Friedrich Wilhelm Hackländer Eugen Stillfried Erster Band 1855 Erstes Kapitel. Der geneigte Leser sieht alte Dinge vielleicht auf eine neue Art. Er macht bei Tagesanbruch die Bekanntschaft einer würdigen Mutter und wohnt einem Zwiegespräch bei, welches dieselbe mit ihrem Sohne hält. Wenn man in einer großen Stadt lebt und spät in der Nacht oder, noch besser, früh gegen Morgen von einer durchschwärmten Soirée, einem lange dauernden Souper oder einem ermüdenden Balle träge und matt nach Hause schleicht, so bemerkt man, daß jetzt, wo sich fast Alles zur Ruhe begeben hat, ein eigenthümliches, sonderbar schattenhaftes Getreibe hie und da beginnt. Tiefe, schlummerverkündende Stille liegt auf den finsteren Straßen, die Gaslaternen flackern unmuthig, als wollten sie sagen, sie hätten jetzt des Leuchtens für heute Nacht genug. In solchen sehr späten oder sehr frühen Stunden, wo der einsam nach Hause Wandelnde einem andern ebenso einsamen Wanderer gern aus dem Wege geht – denn ist Dieser ein Freund und Bekannter, so ist man zu träg, um noch mit ihm zu sprechen, ist er aber ein Fremder, so braucht er nicht zu wissen, daß man erst bei anbrechendem Morgen heimkehrt – in solchen Stunden, wo man in den meisten Straßen nichts vernimmt, als das eintönige Lied des Nachtwächters, das Rollen eines fernen Wagens oder das Plätschern sämmtlicher Röhrbrunnen der Stadt und der Fontainen auf öffentlichen Plätzen, bemerkt man auf einmal, wenn man sich zufällig gewissen Stadttheilen nähert, eine seltsame Geschäftigkeit, die hier mitten in der Nacht ihr lebhaftes Wesen treibt. Von den Thoren heran durch die breiten Straßen, welche auf den Marktplatz führen, rollen schwerfällige Karren, mit einem oder mehreren Pferden bespannt und angefüllt mit allem dem, was die hungrige Stadt am nächsten Tage zu verschlingen gedenkt. Ungeheure Quantitäten Gemüse, Fleisch, Butter – Eier nicht zu zählen – Obst wie es gerade die Jahreszeit mit sich bringt; das alles wankt hochgeladen auf diesen ächzenden Karren durch die stille Stadt und wird in der Nähe des Marktes abgeladen, wo jetzt sogleich ein reges, bewegtes Leben anfängt. Hier sind alle Wirthshäuser und kleinen Läden geöffnet; eine geschäftige Menge unkenntlicher fast gespenstiger Wesen treibt sich umher, die ankommenden Sachen in Empfang zu nehmen, oder um beim Abladen und Verbandeln derselben zu helfen und so etwas zu gewinnen. Da sind Verkäufer und Aufkäufer, die ganze Ladungen übernehmen, um sie in kleineren Partien wieder an Andere zu verkaufen, von welchen sie erst das Publikum erhält. So vertheuert sich die Waare nach und nach, und das Ei und das Gemüse, welches so harmlos und sehr wohlfeil zum Thore hereinkam, hat schon mehreren hungrigen Spekulanten dienen müssen und ist wohl auf das Doppelte des ursprünglichen Preises gestiegen, ehe es in die rechte Küche gelangt. Da kommen sie an in langen dunkeln Reihen, die vielen, vielen Wagen, und die Pferde schleichen langsam dahin, wohl aus Müdigkeit oder in der Absicht, die Schläfer ringsum nicht zu erwecken, zu denen ja auch der eigene Fuhrmann zu rechnen ist, der auf der Gabel sitzt und, nachdem er am Thore die Zoll-Visitation glücklich bestanden, nun wieder ruhig einnickt und sanft fortschläft, bis das Stillhalten des Karrens auf dem Marktplatze ihn abermals aufweckt. Dazwischen wandeln Fußgänger, Männer, Weiber und Kinder, mit Tragkörben auf dem Rücken oder anderen, kleineren auf dem Kopfe und den Schultern, und bringen ebenfalls ihre Erzeugnisse zum Verkaufe in die Stadt, das, was sie im Laufe des gestrigen Tages mühsam angefertigt oder gesammelt. Sie schleppen ein ganzes Stück Wald mit herein an Blüthen und Früchten – Blumen in großen, weithin duftenden Büscheln, Wald- und Erdbeeren, frischen Waldmeister und was sonst die Natur im Augenblicke Freundliches bietet. Andere bringen harziges Holz von Tannen und Föhren zum Anzünden der Feuer oder kleine Besen und Strohmatten – fast Alles ihrer Hände Arbeit. Der Markt selbst bietet nun ein eigenthümliches Bild. Aus den Läden und Wirthshäusern rings umher dringt der Glanz der Lichter und bescheint die Menge, welche vor diesen Lokalen hin und her wogt. Es ist ein wildes Durcheinander von dunkeln, unkenntlichen Gestalten auf dem weiten Platze, und obgleich Jeder beim Aufstellen seiner Waare so wenig Geräusch wie möglich macht und leise lispelt und flüstert, so machen doch alle diese Klänge und Töne zusammen ein hörbares Brausen und Murmeln aus, das man in den angrenzenden Straßen vernimmt und welches auch gewiß manchen leichten Schlummer in den anstoßenden Häusern stört. In den Wirthsstuben geht es unterdessen lustig genug zu. Die Fuhrleute sowie die Knechte großer Bauern, die noch ein beschwerliches Tagewerk und die Heimfahrt vor sich haben, suchen schon so viel wie möglich die durchwachte Nacht mittelst ziemlicher Quantitäten Wein und Branntwein aus ihren Gliedern zu vertreiben. Die Spekulanten, denen alle Mittel gelten, um die herbeigeführten Waaren billig einzuhandeln, setzen sich mit den Bauern selbst oder deren Bevollmächtigten hinter der Flasche fest, und beide Theile lassen gern etwas darauf gehen, um sich gegenseitig zu benebeln und dadurch zu niedrige oder zu hohe Preise zu erlangen. Das geringe Volk der Marktknechte, der Ablader treibt sich unterdessen draußen umher und hilft die Sachen, die herangebracht werden, von den Wagen herunter nehmen und in zierlichen, dem Auge wohlgefälligen Haufen auf dem rein gefegten Pflaster des Marktes ordnen. Aber auch andere Gestalten winden sich durch das Gewühl und halten sich fern von dem Scheine des Lichtes oder von dem unsicheren Glanze, der von den Epaulettes oder dem Säbel eines Polizei-Beamten ausgeht. Das sind Spitzbuben und Diebe durch alle möglichen Rangklassen und Grade hindurch, von armen, hungrigen Schelmen angefangen, die sich glücklich schätzen, wenn sie ein Stück Fleisch, ein Dutzend Kartoffeln, ein Kohlhaupt oder dergleichen erbeuten können, bis zu den Vornehmeren ihres Geschlechtes, die es auf die Tasche ihres Nebenmannes abgesehen haben, oder bis zu jenen hinauf, die dem etwas angetrunkenen Bauer bereitwillig in eine Nebengasse folgen, und welchen es auf einige Faustschläge oder gar Messerstiche nicht ankommt, um sich in den Besitz einer wohlgefüllten Geldkatze zu setzen. Auch ähnliche Praktikanten des schwächeren Geschlechtes treiben hier ihr heimliches, scheues Wesen und sind gesucht und gemieden, wie es eben kommt. Ihnen ist jede Beute recht, und wenn sie keinen rechtmäßigen Erwerb finden, begnügen sie sich mit einem unrechtmäßigen, und die schlechtbekleideten, elenden hohläugigen Gestalten nehmen mit, was in ihren Bereich kommt, und schleppen es davon in ihren weiten Rocktaschen oder unter ihren nachlässig umgeworfenen, langen, schmutzigen Halstüchern. So wogt und wimmelt Alles durch einander in der Dämmerung einer verschwindenden Sommernacht, und je wärmer und angenehmer die Luft ist, und je klarer und freundlicher der Mond oder die funkelnden Sterne herabblicken, um so unheimlicher erscheint dieses nächtliche Getreibe. Auf Augenblicke herrscht wirkliche Stille da unten, dann aber vernimmt man Menschenstimmen, die rufen, schreien, zanken; dazwischen schnauben und wiehern Pferde, Hunde bellen, Enten und Gänse in ihren Körben lassen seltsame Klagetöne vernehmen, und um all' diese hunderterlei Gegenstände und Gestalten, die in großen Haufen daliegen oder eilig durch einander schlüpfen und emsig hin und her eilen, stehen die alten, ernsten Häuser mit ihren hohen, zackigen Giebeln, mit ihren zierlichen Erkern, und schauen verwundert in das wirre Treiben der Massen da unten. Es ist wie ein anderer Hexen-Sabath, und wie ein solcher beginnt es auch aus einander zu stieben mit dem ersten Hahnenschrei. Sobald der Himmel anfängt, im Osten heller zu werden, sobald die frischere, kältere Morgenluft den herannahenden Tag verkündigt, und sobald die Sterne droben am Himmel erbleichen, erlöschen auch die Lichter in den Wirthshäusern und Läden; nach und nach und erstirbt das Leben auf dem weiten Marktplatze. Nach allen Richtungen hin verläuft sich die Menge, die hier beschäftigt war, wie ein schmutziges, rauschendes Gewässer, das den Platz vorhin bedeckte, nun allmälig verschwindet, und darauf tritt hervor das ganze Terrain, welches er bis jetzt bedeckte, mit seinen Höhen und Tiefen. Und diese Höhen stehen wohlgeordnet da und zeigen sich dem Auge als schön ausgestellte Gemüsehaufen, und die Tiefen und Gassen dazwischen hat man reinlich gekehrt, und wie es nun immer heller und heller wird, und die graue Morgendämmerung in das helle, glänzende Licht eines frischen Sommertages übergeht und deutlich zeigt die vielen glänzenden Farben der tausenderlei Gegenstände, die hier ausgestellt sind: so verschwindet ebenso schnell das Unheimliche des Nachtgemäldes, und ein anderes, schönes, freundliches, angenehmes Bild zeigt sich dem Auge des Beschauenden. Aber es ist noch sehr früh am Tage. Nur hie und da öffnet sich langsam eine Hausthüre, und ein schläfriges Dienstmädchen tritt heraus, das Morgenwasser für die Haushaltung zu holen. Lohnkutscher und Fiaker, die früh einspannen müssen, kommen in sehr mangelhafter Toilette und ziehen ihre Pferde nach sich an den benachbarten Brunnen. In den Straßen der Stadt liegt noch ein feiner Duft, und der reine blaue Himmel, der sich oben zwischen Kirchthürmen und Schornsteinen zeigt, sowie das feucht werdende Pflaster versprechen einen schönen warmen Tag. Die Straßen sind still; der Lärm der Nacht, den wir vorhin beschrieben, hat sich auch in der nächsten Nähe des Marktes vollkommen gelegt; man hört einen frühzeitigen Spaziergänger auf mehrere hundert Schritte seine Hausthüre hinter sich zuschließen und vernimmt den Klang seiner Fußtritte. Die letzten Wanderer, die in der vergangenen Nacht den ersten Marktwagen begegneten, haben sich noch nicht gar lange zu Bette gelegt; sie verdunkeln ihre Fenster so viel wie möglich, um dem Tageslichte den Eintritt in ihre Schlafzimmer zu verwehren; sie werfen sich unruhig hin und her, und der leichte, unerquickliche Schlummer, der über sie dahin fährt und sie nur zuweilen und wie neckend mit seinem Finger berührt, ist ein erbarmungsloser Spiegel und zeigt ihnen die Leiden und Freuden der vergangenen Nacht, das Gewühl des Tanzes, und dabei erklingt in ihrem Ohr die gleiche Tanzmusik immer und unaufhörlich fort, oder es gaukelt vor ihrem innern Auge die Karte, auf welche sie beständig verloren, oder an ihre Seite schmiegt sich spottend und neckend das Bild eines Mädchens, von dem sie vergebens getrachtet, einen Blick der Liebe zu erhalten. Aber auch andere Schläfer, die nicht die Nacht durchgeschwärmt, wälzen sich in der frühen Morgenstunde unruhig auf ihrem Lager – solche unglückselige Sterbliche, die sich im Allgemeinen eines schlechten Schlafes erfreuen, die den sehnlich herbeigeseufzten nicht festzuhalten vermögen, die während der Nacht jede Uhr von allen Kirchen schlagen hörten, und die nun, da das unbarmherzige Tageslicht ihr Zimmer erfüllt, verdrießlich aufstehen, ärgerlich den Fenstervorhang aufziehen und mit einem entsetzlich nüchternen Blicke in den jungen, glänzenden Tag hinaus schauen. Ach! was ihnen fehlt, ist Anderen in so reichlichem Maße gegeben, und aus den gegenüberliegenden offenen Fenstern tönt das feste solide Schnarchen eines außerordentlich gesunden Schlafes, eines Schlafes, der nur vor dem rasselnden Wecker einer Uhr entflieht, der gleich darauf im Zimmer des Nebenhauses anfängt zu arbeiten. Die gefangenen Nachtigallen in den Straßen sind schon lange verstummt; draußen auf dem Felde singt die Lerche und jubilirt der Sonne entgegen, die nun anfängt, mit den umliegenden Bergen und Kirchtürmen zu liebäugeln. Die Häuser öffnen jetzt nach und nach ihre Augen: zuerst die obern Stockwerke – bei den untern dauert es freilich noch eine Zeit lang – die Stadt wird lebendig und fängt an zu summen und zu rasseln. Aus sämmtlichen Schornsteinen steigt der blaue Dampf kerzengerade in die Höhe; aus den Werkstätten hervor klingt lustig das Schlagen der Hämmer, das Seufzen der Säge und des Hobels. Wir wissen nicht, ob es anderen Leuten auch so ergeht, aber uns ist der Marktplatz, so vollständig versehen mit allen Lebensbedürfnissen, namentlich in früher Morgenstunde, einer unserer liebsten Spaziergänge. Noch sind nicht viele Käufer da, nicht einmal alle Verkäufer, und man hat so Muße und Zeit, sich all' die Sachen in der Nähe zu betrachten: das frische Gemüse, das schöne Obst, die unendliche Reihe mit Körben voll hellgelber Butter, die Eierniederlagen, die frischen Küchenkräuter, die duftigen Blumen. Dann hat auch der Markt, wenn er so in den ersten Stunden des Tages in seiner ganzen Jungfräulichkeit daliegt, eine so köstliche Atmosphäre, einen so frischen Wald- und Gartenduft. Das Pflaster ist reinlich gekehrt, Blumen und Früchte sind mit Millionen Wassertropfen bedeckt, theils wirklichen, vom beiabfallenden Thau, theils künstlichen, durch darauf gespritztes Wasser. Auch die Nebenstraßen und kleinen Gäßchen, die auf den Marktplatz münden, haben etwas mitgetheilt erhalten von dem Duft und der Frische desselben. Mag es nun von dieser Nachbarschaft herkommen, oder von den engen Straßen und hohen Häusern, welche die Sonnenhitze abhalten, oder von den vielen Brunnen, die hier rauschen und kühlen – genug, es ist um diese Tageszeit hier in den engen Gäßchen recht behaglich und angenehm, und wenn man aus den breiteren heißen Straßen herniedersteigt, thut die Frische und Kühle hier, sowie der Anflug von Morgendämmerung, der noch nicht ganz verschwunden und namentlich in den langen, finsteren Höfen der Häuser zurückgeblieben ist, so unendlich wohl. Dieser langen und finsteren Höfe gab es in der Stadt, von welcher wir hier sprechen, noch eine große Menge, und sie gehörten zu ebenso finsteren und engen Häusern, die aber von den Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten sehr gesucht wurden. Diese Häuser hier stammten aus alter Zeit und waren aus solidem Mauerwerk aufgeführt, hatten meistens gewölbte Treppen und Gänge, kleine Fenster, dicke Mauern, und es war in ihnen kühl im Sommer und warm im Winter. Sie bildeten mit dem Marktplätze den Kern der Stadt und waren von alten adeligen Geschlechtern und reichen Patriziern erbaut worden. Hier hatten diese bekannten Geschlechter lange, lange Jahre gehaust, in der Nähe eines alten Castells und geschützt von diesem, sowie durch die innere Stadtmauer, welche sie ehedem in stattlicher Höhe und Breite umgaben. Bald aber wurde es den vornehmen Geschlechtern und reichen Kaufherren zu eng und zu finster in ihren massiven Wohnungen: sie verließen dieselben, rissen die Stadtmauer nieder und baueten sich in breiteren Straßen luftigere Häuser. Die alten aber behielten sie bei zu Waarenlagern, Stallungen, Magazinen und sonstigen Gelassen, und als sie nach und nach des Geldes benöthigter wurden, vermietheten fie diese Stammhäuser an Bürger und Handwerker, verkauften sie auch wohl, und so begann hier ein frisches, reges Leben, und die Stille dieser hohen Treppen und Gewölbe wurde vertrieben durch das Leben und Weben eines allgemeinen Verkehrs. Die steinernen Wappen über den Thüren und Thoren sahen seltsam hernieder auf die so ganz anders gewordene Zeit, und die Grafenkrone, die, aus Stein gehauen, mit ihren neun Spitzen trotzig aus dem Gemäuer eines dieser Häuser hervorragte, und die vordem reich vergoldete Sänften, prachtvoll aufgeschirrte, glänzende Rosse an der Hand in Seide gekleideter Edelknaben gesehen, würde jetzt gewiß schmerzlich zusammengezuckt sein, wenn das anders möglich gewesen wäre, bei dem Betrachten des ambulanten Obstkrames, der sich unter sie etablirt, oder bei der pöbelhaften Berührung der großen Fahrpeitsche, die der benachbarte Brauknecht so gern über die neun Zacken legte. Aber daran ließ sich nichts mehr ändern. Das Haus, von dem wir eben sprachen, hatte neben dem riesigen Steinportal mit hochgräflichem Wappen in der That einen kleinen Obstkram, und in den weitläufigen Hintergebäuden war eine Brauerei errichtet. Durch das eben erwähnte Portal trat man in einen ziemlich breiten Hof, den vormals Säulengänge umgeben hatten; jetzt aber waren die Bogen zugemauert worden, um Platz für ein Heumagazin, das rings herum lief, zu gewinnen. Die armen alten Säulen staken zwischen neumodischen Backsteinen, und es war kläglich anzusehen, wie nur noch hie und da eine Idee der Rundung des Capitäls sichtbar geblieben war. Dieser Hof war das Bild einer malerischen Unordnung. Das einzige aus alten Zeiten her noch ziemlich Erhaltene war ein schöner Brunnen, ein wahres Kunstwerk, – ein aus Stein gemeißelter Drache, der sich emporbäumend das Wasser in ein großes Marmorbassin spie. Doch da das kupferne Mundstück, das er früher zwischen den Zähnen seines Rachens hielt, gewiß eines Tages entwendet und verkauft, kurz, abhanden gekommen war, so hatte man eine dicke Holzröhre zwischen seine Zähne hineingeschlagen, die dem Gesichte des Drachen ein äußerst verschwollenes Ansehen gab. Statt in die Marmorschale, wie früher, lief das Wasser in eine Vertiefung des Bodens und diente hier zum Aufenthalt einer ganzen Schaar kleiner und großer Enten und Gänse, die watschelnd und schreiend den weiten Hof zu einem harmlosen Spielplatz erwählt zu haben schienen. Daneben befand sich eine große Schaar Hühner, die sich von dem gemeinen, nassen und beschmutzten Geschlechte der ebengenannten Wasservögel ziemlich fern hielt und auf einem großen Misthaufen stolz für sich allein blieb. Der Hahn mit hochrothem Kamme und goldgelbem Gefieder schien besonders darauf zu halten, daß die Hühner streng auf Rang und Stand sahen und sich mit jenen nicht gemein machten, denn er umkreiste stolz den Misthaufen, und wenn eine der jungen Enten oder Gänse sich zu nähern wagte, so streckte er sich lang empor, sträubte zornig seine Federn und ließ ein majestätisches Krähen vernehmen. Kleine Ferkel und junge und alte Hunde, die sich ebenfalls hier herumtrieben, schienen eine vermittelnde Rolle zwischen Enten und Hühnern spielen zu wollen: denn bald schnupperten sie in der Kothlache bei den Wasservögeln umher, bald wälzten sie sich in kleinen schmutzigen Pfützen, welche den Misthaufen begrenzten. Auf der einen Seite des Hofes stand ein großer Karren, ähnlich denjenigen, welche heute Nacht in langen Reihen und schwer beladen in die Stadt fuhren. Ein blaues Tuch war darüber gespannt, und wo dasselbe hinten zurückgeschlagen war, bemerkte man, daß auf dem Wagen nur noch einige Ueberreste von Gemüse zurückgeblieben waren. Die Hauptladung dagegen hatte man sorgsam auf den Boden niedergelegt, und bestand dieselbe aus einem gewaltigen Haufen von Kohlköpfen, gelben und weißen Rüben, neben welchen sich große Körbe mit Erbsen und Bohnen befanden. Aus diesem Hofe führte eine breite Treppe in die hinteren Wohnungen und zuerst in ein Vestibül, hoch gewölbt, welches nicht übermäßig erhellt wurde durch diesen Eingang selbst, sowie durch ein halbrundes vergittertes Fenster. Diese Vorhalle bildete eine würdige Fortsetzung des Hofes; Geflügel und andere Thiere liefen hier aus und ein, und namentlich legten die kleinen Ferkel hier eine außerordentlich liebenswürdige Ungezwungenheit an den Tag. Obgleich es, wie schon gesagt, Sommer und draußen sehr heiß war, so brannte doch in diesem Gewölbe in einem mächtigen alten Steinkamine ein hell loderndes Feuer, über welchem an einer starken rußigen Kette ein Wasserkessel hing, dessen Inhalt dampfte und zischte. Neben diesem Kessel saß auf einem breiten hölzernen Stuhle eine Frau, die sowohl als Herrin des eben beschriebenen Hofes, wie der geneigte Leser später erfahren wird, als auch in anderer Beziehung unsere Aufmerksamkeit sehr verdient. Diese Frau war von der Natur mit einer solch wahrhaft erschreckenden Körperfülle bedacht, daß unbefangene Personen, die sie zufällig sahen, erstaunt stehen blieben und sich gegenseitig verwundert fragten, ob hier Wahrheit oder Täuschung sei. Daß aber Letzteres nicht der Fall war, sah man auf den zweiten unbefangenen Blick, denn die Frau trug ihre Körperfülle mit einer gar zu sichtbaren Anstrengung. Da sie obendrein nicht sehr groß war, so fiel ihre riesenhafte Taille um so mehr in die Augen. Hierzu paßte der kurze, dicke Hals und das runde, vom Wetter stark gebräunte Gesicht. Die Frau war hoch in den Vierzigen und hatte trotz ihrer gewaltigen Dicke im Aeußeren nichts Unangenehmes, das heißt in ruhigen Momenten. Sobald sie aber heftig wurde – und das kam zum Schrecken ihres Arztes zuweilen vor – so stemmte sie ihre beiden dicken Arme in die Seiten und blies die Nasenlöcher ungebührlich auf; ihr sonst bräunlicher Teint spielte alsdann ins Bläulichrothe, und ihre gewöhnlich schwerfälligen Bewegungen hatten in solchen Augenblicken etwas entsetzlich Behendes. Diese Frau war Madame Schoppelmann, erste Obst- und Gemüsehändlerin der Residenz, das Factotum sämmtlicher Köchinnen und Köche guter Häuser, – eine Dame, die nicht blos gemeinen Kohl und Erbsen verkaufte, sondern der man es bei großen Diners und anderen Festlichkeiten getrost überlassen konnte, Fruchtpyramiden und Blumenkörbe nach eigenem Geschmack und Sinn aufzustellen. Madame Schoppelmann war eine wirkliche geheime Räthin in allen adeligen Küchen und denen vornehmer Bürgerhäuser. Letztere überließen ihr nicht selten die Beschaffung einer ganzen Gasterei, d. h, was die Urstoffe aus allen Reichen der Natur anbelangte; denn sie gab sich nicht blos mit Gemüsen und Blumen ab – dies waren eigentlich nur Nebengeschäfte – sondern ihre Hauptstärke bestand in dem Auffinden der besten Quellen für Wildpret aller Art, für die feinsten Geflügel, für Fische und Krebse. Wehe dem Koch, der sich mit ihr verfeindete! Wehe dem Ehemanne, der behauptete, eine Schüssel Krebse, die sie geliefert, bestehe für die Jahreszeit aus zu kleinen Individuen! Der Name der Madame Schoppelmann, die solche besorgt, machte ihn verstummen, schlug ihn vollkommen darnieder. Das Haus und den Hof, von dem wir vorhin sprachen, hatte sie gekauft, und war hier auf ihrem Grund und Boden absolute Herrscherin. Wenn es schon an sich, wie wir vorhin bemerkten, sehr unangenehm war, mit Madame Schoppelman in einen Streit zu gerathen, so wäre es doch für jeden Sterblichen weit gefahrloser gewesen, eine Löwin in ihrer Höhle anzugreifen, als diese würdige Frau in ihrer Wohnung. Die beherztesten Straßenjungen, die es nicht unterließen, hie und da ihre schmalen Backen höhnisch aufzublasen, wenn sie bei der dicken Frau auf dem Markte vorbeigingen, schlichen muthlos bei diesem Hofe vorüber, und keiner unter ihnen hat es je gewagt, die Ferkel, die kleinen Hunde oder das Geflügel durch einen geschickt angebrachten Steinwurf zu beunruhigen. Es ging unter der Knabenwelt die Sage von entsetzlichen und unheimlichen Kellern und Löchern im Hintergebäude dieses Hofes, und man erzählte, Frau Schoppelmann habe eines Tages einem kleinen Buben, der ihr einen Apfel wegstipitzt und aufgespeist, gedroht, sie wolle es mit ihm nächstens gerade so machen. Selbst die Polizei vertiefte sich nicht gern in diese Räume; und wir glauben, des Abends, wenn das große Hofthor geschlossen war, hätte es kein Polizeibeamter gewagt, dasselbe ohne den Willen der Besitzerin öffnen zu lassen. Und doch sah die Polizei sich häufig veranlaßt, mit dieser Frau oder vielmehr ihren Söhnen in intime Unterhandlungen zu treten. Diesen Söhnen – es waren deren zwei – sagte man überhaupt nicht viel Gutes nach. Es waren wilde, rohe Bursche, jähzornig und rauflustig, in allen Wirthshäusern bekannt, in allen gefürchtet und gemieden. Der Eine war seines Zeichens ein Fuhrmann, der Andere ein Händler, und Beide trieben sich in den benachbarten Dörfern und Städtchen umher, und was der Eine für das Geschäft der Mutter erhandelte, das führte der Andere nach Hause. Von dem Händler sagte man obendrein noch, daß die wenigsten der Hasen und Rehe, welche Madame Schoppelmann feil bot, von ihm erkauft worden wären, vielmehr hielte er es für eine sehr gesunde Bewegung, mit seiner leichten Büchse in den herrschaftlichen Wäldern umher zu spazieren und sich dabei zu einem guten Schuß und einigen Gulden zu verhelfen. Denn in solchen Fällen verkaufte er das geschossene Wild an die Mutter, und wir müssen es zur Ehre dieser Frau sagen, daß sie selten, und auch dann nur zu einem unklaren Begriff über das wilde, liederliche Treiben ihrer Söhne kam. Dabei aber hatten diese beiden Bursche eine gewaltige Scheu vor ihrer Mutter, und wenn sie nach Hause zurückkehrten, waren sie wie umgewechselt und betrugen sich so still und manierlich wie möglich. Madame Schoppelmann handhabte aber auch das Regiment in ihrem Hause mit einer eisernen Strenge und ließ ihren Söhnen in fraglichen Fällen dieselbe Behandlung wie ihren Hausthieren angedeihen, das heißt, sie schlug sie, ohne sich weiter dabei zu ereifern und ohne Ansehen der Person, mit dem Stück Holz oder Hausgeräthe, das sie gerade in der Hand hatte, derb auf die Köpfe. Madame Schoppelmann hatte aber auch eine Tochter, und Alles, was der ganzen übrigen Familie an Schönheit und Liebreiz mangelte, schien auf diese vereinigt zu sein. Es gab kein schöneres, blühenderes Bild der frischesten Gesundheit, wie dieses Mädchen. Von der Mutter hatte sie den festen, runden Körperbau, dazu etwas Schnippiges, ja Trotziges geerbt; von dem seligen Herrn Schoppelmann dagegen ein weiches Gemüth, kohlschwarze, dichte Haar, blitzende Augen und einen sehr guten Humor. Katharina, so hieß das Mädchen, war der Glanzpunkt des ganzen Marktes, und einen Strauß von ihrer Hand zu bekommen, war bei den jungen Herren der Stadt gewissermaßen zur Mode geworden. Die Mutter hatte sich schon oft darüber geärgert, daß sich die junge Männerwelt so auffallend um ihre Körbe herum trieb, und hätte den Grund hiezu, den Blumenhandel, schon längst gern aufgegeben, wenn derselbe nicht so außerordentlich viel Geld abgeworfen hätte. Auch war es bei dem allerdings angestrengten Tagewerk ihrer Tochter deren einzige Erholung, die verschiedenartigsten Blumen kunstreich zu Sträußen zu binden, und Madame Schoppelmann gestand sich mit Stolz, daß kein Gärtner ein so gut zusammengesetztes Bouquet anzufertigen im Stande sei, wie ihre Katharina. Es war also noch sehr früh am Morgen; das Holz auf dem Herde prasselte, der Wasserkessel summte, und Madame Schoppelmann vervollkommnete dies zu einem Terzet, indem sie eine gewaltige Kaffeemühle handhabte und den Schwengel derselben rasselnd herumdrehte. Nahe beim Eingange saß der älteste Sohn, Fritz, der Fuhrmann; er hatte beide Arme auf den Tisch gestemmt und ließ das Haupt darauf ruhen. Er war vollständig angezogen, und seine schweren Schuhe und Leder-Gamaschen, sowie das dunkelbraune Wamms, dicht mit Staub bedeckt, zeigten deutlich an, daß er heute Nacht über Land gewesen war. Jetzt richtete er sich langsam in die Höhe, schob seine kleine Ledermütze auf das rechte Ohr und sagte: »Da ist nichts zu machen, die Anderen verderben uns alle Preise. Ich hätte Euch die Artischoken gern mitgebracht und auch bessere Melonen; aber ein solches Sündengeld dafür hinlegen, das habe ich nicht über's Herz bringen können.« »Und wer hat sie dir denn wieder vor der Nase weggekauft?« fragte barsch die Mutter. »Nun, wer denn sonst, als unser Nachbar, der alte Sünder! Kam wir schon hohnlachend aus der Gärtnerei entgegen und unterstand sich, mir zu sagen, wenn ich Artischoken oder Melonen wolle, könne ich sie von ihm kaufen. Das Vieh! Aber der lauft mir noch einmal des Nachts in den Weg. – – Wenn ich nur alles andere so genau wüßte!« – Mit diesen Worten schlug der Fuhrmann ingrimmig auf den Tisch, und dann spie er vor sich nieder auf die Erde. Die Mutter schien ihren Zorn über den verfehlten Melonen- und Artischokenkauf an ihren Kaffeebohnen auslassen zu wollen, denn sie drehte darauf los, daß die armen, halbzerquetschten Bohnen die verzweifeltsten Versuche machten, der Kaffeemühle zu entspringen. »Und du hast deinen Bruder nachher nicht mehr gesehen?« fragte die Frau. »Weißt du nicht, ob er auf das Schloß Wolfsberg gegangen ist? Ich habe es ihm wenigstens so anbefohlen; man läßt dort die großen Teiche ab, und ich brauche für die nächsten Tage so viele Karpfen und Aale, als ich bekommen kann!« »Ich glaube, er ging dorthin,« erwiederte der Fuhrmann. »Auch wollte er sich nebenbei nach Feldhühnern umsehen.« – Dabei lächelte er verschmitzt in sich hinein. »Was das Umsehen anbelangt,« nahm die Mutter sehr ernst das Wort, »so hoffe ich nicht, daß er sich in den Feldern umsieht. Hat gewiß wieder ein Gewehr bei sich versteckt! Ich will's ihm schon sagen, wenn er nach Hause kommt. Habe wahrhaftig keine Lust, jede Woche wegen euch vor Gericht geladen zu werden! Das sag' ich dir ein für alle Mal, und du kannst dir's merken und deinem Bruder mittheilen: wenn sie euch wegen eurer Geschichten einmal ernstlich einsperren, da thue ich keinen Schritt, weder mit guten Worten, noch mit Geld, und wenn sie euch bis zum letzten Tage sitzen lassen!« – Dabei streckte die Frau ihren dicken, musculösen Arm weit von sich, als wollte sie sagen: »Das ist abgemacht!« Der Kaffee schien auch gemahlen zu sein; denn sie zog die Schublade der Mühle heraus, und nachdem sie sich überzeugt, daß alle Bohnen gehörig zerrieben seien, schüttete sie das Mehl in eine ans dem Herde stehende riesenhafte Kaffeekanne. Der Sohn hatte seinen Arm wieder auf den Tisch gestützt und murmelte während dessen etwas in sich hinein von ewigen Plagereien und Schindereien, und daß das schlechte Volk es nicht unterlassen könnte, sie beständig anzugeben. »Wenn ich aber oder der Bruder,« fuhr er lauter fort, »einmal jemand erwische, der uns solche Geschichten nachsagt, da kann es ein Unglück geben – mich soll der Teufel holen, ein rechtes Unglück!« »Halt dein Maul!« versetzte die Mutter ruhig, während sie das siedende Wasser auf den Kaffee goß, »euch beiden sagt man nicht zu Schlimmes nach; ich weiß es ganz genau, aber ich habe nur keine Constitution, um mich den ganzen Tag über eure Spitzbübereien zu ärgern. Der Doktor sagt, ich soll mich vor einem Schlaganfalle in Acht nehmen; deßhalb ärgere ich mich auch gar nicht mehr mit euch. Gewiß, ich will mich gar nicht mehr ärgern! das versichere ich dir und deinem Bruder, und ihr könnt mirs glauben: ehe ein Schlag an mich kommt, kommt noch mancher an euch. – Katharine!« »Ja, ja, ich weiß schon!« brummte der Sohn halblaut, »wir beide müssen immer Alles gethan haben! An uns muß immer der ganze Zorn hinaus! Es ist gerade, als wenn wir vor der Thür gefunden worden wären – – aber das Mädel.... das kann machen, was es will!« »Was sollen die nichtsnutzigen Reden?« entgegnete die Frau und stemmte ihre beiden Hände, die sie jetzt frei hatte, in die Seiten. »Was thut das Mädel, was nicht vor Gott und mir zu verantworten wäre? he? du Strick!« »Nun, was wird sie thun!« lachte der Fuhrmann; »gewöhnlich thut sie nichts, das ists ja eben, und wenn sie einmal was thut, so wäre es auch besser, sie ließe es bleiben!« Zweites Kapitel. Indem Madame Schoppelmann ihren Kaffee bereitet, erfahren wir aus fortgesetzten Gesprächen während dieses Geschäfts, daß eine schöne Tochter schwer zu hüten ist. Kaum hatte der Bruder diese Worte gesprochen, so flog die Thüre, die ins Nebenzimmer führte, heftiger auf, als nothwendig gewesen wäre, und das Mädchen, von dem oben die Rede, ließ sich auf der Schwelle sehen. Sie war mit ihrer Morgentoilette beschäftigt und augenscheinlich nur durch den Angriff des Bruders dazu vermocht worden, so in das Vorzimmer herauszukommen; eben im Begriffe gewesen, in einen hellfarbenen kattunenen Ueberrock zu schlüpfen, schnürte sie zu diesem Zwecke eiligst ihr Mieder zusammen. Ihr dichtes schwarzes Haar war in zwei fast unförmlichen Flechten um den Kopf herumgewunden und wurde oben durch ein rothes Tuch festgehalten, das sie, gewiß ohne es zu wollen, malerisch und kokett darüber hingeschlungen. Ihr Auge blitzte, ihre etwas starken, aber frischrothen Lippen waren leicht geöffnet, und sie wiederholte hastig die Frage der Mutter. »Da hätte man viel zu sagen!« gab der Bruder achselzuckend zur Antwort; »ich weiß nichts und will nichts wissen!« »Was willst du nicht wissen und was weißt du?« fragte hastig Katharina. Der Bruder aber dachte, daß es besser sei, vor der Hand den beiden Frauenzimmern gegenüber an einen klugen Rückzug zu denken, und versuchte diesen zu bewerkstelligen, indem er sagte: »Nun, ich will mich gerade in nichts Genaueres einlassen; das sollte mir fehlen!« »Sprich gerade heraus!« entgegnete das Mädchen, »sag', was du willst und was du weißt!« – Darauf riß sie eifrig an dem Schnürriemen und zog dann ihren Ueberrock zusammen, um dem Bruder auch in ihrem Aeußeren gerüsteter entgegen treten zu können. »Laß mich in Frieden!« sagte dieser. »Nun ja, wenn man den ganzen Tag gereizt wird und es nur über uns beide hergehen soll, das kann man sich auch nicht immer gefallen lassen und das wollen wir auch nicht. Und daß dagegen die Katharine Euer Schooßkind ist, das weiß die ganze Welt, und daß sie thun und treiben kann, was sie will, das weiß wieder die ganze Welt. Aber warte nur!« »Und worauf soll sie warten? du böses Maul!« entgegnete Madame Schoppelmann und rührte langsam in dem Kaffee, den sie vorhin aufgegossen. Das Mädchen aber, kräftig und fest wie ein Mann und dabei geschmeidig wie ein Aal, näherte sich mit größter Lebhaftigkeit dem Tische, an dem der Bruder saß, legte ihre volle, aber feine Hand auf denselben, beugte den Oberkörper vor und sah ihm fest in die Augen. »Es ist das schon öfter vorgekommen, daß du und dein Bruder den Versuch machten, der Mutter allerlei Spinnen in den Kopf zu setzen, und immer hinter meinem Rücken. Auch heute hast du wohl gedacht, die Katharine ist noch lange nicht bei der Hand, sonst wärest du nicht mit deinen bösartigen Redensarten losgegangen, darauf könnte man schwören. Aber jetzt rathe ich dir im Guten, Fritz, sage gerade heraus und unumwunden, worauf du vorhin angespielt; denn ich bin doch wahrhaftig neugierig, endlich einmal zu erfahren, was ich für einen Lebenswandel führe!« »Das möchte ich auch wissen!« setzte die Mutter hinzu. Und das sagte sie mit einer außerordentlich kräftigen und entschlossenen Stimme, und näherte sich in ihrer ganzen breiten Gestalt, beide Arme in die Seite gestemmt, ebenfalls dem Tische. »Laß mich in Frieden!« sagte barsch der Fuhrmann; »von Lebenswandel habe ich auch gar nicht gesprochen.« »Wovon denn?« fragte heftig Katharina und beugte den Kopf so herab, daß ihre großen, dunkeln Augen wenige Zoll von den grauen, unsteten ihres Bruders entfernt waren und ihn fest zu bannen schienen. Er fuhr zurück und lehnte sich dann in seinen Stuhl, wobei er ein außerordentlich lustiges Lachen erheuchelte, indem er hoffte, sich so aus der Affaire zu ziehen. Doch waren die beiden Damen nicht gesonnen, ihn dieses Mal ohne gründliche Beichte entwischen zu lassen. Katharina, welche dieser beständigen Sticheleien hinter ihrem Rücken müde war, wußte ganz genau, um was es sich eigentlich handle, und war überzeugt, wenn der Bruder auch wirklich etwas vorbringen würde, daß sie doch im Stande sei, sich vor der Mutter herauszureden und damit den ewigen Neckereien ein plötzliches und rasches Ende zu machen. Der Bruder aber brach, durch die lange Weigerung, seine Anklage vorzubringen, dieser selbst die Spitze ab, und die Mutter mußte natürlicher Weise denken, wenn er wirklich etwas wüßte, so würde er sich nicht so lange sperren, damit heraus zu rücken. Und doch bedurfte es noch mancher außerordentlich heftigen Aufforderung von Seiten der Schwester, sowie eines nicht ganz gelinden Schlages der Mutter auf den Tisch, um den einigermaßen eingeschüchterten Fuhrmann zu bewegen, das, was er wußte, von sich zu geben. »Es ist die alte Geschichte,« sagte er achselzuckend, »die Ihr aber nie glauben wollt, Mutter, so oft man Euch auch schon davon gesprochen – der Blumenhandel von Katharine.« »Und was geht dich mein Blumenhandel an?« versetzte verächtlich das Mädchen und richtete sich mit ihrer ansehnlichen Gestalt stolz in die Höhe. »Bekümmere dich um deine Gänse und Enten!« »Ja freilich,« entgegnete lachend der Bruder, »geht mich dein Blumenhandel nichts an; ich bin auch, Gott sei Dank! keiner von jenen jungen Offizieren zu Fuß und zu Pferd, die das Pflaster auf dem Markt zu Schanden trampeln, mit Schleppsäbel und Federhut, und dann bin ich ja auch nicht die schöne Katharine, wie sie dich heißen. Ha! ha! Und noch viel weniger gäb ich nur einen Groschen um das beste Bouquet von dir, und wenn du ... es mir auch selbst an den Rock stecken thätest.« »Wem stecke ich Blumen an den Rock?« sagte heftig und erhitzt das Mädchen; »wem? du Lästermaul!« »Nun, nun,« entgegnete der Bruder, »das thust du freilich nicht Vielen, aber wenn ich auch so ein – – junger Mensch wäre, mit dem braunen Frack, hohem Hemdkragen und darunter so ein violet seidenes Tuch, und wenn ich so ein blasses, liederliches Gesicht hätte, wie gewisse Leute mit hinaufgewichstem blondem Schnurrbart, da käme es dir nicht darauf an, mir eine Rose ins Knopfloch zu stecken. He, Jungfer Schoppelmann? he, schöne Katharine?« »Von wem spricht denn der Bub' eigentlich?« sagte die Mutter und stieß ihre Tochter mit dem linken Ellbogen an den Arm. »Das sind auch gewiß nur wieder von seinen dummen Phantasieen! Nicht wahr, Katharine?« Die Sache mußte doch nicht so ganz auf der Phantasie des Bruders beruhen; denn als er so von dem braunen Frack und dem blonden Schnurrbart sprach, zuckte das Mädchen ganz leise zusammen, und die glühende Röthe ihrer Wangen wich einer augenblicklichen Blässe, die, auf der hohen Stirn anfangend, sich mit Blitzesschnelligkeit bis auf die heftig athmende Brust fortsetzte. »Nun, Katharine,« wiederholte die Mutter, »was will er damit sagen? Leg' ihm seine bösen Reden!« »Sie wird sie mir nicht legen!« sprach triumphirend der Bruder und trommelte mit seinem Messer auf den Tisch. »Siehst du, Kätherle, es ist besser, wenn du nicht so herausfordernd thust!« »Und was willst du damit sagen?« rief die Mutter und stützte beide Arme auf den Tisch; »was soll das heißen?« »Ja, das möchte ich auch wissen,« sagte Katharina, »was und wen er damit gemeint hat!« »Was und wen?« lachte der Fuhrmann. »Was? den Blumenhandel, und wen? einen gewissen Herrn Eugen; die Jungfer Katharine kennt ihn schon.« »Du kennst ihn schon?« sagte die Mutter und blickte die Tochter bedenklich an. Doch Katharina lachte statt aller Antwort laut hinaus, und es gelang ihr, recht unbefangen zu lachen. »Eugen! Eugen!« sprach sie alsdann; »nun ja, das ist möglich, daß einer von den vielen Herren, die von meinen Blumen kaufen, Eugen heißt, auch daß er vielleicht oft kommt, sich Sträuße zu holen.« »So oft,« rief der Bruder dazwischen, »daß die ganze Stadt davon spricht. »Ei, Katharine,« bemerkte die Mutter sehr ernst, »da fällt mir auch etwas ein, was man mir neulich gesagt – ich weiß nicht mehr recht, welche von den Weibern es war – ja, ja, die sagte mir wahrhaftig etwas Aehnliches. Nimm dich in Acht, Katharine, vor dem Gerede der Leute und vor deiner Mutter! Jetzt komme ich auf einmal wieder klar auf die ganze Geschichte; ja, ja, es ist schon was Wahres daran, was der Fritz sagt.« »Nicht wahr, Mutter?« »Und ich werde dir den ganzen Blumenhandel noch legen,« fuhr diese fort. »Meiner einzigen Tochter was nachsagen zu lassen, das sollte mir fehlen! Ja, ja, wer hat es mir nur gesagt? Katharine, nimm dich in Acht! Ich glaube – wenn ich mich nicht ganz irre – es hieß, der nichtsnutzige Sohn der verwittweten Staatsräthin Stillfried streiche den ganzen Vormittag um deine Körbe herum.« »So ist's, Mutter,« sagte der Fuhrmann, »der liederliche Herr Eugen, der ist's! Und daß an der Sache was Wahres ist, könnt Ihr deutlich an Eurer Jungfer Tochter abnehmen. Hat sie nicht vorhin gethan, als wenn sie mich fressen wollte, und jetzt ist sie mäuschenstill geworden?« Das Mädchen warf den Kopf trotzig in die Höhe und ließ auf den Bruder einen Blick unbeschreiblicher Verachtung blitzen. Dann sagte sie: »Es ist freilich am besten, wenn man deine dummen Reden unbeantwortet läßt; ich will mich auch gar nicht darum kümmern. Sag', was du willst, und wenn dir die Mutter am Ende wie gewöhnlich glaubt, so kann ich auch nichts dagegen haben. Ich werde doch thun und lassen, was mir gefällt, denn ich bin kein Kind mehr und weiß schon, was ich zu thun habe.« – Damit wandte sie sich vom Tische weg und ging wieder ins Nebenzimmer, dessen Thüre sie ebenso heftig, als sie sie geöffnet, wieder hinter sich zuschlug. »Seht Ihr, wie sie trotzig ist, obgleich sie mir nichts Rechtes zu antworten weiß!« sagte der Bruder, »ja laßt der nur allen Willen, und Ihr werdet genug Freude an ihr erleben!« Madame Schoppelmann gab keine Antwort, sondern ging an den Herd, nahm von dort die große Kaffeekanne und setzte sie auf den Tisch; dann langte sie vom Kamingesims einige Tassen herunter, die sie daneben stellte, nahm aus einem Wandschrank einen Teller, worauf ein frisches Stück Butter in einem Kohlblatte eingewickelt lag, und stellte das nebst einem großen Stück Brod daneben. Aber obgleich sie das Gespräch von vorhin nicht laut fortsetzte, so sah man doch ihrem Mienenspiel an, daß sie diese Geschichte nicht ganz gleichgültig aufnahm, sondern vielmehr eifrig darüber nachdachte. Zuweilen schüttelte sie den Kopf, seufzte auch wohl gelinde auf, und als sie das Frühstück hergerichtet hatte, ließ sie sich mühsam auf einen breiten, schweren Stuhl an dem Tische nieder und legte, statt zuzulangen, die Hände in den Schooß. »Hast du,« fragte sie nach einer Pause, »deine Schwester vorhin nur necken wollen, wie es unter euch Mode ist, oder sagt man wirklich in der Stadt etwas über sie und jenen Herrn Eugen?« »Allerdings sagt man etwas!« entgegnete bestimmt der Bruder und goß sich eine Tasse Kaffee ein. »Und man sagt sogar recht viel über Herrn Eugen und Jungfer Katharine, über die schöne Katharina, wie die Leute sie nennen.« »Ueber mein Kind!« sagte ernst die Mutter. »Aber Katharine,« fuhr sie nach einer Pause eifriger fort und schüttelte die Hand, »weiß gewiß nichts davon, sie ist ganz unschuldig. Doch dem Herrn Eugen sollte man das legen.« »Ja, wenn ich's ihm nur legen dürfte!« meinte der Fuhrmann und schnitt sich ein ungeheures Stück Brod ab; »ich wollte es ihm so legen, daß er sich selbst mit legen müßte. Soll ich ihm vielleicht einmal in den Weg laufen und ein Wort mit ihm sprechen?« »Nein, nein,« sagte die Mutter, »das ist keine Sache für deine Hände, Gott soll mich bewahren! Darin will ich schon meine eigenen Gänge machen. Der Katharine will ich den Kopf schon zurecht setzen, und wenn die Frau Staatsräthin eine rechtschaffene Dame ist, so wird sie mit ihrem Sohne das Gleiche thun. Laß mich nur machen.« Der Bruder wollte noch Einiges entgegnen, doch bat ihn Madame Schoppelmann, jetzt gefälligst sein Maul zu halten, denn sie wolle ihren Kaffee in Ruhe trinken. Nach einigen Augenblicken kam auch Katharina wieder aus dem Nebenzimmer hervor, jetzt vollständig angezogen, einfach, in einer Tracht, die zwischen denen der Dienstmädchen guter Häuser und der Bürgerstöchter die Mitte hielt. Von jenen hatte sie das schwarze nette Mieder entlehnt, von diesen den langen Rock, und der Schnitt des ganzen Kleides paßte so gut zusammen und war in den Farben so geschmackvoll gewählt, daß Jedermann, der dieser vollen, prächtigen Gestalt mit dem frischen, blühenden Gesichte begegnete, unwillkürlich stehen bleiben und zu sich selbst sagen mußte: Das ist in der That ein schönes Mädchen! Die Familie, durch den vorherigen Streit etwas verstimmt, wechselte während des Kaffeetrinkens nicht ein einziges Wort, und es wäre solcher Gestalt im Gewölbe sehr still gewesen, wenn nicht in diesem Augenblicke ungefähr ein Dutzend Weiber nach und nach eingetreten wären, die sich auf den Steinen am Herd und den davorstehenden Stühlen ziemlich geräuschvoll niederließen. Obgleich diese Weiber Colleginnen, wenn gleich ärmere und unbedeutendere Colleginnen der Madame Schoppelmann waren, so wagte doch keine, die feierliche Kaffeestunde durch eine laute Frage an die Frau zu unterbrechen, vielmehr begnügten sich alle mit einem stummen Gruße, der von Madame Schoppelmann ebenso stumm, wenn gleich etwas vornehmer, erwidert wurde. Unter sich dagegen sprachen die Weiber bald leise, bald lauter, und es herrschte eine lebhafte Unterhaltung, welche sich natürlicher Weise nur um ihr Geschäft, den Gemüse- und Obsthandel, drehte. Jetzt hatte Madame Schoppelmann ihren Kaffee mit der bedeutenden hierzu gehörigen Menge von Brod und Butter zu sich genommen; sie rückte ihre Haube zurecht, erhob sich dann schwerfällig von ihrem Sitze, wobei sie ihre beiden Arme auf den Tisch stützte, daß er krachte. Dann trat sie mit einer gewissen Würde und Feierlichkeit an den Herd in den Kreis jener Weiber, die sich darauf ehrfurchtsvoll von ihren Sitzen erhoben. Nach einer kleinen Pause, während welcher die Weiber erwartungsvoll zu Madame Schoppelmann aufblickten, setzte diese den rechten Arm in die Seite und fragte mit einer sehr wichtigen Stimme: »Wie schaut's heute Morgen auf dem Markte aus?« »So, so!« entgegnete eines der Weiber; »es ist im Allgemeinen nicht zu viel und nicht zu wenig da, gerade was die Stadt braucht.« »So könnte man also,« entgegnete Madame Schoppelmann, »die Preise vom vorigen Dienstage im Allgemeinen festhalten?« »Wahrhaftig, man könnte ein wenig anziehen,« erwiderte die Gefragte, und die Anderen nickten mit dem Kopfe und meinten auch, es wäre nicht unthunlich, die Preise etwas zu erhöhen. »Sie wird am besten wissen, Frau Schoppelmann,« sagte eine Zweite, »daß es in dieser Woche eine Menge Geschichten in der Stadt gibt; ein paar große Hochzeiten weiß ich, einige tüchtige Kindtaufen ebenfalls.« »Und in den beiden ersten Gasthöfen,« ergänzte Madame Schoppelmann, »sind, heute und morgen große, extra bestellte Diners. Ja, ja, das ist schon wahr. – Wie sieht's draußen mit der Butter aus? – Es kann nicht übermäßig viel da sein.« »Daran fehlt's wirklich,« antwortete die, welche zuerst gesprochen, »es fehlen mehrere von den gewöhnlichen Lieferanten.« »Denen ich ihre ganze Ladung im Voraus abkaufte,« sagte stolz die dicke Frau und blickte ehrfurchtgebietend um sich. »Und da demnach der Vorrath nur gering sein kann, so können wir mit der Butter schon um einige Kreuzer aufschlagen.« Die Weiber lächelten vergnügt und schauten die Frau Schoppelmann mit Mienen an, welche deutlich sagen wollten: »Welch eine Frau!« »Mit den Eiern,« fuhr diese fort, ist es gerade so; es können unmöglich zu viel auf dem Markte sein. – Sie sollen's zahlen!« »Natürlich!« murmelten vergnügt die Weiber. »Also Butter und Eier,« fuhr die Herrin dieser Victualienbörse in bestimmtem Tone fort, »werden um einen Kreuzer theurer gehalten, als am letzten Markttage, und danach richten sich Obst und Gemüse. Was die kleineren Früchte: Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren anbelangt, so beruft man sich auf die Hagelwetter der vergangenen Woche, sowie auf die Faulheit der Bauernkinder, die gar nichts hereinbrächten. Was die neuen Kartoffeln und die Gemüse betrifft, so vergeßt mir die Kartoffelkrankheit und die Würmer nicht. Es kann nichts schaden, wenn ihr in jeden Korb ein paar Schnecken werft, namentlich in den Salat, und sie den Köchinnen zeigt. Es seien dieses Jahr unzählige, sagt man, und sie fressen alles Grüne ab, wie es eben aus dem Boden heraus kommt. Dafür aber sucht eure Waare sorgfältig aus, und wenn man euch vorwirft, ihr wäret theurer als am vorigen Markttage und als manche Andere, die nicht zu uns gehört, so beruft euch erstens auf mich und dann auf die Güte eurer Sachen. Aber laßt mich nie erfahren, daß Jemand unter der Hand wohlfeiler verkauft und so das ganze Geschäft ruinirt! – Hat jemand die Frau Weber gesehen?« »O, das ist eine verstockte Frau!« sagte eines der Weiber; »denkt nur, als ich hieher ging, rief sie mir zu: Geht nur zu eurer Frau Schoppelmann und macht dort eure Geschichten aus, ich thue doch, was ich will, ich verkaufe nach meinen eigenen Preisen, und wenn ich auch darüber zu Grunde gehen soll! Ja, geht nur zur Schoppelmann!« »Das kann ihr geschehen!« versetzte diese. »Hat sie nicht neulich die verrückte Idee gehabt und einige Hasen zum Verkaufe ausgelegt, kleine, miserable Dinger, und wollte sie um sechsunddreißig Kreuzer verkaufen! Die meinigen – schöne, schwere – waren zu achtundvierzig angesetzt; aber ich habe sie an dem Tage zu vierundzwanzig gegeben, und Madame Weber hat die ihrigen selbst essen können.« »Ja, ja!« jubelten die Weiber; »so ist es ihr ergangen, und wir wollen sie schon noch kriegen!« Damit erhoben sie sich von ihren Sitzen, um an ihr Geschäft zu gehen. »Haltet mir eure Preise fest und macht mir keine Geschichten!« Mit dieser Mahnung entließ die Oberin des Gemüsemarktes ihre Kolleginnen und hob die Börse auf. Die Weiber verließen die Halle und gingen durch den Hof auf die Straße, nicht ohne unterwegs neugierige und auch wohl neidische Blicke auf die großen Haufen Gemüse, auf die zahlreichen Hühner und Enten und auf die fetten Ferkel zu werfen. Der Fuhrmann hatte unterdessen ebenfalls sein Frühstück beendet, stopfte sich eine Pfeife und ging in den Hof, nach seinen Pferden und seinem Geschirr zu sehen. Katharina holte aus dem Nebenzimmer einen großen, zierlich geflochtenen Korb, den sie mit Beihülfe der Mutter mit dem feinsten und schönsten Obst anfüllte; oben hinauf legte sie ihre Blumensträuße; die Mutter gab ihr Verhaltungsbefehle, ermahnte sie, die beiden Mägde draußen, die vorläufig bei den Gemüsen und Früchten waren, wohl im Auge zu behalten und nicht weglaufen zu lassen. Dann half sie ihr den schweren Korb emporheben; Katharina nahm ihn leicht und gewandt auf ihren Kopf, und als sie so dahinschritt, das schöne Mädchen mit der schlanken Taille, mit der rechten Hand zierlich den Rand des Korbes haltend, mit der linken ihre Röcke ein klein wenig erhebend, damit sie auf dem Hofe nicht beschmutzt würden, so hätte man glauben können, sie thue das alles nur zu ihrem Vergnügen, um ihre kräftigen und doch eleganten Körperformen sehen zu lassen, oder sie sei aus einem Bilde hervorgegangen, auf welchem der Maler mit kunstreicher Hand das Ideal eines weiblichen Wesens mit den glühendsten Farben hingezaubert. Auch die Mutter sah ihr mit einem Gefühle des Stolzes und der Befriedigung nach, und dann schüttelte sie mit dem Kopfe, wenn sie an jene Rede ihres Sohnes dachte. Auch fiel ihr jetzt klar und deutlich ein, daß man schon früher von dieser Sache gesprochen, sie gewarnt und ihr dabei gesagt, sie solle die schöne Katharina hüten, denn jener Herr Eugen, einer der lockersten Pflastertreter der Residenz, beschäftige sich in seinen immerwährenden Freistunden damit, ihrer Tochter auffallend die Cour zu machen. »Wir wollen das schon arrangiren!« sagte die Frau für sich und begab sich daran, ihr Kaffeegeschirr zu spülen und Kannen und Tassen, Butter und Brod wieder an ihrem gehörigen Ort unterzubringen. Doch war sie mit diesem Geschäfte noch nicht sehr weit gekommen, als ein neuer Besuch bei ihr eintrat. Drittes Kapitel. Madame Schoppelmann erhält einen Besuch, bei welcher Veranlassung wir eine merkwürdige Episode aus ihrem Leben zu hören bekommen. – Ein ziemlich lehrreiches Kapitel. Dieser neue Besuch, ein Frauenzimmer in der Tracht der Bürgertöchter, war eine lange, dürre Gestalt, angethan mit einem Kattunkleid von zarter hellblauer Farbe. Auf dem Kopfe trug sie eine Haube, mit Rosabändern verziert, und in der Hand hatte sie einen Sonnenschirm von blassem, seegrünem Seidenzeuge, an den Händen aber weiße baumwollene Handschuhe. Das Gesicht dieser Gestalt paßte eigentlich durchaus nicht zu den eben genannten jugendlichen, frischen Farben, wäre vielmehr in einer Umhüllung von Grau und Schwarz weit besser an seinem Platze gewesen. Es war ein langes, mageres Gesicht, mit dünnen, wenig gerötheten Lippen und großen, fast glanzlosen Augen von einer Farbe, als hätte man Vergißmeinnicht in Milch gekocht. Dieses Frauenzimmer trat ziemlich lebhaft, ja sogar aufgeregt in das Gewölbe der Frau Schoppelmann. Es war eine jener Aufregungen, von denen man wünscht, daß sie von unsern Nebenmenschen gleich bemerkt werden, eher eine künstliche, als eine wirkliche. Die Dame in dem blauen Kleide, die offenbar mit der Gemüsehändlerin befreundet war, warf sich, wie erschöpft, in einen Stuhl und seufzte einige Mal aus tiefster Brust. Doch wurde es ihr nicht so leicht, die Aufmerksamkeit der Madame Schoppelmann, wie sie wohl gewünscht, sogleich zu erregen. Diese würdige Frau war zu sehr mit ihrem Geschirr beschäftigt, überhaupt von einer zu großen Gemüthsruhe, um zu bemerken, daß ihr Besuch sehnlichst gewünscht, sie möchte sogleich fragen: »Um Gottes willen, was ist Ihnen denn begegnet?« Erst nachdem sie wiederholt einige tiefe herzbrechende Seufzer gethan, dabei sehr auffallend geschaudert, wandte sich die Gemüsehändlerin, die ihr gleich Anfangs einen guten Morgen geboten, von dem Herdfeuer ab, um sie zu fragen, ob sie nicht ganz wohl sei. Statt aller Antwort schüttelte die blaue Dame ihr mageres Köpfchen, ließ es dann nach der Gegend der Brust zu sinken und sagte: »O lieber Gott!« »Nun, was soll's denn, Jungfer Strebeling?« fragte verwundert die Gemüsehändlerin, welche, mit dem Abtrocknen ihrer Kaffeekanne beschäftigt, zufälliger Weise über dieselbe hinausschaute und auf diese Art das Manöver der sehr ehrenwerthen Jungfrau bemerkte. »Nun, so sprechen Sie doch! Was ist Ihnen denn so Grausames begegnet?« »O lieber Gott!« entgegnete die Andere und seufzte abermals tief auf. »Nun, so reden Sie doch gerade heraus! Hat man Ihnen was gethan, ist Ihnen was gestohlen worden, haben Sie mit Ihrer Frau Schwester Streit gehabt? – So sprechen Sie doch! Nun?« »O lieber Gott!« wiederholte das geängstigte blaue Wesen; aber in dem Ton und in der Stimme, womit sie diesen Ausdruck wiederholte, lag es deutlich, daß es das nicht sei, was ihr zartes Gemüth beängstigte. »Haben Sie Kopfschmerzen?« »O lieber Gott!« »Ist Ihnen denn überhaupt was passirt?« »O lieber Gott!« »Und wollen Sie etwas sagen?« »O lieber Gott!« »Nun, so reden Sie ins Kukuks Namen! denn ich bin wahrhaftig nicht im Stande, Ihr Gefasel zu errathen! Oder wenn Sie nichts sagen wollen, ist mirs auch recht. Ich kann das Gewinsel so nicht recht vertragen, Jungfer Strebeling, das wissen Sie; also wenn Sie mich damit verschonen wollen, ist mirs ganz recht.« »O lieber Gott!« gab die alte Jungfer verschämt zur Antwort und hielt den meergrünen Sonnenschirm vor ihr gelbliches Gesicht, welches dadurch eine wunderbare Schattirung erhielt. Die dicke Frau aber beschäftigte sich, ohne sich um ihren Besuch weiter zu bekümmern, mit dem Ausspülen ihrer Tassen, und die rappelten in dem Kübel durcheinander, und das Wasser plätscherte, oder es zischte zuweilen laut auf, wenn die Frau in ihrem Amtseifer etwas auf den heißen Herd spritzte. Sie that gerade, als sei Niemand gegenwärtig, und ihr, die sie die Jungfer Strebeling genau kannte, mochte es auch wohl einerlei sein, eine von deren lamentablen Geschichten zu vernehmen. Die Jungfer Strebeling war nämlich bekannt dafür, daß sie das Leben stets von der Schattenseite auffasse, und daß ihr der Tag als verloren erschien, ihr ungenießbar vorkam, den sie nicht mit ihren Thränen beträufelt. Dabei wußte sie nicht immer, weßhalb sie weine; denn in Ermangelung eines wirklichen Schmerzes weinte sie über einen trüben Sommertag, über eine todte Fliege, über ein lautes Wort der Nachbarschaft und dergleichen mehr. Sie war eine ehrbare alte Jungfer, hoch in den Dreißigen; ihr Vater, ein seliger Schneidermeister, hatte ihr ein kleines Vermögen hinterlassen, von dem sie leben konnte, aber dabei so wenig Vorzüge des Körpers, daß es noch nie einem männlichen Wesen eingefallen war, von der Jungfer Strebeling die kühne Vermuthung aufzustellen, als sei auch sie zur Liebe geschaffen. Sie hatte eine verheirathete Schwester, ein unzartes Wesen, mit der sie nicht gern verkehrte; denn diese hatte ihr eines Tages die absurde Zumuthung gemacht, sie, die Jungfer Strebeling nämlich, möchte doch die Güte haben, einen Knopf an den Hosen ihres Schwagers festzunähen. Schaudernd war sie nach Hause entwichen, und das eben Erzählte, sowie ähnliche, wenn auch minder starke Angriffe auf ihre Sittsamkeit, hatten ihre zarte Seele so in den leichten Körper hineingeschüchtert, daß sie am liebsten allein war, und daß sie sich in ihrer Einsamkeit als die größte Seligkeit ausmalte: ach, wenn ich doch katholisch geboren wäre und in ein Kloster gehen dürfte! Ihr – davon war sie fest überzeugt, könne nach jahrelanger Buße der Heiligenschein nicht entgehen, und schon jetzt kam sie sich wie ein vollkommen reiner, geschlechtsloser Engel vor. Das einzige Sündhafte oder vielmehr Irdische, was diesem geläuterten Wesen noch anklebte, war eine geringe weltliche Eitelkeit in Betreff ihrer Kleidung. Nicht als ob sie Aufwand und Luxus gemacht hätte – Gott bewahre! aber sie konnte selbst Tage lang darüber weinen, nachdem sie ein buntfarbenes Kleid gekauft, oder glänzende Bänder für ihre Haube, und konnte durchaus nicht begreifen, woher diese sündhafte Neigung komme. – Ach, gewiß nur von den vielen bunten Lappen, die ihr Vater, der selige Schneidermeister, in die Hölle fahren ließ, und sie begriff selbst nicht, weßhalb sie ihr Aeußeres nicht vor den Blicken der Welt analog ihrem Inneren darstellte: Grau in Grau schattirt. Jungfer Strebeling – sie hatte von ihrer gefühlvollen Mutter in der Taufe den zarten Namen Clementine erhalten – hatte heute Morgen wirklich etwas auf dem Herzen und mußte jetzt sich schon entschließen, damit aus freien Stücken heraus zu rücken; denn sie bemerkte wohl, wie Madame Schoppelmann nicht die geringste Anstalt machte, sie nochmals darum zu befragen. »Ach,« sagte sie nach einer Pause, »ich war bis jetzt so gern hier in dem Hause bei Ihnen zur Miethe, werthe Madame Schoppelmann, auf meinen beiden kleinen, heimlichen Zimmern hinten heraus, wo man nichts bemerkt, als die lieben grauen Mauern des Nebenhauses, darüber ein Stückchen blauer Himmel, wenn es nicht gerade regnet, und das goldene Kreuz der Spitalkirche, freundlich darüber hinglänzend – in hoc signo .« »In was?« fragte die Gemüsehändlerin. »O lieber Gott, ich mein's ja nur so!« fuhr Clementine fort; »aber ich war in diesem Hause so gern, so unendlich gern, daß es mir Schmerz machen würde, es verlassen zu müssen.« Auf diese Anrede hin, die der dicken Frau unerwartet kam, ließ sie die eine Hand mit dem Spüllappen herunter sinken, stemmte die andere in die Seite und sagte in lang gedehntem Tone: »Wa – a – s? Sie wollen unser Haus verlassen, Jungfer Strebeling, ausziehen, eine andere Wohnung nehmen?« »Das habe ich eigentlich noch nicht gesagt,« entgegnete Clementine mit ängstlicher Stimme; »vielmehr meinte ich, es würde mir außerordentlich schwer fallen, wenn ich dieses Haus verlassen müßte.« »Ja so!« versetzte beruhigt die Gemüsehändlerin. »Aber ins Kukus Namen! wer will Sie denn zwingen, dieses Haus zu verlassen? Jemand, der so ruhig ist, wie Sie, und seine Miethe so pünktlich bezahlt, der wird gewiß von keinem Hausbesitzer molestirt.« »O lieber Gott!« entgegnete die alte Jungfer; »aber andere Umstände zwingen mich.« »Andere Umstände?« sagte erstaunt die Gemüsehändlerin; doch lachte sie gleich darauf so laut und gewaltsam hinaus, daß Clementine zusammenfuhr und eines der kleinen Ferkel, welches sich unter dem Kaffeetische beschäftigte, erschrocken und grunzend in den Hof hinaus fuhr. »Nun, kommen Sie endlich zur Welt mit Ihrem dummen Zeug!« sagte nach einer Pause die gutmüthige dicke Frau. »Was hat's denn gegeben? – – Na, so reden Sie einmal frei von der Leber weg!« »O lieber Gott!« sprach nach einer längeren Pause schüchtern die alte Jungfer. »Neben meinem Schlafzimmer war bis jetzt' ein anderes Zimmer, das längere Zeit leer stand.« »Richtig, das grüne mit dem Alkoven.« »Da hinein zog vor acht Tagen eine Choristin des Hof-Theaters.« »Ganz richtig, ganz richtig! eine ledige Person.« Statt zu antworten, schüttelte Clementine verschämt mit dem Kopfe. »Es ist doch eine ledige Person,« fuhr Madame Schoppelmann fort, »was soll denn Ihr Kopfschütteln bedeuten?« »Sie muß doch wohl nicht ganz ledig sein,« sagte die geängstigte Jungfrau mit unsicherer Stimme, »denn ich höre zuweilen eine ... Männerstimme sprechen.« »Nun ja doch!« entgegnete ruhig Madame Schoppelmann; »sie ist aber doch ledig. Das wird nur ihr Liebhaber gewesen sein.« »Madame Schoppelmann ... !« sagte Clementine empfindlich und mit gerechter Entrüstung. »Ei freilich,« entgegnete die dicke Frau, »und davon wollen Sie so ein Aufheben machen? Das wird Sie doch wohl nicht stören?« »O ja, das stört mich sehr!« sagte die alte Jungfer, nachdem sie sich Muth gefaßt, diese Worte lauter auszusprechen; »das stört mich recht sehr, das kann ich nicht ertragen!« »Nun, nun, liebes Kind,« sprach die Gemüsehändlerin. »das ist der Lauf der Welt, und am Ende haben Sie sich doch geirrt. Man muß nicht immer das Aergste von den Leuten glauben. Ich will mit der Choristin sprechen, sie soll ihr dummes Zeug lassen; aber geben Sie Acht, Jungfer Strebeling, Sie haben sich gewiß geirrt!« Clementine schüttelte wehmüthig ihr Köpfchen, doch war dieser Gegenstand für sie zu zart, um ihn nochmals zu berühren. Auch nahm sie es als einen süßen Trost, daß sie sich in Betreff der Männerstimme vielleicht doch geirrt haben könnte. Aber daß sie heute Morgen gesehen, mit ihren beiden Augen gesehen, wie eben jene Choristin auf der Treppe, auf der gemeinschaftlichen Treppe, die auch ihr Fuß betreten mußte, einen jungen Mann geküßt, das erzählte sie jetzt der Gemüsehändlerin, und es that ihr in innerster Seele weh, daß Madame Schoppelmann über diese schreckliche Geschichte nicht außer sich gerieth, vielmehr ruhig ihre dicken Achseln zuckte und sagte: »Ja, mein liebes Kind, man kann in dieser Welt nicht nach allen Fliegen schlagen. Etwas Unangenehmes gibt es in jedem Hause, und bei mir ist es doch wahrhaftig sehr still, sehr behaglich! – Denken Sie sich nur, Jungfer Strebeling, wenn Sie in eine Straße zögen, wo z. B. das Militär vorbei zieht, wo die Unteroffiziere herumflankiren, wo die Offiziere zu Pferd bei den Fenstern vorbeireiten und in alle Häuser hinein schauen, wo Sie den ganzen Tag die wilden Trommeln und Regimentsmusiken hören müßten, wo Ihnen vielleicht gegenüber ein unternehmender Ladendiener wohnte, der Ihnen Abends neugierig ins Fenster blickte!« Clementine schauderte. »O, wenn Sie in ein Haus zögen, wo viele junge Herren zu Miethe wohnen, die Nachts um zwölf Uhr nach Hause kommen, oder die bei sich spielen und trinken und dazu allerhand lästerliche Lieder singen! Ja, das sollten Sie erst erleben! Und wo der Hausherr sich um gar nichts bekümmert, oder noch obendrein darüber lacht, wenn die jungen Leute den Nebenwohnenden allerlei Schabernak aufführen.« »Und das kommt zuweilen vor,« fragte schüchtern die alte Jungfer, »daß solche schreckliche Leute ein ehrbares Frauenzimmer belästigen?« »O, das kommt sehr oft vor,« antwortete wichtig die Gemüsehändlerin; und wissen Sie, Jungfer Strebeling, Sie sind eine zarte Person, Sie können sich nicht helfen. Aber sehen Sie einmal mich an, ich war freilich nicht immer so dick, wie jetzt, aber nehmen Sie meine Katharine. Nun, ich war vielleicht in den Jahren noch einmal so stark, und wer von mir eine Ohrfeige bekam, der wußte davon zu erzählen. Nun, also denken Sie sich, mich sogar ließen sie nicht in Frieden! Ich habe damals in einem Hause in der Lederstraße gewohnt, ledig wie Sie – ehe ich nämlich den seligen Schoppelmann heirathete – und da wohnten neben mir auch so ein paar Galgenstricke, und jeden Sonntag Morgen kam der selige Schoppelmann, mich zum Spaziergang abzuholen, und das wußten diese Gauner. Was thun sie einmal? Sie gehen des Samstag Nachts, als ich schon lange zu Hause war, her, und einer stellt mir vor meine Kammerthür seine Stiefel neben meine Schuhe, und da mag man sagen, was man will, das sieht verdächtig aus. Und den andern Morgen warte ich auf den seligen Schoppelmann, und er kommt nicht, und ich warte noch eine Stunde, und er kommt immer nicht. Und wie ich endlich zum Fenster hinausschaue, da steht er an der Straßenecke mit einem langen Gesicht, wie Butter an der Sonne, und schaut immerwährend mein Haus an. Ich winkte ihm natürlicher Weise, aber ich mußte ihm lange winken, bis er endlich kam, und dann machte er ein Gesicht – nun, das will ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen – und sagte mit ganz trotzigem Tone, als ich ihn fragte, warum er heute Morgen nicht gekommen, mich abzuholen: Margarethe, sagte er. ich war schon einmal da, aber vor deiner Thüre sah ich etwas, was mir durchaus nicht gefallen wollte – wissen Sie, Jungfer Strebeling, die Stiefel nämlich neben meinen Schuhen – und ich erwiderte ihm ganz ruhig: Schoppelmann, Er ist ein Narr, versteht Er mich? und wir wollen schon sehen, wem die Stiefel gehören! Weiß Er was, fang Er einmal tüchtig an, mit mir zu schreien und zu schimpfen! Und das that denn auch der selige Schoppelmann, so gut als möglich; aber darin konnte er nie etwas leisten. Und als er so eine Zeit lang fortgeschrieen und endlich still wurde, hörte ich sie im Nebenzimmer lachen, und dann machte einer langsam drinnen die Zimmerthüre auf und schlurfte in den Strümpfen auf den Gang hinaus bis vor meine Stube, um seine Stiefel wieder zu holen. Ich aber hatte meine Stubenthür ein ganz klein wenig geöffnet und streckte langsam die geöffnete Faust hinaus; und wie ich sie nun so plötzlich wieder zumache und darin etwas Lebendiges zappeln fühle, so ziehe ich es zu mir herein, und was war es, Jungfer Strebeling? – so ein kleiner miserabler Ladenschwengel! ein gebrechliches Ding, kaum vier Fuß hoch, und sah aus wie ein gespaltener Rettig, und war blaß und zitterte, wie ich es vor mich hinstellte, und die Stiefel hielt er in seiner Hand, und ich fragte ihn: Wem gehören diese Stiefel, du Ding? und er antwortete: Mir – mir – ich will Sie aber gewiß in meinem ganzen Leben nicht mehr plagen, Jungfer Margarethe! Und darauf lachte der selige Schoppelmann und sagte: Es ist abgemacht, Margarethe, sei so gut und wirf das Ding vor die Thür! – Und draußen lag er mit sammt seinen Stiefeln. – Ja, sehen Sie, Jungfer Strebeling, so was geschah mir als lediger Person in fremden Häusern, und jetzt denken Sie sich, was das wilde Volk erst mit Ihnen anfangen würde!« Bei diesen Worten stellte sich die Gemüsehändlerin in ihrer ganzen breiten, kolossalen Gestalt wie zum Vergleich vor die alte Jungfer hin und gab damit den eben gesagten Worten den vollkommensten Nachdruck, Diese beiden weiblichen Wesen verhielten sich aber auch in der That zu einander, wie ein dicker Laubfrosch mit heller, weit hinschallender Stimme zu einer dünnleibigen, ängstlich flatternden, leise sumsenden Mücke. »Nein, mein liebes Kind,« sagte der Laubfrosch – wir wollen sagen: die Gemüsehändlerin – und legte ihre fleischige, schwere rechte Hand vertraulich auf die Schulter der armen Mücke, daß sie fast zusammenbrach; »lassen Sie sich dergleichen gar nicht anfechten! Das mit der Choristin sind Kleinigkeiten, wissen Sie, da kann man nichts machen; aber wenn Ihnen einmal Jemand ernstlich in den Weg träte und Ihnen nur das Geringste zu Leid thun wollte, da kommen Sie zur Frau Schoppelmann, die nimmt es nicht blos mit einer Choristin auf, sondern, das kann ich Ihnen versichern, selbst mit dem ganzen Hoftheater, wenn es nothwendig wäre. Da seien Sie ganz ruhig.« »O lieber Gott!« seufzte Clementine nach einer Pause, »das weiß ich ganz genau und erkenne es auch dankbar an, wie Sie mich in jeder Hinsicht beschützen. Aber hier – damit zeigte sie auf ihr Herz – thut einem doch so etwas sehr weh. Ach, ein Mädchen fühlt so zart in dem Punkt!« »Versteht sich!« sagte gutmüthig die dicke Frau; »aber man muß Jederman seine Freiheit lassen. Man muß an sich selbst denken; wer weiß, wer weiß, Jungfer Strebeling, es ist noch nicht aller Tage Abend, auch Sie werden schon noch einmal einen Liebhaber auf die Treppe begleiten!« »O lieber Gott, Frau Schoppelmann!« »Denken Sie an mich! – Tanzen kann ich freilich nimmer, aber tüchtig essen und trinken werde ich gewiß noch auf Ihrer Hochzeit. Na, laßt die Geschichte gut sein! Mit der Choristin werde ich übrigens auch ein ernstes Wort reden; jetzt muß ich aber auf meinen Markt und nach meinen Sachen und meinem Kinde sehen. – Brauchen Sie sonst was, Jungfer Strebeling? etwas Obst?« »Nur einige Blumen,« sagte die zarte alte Jungfer, »und die will ich mir selbst bei der Katharine holen.« Damit schwebte sie zur Thüre hinaus. »Das wird sie recht freuen!« rief ihr die Gemüsehändlerin nach. Dann verschloß sie ihre Schränke, band sich eine frische weiße Schürze vor, rief ihrem Sohne, dem Fuhrmann, in den Stall hinein, er solle recht auf das Haus Acht haben, und ging alsdann auf den Markt und ihren Geschäften nach. Wohin sie unter anderem ging und worin diese Geschäfte bestanden, wird der geneigte Leser im nächsten Kapitel erfahren. Viertes Kapitel. Worin neue Personen vorkommen, wie das zu Anfang einer Geschichte meistens der Fall ist, auch Unterredungen verschiedener Art, jungen Leuten auf's Beste zu empfehlen. In der Steinstraße derselben Residenz, von der wir in den vorigen Kapiteln sprachen, stand ein altes, ehrwürdiges Haus, welches das seltene Glück oder Schicksal gehabt hatte, daß es seit unvordenklichen Zeiten, wo es entstanden, derselben Familie, deren Stammvater es erbaut, verblieben war. Es sah aber auch außerordentlich stolz und respektabel aus dieses Gebäude. Vorn an der Straße präsentirte es einen riesenhaften Giebel, der mit zackigen Seitenwänden und in den kühnsten Schnörkeln bis zur Spitze hinauf stieg, wo eine große, seltsam geformte Wetterfahne das Ganze krönte. Das Haus war von unten bis oben massiv aus Stein gebaut, hatte unten kleine vergitterte Fenster, die ein sehr weites Treppenhaus beleuchteten, welches nach der Straße zu von einem großen Thor verschlossen wurde. An diesem Thore hatte die Phantasie des Baumeisters in der Mitte einen außerordentlich großen Thürklopfer angebracht, der, mit einer Reihe von Zähnen versehen, einem aufgesperrten Maule glich, und dazu hatte er oben auf beiden Flügeln zwei runde Einschnitte machen lassen, die wie Augen aussahen, was dem Thore vollkommen das Ansehen eines Riesenhauptes gab. Namentlich Abends, wenn das Treppenhaus innen beleuchtet war, glänzte das Licht so unheimlich aus diesen beiden Augenöffnungen, daß sämmtliche Straßenjungen sich ordentlich davor fürchteten und nur in einem großen Bogen bei dem alten Hause vorbei gingen. Alsdann schielten aber auch die beiden feurigen Augen in der That so sonderbar den Vorüberwandelnden an und schienen ihm zu folgen, soweit er das alte Thor im Gesicht behalten konnte. Im Innern war dieses Haus nach alten Begriffen wohnlich, ja prächtig eingerichtet. Die Treppen, welche in die oberen Stockwerke führten, waren massiv aus Eichenholz, und Geländer und Pfosten bestanden aus kunstreich geschnitzten Figuren. Die Zimmer waren hoch, einige sogar gewölbt, die Decken reich mit Stuccaturarbeiten versehen, die Wände mit alten Ledertapeten bedeckt, und Fußböden und Getäfel bestanden aus hartem, ganz dunkelbraun gewordenem Holze. Dies alles zugleich mit der Stille, welche über dem alten Hause ruhte, gab ihm etwas Oedes, ja Unheimliches, und wenn Jemand die Treppen hinaufschritt und sich zufällig räusperte, so klang das durch das ganze Haus, und in allen Ecken und Winkeln niesten unsichtbare Nasen im hohlen Echo nach. Still war dieses Haus über alle Beschreibung, und aus dem einzigen Grunde, weil in allen den weitläufigen Stockwerken nur eine einzige Dame wohnte, die jetzige Besitzerin, die verwittwete Staatsräten Stillfried. Diese – eine Dame hoch in Fünfzigen – hatte ihre Zimmer im zweiten Stock und lebte sehr ruhig und eingezogen. Ihre Dienerschaft wohnte theils unten, theils im vierten Stock, und da dies meistens alte und lang gediente ruhige Leute waren, so machten sie in dem stillen Hause ebenso wenig Spektakel wie ihre Gebieterin. Der alte Staatsrath Stillfried war schon vor langen Jahren gestorben. Er hatte einen einzigen Sohn hinterlassen, und die Wittwe, eine sehr schöne, stattliche Frau, schien große Lust zu haben, sich wieder zu verheirathen. Die ganze Stadt bezeichnete auch schon ihren zweiten Mann, und das war ein damals junger Advokat, der schon zu Lebzeiten des seligen Staatsrathes in dessen Hause wohlgelitten war. Aber es kam zu keiner zweiten Heirath. Das Warum, so sehr es die Köpfe aller Neugierigen beschäftigte, wurde nicht bekannt, und das war mancher alten Klatschschwester um so unangenehmer und unerklärlicher, weil, trotzdem, daß die Staatsräthin ihren Hausfreund nicht heirathete, dieser doch nach wie vor ins Haus kam, und weil selbst nach langen Jahren das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Beiden durchaus nicht abzunehmen schien. Der Doktor Werner, welcher unterdessen zum Justizrath ernannt worden war, verwaltete das Vermögen der Staatsräthin, wie er schon zu Lebzeiten ihres Gemahls gethan, nach wie vor, speiste wöchentlich verschiedene Mal in dem Hause, fuhr mit der alten Dame spazieren, kurz, er galt sowohl bei der Dienerschaft als auch bei den Leuten der Stadt, die sich darum bekümmerten, für das Faktotum der Staatsräthin und für den Allgewaltigen dieses reichen Hauses. Wenn wir vorhin von der Verwaltung des Vermögens sprachen, so verstehen wir natürlicher Weise nur das eigene Vermögen der Staatsräthin, welches sie mit in die Ehe gebracht, das aber an sich sehr ansehnlich war. Das Erbe des Vaters war einem einzigen, nun majorenn gewordenen Sohne ausbezahlt worden und belief sich auf eine Rente von vielleicht zehntausend Gulden jährlich. Obgleich der Justizrath Werner, wie schon gesagt, in dem Hause der Staatsräthin unumschränkt seine Befehle ertheilte und überhaupt handelte, wie es ihm gefiel, so kann man dagegen nicht behaupten, daß ihn die Dienerschaft deßhalb hiezu berechtigt hielt oder ihm gern und willig dieses Recht zuerkannte. Wenn sie auch seinen Befehlen Folge leisten mußte, so geschah dies doch mit großem Widerwillen, den sich die Aeltesten dieser Dienerschaft, ergraute, erprobte Leute, zu verhehlen auch durchaus keine Mühe gaben. Die Staatsräthin hatte den zweiten Stock ihres Hauses, dessen Zimmer früher so bestanden wie die des ersten Stockes, für sich wohnlicher einrichten lassen. Die alten dunklen Tapeten hatten freundlicheren, helleren Platz gemacht, die schweren Möbel waren mit leichten, nach neuerem Geschmacke vertauscht worden; kurz, die ganze Wohnung hatte man nach unseren Begriffen elegant und comfortabel hergestellt. Die großen Fenster mit ihren tiefen Nischen hatte man allerdings nicht ändern können; doch verwandelte der Geschmack der Staatsrätin diese früher etwas finsteren Winkel in angenehme Ruheplätze, und auf einem derselben, welcher einen freien Blick über einen großen Theil der Stadt gestattete, war ihr Lieblingssitz, wo sich denn auch die alte Dame den größten Theil des Tages aufhielt. Es war ein kühles heimliches Plätzchen, die dicken Mauern des Hauses erlaubten der Sonne nur, sich von außen auf die Scheiben zu lagern und, statt in übermäßiger Hitze einzudringen, dieses Plätzchen sanft zu erwärmen. Ein weicher violetsammtner Fauteuil stand in der Vertiefung dieses Fensters, vor demselben ein kleiner Tisch, worauf Bücher und Zeitungen lagen, mit welchen sich die Staatsräthin beschäftigte, wenn sie es müde war, auf die Straßen hinab zu schauen oder auf die Berge, die, mit Wäldern gekrönt, rings die Stadt umgaben. Die Dienerschaft der Staatsräthin führte ein äußerst behagliches Leben; sie war nicht zahlreich und bestand nur aus einem alten Kutscher, einem Manne an die Sechszig, einem ebenso alten Bedienten, der bei dem seligen Staatsrate die Stelle eines Kammerdieners versehen, einer Köchin und einem Stubenmädchen, welches letztere zugleich die Verpflichtung hatte, der Staatsräthin vorzulesen, oder, so oft die alte Dame dies ausdrücklich verlangte, ihr Gesellschaft zu leisten. Diese sämmtliche Dienerschaft betrachtete sich wie eine Familie und führte neben einem, wie schon gesagt, behaglichen auch ein sehr einträchtiges und auf diese Art äußerst vergnügtes Leben. Die große Küche im unteren Stockwerk des Hauses war das Hauptquartier derselben, und auch an dem Tage, an welchem unsere Geschichte beginnt, finden wir sie sämmtlich dort versammelt. Sonst sind gewöhnlich die Köchinnen außerordentlich eifersüchtig und lassen durchaus keine Entheiligung des Terrains zu, auf welchem sie ihre Kunst zu entfalten pflegen. Mit der alten Martha des staatsräthlichen Hauses dagegen war das ganz anders, und wenn sie so ganz allein in der Küche war, so befand sie sich in übler Laune, und kein Geschäft ging ihr recht von der Hand. Wenn aber, wie heute, ihre sämmtlichen Getreuen um sie her gruppirt oder beschäftigt waren, so flog das Fleischmesser oder die Spickgabel in ihrer Hand, die Kartoffeln schälten sich fast von selbst, und man hätte meinen können, das Geflügel sei in einer ganz unerklärlichen Mauser begriffen, denn die Federn stäubten nur so davon, und im Umsehen war es kahl und glatt. Martin, der Kutscher, saß hinter der Thüre unter der alten Schwarzwälderuhr und stickte mit Beihülfe des Stubenmädchens an einer alten Pferdedecke, deren Risse und Löcher er mit allerhand buntfarbigem Zwirn aufs kunstreichste zu vertilgen suchte. Er hatte eine Schwäche, einen Aberglauben für seine langgebrauchten Stallrequisiten, und hätte sich um Alles in der Welt nicht dazu entschließen können, seinen Pferden etwas ganz Neues aufzulegen. Ja, wenn er im Laufe der Zeiten einmal neue Geschirre bekommen hatte, so mußten wenigstens ein paar gebrauchte Riemen oder eine alte Stange mit hineingeschnallt werden, sonst wäre Martin nicht auf den Bock geklettert. Der alte Jakob, zu Lebzeiten des Staatsrates dessen Kammerdiener und einziger Vertrauter – denn das zwischen dem Staatsrath und dem Doktor Werner anfangs bestandene genaue Verhältniß hatte sich in späterer Zeit ziemlich gelöst – saß auf einem hölzernen Küchenstuhle und hatte die heutige Nummer der Zeitung beendigt. Das Stubenmädchen aber half der Köchin Erbsen für den Mittagstisch herrichten. »So,« sagte der Kutscher nach einem längeren Stillschweigen, während dessen man nichts vernommen, als das Krachen der Erbsenschoten und das Picken der Uhr, »jetzt hält die Geschichte wieder für ein paar Monate.« »Es wäre doch besser,« meinte Jakob, »wenn Ihr bald einmal neue kaufen wolltet, Meister Martin. Weiß der Herr, wie lange ich nun schon die blau und schwarz gestreiften Decken kenne! Das muß ja dem Vieh gar nicht mehr recht warm geben.« »Er hat ja ganz neue,« entgegnete das Stubenmädchen lachend, »und die schnallt er den Pferden oben auf die alten Decken hinauf.« Diese Bemerkung wurde von Seiten des Kutschers mit einer Miene voll Geringschätzung, ja fast Verachtung beantwortet. Er zuckte die Achseln und sagte: »Na, Jungfer Nanett, Ihrer Jugend muß man schon etwas zu Gut halten.« Das Stubenmädchen, bei Weitem die Jüngste dieser ehrwürdigen Gesellschaft, wurde in solchen streitigen Fällen immer noch wie ein unmündiges Kind behandelt. Sie war vor etwa zwanzig Jahren in einem Alter von sechszehn in das Haus gekommen und die übrige Dienerschaft konnte oder wollte nicht begreifen, daß man in zwanzig Jahren um eben so viel älter wird. Nach einer längeren Pause sagte Jakob zum Kutscher: »Gestern habe ich zufällig unseren jungen Herrn gesehen.« – Und auf dieses Wort hin legte die Köchin ihre Arbeit aus der Hand und schaute fragend auf den alten Bedienten. »Ja, gestern bin ich ihm begegnet,« fuhr dieser fort, »es ist doch Jammerschade um den Herrn.« »Jammerschade?« sagte die Köchin leidenschaftlich; »o es ist herzzerreißend, wenn man von guten Bekannten hört, was der unglückliche Mensch für Streiche treibt, und ich kann Euch versichern, man muß viel über ihn hören! Du gerechter Gott, was wäre aus dem Herrn nicht alles geworden, wenn der selige Staatsrath am Leben geblieben wäre! es gab kein folgsameres und gescheidteres Kind, als den kleinen Eugen. Und wenn man jetzt hört, was sie alles in der Stadt über ihn sagen, da muß es einem ordentlich weh thun, daß man ihn einmal gekannt.« »Dummes Geschwätz!« brummte Jakob; »nun ja, man spricht genug über ihn, aber was kann man denn so Böses von ihm sagen? Jugend hat keine Tugend, und ein junger Mensch, der mit vierundzwanzig Jahren über zehntausend Gulden jährlich zu befehlen hat, schlägt leicht über alle Stränge. Das ist einmal nicht anders. Und was ihr Frauenzimmer einander erzählt, das ist gar nicht einmal der Rede werth. Wenn er auch hie und da einem Mädel nachlauft, pah! darum drehe ich keine Hand um.« »Nun, recht ist das doch gerade auch nicht,« antwortete die alte Köchin. »Aber das Schlimmste ist,« sagte Martin, »daß er nichts thut und nichts treibt, daß er all' das Viele, was er gelernt hat, wieder vergißt, und daß er kein ordentliches Geschäft anfängt, sondern sein Geld auf eine wirklich erschreckende und leichtsinnige Art durchbringt. Zehntausend Gulden jährlich, die alle in den Wind hinaus gehen, und er hat nicht einmal Wagen und Pferde!« »Aber dafür desto mehr gute Freunde,« versetzte bitter lachend der alte Diener, »die wie Blutegel an ihm hangen und ihn förmlich aussaugen; denn was der junge Mensch von einer Freigebigkeit ist, von einer Herzensgüte und ...« »Von einem Leichtsinn,« ergänzte Martha und schlug gewaltig und ingrimmig auf ein großes Stück Fleisch los, »das ist gar nicht an den Himmel zu malen.« Draußen wurde die große Hausglocke gezogen. Jakob, der sich darauf hin schon halb von seinem Stuhle erhoben hatte, ließ sich langsam wieder nieder, zog eine kleine silberne Dose aus der Tasche, nahm bedächtig eine Prise und sagte, nachdem er einen Blick auf die Schwarzwälderuhr geworfen: »Ah so! er wird es sein! Da pressirts mir gar nicht.« »Mir auch nicht,« sagte der Kutscher und faltete ruhig seine Decke zusammen. »Und mir erst recht nicht,« meinte lachend das Stubenmädchen. »Er muß das Warten schon gewohnt werden,« brummte die Köchin und machte ein ungeheures Gepolter, indem sie mit dem Stücke Holz, das sie in der Hand hielt, mehr auf den Tisch als auf das Fleisch schlug. Draußen wurde aber zum zweiten Mal und heftiger geklingelt. »Er wirds doch nicht sein,« sagte jetzt Jakob, indem er von seinem Stuhle aufstand und sich der Küchenthüre näherte: »so heftig schellte er niemals. Das geht alles langsam und ruhig, feierlich und abgemessen.« »Ja, es muß Jemand anders sein,« meinte die Köchin, »für ihn ists noch zu früh. Geschwind, Nanett, mache Sie die Hausthüre auf! Bleibe Er sitzen, Jakob, das Mädel hat junge Beine.« Nanette eilte gehorsam diesem Befehle zur Küche hinaus, zog draußen den schweren Thürflügel auf und begleitete die Person, welche zweimal geschellt und welche halblächelnd meinte, man solle in einem ordentlichen Hause Niemanden zweimal schellen lassen, nach der Küche. Diese Person aber war Niemand anders, als Madame Schoppelmann, die sich nun in der Küche in ihrer ganzen Breite aufpflanzte und mit einem lächelnden Gesicht ihre, dem Stubenmädchen so eben ertheilte Vorwürfe wiederholte. »Ei, ei!« sagte sie lachend, »da ist die ganze Familie beisammen und läßt mich zweimal schellen, und so eine arme, alte Person, wie ich bin, der das Stehen unendlich sauer wird, muß draußen vor der Hausthüre warten, bis es den gnädigen Herrschaften gefällig ist. Das ist ja ganz entsetzlich. Ja, Jakob,« fuhr sie lachend fort, »man wird alt, und da gilt man bei dem Mannsvolk nichts mehr. Ich weiß noch sehr genau die Zeit, wo der damalige junge Jakob vier Treppen auf einmal herab sprang, um der Jungfer Margarethe die Thüre aufzumachen. He! ist dem nicht so?« »Das kann ich in der That nicht läugnen,« sagte ebenfalls lachend der alte Diener. »Aber Ihr müßt gerecht sein, Frau Schoppelmann: wie hätten wir euch um zehn Uhr erwartet? Ihr kommt nie so spät, und wenn Ihr dagegen Morgens um acht Uhr an der Hausthüre schellt, so dauert es gewiß nie eine Minute, bis man Euch herein läßt.« »Ja, ja, Kinder, das ist schon wahr,« sprach die Gemüsehändlerin; »aber laßt mich niedersitzen. Das Stehen und Laufen wird mir, absonderlich in der Hitze, außerordentlich beschwerlich.« »Nanett, gib den großen Stuhl her!« befahl die Köchin; und als sich hierauf Frau Schoppelmann auf diesen großen Stuhl niederließ, krachte derselbe bedeutend und stöhnte laut auf, obgleich er aus dem dicksten, solidesten Eichenholze gemacht war. Die Gemüsehändlerin hatte ihren Anzug von heute Morgen durch eine Haube mit dunkelbraunen Florbändern besetzt, sowie mit einem schwarzen Umschlagtuch vervollständigt, und trug in ihrer Hand ein weißes, zierlich geflochtenes Körbchen voll der größten und schönsten Erdbeeren. »Ei, ei,« sagte lachend die Köchin und zeigte auf dieses Körbchen, »solche Erdbeeren habt Ihr uns lange nicht besorgt, und Ihr wißt doch, Frau Schoppelmann, daß unsere Herrschaft die Erdbeeren außerordentlich liebt. – Sie sind doch für uns? – Nanett, nimm der Frau die Erdbeeren ab!« Die Gemüsehändlerin aber wehrte das Stubenmädchen mit der Hand von sich ab und erwiderte: »Diese Erdbeeren sind für Euch und nicht für Euch, wie man will, d. h. ich habe sie allerdings für die Frau Staatsräthin bestimmt, doch will ich sie ihr zum Geschenk machen, möchte sie aber auch dafür selbst übergeben.« »Ah, das ist was Anderes!« entgegnete die Köchin; »dann müßt Ihr Euch hinauf bemühen, Frau Schoppelmann, die Frau Staatsräthin sind oben in ihren Zimmern.« »Und will der Herr Jakob die Freundlichkeit haben, mich der Herrschaft droben anzumelden?« sagte die Gemüsehändlerin und machte den Versuch, ihren breiten Kopf auf dem dicken Halse nach dem alten Bedienten, der fast hinter ihrem Rücken saß, herumzudrehen. Doch gelang ihr dies nur unvollkommen, vielmehr befiel sie bei dieser unnatürlichen Bewegung ein heftiger Husten, den Jakob achtungsvoll für die alte Bekannte ruhig vorübergehen ließ und in dieser Zwischenzeit aus seiner silbernen Dose abermals eine Prise nahm. »Ah, geh' Sie nur hinauf,« meinte freundlich und sehr herablassend die Köchin, »die Frau Staatsräthin wird sich ein Vergnügen daraus machen, Sie einen Augenblick zu sehen.« »Wer weiß?« sagte pfiffig lächelnd die dicke Frau und erhob sich mühsam von ihrem breiten Stuhle. Jakob ging ihr voraus, und Beide stiegen die Treppen des stillen Hauses hinauf. Drunten in der Küche hustete der alte Kutscher, pickte die Schwarzwälderuhr und klopfte die Köchin ihr Fleisch. Das hörte man noch auf der Treppe, die in den ersten Stock führte; war man aber dort oben angekommen, so vernahm man von allem dem nichts mehr, und eine tiefe Ruhe und Einsamkeit lag auf dem weitläufigen Gebäude. Auf dem kleinen, heimlichen Ruheplatz in der Fenstervertiefung, von der wir oben sprachen, saß die alte Staatsräthin in ihrem weichen Fauteuil, und eine Zeitung, in der sie vorhin gelesen, war mit der rechten Hand, welche sie bis jetzt gehalten, in ihren Schooß gesunken und von da herab unbeachtet auf den Boden gefallen, indem die Morgenlekture der alten Dame wahrscheinlich durch andere Sachen, die ihren Geist beschäftigten, unterbrochen worden war. Sie lehnte sich in ihren Fauteuil zurück und schaute unverwandten Blickes durch das Fenster auf die Straßen der Stadt und die im Sonnenschein funkelnde und lachende Gegend, die sich hinter dem Häusermeer vor ihren Blicken ausbreitete. Sie trug ein schwarzes, seidenes Kleid, eine leichte Mantille von demselben Stoff und derselben Farbe, um den Hals schlang sich ein kleiner, weißer Kragen, und ihr feines, bleiches Gesicht stach kaum von dem weißen Stoffe ab. Ihr Haar war ergraut und bedeckt mit einem Netz aus dunkelblauen Seidenfäden, das unter dem Kinne zugebunden war. Die Staatsräthin, welche früher sehr schön gewesen war, erschien heute noch als eine stattliche, gut aussehende Frau. Ihr Körper, voll und rund, sah nur fast zu kräftig aus für die bleichen, krankhaften Züge ihres Gesichts, für den leidenden, schmerzlichen Ausdruck in demselben. Doch war dieser kränkliche Ausdruck nicht Theilnahme erweckend: man fühlte sich von diesem Gesichte nicht angezogen. In den hellen, klaren Augen und um den kleinen, meistens fest verschlossenen Mund lag ein unbeschreiblicher Zug von Festigkeit, ja Härte, der aber vollkommen zu der Redeweise der alten Dame paßte. Wir haben früher schon gesagt, daß die Staatsräthin in einem Alter von stark fünfzig Jahren war. Oftmals sah sie dafür sehr gut aus, ja man hätte sie für weit jünger halten können; ein anderes Mal dagegen erschien sie wie eine vollkommen alte, stumpfe, abgelebte Frau. Madame Schoppelmann war durch Jakob, den Bedienten, gemeldet worden und stand ehrerbietig an der Thüre des Zimmers. Eine Handbewegung der Staatsräthin lud sie ein, näher zu treten. Die Gemüsehändlerin trat darauf hin an die Fensternische und überreichte der alten Dame das Körbchen mit den schönen Erdbeeren. »Ich danke sehr,« sagte diese, »daß Sie sich meiner erinnert; diese Erdbeeren sind in der That von einer seltenen und ausgezeichneten Schönheit.« »Ja, es sind ausgesuchte,« entgegnete die Gemüsehändlerin; »ich habe mir gedacht, wenn ich einmal etwas selbst zu Ihnen bringe, so muß es schon was Rechtes sein.« Die alte Dame nickte ernst aber wohlwollend mit dem Kopfe. »Es macht mir in der That ein großes Vergnügen,« fuhr Madame Schoppelmann fort, »wenn ich der Frau Staatsräthin mit etwas aufwarten kann, was Ihnen angenehm ist. Es ist freilich nur eine Kleinigkeit, aber ich habe sonst nichts gewußt; Blumen lieben die gnädige Frau nicht besonders, sonst hätte ich mir schon erlaubt, ein schönes Bouquet zu bringen.« »Ich danke recht sehr!« antwortete die alte Dame und versuchte eine der Erdbeeren. »Nun, es ist mir ganz recht,« sagte die Gemüsehändlerin, »daß ich Euer Gnaden wieder einmal sehe und in so gutem Wohlsein; mir scheint doch, die Frau Staatsräthin befindet sich gegenwärtig recht wohl.« »Es geht so, meine gute Frau, ich kann nicht klagen.« »Ei, was das Klagen anbelangt,« fuhr lächelnd die dicke Frau fort, »so glaube ich das recht gern; das Klagen kommt uns zu, gnädige Frau, Leute wie ich, die den ganzen Tag fest hin stehen und arbeiten müssen, von Morgens bis in die Nacht hinein immer zu thun, immer Geschäfte haben, Angenehmes und Unangenehmes, wie es gerade fällt. Aber man thut's ja gern, so lange man weiß, wofür man arbeitet, und wenn man sieht, daß Segen dabei heraus kommt.« »Ja, ja, es ist so,« sagte ernst die Staatsräthin. »Das Klagen nützt nicht viel.« »Nein, das Klagen nützt in der That nicht viel,« wiederholte Madame Schoppelmann. »Euer Gnaden haben da einen ganz richtigen Grundsatz. Ich klage auch eigentlich nie, Gott soll mich bewahren! und ich wollte auch gar nichts klagen, nur so ein paar Worte sprechen, wenn es die Frau Staatsräthin nicht ungnädig aufnehmen wollten.« »Mit mir wollten Sie sprechen?« fragte ruhig die Staatsräthin. »Wenn ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen kann, das in meiner Macht steht, so soll es gern geschehen.« Madame Schoppelmann war mit der festen Absicht in das Haus gekommen, etwas von sehr delicater Natur mit der Staatsräthin zu sprechen. Sie, die um eine ganze Legion passender oder unpassender Worte, wie es gerade kam, nicht verlegen war, hatte es sich außerordentlich leicht vorgestellt, mit der alten Staatsräthin, der Mutter jenes Herrn Eugen, eine gewisse Sache ganz ruhig zu besprechen. Sie war in dem besten Glauben gewesen, daß die alte Dame es ihr sehr Dank wissen müsse, wenn sie ihr über jenes Verhältniß einmal mit voller Wahrheit die Augen öffne. Freilich wußte sie ganz genau, wie gespannt Mutter und Sohn zusammen standen, daß letzterer nicht im elterlichen Hause wohne, daß er vollkommen als sein eigener Herr lebe und sich vielleicht gar nicht einmal nach mütterlichen Ermahnungen sehne, noch viel weniger aber Lust haben würde, dieselben irgendwie zu befolgen. Das wußte sie, wie gesagt, ganz genau; doch seit sie diesen Morgen von Hause fortgegangen war, hatte sie auf dem Markte noch Einiges erfahren, was sie in dem Vorsatze bestärkte, mit der Staatsräthin ein ernstliches Wort zu sprechen. Ihr Sohn, der Fuhrmann, hatte theilweise Recht gehabt mit seiner Anklage gegen die Schwester, und wenn die Mutter auch von ihrer Tochter überzeugt war, diese würde sich nie etwas Unrechtes zu Schulden kommen lassen, so sprach man doch auf dem Markte und in der Stadt davon, die schöne Katharina habe wirklich ein genaues Verhältniß mit dem Sohne der Staatsräthin Stillfried. Daß aber die Leute hierüber die Achseln zuckten und lachten, das wußte die Mutter nicht; denn ihre Bekannten hatten ihr gesagt: »Die Katharine weiß schon, was sie treibt; er ist ein lediger, reicher, unabhängiger Mensch, und wenn er das Mädchen absolut heirathen will, so könnt Ihr wohl nichts dagegen haben.« Dies war nun ein Grund weiter, weßhalb Madame Schoppelmann es für ihre Pflicht hielt, mit der Staatsräthin ein Wort über diese Geschichte zu sprechen. Doch stand sie lange vor der alten Dame, ohne den Anfang zu diesem Worte finden zu können. Madame Schoppelmann kam selten oder nie in Verlegenheit: hier aber befand sie sich in einer sehr großen. Sie hatte schon das Gespräch mit der Staatsräthin auf ungebührliche Weise in die Länge gezogen, hatte sich mehrere Male über das gute Aussehen derselben gefreut, hatte die allerliebsten Wachtelhunde gelobt, die knurrend und augenscheinlich mit bösen Absichten ihre dicken Beine umkreisten, hatte sogar von ihrer Tochter Katharina angefangen, ohne Sinn und Verstand und ohne weiter fortfahren zu können; denn die Staatsräthin gab auf Alles, wenn gleich keine unfreundlichen, doch ziemlich kurze Antworten. Ihr letzter Nothanker in dieser Verlegenheit war unter vielen Miniaturbildern, die in der Fenstervertiefung hingen, das Portrait eines kleinen blondgelockten Kindes, das mit seinen klaren blauen Augen die Betrachtenden so freundlich anblickte. »Ach,« sagte sie nach einer Pause, und nachdem sie das Bildchen längere Zelt aufmerksam angesehen, »das ist der kleine Herr Eugen; wie das vor langen Jahren ähnlich war! ich erinnere mich dessen noch ganz genau.« Die Staatsräthin preßte ihre Lippen fester auf einander, maß die Frau mit einem sonderbaren Blick, ohne jedoch eine Sylbe zu antworten. »Ja, ja, das ist der Eugen,« fuhr die Gemüsehändlerin mit lauterer Stimme fort, wie um sich selbst Muth zu machen, »das kann gar nicht fehlen. Ach, ich habe ihn so gut gekannt – wie viel Aepfel hat mir der kleine Schelm hier und auf dem Markt abgelockt. Und was ist der seit jener Zeit groß und hübsch geworden! Nicht wahr, gnädige Frau?« »Wahrscheinlich,« sagte finster die alte Dame. In zwanzig Jahren kann man was erleben!« Diese Worte sollten Gleichgültigkeit ausdrücken, aber sie klangen wie der bitterste Hohn. Jetzt oder nie! dachte Madame Schoppelmann: einmal muß ich doch sprechen, und wenn sie es auch nicht gern hört, was ich ganz deutlich bemerke, so muß die Sache doch heraus. – »Ja, ja, gnädige Frau,« fuhr sie fort, »über den Herrn Eugen hätte ich ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Nicht über den kleinen Eugen dort, sondern über den jetzigen, groß gewordenen.« »Damit kann Sie mich verschonen!« sagte sehr ernst die Staatsräthin. »Ja, was das Verschonen anbelangt,« entgegnete die dicke Frau, »das wäre mir auch schon recht; ich wäre auch gern mit Manchem verschont, und muß doch als Mutter Vieles anhören, was mir gerade nicht angenehm ist.« »Aber ich sehe nicht ein, weßhalb ich Sachen anhören soll, die mir unangenehm sind!« antwortete die Staatsräthin und sah die Gemüsehändlerin bei diesen Worten mit einem festen und ziemlich unfreundlichen Blicke an. »Lass' Sie das gut sein, Frau Schoppelmann!« fuhr sie nach einer Pause mit minderer Strenge fort, »wenn ich Ihr, wie gesagt, sonst wo dienen kann, so bin ich für eine langjährige Bekannte gern zu Befehl; aber was den Herrn Eugen Stillfried anbelangt ...« »Ihren Sohn, Ihren einzigen Sohn ...« Die Staatsräthin zuckte mit den Achseln und zog dabei den Mund in die Höhe als wollte sie sagen: Wie zudringlich doch diese gemeinen Leute sind! Dann entgegnete sie nach einer Pause mit kalter, ganz strenger Stimme: »Sie, meine gute Frau, geht hier in diesem Hause seit so vielen Jahren aus und ein, daß ich wohl voraussetzen kann, Sie sei mit den ... eigenthümlichen Verhältnissen desselben vollkommen bekannt. Da dieses der Fall ist und ich auch nicht glauben kann, daß Sie mir absichtlich eine unangenehme Stunde bereiten will, so bitte ich recht sehr: lassen wir dieses Gespräch fallen!« »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« antwortete nach einer kleinen Pause der Ueberraschung die Gemüsehändlerin, »verzeihen Sie recht sehr und erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß es freilich sehr angenehm ist, unangenehme Dinge nicht hören zu müssen. Das geht mir in meinem Stande – verzeihen Sie, gnädige Frau – wahrhaftig gerade so. Aber das läßt sich nicht immer machen, und ich bitte um Entschuldigung, aber ich bin nun einmal hierher gekommen, um der Frau Staatsräthin etwas mitzutheilen, der Frau Staatsräthin als Mutter ihres Sohnes nämlich, was mir, als Mutter meiner Tochter, schwer auf dem Herzen liegt.« Die alte Dame hatte, nachdem sie eben gesprochen, ihren Kopf gleichgültig abgewandt und blickte eifrig und, wie es schien, ganz theilnahmlos zum Fenster hinaus. Doch hätte ein sehr aufmerksamer Beobachter wohl gewahren können, daß bei dem letzten Worte der Gemüsehändlerin ihre Augenwimpern ein ganz klein wenig zuckten. »Ja wohl,« fuhr Madame Schoppelmann fort, nachdem sie Athem geschöpft, »als Mutter meiner Tochter, und wenn ich auch ganz genau weiß, daß die Frau Staatsräthin mit Ihrem Herrn Sohn in einem Verhältniß stehen, wie ich als eine gewöhnliche Bürgersfrau mit meinem ganz schlichten Verstand nicht gut begreifen kann, so bleibt es doch einmal Ihr Sohn, das können Sie mir nicht abstreiten, gerade so, als wie die Katharine meine Tochter bleibt.« »Aber was geht mich Ihre Tochter an?« sagte nach einer Pause die alte Dame, wie es schien, ziemlich ärgerlich und ungeduldig. Doch las man hiervon nichts auf ihrem unbeweglichen Gesichte; nur der Ton ihrer Stimme erschien einigermaßen gereizt. »Was meine Tochter Sie angeht?« versetzte die Gemüsehändlerin, und ihre Stimme erhob sich ein wenig; auch zuckte sie mit ihren beiden Armen, und ihre dicken Fäuste, die des Herabhangens schon lange müde sein mochten, schienen sich nach dem gewöhnlichen Stützpunkte, ihrer Hüfte, zu sehnen. Doch unterließ die Frau auf den Augenblick noch eine solche respektwidrige Haltung. »Was meine Tochter Sie angeht?« wiederholte sie: »ei, gerade so viel und so wenig, wie mich Ihr Sohn.« »Nun, wenn Sie das einsieht, liebe Frau,« entgegnete die Staatsräthin mit erzwungenem Lächeln, »so können wir dieses Gespräch auf jeden Fall abbrechen; denn mir ist es vollkommen gleichgültig, was Ihre Mamsell Tochter macht, und ebenso wenig ist es mir interessant, etwas Näheres über den Herrn Eugen Stillfried zu vernehmen.« Jetzt begann die Geduld und Ruhe der Gemüsehändlerin auf die Neige zu gehen. »Erlauben Sie mir,« antwortete sie, und ihre Stimme fing an laut und schneidend zu werden, »erlauben Sie mir, Frau Staatsräthin, ich verlange wahrhaftig nicht nach der Ehre, daß Euer Gnaden sich für die Jungfer Katharine Schoppelmann interessiren sollen, aber es ist denn doch in diesem Punkte ein großer Unterschied zwischen mir und Ihnen. Sie bekümmern sich nicht um das Treiben Ihres Herrn Sohnes, weil Sie nichts davon hören und wissen wollen. Ich aber muß mich darum bekümmern, da dieses Treiben mich oder vielmehr meine Tochter etwas genauer angeht. Genug« – hier hatte ihre Stimme die gehörige Stärke erlangt, und ihr röthliches Gesicht begann einen bläulichen Schimmer anzunehmen – »genug, Ihr Sohn, der Herr Eugen Stillfried, lauft meiner Tochter Katharine auf allen Wegen und Stegen nach, was ich nicht leiden will, und ich habe es einmal für meine Schuldigkeit gehalten, Sie davon in Kenntniß zu setzen. Er ist und bleibt doch einmal Ihr Herr Sohn, und Sie so wenig wie ... andere Leute sind im Stande, dies abzuläugnen.« »Ei, Frau Schoppelmann,« sagte die alte Dame mit der vollkommensten, wieder erlangten Ruhe, »Sie ereifert sich zu sehr.« »Da muß man sich ereifern!« fuhr die dicke Frau fort. »Zum Teufel! gnädige Frau, nehmen Sie mir es nicht übel, aber Sie behandeln mich in einer so wichtigen Sache als sei ich eine Bettlerin und wolle einen Kreuzer geschenkt haben. Das ist aber durchaus nicht der Fall und ich bin nur gekommen, Ihre Ansicht zu vernehmen.« »Ich glaube Ihr schon gesagt zu haben, daß ich über den Herrn Eugen Stillfried durchaus keine Ansichten mehr habe.« »Aber über Ihren Sohn, Madame!« »Ich habe keinen.« »Aber über jenen jungen Herrn, der Ihren Namen trägt.« »Man hat hier in der Stadt schon lange gelernt, die Namen von den Personen zu trennen,« sagte die Staatsräthin im Tone tiefer Verachtung. »Also etwas Anderes,« entgegnete von dieser Hartnäckigkeit bestürzt und überrascht die Gemüsehändlerin, »haben Sie mir nicht hierüber zu sagen? So bin ich also ganz vergebens gekommen?« »In dieser Angelegenheit ja, meine beste Frau,« sprach unbefangen und ruhig lächelnd die alte Dame. »Für diese wirklich vortrefflichen Erdbeeren sage ich Ihr nochmals meinen herzlichsten Dank; sie sind außerordentlich gut.« – Bei diesen Worten nahm sie eine aus dem Körbchen und verspeiste sie anscheinend mit großem Appetit; doch zitterte ihre Hand. Die Gemüsehändlerin überlief ein leichtes Frösteln, und es begann ihr bei dieser Frau unheimlich zu werden. Sie zuckte ihre Achseln so sehr wie möglich, zog ihr Umschlagtuch fest an sich und sagte: »Ich habe meine Schuldigkeit gethan, Frau Staatsräthin«. Seien Sie versichert, ich werde mich um meine Tochter bekümmern, und jetzt auch in gewissen Angelegenheiten aufs Sorgfältigste um Ihren Herrn Sohn. Erscheint mir die Sache unrichtig, so werde ich gegen zudringliche junge Leute, die den Versuch machen, die Ruhe meines Hauses zu stören, schon irgendwo Schutz und Hülfe finden. Geht aber die Sache auf anständigem und redlichem Wege zu – Sie werden mich verstehen. Frau Staatsräthin?« Diese Pause, welche die Gemüsehändlerin hier absichtlich machte, benutzte sie, um forschend auf die alte Dame zu blicken, die aber so aufmerksam zum Fenster hinaussah und so theilnahmlos schien, als sei außer ihr Niemand im Zimmer. »Wenn also,« fuhr Madame Schoppelmann mit lauter Stimme fort, »Herr Stillfried solide und redliche Absichten auf meine Tochter hat, so sehe ich in diesem Falle nicht ein, weßhalb ich deren Glück im Wege stehen soll, und werde alsdann recht gern erlauben, daß der Herr Eugen Stillfried die Jungfer Katharine Schoppelmann zu seiner Frau nimmt. – Ich habe die Ehre, mich der Frau Staatsräthin bestens zu empfehlen« Damit ging die dicke Frau, jetzt ihres Theils außerordentlich stolz und hochmüthig, zur Thüre hinaus. Kaum aber waren ihre Tritte auf der Treppe verklungen, so sprang die Staatsräthin heftig von ihrem Fauteuil in die Höhe, stieß ihn mit dem Fuße zurück und eilte mit gefalteten Händen im großen Zimmer auf und ab. Aus ihren Augen blitzte ein wildes Feuer, den Kopf hatte sie stolz erhoben, doch bebten ihre Lippen. Bald wurde ihr Schritt minder hastig, bald blieb sie an diesem Fenster, bald an jenem einen Augenblick stehen; das Feuer ihrer Augen erlosch unter hervorbrechenden Thränen, sie preßte die rechte Hand fest auf ihr Herz und sank endlich mit einem lauten Ach, das wie ein schneidender Wehruf klang, in ihren Fauteuil zurück. Das Körbchen mit den Erdbeeren war vom Tisch auf den Boden gerollt, die Früchte lagen hie und da auf dem Fußboden und wurden von den kleinen Wachtelhunden aufs eifrigste verzehrt. Eine kleine halbe Stunde mochte die Staatsräthin, in tiefes Nachsinnen versunken, in ihrem Fauteuil geruht haben, und während dieser Zeit hatte sie vollkommen das Aussehen einer achtzigjährigen Frau; dann aber glätteten und veränderten sich ihre Züge mit einer wunderbaren Schnelligkeit, ihre Lippen preßten sich wieder fest auf einander, das Auge wurde ruhig, klar und kalt wie früher, und sie zog mit fester Hand die Klingel, welche in das Bedientenzimmer führte. Jakob erschien unter der Thüre. »Sagen Sie der Köchin,« befahl die Staatsräthin mit ruhiger, sanfter Stimme, »es sei mein Wille, künftig nichts mehr von jener Frau, die eben hier war, zu kaufen. Ich will sie nicht mehr in meinem Hause wissen; man soll einen andern Lieferanten anschaffen.« »Die Frau Schoppelmann soll nichts mehr für die Küche besorgen?« fragte der alte Bediente mit einem wahren Schrecken, worauf die Dame entgegnete: »So ist es, Jakob, nicht das Geringste mehr – sagen Sie es der Köchin.« Jakob eilte die Treppen hinab, sichtlich erregt von dem Befehle, den er soeben erhalten und den er drunten dem sämmtlichen Dienstpersonale wiederholte. Die Köchin war außer sich und wollte hinauf, um Gegenvorstellungen zu machen. Doch Jakob, der das Gesicht der Staatsräthin schon länger als dreißig Jahre studirt hatte, hielt sie von diesem fruchtlosen Versuche ab. Ihm war es nicht entgangen, daß die Dame droben, trotz der Ruhe ihres Aeußern, sich in einer großen Gemüthsbewegung befand. Er zuckte die Achseln und bat die alte Martha, ruhig zu sein – in dieser Angelegenheit sei wenigstens für heute nichts zu ändern. Da wurde abermals die Glocke an der Hausthüre gezogen, und Jakob, der sehr ernst gestimmt war, öffnete sogleich. Fünftes Kapitel. Worin des Helden unserer Geschichte ausführlicher Erwähnung geschieht, wenn auch gerade auf keine schmeichelhafte Art. Es trat ein langer, magerer Herr in den Hausflur; den Hut auf dem Kopfe, begrüßte er den alten Bedienten mit einem flüchtigen Kopfnicken. Jakob dankte ihm mit einer tiefen, stummen Verbeugung. Der lange Herr warf einen flüchtigen Blick in die halbgeöffnete Küche und stieg ohne eine Frage langsam die Treppen hinauf. Jakob blieb unten zurück. Dem Herrn mochte es von dem Gehen draußen in dem heißen Wetter warm geworden sein; denn während er die Treppe hinauf ging, zog er ein weißes Sacktuch aus der Tasche und fächelte sich damit Kühlung zu. Auch hustete er nebenbei einigemal ziemlich laut, und als das Echo in dem großen, weiten Hause dieses Geräusch dumpf und seltsam tönend wiederholte, blickte er wie ärgerlich um sich und beeilte seine Schritte, um in den ersten Stock zu gelangen. Hier blieb er einen Augenblick stehen, dann wandte er sich nach der Treppe zu, die in den zweiten Stock fühlte, zog aber den erhobenen Fuß von der ersten Stufe wieder zurück und blickte einen Augenblick forschend in den langen Corridor, in welchem die weiten, unbewohnten Gemächer des ersten Stockes lagen. Er zog die Augenbrauen finster zusammen und sah einige Sekunden unverwandt nach dem Ende dieses Corridors; dort schien eine Thüre halb offen zu stehen, während alle anderen fest verschlossen waren. »Ich werde doch noch diesen alten nichtsnutzigen Bedienten nächstens entlassen müssen,« sagte der lange Herr. »Ich glaube, dieser Hallunke arrangirt es immer so, um mir einen unangenehmen Augenblick zu machen. Ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn jene Thüre offen steht!« – Nach diesen Worten, die er finster und halblaut vor sich hingesprochen, und sich dann umschaute, um sich zu überzeugen, daß ihn Niemand gehört, ging er mit hastigen Schritten den langen Corridor hinab bis an jene halb offen stehende Thüre, um sie zu verschließen. Doch ehe er dies that, konnte er sich, obgleich mit sichtbarem Widerwillen, nicht enthalten, für einen Augenblick in jenes Zimmer hinein zu blicken. Es war ein großes Gemach, und da die Läden der Fenster, welche verschlossen waren, nur spärliches Licht und gar keine Wärme einströmen ließen, so war es in demselben sehr kühl und so finster, daß man die Gegenstände, welche sich darin befanden, kaum zu unterscheiden vermochte. Es drang dem Eintretenden eine kalte, kellerartige Luft entgegen. Das Zimmer, hoch und gewölbt, war mit dunkelbraunen Tapeten versehen, ein alter Teppich bedeckte den Boden, schwere Seidenvorhänge hingen von den Fenstern herab, alte Stühle und einige Tische standen an den Wänden, und zur linken Seite, neben der Thüre, bemerkte man ein großes und breites Bett, mit einem dunklen Ueberwurfe bedeckt, der auf allen vier Seiten bis auf den Boden herab hing. Wie alle lange Zeit verschlossenen Zimmer, in welchen man die Möbel altern, die Stoffe morsch werden ließ, hatte auch dieses etwas Unheimliches. Wenn man die Thüre öffnete, so drang von dem helleren Corridor plötzlich Licht und Luft herein und kämpfte mit der Finsterniß, die sich aber aus ihrem Besitzthume nicht vollständig vertreiben ließ. In den Ecken blieben tiefe Schatten liegen, und dazu machte sich der Luftzug, der zugleich mit herein drang, an die alten Fenstervorhänge und bewegte die schweren Stoffe, daß sie langsam und wie unmuthig über diese Störung hin und her wankten. Altmodische, goldene Rahmen funkelten plötzlich aus allen Ecken, und ein trüb angelaufenes Spiegelglas, das sich neben dem Bette befand, erhellte sich auf einmal und zeigte dem langen Herrn, der die Thürklinke fest mit der Hand umschloß, sein Bild in ganzer Größe, und es war, als beuge sich jenes Spiegelbild auf das Bett herab und schaue angelegentlich auf dieses seit so langen Jahren verlassene Lager. Dieses Gemach aber, das der lange Herr nun eilfertig, und wie erschreckt von seinem Bilde im Spiegel, hinter sich zuzog, war vor so und so vielen Jahren das Schlafzimmer des seligen Staatsrates gewesen. Der Herr drehte den Schlüssel zweimal im Schlosse herum, schritt eilig durch den Corridor an die Treppe und stieg den zweiten Stock hinauf. Die Wachtelhunde der Staatsräthin bellten laut auf, als sie seine schweren Schritte hörten, und erweckten dadurch ihre Herrin aus tiefem Nachsinnen, in das sie abermals in ihrem Fauteuil am Fenster versunken war. Der Justizrath, denn er war es, der nun in das Zimmer trat, legte seinen Hut auf ein Seitentischchen und ging an die Fenstervertiefung, wo er der Dame die Hand reichte und sich dann auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ. Er mochte ungefähr ein Mann an die Fünfzig sein, hatte, wie schon gesagt, eine lange etwas magere Gestalt und ein durchaus nicht unangenehmes Gesicht; ja, es lag darin etwas Gutmüthiges und zugleich Geistvolles. Wenigstens sprach hiefür die hohe, breite Stirn. Er hatte dunkle, etwas kleine Augen, die man übrigens selten zu sehen bekam, denn seine Augenlider hingen schwer darüber hin, und dies allein gab seinem Gesichte in Augenblicken, wo er ruhig saß und nachzudenken schien, was häufig vorkam, etwas Finsteres, Abstoßendes. Dann hatte er auch die Gewohnheit, seine Unterlippe zwischen die Zähne zu klemmen und den Mund zusammen zu ziehen. Wenn er aber seine Augen aufschlug und Jemand anschaute, und namentlich, wenn er sprach, so glätteten sich diese Züge seines Gesichtes Vollkommen, um seine Mundwinkel spielte ein freundliches Lächeln; er hatte alsdann etwas Zuversichtliches, Imponirendes, und es war nicht leicht, ihm zu widersprechen. So war auch seine ganze Haltung: er trat fest und sicher auf, wie Jemand, der vollkommen mit sich darüber im Reinen ist, was er will, und der sich durch keine Einreden leicht wird beirren lassen. Dieses Gefühl von Sicherheit theilte sich auch seiner Umgebung mit und war ein gewaltiger Schutz für seine Partei, entmuthigte dagegen seine Feinde und Widersacher. Der Justizrath war sorgfältig, fast elegant gekleidet. Er trug einen braunen Morgenfrack, an den Händen Glacéhandschuhe und um den Hals eine weiße Cravatte, welche bei allen Toiletten, die er machte, die gleiche war. Die beiden kleinen Wachtelhunde hatten sich wieder an die Erdbeeren begeben, und mit den Früchten, welche sie nicht verzehrten, spielten sie im Zimmer umher. Der Justizrath erkundigte sich nach dem Befinden seiner Freundin, und dann sagte er lächelnd, indem er auf die hin und her jagenden Thiere wies: »Mir scheint, es ist heute der Geburtstag von Molly; denn Sie haben ihm da ein vortreffliches Frühstück vorsetzen lassen, Erdbeeren von dieser Größe und Schönheit; ich habe noch nie solche auf Ihrer Tafel gesehen. Ei, ei, theure Sophie. Sie verwöhnen Ihre Lieblinge auf eine wirklich unverantwortliche Art!« »Da haben Sie wahrhaftig Recht,« versetzte lächelnd die alte Dame; aber sie verdanken dieses köstliche Mahl nur dem Zufall. Ich verdiene Ihre Vorwürfe nicht, mein lieber Freund; ich hatte das Körbchen neben mir stehen, durch ein Ungefähr fiel es herunter, und nur diesem verdanken die kleinen Schmarotzer die süßen Früchte.« Der Justizrath nahm einen Sonnenschirm, der in der Ecke der Fenstervertiefung lehnte, und verjagte die kleinen Hunde neckend von dem Körbchen, welches sie mit ihren Pfoten bald hierhin, bald dorthin rollten. Dabei entfiel ihm der Schlüssel, den er im unteren Stock abgezogen. Doch hob er ihn schnell wieder in die Höhe, stand auf und legte ihn auf ein entferntes Tischchen. Die Staatsräthin sah ihn fragend an. »Ich fand ihn unten an der Treppe,« sagte er nach einer kleinen Pause mit großer Unbefangenheit; »wahrscheinlich hat ihn Jakob dort liegen lassen. Mir scheint, der alte Mann wird mit jedem Tage unzuverläßiger; ich glaube, man wird bald ernstlich daran denken müssen, ihn mit einer anständigen Pension zu entfernen und in Ruhestand zu versetzen.« »Sie haben Recht, lieber Freund,« antwortete die Dame; »aber sind wir nicht die Diener unserer Diener, wenigstens ebenso abhängig von ihnen, wie sie von uns? – Sie wissen ganz genau, wie sehr ich dieses verschlossene Wesen des alten Jakob hasse, wie fest ich davon überzeugt bin, daß hier in diesem Hause von uns nichts gethan, ja fast nichts gesprochen wird, wovon er sich nicht wenigstens bemüht, Kenntniß zu erhalten. Aber was will ich machen? Die da drunten halten auf eine merkwürdige Art zusammen, und wenn ich Eines von ihnen aus dem Hause entlasse, so kündigen mir Alle zusammen ihre Dienste auf und gehen davon.« »Einmal muß es am Ende doch geschehen,« sagte bestimmt der Justizrath. »O, Sophie, wir haben doch lange genug diese Geschichten um uns geduldet, die Ihnen, sowie mir fast unerträglich waren.« »Das weiß Gott!« sprach die Staatsräthin seufzend. »Aber Sie wissen so gut, wie ich, lieber Freund, daß ...« »Sich Manches nicht ändern läßt,« ergänzte der Justizrath achselzuckend. »Leider! – von etwas Anderem denn!« »Ich bin in der That sehr erfreut,« sagte nach einer längeren Pause die Dame, »daß Sie gekommen sind. Ich habe soeben eine sehr, sehr unangenehme Unterredung gehabt.« »Auch wieder mit Jemand aus Ihrer Dienerschaft?« fragte lächelnd der Justizrath. »O nein!« antwortete die alte Dame; »Sie sehen diese Erdbeeren, die dort am Boden liegen. Sie wurden mir vor einer halben Stunde gebracht von jener Gemüsehändlerin, der Frau Schoppelmann, die Sie ja auch kennen.« »Natürlich,« entgegnete der Justizrath. »Wer kennt sie nicht? – Und diese Frau hat Ihnen eine Scene gemacht?« Die Staatsräthin nickte mit dem Kopfe und fuhr nach einer Pause fort: »Sie soll eine Tochter haben ...« »Eine schöne Tochter!« entgegnete der Justizrath und blickte sein Gegenüber erwartungsvoll an. Dabei hatte er das Sonnenschirmchen in beide Hände genommen und steckte den Knopf desselben zwischen seine Zähne. »Eine schöne Tochter!« wiederholte er, »das weiß die ganze Stadt.« »Und ich,« sagte die Staatsräthin mit einem heftigen Tone, »habe einen Sohn, und das weiß ebenfalls die ganze Stadt.« »Ah so!« meinte der Justizrath. »Dieses Weib nun dringt unter dem Vorwande, mir jene Erdbeeren zu überreichen, bei mir ein und erzählt mir eine Geschichte des Herrn Eugen, wie ich sie leider Gottes schon zu Hunderten vernommen.« »Er macht der schönen Katharine auffallend die Cour; ja, ja, ich habe das auch schon gehört.« »Und davon sagten Sie mir nie ein Wort!« »Weil ich es erstens für zu unbedeutend hielt, und weil es mich zweitens schmerzt, wenn ich einmal genöthigt bin, Ihnen dergleichen mitzutheilen.« »Und was ist denn eigentlich an dieser Geschichte?« fragte die Staatsräthin und sah ihren Freund aufmerksam an. Dieser zog die Schultern in die Höhe, drehte das Sonnenschirmchen zwischen seinen Händen und sagte: »So und so! Ich weiß selbst nicht recht, was ich davon halten soll. Es ist keine Frage, daß das Mädchen sehr schön ist und daß sie bis jetzt den vielen Anträgen, die man ihr gemacht, siegreich und tugendhaft widerstanden; ebenso wahr ist aber auch, daß sie sich seit einiger Zeit in ein Verhältniß mit Monsieur Eugen eingelassen. Ich glaube, in ein inniges Verhältniß!« – Dabei lächelte er vor sich hin, wie Jemand, der einer nicht unangenehmen Sache gewiß ist. Die alte Dame wischte sich mit ihrem Taschentuche die Stirn ab und entgegnete nach einer Pause, während welcher sie über etwas nachgedacht: »Und dieses innige Verhältniß, das wird wohl enden, wie manche frühere derartige?« »Ich glaube nicht so,« antwortete ruhig der Justizrath. »Diese Schoppelmann's sind eine entschlossene Familie; namentlich hat das Mädchen zwei Brüder, welche zu den verwegensten Gesellen der Stadt gehören. Beide sind schon ein paar Mal hart an meinem Stuhle vorbeigestreift, und wenn ich sie einmal in meine Hände bekomme, so werde ich mich veranlaßt sehen, sie lange festzuhalten. Diese Beiden nun möchten gesonnen sein, dem Monsieur Eugen übel mitzuspielen, wenn er die Idee haben sollte, mit dem Mädchen eine ganz gewöhnliche Liebesgeschichte aufzuführen; und das wäre auch am Ende so übel nicht, wenn er einmal eine ganz tüchtige Lektion erhielte.« Die Staatsräthin sah ängstlich und fragend in das Gesicht ihres Freundes. »Natürlich,« fuhr dieser fort, »dürfte ihm kein Leides geschehen; nur ist es meine Ansicht, es könnte von guten Folgen sein, wenn sich der junge Herr bei einer solchen Veranlassung ebenfalls zu unüberlegten Handlungen gegen jene beiden Kerle hinreißen ließe. So was läßt sich leicht arrangiren; er fällt dann ebenfalls in meine Hände, man nimmt ihn für eine kurze Zeit bei Seite, wir sind bei der Voruntersuchung berechtigt, unter Umständen seine Zimmer, seine Papiere zu durchsuchen, und bei dieser Gelegenheit, theuerste Sophie« – der Justizrath war hier sehr ernst geworden – »wäre es uns vielleicht möglich, etwas zu finden, was in unsere Hände zu bekommen mein sehnlichster Wunsch ist – etwas, das uns kostbarer ist, als Hunderttausende, etwas, das ich oft vor mir sehe; wachend und träumend, das mir den Schlaf raubt, indem es vor mich hingaukelt, und das mir jedes Mal verschwindet, so oft ich die zitternde Hand darnach ausstrecke!« Der Justizrath hatte diese Worte mit sichtbarer Aufregung gesprochen; seine Hand, die er beschwörend von sich abstreckte, zitterte wirklich, seine Augen schossen Blitze unter den herabhängenden Wimpern und sein Gesicht war von einer flammenden Röthe übergossen. Doch das dauerte nur einen Augenblick; nur eine Sekunde war dieser harte, scheinbar so ruhige Charakter aus dem Gleichgewicht gekommen. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht und ebnete hiedurch seine Züge wieder vollkommen; ja er lächelte sogar anmuthig und liebenswürdig, als er darauf sagte: »Wenn aber auch dies wieder fehl schlägt, so haben wir zweierlei verloren: neben jenem Etwas den guten Klang des Namens Stillfried für ewige Zeiten.« »Ich verstehe Sie nicht ganz,« sprach die alte Dame mit dumpfer Stimme und fuhr aus einem tiefen Hinbrüten auf. »Nichts klarer als das,« versetzte der Justizrath; »wenn er das Mädchen nun wirklich auf ehrliche Weise liebt und sie zu seiner Frau machen will, wer kann ihn daran hindern? Dann adieu Hausdurchsuchung, dann gratulire ich zur Schwiegertochter!« »Aber das wäre empörend!« fuhr die Dame auf. »Eines so schlimm wie das Andere, und Beides zusammen ... o mein Gott!« »Ich glaube nicht, daß Eines so schlimm ist wie das Andere, theure Sophie,« entgegnete der Justizrath. »Wenn wir jenes Etwas bekommen könnten, so glaube ich, wäre es sehr gleichgültig, wen, verzeihen Sie mir, jener junge Taugenichts eigentlich heirathet. – Aber dieser langersehnte Schatz rückt immer weiter hinaus. Noch weiß ich freilich, wo er sich befindet, aber wie lange werde ich hievon Kenntniß haben? Und dann, wenn Eugen später heirathen will, wird er Sie unter den obwaltenden Verhältnissen je um Ihre Einwilligung fragen? Gewiß nicht!« »Aber eine solche Schwiegertochter!« sagte die Staatsräthin mit schmerzlicher Stimme und schüttelte den Kopf. »Eine solche Frau meinem einzigen Sohne? das wäre entsetzlich!« »Beruhigen Sie sich, Sophie, so weit wirds vielleicht gar nicht kommen. Vorderhand weiß ich noch nicht einmal, welche Absichten er mit dem Mädchen hat. Will er heirathen, so muß man ihn daran hindern, man muß die Sache so zu drehen und zu wenden wissen, daß ihm jenes Mädchen zu einem kurzen Zeitvertreib dient. Dann muß man hievon die Mutter oder die Brüder in Kenntniß setzen, und dann geht die Geschichte ihren Lauf. Dies zu arrangiren, sei alles meine Sorge. Es müßte doch sonderbar zugehen, wenn wir nicht einmal im Stande wären, das durchzuführen. – Es ist schon sehr wichtig, daß ich von allen seinen Schritten und Tritten die genaueste Kenntniß habe.« »Durch Joseph, seinen Bedienten?« »Allerdings!« entgegnete der Justizrath; »ich hätte keinen passenderen Menschen hierzu finden können, als ihn. Den habe ich in meiner Hand; was hätte mir jeder andere Bursche, der mir auch noch so ergeben gewesen, genützt? – Monsieur Eugen mit seiner leichtsinnigen Wirtschaft, mit seinem Geldhinauswerfen an Freunde und Bediente hatte mir ihn doch bald verdorben. Aber dieser Joseph muß mir treu bleiben, denn, das habe ich ihm auch angekündigt, bei dem geringsten Seitensprung, den er macht – fort mit ihm ins Zuchthaus!« »Und bringt er öfters Rapporte?« fragte die Dame mit anscheinender Gleichgültigkeit. »O ja,« entgegnete der Justizrath, »alle Wochen ein paar Mal. »Und das Leben, das sie führen, ist immer das gleiche?« »Es ändert sich nur in so fern, als wöchentlich eine neue Thorheit projektirt und ausgeführt wird.« Und die Gesundheit meines... des... Eugen Stillfried? Wie hält er dieses wilde Leben aus?« »Ganz vortrefflich!« entgegnete achselzuckend der Justizrath; »ich begreife das nicht. Er hat eine merkwürdige Konstitution.« »Und ist jener Andere, sein Freund, immer noch bei ihm? forschte die alte Dame Weiler, »sein lustiger Rath, wie er ihn nennt, jener mißvergnügte, kopfhängerische Schulmeister?« »Leider, leider!« seufzte der Justizrath, »das Bündniß hat der Teufel geschlossen, und so viele Mühe ich mir auch schon und namentlich durch Joseph gegeben habe, die Beiden aus einander zu bringen, es ist rein unmöglich.« Die Staatsräthin sah ihren Freund fragend und aufmerksam an. »Die herrlichsten Thorheiten des Monsieur Eugen,« fuhr der Justizrath fort, »die schönsten dummen Streiche, die zu den schlimmsten ausfallen könnten, weiß der Andere in ihrem vollen Laufe aufzuhalten und ihnen durch irgend ein Manöver die Spitze abzubrechen. Man sieht nie Einen ohne den Anderen, und wenn es auch Monsieur Eugen, wie gesagt, absichtlich darauf anzulegen scheint, seinen Namen und seine Gesundheit auf ewige Zeiten zu ruiniren, so springt der Andere dazwischen und bringt Alles, so viel es thunlich ist, wieder ins Geleise. O, es ist das eine heillose Wirthschaft!« Das Auge der alten Dame glänzte sonderbar, doch wandte sie ihren Kopf dem Fenster zu. Dann sagte sie, ohne den Justizrath anzusehen: »Also könnte man ihn den Schutzgeist jenes verlorenen jungen Menschen nennen?« »Allerdings!« entgegnete ärgerlich der Justizrath und blickte forschend auf seine Freundin; »wenn bei einer solchen Wirthschaft ein Schutzgeist überhaupt denkbar wäre.« »Gott sei Dank!« lispelte die alte Dame, aber so leise in sich hinein, daß der Andere nichts als einen schwachen Seufzer vernahm. Er setzte das Sonnenschirmchen, mit dem er bis jetzt gespielt, in die Ecke der Fenstervertiefung, ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, dann trat er wieder an den Fauteuil der Staatsräthin und streckte die Hand aus nach einem kleinen Kästchen von Ebenholz, das vor ihr auf dem Tische stand. Bei dieser Bewegung aber legte die Dame mit einem schmerzlichen Lächeln die Hand auf jenes Kästchen und sah ihn dabei so sonderbar an, als wolle sie ihn bitten, dasselbe jetzt nicht zu berühren. Der Justizrath blickte sie jedoch so befremdet, ja vorwurfsvoll an, daß sie ihre Hand mit einem Seufzer zurückzog und ihn das Kästchen ergreifen ließ, das er vom Tische nahm und in die Höhe hob. Er drückte an einer Feder, der Deckel sprang auf und zeigte das Bild eines jungen Mädchens von vielleicht fünfzehn Jahren, das ihn jetzt so zufrieden, heiter und glücklich aus den klaren Augen anschaute, als sei es froh, daß man endlich einmal wieder sein schwarzes Gefängniß geöffnet. Der Mann mit dem strengen Gesicht blickte lange und schweigend dieses Bild an, und über die harten Linien seiner Züge floß eine unendliche Weichheit. Nach einigen Augenblicken setzte er das geöffnete Kästchen vor die Staatsräthin nieder, diese aber drückte mit abgewandtem Gesicht den Deckel wieder darauf. Der Justizrath schritt abermals, in tiefe Gedanken versunken, in dem Zimmer auf und ab. »Und dieses arme unglückliche Kind,« sagte er nach einer längeren Pause, »so gut, so unschuldig, leidet wohl unter diesen entsetzlichen Verhältnissen am meisten.« »Und wir nicht, Ferdinand?« fragte die Dame mit weicher Stimme. »Unsere Herzen schlagen ruhiger, Sophie. Wir haben ein langes Leben durchgekämpft in bitterer Qual, ja in tiefer Verzweiflung, und das liegt jetzt hinter uns. Wir haben nicht errungen, was wir gehofft, was wir gewünscht, wir sind nie zu einem glückseligen Ziele gelangt ... Ist es aber nicht erschrecklich, daß uns aus all' dem, was wir in finsterer Nacht gesäet und worauf wir Tausende blutiger Thränen geweint, nicht die geringste Frucht erblüht? o ja, was noch schlimmer ist, daß diese Frucht jene liebe Blume« – dabei deutete er auf das Kästchen – »nur uns, von allen Menschen nur uns, nicht mit ihrem süßen Lächeln erfreuen darf. O, es ist eine fürchterliche Strafe!« »Aber keine ungerechte!« antwortete die alte Dame mit leiser, doch fester Stimme. »Und ich leide doppelt, dreifach, zehnfach, tausendfach!, fuhr der Justizrath heftiger fort; »dein Herz, Sophie, ist getheilt, du magst sagen, was du willst, zwischen dieser armen Unglücklichen und jenem ungerathenen Buben; und wenn er auch an dem Unglück dieser schuld ist, so ist und bleibt er doch dein Sohn, dein rechtmäßiger Sohn, der aller Vorrechte, alles Glückes seiner Geburt genießt, der rechtmäßige Sohn seines Vaters, an dem dein Herz immer noch mit mütterlicher Liebe hängt.« Der Justizrath machte bei den letzten Worten eine hastige abwehrende Bewegung mit der Hand, als wollte ei alle Einwendungen von Seiten der Staatsräthin abschneiden, was ihm auch gelang. Diese war in ihren Fauteuil zurückgesunken, preßte ihr Schnupftuch vor die Augen und machte nicht den geringsten Versuch, eine Sylbe der Entgegnung hören zu lassen. So vergingen wohl volle zehn Minuten, und im Verlauf derselben wurde der Schritt des Justizrathes ruhiger; seine Züge, die sich sonderbar verzerrt hatten, glätteten sich wieder. Auch die Staatsräthin fuhr mit dem Taschentuche mehrere Mal über die Augen, dann reichte sie ihrem Freunde, der wieder in die Nähe der Fenstervertiefung gekommen war, die Hand und sagte mit leiser Stimme: »Wozu diese selbe Scene bei jeder Veranlassung immer und ewig wiederholen? Meinst du denn, Ferdinand, ich hätte dieses Kästchen mit dem Bilde des unglücklichen Mädchens zur Lust, zum Vergnügen vor mir stehen? meinst du, es sei mir ein Trost, in diese reinen, unschuldigen Züge zu blicken? – Gewiß nicht, Ferdinand! O, wie ich mich damit quäle! Du kannst es mir glauben, mein Freund! Nur in solchen Stunden, wo mein Herz den schwachen Versuch macht, freudiger zu schlagen, in Augenblicken, wo ich denke, das Glück werde doch nochmals einkehren in dieses Haus, nur dann betrachte ich dieses kleine Gesicht und stürze mich dadurch absichtlich und schonungslos von den geträumten Höhen mit seliger, süßer Aussicht wieder hinab in meine finstere Alltäglichkeit ... Ah!« »Laß es gut sein, Sophie,« sprach der Justizrath. Er schien tief ergriffen von dem Schmerze seiner Freundin und drückte ihr warm die Hand. »Laß es gut sein! Wer weiß, ob nicht noch einmal auch für unser Leben klar und angenehm die Sonne hervorbricht, die sich solange hinter finsteren Wolken verborgen!« »Nie, Ferdinand, nie!« sagte die Dame mit fester Stimme; »wenn sich einstens jenes Gewölbe zertheilt – um mich deiner Worte zu bedienen – und die Sonne wieder hervorbricht, so wird sie, ich weiß es und hoffe es – unsere Gräber bescheinen.« Der Justizrath blickte nach diesen Worten lange zum Fenster hinaus; er schien gewaltsam jedes fernere Gespräch unterdrücken zu wollen. Seine Brust hob sich heftig; er nahm sanft und leise die Hand der Staatsräthin, drückte sie an seine Lippen und verließ schweigend das Gemach. Seine Schritte hallten auf den einsamen Treppen wider, dann hörte man, wie unten die Thüre wieder geschlossen wurde, und darauf war es ruhig, wie vorher, in dem weiten, öden Hause. Draußen aber blitzte die Sonne mit aller Pracht auf Berg und Thal und berührte Straßen und Häuser mit ihrem warmen Hauche. Auch das Stillfried'sche Haus umschlang sie mit heißen Armen; doch war es ihr nicht möglich, dort hinein zu dringen; Fenster und Thüren blieben nach wie vor fest verschlossen, und jetzt hatte auch die Staatsräthin oben im zweiten Stock einen grünseidenen Vorhang vor das Fenster herabgelassen, hinter welchem sie saß, einsam und allein, über ihr vergangenes Leben nachbrütend, tiefes, gewaltiges Weh im Herzen. In einem kleinen Hause gegenüber wohnte ein armer Schuhmacher mit seinem Weibe und vier Kindern in zwei kleinen heißen Stuben. Er besorgte Schuhe und Stiefel für die Dienerschaft drüben und kannte das große leere Haus ganz genau. Wenn er nun so von seiner Arbeit aufblickte und sich den Schweiß von der Stirne trocknete, und wie er jetzt den Justizrath, den stattlichen, wohlhabenden Herrn, herausgehen sah, so mochte er wohl über sein Schicksal und über die ungleiche Vertheilung der Güter im menschlichen Leben nachdenken. Doch war er glücklicher, als Jene drüben, mit seinem ruhigen, zufriedenen Gemüthe; und hätte man ihn einen Tag dort hinein gesetzt, und auf ihn gehäuft nur den zehnten Theil des Kummers und des Schmerzes, welcher auf dem Gemüthe dieser reichen, vornehmen Leute lagerte, so wäre er mit tausend Freuden wieder nach Hause gelaufen, in seine kleinen Zimmer, zu seinem Arbeitsstuhle, zu seinem Weibe und zu seinen vier gesunden Kindern. Sechstes Kapitel. Katharine Schoppelmann und Clementine Strebeling theilen sich ihre kleinen Abenteuer mit. – Ein Kapitel voller Liebesgeschichten. Unterdessen war Frau Schoppelmann mit keinem geringen Zorn in die unteren Theile der Stadt, auf den Markt zurückgekehrt. Das sonst so ruhige, gleichmüthige Gesicht der dicken Frau glühte vor Hitze und Aufregung; sie schnaubte wie ein überhitztes Dampfboot, die dunklen Bänder ihrer Haube flatterten hinter ihr drein wie Trauerwimpel, und dazu wallte ihr Umschlagtuch wie ein schwarzes Segel. Die Frau grüßte ihre besten Bekannten nicht, und mehrere Köchinnen, die sich unter Wegs an sie wandten, waren nicht im Stande, ein Wort anzubringen, und versicherten hoch und theuer, der Frau Schoppelmann müsse unfehlbar ein ganzes Obstmagazin zu Grunde gegangen sein, oder sie komme von einer Herrschaft, wo man sie beschuldigt, sie habe faule Fische abgeliefert. So lenkte sie auf die Straßen ein, die auf den Marktplatz führten, hoffend, auf letzterem etwas zu finden, an welchem sie ihren gerechten Zorn auslassen könne. Doch die Frau hatte ein zu gutes Gemüth, um ihren Zorn lange fest zu halten. Die vielen Leute, die sich hier ab und zu drängten, die eilig nach dem Gebiete gingen, auf welchem sie fast Alleinherrscherin war, oder die von dort her zurück kamen mit vollen Körben, in welchen sie ihre Waare erkannte, alles das besänftigte nach und nach ihr Herz. Ihr Schritt wurde ruhiger, je mehr sie sich dem Gewühl des Marktplatzes näherte; und als sie nun von fern bemerkte, wie ihr großes Gemüse- und Obstlager zusammengeschmolzen war, da schmolz auch ihre Aufregung vollständig, und sie war im Stande, mit dem gewohnten ruhigen und sicheren Ausdruck des Gesichtes an ihren Stand zu treten. Glücklicher Weise war auch hier an dem Blumenkorbe ihrer Tochter keine männliche Seele zu sehen; vor Allem aber fehlte er, dem sicher heute Morgen ein unfreundliches Wort zu Theil geworden wäre. Der Blumenhandel schien, trotz dem, recht gut gegangen zu sein, denn der Korb der schönen Katharina war bis auf einige unbedeutende Ueberreste leer, sie selbst aber schon, da das Geschäft für heute fast beendigt war, nach Hause gegangen. Dorthin verfügte sich jetzt auch Madame Schoppelman, und als sie in den dunkeln, feuchten Hof trat, waren hier und in dem Gewölbe so viele ihrer besten Kunden versammelt, denen sie Audienz zu ertheilen hatte, daß auch bald die geringste Spur des Unmuthes aus ihrem Gemüthe und von ihrer Stirne verschwunden war und sie sich mit ruhigem Herzen ihrem so verwickelten und schwierigen Geschäfte hingeben konnte. Oberhalb des Gewölbes, in welchem wir heute Morgen dem Kaffeefrühstück der Familie Schoppelmann beiwohnten, befand sich ein kleines Gemach mit sehr niedriger Decke und einem einzigen großen Fenster. Dieses Fenster führte auf eine Seitengasse und war eines der wenigen des ganzen weitläufigen Hintergebäudes, an welches die Sonne mit einem Streiflichte dringen konnte. So malerisch unordentlich, ja schmutzig es drunten in dem Hofe wie in dem Gewölbe aussah, so nett, reinlich und friedlich war es hier oben. Die Wände hatten einen hellen, freundlichen Anstrich, das Fenster war mit weißen Vorhängen versehen, die jetzt, da die Glasfenster, und zwar nach außen, geöffnet waren, hell in dem Sonnenlichte flatterten und zuweilen mit einigen Reseden und Geranien kosten, die in kleinen Blumenscherben auf der Fensterbrüstung standen. An der hinteren Wand dieses kleinen Zimmers war ein breites, altmodisches Bett zu sehen, aber das Weißzeug desselben war blendend weiß und frisch; in einer Ecke befand sich ein einfacher Kleiderkasten, und dies, sowie ein paar alte hölzerne Stühle machten das ganze Ameublement des Zimmers aus. Der geneigte Leser wird errathen, daß wir es hiemit gewagt, einen schüchternen Blick in das Zimmer der schönen Katharina zu werfen. Ja, dies war ihre Wohnung, ihr Heiligthum! Hieher setzte selten die Mutter, nie aber einer der wilden Brüder einen Fuß; hier behauptete das Mädchen ihr Recht, hier war sie allein, und hier baute sie oftmals aus den süßen Träumen, die ihrem warmen Herzen entstiegen, die glänzendsten Luftschlösser. Katharina hatte mehrere Stunden in der glühend heißen Luft des Marktes zugebracht, hatte ihre Geschäfte bestens besorgt, ihre Rechnung schriftlich in den Tisch der Mutter verschlossen, die ansehnliche Kasse dazu, und saß jetzt droben in ihrem kleinen Zimmer an dem geöffneten Fenster in der erfrischenden Kühle, welche beständig zwischen diesen dicken Steinmauern herrschte. Sie hatte das rothe Tuch von dem Kopfe herunter genommen, ihr enges Mieder geöffnet, und die langen, kühlen Flechten fielen auf ihre entblößten Schultern, auf ihre volle Brust herab. Katharina war nicht allein: ihr gegenüber auf einem anderen Stuhle saß die Jungfer Strebeling, und die zarte Clementine hatte nun, wie vorhin der Mutter, jetzt auch der Tochter ihr Herz ausgeschüttet in Betreff der sündhaften Choristin. Daß Madame Schoppelmann sich nicht sehr hierüber alterirt hatte, darüber wunderte sich die alte Jungfer gerade nicht; aber daß Katharina sogar keine Miene machte, welche Schrecken und Abscheu ausdrückten, das war ihr völlig unerklärlich. Sie schauerte in sich zusammen, wie eine dreiviertels verblühte Herbstrose, welche von einem eisigen Schneewinde gefaßt wird. "Aber das war am hellen Tage,« sagte sie, »und an der öffentlichen Treppe, und er hat sie geküßt! – Ist denn das nicht ganz entsetzlich, Jungfer Katharine?« Diese ließ nachsinnend und lächelnd ihr Haupt sinken, so daß die schwarzen Flechten über ihr glühendes Gesicht herab fielen. Wir wissen nun nicht ganz genau, wem dieses Lächeln galt, hoffen aber nicht, daß die Erzählung Clementinens es hervorgelockt, da wir ohne weitere Beweise unmöglich annehmen wollen, als ob Katharina nur über so etwas lachen könnte. Aber die Welt ist sehr verderbt! Das mochte auch Clementine denken, denn sie sah erstaunt ihr lächelndes Gegenüber an, und es schmetterte ihr zartes Gefühl ordentlich darnieder, ja, sie verlor allen Glauben an ihre Mitschwester, als diese nicht nur zu lächeln fortfuhr, sondern sogar nach einer kleinen Pause die schrecklichen Worte sprach: »Und Sie haben noch nie einen Mann geküßt, Clementine?« Die alte Jungfer saß auf diese Frage starr wie eine Bildsäule. Sie hätte fliehen mögen, aber sie konnte nicht zum Aufstehen kommen. So etwas Entsetzliches hatte noch Niemand mit ihr gesprochen. Sie sah Katharinen mit einem wahren Entsetzen an, sie fürchtete sich vor ihr, es schauerte sie in ihrer Nähe, sie hatte ein Gefühl, wie wir vielleicht vor Jemanden, der zu uns sagt: er sei mit einem schrecklichen Uebel behaftet, er habe Momente, wo es ihm das größte Vergnügen mache, seinem Gegenüber an den Hals zu springen, um ihn gelinde zu erdrosseln. Und die schöne Katharina hatte so gar keine Ahnung von den Gefühlen, die ihre unbedachte Frage in der Brust der alten Jungfer hervorgerufen; ja sie wiederholte dieselbe sogar und im Tone des Zweifels und setzte hinzu: »Wirklich, Clementine, es hat Sie noch nie ein Mann geküßt?« »Nein!« antwortete diese nach einer längeren Pause mit tonloser Stimme, und es lag in diesem Nein ein unendlicher Schauer, und zugleich ein Schrei des Entzückens über die unendliche Reinheit ihrer eigenen Seele. – »Nein, gewiß nicht, Katharine!« fuhr sie nach einer abermaligen Pause hastig fort; »Gott soll mich bewahren, so etwas Schreckliches ist mir, dem Himmel sei es gedankt! bis jetzt nicht widerfahren.« Katharina blickte lächelnd auf und ließ ihre leuchtenden Augen eine kleine Weile auf dem zarten Gesicht der alten Jungfer ruhen. »Das ist eigentlich sonderbar,« sagte sie leise mehr zu sich selber als zu der Anderen, »in Ihrem langen Leben nicht ein einziges Mal geküßt?« »Nein, in meinem langen Leben nicht ein einziges Mal,« wiederholte Clementine, und sie hätte sich über dieses »lange« Leben vielleicht beleidigt gefühlt; doch welcher Triumph für sie! ihr Herz war in diesem langen Leben rein geblieben, und das Kind ihr gegenüber, ein unreifes Ding von zwanzig Jahren, hatte vielleicht schon Erfahrungen gemacht, hatte vielleicht schon – o schrecklich! – einen Mann geküßt! Anfänglich dachte Clementine, es sei für ihre eigene Gemüthsruhe wahrscheinlich besser, wenn sie hierüber in Ungewißheit bliebe. Dann aber brach die weibliche Neugierde mächtig und siegreich hervor, und die Folge hievon war, daß sie schüchtern fragte: »Und Sie ...?« »Was?« entgegnete Katharina, aus einem tiefen Nachdenken auffahrend. »Ich meine: und Sie?« sagte die alte Jungfer; »ob Sie vielleicht schon ...?« »Nun, was denn?« »Nun, was Sie mich vorhin fragten, ob« ... »Mich schon vielleicht ein Mann geküßt?« entgegnete Katharina lachend. Clementine nickte erröthend mit dem Kopfe. »Ja, ja,« gab Katharina zur Antwort, »er hat mich schon geküßt, nicht oft, aber innig geküßt. O Gott, das war eine Seligkeit!« – Sie sagte das mit sehr leiser Stimme, als fürchte sie, von jemand Anderem gehört zu werden, und dabei athmete ihre Brust schwer auf, als sei sie froh, daß sie einem anderen weiblichen Wesen dieses selige Geheimniß habe anvertrauen können. Clementine schauderte mehr und mehr; und doch konnte sie sich nach einigen Augenblicken nicht enthalten, zu fragen: »Er? – wer ist das?« Die gute Seele hoffte und glaubte, es könne mit diesem Er vielleicht einer der Brüder Katharinens gemeint sein; doch fand sie sich durch die nächsten Worte des jungen Mädchens grausam enttäuscht. »Ach, er war es,« sagte diese und schlug die Augen zu Boden; »er, den ich liebe, o nein, nicht blos liebe, er, der mein Alles ausmacht, von dessen Bild ich mich durchdrungen fühle, ohne den ich nichts denken kann und mag, er, ja er, mein Leben, meine Seele!« »Ein Mann?« fragte entsetzt Clementine. »Der mich liebt wie ich ihn liebe, so glaube ich wenigstens, so hoffe ich. Ach, Clementine, könnte ich Ihnen einen Begriff geben von dem Gefühl, das mich durchströmt, wenn er zu mir tritt, wenn ich seine Nähe fühle oder gar wenn mich seine Hand berührt! O, wie es mich da durchschauen, wie es zuerst eiskalt durch mein Blut läuft und mein Herz fast still steht, und wie es mich dann glühend heiß durchtobt und ich kaum zu athmen »Das ist ja entsetzlich,« sagte die alte Jungfer. »Das muß ja fürchterlich, wie eine Krankheit sein!« Katharina legte ihre warme Hand auf den dünnen Arm ihrer entsetzten Zuhörerin und fuhr fort: »Clementine, Sie wissen nicht, wie glücklich ich mich fühle, daß ich mit Ihnen darüber sprechen kann. Habe ich doch Niemanden, dem ich mich anvertrauen könnte, und hier in meiner Brust war es so voll, ach, so voll Glück und Vergnügen; gewiß, ich wäre noch daran erstickt. Ja, wenn ich an alles das dachte, wie und wo ich ihn zum ersten Mal gesehen, dann schwoll es mir bis an den Hals hinauf, ich versuchte vergeblich zu athmen; aber jetzt ist mir leichter, und ich will Ihnen Alles, Alles erzählen.« »Um Gottes willen, Katharine!« sagte die Andere und rückte ihren Stuhl etwas zurück; »was wollen Sie mir erzählen? – O liebe Seele, verzeihen Sie mir, aber ich habe dergleichen noch nie gehört, und wenn es zufällig etwas Schreckliches wäre, so könnte ich es nicht ertragen; ich glaube, ich würde ohnmächtig werden.« »Es ist aber gar nichts Schreckliches!« entgegnete erstaunt Katharina. »Gewiß nicht! Es ist etwas so Schönes und Liebes! Sie wissen, Clementine, wie viele junge Herren aus der Stadt täglich von meinen Blumen kaufen; aber es war mir wahrhaftig ganz gleichgültig, wer an meinen Korb kam: ich gab Jedem bereitwillig, was er verlangte, dem Einen wie dem Anderen, und wenn mir vielleicht ein Kunde weniger lieb war, so kam das daher, weil dieser vielleicht mehr dumme Worte an mich hinsprach, als ein anderer. Da kam er zum ersten Male auf den Markt und sagte, er habe mich schon lange um einen Strauß bitten wollen, aber ich möchte ihm einige Blumen schenken, er könne und wolle mir nichts abkaufen. Natürlich sah ich ihn erstaunt an und wollte ihn anfänglich auslachen; doch wie ich in sein Gesicht blickte, das mich so offen und ehrlich ansieht, in seine klaren Augen, die so gar nicht aussahen, als wollten sie einen Scherz mit mir treiben, da konnte ich nicht mehr lachen. Ich weiß nicht, es war mir so verwirrt zu Muth, ich mußte mich plötzlich auf meine Körbe niederbeugen, und da suchte ich lange unter den Blumen herum, und ich konnte nicht anders, ich mußte ihm den schönsten Strauß geben, den ich hatte. Es waren Vergißmeinnicht, Veilchen und eine Rose. Er nahm sie aus meiner Hand und sah mich lange fest an, dann sagte er: Gott, wie froh bin ich, daß Sie mir dieses Geschenk geben, Katharine! Ach, das Kaufen und Bezahlen ist entsetzlich langweilig! – und er sah gewiß nicht aus, als wenn ihm das Kaufen und Bezahlen Mühe gemacht hätte. Dann fragte er mich noch: Und Sie geben mir die Blumen gern? – worauf ich antwortete: Warum nicht? – Und dann ging er fort und schenkte einem Bettelweib, das ihm in den Weg lief, einen Gulden. – Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte ihm den Strauß gern gegeben. Es hatte mich noch keiner von diesen Herren gebeten, ihm eine Blume zu schenken, und das kam mir so außerordentlich nobel und anständig vor. Andere von den jungen Leuten hatten mir oft das Doppelte, das Zehnfache meines Preises bezahlen wollen, und das fand ich so gemein, ja unartig. »Von da an hatte ich jeden Tag etwas Besonderes in meinen Körben versteckt. Aber er kam erst nach einiger Zeit wieder und sagte, er habe meine Güte nicht mißbrauchen wollen. Doch mußte er bei dem zweiten Male wohl gemerkt haben, wie gern ich ihm einige Blumen gebe – ich war wahrhaftig nicht im Stande, dies zu verbergen – und von da an kam er jeden Markttag, und als ich einmal nicht hingehen konnte, da steckte ich eine kleine Rose neben den Henkel meines Korbes und sagte leise zu mir, als ihn die Magd fort trug: Die ist für dich! Und es war, als habe ihm die Rose das wieder gesagt, denn er kam zur Mutter und verlangte gerade nur diese Rose.« »Das ist aber alles recht nett und schön,« sagte die alte Jungfer, die augenscheinlich erfreut war, daß ihre zarten Ohren nichts Schrecklicheres hören mußten. Aber Katharina war mit ihrer Geschichte noch nicht zu Ende. »Eines Abends,« fuhr sie fort – »es war in diesem Frühjahr – ging ich, als es schon dunkel wurde, von meiner Tante, die draußen vor der Stadt wohnte, allein nach Hause. In der Alleestraße, wo die großen neuen Häuser stehen, kam ich bei einem Parterre vorbei, das erleuchtet war, und wo die Fenster offen standen. Zwischen ihnen aber sah ich hölzerne Kästchen aufrecht stehen, und zwischen diese Kästchen waren Saiten gespannt.« »Aeolsharfen,« sagte Clementine. »Ja, ich glaube so heißt es,« fuhr das junge Mädchen fort. »Und aus diesen Dingern klang es so merkwürdig und schön, es flüsterte und sang und klagte und erzählte allerlei, daß ich unwillkürlich stehen blieb und zuhorchte. Ich hatte eine solche Musik in meinem Leben nicht gehört; es war aber auch keine bekannte Melodie darin, sondern es war, als wenn viele Stimmen durch einander sängen und selbst nicht wüßten was, und doch ging es ganz nett zusammen. Zufällig blickte ich in die Fenster hinein, und da sah ich, daß um eines dieser Kästchen ein Kranz von verwelkten Blumen hing, und wie ich so genauer hinschaute, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß es meine Blumensträuße waren, die man zusammengebunden und dorthin gehängt hatte. Als ich das aber gesehen, blieb ich keine Sekunde länger vor dem Fenster, sondern lief rasch die Straße hinab. Aber ich lief nicht allein: ich fühlte wohl, daß Jemand schnell hinter mir drein ging.« »Ah!« rief erstaunt Clementine. »Er war es,« fuhr das junge Mädchen mit ganz leiser Stimme fort, »und ich mochte so schnell gehen, wie ich wollte, er blieb dicht hinter mir. – – Endlich sprach er mich an.« »Auf der Straße?« fragte entsetzt Clementine. »Natürlich auf der Straße!« entgegnete die Andere. »Ich weiß eigentlich nicht genau, was er anfänglich sagte; aber so viel verstand ich, er habe mich am Fenster gesehen und sei mir nachgeeilt. Ich war natürlich sehr verwirrt und in Verlegenheit und mußte ihm wohl entgegnet haben, ich habe meine Blumen bemerkt, denn er sagte mir ganz vergnügt: Ach ja, Katharine, das sind freilich Ihre Blumen, ich habe sie über meine Aeolsharfe gehängt, und wenn es Abends aus den Saiten hervor und in mein Zimmer hinein flüstert, so meine ich immer, Sie sprächen mit mir, – Das kam mir so rührend und schön vor, wie er das zu mir sagte, daß ich ordentlich zitterte und mir die Thränen herab liefen. Dann begleitete er mich in die untere Stadt, und als er hier vor dem Hause – es war schon ganz dunkel – Abschied von mir nahm, da geschah das, was ich vorhin sagte.« »Er hat Sie geküßt! – – –« »Ja, er hat mich geküßt; ach, Clementine, und das war eine Seligkeit! ich hätte das vordem in meinem ganzen Leben nicht geglaubt. Er schlang seinen Arm um mich herum – kommen Sie, ich will Ihnen das einmal zeigen ...« »Ach nein, um Gotteswillen nicht!« bat Clementine, »ich könnte den Gedanken in meinem ganzen Leben nicht mehr los werden!« »Also er schlang seinen Arm um mich, und dann fühlte ich auf einmal seine Lippen auf meinem Munde. Es war, als sei ein Blitz über mich gefahren. Ich war so erschrocken, daß ich mich nicht einmal mehr losmachen konnte, und er küßte mich einmal und sogar zweimal.« »Sogar zweimal!« sagte Clementine; »das ist ja entsetzlich!« »Ja, es wurde mir auch so sonderbar und ängstlich zu Muth, und darauf machte ich mich los, lief nach Hause und ging zitternd zu Bett. Ach, ich konnte die ganze Nacht fast kein Auge schließen, was mir sonst nie geschehen war, und wenn ich einmal einschlief und träumte, dann träumte ich von ihm, dann küßte er mich im Traume immer fort.« »Sehen Sie,« sagte die alte Jungfer feierlich, »das ist Sündenschuld!« »Aber es war mir gar nicht zu Muth, als wenn ich eine Sünde begangen hätte,« sagte Katharina ganz aufrichtig und schaute ihre Zuhörerin unbefangen an. »Aber nicht wahr, Clementine, was ich Ihnen hier erzählte, das bleibt ganz unter uns, Sie sprechen gegen Niemand davon!« »Gott soll mich bewahren! Ich werde es nicht über meine Lippen bringen.« Hier trat in dem Gespräche der Beiden eine kleine Pause ein; Katharina stützte ihren Arm auf das Fenstergesims, legte ihr glühendes Gesicht auf die Hand und schien über etwas Angenehmes nachzudenken. Clementine hatte unterdessen die Hände gefaltet und sah das junge Mädchen vor sich mit traurigem Blicke an, mit einem Blicke, der zu sagen schien: »Arme Unglückliche, du bist gerade so eine Verlorene, wie die Choristin des königlichen Hoftheaters!« »Nun habe ich Ihnen Alles, Alles erzählt,« sagte Katharina nach einer kleinen Weile; »aber jetzt, liebe Clementine,« fuhr sie lächelnd fort, – »Sie waren vorhin so erstaunt, als ich Ihnen sagte, ich liebe ihn so innig, so aufrichtig, – hat Sie denn das wirklich so sehr überrascht? haben Sie denn in Ihrem Leben nie Jemanden geliebt? »Ich?« fragte erstaunt die alte Jungfer. »Heiliger Gott! das ist mir nie eingefallen, gewiß und wahrhaftig nicht! Ich hätte keine ruhige Stunde mehr!« »Das ist schon wahr,« sprach träumerisch lächelnd Katharina, »die Ruhe, die man früher hatte, geht dabei verloren; aber die Unruhe, die man dagegen bekommt, ist viel schöner, o viel, viel schöner. Früher ist man freilich ruhiger, aber man hat so für gar nichts ein wirkliches Interesse, man freut sich über Alles und doch so recht über gar nichts. Aber wenn man liebt, da ändert sich das, man sieht jedes, was man sonst nicht beachtet, mit ganz anderen Augen an. Meine Blumen sprechen zu mir, der blaue Himmel eines schönen Tages, ein Sonnenstrahl, und dann erst ein Blick von ihm, ein Gruß – o, das müssen Sie noch erfahren, Clementine!« »Nein, nein, gewiß nicht!« entgegnete erschrocken die alte Jungfer; »ich bin nicht dazu gemacht. Wie das einem Menschen nützlich und angenehm sein könnte, davon habe ich keine rechte Vorstellung.« »Aber Sie müssen doch schon zuweilen gedacht haben, da es auch Ihnen ganz anders sein würde, wenn Sie Jemanden hätten, der sich um Sie bekümmerte, und dem auch Sie Aufmerksamkeiten erzeigen könnten, dem Sie helfen, für den Sie leben könnten.« »Ja, das habe ich wohl schon einmal gedacht,« sagte schüchtern Clementine und blickte nun ihrerseits zu Boden; »aber die Männer alle sind so roh, so ohne Rücksicht – sie sollen, wie man mir schon oft gesagt, so schreckliche Absichten haben.« »O, das ist gar nicht wahr!« »Ich scheue mich vor dem ganzen männlichen Geschlecht,« fuhr die zarte Jungfrau fort, »und meine Mutter, die Gott selig haben möge, hat mir immer dasselbe gesagt. – Ja,« sprach sie nach einer Pause stockend weiter, »wenn es eine – – eine – – Liebe gäbe, wie ich sie mir vorgestellt, das könnte mir vielleicht doch gefallen.« »Also Sie haben sich doch schon einmal eine Liebe vorgestellt?« lachte Katharina. »Schreien Sie doch nicht so!« bat die Andere und sah sich scheu um. »Aber Sie verstehen mich doch nicht.« »Das wollen wir einmal sehen,« entgegnete das junge Mädchen. »Lassen Sie hören!« »Ach,« sagte leise Clementine, »ich wollte mich wohl gern für Jemand interessiren, möchte ihn auch lieben, aber ich dürfte ihn nicht sehen, noch viel weniger sprechen.« »Ihn nicht sehen und nicht sprechen?« »Sehen vielleicht, ja, doch nur ein einziges Mal, damit ich mir ein Bild von ihm machen könnte. Aber sprechen dürfte er nicht mit mir – ach, die Männer sind so entsetzlich roh, und wenn sie einmal anfangen zu sprechen, so würde er mich auch – was Sie vorhin sagten –« »Küssen wollen!« sagte das Mädchen, und aus ihren Augen blitzte es, und ihr Mund zuckte, als unterdrücke sie ein heftiges Lachen. »Ja, – – das,« erwiederte schüchtern Clementine, »und das wäre mein Tod, mein gewisser Tod. Aber er dürfte mir schreiben, und ich würde ihm auf seine Briefe antworten, und wenn er traurig wäre, würde ich ihn trösten, und wenn er unglücklich wäre, würde ich ihm helfen.« »Das wäre aber eine eigenthümliche Liebschaft,« meinte Katharina, jetzt laut lachend. »Nun sehen Sie, wie Sie über mich spotten!« sagte die alte Jungfer einigermaßen empfindlich. »Sie haben es aus mir herausgedrückt und jetzt machen Sie sich über mich lustig.« »Nein, gewiß nicht, meine liebe Clementine!« sprach gutmüthig das junge Mädchen und faßte ihre beiden Hände; »ich fühle und denke nur ganz anders, als Sie. Ein gesprochenes Wort ist doch etwas ganz anderes, als ein geschriebener Brief. Freilich, so ein kleines, liebes Blättchen Papier, das hie und da dazwischen kommt, das hat man auch gern und kann es sich wohl gefallen lassen.« – Damit ließ sie die Hände der alten Jungfer los und drückte, ihre Rechte fest auf die Brust, als habe sie dort einen solchen Schatz versteckt. Drunten aber vernahm man in diesem Augenblicke sehr laut und deutlich die Stimme der Madame Schoppelmann, welche nach ihrer Tochter rief. Diese Unterredung der beiden Mädchen, welche vielleicht dem geneigten Leser unbedeutend vorkommen mag, die aber für unsere wahrhaftige Geschichte einigermaßen wichtig ist, wurde durch diesen Ruf beendigt und somit auch das vorliegende Kapitel. Siebentes Kapitel. In welchem der Held der Geschichte endlich auftritt und woraus wir ersehen, welch' sorgloses Leben derselbe zu führen pflegt. Die hellen, klaren, so angenehm warmen Abende, welche auf die heißen, dunstigen Tage dieses Sommers folgten, lockten die Bewohner der Stadt, sobald die Dämmerung eingetreten war, in großer Anzahl auf die Promenaden, auf die Plätze und Straßen; und diese Orte, welche den Tag über in der glühenden Sonnenhitze öde und leer dalagen, füllten sich jetzt mit lachenden, plaudernden, lustigen Spaziergängern, und ein lebhaftes Gemurmel stieg aus den dichten Schaaren an den blauen Nachthimmel empor. Es war gerade, als sei die ganze Stadt von Nachtschmetterlingen bewohnt, die jetzt erst, bei einbrechender Dämmerung, sich ihres Lebens zu freuen anfingen. So zog es aus allen Gäßchen und Gassen heraus auf die breiteren Straßen, um sich noch ein paar Stunden der kühleren Abendluft zu erfreuen. Ganze Familien schritten dort leise plaudernd auf und ab, der Vater, die Mutter und vielleicht auch die Großmutter, eine ganze Schaar von Kindern, einige alte Onkel und Tanten und sprachen von den Geschäften des Tages oder von erschrecklichen Ereignissen in der Politik. Mitten in dem Schwarm der Begegnenden und Mitziehenden blieb so eine Familie doch immer ein Ganzes für sich, von der übrigen Masse getrennt, und ebenso war es mit allen Unteren. Dazwischen gingen junge Bürgerstochter zu fünf und sechs Arm in Arm, und diese große Zahl war es, welche sie so keck machte, ohne Begleitung ihrer Brüder und Väter, die im Wirthshause saßen, an diesem Abende zu lustwandeln, und welche sie vor allerlei Unannehmlichkeiten bewahrte und sogar vor üblen Nachreden. Andere junge Damen oft in Hut und Schleier, bald einzeln, bald zu zwei, strichen ebenfalls durch die Menge, aber ängstlich, schüchtern; jetzt wichen sie den Begegnenden rechts, jetzt links aus, blickten bald hierhin, bald dorthin, jetzt rückwärts oder vorwärts, jetzt mit eiligem Schritte, jetzt fast ganz stehen bleibend, ein fortwährend scheues Dahinflattern. Den Bürgermädchen und jenen Damen folgten unternehmende junge Herren in den verschiedensten Absichten und mit dem verschiedensten Glücke. Hier fanden sich unter dem jungen Volk alte Bekannte, und es wurde gekichert und laut gelacht, und man fand es außerordentlich charmant, sich auch hier zu treffen, und man hätte es gewiß nicht gedacht, obgleich die Jette und die Nane, und die Mine und die Ricke schon lange geglaubt haben, sie bemerkten in dieser Straße einen guten Bekannten; und wie es so gar angenehm wäre, sich hier zu treffen, und wie man morgen gewiß wieder herkommen wolle. Und in diesem Augenblick stockt plötzlich das Gespräch allgemein und verliert sich in ein unbestimmtes Husten und Räuspern. Jede der anständigen Bürgerstöchter stößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an und sie blicken sich einander fragend in die Gesichter, als wollten sie sagen: Hast du es denn auch gesehen? war es in der That Stadtraths Karoline, die dort eben bei uns vorbeiging am Arm eines jungen fremden Menschen, die es wagt, sich jetzt schon öffentlich mit ihm auf der Straße zu zeigen, bevor vierhundert alte vertrocknete Jungfern und dreißig Dutzend Kaffeeklatschgesellschaften die eben erst begonnene Brautschaft zwischen ihren alten wackeligen Zähnen zermalmt und feierlich angenommen und verkündigt hatten? Sie war von jeher etwas gemein, Stadtraths Karoline, etwas frei in ihren Aeußerungen, und wenn man mit der christlichsten Milde und Liebe, wie es hier in der Stadt so recht Mode war, das Boshafteste über seinen Nebenmenschen verbreitete, dem man einen Augenblick vorher warm die Hand gedrückt, so wagte sie es zuweilen, nicht nur nicht mit einzustimmen, sondern sie hatte sich schon unterstanden, die Tugend einer Sängerin oder Tänzerin zu vertheidigen oder das Betragen einer Nähterin und Putzmacherin in Schutz zu nehmen. Solche lockere Grundsätze müssen bestraft werden und die echt untadelhaften Jungfrauen aus dem Bürgerstande, die mit ebenso echt untadelhaften Ladengehülfen dort im Gespräch begriffen sind, im Gespräch, vermischt mit unterschiedlichen Händedrücken und schmachtenden, begehrlichen Augen, klopfen sich selbst an ihre verschiedenen Busen und sagen, wenn auch mit andern Worten: »Wir danken dir, Herr, daß wir nicht sind wie Jene ...« Auch Musik schallt in die Nacht hinaus; in weiter Ferne vernimmt man das Kreischen einer Violine, die es jammernd beklagt, daß Robert, Robert der Geliebte, durchaus keine Gnade üben will. In einer Nebengasse aus einem Spezereiladen tönen andere, aber ebenso wehmüthige Klänge hervor; dort flötet eine andere Nachtigall. Der eingesperrte Lehrling einer Spezereihandlung bläst die Flöte, er spielt mit rührender Beziehung: »Ach wär' ich zu Hause geblieben!« und zerreißt jeden Takt, sowohl aus innerer Rührung, als auch um mit der Zunge die Flöte anzufeuchten. Aber dazwischen erfreuen auch bessere Klänge unser Ohr; wir vernehmen entfernte Regimentsmusik, die vielleicht in ihrem Kasernenhofe spielt, oder vor dem Quartier des betreffenden Generals ein Ständchen bringt. Jetzt ist die Regimentsmusik verstummt und neben uns in einer dunklen Seitenstraße tönen auf einmal die mächtigen Accorde einer guten Straßenorgel; sie spielt aus dem Nabucco: »Und tief in dem Herzen Die bittersten Schmerzen.« Und sehr viele unserer Spaziergängerinnen bleiben ebenso plötzlich stehen und lauschen dieser Musik. »Das ist er wieder!« flüsterten Einige, und Andere antworteten: »Ja, er hat etwas echt Ungarisches: einen langen Schnurrbart, melancholische Augen und einen blauen verschnürten Rock.« »Ach, wenn ich ihn nur auch einmal sehen könnte!« meint eine Dritte, und Alle halten sich so lange in der Nähe der Nebenstraße auf, bis die Musik verstummt und ein kleiner Bube mit einem Tellerchen erscheint, der um eine kleine Gabe für seinen armen Herrn, den unglücklichen Orgelspieler, bittet. »Siehst du, wie zart!« flüsterte eines der Mädchen ihrer Nachbarin zu: »er läßt sich nicht selbst sehen, der ungarische Graf. – Ach, wenn ich nur Geld bei mir hätte!« Zu all diesem unsäglichen Vergnügen auf der Straße unserer Residenz hatten die Sterne gefunkelt und der Mond geschienen, letzterer aber nur sehr unbedeutend; denn er hatte sich wahrscheinlich anderswo verspätet, und stieg nun erst langsam über die Berge empor, nachdem schon alle Glocken der Stadt zehn Uhr geschlagen hatten. Es war dies einigermaßen unhöflich von dem Monde – denn er mußte es als langjähriger Bekannter der Stadt schon wissen, daß es wenig Leuten derselben noch nützen kann, ob er nach dieser Stunde sein weißes Licht vom Himmel herabgießt. Um diese Zeit schließen sich Fenster, Thüren und Augen, die Lichter löschen aus, die Vorhänge an den Fenstern werden zugezogen. Alles ist ruhig und still, und für wen kann der Mond alsdann noch das Vergnügen haben, zu scheinen? Für sich selbst oder für ein paar späte Nachtvögel, die um die Polizeistunde nach Hause eilen. Der Mond soll aber, so sagt man, an dieser Stille und Ruhe großes Gefallen finden. Er geht dann bei später Nacht so ungenirt seine leichtsinnigen Wege, schleicht sich in das Kellerloch, wo schlechte Gesellen bei einer schmorigen Oellampe allerlei Unheil brüten, hört dort in jenem Hause lächelnd eine gewaltige Gardinenpredigt mit an und küßt hier einem einsamen jungen Mädchen in dem Schlafzimmer die Wangen. Und das thut er so ganz ungenirt, der leichtsinnige alte Herr! Am Anfang oder Ende der schon in einem der vorigen Kapitel erwähnten Alleestraße der Stadt, von der wir zu sprechen die Ehre haben, befand sich ein großer freier Platz, auf welchem am heutigen Abend der verspätete Mondschein im hellsten Licht und voller Ueppigkeit wucherte. Ringsum herrschte eine unendliche Stille; man hörte den süßen Ton einer Nachtigall vom anderen Ende der Straße her, und so oft die Thurmuhren an den benachbarten Kirchen schlugen, vernahm man das Rasseln der Räder und das Aufheben des Werkes einige Sekunden vorher, ehe die Glocke anschlug. Auf dem Platz und in der angrenzenden Straße schien für den oberflächlichen Beschauer keine menschliche Seele zu sein. Wer aber, wie es unsere Pflicht ist, genauer hinsah, bemerkte bei näherem Betrachten zwei menschliche Wesen, die auf zwei Ecksteinen saßen, da, wo die Alleestraße auf den freien Platz mündete. Bei noch näherem Erforschen fand sich, daß diese menschlichen Wesen zwei junge, elegant gekleidete Männer waren, und daß sich da noch ein drittes lebendes Geschöpf befand, ein großer Hund nämlich, der auf den Ruf »Sultan,« welcher bald von diesem, bald von jenem Ecksteine her erschallte, gehorsam hin und hersprang. Der Hund war dunkelbraun und weiß gefleckt, von einer außerordentlichen Größe, und wenn man ihn so dahinspringen sah auf dem hellen, fast weißbeschienenen Straßenpflaster, so machte dies eine eigenthümliche Wirkung und man war einige Augenblicke versucht, zu glauben, es sprängen wenigstens drei Hunde hin und her: ein riesenhafter, schwarzer – der langgestreckte Schatten des Neufundländers nämlich – und ein paar kleine – die dunklen Flecken auf seinem weißen Fell. »Sultan!« hieß es jetzt auf einem Ecksteine, »da, bring dem Herrn Rath meine Cigarrendose; ich bemerke so eben, daß derselbe nicht mit Rauchmaterial versehen zu sein scheint.« »Schon lange nicht mehr,« ertönte es von drüben her. »Der Hund nahm gehorsam die große Cigarrendose ins Maul und sprang in großen hastigen Sätzen auf die andere Seite der Straße. »Würde Sultan wohl,« erschallte es vom diesseitigen Steine, »ein brennendes Stück Schwamm apportiren? – Was meinst du über diesen Gegenstand, Herr Rath?« »Wenn das Stück Schwamm so groß ist, daß er sich seine Nase nicht verbrennt, so könnte der Versuch vielleicht gelingen.« »Machen wir einmal diesen Versuch!« »Aber wozu das?« war die Antwort. »Ist Sultan ein pflichtgetreuer Hund, so wird er den Schwamm festhalten, auch wenn er sich die Schnauze verbrennt; ist aber seine Erziehung nicht gelungen, so läßt er den Schwamm fallen, und wir ärgern uns darüber. Ueber dergleichen Dinge ist eine Ungewißheit, mit Hoffnung verziert, jedenfalls angenehmer, als eine hoffnungslose Gewißheit.« »Sehr richtig bemerkt, Herr Rath!« gab der Erste, der gesprochen, zur Antwort; »ich halte es überhaupt in vielen Dingen sehr mit dem alten guten Sprüchwort, welches uns lehrt, daß zu vieles Wissen Kopfschmerzen verursacht!« »Nun, da muß dir dein Kopf nie außerordentlich weh thun,« erschallte es von drüben her. »Diese Schande, Herr Rath,« versetzte der Andere – »wenn es überhaupt eine Schande ist – fällt meinen Erziehern zur Last. Es ist wahr, ich bin greulich vernachlässigt.« »Da ich das Glück hatte, einer jener Erzieher zu sein,« entgegnete der Herr Rath, so kann ich diese Bemerkung, welche meine Ehre verletzt, nicht auf mir sitzen lassen, d. h. insofern Sie dieses »greulich vernachlässigt« in Bezug auf die Wissenschaft zu verstehen belieben.« »Nein, im Gegentheil!« sagte lachend der Erstere; »was das anbelangt, da haben Euer Gestrengen so viel in meinen Kopf hineingepumpt, daß es mich heute noch wundert, daß derselbe in Folge davon nicht zersprungen. Aber greulich vernachlässigt bin ich doch, und der Herr Rath ebenfalls, sonst würde es uns beiden kein Vergnügen verursachen, hier lieber im Mondschein zu sitzen auf einem kalten Steine, als zu Haus im weichen Fauteuil beim strahlenden Licht der Lampe. – Aendern wir diesen Zustand, Herr Rath!« »Warum nicht?« entgegnete dieser. »Es war mir überhaupt nicht sehr angenehm; aber da mußte erst Hundedressur probirt werden. Doch ich versichere dich alles Ernstes, Eugen, es gibt für mich nichts Langweiligeres, als so eine dressirte Bestie.« »Undankbarer!« sagte der Andere, »und doch hat ihm diese dressirte Bestie zu einer vortrefflichen Cigarre verholfen. Komm, Sultan! laß ihn gehen, er erkennt deine Verdienste doch nicht an.« »Mir sind diese Dienste nur zu gegenwärtig!« lachte der Rath, »und ich erinnere mich ganz genau, wie Sultan mich einmal einen ganzen Vormittag nicht aus dem Zimmer ließ, bis du, sein Herr, nach Hause kamst und mich erlöstest.« »Ah!« meinte dieser, indem er von dem Steine aufstand, »es ist immer noch warm. – Gehen wir nach Hause; ich habe es satt hier außen in dem langweiligen Mondschein.« »Und doch wolltest du nicht mitgehen, als ich dasselbe schon vor zwei Stunden vorschlug.« »Ja, vor zwei Stunden, das war etwas ganz Anderes! Jetzt habe ich doch wieder vergeblich gewartet.« »Es kommen die Wasser all',« deklamirte der Rath, indem er ebenfalls von seinem Sitze aufstand, »Sie rauschen herauf, sie rauschen hernieder. Sie bringt keines wieder!« »Das ist für einen Schulmeister, der selbst Verse macht, eine meisterhafte Parodie!« sagte Eugen. »Mir thun die Ohren davon weh.« – Damit faßte er seinen Hund am Halsbande, und das Thier war so groß, daß er sich bequem darauf stützen konnte. Er schlenderte mit ihm mitten in die Straße, wohin sich der Andere schon begeben hatte. Dann promenirten sie mit einander ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zu. »Riegel auf in stiller Nacht, Riegel auf, der Liebste wacht. Riegel zu des Morgens früh.« recitirte der Herr Rath, während sie dahin gingen. »Ja, ja,« bemerkte der Andere lachend, »du hast Anlage zu einem Mephistopheles, das muß wahr sein.« »Aber du,« entgegnete der geheime Rath, »sehr wenige zu einem Faust.« »Dies meine ich nicht,« sagte Eugen: »ich fühle einige Aehnlichkeit zwischen Faust und mir.« »Aber Faust folgte seinem Freunde in allen Dingen, obgleich er ihm zum Schlechten rieth, und du folgst mir nicht einmal, obgleich ich dir zum Guten rathe.« »Pah, Unsinn!« erwiderte Eugen; »wie nur ein gescheidter Mensch so etwas sprechen kann! Folge ich dir nicht in so vielen Dingen?« »In manchen wohl, aber nicht in allen.« »Das wäre auch höchst langweilig, wenn ich dir gar keine Opposition machte.« »Eine vernünftige Opposition ist sehr ersprießlich, aber du opponirst mir nur insofern, als du zum Schlusse meiner langen Reden gewöhnlich sagst: Ich habe Recht, ich thue doch, was ich will!« »Du kannst das Schulmeistern nicht lassen« sagte Eugen. »Da, Sultan, nimm meinen Hut und meinen Stock! – Und was ist denn in letzter Zeit wieder geschehen?« fuhr er zu seinem Gefährten gewendet fort, »als die einzige, an sich unbedeutende Geschichte ... mit ihr?« »Ja, freilich mit ihr,« entgegnete der Andere. »Wozu soll das führen? Ich versichere dich, Eugen, darin mußt du noch Vernunft annehmen, das führt zu keinen guten Häusern. Du machst das Mädchen unglücklich und dich ebenfalls mit. Sie scheint mir zu gut, zu lieb und schön, um blos ein Spiel mit ihr zu treiben.« »Ei, ei!« sprach Eugen lachend, »du bist ja ein gewaltiger Lobredner geworden! Bricht endlich die Kruste um dein Schulmeisterherz, fängst du endlich einmal an, ein Weib schön zu finden, mein lustiger Rath?« »In deinem Sinne wahrhaftig nicht!« versetzte der Andere; »ich habe, Gott sei Dank! nicht die geringste Neigung zu dem weiblichen Geschlecht. Das läßt mich alles kalt, und ich betrachte es nur wie einen glänzenden Stein, wie eine schöne Blume.« »Aber es ist immer noch unerträglich warm!« sagte Eugen, um dieses Gespräch abzubrechen. »Ich muß meinen Rock ausziehen; Sultan kann ihn tragen, er wird es außerordentlich geschickt machen.« – Er that so wie er gesagt, zog seinen Rock aus und hängte ihn dem Hunde, wie eine große Schabracke, über den Rücken. Bald darauf hatten sie ihre Wohnung erreicht, die Parterrezimmer mit den Aeolsharfen zwischen den Fenstern, wie wir sie im vorigen Kapitel bereits kennen gelernt. Der Herr Rath zog die Glocke an der Thüre, ein Bedienter in einer eleganten Livree öffnete und leuchtete den beiden Herren in ein großes Zimmer, rechts von der Hausflur, in das ihnen auch der Hund nachfolgte. In dem Zimmer angekommen, warf sich Eugen in einen Fauteuil, legte die Hände unter seinen Kopf und streckte die Beine weit von sich. Der Hund ließ Hut und Stock zu den Füßen seines Herrn niederfallen, schüttelte den Rock von seinem Rücken auf den Boden und legte sich in eine Ecke auf ein dickes Stück Teppich, seine gewöhnliche Lagerstatt. Achtes Kapitel. Handelt von einem guten Freund und einem getreuen Diener. Das Zimmer, in welches wir die beiden jungen Leute eintreten sahen, war elegant, ja reich möblirt. Zwischen den Fenstern standen die bekannten Aeolsharfen mit ihrem melancholischen Geflüster; über einer derselben hing der erwähnte Blumenkranz. Lange und breite seidene Vorhänge ließen fast nicht mehr Platz, als die Kasten jener Instrumente brauchten. Das Ameublement in dem Zimmer war, wie gesagt, reich, dazu sehr manigfaltig. Da standen Fauteuils und Sessel von allen Formen, Farben und Größen, Tische und Stühle, den verschiedensten Zeiten angehörend, in der Ecke auf einem alten holzgeschnitzten Büffet Porcellanvasen neuerer Zeit mit Blumen, oder pompejanische Krüge und Bronzen. Von letzteren war überhaupt in dem Zimmer eine große Menge zu finden, und neben prachtvollen alten und seltenen Sachen, neben den interessantesten Thierfiguren sah man nackte Mädchengestalten in allen erdenklichen Stellungen und Lagen, theils schön, theils unbedeutend ausgeführt. An den Wänden hingen werthvolle Aquarelle neuerer Meister in schwarzen Ebenholzrahmen, das kleinste Blättchen derselben aufs breiteste eingefaßt, mit einer wahren Verschwendung von Papier, Glas und Holz. In dem Zimmer, in welchem wir uns eben befinden, sind zwei Thüren: die eine führt in ein kleines Vorzimmer, welches an den Hausflur stößt, die andere in ein Seitenkabinet mit Schreibtisch, einigen kleinen Fauteuils und einer Art türkischen Divans in einer alkovenartigen Nische. Auch hier Bilder an den Wänden, Vasen, Bronzen, seltene Tassen und Porcellanfiguren, auf allen Etageren, Tischen, Komoden, und wo sonst noch Platz war. Ueber dem türkischen Divan war eine Sammlung prächtiger alter Waffen aufgehängt, eine kleine Trophäe, aus nicht zu vielen Stücken bestehend, aber in ausgesuchten Exemplaren. Was von diesen Dolchen, Pistolen, Schwertern, Armbrüsten, Pulverhörnern, Streitkolben nicht durch besondere Einrichtung oder hohes Alter selten war, erschien nun kostbar und reich mit Gold, Silber und Elfenbein ausgelegt oder mit Edelsteinen verziert. An dieses kleine Schreibkabinet stieß ein Schlafzimmer nicht minder reich und elegant eingerichtet. Hier waren einige seltene alte Oelbilder, welche auf den Bewohner dieser Gemächer von dem Vater her vererbt worden waren. In dem Vorzimmer, dessen wir Anfangs erwähnten, stand ein Bett für den Bedienten, was deßhalb so eingerichtet worden war, daß er unten an der Hausthüre und gleich bei der Hand war, wenn sein Herr, was häufig vorkam, sehr spät in der Nacht heimkehrte. Der Herr dieses Bedienten und dieser Zimmer war nun aber, wie der Leser bereits wissen wird, jener junge Mensch, der sich in den Fauteuil geworfen, Eugen Stillfried, der Sohn der verwittweten Staatsräthin. Da es an sich sehr schwierig und undankbar ist, Jemanden mit der Feder und in Schriftzügen zu portraitiren, sich auch der geneigte Leser, wenn er anders unserer Geschichte einige Aufmerksamkeit widmet, aus dem vorigen Kapitel gewiß schon ein Bild von dem jungen Manne, der vor uns sitzt, entworfen hat, so fügen wir nur noch hinzu, daß seine Gestalt, obgleich ziemlich groß, etwas fein und schlank war, und sein Gesicht, mit sehr gewinnendem, angenehmem Ausdruck, zuweilen abgespannt, ja leidend aussah, namentlich wenn er, wie es in diesem Augenblicke der Fall war, ruhig dalag, und nachzudenken schien, die Augen auf den Boden geheftet, wodurch sie fast geschlossen erschienen. Daß der andere junge Mann derselbe war, dessen der Justizrath vor der Staatsräthin in seinem Sinne nicht eben schmeichelhaft erwähnte, brauchen wir ebenfalls wohl nicht erst zu bemerken. Diesel war vielleicht einen Kopf kleiner als Eugen, und was ihm an Körperlänge fehlte, hatte er in der Breite zugesetzt. Sein Kopf stak dabei so tief in den Schultern, daß es eine fade Schmeichelei gewesen wäre, wenn man von seinem Halse gesprochen hätte. Dieser Kopf, rund, sehr wohl aussehend, mit frischer Gesichtsfarbe und dicken Backen, zeigte ein starkes schwarzes Haar, das, da es obendrein sehr kurz geschnitten war, borstenartig in die Höhe stand. Seine Augen, klein, von dunkler Farbe, waren außerordentlich lebhaft, ja durchdringend und von einer merkwürdigen Beweglichkeit. Eugen behauptete, ihm, seinem Freunde nämlich, sei, wie keinem andern Sterblichen, die Möglichkeit verliehen, um eine Ecke zu sehen oder zu bemerken, was hinter ihm vorgehe. Dabei war dieser Freund der Geschäftsführer, der Wirthschaftsbesorger, der Rathgeber in allen Dingen des anderen jungen Herrn. Man hätte ihn auch seinen Schutzgeist nennen können – doch hat ein Schutzgeist gewöhnlich die Macht, seinen Schützling von tollen Streichen abzuhalten, was Jenem bei den eifrigsten Bemühungen nicht immer gelungen war. So viel es dagegen in seinen Kräften stand, bemühte er sich, den jungen Menschen, welchen ihm damals die Mutter, als er noch ein Knabe war, anvertraut, auch jetzt noch aufs genaueste zu beaufsichtigen, und suchte ihn so viel als möglich von einem Wege abzubringen, auf welchem er im Begriffe war, sich in jeder Hinsicht zu ruiniren. Eugen hatte zu seinem Mentor ein unbegrenztes Vertrauen, und das mit vollem Recht. Er nannte ihn seinen lustigen Rath und folgte bei ruhiger Ueberlegung auch fast beständig dessen gutgemeinten Nachschlagen. Der eigentliche Name des Herrn Raths war aber Sidel, und er seines Zeichens Pädagog und Knabenerzieher. Kein Mensch konnte es eigentlich begreifen, wie die Beiden zusammen so lange aushielten, vielmehr, weßhalb der Schulmeister seinem Zöglinge nicht schon längst davon gelaufen war. Sein Charakter schien so gar keinen Geschmack an diesem oftmals so wilden Leben zu finden, und das drückte sich auch in seinen Worten und Mienen unverholen aus, war aber dagegen eine Quelle unendlicher Lachlust für Eugen, für den es kein größeres Vergnügen gab, als wenn sein lustiger Rath mit dem verdrießlichsten Gesichte, mit der mürrischsten Miene von der Welt zu einem tollen Streich mithalf. Der Dritte in dieser Junggesellenwirthschaft nun, der Bediente nämlich, war, wie jeder Bediente eines ledigen Herrn, ein sehr wichtiges Mitglied dieses Haushaltes. Er hieß Joseph, und wenn man ihn sah, die ganze schlottrige Figur, auf der die sauber gemachte Livree wie an einem Kleiderständer hing, mit einem Gesichte voll unergründlicher Dummheit, so glaubte man den harmlosesten und unschuldigsten Menschen vor sich zu haben. Er schien kaum so viel moralische Kraft zu besitzen, um seine Augen so weit zu öffnen, daß er die Stiefel desjenigen betrachten konnte, mit dem er gerade sprach. Höher hinauf als bis zum untersten Westenknopf kam er bei diesen Betrachtungen niemals, und man hätte darauf schwören können, er habe noch nie Jemand in das Gesicht geblickt. Dazu waren seine Augenbrauen auf eine lächerliche Art hoch emporgezogen, die Mundwinkel dagegen sanken tief herab, und wenn man dieses Gesicht weiß geschminkt hätte, und das an sich schon sehr große Maul noch durch einige rothe Farbe etwas vergrößert, so hätte man die wirksamste und komischste Pierrotmaske gehabt, die je auf dem Theater erschienen. Zuweilen führten diese Drei in ihrem Hauswesen auch unbewußt solche lächerliche und merkwürdige Scenen auf, die unwillkürlich an eine vollkommen einstudirte Harlekinade erinnerten. Da war denn Joseph der trefflichste Pierrot und half seinem jungen Herrn mit der größten Freude, den lustigen Rath Pantalon zu überlisten, benahm sich aber dabei so tölpelhaft und ungeschickt, daß er Alles wieder verdarb und zuletzt, wie in der Komödie, immer derjenige war, der den Schaden davon hatte oder die Prügel bekam. Monsieur Joseph-Pierrot hatte also den beiden Herren die Thüre geöffnet und zeigte dabei ein entsetzlich verschlafenes Gesicht. Er taumelte ordentlich mit dem Lichte hin und her, und als sich nun sein Herr in den Fauteuil geworfen, der Hund dagegen auf dem Boden die Garderobe versorgt wie gewöhnlich, und sich der lustige Rath an den Tisch gesetzt, um die Zeitung zu lesen, begab sich Joseph wieder in sein Vorzimmer, setzte sich dort in einen alten mit Leder überzogenen Lehnsessel und begann nach wenigen Augenblicken gelinde zu schnarchen. Einige Minuten hörte man so in den Zimmern nichts, als das melancholische Geflüster der Aeolsharfen, das Picken der verschiedenen Uhren, das Rauschen des Papiers, wenn der Rath seine Zeitung umwandte, und das tiefe Athemholen des großen Hundes. »Haben wir denn gar nichts zu trinken im Hause?« fragte endlich Eugen, »ich habe einen unendlichen Durst. – Geht dir's nicht auch so, Herr Rath? Die Hitze von heute hat mich ganz ausgetrocknet.« »Ich habe dem Joseph anbefohlen, er solle etwas Gefrorenes parat halten; der Schlingel hat's wahrscheinlich wieder vergessen.« »Das wollen wir gleich einmal untersuchen. Er schläft schon wieder und schnarcht, daß man es zwei Häuser weit hören kann. – He, Joseph!« »Vielleicht thut er auch nur so,« sagte ruhig der Rath, ohne von seiner Zeitung aufzublicken; »es wäre, glaube ich, nicht das erste Mal.« »Ach, was du immer für Gedanken hast! Dieser dumme, faule Kerl – zwei Eigenschaften, die mir ihn unendlich werth machen,« entgegnete Eugen lachend. Dann setzte er leise hinzu: »Aber wart' nur einen Augenblick, Sultan soll ihn aufwecken und herbringen.« Der große Neufundländer, der seinen Namen gehört, wedelte mit dem Schweife, und seine Augen blitzten unter den dichten Haaren seines Kopfes hervor. Das Geschnarche im Nebenzimmer hatte sich indessen auffallend vermindert. »Hussa, Sultan,« rief jetzt Eugen mit lauter Stimme, »Hussa, hol' den Joseph!« Monsieur Pierrot schien vorher erwacht zu sein und keine große Lust zu haben, auf den Hund zu warten, der jetzt mit einem ungeheuren Satz ins Nebenzimmer sprang. Er beendigte seinen Schnarcher mit einer kunstgerechten Fermate und stolperte in das Wohnzimmer. Der Herr Rath blickte lächelnd in die Höhe und fragte: »Nicht wahr, mein lieber Joseph, ich habe dir befohlen, du sollest ein paar Portionen Gefrorenes aus dem Kaffeehause holen und parat halten? Gib es her, mein Freund; dein Herr ist durstig, wir brauchen etwas Kühlendes.« Joseph beantwortete diese Anrede mit einem wo möglich noch dümmeren Gesicht, als er gewöhnlich machte. Dazu kratzte er sich hinter dem Ohre und sagte nach einer Pause mit einem blödsinnigen Lächeln: »Ah ja, das Gefrorene!« »Nun, so bring es her, Schnecke!« rief Eugen. »Ja, das Gefrorene,« wiederholte der Diener und suchte verlegen auszusehen, »das Gefrorene habe ich allerdings geholt aus dem Kaffeehause, aber es ist ...« »Wahrscheinlich ausgelaufen; wie gestern die versiegelte Rheinweinflasche, nicht wahr, Joseph?« fragte der lustige Rath. »Ausgelaufen nicht,« erwiderte der Bediente, »aber es ist von der großen Hitze geschmolzen.« »Nein aufgeschmolzen?« sagte lachend der Rath. »Ja wohl, Herr Sidel,« antwortete Joseph, »rein aufgeschmolzen.« »Und dann,« examinirte der Andere weiter, hast du es ausgesoffen, nicht wahr, mein Freund?« »Es kann so sein!« antwortete Monsieur Pierrot und sah seinen Herrn an, ob er wohl lachen würde. Dieser aber entgegnete ärgerlich! »Du bist ein rechtes Kameel, Joseph! Du hättest das Eis wohl in den Keller stellen können, da wäre es gewiß nicht zerflossen,« »Ja, das ist wahr,« sagte Joseph mit einer Miene der Ueberraschung, als gehe ihm jetzt erst über diesen Gegenstand das klarste Licht auf. »So hole mir eine Flasche Champagner aus dem Keller!« befahl Eugen, und der lustige Rath setzte hinzu: Eine halbe, bester Joseph, der Herr trinkt doch nur ein Glas.« Eugen nickte mit dem Kopfe, und der Bediente ging hinaus. »Meinst du nicht,« sprach nach einer Pause Eugen zu seinem Freunde, »daß das Eis wirklich geschmolzen ist? Du lachst wieder so spöttisch und machst mir ein so zweifelhaftes Gesicht. Bei der Hitze ist das leicht möglich.« »Ja, das ist alles möglich,« entgegnete der Rath; »aber ebenso möglich ist es auch, daß Monsieur Pierrot meinen Auftrag vergessen und gar kein Gefrorenes geholt hat.« – »O, dann hätte er seine Tölpelei gewiß eingestanden.« »Aber kein Geld aufschreiben können für das Eis, das er gewiß und wahrhaftig nicht geholt hat,« sagte der Rath mit ernster Stimme. »O, du denkst von diesem Esel viel zu schlecht,« antwortete Eugen. »Und du viel zu gut,« sagte der Andere; »wir wollen schon sehen, wer Recht behält.« In diesem Augenblicke erschien Joseph mit einer kleinen Flasche Champagner und zwei Gläsern. Er nahm den Kork herunter, schenkte ein und präsentirte ein Glas seinem Herrn, das andere dem lustigen Rath; dann zog er sich wieder in sein Vorzimmer zurück. Eugen trank seinen Kelch aus und setzte ihn neben sich auf den Boden. Nach einer längeren Pause sagte er: »Das muß ich dir schon gestehen, ich fange wieder an, mich hier unbeschreiblich zu langweilen, und wenn die Geschichte nicht wäre mit ihr, ich hätte die Stadt schon lange wieder einmal verlassen.« Joseph im Nebenzimmer begann wieder ganz leise zu schnarchen. »Kommt es dir nicht auch entsetzlich langweilig vor,« fuhr Eugen fort, »dieses Leben, das»wir hier führen? Jeden Tag das Gleiche, keine rechte Unterhaltung, kein Amüsement; ja, wenn das Mädchen nicht wäre, ich hätte schon lange wieder einmal eine Fußreise unternommen.« »Das könnte uns allerdings zerstreuen,« entgegnete der Rath. »Man sollte sich eigentlich an gar nichts binden,« sagte Eugen; »Fesseln und Bande, auch wenn sie noch so angenehm sind, bleiben immer drückend.« »So ändere diese Geschichte,« antwortete der Andere, »es wäre auf jeden Fall viel vernünftiger. Wie ich dir schon oft gesagt: was kann überhaupt dabei herauskommen? Du bildest dir nur ein, du liebest dieses Mädchen, du denkst an sie den ganzen Tag über, du bist zu nichts Anderem aufgelegt, treibst dich stundenlang in den schmutzigen Straßen der Stadt umher, um dafür alle zwei bis drei Tage, freilich unentgeldlich, einen Blumenstrauß zu erhalten.« »Ich bilde mir nicht blos ein, sie zu lieben,« entgegnete Eugen, »ich liebe sie auch wirklich, ich könnte ihr jedes Opfer bringen, um – sie glücklich zu machen.« »Weißt du aber auch,« sagte der Rath, »ob du die richtigen Begriffe über dieses Glücklichmachen hast? – Ich glaube es nicht. Du fängst da mit diesem Mädchen eine Liebesgeschichte an, du sagst ihr, wo und wie du immer kannst, schöne Worte, du hast sie auch einmal nach Hause begleitet und geküßt; aber wenn du meinst, daß du dadurch das Mädchen glücklich machst, so kann ich dich versichern, daß du sehr verkehrte Ansichten hast.« »Du gibst allerdings Einzelheiten,« versetzte Eugen, »die an sich unbedeutend sind; aber die Hauptsache verschweigst du, daß ich sie nämlich liebe, daß ich sie außerordentlich und innig liebe.« »Außerordentlich? – Ja, das glaube ich!« lachte der Rath; »ihr wirds aber wahrhaftig angenehmer sein, wenn du sie ordentlich lieben wolltest, d. h. mit ordentlicher und solider Absicht.« »Und diese wäre?« fragte Eugen. »Die Absicht, sie zu heirathen!« sagte ruhig der Rath. »Wenn du das allerdings im Sinne führst, ah! dann ist gegen eine solche rechtschaffene Absicht gar nichts zu sagen.« »Daran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht,« entgegnete Eugen mit leiserer Stimme, »das ist mir noch nie eingefallen. Das ist ja auch ganz unmöglich.« »So! das siehst du also ein und treibst doch diese Geschichte fort? Nun, ich wünsche dir viel Glück zu einer solchen Unterhaltung. Das wird aber sicher noch einmal auf eine unangenehme Art enden.« Joseph im Nebenzimmer schnarchte bald sehr leise, bald einige Takte mit äußerster Heftigkeit. Letzteres aber geschah merkwürdiger Weise nur dann, wenn im Gespräch, das wir eben mitgetheilt, eine kleine Pause entstand. »Und schon lange habe ich mir vorgenommen, einmal mit Katharine ernster zu sprechen, aber ich komme nie dazu. Du selbst hast mich ja immer gewarnt, jenes Haus da unten am Marktplatze zu betreten. Nun ja, ich will ja gewiß gern ehrlich gegen das Mädchen sein, ihr sagen, was ich im Stande bin, ihr zu bieten. Aber dazu muß ich doch eine Unterredung mit ihr haben, und du hast dich ja beständig geweigert, in dieser Richtung irgend einen Schritt mit mir zu thun.« »Das habe ich auch,« sagte der Andere, und werde auch niemals die Hand zu etwas bieten, was unter allen Umständen ein Unglück wäre.« »Aber bei einer Unterredung könntest du doch gegenwärtig sein, nur bei einer einzigen; du könntest da deinen Senf auch dazu geben,« meinte Eugen. »Ich werde mich hüten! Ich soll dir, wie so oft, den Elephantenführer machen und nachher kann ich meiner Wege gehen. Nein, nein, ich kenne das; ich habe mir wohl zuweilen nichts daraus gemacht, aber in dem Falle danke ich. Ich muß gestehen, wenn du dieser Liebesgeschichte wirklich ernstlich nachgehen willst, so heißt das all deinen früheren Streichen die Krone aufsetzen. Ich kenne mein Terrain: du wirst dich in die unangenehmsten Dinge verwickeln und dann werde ich das Vergnügen haben, dich herauszuziehen. Erlaube mir nur eine einzige Frage; willst du sie mir wahr und aufrichtig beantworten?« »Und warum nicht?« entgegnete Eugen. »So sage mir: liebst du das Mädchen wirklich, oder ist es wieder so eine Spielerei, deren ich so manche erlebt?« »Ich glaube, daß ich sie wahr und aufrichtig liebe,« sagte der junge Mann; »ach es ist so ein herrliches, gutes, blühendes Geschöpf!« »Ein blühendes Geschöpf!« wiederholte der Rath, ironisch lächelnd. »So ists, Mephisto!« lachte Eugen, worauf der Andere erwiderte: »O nein, ich bin kein Mephisto, ich habe gewiß nicht meine Freude daran. – Aber jetzt zu Bette! Dein guter Joseph da drinnen im Nebenzimmer scheint zu erwachen, natürlich weil unser Gespräch zu Ende ist. Es ist jetzt spät genug; möge uns der morgende Tag andere Gedanken, bessere Plane und Kraft zu deren Ausführung geben.« »Amen!« sagte Eugen; »schlaf wohl, mein Prediger in der Wüste.« Der lustige Rath zog sich in seine Zimmer zurück, die sich auf der anderen Seite des Hausganges befanden. Joseph schloß die Läden und Fenster in der ganzen Wohnung, Eugen ging ebenfalls in sein Schlafzimmer: er hatte die Gewohnheit, sich selbst zu entkleiden, und entließ deßhalb den getreuen Pierrot, sobald ihm dieser die Lichter auf seinem Nachttische angezündet. Bevor aber Eugen diese auslöschte und sich zur Ruhe begab, schloß er ein geheimes Fach seines Pultes auf und nahm daraus ein kleines Kästchen mit einem außerordentlich soliden und festgearbeiteten Schlosse. Dieses öffnete er ebenfalls, aber nur um einen Blick hineinzuwerfen, und als er gesehen hatte, daß sich in diesem kleinen Kästchen ein Paket Papiere befand, mit rothen Bändern zusammen geknüpft und schwarz gesiegelt, verschloß er Kästchen und Schreibtisch wieder und ging zu Bette. Der Herr Rath drüben in seinen Zimmern hatte es bereits ebenso gemacht, und das einzige Licht, welches noch in der Parterrewohnung brannte, leuchtete dem getreuen Pierrot, der an seinem Tische im Vorzimmer saß, ein Schreibbuch vor sich, in das er emsig allerlei Zeichen und Bemerkungen machte. Eugen hatte in dieser Nacht einen unruhigen Schlaf: er träumte von Blumen, die in duftigen Gärten in unendlicher Schönheit plötzlich vor ihm aufschössen, und wenn er sich alsdann niederbückte, um eine derselben abzupflücken, so sanken diese Blumen tief vor ihm in den Boden hinab, und sein Fuß hielt sich mit Mühe am Rande eines giftigen Sumpfes fest, der ihn gewaltsam an sich zu ziehen schien. Nach solchem Traume erwachte er mit einem tiefen Athemzuge, und erst gegen Morgen schlief er fest und ruhig.– – Zum großen und beständigen Aerger des treuen Pierrot war der Herr Rath, er mochte so spät, als er nur immer wollte, zu Bette gegangen sein, mit Tagesanbruch munter, und dann war auch Joseph gezwungen, die kostbare Nachtruhe abzubrechen. Eugen erhob sich einige Stunden später, und die beiden Freunde sahen sich Morgens selten bis zur Mittagsstunde, wo sie gemeinschaftlich zu ihrem Diner gingen. Der Herr Rath besorgte die sämmtliche Verrechnung des Junggesellen-Haushaltes und hierbei natürlicher Weise auch die Ausgaben des Bedienten, was dem treuen Pierrot manche unangenehme Morgenstunde verursachte. Gewöhnlich machte er auch hierauf den Versuch, Jenen bei seinem Herrn zu verklagen und obgleich dies nie die geringste Wirkung that, so unterließ er es doch nicht, wenn er seinem Herrn den Kaffee servirte, einige Seufzer über schlechte Behandlung, die ihm durch den Herrn Rath zu Theil geworden, auszustoßen. Auch heute Morgen erschien er mit einer wahren Jammermiene und brachte den Frühstücktisch seines Herrn in Ordnung. Er zündete seufzend die Spirituslampe unter der Kaffeemaschine an, stellte ein Wachslicht daneben, sowie eine geöffnete Zigarrendose, dann ging er ins Schlafzimmer und meldete, daß der Kaffee, bereit sei; dies sagte er aber mit so kläglichem Tone der Stimme, als verkündige er das größte Unglück, machte indeß hierdurch im gegenwärtigen Augenblicke gar nicht den gewünschten Eindruck. Eugen war mit anderen Dingen beschäftigt und schien, während er in seinen Schlafrock schlüpfte, über etwas tief nachzudenken. Draußen im Salon warf er sich in einen Fauteuil. Joseph drehte einen Hahn an der Maschine auf, und Eugen trank seinen Kaffee, ohne überhaupt bemerken zu wollen, daß noch Jemand anders außer ihm im Zimmer sei. Erst als er nach der Cigarre griff und der treue Pierrot ihm den brennenden Fidibus in die Hand gab, blickte er in die Höhe und konnte sich nicht enthalten, laut aufzulachen über das merkwürdig klägliche Gesicht, das ihm Joseph zeigte. »Es ist schon gut,« sagte er, als Joseph sich anschickte, diesen Blick mit einem tiefen Seufzer zu beantworten. »Laß nur dein Seufzen bleiben, ich bin das des Morgens von dir schon gewohnt! Hat man dir einmal wieder den Leviten gelesen? Freut mich recht sehr – danke du deinem Schöpfer, daß ich wenig und des Morgens gar nicht dazu aufgelegt bin, mich überhaupt um dich zu bekümmern. Das kann ich dich versichern, theurer Joseph, wenn ich der Herr Rath wäre, ich hätte dich vielleicht schon lange zum Teufel gejagt.« »Oh, oh!« lachte jetzt Pierrot mit erstaunlich freundlichem Gesicht; denn er hatte jetzt erreicht, was er wollte: seinen jungen Herrn nämlich vermocht, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. »Oh!« lachte er abermals; »der Herr Sidel hat ja eigentlich doch nicht zu befehlen, sondern der Herr Eugen selbst.« »Alles hat er zu befehlen,« antwortete dieser, »das ganze Hauswesen, und er kann mit euch machen, was er will, mit sämmtlichem Möbelwerk und der ganzen Einrichtung, mit Sultan und mit dir.« – Damit nahm er einen Schluck Kaffee und that einige Züge aus seiner Cigarre. Joseph zog seine Achseln hoch empor, drückte dabei den Kopf tief nieder und schien auf solche Art pantomimisch ausdrücken zu wollen: »Ich lasse ja Alles geduldig über mich ergehen!« Nach einer längeren Pause, während welcher Eugen mit seinem großen Hunde gespielt und ihm ein Milchbrod gereicht, blickte er wieder in die Höhe und sah seinen Diener abermals lachend an. »Du hast gewiß,« sagte er hierauf, »heute einen Extrawischer bekommen. Nun, was hat's denn eigentlich gegeben? – So sage es frisch heraus, denn wenn du es noch lange bei dir behalten mußt, so wirst du unfehlbar daran ersticken, was an sich eben kein großer Verlust wäre. – Nun, was soll's eigentlich?« »O, es betrifft gar nicht mich; der Herr Rath hat mich nur über Schritte und Gänge examinirt, die ich auf Ihren besonderen Befehl mache.« »Daran hat er recht gethan, und er hat dich blos beaufsichtigen wollen; denn er weiß ohnehin alles, was du für mich zu besorgen hast.« Pierrot schüttelte mit einem Lächeln, das pfiffig sein sollte, seinen dicken Kopf. »Nicht?« fragte Eugen aufmerksam; »was willst du mit deinem dummen Kopfschütteln sagen?« »Er hat mich darüber ausgefragt, ob ich einen besonderen Befehl von Ihnen dazu hätte, an den Markttagen auf den Markt zu gehen, um ...« »Ja so, das hat er dich gefragt? Das hätte ich beinahe vergessen. – Und was hast du ihm geantwortet? »O, ich habe ihm geantwortet,« entgegnete Joseph, »daß ich nur deßwegen auf den Markt gehe, um mich nach den Preisen von Butter und Eiern wegen der Haushaltung zu erkundigen.« »Und das hat er dir natürlicher Weise nicht geglaubt!« sagte Eugen laut lachend, worauf der Diener mit einem ungemein pfiffigen Blinzeln seines rechten Auges erwiderte: »O ja, er hats doch geglaubt.« Eugen legte sich in seinen Fauteuil zurück, drückte seine beiden Füße in das zottige Fell des Neufundländers und blickte eine Weile nachdenkend vor sich hin. Joseph ließ aus der Maschine eine zweite Tasse Kaffee laufen; jede Spur des Mißmuthes schien aus seinem Gesichte verschwunden, und dafür hatte sich eine gewisse Traurigkeit auf seine Züge gelagert, welche dieselben außerordentlich komisch machte. Er wollte augenscheinlich die treue, gekränkte Seele spielen, die tiefbetrübte, der es nicht gelingen kann, das volle Vertrauen des Herrn zu gewinnen. Dieser achtete aber nicht darauf, schien auch das Gespräch von vorhin nicht wieder anknüpfen zu wollen, und so sah sich denn Joseph genöthigt, nach einer Pause selbst fortzufahren, was er mit sehr schüchterner und leiser Stimme that. »Ich habe,« sagte er, »da unten genaue Verbindungen angeknüpft, die es mir möglich machen, alle Befehle Eurer Gnaden, wenn Sie welche für mich haben sollten, aufs beste zu vollführen. In der Nähe des Marktes, in einer engen Gasse hinter dem Hause der Frau Schoppelmann, wohnt eine Bekannte von mir, eine alte, brave Wittwe, deren Mann gestorben ist und die dort in der engen Gasse eine kleine Weinwirthschaft eröffnet hat.« »So, so!« sagte Eugen ohne aufzublicken, und Joseph, sehr ermuthigt, daß ihm nicht befohlen worden, sein Maul zu halten, fuhr mit etwas sicherer Stimme fort: »Ich komme nicht nur in die Wirthsstube dieser braven Wittwe, sondern ich bin einer von ihren genauen Bekannten und besuche sie deßhalb auch zuweilen in ihrer Wohnung im ersten Stock. Dieser gerade gegenüber sind die Zimmer der Frau Schoppelmann oder vielmehr nur ein Zimmer ihrer Wohnung, das der schönen Katharine. – – Katharine kennt ebenfalls diese Wittwe, und wenn Beide gerade wollen, so können sie aus ihren Fenstern zusammen sprechen; ja, eines ist so nahe bei dem andern, daß man sich die Hand reichen könnte.« »Und du hast Alles drüben dem Herrn Rath auch erzählt?« fragte Eugen nach einer Pause. »Nicht eine Sylbe!« sagte der getreue Pierrot mit einem außerordentlich ernsten Gesichtsausdruck. – »Aber neulich, wie ich zufällig aus der Wirthsstube jener Wittwe auf die Straße komme und ohne Absicht in die Höhe blicke, bemerke ich Jungfer Katharine, welche aus ihrem Fenster auf mich herab sieht.« »Und sie bemerkte dich?« fragte Eugen. »Allerdings,« fuhr Joseph fort; »sie schien mich sogar wieder zu erkennen und blickte mich einen Augenblick wie fragend an. Natürlich ging ich ruhig meines Weges, denn ich hatte ja keine Aufträge.« Hier seufzte der getreue Pierrot abermals. »Und wenn du Aufträge gehabt hättest,« sagte Eugen, mehr und mehr aufmerksam geworden durch den Bericht seines Dieners, »so hättest du ihr unbemerkt etwas sagen können?« »Ganz unbemerkt!« antwortete Joseph sehr erfreut, »so unbemerkt, daß es keine Menschenseele geahnet hätte. Das Fenster ist von der Gasse aus, die viel höher liegt als der Hof des Hauses, wo Frau Schoppelmann wohnt, fast mit der Hand zu erreichen. Man könnte ganz bequem da hinab springen, und durch diese Gasse geht fast nie Jemand, nicht einmal am hellen Mittage. Des Nachts ist sie ganz still und leer.« »So, des Nachts ist sie ganz still und leer?« wiederholte Eugen nachdenkend, und sprach alsdann nach einer längeren Pause, während welcher er den Kopf in die Hand stützte und seinen Diener fest ansah: »Es ist gut, das bleibt unter uns.« »Gewiß, gewiß!« entgegnete Joseph, und auf seinem Gesichte zuckte es freudig auf, so freudig, daß die harten, dummen Züge sogar angenehm erschienen. Eugen winkte ihm mit der Hand hinweg und sagte alsdann zu sich selber: »Ich bin überzeugt, Joseph ist ein dummer, aber sehr guter und ehrlicher Kerl. Er soll mir bei dieser Geschichte helfen.« Neuntes Kapitel. Enthält ein düsteres Stück Familienleben. Die jetzt verwittwete Staatsräthin Stillfried war in früherer Zeit eine der schönsten und stattlichsten Frauen gewesen. In den höheren Kreisen der Beamtenwelt und des Bürgerstandes hatte sie von jeher den Ton angegeben – nach ihr richtete sich Alles, sie arrangirte Festlichkeiten und Bälle sowohl in den Gesellschaftslokalen als auch in ihrem eigenen Hause. Und hierzu war sie vollkommen berechtigt, sowohl durch ihre Schönheit, ihren Geist, als durch ihr großes Vermögen, mit dessen Einkünften der alte Staatsrath sie schalten und walten ließ, wie es ihr beliebte. Wir sagen: der alte Staatsrath; denn der Herr von Stillfried war schon damals, als seine Frau noch in der Welt glänzte, ein ältlicher, zurückgezogener Mann, der es vorzog, sich zu Hause mit seinen Akten und Büchern zu beschäftigen, statt mit seiner Frau auf der Promenade oder in Gesellschaften zu erscheinen, und dem die einsame Lampe in seinem Studirzimmer lieber war als das Flimmern von Tausenden von Kerzen im Ballsaale. Er hatte von seiner Frau einen einzigen Sohn, dessen Erziehung und Bildung er sich auf's Emsigste widmete. Dem jungen Eugen wurden die trefflichsten Lehrer gehalten, die dafür zu sorgen hatten, daß er das, was ihm die Professoren in den verschiedenen Klassen des Gymnasiums, welches er besuchte, beigebracht, nicht vergesse, vielmehr daß dasselbe, geistig auf's beste verdaut, sich bei ihm zur Blüthe und Frucht ansetze. Die Staatsräthin dagegen bekümmerte sich nur insofern um diesen Sohn, als sie mit ihm, einem schönen Kinde, bei allen Passenden und unpassenden Gelegenheiten den Staat einer Mutter zu machen pflegte. Im Uebrigen überließ sie seine Erziehung, wie das auch recht und billig war, den Händen des Gemahls, der ihr dagegen die Freuden der Welt überließ und sich um ihr Thun und Treiben wenig bekümmerte. Doch hatte dieses an sich traurige Verhältniß im Stillfriedschen Hause nicht gerade von jeher so bestanden; vielmehr hatte der Staatsrath die ersten Jahre mit seiner jungen Frau äußerst glücklich verlebt. Er schien sie auf's Zärtlichste zu lieben, und da er nebenbei in jener Zeit die gesellschaftlichen Vergnügungen ebenso sehr aufsuchte, wie seine junge schöne Frau, so paßten sie herrlich zu einander. Sie war sehr schön, hatte auch viel Verstand, ja war geistvoll; doch besaß sie neben diesen Vorzügen ein kaltes, ruhiges Herz, das schon nach den ersten Jahren ihren Mann, der für alles Schöne und Gute sich wahrhaft interessirte, mehr und mehr abstieß. Wie hatte er gehofft, mit seiner jungen und schönen Frau ein angenehmes Leben zu führen, in den stillen Freuden des Hauses sich gegenseitig liebend und verehrend, sich beide der Aufsicht und Erziehung ihrer zu hoffenden Kinder widmend! Darin hatte er sich aber sehr getäuscht. Sie wollte ihr Leben genießen in allen rauschenden Vergnügungen – sie war als das einzige Kind reicher Eltern so von Kindheit an gewohnt – und langweilte sich zu Hause und in der Unterhaltung ihres Gemahls, dessen Ideen sie nicht zu folgen die Lust hatte, dessen Neigungen und Wünsche sie entweder erreichen noch begreifen, dieselben aber noch viel weniger theilen wollte und – konnte. Herr von Stillfried sah mit tiefem Schmerze, wie sich dieses traurige Verhältniß so allmälig gestaltete; doch liebte er seine Frau immer noch um ihrer Person willen, mehr aber wohl als die Mutter seines eben erst geborenen Sohnes. Er versuchte es umsonst, sie auf einen anderen Weg zu führen – sie konnte ihr inneres Wesen nicht ändern. Wäre es ein einfacher Fehler, eine Gewohnheit gewesen, sie hätte dieselbe ihrem Manne und dem Kinde zu lieb gewiß abgelegt. Doch die Leere ihres Herzens, welche diese Beiden nicht auszufüllen vermochten, konnte nur Befriedigung finden im wilden Treiben der Welt, in rauschenden, immerwährenden Vergnügungen. Sie war nicht im Stande, sich zu ändern, obgleich sie wohl fühlte, daß die häuslichen Freuden, deren Genuß sie sich in früherer Zeit so schön ausgemalt, nicht mit ihrem jetzigen Leben vereinbar seien. Daß diese Freuden dabei nicht aufblühen konnten, und wenn sich je eine zarte Knospe angesetzt, diese verwelken und ersterben mußte im Staube des Ballsaales bei dem leeren, hohlen und nichtssagenden Geschwätz ihrer Welt, war ja so natürlich. Oft, wenn sie spät in der Nacht nach Hause kam und sie die Uhr in dem Schlafgemache ihres Gatten die späte Nachtstunde ansagen hörte, dann durchschauerte es sie unheimlich, und sie kam sich vor wie eine Fremde, wie eine Weihe- und Ruhelose, die sich eingeschlichen in einen ihr gänzlich fremden Familienkreis. Selbst ihr Kind, ihr schönes, blühendes Kind mit jenem gesunden Schlafe der Kindheit, mit Rosen auf den Wangen und Lippen, während ein tiefer, süßer, unnennbarer Friede um die geschlossenen Augenlider spielte, selbst dieses Bild der Unschuld war nicht im Stande, in ihr Herz die süße Ruhe zu gießen, die wir so gern fühlen beim Anblick jener schlafenden Engelsgestalten. Wohl faßte sie hie und da in solchen Augenblicken den festen Vorsatz, künftig ihr Leben zu ändern, dasselbe von jetzt an ihrem Gatten, ihrem Kinde zu weihen – aber es war zu spät! Der Staatsrath, der bei seiner Verheirathung den süßen Glauben gehabt, es werde sich erfüllen, was er so angenehm geträumt: sie, die junge, reizende Frau, stolz auf ihn als Menschen und Geschäftsmann, stolz auf seinen Namen, der einen guten Klang hatte, werde ihn, den älteren Mann, mit inniger Liebe umschlingen, ihre frische Jugend werde auch die seinige wiederkehren heißen, oder, wenn dies unmöglich, doch mit ihm einen Herbst bilden voll der besten und süßesten Früchte, – er sah sich bald getäuscht, und nachdem er es ein paar Jahre lang versucht, im Guten und Bösen der Vergnügungslust seiner Frau Einhalt zu thun, erkaltete seine Liebe zu ihr plötzlich, er wandte sich mehr und mehr seinen Studien und Büchern zu, und das Plätzchen in seinem Herzen, welches der Aktenstaub noch nicht eingenommen – es wurde freilich immer kleiner und kleiner – blieb seinem einzigen Sohne Eugen geöffnet. Das häusliche Leben der Familie Stillfried gestaltete sich hiedurch im Aeußeren ruhiger, selbst zufriedener. Heftige Scenen, wie früher so oft, kamen nicht mehr vor; ja der Staatsrath, der in den nächsten Jahren unter seinen Büchern und Akten, wohl auch unter der Last seines Kummers, sehr gealtert hatte, konnte sich hie und da beim Frühstück von seiner Frau die Scenen des vergangenen Abends, den sie auswärts zugebracht, und die komischen Figuren ihrer Gesellschaft darstellen und selbstredend einführen lassen, zu welchem Spiele sie ein großes Talent hatte und worüber er zuweilen, namentlich wenn es seine Collegen waren, die er so in getreuen Copien vor sich hörte, herzlich lachen konnte. Da kam der Doktor Werner ins Haus. Er hatte den Ruf eines ausgezeichneten Advokaten und sich in kurzer Zeit hiedurch in der Residenz eine große Praxis erworben. Der Staatsrath brauchte seine Gesetzeskenntniß, seinen gediegenen Rath bei vielen verwickelten Geschäften; er gewann ihn lieb und zog ihn nach und nach fest an sich und sein Haus; doch sah er nur den Geschäftsmann in ihm. Doktor Werner war, wie die Damen fast einstimmig sagten, kein Mann, der im Stande sei, ihnen zu gefallen. Dieser kalte, ätzende Verstand, das ironische Lächeln, welches beständig auf seinen Lippen schwebte, hatte etwas so Abstoßendes, und sein Mangel an Liebenswürdigkeit – er gab sich nämlich nie dazu her, ein Gespräch zu führen, blos um die Zeit zu tödten, oder Ansichten zu billigen, die den seinigen entgegen standen, auch wenn der schönste Mund dieselben aussprach – war den Damen so verhaßt, daß sie den Doktor Werner für den unausstehlichsten, unangenehmsten aller Männer erklärten und seine Unterhaltung und Gesellschaft zu fliehen schienen. Eine Ausnahme hiervon hatte die Staatsräthin von jeher gemacht: sie fühlte geistige Kraft genug in sich, um die Anreden des Doktors, die fast immer zugleich Angriffe auf diese oder jene gesellschaftliche Einrichtung waren, festen Fußes zu erwarten und oftmals siegreich abzuschlagen. Wenigstens behauptete sie mit ihm zugleich beständig das Schlachtfeld und wich vor seinen Meinungen und Ansichten nicht einen Zoll breit. Diese Frau in ihrer frischen Jugendkraft, geistig und körperlich von der Natur mit so großen Vorzügen ausgestattet, imponirte dem harten und strengen Advokaten. Ja, als sie eines Tages zufällig zu einer Berathung kam, die der Doktor mit dem Staatsrath hatte, und sie nach längerem Zuhorchen endlich auch ihre Ansicht in dieser Sache mit wenigen, aber kräftigen Worten aussprach, da fühlte sich der Doktor Werner von einer wahren Bewunderung für diese Frau hingerissen und küßte ihr das erste Mal, sich für überwunden erklärend, die Hand. Von da an lag er zu ihren Füßen, und das merkte bald die Welt und am Ende auch der Staatsrath, dem, als er diese Entdeckung machte, und als er zu der Gewißheit kam, daß auch sie den Doktor Werner nicht ungern sehe, alle Wunden seines Herzens, die längst vernarbt schienen, noch einmal aufbrachen und ihm entsetzliche Qualen verursachten. Doch nur für ganz kurze Zeit. Der Staatsrath war unendlich ruhig und ernst geworden, sein Haar hatte sich weiß gefärbt, er zuckte nach längerem Nachgrübeln traurig die Achseln, seine Augen füllten sich mit Thränen, als er innig seinen Sohn Eugen auf die Stirn küßte, der zwischen seinen Knieen stand, und als er leise vor sich hinflüsterte: »Ein verlorenes Leben – möge es dir besser ergehen, mein Kind!« Die Staatsräthin dagegen sah stolz und triumphirend um sich, als sie nun endlich zu der Ueberzeugung gekommen war, daß sie jenen Mann, den Schrecken aller Schwätzerinnen der Gesellschaft, ihn, den alle ihre Mitschwestern fürchteten und doch bewunderten, an ihren Wagen geschmiedet sah, als er endlich willenlos zu ihren Füßen lag, ein überwundener Feind, jetzt ein Sklave, der sich glücklich fühlte, wenn sie den schönen Fuß auf seinen Nacken setzte. Ob sie ihn wirklich geliebt, sind wir nicht im Stande, genau anzugeben. Aber die Welt glaubte es, die Welt war davon überzeugt, und wir wollen uns dem Urtheile der Welt anschließen; denn hört sie nicht genau mit ihren unzähligen Ohren, sieht sie nicht fast in die Herzen der Menschen mit ihren zahllosen Augen, ruhelos spähend bei Tag und Nacht? Es kamen damals wieder verschiedene heftige Scenen in dem Stillfried'schen Hause vor, deren Ursache und Ergebniß aber nicht in die Oeffentlichkeit drang; denn die Dienerschaft des alten Staatsrathes, die wir theilweise bereits kennen gelernt, hielt es bei ihrer Treue und Anhänglichkeit an ihren Herrn für ihre Schuldigkeit, alles geheim zu halten, was die Ehre desselben compromittiren konnte. Es war aber nicht zu verschweigen, daß, wahrscheinlich in Folge jener Scenen, die Staatsräthin eine größere und längere Reise unternahm und fast ein Jahr von ihrem Hause abwesend blieb. Als sie endlich zurückkam, befiel den Staatsrath eine schwere Krankheit, während welcher sich manch Schauerliches und Unheimliches ergab, namentlich in einer gewissen Nacht, wo der Doktor Werner, ohne daß es der Kranke wußte, im Vorzimmer gewacht haben solle. Es war dies eine kalte, windige Novembernacht; der Kranke befand sich auf dem Wege der Besserung, aber in jenem Stadium, wo ein Rückfall unfehlbar den Tod nach sich ziehen mußte. Dieser Rückfall trat nun auch wirklich in der bezeichneten Nacht gegen Morgen ein, und als der Arzt in der Frühe in das Haus kam, fand er, daß die Krankheit wieder mit unbezwingbarer Kraft über den alten Mann hergefallen war, daß er rettungslos verloren sei. Ein Diätfehler konnte nicht vorgefallen sein, und der alte treue Kammerdiener Jakob schwor dem Arzte mit Thränen in den Augen hoch und theuer, der Kranke habe nichts zu sich nehmen können, als was ihm seine Hand gereicht. In diesem Augenblicke aber zog ein scharfer, schneidender Luftzug durch das verdunkelte Krankenzimmer, und an einem Fenster, zunächst dem Bette, flogen die dunklen Vorhänge wie schwarze Trauerschleier hoch empor. Entsetzt warf sich der Arzt an das offene Fenster, um es zu schließen, und Jakob, der erschüttert und todtenbleich dastand, faßte bebend die Hand des Arztes, drückte sie krampfhaft und sagte: »Bei Gott im Himmel, Herr Doktor, so wahr ich hoffe, selig zu werden, die Fenster und Läden dieses Zimmers habe ich gestern Abend auf das Genaueste untersucht. Sehen Sie, wie sorgfältig die anderen noch befestigt sind. Bei allen Heiligen, auch an diesem war gestern Abend kein Riegel, keine Schraube los.« Tief erschüttert wandte sich der Arzt ab, und als er durch das Vorzimmer hinaus ging und dort den Doktor Werner bemerkte der mit Durchsuchen von Papieren beschäftigt war, konnte er sich nicht enthalten, zu dem alten Diener in leisem, aber ausdrucksvollem Tone zu sagen: »Das Unglück ist geschehen. Ich werde gegen Mittag wiederkommen; bis dahin kann der Staatsrath noch leben, aber sein Tod ist gewiß. Jenes offene Fenster hat ihn herbeigeführt, der – – kalte Nachtwind hat ihn gemordet.« Bei diesen Worten war der Doktor mit seinem Kopf auf die Papiere niedergesunken, in Schmerz und Trauer. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er sich auf, nahm seinen Hut und eilte mit bleichen, verstörten Blicken zum Hause hinaus. Der Arzt hatte indessen nicht so ganz richtig prophezeit: der Staatsrath lebte noch bis zum Abend dieses Tages. Ja, nach der Mittagsstunde kehrte seine Besinnung wieder, und er sagte zu seiner Frau, die weinend vor seinem Bette auf den Knieen lag: »Gewiß, Sophie, ich bin überzeugt, dein Herz war nur leichtsinnig, aber nicht schlecht; nicht wahr, du hast mir mit Ueberlegung nichts Böses zugefügt? – Ich will es ja gern glauben und verzeihe dir all die trüben Stunden, die du mir gemacht ... Aber nimm dich vor jenem Manne in Acht, hüte dich vor ihm, hüte mein armes Kind, laßt ihn keine Macht über euch bekommen. Das verlange ich, es ist mein letzter, aber fester Wille!« – Dann hatte er gebeten, sie solle sich entfernen, und Jakob mußte zu ihm kommen. Ihm gab er mit zitternden Händen den Schlüssel zu einer kleinen Cassette, und der alte Diener mußte daraus mehrere Briefe hervorsuchen, die sämmtlich numerirt waren und welche ihm der Staatsrath bezeichnete. Einige waren von der Hand der Staatsräthin, auch ein paar mit den Schriftzügen des Doktors Werner, andere von einer fremden, dem alten Diener völlig unbekannten Handschrift. Dann mußte dieser ein kleines Schreibpult herbeiholen, dasselbe mit Papier, Feder und Dinte auf das Bett niedersetzen und seinen Herrn unterstützen, der sich nun mühsam aus den Kissen empor hob und mit zitternder Hand zu schreiben begann. Es war, als halte der Wunsch, wichtige Gedanken, die den Sterbenden quälten, auf das Papier zu bringen, seine Lebensgeister aufrecht, ja entflammten sie zu neuer Kraft; denn er schrieb fast volle zehn Minuten, setzte Datum und Stunde hinzu und fügte seine Unterschrift deutlich und leserlich bei. Als dies geschehen war und der Arzt, der im Vorzimmer auf die Beendigung dieses Geschäftes gewartet, nun hereintrat, zeigte er ihm das beschriebene Blatt, doch so fern, daß Dieser nichts davon lesen konnte, und sagte darauf mit matter Stimme: »Sie sehen, Doktor, und auch du, Jakob, hast es gesehen, daß ich dieses Blatt mit eigener Hand geschrieben und unterzeichnet, und Sie werden bemerken, daß ich bei diesem wichtigen Geschäft im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte war. Dies bitte ich mir durch Ihre Unterschrift und durch die deinige ebenfalls, Jakob, auf der anderen Seite dieses Blattes bezeugen zu wollen. – Nachdem dies geschehen, faltete der Kranke das Blatt sorgfältig zusammen, legte es zu den vorher erwähnten Briefen, Jakob mußte ein weißes Papier darum schlagen, um das weiße Paketchen, das auf diese Art entstand, ein rothes Band ziehen und es mit schwarzem Siegellack und dem darauf gedrückten Wappen des Staatsrates verschließen. Dieses Paketchen schob der Kranke, so lange der Arzt anwesend war, unter das Kopfkissen, und als dieser fort ging, befahl er Jakob, es unter seinem Haupte liegen zu lassen, so lange, bis ein gewisser Fall eingetreten sei. Dann sollte er es aufs Sorgfältigste zu sich nehmen und damit verfahren, wie er ihm früher schon gesagt. Gegen Abend dieses Tages trat nun der Fall ein, den der Kranke soeben bezeichnet. Er ließ im Laufe des Nachmittags seinen Sohn Eugen nochmals zu sich rufen, betrachtete ihn lange mit einem Ausdrucke der innigsten Zärtlichkeit und legte seine Rechte auf die blonden Locken des Kindes. Dann wandte er seinen nassen Blick langsam in die Höhe, seine Augenlider deckten sich sanft darüber hin, seine Rechte sank von dem Kopfe des Kindes herab, sie wurde alsdann von dessen kleinen Händchen erfaßt und mit Küssen und Thränen bedeckt. Doch erwiderte kein Druck diese Zärtlichkeit des nun Verlassenen. – Der Staatsrath schien noch einige Stunden sanft und ruhig zu schlummern, dann aber hörte man seine Athemzüge immer langsamer, zuletzt gar nicht mehr – er war gestorben. In dem Stillfried'schen Hause fand nach diesem Trauerfalle nur in so fern eine Veränderung statt, als das Haus selbst eine Zeit lang verschlossen blieb, keiner der Bewohner außerhalb desselben sichtbar wurde, als nur die schwarzgekleidete Dienerschaft bei ihren nothwendigen Ausgängen. Es verging auch ein ganzes Jahr, ehe diese äußeren Zeichen der Trauer abgelegt wurden, und während all dieser Zeit ließ sich der Doktor Werner nur höchst selten im Stillfried'schen Hause sehen. In die Welt war von jenen geheimnißvollen Vorfällen während der Krankheit des Staatsrathes nichts gedrungen, und die Welt wunderte sich deßhalb auch nicht besonders, als nach Verlauf dieses Jahres das alte Haus wieder geöffnet wurde, als Tapezierer, Schreiner, und alle möglichen Handwerker begannen, dort aus und ein zu gehen, um den zweiten Stock, welchen die Staatsräthin von nun an bewohnen wollte, aufs Reichste und Eleganteste einzurichten. Ja die Welt erwartete Tag um Tag, von einer Verlobung im Stillfried'schen Hause zu hören, von einer neuen Verbindung, die ja schon früher voraus zu sehen war und die nur auf Beendigung des Trauerjahres gewartet zu haben schien, um öffentlich proklamirt zu werden. Auch dieses Mal hatte die Welt, wie so oft, nicht Unrecht. Eine Verlobung im Stillen war schon gefeiert worden, und das neue Paar saß eben bei einander, um über neue Einrichtungen und ihr ferneres Leben zu sprechen. – Es war wieder Herbst geworden und der November gekommen mit seinen trüben Tagen, mit seinem Regen und Wind – da trat Jakob, der alte Diener in das Zimmer der Staatsräthin und bat den Doktor Werner, einen Augenblick herauszukommen, es wolle ihn Jemand sprechen. Jakob trug einen Armleuchter, und der zitterte vor Aufregung in seiner Hand. Sein Gesicht war bleich, und als der Doktor aus dem Zimmer heraustrat, bat er, ihm zu folgen, und stieg langsam die Treppen hinab in den ersten Stock. Der Doktor hatte diesen seit jenem Tage nicht mehr betreten, auch folgte er diesen Abend seinem Führer mit großem Widerwillen, mit einer unerklärlichen Beklemmung. Alle Röthe war von seinen Wangen gewichen, seine Augen starrten ängstlich umher, und doch mußte er dem voranschreitenden Diener folgen. Ja, er mußte ihm auch folgen durch den langen Corridor hinab in das Schlafzimmer des verstorbenen Herrn. Es war ein Abend wie an dessen Todestage, und ob Zufall oder Absicht, wissen wir nicht, der Wind wehte auch wie damals die dunklen Fenstervorhänge empor und sauste schneidend und kalt durch das Vorzimmer. Dieser Luftzug schien dem Doktor Werner durch Mark und Bein zu dringen: er faßte krampfhaft die Thüre des Schlafzimmers, sein Haar sträubte sich empor. Aber trotzdem war er gezwungen, dem Wink seines Führers zu folgen – er wußte selbst nicht, welche Macht ihn hierzu zwang. Ja, er mußte vollends in das Zimmer hinein treten, und die Thüre schloß sich hinter ihm zu. Was die Beiden, der alte Diener und der Doktor, dort verhandelt, sind wir nicht im Stande, anzugeben; nur so viel können wir sagen, daß Letzterer nach einer kurzen Unterredung die Thüre aufriß, aus dem Zimmer stürzte, über den Corridor und die Treppen hinabflog und das Haus verließ ohne Hut und Mantel, in ängstlicher Hast wie von Furien gejagt. Die Folgen dieser Unterredung waren, daß der Doktor auf lange, lange Zeit nicht mehr das Haus betrat, und daß von einer Verbindung zwischen ihm und der Staatsräthin ferner keine Rede mehr war. Aber die Zeit, die Alles lindernde, führte auch den Doktor Werner, der nun Justizrath geworden war, wieder in das Haus der Staatsräthin. Zuerst kam er selten, dann häufiger, bald täglich mehrere Male. Er leitete die Geschäfte des Hauses, er gab seinen Rath zu der Erziehung des jungen Eugen. Und diese Rathschläge waren der Art, daß sie wohl im Stande waren, ihm die Zuneigung des wilden jungen Menschen zu erwerben. Eugen fand in ihm einen Vertheidiger aller seiner tollen Streiche, und wenn die großen Summen, welche ihm die Mutter, als er nun herangewachsen war, zu seinem Aufwande auf der Universität und zu seinen Reisen gab, doch nicht ausreichten, so half ihm der Doktor Werner auf das Bereitwilligste mit den gediegensten Creditbriefen. So wurde Eugen endlich majorenn, und man mußte ihm die Verwaltung des väterlichen Vermögens überlassen. An dem Tage, wo ihm die Papiere und Abrechnungen übergeben wurden, hatte der alte Jakob eine längere Unterredung mit ihm, nach welcher er auf das Tiefste erschüttert schien, und an deren Schlusse ihm der Kammerdiener seines verstorbenen Vaters ein kleines Paket übergab, mit rothem Bande zugebunden und schwarz versiegelt. Der Inhalt jener Unterredung mußte den Justizrath, aber auf sehr unangenehme Weise, betreffen; denn Eugen faßte in Folge derselben und von diesem Augenblicke an eine solche Abneigung, ja einen solchen Haß gegen ihn, daß er sich nicht einmal die Mühe gab, denselben vor dem Betreffenden oder der Mutter zu verbergen. Man kann sich leicht denken, daß hiedurch zwischen Mutter und Sohn die unangenehmsten Scenen vorfielen. Ja diese Scenen steigerten sich eines Tages, durch den Justizrath hervorgerufen, zu einer solchen Heftigkeit, daß Eugen erklärte, er könne und wolle ferner nicht mehr in dem elterlichen Hause wohnen. Der Justizrath, der ebenfalls auf diesen Zeitraum, wo Eugen selbstständig ins Leben trat, gewartet zu haben schien, hatte nämlich in einem längeren Gespräch mit seinem früheren Schützlinge seinen Wunsch, sich jetzt mit der Mutter desselben ehelich zu verbinden, auseinander gesetzt und aufs Beste motivirt. Eugen hatte ihm aber hierauf trocken erklärt, er als Sohn könne und wolle diese Heirath nie zugeben; da er jedoch wohl wisse, daß er gesetzlich keine Einsprache dagegen zu erheben im Stande sei, so wolle er dies hiemit privatim thun und, wie er hoffe und glaube, aufs Allerkräftigste. Und dazu hatte er dem Justlzrath einige geheimnißvolle Worte gesagt und ihm etwas gezeigt, worüber dieser sich entfärbt und worauf er die Unterredung kurz und schnell abgebrochen. Eugen verließ darauf wirklich das elterliche Haus, und die Staatsräthin, seine Mutter, die ihn für einen ungerathenen, verlorenen Sohn hielt – er wurde ihr beständig so geschildert – ließ ihn achselzuckend ziehen. Seit jener Zeit war es das einzige Dichten und Trachten des Justizrathes gewesen, jenes Etwas in seine Hände zu bekommen, aber bisher immer vergeblich. Aufmerksam folgte er dem ganzen Leben des jungen Stillfried, und sah und hörte mit Vergnügen, wie dieser sich zu Hause und auf Reisen in den wildesten Strudel der Vergnügungen stürzte, wie er große Summen wegwarf, wie er seine Revenuen erschöpfte, und anfing, das väterliche Kapital-Vermögen anzugreifen. Wo es ihm möglich war, that er dem Leichtsinne dieses jungen Menschen allen erdenklichen Vorschub und führte ihm unsichtbar Freunde und Freundinnen zu, die ihm helfen sollten, seine Gesundheit und sein Vermögen zu ruiniren, oder, was letzteres anbetraf, ihn wenigstens in solche Verlegenheiten zu stürzen, daß er sich endlich genöthigt sähe, wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, nach einer rettenden Hand zu greifen, die ihn aus seinen Verlegenheiten, sei's auch um jeden Preis, herausrisse. Der Justizrath hätte um jenes Paketchen mit Freuden sein ganzes Vermögen gegeben und hätte Jeden als seinen Freund und Retter umarmt, der ihm gesagt: »Gieb mir deine ererbten, deine mühsam erworbenen und ersparten hunderttausend Gulden, sei ein Bettler, aber dafür liefere ich in deine Hand jenes Etwas, nach dem deine Seele lechzt!« – Dergleichen Wünsche waren aber bisher immer vergeblich gewesen. Eugen Stillfried war weder ein Verschwender noch hatte er Hang zu einem liederlichen Leben: er trank nur, wenn seine Kameraden mit ihm tranken, er spielte nur, wenn sie ihn dazu nöthigten, und machte große Einkäufe unnützer Dinge, wenn Jemand auf irgend eine Art ihm eine Veranlassung hiezu gab. Er hatte für eben genannte Vergnügungen durchaus keine Leidenschaft, und wenn er sich ihnen hingab, so geschah es, weil er gerade nichts Besseres zu thun wußte. Mit seinen Neigungen zum anderen Geschlechte verhielt es sich gerade so; auch hier war er ruhig und ließ sich vom Strome seines Lebens, vom jedesmaligen Augenblicke treiben. Führte ihn dieser hie und da an reizende Ufergestade und warf ihn unter Blüthenduft zu den Füßen eines schönen Weibes nieder, so blieb er dort, genoß, was zu genießen war, bis eine neue Welle von diesem Ufer ihn wieder in den Strom riß, und dann ließ er sich ebenfalls ohne vieles Widerstreben davon tragen. Er wandte kaum den Blick sehnsüchtig zurück; er kämpfte nicht mit der Fluth, um dorthin zurück zu kehren, wo ihm gerungene Hände nachwinkten, und thränende Augen wie geöffnete Arme schmerzlich auf seine Wiederkehr harrten. Ein solcher Charakter war nun schwer zu fassen. Das sah der Justizrath mit tiefstem Grimme ein. Und hiezu kam noch, daß Eugen auf einer Reise seinen früheren Lehrer wieder fand, als dieser eben im Begriffe war, sich in einem Dorfe vor dem Hungertode zu schützen, indem er etlichen sechszig Kindern mit verschiedenen Prügeln und guten Worten das ABC und ein solides Stück Christenthum einbläute. Mit Freuden ergriff der Schulmeister die Hand seines ehemaligen Zöglings und zog mit ihm in die Residenz zurück als sein Freund, sein Gesellschafter, sein Sekretär, Verwalter und lustiger Rath. Konnte er ein glücklicheres Loos finden?! Eugen's Bibliothek – die Bücher derselben erwiesen sich als sehr bestaubt – stand ihm in der freundlichen Parterre-Wohnung zu Diensten; er hatte keine Sorgen, er lebte seinen Studien in all den Stunden, wo er nicht genöthigt war, mit Eugen in den Straßen der Stadt auf Entdeckungen auszugehen, wie dieser es nannte. Diese Entdeckungsreisen waren an sich ziemlich harmloser Natur und beschränkten sich auf ein großartiges Flaniren; nur zur Meßzeit und bei großen Märkten dehnten sie sich zu einer Arbeit aus; denn alsdann konnte es Eugen nicht unterlassen, sämmtliche Buden, die dort aufgebaut waren, mochten sie nun Menagerieen enthalten oder eine Affenkomödie, oder ein Panorama, oder Wachsfiguren, im ausgedehntesten Maßstabe mit seiner Gegenwart zu beehren. Vom Morgen an, wo der Kerl im schmierigen Tricot zum ersten Male draußen in die Trompete stieß, bis zum Abend, wo die trübe brennenden Oellampen endlich erloschen, durchstreifte Eugen die Sehenswürdigkeiten, weniger diesen selbst zu Liebe, als dem großen Interesse, das er an dem zigeunerartigen Leben der Buden-Eigenthümer selbst nahm. Das war eine harte Zeit für den lustigen Rath; denn er mochte sich bei derartigen Veranlassungen auch nicht eine Stunde lang von seinem Freunde trennen, indem er beständig fürchtete, ihn wieder einmal einen sehr extravaganten Streich ausführen zu sehen, wie Eugen früher schon einmal gethan. Da hatte er sich nämlich, mit schlechten Kleidern angethan, zu dem Eigenthümer einer Affen-Komödie begeben und demselben seine Dienste als Sekretär und Billet-Abnehmer angeboten. Da er hier seine Bedingungen außerordentlich billig gestellt, so war er mit dem Prinzipal handelseinig geworden, hatte seinen Bedienten entlassen, seine Wohnung zugeschlossen und war mit der Affenkomödie auf und davon gezogen. Doch hatte er schon kurze Zeit darauf eine für ihn sehr unangenehme Scene mit der Prinzipalin zu bestehen, und er verließ daher ihre Gesellschaft bald wieder, und wir glauben sogar, wie sein Vorgänger aus der heiligen Schrift, ebenfalls mit Zurücklassung seines Mantels. Doch sprach er noch lange Zeit nachher mit großem Vergnügen von dieser Kunstreise und erzählte dem verdrießlich zuhorchenden lustigen Rath viel merkwürdige Scenen davon, und wie dieses freie ungebundene Leben so etwas überaus Köstliches, etwas Ursprüngliches darbiete, und wie dieses Dahinziehen durch Feld und Wald, heute mit Mangel kämpfend und morgen im Ueberflusse lebend, die Nerven stärke und das Herz erfrische. Für den Justizrath aber war die Anstellung des lustigen Rathes bei Eugen ein wahrer Dolchstoß gewesen. Er sah denselben überwacht und geleitet, er sah seine besten Plane durchkreuzt und vernichtet, seine schönsten Minen für den Ruin des jungen Menschen durch kräftige Gegenarbeiten zerstört. Er hatte alles Mögliche gethan, um jenes Bündniß zu lösen und diese Beiden aus einander zu bringen – Alles war vergebens! Und der lustige Rath hielt sich seinem Herrn gegenüber in den gehörigen Schranken. Er war offen und ehrlich, treu, ergeben, sprach seine Meinung unverhohlen aus und flößte hiedurch seinem jungen Freunde ein unbegränztes Zutrauen ein. Eugen fühlte wohl, wie nothwendig er ein solches Gegengewicht brauche, das ihn jetzt empor hielt, wenn er im Begriffe war, sich zu tief in den Schmutz des alltäglichen Lebens zu tauchen, und das ihn jetzt nieder hielt, wenn er in hochfliegenden, excentrischen Planen Zeit und Geld wegzuwerfen im Begriffe war. Nachdem der Justizrath gesehen, daß er nicht im Stande war, diesen guten Geist von der Seite Eugen's zu nehmen, beschloß er seinerseits, nun noch eine böse Gewalt hinzuzufügen, die jenem entgegen für seine Plane wirke und schaffe. Er hatte hierzu den Bedienten Joseph ausersehen, den getreuen Pierrot, und es war ihm nach unsäglicher Mühe gelungen, diesen, wie wir bereits wissen, in die Dienste Eugen Stillfried's zu bringen. Zehntes Kapitel. In welchem der geneigte Leser dem heiteren Zwiegespräch der Diener verschiedener Häuser, sowie einem Rapporte beiwohnt, aus dem er den Charakter des früher erwähnten getreuen Dieners noch genauer kennen lernt. Der getreue Pierrot hatte an jenem Morgen nach dem Kaffee-Frühstück einige Ausgänge zu besorgen und verließ die Wohnung seines Herrn und die Alleestraße mit einem behaglichen Gefühl. Zum ersten Male schien es ihm gelungen, in einer delikaten Angelegenheit zwischen den lustigen Rath und seinen Herrn getreten zu sein, und sich das Vertrauen des Letzteren in einem höheren Grade als sonst erworben zu haben. Die schöne Katharina saß also doch in dem Herzen Eugen's fest, das glaubte der getreue Diener mit vollem Recht annehmen zu können. Von dieser Angelegenheit wollte der lustige Rath nichts wissen, das hatte Pierrot gestern Abend trotz seines tiefen Schlafes und heftigen Schnarchens sehr wohl vernommen. Ja – in dem Spiel wollte er keine Karte anrühren. – »Außerordentlich schön!« sagte Joseph zu sich selber; »allein kann mein Herr darin nichts thun, ich habe mich ihm als sehr kundig in diesen Wegen gezeigt – er hat mich angehört, er hat mir sogar, und mit eigenen Worten, gesagt: laß den Schulmeister nichts davon wissen. – Schön! wir wollen unser Möglichstes thun!« Während dieses heiteren Selbstgespräches schritt der treue Diener mit lustiger Miene dahin, den Hut keck aufs rechte Ohr gesetzt, beide Hände in den Hosentaschen, und im Maule eine von seines Herrn besten Cigarren. Er hielt bei seinen Ausgängen stets die Mitte der Straße und schlenderte mit ausgesuchter Faulheit dahin. Die gute Seele that dies, um ihre Kollegen zu ärgern, die im Eifer des Geschäfts durch die Straßen hin und her rannten, im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod verdienen mußten und sich nicht wenig über den dummen und faulen Kollegen ereiferten. Vor allen Läden blieb dieser stehen, schaute nach den ausgestellten Waaren und nach den Dienstmädchen in der ganzen Stadt, und obgleich Pierrot, wie schon bekannt, außerordentlich häßlich war, so sprachen doch die hübschesten Mädchen mit ihm: erstens weil er immer die Taschen voll Geld und gestohlenem Zuckerwerk hatte, zweitens und hauptsächlich aber darum, weil er die häßlichen Kolleginnen nie auch nur eines Blickes würdigte. Er führte diese Taktik so pünktlich und meisterhaft durch auf der Straße, auf Promenaden, auf Bällen, indem er nur mit den Schönsten des schönen Geschlechtes sprach und tanzte, daß er immer gesucht war und sich jede, die mit ihm gesehen wurde, einbildete, nicht zu den Häßlichen zu gehören. – Die Züge seines Gesichts, die zu Hause in der Wohnung seines Herrn eine unendliche Schlaffheit und Dummheit aussprachen, veränderten sich auf eine merkwürdige Art, wenn er so allein auf der Straße dahin schritt. Da zog er sein breites Maul spitzig, wie das eines Karpfen, zusammen, seine Augenbrauen senkten sich herab aus ihrer lächerlichen Höhe und beschatteten, wie bei anderen Menschen auch, seine nun freundlichen, ja schelmischen Blicke. Der treue Joseph pflegte auf seinen langen und häufigen Spaziergängen stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu Vereinigen. Das Angenehme bestand in diesem Herumlungern an sich, das Nützliche dagegen zog er ans allen möglichen Spionagen, aus kleinen Einkäufen, die er auf Rechnung seines Herrn, aber für sich selbst besorgte, namentlich aus Abzügen an Rechnungen, die er bei den Kaufleuten aus reiner Vergeßlichkeit machte. Heute Morgen aber hatte er seinen Rapport beim Justizrath. Da die bestimmte Stunde hiezu noch nicht gekommen war, so schlenderte er zu seinem eigenen Nutzen und Frommen in den Straßen umher. Bei dem alten Stillfried'schen Hause pflegte er häufig vorüber zu gehen. Er betrachtete dieses große, stattliche Gebäude gern und lange, er kam sich selbst als der Erbe desselben vor, war aber noch nicht mit sich ins Reine darüber gekommen, ob es nützlicher sei, das Haus dereinst zu verkaufen oder selbst zu beziehen. Er neigte sich aber sehr zur letzteren Ansicht hin. Er, im jetzigen Augenblicke der einzige Bediente seines Herrn, mußte nothwendiger Weise zum ersten Kammerdiener vorrücken. Zu diesem Geschäfte gehörte eine anständige Wohnung, und einige Zimmer droben im zweiten Stock waren gar nicht zu verachten; das Haus hatte überdies so kühle, angenehme Räume und einen außerordentlich großen und wohlangefüllen Weinkeller. Bis dahin wäre der lustige Rath ebenfalls beseitigt, und Joseph, der treue Joseph, hatte alsdann alle Macht in der ganzen Wirthschaft. Das waren seine angenehmsten und liebsten Träume und sie drängten sich seinem Geiste beständig auf, sowie er sich dem alten Stillfried'schen Hause näherte. Die bejahrten, gebrechlichen Leute, die man jetzt dort noch duldete, würden später schleunigst entfernt. Pierrot aber hatte sich fest entschlossen, ihnen keine Pension auszahlen zu lassen. Er haßte sie gründlich, wie er überhaupt alle ehrlichen Leute haßte. »Du lieber Gott« – konnte er zu sich selbst sagen – »wie lange Jahre haben die Leute dort in ihrem Fett gesessen! Was für Kapitalien müssen sie zusammen gehäuft und auf die Seite gebracht haben! Es ist in der That unverantwortlich; denn, wenn ich das Ding im rechten Licht ansehe, so bestehlen sie eigentlich nicht meinen Herrn, sondern mich, diese Gauner! mich um mein Bischen sauer erworbenes Brod – pfui Teufel!« Damit spuckte Joseph heftig auf die Seite und nahm sich vor, dieses Mal bei dem alten Stillfried'schen Hause vorüber zu gehen, ohne dem alten Jakob und Martin, dem Kutscher, die am Thore standen, einen Blick, geschweige denn ein Wort zu gönnen. Doch sein gutes Herz siegte, wie so oft in diesem Leben, und er konnte sich nicht enthalten, seine Schritte, die einen großen Bogen um das Haus herum beschreiben wollten, gerade auf dasselbe und die beiden alten Diener hinzulenken. Er nahm dabei eine so feierliche Miene, wie nur immer möglich, an, und hielt den Kopf sehr steif und stark nach der rechten Seite hin, wodurch ihm beinahe der Hut heruntergefallen wäre. Hierdurch aber erhob sich seine Nase außerordentlich hoch, das Maul mit der Cigarre ebenfalls, und er war auf diese Art im Stande, majestätisch auf seine beiden Kollegen herab zu blicken. Die beiden alten Leute, die ihn so mit steifen Knieen und weiten Schritten plötzlich auf das Haus lossteuern sahen, konnten sich eines Lächelns nicht erwehren, als Joseph nun zu ihnen trat und sich in sehr herablassendem Tone nach ihrem Befinden erkundigte. Hiebei stellte er sein rechtes Bein auf die oberste Stufe der Steintreppe vor dem Hause, zog ein gelbseidenes Sacktuch (seines Herrn) aus der Tasche und fächelte den Staub von seinen Schuhen und Gamaschen. »Ich hatte mir nicht eingebildet,« sagte der alte Kammerdiener Jakob mit einem ruhigen Lächeln, »daß der Herr Joseph es noch der Mühe werth gefunden hätte, uns einen guten Morgen zu wünschen.« »O,« fügte Martin bei, »es ist sehr schön, wenn man nicht stolz ist.« Pierrot that ein paar große Züge aus seiner Cigarre und sagte, an ihm habe es noch nie gelegen, daß die Dienerschaft beider Häuser, die doch eigentlich zusammen gehörten, oftmals in Unfrieden gelebt. »Die Dienerschaft beider Häuser?« fragte der Kammerdiener; »und wer ist denn eigentlich die Dienerschaft des eurigen? Habt ihr euch vermehrt, oder behilft sich der Herr Eugen immer noch so mit Euch, Monsieur Joseph?« »Von »Behelfen« kann gar keine Rede sein.« versetzte stolz der Diener des jüngeren Hauses; »glauben Sie mir, Herr Kammerdiener, wir thun unsere Pflicht aufs Genaueste, und dieser Kopf und diese beiden Hände thun gerade so viel allein, als in gewissen anderen Häusern geschieht, wo es Kammerdiener, Kutscher, Haushälterinnen, Köchinnen für eine einzige alte Dame gibt.« »Das muß schon wahr sein,« sagte Martin, der Kutscher, lachend; »es nimmt mich eigentlich auch Wunder, wie er mit den beiden Händen und einem solchen Kopfe das ganze Geschäft allein betreibt, wenn man obendrein bedenkt, daß es keine Stunde des Tages gibt, wo man nicht eure ganze Dienerschaft im Bierhause oder auf der Straße findet.« »Ich will Ihnen etwas sagen, Monsieur Joseph,« meinte der Kammerdiener; »unser Haus ist hier ein Haus, ein respektables Haus, wie sichs gehört, respektabel von oben bis unten, bis zu der Dienerschaft und das eurige ...« »Nun, was ist das unsrige?« fragte der getreue Pierrot. »Nun, das eurige – Gott sei es geklagt! – ist ebenfalls ein Haus und ebenfalls ...« »Was ebenfalls?« »Respektabel, gerade so, wie seine Dienerschaft,« »Ich glaube,« sagte Joseph einiger Maßen gereizt, »das soll eine verdeckte Grobheit sein!« »Sehr verdeckt ist sie gerade nicht!« lachte Martin, der Kutscher, »aber man kann Euch nicht anders begegnen; ich weiß wahrhaftig nicht, lieber Freund Joseph, Euer Gesicht hat etwas so außerordentlich Herausforderndes, es ist, was man so auf Deutsch ein Ohrfeigengesicht nennt. Nichts für ungut, lieber Joseph, Ihr wißt Ihr habt so selbst gesagt, ich sei ein barscher, grober Kerl, und das ist bei Gott wahr; ich kann es mir nun einmal nicht abgewöhnen.« Die Dienerschaft des jüngeren Hauses sah nach dieser allerdings keineswegs sehr schmeichelhaften Aeußerung bald den Einen, bald den Andern fragend an. Eine Grobheit wollte er gerade nicht erwidern – er hielt es unter seiner Würde – und etwas Beißendes, Pikantes, Niederschmetterndes, das er ihnen gern gesagt hätte, siel ihm unglücklicher Weise nicht ein. Er dachte aber dafür: lacht nur, ihr alten Gauner, es wird doch einstens die Zeit kommen, wo ich in dieses Haus und zwischen euch hineinfahren werde wie ein böses Wetter, und da soll alsdann keine Schonung gelten. Sichtlich beruhigt und innerlich erfreut durch diese kollegialischen Gedanken, setzte Joseph gleichmüthig scheinend, den linken Fuß auf die Treppe und stäubte auch dessen Schuh und Gamasche mit dem gelbseidenen Sacktuche ab. »Er schüttelt an unserer Pforte den Staub von seinen Füßen,« sagte der alte Kammerdiener, »und man kann es ihm eigentlich nicht übel nehmen, daß er uns verwünscht und verflucht. Wir führen ein so ruhiges, behagliches Leben; unser Dienst ist unter uns viele vertheilt, und dann tragen wir nur Wasser auf einer Schulter; wir brauchen – Gott sei Dank! – nicht zweien Herren zu dienen.« Pierrot zuckte mit den Augen, sein Herz wurde zornig und bestürzt und in Folge dessen sein Maul so breit, daß die Cigarre fast herausgefallen wäre. Doch bezwang er sich in so weit, daß er dem Kammerdiener nur einen Blick der tiefsten Verachtung zuschleuderte und sich dann achselzuckend zu Martin wandte, als wollte er sagen: »der alte Mann wird kindisch und boshaft, lassen wir ihm diese Grille!« Martin aber lachte dem Pierrot ob dieser Pantomime laut ins Gesicht und sagte dann zu Jakob, dem Kammerdiener: »Es mag nun sein, wie es will, und man soll unserem Freunde Joseph alles Schlechte nachsagen: »Eins aber ist und bleibt wahr, er hat' ein gutes und vortreffliches Gemüth.« »Ja wohl,« antwortete der Kammerdiener, indem er ruhig und bedächtig eine Priese nahm, »er kann nicht hassen.« »Wie jene Frau!« fuhr der Kutscher ungemein lustig fort; »Jakob, Ihr solltet unserem Freunde diese Geschichte erzählen.« »Warum nicht?« entgegnete dieser und schob seine Dose in die Tasche, »wenn er es wünscht.« Pierrot hatte zu allen möglichen guten Eigenschaften auch die minder vorzügliche, daß er sehr mißtrauisch und neugierig war. Diese beiden Fehler ergänzten sich und gingen Hand in Hand. Aus dem Mißtrauen entsprang die Neugierde und oft aus der befriedigten Neugierde das größte Mißtrauen. Da er aber im gegenwärtigen Augenblicke nicht thun wollte, als sei ihm an jener Geschichte besonders gelegen, so wandte er den Kopf ab und schaute angelegentlich die Straße hinunter. Dabei strengte er aber seine Ohren aufs äußerste an. »Die Geschichte war so,« erzählte der Kammerdiener: »Eine Frau, welche man wegen Diebstahls und Spionage – auch wegen Spionage – kurz, wegen fortgesetzten schlechten Lebenswandels aufgegriffen, wurde durch die Straßen der Stadt und zum Thore hinaus gepeitscht. – Was that diese Frau nun, nachdem sie draußen auf dem freien Felde gewartet, bis es wieder dunkel geworden? Sie kam zu einem anderen Thore wieder herein, indem sie bei sich selbst sagte: Ich kann nun einmal nicht hassen!« »So ergehts auch unserem Freunde Joseph,« sagte unbändig lachend der Kutscher: »wenn wir ihn auch mit unseren Worten rechts die Straße hinabpeitschen und denken, er sieht unser Haus nicht mehr an, so kommt er nach ein paar Tagen links wieder herauf; er kann ebenfalls nicht hassen!« Pierrot war auf diese Erzählung und diese Worte hin einen Augenblick unschlüssig, wie er sich zu benehmen habe. Er ballte schon seine Fäuste zusammen, um dem Kutscher durch einen kräftigen Stoß auf den Magen zu antworten. Doch besann er sich eines Besseren. Er dachte an das große, einsame Haus, vor welchem er stand, und meinte, es wäre möglich, daß jenseits des harmlosen Thores desselben ein Hinterhalt laure, der ihn dort hineinziehe und grausam behandle und vielleicht – diesen Kerlen war Alles zuzutrauen – seinem kostbaren Leben ein schleuniges Ende zu bereiten gedachte. Deßhalb begnügte er sich damit, seinen Hut so schief auf den Kopf zu drücken, daß er fast sein ganzes rechtes Ohr bedeckte. Dann spie er vor den Beiden verächtlich auf den Boden, steckte seine Hände stolz in die Hosentaschen und ging mit dem Ausdrucke der souverainsten Verachtung von dannen. Doch wollen wir sein zartes Gefühl nicht so weit verdächtigen, indem wir sagen, diese auffallende Scene habe den getreuen Joseph nicht bis ins Innerste seiner Seele verletzt. Er ballte seine Hände krampfhaft in den Taschen und that einen feierlichen Schwur, er wolle sich für die Behandlung, welche ihm die beiden alten Esel angethan, aufs Entsetzlichste rächen. Im Grunde aber hatten die Beiden nicht so Unrecht gehabt, wenn sie seinen Charakter mit dem jener hinausgepeitschten Frau verglichen. Es war in der That der Wahrheit gemäß: Joseph konnte nicht hassen, und wie er so die Straße hinabstieg, Sonnenschein rings umher, wie ihm so viele fröhliche Gesichter begegneten, so mancher Kamerad, der ihn mit pfiffig zugekniffenem Auge grüßte, so viele hübsche Dienstmädchen, die ihm aufs Freundlichste guten Tag sagten, da öffnete er langsam sein finster verschlossenes Herz wieder und ließ durch seine Brust bessere und sanftere Gefühle ziehen. Sein Gesicht glättete sich ebenfalls und nahm einen gleichmüthigen, heiteren Charakter an, so ungefähr wie Pierrot auf dem Theater, wenn er jetzt endlich erfahren hat, wo sich die Schüssel mit geschmelzten Maccaroni befindet. So gelangte er vor das Haus des Justizrathes Doktor Werner. Ehe er in die Hausthüre trat, warf er einen Blick auf die benachbarte Kirchthurmuhr. Richtig! es war genau um die eilfte Stunde, die Zeit seiner gewöhnlichen Audienz. Joseph nahm schon unten im Hausgange seinen Hut herunter – wir hatten beinahe zu sagen vergessen, daß er schon hundert Schritte vor dem Hause selbst seine Cigarre weggeworfen und sich den Mund mit dem gelbseidenen Sacktuche aufs Sauberste abgewischt – der getreue Pierrot also nahm seinen Hut in die rechte Hand und stieg die Treppen hinauf in den ersten Stock, öffnete geräuschlos eine Glasthür, die nur angelehnt schien, schaute ringsum, als in diesem Augenblicke aus einer Thüre neben der Treppe ein alter Bedienter heraustrat mit dem mürrischsten Gesichte von der Welt. Dieser Bediente hatte ganz das Aussehen eines bösartigen Hundes, dem es das größte Vergnügen macht, einem fremden Ankömmlinge in die Waden zu beißen, und der selbst den Wohlbekannten knurrend und zähnefletschend umschleicht, als sei er eben im Begriff, alle besseren Gefühle zu verläugnen und selbst über die eigene Freundschaft herzufallen. Die Frage, die der Bediente jetzt that: »So, seid Ihr's, Joseph?« erklang wie die Stimme des Oger, der zuerst die armen unschuldigen Kinder zu sich herein lockt, um sie alsdann aufzufressen. Darauf wischte er sich mit seiner großen Hand das Maul und sagte: »Spaziert nur herein, Ihr müßt einen Augenblick warten, der Herr Justizrath sind soeben beschäftigt.« Joseph that, wie ihm geheißen, und trat in das Stübchen neben der Thüre. Er stellte sich bescheiden neben den Ofen, hielt seinen Hut in beiden Händen und schaute den anderen Bedienten mit dem dümmsten Gesichtsausdruck an, dessen er fähig war. Dieser schlich brummend im Zimmer auf und ab; bald warf er hier einen Pack Akten vom Tisch herunter, bald hob er dort ein anderes Bündel auf und legte es auf den Stuhl. Joseph schaute seinen Bewegungen aufmerksam zu, und als der mürrische Bediente ihn einen Augenblick ansah, erlaubte er sich die Frage, wie sich der Herr Kollege wohl eigentlich befinde. Der also Angeredete blieb mit einem Male plötzlich still stehen, hielt wie erstaunt ein schweres Aktenbündel, das er eben auf den Boden werfen wollte, in der Hand und antwortete: »Es wird wohl Niemanden in der Welt viel bekümmern, wie ich mich befinde!« Joseph zuckte mit den Achseln und schaute anscheinend ganz gleichgültig zum Fenster hinaus, doch behielt er dabei immer den herumschleichenden Alten im Auge; denn er hatte die schreckliche Idee, daß das beständige mürrische, bösartige Wesen desselben von einem tiefgewurzelten Gemüthsübel herrühren müsse, von einem versteckten und auf einmal wiederkehrenden Wahnsinn zum Beispiel. Auch erschien es ihm gar nicht unmöglich, daß der Alte früher einmal von einem tollen Hunde gebissen worden sei, welch' schreckliche Krankheit nun in jedem Augenblicke ausbrechen könne. So viel war richtig: der alte Mann hatte eine merkwürdige Angewohnheit, welche darin bestand, jeden Augenblick den Mund ohne alle weitere Ursache zu öffnen und dann wieder zuzuklappen, so daß die Zähne mit Geräusch aufeinander fielen; er schien mit Einem Wort nach etwas Unsichtbarem zu schnappen. Und dies besonders erregte dem getreuen Pierrot einen wahren Abscheu und, wenn er längere Zeit, namentlich des Abends, auf den Justizrath warten mußte, oftmals eine unaussprechliche Angst. Heute wurde er indessen bald erlöst. Im Nebenzimmer wurde die Klingel gezogen, der alte mürrische Bediente ging hinaus, nicht ohne vorher wenige Zoll vor der Nase Joseph's seine Zähne heftig zusammen zu klappen. Und als er wieder zurückkam, öffnete er blos die Thüre und sagte: »Er soll hinein kommen!« Joseph schlüpfte behende über den Corridor und hielt dabei seinen Hut auf den Rücken, um sich auf solche Art vor einem hinterlistigen Angriff oder Biß zu schützen. Er hörte deutlich, wie der Alte drüben, ehe er seine Thüre zuschloß, noch ein paar Mal heftig die Zähne zusammen schlug, als lechze er nach seinem entschwundenen Bissen. Der Justizrath saß in seinem Zimmer an einem Schreibtische, der mit Akten und Büchern bedeckt war. Auf dem Boden lagen Zeitungen, beschriebene Papiere und Fascikel aller Art. Der Justizrath hatte die Gewohnheit, ein gelesenes Blatt, eine fertige Arbeit auf den Boden zu werfen, wo es die Schreiber nachher zusammen suchten und zur Ausarbeitung mit in ihre Zimmer nahmen. Joseph blieb an der Thüre stehen – sein Gesicht hatte den gewöhnlichen dummen Ausdruck angenommen, doch beschattete eine gewisse Schwermuth seine breiten Züge. Der Justizrath schaute einen Augenblick in die Höhe, dann schrieb er wieder eifrig fort, warf hier ein Blatt Papier auf den Boden und legte die andern neben sich hin. Mit einer Handbewegung befahl er dem Bedienten, näher zu treten, schloß hierauf eine kleine Schublade seines Schreibpultes auf und nahm ein Buch heraus, das er vor sich hin legte. Da es uns, die wir unsichtbar zugegen sind, erlaubt ist, einen kleinen Blick über die Schultern des Justizrathes in jenes Buch zu thun, so wollen wir dem geneigten Leser anvertrauen, daß in demselben alle Rapporte des getreuen Pierrot aufs Genaueste von der Hand des Justizrathes aufgezeichnet und von jenem eigenhändig unterschrieben waren. Es war dies ein förmliches Protokoll, das über jeden Rapport aufgenommen wurde, und der Justizrath bezweckte damit einestheils, seinem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen, um nach Wochen, Monaten, ersehen zu können, was an diesem oder jenem Tage im Hause des jungen Eugen vorgefallen, anderntheils aber auch, den neuen Joseph zu zwingen, sich der vollkommensten Wahrheit und Gründlichkeit zu befleißigen; denn ein geschriebenes Wort war nicht wegzuläugnen, und wenn etwas Widersprechendes vorkam, so brauchte der Justizrath nur ein Blatt aufzuschlagen, auf dem die gleiche Sache verzeichnet stand, um den Berichterstatter davon zu überzeugen. »Nun, was gibt's Neues?« sagte der Justizrath, nachdem er jenes Buch aufgeschlagen, »was hat sich in den letzten drei Tagen bei euch ereignet?« »Es ist fast Alles beim Alten,« sagte Joseph, und der wehmüthige Ausdruck seines Gesichtes gewann für einen Augenblick die Oberhand. »Die Beiden haben die gewöhnlichen Dinge gemacht; viel Geld ist nicht ausgegeben worden; spät nach Hause kommen sie auch nicht; auffallende Besuche sind auch keine da gewesen. Der Schulmeister paßt ärger auf als je; er hat jetzt, wie ich genau weiß, nicht blos das ganze Hauswesen, sondern auch die Verrechnung sämmtlicher Kapitalien und Gelder an sich gezogen. Seine Unterschrift gilt bei dem Banquier so gut wie die meines Herrn, und dabei läßt er ihn keinen Augenblick aus dem Gesicht. Es gelingt mir höchst selten, ein Wort unter vier Augen anzubringen. »Ruhig, ruhig,« versetzte lächelnd der Justizrath. »Gemach – gemach – Alles in der Ordnung! denn in einem solchen Durcheinander, wie du mir eben vorgetragen, kann ich nicht klar sehen. Eines nach dem Anderen!« – Er nahm damit eine Feder zur Hand und legte das Buch offen vor sich hin. »Also keine Besuche von Bedeutung da gewesen? – Niemand Fremdes, den wir noch nicht notirt?« »Niemand!« sagte Joseph nachdrücklich. »Und von älteren Bekannten,« fuhr der Justizrath fort, »keiner sehr häufig dagewesen oder auffallend lange geblieben?« »Niemand, daß ich wüßte,« sagte der Bediente nach abermaligem Besinnen. »Und die bewußte kleine Person, die wir unter der Hand so außerordentlich empfohlen – wie hieß sie doch?« »Mamsell Pauline,« antwortete Joseph. »Richtig, dieselbe!« sagte der Justizrath, »sie hat sich nicht mehr sehen lassen?« »O ja,« antwortete seufzend der treue Diener, »sie ließ sich wohl noch einige Mal sehen, wurde aber nicht angenommen.« »Und wer wies sie ab?« fragte der Andere weiter. »Mehrere Mal der Schulmeister,« antwortete Joseph, »einmal der Herr selber.« »So, Eugen selber wies sie einmal ab?« sagte der Justizrath nach einem kurzen Besinnen. – »Mit der ist also nichts mehr zu machen? Das ist unangenehm!« – Er machte nach diesen Worten eine kleine Bemerkung in seinem Buche. »Und der Zeitpunkt, an welchem sie abgewiesen wurde,« forschte er alsdann Wetter, »fällt, wie du schon einigemal sagtest, genau in jene Zeit, wo er das erste Bouquet vom Markte mit nach Hause brachte?« »Ja wohl, Herr Justizrath,« antwortete Joseph. »So erzähle mir nun,« sagte Jener und lehnte sich in seinen Schreibstuhl zurück, »was ist in dieser Angelegenheit in den letzten Tagen geschehen?« »Ach, Herr Justizrath,« erzählte Joseph, und die Melancholie trat abermals auf seinem Gesichte auffallend zu Tage, »wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, jenen verdammten Schulmeister aus dem Hause zu bringen! Die besten Vorsätze, die mein Herr faßt, werden von dem Andern zu Schanden gemacht. In all' den drei Tagen sind sie nicht ein einziges Mal nach zwölf Uhr nach Hause gekommen. Eingeladen wird auch Niemand mehr, Champagner wird fast gar keiner getrunken. Glauben sie mir, Herr Justizrath, der Herr ließe sich mit dem Mädchen in alle möglichen Geschichten ein – aber wenn er einmal einen guten Entschluß gefaßt, so theilt er ihn gewöhnlich dem Schulmeister mit, und der bringt ihn allzeit wieder herum.« »Mir scheint,« antwortete der Justizrath sehr ernst, »du fängst an, die Geschichte einiger Maßen lahm zu betreiben, Monsieur Joseph. Du gibst dir keine rechte Mühe mehr! Ich glaube fast, du dienst mir nicht, wie du solltest! Denk an unseren Vertrag und vergiß nicht, was dort oben in jener Ecke der Aktenfascikel mit weißer Schnur umbunden für eine Bedeutung hat. Wenn ich mich genöthigt sehe, ihn zufälliger Weise einmal wieder zu öffnen und eine Partie daraus hervorzusuchen – du kennst dieselbe, sie ist ungefähr folgender Maßen unterschrieben: Wichtige Indicien gegen Joseph Schlimmbach, in Betreff der Falschmünzer-Geschichte von A und B – so – nun Verstehst du mich?« Der Justizrath hatte diese Worte mit außerordentlicher Langsamkeit gesprochen und blätterte darauf in seinem Buche, wodurch er dem getreuen Joseph Zeit ließ, einen schüchternen Blick nach der betreffenden Ecke zu senden. Dort lag der beschriebene Fascikel sehr bemerkbar, breit und schwer, ja ordentlich herausfordernd, und die weiße Schnur, die darum gebunden, war eigentlich mehr Strick als Schnur und machte auf die geängstigte Seele des treuen Pierrot einen sehr unangenehmen Eindruck. Doch kehrten nach einigem Besinnen seine Blicke zuversichtlicher zum Justizrathe zurück, er räusperte sich gelinde und sagte alsdann: »Der Herr Justizrath thun mir wahrhaftig Unrecht, ich thue gewiß, was in meinen Kräften steht. Heute Morgen gelang es mir denn auch, einige nicht unwichtige Worte anzubringen – versteht sich, bei dem Herrn allein – die nicht ohne gute Folgen bleiben können.« »Also doch!« sagte der Justizrath lächelnd. »Gestern Abend hörte ich in meinem Nebenzimmer,« fuhr Joseph fort, »wie der Schulmeister sich wie gewöhnlich bemühte, dem Herrn diese Angelegenheit aus dem Kopfe zu reden, und wie er sich hoch und theuer verschwor, zu etwas dergleichen nie seine Hand reichen zu wollen, zu einer Sache, die doch nur zum Unglück des Herrn ausschlagen könne.« »Zu seinem Unglück!« wiederholte der Justizrath nachdenkend, und fuhr forschend fort: »Und auf welche Art zu seinem Unglück, meinte er wohl?. Sprach er sich nicht darüber ans?« »Nicht ganz genau,« entgegnete Joseph. »Ich glaube aber, er meinte wohl, daß eine Heirath mit der Tochter der Gemüsehändlerin ...« »Ach so!« lächelte der Justizrath, ihn unterbrechend, »da scheint mir der schlaue Schulmeister doch auf einer falschen Fährte zu sein. – Aber weiterhin deinem Bericht!« »Ich sprach ihm also davon,« fuhr Joseph fort, »daß ich eine Bekannte habe, die einen Weinschank hält in der Nähe des Hauses der Frau Schoppelmann, und daß man von einem Fenster dieser Schenke in das Zimmer der schönen Katharine sehen könne.« »Und dem ist so?« fragte der Justizrath aufmerksam. »Gewiß!« antwortete Joseph, »und ich schlug ihm vor, ich wolle ihn an einem der nächsten Abende in jenes Haus führen; man könne, sagte ich ihm, ganz genau hinübersehen, man könne zusammen sprechen, ja das Fenster der schönen Katharina sei vom Boden beinahe mit der Hand zu erreichen.« »Gut, gut,« sagte der Justizrath. »Und wie nahm er diese Nachricht auf? Mit großer Freude?« »Ja, es schien ihn ziemlich zu interessiren, auch befahl er mir, ich solle ja dem Schulmeister hievon nichts mittheilen.« »Das ist das Beste,« sagte der Justizrath. »Aber,« setzte er nach einem längeren Nachsinnen hinzu, »wie lange wird es dauern, daß er sich für jenes Mädchen interessirt? und wird sein Interesse so groß sein, daß er etwas dafür wagt? Und wagen muß er, sonst hilft uns auch dieser Plan wieder nichts. – Er muß zur Nachtzeit in das Zimmer des Mädchens dringen,« sprach er zu sich selber so leise, daß Joseph nichts davon verstand, »er muß dort überrascht werden, durch mich festgehalten, es muß etwas mehr dahinter stecken, als eine gewöhnliche Liebesgeschichte, ich muß mich veranlaßt sehen können, seine Wohnung untersuchen zu lassen und seine Papiere mit Beschlag zu belegen.« »Und was das Andere betrifft,« fragte Joseph schüchtern nach einer Pause, »das, worüber ich schon einige Male berichtete, was den Herrn Justizrath sehr zu interessiren schien, darin läßt sich also nichts thun?« Der Justizrath gab auf diese Frage nicht sogleich Antwort, doch stand er von seinem Schreibstuhle auf, legte die Hände auf den Rücken und ging einige Minuten nachdenkend auf und nieder. Er wußte ganz genau, was sein getreuer Helfer sagen wollte, und es war ihm von der größten Wichtigkeit, denn es handelte sich um jenes Etwas, das er mit Einem Griff hätte erreichen können, und das auf Umwegen zu erlangen er die weitesten und feinst gesponnenen Netze legte: jenes Päckchen nämlich mit rothen Bändeln, schwarz versiegelt. Joseph hatte ihm schon einige Mal gesagt, daß des Nachts, wenn Eugen Stillfried allein in seinem Schlafzimmer war oder sich wenigstens allein glaubte, er alsdann zuweilen sein Schreibpult öffne, eine kleine Kassette herausnehme, diese aufschließe und ein Päckchen betrachte mit rothen Bändeln, schwarz gesiegelt. Wie hatte der Justizrath gezittert, als er die erste Kunde hievon erhielt! Einen Auftrag an Joseph, ein paar falsche Schlüssel, die leicht anzufertigen waren – und er hatte erreicht, mit einem Male erreicht, wonach er mit ganzer Seele, wonach er so sehnsüchtig verlangte. Aber er hatte nicht den Muth, seinen Helfer wissen zu lassen, um was es sich eigentlich bei Eugen Stillfried handle, was er zu erreichen gedachte, was er bezweckte, indem er ihn, Joseph Schlimmbach, den Falschmünzer, zum Aufpasser seines Herrn gesetzt. Er zitterte schon bei dem Gedanken, daß Jener die geringste Ahnung davon haben könne, welchen unschätzbaren Werth jenes Päckchen für ihn habe. Er traute dem ehrlich scheinenden Gauner nicht, der vor ihm stand, und wenn er ihm heute den Auftrag gegeben hätte: stiehl mir jenes Packet aus dem Schreibpulte deines Herrn! so hätte er sich einen Augenblick verzweiflungsvoll an die Stirn geschlagen, daß er einen Theil seines Geheimnisses Jenem verrathen. Nein! nein! ihm war es genug, zu wissen, wo sich jenes Päckchen wohlverwahrt befinde. Er hatte nicht Lust, es in die Hände des getreuen Pierrot fallen zu lassen, denn er wußte wohl, welche Schlauheit sich bei diesem unter der Maske der Dummheit verbarg. Konnte er nicht neugierig sein und den Inhalt jener Papiere erfahren, und konnte darauf der Falschmünzer, dessen Freiheit, ja, dessen Leben in seiner Hand lag, nicht mit jenen entsetzlichen Zeugnissen bewaffnet vor ihn hintreten und ihn, den Mann ohne Tadel, den gefürchteten Richter, zum elenden, erbärmlichen Sklaven machen? Er schauderte jedesmal bei diesem Gedanken, und so oft ihm Joseph von der geheimnißvollen Schublade sprach, schüttelte er, freilich gezwungen lächelnd, den Kopf und sagte: »Gott soll mich bewahren, daß ich dich einen Diebstahl begehen heiße, davor nimm dich ja in Acht! Ein solches Wegnehmen gewiß an sich unbedeutender Papiere müßte für dich zu bösen Häusern führen. Ich selbst könnte dich dann nicht mehr retten. Diebstahl an seinem Herrn! – Laß mich ja nicht weiter von dir darüber hören!« Damit war der Rapport für heute geschlossen. Der Justizrath legte sein Buch weg und sagte alsdann: »Du hast nun vorderhand nichts Dringenderes zu thun, als deinen Herrn, so bald wie möglich in jenes Haus zu führen. Geschieht dies des Abends, und kann er sie bei der Gelegenheit sprechen – du wirst mich begreifen – so ist das desto besser.« Hierauf winkte ihm der Justizrath mit der Hand, und Joseph verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer. Er eilte so schnell er konnte über den Korridor nach der Treppe; denn er fürchtete immer, der alte Bediente komme wieder zum Vorschein und schnappe auf seine gräßliche Art nach ihm. Eilftes Kapitel. Die Gebrüder Schoppelmann erfreuen sich einer eigenthümlichen Jagd, und während wir dabei von anmuthigen Liedern hören, machen wir die traurige Erfahrung, mit viel Verdorbenheit im Allgemeinen unter den Menschen zu finden ist. Wenn man durch den Hof des Schoppelmann'schen Hauses in jenes Gewölbe oder jene Vorhalle trat, welche dem geneigten Leser aus dem ersten Kapitel unserer, der Wahrheit getreuen Geschichte bereits bekannt ist, so hatte man über sich das Zimmer der schönen Katharina. Das Haus hatte auch neben diesem weiter keine Gemächer, welche von der Schoppelmann'schen Familie benutzt worden wären; doch befand sich neben dem Zimmer Katharinens eine kleine steinerne Wendeltreppe, welche in einen oberen Stock führte, dessen Appartements von der Madame Schoppelmann, wie wir ebenfalls bereits wissen, vermiethet waren. Hier wohnten unter Anderen Jungfer Clementine Strebeling und die sündhafte Choristin des königlichen Hoftheaters. Das Gewölbe unten, das Comtoir der Madame Schoppelmann, hatte außer dem Thore, das in den Hof führte, rechts und links Seitenthüren. Diese führten links in das Schlafgemach der Wittwe selber, und die Fenster dieses Schlafgemaches gingen auf den Hof, auf welche Art denn die Besitzerin fast ihr ganzes Waarenlager, Todtes und Lebendiges, das heißt Gemüse- und Kartoffelhaufen, Obst, Getreide, Geflügel, Ferkel und dergleichen, im Auge hatte. Die Thüre rechts ging aus dem Gewölbe in ein anderes Zimmer, eine Art Vorrathskammer. Hier befanden sich Fische, Wildpret, feinere Obstsorten und dergleichen Dinge an den Wänden aufgehängt oder in Kisten und Kasten aller Art und die Fische in Zubern mit frischem Wasser. Diese Vorrathskammer bildete eine Ecke des Hauses; an sie grenzte rechts ein Pferdestall, links ein Zimmer, in welches wir uns nun begeben wollen, da wir genöthigt sind, demselben, sowie dessen Bewohnern, einige Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist nämlich das Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer der beiden Herren Schoppelmann. Die Fenster dieses Zimmers gingen auf die benachbarte Straße, und das Gemach selbst bildete mit der Mauer, in welcher im Entresol das Schlafzimmer der schönen Katharina war, einen rechten Winkel. Die Gasse, die hinten vorbei ging, war kaum als solche zu nennen und so unbedeutend, daß man es nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, ihr einen Namen zu geben. Sie war an den meisten Stellen nicht fünf Fuß breit und erweiterte sich nur gerade hinter dem Schoppelmann'schen Hause durch die Ecke, welche dieses in sich bildete, einigermaßen. Nur durch diese schmale Gasse getrennt, befand sich neben der Wohnung der beiden Schoppelmann das Nachbarhaus, ein altes, melancholisches Gebäude mit schiefem Dach und engen Fenstern, die durch die vielen Flüssigkeiten aller Art, welche man dort befugter oder unbefugter Weise herausgoß, und deren Spuren an der Mauer deutlich sichtbar waren, wie ebenso viele triefende Augen aussahen. Dieses alte Haus war eine Art Pensionat mit kleinen, elenden Zimmern, einer noch erbärmlicheren Küche – sowohl das Gemach selbst, als die Produkte, welche aus derselben hervorgingen. In diesem Hause wohnten junge Leute, die auf eine Anstellung warteten, oder die sich auf ein Examen vorbereiteten, arme, unbekannte Künstler, die ein Portrait für fünf Gulden malten, junge Schullehrergehülfen, die es vorzogen, statt unter den Augen des Schulmonarchen und Gattin, hier ihr dürftiges Brod in Ruhe und Frieden zu genießen. Letztere waren wohl die vornehmeren Bewohner dieses Hauses: ihrer vier hatten zwei der besten Zimmer, und die Fenster derselben gingen nach jenem kleinen Winkel des Schoppelmann'schen Hauses. In diesen zwei Zimmern befand sich ein einziges Klavier, das aber abwechselnd von einem der vier Schulgehülfen maltraitirt wurde und auf diese Art den ganzen Tag in den verschiedensten Mol-, Dur- und Mißtonarten der gesammten Nachbarschaft sein jammervolles Dasein kund gab. Glücklicherweise war aber die Nachbarschaft, welche gezwungen war, diesen Concerten zuzuhören, weder zahlreich, noch unduldsam. Die schöne Katharina, welche diese Musik aus erster Hand hatte, sog, wie auch ein Schmetterling in den giftigen Blumen Honig findet, aus diesem Klaviergeseufze angenehme Erinnerungen besserer Klänge, die sie schon gehört. Das Ohr der Frau Schoppelmann Mutter war durch das Gackern ihrer Hühner, das Grunzen ihrer Ferkel, sowie durch die harten Stimmen ihrer Kolleginnen nicht verwöhnt, weßhalb ihrem Ohre die Klagetöne von dort drüben durchaus nicht wehe thaten. Was die jungen Schoppelmänner Söhne anbelangte, so waren diese wohl die Einzigen, die an den Fingerübungen der Schulgehülfen einiges Wohlgefallen hatten. Es war doch wenigstens Musik; und wenn die drüben mit Accompagnement einer Flöte und Violine arbeiteten, so übertönten diese Instrumente die Stimmen der jungen Schloppelmänner vollkommen, und sie konnten über ihre Plane und Entwürfe alsdann ziemlich laut sprechen, ohne daß sie hätten fürchten müssen, von der Mutter gehört und verstanden zu werden. Bewegte sich aber die Musik drüben in leisen, klagenden Melodieen, so ließ sich vortrefflich dabei einschlafen, – ein Geschäft, dem die beiden jungen Leute, wenn sie zu Hause waren, aufs Eifrigste obzuliegen pflegten. Neben dem musikalischen Hause war ein anderes angebaut, welches mit diesem einen stumpfen Winkel bildete, wodurch die eine Seite desselben sich der Ecke des Schoppelmann'schen Hauses wieder näherte und die Gasse dadurch bedeutend verengte. Das Ganze bildete nun auf diese Art einen harmlosen, aber ziemlich schmutzigen Winkel. Dieses letzte Haus war eine Weinschenke, und zwar die, welche der getreue Pierrot im vorigen Kapitel erwähnt. Die Wände derselben waren aufs Mannigfaltigste und sehr trübe gefärbt, die Fenster in ihnen erblindet und auf mehreren Stellen, wo Scheiben fehlten, mit Papier verklebt. Durch zahlreiche Dachrinnen von Blech und Holz schien man das ganze Regenwasser von sämmtlichen Häusern, die hier mit ihren Hintertheilen zusammenstießen, in diesen Winkel geleitet zu haben, wodurch derselbe bei nassem Wetter unsauber und schmutzig, ja für reinliche Leute fast ganz unzugänglich war. An den Fenstern des musikalischen Hauses befanden sich morsche Blumenbeete, auf welche man neben einigen verdorrten und verwelkten Geranien und Reseden hie und da einen üppig wuchernden Kapuziner sah, der mit seinen breiten, saftig grünen Blättern und goldgelben Blumen eine angenehme Abwechslung des verschossenen Braun und trüben Grau war, welches man hier allenthalben entdeckte. Zwischen diesen Blumenresten lag verschiedenes Geschirr, Milchtöpfe, alte Kaffeetassen und dergleichen, welche die ohnehin kleinen Tische des Zimmers verengten und nun hier zugleich mit halb geleerten Weinflaschen und alten Tabakspfeifen, wie auf einer allgemeinen Etagère, ausgestellt waren. Gemäß einer Übereinkunft zwischen diesen Häusern, welche den Winkel bildeten, hatte man nach allen Richtungen Waschseile angebracht, und zu Zeiten, wo diese vollständig besetzt waren, sah dieser Winkel aus wie ein kleines Zeltdach von allen möglichen Farben. Das herabströmende Regenwasser floß auf den Boden in ein paar offene Kanäle, die nach der Nebenstraße zuliefen, um sich dort mit ihrem unsauberen Inhalte sogleich schamvoll unter dem Straßenpflaster zu verlieren. Diese Kanäle, eine nicht sehr angenehme Zugabe des Winkels, waren trotz ihrer Unsauberkeit und ihres Geruches eine Quelle großen Vergnügens für die beiden Herren Schoppelmann. Hier hielt sich nämlich zu allen Zeiten des Tages eine Unzahl Ratten auf, die so frech und zudringlich waren, daß sie sich kaum von vorübergehenden Leuten verscheuchen ließen; und diese Thiere waren von jenen beiden jungen Herren für jagdbar erklärt worden; sie wurden von ihnen in Schlingen gefangen und geschossen, und diese Beschäftigung war ihnen ein ausgezeichneter Zeitvertreib. Um in das Zimmer dieser Beiden zu gelangen, brauchen wir nicht den großen Umweg durch das Thor über den Hof und durch eine Vorhalle zu machen. Die Fenster dieses Gemaches, von alten Zeiten her mit kunstreichen, starken Gittern versehen, hatten jene Herren behufs des ungenirten Besuches der nachbarlichen Weinschenke auf eine sehr sinnreiche Art praktikabel gemacht. Sie hatten eines der Gitter aus den Kloben gebrochen, die es in der Mauer fest hielten, und diese dahin abgeändert, daß eine kündige Hand das schwere Gitter so weit vom Fenster entfernen konnte, daß eine Person bequem durchzuschlüpfen vermochte. Wenn wir hierauf das Gemach betreten, so merken wir vor allen Dingen, daß es mit der freundlichen, sauberen Einrichtung jenes der Schwester auf's Auffallendste contrastirte. Hier sah man nichts von reinlichen Wänden, hellen Vorhängen, frisch gewaschenem Fußboden; Alles hatte hier einen ursprünglichen Schmutzüberzug, und es wäre unmöglich gewesen, mit einiger Genauigkeit anzugeben, in welcher Farbe Decke, Wände und Fußboden einst dem Auge gelächelt. Alles hier sah aus wie eine Fortsetzung des Winkels draußen. Das Meublement dieses Gemaches bestand aus zwei Betten mit Strohsäcken und Matratzen, die gewiß vor nicht langer Zeit sauber und ordentlich gewesen waren, doch sah jetzt Alles verwühlt und nachläßig aus. Die Decken zu diesen Betten hingen auf den Boden hinab, die Kopfkissen befanden sich auf der Fensterbank als sanfte Unterlage für die aufgestemmten Arme desjenigen, der gerade hinaus sah. In der Mitte befand sich ein Tisch, darauf ein paar schwere Ledergamaschen, ein runder Jägerhut, eine Fuhrmannspeitsche, ein Krug Bier mit zwei Gläsern. Das einzige Saubere, was man im ganzen Gemache wahrnahm, waren zwei doppelte Jagdgewehre, die an der Wand hingen, nebst Hirschfänger, Kugel- und Jagdtasche, sowie ein paar große Reiterpistolen. Diese Gegenstände erblickte man, wie gesagt, auf's Beste geputzt, ja glänzend heraus strahlend aus dem allgemeinen Schmutzchaos. Der älteste Sohn der Gemüsehändlerin, Fritz, der Fuhrmann, lag auf dem einen Bette ausgestreckt, beide Hände unter dem Kopfe, und schien auszuruhen von gehabten Anstrengungen. Doch schlief er nicht; vielmehr gab er auf's Genaueste Achtung auf die Bewegungen seines Bruders, der vor einem der Fenster kauerte und hinter den Kopfkissen, von denen wir vorhin sprachen, die er in Art einer Schutzwehr um sich aufgethürmt hatte. In der Hand hielt er ein kleines Gewehr von jener Konstruktion, aus dem man ohne Pulver, nur durch die Kraft der messingenen Zündkapsel eine kleine Kugel mit ziemlicher Gewalt forttreibt. Er spähte sorgsam auf den Winkel hinaus und sprach nach einer kleinen Pause: »Weiß der Teufel, was die Bälge heute treiben! Jetzt warte ich schon eine halbe Stunde, und es kommt mir keine zum Schuß. Sonst ist das Zeug frech wie Galgenholz und tritt einem fast auf den Füßen herum, heute aber wollen sie aus ihrer verfluchten Röhre gar nicht heraus, 's ist gerade, als wüßten sie, daß man hier auf sie lauert.« »Meinst du nicht,« sagte Fritz, der Fuhrmann, »daß es ihnen heute zu still im Winkel ist? Ich glaube fast; du wirst sehen, sobald die Schulmeister drüben anfangen zu spielen, da springen die Ratten wie wahnsinnig heraus.« »Das kann schon sein,« murrte der Jäger am Fenster, – »Ich glaube, du hast Recht. Nur begreife ich nicht, warum die Kerle drüben nicht wieder anfangen, ihr Klavier zu prügeln. »Jetzt ist es schon eine Viertelstunde, daß man keinen Ton hört.« Sie thun es vielleicht absichtlich,« meinte der Fuhrmann »das sieht ihnen schon ähnlich, um uns die Jagd zu verderben.« Den armen Schullehrergehülfen geschah mit dieser böswilligen Voraussetzung offenbares Unrecht; denn im nächsten Augenblicke begann das Concert drüben brillanter als je. Nicht nur jammerte das Klavier, sondern auch eine Violine klagte die Grausamkeit desjenigen Menschen an, der mit dem Fiedelbogen über seine Saiten strich, ohne auch nur die allergeringste Befugniß hiezu zu haben. »Du hast 'die schönsten Augen – Mein Liebchen, was willst du noch mehr?« wehklagte es von drüben herüber. Und der Jäger am Fenster hatte vollkommen Recht. Es war in der That, als verständen auch die Ratten diese Töne der Liebe und Sehnsucht. »Bst! bst!« machte er hinter dem Kopfkissen, und winkte seinem Bruder, der eben sprechen wollte, mit der Hand, er möge still sein. Dann ballte er die Faust, als wollte er sagen: »es kommt mir ein dickes, rundes Wildpret zu Schuß;« und dann zählte er mit den Fingern Eins, Zwei, Drei – es seien ebenso viele Stücke. Der Fuhrmann erhob sich leise aus seiner liegenden Stellung, und da er so im Stande war, über den Kopf des Jägers hinweg zu blicken, bemerkte er zu seiner großen Freude eine dicke Ratte, von zwei kleineren gefolgt, die aus einer der Wasserröhren herabschossen, indem sie anfingen, im Kanal zu wühlen. Jetzt hob der Jäger langsam das Gewehr in die Höhe, legte es an die rechte Backe, zielte einen Augenblick und drückte dann los. Die kleine Flinte machte nicht viel Geräusch, es gab einen unbedeutenden Schlag; aber das Ziel war getroffen, die Wirkung der Kugel erwies sich drüben im Kanal als außerordentlich mörderisch. Die dicke Ratte stürzte mit dem Kopfe vorwärts in den grünen Schlamm, in dem sie gewühlt, und blieb da regungslos liegen. Die beiden kleinen Ratten sprangen entsetzt in die Wasserröhre zurück, und droben jubilirten Klavier und Violine. Sie fluchten dem Mörder da unten und beklagten das unglückliche Schlachtopfer. »Du hast mich zu Grunde gerichtet – Mein Liebchen, was willst du noch mehr?« Vorderhand aber schien der Jäger an diesem einen Opfer genug zu haben; denn er erhob sich aus seiner knieenden Stellung, putzte das Schloß des Gewehres mit einem wollenen Lappen rein ab und trug es dann langsam dem Tische zu. »Es ist heute kein Vergnügen,« sagte er alsdann; »bei dem warmen Wetter ist gar kein Leben in den Bestien. Da stellen sie sich faul vor den Schuß, man könnte sie mit der Schlafmütze todt werfen. Da ist mirs in der Dämmerung viel lieber, wenn sie so durch einander wuseln und lustig hin und her rennen. – Willst du einen Schuß thun?« »Ich danke dir,« erwiderte der Fuhrmann, »ich habe nicht die geringste Lust dazu. Weißt du was – setz das Gewehr in die Ecke und komm einen Augenblick hieher. Ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen.« Der Jäger that, wie ihm der Andere geheißen. Er legte das Gewehr an die Fensterbrüstung und warf sich neben seinen Bruder auf das Bett, welches unter dieser Doppellast in allen Fugen krachte. »Du weißt so gut wie ich,« sprach nun der Fuhrmann, »daß die Alte immer verdrießlicher, immer knauseriger wird. Es ist wahrhaftig kein Sinn und Verstand darin, daß wir mit den paar Kreuzern auskommen sollen, die sie uns in die Tasche fallen läßt. Der Nebenverdienst ist ganz schlecht geworden; ein wohlfeiler Einkauf, wofür uns etwas abfiele, ist fast gar nie mehr zu machen, und wenn was abfällt, ist es verflucht wenig.« »Das ist schon wahr,« meinte der Jäger nachdenkend, »auch meine Taschen sind ganz leer; wenn uns drüben die Frau Schilder in ihrem Weinschank nicht einen unbegrenzten Kredit gäbe, so wäre ich oftmals in Verlegenheit, wo ich einen Schoppen guten Weins her bekäme; denn das muß ich dir sagen, Fritz, den sauren Krätzer von der Alten, den kann man unmöglich saufen.« »Unmöglich,« sagte fest und bestimmt der Andere, und fuhr nach einer Pause fort: »Ja, und das ist wahr, die Frau Schilder ist ein braves Weib.« »Sehr anständig!« pflichtete der Jäger bei. »Aber gerade weil sie so anständig ist,« fuhr der Fuhrmann fort, »möchte ich auf jede Art Geld zusammen bringen.« »Für die Schilder.« »Ja wohl, für sie,« sagte der Fuhrmann. »Daß uns die Frau den Wein borgt, das können wir ganz gut annehmen. Der Teufel! wir sind ja sicher genug! Aber sie hat mir auf einige Zeit Baarschaften vorgestreckt und die möchte ich ihr gern heimzahlen.« »So, dir hat sie auch Geld geliehen?« lachte der Jäger. »Dir wohl auch?« fragte rasch dagegen der Fuhrmann, und darauf nickten Beide außerordentlich heiter und vergnügt einander zu. »Was meinst du,« nahm der Jäger nach einer Pause wieder das Wort, »wenn wir die Katharine wieder einmal anpumpten?« »Oh, die hat nichts Kleines, und ihr großes Geld gibt sie der Alten zum Aufheben.« »Ja, da weiß ich wahrhaftig keinen Rath; mit der Rattenjagd kann ich keinen Kreuzer verdienen.« »Und die andere ist vorderhand verschlossen!« entgegnete lachend der Fuhrmann. »Das weiß der Teufel!« sagte seufzend der Bruder, »wenn sie mich in herrschaftlichen Revieren erwischen, und wenn ich nur ein Stück Holz bei mir hätte, das wie eine Flinte aussähe – ich bin fest überzeugt, sie jagten mir eine Kugel durch den Leib. Das ist sehr traurig! Ich weiß einen kapitalen Wechselhirsch, keine Stunde von hier.« – Dabei blickte er sehnsüchtig und mit einem tiefen Seufzer zu seinen blank geputzten Gewehren empor, die so einsam und trauernd neben dem Bette hingen. »Die Frau Schilder,« begann der Fuhrmann nach einer langen Pause, »ist eine sehr kluge und umsichtige Frau; sie hat mir neulich etwas mitgetheilt, wie man auf eine gefahrlose Art zu einem guten Stück Geld kommen könne.« »Sollst du ihr vielleicht wieder ein paar Ferkel von der Alten verkaufen oder einige Säcke neue Kartoffeln und dann sagen, sie seien gestohlen worden?« »Ah, das sind Kleinigkeiten!« bemerkte ernst der Fuhrmann, »das kann gelegentlich auch wieder vorkommen; aber nein, wir würden was Größeres unternehmen. Es ist eigentlich nur Scherz, aber es kann Geld einbringen, ziemliches Geld, und 's ist ganz gefahrlos.« »Du, du, nimm dich in Acht!« antwortete der Jäger und stützte den Kopf auf die Hand, um seinem Bruder in's Gesicht sehen zu können. »Ich kenne diese Späßchen der Frau Schilder; dabei kann unter Umständen noch Schimmeres herauskommen, als wenn ich ein Bischen in den frischen grünen Wald spazieren gehe. Nimm dich in Acht!« »Ja, wenn man nichts wagt, kann man nichts gewinnen,« brummte der Andere, »und ich versichere dich, hiebei ist so gut wie gar nichts zu riskiren.« »Nun, so laß hören! Wenn deine Spekulation wirklich einträglich ist und keine große Gefahr dabei, Mitglied einer geschlossenen Gesellschaft zu werden, so könnte ich mich wohl entschließen, ebenfalls dabei zu sein.« »Du kennst doch da oben die alte Schachtel, die Strebeling?« »Versteht sich, kenne ich sie; hab' es ja einmal versucht, etwas mit ihr anzufangen, war aber rein unmöglich – konnte mich nicht zwingen, zärtlich gegen sie zu sein, sonst wär's gegangen.« »Da bist du auf dem Holzweg,« sagte der Fuhrmann. »Mit der ist unsereins nicht im Stande, etwas anzufangen, der sind wir viel zu leichtsinnige, liederliche Gesellen.« »Na, laß gut sein! – Also was ist's mit der Strebeling?« »Die Strebeling,« entgegnete der Fuhrmann, »ist, obgleich sie sich nur so stellt, als könne sie die Männer nicht leiden, doch im Grunde eine alte verliebte Gans; darum bin ich fest überzeugt, wenn nur Jemand hinter sie kommt, der sich recht schüchtern anstellt und zahm thut und schöne Worte an sie hinfaselt – und so Jemanden zu finden, das ist der Anfang von unserem Plan.« »Es wird aber sehr schwer sein,« meinte der Jäger, »Jemanden zu finden, der sich dazu hergibt, der dürren Klappermaschine da oben schön zu thun. Mir graust, wenn ich daran denke.« »Es findet sich schon Jemand,« sagte bestimmt der Fuhrmann. »Am Ende gar du selbst?« »Wo denkst du hin? Ich stehe in gleich gutem Andenken, wie du. – Aber höre weiter. – Wenn also Jemand gefunden ist, der mit ihr in ein Verhältniß tritt – es muß natürlich Jemand sein, auf den wir uns ganz verlassen können, einer der Unsrigen – wenn der also gefunden ist, so muß er der alten Schachtel droben in den Weg laufen, er muß thun, als sei er verliebt, aber sie darf ihn höchstens ein bis zwei Mal sprechen, dann macht er plötzlich eine große Reise, er verläßt die Stadt, und – seine Rolle ist ausgespielt.« »Davon sehe ich noch keinen Vortheil,« sagte der Jäger. »Das kommt erst,« antwortete der Fuhrmann. »Sobald Jener abgereist ist – schon nach ein paar Tagen – schreibt er ihr einen lamentablen Brief, schwört ihr ewige Liebe und Treue und sagt ihr dann, er habe ein Unglück gehabt; er habe seine Brieftasche verloren, oder er sei bestohlen worden und müsse sich jetzt durchbetteln, wenn ihn nicht eine freundliche Hand – jetzt paß auf! – aus der Verlegenheit herausreiße.« Nach diesen Worten stieß der Fuhrmann seinen Bruder bedeutungsvoll in die Rippen und lächelte ihm fragend zu. Der Jäger hob seine Augen gegen die Decke, schien eine Weile ernstlich nachzudenken, dann machte er ein spitzes, vergnügliches Maul, sah seinen Bruder gleichfalls lächelnd an und sagte: »Das ist nicht so übel, dabei könnte was Ordentliches herausspringen.« »Nicht wahr?« »Verflucht gescheidte Idee!« fuhr freundlich der Jäger fort. »Ich habe es immer, gesagt, die Schilder ist eine kluge Frau, und sei nur überzeugt, sie wird die Briefe schreiben, daß es nur so krachen muß. – Und wann soll die Geschichte vor sich gehen?« »So bald als möglich. Die Schilder will sogar dafür besorgt sein,« sagte der Fuhrmann, »jene Person aufzufinden, die mit der Strebeling anbandelt.« »Richtig – richtig, und das halte ich gerade für nicht so schwer,« sagte der Jäger, »und ich glaube nicht einmal, daß es nöthig ist, diese Person in unser Geheimniß einzuweihen. Man macht einen Spaß daraus, man sagt zu jener Person, man wollt sich nur das Vergnügen machen, die Jungfer Strebeling einmal verliebt zu sehen, und ist dann Jener einmal abgereist, das heißt, sobald er der zarten Clementine weiß gemacht, daß er abgereist sei, so ist er für uns todt und nicht mehr vorhanden; unsere ganze Geschichte geht ihn ferner nichts mehr an.« »Du hast Recht,« entgegnete der Fuhrmann, »so ist's noch besser, und wenn du also Mitarbeiter sein willst, so sage deine Meinung.« »Ja, was sollen denn wir eigentlich dabei thun?« fragte der Jäger. »Narr! die Briefe schreiben, das heißt nur abschreiben; denn wir bekommen sie von der Schilder vorgeschrieben – die Schilder versteht das; sie ist eine verflucht gescheidte Person!« »Briefe schreiben? seine Schrift aus der Hand geben, und in einer solchen Sache? Höre, Fritz, das will überdacht sein!« »Bah, bah!« sagte der Fuhrmann, »was bist du auf einmal so ängstlich? Was geht's mich an, was ich schreibe, wenn ich es für Jemand anders thue. Die Schilder kommt zum Beispiel zu mir und sagt: Lieber Herr Schoppelmann, da habe ich einen Brief aufgesetzt, ich führe eine sehr schlechte Handschrift, thun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie mir den Wisch ab. Was werde ich thun? Ich werde Ja sagen und mich den Teufel darum bekümmern, was in dem Briefe steht. Mag sie damit anfangen, was sie will, es ist mir einerlei. Ich behalte nur ihre Vorschrift, um dieselbe später zeigen zu können, wenn man mir je etwas anhaben wollte.« »Ja, ja, da hast du nicht ganz Unrecht, so läßt sich's machen.« »Wir brauchen mehrere Handschriften,« fuhr der Fuhrmann fort; »bald muß der Liebhaber schreiben, bald sein Bruder, vielleicht auch sein Vater; es gibt nebenbei einen Hauptspaß, und dann meint die Schilder, es könnte dabei ein außerordentliches Geld herausspringen. Die Strebeling hat Batzen genug, und wenn so eine alte Scheune einmal anfängt zu brennen, da ist nicht so bald wieder gelöscht. – Jetzt laß uns aufstehen, wir wollen die Schilder einen Augenblick besuchen, um die Sache noch genauer abzusprechen.« Zwölftes Kapitel. Joseph Pierrot fällt in einen Blumenkorb, erlebt eine traurige Niederlage und entdeckt mit Schrecken, daß es noch klügere Leute als er auf der Welt gibt. Während sich hierauf das würdige Brüderpaar erhob, um sich nach dem Schauplätze einer neuen Thätigkeit, der Weinkneipe der Frau Schilder, zu begeben, ging im gleichen Augenblick auf dem Markt ein anderer unserer Bekannten ebenfalls diesem Lokale zu. Dieses war Monsieur Joseph-Pierrot, der in seiner Lieblingshaltung, den Hut auf dem rechten Ohr, die Hände in den Hosentaschen, mit einer frischen Cigarre im Munde, daher zog. So oft es sich thun ließ, ging dieser getreue Diener quer über den Marktplatz, so nahe wie möglich an dem Obst- und Gemüsestande der Madame Schoppelmann vorüber. Er spähte in solchen Fällen nach der schönen Katharina und pflegte, wenn sie alsdann aufblickte, mit möglichst weit abgewandtem Gesicht vorbei zu schreiten. Er wollte damit als feiner Mann ausdrücken: »Du siehst, hier bin ich, aber wenn ich mein Gesicht abwende, thue ich vor aller Welt, als fiele es mir gar nicht ein, nach dir hinüber zu schauen.« Dabei verdrehte er aber sein rechtes Auge auf eine entsetzliche Art, um trotzdem bemerken zu können, im Falle ihm die schöne Katharina einmal winkte, um einen Auftrag oder so etwas zu erfüllen. Das war ihm aber bis jetzt noch niemals vorgekommen; denn das Mädchen, so sehr es seinen Herrn liebte, und so innig, ja so ergeben sie zu ihm aufblickte, war doch viel zu stolz, um dem Bedienten nur den vierten Theil eines freundlichen Wortes zu gönnen. Heute war übrigens die schöne Katharina nicht mehr bei ihren Körben, und in einem solchen Falle, der häufig vorkam, pflegte der treue Pierrot sich dem Stande der Madame Schoppelmann zu nähern, um mit der Frau selbst oder den Mägden während des Ankaufs einigen Obstes eine kleine Unterredung anzuknüpfen. Heute Morgen war Madame Schoppelmann in höchst eigener Person auf dem Markte, und ein feinerer Menschenkenner, als Joseph, hätte unfehlbar bemerken müssen, daß die Dame sich nicht gerade in der rosenfarbensten Laune befand. Joseph indessen schritt mit seinem dummen Gesichte, das er mit einem blödsinnigen Lächeln verziert hatte, gerade auf die Madame Schoppelmann zu und pflanzte sich in seiner ganzen Schönheit vor den Körben auf. Beide standen sich fast in der gleichen Haltung gegenüber, nur daß die Frau ihre beiden Arme, statt in ihren Taschen, auf die breiten Hüften aufgestemmt hatte. Wir glauben annehmen zu können, daß die Gemüsehändlerin den Mann, der so vor sie hintrat, genau zu kennen die Ehre hatte, daß sie wußte, er sei der Bediente seines Herrn. Keine Frage, ob ihm etwas gefällig sei, begrüßte ihn. Die Frau stand unbeweglich, wie ein Koloß, und schaute mit einem finsteren Blick in sein lächelndes Angesicht. Der gute Pierrot, der gar nicht die Absicht hatte, besondere Einkäufe zu machen, kam etwas Weniges aus der Fassung, als ihn die Frau so, man könnte sagen, herausfordernd, anschaute, und suchte im ersten Augenblicke vergebens nach dem passenden Anfang zu einer Rede, und als er endlich sein großes Maul öffnete und einige Worte sprach, waren eben diese Worte nicht geeignet, Madame Schoppelmann freundlicher für ihn zu stimmen. »Ich habe,« sagte er stotternd, »einen Blumenstrauß kaufen sollen, aber ...« »Was aber?« fragte die Gemüsehändlerin laut. »Aber ...« fuhr Joseph verlegen« fort, »von der schönen Katharine selbst.« – Er hoffte jetzt, wenn er die Tochter schön nenne, müsse sich die Mutter außerordentlich geschmeichelt fühlen? Dem war aber durchaus nicht so. »Wer ist die schöne Katharine?« lief entrüstet die Gemüsehändlerin, und hob einen Augenblick ihre schweren Fäuste aus den Seiten, stemmte sie aber gleich darauf wieder so heftig ein, daß ihr ganzes Gebäude leicht erzitterte. – »Wer fragt nach der schönen Katharine?« Pierrot nahm seine Cigarre aus dem Munde und lächelte noch dümmer und verlegener als früher. »Gottes Wunder!« fuhr die Frau fort, »kommt ein solcher Hecht, ein solcher Livreeständer auf offenem Markte zu mir, zu mir, der Frau Schoppelmann,« sagte sie mit vielem Stolze – »und erlaubt sich, nach der schönen Katharine zu fragen. Nehme Er Sich in Acht! – Er – Er – Hanswurst! und such' Er Seinen Weg auf der andern Seite; hier ist kein Grund für Ihn – hier kann Er keinen Stab einschlagen, hier bricht Seine Angelschnur entzwei. – Soll mich Gott bewahren, was es auf der Welt für freches Volk gibt! Ich will Ihm etwas sagen, Spinnengeweb: nehm' Er sich vor der Frau Schoppelmann in Acht! Geh' Er zum Thore hinaus nach dem Kirchhof, oder meinetwegen auch zum Schinder, da liegen mehr so Dinger, wie Er ist.« – Die Frau sprach sich offenbar in den Eifer hinein, und holte jetzt tief Athem, da sie in Folge ihrer heftigen Worte etwas zu verschwenderisch mit demselben umgegangen war. Pierrot, dem bei dieser Strafpredigt nicht wohl zu Muthe war, und der schon bemerkt, wie die nebenan sitzenden Weiber sich umwandten und mit Fingern auf ihn wiesen, wollte den Augenblick des Stillschweigens der Frau benutzen, um sich sachte von diesem Schlachtfeld zurück zu ziehen; denn ihm ahnete eine noch vollkommenere Niederlage. Er hatte sich auch hierin nicht getäuscht; denn kaum versuchte er den beabsichtigten Rückschritt, so fuhr die rechte Faust der Madame Schoppelmann aus ihrer ruhenden Stellung auf, faßte ihn plötzlich in der Gegend des Halses, wo aus dem schwarzen Tuche ein paar violet gestreifte Vatermörder emporwucherten, und verpflanzte ihn mit einem kräftigen Ruck vom Pflaster des Marktes unglücklicher Weise mitten in einen Korb hinein, wo er sich plötzlich in Blumen befand – eine Trauerweide zwischen zertretenen Blüthen. Es war ein außerordentlich komischer Anblick, und Joseph hatte seine Fassung vollständig verloren und zitterte an Leib und Seele. »Da steht Er nun!« sagte triumphirend die Frau, »und ehe Er, miserabler Storch, aus dem Salate da wieder heraus spaziert, will Ich ihm noch zwei Worte sagen; Er ist mir gerade recht in den Wurf gekommen, und ich habe mir schon lange den Augenblick herbei gewünscht, Seine nähere Bekanntschaft zu machen. Da meint so ein Tagedieb, so ein Tellerlecker und Stiefelwichser, weil er da ein paar bunte Fetzen auf dem Leibe hat, sei er was Rechtes geworden und könne sich unterstehen, zu glauben, ich sei gerade hier auf dem Markte anwesend, damit man so nichtsnutzige Fragen an mich thue, und ich, die Frau Schoppelmann, müßte einen Knix machen – so – und wieder so – und noch einmal so, und freundlich fragen, was dem gnädigen Herrn zu Befehl stände.« Die Knixe, welche Frau Schoppelmann hiezu wirklich machte, waren gewissermaßen fürchterlich anzusehen; und wenn sie so tief hinab sank und ihre Röcke sich dabei zu einer unendlichen Weite ausdehnten, und nun sich darauf wieder erhob, so duckte sich in diesem Augenblick Pierrot etwas auf die Erde; denn er befürchtete, jetzt sei der Moment gekommen, wo sich die Strafpredigt in ein Attentat auf seine dicken Backen verwandle. Hiedurch kam es, daß er ebenfalls drei Mal knixte, gerade wie die Frau Schoppelmann. »Aber ich will dem gnädigen Herrn nur sagen,« fuhr die Frau ironisch fort, »daß er künftig in eigenen Angelegenheiten, sowie in denen seines sauberen Herrn weit klüger thut, wenn er in einem großen Umweg um meine Körbe herum spaziert. Nehm' Er sich meine Worte zur Lehre, und lass' Er sich nie mehr in den Sinn kommen, Blumensträuße kaufen zu wollen! – – von der schönen Katharine– – Er Rettig, Er miserabler! Er Pflastersteinwetzer! – Jetzt geh Er nach Hause oder wohin Er sonst Seine nichtsnutzigen Wege zu machen hat! Merk Er sich, wo ich meine Blumen verkaufe, und merk' Er sich, daß ich Frau Schoppelmann heiße; auch wohne ich dahinten, rechts herum, bei dem großen Thor mit dem adeligen Wappen über der Thüre; ja, ich bin auch eine vornehme Familie, schau' Er sich das Wappen recht genau an, ich kann ihm noch mehrere dazu zeigen, und jetzt zieh' Er dahin, Er trauriger Luftzug! – Spazier Er weiter, Er zerschnittener Melonenkopf, Er Zierrath vom Elend!« Nach dem letzten Ergusse setzte sich die Frau auf einen umgekehrten Korb nieder, trotzdem, daß dieser Korb bedeutend krachte und seufzte. Dann holte sie abermals tief Athem und würdigte den also Ermahnten keines Blickes mehr. Pierrot hatte sich in diesem Augenblick aufs Schleunigste gewendet und lief mehr, als er ging. Seine eifrige Sorge war, den Marktplatz bald hinter sich zu wissen; denn einige Straßenjungen, denen die verschiedenen Benennungen, womit Frau Schoppelmann ihn beehrt, äußerst passend erschienen, verfolgten ihn lachend und schreiend, bis er in eine enge Seitengasse einbog und dann wieder in eine andere, und so seinen Verfolgern entging. Der arme Joseph hatte heute einen unglücklichen Tag, und wenn ihn auch nicht seine Geschäfte zum Weinschanke der Frau Schilder getrieben hätten, so würde er dahin gegangen sein, um sich von der erlittenen Niederlage einigermaßen aufzurichten. Bald hatte er dieses traulich stille Asyl erreicht und trat in das Gastzimmer. Es war dieses ein Ort, um eine gebeugte Seele, die sich nach Ruhe und Einsamkeit sehnte, zu befriedigen, ein Plätzchen, wie gemacht, um in Annehmlichkeit und Gemüthsruhe einige gute Schoppen zu leeren. Hier herein drang nie das Geräusch der Straßen, kaum die Klavierkoncerte der Schullehrer, und wenn man sich, wie Joseph that, in das Hinterzimmer zurück zog, konnte man glauben, man befinde sich, von der ganzen übrigen Welt getrennt, allein auf einer wüsten Insel. Mit einer wüsten Insel hatte dieses Haus überhaupt viel Aehnlichkeit, insofern man nämlich unter einer wüsten Insel auch eine verwüstete verstehen kann. Hier war kein Stuhl, kein Tisch gesund und fehlerfrei. Alles alte, schwache, krüppelhafte Wesen. Die Tapeten waren grünlich grau angelaufen, die Fenster erblindet; und dieses Letztere konnte man als zarte Aufmerksamkeit der Frau Schilder betrachten, denn hinter diesen Fenstern befanden sich Mist- und Kehrichthaufen, alte Brandmauern und was dergleichen Dinge mehr sind, die unangenehm, in die Augen fallen. – Eines aber war in diesem Hause rein und gut – der Wein nämlich. Die Frau führte nur eine einzige Sorte, einen vortrefflichen Zehner. Pierrot ließ sich einen Schoppen davon geben, setzte sich an den Tisch, und Frau Schilder leistete ihm Gesellschaft. Es ist wohl der Mühe werth, diese Dame näher zu beschreiben. Sie ist ein mageres, schlampiges Weibsbild, von einer ansehnlichen Leibeslänge; ihr Gesicht ist hager, doch befinden sich in demselben schlaue, unternehmende Augen, und um den Mund hat sie einen verschmitzten Zug. Obgleich der Frau Schilder in den letzten zehn Jahren keine Katze gestorben war, um die sie hätte trauern können, so trug sie doch beständig die Livree des Todes – ein schwarz gefärbtes Merinokleid, dessen Nähte, Aermel, Rücken und Hintertheil sehr ins Fuchsige spielten. Wir können hier nicht umhin, zu bemerken, daß diese Frau, sobald sie auf an sie gerichtete Fragen keine Antwort zu geben wünscht, sich taub zu stellen pflegt. Joseph konnte nicht unterlassen, in einigen Worten seiner genaueren Bekannten, der Frau Schilder, die unangenehme Geschichte zu erzählen, die ihm so eben draußen auf dem Markte begegnet. »Das ist eine meisterlose Frau,« sagte die Wirthin mit ihrer trockenen heiseren Stimme; »weil sie ein Bißchen Geld erworben hat, glaubt sie, sie könne Alles thun und treiben. Und ihre Tochter, der hochmüthige Rotzaff, ist eigentlich noch viel schlimmer. Mit der Alten ist doch noch zu leben, und wenn man nichts von ihr will, oder sie gerade keinen Zorn hat, so gönnt sie einem doch wenigstens die Tageszeit. Aber die Katharine, die hochmüthige Blumenprinzeß – meint Ihr wohl, Joseph, wenn ich in der Früh' mein Fenster da oben aufmache und einen guten Morgen wünsche, daß sie nur sagte: ich danke? Gott bewahre! – da nickt sie höchstens mit ihrem Kopf, wie eine Königin aus ihrem Schloß. Aber die wird noch einmal gedemüthigt werden, daran zweifle ich nicht. – – Aber sieh doch, sieh doch,« fuhr Frau Schilder fort und verzog ihr düsteres Gesicht zu einem freundlichen Grinsen, »was schwatz' ich da für dummes Zeug! Ja, ja, so geht mir's, immer unbedachtsam: Der gnädige Herr unseres Freundes Joseph da ist der heimliche Geliebte der schönen Katharine; wann wird denn eigentlich geheirathet?« »Sprecht Sie kein so dummes Zeug!« sprach Joseph sehr würdevoll und streckte seinen Hals hoch empor. »Heirathen? heirathen? – Es heirathet sich nur so gleich!« »Gleich!« rief die Wirthin und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr, als wollte sie deutlicher hören. »Ei der Tausend, es wird also gleich geheirathet?« »Ihr seid ja wieder einmal ungeheuer taub!« rief Joseph sehr laut; »ich sage: es denkt Niemand ans Heirathen. Das wär' mir eine schöne Partie!« »Ja, ja, es wär' freilich eine schöne Partie,« sagte Frau Schilder ernst, »und dann zieht Er da drüben in das Haus, und die Frau Schoppelmann, die Euch ohnehin so lieb hat, wird Euch schon eine frische Herberge anweisen. Mir kann es schon recht sein; Madame Stillfried, geborene Schoppelmann.« »Wollt Ihr mich denn nicht verstehen, oder seid Ihr wirklich ganz harthörig geworden?« rief Joseph ärgerlich! »macht doch keine schlechten Witze! – Was heirathen! was heirathen! Das ist ja nur so eine Liebesgeschichte, das dauert vier Wochen, und damit hollah!.« »So ists recht!« sagte giftig die Frau: »vier Wochen und dann noch einige Monate – 's wäre außerordentlich lustig.« Joseph nickte ebenfalls vergnügt mit dem Kopfe, dann rückte er der Frau so nahe, daß er mit seinem Munde fast ihr Ohr berührte und sagte nach einer Pause: »Ihr sollt uns einen Gefallen thun.« »So?« fragte die Frau und sah ihn an; »Euch oder Eurem Herrn!« »Meinem Herrn!« Die Frau nickte abermals mit dem Kopfe und machte mit den Händen eine Bewegung, als zähle sie Geld, wobei sie fragte: »Wirds gut bezahlt?« »Versteht sich!« zischelte Joseph; »gut bezahlt, und Ihr braucht nichts dafür zu thun.« »Das ist mir lieb,« entgegnete die Frau; »was soll's denn?« »Wir brauchen das Zimmer da vorn heraus, das gegenüber dem Schlafzimmer der Katharine, hie und da, nur für einige Stunden des Abends.« »So, das Zimmer braucht ihr?« fragte die Wirthin nachdenkend; »nun, mir kanns schon recht sein; doch« – setzte sie achselzuckend hinzu – »wirds euch nichts nützen, das Mädchen bringen zehntausend Pferde nicht in mein Haus herüber.« »Davon ist vorderhand keine Rede,« entgegnete Joseph ärgerlich; »er will nur zuweilen kommen und sich hier im Hause verbergen, bis es vielleicht einmal möglich ist, daß er sie von der Straße aus einen Augenblick sprechen kann. Auch soll er von Eurem Zimmer aus Abends ein paar Mal in das Schlafzimmer der schönen Katharine sehen können.« »Er soll?« sagte die Frau aufmerksam; und ihre Taubheit schien sich sehr vermindert zu haben. »Was – er soll – er soll nicht, er will !« »So, er will?« lachte spöttisch die Frau; »o lieber Joseph, jetzt wollt Ihr wieder einmal pfiffiger sein, als die arme Frau Schilder; aber dazu habt ihr kein Talent. Nehmt mir nicht übel. Ihr seid ein guter Mensch, aber etwas dumm. – Also ihr braucht ein Zimmer?« »Ja,« sagte Joseph. »Und Ihr wollt es mir gut bezahlen?« »Versteht sich!« »Nun, so will ich Euch etwas sagen. In meinem Hause muß Alles sauber und ordentlich hergehen, das heißt, ich muß wissen, was darin vorgeht,« entgegnete die Frau mit einem sonderbaren Lächeln. »Glaubt mir, lieber Joseph, eine andere Frau wie ich hätte hinter Euren Worten nichts gesucht und das Zimmer gern gegeben, und wär' mit ein paar lumpigen Gulden zufrieden gewesen. Aber Ihr müßt eine arme Wittwe nicht betrügen wollen. Sagt mir, weßhalb Ihr das Zimmer eigentlich wollt; es kann mir nicht einerlei sein, was da geschieht, man könnte ja da oben falsches Geld machen wollen.« »Frau Schilder!« rief Joseph mit zorniger, aber gedämpfter Stimme und schlug dazu mit der Faust auf den Tisch. »Ich will Euch sagen, wie die Sachen stehen,« fuhr die Frau anscheinend unbefangen fort, ohne sich um die wüthende Geberde des Bedienten zu bekümmern. »Ihr handelt nicht im Auftrage Eures Herrn, das heißt, Eures Herrn Stillfried; Ihr habt andere Weisungen, Befehle, die ein schönes, schweres Geld eintragen, die Ihr aber ohne meine Hülfe nicht ausführen könnt. Was wollt Ihr mich nun betrügen, indem Ihr mir ein paar lumpige Gulden hinwerft und alsdann den Gewinnst allein einsteckt? Nein, lieber Joseph, seid offen und ehrlich mit mir, heraus mit der Sprache, sagt mir, um was es sich handelt; glaubt mir, die Frau Schilder kann Euch hierin gute Dienste leisten. Sagt dem Herrn Justizrath, es wäre mir sehr unangenehm, wenn ich seine Kundschaft verlieren müßte.« »Schilderin«, Schilderin, Ihr seid ein Satan!« rief entsetzt der Bediente und schob seinen Stuhl mit einem scheuen Blick auf die Wirthin einen Fuß breit zurück. »Lassen wir dergleichen Komplimente bei Seite!« antwortete diese, »schenkt mir reinen Wein ein; wir haben schon so manchmal ehrlich zusammen gehandelt, warum sollten wir es nicht auch dieses Mal thun? Und glaubt nicht,« fügte sie spöttisch lächelnd bei, »daß Ihr mir da so ungeheuer viel Neues sagt; was gilts, ich will Euch den ganzen Handel erzählen, und wenn ein unwahres Wort daran ist, so will ich weder für mein Zimmer, noch für meine Hülfe einen Kreuzer haben.« Von Joseph's Gesicht war alle Pfiffigkeit verschwunden, und es war nichts übrig geblieben, als Pierrot's dumme, glotzende Züge. »Da wär' ich wirklich begierig,« sagte er nach einer Pause, »was Ihr da über meinen Herrn ausgeheckt habt. Ich gestehe, ich wäre neugierig, das zu hören.« »Hören?« sprach die Frau plötzlich mit einem blöden Gesichtsausdruck, und schien im Begriffe zu sein, abermals ihre frühere Taubheit zu affektiren. »Hören?« wiederholte sie und hielt ihre rechte Hand hinter das Ohr. »Nein, hier kann uns Niemand hören!« Das Gesicht aber, mit dem sie in diesem Augenblicke nach der Thüre blickte, schien diese Worte Lügen strafen zu wollen; denn sie horchte offenbar auf schwere Fußtritte, die sich auf der Straße dem Hause zu nähern schienen. Doch verhallten sie wieder, und es kam Niemand. »Laßt die Narrenpossen!« bemerkte Joseph ärgerlich; »und wenn Ihr was wißt, so geht mit der Sprache heraus. Ihr braucht Euch gar nicht zu geniren; was Ihr mir sagen könnt, wenn es wirklich etwas ist, habe ich doch schon lange gewußt.« Die Frau drehte von übrig gebliebenem Brod kleine Kügelchen und schaute eine Zeit lang listig lächelnd vor sich hin, ehe sie dem Andringen des Bedienten nachgab. Dann sagte sie: »Nun wohl, Joseph, damit Ihr also seht, daß ich Euch hierüber durchaus nichts hinterhalte, so hört mich an. Euer Herr – der Stillfried nämlich – ist eine gute, leichtsinnige, aber in gewisser Beziehung etwas phlegmatische Haut; er hat der schönen Katharine hie und da ein paar Artigkeiten gesagt, die beiden jungen Leute haben sich etliche Mal gesprochen, und das alles könnte ein nettes kleines Verhältniß werden, wenn es nicht so außerordentlich schwer hielte, den jungen Herrn Stillfried für die Länge der Zeit zu beschäftigen, und wenn es möglich wäre, ihn aus seiner Gleichgültigkeit ein Bischen aufzuspornen. Mit so einer kleinen Anspornung ist er Feuer und Flamme, ich kenn' das; aber ihr alle mit einander seid zu dumm, um ihm den gehörigen Sporn einzusehen.« Joseph zog bei diesen letzten Worten seinen Mundwinkel verächtlich in die Höhe, fuhr durch sein borstiges Haar und schien eine ungeheure Gleichgültigkeit zur Schau tragen zu wollen; er nahm eine Miene an, als horche er kaum auf die Worte der Wirthin. Und doch strengte er sein Ohr auf eine übermenschliche Art an, damit er ja keines derselben verliere. Letzteres wußte Frau Schilder zu genau, und es kümmerte sie durchaus nicht, mit welchen Mienen ihr Gegenüber sie anschaute. Sie fuhr fort: »Dagegen ist es anderen Leuten, die ich Euch, meinem Freunde Joseph, wohl nicht zu nennen brauche, erstaunlich wichtig, daß sich dieses Verhältniß nicht wieder auflöse, wie einige frühere, sondern es soll recht innig werden; man will den jungen Menschen veranlassen, sich mit der schönen Katharine so eng wie möglich zu verbinden, und einmal da angekommen, gibt es zwei Wege, die von diesem Punkte aus weiter verfolgt werden könnten.« Was die Frau Schilder eben gesagt, war, wie wir bereits wissen, der Auftrag, den der Justizrath dem getreuen Pierrot gegeben. Das hatte die Frau richtig errathen: aber was dann weiter geschehen könne, wenn das Verhältniß der schönen Katharina zu Eugen ein inniges geworden sei, davon hatte er bis jetzt noch ganz unbestimmte Vorstellungen. Und die Frau wußte sogar zweierlei, was da geschehen könnte; er war außerordentlich begierig, darüber etwas Näheres zu vernehmen, und nahm sich daher vor, mit der Frau eine Komödie des Allwissenden zu spielen. »Nun ja,« sagte er deßhalb nach einer längeren Pause, »ich will in der That gestehen, Ihr habt bis dahin Recht; es interessirt sich Jemand dafür, daß mein Herr mit der schönen Tochter der Gemüsehändlerin eine förmliche Liebschaft anfängt; ich will das zugeben. Daran ist im Grunde nicht viel gelegen; aber jetzt darf ich kein Wort mehr zugeben, auch nichts mehr eingestehen, und wenn Ihr mir bietet, was Ihr wollt, und wenn Ihr auch Euer Zimmer abschlagt, da kann ich nichts machen, da müssen wir eben eine andere Gelegenheit suchen, die uns zum Ziele führt.« »Jetzt sprecht Ihr halb und halb die Wahrheit,« entgegnete ruhig die Frau; »Ihr werdet mir nichts mehr eingestehen, ganz richtig! und aus dem einfachen Grunde, weil Ihr nichts mehr wißt.« »Das wäre der Teufel!« sagte lachend der Bediente; »ich wäre wirklich neugierig, was Ihr in der Sache für weitere Ideen habt.« »Da wäret Ihr neugierig, meine Junge?« sprach höhnisch die Frau; »das glaube ich wohl, ich will Euch auch meine Ansicht sagen; aber Ihr müßt nicht glauben, mit Euren dummen Redensarten die Frau Schilder überlisten zu können. – Ich will's Euch sagen, weil es mir gerade so passend erscheint. – Man kann also dadurch zweierlei bezwecken: erstens vielleicht eine Heirath mit dem Mädchen, um ihn so aus der reichen und mächtigen Familie unter uns ordinäres Volk zu stoßen, ihn auf diese Art unschädlich zu machen, und dann läßt man ihn die Einwilligung dieser Heirath durch irgend etwas, was ich nicht weiß, theuer genug bezahlen.« »Ah!« sagte Joseph verblüfft, glaubt Ihr wirklich, Frau Schilder?« »Das wär' Eins,« fuhr die Frau fort, ohne die Frage weiter einer Antwort zu würdigen; »das Andere aber ist wahrscheinlicher. Man will vielleicht, er soll sich Nachts in dieses Stadtviertel verlieren, er soll sogar wohl den Versuch machen, sich drüben in jenes Haus einzuschleichen, und dort im Neste der Alten Zusammenkünfte mit der Jungen haben.« »Das wäre noch weit anständiger,« entgegnete Joseph, »und mir viel lieber, als so eine Heirath. Pfui Teufel!« »Tropf!« entgegnete die Frau verächtlich, »Ihr seid ein schöner Diener Eures Herrn; da ist Eins so schlimm wie das Andere. Glaubt mir, man steigt in diesem Stadtviertel nicht ohne Gefahr in das Fenster eines Bürgermädels, und da drüben in dem Hause hat's zwei paar Fäuste, denen es bei dieser Gelegenheit ganz einerlei ist, ob sie sich blutig färben oder nicht. – Doch still, ich höre Jemanden kommen; es könnten die Beiden sein, und in dem, Fall dürfen die uns nicht bei einander sehen. – Ja, ja, es kommen zwei Männer durch den Hausgang, trinkt Euren Schoppen aus und geht.« Mit diesen Worten stand die Wirthin hurtig von der Seite Joseph's auf, nahm ihren Stuhl mit sich und setzte sich an eines der erblindeten Fenster, wo sie emsig in einem schmierigen Zeitungsblatt studirte. Dreizehntes Kapitel. Ein kleines Kapitel, aber sehr bedeutsam. Jungfer Clementine hat ihre schöne Stunde, und drei ihrer Freunde beschäftigen sich mit ihrem zukünftigen Wohlergehen. Die Thüre öffnete sich, und die Gebrüder Schoppelmann traten herein. Sie ließen sich nieder, und der Fuhrmann betrachtete ziemlich unfreundlichen Blickes den Bedienten, der sein Geld auf den Tisch legte. »Bis ein anderes Mal!« rief ihm die Wirthin zu. Joseph setzte seinen lackirten Hut unternehmend auf das Ohr und schritt hochmüthig neben den Brüdern vorbei zur Thür hinaus. Er schlenderte durch den langen Gang und wollte eben zum Hause hinaus treten, als er einen Mann um die Ecke der Nebenstraße kommen sah, bei dessen Anblick er sich sehr behende wieder in den Hausgang zurückzog. Dieser Mann war aber Niemand anders, als der Schulmeister und lustige Rath, und da der getreue Diener um Alles in der Welt hier nicht gern von ihm gesehen worden wäre, so näherte er seinen Kopf so viel als möglich der Thürspalte, um bemerken zu können, was Jener in diesem abgelegenen Stadtviertel beabsichtigte. Der lustige Rath schien aber durchaus keine Ahnung davon zu haben, daß er sich hier einem für unsere Geschichte und wohl auch für ihn selber so sehr interessanten Terrain nähere, daß ihn links aus dem Hausgang der Weinkneipe der getreue Pierrot beobachte, und daß sich rechts das Zimmerchen der Jungfer Schoppelmann befinde. Sein Besuch, den er dieser Gasse abstattete, war sehr harmloser Natur und galt dem musikalischen Nebenhause oder vielmehr einem der Bewohner desselben, einem ehemaligen Kollegen, dessen Aufenthalt in hiesiger Stadt er jetzt erst erfahren. Die beiden Brüder im Gastzimmer, als sie vernahmen, daß Joseph wieder in den Hausflur zurücktrat, mochten wohl glauben, er halte sich da auf, um zu horchen, und schickten die Wirthin hinaus, nach ihm zu sehen. Mit zwei Worten aber verständigte der Bediente diese würdige Frau, warum er hier gezwungen sei, auf der Lauer zu stehen, und zeigte ihr den Schulmeister, der soeben hinter der Thüre des musikalischen Hauses verschwand. Sobald er auf diese Art aus seinem Gesichtskreis war, schlüpfte Joseph aus der Schenke und schlich an den Häusern hin, um nicht zufällig von dem Andern gesehen zu werden. Frau Schilder rief in die Gaststube hinein, daß die Luft vollkommen rein sei, daß sie gleich kommen werde, und darauf blieb sie noch einen Augenblick unter ihrer Hausthüre stehen. Wir glauben gesagt zu haben, daß diese Schenke mit dem musikalischen Hause einen stumpfen Winkel bildet, wodurch es also möglich war, die Fenster des letzteren von der Hausthüre der ersteren genau zu übersehen. Gegenüber hatte die Frau Schilder das Haus der Frau Schoppelmann, mit dem uns wohlbekannten Fenster des Zimmers der schönen Katharina, und über demselben die Wohnung der Jungfer Clementine Strebeling. Letztere war zu Hause; sie hatte ihre beiden Fensterflügel geöffnet, wahrscheinlich um den Duft einiger Resedenstöcke einzuathmen, die auf der Brüstung standen, sowie die Klänge der schönen Lieder zu vernehmen, die von dem musikalischen Hause herüberschallten. »Die Lotusblume ängstiget Sich vor der Sonne Pracht –« klang es von dort herüber, und Jungfer Strebeling blickte aufwärts zum Himmel; denn mit dem Namen Lotusblume verband sich allerlei hochpoetische Ideen, und dieser Name zauberte phantastische goldene Bilder vor ihr zartes Gemüth. Lotusblume! – Dabei dachte sie an Indien, das fabelhafte Land der Bajaderen und Elephanten, den Schauplatz all der schönen Märchen, die sie in ihrer Jugend gehört; an Palmenwälder, an rieselnde Blumen, an Blumenduft und zauberische Klänge. Lotusblume! – Die stand an einem kleinen stillen See, und das Gesicht dieser Blume neigte sich über den Wasserspiegel, schwankte vor und zurück, sehnsüchtig, einmal ein anderes Bild zu schauen, als das ihrige, und zurück schreckend, wenn das Wasser leise anschwoll und rauschte, als fürchte sie etwas Entsetzliches, das dort erscheinen könne, ihre zarte Jungfräulichkeit rauh zu begrüßen. – Und doch sehnte sie sich unbewußt nach diesem Entsetzlichen. Gerade so ging es der armen Clementine: »Die Lotusblume ängstiget Sich vor der Sonne Pracht.« Und die unschuldige alte Jungfer ängstigte sich ebenfalls vor ihrer Pracht – und diese Sonnenpracht war ihr die Liebe – und davor fürchtete sie sich ganz gewaltig. Ach, sie fühlte sich so behaglich im Schatten kühler Denkungsarten, und doch hätte sie aus diesem Schatten einmal so gern hinausgeschaut in das von heißer Gluth und fröhlichen Sonnenstrahlen beglänzte Leben! »Sie duftet und weinet, sie weinet und zittert, Vor Liebe und Liebesweh.« Aber es muß eigentlich etwas Süßes sein, vor Liebesweh zu duften, zu weinen und zu zittern, meinte Clementine. »Sie blüht und glüht und leuchtet Und starret stumm in die Höh' –« scholl es sehnsuchtsvoller von drüben herüber, und Clementine, die bis jetzt ängstlich die Blicke auf ihr Busentuch geheftet, starrte nun plötzlich in die Höhe, ganz wie die Lotusblume, und wäre gern von dem Fenster zurückgefahren, wenn dieses im selbigen Augenblicke nicht höchst unschicklich gewesen wäre. Denn als sie so in die Höhe starrte, stand drüben ein junger Mann an dem Fenster, der sich sittsam herüber verneigte, als er so wenige Fuß von seiner Nase plötzlich die himmelblauen Augen der Jungfer Clementine Strebeling erglänzen sah, oder schimmern sah, oder überhaupt nur sah. In diesem Augenblicke klangen die Worte des Gesanges: »Der Mond, der ist ihr Buhle: Er weckt sie mit seinem Licht, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengesicht.« Dieser Vers war außerordentlich passend; denn wir wissen bereits, daß das Antlitz des Herrn Sidel in seiner glänzenden Fülle etwas vom Vollmond an sich hatte. Auch konnte man, ohne gerade ausschweifend zu sein, das Gesicht der alten Jungfer für ein frommes Blumengesicht ansehen; denn es gibt allerlei Blumen, und Clementinens Antlitz hatte in der That etwas von einer gelben Malve, welche Regen und Sturm getrotzt hat, und über deren zarte Blätter ein eisiger Novemberwind unbarmherzig gestrichen ist. Aber dem sei wie ihm wolle; Herr Sidel grüßte herüber, Clementine hinüber – und zwar: »Vor Lie-ie–ie–ie–besweh. –« So sang der unsichtbare Sänger des eben genannten Liedes mit höchstem Kraftaufwand seiner Lungen und offenbarem Stimmmangel. Alles das sah Frau Schilder unter ihrer Hausthüre, nur mit ganz anderen Augen und nicht mit solch hoher Poesie. Sie bemerkte recht gut, welchen tiefen Knix die alte Jungfer machte, als jener fremde Herr hinüber grüßte, und wie ihr gelbes, dürres Gesicht von einer sanften Röthe überstrahlt wurde. »Ei, ei, das freut mich,« sprach sie zu sich selber, »das wäre vortrefflich zu benutzen! Nur muß ich mich vor den beiden Büffeln da drinnen in Acht nehmen. Das sind ein paar tappige, liederliche Tagdiebe, denen man nicht zu viel trauen darf. – – Aha, jetzt knixt die alte Jungfer abermals, und da ich den Herrn nicht mehr am Fenster sehe, so wird er sich zum Weggehen rüsten. Warten wir noch einen Augenblick!« Die würdige Frau hatte richtig vorausgesehen. Die Thüre des musikalischen Hauses öffnete sich wieder, und heraustrat der Schulmeister und lustige Rath, dessen Besuch nun zu Ende war und der durch diesen unglückseligen Besuch das Herz der armen Clementine in einigen Aufruhr versetzt zu haben schien. – Richtig, jetzt geht er die Gasse hinab, und sie beugte sich zum Fenster heraus, um ihm nachzusehen. Ob er an der Ecke der Straße noch einmal umgeschaut, können wir nicht mit Bestimmtheit angeben, wenn es aber geschah, so war es reiner Zufall – denn wir müssen die bündigste Erklärung abgeben, daß der gute Schulmeister an jenes zarte, blasse Wesen, das er nur aus Artigkeit gegrüßt, auch nicht im Geringsten weiter dachte. Die Gebrüder Schoppelmann waren unterdessen durch das Ausbleiben der Wirthin einigermaßen ungeduldig geworden und machten ziemlich unfreundliche Gesichter, als sie wieder hereintrat. Die Frau bemerkte das aber durchaus nicht, oder schien es nicht bemerken zu wollen; denn sie setzte sich an ihr Fenster und nahm das schmierige Zeitungspapier wieder in die Hand. Die Brüder tranken in ihrem Unmuthe die Schoppen leer und verlangten neue. Nachdem diese gebracht waren, entstand abermals eine Pause, welche die Wirthin durchaus nicht Willens schien, durch irgend ein interessantes und lehrreiches Gespräch zu unterbrechen. »Das muß schon wahr sein,« sagte endlich der Fuhrmann nach einer Pause, »bei Euch findet man zuweilen ganz kuriose Gesellschaft. War das nicht der Strolch, der bei dem Stillfried Bedienter ist? – 's war gut, daß er davon ging; denn wenn ich mit ihm bekannt geworden wäre, so hätte ich ihm gleich seinen Wein sauer gemacht.« »Was?« versetzte die Frau und schien entrüstet; »mein Wein sei sauer? Wer kann das sagen? – Und wenn er wirklich sauer wäre, wer zwingt Euch denn, ihn zu trinken? Laßt ihn nur in Gottes Namen stehen!« »Die will heute einmal wieder taub sein!« sagte der Jäger zu seinem Bruder; »sie hat wieder ihren schlechten Tag. – He, Frau Schilder, hört ihr wieder einmal nicht gut?« »Leider, leider!« entgegnete die Frau; »die Hitze regt mir das Blut auf und schlägt mir aufs Gehör.« »So kann man heute kein Geschäft mit Euch besprechen?« sagte der Fuhrmann. »Geschäft?« entgegnete die Wirthin; »ich weiß von keinem Geschäft, das wir zusammen hätten.« »Nicht?« lachte Jener. »Sie ist heute ungeheuer vergeßlich!« »Mein Kopf ist zuweilen schwach,« meinte die Frau seufzend, »was wollt Ihr eigentlich?« »Nun ins Teufels Namen!« rief der Fuhrmann ärgerlich und sehr laut; »von wegen der Briefe, die wir schreiben sollen; ich will Geld verdienen.« »Ah das?« antwortete gleichgültig Frau Schilder, nachdem sie einen Blick in den Hausflur geworfen, um sich zu überzeugen, daß Niemand da sei, der unbefugter Weise die lauten Worte des Fuhrmanns vernehme. »Natürlich das!« entgegnete dieser; »habt Ihr denn nicht von selbst von der Geschichte angefangen? – Warum stellt Ihr Euch denn jetzt so donnermäßig dumm an? He!« »Ja, das war damals,« entgegnete die Wirthin, »aber es ist nichts mit der Angelegenheit.« »Warum nicht?« fragten die Brüder. »Es geht nun einmal nicht,« sagte achselzuckend Frau Schilder. »Und warum geht es nicht?« »Nun, ich will es Euch offenherzig sagen, aber – ich trau' Euch auch nicht recht.« »Uns?« riefen die beiden Brüder zornig aus. »Versteht mich recht,« fuhr die Frau fort, »nur in so weit trau' ich Euch nicht, als ich fürchte, Ihr könnt das Schwätzen nicht lassen, da Ihr genau wißt, daß ich allein den Kopf in der Schlinge habe.« »Dummes Zeug! wer wird so was glauben?« sagte der Fuhrmann. »So was glaube ich,« meinte lächelnd die Frau; »'s ist schade um das schöne Geschäft; es war Alles so gut wie eingeleitet. Schon heute hätten wir den ersten Brief schreiben können; und ich bin überzeugt, sie wär' sogleich Feuer und Flamme gewesen, und es wäre was Tüchtiges abgefallen.« »Nun, so thun wir's doch!« rief hitzig der Fuhrmann; »gebt mir Feder und Papier, das ist gleich abgemacht!« »Nein, nein, ich mag nicht!« sagte die Frau. »Noch einen Schoppen!« rief der Fuhrmann; und als die Frau aufstand, um ihn zu holen, sagte er leise zu seinem Bruder: »Gib nur Acht, die ganze Komödie, welche die Alte spielt, dreht sich einzig darum, laß sie etwas mehr herausschlagen will – von dem Gewinnst nämlich; wir hatten abgesprochen. Jeder von uns Dreien bekomme ein Drittel, was nicht mehr als billig ist – pass' auf, so wie wir ihr den Willen thun und ihr vom Ganzen die Hälfte lassen – sie meint, sie könne das ansprechen, weil alle Gefahr auf ihrer Seite wäre – so wird sie gleich nachgeben; im Grunde ist's ja einerlei; denn was sie mehr bekommt, das pumpen wir ihr hintendrein doch wieder ab.« Die Frau kam mit dem Wein zurück und setzte ihn auf den Tisch. »Wie hatten wir es doch damals verabredet?« fragte der Fuhrmann. »Wenn ich mich recht erinnere, so solltet Ihr vom Gewinn die Hälfte haben, und wir zusammen die andere Hälfte. – War es nicht so, Frau?« Ein kaum sichtbares Lächeln flog über das Gesicht der Wirthin, doch waren gleich darauf ihre Züge wieder hart und mürrisch wie zuvor. »Seid doch nicht eigensinnig!« fuhr der Andere fort; »so was kommt nicht sobald wieder; da mein Bruder Konrad hilft auch mit. Laßt uns an die Arbeit gehen und weiter keine Worte verlieren. Na, sagt Eure Meinung: was schreiben wir zuerst?« Jetzt hatte die Frau den Fuhrmann so weit, wie sie ihn haben wollte; er hatte ihr die Hälfte des Gewinnstes versprochen, und obendrein war jetzt der Andere der überredende Theil. Ging die ganze Angelegenheit einmal schief, so konnte sie immer sagen: »Warum habt Ihr mich dazu genöthigt? Ihr wißt ganz wohl, daß ich nicht gewollt habe!« Und darauf konnte sie weiter sagen: »Ihr habt mich ins Unglück gebracht – in einem solchen Falle nämlich – jetzt bringt mich wieder heraus!« – Die alte Frau Schoppelmann war eine wohlhabende Frau und die beiden Söhne hatten einmal ein tüchtiges Erbe zu erwarten. Fast eine Viertelstunde lang überlegte die Frau hin und her; bald schüttelte sie den Kopf, bald blickte sie an die Decke, bald dem Fuhrmann ernst ins Gesicht, und dann schien ihre feste Tugend ein wenig weich zu werden, und endlich sprach sie: »Nun denn, ich will Euch den Gefallen thun, es bleibt also bei den besprochenen Bedingungen?« »Ihr bekommt die eine Hälfte vom ganzen Gewinnst, und wir Beide zusammen die andere; billiger kann man nicht sein!« »Und der ist ein schlechter Hund,« sagte der Jäger, »der den Anderen verräth; in einem solchen Falle sollen die beiden Anderen das Recht haben, ihn todt zu schlagen.« »Das läßt sich hören!« erwiederte der Fuhrmann, »ich bin dabei.« »Ich auch!« sagte die Wirthin; denn sie dachte bei sich: »Mit dem Todtschlagen hat's gute Weile!« Darauf reichten sich die drei Verbündeten über dem Tische die Hand; die Wirthin holte Papier, Dinte und Feder, rückte ihren Stuhl neben den des Fuhrmanns und diktirte einen Brief, den Dieser niederschrieb. Was in diesem Briefe stand, werden wir uns erlauben, dem geneigten Leser so bald als möglich mitzutheilen. Vierzehntes Kapitel. Von der Entweihung einer königlichen Infantrie-Kaserne und dem Strafgericht des Majors, Freiherrn von Brander. Der Major der Infanterie, Freiherr von Brander, war ein angenehmer Mann und wohlgelitten in allen Kreisen der Gesellschaft. »Wir sagen: in allen Kreisen, und glauben nicht zu viel damit behauptet zu haben. Um von unten anzufangen, hing das Volk der kleinen Gewerbe und größeren Handwerke, Schuster, Schneider seinerseits, Putzmacherinnen und Nätherinnen von Seiten der Freifrau von Brauder, an ihm mit festem Glauben, da sie seine Gläubiger waren. Die Soldaten liebten ihn wie ihren Vater, und die Furcht, ihm vielleicht durch eine Kleinigkeit zu mißfallen, war so groß, daß bei seinem Anblick das ganze Bataillon, inclusive der Unteroffiziere und Feldwebel, der Lieutenants und Hauptleute, ordentlich erzitterte, und ihm jedes einzelne Glied dieser großen militärischen Familie, wenn es nur irgend möglich war, aus dem Wege ging. Bei den Bürgersfrauen stand der Major wegen außerordentlicher Moralität in hoher Achtung. Er hegte durchaus nicht den Grundsatz manches Kollegen, daß es den Soldaten erlaubt sein müsse, den Bürger zu chicaniren, indem es den Vaterlandsvertheidigern gestattet sei, das dienende weibliche Personal seinen Pflichten abwendig zu machen; noch viel weniger aber konnte er die Ansicht theilen, es seien Dienstmädchen und Köchinnen der ganzen Stadt nur zum Vergnügen und zur Unterhaltung einer rohen Soldateska angeschafft. Er war in diesem Punkt außerordentlich streng; er hatte unter Anderem den Unteroffizieren und Feldwebeln seines Bataillons eingeschärft, genau darüber zu wachen, daß das Fraternisiren des Militärs in dieser Richtung mit Individuen der bürgerlichen Klasse so viel als möglich unterdrückt würde. Soldaten dagegen, die seine Befehle nicht achteten, und die sich durch ein solches Verlieren in andere Stände in allerlei unangenehme Konflikte brachten, wußte er exemplarisch zu bestrafen. Er gab ihnen bei Wasser und Brod Gelegenheit, über ihre Fehler nachzudenken, und wenn sie anders mit der deutschen Literatur bekannt waren, hatten sie Zeit genug, in Numero »Sicher« – so nennen gefühlvolle Seelen das Arrestlokal – zu jammern: »Schönheit war die Falle meiner Tugend, Auf dem Richtplatz hier verfluch' ich sie!« Höher hinauf in den Kreisen der Gesellschaft, bei seinen Stabskollegen, bei dem kleinen Adel, war dieser Mann wegen seiner festen Grundsätze anderer Art sehr wohl gelitten. Der Major war nämlich überzeugt, daß der liebe Gott die höheren Klassen in einem Anflug von guter Laune zu seinem Privat-Vergnügen erschaffen und zu deren Anfertigung einen weit besseren Urstoff genommen, als dies bei den Kreaturen weiter unten geschehen. Auch in noch höheren Schichten, ja, dort hinauf, wo kein irdisches Auge klar und deutlich mehr steht und, vom Schimmer geblendet, zurückbebt: an den Stufen des Thrones wußte man, daß der Freiherr von Brander in der Welt sei; und ehe er den Besitz seiner Gemahlin errang, hatte er das Glück gehabt, bei großen Festlichkeiten, ja sogar bei kleinen Kammerbällen häufig als »Tanzender« eingeladen zu werden, und einmal sogar hatte ihn der Kriegsminister so hoch gewürdigt, daß er ihn speziell um seinen Rath in einer militärischen Angelegenheit befragte. Es handelte sich damals um eine Aenderung in der Bewaffnung des Heeres, und wir können mit Stolz sagen, daß in dieser wichtigen Angelegenheit der Rath des Majors, Freiherrn von Brander, das weiße Lederzeug nämlich, statt mit Kreide, mit geriebenem Thon anzustreichen, sowie ferner dem Soldaten zu erlauben, den obersten Haken seines Uniformkragens in den Freistunden zu öffnen, siegreich durchdrang. Der Major von Brander war ein kleiner, untersetzter Herr, mit außerordentlich dicken Epauletten und einem fast zu kurzen Waffenrocke. Er hoffte durch Letzteres seine Gestalt einigermaßen größer erscheinen zu lassen, was ihm aber hiedurch nur unvollkommen gelang. Sein Gesicht war dick und rund; ein gewaltiger Schnurrbart theilte es in zwei fast gleiche Hälften, deren untere sich in einer schwarzen, ordonnanzmäßigen Halsbinde verlor, die obere dagegen, mit zwei kleinen, grauen Augen verziert, sich in ein Gebüsch kurz geschorener, etwas struppiger Haare endigte. Die Gesichtsfarbe des Majors war gesund zu nennen; sie hatte etwas vom Camäleon an sich, denn wenn seine Züge bei gewöhnlichem Wetter sanft geröthet erschienen, so schillerten dieselben dagegen bei kühlem Wind und Frost stellenweise ins Purpurrote und Bläuliche hinüber, und Abends in einem etwas warmen Salon beim Whistspiel, namentlich aber bei einem guten Souper, nahmen die Backen des Freiherrn von Brander eine Färbung und einen Glanz an, welche sich nur mit denen eines gut gebratenen Gänseschenkels vergleichen lassen. Die Majorin, Freifrau von Brander, war, was äußerliche und Körper-Vorzüge anbelangt, vollkommen das Gegentheil ihres Gemahls. Ihre Gestalt, um einen vollen Kopf länger als die ihres Herrn und Gebieters, war hager und dürr; der Kopf paßte hiezu vortrefflich und war nur in seiner Verbindung mit dem Körper ein unerklärliches Räthsel für jeden aufmerksamen Beobachter; denn diese Verbindung – der Hals nämlich – war so entsetzlich dünn, daß man nicht begriff, wie es ihm gelang, selbst diesen Kopf zu tragen. Das Gesicht bildete ein förmliches Dreieck mit sehr spitzigem Kinn und außerordentlich breiter Stirne; und diese breite Stirne war der Stolz der Majorin und der ganzen Brander'schen Familie, nicht eben wegen der äußeren Form, sondern wegen ihres inneren Gehaltes. Die Freifrau von Brander war Dichterin ... Nicht blos geheime Dilettantin, sondern wirklich ausübende Gedruckt-worden-seiende. Dabei war sie als Schriftstellerin eine Frau von sehr aufgeklärten Grundsätzen; denn sie hatte sich als solche ihres adeligen Namens entäußert und nannte sich am Ende ihrer Aufsätze, sowie am Anfange ihrer Gedichte: Rosa Immergrün. Die jungen Offiziere des Regiments, welche keinen Begriff davon hatten, wie verdienstvoll es von der Majorin war, daß sie neben der Besorgung ihres Hauswesens und der Erziehung ihrer Kinder – es existirten freilich keine, aber es hätten doch welche da sein können – der Kunst und Wissenschaft diente, machten sich in allen ihren Kreisen über sie lustig und bezeichneten die Gemahlin ihres Chefs mit dem höchst unpassenden Namen: Majorin Blaustrumpf, welche Unart, als sie ihr einst zu Ohren kam, von ihr in einem vortrefflichen Gedichte belohnt wurde, das uns aber leider nicht mehr aufzufinden gelang. Der Major von Brander war an dem Tage, an dem unser Kapitel beginnt, in einer sehr nachdenklichen Stimmung nach der Kaserne gegangen. Zu Hause wurde gekocht und gebraten, Conditor-Jungen liefen treppauf, treppab, aufwärts mit heiteren Mienen und großen Schüsseln voll Backwerk, abwärts mit leeren Händen und einigermaßen niedergeschlagen, da es ihnen trotz einiger schüchternen Versuche nicht gelungen war, dem Wunsche ihres Meisters nachzukommen, nämlich die Zahlung für das Backwerk mitzubringen. Die ganze Wohnung war in offenbarer Zerstörung begriffen: Möbel wurden verrückt, Betten entfernt, die Köchin putzte Gläser und Flaschen, der Bursche schliff Messer und polirte Gabeln. Die Majorin hatte nämlich, um einem längst gefühlten Bedürfniß abzuhelfen, den Entschluß gefaßt, den Damen ihrer Bekanntschaft, sowie einigen Schöngeistern der Stadt einen ästhetischen Thee zu geben, und der Major hatte dieses Angenehme mit dem Nützlichen dadurch verbunden, daß er für sich eine Whistpartie arrangirte und eine dringend gewordene Abfütterung jener Leute veranstaltete, bei denen er seinerseits schon einige Mal zu Gast gewesen war. Man kann gar nicht behaupten, daß sich der Major in besonders angenehmer Stimmung befand. Der eben erwähnte Spektakel in seinem Hause war ihm zu kostbar und unangenehm, und ferner hatte seine Gemahlin für ihren ästhetischen Thee die besten Zimmer in Anspruch genommen und die Whistpartie in ein paar Hinterstuben verwiesen, damit, wie sie sagte, jenes rohe Element nicht zu geräuschvoll eintrete in die sanften Harmonieen ihres auserwählten Cirkels. Man muß deßhalb aber nicht glauben, als seien beide Gesellschaften vollkommen getrennt gewesen. Im Gegentheil. Zuerst sollte ein Vereinigungspunkt um den Theetisch stattfinden, und erst nachdem die Seelen der gebildeten Leute durch einiges aufgegossene warme Wasser weich und empfindlich geworden, und die Magen der hohen Spieler aus der gleichen Ursache so angefüllt, daß es ihnen möglich wurde, später große Quantitäten Weines und Bieres zu sich zu nehmen, sollten sich beide Partieen trennen. Vorn sollte angenehmes Gespräch säuseln, sowie Neuerschaffenes vorgelesen, hinten gespielt werden; und getrennt waren beide Gesellschaften durch die Garderobe der Majorin, ein dunkles Gemach: die finstere Grenze von der Hölle in den Himmel. – – Der Major hatte eigentlich an diesem Nachmittage durchaus nichts in der Kaserne seines Bataillons zu thun; er pflegte nie um diese Stunde hinzugehen, weßhalb er auch, wie wir gleich sehen werden, von seinen militärischen Kindern durchaus nicht erwartet wurde. Er näherte sich dem weitläufigen Gebäude in der guten Absicht, die Leute durch seinen Anblick zu erfreuen und zugleich zu sehen, ob sich Alles in Richtigkeit und bester Ordnung befinde. Zu diesem Zwecke ging er auch nicht durch das Hauptthor der Kaserne, sondern schlenderte auf einem Umwege durch mehrere Straßen zu einer kleinen Hinterthüre, durch die er ungesehen zu dem Flügel gelangen konnte, in welchem sein Bataillon lag. Ehe der Major diese Wohnungen erreicht hatte, vernahm er schon von Weitem das Geseufze einer Violine und das Jubeln einer Klarinette, die sich bemühten, in zarter Harmonie eine Polka hervorzubringen. Obgleich es nun in den Kriegsartikeln nicht verboten war, in der Kaserne Violine und Klarinette zu spielen, und sich darunter eigentlich nichts Schlimmes vermuthen ließ, so kam es doch dem Major seltsam vor, daß er dazu ein Geräusch hörte, wie von vielen strampelnden Beinen, das taktmäßig mit der Polka ging. Der Major stieg langsam die Treppe hinauf, und je weiter er kam, desto deutlicher wurde es ihm, daß in einem Zimmer seines Bereichs eine Tanzmusik aufgespielt, und daß zu der Tanzmusik obendrein auch getanzt wurde. Er schüttelte gewaltig sein Haupt, und die Züge desselben, seines Gesichts nämlich, begannen ins Dunkelröthliche zu spielen. Es mußte dies wohl von dem starken Gehen in der Mittagshitze kommen. – Jetzt blieb er plötzlich stehen – – aber nein, das war unmöglich – – und doch – – zwischen dieser Musik hörte er auch zuweilen einen rasselnden Trommelwirbel; derselbe fing leise an, schwoll zu bedeutender Stärke und hörte pianissimo wieder auf. Der Major blieb erstaunt stehen und horchte. Das war gewiß unmöglich und doch täuschte er sich nicht. – – Ja, er vernahm lachende Weiberstimmen – am Ende waren es sogar Mädchen, die so laut aufschrieen – und ferner – er mochte kaum seinen Ohren trauen – Kindergeschrei – ja, die Stimmen von kleinen unschuldigen Kindern, welche obendrein die allgemeine Tanzlust nicht zu theilen schienen; denn die Kinder schluchzten und heulten und jammerten durcheinander, als wenn sie an jener Musik gar keinen Gefallen fänden und ihnen etwas absonderlich Unangenehmes geschähe. Der Major, als kluger Feldherr, beschloß, den Feind im Rücken anzugreifen, ihn zu überraschen, und öffnete deßhalb leise das Zimmer neben dem, in welchem getanzt wurde. Schrecklicher Anblick! – Hier sah es nicht im Geringsten aus wie in einer ordentlichen Kaserne, sondern wie in einer Kleinkinder-Bewahranstalt. Sämmtliche Betten – und es waren deren zwölf im Zimmer – sah er besetzt von kleinen schreienden Wesen, von einem halben Jahre an bis zu vier Jahren; eine ganze Musterkarte von Kinderstimmen war hier vertreten – sämmtliche Rangklassen der bürgerlichen Gesellschaften in ihren Sprößlingen. Das bewiesen ihre Anzüge von Kattun, Merino, Seide und Sammt, und ihre Kopfbedeckungen, vom baumwollenen Mützchen an bis zum italienischen Strohhut mit Band und Feder. Entsetzlicher Anblick! Der Major, entrüstet – nein, dieses Wort ist nicht im Stande, den Zorn des Majors auszudrücken – außer sich, schritt durch dieses Kinderzimmer, nicht ohne daß einer der älteren Buben, die herumkrabbelten, den Versuch machte, in den kleinen Beinen des Majors oder seinem langen glänzenden Degen ein neues passendes Spielzeug zu erobern, welcher Beweis kindlicher Zuneigung in diesem Augenblick jedoch nicht im Stande war, das Herz des Racheengels zu erweichen. So gelangte er unbemerkt an die Thüre des Tanzsaales, und er mußte sich einen Augenblick an einem Pfosten desselben festhalten, um sich so weit sammeln zu können, daß es ihm möglich war, ohne seinem Ansehen zu schaden, würdevoll unter die Schuldigen zu treten. Da befanden sich in diesem Nebenzimmer sämmtliche Kindsmädchen, welche zu den draußen abgelegten Kindern gehörten, und dabei etwa ein Dutzend seiner Unteroffiziere. Ja, wir können es nicht verschweigen, es waren keine gewöhnlichen Soldaten, es waren »Avancirte,« und Jeder hatte ein Mädchen im Arme und tanzte so wahnsinnig mit ihr im Zimmer herum, daß der Staub aufwirbelte, die Röcke weit hinaufflogen und die Dielen krachten. Die Unglücklichen waren obendrein so im Eifer des Vergnügens und durch die schöne Tanzmusik so in den Schuß gerathen, daß es ihnen nicht möglich war, plötzlich einzuhalten und eine der unglücklichen Tänzerinnen an den etwas schnell und unvorsichtig hereintretenden Major dergestalt anprallte, daß letzterer das Gleichgewicht verlor und nach zweimaligem Umdrehen auf eine Trommel niederzusitzen kam, was einen dumpfen, unheimlichen Ton verursachte. Dieser dumpfe Ton fuhr wie der Posaunenschall des jüngsten Tages auch in die Ohren dieser Schuldigen. Die zwölf Dienstmädchen kreischten laut auf und suchten das Weite. Hiefür hatte aber der Major gesorgt, indem er die Thüre des Nebenzimmers hinter sich abgeschlossen; den Tanzsaal hatten die Unglücklichen selbst abgesperrt, indem sie einen Tisch vor die Thüre desselben gerückt, auf welchem die Musik gestanden und aufgespielt. Wir sagen: »gestanden;« denn in dem Augenblick, wo der Major sichtbar wurde und wo jener Trommelschlag ertönte, brach die Musik mit einer schrillen Dissonanz ab, und die beiden unglücklichen Musikanten, das Aergste befürchtend, riskirten ihre Flucht durch ein ziemlich breites Oberlicht über der Thüre und entkamen auch auf diese Art, ohne von dem Vorgesetzten erkannt zu werden. In den ersten zehn Minuten war der Major nicht im Stande, nur ein einziges Wort hervorzubringen; seine Fäuste ballten sich krampfhaft, die Augen hatte er weit aufgerissen, seine Gesichtsfarbe spielte ins Dunkelrothbraunviolette! – – Der Freiherr von Brander konnte außerordentlich grob sein, und er war es auch bei außerordentlich vielen Gelegenheiten. Es war dies eine Schattenseite an diesem sonst so vortrefflichen Charakter. Heute aber kam diese Grobheit nicht zum Ausbruche; seine Aufregung war zu stark; er grollte nur in der Entfernung einige dumpfe zehntausend Donnerwetter und Kreuz-Mohren-Stern-Elemente, dann aber war es wieder still, eine schwüle Stille, eine entsetzliche Stille! Der Major schloß die Thüre hinter dem Tische ebenfalls ab, ging nach dem Nebenzimmer, setzte sich dort auf einen Stuhl und befahl mit donnernder Stimme den Verbrechern und Verbrecherinnen, Eines um das Andere hervor zu kommen. In der ganzen Kaserne war es indessen schon ruchbar geworden, daß der Major von Brander ungeladen bei der Tanzpartie erschienen war. Der Offizier du jour , der auf seinem Zimmer mit einigen Freunden eine Partie Landsknecht spielte, faßte den Entschluß, sich vor dem erzürnten Vorgesetzten jetzt nicht mehr sehen zu lassen, und bat dagegen seinen Kameraden, den Bataillons-Adjutanten, der ebenfalls zufällig zugegen war, hinüber zu steigen und wo möglich den Zorn des Majors abzulenken, daß er nicht auf den Gedanken verfalle, ihn, den unglücklichen Offizier du jour, für den Spektakel verantwortlich zu machen. Der Bataillons-Adjutant, Lieutenant von Stifeler, war ein Offizier, der den Teufel nicht fürchtete, aber vor dem Major Brander gewaltigen Respekt hatte; doch nahm er in diesem Punkt allen seinen Muth zusammen und ging eilenden Schrittes nach dem Zimmer Nr. 44, wo das Schreckliche geschehen. Da fand er die Thüre verschlossen und klopfte an. Der Major schrie: Herein! mit einer solch fürchterlichen Stimme, daß es den Adjutanten eiskalt überlief; er fürchtete nicht mit Unrecht, sein Erscheinen werde den Chef veranlassen, die vielleicht schon geschlossenen Schleusen seiner Beredtsamkeit noch einmal aufzuziehen, und der arme Adjutant hatte gar keine Ahnung davon, daß die ganze Grobheit des Vorgesetzten bis jetzt künstlich aufgestaut worden war, und daß sein Eintritt den mühsam erbauten Damm durchbrechen, die wilden Gewässer entfesseln würden, auf daß sie zügellos dahin strömten. Der erste Ausdruck, der sich auf dem Gesichte des Majors beim Erscheinen seines Adjutanten malte, war der einer unaussprechlich tiefen Wehmuth; er faltete sogar die Hände über seinem ziemlich dicken Bauche zusammen und blickte an seinem Adjutanten, der über zwei Kopflängen größer war, kummervoll in die Höhe. Der Lieutenant von Stifeler faltete ebenfalls seine Hände zusammen, doch nicht über seinem Bauche, – denn er hatte keinen – dabei ließ er die Mundwinkel hangen, zog die Augenbrauen in die Höhe und schaute noch ungleich schmerzerfüllter in die Tiefe, als sein Chef in die Höhe. »Gräßlich!« sagte der Major nach einer Pause und zuckte die Achseln. »Unerhört!« sprach der Adjutant, und zog seine Schultern so hoch hinauf, daß sein Kopf fast zwischen denselben verschwand. »Nein! nein!« schrie der Major, und mit einer solchen entsetzlichen Stimme, daß die Fenster erklirrten, und dabei sprang er mit gleichen Füßen einmal im Kreise herum. »Da soll ja eine ganze Legion von Donnerwettern in einem Hagel von Sterngranaten in die Mordbande hineinfahren! Ist denn die Kaserne Seiner Majestät« – bei den letzten Worten legte er die Hand salutirend an die Pickelhaube, und der Adjutant machte es gerade so – »ein Tanzboden geworden, und die ganze Welt zu einem Narrenhaufen mit zehntausend Millionen Narren? Hat man je so etwas erlebt, ohne daß die Erde entzwei gespalten wäre und diese ganze Schwefelbande mit hinunter geführt, oder der Himmel eingestürzt und mit all seinen tausend Sternen und Elementen auf ihre Köpfe hernieder und sie zusammen gewettert, daß die Fetzen davon geflogen, so weit es Luft hat zwischen Himmel und Erde? Alle Welt-Kreuz-Mohren-Tausend-Himmel-Stern- und Granaten-Sakerment! Wo fang' ich an zu strafen und wo hör' ich auf? – Doch wozu mich eigentlich ereifern?« Bei diesen Worten schlug der Major ein krampfhaftes Gelächter auf und ließ sich, tief Athem holend, auf einen Stuhl nieder.– – »Herr Lieutenant von Stifeler,« sagte er nach einem längeren Stillschweigen, während dessen er blos durch Blicke, aber desto deutlicher gesprochen, »nehmen Sie gefälligst Ihr Taschenbuch zur Hand, wir wollen zu Gericht sitzen, schauerlich zu Gericht sitzen, und die nichts ahnenden Herrschaften dieser nichtsnutzigen Weibsbilder sollen erfahren, wem sie ihre Kinder anvertraut.« Der Major, so laut er auch schrie, hatte doch Mühe, sich verständlich zu machen; denn die erschreckte Kinderschaar war – das heißt die, welche laufen konnte – aus Furcht zwischen zwei Betten zusammen gekrochen und stieß beim Anblick des kurzen Majors und des langen Adjutanten ein mörderliches Geschrei aus. Nur ein einziger Sprößling, ein Bube von vier Jahren, konnte sich von der großen Trommel, vor welcher er stand, nicht trennen, und bearbeitete das Fell derselben auf eine die Ohren zerreißende Art. »Herr Lieutenant von Stifeler,« befahl der Major, »sagen Sie den Kindern, daß sie stille sind, es soll ihnen nichts zu Leide geschehen.« Der Adjutant griff abermals an seine Pickelhaube; doch brachte der erste Schritt seiner langen Beine, den er auf die Kinder zu that, und das erste Wort, womit er sie haranguirte, nicht die gewünschte Wirkung hervor. Der Adjutant hatte im Allgemeinen einen sehr undeutlichen Begriff von der Behandlung kleiner Kinder, und die Art, sie im vorliegenden Falle, wo sie in der königlichen Kaserne vor den Augen des Majors unbändig schrieen, ohne vorher die Erlaubniß hiezu eingeholt zu haben, zu beschwichtigen, war er nicht so glücklich aufzufinden. Er behandelte sie wie eine Schaar Rekruten und sagte zu ihnen in einer tiefen Baßstimme: »Verschiedene Kinder! ich kann es euch auf Ehre! nicht verhehlen, daß ich es für ungeheuer unpassend und durchaus gegen das Kasernenreglement halte, daß ihr hier so unvernünftig schreit; doch der Herr Oberstwachtmeister« – dabei faßte er abermals an seine Pickelhaube – »sowie ich haben wahrhaftig keine Idee, euch etwas zu Leide zu thun. Darum, liebe verschiedene Kinder, steht still und betraget, euch so manierlich und anständig, wie man es von einem königlichen Landeskind in einer königlichen Infanteriekaserne zu erwarten berechtigt sein kann.« Auf diese Rede hin, die an sich nicht ohne war, schrieen die Kinder noch heftiger als zuvor, und der jugendliche Trommler versuchte einen Wirbel zu schlagen. Der Adjutant wandte sich achselzuckend zu seinem Chef und erlaubte sich die Bemerkung, es sei vielleicht besser, wenn man jeder der Verbrecherinnen gestatte, ihr Kind heraus zu suchen und selbst zum Schweigen zu bringen; man habe auf diese Art Alles bei einander, die Uebelthäterinnen mit den betreffenden Corpus delicti's. Bevor der Major hiezu seine Einwilligung gab, versuchte er es, den jungen Trommler eigenhändig von der Trommel zu entfernen, ohne jedoch zu dem gewünschten Resultate zu kommen; denn der Junge vertheidigte seine Beute aufs Nachdrücklichste, und hatte so wenig Respekt vor dem Major, daß er sogar von der Defensive in die Offensive überging und mit seinen Trommelschlegeln nach den dürren Beinen des Offiziers stieß. »Wir wollen das Verhör mit diesem Rangen anfangen,« sagte würdevoll der Major. »Wo ist die Person zu diesem Kinde?« »Hier!« ließ sich eine schüchterne Stimme vernehmen. »So! Sie ist also diese pflichtvergessene Person, die, anstatt mit den Kindern in Gottes freier Luft spazieren zu gehen, in die königliche Kaserne schleicht, um Ihrer Tanzlust zu fröhnen, während Sie dieses unartige Kind, das eine Aufsicht so nöthig hat, sich selbst überläßt? Bei welcher Herrschaft ist Sie? wem gehört dieser Schlingel? – Nun, wird's bald? Antwort!« »Bei des Generals von Hammerbach Excellenz bin ich,« sagte die unglückliche Person mit niedergeschlagenem Blick. »Gerechter Gott!« rief der Major und faßte an seine Pickelhaube; »bei Seiner Excellenz dem Herrn General von Hammerbach? Und dieses liebenswürdige Kind, das Sie so gräulich vernachlässigt, ist sein Sohn?« »Ja,« sagte das Mädchen, und der Adjutant schauderte. »Trommle du ruhig weiter, mein liebes Kind,« fuhr der Major fort, »du hast ganz recht, du kannst nichts dafür, daß man dich in die Kaserne geschleppt. – Aber ist es nicht erstaunlich,« wandte er sich zu seinem Adjutanten, »wie dieser kleine junge Herr schon so vortrefflich trommeln kann? Es wäre anderswo eine Freude, ihm zuzuhören, aber hier ist es entsetzlich. Herr Lieutenant von Stifeler, sehen Sie einen Augenblick nach, das Kind hat die Trommelschlegel verkehrt; haben Sie doch die Güte, und geben Sie sie ihm recht in die Hand. – So! – Jetzt trommle nur zu, mein Söhnchen; man muß ein Talent immer unterstützen; das ist in der That ein kleines militärisches Genie. – Aber weiter!« – Der beschränkte Raum dieser Blätter verbietet uns leider, das ganze Verhör des Herrn Majors von Brander in vollkommenster Umständlichkeit wiederzugeben: wir können nur versichern, daß, wie schon gesagt, hier sämmtliche Kreise der Gesellschaft vertreten waren. Da gab es, wie schon erwähnt, kleine Generale, ferner Regierungs-, Steuer-, Hof- und Stadträthe, dann Kaufleute, ja Schneider und Schuster, und was die letzteren anbelangt, so hatten sie sich blos durch die äußeren Vorzüge ihrer Kindsmädchen, welche von allen die blühendsten und frischesten waren, in diese vornehme Gesellschaft eingeschlichen. Nachdem der Adjutant sämmtliche Namen der Herrschaften, sowie sämmtliche Vor- und Zunamen der Verbrecherinnen bestens notirt, wurden dieselben nach einer langen und kräftigen Rede des Majors entlassen und ihnen die tröstliche Versicherung mit auf den Weg gegeben, daß er nicht ermangeln werde, dieser Unthat im Parolebefehl zu erwähnen, daß er aber hauptsächlich durch ein Cirkularschreiben brevi manu sub voto remissionis an ihre betreffenden Häuser auf ihre nachdrückliche Bestrafung hinwirken wolle. Die Namen der Unteroffiziere, sowie der Compagnieen, zu welchen sie gehörten, wurden ebenfalls aufgeschrieben, um sie den betreffenden Hauptleuten übergeben zu können; der unglückliche Tambour dagegen, der die königliche Trommel zum Kinderspiel hergegeben, wurde drei Tage in Arrest geschickt, bei Wasser und Brod, und das von Rechts wegen. Fünfzehntes Kapitel. Der Erzähler dieser Geschichte führt den geneigten Leser zu einem ästetischen Thee. – Viel warmes Wasser und Butterbrod. Finster und schweigend verließ der Major die Kaserne, und der lange Adjutant ging ebenso finster und schweigend neben ihm her. Der Erstere war durch das eben Vorgefallene aufs Tiefste erschüttert – eine solche Entheiligung der Kaserne und noch obendrein eines Theiles der Kaserne, in welchem sein Bataillon lag! Als er an der Straßenecke ankam, wo er rechts nach seiner Wohnung ging, verabschiedete er den Lieutenant von Stifeler, wobei er aus der Tiefe seines Herzens nur das einzige Wort: »Unerhört!« hervorbrachte. »Unerhört!« sagte der Adjutant ebenfalls und hielt seine rechte Hand so lange an die Pickelhaube, bis der Chef um die Ecke verschwunden war; dann begab er sich nach der Kaserne zurück, um den angefangenen Landsknecht zu vollenden. Es war ein Glück, daß der Major, als er ebenfalls nach Hause kam, durch das Rumoren in demselben, welches ihn vorhin vertrieben, einigermaßen zerstreut wurde; auch warteten seiner verschiedene kleine Haushaltungsgeschäfte, welche er bei festlichen Veranlassungen, wie der heutigen, selbst zu besorgen pflegte. Zwiebel, der Bediente, hatte seine Messer und Gabeln geputzt, auch den Salat gelesen, darauf mit seinen militärischen Händen Kartoffeln geschält und das Küchenfeuer unterhalten. Auch hatte ihn die gnädige Frau unterdessen in verschiedene Kunstläden herumgeschickt, um sich einige kostbare Bilderwerke »zur Ansicht« kommen zu lassen, die dann heute Abend gleichfalls zur Ansicht der Eingeladenen figuriren sollten. Ferner hatte Zwiebel von einem Sprachlehrer, mit dem die gnädige Frau hie und da französische Werke las, eine kleine Abhandlung in dieser Sprache holen müssen; es waren Recensionen über ein neu erschienenes Werk, das viel von sich reden machte; und der Major hatte sich schon mehrere Stunden des Tages damit beschäftigt, die Recension sauber abzuschreiben – ebenfalls zum »gefälligen« Auffinden. Der Major stieg indessen die Treppe hinauf, erhitzt vom schnellen Gehen, noch prustend in Folge des gehabten Aergers. Das Geklapper der Teller und das Geklirr der Gläser, dazu der süße Bratenduft, den er roch, waren kaum im Stande, seinen Unmuth zu zerstreuen. Mehr aber als durch dieses bezwang er ihn beim Anblicke Zwiebel's, der in seinem Zimmer den Schlafrock parat hielt und ein sehr bedenkliches Gesicht machte; denn der Major entnahm hieraus, daß der Diener schon lange geharrt und daß es nöthig sei, die trüben Gedanken zu verscheuchen, um sich mit Ernst den seiner harrenden Geschäften hinzugeben. Er setzte hierauf die Pickelhaube ab, entledigte sich des Waffenrockes mit den dicken Epauletten und schlüpfte in sein bequemes Hauskleid. Wenn wir nicht wüßten, geneigter Leser, daß es deinem Herzen wohlthun würde, einen rauhen, wilden Krieger, dessen Geschäft es ist, den Säbel zu schwingen und donnernde Schlachten zu gewinnen, einmal in sanften, friedlichen Geschäften zu erblicken, so würden wir die nächsten Zeilen nicht niederschreiben; aber da wir glauben, daß Herkules, der den Stall des Augias mistet (der Major kam, wie wir wissen, von einem ähnlichen Geschäfte), dir vielleicht kaum interessanter sein wird, als der sanfte Herkules am Spinnrocken, so fahren wir fort und wollen berichten, was der Major nun begann, nachdem er seinen Schlafrock angezogen und sich eine kurze Tabakspfeife angezündet. Er ging zuerst zu seiner Frau hinüber, nicht ohne vor der Thüre zu deren Zimmer die Tabakspfeife in den Schlafrock gesteckt zu haben. Hier begann er ein gleichgültiges Gespräch, so daß man sah, daß er nicht in der Stimmung war, über gemeine Dinge – die Vorbereitungen zum Thee heute Abend – zu sprechen. Madame zerkaute die Feder, die sie in der Hand hatte, und blickte dabei schwärmerisch gen Himmel. Auch gab sie dem Major auf seine Fragen oft die verkehrtesten Antworten, so daß er sich nicht lange in dem Musentempel aufhielt, sondern ein paar Saiten tiefer griff und sich nach dem Eßzimmer begab, das neben der Küche gelegen war. »Donnerwetter! wie sieht's hier noch aus?« sagte der Major zu seinem Zwiebel, der hoffnungslos neben einem Haufen der verschiedenartigsten Dinge stand, die alle noch für heute Abend gehörig geputzt und hergerichtet werden mußten, als da waren: Weinflaschen, Spielkarten, Stearinlichter, silberne Löffel und Gabeln in Paketen zu einem halben Dutzend, sorgfältig versiegelt, mit der Adresse des Majors Freiherrn von Brander darauf, verschiedene Käse in Papier, ein Korb voll feinen Theebackwerks, ein anderer voll gewöhnlichen Brodes und mehr dergleichen Sachen noch, die zu einem ästhetischen Thee und einer unästhetischen Whistpartie nöthig und erforderlich sind. Nachdem der Major seine Pfeife wieder in Brand gesetzt, vorher aber die Fenster geöffnet und das Nebenzimmer geschlossen, schlug er die Aermel seines Schlafrocks in die Höhe und begann mit großem Gepolter das vor ihm liegende Chaos zu ordnen. »Was meinst du, Zwiebel,« sprach der Gastgeber, »wenn wir zuerst bei den alten Weinflaschen anfingen? Ich glaube, es wäre am besten, wenn wir dieses zerbrechliche Zeug in Reih' und Glied brächten und unter einem Winkel aufmarschiren ließen.« »Zu Befehl, Herr Major!« entgegnete der Bediente; »ich glaube, der Herr Major thäten ganz wohl daran.« Dieser ließ sich nun nach dieser Zustimmung eine Serviette geben und auch die Flaschen Stück für Stück herüber reichen. Er hielt sie vor das Licht, wischte mit dem Tuche den Staub ab, öffnete mit dem Pfropfzieher; das alles geschah mit großer Feierlichkeit und außerordentlich behende. Die Flaschen mit weißem Wein wurden in die rechte Ecke gestellt, die mit rothem in die linke, und hiezu dampfte die Tabakspfeife und schaute der Bediente zu mit aufgesperrtem Maule. »Siehst du, Zwiebel,« sagte der Major mit dröhnender Stimme unter diesen Geschäften, »ich halte es unbedingt für besser, die Flaschen so abgeputzt und hergerichtet auf den Tisch zu stellen; es gibt freilich Leute, die sie ihren Gästen mit dem Kellerstaub vorsetzen, um damit das hohe Alter des Weines anzuzeigen; aber es ist die vollkommenste Renommage; Staub gehört nicht auf den Tisch. – Apropos, da ich einmal bei dem Staube bin, der mit dem Schmutze große Aehnlichkeit hat, so möchte ich auch da in der Küche dir ein paar Worte ins Gewissen reden« – er rief diese Worte überlaut ins Nebenzimmer hinein – »ich muß mir sehr ausbitten, daß heute Abend nicht wieder Schüsseln vorkommen, an deren Rande die schwarzen Tatzen abgemalt sind; Alles muß reinlich und nett sein, sehr reinlich, keine Malpropreté. – Mir scheint auch,« fuhr der Freiherr von Brander fort, und hob die Nase und schnüffelte in die Luft, »als rieche ich etwas Verbranntes, so einen verbrannten Kalbsbratengeruch. Paßt mir doch auf, ins Dreiteufelsnamen!« Er eilte geschäftig in die Küche, um sich von der Wahrheit seiner Behauptung zu überzeugen, und blieb einen Augenblick mit aufgestemmten Armen vor dem Kochherde stehen. »Riecht Sie denn gar nichts, Babette?« fragte er nach einer Pause, während welcher er seine Geruchsnerven übermäßig angestrengt, »riecht Sie in der That nichts? He, Zwiebel! merkst du nichts Verbranntes?« Damit eilte er ins Eßzimmer zurück. »Zu Befehl, Herr Major,« sagte der Bediente, »es brandelt wirklich etwas.« »Sieht Sie, Babette,« schrie der Major, »auch Zwiebel hat's gerochen!« »Ja, jetzt rieche ich es auch,« erwiderte die Köchin, »aber es kommt von einem Papier her, das man in den Ofen geworfen, Papier aus der Madame ihrem Zimmer; es wird eine Schreibfeder dabei gewesen sein.« »Donnerwetter! eine Schreibfeder?« rief der Major entrüstet, »also nicht der Kalbsbraten. Babette? Kann ich mich darauf verlassen, daß es nicht der Kalbsbraten ist? Dann ist es gut!« »Gewiß kein Kalbsbraten!« versetzte die Köchin. »Ja wohl, Federn,« sagte Zwiebel bestimmt, »kein verbrannter Kalbsbratengeruch.« »Bon!« sprach der Major. Die Köchin und Zwiebel hätten um Alles in der Welt nicht zugegeben, daß der Kalbsbraten gebrandelt hätte, und wenn dieses auch wirklich der Fall gewesen wäre. Der Major, wenn er sich einmal so mit Haushaltungsgeschäften befaßte, war außerordentlich reizbar, sobald solche Fehler vorkamen, und konnte dann über alle Maßen grob werden. Kam dagegen nichts Unrechtes vor, so war er in solchen Momenten der leutseligste und herablassendste Herr, den man sich nur denken konnte. Jetzt waren die Flaschen beseitigt. Zwiebel stellte ein Dutzend leere Leuchter auf den Tisch, und der Major machte sich mit eigenen Händen daran, dieselben mit frischen Stearinkerzen zu bestecken. Er that das nur in der reinen Absicht, damit keine schief aufgesteckt würde, denn solches war ihm ein Gräuel. Ja, wenn alle Leuchter montirt waren, so wurden sie in eine Linie gestellt und mit Zwiebel's Beihülfe aufs Genaueste gerichtet. Auch die Papiere unten durften nur so weit vorstehen, wie es bei den Halsbinden der Soldaten der Fall war, genau eine und eine Sechzehntelslinie. Es hätte den Major außerordentlich betrübt, wenn man am Anzuge seiner Leuchter die geringste Unregelmäßigkeit entdeckt hätte. Dieses Geschäft ging indessen glücklich von Statten; der Major schwitzte vor Arbeit und Vergnügen und war äußerst guter Laune. »Solltest du's wohl glauben,« sagte er nach einer längeren Pause, »daß es Leute gibt, die verbrannten Kalbsbraten essen?« Zwiebel schauerte ein klein wenig zusammen und schüttelte den Kopf. »Du glaubst es nicht?« sagte der Major. Der Diener war sehr in Verlegenheit, ob er Ja oder Nein sagen sollte, da er nun nicht genau wußte, welche Ansicht in diesem Punkte sein Herr entwickeln würde; er behalf sich deßhalb mit einem außerordentlich dummen Lächeln. »Ja, es gibt solche Leute,« fuhr feierlich der Major fort und nahm ein Trinkglas vom Tisch, das er gegen das Fenster hielt, um zu sehen, ob es auch rein geputzt wäre; »es soll solche Leute geben,« wiederholte er, hauchte dann in das Glas hinein und wischte mit der Serviette darin herum, um einen Flecken zu vertilgen, den er entdeckt. »Wer hat die Gläser eigentlich geputzt?« fragte er hierauf und unterbrach dadurch seinen Ideengang in Betreff des verbrannten Kalbsbratens. »Donnerwetter! ich finde darin eine Unsauberkeit – hier war ein Flecken. Zwiebel, wenn du Zeit hast, so werden alle Gläser nochmal durchgesehen; verstehst du mich? Man kann doch den Weibsbildern nicht das Geringste anvertrauen! – So – Lichter, Flaschen, es wäre Alles in Ordnung; jetzt wollen wir einmal über die Spielkarten gehen, zu jedem Tisch zwei Spiele, ein rothes und ein blaues; wir haben drei Tische. Hast du sechs Spiele, Zwiebel?« »Zu Befehl, Herr Major!« »Drei blaue und drei rothe?« »Zu Befehl, Herr Major!« » Bon! « sagte dieser. »Jetzt wollen wir einmal einen Blick in die Zimmer werfen, um nachzusehen, ob da Alles in gehöriger Ordnung ist.« Draußen in der Küche war ein unterdrücktes Husten hörbar, und eine sanfte Stimme sprach: »Babette, Sie muß sich ein wenig eilen, es ist gleich sieben Uhr, um halb Acht kommen die Herrschaften.« »Die Frau Majorin,« sagte Zwiebel sehr schüchtern, und fügte mit leiser Stimme hinzu: ... »Die Pfeife ... Herr Oberstwachtmeister.« »Ja so, die Pfeife!« antwortete dieser einigermaßen verwirrt, »richtig, die Pfeife; ich danke dir, braver Zwiebel! Da nimm sie und steck' sie in die Tasche. – Donnerwetter, das war ein Geschäft!« Diese letzten Worte galten der eintretenden Majorin, welche in diesem Augenblicke einem starken Hustenanfalle fast zu erliegen schien. »Aber, lieber Ferdinand,« sagte sie, »wie kann man denn eine halbe Stunde vor einer Soirée im Gesellschaftszimmer rauchen?« »Nicht im Gesellschaftszimmer, mein Schatz!« versetzte freundlich der Major, »Gott soll mich bewahren! – Gewiß nicht, nur hier im Eßzimmer, und es sind überdies die Fenster auf, das geht im Augenblicke wieder hinaus.« »Da sehe ich auch Cigarren auf dem Tische liegen,« fuhr die unerbittliche Majorin fort, »ein ganzes Paket Cigarren! – Aber, Ferdinand, was fällt dir um Gotteswillen ein?!« »Das ist ja für die Whistpartie,« sagte der Major kleinlaut und verlegen und setzte rasch hinzu, als er bemerkte, daß seine Ehehälfte die dünnen Lippen zusammenbiß: »für's Nachhausegehen, versteht sich von selbst, da nimmt jeder der Herren sich eine; das ist so der Brauch.« »Ich will mich nicht an jenen Abend erinnern,« sprach die Majorin streng, »wo bei einer Whistpartie hier in diesem Zimmer geraucht wurde, und wo man drüben bei mir fast erstickt wäre. Ach, der Tabaksdampf greift meine Nerven entsetzlich an! Es liegt schon etwas Rohes in dem Begriff des Rauchens; kann man sich die Cigarre oder eine Tabakspfeife bei irgend einer zarten Situation des menschlichen Lebens denken? Gewiß nicht! Schon die Idee des Rauchens ist gegen alle Poesie!« »Aber alle Poeten und Schriftsteller,« erlaubte sich der Major zu sagen, »rauchen ungeheuer; ich habe das schon oft gehört.« »Gewiß nicht alle,« entgegnete sanft die Majorin; »es gibt deren freilich, ich will das zugeben; aber auch sie treiben alsdann diese böse Gewohnheit nur heimlich; ich wenigstens habe noch nie Jemanden gekannt, der roh genug gewesen wäre, die reine Luft eines Theezimmers dadurch zu verpesten.« Mit diesen Worten begab sich die Dame stolz in ihren Salon, und der Major folgte ihr, um sich zu überzeugen, daß dort Alles in Ordnung sei. Zwiebel blieb unterdessen im Eßzimmer und rauchte aus der noch brennenden Pfeife des Majors verstohlener Weise die letzten Züge, während er Flaschen, Lichter und Gläser an ihrem Orte aufstellte, sowie die Spieltische richtete und auf jeden ein rothes, sowie ein blaues Paket Karten legte. Drüben arbeitete der Major im Schweiße seines Angesichts und legte die letzte Hand an die Einrichtung des Theezimmers. Die Stühle wurden bestens gerichtet, die Tassen auf dem Tisch ebenfalls, und mittlerweile war es halb acht Uhr geworden, die Stunde, zu welcher die Gesellschaft eingeladen war. »Der Teufel!« sagte der Major, »jetzt ist es schon halb Acht, und ich bin noch nicht einmal angezogen. Da werde ich nun ungeheuer eilen müssen!« »So geht es dir beständig,« erwiderte die Majorin sanft und ruhig, »du wirst nie zu rechter Zeit fertig.« – Sie hatte sich malerisch auf einen Fauteuil niedergelassen, stützte das Gesicht mit etwas melancholischem Ausdruck auf die Lehne desselben und schien in tiefes Nachdenken versunken. Diese Dame hatte freilich mehr Zeit zu ihrer Toilette gehabt, als der gute Major; sie, die Hausfrau, hatte weder Lichter aufgesteckt, noch Flaschen abgewischt, noch die Küche überwacht, daß der Kalbsbraten nicht anbrenne, woher es denn auch kam, daß sie vollkommen Zeit hatte, nachdem sie die Feder weggelegt, sich auf's Beste heraus zu putzen. Sie trug ein Kleid von hellseegrünem Mousselin; auf der Stelle des Busens trug sie ein kleines Rosenbouquet, ihr Haar war mit Immergrün verziert. Wir brauchen kaum dem fühlenden Leser zu sagen, daß Blumen und Blätter äußerst sinnig ihren Schriftstellernamen anzeigten – Rosa Immergrün! Draußen wurde unterdessen die Glocke gezogen. »Gerechter Gott!« schrie der Major, »jetzt kommt schon Gesellschaft, und ich bin noch im Schlafrock! Zwiebel, schau nach, wer es ist; führ' ihn in den Salon, ich werde mich in das Eßzimmer retiriren.« – Er that also, öffnete aber im nächsten Augenblicke selbst die Salonthüre, um den zuerst Angekommenen herein zu lassen. Es war dies nur der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, vor dem er sich nicht zu geniren brauchte. »Freut mich ungeheuer,« sagte der Major, »daß Sie so früh kommen, lieber Stifeler! Thun Sie mir die einzige Liebe und spazieren mir durch die Zimmer, um nachzusehen, ob Alles an seinem gehörigen Platze steht und in scharfer Richtung ist, mein Freund. Um Gotteswillen, kein krummes Glied! Ich will unterdessen meine Toilette machen; seien Sie ganz rücksichtslos, ohne alle Nachsicht.« Der Adjutant, Lieutenant von Stifeler, machte der Dame des Hauses sein Kompliment und ging, das ihm Aufgetragene zu besichtigen. Der Major zog sich in sein Schlafzimmer zurück und putzte sich unter Beihülfe des getreuen Zwiebel aufs Beste heraus; er zog dann den zweiten Paradewaffenrock an, dazu die Epauletten Numero drei – es wurde bald Abend, und da glänzten sie ja doch wie neu – er strich sein Haar unternehmend in die Höhe, der Bart wurde lange gewichst, bis er in zwei drohenden Spitzen horizontal über dem Munde stand; das Sacktuch wurde mit Rosenöl beträufelt – die Majorin Rosa litt in ihrem Hause kein anderes Parfüm – und so gerüstet trat der Hausherr in das Gesellschaftszimmer. Der Lieutenant von Stifeler hatte nicht außerordentlich viel zu erinnern gefunden; nur einige unwichtige Sachen waren ihm aufgestoßen, die er aber alsbald reparirte; zum Beispiel ein Stuhl, der sich einen Zoll vor seinem Kollegen herausgedrängt, eine Tasse, die auf der Seite lag, sowie im Eß- und Spielzimmer zwei Lichter, die sich um eine halbe Linie nach rechts neigten, – ein Fehler, den sogar das scharfe Auge des Majors übersehen. Jetzt tönte draußen die Glocke abermals, und nun kamen die Gäste. Anfangs erschienen sie in größeren Pausen, nachher aber schneller auf einander, und Zwiebel in der neuen Livree: lederfarbenem Rock und gelber Weste, kam ebenso wenig mehr von der äußeren Thüre weg, wie der Major von der inneren, bis Alles versammelt war. Es war eine zahlreiche Gesellschaft da, Herren und Damen, erstere aber vielleicht die Hälfte mehr als die Letzteren; und das kam daher, weil die Whistpartie natürlicher Weise aus lauter Männern bestand. Dies waren meistens alte Stabsoffiziere, auch einige Hauptleute darunter, und dann einige Regierungs- und andere Räthe, die sich bei Damengespräch und Theetassengeklirr durchaus nicht heimisch zu fühlen schienen. Diese Mitglieder der Gesellschaft waren froh, als sie der Dame des Hauses ein Kompliment gemacht und es ihnen darauf gestattet war, sich in irgend eine Ecke des Salons zu harmlosem Zwiegespräch oder zu tiefen Alleinbetrachtungen zurück zu ziehen. Es waren meistens ganz gescheidte Leute, denen es aber sehr schwer wurde, diese nothwendige nichtssagende Theeconversation anzuknüpfen, die, außerordentlich beredt in ihrem Fache und unter den Männern, es sehr schwer fanden, in Damenkreisen den Gemüthlichen und Liebenswürdigen zu spielen, und denen, wenn sie auch in solchen Augenblicken ihrem Geiste die mächtigsten Sporenstöße gaben, doch nichts einfiel, und die steif und unbeholfen neben der plappernden, hier geistreichen, sich ungeheuer amusirenden Jugend dastanden in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle. So eine Theeconversation von Weitem zu belauschen, all' das Geräusch und all' die Worte ohne Zusammenhang aufzufassen, macht einen außerordentlich komischen Eindruck. Das hustet und räuspert durch einander, das kichert und lacht, die Tassen klirren, der Theekessel singt; die alten Damen bilden um den großen Tisch den innersten Kern und sprechen über ernste Gegenstände, die jüngeren sitzen außen herum in einzelnen Gruppen – leichte Vorposten, dem ersten Angriff des Feindes bloßgestellt. Und dieser Feind in schwarzem Frack, in weißen Glacéhandschuhen, den Hut entweder ängstlich vor den Bauch gedrückt oder denselben schüchtern auf den Rücken haltend oder kühn in die Seite gestemmt, attaquirt die Vorposten und fängt auf der ganzen Linie an zu plänkeln. »Charmant! –köstlich! – deliciös!« knallt es von allen Seiten. – »Finden Sie das auch, mein Fräulein?« – »Gewiß! – Superb! – Sie sehen, wie ich lache. – O, das kann nicht Ihr Ernst sein! – Auf Ehre! – Auf Seele! – Sie Unausstehlicher! – Großartig, ich versichere Sie! – Bei Gott! – Reizend! – Ueberirdisch! – Himmlisch schön ...« Und dann lacht es wieder, und in einer Viertelstunde oder noch früher ist die äußere Vorpostenkette durchbrochen, die jungen Leute im schwarzen Frack und in Uniform schlagen sich kühn durch die Vorposten hindurch mit einer ganzen Menge von ... »Bitte um Entschuldigung! – Erlauben Sie! – Bitte recht sehr! – Mit Vergnügen!« – und greifen das Centrum an, das ruhig und gefaßt diesen Angriff erwartet. Dazwischen durch bemerkt man Zwiebel's lederfarbene Gestalt; sein Gesicht lächelt freundlich, während ihm Angst- und Schweißtropfen auf der Stirn stehen und während die Tasse auf seinem Teller ängstlich klappert. Gott! er hat unbestimmte Ahnungen von großem Unglück, das ihm begegnen könnte, von heimtückischen Sporen, Hühneraugen und zarten Damenschuhen, die ihm statt des Teppichs unter seine breiten Füße gerathen könnten, von umstürzenden Stühlen und Tischen oder Ueberschütten verschiedener Tassen mit heißem Thee und dergleichen mehr. Bald trägt er eine Anzahl leerer Tassen zurück und stürzt darauf mit ebenso viel angefüllten wieder in das dichteste Schlachtgetümmel hinaus. Noch ist die Theegesellschaft ein förmliches Chaos. Wasser und Land schwimmt noch durch einander, der Geist und die Materie sind noch nicht geschieden; mit anderen Worten: die rohen Elemente der Whistpartie wurden noch nicht in das Eß- und Spielzimmer verwiesen. So lange, bis dieses nicht geschehen, ist es unmöglich, daß ein angenehmes Gespräch gedeihen kann. Die alten Herren mit ihren Pickelhauben unter dem Arm, wie sie da an der Wand und in den Ecken umher stehen, fühlen sich durchaus nicht an ihrem Platz, und ihre ernsten Gestalten lassen anderntheils auch die strömenden Wasser einer poesiereichen Unterhaltung nicht zum gehörigen Durchbruch kommen. Endlich aber gibt die Majorin mit ihren Augen dem hierauf schon ängstlich wartenden Gemahl ein kleines Zeichen. Dieser schreitet händereibend und feierlich bei den Mitgliedern der Whistpartie vorüber und sagt zu jedem ein heimliches Wort. Es ist erstaunlich, welche Wirkung dieses hervorbringt. Mit leisem Schritt, ja kaum sichtbar, sind sie mit größter Schnelligkeit verschwunden. Das dunkle Nebenzimmer hat sie verschlungen, und der Letzte schleicht soeben scheu zur Thüre hinaus, indem er sich ängstlich umschaut, ob ihn nicht eine gesprächlustige Dame so nahe am rettenden Ausgange noch angreifen und festhalten würde. Der Abfluß und Niederschlag dieser gröberen Stoffe hat nun die Bestandtheile der Gesellschaft etwas geklärt. Der Grund ist freilich schon lange zu Tage getreten, aber das unfruchtbare Terrain ist mit dem fruchtbaren, auf dem Palmenwälder blühen, Brunnen rauschen und Nachtigallenhaine entstehen, noch zu innig vermischt; es muß da noch eine gewaltige Absonderung stattfinden, ein neuer chemischer Prozeß, worauf der Niederschlag der noch vorhandenen allzu materiellen Stoffe erfolgt, um dem geistigen Prinzipe einen Weg zu bahnen, daß es lustig emporflattern kann, sich selbst zum Vergnügen, der wartenden Menschheit aber zu Nutz und Frommen. Diese Absonderung geschieht, indem sich die Gastgeberin, Rosa Immergrün, Majorin von Brander, von ihrem Sitze erhebt und sich mit einem sanften Gespräche an die Thüre des Nebenzimmers hinzieht. Ihr Aufstehen ist das Signal für die Gesellschaft, es gleichfalls so zu machen, und hier taucht eine Dame auf aus der Klappermühle eines freundschaftlichen Gespräches, und dort sieht man einen jungen Herrn mit einem bangen Blick auf das Nebenzimmer ein Gespräch so schnell als möglich abbrechen. Rosa Immergrün kann als schwärmende Königin des Bienenstocks betrachtet werden; denn wenn sie sich erhebt und anderswo niederläßt, so erhebt sich mit ihr die ganze Schaar ihrer Anhänger und läßt sich ebenfalls im Nebenzimmer nieder. Sechszehntes Kapitel. Von des Goldkäfers letzter Brautfahrt, von den Trägern deutscher Literatur und von schlechten Dienstboten im Allgemeinen. – Ein vielseitiges Kapitel. Dieses Nebenzimmer ist auf sinnige Art heute Abend zum Dienst der Musen eingerichtet. Da ist eine Ecke mit einem Eckdivan, vermittels vier Geranien, eines kleinen Lorbeer- und eines kümmerlichen Citronenbaumes lieblich geschmückt. Vor dem Divan befindet sich ein runder Tisch, auf demselben Wasserflaschen mit Gläsern und vor demselben so viele Stühle, als es der Raum erlaubt. Der Divan wird von den Damen eingenommen, die Wirthin – wir müssen gestehen, nach vielem Sträuben – nimmt den Eckplatz ein und sitzt nun unter Lorbeeren und Citronen. Die übrigen Damen scheinen den Beweis liefern zu wollen, wie viel geduldige Schafe in einen Stall gehen, und haben sich deßhalb auf dem Divan entsetzlich zusammen gepreßt. Die Herren sitzen auch nicht viel behaglicher; denn um den Geist recht frisch und regsam zu erhalten, scheint der Körper absichtlich kasteit zu werden, und die Kasteiung hier besteht in unsäglich kleinen Stühlen, auf welchen man sich nur durch ein geschicktes Balanciren aufrecht zu erhalten vermag. Wehe dem Unglücklichen, der unter dem Vorwande, er dächte mit geschlossenen Augen über all' das Schöne hier nach, einen kleinen Schlaf riskirte! Er würde unfehlbar beim geringsten Räuspern seines Nachbars unter den Stuhl fallen. Aber wie kann auch hier von Schlaf die Rede sein, hier, wo alles Materielle verabschiedet ist, wo nur der Geist mit glänzendem Flügelschlage dahin rauscht? – Rosa Immergrün sieht sich mit leuchtenden Augen und triumphirend um in dem Kreise ihrer heutigen Anhänger. Was die Residenz an Talenten besitzt, an wirklichen Talenten in den verschiedensten Fächern der Kunst, das ist hier um sie versammelt. Wessen Herz beginnt nicht schneller zu schlagen, wenn es diese Namen nennen hört? Dort unser genialer Wolfssohn, der Verfasser mehrerer klassischen Romane; dort Löwenthal, unser großer Löwenthal, um so größer als Dichter und Mensch, da er bis heute von seinen Werken nur gesprochen hat und noch nichts erscheinen läßt, fürchtend, eine übereilte Arbeit zu liefern; neben ihm der unvergleichliche Smaragdstein, unser großer Lyriker; an seiner Seite der zarte Goldenstein; dort Abendstein, der Lustspieldichter; hier Morgenstein, der Componist; an seiner Seite unser vielgenannter Silberstein, der größte Maler seiner Zeit, Deutschlands Stolz und Deutschlands Hoffnung. Leider sehen wir uns genöthigt, auch andere Namen neben diesen volltönenden und herrlich klingenden zu nennen. Wir sagen: leider ! denn, wie kann ein einfacher Name, wie vielleicht Müller, Schmidt, Früh, Spät, Groß oder Klein, hier genannt werden, wie kann er an der Mitwelt anklingen, neben den gewaltig dahin rauschenden, wie Smaragdstein, Goldenstein, Abendstein; im Gefunkel der Edelsteine, im Klange der Metalle, im Glanze des Abendroths einer untergehenden Literatur?!– Und doch sitzen auch jene anderen Herren (die mit den einfachen Namen) neben diesen und werden auch von ihnen geduldet. Warum sollten sie sie auch nicht dulden, jene armen Unbedeutenden, ja ihnen sogar hie und da einen belohnenden Blick, ein Wort der Ermunterung schenken? Werden sie deßhalb aufkommen oder genannt werden in weiteren Kreisen? gewiß nicht! das lassen schon die verwandten Edelsteine und Metalle nicht zu. Sie haben das ganze Bankgeschäft der Literatur und Kunst in ihrer Hand, und wenn sie ein Papier steigen lassen, so sind es Wolfsohn'sche oder Smaragdstein'sche dreieinhalbprocentige und ähnliches schlechtes Papier; aber nach etwas Gediegenem von einem anderen Christenmenschen ist auf dieser Papierbörse wenig Nachfrage. Wir erschrecken über diese Gedanken, die wir soeben leichtsinniger Weise niedergeschrieben, und können uns nur damit entschuldigen, indem wir der Wahrheit gemäß sagen, daß wir sie einem der Gäste abgelauscht, einem jungen Manne mit seltenem blonden Haar und Bart, selten in diesem Cirkel, der etwas zurückgezogen aus dem Kreise dieser großen Männer Deutschlands sich so bequem wie möglich in einem kleinen Fauteuil niedergelassen hatte. Dieser junge Mann war, aber Niemand anders, als unser Bekannter, Eugen Stillfried, der sich eigentlich hier vorkam wie Saul unter den Propheten. Wir wissen überhaupt nicht, weßhalb die Majorin ihn mit einer Einladung beehrt hatte; aber er war beehrt worden und in Folge dieser Einladung hier. So viel ist gewiß, daß Eugen Stillfried nicht als zum ästhetischen Thee gehörend betrachtet zur heutigen Gesellschaft gekommen war; wir vermuthen etwas Anderes. Die Majorin, neben dem, daß sie Gattin war, war auch Tante, Tante von zwei in bester Blüthe stehenden Jungfrauen, die nach Erlösung aus diesem Stande aufrichtig schmachteten. Und als solcher Erlöser schien nun Herr Eugen Stillfried mit seinen zehntausend Gulden Revenuen eine äußerst passende Person, und es verlohnte sich schon der Mühe, wenigstens einen Versuch zu machen. Eugen war ganz unbewußt in jenes Nebenzimmer getreten und hatte auf diese Weise den ästhetischen Kreis um drei Mitglieder vermehrt, indem darauf auch die beiden Jungfrauen sich heute Abend gedrungen fühlten, etwas tiefer in die Literatur einzugehen. Rosa Immergrün betrachtete mit leuchtenden Blicken die glänzende Versammlung auf den kleinen Stühlen um den runden Tisch und sagte nach einer längeren Pause: »Wie freue ich mich, daß Sie so zahlreich sind! Nur eine einzige Blüthe fehlt in diesem duftigen Kranze – unser guter Seeligstein. Lieber Wolfssohn, haben Sie Nachricht von unserem theuren Freunde?« »Indirekte, gnädige Frau, nur durch sein köstliches Buch, das mir vor acht Tagen von dem Verleger zugeschickt wurde,« antwortete Herr Wolfssohn, ein kleiner, dicker Mann mit schwarzem Bart, kohlschwarzem Haar und einer grünen Brille. »Ein köstliches Buch!« wiederholte er; »ein großes Buch!« Und dabei blickte er aufmerksam im Kreise umher, als wollte er erforschen, ob sich Jemand unterstehe, anderer Ansicht zu sein. »Es ist lange nichts so geschrieben worden,« sagte Herr Silberstein, »so frisch, so lebendig, mit so pikanten Schilderungen, nichts, was sich so zur bildlichen Darstellung eignet. Der vortreffliche Seeligstein hat uns Malern einen wahren Schatz damit gegeben. Jedes Kapitel ist ein großes Gemälde, jede Seite ein reizendes Bild. Ich werde eine Reihe Illustrationen daraus bearbeiten.« »'s ist ein großer Mann, dieser kleine Seeligstein!« sprach Morgenstein; »welche vortreffliche kleine Lieder er in die Erzählung verwebt hat! Ich habe schon angefangen, einige davon zu componiren.« »Wir können uns in der That glücklich schätzen,« sagte die immergrüne Rosa, »daß er längere Zeit zu unserem Kreise gehörte.« »Apropos, gnädige Frau,« nahm Wolfssohn das Wort, »haben Sie das neue Buch des Herrn Herder schon bekommen?« – Herder gehörte natürlicher Weise nicht zu dieser Koterie und wurde deßhalb »Herr« genannt. Bei Freunden und Bundesbrüdern begnügte man sich in der Regel mit einem einfachen Prädikat, z. B. unser trefflicher Silberstein, unser großer Wolfssohn, unser berühmter Morgenstein. – »Herr Herder schrieb dieses Buch im vergangenen Winter.« Wir müssen uns hier erlauben, noch den geneigten Leser darauf aufmerksam zu machen, daß man bei seinen Freunden selten den Ausdruck »schreibt« anwendet; man sagt blos bei Fremden wie eben geschehen: »Herr N. schreibt oder läßt erscheinen;« von Freunden sagt man dagegen z. B.: »Unser vortrefflicher Abendstein arbeitet in diesem Augenblicke an einem fünfaktigen Lustspiele, und diese gediegene Arbeit wird bei seinem demnächst erfolgenden Erscheinen einen unerhörten Erfolg in ganz Deutschland haben; wir erlauben uns dabei zu bemerken, daß die letzte Arbeit dieses Hauptträgers der deutschen Literatur à 25000 Exemplaren verkauft wurde.« »Ja, freilich ist das Buch im Winter geschrieben worden,« meinte Herr Silberstein; »dafür ist es aber auch sehr kalt ausgefallen.« »Ich habe es nicht gelesen,« sagte Rosa Immergrün, »man hat nicht Zeit für alles, was gedruckt wird. Aber Sie, lieber Wolfssohn, Sie, der Sie auch dem Geringsten in der deutschen Literatur Aufmerksamkeit schenken, werden gewiß etwas Näheres über das Buch wissen.« Wolfssohn setzte sich so fest wie möglich auf seinen kleinen Stuhl, drückte seine blaue Brille etwas näher an die Nase und sprach: »Es liegt ein Buch vor uns, dessen Verfasser man poetisches Talent nicht absprechen kann. Derselbe hat soweit die Sprache in seiner Gewalt, daß man, ohne an bedeutende Härten zu stoßen, die Seiten mit einiger Behaglichkeit zu durchfliegen im Stande ist. Was die Erfindungsgabe des jungen Autors anbelangt, so hätten wir erwartet, hie und da den Bau irgend einer Erzählung mit größerer Wahrscheinlichkeit aufgeführt zu sehen, und wir können ihn unmöglich darum loben, daß er oftmals das gelegte Fundament so bald wieder verläßt und anstatt eines prächtigen, großartigen Gebäudes, das wir nach jenem zu erwarten berechtigt gewesen wären, ein kleines, zierliches Landhaus vor Augen führt; übrigens haben manche seiner Gestalten Fleisch und Blut, ja Lebensfähigkeit, und könnten bei veränderter Staffage als sehr gelungen betrachtet werden.« Das Alles sprach Herr Wolfssohn so fließend und ohne Anstoß, daß es zum Erstaunen war. »Welcher Mann!« sagte Rosa Immergrün zu einer ihrer Nichten. »Welch gediegenes Urtheil!« rief Silberstein aus. »Ich habe es heute schon einmal gelesen,« sagte jetzt plötzlich eine Stimme außerhalb des Kreises, die des Herrn Stillfried; »fast Wort für Wort; es ist freilich ein gediegenes Urtheil.« Mehrere Brillen und erstaunte Herren- und Damenaugen richteten sich nach dem Sprecher, der in seiner bequemen Stellung verharrte und ruhig wiederholte: »Ja wohl, gelesen, fast Wort für Wort.« »Und wo, wenn ich fragen darf?« fragte etwas spitzig die Majorin. »In dem Magazin für Kunst und Literatur, gnädige Frau,« antwortete Eugen unbefangen; denn er wußte nicht, welch' schreckliches Gespenst er durch Nennung dieses Namens herauf beschwor. Das Magazin für Kunst und Literatur war nämlich vor nicht langer Zeit über ein Büchlein von Rosa Immergrün, ein zartes Gedicht in vierundzwanzig Gesängen, betitelt: »Des Goldkäfers letzte Brautfahrt,« schonungslos hergefallen und hatte Käfer, Brautfahrt und Verfasserin aufs Unverantwortlichste gegeißelt. »Im Magazin für Kunst und Literatur?« fragte die Majorin mit dumpfer Stimme und warf, unangenehm überrascht, dem Wolfssohn einen sonderbaren Blick zu. »Und in dieses Blatt schreiben Sie?« sagte die würdige Dame und stieß dabei einen Seufzer aus, halb des Zweifels, halb ängstlicher Erwartung. Doch Wolfssohn lächelte außerordentlich ruhig und antwortete ohne aus der Fassung zu kommen: »O dieser Gedanke, gnädige Frau! Ich sollte in jenes miserable Blatt schreiben? ein Blatt von der niedrigsten Aufführung, ein Blatt, welches lügt und stiehlt? – Ja, es stiehlt,« fuhr er mit erhobener Stimme fort und schaute ruhig und groß im Kreise umher; »ich – – ich – – ließ jenen Aufsatz im Wanderboten erscheinen, und daraus muß ihn das Magazin ohne Quellenangabe nachgedruckt haben, und das ist auf jeden Fall ein Diebstahl.« »Verzeihen Sie, Herr Doktor Wolfssohn,« versetzte Eugen, »jener Artikel im Magazin ist kein Abdruck, sondern ein Originalartikel.« »Mein Herr!« fuhr Jener auf, mäßigte sich aber im nächsten Augenblicke und machte eine Pantomime gegen die Wirthin, als wolle er damit ausdrücken, nur ihre Gegenwart verbiete ihm, jenem Herrn, den er übrigens gar nicht kenne, zu antworten, wie es ihm gebühre – ihn augenblicklich moralisch todt zu schlagen. Die Majorin aber sah sich durch diese Pantomime veranlaßt, die beiden Gegner mit einander bekannt zu machen, indem sie sagte: »Herr Eugen Stillfried – Herr Doktor Wolfssohn!« »Ah, so?« sagte der Letztere und machte eine angenehme Verneigung mit dem Kopfe. »Sehr viel Ehre!« entgegnete Eugen, und hätte das Gespräch nicht weiter fortgesetzt, wenn nicht eine der unglückseligen Nichten, die vor Sehnsucht brannte, ein Gespräch mit Herrn Stillfried anzuknüpfen, an ihn die entsetzliche Frage gethan: »Nun, jener Artikel. Herr Stillfried?« Doktor Wolfssohn saß wie auf Kohlen. »Jener Artikel, mein Fräulein,« entgegnete Eugen ruhig, »ist ein Originalartikel.« »Also doch !« rief die Majorin empört aus. »O mein Gott, Sie schreiben in das Magazin für Kunst und Literatur! Das hätte ich nimmer gedacht!« »Von diesem schrecklichen Vorwurfe fühle ich mich verpflichtet, Herrn Wolfssohn zu reinigen,« sagte der unerbittliche Eugen. »Der fragliche Aufsatz, obgleich Originalartikel, ist nicht von diesem Herrn verfaßt; einer meiner besten Freunde hat ihn eingesandt.« Jetzt hätte sich jeder andere Sterbliche unbedingt schämen müssen. Nicht so der große Wolfssohn. Auch kamen ihm die Herren Löwenthal, Smaragd-, Golden- und Abendstein schleunigst zu Hülfe, indem sie das Terrain verließen und auf das der Mitarbeiterschaft des schändlichen Magazins für Kunst und Literatur die Rede hinüber spielten. »Wie hatten Sie auch glauben können, gnädige Frau?« sagte hitzig Löwenthal. »Wie wäre das auch möglich?« meinte eifrig Goldenstein. »Ein solcher Gedanke!« lief empört Abendstein. »Ich bin außerordentlich glücklich,« setzte Wolfssohn hinzu, »daß unser geistreicher, belesener junger Freund mich in Ihren Augen von einem so schrecklichen Verdachte gereinigt hat. Lasen Sie denn nie im Wanderboten, wie ich Ihren schändlichen Angreifer niederschlug?« »Ich las es,« sagte Rosa Immergrün befriedigt. »Jenen Verächter des guten Geschmackes, jenen – jenen Poesieläugner!« Das war ein neues Wort, die Verachtung auf's Kräftigste aussprechend, voll concentrirten Abscheues, ungefähr so, wie Gottesläugner für jeden Gläubigen ist; und Doktor Wolfssohn war stolz auf diese Erfindung. »Kennen Sie,« fragte er nach einer Pause und wandte sich an Eugen Stillfried, »kennen Sie dieses größte Werk unserer hochverehrten Freundin, kennen Sie des Goldkäfers letzte Brautfahrt?« »Leider nein,« sagte lächelnd Eugen. »O, gnädige Frau!« rief enthusiastisch der vortreffliche Löwenthal, »dann muß ich Sie um einen Gesang desselben bitten, nur um einen einzigen kleinen Gesang, zum Beispiel um den vierten! – Nicht wahr, Wolfssohn, es ist doch der vierte, der glaube ich, anfängt: »Sum – sum – dum – O holde Rose mein! So sprach das Käferlein – O, laß mich ein! Ein – ein – ein!« »Ja, ich glaube, es ist der vierte,« sagte Wolfssohn wichtig, »wenn es nicht der sechste ist. – O, gnädige Frau, nur diesen vierten Gesang.« Rosa Immergrün, welche sich in diesem Augenblicke leidenschaftlich bestürmt sah, war im Begriffe, dem allgemeinen Drängen nachzugeben, denn sie griff still erröthend nach einem kleinen Buche, das auf dem Tische lag, roth eingebunden, mit Goldschnitt; und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht in diesem Augenblicke in dem Nebenzimmer ein halbes Dutzend Damenstimmen laut aufgeschrieen hätten, dann heftig Stühle gerückt worden wären und Tassen verdächtig geklappert hätten, und wenn nicht der lederfarbene Zwiebel in diesem Augenblicke an der Thüre erschienen wäre und stotternd gemeldet hätte, daß die Spirituslampe umgefallen sei und die Theeserviette brenne. »Wo ist der Major?« rief die erschreckte Hausfrau; »ruf' ihn!« worauf Zwiebel in's Nebenzimmer zurückstürzte und der Gerufene als rettender Engel erschien. Wolfssohn hatte beide Wasserflaschen ergriffen, aber man brauchte sie nicht. Der Major, der mit einem halben Hundert Donnerwetter aus dem Whistzimmer in den Salon stürzte, löschte äußerst kunstgerecht mit einer nassen Serviette die angehende Feuersbrunst, und bald hatte sich Alles wieder beruhigt. Mochte es nun die Aufregung des eben Stattgefundenen thun, oder war es der drohende vierte Gesang von des Goldkäfers letzter Brautfahrt – genug, der ästhetische Kreis war kleiner und – reiner geworden. Eugen Stillfried zum Beispiel hatte sich leise in den Salon geschlichen, ihm nach die beiden jungen Nichten, und der Erstere fühlte sich hier außerordentlich behaglich, als es nun im Nebenzimmer begann Sum, sum, dum! und es war für ihn ein ebenso angenehmes Gefühl, als wenn er im trockenen Zimmer säße und mit anhörte, wie draußen der Regen niederschösse. Im Salon waren die niederen Elemente versammelt, lauter unpoetische Naturen; alte, strenge Regierungs- und Kanzleiräthinnen, nervöse Hauptmannsfrauen, die schüchternen Gemahlinnen junger Lieutenants, die aus den Gesprächen, welche hier geführt wurden, etwas Solides zu lernen vermeinten, oder die sich eine erlaubte Cour von einigen Kameraden ihres Mannes machen ließen. Das Feuer war, wie schon gesagt, glücklich gelöscht; der Major hatte eigenhändig auf die Brandstelle eine frische Serviette gedeckt; aber noch saßen die erschreckten Damen schweigend und nachsinnend da. Dieses Schweigen dauerte auch noch eine Zeit lang fort – es fand sich im Augenblicke kein passender Gegenstand für solch ein Dutzend spitziger Zungen und scharfer Zähne. Da fiel von des Altans Rand Ein Handschuh von schöner Hand Zwischen den Tiger und den Leu'n Mitten hinein. Dieser Handschuh aber war nichts Anderes, als der ästhetische Kreis im Nebenzimmer, der sich in diesem Augenblicke durch übermäßiges Sumsen im Salon bemerkbar machte. Eine alte, streng aussehende Regierungsräthin, eine große Frau mit einem sehr würdevollen Aeußern, machte eine Bewegung mit den Augen nach dem Nebenzimmer und zuckte auffallend die Achseln. Diesem folgte ein allgemeines Achselzucken, und nachdem eine ebenso würdige Kanzleiräthin durch einen Blick auf die beiden Nichten der Majorin sich überzeugt, daß dieselben in einer Ecke des Salons mit dem Herrn Stillfried und einigen jungen Offizieren lebhaft verkehrten, sagte sie leise: »Die arme Närrin da drinnen! jetzt haben sie sie wieder einmal zum Besten – und lassen sie das Gedicht deklamiren, das sie neulich drucken ließ. Der Kanzleirath versicherte, es gäbe nichts Faderes.« »Ich habe es auch gelesen,« sagte eine alte Jungfer, »es ist kein einziger guter Gedanke drin, und entsetzliche Reime!« Die alte Jungfer hatte früher auch zum ästhetischen Kreise gehört, ja höchstselbst geblaustrümpfelt; doch war sie jener Gesellschaft untreu geworden, weil der Herr Doktor Wolfssohn eines Tages erklärt, ein Mädchen, deren Brust noch nicht für die Liebe geglüht, sei nicht im Stande, ein warmes Gedicht zu schreiben. Sie aber war eine zweite Luna, und selbst Lucretia hätte ihr gegenüber für eine etwas leichtfertige Dame gelten können. »Gott! wie man nur so thöricht sein kann,« nahm die strenge Regierungsräthin wieder das Wort, »und sich in solche Geschichten, wie Schriftstellerei und dergleichen einlassen, namentlich wenn man, wie unsere theure Freundin, kein Talent hiezu hat! Wie man nur auf so etwas verfallen kann!« »Ach, die Einbildung!« sagte die Kanzleiräthin. »Und Schmeicheleien!« setzte zart die alte Jungfer hinzu. »Da macht man einen kleinen, schüchternen Versuch und wird durch die größten Lobeserhebungen aufgemuntert, darin fortzufahren. Ich kenne das.« »Es ist noch ein Glück, daß die Frau keine Kinder hat,« meinte die Regierungsräthin; »da müßte es eine trostlose Wirthschaft sein; denn ich kenne das jetzt schon so schlampige Hauswesen.« »Ja, ja, wenn sie den Major nicht hätte,« sagte die Kanzleiräthin, »und der nicht die Sachen ein Bischen in Ordnung hielte, so müßte es schrecklich in diesem Hause aussehen.« »Der Major und sein Zwiebel leisten Außerordentliches, aber es gibt Dinge, um die sich ein Mann denn doch nicht bekümmern kann, Dinge, die streng gehandhabt sein wollen; wie ist zum Beispiel ein Hausherr im Stande, die Mägde in Ordnung zu halten? Und ohne das geht es nicht.« »Nein! – gewiß nicht! – wahrhaftig! – in der That!« tönte es von allen Seiten, und zwei Hauptmannsfrauen, die sich nicht für stark genug hielten, zu dem Gespräche über Literatur ihren Senf zu geben, und deßhalb auf dem Trockenen saßen, wurden jetzt plötzlich flott und plätscherten vergnüglich in den oben erwähnten Ausrufungen umher. »Ja, die Mägde!« sagte die Kanzleiräthin. »Und sie werden jeden Tag schlechter,« versetzte die Hauptmannsfrau. »Und dabei steigen ihre Prätensionen,« bemerkte die andere. »Und wenn man ihnen nicht alles das gibt, was sie in ihrem Uebermuthe in Anspruch nehmen, so greifen sie zu, wo sie können,« sagte würdevoll die Regierungsräthin. Die alte Jungfer lachte krampfhaft hinaus und erzählte eine schreckliche Geschichte, wie ihr Dienstmädchen von ihrem Kölnischen Wasser genommen, um es Sonntags in das Sacktuch zu gießen, und wie alsdann die dumme Person es mit Wasser wieder aufgefüllt habe, wodurch der Rest milchweiß geworden und so die Entdeckung herbeigeführt habe. Unterdessen hatten sich die beiden Nichten des Majors, einige Lieutenantsfrauen, in Gesellschaft junger Offiziere, ebenfalls dem Tische genähert, um an der allgemeinen Unterhaltung Theil zu nehmen. Herr Eugen Stillfried spähte nach seinem Hute, um zur gelegenen Zeit verschwinden zu können; doch war dieses Manöver jetzt noch nicht ausführbar, da der eine Ausgang durch den ästhetischen Kreis besetzt gehalten, der andere von der Whistgesellschaft blokirt wurde. Drinnen schien der Käfer endlich ausgesummt zu haben, da ein allgemeines Händeklatschen erfolgte, Bravo! gerufen und Stühle gerückt wurden. Die Wirthin hob die Sitzung des ästhetischen Kreises auf und hielt es für ihre Pflicht, jetzt auch die übrigen Theile der Gesellschaft mit ihrer angenehmen Persönlichkeit zu erfreuen. Die Regierungsräthin drohte ihr beim Eintritte schalkhaft mit dem Finger und sprach mit mildem Vorwurf: »Ist es auch recht, theuerste Freundin, daß Sie sich mit wenig Auserwählten zurückziehen und Ihre Schätze nur einem kleinen Kreise mittheilen?« »Wie lange hatte ich schon gewünscht und gehofft,« sagte die alte Jungfer mit weicher Stimme, »einmal einen Gesang Ihres vortrefflichen Gedichtes von Ihnen selbst vortragen zu hören! Und jetzt thun Sie das Alles im Nebenzimmer, und wir genießen nicht das Geringste davon. – Pfui, wie abscheulich!« Herr Eugen Stillfried hatte sich bei diesen Reden lächelnd in einen Stuhl niedergelassen und sagte mit lauter Stimme: »Ich bin überzeugt, wenn wir uns vereint auf's Bitten legen, so ist unsere freundliche Wirthin so liebenswürdig, auch uns einige Gesänge zum Besten zu geben. – Was meinen Sie, meine Damen?« Diese aber saßen alle erstarrt bei der Zumuthung des jungen Menschen, und athmeten erst wieder auf, als die Majorin laut ausrief: »Nein, nein, nein! gewiß nicht! ich habe jetzt unmöglich Zeit, ich kann mich des geistigen Wohles meiner Gäste in diesem Augenblicke nicht mehr annehmen, ich muß für Materielles sorgen. Mich ruft die Hausfrau!« Damit säuselte sie in das Vorzimmer. »Die Hausfrau ruft sie?« sagte die Regierungsräthin. »Und ich habe doch die Stimme des Majors nicht gehört,« setzte die Kanzleiräthin in bitterer Ironie hinzu, und fuhr alsdann fort: »Wenn die Frau im Stande ist, zu beurtheilen, ob ihr eigenes Souper gut ist, so will ich gezwungen werden, Gedichte zu machen.« Eine der jungen Nichten wandte sich in diesem Augenblicke zu Eugen mit der Frage, ob er denn die Gedichte der Tante wirklich so außerordentlich verehre, und die andere junge Nichte setzte hinzu: »Ja, das möchte ich in der That wissen, Herr von Stillfried!« Das war nun eine Gewissensfrage, und Eugen bedachte sich einen Augenblick, wie er hierauf am besten antworten solle, als er sich dieser Mühe durch den Herrn Morgenstein überhoben sah, welcher sich auf die Lehne des Stuhles stützte, auf welchem eine der Nichten saß, und mit schmelzendem Tone sagte: »Sie sind hinreißend, Fräulein Eugenie! wahrhaft bezaubernd schön!« Eugen nickte mit dem Kopfe und fügte hinzu: »Sehr schön.« Der Herr Morgenstern war nun so freundlich, die beiden jungen Damen in eine lebhafte Conversation zu verwickeln, und ließ Eugen hiedurch Zeit und Muße, seinen Gedanken nachzuhängen, die schon einige Male diesen Theecirkel verlassen und in andern Regionen herumgeschweift hatten; doch hatte er sie beständig und gewaltsam zurückgerufen. Wenn er sich aber hier in diesem Kreise umsah und die gelben, neidischen Gesichter der Frauen erblickte, wie sie einander auf Wort und Blick paßten, und dazu die jungen Mädchen dieser Gesellschaft, mit blassem Teint, oftmals verwelkt, ehe sie noch gehörig aufgeblüht waren, da wandte er seine Gedanken einem gegenüber stehenden leeren Fauteuil und einem anderen Bilde zu, und freute sich in seinem Herzen, wenn er bedachte, wie prächtig sich jene volle schöne Gestalt hier ausnehmen würde, in glänzender Seide, mit flatternden Spitzen, vielleicht eine einzige dunkelglühende Camelie im schwarzen Haar. – Aber das waren Träume, die sich wohl nie verwirklichen ließen. Und das ließen sie sich auch in der That nicht, da Eugen Stillfried in seiner Gleichgültigkeit sie leider nur für Träume und Phantasieen hielt. – Die Whistpartie am andern Ende des Appartements nahm unterdessen einen ebenso glücklichen als angenehmen Fortgang. Dieses Whist war insofern von dem englischen verschieden, als der Name Whist hier durchaus nicht beachtet und daneben bei dem Spiel unendlich viel gelacht, geplaudert und geflucht wurde. Es waren drei Tische in voller Arbeit, und man hatte glauben sollen, die zwölf Herren, die dort beschäftigt waren, seien zu einem Kriegsrathe versammelt und könnten über einen wichtigen Fall auf keinerlei Weise einig werden. So klang es in dem Vorzimmer, und wenn man näher trat, so unterschied man deutlich, daß sich sämmtliche Reden und Ausrufungen auf das Whistspiel bezogen. Es war ziemlich warm in dem Whistzimmer; die Herren tranken auch einiges Bier und einigen Wein, woher es wohl kam, daß die Gesichter so geröthet erschienen. Hier spielte der Major mit dem Strohmann, mit einem anderen Major und einem alten Hauptmann. »Donnerwetter!« sagte der Gastgeber, »es ist eigentlich eine wahre Schande, was ich für niederträchtige Karten bekomme. – Da seht her! Im Blinden zwei lumpige Trümpfe und die niedrige Coeurfamilie; keinen Stich in Treff und in Pique! – Da soll einem nicht alle Lust zum Spielen vergehen!« Der andere Major lachte übermäßig, wie die Karten aufgelegt wurden, und sprach zu seinem Partner, dem Hauptmanne: »Sehen Sie, lieber Kamerad, jetzt heult er schon wieder und hat noch nicht einmal seine Handkarte besehen. Passen Sie nur auf, er wird uns schon wieder herum holen.« »Auch hier nichts als Schund,« rief der Gastgeber, »gewiß nichts als Schund!« Doch seine Züge, die sich einigermaßen wieder aufgeklärt hatten, straften seine Worte Lügen. »Ja wohl, ja wohl,« sagte der Hauptmann, »hier gilt's, die Ohren steif zu halten! – Coeur-Aß!« »Ha, ha!« lachte der andere Major, »blasen Sie vom Thurm, aber lasten Sie mir nicht so bald nach!« »Hier ist auch der König,« fuhr der Hauptmann fort. »Respekt vor Seiner Majestät!« »Den allergrößten!« sagte der Gastgebet lächelnd, »nur nicht hier im Spiel.« Und damit patschte ein Trumpf auf die unglückliche Majestät. »Haben Sie's gesehen?« rief der andere Major ärgerlich. »Aber, lieber Hauptmann, wie kann man eigentlich so unüberlegt spielen? Sehen Sie da einen Blinden, diese ganze Coeurblamage. Pfui, Brander, ich finde es für einen Wirth unverantwortlich, wenn er seine Gäste auf solche Art auszieht!« »Im Gegentheil!« lachte der Gastgeber; »muß ich nicht mein Souper herausschlagen?« – »A tout!« Am zweiten Tische wurde viel ruhiger gespielt. Hier saßen vier stille Hauptleute, und man hörte nur gelegentlich einige Ausrufungen. Ganze Gespräche wurden hier nicht geführt. Am dritten Tische dagegen ging es hoch her. Hier saß der Regimentscommandeur, Oberst von Hackenstein, und schrie bei jedem Trique, den er machte oder verlor, mit einer solchen Stimme, als müßte er das ganze Regiment kommandiren. Sein Partner war der unglückliche Adjutant Stifeler; und ein kurzer, dicker Oberstlieutenant, mit einem ungemein pfiffigen Gesichte arbeitete mit dem Strohmann. Der Oberst war im Verlust und äußerst ungeduldig; er rückte auf dem Stuhle hin und her, als sitze er auf dem Sattel seines Schlachtrosses, und hiedurch wurde es dem still vor sich hin lächelnden Oberstlieutenant möglich, jeden Augenblick einen forschenden Blick in die Karten seines Vorgesetzten zu werfen. »Respekt vor den Damen!« sagte der Oberstlieutenant jetzt, indem er die Coeurdame auf den Tisch warf. »D'rauf, d'rauf!« kommandirte der Oberst. »Attaquiren Sie, liebster Stifeler; nehmen Sie die Dame!« »Die Tante ist mir zu stark,« entgegnete der unglückliche Adjutant kleinlaut, »ich will dem Herrn Obersten den Vorzug lassen.« »Nicht einmal die Dame können Sie nehmen?« schrie dieser, »Sie müssen ja ein niederträchtiges Papier haben!« »Ganz niederträchtig, Herr Oberst!« sprach traurig der Adjutant, »ich komme über die Tante nicht hinüber.« »O Tante Palpiti!« sagte der Oberstlieutenant und lachte über seinen herrlichen Witz. »Aber da muß man ja Alles verlieren!« rief der Oberst entrüstet: »nicht einmal den König oder ein Aß! Wie kann man sich so schlechte Karten anschaffen? – Wahrhaftig, bester Stifeler, Sie sind ein wahrer Unglücksmensch.« »Gewiß, Herr Oberst. Aber ich will einmal mit Trumpf attaquiren.« »Was machen Sie? um Gottes willen!« rief der Regiments-Commandeur. »Da soll doch eine Million hineinschlagen! – Sie spielen Trumpf gegen die Stärke des Feindes? – O, das ist in der That unerhört! Sie werden sehen – sehen Sie – mein König ist verloren. – Nehmen Sie mir nicht übel, bester Lieutenant von Stifeler, aber das war ungeheuer schlecht gespielt!« Der unglückliche Adjutant gab dies stillschweigend zu und erlaubte sich nur, ein ganz klein wenig mit den Achseln zu zucken. »Wir werden kleine Schlemm!« schrie der Oberst und sein Gesicht spielte in's Kirschrothe; »so wahr ich lebe, kleine Schlemm!« »Mir scheint es auch so,« sagte lächelnd der Oberstlieutenant; »hier, mein Herr, sind doch die vier letzten Trümpfe, drüben Pique-Aß und zwei seine Coeur; ich habe die Ehre – kleine Schlemm!« »Hol' Sie der Teufel!« rief der Oberst, und der arme Stifeler blickte angelegentlichst und mit einer wahren Seelenangst die Karten an, ob sich davon nichts wegdisputiren lasse. Aber es war, wie der Oberstlieutenant gesagt, kleine Schlemm. Dieses wichtige Ereigniß wurde den übrigen Spieltischen durch den Oberstlieutenant triumphirend mitgetheilt. – Klein Schlemm – und der Oberst gab es fluchend und schimpfend zu, wobei er alle Schuld auf den armen Adjutanten schob. Während des Lachens, das hierüber entstand, und während des Spektakels, indem der Oberst von seinem Stuhle aufstand und sich zur Uebernahme des Strohmannes anschickte, schlüpfte Eugen Stillfried zum Spielzimmer hinaus und an die Treppe. Er wurde nur einen Augenblick von dem lederfarbenen Zwiebel bemerkt, der sich eilig an die Treppe begab, um dem Davoneilenden die Glasthüre zu öffnen. Er wurde mit einem guten Trinkgelde belohnt und zog sich mit einem tiefen Bückling in die Küche zurück, in welcher jetzt Teller, Messer und Gabeln aufs Einladendste zu klappern begannen. Es war Zeit zum Soupiren, und wir bedauern, leider unserem Freunde Eugen folgen zu müssen weßhalb wir außer Stande sind, dem geneigten Leser auf's Umständlichste zu berichten, wie später die verschiedenen Zungen und kalten Kalbsbraten, die italienischen und anderen Salate aufs Unbegreiflichste und Schnellste verschwanden, wie Rosa Immergrün nur ein Glas Mandelmilch mit Biskuit genoß, wie der Komponist Herr Morgenstein für die beiden jungen Nichten, namentlich aber für Eugenie, sorgte, und wie der alte Oberst für die Niederlage, die er im Whist erlitten, durch eine furchtbare Zerstörung sich rächte, welche er unter den aufgestellten Schüsseln und Flaschen anrichtete. Lieutenant von Stifeler stand, wie wir berechtigt sind anzunehmen, während des Soupers in einer Ecke, und wir glauben, daß er still vor sich hin weinte. Er hatte in Whist nicht unbeträchtlich verloren; sein Vorgesetzter hatte mit ihm gezankt, und das aufgetragene Nachtessen verschwand auf so entsetzliche Art, daß für ihn, den natürlicher Weise zuletzt Kommenden, sehr wenig übrig blieb. Siebenzehntes Kapitel. Handelt von guten Vorsätzen und führt den geneigten Leser in eine sonderbare Gesellschaft, die »Leimsudia«. Erzählt auch, was sich allda begab. Als Eugen aus dem Hause des Major von Brander trat, war er nicht wenig erstaunt, auf der Treppe dieses Hauses einen Menschen zu erblicken, der die Knie hoch emporgezogen hatte, den Kopf oben darauf gelegt, und der, wie es schien, sanft schlummerte. Noch größer war das Erstaunen Eugen's aber, als er näher tretend bemerkte, daß dieser Schlafende Niemand anders als sein getreuer Pierrot war. Er faßte ihn beim Kragen, und es gelang ihm nach einigem Rütteln, ihn aufzuwecken und auf die Beine zu bringen. »Ei, wie kommst denn du hieher?« fragte der Herr. Joseph rieb sich die Augen und schaute mit einem Gesichtsausdruck um sich her, welcher deutlich anzeigte, diese Frage sei jetzt in seiner halben Schlaftrunkenheit außerordentlich schwer zu beantworten; bald aber schien er sich zu erinnern. Auf seinem dummen Gesichte traten nach und nach einige pfiffig lächelnde Züge zu Tage, und bald darauf grinste er aufs Freundlichste und sagte: er habe hier auf ihn, seinen Herrn, gewartet. »Und zu welchem Zwecke?« forschte Eugen weiter. »Ja, zu welchem Zwecke?« sagte Pierrot, geheimnißvoll lächelnd. »Ich weiß nicht recht, ob sich Euer Gnaden noch erinnern, daß mir Euer Gnaden vor ein paar Tagen befahlen – – nicht eigentlich befahlen – aber erlaubten, Sie einmal des Abends da unten hinter die Marktstraße zu führen, um die Gelegenheit einzusehen.« »Und welche Gelegenheit meinst du, treue Seele?« fragte der Herr lachend. Bei dieser Frage lachte der treue Diener ebenfalls, als wolle er hiemit ausdrücken, das sei ein ungeheurer Spaß, daß sich sein Herr jenes Gespräches nicht mehr erinnern wolle. »Laß dein dummes Lachen!« sagte Eugen; »ich erinnere mich ganz gut. – Meinst du, die Zeit sei günstig?« »Außerordentlich günstig!« entgegnete Pierrot; »am Himmel sind Wolken, es ist ziemlich dunkel – und auch schwül; sie wird ihre Fenster offen haben.« »So gehen wir!« Und dahin gingen sie, der Diener seinem Herrn ein paar Schritte voraus durch die dunkeln, stillen Straßen. Es schlug von allen Kirchtürmen die zehnte Stunde; die Nachtwächter mit ihren heiseren Stimmen schrieen dasselbe an den Straßenecken. – Es mochte ein Gewitter im Anzuge sein; die Luft war außerordentlich drückend und schwül, und der Wind, der sich hie und da erhob, nicht im Stande, diese Hitze abzukühlen; er blies wie aus einem warmen Ofen heraus, nur in einzelnen Stößen, launisch und matt und war kaum im Stande, ein Bischen Staub aufzuwirbeln. Hin und wieder fiel sogar schon ein schwerer Tropfen aus den dunkeln Wolken herab, aber auch dieses himmlische Wasser war warm und dunstig. Jetzt stiegen die Beiden von den höher gelegenen Stadtvierteln hinab dem Marktplatze zu, der noch ruhig und still dalag. Einige Wachteln, die in ihren Käfigen vor den Fenstern hingen, ließen nur gedämpft ihren melancholischen Schlag ertönen, und dazwischen trillerte eine Nachtigall in einer Nebenstraße, und jauchzte erst leise, dann immer lauter und lauter ihre Liebeslieder durch die warme Nacht. Hier war das Haus mit der Grafenkrone, die Wohnung der Madame Schoppelmann. Das große Hofthor war fest verschlossen. Um das alte Gebäude gingen sie herum und kamen in die enge Gasse, welche wir bereits kennen. Hier brannte keine Gaslaterne, und es gehörte eine sehr genaue Ortskenntniß dazu, die glücklicher Weise der getreue Pierrot besaß, um die Einfahrt in diesen schmierigen Hafen zu finden, ohne sich den Kopf an jeder Ecke anzustoßen. Doch segelten Beide ohne Unfall durch die Straßenenge gerade auf die Thüre der Madame Schilder los, und Joseph legte sich hier hart vor Anker, das heißt, er drückte sein Ohr fest an die Thüre, um zu hören, ob sich noch menschliche Stimmen vernehmen ließen, ob noch Jemand in der Wirthsstube sei. – Alles war todtenstill. Jetzt kratzte er mit einem Fuß unten an der Schwelle, ungefähr wie es ein großer Hund machen würde, der Einlaß verlangt. Alsbald öffnete sich auch die Hausthüre, und da der Flur nicht beleuchtet war, so tappte Joseph, nachdem er vorsichtig hinein geschritten, mit den Händen um sich, und erst, nachdem er das schwarze Merinokleid der Frau Schilder zwischen seinen Fingern gefühlt, sagte er: »Ich bin's.« Die Frau verschloß die Thüre sorgfältig hinter den Beiden, dann eilte sie in ihre Schenkstube und kam gleich darauf mit einer brennenden Lampe zurück. Als sie den Herrn Eugen Stillfried erblickte, machte sie einen tiefen Knix und leuchtete auf ein Zeichen von Joseph die Treppe hinan, welche in den ersten Stock führte. Oben öffnete sie eine Zimmerthüre; doch ehe sie die Beiden in die kleine Stube treten ließ, löschte sie die Lampe aus; denn von drüben – so sagte sie leise zu Joseph – dürfe man kein Licht sehen, das heißt, man dürfe nicht gewahr werden, daß sich Jemand anders als sie, die Frau selbst, hier aufhalte. Eugen trat in das Zimmer, und Joseph und die Wirthin zogen sich zurück. Die Stube hatte ein einziges Fenster; dorthin eilte Eugen und ließ sich auf einen Stuhl nieder, der da stand. Dicht vor seinen Augen, nicht zehn Schritte weit, hatte er die Wand des Schoppelmann'schen Hauses. Er bemerkte gerade gegenüber ein Fenster, das aber nicht erhellt war. Hier saß er und wußte sich weder so eigentlich Rechenschaft zu geben, wie er gerade hieher gekommen, noch was er eigentlich da wolle. – Sie sehen, das Mädchen, das er liebte, einen Augenblick sehen, ihr einige Worte zuflüstern? – Aber das hätte er auch morgen am hellen Tage auf dem Markte gekonnt! Warum denn sich hier wie ein Dieb in der Nacht herschleichen in diese öden, unheimlichen Straßen? er fühlte sich nicht behaglich, ohne eigentlich zu wissen, warum. Da unten die kleine Gasse lag so traurig und dunkel, die hohen Wände der Häuser ebenfalls, nirgends eine freundliche Helle, nirgends ein Lichtstrahl. Horch! was war das? – Musik? Im Nebenhause wurde auf einem Klavier gespielt, ein altes bekanntes Lied, und eine Flöte begleitete das Klavier. So einfach die Melodie war und so kunstlos sie vorgetragen wurde, drangen doch die Töne tief und schmerzlich in das Herz Eugen's. Es war eine Weise, die er vor langen Jahren gehört, ein altes Volkslied, das ihm seine Wärterin hundertmal vorgesungen – seine liebe, alte Wärterin, die ihn jeden Morgen auf ihre Arme nahm und ihn, wenn er recht brav gewesen war, in das Studierzimmer von Papa hinüber trug. Ach, dieses Studierzimmer trat wieder so lebendig vor seine Seele, und in demselben die Gestalt seines Vaters, wie er auf und ab schritt im dunkelgrünen Schlafrock, den er, Eugen, mit seinen Händchen gefaßt hatte und nun mit trippelnden Schritten neben ihm daher lief. Auch das Bild seiner Mutter erschien ihm; aber merkwürdig genug sah er sie nur in reichen, schönen Kleidern. Blumen im Haar und an der Brust, glänzende Steine um Arm und Nacken – eine prächtige Fee. So war sie dem Kinde allnächtlich erschienen; denn wenn sie von Bällen oder großen Soireen heim kam, dann trat sie an sein Bettchen, und er erwachte alsdann gewöhnlich und sah die glänzende Erscheinung mit blinzelnden Augen an, und wenn er darauf wieder einschlief, träumte er von Feen und Elfen. Darum liebte er es nicht, das Bild der Mutter in dieser Pracht und Herrlichkeit, und er scheuchte es hinweg von seinem inneren Auge. Aber es machte ihm Mühe, aus jenem strahlenden Bilde die Züge der Mutter heraus zu finden, wie sie jetzt waren, oder wenigstens vor einigen Jahren, wo er sie zuletzt gesehen. Das war bei jener Unterredung, die er mit ihr gehabt, wo sie zusammengesunken und gebrochen in ihrem Armstuhle lag und dem Sohne mit der Hand winkte, er solle sich entfernen, er solle sie allein lassen. Ja, ja, er sah sie deutlich wieder vor sich mit zerstörten Zügen, und erblickte die Hand, die sie ihm abwehrend entgegen streckte. Damals hatte er lange geschwankt und hatte tausend Mal den Wunsch gehabt, statt darauf das Zimmer und elterliche Haus zu verlassen, jene Hand an seine Lippen zu drücken und der Mutter zu sagen: Ich will alles thun, was du von mir verlangst, nur laß uns Ruhe und Frieden halten und laß uns nicht feindlich scheiden – der einzige Sohn von der Mutter! – Aber wenn er in jenem Augenblicke schwankte, so vernahm er die strenge Botschaft seines sterbenden Vaters, den Befehl, welchen derselbe an ihn zurückgelassen. Dann schwebten ihm jene Briefschaften vor Augen mit den rothen Bändern, schwarz gesiegelt, welche er – so war ihm aufgetragen worden – zwischen die Mutter und jenen Anderen legen sollte, was er denn auch schaudernd gethan. Und doch drängte es ihn, die Mutter wieder einmal zu sehen, und er war schon oft im Begriffe gewesen, das elterliche Haus zu betreten und den Versuch zu machen, ob keine Annäherung zwischen ihm und ihr möglich sei. Heute Nacht, wo er so allein in der tiefen Dunkelheit hier saß, wo er vergessen hatte, weßhalb er eigentlich hieher gekommen, wo jene Gedanken an seine Familie heftiger auf ihn eindrangen, da fühlte er mehr als je das Bedürfniß einer Aussöhnung mit, seiner Mutter. Sein ganzes Leben bis dahin kam ihm so schal, so freudenlos vor, das wilde Treiben, in dem er sich bewegte, so leer, so abgenutzt! Er fühlte es wohl, in seinem Innern war finstere Nacht, von keinem Strahl erhellt; ihm leuchtete kein freundliches Morgenroth, auf das er sehnsüchtig geblickt und das ihm einen besseren, schöneren Tag versprochen hätte. »O, nur etwas gebt mir, das meine Seele gänzlich erfüllt, nur ein Bild, zu dem ich vertrauensvoll aufblicken kann, das den dämmerigen Tag meines Lebens mit neuem Glanze erfüllt!« so seufzte er aus der Tiefe seines Herzens, indem er den Kopf langsam erhob und in die Nacht hinaus blickte. Da sprang er erschrocken von seinem Stuhle auf, und seine zitternden Lippen sagten: »Katharina, du bist es! Habe ich denn nie den Schutzengel begriffen, der neben mir wandelt, habe ich denn nicht an dich gedacht, als ich ein Wesen verlangte, dem ich mit voller Seele anhangen möchte? – Ja, ich fühle es, bis jetzt liebte ich dich nicht so innig und wahr, wie man lieben soll; aber jetzt erkenne ich es; du bist der Stern, der am dunkeln Nachthimmel meiner Seele empor steigt – mein schöner, innig geliebter, mein glänzender Stern!« Er streckte die Arme nach dem gegenüber liegenden Hause aus, nach dem Bilde, das sich ihm zeigte. Dort hatte sich ein einziges Fenster hell erleuchtet; die Flügel desselben waren geöffnet, und unter den Rosen, die dort ihre Köpfe im Abendwinde schelmisch auf und nieder neigten, stand sie, stand das Mädchen, unbewußt, daß Jemand sie belausche und – – wer sie belausche. Sie lehnte an dem Fenster im weißen einfachen Nachtkleide; das lange schwarze Haar fiel über ihren Nacken und die entblößten Schultern; den rechten Arm, mit dem sie sich gegen das Fenster stützte, hatte sie hoch erhoben, ihre eigene kleine weiße Hand lag, wie sich selbst segnend, auf dem Haupte. – Ja, dieses Mädchen konnte Segen spenden, sich und Anderen, denn so rein, so gut, so lieb war ihr Herz, von Allen auserkoren, eine Auserwählte! – – Wie drängte es Eugen, das Fenster, an dem er stand, zu öffnen und ihr ein Wort der Liebe hinüber zu rufen! Doch bebte er selbst vor diesem Gedanken zurück. Katharina war ihm in diesem Augenblicke eine überirdische Erscheinung, ein Bildniß der Verehrung und Andacht, und dazu die stille Nacht, die Melodie des einfachen Liedes, die etwas Kirchliches an sich hatte – nein! nein! dieser Moment durfte nicht gestört werden. Aber fest stand es in ihm, daß er gefunden, was er gesucht, daß sie es wäre, welche sein Leben mit Glanz und Rosen auszuschmücken im Stande sei. Und noch einen andern Entschluß faßte er hier beim Anblick der Geliebten: ja, er wollte die Mutter wieder sehen, er wollte auf die Gefahr hin, von ihr zum zweiten Male und noch härter verstoßen zu werden, zu ihr gehen, sie beschwören, jenen finsteren Mann zu lassen, und mit ihm, dem Sohne, und dann vielleicht mit ihr ein neues, freudiges Leben zu beginnen. Drüben schloß sich das Fenster, das Licht erlosch, tiefe Finsterniß, wie vorher, trat ein, und als sei nun auch mit dieser himmlischen Erscheinung Alles aus und zu Ende, so verklang auch die Melodie im Nebenhause in ein paar leisen, langsam ersterbenden Accorden. Eugen verließ das Zimmer und ging die Treppen hinab; drunten war der getreue Pierrot, sowie Frau Schilder, welche mit ihrer Lampe sorgsam leuchtete. Doch war Eugen nicht im Stande, diesem Weibe ins Gesicht zu sehen; er faßte stumm grüßend seinen Hut und verließ, von Joseph gefolgt, das Haus. Als er auf die Straße trat, sah er drei Männer vor sich hergehen, die aber an der nächsten Ecke seinen Blicken entschwanden. Doch als er dort in die breiteren Straßen einbog, sah er sie wieder vor sich und hörte, wie sie laut lachend und scherzend ihres Weges gingen. Pierrot, der, wenn er bei Nachtzeit ging, seine langen Ohren gewaltig spitzte, blieb jetzt auf einmal stehen, faßte seinen Herrn beim Arme und hielt ihn leise zurück, während er auf die vor ihm Herwandelnden zeigte. »Was soll's?« sagte Eugen. »Wenn Sie hier nicht gesehen und erkannt sein wollen,« flüsterte Joseph, »so bleiben Sie einen Augenblick stehen.« »Wer soll mich kennen?« fragte Eugen. »Was meinst du damit?« »Dort vor uns,« antwortete Joseph mit gedämpfter Stimme, »geht der Herr Rath, ich habe ihn augenblicklich erkannt.« »Mein lustiger Rath?« fragte Eugen und setzte, zu sich selbst sprechend hinzu: »ei, ei, was macht mein Sittenprediger so spät ohne mich auf der Straße und namentlich in diesem Theile der Stadt? – Und wer sind wohl die Anderen?« fragte er seinen Bedienten »Mir schien,« antwortete Joseph, »sie kamen aus dem Hause neben dem, wo wir uns befanden.« »Und was ist das für ein Haus?« »Es wohnen dort vielerlei Leute: Maler, Bildhauer und ein paar Schullehrer-Gehülfen.« »Ah, ein paar Schullehrer-Gehülfen!« entgegnete Eugen; »das werden unsere Leute sein, alte Bekannte, die mein lustiger Rath aufgesucht hat, und mit denen er noch ein heiteres Stündchen zuzubringen gedenkt. Ich möchte dabei sein!« Sein Herz war zu voll, seine lebhaften Gedanken bestürmten ihn unaufhörlich; es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen; er konnte nach dem, was er eben gedacht und gesehen, sich nicht entschließen, schon die Einsamkeit seines Zimmers aufzusuchen. – »Gewiß,« wiederholte er laut, »ich will ihn begleiten.« »Aber nicht von dieser Stelle aus!« bat der getreue Pierrot; bedenken Euer Gnaden, wo wir sind! Der Herr Rath würde im Augenblicke wissen, wo wir eigentlich her kommen. »Du hast Recht!« sagte Eugen, und er dachte bei sich, die beiden Andern, die mit seinem Freunde dort vorn gingen, könnten vielleicht auch schon sein Verhältniß zu jenem Mädchen erfahren haben und Sonderbares denken, wenn sie ihn um diese Stunde hier vor ihrer Wohnung sähen. »Mir scheint es auf jeden Fall gerathener,« meinte der getreue Pierrot, »wenn ich von hier aus nach Hause gehe. – Was meinen Euer Gnaden? Es wäre wirklich besser, wenn der Herr Rath nicht erführen ...« »Daß wir Beide hier zusammen auf der Straße sind,« entgegnete Eugen, lachend über die Besorgniß seines Dieners. »Ja, da magst du in der That Recht haben; deine Gesellschaft wirft nicht das beste Licht auf meine Unternehmung. So geh' denn deiner Wege, und ich hoffe, dieser Weg werde dich zufälliger Weise nach Hause führen.« Während dieses kleinen Gespräches waren die drei Vorauswandelnden schon so weit entfernt, daß man kaum noch den Klang ihrer Stimmen und den Schall ihrer Tritte hörte. Eugen, in der Besorgnis, sie zu verlieren, eilte hinter ihnen drein und kam auf diese Art in die belebteren Stadttheile, wo er sich seinem Mentor zeigen konnte, ohne in den Verdacht zu gerathen, als wandle er auf verbotenem Wege. Der lustige Rath blieb erstaunt stehen, als er seinen Freund so plötzlich aus dem Dunkel einer Seitengasse auftauchen sah. »Sieh da! sieh da!« rief Eugen, »ist das der Weg nach Hause, gestrenger Mentor? Oder ist es vielleicht noch zu früh in der Nacht, daß man daran denken müßte, zum heimischen Herde zurückzukehren?« »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde!« sagte lustig der Rath; »und ich war heute Abend ungeheuer glücklich, da ich weder gezwungen war, einen ästhetischen Thee zu besuchen, noch in Euer Gestrengen Gesellschaft allerlei Kreuz- und Querfahrten zu machen.« »Also meine Gesellschaft macht dich unglücklich, du Schelm?« lachte Eugen; nun ich will mir das für die Zukunft merken; aber für heute Abend kann ich wahrhaftig nicht umhin, dich noch unglücklich zu machen.« »Pah!« sagte der lustige Rath. »Das heißt,« setzte Eugen hinzu, »wenn du nicht zufälliger Gast dieser beiden Herren bist; alsdann ziehe ich mich bescheiden zurück.« »Ja, ja, ich vergaß, dir meine Freunde vorzustellen,« sagte der lustige Rath. – »Herr Knick, Schullehrer-Gehülfe erster Klasse, mein langjähriger Bekannter, Herr Wedel, Schullehrer-Gehülfe zweiter Klasse, ebenfalls einer meiner Bekannten. – Herr Eugen Stillfried!« Und dann setzte er lachend hinzu: »Wie Ihr wißt, habe ich diesen jungen Menschen erzogen!« »Das hättest du nicht sagen sollen,« bemerkte Eugen leise, »denn jetzt bin ich gezwungen, mich heute Abend ungeheuer ernst zu betragen, um dir keine Schande zu machen.« »O, genire dich ganz und gar nicht!« entgegnete laut lachend der lustige Rath; »du kannst dich betragen, wie du willst, du wirst doch meinen Ruhm nicht erhöhen. – Aber jetzt Scherz bei Seite; wo willst du eigentlich hin? Wo du herkommst, brauche ich dich gar nicht zu fragen.« »Darüber könnte ich dir in der That keine genügende Antwort ertheilen,« versetzte Eugen; »aber wohin ich will? einfache Frage! – ich will dich begleiten, das heißt vorausgesetzt, die Herren Knick und Wedel haben nichts dagegen einzuwenden.« Beide genannte Herren verbeugten sich auf's Höflichste und versicherten, sie befänden sich in der Begleitung ihres langjährigen Bekannten, des Herrn Sidel, und wenn das auch nicht der Fall wäre, das heißt, wenn der Herr Sidel sich in ihrer Begleitung befände, so würden sie es sich doch zur allergrößten Ehre rechnen, in Gesellschaft des Herrn Stillfried erscheinen zu können. Eugen dankte den beiden Herren für ihre außerordentliche Freundlichkeit und sagte alsdann zu seinem Mentor: »Also du bist der Rädelsführer? Nun, wo geht's denn eigentlich hin, kann man euch begleiten oder nicht?« Der lustige Rath stellte sich bei dieser Frage mit gespreizten Beinen mitten auf die Straße, – eine Stellung, wodurch sein kurzer, dicker Körper durchaus nicht den majestätischen Anblick, wie gewöhnlich, darbot; dabei legte er den Zeigefinger an die Nase und sprach: »Es wird sehr schwer gehen, daß man dich mitnimmt; wir sind gerade im Begriff, uns in das Lokal der geschlossenen Gesellschaft einer geheimen Verbrüderung zu begeben.« »Was Teufel,« sagte Eugen, »ein geheimer Club – etwas Politisches – eine kleine Verschwörung? – Nimm dich in Acht, Herr Rath! Ich kenne den großen Richter in Israel; wenn du dem zufällig unter die Finger geräthst, so erhältst du eine Wohnung angewiesen, in der man dich bis zu deinem hohen Alter frei beherbergen und verköstigen wird.« »Es handelt sich durchaus nicht um Politik,« erwiderte der ehemalige Schulmeister. »Die Gesellschaft, in die wir uns begeben, ist eine harm- und zwanglose; der einzige Zweck derselben ist, sich einige Stunden zu amusiren und Universitäts- wie andere Freunde wieder zu finden. Du findest dort nur Gelehrte und Künstler; und aus dem einfachen Grund, weil du weder das Eine noch das Andere bist, nehme ich einen Anstand, dich dorthin zu führen. Doch ich weiß mir zu helfen – ich stelle dich als einen Künstler vor, einen Künstler, dem es nämlich gelang, meine bewährte und außerordentliche Erziehungs-Methode vollkommen zu Schanden zu machen.« »Deß bin ich zufrieden,« sagte Eugen, »gehen wir! – Aber während wir so langsam dahin schlendern, könntest du mir etwas Näheres über das Wesen, sowie die Zusammenstellung dieser mir bis jetzt gänzlich unbekannten Gesellschaft mittheilen. – Wann ist sie gegründet worden? wer ist ihr Stifter – wie heißt sie?« »Ich darf mich kühn zu den Stiftern dieser Gesellschaft zählen, versetzte stolz der ehemalige Schulmeister. »Ihren Zweck habe ich dir vorhin schon gesagt: sich nämlich einige Stunden zu amusiren. Die Gesellschaft heißt: »Die Leimsudia.«« »Die Leimsudia?« fragte erstaunt Eugen; »und so nennen sich ihre Mitglieder wohl Leimsieder?« »Leimsieder in der edelsten Bedeutung dieses Wortes,« entgegnete der lustige Rath außerordentlich würdevoll und erhaben. »Da ich aber dein Staunen sehe,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »und da ich es mir trotz deiner Unverbesserlichkeit beständig angelegen sein lasse, den Kreis deines Wissens zu erweitern, so will ich dich einen Blick in die Stiftungs-Urkunde der Leimsudia thun lassen.« Dafür werde ich dir sehr verbunden sein, edler Leimsieder!« sagte Eugen. »Du weißt,« begann wichtig der lustige Rath, »daß geschlossene Gesellschaften überhaupt bei ihrer Stiftung gewöhnlich einen Zweck haben.« »Ein unerhört weiser Eingang!« lachte der Andere. »Dieser Zweck,« fuhr der ehemalige Schulmeister fort, »ist nun gewöhnlich bei ähnlichen Geschichten ein rein gesellschaftlicher; man findet seine Bekannten, man ißt, man trinkt, man raucht, man liest Journale, man hört langweilige Konzerte, man geht auf noch langweiligere Bälle – kurz, man will sich amusiren, so gut wie möglich, und jeder gibt sich die größte Mühe, dies mit sich und Anderen zu thun. Hiedurch aber entsteht nun gewöhnlich das Gegentheil. Wenn auch Anfangs Alles gut geht, so dauert es doch nicht lange, und die Unterhaltung eilt zu Thüre und Fenster hinaus, und dadurch wird man langweilig. – Wir haben das nun bei der Leimsudia ganz anders angegriffen: wir wollen uns langweilen, es ist Pflicht jedes talentvollen Leimsieders, so langweilig wie möglich zu sein, und durch dieses Bestreben zur Unterhaltung durchaus nichts beizutragen, amusiren wir uns und sind unsere Versammlungen oftmals vom besten Humor erfüllt.« »Eine große Idee!« sagte lachend Eugen. »Aber auf welche Art bestrebt ihr euch, langweilig zu sein?« »Das wirst du noch alles erleben,« entgegnete der lustige Rath. »Siehe da! wir sind am Lokal der Leimsudia angelangt, wir treten jetzt in diese erlauchte Gesellschaft; ich bitte dich aber inständigst: mache mir keine Schande und führe dich ordentlich auf.« »Ich will gähnend eintreten,« sagte Engen. »Auch nicht so übel!« meinte Herr Sidel und blieb vor einem kleinen Thorwege stehen. Es war dies eigentlich weniger ein Thorweg, als eine kleine schmutzige Gasse, welche durch zwei, einige Fuß von einander stehende Häuser gebildet wurde, in einer einsamen Straße, weit vom Mittelpunkte der Stadt entfernt. Diese Gasse war nur in so weit erhellt, als eine der letzten Gaslaternen einen kleinen Lichtstrahl hineinfallen ließ. Wohin aber diese Gasse eigentlich führte, konnte ein Uneingeweihter durchaus nicht ergründen, da ihr Ende in undurchdringliche Finsterniß gehüllt war. »Ich bitte um den Gänsemarsch!« sagte Herr Sidel und schritt, mit den Händen tappend, voran. Ihm folgte Eugen, diesem Herr Knick, dann kam Herr Wedel. Nachdem sie solchergestalt ein paar Minuten fortgewandelt waren, erweiterte sich die Gasse zu einem Hofe, in welchem man in ziemlich undeutlichen Umrissen große Fässer erblickte und daneben aufgethürmtes Holz, alte Kisten und Erdhaufen. Ein kleiner Lichtschimmer verrieth ein Hintergebäude und in demselben eine Thüre, auf welche Herr Sidel lossteuerte. »Wir sind zur Stelle!« sagte er jetzt; und hinter der Thüre hörte man lautes Lachen und das Geräusch mehrerer Stimmen. »Ehe wir eintreten, sage mir vor allen Dingen,« wandte sich Eugen an seinen Führer, »werde ich als Mitglied eingeführt oder als Gast?« »Auf alle Fälle nur als Gast,« entgegnete wichtig Herr Sidel; »um Mitglied dieser ehrenhaften Gesellschaft zu werden, muß man dieselbe öfters besuchen, man muß vorgeschlagen, man muß geprüft sein.« »Also eine Art Freimaurerei?« sagte lachend Eugen. »Nenne es, wie du willst, aber halte jetzt dein Maul!« – Er öffnete leise die Thüre des Hinterhauses, vor dem sie standen, und sie traten in ein Vorzimmer, das zugleich als Garderobe benützt wurde. Hier standen sehr anständige Regenschirme, zierliche Stöcke und gute Hüte, woraus Eugen den vernünftigen Schluß zog, daß die Leimsudia, gegen seine bisherige Erwartung, aus sehr anständigen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft bestände. Aus diesem Vorzimmer führte eine andere Thüre in das Gemach, wo sich die Gesellschaft zu befinden schien. Herr Sidel öffnete ein kleines Loch in derselben, legte seinen Mund daran und meldete in das Gesellschaftszimmer, er sei da, mit ihm die beiden aufzunehmenden Mitglieder, Herr Knick und Herr Wedel, und zugleich als Gast Herr Eugen Stillfried. »Schön, sie mögen kommen!« antwortete eine tiefe Stimme. Jetzt öffnete sich die Thüre, und man sah ein ziemlich großes Gemach, das außerordentlich mäßig erhellt war, so mäßig, daß, wenn man nicht von der tief dunkeln Straße gekommen wäre, man gar nichts gesehen hätte; das Ganze nahm sich aus wie der Aufenthalt der heiligen Vehme. An einem langen Tische saßen zehn bis zwölf Herren, deren Gestalten man nur in den undeutlichsten Umrissen sah. Auf diesem Tische war nämlich nur ein einziges Lämpchen aufgestellt, und dasselbe brannte obendrein in einem blechernen Gehäuse; es sah aus wie ein Apparat, auf welchem man warmes Wasser zu kochen pflegt. Unsere vier Ankömmlinge ließen sich auf ebenso viele Stühle am unteren Ende des Tisches nieder, und darauf erhob sich der ehemalige Schulmeister und bat um das Wort. Dieses wurde ihm von jener tiefen Stimme, die vorhin »Herein« gerufen, ertheilt. »Hochansehnliche Versammlung!« sagte Herr Sidel, »Mitglieder der Leimsudia! Mit Erlaubniß der hohen Gesellschaft schlug ich vor vier Wochen meine beiden Freunde, die Herren Knick und Wedel, zu Mitgliedern vor. Während dieser Zeit bemühte ich mich auf's Sorgfältigste, den Charakter der eben Genannten zu prüfen, und fand in ihnen zu meiner großen Beruhigung erstaunliches Talent zur Langeweile, ja, meine Herren, alle bis dahin noch unentwickelte Erfordernisse, um es mit der Zeit zu einem tüchtigen Leimsieder zu bringen. – Den benannten Vorgeschlagenen verfehlte ich nicht, einen sehr richtigen Begriff von unserer ehrenwerthen Verbrüderung beizubringen, und sie fühlen die Kraft in sich, allen Verpflichtungen, welche ihnen als Mitgliedern der Leimsudia auferlegt werden, auf's Gewissenhafteste nachzukommen.« »Ist das Ihr fester Wille?« fragte die tiefe Stimme; worauf die Herren Knick und Wedel antworteten: »Ja. es ist unser fester Wille!« »In diesem Falle ersuche ich meinen Herrn Kollegen und ersten Vicedirektor, die gewöhnlichen Fragen an die Neuaufzunehmenden zu thun.« Der erste Vicedirektor räusperte sich und fragte darauf, was denn eigentlich unter einem gehörigen Leim zu verstehen sei. Hierauf antwortete Herr Knick: »Leim sei eine zähe, kleberige Substanz, ein Material, welches nur im warmen Zustande zu gebrauchen sei.« Nach dieser Antwort ersuchte die tiefe Stimme den zweiten Vicedirektor der Leimsudia, dem andern Aufzunehmenden ebenfalls eine Frage zu stellen. Hierauf räusperte sich der zweite Vicedirektor und fragte den Herrn Wedel, was unter einem Leimsieder, nach der wahren Bedeutung des Wortes, zu verstehen sei. Herr Wedel beantwortete diese Frage zur vollkommensten Zufriedenheit der Gesellschaft, indem er sagte: ein Leimsieder sei dasjenige nützliche Mitglied der menschlichen Gesellschaft, welches jenen harten und zähen Stoff, Leim genannt, auf eine passende Art zum Nutzen und Frommen seiner Mitmenschen zu behandeln verstände. Der Präsident mit der tiefen Stimme ersuchte alsdann den dritten Vicepräsidenten der Leimsudia, jenen beiden Herren die Statuten vorzutragen, worauf sich der dritte Vicepräsident ebenfalls räusperte und sprach: Der Paragraph Eins der Statuten besagt, daß die Gesellschaft »Leimsudia« wirklich und wahrhaftig bestehe und daß die Mitglieder derselben Leimsieder genannt werden. Der Paragraph Zwei fügt hinzu, daß Paragraph Eins eigentlich vollkommen überflüssig und deßhalb förmlich wieder aufgehoben sei. Paragraph Drei macht es ebenso mit Paragraph Zwei, und Paragraph Vier spricht die Vermuthung aus, daß nach einer solch gründlichen, umfassenden Darlegung der gesellschaftlichen Verhältnisse der Leimsudia keines der Mitglieder seiner im Unklaren sein könne, welch wichtige Pflichten es durch den Beitritt zu derselben auf sich nehme. Hierauf ersuchte der Präsident mit der tiefen Stimme den Stellvertreter des ersten Vicedirektors, zur feierlichen Aufnahme zu schreiten. Die Lampe auf dem Tische und über derselben die dampfende Flüssigkeit, die sich als kochender Leim ergab, wurde vor den Präsidenten gerückt, der diesen Leim eigenhändig viermal herum rührte. Dasselbe thaten alle Anwesenden, und darauf bot der Stellvertreter des ersten Vicedirektors dem Sekretär der Leimsudia einen kleinen Löffel des kochenden Leims, welchen dieser würdige Beamte auf zwei Gläser Wasser vertheilte, die vor ihm bereit standen, so daß durch diese Manipulation ein schwaches Leimwasser entstand. Dieses wurde den neu Aufgenommenen durch den ersten und zweiten Kassier überreicht, und als Herr Knick und Herr Wedel nach einigem Zögern dieses Getränke hinunter gewürgt hatten, waren sie aufgenommen in die Leimsudia und konnten sich als wirkliche und ordentliche Mitglieder betrachten. Eugen Stillfried als Gast bekam nun ebenfalls, aber eine weit kleinere Portion Leimwasser, worauf der Präsident eine sehr schöne Rede hielt, aus welcher wir ungefähr behalten haben, daß es der Zweck der Gesellschaft sei, durch Langweil zur Kurzweil zu dringen. So lange aber die letztere nicht zum Durchbruch kam, blieb jene Lampe unter dem kochenden Leim die einzige Beleuchtung des Gemaches, und dann hatten sämmtliche Beamte der Gesellschaft – sie bestand nämlich nur aus Beamten – die Verpflichtung, abwechselnd den Leim umzurühren, damit er nicht anbrenne. Sobald aber der Präsident an der Unterhaltung merkte, daß sie einen regen Aufschwung erhalte, so nahm er den kochenden Leim von der Lampe herunter und ließ durch den Kellner Lichter bringen; fing aber nach diesem Verfahren die Unterhaltung wieder an, schläfrig und leimig zu werden, so löschte er die Lichter wieder aus, und der Leim begann auf's Neue zu kochen und zu brodeln. Eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel machte, wie heute geschehen, die Aufnahme neuer Mitglieder. In solchen Fällen hatte der Präsident auch ohne lebhafte Unterhaltung das Recht, zur gegenseitigen Erkenntniß die Lichter anzünden zu lassen; doch blieb alsdann der Leim auf der Lampe stehen und mußte bis zum Beginn eines lebhaften Gesprächs umgerührt werden, damit er nicht anbrenne. Als nun die Lichter gebracht wurden und man sich gegenseitig anschaute, sah Eugen Stillfried unter außerordentlichem gegenseitigem Gelächter eine Menge bekannter Gesichter um den Tisch herum sitzen. Da waren Juristen, Mediciner, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, im Ganzen sechszehn Leimsieder; größer durfte die Zahl nicht werden. Der vorsitzende Präsident mit der tiefen Stimme, die schon früher etwas außerordentlich Bekanntes für Eugen hatte, war sein Hausarzt, Doktor Wellen, ein berühmter Arzt mit großer Praxis. Er machte seine Krankenbesuche in einem Wagen mit zwei Pferden, hatte einen Stock mit goldenem Knopf, trug gewöhnlich einen blauen Frack, und wenn er auch als jovialer Mann und lustiger Herr bekannt war, so würden doch seine sämmtlichen Patienten einen Schrei des Entsetzens ausgestoßen haben, wenn sie gewußt hätten, daß Herr Doktor Wellen der Vorsitzende der Leimsudia sei. Aber hierüber mußte von den Mitgliedern und den eingeführten Gästen das unverbrüchlichste Stillschweigen bewahrt werden, wie denn überhaupt von der Existenz der Leimsudia bis heute nichts in das Publikum gedrungen war. Eugen schüttelte seinem Arzte und allen Bekannten lachend die Hand, und der Präsident meinte, er fange jetzt an, an eine Besserung des jungen Mannes zu glauben, da er endlich einmal anfange, sich in anständige und solide Gesellschaft zu begeben. Außer dem vorhin erwähnten Getränke, dem Leimwasser nämlich, bemerkte man jetzt beim Schein der Lichter, daß noch Anderes auf dem Tische vorhanden war. Da sah man Wein- und Bierflaschen, und auch eine Speisekarte fehlte nicht, durch deren Hülfe hungrige Leimsieder zu einem soliden Nachtessen kommen konnten. »In meinem ganzen Leben,« sprach Eugen nach einer Pause zum Präsidenten, »habe ich keine Ahnung von der Existenz der Gesellschaft gehabt; ich würde wahrhaftig keinen Augenblick gezaudert haben, mich zum Mitgliede einer so würdigen Verbrüderung vorschlagen zu lassen. Es ist eigentlich schändlich von meinem lustigen Rathe, daß er mich nicht früher hievon in Kenntniß gesetzt.« »Derselbe würde in diesem Falle ein großes Verbrechen begangen haben,« sagte der Doktor; »er hat schon viel gewagt, daß er Sie hieher brachte: denn wenn man einen Gast einführt, von dem man nicht überzeugt ist, daß er der Gesellschaft convenirt, so wird dies an dem Einführenden auf's Strengste bestraft.« »Aber man muß doch wenigstens eine Ahnung vom Dasein einer Gesellschaft haben, ehe man sich zum Mitgliede derselben melden kann!« »Man muß dahin vom Geiste getrieben werden,« entgegnete der Präsident, »man muß sich im allgemeinen Getriebe der Menschheit entsetzlich langweilen, und in diesem Falle hat ein Mitglied der Gesellschaft das Recht, den Gelangweilten zum Leimsieder vorzuschlagen.« »Und daß dies bei dir wahrhaftig nicht der Fall war,« bemerkte der lustige Rath, »so fand ich es niemals gerechtfertigt, dich hieher zu bringen; du hast dich meines Erachtens nie sichtlich gelangweilt; auch bin ich selbst noch ein sehr junges Mitglied.« »Es ist eigentlich nicht schmeichelhaft für mich,« versetzte Eugen lachend, »daß dich die Langeweile hieher geführt. Ich hatte gehofft, du findest meine Gesellschaft amüsanter.« »Verliebte Leute find immer langweilig,« sagte der lustige Rath mit leiser Stimme. Der Präsident dieser ehrenwerthen Gesellschaft führte das Regiment mit sehr strenger Hand, und nachdem sich die Neuangekommenen zu einigem Bier und Wein verholfen, versicherte er mit bedenklicher Miene, daß die Unterhaltung in der That nicht die Kosten der Beleuchtung abwerfe, weßhalb er sich veranlaßt sehe, zum Scheine der harmlosen Leimwasser-Lampe zurückzukehren. Er forderte hiemit die Mitglieder der Gesellschaft dringend auf, durch irgend etwas das Gespräch zu beleben. »Mich hat der feierliche Akt von eben sichtlich angegriffen,« sagte ein ältlicher Herr mit einer röthlichen Nase, indem er die Brillengläser mit seinem Sacktuche abputzte; »oder wirkt die Hitze von heute Abend lähmend ans unsern Geist?« »Der Herr Präsident,« bemerkte ein anderer Leimsieder – er war im gewöhnlichen Leben Regierungsrath – »scheint mir heute Abend in außerordentlich strenger Laune zu sein; ein rechter Vorstand sollte zu Ehren seiner Gesellschaft beständig eintreten und immer etwas in petto haben, wenn die Unterhaltung einmal erlahmt. Wenn man eine solch hohe und wichtige Stellung einnimmt, so muß man auch das Zeug hiezu haben.« »Ganz richtig! – Vollkommen wahr! – Sehr gut bemerkt!« riefen mehrere Stimmen. »Opposition,« sagte lachend der Vorsitzende, »sträfliche Opposition! Ich werde mich veranlaßt sehen, den Leim anbrennen zu lassen und euch durch den dadurch entstehenden Geruch zum Teufel zu jagen.« »Das wäre einigermaßen Mißbrauch der Amtsgewalt,« meinte der dicke Herr mit der rothen Nase. »Allzu scharf macht schartig! Die Gesellschaft würde sich in solchem Falle veranlaßt sehen, einen neuen Präsidenten zu wählen.« »Eine fürchterliche Drohung!« sagte lachend der Doktor. »Wir hätten in der That vorsichtiger sein sollen in der Wahl unseres Oberhauptes,« warf ein langer und sehr dürrer Advokat ein, »er ist leider unabsetzbar; wir waren leichtsinnig genug, dies auszusprechen, ehe wir uns überzeugt, welcher Hand wir die Leitung unserer Republik anvertrauten.« »So müssen wir eine Revolution unternehmen!« sagte wichtig der dicke Herr mit der rothen Nase – »einen Staatsstreich – wir müssen uns in den Besitz des Leimtopfes setzen und auf diese Art die Embleme der höchsten Gewalt in die Hände bekommen; alsdann können wir unser Oberhaupt stürzen und eine neue Regierung einführen.« »Keine Tyrannei!« rief der Regierungsrath, »Befolgung der Gesetze, so lange uns das gut däucht; aber keine Tyrannei! das muß aufhören.« »Ja wohl,« ließ sich die Stimme des lustigen Raths vernehmen. »Alles das nimmt ein Ende, so sagt der Teufel am Buß- und Bettage.« »Verehrteste Freunde – wertheste Leimsieder!« nahm der Präsident das Wort; »glaubt nicht, daß mich eure Drohungen erschrecken – ich fühle eine Armee in meiner Faust.« – Hier faßte er den Stiel des Leimtopfes. – »Ihr seht, ich bin im Besitze der vollkommensten Macht; und nur, weil ich in diesem Besitze bin, weil ich die Kraft in mir fühle, die Rebellion kräftig niederzuschlagen, will ich mich herablassen, mit den Häuptern derselben zu capituliren. »Das läßt sich hören!« riefen mehrere Stimmen. »Ihr verlangt von mir,« fuhr der Präsident fort, »ich soll in den Riß treten, wenn in eurer Unterhaltung eine Bresche entsteht; ich habe das schon sehr häufig gethan.« »Hört! hört!« rief der dicke Herr mit der rothen Nase. »Ich that das schon sehr häufig,« wiederholte nachdrücklich der Präsident; »aber Alles hat ein Ende, und es scheint mir, verehrte Leimsieder! ihr seid der süßen Absicht, euch ganz auf euren Präsidenten zu verlassen, die Last der Unterhaltung auf meine Schultern zu schieben. Wohlan denn! damit ihr seht – es ist nur für künftige Fälle – wie ein Präsident der Leimsudia beschaffen sein muß so will ich wieder einmal in eure stockende Unterhaltung eintreten und etwas zum Besten geben.« »Bravo! bravo!« rief es von allen Seiten. »Erwartet nichts Lustiges, nichts Erheiterndes,« fuhr der Präsident fort. »Ihr habt mich durch eure begonnene Revolution trüb und wehmüthig gestimmt, aus dieser Quelle fließt die Kleinigkeit, die ich vorzutragen die Ehre haben werde.« »Sehr gut! wir hören« riefen sämmtliche Leimsieder. Mit großer Feierlichkeit nahm hierauf der Präsident der ehrenwerthen Gesellschaft den Leimtopf vom Feuer, übergab ihn feierlich dem ersten Vicepräsidenten, die Lampe seinem zweiten Stellvertreter, legte sich in seinen Stuhl zurück und begann folgendermaßen. Achtzehntes Kapitel. Der Präsident der Leimsudia hat das Wort und trägt eine Geschichte vor, welche nicht ohne Interesse für unsere Erzählung ist. Als vor ein paar Jahren der Kriegslärm in Oberitalien losbrach und Marschall Radetzky seine Soldaten zu Kampf und Sieg führte, konnte ich es nicht lassen, mit dem österreichischen Adler zu ziehen und unter diesen glorreichen Fahnen, wenn auch nur als Arzt, hinten bei der Bagage, statt mit dem Säbel mit dem Verbandzeug, für die braven Truppen nach besten Kräften zu wirken. Ich hatte gute Briefe und Protektionen, und so ward es mir gestattet, bei dem Auszuge aus Mailand mit dem Hauptquartier ziehen zu dürfen; ich ward zur Disposition gestellt, um mich später einem Truppenkörper, bei dem es gerade an Aerzten fehle, anschließen zu können. So kamen wir nach St. Angelo, den zweiten Tag darauf nach Pavia, wo der große Feldherr mit Einem Mal seine ganze Armee in das feindliche Land hinüber warf, zur großen aber nicht sehr angenehmen Ueberraschung der Piemontesen, die in dem festen Glauben standen, es werde hier am Tessin nur ein kleines Corps zur Beobachtung aufgestellt. Der Uebergang über diesen Fluß, der Mittags um zwölf Uhr begann und bis tief in die Nacht hinein dauerte, war das großartigste von militärischen Schauspielen, denen ich in meinem Leben beigewohnt, und ich werde auch wohl nie wieder etwas Aehnliches zu sehen bekommen. Diese Masse Infanterie und Kavallerie, die lustigen Jägerbataillone mit ihren grünen Büschen, die schwere und leichte Artillerie und Raketenbatterieen, das alles dröhnte und rasselte in den engen Straßen Pavia's, und eine unzählige Menschenmenge schaute dem Einzuge der österreichischen Armee zu. Der Feldmarschall stand an der Ecke der Hauptstraße Stundenlang auf dem kleinen Balkon des ersten Gasthofes der Stadt, der sich hier befindet, und ließ die Truppen an sich vorüber ziehen. – Aber ihr habt das alles in den Zeitungen gelesen, von dem Enthusiasmus der Soldaten, als sie den geliebten Feldherrn da droben stehen sahen, von ihrem unendlichen Jubelgeschrei in so und so vielen Sprachen, das die Lüfte wahrhaft zerriß. – Es war ein unvergeßlicher Anblick. Das Hauptquartier befand sich in dem Gasthause, von dem ich eben sprach; die Pferde desselben standen in den Ställen und im Hofe, und mehrere Offiziere, die gerade nicht beschäftigt waren, hielten sich am liebsten am großen Thore auf, um da vorüberziehenden Bekannten ein freundliches Wort zu schenken. – Aber der ganze Tag verging. Das Vorbeiziehen dauerte immer fort. In dicht geschlossenen Kolonnen folgten sich Kompagnieen, Bataillone, Regimenter. Es wurde Abend, und fort und fort klirrte und rasselte es am Hause vorbei. Die jungen Offiziere des Hauptquartiers hatten hinten nach dem Hofe zu ein paar leere Zimmer aufgefunden, und dort saßen wir, der Dinge erwartend, die sich heute noch ereignen würden. Es waren kleine Stuben mit weißen Wänden, kleinen vergitterten Fenstern und einem sehr spärlichen Ameublement; ein paar grobe hölzerne Tische und Bänke war alles, was von dergleichen vorhanden war. Hiezu ein grobes Tischtuch auf einem der ersteren, das in italienischen Gasthäusern unentbehrliche Essig- und Oelfläschchen und einige strohumwundene Flaschen. Aber Alles war heiter und guter Dinge. Im Herde brannte ein lustiges Feuer, was uns allen sehr wohl that; denn es war Mitte März, und der freundliche Sonnenstrahl, der draußen über die Ebene glänzte und sich wohlgefällig in den zahllosen Bayonetten und Helmen spiegelte, konnte nicht eindringen in diese Hinterzimmer, und deßhalb hatten wir sie bei unserer Ankunft recht unheimlich und frostig gefunden. Cigarren dampften, Gläser klirrten; Niemand wußte, wie lange wir hier verweilen würden. Bald hieß es, das Hauptquartier setze noch im Laufe des Nachmittags mit den ersten Truppen über den Tessin; dann sagte man wieder, wir werden Pavia erst bei einbrechender Nacht »erlassen; kurz, wir wußten nicht, was heute aus uns werden sollte; – nur der alte Herr draußen auf dem Balkon wußte es, der mit fester Hand und sicherem Blick das Schicksal dieser sechzigtausend Menschen leitete, die heute hier vorüber zogen. In dieser Ungewißheit blieben die Pferde gesattelt, und die Offiziere saßen bei einander in Wehr und Waffen, Helm und Tschako auf dem Kopf, Säbel und Säbeltasche an der Seite. Im Felde ist man gleich eingerichtet, und nachdem sich so in den beiden hinteren Zimmern kleinere und größere Gruppen gebildet hatten, ging das Glas und die Conversation lustig im Kreise. Auch mit Neuigkeiten wurden wir bedacht; denn jeder der Ordonnanzoffiziere und Adjutanten, der vom anderen Ufer mit einer Meldung herüberkam, trat, sobald er droben verabschiedet war, wenn auch nur auf wenige Augenblicke, in unser Zimmer und nahm eine Cigarre und ein Glas Orvieto. – Nun, wie geht's? rief man ihm entgegen. – Wir haben ein paar Vorposten gesehen, aber sie zogen sich schleunigst zurück; unsere braven Jäger hatten nicht einmal Zeit, ihre Büchsen abzufeuern, – Bleiben wir hier? – Weiß nicht, sind noch keine Befehle ausgegeben worden. Nun, mir scheint, ihr könnt's hier schon aushalten. – Warum nicht? Aber es wäre drüben doch besser. – Na, lebt wohl! Ich muß wieder hinaus. – Adieu, auf Wiedersehen! Von Zeit zu Zeit ging wohl auch der Eine oder der Andere zur Hinterthüre des Gasthofes hinaus, einige Straßen weiter, auf eine alte Bastion, wo man den Tessin vor sich sah und weit in das Piemontesenland hineinblicken konnte. Es war ein herrlicher Anblick! Auf drei Brücken zog die prächtige Armee über den Fluß, – ein unendliches Gewimmel von Menschen, Pferden und Fahrzeugen; dazu spielten die Musiken auf allen Punkten, die Soldaten riefen ein kräftiges Hurrah, als sie den feindlichen Boden betraten, wo alsdann Regiment um Regiment, Infanterie, Kavallerie und die zahlreichen Batterieen auf verschiedenen Straßen abmarschirten. Doch lange noch erblickte man sie drüben ziehen; zwischen den Bäumen an den Ufern des Tessin sah man im röthlichen Scheine der Abendsonne Geschütz und Waffen glänzen, und weiter hinaus, wie sich die Kolonnen gleich gewaltigen Strömen in das feindliche Land ergossen. Von einer solchen Promenade kehrte man gern wieder zurück in die hinteren Zimmer des Gasthofes und erzählte den Zurückgebliebenen, was man draußen alles gesehen. Es gibt wohl in der ganzen Welt in keiner Lage des Lebens glückseligere und zufriedenere Leute, als Offiziere beim Beginn eines Feldzuges, an einem Tage wie heute, wo vielleicht morgen schon eine Schlacht zu erwarten ist. Mit blitzenden Augen und wahrem Entzücken spricht man vom bevorstehenden Kampfe; wer schon dabei gewesen, erzählt kleine Züge von einer tüchtigen Attaque, aus einem lustigen Reitergefecht; und der, welcher noch keinen feindlichen Säbel blinken sah, noch nicht das Sausen der Kugeln gehört, lauscht aufmerksam und mit Befriedigung den Worten der Anderen; denn er braucht wahrscheinlich nach diesem Genusse nicht lange mehr zu schmachten; vielleicht morgen schon schlägt seine Stunde, eine gute oder eine schlimme – sei's darum! So saßen wir beisammen, erzählend, lachend, plaudernd. Schon einige Mal hatten wir unter dem allgemeinen Gewühle draußen, das unter dem großen Thorgang herrschte, einen jungen Mann bemerkt, dessen Aeußeres uns einigermaßen aufgefallen war. Dieses Aeußere war so einnehmend, sein Kopf, ja seine ganze Haltung so elegant und gar nicht passend zu den Leuten des Gasthofes oder den Ordonnanzen und Reitern, zwischen denen er stand, daß ich ihn schon mehrere Mal aufmerksam angesehen hatte. Er trug einen grauen Rock mit grünem Kragen, wie man bei uns die Förster sieht, dazu graue Beinkleider und elegante Stiefel; auf dem Kopf hatte er eine Art Tyrolerhut von dunkelgrauer Farbe. Jetzt lehnte er an dem Thore und sah dem Vorbeiziehen der Truppen zu, zuweilen kam er auch an die Thüre der hinteren Zimmer, wo sich die Offiziere befanden; doch schien er nicht den Muth zu haben, einzutreten. Meistens aber hielt er sich an der großen Treppe auf, die in den oberen Stock führte; er schien von dorther angelegentlich etwas zu erwarten. Der junge Mann hatte dunkles Haar, ein angenehmes, etwas blasses Gesicht und einen stark hinaufgedrehten Schnurrbart; seine Augen waren braun, lebhaft und freundlich. Ein paar Stunden später, als ich wieder in dem hinteren Zimmer am Kamine saß und die Flamme desselben mit dürrem Olivenholz nährte, bemerkte ich den Adjutanten des Feldmarschall's, Major E., der in das Zimmer trat, hinter ihm der junge Mann, dessen ich soeben erwähnt. Neben mir am Kamine stand ein junger Jägeroffizier von einem Bataillon, das bereits vor einer Stunde vorbeimarschirt war. Er war beordert worden, zurückzubleiben, um seinem Chef später einen Befehl des Hauptquartiers überbringen zu können. An diesen wandte sich der Adjutant und stellte ihm den Unbekannten im grauen Jägerrocke vor. »Herr so und so,« sagte er – ich verstand den Namen nicht – »hat sich mit guten Papieren und Empfehlungen im Hauptquartier gemeldet und wünscht den Feldzug als Freiwilliger mitzumachen. Da er Ihrem Bataillon zugetheilt wurde, so wollen Sie ihn gefälligst instruiren, wohin er sich morgen in aller Frühe zu wenden hat, Ihr Bataillon bleibt ganz in der Nähe, und wenn Sie einmal genau den Ort wissen, wo Sie hin marschiren, bitte ich, es ihm zu sagen, so kann er morgen mit weiter marschiren.« Der Major ging hinaus, und der Jägeroffizier sagte zu seinem neuen Freiwilligen: »Halten Sie sich in der Nähe auf, bleiben Sie im Hause, und sobald ich etwas über den Namen des Ortes erfahre, wo sich unser Bataillon befindet, so werde ich es Ihnen augenblicklich mittheilen.« Der junge Mann zog sich bescheiden nach der Thüre zurück und setzte sich dort an einem Tische nieder, wo ihm ein paar Offiziere aufs Freundlichste und Bereitwilligste ein Plätzchen einräumten. Später ging er wieder hinaus, und ich verlor ihn vorderhand aus dem Gesichte; nachher machte ich mit mehreren Offizieren, da unterdessen die Nachricht gekommen war, das Hauptquartier bleibe in Pavia, einen größeren Spaziergang, und als wir zurück kamen, war es bereits Nacht geworden. Noch immer zogen die Truppen am Gasthofe vorbei, noch immer war der Thorweg unseres Hauses mit einer Menge von Leuten vollgepfropft. Man hatte uns zu einem gemeinschaftlichen Nachtessen einen größeren Saal im Vorderhause eingeräumt, dort bekamen wir unsere Quartierzettel – ich war in das weiße Kreuz gewiesen, in einer Straße gelegen, deren Namen ich begreiflicher Weise in meinem ganzen Leben früher nicht gehört. Nachdem wir noch ein paar Stunden bei einander gesessen unter lustigem Lachen und Scherzen, war es spät geworden, und Jeder suchte sein Quartier auf. Für meine Pferde hatte ich durch den glücklichsten Zufall einen kleinen Winkel im Gasthause selbst gefunden, und nachdem ich mich überzeugt, daß sie nebst dem Reiter, der sie unter Aufsicht hatte, gut versorgt seien, warf ich meinen grauen Paletot über die Schulter, nahm meinen Säbel unter den Arm und wollte das Haus verlassen. Hier war es unterdessen bedeutend stiller geworden, die Zuschauer hatten sich verlaufen, Ordonnanzen und Reiter ihre Stuben und Ställe aufgesucht, und ich bemerkte unter dem Thorwege nur noch einen einzigen Menschen, der, in einen weiten blauen Mantel gewickelt, auf einem Steine saß und zu schlafen schien. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß es jener junge Mann, jener Freiwillige war. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Augenblick bei ihm stehen zu bleiben. Er schlief nicht, sondern blickte in die Höhe, als ich vor ihn hintrat. »Warten Sie auf Jemand?« fragte ich ihn teilnehmend. »Wünschen Sie vielleicht noch einen der Offiziere zu sprechen? – Wenn ich Ihnen da dienlich sein kann, will ich es recht gern thun.« »Ich danke Ihnen herzlich,« sagte der junge Mann, indem er seine Hand grüßend an seinen Hut erhob, »ich warte auf Niemand; ich habe meine Instruktionen erhalten.« »Sie wurden heute Mittag als Freiwilliger einem Jägerbataillon zugetheilt?« forschte ich weiter. »Ganz recht!« entgegnete er mir, »es liegt bei La Cava, wo es auch morgen wahrscheinlich bleibt, und wohin ich mich mit dem Frühesten begeben werde.« »Aber unterdessen« – sagte ich lächelnd – »wollen Sie unter dem Thorwege bleiben?« Ei zuckte mit den Achseln und versetzte ebenfalls lächelnd: »Was will man da machen? Ich bin sehr glücklich, daß man mich meinem Wunsche gemäß einem Jägerbataillon zugetheilt; ich kann doch gewiß nicht verlangen, daß man mir obendrein noch Quartier gebe.« »Sie sind ein Deutscher?« »Ja wohl,« sagte er, »aus Bayern.« »Aber die Nacht ist lang,« entgegnete ich, »und Sie haben hier wahrhaftig einen schlechten Aufenthalt.« »Das wird noch oft so kommen,« meinte er, »und vielleicht noch schlimmer als hier. Da bin ich doch vor Regen und Wind geschützt; mein Mantel ist auch warm genug.« »Wissen Sie was?« sagte ich ihm, »ich befinde mich fast in der gleichen Lage wie Sie; ich bin ebenfalls Freiwilliger, ein Deutscher, Arzt, und dem Hauptquartier zugetheilt. Ich habe hier eine Anweisung auf ein Quartier, wahrscheinlich auch auf ein Bett, und außerdem werden wir gewiß noch eine Matraze oder ein Sopha auftreiben. Kommen Sie mit mir, ich kann einen Landsmann unmöglich unter dem Thorwege lassen.« Er sah mich einen Augenblick erstaunt an und sagte darauf: »Ich will wahrhaftig Ihre freundliche Einladung nicht abschlagen. Sie haben Recht; es ist in der Stube, besser als hier.« »So kommen Sie, wir wollen gehen.« Wir verließen das Haus und gingen die breite Hauptstraße von Pavia hinab. Fort und fort zogen die Truppenmassen noch immer durch die Stadt, es war, als sollte das niemals aufhören. In diesem Augenblicke war die Straße, so weit man sehen konnte, mit Geschützen bedeckt, eines hinter dem anderen. Auf den Laffetten saßen die Leute in ihren Mänteln, dunkel und gespensterhaft; die Lunten glimmten, die Geschützröhre glänzten in falbem Scheine, die Pferde gingen in langsamem Schritte, und die ganze gewaltige Masse dröhnte auf dem Pflaster dahin, daß die Fenster erzitterten. Das weiße Kreuz lag in einer engen Nebenstraße und erwies sich als ein sehr bescheidenes Gasthaus. Doch führte man uns in ein großes Zimmer, und da wir zu zwei kamen, so sah der aufwartende Kellner die Notwendigkeit ein, neben dem vorhandenen Bette noch eine Lagerstatt einzurichten, was er auch aufs Bereitwilligste that. Mein junger Freiwilliger legte seinen Mantel ab, sowie ein kleines Felleisen, das er unter demselben getragen. »Sie werden müde sein,« sagte ich, »und nach Ruhe verlangen?« »Durchaus nicht,« entgegnete er mir; »ich komme heute von Mailand und habe diesen Weg mit einem Einspänner zurückgelegt, auch hielt ich mich unterwegs ein paar Stunden in der Certosa auf. Ein prächtiges Bauwerk, voll der herrlichsten Kunstschätze!« »Das will ich meinen!« erwiderte ich einigermaßen erstaunt. »Sie sind ein Verehrer der Kunst?« »Ein Verehrer und Ausüber derselben,« antwortete er mir; »ich bin selbst Künstler – hoffe es wenigstens zu sein,« setzte er lächelnd hinzu – »ich bin Bildhauer.« »Ah!« sagte ich überrascht; »und Sie verlassen Ihre schöne Kunst, um dem wilden Kriegsleben nachzugehen? – Das finde ich einigermaßen unbegreiflich.« Er zuckte die Achseln und sprach: »Ich verstehe Sie vollkommen; aber es gibt Verhältnisse im Leben, wo es einem die größte Wohlthat ist, sich in einen wilden Strudel zu stürzen, wenn man auch vielleicht darin untergeht; ein wildes, brausendes Leben aufzusuchen, von dem man wenigstens das hat– so hoffe und glaube ich – daß es die Sinne betäubt und das Andenken an frühere Tage vergessen macht.« »Ei, ei!« entgegnete ich lächelnd; »haben Sie denn so schreckliche Erinnerungen, die Sie nicht anders als durch ein solch überkräftiges Mittel aus Ihrem Gedächtnisse verbannen können, und find diese Erinnerungen wirklich der Art, daß Sie Gesundheit und Leben auf das Spiel setzen, um sie und sich selbst zu vergessen?« »Ja und nein,« antwortete er mir; »es ist eine jener Geschichten, die nur für den, welchen sie betreffen, die größte Wichtigkeit haben, die aber Anderen unbedeutend, vielleicht fade erscheinen können.« »Also eine Liebesgeschichte!« sagte ich lächelnd. »Man könnte es so nennen.« »Und wegen einer solchen werden Sie Ihrer göttlichen Kunst untreu und stürzen sich in dieses Treiben hier – Sie, den die geringste körperliche Verletzung, die Sie erhalten, vielleicht für immer untauglich machen wird, je wieder den Modellirstab und den Hammer in die Hand zu nehmen?« »So arg ist es auch wohl nicht,« entgegnete der junge Mann. »Zum Krüppel geschossen zu werden, wäre mir freilich entsetzlich; aber eine Kugel, die einen so mitten aus der Sturmattaque abruft und einen dahin wirft in Gras und Blumen, ist nicht zu verachten; man sieht nur noch den letzten betrübten Blick des Kameraden, dann umflort sich das Auge, und nur das Ohr ist noch der Vermittler zwischen dem Sterbenden und der äußeren Welt, und in dieses Ohr, das aufmerksam lauschende, bringt ein plötzliches Hurrah! ein Siegesjubel! – die feindliche Batterie ist genommen.« »Das ist alles sehr schön und gut,« antwortete ich dem jungen Freiwilligen; »für Jemanden, der des Lebens müde ist, wäre ein solcher Tod freilich der angenehmste; aber erstens kann ich mir in der That nicht denken, daß Sie sich in dem Falle befinden, und zweitens vergessen Sie nicht, daß sich ein jugendliches Leben, wie das Ihrige, schwer von einem so kräftigen Körper losreißt. Da liegen Sie in Schmerzen und Todesangst – keine Hülfe weit und breit. Die Liebe zum Leben findet sich mächtig wieder ein – umsonst! es fehlt die hülfreiche Hand, welche Sie aufrichtet und sorgsam pflegt!« »Das ist wohl alles wahr,« meinte düster der Bildhauer; »warum aber das Schlimmste glauben? – Ich sagte vorhin: wenn eine Kugel meinem Leben ein Ende macht, wohlan, so geschehe es! Ich will aber damit nicht aussprechen, daß ich das für unbedingtes Resultat meines Feldzuges ansehe und herbeiwünsche; gewiß nicht! Ich will nicht als eine Art von Selbstmörder vor Ihnen stehen, von Ihnen scheiden – was ich vorhin sagte, ist wahr: ich will eine traurige Periode meines Lebens vergessen, vielleicht gelingt es mir, vielleicht putzt der Kriegslärm und das Getöse der Schlacht Kopf und Brust wieder hell und rein – wie sie ehedem waren,« setzte er schmerzlich hinzu, »und dann habe ich meinen Zweck auch erreicht; ich habe diesen Beschluß einmal gefaßt, und würde um keinen Preis zurücktreten.« Der junge Künstler gefiel mir, trotz des sonderbaren, für einen ruhigen Menschen nicht vollgültigen Motives, das ihn hieher nach Italien rief. Es lag etwas so Frisches und Gesundes in seinem Aeußeren, und auch in der Art, wie er mir alles das erzählte. Da war nichts Sentimentales, nichts Geziertes, keine Empfindelei; er schaute mich mit seinen glänzenden Augen hell an und drehte seinen Schnurrbart keck in die Höhe, während er mit mir im Zimmer auf und ab schritt. Ich bin sonst ein Feind aller Liebesgeschichten und danke für jede Mittheilung einer solchen; aber hier war ich wirklich neugierig, zu erfahren, was diese anscheinend so gesunde Natur denn so Schlimmes erlebt habe, um sie zu diesem Beschlusse hieher zu treiben. »Wissen Sie was?« sagte ich ihm, »Sie sind nicht ermüdet, ich auch nicht, wir wollen uns ein Glas Punsch bestellen, und dann erzählen Sie mir Ihre Geschichte.« »Warum nicht?« entgegnete er; »aber erwarten Sie nicht, etwas Bedeutendes zu hören.« Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu – Und wem sie just passiret, Dem bricht das Herz entzwei. Der Punsch kam, wir steckten uns Cigarren an und mein junger Freund erzählte. Neunzehntes Kapitel. Ein beachtenswerthes Kapitel für junge Künstler, denn es handelt von den Gefahren, in welche man durch weibliche Modelle gerathen kann. »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich ein Bildhauer bin, und wenn ich hinzu setze, daß ich längere Zeit in Rom war, daß ich dort, und später in Deutschland, die besten Bestellungen auszuführen hatte, daß meine Arbeiten außerordentlich gesucht und hoch bezahlt wurden, so glaube ich, Sie können daraus entnehmen, daß ich im Stande bin, etwas Ordentliches zu leisten, daß ich in der schwierigen Branche der Kunst, die ich erwählt – der Bildhauerei nämlich – ein Künstler bin. »Eines Tages wurde mir der Auftrag, die Komposition zu einem großartigen Grabmal zu entwerfen, welches ein Graf so und so – der Name thut nichts zur Sache – seiner verstorbenen Gemahlin zu errichten beabsichtige. Mein Entwurf gefiel, ich führte ihn im Modell aus und ging damit nach Carrara, wo ich mir den nöthigen Marmor aussuchte, die Arbeit in Punkt setzen ließ und sie später so weit ausführte, daß ich in Deutschland an Ort und Stelle mir noch wenig daran zu thun hatte. »Das Grabmal war für die Kapelle eines großen Schlosses jener Familie bestimmt; ich kam zum ersten Male in die Gegend, wo es sich befand. Diese Gegend war reizend, das Schloß selbst über alle Beschreibung schön gelegen. – Erlauben Sie mir,« unterbrach er seine Erzählung – »daß ich aus meinem kleinen Felleisen ein Skizzenbuch hole, um Ihnen eine Ansicht dieses Schlosses und der Gegend zeigen zu können. – »Sehen Sie hier!« fuhr er fort, und damit zeigte er mir in einem ziemlich großen Buche die außerordentlich schön gezeichnete Ansicht eines der reizendsten Schlösser, die ich lange gesehen. Es lag auf der Höhe einer sanft ansteigenden Thalwand, unten floß ein kleines Wasser vorbei und schlängelte sich durch Wiesen und zwischen schön geformten Hügeln, lange noch dem Auge sichtbar, einer weiten Ebene zu, welche fern am Horizonte von hohen und zackigen Gebirgen eingefaßt war. Das Schloß selbst war ein mittelalterliches Gebäude, auf's Sorgfältigste restaurirt, mit zackigen Zinnen, einem hohen Thurme, vielen kleinen Erkern und Nebengebäuden, mit der freiesten Phantasie zusammengestellt, oder wie die damaligen Verhältnisse gerade einen Neubau bedingten; alles das durch Terrassen und Brücken mit einander verbunden und so ein wahrhaft malerisch schönes Ganzes bildend. Das Schloß in seiner Höhe stand auf der Grenze des lieblich Sanften und wild Romantischen. Vor ihm das Thal mit dem Flusse und den sanften, mit Wiesen bedeckten Abhängen war schön und anmuthig, und war das Ende einer Berggegend, die sich hinter dem Schlosse mit wildem Wald, mit Schluchten voll zackiger Felsen und rauschenden Bergwassern meilenweit fortsetzte. Der junge Bildhauer legte das Buch an den Fuß der dreiarmigen kupfernen Lampe, welche auf dem Tische stand und sagte: »Dies ist also der Schauplatz meiner kurzen und traurigen Geschichte.« »Ich kam zu gleicher Zeit mit meiner Arbeit dort an. Der Unterbau zum Denkmal war vollendet; meine Gruppe wurde ausgepackt und aufgestellt. Ich hatte in den ersten Tagen außerordentlich viel zu thun und arbeitete an der Beendigung meiner Figuren vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Die Hauptfigur meines Werkes war eine Mädchengestalt – Glaube , welche sich mit dem einen Arm auf die Hoffnung stützt, mit dem andern die Liebe empor hält, welche gerade im Begriffe ist, den Deckel des Sarkophages zu öffnen. Ich weiß nun nicht, woher es kam – genug, ich hatte in Italien keinen recht schönen Mädchenkopf finden können, den ich für edel genug hielt, danach meinen Genius der Liebe zu bilden. Ich dachte bei mir: das wird sich schon finden, und ließ jenen Kopf ganz unvollendet. Als nun das Werk aufgerichtet da stand und meine Arbeit fast beendigt war, fehlte mir nur noch jenes Gesicht, und ich befand mich daher in einiger Verlegenheit. Eine fast fertige Arbeit wieder ernstlich aufzunehmen, ist an sich schon schwer, hier aber fand ich, daß es mir unmöglich sei, jenen Kopf so zu bilden, daß er zum Ganzen passe und ich damit zufrieden sein könne. An dem Orte, wo ich war, ein Modell zu finden, das mir nur halb genügte, schien mir eine Unmöglichkeit. Ich strengte meine Phantasie an – ich brachte nichts Ordentliches zu Stande, ich war fast in Verzweiflung und lief träumend umher. »Um die Bewohner jenes Schlosses hatte ich mich bis jetzt gar nicht bekümmert. Es war auch von der gräflichen Familie Niemand da; nur ein Beamter lebte hier, ein alter, freundlicher Mann, der mir zu meinen Arbeiten bereitwillig ein paar Zimmer einräumte.« Unten im Dorfe war ein kleines Wirthshaus: »Zur wilden Rose« genannt; dort wohnte ich und dort hielt ich mich auch, nachdem die Aufstellung droben beendigt war, den größten Theil des Tages auf. Abends war ich immer in der kleinen Wirthsstube, wo sich die Honoratioren des Dorfes einfanden. Ich muß gestehen diese guten Leute waren außerordentlich dankbar für die Zierde, die der Schloßkapelle durch mein Werk zu Theil geworden, und sie überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten. Von der Malerei hatten sie einen ziemlichen Begriff, aber meine Kunst war ihnen vollkommen fremd, weßhalb es ihnen auch ein großes Vergnügen gewährte, als ich ihnen etwas vom Wesen derselben auseinander setzte und ihnen den richtigen Begriff von einem Thonmodell und über die Ausführung in Stein beibrachte. Hier fand sich auch jener Verwalter des Schlosses häufig ein, sowie der Schultheiß des Dorfes und der Lehrer; und nicht selten erwies uns auch der Pfarrer die Ehre, in unserer Gesellschaft sein Gläschen zu trinken. »Eines Abends kam wieder, wie gewöhnlich, die Rede auf mein Werk, und der Pfarrer, der an dem Nachmittage mit mir oben war, bedauerte, daß der Kopf der einen der Figuren immer noch nicht vollendet sei. Ich entgegnete ihm, daran sei Niemand Schuld, als die hiesige Bevölkerung; ich hätte gehofft, unter den Mädchen ein passendes Modell zu finden, müsse aber leider gestehen, daß ich bis jetzt nichts angetroffen, was mir brauchbar erschienen.« »Ah, das ist eine Schande für uns!« sagte lachend der Schulmeister; »aber vielleicht verlangen der Herr Professor auch zuviel« – so nannten sie mich nämlich. – »Was meinen Sie denn zu Verwalters Rosalie?« »Possen!« sagte der alte Mann vom Schlosse. »Ich mußte gestehen, daß ich bis jetzt keine Ahnung davon hatte, daß es droben eine Tochter des Verwalters gäbe.« »Das wäre ein schönes Modell für einen Kopf der Liebe,« meinte der Pfarrer. »Ich wurde neugierig und bestürmte den alten Verwalter mit Bitten, mir doch wenigstens den Anblick seines Kindes zu gönnen. »Dieser aber zuckte die Achseln und meinte, es sei nicht so arg. Da gerieth jedoch der Schulmeister in eine wahre Ekstase und versicherte hoch und theuer, er wolle anfangen das A B C nochmals zu lernen, wenn ich nicht später gestehen müsse, daß Rosalie das lieblichste und schönste Gesicht habe, das mir in meinem ganzen Leben vorgekommen.« Hier that der junge Bildhauer einen tiefen Zug aus seinem Punschglase, zündete seine Zigarre, die ihm ausgegangen war, wieder an und fuhr nach einer Pause fort: »Leider hatte der Schulmeister Recht. O, hätte ich ihm nie geglaubt und hätte den unfertigen Kopf nach einem der vielen Bilder fertig gemacht, die mir in der Nacht nach jenem Gespräche wie warnend im Traume erschienen! Er wäre nicht so schön geworden, wie er jetzt ist, aber ich hätte meine Ruhe behalten – – und wäre jetzt nicht hier in Italien. »Ich sah also gleich den andern Morgen das Mädchen, ich war entzückt von dieser lieblichen Erscheinung, ich bat den Vater auf's Dringendste um die Erlaubniß, sie zum Modell meiner Liebe zu nehmen. Er gab es nicht gern zu, und erst den mit den meinen vereinigten Bitten des Schulmeisters und Pfarrers gelang es, seine Einwilligung zu erhalten. »Rosalie war sechszehn Jahre alt. Anfangs überlief sie ein frommer Schauder bei dem Gedanken, daß ihr Gesicht so allein in der Kapelle zwischen anderen weißen Gestalten stehen solle, und sie beruhigte sich erst, als ich ihr versprach, auch meine »Hoffnung« so weit abzuändern, daß sie einer ihrer Freundinnen ähnlich sehe – einem ebenfalls recht hübschen Mädchen. »Ich modellirte nach ihrem lieblichen Gesichte und war glückselig dabei. Ich führte es in Marmor aus und war entzückt über mein eigenes Werk. – Was soll ich Ihnen aber nun weiter sagen? Das Uebrige können Sie sich ganz gut denken. – Ich hatte bis dahin nur meiner Kunst gelebt, all' die schönen Weiber- und Mädchengestalten, die mir bisher begegnet, hatte ich nur so mit den Augen des Künstlers angesehen. – Hier war das zum ersten Male anders; kurz, ich liebte, ich liebte grenzenlos mit der Gluth der Jugend, mit dem Feuer der ersten Liebe. »Wie hatte ich anfänglich den Tag herbeigewünscht, an dem ich diese einsame Gegend wieder verlassen könnte! Jetzt aber hätte man mir alle Schätze der Welt bieten können, ich hätte freiwillig dieses für mich so reizende Thal nicht mehr verlassen. Ich hoffte auf ihren Besitz, ich wollte hier ein stilles Künstlerleben führen, fern vom Geräusche der großen Städte; ja, wenn es mir an Arbeit in meiner Kunst gemangelt hätte, so würde ich diese bei Seite geworfen haben, ich hätte mich mit dem bescheidensten Dasein begnügt. Ich wäre dem Schulmeister als Zeichnenlehrer an die Hand gegangen, ja ich wäre Steinhauer geworden und hätte Grabsteine und Tröge gemeißelt. – Ich war wie rasend vor Liebe.« »Es scheint mir wirklich so,« entgegnete ich ihm lächelnd. »Auch Rosalie liebte mich, ich wußte das ganz wohl, doch habe ich nie ein Geständniß von ihr erhalten; ich wußte es – das war mir genug. Ich wollte dieses selige Geheimniß, das meine ganze Brust ausfüllte, nicht in Worten vor meinen Ohren hören, nicht eher, als bis mir ihr Besitz gesichert gewesen wäre. »Da sprach ich mit dem Vater – aber meine Hoffnungen wurden mit Einem Male vernichtet. Zuerst lächelte er über meinen Antrag, wie über eine leichte Grille, ein jugendliches Aufwallen, das bald vorüber sein werde. Als ich aber dringender wurde, als ich ihm gute und gültige Beweise über meine Verhältnisse vorlegte, und dringend die Hand seiner Tochter verlangte, da schüttelte er seinen Kopf und sagte fest und ruhig: »Unmöglich! daraus kann in alle Ewigkeit nichts werden!« »Längere Zeit wollte er mir, dem Verzweifelnden, nicht einmal einen Grund angeben; endlich sagte er, über das Schicksal Rosaliens sei in frühester Jugend entschieden worden, er könne, bei Gott dem Allmächtigen! nicht anders handeln. Da wurde der alte Mann weich und die Thränen traten ihm in die Augen. Er gab sein heiligstes Wort, daß er in der Sache nichts für mich thun könne, und wenn ihm selbst, dem Vater, der mich lieb gewonnen, das Herz darüber breche. Er rieth mir, augenblicklich abzureisen, und setzte hinzu: »wenn Sie nicht gehen, so sehe ich mich genöthigt, das Mädchen zu entfernen.« »Diesem seinem Worte glaubte ich nicht und irrte wie ein Wahnsinniger mehrere Tage durch die Wälder, trat unzählige Mal in die Kapelle vor mein Werk, umkreiste das Schloß, um sie zu sehen – umsonst! – ich konnte keine Spur von ihr entdecken. Ich dachte mir, ihr Vater bewache das Mädchen, weil ich mich in der Nähe des Schlosses umher treibe; ich blieb deßhalb drunten im Wirthshause in meiner Stube, wo ich an ihre Fenster sehen konnte. Alles vergebens! Dort droben blieben die Vorhänge fest zugezogen – ich konnte nichts von ihr entdecken. »Da kam eines Morgens der Schulmeister zu mir – er hatte von der Geschichte gehört – und während ich mit ihm darüber sprach, schnupfte die gute Seele aus einer Horndose eine Prise um die andere, und dabei zwinkerte er mit den Augen, als wenn ihm sein Tabak zu stark wäre.« »Wissen Sie was, mein lieber Herr Professor?« sagte er nach einer Pause; »reisen Sie ab – Rosalie ist fort.« »Fort? Und wohin?« »Das weiß Niemand, als der Alte droben.« »Ihr Vater?« »Ja,« sagte stockend der Schulmeister, »ja – ihr Vater – doch man weiß das nicht so ganz genau.« »Was?« rief ich und ein Strahl von Hoffnung belebte mich; »man weiß nicht ganz genau, ob Rosalie abgereist ist?« »O nein,« entgegnete er, »daran ist kein Zweifel; aber man weiß nicht genau, ob der Alte droben – – ihr Vater ist.« »Ah!« rief ich aus, »und ich kann Sie versichern, diese Nachricht traf mich wie ein Blitzstrahl. Ich versuchte, aus dem Schulmeister mehr herauszubringen – umsonst. Entweder wußte er in der That nichts, oder er wollte nichts sagen. »Darauf hatte ich eine zweite Unterredung mit dem alten Verwalter. Sie hatte denselben Erfolg wie die erste, und er sagte mir am Ende achselzuckend: Da Sie nicht gegangen sind, wie ich Ihnen gerathen, so habe ich das Mädchen entfernen müssen. – Lange stand ich dann in der Kapelle vor meinem Werk und schaute unter Thränen das marmorne, blasse, geisterhafte und doch so liebe, liebe Gesicht an. O, meine Kunst hatte mir trefflich gedient: da war jeder ihrer reizenden Züge mit einer Treue wiedergegeben, mit einer Wahrheit, die mich jetzt schaudern machte. Mehrmals stand ich im Begriffe, mit Hammer und Meißel mein eigenes Werk zu verderben; aber eine unsichtbare Gewalt zog meinen Arm zurück, so oft mich dieser unselige Gedanke antrieb, die Hand zu erheben. Ich floh die Kapelle, packte meine Sachen zusammen, ich verließ das Thal und die Gegend; ich ging nach München zurück und legte mich auf genaue Kundschaft über die Verhältnisse jener gräflichen Familie, für die ich gearbeitet. Ich hoffte hier einen Faden zu erhalten, der mich auf ihre Spur leiten könnte. – Wenn sie, wie der Schulmeister mir angedeutet, nicht die Tochter des Verwalters war, wer konnte sie sein? – Ich erfuhr endlich, daß der jetzige Besitzer jener Herrschaft, Graf D., keine Kinder habe, wenigstens keine legitimen; doch erzählte man sich von einem gespannten Verhältnisse, in welchem er lange Zeit mit seiner Gemahlin gelebt. – War Rosalie vielleicht seine natürliche Tochter? – ein schrecklicher Gedanke, wenn ich ihre Züge nachgebildet am Grabe derjenigen, welche die Gemahlin ihres Vaters war, ohne ihre Mutter gewesen zu sein! »Aber meine Ruhe war dahin, meine Kunst widerte mich an. So oft ich nach jener Zeit den weichen Thon zu formen begann, so traten immer und ewig ihre Züge zu Tage. Ich verließ München wieder, ich wollte große Reisen unternehmen, weite unbekannte Länder sehen – ich hoffte, sie alsdann zu vergessen. Da ertönte aus den lombardischen Ebenen der erste Trompetenstoß, da entfaltete Radetzky, der große Feldherr, seine siegreiche Fahne, da vernahm ich, daß Graf D. in österreichische Dienste getreten war, um den glorreichen Feldzug des Jahres 1848 mitzumachen. Es war mir wie ein Wink des Schicksals, in seine Nähe zu eilen. Die Jugend hat sonderbare Träume – ich dachte an große Thaten, die ich verrichten wollte; ich sah mich auf blutgedüngtem Schlachtfelde, vielleicht in seiner, des Grafen Nähe. Er lag schwer verwundet in meinen Armen – so phantasirte ich – es war in stiller Nacht, er vertraute vor seinem Tode dem Deutschen, dem Landsmanne, ein Geheinniß an, das seine Brust bedrückte, er erzählte mir von jenem Schlosse und von einer Tochter, die ihm dort lebe – – solche Bilder beschäftigten meinen Geist und zerstörten meine Gesundheit. »Auf dem Wege nach Verona, wo sich damals die österreichische Armee befand, wurde ich krank und lag Monate lang an einem heftigen Fieber darnieder. Als ich wieder hergestellt war, schien der ganze Feldzug beendigt, Radetzky war siegreich in Mailand eingezogen, der Waffenstillstand mit Karl Albert geschlossen. Da ward dieser unverhofft gekündigt, der Marschall zog auf's Neue sein Schwert für die gerechte Sache; ich eilte hieher und meldete mich als Freiwilliger. Ich wurde angenommen, wie Sie bereits wissen, und – das ist meine ganze Geschichte.« So erzählte mir der junge Bildhauer, und seine Geschichte war mir so interessant, daß ich nicht bemerkte, wie schnell die Zeit verflogen. Unser Punsch war zu Ende, mehrere Cigarren ausgeraucht, und die Flamme des dreiarmigen Leuchters brannte dunkelroth, und zu dem Fenster herein drang der schwache Schein des anbrechenden Morgens. Da standen unsere unberührten Lagerstätten – wer wollte sich jetzt noch für eine kleine Stunde zur Ruhe legen? Mein junger Künstler war sichtlich aufgeregt und ging mit heftigen Schritten auf und nieder. In dem Nebenzimmer wurde es lebendig, Stimmen riefen, Säbel klirrten auf den Gängen und Treppen, im Hofe schmetterte lustig eine Trompete. Ich öffnete das Fenster und sah beim schwachen Scheine der Morgendämmerung, wie sich ein Stabsdragoner zu Fuß eilfertig dem Gasthofe näherte. Es war der Reiter, den ich bei meinen Pferden zurückgelassen. Ich rief ihm zu, daß ich auf Nummer Vier sei, und darauf sprang er die Treppe herauf und meldete mir, das Hauptquartier breche in einer Viertelstunde auf. Mein junger Bildhauer hatte sein Skizzenbuch wieder in das Felleisen gepackt, wir riefen nach einer Tasse Kaffee, die uns ein schlaftrunkener Kellner brachte; dann machten wir mit kaltem, frischem Wasser und einer Haarbürste unsere Toilette, und nahmen Abschied von einander, wie langjährige gute Freunde. Ehe ich aber den jungen Freiwilligen verließ, schrieb ich ihm auf eine Karte ein paar freundliche Worte an den Major v. C., einen liebenswürdigen Offizier, den ich kennen gelernt und bei dessen Bataillon mein junger Landsmann eingetheilt war. »Ich habe Sie in der That lieb gewonnen,« sagte er mir und drückte mir zum Abschiede herzlich die Hand; »ich hoffe, wir sehen uns wieder. Vielleicht auf dem Schlachtfelde – vielleicht auch im Spital« – setzte er lächelnd hinzu. »Gott wolle das verhüten!« versetzte ich ihm ernst; »doch für den Fall, daß Ihnen etwas begegnen sollte, nehmen Sie meine Karte – »Doktor Wellen beim Hauptquartier.« Wenn es möglich, so verlangen Sie nach mir oder schicken mir diese Karte zurück; ich werde Sie alsdann nach besten Kräften aufsuchen und will Sie gewiß finden. Adieu, mein lieber Freund – Muth und Vertrauen!« Er nahm sein Felleisen unter den Arm, warf den Mantel über und wir schieden von einander mit denselben Gefühlen, als ob wir uns schon lange Jahre gekannt hätten. Mit dem ersten Scheine des jungen Tages brach das Hauptquartier von Pavia auf, ich mit demselben. Es war ein schöner, klarer, etwas frostiger Morgen; die Pferde schüttelten sich und sogen schnaubend die kalte Luft ein. Drüben bei Graveltone sahen wir vor uns die letzten Truppentheile, welche heute noch in aller Frühe die Stadt passirt hatten. Wir ritten weiter – es fiel nichts von Bedeutung vor. Den folgenden Tag trafen wir auf jenes Jägerbataillon; es war die letzte Nacht durchmarschirt und uns so vorgekommen. Ich sprach den Kommandanten desselben, Major v. C; er hatte meine Karte erhalten, der Freiwillige war bereits eingekleidet und eingetheilt worden. »Ein hübscher Bursche!« sagte der Major, indem ich an ihm vorbeiritt und ihm herzlich die Hand schüttelte, »und er hat, glaube ich, den Teufel im Leibe – kennt das Exercitium wie ein alter Jäger.« »Ich glaube, er hat in Mailand darin Privatstunde genommen,« erwiderte ich lachend. »Wird ihm gut bekommen, die Lektion!« sagte der Major und blickte in die Luft hinauf; »es riecht hier verdammt nach Pulver, es kann mit Nächstem losgehen. Denken Sie an mich, Doktor!« »Na, leben Sie wohl! auf frohes Wiedersehen!« – Wir drückten uns herzlich die Hand und schieden. Da kam der Tag von Mortara. Es war Abends in einem kleinen Neste, ein paar Stunden von eben genannter Stadt – ich habe den Namen des Dorfes vergessen – da hörten wir vor uns und rechts neben uns die ersten Kanonenschüsse; unsere braven Truppen hatten in zwei Gefechten zu thun, bei Gambolo das eine, das bedeutendere bei Mortara. – Aber alles das ist genugsam bekannt. Noch in der Nacht verließ ich das Hauptquartier und ging nach Mortara, um da hülfreiche Hand zu leisten. Es gab genug zu thun, und sämmtliche Aerzte kamen aus den provisorisch eingerichteten Lazarethen diesen und den folgenden Tag nicht hinaus. Zwanzigstes Kapitel. Vor, während und nach der Schlacht. – Heute roth, morgen todt. Ich glaube nicht, fuhr der Präsident der Leimsudia, nachdem er einen tüchtigen Schluck aus seinem Glase gethan, nach einer Pause fort, daß es euch darum zu thun sein wird, von mir die Schilderung eines Verbandplatzes während und nach der Schlacht zu erhalten. Man sieht da an menschlichem Jammer und Elend, was die kühnste Phantasie nicht auszudenken im Stande ist, fürchterliche Leiden des Körpers und der Seele. Ich muß euch gestehen, ich betrachtete ängstlich jeden neuen Verwundeten, der mir gebracht wurde: denn ich fürchtete immer, meinen jungen Freund vor mir zu sehen mit zerschossenen Gliedern. Aus dieser Besorgniß riß mich endlich gegen Mitternacht Major v. C., der in das Spital kam – sein Bataillon lag dicht bei Mortara – um nach seinen verwundeten Leuten zu sehen. Die braven Jäger hatten sehr gelitten. Natürlich war meine erste Frage nach jenem jungen Manne. »Er ist wohl und gesund,« gab mir der Major zur Antwort, »und es freut mich außerordentlich. Geben Sie Acht, der bringts bald zum Offizier,« setzte er hinzu. »Freilich ein tollkühner Bursche, aber dabei mit einem ungeheuer kalten Blute, was man selten beisammen findet, und schießt zugleich wie ein Engel. Ich werde mich wahrhaftig genöthigt sehen, ihn zur silbernen Medaille vorzuschlagen, wenn er sich nicht in den nächsten Tagen vielleicht gar die goldene heraus haut.« – – Vor Mortara wich der Feind, wie bekannt zurück, und der König von Sardinien sammelte bei Novara seine ganze Streitmacht, um die österreichische Armee in ihrem Siegeslauf aufzuhalten. Es war eine blutige Affaire, die bei Novara, und als wir gegen Mittag das Schlachtfeld betraten, sah man die verschiedenen Gefechtaufstellungen, wie sie heute Morgen gewesen, bezeichnet durch Massen von Todten und Verwundeten, die überall herum lagen. – Hier gab's zu thun. Ich blieb auf dem ersten Verbandplatze, den wir erreicht, und bat einen der jungen Ordonnanzoffiziere, mich rufen zu lassen, sobald man meiner, was ich übrigens nicht hoffe, beim Hauptquartier bedürfe. Nachdem ich ein paar Stunden auf dem Verbandplatze mein Möglichstes gethan und in doppelter Hinsicht froh war, daß kein Bote an mich gekommen, sah ich einen Stabsdragoner eilfertig die Chaussee hinab eilen, der überall umher schaute und richtig auch mich zu suchen kam. Einem seiner Kameraden, im Gefolge des Hauptquartiers, war von einer Geschützkugel der Fuß weggerissen worden, und man beorderte mich, dorthin zu kommen. Ich warf mich aufs Pferd, und nach einer kleinen halben Stunde langten wir im Hauptquartier an. Dieses stand ziemlich tief im Feuer. Schon ehe wir den Feldmarschall erreichten, schlugen die schweren sechspfündigen Kugeln rechts und links auf die Chaussee und in die Weingärten. Mein Geschäft War bald beendigt; ich ließ den Verwundeten zurückbringen und blieb nun hier, um für alle Fälle bei der Hand zu sein. Es war ein grauenvoller Tag. Des Himmels Angesicht war verhüllt in graue Schleier ob all der Gräuel, die unter ihm geschahen; Nebelmassen sanken herab und wurden zerrissen wieder emporgeschleudert von dem unendlichen Pulverdampf, der die Ebene bedeckte. Einer meiner genauen Bekannten, ein Ordonnanzoffizier, Graf S., kam herangesprengt und suchte nach einem Arzte. Ich eilte mit ihm fort, in die Schlachtlinie hinein, um einem Offizier, der dort schwer verwundet lag, wo möglich Hülfe zu bringen. Wir hatten eine weite Strecke zu reiten. Ich rauchte eine Cigarre, der junge Offizier wollte sich die seinige bei mir anzünden – da, als wir unsere Pferde gegen einander dirigirten, fuhr eine Granate zischend und heulend zwischen unseren Köpfen hindurch – ein unwillkommenes Feuer. – Ich hatte bei diesem Ritt Gelegenheit, zu bemerken, wie wenige von den in einer Schlacht abgeschossenen Kugeln eigentlich treffen. Das pfiff und sauste immer nur so an uns vorbei und um uns herum und als wir näher kamen, waren die Vollkugeln und Granaten, die vor und hinter uns, rechts und links einschlugen, nicht mehr zu zählen. Ich hätte nimmer geglaubt, daß ich mir nach kurzer Zeit so wenig daraus machen würde, mich so als lebendige Scheibe hinzustellen; aber man wird das Ding gewohnt, und nur alsdann tief davon erschüttert, wenn man zufällig in die Nähe eines Bataillons kommt, wo so eine mörderische Kugel mehrere Rotten wegreißt und ein halbes Dutzend Menschen in ihrem Fluge dahin wirft, so daß die Nebenstehenden für einen Augenblick entsetzt auf die Seite prallen. Bald mischten sich unter das grobe Geschütz Kartätschen und einige weit gegangene Büchsen- und Flintenkugeln; auch mehrten sich die Leichen am Boden. Es war in der Nähe der Casa Visconti, einer Villa mit hohen Mauern und Thoren, die von den Piemontesen mit Geschütz und Mannschaft besetzt und aufs Hartnäckigste vertheidigt wurde. Hier litten besonders die Wiener Freiwilligenbataillone beim Sturm auf diese Villa. In der Richtung vom Hauptthore, aus dem vier Geschütze ein ununterbrochenes Kartätschenfeuer unterhielten, lagen ganze Reihen niedergestreckt. Wir ritten auf einem Feldwege, der uns dorthin brachte; und dieser Feldweg hatte das Angenehme, daß auf ihn alle Kartätschenkugeln, welche über die Häupter der Stürmenden hinwegsausten, einschlugen und sie waren wahrhaftig nicht zu zählen. »Reiten wir gerade aus?« rief ich dem jungen Offizier bei diesem Anblick zu; »oder machen wir einen kleinen Umweg?« »Immer der Nase nach!« entgegnete er lachend und warf sein Pferd in den Kugelregen hinein. Es war auf unserer Seite und zu den Füßen unserer Pferde ein Anblick, wie wenn im Sommer auf einer staubigen Chaussee schwere Regentropfen mit großer Gewalt aufschlagen, so zischte und klatschte es hier von allen Seiten, und das war eine Strecke von vielleicht hundert Schritten, die wir solcher Gestalt zu passiren hatten. Unter einem Baume, etwas rückwärts von der Schlachtlinie, fanden wir den Offizier, zu dessen Hülfe ich herbeigeeilt. Es war leider zu spät! Er hatte zwei Kartätschenkugeln in der Brust, und wir kamen früh genug, ihm die Augen zuzudrücken. Aber ich hätte ihn, auch wenn ich früher gekommen wäre, nicht retten können – jede der Verwundungen war tödtlich. Wir schwangen uns wieder auf unsere Pferde, um zum Hauptquartiere zurück zu eilen in dem Augenblicke, als ein frisches Jägerbataillon gegen das Thor der Villa geführt wurde. Es war Major v. C. – Ich zitterte ordentlich bei dem Gedanken an meinen jungen Künstler, ob er wohl noch unter den Lebenden sei, oder ob er nicht am Ende hier vor meinen Augen todtgeschossen werde. Unter lautem Hurrah kamen die Jäger heran. Gott sei Dank! dort sah ich ihn auf dem Flügel, das frische Gesicht von Pulverdampf geschwärzt. Er ging mit den Anderen freudig darauf los. wie zu einer Lustpartie: vorn auf der Brust zwischen dem schwarzen Lederzeug hatte er eine blaurothe Nelke stecken. Auch er erkannte mich; denn er winkte mit der Hand und zeigte freudig lachend auf das Thor droben, das immer dichtere Pulverwolken und immer zahlreichere Kartätschenkugeln ausspie. Wie gingen die braven, tapferen Jäger darauf los! Zuerst schwenkten sie etwas gegen die Mauer, dann wandten sie sich wieder dem Thore zu. Schon waren sie nicht fünfzig Schritte mehr davon entfernt, da blitzte es abermals aus diesem Höllenrachen hervor. Mehrere Kugeln hatten getroffen. Mancher, der eben in frischer Jugendkraft vorwärts geeilt war, lag zerschmettert am Boden, todt oder schwer verwundet. Mancher blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und stierte eine Sekunde vor sich hin – auf den bleichen Zügen die grauenhafteste Ueberraschung; dann ward sein eben noch so lebhafter Blick starr und gläsern, er drehte sich mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit herum und fiel todt auf das Gesicht. Aber der Anblick so mancher gefallenen braven Kameraden entflammte den Muth der Jäger höher und höher. Aufgepaßt! schrieen die Vorderen. – Nieder, nieder! Ganze Reihen bückten sich bei diesem Zurufe der Kameraden tief auf den Boden. Droben auf der Villa krachten abermals die Schüsse, pfiffen abermals die Kugeln, sausten aber unschädlich über die am Boden liegende Mannschaft hinweg. Wie Ein Mann erhob sich diese wieder und eilte in wilden Sprüngen vorwärts. So stürzt der Tiger auf seine Beute. Da hörte man keinen Schuß mehr aus der Reihe der Jäger; die Büchse mit dem doppelschneidigen Hirschfänger zum Stoßapparat umgewandelt, waren die Verwegensten von ihnen in drei, vier Sätzen vor dem Thore der Villa. Die piemontesischen Artilleristen hatten in diesem Leben zum letzten Male gefeiert. Kobolden gleich verschwanden die Jäger und die Wiener Freiwilligen zwischen den Gebäuden. Der Pulverdampf verzog sich langsam, die blanken Kanonenmündungen sahen jetzt zum ersten Male stumm und still auf das Todtenfeld hinaus, und nachdem drinnen in dem Hofraum der Kampf unter Flinten- und Büchsenschüssen noch einige Minuten fortgedauert, waren die Piemontesen verjagt und die stark befestigte Villa genommen. Wir ritten durch das Thor hinein, über Leichen und Sterbende hinweg. Drüben sammelte der tapfere Major von C. seine Leute aufs Neue, um die Braven zur weiteren Arbeit zu führen. Ich hatte nun Zeit, ihm meine Bewunderung auszudrücken und mich nach meinem jungen Freunde umzuschauen. Da war er an der Seite des Majors frisch und lebendig, aber um den Kopf hatte er ein weißes Tuch gebunden und darüber keck den Jägerhut aufs Ohr gesetzt. »Ein kleiner Säbelhieb!« rief er mir zu; »unbedeutend, nicht der Rede werth!« Seine Nelke hatte er noch im Knopfloch stecken, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu sagen: »Aber warum haben Sie sich mit Blumen geschmückt?« worauf er mir antwortete: »Ein Festtag! ein Freudentag!« und dann setzte er leiser hinzu: »Es war ihre Lieblingsblume.« – »Narrenpossen!« brummte der Major, indem er den Schweiß von der Stirne wischte; »ich habe das heute Morgen schon gesagt, thun Sie mir das Ding weg! Wozu die rothe Blume? Wir sehen ja Blut genug um uns.« – »Wenn Sie befehlen, Herr Major,« antwortete er darauf, »so stecke ich sie in die Tasche.« – Und er that also. »Wer mich kennt,« sagte der Major leise zu mir, »weiß, daß ich ebenso getrost mit meinem Bataillon gegen den Feind marschire, als ich einen Spaziergang mache; aber so was kann ich nicht leiden: das Ding sah aus, wie eine klaffende Wunde auf der Brust. – Nun Gott befohlen! – Vorwärts, Kinder! – Adieu, Adieu!« Die Jäger stießen wieder zu ihrer Division, wir kehrten nach dem Hauptquartier zurück. Die Schlacht dauerte bis zum Abend, Die Nebel sanken wie graue Schleier auf den Boden nieder und bedeckten darauf mit einem feinen Regen Tausende der Unglücklichen, die hier beisammen lagen. Das Hauptquartier ging nach Charlasco zurück; doch brauchten wir mehrere Stunden, um Schritt für Schritt durch den Knäuel von Menschen und Pferden, Geschützen und Wagen zu dringen, mit denen die Landstraße bedeckt war. Es war spät in der Nacht, als wir in unser Quartier kamen. Keiner hatte nach diesem aufregenden Tagewerke Lust, sogleich zu Bette zu gehen; auch fehlte noch mancher der Ordonnanzoffiziere, die da und dorthin auf das Schlachtfeld geschickt worden waren und deren Rückkehr wir abwarten wollten. Im Kamine brannte ein großes Feuer, wir saßen im Kreise herum und erzählten unsere Erlebnisse. Bald hörten wir jedoch Pferdegetrappel, Einer um den Andern kam zurück, durchnäßt und müde, zuletzt Graf S., der am Schlimmsten aussah – denn er hatte keinen Paletot, und an dem dünnen Attila troff das Regenwasser herunter. »Du siehst schön aus!« riefen ihm die Kameraden zu; wie kann man auch in dem Wetter ohne Mantel ausreiten?« »Ihr habt gut reden!« sagte lustig der Husarenoffizier; »wie ihr mich da seht und ich da vor euch stehe, bin ich wahrhaftig noch ein paar Procent besser, als der heilige Martin. Der hat seinen Mantel mit jenem Armen nur getheilt, ich habe den meinigen ganz weggegeben. Habt Respekt – ei, das ist ja der Doktor!« wandte er sich an mich; »Sie sind an meiner außerordentlichen That die Hauptursache.« Mich überschlich bei diesen Worten eine traurige Ahnung. »Da habe ich etwas für Sie,« fuhr Graf S. fort; dabei hob er seine Säbeltasche in die Höhe und zog ein kleines Stück Papier heraus, das er mir darreichte. Es war meine Karte, die ich vor einigen Tagen in Pavia dem jungen Freiwilligen gegeben. Sie war zerknittert, von Pulver geschwärzt – – mit Blut befleckt. »Erzähle,« liefen die anderen Offiziere, was hast du getrieben?« Auch ich bat mit leiser Stimme darum. »Als Alles vorbei war,« sagte der Husar offen, dem man begreiflicher Weise den besten Platz am Herde eingeräumt – »wurde ich mit einem Befehle bedacht, den ich nach dem zweiten Armeecorps bringen sollte; ich habe in solchen Fällen immer das meiste Glück. Mein Pferd war müde, ich auch, wir Beide ebenfalls durchnäßt, aber der Dienst rief. Was Teufel! ich hatte nicht daran gedacht, nochmals in die Nacht hinaus zu müssen; ich dachte mir: die Sache ist zu Ende, jetzt geht's nach Hause, und deßhalb hatte ich auch so ziemlich alle Direktionen verloren, und es war mir nur eine unbestimmte Idee davon geblieben, wo der Stab des zweiten Corps vielleicht zu finden sei. Da stand ich allein in der Nacht, unter dem strömenden Regen, und schaute mich rings um. Mein Pferd ließ die Ohren hangen und wandte sich mehrmals der Gegend zu, von woher man noch das Geklirre des abziehenden Hauptquartiers vernahm. Zu all dem Vergnügen war es noch stockdunkel, tiefe Wassergraben gab es auf allen Seiten, wie ich genau wußte – die Sache war höchst amusant.«– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Hier unterbrach sich der erzählende Präsident der würdigen Gesellschaft und sagte, aus dem bisherigen Tone fallend: »Aber ich erzähle euch da ein Geschichte, die euch vielleicht langweilt; ich muß wahrhaftig fürchten, daß man mir die Schande anthut und den Leimtopf wieder auf's Feuer setzt; ich glaube, es ist besser, wenn ich mit ein paar Worten meine Geschichte zu Ende bringe. »Nein, nein!« versetzte der Herr mit dem rothen Gesicht eifrig; »dagegen protestire ich feierlichst; es wäre in der That nicht zu verantworten, wenn wir den jungen, braven Husaren nächtlicher Weise so lange auf dem Schlachtfelde ließen.« »Ja, in Regen und Kälte!« setzte der lange Regierungsrath hinzu, »das hört sich im trockenen Clubzimmer so behaglich an – Regen, Nacht und Schlachtfeld, ich glaube, unser würdiger Präsident bedient sich arglistiger Schriftstellerkniffe, er will unsere Erwartung aufs Höchste spannen.« »Wahrhaftig, nein!« sagte der Ebenerwähnte; »aber es ist schon ziemlich spät in der Nacht, und ich fürchte in der That, die Gesellschaft zu langweilen.« »Ich dächte, wir wollen hierüber abstimmen,« sprach wichtig der dicke Herr mit dem rothen Gesicht, »unparteiisch abstimmen. Wer dafür ist, daß unser Präsident nicht weiter erzähle, der krieche unter den Tisch.« Nach diesem sinnreichen Vorschlage sah sich der dicke Herr rings um und sagte mit feierlicher Stimme: »die Gesellschaft ist einstimmig zu dem Beschlüsse gekommen, der Präsident habe in seiner Erzählung fortzufahren.« »Nichts Bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, Wenn hinten weit in der Türkei Die Völker auf einander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus, Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; Dann kehrt man Abends froh nach Haus Und segnet Fried' und Friedenszeiten.« recitirte der lange Regierungsrath, und der Präsident fuhr also fort: »Ich that,« so erzählte der junge Husaren-Offizier am Kaminfeuer, »was an meiner Stelle jeder brave Kavallerist ebenfalls gethan hätte: ich wandte den Kopf meines Pferdes dem Schlachtfelde zu, trieb das müde Thier vorwärts und ließ es, nachdem ich so die Richtung angegeben, seinen Weg selbst suchen. Das war das Beste, was ich thun konnte, und statt in die Wassergräben hineinzupurzeln, was unfehlbar geschehen wäre, hätte ich den Zügel fest in der Hand behalten, kletterte jetzt der brave Chalif an den Abhängen hinunter und hinauf, daß es eine Freude war. Bald erreichte ich einen Feldweg, der mir für meine Direktion passend erschien, und nun ging's schon schneller vorwärts. Bald war ich mitten auf dem erkalteten Schlachtfelde; ich befand mich in entsetzlicher, grauenhafter Umgebung. Es ist eigenthümlich, daß man das während der Schlacht so fast gar nicht fühlt, daß die Stunden des heißesten Kampfes so gar nichts Erschütterndes, nichts Entmuthigendes für den Soldaten haben. Der Artillerist folgt dem Geschütz mit Lust und Liebe, er nimmt ruhig sein Ziel, und seine Belohnung ist, wenn die Kugel in die dichtesten Haufen der Feinde einschlägt und dort Tod und Verwüstung bringt. Der Reiter scheint Eins zu sein mit seinem Pferde – ein tiefer Athemzug schwellt die Brust beim Signal zum Angriff; alle Leidenschaften find erwacht, während er den feindlichen Kavalleriemassen entgegenstürmt. Falle, wen es trifft. – Ueber Pferde, über die Leiche des Nebenmannes geht er weg, er kann sich nicht nach ihm umschauen, er kann ihn nur rächen. Die Geschütze krachen, hie und da schallt Trommelwirbel, die Fahnen flattern – es gilt eine Verschanzung zu nehmen, eine Höhe zu stürmen; mit lautem Hurrah stürzen die Colonnen darauf los. Wenn auch ganze Reihen von den feindlichen Kartätschen niedergerissen werden – die Nachfolgenden schließen ihre Glieder wieder und behalten fest im Auge den Punkt da oben, wo es aufblitzt, wo sich die weiße Rauchwolke emporthürmt – die feindliche Stellung. »Sind sie aber erobert, die mörderischen Geschütze, ist ihr metallener Mund verstummt, sind alle Positionen genommen, zeigen lange Staubwolken dort drüben und dazwischen hervorblitzende Gewehrläufe und Helme den geschlagenen Feind, wie er sich eilig zurückzieht; dann blickt der Soldat rückwärts auf die Strecke, die er heute im heißen Kampfe zurückgelegt, und sucht mit den Augen die Stelle, wo unter Haufen anderer Gefallener sein Freund, sein Bruder ausgestreckt liegen könne. Aber jetzt ist noch keine Zeit zum Aufsuchen der Gefallenen, zur Klage um die Todten; der Soldat muß bleiben, wo er ist, die Nacht sinkt herab, muß das Schlachtfeld behaupten. Aber er sitzt nicht wohlgemuth um das Feuer, er spricht nicht laut und fröhlich mit seinen Kameraden; nur leise flüstern sie zusammen, denn die da draußen, die umher liegen, sprechen zu laut, zu entsetzlich. Wer nicht dabei war, kann sich keinen Begriff machen von dem unheimlichen Gefühl, mit dem man Nachts über das Schlachtfeld reitet. Man hört so verschiedenartige Töne, Klagen, Stöhnen, unendlich grausenhaft und unheimlich; und dazu sieht man rechts und links oder gerade vor sich im Wege dunkle Punkte, und wenn zufällig der Mond ein kleines Streiflicht durch zerrissene Wellen sendet, so erkennt man diese Punkte, diese schauerlichen Hügel – da liegen sie lang ausgestreckt, zerrissen und blutig, und hie und da glaubt man eine Bewegung, ein Zucken zu bemerken, und irrt sich wohl auch nicht; denn noch liegt dort alles durch einander, Lebendige und Todte.– – – »Dazu pfiff Regen und Wind über die Ebene, und je weiter ich hinaus kam, desto stärker hörte ich die unheimlichen Töne, desto mehr sah ich die dunklen Gruppen rechts und links umher liegen. Mein Pferd schien alle Müdigkeit verloren zu haben; es schnaubte heftig und drängte zuweilen zitternd in die Zügel, um vorwärts zu kommen. Ihm waren seine todten Kameraden, die zusammengeschossen waren und in ihren Geschirren an Pulverwagen und Geschützen lagen, ein Gräuel. So kam ich in die Gegend der Casa Visconti – wissen Sie, da, wo wir heute zusammen waren; aber ich mochte nicht durch das Gehöft reiten, es war mir darin zu viel geschehen, es mußte gräßlich aussehen zwischen den Mauern des Hofes. Gleich hinter der kleinen Villa begegnete ich einer Kavallerie-Patrouille, die mir ungefähr den Weg nach dem zweiten Corps anzeigte. Ich hatte nun den blutigsten Theil des Schlachtfeldes hinter mir und konnte rascher weiter. Doch hatte ich keine Viertelstunde im Trabe zurückgelegt, als ich Feuer sah und von einem Jägerposten angerufen wurde. Es war das Bataillon des Majors von C., der hier bivouakirte. An dem konnte ich nicht vorbei reiten. Ich lenkte mein Pferd gegen das Feuer. Da saß er auf ein paar Tornistern, die Knie in die Höhe gezogen, den Kopf darauf gestützt; er rauchte aus einer kurzen Pfeife und starrte in die spielenden Flammen. Beim Hufschlage meines Pferdes blickte er auf – ich rief ihm meinen Namen zu, und als er mich erkannte, als ich ihm gesagt, ich komme über das Schlachtfeld herüber vom Hauptquartier her, schüttelte er sich und sagte: Nicht wahr, da sieht's gräßlich aus? –Schauerlich, entgegnete ich ihm, ihr müßt furchtbar gelitten haben. – Viel, viel, entgegnete er mir kopfschüttelnd, lauter brave Leute. Apropos! Wenn Ihr ins Hauptquartier zurückkommt, so gebt diese Karte dem Freunde Wellen; ich habe sie von jenem jungen Manne, er weiß schon, von wem – ja, ja, setzte er düster hinzu, man soll auf dem Schlachtfelde keinen Spaß treiben; mich hat die rothe Nelke, als ich sie diesen Morgen bei ihm sah, schon genirt, und just auf der Stelle traf ihn eine feindliche Büchsenkugel.« Ihr könnt euch denken, fuhr der Präsident nach einer kleinen Pause fort, wie ich athemlos und gespannt der Erzählung des Husarenoffiziers lauschte; hundertmal wollt' ich ihn unterbrechen, um ihn zu fragen: Und wo ist der, der diese Karte für mich gab? Aber wenn ich das kleine Blatt Papier betrachtete, mit dem starrenden Blute daran, so hatte ich nicht den Muth, diese Frage zu stellen – ich wußte die Antwort im Voraus. – – – – – – – – – – – – – – »Also er ist todt?« fragte ich nach einem langen Stillschweigen den Grafen S. – Er antwortete mir darauf: »Ganz genau konnte der Major von C. es gerade nicht sagen; wie ich aber schon erzählt, hatte nicht weit von Casa Visconti, vielleicht eine Stunde nachdem wir dort waren, bei der neuen Attaque ihn eine Büchsenkugel in die Brust getroffen; einer der Aerzte, der zufällig in der Nähe war, schüttelte den Kopf, doch ließ ihn der Major augenblicklich nach dem nächsten Verbandplätze schaffen; was aus ihm geworden, wußte er natürlicher Weise nicht.« »Und welcher Verbandplatz kann das sein?« rief ich aufspringend; »ich muß dahin, ich muß den armen jungen Menschen sehen!« Der Adjutant des Marschalls, Major E., der ebenfalls am Kaminfeuer saß, sagte nach einem kleinen Nachdenken: »das muß am Ende der Schlacht gewesen sein. In der Nähe der Casa Visconti; also ist er nach einem der Verbandplätze gebracht worden, die sich in den Häusern unter den Mauern von Novara befinden. Da wird er morgen dorthin in's Spital kommen.« »Aber was meinen Sie, kann ich ihn wohl heute Nacht noch aufsuchen?« »Lassen Sie das bleiben,« sagte Graf S., »'s ist keine Möglichkeit, Doktor, einen einzelnen Verwundeten zu finden; alle Felder, Wege und Brücken in der Nähe der Stadt stecken so voll von Militär, daß es nicht möglich ist, durchzukommen; auch könnten Sie bei den Vorposten große Schwierigkeiten haben. – Ja, das vergaß ich auch noch zu erzählen, es gehört zu meinem Bericht: ich fand nun das zweite Armeecorps zunächst der Stadt, und in letzterer schien der Teufel los zu sein. Da brannten ein paar Häuser und Gewehrschüsse knallten dazwischen. Sie müssen sich unter einander in den Haaren liegen; denn wir haben blos die Stadt cernirt, von den Unsrigen ist noch Niemand hinein.« Was sollte ich also thun? Alle riethen mir, den Morgen abzuwarten und dann meine Nachforschung anzustellen. Das that ich denn auch nach besten Kräften, aber Alles vergeblich. Obgleich ich von Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht des folgenden Tages auf den Beinen war, obgleich ich alle Verbandplätze besuchte und selbst mit ein paar Bekannten das Schlachtfeld auf's Eifrigste untersuchte – ich fand keine Spur von meinem jungen Künstler. Da waren die Soldaten beschäftigt und machten große Gruben und legten die todten Kameraden hinein, und bei manchen dieser Gruben blieb ich stundenlang stehen und betrachtete genau die herbeigebrachten Leichen und dachte immer: jetzt wirst du auch ihn erkennen. Umsonst! ich fand ihn nicht. Das Hauptquartier blieb während der Schlacht mehrere Tage in Novara, und diese Zeit benutzte ich zu den sorgfältigsten Nachforschungen. Mein Platz war ja überhaupt in den Spitälern, sowie in den Kirchen, wo man eine Menge Verwundeter untergebracht. Aber nebendem ließ ich auch kein Haus in der Umgegend ununtersucht, wo sich noch schwer Kranke befanden, die man nicht, transportiren konnte. Aber Alles umsonst! Die einzige Spur, die ich von dem jungen Bildhauer erhielt, bestand in der Aussage zweier seiner Kameraden, die ihn, als er schwer verwundet wurde, aus dem Kampfe zurückgebracht hatten. Diese Beiden versicherten mir, sie haben ihn bis zum nächsten Verbandplätze getragen und dort einem Unterärzte übergeben, der aber die Verwundung achselzuckend betrachtet. Er habe ihm freilich auf ihre dringenden Bitten hin einen Verband angelegt, doch dabei gesagt, das sei alles unnütz, die Kugel sei zu tief gegangen. – – Es war mir, als habe ich einen langjährigen Freund verloren, und ihr könnt euch denken, mit welch schmerzlichem Gefühle ich einige Tage später über das Schlachtfeld ritt, als wir nach Mailand zurückkehrten. Es war ein unfreundlicher Morgen, in der vergangenen Nacht war Schnee gefallen und bedeckte die Vertiefungen des Terrains. Um so schauerlicher aber ragten aus dem weißen Grunde die vielen, vielen Grabhügel hervor, an denen ich vorbei mußte. Hier und dort hatten die Kameraden auf dieselben einen großen Stein hingewälzt oder ein einfaches hölzernes Kreuz dahin gesetzt. Ich mußte beim Vorbeireiten jedes einzelne betrachten und dachte: unter welchem magst du schlafen, mein armer Freiwilliger? Wo mag deine nun erkaltete Künstlerhand ruhen und dein warmes Herz, das dich hieher getrieben aus dem Frühling des Lebens in diesen Winter des Todes?« So erzählte Doktor Wellen, und die Gesellschaft saß bei dieser Erzählung ruhig und still. »Präsident! sagte nach einer langen Pause der dicke Herr mit dem rothen Gesicht, »ich glaube, Ihr macht es wieder wie die schlechten Schriftsteller: Ihr habt gewiß noch etwas von jener Erzählung auf dem Herzen und haltet damit hinter dem Berge. Heraus damit! Erzählen Sie ein glückliches Ende der Geschichte, sonst thue ich aus Alteration die ganze Nacht kein Auge zu, und Ihr werdet morgen zu einem Kranken mehr gerufen.« »Das sollte mir leid thun,« entgegnete der Doktor mit einem trüben Lächeln; »aber ich kann euch wahrhaftig nicht mehr sagen, als ich weiß. Seit jenen für mich so denkwürdigen Tagen sind einige Jahre verstrichen, und obgleich ich mehreren Kollegen, die dort bleiben, für diesen Fall meine Adresse hinterließ, habe ich nicht eine Sylbe erfahren – mir ein sicheres Zeichen, daß der unglückliche Freiwillige gestorben ist. – – Aber es ist nun über alle Maßen spät geworden, wahrhaftig ein Uhr lange vorüber, und ich erkläre hiemit die heutige Sitzung als aufgehoben.« Der Präsident setzte nach diesen Worten seinen Hut auf; die Lampe und der Leimtopf wurden dem Kellner feierlichst zur Aufbewahrung eingehändigt, und die Gesellschaft ging aus einander.