Im Gang erwischte ich den Arzt beim Ärmel. Er zuckte mit den Achseln: »Chirurgisch haben wir ihn durch, ob er's aber seelisch aushält –« »Auch darin ist er zäh, Herr Doktor.« »Zäh und robust genügen nicht, entscheidend sind die – wie soll ich sagen – geistigen Beziehungen, die –« »Beziehungen?« mußte ich lächeln, »dann kommt er durch, verlassen Sie sich drauf, Herr Doktor.« Er hat sich nicht darauf verlassen, hat ihn zu einem Testament veranlaßt, hat den Pfarrer kommen lassen . . . Als ich wieder vorsprach, kam er auf mich zu: »Er starb vor einer Stunde. Ich habe frei. Erzählen Sie von ihm.« Ich sagte, was ich wußte. Als ich die Studentenzeit berührte, schüttelte er den klugen Arztkopf. »Ein Sammler also von Beziehungen? Auch an den Karawanen von Besuchen sah ich's. Alle denkbaren Beziehungen lagen bloß, auch die zu Gott war da. Wenn's aber hart auf hart geht – wir Ärzte wissen das – kommt's nur auf eine einzige Beziehung an, die vom Abgrund wegreißt. Die fehlte ihm, und darum starb er.« »Ich versteh' nicht recht. Sie sprechen von –« »– der Beziehung zu sich selber.«   Ihr Heizer Meine Tochter ist auf den Namen Alwine getauft. Aber gerufen wird sie Bimbi, Bimber, Bimberle, Bimberer, wie's einem gerade einfällt. Der Name Alwine ist im Taufregister festgenagelt. Der verändert sich nicht. Der wartet auf sie. Dessen Zeit wird kommen, wenn ihr Kindskopf aus dem Bachgeplätscher der Kosenamenzeit hinausgetragen wird ins Meer und die erste große Welle hohl und mähnezottelnd auf sie zugerauscht kommt: »Alwine! . . .« Heute ist sie aber noch die Bimbi, der Bimber und das Bimberle. Alle drei Geschlechter schlummern noch ungeweckt in den großen Frageaugen. »Bimbi« ist kein Weckruf, kein bewußter. Bimbi ist ein Naturlaut, der sich unbewußt aus einem Glockenläuten durch das offene Fenster und einem mütterlichen Flüstern formte, während eine Fliege auf dem Fensteroberlicht ihre Vorderbeine aneinanderrieb und mit dem Kopfe dazu nickte. Wortwissenschaftler werden damit, ich weiß es, nicht zufrieden sein. Es fehle die vierfache Wurzel vom zureichenden philologischen Grunde, werden sie sagen. Das wird wohl so sein. Aber was hat die Tiefe, aus der Kinderkosenamen lächelnd und voll süßverschwiegener Weisheit steigen, mit philologischem Wissen und Forschen zu schaffen? Als der Krieg ausbrach, ging die Bimbi in die unterste Volksschulklasse. Dahin dringen vom Krieg nur flatternde Fahnen, helle Kindergesänge und das Wehen einer Pfirsichblüte, die der Luftdruck einer nahen Kugel sachte vom Geäst streifte. Bimbi hatte niemand, der im Krieg war: ihr Vater nicht, kein Onkel und kein Bruder. Das hat sie betrübt. Denn alle anderen Kinder ihrer Klasse hatten jemand im Krieg, den Vater, den Bruder, den Onkel oder sonst einen Verwandten. Sie kam sich verwaist vor. Niemand im Krieg haben, war das nicht wie eine Schande? Sogar die Attendorner Marie hatte jemand im Krieg. Und die Attendorner Marie war doch die Dümmste in der Klasse, während die Bimbi die erste war, jawohl, die erste in der Klasse. War das nun etwa eine Gerechtigkeit? Wofür lernte man denn eigentlich und plagte sich mit Lesefibel, Rechenbuch und Schiefertafel, wenn man nicht mal wie die Attendorner Marie sagen durfte: »Ja, und mein Bruder Max hat uns von Arras g'schrieb'n . . . Ja, und mein Vater schreibt, wie sie in Lemberg einzog'n sind . . . Ja, und mein Onkel Xaver sagt, des wär a Gaudi g'wes'n, wie s' in Warschau eing'rückt sind . . .« Ja, es war wirklich so, die Attendorner Marie hatte die meisten Leute im Kriege, in der ganzen Klasse. Bimbi fand das entsetzlich ungerecht. Nur ganz von ferne dämmerte ihr der Verdacht einer Weltordnung, wonach eben diejenigen, die sich am erfolglosesten in der Schule plagten, die meisten Leute im Krieg haben dürften. Etwa aus einer Art moralischem Ausgleich. Aber sie vermied es, sich selbst darüber ganz klar zu werden. Und sie hatte nur die eine Angst, es könnte in der Klasse offenbar werden, daß sie, die Bimbi, die Klassenerste, nicht eine einzige Seele auf dem weiten Erdenrund im Kriege habe. Vorwurfsvoll sah sie den Vater an beim Mittagessen. »Nun, Bimbi, fehlt dir was?« fragte ich. »Vater, warum bist du nicht im Krieg?« Erschreckt fiel meine Gabel auf den Teller: »Ei, Bimbi,« sagte ich betroffen, »sie haben mich nicht genommen.« »Und warum ist der Hans denn nicht im Krieg?« Der zwölfjährige Hans starrte sie fassungslos an. »Mich haben sie auch nicht genommen,« stotterte er endlich. »Und der Onkel Martin, warum ist der nicht im Kriege?« fragte die Bimbi zähe weiter. »Aber, Bimbi, der Onkel Martin ist doch schon zwei Jahre tot.« Die Bimbi war trostlos, wir sahen es ihr an. Sie hätte heulen mögen, wir sahen es ihr an. Aber sie heulte nicht, sondern ging umher und suchte sich einen, der im Kriege war, suchte und suchte, und fand den Heizer ihrer Schule. Irgendwo mußte sie herausgebracht haben, daß er keine Frau und keinen Bruder hatte, keine Schwester, keine Tante, die sich zu Hause um ihn sorgen, die ihm nach draußen etwas hätten schicken können. Heiß hämmerte an ihre kleine Schläfe die Erkenntnis: Ich hab' keinen draußen, er hat niemand drinnen, wir beide gehören zusammen, ich und der Heizer, der Heizer und ich. Also setzte sie sich hin und leitete die Verbindung mit einer Feldpostkarte ein. Den Truppenteil hatte sie beim Schreiber in der Kanzlei des Oberlehrers erfragt. »liber Heidser,« schrieb sie, »ich bin fro das wenigstens du von mir in krieg bist un bald schik ich dir was wirst schon sen deine treie bimbi.« Und die Aufschrift auf der Karte hatte gelautet: »an den Heidser von die kreizschul.« Den Namen ihres Heizers wußte sie nicht. Sie hielt ihn auch nicht für nötig. Er war ihr Heizer, das genügte. Ist es schließlich nicht viel mehr, wenn ich von einem Menschen weiß, daß er im Winter Tag für Tag die Klassenzimmer heizt, damit die vielen hundert Patschhändchen nicht blau werden vor Kälte, als wenn ich von diesem Menschen weiter nichts wüßte, als daß er Maier heißt? Schließlich malte sie in den Vordruck die erfragten Ziffern des Armeekorps, der Division, des Regiments, des Bataillons, der Kompagnie. Die Karte kam an. Der Soldat, der im Morgengrauen die Post zu der im Wald eingegrabenen Kompagnie brachte, las sie lachend vor: »An den heidser von die kreizschul – he, wo ist der heidser von die kreizschul, he?« Ernst stand ein Soldat auf und nahm ihm die Karte schweigend aus der Hand. Es war seit Monaten die erste Karte, die an ihn kam. Denn, wie gesagt, der Heizer von der Kreuzschule hatte keine Menschenseele drinnen. Als der Heizer von der Kreuzschule seine Karte las und wieder las, lächelte er nicht. Sondern er weinte. Ein Kamerad von ihm hat es uns später erzählt. »Ich glaubte, Ihr Töchterl müsse ihm was recht Trauriges geschrieben haben,« setzte er hinzu. Und weiter hat er uns erzählt, daß Bimbis Heizer damals tagelang im Schützengraben hätte liegen müssen. Neben seinem Gewehr im Anschlag hätte die Karte gelegen. Ein paar Tage später kam auch ein braunes Schächtelchen an den »heidser von die kreizschul«. Darin sei ein zerpflegter und zerküßter Puppenkopf gelegen, ein Radiergummi und ein viereckiges buntes Stück Papier »Dem fleißigen Kinde«. Das Papier sei ein Hauchpapier gewesen, das heißt, es habe sich gekrümmt, wenn man es angehaucht hätte. Und wieder ein paar Tage später habe den Heizer von der Kreuzschule eine Kugel getroffen, nachdem er selber den Russen an jenem Tage so eingeheizt hatte, daß ihrer sechs in die Ewigkeit gelaufen wären. Den Heizer von der Kreuzschule aber habe man mit dem zerküßten Puppenkopf in der einen Tasche und dem Radiergummi und dem Hauchpapier in der andern Tasche begraben. Nur die Feldpostkarte habe er, sein Kamerad, an sich genommen. Mit dieser sei er in seinen Erholungsurlaub gegangen und habe an der Kreuzschule unsere Wohnung erfragt. So erzählte es der Soldatenkamerad vom Heizer. »Und wo ist nun die Bimbi?« setzte er hinzu. In diesem Augenblick kam sie ins Zimmer und wollte wieder rasch hinausgehen vor dem fremden Mann. Aber der nahm sie bei der Hand und setzte sie sich aufs Knie. »Hör mal, Bimbi,« sagte er, »ich komme von deinem Heizer, und ich soll dir etwas von ihm erzählen, willst du?« Und ob die Bimbi wollte! Mit großen Augen saß sie da, als sie von der Freude hörte, die ihr Schächtelchen dem einsamen Mann da draußen gebracht hatte. Der Soldat war mit der Erzählung fertig. Wir schwiegen alle. »Aber hat er mir nicht selbst geschrieben?« fragte sie endlich. »Er hat es wollen, Bimbi, an dem Tage, wo – wo –« Fragend schaute mich der Soldat an. Ich nickte langsam. »– an dem Tage,« fuhr er fort, »wo ihn die russische Kugel zu Tode getroffen hatte, Alwine.« Alwine? Nicht mehr Bimbi? Die erste große Welle ihres Lebens kam hohl und mähnezottelnd auf sie zugerauscht. Dem Erzähler rutschte sie vom Knie herab. Mit seltsam großen Augen stand sie vor ihm, ein wenig vornübergebeugt den kleinen Körper, wie das vom Hauch getroffene Fleißpapier, das jetzt mit ihrem Heizer unter Rußlands Erde lag.   Wenn ich Millionär wäre . . . Worin besteht und worauf gründet sich Europas Überlegenheit über die anderen Erdteile?« »Über das Wort ›und‹.« »Was wäre geschehen, wenn wir bei Sedan verloren hätten?« »Vergleich zwischen dem Pfarrer und dem Wirt ›Zum goldenen Löwen‹ in ›Hermann und Dorothea‹.« »Vergleich zwischen dem Apotheker und dem Wirt ›Zum goldenen Löwen‹ in ›Hermann und Dorothea‹.« »Vergleich zwischen . . .« Das sind so einige von den Aufsatzthemen, die aus meiner Schulzeit herübergrüßen. Nicht eben freundlich herübergrüßen . . . Damals habe ich mir etwas vorgenommen. Und als ich selber Lehrer war, habe ich den Vorsatz auch gehalten: Meine Schüler nicht mit solchem Quark zu plagen. Und da saß ich denn auf dem Katheder und diktierte meine Themen. »Wie mein Freund sein soll.« »Wie mein schönster Sonntag ausgeschaut hat.« »Was ich alles von Hunden und von Katzen weiß.« »Warum ich lieber im Wald bin als in der Stadt.« »Wie es bei dem Fußballspiel war.« Und einmal war es, daß mir von ungefähr das Aufsatzthema in den Sinn gekommen war: »Was ich täte, wenn ich Millionär wäre.« Ich vergesse nicht, mit welchem Eifer meine Schüler diese Aussicht aufgegriffen haben. Um so mehr, als ich die Füllen nach Belieben in den fetten Wiesen ihrer Wünsche laufen ließ und ihnen gar nichts vorschrieb. Nur das eine habe ich gesagt: »Nur nicht flunkern. So müßt ihr schreiben, daß, wenn ihr später wirklich Millionär seid –, daß ich dann kommen und fragen kann: ›Na, habt ihr's so gemacht, wie's in euren Aufsatzheften steht?‹« Ja, ja – so wollten sie schreiben, schrien sie und stürmten heim und schrieben – schrieben . . . Was sie schrieben? Nun, als ich ihre Hefte vor der roten Tinte liegen hatte, als mir jungem Lehrer selbst die Augen vor Erwartung glänzten, was die Kerle alles auf dem Herzen haben würden, wenn sie Millionäre wären – Sonderbar – sonderbar – alle zweiunddreißig Hefte fingen mit den gleichen Worten an, alle ganz genau mit diesen Worten: »Wenn ich Millionär wäre, so . . .« Da war nicht einer, der mit irgend einer von den faden, gequälten Einleitungen begonnen hätte, mit denen wir gemartert worden waren, damals: Man hat vom Gegenteil auszugehen . . . Man hat mit einem allgemeinen Satze zu beginnen . . . Man fange an mit: »Es gibt Leute, welche glauben . . .« Nichts von allem bei den zweiunddreißig Millionärarbeiten. Die gingen keck vom Anbeginn aufs ganze: »Wenn ich Millionär wäre, so . . .« Aber gleich hinter dem »so« bogen die Wege auseinander. Nach allen Richtungen auseinander. Da war nicht einer, der seine Million auf dieselbe Art verwendet hätte wie sein Kamerad. Wie ein Wasserstrahlenbündel an der Spitze einer Springbrunnensäule teilten sich die zweiunddreißig Schüler in zweiunddreißig Arten und Schattierungen von Geldausgebern. Ich habe einige von diesen Glitzertropfen jugendlicher Aufsatzwünsche im Kopfe behalten, bis heute: ». . . so werde ich eine Brücke um die ganze Erde herumbauen . . .« ». . . . so werde ich für alle, alle Schüler Uniformen und Helme kaufen . . .« ». . . so werde ich ein Loch durch die Erde graben lassen, bis es auf der anderen Seite wieder herauskommt . . .« ». . . so werde ich mit einem Extrazug durch alle fremden Länder fahren . . .« ». . . so kauf ich mir . . .« O, was haben sie sich nicht alles gekauft, damals, diese zweiunddreißig Millionäre in spe . Was auf Erden nur immer schön war, was da glitzerte und gleißte in der Welt, die sich in diesen jungen Köpfen spiegelte, alles, alles hätten sie gekauft, wenn . . . Ja wenn . . . Aber all das waren äußere Dinge, die die Phantasie der Kinder spielend aufwarf. So bunt und vielgestaltig nur, wenn man von außen auf die Vielheit blickte. Wenn ich jedoch versuchte, mich in das Herz von den Millionenerwartern einzudenken und von ihm hinauszuschauen, so flossen die Wasser aller Wünsche in zwei großen Strömen nur. Die einen wollten alles nur für sich, für ihren Körper, ihren Ruhm, ihr Wohlergehen usw. Die anderen dachten an die Nebenmenschen, an ihr Unglück, ihre Nöte, ihren Kummer, ihren Jammer, den sie – huidihui und eins, zwei, drei – mit ihren Millionen in eitel Freude wandeln wollten. Oben an der Leiter mit den zweiunddreißig Sprossen stand ein Aufsatz, ein wundervoller Aufsatz von – von – heißen wir ihn Heinrich Waldmann. »Wenn ich ein Millionär wäre,« schrieb Heinrich Waldmann, »so würde ich alles Elend aus der Welt schaffen. Alle Menschen würde ich glücklich machen. Einer müßte genau so glücklich sein wie der andere. Aber den schlechten Menschen würde ich nichts geben. Und dann wären sie schön brav und ordentlich, damit sie etwas bekämen und glücklich sein können. Denn vor allem müssen wir gerecht sein in der Welt . . .« Und so ging es weiter – alles für die anderen, nichts für sich, nichts für den Heinrich Waldmann selber. Wenn das nicht brav und gut war! Und dazu der Aufsatz so sauber eingeschrieben, wie gestochen war die Schrift, und kein einziger Grammatik- oder Rechtschreibfehler. Weil diese Dinge aber mitzuzählen haben laut Verordnung über Aufsatznoten, mußte ich dem Heinrich Waldmann die beste Note geben. »Mußte,« sage ich, denn irgend etwas in dem Aufsatz machte mich nicht froh. War's das »Allzubrave«, waren es die Bedingungen, die er an seine Glücksverteilung knüpfte –? Ich weiß es nicht. Das aber weiß ich, daß der Aufsatz von dem – von dem – na, sagen wir dem Karl Leschner – der auf der allerletzten Sprosse der Bewerbungsleiter stand, einen fetten Vierer kriegte: »Wenn ich Millionär wäre,« schrieb der Karl Leschner, »so würde ich mich so stark machen und so gesund, wie noch nie ein Mensch war . . . so würde ich mir ein festes Haus bauen oben auf dem Berge, mit Schießscharten . . . so würde ich . . . so hätte ich . . . so täte ich . . .« Voll lauter »ich« war dieser Aufsatz und voller Schnitzer in Grammatik und Orthographie. Dazu eine Schrift, eine Schrift – als wenn der Karl Leschner eine Schmiedefaust gehabt und mit Hölzern »utang swafel och fosfor« geschrieben hätte. Einfach ein Skandal. Und dennoch war in diesem Aufsatz etwas, was mir Freude machte. War's die Geradheit, war's die Schwefelhölzerschrift, die Unbekümmertheit . . .? Ich weiß es heute nicht mehr. Denn es ist eine lange Zeit her seitdem. Denn ich bin alt geworden seitdem. Und der Karl Leschner und der Heinrich Waldmann wurden Männer. Jawohl, Männer und – Millionäre. Ich höre schon die Zweifler: »Daran erkennen wir, daß die Geschichte glatt erfunden ist.« Sachte, Freunde, sachte: Es gibt in Deutschland Tausende von Millionären. Laut Steuerliste. Und ohne Steuerliste wären's noch viel mehr. Warum sollten nicht von diesen vielen Millionären zwei bei mir gewesen sein in meiner Klasse, als sie Jungens waren? Noch dazu, wo sich die anderen dreißig in dem Dunkel habenichtsiger Geschichtlichkeit verloren . . . Aber was gehen mich Gründe an? Gründe – wo ich mit nackten Tatsachen rechnen kann, mit Millionentatsachen. Die eine Tatsache war also der Heinrich Waldmann. Als die Millioneneigenschaft des Heinrich Waldmann ruchbar wurde, holte ich sein altes Aufsatzheft aus meiner Sammlung und rief mir ins Gedächtnis, daß er damals mit den andern mir versprochen habe, nichts zu schreiben in dem Aufsatz: »Was ich täte, wenn ich Millionär wäre,« was er später nicht auch halten würde, wenn er es geworden sei. Da stand es noch in den großen Schulbuchstaben: ». . . so würde ich das Elend aus der Welt schaffen . . .« Hm, das paßte aber schlecht zu dem, was mir der Herr Kassierer vom Verein zur Bekämpfung der Lungenschwindsucht gesagt hatte – auf der Gabenliste hätte vor nicht langer Zeit der Millionär Waldmann mit zwei Mark fünfzig Pfennig untenan gestanden. Hm, zwei Mark fünfzig Pfennig, und alles Elend in der Welt . . . Da dachte ich, ich dürfte es als alter Lehrer wagen, ihm den eigenen Aufsatz aus der Schulzeit einzuschicken. Ich hatte irgendwo gelesen, daß solche Stimme aus der eigenen Kinderzeit oft Wunder täte. Und so packte ich das Schulheft ein und legte einen Brief dazu: Ich hätte das noch unter den alten Sachen gefunden und nähme an, daß eine alte Schulerinnerung ihm Spaß bereiten würde. Erst ein paar Wochen später bekam ich eine Antwort. Eine Antwort aus Newyork. Er, der Heinrich Waldmann, sei jetzt in Newyork und bleibe da, und er hätte schon verstanden. Aber, aber – was er sich in Deutschland knapp verdient habe, sei doch erst eine Markmillion gewesen, und die sei es nicht gewesen, die er sich in seinen Kopf und in das Aufsatzheft gesetzt, und ich würde schon noch sehen und zufrieden sein mit meinem alten Schüler, wenn – ja, wenn die Zeit erfüllt wäre. Immerhin – das war ein Wort. Sicher hatte er die Dollarmillion im Auge, der tüchtige Geschäftsmann. Und was ich weiter in der Zeitung von ihm hörte, ließ mich glauben, daß der Weg dahin nicht weit war für den Heinrich Waldmann. Und dann – dann würde ich schon sehen, hatte er geschrieben . . . Und dann war es, daß sich unsere kleine Stadt in eine Bahnbausache eingelassen hatte, die ihr schwer am Herzen lag. Für Summen wurde sie herangezogen, die sie zwangen, ihre schönen Wälder vor den Toren zu verkaufen, an die Händler zu verkaufen, wenn ihr die Beschaffung einer Anleihe von einer Million etwa, einer Markmillion, nicht gelingen würde. Nun – um es kurz zu machen – es gelang ihr nicht. Ihr Kredit war zu geschädigt. Und schon sahen wir im Geiste unseren grünen Stadtkranz schwinden – sahen unser liebes Städtlein weit und breit in Sand gebettet – einen goldenen Sattel auf einer dürren Mähre. Da setzte ich noch einmal meine Feder an, die alte Lehrerfeder, und schrieb an meinen alten Schüler Waldmann. Ich glaube, es war ein guter Brief, ein Brief, der Echo haben mußte. Und er hatte eines. Denn der Heinrich Waldmann schrieb – aus London, wo er jetzt Geschäfte trieb – schrieb aus London: Er würde nicht ermangeln, die Anleihe seiner Vaterstadt zu übernehmen, sobald sich seine Vermögensverhältnisse soweit gefestigt hätten, daß er diese Summe von einer Pfund Sterlingmillion zur Verfügung stellen könnte. Die sei es auch gewesen, die ihm damals vorgeschwebt, von der er bis auf heute keinen Blick verwandt, keinen Blick hätte verwenden dürfen – »lieber Herr Lehrer« hatte er eingeschaltet – um so weit zu kommen. Und er sei hart daran, ganz hart daran. Und dann – und dann – dann würde ich schon sehen . . . Und ich sah. Eine Todesanzeige nämlich, drei Wochen darauf, eine Anzeige von London, daß Herr Heinrich Waldmann tot war. Ein Tunichtgut von einem Sohne in Amerika erbte dann die Pfundmillion. Und dann kam die Waldversteigerung – unaufhaltsam, unabwendbar. Im großen Rathaussaale war die Handlung anberaumt. Im großen Saale deshalb, weil man angenommen hatte, eine Menge Steigerer möchten wohl erscheinen, die durch ihren Wettbewerb die fünfzehn großen Waldanteile gut bezahlen würden. Aber in den Bänken für die Bieter saßen nur zwei Männlein, die sich gegenseitig nicht zu überbieten schienen. Da war's klar: die Händler hatten sich verschworen. Die schlauen Händler hatten abgeredet, wer von ihnen dies und jenes Stück bekommen sollte. Und die zwei Männlein vorne waren ihre Abgesandten, die zum Aufwurfspreise kaufen sollten, billig, billig . . . Wir paar Bürger von der Stadt, die hergekommen waren, um vom Hintergrunde aus das trübe Stück Finanzgeschichte unserer Stadt mit eigenen Augen anzusehen, wir paar Bürger knirschten mit den Zähnen, indes die beiden Männlein vorne Witze machten, schlechte Witze . . . Dazu die dünne Fistelstimme des Versteigerers im leeren großen Saale – es war wahrlich nicht behaglich – nicht behaglich. Auf einmal war ein Räderrollen draußen und ein Pfauchen. Es war ein Kraftwagen vorgefahren. Und in letzter Stunde stapfte noch ein letzter Bieter in den Saal. Ein Mann im dicken Mantel, mit einem großen Hute, den er nicht abnahm, sondern aufbehalten hatte. Eben war der erste Waldanteil aufgeworfen worden – zum halben Taxwert. Einer von den zweien hatte obenhin genickt und gesagt: »Ja, dazu nehm' ich es.« »Zum ersten . . .« hatte der Versteigerer gerufen. »Zum zweiten – niemand mehr?« Die beiden rührten sich nicht mehr. »Zum –« In diesem Augenblick war der dritte Bieter eingetreten, mißtrauisch von den beiden anderen angesehen. Ich sah es, wie sich einer von den beiden flüsternd zu ihm herüberbeugen wollte. Aber der Fremde machte eine Handbewegung, als wische er sich eine Fliege vom Gesicht und sagte: »Ich möchte fragen, wie hoch der ganze Taxwert ist.« Der Aktuar blätterte: »Neunmalhundertneunzigtausend,« sagte er. »Darf ich auf das ganze bieten?« fuhr der Fremde wieder fort. Erregt fuhren die Köpfe der zwei anderen zusammen, indes sich die Beamten leise berieten. »Dem steht nichts entgegen laut Versteigerungsbedingungen,« sagte schließlich einer. »So biete ich eine Million!« rief der Fremde. »– und zehntausend!« schrillte einer von den anderen dazwischen. Mit einem Male war der große trübe Saal zu einem lauten Kampfplatz umgewandelt. Licht flutete herein. Wir auf der Galerie, wir reckten die Hälse. »Eine Million und hunderttausend,« sagte die tiefe Stimme des Fremden, der jetzt den großen Hut herunternahm. Ich sah von meinem Platze nur sein Hinterhaupt. Das war groß und breit gebaut und saß auf hohen Schultern. Wie ein festes Haus auf hohem Berge . . . »Zum ersten – niemand mehr?« »Eine Million und hundertzehntausend!« fuhr die aufgeregte Stimme des Unterhändlers in den Saal hinein. »Ein und eine viertel Million,« sagte langsam der Fremde. Und man konnte an der mühsam verhaltenen Bewegung der Beamten sehen, daß sie solches Angebot niemals erwartet hätten. Auch die beiden Unterhändler nicht, offenbar. Denn ihre Vollmachtgrenze schien bedeutend unterhalb zu liegen. Denn sie schnitten Gesichter – Gesichter, wie sie meine Buben in der Schule schneiden, wenn der Ausflug wegen schlechten Wetters ausfällt. »Zum ersten . . . zum zweiten . . .« »Zum dritten und letzten Male,« sagte der Versteigerer und atmete auf. Wir droben auf der Galerie auch. Und ich war so bewegt, daß ich auf ein Haar »Bravo!« gerufen und in die Hände geklatscht hätte. »Ihren Namen?« sagte der Beamte zu dem großen Fremden. »Sofort,« sagte dieser und überreichte dem Beamten eine Karte. Unwillkürlich beugten wir uns über das Geländer. Aber nur ein weißes Rechteck konnten wir erkennen, weiter nichts. Ein weißes Rechteck und den Hinterkopf des Fremden. Breit und fest auf hohen Schultern wie auf einem Berge . . . »Ich wünsche dem amtierenden Notar eine Erklärung für das Grundbuch abzugeben,« fuhr der Fremde weiter fort mit seiner tiefen Stimme. »Bitte,« sagte der Beamte. »Bitte,« sagte der Notar. »Ich wünsche zu erklären, daß auf den ganzen Wald ein ewiges Servitut für mich und meine Erben eingetragen werde.« »Ein Servitut welchen Inhalts?« fragte der Notar. »Des Inhalts, daß der Wald unveräußerlich sei und der Stadt zur freien Mitbenutzung zustehen soll,« sagte der Fremde langsam und feierlich. ». . . der Narr . . .«, hörte ich es von den Zwischenhändlern heraufzischen. Da hielt es mich nicht länger. Jetzt rief ich wirklich »Bravo!« und klatschte in die Hände, daß es patschte. Der Fremde aber wandte sein Gesicht zur Galerie herauf. Voll fiel das Licht auf seine Stirne, seine Augen . . . »Karl Leschner!« rief ich, rief ich von der Galerie hinunter, rief ich über zwanzig Jahre hinweg aus der Zeit heraus, da ich meinen Jungen ein Aufsatzthema diktiert habe, ein Aufsatzthema: »Was ich täte, wenn ich Millionär wäre.« Und dann war es, daß auch der Fremde mich erkannte. Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Er winkte mit den Armen. »Grüß Gott, Herr Lehrer,« rief er zu mir herauf. Und dann war es, daß ich zitternd vor der Rathaustüre stand und wartete . . . Und dann war es, daß ein alter Lehrer mit seinem Schüler über das Katzenkopfpflaster seiner Heimatstadt in die Lehrerwohnung wanderte. Und dann war es, daß die beiden in der Wohnung ihre Köpfe über einem vergilbten Aufsatzheft zusammensteckten . . . Und dann war es endlich auch, daß der Lehrer las: »Wenn ich Millionär wäre, so würde ich mir ein festes Haus bauen oben auf einem Berge . . . und dann würde ich . . . und dann hätte ich . . . und dann täte ich . . .« und lauter »Ich« und »Ich« und »Ich« . . . Dieses las der ältere von den beiden mit einer etwas zitterigen Stimme. Indes der junge von den beiden sich fröhlich auf die Knie schlug und lachte, lachte . . .   Die Oberprima Die Kaisergeburtstagsfeier in dem alten Gymnasium war in diesem Jahre kurz. Der weißhaarige Rektor stand oben in der Aula und überschaute die Versammlung einmal, zweimal. – Das erstemal blieben seine Augen an ein paar leeren Stühlen hängen. Die standen in den Reihen, wo die Lehrer saßen. Das zweitemal aber konnte er den Blick kaum losreißen von einem rechteckigen leeren Fleck, rechts hinten im Saale. Links von diesem leeren Rechteck wimmelten die Köpfe der Obersekunda. Vor dem stummen Rechteck reihte sich die Obertertia. Und rechts stand steif und still die Unterprima. Es war klar: Der leere Fleck, das war die Oberprima. Nein, nicht die Oberprima, nur ihr angestammter Platz bei den Versammlungen in der Aula. Die Oberprima selber fehlte. Es schien, als feierten ihre zwanzig jungen Köpfe Kaisers Geburtstag extra irgendwo. Die weißen Haarsträhnen des Rektors zitterten leicht. Das war immer so, wenn er den Mund zu einer Rede auftat. Fast widerstrebte es ihm, sagte der Rektor, jetzt zu reden. Reden sei heute nichts, Tun alles. An diesem Tage stille durchzuarbeiten, wäre ihm heute das Liebste gewesen. Was wir jetzt mit unserm Volke fühlten, verlange nicht nach Worten. Wenigstens nicht in dieser friedlichen Aula. Das Tatenwort, das hätten heute die Soldaten draußen. Sie selber, ihr altes Gymnasium, habe freilich heute ein paar besondere Lichtpunkte. Dort in den Lehrerreihen seien sie, die leeren Stühle, und weiter hinten der große lichte Fleck, auf den jetzt die Wintersonne spiele. »Freunde,« schloß der alte Rektor, »nie hat unser altes Gymnasium besinnlichere Lichtblicke gehabt. Auf die leeren Flecke schaut mit Ehrfurcht, Freunde. Die sonst da saßen, hat unsre alte Schule heute ausgeschickt, um den Kämpfern unsere Zuversicht zu überbringen. Diese leeren Flecke machen heute unsere Herzen voll. Schaut genau hin, Freunde: Über manchem dieser leeren Plätze hängt ein eisern Kreuz, könnt ihr's sehen? Und über ein paar andere Plätze ist – ich weiß es – eine Todeskugel hingefegt. Diese Plätze bleiben leer. Solange diese Schule steht, soll keiner sich darauf setzen. Das gelobe ich. Lange nach dem Kriege sollen sich die unbedeckten Augen dieser Plätze auftun, groß und hell für jeden Nachgeborenen: ›Hier saß einer unserer Schule, der für Volk und Reich gefallen ist . . .‹« Damit schloß die Feier. Die Aula leerte sich. Alle gingen heim. Es war ein Feiertag. An diesem Nachmittage klappte der alte Professor Breumann, wie immer um 2¾ Uhr, irgend ein wissenschaftliches Buch in seinem Junggesellenheime zu. Dann verglich er, auch wie immer, seine Taschenuhr mit der Wanduhr, nickte, ging an den Wandschrank, holte fast mit einem blinden Griffe ein Buch heraus, steckte es in die Tasche, schlüpfte gemächlich in den Mantel, setzte sich den weichen, breitrandigen Hut auf und stieg gedankenvoll die Treppe hinab. Als er über den alten Wall kam, fiel der leichte Winterschatten des Bismarckdenkmals über seinen Weg. Er schaute auf. Der eiserne Recke da droben stand wie immer unbewegt und schwer. Aber heute schien er ein wenig zu lächeln. Warum lächelte er auf ihn, den alten Professor für Griechisch, herab? Da war doch nichts Komisches dabei, daß er jetzt in seine Schule ging? »Guten Tag, Herr Professor.« Jemand hatte ihn gegrüßt und war rasch vorbei gegangen. War das nicht – war das nicht der Notar Möser, dessen Sohn sein Schüler in der Oberprima war? Ja ja, das war er. Schade, daß er gar so schnell vorbeiging. Eigentlich hätte er ihm sagen können, daß sein Sohn, was Griechisch anbetraf, ein wenig nachgelassen hatte in letzter Zeit. – Der Professor ging versunken durch das alte Tor des Gymnasiums, dann den langen Korridor entlang. Ganz mechanisch bog er jetzt in ein Klassenzimmer ein: »Oberprima« stand darüber. Die Tür stand offen. Nach seiner Gewohnheit schritt er mit gesenktem Kopf einige Schritte gegen das Katheder. So –! Nun würde er die Hefte im Klassenzimmer korrigieren, wie er das gewohnt war. Na, und hier in der Oberprima war er ja ganz ungestört. Die war ja leer. – Und mit einem Male stand ihm wieder alles klar in seinem zerstreuten Gedächtnis: Wie erst einer gefehlt hatte – dann zwei – dann drei, wie die Notprüfung stattfand, Schlag auf Schlag – und wie dann eines Tages der Rektor sagte: »Die Oberprima, unsre ganze Oberprima ist im Feld – Herr Kollege, geben Sie mir das Klassenbuch, damit ich es vermerke« – wie dann unter einem dicken Strich im Klassenbuch stand: »Oberprima im Feld. Framm, Rektor.« – Und während er ins leere Klassenzimmer sah, machte er mechanisch die Schublade auf, wo die Stöße Hefte lagen; der Arm griff herunter, der Kopf sah in das feine Staubgeflimmer der Wintersonnenstrahlen. Wie das wogte und spielte und durcheinanderquirlte! So seltsam ward dem alten Herrn zumute. Eine bleierne Müdigkeit tastete aus der Schublade mit den blauen Heften an ihm herauf. Noch versucht er so etwas wie seine alte Handbewegung zu tun – nach dem Homer in der Rocktasche – aber schon sank der greise Kopf vornüber – – in seiner leeren Oberprima, an dem Katheder war der alte Lehrer in Schlaf gesunken – – –. Und dem Träumenden schien es mit einem Mal, als seien die leeren Bänke nicht mehr leer. Als füllten sie sich mit blassen Bildern, die deutlicher wurden, immer deutlicher. Und jetzt saßen sie wieder drin, die Oberprimaner. Feldgrau waren sie angezogen, und ihre hellen Augen sahen aufs Katheder, auf ihn, den alten Professor. Der wurde ängstlich. Was wollen sie von mir, dachte er. »Ich – ich weiß nicht, was Sie wollen – Möser, fahren Sie fort – Vierter Gesang der Iliade, Zeile –.« »Verzeihen Sie, Herr Professor – ich bin nicht vorbereitet – ich hatte keine Zeit – ich habe heute die ganze Nacht im Schützengraben liegen müssen und –.« Dieser Krieg, dieser Krieg! Er konnte ihn nicht fassen. Vielleicht war er zu alt geworden. Er hatte versucht, mit seinem Homer darüber wegzukommen. Aber es ging nicht – dieser Krieg wuchs und wuchs, dieser Krieg schwoll herauf und schlug über die Ränder seines Homer, dieser Krieg war größer als die Iliade, größer als die Odyssee, dieser Krieg warf Heldentaten auf, gegen die Leonidas verblaßte, Achilles klein ward und die alten Griechengötter schrumpften. Sicher waren die griechischen Heldentaten ein unsterbliches Lied; aber was da von den Feldern Frankreichs und Rußlands an Taten und Berichten erst stoßweise, dann wie ein Choral herüberbrauste, das war mehr, das war viel mehr und der arme alte Professor hatte zuerst das Gefühl, als wände ihm einer den geliebten Homer aus der Hand – mit seinem Büchlein stemmte er sich gegen die neuen Fluten der Erkenntnis. – »Im Schützengraben? Die ganze Nacht? Ja dann allerdings! – Schröder, springen Sie ein!« – »Entschuldigen Herr Professor, aber ich habe heute den Sturm auf Dixmuiden mitgemacht – ich bin noch ein wenig heiser.« – »Dann der Primus denn – Primus, Sie werden mich doch nicht im Stiche lassen. – Sie werden doch Ihren alten Professor und seinen Homer nicht im Stiche lassen?« Da erhob sich lang und hager der Primus: »Herr Professor, geben Sie uns frei – wir müssen schießen, schießen, schießen.« – »Schon gut, schon gut – ich weiß es – aber darüber sollen Sie doch nicht Ihren Homer vergessen und –« »Nein, Herr Professor, wir haben ihn nicht vergessen – wir haben nicht vergessen, wie Sie uns die alten Heldentaten vom Katheder lebendig machten – wir haben ihn im Herzen auf das Schlachtfeld mitgenommen – wir »übersetzen« ihn mit Bajonetten und mit Kolben – wir tun noch mehr als übersetzen, Herr Professor – wir wollen einen neuen Homer schreiben, einen deutschen Homer, Herr Professor!« – Und dann war es, daß der Primus plötzlich stockte: daß er ans Herz griff; daß er den Kopf hintenüber in den Nacken warf, – daß sein Bild undeutlich wurde, blaß und immer blasser, bis eine Lücke aus ihm wurde, – –eine Lücke unter seinen Kameraden. – – – Aufgesprungen waren sie in der Schulbank. Grau strömte es hinaus, grau und grüßend marschierte es stramm vorbei am Katheder, die Hand an der Schläfe: »Leben Sie wohl, Herr Professor! und wenn wir ihn geschrieben haben, bringen wir ihn mit, den neuen Homer, den deutschen Homer. – Leben Sie wohl, Herr Professor! – Deutschland, Deutschland über alles . . .!« Damals war es, daß in der leeren Oberprima Professor Breumann aus tiefem Schlafe plötzlich aufsprang und – wie der Schulwart erzählte – laut aufschrie: »Nehmt mich mit, Kinder, – – mitschreiben will ich – mitschreiben – – –!« Und als der Schulwart ins Klassenzimmer kam, saß ein alter Mann auf dem Katheder, allein – einsam – tief gebeugt den lichten Scheitel – und weinte still hinein in seinen Homer. – – – –   Singen In die Konfirmationsstunde ging sie zu einer Zeit, als sie noch eine Mutter hatte. Aber weil die Mutter krank war, nahm die Grete den Kummer mit in den Unterricht. Und was auch der alte Pfarrer aus der biblischen Geschichte und dem Katechismus lehren mochte – sie hörte es kaum. »Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott,« ließ der Pfarrer aus dem Katechismus aufsagen. Und dann beschrieb er den Mädchen diesen Gott. Aber soviel neue Züge er dem großen Bild auch geben mochte – für die kleine Grete wurde immer der Kopf der leidenden Mutter daraus. ». . . und du sollst keinen andern Gott neben mir haben,« ging es weiter im Unterricht. Und die Grete nickte traumverloren dem Bilde ihrer Mutter zu: Nein, nein, sie hatte keinen andern Gott, als ihre Mutter. Und als dann der alte Pfarrer zu der Leidensgeschichte von Jesus Christus kam, war es wieder Gretens Mutter, die da litt. Und den Widerschein davon konnte jeder, der da wollte, auf Gretes Kindergesicht ablesen. »Geht's dir so nahe?« fragte der alte Pfarrer und streichelte die Grete. Und als diese nickte, war er stolz auf die Wirkung seiner Worte. Nur, daß er eben Jesus meinte und Grete ihre Mutter. Aber dann sprang der Konfirmationsunterricht über zu der Auferstehung. Und da wollte der Pfarrer fröhliche Gesichter sehen. Und die waren auch da. Von allen Bänken leuchteten sie. Nur Gretes Gesicht blieb ernst und traurig. »Freust du dich denn nicht über die Auferstehung?« fragte der Pfarrer. »Die Auferstehung?« sagte Grete schüchtern und sah durch einen Nebel Mutters täglich mehr zerfallendes Gesicht, »ach Gott, Herr Pfarrer, ich glaube an keine Auferstehung mehr.« Des alten Pfarrers Augen wurden groß. Die ganze Klasse blickte entsetzt auf Grete. »Du gottloses Mädchen,« wollte der Pfarrer sagen. Aber da kam ihm Grete zuvor. »Mutter wird nicht mehr auferstehen können, hat der Arzt gesagt,« setzte sie hinzu. Da verstand es der Pfarrer, und das arme Kind, das in seinem Schmerz immer hohler wurde, dauerte ihn. Und er ging von Ostern wieder zurück in die Leidenszeit, und sagte den Kindern: Wenn sie irgend einen großen oder kleinen Kummer hätten, da gäbe es ein gutes Mittel; singen müßten sie, dann würde vieles wieder gut. »Vielleicht hat es eine von euch schon einmal versucht?« setzte er hinzu. In der letzten Bank ging ein Mädchenfinger in die Höhe. »Ja,« sagte die Hedwig, sie hätte es einmal getan, als sie einen Kummer gehabt habe. »Einen großen?« fragte der Pfarrer. Die Hedwig besann sich. »Nein,« bekannte sie, »er war nur mittelgroß.« Der alte Pfarrer lächelte. »Und hat's geholfen?« fragte er. »Jawohl,« nickte die Hedwig. Was sie denn gesungen habe? »Ich ging durch einen grasgrünen Wald Und hörte die Vögelein singen . . .« »Ja,« sagte der Pfarrer, das sei ein gutes Lied und so eines könne schon helfen. Jetzt ging noch ein Finger in die Höhe. Das war die Emma. »Ich habe einmal einen Vierer in der Geographie gekriegt,« sagte sie geschwind, »und wie ich dann gesungen habe, hat's auch geholfen.« »Für die Geographie?« fragte lächelnd der Pfarrer. »Nein, nur für den Kummer,« sagte Emma frei. »Und was hast du gesungen?« »Ich ging durch einen grasgrünen Wald – die Hedwig ist meine Freundin – wir haben die gleichen Lieder, Herr Pfarrer.« Da läutete es und der Pfarrer schaute fast erschrocken auf seine Uhr. Er hatte heute noch die Jünger von Emmaus durchnehmen wollen. Und eigentlich gehörte das mit dem Singen nicht in den vorgeschriebenen Stoff für den Konfirmationsunterricht. Oder doch? Er besann sich, während es draußen weiter läutete. Dann sagte er zu den aufhorchenden Kindern: »Jaja, Kinder, das rechte Singen ist fast soviel wie ein Gebet.« Und dann nickte er der kleinen Grete nochmal extrafreundlich zu. Und dann hatte die Grete das mit dem Singen der kranken Mutter zu Hause erzählt. »Ja,« sagte die Mutter, »der Herr Pfarrer hat ganz recht, das Singen hilft schon – komm, wir wollen mal versuchen, Grete – du mußt fest singen und ich brumme ein wenig dazu – also wie hast du gesagt – Ich ging durch einen grasgrünen Wald und höre die Vögelein singen – nicht?« Und dann klang es frisch und zuversichtlich im Zimmer von einer Kinderstimme. Und da und dort sang der kurz gewordene Atem der Kranken eine Zeile leise mit. Aber plötzlich brach sie ab und ihr schmaler Kopf rutschte ein wenig tiefer das Kissen hinab. Ohne daß er darum aufgehört hätte zu lächeln. So daß das Kind nicht wußte, daß seine Mutter eben singend gestorben war. Und so daß es das Lied vom grasgrünen Wald immer weiter sang, während der Kummer immer leichter wurde. Und sie hörte erst auf, als die Tante hereinkam und mit einem Blick auf die Tote kreischte, das sei ja entsetzlich, wie das eigene Kind beim Tode der Mutter singen könne . . . Und dann war Grete im Waisenhaus. Im Waisenhaus hatte das Singen einen schmalen Platz. Nur am Freitag von 11–12 Uhr, wenn auf dem Stundenplan »Singen« stand, wurden die vorgeschriebenen Lieder eingelernt. Aber aus sich selbst quoll kaum ein Lied im Waisenhaus. Die grauen Wände hätten's nicht gelitten. Die grauen Wände des Waisenhauses hatten keinen Durst auf Lieder. Aber manches Scheltwort und manchen stillen Jammer tranken sie begierig. Da war eine Hausverwalterin, die hatte einen Pik auf Grete. Nichts war ihr recht, was Grete machte. An allem hatte sie zu mäkeln und die Grete zu ducken. »Stell dich nicht so an wie eine zimperliche Prinzeß,« sagte sie. »Ich weiß nicht, was Sie meinen, Frau Brunner.« »Immer hältst du den Kopf kerzengerade. Das gehört sich nicht im Waisenhaus. Warte nur, das Leben wird dich schon die rechte Demut lehren.« »Ich bin doch nicht übermütig, Frau Brunner,« sagte Grete. »Was, schon wieder eine Widerrede,« und sie schlug ihr mit dem Staubtuch ins Gesicht. Da blitzten die Augen des Kindes und die junge Brust wogte. Und schon wollte sie etwas Scharfes sagen. Denn sonst hätte sie laut aufweinen müssen. Und das mochte sie nicht in Gegenwart der Frau Brunner. Entweder Zorn oder Weinen, Weinen oder Zorn. Etwas anderes war nicht möglich. War wirklich nichts anderes möglich? ^ Gab es nicht noch ein Drittes? Und siehe, da leuchtete eine Vision in ihrem Jammer: Sie sah sich wieder in der Konfirmationsstunde. Am Katheder stand der Pfarrer. Und jetzt tat er seinen Mund auf und sagte: »Singen müßt ihr, dann wird vieles wieder gut.« Und schon tat die Waisenhausgrete ihren Mund auf und ging von der Frau Brunner fort den Gang entlang und sang: »Ich ging durch einen grasgrünen Wald Und hörte die Vögelein singen, Sie sangen so jung, sie sangen so alt –« Und je weiter sie mit dem Singen kam, desto fröhlicher wurde der Gesang. Und zuletzt schmetterte er fröhlich durch die langen Gänge, daß die grauen Wände mißbilligend ihre Runzeln unter der Decke zusammenzogen: »Was soll nur diese Singerei im Waisenhaus?« Und die Frau Brunner lief mit einem dicken roten Kopf zum Waisenhausvorstand: »Die Grete sei ein ganz verworfenes Geschöpf,« sagte sie, »was man ihr auch in Güte sage – sie singe einem zum Trotz ins Gesicht.« Da ließ der Vorstand die Grete kommen: »Hast du der Frau Brunner ins Gesicht gesungen?« »Ja, weil sie mich geschl – weil sie mich geärgert hat.« »Wie kommst du darauf, zu singen?« »Unser Pfarrer hat gesagt, wenn man einen großen Kummer habe – oder auch einen kleinen – so müsse man singen: das sei fast so gut wie ein Gebet.« Der Vorstand schüttelte den Kopf. »Und was hast du gesungen?« Und da fing die Grete mitten im Amtszimmer des Waisenhauspräsidenten rank und frei zu singen an, daß ihr junger Körper schwang: »Ich ging durch einen grasgrünen Wald Und hörte die Vögelein singen, Sie sangen so jung, sie sangen so alt . . .« Der Waisenhauspräsident aber hatte sich in seinen Schreibstuhl gesetzt und den Graukopf in die Hand gestützt, so daß man sein Gesicht nicht sehen konnte. Als die erste Strophe fertig gesungen war, keifte die Frau Brunner dazwischen: »Nun hören Sie mal selbst, Herr Präsident, das hat das ungezogene Ding mir, einer alten Frau angetan und überhaupt –« Aber der Präsident hob seinen grauen Kopf nicht auf und sagte kein Wort. Da war die Frau Brunner brummend hinausgegangen. Und noch durch die Türe hörte sie die zweite unbekümmerte Strophe: »O singe nur, singe, Frau Nachtigall! Wer möchte die Sängerin stören . . .« Da wußte Frau Brunner: Sie hatte verspielt und die Nachtigall hatte gewonnen. Die Nachtigall in dem grauen Waisenhausgewand da drinnen bei dem Herrn Präsidenten, der immer den aufgestützten Kopf in den Händen vergraben hatte und von vergangenen Zeiten träumte . . . Und nun war die Grete schon lange nicht mehr im Waisenhaus, sondern draußen in der Welt der Arbeit stand sie fest auf beiden Füßen und schaffte sich ihr Brot. Es war nicht immer leicht, das Alleinstehen in der Welt. Und mancher Kummer kam über sie, leichthin aufgespritzt von Leuten, die auf ein solch elternloses einschichtiges Ding nicht zuviel Rücksicht nehmen. Aber die Grete biß die Zähne zusammen, die jungen. Doch nur einmal oder zweimal. Denn schon beim drittenmal war es ihr eingefallen, daß das gar nicht richtig war. Nicht zusammenbeißen mußte sie die jungen Zähne, sondern auseinandertun zum Singen. Und so sang sie sich heimlich alles Leid herunter in der Kammer. Und nach jedem Liede war sie wieder frisch. Wie nach einem herrlichen Bade, das allen Jammer und alle Verzagtheit von ihren Gliedern spülte. Und so sang sie sich schon nach wenigen Jahren hinauf in eine gute Stelle als Sekretärin. Und stellte das Singen erst recht nicht ein, wenn sie Ferien bekam. Wenn sie hinauswanderte ins Gebirge und in den Wald. Da war es einmal, daß sie sich müde gesungen hatte über das Gebirge. Wenn nur das Dorf schon da wäre, damit sie hätte rasten können, dachte sie ungeduldig und stolperte über eine Baumwurzel. »Au!« Da war das Unglück da: Der Fuß verknackst und weit entfernt die Rast. Sie hinkte bekümmert zu einem Stein und setzte sich darauf. Das war doch ärgerlich – nein, der ganze Tag vergällt und – auf einmal fiel's ihr wieder ein: Wenn man einen Kummer habe, einen kleinen oder großen, so müsse man singen. Und halb lächelnd und halb unter Tränen fing sie an: »Ich ging durch einen grasgrünen Wald –« Au! Der schlenkernde Fuß war an einen Stein gestoßen. »Und hörte die Vögelein singen –« Hm, der Schmerz schien nachzulassen? »Sie singen so jung, sie singen so alt –« Vielleicht war's doch nicht so schlimm und sie konnte wieder langsam gehen? »Die kleinen Vögelein in dem Wald –« Da ging sie auch schon wieder langsam über den Moosteppich. »Die hör ich so gerne wohl singen!« kam's von der andern Seite. Sie schaute erstaunt auf: Da kam schon ein Echo, bevor sie die Zeile noch gesungen hatte! Es war ein Wanderer, sangesfreudig wie sie, der da in den Weg einbog. Wie dumm! Nun wollte sie aber nichts mehr singen. »O, singe nur, singe, Frau Nachtigall –« kam es von den Lippen des unbekümmerten Wandersmannes, »Es lauschen die Blumen, die Vögel all, Und wollen die Nachtigall hören.« Sie sah dem Sänger in das offene Gesicht und kam zu dem Schluß: Hatte sie einmal die keifende Frau Brunner im Waisenhause angesungen, so war es doch sicher bei dem Gesichte dieses Wanderers auch zu wagen. Und ehe sie sich's versah, sangen sie zusammen: »Nun muß ich wandern, bergauf, bergab; Die Nachtigall singt in der Ferne.« Gott sei Dank, daß sie sich nicht vorgestellt hatten. Wie häßlich klänge zwischen diesen Liederzeilen: »Sehr angenehm. Mein Name ist . . . Sie gestatten, Fräulein, daß . . . Sehr angenehm . . . Bitte, ganz meinerseits . . .« Wie wunderbar dagegen jetzt zu zweit im Wald: »Es wird mir so wohl, so leicht am Stab, Und wie ich wandre, bergauf, bergab: Die Nachtigall singt in der Ferne . . .« Die Ferne war ein Jahr lang. Dann standen die beiden Sänger am Altar. Es war eine kleine Vorstadtkirche. Und außer den beiden war nur noch ein zufällig hereingekommenes altes Weiblein da. Und natürlich, war noch der Pfarrer da. Ein recht alter Pfarrer war es, und er hatte gesagt, das sei vielleicht sein letztes Paar, das er zusammenfüge. »Jaja, Gretchen, glauben Sie's nur,« setzte er hinzu, »ich war damals schon alt, als Sie zu mir in die Konfirmationsstunde gingen.« Und jetzt hatte er sie beide zusammengegeben vor dem Altar, und die Ringe waren gewechselt. Jetzt standen sie alle drei ein wenig unschlüssig da. Und das alte Weiblein hinten im Kirchendüster streckte den Hals. »Ist die Zeremonie vorüber, Herr Pfarrer?« fragte der Bräutigam leise. »Ja, die vorgeschriebene schon,« gab der alte Pfarrer ebenso leise und freundlich lächelnd zurück, »denn ob ich Ihnen jetzt noch eine kleine Predigt halte, steht bei mir.« Da faßte sich die Braut ein Herz. »Ich wüßte schon eine, die ich mir gerne wünschte,« raunte sie, »auch mein Bräutigam, glaube ich – dürfen wir's Ihnen in der Sakristei sagen, Herr Pfarrer?« Da drehte sich der alte Pfarrer langsam um und ging voraus in die Sakristei. »Herr Pfarrer,« sagte dort die Braut schnell und ergriff des Priesters Hand, »Herr Pfarrer, Ihre Gretel verdankt Ihnen viel.« »Nun, und was wäre das?« fragten die jung gebliebenen Augen des Pfarrers. »Das Lied, Herr Pfarrer, das Singen. Wissen Sie noch, wie Sie damals sagten: Wenn man singe, würde vieles besser, und es sei oft so gut wie ein Gebet, wissen Sie das noch?« Der Priester nickte. »Nun, Herr Pfarrer, Sie hatten recht: Das Lied hat mich über alles Ungemach hinweggetragen und hat mich und meinen Bräutigam zusammengeführt.« Nun nickte auch dieser. »Und wissen Sie auch noch, Herr Pfarrer, wie das Lied damals geheißen hat?« »Freilich,« sagte der alte Priester, hob seinen Kopf ein wenig, sah auf die dunkle Decke der Sakristei und begann leise: »Ich ging durch einen grasgrünen Wald –« Geschwind warf die Braut dem Bräutigam einen Blick zu: Siehst du, hieß der Blick, diese Predigt habe ich von meinem Pfarrer haben wollen – komm und hilf mir. Ganz sachte fielen da die beiden ein: »Und höre die Vögelein singen, Sie singen so jung, sie singen so alt, Die kleinen Vöglein in dem Wald, Die hör ich so gerne wohl singen . . .« Und mit jeder Zeile wurde der Gesang ein wenig lauter. So daß er zuletzt sogar durch die geschlossene Sakristeitüre durchging und an das Ohr der verwunderten Alten schlug, die noch immer hinten im Kirchendüster den Hals reckte und jetzt zu sich sagte: »Nein jetzt so was – nun hab' ich mich so gefreut auf die Predigt – und nun singen sie gar nur einen – einen Gesangbuchvers in der Sakristei.«   Der Wohltätigkeitsbub Der Lehmann Heinrich war ein Wohltätigkeitsbub. Und zwar unser Wohltätigkeitsbub. Zu der Zeit nämlich, da ich selber noch ein Bub war, da war es Mode, – ich weiß nicht, ob das jetzt noch ist –, daß jede halbwegs honorige Bürgersfamilie einen Wohltätigkeitsbuben hatte. Über dem tat sich dann plötzlich eine künstliche Sonne auf. Schon eine, die wärmte, aber gleich so, daß der Schweiß ausbrach. Der Schweiß der Wohltätigkeit nämlich. »Fritz,« hieß es bei mir zu Hause, »Fritz, ist in eurer Klasse einer, der arm und würdig ist?« Würdig? Was würdig sei, wußte ich nicht recht. Aber arm –? »Ja,« sagte ich, »der Oskar Lindel, der ist arm.« »Und würdig?« »Würdig, glaub ich, ist er auch.« »Woraus entnimmst du das, Fritz?« »Weil – weil er zeam ist.« »Was ist das, ›zeam‹, Fritz?« »Wenn man – wenn man zum Beispiel dem Lehrer hinten einen Maikäfer 'neinkrabbeln läßt.« »So – so – nun, dann wollen wir dir nur sagen, daß es nichts ist mit dem Oskar Lindel.« Dafür war es dann mit dem Heinrich Lehmann was. Den hatte der Lehrer für meine Eltern selber rausgesucht. Und schon am nächsten Tage wurde er unser Wohltätigkeitsbub. Das heißt, er durfte jeden zweiten Mittag zum Essen kommen, und am Sonntag extra. Und meine abgelegten Hosen kriegte er. Und aufs Land wurde er auch mitgenommen in den großen Ferien. Der Lehmann Heinrich war der blasse Sohn eines Schreiners in der Heustraße. Daß er arm war, sah man weniger an ihm als an seinen Eltern. Verflucht arm waren sie, verflucht arm, sagten die Leute. Und daß er würdig war, erkannte man daran, sagten die Leute, daß er still war und niemals widersprach. Am wenigsten beim Mittagessen. Auch wenn ihm etwas angeboten wurde, was er gar nicht mochte. Arm und heikel, sagten die Leute, das wäre ja noch schöner. Irgend jemand hatte mir gesagt, daß der Lehmann Heinrich keinen Meerrettich vertragen konnte. Worauf ich der Mutter abends sagte: »Du, Mama, gell, morgen machst wieder amal 'n Meerrettich?« Und dann freute ich mich bis zum andern Tag fürchterlich darauf, wo der Wohltätigkeitsbub sagen würde: »Nein, 'n Meerrettich kann ich nicht vertragen.« Ich weiß schon, daß das nicht edel war. Aber in dem Alter ist kein richtiger Bub edel. Sondern hat von Rechts wegen voller Schalkerei zu stecken, hat irgendeiner von den Dichterfürsten schon gesagt. Auch wenn's ein bissel auf Kosten der sogenannten Seelengüte geht, hat derselbe Dichterfürst hinzugesetzt. Und recht hat er. Denn die Seelengüte, wenn überhaupt eine da ist, die kommt später schon von selber zum Vorschein. Also haben meine Augen andern Tags beim Mittagessen grad gekugelt vor Neugier, bis die Mutter dem Lehmann Heinrich endlich auch den Meerrettich auf den Teller gab. »Jetzt,« schrie's in mir, »jetzt sagt er endlich einmal Nein, der Wohltätigkeitsbub, jetzt gleich.« Und ich freute mich wie ein Schneekönig über den kommenden Krach. Aber der Lehmann Heinrich verdrehte nur die Augen und aß den ganzen Meerrettich glatt und sauber von dem Teller. Ich sah's ihm an: jetzt mußte ihm schlecht werden, jetzt gleich. Aber es wurde ihm nicht schlecht. Aber mir wurde es auf ein Haar schlecht dabei, das weiß ich heute noch, weil ich mich weißglühend schämte innerlich. Und ich bekam die Spannung nicht eher los nachher, als bis ich dem Lehmann Heinrich unversehens meinen alten Lederstrumpf geschenkt hatte. Ganz geschwind hab' ich das getan damals, und ich weiß nicht mehr, ob er mir dafür gedankt hat oder nicht. Dafür gedankt, daß ich mein schlechtes Gewissen erleichterte – es ist doch komisch manchmal mit dem Danken. Das war aber rasch vergessen. Denn im Leben eines Buben kommen täglich soviel Dinge vor, daß eins das andere auswischt. Tante Theres zum Beispiel. Tante Theres kam alle Tage nach dem Mittagessen zum Kaffee herauf zu uns und häkelte. Es war ein doppeltes Häkeln. Einmal das Häkeln des Fadens mit der Häkelnadel, dann das Durchhäkeln aller möglichen Leute mit der Zungennadel. Und die Zunge von der Tante Theres, kann ich frei bekennen, hatte einen Widerhaken wie kaum eine Häkelnadel. »Was?« sagte sie zur Mutter, die ein Bündel alte Hosen für den Wohltätigkeitsbub schnürte, »was, die willst du verschenken? Die sind ja noch ganz gut?« Aber als die Tante Theres fort war, habe ich dann das Bündel doch noch in die Heustraße tragen müssen zum Lehmann Heinrich. Und unterwegs hörte ich immer die Tante Theres neben mir: »Was? die willst du verschenken? Die sind ja noch ganz gut? Sind ja noch ganz gut . . .« Auf einmal hatte ich das Paket in einem dunklen Hausgang aufgemacht und eine von den Hosen 'rausgenommen. Die beste, wie ich glaubte. Ich würgte sie unters Hemd hinein. Und den Rest gab ich mit niedergeschlagenen Augen in der Schreinerwerkstatt ab, wo Heinrichs Vater als Geselle arbeitete. Auf der Straße erwischte mich noch Heinrichs Mutter und machte einen umständlichen Dank. Es war mir gar nicht recht wohl dabei. Denn die behaltene Hose suchte sich bei meiner Weste Luft zu machen. Dann erst kam ein Stückel Scham hinterher. Keine allzu große. Denn so lange man halt ein Junge ist, hat man ein fürchterlich scharfes Eigentumsgefühl. Ob das nun Spielsoldaten sind, an denen unsere Kinderherzen hängen, oder alte Hosen, die wir lang getragen und von denen Tante Theres sagte, daß sie noch ganz gut wären, das ist im Grunde völlig gleich. Denn, wie gesagt, die Seelengüte, die die Habsucht überwindet, kommt erst später. Jedenfalls nicht ganz so früh wie die Unannehmlichkeiten, welche aus der Habsucht blühen. Die Unannehmlichkeit zum Beispiel: wohin mit meiner versteckten Hose? Ich hab' sie in die Schule mitgenommen und unter die Bank geschoben. Da fand sie der Lehrer nach der Stunde. Am Nachmittag lag die Hose aufgewickelt hinter dem Katheder. »Wem gehört die Hose?« fragte der Lehrer und deutete darauf. Alle schwiegen. Ich auch. Ich verleugnete die Hose. Auch als der Lehrer nochmals fragte und mich scharf dabei ansah, so daß ich rot wurde. Der Lehmann Heinrich neben mir sah es auch. Auf einmal, als der Lehrer zum drittenmal fragte, fast drohend fragte, hob der Lehmann den Finger und sagte: »Mir gehört sie, Herr Lehrer.« »So – so,« sagte der Lehrer und fuhr fort, mich scharf anzusehen, »so – so, also dem Lehmann Heinrich.« Und dann gab er sie ihm. Nach dem Unterrichte ging der Lehmann zu mir und sagte: »Gell, die Hose hast du uns auch schenken woll'n, Müller?« »Woher weißt du das?« stammelte ich. »Wie's vorhin auf dem Katheder gelegen ist, hat man die zwei roten Buchstaben sehen können, F. M., weißt d'.« So kam die Hose, die noch ganz gut war, doch noch zu ihrem Ziel. Ich weiß, daß ich dem Lehmann Heinrich an dem Tage auch »ganz gut« war, nein, sehr gut war. Dann kamen die Ferien. Und unser Wohltätigkeitsbub ging nach Maria Eich mit uns. Das war eine große Lustigkeit zwei Monate lang. Und fast entwickelte sich eine richtige Bubenfreundschaft, eine handfeste, zwischen dem Lehmann Heinrich und mir. Wenn nur nicht am Ende auch noch die Tante Theres gekommen wäre. Von der Tante Theres hörte ich an einem Tage folgende Sätze: »Na, der Bub kann von Glück sagen, daß er zum Landaufenthalt mitgenommen wird.« – »Ich weiß nicht, Wohltätigkeit ist ja ganz nett, aber was zuviel ist, ist zuviel.« – »Jetzt, das muß ich schon sagen, zu meiner Zeit hat's solche Sachen nicht gegeben.« Es ist ja richtig, daß ich die Tante Theres gar nicht hab' leiden mögen. Aber die Worte von unsern Feinden hängen sich am schärfsten ein. – Und wie die Ferien vorbei waren, und wie wir unsere erste Bubenschlacht wieder hatten in der Stadt, eine Schlacht zwischen »Bayerstraßlern« – ich wohnte in der Bayerstraße – und den »Heustraßlern« – der Lehmann Heinrich wohnte in der Heustraße –, da sagte ich zu unserm Wohltätigkeitsbuben: »Sag, zu wem hilfst d', wenn's los geht heut nachmittag?« »Ich wohn halt in der Heustraßen, net?« sagte der Wohltätigkeitsbub. »Dös hab' ich dich net g'fragt, zu wem hilfst d', hab' ich dich g'fragt!« »Ja, wenn ich nicht zu die Heustraßler helf, nacha haun mich die ja durch,« sagte er etwas kleinlaut. »So – und der Landaufenthalt??« sagte ich und ging geschwind heim. So daß ich nicht mehr sehen konnte, was der Lehmann Heinrich für ein Gesicht machte. Natürlich weiß ich heute, daß das eine Gemeinheit war von mir. An dem moralischen Maßstab der Erwachsenen gemessen, nämlich. Und an dem Meterstab der Jugend abgemessen, war's auch nicht sauber grade, aber man darf nicht vergessen, daß eine Schlacht bevorstand, eine Schlacht zwischen den Bayerstraßlern und den Heustraßlern. Und daß in der Heustraße die größten Buben waren. Einige, die weit über einen Zentner wogen und spucken konnten, spucken, kratzen und beißen, und die sich beim Lehmann seinem Vater breite Holzschwerte zusammengehobelt hatten, wie uns durch Spione mitgeteilt wurde. Und daß die Bayersträßler schon zweimal von den Heusträßlern verprügelt worden waren. All das darf man nicht vergessen. Und wenn wir heute darüber lächeln – für uns Bayersträßler waren diese Dinge damals Lebensfragen – einfach Lebensfragen. Also gut – es war ein Samstagnachmittag, und unsere Vorposten hatten schon seit einer Viertelstunde gemeldet, daß der Feind anrücke. »Der Doppler ist auch dabei, der lange,« hieß es. »Und sein Bruder von der Lateinschule soll auch mittun.« »Auweh!« sagte einer von uns. »Was auweh! Nix auweh! An Dreck auweh!« sagte unser Hauptmann, und die Schlacht begann mit wildem Kriegsgeschrei. »Haut's zua! Haut's zua!« ertönte es von allen Seiten. Hin und her wogte das Kriegsglück. Erbittert hatten wir uns ineinander verfitzt. Die breiten Schwerter blitzten. Einigen Kämpfern wurde der Rock heruntergerissen. Alte, von Mutter sorgsam ausgeflickte Kleiderwunden brachen wieder auf. Es hieß, dem Doppler sein Bruder hätte einem von uns bereits ein Loch in den Kopf geschlagen. »Blut also!« schrillte es in unsern Knabenherzen, »Blut?!« Da sah ich dicht vor mir den Lehmann Heinrich fechten. Still und ruhig focht er, gar nicht aufgeregt. Wenigstens schien es so. Blaß war er ja. Aber das war er immer. Ich stürzte mich auf ihn. Er sah mich kommen. Es schien, als wollte er dem Kampf ausweichen. Wenigstens machte er einen verlegenen Rückzug. Dabei packte ihn einer von uns an der Seite. Aber mit einem geschickten Boxer legte er ihn auf den Boden. Es war der, der »auweh!« geschrien hatte vorhin. »Hau zua, hau zua, Müller!« feuerte mich unser Anführer an. »Der Lehmann g'hört zu uns!« schrie ich. »Warum denn?« schrie unser Hauptmann. »Weil er mit uns in'n Landauf–« rief ich, sinnlos vor Schlachtwut. Weiter kam ich nicht. Der Lehmann war auf mich zugesprungen und – es hat keinen Sinn, die Wahrheit zu verbergen – verhaute mich nach allen Regeln der Kunst. Und nun kommt das Merkwürdige von der Geschichte: auf Grund dessen verlor er in meinen Jungenaugen die Eigenschaft des Wohltätigkeitsbuben ganz und gar und wurde ein gleichberechtigter Freund um und um. Und wenn ich auch am gleichen Tage noch schäumte vor Wut und Schmerz – am andern Tage gab ich ihm die Hand und war und blieb ihm herzlich gut. Um so mehr, als wir Bayersträßler an jenem Schlachtentage trotz alledem gewonnen hatten.   Bewerbungsschreiben In meiner Klasse waren elf Lehrlinge und vier Gehilfen. Das Bewerbungsschreiben war an der Reihe. Ich gab keine Erklärung und keine Anweisung, sondern sagte: »Schreiben Sie einmal aus Ihrer Geschäftserfahrung heraus einen Bewerbungsbrief – irgend einen – Sie haben volle Freiheit.« Da schrieben sie fünfzehn Briefe. Und vierzehn davon fingen an mit: »Bezugnehmend auf Ihre geschätzte Anzeige in der . . . Zeitung . . .« Und vierzehn Briefe schlossen mit: »Im Falle Sie meiner Bewerbung den Vorzug geben sollten, versichere ich Sie . . .« Und in vierzehn Briefen stand: »Sowohl in der einfachen wie doppelten Buchführung bin ich durchaus . . .« »Die Festsetzung eines Gehalts darf ich Ihrer Güte überlassen . . .« Und nur ein einziger von den fünfzehn Briefen lautete so: »Ich kann das, was Sie in Ihrer Anzeige fordern. Ich verlange 180 Mark im Monat. Ich komme morgen früh vorbei. Hochachtungsvoll     . . . .« Als ich die Briefe gelesen hatte, bekam ich ein Telegramm. Ich mußte dringend verreisen. Ein Kollege übernahm meine Klasse. Er verbesserte an meiner Stelle die Bewerbungsschreiben und gab sie an die Schüler zurück. Vierzehn Schülern erteilte er eine annehmbare Note. Und einem gab er eine glatte Vier. »Mensch,« sagte er zu diesem, »Sie haben da einen netten Bewerbungsbrief zusammengeschrieben – drei Sätze, und alle fingen mit Ich an – und der Stil – und 180 Mark wollen Sie . . .« Später sind die vierzehn Briefschreiber brave Durchschnittsgehilfen geworden. Und nur einer von den fünfzehn wurde noch in jungen Jahren Direktor eines großen Handlungshauses, dessen Bedeutung er vervielfachte.   Der Faden Sie hatten mich zu Hause gelassen, damit ich Bildung lerne, sagten sie. Ich hatte beim Mittagessen den fremden Herrn gefragt, wie er über die Geschichte von Vater lachen könne. Wir hätten sie schon hundertmal gehört und könnten nicht mehr lachen, nicht um viel Geld. Deshalb wurde ich vom Sonntagsspaziergang ausgeschlossen. Als ob ich dadurch über Vaters alte Geschichte wieder hätte lachen lernen können. Es war zum Lachen. Was fängt ein Junge mit einem leeren Sonntagnachmittag in einer leeren Wohnung an? Das war sicher nicht zum Lachen, das war eher zum Verzweifeln. Alles war abgesperrt, das schöne Zimmer, die Küche, die Speisekammer, sogar der Bücherschrank. Ich überlegte, ob ich die einunddreißig Nippfigürchen überm Sofabord hinunterwischen sollte. Aber vielleicht war es unterhaltlicher, alle Tische und Stühle in der Wohnung auf den Kopf zu stellen? Oder den Klavierbauch unten aufzumachen, um endlich einmal festzustellen, was darin ist? Ich entschied mich fürs Klavier und rutschte, einen Einlaß suchend, um die Pedale herum. Da bekam ich plötzlich eins auf den Kopf. Ui, war Vater schon zu Hause? Nein, Mutters Fadenröllchen war mir auf den Kopf gefallen. War das Mahnung oder Wink? Ich entschied mich für den Wink, weil mir einfiel, was man mit einem Faden alles machen könne. Zum Beispiel einen Juxbrief. Den ließ ich an dem unsichtbaren schwarzen Faden aus dem Fenster auf den Gehsteig fallen. An Seine Exzellenz den Herrn Oberbürgermeister, hatte ich auf den Umschlag geschrieben. Aha, da kam schon einer, der den Brief aufheben wollte. Hupp, flatterte der Brief über seinen Kopf. Der Mann machte ein dummes Gesicht. Dann drohte er mit der geballten Faust herauf und schimpfte. Nach ihm fielen noch sieben Leute auf den Brief herein. Noch siebenmal wurde heraufgeschimpft und das Gesicht verzogen. Es war wundervoll. Dann hatte ich eine alte, leere Geldbörse in der Wohnung aufgestöbert. Die ließ ich auf den Bürgersteig hinab. Wie verheißungsvoll sie in der Sonntagssonne lag. Ein Eiliger kam. Von weitem sah er schon die Börse liegen. Vor freudigem Erschrecken ging er langsamer. Wie ein Hund, der eine Katze anschleicht, hob er theatermäßig seine Beine. Jetzt schien er zum Griff entschlossen. Er schaute um, ob's jemand sähe. Hupp, ging währenddem die Börse ein Stockwerk in die Höhe. Die Hand des Mannes zuckte gegen einen leeren Flecken am Pflaster. Ich glaube, es trieb ihm die Augen vor Erstaunen aus dem Kopfe. Kopfschüttelnd und bedäppert ging er weiter. Es war zu juxig. Das ging noch zweimal so. Der nächste aber griff nicht nach der Börse. Zögernd ging er vorbei. Aber auf einmal kehrte er doch um, um das Versäumte nachzuholen. Hupp, diesmal sah er die Börse hochgehen. Er wollte auch heraufschimpfen. Aber er schämte sich und verschwand um die Ecke. Jetzt kam wieder einer, den ließ ich die Börse ruhig aufheben. Fach für Fach untersuchen, sich ärgern, daß kein Pfennig drin war, die Börse verächtlich fallen lassen – hui, wie er zurückprallte: die Börse schwebte in der Luft. Es war zum Kugeln. Die Fenstermöglichkeiten meines Fadens schienen erschöpft. Ich ging mit ihm auf die Straße. Jetzt war gerade niemand zu sehen. Geschwind den unsichtbaren Faden quer über die Straße gespannt und in einen Fensterladen eingeklemmt. Ich war zu begierig, was sich jetzt ereignen würde. So wie ein Gott, dem die ersten Geschöpfe aus der Hand gegangen sind, begierig darauf ist, was sie beginnen werden. Aber immer, wenn man zu begierig ist, kommt die Enttäuschung. Diesmal waren es zwei dicke Brauerpferde. Die trabten durch mein Fadenhindernis, als wäre es nie dagewesen. Es war zu ärgerlich. Ich hatte mich daran gewöhnt, den Faden wie ein Schicksal zu betrachten, das ich anderen versetzen könnte. Ich spannte eine neue Lage von meinem Schicksalsfaden. Etwas höher diesmal. Zwei Hunde liefen unbekümmert drunter durch. Das ärgerte mich wieder. Diese Hunde waren doch zu unverschämt: keine Notiz zu nehmen von dem Fadenschicksal, das ich über meine Straße verhängt hatte. Jetzt kamen zwei Kinder. Mein Faden strich dem einen Knaben die aufrechtstehende Locke überm Kopf glatt. »Laß diese Faxen,« sagte der eine Bub zum andern, in der Meinung, der sei ihm übers Haar gefahren. – »Was für Faxen?« sagte dieser beleidigt. – »Verstell' dich doch nicht so, du Schwindler.« – »Was sagst du? Schwindler? Na warte, ich tränke dir ihn ein, den Schwindler.« Es entstand eine solide Rauferei. Es war herrlich. Dann kam ein Fräulein mit einer stolzen Feder auf dem Hut. Mein Faden bog die Feder um und ließ sie gleich wieder in die Höhe schnellen. Es sah sehr lustig aus. So lustig, daß ich aus meinem Beobachtungsposten im Hausgang heraussprang und dem Fräulein nachrief, sie habe was verloren. Mißtrauisch kehrte das Fräulein um. Dadurch kam ihre stolze Feder noch zweimal zum Umbiegen und Aufschnellen. Es war so fidel, daß ich laut lachen mußte. Denn das Fräulein hatte keine Ahnung. Es wurde sehr aufgebracht. »Du bist ein ungezogener Junge,« sagte das Fräulein beim dritten Vorbeigehen, »man sollte dir die Hosen spannen!« – »So überspannt wie Sie mit Ihrer Hutfeder kann sie gar nicht werden,« sagte ich schnell. Es muß eine Köchin gewesen sein, denn sie hob jetzt den Arm gegen mich, wie man mit einem Kochlöffel zuschlägt. Aber davon zerriß mein guter Faden. Ich spannte sofort einen neuen; es war noch ziemlich Zwirn auf der Rolle. Jetzt näherte sich ein Schutzmann. Er ging sehr langsam. Mein Faden ging ihm genau bis auf den Nasenrücken, wo der eine scharfe Biegung machte. Dort zersprang er. Ich konnte sehen, wie er zornig diese Stelle mit der einen Hand rieb. Mit der andern haschte er nach dem Faden. Ha, dachte ich, mein Faden ist so fein, daß du ihn gar nicht sehen kannst. Aber ich hatte nicht mit dem weißen Straßenasphalt gerechnet. Auf dem zeichnete sich der niedergefallene Faden haarscharf ab. Na, wenn er will, dachte ich, kann er meinetwegen den Faden verhaften. Aber er verhaftete den Faden nicht, sondern verfolgte den Fadenlauf wie ein Detektiv. Natürlich nach der Richtung unserem Hause gegenüber. In dieses Haus ging er hinein und läutete zu ebener Erde. Ein Dienstmädchen kam heraus. Auf das sprach der Schutzmann ein. Dann gingen beide auf die sonnige Straße und betrachteten gemeinsam den schwarzen Faden, der friedlich in der Sonne lag. Das dauerte sehr lange. Ich glaube, so lange ist noch kein Faden angeschaut worden. Dann schien der Schutzmann zu sagen, das Dienstmädchen solle den Faden aufheben. Aber das Dienstmädchen schien zu sagen, der Faden ginge sie einen Pfifferling an, er möge ihn gefälligst selber aufheben. Das ging jedoch nicht, weil der Schutzmann Diensthandschuhe anhatte. Er versuchte es zwar einmal, aber die dicken Lederfinger rutschten aus. Dann ging er fort. Er versuchte oben ganz wurschtig auszuschauen. Aber an den Stiefeln unten merkte man den Zorn, weil sie so aufstampften. Jetzt spannte ich zwei Schicksalsfäden im armslangen Abstand voneinander. Vielleicht, daß die Schicksale dadurch verwickelter werden, dachte ich. Kaum waren sie gespannt, kam eine junge Dame. Ein Herr mit einem Zylinder verfolgte sie. Die junge Dame hatte rote Backen. Manchmal sah sie sich hastig um. Ich konnte nicht daraus klug werden, ob es ihr recht war, daß ihr der Herr nachging oder nicht. Jetzt kam sie an meinen ersten Faden. Der mußte mit einem kleinen Knall an ihrem Ohr gerissen sein, als sie sich wieder herumdrehte. Ich konnte es sehen, weil sie die Hand ans Ohr hob. Es sah aus, als horche sie auf einen seinen fernen Ton. Ich habe es probiert, wenn ein straffgespannter Faden ganz nahe am Ohr reißt, das klingt, als spränge plötzlich eine Saite in einem Konzert. Die Dame war erschrocken. Sie war auf einmal entschlossen stehen geblieben. Der Mann mit dem Zylinder hatte sie eingeholt und wollte sich ganz frech vor sie hinstellen. »Lassen Sie mich in Ruhe,« hörte ich die Dame ganz deutlich sagen. Es muß ihr auf einmal nicht mehr recht gewesen sein, daß ihr der Mann nachging. Aber er wollte sich nicht einschüchtern lassen. Er machte eine spöttische Kopfbewegung. Bums, flog ihm der Zylinder vom Kopf, weil er an meinen zweiten Faden angestoßen war. Es sah aus, als habe ihm eine unsichtbare Hand den Glanzhut heruntergeschlagen. Sein Gesicht dazu, nein, das war doch das Komischste vom ganzen Sonntagnachmittag. Die Dame hatte so lachen müssen, weil sich der zudringliche Mensch so schrecklich blamiert hat. Sie war nun schon weit weg, als er immer noch an seinem schmutzigen Zylinder herumbürstete. Es war wirklich zu lustig und schon zwei abgerissene Fäden wert, glaube ich. Ich schaute auf dem Fadenröllchen nach. Für eine Spannung langte es gerade noch. Ich kam mir jetzt so schicksalsmächtig vor, daß ich beim Spannen gar nicht mehr acht gab, ob mich jemand dabei sehen konnte. Dann stellte ich mich davor auf und sah, so scharf ich konnte. Da kam ein Schmetterling schnurstracks auf ihn zugesegelt. Der sah ihn doch und setzte sich darauf. Ganz still saß er da und rührte sich nicht. Das sah ganz merkwürdig aus, wie ein Wunder. Ich brauchte jemand, der sich mit mir wundern sollte. Da stand schon jemand neben mir. »Sehen Sie,« begann ich, »welches Wunder dort –« »Du Lausbub, du dreckiger,« sagte der Schutzmann, »dir sollte man eine runterhauen für dein Wunder. Überhaupt sollte ich dich aufschreiben wegen groben Unfugs, daß du's weißt.« Ich nickte gehorsam. »Wenn's noch mal vorkommt, wirst du eingesperrt, daß du's weißt.« Ich nickte nicht. Die abgespulte Fadenrolle fiel mir aus der Hand. »Aha, da ist die Rolle, her damit!« Er steckte die leere Rolle ein und ging. Aber ganz befriedigt war er noch nicht. Er drehte sich wieder um. Noch immer saß der bunte Schmetterling auf meinem Schicksalsfaden und wippte leise mit den großen Flügeln. Der Schutzmann zog rasch sein Seitengewehr und hieb den Faden glatt und scharf durch. Ich und der Schmetterling stoben schicksalszerrissen auseinander. »So;« brummte der Schutzmann befriedigt und ging. Aber wieder drehte er sich um. Fast feierlich drohend sagte er: »Tu's nicht wieder, du Lausbub – mit einem Faden fängt's an und mit einem Strick hört's auf, daß du's weißt.« Er machte dabei eine Schlingbewegung um den Hals.   Mein Firmling Auf einmal war ich Firmpate. Jemand hatte gesagt, daß ich dazu veranlagt sei. Bescheiden wagte ich zu zweifeln. Der andere kam in die Hitze. Er werde es beweisen, rief er. Noch ehe eine Woche um war, kam ein Brief: Ich sei zum Firmpaten seines Söhnchens Franz ernannt, elf Jahre, braver Bub, Firmung am Pfingstmontag im St. Peter acht Uhr, ich würde abgeholt, vom Franzl, er selber sei verreist, der ganze Tag gehöre mir und Franzl, das sei Pflicht des Paten, um mit der Seele seines Patenkindes Fühlung zu erlangen, und wenn ich auf etwaigen Firmgeschenken bestehen sollte, dann solche, die dem Ernst der Zeit entsprächen. Ich war stolz und sagte allen Leuten, daß es mir gelungen sei, Firmpate zu werden. »Jee, dös soll auch a Kunst sein,« hieß es. Wenn auch keine Kunst, sagte ich würdig, so doch ein Glück. »Jee, a Glick, dös Glick kunnt' i alle Pfingsten siemazwanz'gmal ham, wenn i mir net 'druckte Kart'n machen lassen hätt'.« Was auf den Karten stünde? »›In Sachen Firmung nicht zu sprechen‹ – und mei' Köchin gibt sie jedem, der zwischen Neujahr und Ostern an meiner Haustür' läut't – mit bestem Erfolg – fast alle kehr'n schon an der Haustür um.« »Und die nicht umkehren?« »Denen sag' ich: ›Das ist ein Finger Gottes, daß Sie heute kommen – könnten Sie mir nicht mit hundert Mark aushelfen?‹« Aber ich durchschaute ihn. Aus blassem Neide wolle er mir meine Ernennung zum Firmpaten nur verekeln, sagte ich. Denn ich wüßte es von Franzls Vater selber, es sei eine hohe Ehre, und nicht jeder sei dazu geeignet, mit der Seele eines Firmpatenkindes Fühlung zu nehmen. »Seele? Meiner Seel', ich für meinen Teil bin selig, daß ich mit keiner Firmlingsseel' in Fühlung kommen muß – Sie sind beim Gegenteile selig – Gott, der Herr, hat alles weise eingerichtet, und es muß auch Deppen geben, damit die Buckligkeit der Welt sich besser ausgleicht.« Ich wurde nachdenklich und erkundigte mich an andrer Stelle wegen des Firmlingsgeschenkes, auf dem ich etwa zu bestehen hätte. »Firmgeschenk?« hieß es, »also zunächst ein Gebetbuch.« Nun, wenn's weiter nichts ist, meinte ich, darauf könnte man in der Tat bestehen, soviel ich wisse, gebe es schon solche mit zwei Mark dreißig, trotz des Goldschnitts. »Ja, und außer dem Gebetbuch den üblichen Firmtaler.« Nun, ein Firmtaler sei immerhin nur drei Mark – »Fünf, bitte, und außer dem Firmtaler ein Mittagessen im Grünen Husaren mit soviel Gängen, als der Firmling Lust hat.« Nun, die Lust würde sicher in Anbetracht der ernsten Zeitumstände ihre Grenzen – »Da kennen Sie einen Firmling aber schlecht. Je ernster die Zeit, desto größer sei dem sein Appetit – und außer dem Firmlingsmittagessen im Grünen Husaren noch einen Firmlingskaffee im Methgarten.« Ob das endlich alles sei? »Haben Sie eine Idee von einer Firmung, dazu gehört doch vor allem auch ein ordentliches Firmlingsgewand, und wenn der Firmpate sich nicht lumpen lassen will, muß er auch durch ein Firmlingssparkassenbuch den Grundstock für den künftigen Firmlingsreichtum legen.« Hem, es sei mir eigentlich weniger um alle diese – hem, doch mehr äußerlichen Dinge bei einer Firmung zu tun, als vielmehr darum, mit der Seele meines Firmlings Fühlung zu nehmen. Ganz richtig, der Grüne Husar und der Methgarten und das Firmlingsgewand und das Firmlingssparkassenbuch, das seien lauter Teile einer Firmlingsseele. Und das Wichtigste habe er beinahe vergessen. Denn ohne eine Firmlingsuhr sei eine Firmung keine Firmung. Nach dieser Auskunft erkundigte ich mich bei meinem ersten Gewährsmann nach seinem Kartendrucker. Aber er sagte, das habe erst vom nächsten Neujahr ab einen Zweck. Eine einmal angenommene Firmpatenstelle könne durch keinen Druck mehr aus der Welt geschafft werden. Die sei wie ein Wechsel, der, protestiert, nur mit vermehrten Kosten immer wieder vorgewiesen werde. Ganz abgesehen vom Gerichtsvollzieher – Ach was, bei einer Firmung gäbe es doch keinen Gerichtsvollzieher. Oho, ich sollte nur versuchen, nicht alle meine Patenpflichten zu erfüllen – die Angehörigen des Firmlings würden ein Gericht an mir vollziehen, daß ich in keinen alten Schlappschuh mehr passen würde. Aber da fiele ihm doch noch ein Mittel seines Kartendruckers ein, um alle Firmungsunannehmlichkeiten abzuwälzen, das einzige Mittel in meinem verzweifelten Falle, aber er wisse nicht, ob er mir – Dummes Zeug, heraus damit, geschwind! Eine Todesanzeige. Blödsinn, ob er nicht sähe, daß ich lebe. Gewiß, das sähe er, aber vermittels eines rechtzeitigen Selbstmordes . . . Mein Firmling holte mich pünktlich um halb acht Uhr ab. »Grüß dich Gott, Franzl,« wollte ich sagen. Aber er war um und um so voll Korrektheit, so steif starrte ihm sein schwarzes Firmlingsröckchen ab vom Körperchen, so hochachtungsvoll leuchteten die weißen Firmlingshandschuhe, daß es mir den ›Franzl‹ nicht herausließ, sondern eher eine gemessene Verbeugung. »Herr Pate,« sagte er eingelernt und feierlich, »punkt acht beginnt die Firmung im St. Peter.« »Lieber Firmling,« sagte ich, »was ist Zeit auf den Höhepunkten unsres Lebens?« Aber ich machte keinen Eindruck. Sein etwas ängstliches Gesichtel schaute scharf auf meine große Wanduhr. Da entschloß ich mich, ihm seine Firmlingstaschenuhr schon jetzt zu überreichen. Er nahm sie würdig in Empfang und bemühte sich ersichtlich, die Haltung eines Dschingis Khan zu markieren: Den schuldigen Tribut von unterworfenen Fremdvölkern empfangend. »Mein lieber Firmling,« begann ich wieder und wollte über seinen braven Firmlingsscheitel streichen, um die vorgeschriebene Fühlung mit der Firmlingsseele zu erreichen. Aber scheu wich sein knapp geölter Scheitel aus: »Herr Pate, punkt acht beginnt es im St. Peter.« »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Firmling,« sagte ich und übergab das schuldige Firmlingsgebetbuch mit Goldschnitt. Er übernahm es vermittels eines eingelernten Dankspruchs in Goldschnitt, vielleicht auch Messing. »Und beinahe hätte ich auf den Firmlingstaler vergessen, lieber Firmling.« Gnädig verschluckte seine Firmlingsbörse meine Münze. »Und punkt acht, Herr Pate, beginnt im St. Peter –« Er zog mich in die Kirche. Unterwegs sah ich, daß es nicht mir allein so ging. Alle Firmlinge zogen ihre Paten in die Kirche. Alle Paten versuchten unterwegs zum besten ihres Firmlings ein heiteres Gesicht zu machen. Aber alle scheiterten an dem ehernen Gesichtsausdruck des Firmlings: »Wir bitten euch ergebenst, gutgemeinte Faxen zu unterlassen, punkt acht beginnt . . .« Alle Paten versuchten vor den Flügeltüren von St. Peter noch die Fühlung mit der anvertrauten Seele zu gewinnen. Aber die Seele hielt die Firmlingskerze mit ausgestrecktem Arm senkrecht vor sich hin, wie vorm verbotenen Paradies der Erzengel Gabriel das Schwert: »Kommt mir nicht zu nahe, bitte.« Im Dom saß mein Firmling, nein, saß ich an meines Firmlings Seite. Die Orgel rauschte. Der Gesang trug mich auf lichten Schwingen rückwärts in die eigne Kindheit. So feierlich flackerten die Lichter. So ernst und gütig sprach der Weihbischof in seiner kurzen Predigt mit einer Wendung zu uns Paten: ». . . und mit der Eintragung der Patenschaft ins Kirchenbuch ist es noch nicht getan, meine Lieben, nein, Pflicht des Paten ist es, auch die rechte Fühlung mit der Seele seines Patenkindes –« Es überströmte mich mit ehrlichem Gelöbnis. Eine Wallung packte mich, meinen Arm um meines Firmlings Hals zu legen, wenn es nicht von dem steifnackigen Hälslein meines Firmlings warnend aufgestiegen wäre: »Untersteh dich, alter Depp!« Aber jetzt kam der Weihbischof selber, um den Firmlingen die bedeutungsvollen Backenstreiche zu versetzen, die der Heiland in der Stunde seiner tiefsten Demütigung erdulden mußte. »Nun endlich werdet ihr auch dasig werden, ihr unzugänglichen Firmlinge,« dachte ich. Aber hinter mir flüsterte ein Firmling einem andern zu: »Du, pass' auf, Schorschl, der haut net schlecht zu, ich weiß's vom Martin vorig's Jahr . . .« Ohne Eindruck zu machen, ging der Backenstreich bei meinem Franz vorüber. Ungerührt ließ er sich auf die Stirne den salbenden Öltupfen machen, den ein andrer Geistlicher mit einem Tuche schleunigst wieder wegwischte, fast ängstlich: »Wir bitten um Verzeihung, werter Herr Firmling, Sie einen Augenblick naß gemacht zu haben . . .« Dräuende Mienen machten dazu die Firmlinge. Nur einen sah ich beim Abwischen treuherzig hinter seine steifen Öhrchen langen, als wollte er das Tuch einladen, auch da, weil's in einem Aufwischen ginge –. Aber es war eine Täuschung, der Firmling hatte sich lediglich nachdenklich hinter vollkommen trocknen Ohren gekraut. Wieder setzte die Orgel ein, wieder züngelte der Chorgesang zur hohen Wölbung, wieder versank ich in vergangne Zeiten . . . Da, eine schonungsvoll ermahnende aber etwas harte Stimme neben mir: »Herr Pat', sie sind schon alle draußen, wir sind fast allein –« Und er führte mich voll Achtung aber entschieden aus der Kirche in den Grünen Husaren. Dabei ließ er keinen Augenblick meinen Arm los, den er fest drückte. »Ob das vielleicht die Fühlung ist?« dachte ich verschüchtert. Aber da war schon der Ober vom Grünen Husaren. Mich übersah er. Direkt an den Firmling wandte er sich vermittels einer Speisekarte: »Und was für Gänge gedenken der Herr Firmling . . .?« Der Grüne Husar lag hinter uns. Wir schritten dem vorschriftsmäßigen Methgarten zu. Wenn der Kaffee dort heiß genug ist, mochte er die Stimmung lösen und am Ende doch noch die verlangte Fühlung bringen. Aber der Kaffee im Methgarten brachte mir lediglich ein wenig Magendrücken, er war zu schlecht. Wie, wenn ich meinem unbewegten Firmling jetzt das Sparkassenbuch –? Vor mehrstelligen Sparkassenbüchern sind schon strenge Herzen hingeschmolzen. Nicht so meines Firmlings Herz. Er dankte mit wohlgesetzten Worten. Er schlug es gar nicht auf, nur auf den Umschlag warf er einen flüchtigen Blick. »Das Kennwort, bitte, Herr Pate?« sagte er sachlich. »Kennwort?« stotterte ich, »das Kennwort bei der Schatzerhebung heißt ›Fühlung‹.« Er verzog um ein weniges die Firmlingsnase. Er hatte ›Waterloo‹ oder ›Sedan‹ erwartet. Das Firmlingswetter war zu schön, vielleicht, daß ich draußen in Gottes freier Natur die Fühlung – ich schlug einen Spaziergang vor. Mein Firmling bewilligte ihn mir. Schwarz und stumm schritt er durch die Auen und den Nachmittag – immer verschüchterter wurde ich. Wenn dieser Tag so enden würde, hatte ich verspielt. Ich versuchte es mit der Lehrhaftigkeit. Mit wohlgesetzten Worten begann ich auf meinen Firmling von dem Ernst des Lebens zu sprechen. Während des Sprechens kamen mir einige Sätze so merkwürdig vertraut vor. In einer Lehrhaftigkeitspause fiel es mir ein: So, genau so hatte damals mein Firmpate zu mir gesprochen, als er durch die Auen ging. »Fader Mensch, fader,« hatte ich damals gedacht und gegähnt. Was war das plötzlich für ein herzhaftes Kieferknacken an meiner Seite? Wahrhaftig, mein Firmling gähnte. Wir waren wieder in meiner Wohnung. Der Firmling Franz sah auf seine Uhr: »In einer halben Stunde werde ich abgeholt,« sagte er. In diesem Augenblicke dachten wir, ich bin ganz sicher, zum erstenmal an diesem Tage ganz genau dasselbe: »– abgeholt – Gott sei Dank, dann hat die Qual ein Ende.« Dabei wischte ich mit einer erlösenden Bewegung eine alte langweilige Vase vom Schreibtisch. Bumms, Scherben. Und zwischen den Scherben, was für ein seltsamer, ungewohnter Klang? Mein Firmling lachte. Lachte mit gelockerten Mundscharnieren, lachte mit erneutem Klirren, als die erschrockene Haushälterin hereingestürzt kam und, in der Meinung, der Firmling sei der Missetäter, gegen diesen ihren Kehrbesen schwang, lachte am herzhaftesten, als ich gegen den Besen sagte: »Verehrte Frau Schweikelmaier, dann müssen Sie schon mich durchhauen, bitte!« Als sie wieder draußen war, war mein Firmling mir so nah gerückt, wie den ganzen Tag noch nicht: »Du, Onkel, da hinten im untersten Fach von deinem Schreibtisch ist ein alter Baukasten, darf ich –?« Ei, natürlich durfte er mit meinem alten aufgehobnen Kinderbaukasten spielen. Und ob er mich mitspielen ließe? Ja freilich, sagte er. Dann bauten wir am Boden, bauten und bauten. Man sollte gar nicht glauben, was man in einer Viertelstunde alles bauen kann: Häuser, Tore, Festungen . . . Und in der gleichen Viertelstunde waren die Tore aufgetan, eingerannt die Festungen, die Bausteine lagen umher, wir spielten Hottehü, mein Firmling ritt vergnügt auf meinem Rücken um das Zimmer. Sein schwarzer Anzug hinderte ein wenig im Reiten. Herunter mit dem Bratenrock! Fort mit den Firmlingshandschuhen, seine warmen Hände streichelten meinen Roßhals, meinen alten: »Hü, Onkel, hüü–ü –« Da stand auf einmal der Vater meines Firmlings unter der Türe: »Aber, verehrter Herr, was machen Sie mit meinem Jungen?!« »Ihahaha, Fühlung nehm' ich, Fühlung – ihahaha!« Meine Knie sprangen, mein Rücken bockte. »Hü – hottehü–hüü!« Jauchzend ritt mein Firmling mit mir ins seligweite Land der Fühlung . . .   Verjeben und verjessen Wir hatten einen Professor für Französisch, einen Mitschüler namens Sievers und einen Accent circumflex für die Schikane. Der Sievers war lustig, der Professor fad, und der Zirkumflex war greulich. Immer rutschte er aufs falsche e, aufs falsche a. Der Sievers nannte ihn deshalb den Akzent Zirkushex. Einmal gar vor dem Professor. Was ihm eine Stunde Karzer eintrug, »wejen Verächtlichmachung orthojrafischer Lautzeichen,« sagte der Professor. »Du, Müller, paß auf,« flüsterte Sievers in der ersten französischen Klassenarbeit zu mir herüber, » nous donnâmes , g'hört einer 'nauf oder net?« Der Sievers hatte eine Flüsterstimme, die man im übernächsten Schulhof hören konnte. Daher stürzte der Professor, bevor ich was erwidern konnte, schon vom Pult: »Sievers, du hast betrojen!« Das war in Untertertia. In Obertertia kriegten wir ihn wieder, den Grammatikhengst. Er verlas die Schülerliste: »Sievers?« sagte er, »richtig, Sievers, ich kenne dich, du hast mich zwar einmal schändlich belojen und betrojen, aber das soll verjeben und verjessen sein.« Sievers Vater wurde versetzt, und Sievers Sohn kam in eine Schule am andern Ende des Reiches. Das war in Untersekunda. In Obersekunda starb Sievers Vater. Sievers Sohn kam wieder zu uns. »Ein neuer?« sagte der Französischprofessor, »Sievers heißen Sie? Jaja, ich weiß, Sie haben mich zwar einmal schändlich belojen und betrojen, aber das soll verjeben und verjessen sein.« Im Kriege traf ich den längst pensionierten Professor wieder. Ich erzählte ihm vom Sievers. Er schlage sich da draußen wie ein Löwe. Sein Name ginge durch alle Blätter. »Jaja,« sagte der alte Herr nachdenklich, »der Sievers – ich weiß, er hat mich zwar einmal schändlich belojen und betrojen, aber das soll verjeben und verjessen sein.« Nach dem Kriege war er ein teilnahmloses, verhutzeltes Männchen geworden. Sein Vermögen war im Markzusammenbruch verronnen. Die karge Pension schützte nicht vor Hunger. Er pilgerte mit einer Bittschrift aufs Versorgungsamt. »Solche Fälle entscheidet der neue Oberbürgermeister selber,« sagte der Beamte. Er stand vor dem Gewaltigen. Der legte dem alten Männchen lächelnd die Hand auf die Schulter: »Ist bewilligt,« sagte er, »sogar in doppelter Höhe, wenn es Ihnen recht ist – kennen Sie mich nicht mehr, Herr Professor?« Der Gewaltige von einst schaute hilflos: »Sie sind – Sie sind der – der Sievers, der – der mich einmal –« Er schluckte. »– der Sie einmal schändlich belojen und betrojen hat, Herr Professor, mit dem Akzent Zirkushex von nous donnâmes , wenn ich nicht irre, aber geben Sie mir die alte Hand, mein lieber Herr Professor: es soll verjeben und verjessen sein.«   Im neuen Schulhaus Ich bin durch ein neues Schulhaus der Stadt gegangen. Es sollte morgen eingeweiht werden. Und übermorgen sollten die ersten Kinderfüße durch die Räume laufen. Heute aber war noch alles leer. Leer? Bitte sehr. Schauen Sie sich mal die Einrichtung an, die verstellbaren Schülerbänke, die dem Organismus angepaßten Tische, die schikanös gebauten Katheder, die rollende Apparatur an den beweglichen Wandtafeln, die strahlenden Lichtquellen. Fürwahr, mit allen Schikanen der Neuzeit war dies Schulhaus ausgerüstet. Wenn ich da an das Schulhaus meiner Jugend denke und an seine alten zerkritzelten Bänke . . . Und dann, bitte, dieses Kartenmaterial, dieses Anschauungsmaterial in der Botanik, der Zoologie, der Physik, der Chemie. Wenn ich da an die zwei zerlederten Karten meines alten Schulhauses denke und an den alten ausgestopften Raben, der zusammen mit drei Bildertafeln das ganze Anschauungsmaterial gebildet hat . . . Und dann, bitte, diese wundervollen hohen Räume des W.C. mit einer funkelnden Steinpracht, mit laufendem kalten und warmen Wasser in vielen Marmorbecken. Wenn ich da an die bürgerlichen Wohnungen unserer Jugend denke, die sich mit diesem W.C. nicht hätten messen können . . . Dann dieses Treppenhaus. In keinem Fürstenhause ist es schöner. Der Riesenturnsaal mit der verwirrenden Menge von Geräten. Die Fresken an den Wänden, die gewaltige Vorderseite, beide von den ersten Künstlerhänden des Landes mit Meisterwerken ausgeschmückt. Wenn ich da an die unscheinbare Rheinlandschaft denke, die überm schmalen Treppenaufgang unserer Schule damals hing . . . »Ja, ja,« sagte ich zu meinem Führer, »die Schulhäuser sind wunderbar geworden heutzutage –« »Bitte,« sagte er, »es ist nicht nur das Schulhaus, auch unsere Methoden gegen früher sind gewaltig vorgeschritten.« »Methoden?« sagte ich, »gibt es denn gleich mehrere. Zu meiner Zeit –« »Es gibt einen individuellen Unterricht, es gibt einen Anschauungsunterricht, es gibt eine induktive, eine deduktive Lehrmethode, eine direkte und eine indirekte Methode, einen Arbeitsunterricht, eine rhythmische und eine –« »Um Gottes willen,« sagte ich, »und bei uns damals –« »Und wir überlassen das nicht mehr etwa dem Belieben des Lehrers, nein, wir bilden Sonderklassen, Vorderklassen, Mittelklassen, wir stellen wissenschaftliche Versuchsreihen mit den Kindern an, wir haben ein nach methodologischen Grundgesetzen aufgestelltes Strafschema –« »Aha, da werden die Kinder wohl elektrisch verwichst?« Aber er hörte es nicht mehr. Er hatte sich einer Vorkommission angeschlossen, bestehend aus dem zweiten Bürgermeister, dem Oberschulrat, dem Schulinspektor, den Referenten im Ministerium usw., welche vorbereitend durch die Räume ging. Ich aber habe mich aus dem neuen Schulpalaste hinausgeschlichen auf die Straße und bin nachdenklich heimgegangen. »Gott sei Dank,« habe ich gedacht, »daß ich heute nicht mehr in die Schule gehen muß, in diesen Apparaturpalast mit den verwickelten Methoden, die aufs Schulkind losgelassen werden. Gott sei Dank, daß unser alter Lehrer in dem simplen Schulhaus uns gänzlich unmethodisch ins Leben führte, das jetzt überspannt ist von methodologischen –« Hier hörte ich plötzlich auf zu denken. Und zwar aus dem Grunde, weil mein Hut vom Kopfe fiel. Dies aber war die methodische Ursache eines unmethodischen Schneeballs, den ein kleiner Junge mit wunderbarer Treffsicherheit und Frechheit nach mir gezielt hatte. »Donnerwetter, besser haben wir es in der vormethodologischen Zeit auch nicht gemacht,« dachte ich und rief hinter dem Jungen her: »Du miserabliger Lausbub, du, paß nur auf, wenn ich dich erwisch . . .!« Aber ich erwischte ihn nicht. So wenig, wie ich damals selbst erwischt wurde in der vormethodologischen Zeit. Und so ging ich denn heim, ein Viertel ärgerlich und drei Viertel vergnügt. Denn mein letzter Gedanke war doch der: »Nun, die Jungen sind seit damals doch geblieben wie sie waren – unverwüstlich sind sie – und sie werden auch die Zeit der Palastapparate mit den methodologischen Grundsätzen glücklich überstehen . . .«   Maurer So leicht vergesse ich die erste Mathematikstunde nicht. Der Professor kam hereingeschossen wie zu einem Sturmangriff. Aus einem verknitterten Gesicht sah ein böses Auge: »Ich weiß es,« schrillte er, »Mathematik liebt man nicht. Ich seh's euch an, am liebsten tilgtet ihr sie aus dem Stundenplan. Weil sie unbequem ist. Weil sie alle andern Fächer überragt. Was ist Deutscher Aufsatz? – Phrasendrescherei. Was ist Geschichte? – Kaleidoskop für Kinder. Was ist Geographie? – Flüsse, welche heute so und morgen anders laufen. Bestand allein hat meine Wissenschaft! Was sind Lehrer andrer Fächer? Maurer, bestenfalls Poliere. Der Mathematiker allein ist Architekt. In das Herz der Dinge sieht er, unerbittlich ist er – der erste in der ersten Bank: begreifst du das?« »Nein,« sagte der Hausmann. »Hab' ich mir gedacht,« höhnte der Schrillende, »der zweite in der dritten Bank: verstehst es du?« »Ja,« sagte der Schwegerl. Der Schrille wurde milder: »Doch einer. Kinder, haltet fest: Wenn ihr heute vor den Richterstuhl des Höchsten trätet und er fragte euch: ›Was ist gewiß?‹ – was gäbst du ihm zur Antwort, Hausmann?« »N–nichts,« sagte Hausmann. »Hab' ich mir gedacht. Und was gäbst du zur Antwort, Schwegerl?« »Die Mathematik.« »Schön – nun wollen wir ins Reich der Zahl eintreten, wo die Logik herrscht und jeder Irrtum ausgeschlossen ist. Alles lügt, nur wer lügt nicht, Hausmann?« »I–ich.« »Unsinn!« »Sie.« »Blödsinn! – Schwegerl, wer lügt nicht?« »Die Zahl.« »Gut, Schwegerl, lies die Regeldetriaufgabe auf Seite dreizehn.« »300 Maurer bauen einen Palast in 270 Tagen bei neunstündiger Arbeitszeit. Wieviel Maurer bauen den gleichen Palast in 30 Tagen bei zehnstündiger Arbeitszeit?« »Hausmann, weißt du, wie man das herausbringt?« »Man – man probiert's.« »Was probiert man?« »Das Bauen.« »Rettungslos! – Schwegerl, an die Tafel, zeig's ihm.« Der Schwegerl zeigte es ihm an der Tafel mit hageldichten Kreideziffern: 2430 Maurer. »Siehst du, Hausmann, so was braucht man nicht probieren, so was macht man aus dem Handgelenk und haargenau mit Zahlen, die –« »– nicht lügen,« ergänzte Hausmann gehorsam, aber mit einem heimlichen Zwinkern in den Augen. »Darf ich noch was fragen, Herr Professor?« »Frage!« » Muß das Resultat bei allen eingesetzten Zahlen stimmen?« »Wie oft muß ich dir noch sagen: Zahlen irren nicht!« »Und wenn man den Palast in – in 1 Tage bauen wollte, Herr Professor?« »So braucht man eben so viel Leute mehr. Einmal wirst du's doch begreifen – an die Tafel!« Hausmann ging an die Tafel, rechnete und verkündete: »In 1 Tage wird der Palast gebaut von zweiundsiebzigtausendneunhundert Maurern.« »Stimmt,« sagte Schwegerl. »Hm,« sagte der Professor. »Und in einer Stunde, Herr Professor, nein, in einer halben?« Schwegerls Kreide hagelte: »Eine Million vierhundertachtundfünfzigtausend Maurer!« verkündete er. »Darf ich noch was fragen, Herr Professor?« sagte der Hausmann scheinheilig. »Wir kommen jetzt zu andren Dingen,« sagte der Professor eilig. »Ob ich noch was fragen darf?« beharrte der Hausmann. »Die ewige Fragerei! – was noch?« »In der Geschichte haben wir gehabt, daß an einer ägyptischen Pyramide oft viele Königsgeschlechter gebaut haben.« »Na, und?« »Wenn an unsrem Palast 450 Jahre gebaut worden wäre, kann man da auch die Maureranzahl –?« »Natürlich kann man – wir kommen jetzt zur Kettenrechnung, Kinder –« »Können wir nicht vorher die 450 Jahre –?« »Ich hab's!« schrie der Schwegerl, der's schon vorgerechnet hatte, »der Palast würde in 450 Jahren von – von –« Er stockte. Hausmann sah ihm ins Heft und ergänzte ehern: »– von Null Komma fünf Maurern gebaut werden.« Der Professor wurde nervös. Gut, daß es läutete. Was der Hausmann und der Schwegerl in der Pause miteinander verhandelten, ist eine Geschichte für sich. Nur meinen Traum in dieser Nacht muß ich noch erzählen. An einem Palast sah ich eine Million viermalhundertachtundfünfzigtausend Maurer bauen. Sie wuhrlten durcheinander, untereinander, übereinander. Sie traten einander auf die Hühneraugen. Sie schrien und schwangen ihre Mörtelkellen. Ein furchtbarer Kampf drohte auszubrechen. Da erschien auf einmal ein einziger Maurer, nein, ein halber Maurer. Einer mit der oberen Hälfte, sonst hätte er nicht seine Stimme erheben können: »Friede sei mit euch. Ich komme euch zu künden, daß der Pharao seinen Sinn geändert hat. Ihr seid entlassen. Ich allein werde den Bau ausführen.« »Wie!« brüllten die anderthalb Millionen Maurer, »du – du allein?« »Ja, ich kann in der mir bewilligten Bauzeit dasselbe leisten, wie ihr alle zusammen.« »Er ist verrückt – total verrückt!« rollte es durch die anderthalb Millionen. »Ich bin nicht verrückt,« sagte gemessen der halbe Maurer, »ein Mann aus dem Westen ist zum Pharao gekommen und hat es ihm berechnet.« »Wo – wo ist die Rechnung?« rief es durcheinander. Da hob der halbe Maurer ein Blatt Papier in die Höhe. Ich konnte es im Traume deutlich sehen. Unsre letzte Regeldetriaufgabe stand darauf. Und unterschrieben war sie mit: Theobald Kienzelmann, Professor und Obermaurer am Ludwigsgymnasium in München. Da ergriff die anderthalb Millionen Maurer ein fürchterlicher Zorn und sie erhoben sich und – Gut, daß die Mutter mich gerade weckte.   Das zweite Blühen Kürzlich hieß es: Der Zürichberg blüht! Das weiße und das rote Frühlingswunder des Zürichberges, die duftgesättigte Frühlingspracht, ward beschrieben. Es waren begeisterte Worte. Und der Zürichberg im Frühling hat sie auch verdient. Reichlich und redlich. Inzwischen sank die Blütenpracht dahin. Es ward zur grämlichen Gewißheit: Hunderrtausende von jenen Blütenträumen reifen nicht. Hunderttausende von jenen Blütenträumen waren eine Täuschung. Und ich war eben dabei, Ihnen eine traurige Epistel darüber zu schreiben, da hub – ein neues Blühen an, da blühte der Zürichberg zum zweiten Male. Ja, ja, zum zweiten Male. Auch wenn Sie den Kopf darüber schütteln. Und wenn ich es recht überschaue, so will es mich bedünken, als ob dies zweite Blühen länger dauern würde, als das erstemal. Den ganzen Sommer über dauern würde, weit in den Herbst hinein, und – hier bin ich ein Prophet, der aus Erfahrung spricht – und noch im Winter seh' ich's rot und weiß vom Zürichberge leuchten. Es sind eigene Blüten, die ich meine. Nicht still und träumend hängen sie an Bäumen wie die Frühlingsblüten. Meine Blüten sind nicht starr an einen Ort gebannt und müssen nicht geduldig warten, ob sie reifen oder fallen. Nein, meine Blüten können mehr als warten, meine Blüten sind lebendiger. Sie können trippeln, trappeln. Flink und zierlich, mit Nachdruck und manierlich. Plappern können sie und schnattern. Und sie können singen. Jawohl, auch singen. Ich sehe schon, wie Sie am grünen Tische lächeln, wie Ihre Lippen halblaut sprechen: »Na, der Phantast!« Oder, für den Fall Sie auch ein Münchener sind wie ich: »Aber den hat's!« Es liegt mir nichts daran, – sagen Sie es immerhin. Denn ich bin meiner Sache sicher. Und wenn ich jetzt gleich meine Blüten, die zweiten Blüten von dem Zürichberge, an Ihrem grünen Tische vorbeischneien lassen könnte, so fünf Minuten oder eine Viertelstunde lang, ich bin gewiß, Sie wären gar nicht bös und würden mir bezeugen: »Recht hat er – er hat wirklich recht!« Oder falls Sie ein Münchener sind: »Weiß der Deixel – 's stimmt!« Aber leider muß ich Ihnen den Beweis jetzt schuldig bleiben. Sintemalen diese Blüten sich nicht mir nichts dir nichts schicken lassen. Und alldieweilen diese Blüten eben jetzt vor meinem Fenster den Zürichberg hinauf-, hinübertrappeln, krabbeln, singen und den ganzen Berg lebendig überziehen. Die Kinder vom Zürichberge sind es, die Schulkinder der Stadt Zürich sind es. Die Schulkinder der untern Klassen haben nämlich in Zürich ein herrliches Vorrecht. Ihre Lehrer und Lehrerinnen haben es in der Gewalt, an einer erklecklichen Anzahl von Vormittagen oder Nachmittagen vom Katheder herabzusteigen, weit die Tür aufzumachen und zu sagen: »Kinder, heute wollen wir aber einmal –« Weiter kommen sie nicht mit dem Reden. Denn es bricht ein Jubel los, ein Jubel . . . Und aus den Bänken quillt es, über die Gänge flirrt es, die Treppen hinunter schießt es, aus den Toren strömt es, und über den Zürichberg flutet es . . . Und denk einmal: Der Tag, wo der Lehrer solches zu den Kindern spricht, wird nicht von einer Schulbehörde festgesetzt, wie in – wie in – na, sagen wir einmal, wie anderswo. Kein Lehrerrat beschließt vorher: In Anbetracht des derzeitigen Sonnenscheins und unter tunlicher Würdigung des registrierten Thermometerstandes habe heute nachmittag . . . Nicht die Idee davon, ihr Freunde. Der Hergang spielt sich vielmehr so ab: Eben läßt der Lehrer dividieren. Dividieren ist eine elende Sache. Bei den Großen und bei den Kleinen. Bei den Großen, wenn der Geldvorrat davon betroffen wird, so gegen Monatsende, oder wenn bei einer Erbschaft der Divisor groß und immer größer wird. Bei den Kleinen, wenn die Sonne draußen scheint, oder wenn mit einem Male ein Vögelchen durchs vordere offene Fenster des Klassenzimmers fliegt, rasch und trillernd dem Erstaunen Ausdruck gibt, daß an einem solchen Tage so viel kleine Menschenkinder auf der Schulbank angenagelt sind, und mit einem »Kidiwitt!« als Lockruf durch das letzte offene Fenster wieder aus der Klasse schwirrt. In einem solchen Augenblicke ist es, daß der kleine Bindschedler Maxel im Dividieren plötzlich stecken bleibt, daß der Lehrer prüfend aus dem Fenster nach dem Himmel sieht, die Divisionen von der Tafel wischt und anstatt der Division eine Exkursion auf den Zürichberg ankündigt. Einfach aus dem Handgelenke und ohne die geringste Anordnung von oben – es sei denn die vom Himmel. Wie würden sich darob in – in – na, sagen wir halt wieder: anderswo die Rektorenbrauen runzeln und Erlasse aus den Ministerien in die Klassenzimmer rascheln: »Wo kämen wir da hin? – Wir bitten zu bedenken – und überhaupt –« Beruhigt euch. Auch in Zürich ist da eine Grenze. Oder vielmehr zwei. Einmal das schlechte Wetter, das es auch in Zürich gibt. Und dann: Der Lehrer kriegt am Jahresanfang eine Handvoll solcher Tage zugebilligt, die er nicht überschreiten darf. Freilich, aus der Handvoll dieser Tage schöpft er wie ein König. Heute, ja, da sind sie schon am frühen Nachmittage in hellen Scharen heraufgezogen. Eine Klasse nach der andern. Jetzt ein Lehrer mit Buben und mit Mädchen. Dann eine Lehrerin mit Mädchen und mit Buben. Richtig – das habe ich vergessen: In Zürich ist man gar der Ansicht, daß das, was im Leben später auch beisammen ist, im Leben später beieinander schafft, sich freut und leidet, die Frauen nämlich und die Männer – daß die auch als Buben und als Mädel beieinander in der Schule sitzen dürfen. In Freude und in Fröhlichkeiten über den Zürichberg klettern dürfen. Ich weiß schon, daß man anderswo – na, Sie wissen schon. Überhaupt, es ist so vieles anders in den Schulen in den Schweizer Bergen. Darf ich rasch noch eine solche – eine solche Unstimmigkeit – nicht wahr, sagt man bei Ihnen? – hier erzählen? Muß ich da mein kleines Töchterchen in der Schule anmelden. Sie kommt aus einer Schule in dem großen Nachbarkanton, wie sie scherzhaft hier das Deutsche Reich auch heißen. Sittsam geht sie mit mir in das Klassenzimmer, wo der Oberlehrer oder Rektor unterrichtet. Das heißt, so heißen sie im Süden und im Norden Deutschlands stolz und würdig. Hier heißen sie: Der Hausvorstand und weiter nichts. Bedenken Sie, der Hausvorstand, nicht Schulvorstand. Nun stellen Sie sich einmal vor, man hieße die Rektoren und die Oberlehrer in dem großen Nachbarkanton auch nur einfach Hausvorstand. Um Gottes willen. (Sie können diesen Satz auch streichen, wenn Sie glauben, daß die Vorstellung, die er hervorruft, zu aufregend ist.) Nun also, dieser Hausvorstand hat gerade Pause. Er sitzt an seinem Pult und trägt die Anmeldung meines Töchterchens in ein Buch ein. Unterdessen ist die Klasse voller Leben. Zwei Mädchen üben mit verschränkten Armen einen knixigen Tanzschritt ein hinter den letzten Bänken, andere erzählen sich etwas, worüber sie nicht mehr aufhören können vor Lachen, ein paar Musterschüler vorn haben sich ihre Zeigefinger in die Ohren gestopft und »ochsen« in einer Fibel, daß der Kopf raucht, und wieder einer – ich sehe, wie sich die Augen meiner Tochter schreckhaft erweitern – nimmt den steifen Hut des Lehrers von der Fensterklinke, setzt sich ihn auf und macht eine komische Verbeugung gegen die Klasse. Und dies alles, während der Lehrer in der Klasse ist. Und dies alles, weil der Lehrer halt der Meinung ist, daß eine Pause eben eine Pause sei. Und wie mich jetzt der Lehrer wegen meiner Tochter fragt: »Geboren am –?« kann ich deutlich sehen, wie er den kühnen Lehrerkopfbedeckungsusurpator aus dem linken Augenwinkel erspäht, und – kein Wörtlein sagt. Bedenken Sie, kein Wörtlein sagt, sondern nur ein wenig lächelt und überlegt: Der Junge hat ganz recht; warum habe ich auch meinen Hut statt an den Kleiderhaken neben dem Pult, dort hinten an den Fenstergriff gehängt? Ich hab' das rasch erzählen müssen, weil das Geschichtchen einen so deutlichen Schluß zuläßt auf die ausgelassene Fröhlichkeit, womit der Zürichberg sich hier bedeckt, wenn Ausflugstag ist. Hundert Meter von dem Zimmer, wo ich schreibe, hat sich eben eine singende Klasse ins Gras gelagert. Sie haben gesungen, als ich sie weit weg, dort drüben, über die Böschung heraufkommen sah. Sie sangen, als sie bei mir vorbeikamen. Sie singen jetzt, wo sie im Grase liegen. Sie werden singen, wenn sie nach ein paar Stunden heimwärts ziehen. Und da fällt mir eben ein: Herrgott, wird in der Schweiz was gesungen! Noch mehr, als es Sonntags von den Schweizerbüchsen an den Bergeshängen knallt. Und das will etwas heißen in einem Lande, wo der Gymnasiast im Klassenzimmer sein Gewehr – ein richtiges Gewehr – neben seinem Mantel hängen hat, weil er gleich nach der Griechischstunde hinüber nach dem Ütliberg zum Knabenschießen geht. Sie zwinkern mit den Augen? Aber kommen Sie doch selber – ich will es Ihnen zeigen. Auch die Kinder auf dem Zürichberge, die zweiten Blüten auf dem Zürichberge. Wir werden dann zusammen die vielverschlungenen Wege auf dem Zürichberge gehen. Neben den Kindern. Vor den Kindern. Hinter den Kindern. Wo Sie immer wollen. Und wenn wir an den Lehrern und den Lehrerinnen vorbeikommen, so werden Sie gegrüßt mit »Grüezi!«, wenn Sie gegrüßt sein wollen. Und dann müssen Sie wieder »Grüezi!« sagen; ich weiß, Sie werden das tun, ja, ich weiß noch mehr. Wenn Sie das kleine wimmelnde Volk auf dem Zürichberge singen und immer wieder singen hören werden, dann werden Sie Ihre Kehle räuspern und werden auch ein bissel singen. Oder wenigstens, wenn Sie so wenig singen können wie ich, so werden Sie wenigstens ein wenig mitbrummen. Das wird viel, viel schöner sein, als wenn Sie zu Hause Manuskripte prüfen, wie jetzt. Oder als wenn ich an der Schreibmaschine klappere, wie jetzt. Auch wenn es auf der Veranda ist, auf die ich meine Schreibmaschine jetzt hinausgetragen habe. Und unter der jetzt gerade wieder eine singende Kinderschar vorüberzieht, und von denen jetzt ein paar Nachzügler das Geknatter der Schreibmaschine gehört haben und zu mir heraufschauen. Und jetzt hat ein kleines Mädchen den Finger gehoben und zeigt zu mir herauf. Und sie sagt auch was zu ihren Kameraden. Aber ich kann es nicht hören vor Geknatter. Jedoch mit meinem zweiten Gehör habe ich es hinterher doch noch aufgefangen, was das kleine Mädchen sagte: »Jetzt so was Dummes – schreibt der alte Mensch bei diesem Wunderwetter auf seiner alten Schreibmaschine, anstatt daß er . . .« Und sehen Sie, darum muß ich jetzt schnell schließen. Ich kann doch so was nicht auf mir sitzen lassen. Ich muß gleich hinunter und hinauf auf den Zürichberg. Unbedingt, sehen Sie, dort drüben – das kleine Mädchen wartet noch . . .