Prof. Dr. Richard von Krafft-Ebing Verirrungen des Geschlechtslebens (Perversionen und Anomalien) Auf Grund der 11. Auflage von Psychopathia sexualis Eine medizinisch-gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen Copyright 1937 by Albert Müller Verlag, Zürich Vorwort Wie kaum ein anderes Buch hat R. von Krafft-Ebings »Psychopathia sexualis« Jahrzehnte hindurch nicht nur jenen, für die es der Autor bestimmt hatte: den Ärzten und Juristen, wichtige Dienste geleistet, sondern es war weit darüber hinaus für Wissenschaft und Forschung von großer Bedeutung, und es hat schließlich so manchem für Menschenkenntnis und Weltanschauung wertvolle Hilfen geboten. Die außerordentliche Verbreitung der verschiedenen Perversionen nötigt jeden, der sich bemüht, in das seelische Verhalten seiner Umgebung, seiner Umwelt, seines Volkes einzudringen, sich mit den Problemen der sexuellen Psychopathologie zu befassen. Wir leben unleugbar in einer Zeit, in der Gesetze und Normen, die sonst gerade auf diesem Gebiet sich als wohltätige Hemmungen bewährt haben, an Zahl, an Kraft und an Macht verlieren. Wir sehen immer wieder, daß die mit andern Freiheiten zugleich erworbene Freiheit geschlechtlicher Betätigung in betrüblicher und schädlicher Weise mißbraucht wird. Und jene Fälle, die im Strom des gemeinschaftlichen Lebens mittreiben, obwohl sie sozial, eugenisch und volkshygienisch minderwertig, ja gefährlich sind, sind unvergleichlich zahlreicher als die schweren Formen, die Juristen und Ärzte zu sehen, zu hören und zu behandeln bekommen. Deshalb kann heute das Studium der »Psychopathia sexualis« nicht mehr als ein Reservat dieser beiden Berufsgruppen betrachtet werden, sondern es ist Pflicht und somit Recht aller jener, die sich um richtige Orientierung im engeren wie im weiteren Kreise ihrer Umwelt aufrichtig bemühen. Und es mußte als überaus dankenswerte Aufgabe erscheinen, R. von Krafft-Ebings »Psychopathia sexualis« in einer den inzwischen erzielten Fortschritten der Erkenntnis entsprechenden Weise zu bearbeiten und neu herauszugeben. Daß das Werk dabei sehr wesentlich verändert wurde, kann sicherlich nicht als Verletzung der Pietät betrachtet werden, denn es liegt ein volles Menschenalter wissenschaftlicher Forschung zwischen der Abfassung des Originals und dieser Neubearbeitung. In der Zwischenzeit sind mehrere neue Forschungsgebiete entstanden, z. B. die Tiefenpsychologie und die Endokrinologie, die sich gerade für den Bereich der sexualen Psychopathie als außerordentlich wertvoll erwiesen haben. Statt forensischer Darlegungen wurde als Anhang ein Kapitel über Therapie und Prognose der Sexualverirrungen aufgenommen. Es ist – heutzutage – vielleicht nicht überflüssig, mit allem Nachdruck zu betonen, daß hier rein wissenschaftliche Tatsachen mitgeteilt und rein wissenschaftliche Anschauungen dargelegt werden. Daraus ergibt sich bereits, daß zu einer moralischen Wertung kein Anlaß besteht. Für die weitverbreitete Ansicht, daß die sexuellen Psychopathien auch moralisch zu beurteilen sind, wird u. a. angeführt, daß bei ihnen nicht nur der Arzt, sondern auch der Jurist einzugreifen hätte. Nun, bei einer Cholera oder einer Paralyse ist es auch nicht bloß nötig, den Kranken zu behandeln, die Isolierung – durch den Verwaltungsbeamten – ist bei Cholera ebenso selbstverständlich wie die Entmündigung durch den Richter – bei Paralyse, und doch wird es niemand einfallen, solch arme Kranke auch noch moralisch zu verurteilen. Die sexuellen Psychopathien sind Krankheiten; damit ist, in moralischer Hinsicht, alles gesagt. Dr. Alexander Hartwich. Erster Teil. Einführung Erstes Kapitel Zur Psychologie und Physiologie des Sexuallebens Die Fortpflanzung des Menschengeschlechts ist nicht dem Zufall oder der Laune der Individuen anheimgegeben, sondern durch einen Naturtrieb gewährleistet, der allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung verlangt. In der Befriedigung dieses Naturdrangs ergeben sich nicht nur Sinnengenuß und Quellen körperlichen Wohlbefindens, sondern auch höhere Gefühle der Genugtuung, die eigene, vergängliche Existenz durch Vererbung geistiger und körperlicher Eigenschaften in neuen Wesen über Zeit und Raum hinaus fortzusetzen. In der grobsinnlichen Liebe, in dem wollüstigen Drang, den Naturtrieb zu befriedigen, steht der Mensch auf gleicher Stufe mit dem Tier, aber es ist ihm gegeben, sich auf eine Höhe zu erheben, auf welcher der Naturtrieb ihn nicht mehr zum willenlosen Sklaven macht, sondern das mächtige Fühlen und Drängen höhere, edlere Gefühle weckt, die, unbeschadet ihrer sinnlichen Entstehungsquelle, eine Welt des Schönen, Erhabenen, Sittlichen erschließen. Auf dieser Stufe steht der Mensch hoch über dem Trieb der Natur und schöpft aus der unversieglichen Quelle Stoff und Anregung zu edlerem Genuß, zu ernster Arbeit und zur Erreichung idealer Ziele. Wäre der Mensch des Fortpflanzungstriebes beraubt und alles dessen, was geistig daraus entspringt, so würden so ziemlich alle Poesie und vielleicht auch die ganze moralische Gesinnung aus seinem Leben herausgerissen sein. Jedenfalls bildet das Geschlechtsleben einen gewaltigen Faktor im individuellen und im sozialen Dasein, den mächtigsten Impuls zur Betätigung der Kräfte, zur Erwerbung von Besitz, zur Gründung eines häuslichen Herdes, zur Erweckung altruistischer Gefühle, zunächst gegen eine Person des andern Geschlechtes, dann gegen die Kinder und im weiteren Sinne gegenüber der gesamten menschlichen Gesellschaft. So wurzeln in letzter Linie alle Ethik, vielleicht auch ein guter Teil Ästhetik und Religion in dem Vorhandensein geschlechtlicher Empfindungen. Wie das sexuale Leben die Quelle der höchsten Tugenden werden kann, bis zur Aufopferung des eigenen Ichs, so liegt in seiner sinnlichen Macht die Gefahr, daß es zur gewaltigen Leidenschaft ausarte und die größten Laster entwickle. Als entfesselte Leidenschaft gleicht die Liebe einem Vulkan, der alles versengt, verzehrt, einem Abgrund, der alles verschlingt – Ehre, Vermögen, Gesundheit. Man kann darüber streiten, ob die Menschheit im Verlauf der letzten Jahre sittlicher geworden ist. Zweifelsohne ist sie schamhafter geworden, und diese zivilisatorische Erscheinung des Verbergens sinnlich-tierischer Bedürfnisse ist wenigstens eine Konzession, welche das Laster der Tugend macht. Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es den Anschein haben, als ob gewisse Erscheinungen gerade des modernen Lebens dem widersprächen, wie z. B. die weitgetriebene Enthüllung des weiblichen Körpers auf der Bühne, die kultähnliche Hingabe, mit der Luft- und Sonnenbaden betrieben wird, und ähnliche Erscheinungen bei dem heute zu einem so wichtigen Faktor gewordenen Sport. In Wirklichkeit liegen aber die Dinge wenigstens im großen ganzen anders; zumindest ist die Tendenz, in der heute Menschen beiderlei Geschlechts sich zu körperlich-sportlicher Betätigung vereinen, frei von jeder sexuellen Grundlage. Vergleicht man weiter auseinander liegende Zeitabschnitte und Kulturperioden, so kann kein Zweifel obwalten, daß die öffentliche Moral, trotz gelegentlicher Rückschläge, einen unaufhaltsamen Aufschwung innerhalb der Kulturentwicklung nimmt, und daß einen der mächtigsten Faktoren auf der Bahn des sittlichen Fortschritts das Christentum darstellt. Selbst auf der Höhe der Gesittung kann dem Manne nicht verübelt werden, daß er im Weibe zunächst den Gegenstand für die Befriedigung seines Naturtriebes erkennt. Aber es erwächst ihm die Verpflichtung, nur dem Weibe seiner Wahl anzugehören. Im Rechtsstaat wird daraus ein bindender sittlicher Vertrag, die Ehe, und sofern das Weib für sich und die Nachkommenschaft Schutz und Unterhalt benötigt, ein Eherecht. Wie kaum ein anderes Gebiet gesellschaftlicher und sozialer Beziehungen zeitigt die Ehe im Bereiche der Kulturmenschheit eine Fülle schwerer und schwer lösbarer Probleme. Viel Zeit und viel Arbeit in Erziehung und Selbsterziehung wird noch nötig sein, um sie zu klären; gegenwärtig zeigt schon die große, durchaus ernst gemeinte und ernst zu nehmende Literatur über diese Frage deutlich, wie weit man noch von einer befriedigenden Lösung entfernt ist. Von großem psychologischem Wert und für gewisse später zu besprechende pathologische Erscheinungen unerläßlich ist es, auf die psychologischen Vorgänge einzugehen, welche Mann und Weib einander zuführen und aneinander fesseln, so daß unter allen andern Personen desselben Geschlechts nur der oder die Geliebte begehrenswert erscheint. Könnte man den Vorgängen in der Natur Absicht nachweisen – Zweckmäßigkeit kann man ihnen nicht absprechen –, so erschiene die Tatsache der Bezauberung und Faszinierung durch eine einzige Person des andern Geschlechts mit Gleichgültigkeit gegen alle anderen, wie sie beim wahrhaft und glücklich Liebenden tatsächlich besteht, als eine bewundernswürdige Einrichtung der Schöpfung, um ihre Zwecke fördernde monogamische Verbindungen zu sichern. Für den Forscher erweist sich diese Verliebtheit oder diese »Harmonie der Seelen«, dieser »Bund der Herzen« aber keineswegs als ein »Mysterium der Seelen«, sondern all das ist in den meisten Fällen auf bestimmte körperliche, unter Umständen auch seelische Eigenschaften zurückzuführen, durch welche die Anziehungskraft der geliebten Person bedingt ist. Man spricht dann vom sogenannten Fetisch und Fetischismus . Unter Fetisch pflegt man Gegenstände oder Teile oder bloße Eigenschaften von Gegenständen zu verstehen, die vermöge verbindender (assoziativer) Beziehungen zu einer lebhaften, Gefühle oder Interesse hervorrufenden Gesamtvorstellung oder Gesamtpersönlichkeit eine Art Zauber (»fetisso«, portugiesisch) bilden; mindestens einen sehr tiefen, dem äußeren Zeichen (Symbol, Fetisch) an und für sich nicht zukommenden Vgl. Max Müller , der das Wort »Fetisch« etymologisch von factitius (künstliches, unbedeutendes Ding ) ableitet. , weil individuell eigenartig betonten Eindruck bewirken. Die individuelle Wertschätzung des Fetischs durch eine von ihm gereizte und angezogene Persönlichkeit nennt man Fetischismus . Diese psychologisch interessante Erscheinung, erklärbar aus einem erfahrungsmäßig assoziativen Gesetz: der Beziehung einer Teilvorstellung zur Gesamtvorstellung, wobei das Wesentliche aber die individuell eigenartige Gefühlsbetonung der Teilvorstellung im Sinne von Lustgefühlen ist, findet sich vornehmlich in zwei verwandten psychischen Gebieten – dem der religiösen und dem der erotischen Gefühle und Vorstellungen. Der religiöse Fetischismus hat andere Beziehung und Bedeutung als der sexuelle, sofern er seine ursprüngliche Begründung in dem Wahn fand und findet, daß der als Fetisch imponierende Gegenstand oder das Götzenbild göttliche Eigenschaften besitze, nicht bloß Sinnbild sei, oder daß dem Fetisch besondere wundertätige (Reliquien) oder schutzkräftige (Amulette) Eigenschaften abergläubischerweise zugeschrieben werden. Anders der erotische Fetischismus, welcher seine psychologische Begründung darin findet, daß physische oder auch psychische Qualitäten einer Person, ja selbst bloße Gegenstände ihres Gebrauchs und dergleichen zum Fetisch werden, indem sie mächtige assoziative Vorstellungen zur Gesamtpersönlichkeit jeweils wecken, welche überdies mit einer lebhaften sexuellen Lustempfindung jederzeit betont werden. Ähnlichkeiten mit dem religiösen Fetischismus ergeben sich immerhin insofern, als auch bei diesem nach Umständen recht unbedeutende Gegenstände (Nägel, Haare usw.) Fetisch sind und mit Lustgefühlen bis zur Ekstase sich verbinden. Bezüglich der Entwicklung physiologischer Liebe ist es wahrscheinlich, daß ihr Keim immer in einem individuellen Fetischzauber, den eine Person des einen Geschlechts auf eine des andern ausübt, zu suchen und zu finden ist. Am einfachsten ist der Fall, daß mit einer sinnlichen Erregung der Anblick einer Person des andern Geschlechts zeitlich zusammenfällt und dieser Anblick die sinnliche Erregung steigert. Gefühls- und optischer Eindruck treten in assoziative Verknüpfung, und diese festigt sich in dem Maße, als das wiederkehrende Gefühl das optische Erinnerungsbild weckt, oder dieses (Wiedersehen) neuerlich sexuelle Erregung auslöst, möglicherweise bis zu Orgasmus und Pollution (Traumbild). In diesem Falle wirkt die körperliche Gesamterscheinung als Fetisch. Wie Binet u. a. hervorhebt, können es aber auch Teile des Ganzen, bloße Eigenschaften, und zwar körperliche oder auch bloß seelische sein, welche die Person des andern Geschlechts als Fetisch beeinflussen, indem ihre Wahrnehmung mit einer (zufälligen) sexuellen Erregung zusammenfällt oder sie hervorruft. Daß über diese seelische Verbindung (Assoziation) der Zufall entscheidet, daß der Gegenstand des Fetischs individuell höchst verschiedenartig sein kann, daß daraufhin die sonderbarsten Sympathien (und umgekehrt Antipathien) entstehen, ist allbekannte Tatsache der Erfahrung. Aus dieser psychologischen Tatsache des Fetischismus erklären sich die individuellen Sympathien zwischen Mann und Weib, die Bevorzugung einer bestimmten Persönlichkeit vor allen andern desselben Geschlechts. Da der Fetisch ein ganz individuelles Lokalzeichen darstellt, wird es begreiflich, daß er nur ganz individuell wirkt. Da er von höchst mächtigen Lustgefühlen betont ist, führt er dazu, über die etwaigen Fehler des Gegenstandes der Liebe hinwegzutäuschen (»die Liebe macht blind«) und eine Überspanntheit hervorzurufen, die, nur individuell begründet, andern Personen unbegreiflich, nach Umständen selbst lächerlich erscheint. So erklärt es sich, wie der Nüchterne seinen verliebten Mitmenschen nicht begreifen kann, während dieser sein Idol vergöttert, mit ihm wahren Kultus treibt, ihm Eigenschaften andichtet, welche es, objektiv betrachtet, keineswegs besitzt. So erklärt es sich, daß die Liebe bald mehr als eine Leidenschaft, bald als ein förmlicher psychischer Ausnahmezustand sich darstellt, in dem das Unerreichbare erreichbar, das Häßliche schön, das Profane erhaben erscheint, jegliches sonstige Interesse, jegliche Pflicht verschwunden ist. Mit Recht macht auch Tarde geltend, daß nicht bloß individuell, sondern auch national der Fetisch verschieden sein kann, jedoch das Ideal der Gesamtschönheit bei den Kulturvölkern derselben Zeit dasselbe bleibt. Binet hat sich das große Verdienst erworben, diesen Fetischismus der Liebe genauer studiert und analysiert zu haben. Aus ihm entstehen die besonderen Sympathien. So fühlt sich der eine zu schlanken, der andere zu dicken, zu brünetten oder zu blonden Schönen hingezogen. Für den einen ist ein besonderer Ausdruck des Auges, für den andern ein besonderer Klang der Stimme oder der eigenartige Geruch, selbst ein künstlicher (Parfüm), oder die Hand, der Fuß, das Ohr usw. der individuelle Fetischzauber, der Ausgangspunkt einer komplizierten Kette von seelischen Vorgängen, deren Gesamtausdruck Liebe, das heißt die Sehnsucht nach dem physischen und seelischen Besitz des Gegenstands der Liebe darstellt. Mit dieser Tatsache ist eine wichtige Bedingung für die Aufstellung eines noch physiologischen Fetischismus erwähnt. Der Fetisch mag dauernd seine Bedeutung behalten, ohne pathologisch zu sein, aber nur dann, wenn er von der Teilvorstellung zur Gesamtvorstellung vorschreitet, wenn die durch ihn erschlossene Liebe als ihren Gegenstand die gesamte seelische und physische Persönlichkeit umfaßt. Die normale Liebe kann nur Gesamtschau (Synthese), Verallgemeinerung (Generalisation) sein. Wer nur einigermaßen darüber nachdenkt, wird zur Erkenntnis kommen, daß von wirklicher Liebe (dieses Wort wird nur zu oft mißbraucht) nur dann die Rede sein darf, wenn die ganze Person zugleich leiblich und seelisch Gegenstand der Verehrung ist. Ein sinnliches Element muß jede Liebe haben, d. h. den Drang, den Gegenstand der Liebe zu besitzen und mit ihm vereint den Gesetzen der Natur zu dienen. Aber wenn jemandem bloß der Körper der Person des andern Geschlechts Gegenstand der Liebe ist, wenn er bloß Sinnengenuß befriedigen will, ohne die Seele zu besitzen und ohne seelisch gemeinsam zu genießen, dann ist seine Liebe nicht echt, so wenig als die des Platonikers, der nur die Seele liebt und sinnlichen Genuß verschmäht (manche Konträrsexuale). Für den einen ist der bloße Körper, für den andern die bloße Seele ein Fetisch, die Liebe bloßer Fetischismus. Derartige Existenzen stellen jedenfalls Übergangsfälle zum pathologischen Fetischismus dar. Diese Annahme trifft um so mehr zu, als seelische Befriedigung durch den Geschlechtsakt als weiteres Kriterium wirklicher Liebe gefordert werden muß. Der Standpunkt, den Krafft-Ebing sowohl bei der Problemstellung wie bei der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen auf dem Gebiete der Sexualpsychologie eingenommen hat, gilt heute wie damals. Seit dem ersten Weltkrieg haben jedoch die Begriffe und Anschauungen des Sexuallebens, der Sexualethik und der Sexualmoral tiefgreifende Wandlungen erfahren. Die radikale Änderung der Sexualmoral, die im europäischen Kulturkreis schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert eingesetzt hat, hat die Menschen weder darauf vorbereitet, noch dafür reif befunden. So kam es, daß nicht Freie von der Freiheit Gebrauch machten, sondern daß Freigelassene sie mißbrauchten. Unfug geschah und Unglück wurde erzeugt. Es kam nicht nur zu einer bis dahin unerhörten Promiskuität, sondern es fielen auch in weitem Umfang die Hemmungen, die bis dahin den verschiedenen Perversitäten und Perversionen entgegengestanden waren. Das Umschlagen von Heroismus in Hedonismus hat sich keineswegs nur auf die Großstädte Europas beschränkt. Damals war unzweifelhaft nicht nur die Zahl der Pervertierten, sondern vor allem die der perversen Akte größer als je zuvor. Indessen, allzu lange dauerte der Spuk denn doch nicht; aus verschiedenen Gründen, deren Anführung, so interessant sie auch wäre, hier zu weit führen würde, kam es zu einem Abebben der Flut, von der sich am längsten, bis heute, eine gesteigerte Promiskuität erhalten hat. Für das Dritte Reich war es bezeichnend, daß für seine Beherrscher das Privatleben nicht existiert hat, und der von ihnen geschaffene Begriff des »Asozialen« war insofern für das Gebiet der sexuellen Psychopathologie von unheilvoller Bedeutung, als jeder sexuell Abnorme stets fürchten mußte, sterilisiert und ins Konzentrationslager gebracht zu werden. Die dadurch erzwungene Geheimhaltung der Triebabweichungen hat natürlich die Zustände verschlimmert. Die millionenfachen Greuel dieser Zeit, die der entsetzten Welt noch immer nicht völlig bewußt geworden sind, haben begreiflicherweise dazu geführt, daß eine bestimmte Perversion, der Sadismus , zu einem allgemeinen Begriff geworden ist, den man als nächste Erklärung jener an sich ja unfaßbaren Schreckenstaten nur allzu wahllos benützt hat und noch benützt. Es sei darum vorweggenommen, daß der Begriff »Sadismus« aus der sexuellen Psycho-Pathologie stammt und genau so exakt begründet werden muß wie jede klinische Diagnose. In Wahrheit sind bei jenen Mördern und Henkern barbarische Urinstinkte entfesselt und benützt worden, die in den seltensten Ausnahmefällen etwas mit der sexuellen Sphäre zu tun hatten. Es ergibt sich nun die Frage, ob derzeit mehr Perverse existieren als zur Zeit Krafft-Ebings , ein Problem, das zweifelsohne von allgemeinem, zumal sozialem Interesse ist. Für die Antwort ist in erster Linie maßgebend, welche Wege zur Verfügung stehen, um von den verschiedenen Triebabweichungen Kenntnis zu erhalten. Es gibt da einerseits das Patientenmaterial der auf diesem Gebiet tätigen Ärzte, anderseits die juristisch zu erfassenden Fälle. Das Patientenmaterial hat sich unzweideutig geändert. Eine große Gruppe von Pervertierten hat zwar Einsicht in den eigenen Zustand und ist sich des Bestehens einer Triebabweichung bewußt, ohne jedoch darunter zu leiden – eine in jeder Beziehung überaus wichtige Tatsache. Offenkundige (manifeste) oder verborgene (latente) Perversionen also, die früher die Betroffenen unbedingt zum Arzte geführt hätten, werden nicht mehr als krankhaft und schon gar nicht als behandlungsbedürftig empfunden, gehen also auch der Forschung verloren. Das mag in mancher Hinsicht bedauerlich sein; unleugbar aber werden durch diese Einstellung zahlreiche oft schwere Schuld-, Krankheits- und überhaupt Minderwertigkeitsgefühle ausgeschaltet, und nicht wenige auf dieser Basis beruhende Neurosen, die früher nur allzu häufig waren, zählen heute fast schon zu den Seltenheiten. Dieser Ausfall, bei dem, wie gesagt, die Vorteile vielleicht die Nachteile sogar überwiegen, wird aber auf einem andern Gebiet wettgemacht. Jeder Sexualforscher war und ist mit der großen Zahl von Störungen der männlichen Potenz vertraut; es ist indessen eine Neuerscheinung, daß nunmehr auch jene Frauen, die an einer den männlichen Potenzstörungen entsprechenden sexuellen Unempfindlichkeit (Anästhesie) oder an einer Herabsetzung der Empfindlichkeit (Hypästhesie) leiden, in immer steigendem Maße Rat und Hilfe des Arztes suchen, zu dessen Kenntnis somit die mit diesen Zuständen so oft verbundenen Perversitäten und Perversionen gelangen. Es wäre falsch zu glauben, daß diese Triebabweichungen heute häufiger seien als früher, oder daß sie erst jetzt als Leiden empfunden werden, dessen Behebung gewünscht wird. Nein, der Unterschied liegt bloß darin, daß die Frauen den Mut zur Krankheitseinsicht gefunden haben und zum Entschluß, etwas gegen diesen Zustand zu unternehmen. In diesem Zusammenhang sei nochmals auf die Angst vor der Staatsgewalt hingewiesen, die in allen vom Dritten Reich beherrschten Ländern die Leidenden bis zum letzten davor zurückgehalten hat, sich einem Arzt anzuvertrauen. Ein anderes zeitbedingtes Moment, das hier erwähnt werden muß, ist darin zu erblicken, daß die im Dritten Reich von Staats wegen geförderte, ja geradezu erzwungene Erhöhung der Kinderzahl in nicht wenigen Fällen dazu geführt hat, sexuell Abnorme zur Eheschließung zu veranlassen; daraus haben sich oft die schwersten seelischen Konflikte ergeben. Es ist daher derzeit, wo die Folgen jenes so viele Jahre währenden Terrors noch immer spürbar sind, schwerer denn je, sich ein Bild von der Verbreitung der Perversionen zu machen, fehlen doch auch die forensischen Möglichkeiten für eine solche Schätzung. In Europa ist die wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiete fast gänzlich zum Stillstand gekommen, und die einschlägige Literatur aus Übersee liegt bisher erst in Bruchstücken vor. Alles in allem dürfte aber die Zahl der Triebabweichungen heute höher sein als zur Zeit Krafft-Ebings. Nach wie vor ist deshalb die Psychopathia sexualis eines der interessantesten und wichtigsten Gebiete medizinischer und psychologischer Forschung, denn trotz der gewaltigen wissenschaftlichen Arbeit, die zur Aufklärung ihrer Probleme bereits geleistet wurde, sind noch viele bedeutsame Fragen ungelöst. * Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir kurz die Physiologie des Sexuallebens besprechen. Innerhalb der Zeit anatomisch-physiologischer Vorgänge in den Fortpflanzungs(Generations-)drüsen findet sich im Bewußtsein des Individuums der Drang vor, zur Erhaltung der Gattung beizutragen ( Geschlechtstrieb ). Der Sexualtrieb in diesem Alter der Geschlechtsreife ist ein physiologisches Gesetz. Die Zeitdauer der anatomisch-physiologischen Vorgänge in den Sexualorganen, gleich wie die Stärke des sich geltend machenden Sexualtriebes, ist bei Individuen und Völkern verschieden. Rasse, Klima, vererbte und soziale Verhältnisse sind darauf von entscheidendem Einfluß. Bekannt ist die größere Sinnlichkeit der Südländer gegenüber den geringeren sexuellen Bedürfnissen der Nordländer. Aber auch die sexuelle Entwicklung ist bei den Bewohnern südlicher Himmelsstriche gewöhnlich frühzeitiger als bei denen nördlicher. Während bei dem Weibe nördlicher Länder die Eiablösung (Ovulation), erkennbar an der Entwicklung des Körpers und dem Auftreten periodisch wiederkehrender Blutflüsse aus den Genitalien (Menstruation), gewöhnlich erst um das 13. bis 15. Lebensjahr erscheint, beim Manne die Pubertätsentwicklung (erkennbar am Tieferwerden der Stimme, Entwicklung von Haaren im Gesicht und am Schamberg, an zeitweise auftretenden Pollutionen usw.) erst vom 15. Jahre an bemerklich wird, tritt die geschlechtliche Entwicklung bei den Bewohnern südlicher Länder um einige Jahre früher ein, beim Weibe zuweilen schon im 8. Lebensjahre. Bemerkenswert ist, daß Stadtmädchen sich um etwa ein Jahr früher entwickeln als Landmädchen, und daß, je größer die Stadt ist, um so früher, ceteris paribus, die Entwicklung erfolgt. Von nicht geringem Einfluß auf Libido und Potenz sind aber auch vererbte Einflüsse. So gibt es Familien, in denen neben großer Körperkraft und Lebensdauer bedeutende Libido und Potenz bis in hohe Alters jähre sich erhalten, während in andern die Vita sexualis spät sich entwickelt und vorzeitig erlischt. Bekanntlich haben sich Physiologen ( Steinach ) und Chirurgen ( Voronoff ) in letzter Zeit vielfach bemüht, die Potenz des Mannes zeitlich zu verlängern. Die Tierversuche schienen in dieser Beziehung unbedingt erfolgversprechend. Beim Menschen hingegen, bei dem die Verhältnisse ja schon wegen der psychologischen Wechselbeziehungen ungleich komplizierter sind, konnten bisher eindeutige und vor allem andauernde Resultate nur in Einzelfällen erreicht werden. Beim Weibe ist die Zeit der Tätigkeit der Generationsdrüsen enger begrenzt als beim Manne, bei dem die Spermabereitung bis ins hohe Alter fortdauern kann. Beim Weibe hört die Ovulation etwa 30 Jahre nach eingetretener Mannbarkeit auf. Der Zeitraum der versiegenden Tätigkeit der Eierstöcke (Ovarien) heißt der Wechsel (Klimakterium). Diese biologische Phase stellt nicht einfach eine Außerfunktionssetzung und schließlich Schwund (Atrophie) der Generationsorgane dar, sondern einen Umwandlungsprozeß des gesamten Organismus. Die Schwankungen in der Intensität sind bei beiden Geschlechtern auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Bei normalen Individuen dürfte beim Manne die Samenproduktion, beim Weibe der Ovulationsprozeß von wesentlicher Bedeutung sein. Bekannt sind die Schwankungen des Trieblebens zu den verschiedenen Jahreszeiten, aber auch andere klimatische Einflüsse spielen sicherlich eine Rolle. Sehr interessant sind auch die Unterschiede, die die verschiedenen Rassen in dieser Beziehung aufweisen. Daß das Sexualleben der Orientalen von dem der Abendländer wesentlich verschieden ist, ist eine sichergestellte Tatsache. Die Rasse ist dabei wichtiger als das Klima. Europäer unterscheiden sich selbst bei jahrzehntelangem Aufenthalt in den Tropen oder im Fernen Osten in sexueller Beziehung ganz bedeutend von den Eingeborenen. Am besten sind diese Verhältnisse in Europa studiert, und es läßt sich da bei einem Überblick ein sehr interessanter Gegensatz zwischen den beiden Geschlechtern feststellen. Je weiter man nämlich von Norden nach Süden fortschreitet, um so mehr steigt die Bereitschaft zum Sexualverkehr bei den Männern an und sinkt gleichzeitig bei den Frauen. Umgekehrt wächst das Liebesbedürfnis der Frauen von Süden nach Norden an und fällt bei den Männern ab. Daß hier natürlich neben der Rasse und dem Klima auch noch andere Faktoren mitbeteiligt sind, Erziehung, soziale Momente usw., ist klar; die Tatsache ist aber doch recht beweisend. Daneben gibt es aber noch andere Einflüsse der Umwelt auf den Geschlechtstrieb. So hat es durchaus den Anschein, als ob ihn z. B. ein Aufenthalt im Gebirge herabsetzt, ein Verweilen an der See steigert. Auch die einzelnen Stunden des Tages sind in dieser Beziehung voneinander verschieden; wohl in den allermeisten Fällen zählt Geschlechtsverkehr in den Vormittags- und Mittagsstunden zu den Seltenheiten. Ist auch ein Zentrum des Geschlechtssinnes bisher im Gehirn nicht nachgewiesen, so haben wir ihn doch als eine Leistung der Hirnrinde anzusehen. Die nahen Beziehungen zwischen Sexualität und Geruchssinn, besonders bei vielen Tieren, legen die Vermutung nahe, daß das »Sexualzentrum« der Olfaktoriussphäre (Geruchsnerv) entweder räumlich sehr nahe liegen oder durch mächtige Assoziationsbahnen mit ihr verknüpft sein müsse. Die Entwicklung des Sexuallebens steht in enger Beziehung zu dem Einsetzen der Funktion der Sexualdrüsen, die nach den neuesten Forschungen weit kompliziertere Organe sind, als man früher einmal angenommen hatte. Unsere gegenwärtigen Kenntnisse vom Einfluß der Geschlechtsdrüsen auf den Gesamtorganismus haben als Ausgangspunkt die Kastration: »Instinktiv ausgeführt, durch Jahrtausende fortgesetzt, repräsentiert die Kastration das erste Experiment für den ganzen, jetzt so großen Abschnitt der Physiologie, der unter dem Namen Innere Sekretion – Endokrinologie – geht und die Grundlage dieser ganzen Wissenschaft bildet« ( Knud Sand ). Die männlichen und weiblichen Geschlechtsdrüsen liefern aber nicht nur die für die Schaffung eines neuen Lebewesens erforderlichen geschlechtsspezifischen Keimzellen (Samenfaden und Ei), sondern sie bedingen auch durch ihre Hormone die Entwicklung der sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmale bei Mann und Frau. Während wir dem Hoden die Produktion nur eines Hormones zuschreiben, bildet der Eierstock mindestens zwei verschiedene Stoffe, das Follikelhormon und das Gelbkörper-(Corpus luteum-)Hormon, zu denen in der Schwangerschaft noch ein drittes Hormon, das der Mutterkuchen (Plazenta) ausscheidet, hinzukommt. Die Geschlechtsdrüsen sind aber, wie vor allem Aschheim , Zondek und Smith nachgewiesen haben, nicht vollkommen selbständig arbeitende Organe, sondern werden in ihrer Entwicklung und Tätigkeit vom Vorderlappen des Hirnanhangs (Hypophyse), dem eigentlichen Motor der Sexualfunktion, beherrscht. Im Sexualleben treten nun einerseits sehr früh lokale Genitalgefühle auf, anderseits erotische Vorstellungen, wie sie, leider in überreichem Maße, durch Beobachtungen, Lektüre und dergleichen angeregt und ausgelöst werden. Solche Vorstellungen werden wiederum von erotischen Gefühlen, und zwar von Wollustgefühlen, betont, und dadurch entsteht ein Drang, Wollustgefühle hervorzurufen (Geschlechtstrieb). Es entwickelt sich nun eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen der Hirnrinde (als Entstehungsort der Empfindungen und Vorstellungen) und den Fortpflanzungsorganen. Diese lösen durch anatomisch-psychologische Vorgänge (innere Sekretion der Hoden, der Eierstöcke, des Hirnanhangs, Blutüberfüllung, Eiablösung) sexuelle Vorstellungen, Bilder und Dränge aus. Die Hirnrinde wirkt durch empfangene (apperzipierte) oder wiedergegebene (reproduzierte) sinnliche Vorstellungen auf die Generationsorgane (Hyperämisierung, Erektion, Ejakulation). Dies geschieht durch Zentra für die Erektion und Ejakulation, die am Beckenboden, einander jedenfalls räumlich nahe, sich befinden. Beide sind Reflexzentren. Das Centrum erectionis ( Goltz , Eckhard ) ist eine zwischen Gehirn und Genitalapparat eingeschaltete Zwischenstation. Die Nervenbahnen, die sie mit dem Gehirn in Verbindung setzen, laufen wahrscheinlich durch die Hirnschenkel (Pedunculi cerebri) und durch die Brücke (Pons). Dieses Zentrum vermag durch zentrale (psychische und organische) Reize, durch direkte Reizung seiner Bahnen in Pedunculi cerebri, Pons, Zervikalmark (Halsteil des Rückenmarkes), sowie durch periphere Reizung sensibler Nerven (Penis, Klitoris) in Erregung zu geraten. Dem Einfluß des Willens ist es direkt nicht unterworfen. Die Erregung dieses Zentrums wird durch in der Bahn des ersten bis dritten Sakralnerven verlaufende Nerven (Nervi erigentes – Eckhard ) zu den Corpora cavernosa fortgeleitet. Die Tätigkeit dieser die Erektion vermittelnden Nervi erigentes ist hemmend. Sie hemmen den gangliären Innervationsapparat in den Schwellkörpern, von dem die glatten Muskelfasern der Corpora cavernosa abhängig sind ( Kölliker und Kohlrausch ). Unter dem Einfluß der Tätigkeit der Nervi erigentes werden die glatten Muskelfasern der Schwellkörper erschlafft und deren Räume mit Blut gefüllt. Gleichzeitig wird durch die erweiterten Arterien des Rindennetzes der Schwellkörper ein Druck auf die Venen des Penis geübt und der Rückfluß des Blutes aus dem Penis gehemmt. Unterstützt wird diese Wirkung durch Zusammenziehung des Musculus bulbocavernosus und ischiocavernosus, die sich aponeurotisch auf der Rückenfläche des Penis ausbreiten. Das Erektionszentrum steht unter dem Einfluß von erregender, aber auch von hemmender Innervation durch das Großhirn. Erregend wirken Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen sexualen Inhalts. Nach Erfahrungen bei Erhängten scheint das Erektionszentrum auch durch Erregung der Leitungsbahnen im Rückenmark in Tätigkeit treten zu können. Daß dies auch durch organische Reizvorgänge in der Hirnrinde möglich ist, lehren Beobachtungen an Hirn- und Geisteskranken. Direkt kann das Erektionszentrum in Erregung versetzt werden durch das Lumbalmark treffende Rückenmarkserkrankungen (Tabes, Myelitis). Der Sitz des Erektionszentrums ist nicht vollkommen sichergestellt. Man hat früher angenommen, daß es im Lumbalmark gelegen sei, es spricht aber viel dafür, daß die Erektionen einen Sympathikusreflex darstellen, und daß ihr Zentrum somit die sympathischen Ganglienknoten am Beckenboden sind ( L. R. Müller ). Werden die (peripheren) sensiblen Nerven der Genitalien und deren Umgebung durch Reibung (Friktion), durch Reizung der Harnröhre (Gonorrhöe), des Rektums (Hämorrhoiden, Oxyuris), der Blase (Füllung durch Urin, besonders morgens, Blasensteine), durch Füllung der Samenblasen, durch infolge von Rückenlage und Druck der Eingeweide auf die Blutgefäße des Beckens entstandene örtliche Blutüberfüllung (Hyperämie) der Genitalien gereizt, so ist eine reflektorisch bedingte Erregung des Erektionszentrums möglich und häufig. Auch durch Reizung der massenhaft im Gewebe der Vorsteherdrüse (Prostata) befindlichen Nerven und Ganglien (Prostatitis, Kathetereinführung usw.) kann das Erektionszentrum erregt werden. Daß das Erektionszentrum auch hemmenden Einflüssen durch das Gehirn unterworfen ist, lehrt der Versuch von Goltz , wonach, wenn (bei Hunden) das Lendenmark durchschnitten ist, die Erektion leichter eintritt. Dafür spricht auch die Tatsache, daß Willenseinfluß, Gemütsbewegungen (Furcht vor Mißlingen des Koitus, Überraschungen während des Aktes) das Eintreten der Erektion hemmen oder die vorhandene aufheben können. Die Erektion besitzt überhaupt schwankenden Charakter. Viel zu häufig werden noch aus dem Ausbleiben oder der allzu kurzen Dauer einer Erektion Rückschlüsse auf die Potenz des Mannes gezogen, die einerseits an und für sich ganz unbegründet sein und anderseits zu folgenschweren psychischen Veränderungen führen können. Es kommt zur sogenannten Potenzangst , und nicht wenige Perversionen nehmen, natürlich bei bereits vorhandener Anlage, von hier ihren Ausgang. Gerade bei höher zivilisierten Menschen, Intellektuellen, geistigen Arbeitern sind gewisse Regelwidrigkeiten der Erektion sehr häufig, ohne jedoch auf einen bestimmten Zustand hinzuweisen. An die Erektion schließt sich bei normalem Verlauf des Geschlechtsaktes die Samenausspritzung (Ejakulation). Auch für diese besteht ein besonderes Zentrum, das nicht mit dem Erektionszentrum zusammenfällt. Dafür sprechen physiologische Experimente, aber auch zahlreiche Erfahrungen am Menschen, aus denen hervorgeht, daß die Erektion sehr wohl abklingen kann, ohne daß eine Ejakulation eingetreten ist, und daß auch nicht selten sich die Ejakulation ohne vorhergehende Erektion einstellt. Auch das Ejakulationszentrum dürfte in den sympathischen Ganglien am Beckenboden liegen. Der eigentliche Ejakulationsvorgang ist noch keineswegs vollständig aufgeklärt. Jedenfalls ist er ein rhythmischer Bewegungsvorgang, der unabhängig vom Willen erfolgt (obwohl es auch hier Ausnahmen gibt). Man darf wohl annehmen, daß die Kontraktion der Muskulatur des Nebenhodenschweifs, des Samenleiters und der Harnröhre die Entleerung des Samens herbeiführt, während gleichzeitig die Ringmuskeln an der Blasenmündung sich zusammenziehen und dadurch ein Aufsteigen des Harnröhreninhalts nach dieser Richtung verhindern. Dieser wird dann, sofort darauf, durch rhythmische Zusammenziehungen des Musculus bulbocavernosus und ischiocavernosus kräftig und ruckartig aus der Harnröhrenmündung herausgeschleudert. Das Ende der Erektion muß keineswegs mit dem Eintritt der Ejakulation zusammenfallen. Es kann vielmehr durch eine ganze Anzahl anderer Momente herbeigeführt werden. Solche sind im allgemeinen Gefühle negativen Charakters (Ekel, Schmerz usw.), noch häufiger aber seelische Vorgänge, wie Angst, Erschrecken, Zwangsvorstellungen usw. Auch das Sistieren sensibler Reize kann ein Aufhören der Erektion bewirken. Der Eintritt der Ejakulation selbst ist mitnichten nur durch die Quantität oder die Qualität der sensiblen Reize bedingt; gerade hier spielt wiederum die Hirnrinde eine bedeutende Rolle. Es ist möglich, durch – willkürliche oder unwillkürliche – Vorstellungen sexuellen Inhalts die Ejakulation zu verfrühen oder durch entsprechende Konzentration ihr Eintreten hinauszuschieben (coitus prolongatus). Man hat sich in den letzten Jahren vielfach mit der Frage beschäftigt, welcher psycho-physische Vorgang bei der Frau der Ejakulation beim Manne entspricht. Sichergestellt ist jedenfalls, daß auch bei ihr ein reflektorisch ausgelöster Bewegungsakt stattfindet, der durch die Reizung der empfindlichen Genitalnerven eingeleitet wird. Dann kommt es zu einer erektionsartigen Anschwellung (Turgeszenz) des Kitzlers (Klitoris), allenfalls auch der kleinen Schamlippen, und endlich, so wie beim Mann, zu einer rhythmischen Muskeltätigkeit (Musculus constrictor cunni und levator vaginae). Der Ejakulation entspricht die bei dieser rhythmischen Muskelkontraktion erfolgende Auspressung von Drüsensekreten, vor allem aus den Bartholinischen Drüsen. Daß die der Erektion und Ejakulation entsprechenden Vorgänge bei der Frau noch mehr als beim Mann psychischen Einflüssen unterliegen, ist in Anbetracht der ungleich engeren Verbindung zwischen Physis und Psyche, die für das weibliche Geschlecht charakteristisch ist, ohne weiteres verständlich. Es zeigt sich eben immer wieder, daß die zentrale und oberste Instanz im sexuellen Mechanismus die Hirnrinde ist, wobei es gleichgültig ist, ob sich in ihr ein eigenes »Sexualzentrum« nachweisen läßt oder nicht. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß im Gehirn die sexuellen Gefühle, Dränge und Triebe entspringen, also alle psycho-physischen Vorgänge, die man als Geschlechtsleben, Geschlechtssinn, Geschlechtstrieb bezeichnet. Das betreffende Gebiet der Hirnrinde ist ebenso durch zentrale wie durch periphere Reize erregbar. In der Pathologie, z. B. bei Krankheiten der Hirnrinde, stellen organische Erregungen solche zentrale Reize dar. Physiologisch bestehen sie in psychischen Reizen (Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen). Unter physiologischen Bedingungen handelt es sich einerseits um reine Hirnvorgänge, wie um Erinnerungen und Vorstellungen; sodann um optische Wahrnehmungen, weit seltener um durch das Gehör vermittelte Reize. Sehr wichtig sind zweifelsohne Geruchswahrnehmungen und Tasteindrücke. Bei den Tieren ist ein Einfluß der Geruchswahrnehmungen auf den Geschlechtssinn unverkennbar. Althaus erklärt geradezu den Geruchssinn für wichtig bezüglich der Reproduktion der Gattung. Er macht geltend, daß Tiere verschiedenen Geschlechts durch Geruchswahrnehmungen zueinander hingezogen werden, und daß fast alle Tiere zur Brunstzeit von ihren Geschlechtsorganen aus einen besonders scharfen Geruch verbreiten. Dafür spricht ein Versuch von Schiff , der neugeborenen Hunden die Geruchsnerven entfernte und bei den herangewachsenen Tieren feststellte, daß das männliche Tier das Weibchen nicht herauszufinden vermochte. Ein entgegengesetzter Versuch von Mantegazza (Hygiene der Liebe), der an blinden Kaninchen kein Hindernis für die Begattung aus diesem Sinnesdefekt beobachtete, lehrt, wie wichtig der Geruchssinn für die Vita sexualis bei Tieren zu sein scheint. Bemerkenswert ist auch, daß manche Tiere (Moschustier, Zibetkatze, Biber) an ihren Genitalien Drüsen haben, die scharf riechende Stoffe absondern. Auch für den Menschen macht Althaus Beziehungen zwischen Geruchssinn und Geschlechtssinn geltend. Er erwähnt Cloquet , der auf den wollusterregenden Duft der Blumen aufmerksam machte und auf Richelieu hinwies, der zur Anregung seiner Geschlechtsfunktionen in einer Atmosphäre der stärksten Parfüms lebte. Daß die nähere Bekanntschaft mit der Ausdünstung, dem Schweiß eines Menschen der erste Anlaß zu einer leidenschaftlichen Liebe sein kann, beweist der Fall Heinrichs II., der sich zufällig bei dem Vermählungsfest des Königs von Navarra mit Margaretria von Valois mit dem schweißtriefenden Hemd der Maria von Cleve das Gesicht getrocknet hatte. Obgleich sie die Braut des Prinzen von Condé war, fühlte Heinrich dennoch sofort eine so leidenschaftliche Liebe zu ihr, daß er ihr nicht widerstehen konnte und Maria dadurch, wie geschichtlich bekannt, höchst unglücklich machte. Ähnliches wird von Heinrich IV. erzählt, bei dem die Leidenschaft zur schönen Gabriele von dem Moment an entstanden sein soll, wo er auf einem Ball mit einem Taschentuch dieser Dame sich die Stirne getrocknet hatte. Ähnliches deutet der »Entdecker der Seele«, Prof. Jäger , in seinem bekannten Buch an, indem er den Schweiß als wichtig für die Entstehung von Sexualaffekten und als besonders verführerisch ansieht. Auch aus der Lektüre des Werkes von Ploß (Das Weib) ergibt sich, daß mannigfach in der Völkerpsychologie das Bestreben sich findet, durch die eigene Ausdünstung eine Person des andern Geschlechts an sich zu ziehen. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist eine von Jagor berichtete Sitte, die zwischen verliebten Eingeborenen auf den Philippinen herrscht. Müssen sich dort Liebespaare trennen, so überreicht man sich gegenseitig Wäschestücke des eigenen Gebrauchs, mit Hilfe derer man sich der Treue versichert. Diese Gegenstände werden sorgfältig gehütet, mit Küssen bedeckt und – berochen. Bemerkenswert ist endlich die bei Geisteskrankheit deutlich hervortretende Übereinstimmung zwischen Geruchs- und Geschlechtsorgan, insofern sowohl bei masturbatorischen Fällen von Psychose bei beiden Geschlechtern als auch bei Psychosen auf Grund von Erkrankung der weiblichen Genitalien oder von klimakterischen Vorgängen Geruchshalluzinationen überaus häufig, bei fehlender sexueller Veranlassung überaus selten sind. Die Frage, ob bei »normalen« Menschen Geruchsempfindungen eine wirklich wichtige Rolle für die sexuelle Erregung der Hirnrinde spielen, ist schon deshalb nicht leicht zu klären, weil sich in der Sexualpsychologie der Begriff des Normalen überhaupt schwer aufstellen läßt. Es kann aber gesagt werden, daß auch beim Fehlen irgendwelcher krankhafter Zeichen oder Stigmen Geruchsreize in dieser Beziehung sehr wirkungsvoll sein können. Eine interessante Tatsache, angesichts dieser physiologischen Beziehungen, ist auch eine gewisse Übereinstimmung der Gewebe zwischen Nase und Genitalorganen, indem beide, ebenso wie die Brustwarzen, erektiles Gewebe enthalten. Die sexuelle Sphäre in der Hirnrinde kann auch durch Vorgänge in den Generationsorganen im Sinne von sexuellen Vorstellungen und Drängen erregt werden. Dies ist möglich durch alle Momente, die auch das Erektionszentrum durch zentripetale Einwirkung in Erregung versetzen, wie z. B. Reiz der gefüllten Samenblasen und Nebenhoden, der heranreifenden Graafschen Follikel, irgendwie hervorgerufene sensible Reizung im Bereich der Genitalien, Hyperämie und Turgeszenz der Genitalien, speziell der erektilen Gebilde (Schwellkörper von Penis oder Klitoris), durch sitzende üppige Lebensweise, durch Plethora abdominalis, hohe äußere Temperatur, warme Betten, Kleidung, Genuß von Pfeffer und andern Gewürzen. Vielleicht noch wichtiger ist der heute wohl keinem Zweifel mehr unterliegende Einfluß, den die innere Sekretion in dieser Beziehung hat. Und zwar handelt es sich da nicht nur um die innersekretorische Funktion der Keimdrüsen, sondern es ist heute schon sichergestellt, daß zumindest der Hirnanhang, die Hypophyse, hier eine wichtige Rolle spielt, und sehr wahrscheinlich ist auch die Schilddrüse mitbeteiligt. Wie bereits erwähnt, gehören die Tasteindrücke zu den wichtigsten sexuellen Reizen. Bedeutsam und vor allem eigenartig ist hier die Reizung der Nerven der Gesäßgegend (durch Züchtigung, Geißelung). Diese Tatsache ist nicht unwichtig für das Verständnis gewisser pathologischer Erscheinungen. Zuweilen geschieht es, daß bei Knaben durch eine Züchtigung auf den Podex die ersten Regungen des Geschlechtstriebes wachgerufen werden, und daß ihnen damit die Anregung zur Masturbation gegeben wird, eine Erfahrung, die sich Erzieher merken sollen. Angesichts der Gefahren, die diese Form der Züchtigung Schülern bereiten kann, wäre es wünschenswert, wenn sie von Eltern, Lehrern und Erziehern gänzlich aufgegeben würde. Daß passive Flagellation die Sinnlichkeit zu erwecken vermag, lehrt die im 13.-15. Jahrhundert verbreitet gewesene Sekte der Flagellanten , die, teils aus Buße, teils um das Fleisch zu töten (im Sinne des von der Kirche geltend gemachten Keuschheitsprinzips, d. h. der Befreiung des Geistes von der Sinnlichkeit), sich selbst geißelten. Anfangs wurde diese Sekte von der Kirche begünstigt. Da aber durch das Flagellieren erst recht die Sinnlichkeit wachgerufen wurde und diese Tatsache in unliebsamen Vorkommnissen sich kundgab, war die Kirche schließlich genötigt, gegen das Flagellantentum einzuschreiten. Bezeichnend für die sexuell erregende Bedeutung der Geißelung sind folgende Tatsachen aus dem Leben der beiden Geißelheldinnen Maria Magdalena von Pazzi und Elisabeth von Genton. Jene, Tochter angesehener Eltern, war Karmeliternonne zu Florenz (um 1580) und erlangte durch ihre Geißelungen und noch mehr durch deren Folgen einen bedeutenden Ruf. Es war ihre größte Freude, wenn ihr die Priorin die Hände auf den Rücken binden und sie in Gegenwart sämtlicher Schwestern auf die bloßen Lenden geißeln ließ. Die schon von Jugend auf vorgenommenen Geißelungen hatten aber ihr Nervensystem ganz und gar zerrüttet, und vielleicht keine Geißelheldin hatte so viel Halluzinationen (»Entzückungen«) wie diese. Während der Geißelungen hatte sie es besonders mit der Liebe zu tun. Das innere Feuer drohte sie dabei zu verzehren, und häufig schrie sie: »Es ist genug! Entflamme nicht stärker diese Flamme, die mich verzehrt. Nicht diese Todesart ist es, die ich mir wünsche, sie ist mit allzu vielen Vergnügungen und Seligkeiten verbunden.« So ging es immer weiter. Der Geist der Unreinheit aber blies ihr die wollüstigsten und üppigsten Phantasien ein, so daß sie mehrmals nahe daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Ähnlich verhielt es sich mit Elisabeth von Genton. Sie geriet durch das Geißeln förmlich in bacchantische Wut. Am stärksten raste sie, wenn sie, durch ungewöhnliche Geißelung aufgeregt, mit ihrem »Ideal« vermählt zu sein glaubte. Dieser Zustand war für sie so überschwenglich beglückend, daß sie häufig ausrief: »O Liebe, o unendliche Liebe, o Liebe, o ihr Kreaturen, rufet doch alle zu mir: Liebe, Liebe!« Bekannt ist auch die Tatsache, daß Wüstlinge, um ihrer gesunkenen Potenz aufzuhelfen, zuweilen sich vor dem geschlechtlichen Akt geißeln lassen. Vor Jahren rief ein Fall, in dem der bekannte russische Feldherr Skobeleff unter den Hieben mehrerer Prostituierten in Moskau zugrunde ging, großes Aufsehen hervor. So groß die Bedeutung solcher taktilen Reize bei einer so weit verbreiteten Triebabweichung auch ist, so steht sie doch weit hinter der einer andern Gruppe von Reizen zurück, die gleichfalls durch Tasteindrücke vermittelt werden. Damit sind die Friktionen gemeint, die das Wesen des normalen Koitus bilden und einerseits die Vaginalschleimhaut, anderseits die Glans penis treffen, also Stellen des menschlichen Körpers, die durch eigenartige Papillen, die sogenannten Wollustkörperchen, als für solche Reize besonders empfänglich gekennzeichnet sind. Ob und wieweit diese Stellen der Genitalorgane die normalen taktilen Reize aufnehmen und einerseits zu den Reflexbahnen, anderseits zur Hirnrinde weiterleiten, also, anders ausgedrückt, den Orgasmus herbeiführen, ist für die gesamte Vita sexualis der Individuen von größter Bedeutung. Beim Manne liegen die Verhältnisse insofern einfacher, als bei ihm in der ganz großen Mehrzahl der Fälle nur die Glans penis – und häufig auch noch die Haut der äußeren Genitalien – für diese Art der Reizung in Betracht kommt, die nun so wirkungsvoll und bedeutsam ist, daß sie allein zur Erektion, ja Ejakulation führen kann, auch wenn sonst gegen die diesen Reiz ausübende Person, sei es um ihres Geschlechts willen, sei es aus individuellen Gründen, keinerlei Sympathie, sondern sogar Haß oder Abneigung gefühlt wird. Diese Tatsache läßt sich auch dort, gewissermaßen differentialdiagnostisch, verwerten, wo z. B. beim normalen Koitus Potenzstörungen bestehen. Ergibt sich, daß die Friktion der reizempfindlichen Teile des Mannes von den physiologisch zu erwartenden Folgen begleitet wird (während der Koitus unmöglich ist oder mißlingt), so ist für diese Potenzstörung ein anderer Grund vorhanden als eine organische Schädigung, und man hat da an unbewußt gebliebene Homosexualität oder an eine andere maskierte Triebabweichung zu denken. Sonst erhellt die Bedeutung dieser taktilen Reize am deutlichsten aus der so weit verbreiteten Masturbation. Bei der Frau liegen die Dinge komplizierter, da sie Wollustkörperchen einerseits in der Schleimhaut der Klitoris, anderseits in der Vagina besitzt. Der normale Verlauf ist nun der, daß die Frau in ihrer Jugend klitoriell erregbar ist und von der Entjungferung (Defloration) an vaginal erregbar wird, um dann entweder ausschließlich vaginal oder sowohl klitoriell wie vaginal erregbar zu bleiben. Es ist nun für das Verständnis der ganzen weiblichen Vita sexualis und besonders der Triebabweichungen überaus wichtig, daß dieser Wechsel der Erregbarkeit keineswegs gesetzmäßig auftritt, sondern sogar recht häufig unterbleibt. Solche Frauen sind also ausschließlich klitoriell erregbar, und es ist klar, daß dann, wenn bei einer Frau dieser Gruppe, die nur vaginale Reize empfängt, dieser Tatsache nicht Rechnung getragen wird, der Orgasmus nicht erreicht und die betreffende Frau in die Gruppe der geschlechtlich Kalten (Frigidität) eingereiht wird. Diese Tatsache, daß nämlich die Frau durch taktile Reizung zweier verschiedener Körperstellen den Orgasmus erreichen kann, leitet zu einem Begriff über, der sich bei der Erkenntnis dieses ganzen Gebietes als sehr verwendbar erwiesen hat, zu den sogenannten erogenen Zonen . Damit bezeichnet man jene Körperstellen, deren taktile Reizung sexuelle Erregungen auslöst, die sich bis zum kompletten Orgasmus steigern und verdichten können. Zwei wurden bereits besprochen, die Schleimhaut der Klitoris und die der Vagina. An Häufigkeit zunächst kommen ihnen die Brustwarzen und der After (Anus). Diese Partie scheint auch beim Mann eine gewisse Rolle zu spielen, wofür vor allem die Päderastie sowie die anale Automasturbation sprechen, Verfahren, die bei beiden Geschlechtern vorkommen. (Vgl. Garnier , Anomalies sexuelles; A. Moll , Konträre Sexualempfindung.) Die erotische Bedeutung der Brüste und vor allem der Brustwarzen ist seit jeher und allenthalben bekannt. Titillatio huius regionis spielt in der Ars erotica eine hervorragende Rolle. Bekannt ist, daß auch die Erregung der Genitalien auf die Brüste (Mammae) rückwirkt, indem diese offenbar mit jenen in Übereinstimmung stehen, so daß wollüstige Gefühle zur Erektion der Brustwarzen führen. Ein aufmerksamer Beobachter vermag im Tanzsaal aus der Art, wie sinnlich erregbare Frauen sich an den Tänzer schmiegen, einen Rückschluß auf die individuelle Bedeutung erogener Zonen zu ziehen. Unter pathologischen Verhältnissen (Hysterie) können auch Körperstellen in der Nähe der Mammae sowie der Genitalien die Bedeutung erogener Zonen gewinnen. Es gibt aber auch eine nicht geringe Zahl gesunder und normaler, zu sexueller Betätigung aber in hohem Maße bereiter Frauen, die über eine ganze Reihe erogener Zonen verfügen, die man hier richtiger nicht als erogen, sondern als erotisiert bezeichnen könnte. Solche sind: die Lippen, die Ohrmuscheln, die Achselhöhlen, die Handflächen, die Innenseiten der Finger und Zehen, die Kniekehlen, die Schenkelbeugen, die Hautbezirke längs der Wirbelsäule. Von den Völkern des Fernen Ostens ist bekannt, daß sie die Erotisierung der Körperoberfläche auf eine besonders hohe Stufe getrieben haben, ohne daß dies als pathologisches Stigma angesehen werden könnte. Der psychophysiologische Vorgang, den der Begriff Geschlechtstrieb umfaßt, setzt sich grundsätzlich aus Vorstellungen, Empfindungen und Gefühlen zusammen. Es hat sich nun zum tieferen Eindringen in die sexuelle Psychologie und Psycho-Pathologie als so wertvoll wie praktisch verwendbar erwiesen, den Geschlechtstrieb nicht als ein einziges Ganzes aufzufassen, sondern ihn zu unterteilen, und zwar entsprechend seiner Zusammensetzung aus einerseits Vorstellungen und anderseits Empfindungen und Gefühlen. Moll spricht demgemäß von einem Kontrektationstrieb und einem Detumeszenztrieb. Mit dem ersteren Ausdruck bezeichnet er das Verlangen nach geschlechtlicher Berührung und im weiteren Sinn nach Annäherung an das Sexualobjekt überhaupt, und es ist ohne weiteres ersichtlich, daß hier vor allem psychische Vorgänge, also die Vorstellungen, die Hauptrolle spielen. Trotz gewisser Bedenken, die einem so vielfach gebrauchten, aber auch mißbrauchten Ausdruck anhängen, dürfte es wohl möglich, ja sogar vorteilhaft sein, die eine – psychische – Komponente des Geschlechtstriebes, die also etwa dem Moll schen Kontrektationstrieb entspricht, als Erotik zu bezeichnen. Ihre Ergänzung ist dann selbstverständlich der Detumeszenztrieb Molls , die Summe der am Zustandekommen des Geschlechtstriebes beteiligten Empfindungen und Gefühle, die aber auch, zumindest aus praktischen Gründen, besser als Sexualität im engeren Sinn oder überhaupt als Sexualität bezeichnet werden möge. Damit erscheint das im allgemeinen Sprachgebrauch bereits durchaus eingebürgerte Begriffspaar: Erotik und Sexualität als die beiden Komponenten des Geschlechtstriebs dargestellt. Dieser Sachverhalt, daß nämlich der Geschlechtstrieb aus zwei Teilen besteht, ist für die Erforschung der gesamten sexuellen Psychopathie und darüber hinaus für die Erkenntnis der Vita sexualis jedes Individuums von grundlegender Bedeutung, und es ist sehr verwunderlich, daß diese Tatsache auch dort, wo einzelne Triebabweichungen eingehend untersucht wurden, kaum berücksichtigt wird. Immer wieder wird sich nämlich bei der Besprechung der verschiedensten Perversionen zeigen lassen, daß bei ihnen ein Mißverhältnis zwischen Erotik und Sexualität besteht, daß gewissermaßen die Hirnrinde mit der Körperoberfläche und den Geschlechtsdrüsen uneins ist, so daß die von diesen ausgehenden Reize von jener in vom Normalen abweichender Weise erfaßt und umgesetzt werden. Auch für den Geschlechtsakt selbst hängt sehr viel davon ab, wie sich die beiden Komponenten des Geschlechtstriebes zueinander verhalten. Es ist für gewisse Perversionen geradezu bezeichnend, daß es bei ihnen nur einer Komponente bedarf, um den Orgasmus herbeizuführen, und daß manchmal beim Zusammenwirken beider der Höhepunkt des Geschlechtsaktes ausbleibt. Als Beispiel seien etwa jene homosexuellen Männer angeführt, die zwar imstande sind, den Geschlechtsakt mit dem Weibe zu vollziehen (Sexualität), ohne jedoch dabei Wollust zu empfinden (Erotik). Das Verhältnis, in dem beide Komponenten beim Manne stehen, ist in der Regel von dem verschieden, das beim Weibe zu finden ist. Beim Manne ist ja in der Norm ein gewisses Übergewicht der Psyche über die Physis festzustellen, und die daraus abzuleitende Folgerung, daß bei ihm die Erotik stärker ist als die Sexualität, wird durch die Praxis bestätigt – wobei, wie übrigens bei allen psycho-physischen Vorgängen, Ausnahmen die Regel bestätigen. Das Weib wird gewöhnlich als naturverbundener angesehen, und es ist demgemäß begreiflich, daß bei ihm die Sexualität stärker ausgeprägt ist als die Erotik. Hier wie dort mag es auch eine Rolle spielen, daß ein so schwankender und zeitlich begrenzter Zustand wie die männliche Potenz bei der Frau weder besteht noch in Betracht kommt. Der Geschlechtstrieb ruft nun den Drang zur geschlechtlichen Befriedigung hervor ( Libido sexualis ). Die Stärke dieses Dranges hängt einerseits von der Erregung zerebraler Gebiete durch bezügliche Vorstellungen ab (Erotik), anderseits von der Funktion der Keimdrüsen sowie von gewissen peripheren Reizen; in letzter Beziehung sei an die bereits besprochenen taktilen Reize erinnert. Sind die Umstände günstig zur Ausübung des individuell befriedigenden Geschlechtsakts, so wird dem immer mehr anwachsenden Drang Folge geleistet, andernfalls treten hemmende Vorstellungen dazwischen, verdrängen die geschlechtliche Brunst, hemmen die Leistung des Erektionszentrums und verhindern den geschlechtlichen Akt. Treibende und hemmende Kräfte sind wandelbare Größen. Verhängnisvoll wirkt in dieser Hinsicht der Alkoholübergenuß, insofern er die Libido sexualis weckt und steigert und gleichzeitig die sittliche Widerstandsfähigkeit herabsetzt. Der eigentliche Geschlechtsakt, die Kohabitation, braucht nach allem bisher Gesagten nur kurz besprochen zu werden. Ihre Grundvoraussetzung ist die genügende Erektion beim Mann – woraus sich, nebenbei bemerkt, bereits ergibt, daß schon hierin ein Motiv für so manche Triebabweichung gegeben ist. Mit Recht macht schon Anjel darauf aufmerksam, daß bei der sexuellen Erregung nicht bloß das Erektionszentrum erregt wird, sondern daß die Nervenerregung sich auf das ganze vasomotorische Nervensystem fortpflanzt. Beweis dafür ist die Schwellung der Organe beim sexuellen Akt, die Injektion der Konjunktiva, die Vergrößerung der Bulbi, die Erweiterung der Pupillen, das Herzklopfen (durch Lähmung der aus dem Halssympathikus stammenden vasomotorischen Herznerven, dadurch Erweiterung der Herzarterien und infolge der Wallungshyperämie stärkere Erregung der Herzganglien). Der Geschlechtsakt geht mit einem Wollustgefühl einher, das beim Manne durch Eintreten von Sperma durch die Ducti ejaculatorii in die Harnröhre (Urethra) angeregt sein dürfte, welcher Vorgang in der Regel, aber nicht immer, durch sensible Reizung der Genitalien, besonders der Glans penis, reflektorisch hervorgerufen wird. In keineswegs vereinzelten Fällen, so z. B. bei einer Reihe von Triebabweichungen, manchmal aber auch durch einen bewußten Willensakt, der die mit entsprechenden Vorstellungen versehene Phantasie zu diesem Zweck heranzieht, kann der ganze Prozeß auch ohne Reizung der Genitalien verlaufen. Das Wollustgefühl tritt beim Manne gewöhnlich früher auf als beim Weibe, schwillt zur Zeit der beginnenden Ejakulation lawinenartig an, erreicht seine Höhe im Moment der vollen Ejakulation und schwindet post ejaculationem rasch. Beim Weibe tritt das Wollustgefühl langsam ansteigend auf und überdauert meist den Orgasmus. Der entscheidende Vorgang bei der Kohabitation ist die Ejakulation, deren Mechanismus ja bereits besprochen wurde. Es ist nun eine sehr komplizierte und noch keineswegs gelöste Frage, wie eng die Verbindung zwischen Ejakulation und Wollustgefühl ist, und ob das Wollustgefühl durch die Ejakulation ausgelöst wird oder nicht. Moll betont mit Recht, daß man diese Verhältnisse überhaupt nicht ohne Berücksichtigung der Psyche verstehen könne, wofür unter anderem spricht, daß das volle Wollustgefühl meistens nur dann auftritt, wenn der der sexuellen Einstellung entsprechende Geschlechtsakt ausgeführt wird. Es gibt Fälle genug, in denen einwandfrei die Ejakulation eintritt, ohne daß überhaupt der Gipfel der Lust erreicht wird. Der der Ejakulation beim Manne entsprechende Vorgang bei der Frau wurde bereits besprochen, so daß hier bloß nachzutragen ist, daß natürlich auch bei ihr an gleicher Stelle ein Reflexzentrum besteht – der Reizung der Glans penis beim Manne als auslösendem Moment der Ejakulation dürfte bei der Virgo intacta eine Reizung der Klitoris, beim reifen und liebeserfahrenen Weibe eine solche der Vagina entsprechen. Anders als beim Manne ist bei der Frau festgestellt, daß der entscheidende Faktor in einer oder mehreren krampfartigen Muskelkontraktionen im Bereich der Beckenmuskulatur besteht, wodurch die Anschauung Otto Adlers gestützt wird, der auch beim Manne die Kontraktion der Geschlechtsmuskulatur für wesentlich und die eigentliche Ejakulation für nebensächlich hält (sc. für den Orgasmus). In einem Punkt unterscheiden sich beide Geschlechter: beim Mann kann, wie gesagt, die Ejakulation ohne Wollustgefühl ablaufen, beim Weibe hingegen ist jener Krampf der Beckenmuskeln (und die damit verbundene Schleimauspressung) stets mit der Wollustakme vergesellschaftet. Mit dem vollzogenen Geschlechtsakt schwinden normalerweise Erektion und Libido sexualis, indem die psychische und geschlechtliche Erregung einer behaglichen Erschlaffung Platz macht. Zweites Kapitel Allgemeines zur Psychopathia sexualis Überaus häufig sind die sexuellen Funktionen abnorm. Je tiefer man in das Erscheinungsbild wie in die Grundlagen dieser Funktionsstörungen eindringt, um so deutlicher erkennt man, daß es nicht angeht, die Zustandsbilder, so wie Krafft-Ebing das noch tun mußte, in periphere, spinal und zerebral bedingte Neurosen einzuteilen oder einerseits anatomische Veränderungen, anderseits rein funktionelle Zustände anzunehmen ( Moll ). Das für alles menschliche Geschehen so bedeutungsvolle psycho-physische Zusammenspiel liegt allen Triebabweichungen zugrunde. Dagegen sprechen auch nicht gewisse rein organische Störungen des Sexualapparates, und zwar insofern, als sie ja nichts anderes sind als Symptome einer lokalen oder allgemeinen Erkrankung, einer Vergiftung und dergleichen. Als Beispiele dafür seien angeführt: vollständige Impotenz infolge Zerstörung des Erektionszentrums oder Unterbrechung der Leitungsbahnen bei spinalen Erkrankungen; Priapismus (gehäufte oder abnorm lang andauernde Erektionen), gleichfalls durch spinale Erkrankungen, durch Gift, wie z. B. Kantharidin, sowie auch durch Gonorrhöe verursacht. Schließlich können auch Erektions-, besonders Ejakulationsstörungen Symptome von Diabetes, Morphinismus sowie von verschiedenen Hirn- und Rückenmarkserkrankungen, besonders von Tabes und Paralyse, sein. Schon diese sehr summarische Übersicht zeigt also, daß das Krankheitszustände und -erscheinungen sind, die mit der Psychopathia sexualis so gut wie nichts zu tun haben. Man muß sich immer wieder vor Augen halten, daß bei den so überaus wichtigen Potenzstörungen des Mannes sowie bei der sexuellen Hypo- und Anästhesie der Frau psychische Vorgänge die Hauptrolle im psycho-physischen Zusammenspiel innehaben. Eine Betrachtungsweise, die einerseits die anatomischen Grundlagen im Auge hat, anderseits funktionelle, also seelische Vorgänge, muß unbedingt zu Irrtümern führen. Will man die Psychopathia sexualis noch enger umgrenzen, so hat man ihr nur jene Formen von Triebabweichungen zuzuweisen, bei denen die Erotik ( Moll : der Kontrektationstrieb) abnorm ist. Mit voller Bestimmtheit läßt sich das allerdings nicht durchführen, und es wird sich zumindest in den unmittelbar nachfolgenden Kapiteln zeigen, daß im Bereich der sexuellen Psychopathie auch die Sexualität im engeren Sinn ( Moll : der Detumeszenztrieb) vorwiegend abnorm sein und somit zu Triebabweichungen führen kann. Es ist klar, daß bei der Erforschung eines so ungeheuer reichhaltigen und so außerordentlich komplizierten Wissensgebietes wie der Psychopathia sexualis eine Einteilung und Gliederung des ganzen Stoffes von großer Bedeutung ist. Die klassische Aufstellung einer solchen rührt von Krafft-Ebing her; sie wird, wenn auch nicht zur Gänze, auch hier beibehalten werden, obwohl Autoren wie z. B. Havelock Ellis andere psychologisch tief durchdachte Schemata ausgearbeitet haben. Krafft-Ebings Einteilung ist indes übersichtlicher und somit praktischer. Man muß sich aber immer darüber klar sein, daß es bei der Erforschung und Beurteilung psychischer und psycho-physischer Vorgänge stets ebenso falsch wie gefährlich ist, Zustände oder auch bloße Symptome auf nur eine Wurzel zurückzuführen oder die Tatsache aus dem Auge zu verlieren, daß, so wie stets fließende Übergänge oft ganz unmerklich vom Normalen zum Pathologischen überleiten, auch die verschiedenen pathologischen Formen zueinander in Beziehung stehen, ineinander übergehen und sich gegenseitig in ihrer Qualität und Intensität beeinflussen. Merkwürdiger- und bedauerlicherweise wird dieser Gesichtspunkt auch in Werken nicht oder zu wenig beachtet, die sonst höchsten Rang einnehmen. Gerade die neuesten Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der sexuellen Psychopathie machen es zur Pflicht, jene Zusammenhänge immer wieder nachzuweisen und zu betonen. Es ist dies schon deshalb notwendig, weil man in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle Kombinationen von Triebabweichungen findet, und zwar in der Weise, daß eine Perversion aus der ersten der im nachfolgenden aufgestellten drei großen Gruppen mit einer aus der zweiten verbunden vorkommt. Gewisse Vorsicht ist dann am Platze, wenn man versucht, hier einen kausalen Zusammenhang aufzustellen. So hat man vielfach gemeint, daß eine Hyperästhesie ein wesentliches Moment für das Zustandekommen einer Triebabweichung aus der zweiten großen Gruppe bilde. Nun, das kann zwar, muß aber nicht der Fall sein. Keinesfalls sollte man die Tatsache überschätzen, daß gewisse Formen des Sadismus eindeutig mit Hyperästhesie verbunden auftreten, oder daß in nicht wenigen Fällen von Fetischismus und Masochismus sich gleichzeitig eine Hypästhesie nachweisen läßt. Im wesentlichen handelt es sich wohl immer darum, daß der Sexualtrieb die normale Bahn verlassen hat; es ist dann weiter nicht erstaunlich, daß dort, wo das Ziel der Sexualhandlung abwegig ist, sich auch die Sexualität im engeren Sinn von der Norm entfernt. So wie die Einteilung der verschiedenen Triebabweichungen ist auch die Begriffsbestimmung der einzelnen nicht leicht. Am wichtigsten ist es jedenfalls, Klarheit darüber zu schaffen, was man unter pervers, Perversion und unter Perversität zu verstehen hat. Pervers ist nach Krafft-Ebing jede Äußerung des Geschlechtstriebs, die nicht den Zwecken der Natur, d. h. der Fortpflanzung, entspricht, falls Gelegenheit zu naturgemäßer geschlechtlicher Befriedigung gegeben ist. Als Perversion bezeichnen wir das, was Krafft-Ebing Parästhesie genannt und als Erregbarkeit des Sexuallebens durch inadäquate Reize bezeichnet hat. Nach ihm ist es für die Parästhesie, also auch für die Perversion kennzeichnend, daß bei ihr Vorstellungen, die sonst sexuell gleichgültig oder sogar mit Unlust verbunden sind, lustbetont auftreten. Verknüpfen sich Vorstellung und Lust und wird dadurch Affekthöhe erreicht, so resultiert der perverse Akt, die Perversität . Dies ergibt sich um so eher, wenn entweder überhaupt keine dem Akt entgegenstehenden moralischen, ästhetischen und rechtlichen Komplexe vorliegen, oder wenn die Lustgefühle stärker sind als solche hemmend wirkende psychische Gebilde. Es ist also festzuhalten, daß die Perversion ein Zustand ist, die Perversität hingegen eine Tathandlung , bzw. eine Reihe oder Kette von Tathandlungen. Auch Moll hat mit Recht darauf hingewiesen, daß Perversion des Geschlechtstriebs nicht mit Perversität geschlechtlichen Handelns verwechselt werden darf. Nicht die Perversität, also die Tathandlung, ist dafür bestimmend, ob eine Perversion vorliegt oder nicht, denn der perverse Akt kann auch gelegentlich bei durchaus normalen Personen vorkommen, z. B. unter Einfluß von Alkohol oder aus Laune oder bei hochgesteigertem sexuellem Empfinden. Das gleiche gilt dort, wo aus äußeren Gründen (Gefangenschaft, Kasernierung usw.) der normale Geschlechtsakt nicht stattfinden kann und perverse Akte – Perversitäten – der Sexualnot entspringen. Zur Feststellung einer Perversion bedarf es der Erkenntnis der Gesamtpersönlichkeit und der der Triebabweichung zugrundeliegenden Motive. Wenden wir uns nun dem eigentlichen Thema des Buches, den Perversionen oder Triebabweichungen zu, so empfiehlt es sich, bei der Fülle und Vielseitigkeit der Erscheinungen und Formen, zuerst eine Einteilung zu treffen, bei der allerdings das ursprüngliche Schema Krafft-Ebings nur zum Teil beibehalten werden kann. Havelock Ellis (s. o.) hat zwei große Gruppen angenommen: den erotischen Symbolismus und die Homosexualität, wobei die erste Abteilung so gut wie alle Triebabweichungen umfaßt, für deren Zustandekommen in erster Linie die Erotik entscheidend ist. Moll gruppiert die Perversionen nach dem Ziel oder nach dem Gegenstand der Sexualhandlung, was praktisch jedenfalls empfehlenswerter ist. Noch bessere Orientierung dürfte aber ein Schema geben, das zwar Molls Einteilung zum größten Teil folgt, bei dem aber eine besonders wichtige Triebabweichung eine eigene Stelle erhält, die ihr ja schon wegen ihrer überaus großen Verbreitung gebührt. Es resultieren also drei große Gruppen: 1. Jene, bei denen die Sexualität im engeren Sinne (der Detumeszenztrieb Molls ) allein zugrunde liegt oder vorwiegend mitbeteiligt ist. Hierher gehören die psychosexuelle Anästhesie , Hypästhesie , Hyperästhesie , die sexuellen Paradoxien , also der im Kindesalter auftretende und der im Greisenalter wieder erwachende Geschlechtstrieb, ihre Ergänzungen, die Pädophilie und die Gerontophilie , dann die Zoophilie und der Autosexualismus . 2. Jene Triebabweichungen, bei denen die Erotik ( Moll : Kontrektationstrieb) abnorm sowie das Ziel der Handlung pervers ist. Also der Fetischismus , Sadismus , Exhibitionismus und Masochismus . 3. Die dritte Gruppe bildet die Homosexualität mit ihren Unterabteilungen, der Bisexualität und dem Transvestitismus . * Bevor wir auf die einzelnen Teilgebiete der sexuellen Psychopathie eingehen, erscheint es zweckmäßig, wenigstens die wichtigsten jener Werke anzuführen, in denen das Sexualleben des Menschen wissenschaftlich bearbeitet und dargestellt ist. Dabei wurde vor allem praktische Verwendbarkeit angestrebt; auf Vollständigkeit mußte schon deshalb verzichtet werden, weil es neben jenen Werken noch eine wahre Unzahl oft höchst bedeutsamer Einzelveröffentlichungen gibt. Wer sich eingehender mit dem ganzen Stoff beschäftigen will, findet in den nachstehend angeführten Büchern Literaturangaben aller Art. Das gesamte Gebiet der Sexualwissenschaft behandeln: Havelock Ellis , Werke über das Geschlechtsleben. Leipzig 1910-1925. Fritz Kahn , Unser Geschlechtsleben. Ein Führer und Berater für jedermann. Rüschlikon bei Zürich, 1946. Max Marcuse , Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Bonn 1925. Albert Moll , Handbuch der Sexualwissenschaft. Leipzig 1926. Anatomische und physiologische Angaben findet man in dem oben angeführten Kahnschen Werke sowie in den betreffenden Handbüchern, z. B. in K. v. Bardeleben , Handbuch der Anatomie des Menschen, Bd. 7, Jena 1904, oder in W. Nagel , Handbuch der Physiologie des Menschen, Bd. 2, Braunschweig 1907. Sehr wertvoll und durchaus auf der Höhe moderner Forschung ist ferner Halban-Seitz , Biologie und Pathologie des Weibes, Wien 1924-1929. Die mit dem Geschlechtsleben zusammenhängenden Eheprobleme finden eine vortreffliche Darstellung in: Th. H. van de Velde , Die vollkommene Ehe. Eine Studie über ihre Physiologie und Technik. Rüschlikon bei Zürich, 1946. Th. H. van de Velde , Die Abneigung in der Ehe. Ihre Entstehung und Bekämpfung. Rüschlikon bei Zürich, 1947. Th. H. van de Velde , Die Fruchtbarkeit in der Ehe und ihre wunschgemäße Beeinflussung. Rüschlikon bei Zürich, 1937. Die Psychologie der Vita sexualis wird in folgenden Werken dargestellt: Alfred Adler , Über den nervösen Charakter. Berlin 1928. Sigmund Freud , Gesammelte Schriften. Wien 1924-1935. Albert Moll , Untersuchungen über die Libido sexualis. Berlin 1897. Otto Weininger , Geschlecht und Charakter. Wien 1903. Für jene, die sich eingehender mit der Psychopathia sexualis beschäftigen wollen, kommen nachstehende Bücher in Betracht: Iwan Bloch , Beiträge zur Psychopathia sexualis. Dresden 1902. – Das Sexualleben unserer Zeit. Berlin 1919. Eulenburg , Sadismus und Masochismus. Wiesbaden 1911. K. F. Friedländer , Die Impotenz des Weibes. Leipzig 1921. A. Kronfeld , Sexualpsychopathologie. Leipzig 1923. Merzbach , Die krankhaften Erscheinungen der Geschlechtssinne. Wien 1909. Albert Moll , Die konträre Sexualempfindung. Berlin 1899. – Das Sexualleben des Kindes. Leipzig 1909. Rohleder , Vorlesungen über Geschlechtstrieb und gesamtes Geschlechtsleben des Menschen. Berlin 1907. – Die Zeugung beim Menschen. Leipzig 1911-1914. – Die Masturbation. Berlin 1912. W. Stekel , Störungen des Trieb- und Affektlebens. Wien 1921-1923. Erich Wulffen , Der Sexualverbrecher. Berlin 1910. – Das Weib als Sexualverbrecherin. Berlin 1923. Zweiter Teil. Erste Gruppe der Triebabweichungen. Anästhesie / Hypästhesie / Hyperästhesie / Paradoxien / Pädophilie /Gerontophilie / Zoophilie / Autosexualismus Drittes Kapitel Sexuelle Anästhesie Eine Analogie zu den fließenden Übergängen, die überall in der Pathologie zwischen Gesundem und Krankhaftem bestehen, bilden innerhalb der sexuellen Psychopathie jene Formen, bei denen der Geschlechtstrieb fehlt oder doch zu fehlen scheint. Es ist für ihre Besprechung sehr wichtig, die beiden Geschlechter getrennt zu behandeln, weil der Zustand bei Männern weit deutlicher festzustellen ist als bei Frauen, und weil die erworbene (nicht die angeborene) sexuelle Anästhesie bei Frauen wesentlich häufiger vorkommt als bei Männern. Wird die sexuelle Anästhesie als pathologische Funktionsstörung des Geschlechtstriebes aufgefaßt, so fallen natürlich jene Fälle weg, bei denen es in physiologischer Weise zu einem Aufhören der Libido gekommen ist. Es ist ja bekannt, daß im Greisenalter der Geschlechtstrieb erlischt, und bei den sexuellen Widersinnigkeiten (Paradoxien) werden jene Fälle und Formen zu besprechen sein, bei denen sein Wiederaufleben von oft folgenschwerer Bedeutung ist. Grenzfälle zum Normalen findet man dort, wo durch verschiedene Erkrankungen teils des gesamten Organismus, teils der Fortpflanzungsorgane selbst, sowie durch Vergiftungen (Alkohol, Morphium) Geschlechtstrieb und Geschlechtsvermögen deutlich vorzeitig geschwunden sind. Die innere Sekretion der Keimdrüsen und ihre Wirkung auf die Gehirnfunktionen ist hier der Hauptfaktor. Dafür sprechen sowohl die Fälle von operativer und durch Verletzungen entstandener (traumatischer) Kastration, wie auch die mit den verschiedenen Keimdrüsenoperationen erzielten Ergebnisse. Es wurde aber bereits früher erwähnt, daß sich an den Verlust der Hoden das Aufhören des Geschlechtstriebes nicht mit unbedingter Sicherheit anschließen muß; anscheinend kann die Hypophyse ihre Funktion mitübernehmen. Weit mehr dem Gebiete der sexuellen Psychopathie zugehörig sind nun jene Formen von sexueller Anästhesie, die auf zwei vollkommen entgegengesetzte Momente zurückzuführen sind, auf die Enthaltung und auf die Ausschweifung. Beiden gemeinsam ist, daß über die ihnen zugeschriebene Wirkung keine Sicherheit herrscht. Es läßt sich aber sagen, daß die Enthaltung in dieser Beziehung gefährlicher ist. Freilich mit der Einschränkung, daß gewöhnlich nur jene Männer enthaltsam sind und bleiben, deren Geschlechtstrieb schon von vornherein schwach entwickelt war. Es hat zweifelsohne den Anschein, als ob die Keimdrüsen bei längerem Fehlen zerebraler erotischer Reize ihre Hormonproduktion teilweise oder auch ganz einstellen. Und wo entweder diese selbst verhältnismäßig gering ist, oder wo Vorstellungen sexueller Natur seltener vorkommen, ist sowohl die Basis für eine Abstinenz gegeben, als auch das Eintreten der sexuellen Anästhesie erleichtert. Aus all dem folgt schon, daß die früher so oft als Ursache bezeichneten sexuellen Exzesse eigentlich kaum für das Eintreten der sexuellen Anästhesie in Betracht kommen. Es liegt weit näher, hier an eine allenfalls unerkannt gebliebene Lues zu denken, mit dem Ausgang in Tabes und daraus entstandener Impotenz, bzw. Anästhesie. Da zu den sexuellen Exzessen sich in der Regel auch alkoholische gesellen, dürfte auch die chronische Alkoholvergiftung mitbeteiligt sein. Jedenfalls wird bei diesen Gruppen das Eintreten der sexuellen Anästhesie das gesamte Seelenleben des Mannes mehr beeinflussen, als dies dort der Fall ist, wo organische Erkrankungen den Zustand verursacht haben. Die sexuelle Anästhesie gehört als angeborener Zustand beim Manne zu den großen Seltenheiten. Denn als unanfechtbare Beispiele können nur solche Fälle gelten, in denen trotz normal entwickelten und funktionierenden Fortpflanzungsorganen jede Regung des Geschlechtslebens überhaupt und von jeher mangelt. Es handelt sich da wohl immer um degenerierte Menschen, bei denen anderweitige funktionelle Zerebralstörungen, psychische Entartungszustände, ja selbst anatomische Entartungszeichen nachweisbar sind. Beobachtung 1. K., 29 J., Beamter, sucht aus Sorge über seinen abnormen sexualen Zustand ärztlichen Rat; er möchte heiraten, da er allein in der Welt dastehe, aber nur aus Vernunftsgründen. Noch niemals habe er an sich irgendeine sinnliche Regung verspürt. Er kenne das Sexualleben nur aus Äußerungen anderer Menschen und aus erotischer Lektüre, die aber nie den geringsten Eindruck auf ihn gemacht habe. Er habe keine Abneigung gegen das weibliche Geschlecht, nie eine Zuneigung zum eigenen gehabt, nie masturbiert. Seit dem 17. Jahr zeitweise Pollutionen, aber ohne begleitende wollüstige Traumvorstellungen. Erektionen nur morgens beim Erwachen und mit der Entleerung der Harnblase sofort schwindend. Bis auf seinen Mangel geschlechtlicher Gefühle hält sich K. für ganz normal. Irgendein psychischer Mangel ist an ihm nicht nachweisbar, aber er liebt die Einsamkeit, ist ein trockener Verstandesmensch, ohne Interesse für schöne Künste, dabei aber ein geschätzter, kräftiger Berufsmensch ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 2. W., 25 J., Kaufmann, angeblich unbelastet, nie schwer krank gewesen, hat nie masturbiert, vom 19. Jahr ab seltene, meist von wollüstigen Träumen begleitete Pollutionen gehabt. Vom 21. Jahr ab Coitus rarissimus, actus quasi masturbatorius in corpore feminae, sine ulla voluptate. W. behauptet, solche Versuche nur aus Neugierde unternommen und bald aufgegeben zu haben, da Bedürfnis, Befriedigung und schließlich auch Erektion fehlten. Auch für das eigene Geschlecht hat er nie empfunden. Sein Zustand berührt ihn nicht schmerzlich. In Ethik und Ästhetik bietet er keine Ausfallerscheinungen ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 3. W., 33 J. alt, kräftig, gesund, mit normalen Genitalien, hat nie Geschlechtstrieb empfunden, vergebens durch obszöne Lektüre und Verkehr mit Prostituierten seinen mangelnden Sexualtrieb zu wecken versucht. Er empfand bei solchen Versuchen nur Ekel bis zu Erbrechen, nervöse und physische Erschöpfung und selbst, als er die Situation forcierte, nur einmal eine flüchtige Erektion. W. hat nie onaniert, seit dem 17. Jahr alle paar Monate eine Pollution gehabt. Wichtige Interessen forderten, daß er heirate. Er hatte keine Abneigung gegen Frauen, sehnte sich nach Heim und Weib, fühlte sich aber unfähig, den sexuellen Akt zu vollziehen ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 4. X., 27 J., mit normalen Genitalien, hat nie Geschlechtstrieb empfunden. Erektion gelang leicht durch mechanische oder Wärme-Reize, aber statt Libido sexualis entstand dann regelmäßig Drang zu Alkoholexzessen. Umgekehrt riefen solche auch spontane Erektionen hervor, wobei er dann gelegentlich masturbierte. Er empfand Abneigung gegen Frauen und Ekel vor Koitus ( Krafft-Ebing ). Fassen wir das kurz zusammen, was wir über die sexuelle Anästhesie des Mannes gesagt haben, so ergibt sich, daß von ihr nur dort die Rede sein kann, wo bei anatomischer und physiologischer Unversehrtheit des Sexualapparates die Libido zu welchem Sexualobjekt immer fehlt. Angeboren ist dieser Zustand äußerst selten, erworben etwas häufiger, wofür als Hauptursachen sexuelle Abstinenz und Sexualexzesse in Betracht kommen. Die sexuelle Anästhesie der Frau, die zwar schon seit 60 Jahren in der Fachliteratur bekannt ist Guttceit , Dreißig Jahre Praxis. Wien 1873. , ist doch in ihrer vollen Bedeutung jahrzehntelang kaum gewürdigt worden. Auch erfahrene Psychologen haben der Frau ein gewisses Sexualverhalten gewissermaßen vorgeschrieben und einfach nicht Notiz davon genommen, daß die Wirklichkeit nur zu oft ganz anders war als die Theorie. Wenn auch die Forschung sich inzwischen bemüht hat, das Versäumnis nachzuholen Adler , Otto, Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes. Berlin 1919. Albrecht in Halban-Seitz, Handbuch der Gynäkologie und Geburtshilfe. Wien 1924-1929. , so sind völlig eindeutige Resultate bisher noch nicht erzielt worden. Begreiflich, denn die Hemmungen, die jeder Frau als Keuschheit und Schamhaftigkeit anerzogen werden, erschweren das Eindringen in alle diese Zusammenhänge ebenso wie die physiologische Tatsache, daß bei der Frau Libido und Orgasmus solcher objektiv wahrnehmbarer Zeichen wie Erektion und Ejakulation entbehren. Bei der sexuellen Anästhesie, also dem totalen Fehlen des Geschlechtstriebs, ist besondere Vorsicht am Platze, weil sich hier jene Fehlerquellen wie Selbsttäuschung und bewußte Täuschung der Frau stärker fühlbar machen. Am richtigsten dürfte es wohl sein, nicht mehr Fälle von angeborener sexueller Anästhesie bei Frauen anzunehmen als bei Männern. Man muß dabei bloß bedenken, in wie hohem Maße gerade die Frau imstande ist, psychische Vorstellungen in Empfindungen und Gefühle umzusetzen, und in welch relativ sehr frühem Zeitpunkt ein solcher Prozeß stattfinden kann. Es ist kein ungewöhnlicher Befund, daß man im Falle einer anscheinend sichergestellten angeborenen sexuellen Anästhesie ein sehr frühes und damals zweifelsohne weder als erotisch noch als sexuell bewußt gewordenes Erlebnis im Vorleben der Kranken findet, das unlustbetont, unlustvoll genug war, um die gesamte Sexualität dauernd zu sperren. Daraus ergibt sich schon, daß die erworbene sexuelle Anästhesie bei Frauen keineswegs selten ist. In deutlichem Gegensatz zum männlichen Geschlecht gibt es zahlreiche Frauen, die niemals in ihrem Leben sexuelle oder erotische Regungen gefühlt haben, und das auch heute noch, wo das junge Mädchen nicht mehr auf die früher in der großen Mehrzahl der Fälle einzigen Möglichkeiten zum Geschlechtsverkehr, Masturbation oder ehelicher Koitus, beschränkt ist. Auch wer sich nicht auf psychoanalytische Basis stellt, muß die Möglichkeit zugeben, daß ein sexuelles Trauma, in welchem Zeitpunkt immer, zu einer völligen und dauernden Störung, ja Zerstörung des psycho-physischen sexuellen Zusammenspiels führen und damit die sexuelle Anästhesie einleiten kann. Die Tatsache, daß dieser Zustand beim weiblichen Geschlecht ungleich häufiger ist als beim männlichen, wird allerdings dadurch in gewissem Maße ausgeglichen, daß er hier – zumindest theoretisch – zu heilen oder richtiger rückgängig zu machen ist. Die sexuelle Anästhesie der Frau bietet aber auch noch in anderer Hinsicht Schwierigkeiten. Es wurde früher festgestellt, daß beim Mann von diesem Zustand nur dann die Rede sein kann, wenn einerseits die Libido fehlt und anderseits der Sexualapparat in Ordnung ist, was durch Erektion und Ejakulation objektiv nachweisbar ist. Dieses Kriterium fehlt nun bei der Frau. Es ist nun nicht nur denkbar, sondern läßt sich nicht so selten auch nachweisen, daß bei einer Frau keine sexuelle Anästhesie vorliegt, sondern bloß eine Abweichung von der Norm in bezug auf das Sexual objekt . So kann angeborene Homosexualität der betreffenden Frau lebenslänglich verborgen bleiben (aus äußeren Gründen oder wenn die Libido unternormal ist), sie kann sich aber als sexuell anästhetisch fühlen, weil sie ja keinerlei Regungen für das übliche Objekt, für den Mann, aufbringt. Schließlich ist noch ein Faktor zu berücksichtigen, nämlich die weibliche Keimdrüse mit ihrem für die Sexualfunktion so wichtigen Hormon, welches Organ sowohl eine kürzere Funktionsdauer wie eine größere Erkrankungsmöglichkeit hat als die männliche Keimdrüse. Es ist klar, daß die durch das Klimakterium oder, was noch wichtiger ist, durch pathologische Prozesse in den Eierstöcken hervorgerufene Unfruchtbarkeit der Frau auch für die Frage der psychosexuellen Funktion, hier also der Anästhesie, von Belang ist. Von den beiden Faktoren, die bei den Männern angeführt wurden, Abstinenz und sexuelle Exzesse, kommt bei den Frauen nur der erste in Frage. Ausschweifung in geschlechtlicher Beziehung kann wohl zu einer zeitweiligen Abkehr vom Sexualakt als Folge einer Übersättigung und Überreizung führen, nicht aber zur dauernden Anästhesie. In kurzer Zusammenfassung ergibt sich also, daß die angeborene sexuelle Anästhesie bei Frauen ebenso selten auftritt als bei Männern, daß aber die erworbene ungleich häufiger zu finden ist. Gründe dafür sind hauptsächlich psychische Insulte mit einer Sperrung der psycho-physischen sexuellen Funktion, die Keimdrüsen schädigende Erkrankungen und Klimakterium. Viertes Kapitel Sexuelle Hypästhesie Die ganz ungeheure Verbreitung dieses Zustandes unter allen Kulturmenschen macht es besonders wichtig, auf ihn einzugehen, obwohl hier alles strittig, alles schwankend, alles wohl nur nach persönlichem und nicht nach sachlichem Ermessen beurteilbar ist. Während die Anästhesie noch als wirkliche Triebabweichung aufgefaßt werden kann, läßt sich die Hypästhesie kaum als eine solche bezeichnen, sie ist weit eher teils ein Zeichen, teils – und das ist wichtiger – eine Wurzel anderer Perversionen. Auf diesem Gebiet muß man vor allem zwischen der Peripherie und dem Zentrum unterscheiden, also zwischen den Organgefühlen und dem psychophysischen Zusammenspiel, zwischen rein somatischen Verhältnissen und seelischen Verhaltensweisen und Einstellungen. Hier wie dort sind Zustandsveränderungen durchaus imstande, die verschiedensten Triebabweichungen anzubahnen und herbeizuführen, und zwar bei beiden Geschlechtern. In diesem Zusammenhang sind also zwei überaus bedeutsame Zustände in erster Linie physischer, in zweiter aber doch sehr oft psycho-physischer Natur zu besprechen, die Potenzangst des Mannes und die Kälte oder Dyspareunie der Frau, die, um dies vorwegzunehmen, im Bereich der sexuellen Hyperästhesie ihre Entsprechung in der Satyriasis und der Nymphomanie besitzen. Die Hypästhesie des modernen hochkultivierten und hochzivilisierten Mannes zeigt ein ganz typisches Bild. Es hat durchaus den Anschein, als ob es unmöglich wäre, den hochgespannten Anforderungen, die das heutige Großstadtleben an den beruflich tätigen Mann stellt, ohne Einbußen in sexueller Beziehung zu entsprechen. Ausnahmen sind höchstens jene Männer, die in freien Berufen mit irgendwie künstlerischem Einschlag stehen, wie Künstler, Ärzte und Rechtsanwälte, von denen gerade berühmte und in ihrem Fach hervorragende Persönlichkeiten mit einer Unmenge von Arbeit ein reiches Liebesleben zu verbinden wissen. Wer tiefer in die Frage eindringt, wird erkennen, daß die Tätigkeit im Beruf (und der damit verbundene Erfolg) nicht das Primäre ist und die Hypästhesie das Sekundäre, sondern daß umgekehrt zuerst eine geringe Libido da war, die es dem Mann ermöglichte, in seiner Arbeit aufzugehen. Diese Art der sexuellen Hypästhesie ist demzufolge weit seltener erworben als angeboren. Aber noch ein anderer Faktor scheint für das Zustandekommen dieses Zustandes beim Manne verantwortlich gemacht werden zu können: die Monogamie, wobei es natürlich gleichgültig ist, ob eine gesetzlich sanktionierte Ehe besteht oder nicht. Eine sehr beträchtliche Anzahl von Fällen und Formen von männlicher Sexualhypästhesie findet man schließlich dort, wo nicht der Geschlechtsverkehr überhaupt, sondern nur der normale Geschlechtsakt als wenig oder gar nicht lustbringend empfunden und also auch nicht begehrt wird. Das führt uns zu dem bisher viel zu wenig beachteten Begriffe der latenten Perversion . Damit ist ein Zustand gemeint, bei dem zwar eine starke Triebabweichung vorliegt, am häufigsten Fetischismus oder Homosexualität, seltener Masochismus oder Sadismus, bei dem aber den betreffenden Männern diese ihre Einstellung gar nicht bekannt ist. Sie zeigt sich ihnen nur in einer Unlust zum Koitus oder dort, wo diese Unlust wenigstens insoweit überwunden wurde, daß der Akt begonnen wurde, in einem Mißlingen des Aktes. Die Aufdeckung solcher Fälle ist nicht leicht, manchmal auch gar nicht ratsam, sie gelingt aber auch ohne Psychoanalyse, wenn man nur Jugenderinnerungen, Traumerzählungen und Wunschvorstellungen mit genügender Sorgfalt erhebt und verwertet. Manchmal scheint die Psyche geradezu eine zweckmäßige Anordnung durchzuführen, durch die eine als sündhaft, gefährlich usw. empfundene oder auch nur dunkel geahnte Triebabweichung in der Weise ausgetilgt wird, daß der Geschlechtstrieb als solcher bis zur sexuellen Hypästhesie eingedämmt oder sogar bis zur Anästhesie ausgelöscht wird. Ein sehr bezeichnendes Beispiel entnehmen wir Moll : Beobachtung 5. X., 34. alt, seit 5 Jahren verheiratet mit einer hübschen Dame, klagt darüber, daß er nie imstande sei, den Beischlaf auszuführen. Es stellt sich heraus, daß er noch nie den Beischlaf ausgeübt und auch nie den Trieb dazu gehabt hat. Ein Mitschüler von ihm kennt ihn von Jugend auf. Aus beider Mitteilungen, sowie aus denen seiner Frau ergibt sich, daß man es bei X. mit einem ehrenhaften Manne zu tun hat, der aber niemals eine Liebe oder Liebelei empfunden hat. Er ist einige Male in Bordelle gegangen, war aber stets so angewidert, daß er das Geld hinlegte und, ohne etwas zu tun, wegging. Schon während der Verlobungszeit fiel es seiner Frau auf, daß er so kühl bei jeder körperlichen Berührung war, daß er bei der Verlobung nicht einmal einen Kuß auf den Mund, sondern höchstens auf die Hand gab. Sie wollte damals die Verlobung rückgängig machen, weil ihr die Kühle sehr merkwürdig vorkam. Sie ist aber gar nicht unglücklich, daß sie es nicht getan hat, denn beide passen trotz dieses Mangels sehr gut zusammen und verstehen sich seelisch sehr wohl. Sie selbst hat mitunter den Geschlechtstrieb. Daß sie ihn nicht befriedigen kann, ist ihr sehr unangenehm, aber nicht Lebensbedingung. Sie hat sich mit der Kinderlosigkeit seit langer Zeit abgefunden. Das einzige, was X. selbst an sexuellem Reiz verspürt, ist folgendes: Zunächst hat er ein besonderes Interesse für hübsche Hände. Aber auch wenn er sie betrachtet oder küßt, hat er keinerlei Erektion. Er hat auch nicht etwa das Bedürfnis, solche Hände an seine Geschlechtsorgane heranzulegen. Ferner schläft er des Nachts besonders angenehm ruhig ein, wenn er seine Hand auf seine Frau legt, und diese, die hierin den einzigen Beweis einer physischen Liebe sieht, willigt gern ein. Onanie hat er nie getrieben. Pollutionen hat er des Nachts von Zeit zu Zeit, aber sehr selten auch nach den Angaben der Frau. Die Pollution verknüpft sich meistens mit einem ängstlichen Traum, z. B. will er noch zu einem Zug zurechtkommen, der gerade fortfährt. Bei dieser Angstempfindung tritt die Pollution ein. Nur selten kommt sie bei dem Gedanken an geschlechtliche Berührung eines Weibes. Erektionen sind gelegentlich vorhanden, aber sie sind nie stark genug zur Einführung. Wenn er seine Frau umarmen will, geht die Erektion schnell vorüber ( Moll ). Schon wegen der außerordentlichen Schwierigkeiten, die einer Durchforschung dieser aus rein physischen Momenten und seelischen Prozessen überaus kompliziert zusammengesetzten Verhältnisse entgegenstehen, begnügen wir uns mit dem bisher Gesagten und wenden uns einem neuen Zustand zu, dessen Bedeutung für die gesamten Triebabweichungen gar nicht zu überschätzen ist, der Potenzangst . Es wurde bereits früher darauf hingewiesen, daß für eine normale sexuelle Betätigung des Mannes eine richtige Erektion und Ejakulation Grundbedingungen sind, und daß außerdem der Mechanismus dieser physiologischen Vorgänge außerordentlich kompliziert und somit den verschiedensten Schädigungen und Störungen ausgesetzt ist, denn zum Zustandekommen jener Grundbedingungen bedarf es sowohl einer physischen wie einer psychischen Unversehrtheit, also gesunder Genitalorgane und richtiger Hormonproduktion, dann aber auch einwandfrei funktionierender Reflexbahnen und normaler zerebraler Tätigkeit. Um das ganze Zusammenspiel zu gewährleisten, müssen Physis und Psyche, Sexualität und Erotik harmonieren. So ist es also fast verwunderlich, daß der ganze Mechanismus Jahrzehnte hindurch funktioniert, und daß es schwerer Veränderungen körperlicher oder seelischer Natur bedarf, um ihn dauernd zu vernichten. Zeitliche Störungen indessen, die seine einzelnen Teile betreffen, treten während des ganzen Manneslebens immer wieder auf, und es ist nun von der größten Bedeutung, wie sie vom einzelnen Individuum aufgefaßt und bewertet werden. Die Bedeutung, die so gut wie jeder Mann seiner Potenz beilegt, bringt es mit sich, daß hier ein Lieblingssitz für den Minderwertigkeitskomplex gegeben ist, dessen Wichtigkeit dargestellt zu haben ein unbestreitbares Verdienst der Individualpsychologie bildet. Wie und wann besagter Komplex im Zusammenhang mit der Potenz des Mannes auftritt, ist in verschiedenen Fällen verschieden. So ist es z. B. nicht selten, daß von Anfang an ganz übertriebene Vorstellungen sowohl in bezug auf die »normale« Größe des erigierten Penis, wie über die »normale« Häufigkeit der Geschlechtsakte selbst bestehen, und daß dann, wenn diese phantastisch übertriebenen Größen und Zahlen nicht erreicht werden, Zweifel an der eigenen Potenz auftreten. Noch häufiger ist es, daß aus oft ganz gleichgültigen Ursachen einmal die Erektion ausbleibt oder zu kurz dauert, und daß dann dieser Umstand bei der betreffenden Partnerin Vorwürfe oder Spott auslöst, die zu einer schweren Unsicherheit des Mannes führen können. Es ist selbstverständlich, daß auch verschiedene rein organische Störungen, besonders der Reizleitung, wie z. B. der vorzeitige Samenerguß (ejaculatio praecox), hier mitzuspielen vermögen. Durchaus im Vordergrund steht aber immer die Psyche. Sie ist es, die das Entstehen einer sekundären Hypästhesie des Mannes auf dem Umweg über die Potenzangst bewirkt, denn sehr begreiflicherweise kommt es in vielen Fällen dazu, daß man dem normalen Geschlechtsakt ausweicht, weil man eben Angst hat, dabei zu versagen, sich dabei zu blamieren, und daß in weiterer Folge die Libido immer schwächer und schwächer wird. Das kann ein Zustand sui generis sein und bleiben, das kann aber auch, wenn der Geschlechtstrieb als solcher nicht herabsinkt und wenn nur irgendwie eine entsprechende Veranlagung vorliegt, Anlaß zur Entwicklung der verschiedensten Triebabweichungen geben. Als Beispiele seien etwa angeführt: Rückkehr zur infantilen oder juvenilen Masturbation, in weiterer Folge Autosexualismus oder erotische Bindung an die eigene Person (Narzißmus). Oder: bei Vorliegen irgendwelcher masochistischer Neigungen Annehmen einer » Sklaven-Rolle«, bei der der Verzicht auf den normalen Geschlechtsverkehr, der also vermieden werden soll , sich aus der Sklaven-Situation ergibt Auf diese überaus wichtige Wurzel der verschiedenen Triebabweichungen wird bei der Besprechung der einzelnen Perversionen jeweils hingewiesen werden. . Es besteht also ein Zusammenhang, man könnte auch sagen: ein circulus vitiosus, demzufolge ein gewisses Maß von sexueller Hypästhesie für die Potenzangst empfänglich macht. Diese wiederum leitet eine sekundäre Sexualhypästhesie ein, die vom normalen Sexualleben wegführt, entweder in dem Sinn, daß dieses immer mehr eingeschränkt wird, oder so, daß – bei vorhandener Anlage – ein Abirren in die eine oder andere Triebabweichung erfolgt. Während alle diese Tatsachen und Zusammenhänge bisher beim Mann noch kaum beachtet und noch weniger besprochen und beschrieben wurden, sind die entsprechenden Vorgänge und Zustände bei der Frau weit besser erforscht, also das, was man als Frigidität oder Dyspareunie bezeichnet. Der erste Ausdruck gilt mehr dem psycho-physischen Zusammenspiel, der zweite der organischen, hier also genitalen Reizempfänglichkeit. Es sei zuerst wiederum einmal darauf verwiesen, daß es im Bereich der sexuellen Hypästhesie besonders schwierig ist festzustellen, was früher und was später, was primär und was sekundär ist. Die Meinungen weichen hier in der Tat ab, indem die einen Autoren eine unternormale Reizempfindlichkeit der Genitalien annehmen, während andere von der psychischen Einstellung der Frau ausgehen und von einer übertriebenen Entwicklung spezifisch weiblicher seelischer Eigenschaften, wie der Schamhaftigkeit, der Keuschheit usw., sprechen. Am richtigsten wird es wohl sein, die Analogie zu benützen, die zwischen diesem Zustand und andern Verhaltensweisen und Einstellungen der Gesamtpersönlichkeit liegt, und also anzunehmen, daß es sich um ein sexuelles Minus im psycho-physischen Zusammenspiel handelt. Nur so lassen sich die verschiedenen Widersprüche Auch auf statistischem Gebiet. erklären. Es wurde schon früher gesagt, daß zu dem »normalen« Geschlechtsleben der Frau die Übertragung der Reizempfindlichkeit von der Klitoris auf die Vagina gehört, ein Vorgang, der bei normalem Verlauf der Dinge bald nach der Defloration eintritt. In weiterer Folge bleibt die Frau entweder sowohl klitoriell wie vaginal erregbar, oder sie verliert die klitorielle Erregbarkeit zugunsten der vaginalen. Es gibt nun eine sehr große Zahl von Fällen, bei denen der ganze Prozeß ausbleibt. Letzten Endes wahrscheinlich, weil die betreffende Frau – zumindest in dieser Beziehung – auf infantiler Stufe verharrt. Es ist nun klar, daß dann der normale Geschlechtsakt nicht zum Orgasmus führen kann , und daß dort, wo nur vaginale Reizung ausgeübt wird, die Frau sich selbst als anästhetisch oder jedenfalls hypästhetisch empfindet und auch als solche gewertet wird, weil sie natürlich ihr ganzes Verhalten im Sexuellen nach dieser Tatsache einrichtet. Selbstverständlich, und darauf sei mit Nachdruck hingewiesen, braucht dabei von vornherein keinerlei sexuelle Hypästhesie oder gar Anästhesie zu bestehen! Es kann aber auch eine solche, und hierin liegt die Analogie zur Potenzangst des Mannes, eintreten, wenn die der betreffenden Frau entsprechende (klitorielle) Reizung dauernd ausbleibt; auch hier kann also eine sekundäre sexuelle Hypästhesie resultieren. Von großer Bedeutung ist hier ferner, daß die Wollustkurven des Mannes und der Frau verschieden verlaufen, und zwar so, daß der Mann früher den Höhepunkt erreicht als die Frau. Bei »normalem« Verkehr wird dadurch die Frau verhindert, zum Orgasmus zu gelangen. Von gleicher Wirkung kann ein Mißverhältnis der Genitalien der beiden Partner sein, und schließlich gibt es Fälle, in denen die Vagina zwar reizempfindlich ist, wo aber zur Erreichung der Wollust gewisse zusätzliche klitorielle Reize unerläßlich sind. Mit dieser Erklärung soll indessen keineswegs der – nicht seltene – Fehler begangen werden, eine Triebabweichung einzig und allein organisch zu begründen, um so weniger als ja die sexuelle Hypästhesie besonders bei der Frau vorwiegend psychisch bedingt sein kann. Denn es können geradeso, wie das für den Mann gezeigt wurde, auch bei der Frau durchaus übertriebene, von der Wirklichkeit weit abweichende Vorstellungen über Vorgänge wie Orgasmus, Wollustempfindung und dergleichen bestehen. Es ist keine vereinzelte Tatsache, daß in unerfahrenen Mädchen durch Erzählungen und Lektüre Anschauungen über die Erlebnisstärke beim Orgasmus hervorgerufen werden, die weit über alles hinausgehen, was da in Wirklichkeit möglich ist. Als Frauen sind dann solche Personen ständig der Überzeugung, unbefriedigt zu bleiben und »das Wahre« nie und nimmer zu erleben, obwohl bei ihnen in Wirklichkeit der entsprechende physiologische Vorgang ganz ungestört und durchaus normal verläuft. Eine andere, rein seelische Wurzel der sexuellen Hypästhesie des Weibes fehlt indessen im allgemeinen beim Mann, nämlich die übertriebene Schamhaftigkeit und Keuschheit, Einstellungen, die früher zwar weit häufiger vorkamen, die aber auch heute noch wohl in Betracht kommen. Ebensowenig indessen, wie nur organische Momente der Hypästhesie des Weibes zugrunde liegen, wird sie lediglich durch seelische Faktoren bedingt. Denn es hält weder die falsche Vorstellung von Wollust und Orgasmus stand, wenn dieser einmal in voller Kraft eintritt, noch vermag auch eine überstarke Schamhaftigkeit einer wirklich entwickelten Libido zu widerstehen. Die sexuelle Hypästhesie der Frau ist also als psycho-physisch bedingt zu betrachten. Die Formen der sexuellen Hypästhesie, die bisher besprochen wurden, sind teils durch angeborene, teils durch anerzogene Zustände verursacht und wurden, wenn sie auch irgendwie auf den normalen Sexualverkehr Bezug haben, so doch nicht durch diesen hervorgerufen. Es gibt nun auch zahlreiche Fälle, bei denen man den Sexualverkehr selbst, am häufigsten den Deflorationsakt, als auslösendes Moment anzusehen hat. Jeder Arzt, der über ein größeres Material sexuell hypästhetischer Frauen verfügt, bekommt immer wieder zu hören, daß eine bis dahin durchaus normale Libido von der Brautnacht an verschwunden sei. Die Deutung solcher Befunde ist nicht ganz einfach und führt zu einer Gruppe von Frauen, die bereits bei der Besprechung der sexuellen Anästhesie erwähnt wurde, nämlich zu jenen, die eigentlich homosexuell sind, ohne daß ihnen aber diese Einstellung je bewußt geworden wäre. Es ist klar, daß dann der normale Sexualakt nicht als Lust, sondern als Gewalttat und Schrecken empfunden wird und als etwas, das weiterhin sorgfältig zu meiden und zu vermeiden sei, denn man wird kaum jemals finden, daß bei einer normalen, d. h. heterosexuellen Frau die Defloration, und sei sie ursprünglich wirklich als Trauma empfunden worden, dauernd solche Folgen hätte. Seltsamerweise ist aber dieser Tatsachenkomplex in der einschlägigen Literatur kaum gewürdigt worden. Können wir uns also auch nicht entschließen, den Geschlechtsakt oder den normalen Geschlechtsverkehr allein für das Zustandekommen der sexuellen Hypästhesie der Frau verantwortlich zu machen, so sprechen wir uns damit doch keineswegs gegen die Möglichkeit einer erworbenen Hypästhesie aus, sondern berücksichtigen im Gegenteil in dieser Beziehung eine ganze Reihe ursächlicher Faktoren. Da muß man in erster Linie daran denken, daß der Koitus für die Frau schon deshalb seelisch und körperlich ungleich bedeutungsvoller ist als für den Mann, weil er mit Schwangerschaft und Geburt im Zusammenhang steht oder jedenfalls stehen kann. Dort also, wo die Empfängnis nicht gewünscht, sondern gefürchtet wird, kann sich diese Einstellung leicht auf den der Empfängnis vorhergehenden Akt, also auf den Koitus und überhaupt auf den ganzen Geschlechtsverkehr übertragen, und es kann bei der bekannten Fähigkeit der Frau, psychische Vorgänge ins Physische zu übersetzen, daraus nicht nur eine seelische Ablehnung des gesamten Sexuallebens entstehen, sondern auch ein sehr bedeutendes Sinken der sexuellen Reizempfänglichkeit. Ein anderer Faktor, der schon beim Mann erwähnt wurde, bei der Frau aber ungleich wichtiger ist, ist die Monogamie, deren Bruch auch dort, wo er juristisch nicht zu fassen ist, für sie in der Regel von schwereren Folgen begleitet ist. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß es in der Einehe früher oder später zu einem Herabsinken des Geschlechtslebens kommt, sei es durch Verringerung der Zahl der einzelnen Geschlechtsakte, sei es durch Schwächerwerden ihrer Erlebniskraft. Das ist ein für die Frau psycho-physisch nicht gleichgültiges Moment, das das Auftreten einer gewissen sexuellen Hypästhesie vorteilhaft erscheinen läßt, zumal wenn es gelingt, gleichzeitig damit andere ethisch und praktisch wertvolle Einstellungen zu entwickeln (Gemeinschaftsgefühl zu dem Mann, Liebe zu den Kindern usw.). In diesem Falle kann dann die sexuelle Hypästhesie ebensowenig als Triebabweichung betrachtet werden wie im Klimakterium. Bei der Frau ist die Möglichkeit, daß sich im Anschluß an eine sexuelle Hypästhesie eine Triebabweichung entwickelt, in noch höherem Maße gegeben als beim Manne, dies vor allem deshalb, weil die herabgesetzte oder aufgehobene genitale, besonders vaginale Reizempfindlichkeit dort, wo gleichzeitig normale Libido besteht – und das ist sogar eine sehr häufige Kombination geradezu zwangsläufig zuerst einmal zu Perversitäten, also zu perversen Akten, und später keineswegs selten zu ausgebildeten Perversionen führt. In jeder Hinsicht am wichtigsten ist hier der Cunnilinguus, dessen Verbreitung gar nicht zu überschätzen ist. Wird er vom Gatten oder vom ständigen Partner ausgeübt, so bleibt es in der Regel bei dieser Perversität, die aber, bei entsprechender Veranlagung, das Entstehen des weiblichen Sadismus besonders begünstigt, dem man ja in Wirklichkeit hauptsächlich bei hypästhetischen Frauen begegnet. Gelingt es einer nur klitoriell reizempfindlichen Frau hingegen nicht, einen in dieser Hinsicht geeigneten männlichen Partner zu finden, so liegt dann ein Abweichen in die homosexuelle Richtung nahe, sowie die Wiederaufnahme masturbatorischer Manipulationen. Diese führen dann häufig zum Autosexualismus, zu dem der Frau ohnedies naheliegenden Narzißmus, und psychisch kann es im weiteren Verlaufe zu einem ausgeprägten Autismus kommen mit all seinen oft schwerwiegenden Nachteilen. Es geht heute nicht mehr an, über das Schicksal aller jener Frauen, die vom normalen Geschlechtsakt unbefriedigt bleiben müssen, mit der bequemen Diagnose: Hysterie hinwegzugehen. Hat man erst einmal klar erkannt, daß in der großen Mehrzahl der Fälle durch richtige seelische und körperliche Einstellung des Mannes der ganze Zustand behoben werden kann, dann ergibt sich daraus auch die Pflicht, dieser großen Gruppe sexueller Hypästhesien abzuhelfen. Fünftes Kapitel Sexuelle Hyperästhesie Eine der wichtigsten Anomalien des Sexuallebens ist eine abnorme Vorherrschaft sexueller Empfindungen und Vorstellungen mit daraus notwendig sich ergebenden heftigen und häufigen Antrieben zu sexueller Befriedigung. Es ist wohl eine Frucht der Erziehung oder Züchtung durch viele Jahrhunderte, daß der zur Erhaltung der Gattung allerdings unerläßliche und bei keinem normalen Individuum fehlende Geschlechtstrieb nicht der beherrschende Ton im Zusammenklang menschlicher Gefühle ist, vielmehr, trotzdem er Zeiten von Ebbe und Flut aufweist, doch nur Episoden im Fühlen und Streben der Kulturmenschen darstellt, höhere, edlere, von der grob sinnlichen Grundlage sich entfernende soziale, sittliche Gefühle vermittelt, zu zielbewußter, die Interessen des Individuums wie der Gesellschaft fördernder anderweitiger Tätigkeit Raum läßt. Es ist ferner ein Gebot des Sitten- und Strafgesetzes, daß der Kulturmensch seinen Sexualtrieb nur innerhalb von Schranken betätige, welche die Interessen der Kulturgemeinschaft, besonders Schamhaftigkeit und Sitten achten, und daß er unter allen Umständen jenen Trieb, sobald er in Konflikt mit uneigennützigen Forderungen der Gesellschaft gerät, zu beherrschen vermöge. Wäre diese Forderung durch den normal gearteten Kulturmenschen nicht erfüllbar, so könnten Familie und Staat, als die Grundlagen sittlicher und rechtlicher Lebensgemeinschaften, nicht bestehen. Tatsächlich erreicht beim normal veranlagten, geistig gesunden, nicht durch Vergiftung, Berauschung (Alkohol usw.) seiner Besonnenheit und seiner Vernunft beraubten Menschen der Geschlechtstrieb nie eine solche Höhe, daß er das ganze Denken und Fühlen in Beschlag nimmt, nichts anderes neben sich aufkommen läßt, stürmisch, brunstartig nach Befriedigung verlangt, ohne die Möglichkeit sittlicher und rechtlicher Gegenvorstellungen zu gewähren, mehr oder weniger impulsiv sich entäußert und gleichwohl, nach vollzogenem Geschlechtsakt nicht oder nur für kurze Zeit befriedigt, in der unstillbaren Begierde nach dem neuen Genuß den ihm Unterworfenen sich verzehren läßt. In Verbindung mit Perversionen der Vita sexualis und namentlich auf Grund einer der gleichen degenerativen Quelle entstammenden moralischen Schwachsinnigkeit, vielfach noch unter Mitwirkung von Alkohol, entstehen die ungeheuerlichsten und schrecklichsten Sexualvergehen (vgl. besonders unter »Sadismus«). Während nun die schweren und schwersten Formen sexueller Hyperästhesie gewissermaßen eine Ergänzung zur Anaesthesia sexualis bilden und dementsprechend – glücklicherweise – nicht allzu häufig sind, gibt es überaus zahlreiche hierher gehörige Fälle, die ungefähr mit der Hypästhesie korrespondieren. Für ihre Beurteilung gilt das, was dort bereits gesagt wurde: Man hat es wiederum mit fließenden Übergängen zu tun, mit Zuständen, für deren Beurteilung objektive Anhaltspunkte so ziemlich fehlen. Weiter muß auf einige gleichfalls schon im vorhergehenden mitgeteilte Tatsachen verwiesen werden, wie z. B., daß äußere Momente wesentlich zur Steigerung der Triebstärke beitragen können. Der Einfluß der Rasse, der Jahreszeiten, des Klimas, ja sogar der Witterung spielt hier ebenso eine Rolle wie der Genuß von Reizmitteln, in erster Linie von Alkohol und von verschiedenen Drogen. Eine deutliche Triebsteigerung ist auch bei manchen chronischen Erkrankungen zu verzeichnen; bekannt ist ja das starke Liebesverlangen tuberkulöser Personen. Aber auch die Lebensweise ist hier von Bedeutung. Harte Arbeit, Sport, kurz alles, was zur körperlichen und geistigen Ermüdung führt, setzen den Geschlechtstrieb herab, während Nichtstun, sehr reichliche Nahrung und dergleichen mehr ihn steigern. Man wird indessen alle diese Momente – abgesehen vielleicht von der Tuberkulose – nicht als Grundlagen einer wirklichen, als Triebabweichung zu bezeichnenden Hypersexualität ansehen dürfen. Auch das Zustandekommen der leichteren Formen beruht unbedingt auf einer entsprechenden Veranlagung des Individuums. Die beste Möglichkeit, sich auf diesem Gebiet zu orientieren, dürfte darin liegen, daß man den Begriff der noch nicht ausgesprochen pathologischen sexuellen Hyperästhesie deutlicher umgrenzt, und zwar nach zwei Richtungen: Sexuell oder organisch, indem man die Zahl der in einer gewissen Zeiteinheit (Tag, Woche) vollzogenen Sexualakte mit der aus dem Durchschnitt gewonnenen Norm vergleicht. Erotisch oder psychisch, indem man die Zahl der sexuellen Bindungen und Beziehungen verwertet, gleichfalls unter Berücksichtigung der – hier natürlich ausgedehnteren – Zeiteinheit und des Durchschnittes. Diese Zweiteilung ist darin begründet, daß auch die sexuelle Hyperästhesie selbst aus zwei Komponenten zusammengesetzt ist, aus einer positiven und einer negativen, einer körperlichen und einer seelischen. Hypersexuell wird man oder ist man entweder infolge einer überaus starken Hormonproduktion der Keimdrüsen (und wahrscheinlich auch der Hypophyse) oder infolge eines Minus an normalen, der Libido entgegenstehenden Hemmungen. Es ist sehr interessant, daß die beiden Geschlechter in dieser Beziehung verschieden sind. Beim Manne, der auf seelischem Gebiete weniger gehemmt ist, und der zum Sexualakt eine Erhöhung der inneren Sekretion nötiger braucht, ist diese wichtiger, während bei der Frau, die ja stets imstande ist, den Geschlechtsverkehr auszuüben, es weit mehr auf das Wegfallen der bei ihr wiederum kräftigeren Hemmungen ankommt. Es zeigt sich auch, daß die Hypersexualität beim Manne auch dort denkbar ist und sogar recht häufig vorkommt, wo Charakter und Persönlichkeit voll entwickelt sind, daß man aber bei der Frau jene Verringerung der Hemmungen nur bei einem mehr oder weniger unreifen kindlichen Typ findet. Auch die Dirne ist infantil geblieben oder wieder infantil geworden (Flucht zurück in die Infantilität), was für sie sogar weit bezeichnender ist als die ihr oft – fälschlich – zugeschriebene Hypersexualität. Es muß wohl festgehalten werden, daß erst beim Nachweis beider Faktoren, also abnormer Steigerung der Geschlechtstätigkeit und abnormer Zahl der sexuellen Bindungen, von sexueller Hyperästhesie gesprochen werden kann, denn über den Durchschnitt erhöhte Geschlechtstätigkeit kann schon deshalb nicht als entartet oder krankhaft angesehen werden, weil sie ja ganz wesentlich mit einem der schönsten und bedeutsamsten Ereignisse des Menschenlebens verbunden ist, mit der echten, glücklichen Liebe. Liegt diese nun durchaus in den Grenzen des Normalen, so wird man dort, wo nur der zweite Faktor nachzuweisen ist, zwar gleichfalls nicht von sexueller Hyperästhesie sprechen können, man wird aber doch den Zustand als pathologisch oder zumindest als an der Grenze des Pathologischen stehend aufzufassen haben. Es handelt sich da entweder um eine latente Perversion (in Betracht kommen Homosexualität – der Mann, der immer neue Frauen erobert, weil ihn keine befriedigt, da ihm eigentlich ein Partner gleichen Geschlechts entsprechen würde; Sadismus dort, wo Männer Jungfrauen oder Frauen unerfahrene Knaben als Partner zum Geschlechtsverkehr suchen; Fetischismus – wobei der erste Akt mit dem neuen Sexualpartner den Fetisch bildet; schließlich sexuelle Paradoxien; daß – seltener – eine solche Perversion auch bewußt sein kann, versteht sich von selbst), oder es liegt beim Manne ein Minderwertigkeitsgefühl vor, hier in Form der Potenzangst. Männer, die an dieser Einstellung leiden, bilden einen ganz typischen Teil der Kundschaft der Prostituierten und Bordelle. Sie sind nur dort zum Sexualakt fähig, wo ihnen ein Mißlingen keine Beschämung, keine »Niederlage« bedeutet, und sind dabei doch ständig bestrebt, ihr Minderwertigkeitsgefühl durch folgendes Arrangement loszuwerden: gelingt ihnen der Sexualakt sogar dort, wo die Erotik fehlt und die gesamte Vorstellungswelt ihn erschwert, so ist damit ihre Potenz durchaus bewiesen. Ohne praktische Psychologie, ohne Einfühlungsvermögen und ohne wohlwollendes Verständnis wird es stets unmöglich sein, sich auf diesem ganzen Gebiet zurechtzufinden. Vor allem: man hat sich sorgfältig davor zu hüten, von Hypersexualität, von »krankhafter« Liebe, von einer Verirrung und dergleichen zu reden, wo nicht ganz unzweideutige Zeichen einer wirklich pathologischen Zustandsveränderung vorliegen. Wie sehr sich Anschauung und Wertung gerade auf diesem Gebiet geändert haben, dafür sei als Beispiel und Beweis eine Krankengeschichte angeführt, die Kraft-Ebing als besonders lehrreich den psychologischen Vorlesungen von Magnan entnommen hat: Beobachtung 6. Eine junge Dame, Mutter von drei Kindern, von tadelloser Vergangenheit, aber Tochter eines Irrsinnigen, legte eines Tages ohne alle Scham ihrem entsetzten Mann das Geständnis ab, sie liebe einen jungen Mann und werde sich umbringen, wenn man sie am intimen Umgang mit diesem hindere. Man möge sie nur sechs Monate ihrer glühenden Leidenschaft genügen lassen, dann werde sie zum ehelichen Herd zurückkehren. Jetzt seien ihr Mann und Kinder nichts gegenüber dem Geliebten. Der unglückliche Ehemann brachte seine Frau in ein entferntes Land und führte sie dort ärztlicher Behandlung zu ( Magnan ). Auch wenn man noch so sehr von der sozialen und kulturellen Bedeutung der Ehe überzeugt ist, wird man diesen Fall – zumindest beim Fehlen näherer Angaben – nicht als krankhaft auffassen können, sondern weit eher der Meinung zuneigen, daß die Offenheit, mit der jene Frau ihrem Mann ihre Liebe zu einem andern eingestand, nur auf ethischer Basis möglich ist. Es muß mit aller Klarheit gesagt werden, daß heutzutage weder das Verlassen einer Ehe, noch ein vorehelicher Geschlechtsverkehr irgend etwas für eine abnorme Steigerung des Sexuallebens oder des Sexualtriebes beweisen. Auch durchaus normale Personen können in Situationen geraten, die ihnen das Aufgeben einer vor dem Gesetz eingegangenen sexuellen Bindung unbedingt erforderlich scheinen lassen. Auch die Bewertung sozialer Momente, die früher in dieser Beziehung eine große Rolle spielten, ist heutzutage ganz wesentlich in den Hintergrund getreten. Während es früher so manches Mal zur Feststellung einer sexuellen Hyperästhesie genügte, daß bei einer Eheschließung zwischen Stand und Stellung des einen wie des andern Teiles ein erheblicher Unterschied bestand, so denkt man heutzutage ganz allgemein freier und wird ein solches Ereignis psychologisch erklären können, auch ohne eine krankhafte Triebsteigerung anzunehmen. Schwierigkeiten in der Beurteilung können sich indessen dann und dort ergeben, wo bei einem Menschen ständig ein normales, selbst unternormales Geschlechtsleben bestand, und wo auf einmal, gewissermaßen ruckartig, eine sexuelle Beziehung zu einer bestimmten Person plötzlich eine ganz außerordentliche Steigerung der Sexualität auslöste, bei der die Zahl der Sexualakte zunahm und eine deutliche Hemmungslosigkeit, vor allem in sozialer Beziehung, eintrat, kurzum eine Zustandsveränderung, die auf den ersten Blick pathologischen Charakter trägt. Es wird sich aber auch da grundsätzlich empfehlen, zuerst einmal keine krankhafte Störung anzunehmen, sondern nachzuforschen, ob diese Veränderung nicht vielmehr eine Art Selbstheilung darstellt, d. h. ob dem betreffenden Menschen nicht diese scheinbare Hyperästhesie psycho-physiologisch angemessen ist, während die frühere Hypästhesie ein inadäquater Defektzustand war. Eingehende Beobachtung und genaues Studium aller Begleitumstände sind gerade hier unerläßlich, um eine Fehldiagnose zu vermeiden. Wenn wir uns jetzt der wirklich pathologischen Sexualhyperästhesie zuwenden, so muß zuerst ein alle ihre schweren Formen kennzeichnendes Symptom erwähnt werden, nämlich, daß man bei ihnen immer wieder eine unentwirrbare Wechselbeziehung zwischen Organreizen und Vorstellungen antrifft, so daß sich niemals sagen läßt, ob zuerst sexuelle Empfindungen an den Genitalien bestanden, wie Prickeln, Jucken, Brennen usw., die dann erotische oder selbst eindeutig sexuelle Vorstellungen hervorriefen, oder ob diese zuerst erlebt wurden und jene organischen Gefühle zur Folge hatten. Kennzeichnend ist immer die Verbindung beider Komponenten und ihre durch Wechselwirkung hervorgerufene gewaltige Steigerung. Wenn als Ursache der Triebsteigerung entweder nur Organreize oder nur Vorstellungen, Phantasien oder dergleichen angegeben werden, so wird sich in der Regel herausstellen, daß bei Frauen vor allem die Organreize, bei Männern besonders die Vorstellungen angegeben oder zugegeben werden. Die beste Einführung in das Gebiet der echten Triebabweichung bietet uns folgender Fall, den wir Moll und Merzbach verdanken: Beobachtung 7. Frau X., 41 Jahre alt. Schon früh erwachte in ihr der Geschlechtstrieb mit unbezwinglicher Gewalt, so daß sie, 13jährig, ein Verhältnis mit einem Fähnrich einging, den sie in seiner Wohnung verleitete, sie zu koitieren. Das war ihr erstes sexuelles Auftreten, dem ein romanhaftes Leben folgte, das in allen seinen Schattierungen aus ihrem gewaltigen Geschlechtstrieb hervorging. Nach verschiedenen intimen Beziehungen heiratete sie einen niedergebrochenen Offizier, dem es indes nicht gelang, von ihr in den ersten drei Monaten ihres Beisammenseins eine intime Gunstbezeugung zu erlangen. Dieser Vorgang bedeutet keinen Eigensinn, sondern eine sexuelle Hyperästhesie, die die Patientin dadurch steigert, daß sie, ein weiblicher Tantalus, ihre Begierden durch Versagen des Verkehrs mit dem damals noch geliebten Manne erhöht, dessen Werbungen und Erregungen ihr eine gewisse Befriedigung gewähren. Dieses Symptom der schmachtenden Liebe treffen wir später bei der Patientin wieder an. Ihre Ehe, nachdem sie endlich den Werbungen des Gatten nachgegeben, ist mit vier Kindern gesegnet, von denen ein Knabe einen andern Mann als anerkannten Vater hat. Herr X. begann bald seiner Gattin überdrüssig zu werden, verließ Deutschland und ließ die Scheidungsklage seiner Frau in der Schwebe. Ihr Schicksal lag nach Entfernung des Mannes in den Händen des Fürsten Y., der ganz seinem feinen Gefühl und edlen Charakter entsprechend für die Kinder und sie selbst sorgte. In kluger Weise wußte sie das Interesse des nicht mehr jugendlichen Herrn für sich dadurch wachzuhalten, daß sie ihm den Verkehr mit jüngeren Mädchen vermittelte, deren einem es dann mit niedrigsten Mitteln gelang, Frau X. aus des Fürsten Gunst zu verdrängen. Vorher führte beide noch der Weg nach Aachen, wo sie gemeinsam Schmierkuren gegen Lues gebrauchten, sie, wie sie versicherte, ohne jeden Anlaß, da bei ihr nach Ansicht eines Spezialarztes ein rein chirurgisches Leiden irrtümlich als Syphilis angesehen wurde. Nach der Trennung von dem Fürsten, der noch heute für die Erziehung ihrer Kinder sorgt, nahm sie in Südfrankreich Aufenthalt, lebte vom Spiel und einer monatlichen Rente des fürstlichen Freundes. Ihr Aufenthalt an der Riviera veranlaßte sie, mit einer ausgehaltenen Frau jene Weiber aufzusuchen, die für 20 Franken sich gegenseitig und ihren Besucherinnen alle Befriedigungen der Lingua gewähren. Aber auch dies neben dem Verkehr mit Männern gewährte ihr nicht volle sexuelle Befriedigung, sondern sie verfiel auch wiederum der Onanie, die sie jeden Tag nach dem Essen ausübte, und zwar so, daß sie durch Reizung der Klitoris mit dem Finger den Orgasmus nahebrachte, ohne ihn eintreten zu lassen, und dieses Spiel bis zur Erschöpfung fortsetzte. Deswegen suchte sie ärztlichen Rat, der zuerst nicht ohne Erfolg blieb. Trotz der heftigsten Kämpfe mit ihrer Familie, besonders mit ihrem Schwager, kehrte sie zu dem liederlichen Leben zurück, indem sie als ältere, aber noch immer gut erhaltene, gewandte Frau die Prostitution jüngerer Damen der Halbwelt übernimmt und sie zugleich zur lesbischen Liebe anlernt. Den Gegenstand ihrer Liebe muß sie besitzen, Hindernisse gibt es nicht bei ihr, wie folgendes (von Merzbach als Zeugen miterlebtes) Vorkommnis beweist. Bei ihm war einmal ein Leutnant wegen Lues in Behandlung, der Mund und Zunge voller plaques muqueuses (Schleimhautpapeln) hatte. Patientin ließ sich nicht abraten, ihn zu küssen, und hatte nach einiger Zeit dieselben Erscheinungen. Eigentümlich ist die neueste Richtung, nach der sich ihr Geschlechtsleben gewendet hat. Patientin bringt ihre ganze Neigung, ihre Mittel und ihre Fürsorge einem Mann entgegen, der als Urning niemals das Gefühl für den geschlechtlichen Verkehr mit der Frau gehabt hat. Der Umstand, daß er Männer liebt, reizt sie nach ihrer Angabe namenlos, weil sie wisse, sie müsse es sich versagen, geschlechtlich mit ihm zu verkehren. Bestand vorher noch die Möglichkeit nach freiwilliger Entsagung, den Gegenstand ihrer Leidenschaft zu besitzen, so ist jetzt die Steigerung eingetreten, daß die Wahl des geliebten Mannes von vornherein eben jede Möglichkeit eines regulären geschlechtlichen Verkehrs mit ihm ausschließt. Patientin lebt jetzt nur noch in der Sphäre des Pervers-Sexuellen, verkehrt in öffentlichen Ball-Lokalen und liebt diesen Mann wahnsinnig, um nach nicht allzu langer Zeit eine neue Art der Befriedigung des Geschlechtstriebs zu erfinden ( Merzbach-Moll ). Dieses Beispiel zeigt aufs deutlichste, daß die sexuelle Hyperästhesie immer mit perversen Akten, gewöhnlich auch mit Perversionen verbunden ist, die aber bei beiden Geschlechtern verschieden sind. Die hypersexuelle Frau neigt vor allem zur Homosexualität, dann zu masochistisch gefärbten Akten, aber auch zum Masochismus selbst und zur Masturbation (nicht zum Autoerotismus). Beim Manne ist gleichfalls die Masturbation der häufigste perverse Akt; von Perversionen sind ziemlich gleich häufig Exhibitionismus und Sadismus, daneben auch – weiter seltener – Zoophilie und Nekrophilie (Unzucht mit Leichen), schließlich sexuelle Paradoxien. Homosexualität ist sehr selten, hingegen kann es zur Päderastie, also zu einzelnen Sexualakten homosexueller Natur kommen. Als Beispiel für die Hypersexualität beim Mann sei folgender typischer Fall angeführt: Beobachtung 8. P., Hausbesorger, 53 Jahre alt, verheiratet, anscheinend erblich nicht belastet. Auch lag keine Epilepsie vor, mäßiger Trinker, ohne Zeichen von Senium praecox (vorzeitigem Eintritt des Greisenalters), erschien nach den Angaben seiner Frau in der ganzen Zeit seiner mit 28 Jahren geschlossenen Ehe hypersexuell äußerst gierig, überaus potent, war unersättlich im ehelichen Geschlechtsgenuß. Beim Koitus war er »tierisch, ganz wild, zitterte am ganzen Körper, schnaubte«, so daß die etwas frigide Partnerin davon angewidert war und die Leistung der ehelichen Pflicht als Qual empfand. Er quälte sie mit Eifersucht, verführte aber selbst schon bald nach geschlossener Ehe die Schwester seiner Frau, ein unschuldiges Mädchen, und zeugte mit ihr ein Kind. Später nahm er Mutter und Kind in seinen Haushalt auf. Er hatte nun zwei Frauen, bevorzugte die Schwägerin, was die Ehefrau als das kleinere Übel duldete. Mit den Jahren wuchs eher die Libido, wenn auch die Potenz nachließ. Er half sich oft mit Masturbation, selbst gleich nach dem Koitus, wobei den Zyniker die Anwesenheit der Frauen nicht genierte. Seit 1892 trieb er Unzucht mit seinem 16jährigen Mündel, puellam coagere solebat, ut eum masturbaret. Er versuchte sogar, mit vorgehaltenem Revolver das Mädchen zum Koitus zu zwingen. Das gleiche versuchte er mit seiner unehelichen Tochter, so daß man die beiden oft vor ihm in Sicherheit bringen mußte. Auf der Klinik verhielt sich P. ruhig, anständig. Er entschuldigte sich mit Hypersexualität. Was er getan, sei nicht recht gewesen, aber er habe nicht anders sich zu helfen gewußt. Die Frigidität der Gattin habe ihn zum Ehebruch gezwungen. Keine Intelligenzstörung, aber Darniederliegen aller ethischen Gefühle. In der 25jährigen Ehe mehrere epileptische Anfälle. Keine Degenerationszeichen ( Krafft-Ebing ). Man hat für die schweren Formen von sexueller Hyperästhesie des Mannes oder der Frau sogar eigene Bezeichnungen eingeführt und spricht dort von Satyriasis , hier von Nymphomanie . Es wird sich empfehlen, diese Begriffe nur dort zu verwenden, wo ein deutlich pathologischer Zustand anfallweise auftritt, ungefähr so wie die anfallweise Trunksucht der Quartalsäufer oder ähnlich dem alkoholischen Delir und dem epileptischen Dämmerzustand, mit welchen Erkrankungen häufiger die Satyriasis, seltener die Nymphomanie vergesellschaftet ist. Kurzum, die Aufstellung einer chronischen Nymphomanie oder einer chronischen Satyriasis ist nicht recht am Platze; beide Bezeichnungen sollten für akute Verwirrungszustände auf sexueller Basis reserviert bleiben. Dafür spricht auch der Umstand, daß die Nymphomanie nicht selten mit Menstrualphasen zusammenfällt und mit ihnen periodisch wiederkehrt. Nymphomanie wie Satyriasis sind schwere Krankheitszustände. Es sind verschiedene Fälle bekannt, bei denen die ungeheure Triebsteigerung den Charakter eines Delirs annahm und in diesem zum Tode führte. Schon Maresch hat (1871) über solche Vorkommnisse bei Männern berichtet. Moreau teilt den Fall eines jungen Mädchens mit, das nach fehlgeschlagener Heirat plötzlich nymphomanisch geworden und durch zynische Gesänge und Reden, durch laszive Gesten und Posen aufgefallen war. Sie entkleidete sich beständig, mußte im Bett von kräftigen Männern niedergehalten werden, verlangte stürmisch nach dem Beischlaf; Schlaflosigkeit, trockene Zunge, beschleunigter Puls. Nach einigen Tagen tödlicher Zusammenbruch. Hierher gehört auch ein Fall von Louyer-Villermay : 30jährige Jungfrau wird plötzlich nymphomanisch höchst erregt, maßloser Drang nach sexueller Befriedigung, obszönes Delir, nach einigen Tagen Tod durch Erschöpfung. Nicht zur Nymphomanie, sondern zur dauernden sexuellen Hyperästhesie gehören folgende Beispiele: Beobachtung 9. Ein junges Mädchen hatte mit der Pubertät wachsenden sexuellen Drang, den sie durch Masturbation befriedigte. Allmählich bekam die Dame beim Anblick eines beliebigen Mannes heftige sexuelle Erregung, und da sie für sich nicht gutstehen konnte, schloß sie sich jeweils in ein Zimmer ein, bis sich der Sturm gelegt hatte. Schließlich gab sie sich verschiedenen Männern hin, um vor ihrem quälenden Trieb Ruhe zu bekommen, aber weder Koitus noch Onanie brachten Erleichterung, so daß sie in ein Irrenhaus ging ( Magnan ). Beobachtung 10. Frau V. leidet seit frühester Jugend an Männersucht. Aus guter Familie, fein gebildet, gutmütig, sittsam bis zum Erröten, war sie schon als junges Mädchen der Schrecken ihrer Familie. Quandoquidum sola erat cum homine sexus alterius, negligens, utrum infans sit an vir an senex, utrum pulcher an vetus, statim corpus nudavit et vehementer libidines suas satiari rogavit vel vi et manus ei iniecit. Man versuchte sie durch Heirat zu heilen. Maritum quam maxime amavit neque tarnen sibi temperare potuit quin a quolibet viro, si solum apprehenderat, seu verso, seu mercennario, seu discipulo coitum exposceret. Nichts konnte sie von dem Drange befreien. Selbst als sie Großmutter war, blieb sie Messaline. Puerum quondam duodecim annos natum in cubiculum allectum stuprare voluit. Der Junge wehrte sich, entwich. Sie bekam eine derbe Züchtigung durch seinen Bruder. Alles vergebens. Man brachte sie in ein Kloster. Sie war dort ein Muster von guter Sitte und ließ sich nicht das mindeste zuschulden kommen. Sofort nach der Zurücknahme begannen wieder die Skandale. Die Familie verbannte sie, warf ihr eine kleine Rente aus. Sie verdiente durch ihrer Hände Arbeit das Nötigste, ut amantes sibi emere posset. Noch mit 65 Jahren war sie rücksichtslos geschlechtsbedürftig. Schließlich Überstellung an eine Irrenanstalt. Ihr Benehmen dort war musterhaft; war sie sich aber selbst überlassen und die Gelegenheit günstig, so traten, bis kurz vor ihrem Tode, die sexuellen Triebe zutage. Tod durch Gehirnschlag mit 73 Jahren. Vierjährige psychiatrische Beobachtung (in der Anstalt) ergab sonst keine Zeichen geistiger Abnormität ( Trélat ). Das Rasen der Triebe gefährdet die von ihnen geradezu »Besessenen« auch dort in hohem Maße, wo das Ende nicht so rasch und so tragisch ist wie in jenen tödlich verlaufenden Fällen. Einerseits besteht bei der unausbleiblichen Promiskuität die gesteigerte Möglichkeit einer venerischen Infektion, anderseits sind die verschiedensten sozialen Schädigungen unabwendbar. Es ist ja klar, daß eine solche krankhafte Übersteigerung des Sexualtriebes es den betroffenen Personen oft unmöglich macht, sich innerhalb der Schranken von Gesetz und Sitte zu halten. Juristisch haben dabei die hypersexuellen Frauen eine günstigere Stellung; sie werden in der Regel bloß dann straffällig, wenn ihre Sexualakte sie in Konflikt mit den verschiedenen Gesetzen und Verordnungen bringen, die sich mit der Prostitution befassen. Hie und da kommt es auch zu ihrer Verfolgung wegen Verführung Minderjähriger; homosexuelle Beziehungen werden hingegen nur selten geahndet. Wichtiger sind selbstverständlich jene Verstöße, die das soziale Leben der Frau betreffen, die in dieser Beziehung ja den üblichen Moral- und Sittengesetzen mehr unterworfen ist als der Mann. Und dementsprechend ist das Endschicksal der Nymphomanin eher das Irrenhaus, das des hypersexuellen Mannes eher das Gefängnis. Es liegt in der gesamten Einstellung des Mannes zum Geschlechtsverkehr überhaupt begründet, daß bei ihm das Bestehen einer Hypersexualität geradezu zwangsläufig zu Konflikten mit dem Gesetz führen muß. Denn während zum Beispiel eine Frau, die einen Geschlechtsakt von irgendeinem Mann geradezu erzwingt, deswegen kaum jemals vor Gericht kommen wird, erscheint die gleiche Tathandlung beim Manne eindeutig als Vergewaltigung und wird als solche bestraft. Auch die Perversionen des hypersexuellen Mannes sind in der Regel mit strafbaren Handlungen verbunden, was sogleich erhellt, wenn man sich an die bereits früher gegebene Zusammenstellung erinnert. Exhibitionismus, nicht selten auch öffentliche Masturbation, dann natürlich Sadismus, schließlich Zoophilie oder gar Nekrophilie werden selbstverständlich vom Gesetz geahndet. Wenn auch für die eigentlichen »Sexualkatastrophen« so gut wie immer andere Perversionen entscheidend sind, so ist doch ihr Zustandekommen ohne Hypersexualität nicht denkbar. Zwischen Mann und Frau scheint auch in anderer Beziehung ein recht interessanter Unterschied zu bestehen. Hypersexuelle Frauen gehören gewöhnlich den besseren, manchmal auch den besten Ständen an, während umgekehrt die Satyriasis des Mannes bei den sozial tiefer stehenden Schichten zu finden ist, was natürlich gleichfalls für die gerichtliche Verfolgung einzelner Akte von Belang ist. Ein gewisser Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern besteht auch in der Hinsicht, daß der hypersexuelle Mann sehr häufig Trinker ist, während die Nymphomanin weniger dem Alkohol, wohl aber nicht selten den verschiedenen Rauschgiften verfallen ist. Besonders das Kokain spielt hier eine verderbliche Rolle. Nun mögen einige Beispiele für die krankhafte Triebsteigerung beim Manne folgen, wobei sich immer wieder die unheilvollen Folgen des Alkoholgenusses zeigen, sowie die kriminellen Fakten, zu denen die Hypersexualität den Mann unweigerlich zwingt. Beobachtung 11. Satyriasis intermittens. Seit drei Jahren hatte der allgemein geachtete verheiratete Landwirt D., 35 Jahre alt, immer häufiger Zustände von geschlechtlicher Aufregung geboten, die sich seit einem Jahre zu wahren Anfällen von Satyriasis gesteigert haben. Eine erbliche oder sonstige organische Ursache war nicht aufzufinden. Tempore, cum libidinibus valde afficeretur, decem vel quindecim cohabitationes per oras XXIV exegit, neque tarnen cupiditates suas satiavit. Allmählich entwickelte sich bei ihm ein Zustand nervöser Überreiztheit mit großer Gemütsreizbarkeit bis zu pathologischen Zornaffekten und Drang zu Alkoholausschweifung, die Symptome von Alkoholismus herbeiführte. Seine Anfälle von Satyriasis erreichten solche Heftigkeit, daß sich das Bewußtsein verdunkelte und er sich in blinden Drang zu geschlechtlichen Akten hinreißen ließ. Qua de causa factum est, ut uxorem suam alienis viris immovero animalibus ad coeundum factum cum ipso filiabus praesentibus concubitum exsequi iusserit, propterea quod haec facta maiorem ipsi voluptatem afferent. Die Erinnerung an diese Ereignisse auf der Höhe dieser Anfälle, in denen die übermäßige Gereiztheit selbst zu Wutanfällen führte, fehlte gänzlich. D. meinte selbst, er habe Augenblicke gehabt, in denen er seiner Sinne nicht mehr mächtig war und ohne Befriedigung durch die eigene Frau an der nächstbesten weiblichen Person sich hätte vergreifen müssen. Nach einer heftigen Gemütsbewegung verloren sich plötzlich diese geschlechtlichen Aufregungszustände ( Lenz ). Beobachtung 12. R., 33 Jahre, Bediensteter. Mutter neuropathisch, Vater an Rückenmarkserkrankung gestorben. Von allem Anfang an mächtiger, schon mit 6 Jahren bewußt gewordener Sexualtrieb. Seit dieser Zeit Masturbation, vom 15. Jahre an in Ermangelung eines besseren Päderastie, gelegentlich sodomitische Anwandlungen. Später abusus coitus, in der Ehe cum uxore. Ab und zu perverse Impulse, Cunnilinguus auszuführen, der Frau Kantharidin zu verabreichen, da ihre Libido der seinen nicht entsprach. Nach kurzer Ehe starb die Frau, Patient verarmte und hatte nicht die Mittel zum Koitus. Nun wieder Masturbation, Benutzung von lingua canis zur Erzielung von Ejakulation. Zeitweise Dauererektionen und der Satyriasis nahe Zustände. Er war dann gezwungen zu masturbieren, damit ihm nicht stuprum passiere. Steigerung der Sexualneurasthenie und der hypochondrischen Anwandlungen führt zu Abnahme der libido nimia. Schließlich wegen Verfolgungswahn auf die psychiatrische Klinik ( Krafft-Ebing ). Die sexuelle Hyperästhesie ist bei weitem noch nicht genügend erforscht. Noch immer wird den bedeutsamen Zusammenhängen zwischen der Gesamteinstellung eines ganzen Volkes, seiner Lebenslage, seiner Bindung an religiöse und politische Ideale, seiner rassenmäßigen Zusammensetzung und andern Faktoren bei der Bewertung aller dem sexuellen Triebleben entgegenstehenden Hemmungen viel zu wenig Rechnung getragen. Die Nymphomanie und die Satyriasis gehören zu den schwersten Triebabweichungen, sowohl was das Schicksal des einzelnen Menschen anlangt, als was Ehe, Familie, Gesellschaft, kurz soziales Leben betrifft. Die Häufigkeit und die Folgenschwere der Sexualkatastrophen hat in den letzten Jahren eindeutig zugenommen und zwingt zu ernsthafter Befassung mit den großen und wichtigen Problemen der sexuellen Hyperästhesie. Sechstes Kapitel Sexuelle Paradoxie a) Im Kindesalter auftretender Geschlechtstrieb Jeder Nerven- und jeder Kinderarzt weiß, daß schon bei kleinen Kindern Regungen des Geschlechtslebens auftreten können. Man muß hier unterscheiden zwischen den zahlreichen Fällen, wo infolge von Phimose, Balanitis, Würmern im Anus oder der Vagina die Kinder Juckreiz an und in den Genitalien bekommen, an diesen herummanipulieren, dabei eine Art Wollust empfinden und so zur Masturbation gelangen, wo also keine Besonderheit des Geschlechtstriebes vorliegt – und jenen Fällen, wo beim Kinde ohne solchen äußeren Anlaß auf Grund zerebraler Vorgänge sexuelle Ahnungen und Dränge auftreten. Es ist klar, daß hier nur diese Formen zu besprechen sein werden. Mit der Frage der kindlichen Sexualität haben sich bekanntlich Freud und seine Schüler im breitesten Ausmaß beschäftigt. Die Psychoanalyse steht durchaus auf dem Standpunkt, daß die Sexualität nicht plötzlich als fertiges Ganzes auftrete, etwa zur Zeit der Pubertät, sondern daß sie angeboren sei und deshalb schon in den frühesten Lebensstadien, ja im Säuglingsalter beobachtet werden könne. Diese Ansicht ist geradezu eine der Grundlagen der gesamten Psychoanalyse, die zahlreiche Neurosen auf den unerfüllbaren Wunsch zurückführt, die selige Befriedigung wiederzuerlangen, die in sexueller Beziehung im Säuglingsalter empfunden wurde. Weiter gibt es Fälle, bei denen etwa zwischen dem 8. und 14. Lebensjahre sich schon deutlich Libido zeigt, und wo die verschiedensten Geschlechtsakte teils versucht, teils sogar ausgeführt werden. Es gibt ganz gesunde Kinder, bei denen man bereits im 8. oder 9. Lebensjahre von einer wirklichen Vita sexualis sprechen kann. Deren Feststellung allein genügt also nicht, um eine sexuelle Paradoxie anzunehmen. Die Sachlage wird aber noch dadurch kompliziert, daß das Kind polymorph (vielgestaltig) pervers ist ( Freud ). Man findet bei Kindern Sadismus und Masochismus, Exhibitionismus und Voyeurtum, Homosexualität und besonders häufig Masturbation und gegenseitige Onanie, und das alles gar nicht selten als deutlich lustbetont. Die alte Anschauung von der Reinheit und Unschuld des Kindes läßt sich heute wirklich nicht mehr aufrechterhalten; freilich darf man nicht vergessen, daß weitaus die meisten dieser Tathandlungen naiv – und also doch »unschuldig« – erfolgen, weshalb wir es auch vorziehen, statt von » polymorph pervers« lieber von » sexuell undifferenziert « zu sprechen. Innerhalb dieser ganzen Gruppe von Perversionen und Perversitäten kommt einem einzelnen Akt wegen seiner außerordentlichen Häufigkeit und Verbreitung besondere Bedeutung zu, nämlich der Masturbation . Sie wird uns später bei der Besprechung der Autosexualität, beim Fetischismus und an manchen andern Stellen noch beschäftigen, sie muß aber auch hier besprochen werden. Dies deshalb, weil nachdrücklich bemerkt werden muß, daß die Masturbation an sich nicht als Symptom sexueller Paradoxie und schon gar nicht als »Perversion« aufgefaßt werden darf. In den letzten Jahrzehnten hat die Bewertung der Masturbation eine außerordentliche Wandlung durchgemacht. Früher einmal hat man sie jedenfalls als Laster, häufig genug als Krankheit und gar nicht selten als Wurzel verschiedener späterer Leiden und Defekte aufgefaßt, wie der Neurasthenie, der Impotenz, selbst rein organisch bedingter Erkrankungen wie der Tabes, oder sogar gewisser Psychosen. Es ist klar, daß diese Anschauungen einer sachkundigen Kritik nicht standhalten konnten und in sich zerfielen, sobald diese eingesetzt hatte. Die dadurch angebahnte Reaktion ist aber vielleicht etwas zu heftig ausgefallen. Denn es ist zwar zweifellos vorteilhaft, daß auf dem jugendlichen Masturbanten nicht mehr der Fluch einer argen Schuld, eines schlimmen und von überaus schweren Folgen begleiteten Lasters haftet, aber es ist für den jugendlichen Organismus in sehr vielen Fällen nicht gleichgültig, wenn durch gehäufte masturbatorische Akte – und diese sind nach Wegfallen jenes Schuldgefühls nicht selten – eine Schwächung des Gesamtorganismus entsteht, die unbedingt vermieden werden sollte. Kehren wir nach dieser Erörterung wieder zur sexuellen Paradoxie zurück. Wir müssen für ihre Feststellung andere Symptome fordern. Als solche kommen in Betracht: Übersexualität, starke Erotik (Kontrektationstrieb), sexuelle Bindungen, sei es an Personen des gleichen, sei es an Personen des andern Geschlechtes, schließlich Auftreten anderer krankhafter Zeichen zerebraler oder endokriner Natur. Aus dem reichen Material Molls seien hier nachfolgende Beispiele angeführt: Beobachtung 13. Die 6jährige X., nach den Angaben der Mutter erblich nicht belastet, macht in ihrem ganzen Wesen einen nervösen Eindruck; sie leidet an Tics (Zucken an Mundwinkeln, Augenlidern, Hals), ist auffällig frühreif. Vorgeschichte ohne verwertbare Besonderheiten; die Mutter glaubt, eine Verführung durch andere Personen nicht annehmen zu dürfen. Seit über zwei Jahren bemerkte die Mutter, daß sich das Kind mit Vorliebe so an Möbelstücke heranstellte, daß die Geschlechtsteile an schmälere Leisten oder auch an Kanten angedrückt wurden, z. B. an Stuhllehnen, noch häufiger an einen kleinen Aktenständer. Das Kind hat dies anfangs ganz offen getan. Seitdem ihm die Mutter seine Handlungsweise mehrfach verboten und der Vater es mehrfach geschlagen hat, macht es die Sache heimlich, doch ist es von der Mutter öfters dabei beobachtet worden. Auch im Bett spielt die X. mit ihren Händen an den Geschlechtsteilen. Es tritt deutlicher Orgasmus auf; spastische Zuckungen im ganzen Körper, glänzende Augen, veränderter Atemtypus, veränderter Rhythmus bei der künstlichen Reizung der Geschlechtsorgane zeigen mit Sicherheit, daß es sich hier nicht nur um einen Tic handelt, sondern daß es bis zur Wollustakme kommt. Der Prozeß beschränkt sich im übrigen auf die genitalen Erscheinungen. Irgendwelche besondere Zärtlichkeiten andern Personen gegenüber konnten trotz genauer Beobachtung nicht festgestellt werden (nach Moll ). Beobachtung 14. Die 8jährige Y. hat bereits mit 1½ Jahren einigemal die Schenkel so übereinander gelegt und gerieben, daß man schon damals an onanistische Reize dachte. Man hat dann jahrelang nichts weiter beobachtet, bis es auffiel, daß das Kind sowohl nachts mit den Händen im Bett masturbierte als auch beim Gehen die Beine auffallend nach einwärts drehte, so daß man hierbei an eine ähnliche Reizung dachte. Es wurde ferner zweimal beobachtet, daß die Y., auf einer Bank sitzend, mit den Beinen derartig hin und her rieb und scheuerte, daß man auch hierbei an Onanie dachte. Zur Rede gestellt, erklärte das Mädchen, daß es dabei so angenehme Empfindungen unten hätte und es aus diesem Grunde täte. Man hat dann noch einige Male mit der Y. gesprochen, wobei sie vor Verlegenheit rot wurde. Das Wichtigste aber ist, daß man seit mehreren Monaten sowohl des Nachts wie am Tage Flecken im Hemde beobachtete, die zweifellos nur einer onanistischen Reizung zuzuschreiben sind. Das Kind bestreitet diese auch nicht. Eine örtliche Entzündung konnte ausgeschlossen werden. Im übrigen ist beobachtet worden, daß sich bei dem Kinde, auch wenn es nachts zugebunden ist, oft Flecken zeigen, wobei offenbar durch Aneinanderreiben der Beine oder auf ähnliche Weise der Akt ausgeführt wird. Man hat weiter beobachtet, daß das Kind auffallend zärtlich ist; zum Kinderfräulein ist die Y. derart zudringlich, daß sie mitunter, wenn sich das Fräulein anzieht, auf es zustürzt und ihm den ganzen Rücken bis herunter an die Nates leckt und abküßt. Auch mit ihrem 9jährigen Bruder macht sie geschlechtliche Unarten und zeigt sich ihm gegenüber bedenklich zärtlich. Weiter ist festgestellt worden, daß sie in zwei Fällen bereits die Aufmerksamkeit von Männern durch Zuwinken zu erwecken suchte (nach Moll ). Beobachtung 15. Bei dem jetzt 8½ Jahre alten Knaben X. hatte man vom 2. Lebensjahre an onanistische Reizungen bemerkt, wobei schon damals Erektionen aufgetreten waren. Die Onanie nahm in der folgenden Zeit zu, so daß man den Knaben, als er 4 Jahre alt war, möglichst von seinen Geschwistern abgesondert hielt, damit diese nicht durch ihn verdorben würden. Aber das nützte nichts, und schon im Alter von 5 Jahren fing er an, seine etwa ein Jahr ältere Schwester zu attackieren. Er wußte es so einzurichten, daß er mit ihr besonders auch dann zusammenkam, wenn die Aufsicht, die die Trennung der Kinder bezweckte, fehlte. War den Eltern die Onanie des Knaben bereits seit Jahren bekannt, so wurden doch seine Beziehungen zur Schwester erst spät entdeckt. Es stellte sich dabei heraus, daß X. mit ihr Jahre hindurch sexuelle Unarten getrieben und insbesondere mit seinen Händen vielfach an ihren Genitalien gespielt hatte, so daß durch die manuellen Reizungen Abschürfungen der Haut und örtliche Entzündungen entstanden waren. Der Knabe X. hatte zudem verschiedentlich versucht, sich auch andern kleinen Mädchen in gleicher Weise zu nähern, was aber, wenn überhaupt, nur vorübergehend von Erfolg begleitet war (nach Moll ). Albert Moll hat sich ja ganz besonders mit dem Sexualleben des Kindes beschäftigt. Nach seinem Vorgang gliedern auch wir das Kindesalter in zwei Abschnitte, nämlich in die ersten und in die zweiten sieben Lebensjahre. Man muß aber da gleich die Einschränkung machen, daß diese Einteilung nur für Europa und die Europäer gilt, denn im Tropenklima und bei farbigen Rassen verschieben sich diese Zahlen ganz bedeutend nach unten, und auch die Pubertät tritt bei beiden Geschlechtern ganz wesentlich früher ein. Ohne zu den Anschauungen der Psychoanalyse Stellung zu nehmen, kann man jedenfalls sagen, daß in jenen Fällen, in denen sexuelle Regungen oder Akte während der ersten sieben Lebensjahre offenbar werden, stets der Verdacht auf krankhafte Veranlagung besteht. Die Endokrinologie hat gelehrt, daß einer solchen Frühsexualität verhältnismäßig häufig gewisse krankhafte Prozesse an den Blutdrüsen zugrunde liegen, besonders dann, wenn sich gleichzeitig verschiedene sekundäre Sexualcharaktere einstellen (Haarwuchs, Stimmbruch, Überentwicklung der Genitalien). Wohl möglich, daß auch dort, wo zerebrale Vorgänge durchaus im Vordergrund stehen, der gesamte Zustand doch innersekretorisch bedingt ist. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die sexuelle Paradoxie in der Form des im Kindesalter mit übergroßer Heftigkeit oder in pathologischer Weise auftretenden Geschlechtstriebs verhältnismäßig selten vorkommt, dann gewöhnlich auf degenerativen Ursachen beruht und durch Störungen im endokrinen Drüsensystem bedingt ist. b) Im Greisenalter wiedererwachender Geschlechtstrieb Praktisch von viel größerer Bedeutung sind jene Fälle, bei denen im Greisenalter der Geschlechtstrieb wieder erwacht. Denn die Libido kann bis ins hohe Alter hinein in normaler Stärke, wenn auch in der Regel abgeschwächt, fortbestehen »Senectus non quidem annis sed viribus magis aestimatur« Zittmann ). , und es wäre natürlich durchaus falsch, hierin etwas Krankhaftes zu sehen. An der Grenze des Pathologischen stehen jene Fälle, in denen im hohen Alter besonders heftige Liebesgefühle auftreten. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Neigung des 74jährigen Goethe zu Ulrike von Levetzow . Auch Gerhart Hauptmann hat in seinem Drama »Vor Sonnenuntergang« die an Konflikten reiche Situation gestaltet, die sich leider in den meisten Fällen an ein solches Ereignis anschließt. Der sogenannte Johannistrieb des Mannes ist durchaus keine Seltenheit, und in letzter Zeit, in der die verschiedenen Hemmungen auf sexuellem Gebiet sich ja wesentlich verringert haben, sind ähnliche Erscheinungen auch bei älteren Frauen häufig genug zu beobachten. Ein tragischer Fall dieser Art betraf vor wenigen Jahren eine deutsche Prinzessin. Ein solcher jäher Verlust des seelischen Gleichgewichtes, eine solche oft rapide Änderung der gesamten Persönlichkeit ist keineswegs leicht zu nehmen, einerseits wegen der gesundheitlichen und sozialen Folgen für die betroffenen Personen, anderseits deshalb, weil sich so manchesmal eine herannahende Psychose zuerst in dieser Weise geltend machen kann. Es ist, wie gesagt, oft sehr schwer zu entscheiden, ob die Stärke der sexuellen und erotischen Bindung sowie die sich aus ihr ergebenden oft bedenkenlos ertragenen sozialen Schwierigkeiten, Schädigungen und Gefahren noch im Bereiche des Normalen liegen. Ohne tieferes Eingehen in die Persönlichkeit und ohne genaue Beobachtung des betroffenen Individuums wird sich ein Endurteil nicht fällen lassen. Pathologische Bedingungen muß man aber unbedingt annehmen, wenn bereits Altersschwäche besteht, wenn das Geschlechtsleben der betroffenen Person schon längst erloschen war, wenn sich der Trieb bei einem vielleicht früher sexuell nicht einmal sehr bedürftigen Menschen plötzlich mit großer Stärke geltend macht, und vor allem, wenn ohne Rücksicht, ohne Scham die sexuelle Befriedigung in Perversionen und durch perverse Akte erstrebt wird. Die Wissenschaft kennt die Tatsache, daß ein solcher Trieb auf krankhaften Veränderungen im Gehirn beruht, die in erster Linie der senilen Demenz (Altersblödsinn) zugehören und sich bereits einstellen, ehe es zu andern erkennbaren Erscheinungen intellektueller Schwäche kommt. Es bilden also die in solchen Fällen stets zu findende Charakterverschlechterung und die Abschwächung des moralischen Sinnes gewissermaßen die Vorboten (Prodrome) jenes Leidens. Die Libido solcher Personen äußert sich zunächst in schlüpfrigen Reden und Gesten, wobei das nächste Angriffsobjekt solcher der psychischen Degeneration verfallener Greise Kinder sind. Das scheint darin begründet zu sein, daß es leichter ist, sich an sie heranzumachen, und außerdem spielt hierfür wohl auch das Gefühl mangelhafter Potenz eine Rolle. Es ist klar, daß damit die Bedingungen für eine ganze Gruppe von Perversionen, bzw. von perversen Akten gegeben sind. In Betracht kommen Exhibitionismus, Sadismus (Flagellation), Betastung der kindlichen Genitalien, gegenseitige Onanie, Cunnilinguus, Verbalerotik (unzüchtige Reden). Häufig handelt es sich da darum, den unmöglich gewordenen Geschlechtsakt zu ersetzen, was durch den Verlust moralischer Hemmungen begünstigt wird. Denn der moralische Sinn ist häufig auch dann schon zu tief gesunken, um die sittliche Bedeutung des Aktes zu ermessen und dem Trieb zu widerstehen, wenn die Intelligenz selbst noch intakt genug ist, um die Öffentlichkeit und die Entdeckung zu meiden. In weiterer Folge, vor allem dann, wenn die senile Demenz tatsächlich eingetreten ist, werden die Handlungen immer schamloser. Die sexuelle Objektwahl richtet sich nun auch auf Erwachsene, und da der Koitus nun ganz unmöglich geworden ist, so kommt es zu Perversionen aller Art. Besonders die Unzucht mit Tieren (Sodomie) tritt hinzu, nicht selten in Verbindung mit schweren sadistischen Akten, indem das benützte Tier während des Mißbrauchs getötet wird. Im Verlauf des Leidens kann es zu manischen Episoden oder auch ohne solche zu erotischem Delir und zu wahrer Satyriasis kommen, wie folgender Fall zeigt: Beobachtung 16. I. R., von jeher sinnlichen und sexuellen Genüssen ergeben, aber das Dekorum wahrend, hatte seit seinem 76. Lebensjahr eine fortschreitende Abnahme der Intelligenz und zunehmende Perversionen des moralischen Sinnes gezeigt. Früher geizig, äußerst sittsam, consumpsit bona sua cum meretricibus, lupanaria frequentabat, ab omni femina in via occurrente, ut uxor fiat sua voluit, aut ut coitum concederet, und verletzte so sehr den öffentlichen Anstand, daß man ihn in eine Irrenanstalt bringen mußte. Dort steigerte sich die geschlechtliche Erregung zu einem Zustand wahrer Satyriasis, die bis zum Tode andauerte. Semper masturbavit vel aliis praesentibus, delirium eius plenum erat abscoenis imaginibus, viros qui circa eum erant, mulieres eos esse ratus, sordidis postulationibus vexavit ( Legrand du Saulle ). Nicht selten findet man bei solchen Zuständen auch homosexuelle Akte. Das ist wiederum durch die Potenzschwäche oder Impotenz der Patienten begründet, manchmal auch dadurch, daß Männer in höheren Lebensjahren verhältnismäßig leicht Gelegenheit haben, jüngere Personen, die ihnen untergeordnet sind, zu homosexuellen Akten zu mißbrauchen. Ein Beispiel dieser Art hat Krafft-Ebing mitgeteilt. Beobachtung 17. Herr X., 80 Jahre alt, von hohem Stand, aus belasteter Familie, von jeher sexuell sehr bedürftig und zynisch, jähzornig, zog nach eigener Angabe schon als junger Mensch Masturbation dem Koitus vor, bot aber nie Erscheinungen von Homosexualität, hatte Mätressen, zeugte mit einer von ihnen ein Kind. Mit 48 Jahren Neigungsehe, aus der sechs Kinder hervorgingen; Herr X. gab während der Ehe seiner Gattin nie zu Klagen Anlaß. Seit Jahren hat sich der eigenartige jähzornige Charakter des Patienten immer mehr entwickelt. Er ist äußerst mißtrauisch geworden und gerät schon bei geringfügigem Widerspruch in Affekt, selbst in Wutanfälle, in denen er sogar seine Gattin tätlich bedroht. Seit einem Jahre deutliche Zeichen einer beginnenden senilen Demenz. Patient ist vergeßlich geworden, ist in Vergangenheit und Gegenwart fehlerhaft orientiert. Seit 14 Monaten ist wahre Verliebtheit in einzelne männliche Dienstboten zu bemerken, namentlich in einen Gärtnerburschen. Sonst schroff und zurückhaltend gegen Untergebene, überhäuft er ihn mit Gunstbezeugungen und Geschenken und befiehlt seiner Familie und seinen Hausangehörigen, ihm mit größter Achtung zu begegnen. Mit wahrer Brunst erwartet er die Stunden des Stelldicheins. Er schickt seine Familie fort, um ungestört mit dem Geliebten zu sein, hält sich stundenlang mit ihm eingeschlossen und wird, wenn sich die Türen wieder öffnen, ganz erschöpft auf dem Ruhebett gefunden. Neben diesem einen hat Patient noch gelegentlich Verkehr mit andern Dienern. Hoc constat amatos eum ad se trahere, ab iis oscula concupiscere, genitalia sua tangi iubere itaque masturbationem mutuam fieri. Die Familie ist machtlos; jede Gegenvorstellung ruft Zornanfälle hervor. Patient ist für seine perversen Handlungen vollkommen einsichtslos, so daß Entmündigung und Internierung als einziger Ausweg übrigbleiben. Irgendwelche Sexualerregung durch das weibliche Geschlecht ist nicht zu beobachten ( Krafft-Ebing ). Bei Frauen war früher ein jähes Wiedererwachen des Geschlechtstriebes oder seine abnorme Steigerung im höheren Lebensalter eigentlich nur in Fällen bekannt, die wegen anderweitiger Psychopathie behandelt oder interniert waren. Das hat sich in unserer Zeit geändert, offenbar in Verbindung mit der bekannten starken Abnahme moralischer und sittlicher Hemmungen. An gewissen Luxusorten zählen die alten Frauen, die sich junge Männer, meist fremder Nationalität, als bezahlte Liebhaber halten, geradezu zu den alltäglichen Erscheinungen. Als wirklich pathologisch wird man ein solches Verhalten erst dann betrachten können, wenn es zu schwerer sozialer Schädigung, zu Konflikten mit den Behörden führt, oder wenn gleichzeitig ein deutlich hypersexuelles Zustandsbild besteht. Im gesamten Bereich dieser Art der sexuellen Paradoxien bleibt noch so manches zu erforschen, und es ist wohl möglich, daß sich mit der Zeit herausstellen wird, daß weniger zerebrale Veränderungen der ganzen Triebabweichungen zugrunde liegen als innersekretorische Vorgänge. Die neueren Arbeiten Steinachs über die Verjüngung sprechen dafür und ebenso die letzten Ergebnisse, die bei der Erforschung der Hypophyse erreicht wurden. c) Paedophilia erotica Es mag zuerst befremdend erscheinen, daß die Paedophilie hier besprochen und den sexuellen Paradoxien eingereiht wird, denn Krafft-Ebing hat sie seinerzeit dort behandelt, wo er im gerichtlichen Teil seines Werkes die Unzucht mit Individuen unter 14 Jahren bespricht, in der speziellen Pathologie, kurz dort, wo jene schwersten Triebverirrungen dargestellt werden, die die Pervertierten in Konflikt mit Gesetz und Obrigkeit bringen. Indes auch Krafft-Ebing hat bereits die Paedophilen von jenen Unholden abgesondert, die sich des Verbrechens der Schändung schuldig machen. Auch die Paedophilie kann bei weitem nicht so genau umrissen werden, wie dies in der einschlägigen Literatur bisher gewöhnlich versucht wurde. Man muß bloß daran denken, daß gar nicht so selten paedophile Akte auch von Menschen begangen werden, die sonst ein normales oder höchstens nach der Richtung der Hypersexualität hin leicht abweichendes Geschlechtsleben aufweisen. Es können ferner paedophile Neigungen bestehen, die auch bei ziemlicher Stärke sich nicht zu Tathandlungen zu verdichten brauchen. Es ist klar, daß es daneben auch schwere und schwerste Formen gibt, die ganz selbstverständlich als pathologisch und also auch als echte Triebabweichung aufgefaßt werden müssen. Aber alles in allem halten wir uns für berechtigt, nicht nur wegen der Analogie zum frühzeitig erwachenden und zum im Greisenalter wieder auftretenden Geschlechtstrieb, die Paedophilie – und die Gerontophilie – unter die sexuellen Paradoxien einzureihen. Bei der Beurteilung der Paedophilie muß man daran festhalten, daß der paedophil Pervertierte zur Befriedigung seines Geschlechtstriebes unbedingt des Sexualverkehrs mit Kindern bedarf, und daß er, was schon Krafft-Ebing hervorgehoben hat, durch sexuelle Reize erwachsener Personen unerregbar ist. So wie für andere Triebabweichungen wird man auch für die Paedophilie nicht eine einzige Entstehungsursache anzunehmen haben, sondern mehrere. Eine wichtige Rolle spielt hier wiederum die Impotenz oder die Potenzangst des Mannes, die ihm begreiflicherweise nahelegt, seine Sexualbefriedigung nicht bei der Frau zu suchen, sondern dem normalen Geschlechtsakt dadurch zu entgehen, daß er Kinder als Sexualobjekte wählt, bei denen dieser wegfällt. Ähnlich wirken manchmal äußere Momente wie grobe Schönheitsfehler und körperliche Gebrechen; in Betracht kommt ferner die soziale Stellung. Es ist bekannt, daß Personen, die viel mit Kindern zu tun haben, Lehrer und Lehrerinnen, leicht zu Paedophilen werden, wobei aber doch zu bedenken ist, ob nicht diese Perversion hier latent schon vorhanden und somit für die Berufswahl mitbestimmend war. Es liegt im Wesen der Paedophilie, daß sie mit andern Perversionen verbunden auftritt, da es ja jedenfalls zu ihrer Betätigung perverser Akte bedarf. Solche Triebabweichungen sind vor allem der Sadismus, schon deshalb, weil die Erlangung des Sexualobjektes, hier also des Kindes, oft eines mehr oder weniger gewaltsamen Vorgehens bedarf, und dann wegen der an Kindern oft weit leichter zu betätigenden Flagellationslust. Sehr häufig ist ferner bei Paedophilen der Exhibitionismus. Weiter kommen Partial- und Totalfetischismus in Betracht. Homosexualität ist stark verbreitet. Gerade der Paedophile kennt anscheinend überhaupt keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, so daß manchmal die Entscheidung gar nicht leicht ist, ob die Paedophilie oder ob die Homosexualität als die ursprüngliche Triebabweichung anzusehen ist. Die Frage nach der Häufigkeit und Verbreitung der Paedophilie ist nicht leicht zu beantworten, hauptsächlich deshalb, weil sich diese ganze Triebabweichung schwer umgrenzen läßt. Rechnet man ihr nur jene Fälle zu, bei denen einzig und allein sexueller Kontakt mit Kindern zur Befriedigung des Geschlechtstriebes führt und wo also das ganze Sexualleben nur nach dieser einen Richtung hin orientiert ist, so wird man dem Zustand nur verhältnismäßig selten begegnen. Zieht man den Kreis etwas weiter, und erstreckt man den Begriff auch auf jene Fälle, wo im Banne einer andern Triebabweichung (Fetischismus, Sadismus, Homosexualität) auch Kinder als geeignete Sexualobjekte empfunden werden, so steigt die Zahl bereits bedeutend. Das gleiche gilt dort, wo der Geschlechtsverkehr mit Kindern durch äußere Umstände besonders begünstigt wird, also bei Lehrern und Lehrerinnen, bei Erziehern, Gouvernanten, Kindermädchen und überhaupt beim Dienstpersonal. Und schließlich ist es ein in den niederen Bevölkerungsschichten geradezu überraschend häufiges Vorkommnis, daß gelegentlich auch Kinder zur Befriedigung des Geschlechtstriebes verwendet werden – was natürlich nicht mehr als Paedophilie bezeichnet werden kann. Die sexuelle Betätigung ist bei dieser Triebabweichung sehr mannigfaltig und sehr verschieden. Der Beginn besteht fast ausnahmslos in Betastungen der Kinder, die gewöhnlich die Beine, manchmal auch die Brüste betreffen und sich dann häufig auf die Geschlechtsorgane erstrecken. Der weitere Verlauf hängt wohl gewöhnlich von der Potenz des Perversen ab. Sind noch Erektionen möglich, so werden diese dadurch herbeigeführt, daß der Paedophile das Kind an sich preßt und drückt, so daß seine Genitalien in innigen Kontakt mit dem kindlichen Körper kommen. Versuche, das Kind zu masturbatorischen Manipulationen zu veranlassen, sind gleichfalls nicht selten, während ein anderer Teil solcher Perverser sich während der Betastung durch Onanie selbst befriedigt. Paedophile Frauen verleiten die mißbrauchten Knaben, seltener auch Mädchen, zum Cunnilinguus, und es ist keineswegs als Ausnahme anzusehen, daß schon 8-10jährige Knaben zur Ausführung des normalen Geschlechtsaktes veranlaßt werden. Die Jugenderinnerungen zahlreicher Neurotiker beweisen dieses Vorkommnis, ebenso wie seine später so unheilvollen Folgen. Wenn sich auch die Paedophilie mit der Schändung oder mit der groben Unzucht an jugendlichen Personen nicht ohne weiteres vergleichen läßt, so gehört sie doch unzweifelhaft zu jenen Triebabweichungen, die in sozialer Beziehung durchaus zu verurteilen sind. Mag man noch so weitherzig das Recht bemessen, das jedem Individuum am eigenen Körper zusteht, so wird man doch eine Verhaltensweise und eine Einstellung durchaus ablehnen, deren Betätigung wehr- und schutzlose Personen – Kinder – aufs schwerste zu schädigen geeignet ist. Es ist sehr beklagenswert, daß gerade hochkultivierte Personen in reiferen Lebensjahren nicht selten ihre paedophilen Neigungen nicht zu hemmen vermögen. Freilich darf man nicht in jedem Falle den Aussagen der betroffenen Kinder Glauben schenken; man wird also öfter die paedophile Perversion anzunehmen haben, statt die die Kinder eigentlich gefährdenden paedophilen Perversitäten. Im übrigen gehört die Paedophilie zu den verhältnismäßig unkomplizierten Triebabweichungen, so daß wir uns mit der kurzen Wiedergabe einiger Fälle begnügen können. Beobachtung 18. Erblich belasteter Mann; seit der Pubertät, die spät (mit 24 Jahren) auftrat, sinnliche Empfindungen für 5-10jährige Mädchen. Schon beim Anblick solcher Mädchen kann es zur Ejakulation kommen, während bei ihrer Berührung ein förmlicher Sexualaffekt mit bloß summarischer Erinnerung für dessen Dauer erlebt wird. Patient war vom ehelichen Geschlechtsverkehr leidlich befriedigt und vermochte seinen Drang zu kleinen Mädchen zu beherrschen, bis er mit überhandnehmender schwerer Neurasthenie kriminell wurde ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 19. 29 Jahre alte, erblich belastete, mit Phobien und Zwangsvorstellungen behaftete Dame. Seit acht Jahren heftiges Bedürfnis nach geschlechtlicher Vereinigung mit einem ihrer Neffen. Ihr Verlangen richtete sich zunächst auf den ältesten, als er etwa 5 Jahre alt war, und übertrug sich jeweils auf den heranwachsenden jüngeren. Der Anblick des betreffenden Kindes genügte, um Orgasmus hervorzurufen. Es gelang ihr jedoch, dem ihr ganz unerklärlichen Drang zu widerstehen. Für Erwachsene hatte sie keine Zuneigung ( Magnan ). Beobachtung 20. 32 Jahre alte Frau, Mutter zweier Kinder, wegen Brutalität des Mannes von ihm getrennt. Sie hatte (zur Zeit der Beobachtung) seit Monaten ihre Kinder vernachlässigt, täglich eine befreundete Familie besucht, jeweils zur Zeit, wo der Sohn des Hauses aus der Schule kam. Sie hätschelte, küßte ihn, äußerte zuweilen, sie sei in den Knaben verliebt und wolle ihn heiraten. Eines Tages behauptete sie zu dessen Mutter, der Knabe sei krank und unglücklich, und sie wolle mit ihm kohabitieren, um ihn zu heilen. Sie belagerte das Haus des Geliebten und mußte schließlich, als sie Gewalt anwenden wollte, interniert werden ( Magnan ). d) Gerontophilie Die Gerontophilie, die Liebe zu Personen im Greisenalter, ist ein verhältnismäßig noch wenig erforschtes Gebiet, über das nur spärliche Beobachtungen vorliegen. Man muß sich hier ganz besonders hüten, die Grenzen des Pathologischen zu weit zu ziehen; denn gerade in unserer Zeit ist es durchaus keine Seltenheit, daß vor allem bei Liebesgefühlen von Frauen für Männer ein Altersunterschied von etwa dreißig Jahren nicht das mindeste für eine Triebabweichung dieser Art besagt. Man könnte sogar die Auffassung vertreten, daß eine solche Fehlwahl des Sexualpartners durch jene Instinktunsicherheit, die aus der Überzivilisation des modernen Großstadtlebens hervorgeht, mitverursacht wird. Der Mann von 50 Jahren ist besonders dann, wenn sein Aussehen und sein Ruf auf eine besondere Erfahrung in Liebesdingen schließen lassen, ein begehrtes Ziel jüngerer und selbst ganz junger Mädchen geworden. Es ist ferner verhältnismäßig häufig, daß hypästhetische und ebenso latent homosexuelle Frauen besonders bei der Gattenwahl Männer bevorzugen, bei denen ein auch nur einigermaßen intensiver, häufiger, normaler Geschlechtsverkehr nicht zu erwarten ist, da eben dieser nicht ersehnt, sondern gewissermaßen nur mit in Kauf genommen wird. Auch jene – selteneren – Fälle gehören hierher, wo von Kindheit an eine starke Bindung an den Vater besteht. Hier wie dort werden demgemäß ältere und selbst alte Männer bevorzugt. Der umgekehrte Fall ist natürlich viel seltener. Hier hat es den Anschein, als ob früher, etwa gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, ältere Frauen häufiger von jüngeren Männern begehrt wurden, was sich allerdings vermutlich auf soziale Momente zurückführen läßt, wie auf die größere Freizügigkeit reiferer Frauen und dergleichen mehr. In keinem Fall aber darf man für die erste Gruppe Marianne von Willemers Beziehung zu Goethe und für die zweite die Erfolge anführen, die Ninon de Lenclos noch im Matronenalter zu verzeichnen hatte; denn Ausnahmemenschen und ihre Schicksale sind weder vorbildlich noch beweiskräftig. Nicht pathologisch sind ferner die in sexueller Hinsicht oft erstaunlich intensiven Beziehungen zwischen zwei Menschen, die gemeinsam, gewöhnlich in der Ehe, alt geworden sind. Das gleiche gilt dort, wo alte Menschen ständig im gleichen Milieu und in verhältnismäßig enger Gemeinschaft leben, wie in Altersheimen und ähnlichen Anstalten. Es ist bekannt, daß da erotische und sexuelle Bindungen genugsam vorkommen, die in positiver wie in negativer Beziehung (Eifersucht) so manchesmal überraschend kräftig sind. Und schließlich scheiden auch jene Fälle aus, in denen deutlich hypersexuelle Personen eine starke geschlechtliche Anziehungskraft auch dann ausüben, wenn ihr Wert als Sexualpartner sonst durch hohes Alter und die dadurch bewirkte Verringerung ästhetischer Momente stark herabgesetzt ist. Die echten Fälle von Gerontophilie stehen wohl stets in einer engen Verbindung mit dem Fetischismus, und man kann sagen, daß die Wahl gerade dieses Fetischs durch früh- oder spätinfantile Erlebnisse bei dazu prädisponierten Personen zu erklären ist. Auch wenn man den psychoanalytischen Anschauungen noch so zurückhaltend gegenübersteht, kann man sich bei gerontophilen Männern nicht der Einsicht verschließen, daß in der begehrten Matrone die Mutter geliebt wird. Daneben gibt es aber freilich auch Fälle, die einfacher zu erklären sind, etwa in der Weise, daß die erste Sexuallust beim Verkehr mit einer weit älteren Person empfunden wurde, die damals, etwa zu Beginn der Pubertät des Gerontophilen, noch keineswegs eine Matrone sein mußte, wohl aber um drei Jahrzehnte oder noch mehr älter war. Die Fixation jenes Erlebnisses führt dann zur Gerontophilie. Ein sehr beweisendes Beispiel dieser Triebabweichung verdanken wir Wagner ; es soll – stark gekürzt – in nachstehendem wiedergegeben werden: Beobachtung 21. K. R., 29 J. alt, wurde sowohl wegen zweier Notzuchtsdelikte als auch wegen der Ermordung einer 64jährigen Frau, die nach einem vorhergegangenen Kampf erdrosselt aufgefunden wurde, verhaftet. Beim ersten Unzuchtsakt hatte K., in leicht angetrunkenem Zustand und geschlechtlich ziemlich erregt, zuerst zwei Frauen angegriffen, die ihn aber energisch zurückwiesen, und dann das Armenhaus betreten, wo er sich im Hausflur zu einer 64jährigen Frau setzte. Er forderte sie zum Beischlaf auf und drückte sie, als sie sich wehrte und fortgehen wollte, zu Boden, legte sich auf sie, hob ihr die Röcke auf und wollte sie gebrauchen. Er ließ erst von ihr ab, als ihr eine Frau zu Hilfe kam. Beim zweiten Unzuchtsakt ließ er sich mit einer 76 Jahre alten Frau in ein Gespräch ein und versuchte, sie unter Zusicherung einer Entlohnung zum Beischlaf zu bewegen. Da sie sich weigerte, stieß er sie zu Boden, legte sich auf sie, membrum denudavit, partes eae inferiores denudare conatus est. Die Frau wehrte sich, er schlug sie und ließ erst ab, als ein Mann zu Hilfe kam. In einem dritten Fall machte er offensichtlich Versuche, einer 64jährigen Frau beizuwohnen. Als sie Widerstand leistete, begann er sie zu würgen und ließ erst von ihr ab, als Hilfe herbeikam. Auch im Mordfall wurde er durch das Beisammensein mit der 64jährigen Frau geschlechtlich erregt, warf sie dann, als sie sich weigerte, auf den Boden und erwürgte sie schließlich. Im Laufe der psychiatrischen Untersuchung hat K. zugegeben, daß er in wiederholten Fällen den Geschlechtsverkehr mit alten Frauen angestrebt und erreicht habe. Er hat ferner die wichtige und aufklärende Tatsache mitgeteilt, daß er seines ersten im 17. Lebensjahre erfolgten Beischlafes durch Verführung seitens einer alten Frau teilhaftig wurde ( Wagner ). Die Notzuchtsversuche und schließlich der Mord, die dem ganzen Bild ein so düsteres Gepräge geben, sind deutlich von sekundärer Bedeutung; sie entspringen dem – hier zweifelsohne gerontophilen – überstarken Geschlechtstrieb, der vor allem den Geschlechtsakt selbst anstrebt, ohne sich erst bei der Werbung und überhaupt der Vorlust aufzuhalten. Siebentes Kapitel Zoophilie Sexuelle Beziehungen zwischen Mensch und Tier werden als Zoophilie bezeichnet. Früher hat man für diese Triebabweichung den Namen Sodomie benützt, ein Ausdruck, der indessen von der Theologie und früher auch vom Jus für die Päderastie gebraucht wurde, die eigentliche Sünde Sodoms. Krafft-Ebing hat noch eine Unterteilung der Zoophilie vorgenommen, in die Bestialität, die Zooerastie und die Zoophilia erotica. Unter der Bestialität verstand er die Tierschändung an sich, also den perversen Akt, während er als Zoophilie jene Fälle bezeichnete, wo Tiere auf Menschen sexuell aufreizend wirken. Zooerastie schließlich nahm er dort an, wo wiederholte Bestialität als bevorzugte oder einzige Art sexueller Betätigung vorlag. Wir glauben indes, auf diese Unterteilung verzichten zu können. Während der heutigen Menschheit die Zoophilie als eine besonders abwegige und seltsame Triebabweichung erscheint, dürfte sie in früheren Epochen menschlicher Kultur ein keineswegs so besonderes Vorkommnis gewesen sein. Dafür sprechen z. B. die Mythen des alten Ägypten und Indien wie der Antike und vermutlich auch die Tatsache, daß heute noch in China die Zoophilie verhältnismäßig weit verbreitet ist. Der Gedanke liegt nahe, daß in dieser Beziehung die Menschen damals etwa in der Art und Weise sexuell undifferenziert waren, wie wir das heute noch an Kindern vielfach sehen. Denn das »polymorph perverse« Kind Freuds ist, unter einem andern Gesichtswinkel gesehen, lediglich sexuell undifferenziert. Von dieser Tatsache aus lassen sich auch so manche Fälle von Zoophilie am leichtesten verstehen. Primitive Menschen, die von Berufs wegen ständig mit Tieren und nur selten mit Personen andern Geschlechts zu tun haben, und die eben wegen ihrer Primitivität auch sexuell undifferenziert sind, gelangen häufiger, als man dies gewöhnlich annimmt, dazu, Tiere zum Geschlechtsakt zu mißbrauchen. Solche Perversität ist kaum anders zu bewerten als ein homosexueller Akt im Gefangenenlager oder Zuchthaus. Hierher gehört auch die bekannte Anekdote von Friedrich dem Großen, der der Meldung, daß sich ein Kavallerist mit seiner Stute vergangen habe, lediglich die Bemerkung hinzugefügt haben soll: »Der Mann ist ein Schwein und gehört zur Infanterie«. In H. Groß' Archiv (Band 34) wird von einem älteren, verwitweten Bauern berichtet, der sich mit einem Schwein vergangen hatte, und der sich damit entschuldigte, daß »die Sau ihm immer nachgegangen sei und ihn so gerührt angeschaut habe, daß er ihr eben den Willen tun mußte«. Als Beispiele für diese Gruppe seien folgende Beobachtungen angeführt: Beobachtung 22. Ein 47jähriger Knecht wird im Stalle nur mit dem Hemd bekleidet angetroffen. Er bestreitet widernatürliche Unzucht, gesteht aber, die Kälber geküßt zu haben ( Sury ). Beobachtung 23. Ein 16 Jahre alter Schuhmacherlehrling fing im Garten des Nachbars eine Gans und betätigte sich mit dem Tier zoophil, bis der Nachbar hinzukam. Auf dessen Vorhalt sagte er: Nun, fehlt der Gans etwas? und entfernte sich. Im Verhör gab er an, nicht gewußt zu haben, was er tue; der Masturbation sei er nicht ergeben ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 24. Ein junger Stier besprang einen 42jährigen ledigen Landwirt S., im Moment, als dieser die Krippe reinigen wollte. Der Mann gesteht im Verhör, den Stier gereizt zu haben, worauf dieser ihn besprang und das Glied in seinen After stieß. Der Stier habe ihn so fest an die Krippe gedrückt, daß S. sich seiner nicht erwehren konnte, bis das Tier von ihm abließ. Die ärztliche Untersuchung ergab eine Perforation der vorderen Rektalwand 12 cm oberhalb des Anus ( Sury ). Wesentlich seltener sind heute schon zoophile Praktiken auf abergläubischer Grundlage, so jene, die aus der Anschauung erfolgen, daß z. B. eine alte Gonorrhöe durch den Koitus mit einer Ziege geheilt werden könne. Wie bereits erwähnt, gehört die Zoophilie zu jenen Perversionen, denen man bei hypersexuellen Personen begegnet. Es ist ja ohne weiteres begreiflich, daß bei überstarker Libido die Wahl des Sexualobjektes von sekundärer Bedeutung ist. Besonders dort, wo die unbefriedigte Sexualität einen wahren Rauschzustand, eine Art Ekstase hervorruft, kann es zu zoophilen Akten kommen. Beobachtung 25. Ein 47jähriger Wirt, seit 12 Jahren verheiratet, Vater von 3 Kindern, wird von seiner Frau der widernatürlichen Unzucht bezichtigt. Sie erzählt, daß ihr Mann von Anfang an einen unersättlichen Trieb zum Beischlaf gehabt hätte. Gleich nach der Verheiratung begann er auch mit jungen Burschen unzüchtige Handlungen zu betreiben, was in letzter Zeit immer ärger wurde. Zudem verkehrte er mit einer Hündin, einem Schaf und fast täglich mit einem Mutterschwein. Die eingehende psychiatrische Untersuchung ergab keine krankhaften Erscheinungen ( Sury ). Wesentlich interessanter sind nun die Fälle, bei denen die Zoophilie die gesamte sexuelle Betätigung des Individuums ausmacht. Schon Krafft-Ebing hat vermutet, daß es sich hier um eine Art Fetischismus handle, und wir werden später sehen, daß beim Fetischismus auch nach der Zoophilie hin orientierte Praktiken vorkommen. Ein sehr bezeichnendes Beispiel ist die Beobachtung 26. X., ein junger Mann von 16 Jahren, aus ausgezeichneter Familie, hatte sexuelle Neigung zu einem Schwein. Da er sich für die Landwirtschaft interessierte, wurde er in eine entsprechende Schule gegeben. Einen Tag nach seiner Aufnahme stellte sich heraus, daß ein Schwein gestohlen war. Man fand, daß der junge Mann der Dieb war. Dies wiederholte sich, und man beobachtete ihn auch bei Liebkosungen, die er mit einem Schwein austauschte. Nächtliche Pollutionen waren bei ihm häufig und waren stets von der Vorstellung eines Schweines begleitet. X. wurde zunächst in einer Privatklinik untergebracht. Nach seiner Freilassung war seine erste Handlung, Geld zu stehlen und dafür ein Schwein zu kaufen. Tod mit 25 Jahren in einer Anstalt ( W. L. Howard ). Beobachtung 27. Y., Bauer, 40 Jahre. Vom 5. Jahr an epileptische Anfälle. Mit 17 Jahren Erwachen des Geschlechtstriebes. Y. hatte weder sexuelle Neigung zu Weibern noch zu Männern, wohl aber zu Tieren (Vögel, Pferde usw.). Er koitierte mit Enten, Hühnern, später mit Pferden, Kühen. Nie Onanie. Y. ist Frauen gegenüber sehr schamhaft, Koitus mit solchen erscheint ihm fast wie Sünde. Er war auch bei einem einmaligen Versuch, ein Weib zu koitieren, impotent. Tieren gegenüber war er immer sehr potent. Y. ist sehr beschränkten Geistes; seit Jahren religiöse Paranoia mit Ekstasezuständen ( Kowalewski ). Dieser Fall leitet schon zu jenen über, in denen die Zoophilie oder der mit Tieren ausgeübte Sexualakt im wesentlichen nichts anderes als ein Symptom einer auch anderweitig sich kundtuenden geistigen Störung ist. Paranoiker, Epileptiker, Alkoholiker, Maniker gehören hierher. Beobachtung 28. T., 35 Jahre alt, trieb schon mit 9 Jahren Unzucht mit einem Huhn, später mit andern Haustieren. Als er mit Weibern zu koitieren begann, schwanden seine zoophilen Gelüste. Er heiratete mit 20 Jahren, war sexuell befriedigt, mit 27 Jahren begann er zu trinken, worauf seine früheren Neigungen wieder erwachten, so daß er ihnen schließlich erlag. T. versichert, daß er bei einem solchen Akt viel größere Wollust empfände als beim coitus cum femina. Schließlich Internierung wegen Alkoholwahnsinns ( Boissier und Lachaux ). Beobachtung 29. A., 16 Jahre alt, seit Kindheit Masturbant, manisch, depressiv, imbezil. 12 Jahre alt, sah er, wie Knaben einen Hund masturbierten. Er machte es nach und konnte sich nicht enthalten, in der Folge Hunde, Katzen, Kaninchen zu mißbrauchen. Viel häufiger mißbrauchte er aber weibliche Kaninchen, die einzigen Tiere, die für ihn einen Reiz hatten. Mit Einbruch der Nacht pflegte er sich nach dem Kaninchenstall zu begeben, um seinem Drang zu frönen. Man fand wiederholt Kaninchen mit zerrissenem Rektum. Die zoophilen Akte spielten sich immer in der Weise ab, daß etwa alle 8 Wochen des Abends förmliche Anfälle auftraten, die deutlich an epileptische Anfälle erinnerten. Obwohl A. nach dem Akt tiefe Beschämung über das Vorgefallene empfand und seine Wiederkehr fürchtet, versichert er doch, vor die Wahl gestellt, ein Weib oder ein weibliches Kaninchen zu gebrauchen, sich nur zu letzterem entschließen zu können. In seinen Anfällen genügt es ihm meistens zur sexuellen Befriedigung, das Kaninchen nur an sich zu drücken und zu küssen. Manchmal aber ist er geradezu gezwungen, den Geschlechtsakt zu vollziehen. Die Zoophilie ist das einzige, was ihn befriedigt, und die einzige mögliche Art sexueller Tätigkeit ( Boeteau ). Zoophilie muß aber keineswegs immer mit so schweren geistigen Störungen verbunden sein. Manchmal, und vielleicht sogar häufiger, als es den Anschein hat, ist sie nichts anderes als einer der zahlreichen Auswege, die zu beschreiten Männer mit Potenzangst sich gezwungen glauben. Sehr bezeichnend ist dafür folgende Beobachtung: Beobachtung 30. In einer Provinzstadt ertappte man einen 30jährigen Mann aus hohem Stand im zoophilen Verkehr mit einer Henne. Man hatte lang nach dem Übeltäter gefahndet, weil die Hennen im Hause eine nach der andern zugrunde gingen. Der Angeklagte verteidigte sich mit dem Hinweis auf seine kleinen Genitalien, die ihm den Verkehr mit Weibern unmöglich machten. Die ärztliche Untersuchung ergab tatsächlich äußerst kleine Genitalien; der Mann selbst war geistig ganz normal ( Gjurkovechky ). Auch in Verbindung mit dem Sadismus kommt Zoophilie vor. Hier sei schon auf das später aufzustellende Schema verwiesen, in dem gezeigt wird, daß gewisse Sadisten stets ein tief unter ihnen stehendes Sexualobjekt wählen – was zweifelsohne für diese Art der Zoophilie von Bedeutung ist. Hier ist auch daran zu denken, daß im Kindesalter sadistische Akte an Tieren verhältnismäßig häufig sind, und daß dort, wo dabei Sexuallust empfunden wurde, eine Fixation des Vorganges folgen und in späteren Jahren zur Entstehung eines zoophilen Sadismus beitragen kann. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, daß überhaupt jeder zoophile Akt einen sadistischen Einschlag aufweist, weil dabei auf das Tier ein gewisser Zwang ausgeübt werden muß, und weil es den Akt sicherlich häufig als Schmerz empfindet. Es kann aber auch vorkommen, daß sadistische Personen Tiere als Ersatzobjekt wählen, so daß also eine nur scheinbare Zoophilie einen echten Sadismus sozusagen überlagert. Ein Beispiel dafür ist folgende Beobachtung: Beobachtung 31. Y., 20 Jahre alt, intelligent, wohlerzogen, körperlich gesund. Von Kindheit an große Freude an Tieren, besonders an Hunden und Pferden. Eines Tages beim erstmaligen Besteigen eines Pferdes Wollustempfindung. Nach 14 Tagen bei neuerlichem Anlaß dasselbe, zugleich mit Erektion. Kurz darauf erster Ritt, diesmal Ejakulation, was sich nach einem Monat wiederholt. Patient empfindet darüber Ärger und Abscheu, gibt das Reiten auf und hat nunmehr fast täglich Pollutionen, gewöhnlich mit der Traumvorstellung, er sitze zu Pferde oder dressiere Hunde. Schon der Anblick von Reitern oder von Hunden genügt, um eine Erektion hervorzurufen. Über ärztlichen Rat Koitusversuche, die erfolglos blieben. Später gelingen sie unter Zuhilfenahme der die Erektion fördernden Phantasiebilder von Hunden oder Reitern. Ausgang in Heilung ( Hanc ). Es ist leicht ersichtlich, daß das Obensein beim Reiten, das Herrschen beim Dressieren der Hunde hier die Hauptsache ist. Da diese Betätigung bei Tieren natürlich leichter durchführbar ist als bei Menschen, so werden eben jene dazu verwendet. Eine andere Gruppe von Zoophilen wird von Personen gebildet, die gewissermaßen einen sexuellen Spieltrieb besitzen und in einer Verbindung von Überkultur und Degeneration gänzlich hemmungslos geworden sind, wobei die eine oder die andere Komponente überwiegen kann. Häufig ist auch ein gewisser fetischistischer Einschlag festzustellen, wobei nicht das Tier der Fetisch ist, sondern die Gesamtsituation, in der sich der zoophile Akt vollzieht. Gewöhnlich wird man aber finden, daß neben dieser Perversion noch die verschiedensten andern Triebabweichungen bestehen, so daß man es hier mit wirklich polymorph perversen Individuen zu tun hat. Beobachtung 32. Die 26jährige Frau B., Mutter von 8 Kindern, beschuldigt ihren Mann, er habe vor einigen Monaten wiederholt von ihr verlangt, sich von einem Schäferhund begatten zu lassen. Der Akt gelang nur zweimal, und zwar in Knie-Ellbogenlage der Frau. B. reizte den Hund bis zur Erektion, legte ihn dann der Frau mit den Vordertatzen auf die Schultern und dirigierte den Penis in ihren Geschlechtsteil. Vor dem Samenerguß entfernte B. den Hund und übte dann selbst den Koitus aus. B. gibt an, den Akt aus Neugierde und um der Frau mehr Reiz zu verschaffen, inszeniert zu haben. Die Richtigkeit des Vorganges wurde von dem untersuchenden Arzt durch ein Experiment bestätigt. Er brachte den fraglichen Schäferhund zur Frau B. Der Hund drängte nach leichtem Locken den Kopf zwischen ihre Beine und beleckte ihre Genitalien. Hierauf begab sich die B. in Knie-Ellbogenlage, und mit leichter Nachhilfe ihrerseits legte sich das Tier über sie und machte lebhafte Koitusbewegungen ( Sury ). Bekannt ist ferner, daß in Bordellen in Großstädten und Hafenorten (Port Said) Prostituierte sich von Tieren (Eseln, Ziegenböcken, Hunden) begatten lassen. Diese Tatsache leitet über zu der bekannten Erscheinung, daß in Tiergärten Geschlechtsakte zwischen den dort zur Schau gestellten Tieren stets ein zahlreiches Publikum anlocken, und die sexuelle Erregung, in die so manche Zuschauer versetzt werden, läßt sich unschwer erkennen. Das hat gewöhnlich mit Zoophilie nichts zu tun. In Analogie zu dem reitlustigen Sadisten (Beobachtung 31) ergibt sich hier für solche Menschen eine bequeme Gelegenheit, einen Sexualakt zu beobachten, etwas, was – in deutlicher Ausprägung – als Voyeurtum bei der Besprechung des Fetischismus zu behandeln sein wird. Daß aber eine solche Betrachtung von Tieren ausgeübter sexueller Akte dort nicht ohne Folgen und Bedeutung bleibt, wo es sich entweder um wirklich zoophile oder noch mehr um sexuell undifferenzierte Personen handelt, beweist folgende Beobachtung: Beobachtung 33. Zusehen beim Decken einer Kuh und zweier Ziegen hat drei Knechte so aufgeregt, daß sie nach der Heimkehr im Stalle die Tiere gleich selbst mißbrauchten ( Sury ). Es sei nun noch kurz begründet, warum die Zoophilie in die erste Gruppe der Perversionen eingereiht und nicht in der zweiten im Zusammenhang mit dem Fetischismus besprochen wurde. Maßgebend dafür war, daß bei der Zoophilie jene Fälle bei weitem überwiegen, wo nur die Sexualität, nicht aber die Erotik den perversen Akt veranlaßt. Mit andern Worten, die Zoophilie steht der Hypersexualität ganz wesentlich näher als dem Fetischismus, von dem sie sich auch dadurch unterscheidet, daß bei diesem rein psychische Vorgänge die Hauptrolle spielen, während bei der Zoophilie gewöhnlich nur der in der Regel völlig undifferenzierte Geschlechtstrieb obwaltet. Die praktische Bedeutung der Zoophilie ist verhältnismäßig gering – was freilich nicht heißen soll, daß es sich dabei um eine seltene Perversion handelt. Man kann ruhig annehmen, daß die Mehrzahl aller Fälle unbekannt bleibt. Achtes Kapitel Autosexualismus Wir glauben, die erste Gruppe der Perversionen mit der Besprechung des Autosexualismus abschließen zu sollen, schon deshalb, weil sich dadurch von selbst ein Übergang zu jener Triebabweichung ergibt, mit der die zweite große Gruppe beginnt, dem Fetischismus. Bereits Moll hat nach dem Autoerotismus Havelock Ellis' den Begriff Autosexualismus gebildet und ihn in Zusammenhang mit dem Narzißmus gebracht. Wir glauben nun, daß der Autosexualismus eine sehr verbreitete und auch praktisch keineswegs belanglose Triebabweichung ist, die bisher hauptsächlich deshalb zu wenig beachtet wurde, weil man zahlreiche in dieser Art pervertierte Personen den Gruppen der sexuellen Anästhesie und Hypästhesie zugerechnet hat. Nun lehrt aber die Beobachtung, daß bei einer erstaunlich großen Zahl von Menschen von einer geschlechtlichen Betätigung scheinbar nicht die Rede sein kann. Man hat da die Wahl zwischen verschiedenen Annahmen. Man kann entweder der Ansicht sein, daß hier keine Libido vorliege, und daß somit das Hauptmotiv für irgendwelche Sexualakte fehle; dann müßte man die Grenzen der sexuellen Anästhesie beträchtlich weiter stecken. Oder aber man müßte meinen, daß es sich hier um eine sexuelle Askese und Abstinenz normal sexueller Personen handle, und zwar ohne daß sich bemerkenswerte Folgen ergäben. Dem widerspricht nun das, was wir über die Stauung der Libido, über die Umwandlung und Umsetzung libidinöser Regungen und dergleichen wissen. So bleibt schließlich die dritte Möglichkeit als die annehmbarste: daß jene Personen, denen der Sexualpartner fehlt, sich selbst als Sexualobjekt benützen, freiwillig oder, was wohl wesentlich häufiger ist, unfreiwillig. Kommt es zu einer dauernden Fixierung dieser Einstellung, so daß andere Möglichkeiten sexueller Betätigung gar nicht erwogen oder abgelehnt werden, dann darf, ja muß man von Autosexualismus sprechen. Bei dieser Triebabweichung ist es besonders schwierig, überzeugende Befunde zu erheben. Denn es bedarf einer ganz eigenen seelischen Verfassung, um sich gerade in dieser Beziehung von der Umwelt zu isolieren, um auf die naturgemäße und naturbedingte Verbindung mit der Menschheit zu verzichten. Daß eine stark ausgeprägte, ja übersteigerte Schamhaftigkeit, angeboren oder erworben, hier ganz wesentlich mitspielt, ergibt sich von selbst, und darin liegt auch schon begründet, wie schwer es ist, Zugang in diese sorgfältig behüteten Geheimnisse der Psyche zu finden. Dazu kommt noch, daß, zum Teil aus demselben Grund, ärztlicher Rat verhältnismäßig selten aufgesucht wird, zumal soziale Schädigungen oder Konflikte mit den Behörden beim Autosexualismus nicht zu befürchten sind. Will man diese Triebabweichung verstehen, so muß man beachten, daß sie im wesentlichen infantil ist. Das Kind entdeckt sich sehr bald als Sexualobjekt und verharrt dabei während eines verhältnismäßig langen Zeitraumes. Im normalen Verlauf der Dinge wird, hauptsächlich unter dem Einfluß der Erotik, diese Einstellung aufgegeben, wobei es freilich häufig genug vorkommt, daß sie später für kürzere oder auch längere Zeit oder schließlich im höheren Alter dauernd wieder aufgenommen wird. Der Autosexualismus ist eigentlich nichts anderes als die wichtigste sexuelle Rückzugslinie, der Ausweg, der es ermöglicht, die Schwierigkeiten der Objektwahl mit allen Gefahren der Enttäuschung, des Risikos, des Verlustes usw. zu vermeiden, ohne dabei auf die Sexuallust zu verzichten. Daraus ergibt sich schon, daß vor allem Personen mit Minderwertigkeitskomplexen zum Autosexualismus bestimmt sind; er ist dann gewissermaßen die leichteste und unschädlichste Lösung des Sexualproblems. Wenn wir z. B. die Potenzangst als – oft entscheidenden – Faktor bei den abwegigsten Perversionen antreffen und diese Fälle mit dem Autosexualismus vergleichen, so hat es durchaus den Anschein, als ob jene Lösung dort mißglückt und hier gelungen wäre. Auch in einem andern Sinn hat der Autosexualismus eine geglückte Lösung zu bedeuten. Die Fälle sind nämlich keineswegs selten, in denen Frauen ihr ganzes Leben hindurch nur klitoriell erregbar bleiben. Wenn es dann – in der Ehe – bei normalem Geschlechtsverkehr nur zu einer vaginalen Reizung kommt, bleibt der Orgasmus demgemäß aus. Der Ausweg aus diesem für die Frauen manchmal sehr quälenden Zustand wird dann darin gefunden, daß der eigentliche Geschlechtsakt immer weniger sexuell betont und sexuell erlebt wird, bis er schließlich zu einer als lästig empfundenen Formsache wird, und daß gleichzeitig sich insofern ein Autosexualismus entwickelt, als durch Wiederaufnahme infantiler Behelfsmaßnahmen der Geschlechtstrieb befriedigt wird. Es soll indessen mit alledem nicht der Eindruck erweckt werden, als ob der Autosexualismus keine Triebabweichung, sondern dem Normalen zumindest eng benachbart wäre. Denn Charakter und Persönlichkeit werden durch diese Art der Einstellung stark in Mitleidenschaft gezogen, so sehr, daß sich bereits aus ihnen gar nicht selten der Autosexualismus des betreffenden Individuums erschließen läßt. In solchen Fällen besteht der zugrunde liegende Minderwertigkeitskomplex unvermindert fort, und verschiedene Hilfsmaßnahmen werden zu seinem Ausgleich aufgeboten. Solche sind erhöhte Angriffslust, Herrschsucht, Machtwahn, Absonderungsbestrebungen usw. Anderseits kommt es vor, daß beim Autosexualismus die volle Befriedigung nicht erreicht wird, so daß libidinöse Reste übrigbleiben, die zu erotischen Tagträumen führen. Solche Personen sind dadurch in ihrer Tätigkeit gehemmt, und es hängt hier oft nur von manchmal ganz zufälligen äußeren Umständen ab, ob der Übergang in eine andere Perversion (wohl am häufigsten Fetischismus) erfolgt. Wenn wir bereits am Eingang dieses Kapitels davon gesprochen haben, daß es gewissermaßen den Übergang zum Fetischismus bildet, so war das vor allem darin begründet, daß hierher die praktisch wichtigste aller Perversitäten gehört, die Masturbation . Die Masturbation, auch Selbstbefriedigung oder Onanie genannt, ist besonders in der Zeit der Pubertät ganz allgemein verbreitet. Und die bis in die jüngste Zeit hinein immer wiederkehrende Anschauung, daß sie beim weiblichen Geschlecht weit seltener sei als beim männlichen, läßt sich heute kaum mehr aufrechterhalten. Zweifelsohne ist sie für eine ganze Reihe von Perversionen wesenseigentümlich, in erster Linie für den Fetischismus. Beim Autosexualismus bildet die Masturbation eigentlich den gesamten Inhalt der Perversion. Es ist dabei von sekundärer Bedeutung, ob sie rein sexuell erfolgt, also im Bereich des Physischen bleibt, oder ob sie erotischer Natur ist, also von verschiedenen Lustvorstellungen begleitet wird. Es ließe sich höchstens sagen, daß es bei jenen Formen des Autosexualismus, die ein Verharren auf infantiler Stufe oder ein Zurückkehren zu derselben darstellen, dann dort, wo – bei Frauen – der anders nicht auslösbare Orgasmus durch die Masturbation herbeigeführt wird, und schließlich bei sexuell weniger differenzierten Personen sich um die rein physische Masturbation handelt. Wo sie von Tagträumen und andern erotischen Vorstellungen begleitet wird, dort wird man zu zweifeln haben, ob es sich um Autosexualismus handelt, oder ob hier nicht eben jene Perversion vorliegt, zu der die dann ständig mit der Masturbation verknüpften Vorstellungsinhalte gehören, wie z. B. Masochismus, Fetischismus, Homosexualität usw. Im Zusammenhang mit dem Autosexualismus ist auch eine Triebabweichung zu besprechen, die als Narzißmus Nach dem schönen Griechenknaben Narziß , der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. bezeichnet wird. Dieser Ausdruck spielt in der neueren Psychoanalyse eine große Rolle, auf die nicht näher eingegangen zu werden braucht. Hier handelt es sich um jene Fälle, bei denen der Anblick des eigenen Körpers Lustvorstellungen hervorruft, die so stark sind, daß solcherart eingestellte Personen eine andere Sexualbetätigung, bzw. andere Sexualobjekte ablehnen. Schon Iwan Bloch hat darauf hingewiesen, daß Kinder bei der Selbstbespiegelung mitunter die ersten sexuellen Erregungen haben. Rohleder hat Fälle dieser Art als Automonosexualismus beschrieben. Eine solche Beobachtung lautet (gekürzt): Beobachtung 34. X., 25 Jahre alt, als Schüler geweckt, aber verschlossen, wenig Verkehr mit Kameraden. Weder über homosexuelle Neigungen noch über »Frauenzimmergeschichten« ist aus dieser Zeit etwas zu ermitteln, er sei bloß stets sehr eitel und akkurat gewesen. Sein liebstes sei es gewesen, sich in jenen Jahren gut zu kleiden. Er stand sehr viel vor dem Spiegel, frisierte sich zuweilen selbst Locken mit der Brennschere, bespritzte sich mit Kölnischem Wasser und dergleichen. X. ist mittelgroß, ziemlich breit gewachsen, von starkem Knochenbau; spärlicher dünner Bart, männliche Stimme, männliches Becken, normale Genitalbildung. Kurz, kein Hinweis auf irgendwelche Umwandlung der peripheren oder sekundären Geschlechtscharaktere. Der Sexualtrieb sei bei ihm mit dem 13. Lebensjahre erwacht. Damals sei er von Kameraden auf Erektion und Ejakulation aufmerksam gemacht worden. Seither 1-2mal wöchentlich Masturbation, niemals mutuelle Onanie. »Vom 14. Lebensjahre an erwachte in mir eine Achtung vor mir selbst, eine mächtige Eigenliebe. Ich hatte mich furchtbar lieb, pflegte mich selbst zu küssen, indem ich mich vor den Spiegel stellte und mein Spiegelbild küßte. Dabei bekam ich Erektionen; gleichzeitig war es mein höchster Genuß, mich nackend vor den größten Spiegel zu stellen und mein eigenes Glied zu beobachten, was mich manchmal, ohne daß ich es berührte, bis zur Ejakulation reizte.« Bei einem Versuch, mit einem Mädchen Beziehungen anzuknüpfen, blieb X. völlig kalt; er hatte mit 17 Jahren nicht die geringste Neigung, ein Mädchen unzüchtig zu berühren. Es traten keine Erektionen ein, und der Koitus mißlang. Ein junger Mann und selbst der schönste Knabe können ihn ebensowenig reizen wie das schönste Mädchen. »Es war mein höchster Genuß, mich selbst nackend im Spiegel zu sehen und mich abzuküssen, meinen eigenen Penis zu erfassen und mich masturbierend im Spiegel zu beobachten. Erregt werde ich sexuell gewöhnlich durch erregende Lektüre oder im Schlaf.« Die Träume haben zum Inhalt, daß er nackt in einem großen Salon vor einem großen Spiegel steht oder in einem großen Zimmer, dessen Wände nur aus Spiegeln bestehen, »wo also mein Ebenbild nackt von allen Seiten mir zugeworfen wird. Ich beginne mit demselben zu poussieren, den Schnurrbart zu drehen, zu küssen und bekomme dabei Erektionen und Samenausfluß«. Manchmal träumt er auch, er wolle baden, sitze am Meeresstrand oder an einem Bach und sehe sein Spiegelbild; dann möchte er das Wasser oder die einzelnen Körperteile im Wasser küssen. Allmählich habe er sich selbst begattet. »Ich presse mein Glied an das im Spiegel wiedergebildete Glied oder zwischen die Oberschenkel und empfinde dabei das höchste Seligkeitsgefühl; abstoßend wirkt hierbei nur die Kälte des Spiegels. Noch günstiger wirkt aber das Reiben des Gliedes an meinem Oberschenkel. Hierbei empfinde ich besonders durch die Wärme des Oberschenkels ein Kribbeln und Jucken in der Harnröhre, und gerade darauf erfolgt der Samenerguß.« Er bereut es nicht, daß er mit keiner andern Person Geschlechtsverkehr hat; er genügt sich vollkommen. »Unwillkürlich kommt mir der Gedanke, mein Spiegelbild sei ein zweites lebendes Ich, daß ich also in zwei Personen existiere. Dieses zweite Ich, das in meiner Phantasie stets als leiblich mir vorkommt, ist das inbrünstig von mir geliebte Wesen. Dieses Bildnis, mein eigenes Ich, ist es auch, was ich im Traum im Spiegel gesehen.« Nach Angabe einer Verwandten habe X. eine »Spiegelverrücktheit« und eine »Lichtverrücktheit«, denn Spiegel, die er von überallher zusammentrage, und Lichter seien seine Freude. Beruf, Sport, Zeichnen werden eifrig betrieben; viel rauchen, wenig trinken. X. ist sparsam, geizig. In der Kleidung sehr elegant – Lackstiefel, tadellose Wäsche usw. Überaus sorgfältige Körperpflege, starker Verbrauch von Seife, Pomade und Kölnisch Wasser. Allgemeinzustand und Gesundheit tadellos ( Rohleder ). Nun, schon dieser Fall läßt sich wohl auch so deuten, daß hier Autosexualismus homosexueller Färbung besteht. Und es ist möglich, daß dies auch für andere Fälle von Narzißmus zutrifft. Über die Verbreitung dieser Perversion läßt sich aus eben den Gründen, die bereits beim Autosexualismus erwähnt wurden, verhältnismäßig wenig sagen, doch scheint sie jedenfalls häufiger zu sein, als aus den Literaturangaben hervorgeht. Wir möchten aber bezweifeln, ob es überhaupt notwendig ist, den Narzißmus vom Autosexualismus abzutrennen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich hier lediglich um einen Autosexualismus mit überdurchschnittlich bewußten homosexuellen, sich auch auf Einzelheiten erstreckenden Lustvorstellungen. Dritter Teil. Zweite Gruppe der Triebabweichungen. Fetischismus / Sadismus / Exhibitionismus / Masochismus Theoretische Bemerkungen Wir gelangen nun zur zweiten der großen Gruppen, in die wir die Perversionen eingeteilt haben. Es ist das jene, bei der sowohl die Erotik abnorm , wie das Ziel der Handlung pervers ist. Hatten wir es bisher stets mit Triebabweichungen zu tun, bei denen die Sexualität in ihrer Intensität oder – teilweise – in ihrer Zielsetzung gegen die Norm verändert war, so tritt jetzt diese Komponente der Libido ganz deutlich zurück. Sie bleibt nur insofern bestehen, als sie ein Teil des Geschlechtstriebes ist. Das Gebiet, das wir nunmehr darzustellen haben, ist ebenso interessant wie praktisch bedeutungsvoll. Interessant, weil wir gerade hier den seltsamsten Zustandsbildern begegnen, der größten Mannigfaltigkeit und den verschiedensten Verwicklungen und Durchflechtungen der von der Norm abgeirrten Triebe. Und es ist klar, daß gerade dieser Faktor Erkenntnis wie Darstellung ganz wesentlich erschwert. Fließende Übergänge zum Normalen sind hier seltener als bei den bisher besprochenen Perversionen, dafür aber findet man ein eigenartiges Wechselspiel zwischen Tat und Traum, zwischen wirklichem Geschehen und reiner Phantasie. Die praktische Bedeutung der Perversionen dieser Gruppe ist sehr groß. Manche von ihnen, wie der Masochismus, sind außerordentlich weit verbreitet, andere, wie der Sadismus, sind gleichzeitig forensisch von Belang. Aus verschiedenen Gründen erscheint es nun geboten, zuerst einige theoretische Bemerkungen über die seelischen Strebungen und Strömungen zu machen, die diesen Perversionen eigentümlich sind. Schon bei der Einteilung wurde diese Gruppe dadurch gekennzeichnet, daß hier mehr ein Abweichen der Erotik als der Sexualität vorliegt, und daß diese zwar – als Geschlechtstrieb – der bunten Vielfalt der Erscheinungen stets zugrunde liegt, dabei aber kaum hervortritt. Um eine Umschau und Übersicht über das ganze Gebiet zu erhalten, ist es zweckmäßig, von einer Anschauungsweise Gebrauch zu machen, die sich dort als praktisch wohl verwendbar erwiesen hat, wo es sich darum handelte, die Einstellung, das Weltbild einer Epoche, eines Zeitabschnittes mit dem eines andern zu vergleichen. Es ist eine wichtige Errungenschaft unserer Zeit, daß sie die gesamte Erscheinungswelt nicht mechanisch, sondern dynamisch auffaßt, daß sie also das Leben und seine Formen nicht als ruhend ansieht, sondern als bewegt. Es ist klar, daß eine solche Betrachtungsweise sowohl kausal, also vom Ursprung her, wie final, also nach dem Ziele hin, eingestellt ist. Fassen wir z. B. die ältere Sexualpsychologie ins Auge, so sehen wir, daß sie gewissermaßen eine Psycho mechanik war und also fertige Zustandsbilder annahm, verarbeitete und wertete. Im deutlichen Gegensatz dazu ist die neuere Tiefenpsychologie ständig bestrebt, die Kraftlinien aufzuzeigen, auf denen sich das seelische Geschehen abspielt, und wir sind überzeugt, daß es nur auf diese Weise möglich ist, die dunklen Hintergründe zu erhellen und in die tiefen Abgründe zu dringen, deren Erforschung gerade für die Erkenntnis der Abweichungen des Geschlechtstriebes unumgänglich ist. Gewiß keine leichte Aufgabe! Um so verlockender wäre es also, sich einer Lehre, einer Anschauungsweise anzuschließen, die für sich selbst überzeugt ist, hier die richtigen Wege weisen zu können. Hat man indes die unendliche Vielfalt der Erscheinungen gerade auf dem Gebiet der Sexualpsychologie erkannt, so ist man durchaus genötigt, die Möglichkeit zu bezweifeln, all jenes Geschehen als einer Wurzel entstammend oder einem Ziele zustrebend anzusehen. Wenn wir also die gesamten Perversionen psychodynamisch betrachten und zu erklären versuchen, so benützen wir zwar die Ergebnisse der modernen Tiefenpsychologie, der Psychoanalyse Freuds und der Individualpsychologie Adlers , ohne jedoch deswegen den Boden eines Systems zu betreten oder einer bestimmten Lehrmeinung durchaus zu folgen. Ebensowenig liegt es in unserer Absicht, selbst ein System der Triebabweichungen aufzustellen, wie auch unsere Einteilung in verschiedene Gruppen lediglich praktischen Zwecken dienen soll. Diese Feststellung wird hier wiederholt, weil nachstehend ein gewisses Schema gegeben werden soll, das gleichfalls nicht als System gedacht ist, sondern wiederum bloß um seiner praktischen Verwendbarkeit willen hier aufgenommen wurde. Dieses Schema beruht auf zwei Grundlagen. Erstens auf der dynamischen Auffassung der Perversionen und zweitens auf der Tatsache, daß eine große Reihe von Triebabweichungen dadurch zustande kommt, daß zwei grundsätzlich verschiedene Kräfte und Strebungen gleichzeitig obwalten. Wenn wir deren eine als Geschlechtstrieb bezeichnen, so können wir die andere Machttrieb nennen, wobei natürlich weniger an den Willen zur Macht Nietzsches zu denken ist als an das triebhafte Verlangen, das Sexualobjekt nicht nur zu erreichen (Geschlechtstrieb), sondern sich seiner zu bemächtigen. Diese Zweiteilung erlaubt uns, bei einer schematischen Darstellung der Triebabweichungen die Annahme zu machen, daß die den Geschlechtstrieb symbolisierende Kraftlinie in der einen Dimension verläuft, die des Machttriebes in der andern; und wenn wir, wie begreiflich, diese von oben nach unten verlaufen lassen, so wählen wir für jene die Richtung rechts – links. Es wird sich sogleich zeigen, daß diese Annahmen uns ermöglichen, graphisch alle Triebrichtungen in einfacher Weise darzustellen und, was noch wichtiger ist, durch dieses Schema dem Verständnis wesentlich näherzubringen. Graphisches Schema I Beginnen wir mit der einfachsten Art der sexuellen Betätigung, mit dem normalen Geschlechtsverkehr, so zeigt das Schema folgendes Bild S bezeichnet stets das Subjekt, der Pfeil die Richtung Zum Objekt. »Links« für normal (heterosexuell) und »rechts« für abnormal sind willkürlich zum Zweck der graphischen Darstellung gewählt. : Die Kraftlinie verläuft horizontal nach links, vom Subjekt S zum normalen, also heterosexuellen Sexualobjekt. Das Gegenstück dazu sieht so aus: Der gleiche Trieb, nach der genau entgegengesetzten Richtung – die Homosexualität, hier noch frei von jeder andern Perversion. Es ist nun sehr leicht, die bisher besprochenen Anomalien des Trieblebens in dieses Schema einzureihen. Die folgenden Zeichnungen versinnbildlichen die sexuelle Hypästhesie und die Hyperästhesie: Hypästhesie Hyperästhesie Bei der zweiten Gruppe der Triebabweichungen müssen wir zur graphischen Darstellung bereits eine Dimension mehr heranziehen. Wenn wir mit dem Fetischismus beginnen und zuerst den Partialfetischismus wiedergeben, also jene noch ausführlich zu besprechende Einstellung, bei der zwar ein menschliches Wesen Objekt des Geschlechtstriebes ist, wo aber zuerst einmal dieses nicht als Ganzes begehrt wird, sondern wo ein bestimmter Teil (Haare, Busen, Nates usw.) das Ziel der Lust bildet, so verlaufen die Linien vom Subjekt S wieder nach links, und zwar einerseits vielfältig, anderseits nach abwärts. Letzteres ganz einfach deshalb, weil der Teil ja weniger ist als das Ganze. Graphisches Schema II Beim wirklichen Fetischismus, bei dem jeder Gegenstand und jede Handlung Sexualobjekt werden kann, gehen die Kraftlinien natürlich nach rechts und noch deutlicher nach abwärts als dies beim Partialfetischismus der Fall war. Besonders brauchbar ist unser Schema beim Sadismus und beim Masochismus, und hier müssen wir ein Koordinatenkreuz benützen, um das sehr wichtige und interessante Verhältnis darzustellen, in dem der Sadist oder der Masochist zu seinem Sexualobjekt steht. Es ist nämlich diesen beiden Perversionen gemeinsam, daß in ihnen die Orientierung: oben – unten durchaus zum Ausdruck kommt. Dafür gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt kann beim Sadismus von vornherein so sein, daß das Objekt tiefer steht. Sei es durch entsprechende Objektwahl (Kinder, Prostituierte), sei es durch ein entsprechendes Arrangement ; diesem Begriff werden wir beim Sadismus, beim Masochismus und vor allem beim Fetischismus noch oft begegnen. Graphisch sieht das dann so aus: Oder aber der Sadist erhebt sich über sein Objekt, er läßt es also sozusagen auf der normalen Ebene und stellt sich selbst entsprechend höher, was in der Regel durch einen stark phantasiebetonten Willensakt geschieht. Die Zeichnung zeigt dann folgendes Bild: Der Unterschied zwischen diesen beiden Einstellungen ist von größter Bedeutung und bedarf ausführlicher Besprechung. Es sei hier bloß vorweggenommen, daß jene Form des Sadismus gewissermaßen bürgerlicher Natur und eng mit Prügel- und Zwangsmaßnahmen in der Familie, Schule usw. verknüpft ist, während zu dieser Form die sadistischen Sexualverbrecher und jene Unholde gehören, deren Größenwahn sie gegen fremdes Leid gleichgültig macht. Graphisches Schema III Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß das Schema dort, wo der Sadist gleichzeitig homosexuell ist, die folgenden Bilder ergibt: Der Masochismus, der bekanntlich das gerade Gegenteil zum Sadismus bildet, wird auch durch gegensätzliche Zeichnungen ausgedrückt. Auch hier wieder ist es von wesentlicher Bedeutung, ob der Masochist das Sexualobjekt auf der normalen Ebene beläßt und also herabsteigt, oder ob er sein Sexualziel höher oben sucht. Will man – um auch hier etwas vorwegzunehmen – die beiden Gruppen mit ein paar Worten kennzeichnen, so kann man sagen, daß der ersten ungefähr jene Masochisten angehören, die mehr eine grobsinnliche Befriedigung suchen, wie z. B. die Kunden der Massagesalons, während zur zweiten Gruppe jene Personen zu rechnen sind, die das Objekt ihrer Triebabweichung zu verherrlichen trachten, wie das etwa im Mittelalter in den Zeiten des Minnedienstes stark verbreitet war. Das Schema ergibt folgende Bilder: Was schließlich den Autosexualismus betrifft, so ist auch er mit den Möglichkeiten darstellbar, die unser Schema bietet. Sexualobjekt und -subjekt fallen bei ihm zusammen, der Trieb bleibt am eigenen Ich fixiert. Als das wichtigste an diesem ganzen Schema möchten wir die in ihm festgehaltene dynamische Auffassung der Triebabweichungen hervorheben. Denn Kräfte , und zwar gewaltig wirksame Kräfte, sind hier am Werk und zerren den Perversen weit hinein ins Absonderliche, Verschrobene, selbst Grauenhafte. Auf diesem Gebiet ist eben alles möglich; und die Wirklichkeit spottet so manches Mal auch der kühnsten Phantasie. Neuntes Kapitel Fetischismus Krafft-Ebing hat schon in den Betrachtungen über die Psychologie des normalen Sexuallebens, die auch in diese Neubearbeitung übernommen wurden, dargetan, daß »noch innerhalb der Breite des Physiologischen die ausgesprochene Vorliebe, das besondere konzentrierte Interesse für einen bestimmten Körperteil am Leib der Personen des entgegengesetzten Geschlechts, insbesondere für eine bestimmte Form dieses Körperteils eine große psychosexuale Bedeutung gewinnen kann. Ja, es kann geradezu diese besondere Anziehungskraft bestimmter Formen und Eigenschaften auf viele, ja die meisten Menschen als das eigentliche Prinzip der Individualisierung in der Liebe angesehen werden«. Diese Vorliebe für einzelne bestimmte physische Charaktere an Personen des entgegengesetzten Geschlechtes – neben der sich auch ebenso eine ausgesprochene Bevorzugung bestimmter psychischer Charaktere feststellen läßt – hat Krafft-Ebing in Anlehnung an Binet und Lombroso Fetischismus genannt, weil »tatsächlich das Schwärmen für und das Anbeten von einzelnen Körperteilen (oder selbst Kleidungsstücken) auf Grund sexueller Dränge vielfach an die Verehrung von Reliquien, geweihten Gegenständen usw. in religiösen Kulten erinnert. Es gibt jedoch auf psychosexualem Gebiet neben diesem physiologischen noch einen unzweifelhaft pathologischen erotischen Fetischismus, der sich nicht allein auf bestimmte Körperteile bezieht, sondern selbst auf leblose Gegenstände, welche jedoch fast immer Teile der weiblichen Kleidung sind und damit in naher Beziehung zum Körper des Weibes stehen. Dieser pathologische Fetischismus schließt sich in allmählichen Übergängen an den physiologischen an, so daß es (wenigstens für den Körperteilfetischismus) beinahe unmöglich ist, eine scharfe Grenze zu ziehen, wo die Perversion beginnt.« Sind wir bis hierher Krafft-Ebing wortwörtlich gefolgt, so glauben wir nun genötigt zu sein, all den Erfahrungen Rechnung zu tragen, die seither gerade auf diesem Gebiete gemacht wurden, und die theoretischen Grundlagen des Fetischismus in mancher Beziehung anders darzustellen, als es der Schöpfer dieses Begriffes getan hat. Das müssen wir aber deshalb tun, weil wir die Einteilung in einen physiologischen und einen pathologischen Fetischismus oder die Aufstellung von vier Gruppen – Teile des weiblichen Körpers, Stücke der weiblichen Kleidung, bestimmte Stoffe, Tiere – dadurch ersetzen, daß wir bloß zwei Unterteilungen annehmen, den Partialfetischismus und den Fetischismus im engeren Sinn (im folgenden kurz als Fetischismus bezeichnet). Der Partialfetischismus deckt sich einerseits mit dem physiologischen Fetischismus, anderseits mit der ersten der vier Gruppen Krafft-Ebings , während der Fetischismus im engeren Sinn dem pathologischen Fetischismus entspricht, ferner den drei andern Gruppen Krafft-Ebings und schließlich noch recht zahlreichen andern durch Perversitäten fetischistischer Natur gekennzeichneten Formen. Es ist klar, daß wir einer solchen Einteilung nicht mehr als heuristischen Wert beimessen, aber wir halten es für durchaus geboten, auch auf diese Weise die mit so großen Schwierigkeiten verbundene Erkenntnis des Fetischismus zu erleichtern, jener Perversion, die unstreitig unter allen Triebabweichungen die sonderbarste, mannigfaltigste und seltsamste ist. Das hat zweifelsohne auch Krafft-Ebing empfunden, und eben deshalb hat er, was sonst wohl kaum zu verstehen wäre, einen Teil des Fetischismus, also einer Perversion, als physiologisch bezeichnet und beschrieben. Wir sind überzeugt, daß die Bildung des neuen Begriffes: Partialfetischismus von erheblicher praktischer Bedeutung und zudem geeignet ist, den inneren Widerspruch einer »physiologischen Perversion« aus dem Wege zu schaffen. Ferner ist es notwendig, die bei Krafft-Ebing herrschende Ansicht, daß der Fetisch stets heterosexuell sei oder mit einer Person des andern Geschlechtes im Zusammenhang stehe, unter Berücksichtigung des seither zustande gekommenen Tatsachenmaterials richtigzustellen. Wir haben an verschiedenen Stellen dieses Buches betont, daß auf dem Gebiet der Triebabweichungen stets fließende Übergänge zwischen dem Normalen und dem Pathologischen bestehen, und daß diese Tatsache imstande ist, das Verständnis mancher auf den ersten Blick unerklärlicher Abwegigkeiten zu erleichtern. Wir beginnen demgemäß die Besprechung des Partialfetischismus mit der Feststellung, daß bei jeder Wahl eines Sexualobjektes gewisse fetischistische Momente mitspielen. Das geht schon daraus hervor, daß jedes Individuum im Zustande der Verliebtheit anzugeben vermag, auf welche Einzelheiten der geliebten Person dieser Zustand zurückzuführen sei. Dieser Vorgang ist sogar bereits statistisch erforscht worden. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß er durchaus normal ist; seine Erklärung aber stößt insofern auf beträchtliche Schwierigkeiten, als hier ästhetische Momente und somit komplexe psychophysische Zusammenhänge mitspielen. Der entscheidende Übergang zum Partialfetischismus beruht nun darauf, ob ein Einzelteil des Körpers der geliebten Person als einziger Reiz wirkt, bzw. ob um dieses Reizes willen die gesamte Person geliebt, also sexuell begehrt wird. Schon Krafft-Ebing hat bemerkt, daß nicht das, was auf den Fetischisten als Reiz wirkt, im allgemeinen abnorm ist, sondern eher das, was nicht als Reiz wirkt, kurz, die für ihn eingetretene Einschränkung des Gebietes sexuellen Interesses. Und sehr mit Recht sagt der Autor weiter, daß dieses eingeengte sexuelle Interesse auf dem beschränkten Gebiet mit um so größerer, mit ganz abnormer Intensität aufzutreten pflegt. Nun, das gilt für die schwereren Fälle, mit denen wir uns vorläufig nicht zu beschäftigen haben. Entscheidend für die Frage, ob in einem bestimmten Falle von Partialfetischismus gesprochen werden kann, ist die Stellung der betreffenden Person zum normalen Geschlechtsverkehr, zum Koitus. Denn es gehört absolut zum Wesen des Fetischismus, daß die Ejakulation, der Orgasmus, nicht durch den normalen Sexualakt herbeigeführt wird, sondern entweder durch Masturbation, bei der nicht so selten auch höchst merkwürdige Friktionsmechanismen angewendet werden, oder – seltener – ohne fühlbare Reizung, auf psychischem Wege. Dem widerspricht anscheinend, daß zahlreiche Fetischisten erklären, auch den normalen Koitus zu vollziehen, allerdings unter Zuhilfenahme entsprechender, an den Fetisch geknüpfter Vorstellungen. In Wirklichkeit handelt es sich da aber nicht um den normalen Geschlechtsakt, sondern um Masturbation unter Zuhilfenahme des Sexualpartners! Man muß also unterscheiden, ob dort, wo z. B. ein Mann eine Frau um ihrer schönen Hände willen liebt, diese der für den Orgasmus entscheidende Faktor sind, sei es, daß der Höhepunkt nur dann eintritt, wenn die Masturbation durch diese Hände erfolgt, sei es, daß Erektion und Koitus nur dann möglich sind, wenn diese Hände angeschaut, berührt, geküßt werden, oder wenn sie den wesentlichsten Vorstellungsinhalt während des Aktes bilden, oder ob die Hände zwar für das Zustandekommen der Liebesbeziehung seinerzeit entscheidend waren, während nunmehr der normale Geschlechtsakt in normaler Weise ohne Vorwiegen von mit den Händen verknüpften Vorstellungen stattfindet. Erinnern wir uns nun der früher erwähnten erogenen Zonen . Sie spielen beim Partialfetischismus eine wichtige Rolle, da sie besonders oft Gegenstand dieser Triebabweichung sind. Unter ihnen gibt es sozusagen eine Rangordnung: Gesäß (Nates) und Brüste (Mammae) stehen hier an erster Stelle, und dementsprechend ist auch die Zahl der ausgeprägten Nates- und Mammafetischisten recht erheblich. Wir werden später noch zu zeigen haben, daß gerade einzelne Formen des Partialfetischismus die Grundlage gewisser komplexer Perversionen bilden, die an und für sich bereits zur zweiten großen Abteilung, also zum Fetischismus im engeren Sinne gehören. Das bezeichnendste Beispiel dieser Art ist die Flagellomanie. Zu der Feststellung, daß der Partialfetischismus erogene Zonen bei der Objektwahl bevorzugt, gehört auch die sehr große Rolle, die der männliche Phallus im Sexualleben der Frauen spielt Das hat auch Goethe gewußt und ausgesprochen (Faust I. Teil, Blocksberg). . Es ist das zugleich ein schönes Beispiel für die sich immer wieder ergebenden Übergänge zwischen Normalem und Pathologischem, da die sexuelle Erregung auch durchaus normaler Frauen durch die beim Partner sicht- oder spürbare Erektion herbeigeführt oder gesteigert wird. Der Priapuskult der Antike, die in Indien noch so überaus verbreitete Verehrung des Lingam Phallus des Gottes Schiwa, symbolhaft in Form einer senkrechten zapfenförmigen Steinsäule dargestellt. sind gleichfalls in dieser Hinsicht beweisend. Von neueren Psychologen hat besonders Weininger (Geschlecht und Charakter) sich mit diesem Problem beschäftigt. Es heißt dort: »Man hat es entweder nicht sehen oder sagen wollen, man hat sich aber auch kaum eine richtige Vorstellung davon gemacht, was das Zeugungsglied des Mannes für das Weib, als Frau wie schon als Jungfrau, psychologisch bedeutet, wie es das ganze Leben der Frau, wenn auch oft völlig im Unbewußtsein, beherrscht. Ich meine keineswegs, daß die Frau den Geschlechtsteil des Mannes schön oder auch nur hübsch findet. Sie empfindet ihn vielmehr ähnlich wie der Mensch das Medusenhaupt, der Vogel die Schlange: er übt auf sie eine hypnotisierende, bannende, faszinierende Wirkung aus.« Aber nicht nur Psychologen, sondern auch Ästheten, wie Georg Hirth , und naturphilosophische Biologen, wie Bölsche , haben den erotisierenden Einfluß des Phallus hervorgehoben. Von wirklichem Partialfetischismus kann man da zwar nicht sprechen, aber diese ganze so außerordentlich verbreitete und bedeutsame Einstellung kann wohl als eine Art Übergang zu dieser Triebabweichung angesehen werden. Schwieriger ist es, zu der Frage Stellung zu nehmen, ob und inwieweit das weibliche Genitale für den Mann zum Fetisch werden kann. Von vornherein scheint zwar die außerordentliche Verbreitung des Cunnilinguus die Frage zu bejahen. Dem steht aber entgegen, daß bei dieser Perversität teils masochistische Tendenzen, teils die Potenzangst des Mannes die überwiegende Rolle spielen. Eine als echte Triebabweichung anzusprechende Fixierung an das weibliche Genitale wurde bisher kaum beschrieben, so daß die sexuellen Empfindungen, die durch diese Region beim Manne ausgelöst werden, wohl dem Gebiet der Vorlust zuzurechnen sind. Hier mögen zwei interessante Mitteilungen Iwan Blochs Platz finden: Beobachtung 35. X., 30 Jahre alt, Naturwissenschafter, bereits im Alter von 4 Jahren die ersten sexuellen Erregungen, die sich später gegen die Pubertätszeit stets an die Vorstellungen eines männlichen Gliedes, besonders der Vorhaut anknüpften. Vor eigentlichem geschlechtlichem Verkehr mit Männern bestand stets Widerwillen. X. fühlte sich durchaus zu Frauen hingezogen. Jedoch tritt von Zeit zu Zeit die Vorstellung des Gliedes wie eine Art Zwangsvorstellung auf, im Anschluß an welche X. masturbiert, wobei er nicht selten die Umrisse eines Gliedes aufzeichnet ( Iwan Bloch ). Ebenso selten wie interessant ist die nächste Beobachtung: Beobachtung 36. X., Offizier, fahndet überall nach zwitterhaften Bildungen an den Genitalien (Hermaphroditismus). Er ist nach dieser Richtung in den Kreisen der Berliner Prostituierten ziemlich bekannt, die seine Neigung weidlich durch Nachweis angeblicher Zwitter ausnützen. Er hat auch glücklich mehrere wirkliche Zwitter entdeckt, hat aber trotz aller Anerbietungen nie Gegenliebe gefunden ( Iwan Bloch ). Wie schon im ersten Kapitel des Buches erwähnt, ist keine erotische Bindung frei von gewissen fetischistischen Momenten, und jeder Teil des Körpers der geliebten Person kann in dieser Hinsicht verwertet werden. Das gilt besonders für ästhetisch bedeutsame Teile, wie Augen, Nase oder Mund. Daß z. B. die Nase oder die Nasenlöcher zum echten Fetisch werden können, zeigt ein Fall von Binet : Beobachtung 37. X., 34 Jahre alt, Gymnasiallehrer, hat in der Kindheit an Konvulsionen gelitten. Mit 10 Jahren begann er zu onanieren, unter wollüstigen Empfindungen, die sich an sehr sonderbare Vorstellungen knüpften. Er schwärmte eigentlich für die Augen des Weibes; da er aber durchaus sich auf irgendeine Art den Koitus vorstellen wollte und in sexualibus gänzlich unwissend war, so kam er auf die Idee, um sich so wenig wie möglich von den Augen zu entfernen, den Sitz der weiblichen Geschlechtsorgane in die Nasenlöcher zu verlegen. Um diese Vorstellung dreht sich von jetzt ab seine sehr lebhafte sexuelle Begierde. Er entwirft Zeichnungen, welche korrekte griechische Profile von Frauenköpfen darstellen, aber mit so weiten Nasenlöchern, daß die Immissio penis möglich wird. Eines Tages sieht er im Omnibus ein Mädchen, in welchen er sein Ideal zu erkennen glaubt. Er verfolgt es in dessen Wohnung, hält augenblicklich um dessen Hand an. Hinausgewiesen, dringt er immer wieder ein, bis er verhaftet wird. X. hat niemals geschlechtlichen Umgang gehabt ( Binet ). Hierher gehört auch ein Gedicht, das Krafft-Ebing aus England zugesandt erhielt: »O sweet and pretty little nose, so charming unto me; O were I but the sweetest rose, I'd give my scent to thee. O make it full with honey sweet, That I may suck it all; 't would be for me the greatest treat, A real festival. How sweet and how nutritious your darling nose does seem. It would be more delicious, Than strawberries and cream ...« Zu den häufigsten Formen des Partialfetischismus gehört, wie bereits erwähnt, der Natesfetischismus, also jene Triebabweichung, bei der die Nates , die Gesäßpartien, Gegenstand des Geschlechtstriebes sind. Beim Weibe gehört dieser Teil des Körpers zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen, gleichzeitig ist er eine der erogenen Zonen, und er spielt somit auch im normalen Sexualleben eine wesentliche Rolle. Aktiv wie passiv, im Sinne der Betastung wie der Betrachtung, ist er für die Vorlust zweifellos wichtig. Es wird auch niemandem einfallen, etwa die Venus Kallipygos mit dem Fetischismus in Verbindung zu bringen, und das gleiche gilt für jene Figürchen aus der frühesten Zeit menschlicher Geschichte, bei denen wie bei der Venus von Willendorf die Gesäßpartien in auffälliger Übertreibung geformt sind. Etwas anders liegen die Dinge schon dort, wo durch die Kleidung diese Partie besonders betont wird. Die Beliebtheit, der sich gegen das Ende des 19. Jahrhunderts die sogenannten Hosenrollen auf dem Theater erfreuten, läßt sowohl auf einen – gewöhnlich allerdings latenten – Partialfetischismus dieser Art wie auf ein gewisses Maß von Homosexualität bei einer immerhin beträchtlichen Anzahl von Zuschauern schließen. Gerade der Natesfetischismus ist sehr häufig mit einer andern Perversion verbunden, mit dem Sadismus, und ergibt dann die Flagellomanie. Hierher gehören ferner die keineswegs seltenen Fälle, in denen bei jeder möglichen Gelegenheit eine – für die betroffene Person oft auch schmerzhafte – Berührung der Gesäßpartie erfolgt. Nun ist es aber gerade für die Gesäßgegend eigentümlich, daß sie nicht nur anziehend – erotisierend – wirkt, sondern auch abstoßend, wofür man ja nur das genugsam bekannte Götz-Zitat als Beispiel anzuführen braucht. Begreiflich also, daß der Natesfetischismus sich auch mit masochistischen Regungen verbinden kann, und daß dann dieser Körperteil, gewöhnlich in Verbindung mit der Analöffnung, in den Tagträumen und manchmal auch in den Tathandlungen fetischistisch-masochistischer Personen eine beträchtliche Rolle spielt. Bei den Natesfetischisten ist eine Handlungsweise nicht selten, die wir bereits in der Beobachtung Blochs (35) gefunden haben, und die bei allen möglichen Formen des Fetischismus sehr häufig ist. Es ist das das Zeichnen und Abbilden des Fetischs. In ausgeprägten Fällen legen sich solche Menschen ganze Bildersammlungen an, die dann als Behelfe zur Masturbation benützt werden. Auch Bilder und Photographien aus Zeitschriften, Magazinen und dergleichen werden dazu als Unterlagen verwendet und oft in obszönster Art und Weise umgezeichnet. Personen, die im öffentlichen Leben stehen (Bühne, Film usw.), natürlich besonders Frauen, werden überraschend oft mit der Zusendung solcher fetischistisch entstellter Bilder belästigt. Schließlich steht in gewissem Zusammenhang mit dem Natesfetischismus noch eine andere besonders schwere Triebabweichung, die erst im weiteren Verlaufe zu besprechen sein wird und hier bloß erwähnt sein möge: die Koprolagnie . Der Busen - oder Mammafetischismus erscheint heute als eine viel deutlichere Triebabweichung, als dies früher, etwa in der Makartzeit, der Fall war, weil ja heute ein voll- oder sogar überentwickelter Busen ästhetisch wie erotisch nicht eben hoch bewertet wird, so daß also Personen, die eine besondere Vorliebe für große und üppige Frauenbrüste aufweisen, bereits deshalb von der Norm abzuweichen scheinen. Von einem richtigen Partialfetischismus wird man aber natürlich nur dort sprechen können, wo nicht mehr die Frau, der die Brüste angehören, Gegenstand des Geschlechtstriebes ist, sondern nur diese selbst. Daß die weiblichen Brüste, die sowohl sekundäres Geschlechtsmerkmal wie erogene Zone sind, auch in der normalen Erotik und Sexualität eine beträchtliche Rolle spielen, ist ebenso bekannt wie ihre ästhetische Bedeutung, und die weibliche Kleidung hat zu allen Zeiten und bei allen Völkern dieser Tatsache stets Rechnung getragen. Der echte Mammafetischismus ist deutlich seltener als der Natesfetischismus, schon deshalb, weil hier kaum je eine Verbindung zu Sadismus oder Masochismus besteht. Wohl aber kann es von hier aus zur Ausbildung einer andern fetischistischen Perversion kommen, als deren Beispiel nachfolgender Brief angeführt sei (der, nebenbei bemerkt, an eine – Ammenvermittlerin gerichtet ist): Sehr geehrte Frau Y. Gestatten Sie, daß ich mich in einer sehr diskreten Angelegenheit vertrauensvoll an Sie wende und Sie freundlichst um Ihren Rat und Unterstützung bitte. Schon seit langem werde ich von einem ungeheuren Verlangen nach dem, das Sie aus nachstehendem ersehen werden, geplagt, daß ich mich entschlossen habe, zu versuchen, ob es nicht möglich ist, diesem unwiderstehlichen Drange, dessen geheimnisvolle Herkunft ich mir nicht erklären kann, Folge zu leisten. Es hat sich dies bei mir zu einer derartigen Leidenschaft ausgebildet, daß ich nicht mehr imstande bin, davon abzulassen, obgleich ich mir täglich unzählige Male das Absonderliche dieser Handlung vorgehalten und wieder und immer wieder, leider vergeblich, dagegen anzukämpfen versucht habe. Um mich also kurz zu fassen: ich möchte nämlich gern einmal die Milch einer jungen Frau trinken, und wollte Sie nun fragen, ob Sie nicht etwa in Ihrem Bekanntenkreis eine junge Frau wüßten, die bereit wäre, mir einmal gegen gutes Honorar ihre Milch zu überlassen, allerdings unter der Bedingung, daß ich sie direkt aus der Brust trinken könnte! Sie werden dies sehr sonderbar von mir finden, aber, wie gesagt, je öfter ich versucht habe, mich hiervon frei zu machen, desto dringender und leidenschaftlicher wird das Verlangen darnach. Ich gebe auch selbst zu, daß dies wohl für einen jungen Mann nicht schicklich ist, doch ist es aber auch anderseits nichts gerade Unsittliches, und es könnte auch wohl niemand hierin eine strafbare Handlung erblicken. Ich versichere Ihnen ausdrücklich, daß mir alles Unehrenhafte durchaus fern liegt, sondern es mir nur darum zu tun ist, jener unbeschreiblichen Leidenschaft einmal nachzugeben ... Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar dafür und möchte noch hinzufügen, daß ich besonderen Wert darauflege, daß die betreffende Frau eine volle Büste mit üppigen, großen Brüsten besitzt; vielleicht beachten Sie auch dies, bitte ... ( Wiener Institut für Sexualforschung ). Wenn wir nun zu andern Körperteilen übergehen, so müssen wir uns zunächst mit der Frage beschäftigen, ob die außerordentlich hohe Wertschätzung, die fast von der gesamten zivilisierten Männerwelt den Beinen der Frau gezollt wird, ästhetischer oder normal-erotischer Natur ist, oder ob wir hierin bereits einen Partialfetischismus zu erblicken haben. Schon die außerordentliche Verbreitung dieser Einstellung spricht gegen einen Fetischismus, was natürlich nicht heißen soll, daß nicht auch, bei prädisponierten Personen, fetischistische Momente mitspielen können. Dafür, daß hier im allgemeinen eine normale erotische Wertung vorliegt, ist auch die Tatsache verwendbar, daß früher, wo die Beine der Frau von der Kleidung sorgsam verhüllt waren, sie trotzdem nicht oft zum Objekt fetischistischer Einstellung wurden. Der Reiz, der für die meisten Männer von schönen Frauenbeinen ausgeht, und der von Bühne, Revue, Film so weitgehend verwertet wird, hat kaum perversen Charakter. Mit rein ästhetischen Momenten hat er freilich auch wenig zu tun; die Betrachtung, allenfalls Berührung schöner Frauenbeine gehört wohl zweifelsohne zur sexuellen Vorlust. Auch Hand- und Fußfetischismus sind verhältnismäßig selten. Nämlich als reine Formen, d. h. als Fetischismus, der ausschließlich diesen Körperteilen gilt, während deren Bekleidungsstücke, Handschuhe und Schuhe, geradezu die beliebtesten und verbreitetsten Fetische sind. Als Beispiel für den einfachen noch unkomplizierten Hand fetischismus sei folgender Fall angeführt: Beobachtung 38. B., aus neuropathischer Familie, sehr sinnlich, geistig intakt, gerät beim Anblick einer jungen schönen Damenhand jeweils in Entzücken und verspürt sexuelle Erregung bis zur Erektion. Küssen und Drücken der Hand ist ihm Seligkeit. Solange sie mit dem Handschuh bedeckt ist, fühlt er sich unglücklich. Unter dem Vorwand wahrzusagen, sucht er zum Anblick solcher Hände zu gelangen. Der Fuß ist ihm gleichgültig. Sind die schönen Hände mit Ringen geziert, so erhöht dies seine Lust. Nur die lebende, nicht die nachgebildete Hand macht ihm diese wollüstige Erregung. Nur wenn er durch häufigen Koitus sexuell erschöpft ist, verliert die Hand ihren sexuellen Reiz. Anfangs störte ihn das Erinnerungsbild von weiblichen Händen selbst in der Arbeit ( Binet ). Beobachtung 39. P. L., 28 Jahre, Kaufmann in Westfalen. Abgesehen davon, daß der Vater des Patienten ein auffallend mißgestimmter und etwas heftiger Mann ist, läßt sich in der Familie nichts erblich Belastendes nachweisen. Patient war in der Schule nicht sehr fleißig; er war niemals imstande, seine Aufmerksamkeit längere Zeit auf einen Gegenstand zu konzentrieren; hingegen hatte er von Kindheit an große Neigung zur Musik. Sein Temperament war von jeher etwas nervös. Er kam im August 1890 zu mir und klagte über Kopf- und Unterleibsschmerzen, die einen durchaus neurasthenischen Eindruck machten. Patient gibt ferner an, daß er sehr energielos sei. Über sein sexuelles Leben macht Patient erst auf genaue dahin zielende Fragen folgende Angaben: Die ersten Anfänge geschlechtlicher Erregungen stellten sich bei ihm, soweit ihm in Erinnerung ist, bereits im 7. Lebensjahr ein. Si pueri eiusdem fere aetatis mingentis membrum adspexit, valde libidinibus excitatus est. L. behauptet mit Sicherheit, daß diese Aufregung mit deutlichen Erektionen verbunden war. Verführt durch einen andern Knaben, wurde L. im Alter von 7 oder 8 Jahren zur Onanie veranlaßt. »Als sehr leicht erregbare Natur«, sagt L., »gab ich mich sehr häufig der Onanie bis zum 18. Lebensjahr hin, ohne daß mir über die schädlichen Folgen oder überhaupt über die Bedeutung des Vorganges eine klare Vorstellung gekommen wäre.« Besonders liebte er es, cum nonnullis commilitonibus mutuam masturbationem tractare, keineswegs aber war es ihm gleichgültig, wer der andere Knabe war, vielmehr konnten ihm nur wenige Altersgenossen nach dieser Richtung hin genügen. Auf die Frage, was ihn besonders veranlaßte, diesen oder jenen Knaben vorzuziehen, antwortete L., daß ihn bei seinen Schulkameraden besonders eine weiße, schön geformte Hand verlockte, mit ihnen gegenseitige Masturbation zu treiben. L. erinnert sich ferner daran, daß er häufig beim Beginn der Turnstunde sich ganz allein auf einem entfernt stehenden Barren mit Turnen beschäftigte; er tat dies in der Absicht, ut quam maxime excitaretur idque tantopere assecutus est, ut membro manu non tacto, sine ejaculatione – puerili aetate erat –, voluptatem clare senserit. Interessant ist noch ein Vorgang, dessen sich der Patient aus seiner früheren Lebenszeit erinnert. Der eine Lieblingskamerad N., mit dem L. mutuelle Masturbation trieb, machte ihm eines Tages folgenden Vorschlag: ut L. membrum N... i apprehendere conaretur, er, N., wolle sich möglichst sträuben und den L. daran zu verhindern suchen. L. ging auf den Vorschlag ein. Es war somit die Onanie direkt mit einem Kampfe der beiden Beteiligten verbunden, wobei N. stets besiegt wurde. Der Kampf endete nämlich regelmäßig damit, ut N. tandem coactus sit membrum masturbare. L. versichert mir, daß diese Art der Masturbation ihm sowohl wie dem N. ein ganz besonders großes Vergnügen bereitet hätte. In dieser Weise setzte nun L. bis zum 18. Lebensjahre sehr oft die Onanie fort. Von einem Freunde belehrt, bemühte er sich nun, mit allem Aufwand von Energie gegen seine üble Angewohnheit anzukämpfen. Es gelang ihm dies auch nach und nach immer mehr, bis er endlich, nach Ausführung des ersten Koitus, gänzlich von der Onanie abstand. Dies geschah aber erst im Alter von 21½ Jahren. Unbegreiflich erscheint es jetzt dem Patienten, und es erfüllt ihn angeblich mit Ekel, daß er jemals daran Gefallen finden konnte, mit Knaben Onanie zu treiben. Keine Macht könnte ihn heute dazu zwingen, eines andern Mannes Glied zu berühren, dessen Anblick ihm schon unangenehm ist. Es hat sich jede Neigung zu Männern verloren, und Patient fühlt sich durchaus zum Weibe hingezogen. Es sei aber erwähnt, daß, obwohl L. entschiedene Neigung zum Weibe hat, doch eine abnorme Erscheinung bei ihm besteht. Was ihn nämlich bei dem weiblichen Geschlecht wesentlich aufregt, ist der Anblick einer schönen Hand ; bei weitem mehr reizt es den L., wenn er eine weibliche schöne Hand berührt, quam si eandam feminam plane nudatam adspiceret. Wie weit die Vorliebe des L. für die schöne Hand eines weiblichen Wesens geht, erhellt aus folgendem Vorgang. L. kannte eine schöne junge Dame, der alle Reize zur Verfügung standen; aber ihre Hand war ziemlich groß und hatte keine schöne Form, war vielleicht auch manchmal nicht so rein, wie L. beanspruchte. Es war dem L. infolgedessen nicht nur unmöglich, ein tieferes Interesse für die Dame zu fassen, sondern er war nicht einmal imstande, die Dame zu berühren. L. meint, daß es im allgemeinen nichts Ekelhafteres für ihn gebe als unsaubere Fingernägel; diese allein machten es ihm unmöglich, eine sonst noch so schöne Dame zu berühren. Übrigens hat L. häufig den Koitus in früheren Jahren dadurch ersetzt, ut puellam usque ad eiaculationem effectam membrum suum manu tractare iusserit ( Moll ). Über den Fußfetischismus liegen gleichfalls nur spärliche Beobachtungen vor. Dafür aber spielen die Füße in der Vita sexualis der Masochisten eine gewaltige Rolle (siehe Masochismus). Als Beispiele für den Fußfetischismus bringen wir nachstehende Beobachtungen: Beobachtung 40 (stark gekürzt). X., 30jährig, unabhängiger Privatier, dem Berufe nach Privatgelehrter, geht gerne zur Donau, wo es zeitweise Männer gibt, welche die Schuhe ausziehen, die Füße von schmutzigen Lappen befreien, sie in der Sonne wärmen oder im Donauwasser kühlen. X. lockt nicht der zierliche, schöne Frauenfuß. Es reizen ihn auch nicht wohlgeformte Frauenwaden oder feines Schuhwerk, wie viele seiner Geschlechtsgenossen. Er sieht bei jedem Menschen – Mann oder Weib – zuerst auf den Fuß und beurteilt Leute nach dem Schuhwerk. Frauen als solche lassen ihn kalt. Der Fuß muß sehr enge im Schuhwerk sitzen. In der Vorstellung des Engen, Gedrückten liegt für ihn ein großer Reiz. Hühneraugen regen ihn geschlechtlich auf. Er beneidet jeden Hühneraugenoperateur. Er schwärmt nur für Männerfüße, und zwar für rote, schmutzige, womöglich schweißige, entzündete Männerfüße. Der Fuß der Reichen läßt ihn kalt. Der Fuß eines Mannes, der arbeitet, der womöglich unterdrückt ist, der ein Knecht ist, der sich in abhängiger Stellung befindet, der gezwungen wird, barfuß zu gehen, dessen Fuß einem großen Drucke ausgesetzt wird, bei dem der Fuß womöglich gepreßt wird, so daß man auf der Haut die Abdrücke des Schuhes sehen kann, nur dieser Fuß macht ihm einen großen Eindruck. X. stellt sich vor, er sei der Arbeiter mit dem roten, geschwollenen schweißigen Fuße. Dadurch erzeugt er sich den größten Orgasmus ( Stekel ). Beobachtung 41. X., 23 Jahre alt, stammt aus belasteter Familie. Schwester war gemütskrank. Bruder litt an Hysteria virilis. Patient seit Kindesbeinen sonderbar, hat häufig hypochondrische Verstimmungen, Lebensüberdruß, fühlt sich zurückgesetzt. Bei einer Konsultation wegen »Gemütsleiden« finde ich einen höchst verschrobenen, belasteten Menschen mit neurasthenischen und hypochondrischen Symptomen. Der Verdacht auf Masturbation bestätigt sich. Patient gibt interessante Enthüllungen bezüglich seiner Vita sexualis. Im Alter von 10 Jahren fühlte er sich mächtig vom Fuß eines Kameraden angezogen. Mit 12 Jahren habe er für Damenfüße zu schwärmen begonnen. Es war ihm ein wonniges Gefühl, in ihrem Anblick zu schwelgen. Mit 14 Jahren begann er zu masturbieren, indem er sich dabei einen hübschen Damenfuß dachte. Von nun an begeisterte er sich für die Füße seiner drei Jahre älteren Schwester. Auch die Füße anderer Damen, sofern sie ihm sympathisch waren, wirkten sexuell erregend. Am Weibe interessierte ihn nur der Fuß. Der Gedanke an sexuellen Verkehr mit einem Weibe erweckte ihm Ekel. Noch niemals hatte er Koitus versucht. Vom 12. Jahre ab empfand er nie mehr ein Interesse für den Fuß männlicher Individuen. Die Art der Bekleidung des weiblichen Fußes ist ihm gleichgültig, entscheidend ist, daß die Persönlichkeit ihm sympathisch erscheint. Der Gedanke, mit Hilfe der Füße Prostituierter zu genießen, sei ihm ekelhaft. Seit Jahren ist er verliebt in die Füße seiner Schwester. Wenn er nur der Schuhe dieser gewahr werde, errege dieser Anblick mächtig die Sinnlichkeit. Ein Kuß, eine Umarmung der Schwester habe nicht diese Wirkung. Sein Höchstes sei, den Fuß eines sympathischen Weibes zu umfassen, zu küssen. Dann komme es sofort, unter lebhaftem Wollustgefühl, zur Ejakulation. Oft trieb es ihn, mit einem Schuh der Schwester seine Genitalien zu berühren, jedoch vermochte er bisher diesen Drang zu beherrschen, zumal da er seit zwei Jahren (infolge vorgeschrittener reizbarer genitaler Schwäche) schon beim bloßen Anblick des Fußes ejakulierte. Von den Angehörigen erfährt man, daß Patient eine »lächerliche Bewunderung« für die Füße seiner Schwester habe, daß diese ihm aus dem Wege gehe und sich bemühe, ihre Füße vor dem Patienten zu verbergen. Patient empfindet seinen perversen sexuellen Drang als krankhaft und ist peinlich davon berührt, daß seine schmutzigen Phantasien gerade den Fuß der Schwester zum Gegenstand haben. Er weiche der Gelegenheit aus, wie er nur könne, suche sich durch Masturbation zu helfen, wobei ihm, gleich wie bei Traumpollutionen, Damenfüße in der Phantasie vorschweben. Werde aber der Drang zu mächtig, so könne er nicht widerstehen, des Anblicks des Fußes der Schwester teilhaftig zu werden. Gleich nach der Ejakulation empfinde er lebhaften Ärger, wieder schwach gewesen zu sein. Seine Neigung zum Fuß der Schwester habe ihn unzählige schlaflose Nächte gekostet. Er wundere sich oft, daß er seine Schwester noch gern haben könne. Obwohl es ihm recht sei, daß diese ihre Füße vor ihm verberge, sei er oft sehr irritiert darüber, daß er dadurch um seine Pollution komme. Patient betont, daß er sonst sittlich sei, was auch seine Angehörigen bestätigen ( Krafft-Ebing ). Man darf den Begriff des Partialfetischismus nicht zu eng fassen und muß ihn auch auf jene Fälle ausdehnen, in denen eine bestimmte Form der gesamten Gestalt zum Fetisch wird. Verwertbar in dieser Hinsicht sind natürlich nur jene Fälle, bei denen die sexuellen Wünsche in auffälligem Gegensatz zu den üblichen ästhetischen Ansprüchen stehen. Diese Auffälligkeit ist entscheidend; denn es geht nicht an, Männer, die heute, wo die schlanke, ephebenhafte, durchtrainierte Frauengestalt besonders geschätzt wird, üppigere Gestalten bevorzugen, deshalb zu Fetischisten zu stempeln. Wenn aber jemand – und dies ist durchaus nicht selten – nur mit überfetten Frauen zu verkehren wünscht und zu verkehren imstande ist, dann wird man sicherlich von Fetischismus sprechen können. Einen Fall dieser Art hat schon Krafft-Ebing mitgeteilt. Beobachtung 42. Ein sehr belasteter Herr konsultierte mich wegen ihn fast zur Verzweiflung treibender Impotenz. Sein Fetisch waren, solange er Junggeselle war, Weiber von üppigen Formen. Er heiratete eine Dame von entsprechendem Umfang, war mit ihr ganz potent und glücklich. Nach einigen Monaten erkrankte die Dame schwer und magerte stark ab. Als er eines Tages wieder seiner ehelichen Pflicht nachkommen wollte, war er gänzlich impotent und blieb es. Versuchte er dagegen Koitus mit üppigen Weibern, so war er völlig potent ( Krafft-Ebing ). In Anbetracht der heute vorherrschenden ästhetischen und erotischen Einstellung wird man dort, wo nur überschlanke und überzarte weibliche Personen Gegenstand des Geschlechtstriebes sind, kaum von Fetischismus sprechen können; höchstens wäre daran zu denken, ob hier nicht eine – latente – Paedophilie oder Homosexualität vorliegt, wenn nämlich das betreffende Sexualobjekt deutlich infantile, bzw. männliche Züge aufweist. Eine sehr interessante Art des Partialfetischismus ist die, bei der die Körper haut den Fetisch bildet. Es mag strittig sein, ob die merkwürdige Vorliebe gewisser, wahrscheinlich degenerierter Personen; in Menschenhaut eingebundene Bücher zu besitzen, bereits hierher gehört. Und es ist sogar sicher, daß die Haut der Geliebten in vielen erotischen und sexuellen Beziehungen und Bindungen eine große Rolle spielt, ohne daß da von Fetischismus die Rede sein kann. Hingegen ist nachfolgender Fall ein deutliches Beispiel für Hautfetischismus. Beobachtung 43. L., Taglöhner, wurde verhaftet, weil er in einer öffentlichen Anlage sich ein großes Stück Haut vom linken Vorderarm mit einer Schere abschnitt. Er gesteht, daß er seit langer Zeit den Drang habe, ein Stück von der feinen weißen Haut eines jungen Mädchens zu essen, daß er zu diesem Zweck mit dazu bereit gehaltener Schere ein solches Opfer verfolgt habe, aber bei der Aussichtslosigkeit dieses Vorhabens davon abgestanden sei und als Ersatz sich selbst geschnitten habe. L. stammt von epileptischem Vater. Eine Schwester ist geistesschwach. L. hatte bis zum 17. Jahr an Bettnässen gelitten, war allgemein gefürchtet wegen seines rohen, reizbaren Wesens, aus der Schule wegen seiner Undisziplinierbarkeit und Bösartigkeit weggeschickt worden. Sehr früh ergab er sich der Onanie. Er las mit Vorliebe fromme Bücher, bot Züge von Aberglauben, Hang zum Mystischen und auffällige Devotion in seinem Charakter. Im 13. Jahre regte sich beim Anblick junger hübscher Mädchen mit weißer feiner Haut der wollüstig betonte Drang, einem solchen Mädchen ein Stück Haut herauszubeißen und dasselbe zu verzehren. Dieser Drang beherrschte sein ganzes Dichten und Trachten. Sonst reizte ihn am Weibe nichts. Er trug nie Verlangen, irgendwie mit einem solchen sexuell zu verkehren, und machte nie einen bezüglichen Versuch. Da er leichter mit Scheren zum Ziel zu gelangen hoffte als mit den Zähnen, hatte er seit Jahren immer Scheren bei sich. Wiederholt war er nahe daran, sein abnormes Gelüste zu befriedigen. Seit einem Jahr, kaum mehr fähig, dessen Nichtbefriedigung zu ertragen, war er auf einen Ersatz verfallen, indem er jeweils nach fruchtloser Verfolgung eines Mädchens sich selbst vom Arm, Schenkel oder Bauch ein Stück Haut abschnitt und verzehrte. Unter Zuhilfenahme der Phantasievorstellung, es sei Haut von jenem verfolgten Mädchen, gelangte er während des Verzehrens des Stückes der eigenen Haut zu Orgasmus und Ejakulation. Am Körper des L. finden sich zahlreiche, zum Teil ausgedehnte und tiefgehende Wunden oder Narben in der Haut. Während seiner Selbstverstümmelungen und lange Zeit darnach hatte er heftige Schmerzen, aber sie wurden überkompensiert durch die Wollust, welche er beim Genießen der Hautstücke empfand, namentlich, wenn es recht blutete und ihm die Illusion, es sei cutis virginis, einigermaßen gelang. Schon der Anblick von Messer und Schere genügt ihm, um seinen perversen Drang hervorzurufen. Er bekommt dann einen eigentümlichen Zustand von Angst mit Schweißausbruch, Schwindel, Herzklopfen, Gier nach cutis feminae, muß ihm sympathischen Frauenzimmern, mit der Schere in der Hand, nachgehen, verliert aber nicht das Bewußtsein und behält einen Rest von Selbstkontrolle, indem er auf der Höhe der Krise von sich selbst nimmt, was ihm vom Körper eines Mädchens versagt bleibt. Während dieser ganzen Krise besteht Erektion und Orgasmus; im Moment, wo er seine Haut zwischen den Zähnen kaut, tritt die Ejakulation ein. Darnach fühlt er große Befriedigung und Erleichterung. Seine Genitalien sind normal. L. ist sich des Pathologischen seines Zustandes vollkommen bewußt. Selbstverständlich kam dieser gemeingefährliche Degenerierte in eine Irrenanstalt. Dort machte er einen Selbstmordversuch ( Magnan ). Dieser Fall ist, abgesehen von seiner stark sadistischen Komponente, auch dadurch von besonderem Interesse, daß wir bei ihm noch deutlicher als bei Beobachtung 40 einer Erscheinung begegnen, die noch näher zu besprechen sein wird, nämlich der Übertragung vom Sexualobjekt auf das Sexualsubjekt oder der Identifikation zwischen Subjekt und Objekt. Ein überaus merkwürdiges Beispiel von kombiniertem Partialfetischismus verdanken wir dem Wiener Institut für Sexualforschung: Beobachtung 44. X., 38 Jahre, Mechaniker. Seit dem 6. Jahr Onanie. Seine Libido ist von da ab stets auf gleichaltrige Mitschüler gerichtet, wobei aber immer der Hauptwunsch vorwaltete, ihnen die Unterarme zu küssen und zu lecken. Mutuelle Onanie oder Paedicatio fand niemals statt. X. hat wiederholt Koitus versucht, der aber stets mißlang, weil die Erektion ausblieb. Derzeit gelten seine sexuellen Wünsche ausschließlich Knaben von 10-14 Jahren. Es gelingt X., auf die Verwirklichung seiner Phantasien zu verzichten; dafür aber hat er sich eine Sammlung von Knabenphotographien angelegt, unter denen verschiedene deutsche Prinzen entsprechenden Alters die Hauptrolle spielen. Damit ist eine rege dichterische Tätigkeit verbunden, in der er seinen eigenartigen sexuellen Wünschen Ausdruck gibt. Als Beispiel seien aus einem seiner poetischen Produkte, das durch das Bild eines deutschen Prinzen veranlaßt wurde, einige Strophen angeführt: Prinz A. Welch eine riesige Gestalt, Welch ungeheure Glieder; Ich fühl' die sinnliche Gewalt, Sie zwingt mich völlig nieder. Die Riesenglieder sind so dick, Von stämmigstrunder Fülle; So ausgemästet zur Genüg', Wie wird mir, ach, so schwüle! Aus jedem dunklen Ärmelsaum Da leuchten meinen Blicken Zwei Arme wie ein Wonnetraum, Die mich zuhöchst entzücken. Die Arme strotzen speckigst dick Voll stämmigstrunder Fülle. Verheißend locken sie den Blick In ihre dunkle Hülle. So geht es in unendlicher Wiederholung weiter; das beigefügte Bild zeigt übrigens einen durchaus normal entwickelten Knaben, der weder »Riesenglieder« noch »üppige Fülle« aufweist. X. ist also homosexuell und fetischistisch. Bei letzterer Perversion finden wir Partialfetischismus – Unterarme, Haut, Körperformen (fett, üppig, prall) – und echten Fetischismus vereinigt, da für X. am wichtigsten die »aus den dunklen Ärmeln weiß hervortretenden Unterarme« sind. Als echter Fetischist erweist sich X. auch durch seinen Sammeltrieb – Photos, Bilder, Gedichte –, durch seine erstaunlich, wenn natürlich auch ganz einseitig entwickelte Phantasie und durch sein Verharren bei der Masturbation. Dem Hautfetischismus scheinen jene nicht seltenen Fälle nahe zu stehen, in denen die Nägel den Fetisch bilden. Freilich besteht hier in der Regel eine stark masochistische Komponente: die Nägel werden nicht nur als Fetisch betrachtet, sondern auch als das die lustvollen Schmerzen zufügende Instrument. Mit dem Hautfetischismus dürften auch jene Fälle im Zusammenhang stehen, bei denen eine bestimmte Hautfarbe eine Bedingung für das Zustandekommen einer sexuellen Beziehung bildet. Es ist bekannt, daß degenerierte und überzivilisierte Personen Angehörige möglichst fremder Rassen als Sexualpartner bevorzugen. Aber auch einfacher organisierte Menschen scheinen nicht so selten Opfer einer geradezu zauberhaften Anziehung zu werden, wenn sie mit Angehörigen farbiger Rassen in Berührung kommen. Die Vorkommnisse, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts bei den »Ausstellungen« besonders von Negerstämmen sich in Europa ergaben, sprechen dafür, und es ist Tatsache, daß so manche hochstehende weiße Frau in Afrika oder Asien sich hemmungslos dem Geschlechtsverkehr mit Eingeborenen ergeben hat. Hier ist aber die Haut nur ein Teilfetisch, und zur perversen Bindung tragen noch andere Faktoren gleicher Art bei. Für die Frau wohl wiederum der Phallus, der besonders bei Negern oft übernormal entwickelt ist, und bei beiden Geschlechtern der Geruch , der im Partialfetischismus eine sehr wichtige Rolle spielt. Schon der Satz »ich kann den (oder die) nicht riechen«, als Ausdruck einer Ablehnung oder Antipathie, zeigt, von welcher Bedeutung der Geruch einer Person für das Zustandekommen einer sexuellen Bindung ist. Es ist ein Verdienst Krafft-Ebings , diese Tatsache unterstrichen zu haben, und wir können in diesem Zusammenhang auf das verweisen, was im 1. und 2. Kapitel dieses Buches über die sexuelle Bedeutung der Gerüche gesagt wurde. Nachzutragen wäre bloß die in bezug auf den Fetischismus wesentliche Analogie zwischen dem Nates und dem Genitalgeruch. Dieser wird nämlich, so wie die Gesäßregion gewissermaßen als verächtlich empfunden wird, im allgemeinen durchaus nicht geschätzt, sondern eher verabscheut. Es ist nun bemerkenswert, daß eine ganze Reihe bekannter Parfüms den Genitalgeruch der Frau, aber auch des Mannes, natürlich nur sehr abgeschwächt, nachahmen und ihre Verbreitung eben diesem Umstände verdanken. Sehr interessant ist eine weitere Gruppe des Fetischismus, bei der es bereits zweifelhaft ist, ob sie noch zum Partialfetischismus gehört, oder ob nicht schon ein Fetischismus im engeren Sinne vorliegt. Es sind das jene Fälle, bei denen der Gegenstand des Geschlechtstriebes nicht ein Körperteil, sondern ein Körper fehler ist. Eigentümlicherweise scheint das Hinken in dieser Beziehung besonderen Reiz zu bieten; wenigstens in der Literatur sind zahlreiche Beobachtungen dieser Art enthalten. Daß hier bereits schwerere Veränderungen der Sexualpsyche vorliegen, zeigt sich daraus, daß in solchen Fällen auch andere fetischistische Tendenzen bestehen. So weist Beobachtung 45 Züge von Transvestismus auf, und dort sowie in Beobachtung 46 erkennt man auch die bereits erwähnte Identifikation mit dem Sexualobjekt. Beobachtung 45. X., 28 Jahre, stammt aus schwer belasteter Familie. Er ist neurasthenisch, klagt über mangelndes Selbstvertrauen und häufige Verstimmung mit Anwandlungen zu Selbstmord, deren sich zu erwehren er oft Mühe habe. Bei geringster Widerwärtigkeit sei er ganz fassungslos und verzweifelt. Patient ist Ingenieur, von kräftigem Körperbau, ohne Degenerationszeichen. Er klagt über eine seltsame »Manie«, die ihn oft daran zweifeln lasse, ob er denn ein geistig gesunder Mensch sei. Seit dem 17. Jahr werde er sexuell ausschließlich erregt durch den Anblick von weiblichen Gebrechen, ganz speziell von Weibern, die hinken und krumme Füße haben. Der ursprünglich assoziativen Verknüpfung seiner Libido mit derartigen Schönheitsfehlern ist sich Patient in keiner Weise bewußt. Seit der Pubertät sei er im Bann dieses ihm selbst peinlichen Fetischismus. Das normale Weib habe für ihn nicht den geringsten Reiz, nur das krumme, hinkende, mit Gebrechen an den Füßen behaftete. Habe ein Weib ein solches Gebrechen, so übe es auf ihn einen mächtigen sinnlichen Reiz, gleichgültig, ob dieses Weib schön oder häßlich sei. In Pollutionsträumen schweben ihm ausschließlich solche hinkende Frauengestalten vor. Ab und zu könne er dem Antrieb nicht widerstehen, ein solches hinkendes Weib nachzuahmen . In dieser Situation bekomme er heftigen Orgasmus und eine von lebhaftem Wollustgefühl begleitete Ejakulation. Patient versichert, sehr libidinös zu sein und unter der Nichtbefriedigung seiner Triebe sehr zu leiden. Gleichwohl habe er erst mit 22 Jahren und seither nur etwa fünfmal koitiert. Er habe dabei, trotz Potenz, nicht die geringste Befriedigung empfunden. Wenn er das Glück hätte, einmal mit einem hinkenden Frauenzimmer zu koitieren, würde dies gewiß anders sein. Jedenfalls könne er sich nur entschließen, ein hinkendes Mädchen zu heiraten. Seit dem 20. Jahr zeigt Patient auch Kleidungsfetischismus. Es genügt ihm oft, weibliche Strümpfe, Schuhe, Hosen anzuziehen. Er kaufe sich ab und zu derlei Kleidungsstücke, ziehe sie heimlich an, werde davon wollüstig erregt und bekomme Ejakulation. Von Weibern bereits getragene Kleidungsstücke haben für ihn nicht den geringsten Reiz. Am liebsten würde er anläßlich sinnlicher Erregungen Weiberkleider anziehen, aber er hat dies aus Furcht vor Entdeckung noch nicht zu tun gewagt. Seine Vita sexualis beschränkt sich auf die erwähnten Praktiken. Patient versichert bestimmt und glaubhaft, daß er nie der Masturbation ergeben war. In neuerer Zeit ist er, unter Zunahme seiner neurasthenischen Beschwerden, sehr von Pollutionen geplagt ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 46. V., 30 Jahre, Beamter, stammt von sehr neuropathischen Eltern. Vom 7. Jahr ab war durch Jahre hindurch seine Gespielin ein gleichaltriges hinkendes Mädchen. Vom 12. Jahr ab gelangte der jedenfalls nervöse und hypersexuell veranlagte Knabe ohne Verführung zur Masturbation. Um dieselbe Zeit erfolgte die Pubertätsentwicklung, und es ist wohl zweifellos, daß die ersten sexuellen Regungen des V. dem andern Geschlecht gegenüber mit dem Anblick des hinkenden Mädchens zusammenfielen. Von nun ab erregten seine Sinnlichkeit nur hinkende Frauenzimmer. Sein Fetisch wurde eine hübsche Dame, die (gleich wie die Jugendgespielin) mit dem linken Fuße hinkt. Der ausschließlich heterosexuale und dabei abnorm sexuell bedürftige V. versuchte früh mit dem andern Geschlecht in Beziehung zu treten, war aber absolut impotent nichthinkenden Weibern gegenüber. Am größten war seine Potenz und Befriedigung, wenn die Puella mit dem linken Fuß hinkte; doch verkehrte er auch erfolgreich mit rechts Hinkenden. Da er nur ausnahmsweise seinem Fetischismus gemäß koitieren konnte, half er sich mit Masturbation, die ihm aber als elender Ersatz und ekelhaft erschien. Über seine sexuelle Situation war er oft sehr unglücklich und dem Selbstmord nahe, von dem ihn nur die Rücksicht auf seine Eltern abhielt. Sein moralisches Leiden gipfelte darin, daß er sich als Ziel seiner Wünsche die Ehe mit einer sympathischen hinkenden Dame dachte, aber er fühlte, daß er an einer solchen Gattin nur das Hinken, nicht die Seele lieben könnte, was er als eine Profanation der Ehe, als eine unerträgliche, unwürdige Existenz empfand. Oft hatte er schon deswegen an Verzicht und Kastration gedacht. Die Untersuchung des V., als er sich um Hilfe an mich wandte, ergab ein völlig negatives Resultat hinsichtlich Degenerationszeichen, Nervenkrankheit usw. Ich klärte Patient darüber auf, daß es ärztlicher Kunst schwer, wenn nicht unmöglich sein werde, einen durch so festgefügte Assoziationen begründeten Fetischismus zu zerstören, und sprach die Hoffnung aus, daß er, indem er ein hinkendes Mädchen durch Ehe glücklich mache, selbst glücklich werden möge ( Krafft-Ebing ). Auch andere Körperfehler können zum Fetisch dienen. Den Übergang zum Normalen scheinen etwa jene Fälle herzustellen, in denen schielende Frauen bevorzugt werden. Denn daß das an und für sich nicht pathologisch ist, erhellt schon daraus, daß die Griechen Aphrodite, die Göttin der Schönheit, leicht schielend dargestellt haben. Die letzte Gruppe des Partialfetischismus bildet der Haar - und Zopf fetischismus; denn hier begegnen wir bereits einigen Symptomen, die für den echten Fetischismus (im engeren Sinn) durchaus kennzeichnend sind. Schon Krafft-Ebing hat bemerkt, daß hier ein fließender Übergang vom physiologischen Bewundern des Frauenhaares zum pathologischen Fetischismus besteht. »Als Anfangsglied der pathologischen Reihe erscheinen Fälle, in denen nur das Haar des Weibes sinnlichen Eindruck macht und zum Geschlechtsverkehr anregt, des weiteren solche, wo Potenz nur einem Weibe gegenüber besteht, das im Besitz des individuellen Fetischzaubers sich befindet. Möglicherweise sind bei diesem Haarfetischismus verschiedene Sinne (Auge, Geruch, Gehör, wegen des knisternden Geräusches, jedenfalls auch Tastsinn) beteiligt, indem sie wollüstig betonte Regungen empfangen. Den Schluß der Reihe würden solche Degenerierte bilden, denen das Haar des Weibes selbst, losgelöst von dessen Körper, also sozusagen nicht mehr Teil eines lebenden Körpers, sondern bloßer Stoff, selbst Ware, zur Erregung der Libido und zur Befriedigung mittels physischer oder psychischer Onanie, allenfalls unter Berührung der Genitalien mit dem Fetisch, genügt.« Wir haben dem bloß hinzuzufügen, daß beim Zopffetischismus unbedingt eine stark sadistische Tendenz besteht. Denn aus zahlreichen Krankengeschichten geht hervor, daß das Abschneiden der Zöpfe manchmal genau so wichtig und genau so lustbringend ist wie ihr Besitz und wie das Hantieren mit ihnen. Es ist klar, daß die Gruppe der Zopfabschneider auch forensisch von Bedeutung ist. Ein sehr bezeichnendes Beispiel für den Haarfetischismus hat schon Archenholtz 1785 mitgeteilt: »Ich habe einen Engländer gekannt, der ein rechtschaffener, liebenswürdiger Mann war, allein einen höchst bizarren Geschmack hatte, der, wie er mir versicherte, tief in seiner Seele lag. Das größte Vergnügen, das nur allein seine Sinne berauschen konnte, war, die Haare eines schönen Weibes zu kämmen. Er unterhielt eine reizende Mätresse bloß zu diesem Zweck. Liebe und Frau kamen hierbei in keine Betrachtung. Er hatte bloß mit ihren Haaren zu tun, die sie in den ihm gefälligen Stunden entnadeln mußte, damit er darin mit seinen Händen wühlen konnte. Diese Operation verschaffte ihm einen höchstmöglichen Grad körperlicher Wollust.« Es ist übrigens sehr interessant, daß heutzutage, wo die Haartracht der Frauen den Zopffetischismus fast unmöglich gemacht hat, auch der Haarfetischismus sehr abgenommen hat. Betont sei, daß es natürlich nicht angeht, Männer, die gegen die herrschende Mode Frauen mit langen Haaren bevorzugen, deshalb gleich für Haarfetischisten zu erklären, denn diese Tatsache läßt sich durch ästhetische Momente, Kindheitseindrücke und dergleichen zur Genüge begründen. Außer den Zöpfen und überhaupt den Kopfhaaren können auch die Gesichtsbehaarung (Schnurrbart) und die Körperhaare, besonders die Schamhaare, zum Fetisch werden. Es sei auch darauf hingewiesen, daß der Kult, den – früher häufiger als heute – so manche Personen, besonders Frauen, mit den Locken verschiedener Berühmtheiten der Kunst und des Theaters treiben, ebenso im Zusammenhang mit dem Haarfetischismus stehen dürfte, wie die Verwendung von Haarbüscheln, die von Körper- und Genitalhaaren stammen, als Liebeszauber. Kurzum, fließende Übergänge lassen sich durchaus nachweisen. Wir beginnen mit einigen Beobachtungen über den Schamhaar fetischismus. Beobachtung 47. X. ist Kaufmann, in den 50er Jahren und ausgesprochener Liebhaber rothaariger Frauen. Er begnügt sich aber nicht mit dem Genuß des Augenblicks, sondern er sorgt für eine Wiederauffrischung dieses Genusses in seiner Erinnerung dadurch, daß er von jeder dieser Rothaarigen, mit denen er geschlechtlich verkehrt hat, eine Schamhaarlocke abschneidet. Diese formt er zierlich, schmückt sie mit einem schwarzen Seidenfaden und klebt sie in das Buch seiner Erinnerungen ein, mit Namen und Datum versehen, so daß er imstande ist, beim Durchblättern dieser fetischistischen Reminiszenzen nochmals seine Befriedigung zu finden ( Merzbach ). Beobachtung 48. X. interessierte sich nur für die Haare des mons Veneris fetischistisch, und sein größter Genuß war es, sie mit den Zähnen auszureißen. Er sammelte sie, und indem er sie wiederum zerbiß, hatte er neuerliche sexuelle Befriedigung. Er bestach Hotelbedienstete, damit sie ihn auf die Suche nach solchen Haaren in Betten, in denen Damen übernachtet hatten, gehen ließen. Bei solchem Suchen geriet er in heftige Erregung und war überglücklich, wenn er Erfolg hatte ( Garnier ). Beobachtung 49. X. hat schon mit 13 Jahren statt nach dem Geschlechtsteil der Frau nach ihren Schamhaaren verlangt. »Damals sagte ich unserem Dienstmädchen, sie solle mir ihre Haare geben, aber nicht vom Kopf, sondern zwischen den Beinen müsse sie mir sie herausschneiden, und diese haben mich dann riesig gereizt und kolossales Wohlgefühl in mir erweckt. Ich habe eine ganze Sammlung solcher Haare angelegt, von jeder Geliebten ein Büschel abgeschnitten und es fein säuberlich mit einem Bändchen umwunden, auf das ich den Namen der Besitzerin schrieb« ( Sadger ). Beobachtung 50. X. hat mit 8 oder 9 Jahren, als er selber noch gar keine Schamhaare hatte, sich schon auf die ausgegangenen Haare im Kamm seiner Schwester gestürzt und band sie um sein Glied herum. »Wenn ich jetzt bei meiner Freundin ein Haar sehe, das ihr beim Kämmen ausgegangen ist, bin ich schon furchtbar aufgeregt, ebenso wenn ich einem Weibe durch das Kopfhaar fahre oder beim Anblick ihrer Achselhaare. Als Kind wühlte und zog ich gerne an den Schamhaaren meiner – schlafenden – Mutter. Auch mit meinen eigenen Schamhaaren zu spielen bereitet mir besonderes Wollustgefühl. Ich rieche auch sehr gerne an den Schamhaaren und rege mich bei ihrem Geruch auf« ( Sadger ). Als Beispiel für Schnurrbart fetischismus mag folgende Beobachtung dienen: Beobachtung 51. X., 20 Jahre, konträrsexual, liebt nur Männer mit großem und starkem Schnurrbart. Eines Tages trifft X. einen Mann, der seinem Ideal entspricht. Er nimmt ihn mit nach Hause, ist aber schwer enttäuscht, als dieser den (künstlichen) Schnurrbart abnimmt. Erst als derselbe ihn wieder anlegt, gewinnt er Reiz für X., der damit in den vollen Besitz seiner Potenz zurückgelangt ( Thoinot-Magnan ) Die nunmehr folgenden Fälle von Zopffetischismus gehen wohl schon deutlich über den Partialfetischismus hinaus Hier begegnen wir auch zum erstenmal dem für den echten Fetischisten so überaus bezeichnenden Sammeltrieb , der noch ausführlich besprochen werden wird. . Beobachtung 52. P., 40 Jahre, Kunstschlosser, ledig, stammt von einem Vater, der temporär irrsinnig war, und von einer sehr nervösen Mutter. Er entwickelt sich gut, war intelligent, aber früh mit Tics und Zwangsvorstellungen behaftet gewesen. Er hatte nie masturbiert, liebte platonisch, trug sich öfters mit Heiratsplänen, koitierte nur selten mit Freudenmädchen, fühlte sich aber vom Verkehr mit solchen nie befriedigt, eher angewidert. Vor etwa drei Jahren trafen ihn schwere Schicksalsschläge (finanzieller Ruin), und er machte überdies eine fieberhafte Krankheit und Delir durch. Diese Umstände schädigten schwer sein Zentralnervensystem. Eines Abends wurde P. in Paris in flagranti verhaftet, als er im Gedränge einem jungen Mädchen den Zopf abgeschnitten hatte. Man verhaftete ihn mit dem Zopfe in der Hand, eine Schere in der Tasche. Er entschuldigte sich mit momentaner Sinnesverwirrung, unseliger, unbezwinglicher Leidenschaft, gab zu, daß er schon zehnmal Zöpfe abgeschnitten habe, die er daheim in wonnigem Entzücken verwahre. P. gibt an, daß er seit drei Jahren, wenn abends allein im Zimmer, sich unwohl, ängstlich, erregt und schwindlig fühlte und dann vom Drang heimgesucht wurde, Frauenhaar zu betasten. Als er gelegentlich den Zopf eines jungen Mädchens wirklich in der Hand halten konnte, libidine valde excitatus est neque amplius puella tacta erectio et eiaculatio evenit. Heimgekehrt schämte er sich des Vorfalls, aber der Wunsch, Zöpfe zu besitzen, ungemein wollüstig betont, wurde immer mächtiger in ihm. Er wunderte sich sehr darüber, da er doch früher beim intimsten Verkehr mit Weibern nie etwas derart empfunden hatte. Eines Abends konnte er dem Drange nicht widerstehen, einem Mädchen den Zopf abzuschneiden. Daheim, mit dem Zopf in der Hand, wiederholte sich der wollüstige Vorgang. Es zwang ihn, mit dem Zopf über seinen Körper zu fahren, seine Genitalien darein zu wickeln. Endlich ganz erschöpft, schämte er sich, getraute sich während einiger Tage gar nicht auszugehen. Nach Monaten der Ruhe trieb es ihn wieder, Frauenhaar, gleichgültig wem gehörig, unter die Hände zu bekommen. Gelangte er zum Ziel, so fühlte er sich besessen von einer übernatürlichen Gewalt, außerstande, seine Beute loszulassen. Konnte er den Gegenstand seiner Begierde nicht erreichen, so wurde er tief verstimmt, geriet dabei in mächtigen Orgasmus und befriedigte sich durch Masturbation. Zöpfe in den Auslegekästen der Friseure ließen ihn ganz kalt. Es mußten vom Kopf einer Frauensperson herabhängende Zöpfe sein. Auf der Höhe seiner Zopfattentate will er jeweils in solcher Erregung gewesen sein, daß er nur unvollkommen Apperzeption und demgemäß Erinnerung hatte von dem, was um ihn her vorging. Sobald er mit der Schere den Zopf berührte, kam es zur Erektion und im Moment des Abschneidens zur Ejakulation. Seit seinen Schicksalsschlägen vor etwa drei Jahren will er gedächtnisschwach, geistig rasch erschöpft, von Schlaflosigkeit und nächtlichem Aufschrecken heimgesucht sein. P. bereut tief seine Streiche. Man fand bei ihm nicht bloß 65 Zöpfe und Haarflechten, sortiert, in Paketen vor, sondern auch eine Menge von Haarnadeln, Bändern und andere weibliche Toilettengegenstände, die er sich hatte schenken lassen. Er hatte von jeher eine wahre Manie gehabt, derlei zu sammeln , nicht minder Zeitungen, Holzstückchen und andern ganz wertlosen Kram, von dem er nie hatte lassen wollen. Auch hatte er eine sonderbare, ihm ganz unerklärliche Scheu, eine gewisse Straße zu passieren; machte er einmal den Versuch dazu, so wurde ihm ganz unwohl ( Voisin , Socquet , Motet ) Beobachtung 53. X., Mitte der Dreißiger, aus höherer Gesellschaftsklasse, ledig, aus angeblich nicht belasteter Familie, jedoch von Kindesbeinen auf nervös, unstet, eigenartig, will seit etwa dem 8. Jahr sich mächtig durch Frauenhaar angezogen gefühlt haben. Ganz besonders war dies seitens junger Mädchen der Fall. Als er 9 Jahre alt war, trieb ein 13 Jahre altes Mädchen mit ihm Unzucht. Er hatte kein Verständnis dafür und blieb dabei ganz unerregt. Auch die zwölfjährige Schwester dieses Mädchens machte sich mit ihm zu schaffen, küßte ihn ab und preßte ihn an sich. Er ließ sich das ruhig gefallen, weil das Haar dieses Mädchens ihm so gut gefiel. Etwa 18 Jahre alt, begann er wollüstige Empfindungen beim Anblick von ihm zusagendem Frauenhaar zu verspüren. Allmählich kamen jene auch spontan, und sofort gesellten sich Erinnerungsbilder an Mädchenhaar hinzu. Im 11. Jahr wurde er von Mitschülern zur Masturbation verführt. Die assoziative Knüpfung sexueller Gefühle und einer fetischistischen Vorstellung war damals schon festgeschlossen und trat jeweils hervor, wenn Patient mit seinen Kameraden Unzucht trieb. Mit den Jahren wurde der Fetisch immer mächtiger. Selbst falsche Zöpfe begannen ihn zu erregen, jedoch waren ihm lebende immer lieber. Wenn er solche berühren oder gar küssen konnte, war er ganz selig. Er verfaßte Aufsätze und machte Gedichte über die Schönheit des Frauenhaars, zeichnete Zöpfe und masturbierte dazu. Vom 14. Jahr ab wurde er von seinem Fetisch so mächtig erregt, daß er heftige Erektionen bekam. Entgegen seinem früheren Geschmack als Knabe reizten ihn nur mehr Zöpfe, ganz besonders üppige, schwarze, dicht geflochtene. Er empfand lebhaften Drang, solche Zöpfe zu küssen oder an ihnen zu saugen. Das Betasten solchen Haares machte ihm wenig Befriedigung, viel mehr der Anblick, namentlich aber das Küssen und Saugen. War ihm dies unmöglich, so war er unglücklich bis zum Lebensüberdruß. Er versuchte sich dann schadlos zu halten, indem er sich »Haarabenteuer« ausmalte und dazu masturbierte. Nicht selten, auf der Straße und im Gedränge, konnte er sich nicht zurückhalten, Damen einen Kuß auf den Kopf zu drücken. Er eilte dann heim, um zu masturbieren. Zuweilen konnte er jenem Impuls Widerstand leisten, aber er mußte unter lebhaften Angstgefühlen schleunigst die Flucht ergreifen, um aus dem Bannkreis seines Fetischs zu gelangen. Nur einmal im Gedränge trieb es ihn, einem Mädchen den Zopf abzuschneiden. Er hatte dabei heftig Angst, hatte mit einem Taschenmesser Mißerfolg und entging mit Mühe durch die Flucht der Gefahr, erwischt zu werden. Erwachsen, versuchte er durch Koitus mit Puellis sich zu befriedigen. Er gelangte zu mächtiger Erektion durch Küssen der Zöpfe, brachte es aber zu keiner Ejakulation. Deshalb war er vom Koitus unbefriedigt. Gleichwohl war seine liebste Vorstellung: Koitus mit Haarküssen. Dieses allein genügte ihm nicht, da er dadurch noch nicht zur Ejakulation gelangte. Einmal stahl er einer Dame ihr ausgekämmtes Haar, steckte es in den Mund und masturbierte dazu, indem er sich die Eigentümerin vorstellte. Im Dunkeln hatte er kein Interesse am Weib, weil er dessen Zöpfe nicht sah. Auch aufgelöstes Kopfhaar hatte für ihn keinen Reiz, ebensowenig Schamhaare. Seine erotischen Träume drehten sich nur um Zöpfe. In der letzten Zeit war Patient sexuell so erregt worden, daß er in eine Art Satyriasis geriet. Er wurde unfähig zum Beruf, fühlte sich so unglücklich, daß er sich in Alkohol zu betäuben suchte. Er trank sehr große Mengen, bekam ein Alkoholdelir, einen Anfall von Alkoholepilepsie, wurde spitalsbedürftig. Nach Beseitigung der Intoxikation schwand ziemlich rasch die sexuelle Erregung unter geeigneter Behandlung, und als Patient entlassen wurde, war er von seiner nur noch in Träumen ab und zu sich geltend machenden Fetischvorstellung befreit. Der körperliche Befund ergab normale Genitalien, wie überhaupt keine Degenerationszeichen ( Krafft-Ebing ). Und nun ein wohl schon nicht mehr partialfetischistischer Fall: Beobachtung 54. Eine Dame erzählte Dr. Gemy , daß in der Brautnacht und der folgenden Nacht ihr Gatte sich damit begnügt hatte, sie zu küssen, in ihrem nicht reichlichen Haar zu wühlen und sich dann schlafen zu legen. In der dritten Nacht brachte Herr X. eine überaus reich mit langen Haaren geschmückte Perücke zum Vorschein und bat seine Frau, dieselbe aufzusetzen. Kaum war dies geschehen, so holte der Mann reichlich die versäumte eheliche Pflicht nach. Am folgenden Morgen begann X. wieder zärtlich zu werden, indem er zunächst die Perücke liebkoste. Kaum hatte Frau X. die ihr lästig gewordene Perücke abgelegt, so hatte sie jeden Reiz für ihren Mann verloren. Frau X. erkannte nun, daß hier eine Marotte vorliege, fügte sich den Wünschen des von ihr geliebten Gatten, dessen Libido und wohl auch Potenz von der Perücke abhängig war. Auffallenderweise war eine solche immer nur 15 bis 20 Tage wirksam. Dieselbe mußte üppig an Haar sein, die Farbe war gleichgültig. Das Ergebnis dieser Ehe nach fünf Jahren waren zwei Kinder und eine Perückensammlung von 72 Stück ( Gemy ). Damit sind wir zur nächsten großen und praktisch besonders wichtigen Gruppe des Fetischismus gelangt. Schon Krafft-Ebing hat von ihr gesagt, daß sie einen weit höheren Grad des Pathologischen darstelle, bei weitem am häufigsten zur Beobachtung komme und auch forensisch am wichtigsten sei. Sie besteht darin, daß es gar nicht mehr das Weib selbst ist, welches, wenn auch bekleidet oder auf eine bestimmte Art gekleidet, in erster Linie sexuell reizend wirkt, sondern daß das sexuelle Interesse so sehr sich auf ein bestimmtes Stück der weiblichen Kleidung konzentriert, daß die lustbetonte Vorstellung dieses Kleidungsstückes sich gänzlich von der Gesamtvorstellung des Weibes loslöst und so selbständigen Wert gewinnt. Dies ist das eigentliche Gebiet des Kleidungsfetischismus , wo eine unbelebte Sache, ein isoliertes Stück der Kleidung für sich allein zur Erregung und Befriedigung des Geschlechtstriebes benützt und verwendet wird. Krafft-Ebing hat bei der Darstellung jener Formen des Fetischismus, bei denen ein Stück der weiblichen Kleidung der Fetisch ist, einleitend jene Fälle besprochen, bei denen der Geschlechtsverkehr nur mit bekleideten Frauen erstrebt wird, was seiner Ansicht nach darauf hinweist, daß solche Männer psychopathisch oder zumindest hyperästhetisch seien. Wir glauben indessen, daß sich diese Einstellung bereits aus ästhetischen Gründen hinreichend erklären läßt, und daß man keineswegs abnormal sein muß, um die Bekleidung und vor allem die spärliche Bekleidung (Dessous) der völligen Hüllenlosigkeit vorzuziehen. Während sich also die sexuelle Einstellung, den Geschlechtsakt nur mit bekleideten Frauen zu vollziehen, kaum als Übergang zum Perversen verwenden läßt, ist hierzu der von Krafft-Ebing beschriebene Kostümfetischismus wohl geeignet. Er besteht darin, daß nur Frauen in gewissen Kostümen oder Trachten als Sexualobjekte in Frage kommen. Daß diese Triebabweichung keine Seltenheit ist, erhellt schon aus den zahlreichen einschlägigen Angaben, die in den verschiedenen Werken über Prostitution und Bordellwesen in dieser Beziehung erbracht wurden. Es gibt sogar bestimmte Typen, die in besonderem Maße bevorzugt werden, wie das Brautkleid, das Nonnenhabit, das »Herrinnen«kostüm und die Ammentracht Bei der Brauttracht und beim Nonnenhabit dürften sadistische, beim »Herrinnen«kostüm masochistische Strebungen stark mitbeteiligt sein. . Nach Coffignon gibt es in nicht wenigen Bordellen zu diesem Zwecke richtige Maskengarderoben. Hierher gehören folgende Beobachtungen: Beobachtung 55. X., Sohn eines Generals, wurde auf dem Lande aufgezogen. Im Alter von 14 Jahren wurde er von einer jungen Dame in die Freuden der Liebe eingeweiht. Diese Dame war eine Blondine, die ihr Haar in gewundenen Locken trug und, um nicht entdeckt zu werden, mit ihrem jungen Liebhaber nur in ihrer gewöhnlichen Kleidung, mit Gamaschen, Korsett und ihrem Seidenkleide, geschlechtlich verkehrte. Als er nach Beendigung seiner Studien zur Garnison gesandt wurde und hier nun seine Freiheit genießen wollte, fand er, daß sein Sexualtrieb nur unter ganz bestimmten Bedingungen angeregt wurde. So konnte eine Brünette ihn nicht im mindesten reizen, und ein Weib im Nachtkostüm war imstande, jede Liebesbegeisterung in ihm ganz zu ersticken. Eine Frau, die seine Begierden wecken sollte, mußte eine Blondine sein, mit Gamaschen gehen, ein Korsett und ein seidenes Kleid tragen, kurz, ganz so gekleidet sein wie die Dame, die zuerst in ihm den Geschlechtstrieb erregt hatte. Er war immer den Bemühungen, ihn zu verheiraten, ausgewichen, da er wußte, daß er seine Gattenpflichten gegen ein Weib im Schlafkostüm nicht werde ausüben können ( Roubaud ). Hammond berichtet noch einen Fall, wo der Coitus maritalis nur durch ein bestimmtes Kostüm erzielt werden konnte, und Moll erwähnt mehrere derartige Fälle bei Hetero- und Homosexuellen. Als veranlassende Ursache ist eine frühere Assoziation oft nachzuweisen und stets anzunehmen. Nur so wird es erklärlich, daß auf solche Individuen ein bestimmtes Kostüm unwiderstehlich wirkt, gleichgültig welche Person immer den Fetisch trägt. Binet erzählt den Fall eines Richters, der ausschließlich in die Italienerinnen, die als Malermodelle nach Paris kommen, und in ihr bestimmtes Kostüm verliebt war. Die veranlassende Ursache war hier nachweisbar ein Eindruck beim Erwachen des Geschlechtstriebs. Beobachtung 56. P., 33 Jahre, Geschäftsmann, Sohn einer Mutter, die an Melancholie gelitten und durch Selbstmord geendigt hatte, mit mehrfachen anatomischen Degenerationszeichen behaftet, galt in seiner Straße für ein Original und hatte den Spitznamen »l'amoureux des nourrices et des bonnes d'enfants«. Da er solchen durch sein aufdringliches Benehmen an öffentlichen Orten lästig fiel und mit einer solchen Person, welche seinen Fetisch an sich trug, einmal in Streit geriet, wurde er verhaftet. Von jeher will er entzückt vom Anblick von Ammen und Kindermädchen gewesen sein, aber ihn interessierte nie das betreffende Weib, sondern nur das Kostüm, und zwar nicht Teile desselben, sondern nur das ganze. In Gesellschaft solcher Personen zu sein, war seine höchste Wonne. Heimgekehrt, brauchte er nur die genossenen Eindrücke wachzurufen, um zum Orgasmus zu gelangen. Nie war es ihm eingefallen, sich den Koitus mit einer solchen Person zu verschaffen ( Hammond ). Eine analoge Beobachtung von Kostümfetischismus verdankt man Motet . Es handelte sich um einen jungen Mann aus guter Familie, der ausschließlich sexuell erregt wurde durch den Anblick einer Frau in Braut toilette. Wer diese Toilette trug, war ihm gleichgültig. Er verbrachte, um seine fetischistischen Gelüste zu befriedigen, einen guten Teil seiner Zeit im Bois de Boulogne, vor der Türe von Restaurants, in welchen der Hochzeitsschmaus abgehalten zu werden pflegt ( Garnier ). Wenn wir jetzt zum eigentlichen Gegenstandsfetischismus gelangen, so sind unter all diesen seltsamen, abwegigen, oft grotesken Formen jene verhältnismäßig am begreiflichsten, in denen ein Stück der weiblichen Wäsche , also der dem Körper nächsten Bekleidung, den Fetisch bildet. Schon im Faust heißt es ja bekanntlich: »Schaff mir ein Tuch von ihrer Brust, ein Strumpfband meiner Liebeslust« Goethes reiches und urkräftiges Geschlechtsleben ist keineswegs frei von fetischistischen Zügen. So hat er (1772) von Kestner einen Kamm Lottes erbeten. »Ich schreib auch keine Zeile, bis ich den Kamm habe. Denn wir sind arme sinnliche Menschen, ich möchte gern wieder was von ihr in Händen haben, ein sinnliches Zeichen ...« Als Frau von Stein für ihn eine Weste gearbeitet hatte, bedauert er, sie nicht bitten zu dürfen, sie möge diese Weste erst einmal selbst eine Nacht lang tragen. Und noch mit 54 Jahren schreibt er, nach 15jähriger Ehe, seiner Frau: »Schicke mir mit nächster Gelegenheit Deine letzten neuen schon durchgetanzten Schuhe, von denen Du mir schriebst, daß ich nur wieder etwas von Dir habe und an mein Herz drücken kann.« . Das ist noch normal. Ins Pathologische führen aber sogleich jene Fälle, in denen das betreffende Kleidungsstück zwar allenfalls noch von einer bestimmten Person stammen muß, aber nicht mehr direkt, also benützt, in die Hände des Fetischisten zu gelangen braucht, sondern aus dem Wäscheschrank. Und noch weiter ab vom Normalen stehen natürlich jene Fälle, in denen es den Perversen genügt, den Fetisch in einem beliebigen Geschäft zu kaufen Den so häufigen, forensisch sehr wichtigen Trieb, den Fetisch zu stehlen , nicht zu vergessen. . Es ist sexualpsychologisch sicher nicht ohne Bedeutung, daß gerade in unserer Zeit die weibliche Leibwäsche einen bisher ungekannten Grad von Luxus erreicht hat, und es ist klar, daß dieser nicht nur durch die Wünsche der Frauen zustande gekommen ist, sondern – vermutlich noch weit mehr – durch die Wünsche der Männer. Man kann in Großstädten leicht beobachten, daß unter den Personen, die die Schaufenster der einschlägigen Geschäfte betrachten, das männliche Element überwiegt. Es mögen zunächst einige Beispiele für diese Triebabweichung folgen: Beobachtung 57. K., 45 Jahre alt, Schuhmacher, angeblich erblich nicht belastet, von eigentümlichem Wesen, geistig wenig begabt, von männlichem Habitus, ohne Degenerationszeichen, sonst tadellos in seinem Benehmen, wurde ertappt, als er abends aus einem Versteck gestohlene Frauenwäsche abholte. Es fanden sich bei ihm etwa 300 Toilettengegenstände von Frauen vor, darunter, neben Frauenhemden und Beinkleidern, auch Nachthauben, Strumpfbänder, sogar eine weibliche Puppe. Als er verhaftet wurde, hatte er gerade ein Frauenhemd auf dem Leibe. Schon seit 13 Jahren hatte er seinem Drang, Frauenwäsche zu stehlen, gefrönt, war, das erstemal bestraft, vorsichtig geworden und hatte in der Folge mit Raffinement und Glück gestohlen. Wenn dieser Drang über ihn kam, sei ihm ängstlich, der Kopf ganz schwer geworden. Er habe dann nicht widerstehen können, koste es, was es wolle. Es sei ihm ganz gleich gewesen, wem er die Sachen wegnehme. Die gestohlenen Sachen habe er nachts im Bett angezogen, dabei sich schöne Weiber vorgestellt und wollüstige Gefühle und Samenabgang verspürt. Dies war offenbar das Motiv seiner Diebstähle; jedenfalls hatte er sich nie eines der gestohlenen Gegenstände entäußert, vielmehr dieselben da und dort versteckt. Er gab an, daß er in früheren Zeiten mit Weibern normal geschlechtlich verkehrt habe. Onanie, Päderastie und andere sexuelle Akte stellte er in Abrede. Mit 25 Jahren will er verlobt gewesen sein, jedoch sei diese Verlobung ohne seine Schuld zurückgegangen. Das Krankhafte seines Zustandes und das Unrechte seiner Handlungen vermochte er nicht einzusehen ( Passow-Krauß ). Beobachtung 58. J., ein junger Fleischer, wurde eines Tages festgenommen. Unter seinem Paletot trug er ein Mieder, ein Leibchen, ein Oberleibchen, eine Jacke, einen Halskragen, ein Trikot- und ein Weiberhemd; überdies hatte er feine Strümpfe und Strumpfbänder an. Seit dem 11. Jahr plagte ihn ein Drang, ein Hemd seiner älteren Schwester anzuziehen. Sooft er dies unbemerkt tun konnte, verschaffte er sich diesen Genuß, und seit der Pubertät kam es, wenn er ein solches Hemd anlegte, zur Ejakulation. Selbständig geworden, kaufte er sich Weiberhemden und andere obengenannte Toilettengegenstände. Man fand bei ihm eine förmliche Damengarderobe. Das Anziehen solcher Kleidungsstücke war das Um und Auf seines sexuellen Fühlens und Strebens. Er hatte sich geradezu finanziell ruiniert durch seinen Fetischismus. Im Spital flehte er den Arzt an, er möge ihm gestatten, Weiberkleider zu tragen. Konträre Sexualempfindung besteht bei J. nicht ( Garnier ). Beobachtung 59. Z., 36 Jahre, Gelehrter, hat sich bisher nur für die Hülle des Weibes, niemals aber für das Weib selbst interessiert und bisher niemals mit einem solchen sexuell verkehrt. Neben der Eleganz, dem Chic einer weiblichen Toilette im allgemeinen, bilden seinen Fetisch im besonderen Unterkleider und Batisthemden mit Spitzen garniert, Atlaskorsett, feingestickte seidene Unterröcke, seidene Strümpfe. Es war ihm eine Wollust, in Konfektionsläden derlei weibliche Kleidungsstücke zu besehen oder zu betasten. Sein Ideal war irgendeine Dame im Badekostüm, mit seidenen Strümpfen, Mieder, darüber ein Morgenkleid mit Schleppe. Er studierte die Kostüme der Straßendirnen, fand sie aber geschmacklos, geradezu widerlich. Mehr Genuß hatte er beim Mustern der Auslagefenster, aber die Auslagen wurden zu selten erneuert. Er fand teilweise Befriedigung im Halten und Studieren von Modejournalen, im Ankauf einzelner besonders schöner Fetischstücke. Sein höchstes Glück wäre ihm, wenn ihm die Toilettenkünste des Boudoirs oder des Konfektionsladens zugänglich wären, oder wenn er Kammerzofe einer eleganten Weltdame sein und ihr die Toiletten richten könnte. Z. ist eine durchaus männliche Erscheinung ( Garnier ). Hier möchten wir eine bereits früher (siehe z. B. Beobachtungen 52 und 54) erwähnte Tatsache besprechen, die für diese ganze Gruppe von Fetischisten überaus kennzeichnend ist; es ist das der Sammeltrieb . Jeder richtige Fetischist dieser Art hat seinen eigenen Harem, und es ist oft überaus interessant zu sehen, wie Zöpfe, Taschentücher, Wäschestücke oder Handschuhe zeitweise Favoritinnenrollen spielen, dann durch andere Gegenstände gleicher Art verdrängt werden, wieder zu Gnaden kommen usw. – mit oft erstaunlicher Erlebnisstärke und Phantasiekraft. Auch beim typischen Sammler scheint übrigens ein gewisser Grad von Fetischismus vorzuliegen, besonders dann, wenn nicht materielle oder wissenschaftliche Gründe die Sammeltätigkeit zu erklären vermögen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich in solchen Fällen um eine latente Perversion. Als Beispiel dieser Art sei nachfolgende Beobachtung angeführt: Beobachtung 60. Herr N. K. sammelt Wurstscheiben aus aller Herren Länder. Er hat ein ganzes Museum von Wurstscheiben, die in Formalinspiritus konserviert werden. Jedes Scheibchen steht in einer Vitrine, die eine Aufschrift trägt, welche über Ort und Erwerbung Kenntnis gibt. Es werden weite Reisen unternommen, um das Museum um interessante Stücke zu bereichern ( Stekel ). Im nachfolgenden Fall liegt der Fetischismus bereits klar zutage: Beobachtung 61. Ein etwa 45jähriger Mann, kinderlos, impotent und deshalb von seiner Frau getrennt, hatte sich eine Sammlung von bunten Mützen , Studenten- und Seminaristenmützen, zugelegt. Er machte den Eindruck eines geistig nicht normalen Menschen, war verschlossen, in sich selbst zurückgezogen, lebte aber sonst korrekt. Unter einer schwindelhaften Vorspiegelung hatte er seine Sammlung um sechs neue Mützen bereichert. Er wurde deshalb wegen Betrugs angeklagt. Da Bedenken hinsichtlich seiner Zurechnungsfähigkeit auftauchten, wurde er gerichtsärztlich untersucht. Es ergab sich, daß ein Fall von Fetischismus vorlag. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er angefangen, bunte Mützen zu sammeln. Wenn er bunte Mützen sah, hatte er den Trieb, sie zu besitzen. Wenn er seine Mützensammlung musterte, wurde er geschlechtlich erregt; er bekam Erektion, und es erfolgte Samenerguß ( Keferstein ). Ein Kleidungsstück, welches zwar nicht eigentlich intimen Charakter hat, aber durch Stoff und Farbe an Leibwäsche erinnern kann, auch wohl durch die Stelle, an welcher es getragen wird, sexuelle Beziehungen erhält, ist die Schürze . (Vgl. auch die Begriffsverwendung des Wortes »Schürze« neben »Unterrock« im Sprachgebrauch: »Jeder Schürze nachlaufen« usw.) Dies bietet eine Handhabe zum Verständnis der folgenden Fälle: Beobachtung 62. C., 37 Jahre alt, aus schwer belasteter Familie, geistig schwach begabt, bemerkte mit 15 Jahren eine zum Trocknen aufgehängte Schürze. Er band sie sich um und onanierte hinter einer Hecke. Seither konnte er keine Schürze sehen, ohne den Akt damit zu wiederholen. Sah er jemand, gleichgültig ob Frau oder Mann, mit einer Schürze angetan daherkommen, so mußte er nachlaufen. Um ihn von seinen endlosen Schürzendiebstählen zu befreien, tat man ihn im 16. Jahre zur Marine. Dort gab es keine Schürzen und vorläufig Ruhe. Mit 19 Jahren heimgekehrt, mußte er wieder Schürzen stehlen, kam dadurch in fatale Verwicklungen, wurde mehrmals eingesperrt, versuchte durch mehrjährigen Aufenthalt in einem Trappistenkloster von seinem Gelüste frei zu werden. Ausgetreten ging es ihm wie früher. Anläßlich eines neuen Diebstahls wurde er gerichtsärztlich untersucht und der Irrenanstalt übergeben. Nie stahl er etwas anderes als Schürzen. Es war ihm ein Genuß, in dem Erinnerungsbild der ersten gestohlenen Schürze zu schwelgen. Seine Träume drehten sich um Schürzen. In der Folge benützte er ihre Erinnerungsbilder, um gelegentlich Koitus zustande zu bringen oder um zu masturbieren ( Charcot-Magnan ). Beobachtung 63. X., Journalist, 36 Jahre alt, verheiratet, ohne jedoch jemals mit seiner Frau geschlechtlich verkehrt zu haben, hat eine ihm unerklärliche Neigung zu Schürzen und Waschkleidern, und zwar schon von Jugend an. Die Schürzen müssen aus Waschstoff sein, auch müssen sie gewisse Farben und Muster zeigen. Am liebsten sind ihm Schürzen und Kleider, die getragen sind, ja schmutzig sein können; er duldet z. B. nicht, daß seine Sachen gewaschen werden. Der Gedanke, daß seine »lieben Schürzchen« nicht sorgfältig behandelt, ja durch Waschen mißhandelt werden, bereitet ihm einen fast körperlichen Schmerz. Überhaupt ist es ihm peinlich, Schürzen und Kleider, die seinem Geschmacke entsprechen, von Fremden getragen zu sehen, weil er dabei immer den Gedanken hat, man gehe nicht ordentlich und zärtlich mit den Sachen um. Deshalb, und weil eben seine Leidenschaft für solche Gegenstände durch den Anblick erregt wird, ist er häufig den Trägerinnen nachgegangen und hat die fraglichen Kleidungsstücke zu kaufen gesucht, obgleich er ganze Schränke und Körbe voll im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Der Besitz und der Anblick seiner Schürzen und Waschkleider sowie der Verkehr mit diesen gewährten ihm ein Gefühl des Wohlseins und der Befriedigung. Zu einer sexuellen Erregung kommt es dabei nie, ebenso benützt er sie nicht zu onanistischen Zwecken. Er findet seine Befriedigung darin, daß er sie ansieht, wenn sie von Frau und Kind getragen werden. Ferner umgibt er sich nachts mit Schürzen und Kleidern, und die ihm gerade liebste Schürze nimmt er auch ins Bett, immer ohne sie zu onanistischen Zwecken zu benützen. Am Tage hängt er sie im Zimmer auf und streichelt sie, küßt sie und redet mit ihnen »wie mit Frau und Kind«. X. führt seit vielen Jahren Tagebücher, worin er sich über Erwerb, Aussehen und Schicksal seiner Schürzen ausläßt. Ein Beispiel aus diesen sei angeführt: »Dunkelblaue Schürze mit blaugestreiftem Rand. Band die Schürze wieder früh, nachdem sie angezogen war, um, auf meine Bitte. Heute aber erst, nachdem sie auch Marga gewaschen und angezogen hatte, so daß mir das Furchtbare erspart blieb, zu sehen, wie sie in der süßen Schürze Marga wäscht. Frühstückte darin und trug ihr das Geschirr in die Küche. Wusch Margas Haar in ihr mit Bayrum ein. Zog in ihr Marga die Gamaschen der Gummischuhe an, berührte dabei mit ihren Armen die herabhängende Schürze, die dadurch wieder ganz zusammengebogen und geknutscht wurde usw. Schürzidel hängt zu meinem furchtbarsten Schmerz ganz zerknutscht und zusammengebogen herunter, ist voller Knutschfalten, die sich von oben bis unten hinziehen, auch der blaugestreifte Rand ist auf beiden Seiten voll direkter Knutschfalten, und der süße, blaugestreifte Stoff ist oben rechts und links ganz zusammengebogen und zerknüllt. Ich bin tief traurig, daß das süße Schürzidel durch das Umbiegen so furchtbar mitgenommen usw.« ( Walther ). Auch die Röcke der Frau können zum Fetisch werden: Beobachtung 64. X., 30jähriger, kräftiger Landarbeiter, hatte trotz mannigfaltiger Gelegenheit nie mit einem Weibe verkehrt. Mit 17 Jahren hatte er begonnen, die Unterröcke der Mutter und Schwester zwischen die Beine zu nehmen und zu onanieren. Vorher begann er schon mit einer Zudecke zu onanieren. X. sagte: »Die Zudecke und später der Frauenrock sind für mich ein Mädchen« ( Senf ). Beobachtung 65. Y., 35 Jahre alt, Beamter, stammt als einziges Kind von einer nervösen Mutter und gesundem Vater ab. Er war von Kindesbeinen an »nervös«, erschien bei der Konsultation auffällig durch neuropathisches Auge, zarten, schmächtigen Körper, feine Züge, sehr dünne Stimme, spärlichen Bartwuchs. Bis auf Erscheinungen leichter Neurasthenie ist an Patient nichts Krankhaftes nachzuweisen. Genitalien normal, desgleichen die sexuellen Funktionen. Patient will nur 4-5mal, und zwar als kleiner Junge, masturbiert haben. Schon mit 13 Jahren wurde Patient durch den Anblick von nassen Weiberkleidern mächtig sexuell erregt, während solche Kleider in trockenem Zustande ihn gar nicht erregten. Sein größter Genuß war es, wenn es regnete, nach durchnäßten Frauenkleidern auszuschauen. Traf er auf ein solches und hatte das betreffende Weib zudem ein sympathisches Gesicht, so hatte er intensive Wollustgefühle, mächtige Erektion und fühlte sich zum Koitus getrieben. Gelüste, sich nasse Weiberröcke zu verschaffen oder ein Frauenzimmer mit Wasser zu bespritzen, will er nie gehabt haben. Es ist möglich, daß der Geschlechtstrieb in diesem Falle beim Anblick eines Weibes zum erstenmal aufgetaucht ist, welches bei Regenwetter die nassen Röcke aufhob und Reize sehen ließ. Der seines Objektes noch nicht bewußte dunkle Trieb wurde dann auf die nassen Röcke übertragen ( Krafft-Ebing ). Häufig und auch forensisch wichtig sind die Liebhaber weiblicher Taschentücher . – Zur Häufigkeit des Taschentuchfetischismus mag beitragen, daß das Taschentuch dasjenige Wäschestück ist, welches am häufigsten auch im nicht intimen Verkehr gesehen und angeeignet werden kann. Beobachtung 66. X., ein bisher unbescholtener, 32 Jahre alter lediger Bäckergehilfe, wurde ertappt, als er einer Dame ein Taschentuch stahl. Er gestand mit aufrichtiger Reue, daß er bereits 80 bis 90 derartige Sacktücher entwendet habe. Er hatte es nur auf solche abgesehen, und zwar ausschließlich bei jüngeren und ihm zusagenden Frauenzimmern. Mit tiefer Reue und in schwachsinniger Weise gestand nun X., daß er vor einem halben Jahre im Menschengedränge beim Anblick eines jungen, hübschen Mädchens sich heftig geschlechtlich erregt fühlte, sich an dasselbe drängen mußte und den Drang empfand, durch Wegnahme des Taschentuches sich für eine ausgiebigere Befriedigung seiner geschlechtlichen Erregung zu entschädigen. In der Folge wurde er, sobald er ein ihm zusagendes Frauenzimmer gewahrte, unter heftiger geschlechtlicher Erregung, Herzklopfen, Erektion und Impetus coeundi vom Drang erfaßt, sich an die betreffende Person zu drängen und ihr das Taschentuch zu entwenden. Obwohl ihn keinen Moment das Bewußtsein der Strafbarkeit seiner Handlung verließ, konnte er seinem Drange nicht Widerstand leisten. Dabei fühlte er Angst, die teils durch den zwangsmäßigen geschlechtlichen Trieb, teils durch die Furcht vor Entdeckung bedingt war. – Bei einer Hausdurchsuchung fand man 446 Stück Damentaschentücher vor. Überdies will er zwei Bündel solcher Beweisstücke verbrannt haben. Ferner ergab sich im Laufe der Untersuchung, daß X. schon zweimal wegen Diebstahls von Sacktüchern bestraft war. X. hatte geheiratet und ein selbständiges Geschäft angefangen. Doch begehrte seine Frau, die sich mit ihm nicht vertragen konnte, und der er angeblich seine eheliche Pflicht nicht leistete (von X. bestritten), die Ehescheidung. Seinen unglücklichen Drang nach Taschentüchern von Damen beklagt er tief, aber wenn er in die bezügliche Situation komme, vermöge er sich leider nicht zu beherrschen. Er verspüre dabei ein Wonnegefühl, und es sei ihm, wie wenn jemand ihn dazu dränge. Zuweilen vermöge er sich zurückzuhalten, aber wenn die Dame ihm sympathisch sei, erliege er im ersten Antrieb. Er sei dabei ganz naß von Schweiß, teils aus Angst vor Entdeckung, teils infolge des Triebes zur Ausführung der Tat. Schon seit den Pubertätsjähren will er sinnliche Erregungen beim Anblick von weiblichen Taschentüchern empfunden haben. Der näheren Umstände, unter welchen diese fetischistische Assoziation sich knüpfte, vermag er sich nicht zu erinnern. Die sinnliche Erregung beim Anblick von Damen mit aus der Tasche hervorstehendem Taschentuch habe sich immer mehr gesteigert. Wiederholt sei es dabei zu Erektionen gekommen, nie aber zu Ejakulation. Vom 21. Jahr ab will er einige Male Anwandlungen zu normaler Geschlechtsbefriedigung gehabt und ohne Taschentuchvorstellungen anstandslos koitiert haben. Mit überhandnehmendem Fetischismus sei die Aneignung von Taschentüchern für ihn eine viel größere Befriedigung geworden als der Koitus. Die Aneignung eines Taschentuches einer sympathischen Dame sei ihm so viel wert gewesen, als ob er mit der betreffenden Dame sexuell verkehrt hätte. Er fühlte dabei wahren Orgasmus. Konnte er nicht in den Besitz eines begehrten Taschentuches gelangen, so fühlte er quälende Aufregung, Zittern, Schweiß am ganzen Körper. Taschentücher von ihm besonders sympathischen Frauen bewahrte er gesondert auf, weidete sich an ihrem Anblick und fühlte dabei großes Wohlbehagen. Auch der Geruch derselben machte ihm eine wonnige Empfindung, jedoch behauptete er, es sei wesentlich der eigentümliche Wäschegeruch, nicht der etwaigen Parfüms gewesen, der ihn sinnlich erregte. Masturbiert will er nur höchst selten haben ( Zippe-Frisch ). Beobachtung 67. X. fing mit 12 Jahren an zu masturbieren und konnte von da ab kein Weibertaschentuch sehen, ohne in Orgasmus und Erektion zu geraten. Es zwang ihn förmlich, in deren Besitz zu gelangen. Er war damals Kirchenchorknabe und benutzte die gestohlenen Tücher, um im nahen Glockenturm damit zu masturbieren. Nur schwarz- und weißkarierte, violette oder gestreifte Taschentücher übten auf ihn solche faszinierende Wirkung. Vom 15. Jahr ab Koitus. Später Ehe. Er war meist nur dann potent, wenn er seine Genitalien mit einem solchen Tuch umwickelte. Oft zog er coitum inter femora feminae, wo er ein Taschentuch placiert hatte, dem normalen Akt vor. Nirgends war ein solches vor ihm sicher. Er trug immer deren mehrere in der Tasche und eines um die Genitalien gewickelt ( Rayneau ). Zeigt dieses Beispiel deutlich, in welche Einzelheiten sich der fetischistische Trieb erstreckt, so beweist die nächste Beobachtung, die Krafft-Ebing nach einem Falle Molls mitgeteilt hat, daß die gleiche Triebabweichung auch bei Homosexuellen vorkommt: Beobachtung 68. K., 38 Jahre alt, Handwerker, ein kräftig gebauter Mann, klagt über zahlreiche Beschwerden, Schwäche in den Beinen, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Mangel an Arbeitslust usw. Die Klagen machen den ausgesprochenen Eindruck von Neurasthenie, mit Neigung zu Hypochondrie. Erst mehrere Monate, nachdem Patient in Behandlung gewesen, gibt er an, daß er auch sexuell abnorm sei. K. hat niemals irgendwelchen Trieb zum Weibe gehabt; schöne Männer hingegen übten von jeher einen ganz besonderen Reiz auf ihn aus. Patient hat von Jugend auf viel onaniert. Gegenseitige Onanie oder Päderastie hat K. niemals getrieben. Er glaubt auch nicht, daß er hierin eine Befriedigung gefunden hätte, da trotz seiner Vorliebe für Männer ein weißes Wäschestück von ihnen den Hauptreiz auf K. ausübte, wobei aber die Schönheit des Besitzers eine Rolle spielte; besonders sind es Taschentücher von schönen Männern, durch die K. sexuell erregt wird. Seine höchste Wollust besteht darin, daß er in die Taschentücher von Männern masturbiert. Er nahm aus diesem Grunde öfters seinen Freunden Taschentücher weg. Um sich vor Entdeckung zu schützen, ließ Patient stets eines seiner eigenen Taschentücher bei seinen Freunden zurück, als Ersatz des jeweilig gestohlenen. K. wollte auf diese Weise dem Verdacht des Diebstahls entgehen und den Schein einer Verwechslung erregen. Auch andere Wäsche von Männern erregte den K. sexuell, aber nicht in dem Grade wie Taschentücher ( Moll ). Auch andere Wäschestücke können zum Fetisch werden, wobei sich die Distanz vom normalen Sexualobjekt, von der Frau, wiederum vergrößert: Beobachtung 69 (stark gekürzt). X., Tischler, bei der Entwendung von Kinderbettzeug entdeckt, wurde deshalb verhaftet, wobei es sich herausstellte, daß er bereits mehrfach wegen des gleichen Deliktes vorbestraft war. Mit dem 12. Jahre sei ihm ein sexuell sehr aufregendes Buch in die Hände gefallen, und gerade damals sei seine hochschwangere Schwester nach Hause gekommen und habe die Bettchen und das sonstige Kinderzeug für das zu erwartende Kind zurecht gemacht. Das Zusammentreffen jener Lektüre mit dem Anblick der schwangeren Schwester und der Kinderwäsche hätten einen außerordentlich starken Eindruck auf ihn gemacht und lebhafte Erektion hervorgerufen. Seitdem onanierte er fast täglich und benützte dazu möglichst immer die Steckbettchen der Schwester. Von da an sei er bei der Befriedigung seines sexuellen Triebes immer an den Gebrauch von Steckbettchen , bzw. von Kinderwäsche gebunden geblieben. Nur Steckbettchen aus rotem oder allenfalls rot-weiß gestreiftem Inlet mit geblümtem Überzug und Spitzenbesatz reizten ihn geschlechtlich, so daß er bei ihrem Anblick schon Erektionen bekam und keinen andern weiteren Gedanken mehr hatte, als sich an ihnen zu befriedigen. Um sich solche Gegenstände zu verschaffen, habe X. oft auf kompliziertem Wege, durch Einsteigen in fremde Wohnungen und dergleichen die verschiedenen Diebstähle ausgeführt. Ein richtiges Verhältnis habe X. nie gehabt. Koitus sei – in Bordellen – manchmal gelungen, doch habe er es immer nur mühsam zur Erektion und Ejakulation gebracht, und zwar so, daß er sich Steckbettchen vorstellte und die Spitze am Kopfkissen ins Auge faßte. Wirkliche Befriedigung habe er dabei aber niemals gefunden. Meist habe er den sexuellen Trieb nach dem Koitus noch durch Masturbation befriedigt ( Halm ). Noch seltsamer ist folgender Fall: Beobachtung 70. X., 37 Jahre alt, Handelsangestellter, aus sehr belasteter Familie, bekam mit 5 Jahren die erste Erektion, als er seinen Schlafkameraden, einen älteren Verwandten, eine Nachtmütze aufsetzen sah. Die gleiche Wirkung trat ein, als er später einmal die alte Hausmagd eine Nachthaube aufsetzen sah. Später genügte zur Erektion die bloße Vorstellung eines alten, häßlichen, mit einer Nachthaube bedeckten Frauenkopfes. Der bloße Anblick einer Haube, der einer nackten Frauengestalt oder eines nackten Mannes ließ ihn kalt, aber die Berührung einer Nachtmütze rief Erektion, zuweilen selbst Ejakulation hervor. X. war nicht Masturbant, hatte auch bis zum 32. Jahre, wo er ein schönes und geliebtes Mädchen heiratete, sexuell nie verkehrt. In der Hochzeitsnacht blieb er unerregbar, bis er in seiner Not das Erinnerungsbild des alten häßlichen Weiberkopfes mit der Nachtmütze zu Hilfe nahm. Sofort gelang der Koitus, und auch später mußte er stets zu diesem Mittel greifen ( Charcot-Magnan ). Nicht mehr Kleidungsstück, sondern bloß Attribut einer Person ist der Fetisch in folgenden seltsamen Fällen. Beobachtung 71. X., 30 Jahre alt, Jurist, ist homosexuell. Seine Genitalien und sein Äußeres sind dabei durchaus männlich. Er liebt zwar keinen männlichen Sport, fühlt aber nicht gerade weiblich, auch nicht Männern gegenüber. Sein Verkehr mit ihnen bestand bisher nur in Umarmungen und Küssen, wobei er in der Regel zu Orgasmus und Ejakulation gelangte. Coitus cum femina wurde nie versucht, es bestand geradezu Horror feminae. X. hatte einen sonderbaren Fetischismus: ein Trauerflor , am Hut und Arm getragen, besonders an einem jungen Mann oder an einem Offizier, macht auf ihn einen geradezu faszinierenden Eindruck und läßt ihn wollüstig erbeben. Sexuell erregen ihn, jedoch in minderem Grade, auch Warzen, Sommersprossen, Geschwüre, Ausschläge an andern Männern. Merkwürdigerweise ist X. von seiner Vita sexualis nicht unbefriedigt und suchte auch nicht ihretwegen den Arzt auf, sondern wegen neurasthenischer Beschwerden, die auf Masturbation beruhen dürften ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 72. X., 19 Jahre alt, Student, neurasthenisch, versichert, nie masturbiert zu haben und bis zur Ehe keusch bleiben zu wollen. Im 11. Jahre erwachte bei ihm ein ihm noch heute unerklärliches Interesse für Ringe , und zwar ausschließlich für breite, massive Goldringe. Er empfand einen wahren und geradezu lästigen Zwang, solcher Ringe ansichtig zu werden; dieses Verlangen war zunächst sexuell ganz unbetont, und es war ihm auch gleich, ob er solche Ringe an einer Frauen- oder an einer Männerhand erblickte. Mit 12 Jahren fühlte er sich beim Anblick eines Ringes an der Hand eines Offiziers so erregt, daß er sich kaum enthalten konnte, einen Kuß darauf zu drücken. Vom 15. Jahre an Verbindung von sexueller Erregung mit dem Anblick solcher Ringe; von nun an interessieren ihn nur noch breite Goldringe an Frauenhand. Gelegentlich zieht er seiner Schwester einen derartigen Ring vom Finger, steckt ihn an und schwelgt in wonnigen Gefühlen. Als Ersatz macht er sich solche Ringe aus Blech, was ihm aber nur schwache Befriedigung gewährt. Mit 16 Jahren verliebt sich X. in ein Mädchen. In seiner Phantasie stellt er sich die Geliebte mit Ringen vor; der beiderseitige Besitz von Ringen sei eine Vorbedingung für die Liebe und für den Geschlechtsverkehr. Mit 17 Jahren kann er dem Verlangen nicht widerstehen, einen Goldring aus der Auslage eines Juweliers zu kaufen. Nachdem er ihn angesteckt hat, wird er halb bewußtlos vor nervöser Erregung und Wollust. Er bekommt Erektion, Ejakulation, gleich darauf Reue und verkauft den für ihn viel zu kostspieligen Ring an den Juwelier zurück. Sein Fetisch beherrscht ihn ganz, so daß er sich versucht fühlt, durch Bitten, Demütigungen, ja selbst durch Diebstahl und Mord solche Ringe zu erlangen. Durch das Ankämpfen gegen solche Gedanken und durch häufige Pollutionen wird X. neurasthenisch. Ersatz sind ihm Blechringe, die aber nur hochgradige sexuelle Erregung, nicht Ejakulation bewirken, ferner Zeichnungen von Ringen. Er wird so erregbar, daß schon das Sehen solcher auf Gemälden, das Lesen, Hören des Wortes »Ring« ihn mächtig erregen. Es stellen sich förmliche Anfälle ein, in denen ihn der Fetisch ganz beherrscht und er an nichts anderes denken kann. Da seine Mittel ihm nicht erlauben, einen Goldring zu kaufen, so entlehnt er gelegentlich einen solchen oder verschafft sich diesen Genuß, indem er sich Ringe in einem Juwelierladen vorlegen läßt. Beim Anstecken eines geeigneten Ringes durchzuckt es ihn »elektrisch«, und er ejakuliert dabei. Damit hat er vorläufig Ruhe vor seinem Fetisch. Zeitweilig hat er wollüstige Träume des Inhalts, daß ihm jemand einen großen goldenen Ring auf den Penis stecke, und daß ein anderer diesen Ring durchsäge. In diesem Augenblick kommt es zur Pollution. Silberne Ringe sind ihm ein Gegenstand des Abscheus, ebenso wenn jemand den Ring anders als am Zeigefinger trägt. Dieser Anblick verursacht ihm Brechreiz. Seine fetischistischen Anwandlungen kommen anfallweise, ziemlich periodisch; dazwischen wochenlange Ruhe. Zeitweise hat X. Gelüste, seine Genitalien mit Ringen zu berühren, doch hat er das nie ausgeführt ( Krafft-Ebing ). Hierher gehört auch ein Fall, den Krafft-Ebing nach Moll mitteilt: Beobachtung 73. X., 30 Jahre, angeblich unbelastet, eine feinfühlige, empfindsame Persönlichkeit, von jeher Blumenfreund bis zum Küssen von Blumen, aber ohne jegliche sexuelle Beziehung oder Erregung dabei, eher natura frigida, früher nie der Onanie ergeben, auch in der Folge nur ganz episodisch, lernte mit 21 Jahren eine junge Dame kennen, die an ihrer Jacke einige große Rosen befestigt hatte. Seither spielte die Rose in seinen sexuellen Gefühlen eine große Rolle. Wo er konnte, kaufte er Rosen, küßte sie, wobei es sogar zu Erektionen kam, nahm sie auch wohl ins Bett, ohne sie jedoch mit seinen Genitalien in Kontakt zu bringen. Seine Pollutionen waren von nun an von Rosenträumen begleitet. Indem er vom Duft einer Rose träumte und eine solche ihm in märchenhafter Pracht erschien, trat dann die Ejakulation ein. X. verlobte sich insgeheim mit der Rosendame, aber die immer nur platonisch gebliebenen Beziehungen erkalteten. Nach Auflösung der Verlobung war der Rosenfetischismus plötzlich und dauernd geschwunden, selbst als der eine Zeitlang an Melancholie erkrankt Gewesene sich neuerdings verlobte ( Moll ). Hier ist auch eine gleichfalls seltene Triebabweichung zu erwähnen, die man als Pygmalionismus oder als Venus statuaria bezeichnet, und die im Sexualverkehr mit Statuen und andern Nachbildungen der menschlichen Personen besteht. Bekannt ist in dieser Beziehung aus der Antike der Fall des Klisyphos zu Samos, der die Statue einer Göttin schändete, nachdem er zuvor an entsprechender Stelle ein Stück Fleisch angebracht hatte, und aus neuerer Zeit (1877) jener Gärtner, der Koitusversuche an der Statue der Venus von Milo machte. In Bordellen wird, so wie wir das bei der Nekrophilie zu erwähnen haben werden, auch dieser seltsamen Perversion Rechnung getragen, indem Prostituierte Statuen nachahmen, um sich dann freilich, wenn die »Andacht« vorüber ist, zu beleben. Zum Pygmalionismus dürften auch jene Fälle gehören, bei denen vor Schaufenstern exhibitionistische, bzw. onanistische Akte bei dem Anblick von Frisurköpfen, Kleiderpuppen usw. vollzogen werden. Theoretisch ist der Pygmalionismus durch seine innige Verflechtung von Sexualtrieben mit ästhetischen und manchmal sogar auch religiösen Strebungen zwar sehr interessant, seine praktische Bedeutung ist aber gering. Anhangsweise möchten wir noch die Sexualakte besprechen, die mit Nachbildungen des menschlichen Körpers und besonders der menschlichen Genitalien ausgeführt werden. Es gibt geradezu eine pornographische Technik, von erstaunlich vollkommenen Nachbildungen dieser Art bis hinunter zu verschiedenen Notbehelfen, wie sie in Gefangenenlagern, Zuchthäusern usw. angefertigt werden. Als eigentliche Perversion wird man aber solche Scheußlichkeiten selten zu betrachten haben; in der Regel handelt es sich um Folgezustände sexueller Not. Es ist übrigens bemerkenswert, daß auch Naturvölker solche Praktiken kennen; die Korjäken Sibiriens gebrauchen neben ihren Weibern noch sogenannte Kéelgi, das sind männliche Geliebte aus Stein mit Fell überzogen. Wir verlassen jetzt – aus Gründen, die später zu erörtern sein werden – diese Arten des Gegenstandsfetischismus und wenden uns einer andern Gruppe zu, für die es vor allem bezeichnend ist, daß Tastreize für die Wahl des Fetischs bestimmend sind. Krafft-Ebing , der diese Formen des Fetischismus zu einer eigenen Gruppe zusammengefaßt hat, weist schon darauf hin, daß nicht mehr die Tatsache, daß eine Person oder eine bestimmte Person mit dem betreffenden Stoff bekleidet ist, wichtig ist, sondern daß der Stoff an sich sexuelle Empfindungen wecken oder steigern kann. Solche Stoffe sind vor allem Pelz, Samt und Seide. In das Verständnis der Bedeutung von Tastreizen für die Fetischwahl führt indessen folgender interessanter Fall wohl am besten ein: Beobachtung 74. X., ein junger Mediziner, hatte auf seinem Krankensaal eine Greisin mit chronischem Rheumatismus, mit beträchtlichen Deformationen an Händen und Füßen, also eine Frau, die wohl bei niemandem ästhetische Gefühle auslösen konnte. Diese Frau hatte eine Atrophie der Haut , die besonders die Bedeckung der Hände außerordentlich weich machte und ihr eine samt artige. Beschaffenheit gab, die bei Kranken dieser Art nicht so selten ist. Die einfache Berührung dieser Hände rief bei dem jungen Mann Erektionen hervor; er hatte verschiedene Male zu seiner eigenen Verwunderung diese Erfahrung gemacht. Als X. beim Zahnausziehen die Hände dieser Patientin zu halten hatte, trat unter dem Einfluß der intimen Berührung eine Ejakulation mit voller Erregung ein ( Féré ). Und nun Fälle von Stoff-Fetischismus; zuerst einmal ist Pelz der Fetisch. Beobachtung 75. X., 37 Jahre alt, aus neuropathischer Familie stammend, selbst von neuropathischer Konstitution, gibt an: Von frühester Jugend ist mir eine tiefgewurzelte Schwärmerei für Pelzwerk und Samt eigen in dem Sinne, daß diese Stoffe bei mir geschlechtliche Erregung bewirken, ihr Anblick und ihre Berührung mir ein wollüstiges Vergnügen bereiten. An irgendein Ereignis, welches diese seltsame Neigung veranlaßt hätte (etwa gleichzeitiges Eintreten der ersten sexuellen Regung mit dem Eindruck dieser Stoffe, bzw. erste Erregung durch ein so gekleidetes Weib), überhaupt an den ersten Anfang dieser Schwärmerei vermag ich mich nicht zu erinnern. Ich weiß nur, daß ich schon als kleines Kind lebhaft darnach trachtete, Pelzwerk zu sehen und zu streicheln, und dabei eine dunkle wollüstige Empfindung hatte. Mit dem ersten Auftreten bestimmter sexueller Vorstellungen, d.h. der Richtung geschlechtlicher Gedanken auf das Weib, war auch schon die besondere Vorliebe für das Weib, das gerade mit diesen Stoffen bekleidet ist, vorhanden. So ist es seither bis in mein reifes Mannesalter geblieben. Ein Weib, welches Pelz oder Samt oder gar beides trägt, erregt mich viel rascher und viel mächtiger als eines ohne dieses Beiwerk. Die genannten Stoffe sind zwar nicht unbedingt die Voraussetzung der Erregung, die Begierde tritt auch ohne sie auf die gewöhnlichen Reize ein; aber der Anblick und namentlich die Berührung dieser Fetischstoffe bilden für mich ein mächtiges Unterstützungsmittel anderer normaler Reize und eine Erhöhung des erotischen Genusses. Oft bringt mich der bloße Anblick eines nur leidlich hübschen Frauenzimmers, welches aber in diese Stoffe gekleidet ist, in lebhafte Erregung und reißt mich völlig hin. Schon der Anblick meiner Fetischstoffe gewährt mir Genuß, viel größeren die Berührung. Der penetrante Geruch des Pelzwerks ist mir dabei gleichgültig, eher unangenehm, nur wegen der Assoziation mit angenehmen Gesichts- und Tastempfindungen leidlich. Ich sehne mich mächtig darnach, diese Stoffe am Körper eines Weibes zu betasten, zu streicheln, zu küssen, mein Gesicht darein zu vergraben. Der höchste Genuß ist mir, inter actum meinen Fetisch auf der Schulter eines Weibes zu sehen und zu fühlen. Sowohl Pelzwerk allein als Samt allein übt die geschilderte Wirkung auf mich aus, ersteres viel stärker als letzterer. Am stärksten wirkt die Kombination beider Stoffe. Auch weibliche Kleidungsstücke aus Samt und Pelzwerk, allein, ohne die Trägerin, gesehen und befühlt, wirken sexuell erregend auf mich ein, ja ebenso – wenn auch in geringerem Grade – Pelzwerk zu Decken verarbeitet, die nicht zur weiblichen Kleidung gehören, auch Samt und Plüsch an Möbeln und Draperien. Die bloßen Abbildungen von Pelz und Samttoiletten sind für mich Gegenstand erotischen Interesses, ja das bloße Wort »Pelz« hat für mich magische Eigenschaft und ruft sofort erotische Vorstellungen hervor. Pelzwerk übt aber auf mich die geschilderte Wirkung nur dann aus, wenn es recht dichte, feine, glatte, ziemlich lange, in die Höhe stehende sogenannte Grannenhaare hat. Von diesen hängt, wie ich deutlich bemerkt habe, die Wirkung ab. Ganz gleichgültig sind für mich nicht nur die allgemein für ordinär geltenden grobhaarigen zottigen Pelzsorten, sondern ebenso unter den für schön und edel geltenden diejenigen, bei welchen das Grannenhaar ganz entfernt wird (Seehund, Biber) oder von Natur kurz ist (Hermelin) oder überlang und liegend (Affe, Bär). Die spezifische Wirkung haben nur die stehenden Grannenhaare bei Zobel, Marder, Skunks u.dgl. Nun besteht aber auch Samt aus dichten, feinen, in die Höhe stehenden Haaren (Fasern), worauf die gleiche Wirkung beruhen dürfte. Die Wirkung scheint eben von einem ganz bestimmten Eindruck dichter feiner Haarspitzen auf die Endorgane der sensiblen Nerven abzuhängen. Dieselbe erotische Fetischwirkung wie Pelzwerk und Samt haben für mich Federn auf Frauenhüten, an Fächern usw. (ähnliche Berührungsempfindung des leicht Spielenden, eigentümlich Kitzelnden). Endlich kommt die Fetischwirkung in sehr abgeschwächtem Grade auch noch andern glatten Stoffen, Atlas, Seide, zu, während rauhe Stoffe, rauhes Tuch, Flanell geradezu abstoßend wirken ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 76. X. fühlte schon als Knabe von 12 Jahren mächtige geschlechtliche Erregung, als er zufällig sich mit einem Fuchspelz zudeckte. Von nun an Masturbation unter Benützung von Pelzwerk oder Mitnahme eines zottigen Hündchens ins Bett, wobei Ejakulation erfolgte, zuweilen gefolgt von einem hysterischen Anfall. Seine nächtlichen Pollutionen waren dadurch bedingt, daß er träumte, er liege nackt auf weichem Pelz und sei von diesem ganz eingehüllt. Durch die Reize von Frauen oder Männern war er ganz unerregbar. Er wurde neurasthenisch, litt an Beobachtungswahn, meinte, jedermann bemerke seine sexuelle Anomalie, fühlte deshalb Lebensüberdruß und wurde schließlich irrsinnig. Er war schwer belastet, hatte unregelmäßig gebildete Genitalien und sonstige anatomische Degenerationszeichen ( Tarnowsky ). Beobachtung 77. X., 31 Jahre. Er hatte seit dem 10. Jahr eine Vorliebe für wollige und flaumige Stoffe gehabt und allmählich schon bei deren Anblick, besonders aber wenn er sie betastete, Orgasmus, selbst Ejakulation bekommen. Ganz besonders hatte bei ihm diese Wirkung Pelzwerk, einigermaßen auch Atlas. So erklärte es sich, daß auch abgeschnittene Atlasbänder sich in seiner Sammlung vorfanden. Daheim verschaffte er sich wollüstige Erregung, indem er die erbeuteten Stoffabschnitte sich auf die Haut legte. Gelangte er nicht spontan zur Ejakulation, so half er mit Masturbation nach. Das Weib als solches und der sexuelle Umgang mit einem solchen hatte für ihn nicht den geringsten Reiz ( Garnier-Vallon ). Nun Fälle von Samt fetischismus: Beobachtung 78. X. ist ein besonderer Liebhaber des Samts. X. wird durch schöne Weiber in normaler Weise angezogen, ganz besonders aber erregt es ihn, wenn er die Person, mit der er sexuell verkehrt, in Samtkleidung antrifft. Hier ist nun besonders auffallend, daß nicht sowohl das Sehen, als das Berühren des Samts die Erregung verursacht. X. sagte mir, daß das Streichen über die Samtjacke einer weiblichen Person ihn so sehr sexuell errege, wie es auf andere Weise kaum erfolgen könne ( Moll ). Beobachtung 79. X., 25jährige Frau, seit fünf Jahren verheiratet und Mutter von drei Kindern. Das Erwachen des Geschlechtstriebes datiert die Patientin vom 18. Lebensjahre an, wo bei ihr die ersten Menses auftraten, also zu einem auffallend späten Termin. Bald darauf ergab sie sich der Masturbation, wobei sie sich zuerst des Fingers bediente. Irgendwelche körperliche Schädigungen verspürte die Patientin dabei nicht. Eines Tages entdeckte sie ihre eigentümliche Vorliebe für Samtstoffe. Sie empfand, wie sie sich ausdrückte, eine große Freude und geriet in Versuchung beim Hantieren mit Samt. Sie bedauerte teils, teils war sie glücklich, nicht im Samtlager des Warenhauses, bei dem sie tätig war, beschäftigt zu sein. Sie meinte, sie hätte, wenn sie daselbst tätig gewesen wäre. Samt stehlen müssen, wobei ihre Perversion ans Tageslicht gekommen wäre. Damen ihrer Kundschaft, die in Samt gekleidet kamen, fuhr sie über die Kleider und verspürte dabei wollüstige Gefühle. Eines Tages ging ihr der Gedanke durch den Kopf, wie schön es wäre, mit Hilfe von Samt zu masturbieren. Sie schützte daher wenige Tage vor dem Einsetzen der Periode ein Unwohlsein vor, legte sich ins Bett und masturbierte unter Zuhilfenahme von Samt. All diese Vorgänge spielten sich in ihrem 18. Lebensjahre ab, und seitdem hat der Trieb nur noch zugenommen. Besonders vor der Periode wird sie davon beherrscht, ohne daß ihre Angehörigen ihr jemals dabei auf die Spur gekommen wären. Sie empfindet dabei ein intensives Juckgefühl an den Genitalien und ein ausgesprochenes Hitzegefühl, die sie immer und immer wieder zur Masturbation veranlassen. Für den normalen Koitus empfindet sie nichts, dagegen malt sie sich die Ehe als ein Mittel zur Erlangung ihrer sexuellen Wünsche in bezug auf den Kauf von Samtkleidern aus. Die Heirat ging sie auf Wunsch ihrer Eltern ein. Der normale Koitus gewährte ihr keine Befriedigung, sie gab vielmehr auf Drängen ihres Mannes nach. Bei der Beschaffung der Möbeleinrichtung wußte sie es so einzurichten, daß das Schlafzimmer in Samt gehalten wurde. Auch der Bettüberzug wurde auf ihren Wunsch aus Samt hergestellt. Man machte sich über diesen bizarren Geschmack keine weiteren Gedanken, sondern willfahrte den Wünschen der jungen Frau. Für diese bedeutete es das höchste Vergnügen, sich in diesem Samtmilieu allein zu bergen und der Masturbation zu frönen. Die Samtüberzüge nahm sie dabei nicht zu Hilfe, aus Furcht, dieselben bei ihren masturbatorischen Akten zu beschmutzen. Auch legte sie jetzt ständig Samtkleidung an. Eines Tages hatte sie einen wollüstigen Traum, in dem sie sich ganz nackt in Samt gehüllt wähnte. In ihren Gedanken ist ein derartiger Traum nicht wiedergekehrt. Im Anschluß daran trat sie mit dem Geständnis hervor, ihr Mann würde sie weit eher sexuell anziehen, wenn er Samtkleidung anlegen würde, und wäre es z. B. auch nur die Tracht der Zimmerleute. Sie gibt an, daß die Vorstellung ihres Mannes in Samtkleidung ihre sexuelle Erregung beim normalen Koitus steigern würde. Sie ist der Überzeugung, dabei mehr Wollust zu verspüren als bei der Masturbation mit Samt. Die ausdrückliche Frage, ob sie sich zu Frauen sexuell hingezogen fühle, verneinte sie; ebenso die Frage, ob die Samtmasturbation sie an einen Mann erinnere. Sie gab dazu allerdings ergänzend an, sie würde einen besonderen Genuß dabei empfinden, wenn der Samt die Geschlechtsteile ihres Mannes berührt hätte. Die Patientin zeigte die geschilderte Vorliebe nur für Samt, dagegen nicht für Seide, Pelz oder andere Stoffe. Eine gewisse Bedeutung hat die Wahl der Farbe. Am meisten schätzt die Patientin schwarzen Samt ( Langlois ). Es folgen zwei Fälle von Seiden fetischismus: Beobachtung 80. Patientin führt ihre Vorliebe für Samt und Leinwand bis ins 6. Lebensjahr zurück; später ging sie zur Seide über, wobei sie Seidenabfälle ihrer schneidernden Schwester benützte. Sie fühlte sich dabei vollkommen elend. Dies hörte erst auf, als sie normalen Geschlechtsverkehr unterhielt. Seide kann sie heute nicht mehr tragen, trotzdem es keinen größeren sexuellen Genuß gibt als die körperliche Berührung mit Seidenstoffen. Samt übt keine so große Wirkung auf sie aus. Aus Liebe zur Seide hat sie sich zu wiederholten Malen des Seidendiebstahles schuldig gemacht. Das letzte Mal entwendete sie ein im Schaufenster eines Korsettgeschäftes ausgestelltes seidenes Korsett. Gegen die Versuchung, Seide zu stehlen, vermag sie nicht anzukämpfen. Von besonderem Reiz für sie sind seidene Bänder, Stücke, Röcke und Korsette. Wenn sie das Rauschen der Seide verspürt, fühlt sie ein eigenartiges Kribbeln in den Nagelspitzen. Sie kann dann nicht widerstehen. Kämpft sie doch dagegen an, so muß sie weinen und fühlt sich erschöpft. Nimmt sie die Seide an sich, so reibt sie sie hin und her, wobei sie ein eigenartiges wohltuendes Gefühl in der Magengegend hat. Sie empfindet dann eine Art Wollust, die ihr den Atem anhält. Sie begibt sich darauf an einen einsamen Ort, um mit der Seide allerhand Manipulationen vorzunehmen. Wenn der Sinnenrausch verschwunden ist, fühlt sich die Patientin niedergeschlagen, alle Glieder sind matt ( de Clérambault ). Beobachtung 81. X. wurde auf einer Straße von Paris verhaftet, indem er sich an Damen in seidenen Kleidern in einer Weise zu schaffen machte, daß man ihn für einen Taschendieb halten mußte. Er war anfangs ganz vernichtet und kam erst allmählich und unter Umschweifen zum Geständnis seiner »Manie«. Er ist Verkäufer in einer Buchhandlung, 29 Jahre alt, stammt von einem Vater, der Trinker ist, und einer religiös überspannten, charakterologisch abnormen Mutter. Diese wollte aus ihm einen Geistlichen machen. Seit seiner frühesten Jugend hat er einen nach seiner Meinung angeborenen instinktiven Drang, Seide zu befühlen. Als er mit 12 Jahren als Chorknabe eine Seidenschärpe tragen durfte, konnte er sie nicht genug betasten. Das Gefühl, das er dabei empfand, vermöge er nicht zu beschreiben. Etwas später lernte er ein zehnjähriges Mädchen kennen, dem er kindlich zugetan war. Wenn aber dieses Kind am Sonntag im seidenen Festgewand daherkam, hatte er ein ganz anderes Gefühl. Er mußte es brünstig umarmen und dabei dessen Kleid berühren. Später war es seine Wonne, im Laden einer Putzmacherin die herrlichen Seidenkleider zu beschauen und zu befühlen. Bekam er Abfälle von Seidenstoff geschenkt, so beeilte er sich, sie auf den bloßen Leib zu legen, worauf dann sofort Erektion, Orgasmus und oft sogar Ejakulation eintrat. Beunruhigt durch diese Gelüste, an seinem Beruf als künftiger Geistlicher zweifelnd, erzwang er seinen Austritt aus dem Seminar. Er war damals schwer neurasthenisch infolge von Masturbation. Sein Seidenfetischismus beherrschte ihn nach wie vor. Nur wenn ein Weib ein seidenes Kleid trug, gewann es Reiz für ihn. Schon in den Träumen seiner Kindheit haben angeblich Damen mit Seidenkleidern eine dominierende Rolle gespielt, und später waren diese Träume von Pollutionen begleitet. Bei seiner Schüchternheit gelangte er erst spät zur Kohabitation. Dieselbe war nur möglich mit einem Weib in seidenem Kleid. Er zog es vor, im Volksgedränge Damen im Seidenkleid zu berühren, wobei er, unter mächtigem Orgasmus und großem Wollustgefühl, zur Ejakulation gelangte. Sein größtes Glück war es, abends einen seidenen Unterrock beim Zubettgehen anzulegen. Das befriedigte ihn mehr als das schönste Weib ( Garnier ). Manchmal ist entweder der Wunsch nach einem solchen Fetisch so stark, oder der Fetischismus ist so eng mit sadistischen Regungen verflochten, daß der Pervertierte nicht davor zurückschreckt, sich auf kürzestem Wege des begehrten Stoffstücks zu bemächtigen, was manchmal dazu führt, daß solche Tathandlungen – fälschlich – als sadistisch bezeichnet werden. Bezeichnend in dieser Hinsicht ist folgender Fall: Beobachtung 82. Eines Abends bemerkte Ingenieur D., der mit seiner Frau in einem Lesesaal saß, ein Individuum herumschleichen. Beim Fortgehen bemerkte Frau D., daß ihr Oberkleid abgeschnitten war. Die gleiche Entdeckung machte eine andere Dame an ihrem Kleide. Der Herumschleicher wurde verhaftet. Man fand bei ihm eine Schere, 7 Ausschnitte von Damenkleidern, bei der Haussuchung zahllose Stücke Band, Stoff, Pelz, die offenbar aus Damentoiletten herausgeschnitten waren. X. leugnete, obwohl die in seinen Taschen gefundenen Stoffstücke in die Defekte der Damentoiletten paßten ( Krafft-Ebing ). Daß eine andere Sinnesqualität, nämlich der Geruch , bei einer entsprechenden Einstellung zu fetischistischen Neigungen und auch zu echtem Fetischismus führen kann, wurde u. a. bereits im ersten Kapitel dieses Buches erwähnt. Und in der Tat sind Fälle wie die nachfolgende Beobachtung keineswegs selten, ja zweifellos viel häufiger, als aus der einschlägigen Literatur hervorgeht; denn solche Personen brauchen in der Regel keine ärztliche Hilfe. Beobachtung 83. Es zeigte mir einmal eine Dame ein kleines Stück Juchtenleder , das sie an einem Bande befestigt unter ihrer Bluse trug. In starken Superlativen schildert sie die Bedeutung, welche der Geruch des Leders für sie besitze. Die erotische Neigung zu ihrem Mann, der von auffallender Häßlichkeit gewesen wäre – sie war früh verwitwet –, sei ganz von Gerüchen beherrscht gewesen, vor allem von einem »mit Mannesgeruch vermischten Tabaks- und Juchtengeruch«. Sie berausche sich noch oft an den Kleidern des Mannes, denen immer noch ziemlich viel von diesem »süßen Aroma« anhafte. Es würde von ihr große Beherrschung erfordern, einem Manne Widerstand zu leisten, der sich ihr gegenüber dieses Lockmittels bedienen würde ( Hirschfeld ). Wir gelangen jetzt zu einer großen und wichtigen Gruppe des Gegenstandsfetischismus, für die es ganz besonders bezeichnend ist, daß sie – wie kaum eine andere – mit einer andern Triebabweichung verbunden ist. Der Schuh fetischismus ist ohne masochistische Komponente fast undenkbar. Es geht das so weit, daß man oft schwer entscheiden kann, welche der beiden Perversionen die Hauptrolle spielt, bzw. welcher von beiden der betreffende Fall zuzuschreiben ist. Wir werden demgemäß später noch zu erwähnen haben, daß gerade der Schuhfetischismus es ermöglichen würde, den Masochismus überhaupt oder doch eine große Zahl seiner Formen dem Fetischismus einzuverleiben. Jedenfalls ist die übergroße Mehrzahl aller Masochisten gleichzeitig schuhfetischistisch eingestellt, was ja ohne weiteres begreiflich ist, da der mit dem Schuh oder Stiefel bekleidete Fuß das Hauptsymbol der Erniedrigung, der Demütigung usw. bildet. Bei den nachstehend mitgeteilten Fällen kann man indessen wohl sicher von Schuhfetischismus sprechen (und nicht von Masochismus), und zwar wegen gewisser Anhaltspunkte. Denn einerseits ist es – für den Fetischisten – von Bedeutung, daß die Form des Schuhes ihn zum Masturbationsbehelf geeignet erscheinen läßt. Und dann spricht es natürlich für eine fetischistische Einstellung, wenn der Schuh allein, also ohne daß ihn eine bestimmte Frau oder überhaupt eine Frau trägt, das Sexualobjekt bildet. Wie verbreitet und wie bedeutsam der Schuhfetischismus ist, geht auch schon daraus hervor, daß der bekannte Sexualforscher Iwan Bloch ihm einen eigenen Namen gegeben hat. In Analogie zum Sadismus (nach Marquis de Sade) und dem Masochismus (nach Sacher-Masoch) hat er für den Schuhfetischismus nach dem französischen Schriftsteller Rétif de la Bretonne den Namen Retifismus vorgeschlagen, als derjenigen Perversion, die im Leben dieses Mannes am meisten hervorgetreten und von ihm literarisch zuerst dargestellt worden ist. In seiner Autobiographie erzählt Rétif, daß er schon im Alter von zehn Jahren diese Neigung empfunden habe. Er zitterte vor Lust beim Anblick von Frauenschuhen und errötete vor ihnen, als wenn sie die Mädchen selbst wären. Beobachtung 84. Es handelt sich um eine Generalstochter, die von Jugend auf eine besondere Leidenschaft für die glänzenden Reiter stiefel ihres Vaters zeigte. »Ein Mann zu Pferd mit den hohen Stiefeln ist eigentlich erst ein echter Mann.« Sie wies verschiedene Bewerbungen zurück und verlobte sich mit einem um 30 Jahre älteren Oberstleutnant. Sie wies alle Vorstellungen der Familie mit Hinweis auf seine entzückenden Füße (Reiterstiefel) zurück. Der Bräutigam starb vor der Hochzeit, und sie heiratete einen auffallend häßlichen Oberst wegen seiner hohen Reiterstiefel. Sie ist sterblich verliebt in seine entzückenden Reiterstiefel. Ein Zivilist mit niedrigen »verhatschten« Schuhen ist für sie gar kein Mann. »Vor Reiterstiefeln kann man zittern und sie zugleich lieben.« Natürlich fällt die Ehe unglücklich aus. Wahrscheinlich ist sie anästhetisch. Sie rät einer Freundin, nicht zu heiraten, weil nackte Füße schrecklich seien. »Ein Mann mit nackten Füßen ist ein Scheusal. Wenn ich mir nur die große Zehe vorstelle, graust es mir schon. Und die Nägel, die immer verkrüppelt sind, und die kleine Zehe, die nicht wachsen kann, das ist ein greulicher Anblick.« Sie selbst trug gerne möglichst hoch hinaufreichende Stiefeletten, wegen des strammen Aussehens und des angenehmen Gefühls des Eingeschnürtseins. Hohe Stiefel sind entzückend dezent, weil sie die Formen der Wade verhüllen, während Ledergamaschen und Wadenstutzen sie unanständig scharf hervortreten lassen. Als Kind wünschte sie sich hohe Reiterstiefel und war glücklich, als ihr der Vater an dem Geburtstage hohe Reiterstiefel schenkte ( Hug-Hellmuth ). Zu den berühmtesten Fällen der einschlägigen Literatur zählt die sehr eingehende Krankheitsgeschichte, die Havelock Ellis veröffentlicht hat, und die auch Stekel W. Stekel , Der Fetischismus. Urban \& Schwarzenberg 1923. bringt: Beobachtung 85. C. P., 38 Jahre alt, Vererbung günstig. Vom 9. oder 10. Jahre bis zum 14. masturbierte er gelegentlich aus physischem Bedürfnis, worauf er von selbst gekommen war. Im übrigen war er ganz unwissend über die sexuellen Dinge und hatte weder von andern Kindern noch von Dienstboten je etwas darüber erfahren. »Begegne ich einer Frau, die mir sehr reizvoll erscheint«, schreibt er, »so ist mein Wunsch nicht, daß ich geschlechtliche Verbindung mit ihr im gewöhnlichen Sinne haben möchte, sondern daß ich auf dem Fußboden auf dem Rücken liegen und von ihr mit Füßen getreten werden möge. Dieser merkwürdige Wunsch tritt selten auf, nur wenn der Gegenstand meiner Bewunderung eine wirkliche Dame und schön gebaut ist. Sie muß elegant gekleidet sein, am liebsten in einen Abendmantel, ziemlich hohe Absätze und niedrige Schuhe haben, die entweder offen, so daß der Spann sichtbar wird, oder nur durch einen einzigen Riemen oder ein Band geschlossen sind. Die Rockränder müssen genügend gehoben sein, um mir den Anblick der Füße und eines nicht zu geringen Anteils der Knöchelgegend zu gestatten, aber durchaus nicht etwa bis zum Knie oder darüber, denn dann wird die Wirkung sehr gering. Wenn ich auch oft eine geistvolle oder schöne Frau bewundere, so üben doch sexuell keine andern Teile eine wirkliche Anziehung auf mich aus als ihr Bein vom Knie abwärts und der Fuß; ferner muß sie sehr sorgfältig gekleidet sein. Unter dieser Bedingung steigt mein Wunsch nach sexueller Befriedigung durch Berührung mit dem Teile, der mich an dem Weib interessiert. Verhältnismäßig wenige Frauen haben ein Bein oder einen Fuß, der schön genug ist, um mich ernsthaft und nachhaltig zu erregen; wenn dies indes der Fall ist, oder wenn ich das mutmaße, so scheue ich keinen Zeitverlust und keine Anstrengung, unter ihren Fuß zu kommen, und ich erwarte dann mit ängstlicher Spannung, mit der größten Energie getreten zu werden.« »Das Treten muß einige Minuten lang geschehen, und zwar auf Brust, Abdomen, Inguinalgegend, zuletzt auf den Penis, der in heftiger Erektion längs des Abdomens zu konsistent ist, um durch die Kompression Schaden zu erleiden. Ich habe übrigens auch Genuß daran, wenn mir durch einen Frauenfuß die Kehle zugedrückt wird.« »Preßt die Dame schließlich mit dem Gesicht mir zugewendet mit dem Hausschuh des einen Fußes meinen Penis, so daß der hohe Absatz ungefähr auf das Skrotalende des Penis fällt, während die Sohle den größten Teil des Restes bedeckt, und mit dem andern das Abdomen, in das ich das Eindringen des Fußes sehen und fühlen kann, wenn sie ihr Gewicht von dem einen Fuß auf den andern verschiebt, so erfolgt fast unmittelbar Ejakulation. Diese ist unter den geschilderten Umständen für mich ein Sturm des Entzückens, während dessen das ganze Gewicht der Dame durchaus auf dem Penis ruhen muß.« »Eine Ursache für meinen besonderen Genuß durch diese Art des Kontaktes scheint zu sein, daß zuerst der Absatz und dann die Sohle des tretenden Schuhs den Durchtritt des Spermas und deshalb die wollüstige Erregung beträchtlich verlängern. Auch eine merkwürdige psychische Erscheinung ist bei der Angelegenheit zu beachten. Ich stelle mir gern vor, daß die Dame, die mich tritt, meine Herrin, ich ihr Sklave sei, und daß sie es tut, um mich für einen gemachten Fehler zu bestrafen oder sich selbst (nicht mir) Genuß zu verschaffen.« »Es folgt daraus, daß je größer die Mißachtung und Strenge, mit der ich ›bestraft‹ werde, um so größer mein Genuß wird. Die Vorstellung von ›Bestrafung‹ oder ›Sklaverei‹ tritt selten auf, wenn ich große Schwierigkeiten habe, meinen Wunsch zu realisieren, und wenn die tretende Person mehr als gewöhnlich hübsch und schwer und das Treten schonungslos ist. Ich bin manchmal so lange und so unbarmherzig getreten worden, daß ich jedesmal, wenn der Schuh auf meinen schmerzenden Körper aufgesetzt wurde, auszuweichen versuchte und tagelang braun und blau aussah. Ich bin eifrig bestrebt, Frauen zu diesem Verfahren zu veranlassen, wenn ich glaube, daß ich sie nicht beleidige, und habe damit erstaunlich viel Glück gehabt. Ich muß unter den Füßen von mindestens hundert Frauen gelegen haben, von denen viele aus der guten Gesellschaft waren, die niemals daran denken würden, den gewöhnlichen Sexualverkehr zu gestatten, die aber durch die Vorstellung, ihn in dieser Weise zu vollziehen, derart gereizt oder belustigt worden sind, daß sie es oft und wiederholt getan haben. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß bei Herbeiführung des Orgasmus in dieser Weise weder meine noch die Kleider der Dame verschoben und in Unordnung gebracht werden. Nach langen und verschiedenfachen Erfahrungen kann ich sagen, daß mein Lieblingsgewicht etwa 65 kg beträgt, und daß schwarze Schuhe mit sehr hohen Absätzen und braunseidene Strümpfe mir anscheinend den größten Genuß verschaffen und in mir die stärksten Wünsche erregen.« »Stiefel oder Straßenschuhe verleiten mich nicht entfernt so stark, obwohl ich bei einigen Gelegenheiten ziemlich großen Genuß durch ihre Anwendung empfunden habe. Nackte Frauen stoßen mich zurück; ich finde auch kein Vergnügen, Weiber in Hosen zu sehen. Ich mißachte den normalen Sexualverkehr nicht und übe ihn gelegentlich aus. Doch ist für mich der Genuß viel geringer als der, getreten zu werden. Ich habe auch viel Vergnügen – und gewöhnlich starke Erektion –, wenn ich ein Weib sehe, welches, wie ich oben beschrieben habe, gekleidet sein muß, und welches auf irgend etwas unter seinen Füßen Befindliches tritt – etwa in einer Kutsche auf das Fußkissen, in einem Lehnstuhl auf den Fußschemel usw. Ich bin oft hinter ein paar hübschen Damen hergeschlendert bei einem Picknick oder einem Gartenfest, nur um zu sehen, wie das Gras, auf das sie getreten hatten, sich langsam wieder aufrichtete, nachdem ihr Fuß es niedergedrückt hatte. Ich sehe sogar mit Vergnügen einen Wagenauftritt unter einer Dame – als etwas, das den Druck des Fußes verlangt. Ich will jetzt erklären, wie meine Empfindungen diese Richtung genommen haben.« »Als ich ein Knabe von ungefähr 14 Jahren war, befand ich mich einmal lange zu Besuch einiger Bekannter meiner Eltern. Die Tochter des Hauses – das einzige Kind –, ein hübsches kräftiges Mädchen, das ungefähr sechs Jahre älter war als ich, war mein hauptsächlichster Spielgefährte. Dieses Mädchen war immer hübsch gekleidet, besaß zierliche Füße und Knöchel und wußte dies natürlich. Wenn angängig, so kleidete sie sich so, daß ihre Vorzüge am besten zur Geltung kamen – also mit kurzen Röcken und gewöhnlich mit kleinen Halbschuhen, die hohe Absätze hatten –, und sie war nicht abgeneigt, diese in sehr unterhaltender koketter Manier zur Schau zu stellen. Sie schien eine gewisse Vorliebe zu haben, auf Dinge zu treten, die unter ihren Füßen nachgaben und zusammenfielen, z. B. Blumen, kleines Fallobst, Eicheln, Heuhaufen, Stroh und frisches Heu. Bei unseren Spaziergängen durch den Garten, bei denen wir uns völlig überlassen blieben, hatte ich mir angewöhnt, ihr bei diesem Manöver zuzusehen und schalt sie deshalb gewöhnlich. Nun war es mir damals ein besonderes Vergnügen – und ich tue es jetzt noch gern –, ausgestreckt auf einem dicken Kaminteppich vor einem tüchtigen Kaminfeuer zu liegen. Eines Abends befand ich mich wieder in dieser Stellung, wir waren allein, und sie ging durchs Zimmer, um etwas vom Kaminsims zu holen. Statt über mich weg den Arm auszustrecken, trat sie in neckischer Weise auf mich, wobei sie meinte, sie wolle mir zeigen, wie sie das mit dem Stroh und Heu täte. Naturgemäß ging ich auf den Scherz ein und lachte. Nachdem sie einige Momente auf mir gestanden hatte, hob sie ihren Rocksaum leicht und streckte, indem sie sich am Kaminsims festhielt, einen ihrer zierlichen Füße im braunseidenen Strumpfe und Stöckelschuh in den Lichtschein des Kaminfeuers, um ihn zu wärmen, wobei sie auf mich herabblickte und über mein erhitztes Gesicht lachte. Sie war ein ganz unbefangenes, sehr reizvolles Mädchen, und ich bin ziemlich sicher, daß sie, wiewohl ihr sichtlich meine Erregung und die Berührung meines Körpers unter ihrem Fuße behagte, bei dieser ersten Gelegenheit meinen Zustand nicht klar erkannte. Ich erinnere mich auch nicht, daß, obwohl mich das Verlangen nach sexueller Befriedigung fast außer mich brachte, bei ihr ein entsprechendes Gefühl durchgebrochen ist. Ich faßte den erhobenen Fuß und küßte ihn und führte ihn in absolut unwiderstehlichem Zwange an meinen erigierten Penis. Fast im Augenblick, als ihr Gewicht auf diesen fiel, entstand zum erstenmal in meinem Leben ein vollständiger wirklicher Orgasmus. Keine Schilderung kann einen Begriff von meinen Gefühlen geben – ich weiß nur, daß von dem Augenblick an mein verschobener sexueller Brennpunkt für immer fixiert war. Unzählige Male nach diesem Abend fühlte ich das Gewicht ihres zierlichen Pantoffels, und nichts wird jemals dem Andenken an den Genuß gleichkommen, den ich damals bei ihr erfuhr. Ich weiß, daß sie mich mit ebensolchem Vergnügen trat, als ich selbst daran hatte, getreten zu werden. Sie konnte sich ziemlich viel Toilettenausgaben gestatten, und da sie bemerkte, daß sie mir Vergnügen machte, so kaufte sie immerfort hübsche Strümpfe und zierliche Schuhe mit so hohen und spitzen Absätzen, als sie finden konnte, und demonstrierte sie mir dann mit dem größten Behagen, indem sie darauf bestand, ich müsse mich niederlegen und sie auf mir ausprobieren lassen. Sie gab zu, daß sie sie gerne in meinen Körper einsinken sehe, wenn sie darauf trete, und freute sich über das Knacken der Muskeln unter dem Absatz, wenn sie diesen bewegte. Nach einigen Minuten führte ich immer ihren Schuh an meinen Penis, und sie trat behutsam, aber mit ihrem ganzen Gewicht, ungefähr 55 kg, auf mich und betrachtete mich mit glänzenden Augen, geröteten Wangen, zitternden Lippen, wenn sie, was deutlich der Fall gewesen sein muß, das Pochen des Penis unter dem Fuß spürte, wenn die Ejakulation erfolgte. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß sie gleichzeitig Orgasmus hatte, obgleich wir niemals offen davon sprachen. Dies geschah mehrere Jahre hindurch fast bei jeder günstigen Gelegenheit, die wir hatten, und nach einem oder zwei Monaten der Trennung vier- oder fünfmal an jedem Tage. Einige Male masturbierte ich in ihrer Abwesenheit, indem ich mit ihrem Schuh, so stark ich konnte, meinen Penis drückte und mir dabei vorstellte, sie träte mich. Der Genuß war dabei natürlich viel schwächer. Niemals war zwischen uns die Rede von normalem Sexualverkehr, und wir waren beide sehr zufrieden und ließen die Dinge so gehen. Als ich etwas über 20 Jahre alt war, ging ich auf Reisen; nach meiner Wiederkehr, drei Jahre später, fand ich sie verheiratet. Obwohl wir uns häufig sahen, wurde doch nie auf den Gegenstand angespielt, wir blieben aber gute Freunde. Ich gestehe, ich habe dann oft, wenn es nicht beachtet werden konnte, nach ihrem Fuß gesehen und würde gerne das Vergnügen akzeptiert haben, das sie mir durch gelegentliche Wiederaufnahme unserer merkwürdigen Praktik hätte gewähren können. Aber es kam nie dazu.« »Ich ging dann wiederum auf Reisen. Jetzt sind sie und ihr Mann tot. Von Zeit zu Zeit hatte ich gelegentlich Beziehungen zu Prostituierten, stets in der gedachten Weise; ich ziehe gleichwohl eine Dame aus meiner gesellschaftlichen Klasse oder darüber vor, die das Treten an mir ausüben will. Das hat aber merkwürdige Schwierigkeiten.« »Von den etwa 100 Weibern (die meiner Schätzung nach in der Heimat und in der Fremde auf meinem Körper gestanden haben) kann ich sagen, daß 80-85 Prozent keine Prostituierten waren. Höchstens 10-12 empfanden dabei sexuelle Erregung, aber wenn sie auch offenbar Erregung zeigten, so wurden sie doch nicht befriedigt. Soviel ich weiß, hatte nur jenes junge Mädchen davon vollständiges sexuelles Genügen. Ich habe nie eine Frau mit vielen Worten aufgefordert, mich zu treten, um mich sexuell zu befriedigen (Prostituierte ausgenommen), sondern immer versucht, dies in scherzhafter oder neckender Weise herbeizuführen, und es ist sehr zweifelhaft, ob mehr als einige wenige verheiratete Frauen wirklich gewußt haben, selbst wenn sie mir den äußersten Genuß gegeben hatten, daß sie es getan hatten, da meine Aufregung und meine Bewegungen unter ihren Füßen ebensogut den Tritten zugerechnet werden konnten, mit denen sie mich bedachten. Gewiß haben viele verstanden, nachdem sie es einmal getan hatten (und die meisten taten es nur einmal), um was es sich handelte, und obwohl weder sie noch ich je davon sprachen, so waren sie doch nicht abgeneigt, mich so viel zu treten, als ich verlangte. Ich glaube nicht, daß sie selbst dabei ein sexuelles Vergnügen hatten, obwohl sie offen sehen konnten, daß ich es hatte, und sie weigerten sich nicht, es mir zu gewähren. Ich habe bei mancher Frau mehr als ein Jahr gebraucht, um meinem Wunsche immer näher zu kommen – und habe oft zuletzt erreicht, was ich wollte, noch öfter ist es mir aber mißglückt. Ich riskiere es nie, bis ich sicher bin, daß ich mit meinem Verlangen Glück haben werde, und ich habe nie eine ernste Zurückweisung erlebt. In sehr vielen Fällen, kann ich sagen, ist die Gewährung meines Ansinnens von dem betreffenden Weib als Nachgeben auf eine einfältige, vielleicht spaßhafte Grille betrachtet worden, an welcher ihr außer der Neuheit des Reizes, einen Mann zu treten, nicht viel gelegen war. Ganz wie bei der normalen Verführung ist der Versuch, das Weib dazu zu bestimmen, was ich will, ohne ihren Widerstand zu erregen, ein großer Teil des Reizes für mich, und je höher die Gesellschaftsklasse ist, der es angehört, um so schwerer wird dies, und um so anziehender. Ich habe gefunden, daß drei Prostituierte andern Männern denselben Dienst erwiesen hatten und alles Nötige darüber wußten. Es ist nicht uninteressant, daß diese drei Weiber sämtlich von schönem starkem Körperbau waren – das eine davon 180 Zentimeter groß und fast 85 kg schwer –, aber eigentlich nichtssagende Gesichter hatten. Das Gewicht, der Körperbau und die Kleidung erregen mich gleichzeitig ebenfalls sehr stark. Ich finde, daß ein plötzlicher Stoß im äußersten Moment des sexuellen Genusses diesen zu erhöhen und zu verlängern imstande ist. Mein psychisches Vergnügen geht auf den Umstand zurück, daß wenn die Frau mit ihrem ganzen Gewicht auf meinem Penis steht, welcher zwischen ihrem Fuß und der nachgiebigen Unterlage meines eigenen Abdomens liegt, in welchen er tief eindringt, die Ejakulationszeit und der Orgasmus außerordentlich lange währen. Deshalb habe ich auch die große Vorliebe für Halbschuhe mit hohen Absätzen. Das Sperma muß durch zwei verschiedene Hindernisse hindurchgepreßt werden – einmal durch den Druck des Absatzes dicht an der Peniswurzel und zweitens durch den Druck des Fußballens, der die obere Hälfte zusammenschnürt; zwischen diesen bleibt nur das Stück unter der gewölbten Sohle des Schuhes frei. Der Genuß ist durch die Urinretention sehr erhöht, und ich suche deshalb immer soviel Urin wie möglich zurückzuhalten. Gewicht, Körperbau und Kleidung tragen sehr zu dem Wunsche bei, gerade von dem bestimmten Weibe, das man liebt, getreten zu werden« ( Havelock Ellis ). Beobachtung 86. X., Kleriker, 50 Jahre alt. Derselbe erscheint zeitweise in Bordellen unter dem Vorwand, ein Zimmer im Hause zu mieten, läßt sich in ein Gespräch mit einer Puella ein, wirft lüsterne Blicke nach ihren Schuhen, zieht ihr einen aus, osculatur et mordet caligam libidine captus; ad genitalia denique caligam premit, eiaculat semen semineque eiaculato axillas pectusque terit, kommt aus seiner wollüstigen Ekstase zu sich, bittet die Besitzerin des Schuhs um die Gnade, ihn einige Tage behalten zu dürfen, und bringt ihn dann, höflich dankend, nach der bedungenen Zeit zurück ( Cantarano ). An Beobachtung 66 erinnert der nachstehende Fall, bei dem zweifelsohne der Schuhfetischismus im Vordergrund des ganzen Zustandsbildes steht. Beobachtung 87. X. in Newyork ist des Straßenraubes angeklagt. In der Aszendenz zahlreiche Fälle von Irresein, auch Vaters Bruder und Vaters Schwester sind geistig abnorm. Mit 7 Jahren zweimal heftige Gehirnerschütterung. Mit 13 Jahren Sturz von einem Balkon. Im 14. Jahre bekam X. heftige Anfälle von Kopfweh. Zugleich mit diesen Anfällen oder unmittelbar darauf sonderbarer Antrieb, die Schuhe weiblicher Familienglieder, meist nur einen, zu entwenden und in irgendeinem Winkel zu verbergen. Zur Rede gestellt, leugnet er jeweils oder behauptet, sich der Sache nicht zu erinnern. Das Gelüste nach Schuhen war unbesiegbar, kehrte alle 3-4 Monate wieder. Einmal machte er einen Versuch, einen Schuh vom Fuß eines Dienstmädchens zu entwenden, ein andermal hatte er seiner Schwester einen Schuh aus dem Schlafzimmer entwendet. Im Frühjahr wurden zwei Damen auf offener Straße die Schuhe von den Füßen gerissen. Im August verließ X. in der Frühe sein Haus, um an sein Geschäft als Buchdrucker zu gehen. Einen Augenblick darauf entriß er einem Mädchen auf der Straße einen Schuh, entfloh, lief in seine Druckerei, wurde dort wegen Straßenraubs verhaftet. Er behauptet, von seiner Tat nicht viel zu wissen, es sei wie ein Blitz beim Anblick des Schuhs in ihn gefahren, daß er dessen bedürfe, wozu, wisse er nicht. Er habe in einem Zustand von Unbesinnlichkeit gehandelt. Der Schuh befand sich, wie richtig angegeben, in seinem Rocke. In der Haft war er geistig so erregt, daß man Ausbruch von Irrsinn befürchtete. Entlassen, stahl er seiner Frau, während sie schlief, wieder Schuhe. Sein moralischer Charakter, seine Lebensweise waren untadelhaft. Er war ein intelligenter Arbeiter; nur schnell folgende unregelmäßige Beschäftigung machte ihn verwirrt und unfähig zur Arbeit. Freisprechung ( Nichols , Beck ). Aber auch Teile des Schuhs können zum Fetisch werden, so im nachfolgenden Fall die Schuh nägel : Beobachtung 88. X. bemüht sich, die Nägel in Frauenstiefeln zu sehen, sorgfältig prüft er deren Spur im Schnee und im feuchten Erdreich, er lauscht auf das Geräusch, welches sie auf dem Straßenpflaster hervorrufen, er findet ein namenloses Vergnügen daran, Worte zu wiederholen, welche bestimmt sind, ihm das Bild dieser Dinge vor Augen zu stellen, kurz, er faßt seine ganze Seligkeit in dem Ausdruck zusammen: »Eine Frau zu beschlagen«. Schon im Alter von 6 oder 7 Jahren trieb diesen Patienten ein unwiderstehlicher, instinktiver Drang, Frauenfüße zu betrachten, um zu sehen, ob sich in den Schuhen Nägel befänden. Nahm er dann solche Nägel wahr, so bereitete ihm dies ein unaussprechliches Glück. Zwei junge Mädchen, Verwandte von ihm, wohnten bei seiner Familie. Er begab sich an den Ort, wo ihr Schuhzeug stand, bemächtigte sich unter Fieberschauern desselben, berührte die Nägel, zählte sie und konnte seine Blicke nicht von ihnen abwenden. Abends, im Bett, richtete er abwechselnd seine Gedanken auf eines der jungen Mädchen, die er in seinen Vorstellungen eine phantastische Rolle spielen ließ. So sah er ihre Mutter sie zum Schuhmacher führen und hörte, wie sie Auftrag gab, der Schuster solle die Stiefel ihrer Töchter mit Nägeln versehen. Dann sah er den Schuster, wie er die Nägel befestigte und die Stiefel dem Mädchen übergab. Dann wieder suchte er sich auszumalen, welche Gefühle das junge Mädchen haben müßte, wenn sie mit diesen nägelbeschlagenen Schuhen ginge. Schließlich ging er in seiner Phantasie so weit, dem jungen Mädchen die grausamsten Martern aufzulegen, indem er ihr Hufeisen unter die Füße nagelte oder ihr gar die Füße abschnitt (Steigerung zu sadistischen Vorstellungen). Gleichzeitig befriedigte er sich durch Masturbation, die er aber nicht nur ausübte, um sich diesen Genuß zu verschaffen, sondern der er sich vielmehr hingab, um sie als Begleitakt für seine eingebildete phantastische Geschichte zu benützen. War er dann wieder mit den jungen Mädchen zusammen, so suchte er immer ihrer Schuhnägel ansichtig zu werden. Die eine von ihnen, die dies bemerkt hatte, berührte immer, ohne daß er ihr etwas gesagt hatte, besonders wenn sie neue Schuhe trug, mit ihrem Fuß den seinigen, um ihn die Nägel fühlen zu lassen. Eine solche Berührung führte augenblicklich Orgasmus bei ihm herbei, nicht durch den Eindruck, den das Mädchen, sondern durch den, welchen die Nägel hervorriefen. Häufig passierte es ihm, daß er die Stiefel der jungen Mädchen von dem Orte, wo sie standen, fortnahm, den Eichelteil seines Penis auf die Nägel derselben legte, wobei, ohne jegliche Unterstützung der Hände, sofort die Ejakulation eintrat ( Charcot-Magnan ). Beobachtung 89. X., 34 Jahre alt, verheiratet, von neuropathischen Eltern, als Kind schwer an Krämpfen leidend, geistig auffallend früh (konnte schon mit 3 Jahren lesen!), aber einseitig entwickelt, nervös von Kindesbeinen an, bekam mit 7 Jahren den Drang, sich mit den Schuhen, bzw. den Schuhnägeln von Weibern zu beschäftigen. Ihr Anblick, noch mehr das Betasten der Schuhnägel und ihr Zählen machte ihm unbeschreiblichen Genuß. Nachts mußte er sich vergegenwärtigen, wie seine Kusinen sich Schuhe anmessen lassen, wie er einer derselben Hufeisen anschmiedete oder die Füße abschnitt. Mit der Zeit überwältigten ihn die Schuhszenen auch bei Tage, und ohne sein Zutun führten sie zu Erektion und Ejakulation. Öfters nahm er Schuhe von weiblichen Hausgenossen, und wenn er sie nur mit dem Penis berührte, hatte er Ejakulation. Eine Zeitlang vermochte er als Student diese Ideen und Gelüste zu beherrschen. Dann kam eine Zeit, wo er dem Geräusch weiblicher Fußtritte auf dem Straßenpflaster lauschen mußte, was ihm, gleich wie der Anblick des Nägeleinschlagens in Damenschuhe oder der Anblick solcher in Verkaufsauslagen, jeweils ein wollüstiges Erbeben machte. Er heiratete und war in den ersten Monaten der Ehe frei von diesen Impulsen. Allmählich wurde er hysteropathisch und neurasthenisch. In diesem Stadium bekam er hysterische Anfälle, sobald der Schuster ihm von Nägeln an Damenschuhen oder vom Frauenschuhbeschlagen sprach. Noch größer war die Reaktion, wenn er einer hübschen Dame mit stark beschlagenen Schuhen ansichtig wurde. Um Ejakulation zu bekommen, brauchte er nur Damensohlen aus Karton auszuschneiden und mit Nägeln zu belegen, oder aber er kaufte Damenschuhe, ließ sie im Laden beschlagen, machte sie daheim auf dem Boden scharren und berührte endlich damit die Spitze seines Penis. Aber auch spontan kamen wollüstige Schuhsituationen, in welchen er sich durch Masturbation befriedigte. X. ist sonst intelligent, tüchtig im Beruf, aber gegen seine perversen Gelüste kämpft er vergebens an. Phimose; Penis kurz, an der Wand bauchig, nicht vollkommen erektionsfähig. Eines Tages ließ sich Patient bei dem Anblick einer genagelten Damensohle vor dem Laden eines Schusters zur Masturbation hinreißen und wurde dadurch kriminell ( Blanche ). Weit seltener ist der Handschuhfetischismus . Daß es sich dabei aber doch um keine Einzelfälle handelt, beweist am besten die Tatsache, daß es eigene Firmen gibt (in Paris), die – für Fetischisten und zu wahnsinnig hohen Preisen – nebst der Triebabweichung speziell angepaßten Schuhen auch Handschuhe bis zur Schulter, mit 40 und 60 Knöpfen usw. herstellen. Beobachtung 90. X., 33 Jahre, Fabrikant, aus Amerika, seit 8 Jahren in glücklicher, mit Kindern gesegneter Ehe lebend, konsultierte mich wegen eines sonderbaren Handschuhfetischismus, der ihn quäle, wegen dessen er sich verachten müsse, und der ihn noch zur Verzweiflung und zum Wahnsinn bringen könne. X. ist ein angeblich aus ganz gesunder Familie stammender, aber von Kindesbeinen auf neuropathischer, leicht erregbarer Mann. Er bezeichnet sich selber als eine sehr sinnliche Natur, während seine Frau eher eine natura frigida sei. Mit etwa 9 Jahren gelangte X. durch Kameraden, welche ihn verführten, zur Masturbation. Er fand daran großes Gefallen und ergab sich ihr leidenschaftlich. Eines Tages, während er wollüstig erregt war, fand er ein kleines Säckchen von Sämischleder. Er zog dasselbe über sein Membrum und hatte dabei eine überaus angenehme Empfindung. Er benutzte es nun zu onanistischen Manipulationen, legte es auch ums Scrotum und trug es Tag und Nacht bei sich. Von da an erwachte in ihm ein großes Interesse für Leder überhaupt, ganz besonders aber für Glacéhandschuhe. Von der Pubertät ab waren es nur mehr lederne Damenhandschuhe , aber diese machten geradzu einen faszinierenden Eindruck auf ihn, führten zu Erektion, und wenn er in der Lage war, seinen Penis damit zu berühren, erfolgte gar Ejakulation. Herrenhandschuhe hatten nicht den geringsten Reiz für ihn, jedoch am eigenen Körper trug er sie gern. Am Weib interessierte ihn in der Folge nur mehr der Handschuh. Er wurde sein Fetisch, und zwar Glacé, möglichst lang, mit vielen Knöpfen, besonders aber wenn schmutzig, fettglänzend, mit schweißigen Flecken an den Fingerspitzen. Derart adjustierte Frauen, selbst wenn häßlich und alt, entbehrten für ihn nicht eines gewissen Reizes. Damen mit Stoff- oder seidenen Handschuhen ließen ihn ganz kalt. Seit der Pubertät war er gewohnt, Damen zuerst auf die Hände zu schauen. Im übrigen waren sie ihm ziemlich gleichgültig. Durfte er einer Dame mit Glacéhandschuhen die Hand drücken, so gelangte er unter dem Gefühl des »warmen sanften« Leders zu Erektion und Orgasmus. Konnte er in den Besitz eines solchen Damenhandschuhs kommen, so ging er damit auf den Abort, hüllte damit seine Genitalien ein, zog ihn dann wieder aus und masturbierte. Später, im Bordell, nahm er dahin lange Handschuhe mit, bat die Prostituierte, dieselben anzuziehen, und wurde dabei so erregt, daß oft jetzt schon die Ejakulation erfolgte. X. wurde ein Sammler von weiblichen Glacéhandschuhen. Da und dort versteckt hatte er immer Hunderte von Paaren. In Mußestunden zählte und bewunderte er sie »wie ein Geizhals seine Goldstücke«, legte sie über seine Genitalien, begrub sein Gesicht in Haufen von Handschuhen, zog dann einen über die Hand und masturbierte, wobei er mehr Genuß verspürte als beim Koitus. Er machte sich Penisfutterale, Suspensorien, am liebsten aus schwarzem weichem Leder, und trug sie tagelang. Ferner befestigte er an einem Bruchband Damenhandschuhe so, daß sie schürzenartig seine Genitalien bedeckten. Nachdem er eine Ehe eingegangen war, wurde sein Handschuhfetischismus eher noch ärger. Gewöhnlich war er nur potent, wenn er beim maritalen Akt ein paar Handschuhe seiner Frau neben ihrem Kopf liegen hatte, so daß er sie küssen konnte. Ganz glücklich machte ihn seine Frau, wenn sie sich bestimmen ließ, zum Koitus Handschuhe anzuziehen und präliminar damit seine Genitalien zu berühren. X. fühlte sich gleichwohl recht unglücklich über seinen Fetischismus und machte häufige, aber immer vergebliche Anstrengungen, sich aus dem »Bann des Handschuhs« zu befreien. Traf er auf das Wort oder Bild des Handschuhes in Romanen, Modejournalen, Zeitungen usw., so machte es jeweils einen geradezu faszinierenden Eindruck auf ihn. Im Theater war sein Blick an die Hände der Schauspielerinnen gefesselt. Von den Schaufenstern der Handschuhläden war er kaum wegzubringen. Oft fühlte er sich getrieben, lange Handschuhe mit Wolle u. dgl. auszustopfen, daß sie bekleideten Armen glichen. Dann machte er tritus membri inter brachia talia artificialia, bis er seinen Zweck erreicht hatte. Zu seinen Gewohnheiten gehört es, weibliche Glacéhandschuhe mit sich herumzutragen, nachts mit solchen die Genitalien einzuwickeln, bis er den Penis wie einen großen ledernen Priap zwischen den Beinen fühlt. In großen Städten kauft er in Handschuhwäschereien nicht abgeholte, d. h. herrenlos gewordene Damenhandschuhe, am allerliebsten recht abgetragene. Zweimal, gesteht der sonst höchst korrekte Fabrikant X., habe er dem Verlangen nicht widerstehen können, solche zu stehlen. Im Menschengewühl kann er nicht widerstehen, Damen die Hände zu streifen; in seinem Büro benutzt er jede Gelegenheit, um Damen die Hand zu geben, damit er eine Sekunde das »warme sanfte« Leder fühlen kann. Seine Frau bittet er, doch wo immer möglich Handschuhe von Glacé- oder Gemsleder zu tragen. Auch versieht er sie reichlich mit solcher Ware. In seinem Büro hat X. immer Damenhandschuhe liegen. Es vergeht keine Stunde, daß er sie nicht berühren und streicheln muß. Wenn besonders sinnlich erregt, steckt er einen solchen Handschuh in den Mund und kaut daran. Andere Objekte der weiblichen Toilette, gleich wie andere Teile des weiblichen Körpers als die Hand, haben nicht den geringsten Reiz für ihn. X. ist oft sehr deprimiert über seine Anomalie. Er schäme sich vor den unschuldigen Augen seiner Kinder und bitte Gott, daß sie niemals werden mögen wie ihr Vater ( Krafft-Ebing ). Wir haben nun einige besonders interessante Fälle von Fetischismus zu besprechen, die – auf den ersten Blick – auch noch zum Gegenstandsfetischismus gehören, bei denen aber in Wirklichkeit nicht mehr der eine oder der andere Gegenstand das Sexualobjekt bildet, sondern eine Tathandlung . Dabei werden zwar Gegenstände, sowohl am eigenen Körper, wie am fremden Menschen, verwendet, aber es kommt vor allem auf eine bestimmte Situation , auf ein bestimmtes Arrangement an. Es ist dabei sehr eigenartig, daß es sich in erster Linie gewöhnlich darum handelt, einen Zwang herzustellen, sei es, daß man diesen selbst empfinden will, sei es, daß man ihn andern Personen zu bereiten wünscht. Die Verbindung mit masochistischen oder sadistischen Strebungen hegt dabei auf der Hand. Diese Gruppe bildet gleichzeitig einen Übergang zu einer Anzahl höchst merkwürdiger Formen des Fetischismus, die zum Teil zum Absonderlichsten und auch zum Grauenhaftesten gehören, was im Bereich sexueller Triebabweichungen möglich und denkbar ist. Daß der Zwang den Fetisch bildet, ist beim ersten Fall ( Sigg ) vielleicht noch etwas weniger deutlich erkennbar, doch ist die dort angeführte Vorliebe für Handschuhe weniger wichtig als die Neigung nach » engem Kontakt mit dem Leder«. Beim zweiten Fall ( Hammond ) ist sicherlich der Zwang der eigentliche Fetisch, und es wäre verfehlt, hier einen – etwa auf Transvestitismus hinweisenden – Korsettfetischismus anzunehmen, denn es handelt sich dem Perversen offensichtlich bloß darum, mit einem leicht und unauffällig erreichbaren Werkzeug den das wahre Sexualobjekt bildenden Zwang herbeizuführen. Und sehr deutlich zeigt sich der Zwangsfetischismus, schon durch die Verschiedenheit der verwendeten Behelfe, im dritten Fall ( Löwenfeld ). Vorerst eine Mitteilung Stekels , aus der hervorgeht, in welchem frühen Lebensalter schon eine so seltsame Einstellung vorkommen kann, die hier natürlich noch vielfach Spielcharakter trägt. Beobachtung 91. Eine Mutter teilt mir folgende Beobachtung mit: »Mein kleiner sechsjähriger Sohn pflegt schon seit seiner frühesten Kindheit sich mit Vorliebe die Füße unterhalb der Knie zusammenzubinden. Er versucht dann zu gehen, was natürlich kaum möglich ist, ihm aber ungeheuren Spaß bereitet. Er spielt sehr gerne mit Gürteln, die er sich in allen möglichen Formen um den Leib legt. Mich bittet er immer, ich möge ihn doch binden! Er verkleidet sich furchtbar gerne, zieht dann von mir Kleidungsstücke an, die ihm erreichbar sind. Das Hauptvergnügen für ihn dabei ist, sich das Gesicht einzupudern. Sein Ideal wäre aber, wenn ich ihn einmal als Baby verkleiden würde. Er bettelt mich immer an, ich soll ihn doch einbinden wie einen Säugling, in eine Decke wickeln und dann herumtragen. Eines seiner Lieblingsspiele war es auch, sich die Vorhangschnur als Schlinge um den Hals zu legen, wobei er sie fest anzog. Dann rief er: ›Schau, Mama, ich erwürge mich!‹« ( Stekel ). Und nun zu den eigentlichen Krankengeschichten: Beobachtung 92. X., 30 Jahre, körperlich gesund, intelligent, mit 7 Jahren bereits gegenseitige Onanie, mit 9 Jahren der erste fetischistische Akt, indem X. die braunen Lederhandschuhe der Mutter fest zwischen Anus und Scrotum gegen den Damm preßte, sie dann anzog und damit onanierte. Später verfiel er darauf, dazu Gummischläuche von Irrigatoren zu verwenden, die er sich um den Penis wickelte. Nach seinem 12. Jahre bekamen die Handschuhe noch ausgesprochenere sexuelle Bedeutung. Sein Hauptinteresse galt schwarzen oder braunen Handschuhen; seidene oder gar weiße machten keinerlei Eindruck auf ihn. Seine Vorliebe für Gummigegenstände nahm immer weiter zu. Er benützte zu Hause gefundene Gummisonden, um eine Urethra bis in die Blase zu sondieren, und machte sich Rektumeinläufe. Ein Schaufenster eines Sanitätsgeschäftes war für ihn einer der größten Genüsse. Trotz dieses starken Gummifetischismus hatte er ein sexuelles Normalverhältnis, mit dem er etliche Male in der Woche normal koitierte. Schließlich verheiratete er sich und hatte mit seiner Frau 3 Kinder, doch war die Ehe schlecht, weil die Frau bald seinen Fetischismus erkannte. Auch interessierten ihn die Handschuhe mehr als je. In der Straßenbahn nahm er mit Vorliebe einen Platz ein, wo er alle Damen übersehen konnte. Auch im Theater und in Konzerten schaute er nach den Handschuhen aus. Sah er neue braune oder schwarze Damenhandschuhe, so stieg gleich der Wunsch in ihm auf, sie in seine Hand zu nehmen, das Leder zu berühren. Er meinte, daß er nicht zu andern Frauen gegangen wäre, wenn seine Frau die ihr oft zurechtgelegten Handschuhe zum Spazierengehen angezogen hätte. Er drohte ihr daher oft, wenn sie sich weigere, gehe er zu solchen Frauen, von denen er wisse, daß sie seinem Wunsche willfahren würden. Die Handschuhe hätten dermaßen auf ihn gewirkt, daß er immer erst die Augen habe reiben müssen, um den Blick von ihnen abwenden zu können. Gleichzeitig habe er gewünscht, mit solchen Handschuhen onanieren oder sexuellen Verkehr mit deren Trägerinnen pflegen zu können. Sie müssen ganz straff anliegen , es darf keine Falte geben, sie müssen absolut sauber sein; defekte kann er nicht sehen. Auch gewöhnliche Handschuhe aus Hirschleder interessieren ihn keineswegs. Verschenkte Handschuhe, die er wieder zurückverlangte und sie gegen andere austauschte, trug er mit Vorliebe in der Tasche bei sich. Er schloß sie in das Innere seiner Hand, drückte, rieb beständig daran herum und war dabei befriedigt. Er konnte lange Zeit Damen mit neuen schwarzen Handschuhen nachgehen und seine beruflichen Obliegenheiten ganz vergessen. Immer aber drückte ihn das beängstigende Gefühl, dabei von Bekannten erwischt zu werden. So hatte er im Theater beständig Angst vor seinen Blicken auf Handschuhe. Er zog sich zu Hause selber Handschuhe an, onanierte damit, aber nur, wenn er sich sicher fühlte, oder im Bett, wo er auf raffinierte Weise seine Frau zu täuschen wußte. Ging er auf Reisen, so schickte er im verborgenen immer seine Fetischsammlung voraus und freute sich kindlich auf die Nacht, wo er ungestört mit sich selber leben konnte. Es war eine große Kartonschachtel mit Magensonden, Irrigatorenschläuchen, Gummiflaschen, langen schwarzen Strümpfen, Badehauben, Eisbeuteln, Präservativen und einigen Dutzend Ansätzen zu Pravazspritzen; ferner fanden sich da Lederschürzen, ein mit Leder gefüttertes Korsett selbst angefertigt), Ledergamaschen, eine Ledermaske über den Kopf mit Öffnungen für Augen, Nase, Mund, Lederärmel, die von der Schulter bis zu den Fingern reichten, und schwarze Lederhandschuhe, sowie eine Menge gesammelter Handschuhe und kleiner Gummiartikel, die er sich auch unter das Kissen legte. Patient sagt selber, er habe immer einen möglichst engen Kontakt mit dem Leder gesucht, und zwar habe alles möglichst fest auf der Hand aufsitzen müssen. Patient hatte stets masochistische Tendenzen aufgewiesen, die nun durch den Verkehr mit einer sadistischen Frau sehr unterstützt wurden. Er ließ sich fast blutig schlagen und ließ sich in Kreuzstellung mit nach oben gewendetem Rücken ans Bett schnallen. Patient geißelte sich auch selbst, wozu er seine Magensonden verwendete. Seiner Frau gegenüber wurde er vollkommen impotent ( Sigg ). Beobachtung 93. Der Patient ist ein feingebildeter, hochachtbarer Herr und Vater von 4 gesunden Kindern, die aus einer äußerst glücklichen Ehe stammen. » Früh schon«, sagte er, »lange vor meiner Pubertät, besaß ich eine Vorliebe für häusliche Beschäftigungen, weibliche Spiele und selbst Kleidung, obwohl ich es hinsichtlich der letzteren nur bis zum Tragen von Mädchenschuhen brachte. Ich bewunderte auch bei Damen enge Taillen und versuchte im Alter von 14 Jahren, mir selbst ein Korsett zu verschaffen. Als ich älter wurde, wuchs meine Vorliebe für weibliche Kleidung, aber da ich keine Schwestern hatte, so bestand meine ganze Befriedigung darin, daß ich Romane las, die von einer Frau handelten, usw. Ich verfaßte mehrere Erzählungen unter dem Titel: ›Abenteuer in der Krinoline‹ und schrieb noch andere Novellen ähnlichen Inhaltes. Sie wurden gedruckt und reißend abgesetzt. Auch heute noch lasse ich selten eine Gelegenheit vorübergehen, wenn ich Frauenrollen von Männern auf der Bühne dargestellt sehen kann.« Mit 21 Jahren trug er selbst Korsette, die er über alles liebte, und obwohl er sich mehrere Jahre sehr eng schnürte , schien er doch in seiner Gesundheit keine Beeinträchtigung erlitten zu haben. Er gab zu, daß er immer eine gewisse sinnliche Befriedigung dadurch erlangt habe. Zuerst zwar stellten sich Schmerzempfindungen in der Regio pubica und Erektionen ein. Bald aber fand er heraus, wenn er sein Korsett ganz fest anzog, daß die Erektionen aufhörten und Kopulation sowie Masturbation ganz unmöglich wurden. Aus Furcht vor Impotenz und andern nachteiligen Wirkungen, die infolge der Onanie eintreten könnten, vermied er ängstlich jede willkürliche Samenentleerung und hielt sich bis zu seiner Verheiratung völlig abstinent. Er erinnerte sich indessen, daß er dreimal willkürliche Samenentleerungen am Tage gehabt habe. Das erstemal passierte dies während des Reitens, was ihn veranlaßte, diese sonst heilsame Übung aufzugeben. Die andern Pollutionen traten ein, während er ein Paar ganz enge Schuhe (Damenschuhe mit französischen Absätzen) anzog und zuknöpfte. Nach seiner Verheiratung trug er kein Korsett und auch sonst keine Frauenkleidung (mit seltenen Ausnahmen), bis 2 Kinder ihn von seiner Potenz überzeugten. Zu dieser Zeit begann unser Patient den Versuchungen, die ihn überall verfolgten, nachzugeben und verfiel wieder in das alte Laster. Aber ich will ihn selbst reden lassen: »Ich kaufte mir«, sagte er, »ein Paar sehr elegante, hohe Damenschuhe mit französischen Absätzen, die mir anfangs so eng saßen, daß ich hinken mußte.« Diese Stiefel trug er bei schönem Wetter offen auf der Promenade, indem er die Beinkleider hochhob, um die Absätze zeigen zu können. Bei schlechtem Wetter pflegte er jene Stiefel einmal in der Woche anzuziehen und sie vor einem großen Spiegel zuzuknöpfen. Dies brachte fast immer eine Erektion und sogar eine Samenentleerung hervor. Als dies den Reiz der Neuheit verloren hatte, kaufte er sich wieder ein Korsett. So oft er es nun unbemerkt tun konnte, trug er dasselbe und schnürte es manchmal so fest, daß er fast ohnmächtig wurde. Diese beiden Gegenstände, Knöpfelschuhe und Korsette, schienen einen ganz besonderen Einfluß auf ihn auszuüben. Oft hatte er in der Pferdebahn, wenn eine Dame mit schmaler Taille und zierlichem Fuß ihm gegenübersaß, eine Art idealen Beischlafs oder, wie er es nannte, ein Ausströmen seiner Gefühle zur Geliebten hin. Roubaud erwähnt einen ganz ähnlichen Fall, in dem ein junger Mann nur bei Blondinen, wenn sie ein Korsett, hohe Stiefel und ein seidenes Kleid trugen, nicht impotent war Siehe Beobachtung 55. . Die letzten drei Gegenstände hatten auch auf unseren Patienten einen großen Einfluß, mochte der Träger derselben ein Mann oder eine Frau sein. Bald gab er sich seinem Hange immer mehr hin, indem er neben verschiedenen andern weiblichen Kleidungsstücken sich schließlich ein schwarzseidenes Kleid kaufte, das ihm ganz eng saß und auf das er sehr stolz war. Locken und Reifen, falsches Haar, Ohrringe und Busennadeln, alles mußte seine Leidenschaften schüren. Ja, er konnte stundenlang eng geschnürt sitzen, während ein Friseur seine Haare nach Frauenart kräuselte und frisierte. Zuletzt trug er sein neues schwarzseidenes Kleid sogar, wenn er spazieren oder in die Kirche ging, und hob es auf der einen Seite auf, um die weiße, gefaltete Rockborte und die Stiefel mit den hohen französischen Absätzen zu zeigen. Mit stark ausgepolsterter Brust, eng geschnürter Taille und enormem Cul de Paris, mit phantastisch geformtem Haar, Ohrringen und äußerst engen und unbequemen Stiefeln konnte er zu seiner größten Freude meilenweit gehen und stundenlang tanzen. Es schien wirklich der körperliche Schmerz für seine Glückseligkeit nötig zu sein, und er weidete sich förmlich daran, wofern der Schmerz nur durch ein weibliches Kleidungsstück verursacht wurde. Wenn er auch die Manieren und Gewohnheiten von Frauen nachahmte, so mißbrauchte er seine Verkleidung doch niemals zu unlauteren Zwecken, abgesehen davon, daß er gelegentlich eine Ejakulation hervorrief. Wie bereits erwähnt, empfahl er das enge Schnüren aufs wärmste; er hatte viel über diese Materie gelesen und die ganze Literatur gesammelt, die für oder gegen diesen Gegenstand geschrieben war. Er versuchte öfters, sich so eng zu schnüren, daß er ohnmächtig werden würde, jedoch gelang ihm dies nicht. Er überredete auch seine Frau, sich zu schnüren, und zog ihr Korsett täglich enger, bis er ihre Taille um fast 15 Zentimeter im Umfang verkleinert hatte, was ihm ebenfalls eine sinnliche Befriedigung gab ( Hammond ). Beobachtung 94. Die erste Spur einer perversen Neigung merkte ich an mir schon in meinen Kinder- und Knabenjahren; damals empfand ich schon eine wollüstige Empfindung, wenn ich an andern Knaben Rohrstiefel mit steifen Schäften sah, besonders solche mit Lackleder. Ich muß hier vor allem einschalten, daß mein Vater von Beruf Schuhmacher war, ich also ein großes Feld für meine Leidenschaft hatte. Deutlich erinnerte ich mich noch, in den ersten Schuljahren öfters einem Knaben nachgeschlichen zu sein, der solche Stiefel trug. Die Neigung nahm aber bald einen größeren Umfang an und richtete sich auch auf Mädchen, die weiße Strümpfe und Schuhe mit Spangen trugen, wie man dies früher oft sehen konnte. Auch trieb ich damals schon Onanie. Ich konnte mich im Bette in eine gewisse wollüstige Stellung bringen, mich meinen Gedanken an Schuhe hingeben und ein gewisses Höchstgefühl von Wollust haben. Mein Hang für Schuhe vermehrte sich nun und dehnte sich auch auf Knopfstiefel aus. Ich wurde im Geschmack förmlich raffiniert, vor allem verehrte ich solche Stiefel und Schuhe, die Mädchen und Frauen gehörten, die nur wenig oder gar keinen Fußschweiß hatten. Die Schuhe von solchen verglich ich im Geiste nur mit einem »engelreinen Kelche«. Es reizten mich auch vor allem solche Knopfstiefel, die mit weißem Flanell gefüttert waren, der Duft eines solchen Stiefels konnte mich förmlich berauschen. Ich mochte vielleicht 10 bis 12 Jahre zählen, als ich anfing, solche Knaben und Mädchen mit Interesse zu beobachten, die steife Kragen trugen. Zu jener Zeit waren gewisse breite Leinenchemisetten für Knaben und Mädchen im Gebrauch, und es machte mir ein Wollustgefühl, an diesen steifen Kragen zu kratzen. Ich erinnere mich an einen kleinen Verwandten, damals einen hübschen Jungen, der ein solches Ding am Halse hatte; er sagte zu mir, es sei ihm zu eng , und zeigte mir eine wunde Stelle am Halse, die ihm der Kragen verursacht hatte; damals empfand ich eine heftige geschlechtliche Erregung. Seit jener Zeit war ich wie von einem höllischen Zauber umstrickt; die Gedanken an steife weiße Kragen gewannen immer mehr Raum, insbesondere konnte mich der Anblick eines solchen Kragens an einem hübschen Mädchen ganz rasend machen. Ich bekam jedesmal heftiges Herzklopfen und geschlechtliche Erregung; wenn der Kragen zu hoch war, ein förmliches Gefühl von Schwindel. Dazwischen kamen auch noch die Neigungen für Schuhe, Knopfstiefel usw. Wenn ich z. B. eine (am besten schwarzgekleidete) Dame sah, die einen hohen, engen Kragen trug, so ging ich ihr oft so lange nach, bis sie mit der Hand eine Bewegung am Kragen machte, als ob der hohe Kragen ihr eine Unbequemlichkeit verursache – in diesem Momente fühlte ich immer einen Schlag, einen Druck am Herzen, den ich am besten mit einer Blutwelle vergleichen möchte. Ich kaufte einem Mädchen damals einen hohen Leinenkragen, ein paar Manschetten und freute mich wahnsinnig, einen genußreichen Abend zu haben. Sie zeigte auch hierfür viel Sinn, ich konnte mich nicht sattsehen jenen Abend an ihr, buchstäblich gesprochen, sie mußte mir unzählige Male immer wieder den Kragen, den sie sich auf mein glühendes Bitten recht eng gerichtet hatte, mit den Fingern lockern, und als ich bemerkte, daß an ihrem Hals eine aufgescheuerte Stelle entstand, verspürte ich die Sinneslust, wie sie ein Sadist vielleicht empfindet. So oft sie die Hand an den Kragen legte, gingen mir die sinnlichen Wellen durch den Körper. Ähnliches könnte ich schildern, als sie einst neue Knopfstiefel trug; als ich die neuen Stiefel sah, stand mir schon wieder der Genuß vor Augen, den mir das Anziehen geben würde. Ich darf hier nicht vergessen, eine neue Liebhaberei zu erwähnen, die sich bei mir schon seit geraumer Zeit gebildet hatte: die Liebhaberei für enge Ärmel. Dem Mädchen nun wußte ich hierfür Interesse einzuflößen. Sie war von etwas voller Figur, und es machte mir Genuß, ihr unter den Arm zu greifen und den Schweiß spüren zu können, wenn sie eine anschließende Taille getragen hatte ( Löwenfeld ). Der Zwang, der, wie wir bereits ausgeführt haben, hier den eigentlichen Fetisch bildet, kann aber noch weit stärker ausgeprägt auftreten. Zur Einführung in diese Verhältnisse sei zunächst ein sehr interessanter Fall von Seitz mitgeteilt: Beobachtung 95. Am 5. April 1913 wurde der Kanonier K. in der Wohnung seiner Mutter erhängt aufgefunden. Der Körper hing am Hals in einer Schlinge aus breitem, leinenem Gurt, die an einem Bettpfosten befestigt war. Auf dem Kopf trug der Mann eine Perücke mit langen Werghaaren, über Stirn und Kinn waren Teilstücke eines Fußballs aus rotem Gummi nach Art einer Maske mit Augen- und Nasenausschnitten versehen gezogen und mit Schnüren am Hinterkopf befestigt. Die Mitte des Gesichts war mit einer einfachen schwarzen Samtmaske bedeckt. Penis und Hodensack staken in einem Lederbeutel, waren mit einem Riemen und unterhalb dieses der Penis allein noch einmal mit einer Lederleine abgeschnürt, der übrige Körper, vollständig nackt, lag in zusammengekauerter Stellung zwischen Bett und Wand. An der Leiche fanden sich: am rechten Oberschenkel deutliche Spuren einer Geißelung, an der einen Seite des linken Oberarms eine etwa zehnpfennigstückgroße Brandwunde, offenbar von einer Zigarre herrührend, am linken Handgelenk eine undeutliche Quetschung, anscheinend von einer Fesselung verursacht. Der Lederbeutel zeigte im Innern Flecke, die zum Teil noch naß waren, Samenflüssigkeit befand sich nicht darin. Auf dem Bett des K. fanden sich eine neunschwänzige Geißel und ein Buch über die spanische Inquisition, worin die angewendeten Foltern ausführlich geschildert und teilweise bildlich dargestellt waren. Aufgeschlagen war ein Bild, wie an einem jungen Mädchen die Wasserfolter von mehreren maskierten Henkern vollzogen wird. Dieses Bild klärte den Fall; außerdem wurde mitgeteilt, daß K. leidenschaftlich Schauerromane, Hexen- und Inquisitionsprozesse mit ihren Foltern las. Es fand sich eine Kiste, die K. stets sorgfältig unter Verschluß gehalten hatte. Sie war angefüllt mit Schellen für Hand- und Fußgelenke, Eisenstangen usw., alles nach aus Büchern stammenden Zeichnungen ausgeführt ( Seitz ). Dieser Fall steht nicht vereinzelt da; so wurde in Berlin ein Offizier, eng in ein Korsett eingeschnürt, tot aufgefunden, in Graz ein Priester, den in einer höchst komplizierten Selbstfesselung mit Ketten aller Art der Tod ereilt hatte usw. Man hat bei der Deutung solcher Befunde geschwankt, ob hier ein reiner Fetischismus vorliege, oder ob es sich um eine Wechselbeziehung zwischen Sadismus und Masochismus handle. Wir brauchen nur an den Fall Seitz zu erinnern, bei dem der Perverse sich an sadistischen Vorstellungen berauschte und gleichzeitig sich selbst als Masochisten behandelte, um zu verstehen, warum eine solche Wechselbeziehung in den Kreis der Erwägungen gezogen wurde. Und es sei gleichzeitig hier vorweggenommen, daß solche Befunde zu der Konstruktion eines Sado-Masochismus beigetragen haben. Wir glauben indes, daß es sich hier um einen gänzlich andern Vorgang handelt, den wir bereits früher als Identifikation , bzw. Übertragung erwähnt haben, und den Moll als Einfühlung bezeichnet. Es gibt eben Menschen, in denen der Wunsch, bestimmte Handlungen vorzunehmen, so übermächtig ist, daß es ihnen gar nicht mehr auf das Objekt ankommt. Wenn es nun in Anbetracht der sehr komplizierten Tathandlungen, die unter allen Umständen durchgeführt werden sollen, besonders schwierig ist, ein geeignetes Objekt zu finden, oder wenn die Tathandlung an sich mit den Gesetzen in Konflikt bringen würde, dann begnügen sich solche Menschen damit, sie an sich selbst auszuführen. Ein bezeichnendes Beispiel dieser Art ist etwa Beobachtung 43, wo der Perverse sich selbst Hautstücke abschnitt und diese verzehrte (Identifikation). Für die Übertragung beweisend ist u. a. die Beobachtung 40, wo sich der Patient vorstellt, er sei der Arbeiter mit den roten, geschwollenen, schweißigen Füßen – worauf der größte Orgasmus eintritt. Auch der Fußfetischist Krafft-Ebings (Beobachtung 41) ersetzt sein Ideal, den Anblick von Männern mit bloßen Füßen, dadurch, daß er selbst barfuß geht. Fetischisten, deren Sexualobjekt Körperfehler (Hinken) bilden, ahmen diesen Defekt fast immer nach (Beobachtung 45). Auch jene Wäschefetischisten, die den Fetisch (weibliche Unterwäsche, Schürzen usw.) selbst anziehen, dürften weniger transvestitisch eingestellt sein, als eben das naheliegendste Objekt, die eigene Person wählen. Wenn wir nun zu jenen Tathandlungen zurückkehren, die mit dem Tode der Perversen endeten, so können wir sie jetzt also dahin deuten, daß es sich bei ihnen um einen sadistisch gefärbten Fesselungsfetischismus , also um eine Unterart des Zwangsfetischismus gehandelt hat. Sie beweisen denn auch nichts für die Existenz eines Sado-Masochismus. Letzten Endes ist der Zwangsfetischismus auch dann und dort, wo er nach außen hin in leichteren Formen erscheint, wie als Korsettfetischismus und dergleichen, sehr wahrscheinlich innerhalb des gesamten Fetischismus jene Art, die am weitesten vom Normalen entfernt ist. Und zwar wegen der engen Verwandtschaft, in der er mit den aus der Psychiatrie bekannten Zwangsneurosen steht, die sich ja eigentlich von ihm nur durch das Fehlen bewußter Sexuallust unterscheiden. Es ist das von einer gewissen praktischen Bedeutung; denn die moderne Tiefenpsychologie hat sich gerade mit den Zwangsneurosen vielfach beschäftigt und auch so manche von ihnen geheilt. Es erscheint also möglich, von hier aus die Wege zu finden, auf denen auch jene Fetischisten von ihrer Einstellung erlöst und befreit werden können. Hier möchten wir nun die Besprechung einer – erfreulicherweise sehr seltenen – Perversion anschließen, der Nekrophilie . Dies deshalb, weil sie noch am ehesten zu verstehen ist, wenn man sie als Fetischismus mit sadistischem Einschlag auffaßt, da es sich hier ja im wesentlichen um ein Vergewaltigen, Inbesitznehmen eines absolut wehrlosen menschlichen Objekts, nämlich einer Leiche, handelt. Man darf ruhig annehmen, daß die Nekrophilen nicht mehr Sexualneurotiker sind, sondern bereits echte Psychopathen, wofür auch Krafft-Ebing eingetreten ist. Beobachtung 96. X., 50 Jahre alt, benützt im Lupanar nur Puellae, die weißgekleidet, unbeweglich, eine Tote markierend, daliegen. Er hat die Leiche seiner eigenen Schwester geschändet, immissione mentulae in os mortuae usque ad ejaculationem. Er hat überdies fetischistische Anwandlungen zu den Schamhaaren der Puellae und Nagelabschnitzeln von Mädchen, da ihn der Genuß der Nägel sexuell mächtig erregt ( Neri ). Beobachtung 97. X., Prälat, erschien zeitweise in einem Pariser Bordell wo ihn über seine Bestellung eine Prostituierte als Leiche, weiß geschminkt, auf dem Paradebett liegend, erwartete. Hora destinata in cubiculum quasi funestum et lugubre factum vestimento sacerdotali exornatus intravit, ita se gessit, acsi mittam legeret, tum se in puellam coniecit, quae per totum tempus mortuam se esse simulare debuit ( Taxil ). Daß hier offenkundig Zusammenhänge mit dem bereits früher erwähnten Kostümfetischismus bestehen, ist klar, und Fälle dieser Art dürften keineswegs vereinzelt sein. Bei der nächsten Beobachtung tritt hingegen das sadistische Moment mit grauenhafter Deutlichkeit in den Vordergrund, so daß sie geradezu ein Beispiel dafür ist, wie schwer sich oft entscheiden läßt, welcher Gruppe eine bestimmte Triebabweichung einzuordnen ist. Denn es läßt sich keineswegs mit Bestimmtheit sagen, ob man solche Greueltaten mit dem Lustmord in Verbindung bringen und also dem Sadismus zurechnen soll, oder ob man von der Wahl des Sexualobjektes, hier also der Leiche, auszugehen und sie als Fetischismus aufzufassen hat. Beobachtung 98. X. war angeblich schon als Kind mit einem unerklärlichen Zerstörungsdrange behaftet, so daß er alles, was er gerade zur Hand hatte, zerbrach. Bereits in früher Kindheit kam er ohne jede Verführung zur Onanie, mit 9 Jahren begann er Neigung zu Personen andern Geschlechts zu verspüren. Mit 13 Jahren erwachte in ihm mächtig der Drang zur geschlechtlichen Befriedigung an Frauen; er onanierte nun sehr viel. Dabei stellte er sich in seiner Phantasie ein Zimmer voll von Frauen vor, er phantasierte dabei, daß er den Geschlechtsakt mit ihnen ausübe und sie dann martere. Darauf stellte er sie sich als Leichen vor, und wie er sie als Leichen befleckte. Gelegentlich kam es dabei auch zur Vorstellung, es mit männlichen Leichen zu tun zu haben, aber sie war mit Ekel betont. Mit der Zeit empfand er den Drang, mit wirklichen Leichen derartige Situationen durchzumachen. Aus Mangel an menschlichen Leichen verschaffte er sich Tierkadaver, schlitzte ihnen den Leib auf, riß die Eingeweide heraus und masturbierte dabei. Er habe dabei einen unsäglichen Genuß empfunden. Später bekam er zum erstenmal das Gelüste, Menschenleichen zu benutzen. Er scheute sich anfangs davor; als er aber, etwa ein Jahr später, auf dem Kirchhof ein frisches Grab sah, kam dieser Drang unter Kopfweh und Herzklopfen mit solcher Macht, daß er trotz der Gefahr der Entdeckung die Leiche ausgrub. Da ein geeignetes Instrument, sie zu zerstückeln, fehlte, begnügte er sich, sie mit der Totengräberschaufel voll Wut zu hauen. In den beiden folgenden Jahren stellte sich angeblich in Zwischenräumen von etwa 14 Tagen und unter heftigem Kopfweh der Drang ein, an Leichen Brutalitäten zu verüben. Unter den größten Gefahren und Schwierigkeiten genügte er etwa 15mal diesem Trieb. Er grub die Leichen mit den Händen aus und spürte vor Erregung gar nicht die Verletzungen, die er sich dabei zuzog. Dann schnitt er die Leichen mit einem Säbel oder einem Taschenmesser auf, riß die Eingeweide heraus und masturbierte in dieser Situation. Das Geschlecht der Toten war ihm angeblich ganz gleichgültig. Jedoch wurde festgestellt, daß dieser moderne Vampir mehr weibliche als männliche Leichen ausgegraben hatte. Während dieser Akte sei er in unbeschreiblicher geschlechtlicher Aufregung gewesen. Nachdem er sie zerschnitten hatte, grub er die Leichen wieder ein. Nachdem er 1½ Jahre diese scheußlichen Akte verübt hatte, geriet er zufällig an die Leiche eines etwa 16jährigen Mädchens. Da erwachte zum erstenmal in ihm das Gelüste, an dem Kadaver den Koitus auszuüben: »Ich bedeckte ihn allenthalben mit Küssen, drückte ihn wie rasend an mein Herz. Alles, was man an einem lebendigen Weibe genießen kann, war nichts im Vergleich zu dem empfundenen Genuß. Nachdem ich diesen etwa eine Viertelstunde gekostet, zerstückelte ich wie gewöhnlich die Leiche und riß die Eingeweide heraus. Dann begrub ich den Kadaver wieder.« Erst von da an soll X. den Drang verspürt haben, Leichen vor der Zerstückelung geschlechtlich zu benutzen. Und er habe dies in der Folge bei etwa drei weiblichen Leichen getan. Das eigentliche Motiv des Leichenausgrabens sei aber nach wie vor das Zerstückeln gewesen, und der Genuß bei dieser Handlung war größer als beim Geschlechtsakt mit der Leiche. Denn dieser habe immer nur eine Episode gebildet und niemals seine Brunst gestillt, weshalb er immer nachher dieselbe oder eine andere Leiche zerstückelt habe ( Michéa - Lunier - Tardieu - Legrand ). Dieser Fall ist zweifelsohne den aus der Nachkriegszeit bekannten, nur ungenügend geklärten Fällen Haarmann und Großmann ähnlich. Zum Schlusse noch der Fall eines ganz typischen Nekrophilen. Beobachtung 99. X., ein junger Mann aus vornehmem Hause, hatte sich nach Bestechung der Leichenwärter zur Leiche eines 16jährigen Mädchens aus guter Familie eingeschlichen. Nachts hörte man im Totenzimmer ein Geräusch, wie wenn ein Möbelstück umfalle. Die Mutter des gestorbenen Mädchens drang ein und bemerkte einen Mann, der im Nachthemd vom Bett der Toten herabsprang. Man meinte zuerst, man habe es mit einem Diebe zu tun, erkannte aber bald die wahre Situation. Es stellte sich heraus, daß X. schon öfter die Leichen junger Frauen geschändet hatte ( Brierre de Boismont ). Mit der Nekrophilie haben wir gewissermaßen die Besprechung einer Reihe von perversen Akten eingeleitet, die zweifelsohne zum Fetischismus gehören. Freilich bildet bei ihnen nicht mehr ein Teil des Körpers oder ein bestimmter Gegenstand den Fetisch, sondern ungefähr so, wie wir das bei der Besprechung des Zwanges dargetan haben, eine bestimmte Tathandlung , die die Perversen herbeiführen oder erleiden oder bloß ansehen und miterleben wollen. Wir haben dann als Fetisch die Situation oder das Arrangement anzusehen. Gewisse Anklänge findet man bei allen Arten des Fetischismus, aber es gibt doch einige Formen, bei denen dieser seltsame Fetisch das eigentliche Wesen der ganzen Triebabweichung bildet. Es ist nicht leicht, diese ganzen Tatsachen und Zusammenhänge darzustellen, schon deshalb, weil hierüber wenig klinisches Material vorliegt, oder weil so manche hierher gehörige Akte andern Triebabweichungen zugeordnet wurden, wie z. B. die aktive Flagellomanie zum Sadismus, die Koprolagnie zum Masochismus usw. Man könnte bei dieser Gruppe auch den Exhibitionismus einreihen; doch ist dieser eine so fest umrissene Triebabweichung und zudem praktisch so wichtig, daß seiner Besprechung ein eigener Abschnitt gewidmet ist. . Verschiedene Tathandlungen, z. B. auf dem Gebiet der Verbalerotik, werden entweder der Hypersexualität zugerechnet oder gar nicht als pervers betrachtet – zumal sie nicht so selten mit einem sonst durchaus normalen Geschlechtsleben verbunden sind. Überhaupt lassen sich manche dieser perversen Akte auf einen gewissen sexuellen Spieltrieb zurückführen; man findet auf diesem Gebiet alle möglichen Übergänge, von sexuell undifferenzierten Personen bis zu schwer degenerierten Menschen. Auch bei den Tathandlungen selbst gibt es gewaltige Unterschiede: von solchen, die auf den ersten Blick noch ganz normal erscheinen, bis zu den seltsamsten und abwegigsten Verirrungen zieht sich eine weit gespannte Reihe, als deren einziges Kennzeichen eigentlich anzusehen ist, daß immer wieder die Befriedigung der Geschlechtslust durch inadäquate Mittel erstrebt wird. Es wäre irrig zu glauben, daß hier der normale Koitus, der bei den schweren Formen des Fetischismus ja gänzlich ausgeschaltet ist, nicht vorkomme. Denn einerseits gibt es natürlich genug Menschen, in deren Geschlechtsleben die Perversion bloß irgendwie hineinspielt, anderseits findet man immer wieder Personen, die nur über spärliche und schwache Hemmungen verfügen, und die also bei günstiger Gelegenheit oder unter dem Einfluß einer Verführung perverse Akte tätigen, ohne selbst pervers zu sein. Diese ganze Gruppe ist klinisch von verhältnismäßig geringem Interesse, um so wichtiger ist sie sozial . Denn wenn wir auch vom ärztlichen Standpunkt aus moralische Wertungen zu vermeiden haben, so muß doch gesagt werden, daß Menschen dieser Art um ihrer inneren Haltlosigkeit und ihres Mangels an Hemmungen willen sozial unerfreuliche, ja schädliche Elemente darstellen. Die Tatsache, daß verschiedene perverse Akte gesetzlich geahndet werden, ist also zumindest im Hinblick auf diese Individuen durchaus zu vertreten, zumal der für sie kennzeichnende Mangel an sittlichem Ernst sich auch auf die Objektwahl erstreckt und somit auch Kinder und Jugendliche nicht selten gefährdet. Die Grenze zwischen sexuellem Spieltrieb und echtem Laster läßt sich ja niemals scharf ziehen. Wir besprechen zunächst eine sehr seltsame Triebabweichung, die Krafft-Ebing noch dem Sadismus zugerechnet hat, obwohl er bereits selbst bemerkt, daß Garnier Fälle dieser Art auf den Fetischismus zurückgeführt hat; Krafft-Ebing spricht deshalb auch von Sadofetischisten. Es handelt sich um den Drang, andere Personen zu besudeln , sei es durch beschmutzende Flüssigkeiten und dergleichen, sei es durch Ausscheidungen des eigenen Körpers. Sehr bezeichnend sind folgende Fälle: Beobachtung 100. Ein Mann hatte eine Geliebte. Seine einzigen Beziehungen zu dieser bestanden darin, daß sie sich mit Kohle oder Ruß die Hände von ihm schwärzen ließ, dann mußte sie sich vor einen Spiegel setzen, so daß er ihre Hände in diesem sehen konnte. Während einer oft längeren Unterhaltung mit der Geliebten schaute er unverwandt nach dem Spiegelbild ihrer Hände und empfahl sich dann nach einiger Zeit sehr befriedigt ( Wulffen ). Beobachtung 101. Ein 18jähriger Töpfergeselle hatte helle Kleider, Theater- und Abendmäntel mit Ruß beworfen. In nicht weniger als 25 Fällen hatte er die Garderobe promenierender Damen auf diese Weise beschädigt ( Wulffen ). Beobachtung 102. Ein Offizier war in einem Lupanar zu K. nur unter dem Namen »Öl« bekannt. »Öl« erzielte Erektion und Ejakulation einzig dadurch, daß er puellam publicam nudam in einen mit Öl gefüllten Bottich treten ließ und sie am ganzen Körper einölte ( Krafft-Ebing ). Die nachstehenden Fälle haben eine deutliche Beziehung zum Wäschefetischismus: Beobachtung 103. Y., 29 Jahre, Kaufmann, verheiratet, schwer hereditär belastet, seit dem 16. Jahre Masturbant unter Benutzung eines Taschenelektrisierapparats, neurasthenisch, impotent mit 18 Jahren, eine Zeitlang Absinthtrinker nach unglücklicher, d. h. unerwiderter Liebe, trifft eines Tages auf der Straße eine Bonne mit weißer Schürze, wie sie das Mädchen seiner Liebe zu tragen pflegte. Er kann nicht widerstehen, die Schürze zu stehlen. Er trägt sie heim, masturbiert darin, verbrennt sie dann unter neuerlicher Masturbation. Er geht auf die Straße zurück, sieht ein Weib mit weißem Kleid, faßt den wollüstig betonten Gedanken, dasselbe mit Tinte zu besudeln, tut es unter wollüstiger Erregung und schwelgt, sich masturbierend, daheim in der Erinnerung an diese Situation. Ein andermal kommt ihm beim Anblick von Frauen auf der Straße der Kitzel, deren Kleider mit einem Federmesser zu beschädigen. In der Ausführung wird er als vermeintlicher Taschendieb verhaftet. Andere Male hatten ihm zufällig an den Kleidern einer Dame wahrgenommene Flecken genügt, um zu Orgasmus und zu Ejakulation zu gelangen. Den gleichen Effekt erzielte er, wenn er mit seiner Zigarre in die Kleider von Passantinnen Löcher brannte ( Magnan - Thoinot - Garnier ). Beobachtung 104. Ein akademisch gebildeter, 31 Jahre alter Herr, erblich schwer belastet, aus blutsverwandter Ehe, von jeher scheu, zurückgezogen, tollte mit erwachender Vita sexualis im 17. Jahr viel mit den ungefähr 11jährigen Gespielinnen seiner Schwester herum, wurde im Anblick von deren weißen Kleidern Wäschefetischist, begann zu masturbieren, wobei er sich die Gegenwart eines weißgekleideten Mädchens dachte und auch mit hellen Kleidungsstücken weiblicher Angehöriger manipulierte. Vom 23. Jahre ab Koitus, womöglich mit einem Mädchen bekleidet mit hellem Rock. Mit 25 Jahren, seitdem er gesehen, wie ein hellgekleidetes Mädchen in seiner Begleitung mit Straßenschmutz bespritzt wurde – was ihn sexuell mächtig erregte –, Drang, Kleidungsstücke weiblicher Personen zu besudeln, später sie auch zu zerknittern und zu zerreißen. Dieser Drang war schwankend in seiner Intensität, regelmäßig provoziert durch den Anblick weißer Frauenkleider, und zeitweise so mächtig, daß er ihm mit Liquor ferri sesquichlorati oder auch Tinte genügen mußte, wobei es zu Orgasmus und Ejakulation kam. Zuweilen Träume von weißer Frauenwäsche, mit Pollution im Moment des Berührens oder Zerknitterns derselben. Keine Geisteskrankheit im engeren Sinne ( Moll – Krafft-Ebing ). Für deutliche Verwandtschaft mit dem Haar- und Zopffetischismus spricht nachstehende Beobachtung: Beobachtung 105. Ein Mann ging an einem festgesetzten Tage einmal monatlich zu seiner Geliebten und schnitt ihr mit einer Schere die Haare ab, welche ihr über die Stirn herabhingen. Es gewährte ihm dies den stärksten Genuß. Sonst stellte er keine Ansprüche an das Mädchen ( Pascal ). Und wie sehr es solchen Fetischisten auf das Arrangement ankommt, ergibt folgender merkwürdiger Fall: Beobachtung 106. Ein Mann in Wien besuchte regelmäßig mehrere Prostituierte, nur um ihnen das Gesicht einzuseifen und ihnen dann mit einem Rasiermesser so über das Gesicht zu fahren, als ob er ihnen einen Bart abscheren wollte. Nunquam puellas laedit, sed haec faciens valde excitatur libidine et sperma eiaculat ( Krafft-Ebing ). Das Gegenteil dazu bildet gewissermaßen Beobachtung 107. X., aus feinem Hause, wurde als junges, unwissendes Mädchen mit einem etwa 30jährigen Manne verheiratet. In der ersten Nacht ihres Ehelebens zwang er ihr ein Waschnäpfchen mit Seife in die Hände und wünschte dringend, ohne jedwede Liebesbezeugung, von ihr um Kinn und Hals (wie zum Barbieren) eingeschäumt zu werden. Die völlig unerfahrene junge Frau tat es und war nicht wenig erstaunt, in den ersten Wochen ihres Ehelebens dessen Geheimnisse in absolut keiner andern Form kennenzulernen; der Mann erklärte ihr beständig, daß es ihm höchster Genuß sei, von ihr im Gesicht eingeschäumt zu werden. Nachdem sie später Freundinnen zu Rate gezogen, brachte sie ihren Mann zur Ausübung des Koitus und hat, wie sie bestimmt versichert, von ihm im Laufe der Jahre drei Kinder bekommen. Der Mann ist ein fleißiger und solider, aber kurz angebundener, mürrischer Mensch, seines Zeichens Kaufmann ( Körber – Krafft-Ebing ). Ins Grauenhafte reicht die Triebabweichung bei nachfolgendem Fall: Beobachtung 108. Ich kannte einen solchen Patienten, der ein mit einem dekolletierten Ballkleid geputztes Frauenzimmer, sich in einem hell erleuchteten Zimmer auf ein niedriges Sofa hinlegen ließ. Ipse apud ianum alius cubiculi obscurati constitit adspiciendo aliquantulum feminam, excitatus in eam insiluit et excrementa in sinus eius deposuit. Haec faciens eiaculationem quandam se sentire confessus est ( Tarnowsky ). Aus der Literatur über Bordellwesen und Prostitution geht hervor, daß solche perverse Akte keineswegs vereinzelt sind; es gibt sogar Männer, die excrementa sua in os puellae deponunt. Das Gegenstück zu dieser schweren Verirrung bildet eine andere, seltsamerweise sogar recht verbreitete Perversion, bei der die Berührung, ja der Genuß der verschiedenen Körperausscheidungen anderer Personen den Fetisch bildet. Man bezeichnet diese Triebabweichung als Koprolagnie . Solche Personen werden von einem unwiderstehlichen Drange dazu getrieben, den Urin, die Faeces, das Sputum, auch den Nasenschleim und das Ohrenschmalz, den Schweiß, ja selbst das Menstrualblut zu betasten oder zu verschlingen, und es ist von höchstem Interesse, daß es sich da nicht bloß um schwer degenerierte psychopathische Individuen handelt, sondern auch um Menschen, die sonst durchaus normal sind und ihre gesellschaftliche Stellung zu bewahren vermögen. Zur Erklärung läßt sich vermutlich die Tatsache heranziehen, daß Cunnilinguus und Fellatio weit verbreitet sind und von einer beträchtlichen Zahl von Menschen kaum mehr als perverse Akte empfunden werden. Es ist verständlich, daß sich daraus eine weitgehende Abstumpfung der Ekelgefühle ergeben kann. Die Koprolagnie kommt sowohl vereinzelt vor, also ohne andere perverse Akte, als auch als Teilerscheinung des Masochismus, was ja ohne weiteres begreiflich ist, da ein solches Verhalten unbedingt auch den Charakter einer schweren Demütigung hat. Wir werden also auch bei der Besprechung des Masochismus Beobachtungen zu bringen haben, in denen die Koprolagnie eine gewisse Rolle spielt. Es ist begreiflich, daß sich bei ausgeprägten Fällen von Koprolagnie auch sehr verschiedene andere perverse Akte finden, aber bei näherer Betrachtung erweisen auch sie ihre fetischistische Natur. Gerade für die Koprolagnie hat Krafft-Ebing beweisende Beobachtungen gesammelt. Beobachtung 109. X., 31 Jahre, Beamter, stammt aus neuropathisch belasteter Familie, war von Kindesbeinen auf nervös, schwächlich, litt an nächtlichem Aufschrecken. Mit 16 Jahren hatte er die erste Pollution. Mit 17 Jahren verliebte er sich in eine 28 Jahre alte, nicht hübsche Französin. Ein besonderes Interesse hatten für ihn ihre Schuhe. Sobald er es unbemerkt tun konnte, bedeckte er dieselben mit Küssen und fühlte dabei ein wonniges Erbeben. Zu Ejakulation kam es bei derlei Schuhszenen nicht. X. versichert, damals vom Unterschied der Geschlechter noch gar nichts gewußt zu haben. Seine Schuhverehrung sei ihm selbst ganz rätselhaft vorgekommen. Vom 22. Jahre ab etwa einmal monatlich Koitus. X., obwohl libidinös, fühlte sich dabei jeweils seelisch ganz unbefriedigt. Eines Tages begegnete er einer Hetäre, die durch ihre stolze Haltung, ihr faszinierendes Auge, ihr herausforderndes Wesen einen eigentümlichen Eindruck auf ihn machte. Es war ihm, als müßte er vor diesem herrischen Geschöpf in den Staub sinken, ihm die Füße küssen und wie ein Hund oder Sklave ihm folgen. Ganz besonders imponierte ihm der »majestätische« Fuß mit dem Schuh und dessen Glanzlack. Der Gedanke, einem solchen Weib als Sklave zu dienen, machte ihn wollüstig erbeben. In der folgenden Nacht konnte er nicht schlafen vor solchen Gedanken, und während er, auf dem Leib liegend, in der Phantasie diesem Weibe die Füße küßte, kam es zu einer Ejakulation. Da X. von Natur schüchtern war, seiner Potenz nicht ganz traute, überdies Abscheu vor Dirnen hatte, benutzte er in der Folge seine Entdeckung psychischer Masturbation zu seiner Befriedigung und verzichtete ganz auf wirklichen Umgang mit dem Weibe. Er dachte sich bei dieser Befriedigung den herrlichen Fuß des herrischen Weibes, zu welchem optischen Erinnerungsbild sich mit der Zeit die Geruchsvorstellung eines Damenfußes oder -schuhes gesellte. In seinen nächtlichen erotischen Ekstasen bedeckte er das Phantasiebild des Frauenfußes mit unzähligen Küssen. In erotischen Träumen folgte er gebieterischen Frauen. Es regnete. Die Domina hob ziemlich ihr Kleid, er »sah den süßen Fuß, fühlte fast dessen elastische, weiche und doch feste, warme Form, sah ein Stück Wade in rotseidenem Strumpf«; dann kam es regelmäßig zur Pollution. Ein wahrer Genuß war es X., bei Regenwetter auf der Straße herumzustreifen und derlei Traumbilder in Wirklichkeit zu schauen; glückte ihm dies, so wurde die betreffende Persönlichkeit Gegenstand seiner Träume und Fetisch seiner psychisch masturbatorischen Akte. Um die Illusion bei letzteren zu potenzieren, kam er dazu, seinen eigenen, mit dem Sekret seiner Füße eingeriebenen Strumpf sich vor die Nase zu legen. Mit dieser Hilfe gewann sein Phantasiebild auf der Höhe der Ekstase fast Wirklichkeit – er war berauscht vom Duft des vorgestellten Damenfußes, den er in größter Wollust küßte, saugte und biß, wobei dann endlich Ejakulation erfolgte. Daneben fanden sich aber auch im Traum oder in der wollüstigen Ekstase rein masochistische Bilder ein, z. B. die herrliche Frauengestalt stand nur leicht verhüllt, mit einer Peitsche in der Hand, vor ihm, er als ihr Sklave vor ihr auf der Erde kniend. Sie hieb mit der Peitsche auf ihn los, setzte ihm den Fuß auf Hals, Gesicht, Mund, bis er sich dazu herbeiließ secretum inter digitos nudos pedis eius bene olens exsugere. Um die Täuschung zu vervollständigen, benutzte er propria secreta pedum, indem er sie an die Nase brachte. In dieser Ekstase empfand er einen köstlichen Wohlgeruch, während er sonst sudorem proprium non bene olentem fand. Längere Zeit wurden diese Fetischismen abgelöst durch Podexfetischismus, wobei X. als Hilfe für seine Illusion eine Mädchenunterhose und stercus proprium naribus appositum benutzte. Darauf kam eine Zeit, wo sein Fetisch der Cunnus feminae war und er ideellen Cunnilinguus trieb. Unterstützend dabei wirkten Berühren von Fetzen aus dem Axillarteil eines weiblichen Trikotleibchens, Strümpfe, Schuhe gleicher Herkunft. Nach 6 Jahren, mit zunehmender Neurasthenie und erlahmender Phantasie, verlor X. die Fähigkeit zur dergestalt betriebenen psychischen Onanie und wurde ein gewöhnlicher Masturbant. So ging es jahrelang weiter. Zunehmende Neurasthenie zwang zu einem Kurverfahren. In der Rekonvaleszenz lernte X. ein seiner masochistischen Gefühlsweise entsprechendes Mädchen kennen, erzielte endlich Koitus unter Zuhilfenahme masochistischer Situationen und fühlte sich befriedigt. Nun lebten aber die alten fetischistischen Faszinationen und masochistischen Gelüste wieder auf, und in ihrer Befriedigung empfand X. weitaus größeren Genuß als in dem nur honoris causa und als Episode jener Scheußlichkeiten geleisteten Koitus. Das Ende dieser sexualen zynischen Existenz war eine – Heirat, zu welcher sich X., nachdem ihm seine Mätresse davongelaufen war, entschloß. X., der bereits Familienvater ist, versichert, daß er mit seiner Ehefrau genau so verkehre wie mit jener, und daß sie beide befriedigt von dieser Art des ehelichen Umgangs seien ( Krafft-Ebing ). Trotz der stark masochistisch gefärbten Phantasien dieses Falles glauben wir ihn dem Fetischismus zurechnen zu sollen; denn die Beziehung zur Geruchssphäre überwiegt ganz deutlich. Hierher gehören weiter Fälle Cantaranos (mictio, in einem andern Falle gar defaecatio puellae ad linguam viri ante actum), Genießen von nach Fäces riechendem Konfekt, um potent zu sein; ferner folgender, gleichfalls von einem Arzt mitgeteilter Fall: Ein im höchsten Grade verlebter russischer Fürst ließ sich von seiner Mätresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen mußte, auf die Brust defäzieren und regte nur auf diese Weise die Reste seiner Libido an. Ein anderer erhält eine Mätresse in außergewöhnlich glänzender Weise mit der ihr auferlegten Verpflichtung, ausschließlich Marzipan zu essen. Ut libidinosus fiat et eiaculare possit excrementa feminae ore excipit. Ein brasilianischer Arzt berichtet über mehrere zu seiner Kenntnis gekommene Fälle von defaecatio feminae in os viri. Derartige Fälle kommen überall vor, und durchaus nicht selten. Alle möglichen Sekrete, Speichel, Nasenschleim, selbst Ohrenschmalz werden in diesem Sinne benutzt, ja mit Begierde verschlungen. Hierher gehört offenbar auch der scheußliche Fall von Cantarano , in welchem dem Koitus morsus et succio an den möglichst lange nicht gewaschenen Zehen der Puella vorausgehen. Stefanowski kannte einen alten russischen Kaufmann, qui valde delectatus fuit bibendo ea quae puellae lupanarii iusso suo in vas spuerunt. Beobachtung 110. X., 27 Jahre alter Arbeiter, schwer belastet, mit Tic im Gesicht, Angst- und Zwangsgefühlen (besonders Agoraphobie) und Alkoholismus behaftet. Summa ei fit voluptas, si meretrices in os eius faeces et urinas deponunt. Vinum supra corpus scortorum effusum defluens ore ad meretricis cunnum adposito excipit. Valde delectatur, si sanguinem menstrualem ex vagina effluentem sugere potest. Fetischist in Damenhandschuhen und Stiefeletten, osculatur calceos sororis, pedes cuius sudore madent. Libido eius tum demum maxime satiatur, si a puellis insultatur, immo vero verberatur, ut sanguis exeat. Dum verberatur, genibus nixus veniam et clementiam puellae expetit, deinde masturbare incipit ( Neri ). Beobachtung 111. X., 45 Jahre, belastet, war schon mit 8 Jahren der Masturbation ergeben. A decimo sexto anno libidines suas bibendo recentem feminarum urinam satiavit. Tanta erat voluptas urinam bibentis ut nee aliquid olfaceret nee saperet, haec faciens. Nach dem Trinken empfand er jedesmal Ekel, Übelbefinden und faßte die besten Vorsätze, derlei künftig bleiben zu lassen. – Ein einziges Mal hatte er gleichen Genuß beim Trinken des Urins von einem 9jährigen Knaben, mit dem er einmal Fellatio getrieben hatte. Patient leidet an epileptischer Geistesstörung ( Pelanda ). Also immer wieder enge Verbindungen zwischen masochistischen und fetischistischen Neigungen; zur Koprolagnie gesellen sich Schuh-, Handschuh-, auch Wäschefetischismus oder irgendein Partialfetischismus – bis zu den seltsamsten und abscheulichsten Handlungen und Situationen. Eine seltene Abart der Koprolagnie bilden die sogenannten Renifleurs . Es sind dies jene Personen, deren Triebabweichung gleichfalls auf die menschlichen Ausscheidungen abzielt, ohne jedoch stark genug zu sein, um einen so innigen Kontakt wie bei den eben angeführten Fällen zu erzwingen. Es genügt ihnen also, den Geruch besagter Ausscheidungen einzuatmen, weshalb sie ihre Befriedigung in Bedürfnisanstalten suchen. Bemerkenswert ist, daß es sowohl homo- wie heterosexuelle Perverse dieser Art gibt. Tardieu , der diese Renifleurs zuerst beschrieben hat, schildert sie »qui in secretos locos nimirum theatrorum posticos convenientes quo complures feminae ad micturiendum festinant, per nares urinali odore excitati, illico se invicem polluunt«. Auch das Betrachten von Defäkations- (Stuhlentleerung) und ähnlichen Akten scheint auf manche Menschen als sexueller Reiz zu wirken, und man hat gar nicht so selten Gelegenheit, Perverse zu beobachten, die dort, wo die Toiletten von Kaffeehäusern und ähnlichen Lokalen dies ermöglichen, sich diesen höchst eigentümlichen Genuß verschaffen. Für die Verbreitung dieser Triebabweichung spricht, daß es auch Bücher gibt, die lediglich aus Abbildungen weiblicher Personen beim Defäkationsakt bestehen, und es ist bemerkenswert, daß solche Erzeugnisse sogar aus der Biedermeierzeit stammen. Taxil hat jene Menschen, die sich sowohl durch den Geruch der Faeces, wie durch das Ansehen der Defäkation sexuell erregen, mit dem Ausdruck »Stercoraires« bezeichnet. Auch diese Form des Fetischismus gehört zu jener großen und bisher in der einschlägigen Literatur eigentlich nur wenig berücksichtigten Gruppe, bei der das Ansehen, richtiger: das Miterleben einer Situation den Fetisch bildet. Freilich darf man eben diesen Ausdruck nicht zu eng fassen, denn nur selten hat man es hier mit Fetischisten im strengsten Sinne des Wortes zu tun, weit häufiger mit Menschen, die Akte solcher Art aus einem gewissen Abwechslungsbedürfnis, einem Spieltrieb, aber auch aus Lasterhaftigkeit mit dem normalen Geschlechtsverkehr verquicken. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß bei einer gewissen Höhe der Kultur und der Zivilisation der gewöhnliche Sexualakt dem überfeinerten Bedürfnis der Sinne des öfteren nicht mehr genügt. Es ist nun sehr interessant, daß gerade die Monogamie, und zwar besonders dann, wenn sie aus äußeren Gründen aufrechterhalten wird, den eigentlichen Nährboden für das Entstehen solcher Einstellungen und Gelüste bildet. Um das zu begreifen, braucht man sich bloß zu vergegenwärtigen, daß bei häufigem Wechsel des Sexualpartners, wie er im modernen Großstadtleben auch verheirateten Personen verhältnismäßig leicht möglich ist, die Notwendigkeit, den Akt selbst abwechslungsreicher zu gestalten, wesentlich geringer ist. Der Laie vermag gar nicht zu ermessen, was vor allem in kleineren Orten auf diesem Gebiete möglich ist und tatsächlich auch geschieht. Geschlechtliche Verirrungen und Sexualkatastrophen, die, in die Wirklichkeit umgesetzt, alles weit hinter sich lassen würden, was sich in den Orgien der Antike, der Renaissance und des Rokokos ereignete, bilden den Inhalt der Tagträume braver, sozial durchaus eingeordneter Bürger und Bürgerinnen. Kehren wir nach dieser – notwendigen – Abschweifung zum eigentlichen Thema zurück, so haben wir zunächst jene Fälle zu besprechen, in denen der starke Hang besteht, Geschlechtsakte zwischen andern Personen anzusehen, und die also eine gewisse Analogie zu den Fällen bilden, bei denen der Anblick des Ausscheidungsvorganges lustbetont empfunden wird. Man bezeichnet solche Perverse als Voyeurs . Es gibt da natürlich Unterarten, so z. B. solche, wo ein gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr, besonders zwischen Frauen, anreizend wirkt, andere, wo in dieser Hinsicht pädophile Akte bevorzugt werden usw. Für solche Perverse ist es kennzeichnend, daß sie den normalen Geschlechtsverkehr nicht deshalb ablehnen, weil sie Fetischisten sind, sondern weil sie ihm überhaupt ausweichen wollen, und daß sich dann erst später, auf dieser Grundlage, diese Einstellung zum richtigen Fetischismus umwandelt. Es sind das also impotente oder potenzschwache Männer oder aber auch jüngere Personen – beiderlei Geschlechts –, die vor dem Sexualakt eine Art Angst empfinden. Die erste Gruppe ist aus der Literatur über Prostitution und Bordellwesen genugsam bekannt. Die perverse Schaulust gilt aber, und das sogar sehr häufig, nicht nur dem Geschlechtsverkehr, sondern auch den Geschlechtsteilen anderer Personen, wobei aber gleich zu bemerken ist, daß es sich hier weniger um Fetischismus als um Sexualvorlust handelt. Keineswegs selten werden in die Türen oder Wände von Hotelzimmern oder Badeanstalten Löcher gebohrt, um auf diese Weise Personen, gewöhnlich des andern Geschlechts, bei der Entkleidung oder nackt sehen zu können. Pädophil orientierte Menschen halten sich auf Kinderspielplätzen auf, um die entblößten Genitalien kleiner Mädchen zu sehen. In dieser Art ist bezeichnend: Beobachtung 112. Der 33jährige verheiratete Fabrikarbeiter X. war zu wiederholten Malen tagsüber zum Teil mittels Erbrechens verschlossener Türen in den Keller eines direkt an der Straße liegenden Hauses eingedrungen und so in den Verdacht des Diebstahls gekommen. Schließlich kam die Wahrheit an den Tag. Über dem Kellerfenster fand sich ein von einem Eisenrost überdeckter Lichtschacht. X. hatte den Keller aufgesucht, um den über dem Eisenrost zur Besichtigung einer dort befindlichen Auslage verweilenden Personen weiblichen Geschlechts, insbesondere Schulmädchen, unter die Röcke sehen zu können ( Kersten ). Hierher gehört auch folgender Fall: Beobachtung 113. X., 41 Jahre alt, Schutzmann, an sich wenig sinnlich, verheiratet, entschloß sich zur Vermeidung zu starker Familienvermehrung zum Coitus interruptus. Hierdurch und durch dienstliche Überanstrengung kam es zu neurasthenischen Beschwerden und in weiterer Folge zu einer Steigerung des Geschlechtstriebs, worauf sich bei ihm das bisher unbekannte Verlangen einstellte, in den Parkanlagen Liebespaare beim Geschlechtsverkehr zu beobachten. »An manchen Abenden – aber nur dann, wenn ich nicht vorher mit meiner Frau verkehrt hatte – kommt dann plötzlich der Drang über mich; seh ich dann solch ein Pärchen, so zieht es mich mit Gewalt zu einer Stelle, von der aus ich der Begattung zusehen kann. Ich vermag trotz aller guten Vorsätze dies dann nicht zu unterlassen. Es wird mir heiß im Kopfe, ich bekomme ein Fliehen und Zittern in allen Gliedern.« X. sah den Beischlafvollziehungen in größter Erregung, mit erigiertem Gliede zu. Keine Masturbation, selten spontane Ejakulation, nachher starke Depression ( Horstmann ). Moll hat das Voyeurtum als Mixoskopie bezeichnet und dem Masochismus zugerechnet, in der Annahme, daß hier das Entbehren den Kernpunkt bilde. Sexueller Spieltrieb und Laster führen auch zu einer andern ähnlichen Form geschlechtlicher Betätigung, bei der die betreffenden Personen dem Akt nicht bloß zusehen, sondern selbst an ihm teilnehmen. Man bezeichnet das als Triolismus (von Trio = Zusammenspiel dreier Personen) oder, wenn es sich gar um eine ganze Gruppe handelt, als Orgie . Es ist klar, daß es bei einer solchen Kombination nicht nur zu heterosexuellen, sondern auch zu homosexuellen Tathandlungen kommen kann; da es sich aber keineswegs ausschließlich um diese handeln muß, so besprechen wir den Triolismus hier und nicht bei der Homo- und Bisexualität. Man würde irren, wollte man den Triolismus für eine seltene Erscheinung halten, kommt er doch sogar in Volksschichten vor, in denen andere Perversionen, etwa mit Ausnahme der Hypersexualität oder des Sadismus, zu den Seltenheiten gehören. Dem widerspricht auch die Tatsache nicht, daß er in der ärztlichen Literatur so gut wie gar nicht und im forensischen Schrifttum bloß selten – gewöhnlich im Zusammenhange mit dem Verbrechen der Kuppelei – erwähnt wird. Man wird diese Perversion nur in Ausnahmefällen als echten Fetischismus aufzufassen haben, schon deshalb, weil bei ihr der Koitus eine sehr beträchtliche Rolle spielt. Sie ist hingegen in erster Linie ein Musterbeispiel für den sexuellen Spieltrieb , der dort, wo ihm nicht wesentliche Hemmungen entgegenstehen, anscheinend gerade den Triolenverkehr bevorzugt. Wenn dabei homosexuelle Akte vorkommen, so spielen sie sich fast ausnahmslos zwischen Frauen und nur höchst selten zwischen Männern ab, wie es auch weit häufiger ist, daß ein Mann gleichzeitig mit zwei Frauen, als daß eine Frau mit zwei Männern verkehrt. Manchmal indes wird die Situation zu dritt oder die Vorbereitung eines solchen Aktes zum wahren Fetisch. Es gibt zweifelsohne Personen, die nur dann, wenn diese Vorbedingung erfüllt ist, Sexuallust erleben können; doch sind diese Fälle wesentlich seltener. Es wurde bereits mehrfach erwähnt, daß verschiedene perverse Akte, die bisher stets und ausnahmslos andern Triebabweichungen zugerechnet wurden, eigentlich doch zum Fetischismus gehören, weil bei ihnen eine Situation, ein Arrangement den Fetisch bildet. So wie es zahlreiche Fälle von Koprolagnie gibt, in denen das masochistische Element so gut wie ganz hinter dem fetischistischen zurücktritt, so kann, ja muß man eigentlich auch die passive und die aktive Flagellomanie zum Fetischismus rechnen. Denn die durch die Flagellation erduldete oder zugefügte Demütigung, welche ja unstreitig den Hauptinhalt des Masochismus und des Sadismus bildet, tritt, vom Standpunkt des Lustgewinns aus, weit hinter der Situation , also hinter dem Schlagen, bzw. dem Geschlagenwerden zurück – womit dessen fetischistischer Charakter durchaus gegeben erscheint. Wenn wir trotzdem die Besprechung der passiven und der aktiven Flagellomanie gemeinsam mit dem Masochismus, bzw. dem Sadismus vornehmen, so sind dafür praktische Gründe maßgebend, wie wir ja auch darauf verzichtet haben, den Sadismus und den Masochismus als Untergruppen des Fetischismus darzustellen, was an und für sich ja unbedingt möglich wäre, uns aber als eine zu einschneidende Änderung des Krafft-Ebing schen Werkes erschiene. Wir haben uns im vorstehenden mit verschiedenen Arten des Fetischismus beschäftigt, denen es gemeinsam ist, daß in ihrem Mittelpunkt stets eine Tathandlung, ein Akt steht. Wir werden später, bei der Besprechung des Masochismus, sehen, daß bei dieser Perversion verhältnismäßig oft der Gedanke die Tat ersetzt, in der Form eines Tagtraumes, einer Phantasie, manchmal auch eines echten Traumes usw. Auch beim Fetischismus findet sich eine ähnliche Erscheinung, die uns teilweise auch in das Gebiet der Sexualsymbolik hineinführt. Es gibt nämlich eine sehr große Anzahl von Menschen, die sich durch Wort , Schrift und Bild Sexuallust verschaffen, und es ist klar, daß man solche Bestrebungen und Einstellungen zum Fetischismus zu rechnen hat, schon deshalb, weil hier wiederum mit inadäquaten Mitteln eine Sexualbefriedigung erreicht oder doch zumindest angebahnt wird. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge wird allerdings dadurch erschwert, daß es hier so gut wie unmöglich ist, zwischen Vorlust und endgültigem Lustgewinn – Orgasmus – zu unterscheiden. Hier spielt alles ineinander, und allenthalben finden sich fließende Übergänge. Dieses Gebiet ist fast zur Gänze sexualpsychologisches Neuland. Es gibt zwar verschiedene Einzelforschungen, und auch verschiedene psychiatrische Krankengeschichten lassen sich hier verwerten, aber über erste Versuche ist man noch kaum hinausgekommen. Wenn wir unsere Besprechung mit der Verbalerotik beginnen, welcher nicht allzu glücklich gewählte Ausdruck die mehr oder weniger lustbetonte, über den Durchschnitt häufige Verwendung von Ausdrücken aus der Sexualsphäre Und auch aus der Abdominalsphäre. bezeichnet, so ist zuerst einmal zu erwähnen, daß die Verbalerotik sowohl an und für sich vorkommt, als auch als Teilerscheinung anderer Perversionen, vor allem des Sadismus, dann des Exhibitionismus. Daß die Zote, um das treffendste Wort zu gebrauchen, psychologisch interessant ist, ist ja nicht neu, bloß war ihre übliche Deutung als Reaktion auf eine aufgezwungene, dem betreffenden Individuum nicht gemäße Überfeinerung (Prüderie) unzulänglich, weil eben dabei die sexuelle Komponente der ganzen Erscheinung kaum berücksichtigt wurde. Wir glauben, daß man zur Erklärung der Freude an der Zote sowie an den zahllosen sexuell gefärbten Witzen, die beide einen so wesentlichen Inhalt unzähliger Männergespräche bilden, verschiedene Ergebnisse der neueren Tiefenpsychologie und Ethnologie heranziehen muß, vor allem das, was sich in dieser Beziehung über die Magie ergeben hat. Denn ungefähr so, wie der Primitive durch Aussprechen eines Namens – sei es der eines Mitmenschen oder der eines Gegenstandes – diesen zu beschwören, bzw. in seine Macht zu bekommen vermeint, scheint auch der Verbalerotiker, natürlich unbewußt, etwa durch Aussprechen der Bezeichnungen des Sexualaktes, der Genitalien usw. sich zu diesen in eine (unstreitig gleichfalls sexuelle) Beziehung setzen zu wollen. Man kann deutlich zwischen der – ja auf ganz andere Wurzeln zurückgehenden – Freude am Witz, an der Anekdote usw. und der Lust unterscheiden, die sich aus dem Gebrauch, weniger aus dem Anhören von Ausdrücken ergibt, die der Sexualsphäre entstammen. Besonders dort, wo eine lange Zeit bestehende und sorgfältig bewahrte Hemmung durch äußere Umstände, z. B. durch die Eheschließung, plötzlich beseitigt wurde, zeigt sich sehr häufig eine erstaunlich lebendige und sicherlich tiefe Lust verbalerotischer Natur. Man wird natürlich stets berücksichtigen müssen, inwieweit die Verwendung der betreffenden Ausdrücke einer bestimmten Person auf Grund ihrer Herkunft, ihrer Erziehung und ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß ist; um an eine Triebabweichung denken zu lassen, muß stets das Moment des Abwegigen oder zumindest Auffälligen vorhanden sein, dessen Bedeutung ja bereits mehrfach erwähnt wurde. Mit der Sicherheit eines Experiments hat der Weltkrieg gezeigt, ein welch wichtiges Ventil zur Endladung sexueller Spannungen die Verbalerotik ist. Menschen, denen es sonst, bei geregeltem Geschlechtsverkehr, völlig ferne lag, sich Ausdrücke jener Art zu bedienen, haben damals von ihnen, in Zeiten sexuellen Hungers, reichlichsten Gebrauch gemacht. Auch bei psychotischen und hysterischen Personen kommt es in Anfällen und bei Bewußtseinstrübungen zu einem wahrhaft eruptionsartigen Wortschwall stärkster sexueller Färbung. Gleichfalls viel zu wenig beachtet ist der Hang, sich beim Schreiben durch einerseits überreichliche und anderseits ganz oder teilweise unmotivierte Verwendung von Ausdrücken, die der Sexualsphäre entstammen, gewissermaßen auszuleben. Es gibt da verschiedene Arten. Allgemein bekannt sind ja jene Menschen, denen ein gewisser Bekritzelungsdrang innewohnt, der sich entweder in harmloser Weise durch Schreiben des eigenen Namens oder eines – gewöhnlich politischen – Sinnspruches betätigt, der aber auch dazu führt, daß eindeutig sexuelle Worte niedergeschrieben werden. Sehr häufig fühlen sich solche Menschen veranlaßt, Beschriftungen dieser Art in Bedürfnisanstalten anzubringen, und in einigen wissenschaftlichen Publikationen wurden Beispiele solcher »Abortliteratur« auch veröffentlicht. Wohl möglich, daß jener Drang durch die an solchen Orten stattfindende Entblößung der Genitalien eine Anregung erfährt. Psychologisch ist dieses Verhalten wohl am ehesten als Symbolhandlung zu verstehen, wobei man sich wiederum an das zu erinnern hat, was die Anthropologie und die Ethnologie in dieser Beziehung über das Seelenleben der Primitiven zutage gefördert haben. Der Verbalerotiker oder richtiger der Schreiberotiker , der etwa die eine oder andere mundartliche Bezeichnung für den Koitus auf ein Löschblatt kritzelt oder an eine Tür schreibt, vollzieht durch diese Handlung symbolhaft selbst den Geschlechtsakt – was ihm natürlich ebensowenig bewußt ist wie etwa dem Primitiven eine entsprechende ähnliche Handlung. Es sind hier aber wohl auch noch andere Momente mitbeteiligt. So der Spieltrieb Auf den näher einzugehen wir uns hier versagen müssen. und, gar nicht selten, exhibitionistische Strebungen, also etwa der Wunsch, in jenen Personen, die das betreffende Wort lesen, gleichfalls Gefühle sexueller Natur zu erwecken. In den Vordergrund tritt dieses Motiv bei der erotischen oder sexuellen Korrespondenz , Es gibt nämlich eine ganz erstaunlich große Zahl von Menschen, die erotische Briefe als Selbstzweck schreiben, eine Tatsache, der die verschiedenen Korrespondenzzirkel ihre Existenz verdanken. Was in dieser Beziehung geleistet wird, übersteigt jedes erdenkliche Maß, und selbst der Fachmann steht schaudernd vor diesen Äußerungen chaotischer Triebe. Der Partner, vielmehr der Empfänger solcher Briefe, tritt dabei so gut wie ganz in den Hintergrund, er ist in der Mehrzahl der Fälle überhaupt unbekannt. Es handelt sich gewöhnlich um verdichtete Tagträume, und manchmal werden aus solchen Verdichtungen richtige Dichtungen, selbst in gewählter Sprache, mit Versen und Reimen geschmückt. Die Umsetzung in die Realität wird ängstlich vermieden, ja gefürchtet. Kurzum, man hat es wiederum bloß mit Symbolhandlungen zu tun und (hier vielleicht in überwiegendem Maße) mit einer Verbindung von Fetischismus und Exhibitionismus. In weiterer Folge ist der anonymen Briefe zu gedenken, die teils an allgemein bekannte Persönlichkeiten, teils an Personen aus dem engeren Bekanntenkreis gerichtet werden, und die in der Regel nebst verschiedenen Schmähungen auch Worte und Ausdrücke aus der Sexualsphäre enthalten. Es ist klar, daß an ihrem Entstehen sehr wesentlich sadistische Tendenzen mitbeteiligt sind. An das Schreiben schließt sich das Zeichnen an, wobei man gleichfalls zwischen dem Kritzeln und dem Anfertigen von richtigen Zeichnungen, ja selbst Bildern zu unterscheiden hat. Das Zeichnen ist schon deshalb am stärksten gefühlsbetont, weil es mühsamer und zeitraubender ist als das Schreiben und gar als das Reden, und es geht also durchaus an, Personen, welche solche Zeichnungen anfertigen, schon deshalb als pervers anzusehen. Am häufigsten ist da die Hypersexualität, ferner verschiedene Arten des Partial- und Gegenstandsfetischismus. Während man hierbei kaum von einer Symbolhandlung sprechen kann, ist als solche doch wohl die Anfertigung jener Kritzeleien zu betrachten, mit denen Aborte, aber auch Hauswände, Planken, Zäune, Plakate und dergleichen so häufig beschmiert werden. Es ist klar, daß dabei exhibitionistische Tendenzen eine bedeutende Rolle spielen. Eine genauere Erforschung dieses ganzen Gebietes wäre zweifelsohne von wissenschaftlichem Interesse. So wäre, um nur 143 ein Beispiel zu erwähnen, der Unterschied zwischen einer auf eine rein geometrische Figur zurückgeführten Darstellung des weiblichen Genitales und einer bis in die kleinsten Einzelheiten mit aller Sorgfalt ausgeführten Zeichnung psychologisch sehr aufschlußreich, wobei wiederum ethnologische Gedankengänge die Führung zu übernehmen hätten. Von dem Schreiben und der Lektüre von Briefen rein sexueller Tendenz wie von der Anfertigung und dem Betrachten von Zeichnungen führen in klarer Weise zahlreiche Übergänge in ein Gebiet, das psychologisch, sozial und kulturhistorisch sehr beachtenswert ist. Es ist das die Pornographie . Es gibt kein Kulturvolk, in dessen bildender Kunst und in dessen Literatur sich nicht auch der Sexualtrieb durch Wort und Schrift eindeutig manifestiert. Gleichgültig, ob, wie in der Antike, ein solches Tun gang und gäbe und also gesetzlich geduldet war, oder ob es, wie seit sehr geraumer Zeit innerhalb der gesamten weißen Rasse, als schimpflich und verwerflich gilt und also verboten ist – in jedem Falle hat die Pornographie mit erstaunlicher Zähigkeit ihre Existenz zu behaupten gewußt. Und es ist bekannt, daß selbst große Dichter ( Goethe ) und bildende Künstler (z. B. in der Renaissance) sich solcher Art betätigt haben, womit jedoch die Pornographie gewiß nicht verteidigt werden soll. Kennzeichnend für die Pornographie sind Banalität, Armut an Einfällen, ewige Wiederholungssucht. In der bildenden Kunst hingegen haben Maler und vor allem Graphiker auf diesem Gebiete auch Kunstwerke geschaffen, und es braucht kaum erwähnt zu werden, daß der für den gesamten Fetischismus so charakteristische Sammeltrieb sich auch in dieser Beziehung betätigt. Das vielfältige Erscheinungsbild des Fetischismus dürfte nun genugsam dargestellt sein, so daß auf dieser Grundlage eine Erklärung versucht werden kann. Schon Krafft-Ebing hat dort, wo er sich theoretisch mit dem Fetischismus beschäftigt, hervorgehoben, daß diese Perversion nicht, so wie der Sadismus oder Masochismus, in ihrem Wesen ursprünglicher Natur, daß sie also nicht fertig angeboren ist, wie man das weit eher von diesen beiden Triebabweichungen annehmen kann. Beim Fetischismus begegnet man durchaus erworbenen Fällen. »Abgesehen davon, daß beim Fetischismus die veranlassende Gelegenheit der Erwerbung oft nachweisbar ist, fehlen hier die physiologischen Tatsachen, die auf dem Gebiete des Sadismus und des Masochismus durch eine allgemeine sexuelle Hyperästhesie auf die Höhe einer Perversion gehoben werden und damit die Annahme originären Ursprungs rechtfertigen. Es bedarf im Gebiet des Fetischismus für jeden einzelnen Fall noch eines Geschehnisses, das den Stoff der Perversion liefert. Es gehört allerdings – wie oben gesagt – zum physiologischen Geschlechtsleben, für dies und jenes an der Frau und um sie zu schwärmen; aber gerade die Konzentration des gesamten sexuellen Interesses auf einen solchen Teileindruck ist hier das Wesentliche, und diese Konzentration muß für jedes damit behaftete Individuum einen individuellen Erklärungsgrund haben. Man kann sich daher der Ansicht Binets anschließen, daß im Leben eines jeden Fetischisten ein Ereignis anzunehmen ist, welches die Betonung gerade dieses einzigen Eindrucks mit Wollustgefühlen determiniert hat. Dieses Ereignis wird in die früheste Jugend zurückzuversetzen sein und in der Regel mit dem ersten Erwachen der Vita sexualis zusammenfallen. Die Gelegenheit, bei welcher die Assoziation entstanden ist, wird in der Regel vergessen. Nur das Resultat der Assoziation bleibt bewußt. Die auffällige Tatsache, daß Gegenstand des Fetischismus alle möglichen Objekte werden können, findet ihre Erklärung darin, daß der individuelle Fetisch durch zufällige äußere Eindrücke, die zeitlich eben mit einem sexuellen Erregungszustand zusammenfallen und mit diesem assoziativ verknüpft werden, determiniert wird. Daß aber eine solche Assoziation haftet, immer wieder reproduziert wird, ausschließlich die Vita sexualis beherrscht, keine weiteren bezüglichen Assoziationen aufkommen läßt, ist das Befremdende und an und für sich den Stempel des Pathologischen an sich Tragende. Eine solche Reaktions- und Wirkungsweise ist nur denkbar im Rahmen einer besonderen pathologischen Konstitution, die ätiologisch wieder ihre Begründung in einer psychischen Degeneration findet, die sexuelle Hyperästhesie und solche abnorme und dauernde Gedankenverbindungen vermittelt« ( Krafft-Ebing ). Mit Krafft-Ebing halten auch wir Binets Anschauung, daß jedem Fall von Fetischismus ausnahmslos ein »accident agissant«, also ein auslösendes Ereignis, zugrunde liegen müsse, für berechtigt, und so wie er sind auch wir der Ansicht, daß die Assoziationen, auf denen der Fetischismus beruht, nicht ganz zufällig sind. Bevor wir nun weitergehen, müssen wir zwei Begriffe besprechen – die bereits im vorhergehenden verschiedentlich erwähnt wurden –, die Übertragung und die Identifikation . Diese ist, um mit ihr zu beginnen, ein, nebenbei bemerkt, sehr häufiger psychischer Vorgang, der darin besteht, daß man sich mit einer andern Person identifiziert, so daß man sozusagen in ihre Haut schlüpft, ihr Leben, ihre Schicksale, ihre Leiden und Freuden miterlebt. Auf der Identifikation beruht unter anderm ein großer Teil des Vergnügens, das man beim Lesen von Romanen, beim Anhören von Theaterstücken und dergleichen empfindet, indem man sich selbst an die Stelle des Helden oder der Heldin setzt. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür sind die in der Ichform geschriebenen Abenteuerromane Karl Mays. Auch die Gefolgschaft, die in der Öffentlichkeit einem Führer oder im Privatleben einer hervorragenden Persönlichkeit geleistet wird, beruht zum großen Teil auf der Identifikation. Sie spielt auch bei den Triebabweichungen eine bedeutende Rolle, besonders beim Fetischismus, indem sie dort einen einfachen Ausweg eröffnet, wo Schwierigkeiten bei der Objektwahl bestehen. Die Übertragung, mit der sich die »Einfühlung« Molls ungefähr decken dürfte, ist eine Teilidentifikation, indem entweder ein Teil des eigenen Ichs mit einem Teil einer andern Person oder ein eigenes Teilerlebnis mit einem Teilerlebnis eines andern Individuums identifiziert wird. Während die Identifikation auch auf der normalen Bewußtseinsebene gelingt, bedarf es anscheinend für die Übertragung einer Verschiebung derselben, etwa im Sinne einer Ekstase. Die Heiligenlegenden, die ja überhaupt für die sexuelle Pathologie, natürlich bei völliger Berücksichtigung der Unterschiede, aufschlußreiches Material zu liefern imstande sind, sind auch für das Verständnis der Übertragung (und der Identifikation) wohl verwertbar. Um nun diese theoretischen Erörterungen durch Beispiele zu verdeutlichen, erinnern wir an die Beobachtung 40; hier handelt es sich zweifelsohne um eine Übertragung. Die Beobachtung 43 hingegen kann als typisch für eine Identifikation bezeichnet werden. Identifikation und Übertragung sind zwar insofern für das Verständnis des Fetischismus von Bedeutung, als sie gewissermaßen einen wesentlichen Bestandteil seiner seelischen Technik bilden, sie haben aber nichts mit seinem Kernproblem zu tun, nämlich mit der Frage nach seiner Entstehung . Denn es geht heute wohl nicht mehr an, sich mit dem »auslösenden Ereignis« Binets allein zu begnügen. Vor allem glauben wir nun wiederum zwischen dem Fetischismus im engeren Sinne (im weiteren kurz Fetischismus genannt) und dem Partialfetischismus unterscheiden zu müssen, der sich ja zum Großteil mit dem »physiologischen« Fetischismus Krafft-Ebings deckt. Für das Verständnis der ganzen Perversion ist es von entscheidender Bedeutung, ob – wie bereits früher erwähnt – bei ihr der Koitus, nämlich der lustbetonte, bewußt gewollte Koitus noch in Frage kommt oder nicht. In ersterem Falle gehören die fetischistischen Momente ins Gebiet der Vorlust und sind somit tatsächlich mehr oder weniger als »physiologisch« anzusehen. Zu ihrer Erklärung genügt dann Binets Anschauung in der – von uns im vorstehenden zitierten – Formulierung Krafft-Ebings . Ganz anders aber verhält es sich mit jenen Fällen, bei denen der Koitus vollständig abgelehnt wird – womit wir gleichzeitig im Gebiet des echten Fetischismus angelangt sind. Auch hier muß zweifelsohne ein »accident agissant« vorliegen, aber man muß unbedingt annehmen, daß es infolge einer bestimmten Disposition pathologischer oder degenerativer Art von der Psyche weiterhin in einer ganz bestimmten Art und Weise verwendet und verwertet wurde. Wenn wir uns nun an die seinerzeit in unserem Schema dargestellten Kraftlinien erinnern, so wird es begreiflich erscheinen, daß wir jene »ganz bestimmte Art und Weise« in der Richtung zu erblicken haben, in der sich bei solchen Personen der Geschlechtstrieb bewegt. Sie ist für die Dynamik des Fetischismus entscheidend. In allgemeinster Formulierung könnte man sagen, daß die Fetischisten unter allen Umständen dem normalen adäquaten Sexualobjekt ausweichen, der Fetischist dem Weibe, die Fetischistin dem Manne, beide dem Menschen. Sehr merkwürdigerweise zeigt diese Perversion auch in schweren Fällen insofern noch eine gewisse Beziehung zum Normalen, als die Heterosexualität eine wesentliche Rolle spielt. Der Fetisch wird als geschlechtsspezifisch empfunden. Bei ganz ausgeprägten Formen von Schuhfetischismus bei Männern, in denen das Weib als Sexualobjekt völlig ausgeschaltet ist, muß der Fetisch doch von einer Frau stammen oder für eine Frau bestimmt sein, um den Lustgewinn zu ermöglichen. Daß es daneben natürlich auch homosexuelle Fetischisten gibt, ist selbstverständlich, ohne jedoch an der Tatsache der Geschlechtspezifität des Fetischs etwas zu ändern. Man braucht sich nur an die zahlreichen Beobachtungen zu erinnern, die wir in diesem Kapitel mitgeteilt haben, um zu erkennen, daß auch abgesehen vom Partialfetischismus die Erklärung von Binet – Krafft-Ebing dazu führen muß, den Begriff Fetischismus sehr enge zu umgrenzen, enger jedenfalls, als wir es bei der Auswahl unserer Fälle getan haben. Gewiß, die schweren Formen des echten Fetischismus, die ja unstreitig psychopathische und degenerierte Menschen betreffen, entstehen bei eben dieser Disposition unter dem Einfluß jenes »auslösenden Ereignisses«, und es ist richtig, daß man dieses in das kindliche und sogar in das frühkindliche Alter zurückzuverlegen hat. Je mehr man sich indessen mit den ungleich zahlreicheren Fällen beschäftigt, in denen es alle möglichen Übergänge gibt, von leichten Absonderlichkeiten, die kaum oder selbst gar nicht als sexuell empfunden werden, bis zu sogar höchst merkwürdigen und ganz ausgeprägten Triebabweichungen fetischistischer Natur, um so deutlicher erkennt man, daß jene Erklärung hier nicht mehr genügen kann. Eines freilich bleibt immer bestehen: die Verkehrung der sexuellen Leitlinie, die Flucht vor dem normalen, adäquaten Sexualobjekt – die wir ja bereits hervorgehoben haben. Das »accident agissant« soll damit natürlich nicht geleugnet werden, und seine Bedeutung für die Wahl des Sexualobjektes, also des Fetischs, bleibt bestehen – es ist aber nun nicht mehr nötig, in allen Fällen eine psychopathische Konstitution, eine Degeneration und ähnliche schwere Veränderungen der Gesamtpersönlichkeit als Ursache dafür anzusehen, daß sich ein Fetischismus entwickelt hat. Diese Anschauung erfährt auch dadurch eine Stütze, daß man dann, wenn man den Entstehungsursachen der verschiedenen Triebabweichungen nachforscht, so überaus häufig auf zwei Motive stößt. Es sind das die beiden Begriffspaare: Spieltrieb – Laster und Potenzangst – Potenzschwäche. Diese Reihenfolge ist beabsichtigt. Denn gerade beim Fetischismus findet man immer wieder, daß die normale Leitlinie des Geschlechtstriebes mehr oder weniger naiv verlassen wird, daß also dem sexuellen Spieltrieb nachgegeben wird. Oder aber dies geschieht wiederum ohne »zwingenden« Grund, aber unvergleichlich bewußter ; dann werden wir als Motiv das Laster anzunehmen haben, wobei in der Regel, aber nicht immer, gleichzeitig eine gewisse Degeneration vorliegt. Noch einfacher und noch verständlicher ist die logische Verknüpfung dort, wo der Fetischismus auf Potenzangst, bzw. Potenzschwäche, beruht. Denn das sind Faktoren, die in erster Linie, ganz von selbst, die Flucht vor dem Weibe und somit vor dem normalen Geschlechtsverkehr nahelegen. Erinnern wir uns an die – wörtlich wiedergegebenen – Ausführungen Krafft-Ebings , so sehen wir sogleich, daß mit ihnen die Heranziehung dieser beiden Begriffspaare zur Motivierung des Fetischismus keineswegs im Widerspruche steht, sondern sie lediglich ergänzt. Sie schließt insofern eine Lücke, als es beim Fetischismus geradeso wie bei andern Perversionen auch hinlänglich abortive Formen gibt und selbst Fälle, in denen die Perversion nur latent ist, bei denen also die Annahme einer psychopathischen Konstitution doch wohl wesentlich ferner liegt. Einer Eigentümlichkeit des Fetischismus möge schließlich noch gedacht werden: Er ist unter allen Triebabweichungen jene, die unvergleichlich häufiger bei Männern als bei Frauen angetroffen wird. Denn diese Perversion verbraucht in hohem Maße psychische Energien, so daß der Fetischist nur mit ausgeprägten Fähigkeiten der Abstraktion und der Phantasie denkbar ist. Identifikation und Übertragung spielen ja in seiner »Technik« wichtige Rollen und ebenso die Kräfte, mit denen im Wege der Verdichtung und schließlich sogar der Dichtung das Sexualobjekt gestaltet wird. Der Fetisch wird geschaffen, nicht gefunden. Dazu kommt noch, daß Männer weit mehr als Frauen imstande sind, die normale sexuelle Leitlinie zu verlassen und in ihrem Geschlechtsleben die Distanz aufrechtzuerhalten, die den Fetisch vom normalen Sexualobjekt trennt. Fassen wir das Ganze kurz zusammen, so haben wir den Fetischismus als die vielseitigste und seltsamste aller Triebabweichungen kennengelernt. Als sein Wesen betrachten wir das Verlassen der normalen sexuellen Leitlinie, die Flucht vor dem normalen Sexualobjekt. Gemeinsam mit Krafft-Ebing fassen wir den Fetischismus nicht als angeboren, sondern stets als erworben auf, wobei auch wir ein auslösendes Ereignis zugrunde legen, das zumindest die Wahl des Fetischs bestimmt. Zur Entstehung des Fetischismus ist in schweren Fällen eine – nicht selten echt pathologische – psychische Degeneration notwendig; daneben kommen als Ursachen noch Spieltrieb und Laster sowie Potenzangst und Potenzschwäche in Betracht. Zehntes Kapitel Sadismus Die Bezeichnung dieser wichtigen und häufigen Perversion ist von dem Namen des französischen Schriftstellers Marquis de Sade abgeleitet, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Reihe obszöner Romane geschrieben hat, für die eine eigenartige Mischung von Grausamkeit und Wollust kennzeichnend ist. Als Sadismus bezeichnet man die Empfindung von sexuellem Lustgefühl bis zum Orgasmus bei Demütigungen, Züchtigungen und allerlei Grausamkeiten, die an einem Menschen oder an einem Tiere ausgeführt werden, sowie den Trieb, solche Lustgefühle durch die entsprechenden Handlungen hervorzurufen. Um diese merkwürdige Einstellung zu verstehen, bedienen wir uns am besten wiederum der Methode, zuerst die fließenden Übergänge zum Normalen zu betrachten, die in der Tat auch hier reichlich zu finden sind. Zuerst muß darauf hingewiesen werden, daß im Verkehr der Geschlechter dem Weibe die passive, dem Manne die aktive Rolle zufällt. Daß nun beim Manne sich diese Aktivität zur Aggression steigern kann, dafür gibt es unzählige Beispiele, vor allem auch aus der Tierwelt. Denn dort ist es regelmäßig das Männchen, das dem Weibchen nachstellt; dieses flieht, triebhaft oder auch aus Verstellung, und schließlich kommt es zu einer ähnlichen Beziehung wie zwischen Raubtier und Beutetier. Die Annahme ist zweifelsohne gerechtfertigt, daß in den Frühzeiten der Menschheit zumindest der erste Koitus eines Paares auf dem Wege der Verfolgung und endlichen Überwältigung zustande gekommen ist. Dafür sprechen unter anderem Sagen wie der Raub der Sabinerinnen und Volksbräuche wie der – heute natürlich nur mehr symbolisch vollzogene – Brautraub. Es gibt außerdem auch jetzt noch primitive Stämme, bei denen die brutale Gewalt, der Raub, selbst die Wehrlosmachung des Weibes durch Keulenschläge die Liebeswerbung ersetzen. Innerhalb der Zivilisation tritt an Stelle dieser Maßnahmen die Verführung der Frau, und schon die Tatsache, daß man dabei von einer »Eroberung«, von einer »Besiegung« spricht, läßt durch die Wahl dieser Worte das – hier verborgenbleibende – sadistische Moment erkennen. Der Mann sieht sich eben auch unter normalen Verhältnissen einem Widerstand gegenüber, den zu überwinden seine Aufgabe ist, wozu ihn die Natur durch den ihm eigentümlichen aggressiven Charakter befähigt hat. Diese Einstellung des Mannes tritt auch heute noch und auch in durchaus zivilisierten Kreisen deutlich zutage, und zwar, sozusagen in gemilderter Form, in den unter jüngeren Leuten vielfach üblichen scherzhaften Plänkeleien. Bei ihnen kommt es nicht nur zu Wortgefechten, sondern auch zu Püffen und Stößen, zu Kratzen und Kneifen. Noch deutlicher zeigen sich sadistische Züge beim Deflorationsakt , wo die schamhafte Zurückhaltung und das Sichversagen der jungen Frau den Mann zur Aggression und selbst zur Gewaltanwendung geradezu nötigen. Das Lustgefühl, das viele Männer – und auch Frauen – in eben dieser Situation erleben, führt auch keineswegs selten zur Wiederholung analoger Vorgänge in den ersten Zeiten der Ehe. Die Erforschung der seelischen und der sozialen Entwicklungsgeschichte des Menschen hat uns gelehrt, daß in verschiedener Weise Einstellungen und Strebungen in einzelnen Menschen auftauchen und zur Macht gelangen, die seltsam fremd und rätselhaft anmuten, und deren Erklärung nur durch die Annahme möglich ist, daß sie atavistischer Natur seien. Die seelische Struktur längst verflossener Ahnen wird offenbar mitvererbt und hat selbst über Jahrtausende hinweg noch Kraft und Leben genug, hie und da wieder an die Oberfläche zu kommen. Dazu scheint es indessen einer gewissen Veränderung oder Verschiebung des normalen Seelenzustandes zu bedürfen, wie sie bei psychischen Erkrankungen oder – bei Gesunden – in Rauschzuständen vorkommt. Es ist begreiflich, daß in Zuständen und in Zeiten, in denen der Sexualtrieb vorherrscht, die Möglichkeit zur Entstehung eines solchen Rauschzustandes und somit zu einer Veränderung der normalen Psyche gegeben ist, und daß dann, in weiterer Folge, atavistische Regungen geltend werden. Daß unter diesen sich gerade die Grausamkeit befindet, läßt sich damit erklären, daß sie zu jenen Eigenschaften der Seele gehört, die mit dem Fortschreiten der Zivilisation und Kultur unterdrückt und also verdrängt werden mußten und wurden. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, inwieweit eine andere Form fließender Übergänge vom Normalen zum Perversen atavistischer Natur ist, möchten aber auf jeden Fall betonen, daß man aus ihrem Vorkommen allein keineswegs auf Sadismus schließen darf, sondern höchstens auf eine leichte sexuelle Hyperästhesie. Es sind das die vom Krafft-Ebing als »quasi noch physiologisch« bezeichneten Fälle, in denen im Moment der höchsten Wollust erregbare, aber sonst normale Menschen Akte wie Beißen und Kratzen ausführen, die sonst von Zorn oder Wut ausgelöst werden. Man muß sich daran erinnern, daß die Liebe und der Zorn nicht nur die beiden stärksten Affekte, sondern auch die beiden allein möglichen Formen des sogenannten sthenischen Affektes sind. Beide suchen ihren Gegenstand auf, wollen sich seiner bemächtigen und entladen sich naturgemäß in einer körperlichen Einwirkung auf denselben; beide versetzen die psychomotorische Sphäre in die heftigste Erregung und gelangen mittels dieser Erregung zu ihrer normalen Äußerung. Von diesem Standpunkt aus ist es begreiflich, daß der Geschlechtstrieb zu Handlungen veranlassen kann, die sonst dem Zorn gemäß sind. Sexualtrieb und Zorn sind Erregungszustände, die die gesamte psychomotorische Sphäre miteinbeziehen und durch den Drang gekennzeichnet sind, gegen das den Reiz hervorrufende Objekt auf jede mögliche Weise und in heftigster Art zu reagieren. So wie die Übererregung im Zorn leicht in wahllos wütende Zerstörungssucht übergeht, so erzeugen übersteigerte geschlechtliche Erregungszustände manchmal einen Drang, sich in sinnlosen und scheinbar feindseligen Tathandlungen zu entladen. Diese stellen sich gewissermaßen als psychische Mitbewegungen dar. Es handelt sich aber nicht etwa um eine bloße und unbewußte Erregung der Muskelinnervation (obwohl das als blindes Umsichschlagen nebenbei auch vorkommt), sondern um den Willen, auf das Objekt, von dem der Reiz ausgeht, eine möglichst heftige Wirkung auszuüben. Das stärkste Mittel dazu aber ist die Zufügung von Schmerz . Sadismus ist also nichts anderes als eine pathologische Steigerung von – andeutungsweise auch unter normalen Umständen möglichen – Begleiterscheinungen der psychischen Vita sexualis, insbesondere der männlichen, ins Maßlose und Ungeheuerliche. Dieser Zusammenhang ist natürlich nicht bewußt, sondern es wird in der Regel nur der Drang nach grausamen und gewalttätigen Handlungen am Sexualpartner empfunden und die Vorstellung solcher Akte mit wollüstigen Empfindungen verbunden, woraus sich ein mächtiger Antrieb ergibt, die vorgestellten Handlungen wirklich zu begehen. Aus diesem Unbewußtbleiben der Motive ergibt sich, daß die sadistischen Akte so häufig den Charakter von Impulshandlungen tragen. Die bei jeder Perversion sich einstellende Frage, ob sie als angeboren oder als erworben aufzufassen ist, läßt sich gerade beim Sadismus durchaus eindeutig beantworten, und zwar dahin, daß wir es hier mit einer angeborenen Triebabweichung zu tun haben. Das ergibt sich vor allem daraus, daß das Kind zweifelsohne sadistisch ist. So wie die Biologie aufgezeigt hat, daß jeder Mensch vom ersten Embryonalzustand bis zur Geburt seine gesamte Ahnenreihe vom Einzeller an durchläuft, so hat auch die moderne Tiefenpsychologie gelehrt, daß auch die Psyche jedes einzelnen Menschen eine Entwicklung durchzumachen hat, die beim Urmenschen beginnt. Jedes einzelne Individuum muß für sich jene Höhe erreichen, auf die die heutige Menschheit im Verlauf von Jahrtausenden von Zivilisation und Kultur emporgeführt wurde. Im frühkindlichen und im kindlichen Alter werden wir also begreiflicherweise gerade jenen Instinkten, Strebungen und Einstellungen noch begegnen, die beim erwachsenen Menschen unterdrückt und verdrängt sind. Zu ihnen gehört die Grausamkeit – was ja bereits im vorhergehenden bei der Besprechung der atavistischen Natur des Sadismus betont wurde. Selbstverständlich sind solche grausame Tathandlungen im frühkindlichen Alter niemals von Sexuallust begleitet, und auch im späteren Kindesalter und in der Zeit der Pubertät sind sie nur selten mit geschlechtlichen Empfindungen verbunden. Aus der Tatsache indes, daß Akte der Grausamkeit in einer gewissen Altersstufe ganz allgemein vorkommen, läßt sich bereits schließen, daß die seelische Disposition zum Sadismus eigentlich jedem Menschen innewohnt, allerdings nur latent, also sozusagen in einem Ruhezustand. Der Sadismus entwickelt sich auf dieser Grundlage, wenn – bei vorhandener Anlage – es bei irgendeinem Anlaß dazu kommt, daß die eine oder andere grausame Handlung mit Lustgefühlen sexueller Natur erlebt wird. Das ist indessen nichts anderes als der Anfang einer langdauernden komplizierten Entwicklung, die sehr häufig auch frühzeitig und also rechtzeitig unterbrochen wird. Denn der Sadismus gehört zu jenen Triebabweichungen, die den Perversen in wesentliche soziale Gefahren bringen, schon dadurch, daß er bei der Ausführung seiner sexuellen Strebungen und Wünsche mit den Gesetzen in Konflikt gerät. Es ist sehr interessant, historisch und ethnologisch zu betrachten, welche Wege und Mittel die verschiedenen Völker gewählt haben, um die ihnen rassenmäßig innewohnende Grausamkeit abzureagieren. Die Tierhetzen des Altertums, der Brauch, Verurteilte oder Sklaven in der Arena von Tieren zerfleischen zu lassen, die öffentlich vorgenommenen Massenhinrichtungen und der gleichfalls öffentliche, oft von unvorstellbaren Qualen begleitete Vollzug der Todesstrafe im Altertum und im Mittelalter waren solche Ventile, wie sie heutzutage z. B. in Spanien noch die Stierkämpfe sind. Die Menschen, die solchen Greuelszenen als Zuschauer beiwohnten, vermochten offenbar im Wege der Identifikation ihre grausamen Regungen hinlänglich zu befriedigen. Gewiß hat heute, besonders bei den höher kultivierten Europäern, das Bedürfnis nach Grausamkeit abgenommen; daß aber unter dem Einfluß eben derselben kulturellen Anschauungen jene Möglichkeiten der Abreaktion verschwunden sind, dürfte wohl mit einer der Gründe dafür sein, daß zumindest leichtere sadistische Akte auch heute noch und auch in diesem Kulturkreis beklagenswert häufig vorkommen. Es ist nun sehr interessant, daß die Verbreitung des Sadismus innerhalb einer bestimmten Kulturperiode oder bei einem bestimmten Volk, einer Rasse geradezu als Maßstab dafür angesehen werden kann, welche Höhe der Kultur, aber auch der Zivilisation vorliegt. Das wird begreiflich, wenn man sich daran erinnert, wieviel unvollkommene Hemmungen und mißlungene Verdrängungen einerseits und wieviel atavistische Einschläge und Regungen anderseits den Sadismus entstehen lassen. Wenn es auch begreiflicherweise nicht möglich ist, gewissermaßen einen sadistischen Index aufzustellen, so sind doch Züge aus dem alltäglichen Leben dafür verwertbar, ebenso wie Einzelheiten aus dem Erziehungswesen – Prügelstrafe –, schließlich die schweren sadistischen Akte, die vom Gesetz geahndet werden. Auch das Schrifttum, besonders die pornographische Literatur, läßt sich in dieser Beziehung verwerten. Wollte man nach Art der Spengler schen historischen Parallelen und Analogien verschiedene Kulturabschnitte und Rassen sexualpsychologisch vergleichen, so ergäbe sich wahrscheinlich, daß der Sadismus in Zeiten des Niederganges und der Degeneration häufiger ist, und daß er zurücktritt, wenn ein Volk einen heldischen Aufschwung nimmt. Zum Sadismus gehören eben Barbarei und Roheit, die keineswegs etwas für die wahre wesentliche Kraft und Zielstrebigkeit eines Volkes beweisen. Als Beispiel deutlich sadistischer Epochen sei in diesem Zusammenhang bloß das Rom der späteren Cäsarenzeit und Frankreich vor der großen Revolution angeführt. Wir werden später bei zahlreichen Beobachtungen immer wieder sehen, welche wesentliche Rolle innerhalb des Sadismus die Flagellation spielt, also das Prügeln, Schlagen und Peitschen. Es geht das so weit, daß man gewisse Formen des Sadismus sogar zu einer eigenen Gruppe vereinigt, die man als aktive Flagellomanie bezeichnet Die aktive Flagellomanie gehört, wie bereits früher erwähnt, eigentlich zum Fetischismus, wird aber aus praktischen Gründen hier besprochen. . Es ist eine beklagenswerte Tatsache, daß der Entstehung dieser Lust am Prügeln, dieser Prügelsucht, in manchen Ländern noch immer in der Weise Vorschub geleistet wird, daß dort das Prügeln und Schlagen aus der Erziehung der Kinder noch keineswegs verschwunden ist. Wiederum, so wie bei der Pädophilie, läßt sich dann kaum entscheiden, ob sich der Hang zum Prügeln bei Eltern und Erziehern wegen der leichten – und leider sogar erlaubten – Gelegenheit eingestellt hat, oder ob, was natürlich nur für in der Erziehung tätige Personen gilt, dieser Beruf deshalb ergriffen wurde, weil schon vorher eine gewisse Neigung zu solchen sadistischen Akten bestand. Die Grausamkeit gehört ja zu den stärksten Instinkten des Menschen. Einerseits tritt sie unter allen atavistischen Eigenschaften am häufigsten und am leichtesten an die Oberfläche; anderseits können wir es als ein deutliches Zeichen dafür betrachten, wie schwer und wie mühevoll und vor allem wie unvollkommen ihre Verdrängung und Unterdrückung noch immer ist, daß der Grausamkeitstrieb stets dann ganz allgemein manifest wird, wenn sich durch äußere Umstände eine Lockerung aller Triebbeschränkungen ergibt. Beispiele hierfür sind u. a. die Schandtaten im Dreißigjährigen Krieg, die Greuel des Bolschewismus, die Scheußlichkeiten der Gestapo und der SS im Dritten Reiche und im Zweiten Weltkrieg. Auch der sogenannte Tropenkoller gehört hierher. Er kommt dadurch zustande, daß moralisch nicht sehr gefestigte Individuen in Situationen, in denen Prügeln und Quälen ihnen untergebener Menschen ungeahndet bleiben, ihren Grausamkeitsinstinkten freien Lauf lassen, womit keineswegs selten auch sexuelle Lustgefühle verbunden sind. Wenn wir auch durchaus auf dem Standpunkt stehen, daß der Sadismus und noch mehr die sadistischen Akte sehr häufig und sehr weit verbreitet sind, so möchten wir doch sogleich betonen, daß heutzutage der Begriff Sadismus in viel zu ausgedehntem Umfange verwendet wird. So redet man vom Sadismus in der Politik, von Steuersadismus usw. In Wahrheit muß man aber festhalten, daß Grausamkeit oder grausame Handlungen allein noch keineswegs dazu berechtigen, von Sadismus zu sprechen, sondern daß das Moment der Sexuallust unbedingt vorhanden sein muß. Sadismus ist eben eine sexuelle Triebabweichung, eine Perversion. Mörder, Messerstecher, Gewalttäter, Tierquäler, kurz die ganze Schar jener Unholde und Missetäter, die ihre Grausamkeitsinstinkte nicht zu zügeln vermögen, brauchen deswegen noch gar nichts mit dem Sadismus zu tun zu haben, ja es gibt sogar genügend sichergestellte Fälle von echtem Masochismus, bei denen solche brutale Tathandlungen vorkommen. Aus psychologischen, soziologischen und juristischen Gründen erscheint es uns wichtig, mit allem Nachdruck auf der genauen Abgrenzung des Begriffes Sadismus zu bestehen. Gerade deshalb erscheint es wichtig, an dieser Stelle nochmals zu betonen, daß die unerhörten Greueltaten, die Europa – und nicht nur Europa – in den letzten furchtbaren Jahren erleben und miterleben mußte, mit »Sadismus« verhältnismäßig wenig zu tun haben. Mit teuflischem Vorbedacht wurden viele tausend Männer, und vereinzelt sogar Frauen, auf niedrigster Stufe der Kultur und der Zivilisation stehend, in die Lage versetzt, ja dazu ermutigt, ihren atavistisch-barbarischen Instinkten freien Lauf zu lassen, und dadurch zu Quälereien an Menschen veranlaßt, die sie an Tieren nicht ausgeführt hätten. Sexuallust ist aus ihren Handlungen wohl nur ausnahmsweise erwachsen, weit eher und weit häufiger jenes Machtgefühl, das solchen, aus niedrigen sozialen Schichten herstammenden Personen im normalen Leben verwehrt war. Nicht sie trifft daher die volle Schuld, sondern jene, die solches Tun befahlen oder zumindest frei geschehen ließen. Erinnern wir uns nun an die schematische Darstellung der Triebabweichungen, so haben wir dort zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten des Sadismus angenommen, die jetzt hier des näheren ausgeführt werden sollen. Ihre Betrachtung führt uns sogleich in das Wesen dieser ganzen Perversion ein. Als wesentliches Kennzeichen für den Sadismus wurde dort angegeben, daß bei ihm eine Vereinigung von Geschlechtstrieb und Machttrieb (dieser Begriff ganz allgemein genommen) vorliege, was mit den üblichen Anschauungen keineswegs in Widerspruch steht, da ja die Zufügung von Schmerz im wesentlichen nichts anderes als die deutlichste Form der Machtausübung ist. Das Hinzutreten des Machttriebs zum Geschlechtstrieb wurde durch die Aufnahme eines Koordinatenkreuzes in das Schema versinnbildlicht. Bei der einen Möglichkeit (des Sadismus) nun wurde das Sexualobjekt auf der Ordinate nach abwärts geschoben, was nichts anderes bedeutet, als daß die betreffende Person auch im wirklichen, also im sozialen Leben, tiefer steht als der Perverse. Am häufigsten beruht dieses Tieferstehen darauf, daß die Person, die gedemütigt oder der Schmerz zugefügt werden soll, jünger ist als der Perverse. Die Hauptvertreter dieser Gruppe sind die flagellomanisch eingestellten Väter (seltener Mütter) und Erzieher. Es ist weiter nicht selten, daß Untergebene, zumal dann, wenn sie gleichzeitig jünger sind, in dieser Hinsicht als Objekte benutzt werden, wie Lehrlinge, Hausangestellte, Dienstmägde, Jungknechte usw. Es ist nun sehr wichtig, daß diese Form des Sadismus verhältnismäßig – klinisch gesprochen – gutartig ist, d.h. daß sie, die ja in mancher Hinsicht dem Normalen recht nahesteht, gewöhnlich auch insofern keine schwere Triebabweichung darstellt, als mit ihr keineswegs eine dauernde und deutliche Abkehr vom normalen Sexualverkehr verbunden zu sein pflegt. Diese Art des Sadismus ist gewissermaßen ein bürgerliches Laster, und es kommt recht oft vor, daß in dieser Weise Pervertierte bei den sadistischen Akten nur schwache Lustgefühle sexueller Natur erleben, ja daß ihnen diese kaum zum Bewußtsein kommen, so daß für die Feststellung der Triebabweichung der über die Norm hinausgehende Drang zu solchen grausamen und Schmerzen bereitenden Tathandlungen von Belang ist. Immer dort, wo Schlagen und Prügeln mehr oder weniger zur Gewohnheit geworden ist, und wo eine (selbst durchgeführte) Körperstrafe in sichtlichem Mißverhältnis zu dem Anlaß steht, der sie herbeigeführt hat, ist auf Sadismus dieser Art zu schließen. Ganz anders liegen die Dinge bei jener Möglichkeit, die die zweite Zeichnung unseres Schemas darstellt. Und zwar in der Weise, daß der Sadist auf der Ordinate nach oben verschoben ist (während das Sexualobjekt unverändert auf der Abszisse verbleibt). Denn diese Zeichnung drückt ein Über-dem-Normalmenschen-Stehen aus, das begreiflicherweise sich nur in den seltensten Fällen mit der Wirklichkeit deckt. Ein klassisches Beispiel dafür wäre etwa Nero, und auch andere Gewaltherrscher alter Zeiten können in dieser Hinsicht als Vorbilder dienen und werden auch in der Tat als solche benutzt. Um die Distanz: oben – unten zur Umwelt, zur Mitwelt zu gewinnen, muß man, und das bedarf keiner näheren Begründung, sich über sie erheben und in weiterer Folge seine eigene Persönlichkeit maßlos überwerten, bis zu Zuständen und Einstellungen, die sich durchaus als Größenwahn bezeichnen lassen. In voller Ausprägung empfindet ein Sadist dieser Gruppe seine Mitmenschen lediglich als Werkzeuge niedrigster Art, deren Existenz bloß dadurch gerechtfertigt wird, daß er sie als Mittel seiner bösen Lust verwenden kann. Die schweren Formen des Sadismus gehören hierher, also jene Perversen, die sich mit dem bloßen Prügeln und Schlagen nicht mehr begnügen, sondern ihre Opfer verwunden und selbst töten, wie die Messerstecher und Lustmörder. Die Grenze zum echten Wahn, zum Wahnsinn, erscheint dabei verwischt und durchbrochen. Schließlich sind die großen Unholde, die Massenunglücke herbeiführen, um sich an den Qualen und am Wehgeschrei der Opfer zu weiden, gleichfalls Sadisten dieser Art. Berüchtigte Beispiele dieser Art sind der Marschall von Frankreich Gilles de Rayes, der in den Jahren 1432 bis 1440 über 800 Kinder geschändet und getötet hatte. De Rayes war nach seiner eigenen Angabe durch die Berichte Suétons über die Orgien des Tiberius und des Caracalla auf den Gedanken gekommen, Kinder in seine Schlösser zu locken, sie zu martern, zu schänden und zu töten. Die Leichen wurden verbrannt, besonders hübsche Köpfe aber zum Andenken aufgehoben. Die Gräfin Bathory-Nadasdy hat über 600 Mädchen unter entsetzlichen Martern hingeschlachtet; ob es sich hier um echten Sadismus gehandelt hat, ist indessen fraglich, es scheint eine abergläubische Wahnvorstellung mitgespielt zu haben, da die Mörderin sich im Blut ihrer Opfer badete, »um ewige Jugend zu erlangen«. Natürlich ist diese Scheidung nicht immer und in jedem Fall durchführbar. Es gibt Mischformen, die z. B. zwar zur zweiten Gruppe gehören, bei denen aber noch genügend soziale Hemmungen vorhanden sind, um aus ihrem so ungeheuer reichhaltigen Material an Wünschen und Phantasien nur eine kleine Auswahl zu verwirklichen, wobei dann wiederum das Prügeln und Schlagen als die harmloseste und unschädlichste Art der Zufügung von Schmerz eine beträchtliche Rolle spielt. Wir werden später beim Masochismus, also bei dem polaren Gegensatz des Sadismus, verschiedentlich sehen, daß immer nur ein kleiner Prozentsatz der perversen Wünsche und Tagträume verwirklicht wird, ja daß es sogar sehr viele Masochisten gibt, die ihre Triebabweichung überhaupt nur im Geist, in der Vorstellung erleben. Das ist nun beim Sadismus immerhin seltener, und man könnte vielleicht sogar zweifeln, ob es den Sadisten möglich ist, sich völlig auf ihre Vorstellungswelt zu beschränken, da es sich bei genauerer Beobachtung doch im allgemeinen zeigt, daß zumindest Ersatzhandlungen vorgenommen werden. Ist es also dem Sadisten z. B. unmöglich, eine Frau zu quälen oder zu erniedrigen, so wird das an einem Kinde durchgeführt, und geht auch das nicht, so wird die eine oder andere Art der Tierquälerei als Ersatz genommen. Wir möchten nun jetzt noch einiges zur Psychologie des Sadismus sagen und fassen dabei das ganze Problem nicht mechanisch, sondern wiederum dynamisch auf. Denn wir müssen ja annehmen, daß jedem Menschen ein Hang zu grausamen Handlungen innewohnt. Man könnte nun meinen, daß die Mehrzahl der Menschen durch Kultur und Zivilisation genügend Hemmungen und Bindungen erworben habe, um Wünsche sadistischer Art dauernd zu unterdrücken, so daß also ein Minus an jenen Elementen genügen würde, um das Zustandekommen des Sadismus zu erklären. Wir möchten indes bezweifeln, ob diese Begründung wirklich ausreicht, und zwar wegen der eigentlich geringfügigen Unterschiede, die zwischen der seelischen Struktur einerseits sadistisch eingestellter, anderseits durchaus normaler Personen bestehen, besonders wenn hier wie dort die Einstellung zur Umwelt so ziemlich die gleiche ist (gleiche soziale Stufe, gleicher Bildungsgang, gleiche Rasse usw.). Es ist klar, daß psychopathische Individuen außerhalb des Rahmens dieser Betrachtung fallen. Die bei ihnen bestehenden groben psychischen Defekte genügen ja schon allein, um auch eine schwere und schwerste Perversion zu erklären. Hierher gehören die Sadisten der zweiten Gruppe unseres Schemas. Die ungleich weiter verbreitete, in unserem Schema zuerst dargestellte Form des Sadismus hingegen als eine Perversion im engsten Sinne aufzufassen und für sie eine psychopathische Veränderung als Grundlage anzunehmen, erscheint uns schon deshalb verfehlt, weil, wie bereits erwähnt, dabei sehr häufig ein sonst durchaus normales Geschlechtsleben bestehen kann und besteht. Erinnern wir uns nun der Tatsache, daß die Psyche immer dann, wenn sie sich in einem – mehr oder weniger bewußt – als Unlust empfundenen Spannungszustand befindet, stets bestrebt ist, eben diesen auszugleichen, so werden wir leicht verstehen, daß Menschen, die aus sozialen Gründen von ihrer Umwelt unterdrückt oder gar gequält werden oder doch zumindest zu werden glauben, bei einer gewissen Primitivität des Empfindungs- und Gefühlslebens zu einer sehr kennzeichnenden Reaktion gelangen können. Während beim höher organisierten Menschen der aus einer solchen Situation erwachende Protest durch entsprechende Einsicht in seine Bedingtheit und seine Ursachen ausgeglichen wird, wird – und das sogar sehr häufig – dort der einfachere, wir möchten sagen kindliche Weg beschritten, erfahrenes Leid und Unrecht in ähnlicher Weise zu vergelten. Es ist klar, daß dabei von einer richtigen »Talion« (Wiedervergeltung) keine Rede sein kann, und daß es sich vielmehr darum handelt, ein geeignetes Objekt zu finden, an dem man seine Gefühle der Rache und des Zornes ausleben kann. Der Mann, der nach einem Ärger im Amte seine Frau beschimpft, der Vater, der nach einem beruflichen Mißerfolg seine Kinder prügelt, sind wohl die bezeichnendsten Beispiele für diese Einstellung. Selbstverständlich darf diese Betrachtung nicht so aufgefaßt werden, als ob durch sie die Entstehung des Sadismus überhaupt, der doch eine sexuelle Triebabweichung ist, erklärt werde, wohl aber mag sie dazu dienen, die weite Verbreitung sadistischer Akte, die von einer solchen Einstellung eben nahegelegt werden, verständlicher zu machen. Wir haben schon früher, und zwar bei der Besprechung der Hypersexualität, darauf hingewiesen, daß sich mit dieser Triebabweichung besonders häufig der Sadismus verbindet. Krafft-Ebing ist sogar der Ansicht, daß »sexuelle Hyperästhesie immer als Basis sadistischer Neigungen zu betrachten sei«. Man darf sich da nicht irremachen lassen, wenn man Fällen begegnet, bei denen die sadistischen Akte den unmöglich gewordenen Koitus ersetzen müssen. Denn es handelt sich da nicht um eine echte Impotenz, sondern nur um jene Abkehr vom normalen Geschlechtsakt, die wir bereits beim Fetischismus besprochen haben. Besonders bei sadistischen Frauen findet man dieses Verlassen der sexuellen Leitlinie. Wie der Fetischismus ist auch der Sadismus eine vorwiegend männliche Perversion, freilich aus andern Gründen. Der Sadismus, die Triebabweichung des Kleinbürgers, des Philisters, stellt nämlich besonders geringe Ansprüche an die Phantasie und an die Fähigkeit der Abstraktion, also an jene Eigenschaften, die beim Fetischismus eine so große Rolle spielen. Dafür aber ist, wie wir bereits ausgeführt haben, der Mann auch bereits innerhalb der physiologischen Grenzen einigermaßen sadistisch eingestellt. Der Sadismus der Frau ist zweifelsohne ein seltenes Vorkommnis. Dem scheint zu widersprechen, daß Geschichte und Sage von nicht wenigen hervorragenden Frauen zu berichten wissen, die durch Grausamkeit und Blutdurst ausgezeichnet waren. In Wirklichkeit dürfte es sich aber damit so verhalten haben, daß bei der Darstellung solcher Persönlichkeiten ein latenter Masochismus mitgespielt und die betreffenden Historiker dazu veranlaßt haben mag, solche Königinnen und Herrscherinnen ihrem – masochistisch bedingten – Idealbild entsprechend zu formen. Es ist das ein sogar ziemlich häufiger Vorgang. Denn den bei allen Kulturvölkern verhältnismäßig sehr zahlreichen Masochisten stehen eben in Wirklichkeit viel zu wenig Sadistinnen gegenüber; so daß die Männer, die um jeden Preis, also auch um den einer gewissen Verschiebung und Verfälschung des wahren Sachverhaltes, die Rolle der Leidenden und Dienenden spielen wollen, die als Sexualobjekt in Betracht kommenden Frauen zu Sadistinnen gewissermaßen ernennen müssen, worüber später bei der Besprechung des Masochismus noch mehr zu sagen sein wird. Hier kommt es nur darauf an hervorzuheben, daß nicht wenige anscheinend ursprünglich sadistische Frauen die Rolle der – allenfalls sogar grausamen – Herrin bloß notgedrungen und jedenfalls nicht ihrem innersten Wesen folgend übernommen haben; sie wurden eben von ihrem männlichen Partner nach einem unwirklichen Idealbild umgeschaffen. Es ist bekannt, daß Prostituierte dieser Art gewöhnlich entweder durchaus normal oder sogar im entgegengesetzten Sinn, also masochistisch, eingestellt sind und ihre verschiedenen sadistischen Praktiken und Akte nur aus Erwerbsgründen ausüben. Wenn wir jetzt zur Kasuistik des Sadismus übergehen, so beginnen wir, nach dem Vorgang Krafft-Ebings , mit der schwersten und schrecklichsten Form der gesamten Triebabweichung, mit dem Lustmord . Aus den im nachstehenden angeführten Beobachtungen geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß der perverse Trieb beim Lustmord nicht bloß darauf abzielt, dem Opfer Schmerzen und – als ärgsten Schaden – den Tod zuzufügen, sondern daß der eigentliche Sinn der Handlung darin besteht, den Deflorationsakt, ins Monströse und Schauderhafte verzerrt, gewissermaßen nachzuahmen. Deshalb gehört zum Lustmord ganz wesentlich, daß eine scharfe, schneidende Waffe benützt wird; das Opfer muß gestochen, aufgeschlitzt, sogar zerstückelt werden. Für den Zusammenhang zwischen Defloration und Lustmord spricht ferner, daß die hauptsächlichsten Verwundungen die Bauchgegend betreffen, und in manchen Fällen verlaufen auch die tödlichen Schnitte von der Scheide aus ins Abdomen. Bei Knaben wird durch den Lustmord sogar eine künstliche Vagina geschaffen. Verhältnismäßig häufig erfolgt die Tötung des Opfers durch Erdrosseln, also auf einfachste Weise, ohne Verwendung einer Waffe, und zwar irgendwie im Zusammenhang mit dem Koitus, also während oder nach demselben, seltener als Ersatzhandlung. Anscheinend genügt aber dieser Akt dem Lustmörder gewöhnlich nicht, so daß das Opfer nachher noch zerstückelt wird, wofür besonders die Genitalien, bei Frauen auch die inneren Geschlechtsorgane in Betracht kommen. In höchst grauenhafter Weise kann sich an eine solche Zerstückelung auch ein fetischistisches Moment anschließen, indem Teile der Leiche – und zwar wiederum besonders die Genitalien – aufgehoben, gewissermaßen gesammelt werden. Es ist klar, daß so schwer psychopathische Individuen wie die Pervertierten dieser Gruppe auch die verschiedensten andern Triebabweichungen aufweisen können, wie z. B. Homosexualität, Pädophilie, Fetischismus. Gleichzeitig besteht, zumindest vor und während der Untat, sehr starke Hypersexualität. Gerade beim Lustmord zeigt sich, wie berechtigt es ist, den Sadismus auch auf atavistische Strebungen zurückzuführen. Man braucht nur die Beobachtungen 117 und 118 als Beispiele dafür zu nehmen, daß hier jedenfalls Bräuche wieder lebendig werden können, die nach all dem, was uns die Ethnologie über die primitiven Völker lehrt, in Urzeiten vorkamen, damals wohl hauptsächlich auf magischer Grundlage. Es ist dabei sogar ziemlich zweifelhaft, ob man hier überhaupt von Sexuallust sprechen und also solche Fälle von Lustmord den Triebabweichungen zurechnen kann. Schwierigkeiten in der Beurteilung bieten sich auch dort, wo Notzucht an Kindern oder an Personen im Greisenalter mit der Tötung des Opfers beendet wurde, und das um so mehr, als solche Verbrecher auf Grund ihrer psychischen Degeneration gewöhnlich außerstande sind, den Sachverhalt entsprechend aufzuklären. In der Regel bedeutet der Lustmord (und allenfalls noch die Zerstückelung des Opfers) den Pervertierten das volle sexuelle Äquivalent; es gibt aber auch Fälle, in denen an die Tötung der Koitus mit der Leiche angeschlossen wird, was man klarerweise nicht als Nekrophilie aufzufassen hat, die ja durchaus auf andere Grundlagen zurückzuführen ist. Und nun zu den verschiedenen Beobachtungen: Beobachtung 114. Jack, der Aufschlitzer (Jack the ripper). Am 1. Dezember 1887, 7. August, 8. September, 30. Oktober, 9. November 1888, am 1. Juni, 17. Juli, 10. November 1889 fand man in Quartieren von London Frauenleichen in eigentümlicher Weise getötet und verstümmelt, ohne des Mörders habhaft werden zu können. Es ist wahrscheinlich, daß derselbe seinen Opfern aus viehischer Wollust zuerst den Hals abschnitt, dann ihnen die Bauchhöhle öffnete, in den Eingeweiden wühlte. In zahlreichen Fällen schnitt er äußere und innere Genitalien heraus und nahm sie mit sich, offenbar um noch später an deren Anblick sich zu erregen. Andere Male begnügte er sich, dieselben an Ort und Stelle zu zerfetzen. Es ist zu vermuten, daß der Unbekannte kein sexuelles Attentat an den 11 Opfern seines perversen Sexualtriebs beging, sondern daß das Morden und Verstümmeln ihm ein Äquivalent für den sexuellen Akt war ( MacDonald ; Spitka ; Kiernan ). Beobachtung 115. Alton in England geht vor die Stadt spazieren. Er lockt ein Kind in ein Gebüsch, kehrt nach einer Weile zurück und geht auf sein Büro, wo er die Notiz »Killed to-day a young girl, it was fine and hot« in sein Tagebuch macht. Man vermißt das Kind, sucht es, findet es in Stücke zerfetzt; manche Teile, darunter die Genitalien, sind nicht auffindbar. A. zeigte nicht die geringste Spur von Gemütsbewegung und gab keine Aufschlüsse über Motive und Umstände seiner schrecklichen Tat. Er war ein psychopathischer Mensch, hatte zeitweise Depressionszustände mit Lebensüberdruß. Sein Vater hatte einen Anfall von akuter Manie gehabt, ein naher Verwandter litt an Manie mit Mordtrieben. A. wurde hingerichtet ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 116. Ein gewisser Gruyo, 41 Jahre alt, von früher unbescholtenem Lebenswandel und dreimal verheiratet gewesen, erwürgte im Laufe von 10 Jahren 6 Frauen. Sie waren fast sämtlich öffentliche Dirnen und schon ziemlich alt. Suffocatis per vaginam intestina et renes extraxit. Nonnullas miseras ante mortem stupravit, alias (si forte impotens erat) non stupravit. Er verfuhr bei seinen Greueltaten mit solcher Vorsicht, daß er 10 Jahre lang unentdeckt blieb ( Lombroso ). Es kann sogar geschehen, daß selbst Gelüste nach dem Fleisch des ermordeten Opfers auftreten, und daß Teile der Leiche verzehrt werden. Beobachtung 117. X., Winzer, 24 Jahre alt, von Jugend auf finster, verschlossen, leutescheu, geht fort, um eine Stelle zu suchen. Er treibt sich 8 Tage in einem Wald herum, puellam apprehendit XII annorum; stupratae genitalia mutilat, cor eripit, ißt davon, trinkt das Blut und verscharrt den Leichnam. Verhaftet, leugnet er anfangs, gesteht aber endlich sein Verbrechen mit zynischer Kaltblütigkeit. Er hört sein Todesurteil gleichgültig an und wird hingerichtet. Esquirol fand bei der Sektion krankhafte Verwachsungen zwischen Hirnhäuten und Gehirn ( Georget ). Das beste Beispiel dieser Art ist der folgende Fall des Verzeni. Das Leben seiner Opfer hing von dem raschen oder verspäteten Eintreten der Ejakulation ab. Da dieser denkwürdige Fall alles bietet, was die Wissenschaft über den Zusammenhang von Wollust und Mordlust bis zur Anthropophagie kennt, so möge er, zumal da er gut beobachtet ist, ausführliche Erwähnung finden. Beobachtung 118. Vinzenz Verzeni wurde angeklagt: 1. der versuchten Erdrosselung seiner Muhme Marianne, als dieselbe vor vier Jahren krank zu Bette lag; 2. des gleichen Verbrechens an der 27jährigen Ehefrau Arsuffi; 3. der versuchten Erdrosselung der Ehefrau Gala, indem er ihr die Kehle zudrückte, während er auf ihrem Leib kniete; 4. außerdem verdächtigt folgender Mordtaten: Im Dezember begab sich die 14jährige Johanna Motta morgens zwischen 7 und 8 Uhr auf ein benachbartes Dorf. Da sie nicht zurückkam, ging ihr Dienstherr aus, um sie zu suchen, und fand ihren Leichnam in der Nähe des Dorfes an einem Feldweg, durch eine Unzahl von Wunden greulich verstümmelt. Die Gedärme und Genitalien waren aus dem geöffneten Leibe herausgerissen und fanden sich in der Nähe. Die Nacktheit der Leiche, Erosionen an deren Schenkeln ließen ein unsittliches Attentat vermuten, der mit Erde gefüllte Mund deutete auf Erstickung. In der Nähe der Leiche unter einem Strohhaufen fanden sich ein abgerissenes Stück der rechten Wade und Kleidungsstücke vor. Der Täter blieb unermittelt. Am 28.August 1871 frühmorgens ging die 28jährige Ehefrau Frigeni aufs Feld. Da sie um 8 Uhr nicht zurück war, ging ihr Mann fort, sie zu holen. Er fand sie als Leiche nackt auf dem Feld, mit einer von Erdrosselung herrührenden Strangrinne am Hals, mit zahlreichen Verletzungen, aufgeschlitztem Bauch und heraushängenden Därmen. Am 29.August, mittags, als Maria Previtali, 19 Jahre alt, übers Feld ging, wurde sie von ihrem Vetter Verzeni verfolgt, in ein Getreidefeld geschleppt, zu Boden geworfen und am Halse gewürgt. Als er sie einen Moment losließ, um zu spähen, ob niemand in der Nähe sei, erhob sich das Mädchen und erreichte durch sein flehentliches Bitten, daß V. es laufen ließ, nachdem er ihm während einiger Zeit noch die Hände zusammengepreßt hatte. V. gestand endlich seine Taten und deren Motive ein. Ihre Begehung habe ihm ein unbeschreiblich angenehmes (wollüstiges) Gefühl verschafft, das von Erektion und Samenergießung begleitet war. Schon wenn er sein Opfer am Halse kaum berührt hatte, stellten sich sexuelle Empfindungen ein. Es sei ihm ganz gleich in bezug auf diese Empfindungen gewesen, ob die Frauen alt, jung, häßlich oder schön waren. Gewöhnlich habe schon das einfache Drosseln derselben ihn befriedigt, und dann habe er sein Opfer am Leben gelassen – in den erwähnten zwei Fällen habe geschlechtliche Befriedigung einzutreten gezögert, und da habe er zugedrückt, bis seine Opfer tot waren. Seine Befriedigung bei diesen Erdrosselungen sei größer gewesen, als wenn er onanierte. Die Hautabschürfungen an den Schenkeln der Motta seien durch seine Zähne entstanden, als er mit großem Genuß das Blut aussaugte. Ein Wadenstück derselben habe er ausgesogen und dann mitgenommen, um es daheim zu braten, es indessen unterwegs unter einem Strohhaufen verborgen, aus Furcht, daß seine Mutter hinter seine Streiche komme. Auch die Kleider und Eingeweide habe er ein Stück weit mitgenommen, weil es ihm einen Genuß gewährte, sie zu beriechen und zu betasten. Die Stärke, die er in diesen Momenten höchster Wollust besessen, sei enorm gewesen. Ein Narr sei er nie gewesen; bei der Ausführung seiner Taten habe er gar nichts mehr um sich gesehen (offenbar durch höchste sexuelle Erregung aufgehobene Wahrnehmung und instinktives Handeln). Nachher sei ihm immer sehr behaglich gewesen, ein Gefühl großer Befriedigung; Gewissensbisse habe er nie gehabt. Nie sei es ihm in den Sinn gekommen, die Geschlechtsteile der von ihm gemarterten Frauen zu berühren oder die Opfer zu schänden, es habe ihm genügt, sie zu erdrosseln und ihr Blut zu saugen. In der Tat scheinen die Angaben dieses modernen Vampirs auf Wahrheit zu beruhen. Normale geschlechtliche Triebe scheinen ihm fremd gewesen zu sein – zwei Geliebte, die er hatte, begnügte er sich zu beschauen –, es ist ihm selbst auffällig, daß er keine Gelüste ihnen gegenüber hatte, sie zu drosseln oder ihnen die Hände zu pressen, aber freilich habe er mit ihnen nicht denselben Genuß gehabt wie mit seinen Opfern. Von moralischem Sinne, Reue und dergleichen fand sich keine Spur. V. war ganz von selbst auf seine perversen Akte gekommen, nachdem er, 12 Jahre alt, bemerkt hatte, daß ihn ein seltsames Lustgefühl überkomme, wenn er Hühner zu erwürgen hatte. Deshalb habe er auch öfters Massen davon getötet und dann vorgegeben, ein Wiesel sei in den Hühnerstall eingedrungen ( Lombroso ). Auch in der älteren juristischen und medizinischen Literatur findet man reichlich Material zu dem so traurigen und entsetzlichen Thema des Lustmords. Der große deutsche Kriminalist Feuerbach (Anfang des 19. Jahrhunderts) berichtet von einem solchen Pervertierten: Beobachtung 119. X. puellas stupratas necavit et dissecuit. Bezüglich des Mordes eines seiner Opfer äußerte er sich folgendermaßen im Verhör: »Ich habe ihr die Brust geöffnet und mit einem Messer die fleischigen Teile des Körpers durchschnitten. Darauf habe ich mir diese Person, wie der Metzger das Vieh, zugerichtet und habe den Körper mit dem Beil voneinander gehackt, so wie ich ihn für das Loch brauchen konnte, das ich zum Einscharren auf dem Berg gemacht hatte. Ich kann sagen, daß ich während des Öffnens so gierig war, daß ich zitterte und mir ein Stück wollte herausgeschnitten und gegessen haben.« Aus jüngster Zeit ist der Düsseldorfer Lustmörder Kürten wohl das bekannteste und grauenhafteste Beispiel für diese unheimliche und scheußliche Perversion. Als nächste Gruppe sind jene Fälle zu besprechen, in denen die Triebabweichung darin besteht, daß eine andere Person verletzt wird, und zwar so, daß eine blutende Wunde entsteht. Das bekannteste Beispiel bietet jener Marquis de Sade, nach dem, wie bereits ausgeführt, die ganze Triebabweichung benannt wurde. Coitus venerem suam non stimulavit, nisi quam futuabat ita pungere potuit, ut sanguis flueret. Summa ei voluptas erat meretrices nudatas vulnerare et vulnera hoc modo facta obligare. Zur Einführung in diese Art des Sadismus kann folgender Fall, als noch verhältnismäßig dem Normalen nahestehend, dienen: Beobachtung 120. Der betreffende Sadist mußte mit der Puella ante coitum raufen, um potent zu sein, und inter actum sie beißen und kneifen, um zur Befriedigung zu gelangen. Eines Tages fügte er der Partnerin eine so starke Bißwunde in solchem Falle zu, daß das Mädchen klagbar gegen ihn auftrat ( Ferrioni ). Weit deutlicher wird die perverse Einstellung und vor allem ihr Zusammenhang mit dem Lustmord durch die nachstehende Beobachtung: Beobachtung 121. X., 14 Jahre 5 Monate alt, tötet einen kleinen Knaben in grausamer Weise. Die Untersuchung fördert, neben zwei Fällen von Tötung, eine Reihe von Fällen zutage, in denen X. kleine Knaben grausam gepeinigt hatte. Alle diese Kinder standen im Alter von 7 bis 10 Jahren. X. lockte sie abseits, kleidete sie vollständig nackt aus, fesselte ihnen Hände und Füße, band sie an irgendeinem Gegenstand fest, knebelte ihnen den Mund mit einem Taschentuch und schlug sie dann mit einem Stock oder Riemen oder Tauende, langsam, mit minutenlangen Pausen – dabei »lächelnd«, ohne ein Wort zu sprechen. Einen der Knaben zwingt er unter Todesandrohung, zweimal das Vaterunser herzusagen und Stillschweigen zu schwören, dann lästerliche Worte nachzusprechen. In einem späteren Fall versetzt er dem Knaben Nadelstiche in die Wange, spielt mit seinen Genitalien, bringt ihm auch dort und in der Schamgegend Stiche bei, befiehlt ihm, sich auf den Bauch zu legen, tritt und springt auf ihm herum, sticht und beißt ihn endlich in die Nates. Einen andern Knaben beißt er in die Nase, bringt ihm mit einem Messer Stiche bei. Das achte seiner Opfer ist ein kleines Mädchen, das er in den Laden seiner Mutter lockt. Dort überfällt er es von rückwärts, hält ihm mit der einen Hand den Mund zu, mit der andern schneidet er ihm die Kehle durch. Die Leiche wird in einem Winkel, mit Kohlenasche und Mist bedeckt, gefunden, das Haupt vom Rumpf getrennt, das Fleisch von den Knochen gelöst, der Körper durch zahlreiche Schnittwunden verletzt. Der größte und klaffendste Schnitt fand sich an der Innenseite des linken Schenkels, durch das Genitale bis in die Bauchhöhle dringend. Ein anderer Schnitt erstreckt sich von der Fossa iliaca schief über das Abdomen. Kleider und Wäsche waren zerschnitten und zerrissen. Die Leiche des neunten Opfers hatte die Kehle durchschnitten, Blut war aus den Augen geflossen, das Herz war von zahlreichen Stichen durchbohrt. Eine Menge von Stichen drang in die Bauchhöhle. Das Scrotum war eröffnet, die Testikel hingen heraus, die Glans penis war abgeschnitten. X. hatte den Knaben, ähnlich wie das Mädchen, an sich gelockt, ihm zuerst die Kehle durchschnitten, dann die Stiche beigebracht. Über das Motiv zu seinen Handlungen ist von X. selbst nichts zu erfahren. Einmal gibt er an, er sei durch Lektüre von den Martern der Gefangenen bei den Indianern mit dieser Grausamkeit bekannt und zur Nachahmung gereizt worden. Er habe sogar einmal deswegen zu den Indianern entlaufen wollen. Wenn er sich ein Opfer ersah, so hatte er immer die Phantasie erfüllt von Vorstellungen grausamer Handlungen ( MacDonald ). Die den Opfern zugefügten Qualen weisen darauf hin, daß es sich hier nicht um einen Lustmörder handelt (trotz der Ermordung der unglücklichen Kinder), sondern um einen Sadisten allerschwersten Grades (Typus Gilles de Rayes). Wesentlich typischer für diese Gruppe sind die nachstehenden Fälle: Beobachtung 122. X., Arzt, von neuropathischer Konstitution, auf Alkohol schlecht reagierend, unter gewöhnlichen Verhältnissen normal koitierend, fühlte, sobald er Wein getrunken, durch einfachen Koitus seine gesteigerte Libido nicht mehr befriedigt. In diesem Zustand mußte er in die Nates der Puella stechen oder mit einer Lanzette einschneiden, Blut sehen und das Eindringen der Klinge in den lebenden Körper fühlen, um Ejakulation zu erzielen und das Gefühl vollständiger Sättigung seiner Wollust zu haben ( Tarnowsky ). Beobachtung 123. Im Juni 1896 waren zahlreiche junge Mädchen am hellen Tage auf offener Straße ad nates gestochen worden. Am 2.7. wurde man des Täters in flagranti habhaft. Es war ein gewisser V., 20 Jahre alt, erblich schwer belastet, der mit 15 Jahren eines Tages beim Anblick der Posteriora eines Weibes in mächtige sexuelle Erregung geraten war. Von nun an war es ausschließlich dieser Körperteil beim Weib, der ihn sinnlich anzog, er war Gegenstand seiner erotischen Phantasien und seiner Pollutionsträume. Sehr bald gesellte sich der wollüstige Drang dazu, die Nates von Frauen zu schlagen, zu zwicken, zu stechen. Im Moment, wo im Traum dies geschah, kam es zur Pollution. Allmählich trieb es ihn, dies in Wirklichkeit zu tun. Zuweilen vermochte er, um den Preis heftiger Angst mit Schweißausbruch, Widerstand zu leisten. Waren aber Orgasmus und Erektion heftig, so geriet er in solche Angst und Verwirrung, daß er zustoßen mußte. In diesem Augenblick trat die Ejakulation ein, ihm wurde leicht auf der Brust, und der Kopf war wieder frei ( Magnan , Thoinot , Garnier ). Wesentlich ist hier die Verbindung von Sadismus und Partial-(Nates-)Fetischismus, die bei der aktiven Flagellomanie eine so bedeutende Rolle spielt. Beobachtung 124. Der Mädchenstecher von Bozen. H. hatte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten mit einem Brot- oder Federmesser Mädchen mit Stichen in das Abdomen, am liebsten in die Pudenda verwundet und motivierte diese Attentate mit einem bis zur Wut gesteigerten Geschlechtstrieb, der nur in dem Gedanken und der Handlung des Stechens von weiblichen Personen Befriedigung fand. Dieser Drang habe ihn oft tagelang verfolgt. Er sei dann in einen ganz verwirrten Seelenzustand geraten, der sich erst wieder löste, wenn diesem Drang durch die Tat entsprochen war. Im Moment des Stechens habe er die Befriedigung des vollbrachten Beischlafs gehabt, und diese Befriedigung sei gesteigert worden durch den Anblick des Blutes, das am Messer herunterlief. Schon im 10. Jahre war bei ihm der Geschlechtstrieb mächtig zutage getreten. Er verfiel zuerst der Masturbation und fühlte sich davon an Körper und Geist geschwächt. Bevor er zum »Mädchenstecher« wurde, hatte er durch Mißbrauch unreifer Mädchen, durch Manustupration von solchen, ferner durch Sodomie seine Geschlechtslust befriedigt. Allmählich war ihm der Gedanke gekommen, welch ein Genuß es sein müsse, ein junges hübsches Mädchen in die Schamgegend zu stechen und an dem Anblick des vom Messer ablaufenden Blutes sich zu weiden. Unter seinem Besitz fanden sich Nachbildungen von Gegenständen des Kultus, von ihm selbst gemalte obszöne Bilder der Empfängnis Marias, des im Schoße der Jungfrau »geronnenen Gedanken Gottes«. Er galt als ein sonderbarer, sehr reizbarer, leutescheuer, weibersüchtiger, mürrischer, verdrossener Mensch. Scham und Reue über seine Handlungen wurden an ihm nicht wahrgenommen. Offenbar war er eine durch frühe sexuelle Exzesse impotent gewordene Persönlichkeit, die, bei fortdauernder starker Libido sexualis und durch Belastung, zu Perversion des Geschlechtslebens hinneigte ( Demme ). Beobachtung 125. Der Mädchenschneider von Augsburg. X., Weinhändler, hatte schon mit 14 Jahren sexuelle Regungen, jedoch entschiedenen Widerwillen gegen Befriedigung derselben durch Koitus, bis zu Ekel gegen das weibliche Geschlecht. Schon damals kam ihm die Idee, Mädchen zu schneiden und sich dadurch geschlechtlich zu befriedigen. Er verzichtete aber darauf, aus Mangel an Gelegenheit und Mut. Masturbation verschmähte er; ab und zu hatte er Pollutionen, mit erotischen Träumen von geschnittenen Mädchen. 19 Jahre alt, schnitt er zum erstenmal ein Mädchen. Haec faciens Sperma eiaculavit, summa libidine affectus. Seither wurde der Impuls immer machtvoller. Er wählte nur junge und hübsche Mädchen und fragte sie meist vorher, ob sie noch ledig seien. Jeweils trat die Ejakulation und sexuelle Befriedigung ein, aber nur dann, wenn er merkte, daß er die Mädchen wirklich verwundet hatte. Nach dem Attentat fühlte er sich immer matt und übel, auch von Gewissensbissen gefoltert. Bis zum 32.Jahre verwundete er durch Schneiden, hatte aber immer Sorge, die Mädchen nicht gefährlich zu verletzen. Von da ab bis zum 36.Jahre vermochte er seinen Trieb zu beherrschen. Nun versuchte er es, sich zu befriedigen, indem er Mädchen bloß am Arm oder Hals drückte, aber es kam dabei nur zur Erektion, nicht zur Ejakulation. Nun versuchte er es, die Mädchen mit dem in seiner Scheide gelassenen Messer zu stechen, aber auch das genügte nicht. Endlich stach er mit dem offenen Messer und hatte vollen Erfolg, da er sich vorstellte, ein gestochenes Mädchen blute stärker und habe mehr Schmerz als ein geschnittenes. Im 37.Jahr wurde er erwischt und verhaftet. In seiner Behausung fand man eine Menge von Dolchen, Stockdegen, Messern. Er gab an, daß der bloße Anblick dieser Waffen, noch mehr das Anfassen derselben ihm Wollustgefühle mit heftiger Erektion verschafft habe. Im ganzen hatte er 50 Mädchen eingestandenermaßen verletzt ( Demme . Zwei besonders typische Fälle, bei denen es wesentlich ist, daß Bauch und Unterleib – den Genitalien benachbart – verwundet werden (Nachahmung des Deflorationsakts). Bei der nächsten Beobachtung erfolgten die Stiche in den Oberarm als den am leichtesten erreichbaren Körperteil. Beobachtung 126. In den 60er Jahren wurde die Bevölkerung von Leipzig durch einen Mann erschreckt, welcher junge Mädchen auf der Straße mit einem Dolch anzufallen pflegte und sie am Oberarm verletzte. Endlich verhaftet, erkannte man in ihm einen Sadisten, welcher im Moment des Dolchstichs eine Ejakulation hatte, bei dem also die Verwundung der Mädchen Äquivalent für Koitus war ( Wharton ). Der nächste Fall ist besonders dadurch gekennzeichnet, daß hier das Blut – und nicht mehr die Wunde – die Hauptrolle spielt. Das ist nicht selten und kommt vor allem in leichterer Form sogar so häufig vor, daß man für diese Unterart des Sadismus einen eigenen Namen: Vampirismus geprägt hat. Beobachtung 127. X., 26 Jahre alt, kam im Jahre 1883 zur Konsultation wegen seiner hochgradigen Neurasthenie und Hypochondrie. Patient gibt zu, seit seinem 14.Jahre onaniert zu haben, und zwar bis zum 18.Jahre weniger; seit dieser Zeit aber fehlt ihm jede Kraft, dem Triebe zu widerstehen. Bis dahin hatte er, da er ängstlich gehütet wurde und man ihn wegen seiner Kränklichkeit fast nie allein ließ, sich nie einer Frauensperson nähern können. Er hatte auch kein rechtes Verlangen nach dem ihm unbekannten Genuß. Durch Zufall aber kam er dazu, als ein Stubenmädchen der Mutter beim Fensterwaschen eine Scheibe zerbrach und sich heftig in die Hand schnitt. Als er dabei behilflich war, die Blutung zu stillen, konnte er sich nicht enthalten, das ausströmende Blut von der Wunde aufzusaugen, wobei er in äußerst heftige erotische Erregung kam, bis zu vollständigem Orgasmus und Ejakulation. Von nun ab suchte er auf jede mögliche Weise sich den Anblick und womöglich den Geschmack von ausfließendem frischem Blut von weiblichen Personen zu verschaffen. Am liebsten war ihm das von jungen Mädchen. Er scheute kein Opfer und keine Geldausgabe, um sich diesen Genuß zu verschaffen. Anfänglich stand ihm jenes junge Mädchen zu Diensten, das sich nach seinem Wunsche mit einer Nadel oder sogar Lanzette in die Finger stechen ließ. Als aber die Mutter es erfuhr, entließ sie das Mädchen. Nun mußte er sich an Meretrices halten, um sich Ersatz zu verschaffen, was mit Schwierigkeiten, aber doch oft genug gelang. In der Zwischenzeit betrieb er Onanie und Manustupration per feminam, was bei ihm aber nie Befriedigung, vielmehr Abspannung und Selbstvorwürfe einbrachte. Er besuchte wegen seiner nervösen Leiden viele Kurorte und war zweimal in Anstalten interniert, die er aus eigenem Antrieb aufsuchte. Es gelang, seine abnorme geschlechtliche Erregbarkeit und den Drang zur Onanie zeitweise zu bessern. Jedoch wenn er sich selbst überlassen war, verfiel er sofort wieder in seine alte Leidenschaft und scheute weder Mühe noch Geld, um seine Geschlechtslust auf die besagte abnorme Weise zu befriedigen ( Krafft-Ebing ). Auch bei Frauen findet man diese seltsame Triebabweichung: Beobachtung 128. Ein verheirateter Mann stellt sich mit zahlreichen Schnittnarben an den Armen vor. Er gibt über den Ursprung folgendes an: Wenn er sich seiner jungen, etwas »nervösen« Frau nähern wolle, müsse er sich erst einen Schnitt am Arm beibringen. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich bei ihr eine hochgradige sexuelle Erregung einstelle ( Krafft-Ebing ). Hierher dürfte auch der von Brierre de Boismont mitgeteilte Fall eines französischen Kapitäns gehören, der jedesmal vor dem – sehr häufigen – Koitus seine Frau zwang, sich hirudines ad pudenda zu setzen. Eigenartig durch seine fetischistische Note ist der nachstehende Fall: Beobachtung 129. X., 50 Jahre, ohne Beschäftigung, schwer belastet, befriedigte seinen Geschlechtstrieb ausschließlich an Knaben von 10 bis 15 Jahren, die er zu mutueller Masturbation verführte, und denen er beim Höhepunkt die Ohrläppchen durchstach. In neuerer Zeit genügte ihm dies nicht mehr, so daß er ihnen die Ohrläppchen abschnitt ( Thoinot ). Wir kommen nun zu einer Gruppe sadistischer Akte, die zweifelsohne weit ausgedehnter ist, als sich aus den verhältnismäßig spärlichen Beobachtungen, die im nachstehenden angeführt werden, erschließen läßt. Denn während bisher, bei den Lustmördern und bei jenen Sadisten, die ihren Opfern wirkliche Wunden zufügten, das Gesetz früher oder später eingriff, das Unwesen beendete und bekanntmachte, ist es hier nur allzu häufig, daß der Perversion immer wieder und dauernd nachgelebt werden kann. Das ist darin begründet, daß als Sexualobjekte wehrlose Personen gewählt werden, nämlich einerseits Prostituierte und anderseits Kinder und solche Jugendliche, die in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zum betreffenden Pervertierten stehen, wie Zöglinge, Lehrlinge, Jungknechte, jüngeres Hauspersonal usw. Dazu kommt noch, daß hier zwar sehr häufig Schmerzen zugefügt werden, ohne daß jedoch medizinisch-juristisch mehr als eine geringgradige Körperverletzung vorläge, so daß also auch im Falle einer Entdeckung verhältnismäßig wenig zu befürchten ist. Wir möchten bei dieser Gelegenheit mit allem Nachdruck dafür eintreten, die diesbezüglichen Gesetzesbestimmungen weitgehend zu verschärfen! Die bei Kindermißhandlungen leider noch immer übliche Rechtsprechung bleibt weit hinter jener Sühne zurück, die allein den erduldeten Schmerzen und Qualen gemäß wäre. Bei dieser Gruppe begegnen wir ferner zum ersten Male einem Faktor, der beim Sadismus eine bedeutende Rolle spielt, der Demütigung, der Erniedrigung . Wir sind damit, wenn wir uns an das psychodynamische Schema erinnern, bei jener Form angelangt, bei der der Sadist auf der Normalebene bleibt und die Richtung nach unten dadurch gewinnt, daß ein von vornherein tiefer stehendes Sexualobjekt gewählt wird, während bei den Lustmördern und Messerstechern natürlich die andere im Schema wiedergegebene Möglichkeit des Sadismus zutrifft. Ein typisches Beispiel für sadistische Akte an Prostituierten ist: Beobachtung 130. X., ein verheirateter Mann, Familienvater, in sehr angesehener kaufmännischer Stellung, ging in ein Pariser Bordell und nahm sich dort zwei Mädchen. Nachdem sie sich alle drei entkleidet hatten, flagellierte er sie. Er nahm darauf Stecknadeln und stach sie in die Brusthaut der armen Puellae, bis Blut kam. Dieses Mittel führte bei ihm zur Erektion, worauf er mit einer der Prostituierten den Beischlaf vollzog ( Thoinot ). Besonders aufschlußreich und beweisend ist für diese Form des Sadismus das Material, das Wulffen in seinem Werke: Der Sexualverbrecher zusammengestellt hat. Gleich der nächste Fall wurde von der Sexuologie als so bezeichnend angesehen, daß nach ihm der Name » Dippoldismus « für diese Art der Triebabweichung geschaffen wurde. Beobachtung 131. Dem Hauslehrer und Studenten der Rechte Dippold hatte im Frühjahr 1903 der Kommerzialrat K. bei Antritt einer Reise nach Italien seine beiden Söhne, 7 und 10 Jahre alt, anvertraut. Frau K. hatte das Engagement bewirkt. Dippold ohrfeigte die Knaben, schlug sie mit einem dicken Stock auf Knie, Schenkel, Brust, Kopf, wo er gerade hintraf, meist in der Nacht, nachdem er die Knaben geweckt hatte. Dann beschuldigte er sie, daß sie eine Selbstbefleckung begangen hätten. Diese Beschuldigung ist für sadistische Kindergeißler charakteristisch. Die Fiktion der Onanie erhöht ihre eigene Wollust. Er band die Knaben mit Händen und Füßen zuweilen an den Bettpfosten fest, häufig legte er sie auch über einen Tisch und schlug so lange, bis der Stock zerbrach. In einer Nacht zerbrach er sieben Stöcke. Vereinzelt schliefen alle drei in einem Bette, Dippold in der Mitte, angeblich um Selbstbefleckung der Knaben zu verhindern. Beim Ballspielen und beim gemeinsamen Bad waren die Knaben völlig nackt, ebenso Dippold. Zuweilen umfaßte und küßte der Sadist die Kinder; er berührte sie unzüchtig, manchmal so heftig, daß sie bluteten. Einmal wollte Dippold den Heinz sogar mit dem Messer stechen. Die Knaben mußten »Selbstbekenntnisse« niederschreiben, in denen sie sich immer der Unzucht schuldig bekennen mußten. Am Tage, da Heinz starb, wurde er, der sich sehr schwach fühlte, frühzeitig zum Aufstehen und kalten Bad gezwungen, so daß der Knabe ohnmächtig wurde. Dippold versetzte ihm einen Fußtritt und zwang beide Knaben zu Turnübungen. Da Heinz schlecht turnte, mußte sein Bruder ihm mit einem Stock auf die Hände schlagen. Heinz wurde wieder ohnmächtig. Nun brachte Dippold ihn ins Bett. Die Sachverständigen erklärten Dippold für moralisch defekt, aber zurechnungsfähig ( Wulffen ). Beobachtung 132. Colander, der »Hausvater« einer Fürsorgeanstalt, war der Freund und Schulkollege eines Pastors, er war also nicht ohne Bildung. Er sprach aber von seinem Amte stets mit Abscheu und Ekel; er betrachtete es nur als lästigen Broterwerb. Ein Züchtigungsrecht hatte er überhaupt nicht; das Züchtigen war ihm sogar ausdrücklich untersagt worden. Er entschuldigte sich vor Gericht damit, daß in andern Erziehungsanstalten ebenso verfahren werde. Die Strafen, die Colander verhängte, waren außerordentlich barbarisch und ekelerregend. Eine sterbende Schwindsüchtige wurde mit einem Tau an einen Stuhl gefesselt und mußte so ihr armes Leben aushauchen. Ein Mädchen mußte eine ganze Woche lang auf blanken Brettern schlafen. Andere wurden damit gequält, daß man ihnen den Besuch des Abortes verbot. Dadurch kam es naturgemäß zu Verunreinigungen. Viele Mädchen wurden mit einer Hundekette gefesselt und auch geschlagen. Colander umwickelte die Arme der Mädchen mit einer solchen Hundekette, ließ sie sich dann bücken, trat mit dem Fuß auf die Kettenenden, so daß die Mädchen sich nicht rühren konnten, und schlug mit einem fingerdicken Stock zu. Ein Mädchen wurde vor einen Pflug gespannt; ein andermal wurde ihr der Nachttopf über den Kopf gestülpt, so mußte sie in der Winterkälte auf dem Hofe stehen. Bei der Prügelstrafe, die Colander nicht immer selbst vollstreckte, stand er häufig lachend dabei. Auch Colanders »Mitarbeiterin« S. ist dem Leiter des Asyls in der Anwendung des Stockes und der Peitsche gegen die widerspenstigen Zöglinge nicht nachgestanden. In einem Falle zwang sie ein Mädchen, die den allgemeinen Speisesaal verunreinigt hatte, den Kot mit dem Munde aufzunehmen, nachdem vorher der Hausvater Colander das Mädchen an den Haaren zu Boden gezogen und die S. es so lange geschlagen hatte, bis es willenlos tat, was man von ihm verlangte. In einem andern Falle, wo Colander ein Mädchen veranlassen wollte, aus einem Nachtgefäß Kaffee zu trinken, soll die S. ebenfalls Beihilfe geleistet haben. Wegen dieser beiden Fälle sowie eines Falles, in dem sie ein Mädchen an einen Stuhl festgebunden und an deren Zöpfen einen Feldstein angehängt hatte, war sie unter Anklage gestellt; eine weitere Beschuldigung ging dahin, mehrere der weiblichen Insassen durch Stockhiebe in einer Weise gezüchtigt zu haben, die sich als eine schwere Körperverletzung charakterisierte. Der Sadismus liegt in den Colander-Prozessen besonders klar zutage. Mißhandelt werden junge Mädchen, die wegen ihrer Verwahrlosung sexuell erregten Naturen ein besonderes Stimulans zu bieten pflegen, sowohl dem Mann, Colander, als seiner weiblichen Helfershelferin. Auch die Arten der Mißhandlungen – Stock, Peitsche, Kot mit dem Munde aufnehmen, aus einem Nachtgeschirr Kaffee trinken – lassen deutlich den sexuellen Ursprung bei den Verurteilten erkennen. Colander war jedenfalls ein sexuell perverser Mensch ( Wulffen ). Beobachtung 133. Zwei 16jährige Schüler der Ölsnitzer Realschule waren bei einem Oberlehrer in Pension und machten sich das Vergnügen, ihren 13jährigen Mitpensionär scheußlich zu mißhandeln. Ohrfeigen, Stockschläge auf den unbekleideten Körper, Fußtritte, enge Fesselungen der Hände mit Kupferdraht, schmerzhafte Quetschungen mit einem Kleiderspanner und der Schlipszwinge, Schläge mit einem Hammerstiel und Verletzungen mit der Spitze eines Winkelmaßes gab es täglich. Der arme Knabe durfte nicht schreien und nichts melden, mußte den Stock selbst holen und sich freiwillig über das Bett legen, um seine Strafe entgegenzunehmen. Die beiden Burschen waren unermüdlich in der Erfindung neuer Quälereien. Mit aufgehobenem Hemd mußte St. vor ihnen stehen; er wurde mit Stecknadeln bearbeitet, mußte längere Zeit und in bestimmter Weise und im bestimmten Schritt vor seinen Peinigern auf und ab marschieren, wurde an den Stuhl gefesselt, aus dem Bett herausgezogen und in dem Zimmer umhergestoßen. Für den Fall, daß St. nichts von seinen Quälereien zu Hause meldete, wurde ihm eine »Schonzeit« von 14 Tagen zugesichert. Einmal wurden St. 80 Hiebe angedroht, man ging aber auf vier herab. Die kaum glaubhaften Quälereien hielt der Knabe vom Oktober 1907 bis nach Ostern aus, bis schließlich seine Mutter das Martyrium entdeckte, denn der arme Knabe, der oft bis zu 30 Schläge mit den Händen und mit dem Stock aushalten mußte, hatte Schwielen und Striemen schmerzhafter Art. Durch das Quetschen mit dem Kleiderspanner war auch ein Fingernagel abgestorben ( Wulffen ). Wenn auch die Phantasie, mit der diese vielfachen und so verschiedenartigen Quälereien und Mißhandlungen angestellt wurden, auf Sadismus recht deutlich hinweist, so wird doch auch manches Mal nur einfache Roheit, Brutalität und Grausamkeit vorliegen, so daß unser Standpunkt, nicht wahllos von Sadismus zu sprechen, sondern dazu stets das Moment der Sexuallust zu verlangen, auch hier zu Recht besteht. Wir haben bereits früher erwähnt, daß, im Gegensatz zum Masochismus, es beim Sadismus seltener bei Phantasien, Tagträumen und ähnlichen psychischen Vorgängen bleibt, sondern daß Ersatzhandlungen vorgenommen werden, als deren häufigste wir den Exhibitionismus auffassen. Diese Triebabweichung ist so verbreitet, daß ihre Besprechung im Anschluß an den Sadismus in einem eigenen Kapitel erfolgen wird. Gleichfalls als Ersatzhandlungen betrachten wir die häufigen sadistischen Akte an Tieren, und zwar muß da sofort betont werden, daß der Exhibitionist gewöhnlich bereits durchaus vom Normalen abgerückt ist, so daß es sich bei ihm um eine Perversion im engsten und strengsten Sinne des Wortes handelt, daß aber der Tierquäler sogar dann, wenn seine Handlungen mit deutlicher Sexuallust verbunden sind, ansonsten durchaus beim normalen Geschlechtsverkehr bleiben kann. Besonders in frühkindlichem und kindlichem Alter ist Tierquälerei bekanntlich weit verbreitet, worauf auch bereits früher, bei der Theorie des Sadismus, hingewiesen wurde. Es ist klar, daß es innerhalb einer solchen Perversion, wie des Sadismus an Tieren , auch verschiedene Abarten geben muß. Als die leichtesten Fälle lassen sich wahrscheinlich jene bezeichnen, bei denen es den Pervertierten genügt, Tierquälereien anzusehen . Als klassisches Beispiel dafür lassen sich die in Spanien, Südfrankreich und Mexiko noch immer üblichen Stierkämpfe betrachten, die es anscheinend großen Teilen der Bevölkerung möglich machen, ihre Grausamkeitstriebe abzureagieren. Bezeichnend ist der von Hofmann in seinem Lehrbuch der gerichtlichen Medizin berichtete Fall eines Mannes in Wien, der sich nach der gerichtlichen Aussage mehrerer Prostituierten vor dem Geschlechtsakt durch Martern und Töten von Hühnern, Tauben und andern Vögeln aufzuregen pflegte und deshalb von ihnen den Spitznamen »Hendlherr« erhielt. Wertvoll für die Bedeutung eines derartigen Falles ist die Mitteilung von Lombroso , der zwei Männer beobachtete, die, wenn sie Hühner oder Tauben drosselten oder schlachteten, Ejakulationen bekamen. Derselbe Autor berichtet von einem bedeutenden Dichter, der beim Anblick des Zerstückelns eines geschlachteten Kalbes oder auch beim bloßen Gewahrwerden von blutigem Fleisch sexuell mächtig erregt wurde. Ein entsetzlicher Sport soll nach Mantegazza bei entarteten Chinesen darin bestehen, Anseres zu sodomisieren und ihnen tempore ejaculationis den Hals abzusäbeln. Mantegazza berichtet von einem Mann, der einmal zusah, wie man Hähne abschlachtete, und seit dieser Zeit eine Gier hatte, die warmen, noch dampfenden Eingeweide derselben zu durchwühlen, weil er dabei ein Wollustgefühl empfand. Beobachtung 134. X., 37 Jahre alt, Gerber, belastet, Masturbant seit dem 9. Jahre, war eines Tages mit einem andern Jungen im Begriff, an der Böschung einer Straße, die an dieser Stelle sehr steil war, zu masturbieren, als ein schwerer vierspänniger Wagen vorbeikam. Der Kutscher schrie und hieb auf die Pferde ein, die sich anstrengten, so daß es Funken gab. X. wurde von diesem Anblick aufs höchste sexuell erregt und ejakulierte, als ein Pferd stürzte. Seither hatte ein derartiger Anblick jeweils dieselbe Wirkung, und er konnte nicht widerstehen, Zeuge solcher Szenen zu sein und sie aufzusuchen. Ging es dabei zwar mit Mühe, aber ohne äußerste Anstrengung der Tiere und ohne Prügel ab, so wurde X. nur sehr erregt, mußte aber mit Masturbation oder Koitus zur Befriedigung gelangen. Selbst nachdem er Ehemann und Vater geworden war, dauerte dieser Sadismus fort ( Féré ). Beobachtung 135. X., 42 Jahre alt, Ingenieur, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Stammt aus neuropathischer Familie, Vater jähzornig, Säufer, Mutter hysterisch, litt an eklamptischen Anfällen. Patient erinnert sich, in seinen Knabenjahren mit Vorliebe der Schlachtung von Haustieren zugesehen zu haben, insbesondere der von Schweinen. Es kam dabei zu ausgesprochenem Wollustgefühl und zu Ejakulation. Später suchte er Schlachthäuser auf, um sich am Anblick des ausfließenden Blutes und der Todeszuckungen der Tiere zu ergötzen. Wo er Gelegenheit dazu finden konnte, tötete er selbst ein Tier, was ihm jedesmal ein Gefühl des Geschlechtsgenusses verschaffte. Erst um die Zeit der vollen Entwicklung kam er zur Erkenntnis seiner Abnormität. Frauen war Patient nicht geradezu abgeneigt, aber nähere Berührung mit ihnen schien ihm ein Greuel. – Auf Anraten eines Arztes heiratete er mit 25 Jahren eine ihm sympathische Frau, in der Hoffnung, seinen abnormen Zustand loszuwerden. Obwohl er seiner Frau sehr zugetan war, konnte er nur selten und nur nach langer Bemühung und Anspannung seiner Phantasie mit ihr den Koitus ausüben. Trotzdem zeugte er zwei Kinder ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 136. Ein Herr erschien bei Prostituierten, ließ von ihnen lebendes Geflügel oder ein Kaninchen kaufen und verlangte, daß die Person das Tier martere. Er hatte es abgesehen auf Köpfen, Augenausreißen, Ausreißen der Eingeweide. Fand er eine Puella, die sich zu derlei herbeiließ und recht grausam vorging, so war er entzückt, zahlte und ging, ohne von der Person etwas weiter zu verlangen oder sie zu berühren, seiner Wege ( Pascal ). Daß bei der Zoophilie sadistische Akte häufig sind, wurde dort bereits hervorgehoben; manchmal läßt sich tatsächlich kaum feststellen, ob Sadismus oder Zoophilie vorliegt oder, in der Verbindung beider Perversionen, vorherrscht. Es ist wohl einleuchtend, daß Tierquälerei als Ersatzhandlung hauptsächlich jenen Sadisten nahe liegt, die verhältnismäßig primitiv sind, was allerdings, wie bereits betont, gerade bei dieser Perversion keine Seltenheit darstellt. Höher organisierte, kultivierte und überkultivierte Menschen begnügen sich weit eher damit, ihrer Triebabweichung nur im Bereich ihrer Vorstellungen, ihrer Tagträume und Phantasien nachzuleben, was Krafft-Ebing mit dem Ausdruck: ideeller Sadismus bezeichnet hat. Es gibt verschiedene Gründe für das Zustandekommen dieser Einstellung. In erster Linie einmal der Umstand, daß die ethischen Momente stark genug sind, Gewalttaten und Quälereien zu verhindern. Weiters die Einsicht in die sozialen Schädigungen, die durch wirkliche Tathandlungen heraufbeschworen werden könnten, und schließlich auch eine reizbare Schwächung des Ejakulationszentrums, bei der dann bereits eine lebhafte Phantasievorstellung genügt, um zum Orgasmus zu gelangen. Bezeichnend in dieser Hinsicht sind folgende Fälle: Beobachtung 137. X., ein Agent, 29 Jahre, aus schwer belasteter Familie, masturbierte vom 14. Jahre ab, koitierte seit dem 20., aber ohne sonderliche Libido und ohne Befriedigung, so daß er bald davon wieder abstand und wieder masturbierte. Von Anfang an waren diese Akte von Phantasien eines mißhandelten, zur Duldung von erniedrigenden, entehrenden Handlungen gezwungenen Mädchens begleitet. Auch die Lektüre von Gewalttaten gegen Frauen erregte X. sinnlich. Blut mochte er jedoch nie sehen, weder an sich noch an andern. Zu einer Verwirklichung seiner sadistischen Ideen hatte er sich nie gedrängt gefühlt, denn jede Unnatürlichkeit im sexuellen Verkehr sei ihm widerlich. Auch liebte er es nicht, feminas nudas zu sehen. Wie er zu solchen sadistischen Ideen gekommen sei, wußte er nicht zu sagen. Er machte diese Angaben gelegentlich einer Konsultation wegen Neurasthenie ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 138. X., Student. Kommt im Dezember 1890 zur Beobachtung. Er treibt seit früher Jugend Onanie. Nach seinen Angaben wurde er geschlechtlich erregt, als er seine Geschwister durch den Vater züchtigen sah, später Mitschüler durch den Lehrer. Als Zuschauer solcher Akte hatte er immer Wollustgefühle. Wann dies zum erstenmal auftrat, weiß er nicht genau zu sagen; etwa mit 6 Jahren sei dies schon der Fall gewesen. Er weiß auch nicht mehr genau, wann er zur Onanie kam; behauptet aber bestimmt, daß sein Sexualtrieb durch Züchtigung anderer geweckt worden sei, und daß er dadurch ganz unbewußt zur Onanie gelangte. Patient erinnert sich bestimmt, daß er vom 4. bis 8. Jahre öfters selbst auf den Podex gezüchtigt worden ist, davon aber nur Schmerz und niemals Wollust empfunden habe. Da er aber nicht immer Gelegenheit hatte, andere züchtigen zu sehen, stellte er sich nun in seiner Phantasie vor, wie solche gezüchtigt wurden. Das erregte seine Wollust, und er onanierte dann. Wo immer er konnte, suchte er es in der Schule so einzurichten, daß er beim Züchtigen anderer zusehen konnte. Er fühlte ab und zu auch den Wunsch, selbst andere zu züchtigen. Mit 12 Jahren brachte er einen Kameraden dazu, daß dieser sich von ihm züchtigen ließ. Dabei empfand er große Wollust. – Als aber der andere ihn dann gleichfalls züchtigte, empfand er nur Schmerz. Der Drang, andere zu züchtigen, war nie sehr stark. Patient empfand mehr Befriedigung darin, seine Phantasie in Geißelszenen schwelgen zu lassen. Sonstige sadistische Anwandlungen hatte er nie. Niemals Drang, Blut zu sehen und dergleichen ( Krafft-Ebing ). Schon diese wenigen Beispiele zeigen, wie weit gespannt der Rahmen der Vorstellungswelt solcher Perverser ist. Es ist klar, daß der hierzu nötige Aufwand an Phantasie gewöhnlich nicht zur Gänze aus eigenen Mitteln bestritten werden kann, und es gibt in der Tat eine ausgedehnte Literatur , die als Unterlage für diese Tagträume und Wunschvorstellungen verwendet wird. Das sadistische oder besser das für die Sadisten brauchbare Schrifttum ist keineswegs bloß pornographisch, es werden sogar historische Darstellungen bevorzugt, unter denen die Bücher über Hexenprozesse, Leibesstrafen, Foltern, über das christliche Märtyrertum usw. die Hauptrolle spielen. Das ist unerfreulich und bedenklich, denn so manches Mal ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auf dem Boden des rein ideellen Sadismus zu Tathandlungen kommt, die sich dann gewöhnlich als schwere sadistische Akte darstellen. Einer andern Gruppe ideeller Sadisten genügen das Denken und das Lesen nicht mehr, und wir brauchen nur an das zu erinnern, was beim Fetischismus über die Verbalerotik gesagt wurde, um klarzustellen, daß auch hier Schreiben und Zeichnen als Ersatzhandlungen auftreten. Die sadistische Korrespondenz ist in der Tat eine häufige Erscheinung. Die Durchsicht eines größeren Materials, das den sogenannten Korrespondenzzirkeln entstammt, hat denn auch ergeben, daß etwa ein Viertel der vorliegenden Briefe sadistischen Charakter trägt. In ewiger Wiederholung werden immer dieselben Szenen ausgemalt, wobei es den sadistischen Briefschreibern regelmäßig auch darauf ankommt, die – bei den ja unbekannten Empfängerinnen solcher Briefe gewöhnlich sehr zu Unrecht vermutete – Schamhaftigkeit durch Verwendung grob obszöner Ausdrücke zu verletzen und zu zerstören. Zu diesem Zweck werden körperliche Vorgänge und Merkmale, besonders im Bereich der Genitalien, genau beschrieben. Ekelmomente wie der Defäkationsakt und dergleichen werden mit einbezogen, daneben werden die zu verhängenden Strafen und Quälereien mit größter Genauigkeit geschildert. Häufig kommt es auch vor, daß in solchen Briefen verlangt wird, die Empfängerin (weit seltener der Empfänger) solle an sich selbst gewisse Strafen oder Erniedrigungen vollziehen, bei bestimmten Gelegenheiten oder zu bestimmten Zeiten eine beschämende Tracht anlegen usw. Die Anfertigung von Zeichnungen und Bildern spricht auch hier von einer stärkeren Ausprägung der Perversion. Denn es handelt sich da nicht um bloße Kritzeleien, sondern um mit großer Sorgfalt und mit Berücksichtigung aller Einzelheiten ausgeführte Ausdruckszeichnungen. Aus dem Material des Wiener Instituts für Sexualforschung stammt ein Brief, in dem ein westpreußischer Agrarier bei einer Graphikerin zwei Bilder bestellt. Es handelt sich um Züchtigungsszenen. »Der Züchtigende ist ein Herr von 50 bis 60 Jahren, die Delinquentin ein 15- bis 16jähriges Mädel. Die Bestrafung erfolgt mittels Stockes. Das Mädchen steht krumm, und zwar so, daß sie die Fingerspitzen auf die Fußspitzen zu stellen versucht. Die Hacken sind dabei militärisch zusammengenommen. Das Mädel trägt allemal das Haar in Hängezöpfen oder offen, hat absolut keinen Brüsteansatz, dafür außerordentlich stark betonte Nates. Das Mädel trägt hohe schwarze Stiefel, jedoch keine sogenannten Hochschaftstiefel, hohe Absätze sind unerwünscht, statt dessen vielmehr niedrige Kinderabsätze. Die Mädels sind völlig bekleidet. Ich wahre nämlich den guten Ton grundsätzlich. Die Delinquentin kann ein Taschentuch zum Tränentrocknen in der Hand oder vor den Augen haben. Auf einem der Bilder wäre noch eine zweite Mädchengestalt anzubringen, die genau so gekleidet und genau so alt ist wie die erste. Sie sieht sich den Züchtigungsvorgang, der sich vor ihren Augen abspielt, mit höchstem Entsetzen an, weint auch eventuell. Sie ist völlig bekleidet, aber die Röcke sind so unwahrscheinlich kurz, daß der Beschauer außer den schwarzen Schuhen und Strümpfen noch die Strumpfbänder sieht und einen breiten Streifen cutis albae.« Schließlich sei noch erwähnt, daß gerade die sadistische Verbalerotik es ermöglicht, die von uns immer hervorgehobenen Übergänge zwischen Normalem und Perversem aufzuzeigen. Es ist ein durchaus gewöhnlicher Vorgang, daß die Partner beim Geschlechtsakt sich Schimpfworte, Ekelnamen, Tiernamen und dergleichen zurufen, offenbar weil die starke Erregung der psychomotorischen Sphäre durch den bloßen Geschlechtsakt nicht genügend abreagiert werden kann, so daß ein solches Ventil der Leidenschaft benötigt wird. Das ist selbstverständlich noch normal. Menschen indessen, die gewohnheitsmäßig und vor allem auch dann, wenn von einer solchen Erregung der psychomotorischen Sphäre keine Rede sein kann, andere Personen mit lauter Stimme in dieser Art beschimpfen, erweisen dadurch bereits ihre sadistische Einstellung. Schon aus der Beschreibung des Sadismus und den hierzu erbrachten Beispielen ergibt sich, daß diese Perversion in sozialer Hinsicht zweifellos die unerfreulichste, schädlichste und gefährlichste ist. Wir werden später beim Masochismus noch sehen, daß selbst leichtere sadistische Akte in der Familie und in der Schule bei prädisponierten Personen einen Masochismus auslösen können, und weit darüber hinaus gehen natürlich die eigentlichen Verbrechen aus sadistischer Grundlage. Eine so weit reichende und so tief gehende Perversion wie der Sadismus ist begreiflicherweise nicht ohne Einfluß auf die Literatur geblieben. Die als Material für Tagträume und Wunschvorstellungen vielfach verwendeten Werke über Körperstrafen, Folterungen, Hinrichtungen usw. wurden bereits erwähnt. Aber auch große Dichter haben sich mit dem Sadismus beschäftigt, und es ist sehr interessant, daß weniger sadistische Männer als Frauen ihr Interesse erregt haben. Das berühmteste Beispiel ist Kleists Penthesilea. Im 22. Auftritt wird berichtet, wie Penthesilea den vorher in Liebesraserei verfolgten Achill in Stücke reißt und ihre Hunde auf ihn hetzt. »Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend, den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, sie und die Hunde, die wetteifernden. Oxus und Sphinx den Zahn in seine Rechte, in seine Linke sie; als ich erschien, troff Blut von Mund und Händen ihr herab.« Und später, zu sich gekommen, spricht Penthesilea: »Küßt' ich ihn tot. Nicht – küßt' ich ihn nicht? Zerrissen wirklich? So war das ein Versehen; Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.« Das wollüstige Beißen hat schon Horaz gekannt. Noch früher, in der klassischen Heldensage, wird Omphale als Sadistin beschrieben. Und die arabischen Märchen, wie Tausendundeine Nacht, schildern ähnliche Frauengestalten. Freilich dürfte dabei, wie bereits früher erwähnt, der Masochismus der Dichter die Hauptrolle spielen. Das gilt in noch höherem Maße von verschiedenen modernen Schriftstellern, unter denen Wildenbruch und die französische Autorin Rachilde erwähnt seien. Und natürlich noch weit mehr von dem schon stark ins Pornographische hinüberreichenden Schrifttum, das zweifelsohne bloß darauf abzielt, das Bedürfnis des Leserkreises zu befriedigen. Das Urbild all dieser Autoren ist Marquis de Sade . Während aber bei ihm eine ungeheure Phantasie die seltsamsten, freilich vom Tragischen bis ins Lächerliche reichenden Begebenheiten hervorgebracht hat, findet man bei seinen Nachfolgern bloß die läppische Wiederholung stets derselben Situationen und Szenen. Wie schon früher ausgeführt, ist der ideelle Sadismus nicht unbedenklich und nicht leicht zu nehmen, weil es stets zu einem Umschlagen in die aktive Form kommen kann. Es wäre also nur aufs wärmste zu begrüßen, wenn die gesamte halb- und ganzpornographische Literatur vom Gesetz weit schärfer verfolgt würde, als dies in den meisten Kulturstaaten leider noch immer der Fall ist. Elftes Kapitel Exhibitionismus Lasègue hat 1877 als Exhibitionisten jene Personen bezeichnet, die ihre Genitalien aus einer gewissen Entfernung andern Personen zeigen, ohne weitere unzüchtige Manipulationen vorzunehmen, insbesondere ohne dabei den Versuch zum Geschlechtsverkehr zu machen. Krafft-Ebing hat diesen perversen Akt nur dort besprochen, wo er das krankhafte Sexualleben vor dem Kriminalforum behandelt hat, und zweifelsohne ist der Exhibitionismus vielleicht sogar in der Mehrzahl der Fälle ein Symptom einer anderweitigen geistigen Störung wie der Epilepsie, der Dipsomanie und dergleichen. Es ist Molls Verdienst, dargetan zu haben, daß der Exhibitionismus unter Umständen aber auch lediglich eine sexuelle Perversion ist. Wir glauben, den Exhibitionismus als Triebabweichung auffassen, ihn nicht so sehr dem Fetischismus als dem Sadismus anreihen Daß es eigentlich am richtigsten wäre, den Sadismus und den Masochismus (und natürlich auch den Exhibitionismus) als Untergruppen des Fetischismus aufzufassen und also auch zu beschreiben, wurde bereits erwähnt. und die exhibitionistischen Akte als Ersatzhandlungen sadistischer Art ansehen zu sollen. Denn es ist für ihn durchaus wesentlich, daß die Exhibition jedenfalls ohne und zumeist gegen den Willen der Personen erfolgt, denen die Genitalien gezeigt werden. Der eigentliche Akt ist eine Attacke, eine Überrumpelung, in gewissem Sinne eine Vergewaltigung, lauter Momente, die vollkommen auf den Sadismus hinweisen. So wie wir das schon früher besonders bei der Beschreibung der sexuellen Anästhesie und der Hypästhesie getan haben, werden wir vom Exhibitionismus nur dort sprechen, wo er sich als eine deutlich umgrenzte Triebabweichung darstellt, während wir ihn dann, wo er nichts anderes ist als ein Symptom einer psychischen Erkrankung, lediglich erwähnen und mit Beispielen belegen werden. Denn ähnlich dem im Greisenalter wiedererwachenden Geschlechtstrieb findet man den Exhibitionismus bei der senilen Demenz, während an die Hyperaesthesia sexualis die Fälle erinnern, in denen exhibitionistische Akte bei Epileptikern und bei Dipsomanen vorkommen. Es muß da gleich eines Umstandes gedacht werden, der die Beantwortung der Frage, ob das Exhibitionieren in einem bestimmten Falle Zeichen einer seelischen Erkrankung oder echte Perversion ist, erschwert. Der Vorgang als solcher ist nämlich selbstverständlich kriminell (so daß mehr der Gerichtsmediziner als der Seelenarzt Fälle dieser Art zu beurteilen hat), und damit hängt es zusammen, daß auch dann Verwirrungs- und Dämmerzustände und Bewußtseinstrübungen behauptet werden, wenn solche ebensowenig vorliegen wie etwa beim Sadismus oder beim Fetischismus Das gilt besonders dann, wenn der ertappte Exhibitionist sein Vergehen auf überreichlichen Alkoholgenuß zurückzuführen trachtet. . Verwertbar für die Differentialdiagnose ist das Traumleben der Perversen, und man wird wohl annehmen dürfen, daß dann, wenn auch die Träume exhibitionistischen Charakter haben, eine wirkliche Triebabweichung vorliegt. Die perversen Akte sind hier ganz typisch. Sie bestehen darin, daß die entblößten Genitalien (der Penis vorwiegend im Zustand der Erektion) weiblichen Personen, in erster Linie jungen Mädchen, gezeigt werden. In schweren Fällen von Exhibitionismus tragen die Perversen eine eigene Kleidung, die aus einem weiten Mantel besteht, unter dem die unteren Teile der ungefähr in Kniehöhe ausgeschnittenen Beinkleider hervorragen, so daß ein einfaches Öffnen des Mantels zum Zeigen der Genitalien genügt. Nicht selten wird der Akt durch Reden aus der Abdominal- und Sexualsphäre eingeleitet, die sich von der bloßen Verbalerotik durch ihre sadistische Färbung in der Regel unterscheiden. Es ist allen Beobachtern aufgefallen, daß von den exhibitionistischen Attentaten in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle kleine Mädchen betroffen werden, und man hat das teils auf Pädophilie, teils auf Sadismus zurückgeführt. Vermutlich ist diese Objektwahl weitgehend darin begründet, daß die Perversen Kinder für ungefährlicher halten als erwachsene Mädchen oder Frauen, in der Annahme, daß eine Anzeige durch sie schwerer erfolgen und bei Gericht weniger bedeuten würde. Davon abgesehen spricht indes der Exhibitionismus vor Kindern durchaus für den Sadismus, denn es ist, wie wir dort gesehen haben, für den Sadisten die Verletzung der Schamhaftigkeit ein starker Reiz, so daß also die Rolle, die die kleinen Mädchen im Sexualleben des Exhibitionisten spielen, hauptsächlich auf diesen Umstand zurückzuführen ist. Wir glauben also, daß die Pädophilie beim Exhibitionismus nicht von wesentlicher Bedeutung und ungefähr der Hypersexualität gleichzustellen ist, die sich in nicht wenigen Fällen von Exhibitionismus nachweisen läßt. Wie schon früher erwähnt, ist der Exhibitionismus eine schwere Triebabweichung, ohne daß jedoch die Übergänge zum Normalen völlig fehlen würden. Man braucht in diesem Zusammenhang nur daran zu erinnern, daß viele Männer den starken Reiz kennen, den der penis erectus auf die Frauen ausübt, was bereits beim Fetischismus erwähnt wurde. Dieser an sich noch durchaus normale Sachverhalt ist wohl geeignet, die Entstehung des Exhibitionismus zu erklären, etwa in der Weise, daß nur dieser eine Akt als wirklich lustbetont empfunden wurde, worauf sich dann in weiterer Folge das gesamte Sexualleben auf ihn allein konzentriert. Es gibt weiters Neigungen exhibitionistischen Charakters, wie die Vorliebe, sich völlig nackt andern Personen zu zeigen, und es ist durchaus möglich, daß manche Menschen durch ihre Teilnahme an den Versammlungen von Nacktklubs, Sonnenanbetern und ähnlichen Gesellschaften einen (latenten) Exhibitionismus abzureagieren streben. Ähnlich dürfte es um die partielle Entblößung stehen, durch welche Frauen auf die Männer zu wirken trachten, besonders dann, wenn eine solche Enthüllung in einem gewissen Widerspruch zur herrschenden Mode steht. Ferner muß darauf hingewiesen werden, wie häufig exhibitionistische Akte im Kindesalter, bei beiden Geschlechtern, sind. Man wird darum die Kinder nicht als »polymorph pervers« ( Freud ) bezeichnen – erfolgen doch solche Tathandlungen zweifelsohne noch naiv –, aber für die Entstehung des Exhibitionismus ist dieser Sachverhalt wohl von Bedeutung. Denn bei entsprechender Prädisposition können bei einer solchen (naiven) Entblößung sexuelle Lustgefühle auftreten, woraus sich in weiterer Folge eine exhibitionistische Einstellung entwickeln kann. Beobachtung 139. Gymnasiallehrer Dr. X. hat dadurch öffentliches Ärgernis erregt, daß er wiederholt im Berliner Tiergarten vor Damen und Kindern mit genitalibus denudatis herumlaufend gesehen wurde. X. gibt dies zu, stellt aber Absicht und Bewußtsein, ein öffentliches Ärgernis zu geben, in Abrede und entschuldigt sich damit, daß das schnelle Laufen mit entblößten Genitalien ihm gegen nervöse Aufregungen Erleichterung gewährte. Mutters Vater war gemütskrank und endigte durch Selbstmord, die Mutter war konstitutionell neuropathisch, Nachtwandlerin und vorübergehend gemütskrank gewesen. X. ist neuropathisch, war Nachtwandler, hatte von jeher Abneigung gegen geschlechtlichen Verkehr mit Frauenspersonen, trieb in jungen Jahren Onanie, ist ein scheuer, schlaffer, leicht in Verlegenheit und Verwirrung geratender Mensch, neurasthenisch. Er war sexuell immer sehr erregt. Er träumt oft, daß er mentula denudata umherlaufe oder im Hemd an einem Reck hänge, den Kopf nach unten, so daß das Hemd zurückfalle und das erigierte Glied entblößt sei. Diese Träume führen dann zur Pollution, und er habe eine halbe bis ganze Woche Ruhe. Auch im wachen Zustand befalle ihn im Sinne seiner Träume oft der Drang, mit entblößtem Glied umherzulaufen. Indem er zur Entblößung schreite, werde ihm glühend heiß, er laufe dann planlos herum, das Glied werde feucht, jedoch komme es nicht zur Pollution. Endlich erfolge relaxatio membri, er stecke es ein, komme dann zu sich, froh, wenn den Vorgang niemand gesehen habe. Er befinde sich in solchen Erregungen wie im Traum, wie in Trunkenheit. Nie habe er dabei die Absicht gehabt, Frauen zu belästigen. X. ist nicht epileptisch. X.' Angaben haben das Gepräge der Wahrheit. Er hat tatsächlich nie Frauen in diesen Zuständen verfolgt oder auch nur angesprochen. Frivolität, Roheit läßt sich ausschließen ( Liman ). Sehr wesentlich für die Diagnose auf echte Perversion sind hier, wie bereits früher erwähnt, die Träume. Beobachtung 140. Dr. X. hat seit Jahren die weibliche Bevölkerung in Straßburg erschreckt, indem er in fast identischer Weise vor Damen abends, am liebsten bei einer Laterne oder unter Entzündung bengalischer Zündhölzer, seinen langen Mantel auseinanderschlug und genitalia nuda zeigte. In andern Fällen tat er dies, indem er frühmorgens an Wohnungen klingelte und vor dem die Türe öffnenden oder am Fenster erscheinenden Dienstmädchen exhibierte. Der Befund in der psychiatrischen Klinik ergab: die nachweisliche direkte erbliche Belastung war mäßig. Von Kindheit auf lebhafter Sexualtrieb (Onanie, später normal sexuelle Exzesse bis zur Gegenwart). Entschuldigung mit »unwiderstehlichem Trieb«, aber nie Verlust des Bewußtseins schimpflicher strafbarer Handlung. Epilepsie, Geistesstörung im engeren Sinne auszuschließen. X. ist eine weichliche, schlaffe Natur, aber nicht schwachsinnig ( Hoche ). Beobachtung 141. X., 38 Jahre alt, verheiratet, Vater eines Kindes, von jeher düster, schweigsam, häufig an Kopfweh leidend, schwer neurasthenisch, jedoch psychisch nicht krank, viel mit nächtlichen Pollutionen geplagt, ist wiederholt Ladenmädchen, denen er an einem Anstandsorte aufgelauert hatte, mit exhibierten Genitalien, am Penis herummanipulierend, auf der Straße nachgegangen. In einem Falle hat er das betreffende Mädchen sogar bis in den Laden hinein verfolgt ( Trochon ). Weit zahlreicher sind die Beispiele von Exhibitionismus in Fällen von seniler Demenz und von Paralyse bei schwer belasteten Personen, bei Alkoholikern, Dipsomanen und Epileptikern. Ein Anzahl hierher gehöriger Fälle hat Pelanda mitgeteilt. 1. Paralytiker, 60 Jahre alt. Mit 58 Jahren hatte er begonnen, vor Frauen und Kindern zu exhibieren. Er war in der Irrenanstalt noch längere Zeit lasziv und versuchte auch Fellatio. 2. Alter Potator, 66 Jahre, schwer belastet, an Folie circulaire leidend. Seine Exhibition wurde zum erstenmal in der Kirche während des Gottesdienstes bemerkt. Sein Bruder war ebenfalls Exhibitionist. 3. Mann, 49 Jahre, belastet, Potator, von jeher sexuell sehr erregbar, wegen Alkoholismus in der Irrenanstalt, exhibiert jeweils, wenn er eines weiblichen Wesens ansichtig wird. 4. Mann, 64 Jahre, verheiratet, Vater von 14 Kindern. Schwere Belastung. Rachitisch mikrozephaler Schädel. Seit Jahren Exhibitionist, trotz wiederholter Bestrafungen. Beobachtung 142. X., höherer Beamter, 60 Jahre alt, Witwer, Familienvater, hat dadurch Anstoß erregt, daß er einem 8jährigen, ihm gegenüber wohnenden Mädchen während eines Zeitraumes von 14 Tagen wiederholt genitalia sua de fenestra ostendit. Nach mehreren Monaten hat dieser Mann unter gleichen Umständen seine unanständige Handlung wiederholt. Er erkannte im Verhör das Abscheuliche seiner Handlungsweise an, wußte keine Entschuldigung dafür. Ein Jahr später Tod an Hirnerkrankung ( Lasègue ). Beobachtung 143. X., Kaufmann, ledig, hat wiederholt vor Kindern exhibiert oder auch uriniert, einmal auch in derartiger Situation ein kleines Mädchen abgeküßt. Vor 20 Jahren hatte X. eine schwere geistige Krankheit von zweijähriger Dauer durchgemacht, in welcher ein apoplektischer Anfall vorgekommen sein soll. Später, nach Verlust seines Vermögens, ergab er sich dem Trunk und erschien in den letzten Jahren öfters wie geistesabwesend. Der Befund ergab Alkoholismus, Senium praecox, geistige Schwäche. Penis klein, Phimosis, Hoden atrophisch. Nachweis geistiger Krankheit. Freisprechung ( Schuchardt ). Beobachtung 144. X., 27 Jahre alt, von neuropathischer Mutter und alkoholischem Vater, hat einen Bruder, der Säufer, und eine Schwester, die hysterisch ist. Vier Blutsverwandte von väterlicher Seite sind Säufer, eine Kusine ist hysterisch. Vom 11. Jahre an Onanie, solitär oder mutuell. Vom 13. Jahre ab Dränge zu exhibieren. Er versuchte es am Pissoir einer Straße, empfand wollüstiges Behagen, aber gleich darauf Gewissensbisse. Versuchte er im weiteren Verlauf seinen Trieb zu bekämpfen, so fühlte er heftige Angst und Beklemmung auf der Brust. Als Soldat trieb es ihn häufig, mentulam Kameraden unter verschiedenen Vorwänden zu zeigen. Vom 17. Jahre an verkehrte er sexuell mit Frauen. Es gewährte ihm großen Genuß, sich vor ihnen nackt zu zeigen. Sein Exhibieren auf den Straßen setzte er fort. Da er aber nur selten vor Pissoirs auf Zuschauerinnen rechnen konnte, verlegte er den Schauplatz seiner Delikte in Kirchen. Um an dieser Stelle zu exhibieren, mußte er sich immer vorher Mut antrinken. Unter dem Einfluß geistiger Getränke war der sonst noch leidlich beherrschbare Drang unwiderstehlich. B. wurde nicht verurteilt, verlor seinen Posten, trank mehr seitdem. Nicht lange darnach neuerliche Arretierung, da er in einer Kirche exhibiert und sogar masturbiert hatte ( Magnan ). Zum Exhibitionismus gehört auch eine Gruppe perverser Akte, die unter dem Namen Frottage zusammengefaßt werden, während man die Perversen dieser Art als Frotteure bezeichnet. Die Anomalie besteht darin, daß solche Menschen sich an andere Personen, gewöhnlich an Frauen, herandrängen und ihren Penis an deren Nates oder Oberschenkel pressen und reiben, wobei es zur Erektion und selbst zur Ejakulation kommt. Es handelt sich hier weniger um einen reinen Exhibitionismus, als vielmehr um eine Verbindung dieser Triebabweichung mit hypersexuellen, fetischistischen und sadistischen Momenten, ohne daß jedoch dadurch eine schwere Perversion zustande käme. Immerhin veranlaßt die Tatsache, daß der ganze Akt ohne und gegen den Willen der in dieser Weise berührten Person vorgenommen wird, und daß dabei die Absicht vorwaltet, sie durch diese Berührung sexuell zu erregen, dazu, die Frotteure den echten Exhibitionisten anzureihen. Beispiele für diese Triebabweichung sind verhältnismäßig selten, schon deshalb, weil hier die Tathandlung nur in Ausnahmefällen krimineller Natur ist. Beobachtung 145. X., 33 Jahre, schwer hereditär belastet, wird an einer Omnibusstation betreten, als er Frottage mit seinem Glied an einer Dame trieb. Tiefe Zerknirschung, aber Versicherung, daß er beim Anblick der markanten Posteriora einer Dame unwiderstehlich hingerissen sei, Frottage zu treiben, dabei ganz verwirrt sei und nicht mehr wisse, was er tue ( Magnan ). Beobachtung 146. X., von tadellosem Vorleben, aus guter Familie, Privatbeamter, finanziell gut situiert, unbelastet, nach kurzer Ehe Witwer, war seit geraumer Zeit in Kirchen dadurch auffällig geworden, daß er sich an Frauenzimmer, gleichgültig ob jung oder alt, von hinten angedrängt und an deren hinteren Partien herummanipuliert hatte. Man lauerte ihm auf, und eines Tages gelang seine Verhaftung in flagranti. X. war aufs höchste bestürzt, verzweifelte über seine Lage und bat, indem er ein unumwundenes Geständnis ablegte, um Schonung, da ihm sonst nur der Selbstmord übrigbleibe. Seit zwei Jahren sei er von dem unglückseligen Hang befallen, sich im Menschengewühl, in Kirchen, an Theaterkassen usw. von rückwärts an Frauenspersonen anzudrängen und mit deren aufgebauschten Kleidern zu manipulieren, wobei Orgasmus und Ejakulation eintrete. X. versichert, niemals der Masturbation ergeben gewesen zu sein, auch nach keiner Richtung sexuell pervers empfunden zu haben. Seit dem frühen Tod seiner Frau habe er seine mächtigen sexuellen Bedürfnisse durch zeitweilige Liebschaften befriedigt, von Bordellen und Lustdirnen sich von jeher angewidert gefühlt. Der Anreiz zu Frottage sei ihm vor zwei Jahren, als er zufällig in der Kirche verweilte, plötzlich gekommen. Obwohl er sich bewußt war, daß es unanständig sei, habe er sich nicht enthalten können, sofort ihm nachzugeben. Seither sei er so erregbar durch die Posteriora weiblicher Individuen geworden, daß es ihn förmlich getrieben habe, Gelegenheiten zu Frottage aufzusuchen. Am Weib errege ihn nur der rückwärtige Teil des Rocks, alles übrige an Körper oder Kleidung sei ihm ganz gleichgültig, ebenso ob das Weib jung oder alt, schön oder häßlich sei. Zu naturgemäßer Befriedigung habe er seither keine Neigung mehr. Neuerlich erscheinen auch in seinen erotischen Träumen Frottagesituationen. Während solcher sei er sich seiner Lage und seiner Handlung vollkommen bewußt und bemüht, dieselbe so unauffällig als möglich zu begehen. Nach dem Akt habe er sich immer seiner Handlungsweise geschämt. Die Untersuchung gab keine Zeichen von geistiger Krankheit oder geistiger Schwäche, wohl aber solche von Neurasthenia sexualis, worauf auch der Umstand hinwies, daß schon bloße Berührung der Frauen mit den nicht exhibierten Genitalien zur Ejakulation genügte ( Krafft-Ebing ). Im Anschluß hieran ist noch die Tatsache zu erwähnen, daß ähnliche Manipulationen auch auf einer gänzlich andern Grundlage vorkommen. Man kann besonders in Großstädten nicht selten beobachten, daß beim Tanzen beide Partner frottageähnliche Berührungen ausführen, durch die sie sogar zum Orgasmus gelangen können. Es handelt sich hier aber zweifelsohne nicht um eine Perversion; solche Praktiken gehören entweder ins Gebiet der Vorlust, oder sie sind Folgeerscheinungen sexueller Not, seltener schließlich sexueller Hyperästhesie. Zwölftes Kapitel Masochismus Es ist Krafft-Ebings Verdienst, eine Triebabweichung zuerst umgrenzt, beschrieben und benannt zu haben, die um ihrer Verbreitung willen von großer praktischer Bedeutung und zudem von jedem Standpunkt aus in hohem Maße interessant ist. Die Bezeichnung Masochismus hat Krafft-Ebing unter Benützung des Namens eines damals bekannten Schriftstellers gebildet. Leopold von Sacher-Masoch , ein österreichischer Autor, hatte nämlich jene wissenschaftlich damals noch gar nicht gekannte Perversion überaus häufig zum Gegenstand seiner Dichtungen gemacht. Krafft-Ebing hat unter Masochismus »eine eigentümliche Perversion der psychischen Vita sexualis verstanden, die darin besteht, daß das von ihr ergriffene Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht wird, dem Willen einer Person des andern Geschlechts vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, gedemütigt und selbst mißhandelt zu werden. Diese Vorstellung wird mit Wollust betont; der davon Ergriffene schwelgt in Phantasien, in welchen er sich Situationen dieser Art ausmalt; er trachtet oft nach einer Verwirklichung und wird durch diese Perversion seines Geschlechtstriebes nicht selten für die normalen Reize des andern Geschlechts mehr oder weniger unempfänglich, zu einer normalen Vita sexualis unfähig – psychisch impotent. Diese psychische Impotenz beruht dann aber durchaus nicht etwa auf einem horror sexus alterius, sondern nur darauf, daß dem perversen Trieb eine andere Befriedigung als die normale, zwar auch durch das Weib, aber nicht durch Koitus, adäquat ist. Es kommen aber auch Fälle vor, in welchen, neben der perversen Richtung des Triebs, die Empfänglichkeit für normale Reize noch leidlich erhalten ist und nebenher ein geschlechtlicher Verkehr unter normalen Bedingungen stattfindet. In andern Fällen wieder ist die Impotenz eine nicht rein psychische, sondern eine physische, da diese Perversion, wie fast alle andern Perversionen des Geschlechtstriebs, nur auf dem Boden einer psychopathischen, meistens einer belasteten Persönlichkeit sich zu entwickeln pflegt und solche Menschen in der Regel sich maßlosen, besonders masturbatorischen Exzessen von früher Jugend an hinzugeben pflegen, zu welchen sie die Schwierigkeit, ihre Phantasien zu verwirklichen, immer wieder hindrängt. Ob Masochismus neben einem normalen Geschlechtsleben vorkommt oder das Individuum ausschließlich beherrscht, ob und inwieweit der von dieser Perversion Ergriffene eine Verwirklichung seiner seltsamen Phantasien anstrebt oder nicht, ob er seine Potenz dabei mehr oder weniger eingebüßt hat oder nicht – das alles hängt nur von der Intensität der im einzelnen Falle vorhandenen Perversion und von der Stärke der ethischen und ästhetischen Gegenmotive, sowie von der relativen Rüstigkeit der physischen und psychischen Organisation des Ergriffenen ab. Das für den Standpunkt der Psychopathie Wesentliche und das Gemeinsame aller dieser Fälle ist: die Richtung des Geschlechtstriebs auf den Vorstellungskreis der Unterwerfung unter und Mißhandlung durch das andere Geschlecht. Auch beim Masochismus findet sich eine Abstufung der Akte von den widerlichsten und monströsesten Handlungen bis zu einfach läppischen herab, je nach der Intensität des perversen Triebs und der Kraft der moralischen und ästhetischen Gegenmotive. Den äußersten Konsequenzen des Masochismus wirkt aber auch der Selbsterhaltungstrieb entgegen, und deshalb finden Mord und schwere Verletzung, die im sadistischen Affekt begangen werden können, hier, soweit bis jetzt bekannt, kein passives Gegenstück in der Wirklichkeit. Wohl aber können die perversen Wünsche masochistischer Individuen in innerlichen Phantasien bis zu diesen äußersten Konsequenzen fortschreiten«. Die für den Masochismus so überaus bezeichnende und gleichzeitig so auffällige Tatsache, daß bei dieser Perversion der Geschlechtstrieb, ganz grundsätzlich gesprochen, im Gegensatz zum Selbsterhaltungstrieb steht, ist schon Krafft-Ebing aufgefallen und hat ihn zu einer eingehenden theoretischen Darstellung dieser Triebabweichung veranlaßt, die zum großen Teil auch heute noch wertvoll und verwendbar ist. Wir geben sie also fast in extenso im nachfolgenden wieder, auch deshalb, weil sich aus ihr schon ein Überblick über das ganz außerordentlich weit gespannte Gebiet mit seiner wahrhaft verwirrenden Vielfalt der Erscheinungen ergibt. »Das Entscheidende beim Masochismus ist jedenfalls die Begierde nach schrankenloser Unterwerfung unter den Willen der Person des andern Geschlechts (beim Sadismus umgekehrt die schrankenlose Beherrschung dieser Person), und zwar unter Weckung und Begleitung von mit Lust betonten sexuellen Gefühlen, bis zur Entstehung von Orgasmus. Nebensächlich ist nach allem vorausgehenden die besondere Art und Weise, wie dieses Abhängigkeits- oder Beherrschungsverhältnis betätigt wird, ob durch bloße symbolische Akte, oder ob zugleich der Drang besteht, von einer Person des andern Geschlechts Schmerzen zu erdulden. Während der Sadismus als eine pathologische Steigerung des männlichen Geschlechtscharakters in seinem psychischen Beiwerk angesehen werden kann, stellt der Masochismus eher eine krankhafte Ausartung spezifisch weiblicher psychischer Eigentümlichkeiten dar. Es gibt aber unzweifelhaft auch einen häufigen Masochismus des Mannes, und dieser ist es, welcher meistens in die äußere Erscheinung tritt und die Kasuistik fast ausschließlich füllt. Für den Masochismus lassen sich in der Welt der normalen Vorgänge zwei Wurzeln nachweisen. Erstens ist im Zustande der wollüstigen Erregung jede Einwirkung, welche von der Person, von der der sexuelle Reiz ausgeht, auf den Erregten ausgeübt wird, willkommen, unabhängig von der Art dieser Einwirkung. Es liegt noch ganz im Bereiche des Physiologischen, daß sanfte Püffe und leichte Schläge als Liebkosungen aufgefaßt werden. »like the lover's pinch which hurts and is desired« (Shakespeare, Antonius und Kleopatra V, 2). Es liegt von hier aus nicht allzu ferne, daß der Versuch, eine recht starke Einwirkung von Seiten des Partners zu erfahren, in Fällen pathologischer Steigerung der Liebesinbrunst zu einem Gelüste nach Schlägen und dergleichen führt, da der Schmerz das immer bereite Mittel einer starken körperlichen Einwirkung ist. So wie beim Sadismus der sexuelle Effekt zu einer Übererregung führt, in welcher die überschäumende psychomotorische Erregung in Nebenbahnen überströmt, so entsteht hier im Masochismus eine Ekstase, in der die steigende Flut einer einzigen Empfindung jeden von der geliebten Person kommenden Einfluß begierig verschlingt und mit Wollust überschwemmt. Die zweite und wohl die mächtigere Wurzel des Masochismus ist in einer weit verbreiteten Erscheinung zu suchen, die zwar schon in das Gebiet des ungewöhnlichen, abnormen, aber durchaus noch nicht in das des perversen Seelenlebens fällt. Ich meine hier die allverbreitete Tatsache, daß in unzähligen in den verschiedensten Variationen auftretenden Fällen ein Individuum in eine ganz ungewöhnliche, höchst auffällige Abhängigkeit von einem andern Individuum des entgegengesetzten Geschlechts gerät, bis zum Verlust jedes selbständigen Willens, eine Abhängigkeit, welche den beherrschten Teil zu Handlungen und Duldungen zwingt, die schwere Opfer am eigenen Interesse bedeuten und oft genug gegen Sitte und Gesetz verstoßen. Diese Abhängigkeit ist aber von den Erscheinungen des normalen Lebens nur durch die Intensität des Geschlechtstriebes, der hier im Spiele ist, und das geringe Maß der Willenskraft, die ihm das Gleichgewicht halten soll, verschieden, nicht qualitativ, wie es die Erscheinungen des Masochismus sind. Ich habe diese Tatsache der abnormen, aber noch nicht perversen Abhängigkeit eines Menschen von einem andern des entgegengesetzten Geschlechts, welche Tatsache, namentlich vom forensischen Standpunkte aus betrachtet, hohes Interesse bietet, mit dem Namen » geschlechtliche Hörigkeit « bezeichnet, weil die daraus hervorgehenden Verhältnisse durchaus den Charakter der Unfreiheit tragen. Der Wille des herrschenden Teils gebietet über den des unterworfenen Teils, wie der des Herrn über den des Hörigen Die Ausdrücke Sklave und Sklaverei, obwohl sie oft auch in solchen Situationen bildlich gebraucht werden, wurden hier vermieden, weil dies Lieblingsausdrücke des Masochismus sind, von welchem die »Hörigkeit« durchaus unterschieden werden muß. . Der Ausdruck »Hörigkeit« darf auch nicht verwechselt werden mit J. St. Mills »Hörigkeit der Frau«. Was Mill mit diesem Ausdrucke bezeichnet, sind Gesetze und Sitten, soziale und historische Erscheinungen. Hier aber sprechen wir von jedesmal individuell besonders motivierten Tatsachen, die mit jeweils geltenden Sitten und Gesetzen geradezu im Widerspruch stehen. Auch ist hier von beiden Geschlechtern die Rede. Diese »geschlechtliche Hörigkeit« ist, wie gesagt, eine allerdings auch psychisch abnorme Erscheinung. Sie beginnt eben da, wo die äußere Norm, das von Gesetz und Sitte vorgezeichnete Maß der Abhängigkeit eines Teils vom andern oder beider voneinander infolge individueller Besonderheit in der Intensität an sich normaler Motive verlassen wird. Die geschlechtliche Hörigkeit ist aber keine perverse Erscheinung; die hier wirkenden Triebfedern sind dieselben, die auch die gänzlich innerhalb der Norm verlaufende psychische Vita sexualis – wenn auch mit minderer Heftigkeit – in Bewegung setzen. Die Furcht, den Genossen zu verlieren, der Wunsch, ihn immer zufrieden, liebenswürdig und zum geschlechtlichen Verkehr geneigt zu erhalten, sind hier die Motive des unterworfenen Teiles. Ein ungewöhnlicher Grad von Verliebtheit, der – namentlich beim Weibe – durchaus nicht immer einen ungewöhnlichen Grad von Sinnlichkeit bedeutet, und Charakterschwäche anderseits sind die einfachen Momente des ungewöhnlichen Vorganges. Das Wichtigste dabei ist vielleicht, daß sich durch die Gewöhnung an den Gehorsam eine Art Mechanismus der ihres Motives unbewußten, mit automatischer Sicherheit funktionierenden Folgsamkeit ausbilden kann, der mit Gegenmotiven gar nicht zu kämpfen hat, weil er unter der Schwelle des Bewußtseins liegt und von dem herrschenden Teil wie ein totes Instrument gehandhabt werden kann. Das Motiv des andern Teiles ist Egoismus, der freien Spielraum findet. Die Erscheinungen der Geschlechtshörigkeit sind in ihren Formen mannigfaltig, und die Zahl der Fälle ist ungemein groß In allen Literaturen spielt naturgemäß die Geschlechtshörigkeit eine Rolle. Ungewöhnliche, aber nicht perverse Erscheinungen des Seelenlebens sind ja für den Dichter ein dankbares und erlaubtes Gebiet. Die berühmteste Schilderung männlicher Hörigkeit ist wohl des Abbe Prévost »Manon Lescault«. Eine vorzügliche Schilderung weiblicher Hörigkeit bietet George Sands »Leone Leoni«. Hierher gehörten vor allem Kleists »Käthchen von Heilbronn«, von ihm selbst als Gegenstück zur (sadistischen) » Penthesilea« bezeichnet, hierher Halms »Griseldis« und viele ähnliche Dichtungen. . In geschlechtliche Hörigkeit geratene Männer finden wir im Leben bei jedem Schritt. So zahlreich aber auch die Beispiele männlicher Hörigkeit sind, so muß doch jeder halbwegs unbefangene Beobachter des Lebens zugeben, daß sie an Zahl und Gewicht der Fälle gegen die weibliche Hörigkeit weit zurückbleiben. Dies ist leicht erklärlich. Für den Mann ist die Liebe fast stets nur Episode, er hat daneben viele und wichtige Interessen; für das Weib hingegen ist sie der Hauptinhalt des Lebens, bis zur Geburt von Kindern fast immer das erste, nach dieser noch oft das erste, immer mindestens das zweite Interesse. Was aber noch viel wichtiger ist: der Mann, den der Trieb beherrscht, löscht ihn in den Umarmungen, zu denen er unzählige Gelegenheiten findet. Das Weib aber ist in den höheren Ständen, wenn überhaupt mit einem Manne versehen, an diesen Einen gefesselt, und selbst in den unteren Klassen der Gesellschaft sind noch immer bedeutende Hindernisse der Vielmännerei vorhanden. Deshalb bedeutet für ein Weib der Mann, den sie hat, das ganze Geschlecht . Seine Wichtigkeit für sie wächst dadurch ins Ungeheure. Dazu kommt endlich noch, daß das normale Verhältnis, wie es Gesetz und Sitte zwischen Mann und Weib geschaffen haben, weit davon entfernt ist, beiden Teilen gleiche Rechte zu gewähren. Um so tiefer hinab in die Hörigkeit werden sie die Konzessionen drücken, die sie dem Geliebten macht, um seine ihr fast unersetzliche Liebe zu erhalten, und um so höher steigen die unersättlichen Ansprüche der Männer, die entschlossen sind, ihren Vorteil auszubeuten, und eine Industrie aus der Ausbeutung der grenzenlosen weiblichen Opferfähigkeit machen. Das Gebiet der »geschlechtlichen Hörigkeit« mußte hier eine kurze Darstellung finden, da in ihm offenbar der Mutterboden zu sehen ist, aus dem die Hauptwurzel des Masochismus entsprießt. Die Verwandtschaft beider Erscheinungen des psychischen Geschlechtslebens springt sofort in die Augen. Sowohl Hörigkeit als Masochismus bestehen ja wesentlich in einer unbedingten Unterwerfung unter eine Person des andern Geschlechts und in Beherrschung durch dieselbe. Die beiden Erscheinungen sind aber wieder klar gegeneinander abzugrenzen, und zwar sind sie nicht graduell, sondern qualitativ verschieden. Geschlechtliche Hörigkeit ist keine Perversion, sie ist nichts Krankhaftes; die Elemente, aus denen sie entsteht, Liebe und Willensschwäche, sind nicht pervers, nur ihr gegenseitiges Stärkeverhältnis erzeugt das abnorme Resultat, das den eigenen Interessen, oft auch den Sitten und Gesetzen so sehr widerspricht. Das Motiv, aus welchem der unterworfene Teil hier handelt und die Tyrannei erduldet, ist der normale Trieb zum Weibe (bzw. Manne), dessen Befriedigung der Preis seiner Hörigkeit ist. Die Akte des unterworfenen Teiles, in denen die geschlechtliche Hörigkeit zum Ausdruck kommt, geschehen auf Befehl des herrschenden Teiles. Sie haben für den unterworfenen Teil gar keinen selbständigen Zweck; sie sind für ihn nur Mittel, den eigentlichen Endzweck, den Besitz des herrschenden Teiles, zu erlangen oder zu bewahren. Endlich ist Hörigkeit eine Folge der Liebe zu einem bestimmten Individuum; sie tritt erst ein, wenn diese Liebe erwacht ist. Ganz anders verhält sich dies alles beim Masochismus, welcher entschieden krankhaft, eine Perversion ist. Das Motiv für die Handlungen und Duldungen des unterworfenen Teiles ist hier der Reiz, den die Tyrannei als solche für ihn hat. Er mag daneben den herrschenden Teil auch zum Koitus begehren; jedenfalls ist sein Trieb auch auf die Akte, die zum Ausdruck der Tyrannei dienen, als auf direkte Objekte der Befriedigung gerichtet. Diese Akte, in denen der Masochismus zum Ausdruck kommt, sind für den unterworfenen Teil nicht Mittel zum Zweck, wie bei der Hörigkeit, sondern selbst Endzweck. Endlich tritt beim Masochismus die Sehnsucht nach Unterwerfung a priori auf, vor jeder Neigung zu einem bestimmten Gegenstand der Liebe. Der Zusammenhang zwischen Hörigkeit und Masochismus, der bei der Übereinstimmung beider Erscheinungen im äußeren Effekt der Abhängigkeit, bei allem Unterschied der Motivierung, wohl anzunehmen ist, der Übergang der Abnormität in die Perversion , dürfte sich zunächst auf folgendem Wege vollziehen: Wer sich durch lange Zeit im Zustande der geschlechtlichen Hörigkeit befindet, wird disponiert sein, zu leichteren Graden des Masochismus zu gelangen. Die Liebe, die gern Tyrannei um des Geliebten willen erträgt, wird dann direkt Liebe zur Tyrannei. Wenn die Vorstellung des Tyrannisiertwerdens lange mit der lustbetonten Vorstellung des geliebten Wesens eng verbunden war, so geht endlich die Lustbetonung auf die Tyrannei selbst über, und es ist Perversion eingetreten. Das ist der Weg, auf dem Masochismus gezüchtet werden kann. Es ist sehr interessant und beruht auf der im äußeren Effekte wesentlich übereinstimmenden Natur von Hörigkeit und Masochismus, daß zur Illustrierung der Hörigkeit ganz allgemein im Scherz und bildlich Ausdrücke gebraucht werden, wie »Sklaverei, Ketten tragen, gefesselt sein, die Geißel über jemand schwingen, an den Triumphwagen spannen, zu Füßen liegen« usw., lauter Dinge, die für den Masochisten in buchstäblicher Ausführung den Gegenstand seiner perversen Begierde bilden. Solche Bilder werden bekanntlich im täglichen Leben oft gebraucht und sind geradezu trivial geworden. Sie stammen aus der dichterischen Sprache. Die Dichtung hat zu allen Zeiten, innerhalb des Gesamtbildes heftiger Liebesleidenschaft, das Moment der Abhängigkeit vom Gegenstande, der sich versagen kann oder muß, erkannt, und die Tatsachen der »Hörigkeit« boten sich ihr stets zur Beobachtung dar. Indem der Dichter Ausdrücke wie die oben angeführten wählt, um die Abhängigkeit des Verliebten mittels sinnfälliger Bilder anschaulich zu machen, geht er genau denselben Weg wie der Masochist , der, um sich selbst seine Abhängigkeit (die ihm aber Selbstzweck ist) sinnfällig vorzustellen, solche Situationen verwirklicht. Schon die Dichtung des Altertums gebraucht für die Geliebte den Ausdruck »domina« und verwendet gerne das Bild des In-Fesseln-Schlagens (z. B. Horaz Od. IV. 11). Von da bis in unsere Zeiten (vgl. Grillparzer , Ottokar, IV. Akt: »Herrschen ist gar süß, so süß fast als gehorchen«) ist die galante Dichtung aller Jahrhunderte von dergleichen Phrasen und Bildern erfüllt. Interessant ist auch die Geschichte des Wortes »Mätresse«. Die Dichtung wirkt aber auf das Leben zurück. Auf diesem Wege mag der höfische Frauendienst des Mittelalters entstanden sein, der mit seiner Verehrung der Frauen als »Herrinnen« in der Gesellschaft und im einzelnen Liebesverhältnis, seiner Übertragung des Lehns- und Vasallenverhältnisses auf die Beziehung zwischen dem Ritter und seiner Dame, seiner Unterwerfung unter alle weiblichen Launen, seinen Liebesproben und Gelübden, seiner Verpflichtung zum Gehorsam gegen alle Gebote der Damen, als eine systematische Ausgestaltung verliebter »Hörigkeit« erscheint. Einzelne extreme Erscheinungen, wie z. B. die Leiden des Ulrich von Liechtenstein oder des Pierre Vidal im Dienste ihrer Damen, oder das Treiben der Bruderschaft der »Galois« in Frankreich, die ein Martyrium der Liebe suchten und sich allerlei Qualen unterzogen, tragen aber schon deutlich masochistischen Charakter und zeigen auch hier den naturgemäßen Übergang einer Erscheinung in die andere. Ein leichter Grad von Masochismus kann also wohl aus der Hörigkeit entstehen, erworben werden. Der echte, vollkommene, tiefwurzelnde Masochismus mit seiner glühenden Sehnsucht nach Unterwerfung von frühester Jugend an, wie die von dieser Perversion Ergriffenen ihn schildern, ist aber angeboren. Die Erklärung für die Entstehung der – immerhin seltenen – Perversion des ausgebildeten Masochismus dürfte sich am richtigsten in der Annahme finden lassen, daß dieselbe aus der viel häufiger auftretenden Abnormität der »geschlechtlichen« Hörigkeit hervorgeht, indem hier und da diese Abnormität durch Vererbung auf ein psychopathisches Individuum in der Weise übergeht, daß sie dabei zur Perversion wird . Daß eine leichte Verschiebung der hier in Betracht kommenden psychischen Elemente diesen Übergang bewerkstelligen kann, wurde oben erörtert. Was aber für mögliche Fälle des erworbenen Masochismus die Gewohnheit tun kann, das tut für die sicher festgestellten Fälle des angeborenen Masochismus die Vererbung. Es tritt dabei kein neues Element zur Hörigkeit hinzu, sondern es entfällt eines, das Liebe und Abhängigkeit verbindet und damit eben Hörigkeit von Masochismus, Abnormität von Perversion unterscheidet. Es ist ganz natürlich, daß sich nur das Triebartige vererbt. Aus diesen beiden Elementen – aus der »geschlechtlichen Hörigkeit« einerseits, aus jener oben erörterten Disposition zur geschlechtlichen Ekstase, welche selbst Mißhandlungen mit Lustbetonung aufnimmt, anderseits – aus diesen beiden Elementen, deren Wurzeln sich bis in das Gebiet physiologischer Tatsachen zurückverfolgen lassen, entsteht auf einem geeigneten psychopathischen Boden der Masochismus, indem die sexuelle Hyperästhesie allerlei zuerst physiologisches, dann nur abnormes Beiwerk der Vita sexualis zur krankhaften Höhe der Perversion steigert. Daß die eigenartige, psychisch anormale Richtung der Vita sexualis, als welche der Masochismus erscheint, eine angeborene Abnormität darstellt und nicht, sozusagen gezüchtet, bei einem Disponierten aus passiver Flagellation sich entwickelt, auf dem Wege der Ideenassoziation, wie Rousseau und Binet annehmen, ist wohl leicht zu erweisen. Es ergibt sich das aus den zahlreichen, ja die Majorität bildenden Fällen, in welchen die Flagellation beim Masochisten niemals aufgetaucht ist, in welchen der perverse Trieb sich ausschließlich auf rein symbolische, die Unterwerfung ausdrückende Handlungen ohne eigentliche Schmerzzufügung richtet. Es ergibt sich aber das gleiche Resultat, nämlich daß die passive Flagellation nicht der Kern sein kann, an den sich alles Übrige angesetzt hat, auch aus der näheren Beobachtung solcher Fälle, in denen diese eine Rolle spielt. In andern Fällen kann nicht an eine sexuell stimulierende Wirkung einer in der Jugend erlittenen Strafe gedacht werden. Überhaupt ist bei ihnen die Anknüpfung an eine frühere Erfahrung nicht möglich, da die hier den Gegenstand des sexuellen Hauptinteresses bildende Situation mit einem Kinde gar nicht ausführbar ist. Endlich ergibt sich überzeugend die Entstehung des Masochismus aus rein psychischen Elementen aus dem Vergleich desselben mit dem Sadismus. Daß passive Flagellation so häufig beim Masochismus vorkommt, erklärt sich einfach daraus, daß sie das stärkste Ausdrucksmittel für das Verhältnis der Unterwerfung ist. Ich wiederhole es als entscheidend für die Differenzierung von einfacher passiver Flagellation und Flagellation auf Grund masochistischen Verlangens, daß im ersteren Fall die Handlung Mittel zum Zweck des dadurch möglich werdenden Koitus oder wenigstens einer Ejakulation, im letzteren Fall Mittel zum Zweck der seelischen Befriedigung im Sinne masochistischer Gelüste ist. Versucht man, dem Masochismus seine Stellung im Gebiet der sexualen Perversionen anzuweisen, so muß man von der Tatsache ausgehen, daß er eine ins Pathologische übertriebene Erscheinung weiblicher psychischer Geschlechtscharaktere darstellt, insofern ein Merkmal derselben Duldung, Unterwerfung unter den Willen und die Macht ist. Wird doch bei Völkern auf niederer Kulturstufe die Unterwerfung des Weibes bis zu Brutalitäten gegen dasselbe ausgedehnt und dieser schlagende Beweis der Abhängigkeit von dem betreffenden Weibe wollüstig empfunden und als Liebesbeweis aufgefaßt! Es ist wahrscheinlich, daß auch beim Weibe auf hoher Kulturstufe die Rolle der »unterliegenden« Partei angenehm empfunden wird und einen Bestandteil des sich beim Geschlechtsakt entwickelnden Wollustgefühls bildet, wie überhaupt das aggressive Vorgehen des Mannes einen sexuellen Reiz für das Weib abgibt. Es kann kein Zweifel darüber sein, daß sich der Masochist in passiver, weiblicher Rolle der Domina gegenüber fühlt, und daß seine sexuelle Befriedigung davon abhängt, daß ihm die Illusion des Unterworfenseins unter den Willen der Domina gelingt. Die daraus hervorgehende Wollust ist an und für sich nicht verschieden von dem Gefühl, welches sich für das Weib aus seiner passiven Rolle beim Sexualakt ergibt. Der masochistisch Fühlende sucht und findet überdies eine Ergänzung für seine Zwecke darin, daß er der Partnerin männliche psychische Geschlechtscharaktere andichtet – auch hier in perverser, übertriebener Weise, insofern das sadistische Weib sein Ideal darstellt. Aus solchen Tatsachen läßt sich der Schluß ziehen, daß der Masochismus eigentlich eine rudimentäre Form der konträren Sexualempfindung ist, eine partielle Effeminatio, welche nur die sekundären Geschlechtscharaktere der psychischen Vita sexualis ergriffen hat. Diese Annahme findet eine Stütze darin, daß heterosexuelle Masochisten sich mehr als weiblich fühlende Naturen bezeichnen und tatsächlich auch der Beobachtung gegenüber weibliche Züge aufweisen. So wird es auch verständlich, daß masochistische Züge so überaus häufig bei homosexuell fühlenden Männern anzutreffen sind. Aber auch beim weiblichen Masochismus finden sich solche Beziehungen zur konträren Sexualempfindung. So fühlt, wenigstens im Traumleben, manche Frau sich als Sklave dem Phantasiegebilde des geliebten Mannes gegenüber und wundert sich selbst darüber, nie in der Rolle der Sklavin zu erscheinen. Die von ihr versuchte Erklärung dieser übrigens auch im wachen Leben anklingenden Tatsache ihres Bewußtseins ist folgende: sie denkt sich als Mann, der ja von Natur stolz und hochstehend ist, weil dadurch die Erniedrigung vor dem geliebten Manne um so größer erscheint, was kaum annehmbar erscheint.« Wenn wir nun auf diese Erklärung Krafft-Ebings eingehen, so möchten wir mit der ersten der beiden von ihm angegebenen Wurzeln beginnen, und zwar deshalb, weil wir ja stets bestrebt sind, die Übergänge zwischen Normalem und Perversem aufzuzeigen. In der Tat ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß beim normalen Geschlechtsakt Schmerzen, natürlich geringeren Grades, als lustvoll empfunden werden. Hierher gehört auch die im zweiten Kapitel dieses Buches erwähnte Tatsache, daß Schläge, besonders Rutenstreiche, ad podicem et ad nates, reflektorisch zu einer Erregung der Sexualsphäre führen und dadurch die Bereitschaft zum Akt auslösen oder steigern können. Weit wichtiger indessen ist die Beziehung zwischen Schmerz und Ekstase . Die Ekstase, zu deutsch das »Außersichgeraten«, ist ihrem Wesen nach eine Verschiebung des Bewußtseins nach oben, das Erreichen einer höheren Sphäre, also jener Region, in der z. B. die Mystiker ihre bedeutsamen Erlebnisse und Schauungen hatten. Bei allen Völkern, zu allen Zeiten und aus allen Motiven wurde seit jeher der Schmerz als das wirksamste Mittel, als die Via regia betrachtet, in den Zustand der Ekstase zu gelangen. So ist es denn auch durchaus verständlich, daß in Fällen, in denen bereits eine überstarke Liebesleidenschaft das betreffende Individuum über die normale Bewußtseinsebene hinausgehoben hat, der Wunsch rege wird, diese Steigerung noch weiter zu treiben bis zur wahren Ekstase. Und es ist klar, daß dann in diesem Zusammenhang der Weg der Schmerzen gewählt und beschritten wird. Weit wichtiger nun, und hierin stimmen wir durchaus mit Krafft-Ebing überein, ist die von ihm als zweite Wurzel des Masochismus bezeichnete geschlechtliche Hörigkeit ; es ist überaus bemerkenswert, daß schon damals diese eigenartige seelische Erscheinung so klar erkannt und so genau beschrieben werden konnte. Wesentlich für den Masochismus ist eben nicht der Schmerz, den man ersehnt oder in Wirklichkeit erleidet, sondern die Unterwerfung , die man wünscht oder durch Objektwahl und Arrangement tatsächlich erreicht. Wir möchten in diesem Zusammenhang zuerst einmal an unser Schema erinnern, das – ohne jede Beziehung zum Schmerz – deutlich ausdrückt, daß der Masochist tiefer steht als sein Sexualobjekt und sich somit diesem unterordnet, unterwirft. Die Richtung: oben – unten ist entscheidend! Die Problematik des gesamten Masochismus ist nun ganz wesentlich darauf zurückzuführen, daß dieser Unterwerfungswunsch, der dem weiblichen Geschlecht aus atavistischen und andern Gründen verhältnismäßig gemäß ist, beim Mann der üblichen Einstellung und Lebensführung widerspricht. Das ist unter allen Umständen auffällig , und dieses Moment der Auffälligkeit haben wir ja schon verschiedentlich bei andern Perversionen (Fetischismus usw.) hervorgehoben. Wir möchten darauf verzichten, den von Krafft-Ebing beschriebenen Zusammenhang zwischen Hörigkeit und Masochismus und seine Erklärung für den Übergang der Abnormität in Perversion kritisch zu besprechen, zumal die dort entwickelten Anschauungen auf manche Fälle von Masochismus nach wie vor wohl anwendbar sind. Weit wichtiger erscheint es uns, einige Ergänzungen anzubringen. Zu diesem Zwecke möchten wir in die Nomenklatur einen neuen Begriff einführen. Auch andere Autoren haben bereits die Schwierigkeiten empfunden, die sich ergeben, wenn man sich an die Namensgebung und Begriffsbestimmung Krafft-Ebings hält. So hat z. B. Schrenck-Notzing das Wort Algolagnie vorgeschlagen, vom griechischen Algos, der Schmerz, und Lagneia, die Wollust, und hat den Masochismus als passive Algolagnie bezeichnet (den Sadismus dann als aktive Algolagnie). Da wir nun mit Krafft-Ebing der Ansicht sind, daß beim Masochismus der Schmerz weit weniger wichtig ist als die Unterwerfung, so können wir uns dem Vorschlag Schrenck-Notzings nicht zur Gänze anschließen. Wir möchten vielmehr vorschlagen, den Ausdruck Algolagnie für jene Formen des Masochismus zu reservieren, in denen tatsächlich, wie z. B. bei der passiven Flagellomanie, der Schmerz im Vordergrund steht. Die weit zahlreicheren Fälle hingegen, in denen die Perversion im Wunsch nach Unterwerfung besteht und gipfelt, und zu denen der vor allem so außerordentlich verbreitete ideelle Masochismus gehört, mit seinen Unterarten wie Pagismus usw., möchten wir als Doulolagnie bezeichnen Von den griechischen Worten Doulos: Sklave, und Lagneia: Wollust. . Wir sind uns darüber klar, daß die Einführung eines solchen neuen Begriffes vor allem heuristischen Wert haben muß, um Geltung zu erlangen, sind aber überzeugt, seine praktische Verwendbarkeit aufzeigen zu können. Gleichgültig, ob man an Hand der Literatur (und zwar der medizinischen wie der historischen und der kulturhistorischen) das Gebiet des Masochismus durchforscht, oder ob man über ein größeres Material an Beobachtungen und Fällen verfügt, immer wieder zeigen sich grundlegende Unterschiede zwischen der Algolagnie und der Doulolagnie. Wir haben bereits früher gesagt, daß es eigentlich das Richtigste wäre, den Masochismus als eine Unterart des Fetischismus aufzufassen, und daß wir bloß aus praktischen Gründen bei der althergebrachten Einteilung geblieben sind. Nun, auch in dieser Beziehung, also im Hinblick auf die fetischistische Note der perversen Einstellung und Handlung, differieren Algolagnie und Doulolagnie sehr beträchtlich. Der ersteren kommt es auf den Schmerz an, und Fetischcharakter erhält demnach der den Schmerz bereitende Gegenstand – Hand und Fuß, Stiefel und Sporn, Peitsche und Rute usw. – oder der von der Schmerzzufügung betroffene Körperteil, in den weitaus meisten Fällen also die Nates. Kurz, die Beziehungen zum reinen Gegenstands- und Partialfetischismus sind unverkennbar. Bei der Doulolagnie hingegen können allenfalls auch Körperteile, besonders der Fuß, und Gegenstände, wie Fesseln und Riemen, aber auch Stiefel und Schuhe, eine sehr beachtliche Rolle spielen, niemals aber die Hauptrolle, die einzig und allein der Situation und dem Arrangement zukommt. Die Verhältnisse sind also hier ungleich komplizierter, und so wie wir beim Fetischismus erwähnt haben, daß dort, bei jener Triebabweichung, der Perverse manchmal geradezu die Fähigkeiten eines Dichters braucht, so muß hier Regiearbeit, oft feinster und mühevollster Art, geleistet werden. Noch ausgeprägter sind die Unterschiede zwischen den beiden Möglichkeiten des Masochismus, wenn man von den sexuellen Leitlinien unseres Schemas ausgeht. Bei der Algolagnie nämlich, bei der es darauf ankommt, Schmerzen zu erleiden und zu erleben, ist das Sexualobjekt, hier also die jene Schmerzen zufügende Person, von verhältnismäßig geringer Bedeutung. Die Sexualwünsche solcher Perverser sind so eindeutig, um nicht zu sagen so primitiv, daß die Objektwahl stark in den Hintergrund tritt, wie wir das auch bei andern Triebabweichungen bereits gesehen haben. Demzufolge bilden solche Pervertierte die Kundschaft der Massagesalons, der Bordelle und überhaupt jener Prostituierten, die sich »sadistisch« spezialisiert haben. Es gibt natürlich auch hier Fälle, in denen die seelische Einstellung im Sinn des Unterwerfungswunsches verändert ist, aber dieser tritt doch immer stark hinter der Begierde, Schmerzen zu erleiden, zurück. Gänzlich anders steht es um die Doulolagnie. Hier finden wir einen Aufwand an Phantasie und Kraft zur seelischen Umgestaltung der eigenen Person wie des Sexualobjekts, der das, was in dieser Beziehung beim Fetischismus vorkommt, erreicht und sogar übertrifft. Der bekannte Satz: »Das Weib vom Mann geschaffen« hat hier vollste Geltung. Der ganze Minnedienst des Mittelalters gehört in diese Gruppe, denn als normale Sexualbeziehung wird man die »Hohe Minne« auch dann nicht auffassen, wenn sie noch weit von dem unzweifelhaft pathologischen Verhalten etwa eines Ulrich von Liechtenstein entfernt ist. Im Elisabethanischen Zeitalter Englands waren, wie Shakespeare und andere Dramatiker jener Epoche bezeugen, perverse Akte durchaus üblich, die wie bibere urinam feminae amatae heute durchaus als Symptom eines sehr schweren Masochismus aufgefaßt werden müßten. Bei der Doulolagnie ist es anscheinend nicht möglich, die Abszisse (unseres Schemas) zu verlassen, und so muß das Sexualobjekt auf der Ordinate nach oben verschoben werden, um die Richtung: unten – oben, auf die es einzig und allein ankommt, herstellen zu können. Es ist ohne weiteres klar, daß diese Einstellung nur in einer sehr kleinen Zahl von Fällen verwirklicht werden kann, und daraus ergibt sich schon, daß der ideelle Masochismus zum allergrößten Teil in das Gebiet der Doulolagnie fällt. Sehr interessant sind ferner die Unterschiede, die zwischen der Algolagnie und der Doulolagnie in bezug auf die männliche Potenz sowie auf die Frage bestehen, ob es sich hier und dort um eine Perversion im engeren Sinn des Wortes handelt, ob also daneben der normale Geschlechtsverkehr vorkommt oder nicht; der enge Zusammenhang dieser Probleme ist klar. Von vornherein wäre man versucht anzunehmen, daß die Freude am erduldeten Schmerz einen höheren Grad des Abweichens vom Normalen bedeuten müsse als der bloße Wunsch nach Unterwerfung, schon deshalb, weil ja der aus eigenem Willen herbeigeführte Schmerz dem vielleicht wichtigsten Trieb des Menschengeschlechtes (und aller lebenden Wesen), nämlich dem Selbsterhaltungstrieb, widerspricht. In Wirklichkeit ist dem aber nicht so, und es scheint dafür auch maßgebend zu sein, daß Schmerzen gewisser Art und gewissen Grades primär und direkt, also ohne daß die Psyche beteiligt wäre, einen sexuellen Reiz bilden können, was ja bereits früher, im zweiten Kapitel, erwähnt wurde. Jedenfalls lehrt die Beobachtung, daß mit der Algolagnie ein normales Geschlechtsleben recht oft verbunden ist, sei es, daß die betreffenden Akte als Einleitung des coitus normalis vorgenommen werden, sei es, daß sie ihn ersetzen, ohne daß er deshalb jedoch völlig und dauernd abgelehnt würde. Bei der Doulolagnie tritt der normale Geschlechtsverkehr sehr, sehr stark in den Hintergrund. Er wird zwar nur selten, so wie wir das auch bei den schweren Formen des Fetischismus gesehen haben, vollkommen aufgegeben, dafür aber wird in der Regel das gesamte Arrangement so angelegt und aufgebaut, daß der eigentliche Geschlechtsakt eben dadurch ausgeschlossen wird. Um das zu verstehen, braucht man sich nur an die sexuelle Leitlinie: unten – oben zu erinnern, die hier ja den wahren und wesentlichen Inhalt der Vita sexualis bildet. Der Koitus bedeutet für solche Perverse nicht nur ein Verlassen, sondern geradezu ein Umkehren eben dieser Leitlinie! Gehen wir nun auf die Frage ein, wie und inwieweit Algolagnie und Doulolagnie mit der (männlichen) Potenz, bzw. deren Störungen zusammenhängen, so möchten wir zuerst feststellen, daß hier eine über die Norm hinausgehende Potenz niemals vorkommt, also das Gegenteil von dem, was wir beim Sadismus gesehen haben. Wesentlich ist nur die Unterscheidung zwischen post und propter. Wird der Masochist impotent, weil er Masochist ist? oder wird man auf Grund der Impotenz zum Masochisten? Klarerweise trifft der letztere Fall zu, wobei aber sogleich zu sagen ist, daß es sich hier weniger um wirkliche Impotenz handelt als um Potenz angst , deren Bedeutung für die Entstehung der Triebabweichungen ja bereits mehrfach erwähnt wurde. Auch hier besteht ein gewisser Unterschied zwischen der Algolagnie und der Doulolagnie. Bei der Algolagnie liegen häufig faktische Potenzstörungen vor, und die Flagellation hat hier sehr deutlich auch den Zweck, durch direkte Reizung der Genitalsphäre die Erektion herbeizuführen oder zu verbessern. Es ist dies sogar dort erkenntlich, wo die passive Flagellation mit dem Unterwerfungswunsch verbunden ist und also masochistischen Charakter hat. Der ganze Sachverhalt geht weniger aus den verschiedenen Krankengeschichten hervor als aus den Berichten jener Prostituierten, die sich »sadistisch« betätigen. Freilich wird man doch annehmen müssen, daß in solchen Fällen eine (manchmal auch unbewußt gebliebene) masochistische Grundeinstellung besteht, denn ohne diese Annahme dürfte es schwer sein zu erklären, warum gerade eine so abwegige und dem Normalen so unerfreuliche Methode zur Potenzsteigerung gewählt wird wie die passive Flagellation. Bei der Doulolagnie liegen die Dinge insofern anders, als es sich hier hauptsächlich um Potenzangst handelt. Sie ist es, die immer neue Anlässe liefert, um durch ein möglichst seltsames und möglichst kompliziertes Arrangement um den normalen Geschlechtsakt herumzukommen, bei dem man eine Niederlage, eine Blamage fürchtet. Die oft geradezu an Fetischismus erinnernde Bevorzugung des Cunnilinguus, die für solche Perverse durchaus kennzeichnend ist, beruht nicht nur auf der Situation, die man dabei einnimmt, sondern auch auf dem Gedanken, der Partnerin durch diesen perversen Akt den coitus normalis zu ersetzen. Dabei ist die Potenz sehr oft an und für sich durchaus normal, doch kann die Potenzangst so übermächtig sein, daß der Koitus durch sie unmöglich gemacht wird und höchstens dann gelingt, wenn sie, z. B. im Rausch, ausgeschaltet ist. Es ist begreiflich, daß nicht selten versucht wird, diese Potenzangst zu begründen; am häufigsten wird da die Masturbation, die dann in der Regel als »exzessiv« bezeichnet wird, ins Treffen geführt. Es ist nun sehr interessant, daß solche Menschen einer auf die Wiederherstellung der Potenz abzielenden Behandlung fast völlig unzugänglich sind. Das wird verständlich, wenn man bedenkt, daß sie die Potenzstörung als logischen Unterbau ihrer Triebabweichung dringend brauchen; ein Behandlungserfolg würde sie um ihre Motivation bringen und sie somit zwingen, sich zu ihrer perversen Einstellung, die ihnen als unmännlich, unwürdig erscheint, zu bekennen. Wir stehen nun vor der Frage, welche Rolle dem Wunsch nach Unterwerfung, der sexuellen Leitlinie: unten – oben, in der seelischen Dynamik zukommt – ein Problem also, das uns, im polaren Gegensatz, beim Sadismus bereits beschäftigt hat. Wir möchten da wieder von dem psychologischen Grundsatz ausgehen, daß gewisse seelische Spannungen als Unlust empfunden werden und das Bestreben auslösen, sie auf dem Weg der Kompensation zu beseitigen. Gerade die Doulolagnie (weniger die Algolagnie) läßt sich als Spannungsausgleich auffassen. Es ist nämlich den meisten Beobachtern aufgefallen, daß diese Triebabweichung vor allem bei Männern in sozial gehobenen Stellungen vorkommt, und bei näherer Betrachtung zeigt sich sogar, daß es sich da in erster Linie um Personen handelt, die sich im praktischen Leben leitend und führend betätigen. (Ebensowenig natürlich wie das Genie in irgendeiner Weise als Beispiel gelten kann, dürfen auch wahre Führer und Helden hier zum Beweis herangezogen werden.) Es läßt sich nun wohl annehmen, daß das ständige Anordnen, ja Befehlen einen starken Wunsch herbeiführen kann, von der Führung, der Leitung und vor allem von der Verantwortung abzurücken. Innerhalb der sozialen Sphäre könnte eine solche Abdankung nur dauernd sein und hätte gleichzeitig schwere materielle Folgen. So muß also ein Ausweg gesucht werden, und am naheliegendsten ist da der Rückzug, die Flucht ins Sexuelle. So wie im Bereich des normalen Trieblebens manchesmal hochgestellte Persönlichkeiten ihr Werk und ihre Umwelt plötzlich verlassen, um sich gewissermaßen sexuell auszuleben, so, nur weniger plötzlich und weniger katastrophal, verspüren (prädisponierte) Männer die Möglichkeit, durch Unterwerfung unter das Weib jene Spannungen auszugleichen, die durch die Rolle des Befehlshabers über Männer in ihnen entstanden sind. Es hängt da von der allgemeinen Einstellung zum andern Geschlecht ab, ob eine solche Flucht aus der Realität in die Phantasie als Algolagnie oder als Doulolagnie verwirklicht wird. Einfacher organisierte Menschen, in deren Leben die Frau überhaupt nur eine geringe Rolle spielt und gespielt hat, gelangen zur Algolagnie, wobei sie sich in der Regel der Prostitution bedienen. Bei höher entwickelten Männern kommt es weit eher, unter starker Zuhilfenahme der Phantasie, zur Doulolagnie. Beim sozial tiefstehenden Mann ist nur sehr selten von Masochismus, bzw. von Doulolagnie die Rede, und es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, daß der Zuhälter oder der Gigolo, die in sozialer Beziehung ziemlich den Tiefpunkt bilden, niemals Masochisten sind, sondern – und das sogar oft – Sadisten. Selbstverständlich kann eine psychologische Erörterung dieser Art keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, und es wird immer wieder Fälle von sozusagen primärer Algolagnie und Doulolagnie geben, bei denen jene nach Ausgleich verlangenden Spannungen nicht vorliegen. Wir möchten aber unsere psychodynamische Auffassung von der Entstehung der Doulolagnie noch durch einen kurzen historischen Überblick stützen, ungefähr so, wie wir das auch bei der Besprechung des Sadismus getan haben. Es zeigt sich nämlich, daß in Zeiten, in denen ein bestimmtes Volk, ein Land, eine Kultur durch einen besonderen Tatendrang ausgezeichnet war, stets auch deutliche Anzeichen einer weitverbreiteten Doulolagnie zu finden sind. Man darf das natürlich nicht grobsinnlich auffassen, sondern muß als Hauptkennzeichen eine das physiologische Maß überschreitende Frauenverehrung annehmen. (Bei Naturvölkern muß überhaupt jede Frauenverehrung auffallen, weil bei den Primitiven das Weib von vornherein eine untergeordnete Rolle spielt.) Um ganz früh zu beginnen, erwähnen wir die Verbindung von Heldentum und Frauenverehrung, die Tacitus von den Germanen berichtet. Die gleiche Erscheinung finden wir in Rom, in der Epoche, in der es – als Republik – sich zur Weltmacht entwickelte. Sehr deutlich zeigt sich die Doulolagnie in der Hochblüte des abendländischen Rittertums. Der Minnedienst wurde bereits erwähnt; in höchster Sublimierung dürfte hierher auch der Madonnenkult jener Zeit gehören. Der Held, der keinerlei irdische Macht über sich anerkannte, und dessen Leben und Denken von Kampf und Streit ausgefüllt war, brauchte ein über der Menschheit stehendes Objekt, um sich in Demut unterwerfen zu können, und schuf sich aus dieser Einstellung heraus die reine Himmelskönigin, in deren Dienst zu treten ihm sein Heldentum nicht verwehrte. Das Elisabethanische England ist gleichfalls als Beispiel in dieser Beziehung geeignet, und als in den deutschen Freiheitskriegen die Blüte der Jugend sich gegen Napoleon erhob, wurde sogleich eine Frauenverehrung lebendig, die den früheren Generationen völlig fern gelegen war. Am allerdeutlichsten vielleicht ist die Doulolagnie in USA, wo gerade die härtesten, tüchtigsten und erfolgreichsten Geschäftsmänner in wirklich sklavenhafter Demut Frauenanbetung und -kult betreiben. Ehe wir nun auf die Kasuistik des gesamten Masochismus eingehen, möchten wir noch zu einem Problem Stellung nehmen, das in der einschlägigen Literatur nicht einheitlich geklärt erscheint. Es ist das die Frage, ob ein Sado-Masochismus existiert, also ob es Menschen gibt, die zwischen Sadismus und Masochismus hin und her schwanken, einmal Sadisten, dann wieder Masochisten sind usw. Wir glauben, diese Möglichkeit entschieden verneinen zu sollen. Masochismus und Sadismus sind angeborene Perversionen, durch ihre Entstehung und durch ihre Dynamik ihrem innersten Wesen nach nicht nur voneinander unterschieden, sondern überhaupt miteinander unvereinbar. Sie sind grundsätzlich polar entgegengesetzt, allenfalls mit der Einschränkung, daß beim Sadismus die (zugefügten) Qualen eine größere Rolle spielen als beim Masochismus der (erduldete) Schmerz. Das Zustandsbild also, das fälschlich – als Sado-Masochismus bezeichnet wird, kann die Folge sexuellen Spieltriebs sein, dann ist die betreffende Person ihrem Wesen nach weder sadistisch noch masochistisch, sondern sie betätigt sich in, wie gesagt, spielerischer Weise hier und dort, hauptsächlich deshalb, weil es ihr darauf ankommt, sich von der normalen sexuellen Leitlinie zu entfernen. Oder aber es handelt sich um Vorgänge in der Art der beim Fetischismus besprochenen Identifikation, indem bei der Objektwahl aus äußeren oder – seltener – inneren Gründen für die zur Verwirklichung der Perversion, des Sadismus oder des Masochismus, notwendige Tathandlung die eigene Person herangezogen wird. Wenn wir nunmehr den gesamten Masochismus in seinen einzelnen Formen und Arten so besprechen, wie wir das früher beim Sadismus getan haben, so haben wir hier sogleich festzustellen, daß ein Äquivalent zum Lustmord fehlt. Ist auch am Masochismus und besonders an der Algolagnie ein gewisser Selbstvernichtungstrieb mitbeteiligt, so geht dieser doch nie so weit, um zu irreparablen Schädigungen des Leibes und der Gesundheit und insbesondere zum Tode zu führen. Es gibt zwar Fälle, bei denen, in Bordellen – die Flagellation mit dem Tode des Perversen geendet hat, doch ließ sich dabei jedesmal nachweisen, daß da ein unglücklicher Zufall mitgespielt hat, der keineswegs im Arrangement vorgesehen war. Der ideelle Masochismus allerdings kennt in seinen Phantasien und der ihnen als Unterlage dienenden Literatur auch die verschiedensten Todesarten und Todesqualen. Ganz ähnlich liegen die Dinge bei den verschiedensten Schmerzen und Qualen, denen sich die Masochisten unterziehen. Der Selbsterhaltungstrieb scheint es eben sehr weitgehend zu verhindern, daß die betreffenden Vorstellungen in die Wirklichkeit umgesetzt werden. »Sadistische« Prostituierte verfügen nicht selten über ein ganzes Arsenal an verschiedensten Peitschen und Folterinstrumenten, an Nagelbetten, wie sie die indischen Fakire benützen, Stachelhalsbändern usw., ohne daß jedoch diese Behelfe auch nur annähernd im Ernst gebraucht würden. In einem (selbst beobachteten) Falle teilte der Patient mit, daß er von seiner »Herrin« manchmal selbst 2000 Peitschenschläge aufgezählt erhalte. Aufgefordert, sofort nach einer solchen Flagellation sich zur Untersuchung einzufinden, bot er außer einer ganz leichten Rötung der Haut in der Gesäßgegend keinerlei Befund, so daß also ohne jeden Zweifel von wirklichen Schlägen nicht die Rede sein konnte. Aber auch noch in anderer Beziehung ist der Selbsterhaltungstrieb stärker als die Perversion. Merkwürdigerweise wurde die doch sehr auffallende Tatsache bisher in der Literatur nicht gewürdigt, daß perverse Männer sich Prostituierten zwar zu den niedrigsten Dienstleistungen, auch häuslicher Art, anbieten und gebrauchen lassen, daß sie, worüber noch zu sprechen sein wird, auch ekelhafte Handlungen aller Art vornehmen, wie urinam bibere, faeces edere usw., daß sie aber in materieller Hinsicht die selbstgesteckten Grenzen niemals überschreiten. Versucht die Puella, einen solchen anscheinend grenzenlos unterworfenen Mann zu einer Erhöhung der vereinbarten Zahlung durch Äußerung eines solchen Wunsches oder durch einen direkten Befehl zu bewegen, so mißlingt dies durchaus. Der »Zauber« ist dann gebrochen, und nicht selten treten zugefügte Brutalitäten an die Stelle der erduldeten. Als Beispiele für deutliche Algolagnie lassen sich folgende Fälle verwenden: Beobachtung 147. X. ließ durch eine Vertrauensperson eine Wohnung für die Dauer seiner Anfälle mieten und das Personal (3 Prostituierte) genau instruieren, was mit ihm zu geschehen habe. Er erschien zeitweise, wurde entkleidet, masturbiert, flagelliert, wie es befohlen war. Er leistete anscheinend Widerstand, bat um Gnade, dann gab man ihm befohlenermaßen zu essen, ließ ihn schlafen, behielt ihn aber trotz Protest da, schlug ihn, wenn er sich nicht fügte. So ging es einige Tage. Mit Lösung des Anfalls wurde er entlassen und kehrte zu Frau und Kindern zurück, die von seiner Krankheit keine Ahnung hatten. Der Anfall wiederholte sich 1-2mal jährlich ( Tarnowsky ). Beobachtung 148. Ein den höheren Ständen angehöriger, 28 Jahre alter Herr erscheint alle 3-4 Wochen im Lupanar, wo er sich vorher mit einem Brief folgenden Inhalts ankündigt: »Liebes Gretchen! Ich komme morgen abend zwischen 8 und 9 Uhr. Knute und Peitsche! Herzlich grüßend ...« X. erscheint zur bestimmten Zeit mit Lederriemen, Reitpeitsche und Knute. Er zieht sich aus, läßt sich mit den mitgebrachten Riemen an Händen und Füßen fesseln und dann von der Puella mit den betreffenden Instrumenten so lange auf Fußsohlen, Waden, Podex Streiche versetzen, bis die Ejakulation erfolgt. Irgendeinen andern Wunsch äußert er nie. Daß diesem Mann die Flagellation nur Mittel zum Zweck der Befriedigung masochistischer Gelüste ist und nicht ein Kunstgriff zur Herstellung seiner Potenz, geht u. a. daraus hervor, daß er sich fesseln läßt und den Koitus verschmäht. In seinem masochistischen Ideenkreis genügt die von ihm bestellte Unterwerfungssituation, um, als Äquivalent eines normalen Geschlechtsaktes, mit Hilfe der Phantasie den Orgasmus zu erzielen, wobei die Flagellation als stärkstes Ausdrucksmittel für die Situation des Unterworfenseins unter den Willen einer andern Person offenbar die Hauptrolle spielt. Immerhin läßt sich vermuten, daß die Flagellation durch reflektorische Reizung des spinalen Ejakulationszentrums zum Enderfolg des den Koitus vertretenden Aktes etwas beiträgt ( Krafft-Ebing ). Man wird durch solche Berichte an den bereits erwähnten »materiellen Selbsterhaltungstrieb« der Masochisten erinnert und kann nur über die Phantasie dieser Perversen staunen, die es ihnen möglich macht, einerseits das gewünschte Arrangement bis in alle Einzelheiten selbst anzuordnen, also zu befehlen, und anderseits die solcherart befohlenen Demütigungen und Qualen zu erdulden. Und so wie dort eine von der Puella eigenmächtig erhobene Geldforderung der masochistischen Situation augenblicklich ein Ende macht, so bewirkt hier jedes Abweichen von der »Bestellung« sofort die Rückkehr zum Normalen. Der Unterwerfungswunsch tritt häufig auch in der Weise zutage, daß sich der Perverse, in einer eigenartigen Verflechtung von Vorstellungen und praktischem Arrangement, in die Rolle eines Tieres, und zwar hauptsächlich eines Pferdes, versetzt, was in der Literatur mit dem Fachausdruck: equus eroticus bezeichnet wird. Es ist das geradezu ein Lieblingsgedanke vieler Masochisten. Schon in der indischen Literatur, z. B. im Pantschatandra, in buddhistischen Erzählungen, in der Antike – Phyllis reitet auf Aristoteles – findet man immer wieder diese Wunschvorstellung. Der junge Goethe hat in »Lilys Park« die angenehme Empfindung geschildert, wie er sich, als Bär, von Lily schlagen und treten läßt, wobei er sich »vor Wonne neugeboren« fühlt. Im neueren Schrifttum hat sich Zola mit diesem Problem beschäftigt. Auch in die Rolle des Hundes denken sich manche Masochisten gerne hinein, lassen sich auf allen vieren am Halsband im Zimmer herumführen usw. Sehr bezeichnend ist folgender Fall: Beobachtung 149. X., Beamter, groß, muskulös, gesund, stammt angeblich von gesunden Eltern, jedoch war der Vater bei der Zeugung 30 Jahre älter als die Mutter. Eine Schwester, 2 Jahre älter als X., leidet an Verfolgungswahn. X. bietet in seinem Äußeren nichts Auffälliges. Skelett durchaus männlich, starker Bart, jedoch Rumpf gänzlich unbehaart. Er bezeichnet sich als ausgeprägten Gemütsmenschen, der niemand etwas abschlagen kann, gleichwohl jähzornig, aufbrausend, dabei augenblicklich bereuend. X. hat angeblich nie onaniert. Von Jugend auf nächtliche Pollutionen, bei denen nie der sexuelle Akt, immer aber das Weib eine Rolle spielte. Es träumte ihm z. B., eine ihm sympathische Frau lehne sich kräftig an ihn an, oder er lag schlummernd im Grase, und sie stieg scherzweise auf seinen Rücken. Vor Koitus mit einem Weibe hatte X. von jeher Abscheu. Dieser Akt kam ihm tierisch vor. Trotzdem drängte es ihn zum Weibe. Nur in Gesellschaft von hübschen Frauen und Mädchen fühlte er sich wohl und an seinem Platze. Er war sehr galant, ohne je zudringlich zu sein. Eine üppige Frau mit schönen Formen, namentlich hübschem Fuß, konnte ihn, wenn sie saß, in höchste Erregung versetzen. Es drängte ihn, sich ihr als Stuhl anzubieten, um »so viel Herrlichkeit tragen zu dürfen«. Ein Tritt, eine Ohrfeige von ihr wäre ihm Seligkeit gewesen. Vor dem Gedanken, mit ihr zu koitieren, hatte er Angst. Er fühlte das Bedürfnis, dem Weibe zu dienen. Es kam ihm vor, daß Damen gerne reiten. Er schwelgte in dem Gedanken, wie herrlich es sein müßte, sich unter der Last eines schönen Weibes abzuquälen, um ihm Vergnügen zu bereiten. Er malte sich die Situation nach jeder Richtung aus, dachte sich den schönen Fuß mit Sporen, die herrlichen Waden, die weichen vollen Schenkel. Jede schön gewachsene Dame, jeder hübsche Damenfuß regte seine Phantasie immer mächtig an, aber niemals verriet er seine absonderlichen, ihm selbst abnorm erscheinenden Empfindungen und wußte sich zu beherrschen. Er fühlte aber auch kein Bedürfnis, dagegen anzukämpfen – im Gegenteil, es hätte ihm leid getan, seine ihm so liebgewordenen Gefühle preisgeben zu müssen. 32 Jahre alt, machte X. zufällig die Bekanntschaft einer ihm sympathischen, vom Manne geschiedenen und in Notlage befindlichen 27 Jahre alten Frau. Er nahm sich um sie an, arbeitete für sie, ohne irgendwelche eigennützige Absicht, monatelang. Eines Abends verlangte sie ungestüm von ihm geschlechtliche Befriedigung, tat ihm beinahe Gewalt an. Der Koitus hatte Folgen. X. nahm die Frau zu sich, lebte mit ihr, koitierte mäßig, empfand den Koitus mehr als eine Last denn als einen Genuß, wurde erektionsschwach, konnte die Frau nicht mehr recht befriedigen, bis sie endlich erklärte, sie wolle keinen Verkehr mehr mit ihm, da er sie nur reize, aber nicht befriedige. Obwohl er die Frau unendlich liebte, konnte er doch seinen eigenartigen Phantasien nicht entsagen. Er lebte nun mit der Frau nur mehr in freundschaftlichem Verkehr und beklagte es tief, daß er ihr in seiner Weise nicht dienen konnte. Furcht, wie sie bezügliche Vorschläge aufnehmen möchte, und Schamgefühl hielten ihn davon ab, sich ihr zu entdecken. Er fand Ersatz dafür in seinen Träumen. So träumte ihm z. B., er sei ein edles feuriges Pferd und werde von einer schönen Dame geritten. Er fühlte ihr Gewicht, den Zügel, dem er gehorchen mußte, den Schenkeldruck in der Flanke, er hörte ihre wohlklingende fröhliche Stimme. Die Anstrengung trieb ihm den Schweiß aus, das Empfinden des Sporns tat das übrige und bewirkte jeweils das Eintreten einer Pollution unter großem Wollustgefühl. Unter dem Einfluß solcher Träume überwand X. vor 7 Jahren seine Scheu, um derlei auch in der Wirklichkeit erleben zu können. Es gelang ihm, »passende« Gelegenheiten aufzutreiben. Er berichtet darüber folgendes: »Ich wußte es immer so anzustellen, daß bei irgendeiner Gelegenheit sie sich von selbst auf meinen Rücken setzte. Nun trachtete ich, ihr diese Situation so angenehm als möglich zu machen, und erreichte es leicht, daß sie bei nächster Gelegenheit aus eigenem Antrieb sagte: ›Komm, laß mich ein bißchen reiten!‹ Groß gewachsen und beide Hände auf einen Stuhl gestützt, brachte ich meinen Rücken in horizontale Lage, auf den sie sich dann rittlings, nach Männerart reitend, setzte. Ich machte dann so viel als möglich alle Bewegungen eines Pferdes und liebte es, wenn auch sie mich nur als Pferd behandelte, ganz ohne Rücksicht. Sie konnte mich schlagen, stechen, schelten, liebkosen, ganz nach Laune. Personen von 60 bis 80 Kilo konnte ich so ½ bis ¾ Stunden ununterbrochen auf dem Rücken haben. Nach dieser Zeit bat ich gewöhnlich um eine Ruhepause, während welcher der Verkehr zwischen mir und der Herrin ein ganz harmloser und von dem vorhergegangenen nicht die Rede war. Nach einer Viertelstunde war ich jeweils wieder vollkommen erholt und stellte mich der Herrin bereitwillig wieder zur Verfügung. Ich machte dies, wenn es Zeit und Umstände erlaubten, 3- bis 4mal hintereinander. Es kam vor, daß ich vor- und nachmittags mich hingab. Ich fühlte nachträglich keine Ermüdung oder sonst ein unbehagliches Gefühl, nur hatte ich an solchen Tagen sehr wenig Eßlust. Wenn es anging, war es mir am liebsten, wenn ich den Oberkörper entblößen konnte, um die Reitgerte empfindlicher zu fühlen. Die Herrin mußte dezent sein. Am liebsten war sie mir mit schönen Schuhen, Strümpfen, kurzer, bis zu den Knien reichender geschlossener Hose, Oberkörper vollkommen bekleidet, mit Hut und Handschuhen.« Herr X. berichtet weiter, daß er seit 7 Jahren Koitus nicht mehr vollzogen hat, sich jedoch für potent hält. Das Damenreiten entschädige ihn vollkommen für jenen »tierischen Akt«, auch dann, wenn es nicht gerade zur Ejakulation kam. Seit 8 Monaten hat sich X. gelobt, von seinem masochistischen Sport abzulassen, und dieses Gelübde auch gehalten. Gleichwohl meint er, wenn ein auch nur halbwegs hübsches Mädchen ihn ohne Umschweife anreden würde: »komm, ich will dich reiten«, daß er nicht die Kraft hätte, dieser Versuchung zu widerstehen. X. bittet um Aufklärung, ob seine Abnormität heilbar sei, ob er verabscheuungswürdig sei als lasterhafter Mensch, oder ein Kranker, der Mitleid verdiene« ( Krafft-Ebing ). In engem Zusammenhang mit der Wunschvorstellung, als Pferd betrachtet, also zum Tragen benützt zu werden, steht auch der beim Masochisten sehr häufige Wunsch, getreten zu werden, und zwar in einer Weise, daß die Last der tretenden Person empfunden wird. Ein sehr bezeichnendes Beispiel dieser Art wurde bereits nach Havelock Ellis beim Fetischismus mitgeteilt. Ein anderes ist: Beobachtung 150. X., Muster eines Ehemannes, streng sittlich, Vater mehrerer Kinder, hat Zeiten, in welchen er ins Bordell geht, sich 2 bis 3 der größten Mädchen auswählt und mit ihnen sich einschließt. Corporis superiorem partem nudavit humi iacens manus supra ventrem ponens oculus claudit et puellas trans pectus suum nudatum et Collum et os vadere iubet et poscit, ut transgredientes summa vi calcibus carnem premerent. Gelegentlich verlangt er eine noch schwerere Dirne oder einige andere Kunstgriffe, die jene Prozedur noch grausamer gestalten. Nach 2 bis 3 Stunden hat er genug, entlohnt die Mädchen mit Wein und Geld, reibt sich seine blauen Flecke, kleidet sich an, zahlt seine Rechnung und geht in sein Geschäft, um nach einer Woche etwa dieses sonderbare Vergnügen sich neuerdings zu verschaffen. Gelegentlich kommt es vor, daß er eines dieser Mädchen sich auf seine Brust stellen läßt, während die andern sie im Kreise herumdrehen müssen, bis seine Haut unter dem Drehen der Schuhabsätze blutrünstig geworden ist. Häufig muß eines der Mädchen so auf ihn sich stellen, daß ein Schuh quer über den Augen steht und der Absatz auf den einen Augapfel drückt, während der andere Schuh quer über seinem Halse ruht. In dieser Stellung hält er den Druck der etwa 75 kg schweren Person etwa 4 bis 5 Minuten lang aus ( Hammond-Cox ). Wir sind damit bei den sehr zahlreichen Fällen angelangt, in denen Fuß und Schuh das eigentliche und wesentliche Symbol und Werkzeug der Demütigung sind. Es ist begreiflicherweise oft sehr schwer, ja unmöglich, zu entscheiden, ob hier Masochismus, genauer: Doulolagnie vorliegt oder Fetischismus, wie denn auch bei der Besprechung der letzteren Triebabweichung analoge Beobachtungen bereits mitgeteilt wurden. Der in den nachstehenden Fällen niemals fehlende Unterwerfungswunsch war für ihre Einreihung an dieser Stelle maßgebend. Beobachtung 151. X., Amerikaner, aus guter Familie, physisch und moralisch in Ordnung, war von der Zeit der erwachenden Pubertät an sexuell nur erregbar durch den Schuh des Weibes. Dessen Körper oder auch der nackte oder mit dem Strumpf bekleidete Fuß machte ihm keinen Eindruck, aber der mit dem Schuh bekleidete Fuß oder auch der Schuh allein machte ihm Erektion, selbst Ejakulation. Es genügte ihm der bloße Anblick, falls ihm elegante Stiefel zur Verfügung standen, d.h. solche aus schwarzem Leder, auf der Seite zum Knöpfen und mit möglichst hohen Absätzen. Sein genitaler Trieb wird mächtig erregt, indem er solche Stiefel berührt, küßt, anzieht. Sein Genuß wird erhöht, indem er die Sohlen durchdringende Nägel einschlägt, so daß die Spitzen der Nägel beim Gehen in sein Fleisch eindringen. Er empfindet davon furchtbare Schmerzen, aber zugleich wahre Wollust. Sein höchster Genuß ist es, vor schönen, elegant bekleideten Damenfüßen niederzuknien, sich von ihnen treten zu lassen. Ist die Trägerin der Schuhe eine häßliche Frau, so wirken sie nicht, und seine Phantasie erkaltet. Hat Patient bloß Schuhe zur Verfügung, so schafft seine Phantasie eine schöne Frau hinzu, und die Ejakulation erfolgt. Seine nächtlichen Träume drehen sich um die Stiefeletten schöner Frauen. Anblick von Damenschuhen in Schaufenstern kommt demselben unmoralisch vor, während das Sprechen über die Natur des Weibes ihm harmlos und geschmacklos erscheint. Verschiedene Male versuchte X. Koitus, aber erfolglos. Es kam nie zu einer Ejakulation ( Mantegazza ). Der Masochismus – Schmerzen erleiden, knien, getreten werden – steht im Vordergrund, der Fetischismus tritt dahinter zurück. Beobachtung 152. X., 28 Jahre, Beamter, stammt von neuropathischer Mutter. X. war von Kindheit auf nervös, leicht zu beeinflussen, gelangte ohne Verführung früh zur Masturbation, wurde von der Pubertät ab neurasthenisch, unterließ eine Zeitlang Onanie, bekam massenhaft Pollutionen, erholte sich etwas in einer Kaltwasserheilanstalt, fühlte lebhafte Libido dem Weibe gegenüber, gelangte aber, teils aus Mißtrauen in seine Potenz , teils aus Furcht vor Ansteckung, bisher nicht zum Koitus, wovon er sehr peinlich berührt ist, zumal da er wieder in sein geheimes Laster verfällt. X. zeigte sich bei eingehender Besprechung seiner Vita sexualis als Fetischist und zugleich Masochist und bietet interessante Beziehungen zwischen diesen beiden Anomalien der Vita sexualis. Er versichert, daß er seit seinem 9. Lebensjahre eine Schwäche für den Frauenschuh habe. Er führt diesen Fetischismus darauf zurück, daß er damals einer Dame ansichtig wurde, als sie zu Pferd stieg und ein Diener ihr den Steigbügel hielt. Dieser Anblick habe ihn mächtig erregt, sich beständig in seiner Phantasie reproduziert und sei immer mehr mit wollüstigen Gefühlen betont worden. Seine Pollutionsgefühle drehten sich später um mit Schuhen bekleidete Weiber. Er schwärmt für Schnürstiefel mit hohen Absätzen. Dazu gesellte sich früh die wollüstig betonte Vorstellung, sich von einem Weibe mit dem Absatz treten zu lassen und in kniender Stellung des Weibes Schuh zu küssen. Am Weibe interessiert ihn nur der Schuh. Geruchsvorstellungen sind dabei nicht im Spiel. Der Schuh als solcher genügt ihm nicht, er muß angelegt sein. Wird X. einer Dame mit solchen Schuhen ansichtig, so wird er so erregt, daß er masturbieren muß. Er glaubt nur einem Weibe gegenüber potent zu sein, das dergestalt beschuht ist. Als Ersatz hat er sich einen solchen Schuh gezeichnet und schwelgt im Anblick dieser Zeichnung, während er masturbiert ( Krafft-Ebing ). Der stark hervortretende Wunsch, durch Knien der Doulolagnie zu genügen, ist hier entscheidend. Beobachtung 153. X., junger kräftiger Mann, 26 Jahre alt. Am schönen Geschlecht reizt ihn sinnlich absolut nichts als elegante Stiefel am Fuß einer feschen Dame, besonders wenn sie von schwarzem Leder und mit hohen Absätzen versehen sind. Es genügt ihm der Stiefel ohne Besitzerin. Es gewährt ihm höchste Wollust, ihn zu sehen, zu betasten, zu küssen. Der nackte oder bloß bestrumpfte Damenfuß läßt ihn ganz kalt. Seit der Kindheit habe er eine Vorliebe für elegante Damenstiefel. X. ist potent; beim sexuellen Akt muß die Person elegant gekleidet sein und vor allem schöne Stiefel anhaben. Auf der Höhe wollüstiger Erregung gesellen sich grausame Gedanken zur Bewunderung der Stiefel. Er muß mit Wonne der Todesqualen des Tieres gedenken, von dem das Leder zu den Stiefeln stammt. Zeitweise zwingt es ihn, Hühner und andere lebende Tiere zur Puella mitzunehmen, damit diese zu seiner größten Wollust mit ihren eleganten Stiefeln auf den Tieren herumtrete. Er nennt dies »zu den Füßen der Venus opfern«. Andere Male muß das Weib auf ihm mit den gestiefelten Füßen herumtreten, je ärger um so lieber. Bis vor einem Jahre begnügte er sich, da er am Weibe nicht den geringsten Reiz fand, mit Liebkosen von Damenstiefeln seines Geschmacks, wobei es zur Ejakulation und vollen Befriedigung kam ( Lombroso ). Anscheinend ein Beispiel für »Sado-Masochismus«. In Wirklichkeit wohl eine Verbindung von Fetischismus und Masochismus, mit starker Neigung und Fähigkeit zur Identifikation (das Opfer »zu den Füßen der Venus« ist er selbst). Beobachtung 154. X., Kaufmann, bekam von Zeit zu Zeit, besonders bei schlechter Witterung, folgendes Gelüste: Er redete eine beliebige Prostituierte an und ersuchte sie, mit ihm zu einem Schuster zu gehen, wo er ihr das schönste Paar Lackschuhe kaufte, unter der Bedingung, daß sie dieselben sofort anziehe. Nachdem dies geschehen, mußte die Betreffende auf der Straße möglichst in Kot und Pfützen treten, um die Schuhe recht zu beschmutzen. War dies geschehen, so führte X. die Person in ein Hotel und, kaum mit ihr in einem Zimmer, stürzte er auf ihre Füße los und empfand ein außerordentliches Vergnügen dabei, an diesen seine Lippen zu wetzen. Nachdem die Schuhe auf diese Weise gereinigt waren, gab er ein Geldgeschenk und ging seiner Wege ( Pascal ). Hier zeigt sich die fetischistische Komponente vor allem in dem komplizierten Arrangement. Die recht deutliche Überwindung der normalen Ekelgefühle spielt bei der sehr auffälligen Triebabweichung eine besonders große Rolle, etwa wie wir sie beim Fetischismus als Koprolagnie kennengelernt haben. Schon dort wurde darauf hingewiesen, daß solche Perverse starke masochistische Züge aufweisen; und es ist manches Mal schwer, wenn nicht unmöglich, festzustellen, ob in einem bestimmten Fall Fetischismus oder Masochismus (Doulolagnie) vorliegt. Gewöhnlich aber legen bei der Koprolagnie die Seltsamkeit der – sei es auch nur zum Zweck der Selbsterniedrigung – verwendeten Objekte und die eigenartig komplizierte Situation die Einreihung unter den Fetischismus nahe. Bei den nachstehenden Beobachtungen ist wiederum vor allem das Arrangement bemerkenswert: Beobachtung 155. Ein Herr in Paris begab sich an bestimmten Abenden in eine Wohnung, deren Besitzerin zur Befriedigung seiner seltsamen Neigung willfährig war. Er erschien in Gala im Salon der Dame, welche in Balltoilette sein und ihn mit strenger Miene empfangen mußte. Er redete sie als Marquise an, sie mußte ihn mit den Worten »lieber Graf« begrüßen. Darauf sprach er von dem Glück, sie allein zu treffen, von seiner Liebe zu ihr und einer Schäferstunde. Nun mußte die Dame die Beleidigte spielen. Der Pseudograf ereiferte sich immer mehr und verlangte, der Pseudomarquise einen Kuß auf die Schulter drücken zu dürfen. – Große Entrüstungsszene, die Klingel wird gezogen, ein eigens dazu gemieteter Diener erscheint und wirft den »Grafen« hinaus, welcher sehr befriedigt abzieht und die Personen der Komödie reichlich belohnt ( Pascal ). Beobachtung 156. X., 38 Jahre alt, Ingenieur, verheiratet, Vater von drei Kindern, obwohl in guter Ehe lebend, vermag dem Antrieb nicht zu widerstehen, von Zeit zu Zeit bei einer von ihm instruierten Prostituierten vorzusprechen und als Einleitung eines Koitus folgende Komödie aufzuführen. Sobald er bei der Puella eingetreten ist, muß diese ihn bei den Ohren nehmen, ihn an denselben durch die Zimmer zerren, scheltend: »Was tust du da, weißt du nicht, daß du in die Schule gehörst; warum gehst du nicht in die Schule?« Dabei gibt sie ihm Ohrfeigen und schlägt zu, bis er hinkniet und um Verzeihung bittet. Nun händigt sie ihm ein Körbchen mit Brot und Obst ein, wie man es Kindern in die Schule mitgibt, zieht ihn an den Ohren in die Höhe und wiederholt ihre Ermahnungen, zur Schule zu gehen. X. spielt so lange den Widerspenstigen, bis, unter dem Reiz des Ohrenzerrens, Schlagens und Scheltens der Puella, er zur Erektion gelangt. In diesem Moment ruft er: »Ich gehe, ich gehe», und vollzieht den Koitus. Daß diese masochistische Komödie damit zusammenhängen mag, daß anläßlich solcher Züchtigungen in der Schulzeit die ersten sexuellen Erregungen entstanden sind, ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen ( Carrara ). Beobachtung 157. Alle drei Monate erschien bei einer Prostituierten ein etwa 45 Jahre alter Mann und bezahlte sie für folgenden Vorgang: Die Puella mußte ihn entkleiden, ihm Hände und Füße zusammenbinden, ihm die Augen verbinden und überdies die Fenster verdunkeln. Dann mußte er sich niedersetzen und in seinem hilflosen Zustand allein bleiben. Nach einer halben Stunde hatte das Mädchen wiederzukommen und die Bande zu lösen. Darauf zahlte der Mann und ging ganz befriedigt von dannen ( Pascal ). Wir können den deutlich symbolhaften Vorgang, von dem diese Beobachtung berichtet, als Übergang benützen, wenn wir uns jetzt einer Unterart des Masochismus zuwenden, die schon um ihrer außerordentlich weiten Verbreitung willen von großem Interesse ist. Krafft-Ebing hat sie als ideellen Masochismus , manchmal auch als symbolischen Masochismus bezeichnet. Das Wesentliche dieser Triebabweichung oder richtiger dieser perversen Einstellung besteht darin, daß es sich bei ihr ausschließlich um Phantasien und Vorstellungen handelt, während perverse Akte ganz oder fast zur Gänze fehlen. Kennzeichnend ist ein reiches Vorstellungsleben, das (auch trotz eventueller gegenteiliger Behauptungen) mit Liebe und Sorgfalt gehegt und gepflegt wird. Dafür spricht schon der Umstand, daß sich solche Perverse mit Reden und auch mit Schreiben über ihre Triebabweichung und über ihre Einstellung gar nicht genug tun können. Sie analysieren ihren eigenen Zustand, sie suchen nach Schicksalsgenossen, sie führen mit Prostituierten – und auch mit Ärzten! – lange Gespräche über das Thema, kurzum, man könnte geradezu sagen, daß der Masochismus im Denken eines (natürlich entsprechend eingestellten) Menschen einen um so breiteren Raum einnimmt, je weniger masochistische Akte bei ihm vorkommen. Beobachtung 158. Herr X., Techniker, 26 Jahre alt, stammt von nervöser, mit Migräne behafteter Mutter. In der väterlichen Aszendenz ist ein Fall von Rückenmarkskrankheit und ein solcher von Psychose vorgekommen. Ein Bruder ist »nervös«. Herr X. hat unerhebliche Kinderkrankheiten überstanden, studierte leicht, entwickelte sich normal. Er ist eine durchaus männliche Erscheinung, jedoch etwas schwächlich und unter mittelgroß. Der Descensus des rechten Hodens blieb unvollkommen, indem dieser im Leistenkanal fühlbar ist. Penis normal gebildet, jedoch etwas klein. Mit 5 Jahren entdeckte X. wollüstige Gefühle, als er mit übereinandergeschlagenen Beinen Schwingungen an einem kleinen Barren machte. Er wiederholte diese Prozedur einige Male, vergaß dann diese Wirkung, und als er sich als reifer Knabe daran erinnerte und jene Prozedur wiederholte, trat der erwartete Erfolg nicht mehr ein. – Mit 7 Jahren wohnte X. einer Knabenprügelei auf dem Schulhof bei, wobei schließlich die Sieger sich rittlings auf die mit dem Rücken auf dem Boden liegenden Besiegten setzten. Das machte auf X. Eindruck. Er dachte sich die Position des Unterliegenden als eine angenehme, versetzte sich in Gedanken an ihre Stelle und malte sich aus, wie er durch scheinbare Versuche, sich aufzurichten, es dahin brachte, daß der Gegner rittlings seinem Gesichte immer näher komme, schließlich darauf sitze und ihn so nötige, die Exhalation seiner Genitalien zu empfinden. Solche Situationen tauchten in der Folge bei ihm öfter auf, von Lustgefühlen betont, jedoch empfand er nie dabei eine eigentliche Wollust, hielt solche Gedanken für schlecht und sündhaft und versuchte sie zurückzudrängen. Von sexuellen Dingen will er damals noch keine Ahnung gehabt haben. Bemerkenswert ist, daß Patient bis zum 20. Jahre ab und zu noch an Enuresis nocturna litt. Bis zur Pubertät hatten die zeitweise wiederkehrenden masochistischen Phantasien, sich unter den Schenkeln eines andern zu befinden, sowohl Knaben als Mädchen zum Gegenstand. Von da ab überwogen weibliche Individuen, und nach beendigter Pubertät waren es ausschließlich solche. Allmählich gewannen diese Situationen auch andern Inhalt. Sie gipfelten nunmehr in dem Bewußtsein, vollkommen dem Willen und der Willkür eines erwachsenen Mädchens unterworfen zu sein, mit entsprechenden demütigenden Handlungen und Situationen. Als Beispiele solcher führt X. an: »Ich liege am Boden mit dem Rücken nach unten. Mir zu Häupten steht die Herrin und hat einen Fuß auf meine Brust gesetzt, oder sie hat meinen Kopf zwischen ihren Füßen, so daß mein Gesicht sich direkt unterhalb ihrer Pubes befindet. Oder sie sitzt rittlings auf meiner Brust oder auf meinem Gesicht, ißt und benützt meinen Körper als Tisch. Wenn ich einen Befehl nicht zur Zufriedenheit vollzogen habe oder es meiner Herrin sonst beliebt, so werde ich auf einem dunklen Abort eingesperrt, während sie ausgeht und Vergnügungen aufsucht. Sie zeigt mich als ihren Sklaven den Freundinnen, verleiht mich als solchen ihnen. Ich werde von ihr zu den niedrigsten Dienstleistungen benutzt, muß sie bedienen, während sie aufsteht, beim Baden, bei der Mictio. Zu letzterer Verrichtung bedient sie sich gelegentlich auch meines Gesichtes und zwingt mich, von ihrem Lotium zu trinken.« Zur Ausführung will X. diese Ideen nie gebracht haben, da er zugleich die dumpfe Empfindung hatte, daß ihre Verwirklichung ihm das erhoffte Vergnügen nicht bringen würde. Nur einmal habe er sich in die Kammer eines hübschen Dienstmädchens geschlichen, veranlaßt durch solche Vorstellungen, ut urinam puellae bibat. Er sei aber vor Ekel davon abgestanden. Vergebens will X. gegen diese masochistischen Vorstellungskreise, als ihm peinlich und ekelhaft, angekämpft haben. Sie bestehen nach wie vor mächtig fort. Er macht aufmerksam, daß die Demütigung dabei die Hauptrolle spielt und nie der Wunsch einer Schmerzzufügung unterläuft. Die »Herrin« denkt er sich mit Vorliebe in Gestalt zartgebauter Jungfrauen von etwa 20 Jahren, mit zartem schönem Gesicht und womöglich kurzen hellen Kleidern. An der gewöhnlichen Art, sich jungen Damen zu nähern, an Tanz und Gesellschaft, will X. bis jetzt nie Gefallen gefunden haben. Von der Pubertät ab zeigten sich mit den betreffenden masochistischen Phantasien ab und zu Pollutionen unter schwachem Wollustgefühl. Als Patient einmal Friktionen der Glans unternahm, gelang ihm weder Erektion noch Ejakulation, und statt eines wollüstigen Gefühls stellte sich jeweils ein unangenehmes, geradezu schmerzartiges ein. Dadurch blieb X. vor der Masturbation bewahrt. Dafür stellte sich vom 20. Jahre ab beim Turnen am Reck, beim Klettern an Tauen und Stangen häufig eine mit starkem Wollustgefühl verbundene Ejakulation ein. Sehnsucht nach sexuellem Verkehr mit Weibern (konträr sexuale Empfindungen hat Patient nie gehabt) trat bisher nie auf. Als ihn, 26 Jahre alt, ein Freund zum Koitus drängte, zeigten sich »angstvolle Unruhe und entschiedener Widerwille« schon auf dem Wege nach dem Lupanar, und vor Aufregung, Zittern an allen Gliedern und Schweißausbruch kam es zu keiner Erektion. Bei mehrfacher Wiederholung des Versuches dasselbe Versagen, nur waren die seelischen und körperlichen Erregungserscheinungen nicht so heftig wie das erstemal. Richtige Libido war nie vorhanden. Masochistische Phantasien zum Gelingen des Aktes zu verwerten, gelang Patient nicht, weil seine geistigen Fähigkeiten in solcher Situation »wie gelähmt seien und er die zu einer Erektion nötigen intensiven Vorstellungen« nicht zustande bringe. So gab er, teils aus mangelnder Libido, teils aus mangelhaftem Vertrauen ins Gelingen, weitere Koitusversuche auf. Nur gelegentlich befriedigte er in der Folge seine schwache Libido anläßlich Turnübungen. Gelegentlich von spontanen oder veranlaßten masochistischen Phantasien (im wachen Zustand) kam es wohl zu Erektion, nie mehr aber zu Ejakulationen. Pollutionen erfolgten alle 6 Wochen. Patient ist eine intellektuell hochstehende, feinfühlige, etwas neurasthenische Persönlichkeit. Er klagt, daß er in Gesellschaft meist das Gefühl habe, aufzufallen, beobachtet zu werden, bis zu Angstzuständen, obwohl er sich bewußt sei, daß er sich derlei nur einbilde. Aus diesem Grunde liebe er die Einsamkeit, zumal da er befürchten müsse, daß man auf seine sexuelle Abnormität komme. Seine Impotenz sei ihm nicht peinlich, da seine Libido fast Null sei, gleichwohl würde er eine Sanierung seiner Vita sexualis für das größte Glück halten, da davon im sozialen Leben so viel abhänge und er sich dann gewiß sicherer und männlicher in der Gesellschaft bewegen würde. Seine jetzige Existenz sei ihm eine Qual, ein solches Leben eine Last ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 159. X., 32 Jahre, Bildhauer, erblich belastet, mit Degenerationszeichen, konstitutionell neuropathisch, neurasthenisch, schwächlich, zart in der Jugend, erfuhr die ersten Regungen seiner Sexualität erst mit 17 Jahren. Sie entwickelte sich nie mächtig, gestaltete sich ausschließlich heterosexual, aber in masochistischer Weise: Er sehnte sich nach Flagellation durch schöne Frauenhand, jedoch entstand kein Handfetischismus. Auch schwärmte er für stolz und herrisch auftretende Frauengestalten. Seine masochistischen Gelüste suchte er niemals zu verwirklichen. Zu erklären vermochte er sie nicht. Viermal versuchte er erfolglos Koitus, sonst trieb er Masturbation. In Folge von dadurch und durch Ausschweifung entstandener schwerer Neurasthenie mit Phobien wandte er sich an den Arzt ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 160. X., 27 Jahre, Künstler, kräftig gebaut, von angenehmem Äußern, angeblich nicht belastet, in der Jugend gesund, ist seit seinem 23. Jahre nervös und zu hypochondrischer Verstimmung geneigt. In sexueller Beziehung neigt er zu Renommage, ist aber gleichwohl nicht sehr leistungsfähig. Trotz Entgegenkommens seitens des weiblichen Geschlechts beschränken sich des Patienten Beziehungen zu demselben auf unschuldige Zärtlichkeiten. Hierbei ist sein Hang bemerkenswert, Frauen zu begehren, die sich ihm gegenüber spröde benehmen. Seit seinem 25. Jahre machte er die Beobachtung, daß er durch Frauenzimmer, mögen sie auch noch so häßlich sein, jeweils sexuell erregt wird, sobald er in ihrem Wesen einen herrischen Zug entdeckt. Ein zorniges Wort aus dem Munde einer solchen Frauensperson genügt, um die heftigsten Erektionen bei ihm hervorzurufen. So saß er z. B. eines Tages in einem Kaffee und hörte, wie die (häßliche) Kassiererin den Kellner mit energischer Stimme auszankte. Er kam durch diesen Auftritt in die höchste sexuelle Erregung, die in kurzer Zeit zur Ejakulation führte. X. verlangt von Frauen, mit denen er sexuell verkehren soll, daß sie ihn zurückstoßen, ihn auf allerhand Weise quälen usw. Er meint, es könne ihn nur ein Weib reizen, das den Heldinnen in den Romanen von Sacher-Masoch gleiche ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 161. Z., 28 Jahre, hereditär und konstitutionell neuropathisch, behauptet, schon mit 11 Jahren eine Pollution gehabt zu haben. Um jene Zeit erfuhr er eine Züchtigung durch die Mutter ad podicem, welche damals nur schmerzhaft empfunden wurde, in der Erinnerung aber sich mit wollüstigen Gefühlen verband. Um dieser willen reproduzierte er jenes Erinnerungsbild immer häufiger und versetzte sich dabei selbst verbera ad podicem. Etwa mit 13 Jahren bekam er eine Schwäche für elegante Damenstiefel mit hohen Absätzen. Indem er solche inter femora preßte, gelangte er zur Ejakulation. Allmählich genügte dazu schon der bloße Gedanke. Diesen Stiefelphantasien gesellte sich aber bald ein ihn noch viel mehr befriedigender masochistischer Vorstellungskreis hinzu. Er schwelgte in Gedanken, zu Füßen einer jungen Dame zu liegen und von ihr mit ihren schönen Stiefeln getreten zu werden. Dabei trat Ejakulation ein. So trieb er es bis zum 21. Jahre, ohne jemals ein Gelüste nach Koitus oder ein Interesse für weibliche Genitalien zu empfinden. Vom 21. bis 25. Jahr während schwerer Tuberkulose Zurücktreten der masochistischen Neigungen. Genesen, hatte Z. eine erstmalige Begegnung mit einer Puella. Das fiel unglücklich aus, da, als er sie denudata erblickte, jegliche Libido schwand und Erektion nicht zu erzielen war. Er zog sich nun auf sein masochistisch-fetischistisches Gebiet zurück. Seine Hoffnung bleibt, daß er einmal das Ideal seiner masochistischen Phantasien – ein sadistisches Weib – finde und mit dessen Hilfe zum normalen Geschlechtsverkehr gelange ( Krafft-Ebing ). Wir können uns mit diesen Beispielen für den Masochismus – Algolagnie und Doulolagnie – des Mannes begnügen, weil bei dieser Perversion wie kaum bei einer andern eine weitgehende Typisierung besteht, die wohl auch darauf beruht, daß solche Perverse ihre Wunschträume und Vorstellungen auf der gleichfalls stereotypen und überhaupt eintönigen Literatur dieser Art aufbauen. Die Ideenarmut des Masochismus steht mit seiner komplizierten psychischen Struktur in deutlichem Widerspruch. Wenn auch wir, so wie Krafft-Ebing , den Masochismus der Frau gesondert besprechen, so beruht dies darauf, daß beim weiblichen Geschlecht die Unterordnung unter das männliche eine fast normale Erscheinung ist. Gerade beim seelisch und körperlich voll gesunden Weib lassen sich, bei entsprechend eingestellter Erforschung der Vita sexualis, in der Regel zumindest an Masochismus erinnernde Züge und Einzeltatsachen finden. Und es ist klar, daß diese Sachlage auf dem Boden der Hysterie eine ganz gewaltige Steigerung erfahren kann, wofür u. a. die als Wollust empfundenen Schmerzen sprechen, von denen die großen Ekstatikerinnen und Mystikerinnen aller Zeiten zu berichten wissen. Das, was wir beim Manne als Doulolagnie bezeichnet und als Triebabweichung oder zumindest als perverse Einstellung betrachtet haben, hat bei der Frau eine ganz andere Bedeutung und liegt gewöhnlich noch völlig innerhalb der Grenzen des Normalen. In Schillers Kabale und Liebe spricht die Lady Milfort die für unzählige Frauen bezeichnenden Worte: »Die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, Sklavin eines Mannes zu sein, den wir lieben.« Es ist sehr bemerkenswert, daß dort, wo die doulolagnistische Einstellung der Männer stark genug ist, um die Frauen in die Herrinnenrolle zu zwingen (das beste Beispiel dafür ist Nordamerika), und wo also der starke weibliche Wunsch nach eigener Unterwerfung nicht befriedigt wird, sehr häufig oft ins Pathologische reichende Reaktionen auftreten. Analog dem Vorgang, daß hochgestellte Männer Geschlechtsverkehr mit Prostituierten, mit weiblichen Hausangestellten usw. ausführen, suchen dort Damen der Gesellschaft ihre Sexualpartner unter den niedrigsten Schichten, in der sogenannten Unterwelt und in den Kreisen fremdrassiger Elemente, so daß man geradezu von einer Notdoulolagnie sprechen könnte. Es wurde übrigens bereits erwähnt, daß die sogenannten sadistischen Prostituierten dort, wo sie ihrer eigensten Einstellung gemäß sich ausleben können, sich masochistisch verhalten, was auch die geradezu typische Beziehung: Dirne – Zuhälter zeigt. Für den Masochismus der Frau spricht ferner der Umstand, daß überall und jederzeit in sehr zahlreichen Fällen Sadisten geeignete Partnerinnen zu finden vermögen, die über das bloße ideelle Moment hinaus auch wirkliche körperliche Mißhandlungen zu erdulden bereit sind. Klinische Beobachtungen und Beispiele für den Masochismus der Frau sind verhältnismäßig selten, was nach dem bisher Gesagten ja ohne weiteres begreiflich ist. Der Wunsch, zu dienen und sich beherrschen, ja quälen zu lassen, wird eben von der Frau nicht als abwegig, nicht als pervers und auch nicht als sozial gefährdend empfunden, und die für den Mann gerade in diesem Zusammenhang so wichtige Frage der Potenz fällt bei ihr selbstverständlich weg. Bei der Frau wird also die Doulolagnie kaum je und auch die Algolagnie nur in vereinzelten Fällen Anlaß zu einer ärztlichen Beratung oder Behandlung geben. Weit häufiger findet der Arzt diese Einstellung, bzw. Triebabweichung als Nebenbefund. Andere Perversionen, vor allem Homosexualität und Fetischismus, weisen nämlich recht häufig eine masochistische Komponente auf, und auch in den nachstehenden Beobachtungen sind solche Züge erkenntlich. Beobachtung 162. Fräulein X., 21 Jahre alt, stammt von einer Mutter, die Morphinistin war und vor einigen Jahren an einem Nervenleiden starb. Der Bruder dieser Frau ist gleichfalls Morphinist. Ein Bruder des Mädchens ist Neurastheniker, ein anderer Masochist (wünscht von vornehmen stolzen Damen mit einem Rohrstock Schläge zu bekommen). Fräulein X. war nie schwer krank, leidet nur an gelegentlichen Kopfschmerzen. Sie hält sich für körperlich gesund, zeitweise jedoch für toll, dann nämlich, wenn die im folgenden zu schildernden Phantasien auftauchen. Seit ihrer frühesten Jugend stellt sie sich vor, sie werde gestraft, gezüchtigt. Sie schwelgt förmlich in solchen Ideen. Es ist dann ihr sehnlichster Wunsch, mit einem Rohrstock derb gezüchtigt zu werden. Dieses Verlangen ist, wie sie meint, dadurch entstanden, daß ein Freund ihres Vaters sie, als sie 5 Jahre alt war, einmal scherzweise über seine Knie legte und schlug. Seither sehnte sie Gelegenheiten herbei, gezüchtigt zu werden; zu ihrem Bedauern erfüllte sich aber der Wunsch nie. In ihren Phantasien stellt sie sich hilflos vor, gebunden. Die Worte »Rohrstock«, »züchtigen« versetzen sie in mächtige Erregung. Erst seit etwa einem Jahr bringt sie ihre Ideen mit dem männlichen Geschlecht in Verbindung. Früher stellte sie sich eine strenge Lehrerin oder auch bloß eine Hand vor, die sie strafte. Jetzt wünscht sie die Sklavin eines geliebten Mannes zu sein; sie will, wenn von ihm gezüchtigt, seinen Fuß küssen. Daß diese Empfindungen sexueller Natur sind, weiß diese Dame nicht. Einige Stellen aus Briefen derselben sind im Sinne einer masochistischen Auffassung des Falles charakteristisch: »Früher dachte ich ernstlich daran, wenn diese Vorstellungen mich nicht verlassen sollten, in ein Irrenhaus zu gehen. Zu diesem Gedanken kam ich, als ich die Geschichte von dem Direktor einer Nervenheilanstalt las, der eine Dame, nachdem er sie an den Haaren aus dem Bett gezogen, mit Stock und Reitpeitsche gezüchtigt hatte. Ich hoffte, in solchen Anstalten ebenso behandelt zu werden, habe also doch unbewußt mir meine Phantasien mit Männern vorgestellt. Am liebsten malte ich mir aber aus, daß mich rohe ungebildete Wärterinnen unbarmherzig züchtigten.« »Ich liege in Gedanken vor ihm, und er setzt mir einen Fuß auf den Nacken, während ich den andern küsse. Ich schwelge in dieser Idee, bei der er mich nicht schlägt, aber das wechselt so oft, und ich male mir ganz andere Szenen aus, bei denen er mich schlägt. Augenblicklich fasse ich die Schläge auch als Beweis der Liebe auf – er ist erst sehr gut und zärtlich zu mir, und dann schlägt er mich – im Übermaß der Liebe. Ich bilde mir ein, es wäre ihm die größte Lust, mich zu schlagen – aus lauter Liebe. Sehr oft habe ich schon geträumt, ich sei ein Sklave – merkwürdig! nie eine Sklavin. So z. B. habe ich mir ausgemalt, er sei Robinson und ich der Wilde, der ihm dient. Ich sehe mir oft das Bild an, auf welchem Robinson dem Wilden den Fuß auf den Nacken setzt. Jetzt finde ich eine Erklärung der oben erwähnten Vorstellung: Ich stelle mir das Weib im allgemeinen als niedrig vor, niedriger stehend als der Mann; nun bin ich aber sonst sehr stolz und lasse mich um keinen Preis beherrschen, daher kommt es, daß ich mich als Mann denke (der von Natur stolz und hochstehend ist), dadurch wird die Erniedrigung vor dem geliebten Mann um so größer. Ich stellte mir auch vor, daß ich seine Sklavin sei; das genügt mir aber nicht, das kann am Ende jedes Weib – seinem Manne als Sklavin dienen!« ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 163. Fräulein v. X., 35 Jahre alt, aus schwer belasteter Familie, befindet sich seit einigen Jahren im Initialstadium einer Paranoia persecutoria. Dieselbe ist hervorgegangen aus einer Neurasthenia cerebrospinalis, deren Ausgangspunkt in sexueller Überreizung zu finden ist. Patientin war seit ihrem 24. Jahre der Onanie ergeben. Durch nicht erfüllte Heiratserwartung und heftige sinnliche Erregung ist sie zur Masturbation und psychischen Onanie gelangt. Neigung zu Personen des eigenen Geschlechts kam niemals vor. Patientin gibt an: »Mit 6 bis 8 Jahren trat bei mir das Gelüste auf, gegeißelt zu werden. Da ich niemals Schläge bekommen hatte, auch nie dabei war, wie jemand gegeißelt wurde, kann ich mir nicht erklären, wie ich zu diesem sonderbaren Verlangen kam. Ich kann mir nur denken, daß es mir angeboren ist. Ich hatte ein wahres Wonnegefühl bei diesen Geißelvorstellungen und malte mir in meiner Phantasie aus, wie schön es wäre, wenn eine Freundin mich geißelte. Nie kam mir die Phantasie, mich von einem Manne geißeln zu lassen. Ich schwelgte in der Idee und versuchte es nie, zur wirklichen Ausführung meiner Phantasien zu gelangen. Vom 10. Jahre ab verloren sich diese. – Erst als ich mit 34 Jahren Rousseaus »Confessions« las, wurde mir klar, was meine Geißelgelüste zu bedeuten hätten, und daß es sich bei mir um dieselben krankhaften Vorstellungen handelte wie bei Rousseau. Nie habe ich seit meinem 10. Jahre mehr derartige Anwandlungen gehabt« ( Krafft-Ebing ). Unstreitig weisen diese beiden Fälle homosexuelle Tendenzen auf. In diesem Zusammenhang sei bemerkt, daß der Masochismus (wie auch der Fetischismus) dort, wo die – natürlich unbewußt – als verboten und unheilvoll empfundene Homosexualität die Perversen zur Ablehnung des Geschlechtsverkehrs zwingt, auch als Mittel zum Zweck, als Scheingrund, bzw. Scheinziel Verwendung finden kann. Wir möchten nun im Anschluß an diese Kasuistik noch einige Eigenheiten erwähnen, die sich beim Masochismus im allgemeinen, vor allem aber bei seiner ideellen Form so gut wie immer finden. Die Neigung solcher Perverser, sich mit ihrer Triebabweichung zu beschäftigen, wurde schon erwähnt und auch auf ihre Redseligkeit hingewiesen. Eine ganz besondere Rolle nimmt im Denken und Tun der Masochisten das Briefschreiben ein, das wir bereits seinerzeit bei der Verbalerotik besprochen haben. Die Zahl der Masochisten, die ihren Trieb nur auf diese Weise ausleben, ist erstaunlich groß, jede Gelegenheit wird benützt, um an eine »Herrin», die der Schreiber gewöhnlich gar nicht persönlich kennt, endlose Briefe zu schicken, in denen die typischen masochistischen Wunschträume in ewigem Einerlei wiederholt werden. Die von den Schreibern immer wieder betonte Bereitwilligkeit, die ausgesuchtesten Foltern und Qualen zu ertragen und die denkbar niedrigsten Dienstleistungen auszuführen, steht mit der Wirklichkeit in stärkstem Widerspruch, was schon daraus hervorgeht, daß solche Perverse dann, wenn es irgendwie möglich wird, eine ihrer Vorstellungen zu verwirklichen, schleunigst die Flucht ergreifen. Die – gleichfalls bereits erwähnten – Korrespondenzzirkel, bei denen es von vornherein ausgeschlossen ist, über das bloße Schreiben hinauszugelangen, kommen deshalb den Masochisten besonders gelegen. Viele dieser Briefe wirken mehr lächerlich als tragisch, zumal die »Herrin« nur selten Phantasie genug hat, um der Vorstellungswelt des Perversen neuen Stoff zu bieten, so daß in Form von Vorschlägen, Bestellungen usw. die Tagträume und Phantasien selbst ersonnen werden müssen. Das nachfolgende Beispiel eines masochistischen Briefes stammt noch von Krafft-Ebing , ist aber durchaus verwendbar: »Allergnädigste Madame! Herrin! Göttin! Der in tiefster Ehrfurcht und niedrigster Unterwürfigkeit sich Unterzeichnende ist ein Phantast à la Sacher-Masoch. Als solcher wirft er sich Ihnen, als dem verkörperten Ideal der ›Venus im Pelz‹ zu Füßen, mit der demütigen Bitte, ihn eines Fußtrittes zu würdigen und die Sohle Ihrer Stiefelette mit seiner Zunge als Ihr Hund lecken zu dürfen. Und dann, o Madame, gewähren Sie ihm die Gnade, vor Ihnen im Staube liegend, Ihren kleinen Fuß auf seinem Nacken, Ihnen seine Geschichte in Kürze erzählen zu dürfen. Schon von Jugend auf lechzte mein Sinn danach, den Fuß eines schönen Weibes küssen zu dürfen, von diesem Fuß getreten, gestoßen zu werden, von dem Weibe, das meine Herrin, als Sklave behandelt, wie ein Hund dressiert zu werden. Eine Tierbändigerin zu sehen war mein höchster Genuß, und wenn die Dompteuse mit dem Fuße, in eleganter Stiefelette mit hohem Absatz, auf den Körper des Löwen oder Tigers trat, geriet ich in Ekstase. Später gelangte ich in den Besitz der ›Damen im Pelz‹. Besonders enthusiasmierte mich der ›Rote Edelhof‹, denn ich fand die Idee, als der Hund der Herrin deren Fußsohlen lecken zu müssen, entzückend. Seit dieser Zeit ist dies der Höhepunkt meiner Schwärmerei. Und sollte es der Herrin nur ein Vergnügen sein, sich die Füße von ihrem Sklaven, ihrem Hunde lecken zu lassen? In meiner Phantasie befinden sich Bilder, wie eine Plantagenbesitzerin ihre Sklaven mißhandelt, wie sie Pferde reitet, wie sie Hunde dressiert. Oh, wenn Sie mich auch solche Wonnen kosten ließen! Möge es Ihnen gefallen, wenigstens diesen Brief mit Ihren Füßen zu treten, damit ich ihn dann an meine Lippen drücken kann, als schönsten Lohn! Ich sehe es im Geiste, wie beim Lesen dieser Zeilen Ihre Lippen sich spöttisch bewegen, wie ein mit Hohn gemischter Strahl der Wollust aus Ihren Augen aufleuchtet. Der kleine Fuß in eleganter Chaussure zuckt und tritt fester auf den Teppich nieder, die kleine Hand ballt sich und umklammert den Stiel einer Hundepeitsche, und zwischen den Zähnen tönt es hervor: Oh, ich verstehe dich, Sklave, ich begreife dein Winseln, Hund! Hätte ich dich nur hier unter meinem Fuße! Du würdest erkennen, daß dein Sehnen dich nicht trog; ich bin das Weib, das Herrin zu sein vermag. Ich verstehe deine Wollust, du Sklave, ich verstehe dein knechtisches Empfinden, du Hund, wie ich die Wollust als Herrscherin kenne, wie ich den Genuß der grausamen Despotie verstehe und schätze. Mit meinem Stiefelabsatz wollte ich dir dein rechtes Auge austreten, und du müßtest das Blut von meinem Stiefelabsatz lecken, Hund! Scharfe Sporen wollte ich an meine Stiefeletten schnallen und dich mit ihnen zerfleischen, und auch die müßtest du wieder blank lecken, und noch ganz andere Dinge müßte deine Zunge mir leisten! Mein Speichel sollte deine Nahrung sein, das Wasser deiner Herrin dein Getränk! Du solltest und wolltest dein Ideal in mir finden! Ich bitte demütig um eine Antwort, liege zu Ihren Füßen, lecke die Absätze Ihrer Stiefeletten, Madame, und ich bin Ihr Sklave, Ihr Hund.« Eine große Rolle spielen beim Masochismus die Zeitungsanzeigen . In allen Kulturstaaten gibt es Zeitungen, die, wenn auch nicht ganz eindeutige, so doch sehr durchsichtige Anzeigen masochistischer Art bringen, wobei die Worte wie »anpassungsfähig« oder »sensibel« immer wiederkehren, oder wo Chiffren wie »Domina«, »Imperatrix«, »Wanda«, »Severin« den eigentlichen Sinn enthüllen. Das Korrelat sind natürlich die Anzeigen der »sadistischen« Prostitution, die sich hinter Inseraten von Massagesalons, Schönheitsinstituten usw. verbergen. Nicht selten soll auch »Unterricht« in irgendeiner Form erteilt werden usw. Auf der Schreiblust der Masochisten beruhen auch die verschiedenen Verträge, als deren bezeichnendstes Beispiel der wiedergegeben sei (nach Schlichtegroll ), den der 33jährige Sacher-Masoch mit seiner damaligen Freundin Frau von Pistor abschloß: Vertrag zwischen Frau Fanni von Pistor und Leopold von Sacher-Masoch: Herr Leopold von Sacher-Masoch verpflichtet sich bei seinem Ehrenwort, der Sklave der Frau von Pistor zu sein, unbedingt jeden ihrer Wünsche und Befehle zu erfüllen und das sechs Monate hindurch. Frau Fanni von Pistor dagegen darf nichts Unehrenhaftes von ihm verlangen (was ihn als Mensch und Bürger ehrlos macht). Ferner muß sie ihm täglich sechs Stunden für seine Arbeit einräumen, seine Briefe und Schriften niemals ansehen. Bei jedem Vergehen oder Versäumnis oder Majestätsverbrechen darf die Herrin (Fanni Pistor) ihren Sklaven (Leopold Sacher-Masoch) nach ihrem Sinn und Gutdünken strafen. Kurz, ihr Untertan Gregor hat seiner Herrin mit sklavischer Untertänigkeit zu begegnen, ihre Gunstbezeugungen als eine entzückende Gabe hinzunehmen, keine Anforderungen an ihre Liebe, kein Recht als ihr Geliebter geltend zu machen. Fanni Pistor hingegen verspricht, so oft als tunlich Pelze zu tragen, und besonders, wenn sie grausam ist. Die sechs Monate müssen nicht in Reihenfolge sein, sie können große Unterbrechungen erleiden, enden und beginnen nach der Herrin Laune. Zur Bekräftigung dieses Vertrages der Beteiligten Unterschrift: Kennzeichnend ist die läppische Verbindung von Unterwerfungswillen und bürgerlicher Ängstlichkeit. Einerseits wird unbegrenzte Hingabe geboten, anderseits Sicherheit der sozialen Existenz gefordert. Schließlich sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, daß auch beim Masochismus das Zeichnen, besonders die Anfertigung der sogenannten Ausdruckszeichnungen, ebenso vorkommt wie beim Fetischismus oder Sadismus. In der masochistischen Literatur stehen immer noch die Werke Sacher-Masochs an erster Stelle, besonders die ›Venus im Pelz‹. Die darin geschilderten Situationen wurden seither in den einschlägigen Machwerken in unendlicher Wiederholung immer wieder beschrieben, wobei Einfallsmangel und Ideenarmut auffallen. In deutlichem Abstand davon haben sich auch Dichter und ernste Schriftsteller mit dem Problem des Masochismus beschäftigt; in der Literatur aller Kulturvölker (Franzosen, Deutsche, Russen, Skandinavier usw.) findet man zahlreiche Figuren und Szenen dieser Art. Einige der schönsten Gedichte des französischen Lyrikers Verlaine zeigen masochistischen Charakter; auch der deutsche Lyriker Johannes Wedde hat zahlreiche ähnliche Gedichte geschrieben. Das berühmteste Beispiel für diese Triebabweichung ist schließlich Rousseau , der in seinen Confessions (I. Teil, 1. Buch) erzählt, wie sehr ihm Fräulein Lambercier, 30 Jahre alt, imponierte als er, 8 Jahre alt, bei ihrem Bruder in Pension und Lehre war. Ihr Zorn, wenn er eine Frage nicht gleich zu beantworten wußte, die Drohung der Dame, ihm Rutenstreiche zu geben, wenn er nicht brav lerne, machten auf ihn den tiefsten Eindruck. Nachdem er eines Tages Schläge von der Hand des Fräuleins L. bekommen hatte, empfand er, neben Schmerz und Scham, ein wollüstig sinnliches Gefühl, das ihn mächtig erregte, neue Züchtigungen davonzutragen. Nur aus Furcht, die Dame damit zu betrüben, unterließ es Rousseau, weitere Gelegenheiten, sich diesen wollüstigen Schmerz zu verschaffen, herbeizuführen. Eines Tages zog er sich aber unbeabsichtigt eine neue Züchtigung von der Hand der L. zu. Sie war die letzte, denn Fräulein L. mußte von der eigenartigen Wirkung dieser Züchtigung etwas bemerkt haben und ließ von nun an den 8jährigen Knaben auch nicht mehr in ihrem Zimmer schlafen. Seither fühlte R. das Bedürfnis, sich von Damen, die ihm gefielen, nach Art der Lambercier züchtigen zu lassen, obwohl er versichert, bis zum Jünglingsalter von Beziehungen der beiden Geschlechter zueinander nichts gewußt zu haben. Bekanntlich wurde Rousseau erst mit 30 Jahren durch Madame de Warrens in die eigentlichen Mysterien der Liebe eingeweiht und seiner Unschuld verlustig. Bis dahin hatte er nur Gefühle und Dränge zu Frauen im Sinne passiver Flagellation und sonstiger masochistischer Vorstellungen gehabt. Rousseau schildert ausführlich, wie sehr er bei seinem großen sexuellen Bedürfnis unter seiner eigenartigen, zweifellos durch die züchtigenden Rutenstreiche geweckten Sinnlichkeit litt, schmachtend in der Begierde und außerstande, sein Verlangen zu offenbaren. Es wäre aber irrig zu glauben, daß es Rousseau bloß um seine Flagellation zu tun gewesen wäre. Diese erweckte nur einen dem Masochismus zuzuzählenden Vorstellungskreis. Darin liegt jedenfalls der psychologische Kern der interessanten Selbstbeobachtung. Das Wesentliche bei Rousseau war das Unterwerfungsgefühl unter das Weib. Dies geht klar aus seinen »Confessions« hervor, in welchen er ausdrücklich hervorhebt: »Etre aux genoux d'une maitresse impérieuse, obéir à ses ordres, avoir des pardons à lui demander, étaient pour moi de très douces jouissances.« Diese Stelle beweist, daß das Bewußtsein der Unterwerfung, Demütigung vor dem Weibe die Hauptsache war. Freilich war Rousseau selbst in einem Irrtum befangen, indem er annahm, daß dieser Drang, sich vor dem Weibe zu demütigen, allein durch Ideenassoziation aus der Vorstellung der Flagellation entstanden sei: »N'osant jamais déclarer mon goût, je l'amusais du moins par des rapports qui m'en conservaient l'idée.« Vierter Teil. Das konträre Sexualempfinden Dreizehntes Kapitel Homosexualität Unter allen Verirrungen des Geschlechtstriebs nimmt die Homosexualität eine Sonderstellung ein. Ist sie doch zu allen Zeiten und bei allen Völkern nachweisbar, dabei von größter praktischer Bedeutung und in sozialer wie in juristischer wie schließlich in psychologischer Hinsicht gleich wichtig. Diese Tatsachen haben dazu geführt, sie insofern von andern Triebabweichungen abzugrenzen, als man die Homosexualität, bzw. die konträre Sexualempfindung als Inversion bezeichnet und dadurch den andern Verirrungen, den Perversionen, gegenübergestellt hat; wir glauben indes, mit der alten Bezeichnung auskommen zu können. Heute hat sich wohl allgemein die Anschauung durchgesetzt, daß in dem Begriff Homosexualität sehr verschiedene Zustände, Einstellungen und Verhaltungsweisen vereinigt sind, die ihrer Entstehung wie ihrem Wesen nach bedeutende und deutliche Unterschiede zeigen. Es ist dabei sehr bemerkenswert, daß trotz intensivster Forschungstätigkeit eine Übereinstimmung über die verschiedenen Probleme, die sich an die Homosexualität wie an ihre Unterarten anknüpfen, noch nicht erzielt werden konnte; die neue Tiefenpsychologie hat gerade in dieser Hinsicht nur recht wenig erreicht. Dies gilt auch für die Hormonforschung und für die Versuche, mit Hilfe entwicklungsgeschichtlicher, embryologischer und zoologischer Ergebnisse die Frage zu klären. Wir werden also gerade bei diesem Kapitel weitgehend in der Lage sein, das, was Krafft-Ebing über die Homosexualität erhoben und niedergelegt hat, ziemlich unverändert zu verwenden, und das gilt auch für die von ihm zusammengestellten Beobachtungen und Krankengeschichten, allerdings mit der Einschränkung, daß sich die sehr genaue Einteilung und die Gliederung in Stufen nicht mehr aufrechterhalten lassen. Zu den festesten Bestandteilen des Ichbewußtseins gehören nach Erreichung der vollen geschlechtlichen Entwicklung das Bewußtsein, eine bestimmte geschlechtliche Persönlichkeit darzustellen, und das Bedürfnis, während der Zeit geschlechtlicher Vollreife im Sinne dieser besonderen geschlechtlichen Persönlichkeit sexuelle Akte zu vollbringen, die, bewußt oder unbewußt, auf eine Erhaltung der Gattung abzielen. Bis auf dunkle Ahnungen und Dränge bleiben Geschlechtsgefühle und Sexualtriebe bis zur Zeit der Entwicklung der Generationsorgane in einem Ruhezustand. Es ist nun sehr schwierig zu entscheiden, ob das Kind, wie Krafft-Ebing meinte, generis neutrius ist oder – nach Freud – bisexuell. Jedenfalls fehlt beim Kinde im allgemeinen die seelische Beziehung zu Personen des andern Geschlechts, und das ist um so bemerkenswerter, als doch schon früh in der Erziehung, Beschäftigung, Kleidung usw. das Kind von Kindern andern Geschlechts getrennt wird. Wenn auch nicht immer, so doch in der Mehrzahl der Fälle bleiben die daraus hervorgehenden Eindrücke aber seelisch unbeachtet, weil sie offenbar sexuell unbetont bleiben, da die noch unentwickelte Hirnrinde für sexuelle Gefühle und Vorstellungen noch nicht aufnahmefähig ist. Mit der beginnenden anatomischen und funktionellen Entwicklung der Zeugungsorgane sowie der sekundären Geschlechtscharaktere entwickeln sich beim Knaben, bzw. Mädchen die Grundlagen eines ihrem Geschlecht entsprechenden seelischen Empfindens, wozu Erziehung und noch mehr äußere Einflüsse klarerweise sehr viel beitragen. Bei normaler ungestörter sexueller Entwicklung gestaltet sich ein bestimmter, dem Geschlecht entsprechender Charakter. Es entstehen bestimmte Neigungen, Reaktionen im Verkehr mit Personen des andern Geschlechts, und es ist psychologisch bemerkenswert, wie verhältnismäßig rasch sich der bestimmte, dem betreffenden Geschlecht zukommende seelische Typus herausentwickelt. Diese Form ist dann so festgefügt, daß nicht einmal der spätere Verlust der Zeugungsorgane (etwa durch Kastration) oder das Klimakterium, bzw. Senium sie völlig zerstören können (die Veränderungen, die die psychosexuelle Persönlichkeit durch Impotenz, Potenzangst, durch anatomisch bedingte Störungen des normalen Geschlechtsverkehrs usw. erfährt, sind anderer Art; ihre Bedeutung, auf die wir bereits so oft hingewiesen haben, bleibt also unbestritten). Es ist hier eine überaus wichtige Frage, ob die peripheren Einflüsse der Keimdrüsen (Hoden und Eierstöcke) oder ob zentrale, zerebrale Bedingungen für die psychosexuelle Entwicklung entscheidend sind. Für die große Bedeutung der Keimdrüsen spricht zwar die Tatsache, daß angeborener Mangel oder Entfernung vor der Pubertät die Entwicklung des Körpers wie der Sexualpsychose mächtig beeinflußt, so daß diese verkümmert, bzw. sich einigermaßen dem Wesen des andern Geschlechts nähert (Eunuchen, Viragines). Wir fassen jedoch diese körperlichen Vorgänge in den Genitalorganen nur als mitwirkende Faktoren in jenem Werdegang auf; denn daß sie nicht ausschließlich entscheidend sind, geht daraus hervor, daß sich eine gegensätzliche Sexualempfindung auch dann entwickeln kann und entwickelt, wenn die Keimdrüsen anatomisch und physiologisch normal sind. Hier kann also die Ursache dieses Zustandes, der Homosexualität, nur in einer Anomalie der zentralen, zerebralen Bedingungen gelegen sein. Die Homosexualität tritt im Zuge der Entwicklung des Geschlechtslebens spontan ohne äußere Anlässe zutage, als individuelle Erscheinungsform einer abnormen Artung des Geschlechtslebens, und stellt dann eine angeborene Erscheinung dar; oder sie entwickelt sich erst in weiterer Folge, nachdem das Geschlechtsleben zuerst normal verlaufen war, auf Grund bestimmter schädlicher Einflüsse und erscheint damit als erworben. Je genauer man nämlich die sogenannten erworbenen Fälle von Homosexualität erforscht, um so deutlicher zeigt sich, wie ausschlaggebend und entscheidend hier stets die Veranlagung ist. Wir glauben demgemäß für jene Fälle, die man der erworbenen Homosexualität zurechnet, eine latente Homosexualität oder zumindest Bisexualität annehmen zu sollen, zu deren Manifest-* ??? ??? werden allerdings die Einwirkung auslösender gelegentlicher Ursachen nötig war. Es wäre somit die »erworbene« Homosexualität, wie schon Krafft-Ebing bemerkt hat, richtiger als tardive Homosexualität ( Näcke ) zu bezeichnen. Wenden wir uns nun der Frage zu, was als eigentlich entscheidend für die Homosexualität anzusehen ist, so haben wir uns an einen bereits weit früher, im allgemeinen Teil des Buches, aufgestellten Grundsatz zu erinnern, nämlich an die Unterscheidung zwischen Perversion und Perversität. Nicht sexuelle Akte am eigenen Geschlecht, also das, was wir als Perversität bezeichnen, sind entscheidend, sondern die perverse Empfindung gegenüber dem eigenen Geschlecht , die Perversion. Denn gerade homosexuelle Akte werden häufig beobachtet, ohne daß ihnen eine Perversion zugrunde läge. Ein sexuelle Parästhesie, eine Triebabweichung besteht hier nicht, sondern es handelt sich um normalen Sexualtrieb bei physisch unmöglicher naturgemäßer Geschlechtsbefriedigung. Bezeichnende Beispiele sind dafür die so verbreiteten Vorkommnisse dieser Art in Gefängnissen, Schiffen, Kasernen, Internaten usw., wo zum normalen Geschlechtsverkehr sofort zurückgekehrt wird, sobald dieser nur möglich ist. Krafft-Ebing hat für das Zustandekommen seiner »erworbenen« Homosexualität sehr weitgehend die Onanie verantwortlich gemacht, eine Anschauung, die sich heute nicht mehr aufrechterhalten läßt. Gewiß, die bei jugendlichen Personen gleichen Geschlechts so weit verbreitete mutuelle Onanie ist an und für sich eine homosexuelle Perversität, ohne aber zuerst einmal etwas mit einer Perversion zu tun zu haben. Immerhin kann diese Art der Onanie für die Homosexualität, womit hier die wirkliche Perversion gemeint ist, von Bedeutung sein, und zwar in der Weise, daß durch die mutuelle Masturbation die bei nicht wenigen Individuen durchaus latente perverse, hier also homosexuelle Einstellung manifest wird und in weiterer Folge bleibt. Ähnlich liegen die Dinge dann, wenn ein z. B. bisexuell veranlagter Mensch in einem Zeitpunkt, in dem er den normalen Koitus aus Potenzschwäche oder auch nur aus Potenzangst ablehnt, den Ausweg einschlägt, der ihm aus seiner Jugend her vertraut ist, und also in älteren Jahren zur mutuellen Onanie mit Personen gleichen Geschlechts zurückkehrt und somit homosexuell wird. Wir möchten aber sogleich betonen, daß wir trotz aller dieser Möglichkeiten und Vorkommnisse durchaus auf dem Standpunkt stehen, daß es eine erworbene Homosexualität nicht gibt, und daß somit die Homosexualität in jedem Fall angeboren ist . Der Widerspruch, in dem wir uns somit zu Krafft-Ebing befinden, ist bloß scheinbar; denn wenn Krafft-Ebing auch der »erworbenen« Homosexualität ein eigenes Kapitel gewidmet hat, so hat er diesem doch bereits die Feststellung vorausgeschickt, daß man nicht von einer erworbenen, sondern bloß von einer tardiven Homosexualität sprechen könne. Krafft-Ebing sagt ja auch, daß kein Fall nachzuweisen sei, in welchem bei unbelasteten Individuen die Perversität zur Perversion geworden wäre. Und weiter: »Man kann einen Unbelasteten noch so weibisch erziehen und ein Weib noch so männlich, sie werden dadurch nicht homosexuell werden. Die Naturanlage ist entscheidend, nicht die Erziehung und anderes Zufällige, wie z. B. Verführung. Von konträrer Sexualempfindung kann nur die Rede sein, wenn eine Person des eigenen Geschlechts einen psychosexuellen Reiz ausübt, also Libido und Orgasmus vermittelt, namentlich aber seelisch anziehend wirkt. Ganz anders die Fälle, wo als Notbehelf bei großer Sinnlichkeit und mangelhaftem ästhetischem Sinn eine Person des eigenen Geschlechts zu einem onanistischen Akt an ihrem Körper (nicht zu einem Koitus in seelischem Sinn) benutzt wird Allerdings hat Krafft-Ebing die Möglichkeit offen gelassen, daß bei belasteten, wahrscheinlich bisexuell veranlagt gebliebenen, d. h. nicht zu ausschließlich heterosexueller Empfindung ausgebildeten Individuen die bisher latent gebliebene perverse Sexualität sich unter dem Einfluß der Neurasthenie zur Perversion entwickeln kann. .« Wenn wir nun Krafft-Ebings verschiedene Entwicklungsstufen, bzw. Erscheinungsformen der Homosexualität anführen, so möchten wir betonen, daß wir diese als klinische Krankheitsgruppen auffassen, wie das auch Moll getan hat; außerdem trennen wir seine erste Stufe, die er als psychosexuale Hermaphrodisie bezeichnet hat, ab und besprechen sie als Bisexualität gesondert. Es bleiben dann übrig 1. die Neigung bloß zum eigenen Geschlecht ( Homosexualität ), 2. der Zustand, daß auch das ganze psychische Sein der abnormen Geschlechtsempfindung entsprechend geartet ist ( Effeminatio und Viraginität ), 3. der Zustand, daß sich die Körperform derjenigen nähert, welcher die abnorme Geschlechtsempfindung entspricht. Dabei finden sich aber niemals wirkliche Übergänge zum Hermaphroditismus, hingegen vollkommen differenzierte Zeugungsorgane, so daß also, wie bei allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens, die Ursache im Gehirn gesucht werden muß ( Androgynie und Gynandrie ). Unbeschadet der in solchen Fällen fast immer nachweisbaren innersekretorischen Veränderungen. Krafft-Ebing hat die Homosexualität als ein funktionelles Degenerationszeichen und als Teilerscheinung eines neuropsychopathischen, meist hereditär bedingten Zustands bezeichnet, eine Annahme, welche auch durch die weitere Forschung durchaus Bestätigung gefunden hat. Als Zeichen dieser neuropsychopathischen Belastung lassen sich anführen: 1. Das Geschlechtsleben derartig organisierter Individuen macht sich in der Regel abnorm früh und in der Folge abnorm stark geltend. Nicht selten bietet es noch anderweitige perverse Erscheinungen, außer der an und für sich durch die eigenartige Geschlechtsempfindung bedingten abnormen sexuellen Richtung. 2. Die geistige Liebe dieser Menschen ist vielfach eine schwärmerisch übersteigerte, wie auch ihr Geschlechtstrieb sich mit besonderer, selbst zwingender Stärke in ihrem Bewußtsein geltend macht. 3. Neben dem funktionellen Degenerationszeichen der konträren Sexualempfindung finden sich oft anderweitige funktionelle, vielfach auch anatomische Entartungszeichen. 4. Es bestehen Neurosen (Hysterie, Neurasthenie, epileptoide Zustände usw.). Fast immer ist zeitweilig oder dauernd Neurasthenie nachweisbar. Diese ist in der Regel konstitutionell, in angeborenen Bedingungen wurzelnd. Geweckt und unterhalten wird sie durch (mutuelle) Masturbation oder durch erzwungene Abstinenz. Bei männlichen Individuen kommt es auf Grund dieser Schädlichkeiten oder schon angeborener Disposition zur Neurasthenia sexualis, die sich wesentlich in reizbarer Schwäche des Ejakulationszentrums kundgibt. Damit erklärt sich, daß bei den meisten Individuen schon die bloße Umarmung, das Küssen oder selbst nur der Anblick der geliebten Person die Ejakulation hervorruft. Häufig ist diese von einem abnorm starken Wollustgefühl begleitet, bis zu Gefühlen »magnetischer« Durchströmung des Körpers. 5. In der Mehrzahl der Fälle finden sich psychische Anomalien (glänzende Begabung für schöne Künste, besonders Musik, Dichtkunst usw., bei intellektuell schlechter Begabung oder allgemeiner Verschrobenheit) bis zu ausgesprochenen psychischen Degenerationszuständen (Schwachsinn, moralisches Irresein). Bei zahlreichen Homosexuellen kommt es temporär oder dauernd zu Irresein mit degenerativem Charakter (pathologische Affektzustände, periodisches Irresein, Paranoia usw.). 6. Fast in allen Fällen, die einer Erhebung der körperlichen und geistigen Zustände der Vorfahren und der Blutsverwandten zugänglich waren, fanden sich Neurosen, Psychosen, Degenerationszeichen usw. in den betreffenden Familien vor. Wie tief die angeborene konträre Sexualempfindung wurzelt, geht auch aus der Tatsache hervor, daß der wollüstige Traum des männlichen Homosexuellen männliche, der des weibliebenden Weibes weibliche Individuen, bzw. Situationen mit solchen zum Inhalt hat. Die Beobachtung von Westphal , daß das Bewußtsein des angeborenen Defektes geschlechtlicher Empfindungen gegenüber dem andern Geschlecht und des Dranges zum eigenen Geschlecht peinlich empfunden werde, trifft nur für eine Anzahl von Fällen zu. Häufig fehlt sogar das Bewußtsein der Krankhaftigkeit des Zustandes. Die meisten Homosexuellen fühlen sich glücklich in ihrer perversen Geschlechtsempfindung und Triebrichtung und unglücklich nur insoferne, als gesellschaftliche und strafrechtliche Schranken ihnen in der Befriedigung des Triebs zum eigenen Geschlecht im Wege stehen. Bevor wir uns nun den verschiedenen Theorien über Entstehung und Art der Homosexualität zuwenden, möchten wir ganz kurz aus der Geschichte ihrer wissenschaftlichen – und leider vielfach pseudowissenschaftlichen – Erforschung einige Daten anführen. Der erste wissenschaftliche Bericht über Homosexualität bei Männern stammt von Moriz , der in seinem »Magazin für Erfahrungsseelenkunde« bereits 1791 zwei Lebensgeschichten von Männern mitteilte, die von einer geradezu schwärmerischen Liebe zu Personen des eigenen Geschlechts beseelt waren. Die ersten genaueren Mitteilungen über diese rätselhaften Naturerscheinungen rühren von Casper her, der dieselben zwar mit der Päderastie zusammenwirft, aber schon die treffende Bemerkung macht, daß die Anomalie in den meisten Fällen angeboren und gleichsam als eine geistige Zwitterbildung anzusehen sei. Es bestehe hier ein wahrer Ekel vor geschlechtlicher Berührung von Frauen, während sich die Phantasie an schönen jungen Männern, an männlichen Statuen und Abbildungen ergötze. Schon Casper ist es nicht entgangen, daß in solchen Fällen Immissio penis in anum (Päderastie) nicht die Regel ist, sondern daß auch durch anderweitige geschlechtliche Akte (mutuelle Onanie) sexuelle Befriedigung erstrebt und erzielt wird. In seinen »Klinischen Novellen« gibt Casper das interessante Selbstbekenntnis eines diese Perversion aufweisenden Menschen und steht nicht an zu erklären, daß, abgesehen von verderbter Phantasie, Entsittlichung durch Übersättigung im normalen Geschlechtsgenuß, es zahlreiche Fälle gebe, wo die »Päderastie« aus einem wunderbaren, dunklen, unerklärlichen, angeborenen Drang entspringe. Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts trat ein gewisser Assessor Ulrichs , selbst mit diesem perversen Trieb behaftet, auf und behauptete unter dem Schriftstellernamen »Numa Numantius« in zahlreichen Schriften, das geschlechtliche Seelenleben sei nicht an das körperliche Geschlecht gebunden, es gäbe männliche Individuen, die sich als Weib dem Manne gegenüber fühlten (»anima muliebris in corpore virili inclusa«). Er nannte diese Leute »Urninge« und verlangte nichts Geringeres als die staatliche und soziale Anerkennung dieser urnischen Geschlechtsliebe als einer angeborenen und damit berechtigten, sowie die Gestattung der Ehe unter Urningen. Ulrichs blieb nur den Beweis dafür schuldig, daß diese allerdings angeborene paradoxe Geschlechtsempfindung eine physiologische und nicht vielmehr eine pathologische Erscheinung sei. Ein erstes anthropologisch-klinisches Streiflicht auf diese Tatsachen warf Griesinger , indem er in einem selbst beobachteten Falle auf die starke erbliche Belastung des betreffenden Individuums hinwies. Westphal verdanken wir die erste Abhandlung über die in Rede stehende Erscheinung, die er als »angeborene Verkehrung der Geschlechtsempfindung mit dem Bewußtsein der Krankhaftigkeit dieser Erscheinung« definierte und mit dem seither allgemein angenommenen Namen »konträre Sexualempfindung« bezeichnete. Westphal läßt es unentschieden, ob die »konträre Sexualempfindung« Symptom eines neuro- oder eines psychopathischen Zustands sei oder als isolierte Erscheinung vorkommen könne. Er hält fest an dem Angeborensein des Zustands. Krafft-Ebing hat dann auf Grund der bis 1877 veröffentlichten Fälle die erste eingehende wissenschaftliche Darstellung der Homosexualität gegeben. Es ist erstaunlich, in welch bedeutendem Maße sich seine Anschauungen über ein halbes Jahrhundert hinaus bewährt haben, obwohl sich die sexualpathologische Forschung doch gerade der Homosexualität mit ganz besonderem Eifer gewidmet hat. Die Krankengeschichten, die Krafft-Ebing zu dieser Triebabweichung beigebracht hat, können als durchaus klassisch bezeichnet werden; sie sind auch in dieses Buch aufgenommen worden. Von späteren Autoren hat sich besonders Moll große und bleibende Verdienste erworben, zumal dieser Forscher über ein ganz hervorragendes Krankenmaterial verfügen konnte. Begreiflicherweise hat sich auch die moderne Tiefenpsychologie mit der Homosexualität beschäftigt; Freud und seine Schüler, dann Adler und schließlich Stekel haben auf diesem Gebiet gearbeitet. Wesentlich mehr als so gut wie alle andern Perversionen hat die Homosexualität Veranlassung gegeben, ihr Vorkommen und ihre Entstehung zu erklären . Es mag dies damit zusammenhängen, daß die Homosexualität jene Triebabweichung ist, die am frühesten bekannt war, daß diese Perversion sowohl weit verbreitet ist, wie viele damit Behaftete in Konflikt mit Gesellschaft und Gesetz bringt, und daß schließlich die Homosexuellen, um eben jene Gefährdung und jene Nachteile abzuwenden, sich selbst für die Erforschung und Aufklärung ihres Zustandes eingesetzt haben. Dazu kommt noch, daß es hier im Gegensatz zu andern Perversionen möglich schien, die Homosexualität biologisch, anatomisch, embryologisch, anthropologisch usw. zu erklären. Überblickt man indessen die einschlägige Literatur und die verschiedenen untereinander stark in Widerspruch stehenden Theorien, so muß man zugeben, daß eine durchaus befriedigende Erklärung bisher nicht vorliegt. Wir möchten nun einige der wichtigsten Erklärungsversuche anführen. Die Homosexualität, die dem Laien als Laster, dem Juristen als Verbrechen erscheint, wird zwar von den mit ihr Behafteten als eine Anomalie anerkannt, aber auf eine »Laune der Natur« zurückgeführt und als ebenso berechtigt betrachtet wie die normale heterosexuelle Liebe. An diesem Standpunkt halten die Homosexuellen schon seit Plato fest. Heißt es doch in Platos Symposion: »Es gibt keine Aphrodite ohne Eros. Es sind aber der Göttinnen zwei. Die ältere Aphrodite ist ohne Mutter entstanden, des Uranos Tochter, und deshalb nennen wir sie Urania. Die jüngere Aphrodite ist des Zeus und der Artemis Tochter, sie wird Pandemos genannt. Der Eros der ersteren muß also Uranos, der der andern Pandemos heißen. Mit der Liebe des Eros Pandemos lieben die gewöhnlichen Menschen; der Eros Uranos hat aber kein weibliches Teil erwählt, sondern nur männliches, das ist die Liebe zu Knaben. Wer von dieser Liebe begeistert ist, wendet sich dem männlichen Geschlecht zu.« Aus manchen andern Stellen in den Klassikern gewinnt man sogar den Eindruck, daß die uranische Liebe höher gestellt wurde als ihre Schwester. Neuere Erklärungsversuche der homosexuellen Empfindungen sind sowohl von Philosophen als auch von Psychologen und Naturforschern ausgegangen. Eine der sonderbarsten Erklärungen rührt von Schopenhauer her (Die Welt als Wille und Vorstellung), der allen Ernstes meinte, die Natur habe verhüten wollen, daß alte (d. h. über 50 Jahre alte) Männer Kinder zeugen, da diese erfahrungsgemäß nichts taugten. Um dies zu erreichen, habe die weise Natur den Geschlechtstrieb bei älteren Männern auf das eigene Geschlecht hingelenkt! Der große Philosoph und Denker wußte offenbar nichts davon, daß konträre Sexualempfindung in der Regel ab origine besteht, und daß im Senium allerdings vorkommende Päderastie an und für sich nur geschlechtliche Perversität, noch nicht aber Perversion erweist. Vom psychologischen Standpunkt aus versuchte Binet die sonderbare Erscheinung zu erklären, indem er, in Anlehnung an Condillac , gleich wie bei andern seltsamen psychischen Phänomenen, sie mit dem Gesetz der Ideenassoziation, d. h. der Assoziation von Vorstellungen mit Gefühlen, im Entstehungsstadium zu begründen vermeinte. Der geistreiche Psycholog nimmt an, der bis dahin geschlechtlich undifferenzierte Trieb werde dadurch bestimmt, daß ein erstmaliger lebhafter sexueller Erregungsvorgang mit dem Anblick oder auch Kontakt einer Person des eigenen Geschlechts zusammentreffe. Dadurch werde eine mächtige Assoziation geschaffen, die sich durch Wiederholung festige, während der ursprüngliche assoziative Vorgang vergessen, bzw. latent werden könne. Diese Ansicht, welche auch von Schrenck-Notzing u. a. zur Erklärung der angeblich meist erworbenen konträren Sexualempfindung herangezogen wird, hält einer eingehenden Kritik nicht stand. Psychologische Momente sind zur Erklärung einer solchen schwer degenerativen Erscheinung nicht ausreichend. Chevalier wendet auch mit Recht gegen Binet ein, daß durch einen solchen psychologischen Erklärungsversuch weder die Ursprünglichkeit der homosexuellen Triebe, d.h. ihr Vorkommen schon lange vor jeglicher assoziativer Verknüpfung von Sexualgefühlen mit Vorstellungen, noch die Abneigung gegen das andere Geschlecht, noch das oft so frühe Auftreten von sekundären psychischen Geschlechtscharakteren seine Erklärung finde. Bemerkenswert ist aber immerhin Binets feine Äußerung, daß derlei Haften von assoziativen Knüpfungen nur bei prädisponierten (belasteten) Individuen möglich sei. Auch die von Seiten der Ärzte und Naturforscher ursprünglich versuchten Erklärungen entsprechen und befriedigen nicht. Gley behauptete, die konträr Sexuellen hätten ein weibliches Gehirn (!) bei männlichen Geschlechtsdrüsen, und das zugleich krankhafte Gehirnleben bestimme das Geschlechtsleben, während normalerweise die Geschlechtsdrüsen die sexuellen Funktionen des Gehirns bestimmten. Auch Magnan spricht vom Gehirn eines Weibes im Körper eines Mannes und umgekehrt; Ulrichs kommt der Sache etwas näher, indem er »anima muliebris virili corpori innata« behauptet und sich damit seine angeborene Effeminatio zu erklären versucht. Nach Mantegazza bestehen bei solchen konträr Sexuellen anatomische Anomalien, insofern durch einen »Fehler der Natur« die für die Genitalien bestimmten Nerven sich im Mastdarm verbreiten, so daß nur in diesem der wollüstige Reiz ausgelöst werde, der sonst durch Reizung der Genitalien erfolgt. Solche Errores loci und Saltus macht aber niemals die Natur, so wenig als sie ein weibliches Gehirn dem männlichen Körper beigibt. Der sonst scharfsinnige Autor dieser Hypothese übersieht ganz, daß der Anus (bzw. die Päderastie) von Homosexuellen in der Regel abgelehnt wird. Mantegazza beruft sich, um seine Hypothese zu stützen, auf die Mitteilungen eines bekannten hervorragenden Schriftstellers, der ihm versicherte, er sei mit sich noch immer nicht im reinen, ob er einen größeren Genuß bei dem Koitus oder der Defäkation empfinde. Die Richtigkeit dieser Erfahrung zugegeben, würde sie doch nur beweisen, daß der Betreffende sexuell abnorm und sein Wollustgefühl beim Koitus auf ein Minimum herabgesetzt war. Überdies ließe sich daran denken, daß abnormerweise seine Rektalschleimhaut besonders erogen wäre. Bernhardi fand (zufällig) bei fünf Effeminierten keine Spermatozoen, bei vieren nicht einmal Spermakristalle und glaubte die »Lösung des mehrtausendjährigen Rätsels« dadurch gegeben, daß er annahm, der »Pathicus (Effeminierte) sei eine Mißgeburt weiblichen Geschlechts, die mit dem Manne nichts gemein habe als die in manchen Fällen nicht einmal völlig entwickelten männlichen Genitalien«. Auf einen Sektionsbefund, der eventuell Hermaphroditismus nachgewiesen hätte, vermochte sich dieser Autor indes nicht zu stützen. Gleichwohl erklärte er auch die aktiv vorgehende Tribade (Viragines und Gynandrier) für »eine Mißgeburt männlichen Geschlechts, der gegenüber die passive Tribade ein so vollkommenes Weib ist, wie der aktive Pädikator ein vollkommener Mann«. Einen Versuch, Tatsachen der Heredität zur Erklärung der Anomalie zu verwerten, machte Krafft-Ebing , indem er auf Grund der Erfahrung, daß sexuelle Perversionserscheinungen nicht selten schon bei den Eltern vorkommen, die Vermutung aussprach, daß die verschiedenen Stufen angeborener konträrer Sexualempfindung verschiedene Grade erblich angezeugter, von der Aszendenz erworbener oder sonstwie entwickelter sexueller Anomalie seien, wobei auch das Gesetz der progressiven Vererbung in Betracht komme. Gehen wir nun zu den Erklärungsversuchen über, die auf biologischer, anatomischer, embryologischer, anthropologischer Grundlage beruhen, so beginnen wir mit den Untersuchungen von Lydston und Kiernan . Sie fußen auf der Tatsache, daß die niedersten Tiere bisexuelle Organisation aufweisen, sowie auf der Annahme, daß die Monosexualität sich überhaupt erst aus der Bisexualität entwickelt habe. Kiernan nimmt nun an, indem er die konträre Sexualempfindung dem Begriffe des Hermaphroditismus unterzuordnen versucht, daß bei belasteten Individuen Rückschläge in frühe hermaphroditische Formen des Tierreichs wenigstens funktionell eintreten können. Er sagt wörtlich: »The original bisexuality of the ancestors of the race, shown in the rudimentary female organs of the male, could not fail to occasion functional, if not organic reversions, when mental or physical manifestations were interfered with by disease or congenital defect. It seems certain that a feminily functionating brain can occupy a male body and vice versa.« Auch Chevalier geht von der ursprünglichen Bisexualität im Tierreich und von der im menschlichen Fötus ursprünglich vorhandenen bisexuellen Veranlagung aus. Die Differenzierung der Geschlechter mit markanten körperlichen und psychischen Geschlechtscharakteren ist ihm ein Resultat unendlicher Evolutionsvorgänge. Die seelisch-körperliche geschlechtliche Differenzierung geht der Höhe der Entwicklungsvorgänge parallel. Auch das Einzelwesen hat diese Evolutionsstufen durchzumachen – es ist ursprünglich bisexuell, aber im Kampf der männlichen und weiblichen Streitkräfte wird die eine besiegt, und es entwickelt sich, dem Typus der heutigen Evolution entsprechend, ein monosexuelles Individuum. Aber Spuren der unterdrückten Sexualität erhalten sich. Unter gewissen Umständen können diese »caracteres sexuels latents« Darwins Bedeutung gewinnen, d. h. Erscheinungen konträrer Sexualität hervorrufen. Chevalier faßt diese aber mit Recht nicht als Rückschlag (Atavismus) im Sinne Lombrosos u. a., sondern mit Lacassagne als Entwicklungsstörung auf. Als Steinach seine innersekretorischen Forschungen veröffentlichte, glaubte man damit neue Möglichkeiten für die Erklärung der Homosexualität gewonnen zu haben. Gewisse Befunde Steinachs wurden von den Homosexuellen in einer recht unerfreulichen Agitation zu verwerten versucht; es stellte sich aber bei der Überprüfung heraus, daß nichts dafür sprach, daß die Hoden Homosexueller anders beschaffen seien als die Heterosexueller, bzw. daß sie andere Zellelemente (die F-Zellen Steinachs ) enthielten. Und es sei noch gleich bemerkt, daß auch seit Steinach die Endokrinologie und die Hormonforschung kein Material beigebracht haben, das für die Erklärung der Homosexualität verwendbar wäre. Zusammenfassend hat Krafft-Ebing folgende Punkte hervorgehoben: 1. Der Sexualapparat besteht aus a) den Geschlechtsdrüsen und den Befruchtungsorganen; b) spinalen Zentren, welche teils hemmend, teils erregend auf a) einwirken; c) zerebralen Gebieten, in welchen sich die psychischen Vorgänge des Geschlechtslebens abspielen. Da die ursprüngliche Veranlagung von a) eine bisexuelle ist, muß dies auch für b) und c) vorausgesetzt werden. 2. Die Tendenz der Natur auf heutiger Entwicklungsstufe ist die Hervorbringung von monosexuellen Individuen, und ein empirisches Gesetz lautet dahin, daß normaliter das der Geschlechtsdrüse entsprechende zerebrale Zentrum sich entwickelt (Gesetz der sexuell homologen Entwicklung). 3. Diese Vernichtung konträrer Sexualität ist aber heutzutage noch nicht vollständig. Wie der Processus vermiformis am Darmrohr auf frühere Organisationsstufen hinweist, so finden sich auch am Sexualapparat, ganz abgesehen von hermaphroditischen Verbildungen (als Ausdruck teilweiser Entwicklungsexzesse oder Bildungshemmungen der Geschlechtsgänge und äußeren Genitalien), bei Mann oder Weib Residuen, welche auf die ursprüngliche onto- und phylogenetische Bisexualität hinweisen. Es sind dies beim Manne der Utriculus masculinus (Reste der Müllerschen Gänge), ferner die Brustwarzen, beim Weibe das Paroophoron (Überbleibsel des Urnierenteils der Wolffschen Körper) und das Epoophoron (Reste der Wolffschen Gänge und Analogon der Epididymis des Mannes). Überdies haben beim Weibe Beigel , Klebs , Fürst u. a. Andeutungen der bei weiblichen Wiederkäuern regelmäßig in der Seitenwand des Uterus vorhandenen Reste der Wolffschen Körper in Gestalt der sogenannten Gartnerschen Kanäle vorgefunden. Diese Tatsachen stützen die Annahme einer auch zerebral vorhandenen bisexuellen Veranlagung des Geschlechtsapparates. 4. Nicht selten kommen Individuen vor, bei denen die körperlichen und psychischen Geschlechtscharaktere gemischt sind, oder bei denen diese sogar im Sinne des entgegengesetzten Geschlechts vorherrschen (Weibmänner oder Mannweiber). 5. Diese Erscheinungen konträrer Sexualität finden sich beim Menschen nur bei organisch belasteten Personen. Bei normal Organisierten bleibt das Gesetz der monosexuellen und der den Geschlechtsdrüsen homologen Entwicklung gewahrt. Beim Hermaphroditismus zeigt sich, daß das zerebrale Zentrum sich unabhängig von den peripheren Geschlechtsorganen sowie von den Geschlechtsdrüsen entwickelt. Beim Pseudohermaphroditismus bleibt das obige Gesetz im Sinne monosexueller, der Geschlechtsdrüse homologer Entwicklung gewahrt, während sich allerdings beim wahren Hermaphroditismus sowohl physisch als psychisch beide Zentren beeinflussen, wodurch das Liebesleben bis zur Asexualität neutralisiert wird und ein deutliches Streben zur Geltendmachung und Vermischung beider Geschlechtscharaktere seelisch und körperlich auftritt. Daß Hermaphroditismus und konträre Sexualempfindung aber an und für sich nichts miteinander zu tun haben, ergibt sich daraus, daß der Hermaphrodit nicht konträr sexuell ist, und daß umgekehrt, bei konträrer Sexualempfindung, bisher nie Hermaphrodisie anatomisch beobachtet wurde. Es erklärt sich dies aus der Verschiedenheit der Entstehungsbedingungen, die für die Homosexualität in zentralen (zerebralen), für die Hermaphrodisie in ausschließlich den peripheren Teil des Geschlechtsapparates treffenden Schädigungen gesucht werden müssen. Krafft-Ebing hat die angeführten Tatsachen als ausreichend angesehen, um nachstehenden entwicklungsgeschichtlich und anthropologisch begründeten Versuch einer Erklärung der konträren Sexualempfindung zu geben. Es ist dabei sehr bemerkenswert, daß er die (eigentliche) Homosexualität und die »psychische Hermaphrodisie«, also das, was heute allgemein als Bisexualität bezeichnet wird, getrennt behandelt. Nach Krafft-Ebing ist demzufolge bei der Homosexualität das empirische Gesetz verletzt, nach dem die Entwicklung der Geschlechtsdrüsen und des zerebralen Zentrums gleichartig erfolgt. Dabei bleibt wenigstens das Gesetz der monosexuellen Entwicklung gewahrt, wobei jedoch paradoxerweise das den Geschlechtsdrüsen gegensätzliche Zentrum den Sieg über das eigentlich zur Herrschaft bestimmte Zentrum davonträgt. Es muß dann angenommen werden, daß das zum Streit und zur Geltendmachung seiner Rechte berufene Zentrum zu schwach veranlagt ist, was sich auch vielfach in schwacher Libido und schwächlich ausgeprägten physischen und psychischen Geschlechtscharakteren zu erkennen gibt. Bei der psychischen Hermaphrodisie erscheint nicht nur jenes ersterwähnte empirische Gesetz verletzt, sondern auch das der monosexuellen Artung des Individuums. Diese bleibt immerhin andeutungsweise erhalten, indem eines der beiden Zentren, und zwar regelmäßig das konträre, vorherrscht – jedoch ohne über das andere zu obsiegen. Es ist dies um so sonderbarer, als dem konträren Zentrum ja keine entsprechenden Geschlechtsdrüsen, überhaupt kein peripherer Sexualapparat zur Stütze dienen, was wohl als Beweis angesehen werden kann, daß das zerebrale Zentrum autonom und auch in seiner Entwicklung von den Geschlechtsdrüsen unabhängig ist. Sehr wesentlich ist nun, daß Krafft-Ebing diese Verletzung von Naturgesetzen anthropologisch und klinisch als eine degenerative Erscheinung auffaßt. Er vermochte tatsächlich in allen Fällen von konträrer Sexualempfindung hereditäre Belastung nachzuweisen. Die Frage indessen, worauf dieser Faktor (die Belastung) und seine Wirksamkeit beruhe, vermochte Krafft-Ebing nicht zu beantworten. An Analogien bei belasteten Individuen fehlt es nicht, denn als Ausdruck von offenbar schon im Zeugungskeim gelegenen, die körperliche und seelische Entwicklung störenden Einflüssen findet man bei der Homosexualität eine Fülle anderer Erscheinungen mangelhafter oder perverser Artung (also anatomische und funktionelle körperliche und seelische Entartungszeichen). Die konträre Sexualempfindung ist aber nur die stärkste Ausprägung einer ganzen Reihe von Erscheinungen partieller Entwicklung seelischer und körperlicher konträrer Geschlechtscharaktere, und man kann geradezu sagen: je undeutlicher sich die psychischen und physischen Geschlechtscharaktere bei einem Individuum darstellen, um so tiefer steht dasselbe unter der durch ungezählte Jahrtausende hindurch erfolgten Züchtung zur heutigen Stufe vollkommen homologer Monosexualität. Moll , der sein sehr großes Homosexuellenmaterial in vorbildlicher Weise wissenschaftlich ausgewertet hat, steht auf dem sehr richtigen Standpunkt, daß eine einheitliche Erklärung der Homosexualität schon mit Rücksicht auf die so zahlreichen wie wesentlichen Unterschiede kaum möglich ist, die diese Perversion und noch mehr ihre Betätigung zeigen. Moll weist weiters darauf hin, daß sich durchaus nicht notwendigerweise eine angeborene Disposition zu entwickeln brauche, sondern daß dazu vielfach bestimmte Voraussetzungen nötig seien, und daß nicht selten die Entwicklung einer solchen angeborenen Disposition überhaupt ausbleibe. Von besonderer Wichtigkeit ist schließlich Molls Hinweis auf die mangelhafte sexuelle Differenzierung als Grundlage der Homosexualität und auf die Bedeutung und Verbreitung der Bisexualität. Wenn wir nun daran gehen, all das zusammenzufassen, so möchten wir zuerst eine bereits früher gemachte Feststellung wiederholen, nämlich die, daß wir heute kaum über die Anschauungen Krafft-Ebings hinausgekommen sind. Eine befriedigende Erklärung läßt sich für die Homosexualität ebensowenig, ja vielleicht noch weniger geben als für die andern Perversionen. Die sexualpsychologische Forschung hat immerhin dazu geführt, daß die Homosexualität bei weitem nicht mehr so rätselhaft erscheint wie früher einmal. Dazu hat besonders das Studium der kindlichen Psyche beigetragen; und wenn wir auch, wie bereits früher mehrfach erwähnt, das Kind nicht als »polymorph pervers« im Sinne Freuds auffassen, sondern als sexuell undifferenziert, so sind doch jedenfalls gewisse homosexuelle Züge beim Kind nicht zu übersehen. Von hier aus betrachtet, ist die Homosexualität beim Erwachsenen weit leichter verständlich, schon weil sich den älteren Erklärungen nunmehr die anreiht, daß die konträre Sexualempfindung als das Fortbestehen einer – normalerweise etwa im Pubertätsalter korrigierten – infantilen (homosexuellen) Einstellung zu betrachten ist. Diese Anschauung läßt sich ohne weiteres mit der Krafft-Ebings vereinen, da jenes Fortbestehen sehr wahrscheinlich nur bei angeborener Anlage (zur Homosexualität) möglich ist. Auch dort, wo diese sexuelle »Verirrung« ein Abirren vom normalen Lebenslauf, ein »Abweichen von der sexuellen Leitlinie« ist ( Adler ), wird wohl eine angeborene Disposition zugrunde hegen. Nehmen wir noch dazu, daß bei zahlreichen Bisexuellen der Umschlag von der Hetero- zur Homosexualität durch Potenzschwäche und Potenzangst herbeigeführt wird, so finden wir bereits, daß auch die konträre Sexualempfindung im wesentlichen die gleichen Wurzeln hat wie die andern Abweichungen des Geschlechtstriebs. Die angeborene Disposition ist ja letzten Endes keine Erklärung eines Zustandes; ihre wirkliche Bedeutung liegt auf prognostischem, forensischem, sowie schließlich auf rassenbiologischem Gebiet. Wie kaum bei einer andern Perversion muß man bei der Homosexualität das männliche und das weibliche Geschlecht getrennt besprechen. Die Gründe dafür sind teils praktischer, teils sozialer Natur, denn diese Triebabweichung ist ja dadurch gekennzeichnet, daß sie den ganzen Charakter des Individuums beeinflußt und umstimmt. Anders als z. B. der Masochist und der Sadist ist der homosexuelle Mann von seiner Perversion determiniert, besonders dann, wenn es sich um eine Effeminatio handelt. Es ist klar, daß dadurch auch seine Einstellung zum Leben und seine Stellung in der Gesellschaft weitgehend bedingt sind. Dazu kommt noch der sehr wichtige Faktor, daß die Homosexualität in den meisten Kulturstaaten unter Strafsanktion steht, so daß der Homosexuelle nicht nur aus gesellschaftlichen, sondern auch aus juristischen Gründen gezwungen ist, seine Perversion geheimzuhalten. Bei der Frau liegen die Dinge, wie auf den ersten Blick erhellt, wesentlich anders. Denn so ziemlich der einzige Nachteil, der sich für sie aus der Homosexualität ergibt, besteht in der Unmöglichkeit oder doch zumindest verringerten Möglichkeit, sich mit einem Manne zu verbinden bzw. die Vorteile der Ehe zu erlangen. Auch dann, wenn der perverse Trieb zur Viraginität führt, sind damit soziale und gesellschaftliche Nachteile kaum verbunden, es kann sogar im Gegenteil zu einer Entwicklung verschiedener im praktischen Leben wertvoller Fähigkeiten und damit zu Erfolgen im Beruf usw. kommen. Die soziale Bedeutung der Homosexualität hat dazu geführt, daß in einem gewissen Gegensatz zu andern Perversionen verschiedentlich versucht wurde, die Zahl der Homosexuellen, bzw. den Hundertsatz der Bevölkerung, den sie bilden, festzustellen – obwohl zweifelsohne zumindest im europäischen Kulturkreis der Masochismus unter der männlichen Bevölkerung stärker verbreitet ist als die Homosexualität. Wirklich brauchbare Ergebnisse sind aber in dieser Hinsicht unserer Ansicht nach bisher noch nicht zu verzeichnen. Umfragen, wie sie unter Hochschülern oder Arbeitern angestellt wurden, ergaben einen Hundertsatz zwischen 4½ und 6 %. In Wirklichkeit dürften aber diese Ziffern viel zu hoch sein, und zwar deshalb, weil sich unter den Befragten verhältnismäßig viele noch bisexuelle Individuen befanden, bei denen offenbar infolge ihrer Jugend die endgültige sexuelle Differenzierung noch nicht eingetreten war. Ebensowenig verwendbar sind die Angaben, die homosexuelle Männer in dieser Beziehung machen. Gehört es doch zum Charakterbild des Homosexuellen, die Perversion, also das, was ihn von seinen Geschlechtsgenossen im allgemeinen unterscheidet, möglichst vielen Personen zuzuschreiben, was wohl in letzter Linie auf ein Kompensationsbestreben zurückzuführen ist (die Homosexualität wird, bewußt oder unterbewußt, als Defekt und somit als unlustbetont empfunden, und im Bestreben, zu einer Korrektur dieser Empfindung zu gelangen, wird gewissermaßen über das Ziel geschossen, also überkompensiert, wobei die Annahme einer möglichst großen Zahl von Schicksalsgenossen offenbar als denktechnisches Hilfsmittel Verwendung findet). Auch die von verschiedenen Psychoanalytikern bei Analysen anscheinend heterosexueller Fälle festgestellte Homosexualität ist nur mit großer Vorsicht verwendbar, da bei der Erhebung der jugendlichen Homosexualität das Stadium der sexuellen Undifferenziertheit aufgeschlossen wird, in dem selbstverständlich auch homosexuelle Strömungen zu finden sind. Alles in allem wird man aber auch bei vorsichtigster Beurteilung die Zahl der Homosexuellen als nicht gering ansehen dürfen und schätzungsweise etwa 1 % aller erwachsenen Menschen des europäischen Kulturkreises als homosexuell zu betrachten haben. So wie die meisten der sexuellen Triebabweichungen tritt auch die Homosexualität nicht selten mit andern Perversionen verbunden auf; am häufigsten ist die Kombination von Homosexualität, Sadismus und Pädophilie. Als Musterbeispiel möchten wir auf den beim Sadismus besprochenen Fall Dippold hinweisen. Es ist eine der betrüblichsten Erscheinungen der europäischen Zivilisation, daß noch immer wieder Fälle vorkommen, in denen gewissenlose Lehrer die ihrer Obhut anvertrauten Knaben zu sadistischen und gleichzeitig homosexuellen Akten mißbrauchen. Seltener beim Manne, häufiger bei der Frau ist die Verbindung von Homosexualität und Masochismus. Aber auch andere Perversionen, zumal der Fetischismus, können homosexueller Natur sein. Von Bedeutung für die Homosexualität ist ferner, ob das Sexualobjekt, beim Mann also der Mann, beim Weibe das Weib, in einem bestimmten Alter stehen muß oder nicht. Von »reiner« Homosexualität könnte eigentlich nur dort die Sprache sein, wenn das begehrte Individuum bereits zur vollen körperlichen und sexuellen Entwicklung gelangt ist. Es gibt natürlich auch solche Fälle, häufiger aber findet man Beziehungen, in denen die Homosexuellen – beiderlei Geschlechts! – nach wesentlich jüngeren Personen suchen. Es kann sich dies bis zur echten Pädophilie entwickeln, bei der es sich um Kinder im Vorpubertäts- oder höchstens im Pubertätsalter handelt, oder es kann, was im allgemeinen die häufigste Form homosexueller Beziehungen sein dürfte, das sexuelle Begehren auf Jünglinge und junge Mädchen abzielen. Es muß dabei in Betracht gezogen werden, daß homosexuelle Akte an Kindern deshalb verhältnismäßig häufig ausgeführt werden, weil die Angst vor sozialen und juristischen Folgen hier geringer ist, als wenn es sich um erwachsene Personen handelt. Die Bedeutung und vor allem die Verbreitung der Bisexualität , der »psychischen Hermaphrodisie« Krafft-Ebings , wurde erst verhältnismäßig spät erkannt, ist jedoch so beträchtlich, daß schon deshalb eine eigene Erörterung am Platze ist. Außerdem unterscheidet sich die Bisexualität von der Homosexualität dadurch, daß sie noch zahlreiche Verbindungen mit dem Normalen aufweist, so sehr, daß sie kaum als eigentliche Perversion anzusprechen ist, und das sogar in der Mehrzahl der Fälle. Krafft-Ebing , der ja, wie bereits gesagt, die Bisexualität als psychische Hermaphrodisie beschrieben und als erste Stufe der konträren Sexualempfindung betrachtet hat, hat als für sie kennzeichnend angegeben, daß neben ausgesprochen sexueller Empfindung und Neigung zum eigenen Geschlecht solche zum andern vorgefunden wird. Diese ist aber viel schwächer und zudem nur zeitweilig vorhanden, während die homosexuelle Empfindung primär und nach Zeit wie nach Stärke vorwiegend im Geschlechtsleben zutage tritt. Die heterosexuelle Empfindung kann nur andeutungsweise vorhanden sein, allenfalls sich bloß im unbewußten (Traum-)Leben geltend machen oder aber (wenigstens zu Zeiten) mächtig zutage treten. Dabei besteht aber immer die Gefahr, den homosexuellen Empfindungen, die ja mächtiger veranlagt sind, ganz anheimzufallen und zu dauernder und ausschließlicher konträrer Sexualempfindung zu gelangen. Wir haben bereits früher betont, daß die Bisexualität in vielen Fällen kaum die Grenzen des Normalen überschreitet, und stehen schon deshalb nicht völlig auf dem Standpunkt Krafft-Ebings . Es gibt nämlich zweifelsohne sehr zahlreiche Fälle, in denen der Sexualverkehr mit Personen gleichen Geschlechts, der vom normalen Menschen doch stärker abgelehnt wird als eine andere Perversion, ohne inneren Widerstand oder Hemmung vollzogen wird. Wenn wir auch durchaus von der Notwendigkeit überzeugt sind, Perversion und Perversität zu trennen, so möchten wir doch gerade dort, wo die homosexuelle Note hineinspielt, annehmen, daß die perverse Handlung, die Perversität, nur bei perverser Einstellung, also bei Perversion, möglich ist, zumindest wenn es sich um erwachsene Personen handelt. In der Praxis liegen die Dinge so, daß weit häufiger, als aus dem ärztlichen Material, den Krankengeschichten und ähnlichen Belegen hervorgeht, bisexuelle Neigungen bestehen, wobei die homosexuelle Komponente weder stark genug ist, um erhebliche Schwierigkeiten bei der Auffindung und Eroberung des Sexualpartners zu überwinden, noch die betreffende Person zwingt, dauernd homosexuellen Geschlechtsverkehr zu suchen. Es ist dabei sehr wesentlich, daß solche Menschen eine deutliche Vorliebe für Personen haben, bei denen die sekundären Geschlechtscharaktere schwach und undeutlich ausgeprägt sind. So kommen für bisexuelle Männer als Partner einerseits bartlose Jünglinge mit annähernd weiblichen Körperformen in Betracht, oder aber anderseits Frauen, deren Typus ins Männliche hinüberspielt, mit breiten Schultern, schmalen Hüften, unentwickelten Brüsten usw. Bisexuelle Frauen bevorzugen ganz ähnliche Typen. Man hat vielfach angenommen, daß es sich hier um einen überzüchteten Ästhetizismus handelt, um eine Überkultur oder dergleichen, und es ist bekannt, daß diese Anschauungen am stärksten von den bisexuellen Personen selbst vertreten werden. In Wirklichkeit handelt es sich da um einen sexuellen Infantilismus, um ein Fortbestehen der sonst nur in der Kindheit, also vor dem Pubertätsstadium, vorkommenden mangelhaften geschlechtlichen Differenzierung. Es erscheint immerhin möglich, daß der für die Bisexualität so bezeichnende geschlechtliche Spieltrieb dem kindlichen Spieltrieb nicht fernsteht. Man findet bei dieser Gruppe stets auch eine ganze Reihe verschiedener perverser Akte. Der normale Koitus kommt für die Bisexuellen auch beim Verkehr mit Partnern des andern Geschlechts in der Regel nur als Notbehelf in Frage. An seine Stelle treten mutuelle Onanie und Cunnilinguus; auch die Verbindung mit andern Perversionen wie Pädophilie, Sadismus, Triolismus usw. ist nicht selten. Gerade bei der Bisexualität spielt die in diesem Buche bereits so vielfach als Ursache verschiedener Triebabweichungen aufgezeigte Potenzangst und Potenzschwäche eine beträchtliche Rolle. Sie ist hier aber manchmal auch so zu verstehen, daß Potenzstörungen beim normalen, also heterosexuellen Geschlechtsverkehr deshalb auftreten, weil eigentlich eine Neigung zum eigenen Geschlecht vorliegt, so daß dann also deutlicher ausgeprägte sekundäre Geschlechtscharaktere, wie Brüste, Hüften usw., hemmend auf den Geschlechtstrieb einwirken und somit die Durchführung des Aktes unmöglich machen. Es ist für die Beurteilung solcher Fälle sehr wesentlich, den wahren Sachverhalt festzustellen. Die der Potenzschwäche des Mannes ziemlich analoge Frigidität der Frau ist demnach auch im Rahmen der Bisexualität keine Seltenheit. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß manchen Fällen von Frigidität nichts anderes zugrunde liegt als eine latente Homosexualität, die begreiflicherweise das Zustandekommen der geschlechtlichen Befriedigung beim heterosexuellen Verkehr unmöglich macht. Von praktischer Bedeutung ist es ferner, daß gerade Frauen mit einem überreichen Liebesleben, gleichgültig ob dieses freiwillig oder unter Zwang (Prostitution) zustande kommt, bisexuell eingestellt sind oder sich zumindest solcherart betätigen. Überhaupt ist die Bisexualität unter Frauen zweifelsohne stärker verbreitet als unter Männern, wobei es sicher eine große Rolle spielt, daß, wie gleichfalls früher erwähnt, beim weiblichen Geschlecht ein Stehenbleiben auf der sexuellen infantilen Stufe recht häufig ist (klitorieller Erregungstypus). Die Notwendigkeit, auf dem Wege über den Cunnilinguus zum Orgasmus zu gelangen, legt schon an und für sich den homosexuellen – lesbischen – Verkehr nahe, der noch dadurch begünstigt wird, daß soziale Folgen schädlicher Art bei der Frau so ziemlich wegfallen. Gehen wir nun zu den Krankengeschichten über, so haben wir darauf hinzuweisen, daß zweifelsohne der größte Teil aller Bisexuellen gar nicht zur ärztlichen Beobachtung, Beratung und Behandlung kommt. Die nachstehenden Fälle sind durchwegs schwere Formen; bezeichnend für sie ist die hier eigentlich stets nachzuweisende Verbindung der Bisexualität mit andern Perversionen. Beobachtung 164. X., 36 Jahre, Privatmann, suchte mich wegen einer Anomalie seines sexuellen Fühlens auf, die ihn die beabsichtigte Eingehung einer Ehe bedenklich erscheinen lasse. Patient stammt von neuropathischem Vater. Sehr frühes Erwachen des Sexualtriebes; mit 8 Jahren, ohne alle Verführung, begann er zu masturbieren, vom 14. Jahre ab normale Ejakulation. Patient war geistig gut veranlagt, interessierte sich auch für Kunst und Literatur. Er war von jeher muskelschwach und hatte nie Neigung zu Knabenspielen und auch später nicht zu männlicher Beschäftigung. Er hatte ein gewisses Interesse für weibliche Kleidung, Putz und Beschäftigung. Schon von der Pubertät an bemerkte Patient eine ihm unerklärliche Neigung für männliche Personen, besonders sympathisch waren ihm junge Burschen aus den untersten Volksklassen. Ganz besonders zogen ihn Kavalleristen an. Impetu libidinoso saepe affectus est ad tales homines aversos se premere. Quodsi in turba populi, si occasio fuerit, bene successit, voluptate erat perfusus; ab vigesimo secundo anno interdum talibus occasionibus semen eiaculavit. Ab hoc tempore idem factum est si quis, qui ipsi placuit, manum ad femora posuerat. Ab hinc metuit ne viris manum adferret. Maxime periculosos sibi homines plebeios fuscis et adstrictis bracis indutos esse putat. Summum gaudium ei esset si viros tales amplecti et ad se trahere sibi concessum esset; sed patriae mores hoc fieri vetant. Paederastia ei displacet: magnam voluptatem genitalium virorum adspectus ei affert. Virorum occurrentium genitalia adspici semper coactus est. Im Theater, Zirkus usw. interessieren ihn nur männliche Darsteller. Eine Neigung zu Damen will Patient nie bemerkt haben. Er geht ihnen nicht aus dem Wege, tanzt sogar gelegentlich mit ihnen, aber er verspürt dabei nie die geringste sinnliche Regung. Nun kamen gehäufte Schlafpollutionen, die ihn sehr schwächten. Nur sehr selten träumte er anläßlich dieser Pollutionen von Männern, nie von Weibern. Nur einmal trat ein laszives Traumbild (daß er päderastiere) ein. Sonst träumte er dabei von Sterbeszenen, Angefallenwerden von Hunden und dergleichen. Patient litt nach wie vor unter größter Libido sexualis. Oft kamen ihm wollüstige Gedanken, im Schlachthaus sich am Verenden der Tiere zu weiden oder auch sich von Burschen prügeln zu lassen, jedoch widerstand er solchen Gelüsten, ebenso dem Drang, in militärische Uniform sich zu kleiden. Um die Masturbation loszuwerden und seine Libido nimia zu befriedigen, entschloß er sich, das Lupanar aufzusuchen. Den ersten Versuch, mit dem Weibe sexuell sich zu befriedigen, machte er, nach reichlichem Weingenuß, mit 21 Jahren. Die Schönheit des weiblichen Körpers, überhaupt jede nackte Frau war ihm ziemlich gleichgültig. Er war aber imstande, den Koitus mit Genuß auszuführen, und besuchte von nun an das Bordell regelmäßig aus »Gesundheitsrücksichten«. Von nun an gewährte es ihm auch großen Genuß, sich von Männern ihre sexuellen Beziehungen mit Personen des andern Geschlechts erzählen zu lassen. Auch im Lupanar kommen ihm häufig Flagellationsideen, jedoch bedarf er nicht der Festhaltung solcher Bilder, um potent zu sein. Er betrachtet den sexuellen Verkehr im Lupanar nur als Auskunftsmittel gegen den Drang zur Masturbation und zu Männern, als eine Art Sicherheitsventil, damit er sich nicht einmal einem sympathischen Manne gegenüber kompromittiere. Patient möchte nun heiraten, aber er fürchtet, daß er keine Liebe und dann auch keine Potenz einer anständigen Dame gegenüber haben werde. Daher seine Bedenken und sein Bedürfnis nach ärztlichem Rat. Patient ist eine sehr intelligente Persönlichkeit, eine durchaus männliche Erscheinung. Auch in Kleidung und Haltung bietet er nichts Auffälliges. Gang, Stimme sind durchaus männlich, gleichwie Skelett, besonders Becken. Die Genitalien sind ganz normal entwickelt. Sie sind, gleichwie das Gesicht, reichlich behaart. Niemand von den Angehörigen und Bekannten des Patienten ahnt etwas von seinen sexuellen Anomalien. Bei seinen konträr sexuellen Phantasien will er sich nie in der Rolle des Weibes dem Manne gegenüber gefühlt haben. Seit einigen Jahren ist Patient von neurasthenischen Beschwerden fast ganz frei geworden. Die Frage, ob er sich für angeboren konträr sexuell halte, vermag er nicht zu beantworten. Es scheint, daß eine ab origine sehr schwache Neigung zum Weib, bei großer zum Mann, durch sehr früh eingetretene Masturbation zugunsten konträrer Sexualempfindung noch mehr abgeschwächt wurde, ohne aber ganz auf Null zu sinken. Mit dem Aufhören der Masturbation besserte sich dann wieder einigermaßen die Empfindung für das Weibliche, jedoch nur in grob sinnlicher Weise. Da Patient erklärte, aus Familien- und geschäftlichen Rücksichten heiraten zu müssen, mußte diese heikle Frage ärztlich beantwortet werden. Glücklicherweise beschränkte sich Patient darauf zu fragen, ob er als Ehemann potent sein werde. Die Antwort berücksichtigte den Umstand, daß er an und für sich potent war, so daß er es voraussichtlich auch im ehelichen Verkehr mit seiner Frau wohl sein werde, wenn sie ihm wenigstens geistig sympathisch sei. Überdies könne er ja, indem er mit seiner Phantasie geeignet nachhelfe, jederzeit seine Potenz verbessern ( Krafft-Ebing ). Dieser Fall ist sehr bezeichnend für jene bisexuellen Naturen, bei denen das gesamte Geschlechtsleben von der Norm abgewichen erscheint. Sadistische und masochistische Regungen lassen sich ebenso erkennen, wie eine sogar recht deutlich fetischistische Note. Es kommen hier sowohl verspäteter Infantilismus wie Potenzangst als Ursachen in Betracht, und es ist sehr wichtig, daß die Hauptfrage, die an den Arzt gerichtet wird, der Potenz gilt. Begreiflich also, daß solche Menschen der Frau ausweichen, weil es bei ihr ja auf den die volle Potenz erfordernden Koitus ankommt. Beobachtung 165. Herr X., 42 Jahre, Beamter, datiert seine konträre Sexualempfindung von einer Rauferei mit einem Schulkameraden her, als er zehn Jahre alt war. Er sei bei diesem Raufen dem andern zufällig an die Genitalien geraten. Dieser sei sofort still geworden, habe sich ihm später genähert, ihn zu mutueller Masturbation verführt. X. empfand den sich mit dem um zwei Jahre älteren Kameraden entwickelnden sexuellen Verkehr höchst angenehm, setzte ihn später mit andern jungen Leuten fort. Von der Pubertät ab schwärmte er geradezu für junge Leute, besonders Kellner Kellner spielen überhaupt in der Vita sexualis der Homosexuellen eine große Rolle (wahrscheinlich auf fetischistischer Grundlage). . Mit 20 Jahren erkannte er die Abnormität seiner Vita sexualis, näherte sich Frauen, war aber vom Akt mit solchen angewidert und kaum potent. Er gewann es über sich, homosexuellen Verkehr zu meiden, entsagte auch dem mit Frauen, lernte mit 24 Jahren eine Ballerine kennen, war entzückt von ihr, vollkommen potent und höchst befriedigt beim Koitus. Derselbe Erfolg in den nächsten Jahren auch mit andern Frauen. Mit dem 30. Jahre schwand diese sexuell normale Episode seines Lebens. Er verlor immer mehr die normale Libido, verkehrte seit fünf Jahren gar nicht mehr heterosexuell, griff wieder zu Masturbation, trieb mutuelle mit 17- bis 20jährigen Burschen, die ihn sehr befriedigte, aber ihn in unangenehme Erpressungsangelegenheiten verwickelte. Neuerlich bestanden seine sexuellen Akte in bloßem Küssen, Umarmen, da schon dabei Orgasmus und Ejakulation erfolgten. Die psychische Persönlichkeit des X. ist abnorm. Er ist intellektuell beschränkt, in seinem ganzen Wesen eckig, eigenartig, entschieden psychopathisch minderwertig. Über seine früh gestorbenen Eltern weiß er keine Mitteilungen zu machen. Er ist einziges Kind. Körperbau und äußere Erscheinung durchaus männlich ( Krafft-Ebing ). Krafft-Ebings Einteilung der Homosexualität in verschiedene Stufen beginnt mit jener Gruppe, bei der ausschließlich sexuelle Empfindung und Neigung zu Personen desselben Geschlechts vorliegt, wobei sich aber diese Anomalie nur auf die Vita sexualis beschränkt, auf den Charakter und die gesamte geistige Persönlichkeit hingegen nicht tiefer und auch nicht belastend einwirkt. Bei diesen Homosexuellen ist das Geschlechtsleben grundsätzlich gleich dem normaler heterosexueller Menschen. Indes erscheint vielleicht eben wegen der Verkehrung des Geschlechtstriebes das Liebesleben hier verzerrt, gewissermaßen karikiert, was noch dadurch gesteigert wird, daß diese Homosexuellen gewöhnlich auch Hypersexuelle sind, so daß ihre Liebe zur schwärmerischen Brunst neigt. Das zeigt sich in positivem Sinn, also in besonders innigem Anhängen an den geliebten Mann, im Wunsch nach andauernder enger Verbindung mit ihm, noch mehr aber negativ durch Eifersucht, die nicht selten die übertriebensten Formen annimmt, durch unglückliche Liebe usw. Der Homosexuelle dieser Stufe oder auch der schlechthin Homosexuelle wird nur von Männern angezogen und gefesselt; weibliche Reize sind ihm gleichgültig und selbst zuwider. Trotzdem kommt es vor, daß sich solche Homosexuelle verheiraten, gewöhnlich aus äußeren Gründen, manchmal auch aus ethischen Rücksichten. Solche Ehen können sogar konsumiert werden, wenn es gelingt, sich durch eine entsprechende Anstrengung der Phantasie statt der Gattin eine geliebte männliche Person vorzustellen (relative Potenz). Der Koitus ist aber ein schweres Opfer, kein Genuß; zu seiner Ausführung werden verschiedene Hilfsmittel angewendet, wie Alkohol, Drogen usw.; auch zufällig etwa durch den Füllungszustand der Blase bewirkte Erektionen werden für den coitus maritalis verwertet. Am wichtigsten ist es, daß es gelingt, die für solche Menschen mit dem Weibe unabtrennbar verbundenen sexuellen und erotischen Hemmungen zu kompensieren. Vom Geschlechtsverkehr abgesehen, lehnen aber solche Homosexuelle den Umgang mit Frauen keineswegs ab, wobei ihnen allerdings Vorzüge des Geistes wichtiger sind als ästhetische Momente. Die Art und Weise, in der die sexuelle Befriedigung herbeigeführt wird, ist auf dieser Stufe sehr verschieden. Ein großer Teil der Homosexuellen ist mit sexueller Neurasthenie behaftet, und es genügt also schon deshalb ein verhältnismäßig geringer Kontakt mit dem Geliebten, wie er z. B. beim Tanzen – aber auch beim Sport – vorkommt, um den Orgasmus herbeizuführen. Sehr verbreitet ist ferner die Onanie in Verbindung mit lebhaften Phantasievorstellungen, auch mutuelle Masturbation ist keineswegs selten. Die Päderastie tritt sehr stark zurück. Es gibt allerdings auf dieser Stufe auch eine Reihe von Homosexuellen, die gleichzeitig mit einer ästhetischen Parästhesie – bei gleichzeitiger sexueller Hyperästhesie – behaftet sind, die geradezu an Fetischismus denken läßt; diese Triebabweichung nötigt dann zum Verkehr mit sozial tiefer stehenden, oft gänzlich verkommenen Männern, mit denen außer der Päderastie auch andere oft unvorstellbar scheußliche Perversitäten vorgenommen werden. Praktisch wichtig ist es, daß die Homosexuellen dieser Stufe im allgemeinen Verkehr mit gleichaltrigen Männern oder vollerwachsenen Jünglingen suchen, so daß also Knabenschändung nur ausnahmsweise vorkommt, wie überhaupt unreife männliche Individuen in der Regel abgelehnt werden, abgesehen natürlich von dem stets zu berücksichtigenden Umstand, daß so manchesmal sexueller Verkehr mit Knaben oder ganz jungen Männern sozial und juristisch gefahrloser ist als mit gleichaltrigen Personen ausgeführte Perversitäten. Bei aller Reserve, die wir der Einteilung der Homosexualität in Stufen und Gruppen entgegenbringen, müssen wir doch auch für die hier besprochene Stufe das Verhältnis festlegen, in dem hier Geschlechtsleben und Persönlichkeit zueinander stehen. Grundsätzlich läßt sich sagen, daß hier noch kein Zusammenhang zwischen Perversion und sozialer Einstellung und Betätigung besteht. Charakter und Beschäftigung bleiben also dem anatomischen Geschlecht des betreffenden Individuums entsprechend. Gleichzeitig fügen sich solche Homosexuelle bei Sexualakten meistens in die Rolle, die ihnen bei heterosexuellem Fühlen zukäme. Gerade in letzter Beziehung läßt sich indessen gegen die nächste Stufe Krafft-Ebings hin (Effeminatio) keine deutliche Grenze ziehen. Gehen wir nun zu den Krankengeschichten über, so werden wir zumindest in schweren Fällen stets hereditäre Belastung finden; auch die Verbindung mit andern Perversionen und Perversitäten ist hier keine Seltenheit. Beobachtung 166. Herr H., 30 Jahre, den höheren Ständen angehörig, stammt von neuropathischer Mutter. Seine Geschwister sind nervenkrank, er selbst ist seit der Pubertät konstitutionell neurasthenisch. Schon als Knabe fühlte er sich zu Mitschülern hingezogen. 14 Jahre alt paedicatus est (von einem älteren Kameraden). Er habe sich das gerne gefallen lassen, aber hinterher große Reue empfunden und sich nie mehr zu einer solchen Verirrung hergegeben. Herangewachsen trieb er mutuelle Masturbation. Mit wachsender Neurasthenie genügte es ihm, eine Person des eigenen Sexus zu umarmen, an sich zu pressen, um zur Ejakulation zu gelangen. Dies war nun fortab die Art seiner Befriedigung. Zu weiblichen Personen fühlte er sich nie hingezogen. Seiner Anomalie war er sich bewußt. Vom 20. Jahre ab machte er energische Versuche apud puellas, um seine Vita sexualis zu sanieren. Bis dahin hatte er seine abnormen Gelüste nur für jugendliche Verirrung gehalten. Es gelang ihm cum muliere zu koitieren, aber er fühlte sich davon ganz unbefriedigt und wandte sich wieder dem Manne zu. Seine Vorliebe sind 18-20Jährige. Ältere Männer sind ihm nicht sympathisch. H. empfindet seine soziale Situation peinlich. Er fürchtet beständig Entdeckung seiner Perversion und erklärt, eine solche Schande nicht überleben zu können. Nichts in Habitus und Benehmen verrät den konträr Sexualen. Genitalien normal entwickelt, überhaupt keine Degenerationszeichen. An die Möglichkeit einer Änderung seiner abnormen Sexualität glaubt er nicht. Das weibliche Geschlecht hat für ihn nicht das geringste Interesse ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 167. Herr Y., 40 Jahre, Fabrikant, stammt von neuropathischem Vater, der an Apoplexia cerebri starb. In der mütterlichen Familie sind mehrfach Herderkrankungen des Gehirns vorgekommen. Zwei Geschwister des Patienten sind sexuell normal, aber konstitutionell neuropathisch, gleichwie Patient selbst. Derselbe versichert, ohne alle Verführung seit dem 8. Jahre zu Masturbation gekommen zu sein. Seit dem 15. Jahre habe er sich zu gleichaltrigen schönen Knaben hingezogen gefühlt, deren mehrere er zu mutueller Masturbation verführt habe. Herangewachsen, waren es ausschließlich Jünglinge von 17 bis 20 Jahren, bartlos, von schönen, weiblich mädchenhaften Zügen, die ihn fesselten, während das weibliche Geschlecht auch nicht den geringsten Reiz für ihn besaß. Früh gelangte Y. zur Erkenntnis, daß seine Vita sexualis pathologisch geartet sein müsse; er empfand aber die Befriedigung seiner abnormen Bedürfnisse als naturgemäß und erklärte sich damit; daß er, obwohl feinfühlig und streng moralisch, über Bedenken, solchen Trieben zu folgen, hinwegkam. Ekelhaft erschienen ihm nur die Berührung des Weibes, die er nur zweimal erfolglos versuchte, und Automasturbation, die er, sinnlich sehr bedürftig, notgedrungen und ohne seelische Befriedigung ausübte. Er versicherte, daß er redlich gegen seinen furchtbaren Trieb, der ihn fast vogelfrei erscheinen lasse, und der von aller Welt als grauenhaft hingestellt werde, angekämpft habe, aber umsonst, denn in seiner Befriedigung habe er nur etwas seiner Natur Vorgeschriebenes zu tun empfunden. Dem Manne gegenüber habe er sich immer in aktiver Rolle gefühlt und auf vom Gesetz nicht verbotene Betätigung beschränkt. Gleichwohl verwickelte sich Y. in Erpressungen, verlor seine geachtete und einträgliche Stellung, führte ein trauriges Wanderleben, bis er sich entschloß, über Meer eine neue Existenz sich zu gründen, das ihm auch bei seiner Geschicklichkeit und Ehrenhaftigkeit gelang. Als ich Y. kennenlernte, war er der Verzweiflung und dem Selbstmord nahe, zumal da eine von einem erfahrenen Arzt unternommene Suggestivbehandlung, auf die Y. seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, wegen Nichthypnotisierbarkeit vollkommen fehlgeschlagen hatte. Außer Zeichen neurasthenischer Verfassung, teils aus Anlage, teils aus Abstinenz und Gemütsbewegungen, ferner kleinem Penis, bei sonst wohlgebildetem Genitale, fand ich an Y. nichts Pathologisches. Die sekundären physischen und psychischen Geschlechtscharaktere waren durchaus männlich ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 168. Herr P., 37 Jahre, stammt von einer sehr nervösen und mit konstitutioneller Migräne behafteten Mutter. Er selbst hat als Junge an Hysteria gravis gelitten, von jeher sich nur zu hübschen jungen Männern hingezogen gefühlt und beim Anblick ihrer Genitalien sich sehr aufgeregt. Bald nach der Pubertät begann er mutuelle Masturbation mit Männern. Nur solche, die etwa 25 bis 30 Jahre alt sind, haben für ihn Anziehungskraft. Er fühlt sich in weiblicher Rolle beim homosexualen Akt, versichert, daß er mit der ganzen Glut seiner Seele weiblich liebe, nur die Pose des Mannes, gleich einem Schauspieler, habe. Schon als Junge habe man ihn seiner weibischen Gesten und Gesinnungen wegen verspottet. Mädchen machten nie auf ihn Eindruck. In der Meinung, seine Vita sexualis sanieren zu können, heiratete er ohne alle Neigung vor einigen Jahren. Er zwang sich zum coitus cum uxore, war sogar potent, indem er sich statt der Frau einen jungen Mann dachte, und zeugte ein Kind. Allmählich wurde er aber neurasthenisch, seine Phantasie erlahmte und damit seine Potenz. Er mied seit 2 Jahren den coitus maritalis, wandte sich wieder dem homosexualen Verkehr zu und ließ sich kürzlich an einem öffentlichen Orte inter masturbationem mutuam mit einem jungen Manne betreten. Er entschuldigt dies damit, daß er, durch längere Abstinenz sehr libidinös, beim Anblick der Genitalien eines Mannes in einen förmlichen Affekt geraten sei »wie berauscht« und sich in einer Art Sinnesverwirrung damals befunden habe ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 169. Herr N., 41 Jahre, ledig, stammt aus einer Verwandtenehe. Die Eltern sollen psychisch normal gewesen sein, ein Vatersbruder war in der Irrenanstalt. Die Brüder des N. sollen hyper-, aber heterosexual sein. Schon mit 9 Jahren fühlte sich N. sinnlich zu Kameraden hingezogen. Mit 15 Jahren begann er mit solchen mutuelle Masturbation zu treiben, später auch Koitus inter femora. Mit 16 Jahren ging er ein Liebesverhältnis mit einem jungen Manne ein. Seine Liebe zum eigenen Geschlecht habe sich genau so entwickelt, wie er sie in Romanen zwischen Mann und Weib geschildert fand. Nur schöne junge Männer von etwa 20 bis 24 Jahren reizten ihn. Seine erotischen Träume waren ausschließlich homosexual. Er fühlte sich dabei in weiblicher Rolle, desgleichen im Verkehr mit Männern. Er behauptet, von Kindesbeinen an eine mehr weibliche Seele gehabt zu haben. Er interessierte sich nicht für Knabenspiele, wohl aber für Kochen und weibliche Arbeiten. Auch später hatte er keine Lust zu männlichem Sport, kein Vergnügen am Rauchen und Trinken. In seinem bewegten Leben hatte er eine Episode als Koch in einem überseeischen Lande, wo seine Leistungen ganz zufriedenstellend waren. Er verlor diese Stelle dadurch, daß er mit dem Sohne des Dienstgebers eine Liebschaft anfing. Vom 22. Jahre ab erkannte er, daß er auf abnormen sexuellen Bahnen sich bewege. Er war davon beunruhigt, versuchte einen Umschwung seiner Empfindungen, indem er sich zum Besuch von Bordellen zwang, empfand dabei aber nur Ekel, brachte es nicht einmal zu einer Erektion. Eines Tages machte er, verzweifelt über seine Situation und die Entdeckung seiner Schande durch die Familie, einen Selbstmordversuch. Von seiner Wunde genesen, ging er in fremde Länder, fühlte sich nach wie vor sehr unglücklich, mit sich zerfallen, von seiner Familie ausgestoßen. Es blieb ihm nur die Hoffnung, daß ihn mit zunehmendem Alter seine Neigung zum Manne verlassen werde ( Krafft-Ebing ). Die nächste Gruppe Krafft-Ebings , die Effeminatio , sollte eigentlich dadurch gekennzeichnet sein, daß die gesamte Einstellung solcher Homosexueller darin besteht, sich dem Mann gegenüber weiblich zu fühlen. Jedoch, wie bereits früher betont, ist diese volle Ausbildung der Triebabweichung eher die Ausnahme als die Regel, so daß es sich empfiehlt, als Merkmal die Tatsache anzunehmen, daß die seelische Persönlichkeit und der Charakter von der abnormen geschlechtlichen Empfindungsweise beeinflußt sind. Diese Fehlform des Fühlens und Handelns zeigt sich vielfach schon in den Kinderjahren: der Knabe liebt es, in der Gesellschaft kleiner Mädchen zu verweilen, mit Puppen zu spielen, der Mutter in der Besorgung der Hausgeschäfte zu helfen, er schwärmt für Kochen, Nähen, Sticken, entwickelt Geschmack in der Auswahl weiblicher Kleidung usw. Herangewachsen verschmäht der Effeminierte Rauchen, Trinken, Sport, während er Gefallen an Putz und Schmuck findet. Auffällig ist die Beziehung zur Kunst: auf allen Gebieten der Kunst werden eigentlich wertlose, süße, glatte, geleckte Werke bevorzugt. Sehr eigenartig ist das Benehmen andern Männern gegenüber. In einer den normalen Mann anwidernden und abstoßenden Weise nehmen solche Homosexuelle ein mädchenhaftes, »züchtiges« Gebaren an, das besonders bei älteren Personen durchaus widerlich wirkt. Sie geben sich teils zurückhaltend und verschämt, teils kokett und aggressiv, kurzum, sie trachten das zu bieten, was ihrer Meinung nach dem weibliebenden Mann am andern Geschlecht gefällt. Die sexuellen Gefühle und Triebe solcher auch im ganzen Seelenleben mitbetroffener Homosexueller führen dazu, daß sich diese ausnahmslos dem Mann gegenüber weiblich einstellen. Sie fühlen sich demgemäß abgestoßen von gleichartigen Personen des eigenen Geschlechts, da sie in diesen ja ihre Mitbewerber und Konkurrenten erblicken, hingegen hingezogen zu sexuell normalen Männern oder zu nicht effeminierten Homosexuellen. Wiederum spielt im Liebesleben die Eifersucht eine ganz außerordentliche Rolle. Bei vollkommen entwickelter Effeminatio erscheint heterosexuelle Liebe als eine ganz unverständliche Sache und ein sexueller Verkehr mit einer Person des andern Geschlechts als undenkbar und unmöglich. Versuche dieser Art scheitern an der eine Erektion vollkommen verhindernden Hemmungsvorstellung des Ekels, ja selbst des Grausens, was sofort begreiflich wird, wenn man sich die Lage eines sexuell normalen (heterosexuellen) Mannes vorstellt, dem eine sexuelle Betätigung mit einem andern Mann zugemutet würde. Wenn – ganz ausnahmsweise – der normale Geschlechtsakt doch gelingt, so beruht das auf besonders reger Phantasie, wenn es nicht überhaupt gegen die Einreihung des betreffenden Falles in diese Gruppe spricht. Im Geschlechtsverkehr selbst fühlt sich der Effeminierte immer als Weib. Die Technik besteht in succubus, passivem coitus inter femora, passiver Masturbation, eiaculatio viri dilecti in os, passiver Päderastie. Merkwürdigerweise kommt aber auch aktive Päderastie vor, wobei es sich freilich ereignen kann, daß dieser Akt zu sehr an den Koitus erinnert, dadurch ekelhaft und demgemäß unmöglich wird. Sehr wichtig für die Gruppe ist es, daß die eigentliche Knabenliebe bei ihr nicht vorkommt. Daß bei schwächerem Sexualtrieb die perverse Einstellung innerhalb der Grenzen der platonischen Liebe bleibt, ist selbstverständlich möglich und sogar nicht selten. Schließlich sei gleich hier erwähnt, daß die schon im jugendlichen Alter zu beobachtende Vorliebe für weibliche Kleidung fetischistische Kraft gewinnen kann, so sehr, daß der Homosexuelle in erster Linie Transvestit ist. Eine Verbindung mit andern Perversionen ist bei dieser Stufe der Homosexualität verhältnismäßig selten zu finden, dafür aber lassen sich, so gut wie immer, die einen oder andern Zeichen erblicher Belastung nachweisen. Nachstehend einige bezeichnende Krankengeschichten: Beobachtung 170. Herr E., 31 Jahre, ist der Sohn eines potator strenuus. Sonst findet sich nichts Belastendes in der Familie. E. wuchs einsam auf einem Dorfe auf. Schon mit 6 Jahren fühlte er sich glücklich in der Umgebung von bärtigen Männern. Vom 11. Jahre ab errötete er, wenn er schönen Männern begegnete, und getraute sich nicht sie anzusehen. In weiblicher Gesellschaft war er ganz unbefangen. Bis zum 7. Jahr trug er Mädchenkleider. Er war ganz unglücklich, als er sich davon trennen mußte. Sein Liebstes war ihm, in der Küche und im Hauswesen mitzuhelfen. Die Schuljahre verliefen ruhig. Ab und zu hatte E. ein tiefes, aber nicht dauerndes Interesse für einen Mitschüler. Nachts träumte er immer häufiger von Männern mit blauen Kleidern und Schnurrbärten. Herangewachsen ging er in einen Turnverein, um mit Männern in Verkehr zu kommen, aus gleichem Grund auf Bälle, aber nicht der schönen Mädchen wegen, die ihm ganz gleichgültig waren, sondern um der Tänzer willen, wobei er sich in den Armen eines solchen dachte. Immer fühlte er sich aber einsam, unbefriedigt, und allmählich wurde er sich bewußt, nicht wie andere junge Burschen geartet zu sein. Sein ganzes Sinnen und Trachten war, einen Mann zu finden, der für ihn Liebe empfinden möge. Mit 17 Jahren verführte ihn ein Mann zu mutueller Masturbation. Die Reaktion im Bewußtsein waren Wonneschauer, Angst, Scham. Er erkannte nun die Abnormität seines sexuellen Fühlens, war anfangs deprimiert, einmal dem Selbstmord nahe, fand sich aber dann in seine eigenartige Situation, sehnte sich nach Männern, konnte aber bei seiner mädchenhaften Schüchternheit Jahre hindurch nicht zum Verkehr mit solchen gelangen, masturbierte notgedrungen, aber nicht häufig, da er nicht besonders libidinös war. Höchst peinlich war ihm, wenn Mädchen sich um seine Gunst bewarben, was oft der Fall war. Mit 26 Jahren kam E. in eine Großstadt, und nun wurde ihm reichlich Gelegenheit zu homosexuellem Verkehr. Er lebte seit einiger Zeit mit einem gleichaltrigen Mann in gemeinsamem Haushalt wie Mann und Frau. Er fühlte sich dabei glücklich und in weiblicher Rolle. Seine sexuelle Befriedigung ist mutuelle Masturbation und coitus inter femora. E. ist ein geschätzter Arbeiter, hochangesehen, in seinem Benehmen und Charakter durchaus viril, von normalen Genitalien, ohne Degenerationszeichen. Er lieferte mir Beweise dafür, daß sein jüngerer Bruder, der das Weib flieht und darüber klagt, er sei äußerlich ein Mann und doch keiner, ebenfalls homosexual empfindet. Auffallend ist auch, daß zwei Schwestern E.'s, die früh starben, jungen Männern aus dem Wege gingen, nie in der Küche, fast immer im Stall verkehrten und, wo sie nur konnten, Männerarbeit verrichteten, zu welcher sie besondere Anstelligkeit zeigten ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 171. B., Kellner, 42 Jahre, ledig, wurde mir von seinem Hausarzt, in den er verliebt war, als an konträrer Sexualempfindung leidend zugeschickt. B. gab bereitwillig Auskunft über sein sexuelles Vorleben, froh, endlich einmal eine autoritative Auskunft über seine sexuellen Zustände zu bekommen, die ihm von jeher krankhaft erschienen seien. B. weiß von seinen Großeltern nichts zu berichten. Der Vater sei ein jähzorniger, aufgeregter Mann gewesen, Potator, von jeher sexuell sehr bedürftig. Nachdem er 24 Kinder mit derselben Frau gezeugt, habe er sich von ihr scheiden lassen, und noch dreimal seine Wirtschafterin geschwängert. Die Mutter sei gesund gewesen. Von den 24 Geschwistern seien nur noch 6 am Leben, mehrere nervenkrank, aber nicht sexuell abnorm, bis auf eine Schwester, die von jeher mannsüchtig sei. B. will von Kindesbeinen an kränklich gewesen sein. Schon mit 8 Jahren sei sein Geschlechtsleben erwacht. Er habe masturbiert und sei auf die Idee verfallen, penem aliorum puerorum in os arrigere, was ihm großen Genuß gewährt habe. Mit 12 Jahren fing er an, sich in Männer zu verlieben, am meisten in solche in den 30er Jahren mit Schnurrbart. Schon damals sei sein sexuelles Bedürfnis sehr entwickelt gewesen, und er habe Erektionen und Pollutionen gehabt. Von da an habe er wohl täglich masturbiert und sich dabei einen geliebten Mann gedacht. Sein Höchstes sei aber gewesen, penem viri in os arrigere. Dabei habe er unter größter Wollust Ejakulationen bekommen. Nur etwa 12mal sei ihm dieser Genuß bisher zuteil geworden. Ekel vor dem Penis anderer habe er bei ihm sympathischen Männern nie empfunden, im Gegenteil. Päderastie, die ihm sowohl aktiv als passiv höchst ekelhaft sei, habe er stets abgelehnt. Beim perversen Geschlechtsakt habe er sich immer in der Rolle des Weibes gedacht. Seine Verliebtheit in ihm sympathische Männer sei grenzenlos gewesen. Alles hätte er für seine Geliebten tun mögen. Er habe vor Aufregung und Wollust gezittert, wenn er ihrer nur ansichtig wurde. Mit 19 Jahren ließ er sich von Kameraden öfters verführen, ins Lupanar mitzugehen. Er habe nie Spaß am Koitus gehabt und nur im Moment der Ejakulation eine Befriedigung verspürt. Um Erektion beim Weib zu bekommen, habe er sich immer einen geliebten Mann beim Akt vorstellen müssen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn das Weib immissio penis os gestattet hätte, was ihm aber immer versagt blieb. Notgedrungen habe er Koitus geübt, sei sogar zweimal Vater geworden. Das letzte Kind, ein Mädchen von 8 Jahren, fange bereits an, Masturbation und mutuelle Onanie zu betreiben, was ihn als Vater sehr betrübe. Ob es denn dagegen keine Abhilfe gebe? Patient versichert, daß er sich Männern gegenüber immer in einer weiblichen Rolle (auch bei sexuellem Verkehr) gefühlt habe. Er habe sich immer gedacht, seine sexuelle Perversion sei dadurch entstanden, daß sein Vater, als er ihn zeugte, ein Mädchen zeugen wollte. Seine Geschwister haben ihn auch immer wegen seiner weiblichen Manieren verspottet. Zimmerauskehren, Abwaschen sei ihm immer eine angenehme Beschäftigung gewesen. Man habe auch seine Leistungen in dieser Richtung vielfach bewundert und gefunden, daß er geschickter sei als manches Mädchen. Wenn er je konnte, verkleidete er sich als Mädchen. Im Fasching erschien er auf Bällen in weiblicher Maske. Das Kokettieren bei solcher Gelegenheit sei ihm trefflich gelungen, weil er eine weibliche Natur habe. Zum Trinken, Rauchen, zu männlicher Beschäftigung und Vergnügung habe er nie recht Lust gehabt, dagegen Nähen mit Leidenschaft betrieben und als Junge wegen beständigem Spielen mit Puppen oft Schelte bekommen. Sein Interesse im Zirkus oder Theater nahmen nur Männer in Anspruch. Er konnte oft dem Drang nicht widerstehen, in Pissoirs herumzulungern, um männlicher Genitalien ansichtig zu werden. An weiblichen Reizen habe er nie Gefallen gefunden. Koitus sei ihm nur gelungen, wenn er sich einen geliebten Mann dachte. Nächtliche Pollutionen wurden immer durch laszive, Männer betreffende Traumsituationen ausgelöst. Trotz vielfacher sexueller Exzesse hat B. nie an Neurasthenia sexualis gelitten und sind überhaupt keine Symptome von Neurasthenie an ihm nachweisbar. Explorat ist zart, hat spärlichen Backen- und Schnurrbart, der ihm erst im 28. Jahr gewachsen ist. Sein Äußeres, ausgenommen leicht wiegender Gang, bietet nichts, was auf eine weibliche Natur hindeuten würde. Er versichert, daß man seinen weibischen Gang schon oft bespöttelt habe ( Krafft-Ebing ). Krafft-Ebing hat noch eine weitere Gruppe konträr Sexueller aufgestellt, die sogenannten Androgynen , und versteht darunter Personen, bei denen nicht nur der Charakter und das ganze Fühlen – so wie bei der Effeminatio – der abnormen Geschlechtsempfindung entsprechen, sondern wo sich das Individuum sogar im Knochenbau, in der Gesichtsform, der Stimme, also nicht bloß in seelischer und psychosexueller, sondern überhaupt in anatomischer Hinsicht dem Geschlecht nähert, dem es sich auf Grund seiner Perversion zugehörig fühlt. Es mag dahingestellt bleiben, ob, wie Krafft-Ebing meint, diese anatomische Ausprägung einer zerebralen Anomalie eine besonders hohe Stufe der Entartung darstellt. Sicher ist hingegen, daß diese Abweichung etwas ganz anderes ist als die Hermaphrodisie, was sich schon daraus klar ergibt, daß bis jetzt bei konträrer Sexualempfindung niemals Übergänge zur hermaphroditischen Verbildung der Genitalien gefunden wurden. Denn die allerdings nicht seltenen anatomischen Degenerationszeichen wie Epispadie und Hypospadie sind lediglich Entwicklungshemmungen geschlechtlich ansonsten wohl differenzierter Organe; die Genitalien androgyner Männer erwiesen sich bisher immer geschlechtlich vollkommen differenziert. Hier ist indessen der Hinweis am Platze, daß trotz des bisher noch sehr spärlichen Beobachtungsmaterials endokrine Einflüsse bei den Androgynen eine wesentliche Rolle spielen dürften. Die primären Geschlechtscharaktere (Genitalien) sind zwar normal entwickelt, die sekundären indessen (Skelett, Behaarung, Kehlkopf, Fettverteilung, Hautbeschaffenheit), deren Entwicklung, wie wir wissen, endokrin bedingt ist, weisen deutlich in die Richtung einer hormonalen Hypo- oder Dysfunktion. Es ist klar, daß hier wiederum fließende Übergänge zur früheren Gruppe, zur Effeminatio, bestehen, so daß wir in erster Linie aus historischem Interesse die Androgynie als eigene Stufe der Homosexualität beibehalten. Die nachstehende Krankengeschichte Krafft-Ebings kann als klassisch bezeichnet werden. Beobachtung 172. Herr v. H., 30 Jahre alt, ledigen Standes, stammt von einer neuropathischen Mutter. Nerven- und Geisteskrankheiten sollen in der Familie des Kranken nicht vorgekommen und der einzige Bruder desselben geistig und körperlich vollkommen normal sein. Patient war von Kindesbeinen an von neuropathischer Konstitution und nach dem Zeugnis seiner Verwandten nicht wie andere Knaben. Früh fielen seine Abneigung gegen männliche Beschäftigung und seine Vorliebe für weibliche Spielereien auf. So verabscheute er alle Knabenspiele und gymnastischen Übungen, während das Spiel mit Puppen und weibliche Arbeiten für ihn besonderen Reiz hatten. Patient entwickelte sich in der Folge körperlich gut, blieb frei von schweren Erkrankungen, aber geistig blieb sein Wesen abnorm, einer ernsteren Lebensauffassung unzugänglich und von entschieden weiblicher Gefühls- und Gedankenrichtung. Im 17. Lebensjahr zeigten sich Pollutionen, die, gehäuft, schließlich auch bei Tage auftraten, den Kranken schwächten und mannigfache nervöse Störungen hervorbrachten. Es entwickelten sich Erscheinungen von Neurasthenia spinalis, die bis in die letzten Jahre fortdauerten, mit dem Seltenerwerden der Pollutionen aber sich verminderten. Onanie wird in Abrede gestellt, ist aber sehr wahrscheinlich. Eine schlaffe, weichliche, träumerische Gedankenrichtung machte sich seit der Pubertätszeit immer mehr bemerklich. Vergebens waren die Bemühungen, den Kranken zu einem eigentlichen Lebensberuf zu bringen. Seine intellektuellen Funktionen, wenn auch formal ganz ungestört, erhoben sich nicht zur Höhe wirksamer Leitmotive eines selbständigen Charakters und höherer Lebensanschauungen. Er blieb unselbständig, ein großes Kind, und nichts bezeichnete deutlicher seine originär abnorme Artung als seine tatsächliche Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, und sein eigenes Geständnis, daß er für eine geordnete, vernünftige Geldgebarung kein Verständnis habe und, sobald er Geld besitze, dasselbe für Antiquitäten, Toilettegegenstände und dergleichen ausgebe. Er lernte nichts Ordentliches, verbrachte seine Zeit mit Toilette und künstlerischen Tändeleien, namentlich mit Malen, wozu er eine gewisse Befähigung zeigte, aber auch hierin leistete er nichts, da es ihm an Ausdauer fehlte. Zu einer ernsten Gedankenarbeit war er nicht zu bringen, er hatte nur Sinn für Äußerlichkeiten, war immer zerstreut, von ernsten Dingen gleich gelangweilt. Verkehrte Streiche, sinnlose Reisen, Geldverschwenden, Schuldenmachen kehren in seinem ferneren Leben immer wieder, und selbst für diese positiven Fehler seiner Lebensführung fehlte ihm das Verständnis. Patient fühlt sich geschlechtlich als Weib dem Manne gegenüber und empfindet Zuneigung zu Personen des eigenen Geschlechts, bei Gleichgültigkeit, wenn nicht geradezu Abneigung gegen Personen des weiblichen. Er will zwar im 22. Jahr mit Frauen geschlechtlich verkehrt und in normaler Weise den Beischlaf ausgeübt haben, aber teils wegen Steigerung der neurasthenischen Beschwerden jeweils nach dem Koitus, teils aus Angst vor Ansteckung, wesentlich aber aus mangelnder Befriedigung will er sich bald vom weiblichen Geschlechte abgewandt haben. Über seine abnorme sexuelle Lage ist er sich nicht ganz klar; einer Hinneigung zum männlichen Geschlechte ist er sich bewußt, gesteht aber verschämt nur zu, daß er gewissen männlichen Personen gegenüber ein beseligendes Gefühl der Freundschaft empfinde, ohne daß sich ein sinnliches Gefühl beigeselle. Das weibliche Geschlecht verabscheut er gerade nicht, er könnte sich sogar entschließen, ein Weib, das ihn durch gesinnungsverwandte künstlerische Neigungen anzöge, zu heiraten – wenn ihm nur die ehelichen Pflichten, die ihm unangenehm wären und deren Leistung ihn matt und schwach mache, erlassen blieben. Daß Patient schon mit Männern geschlechtlich verkehrt habe, stellt er in Abrede, aber sein Erröten und seine Verlegenheit dabei, noch mehr ein Vorfall in N., wo Patient vor einiger Zeit im Gasthaus geschlechtlichen Umgang mit jungen Leuten versucht und einen Skandal veranlaßt hat, strafen ihn Lügen. Auch die äußere Erscheinung, Habitus, Körperbau, Gesten, Manieren, Toilette sind auffällig und erinnern entschieden an weibliche Formen und Verhältnisse. Patient ist zwar über mittlerer Größe, aber Thorax und Becken sind von entschieden weiblicher Bildung. Der Körper ist fettreich, die Haut wohlgepflegt, zart, weich. Dieser Eindruck eines Weibes in männlicher Kleidung wird gesteigert durch den spärlichen Haarwuchs im Gesicht, den tänzelnden Gang, das schüchterne, gezierte Wesen, die weiblichen Züge, den schwimmenden neuropathischen Ausdruck der Augen, die Spuren von Puder und Schminke, den stutzermäßigen Zuschnitt der Kleidung mit busenartig hervortretendem Oberkleid, die gefranste, damenartige Halsschleife und das von der Stirn abgescheitelte, glatt zu den Schläfen abgebürstete Haar. Die körperliche Untersuchung läßt den zweifellos weiblichen Bau des Körpers erkennen. Die äußeren Genitalien sind zwar gut entwickelt, jedoch ist der linke Hoden im Leistenkanal zurückgeblieben, die Behaarung des Mons Veneris ist schwach und dieser ungewöhnlich fettreich und prominent. Die Stimme ist hoch, ohne männlichen Timbre. Auch die Beschäftigung und Denkweise des v. H. ist eine entschieden weibliche. Er hat sein Boudoir, seinen Toilettentisch, an dem er stundenlang mit allen möglichen Verschönerungskünsten die Zeit vertändelt; er verabscheut Jagd, Waffenübungen und dergleichen männliche Beschäftigung, bezeichnet sich selbst als einen Schöngeist, spricht mit Vorliebe von seinen Malereien und dichterischen Versuchen, interessiert sich für weibliche Arbeiten, die er, wie z. B. Sticken, auch ausübt, und bezeichnet es als sein höchstes Glück, sein Leben in einem künstlerisch gebildeten und ästhetisch feinfühligen Kreis von Herren und Damen mit Konversation, Musik, Ästhetik und dergleichen zubringen zu können. Seine Konversation dreht sich vorwiegend um weibliche Angelegenheiten – um Moden, weibliche Handarbeiten, Kochkunst, Haushaltungsangelegenheiten. Patient ist wohlgenährt, jedoch etwas anämisch. Er ist von neuropathischer Konstitution und bietet Symptome von Neurasthenie, die durch eine verfehlte Lebensweise, zu langen Aufenthalt im Bett, im Zimmer, Verweichlichung unterhalten werden ( Krafft-Ebing ). Es mag fraglich erscheinen, ob der Transvestismus , also der Drang, die Kleidung des andern Geschlechts zu tragen, nicht besser beim Fetischismus besprochen worden wäre. Da es aber immer strittig sein wird, was bei diesem eigenartigen Zustandsbild wesentlicher ist, der Fetischismus oder die Homosexualität, und da letztere Perversion in den praktisch wichtigen Fällen von Transvestitismus kaum je fehlt, so halten wir uns für berechtigt, den Transvestitismus hier zu besprechen. Seitdem Westphal 1870 den ersten solchen Fall veröffentlicht hat, sind nicht wenige hierher gehörige Beobachtungen mitgeteilt worden, und man kann ruhig sagen, daß der Transvestitismus häufiger vorkommt als man glauben sollte, zumal es ja solchen Perversen oft genügt, nur zu Hause sich zu verkleiden, so daß sie also mit den Behörden nicht in Konflikt kommen. Der Transvestitismus ist von hohem theoretischem Interesse. Zunächst muß man sich daran erinnern, daß es ganz allgemein für überdurchschnittlich phantasievolle Menschen immer wieder lustbringend ist, sich zu verkleiden, und es hat sicher einen tieferen Sinn, wenn schon in der Antike, aber auch, seit jeher bis heute, bei primitiven Völkern Männer Frauenkleidung angelegt haben, wenn sich durch allen Wandel der Zeiten hindurch Maskenfeste erhalten haben, wenn die Großstädter heute die Tracht der Landbevölkerung anziehen usw. Klarerweise gelangt man von hier aus auf dem Wege der fließenden Übergänge zu jenen Formen, die schon den Charakter einer Perversion tragen, und schließlich zur Perversion selbst. Man wird stets leichter auf eine Perversion schließen können, wenn ein Mann Frauenkleidung trägt, als wenn eine Frau männliche Tracht anlegt. Entscheidend ist immer die Verbindung von Verkleidung und Sexualerlebnis, denn es ist stets abwegig, von einer Perversion zu sprechen, wenn die Sexualsphäre nicht tangiert ist. Seit Westphals Mitteilung hat man verschiedene Versuche gemacht, den Transvestitismus zu erklären. Westphal selbst hat angenommen, daß es sich um eine periodische Geistesstörung handle. Hirschfeld hat die Transvestiten als sexuelle Zwischenstufe betrachtet. Havelock Ellis spricht von einer sexoästhetischen Inversion. Moll unterscheidet fünf Gruppen; die erste (Zwangshandlungen) und die fünfte (Verkleidung aus praktischen Zwecken) können hier wohl unbesprochen bleiben. Bei der zweiten und dritten Gruppe anerkennt er das Bestehen einer Homosexualität, bei der vierten glaubt er – nach Havelock Ellis – ein homosexuelles Einfühlungssymptom zu finden. Wir möchten den Transvestitismus als eine Verbindung von Fetischismus und Homosexualität auffassen. Dabei können wir einerseits auf jene beim Fetischismus angeführten Krankengeschichten hinweisen, bei denen Tathandlungen und Situationen den Fetisch bilden, anderseits auf die dort gleichfalls schon besprochene Bedeutung, die Identifikation, Übertragung und Einfühlung für das Zustandekommen jener Perversion besitzen. Verwiesen sei auf die Krankengeschichten 45, 57, 58 und 93. Sehr bezeichnend sind: Beobachtung 173. Elise E., 24 Jahre, zeigte sich bei ärztlicher Untersuchung männlichen Geschlechts. E. hatte seit dem 14. Jahr Weiberkleider getragen, war auch als Schauspielerin aufgetreten, trug das Haar lang und nach Frauenart frisiert. Die Gesichtsbildung hatte etwas Weibliches, im übrigen war der Körper ganz männlich. Der Bart war sorgfältig ausgezupft. Die (männlichen) kräftig entwickelten Genitalien waren am Bauch durch eine kunstvolle Bandage nach aufwärts fixiert. Der Befund am Anus deutete auf passive Päderastie ( Taylor ). Beobachtung 174. X., Beamter in mittleren Jahren, mit einer braven Frau verheiratet, seit mehreren Jahren glücklicher Familienvater, erschien etwa alle 8 Tage im Bordell und legte dort Frauenkleidung und eine Frauenperücke an. In dieser Tracht legte er sich auf ein Bett und ließ sich von einer Prostituierten masturbieren, zog es aber bei weitem vor, wenn er eine männliche Person (einen Hausknecht des Bordells) dafür gewinnen konnte ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 175. Ein geistig sehr hochstehender Ordensgeistlicher, der besonders in künstlerischer und kulturhistorischer Beziehung Bedeutendes leistete, suchte ärztlichen Rat auf, weil er nicht umhin konnte, unter der Ordenstracht Damenwäsche aus Seide und Spitzen zu tragen. Er empfand diese Neigung vor allem deshalb als äußerst quälend, weil er in Anbetracht seines hohen Lebensalters fürchtete, auf der Straße einen Ohnmachtsanfall zu erleiden, bei welcher Gelegenheit seine eigenartige Neigung zutage treten würde (eigene Beobachtung). Es gibt in allen Großstädten Transvestiten, deren Perversion so fest verwurzelt ist, daß sie die Mühe nicht scheuen, im Wege vielfacher ärztlicher Untersuchung die Behörden zu einer formellen Erlaubnis zum Tragen andersgeschlechtlicher Kleider zu bewegen. Es ist klar, daß diese schwersten Formen sich bereits in das Gebiet der Zwangsneurosen erstrecken. Eine sehr unerfreuliche Begleiterscheinung des Transvestitismus ist die enge Beziehung zur männlichen Prostitution. In nicht wenigen Großstädten gibt es Lokale, in denen Männer in Frauenkleidern sich Homosexuellen gegen Entgelt hingeben. Es ist sehr zu begrüßen, daß in letzter Zeit gegen derartige Auswüchse behördlich eingeschritten wird. Wenn wir nun die Homosexualität beim Weibe besprechen, so müssen wir zweifelsohne von der Bisexualität ausgehen. Denn es kann als sichergestellte Tatsache bezeichnet werden, daß diese Einstellung bei Frauen ganz wesentlich mehr verbreitet ist als bei Männern. Das geht schon daraus hervor, daß homosexuellen Akten (Perversitäten) zwischen Frauen sichtlich weit weniger Hemmungen entgegenstehen, was sich nur durch die Annahme einer – vielleicht häufig bloß latenten – Homosexualität erklären läßt. Begünstigt wird die Homosexualität der Frau zweifelsohne in hohem Maße dadurch, daß sie vom Gesetz nicht getroffen wird, so daß also die für den Mann so schwerwiegenden sozialen Folgen wegfallen. Ferner ist es von großer Bedeutung, daß für sehr viele Frauen gewisse Praktiken (z. B. mutuelle Onanie), die ihnen aus der Pubertätszeit her bekannt sind, den sichersten und bequemsten Weg zur geschlechtlichen Befriedigung auch weiterhin bilden. Die bei illegalem Sexualverkehr stets drohenden Gefahren der Schwangerschaft und der venerischen Ansteckung fehlen hier, und dazu kommen noch die sicher zahlreichen Fälle, in denen der – legale oder illegale – Sexualpartner nicht imstande ist, der Frau im Wege des normalen Koitus den Orgasmus zu vermitteln. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß alle Frauen bisexuell oder latent homosexuell seien, aber jene, die auf der infantilen Stufe verharren und also einerseits außerstande bleiben, durch den normalen Geschlechtsverkehr befriedigt zu werden, und anderseits nicht zur vollen sexuellen Differenzierung gelangt sind, sowie die Frauen, deren Geschlechtstrieb besonders stark entwickelt ist, bilden in allen Kulturnationen eine kaum zu überschätzende Gruppe. Anderseits ist volle hundertprozentige Homosexualität bei der Frau wesentlich seltener zu finden als beim Manne. Während es durchaus homosexuelle Männer genug gibt, die trotz dieser Perversion sozial vollkommen eingeordnet und leistungsfähig sind, ist bei der Frau die volle Homosexualität nur in den seltensten Fällen mit einem Normaldasein vereinbar. Fast stets findet man bei solchen Frauen verschiedene neurotische Symptome, und es wird also nicht wundernehmen, daß die später mitgeteilten Krankengeschichten schwere Veränderungen des Seelenlebens aufzeigen. Die praktische Bedeutung der Homosexualität der Frau ist bei weitem noch nicht genügend erkannt. Auch dort, wo es sich vorwiegend bloß um Bisexualität handelt, wird durch diese Triebrichtung der typisch weibliche Lebensablauf in hohem Maße erschwert. Bei der Frage der Verheiratung und bei der Gattenwahl treten ernste Schwierigkeiten auf, und der sonst selbstverständlich hingenommene Lebenszweck des Weibes, Mutter zu sein, wird zum Problem. Die Homosexualität macht sich ferner auch bei der Wahl des Berufes und bei der Berufstätigkeit bemerkbar. Bleiben diese Momente von den Eltern, der Familie, dem Gatten, dem Arzt unbeachtet, so können alle möglichen Konflikte entstehen und in weiterer Folge sich verschlimmern, die bei richtiger Erkenntnis wohl zu vermeiden wären. Die Homosexualität der Frau unterscheidet sich auch dadurch von der des Mannes, daß sie weit öfters unbewußt bleibt und dann nur aus der Einstellung und der Verhaltensweise der betreffenden Frau erschlossen werden kann. Es ist wohl möglich, daß dies auf die typisch weibliche, durch die Erziehung in allen Kulturstaaten noch geförderte Schamhaftigkeit der Frau zurückzuführen ist. Für eine solche – latente oder unbewußte – Homosexualität spricht in erster Linie die Frigidität (was ja bereits bei der sexuellen Anästhesie und Hypästhesie erwähnt wurde). Es ist klar, daß dort, wo der Mann nicht als der eigentlich adäquate Partner empfunden wird, sowohl Erotik als Sexualität, vor allem aber letztere, defekt sind, und es ist ebenso klar, daß dann alle Behandlungsmaßnahmen versagen müssen. Umgekehrt wird man vielleicht auch dort, wo unter der Maske einer Hypersexualität eine Frau mit sehr vielen Männern, und zwar jeweils nur flüchtig, Geschlechtsverkehr ausübt, an eine Homosexualität denken müssen, die natürlich unbewußt ist und bleibt, aber immer wieder die Befriedigung im Geschlechtsverkehr, das Liebesglück, verhindert. Es wird sich also gerade bei der Frau immer empfehlen, bei den in diesem Buche in der ersten Gruppe zusammengefaßten Geschlechtsverirrungen an Homosexualität zu denken, zumindest aber dort, wo eine wegen ihrer körperlichen und seelischen Eigenschaften umworbene Frau den Sexualverkehr, ja jede Beziehung zum andern Geschlecht ablehnt und somit das Bild einer Flucht vor dem Geschlechtsleben bietet. Eine sehr interessante, derzeit keineswegs endgültig zu beantwortende Frage bildet der Zusammenhang zwischen Homosexualität und Berufswahl der Frau. Man wird heutzutage natürlich nicht mehr so wie vielleicht vor einem Menschenalter aus der Tatsache, daß eine Frau statt der Ehe einen Beruf wählt, auf eine irgendwie abwegige Sexualeinstellung schließen dürfen. Es ist aber in diesem Sinn doch auffallend und wohl auch verwertbar, wenn eine Frau jede Ehemöglichkeit a limine ablehnt, und die dann in der Regel vorgebrachte Begründung, man könne die Ehe nicht mit dem Beruf vereinen, dürfte als Arrangement im Sinne der Individualpsychologie aufzufassen sein. Die Erfahrung lehrt, daß nicht wenige in ihrem Beruf den Durchschnitt weit übertreffende Frauen homosexuell sind; auch das Eingehen einer Ehe braucht nicht dagegen zu sprechen, ebensowenig wie dies bei männlichen Homosexuellen der Fall ist, da eine solche Ehe natürlich auch gegen die Triebrichtung aus sozialen oder andern Gründen geschlossen werden kann. Ärztlicher Hilfe bedürfen solche oft in jeder Hinsicht hervorragende Frauen natürlich nicht; dieser Hinweis auf die Beziehung zwischen Homosexualität und Berufswahl ist aber doch verwertbar, vor allem beim Auftreten anderweitiger nervöser Störungen. Ähnlich den homosexuellen Männern zeigen auch die homosexuellen Frauen ein kennzeichnendes Charakterbild . Hier wie dort findet man eine gewisse übersteigerte Verfeinerung und Empfindlichkeit, alles, was klar, scharf umrissen, deutlich ist, wird abgelehnt, verschwimmende Übergänge, Schwebungen, Nuancen werden bevorzugt. Homosexuelle Frauen bedienen sich in ihrem Verkehrskreis eines an Andeutungen und Anspielungen reichen Jargons, winzige Kleinigkeiten werden auffällig wichtig genommen, und durch diese und ähnliche Hilfsmittel wird ein gewisser Abschluß gegen die Außenwelt angestrebt. Sehr auffällig ist die starke Eifersucht. Die homosexuelle Frau überwertet ihre Geliebte wesentlich stärker als der normale Mann die seine, auch deshalb, weil hier die Bindung weit über das rein Physische hinausgeht, und so gibt es auf dem Gebiet der Sexualverirrungen kaum einen tragischeren Anblick als den der alternden, von der jüngeren Geliebten verlassenen Homosexuellen. Der Geschlechtsverkehr zwischen den homosexuellen Frauen besteht in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aus mutueller Masturbation. Cunnilinguus ist kaum weniger häufig, hingegen kommt die sogenannte Tribadie seltener vor (jene Methode, bei der durch Aneinanderreihen der äußeren Genitalien der Orgasmus angestrebt wird). Natürlich gibt es genug Verbindungen mit andern Perversionen wie Sadismus und Masochismus, viel seltener Fetischismus, auch Pädophilie ist unvergleichlich seltener als bei den männlichen Homosexuellen. Anders als die homosexuellen Männer trachten die homosexuellen Frauen wenig von ihrer Einstellung merken zu lassen Vielleicht von gewissen Äußerlichkeiten abgesehen. Da heutzutage die Frauenmode ebenso wie der Haarschnitt männlichen Charakter trägt, so sprechen höchstens die Bevorzugung rauher (männlicher) Stoffe für Kleider und Hüte und die Ablehnung von Seide und dergleichen für eine homosexuelle Einstellung. , sie behaupten denn auch nicht, eine »Auslese« oder dergleichen zu sein. Hingegen sind aus dieser Triebabweichung in den letzten Jahren sehr beachtenswerte literarische Werke hervorgegangen. Da, wie bereits hervorgehoben, die Bisexualität bei der Frau weit häufiger vorkommt als die Homosexualität, ist auch die Zahl der wirklich schweren Formen gering. Aus eben diesem Grund kommt ärztliche Behandlung wohl nur bei jenen Fällen in Betracht, in denen anderweitige Perversionen vorliegen oder, was bei solchen neurasthenischen Personen nicht zu verwundern ist, wenn Sucht nach irgendeinem Rauschgift besteht. Ein anderer Grund, weshalb das Material an verwendbaren Beobachtungen bei der Homosexualität der Frau verhältnismäßig spärlich ist, liegt darin, daß sie, wie gesagt, juristisch nicht verfolgt wird. Beobachtung 176. Frl. X., 55 Jahre alt; über die Familie des Vaters fehlen Nachrichten. Die Eltern der Mutter werden als zornwütig, launenhaft, nervös geschildert. Ein Bruder der Mutter ist epileptisch, ein anderer exzentrisch und geistig nicht normal. Die Mutter war sexuell hyperästhetisch und lange Zeit Messaline. Fräulein X. entwickelte sich normal, hatte nur geringfügige Kinderkrankheiten zu überstehen, war geistig sehr begabt, jedoch von neuropathischer Konstitution. Mit 13 Jahren erwachte, noch 2 Jahre vor der ersten Menstruation, die erste Liebesleidenschaft für eine Altersgenossin, »ein träumerisches Gefühl, noch ganz rein von Sinnlichkeit«. Die zweite Liebe galt einem älteren Mädchen, das Braut war, mit bereits quälendem sinnlichem Sehnen, Eifersucht und dem noch »unklaren Gefühl geheimnisvoller Ungehörigkeit«; zurückgewiesen von dieser Dame, verliebte sich Patientin in eine um 20 Jahre ältere, glücklich verheiratete Frau und Mutter. Sie vermochte sich in ihren sinnlichen Regungen zu beherrschen, so daß diese Frau nie den wahren Grund einer solch schwärmerischen »Freundschaft« ahnte und dieselbe auch ihrerseits durch 12 Jahre gerne gewährte. Patientin bezeichnet diese lange Zeit als ein wahres Martyrium. In den letzten Jahren, vom 25. Jahre ab, hatte sie begonnen, durch Masturbation sich zu befriedigen. Patientin dachte damals ernstlich daran, ob nicht eine Heirat sie retten könnte, aber ihr Gewissen sprach dagegen, denn sie hätte vielleicht ihr Unglück Kindern vererben oder einen vertrauensvollen Mann »unglücklich machen können«. 27 Jahre alt nahte sich ihr ein Mädchen mit unverhüllten Anträgen, schilderte den Unsinn der Entsagung, gab volle Aufklärung über den sie beherrschenden homosexuellen Trieb und war sehr stürmisch. Patientin duldete die Liebkosungen dieses Mädchens, ließ sich aber zu keinem sexuellen Verkehr herbei, da sie fühlte, daß ihr Sinnengenuß ohne Liebesleidenschaft widerlich sei. Geistig und körperlich unbefriedigt, im Bewußtsein eines verfehlten Lebens gingen Patientin die Jahre dahin. Sie schwärmte ab und zu für Damen ihres Bekanntenkreises, wußte sich aber zu beherrschen. Auch von Masturbation vermochte sie sich wieder zu befreien. 38 Jahre alt, lernte Fräulein X. ein um 19 Jahre jüngeres Mädchen A. kennen, von seltener Schönheit, aber aus demoralisierter Familie, von Kusinen früh zur mutuellen Masturbation verführt. Mit diesem Mädchen kam es zu einer richtigen Beziehung (mutuelle Masturbation), die lange, lange Jahre hindurch dauerte, bis die A. schließlich heiratete ( Krafft-Ebing ). Der nächste Fall zeigt deutlich die Schwierigkeiten, denen eine Homosexuelle in der Ehe begegnet. Beobachtung 177. Frau R., 35 Jahre, den höheren Ständen angehörig, wurde mir von ihrem Manne zugeführt. Vater war Arzt und sehr neuropathisch. Die Geschwister des Vaters sollen sämtlich nervös sein. Die Mutter der Patientin war nervenkrank, litt an Asthma. Patientin litt schon seit dem 10. Jahre an habituellem Kopfschmerz, machte, außer Masern, keine Krankheiten durch, war begabt, genoß die beste Erziehung, hatte besonderes Talent für Musik und Sprachen, war genötigt, sich als Gouvernante auszubilden, war in den Entwicklungsjahren übermäßig geistig angestrengt, machte im 17. Jahre eine mehrmonatige Melancholia sine delirio durch. Patientin versichert, daß sie von jeher nur Sympathie für Personen des eigenen Geschlechts hatte und an Männern höchstens ästhetisches Interesse fand. Sinn für weibliche Arbeiten habe sie nie gehabt. Als kleines Mädchen habe sie sich am liebsten mit Knaben herumgetummelt. Patientin will gesund geblieben sein bis zum 27. Jahre. Da wurde sie ohne äußere Ursache gemütskrank – hielt sich für eine schlechte Person voll Sünde, hatte an nichts mehr Freude, war schlaflos. Während dieser Krankheitszeit war sie überdies von Zwangsvorstellungen geplagt, sich den Tod, ihr eigenes Sterben und das ihrer Angehörigen vorstellen zu müssen. Genesung nach etwa 5 Monaten. Sie wurde nun Gouvernante, war sehr angestrengt, bis auf zeitweise neurasthenische Beschwerden gesund. Mit 28 Jahren machte sie die Bekanntschaft einer 5 Jahre jüngeren Dame. Sie verliebte sich in dieselbe, fand Gegenliebe. Die Liebe war eine sehr sinnliche, wurde in mutueller Onanie befriedigt. »Ich habe sie abgöttisch geliebt – sie ist ein so edles Wesen«, meint Patientin, als sie auf dieses Liebesverhältnis zu sprechen kommt, das 4 Jahre währte und mit der (unglücklichen) Heirat dieser Freundin sein Ende fand. Einige Zeit nachher lernte Patientin ihren jetzigen Mann kennen und heiratete ihn ohne langes Besinnen, da er reich, ihr sehr zugetan und sein Charakter ihr sympathisch war. Vom ersten Koitus war sie moralisch tief deprimiert. So hatte sie sich die Ehe nicht gedacht! Anfangs war sie von heftigem Taedium vitae geplagt. Der Mann, welcher seine Frau aufrichtig liebte, tat sein Möglichstes, um sie zu beruhigen. Konsultierte Ärzte meinten, wenn Patientin gravid werde, sei alles gut! Der Mann konnte sich das rätselhafte Benehmen seiner Frau nicht erklären. Sie war freundlich gegen ihn, duldete seine Liebkosungen, verhielt sich beim Koitus, dem sie tunlich auswich, ganz passiv, war nach dem Akt tagelang matt, erschöpft, von Spinalirritation geplagt, nervös. Eine Reise des Ehepaars führte ein Wiedersehen mit der Freundin herbei, die in unglücklicher Ehe seit 3 Jahren lebte. Die beiden Damen zitterten vor Wonne und Erregung, als sie sich in die Arme sanken, waren von nun an unzertrennlich. Der Mann fand, daß dieses Freundschaftsverhältnis doch ein eigentümliches sei, und beschleunigte die Abreise. Gelegentlich überzeugte er sich durch die Korrespondenz seiner Frau mit dieser »Freundin«, daß der Briefwechsel genau dem zweier Liebenden entsprach. Frau R. wurde schwanger. Abortus etwa in der 9. Woche der Gravidität. Im Anschlüsse daran Erscheinungen von Hysteroneurasthenie. Patientin machte bei der Untersuchung den Eindruck einer höchst belasteten neuropadiischen Persönlichkeit. Unverkennbar war der neuropathische Ausdruck des Auges. Habitus durchaus weiblich. Außer sehr schmalem, steilem Gaumen keine Skelettabnormität. Patientin entschloß sich schwer zu Mitteilungen über ihre sexuelle Abnormität. Sie klagte, daß sie geheiratet habe, ohne zu wissen, was die Ehe zwischen Mann und Weib sei. Sie liebe ja ihren Gemahl herzlich ob seiner geistigen Vorzüge, aber der eheliche Umgang sei ihr eine Pein, sie leiste ihn widerwillig, ohne jemals eine Befriedigung davon zu empfinden. Post actum sei sie tagelang ganz matt und erschöpft. Seit dem Abortus und dem Verbot des Arztes, ehelichen Umgang zu pflegen, gehe es ihr besser, aber die Zukunft sei ihr schrecklich. Sie achte ihren Mann, liebe ihn geistig, möchte alles für ihn tun, wenn er sie nur sexuell künftig schone. Sie hoffe, daß mit der Zeit sie auch sinnlich für ihn fühlen könne. Wenn er Violine spiele, komme es ihr oft vor, als ob eine Empfindung in ihr auftauche, die mehr als Freundschaft sei, aber das sei nur eine flüchtige Empfindung, in welcher sie keine Gewähr für die Zukunft erblicke. Ihr höchstes Glück sei die Korrespondenz mit der früheren Geliebten. Sie fühle, daß dies unrecht sei, aber sie könne davon nicht lassen, sonst fühle sie sich namenlos elend ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 178. Fräulein N., 25 Jahre, stammt von angeblich gesunden Eltern. Sie ist sehr talentiert, besonders für schöne Künste. Schon als kleines Kind spielte sie am liebsten Soldaten- und andere Knabenspiele, war keck und ausgelassen und tat es darin selbst Knaben zuvor. Sie hatte nie Sinn für Puppen und für weibliche Handarbeit. Mit dem 15. Jahr trat die Pubertät ein. Bald darnach verliebte sie sich in junge Damen, aber nur platonisch, da sie ein sittliches Mädchen ist. Seit einigen Jahren ist ihre Libido sehr heftig geworden, so daß sie sich kaum beherrschen kann. Sie hat laszive Träume, in welchen nur weibliche Individuen eine Rolle spielen, denen gegenüber sie sich in männlicher Position fühlt. Seit einigen Jahren ist sie in eine ältere, etwa 40jährige Dame sterblich verliebt. Sie quält dieselbe mit ihrer Eifersucht. Fräulein N. sind Männer ganz gleichgültig. Sie könnte ruhig mit ihnen Zimmer und Lager teilen, während sie Personen des eigenen Geschlechts gegenüber Schamhaftigkeit an den Tag legt. Sie ist sich des Pathologischen ihres Zustandes bewußt. Fräulein N. hat männliche Gesichtszüge, tiefe Stimme, männliche Gehweise, ist ohne Behaarung im Gesicht, hat schwach entwickelte Mammae, trägt kurzgeschnittenes Haar und macht den Eindruck eines Mannes in Frauenkleidern ( Krafft-Ebing ). Beobachtung 179. Fräulein O., 23 Jahre, stammt von schwer hysteropathischer Mutter. Von väterlicher Seite stammt Patientin aus unbelasteter Familie. Der Vater starb früh an Pneumonie. Patientin wird mir von ihrem Kurator zugeführt, weil sie kürzlich vom Hause in Männerkleidern durchging, um die Welt zu durchstreifen und »Künstler« zu werden. Patientin ist nämlich sehr für Musik talentiert. Schon seit Jahren ist Fräulein O. auffällig durch ihr keckes, mehr männliches Wesen und ihr Bestreben, Haar und Kleidung tunlichst nach männlichem Zuschnitt zu tragen. Seit dem 13. Jahr zeigte sie schwärmerische Liebe zu Freundinnen, denen sie oft durch brünstige Umarmungen geradezu lästig fiel. Patientin macht bei der Konsultation kein Hehl aus ihrer Leidenschaft für Personen des eigenen Geschlechts. Seit ihrem 13. Jahre sei sie sich bewußt, daß sie nur solche lieben könne. Sie fühle sich als Mann dem Weibe gegenüber, meint, sie sehe auch ganz männlich aus und ginge am liebsten in Männerkleidern. Vor nicht langer Zeit habe sie einen bei der Polizei angestellten Verwandten allen Ernstes um seine Vermittlung gebeten, daß ihr gestattet werde, in Männerkleidern zu gehen. Ihre erotischen Träume drehen sich nur um intimen Verkehr mit Freundinnen. Irgendein Interesse für Männer habe sie nie empfunden, auch nie daran gedacht, daß sie je heiraten könnte. Patientin fühlt sich in ihrer abnormen sexuellen Rolle ganz glücklich und kann sie nicht als krankhaft anerkennen. Daß ihr sexuelles Fühlen im Widerspruch mit dem anderer Frauen steht, vermag sie nicht einzusehen. Sie ist geistig entschieden beschränkt und originär psychisch abnorm. Das Skelett ist durchaus weiblich, bis auf auffallend große und mehr männliche Füße. Die Bewegungen und die ganze Pose, gleichwie auch der Gang sind mehr männlich. Die Stimme ist weiblich. Patientin hat seit dem 13. Jahr regelmäßig menstruiert ( Krafft-Ebing ). Die nächste Beobachtung ist außer ihrem reichen Erlebnisinhalt auch dadurch bemerkenswert, daß sie dem deutschen Dichter Frank Wedekind den Stoff für sein Schauspiel »Franziska« geliefert hat. Beobachtung 180. Der Schwiegervater eines Grafen Sandor V. erstattete die Anzeige, dieser habe ihm einen größeren Geldbetrag unter einem Vorwand entlockt. Überdies habe sich herausgestellt, daß Sandor Verträge gefälscht, die im Frühjahr 1889 erfolgte Trauung fingiert habe und vor allem, daß dieser angebliche Graf gar kein Mann sei, sondern ein in Männerkleidern einhergehendes Weib und Sarolta (Charlotte) Gräfin V. heiße. S. wurde verhaftet und wegen Verbrechens des Betrugs und Fälschung öffentlicher Urkunden in Voruntersuchung gezogen. Im ersten Verhör bekennt S., 23 Jahre alt, daß er weiblichen Geschlechtes, katholisch, ledig und als Schriftsteller unter dem Namen Graf V. beschäftigt sei. Aus der Autobiographie dieses Mannweibes ergeben sich folgende bemerkenswerte, von anderer Seite bestätigte Tatsachen: S. stammt aus einer altadeligen, hochangesehenen Familie, in welcher Exzentrizität Familieneigentümlichkeit war. Eine Schwester der Großmutter mütterlicherseits war hysterisch, somnambul und lag wegen eingebildeter Lähmung 17 Jahre zu Bette. Eine zweite Großtante brachte wegen eingebildeter Todeskrankheit 7 Jahre im Bette zu, gab aber gleichwohl Bälle. Eine dritte hatte den Spleen, daß eine Konsole in ihrem Salon verwünscht sei. Legte jemand etwas auf diese Konsole, so geriet sie in höchste Aufregung, schrie »verwünscht, verwünscht!« und eilte mit dem Gegenstand in ein Zimmer, das sie die »Schwarze Kammer» nannte und deren Schlüssel sie niemals aus den Händen gab. Nach dem Tod dieser Dame fand man in der Schwarzen Kammer eine Anzahl von Shawls, Schmucksachen, Banknoten usw. Eine vierte Großtante ließ zwei Jahre ihr Zimmer nicht kehren, wusch und kämmte sich nicht. Nach zwei Jahren erst kam sie wieder zum Vorschein. Alle diese Frauen waren nebenher geistreich, gebildet, liebenswürdig. S.'s Mutter war nervös und konnte den Mondschein nicht ertragen. Von der väterlichen Familie behauptet man, daß sie einen Sporn zuviel habe. Eine Linie der Familie beschäftigt sich fast ausschließlich mit Spiritismus. Zwei Blutsverwandte väterlicherseits haben sich erschossen. Die Mehrzahl der männlichen Angehörigen ist außerordentlich talentiert. Die weiblichen sind durchwegs beschränkte, hausbackene Persönlichkeiten. Der Vater S.'s hatte eine hohe Stellung, aus der er jedoch wegen seiner Exzentrizität und Verschwendung (er verschwendete über 1½ Millionen) ausscheiden mußte. Eine Marotte des Vaters war es, daß er S. ganz als Knaben erzog, sie reiten, kutschieren, jagen ließ, ihre Energie als Mann bewunderte, sie Sandor nannte. Dagegen ließ dieser närrische Vater seinen zweiten Sohn in Frauenkleidern gehen und als Mädchen erziehen. Dies hörte mit dem 15. Jahre, wo dieser Sohn eine höhere Bildungsanstalt bezog, auf. Sarolta-Sandor blieb unter dem Einfluß des Vaters bis zum 12. Jahre, kam dann zur exzentrischen mütterlichen Großmutter nach Dresden und wurde von dieser, als der männliche Sport zu sehr überhand nahm, in ein Institut gebracht und in Weiberkleider gesteckt. 13 Jahre alt, ging sie dort mit einer Engländerin, der sie sich als Bub erklärte, ein Liebesverhältnis ein und entführte sie. Sarolta kam zur Mutter, die aber nichts ausrichtete und es zulassen mußte, daß ihre Tochter wieder Sandor wurde, Knabenkleider trug und jedes Jahr mindestens ein Liebesverhältnis mit Personen des eigenen Geschlechts begann. Daneben erhielt S. eine sorgfältige Erziehung, machte größere Reisen mit dem Vater, natürlich immer als junger Herr, war früh selbständig, besuchte zweideutige Lokale und rühmte sich sogar, eines Tages im Lupanar utroque genu puellas sedisse. S. war oft berauscht, begeistert für männlichen Sport, ein sehr gewandter Fechter. S. fühlte sich sehr zu Schauspielerinnen oder sonstigen alleinstehenden, womöglich nicht ganz jungen Damen hingezogen. Sie versichert, nie eine Neigung zu einem jungen Manne gefühlt und von Jahr zu Jahr eine zunehmende Abneigung gegen Männer empfunden zu haben. Seit etwa 10 Jahren lebte S. fast beständig ferne von ihren Angehörigen und als Mann. Sie hatte eine Menge Beziehungen mit Damen, machte mit solchen Reisen, verschwendete viel Geld, machte Schulden. Daneben ergab sie sich literarischer Tätigkeit und war geschätzter Mitarbeiter zweier angesehener Zeitschriften der Hauptstadt. Nur einmal dauerte eine solche Beziehung 3 Jahre. Vor Jahren machte S. die Bekanntschaft der um 10 Jahre älteren Frau E. Sie verliebte sich in diese Dame, machte mit ihr einen Ehekontrakt und lebte 3 Jahre mit ihr wie Mann und Frau in der Hauptstadt. Eine neue Liebe, die S. verhängnisvoll werden sollte, veranlaßte sie, das »Eheband« mit E. zu lösen. Diese wollte nicht von ihr lassen. Nur mit schweren Opfern erkaufte S. ihre Freiheit von E., die angeblich jetzt noch sich als geschiedene Frau beträgt und sich als Gräfin V. betrachtet! Daß S. auch bei andern Damen Leidenschaft hervorzurufen vermochte, geht daraus hervor, daß sie, als sie (vor der »Eheschließung« mit E.) eines Fräuleins D. überdrüssig geworden war, nachdem sie mit dieser einige tausend Gulden verjubelt hatte, von der D. mit Erschießen bedroht wurde, wenn sie ihr nicht treu bleibe. Während eines Aufenthaltes in einem Badeort verliebte sich S. in Marie E. und fand Gegenliebe. Nach etwa einem Jahr erreichte »er« das Ziel seiner Wünsche, indem Marie in Gegenwart eines Freundes ihres geliebten S. in einem Gartenhause von einem Pseudopriester in Ungarn getraut wurde. Den Trauschein stellte S. her. Das Paar lebte in Glück und Freude, und ohne die Anzeige des Schwiegervaters hätte diese Scheinehe voraussichtlich noch lange gedauert. Bemerkenswert ist, daß S. während des ziemlich langen Brautstandes die Familie seiner Braut über sein wahres Geschlecht vollkommen zu täuschen wußte. S. war passionierter Raucher, hatte durchaus männliche Allüren und Passionen. Seine Briefe und selbst gerichtliche Zustellungen gelangten unter der Adresse »Graf S.« an ihn; auch sprach er öfter davon, daß er zu einer Waffenübung einrücken müsse. Aus Andeutungen des »Schwiegervaters« geht hervor, daß S. (was dieser auch später zugestand) mittels in den Hosensack eingestopften Sacktuches oder auch Handschuhs ein Scrotum zu markieren wußte. Auch bemerkte der Schwiegervater einmal etwas wie ein erigiertes Membrum (wahrscheinlich ein Priap) am künftigen Schwiegersohn, der auch gelegentlich die Bemerkung fallen ließ, er müsse beim Reiten ein Suspensorium tragen. Tatsächlich trug S. eine Bandage um den Leib, möglicherweise zur Befestigung eines Priaps. Bezüglich der geistigen Individualität S.'s geben eine große Anzahl vorhandener Manuskripte erwünschten Aufschluß. Die Schriftzüge haben den Charakter der Festigkeit und Sicherheit. Es sind echt männliche Züge. Der Inhalt wiederholt sich überall in denselben Eigentümlichkeiten: – wilde zügellose Leidenschaft, Haß und Widerstand gegen alles, was dem nach Liebe und Gegenliebe dürstenden Herzen sich gegenüberstellt, poetisch angehauchte Liebe, in der auch nicht mit einem Zug Unedles berührt wird, Begeisterung für alles Schöne und Edle, Sinn für Wissenschaft und schöne Künste. Ihre Schriften verraten ungewöhnliche Belesenheit in Klassikern aller Sprachen, enthalten Zitate aus Poeten und Prosaikern aller Länder. Von berufener Seite wird auch versichert, daß S.'s dichterische Erzeugnisse nicht unbedeutend sind. Psychologisch bemerkenswert sind die das Verhältnis zu Marie berührenden Briefe und Schriften. S. spricht von der Seligkeit, die ihr an M.'s Seite blühte, äußert maßlose Sehnsucht, das angebetete Weib wenn auch nur für einen Moment zu sehen. Nach solcher Schmach wünscht sie nur mehr die Zelle mit dem Grab zu vertauschen. Der bitterste Schmerz sei das Bewußtsein, daß jetzt auch Marie sie hasse. Heiße Tränen, so viel, daß sie sich darin ertränken könnte, habe sie um ihr verlorenes Glück geweint. Bei der gerichtsärztlichen Untersuchung sagt S. etwa folgendes aus: Trotz ihrer schon von den ersten Lebensjahren an vorhandenen Zuneigung zum weiblichen Geschlecht will sie doch erst im 13. Jahr, gelegentlich der Entführung der Engländerin aus dem Dresdener Institut, die ersten Spuren sexuellen Triebes verspürt haben, der sich damals schon in Küssen, Umarmungen, Berührungen mit wollüstigen Empfindungen kundtat. Schon damals erschienen ihr in ihren Traumbildern ausschließlich weibliche Gestalten; sie habe sich, wie auch seither immer, in wollüstigen Träumen in der Situation eines Mannes gefühlt und gelegentlich auch Ejakulation dabei verspürt. Solitäre oder mutuelle Onanie kenne sie nicht. So etwas erscheine ihr höchst ekelhaft und der »Manneswürde« (!) nicht entsprechend. Sie habe sich auch niemals von andern ad genitalia berühren lassen, schon deshalb nicht, weil es ihr um die Wahrung ihres großen Geheimnisses zu tun war. Die Menses stellten sich erst mit 17 Jahren ein, verliefen immer schwach und ohne Beschwerden. Besprechung menstrualer Vorgänge verabscheut S. sichtlich, das sei etwas ihrem männlichen Bewußtsein und Fühlen sehr Zuwideres. Sie erkennt die Krankhaftigkeit ihrer sexuellen Neigungen an, wünscht sich aber nichts anderes, da sie sich in dieser perversen Empfindung vollkommen wohl und glücklich fühle. Die Idee eines sexuellen Verkehrs mit Männern mache ihr Ekel, und ihre Ausführung halte sie für unmöglich. Ihre Schamhaftigkeit erstrecke sich so weit, daß sie eher unter Männern schlafen könne als unter Frauen. So müsse sie, wenn sie ein Bedürfnis befriedigen wolle oder die Wäsche wechsle, ihre Zellengenossin bitten, so lange sich zum Fenster abzuwenden, damit sie ihr nicht zusehen könne. Als S. gelegentlich mit dieser Zellengenossin, einer Person aus der Hefe des Volkes, in Berührung kam, empfand sie wollüstige Erregung und mußte darüber erröten. S. erzählte sogar ungefragt, daß die von förmlicher Angst befallen wurde, als sie in der Gefängniszelle in die ihr ungewohnten Frauenkleider sich wieder einzwängen lassen mußte. Ihr einziger Trost war, daß man ihr wenigstens ihr Herrenhemd ließ. Bemerkenswert und für die Bedeutung von Geruchsempfindungen in ihrer Vita sexualis sprechend, ist auch ihre Mitteilung, daß sie gelegentlich einer Entfernung ihrer Marie jene Partien des Diwans aufgesucht und berochen habe, an denen Mariens Kopf zu liegen pflegte. Von Frauen interessieren S. nicht gerade schöne oder üppige, auch nicht sehr junge. Sie stellt überhaupt die körperlichen Reize des Weibes in zweite Linie. Sie fühlt sich zu denen von etwa 24 bis 30 Jahren hingezogen wie mit »magnetischem« Zug. Ihre sexuelle Befriedigung fand sie ausschließlich in corpore feminae (nie am eigenen Körper) in Form von Manustupration des geliebten Weibes oder Cunnilinguus. Gelegentlich bediente sie sich auch eines mit Werg ausgestopften Strumpfes als Priap. Sie ist religiös, hat lebhaftes Interesse für alles Edle und Schöne, ist sehr empfänglich für sittliche Wertschätzung seitens anderer. S. ist 153 cm hoch, von zartem Knochenbau, mager, jedoch an Brust und Oberschenkeln auffallend muskulös. Der Gang ist in Weiberkleidern ungeschickt ( Krafft-Ebing ). Fünfter Teil. Anhang Vierzehntes Kapitel Therapie und Prognose So wie Moll , der die 16. und 17. Auflage der »Psychopathia sexualis« vollständig umgearbeitet hat, schließen ihr auch wir ein Kapitel über Therapie und Prognose an. Da es sich bei dem ganzen Werk nicht um ein Lehrbuch im eigentlichen Sinn handelt, sondern um eine Übersicht über das gesamte Gebiet der Sexualverirrungen (weniger praktischen Zwecken dienend, als dazu bestimmt, Wissen zu vermitteln), und da ferner die Aussichten, die Therapie der Perversionen mittels eines Buches zu lehren, bzw. aus einem Buche zu lernen, sehr gering sind, so glauben wir uns mit der Darstellung der verschiedenen Behandlungs möglichkeiten begnügen zu können Hier sei auch klargestellt, warum in einem gewissen Gegensatz zu Krafft-Ebing auf forensische Erörterungen verzichtet wurde. Entscheidend war die Überzeugung, daß bei den beträchtlichen Verschiedenheiten, die die Judikatur auf diesem Gebiet in den einzelnen Ländern aufweist, die Darstellung entweder lückenhaft bleiben oder den verfügbaren Raum weit überschreiten müßte. Für den Juristen, der letzten Endes den Rat und die Mitarbeit des Arztes doch nicht entbehren kann, ist es ja in erster Linie wichtig, das Tatsachenmaterial der Sexualverirrungen kennenzulernen. . So wurde denn auch, anders als Moll dies getan hat, auf die Darstellung einer eigentlichen Behandlungstechnik verzichtet; statt dessen wurden die bei den einzelnen Triebabweichungen in Betracht kommenden Methoden mitgeteilt. Die Behandlung selbst ist schwierig und mühevoll, zeitraubend und keineswegs erfolgsicher. Unbedingt notwendig sind gründliches Verständnis der Perversionen, ein beträchtliches Maß von Einfühlungsvermögen, völliger Verzicht auf »moralische« Wertung. Wer sich mit der Behandlung der Perversionen beschäftigt, muß ferner gelernt haben, verschiedenen Gefahren auszuweichen. So kann es vorkommen, daß im Zuge der Behandlung der Patient (oder die Patientin) eine psychosexuelle Bindung an den Arzt erfährt, oder daß die Perversion, um deretwillen ärztliche Hilfe gesucht wurde, zwar aufgegeben wird, daß aber an ihre Stelle eine andere Perversion oder gar eine richtige Neurose tritt, oder schließlich – der häufigste Fall –, daß die eingehende Befassung mit der vorliegenden Sexualverirrung geradezu ihre tiefere Verankerung und deutlichere Ausprägung bewirkt. Es ist natürlich Sache der Erfahrung, zu welcher Methode man bei der Behandlung der Perversion greift, und es besteht, um dies vorwegzunehmen, auch in dieser Beziehung ein Unterschied zwischen den in der ersten Gruppe zusammengefaßten Störungen der Sexualität und den Störungen der Erotik, hier also der zweiten Gruppe. Denn bei den Störungen der Sexualität wird die psychische Behandlung nur selten als einzige Methode in Betracht kommen oder auch bloß im Vordergrund stehen, gewöhnlich wird man physikotherapeutische, noch mehr aber hormonale Hilfsmittel heranziehen. Die Methode der Wahl ist zweifelsohne die Kombinationsbehandlung. Bei den viel schwerer zugänglichen Perversionen der zweiten Gruppe hingegen wird alles von der richtigen Psychotherapie abhängen. Zur Behandlung einer Perversion kann es aus verschiedenen Indikationen kommen. Zunächst einmal auf forensischem Wege. Perverse, die wie Sadisten, Exhibitionisten, manchmal Homosexuelle mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, werden in der Mehrzahl der Fälle den Gerichtsärzten zur Begutachtung übergeben, und es ist klar, daß sich daran häufig auch eine Behandlung schließen wird. Diese Perversen gelangen also ganz unfreiwillig in die Hände des Arztes, und ähnlich liegen die Dinge dort, wo die Familie, gewöhnlich die Eltern, den Patienten zum Arzt bringen. Weit seltener sucht der Perverse aus vollkommen freiem Willen ärztliche Hilfe, in der Regel nur dann, wenn die sozialen Folgen, die sich aus seiner Perversion ergeben können, ihm schlimmer erscheinen als der Verzicht auf seine abnorme Triebeinstellung. Und dann gibt es noch eine letzte Gruppe, die zwar freiwillig den Arzt aufsucht, keineswegs aber, um sich behandeln oder gar heilen zu lassen, sondern lediglich zu dem Zweck, um durch eine eingehende Besprechung ihres Zustandes (die oft noch durch viele Seiten lange Krankengeschichten ergänzt wird) sich die Überzeugung zu verschaffen, ihre Einstellung sei unabänderlich, und auch der Arzt vermöge nichts gegen sie. So wie die Frage, ob der Patient unfreiwillig oder freiwillig zur Behandlung kommt, bei den Perversionen von erheblicher Bedeutung ist, so oder doch wenigstens so ähnlich ist es um das Alter des Patienten bestellt. Jüngere Menschen oder solche, die zwar an Lebensjahren älter, aber doch dem infantilen Typus zuzurechnen sind, also alle jene, bei denen es noch nicht zur vollen psychosexuellen Differenzierung gekommen ist, sind ungleich günstigere Objekte der Behandlung als ältere, reife, festgefügte Personen. Eine gewisse Einschränkung ist hier allerdings notwendig. Es gibt nämlich Fälle, bei denen die Perversion erst im hohen Lebensalter manifest geworden ist. Dann und besonders wenn solche Perverse sich freiwillig in Behandlung begeben, sind die Erfolgsaussichten etwas günstiger. Nach diesen kurzen allgemeinen Bemerkungen wenden wir uns nun den einzelnen Sexualverirrungen zu und betonen sogleich, daß bei deren erster Gruppe die Möglichkeit eines Erfolges verhältnismäßig am besten ist. Die Sexualität ist eben weit weniger kompliziert als die Erotik und also auch psychotherapeutisch eher beeinflußbar. Hiezu kommt noch die Möglichkeit, hier durch physikotherapeutische Maßnahmen und durch Hormonkuren auch die Physis des Patienten umzustimmen. Gerade in letzterer Hinsicht scheinen sich dank den Fortschritten der Endokrinologie die Aussichten ständig zu verbessern, doch ist heute noch alles im Fluß, und derzeit ist ein reger Optimismus sicher noch nicht angebracht. Bei der Behandlung der sexuellen Anästhesie ist vielleicht die wichtigste Frage, ob der Zustand überhaupt abgeändert werden soll, denn man wird ihn in der Mehrzahl der Fälle als das Ergebnis zu betrachten haben, das die Psyche im Kampf gegen ihre perverse Einstellung anderer Art erreicht hat. Ist die Behandlung erfolgreich, so besteht die starke Gefahr, daß jene Perversion manifest wird, und daß dann der Patient wesentlich schlechter dran ist als vorher. Sexuell anästhetische Personen sind nämlich in der Mehrzahl der Fälle latent homosexuell, und es ist klar, daß eine auf therapeutischem Wege provozierte Homosexualität ein höchst unerwünschtes Behandlungsergebnis wäre. Dort natürlich, wo die Anästhesie erworben ist, sei es durch Abstinenz, sei es durch Exzesse, wird die Behandlung zweifelsohne einzusetzen haben und sich auf psychische, physiko- und organotherapeutische Methoden stützen. Stets ist auch die Umwelt des Patienten (Wohnort, Familie, Beruf) zu berücksichtigen, eine Änderung in dieser Hinsicht kann für den Behandlungserfolg entscheidend sein. Im gesamten Bereich der Triebabweichungen ist die sexuelle Hypästhesie der Behandlung noch am leichtesten zugänglich, und gleichzeitig hat gerade hier die Therapie besonders wichtige Aufgaben zu erfüllen. Es kann nämlich nicht mehr geleugnet werden, daß zwischen dem normalen Geschlechtsleben und der normalen sozialen Leistungsfähigkeit des Mannes wie der Frau ein ganz wesentlicher Zusammenhang besteht, so daß ein Sinken der Geschlechtskraft entweder zu einer Verringerung der Arbeitskraft führen oder doch wenigstens gewisse Vorbedingungen für eine solche Verringerung schaffen kann. Schon deshalb erscheint es geboten, zu dieser Perversion praktisch Stellung zu nehmen und energisch ihre Heilung oder wenigstens Besserung zu erstreben. Es ist bei der Behandlung der sexuellen Hypästhesie notwendig, beide Geschlechter getrennt zu besprechen. Beim Manne ist sie, wie wir gesehen haben, in erster Linie psychisch bedingt, und demgemäß muß auch die Therapie zunächst auf dem Gebiet der Seele erfolgen. Dies gilt vor allem für die Potenzangst . Am wichtigsten ist die Differentialdiagnose, die Unterscheidung zwischen Potenzangst und Potenzschwäche, denn es wird immer noch in viel zu vielen Fällen eine wirkliche Schwächung der Potenz angenommen und auf organische (endokrine) Defekte zurückgeführt, wo in Wirklichkeit nichts anderes vorliegt als das mangelnde Vertrauen zur eigenen Geschlechtskraft. Ein Fehler dieser Art ist schon deshalb folgenschwer, weil eine gegen eine – fälschlich diagnostizierte – Potenzschwäche einmal begonnene Behandlung den Patienten in seiner Überzeugung, es liege ein organisches Leiden vor, ganz außerordentlich zu bestärken vermag. Es ist also in jedem Fall zu empfehlen, taktvoll und schonungsvoll die Vita sexualis des Patienten bis in alle Einzelheiten zu erforschen, auf latente Perversionen zu achten, die Erlebnisse der Kindheit zu berücksichtigen und dabei die gesamte Persönlichkeit zu erschließen Ohne eigentliche Stellungnahme zu den verschiedenen Methoden der modernen Tiefenpsychologie möchten wir doch gerade im Zusammenhang mit der sexuellen Hypästhesie der Erfolge gedenken, die die Individualpsychologie bei deren Behandlung zu verzeichnen hat. . Es gilt dann, den Patienten davon zu überzeugen, daß keine organische, sondern bloß eine funktionelle Unterwertigkeit vorliegt. Erst dann, wenn dieser Abschnitt der Behandlung erledigt ist, ist die Zeit gekommen, mit den physiotherapeutischen Maßnahmen zu beginnen oder hormonale Präparate zu verordnen. Selbstverständlich gibt es auch Fälle von sexueller Hypästhesie, die auf organischen Defekten beruhen, besonders bei älteren Männern. Aber auch hier hat sich mit der Organtherapie und der Physikotherapie eine entsprechende psychische Behandlung zu verbinden, was schon deshalb wichtig ist, weil ja doch das eine oder das andere Mal eine bloße Potenzangst als wirkliche Potenzschwäche angesprochen werden kann, was, wie bereits früher betont, bei einer rein physisch gerichteten Behandlung therapeutisch ungünstig wäre. Während die sexuelle Hypästhesie des Mannes bereits seit sehr langer Zeit Gegenstand ärztlichen Bemühens war und ist, wurde der gleiche Zustand bei der Frau eigentlich erst sehr spät in den Kreis ärztlicher Tätigkeit einbezogen. Die moderne Gynäkologie hat sich aber mit Erfolg bestrebt, diese Lücke auszufüllen. Wir haben bereits gesagt, daß die Hypästhesie der Frau stets als psycho-physisch bedingt zu betrachten ist; und daraus ergibt sich auch der Weg, den die Behandlung zu gehen hat. Gerade die Frau ist ja in ungleich höherem Maße als der Mann imstande, psychische Veränderungen körperlich zum Ausdruck zu bringen, und umgekehrt scheinen bei ihr körperliche Zustände wesentlich deutlicher seelisch, in der Gesamtpersönlichkeit, auf. Es empfiehlt sich hier also, von allem Anfang an die sexuelle Hypästhesie physisch und psychisch zu behandeln. Wichtig ist vor allem die Organotherapie, schon deshalb, weil das weibliche Sexualhormon leichter darzustellen, zu prüfen und zu dosieren ist als das männliche. Auch die Physikotherapie hat hier bessere Resultate; und selbstverständlich ist die seelische Beeinflussung ständig von größter Bedeutung. Wir brauchen nur an die vaginalen und die klitoriellen Frauentypen zu erinnern, um klarzustellen, wie wichtig es bei der Behandlung der sexuellen Hypästhesie des Weibes ist, die Vita sexualis zu erforschen. Wenn es nicht gelingt, in Erfahrung zu bringen, in welcher Weise der Geschlechtsverkehr im betreffenden Fall durchgeführt wird, ist eine zielstrebige Behandlung unmöglich! Diese Erforschung, die natürlich mit größtem Takt und größter Schonung durchzuführen ist, zeigt gleichzeitig, ob psychische Hemmungen, wie über die Norm hinaus gehende Schamhaftigkeit usw., dem Zustande zugrunde liegen, ob eine latente Perversion, wie etwa Homosexualität, besteht und dergleichen mehr. Es gehört zu den auch sozial wichtigen Fortschritten der Medizin, daß sie durch bessere Einsicht in das Zustandsbild der sexuellen Hypästhesie, durch die Ergebnisse der Hormonforschung, durch die Methoden der neueren Tiefenpsychologie dieses so verbreitete und so folgenschwere Leiden heute schon in sehr weitgehendem Maße zu heilen imstande ist. Die Behandlung der sexuellen Hyperästhesie ist schon deshalb wichtig, weil wir zeigen konnten, daß gerade mit dieser Triebabweichung besonders schwere und sozial besonders schädliche Perversionen verbunden auftreten, bzw. sogar aus ihr hervortreten, wie Sadismus, Pädophilie usw. Leider sind die therapeutischen Möglichkeiten, die hier zu Gebote stehen, noch recht begrenzt – es sei denn, daß man sich zu dem in diesem Zusammenhange schon verschiedentlich erörterten radikalen Ausweg, der Kastration, entschließt. Eine Erörterung dieses sehr bedeutsamen Problems würde indessen den Rahmen dieses Buches überschreiten. So steht also auch hier wieder die psychische Behandlung an erster Stelle, wobei freilich über bloße Verbalsuggestion und Heilpädagogik hinausgegangen werden muß. Erfolge wird man bei der Hypersexualität nur dann erreichen, wenn es gelingt, die ganze Lebensführung solcher Personen von Grund auf zu ändern. Dazu gehört nicht nur die schon seit jeher empfohlene Einfügung von körperlichen Übungen und Sport in den Tagesplan der Hypersexuellen, sondern darüber hinaus eine Berufsänderung , die zu bezwecken hat, daß einerseits der Geschlechtstrieb durch harte körperliche Betätigung herabgesetzt wird, und daß anderseits die Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr wie die Möglichkeit, Material für sexuelle Tagträume und Wunschvorstellungen zu sammeln, verringert wird. Bei Hypersexuellen, die aus beruflichen Gründen (Verkäufer, Friseure, Lehrer, Schauspieler usw.) mit Personen andern Geschlechts oder, ganz allgemein gesprochen, mit für sie als Sexualobjekte in Betracht kommenden Individuen in Kontakt kommen, ist eine sogenannte spezifische Theorie aussichtslos! Auch hier ist eine gründliche Änderung der Umwelt die Hauptsache; mag sie noch so große Opfer in sozialer Hinsicht verlangen, so ist sie doch der beste, häufig der einzige Weg zum Erfolg. Von größter Bedeutung ist es ferner, den Alkoholgenuß völlig abzustellen; auch andere Reizmittel, wie Nikotin, Kaffee, Gewürze, müssen wesentlich eingeschränkt werden. Abhärtende Maßnahmen, Kaltwasserkuren sind durchzuführen. Tritt die Hypersexualität erfahrungsgemäß in Form von Anfällen und Krisen auf, etwa nach Art der Quartalsäufer, so muß die Behandlung bei den ersten Anzeichen eines solchen Zustandes verstärkt werden, wofür die verschiedenen Sedativa und Hypnotika in Betracht kommen; altbewährte Mittel, wie Brom und Baldrian, sind oft die besten. Bei den ja ungleich selteneren sexuellen Paradoxien wird eine Behandlung vor allem bei dem im Kindesalter auftretenden Geschlechtstrieb in Frage kommen. Sie besteht hier neben den selbstverständlichen pädagogischen Maßnahmen in der Verabreichung hormonaler Präparate und in Röntgenbestrahlung der endokrinen Drüsen. Es wird in den meisten Fällen ratsam sein, die Erziehung solcher in jeder Hinsicht gefährdeten Kinder nicht den Eltern zu überlassen. Der Aufenthalt in Heimen für schwer erziehbare Kinder und ähnlichen Anstalten ist aber gerade hier nicht zu empfehlen, da die Überwachung dort nur selten ausreicht, um sexuelle Akte durchaus zu verhindern. Den Idealfall stellt die Unterbringung im Hause eines – kinderlosen – erfahrenen Arztes oder Pädagogen dar. Bei dem im Greisenalter wiedererwachenden Geschlechtstrieb ist eine Behandlung in ausgeprägten Fällen schon deshalb sehr wenig erfolgversprechend, weil, wie bereits gesagt, sich da gewöhnlich ein schweres psychisches Leiden durch die Veränderung des Geschlechtstriebs kundtut, so daß also nichts als die Internierung übrigbleibt. Bei leichteren Formen handelt es sich darum, die stets bestehende Hypersexualität herabzusetzen, was nach den dort angegebenen Richtlinien durchzuführen ist. Die Behandlung der Pädophilie deckt sich weitgehend mit dem, was bei der Hypersexualität, zum Teil auch bei der sexuellen Hypästhesie gesagt wurde. Die wesentlichste Maßnahme indessen besteht darin, in solchen Fällen den – perversen – Geschlechtsakt dadurch unmöglich zu machen oder zumindest zu erschweren, daß pädophil veranlagte Personen von Kindern und Jugendlichen absolut ferngehalten werden. Besonders wichtig wird das dann, wenn durch den Beruf (Lehrer, Erzieher, aber auch Geschäftsführer, Betriebsleiter usw.) ein ständiger Kontakt mit jüngeren Personen oder gar Kindern gegeben ist, dem also unbedingt ein Ende gemacht werden muß. Konzessionen wirken sich hier nach beiden Seiten gleich schädlich aus, Ausnahmen sind unter keinen Umständen zu gestatten. Wo die Pädophilie auf Potenzangst zurückzuführen ist, ist ein Erfolg der Behandlung keineswegs ausgeschlossen, es handelt sich dann nur darum, solche Personen durch entsprechende Aufklärung, Belehrung und Verbalsuggestion zum normalen Geschlechtsverkehr zu bringen. Durchaus pädophil eingestellte Menschen und hypersexuelle Pädophile sind indessen einer Behandlung kaum je zugänglich, so daß es letzten Endes nur darauf ankommt, ihren Lebensraum so zu bestimmen, daß Akte dieser Art unmöglich werden. Die Behandlung der Zoophilie muß den großen Unterschieden zwischen den einzelnen Gruppen Rechnung tragen. Wo es sich um sexuell undifferenzierte Personen handelt, werden ebenso wie dort, wo zoophile Tathandlungen auf abergläubischer Grundlage beruhen, Belehrung und Aufklärung allein schon zu Erfolgen führen. Bei hypersexuellen Personen gilt das, was bei der sexuellen Hyperästhesie gesagt wurde, wobei wiederum auf Enthaltung von Alkoholgenuß besonderes Gewicht zu legen ist. Therapeutisch von Bedeutung ist es, daß die Zoophilie erstes Symptom einer andern geistigen Störung sein kann. Auf Potenzangst und Potenzschwäche beruhende Zoophilie ist nach den bei der sexuellen Hypästhesie gegebenen Ratschlägen zu behandeln. Was schließlich jene Personen betrifft, bei denen infolge sexuellen Spieltriebs auch zoophile Akte vorkommen, so ist hier am meisten von einer entsprechenden Verbalsuggestion und Psychopädagogik zu erwarten. Bei überkultivierten und degenerierten Personen hingegen werden Versuche dieser Art nur ausnahmsweise von Erfolg begleitet sein, so daß es dann hauptsächlich darauf ankommt, durch äußere Maßnahmen, also durch Fernhaltung von den Sexualobjekten, die Ausübung des Triebes unmöglich zu machen. Die Behandlung des Autosexualismus richtet sich in der Praxis so gut wie ausschließlich gegen die Masturbation. Dem so ausgeprägten Wandel entsprechend, den die Bewertung dieser Tathandlung im Lauf der Zeiten erfahren hat, haben sich auch Intensität und Umfang der Therapie erheblich geändert. Besonders gegen die Onanie jugendlicher Personen hat man früher alle möglichen und unmöglichen Mittel und Methoden verwendet, man hat ganze Apparate konstruiert, um die Genitalien jeder Manipulation zu entziehen, man hat die Patienten wie in einer Zwangsjacke fixiert, um den masturbatorischen Akt unmöglich zu machen, und man hat durch Medikamente, Kaltwasserkuren usw. den Geschlechtstrieb herabzusetzen versucht, um auf diese Weise der Onanie Herr zu werden. Derzeit steht man dem ganzen Problem wesentlich ruhiger gegenüber und lehnt also auch solche gewissermaßen heroische Methoden ab. Damit ist schon gesagt, daß eigentlich nur bei einer recht kleinen Zahl von Fällen eine eigentliche Behandlung des Autosexualismus angezeigt ist, vor allem dort, wo diese Triebabweichung so stark ausgeprägt auftritt, daß die gesamte Persönlichkeit verändert ist. Da es sich zumeist um jugendliche Personen handelt, so wird eine entsprechende Beeinflussung im heilpädagogischen Sinne am besten zum Ziele führen, wobei die Methodik der Individualpsychologie vielleicht an erster Stelle in Betracht kommt. Die Einstellung zur Umwelt muß geändert werden; Menschen dieser Art sind gewöhnlich verschlossen, eigenbrötlerisch und unkameradschaftlich. Es gilt also, das Gemeinschaftsgefühl zu wecken und die Einordnung in einen Kreis gleichaltriger Menschen zu bewirken, wozu sich der Aufenthalt in einem Landerziehungsheim, sportliches Training und dergleichen Maßnahmen mehr sozialer als medizinischer Art eignen. Die zweite Gruppe der Perversionen, jene also, bei der das Wesen der Sexualverirrung in einer Störung der Erotik beruht, ist, wie bereits gesagt, der Behandlung ungleich schwerer zugänglich. Ganz im Vordergrund steht jedenfalls die Psychotherapie, ohne daß jedoch die Methoden, die auf eine Änderung des physischen Zustandes abzielen, gänzlich beiseite gelassen werden dürften. Denn es kommt z. B. beim Sadismus oder beim Exhibitionismus sehr viel darauf an, die Hypersexualität oder die Sexualität selbst herabzusetzen, und umgekehrt ist es beim Masochismus wichtig, die ihm zugrunde liegende Potenzschwäche zu bessern. Also wiederum Kombinationsbehandlung, die freilich sehr viel Erfahrung, sehr viel Geduld, sehr viel Einstellungsvermögen erfordert, ohne daß sich jeweils ein Erfolg auch nur mit einiger Sicherheit vorhersehen ließe. Für die Behandlung des Fetischismus ist es geradezu kennzeichnend, daß, wie bereits früher erwähnt, die sonst in der Therapie der Triebabweichungen (und der Neurosen) gewissermaßen als Signal sehr verwendbare Tatsache, daß der Pervertierte ärztlichen Rat und Hilfe sucht, hier manchmal im Stiche läßt. Denn keineswegs selten soll die Aussprache mit dem Arzte nur dazu dienen, den Patienten in der Überzeugung zu festigen, seine Einstellung, sein Zustand sei wesensgemäß und jedenfalls unveränderlich. Weit häufiger noch ist es, daß die Fetischisten gar nicht das Bedürfnis nach der Aufnahme (seltener Wiederaufnahme) eines normalen Geschlechtsverkehrs haben, und so bleiben gerade die schweren und schwersten Fälle und unter ihnen vor allem jene für die Therapie übrig, in denen der betreffende Fetischismus den Perversen sozial oder sogar juristisch gefährdet. Aus dem großen Heer der Partialfetischisten kommt bloß der eine oder der andere Fall gelegentlich zur Kenntnis des Arztes, hingegen ereignet es sich nicht selten, daß andere Perversionen, wie z. B. Masochismus oder Sadismus, den Perversen zum Arzte führen, und daß sich dann bei einer genauen Aussprache der fetischistische Charakter der betreffenden Triebabweichung ergibt. Am leichtesten sind jene Fälle einer therapeutischen Beeinflussung zugänglich, bei denen die Perversion auf einer Potenzangst oder auch Potenzschwäche beruht. Die Psychotherapie erfährt dann durch hormonale oder physikotherapeutische Maßnahmen eine wertvolle Unterstützung. Man muß immer bestrebt sein, den Mechanismus der Perversion aufzudecken und dem Patienten klarzumachen, wobei besonderes Gewicht darauf zu legen ist, das »accident agissant« herauszuarbeiten und dann als durchaus unwichtig darzustellen, das stets sozusagen die Schlüsselstellung der ganzen Triebabweichung bildet. Bei dieser Gruppe von Fetischisten gelingt es tatsächlich recht häufig, Erfolge zu erzielen. Schwerer hat man es schon, wenn der Fetischismus auf sexuellen Spieltrieb zurückzuführen ist. Hier muß man sich einer Grundtatsache erinnern, die für die gesamte Psychodynamik von größter Bedeutung ist und, in kürzester Formulierung, ungefähr beinhaltet, daß man niemandem etwas wegnehmen darf, ohne ihm dafür etwas anderes zu geben. Die oft überraschend starken seelischen Kräfte, die in solchen Fällen durch die fetischistische Einstellung gebunden sind, müssen andere Ziele erhalten, so daß die Behandlung im wesentlichen pädagogischen Charakter annimmt. Bei jüngeren Menschen ist sie keineswegs aussichtslos, selbst dann nicht, wenn gewisse psychopathische Stigmen nachweisbar sind. Als wichtige Hilfsmittel seelischer Art kommen Umschulung, Berufsänderung und dergleichen in Betracht. Während der Behandlungszeit selbst kann es von Vorteil sein, den Geschlechtstrieb einzudämmen und zu verringern, was durch die bekannten Mittel, wie Medikamente (Brom, Lupulin), Kaltwasserkuren und vor allem durch starke körperliche Betätigung (Sport) versucht werden soll. Der echte Fetischismus, bei wirklich psychopathischen Personen, läßt sich nur sehr selten behandeln und noch seltener heilen. Immerhin haben sowohl Psychoanalytiker wie Individualpsychologen auch hier Erfolge zu erzielen vermocht; mit viel Zeit, mit viel Geduld, mit den Methoden der modernen Tiefenpsychologie, mit allen Maßnahmen, die geeignet sind, die Hypersexualität womöglich unter die Norm zu bringen, kann man auch in anscheinend verzweifelten Fällen zum Ziele kommen. Der Sadismus ist jene Sexualverirrung, bei der eine Änderung des Zustandes am notwendigsten ist, und zwar sowohl aus allgemein ethischen Gründen wie auch wegen der Gefährdung, die der Sadist in sozialer und juristischer Hinsicht durch seine Perversion erfährt. Leider sind die Aussichten auf Erfolg hier gering. Um das zu verstehen, braucht man sich ja bloß an die Ursachen des Sadismus zu erinnern und zu bedenken, daß vielleicht in den meisten Fällen von Sadismus dieser dynamisch bedingt und zum Ausgleich gegensätzlicher Strebungen notwendig ist. Da ergibt sich schon, daß eine Änderung der sozialen Umwelt, der Familienstruktur und ähnliche Momente die besten Erfolgsaussichten bieten, während auch die sorgfältigste psychotherapeutische Behandlung kaum befriedigen wird, wenn jene Faktoren unberücksichtigt bleiben. Gewiß mag es oft schwer sein, hier entscheidend durchzugreifen oder den Sadisten zu einer gleichfalls häufig nötigen Änderung seines Berufes zu veranlassen; da es sich hier aber um eine schwere, den Perversen und seine Umwelt gleichmäßig gefährdende Sexualverirrung handelt, so müssen auch beträchtliche Opfer gebracht werden. Gleichzeitig ist stets die Sexualität herabzusetzen, und es scheint, als ob in dieser Beziehung von der Endokrinologie manches zu erwarten wäre. Da die Behandlung auf eine dauernde Umstimmung und Umstellung abzielen muß, so sind Kaltwasserkuren und ähnliche Verfahren kaum von wesentlicher Bedeutung. Die schwersten Formen von Sadismus – Verstümmelung oder sogar Tötung des Sexualobjekts – bilden ja zunächst Gegenstand gerichtlichen Verfahrens und werden in weiterer Folge in geschlossenen Anstalten dauernd unterzubringen sein; eine eigentliche Behandlung scheint hier aussichtslos. Beim Masochismus sind die therapeutischen Aussichten ungleich besser. Zunächst sei daran erinnert, daß es für die Prognose wesentlich ist, wenn der Patient sich freiwillig in Behandlung begibt, was beim Masochismus, der den Perversen höchstens in soziale, sicherlich nicht in juristische Konflikte bringt, nicht selten der Fall ist. Freilich ist auch der Masochismus häufig dynamisch bedingt, besonders die Doulolagnie ist ja fast durchwegs als Ausgleich gegensätzlicher Strebungen aufzufassen und also einer Behandlung weniger zugänglich. Hier ist es in sozialer Hinsicht nur sehr selten möglich, durch eine Änderung des Milieus oder des Berufs eine Umstimmung herbeizuführen, da, wie wir gesehen haben, diese Formen des Masochismus das Korrelat einer führenden oder jedenfalls mit gewissen Machtbefugnissen ausgestatteten Stellung sind. Die Behandlung wird also besser an der andern beim Masochismus gleichfalls kaum je fehlenden Wurzel angreifen, bei der Potenzangst und Potenzschwäche. Gelingt es, mit hormonalen Methoden oder mit Hilfe der Physikotherapie die oft ja nur subjektiven Störungen der Potenz zu bessern, so wird häufig auch der Masochismus selbst beseitigt werden können. Die Methode der Wahl ist hier also die Kombinationsbehandlung, wobei bei der Psychotherapie eine gründliche Aufdeckung des ganzen der Perversion zugrunde hegenden Mechanismus am wichtigsten ist, während bei den auf eine Änderung der Physis hinzielenden Verfahren die Hormonbehandlung, allenfalls auch die Physikotherapie (lokale Diathermie, hydriatische Prozeduren) verwendbar sind. Der Arzt, der sich mit der Behandlung der Sexualverirrungen beschäftigt, wird zwar nur ab und zu Gelegenheit haben, Masochisten zu behandeln, kann aber damit rechnen, gerade hier befriedigende Ergebnisse zu erzielen. Der Exhibitionismus bildet in der zweiten Gruppe der Perversionen in gewisser Hinsicht eine Analogie zu der Zoophilie bei der ersten Gruppe. Hier wie dort handelt es sich um geistig und moralisch tiefstehende Individuen, oft von imbezilem oder infantilem Charakter. Bei sehr jungen Menschen ist allenfalls durch langdauernde und energische Psychotherapie ein Erfolg zu erreichen, bei älteren Personen, bei denen freilich diese Sexualverirrung weit häufiger vorkommt, wird schon wegen der bei genauerer Untersuchung in der Regel nachweisbaren anderweitigen psychischen Defekte wohl nur die Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt in Frage kommen. Die Homosexualität stellt den behandelnden Arzt vor zahlreiche schwierige Probleme. Zunächst muß gesagt werden, daß hier die verschiedenen Faktoren versagen, die früher als für die Prognose verwendbar angeführt wurden. Der Homosexuelle, der freiwillig zum Arzt kommt, muß deswegen noch lange nicht den – bewußten oder unbewußten – Wunsch nach Änderung seines Zustandes haben. Häufig wird auf diese Weise ein Alibi erstrebt, oder der Patient wünscht sich selbst zu beweisen, daß in seinem Falle auch die ärztliche Behandlung machtlos sei, oder aber er will lediglich seinen ihn selbst übermäßig interessierenden Zustand mit einer Vertrauensperson besprechen. Umgekehrt kann es sich ereignen, daß der Patient unfreiwillig in ärztliche Behandlung kommt, etwa auf Veranlassung seiner Familie, und daß dann doch die Behandlung gewisse Ergebnisse zeitigt. Grundsätzlich läßt sich nur sagen, daß junge Menschen therapeutisch immerhin beeinflußbar sind, und zwar dann, wenn es sich um sexuell undifferenzierte Personen handelt oder um Menschen mit starkem Geschlechtstrieb und sexueller Spiellust. Gelingt es in solchen Fällen, durch geeignete Maßnahmen den Sexualtrieb herabzusetzen und eine stark pädagogisch orientierte Psychotherapie energisch durchzuführen, so kann die Behandlung wohl Erfolg haben. Hier handelt es sich freilich nicht um rein Homosexuelle, sondern um Bisexuelle , zu denen man allerdings auch jene Personen rechnen muß, deren Geschlechtsleben ausschließlich homosexuelle Akte aufweist, deren Träume aber noch heterosexuellen Charakter tragen. Besonders weibliche Bisexuelle bieten gute Erfolgsaussichten. Freilich wird stets ein Wechsel der Umgebung notwendig sein, auch dann, wenn sowohl die Perversen selbst wie deren Familien mit voller Bestimmtheit jede Möglichkeit homosexuellen Verkehrs leugnen. Gänzlich anders liegen die Dinge bei vollerwachsenen, rein homosexuellen Personen. Hier ist eine Behandlung der Homosexualität aussichtslos, und es kann sich höchstens darum handeln, andere Perversionen, wie Fetischismus, Sadismus, Masochismus, therapeutisch anzugehen. Der Arzt kann und soll jedoch stets versuchen, durch entsprechende Psychotherapie solche Perverse zur richtigen sozialen Einordnung zu führen.