Walther Harich Der Aufstieg Roman aus der alten Provinz   Verfaßt 1925 zuerst gedruckt 1972 1. Natürlich konnte der alte Amende nicht wie die andern Menschen zur polnischen Vorstadt hinunterlaufen, um dem Einzug des neuen Postvorstehers zuzusehen, obwohl er gern gewußt hätte, was das für Leute sind. Seine Frau aber trat schon aus der Tür, die schwarze Mantille umgenommen, die schutenartige Haube auf dem Kopf, und sogar an den Handschuhen knöpfte sie die letzten Knöpfe zu. Der rote Sonnenschirm unter ihrem Arm fuhr bei der Bewegung der Hände heftig nach rechts und nach links. Der Alte wußte natürlich, wo Ernestine hinwollte. Aber sie sagte, daß sie nur frische Luft schnappen ginge, etwa an den See hinunter. Der Gohlungsee wurde nämlich gerade abgelassen, und es gab dort immer Interessantes zu sehen: den Bau der Schleuse, die die Zuflüsse regulieren sollte, und die Baggermaschine (die neue Firma Schichau in Elbing hatte sie geliefert), die durch den Wassergrund hindurch einen Abzugsgraben aushob. Diese Arbeiten standen im Mittelpunkt des Stadtgesprächs, und die Gohlunger gingen hinunter, um zuzuschauen, denn die Trockenlegung des Sees bedeutete für sie nicht mehr und nicht weniger als den Anschluß an die neue Zeit. Alle Gemeinwesen rührten sich, die Städte nahmen zu, die Konkurrenz war groß. Man mußte jetzt anfangen zu rechnen. Was nutzte der See, der an die zwanzig Hufen besten Weidegrunds bedeckte! Wenn man Wasser wollte, hatte man auf der andern Seite der Stadt immer noch den Mariensee, auch wenn er eine halbe Meile ablag. Der Gohlungsee hingegen mußte an Heu und Weide das Zehnfache des jetzigen Fischereipachtgeldes bringen. Kein Bürger der aufstrebenden Zeit (es war um das Jahr 1880 herum) konnte sich dem verschließen. Der Buchdruckereibesitzer Amende wußte aber trotz der Wichtigkeit dessen, was da unten am See vor sich ging, daß seine Frau etwas ganz anderes wollte. Natürlich würde sie die Bergstraße hinuntergehen und unten vielleicht auch einen Blick auf die Baggermaschine werfen. Aber dann würde sie in die polnische Vorstadt weitergehen, wohin heute alle Frauen unter irgendeinem Vorwand strebten. Vielleicht würde sie bei der jungen Frau Kreisbaumeister vorsprechen, aber alles das nur, um zu sehen, wie vor dem ehemals Lakiesschen Haus die Möbel des neuen Postvorstehers aus dem Wagen geladen wurden. Es schienen feine Leute zu sein, weil sie sich gleich das hübsche Haus gekauft hatten; als ob sie Gutsbesitzer gewesen wären und nun in die Stadt zögen. Im übrigen wußte man noch nicht viel von ihnen. Es hieß, sie kämen aus dem Elbingschen, andere sagten, irgendwoher aus dem Litauischen sogar, aus der Gegend von Insterburg, und der Postvorsteher Ambrus sollte eine Frau aus der hiesigen Gegend haben, eine geborene Gnuschke aus Gnuschkenhof, eine Meile vor der Stadt, und die alte Frau Gnuschke sollte bei ihm wohnen. Mein Gott, wie lange war es her, daß die Gnuschkes nicht mehr in Gnuschkenhof wohnten! »Sieh zu, was für ein Schreibtisch dabei ist«, rief Herr Amende seiner Frau nach. Der Schreibtisch war für ihn ein Wertmesser, denn er hatte sich soeben bei Tischlermeister Tannenberg einen neuen aus Birnbaumholz arbeiten lassen. Einen hohen Sekretär mit Geheimfächern und versteckter Schnappfeder, im Stil eines griechischen Tempels, mit gedrehten Säulen und reich geschnitztem Kapitäl. Die Schnitzereien hatte sich Tannenberg aus einer Königsberger Fabrik kommen lassen, und er war auf diese Verbindung besonders stolz. Herrn Amende gefiel der Sekretär ungemein. Es war auch eine Schublade für Schnupftabak darin (er selbst sagte »Schniefke« darauf), aber er hätte sich doch geärgert, wenn der Postvorsteher mit so einem neumodischen Diplomatentisch angekommen wäre, wie ihn Bismarck und der alte Kaiser auf den Bildern haben. Man soll übrigens nicht meinen, daß das Interesse Amendes für Herrn Ambrus bloße Neugierde gewesen wäre. Der Postvorsteher war eine wichtige Persönlichkeit für ihn. Die »Gohlunger Kreiszeitung« erschien jetzt dreimal wöchentlich, und jedesmal waren an die sechshundert Exemplare beim Postamt aufzuliefern. Alle Gutsbesitzer des Kreises, die Pfarrer und Gemeindevorsteher, die Gutsinspektoren und die Gastwirte, alle hielten die »Gohlunger Kreiszeitung«. Allein in die benachbarte Stadt Liebstadt gingen an die achtzig Exemplare und nicht viel weniger nach Pr. Holland. Dort allerdings gebot die »Elbinger Kreiszeitung« halt. Bei solchen Massenauflieferungen – der kleine blaue Handwagen war ganz voll, und Pörschke, der Laufjunge, hatte im Schweiße seines Angesichts zu schieben, wenn er die Post aufs Amt brachte – war das Wohlwollen der Postbehörde vonnöten. Herr Amende gestand sich wohl ein, daß dieser Versand eine unziemliche Belastung einer kaiserlichen Behörde bedeutete. Schließlich war ein Postvorsteher in seiner blauen goldbesetzten Uniform nicht für die Zeitung da, und der Schalterbeamte machte Schwierigkeiten. Herr Amende bedachte das alles, nahm eine Prise und spuckte an der Ecke des Marktes aus. Beides pflegte bei ihm aufeinanderzufolgen. Es war die gewohnte Vormittagsstunde, in der er sich vor dem Hause die Beine vertrat. Er bewohnte mit Geschäft und Familie ein Eckhaus am Markt, dort wo die Milchstraße einbiegt. Vor dem Eingang zum Laden standen zwei Linden. Er hatte sie mit eigener Hand gepflanzt, als er vor vierundzwanzig Jahren von Leipzig nach Gohlungen gezogen war, um hier die Druckerei einzurichten. Diese Druckerei nahm damals nur zwei Räume des unteren Stockes ein. Vorn lagen die Papiervorräte, und hinten stand die hölzerne Druckpresse, die er selber mit einem Gesellen bediente. Er selbst hatte noch ein Zimmer daneben, von dem aus er den Markt überschauen konnte. Er war damals ein vielbegehrter Junggeselle gewesen, und die Bürgertöchter spazierten nur so auf dem Markt herum, wenn er mit der Pfeife am Feierabend in seinem Fenster saß. Allmählich hatte er sich dann über das ganze Haus ausgebreitet und neulich sogar noch den Stall hinter dem Hof ausbauen müssen. Frau und Kinder waren hinzugekommen, und die Bürgertöchter gingen nicht mehr so eifrig auf dem Markt spazieren. Seit vier Jahren war nun noch der Laden eingerichtet, in dem Schreibwaren und sogar Bücher verkauft wurden, das Werk Willys, des Sohnes. Der Laden und sein Privatkontor, in dem Tannenbergs Sekretär stand, nahmen jetzt die ganze Vorderseite ein. Dahinter lag das Kontor, in dem Fräulein Haase waltete. Sie mußte die Tür zum Laden offenhalten, weil sie auch vorn verkaufte. Nur über Mittag oder an den Markttagen, wenn der Andrang zu groß war, kam ihr Frau Amende zu Hilfe. Die Druckerei aber war schon seit einigen Jahren in den Setzersaal und den Maschinensaal geteilt. Das war, seit die Zeitung ihren unerwarteten Aufschwung genommen hatte. Die Wohnung lag im ersten Stock. Man kam über den alten hölzernen Beischlag – die Schnitzereien daran waren aber noch nicht aus einer Königsberger Fabrik verschrieben – in den Hausflur, von dem die Treppe emporführte. Man hatte schon eine Last auf den Schultern und ein ganzes Pult mit vollgefüllten Schubfächern im Kopf zu tragen, wenn man so gegen zehn Uhr vormittags eine halbe Stunde lang vor dem Haus auf und ab ging. Gewöhnlich schnob Herr Amende zwischen dem Beischlag und der Marktecke hin und her, wenn aber der Jude Simon nebenbei vor seiner Tür stand, beschränkte er sich auf den Raum zwischen den beiden Linden. Er konnte Simon nicht leiden, seit der ihm für einen Schafspelz mit Biberkragen achteinhalb Taler abgenommen hatte. Achteinhalb Taler sind kein Pappenstiel, und überhaupt hatte er den Pelz gar nicht gebraucht. So kehrte er schon vor dem Beischlag um und ging wieder zur Ecke zurück, wo jetzt, auf der andern Seite, die Frau Bäckermeister Lagenpusch in ihrer blitzblanken weißen Schürze stand und ihm zunickte. Er mochte die Frau mit den blanken braunen Augen wohl leiden und dachte nicht ohne Behagen daran, daß sie ebensogut Frau Amende hätte werden können wie seine Ernestine. Aber man wußte damals noch nicht so recht, wie sich die Druckerei anlassen würde, und so war eines Tages aus der hübschen Trude Engling die Frau Bäckermeister Lagenpusch geworden. Doch das weiße Gebäck, die »Schlesacks«, kaufte man nur bei ihr. Die Rathausuhr schlug ein Viertel auf elf, es war Zeit, hineinzugehen. Herr Amende warf noch einen Blick über den Marktplatz, der menschenleer in der Sonne lag und zwischen den Steinen das grüne Gras sprießen ließ. Er verglich seine Uhr mit der auf dem Turm und wollte sich gerade durch den Laden wieder ins Kontor begeben, als Willy mit Stock und Hut hinaustrat. »Du willst wohl Druckaufträge sammeln?« fragte der Alte mit angenommenem Grimm. »Ja, Vater, wenn du gestattest.« Aber »Druckaufträge sammeln« hieß, wie der Alte wohl wußte, nichts anders, als daß Willy bei einigen Bekannten vorsprach, meistenteils nur bei seinem Freund, dem Kaufmann Heinz Winkler auf der andern Seite des Marktes, und dort einen Anisschnaps »genehmigte«. Herr Amende sagte darüber nichts, denn an diesem Sohn hatte er ein Wohlgefallen. Aber diesmal ging Willy Amende an Winklers Laden vorüber, die kurze Bergstraße hinunter und in die polnische Vorstadt. Diese Straße beherbergte nicht etwa, wie man meinen könnte, polnisches Volk, sondern sie hatte ihren Namen lediglich daher, daß sie nach Süden aus der Stadt hinaus und so schließlich im weiteren Verlauf auch einmal nach Polen führen mußte. Der junge Buchdrucker bemühte sich um eine möglichst geschäftsmäßige Haltung. Man sollte nicht denken, daß er etwa zwecklos hier herumstrich oder gar dem Deutschen Haus oder weiter unten dem Hotel Dorsch zustrebte. Andrerseits lag ihm nicht viel daran, rasch vorwärts zu kommen, denn die Straße war bald durchmessen und der Häuser, in denen er etwas zu tun haben konnte, waren nicht viele. Hinter dem Seiler Liedtke, der vielleicht ein Inserat über seine selbstgedrehten, reinfaserigen Stricke aufzugeben gesonnen war (man konnte ihm bis vierzig Prozent Rabatt geben), kam das hübsche Lakiessche Haus, in das heute früh die neue Postvorsteherfamilie einziehen sollte. Schräg gegenüber lag dann noch das Häuschen des Kreisbaumeisters Bresgott, dann aber begann schon die Landstraße, und auf ihr hätte er sich in dieser Stunde um keinen Preis der Welt blicken lassen. Heinz Winkler hatte ihm nämlich gesteckt, daß sich Fräulein Regine Steinbock für heute um halb elf ein Fäßchen Heringe nebst verschiedenem Mostrich, Schmierseifen und anderen Waren hatte bereitstellen lassen. Ausdrücklich habe sie gesagt, daß sie selbst die Sachen im Wagen gegen halb elf abholen würde. Und dieses Fräulein Regine Steinbock hier in der polnischen Vorstadt zu sehen, wie sie in ihrem Wagen aus Schwenkendorf kam, um Mostrich, Heringe, Schmierseifen und andere Waren von Heinz Winkler abzuholen, war der Zweck seines Ausgangs. Er durfte sogar hoffen, sie zu grüßen, da er ihr im Winter auf dem Eis durch den Kandidaten des höheren Schulamts, Herrn Ollech, der ihre kleinen Geschwister in der Privatschule unterrichtete, vorgestellt worden war. * Aber er war schon am Hotel Dorsch vorüber und sah den Tafelwagen mit den beiden schnittigen Füchsen noch immer nicht kommen, obwohl es jeden Augenblick vom Rathausturm halb elf schlagen konnte. Den Schritt noch mehr zurückzuhalten, ging schlecht an, so drang er denn kühn bis zum Seiler Liedtke vor, von dem ihm im Augenblick einfiel, daß seine Frau am Tag vorher ein Kindchen bekommen hatte. Zwanzig, dreißig Schritte weiter vor dem Lakiesschen Haus hielten zwei Bretterwagen mit den Möbeln des neuen Postvorstehers, in Decken gehüllt und in gelbes Stroh eingelagert. Starke Männer – er erkannte sie an dem Kutscher Böhnke als die Packer des Fuhrgeschäfts Günther – trugen die Sachen mit Gurten ins Haus. Kinder und einige Erwachsene hatten sich angesammelt und verstellten die Aussicht. Vielleicht konnte man sich dazustellen und den Schwenkendorfer Wagen in Ruhe vorüberlassen. Wem konnte es auffallen, wenn man sich einen Umzug ansah, wie er hier selten genug vor sich ging? Schon wollte er hingehen, als er seine Mutter erblickte. Sie unterhielt sich mit dem Seiler, der im Torbogen seines Hauses seine Stricke knüpfte, und sah nach den abgeladenen Möbeln hin. Da hatte die gütige Mutter der Frau Liedtke offenbar ein wenig Wäsche oder einen stärkenden Wein gebracht oder sich auch vielleicht nur nach dem Befinden von Mutter und Kind erkundigen wollen. Er trat, froh des Anlasses, zu ihnen hin. »Ihr müßt ein Inserat aufgeben«, sagte er zu dem Seiler. »Gerade jetzt, wo der Stammhalter da ist, muß das Geschäft aufblühen.« Aber der junge Meister wollte nichts davon wissen. »Die Königsberger Fabriken«, sagte er, »nehmen uns alles weg. Das wird noch ein paar Jährchen dauern, und niemand kauft mehr seine Bindfäden von einem richtigen Meister.« Sie unterhielten sich über die Zukunft des Handwerks, das keinen goldenen Boden mehr habe. »Nun ist noch die Eisenbahn gekommen«, rief Liedtke, der heute viel an die bedrohte Zukunft seines Sohnes in den Windeln denken mochte, »jetzt kann sich jeder alles aus den großen Städten schicken lassen, und wir haben das Nachsehen.« Auch Frau Ernestine meinte, daß schwere Zeiten kämen. Mit der Druckerei ginge es ja noch, aber das Handwerk ginge durch die Fabriken herunter. »Dann muß man selbst Fabrik werden«, entschied Willy. Es war sein Lieblingsthema. Seine Ohren wurden rot vor Aufregung, und die von vieler Nachtlektüre angegriffenen Augen funkelten hinter der Brille, die er leider auf der ein wenig zu großen Nase tragen mußte. »Selbst Fabrik werden!« Er hatte die Umständlichkeit des Handwerks genugsam am eigenen Leibe zu kosten bekommen. Da war ihm von den drei Jahren der Druckerlehre nur ein Jahr erlassen worden, obwohl er seit Kindheit auf in den Ferien am Setzkasten gestanden hatte. Eigentlich taugte er überhaupt nicht für diesen Beruf und in die kleine Stadt. Er hatte das Gymnasium in Elbing und späterhin in Hohenstein besucht und Philologie studieren wollen, und saß schon auf Sekunda, als sein Vater auf einmal erkrankte und er nach Hause mußte, um nach dem Rechten zu sehen. Ein ganzes Jahr hindurch hatte er das Geschäft fast selbständig geführt. Es war gerade die Zeit, als sich aus dem Amtlichen Kreisblatt die »Gohlunger Kreiszeitung« entwickelte. Als dann der Vater wieder gesund wurde, war es zu spät, auf die Schule zurückzukehren. Aber nun mußte er noch zwei Jahre Lehrzeit im väterlichen Geschäft abreißen. Es ist nötig, sagte der Alte, sonst kannst du später keine Lehrlinge einstellen, und Lehrlinge sind die billigsten Arbeitskräfte. Willy merkte das an sich selbst, denn während er als Lehrling dem Geschäft einen Setzer sparte, mußte er noch Fräulein Haase in der Buchhaltung helfen, baute das Papiergeschäft weiter aus, verschrieb sogar einige neuere Bücher wie Wilhelm Jordans »Nibelungen« und »Soll und Haben« und schließlich sogar einiges von Fritz Reuter, der damals in Mode kam. Diese Bücher standen viele Monate im Schaufenster, aber schließlich wurden sie doch verkauft und waren mit anderen seitdem vielleicht schon zehnmal neu verschrieben worden. Als aber die Lehrzeit herum war, da hielt es ihn nicht länger in der kleinen Stadt. Er begab sich auf die Wanderschaft, war an vielen Orten als Setzer tätig und kam bis zum Rhein. Schließlich landete er bei Breitkopf und Härtel in Leipzig, der weltbekannten Firma, von der aus vor vielen Jahren sein Vater nach Ostpreußen gekommen war. Er stand mehrmals am Grabe des Großvaters, dicht an der Kirche in Eutritzsch, wo der Selige als Organist und Kantor gewirkt hatte und freute sich, daß dieses Grab, das er gewissermaßen als Ursprungsort seiner eigenen Person auffaßte, mitten in Deutschland und nicht so weit im Osten lag. Gerade in Leipzig verdiente er gut, weil er hier als alter Sekundaner mit dem Setzen griechischer Klassiker beschäftigt wurde. So skandierte er wieder, jetzt am Setzerpult, die beliebten Hexameter Homers und durfte die Reden des Demosthenes wenigstens in guten Satz bringen, wenn seine Schulkenntnisse auch nicht ausreichten, sie ganz zu verstehen. Als er nach drei Gehilfenjahren in die Heimat zurückkehrte und der Vater erwartete, daß er nach der weiten Reise abgerissen und ohne einen Groschen aus dem Wagen steigen würde, knüpfte er das Taschentuch auf und wies fünfzig blanke Talerstücke vor. »Dazu habe ich dich nicht in die Welt geschickt«, brummte der Alte, der sich noch recht wohl von den Tanzböden her auf die Leipziger Mädchen besann. Aber er war doch stolz auf den tüchtigen Sohn und sah schon den Tag herannahen, an dem er Willy als »und Sohn« in die Firma aufnehmen würde. Nun war Willy schon über ein Jahr zu Hause und strebte der Mitte der Zwanziger zu, und alle wußten, daß er die Hauptlast des Geschäfts auf seinen Schultern trug. Er hatte im Reich die Augen ordentlich aufgemacht, die neuesten Maschinen kennengelernt und sah, daß man hier oben in Preußen noch weit zurück war. Er träumte davon, im großen zu wirtschaften, dem Geschäft ein fabrikartiges Ansehen zu geben, und schob seinen Alten vorwärts, daß diesem angst und bange wurde. Die »Gohlunger Kreiszeitung« kletterte schon an das dritte Tausend heran, obwohl die Stadt selbst nur viertausend Einwohner hatte. Aber das Wesen der Fabrik ist der Export, dachte Willy, auch bei der Zeitung. So tiftelte er Verbindungen zu den Nachbarstädten und den größeren Dörfern heraus, suchte überall Beziehungen aufzunehmen, und als endlich die Eisenbahn kam und so recht Wasser auf seine Mühle war, gab er einmal sogar zwanzig Taler für Blechschilder aus, die im ganzen Kreis an alten Scheunen, Wirtshäusern, Straßenecken zum Abonnement der »Gohlunger Kreiszeitung« mit dem »Amtlichen Kreisblatt« einluden. Der Vater schalt über die Ausgabe, aber Willy rechnete ihm vor, daß sich die zwanzig Taler nicht nur gut verzinsten, sondern sich in einem halben Jahr schon dreifach eingebracht hatten. Von Zinsenrechnung aber wollte der Alte nichts wissen. »Das ist etwas für Juden«, sagte er, »das kannst du dem Herrn Simon von nebenan erzählen.« Er rechnete nur nach Einnahmen und Ausgaben, und was dann übrigblieb, war der Gewinn, und in den Gewinn, der im Eßzimmer in der großen Truhe unter Mutters Tischtüchern und Bettlaken lag, brachte der Sohn Unruhe durch seine ewigen Anschaffungen – die neue gußeiserne Druckpresse aus Frankenthal am Rhein war darunter. Die beiden älteren Schwestern, die auswärts verheiratet waren, beklagten sich in Jammerbriefen darüber. »Der Junge rechnet wie der Teufel«, sagte Herr Amende zu seinen Freunden, mit denen er abends beim Braunbier zusammensaß. Er meinte nicht nur die Fixigkeit und Genauigkeit – darin war er dem Sohn immer noch über –, sondern er wollte zugleich damit ausdrücken, daß für ihn diese Art zu rechnen etwas Teuflisches hatte, das zur Hölle führen müsse. Und wer weiß, ob er nicht recht hatte? Da er aber den Vorteil schließlich erkannte, gewöhnte er sich daran, daß mit der jungen Generation eine neue Art, das Leben zu packen, aufkam. Schließlich war der große Krieg gewonnen worden, der Erfolg war da, und man konnte schon auf Bismarck und die deutsche Zukunft vertrauen. Nur, der Junge verkehrte doch etwas zuviel mit den Rechenmeistern. Zu den Rechenmeistern gehörte nicht nur Heinz Winkler am Markt, sondern auch der Kreissekretär Schäfer, den man jetzt sogar zum Rendanten der neuen Kreissparkasse gemacht hatte. Herr Schäfer stand schon in der Mitte der Dreißiger, und er sah – was einigermaßen mit seinen neuen Ideen versöhnen mochte – aus wie ein bürokratisierter Bismarck. Er war groß und mächtig von Gestalt, und über den breiten Schultern saß ein dicker runder Kopf mit spiegelnder Glatze. Er trug wie Bismarck nur einen kurz geschnittenen Schnurbart, mußte aber die Ähnlichkeit durch eine Brille wieder herabmildern. Im übrigen hatte Herr Schäfer eigentlich wenig von Bismarck. Seine Stärke war, daß er alle Bestimmungen kannte. Sonntags sah man ihn in Hemdsärmeln mit einer langen Angelrute am Ufer des Mariensees sitzen. Ganz friedlich und stundenlang, ohne sich zu rühren, saß er da. Aber seit die neue Kreissparkasse da war, machte er Jagd auf Geld und wollte von jedem Menschen eine Summe haben, die er mit zweieinhalb Prozent zu verzinsen vorgab. Auf diesen Unsinn war Willy hereingefallen und lag dem Vater in den Ohren, sein Geld auf die Sparkasse zu geben. Diesmal war der Alte geradezu wütend. »Was? Zweieinhalb Taler bekomme ich für meine hundert Taler, und das soll ein Vorteil sein? Was wird derweil aus meinen hundert Talern?« »Die kannst du dir ja jederzeit wieder abholen, Vater.« »Da ist ein Haken dabei. Und außerdem ist es dann aufgeschrieben, und jeder kann es ablesen, wieviel Groschen ich mir erspart habe.« Er hatte nämlich nicht wenige Taler in der Truhe liegen und fand es sehr überflüssig, daß jemand davon erführe. Selbst Willy wußte nicht um die Höhe der Summe. Aber auf einmal – es war erst vor einem halben Jahr gewesen – war Herr Amende am Vormittag auf das Landratsamt im Dohnaschlößchen gegangen und eine ganze Stunde bei Herrn Schäfer geblieben, hatte dann zu Hause große Pakete gemacht und ging neben Pörschke her, der diese Pakete im blauen Handwagen zum Dohnaschlößchen schieben mußte, und ließ sie in das Büro des Herrn Kreissekretärs schleppen, wobei er immer neben dem keuchenden Pörschke herging. Er sagte den ganzen Tag nichts darüber, und erst am Abend, als sie bei der Mehlsuppe zusammensaßen, fuhr er den Sohn an: »Was, zweieinhalb Prozent will der Schäfer dir geben? Mir gibt er drei Prozent!« Am nächsten Vormittag erzählte der Kreissekretär im Hinterzimmer bei Heinz Winkler von siebentausend Talern, und die Freunde genehmigten ein Extragläschen. Aber drei Prozent bewilligte die Kreissparkasse Herrn Amende in der Tat. Graf Kanitz, der Landrat, hatte es ausdrücklich erlauben müssen. Willy erfuhr auf diese Weise von der Höhe der Summe und überlegte sich, daß über lang oder kurz das Nachbarhaus zugekauft werden müßte. »Man muß Fabrik werden, oder man ist verloren«, sagte er zum Seilermeister Liedtke und dachte an die Vergrößerung der Druckerei. Inzwischen war der Schwenkendorfer Wagen mit Regine noch immer nicht vorbeigekommen. »Ich muß mir doch einmal diesen Umzug ansehen«, sagte Willy und ging weiter. »Sieh nach, was für ein Schreibtisch dabei ist«, rief die Mutter ihm nach. Sie wagte im Schuldbewußtsein der eigenen Neugierde nicht näher an die Wagen heranzutreten, ebensowenig wie Willy es gewagt hätte, auf die Chaussee hinauszugehen. Das Lakiessche Haus war ein langgestreckter weißer Bau mit rotem Dach. Es stand mit der Längsseite zur Straße. Unten hatte es, wie Willy wußte, fünf große Zimmer und eine Küche. Eine Treppe hoch lagen nur noch Mansardenzimmer, die aber auch geräumig waren und als Schlafzimmer benutzt werden konnten. Vor dem Hause, an der Längsseite, standen vier Edeltannen, was als ungewöhnlich zu buchen war. Nach hinten gab es einen großen Hof und eine Scheune, die jetzt, da kein Land mehr zu dem Haus gehörte, eigentlich überflüssig war. Hinter der Scheune und einem Gemüsegarten begann gleich der Gohlungsee, und man sah schon im Geiste, wie sich die weiten und fetten Wiesen an Stelle des Sees bis zum Horizont hin erstrecken würden, wenn erst die Arbeiten beendet waren. Das Ganze machte einen anheimelnden, ja stattlichen Eindruck, und man kann ermessen, daß die Gohlunger neugierig auf einen Postvorsteher waren, der damit anfing, sich dieses hübsche Haus zu kaufen. Jetzt allerdings waren Haustür und alle Fenster mit den blitzenden Butzenscheiben weit aufgerissen. Die Leute aus Günthers Fuhrgeschäft luden schon den zweiten Wagen ab. Im Innern sah man Menschen herumwirken. Den Pferden waren die Sielen über den Rücken geworfen, sie standen inmitten des Lärms ruhig und bissen an der Deichsel herum. Vor der Tür stand ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren und gab den Packern Anweisungen, wo sie die Möbel hinzutragen hätten. »Der Sessel in den Salon. – Das ist Küchenzeug. – Die Bettkiste auf den Boden. – Die Lampen vorläufig alle in die Küche.« Jetzt luden die Männer ein besonders schweres Stück ab. Es war eine Ausziehkommode, die als unteres ausziehbares Schubfach das Bett für das Dienstmädchen enthält. Willy kannte dieses Möbelstück von Hause. Die Kommode wurde ebenfalls in die Küche kommandiert. Sie war das erste Stück, das vom zweiten Wagen abgeladen wurde. Der war noch ganz voll von Möbeln und Kisten, die sich mit unheimlichen Umrissen in den grauen Decken übereinandertürmten. Man konnte kaum erkennen, was darunter steckte, und nur ein Klavier hob sich deutlich aus den Massen. Es mußte als nächstes Stück herankommen. Wie die Männer dieses schwere Ding schleppten, wollte sich Willy noch ansehen. Von Zeit zu Zeit erschien eine Dienstmagd in der Haustür, mit aufgebundenen Röcken und in roten Wollstrümpfen. Die Holzpantinen hatte sie drinnen abgestellt. Sie rang jedesmal die Hände und schrie dem Fräulein zu, daß ja »noch nuscht, rein jarnuscht« abgeladen wäre. Auch den Postvorsteher konnte man sehen, wie er sich aus dem Fenster beugte und nach den Wagen sah. Willy dachte an die aufzuliefernden Zeitungen und sah ihn sich genau an. Er hatte eine freundliche, außergewöhnlich hohe Stirn und trug einen dunkeln weichen Vollbart, aber seine Gesichtsfarbe schien ungesund, und in den Augen lag etwas Trauriges, fast Schwärmerisches. »Der taugt nicht in ein Büro«, dachte der junge Amende und hatte recht Postvorsteher Ambras war noch einer von jenen aus der Zeit, als die Post noch mit Pferden besorgt wurde und zur Posthalterei ein großer Wirtschaftshof mit Ställen und Knechten gehörte. So einer wie der Posthalter Rekittke, der nun zur Ruhe gesetzt war, seit die Eisenbahn von Elbing nach dem Süden der Provinz ging. Die seltsamsten Sachen wurden von dem Wagen heruntergeholt. Da gab es an die zwanzig Geweihe, deren geperlte Stangen sich zu Knäueln ineinanderschlangen. Ein ausgestopfter Fuchs kam zum Vorschein, einige Vögel, darunter eine Ente, deren Federn wie Perlmutter spielten, und sogar einige Öldrucke von Jagdszenen in goldenen Rahmen. Willy gab angesichts solcher Beweise eines vornehmen Lebenswandels die Hoffnung auf, mit diesen Menschen je bekannt zu werden. Dazwischen aber unterließ er es doch keineswegs, nach dem jungen Fräulein Ambrus hinzuschielen. Sie war stattlich gewachsen und hatte ein volles regelmäßiges Gesicht. Das braune Haar trug sie über der Stirn gescheitelt und hinten mit einem Kamm aufgesteckt. Sie gefiel ihm, und er bewunderte ihre energische Art, mit der sie den Männern ihre Weisungen gab. Da auch sie mehrmals nach ihm hinsah und in ihm die Einwohnerschaft ihrer neuen Heimat abtaxieren zu wollen schien, hielt er es schließlich für unschicklich, hier noch länger stehenzubleiben, und wäre wirklich zurückgegangen, obwohl der Schwenkendorfer Wagen sich noch immer nicht blicken ließ. Auch hielt er es für nötig, an die Arbeit zurückzukehren. Aber seine Mutter verabschiedete sich gerade von Herrn Liedtke, und wenn er jetzt umkehrte, hätte er sie begleiten müssen. Um keinen Preis der Welt aber wollte er Regine in Gegenwart seiner Mutter grüßen. Jedoch Frau Amende benutzte den Vorwand, der ihr geboten war, und kam auf ihren Sohn zugeschritten. So konnten die Menschen denken, daß sie ihn nur abhole, während sie dann doch wenigstens einen verstohlenen Blick auf das Drum und Dran der neuen Gohlunger warf. Willy bemerkte in diesem Augenblick einen Kopf, der sich zum Fenster hinausbeugte, den Kopf eines jungen Mannes. Und gleich darauf stand die ganze Person in der Tür: eine große, aufgereckte Gestalt mit energischem Gesicht, das durch studentische Narben über und über gezeichnet war. Dunkelbraunes Haar hing ihm lockig über die Stirn, und ein stattlicher Schnurrbart war frech aufgezwirbelt. »Richard Ambrus!« flüsterte Willy seiner Mutter zu. Er hatte ihn im Augenblick erkannt, obwohl er ihn seit zehn Jahren nicht wiedergesehen hatte. Der Ambrus, der auf dem Elbinger Gymnasium einige Klassen über ihm gesessen hatte und der Abgott der jüngeren Schüler gewesen war. Jetzt wußte er, was ihm bei dem Namen des Postverwalters aufgefallen war. Dies war Richard Ambrus, genau so mußte er sein. Richard Ambrus war herausgekommen, weil die Männer jetzt das Klavier vom Wagen hoben und vor der Tür niedersetzten. Er fegte die Umhüllung ab, zog den Schlüssel aus der Tasche, klappte den Deckel hoch und schlug in die Tasten, drei-, viermal. Die Umstehenden schmunzelten. Es gab volle rauschende Akkorde und dann den Anfang der Donauwellen. »Richard!« rief der Postvorsteher aus dem Fenster. Der Studiosus, oder was er sein mochte, hörte im Augenblick auf und ließ die grinsenden Männer das Instrument hineintragen. Willy hatte mit einem Seitenblick gesehen, wie Fräulein Ambrus die Füße wie zum Tanz setzte und sich jetzt scheu umsah, ob es jemand bemerkt hätte. Willy fand sie in dieser Stellung bezaubernd. In diesem Augenblick ratterte der Schwenkendorfer Wagen mit den beiden Füchsen über das Pflaster und hielt vor dem Lakiesschen Haus an. Der alte Herr Steinbock und Regine saßen darin, und Herr Steinbock winkte schon von weitem dem Herrn Postvorsteher im Fenster mit erhobenem Arm zu. Zum Unglück mußte gerade jetzt die Mutter sich umdrehen und Willy zum Gehen auffordern. Er warf noch einen Blick zurück, ob es angezeigt wäre, Regine zu grüßen, die aber hatte ihn gar nicht bemerkt, sondern sah zu Richard Ambrus hinüber, der das Hineintragen des Klaviers leitete. Mit einem leisen Aufseufzen folgte Willy der Mutter. 2. Was war das für eine wundervolle Stadt, das alte Gohlungen! Ihre Straßen waren nicht schön, und der Markt mit dem alten Rathaus in der Mitte und den Linden und den alten Beischlägen ringsum lag meistens still da. Man konnte zur englischen Vorstadt hineinkommen und zur polnischen Vorstadt herausgehen, ohne einen Menschen zu treffen, wenn nicht gerade ein paar Mägde bei der Pumpe in der Ecke des Marktes standen und mit den Eimern an der Pede Wasser holten. Dann aber wieder wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen. Lange Wagenzüge fuhren, ohne abzureißen, durch die Stadt, auf dem Markt standen dicht bei dicht die Karren der Verkäufer vom Lande und hatten mehr, als die viertausend Gohlunger zum Essen, zum Einmachen oder als Vorräte gebrauchen konnten. Zwanzig Kastenwagen oder noch mehr standen da mit Kartoffeln oder mit Kohlköpfen, eine ganze Reihe von Ständen entlang wurden Fische aus den benachbarten großen Seen angeboten, in großen Holzkästen wimmelten die grünen oder braunen Krebse, Kälber und halbe Schweine hingen an eisernen Haken. Je nach der Jahreszeit lagen Kiepen voller Erdbeeren, Blaubeeren oder Brombeeren aus dem Stadtwald oder dem Tannenwald herum. Dazwischen schoben sich die Hausfrauen mit den bauschigen Turnüren durch das Gedränge, die Mägde mit Korb und Tasche hinter sich. Es wurde gerufen, gefeilscht, angepriesen, zurückgewiesen, gekauft, als wäre dieser Dienstagmarkt der letzte, der je stattfinden würde. Gegen Abend lag die Stadt wieder still, und die alten Weiber aus dem Armenhaus sammelten unter der Aufsicht der Polizisten Daniel und Geball die Papierfetzen und den zurückgebliebenen Kehricht auf, und am nächsten Tag war der Markt wieder wie ausgestorben. Aber am Freitag ging es wieder los und am nächsten Dienstag schon wieder. Man wußte nicht, wer das alles kaufen konnte, aber es wurde gekauft, das Stof Erdbeeren für drei Pfennig, das Schock Krebse gar für fünfzehn, ganz zu schweigen von den Hammeln und Kälbern, die dutzendweise unter dem Hackbeil der Metzger verschwanden und in die Markttaschen und Körbe wanderten, und den Karotten und Radieschen und den Kaulbarsen und Karauschen, die mit offenen Mäulern und blutigen Kiemen noch nach Luft zu schnappen schienen. Aber die Landleute kauften auch in der Stadt. Die Kommis der Manufakturwaren- und Konfektionshandlung von A. W. Seidel hatten alle Hände voll zu tun, wälzten die Ballen der bedruckten Kattune, maßen mit der Elle, schnitten mit der Schere. Fitzelband, Barchent, Knöpfe, große Wirtschaftsschürzen häuften sich auf den Tonbänken, Fräuleins kletterten auf den hohen Leitern auf und nieder, und dazwischen ging Herr Seidel mit dem Kneifer auf der Nase im Laden herum, rieb sich hier schmunzelnd die Hände, schnauzte dort, machte hier eine Verbeugung, riß dort eine Tür auf. Nicht anders ging es bei Heinz Winkler am Markt zu, dessen Mutter an der Kasse saß, ganze Geldhaufen einstrich und mit bewunderswert schnellen Fingern herausgab. Selbst bei Amendes, obwohl sie weniger auf die Markttage angewiesen waren, war der Laden voll von Leuten, die Formulare und Einwickelpapier, Gesangbücher und Haussegen haben wollten, Kalender und Bleistifte und Federn, denn damals fing man auch auf dem Lande schon an, einzutragen und Buch zu führen. Auch hier setzte sich Frau Ernestine an die Kasse, rief Fräulein Haase zu, wo die neuen Milchbücher lagen, suchte unter den Rollen Pergamentpapier die leichtesten heraus. Willy unterhielt in der Zwischenzeit die Kunden, fragte sie nach ihrer Zufriedenheit mit der Zeitung und dem Befinden der Frau Gemahlin. Der alte Amende ging wortlos herum, bot hier und da schweigend eine Prise Schniefke an und stieß plötzlich wie ein Habicht zu, wenn er irgendwo Unordnung witterte. An diesen Tagen kam man auch bei Amendes nur spät und einzeln an den Mittagstisch. Noch lauter aber ging es im Englischen Hof und bei Scheffler oder bei Leßheim zu. Die Ställe waren überfüllt, und die Pferde standen bis in die Einfahrt. Alle Augenblicke mußte jemand mit der Peitsche herausstürzen und dreinschlagen, weil die Pferde sich schlugen und bissen. Die Männer saßen in den Gaststuben oder standen an den Tonbänken, besprachen Verkauf und Einkauf, schmissen Lagen und gossen einen »Bonbon« nach dem andern in die Gurgel. Wenn es zu laut wurde, erschien der Hausknecht mit aufgekrempelten Ärmeln in der Tür, denn auf die Polizisten konnte man nicht warten. Die hatten auf dem Markt genug zu tun, und alle Augenblicke sah man, wie der dünne strenge Geball oder der dicke gutmütige Daniel einen am Schlafittchen hatte und abführte. So ging es an den Markttagen zu, aber das war nicht alles. Was die Gohlunger wirklich beschäftigte, das waren die großen alten Adelsfamilien der Umgegend. Da saßen die Dohnas auf wohl zwanzig Gütern, die Grafen Kanitz, die Barone v. d. Goltz, die Finkensteins, die Freiherren v. Buddenbrok, die v. d. Gröben, die Edlen v. Greve, um nur einige zu nennen. Die Gohlunger kannten sie alle, wenn sie in die Stadt gefahren kamen, um Einkäufe zu machen. Sie erkannten sie schon von weitem an den Pferden, den Wagen und den Kutschern. Wenn Graf Kanitz, der Landrat, der im Dohnaschlößchen residierte, eine Gesellschaft gab, dann stand es in dichten Reihen um das Barockportal des Schloßhofs, um die Auffahrt der Coupés und Karossen anzusehen. Einige Mutige drückten sich auch in den Hof hinein, und ganz Bevorzugte wurden vom Kreissekretär Schäfer, der auch im Dohnaschlößchen wohnte, eingeladen, die Auffahrt vom Fenster aus zu bewundern, wo man die Herrschaften sogar aussteigen sehen konnte. Die Gohlunger hatten ganz recht, denn die Gesellschaft, die sich jährlich zwei-, dreimal im Dohnaschlößchen versammelte, stand nicht hinter der Berliner Hofgesellschaft zurück, ja es war dieselbe. Und die Gohlunger Kaufleute, Heinz Winkler oder Herr A. W. Seidel oder der Apotheker Schnepper, bedienten nicht geringere Herrschaften als irgendein Hoflieferant in der Residenz. Mit diesen Kreisen hatten gewöhnliche Sterbliche natürlich keine Berührung. Es war schon viel, sie zu sehen oder ihnen im Laden mit einem Bückling die Tür aufreißen zu dürfen, und kaum dem Landrat konnte man auf der Straße begegnen. Meistens fuhr er im Wagen zur Stadt hinaus, oder er erging sich mit der Gräfin und den Komtessen im Garten des Dohnaschlößchens, der im alten Burggraben hinter dem Schloß angelegt war und im weiten Schwung fast ein ganzes Viertel der Stadt umspannte. Ein Teil dieses Gartens war dem Kreissekretär Schäfer zugewiesen, und wenn Willy Amende seinen Freund dort besuchte, konnte er bei gutem Glück die gräfliche Familie hinter Buchsbaumhecken in der Ferne wandeln sehen. Aber zweimal im Jahr mengten sich auch die Adelsfamilien unter das Volk. Das eine Mal im Herbst auf dem Bazar des Frauenvereins vom Roten Kreuz, dem die Landrätin vorstand. Der große Saal und die Nebenräume des Deutschen Hauses waren dann in ein orientalisches Zeltlager verwandelt, in dem die Frauen und Töchter der Honoratioren die gestifteten Torten und Beutel, Mappen, Bilder, Straußenfedern, Vasen, Aschbecher und tausend Andenken und Geschenkartikel zu wohltätigem Zweck verkauften. In besonderen Buden wurde nach Preisen geschossen, gewürfelt und das Glücksrad gedreht, und in einem rot ausgeschlagenen Zelt verkauften die schönsten jungen Frauen – immer war die Frau Kreisbaumeister Bresgott darunter – glasweise Sekt Auf der Bühne wurde von Liebhabern ein Lustspiel gespielt oder auch von Dilettanten Musik gemacht. Auch hier zeichnete sich die Kreisbaumeisterin aus, indem sie mit ihrer herrlichen und sogar ausgebildeten Stimme Lieder von Abt oder Franz oder gar von dem modernen und schwer verständlichen Hildach sang. Oft mußte auch Herr Schnepper mit seiner Geige heran. Dann gab es gewöhnlich das Largo von Händel oder das Ave Maria von Bach-Gounod. In einem Nebenraum spielten drei Mann von der Pelzschen Kapelle aus Elbing zum Tanz auf. Jeder Tanz kostete einen Groschen. Alles, was in Gohlungen zur besseren Gesellschaft gehörte, freute sich das ganze Jahr über auf diesen Bazar. Nur die Kaufleute schimpften, weil sie Waren in Menge unentgeltlich hergeben mußten, ohne daß der Ertrag des Festes auch nur einigermaßen im Einklang mit ihren Opfern gestanden hätte. Aber gegen die allgemeine Begeisterung für den Bazar konnte niemand ankämpfen. Jedes Jahr leitete er die Wintersaison mit ihren Gesellschaften und Tanzabenden ein, und es war ein so vornehmer und offizieller Auftakt, wie man sich ihn nur wünschen konnte. In einer Bude zu verkaufen oder gar bei dem Theaterstück mitzuwirken, war hohe Auszeichnung. Das ganze Jahr über wurde von den einzelnen Leistungen oder den Kleidern, die die Damen getragen hatten, gesprochen. Jedesmal gegen Abend erschien der Landadel im Saal, kaufte pflichtschuldig von dem Tand, ließ sich Sekt einschenken, sah dem Tanz oder auch dem Theaterstück zu und zog sich nach einer Stunde zurück. Das Fest aber ging mit Trinken und Tanzen bis weit in die Nacht hinein weiter. Hier spannen sich die Verlobungen an, wurden von der allgemeinen Meinung gutgeheißen oder von Beginn an mit übler Nachrede verfolgt. Hier zeigte es sich, wer mit wem verkehrte. Hier wurden die Händedrücke gemessen oder die Worte gezählt, die das landrätliche Paar austeilte. Das zweite Fest fand zur Zeit der größten Kälte im Januar oder Februar statt und hieß kurzweg Schlittenfest. An ihm konnte jeder teilnehmen, der Schlitten und Pferde hatte oder von Bekannten in einen Schlitten aufgenommen wurde. Die Schlitten des ganzen Kreises versammelten sich um vier Uhr nachmittags in der Zölp. Die Zölp war eigentlich der Sitz der Verwaltung des Oberländischen Kanals, der die großen Seen miteinander verband und durch seine »schiefen Ebenen«, ein Schleusensystem nach amerikanischem Muster, berühmt war. Die Zölp lag malerisch an der Stelle, wo der Kanal aus dem Samrothsee hinaustritt und in den Rötloffsee einmündet. Gegenüber dem Sitz des Regierungsbaumeisters lag, ganz im Walde und unter hohen Bäumen, ein Gasthaus, das beim Schlittenfest seinen großen Tag erlebte. Es hatte fast den ganzen Kreis Gohlungen mit Spritzkuchen und Raderkuchen, mit Kaffee und mit Grog zu laben und zu letzen. Zwei Stunden lang drängte sich alles in den Zimmern und auf der großen heizbaren Glasveranda zusammen. Dann sank die Zölp wieder in ihre ländliche Ruhe zurück. Die Gutsbesitzer, die auf dieser Seite von Gohlungen wohnten, fuhren direkt nach der Zölp, aber die Schlitten von der anderen Seite des Kreises und aus der Stadt selbst sammelten sich gegen zwei Uhr auf dem Markt von Gohlungen. Es war ein Korso von unvergleichlicher Pracht der Pferde und Gefährte. Man sah Geschirre, die über und über mit schwerem Silber beschlagen waren, ganze Kettengehänge von Glocken und Glöckchen, malerische Kopfaufputze der Pferde aus blauen und roten Federbüschen, silbergewirkte Netze, die den Tieren übergeworfen waren, scharlachrote Schabracken mit Goldstickereien. Einige spannten drei Pferde nach Art einer russischen Troika zusammen, wieder andere zwei Pferde, aber nicht neben-, sondern hintereinander. Im allgemeinen aber hielt man sich lieber an die landesübliche Art und fand die besondere Bespannung gesucht. Es waren durchgehends so wundervolle Schlitten, daß die Gohlunger sich schon freuten, wenn wenigstens der Schlitten des Herrn A. W. Seidel nicht allzusehr von den anderen abstach. Eine Stunde lang etwa fuhren diese Schlitten auf dem Markt herum und ließen sich bewundern, dann kam der schwere, metallbeschlagene Schlitten des Landrats mit den beiden breitbrüstigen Rappen aus dem Portal des Schlößchens gefahren, fuhr einmal zum Gruß um den Markt herum, setzte sich an die Spitze, und nun ging es im schlanken Trab durch die englische Vorstadt und den schneeüberhangenen Wald zur Zölp, wo man sich mit den anderen Schlitten vereinigte. Gegen sieben Uhr abends aber fuhr die ganze Kavalkade wieder in Gohlungen ein. Zwei Fackelträger sprengten dem Zug voraus, und in jedem Schlitten brannte qualmend und durch die schnelle Fahrt nach hinten gerissen eine Pechfackel. Die Gesichter waren durch das unstete Licht seltsam verzerrt, Lederzeug und glänzende Beschläge, seltsame Formen von Schlittenkufen, kostbare Pelze, schlanke Tierleiber und Frauengestalten, alles zitterte im Schein der magischen Beleuchtung vorüber und zog durch den Dampf der Pferde und der Fackeln wie auf Nebelwolken hoch in den Lüften einher. Bei dem schnellen Tempo mußte man sich von Schlitten zu Schlitten zurufen, wenn Stockungen eintraten, um nicht auf einanderzupreschen. Es war ein phantastischer Zug von Lichtfetzen, Dampfschwaden und lautem Hussa. Der Schwärm fiel in das Hotel Dorsch ein, und dort ging es nun die ganze Nacht hindurch mit Essen, Trinken und Tanzen. Die Champagnerpfropfen knallten, die Wachslichter bogen sich unter der Hitze, der Boden dröhnte unter dem Stampfen der Quadrillen und dem Scharren und Schleifen der Tanzenden. Erst gegen Morgen fuhren die letzten Schlitten fort. Das waren die beiden Feste, auf denen sich der Landadel unter die Gohlunger Gesellschaft mischte. Aber auch sonst, wenn man mehr unter sich war, fehlte es nicht an Abwechslung. Da gab es zum Beispiel alljährlich Kaisers Geburtstag. Am Vormittag zog der Kriegerverein mit einer wehenden Fahne einmal um den Markt, voran die Musikkapelle, dann die Reserveoffiziere im Waffenrock und Helm, hinter ihnen in schwarzen Gehröcken, mit Regenschirmen in der Hand und Zylinderhüten auf dem Kopf, in Abmärschen zu vieren die gedienten Soldaten. Wer von ihnen noch den Krieg mitgemacht hatte, war an Orden und Ehrenzeichen kenntlich. Vom Markt zog man an das Kriegerdenkmal, das in dem von alten Kastanienbäumen überwölbten Schloßhof lag. Dort, wo auf dem Sockel die Namen der gefallenen Gohlunger eingemeißelt waren, wurde ein Kranz mit schwarzweißroter Schleife niedergelegt, und der Vorsitzende des Kriegervereins hielt dazu eine Rede und brachte das Kaiserhoch aus, das man drei Straßen entlang hören konnte. Dann kam der Parademarsch vor dem rangältesten Offizier. Es war diesmal nicht der Landrat, der in der leuchtenden Uniform der Gardedragoner ein wenig zurücktrat – denn er konnte sich immerhin nicht gut in Reih und Glied stellen –, sondern der alte Posthalter Rekittke als Rittmeister der Landwehrkavallerie. Es war der schönste Tag im Jahr für den alten Herrn. Er stand in seiner blauen Uniform mit der Hand am Tschako da und ließ die Reihen an sich vorüberdefilieren. Ein eisengrauer Bart wallte ihm auf die Brust hernieder und ließ nur noch gerade so viel Platz, daß das Eiserne Kreuz auf dem Waffenrock sichtbar war. Vor ihm aber marschierten die jüngeren Offiziere mit den herausgezogenen blitzenden Degen, warfen die Gehrockmänner die Beine, klemmten die Regenschirme gegen die Schultern und reckten die fetten oder sehnigen Hälse aus den weißen Kragen. Ringsherum standen die Honoratioren und Kinder und sahen zu, wie der aufsichtführende Amtsgerichtsrat Vogel, für heute ein Oberleutnant, die kurzen Beine warf, schüttelten den Kopf über Dr. Palleske, der als Oberarzt nicht mitmarschierte und überhaupt kein vollgültiger Soldat schien, und verachteten geradezu trotz seines schwarzen Federbusches den Gutsbesitzer Siebenroth, der nur Leutnant des Trains war. Unnötig zu sagen, daß im Anschluß an diese Parade ein offizielles Mittagessen stattfand, dem fernzubleiben schon an Landesverrat grenzte. Es dauerte bis in die Nacht hinein und war schon ein halbes Jahr vorher der Schrecken der Hausfrauen, denn keine Betrunkenheit konnte groß genug sein, um dem überquellenden Patriotismus Ausdruck zu geben. Dem Dohnaschlößchen gegenüber lag das eigentliche Schloß auf einer Anhöhe. Es stammte noch aus der Ordenszeit und sah weit kriegerischer und burgartiger aus als das Dohnaschlößchen. Obwohl es kleiner war, sagte man doch stets »Schloß« und »Dohnaschlößchen«. Das Schloß beherbergte das Amtsgericht und das Landrentamt, und es war somit Sitz der hohen Behörden, die gleich hinter dem Landratsamt kamen. Man teilte die Gohlunger Familien danach ein, ob sie dem aufsichtführenden Amtsgerichtsrat Vogel oder dem Rentmeister Hennig näherstanden. Die um Vogel waren die eigentliche Gesellschaft, zu ihr gehörten vorzugsweise die Akademiker, also zunächst alle Juristen, die überhaupt in der Stadt tonangebend waren, bis hinab zum jüngsten Referendar und den beiden Rechtsanwälten. Zu ihr gehörten natürlich auch der alte Sanitätsrat Arnold, der Kreisphysikus und der Dr. Palleske, bei dem Apotheker war es schon zweifelhaft. Hier entschied nicht so sehr der Sitz der Hohenzollernapotheke am Markt als die Persönlichkeit. Den Apotheker Schnepper jedenfalls rechnete man zur Gesellschaft, denn er war am Stammtisch mit Witzen und Schrullen unbezahlbar. Von den eingesessenen Gohlunger Familien gehörte ganz unzweifelhaft eigentlich nur der frühere Posthalter Rekittke dazu, aber es war im Laufe der Jahre gekommen, daß auch Herr Seidel, der Inhaber von A. W. Seidel, eine große Rolle spielte. Die Seidels wurden überhaupt mehr und mehr zur ersten Familie der Stadt. Ihre Haltung war geradezu vornehm. Sie wußten ihren Gesellschaften durch herumgereichten Mokka und besondere Kotillonüberraschungen eine weltmännische Note zu geben, und von dem jungen Herrn Seidel, der gerade in Königsberg sein Jahr abdiente, erwartete man in der Stadt mit Bestimmtheit, daß er es bis zum Reserveoffizier bringen würde. Zu diesem Kreis der Akademiker und ersten Familien gehörte eine Reihe der umliegenden Gutsbesitzer. Auch größere Rittergüter des Kreises waren in bürgerlichen Händen. Manche dieser Familien suchten Anschluß an den Adel, dem sie zum Teil verschwägert waren, legten Wert auf prächtige Gespanne und ließen ihre Söhne vom Gesinde Junker nennen. Andere aber griffen nicht so hoch, hielten sich in ihrem Bezirk, ließen es sich sauer werden auf ihren Klitschen und saßen im Hotel Dorsch auch außerhalb des Schlittenfestes mit den Städtern zusammen, luden Ärzte oder Amtsrichter zur Jagd ein, und es war eigentlich nur das Großartige des Landlebens an sich, das Herrschen über weite Gefilde, das Wohnen in geräumigen Gutshäusern mit Park und Teich und alten Bäumen, die Fülle an Pferden und Geflügel und Hunden und die Untertänigkeit eines ganzen Dorfes, die auch diese einfachen Menschen auf eine feudale Stufe der Lebenshaltung emporhob. In diesen Kreisen war immer etwas los. Man spielte Theater, hielt Kränzchen ab, fuhr aufs Land hinaus, tanzte. Man veranstaltete Wagenfahrten nach der Zölp, Wanderungen nach Golbitten am Mariensee, Picknicks im Tannenwald. Hier waren auch die Übergänge nach unten zu fließend. Man berührte sich vielfach mit den Beamtenfamilien, die zwar an sich nach der üblichen Auffassung der Akademiker subaltern, aber doch auch wieder in gewissem Sinne »Spitzen« waren. Da waren Bürgermeisters, Rentmeisters, Kreissekretärs, Steuerkontrolleurs, Rektors mit ihren Freundschaften und einer Fülle junger Damen und Herren, die zum Theaterspielen, Tanzen und Verloben gut zu gebrauchen waren. Man hielt Grenzen ein, verschob sie aber nach Bedarf. * Es war noch sehr die Frage, ob auch die Amendes so ohne weiteres zu diesen Kreisen gehörten. Herr Amende machte sich aus dem gesellschaftlichen Hokuspokus nichts. Er fühlte sich in der Stadt noch immer als Fremder. Wenn er vor seinem Hause auf und ab ging, ärgerte er sich, daß hier die Sonne so tief am Horizont entlangschlich, viel tiefer als in der sächsischen Heimat. Frau Ernestine hatte mit dem Haushalt zu tun, und die beiden Töchter waren verheiratet. Willy vermied es ängstlich, sich in Kreise zu drängen, die nach seiner Meinung über ihm lagen. Er hielt sich zu seinen besonderen Freunden Heinz Winkler und dem Kreissekretär Schäfer. Oft ging er mit ihnen am Sonntag früh mit der Angelrute an das Ufer des Mariensees. Es waren seine schönsten Stunden, wenn der Glast der Frühe noch über dem Wasser lag, die Sonne allmählich zu brennen anfing und sie sich die Röcke auszogen und auch ein Bad nahmen. Jedesmal nahm er sich vor, von jetzt ab jeden Sonntag mit den Freunden hinauszugehen, aber die Nächte von Sonnabend zu Sonntag waren die einzigen, in denen er sich seiner Leidenschaft des Lesens mit gutem Gewissen überlassen konnte, und so lag er denn meistens am Sonntag noch spät im Bett und genoß das behagliche Faulenzen, das ihm sonst nicht vergönnt war. Er liebte es auch, abends im Kreis älterer und erfahrener Männer zu sitzen, wie es die Freunde seines Vaters waren, auf ihre Gespräche zu hören und hin und wieder ein kleines Abenteuer aus Leipzig oder vom schönen Rhein zum besten zu geben. Wenn er, was vorkam, am Stammtisch im Deutschen Haus teilnahm, beängstigte ihn die Redeweise der studierten Männer. Er empfand, wie sehr seiner Entwicklung die ungebundenen Studentenjahre fehlten. Er atmete auf, wenn er wieder in der kleinen Tischrunde im Hinterzimmer bei Heinz Winkler saß. Hier sprach das Leben in reineren Formen zu ihm, hier waren die kleinen Sorgen des Tages und das allmähliche Aufsteigen und Vorwärtskommen von Wichtigkeit. Ihm war, als wenn man hier in der Verbundenheit mit den kleinen Geschehnissen des Alltags dem Leben näher war als bei den lustigen und geistvollen Umschreibungen besonderer Vorfälle, wie sie am Stammtisch üblich waren. Er bangte sich nicht aus seinen Bezirken heraus, und auch seine Liebe zu Regine war von keinen Hoffnungen begleitet, sondern war vielmehr ein unverbindliches romantisches Träumen, ein Ausgleich gegen die Unerbittlichkeit, mit der das Schicksal seine geistigen Triebe zurückgeschnitten hatte. Diese Liebe war eine kleine selbstquälerische Wollust, die er sich gönnte, seit er zufällig im Winter die Bekanntschaft des jungen Mädchens gemacht hatte. Vielleicht hätte er sich überhaupt nicht in seinen Träumen so weit vorgewagt, wenn da nicht noch ein Hindernis gewesen wäre, das sich jeder ernsteren Hoffnung entgegenstemmte: Die Steinbocks waren katholisch. Es lag ihm fern, die Rechtlichkeit des andern Bekenntnisses anzweifeln oder prüfen zu wollen, ihm genügte eine feindliche Einstellung, die sein Inneres gegen den, wie er empfand, fremden Glauben einnahm. Seine Eltern hätten keine Katholiken in der Familie geduldet. Schon über die bloße Annahme einer solchen Erörterung hätte er erröten müssen. Der Schatten des Leipziger Kantors und Organisten beherrschte bis in diese ferne östliche Welt den Gedankenkreis des Elternhauses und den seinigen. Diese Liebe hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Wenn er den Kopf voll neuer Muster und origineller Druckaufmachungen, voll von den Tabellen der amerikanischen Buchführung, die er im Geschäft eingeführt hatte, zu seinem kleinen Zimmer unter dem Dach emporstieg, dann wollte er oben an etwas denken, das außerhalb dieser ganzen Welt lag, an etwas Unerreichbares, das sich wie ein feiner Hauch über den Staub des Setzersaales und den Geruch der Druckwalzenmasse legte, und es hätte ihn in Scham aus dem Schlaf gerissen, wenn Regine von seinen Träumen auch nur das mindeste geahnt hätte. Zum erstenmal stieß er heute in seiner Liebe mit der Wirklichkeit zusammen. Niemand hatte in Gohlungen etwas von alten Beziehungen zwischen den Steinbocks und dem neuen Postvorsteher geahnt, und nun tauchte auf einmal Richard Ambrus, der Abgott seiner Knabenjahre, wieder auf, und am ersten Morgen schon fuhr Regine bei seinem Hause vor, und er durfte ihr die Hand reichen und gehörte wie selbstverständlich zu ihrem Kreis. Zum erstenmal empfand er voll Bitterkeit den Abbruch seiner Studien, ging verwirrt neben der Mutter zum Markt zurück und antwortete in seiner Zerstreutheit nicht auf ihre Frage, ob denn die Ambrus' auch Katholiken wären. »Man hätte es doch erfahren«, meinte Frau Amende und beruhigte sich damit, daß die Gnuschkes jedenfalls evangelisch gewesen wären. 3. Aber die Bekanntschaft zwischen den Herren Ambrus und Steinbock hatte nicht die Kirche vermittelt, sie waren ganz einfach vor mehr als dreißig Jahren – um das tolle Jahr 48 herum – Wirtschaftseleven auf Nachbargütern gewesen. Herr Steinbock bei einem Anhänger der nationalen Freiheitsbewegung, der seinen Eleven deshalb nicht weniger streng hielt, und Ambrus bei einem preußischen Junker der alten Schule, bei dem er aber erhebliche Freiheiten genoß. Politische Bewegungen bringen es mit sich, daß überall Menschen zusammenstehen und diskutieren. So trafen sich auch die beiden Eleven jeden Vormittag bei den Grenzschlägen und tauschten ihre Ansichten oder die ihrer Chefs aus, besuchten sich abends auf ihren Stuben und sprachen stundenlang miteinander und lasen sich Herweghsche und Freiligrathsche Freiheitsgedichte vor, die ihren Weg durch die Propaganda des freisinnigen Herrn von Overbeck in Nickelsdorf bis zu den Wirtschaftseleven der masurischen Güter gefunden hatten. Steinbock als überzeugter Katholik, dessen väterliches Gut im Herzen des katholischen Ermlands lag, hatte, der romantisierenden Zeitströmung nachgebend, die Befreiung der Polen befürwortet, während Ambrus, aus dem litauischen Winkel Preußens herkommend, sich mehr an Wilhelm Jordans, seines engeren Landsmannes, polenfeindliche Rede in der Paulskirche hielt. Trotz dieser und einiger andrer Meinungsverschiedenheiten fanden sich die beiden im Hochschwung einer nationalen und freiheitlichen Bewegung und schwärmten auf ihren Stuben von den Farben Schwarz-Rot-Gold, bis ihnen die Mamsell das Öl und die Unschlittkerzen sperrte. Es war nur natürlich, daß sie auch später in Verbindung blieben; als Steinbock sein väterliches Gut übernahm, das er dann, um Erbansprüche seiner Geschwister zu befriedigen, mit dem kleineren Schwenkendorf im Oberland vertauschte, und als Ambrus nach vergeblichen Versuchen, als Landwirt zu Ansässigkeit und Wohlstand zu gelangen, auf dem Umweg über eine Posthalterstelle in den Postdienst gekommen war. Inzwischen hatten beide längst ihren Frieden mit dem preußischen Staat geschlossen, aber auf dem Grunde ihres Herzens lag noch immer ein Rest von Groll gegen Bismarck, und die paar Male, die sie im Leben zufällig zusammentrafen, gaben sie ihre Meinung dahin kund, daß Bismarck Österreich 1866 hätte zerstören und das großdeutsche Reich aufrichten müssen, das sie als Eleven im Jahre 48 erträumt hatten. Es war ein etwas spießbürgerlicher Nachklang der großen Bewegung, und die den schwachen Protest erhoben, hatten inzwischen einiges Fett angesetzt. »Du wirst dich noch um Amt und Brot reden«, sagte Frau Henriette Ambrus, geborene Gnuschke, wenn ihr Mann ihr von solchen Gesprächen mit dem Jugendfreund erzählte. »Na, Mutterchen, es hört ja doch keiner«, begütigte der Mann, und sie lächelte versöhnt, obwohl sie bei Ambrus' Unstetigkeit nie ganz aufhören durfte zu fürchten. Er neigte wie beschämt das Haupt und wiegte es melancholisch hin und her, als wollte er ausdrücken, daß die Zeiten nicht nach seinem Sinn waren. Aber er sagte nichts weiter. Manchmal setzte er sich an das Klavier und spielte Chopins Trauermarsch. Vielleicht dachte er an die einstige Polenbegeisterung des Freundes Steinbock dabei, vielleicht spielte er ihn aber auch nur, weil er so langsam ging, daß seine Finger ihn meistern konnten, denn eigentlich konnte er gar nicht Klavier spielen. Jedenfalls trug er seinen Bart nicht, wie es Sitte war, nach dem Schnitt des alten Kaisers oder gar Bismarcks, sondern nach dem des Kronprinzen, dem man eine freiheitliche Gesinnung nachsagte. Das Leben Steinbocks war ruhiger verlaufen als das des viel umgetriebenen Ambrus, aber es war im Grunde schwerer gewesen. Über die Steinbocks hatte der Himmel seit jeher einen reichen Kindersegen ausgeschüttet, und sie nahmen es auch in dieser Hinsicht mit den Vorschriften der Kirche genau. Die Mädchen mußten versorgt werden und ihre Aussteuer und kleine Mitgift bekommen. Die Söhne, denen man keine Güter als Angebinde geben konnte, wollten auf dem Gymnasium und auf der Universität unterhalten werden. So kannte es Herr Steinbock aus seinem Elternhause, wo mit den Groschen gerechnet wurde. Er übernahm sein Gut verschuldet und verwahrlost, und es bedurfte zwanzig arbeitsvoller Jahre, ehe er aus dem Gröbsten heraus war. Jetzt freilich hatte er sich ein Herrenzimmer nach städtischem Muster einrichten lassen und verschiedene andere Anschaffungen gemacht, und er konnte einiges auf die hohe Kante legen. Es war aber auch nötig, denn die ältesten Kinder wuchsen heran. Erich hatte seine Volontärzeit hinter sich und in Halle einige Semester studiert, weil es doch ohne die Chemie nicht mehr gehen sollte. Er hatte dann in Königsberg sein Jahr abgedient und schweres Geld gekostet und war jetzt in Schwenkendorf Inspektor. Aber wer konnte wissen, wie lange er es noch ohne Frau und eigene Wirtschaft aushalten würde? Regine ersetzte im Haus zwei Kindermädchen und eine Mamsell, aber wer weiß, wie bald sie ausgesteuert werden sollte? Und hinter diesen, in einem Abstand von zehn Jahren – Frau Steinbock war lange krank gewesen – kam noch ein ganzes Volk von Nachzüglern: Anna, Erwin, Cölestin und Sylvius. Auch wenn man sich nicht mehr zu schinden brauchte, die Sorgen rissen nicht ab, und man war nicht mehr der Jüngste. »Kinder sind Hagelschlag«, pflegte schon der alte Herr Steinbock auf Scharnigk zu sagen. Erich Steinbock hatte von der Universität nicht das übliche optimistische Vertrauen zu den Wissenschaften mitgebracht. Als er nach dem Studium, vollgefüllt mit den Lehren der Agrochemie, über die Felder ging und den sattsam bekannten Pflanzen mit seinem nunmehr geschärften Blick in die innerste Seele zu dringen suchte, wurde er plötzlich skeptisch gegen den vielgepriesenen Fortschritt moderner Wissenschaftlichkeit. Er glaubte, etwas Müdes und Ausgesogenes in dem Boden und seinen Erzeugnissen zu erkennen, was er vordem nie bemerkt hatte. Da erfinden wir immer Neues und bilden uns wohl noch ein, daß unsere Zeit alle anderen Zeiten an Klugheit übertrifft, sagte er zu sich selbst. Aber es bleibt dennoch alles beim alten, ja es wird immer ein bißchen schlechter, denn wir erfinden ja nur, wozu uns die unerbittliche Not zwingt und nicht etwa aus Genie. Alle unsere Erfindungen und Entdeckungen bleiben immer ein Stückchen hinter dieser Not zurück. Wir bilden uns jetzt wunder was ein, daß wir zur Fruchtwechselwirtschaft und künstlichen Düngung übergehen. Als wenn unsere arme ausgekochte Erde überhaupt noch etwas anderes zuließe! Und wir werden auch noch mehr erfinden und vielleicht sogar unsere Produktion steigern, aber auch nur, weil wir es wegen der zunehmenden Bevölkerung müssen, und nie ein Quentchen darüber hinaus. Im Gegenteil, wie wir uns auch mühen und schinden, immer werden wir hinter der Not und dem, was eigentlich sein müßte, zurückbleiben. So erlebte er auf diesem ersten Spaziergang auf den väterlichen Feldern das harte Gesetz, unter das uns die Austreibung aus dem Paradies gestellt hat, in besonderer Gestalt. Und ähnliche Eindrücke erhielt er in seinem Dienstjahr. Er bemerkte, daß auch in der großen preußischen Armee mit Wasser gekocht wird, und er hörte bald auf, in diesem Heer die hohe Schule zu Vaterlandsliebe und Staatsbewußtsein zu sehen, tat seine Pflicht mit dem Bemühen, möglichst wenig aufzufallen, und verschmähte nicht die kleinen Hilfen, zu denen sich die Unteroffiziere und Feldwebel um geringe Zuwendungen leicht bereit finden ließen. Aber diese Skepsis, zu der ihn auch das Dienstjahr brachte, drückte ihn nicht nieder, sie gab ihm eine freie und heitere Ruhe, und er wußte, daß man trotzdem seine Pflicht tun und schaffen müßte, um nicht allzu weit hinter der großen Not zurückzubleiben. Er übereilte nur nichts mehr, weil ein letztes Ziel ja doch nie zu erreichen war, aber man sah ihn mit großen ruhigen Schritten, breitschultrig und sonnverbrannt, mit dem Stock über dem Arm, durch die Felder gehen und immer dort auftauchen, wo Not am Mann war. Niemals war er hastig und launisch, aber immer in bestimmender Wirksamkeit, die um so mehr vor sich brachte, als er das Ganze nur wie einen notwendigen Zeitvertreib ansah. Dabei leistete er sich einen gewissen Luxus und wußte ihn geschickt mit den Notwendigkeiten seines Berufs zu versöhnen. Er liebte zum Beispiel schöne Menschen und Pferde. »Es ist nicht nötig, daß man schlunzige Marjellen in der Küche und in den Ställen hat. Die hübschen arbeiten nicht schlechter, wenn man nur aufpaßt.« Er verbesserte auch das Pferdematerial und zog junge feurige Tiere in den Kutschstall, die er selbst einfuhr. »Es kostet nichts. Mit sechs, sieben Jahren kann man sie verkaufen, und Mutterstuten mit dem Trakehner Brand fressen nicht mehr Hafer als die elenden Kracken, die man bis jetzt in Schwenkendorf hatte.« Allerdings war es von da ab mit der Sicherheit ruhiger Wagenfahrten vorbei. Alle Augenblicke ging ein Gespann durch oder schmiß ein Wagen um, aber Erich lachte darüber, und da immer alles noch gut ablief, setzte er sein Stück durch. So kamen die Füchse an den Tafelwagen und die Braunen an den Schulwagen, der jeden Tag die jüngeren Geschwister nach der Schule zu schaffen und abzuholen hatte. Er zog sich einen prachtvollen Rappen als Reitpferd auf und wollte auch Regine zum Reiten bewegen. »Ich brauche noch im Kutschstall ein Pferd, das gut vor der Gig geht. Das kann dein Reitpferd sein.« Regine war ihm zu gleichmäßig tätig, er fürchtete, daß seine Schwester verkümmere, und wollte sie auf andere Gedanken bringen. Er hielt es entscheidend für ein junges Mädchen ihres Standes, ob sie einmal nur so aus dem Kinderzimmer und vom Plombieren der Milchkannen oder von einem Reitpferd in die Ehe spränge. Das bestimmt das Verhalten des späteren Ehemanns durch das ganze Leben hindurch. Aber Regine wollte nicht, weder einen Mann noch ein Reitpferd, und jedermann außer Erich hielt das für ganz natürlich. Regine erschien ihren Eltern und allen Besuchern ganz glücklich in dem Ententeich ihrer Pflichten. Wenn bei Tisch etwas fehlte, war sie schon aufgesprungen und hatte es geholt. Wenn an Sonntagnachmittagen alle ausfahren wollten und einer zu Hause bleiben mußte, saß sie schon mit einer Handarbeit in der Veranda, den Kinderwagen des halbjährigen Sylvius neben sich, die Uhr auf dem Tisch, damit sie nicht vergäße, die Milch zur rechten Zeit warm zu machen. Wenn Herr Steinbock oder Erich frühmorgens auf die Pirsch gingen, stand sie um halb drei auf und besorgte das Frühstück und die Brote zum Mitnehmen. Sie wußte alles im ganzen Haus, wußte genau, welche Hemden Erich mitnehmen mußte, wenn er vom Urlaub nach Halle oder nach Königsberg zurückfuhr und daß der Vater zum Herbst eine neue Wollweste brauchen würde. Sie kannte alle Kühe, beaufsichtigte noch vor Tag das Melken im Stall und plombierte die Milchkannen. So fing ihr Tag an jedem Morgen an. Darauf ging sie gewöhnlich noch bis zur Fohlenkoppel, durchquerte den Gemüsegarten, ob die Frauen schon beim Jäten waren. Ging dann über die kleine Brücke in den Park, schritt ein wenig auf den stillen Wegen auf und ab und legte sich oben noch einmal hin, bis die Kinder aufstehen mußten. Man hatte sich daran gewöhnt und betrachtete Regine wie einen Helden, aber so, wie die Zuhausegebliebenen die Kriegshelden ansehen: als ob Heldentum allein über alles Schwere hinaushöbe und es eben so recht die Natur des Helden wäre, im Schlaf aufgeschreckt zu werden, lange Märsche zu machen und zu verzichten. So als ob ein Held sich gar nichts Schöneres wünschen könne. Regine unterstützte diese Auffassung durch eine immer anhaltende Freundlichkeit, die nie umschlug, und wo ihr eine Versuchung kommen konnte, hatte sie sich schon von vornherein so ausdrücklich für die Pflicht entschieden, daß man nicht einmal bemerkte, wie sie an einem Scheidewege stand. Erich war vielleicht nicht viel weniger tüchtig als sie, obwohl es vorkam, daß er eines Morgens ruhig im Bett blieb, wenn er keine Lust zum Aufstehen hatte, und daß er am Abend in die Stadt oder auf ein Nachbargut ritt und erst spät nachts zurückkehrte. Beide Geschwister hatten die gleiche gelassene Freundlichkeit, aber sie stammte bei Erich aus einer Verachtung des Lebens und Kälte gegen die Menschen, und bei Regine hob sie sich aus ganz anderen Tiefen. Sie war fromm. Die Steinbocks waren schon fromme Katholiken gewesen, als sie noch im katholischen Ermland saßen. Jetzt, im protestantischen Oberland, hatte die Betonung ihrer Frömmigkeit zugenommen. Sie beobachteten streng alle Vorschriften der Kirche, fuhren jeden Sonntag zwei Meilen weit zum nächsten katholischen Gottesdienst und beichteten, und niemand setzte sich zu Tisch oder schlief ein, ohne ein stilles Gebet zu sprechen und das Kreuz zu schlagen. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Steinbocks diese religiösen Formen mit innerer Hingabe und Ergriffenheit ausübten. Wenn man sie bei Tisch sah, wie sie zum Gebet die Köpfe senkten und das Kreuz schlugen, hätte man keinen Unterschied bei den einzelnen feststellen können. Es war aber so, daß Regine allein alle Inbrunst eines gläubigen Gemüts in diese Formen einsenkte, sich in sie einströmte, alle Schichten des Lebens durchstieß, um bis zum tiefsten Grund vorzudringen, den sie nie fand. Seit dem religiösen Unterricht, der ihrer Firmung vorausging, stand es so um sie. Sie fühlte die Verpflichtung, eine Heilige zu werden, nicht anders glaubte sie am Tisch des Herrn erscheinen zu dürfen. Damals hatte sie sich kasteit und im Gebet gewunden, um des Heils teilhaftig zu werden, dessen Notwendigkeit ihre klaren Sinne einsahen und dessen wallender Gefühlsnebel sie nicht einhüllen und aufwärts tragen wollte. So wählte sie den Weg, sich selbst in allen Kleinigkeiten des Lebens zu überwinden, weil sie fühlte, daß das das Schwerste war. Wo eine Erwartung in ihr aufkeimte, tat sie im Augenblick alles, um Hindernisse aufzutürmen. Wenn sie merkte, daß ihr etwas schwerfiel, sprang sie schon auf, um das noch Schwerere zu vollenden. Sie litt sogar darunter, daß sie alles liebgewann, in dessen Dienst sie sich stellte. Sie hätte lieber ihre kleinen Geschwister betreut, wenn sie ihr verhaßt und häßlich gewesen wären, und bedauerte fast die Ströme der Liebe, die sich zwischen ihr und ihnen spannten, und viel lieber bediente sie die Eltern, zu denen sie Scheu und Verehrung fühlte, und nicht die unmittelbare Liebe, die das Herz aufjubeln läßt. Sie hielt die Glaubenssätze ihrer Religion für ganz und buchstäblich wahr und vertraute darauf, daß ihr emsiges Tun ihr oben im Himmel leuchtende Schätze sammle. Ohne diesen Glauben hätte sie es nicht Jahre hindurch ausgehalten, zu niemandem von ihren Kämpfen und Überwindungen zu sprechen. Sie sah, daß man einfach und ohne zu fragen bei ihr voraussetzte, was sie sich immer wieder neu erstreiten mußte, und schwieg dazu, weil sie auch dadurch ihre Schätze im Himmel sich häufen fühlte und in unmittelbarer Gewißheit lebte. Ihre Eltern ahnten nicht, was in ihr vorging. Sie nahmen als Verhalten einer guten Tochter, was in Wirklichkeit aus heiligen Quellen floß, und waren nur gerade zufrieden mit einem Tun, das den Himmel zu verdienen trachtete. Regine merkte wohl, wie sie sich mehr und mehr durch ihr Verschweigen von ihnen entfernte und eigentlich ganz einsam war. Vielleicht hatte Erich eine Ahnung von dem, was in seiner Schwester vorging. Sie war mittlerweile zwanzig Jahre alt geworden. Er sorgte, als er aus Königsberg zurückkam, daß sie auf Bälle ging und zerstreuende Gesellschaft hatte. Sie nahm heiter entgegen, was sich ihr bot, aber ihr Verhältnis zu den überirdischen Dingen blieb davon unberührt, und eigentlich kam nichts völlig an sie heran. Sie hätte eine elegante junge Dame sein können, aber sie legte keinen Wert darauf. Sie war gleichgültig gegen ihre Kleider, und wenn sie etwas in der Stadt zu besorgen hatte, ließ sie nicht die Füchse anspannen, sondern fuhr mit dem Schulwagen und den alten Braunen hinein, die Anna und Erwin mittags aus der Schule abholten. So hätte sie ihr Leben noch Jahre hindurch festsetzen können, bis irgendeine Veränderung von draußen kam. Sie wünschte sich keine, obgleich sie nicht eigentlich glücklich war. Aber sie hatte alle widerstreitenden Wünsche ins Gleichgewicht gebracht und hätte an Verdienst eingebüßt, wenn sie ganz glücklich gewesen wäre. Aber es war noch etwas anderes im Spiel, was sie immer wieder in ihrem Mütterchendasein festhielt: sie hielt sich für häßlich und glaubte, daß sie nur Enttäuschungen erleben würde. Wenn junge Herren sich ihr näherten, schob sie es auf das schöne Gut und die angesehene Stellung ihres Vaters. Gerade deshalb vermied sie ein elegantes Auftreten und hielt sich so bescheiden wie möglich, um niemanden anzulocken und womöglich ganz unbemerkt zu verschwinden. Vielleicht wäre überhaupt ihr Leben in anderer Richtung verlaufen, wenn sie mehr dem üblichen Schönheitstypus ihrer Umgebung entsprochen hätte. Ihr Äußeres hob sich in der Tat von der gesunden Stattlichkeit ihrer Eltern und Geschwister seltsam ab. Sie war von durchsichtiger Zartheit, aber von südlicher Dunkelheit. Ihre scharfen Züge hätten einer Spanierin gehören können, aber weil so gar nichts von südlichem Feuer in ihr zu sein schien und weil sie das schwarze schwere Haar in eine übliche Frisur einzwängte und ihre Augen eher kalt als leuchtend waren, alles ganz anders, als man sich eine Südländerin vorzustellen geneigt ist, hielt man sie für unscheinbar, während sie vielleicht schon in einer größeren Stadt bezaubert hätte. Sie glaubte nicht daran, daß sie jemandem gefallen könnte, und deshalb achtete sie auch nicht im geringsten auf die schüchternen Huldigungen Willy Amendes und hätte auch Richard Ambras nicht bemerkt, wenn man ihn überhaupt irgendwie unbemerkt hätte lassen können. 4. Richard Ambras mußte notwendig den Umzug seiner Eltern mitmachen. Umzug war etwas Abenteuerliches. Man warf seine Habe zusammen, alles durcheinander, daß kein Stück beim andern blieb, und rollte sie beim Bestimmungsort wieder auseinander. Eigentlich hatte er keine Zeit, da er dicht vor dem Referendarexamen stand, aber er kam doch auf zwei Tage von Königsberg wenigstens herüber, fuhr vierter Klasse, hatte zwei dicke Bände mit sich und »büffelte Scharteken« während der Fahrt, wie er es nannte. Mutter Ambras schalt über das unnötig verfahrene Geld, aber im Grunde war sie stolz auf die Anhänglichkeit ihres Sohnes und staunte ihn an, wie er die schweren Kisten und Kasten mit den Packern um die Wette balancieren ließ, wie er am Morgen schon die ganze Stadt durchstreift hatte und ihr berichten konnte, während sie mit Paula die Gardinen in Ordnung brachte. »Dieses Städtchen ist eine Zuckerbrezel im Backwarenladen des Herrn, Muttchen. Ein Rathaus, sage ich dir, mitten auf dem Markt, so ein herrlicher roter gotischer Backsteinkasten mit hohem, spitzem Dach und einem Turm, der oben von Holz ist und schief steht. Kleine Häuschen, wie Schwalbennester ringsum angekleckst, und rings um den Markt alte würdige Bürgerhäuser mit Beischlägen, wie in der Spieringsgasse in Elbing. Und in der ganzen Stadt wächst das Gras zwischen den Steinen. Ein Idyll, Muttchen! Und dann ist gleich neben dem Markt ein Schloß, wo der Landrat wohnt. Sie nennen es Dohnaschlößchen, weil es den Dohnas gehören soll, die es nur verpachtet haben. So ein richtiges prächtiges altes Barockschloß, und ein Hof darin, ganz mit alten Kastanien bewachsen! Und eine riesige alte Kirche, noch aus der Ordenszeit. Ein herrliches altes verschlafenes Nest. Prachtvoll!« Er hatte schon in der Frühe den Schloßhof und das Rathaus skizziert und zeigte die Blätter herum. Sogar Stine, die Magd, mußte sie bewundern. »Und der Teufel soll hier los sein mit Schlittenpartien und Picknicks und Theaterspielen. Ich habe mich schon mit dem Ober vom Deutschen Haus unterhalten. Donner und Doria noch eins, das kann hier ein verteufelt lustiges Leben werden!« »Du sollst doch nicht so fluchen, Junge!« sagte die Mutter, während sie die Wäsche in den Schrank einräumte. »Hast recht, Mutterchen«, antwortete er, zwirbelte sich den stattlichen Schnurrbart hoch, ging ans Klavier und spielte einen Choral, und alle lachten. Von Zeit zu Zeit fragte Herr Ambrus: »Wirst du nun auch dein Examen machen, Richard?« »Vor keiner Mensur und keinem Examen wird gekniffen, Vater. Was sein muß, muß sein.« Man konnte auf die Schwenkendorfer Gäste wenig Rücksicht nehmen. Kaum einen Stuhl hatte man ihnen anzubieten. Schließlich fanden die Herren in dem künftigen Arbeitszimmer auf zwei schnell abgestaubten Sesseln, zwischen zusammengerollten Teppichen und herumstehenden Möbelstücken Platz. Nur die Großmutter Gnuschke saß auf dem Korbstuhl in der Ecke und hatte verängstigte Augen wegen des Wirrwarrs. Richard kramte in den Kisten und Schränken nach einer Flasche Rotspon herum. »Du hast da einen ganz gottverfluchten Bengel von Jungen«, sagte Herr Steinbock. Herr Ambrus neigte den Kopf mit dem dunklen Bart. Er wußte noch nicht, ob der Junge »werden« würde. »Gott geb's!« Paula begleitete Regine mit dem Wagen in die Stadt. Es waren noch allerhand Sachen aus Geschäften abzuholen, darunter Verschiedenes von Wiebe am Markt. Die beiden jungen Mädchen standen sich mißtrauisch gegenüber. Regine witterte Erschütterung ihres mühsam aufgebauten Gleichgewichts durch eine neue Freundin. Paula imponierten die Kleider Regines wenig. Sie dachte: »Landpomeranze!« ließ sich immerhin gern von dem schönen Wagen durch die Straßen fahren. Man machte von Anfang an einen gewissen Eindruck auf die Gohlunger, fühlte sie. Herr Ambrus hatte möglichst viele von der Postvorsteherfamilie nach Schwenkendorf abholen wollen. »Bis hier alles im Lot ist«, sagte er und war ganz erstaunt, daß eine Wohnung nicht von allein »in Lot« kommt. Frau Ambrus und Paula jedenfalls waren unersetzlich, wären allerdings gern die Herren losgewesen, um nach Herzenslust scheuern und einordnen zu können. Herr Ambrus aber gedachte, den Aufbau der neuen Häuslichkeit von Grund aus mitzumachen. So blieb für das Land nur Richard übrig. Richard war zwar der Eltern und des Umzugs wegen ausdrücklich aus Königsberg gekommen und mußte am nächsten Tag wieder abfahren. Aber einen Besuch auf dem Lande griff er mit Begeisterung auf, und da Herr Ambrus auf keinen Fall ganz unverrichtetersache zu seiner Frau zurückkehren wollte, so wurde beschlossen, daß Richard für den Tag und die nächste Nacht mit hinaus sollte. Mit dem Schulwagen konnte er morgen wieder zurückkommen, noch einige Stunden in Gohlungen bleiben und dann bequem am Nachmittag den Königsberger Zug erreichen. So saß er denn in einer Stunde mit Herrn Steinbock und Regine im Tafelwagen. Er saß auf dem Rücksitz, Regine gegenüber, da Herr Steinbock mit seinen gewaltigen Gliedmaßen allen Raum benötigte, und erzählte von der großen Stadt und den Examinatoren, die schon die Bleistifte spitzten, um ihr Votum über ihn abzugeben. Er richtete seine Worte artigkeitshalber an den alten Herren, zielte aber, da er ein junger Mann war, auf Regine, obwohl er sie bei seiner Lebhaftigkeit noch gar nicht recht bemerkt hatte. Sie saß schweigend vor ihm, und nur, wenn er enthusiastisch den Arm ausstreckte, um auf ein besonders schön gelegenes Gehöft oder ein birkenbestandenes Tal hinzuweisen, griff sie lebhaft ein und nannte Namen und gab Erklärungen. Richard genoß als Städter schon die Fahrt. Man stellte sich das von der Stadt aus gar nicht so recht vor, sagte er, daß da draußen Feld bei Feld lag, jeder Fußbreit Boden von Menschen beackert. Man denkt, vor den Toren beginnt die große Leere, aber auch hier erfüllt der Mensch die Schöpfung, nur ausgeweiteter und unmittelbarer der einzelne, und an jedem Acker hängen Sorgen und Mühen, und in jedem Häuschen wohnt Glück oder Unglück. Die Gemarken der Dörfer und Güter schieben sich dicht ineinander, und darüber wellen sich Hügelzüge, und dazwischen rinnen Bäche und Flüsse, und in dem allen wachsen die Geschlechter der Menschen, zwingen einem kleinen Umkreis ihren Namen ins Gedächtnis, haben Schicksale und Kämpfe, von denen niemand weiß, und vergehen. Der Landweg ging eine Anhöhe hinan, und auf einmal lag der Mariensee vor ihnen. Lang und schmal, mit zerrissenen Rändern und Buchten erstreckte er sich bis zu den dunkelnden Wäldern am Horizont, die sich bei der Fahrt langsam vorbeizudrehen schienen. Der Anblick war so überraschend, daß Richard mitten in einem Satz einhielt. »Der Mariensee«, bedeutete Regine. Sie hatte sich seit jeher von dem Namen eigenartig berührt gefunden. Mitten in der protestantischen Gegend schien dieser Name sie bei ihrem Glauben zu grüßen. Sie führte aus, daß dieser Zipfel des Oberlandes eine Art Gottesländchen sein solle und von den Einwohnern auch so genannt würde. Mariensee, das erinnere an die Mutter Gottes, und das Dorf dort drüben heiße Paradies, und jenes Gut, dessen Park und Scheune man sehe, sei Gottswalde, wo die Edlen von Greve wohnten. Und das Gut jenseits des Sees wäre Pfarrsfeldchen. »Hier müssen wohl zur Zeit des Ordens besonders fromme Leute sich angesiedelt haben.« Regine sah ihr Gegenüber mit großen Augen an, als erwarte sie, daß diese fromme Deutung sich in seinem Innern verfing. Aber unglückseligerweise stand Richard hier auf vertrautem Boden. Seine Großmutter Gnuschke, die bei ihnen lebte, stammte aus dieser Gegend, und sagenhafte Überlieferungen waren das Spezialgebiet des Vaters. Noch gestern abend hatte Herr Ambrus am improvisierten Familientisch, von der Großmutter unterstützt, einen langen Vortrag über diesen Gotteszipfel gehalten, und Richard, der eigentlich nur mit halbem Ohr hingehört hatte, kramte nun, halb ironisch, die phantastischen Weisheiten aus, von denen er nicht wußte, inwieweit sie auf Wahrheit beruhten. Nein, im Gegenteil, sagte er, es wäre gerade eine alte heidnische Gegend, und ein bißchen wäre er stolz darauf, seinen Stammbaum, wenigstens mütterlicherseits, auf diesen Landstrich zurückzuführen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre hier die Stätte von Romowe, dem heiligen Hain der alten Pruzzenpriester, die man nur fälschlich ins Samland verlegt hätte. Der Mariensee hätte mit der Himmelskönigin nichts zu tun, sondern hieße eigentlich Naryensee. Von Narya, einem pruzzischen Wort, das schlechtweg See bedeute. Der See hieße also eigentlich schlechtweg nur See, womit man wohl einen ganz besonderen See, einen heiligen See habe bezeichnen wollen. Erst später härte man Mariensee daraus gemacht, wie man denn überhaupt die alten heidnischen Namen ins Christliche umgedeutet habe, um den besonderen Bann dieser Landschaft zu brechen. Von den alten heidnischen Namen, die jetzt in Paradies und Gottswalde und Pfarrfeldchen umgewandelt wären, wüßte man nichts mehr, und nur eben gerade in dem Namen der Edlen von Greve scheine noch das alte Wort Kriwe zu stecken. Kriwe hätte der Oberpriester der alten Pruzzen geheißen, der in dem heiligen Hain gewohnt und geherrscht habe, und wenn noch heute Menschen ähnlichen Namens auf einem Fleck Erde säßen, der geradezu als Gottes Wald bezeichnet würde, so rage in diesen Edlen von Greve auf Gottswalde noch ein Stück heidnischer Vorzeit in unsere Zeit hinein. Übrigens leite sein Vater die Ambras ebenfalls von den Pruzzen ab, da ja noch der Stamm pruz oder pras oder bras in dem Namen enthalten wäre, und der Vater wäre ganz besonders stolz auf diese Abstammung. Die Pruzzen sollen nämlich ein fabelhaftes Volk gewesen sein, nur wären sie leider von den Kreuzrittern fast gänzlich ausgerottet. Die wenigen, die sich zu den benachbarten Stämmen flüchteten, hätten sich dann irgendwie schon im Namen als Pruzzen kenntlich gemacht, wie eben die Ambras. »Nein, gnädiges Fräulein, hier ist uralter heidnischer Boden!« Regine schwieg verwirrt, als ihr das krasse Heidentum auf einmal so nahe auf den Leib gerückt war, und auch Herr Steinbock machte große Augen zu den prähistorischen Spekulationen seines alten Freundes, von denen er noch nichts wußte. Denn Herr Ambras wechselte seine Steckenpferde, aber er ritt immer eines, wie sich Herr Steinbock entsann. * »Es ist sehr interessant«, meinte er, »man weiß nicht, von wem alles wir abstammen und welche Familien vielleicht noch alte Königskronen in irgendeiner alten Kommode oder Schatulle fortgeworfen haben, ohne es zu ahnen. Vielleicht sind um irgendeinen verstoßenen Häuptlingssohn große Kriege geführt worden, und seine Nachkommen, um die man sich vor tausend Jahren so erschrecklich bemüht hat, sitzen jetzt auf einer Klitsche in dieser Gegend oder stehen vielleicht an einer Hobelbank.« »Wenn man Menschen nur zwei, drei Generationen hindurch verfolgen würde, könnte das schon die interessantesten Zusammenhänge geben. Bei jedem Roman frage ich mich immer nach den Voreltern und wie die sich verlobt haben, denn dadurch allein kann ich doch die Verlobungsszenen ihrer Söhne oder respektiven Töchter erst richtig beurteilen.« Sie lachten. Herr Steinbock meinte, bei diesen Szenen wäre es im Grunde ja wohl immer dasselbe. Aber Regine wollte das nicht gelten lassen. Das käme doch jedesmal auf die Umstände und die Menschen an. Sie jedenfalls lege Wert darauf, sich so zu verloben, wenn es überhaupt einmal dahin kommen sollte, daß es ein ganz neues und großes Ereignis sei. Aber Herr Steinbock meinte, daß es dann wie immer und überall sein würde. »Eine mir befreundete Dame«, fuhr Richard fort, »will mich durchaus dazu bringen, die unzähligen Romane von Zola zu lesen, die die Geschichte einer Familie durch drei Generationen behandeln. Es wäre unglaublich interessant, wie die einzelnen Schicksale immer wiederkehrten und eins sich aus dem andern entwickle.« »So lesen Sie sie doch!« »Um des Himmels willen, gnädiges Fräulein! Es sollen an die zwanzig Bände sein. Aber interessant ist es sicher. Eigentlich sollte jede Familie eine gewisse Tradition pflegen. Es ließe sich doch mit Leichtigkeit erreichen, daß man wenigstens noch über seine Großeltern und Urgroßeltern Bescheid wüßte. Aber auch da hapert es meistenteils schon. Wie wenig weiß ich schon von meiner Großmutter, und dabei lebt sie bei uns im Hause.« »Die aus Gnuschkenhof!« sagte Herr Steinbock. Leider käme man nicht an dem Hof vorüber, er läge an einer anderen Landstraße, und die Gnuschkes säßen ja auch seit Generationen nicht mehr dort. Herr Steinbock wußte nicht einmal den Namen des jetzigen Besitzers. »Es ist seltsam«, sagte Richard, »da liegt an einer Landstraße ein Gut, von dem man herstammt. Zwei Menschenalter hindurch ist keiner des Stammes mehr dortgewesen, und man trägt selbst nicht mehr den alten Namen. Meine Mutter ist wenigstens noch eine geborene Gnuschke, und wenn die eines Tages die Herrschaften dort besuchen würde, hätte das noch einen Sinn, bei mir nicht mehr. Und wer weiß, wieviel wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, gerade aus Gnuschkenhof mitbekommen haben. Eine einzige Geschichte von dem alten Urgroßvater Gnuschke wird noch bei uns erzählt. Das ist eine ganz besondere Geschichte, die mir immer sehr zu Herzen ging, denn wäre sie anders ausgelaufen, gäbe es uns alle auf der Welt nicht. Meine Großmutter erzählt sie uns jedes Jahr einmal. Es war zur Zeit, als die Franzosen hier saßen und den Feldzug gegen Rußland vorbereiteten. Man hatte den Besitzern alle Pferde fortgenommen, so daß an die Frühjahrsbestellung nicht zu denken war. Auch meinem Urgroßvater Gnuschke hatten die Franzosen sechs Pferde fortrequiriert, und so nahm er einen Strick und ging in den Wald, um sich aufzuhängen. – Seltsam, daß das hier so ganz in der Nähe gewesen ist!« »Wahrscheinlich in jenen Wald«, sagte Herr Steinbock und zeigte mit dem Finger nach dem Horizont. »Als Gnuschke also mit seinem Strick in den Wald geht, trifft er einen französischen Offizier, den er gut kennt, und der Offizier fragt Gnuschke, wo er mit dem Strick hinwolle. Mich erhängen! sagt Gnuschke, da man mir meine Pferde fortgenommen hat. – Ein Wort gibt das andere, und im Verlauf fragt der Offizier, ob er denn seine Pferde aus einigen hundert Pferden herauserkennen würde. – Natürlich! sagt Gnuschke. – Gut, sagt der Offizier, Er kennt seine Pferde, aber kennen Seine Pferde auch Ihn? – Das versteht sich, sagt Gnuschke, und der Offizier verspricht Gnuschke seine sechs Pferde zurückzugeben, wenn die Pferde ihn erkennen. Sie gehen zusammen auf die große Waldwiese, wo die requirierten Pferde aus dem ganzen Kreis zusammenstehen, einige hundert. Es ist schon dunkel geworden, und der Offizier fordert Gnuschke auf, seine Pferde zu suchen. Natürlich denkt er, daß er sie nicht finden wird, und hofft wohl überhaupt, daß diese Pferde schon unter den abtransportierten sind. Aber Gnuschke steckt die Finger in den Mund und pfeift, und siehe, sechs Pferde heben die Köpfe, steigen hoch, schlagen aus, wiehern und wollen sich losreißen und zu ihrem Herrn hin. – Auf diese Weise bekam mein Urgroßvater seine Pferde zurück und konnte seine Frühjahrsbestellung machen und seinen Nachbarn aushelfen und war ein gemachter Mann.« »Ein braver Mann, der alte Gnuschke!« sagte Herr Steinbock. »Mich würden meine Pferde nicht erkennen.« »Aber Erich würden sie erkennen!« rief Regine lebhaft. »Auch nur die aus dem Kutschstall gerade«, meinte Herr Steinbock, »und die beiden Mutterstuten vielleicht noch«. Es seien damals eben andere Zeiten gewesen. Heute mit den Knechten und Scharwerkern wäre alles ganz anders und Gnuschkenhof wäre ja auch nur ein kleiner Besitz. »Aber immerhin«, verteidigte Richard Ambrus seinen Urgroßvater, »die Sache sieht wie ein Scherz und ein Zufall aus. Hätten die Pferde nicht gewiehert, so hätte Gnuschke sich aufhängen müssen. Aber dahinter, daß die Pferde ihren Herrn erkannten, steckt eben ein ganzes Leben voller Verstand und Liebe im Umgang mit den Tieren. Dieser Pfiff war die Probe auf das Exempel, und Gnuschke bestand. Und deshalb konnte im nächsten Jahr mein Großvater geboren werden, und dreißig Jahre später meine Mutter, und wieder zwanzig Jahre später ich und meine Schwestern. Und so sitze ich hier im Wagen und fahre stolz eine Meile an Gnuschkenhof vorüber.« * Alle lachten, und Herr Steinbock meinte, daß Herr Gnuschke sich wohl als tüchtiger Mann auch ohne seine Pferde nicht aufgehängt hätte. Nun drehte sich der Kutscher vom Bock um und konnte sich bei diesem Gespräch nicht länger zurückhalten. Man merkte, daß er lange mit sich gekämpft hatte, aber jetzt mischte er sich ein und sagte: »Die Pferde sind auch verschieden. Der Wallach würde mich auch erkennen, aber die Stute würde den Deuwel tun und wiehern.« Dann schwieg er und setzte nach einer Weile wie in Gedanken hinzu: »Ja, wenn ich ein Hengst wäre!« Worauf die drei in ein schallendes Gelächter ausbrachen, das nicht aufhören wollte. »Ihr Ambrus seid eine verteufelte Gesellschaft«, sagte Herr Steinbock, als sie über die Brücke in den Hof von Schwenkendorf einbogen. »Ihr könnt wirklich gut von den alten Pruzzen, oder wie sie heißen, abstammen.« Zur Seite quoll das Grün des Parkes in mächtigen Bäuschen über den Zaun. Im Viereck lagen die Scheunen und Ställe. Zwei Pferde wurden über den Hof geführt, hinten arbeitete der Gutsschmied in der Schmiede. Der Schlag seines Hammers verfing sich zwischen den Gebäuden und hallte wider. Die vordere Veranda, bei der der Wagen hielt, wurde von einer riesigen Linde überschattet. Zwei Jagdhunde schossen bellend heraus, und ein Mädchen erschien in der Tür. Im Tor des Kälberstalls tauchte Erichs breite Gestalt auf. Er kam langsam näher, um sich die Gäste aus der Stadt anzusehen. Aber statt des jungen Mädchens, das er auf einem Familienbild der Ambrus' gesehen hatte, bemerkte er nur einen jungen Mann in hellen Hosen und dunklem Überrock. Richard sprang aus dem Wagen ihm entgegen. Der romantische Anblick des Gutshofs versetzte ihn in seligste Stimmung. Er hätte den stattlichen Erich, der da mit allen Wahrzeichen des Landwirts auf ihn zukam, fast umarmt. Unter dem Hundegebell kam auch Frau Steinbock auf die Veranda hinaus. Sie hatte sich fein gemacht, und man merkte an der Art, wie sie das Kinn gegen die Brust preßte, ihre Verwunderung, daß nur ein Gast ankam, wo sie ihrer drei oder vier erwartet hatte. Sie stand mit dem Aufwand ihres seidenen Kleides ein wenig beschämt vor dem jungen Menschen da und ärgerte sich. Vielleicht hatte sie aber auch einen erstaunten Blick Richards über ihren Leibesumfang aufgefangen. In diesem Punkt war sie empfindlich. Jedenfalls begrüßte sie den jungen Ambrus mit kaum beherrschter Abneigung, und Richard wurde zu seinem eigenen Erstaunen vor dieser Frau fast förmlich. »Sie müssen schon mit mir allein vorliebnehmen, gnädige Frau«, sagte er. »Man hat sich aber doch eingerichtet«, entgegnete sie scharf, und Richard merkte, daß Erich ihn einen Moment kalt ansah und Regine erbleichte. Herr Steinbock aber, der als letzter aus dem Wagen kletterte, rief mit ruhiger Laune: »Dann wird der Herr Studiosus eben für drei essen müssen!« und stellte die Stimmung notdürftig wieder her. Frau Steinbock zog sich ins Haus zurück und kam erst nach einer ganzen Weile in einem einfachen Kleid wieder zum Vorschein, als man bereits in dem Herrenzimmer saß. Zwischen ihr und Richard blieb eine unerklärliche feindliche Spannung bestehen, aber Richard war nicht der Mann, um sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich zu ihm stellte. Er sprudelte seine Eindrücke über die Fahrt mit Lebhaftigkeit heraus, rühmte die Poesie des Gutshofes, die ihn ganz überwältigt habe, und wenn er von Frau Steinbock nur die notwendigsten Antworten erhielt, wandte er sich einfach an Erich, mit dem Freundschaft zu schließen er fest entschlossen war. Ihm gefiel es hier, und wenn er an die Jahre in Gohlungen dachte, die ihm bevorstanden, so wollte er sich hier, die Freundschaft des Vaters mit Herrn Steinbock benutzend, so recht ein Eldorado mit Reiten, Fischen und Jagen einrichten. Man saß eine halbe Stunde im Zimmer, ehe das Essen aufgetragen wurde, denn die Kinder kamen erst spät mit den alten Braunen aus der Schule. Richard wäre lieber in den Park gegangen, aber Landleute neigen dazu, den städtischen Gast in das Zimmer und an den Tisch zu fesseln, da Ställe und Felder ihnen gewohnt und reizlos sind. Der Städter aber drängt hinaus, und so gibt es immer einen stillen Kampf zwischen dem Gutsherrn, der das Mittagessen bis zur Kaffeetafel verlängern möchte und den Kaffee bis zur Schweinevesper um sechs, und diese bis zum Abendessen, und das Abendessen als gemütliches Grogstündchen ausdehnen möchte bis zum Schlafengehen, das dann dem Städter wieder zu früh kommt. Der Städter hingegen, der zwar von den reichlichen Mahlzeiten auch keine auslassen will, drängt dazwischen ins Freie, fragt nach Wagen und Pferden, nach der Stelle, wo abendlich der Bock austritt, und versucht das Gespräch so zu wenden, daß man ihm schließlich doch die Ställe zeigt, auf die der Gutsherr ja auch wiederum stolz ist, und mit ihm zu der erhöhten Laube im Park geht, von der aus man den Sonnenuntergang beobachtet und das Wetter für den nächsten Tag festsetzt. So ließ Richard gleich nach dem Essen nicht locker, bis Erich ihn wenigstens in den Kutschstall führte, und da Erichs Reitpferd heute noch nicht gegangen war und auch die braune Fohlenstute gut ein wenig bewegt werden konnte, so wurde ihm schließlich verstattet, sich nach dem Kaffeetrinken Erichs zweite Reithose und ein Paar hoher Stiefel anzuziehen, die ihm zwar zu weit waren, aber zum Reiten ungefähr angehen mochten, und dann schwangen sich die beiden jungen Leute in den Sattel und ritten zum Hof hinaus, wobei Richard nur bedauerte, daß nicht Regine oder ein anderes Wesen weiblichen Geschlechts ihn hoch zu Roß beobachtete. Seine Reitkünste waren nicht bedeutend, denn es lag lange zurück, daß der alte Ambrus als Posthalter über Pferde verfügt hatte. Aber es gab nichts auf der Welt, wozu Richard nicht ein natürliches Geschick mitbrachte. Erich zeigte ihm kleine Hilfen, die man dem Pferd geben muß, das Durchdrücken des Kreuzes, das Zurücknehmen der Schenkel, die richtige Haltung der Kandare, und als sie nach einer Stunde wieder in den Hof ritten, konnte Richard schon ein Pferd zum Rechts- oder zum Linksgalopp ansetzen, und die braune Stute ging artig am Zügel, kaute am Gebiß und ließ die Hinterhand nicht mehr schleppen. Herr Steinbock, der auf der Veranda stand, beachtete weniger diese Künste, als daß er mit einem Blick feststellte, ob die Pferde nicht zu schwitzig wären. Das ist das einzige, was den Landwirt an den Reitversuchen seiner Gäste interessiert. »Kommen Sie noch ein bißchen in mein Zimmer«, sagte Erich, als sie die Pferde am Stall abgegeben hatten. Hier erst war der Raum, in dem Richard von dem Zauber des Landlebens völlig gepackt wurde. »So möchte ich leben!« rief er mehrmals und schlug mit der Reitgerte auf das schmale Bett. Es war eine richtige Inspektorstube. Ein Tisch stand am Fenster mit zwei wackligen Stühlen, ein altes schwarzes Ledersofa mit weißen Knöpfen an der untapezierten Wand. In einem Regal gab es einige Bücher landwirtschaftlichen Inhalts und allerhand Mappen und Tabellen, denn Erich hatte über einige Zweige der Wirtschaft Buch zu führen. Die Stube war ganz einfach und notdürftig, aber sie hatte ihr Eigenes durch die ungeschminkte Zweckmäßigkeit, die einem Leben unmittelbar an der Brust der Natur unterstellt war. An der Wand hingen Drilling und Schrotflinte, und man konnte sich vorstellen, daß man das Gewehr über die Schulter nahm und einfach an das Bruch hinter der großen Scheune ging, um noch rasch eine Ente zu schießen. Über einem Gestell hing ein englischer Sattel mit silberbeschlagenem Kandarenzeug. Einige hohe Stiefel, die allein schon den Städter entzücken können und von Streifen durch Feld und Flur, von Bockpirschen und Ritten berichten, standen in der Ecke. »Ihr lebt hier!« rief Richard aus und dachte an seine durch das Examen besonders verhaßten Bücher. »Hier komme ich oft her, wenn ich erst Referendar am Gohlunger Amtsgericht bin!« »Also darauf!« sagte Erich höflich. Er hatte eine Flasche Korn und zwei Gläser hinter dem Ofen hervorgezogen und eingeschenkt. »Kommen Sie möglichst oft. Wir wollen auf die Jagd gehen, Pferde einreiten und alles, was Sie wollen.« Er bemühte sich, den offenbar ganz prächtigen Menschen die steife Begrüßung durch seine Mutter vergessen zu lassen. * Am liebsten wäre Richard für den Rest des Tages in diesem Zimmer geblieben, um sich mit Erich ordentlich anzufreunden, aber das Mädchen kam sie zum Abendessen holen. So saßen sie wieder an dem langen Tisch, oben die Erwachsenen, dem Gast zu Ehren bei Kälberbraten und Tee, unten die Kinder bei der Milchsuppe; Regine zwischen den Parteien, aufschöpfend und beteilend; und nachher wieder in dem Herrenzimmer bei Haschenbier aus Braunsberg. Auch hier begann es jetzt behaglich zu werden, weil man mit dem Gast keine Umstände machte. Herr Steinbock ging mit einer langen Pfeife im Zimmer auf und ab. Frau Steinbock, die einen Sessel bis zur letzten Ecke ausfüllte, hatte sich eine Brille aufgesetzt und las in der gestrigen Nummer der »Gohlunger Kreiszeitung«. Was ihr gefiel, las sie laut vor und achtete darauf, daß alle zuhörten. Regine, die noch mit den Kindern und in der Küche zu tun hatte, kam hin und wieder. Schließlich setzte sie sich mit einer Handarbeit hin, aber weit fort von Richard, der schon beiseite gerückt war, um ihr Platz zu machen. Gegen neun fing Herr Steinbock zu gähnen an und war Frau Steinbock mit der Zeitung fertig. Richard, der noch nicht die mindeste Lust zum Schlafen verspürte, entdeckte auf einmal in der Ecke ein altes Tafelklavier, setzte sich daran und griff einige Akkorde. Herr Steinbock erzählte von dem Konzert, das der Herr Studiosus heute bereits auf offener Straße in Gohlungen veranstaltet hatte, und dieser Bericht hob ein wenig die Stimmung, da selbst Frau Steinbock bei der Vorstellung der seltsamen Situation, wenn auch noch sauer, lächeln mußte. Das Klavier war verstimmt, und etwas Schumann oder Chopin, wie er zuerst wollte, gab es nicht mehr her. So spielte er ein Potpourri von bekannten Tänzen und Volksliedern mit kunstvollen und humoristischen Wendungen und Übergängen. Herr Steinbock fiel schließlich mit seinem Gesang ein, und alle folgten seinem Beispiel. Selbst Regine summte bei den Volksliedern mit leiser Stimme mit. Sie konnten allerdings nie lange mitsingen, denn Richard wich immer wieder in neue Melodien aus, deutete zum Beispiel im Baß schon das nächste Lied an, während oben das alte noch nicht zu Ende war, oder erging sich in Trugschlüssen und Variationen. Mit einem Schlag war das Zimmer in Aufruhr. Man rief Richard zu, welches Lied er jetzt folgen lassen solle, und prompt stieg die verlangte Tonfolge aus den Tiefen des Basses empor. Es gab Unterhaltungen in das Spiel hinein, wenn er Stücke aus Opern spielte, die man in Schwenkendorf erst dem Namen nach kannte. Das Walhallmotiv und der Feuerzauber aus der »Walküre« erregten Verwunderung, und Richard mußte von Wagner erzählen, der mit seinem Bayreuth auch auf dem Lande schon Aufsehen erregte. Regine wurde in den Keller geschickt, um zwei Flaschen Rotspon zu holen. Herr Steinbock berichtete aus seiner Elevenzeit, wie ihm der alte Ambrus auf dem Klavier vorgespielt habe, wenn sie zum Oberinspektor Kickton in Nickelsdorf eingeladen waren, und schließlich bestand er darauf, daß Erich und Regine einen Walzer tanzten. Richard hoffte auch noch, Regine in seine Arme zu bekommen, und bemühte sich, Erich wenigstens den Flohwalzer mit zwei Fingern beizubringen. Aber ehe er es begriffen hatte, war Regine verschwunden. »Sie sollten Musiker werden«, sagte Erich. »Ich sehe doch, daß Sie ganz ungewöhnlich musikalisch sind.« Aber Richard sträubte sich. »Musiker verhungern oder krepieren hinter dem Zaun!« entschied er. Und ob man es sich so schön vorstelle, täglich fünf Stunden Fingerübungen zu machen. Nein, er hätte von seiner Musik, die er nur zu seinem Vergnügen betriebe, weit mehr als etwa sein Freund Ulrich Reuschhagen, der nun schon ein berühmter Mann sei. – Er sah sich bei diesem Namen selbstbewußt und fragend um, aber hier hatte noch niemand von Ulrich Reuschhagen vernommen. Selbst Frau Steinbock lobte das Solide an seiner Auffassung, und Herr Steinbock entschied sich dahin, daß Musik zum Vergnügen da wäre und man von einem Spiel wie dem seinen viel mehr hätte als von großstädtischen Konzerten. Aber Erich blieb dabei, daß man Künstler werden müsse, wenn man eine ganz ausgesprochene Begabung habe. So mißtrauisch er selbst dem Leben und den Menschen gegenüberstand, so hätte er doch gern jemanden gesehen, der blindlings seinem Stern folgte, und er dachte, daß von allen Menschen dieser Ambrus das Zeug dazu zu haben schien. Regine war aus dem Zimmer gegangen, ehe es zum Tanzen mit Richard kam. Wie sie die Treppe hinaufstieg und die Tür ihrer kleinen Stube ansah, wußte sie, was gleich hinter dieser Tür geschehen würde. Den ganzen Tag über hatte sie es gewußt und hatte die Treppe und die Einsamkeit ihres Zimmers voller Furcht vermieden, obwohl sie Zeit gehabt hätte, hinaufzugehen. Sie wußte es, seit sie Richard im Wagen gegenübergesessen hatte, und es hatte ihr mit Krallen ins Herz gepackt, als er vor ihr die frommen Namen ihrer Heimat ins Heidnisch-Phantastische wandelte. So war es richtig! fühlte sie, gerade so war es ihr verhängt! Jetzt sanken alle ihre Schätze im Himmel dahin, denn sie liebte diesen, der nicht einmal ihren Glauben hatte, und sie würde alles daransetzen, ihn zu bekommen. Alle Entsagungen ihres jungen Lebens stiegen vor ihr auf. Sie wollte weiter dienen und sich demütigen und sich die Füße wundlaufen, und nur dieses eine wollte sie vom Leben erbetteln und erkämpfen mit allen Kräften, diesen Mann, der größer und herrlicher war als alle Menschen. Sie öffnete die Tür und sank vor ihrem Bett nieder. Auf einmal fühlte sie, daß sie Gott um dieses eine nicht bitten konnte, und drückte das Gesicht in die Hände und weinte, während von unten die Töne des Klaviers heraufdrangen. 5. Richard Ambrus hatte noch einen besonderen Grund, für einige Tage nach Gohlungen zu fahren. Vor wenigen Wochen hatte er die Bekanntschaft von Eleonore von Stetten gemacht. Fräulein von Stetten war mit einem Regierungsassessor von Sack verlobt, der für die Landratsstelle in Gohlungen in Aussicht genommen war. Graf Kanitz, ohnehin durch politische Fragen allgemeiner Natur in Anspruch genommen, beabsichtigte, sich auf seine Güter zurückzuziehen. Richard war nun von Eleonore gebeten worden, sich Gohlungen anzusehen und ihr über den Ort zu berichten. Sollte es ein stumpfsinniges, gräßliches Nest sein, so war sie entschlossen, ihren Bräutigam zu bestimmen, sich lieber nach einer Regierungsratsstelle in einer größeren Stadt umzusehen. Sie legte Wert erstens auf eine angenehme, hübsche Wohnung, zweitens auf eine bewegte gesellschaftliche Atmosphäre, drittens und vor allem auf den »Geruch« einer Stadt. »Sie wissen schon, Herr Ambrus«, sagte sie, »jede Stadt hat ihren bestimmten Geruch. Man merkt es sofort, wenn man hindurchgeht. Nicht etwa, daß eine Stadt nach Lohgerbern oder nach Linden riecht, meine ich, sondern ob sie erfrischt oder niederdrückt. Ob man dort morgens um acht mit leichtem Kopf aufsteht oder noch um zehn mit schweren Gliedern im Bett liegt, ob man dort gern spazierengeht oder lieber im Zimmer sitzt. Das alles hängt vom Geruch ab. Aber sagen Sie meinem Bräutigam nichts davon, der hält mich für verrückt.« Richard versprach, seine Nüstern zu blähen wie ein junger Hengst und ihr zu berichten. Er legte um so mehr Gewicht darauf, Fräulein von Stetten sich günstig zu stimmen, als ihr Vater als hoher Justizbeamter ein besonders hervorragendes Mitglied seiner Prüfungskommission war. Jedenfalls bemäntelte er vor seinen Bekannten seine Kurmacherei mit diesem Vorwand. Man neckte die beiden damit, ihn, daß er ein Streber sei, und sie, daß sie Referendarkronen zu vergeben habe. Richard hatte Eleonore auf eine eigentümliche Weise kennengelernt. An einem der ersten schönen Märznachmittage saß sie in der Pferdebahn, die nach dem sogenannten Korinthenbaum, einer Gaststätte auf den Hufen, hinausfuhr. Nach ihrem Aussehen konnte er schließen, daß sie der vornehmen Gesellschaft angehöre. Um so mehr fiel es ihm auf, daß sie so allein und ohne Begleitung in der Pferdebahn saß. Da sie Handschuhe trug, war es ihm nicht möglich festzustellen, ob sie verlobt war, eine Frage, die ihn dringend beanspruchte, während er ihr schräg gegenübersaß und sie beobachtete. Obwohl er ganz in ein Buch vertieft tat, bemerkte sie bald seine Aufmerksamkeit, die ihr nicht unangenehm schien. Jedenfalls fühlte er von Zeit zu Zeit ihre großen dunklen Augen hinter dem braunen Schleier auf sich gerichtet und erwartete schon ein artiges Abenteuer, obwohl ihn die Sicherheit ihres Benehmens immer wieder in Ungewißheit stürzte. Auf alle Fälle beschloß er, ihr so weit wie möglich zu folgen. An der Endhaltestelle vor dem Korinthenbaum stieg sie aus, und ihm schien, daß sie ihm im Augenblick des Aussteigens einen Blick zuwarf. Er zwirbelte den Schnurrbart hoch und folgte ihr im Abstand von etwa zwanzig Schritten. Sie bog in den Seitenweg neben dem Gasthaus, und als er gleichfalls um die Ecke kam, sah er sie ruhig dastehen und in einen Garten hineinblicken. Sie tat, als bemerke sie ihn nicht. Kein Mensch war zu sehen, die letzten Insassen der Pferdebahn hatten sich in anderer Richtung zerstreut. Sein Herz schlug vor kühner Erwartung, er wagte aber nicht, sie anzusprechen, sondern machte sich daran, auf dem kurzen Weg, der sich bald in Feldern verlor, auf und ab zu gehen. Sie stand noch immer still und blickte ruhig in den Garten. Hin und wieder sah sie flüchtig nach ihm hin. Es war kaum anders möglich, als daß sie sein Ansprechen erwartete. Er überlegte sich, was er zu ihr sagen könnte, etwa: »Wie seltsam, gnädiges Fräulein, daß wir uns den gleichen Ort zu einem Stelldichein gewählt haben. Auch ich erwarte jemanden, aber es ist noch ungewiß.« Diese Art erschien ihm nicht ungeschickt, aber er zögerte die Ausführung noch hinaus. Auf einmal bog ein Herr um die Ecke und kam mit gezogenem Hut auf sie zu. Irgend etwas in ihrer Begrüßung schien Richard der Annahme eines Liebesverhältnisses zu widersprechen. Die beiden gingen in das Gasthaus hinein, und Richard nahm einige Tische von ihnen entfernt Platz, so daß er die junge Dame vor sich hatte. Da sie braune Augen, einen breiten braunen Hut mit weißen Spitzen und einen braunen, pelzbesetzten Mantel anhatte, nannte er sie in seinem Innern »die braune Dame«. Fast erschien es ihm Absicht von ihr, daß sie beim Verzehren des Apfelkuchens mit Schlagsahne ihre Handschuhe auszog und die linke Hand wie prüfend gegen das Fenster hielt, so daß ein breiter Verlobungsring sichtbar wurde. Dieser Ring schien ihn auszulachen, es war wie eine Verhöhnung. Ein Brautpaar, das den Verwandten ausgerückt ist, um sich romantischerweise ein Stelldichein zu geben, dachte Richard. Da bemerkte er, daß der Herr seinerseits keinen Ring trug. Eine Braut auf Abwegen! glaubte Richard nunmehr konstatieren zu müssen, und das Benehmen der Dame auch ihm gegenüber erschien ihm jetzt in einem zweifelhaften Licht. Schon wollte er ein Verdammungsurteil fällen, als eine zweite junge Dame in den Raum trat, mit etwas kurzsichtigen Augen umhersuchte und auf die beiden mit einem so strahlenden Ausdruck zustürzte, sich mit ihrer Hand in die Hand des Herrn so stürmisch einsaugte und sich mit so freudigen Blicken an seine Augen hängte, daß Richard sein voreiliges Urteil verwarf, zu einer neuen Beweisaufnahme schritt und schließlich seiner braunen Dame reumütig abbat, die in edelmütiger Weise einem Liebespaar zur heimlichen Begegnung verhalf. Er sah, daß die drei Personen offenbar von den Angelegenheiten des Liebespaares vollkommen in Anspruch genommen waren, und ging nach einer Weile fort. Sein Aufbruch wurde mit keinem Blick beachtet, wie er leider feststellen mußte. Aber er behielt die braune Dame im Gedächtnis und begegnete ihr von da an öfters. Er bekam aber nicht einmal heraus, wo sie wohnte. Er sah sie in verschiedene Häuser hineingehen, ohne daß er feststellen konnte, was sie dort tat. Seine Bemühungen blieben von ihr nicht unbemerkt, und sie schien keineswegs böse darüber, wenn sie auch keine Gelegenheit gab, ihr näherzukommen. Einmal prallte er an einer Straßenecke fast mit ihr zusammen, rief »Pardon!« und zog den Hut. Sie lachte ihn an und grüßte ihn mit einem Senken ihrer Augenlider. Er kannte diesen Blick schon an ihr und nannte ihn »den Blick von unten hinauf«. Schon gedachte er, sie von da ab überhaupt zu grüßen, aber das nächste Mal traf er sie in Begleitung eines Herrn, der ihr Bräutigam zu sein schien. Dieser Herr war erheblich älter als sie und tadellos, sogar ein wenig geckenhaft gekleidet. Er schob sich an ihrem Arm kerzengerade durch die Straße. Zu beiden Seiten des strengen Gesichts hingen ihm gepflegte Bartkoteletten von unbestimmter Farbe herab, und das Distinguierte der ganzen Gestalt wurde durch ein Monokel im linken Auge wirkungsvoll gestützt. Richard ging an den beiden vorüber und war neugierig, ob sie wie sonst mit einem leichten Lächeln von ihm Notiz nehmen würde. Aber sie sah diesmal an ihm vorbei, als ob er Luft wäre. Das erschien ihm nicht ungünstig. Die braune Dame regte ihn nun nicht gerade auf, aber es war doch so, daß er fast ständig an sie dachte, wenn er auf die Straße ging, um sich vom Arbeiten zu erholen. Schließlich sprach er zu einigen Freunden über sie, und da diese ihm keine Auskunft geben konnten, zog er seine kluge Freundin Else Rosenbaum zu Rate. Else Rosenbaum wußte alles und kannte alle Menschen. Aber aus seiner Beschreibung wurde sie nicht klug, denn ihm fehlten allzusehr die Fachausdrucke für Damenkleidung. Er konnte nicht Foulard von Fichu unterscheiden und verwechselte Pelz- und Samtjacken. Endlich konnte er der Freundin die braune Dame in einem der letzten Börsenkonzerte zeigen. Sie kannte sie und grüßte sie sogar. Es war Eleonore von Stetten. Else Rosenbaum hatte sogar nicht übel Lust, Eleonore durch Richard in ihren Kreis zu ziehen. »Bringen Sie sie zu uns, wenn Sie es fertigkriegen«, ermunterte sie den Freund und erzählte ihm, daß Eleonores Vater, der erst vor einem Jahr nach Königsberg versetzt war und die Tochter nicht einmal sofort mitgebracht hatte, sich bereits in der ganzen Stadt durch seine Eigenheiten bekannt gemacht habe. Er sei Witwer und ließe seiner Tochter in einem ungewöhnlichen Grade die Freiheit. Ihr Bräutigam hingegen, der Regierungsassessor von Sack aus Gumbinnen, wäre die Steifheit und Korrektheit in Person, und vor ihm solle Richard sich in Acht nehmen. Aber er wäre ja in Gumbinnen und nur selten hier. Richard überlegte hin und her, wie er die Bekanntschaft der braunen Dame machen könnte, denn ihn ihr einfach vorzustellen, lehnte Else Rosenbaum ab. Es würde sie in ein schiefes Licht setzen. Else Rosenbaum tat alles für ihre Freunde, aber sie setzte sich nie in ein schiefes Licht. Richard hatte seine ganze Studienzeit in Königsberg verbracht, und er kannte viele Menschen in der Stadt. Aber zu Eleonore fand sich keine Brücke. Er war alter Burschenschafter, und es war naheliegend, daß sie mehr in den Kreisen der Korps verkehrte. Jedenfalls beschloß er, aufzupassen und jede Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Es vergingen wieder zwei Wochen, ohne daß er seinem Ziel näher gekommen wäre. Er nahm schon die Exmatrikel, um sich ganz in seine Arbeiten zu seinem Examen zu stürzen, und kannte die braune Dame noch immer nicht. Sicher würde er Königsberg verlassen, ehe er einmal mit ihr gesprochen hatte. Im übrigen beschäftigte ihn der Abschied von seiner Studentenzeit mehr als diese ganze Geschichte. Es lag in der Phraseologie der Studentenverbindungen, daß hinter dem Examen die goldene Freiheit zu Ende war und das graue Philisterium begann. Man bangte sich nicht im geringsten nach der geordneten Wirksamkeit des Mannes, sondern nahm sich eher vor, von den studentischen »Idealen« möglichst viele ins Leben hinüberzuretten und noch als Philister im Sinne Viktor von Scheffels »ein Student« zu bleiben. Als Richard in seine Burschenschaft eintrat, hatte er damit einen Herzenswunsch seines Vaters erfüllt, der die Burschenschaften noch immer im romantischen Schimmer des tollen Jahres 48 sah. Aber die jungen Burschen bekümmerten sich, wie alle Welt nach dem glorreichen Ausgang des Krieges, nicht im geringsten um Politik, und als Freiheit genügte ihnen die akademische, die das Recht auf nächtliche Kneipereien, Kollegschwänzen und Mensuren gewährleistete. Diese jungen Männer hatten den Krieg als zehn- und zwölfjährige Knaben miterlebt. Sie kannten nicht die Furchtbarkeit der Schlachtfelder, stürmten in Gedanken mit den bewunderten Helden von Sieg zu Sieg, von denen, bei Auslassung alles Schlimmen, die Heeresberichte verkündeten, betasteten mit Neugier die Eisernen Kreuze der älteren Verwandten und verachteten, wo sie keins auf einer Brust fanden. In ihr geistiges Erwachen waren die Glocken der Siegesfeiern hineingeklungen. Auf den Kneipen wurde viel von Vaterland gesprochen und gesungen, aber das Vaterland war ihnen nicht, wie der Generation von 48, etwas erst zu Erringendes, es war ihnen der Erfolg, das Erbe, das sie selbstbewußt antraten, dessen Besitz sie mit vielem Getöse verkündeten. Sie hatten keine Ahnung davon und wollten es nicht wissen, daß Vaterland immer in der Zukunft liegt und immer errungen werden will. Kein Ideal schien ihnen über die erreichte Wirklichkeit hinauszugehen, ihre Aufgabe blieb nur die Freude, in dieser Zeit und in diesem Reiche zu leben, und sie arteten, wie sie glaubten, Bismarck nach, der auch ein toller Student und wüster Schläger gewesen sein sollte. Man hatte dann immer noch Zeit, ein Examen zu machen und ein großer Mann zu werden. Einige unter den Professoren beobachteten diese Entwicklung nicht ohne Besorgnis. Besonders hatte der damalige Prorektor, ein weltberühmter Mediziner, bei einigen Gelegenheiten zu mahnen und zu warnen versucht. Die Folge war, daß auf dem alljährlichen großen Kommers die Korps die Rede dieses Prorektors mit leisem Gemurmel und angedeutetem Scharren begleiteten und dafür dem Kurator als dem Vertreter der Staatsgewalt laute Ovationen brachten, als er sich zu seiner Rede erhob. An dieser Kundgebung hatten sich die Burschenschafter noch nicht beteiligt. Sie blieben alter Tradition gemäß immer noch ostentativ sitzen, wenn beim »Gaudeamus igitur« die dem Landesvater und dem Staat gewidmete Strophe gesungen wurde, während die Korps sich hierbei mit Geräusch und Würde von den Plätzen erhoben. Die Burschenschafter standen dafür bei der Strophe »Vivat Academia, vivant professores«, wo wieder die Korps sitzen blieben. Herr Ambrus senior hätte seine Freude daran gehabt. Aber es war nur noch eine Form, und schon gab es unter den jüngeren Semestern eine Strömung, die sich gegen die Juden in der Burschenschaft wandte, was unter den freisinnigen alten Herren böses Blut erregte. Drei Semester lang hatte Richard die Farben seiner Burschenschaft getragen und war mit Begeisterung im Burschenleben aufgegangen. Dann zog er aus seiner im Universitätsviertel gelegenen Bude in der dritten Fließstraße aus und mietete ein stilles Zimmer in der Knochenstraße am Bahnhof. Auch hier herrschte oft noch lautes Treiben. Die Burschen veranstalteten Expeditionen nach Ambrus' Bude, luden einige Achtel auf Handkarren und stachen sie bei der erschrockenen Schuhmacherwitwe an. Oft auch trafen sich drei, vier besonders nahe Freunde in der Knochenstraße. Ambrus hatte ein kleines Achtel besorgt, und sie saßen in Hemdsärmeln um den Tisch mit der langen Pfeife im Mund und sangen das halbe Kommersbuch aus. Aber allmählich hatte er das Studentenleben satt bekommen. Durch Königsberger Bundesbrüder, die mit ihm oder schon vor ihm in die Inaktivitas getreten waren, wurde er mit einigen kunst- und musikliebenden Familien bekannt, an denen in der abgelegenen Stadt kein Mangel war. Sein Klavier- und Geigenspiel hatte er auch in den Burschensemestern nie ganz aufgegeben, aber jetzt, während er »Scharteken büffelte«, trat die Musik wieder in den Vordergrund, und bald hatte er einen anregenden und lebendigen Kreis beisammen und wurde am Flügel oder am Geigenpult nicht weniger bewundert als vordem auf dem Fechtboden oder in der Kneipe, wo er im Schlägerfechten oder im Bierjungen trinken unerreicht gewesen war. Die stille Musiksehnsucht des Vaters Ambrus, der stundenlang am Klavier saß, um sich seine Lieblingsstücke ohne Noten auf den Tasten zusammenzusuchen, hatte sich auf Richard als ein geradezu unbändiges Talent vererbt. Er hatte auf dem Gymnasium nur wenige Stunden gehabt, und die technischen Fortschritte flogen ihm zu. Er beherrschte nahezu alle Instrumente, und es war ihm einerlei, ob er sich bei einem Kammermusikwerk an den Hügel oder an eines der Streicherpulte setzte. Man konnte ihm eine Posaune oder eine Handharmonika bringen, in wenigen Stunden kannte er den Mechanismus und handhabte ihn. Es schien für ihn keine Schwierigkeiten zu geben, oder er brach sie kurzerhand über das Knie. Was ihm fehlte, war ein ruhiges Sichsammeln und ein weiches Anpirschen an den Geist der Musik, aber alle Läufe rasselte er wie ein Donnerwetter herunter, und sein rhythmischer Schwung war unwiderstehlich. Schon als Schüler hatte er alle Symphonien Beethovens und Schuberts vierhändig mit seinem Klassengenossen Ulrich Reuschhagen gespielt, der gleich nach dem Abiturium in Elbing zu Felix Dreyschock und schon ein Jahr später zu Liszt ging und gerade die ersten Lorbeeren seines Studiums zu pflücken begann. Viele hatten es damals nicht recht verstehen können, weshalb gerade der stille, in sich gekehrte Reuschhagen, der sich schwer mit der Technik nur eines Instrumentes herumzuschlagen hatte, Musiker wurde und der anscheinend viel begabtere Ambrus Jura studierte. Man schob es auf den Stand der Väter. Das Vermögen der Ambrus' war so ziemlich dahin, Reuschhagen aber war der Sohn eines wohlhabenden Bauunternehmers, der den Knaben schon als kleinen Schüler wöchentlich nach Danzig zu einem guten Lehrer schicken konnte. Aber ausschlaggebend war doch wohl die Veranlagung der beiden jungen Männer selbst. Vielleicht hatte Reuschhagen die geringere technische Begabung, aber in ihm brannte die Flamme der Kunst in einem warmen gleichmäßigen Feuer, während Ambrus nach allen Seiten ausschlug. Jedenfalls konnte Reuschhagen kopfschüttelnd dabeistehen, wenn Ambrus gewisse Sätze vom Blatt herunterspielte, an denen er sich selbst wochenlang die Finger zerbrach. Von allen Bundesbrüdern hatten sich die Brüder Rosenbaum am engsten an Richard angeschlossen, und durch sie kam er in die Familie des Justizrats Rosenbaum und blieb dort wie ein Sohn im Hause, auch als der ältere Bruder als Schulamtskandidat nach Marienwerder gegangen war und der jüngere in verschiedenen Städten vorgerückte Referendarstationen absolvierte. Bei Rosenbaums fanden regelmäßige Kammermusikabende statt. Als Richard in den Kreis trat, gab er sofort das Losungswort aus, daß ein richtiger Musikabend nicht aufhören dürfe, bevor nicht der Fußboden mit zerrissenen Quinten bedeckt sei, und mit ihm wuchsen sich denn auch bald die Zusammenkünfte zu musikalischen Orgien aus. Es wurden manchmal drei oder vier größere Werke und dazwischen ebenso viele Sonaten gespielt oder auch Lieder gesungen. Die Rosenbaums bewohnten eine geräumige Etage am Roßgärter Markt. Es war eines der ersten modernen Mietshäuser mit vier Etagen, vielen Stuckverzierungen, einem prächtigen Treppenhaus mit bunten Glasfenstern, wie sie bald darauf zu vielen Dutzenden aus dem Boden wuchsen und den Charakter der alten ruhigen Straßen von Grund aus verwandelten. Von der Rosenbaumschen Wohnung, die vier Treppen hoch lag, hatte man eine wundervolle Aussicht über den Schloßteich und die ihn umkränzenden Gärten. An das große Musikzimmer schloß sich nach hinten heraus eine riesige Veranda, schon mehr eine ganze Terrasse, in der man frei wie in einem Luftschiff hoch über dem Teich schwebte und auf das alte Schloß herabsah. An den Sommerabenden saßen die Zuhörer meistens draußen auf dieser Veranda, genossen den Zauber der Nächte, die dort oben zu gewissen Zeiten schon an die weißen Nächte von Petersburg erinnern, und sahen durch die breite, geöffnete Glastür in das erleuchtete Zimmer hinein, aus dem die Tonströme hervorquollen. Die Eltern Rosenbaum traten hinter dem Leben ihrer Kinder vollkommen zurück. Es tauchten manchmal auch ältere Menschen in dem Kreis auf, Verwandte und Freunde des Justizrats, aber die Jungen überwogen und gaben den Ton an. Es war aber auch eine Reihe interessanter junger Männer darunter. Da war der Referendar Georg Reicke, ein junger Dichter, der schon einen Band Lyrik veröffentlicht hatte und jetzt an seinem ersten Roman schrieb. Da war Hermann Baumgart, Oberlehrer an einer Töchterschule, für den die ganze erste Klasse schwärmte. Er hatte während des Winters im Goethebund, einer neu gegründeten Literaturvereinigung, verschiedene Vorträge über Goethe gehalten und wollte sich jetzt an der Universität habilitieren. Da war der lebhafte Dr. Goldstein, der seit einiger Zeit das Feuilleton der Hartungschen Zeitung leitete. Da war der Kandidat des höheren Schulamts, Dr. Stettiner, der in siebenundzwanzig Vereinen tätig war und in seiner freien Zeit historische Aufsätze über die Geschichte Königsbergs verfaßte. Um diese sammelte sich eine Reihe gleichgearteter junger Herren und Fräuleins. Sie alle liebten die Musik und saßen oder standen in Gruppen umher, wenn Ambrus und seine Quartettgenossen an den vier Pulten arbeiteten. Dr. Baumgart, der auf die edle apollinische Linie aus war, bevorzugte Mozart und ließ in seine Abhandlung über »Goethes Form« einige interessante Parallelen zwischen den beiden Meistern einfließen. Für den kämpferischen Dr. Goldstein war wiederum der »Titane« Beethoven das Höchste, und er rollte die Augen, auch wenn Beethovens Musik wie ein liebliches Bächlein zwischen anmutigen Ufern dahinrann. Letzthin war es passiert, daß der junge, gerade aus Wien hergekommene Musikkritiker Dömpke, ein Freund und Schüler Hanslicks und so organisiert, daß er das veritable Bauchweh bekam, wenn er nur an den »Tannhäuser« dachte, den Kämpen ein Klaviertrio von Brahms auf die Pulte legte und eine Revolution in dem Kreis hervorrief. »Verrückt!« sagte Ambrus, aber dann machte er sich ans Üben und trieb die Streicher an, die streiken wollten, und in vierzehn Tagen war dem Kreis der neue Gott geboren. Nur Dr. Baumgart blieb ablehnend und vermißte das apollinische Moment. Es war gerade in den Tagen, als Richard durch Else Rosenbaum den Namen seiner braunen Dame erfahren hatte, und während er vom Flügel aus das Feld beherrschte, mußte er sich vorstellen, daß Eleonore unter den Zuhörern saß. Else Rosenbaum war der eigentliche Mittelpunkt des Kreises. Sie war unermüdlich im Aufnehmen und Zuhören. Obwohl sie selbst gar nicht spielte, kannte sie die gesamte Musikliteratur von Haydn bis Schumann und wußte genau, welche Tempi bei jedem einzelnen Satz das Joachimquartett zu nehmen pflegte. Sie hörte alles, wußte aber das Positive an jeder Leistung hervorzuheben, und wenn die Bratsche ganze Passagen ausließ, entschuldigte sie es mit der Schwierigkeit des Schlüssels. Aber sie hatte jeden Fehler bemerkt und ließ es durchblicken. Sie wurde mit ihrem klaren und doch liebenswürdigen Urteil allseitig gefürchtet und verehrt. Für Richard hatte sie eine besondere Vorliebe, und man wurde nie ganz klug daraus, ob sie ihn nicht heimlich liebte. Jedenfalls bemühte sie sich, ihn zur Lektüre guter Bücher zu bringen (sie hatte ihm auch den Zola empfohlen), und war verzweifelt, wenn dieser so hoch talentierte junge Mann den Erscheinungen der Literatur gegenüber auf barbarischer Ablehnung beharrte. Richard machte prachtvolle Gelegenheitsgedichte und konnte mit dem Zeichenstift, was er nur wollte, treffsicher zu Papier bringen, aber jede Beschäftigung mit Literatur und Malerei war ihm zuwider. »Mit dem Kommersbuch kommt doch kein Buch mit!« sagte er. Else Rosenbaum schüttelte den Kopf. Für den Schluß der Saison stand noch ein großes Ereignis bevor: Ulrich Reuschhagen, der jetzt Schüler von Leschetizky in Wien war, sollte ein Konzert geben. Es war seine erste größere Tournee, die er unternahm. Er spielte in Frankfurt a. O., Posen und Danzig, und aus allen diesen Städten kamen auf den verschiedensten Wegen die widersprechendsten Nachrichten über sein Spiel. Den einen hatte er gar nicht gefallen, nach ihnen sollte er der virtuosen Bravour gänzlich ermangeln und ein »Adagionist« sein, ein Mann der langsamen Sätze, weil offenbar die Technik nicht ausreichte. Andere wieder sagten, daß er ein Wunder und die Vorahnung einer neuen Zeit wäre. Am Tage vor seinem Konzert wurde die Kritik des berühmten Dr. Fuchs aus Danzig in der Stadt bekannt. Dr. Fuchs hatte sich durch wahre Wunderwerke von Kritiken seit kurzer Zeit einen großen Namen in allen Städten des Ostens gemacht. Sehr zum Ärger Dömpkes! Dieser Dr. Fuchs hob den jungen Künstler in den Himmel, und besonders eindrucksvoll war der letzte Satz seiner Kritik, in dem es hieß, daß Ulrich Reuschhagen in der Hand die blaue Blume der Romantik trage und hell über seinem Haupt der indische Stern schwebe. Das war offenbar mit Bezug auf das Drama »Sakuntala« gesagt, das damals gerade durch eine Modewelle emporgespült wurde. * »Wenn Sie uns schon Ihre braune Dame nicht zugeführt haben«, sagte Else Rosenbaum zu Richard, »so müssen Sie uns jedenfalls Ihren Freund Reuschhagen für einen Abend in unser Haus bringen.« Richard glaubte zusagen zu können. Immerhin hatte er Reuschhagen seit etwa zwei Jahren nicht mehr gesehen, war auch nicht mehr im Besitz einer Adresse seines einstigen Mitschülers und wußte nicht, ob dieser berühmte Mann geneigt sein würde, von ihrer einstigen Freundschaft noch Gebrauch zu machen. Da bekannt war, daß Reuschhagen bei dem Fabrikbesitzer Gebauhr, dem Veranstalter der Künstlerkonzerte, wohnte, begab sich Richard am Nachmittag dorthin, wurde aber nicht vorgelassen, da sich Herr Reuschhagen dringendst vollständige Ruhe ausbedungen hätte, wie das öffnende Mädchen mit einem zierlichen Knicks vor dem stattlichen Herrn auswendig hersagte. So blieb nichts anderes übrig, als während des Konzerts im Künstlerzimmer einen Versuch zu machen. An dem Konzert war der ganze Kreis vollzählig versammelt. Richard fühlte sich im festlich erleuchteten Börsensaal immer etwas deklassiert, weil ihm sein schmaler Wechsel nur einen Stehplatz vergönnte. Rosenbaums paradierten in einer der ersten Reihen, verschiedene seiner Bekannten hatten die guten Zeitungsplätze inne. Baumgart und Stettiner leisteten sich als Honoratioren Sitzplätze, wenn auch nur in einer hinteren Reihe. Richard aber stand, obwohl hervorragender Virtuose und fast schon Referendar, mit emporgezwirbeltem Schnurrbart zwischen gewöhnlichen Studenten, jungen Kaufleuten und Backfischen an der Längswand des Saales, und seine einzige Genugtuung bestand darin, daß er Damen der besten Plätze die Hand küssen und sich so hinstellen konnte, daß er irgendein hübsches Mädchenprofil in seiner Gesichtslinie hatte. Schon das Programm Reuschhagens erregte Aufsehen. An den Anfang hatte er die Appassionata von Beethoven gestellt, darauf ließ er einige »Lieder ohne Worte« von Mendelssohn folgen. Am Anfang des zweiten Teils standen die »Symphonischen Etüden« von Schumann, und zum Schluß gab es Etüden von Chopin und einiges von Liszt, zuletzt eine ungarische Rhapsodie. Es war, als wollte er die beiden in heftigem Kampf stehenden Richtungen Schumann und Liszt, hinter denen sich die aktuelleren Gegensätze Brahms und Richard Wagner verbargen, in sich versöhnen. Das Podium betrat ein großer bleicher Mensch mit für einen Künstler auffallend kurz gehaltenen Haaren. Er war breit und knochig. Unter einer scharf gebuckelten Stirn sprang eine große lange spitze Nase hervor, die dem Gesicht etwas von einer Spitzmaus gab. Die Augen waren klein und stechend. Kurzum Ulrich Reuschhagen war so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich nach der Kritik des Dr. Fuchs unter ihm vorgestellt hatte. Man konnte weder die blaue Blume in seiner Hand noch den indischen Stern über seinem Haupt finden. Das war aber mit einem Schlage anders, als er prüfend die ersten Akkorde anschlug. Von diesen Akkorden ging er fast unbemerkt in die Appassionata über. Es war, als wollte er sagen: Ich lebe immer in diesen Welten, es ist mir nicht schwer, von meinem täglichen Tun einen mühelosen Übergang zu Beethovens Sonate zu finden. Er spielte auf eine merkwürdige Weise von innen heraus, vermied alles Virtuose und Glänzende, aber er gestaltete das innere Drama dieser Musik. Wenn jenes bekannte Thema des ersten Satzes, das man nicht vergessen kann, wieder kam, ging ein merkbarer Schauer durch den Saal. Der zweite Satz wurde unter seiner Hand wie eine im Augenblick geborene Improvisation, ein Irren in dunklen Akkorden, von denen man nicht loskommt, und dann kam der Hexensabbat des letzten Satzes, raste unerlöst in die Runde, stürmte vor, wurde ins Hoffnungslose zurückgeworfen, suchte vergeblich, sich in bacchantischem Taumel aufzulösen, brach jäh ab. Richard ließ keinen Blick von Reuschhagens Händen. Wenn es sich zu glänzenden Passagen anhob und immer im Seelendrama verblieb, war ihm, als hörte er in diesem entsagenden Spiel sein Todesurteil. Er empfand den hoffnungslosen Abgrund zwischen einem Leben, das sich zur reinen Flamme verklärt, und einem Leben, das sich nur gerade so fortlebt. Er fühlte den Fluch der bloßen Talente, wenn sie nur um ihrer selbst willen da sind und das Leben überwuchern, und er schwor sich, nie wieder eine Taste anzurühren. Das Beifallstosen weckte ihn aus seinen Gedanken. Reuschhagen hatte also Erfolg, er gefiel. Er sah hinter der großen Gestalt her, die mit hochgezogenen schwankenden Schultern ins Künstlerzimmer abging. Man versuchte ihn zurückzuklatschen, aber er kam erst nach einer langen Weile hervor, setzte sich gleich wieder an den Flügel. Und nun hob sich der selige Gesang der Mendelssohnschen Lieder durch den Saal. So tönt es in den Seelen, wenn müde Menschen am Abend vor den Türen sitzen und alte Weisen vor sich hinsingen, fühlte man. Bis zum Ende dauerte dieses stille Leuchten der Melodien. Keine Steigerung zum Schluß, kein den Beifall herausfordernder Abgang, nur ganz leises Verträumen im letzten Ton. Da aber brach ein Jubel los, der nicht enden wollte. Man rief, man trampelte, in den hintersten Reihen stiegen einige auf die Stühle, um zu winken. Reuschhagen mußte viele Male herauskommen. Else Rosenbaum war aufgestanden und klatschte wie rasend, auf der anderen Seite des Saals klatschte die braune Dame, und ihr Bräutigam neben ihr markierte wenigstens mit behandschuhten Fingern offiziösen Beifall. Richard hielt den Augenblick für gekommen, ins Künstlerzimmer zu gehen. Er schob sich durch die diskutierenden Gruppen im Saal hinaus und pochte an die Tür. Als sich nichts meldete, ging er hinein. Da stand Reuschhagen in der hintersten Ecke des Zimmers mit dem Gesicht gegen die Wand und winkte, ohne sich umzusehen, mit dem rechten Arm nach rückwärts heftig ab. Richard stutzte und ging hinaus. »Schafskopf!« dachte er. »Wenn ich mich nach jedem Spiel so haben wollte!« Draußen fing ihn Else Rosenbaum ab. »Nun?« Richard vertröstete sie auf den Schluß des Konzerts, aber eigentlich war er entschlossen, die Sache aufzugeben. Else war hingerissen: »Wie ist Rubinstein daneben äußerlich!« rief sie, »und Dreyschock ein Kraftmeier, und Bülow vergewaltigt einen!« Als aber die Stücke der bravourösen Technik vorüber waren und Richard seine Garderobe holen wollte, sah er zu seiner Überraschung die braune Dame im Künstlerzimmer verschwinden und ging ihr schnell nach. Drinnen waren schon ein Dutzend Gestalten, in deren Mitte der Künstler mit abwesender Miene stand. Als Richard eintrat, hatte er gerade das Fräulein von Stetten bemerkt und winkte sie heran. »Lorle!« sagte er mit einer leisen tiefen Stimme, küßte ihr. noch immer wie abwesend, die Hand, die er in der seinen behielt. Er sagte nichts weiter, aber man sah ihm die Freude an, sie zu treffen. Da hatte sich Richard bis zu den beiden durchgedrängt und dachte: »Jetzt oder nie!« Reuschhagen hielt ihm die noch freie Linke entgegen und sagte: »Ja sieh mal, Ambrus! Da seid ihr ja alle.« Dann setzte er ein rührendes Spitzbubenlächeln auf und fing an, aus Leibeskräften mit seinen beiden mächtigen Händen zu schütteln. Eleonore und Richard sahen sich ein wenig fassungslos an, als sie sich auf einmal unvermutet so nahe standen und wie von dem gleichen Pumpenschwengel bewegt wurden. Eleonore faßte sich zuerst und sagte lachend: »Ulli, stellen Sie mir einmal diesen Herrn da vor.« »Ja so, ihr kennt euch nicht. Dies ist Richard Ambrus, mein alter Schulfreund und gewaltiger Konkurrent auf dem Klavier.« Und er setzte freundlich hinzu: »Tausendmal begabter als ich. Und dies ist Lorle, meine ...« »Eleonore von Stetten«, unterbrach die braune Dame. »Fräulein Lorle, Fräulein Eleonore von Stetten, meine einzige und liebste und beste Berliner Freundin.« Da trat der Bräutigam hinzu, klappte mit den Hacken und sagte im Schnarrton: »Gestatten: von Sack.« Zwei Tage blieb Ulrich Reuschhagen in Königsberg, am ersten Abend nahm er Richard in die Gesellschaft mit, die ihm zu Ehren bei Gebauhr, dem Besitzer der berühmten Klavierfabrik, gegeben wurde. Es war Richards Debüt in der vornehmen Gesellschaft, und er machte um so mehr eine gute Figur, als Reuschhagen ihn in seiner überlegenen sanften Weise mehrmals zum Spielen aufforderte und Richard mannhaft der Versuchung widerstand, sich vor einem solchen Kreis hören zu lassen, noch dazu vor der braunen Dame. Am nächsten Abend brachte er Reuschhagen und Eleonore zu Rosenbaums. Der Bräutigam war schon wieder nach Gumbinnen abgereist. Dieser Abend war der Glanzpunkt in Rosenbaums Salon. Der Justizrat hatte die besten Weine heraufgeholt. Reuschhagen präsidierte, sichtlich geniert, auf dem Sofa, und die ganze Gesellschaft saß um ihn herum, um jedes seiner Worte aufzufangen. Er sagte aber lange nichts, und erst als Else die Initiative ergriff, wurde er plötzlich lebendig und erzählte, was man wissen wollte, aus der großen Welt, von Richard Wagner und Frau Cosima, von Klara Schumann und Brahms und dem vergötterten Liszt, daß Dömpke augenblicklich sein Leibweh bekam und hinausgehen mußte. Dafür setzte er sich dann an den Flügel und spielte die f-Moll-Sonate von Brahms, und der Stern des neuen Gottes stieg an diesem Abend bei Rosenbaums hoch in den Zenith. Lange darauf, weil Reuschhagen nicht lockerließ – es war schon sehr spät, und sie nannten ihn schon alle, dem Beispiel Eleonores folgend, Meister Ulli –, wurde Richard ans Klavier gesetzt und spielte drei kleine Impromptus eigner Komposition. Die braune Dame lächelte ihn während der ganzen Zeit an. »Was ihm alles einfällt, was?« rief Reuschhagen um sich. »Du Glückspilz, gib mir von deinen Talenten ab!« Die braune Dame warf ihm einen ihrer »Blicke von unten hinauf« zu. Richard fühlte kein Todesurteil mehr über seinem Haupt wie bei der Appassionata. »Ich habe Talent«, dachte er, »und vielleicht wirklich mehr als Ulli.« Gegen zwei Uhr nachts brachten Reuschhagen und er Eleonore nach Hause. Dann gingen die beiden noch in die »Hütte«, einen Teller Fleck essen. Seit diesem Abend waren Richard und Eleonore erklärte Freunde. Sie nahm an den Musikabenden bei Rosenbaums regelmäßig teil und ließ sich – sehr gegen die Sitte – von Richard heimbegleiten. Nie sprachen sie dabei von ihren früheren Begegnungen. 6. Frau Steinbock erhob in allen wichtigen Dingen die entscheidende Stimme, und niemand widersprach ihr. Seltsamerweise blieb diese Stimme manchmal ohne Einfluß auf die Begebenheiten. Frau Steinbock gefielen die Ambrus' nicht. Wahrscheinlich hätten sie sein können wie immer, und Frau Steinbock hätte sich gegen sie gesträubt. Sie wollte überhaupt nicht, daß außer den Verwandten und allenfalls noch Nachbarn Menschen da wären. Menschen bringen Verwicklungen und Unruhe. Wußte man, was alles man sich von diesen Ambrus' eines Tages zu versehen haben würde? Und solche langen Freundschaften aus der Jugendzeit waren überhaupt außer der Ordnung und eine künstliche Geschichte. Aber Herr Steinbock fand, daß die Ambrus' nun einmal da wären, und so waren sie da. »Was willst du das viele Geld für die städtische Jagd ausgeben?« sagte er zu Herrn Ambrus. »Dir ist es doch nur um das Herumstrolchen zu tun, und die Tiere tun dir zu leid zum Abschießen. Komm mit deiner Flinte nach Schwenkendorf. Ich geb dir im Jahr zwei Böcke; und Hasen, Enten und Rebhühner, soviel du willst. Aus der städtischen Jagd holst du die Pacht nicht heraus.« Aber Herr Ambrus wollte doch lieber die städtische Jagd pachten, wo ihm keiner dreinredete. »Du weißt nicht, was alles im Amt zu mir gelaufen kommt. Da will der das und der das. Man kommt keinen Augenblick zur Ruh. Dann gehe ich eben mit meinem Hund los und bin mein eigener Herr.« Außerdem gefiel ihm der Stadtwald, und er hatte gehört, daß im Herbst einige Hirsche hindurchwechselten. Vielleicht könnte er einen zum Schuß bekommen. »Aber du bist zu gut zu mir, alter Kerl«, sagte er ganz gerührt über Steinbocks Entgegenkommen. »Viel zu gut zu mir.« »Aber Mensch«, sagte Herr Steinbock, »hast du denn ganz vergessen, wie du mir damals die Fischermarjell aus Trautzig abgetreten hast?« »Ach die!« sagte Ambrus und lachte. Er hatte die Liebesepisode aus der Jugend des Freundes tatsächlich vergessen, und jetzt stellte es sich heraus, daß diese Geschichte der eigentliche Grund von Steinbocks Anhänglichkeit war. Es handelte sich um eine sehr alltägliche Geschichte von einem Mädchen, das zunächst dem Eleven Ambrus nachlief und dann, da sich Ambrus aus ihr nichts machte, mit dem Eleven Steinbock einen Wonnemond verlebte. Den einzigen, den Steinbock seinen strengen Grundsätzen abgetrotzt hatte und an den er als an die eigentliche Blütezeit seines Lebens zurückdachte. Dieses Fischermädchen vom Trautziger See war die Ursache, aus welcher Frau Steinbock gegen die Familie Ambrus nicht ankonnte. Sie ahnte nicht, welche Palisaden sie vergeblich bestürmte. Alle anderen Glieder der beiden Familien waren durchaus für Aufnahme eines freundschaftlich-nachbarlichen Verkehrs, und Regine legte sogleich Hand ans Werk, um hier nichts einschlafen zu lassen, bevor es recht begonnen hatte. Sie hatte sich wenige Tage nach Richards Abreise zu vergewissern gewußt, daß einer Mischehe nicht unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt sind. Es war nicht leicht gewesen, diese Wissenschaft zu erlangen, da sie keinen der Ihrigen, so kurze Zeit, nachdem der gewaltige Richard dagewesen war, zu fragen wagte. Sie konnte auch nicht ihrem Seelsorger im Beichtstuhl auch nur eine Silbe von ihren Zweifeln verraten, da alles noch so fern und ungewiß war. So war sie auf einen merkwürdigen Plan verfallen. Eines Morgens fuhr sie mit Anna und Erwin zur Stadt hinein, besuchte Paula Ambrus, um die Zeit bis zur großen Pause unterzubringen, und ging dann sichern Schritts zu der Privatschule, wo die Zöglinge um zehn Uhr herum eine Viertelstunde im Garten spazierten und Herr Kandidat Ollech hochgereckten Hauptes unter ihnen auf und ab ging. Der Garten lag nach der Straße zu, und es ging ganz natürlich so einzurichten, als käme sie zufällig vorbei. Herr Ollech, der die ganzen Pausen über auf Vorbeigehende spitzte, sah sie sogleich und grüßte tief und ehrerbietig, und wie einer augenblicklichen Laune folgend, trat Regine an den Zaun, um den Kandidaten nach den Fortschritten Annas und Erwins zu fragen. Da sie die Geschwister bei den Schulaufgaben beaufsichtigte, wußte sie über alle Einzelheiten Bescheid und konnte ein Gespräch darüber beliebig in die Länge ziehen und leiten. Es stellte sich aber heraus, daß Herr Ollech die nächste Stunde frei hatte und sich ihr für diese Zeit zu allen nur möglichen Auskünften gern zur Verfügung stellte, und so ging sie denn nach einigen Minuten an der Seite des Herrn Ollech die Wasserstraße hinunter, bog im Gespräch in die Seestraße ein und ging hier, zwischen dem Burggarten des Dohnaschlößchens und dem See, dessen Wasserspiegel bereits erheblich gesenkt war, hin und her. Die schlimmste Lästerzunge Gohlungens hätte hierbei nichts Unschickliches gefunden, denn es waren ja im Grunde nicht ein junger Herr und eine junge Dame, die hier auf und ab gingen, sondern ein Lehrer und gewissermaßen eine Mutter seiner Schüler, eine Brotherrin von ihm, und dieser Spaziergang trug amtlichen Charakter. Zum erstenmal hatte sie eine heimliche Freude daran, daß ihr jetzt aus ihrer jahrelangen Emsigkeit Früchte erwuchsen. Sie hatte nicht nur himmlische Schätze dort oben gehäuft, es hatte sich auch ein stattliches Kapital von Vertrauenswürdigkeit auf Erden angesammelt, das für ihre Zwecke auszunutzen sie entschlossen war. Ganz heimlich und tief unten auf dem Grunde ihrer Seele ward sie auf einmal inne, wie weit sie sich schon von ihrem bisherigen Leben gelöst hatte. Mit der Kälte einer großen Dame lenkte sie das Gespräch, sprach zum Beispiel davon, wie schwer es für ihre Geschwister wäre, unter lauter protestantischen Kindern aufzuwachsen. Es gäbe doch hier, außer ihrer Familie, kaum Katholiken. Sie selbst hätte ja Freundinnen und befreundete Familien noch aus dem Ermland her, wo sie die Schule besuchte. Aber was sollten ihre armen Geschwister machen, wenn sie erwachsen wären? Sie kennten doch fast nur Menschen, die sie zum Beispiel nicht einmal heiraten könnten? »Nein, nein«, sagte Herr Ollech, in die Seele seiner Schüler hinein bekümmert. Nun hatte Regine allerdings gerade diese Antwort nicht hören wollen, und so drückte sie sich noch einmal deutlicher aus und behauptete geradezu, daß eine Ehe zwischen Protestanten und Katholiken doch ausgeschlossen wäre. »Ja freilich«, stimmte Herr Ollech ihr bei. Er wußte über diesen Punkt nichts Bestimmtes auszusagen, aber unter allen Umständen lag es ihm fern, Fräulein Steinbock zu widersprechen. So hätte Regines ganze Veranstaltung zu keinem Ergebnis geführt, und ihr wollten schon die Tränen in die Augen treten, als zufällig Willy Amende des Weges kam. Willy hatte wie jeden Morgen so auch heute dem Schwenkendorfer Schulwagen von seinem Laden aus aufgelauert. Das Vorbeifahren dieses Wagens war ihm der tägliche Morgengruß von dem geliebten Wesen. Vielleicht hatte ihn heute der Umstand, daß die Kinder auf den Rückplätzen saßen, auf den Gedanken gebracht, daß Regine mit in die Stadt gekommen sein müsse. Zur Sicherheit hielt er sich daraufhin vorzüglich im Laden auf, um den Marktplatz zu überblicken, und sah sie auch richtig gegen zehn Uhr in die Wasserstraße einbiegen. Gleich darauf nahm er die Aktenmappe unter den Arm, um »Druckaufträge einzusammeln«, stand eine Weile mit Heinz Winkler vor dem Laden und erwartete jeden Augenblick, daß Regine zurückkäme. Er konnte sich nicht denken, was sie in der Wasserstraße lange zu tun haben konnte. Als sie nach einer ganzen Weile nicht kam, schien es ihm notwendig, beim Tischlermeister Tannenberg vorzusprechen. Vielleicht war der geneigt, sich neue Rechnungsformulare mit Firmenaufdruck anfertigen zu lassen, die man ja mit einem neuen Regal – er brauchte eines für das Kontor von Fräulein Haase – verrechnen konnte. In der Seestraße traf er dann Regine im Gespräch mit dem Kandidaten Ollech, und wie ein Blitz durchzuckte ihn die Möglichkeit, daß sich zwischen den beiden etwas angesponnen haben könnte. Ihm fiel ein, daß es Ollech gewesen war, der ihn dem Fräulein Steinbock vorgestellt hatte. Immerhin wurde auch das Furchtbarste durch das Glück aufgewogen, nunmehr mit vollster und auch ganz unbestreitbarer Berechtigung grüßen zu dürfen, ja zu müssen. Aber alle Erwartungen, die man an einen solchen Augenblick anknüpfen konnte, wurden übertroffen, denn Regine hatte sich im Augenblick überlegt, daß Herr Amende als ein Mann, der mit einer Zeitung zu tun hatte, sicher in allen Fragen die beste Auskunft erteilen konnte, und sie machte mit solcher Korsarenkühnheit fast einige Schritte auf ihn zu, daß Herr Ollech ihn heranwinken mußte, obwohl er es ungern tat, und so gingen sie denn zu dritt zwischen See und Dohnaschlößchen hin und her und sprachen über die schwierige Lage katholischer Kinder, die im protestantischen Oberland aufwuchsen. * Regine konnte freilich nicht ahnen, aus welchem Grunde Willy Amende über die sie bewegende Frage die beste Auskunft zu geben imstande war, und da ihn im Augenblick der Gedanke, wenn auch als Unmöglichkeit, durchzuckt hatte, daß die Bestimmungen über die Mischehe für Fräulein Steinbock und den Kandidaten von aktueller Bedeutung wären – womit er der Wahrheit sehr nahe und sehr fern zugleich war –, verstand er, wohinaus Regine wollte, und sagte: »Ausgeschlossen nicht! Eine katholische Dame darf einen Protestanten heiraten, wenn die Trauung in der katholischen Kirche vollzogen wird und der andersgläubige Mann sich verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die – Verzeihung! – eventuell zu erwartenden Kinder im katholischen Glauben erzogen werden.« »Wie ist das?« sagte Regine lachend. Aber sie merkte, daß ihr das Blut zum Herzen strömte. »Wenn die Trauung in der katholischen Kirche stattfindet und – und?« Willy Amende wiederholte: »Und wenn der Mann sich verpflichtet, die Kinder im katholischen Glauben zu erziehen.« Da keine noch so große Liebe ihn veranlassen konnte, seine mannhafte protestantische Überzeugung Mißdeutungen auszusetzen, fuhr er fort, daß er persönlich eine solche Verpflichtung niemals eingehen würde. »Das sollen Sie auch gar nicht!« sagte Regine. »Aber jetzt muß ich leider gehen.« Ihr eiliger Abschied war ein Fehler, der leicht verhängnisvoll ausgehen konnte, und die beiden jungen Männer sahen ihr verdutzt nach. »Habe ich Sie gestört?« fragte Willy und wurde über und über rot. »Um Gottes willen nein!« antwortete Herr Ollech und traute sich kaum, Willys Gedankengang zu erraten. »Aber es war merkwürdig, wie Fräulein Steinbock gleich wegging, als Sie kamen. Sie hätten vielleicht doch nicht kommen sollen.« Auch Willy, der fast schon glaubte, Fräulein Steinbock aus eigener Initiative tollkühn angesprochen zu haben, hielt diese ganze Unterredung für ein bedenkliches Unterfangen, dem sich die Dame kaum anders als durch die Flucht habe entziehen können. Im übrigen fand er nunmehr, daß es ziemlich überflüssig war, Herrn Tannenberg nun noch zu einem Druckauftrag zu überreden, und verabschiedete sich vor der Schule von Herrn Ollech. Während er durch die Wasserstraße schlenderte – er hatte jetzt keine Geschäftigkeit mehr vorzutäuschen –, ging ihm mit einem Mal der Zusammenhang auf. Er sah Richard Ambrus vor dem Lakiesschen Haus stehen und den Schwenkendorfer Wagen vorfahren, entsann sich, wie er Regine hatte grüßen wollen und wie sie zu Richard Ambrus hinübergeblickt hatte. Mit der Hellsichtigkeit des Liebenden durchschaute er auf einmal alles. Er dachte an die kühne Jünglingsgestalt mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart und den braunen Locken über dem zerhiebten Gesicht. »Regine – Richard«, flüsterte er vor sich hin. Ein weihevolles Gefühl ergriff ihn, und mit einer gehobenen Feierlichkeit, als handle es sich um die Erfüllung eigener Liebeshoffnung, gelobte er sich unverbrüchliches Schweigen. Wie ein Wächter vor den Toren eines heiligen Tempels kam er sich vor. Er zitterte fast vor Erregung, und die Brille über der ein wenig zu großen Nase funkelte, als er über den Markt seinem Geschäft zustrebte. Regine hatte von den Klauseln zunächst nur begriffen, daß nicht jede Möglichkeit ausgeschlossen war. Sie wiederholte krampfhaft Tonfall und Wortlaut von des freundlichen Herrn Amende Auskunft, vergewisserte sich, daß sie es noch auswendig wußte, und begann dann erst über den Sinn der einzelnen Bestimmungen nachzudenken. Sie fand alles natürlich und in der Ordnung. »Wenn er mich liebt, ist alles ganz einfach«, sagte sie zu sich. Erst jetzt wurde es ihr ganz klar, was sie gewonnen hatte, und jetzt, erst in diesem Augenblick, faßte sie den großen Entschluß. Sie stand einen Augenblick dazu still, es war wie ein Gelübde, das sie tat. Sie fühlte, wie eine Kraft in ihr, durch Jahre zurückgehalten, gewissermaßen zur federnden Spirale aufgerollt, sich nun auf einmal entspannte und losrollte. Sie wollte ja nichts als neues Dienen, neue Entsagungen, neue Pflichten – das schwor sie sich und ihren Schätzen oben im Himmel feierlich in diesem Augenblick zu –, aber mit ihm und um ihn! Und dieser Wille brach wie eine fremde unwiderstehliche Macht über sie und verwandelte sie. Mit großen Schritten ging sie davon. Das Schicksal arbeitete ihr herrlich in die Hand, daß sie in Richards monatelanger Abwesenheit ihre Vorbereitungen treffen konnte. Sie wünschte seine Rückkunft nicht einmal, bevor hier sicherer Boden geschaffen war. Mit Paula zum Beispiel war Freundschaft zu schließen und alles so einzurichten, daß sich zwischen dem Gut und dem Stadthaus ein zwangloses Hin und Her ergab. Sie handelte mit dem unbewußten Raffinement der Nachtwandlerin, überlegte sich, was alles sie zu ihren Gunsten in die Waagschale zu legen hatte, und fand, daß es viel wäre, soweit das Gut und die Pferde und die Jagd in Betracht kamen, aber wenig, soweit es ihre eigene geringe Person betraf. Zum erstenmal betrachtete sie sich mißtrauisch im Spiegel. »Bin ich nicht eigentlich häßlich?« fragte sie Paula. Die sah sie an, als ob es ihr jetzt erst auffiel, daß Regine auch ein Äußeres hätte. »Häßlich? Nein!« meinte sie, aber in einem so langgezogenen Ton, daß Regine begriff, wie Paula nur aus Gutmütigkeit nicht das vernichtende Urteil sprechen wollte, und da Regine sie noch fragend ansah, fuhr sie fort: »Sie müßten sich anders anziehen und sich die Haare anders machen.« Und führte sie in ihr Zimmer. Sie teilte es mit der alten Großmutter, der »O-chen«, die sich nicht mehr recht in der Welt zurechtfand und immer jemanden um sich brauchte. Gewöhnlich saß sie in ihrem Korbstuhl und rührte sich nicht, aber sie verfolgte alles mit großen neugierigen Blicken. Wenn sie Kindern und jüngeren Menschen Gutes tun wollte, schlürfte sie mit langsamen Schritten zum »Schaff«, um »Bomchens« zu holen. Sie hielt sich in ihrer Glasbüchse immer einen Vorrat von Süßigkeiten. Von den Ihrigen behielt sie noch alles, aber wenn neue Menschen auftauchten, konnte sie sie nicht mehr recht unterbringen. Regine fragte sie jedesmal: »Wer sind Sie doch, mein liebes Fräulein?« und wenn Regine ihren Namen nannte und sagte, daß sie eine Freundin von Paula wäre, schüttelte sie den Kopf: »Die kleine Paula hat solch eine feine große Dame zur Freundin?« »Aber O-chen«, mischte sich Frau Ambrus ein, »unsere Paula ist doch auch schon groß!« O-chen besah sich die Enkelin verwundert: »Ja richtig, die ist ja auch schon ein großes Mädchen.« In dem Zimmer, wo die Betten von O-chen und Paula an der Wand standen und O-chen mit großen Augen im Korbstuhl saß, machte sich Paula daran, Regine zu frisieren. Sie mußte immer gleich frisch zupacken. »Mein Gott, Regine, was haben Sie bloß für prachtvolles Haar!« und sie löste ihr die Zöpfe, kämmte die langen schwarzen Flechten durch und behielt sie eine Weile neidisch in der Hand. »Man denkt zuerst, wenn man Sie sieht, daß Sie gar nicht hübsch sind, und auf einmal entdeckt man an Ihnen immer neue Schönheiten. – Aber Ponys mag ich nun schon gar nicht leiden. Einen Scheitel müssen Sie tragen, sehen Sie so! Und dann hinten einen einfachen griechischen Knoten, und dann dürfen Sie keine Kämme dazu nehmen, sondern Sie müssen ein paar schwere silberne Nadeln durchstecken. Mutti!« rief sie, »du hast doch da noch von den großen Nadeln.« Frau Ambrus, die immer eilig war, wenn sie etwas zu vergeben hatte, suchte aus ihrer Kommode die Nadeln hervor und steckte sie selbst ein. »Aber ja, Reginchen, nun lassen Sie sich einmal ansehen. Gut sehen Sie aus, viel besser!« Regine merkte, daß das »viel besser« das »gut« wieder zurückzog. Es war ihr ein kleiner Stich ins Herz. Sie wurde vor den Mahagonispiegel im Wohnzimmer geführt. »Das bin ich nun«, dachte sie, »ganz anders, hübsch geradezu.« Weshalb sagten sie ihr nicht, daß sie hübsch ist, einfach hübsch? Aber ihr kam dieses Spiegelbild auf einmal fremd vor, sie hatte nicht den Mut, sich anders zu machen. Es war ihr, als wäre ihr verboten, hübsch zu sein. Sie ärgerte sich über sich selbst, nahm die Nadeln heraus und flocht sich wieder ihre alten Zöpfe, die sie mit den Schildpattkämmen aufsteckte. Aber sie hatte sich doch Paulas Handgriffe gemerkt und wollte es zu Hause noch einmal versuchen. Zu Hause zog sie Erich zu Rate. »Natürlich!« rief der, als sie sich ihm zeigte. »So wirst du dich von jetzt ab frisieren. Diese Paula ist ein gescheutes Frauenzimmer!« Er hatte sie übrigens noch immer nicht gesehen. Da behielt Regine die neue Haartracht bei. Nur die Ponys, die noch einwachsen mußten, machten ihr Schwierigkeiten, aber bis zum Spätsommer würde alles in Ordnung sein, und früher wurde Richard nicht zurückerwartet. Eines Tages hatte sich Herr Ambrus vom Fuhrmann Günther Wagen und Pferde ausgeliehen und fuhr mit seiner Frau nach Schwenkendorf, um dort so etwas wie eine offizielle Visite abzustatten. Er wollte den Steinbocks zeigen, daß er, was Fuhrwerk und Jagd anbetrifft, durchaus nicht auf ihre Gefälligkeit angewiesen war. Paula konnte nicht mitgenommen werden, da jemand noch außer Stine bei der O-chen bleiben mußte. Für das junge Mädchen bot ja überdies täglich der Schulwagen Gelegenheit hinauszufahren. Paula schmollte, denn sie hätte gerade mit den Eltern gern eine offizielle Visite gemacht, und zum Hinausfahren mit dem Schulwagen kam es ja doch nie. Aber sie mußte sich schicken, und so fuhr das Ehepaar allein ab. Frau Ambrus strahlte vor Freude, es erinnerte sie an die Zeiten, da sie sich noch selbst Wagen und Pferde gehalten hatten. Zuerst ging es nach Gnuschkenhof, wo Frau Ambrus geboren war. Sie wollten sich den früheren Stammsitz der Gnuschkes wenigstens vom Wege aus betrachten und vielleicht auch in das Haus hineingehen, wenn es sich machte. Herr Ambrus war bei der Nähe von Gnuschkenhof mythisch bewegt, aber schon der Garten sah von außen verwahrlost aus, vom Haus bröckelte der Putz ab, und über den Hof schlich scheu und bösartig ein großer gelber Hund. Da fuhren sie weiter, ein wenig enttäuscht. »Siehst du, Jettchen«, tröstete Herr Ambrus, »da sieht unser Häuschen schmucker aus als das ganze Gnuschkenhof.« Frau Ambrus gab sich zufrieden. Es war immerhin noch alles gut mit ihnen verlaufen. Als sie in den Hof von Schwenkendorf einfuhren, tauchte Erichs Gestalt im Kälberstall auf, und wiederum mußte er feststellen, daß das hübsche Mädel von dem Familienbild nicht mitgekommen war. Frau Steinbock, die von dem Besuch hörte, verschwand für eine Viertelstunde und kam in dem schwarzen Seidenkleid wieder. Sie wollte den Städtern nichts nachgeben. Regine aber, die sich fast schon zu Ambrus' gehörig fühlte, sprang leichtfüßig die Verandatreppe hinab, umarmte Frau Ambrus, zog sie fast mit Gewalt vom Wagen und belegte sie den Tag über mit Beschlag. Sie ließ nicht Ruhe, bis sie Richards Eltern die Kinder und die Ställe gezeigt hatte, führte sie bis zur Fohlenkoppel und durch den Gemüsegarten und zerrte an ihren Landerinnerungen herum, um ihr Reich und sich selbst im schönsten Licht erstrahlen zu lassen. »Ja, ja«, sagte Frau Ambrus zu Frau Steinbock, die aus Höflichkeit mitgehen mußte, »das ist ein gutes Kind!« Und Herr Ambrus fügte hinzu: »Wer die mal kriegt!« Regine wurde rot, sie ertappte sich wieder dabei, wie sie ihr ganzes angesammeltes Kapital von guten Werken ins Treffen führte. Man muß nun aber nicht denken, daß die Freundschaft mit den Schwenkendorfern die einzigen Beziehungen der Familie Ambrus zu ihrer neuen Heimat blieben. Ganz Gohlungen lag auf der Lauer, um zu beobachten, was würde, und es wurde allerhand. Zunächst hatte sich eine seltsame Verbindung mit Kreisbaumeisters ergeben, die dem ehemals Lakiesschen Hause schräg gegenüber wohnten. Das kam so: Schon mehrere Male hatte man bemerkt, daß die junge Frau Bresgott eine herrliche Stimme hatte und allerhand schöne Lieder bei offenem Fenster sang, teils wegen der frischen Luft und teils, weil sie sich hören lassen konnte. Als sie nun wieder eines Tages die Allmacht von Schubert anfing, klappte Paula schnell den schon bereitgelegten Band auf, setzte sich ans Klavier und fiel mit der Begleitung ein. So sangen sie das ganze Lied zu Ende. Darauf begann Frau Bresgott mit dem Ganymed, und wiederum hatte Paula bald die Begleitung aufgeschlagen und akkompagnierte. Schließlich verständigte man sich durch das offene Fenster über die zu singenden Lieder, und bald sprang Paula über die Straße zu der Frau Kreisbaumeister hinüber, um sie in ihrem Zimmer zu begleiten, und auf diese Weise kam es zwischen beiden Familien zu einem Verkehr. Aber das war lange nicht alles. Nun erst mußten ja die offiziellen Visiten gemacht werden. Beim Bürgermeister wurde begonnen, dann kam der Steuerkontrolleur, dann der Kreissekretär Schäfer, dann der Rektor der Stadtschule, dann die beiden untergebenen Postmittelbeamten. Man war sehr neugierig in der Stadt, wie hoch sich der neue Postvorsteher seine Ziele steckte, und traute ihm in Anbetracht des Lakiesschen Hauses, des Klaviers, der Geweihe und der Freundschaft mit dem Rittergut Schwenkendorf allerhand zu. Selbst der vornehme Konfektionär Seidel, dessen Sohn zum 1. April glücklich Gefreiter geworden war und nun frisch auf den Unteroffizier losging, blieb am nächsten Sonntag um die Mittagszeit zu Hause und ließ im gelben Salon die Schutzüberzüge herunterziehen. Aber dann verging ein Sonntag nach dem anderen, ohne daß man Herrn Ambrus im Zylinder und seine Gattin in der schwarzseidenen Mantille gesehen hätte. Da war es klar, daß sie sich zunächst auf die Pflichtbesuche bei den Spitzen der Behörden beschränken wollten, und nur an verschiedenen Stellen sprach Herr Ambrus, wenn auch ohne Besuchsaufmachung, noch persönlich vor, um sich bekannt zu machen. Er suchte Herrn Seidel in seinem Privatkontor auf, gab seine Karte im Amtszimmer des aufsichtführenden Amtsgerichtsrats Vogel ab und hatte auch die Absicht, sich Herrn Amende in seinem Kontor vorzustellen. Aber Herr Amende stand vor seinem Laden und fertigte ihn draußen ab, denn ihm paßte Ambrus' Verkehr mit den »Katholischen« nicht. Eine Prise »Schniefke« aus seiner Dose bot er ihm an, nicht mehr. Willy war entsetzt und sagte Schwierigkeiten bei der Expedition der Zeitung voraus. Herr Amende zuckte die Achseln, er war bereit, jeden Kampf aufzunehmen, und glaubte, über sichere Rückendeckung zu verfügen. Denn Herr Ambrus hatte einen Fehler begangen, er hatte sich eine furchtbare Blöße gegeben, ja wenn man ernsthaft nachrechnete, zwei Fehler und zwei Blößen. Es war eine Sache, die Willy Amende mehrere schlaflose Nächte bereitete. Er fühlte sich auf Grand unbestimmbarer seelischer Beziehungen, die über Regines Person liefen, verpflichtet, Herrn Ambrus zu warnen. In Heinz Winklers Hinterzimmer hatte es Kreissekretär Schäfer zur Sprache gebracht: Der Postvorsteher hatte es unterlassen, dem Landrat einen Besuch zu machen, und manches verdichtete sich zu dem Verdacht, daß diese Unterlassung nicht ohne Absicht erfolgt wäre. Die drei Freunde und einige andere Herren stritten darüber hin und her. Willy ergriff offen die Partei Ambrus, Heinz Winkler, bei dem Frau Ambrus ihre Haupteinkäufe machte, schloß sich ihm unter Vorbehalt an, aber Herr Schäfer wiegte bedenklich den großen Bismarckschädel mit der Brille: Man wüßte noch nichts Genaues, aber man hörte Verschiedenes munkeln. Willy wurde sehr ärgerlich und sprach von kleinlichen Verwaltungsschikanen. Weder am Rhein noch in Leipzig wären solche haltlosen Verdächtigungen möglich. Schließlich versprach der Kreissekretär, Herrn Ambrus ganz unter der Hand bei der nächsten Gelegenheit auf sein Versehen aufmerksam zu machen. Aber ein Tag nach dem andern ging hin, ohne daß sich eine solche Gelegenheit bot. Es wäre auch ganz außer der Ordnung gewesen, Herrn Ambrus aufzusuchen oder anzusprechen, bevor man den offiziellen Gegenbesuch gemacht hatte. Dieser war nun zwar am nächsten Sonntag fällig, aber bei einem Gegenbesuch konnte wieder ein solches peinliches Thema unmöglich angeschnitten werden. Herr Schäfer, der alle Bestimmungen beherrschte und alle gesellschaftlichen Formen bis auf das I-Tüpfelchen kannte, sah schwarz in die Zukunft. Da zog sich Willy Amende eines Morgens kurz entschlossen seinen braunen Überrock und die neuen hellen Beinkleider an. Nicht den regelrechten Besuchsanzug, denn dazu fühlte er sich nicht berechtigt. Und gegen zwölf ging er die kurze Bergstraße hinunter, bog von der polnischen Vorstadt nach links in die Kaiserstraße ein und strebte geradewegs auf das Kaiserliche Postamt zu, nicht um Briefmarken oder ähnliches zu kaufen, auch nicht zu einer Auseinandersetzung mit den Postassistenten wegen der Expedition der »Gohlunger Kreiszeitung«, sondern um dem Herrn Postvorsteher die Höflichkeit seines verunglückten Besuchs bei Herrn Amende senior zu erwidern. Der Alte hatte trotz mannigfacher Erinnerungen von Frau und Sohn noch immer keine Anstalten gemacht, diesen Pflichtgang zum Postamt zu unternehmen. Willy konnte also sehr gut, auch wenn es ein wenig ungewöhnlich war, als Sohn und immerhin geschäftlicher Stellvertreter Herrn Ambrus einen Besuch oder auch gewissermaßen Gegenbesuch machen. Somit war alles in Ordnung, und nur das eine, die Hauptsache, konnte beunruhigen und das Herz bis zum Halse springen lassen, daß nämlich sich Willy fest vorgesetzt hatte, Herrn Ambrus auf den unterlassenen Landratsbesuch aufmerksam zu machen. Es war sicher nichts Geringes, einen solchen Entschluß auszuführen. Dennoch ging Willy, noch ein wenig rascher, als es sonst seine Art war, geradezu auf den Seitengang des Postgebäudes los und klopfte an die Tür, an der das Schild »Postvorsteher« angeschlagen war. (Die Firma Amende hatte es gedruckt!) Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als er die Schiffe hinter sich verbrannt hatte. Aber niemand meldete sich, und als er auf erneutes Klopfen keine Antwort erhielt und den Drücker leise probierte, stellte es sich heraus, daß die Tür verschlossen war. Nun hätte er vielleicht mit gutem Gewissen von weiteren Bemühungen Abstand nehmen, das Unterfangen vielleicht bis auf den nächsten Mittag vertagen können, aber, einmal im Zuge, hielt er sich für verpflichtet, alle Mittel zu erschöpfen, und stellte durch Anfrage im Dienstraum fest, daß der Herr Postvorsteher vor ungefähr zehn Minuten nach Hause gegangen wäre. * Es konnte ihm kaum etwas Unangenehmeres zustoßen. Denn außerdem, daß nun alle Entschlußkraft noch einmal zusammengerafft werden mußte – und wer weiß, ob sie überhaupt den ganzen weiten Weg bis zum Ambrusschen Haus aufrechterhalten werden konnte –, kamen nun noch die Zweifel, ob man es überhaupt wagen durfte, einen Kaiserlichen Postvorsteher so ohne weiteres in seinem eigenen Heim aufzusuchen. Wenn er allerdings an die Umständlichkeit des Kreissekretärs dachte, hielt er es noch immer für das Beste, einfach ohne Besehen hinzustürzen und erst einmal an dem weißen Hause die Glocke zu ziehen, selbst auf die Gefahr hin, daß Regine dort anwesend sein sollte. So kehrte er entschlossen um, überlegte sich noch, daß er unter allen Umständen betonen müsse, wie er natürlich die Absicht gehabt, den Herrn Postvorsteher in seinem Amtszimmer aufzusuchen, und strebte am Hotel Dorsch vorbei um die Ecke. Ließ sich nicht durch Zurufe des Kandidaten Ollech betören, der dort mit dem Amtsrichter Eichholz und dem Referendar Tießen beim Frühschoppen saß, sondern strebte auf das vertraute weiße Haus zu. öffnete die Gartenpforte, warf einen Blick auf die vier Edeltannen davor und stand, schneller als er gedacht, vor der Haustür, die offen war. Trat hinein, stand in einem Hausflur, in dem jederzeit die gefürchtetsten Menschen erscheinen konnten, zog die Glocke und stand vor Fräulein Ambrus. »Herr Amende!« sagte sie überrascht, denn natürlich kannte sie ihn von Ansehen, was ihn aber keineswegs der Verpflichtung überhob, sich ihr vorzustellen. »Sie wollen Papa sprechen? Einen Augenblick! Aber kommen Sie doch näher.« Sie war vollkommen unbefangen, so daß Willy daraus die günstigsten Rückschlüsse auf das erfolgreich bewahrte Geheimnis seiner Liebe zu Regine tun durfte. Sie führte ihn in einen Salon, in dem er mit einiger Beklemmung das Klavier vom Umzug wiedererkannte, und hieß ihn Platz nehmen. Man darf nicht denken, daß es ihr keine Sensation war, einen der, wie ihr gesagt war, wohlhabendsten und tüchtigsten jungen Herren Gohlungens vor sich zu sehen, und so zögerte sie mit dem Hinausgehen, bis sie sich seinen Anzug, die Stiefel und die Krawatte genau zum Bewußtsein geführt hatte. Er sah Noten auf dem Klavier und fragte sie, ob sie spiele. O ja, sagte sie, die Ambras' wären alle musikalisch. Er glaubte sich berechtigt, die Noten anzusehen. Es waren Schuberts Lieder, Heft 3. »Ich begleite Frau Kreisbaumeister gegenüber«, erklärte sie. »Sie singt wundervoll.« Er hatte davon gehört. Es imponierte ihm unsäglich, daß diese junge Dame Dinge trieb, die er nur aus der Ferne schweigend verehren konnte. Er wollte ihr sagen, daß er ihren Bruder von der Schule her kenne, nahm aber davon Abstand, weil er sich diese Bekanntschaft für das Gespräch mit Herrn Ambrus zurechtgelegt hatte. »Ich werde meinen Vater rufen«, sagte sie schnell, machte eine Bewegung, als wollte sie ihm die Hand reichen, unterließ es aber, nickte ihm zu und war hinaus. Einen Augenblick später trat Herr Ambrus ein. Willy entschuldigte sich, daß er es wage, in eine Privatwohnung einzudringen, aber er wäre vergeblich auf dem Postamt gewesen und wolle es nicht länger aufschieben, in seiner Eigenschaft als Sohn der Firma Amende Herrn Ambrus seine Aufwartung zu machen und zugleich im Namen seines Vaters für seinen kürzlich stattgehabten Besuch zu danken. Herr Ambrus sagte, daß ihn das freue, und ließ den jungen Mann auf einem Sessel Platz nehmen. Willy fragte, wie er sich in dem neuen Wirkungskreis gefiele, und Herr Ambrus entgegnete, daß es sich ja so mache. Damit wäre das Gespräch auf den toten Punkt gekommen, wenn nicht Willy seine Bekanntschaft mit Herrn Richard Ambrus bereitgehalten und nachgeschoben hätte. Eigentlich wäre es ja keine Bekanntschaft, denn Richard wäre immer einige Klassen über ihm gewesen, aber er hätte ihn doch, wie alle Mitschüler, als Turner und Schwimmer und einige Male auch bei Schulfeiern als großen Klavierspieler bewundern dürfen. Auch hier hätte er ja neulich bereits während des Umzugs eine kleine Probe gegeben. * Ja, ja, meinte Herr Ambrus, Allotria hätte der Junge immer genug getrieben. Dieses Echo erschien Willy nur recht schwach für einen solchen Sohn. Das Gespräch drohte wieder zu versiegen, und um auf den Landratsbesuch zu kommen, erschien es Willy noch reichlich früh. Er wußte nicht recht, was er von der Einsilbigkeit des Postvorstehers halten sollte. Vielleicht hatte er den zurückhaltenden Empfang des Herrn Amende senior übelgenommen, aber fast wollte es Willy mehr scheinen, als ob dieser feine, bleiche Kopf von irgendeiner heimlichen Erkrankung in Anspruch genommen würde, und er erinnerte sich seines ersten gleichen Eindrucks. Um das Gespräch fortzusetzen, brachte er die Rede auf den Versand der Zeitung und betonte die Loyalität der Post, die niemals, auch bei dem größten Andrang nicht, nennenswerte Schwierigkeiten gemacht hätte. »Warum sollte sie auch?« fragte Herr Ambrus. »An Ihnen verdient die Post ein schönes Stück Geld.« Amende junior war einen Augenblick sprachlos. Unter diesem Gesichtspunkt hatten sein Vater und er die Sache noch nie gesehen, und er nahm sich vor, diese Anschauung seinem starrsinnigen Alten nicht so leichthin preiszugeben. Das kam davon, daß einem trotz Rhein und Leipzig der Respekt vor den Behörden allzusehr im Blut lag! Jetzt kam Herr Ambrus in das richtige Fahrwasser und ließ seinen von 48 her herübergeretteten Liberalismus spielen. Ob die Gewerbe denn für die Post da wären? Nein, die Behörden und die Post wären für die Gewerbe da! Willy entsann sich jener tiefsinnigen Andeutung des Kreissekretärs, der zufolge man nichts Genaues wüßte, aber einiges munkeln gehört habe, und er dachte mit Besorgnis daran, daß Herr Ambrus mit dem dunklen Kronprinzenbart vielleicht ein »Freisinniger« sein könnte. Er wußte nicht genau, was ein Freisinniger ist, denn in Gohlungen gab es deren kaum, aber eine solche Haltung schien ihm von Gefahren bedroht, und er war sich im Zweifel, ob man einen Mann mit solchen Anschauungen an den schuldigen Besuch beim Grafen Kanitz erinnern durfte. Herr Ambrus zog weiter über den Dünkel mancher Beamten her, die sich etwas Besseres zu sein dünkten als die arbeitsamen Bürger, und hier konnte Willy vorsichtig anknüpfen und erzählte lachend, daß es in diesem Nest Menschen gäbe, die sich weiß der Himmel wie sehr darüber aufregten, daß er, der Herr Postvorsteher, dem Landrat noch keinen Besuch abgestattet habe. Es wäre so komisch, aber er müsse es doch berichten. Ha ha! Er hielt diese Fassung für ausgezeichnet, weil sie Herrn Ambrus der Peinlichkeit überhob, von einem so jungen Menschen auf einen Verstoß aufmerksam gemacht zu werden. Aber Herr Ambrus lachte. »Wissen Sie, weswegen ich dem Herrn Grafen noch keinen Besuch gemacht habe? Es ist ein Streit zwischen mir und meiner Frau. Natürlich muß ich zu diesem Besuch meinen besten Gehrock anziehen und einen Zylinder aufsetzen. Nun behauptet meine Frau, daß man im Gehrock und Zylinder nur sonntags ausgehen darf, während ich der Meinung bin, daß dieser Besuch, der doch dienstlicher und nicht persönlicher Art ist, nur am Alltag abgestattet werden darf. Über diesen Streit sind nun glücklich zwei Wochen vergangen.« Aber Herr Ambrus versprach unter Lachen, gleich morgen auf das Dohnaschlößchen zu gehen und alles Gerede zum Schweigen zu bringen. Willy stimmte nun wirklich befreit in sein Lachen ein. Dieser Herr Ambrus war ein großartiger Mann. Aber den zweiten Vorwurf aufzuklären, den man dem neuen Postvorsteher machte – und nicht nur von Seiten des Dohnaschlößchens, sondern in der ganzen Bürgerschaft –, dazu kam es bei diesem Besuch nicht mehr. Denn Paula erschien in der Tür, um den Vater zum Essen zu rufen. »Entschuldigen Sie vielmals, Herr Amende, aber Mama ist schon ganz unglücklich, weil die Kartoffeln schwarz werden.« »Verzeihung, Verzeihung!« stammelte Willy unglücklich und verabschiedete sich bestürzt, da er selbst schon zu Hause Vorwürfe über sein langes Ausbleiben zu erwarten hatte. Dieser zweite Vorwurf war aber durchaus ernsthafter Natur und betraf den empfindlichsten Punkt der Gohlunger, nämlich die Arbeiten am Gohlungsee. Wie erinnerlich zog sich der See auch hinter dem Ambrusschen Haus entlang und grenzte mit dem Ufer fast an den Gemüsegarten. Eines Tages hatte sich Herr Ambrus seine wasserdichten Stiefel angezogen und war mit seinem Jagdstock bis über die Knie ins Wasser gegangen und hatte im Boden herumgestochert. Der See war damals schon so flach, daß Herr Ambrus bis zu dreißig Fuß weit hineingehen konnte. Als Ergebnis seiner Untersuchung aber hatte er geäußert, daß die Ingenieure Dummköpfe oder Betrüger wären. Niemals würde der See guten Weidegrund abgeben, denn es wäre Sumpfboden und nichts weiter. 7. Für die große schriftliche Arbeit glaubte Richard bürgen zu können, aber wie die Klausuren ausgegangen waren, das mochte der liebe Herrgott wissen. Vor dem Mündlichen war ihm schon wieder weniger bange, denn auf sein Mundwerk konnte er sich verlassen. Wenn ihm die gewißlich verbogenen Klausuren noch eine Möglichkeit ließen, so war es gut, aber zweifelhaft schien ihm der ganze Rummel auf alle Fälle. Eleonore lachte sich krank über ihn. »Das kann ich Ihnen sagen«, versicherte sie ihm, »wenn ich meinem alten Herrn einen Ton von Ihnen erwähne, dann kann er Sie schon nicht leiden und läßt Sie durchfallen. Was wollen Sie außerdem in Gohlungen, bevor ich dort bin?« Es machte ihr Spaß, ihren Verehrer zappeln zu lassen. So ein Examen war eine furchtbare Geschichte. Andere verschwiegen wie die Trappistenmönche sorgsam den Termin, Richard hatte unvorsichtigerweise zu allen Bekannten vom Tage des Schreckens gesprochen. Nun wollte Else Rosenbaum am Vorabend seinen Frack begutachten, und der Justizrat hielt noch schnell ein Rigorosum mit ihm ab. Es fiel befriedigend aus. »Was machen wir jetzt mit Ihnen? Wenn wir Sie jetzt nach Hause gehen lassen, fallen Sie den bösen Buben in die Hände. Wenn wir Sie lange zurückhalten, haben Sie bis morgen nicht ausgeschlafen.« Man beschloß, daß Richard bis zehn bei Rosenbaums bleiben sollte, dann brachte ihn der Justizrat selbst in die Knochenstraße und wartete noch eine Weile vor der Tür, bis oben in der Bude das Licht anging. Richard war von einer erschütternden Artigkeit. Gleich nach dem Examen am nächsten Tag sollte er zu Rosenbaums kommen. »Wir warten bestimmt mit dem Essen auf Sie.« Aber man wartete vergebens. Die Uhr ging auf zwei, auf drei, und der Examinand erschien nicht Der Justizrat ging in eigener Person ins Schloß zum Oberlandesgericht Der Prüfungssaal war längst geschlossen. Darauf aß man mit Unbehagen die köstlichen Gerichte, die zur Feier oder zum Trost bestellt waren, und schwebte in tausend Ängsten. Else Rosenbaum ging schließlich zu Eleonore, um von ihr Auskunft zu holen. Eleonore war wütend über Richards Verhalten. Sie wußte schon seit Stunden durch ihren Vater, daß Richard mit »genügend« bestanden hatte. »Ob er wenigstens seine Eltern benachrichtigt hat?« »Das weiß der liebe Himmel. Ach, er ist ein schrecklicher Mensch, Fräulein Rosenbaum!« Aber man muß Richard Ambrus in Schutz nehmen. Eine Abordnung seiner Verbindung hatte dem Examen beigewohnt und an der Aufregung aufs redlichste teilgenommen. Als sich die Kommission zur Beratung zurückzog, war man über das Resultat noch keineswegs im klaren. Eine furchtbare Viertelstunde ging und ging nicht vorüber, ohne den Zuspruch der Bundesbrüder wäre sie nicht zu überstehen gewesen. Als dann endlich das erfreuliche Ergebnis verkündet wurde, forderten die Burschen ihren verdienten Lohn. Ins »Blutgericht« brauchte man nur eine Treppe hinunterzusteigen, dem Küfer »Nummer sieben!« zuzurufen, und man hatte die vortrefflichste Burgundermischung vor sich. Es war einfache Pflichterfüllung, die Burschen zu einigen Bouteillen einzuladen, und man durfte von dem Postvorsteher erwarten, daß er sich das Examen seines Sohnes einige Taler kosten lassen würde. Noch immer nahm man als Zeitspanne eine halbe, schlimmstenfalls eine Stunde an, und es war nicht Richards Schuld, sondern den erlittenen Aufregungen zuzuschreiben, daß bis dahin der Burgunder eine Wirkung gezeitigt hatte, die es verbot, sich ohne eine vorherige Tasse starken Kaffees an einen Familientisch zu setzen. Wozu hatte man seine Verbindungserziehung! Dabei wurde ständig das Projekt durchgesprochen, an Rosenbaums einen Boten zu senden, und es wurde aus dem Grunde nicht ausgeführt, da man ja noch immer früher als der Bote dort sein würde. Eine Voraussetzung, die sich erst im Verlauf einiger Stunden als hinfällig erwies. Im Café aber traf man auf den Rest der Bundesbrüder, und es wäre ein Frevel gewesen, die geschlossene Burschenschaft vor den Kopf zu stoßen, indem man übereilig zu philistrischen Bekannten entwetzte. Da man aber endlich einen zuverlässigen Boten an Rosenbaums senden mußte und ein solcher, wirklich zuverlässiger, nur in der Person des Verbindungsfaxes aufzutreiben war, trieb die Einladung geradezu auf die Kneipe in der dritten Fließstraße. Hier aber erhielt das Problem die Form eines schwierigen Bierthemas: Wie es möglich wäre, einen Fax gleichzeitig mit Biereinschenken und gleichzeitig mit Botengängen zu beschäftigen? Drei Bierreden wurden darüber gehalten, die bedeutendste von Richard selbst in Versen, wie er es mühelos zuwege brachte. Er wies darauf hin, daß die zur Diskussion stehende Fragestellung eine Teilung des Faxes in sich schlösse, zog die betreffenden Paragraphen an, die es verbieten, einen Menschen zu dividieren, wo hingegen das Wohl des Staates es erforderlich machte, daß die Menschen sich fleißig multiplizierten. »Dividieren« und »Multiplizieren« ergab eine ganze Reihe von Reimzeilen. Das Problem wäre zwar »verdösbar«, wie man sehe, aber »nicht lösbar«. Und so würde er selber, sobald es ging, »mit eiligster Durchschneidung des Raums, hineilen zu den Rosenbaums«. Sie sollten es noch alle sehen und zeigen: »Dort geht er – aber erst später!« Hätte der Zufall ihm einen anderen Schlußreim zugeworfen, wäre er vielleicht früher, vielleicht auch sofort gegangen. Aber das »erst später!« wurde zum geflügelten Wort, gegen dessen schlagende Logik nichts eingewendet werden konnte. Um zwei Uhr nachts wurde bei Rosenbaums die Nachtglocke gezogen, und als der erschrockene Justizrat zum Fenster hinaussah, erblickte er vier schwankende Gestalten, die sich vergeblich durch Zurufe verständlich zu machen suchten. Der liebenswürdige Mann wäre beinahe noch die vier Treppen hintergegangen, um den Herren zu öffnen, aber Frau Rosenbaum legte ein energisches Veto ein, und auch Else steckte den Kopf durch die Tür und verbat sich dringend, daß die Bummelanten noch hineingelassen würden. Vier Tage später erschien der neugebackene Referendar in Gohlungen, um am dortigen Amtsgericht auf dem Schloß seine erste Station zu absolvieren. Die Sache begann mit einem blutigen Frühschoppen im Deutschen Haus, der abends gegen sechs sein Ende erreichte. Alle Mitglieder des Tisches waren vollständig versammelt, vom aufsichtführenden Amtsgerichtsrat Vogel bis zum Referendar Tießen, vom würdigen Sanitätsrat Arnold bis zum Apotheker Schnepper. Bis zum Markt hin zogen sich die Wellenkreise dieser Sitzung, und Herr Amende wurde gegen sechs Uhr Zeuge einer seltsamen Begebenheit: Herr Schnepper kehrte um diese Zeit aus dem Deutschen Haus zurück, stand mit der Uhr in der Hand vor seiner Apotheke am Markt und suchte in allen Taschen nach seinem Hausschlüssel. Da er glaubte, sich am frühen Morgen zu befinden, hielt er das Haus und auch die Toreinfahrt zum hinteren Eingang für geschlossen, obwohl alles sperrangelweit offen stand und die Leute aus Fenstern und Türen seinem Gebaren zuschauten und die Straßenkinder von allen Seiten herbeigelaufen kamen. Schließlich gab er es auf, den Schlüssel zu finden, und erkletterte neben der offenen Toreinfahrt den hohen Bretterzaun, kam auch glücklich hinauf, ließ sich oben in den Hof hinunter und strebte durch die Hintertür seinem Bett zu. Diese Heimfahrt Schneppers leitete die große Zeit des Stammtischs im Deutschen Haus ein. Regine hatte einige Tage nach Richards Eintreffen gewartet, ehe sie sich im Ambrusschen Hause sehen ließ. Sie kam gerade am Tag des Frühschoppens an und mußte nach eins mit dem Schulwagen zurückfahren, ohne Richard zu Gesicht zu bekommen. Es erschien ihr als eine schlechte Vorbedeutung, und das Schlimme an der Sache war, daß sie ihre Enttäuschung vor Paula nicht völlig verbergen konnte. Wie sie O-chens Korbstuhl an das vordere Fenster schob, sich dort mit der Alten in ihrer freundlichen Art unterhielt und von Zeit zu Zeit einen flehenden Blick auf die Straße warf, fühlte sie sich auf einmal von Paula mit einem spitzbübischen Lächeln beobachtet, das ihr zurief: »Daher also deine Freundschaft!« Im übrigen war es Paula gewohnt, daß sich ihre Freundinnen in Richard verliebten, und sie konnte es Regine nicht verübeln. Nur ein kleines Triumphgefühl war nicht ganz zu unterdrücken. Das Heraus und Herein vom Gut in die Stadt, der Wagen und die Pferde, der betreßte Kutscher und der Hintergrund des großen Gutes hatten ihr nicht wenig imponiert, und nun sah sie Regine fast demütig um ihre Freundschaft bemüht. Es tat ihr wohl und rührte sie zur gleichen Zeit, und sie ließ es sich sogar einen Augenblick durch den Kopf schießen, ob nicht überhaupt eine Verbindung zwischen Richard und Regine wünschenswert sein konnte. Sie schalt auf den Bruder, daß er so gar keine Rücksicht kennte, und meinte, daß er nun wohl erst in Stunden zurückkehren würde. Frau Ambrus ergriff Richards Partei: er könne doch nicht früher aufbrechen als die älteren Herren, und man hätte doch gehört, wie es im Deutschen Haus zugehen solle. Sie hatte schon einen Teller Suppe für den Sohn beiseite gestellt und eine gehörige Portion Klopsfleisch abgeteilt, um es ihm rasch aufbraten zu können, wenn er nach Hause kam. Richard wollte nun keineswegs am hellichten Tage über Zäune klettern wie Herr Schnepper, er kam vielmehr in äußerst guter Laune und sehr aufrecht durch die richtige Tür nach Hause, umarmte sein »Muttchen« wegen der Klopse, aß mit Appetit und legte sich für einige Stunden schlafen. Abends hatte er sich mit einigen Herren auf die Kegelbahn verabredet, ging auch hin, kam um halb elf zurück, legte sich und las noch eine Stunde im Bett. Am nächsten Morgen um halb neun saß er an seinem Pult im Amtsgericht. Er hatte sich am ersten Tag seines Wirkens in den Ruf eines gewaltigen Trinkers gesetzt, und das war zunächst für seine Tätigkeit mehr wert als eine gute Examensnote. Übrigens tauchten schon an diesem ersten Tag Zweifel auf, ob er wirklich so gewaltig viel vertragen konnte oder nicht vielmehr bei herausfordernden Falstaffallüren im Grunde sehr mäßig trank. Da man aber immerhin mit der Möglichkeit außergewöhnlicher Aufnahmefähigkeit bei ihm rechnen mußte, wagte es niemand, im Ernst mit ihm anzubinden. Einen Bierjungen hatte er jedenfalls gegen den Referendar Tießen geradezu mit Pferdelänge gewonnen. Was ihn aber zum unumstrittenen Herrn der Kneiptafel machte, war nicht so sehr der vertilgte Konsum, dessen Quantum wie gesagt bestritten wurde, sondern seine unerschöpfliche Fülle von lustigen Einfällen. Schon bei den nächsten Sitzungen gab er der Korona die Form eines richtigen Hofstaates. Zum König wurde der aufsichtführende Amtsgerichtsrat ernannt, da die Juristen nun einmal das Übergewicht hatten. Richard selbst behielt für sich das schwierige und verantwortungsvolle Amt des Hofhistoriographen, dem es oblag, die der Nachwelt werten Taten des Königreichs der Vergessenheit zu entreißen. So beschrieb er in Hexametern die Heimkehr des Apothekers Schnepper und ruhte nicht, bis dem wackeren Helden der große Odysseusorden am Bande verliehen wurde. Nicht »mit Schwertern«, denn diese Auszeichnung müsse den verheirateten Herren vorbehalten bleiben. Schnepper aber war Junggeselle. Der Odysseusorden war ein rot angestrichener Bierfilz, den Schnepper bei allen offiziellen Sitzungen des Kronrates an einem Bindfaden um den Hals tragen mußte. Es kamen noch andere Orden hinzu. Amtsrichter Eichholz, der im Ruf des Pantoffelhelden stand, erhielt das »Großkreuz der russischen Regierung«, das aus Streichholzschachteln angefertigt wurde. Der Rektor der Stadtschule, der einen ungewöhnlichen Konsum an Rohrstöcken hatte, bekam Rang und Abzeichen eines Tambourmajors. Richard brachte es binnen kurzem zur »Medaille für Kunst und Wissenschaften«. Mit Amtseifer stürzten sich die ernsthaften Männer in das unsinnige Spiel. Lange Debatten wurden darüber geführt, ob der »König« befugt oder verpflichtet wäre, sämtliche von ihm erteilte Orden selbst anzulegen, ferner ob sich diese Verpflichtung, denn sie wurde anerkannt, auch auf Orden von offenbar fremdländischer Herkunft, wie etwa das »Großkreuz der russischen Regierung«, beziehe. Am Tage in ihren Amtsstuben trieben sie kaum etwas anderes als des Abends beim Dämmerschoppen, sprachen in feierlichen Talaren Recht, entschieden über Gut und Böse und brachten Urteile »Im Namen des Königs« heraus. Hier wie dort kam es auf eine gewisse »Schneidigkeit« des Auftretens und der Begründung an, hier wie dort wurde die Anerkennung allgemeinverbindlicher Begriffe vorausgesetzt. Wer das Spiel abgelehnt hätte, wäre bald auch auf Mißtrauen bei seiner amtlichen Tätigkeit gestoßen. Dabei handelte es sich durchaus um honette Persönlichkeiten, die einen unbefangenen Blick für das Leben besaßen, mit praktischer Menschenkenntnis Streitfragen zu entscheiden und ein gesundes Rechtsempfinden mit den knifflichen Paragraphen des Preußischen Landrechts in Einklang zu bringen vermochten. Aber sie konnten kaum etwas anderes tun, als ihre Mußestunden mit dem »heiligen Blödsinn« auszufüllen. Die großen Fragen waren durch Bismarck samt und sonders gelöst, und noch nirgends spitzte sich das Leben in der kleinen Stadt und ihrer Umgebung zu schwierigen Konflikten zu. Wer nur wollte, verdiente sein ausreichendes Stück Brot, und der Bevölkerungsüberschuß konnte in die gesegneten Industriebezirke an Ruhr und Wupper abwandern und Ersparnisse machen. Es gab freilich auch hier Außenseiter des Lebens und Widerspenstige, die sich in die allgemeine Ordnung nicht fügen wollten, wie etwa den Übeltäter Brandhäuser. Aber der fühlte selbst, daß das Recht, göttliches wie menschliches, nicht auf seiner Seite war, wenn er wieder einmal, verlegen grinsend, vor den Schranken des Gerichtshofes stand und seine vier Wochen Gefängnis als Sühne der verletzten Staatsordnung einsteckte. Das alles wurde mit einer humorvollen Gutmütigkeit behandelt und beruhte auf sicheren Grundlagen von allgemeiner Gültigkeit, die man selbst frevelnd nicht aus der Welt schaffte. * Es war nicht abzusehen, weshalb das Leben nicht ewig in dieser gottgefälligen Übersichtlichkeit und Ordnung beharren sollte. Allerdings fiel von Zeit zu Zeit aus dem Westen ein ernster Schatten wie ein Schauer über den Gotteszipfel des Oberlandes. Nicht allen »Westfalengängern«, wie die Auswanderer genannt wurden, glückte es im Ruhrgebiet. Amendes früheres Dienstmädchen Marie zum Beispiel kam nach zwei Jahren mit ihrem Mann, einem Schmied, aus Dortmund zurück. Er hatte das Leben in den Kohlengruben nicht vertragen, war lungenkrank geworden und konnte nicht mehr arbeiten. Nun lag die Familie in einer Armenstube seines Heimatdorfes Ziegenberg der Gemeinde zur Last. Marie half so gut es gehen wollte auf den Feldern, aber was die schwächliche Frau beschickte, reichte samt der Unterstützung nicht für die vierköpfige Familie. Ohne Hausrat verkümmerten die vier Menschen im Schmutz, und eigentlich war niemand geneigt, ihnen zu helfen, da sie ja vermessen in die Fremde gewandert waren, um Reichtümer einzuheimsen. Wer den hohen Löhnen des Industriegebiets nachging, hatte das Risiko zu tragen, empfand man. So wie Marie und ihrem Mann war es mehreren ergangen, und von diesen gescheiterten Menschen ging Unzufriedenheit und Aufsässigkeit aus. Man konnte nicht recht von Schuld bei ihnen sprechen, da sie ja das Ihrige getan hatten, und durfte sie nicht einmal schelten, weil sie die Heimat verlassen hatten, da ja ein Teil der Bevölkerung auswandern mußte, weil es auf dem Land an Arbeit fehlte, die kleinen Hofstellen nicht immer und immer wieder unter die vielen Geschwister geteilt werden konnten und die polnischen Saisonarbeiter in der Erntezeit um einen Bruchteil des Lohnes zu schwerstem Dienst in Hülle und Fülle zur Verfügung standen. Mehr als die fast schadenfrohen Standesgenossen der Unglücklichen waren die studierten Herren auf dem Gericht geneigt, die Verstricktheit des Daseins anzuerkennen, wenn sie wieder einen dieser Menschen wegen Diebstahls oder Beleidigung oder gar wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, als welche in Gestalt eines martialischen Gendarmen als Zeuge dabeistand, zu verurteilen hatten. »Es fehlt an der inneren Siedlung«, meinte ein Rechtsanwalt. »Die Entwicklung der Industrie frißt zu viele Existenzen.« Man gab ihm recht, aber schließlich war nichts dagegen zu tun, wenn man nicht geradezu Sozialdemokrat werden wollte. Von solchen Fällen drohte Einbruch in die fest umhegte Welt und ihre göttliche Ordnung. Es war noch zu wenig, um sich aus der wohlwollenden Ruhe bringen zu lassen, aber wenn man mit strenger Amtsmiene ein möglichst mildes Urteil gefällt hatte, begriff man doch für Augenblicke, daß die Gleichung der Welt nicht mehr rein aufgehen wollte, und sprach von den schweren Zeiten. Aber wahrscheinlich war es nie vollkommen gewesen, wie schon das Beispiel Brandhäusers zeigte, und auf irgendeinem Wege wollte wohl eine nichtsnutzige Anlage des Menschen zum Licht brechen. Man muß nicht denken, daß mit Richard Ambrus' Eintreffen ein neues Kapitel in der Geschichte der Gohlunger Stammtische begonnen hätte. Fast jeder der jungen Juristen, die frisch von der Universität her kamen und sich nach der Examenspaukerei auf ihre aktiven Zeiten besannen, brachte einen Hauch studentischer Ausgelassenheit mit sich. Ambrus überragte nur alles Dagewesene dadurch, daß seine Talente ihn nach den verschiedensten Richtungen ausschlagen ließen. Er war unverwüstlich im Trinken – wenigstens war ihm Verwüstlichkeit auf diesem Gebiet nicht nachzuweisen –, strotzte voll toller Einfälle, aber in einer so ansteckenden Art, daß alle Menschen um ihn nicht weniger zu Verrücktheiten aufgelegt wurden. Einmal überredete er die ganze Gesellschaft, nachts um zwölf mit ihm zum Mariensee zu marschieren und dort ein Bad zu nehmen. Übrigens paßte er dabei sorgfältig auf, daß niemand allzu erhitzt in das Wasser ging und jeder sich vor dem Hineinsteigen die Herzgrube und die Achselhöhle näßte. Er führte auch einen Budenzauber bei einem Assessor an, der zu einem Lokaltermin nach Liebstadt gefahren war. Es war der Gipfelpunkt eines Budenzaubers. Solche Streiche hatte man auch vor ihm schon begangen, und was er hinzutat, war mehr die geräuschvolle gute Laune. Aber worin er für Gohlungen ein völliges Novum war, das war die Verbindung dieser kraftvollen Ausgelassenheit mit seinen künstlerischen Talenten. Während der aufsichtführende Amtsgerichtsrat eine seiner »Königsreden« hielt, warf er eine treffende Karikatur von ihm mit wenigen Strichen auf die Rückseite eines Bierfilzes, und während Vogel noch redete, wanderte sein Zerrbild von Hand zu Hand, und jeder konnte sich aus der Rednerpose des Gewaltigen die verschiedensten Ähnlichkeiten mit dem gutmütig boshaften Porträt heraussuchen. Oder er vertraute dem Bierfilz ein besonders bissiges oder schneidiges Distichon an und sandte es unter dem Tisch herum. Am unwiderstehlichsten aber war er, wenn er sich ans Klavier setzte und, wie an jenem ersten Abend in Schwenkendorf, aus einer Melodie in die andere fiel. Überhaupt muß man zu seiner Ehre sagen, daß er sich weit weniger im Deutschen Haus aufgehalten haben würde, wenn er in Gohlungen einen musikalischen Kreis wie bei Rosenbaums gefunden hätte. Herr Schnepper kratzte ein wenig auf der Geige. Richard versuchte, mit ihm und Paula ein leidliches Trio zusammenzubringen, bei dem er sich selbst mit dem Cellopart begnügte. Aber Herrn Schneppers Künste waren unzureichend. Besser schon war es, wenn er selbst die Geige ergriff und mit Paula Sonaten spielte. Aber über Haydn und einige leichtere Beethovens brachte es Paula in diesen Jahren nicht hinaus, obwohl es Richard nicht daran fehlen ließ, ihr mit dem Geigenbogen von Zeit zu Zeit auf die allzu unwilligen Finger zu klopfen. Diese Übungen endeten gewöhnlich mit hartem Anfahren und schwesterlichen Tränen, so daß die Mutter sich ins Mittel legen mußte. »Weißt du«, sagte Paula nach solchen Stürmen zu dem bewunderten Bruder, »wenn ich nur nicht immer so müde wäre! Aber O-chen spricht mit mir jede Nacht bis zwölf, dann schnarcht sie, daß ich nicht einschlafen kann, und morgens um sechs ist sie schon wieder munter.« »Papperlapapp«, entgegnete der Bruder, »dafür bist du Mädchen.« Und sie mußte es dabei bewenden lassen. Am besten ging das Musizieren mit Frau Bresgott. Für die junge Frau Kreisbaumeister komponierte er sogar einige Lieder, die sie mit tiefer Empfindung sang. Mit tiefer Empfindung! dachte der Kreisbaumeister, der eifersüchtig war, und sie dämmten ihre regelmäßigen Nachmittage schleunigst wieder ein. Richard hatte einen eisigen Respekt vor »dummen Frauenzimmergeschichten«. Es war schon das beste, er setzte sich allein an das Klavier und spielte, was ihm unter die Hände kam, Chopin und den geliebten Schumann. An die Brahmssonaten, die überhaupt sündhaft teuer waren, wagte er sich nicht. So sah er sich in seinen Betätigungen auf die Rolle des Solisten angewiesen, die ihn langweilte, da er lieber im Wettkampf triumphierte. Er merkte selbst, wie leicht es ihm gemacht wurde, unerreicht dazustehen, und wie wenig es darauf ankam, sich zu vervollkommnen, und zuzeiten konnte ihn eine tiefe Niedergeschlagenheit befallen. Es wurde ihm langweilig, den Saufkumpanen immer wieder dieselben Märsche, Tänze und Lieder vorzuspielen, weil sie andere nicht haben wollten. Einmal, auf einer Gesellschaft bei Amtsrichter Eichholz, stand er mitten in einem Chopinschen Prelude auf und fragte: »Habe ich das schön gespielt?« Und als alle ihm zuriefen: »Herrlich, fabelhaft, wunderbar!« schrie er die Verdutzten an: »Wie ein Schwein habe ich gespielt!« und war an dem Abend nicht mehr zu bewegen, eine Taste anzurühren. Diese »Künstlerlaunen« erhöhten übrigens sein Ansehen. Eines Tages redete ihn, nach schweren Kämpfen und mehrmaligen schüchternen Ansätzen, Willy Amende auf der Straße an und berief sich auf die Gemeinsamkeit des Elbinger Gymnasiums. »Natürlich, natürlich!« sagte Richard, »ich besinne mich. Sie trugen damals als Tertianer schon eine Brille und waren ein großer Musterknabe. Außerdem waren Sie mit Klassenkameraden von mir bei Frau Meitzen in Pension.« Das war mehr, als Willy erwarten durfte. Damals fing Richard aber auch der Stammtisch und die Kegelbahn schon an über zu werden, und er freute sich aufrichtig der neuen Bekanntschaft. Er drückte diese Freude sogar in ungewöhnlicher Weise aus und forderte Willy auf, sich mit ihm zu Dorsch zu setzen und ein Glas Bier mit ihm zu trinken. In einer Viertelstunde hatte er die Lebensgeschichte des jungen Herrn Amende erfahren. »Dann sind Sie ja der einzige in diesem Nest, Herr Amende, der etwas von der Welt gesehen hat. Leipzig und Rhein, das lobe ich mir. Famos! Nun erzählen Sie einen Witz!« Willy, dem bei diesem Examen die Haare zu Berge standen, erzählte von dem Gemeindevorsteher aus Groß-Hermsdorf. Es war damals, als die »Gohlunger Kreiszeitung« erst einmal in der Woche, dann zweimal und schließlich ein halbes Jahr später dreimal in der Woche erschien. Damals schrieb dieser Gemeindevorsteher, er sei gern bereit, den höheren Abonnementspreis zu zahlen, aber daß er nun noch mehr lesen solle als bisher schon, darauf ließe er sich nicht ein, und er bitte, ihm die Zeitung nur zweimal in der Woche zu schicken. »Famos!« rief Richard und klatschte sich auf die Schenkel. »Das ist ja ganz famos! Zahlen will er, aber noch mehr lesen, nein!« Und er lachte und stieß mit dem glücklichen Amende an. »Noch so eins, lieber Amende!« Und Willy erzählte von der Frau aus Pörschkendorf, die tausend Taler geerbt hatte. Sie war zu seinem Vater gekommen, um zu fragen, was sie mit dem Geld machen solle, und »mein Alter« – in Richards Gegenwart sagte er wirklich respektlos »mein Alter« – »und mein Alter riet ihr, das Geld auf die Sparkasse zu legen. Aber sie wollte nicht und ging fort. Nach ein paar Wochen trifft mein Alter sie wieder und fragt, ob sie das Geld nun auf die Sparkasse gebracht hätte. Ach nein, Herrchen, sagt sie, ich habe es dem Juden in unserem Dorf gegeben, der bewahrt es mir auf und nimmt nur ganz wenig dafür.« »Herrlich! Famos!« rief Richard und klatschte sich wieder auf die Schenkel. »Der nimmt nur ganz wenig dafür! Prachtvoll!« Einige andere Herren kamen und setzten sich zu ihnen. Willy glaubte, fürs erste nicht mehr verlangen zu können, und verabschiedete sich. Richard forderte ihn auf, ihn zu besuchen, aber Willy nahm sich vor, mindestens noch eine Aufforderung abzuwarten, ehe er es tat. So nahm der Sommer ein Ende, und Richard war nicht dazu gekommen, auch nur ein einziges Mal nach Schwenkendorf hinauszufahren. Paula, die sich schon vorgesetzt hatte, zwischen ihrem Bruder und der Freundin nach Kräften zu schüren, mußte allein für einige Tage aufs Land, um den Verkehr nicht einschlafen zu lassen, obwohl sie es ganz richtig fand, sich dem reichen Rittergutsbesitzer gegenüber reserviert zu verhalten. Sie konnte nämlich Frau Steinbock nicht ausstehen. Sie machte sich auch sonst nichts aus dieser kleinen Besuchsreise, denn sie wußte, daß der stattliche Erich zu seiner ersten Leutnantsübung eingezogen war und sie ihn wieder nicht kennen lernen würde, und sie fuhr nur hinaus, um Regine einen öfteren Besuch im Ambrusschen Hause zu ermöglichen, und hauptsächlich, um für einige Nächte der schnarchenden O-chen zu entgehen. Zwischen den beiden Mädchen war nie ein Wort des Einverständnisses gesprochen worden, und Regine litt Qualen, wenn sie dachte, von Paula erraten zu sein. Aber selbst auf diese Gefahr hin kam sie in der Woche einmal in die Stadt und blieb gegen Ende des Sommers sogar einige Tage bei Ambrus'. Sie sah, daß sie ihrem Ziel um keinen Schritt näher gerückt war. Richard ging aus, als ob sie nicht da wäre, oder saß in seinem Zimmer und arbeitete, und nur einmal am Abend war er heruntergekommen, als Frau Bresgott zum Singen erschien. Sie merkte deutlich, daß er nur deshalb zu ihr hinüberspielte und seine Scherze an sie richtete, weil sonst kein Publikum anwesend war. Aber auch das beglückte sie schon. Zu Hause war sie schon längst wieder in ihrem Mütterchendasein versunken. Wenn Richard sich am Klavier nach einer glänzenden Passage den Schnurrbart emporzwirbelte und ihr zunickte, sehnte sie sich fast nach ihren kleinen Geschwistern und den Kühen, spähte aber doch verstohlen nach ihm hin. Nach diesem Abend nahm ihn die Mutter ins Gebet. »Du solltest dich schämen, einem Mädchen den Kopf zu verdrehen!« »Ich? der Regine?« fragte er mit ungekünsteltem Erstaunen und dachte darüber nach. Es war das erstemal, daß er sich ihr Bild vorstellte. »Eigentlich ein nettes Ding«, dachte er und lächelte geschmeichelt. 8. Noch ehe Richard seinen lange aufgeschobenen Besuch in Schwenkendorf machen konnte, kam überraschend ein Brief von Ulrich Reuschhagen an, merkwürdigerweise aus dem nahen Grünwalde. »Verehrungswürdiger Meister Ambrus!« schrieb Reuschhagen. »Von Dir hört man Heldentaten, die an das Reckenzeitalter gemahnen. Es geht die Sage, Du habest bei einem Exbummel Deines ehrwürdigen Gerichts nach Golbitten ein Achtel Bier alleine ausgetrunken. Wohl dem Staat, der solche Männer zeugt! Ich selbst habe mich inzwischen in Wien und Rom herumgetrieben, und in meiner Abwesenheit sind Dinge passiert, die erst noch sehr meiner Begutachtung bedürfen. Unter anderem hat man meine Schwester Ulrike an den ehrsamen Pfarrer Lemke in Grünwalde verheiratet. Urkundlich wird mir bezeugt, daß in Elbing die Hochzeit stattgefunden habe. Das wird eine schöne Hochzeit ohne mich gewesen sein! Sie genügt mir nicht, ich muß meine Schwester noch einmal und gründlicher verheiraten und habe mich zu diesem Zweck nach Grünwalde begeben. Kennst Du Grünwalde? Es ist ein Paradies! Die schwindsüchtige Orgel gibt wahre Miserere-Klänge von sich, und das Dorf liegt zwischen See und Wäldern wie ein Larghetto. Hier vertreibe ich mir die Zeit mit Spazierengehen durch stundenlange Rotbuchenwälder, mit Liegen auf dem Wasser, Angeln und Dösen. Kurzum ich lasse mir fast wie gebildete Mitteleuropäer einen Bart stehen. Ich gedenke noch wochenlang hierzubleiben, ehe ich mit Beginn des Winters wieder von Podium zu Podium springe. Aber dazwischen will ich mir ein Fest machen. Nimm einen Wagen, belade ihn mit Jungfrauen, soviel Du kannst. Drei bis vier kann das Pfarrhaus beherbergen. Und eine gleiche Schar ehrliebender Jünglinge. Wir wollen uns Kränze flechten und durch die Wälder streifen. Der Keller meines Schwagers liegt voller Braunsberger Lagerbier, und ein Fäßchen Rotwein habe ich von der würdigen Firma Wolff aus Elbing mitgebracht. Toback ist nach der Vorschrift kühl und trocken aufgespeichert. Uns fehlt nichts als Festteilnehmer. Drei oder vier Tage sind für diesen Feldzug in Aussicht zu nehmen. Schreibe schnell, wann und wie viele Ihr kommt.« – »Was meinst du, Küken«, fragte Richard die Schwester, »fahren wir nach Grünwalde? und wen nehmen wir mit?« Paula konnte sich noch nicht darüber beruhigen, daß die häßliche Ulrike Reuschhagen – sie hatte sie in Elbing gesehen – geheiratet habe. Und einen Pfarrer, von dem man immer so viele Kinder bekommt! »Wenn wenigstens Ulrike selbst geschrieben hätte. Ich kann doch nicht auf die Einladung eines Herrn nach Grünwalde fahren!« »Papperlapapp! Das ist Weibergeschwätz. Ihr wollt noch jede einen besonderen Briefbogen haben!« Man einigte sich darauf, daß die Geschwister und Regine fahren sollten. Richard wollte noch ein männliches Wesen mithaben. Er hoffte, Eleonore von Stetten in Grünwalde vorzufinden, und brauchte für diesen Fall jemanden, der Regine beschäftigte. Aber sie wußten keinen, der für die Partie geeignet war. Regine war über die kleine Reise selig und zwang ihren Eltern die Erlaubnis ab. Das evangelische Pfarrhaus erregte in Schwenkendorf Bedenken, aber gerade das evangelische Pfarrhaus gebrauchte Regine still im Innern für sich als kleinen Probepfeil. Sie ließ nicht nach, und nach vielem Hin- und Herreden und Schreiben wurde der Tag festgesetzt. Man wollte an einem Sonnabend hinfahren und Montag nachmittag zurückkehren. Es traf sich zufällig, daß an diesem Sonnabend auch Erich Steinbock von seiner Manöverübung aus Königsberg zurückkehrte. Er sollte den Vormittag bei Ambrus' verbringen und mittags den Schulwagen nach Hause benutzen. Alle wollten sie um halb eins noch gemeinsam bei Ambrus' essen, ehe sie in verschiedenen Richtungen auseinander fuhren. Der Kutscher Böhnke von Günthers Fuhrgeschäft schimpfte, daß man nicht schon am Vormittag fuhr. Seine Schwarzen würden auf diese Weise erst spät nach Hause kommen, denn bis Grünwalde wären es fast drei Meilen Wegs. Er putzte mißmutig an seinem Geschirr, als Richard mit ihm verhandelte. Aber ihm war nicht zu helfen. Damit er die Reise bezahlt bekäme, mußte Erich in Uniform fahren, und Stine bekam keinen kleinen Schrecken, als vor der Tür ein Offizier im blauen Interimsrock mit knallroten Aufschlägen und einem blitzenden Säbel an der Seite stand. Sie hatte keine Anrede für ein solches Wesen und stand sprachlos, bis Paula aus der Küche zu Hilfe eilte und den ihr noch fremden Erich mit einer Sicherheit begrüßte, als ginge sie täglich mit Offizieren der verschiedensten Waffengattungen um. Das Auftreten eines veritablen Leutnants konnte natürlich nicht ohne Einfluß auf die Gesamtlage bleiben. Wenn Paula bis jetzt lächelnd auf Regines demütiges und hoffnungsloses Werben um ihren göttlichen Bruder herabgeblickt hatte, so konnte sich Regine jetzt aufrichten. Auch ihr war es im Augenblick klar, welch hohen Trumpf sie als Bruder in der Hand hielt. Der ganze Ambrussche Salon schien ein anderes Aussehen zu erhalten. Frau Ambrus wagte sich mit ihrer mütterlichen Herzlichkeit nur schüchtern hervor, und wenn der Postvorsteher »Herr Leutnant« sagte, schwang in seiner Stimme ein deutliches Respektsgefühl mit, und er überlegte sich, daß der Offizier nicht so ohne weiteres neben Paula gesetzt werden konnte, sondern die Hausfrau zu Tisch führen mußte. Seine Gedanken gebrauchten geradezu den Ausdruck »zu Tisch fuhren«. Selbstverständlich lehnte er es im Innern ab, daß Menschen unter allerhand unwürdigen Gliederverrenkungen vor einem so jungen Manne strammstehen mußten, aber die Tatsache solcher Machtstellung war nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen. An dem Auftauchen Erichs wurde der heimliche Wettlauf zwischen den beiden Familien Steinbock und Ambrus mit einem Schlage sichtbar. Pferde, Jagd und Rittergut und jetzt noch die Leutnantsuniform auf der einen Seite, und auf der anderen das schmucke weiße Haus mit den Butzenscheiben, die gepachtete Stadtjagd, der von Günther für die Visite gemietete Wagen und der unvergleichliche Referendar, der eine ganze Stadt einfach auf den Kopf stellen konnte – alle diese Werte ordneten sich nun auf einmal in Reihen gegeneinander und rückten aufeinander zu, und auf dem einen Flügel drohte Erich wie ein Kriegselefant machtvoll durchzubrechen, während die Gegenkraft, die von Natur aus dazu bestimmt war, ihn aufzuhalten oder gar zu entwaffnen, Paula mit dem keck aufgenestelten Haar, gerade noch ehrenvoll ihre Haltung bewahrte. Regine aber, die schon drauf und dran gewesen war, durch erbärmliches Retirieren die Stellung der Steinbocks verhängnisvoll zu gefährden, bemerkte mit Erleichterung, daß auch die Gegenseite ihren schwachen Punkt hatte. Erich beobachtete nicht viel von dem Umschwenken der Flügel auf beiden Parteien. Da er seit sechs Wochen unausgesetzt Gelegenheit gehabt hatte, festzustellen, daß über dem Leutnant der Hauptmann und über diesem der Major steht und die Staffel sich bis ins kaum noch Sichtbare aufwärts verfolgen läßt, erschien ihm sein Rang als nichts allzu Außerordentliches. Immerhin hatte er mit einer gewissen Freude seine Reise in Uniform angetreten und hielt es schon für durchaus zweckmäßig, dem hübschen Ding auf dem Ambrusschen Familienbild als Leutnant und nicht in der Landwirtsjoppe zum erstenmal zu begegnen. Aber Paulas nach außen hin zur Schau getragene Sicherheit und Gewandtheit verbarg ihm das Schwanken der feindlichen Linie. Übrigens liebte er im Verkehr mit Menschen die kühle Sachlichkeit, und so berührte ihn die Distanz, die das Ergebnis seiner Uniform war, nur angenehm, während sie ihn eigentlich hätte erschauern lassen können. Nun aber war Richard, der auf dem Gericht zu tun hatte, noch nicht auf den Plan getreten, und beide Parteien warteten mit unbewußter Neugier ab, wie die beiden Haupttürme der Schlacht sich gegenüberstehen würden, und vor allem war Regine gespannt, ob von dem Glanz ihres Bruders ein Schimmer auf sie selbst zurückfiel. Man sah es Richard, als er kam, deutlich an, daß er draußen bereits Mütze und Säbel bestaunt hatte, und es war unverhohlene Anerkennung in seinen Schritten, mit denen er auf Erich zuging, um ihn zu begrüßen. Man konnte sogar feststellen, daß seine lärmende Art ein wenig gedämpft war, ja seine Haltung hatte dabei etwas leicht Militärisches. Er drückte die Schulterblätter zurück und die Brust heraus. Es war schon ein deutlich festzustellender Erfolg der Steinbocks, aber andererseits war nicht zu leugnen, daß die Anwesenheit des Offiziers und die Kameradschaftlichkeit, mit der er ihn begrüßte, auch Richard selbst erhöhte. Man sah ihn, der bald selbst an sein Dienstjahr denken mußte, gewissermaßen schon in Uniform und stellte sich vor, wieviel »militärischer« er sich ausnehmen würde als der stillere und ein wenig schwerfällige Erich. Dem Angriff war, so fühlte man, die Hauptstoßkraft genommen, aber immerhin drohte die Uniform als eine Macht von nicht zu unterschätzendem Gewicht, und wenn Regine auch wieder still in sich zusammensank, so blieb doch auch Paula von einer unterwürfigen Lustigkeit. Man sah ihr an, wie sie diesmal lieber mit Erich in den Schulwagen eingestiegen wäre als in die Kalesche Böhnkes mit ihren mageren Rappen. Aber als erst der Wagen über das Pflaster ratterte, stolz am Rathaus und der Firma Amende vorüber, wo Willy in der Ladentür stand und grüßte, als die Gardinen hinter den Fenstern in Bewegung gerieten und neugierige Augen sie verfolgten, da ergriff sie die Lust der abenteuerlichen Fahrt, und sie warf Willy Amende einen strahlenden Blick zu. Links lag das Dohnaschlößchen mit dem Barockportal und den überhangenden Kastanien, die schon anfingen, sich zu färben. Wann, wann, wann würde Eleonore hier residieren? rief es in Richard. Rechts ließ man den Manufaktur- und Konfektionsladen von Seidel liegen, dessen Sohn soeben – er war übrigens noch vor dem Manöver Unteroffizier geworden – sechs ganze Wochen vor Erich hatte strammstehen müssen. Dann ging es über die Fließbrücke in die englische Vorstadt. Diese Straße beherbergte nicht etwa Engländer, wie man meinen könnte, sondern sie hatte ihren Namen lediglich daher, daß sie nach Nordwesten aus der Stadt heraus und so schließlich im weiteren Verlauf auch einmal nach Danzig und von dort über das Wasser nach England führen mußte. Links kam der neue Kirchhof, auf dem erst wenige Menschen beerdigt waren, mit jungen Bäumen und noch magerem Strauchwerk. Man sah den Spiegel des Gohlungsees, der bis hierher reichte, hindurchblitzen. Weiter rechts lag der alte Kirchhof im gesprenkelten Grün von Linden und Kastanien. Dann hörte das Pflaster auf, die Räder senkten sich weich in den Grund der Landstraße, und nach wenigen Biegungen schlug die Reisenden der Schatten des Waldes ein. Die Mädchen saßen in den bequemen Polstern und Richard ihnen gegenüber auf dem Rücksitz. Es war ähnlich wie auf jener denkwürdigen Fahrt nach Schwenkendorf, und wie damals berührten sich Richards Knie unter der Decke mit denen Regines. Paula bemerkte mit boshafter Genugtuung, wie Richard der Freundin den Hof machte, während sie in Gedanken den leeren Platz sich gegenüber durch eine blaue Uniform mit roten Aufschlägen ausfüllte. Aber Richard war nicht sehr bei der Sache. Er suchte nur, auf angenehme Weise möglichst rasch die Fahrt hinter sich zu bringen, um endlich zu erfahren, ob Eleonore in Grünwalde war. »Das ist Groß-Bestendorf, Baron von der Goltz«, sagte der Kutscher und zeigte mit dem Peitschenstiel auf das Schloß, das weiß hinter dem Walde über bunten Gartenterrassen schimmerte. Dann ging es wieder durch dichten Wald, der mit regelmäßigen Fichtenreihen zu beiden Seiten des Weges Wache stand. »Eine langweilige Fahrt!« meinte Richard, und Regine sah ihn erschrocken an, da sie noch drei Tage so hätte fahren mögen. Aber nach einer halben Stunde hörte der Wald auf, schwang sich wie ein dunkler Kranz im weiten Bogen gegen den Horizont aus. Abgeerntete Felder buckelten sich, wogten in weiten, grüngelben Erdwellen, durch die sich Wege mit alten Bäumen und grünen Hecken schnitten, und vor ihnen im Tal lag der See mit bewaldeten Ufern. Bis dicht an das Wasser traten die Bäume heran und schoben das Erlengesträuch bis in den glänzenden Spiegel hinein vor. Als sie die Höhe eines Berges erreicht hatten, sahen sie rechts die Fläche eines zweiten Sees breit in die Hügel eingesenkt, zwischen den beiden Seen das blitzende Band des Kanals und unter sich, halb verdeckt durch das Grün von Bäumen und Büschen, die Dächer der Zölp. An einem weißen Brückengeländer lag der kleine helle Regierungsdampfer mit rauchendem Schlot. »Donnerwetter!« sagte Richard. In scharfem Trab ging es den Berg hinunter, an der Zölp vorbei und dicht an dem Dampfer über die Brücke. Links sahen sie über den mit Ulmen umsäumten Kanal wie durch einen Rahmen in den See hinein, dann versanken die Wasser hinter den Höhen. Während sie hinanfuhren, warteten sie, daß die blitzenden Flächen wieder auftauchten. Auf einmal sahen sie Wasser von einem Horizont bis zum andern gelagert, dick wie Quecksilber über die Ränder stehend, zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern, die sich klein in die Talmulden duckten. Hier erst begann eigentlich ihre Reise, sie fühlten sich von der Stadt losgelöst und in neue Landschaft gestellt. »Die dämlichen Gohlunger!« rief Richard, »daß sie ihren schönen See ausfließen lassen!« Die Mädchen stimmten ihm bei. Von der Zölp ab war die Gegend belebter. Immer sahen sie Gutshöfe mit dem grünen Hallensockel ihres Parks liegen. Kühe lagerten in Wiesen, und Pferde kamen mit neugierig gespitzten Ohren an die Drahtzäune gelaufen und wieherten Böhnkes Rappen zu. Dreimal fuhren sie durch Dörfer, in denen die Räder auf Pflaster ratterten. Kinder in Unterröckchen liefen auf der Straße, Hunde verfolgten bellend den Wagen, Blumen standen in kleinen Fenstern, und wenn sie an der Dorfkirche und dem Pfarrgarten vorüberkamen, in denen sich die Zweige unter gelben und roten Äpfeln über die Mauer niederbogen, dachten sie an das Pfarrhaus von Grünwalde und waren begierig, wie es aussehen würde, und als ein junges Mädchen lesend auf einer Veranda saß, dachte Richard, daß so Eleonore jetzt vielleicht nur wenige Kilometer noch entfernt mit einem Buch da saß und auf ihn wartete. Dann senkte sich der Wagen wieder vom Pflaster in den weichen Grund, und fern drehten sich am Horizont Güter und Parks, Kirchtürme und Waldspitzen. »Komisch!« sagte Paula, »das geht nun von Schwenkendorf und viel weiter an bis hierher und noch immer weiter und weiter durch ganz Deutschland hindurch und hört vielleicht auch dann noch nicht einmal auf, immer weiter mit Dörfern und Pfarrhäusern und Roßgärten!« »Es ist gar nicht abzusehen, wie viele Paulas und Regines es da auf der Welt geben muß«, fiel Richard ein. »Na, an Referendaren scheint auch kein Mangel zu sein.« Sie lachten. Böhnke zeigte mit dem Peitschenstiel nach rechts. Sie dachten, es wäre Grünwalde, aber er meinte ein großes Rittergut, das mit steinernen Ställen und dem hohen Dach seines Schlosses wie eine Burg aussah. Eine schnurgerade Allee von riesigen alten Kastanienbäumen lief auf ein hohes geschwungenes Portal zu. »Schmalbitten, Freiherr von Buddenbrok«, sagte Böhnke. Als der Weg sich ein wenig hob, sahen sie hinter dem Park wieder den Spiegel des großen Sees aufglänzen. »Ja«, sagte der Kutscher, »Schmalbitten liegt auch am Samroth, und an dem Zipfel, der von hier nicht zu sehen ist, liegt das Sägewerk.« Es ging rechts in einen Talgrund hinunter. Zu beiden Seiten stiegen grüne Böschungen, auf denen Ziegen angepflockt waren. Von rechts her grub sich ein zweiter Weg zu ihnen herunter. »Nach Schmalbitten 2 km« stand auf dem Wegweiser. Sie stritten sich darüber, ob sie es näher oder weiter geschätzt hätten. Böhnke entschied, daß die Wegweiser nicht stimmten und es entweder weiter oder auch wohl etwas näher sein könnte. Jetzt ging es links um die Ecke, und vor ihnen lag, im Halbrund an das Ufer eines schilfbewachsenen Sees gelehnt, Grünwalde. Am Eingang des Dorfes lag eine alte Wassermühle. Graue Weidenbäume hingen weit in den Mühlteich hinein. Das große Schaufelrad neben der Brücke stand still, und von dem Teich rann es nur wie eine dünne polierte grüne Schicht über das zerfressene Brett in das Wehr hinunter, brauste unten splitternd auf und blänkerte über bemooste Bohlen in den See hinein. Die Holzbrücke donnerte unter dem Wagen wie fernes Gewitter. Das Müllerhaus und seine Veranda waren mit Wein bewachsen, und so lieblich lag es da, daß sie bedauerten, nicht lieber vom Müller eingeladen zu sein. Der Weg führte dicht am See entlang, und die kleinen Wellen leckten beinahe an die aufgeworfenen Wagenspuren. Dann begann zu beiden Seiten das Dorf mit kleinen hölzernen Häusern und hohen Strohdächern darüber. Auf einmal gabelte sich der Weg, in der Gabelung stand, durch eine alte Steinmauer herausgehoben, die Dorfkirche mit dem efeuumsponnenen Holzturm, und dahinter das Pfarrhaus mit steinernen Mauern und großen Fenstern und einer breiten Veranda, in der Ulrich Reuschhagen vor einem Buch saß. »Hoiho!« rief er und stand auf, breit und knochig, und das verlegene Lächeln ging über das ganze Spitzmausgesicht. In der Tür wurde nun auch der Pfarrer sichtbar, klein, rosig und strahlend, ein gesticktes Samtkäppchen auf dem Kopf und eine lange Pfeife in der Hand, wie aus der »Gartenlaube« herausgeschnitten, und hob beide Hände zum Gruß. Hinter ihm kam die Pfarrfrau hervor, wie ihr Bruder knochig und hager, mit dem gleichen Spitzmausgesicht, nur eine Brille über der vorspringenden Nase. »Willkommen, willkommen!« rief Pfarrer Lemke und half den Mädchen aus dem Wagen, wobei er beim Zufassen nicht zimperlich war. »Ist Eleonore da?« fragte Richard flüsternd Reuschhagen. »Nein. Wieso?« fragte der erstaunt dagegen. Böhnke wurde angewiesen, um die Ecke in den Pfarrhof zu fahren, die Rappen zu füttern und zu tränken und dann selbst in der Küche zu erscheinen. Die Pfarrfrau umarmte die beiden Mädchen, eine halbe Minute wurde mit Fragen und Händeschütteln ausgefüllt, ehe man hineinging. Regine stand als letzte draußen, und nur Richard war noch hinter ihr, durch die Auskunft Reuschhagens aus der Fassung gebracht. Böhnke ließ die Pferde anziehen und verschwand hinter der Ecke. Regine sah sich nach Richard um, und in diesem Augenblick umfaßte er sie, selbst überrascht von seinem Tun, und küßte sie auf den Mund. »Nicht doch, Richard!« sagte sie entsetzt. »Nicht doch! Richard!« Er küßte sie noch einmal und schob sie vor sich her in den Hausflur zu den übrigen. Diese Situation war so außer der Ordnung, daß sich das Fehlen eines zuverlässigen Leitfadens schmerzlich bemerkbar machte. Regine wußte nicht, ob sie mit diesem Kuß an der Schwelle der Brautzeit stand oder nur eine neue Demütigung erfahren hatte. Sie wagte nicht, zu Richard hinüberzusehen und in seinem Gesicht zu lesen. Richard selbst fühlte, daß er ohne Willen unter dem Zwang einer dunklen Gesetzmäßigkeit gehandelt hatte, die irgendwie fern in Eleonore verankert war. Er liebte Regine nicht, es hatte ihn nur in dem einen Augenblick gereizt, in den Kreis dieses fremden Mädchens einzubrechen, von dem er so gut wie nichts wußte. Drinnen fiel er in lärmende Lustigkeit, schlug den freundlichen Pfarrer auf beide Schultern, fragte nach dem Keller mit dem Braunsberger Lagerbier und blieb auch an der Kaffeetafel in dieser Verfassung, umriß in glänzenden Farben das Fest, zu dem Ulrich eingeladen. Es stellte sich aber heraus, daß man morgen von Bekannten des Pfarrers zu einer Taufe eingeladen war. Es war nicht zu verhindern gewesen. Man saß sehr gemütlich in einem Eßzimmer mit schneeweißen Mullgardinen. Große Berge von Schmandwaffeln standen auf dem Tisch, und die Sahne ergoß sich mit dicken Tropfen in den Kaffee. Richard arbeitete mit Reuschhagen um die Wette und leistete Fabelhaftes. Er griff der Pfarrfrau mageres Aussehen an, die bei solcher Kost noch wie eine Städterin ausschaute. Dazwischen warf er ängstliche Blicke zu Regine hinüber, der aber nichts anzumerken war. Sie unterhielt sich mit Reuschhagen und erklärte diesem gerade, daß sie ganz unmusikalisch wäre. »Das gibt es kaum«, sagte Reuschhagen, »es muß nur geweckt werden«. Sie sah ihn zweifelnd an. Richard fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Er überdachte die möglichen Folgen seiner Handlung, schwankte zwischen einer Auffassung, die sein Vergehen als ganz und gar harmlos hinstellte, und einer zweiten, die ihn schon als Bräutigam festnagelte, und sah sich drittens in einen Ehrenhandel mit Leutnant Erich verwickelt. Indessen ließ das »Festprogramm« wenig Gelegenheit zum Nachdenken. Zunächst war das Pfarrhaus zu besichtigen. Die Städter staunten über die Dicke der Mauern und das riesige Gebälk im Dachgeschoß, in das die Fremden- und Vorratsstuben eingebaut waren. Große Räume, auf deren alten bauchigen Schränken schon die Einmachgläser von diesem Sommer dicht bei dicht standen, wie die Puppen mit ihren Hauben aus Pergamentpapier nebeneinander, und deren Böden sich in wenigen Wochen mit Äpfeln und Birnen bedecken würden. Das größte Giebelzimmer, mit der Aussicht auf den See und die kleine Insel inmitten, bewohnte Reuschhagen. Er hatte sich mit Büchern, Noten und einer stummen Klaviatur, die bestaunt wurde, häuslich niedergelassen, einen kleinen Tisch vor den Sessel am Fenster gerückt und arbeitete hier täglich seine vier Stunden. »Ja, mein Lieber«, sagte er zu Richard, »wo kämen wir hin, wenn wir nicht täglich arbeiteten! Künstler sind Gaukler und müssen sich ihre Glieder geschmeidig erhalten und wie die Mönche leben!« Während er dies sagte, bekam sein Gesicht wirklich einen fast mönchischen Zug. Paula und Regine sahen ihn verlegen an, der Pfarrer und die Pfarrfrau voller Ehrfurcht. Nur Richard klopfte ihm lachend auf die Schulter: »Ihr Künstler und wie die Mönche! Na, ich weiß Bescheid!« Aber im Augenblick dachte er daran, wie er Reuschhagen in der Pause seines Konzerts gefunden hatte, mit dem Gesicht gegen die Wand und dem abwinkenden Arm, und verstummte. Reuschhagen überhörte die Worte und wandte sich an Regine: »Sehen Sie dort den wilden Schwan auf dem See? Das ist auch eine Spezialität der oberländischen Seen. Zweimal schon flog er über meinen Kopf hinweg und sang. Es ist nämlich Unsinn, daß sie nur im Sterben singen.« Man drängte sich an das Fenster, um den Schwan zu sehen, der fern in der Bucht mit großen, unsichtbaren Stößen ruderte. Richard sollte in einem Zimmer neben Reuschhagen schlafen, die beiden Mädchen waren auf der anderen Giebelseite untergebracht. Sie verteilten gleich Betten, Handtücher und Wassergläser untereinander, von dem Reiz ergriffen, sich in einem fremden Zimmer für einige Zeit einzurichten. Legten Kämme und Bürsten sauber auf den Waschtisch und hängten die Kleider in den Schrank. Volants und Turnüren drängten immer wieder heraus, und sie mußten lachend die Schranktür mit einiger Gewalt schließen. Als sie allein waren, und Paula, am Fenster stehend, sich die Hände abtrocknete, fühlte sie sich von Regine umfaßt, die hinter sie getreten war. Hätte nicht in Paulas Gesicht gestanden, daß sie Regine durchschaute und sich nur als zufälligen Empfänger anders gemeinter Zärtlichkeiten betrachtete, hätte Regine ihr den Kopf auf die Schulter gelegt und alles gestanden. So aber sagte sie nur: »Wir wollen doch du zueinander sagen.« »Ja, gern!« antwortete Paula, wobei sie an Erich denken mußte, und sie gaben sich einen Kuß. Regine mußte bemerken, daß das Leben in einem Pfarrhaus bewegter ist als in einem Gutshaus. Pfarrleute sind halbe Städter und machen deshalb mehr aus der Natur. In Schwenkendorf wäre man jetzt im Wohnzimmer geblieben und hätte den Abend dort versessen, im Pfarrhaus aber beschloß man, mit Rücksicht auf die noch unverdauten Schmandwaffeln, das Abendessen hinauszuschieben und nach »der Eiche« zu rudern. Diese Eiche war ein Jahrhunderte alter Baum, bei dem man in der Bucht anlegen konnte. Große Findlinge aus Granit, die dort herumlagen, machten es wahrscheinlich, daß man es mit einer alten heidnischen Opferstätte zu tun hatte. Weil es abends auf dem Wasser schon kalt war, bekamen die Mädchen aus dem Vorrat der Pfarrfrau dicke Mäntel und Decken. Der Pfarrer blieb zu Hause, um seine Predigt für den morgigen Sonntag auszufeilen. Die Pfarrfrau schloß sich den Gästen an. Sie liebte es leidenschaftlich, abends auf dem Wasser zu liegen und es dunkel werden zu lassen. Reuschhagen verteilte mit der Sachkunde eines alten Fischers die Plätze, stieß den großen Kahn ins Wasser und sprang dann selbst nach. Er ruderte allein. Man merkte eigentlich erst bei dieser Beschäftigung, wie herkulisch sein Körper war. Es war seltsam, wie seine innere stille und zarte Flamme diesen Körper in einen Beruf zwang, der kaum ein Zehntel seiner Kraft ausnutzte. Ober eine halbe Stunde gebrauchte man, um in die Bucht zu kommen. Hier hatte man vom Fenster aus den Schwan gesehen und fand nun eine kleine Feder auf dem Wasser treiben. Unheimlich still lag das grüne Halbrund des Spiegels, in dem sich schweigend die hohen Bäume betrachteten. Die Sonne war gerade hinter dem Wald verschwunden, und die dünne Sichel des Monds schnitt durch den Himmel. Die lauten Farben erloschen allmählich, aus den Essen des Dorfes stieg der Rauch kerzengerade in die Höhe und verlor sich oben in einen feinen Dunst. Reuschhagen ruderte in der Bucht mit halber Kraft, fuhr in einer leichten Kurve, so daß man die Furche hinter dem Kahn perlmutterrosa aufleuchten sah. Erst als er bei der Eiche landen wollte, legte er sich in die Riemen und preschte mit voller Gewalt auf den Strand. »Aufgepaßt!« rief er, aber die Insassen waren schon durcheinandergeschüttelt. Sie stiegen aus. Regine wurde seltsam berührt, daß in der alten Eiche an diesem Tage gerade wieder die heidnische Vergangenheit der Landschaft auf sie zukam. Sie sah scheu zu Richards gesundem, ungebändigtem Körper hinüber. Fast war ihr, als wären höllische Kräfte am Werk, um sie von ihrem Glauben und den Ihrigen zu lösen. Sie spürte eine unbekannte Gewalt sich in ihr selber aufbäumen, wie rasende Rosse tobte es in ihr, so daß sie einen Augenblick die Lider senkte und die Hände zu Fäusten einpreßte. Als sie die Augen aufschlug, wußte sie, daß ein sengender Blick daraus fuhr, sie konnte es nicht mehr hindern. Aber statt Richards Gesicht zu treffen, fühlte sie den Blick Reuschhagens auf sich ruhen, der sie forschend ansah. Als ihre Augen sich trafen, lächelte er ihr freundlich zu. Es war ihr so ungewohnt und fremd, daß sie schnell fortblickte. Alle zusammen gerade konnten sie den mächtigen Baum umspannen. Sie wollten in seine rissige Höhle hineingehen, aber als sie davorstanden, rauschte es über ihnen, und eine Eule flog mit weit ausgespannten Flügeln davon und verlor sich im Schatten des Waldes. Sie schraken zusammen und gaben es auf. Nur Richard bestand darauf, hineinzugehen und sich drinnen eine Zigarre anzuzünden. »Nimm dich in acht«, sagte Reuschhagen, mehr unter dem Eindruck des Schauers, als weil er wirklich an eine Gefahr dachte. »Es kann ein Bienenschwarm oder sonst etwas drin sein.« Aber Richard ließ nur sein gewohntes »Papperlapapp!« vernehmen, und gleich darauf sahen sie das Streichholz im Innern des Baumes aufflammen. »Nur eine Bärenmutter mit zwei Jungen ist darin«, sagte er heraustretend. Alle lachten, und die unheimliche Stimmung löste sich. Auf der Rückfahrt kam Richard neben Regine zu sitzen. Es war kalt und schon so dunkel, daß sie sich gegenseitig wie Schattengestalten sahen. Wie ein Spiegel lag das Wasser reglos um sie, und nur die Furche des Kahns bildete einen hellen Streifen hinter ihnen. Am Steuer saß die Pfarrfrau, neben ihr Paula, dann kamen auf der Bank Richard und Regine, und vor ihnen tauchte der Kopf des rudernden Reuschhagen auf und nieder. Aus den Häusern vom Ufer blinkte das rote Licht der Petroleumlampen herüber, und die Pfarrfrau begann nach ihrer Gewohnheit zu singen. Paula fiel ein, und selbst Reuschhagen, der eigentümlicherweise nicht einen richtigen Ton treffen konnte, brummte mit. »Setzt euch dicht zusammen«, sagte Paula, »dann ist es wärmer.« Sie gehorchten aus Furcht, um nicht die Spannung zwischen ihnen zu verraten, und ihre Körper berührten sich an Schulter und Arm. Leblos und steif saß Regine da, sie wagte nicht die mindeste Bewegung ihres Arms. Er aber fühlte ihren Körper neben sich, ergänzte aus der Dunkelheit das schwere dunkle Haar mit dem griechischen Knoten im Nacken, die großen erschrockenen Augen, und wieder reizte es ihn, in diesen unbekannten Kreis einzubrechen. Vielleicht war auch Verlegenheit dabei und der Drang, wiedergutzumachen. Vorsichtig suchte er ihre Hand, die sie leblos in seiner ließ. Paula und die Pfarrfrau waren in ihr Singen verloren. Da wagte er es, leise die Hand zu drücken, und er fühlte, wie sie den Druck ganz leise zurückgab. »Ja«, sagte sie plötzlich, denn sie glaubte, daß Richard sie etwas gefragt hätte. Im gleichen Augenblick merkte sie ihren Irrtum, er hatte nur leise mitsingen wollen. Entsetzt zog sie ihren Arm zurück und schämte sich wegen ihres »Ja« zum Sterben. Was dachte er von ihr! Wozu sollte sie »ja« gesagt haben! Vielleicht hatte sie ihm jetzt gesagt, daß sie nur auf ein Wort von ihm wartete. Am liebsten hätte sie sich in den See gestürzt. Sie rückte zur Seite, daß sich ihre Arme nicht mehr berühren konnten. Es war ihr alles gleichgültig geworden außer diesem Ja, das noch immer in der Luft zu hängen schien. So blieb sie den ganzen Abend. Sie konnte kein Wort zu Richard sprechen und unterhielt sich kaum mit Reuschhagen. Richard konnte nicht einschlafen, wälzte sich noch spät auf dem fremden Bett, stand schließlich auf und ging ans Fenster. Da sah er, daß Reuschhagen neben ihm noch Licht hatte. Er klopfte an seine Tür und trat ein. Der saß bei der Lampe am Tisch und las eine Partitur. Das Fenster stand offen, und eine dichte Wolke von Nachtgetier flatterte um seinen Kopf. Kam ihm ein Falter oder Käfer zu nah, setzte er ihn vorsichtig auf das Fenster. So war er mit den Armen in einer fortwährenden Bewegung, die von der gänzlichen Unbewegtheit seines Kopfes und des Körpers seltsam abstach. »Ja? Was ist's?« fuhr er auf. »Ach du bist's, Meister Ambrus. Schau her, was sagst du zu dieser Modulation von h nach a? Fabelhaft, was? Wie sich das in der Melodie mühelos weiterschwingt!« Es war der »Barbier von Bagdad« von Cornelius. Aber Richard verstand die Partitur nicht zu lesen. »Die Homer in b, die Trompete in e, das ist mir zu kompliziert. Sage mir lieber, was macht Fräulein von Stetten?« Aber Reuschhagen hatte lange nichts von ihr gehört. »Vielleicht hat sie ihren ekelhaften Kerl schon geheiratet. Daß die besten Weiber sich immer die scheußlichsten Kerle nehmen!« brummte er. Er wollte näheres von Regine wissen, die ihn interessierte. »Natürlich, in euerm Drecknest kann keiner diese stille Natur würdigen. Übrigens bist du wieder einmal ein Glückspilz. Bis über die Ohren in dich verschossen!« Richard zuckte die Achseln. »Wenn sie dir gefällt, so verlobe dich mit ihr!« sagte er. »Nein!« sagte Reuschhagen und hatte sein verlegenes Lächeln. »Sie ist keine Künstlerfrau, und ich heirate überhaupt nicht. Jedenfalls noch lange nicht. Ich muß noch arbeiten, ich kann noch nichts. Aber du solltest auch die Finger von ihr lassen. Sie ist zu schade für dich.« Er brummte das alles vor sich hin, während er in der Partitur weiterlas und das Getier verjagte. Schließlich schlug er den Buchdeckel zu. »Geh, laß mich schlafen!« 9. Der nächste Tag stand unter dem Zeichen des Gottesdienstes und der Taufe, zu der Herr Gerhäuser, der Besitzer des Sägewerks Schmalbitten, das Pfarrhaus und die gesamten Gäste geladen hatte. Herr Gerhäuser war noch vor wenigen Jahren Zimmerpolier beim alten Reuschhagen in Elbing gewesen, hatte sich dann mit der Tochter der Schneidemühle Schmalbitten verheiratet und nach dem Tode des alten Schmiedeberg das Werk übernommen. Jetzt wohnte er in einer hübschen Villa am See. Zu der Familie seines früheren Brotherrn bewahrte er eine rührende Anhänglichkeit. Seinem Einfluß hatte Lemke die Grünwalder Pfarre zu verdanken, und es war selbstverständlich, daß er seinen Erstgeborenen, der sich erst nach Jahren der Ehe eingestellt hatte, in Grünwalde taufen ließ und daß die Pfarrfrau eine Patenstelle übernahm. Als zweiter Pate war sein Bruder aus Christburg herübergekommen, der gleichfalls ein Baugeschäft hatte, wenn auch kein so großes und lohnendes. Als die Glocken läuteten, ging das gesamte Pfarrhaus außer Regine, die in der Veranda ein Buch lesen wollte, in geschlossenem Zuge zur Kirche, voran der Pfarrer mit seiner Frau. Er schlug im Talar ernst und würdig die blanken Augen nieder, da ihre Lustigkeit durch nichts in der Welt zu dämpfen war. Vor dem Portal fuhr eine vornehme Kalesche nach der anderen vor. Das Schmalbitter Rittergut kam mit vier glänzenden Rappen angejagt. Damit die Herrschaften fromm sein konnten, behüteten Kutscher und Lakaien die Wagen und Gespanne während des Gottesdienstes im Krug. Das freiherrlich Buddenbroksche Paar grüßte die Loge des Pfarrhauses mit einem diskreten Zunicken, das auch für den berühmten Künstler mit berechnet war. Als das letzte Lied zu Ende ging, versammelte sich die Taufgesellschaft vor dem Altar. Die Orgel dröhnte noch immer. Der rosige Pfarrer stand jetzt, da es eine Taufe galt, nicht mehr mit niedergeschlagenen, sondern mit lustig blinzelnden Augen da. Vor ihm in der ersten Reihe standen die Taufeltern. Im Gehrock Herr Gerhäuser, ein kräftiger Mann von nicht mehr als dreißig Jahren. Er trug bei rasierten Backen einen dunklen, viereckigen Bart, einen sogenannten Fußsack. Ein beginnender Bauch kündigte an, daß er es über seine Jahre hinaus zu Einkommen und Ansehen gebracht hatte. Olly, die junge Frau, stand zierlich und noch ein wenig blaß am Arm ihres Gatten, und ihnen zur Seite hielt eine dicke Amme den kleinen Lothar. Wie eine Wolke aus weißen, duftigen Spitzen ruhte er auf ihrem Arm. Paula war über das Kind gerührt und hätte sich am liebsten vorgedrängt, um es einmal in die Arme zu nehmen. Als es während der Predigt anfing zu schreien, kitzelte sie es wenigstens mit zärtlichem Finger am Kinn, aber die Amme drehte es brüsk von ihr fort und legte es in die Arme des Christburger Onkels. Reuschhagen tat das Dröhnen der Orgel weh, und man sah ihm an, daß er die Kirche am liebsten verlassen hätte. Endlich hörte die Orgel auf, und Pfarrer Lemke erhob seine Stimme. Ihn bewegte offenbar die Vorstellung, daß er selbst bei dieser Taufe drei Generationen von Menschen überschaute. Er sprach von dem alten Herrn Reuschhagen in Elbing, bei dem der Taufvater eine gottgesegnete Laufbahn begonnen hätte und der mit seinen Gedanken heute gewiß bei ihnen weilte, da sein alter Mitarbeiter mit seinem Kindlein vor den Altar des Herrn trete. Er sprach aber auch von dem alten, verstorbenen Herrn Schmiedeberg, den in der Gegend noch jeder kenne und der wohl freundlich aus dem Himmel auf sie niederblicke und mit Freuden sehe, wie sein Werk sich stattlich entwickelt hätte. Hier war nun des Fleißes und der Tüchtigkeit der Eltern und ihres schlichten frommen Sinnes zu gedenken, und besonders zu berühren, daß Herr Gerhäuser sich nicht darauf beschränke, durch den Bau von Scheunen und Ställen der ganzen Gegend seinen Stempel aufzudrücken, sondern am Feierabend zu seiner Geige greife und bei der edlen Frau Musika seine Erholung und Erbauung suche. Von den Voreltern und Eltern kam er nun auf den Täufling selbst zu sprechen, und wie er in der Zeit zurückgegriffen hatte, so lag es jetzt nahe, den Blick in die Zukunft schweifen zu lassen. Wie würde das Leben des Täuflings verlaufen? Wie würde die Welt nach abermals dreißig oder gar vierzig Jahren aussehen? Im Jahre 1910? Im Jahre 1920? Die Großväter hätten noch in der Sehnsucht nach dem großen deutschen Reich gelebt und diese Sehnsucht schließlich erfüllt gefunden. Die Eltern tummelten sich jetzt, um dieses Reich immer größer und dauerhafter zu machen, und es würde auch immer größer und stärker werden – hier war die einzige Stelle, bei der Pfarrer Lemke seine Stimme pathetisch erhob –, wenn wir über den Fortschritten unserer Erkenntnis und Technik – er brauche nur an das Wunderwerk des Oberländischen Kanals mit seinen »schiefen Ebenen« zu erinnern – nicht Gott aus dem Herzen verlören. »Hoffen wir, handeln wir«, sagte er, »daß dieses Knäblein im Glauben an Gott und in der Gnade Gottes aufwächst, dann wird es ihm wohlergehen.« Während die Frauen und der Onkel aus Christburg Tränen in den Augen hatten und die anderen Herren das Dunkel der Zukunft, etwa bis zu den angeführten Jahren 1910 oder 1920 zu durchdringen suchten, Herr Gerhäuser insbesondere an den Rückversicherungsvertrag mit Rußland und an seine Holzlieferungen aus Polen dachte, während der Pfarrer alle seine Zuhörer im Bann hielt und besonders auf den berühmten Schwager den Eindruck einer starken geistigen Kraft zu machen sich bemühte, taufte er das Kind auf die Namen Lothar, Gustav, Erich, womit er wiederum Paula besonders ans Herz griff. Nach der heiligen Handlung holten sie Regine ab und fuhren in der Pfarrkutsche und zwei Wagen des Sägewerks nach Schmalbitten. Reuschhagen saß mit den Gästen im Pfarrwagen. »Es ist schade«, sagte er zu Richard und den Mädchen, »daß ihr auf diese Weise so wenig von Grünwalde habt, da ihr ja durchaus schon morgen wieder nach Hause wollt. Aber paßt nur auf, so eine Schneidemühle hat es in sich. Wenn ich nicht Musiker wäre, möchte ich Schneidemühlenbesitzer sein. Eine Schneidemühle ist das Poetischste, was es auf der Welt gibt. Seht, wie da im See die Baumstämme auf und nieder schaukeln, und merkt auf den Geruch des frischen Holzes. Holz ist das herrlichste Material, weich und fest zugleich, elastisch und dauernd, und selbst als Fußboden und Balken noch immer lebendig, voller Masern und Adern, und wenn man es anschlägt, hat es stets einen reinen, hellen Klang, der immer auf einen Ton gestimmt ist.« Paula und Regine schnupperten mit ihren Nasen in dem Duft, der tatsächlich voll strenger Weichheit vom Holzplatz und dem See herüberwehte. Da die Wagen vor ihnen erst frei werden mußten, hielten sie eine Weile vor der Gerhäuserschen Villa. Sie war im nordischen Stil gebaut und ganz mit Holz verschalt, voll geschnitzter Veranden und Balkons, und man sah von ihr über den Garten und den Holzplatz weithin auf den See. Eine ganze Bucht war mit Stämmen bedeckt, die sich hin und her schoben und zwischen denen immer wieder gläsern das Wasser hindurchbleckte. Paula holte tief Atem. »Hier gefällt es mir!« rief sie aus. Richard und Regine vermieden es, sich anzusehen. Wenn man nicht gleich auf Kaviar und Austern kam, hätte man nicht viel kostbare Gerichte nennen können, die es auf dem Taufschmaus bei Gerhäusers nicht gab. Krebse waren ja derzeit im Oberland keine besondere Delikatesse, aber so, wie sie als kleines Vorgericht von Frau Gerhäuser auf den Tisch gebracht wurden, verdienten sie doch Beachtung, nämlich in einer Dillsauce aus saurer Sahne und nur als Schwänze. Schon die Arbeit, die diese vier Schock Krustentiere verursacht haben mußten, erweckte Ehrfurcht. Dazu trank man einen Portwein aus kleinen Gläsern, faßte aber die verheißungsvollen Batterien von weißen Flaschen und Rotweinkaraffen schon mutig ins Auge. Immerhin dachte man, daß es nach den Krebsen bald ein Ende haben würde, aber nun fing es erst mit einer Mocturtle-Suppe so richtig an, und dann schleppten das Stubenmädchen und der Kutscher erst die ernsteren Gänge herbei. Der Kutscher trug eine rote Wollweste mit silbernen Knöpfen. Im nahen Schloß, beim Freiherrn v. Buddenbrok, konnte es nicht vornehmer zugehen. Da marschierten Schleie auf, da lagen oder standen auf Schüsseln die leckersten Sachen: dick eingemachte Früchte, Trüffeln und Mayonnaisen, Salate, die von weither kamen, Sachen, die man nicht kannte und nach denen man nicht zu fragen wagte. Nach den Schleien gab es Poularde, aber dann erst wurde der Höhepunkt erklommen mit einem Wildschweinbraten. Die Stimmung stieg. Der Pfarrer hielt eine lustige Rede, aber es wurde allen deutlich, daß er hierbei fast schon seine Pflichten verletzte, denn es war die reinste Damenrede in erster Linie seinem Gegenüber, der neckischen Paula, dargebracht, in deren Hand das Weinglas schon beträchtlich schief stand. Dann kamen zwei Bomben Vanilleeis herein, und der Kutscher goß dazu unaufhörlich die Champagnergläser voll. Selbst die drei Herren aus dem Werk, die Herr Gerhäuser eingeladen hatte und die zuerst ziemlich stumm am Tisch ihres Chefs saßen, wurden schon lebhaft. Jetzt wäre es für Richard Zeit gewesen, aufzustehen und eine seiner berühmten Damenreden zu halten, womöglich in Versen. Aber ihm wollte die Stimmung nicht kommen. Von Zeit zu Zeit mußte er auf Regine sehen und wurde ganz kleinlaut. Es war ein hehres Fest! Man durfte auch nicht übersehen, daß das alles an einem Ausziehtisch neuester Konstruktion vor sich ging. Wer sonst zu sechzehn Personen essen wollte; mußte mindestens zwei große Tische nebeneinanderstellen, die nur bei ungewöhnlichem Glück die gleiche Höhe hatten. Aber der praktische Herr Gerhäuser verstand sich auf die neuesten Errungenschaften. Es ward den Gästen aus Gohlungen klar, daß der Zufall sie an einem wahren Staatsakt hoher Repräsentation teilnehmen Heß. Sie waren, wie sie da hereingeschneit kamen, willkommen geheißen, um das Glück der Firma Gerhäuser ihrem Gedächtnis einzuprägen. Es gab nun Zeugen für die Art, wie Gerhäusers die Taufe ihres Erstgeborenen feierten. Nicht nur, daß man bei dieser Gelegenheit den Abkömmlingen des alten Chefs Reuschhagen vor Augen führte, was aus dem einstigen Zimmerpolier geworden war, man streute auch den Glanz weithin in die Welt, bis nach Gohlungen aus. Eigentlich hätte man denken sollen, daß ein solches Fest, das mit der aufgehobenen Tafel keineswegs zu Ende war, sondern sich in Likören und Importen, in Mokka und Bier, hellem und dunklem, fortsetzte, auch auf Richard und Regine ausgleichend wirken mußte. Aber die beiden sahen aneinander vorbei, als ob sie sich nicht kennten, und gegen zehn Uhr war Richard auf einmal verschwunden. Zuerst fiel es nicht besonders auf, aber dann suchte man und war schließlich ängstlich, und erst Reuschhagen klärte darüber auf, daß er, einem plötzlichen Entschluß folgend, nach Gohlungen zurückgegangen war. Ganz allmählich war dieser Gedanke in Richard aufgestiegen. Es war noch allerhand an dem Abend getrieben worden. Er hatte noch das Cello bei einem Trio von Haydn gespielt, in das Herr Gerhäuser als leidenschaftlicher wenn auch schwacher Musiker durch viele bescheidene Rückzüge sowohl Richard wie Reuschhagen hineinmanövriert hatte. Es war ferner getanzt worden, und dabei hatte es sich nicht umgehen lassen, daß Richard auch Regine aufforderte und mit ihr zweimal um den ausgeräumten Salon herum walzte. Man hatte sich ferner leise in das Kinderzimmer hinaufgeschlichen, um den schlafenden Täufling noch einmal zu bewundern – auch die Herren erhielten von dem stolzen Vater keinen Dispens –, und bei dieser Gelegenheit hatte es der Zufall gegeben, daß Richard neben Regine die Treppe hinaufging. Das alles war geschehen, ohne daß sie ein Wort miteinander gesprochen hatten. In der großen Gesellschaft war diese Spannung zwischen ihnen noch allenfalls zu verdecken, aber mit Entsetzen dachte Richard daran, wie es werden sollte, wenn er morgen mit den Mädchen allein über zwei Stunden lang im Wagen saß. Diese Aussicht machte ihn mit jeder Stunde unruhiger. Er hätte nun einfach zu Regine hingehen und ein Wort der Entschuldigung sprechen können, aber er wußte nicht, womit er sich entschuldigen konnte, und hatte das dunkle Gefühl, alles nur schlimmer zu machen. So nahm er schließlich Reuschhagen beiseite und sagte ihm, daß er so um zehn herum nach Hause gehen wolle. Zu Fuß, bis nach Gohlungen, nicht etwa ins Pfarrhaus. Reuschhagen nickte und fand, daß es sehr schön wäre, in der Nacht und allein drei Meilen über Land zu laufen. »Ein durchaus verständiger Plan!« Er versprach, ihn gegebenenfalls bei den andern zu entschuldigen. »Und alles Gute auch, denn wir sehen uns nun wohl lange nicht.« Um zehn Uhr drückte sich Richard in die Diele, nahm seine Sachen vom Ständer und ging hinaus. Eigentlich komisch, im Gehrock eine solche Fußwanderung zu machen! Paula mußte seine anderen Sachen morgen mit dem Wagen mitbringen. Es war draußen stockfinster, und zunächst konnte er nicht Hand vor Augen sehen. Dann erkannte er den Weg und tappte sich vorsichtig die Auffahrt bis zur Straße hinunter. Über den dunklen Büschen sah er das erleuchtete Haus hinter sich. Die Nacht lag wie eine Wand vor ihm. Allmählich sah er zur Rechten den See, halb verdeckt durch die schwimmenden Stämme. Der Wind fuhr mit schweren Stößen daher. Reuschhagen hatte ihm gesagt, daß er bis zum Kanal gehen sollte, dann diesen entlang bis zur Zölp und von dort einfach die große Landstraße weiter. So brauchte er nicht erst über Schloß und Dorf Schmalbitten. Längs des Kanals ging der Treideldamm, er sah ihn als hellen Streifen zu seinen Füßen, rechts neben sich das dunkle Wasser, das ohne Laut dalag. In zwanzig Minuten war er bei der Zölp, kletterte bei der Brücke auf die Straße hinauf und hatte jetzt den geraden Weg vor sich. Gegen den Himmel sah er, wie sich die Platanen unter dem Wind bogen. Er mußte den Hut festhalten. Bis Bestendorf ging er in strammem Schritt, in einer halben Stunde sah er ein erleuchtetes Fenster im Schloß. In der Lichtung konnte er gut sehen, aber jetzt kam der zwei Meilen lange Wald, wo man nur an dem hellen Streifen oben zwischen den Bäumen ungefähr die Wegrichtung erkannte. Hier gab es jetzt keine Abwechslung mehr, diese Strecke war einfach stumpfsinnig abzugehen. Wenigstens hörte hier der Wind auf. Er steckte sich eine Zigarre an, sah beim Schein des Streichholzes nach der Uhr und marschierte los. Er nahm sich vor, lange, lange Zeit nicht nach der Uhr zu sehen. Wenn er sie wieder hervorholte, sollte mindestens eine halbe Stunde vergangen sein, aber es waren nur zwanzig Minuten, obwohl er heimlich auf eine dreiviertel Stunde gerechnet hatte. Da er nichts anderes tun konnte, zählte er seine Schritte, immer bis hundert, aber es wurde ihm bald langweilig. So geht das nicht, sagte er zu sich, man muß über etwas nachdenken. Als Objekt bot sich Regine dar. Er überdachte noch einmal den ganzen Fall und kam zu dem Ergebnis, daß sie ihn liebte. Das hatte er eigentlich von vornherein angenommen, nur wurde es ihm jetzt etwas bewußter. Man mußte weiter denken: Also ein Mädel bekommt von dem Mann, den sie liebt, einen Kuß. Was nun? Einfachste Lösung: man verlobt sich mit ihr! Man hat sie geküßt, also verlobt man sich mit ihr. Hier sah er wieder nach der Uhr und hoffte, daß eine Unmenge Zeit vorübergestrichen wäre. Es waren aber nur drei Minuten, also brachte auch das Nachdenken wenig ein. Er marschierte stumpfsinnig weiter, jeden Schritt zu achtzig Zentimetern, macht auf den Kilometer eintausendzweihundert und fünfzig Schritte. Diesmal zählte er die Schritte einen Kilometer lang wirklich aus und sah dabei nach der Uhr. Er hatte etwas über sieben Minuten gebraucht, hoffte aber, daß seine Schritte länger gewesen waren und er am Ende freudig überrascht sein würde, wie schnell er gegangen war. Er faßte Mut und schritt im gleichen Tempo weiter. Das ganze Unglück war nur gekommen, weil Eleonore nicht da war, sagte er sich. Auf einmal fiel ihm ein, daß Paula und Regine miteinander sprechen würden. Natürlich werden sie miteinander über mich sprechen. Paula ist doch verständig, sie wird Regine beruhigen. Sie wird ihr sagen: Das ist nun einmal so, Männer küssen eben manchmal, das muß man nicht so tragisch nehmen! Und Regine? Man kennt ja die Weiber! Regine wird weinen und sagen: Ich habe ihn aber doch so furchtbar lieb! Eigentlich war Regine ein famoses Mädel. Er sah wieder ihren Kopf vor sich, die erschreckten Augen, die schlanke Figur, das ganze zitternde Geschöpf. Wirklich, ein famoses Mädel! Vielleicht verlobte man sich wirklich mit ihr! Es mußte doch schon seinen Grund haben, daß man sie küßte. Hier sah er wieder nach der Uhr und hoffte auf eine große Spanne Zeit. Diesmal hatte das Nachdenken zwölf Minuten in Anspruch genommen. Allmählich wurde er müde. Man hatte doch zuviel gegessen und getrunken. Donnerwetter, war das ein Rotwein gewesen! Wie wäre es, wenn man sich in den Wald legte und ein wenig schliefe? Aber das Gras zu beiden Seiten war naß. Man muß schon weiterlaufen. Ob sie bei Gerhäusers noch auf waren? Es war inzwischen zwölf geworden. * Aber um diese Stunde saß man bereits in Grünwalde im Pfarrhaus und schwatzte. Daß Reuschhagen aufgetaut und in lustigster Stimmung war, verschlug allerdings wenig. Er wurde dann noch stiller als gewöhnlich, setzte nur ein leises Lächeln auf, und alle anderen um ihn konnten sich zu Tode langweilen. Er tat nichts dagegen. Aber der Pfarrer war in voller Fahrt, und Paula hatte einen regelrechten Schwips. Sie strich sich das Haar über die Ohren und mimte die Tänzerin Cléo de Mérode. Der Pfarrer ergriff eine Küchenstürze und schlug damit zu ihren Bewegungen das Tamburin. Er hatte sich in die neckische kleine Kröte bis über die Ohren verliebt. Die Pfarrfrau besorgte heißes Wasser zum Grog. »Was hat bloß der Richard?« fragte die Pfarrfrau auf einmal. »Ach, der hat was mit Regine«, lachte Paula. »Das ging schon den ganzen Tag. Sag, Regine, habt ihr euch gezankt, ist er frech gewesen?« »Ich weiß nichts von deinem Bruder«, sagte Regine und wurde über und über rot. Sie half gerade der Pfarrfrau die Gläser auf den Tisch stellen. »Laßt Fräulein Steinbock in Frieden!« donnerte Reuschhagen aus seiner Ecke. »Komm her, Regine!« Er duzte manchmal alle Menschen. Sie hatte brennende Lust, zu ihm hinzugehen, rührte sich aber nicht. Auf einmal sagte sie kurz, in plötzlicher Aufwallung: »Herr Ambrus hat mich beleidigt.« Es war, als wollte sie sich mit diesem Wort in den Schutz Reuschhagens begeben. »Er hat ihr einen Kuß gegeben!« platzte Paula heraus. »Sag, Regine, ist das wahr? Hat er dir einen Kuß gegeben?« In diesem Augenblick erhob sich Reuschhagen von seinem Platz, umfaßte die bleich und fassungslos dastehende Regine mit seinen riesigen Armen und leitete sie zur Tür hinaus. Er trug sie fast die Treppe empor, als er sie auf ihr Zimmer brachte. Sie sträubte sich nicht. »Arme Kleine!« sagte er immerzu und streichelte sie. »Arme Kleine!« Oben stellte er sie vor ihr Bett hin. »Es wird schon gut werden. Ich hab's ja gesehen. Es wird schon gut werden. Nun lege dich hin und schlafe!« »Herr Reuschhagen!« schluchzte sie und legte die Arme um seinen Hals. »Ja, ja, Kleine«, beruhigte er. »Ist ein großer Herzensbrecher, der Ambrus. Ein begabter Kerl, tausendmal begabter als ich. Willst ihn denn als Mann haben?« »Ja«, schluchzte sie. »Laß ihn sein, Kind. Du bist zu schade für ihn.« »Nein, nein!« schluchzte sie weiter. Er streichelte sie immer noch. »Sollst ihn ja haben, Kind, wenn es durchaus sein muß. Sollst ihn ja haben. Nun schlafe nur erst ein bißchen.« »Ach«, sagte sie ruhig und ließ ihn los. »Sie können mir auch nicht helfen.« »Nein, im letzten Grunde kann keiner einem anderen helfen.« Er ging hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm Paula, die zu Regine wollte. Er nahm sie wieder mit hinunter. »Lassen Sie sie ein bißchen allein.« Unten tranken er und der Pfarrer noch ein Glas Grog. »Kinderchen, verlobt euch untereinander«, sagte der Pfarrer, und die Pfarrfrau meinte lakonisch, daß es wohl so kommen würde. Paula zuckte die Achseln. »Er wäre dumm, wenn er sie nicht nimmt.« Nur Reuschhagen blieb still und rührte sein Glas um. »Nun geht schlafen«, sagte er nach einer Weile und stand auf. Es war um die Zeit, als Richard sich den ersten Häusern der Stadt näherte. Er war sehr müde und ging mit hängenden Gliedern durch die Straßen. In der Milchstraße bemerkte er im Amendeschen Hause Licht. Die ganze Etage war erleuchtet. »Na nun?« sagte er. Aber auch auf der Marktseite waren die Vorderzimmer erleuchtet. Er sah nach der Uhr, um sich zu vergewissern, aber es war nach wie vor dreiviertel zwei. Die Haustür wurde geöffnet, und Willy Amende ließ gerade den Sanitätsrat Arnold heraus, der sich mit großen Schritten über den Markt entfernte. Richard rief ihn an. »Ja, ja, mein Lieber«, sagte der alte Herr. »Media in vita, wie es so schön heißt. Der alte Amende liegt im Sterben.« 10. »Pörschke!« hatte der alte Herr Amende am Vormittag gerufen, und noch einmal »Pörschke!« Weil aber Sonntag war, war der Laufjunge schon nach Hause gegangen. Es war eigentlich gar nicht einzusehen, was Herr Amende zu dieser Zeit von Pörschke haben wollte. Willy kam herbeigelaufen, weil sein Vater es so angab. Er sah ihn blau im ganzen Gesicht dasitzen. »Vater!« rief er erschrocken. »Was ist dir?« Aber der Alte blieb sitzen. Er machte gar keinen Versuch, zu sprechen, weil er wußte, daß er keinen Laut herausbringen würde. Er versuchte noch, mit der Hand abzuwinken, aber auch das ging nicht. Willy fragte beklommen, ob er nach Pörschke schicken sollte, erhielt aber keine Antwort. Der Vater sah nicht einmal nach ihm hin. Dies spielte sich unten im Privatkontor vor Tannenbergs Sekretär ab. Willy lief die Treppe hinauf, schickte das Mädchen zum Herrn Sanitätsrat Arnold und sagte der Mutter schonend, daß dem Vater schlecht geworden wäre. Frau Amende hatte sich gerade zum Kirchgang fertiggemacht. Sie kam, mit dem Kapotthütchen auf dem Kopf und dem Gesangbuch in der Hand, in das Kontor hinunter. Aber auch sie erhielt keine Antwort, sah den Gatten nur blaurot im Gesicht dasitzen und schwer atmen. Sie strich ihm über das nasse Haar, seine Augen richteten sich stumm auf sie, aber er bewegte sich nicht. »Er ist gelähmt«, ging es ihr durch den Kopf, und sie dachte mit Schrecken daran, wie man ihn in solcher Lage ins Bett bringen sollte. In einer Viertelstunde kam der Arzt. »Na alter Freund«, sagte er und tastete an dem Körper des Herrn Amende herum. »Das scheint mir so eine kleine Schlagberührung zu sein. Das gibt sich schon wieder.« Er zog die Uhr heraus und machte sich an dem Puls zu schaffen, konnte ihn nicht finden, griff an dem Handgelenk herum und schüttelte den Kopf. »Wird schon werden«, wiederholte er dabei mechanisch. Frau Amende und Willy beobachteten ängstlich seine Miene. Das erste, was geschehen mußte, war, den Kranken ins Bett zu bringen. Willy und der Sanitätsrat versuchten ihn unter den Arm zu nehmen. Herr Amende röchelte dumpf, aber er rührte sich nicht. Der Körper war unendlich schwer. »Da hilft nichts, alter Freund. Ins Bett müssen wir schon für ein paar Tage.« Willy nahm den Sanitätsrat beiseite und fragte ihn aus. »Ja, mein lieber Herr Amende, das scheint nichts mehr von Dauer zu sein. Da sind zwei Sachen durcheinander gekommen. Zuerst ein hübscher, regelrechter Schlaganfall mit einer kleinen Lähmung auf der rechten Seite. Das ginge ja noch und wäre verständlich. Dann macht aber das Herz seltsame Kapriolen. Da ist etwas von der Krankheit vor vier Jahren zurückgeblieben. Mir hat das Aussehen des alten Herrn schon lange nicht gefallen. Ob das nun mit dem Schlag zu tun hat? Jedenfalls hat Ihr Herr Vater keinen Pulsschlag mehr. Das Herz pumpt nicht, es zuckt nur so matt herum. Paroxysmale Tachykardie nennen wir das, mein Lieber. Manchmal geht's vorüber, aber hier?« Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. »Fett, Schwäche, Aufregung! Denken Sie, wir Ärzte wissen etwas? Einen Dreck wissen wir, wenn's drauf ankommt.« Was da zu machen wäre, fragte Willy. Ein paar starke Männer wären nötig, um den alten Herrn zunächst mal ins Bett zu transportieren. Willy dachte, den Maschinenmeister und den stärksten Setzer rufen zu lassen, aber der Sanitätsrat war mehr für ein paar Krankenwärter mit einer Tragbahre. So wurde das Mädchen ins Krankenhaus geschickt. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis die Männer da waren, und auch dann war es nicht leicht, den Körper, der noch immer wie leblos lag, auf die Bahre und nach oben zu bekommen. Die hintere Treppe war zu eng und steil, man mußte auf den Markt hinaus und über den Beischlag. Leute sammelten sich an, sogar der Herr Simon von nebenan guckte unangenehm zu. Man hatte dem Kranken ein Taschentuch über den Kopf gebreitet. Oben im Bett wurde er, so gut es ging, geradegelegt, das rechte Bein aber blieb in Sitzstellung. Es war nichts dagegen zu machen. Der Sanitätsrat untersuchte noch einmal gründlicher. Der Blutkreislauf funktionierte nicht, und damit hörte denn so allmählich alles auf, wenn das Herz nicht wieder in Gang kam. Zunächst war für die Lungen zu fürchten. Der Arzt suchte auf das Herz einzuwirken, aber er glaubte selbst nicht an seine Mittel. »Der Magen will nichts aufnehmen. Wenn ich etwas in die Vene spritze, bleibt's an Ort und Stelle stehen und verteilt sich nicht.« Dennoch spritzte er mit Coffein. Der Kranke röchelte nur leise, seine großen Augen blickten beunruhigt umher. Das Schlimme für die Angehörigen war, daß man nichts zu tun hatte. Sie hätten sich lieber die Hacken abgelaufen. Frau Amende legte Taschentücher mit kaltem Wasser auf die Herzgrube, das war alles. Noch vor Mittag depeschierte man an die in Königsberg verheirateten Töchter. Sie konnten erst spätabends eintreffen. Nachmittags kamen die Antworttelegramme, daß man mit dem nächsten Zug reisen werde. Inzwischen kam der Sanitätsrat alle zwei Stunden wieder und untersuchte die Lunge. Das Fieber stieg, man merkte es an dem immer schwereren Röcheln, daß die Zersetzung fortschritt. »Es ist schon eine ganz hübsche Lungenentzündung da«, konstatierte Herr Arnold. Frau Bäckermeister Lagenpusch, die ehemals ebensogut hätte Frau Amende werden können wie Ernestine, schickte Brötchen. Sie wären aus reinstem Weizenmehl gebacken und ganz leicht. Vielleicht könnte Herr Amende die essen. Aber er konnte nichts essen. Man versuchte es mit Bouillon, aber der Magen nahm nichts an. Noch immer konnte es jeden Augenblick sein, daß das Herz sich langsam in Bewegung setzte und wieder pumpte. Frau Ernestine saß am Bett und hielt stundenlang ihren Finger auf dem schwachen Puls. Der flackerte aber wie ein erlöschendes Lämpchen. »Wie nennt man das?« Sie hatte schon dreimal den Arzt nach der paroxysmalen Tachykardie gefragt, konnte das schwere Wort nicht behalten und litt darunter, daß sie nicht wußte, welche Krankheit das Leben ihres Mannes bedrohte. Daß es für dieses Leiden keinen vernünftigen Ausdruck gab! Willy saß stumm in der Ecke, zu jedem Zuspringen bereit. Aber es gab nichts für ihn zu tun, als daß er von Zeit zu Zeit die Taschentücher in frisches Wasser tauchte. Er führte diese Arbeit mit möglichst großem Kraftaufwand aus, aber es blieb immer nur wenig. Am späten Nachmittag Heß die Schlaglähmung etwas nach. Das rechte Bein streckte sich auf einmal gerade, und der rechte Arm konnte bewegt werden. Der Sanitätsrat schien davon sehr befriedigt. »Na also«, sagte er am Bett laut und deutlich, damit der Kranke es voll aufnehme. »Nun werden wir bald ein bißchen sprechen können, und dann wird auch das Herz wieder anfangen.« Aber draußen sagte er Willy, daß es nichts auf sich hätte. Der Schlag beunruhige ihn überhaupt nicht sonderlich. Das hätte sich normalerweise in einigen Tagen wieder eingerenkt. »Aber die Tachykardie!« Gegen Abend konnte Herr Amende wirklich einige Worte lallen. Mit großer Mühe teilte er mit, daß das Testament im Sekretär, im Geheimfach rechts, läge. Sie beruhigten ihn und wollten nichts von Testament und solchen Dingen hören. Spätabends kamen die Töchter. Gustava war an einen Gerichtssekretär Reichard verheiratet; Wilhelmine, die man nach dem Großvater genannt hatte, weil auf die Ankunft eines Sohnes nach zwei Töchtern kein Verlaß mehr war, an Herrn Degenstein, Reisenden in Weinen und ff. Likören. Herrn Reichard erlaubte der Königliche Dienst nicht, so plötzlich zu verreisen. Er mußte erst seine Behörde um Erlaubnis fragen. Aber Herr Degenstein hatte depeschiert, daß er mitkommen würde. Das Herrichten der Schlafzimmer unterbrach das endlose Herumsitzen. Frau Amende hatte Laken und Bettbezüge herauszugeben und stieg zweimal in die Bodenkammern hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Es waren nicht genug Lichter im Haus, und Willy mußte zu Heinz Winkler hinüberspringen, der ihm trotz des Sonntags ein Paket aus dem Laden heraufholte. Stumm drückten sich die Freunde die Hand. Um zehn Uhr mußte Willy auf den Bahnhof, um die Verwandten abzuholen. * Noch war kein Weinen und Wehklagen im Hause laut geworden. Die Mutter und Willy wischten sich möglichst unauffällig in einem Winkel ihre Tränen ab. Nun aber stürzten die Schwestern mit lautem Schluchzen aus dem Zug, fielen Willy unter Tränenströmen um den Hals, und auch Degensteins gerötetes Gesicht, das man nur als Sitz und Ausgangspunkt zahlloser Witze und Anekdoten kannte, zeigte solche Kummerfalten, und die kleinen Augen blinkten in solch trübem Wasser schwimmend schräg unter dem Klemmer hervor, daß Willy sich wegen seiner Empfindungslosigkeit ganz schlecht vorkam. Vergeblich versuchte er den Schwestern die Krankheit des Vaters zu erklären, immer wieder unterbrachen sie ihn mit lautem Wehklagen. Von Zeit zu Zeit rief einer dazwischen: »So laßt ihn doch sprechen!«, aber dann riefen sie wieder alle durcheinander, und es brauchte den ganzen Nachhauseweg, ehe sie ungefähr begriffen hatten, wie sie den Vater antreffen würden. Seit ihrer Ankunft war es mit der Ruhe im Hause vorbei. Sie gingen nur auf Zehenspitzen, aber ihre Stiefel knarrten durch alle Zimmer. Sie flüsterten nur, aber jeden Satz unterbrach lautes Aufschluchzen. Leise und einzeln wurden sie zu dem Kranken hineingelassen. Das Fieber hatte ihn schon über die Wirklichkeit emporgehoben. Seine Augen, die stundenlang unruhig umhergeblickt hatten, waren jetzt geschlossen. Zuerst kam Gustava herein. Sie stand nur einen Augenblick vor dem Bett, dann stürzte sie hinaus und bekam einen Weinkrampf, umhalste Wilhelmine, die ihrerseits laut zu weinen anfing und sich erst nach einer halben Stunde so weit beruhigt hatte, daß sie hineingelassen werden konnte. Herr Degenstein kam als letzter. Er war sehr fromm und sprach vor dem Bett ein langes Gebet. Willy kam sich immer schlechter vor, weil ihm die Tränen nicht reichlicher fließen wollten. Aber er sah, daß auch seine Mutter die Fassung bewahrte. Sie trug den Kopf hoch, saß neben dem Bett, hatte das Handgelenk des Kranken gefaßt und wartete, daß das Herz anfangen würde zu schlagen. Die Schwestern waren im ganzen Haus, zugleich hier und dort. Sie sprangen die Treppen hinauf, um oben ihre Sachen auszupacken, rasten wieder herunter, um an der Krankentür zu horchen, liefen durch alle Zimmer. Willy mußte die ganze Wohnung beleuchten, weil sie sich sonst zu fürchten behaupteten. Herr Degenstein saß in einem Sessel im großen Wohnzimmer vorn und spielte mit den Anhängseln seiner Uhrkette. Er kämpfte heldenhaft mit dem Gedanken, morgen, sollte es die Gelegenheit ergeben, Scheffler oder dem Englischen Hof eine Offerte seiner Weine und ff. Liköre zu überreichen. Gegen ein Uhr kam noch einmal der Sanitätsrat, untersuchte Herz und Lunge und machte ein ernstes Gesicht. »Na, alter Freund, wie geht's?« fragte er trotzdem im munteren Ton. Herr Amende antwortete nicht. Sein Geist schien schon erhaben über alle irdischen Faxen. Das könnte noch morgen den ganzen Tag so gehen, meinte der Sanitätsrat draußen und forderte die Familie auf, sich schlafen zu legen. »Morgen wird's ein schwerer Tag«, sagte er. Herr Degenstein gab ihm recht. So eine plötzliche Reise von Königsberg bis hierher hätte auch ihr Anstrengendes. Man müsse sich ein Stündchen hinlegen. Die Schwestern protestierten und fanden ihn gemütsroh, gingen aber schließlich hinauf. Aber sie würden sich nicht einmal die Kleider ausziehen. Frau Amende wollte nichts von Ruhe wissen, aber ab Willy sie energisch zu einem Sessel im Eßzimmer führte und sie bei der geringsten Veränderung zu wecken versprach, war sie plötzlich eingeschlafen, lag mit einem welken Gesicht und entkräfteten Händen da. Degenstein und die Schwestern zogen sich auf Zehenspitzen mit knarrenden Stiefeln zurück. Willy wachte allein in der Wohnung. Zuerst saß er ohne sich zu rühren am Bett des Vaters, dann ging er leise im Zimmer auf und ab. Um ganz unhörbar zu sein, hatte er sich die Schuhe ausgezogen. Im Eßzimmer schlief die Mutter, aber das große Wohnzimmer vorn, in dem noch immer die Lampen brannten, war leer. Er ließ die Tür offen und ging zwischen den beiden Zimmern auf und nieder. Zum erstenmal seit dem Vormittag kam er zur Besinnung, seltsame Gedanken stürmten auf ihn ein. Morgen würde der Vater tot sein, und er hatte das Geschäft in Händen. Mit den siebentausend Talern konnte man die Schwestern abfinden. Der Mutter natürlich mußte Haus und Geschäft verbleiben, aber er, Willy Amende, hatte dann alles in seiner Hand. Man konnte arbeiten, Fabrik werden! Seine Schritte wurden größer. Ihm fiel das Testament ein. Was mochte darin stehen? Vielleicht war sogar noch Geld da, von dem er nichts wußte? Vielleicht so viel, daß ihm allein das Geschäft blieb? Oder vielleicht sollte er das Geschäft übernehmen und der Mutter nur Geld für ihren Unterhalt auszahlen? Das Geschäft, dachte er. Auf einmal hielt er inne. Im Nebenzimmer hörte er die rasselnden Atemzüge des Vaters und schämte sich seiner Verruchtheit. Nein, nein! Der Vater sollte um alles in der Welt leben bleiben! Alles andere war gleichgültig! Er stand vor dem Bett still und schaute auf das Gesicht, das nun schon ganz eingefallen war. Da mußte er denken, daß auch er einmal so liegen werde. Wie unheimlich war so ein Menschenleben! Da war dieser Sterbende vor einem Vierteljahrhundert aus Leipzig hergekommen, ein junger Mann damals, hatte sich hier niedergelassen, hatte eine Frau genommen, Kinder gezeugt, und jetzt lag er röchelnd da, und er, sein Sohn, stand vor seinem Bett und überdachte das alles. Wie fern war dieses Leben nun schon! Fast so fern wie der alte Kantor und Organist, an dessen Grab er in Leipzig-Eutritzsch gestanden hatte. Er nahm seine Wanderung von einem Zimmer ins andere wieder auf und löschte die Lampen aus. Ein grauer Tag quoll ins Zimmer. »Der schwere Tag«, von dem der Sanitätsrat gesprochen hatte. Das Frühstück kam auf den Tisch. Frau Bäckermeister Lagenpusch hatte noch einmal besonders weiße Brötchen geschickt. Man ging nur einzeln herein, goß sich die Tasse halbvoll und biß ein Stück von der Semmel ab, gerade nur, um der geheiligten Einrichtung der Mahlzeit zu genügen. Herr Degenstein hatte sich unter verschwommenem Blinken seiner Augen vergewissert, daß noch alles beim alten war, und drückte sich mit hochgezogenen Schultern hinaus, um ein wenig »frische Luft zu schnappen«. »Du!« drohte seine Frau ihm nach. Es bezog sich auf Degensteins Gewohnheit, sich in fremden Städten zunächst einmal von der Qualität der dort gebräuchlichen ff. Liköre zu überzeugen. Aber Herr Degenstein hatte heute keine derartigen Absichten. Er stattete lediglich dem Kaufmann Scheffler und dem Englischen Hof einen Geschäftsbesuch ab. Man würdigte dort den traurigen Anlaß, der ihn an den Platz geführt hatte, und versprach, auf seine mit gebrochener Stimme abgegebene Offerte zurückzukommen. Sofortige Abschlüsse zu tätigen, verbot der Ernst des Tages von selbst. Ferner stand Herr A. W. Seidel zufällig vor der Ladentür und zog Herrn Amendes Schwiegersohn ins Gespräch. Die ganze Stadt wäre in Aufregung. Es wäre doch nichts Ernsthaftes? Er bat ihn einzutreten, und auf dem Gang in das Privatkontor machte es sich ganz von selbst, daß sie an einer Kollektion Trauerkleider vorüberkamen. »Gerade eingetroffen, sehr schick und preiswert«, sagte Herr Seidel mit trauriger Stimme. »Ach ja, ich wollte, man brauchte so etwas gar nicht zu führen.« Gegen halb elf war Herr Degenstein wieder zu Hause. Gerade war der Sanitätsrat dagewesen und hatte mit munterer Stimme dem Kranken gut zugeredet, im übrigen aber den Kopf geschüttelt. Es hatte sich Wasser gebildet, wie das nicht anders zu erwarten war. »Feuchte Rippenfell- und Brustfellentzündung! Alles, was Sie haben wollen!« sagte er draußen zu Willy. »Soll man noch punktieren? Es hat wenig Zweck, regt vielleicht unnütz auf, aber man kann ja.« Willy wußte nicht, was da zu sagen wäre, aber Frau Amende wollte, daß alles versucht würde. Sie hoffte immer noch, daß das Herz wieder anfing zu arbeiten, und hielt unentwegt den Finger auf dem Puls des Kranken. So führte der Sanitätsrat die Kanüle ein und ließ das Wasser ab. Der Kranke stöhnte, wollte sprechen, bekam aber unter vielen unverständlichen Lauten nur einmal deutlich heraus: »Sterben lassen!« »Na, na, alter Freund«, beruhigte der Arzt, »so weit sind wir noch nicht.« Er roch an dem Wasser. »Wenig Eiter drin«, sagte er befriedigt, wusch sich die Hände und ging. In einer Stunde wollte er wieder vorsprechen. Aber es war doch soweit. Kaum war der Sanitätsrat hinausgegangen und Herr Degenstein eingetreten, als das Atmen unregelmäßiger wurde und in ein schweres Röcheln überging. Herr Amende hatte die Augen weit offen, aber sein Blick war gläsern und faßte nichts mehr. Frau Amende nahm den Finger vom Puls hinweg und ließ die Hand sinken. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, aber sie blieb auf dem Stuhl sitzen und sah unentwegt in das eingefallene Gesicht, auf dem sich jetzt der schwere Todeskampf abspielte. Die drei Kinder standen mit gefalteten Händen vor dem Bett, Herr Degenstein war hinausgegangen. Nach einer Weile erschien er wieder und trug fünf aufgeschlagene Gesangbücher in der Hand. Er hatte sie sich von Fräulein Haase unten aus dem Laden geben lassen und das Lied »Was Gott tut, das ist wohlgetan« aufgeschlagen. Er drückte jedem ein Buch in die Hand, während die Tränen schräg unter dem Kneifer hervor in seinen dünnen blonden Schnurrbart rannen, und flüsterte: »Wir wollen Vater einen letzten Gruß nachschicken.« Er holte schon Atem, um loszusingen, als Willy ihm das Buch aus der Hand nahm. Kleinlaut knickte er zusammen, sammelte auch die anderen Bücher wieder ein und ließ sich auf die Knie nieder. Aber auch das »Vater unser« wagte er, wie er anfänglich gewollt hatte, nicht mehr laut vorzusprechen, sondern ließ es bei heftigen Lippenbewegungen, die wenigstens Wilhelmine zwingen sollten, mitzubeten. Auf einmal hörte das Röcheln auf. Wie von einem Krampf erfaßt, richtete sich der Kranke hoch auf und fiel seufzend zurück. Die Mutter schrie auf. Herr Amende hatte das Zeitliche gesegnet. Es ist gut, daß der Tod so viel Wirtschaft mit sich bringt, sonst stünde man ihm allzu fassungslos gegenüber. Was lag jetzt alles auf Willys Schultern! Er mußte hinuntergehen und den Angestellten den Tod des gütigen Chefs mitteilen. Fräulein Haase schwamm in Tränen. Der Laden wurde, trotz des morgigen Markttages, bis zum Begräbnis geschlossen, aber die Zeitung mußte am Dienstag herauskommen. Die erste Seite mit der Politik freilich bezog man, wie den Roman, als fertige Matern aus Berlin. Aber die zweite Seite, die das Lokale und Provinzielle enthielt, konnte einen schwarzen Trauerrand bekommen und mußte am Kopf in durchschossener Schrift einen des dahingegangenen Gründers der Zeitung würdigen Nachruf enthalten. Niemand anders als Willy selbst konnte ihn verfassen. Es war seltsam, daß er den ganzen Nachmittag daran denken mußte, und wenn er von Zeit zu Zeit, immer wieder, an das Totenbett herantrat, fühlte er, wie sich in ihm die Sätze bildeten. Es war eine schwierige Aufgabe, denn in die allgemeine Würdigung mußten die Daten des Lebens mit hineinverflochten werden. Man mußte den Toten rühmen, aber hinwiederum nicht in prahlerischer Weise, sondern zurückhaltend, weil das Werk des Verstorbenen sich doch nicht selbst allzu stark loben durfte. Das alles war zu bedenken! Aber dazwischen war noch viel anderes zu tun. Die Mutter mußte ein viertes Bett für den Schwiegersohn Reichard aufschlagen, der abends erwartet wurde. Die Schwestern übernahmen den Besuch bei Herrn Pfarrer Salbe und dem Küster. Dann mußte man auf den Kirchhof und die Stelle des Erbbegräbnisses aufsuchen, das Herr Amende schon vor vier Jahren, bei seiner ersten Erkrankung, noch auf dem alten Kirchhof erworben hatte, und mit dem Totengräber sprechen. Sie mußten auch für die Trauerkleider sorgen, die Herr A. W. Seidel so ungern führte und nun doch hergeben mußte. Das Wichtigste aber war, und nur eine Aufgabe für Willy, daß man zum Tischler Tannenberg an den See hinunterging und den Sarg bestellte. Herr Tannenberg hatte immer eine Auswahl von Brettern und Modellen im Vorrat. Es war ein schwerer Augenblick, als man für den Vater die letzte irdische Hülle aussuchte. An kleinen Probestücken zeigte Herr Tannenberg die Art der Politur und beschrieb mit gebreiteten Armen den Glanz, der von dem ganzen Stück ausgehen würde. Man konnte für Herrn Amende nicht das erstbeste nehmen, wenn man sich natürlich auch vor Übertreibungen hüten mußte. Ein Sarg für Herrn Amende war schon eine schöne Aufgabe für Herrn Tannenberg, wenn er auch freilich noch mehr gewünscht hätte, einmal ein Prunkstück für den Herrn Landrat zu liefern. Aber die Landräte kamen immer vor ihrem Tode aus Gohlungen fort und starben dann irgendwo anders, wo Herr Tannenberg nicht die Särge besorgte. Als Willy von seinen Gängen zurückkam, wandte sich Schwager Degenstein betrübt an ihn. Sie hätten leider, und das gelte auch für Gustava, nicht soviel bares Geld mitgenommen, um die schwarzen Kleider und Hüte zu bezahlen. Wer hätte denn gleich an das Schlimmste gedacht. Ob er vielleicht aushelfen würde? Es war der Augenblick, in dem Willy sich bewußt wurde, daß das Zepter auf ihn übergegangen war. Aus Vaters Beinkleidern, die der Tote noch gestern bei dem Anfall getragen hatte, wanderten nun die Schlüssel in seine eigene Hose hinüber. Mit wehmütigen und stolzen Gefühlen trat er in das Privatkontor ein und schloß den neuen Sekretär auf. Unversehrt stand im Innern der griechische Tempel mit den Säulen und dem geschnitzten Kapital, das aus Königsberg verschrieben war. Links war die Schublade mit dem Schniefke. Er schnupperte daran und erkannte mit inniger Rührung in dem grauen Pulver noch die Fingerspuren des Vaters. In der Mitte war das Geheimfach, das durch eine verborgene Feder im Innern des linken Faches zu öffnen ging. Hier sollte das Testament liegen. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, nahm das versiegelte Kuvert heraus und wog es in der Hand. Gedankenvoll legte er es wieder zurück und suchte nach dem Geld, um den Schwestern auszuhelfen. Die rechte Seite hatte der Vater als Geldschrank eingerichtet. Hier lagen, sauber aufgeschichtet, in Gold, Silber und kleinster Münze, so wie sie aus der Ladenkasse an jedem Abend kamen, an die vierzig Taler. Dahinter bemerkte er das Buch der Kreissparkasse. Er mußte an des Vaters anfängliches Sträuben denken, als er das Buch herausnahm, halb in schuldiger Pflicht, da er nun, als Nachfolger, einen Überblick gewinnen mußte, halb mit schlechtem Gewissen. Er traf nicht gleich die letzte Seite. Es waren viele Eintragungen da, denn der Vater brachte jetzt allwöchentlich das überschießende Geld zu Herrn Kreissekretär Schäfer. Er mußte mehrmals die Seiten umschlagen, ehe er die Schlußsumme ablesen konnte. Es waren ohne die letzten, noch nicht berechneten Zinsen über sechzehntausend Taler. Er bebte zurück, las noch einmal, blätterte hin und her und mußte schließlich trotz seines Schmerzes lächeln. Da hatte der Vater gleich mit vierzehntausend Einzahlung begonnen, und Freund Schäfer hatte ihm damals, unter Wahrung des Amtsgeheimnisses, nur die halbe Summe verraten; vielleicht sogar nach Verabredung mit dem Vater, der auf diesem Umweg dem Sohn mitteilen wollte, daß die Firma Amende noch einen stattlichen Kapitalrückhalt für Anschaffungen und Maschinen besaß, ohne andererseits in ihm das Bewußtsein großen Reichtums hochkommen zu lassen. Willy schüttelte lächelnd den Kopf, als er den Vater bei solchen Gedankengängen ertappte. »Er war ein großartiger Mann!« sagte er zu sich. Im übrigen gab ihm auch der Zuwachs von zweitausend Talern in den eineinhalb Jahren zu denken. »Es ist ein gutes Geschäft, eine Goldgrube!« Er nickte und dachte daran, wie Fräulein Haase an jedem Abend mit dem großen Zahlbrett zu seinem Vater hineingegangen war und mit ihm bei verschlossenen Türen abgerechnet hatte. Am Abend saß er wieder vor dem Sekretär, um für die Dienstagnummer den Nachruf zu schreiben. Lange hatte er vorher am Bett des Toten gestanden und ihm ins Gesicht gesehen. »Nun mußt du alle deine irdischen Geheimnisse verraten«, dachte er, »nun mußt du die Schlüssel und die streng gehüteten Bücher herausgeben, da dich das letzte ewige Geheimnis umhüllt.« Unter diesen Gedanken ging er spätabends an die Niederschrift des Nachrufs. Über zwei Stunden saß er an dem geheiligten Platz. Von Zeit zu Zeit griff er nach dem Sparkassenbuch und ergötzte sich an den Zahlen, und als es einmal mit dem Schreiben nicht recht weitergehen wollte, tunkte er die Finger in die Schniefkedose und nahm eine Prise. Aber von der Seite, so daß er die letzten Fingerspuren des Toten nicht verwischte. 11. Regine erschien nicht mehr in dem weißen Haus mit den vier Edeltannen. Sie schob nicht mehr O-chens Korbstuhl ans Fenster und wartete, daß Richard aus dem Gericht käme, oder, wie sie sagte, auf den Schulwagen. Richard und Paula gingen scheu umeinander herum. Paula hatte noch keine Liebesgeschichte in ihrer Nähe spielen sehen, und sie fühlte sich nicht ganz sicher auf diesem Gebiet. Aber es imponierte ihr schrecklich, daß sie nun in einem seelischen Konflikt mitteninne stand. Sie konnte es sich nicht anders vorstellen, als daß so etwas mit einer Verlobung endete. Einige Tage brauchten die Eltern Ambrus nichts zu merken. Daß Richard von Grünwalde zu Fuß in der Nacht nach Hause gekommen war, konnte noch gut seinen vielen Extravaganzen angereiht werden, zudem stand das Hinscheiden des Herrn Amende im Vordergrund des Gesprächs. Richard mußte dreimal erzählen, wie er in der Nacht das ganze Haus erleuchtet gesehen hatte und wie der Sanitätsrat herausgekommen war. »Der arme Sohn!« sagte Paula. »Da stand er noch am Sonnabend vor der Tür und grüßte, als wir vorüberfuhren, und ahnte nichts.« Sie besann sich auf seinen Besuch im Sommer. Es gefiel ihr eigentlich sehr gut, daß sie Willy noch kurz vor dem Ereignis glücklich und unbekümmert gesehen hatte und sein Vater gerade gestorben war, als sie und Regine mit Leichenbittermiene aus Grünwalde zurückgefahren kamen. Überhaupt diese gräßliche Reise nach Grünwalde! Sie hatte sich alles viel netter vorgestellt und vor allen Dingen von einem Künstler einen viel größeren Eindruck erwartet. Sein Brief klang nach besonderen Festen, so aus der römischen Kaiserzeit etwa, und nun war eigentlich gar nichts Besonderes gewesen. Man hatte sogar einen recht bitteren Nachgeschmack. Sie wollte es nicht wahrhaben, daß sie auf der Heimfahrt am Montag von einem regelrechten Kater geplagt wurde. »Ich Kater? Nein, du mit deiner dummen Küsserei!« Das war alles, was zwischen den Geschwistern über Grünwalde gewechselt wurde. Der Postvorsteher und Richard gingen auf das Begräbnis. Nicht gerade in das Trauerhaus hinein, wo Pfarrer Salbe die Leiche einsegnete, aber sie schlossen sich dem Trauerzug nach dem alten Kirchhof an. Von der Marienkirche schlugen die Glocken dumpf über die ganze Stadt. Böhnkes Rappen hatten schwarze Tuchüberhänge. An den Augen waren große kreisrunde Löcher eingeschnitten, aus denen die Pferdeaugen wie bei einem Femegericht ganz gespenstisch heraussahen. Der mit Kränzen geschmückte Sarg schwankte bedenklich auf dem schlechten Pflaster. Frau Amende, die mit dem Pfarrer hinterherging – Fahren wäre ihr wie Fahnenflucht auf diesem Gang erschienen –, schwankte kaum weniger. Sie hatte nicht viel geweint, aber sie war in diesen Tagen um ein Jahrzehnt gealtert. Ihr längliches Gesicht war fast durchsichtig geworden, und die große Nase, die sie den Kindern vererbt hatte, schnitt scharf in die Luft vor. Denn sie hielt den Kopf noch immer aufrecht. Es war ein großes Gefolge, und die Töchter hatten keinen Anlaß, Ausstellungen zu machen. Wenn sie auch der Ansicht waren, daß der Landrat gut selber hätte kommen können. Aber er hatte einen großen Kranz geschickt und seinen Wagen zur Verfügung gestellt. Willy fand das sogar sehr viel. Immerhin druckten sie seit zwanzig Jahren das Amtliche Kreisblatt für ihn. Sonst aber war fast alles aus Gohlungen erschienen, denn mit dem alten Herrn Amende hatte fast jeder irgendwie zu tun gehabt. Der Himmel war grau, und unaufhörlich fiel ein dünner Regen hernieder. Der Boden auf dem alten Kirchhof war aufgeweicht. Der Zug mußte sich auflösen, und man drückte sich an den Rand der Gänge, um sich nicht die Schuhe vollzuschöpfen. Von den alten Bäumen wirbelten die Blätter hernieder. Zu dem Grab hatten Bretter gelegt werden müssen, damit man hingelangen konnte, um dem Sarg nachher die drei Hände voll Erde nachzuschicken. »Auf so einem Begräbnis holen sich immer drei den Tod«, flüsterte der Amtsgerichtsrat Richard zu und sah in die Runde, wer es sein könnte. »Drum trinke man hernach einen steifen Grog! Kommen Sie ins Deutsche Haus?« »Dorsch!« sagte der Rat, »wir haben uns zu Dorsch verabredet. Pfui Deubel, ist das ein Wetter!« Dazwischen hielt Pfarrer Salbe seine Trauerrede. Richard stellte fest, daß es genau das Umgekehrte war wie bei dem Taufakt in der Grünwalder Kirche. Dort ging es von dem Säugling zwei Generationen zurück und dann mit einem Ruck vorwärts in die Zukunft, und hier von dem Toten zwei Generationen vorwärts – denn Gustava hatte ihrem Vater zwei Enkel beschert – und dann mit einem Ruck zurück zu den unzähligen Kirchhofsgeschlechtern. Das sind so erprobte Wirkungen! Übrigens war ihm in seiner gedrückten Stimmung das Drum und Dran des Begräbnisses sympathisch. Diese verfluchte Geschichte mit Regine! dachte er. Und Paula rennt herum, als wäre ihr die Petersilie verhagelt. Dazwischen horchte er aufmerksam auf die Worte des Pfarrers. Donnerwetter ja, so ein Menschenleben, es ist wie Dreck. Recht hat er! Was ist von uns allen noch nach fünfzig Jahren übrig! Eigentlich ist alles egal. Das letzte sagte er schon wieder mit Bezug auf Regine, die ihm nicht aus dem Kopf wollte. Alles egal, so oder so! Dann wieder amüsierte er sich über Herrn Degenstein, der mit seinem ganzen repräsentativen Gemüt bei der Sache war. Er stieß Herrn Vogel an: »Sehen Sie da den Schwiegersohn! Der hat portweintreue Augen, was?« »Hat er auch«, flüsterte der Rat zurück, »und rechtmäßig erworben!« Herr Reichard, Gustavas Mann, der den Schwippschwager nicht leiden konnte, stand ernst und korrekt neben ihm. Er war in allem das Gegenteil, groß und breit, mit klugem gehaltenem Gesicht und dunklem Spitzbart. Wilhelmine beneidete die Schwester um ihren Mann und pflegte ihr unter die Nase zu reiben, daß er »subaltern« sei. »Dein Degenstein ist nicht subaltern«, sagte Gustava meistenteils einfach, und Wilhelmine war außer sich. In diesen Trauertagen aber bewährte sich Herrn Degensteins weiches Herz, und er gewann in der Familie an Boden. »Hübsch sind die Töchter nicht«, dachte Richard, »aber der junge Amende ist ein netter Kerl. Und tüchtig soll er sein! Komisch, so ein stiller, junger Mensch hat nun vielleicht ein Einkommen von zwei-, dreitausend Talern, und unsereins hat nichts!« Mitten in diesen Gedanken fiel sein Auge auf das Gesicht seines Vaters, und er bemerkte mit Verwunderung, wie der alte Herr Ambrus ergriffen dastand und die Worte des Pfarrers und das Bild der Leidtragenden wehmütig in sich aufnahm. Tod, dachte Richard, das ist so etwas Fremdes und doch Alltägliches. Wie kann man das so ernst nehmen? Man muß wohl eigene Angehörige zu Grabe getragen haben oder an den eigenen Tod denken. »Ich verstehe das nicht.« Auf einmal sah er die alte Frau Amende die Hände vor das Gesicht werfen und in fassungslosem Schluchzen ersticken. Was hat der Pfarrer gesagt? Natürlich, die rühren bei dieser Gelegenheit in den Seelen herum wie in einem Eierkuchenteig, statt zu beruhigen. Die Unwiederbringlichkeit des Dagewesenen hatte er so recht auseinandergesetzt. Unwiederbringlich! dachte Richard. Ja, das muß das Furchtbare sein. Wenn etwas dagewesen ist und nun auf einmal nicht mehr da ist und niemals wieder dasein wird. Vielleicht war der Tod doch etwas Furchtbares. Sogar vor Herrn Degenstein empfand er jetzt so etwas wie Ehrfurcht, da er doch auch verloren hatte. »Verloren!« Er nahm sich vor, den jungen Amende bei nächster Gelegenheit anzusprechen und besonders nett zu ihm zu sein. Schon am Grab drückte er ihm kräftig die Hand. »Kopf hoch, lieber Amende! Das gibt sich alles!« Der nickte verlegen. Er hatte Richard schon längst unter dem Gefolge gesehen und freute sich, daß er gekommen war. Auch einige Tage über das Begräbnis hinaus fiel es noch nicht auf, daß Regine nicht mehr angefahren kam. Dann aber begann Herr Ambrus, der sie gern sah, nach ihr zu fragen. »Du«, sagte Richard zu seiner Schwester, »das geht nicht. Regine muß mal wieder kommen. Was denken die Alten sonst, und in Schwenkendorf gibt es womöglich Quatschereien. Geh, schreib ihr mal!« Aber Paula zuckte die Achseln. »Soll sie kommen, damit du sie wieder küßt, ohne dich mit ihr zu verloben? Du bist ein rechtes Schaf.« »Wieso bin ich ein Schaf?« »Weil du dich nicht mit Regine verlobst. Eine Bessere findest du nicht«. »Papperlapapp, wie soll ich mich verloben? Sollen wir etwa von meinem Referendargehalt leben? Wie denkst du dir das eigentlich?« »Ihr braucht euch ja nicht gleich öffentlich zu verloben. In drei Jahren machst du deinen Assessor, wirst Rechtsanwalt, und ihr könnt heiraten. Man kann ruhig drei oder vier Jahre verlobt sein.« Richard fand es höchst spaßhaft, daß er sich mit Regine verloben sollte, Paula war Feuer und Flamme dafür. Sie hielt sich nur noch zurück, um ihn nicht kopfscheu zu machen. Von einer solchen Verlobung, dachte sie, fiel vielleicht auch für sie etwas ab. Aber sie meinte, daß, ehe Regine in die Stadt käme, sie beide endlich wieder einmal vorher noch nach Schwenkendorf hinausmüßten. »Besonders du! Du bist überhaupt nicht mehr draußen gewesen.« Richard leuchtete das ein. »Ich werde dir etwas sagen«, sagte er nach einer Weile des Nachdenkens, »ich werde mir das mit der Verlobung überlegen. Aber die Grundvoraussetzung dafür ist, daß Regine von jetzt ab vollkommen vernünftig ist, so als wäre nichts gewesen. Hörst du? Und dann werden wir meinetwegen in der nächsten Woche, wenn schönes Wetter ist, einmal hinausfahren, und wenn Regine verständig ist, dann werden wir weiter sehen.« Am nächsten Tag schickte Paula mit dem Schulwagen einen Brief an Regine mit. Sie kam sich dabei außerordentlich wichtig vor, und vor allem freute sie sich, daß die Ambrus' es waren, die die Bedingungen diktierten. Sie begnügte sich in dem Schreiben an Regine mit einer kurzen Darstellung der Lage. Regine antwortete, daß sie Richards schlechte Handlungsweise vollkommen vergessen haben wolle, und die Geschwister mögen ruhig in der nächsten Woche herauskommen. Aber an eine Verlobung mit Richard denke sie ihrerseits nicht. Dieses »Nicht« war dreimal unterstrichen. Paula sagte zu Richard nichts von diesem Briefwechsel. Er wollte auch gar nicht wissen, wie seine Schwester die Angelegenheit regelte. Die Hauptsache war ihm, daß Regine wieder »vernünftig« war und er keine Unannehmlichkeiten hatte. Im übrigen stand der große Basar des Frauenvereins bevor, es sollte »Doktor Klaus« von L'Arronge aufgeführt werden, und die Proben waren in vollem Gange. Paula beneidete Richard »ganz schrecklich« um dieses Theaterspielen, sie hätte für ihr Leben gern mitgewirkt. Aber da waren die junge Frau Eichholz, die Frau Kreisbaumeister, zwei Rechtsanwaltsfrauen, Frau Dr. Palleske, die alle berücksichtigt werden wollten und die jungen Mädchen möglichst fern hielten. Wenn aber schon auf junge Mädchen zurückgegriffen werden mußte, dann kamen in erster Linie und allenfalls noch Käthe Seidel, die Tochter von A. W. Seidel, oder das ältere Fräulein Arnold, die Tochter des Sanitätsrats, in Betracht. Aber auch sie wurden auf Nebenrollen beschränkt. Paula wurde es anläßlich des »Doktor Klaus« wieder einmal vollkommen klar, daß das Leben erst nach der Hochzeit anfing. Sie hätte schrecklich gern geheiratet, aber wen? Erich Steinbock vielleicht? Aber dann mußte man aufs Land hinausziehen, und ihr gefiel es in der Stadt besser. Am Dienstag nahm der Schulwagen die Geschwister nach Schwenkendorf mit. Paula verfolgte bei dieser Fahrt den besonderen Zweck, daß sie ausprobieren wollte, ob ihr das Landleben nicht doch behagte. Sie kamen in die Obsternte hinein. Die ganze Familie, der Kutscher und die Gärtner mit ihren Frauen waren im Obstgarten. Unter den Bäumen waren große Planen mit Stroh ausgebreitet, in die das Obst hineingeschüttelt wurde. Bei den alten Bäumen mußte man hoch in die Krone klettern, um die Äste an der Spitze zu schütteln. Manche Sorten wurden nur mit der Hand abgepflückt. Man stand dann mitten in den Zweigen mit einem Korb am Arm und pflückte. Lustig war es, wenn einer von den jungen Männern mit beiden Händen an den Gabelästen rüttelte und die Früchte wie ein Platzregen herniederprasselten. Wer sich nicht schnell genug flüchtete, bekam harte Würfe auf Kopf und Schultern. Hier waren auch Scherz und Mutwille im Spiel. Es kam darauf an, die Untenstehenden zu überraschen, so daß der Segen sie unvermutet überschüttete. Wenn einer gar gerade nach oben blickte, um dem Kletterer noch schnell etwas zuzurufen, und dann ein Apfel auf seine Stirn oder seine Nase aufplatzte, war der Scherz besonders gelungen. Manchmal zerplatzte eine Frucht an einem Schädel oder einer Schulter, aber bei der Fülle der hängenden Zweige kam es nicht so genau darauf an. Zwei große Wäschekörbe standen da. In sie sammelte man die Früchte von der Erde und aus dem Stroh auf. In sie wurden auch die Handkörbe entleert, die die Pflückenden am Arm trugen. Einer der beiden Waschkörbe war immer voll und unterwegs. Zwei Männer schleppten ihn ins Herrenhaus in die oberen Räume, wo Frau Steinbock stand und das Sortieren überwachte. Sie kannte alle Sorten, wußte bei jedem angeschleppten Korb, welcher Baum gerade geschüttelt oder abgepflückt worden war, ließ die gewöhnlichen Arten einfach auf dem Fußboden oder auf den Schränken ausbreiten und ordnete die wertvolleren in das große Obstgestell ein, das fast eine halbe Stube füllte und mit achtzehn Schüben übereinander jede einzelne Frucht in einer kleinen gesonderten Kaule aufnahm. Das ging den ganzen Tag bis zur Dunkelheit. Zuerst konnte man mit vollen Händen bergen, und die Körbe füllten sich im Handumdrehen. Aber die eigentliche Arbeit begann erst, als die meisten Bäume abgeschüttelt waren und die schwer erreichbaren Früchte einzeln abgenommen oder mit einer langen Stange heruntergeschlagen werden mußten. Jetzt erst konnte sich wahre Geschicklichkeit offenbaren. Paula kletterte wie eine Katze. Mit dem Korb im Arm stieg sie die Leiter hinan und stemmte sich von dort mit Armen und Beinen von Ast zu Ast weiter. Erich kletterte sachgemäßer, sozusagen klassischer, und bei den stärkeren Bäumen kam er weit höher als sie. Paula aber war leichter und konnte sich noch auf Ästen wippen, auf die sich der stämmige Erich nicht mehr hinauftraute. Sie fand das Landleben doch über alle Maßen herrlich, und wenn sie auf einem schwankenden Ast saß und mit verkrüppelten Äpfeln oder mit abgestorbenen Zweigen nach Erich warf, jauchzte sie voller Lust und war im siebenten Himmel. Richard kletterte merkwürdigerweise ungern, und auch beim Schütteln brachte er nicht die Kraft auf wie Erich, aber er war wieder geschickter im Zielen, und bei dem Wettwerfen, das sie mit verhutzelten Kruschken veranstalteten, traf er am besten. Er blieb nicht immer bei den anderen im Obstgarten, schlenderte sonst durch den Park, ging auch durch die Ställe und setzte sich einmal eine halbe Stunde auf das durchgesessene Sofa in Erichs Stube, für die er seine besondere Vorliebe hatte. Hier kam er sich selber wie ein Inspektor vor, untersuchte die Gewehre, betastete das Sattelzeug und las sogar in den landwirtschaftlichen Büchern. Auch ärgerte er sich über die dumme Obsternte, weil er nun nicht zum Reiten kam. Er hätte sich gern vor der Schwester auf hohem Roß gezeigt und seine neulich gelernten Kunststücke angebracht. Aber er fühlte sich wohl auf dem Gut, und mit Regine war er außerordentlich zufrieden. Sie hatte ihn mit vollkommener Unbefangenheit begrüßt und sich sogar lustig mit ihm herumgeneckt. Seit sie Paula geschrieben hatte, daß sie ihrerseits nicht, nicht, nicht an eine Verlobung mit ihm dächte, fühlte sie sich Richard gegenüber auch sicherer und merkte bald, daß sie jetzt die richtigere Art für ihn hatte. Mit einiger Anstrengung hielt sie ihre Stimmung krampfhaft aufrecht und konnte sogar etwas von Paulas Ausgelassenheit auf sich überspringen lassen. Sie versetzte sich richtig in die Rolle des lustigen Mädels, wobei die fröhliche Obsternte sie unterstützte, und in ganz kühnen Augenblicken wünschte sie sogar, daß Richard den Versuch machte, sie zu küssen, um ihn dann gründlich abfahren zu lassen. Am Abend saßen sie wieder alle im Herrenzimmer zusammen. Herr Steinbock ging mit der Pfeife im Mund auf und ab und besprach mit Erich, welche Schläge morgen gedüngt werden sollten. Frau Steinbock, die sich zu den Städtern noch immer zurückhaltend verhielt und das Doppelkinn gegen die Brust preßte, las aus der »Gohlunger Kreiszeitung« vor. Später setzte sich Richard wieder an das alte Tafelklavier und gab sein Potpourri zum besten, aber es erregte nicht mehr den Enthusiasmus wie das erstemal, und so ging er bald in einen Walzer über. Paula und Erich schlugen den Teppich zurück und tanzten. Nach einer Weile löste Paula ihn beim Spiel ab, und als er Regine im Arm hielt, dachte Richard auf einmal, daß es schön sein müsse, dieses zarte dunkle Geschöpf sein eigen zu nennen. Zum erstenmal trafen sich ihre Augen und sahen sich ernst an, und Regine hatte Mühe, den Abend über ihre Rolle als lustiges, unbefangenes Mädel aufrechtzuerhalten. * Als sie nachher in ihr Zimmer ging, war es nicht wie vor einem halben Jahr, daß sie weinte. Aber sie fühlte, wie weit sie sich von allem entfernt hatte, was sie früher erfüllte. Jetzt wußte sie, daß sie ihrem Ziel nahe war, aber in ihre Seligkeit mischte sich eine leise dunkle Trauer. »Nun?« fragte Paula, als sie wieder zu Hause waren, »war Regine artig?« »Artig? Großartig war sie! Das hast du gut gedeichselt, Schwesterchen.« »Na und? Wann wirst du dich mit ihr verloben?« »Immer gleich verloben!« wich er aus. Aber Paula bestand darauf, daß er es versprochen hätte. »Weißt du, sie gefällt mir sehr gut, und ein besseres Mädel finde ich nicht. Also, sagen wir: auf dem Basar!« »Wenn Regine artig bleibt!« setzte er hinzu. »Du, ich schreibe ihr!« Er zuckte die Achseln. Was die Weiber unter sich bekunkelten, wollte er nicht wissen. Paula schickte am nächsten Tag wirklich einen Brief zu Regine hinaus, der nur die Nachricht enthielt, daß Richard sich auf dem Basar in der nächsten Woche mit ihr verloben werde. Regine schrieb zurück, daß sie ihre Meinung darüber ja bereits mitgeteilt habe. Sie war in großer Aufregung, zählte die Tage, veränderte selbst ihr Kleid und vernachlässigte das Plombieren der Milchkannen in der Frühe, um frisch auszusehen. Sie wußte nun, wie sie Richard gefiel, und besah sich oft im Spiegel, um alles, was er an ihr lieben konnte, recht herauszustreichen. Malte sich aus, wie sie sich beim Tanz an ihn schmiegen und zu ihm hinaufsehen würde, genau wie es neulich in Schwenkendorf geschehen war, als seine dunkler werdenden Augen ihr die erste Gewißheit gaben. An dem Sonntag vor dem Fest kämpfte sie mit sich, ob sie nicht ihre Liebe zu den Andersgläubigen beichten sollte. Ihr Gefühl wollte sich in Worten ausströmen. Wenn sie flüsternd ihre Liebe bekannte, war es fast schon so, als wenn sie zu Richard selbst ihr Ja sagte. Aber sie tat es nicht und verließ den Beichtstuhl, ohne daß ein Wort über ihre Lippen gekommen wäre. Sie hatte Angst gehabt, argwöhnte, daß der alte würdige Pfarrer vielleicht doch ihren Eltern eine Andeutung machen könnte. Mit keinem kleinen Schrecken bemerkte sie, daß sie nun auch das unbedingte Vertrauen in den Seelsorger verloren hatte. Es war nicht mehr Gott selbst, vor dem sie im Beichtstuhl kniete, sondern ein lieber alter Herr, der vielleicht in bester Absicht Unsinn machte und sie an die Eltern verriet. Die Strafe für diesen Frevel sollte nicht ausbleiben. Am Abend vor dem Basar hatte der kleine Coelestin erhöhte Temperatur, und am nächsten Tag brachen die Masern aus. Es war nach alter Gewohnheit selbstverständlich, daß Regine zu Hause blieb. Niemand dachte daran, daß es ihr schwerfallen könnte. Damit die andern, die alle am Nachmittag fortfuhren, nicht die Krankheit verbreiteten, mußte sie die Berührung mit ihnen meiden und sich ganz allein in dem Zimmer halten, in dem der Kleine mit fiebernden Augen lag. Einmal ging sie an den Schrank und besah ihr meergrünes Kleid, das sie hatte anziehen wollen. Aber sie seufzte nicht einmal, als sie die Tür wieder schloß. Sie wußte, daß, wenn sie ihrem Schmerz nur im geringsten nachgab, sie sich auf die Erde werfen und schreien würde. Was alles konnte heute geschehen? Konnte sich Richard nicht in eine andere verlieben? Konnte er ihr Fernbleiben nicht als endgültige Absage auffassen? An diesem Abend häuften sich ihr wieder die Schätze im Himmel, und siehe da, ein ganz leiser Zauber spann sie ein, wie in früherer Zeit. Mit leiser Stimme sang sie den Kleinen in Schlaf und setzte sich dann still mit einem Buch an den Tisch. Manchmal war es, als wäre Richard nie dagewesen. Nach Mitternacht kam der Wagen mit den Eltern und Erich zurück. Frau Steinbock kam leise nach Coelestin sehen. »Du bist noch auf?« fragte sie erstaunt. Auch Erich, der gleich von draußen im Kinderzimmer Licht gesehen hatte, steckte den Kopf durch die Tür. »Da ist ja noch unsre holde Büßerin«, sagte er und erzählte. Es wäre im ganzen sehr hübsch gewesen. Die kleine Ambrus wäre ein tolles Mädel. So etwas hätte man in Gohlungen noch nicht erlebt. Theaterspielen könne ihr Bruder aber nicht, keine Ahnung davon! Wie im Leben hätte er dagestanden, den Schnurrbart hochgezwirbelt und mit seiner schneidigen Stimme herumgeschnauzt, obwohl er einen ganz schüchternen Jüngling gab. Trotzdem waren natürlich alle begeistert. Ob Richard viel getanzt hätte? Gott ja, er hätte mit der kleinen Frau Eichholz herumscharmutziert. Aber Paula, wie gesagt, tanzte entzückend. Sie müsse bald wieder herauskommen, er würde ihr Reitstunden geben. »Nun geht schlafen, Kinder!« sagte Frau Steinbock. Sie war ärgerlich, daß Erich soviel mit Paula getanzt hatte. »Marsch, ins Bett!« * Am nächsten Mittag fuhr Richard in Günthers Wagen bei der Veranda vor. Er hatte den Frack an und zog einen riesigen Blumenstrauß heraus. So stand er auf einmal vor Regine, die gerade zu den Kälbern über den Hof gehen wollte. Der Kutscher – es war diesmal nicht Böhnke – wußte nicht, ob er stehenbleiben oder ausspannen sollte. Richard wußte es auch nicht. Er war sehr verlegen. »Kommen Sie herein«, sagte Regine. Im Hausflur machte er ihr eine Art Verbeugung, als wenn er seinen Gegner vor der Mensur grüßte, und fragte sie mit verlegener Stimme, indem er den Strauß verlockend vor ihr in die Höhe hielt, ob sie seine Frau werden wolle. »Ja«, sagte sie, öffnete die Tür zum Herrenzimmer und rief Herrn Steinbock zu: »Papa, hier kommt Herr Ambrus um mich anhalten.« Dann ging sie in ihr Zimmer nach oben, um sich die Haare überzukämmen. 12. Es hatte einen Augenblick gedauert, daß Regine eine schrankenlose Seligkeit in sich fühlte: Als sie heruntergerufen wurde und in Gegenwart der Eltern und Erichs von Richard den Verlobungskuß entgegennahm. Ihre Augen näherten sich einander, und hierbei mußten sie an die Küsse in Grünwalde denken. Die Zeugen sahen nicht ohne Ergriffenheit diese erste Berührung, wie sie meinten; sie aber empfanden die Erinnerung an die beiden geraubten Küsse, die hinter diesem Kuß bereits stand, als etwas Gemeinsames, das wie ein Zaubermantel zwar nicht ihre Personen einhüllte, aber etwas, das sie zwischen sich und in sich deutlich bestehen fühlten. Wie auf der einsamen Insel eines Stromes standen sie da, von den Ufern gesehen, aber unerreichbar und jeder Berührung entrückt. Das war der Augenblick, in dem ihre Leiber für eine ganz kurze Zeit Sprache gewannen. Als sie sich aber voneinander lösten und in den Kreis der Umstehenden zurücktraten, wußten sie beide wieder von Regines flehender Liebe und seiner Gleichgültigkeit; wußten, daß Frau Steinbock soeben noch verzweifelt an ihrem Kleid gehakt und geknöpfelt hatte, um hinunter zu stürzen und diese Verlobung zu verhindern, und sahen, daß selbst Erich ein betretenes Gesicht machte. Er hatte Angst für seine Schwester und hätte ihr einen andern Mann gewünscht. Nur Herr Steinbock hatte in Ruhe das entscheidende Wort gesprochen, nachdem Richard seine Zustimmung zu einer katholischen Trauung grundsätzlich und ohne Bedenken gegeben hatte. Vor den Augen des alten Herrn stieg der glückliche Sommer mit dem Fischermädchen vom Trauziger See auf, und er gab seine Einwilligung wie eine alte Schuld, die er noch einzulösen hatte. Es war ein gequälter Tag, den sie miteinander verbrachten. Nur die Kleinen, Anna und Erwin, freuten sich unbefangen ihres neuen Schwagers und hängten sich, glücklich über eine Verlobung, an seine Arme. Auch Erich ließ es an freundlicher Begrüßung nicht fehlen, und nur, wer ihn genau kannte, merkte, daß er im Innern Vorbehalte machte. Bei Tisch, als Wein getrunken wurde, bot er Richard das brüderliche Du an, und es wirkte ein wenig peinlich, daß die Eltern seinem Beispiel nicht folgten. Frau Steinbock hatte es mit einem Blick zu verhindern gewußt, und Herrn Steinbocks Entgegenkommen schien sich in seiner Einwilligung erschöpft zu haben. Nach außen freilich hielt man das heitere Bild eines Verlobungsschmauses aufrecht, aber die beiden Verlobten saßen inmitten einer frostigen Atmosphäre nebeneinander, vereinsamt in ihrem noch ratlosen Willen, einander anzugehören. Richard war mehrere Male drauf und dran, vom Tisch aufzustehen, den Wagen anspannen zu lassen und wegzufahren. Nur Erichs kühle Gewandtheit, der ihn ins Gespräch verwickelte und der peinlichen Situation immer wieder den Anstrich fröhlicher Festlichkeit zu geben wußte, hinderte ihn daran. Richard spürte die Abneigung gegen die Familienverbindung mit der anderen Konfession wie einen Stein, der ihm auf die Brust gewälzt war. Wie auf Verabredung kam man nicht dazu, von der Zukunft zu sprechen. Wenn Richard von seinen letzten Referendarstationen und seinem Examen sprechen wollte, winkte Frau Steinbock ab: »Das hat noch lange Wege, mein lieber Herr Ambrus.« Es war, als wollte man dem Paar keine Zukunft verstatten. Nur Erich erörterte die Frage des Dienstjahrs, das Richard im Frühjahr antreten wollte. Erich empfahl ihm sein Regiment, es wären bis auf zwei Kompanien nette Offiziere und anständige Unteroffiziere. »Und im übrigen wirst du ja ein Soldat comme il faut. Ja, Schwesterchen, ich glaube, er ist doch noch mehr Soldat als Musiker«, scherzte er. Man ließ das Brautpaar nicht einen Augenblick allein. Als sie nach dem Kaffeetrinken in den Park gingen, mußten wenigstens die Kinder mit, denen der neue Schwager viel zu interessant war, als daß sie den beiden einen Augenblick Ruhe gelassen hätten. Immer wieder tauchte Frau Steinbock zwischen den Gängen auf. Sie wollte offenkundig zeigen, daß sie Richard nicht traute. Regine aber hängte sich in seinen Arm, und obwohl dieser Tag von Grund aus verdorben war, bat sie ihn immer noch zu bleiben. »Und morgen früh komme ich gleich zu euch, und wir können uns dann besser sprechen als hier.« Richard bangte sich aber gar nicht danach, sich auszusprechen. Er hatte diese Verlobung gründlich satt und überlegte sich im Innern, ob er Regine nicht noch heute abend einen absagenden Brief schreiben solle. Aber selbst wenn er ihn noch in Gohlungen auf die Post trug, bekam sie ihn nicht vor ihrer Abfahrt. Er war wütend auf die jesuitische Gesellschaft, die ihm die Verlobung nicht zu verweigern wagte und solche Zicken machte. Aber dann rührte ihn wieder das ergebene Geschöpf an seinem Arm. Er merkte, wie sie litt und wie sie alles tun wollte, ihn zu erfreuen und zu versöhnen. Mädchen haben bei Verlobungen ihre eigenen Gebräuche, die der Mann erst langsam begreifen muß. So wartete Regine mit Schmerzen darauf, daß er sie um ihr Bild bitten würde. Als er nicht daran dachte, übergab sie es ihm schließlich in einem Augenblick des Alleinseins von selbst. Er merkte gar nicht, daß das ein wichtiger Vorgang war und sie sich eigentlich erst mit diesem Bild ihm ergab und er lebhaftere Freude hätte zeigen müssen. Zum erstenmal traten ihr die Tränen in die Augen. »Liebst du mich denn gar nicht?« fragte sie. »Doch!« sagte er und vertröstete sie auf morgen. Sie schob seine Stummheit auf das häßliche Verhalten ihrer Familie, tröstete sich und verzieh ihm. Als er nach Hause fuhr, stieg er erst im Deutschen Haus ab, trat an den Stammtisch und machte seine Verlobung bekannt. Ein lautes Hallo scholl ihm entgegen. Er mußte eine Lage schmeißen, man nahm ihn in die Mitte, gratulierte, Rat Vogel erhob sich sogar zu einer kleinen Ansprache. Mit einem Schlage war Richard in die Rolle des glücklichen Bräutigams hineingefahren. Er merkte im Augenblick, daß es keine kleine Sache war, sich mit der Tochter von Schwenkendorf verlobt zu haben. Stolz auf die Eroberung zeigte er ihr Bild herum, war in die schwarzen Haare und ihre Augen verliebt und pries sie über Gebühr. »Jawohl«, sagte der Assessor, »und der alte Herr kann auch ruhig zur Hochzeit eine kleine Schweineherde verkaufen, ohne daß es ihm was ausmacht.« Man fand, er hatte eine »Partie« gemacht. »Nur katholisch«, sagte der Rat. »Na ja, darüber muß man hinwegkommen.« Richard meinte, daß ihn das nicht störe, es wäre mal etwas anderes. »Eine Mohammedanerin wäre mir noch lieber gewesen.« Man lachte. Seither hieß Regine bei den Herren die Mohammedanerin. Jedenfalls war er froh, zuerst ins Deutsche Haus gefahren zu sein, ehe er zu Hause von der Misere berichtete. Jetzt hatte alles ein anderes Gesicht bekommen, und strahlend betrat er das Wohnzimmer, wo man ihn mit Spannung erwartete. Es war eine seltsame Sache mit dieser Verlobung. Regine besann sich auf ihre Äußerung, die sie auf der ersten Fahrt nach Schwenkendorf zu Richard getan hatte. Jetzt war ihre Verlobung wirklich ein neuartiges und besonderes Ereignis geworden, keiner anderen, von der sie gehört hatte, zu vergleichen. Aber das konnte sie nicht einmal mit Richard besprechen. Die Zeit, die ihrer Verlobung vorausgegangen war, war in ihren Unterhaltungen wie ausgelöscht. Sie dachte oft an seine Küsse in Grünwalde und wollte ihn fragen: »Hast du mich denn damals schon geliebt?« Aber sie wagte es nicht. Sie wagte es überhaupt nicht, ihn nach seiner Liebe zu fragen. Seit sie an dem Tag nach der Entscheidung in die Stadt gekommen war, war er zärtlich zu ihr geworden, konnte sie an sich reißen, in seinem herrlichen Temperament in die Höhe heben und ihr einen schallenden Kuß auf den Mund drücken, daß sie jäh aufbrannte, und trotzdem, wenn sie sich auch einredete, von ihm geliebt zu sein, wußte etwas in ihr genau, daß sie ihm gleichgültig war. Manchmal fragte sie sich, weshalb er sie genommen hatte, und sie fand keine rechte Antwort. »Er muß mich doch lieben«, dachte sie dann und schloß alle Zweifel damit ab. Wenn man geglaubt hatte, daß die Freundschaft zwischen Steinbocks und den Ambrus nun erst recht aufblühen würde, hatte man sich getäuscht. Richard war oft in Schwenkendorf, hatte ein Fremdenzimmer zu ständiger Benutzung angewiesen bekommen, erhielt Erichs zweite Reitgarnitur übereignet und durfte die braune Fohlenstute nach Gefallen bewegen. Sein Vater schenkte ihm einen Drilling, den er in Erichs Stube abstellte. Jeden Sonnabendmittag fuhr er mit dem Schulwagen hinaus und kam am Montag früh zurück. Er nahm auch Bücher mit, um draußen zu arbeiten, wenn Steinbocks am Sonntagvormittag zur Kirche fuhren. Niemand sagte etwas, wenn er stundenlang auf dem alten Tafelklavier spielte, auch wenn es von den alten Steinbocks keineswegs mehr gern gehört wurde. Nur Regine saß schweigend dabei und bewunderte ihn. Er brachte ihr die Anfangsgründe der Musik bei, zeigte ihr, wie man Noten aufschrieb, aber weniger, um ihr Verständnis zu wecken, als um durch die Schwierigkeit der Sache ihre Bewunderung zu vergrößern. Regine ihrerseits kam in der Woche wenigstens einmal in die Stadt und blieb manchmal mehrere Tage da. Aber der sonstige Verkehr zwischen den Familien hatte aufgehört. Nicht einmal zu einer Familienfeier luden Steinbocks ein. Paula war außer sich vor Wut. Der Postvorsteher freute sich, daß er die Stadtjagd gepachtet hatte und mit seinem Hund in der entgegengesetzten Richtung in den Wald gehen konnte. Selbst die immer freundliche und nichts Böses ahnende Mutter Ambrus schüttelte den Kopf über die »Katholischen«. Aber Regine schloß sich ganz an sie an und wurde ihnen wie eine Tochter. Auch die siebzigjährige O-chen fragte nicht mehr: »Wer sind Sie doch, liebes Fräulein?« Regine wunderte sich, weshalb Richard noch so oft herauskam, wo man ihn mit offensichtlicher Ablehnung behandelte und auch Regine mit Mißtrauen betrachtete, wie ein verlaufenes Reh, das bei den Menschen gewesen war und nun wieder zurückkam. Das Liebesparadies, das sich ihnen in seinem Elternhaus auftat, bewertete Richard nach ihrer Meinung viel zu gering. Aber sie war ihm andererseits dankbar dafür, daß er die Verbindung mit ihren Eltern nicht ganz abreißen ließ, wenn sie auch bemerken mußte, daß es mehr Reitpferd und Jagd und Erichs Inspektorstube waren, was ihn nach Schwenkendorf zog, als die Rücksicht auf sie und er die Zurückhaltung der Ihren kaum zu bemerken schien. Seine erste Referendarstation an dem Gohlunger Amtsgericht ging in einigen Wochen zu Ende. Ein Jahr am Landgericht in Braunsberg mußte folgen. Im Frühjahr gedachte Richard die Landgerichtsstation zu unterbrechen und in Königsberg, in Erichs Regiment, sein Jahr abzudienen. Er verließ Gohlungen also für zwei Jahre, und wenn er auch von Braunsberg in jeder Woche herüberkommen konnte, ja es geradezu so einzurichten ging, daß er eigentlich in Gohlungen wohnte und mehr für einige Tage der Woche nach Braunsberg hinüberfuhr, so bedeutete dieser Wechsel doch immerhin eine Trennung für die Verlobten. Im Hinblick auf diese zwei Jahre, der nachher noch weitere Trennungen folgen mußten, zum Beispiel die Zeit am Oberlandesgericht in Königsberg, kam ihm die ganze Verlobung ziemlich überflüssig vor. Nicht daß er etwa neu auftauchenden Frauen gegenüber frei sein wollte, denn im Grunde liebte er mehr die Abenteuer lustiger Kneiprunden als der Liebe, aber er fand es zwecklos, in der Entfernung verlobt zu sein. Die Schwenkendorfer hegten wohl überhaupt die Hoffnung, daß die lange Abwesenheit des Bräutigams die ganze Verlobung auseinanderbringen würde, wobei die Schuld natürlich auf Richard allein fallen müßte. Jedenfalls wollten sie eine Veröffentlichung vorläufig noch hinausschieben. Aber Regine sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, und so gingen denn die Verlobten, von Paula begleitet, eines Vormittags zu Amende, um das Inserat für die Zeitung und die nach vielem Hin und Her in Schwenkendorf aufgesetzte Anzeige aufzugeben. Der junge Amende, der jetzt nicht mehr der junge war, kam, ein wenig bleich noch, aus seinem Privatkontor heraus und drängte Fräulein Haase an ihre Bücher zurück. Er empfahl ein ganz neues, besonders apartes Druckmuster und schneeweiße Kartons, und als Regine nach dem Preis fragte, konnte er nur mit äußerster Anstrengung den Wunsch unterdrücken, kein Geld zu nehmen. Am liebsten wäre er gleich selber an den Setzkasten gegangen. Aber schließlich konnten sich die Schwenkendorfer nichts von ihm schenken lassen. So machte er einen ganz niedrigen Preis. Paula triumphierte draußen. Sie hätte ihn holdselig, wie sie sagte, angelächelt, und deshalb wäre es so billig geworden. Willy war sehr aufgeregt, seine Ohren hinter der großen Brille waren ganz rot. Plötzlich fiel ihm ein, daß er völlig vergessen hatte, zu gratulieren. Er entschuldigte sich mit seiner Zerstreutheit und holte es nach. Auf einmal war ein Gespräch über das Elbinger Gymnasium im Gange. Regine schürte es eifrig, denn sie war begierig, aus Richards Schülerzeit zu hören. Willy schilderte das Ansehen, das der Primaner Ambrus bei den unteren Klassen genoß. Wenn er den Bräutigam erhob, war es fast eine Wollust, als wenn er Regine selbst seine Verehrung ausdrückte. »Das hätten Sie am Sedantage sehen sollen, Fräulein Steinbock, wenn er die Riesenwelle mit steifem Arm machte. Darin war ihm keiner über.« Auch Paula war entzückt von der Begeisterung des Herrn Amende für ihren Bruder. »Wissen Sie was, Herr Amende?« rief sie auf einmal, »ich muß mit diesem Brautpaar so oft als Elefant mitzotteln, und das ist schrecklich langweilig. Sage ich nichts, ist's zum Auswachsen; rede ich aber, ist Regine nachher böse auf mich. Kommen Sie mit, und dann müssen Sie mich unterhalten, und wir passen auf die beiden auf.« »Paula!« rief Regine entsetzt. Aber Paula ließ nicht locker, und es mußte gleich für den nächsten Nachmittag ein Spaziergang längs des Sees bis zum Stadtwald verabredet werden. Gegen einen solchen Spaziergang konnte selbst die tiefste Trauer nichts einwenden, und so gingen sie denn am nächsten Tag, und von da an öfters, zu vieren los, voran das Brautpaar, hinter ihnen Paula und Willy. Es war zugleich Paulas Rache an Erich Steinbock, den sie nicht wiedergesehen hatte, seit sie sich gerade innerlich für das Landleben entschließen wollte. Und eine sehr treffliche Rache, denn jedermann wußte, was für ein netter und tüchtiger Mensch der junge Herr Amende war. Die tiefste Trauer konnte auch nichts dagegen einwenden, daß Willy dann nach einem solchen Spaziergang sein Abendessen im Ambrusschen Hause einnahm, allerdings nur, wenn sonst kein Gast anwesend war. Paula ging in ihrer Rache so weit, daß sie sich sogar für die Amendesche Druckerei anfing zu interessieren. Willy erzählte ihr auf den Spaziergängen viel von seinen Plänen und seinem Leben, und Paula hörte eifrig zu. Das alles gefiel ihr weit mehr, als wenn sie sich mit den Freunden ihres Bruders unterhielt. Einmal lud Willy sie alle ein, die Druckerei zu besichtigen. Er führte sie durch die Geschäftsräume, das Kontor, zeigte ihnen den Setzersaal und den Maschinensaal und die Papiervorräte in dem ausgebauten Stall hinter dem Hof. Sie hatten keine Ahnung davon, wie eine Zeitung entstand. Er trat mit ihnen an einen Setzkasten, wies ihnen den Winkelhaken und die einzelnen Buchstaben und setzte ihre Namen zusammen. Er zeigte ihnen die langen Kolumnen auf der Anrichte und wie sie schließlich umbrochen wurden. Sie standen auch dabei, wie die aus Berlin übersandten Matern ausgegossen wurden und auf die Maschine kamen. Und dann dieses Wunderwerk der sechsseitigen Schnellpresse selber! Der Maschinenmeister mußte das große Schwungrad in Bewegung setzen, und nun rollte der Wagen mit den Schriften donnernd hin und her, und darüber legten sich die weißen Bogen und wurden auf der einen Seite bedruckt zurückgeworfen. Die andere Seite kam erst morgen an die Reihe, denn dreitausend Exemplare waren an einem Tage nicht ganz zu schaffen, besonders da noch Aufträge an Formularen vorlagen, die man auch am besten auf der Frankenthaler herstellte. Zum Schluß führte er sie in sein Privatkontor, von dem aus er das Ganze leitete und wo alle Fäden zusammenkamen. Tannenbergs Sekretär schaute verwundert auf die fremdartigen Gäste. Willy war so glücklich, daß dicht hintereinander der Faktor und Fräulein Haase hineinkamen und er ihnen in ernstem, sachlichem Ton seine Anweisungen geben konnte. Man sah doch, daß er sich in diesem Raum nicht zu seinem Vergnügen aufhielt. Es machte sich ganz von selbst, daß man nachher über den Beischlag in die Wohnung hinaufging, wo Frau Ernestine schon mit dem guten Meißner Porzellan den Tisch gedeckt hatte. Noch hing die Trauer in allen Ecken, aber es wurde trotzdem ganz gemütlich. Paula vergaß sich so weit, daß sie gern die künstliche Spieldose, die auf dem Mahagonispiegel stand, gehen lassen wollte. Dieser Wunsch allerdings wurde stillschweigend übergangen, und Regine zupfte sie am Ärmel. Mutter Amende hatte eine stille Freude an diesem Besuch. Sie dachte daran, wie einst die Bürgertöchter auf dem Markt vor dem Junggesellenfenster ihres Seligen herumspaziert waren. Jetzt kamen die jungen Mädchen zu ihrem Willy sogar schon bis ins Haus. Die Zeiten ändern sich, aber im Grunde bleibt es immer dasselbe. Rache ist süß! dachte Paula. Sie bewunderte die schöne Wohnung und die alten Möbel, die noch aus dem Elternhaus von Mutter Amende stammten, und wollte das ganze Haus sehen. Sogar ganz nach oben mußte sie, wo die Lehrlinge, diese besten und billigsten Arbeitskräfte, schliefen und beköstigt wurden. Es amüsierte sie, daß Frau Amende eine »Meisterin« war und wie in Märchen und alten Geschichten Lehrlinge hatte. Sie fragte, ob sie die Burschen auch ordentlich am Ohr zöge, wie es dort vorkäme. Ein Geschäftshaus erschien ihr doch das Wahre. Dies Ineinanderfließen von Beruf und Leben gefiel ihr. Das ganze Haus nahm an Glück und Wohlstand, an Arbeit und Erwerb teil. Sie fand das ganz herrlich, viel schöner als zu Hause, wo man von der Arbeit des Vaters überhaupt nichts merkte und wußte. Das wäre langweilig! Als sie nach Hause gingen, war sie sehr nachdenklich. Mutter und Sohn sahen ihnen durchs Fenster nach, wie sie über den Markt davonschritten, und Frau Ernestine mußte über die Dummheit der Männer lächeln, die da glauben, sie suchten sich ihre Frauen aus. Seit dem Begräbnis waren nun schon über zwei Monate vergangen, und man hatte sich im Hause Amende langsam an das Neue gewöhnt. Auch der damals von Willy mit mannhaft unterdrückter Spannung erwartete Termin der Testamentseröffnung lag schon weit zurück, und die letzten Bestimmungen des Vaters bewirkten nicht mehr, wie in der ersten Zeit, schlaflose Nächte. Es war nicht bei den sechzehn tausend Talern auf der Kreissparkasse geblieben, auch in der großen Truhe im Eßzimmer, unter Mutters Bettlaken und Tischtüchern, hatten sich noch achttausend Taler gefunden. Der Selige hatte bestimmt, daß jede von den Töchtern siebentausend Taler erben sollte. Die Mutter behielt zehntausend und das Haus. Willy aber hatte das Geschäft mit allen Maschinen und Vorräten und ausstehenden Forderungen geerbt. Er war unumschränkter Gebieter über Druckerei, Laden und Zeitung geworden. Allerdings mußte er der Mutter eine Miete von sechshundert Talern im Jahr zahlen. Nach dem Tode der Mutter – auch daran hatte der rührende Vater gedacht – sollte das Haus ihm zufallen, jede der Töchter aber sollte dann noch einmal siebentausend Taler bekommen. Willy hatte also kein leichtes Wirtschaften, sechshundert Taler im Jahr wollten aufgebracht werden, und dazu die noch fehlenden viertausend, bis die Mutter einmal die Augen zumachte. Wenn Fräulein Haase abends das Zahlbrett mit der Tageskasse zu ihm ins Privatkontor gebracht und mit ihm abgerechnet hatte, dann erst begann der junge Chef mit seinen eigenen Berechnungen, multiplizierte und addierte, dachte über die steigende oder fallende Konjunktur nach und legte sich nicht mehr so sorgenfrei ins Bett wie früher. Aber man konnte mit Gottes Hilfe wohl gerade so durchkommen. Der alte Herr Amende hatte gewußt, daß er seinem Sohn kein ganz leichtes Erbe hinterließ. In dem Kuvert hatte sich noch ein Brief gefunden, der die eigenartige Aufschrift »An Willy, den Macher« trug. Der alte Herr mußte diesen Brief in einer besonderen Stimmung geschrieben haben, in einer Stunde, in der auch ein einfacher Geist die hohen Bezirke der Weisheit streift. Dieser Brief war nicht einmal durchaus ernsthaft abgefaßt, wie schon die Aufschrift verriet. In gewissem Sinne wurde Willy hier sogar wegen seines Eifers, der immer auf Erweiterung und Verbesserung des Geschäftes aus war, gehänselt. Ein Mann, der das Seinige ohne große Aufregung getan hatte und dem sich die Talerstücke in der Truhe in fast dreißig Jahren langsam und stetig vermehrten, schaute hier auf eine neue Generation herab, die nicht ruhig empfangen, sondern erzwingen wollte. Er hatte Anerkennung für diesen Willen, aber er machte sich zugleich über ihn lustig. Er tadelte ihn nicht, aber es war, als ob er in ihm Gefahren witterte. Gewiß, man konnte damit vorwärts kommen, viel schneller als das ganze bisherige Jahrhundert; aber wenn die überspannte Kraft einmal nachließ, wenn man Fehler machte, dann mußte das ganze Gebäude, das auf unausgesetzte Leistung gestellt war, um so schneller zusammenstürzen. Er wünschte dem Sohne Glück zu seinem Weg, ja er setzte ihn erst auf diesen Weg, indem er ihm das Geschäft überließ. Aber er erleichterte ihm den Weg nicht, sondern lud ihm die Last von sechshundert Talern im Jahr auf, ohne ihm auch nur den geringsten Rückhalt an Kapital zu belassen. Auf das alles machte er den Sohn in seinem letzten Brief aufmerksam. »Nun mache, du Macher!« schloß er. Es lag Aufmunterung und Spott darin, Anerkennung und ein klein wenig Bosheit. * Da sofort größere Papiervorräte zu beschaffen waren, wäre Willy mit seinem Geschäft fast sogleich in Verlegenheit gekommen, wenn ihn nicht der Quartalserste gerettet hätte, an dem die Abonnementsgelder der Zeitung einkamen. Das brachte ihn über den Berg. Die Weihnachtszeit mit den vielen Inseraten und dem gesteigerten Umsatz des Ladengeschäfts mußte ein übriges tun. Nach dem Jahresanfang mußte er festen Boden unter den Füßen haben, oder es begann ein Jahr des Krebsens und vielleicht unwillkommener Anleihen bei der Mutter. Aber man konnte wirklich nicht sagen, daß sich die Sache schlecht anließ. Eigene Bedürfnisse hatte Willy bisher kaum eingerechnet. Er wollte, solange es ging, mit seinem bisherigen Taschengeld auskommen, das kaum einen Setzerlohn ausmachte. Die Ausgaben für die Wirtschaft, der nach wie vor die Mutter vorstand, blieben dieselben. Es erübrigte sich gerade das wenige, was der Vater für seine eigene Person gebraucht hatte. Hinzu kamen aber die sechshundert Taler jährlich, die an die Mutter abgeführt werden mußten, und es fehlte alles Bargeld. An dem Tag, an dem der Besuch dagewesen war, fiel ihm ein, die ganze Sache einmal zu berechnen, wie es sein würde, wenn er sich verheiratete. Es hätte doch sein können, daß Regine protestantisch und nicht so vornehm gewesen wäre und er sich mit ihr verlobt hätte. Oder daß man sich wirklich einmal verliebte. Was dann? Aber ihm fiel zur Beruhigung ein, daß dann alles beim alten bleiben würde. Seine Frau würde an Mutters Stelle treten, und die Mutter würde sich eine Wohnung mieten und von ihren sechshundert Talern Miete und den Zinsen ihrer zehntausend Taler leben. Allerdings würde eine junge Frau größere Anforderungen stellen als seine rührende, bescheidene Mutter. Er rechnete einen Satz für die Bedürfnisse einer jungen Frau ein und saß eine Stunde über dieser Rechnung. Aber auch das konnte das Geschäft ertragen, wenn kein unvorhergesehener Zwischenfall eintrat. Recht froh über das Ergebnis ging er schlafen und sang oben vor sich hin. Der Tag, an dem Richard Ambrus seinen Dienst beim Landgericht in Braunsberg antreten mußte, rückte beängstigend näher. Wenn er erst fort war, hörten die angenehmen Spaziergänge zu vieren auf, denn es stand zu fürchten, daß Richard seine Sonntage, wenn er wirklich öfters herüberkommen konnte, in Schwenkendorf zubrachte. Willy überlegte sich, daß man von Regine wieder vollkommen getrennt war, und wenn man auch sie verehrte und Paula nur eben so mitging, so war es, von Ambrus ganz zu schweigen, doch auch schade, daß Paula wahrscheinlich ebenfalls in die Ferne gerückt sein würde. Ganz gewiß lagen schon andere Referendare oder gar der Assessor auf der Lauer, um sie mit Beschlag zu belegen. Sie hatte zu Willy freilich gesagt, daß sie sich aus denen nichts machte, aber außer Regine konnte man wohl keinem jungen Mädchen in diesem Punkte vertrauen. Willy sah in dieser Beziehung trübe in die Zukunft. Natürlich hatte Richard bald die glühende Verehrung, die Willy seiner Braut entgegenbrachte, herausbekommen, und auch von Paula wurde diese Tatsache anerkannt. Als aber Richard wieder einmal Regine mit ihrem treuen Vasallen neckte, nahm Paula auf einmal Willys Partei: »Gar kein Gedanke mehr, daß er in Regine verliebt ist. Das war einmal, ja Kuchen!« Und als die beiden darüber lachten, sagte sie: »Wir wollen sehen, wem er heute zuerst die Hand gibt.« Aber Willy begrüßte Regine zuerst. Die Verlobten lachten, und Willy wurde auf diesem, dem letzten Spaziergang, schlecht behandelt. »Was haben Sie nur, Fräulein Ambrus?« fragte er bekümmert, aber sie gab keine Antwort und sagte nur: »Ach!« Hinterher aber blieb sie bei ihrer Meinung und behauptete, daß Willy nur schüchtern wäre und gerade die zuerst begrüßte, die ihm gleichgültig sei. »Schwesterchen, Schwesterchen!« drohte Richard ihr. »Na meinetwegen!« »Ach, was du denkst, ist Unsinn!« entgegnete Paula, aber sie wurde doch rot. Natürlich nur, weil schon ein solcher Verdacht einen rot werden ließ. Drei Tage später fuhr Ambrus mit einem großen Koffer nach Braunsberg ab. Am Abend vorher war er gebührend vom Stammtisch abgefeiert worden. Alle Ambrus' und Regine brachten ihn zur Bahn. Der Hotelwagen vom Deutschen Haus beförderte den Koffer. Als sie über den Markt zum Bahnhof gingen, wagte Willy, um sich nicht aufzudrängen, nicht einmal in der Ladentür zu stehen, sondern beobachtete den Zug von seinem Privatkontor aus hinter den Gardinen. Viermal waren sie zusammen spazierengegangen, zweimal hatte er den Abend bei Postvorstehers verbracht, einmal waren die Geschwister und Regine bei ihm gewesen. Aber es war ein ganzer Lebensabschnitt, der sich da gewissermaßen zum Bahnhof begab und in den Zug setzte. Ach, wie traurig hatte Regine ausgesehen! 13. Der Winter fing schlimm an für Gohlungen. Der See war so weit abgelassen, daß der Grund offen zutage lag. Mitten durch den Modder sah man den tiefen Graben, den die von der neuen Firma Schirnau in Elbing gelieferte Baggermaschine ausgehoben harte, und vorn an der Wasserstraße war ein großes Bassin angelegt, damit die Stadtbauern ihr Vieh zur Tränke führen konnten. Die Arbeit der Ingenieure war beendet, aber nun zeigte sich, daß der Postvorsteher recht gehabt hatte. Es war kein ordentlicher Untergrund vorhanden. Die Kühe wollten nicht einmal mehr aus dem Bassin trinken, und das Ganze bot einen überaus trüben Anblick. Dicker schwarzer Morast lag giftig glänzend da, spiegelte in schmutzigen Lachen den leeren Himmel. Und mit dem Graben war es auch so eine Sache. Die Ränder sackten ein. Das Wasser floß nicht in ihm, es stand fest und fraß sich glucksend in die Breite. Zu der Kommission, die das vollendete Werk begutachten sollte, war auch Willy Amende als Herausgeber der »Gohlunger Kreiszeitung« zugezogen. Die Herren konnten nicht mehr tun, als am Ufer entlanggehen und mit ihren Spazierstöcken in dem dunklen Grund herumstochern. An dem Landweg nach Gnuschkenhof, wo der Abzugsgraben begann, kletterte man in ein großes Boot und fuhr, soweit es ging, durch den Morast. Aber es ging nicht weit. Wären die Herren, außer den beteiligten Ingenieuren, nicht samt und sonders gute Gohlunger gewesen, hätten sie vielleicht sogar verlautbaren lassen, daß die kaffeegrundähnliche Masse bereits entsetzlich stank. So beschränkte man sich auf kurze Bemerkungen, daß da noch viel zu tun wäre. Der leitende Ingenieur von der Berliner Firma, deren Spezialität es war, auf die hier angewandte Weise dem Vaterland guten Wiesenboden zu gewinnen, verbreitete sich des längeren über die Güte des Grundes. Jetzt müßte man die ganze Geschichte erst einmal gründlich durchfrieren lassen. Frost täte in solchem Falle immer Wunder. Und dann müßte man im Frühjahr sobald als möglich mit den Anpflanzungen beginnen. Die Ränder des Grabens, der wohl noch einmal nachgebaggert werden könnte, müßten mit festen Rasenstücken belegt werden. Die übrige Fläche wäre wohl am besten anzusäen. »Aber wie?« fragte der Kaufmann Knabe. »Wie kommt man überhaupt da hinauf, um zu säen?« Das war das erste laute Wort des Zweifels und Widerspruchs. Ein dumpfes Gemurmel unter den Herren folgte. Man wußte noch nicht, wohin es führen würde. Von dem nächsten Wort hing alles Weitere ab. Vielleicht setzte sich der Kahn in schwankende Bewegung und schaukelte den Geist des Aufruhrs. Herr Bürgermeister Wilcke setzte eine undurchdringliche Amtsmiene auf, beruhigte und fand sogar Töne des Vorwurfs: »Ja, meine Herren, wenn Sie das Werk, das hier vollendet ist, nur bekritteln wollen!« Aber man wollte es gar nicht bekritteln, man hätte es viel lieber laut gepriesen. Der Widerspruch in Gestalt des Kaufmanns Knabe duckte sich, der Aufruhr war für den Augenblick niedergeschlagen. Man setzte die Hoffnung auf den Frost. Nachher wurde die Angelegenheit in Winklers Hinterstube durchgesprochen. Das Schlimme war, daß alle Welt am nächsten Tag einen Bericht über die Tätigkeit der Kommission in der Zeitung erwartete. Amende sah die Sache zunächst nicht einmal bedenklich an. Er versteifte sich darauf, daß der gute Boden sich schon allmählich heraufarbeiten würde. Natürlich würde es Jahre und Jahre dauern, aber dann würden doch schließlich fette Viehherden auf grünen Triften dort weiden. »Nur nicht nachlassen!« Heinz Winkler gab ihm nicht unrecht, aber auch nicht recht. Die Geschichte hatte ein Heidengeld verschlungen. Soviel Steuerzuschlag wie in den letzten drei Jahren hätte man seit Menschengedenken nicht mehr zahlen müssen. Aber schließlich: Berlin war eine große Stadt, und wenn Berliner Ingenieure die Sache in die Hand genommen hätten, würden sie doch wissen, wozu! Das Schlimme aber war die geradezu hohnvolle Ablehnung des Kreissekretärs. »Wozu?« donnerte er bismärckisch. »Um einen großen Klumpen Gold zu verdienen! Was schert sich die Gesellschaft darum, was nachher aus dem stinkenden Morast wird?« Die durchaus feindselige Ablehnung des Landratsamts war damit ein für allemal ausgesprochen. Winkler und Amende suchten zu beruhigen. »Aber Herr Kreissekretär, was haben Sie nur auf einmal gegen den See?« Herr Schäfer hatte allerhand dagegen. Zunächst einmal war zu betonen, daß er mit dem Herrn Bürgermeister nicht hätte tauschen wollen, auch wenn der selbständig war und nicht bei jeder Gelegenheit, wie er sich so vornehm ausdrückte, den Vorgesetzten fragen mußte, wie er, der Kreissekretär. Als ob er es nicht an Selbständigkeit mit jedem Bürgermeister aufnähme! Und schließlich war man doch die vorgeordnete Aufsichtsbehörde, die doch denn etwas besser in den Akten und den Paragraphen Bescheid wüßte. Und was das Gehalt anbetraf, so wollte man erst recht nicht mit dem Herrn Bürgermeister tauschen, besonders nicht, seit noch die Kreissparkasse allerhand abwarf. Dies alles setzte Herr Schäfer noch einmal ausführlich auseinander, damit man nicht etwa denken sollte, daß ein Rivalitätsverhältnis zwischen ihm und Herrn Wilcke bestünde. Davon konnte keine Rede sein. Aber was der Magistrat unternahm, fand noch lange nicht die Billigung des vorgeordneten Landratsamtes. Man hätte bei der ganzen Seegeschichte ein Auge zugedrückt, trotz mancherlei Warnungen. »Ihr habt gar nicht gewarnt!« warf Heinz Winkler ein. Aber Herr Schäfer bestand darauf, daß gewarnt worden wäre, wenn auch natürlich in feiner kameralistischer Weise. Herr Schäfer gebrauchte dieses Wort selten, dann aber um so eindrucksvoller, und dagegen war nichts mehr einzuwenden. Die Wahrheit aber war, daß sich der neue Landrat, Herr von Sack, gegen das Seeprojekt ausgesprochen hatte, und Herr von Sack war ein schneidiger und scharfer Herr, in allem das Gegenteil von dem gemächlich breiten Grafen Kanitz. Seit Herr von Sack im Dohnaschlößchen residierte, hatte Herr Schäfer noch weniger Veranlassung, mit Herrn Bürgermeister Wilcke zu tauschen, und seit dieser Zeit achtete er auch genauer darauf, daß Herr Wilcke, wenn sie sich trafen, zuerst mit der Hand nach der Hutkrempe fuhr. An Bismarckähnlichkeit hatte Herr Schäfer in letzter Zeit entschieden zugenommen. Willy Amende verließ, durch diese Zuspitzung der Situation bedrückt, Heinz Winklers Hinterstube. Er wußte nicht, wie er sich zu dem Konflikt stellen sollte. Sein Herz gehörte der Bürgerschaft, die auf die Zeitung abonnierte, inserierte und Druckaufträge vergab. Die Behörden aber hatten noch mehr Druckaufträge zu vergeben. Jedenfalls konnte es nichts schaden, wenn man in vorsichtiger Form darauf hinwies, daß der ausgetrocknete See auch im nächsten Frühjahr noch keine saftiggrünen Triften darbieten würde. Gedankenvoll setzte er sich an Tannenbergs Sekretär und nahm mit bedächtiger Hand eine Prise aus der Dose. Es war genau die Handbewegung des seligen Herrn Amende. Er hatte sich das Schnupfen schon ordentlich angewöhnt. Eigentlich war es der neue Landrat, der ihn beunruhigte. Willy verlangte von sich selbst, daß ihm Herr von Sack gefiel. Er war tüchtig, und man merkte überall seine Hand. Im Frühling würde die neue Chaussee nach Elbing über die Zölp und Schmalbitten nach der Kreisgrenze durchgeführt sein. Es wehte ein neuer Wind. Aber man mußte sich ordentlich heranhalten. Da durfte es nicht vorkommen, daß sich das amtliche Kreisblatt mit den Verordnungen auch nur um einen Tag verspätete, und als es einmal einige Druckfehler gegeben hatte, wurde Amende aufs Schloß gebeten und bekam zu hören, daß man keineswegs auf ihn angewiesen war. Man könne ebensogut in Königsberg oder Elbing drucken lassen. Herr von Sack hatte, an seinem Schreibtisch sitzend, das Monokelauge scharf gegen ihn gewandt, der mitten im Zimmer stand. Herr Schäfer, der mit einem Aktenstoß hereintrat, wagte nicht die mindeste Begrüßung, nicht einmal mit einem Augenzwinkern. Die Atmosphäre klirrte von Stahl und Eisen. Willy zwang sich zur Anerkennung. Es war Rhythmus der neuen Zeit, und unwillkürlich zog er in seinem eigenen Betrieb die Zügel fester an. Mutter Amende bemerkte zuerst die Veränderung, die mit ihm vorging. Vielleicht überarbeitete er sich. Außer der Tätigkeit des alten Herrn Amende behielt er alles in der Hand, was ihm früher oblegen hatte. Eine neue Kraft einzustellen, erschien nicht angängig. Aber es war nicht die Arbeit allein, die ihn ernster und heftiger werden ließ. Es war »der Rhythmus der neuen Zeit«, dem er selbst entgegengedrängt hatte und gegen den seine weiche Natur sich im Grunde sträubte. Alte Träume von einem stillen Gelehrtenleben, wie er es sich in seiner Gymnasiastenzeit vorgestellt hatte, wurden wieder lebendig. Er erwog den Plan, wenigstens für sich weiterzuarbeiten, Bücher zu lesen, vielleicht philosophische. Kants »Kritik der reinen Vernunft« mußte man wohl gelesen haben. Eines Tages nahm er den kleinen dicken Reclamband in sein Schlafzimmer hinauf. Aber er verstand nichts, ebensogut hätte er zufällig durcheinandergewürfelte Wörter lesen können. Es war nichts mit der Philosophie. Das ruhige Land der Wahrheit hatte sich ihm verschlossen, ihm blieb nur übrig, zu tun, Fabrik zu werden, »Willy, der Macher« zu sein. An diese kleine Entgleisung in die Wissenschaft mußte er jetzt denken, als er am Schreibtisch saß und für die morgige Zeitung seinen Bericht über die Seekommission aufsetzte. Als er eine Weile geschrieben hatte, fiel ihm ein, was ihm eigentlich schon den ganzen Tag im Sinn gelegen hatte. Schon als er mit den Herren den Kahn bestieg, hatte er gewußt, daß er mit seinem Bericht gegen Abend bei dem Herrn Postvorsteher vorsprechen würde, um ihn um Rat zu fragen. Es sollte sich natürlich nur um eine kurze sachliche Unterredung handeln, denn Herr Ambrus schien von diesen Dingen etwas zu verstehen. Aber vielleicht machte es sich auch, daß man mit Fräulein Paula über Regine plaudern konnte. Er hatte seit Wochen weder Regine noch einen der Ambrus' gesehen, obwohl Richard schon mehrmals von Braunsberg herübergekommen war. Gegen sechs ging er die kurze Bergstraße hinunter und die polnische Vorstadt entlang. Im Wohnzimmer des weißen Hauses mit den vier Edeltannen brannte Licht. Stine, die ihn kannte, führte ihn ohne Umstände hinein. Da saßen alle vier Ambrus' um die Hängelampe. Die O-chen in ihrem Korbstuhl, Herr Ambrus bastelte an einem Gewehrschloß, Mutter Ambrus besserte Wäsche aus, Paula schrieb einen Brief an eine Elbinger Freundin. »Entschuldigung!« sagte Amende. »Das Mädchen führte mich hier so hinein.« Sein Eintreten verursachte eine kleine Revolution. Frau Ambrus ließ schnell einige diskret zu behandelnde Wäschestücke im Nähkorb verschwinden und überlegte sich, was man zum Abendessen da hatte. Man bat Herrn Amende Platz zu nehmen, bis die Lampe im Salon angesteckt wäre. Er aber wollte »nur etwas ganz Sachliches und Unpersönliches« mit dem Herrn Postvorsteher besprechen. »Die Damen können natürlich ruhig zuhören, aber es wird sie langweilen.« Paula war für Zuhören, aber Herr Ambrus meinte, daß man ernste Angelegenheiten ohne Frauen besprechen müßte, und gab Anweisung, die Lampe in seinem Arbeitszimmer in Ordnung zu bringen. »Wissen Sie, was mir eingefallen ist, Herr Amende?« sagte Paula, »Sie müssen sich für Ihren Laden zu Weihnachten Christbaumschmuck bestellen. Es gibt in der ganzen Stadt keinen vernünftigen. Chenilleäffchen, Lamettaketten, goldene Sterne und Engel.« »Aber Paula!« rief Frau Ambrus entsetzt. »Du kannst doch Herrn Amende keine Ratschläge erteilen.« Willy aber war sehr für den Weihnachtsschmuck. Es passe sehr gut zu seinem Geschäft, und es wären ja auch im Grunde Papierwaren. Paula war Feuer und Flamme. Wenn er Weihnachtskarten verkaufe, wie sie gesehen hätte, müsse er auch geklebte Krippen aus Pappe und Baumschmuck führen, und ein ganzes Weihnachtsschaufenster müsse er einrichten. Stine hatte die Lampe gefüllt und in das Arbeitszimmer gestellt. Die Herren gingen hinüber. Der Postvorsteher fand den Bericht viel zu vorsichtig. Die Stadt wäre Betrügern zum Opfer gefallen. Niemals würde aus dem See Weideland werden, nicht einmal Torf könnte man dort stechen. Wahrscheinlich aber würde der Morast eine Brutstätte für Mückenschwärme und schädliche Insekten werden, ein Malariapestherd. »Da wachsen diese Schwindelfirmen wie Pilze aus der Erde. In Berlin und den anderen großen Städten ist die verdammte Terrainspekulation nun zusammengebrochen, und man stürzt sich auf die Provinz. Im Grunde sind das alles noch die fünf Milliarden, die uns die Franzosen gezahlt haben, mein lieber Herr Amende. An diesem Geld verreckt jetzt ganz Deutschland. Was herauskommt, das sehen Sie hier einmal: ein Stück Dreck!« Willy hatte bisher nur dunkel von Gründerjahren und Terrainspekulation gehört. Es imponierte ihm sehr, daß der Herr Postvorsteher mit diesen Worten schaltete, als entblößte er die tiefsten Zusammenhänge. Aber es leuchtete ihm ein. Natürlich, da warfen ein paar Berliner Ingenieure mit großen Worten von rationeller Bodenausnützung um sich, fanden Dumme und entrierten große Projekte, an denen sie Tausende und Tausende verdienten, gleichgültig, welche Werte dabei zerstört wurden. Es wollte Willy Amende dunkel schwanen, als wenn auch solche Geschäftsmethoden zum »Rhythmus der neuen Zeit« gehörten, nicht nur der scharfe Monokelblitz des Herrn Landrats. Ihm fiel ein, was der selige Vater über die »Rechenmeister« gesagt hatte. Wenn das »die neue Zeit« war, konnte einen ein Grausen ankommen. Aber er konnte sich nicht entschließen, seinem Bericht eine schärfere Tonart zu geben. Herr Ambrus redete auf ihn ein: wer unterstützt denn einen solchen Wahnsinn? Er sollte doch gefälligst einmal darüber nachdenken! Da wären die Arbeiter, die Arbeit bekämen. Da wären die Unternehmer, die ihre Arbeiter gottsjämmerlich bezahlten und den Gewinst in die Tasche steckten. Da wäre der Pächter der Kantine, der den Arbeitern wieder ihre kümmerlichen Groschen abnähme. Da wären die Lieferanten, die verdienen wollten. Zehn, zwölf Menschen hätten ein Interesse daran, redeten zu, sprächen von allgemeinem Nutzen, schüfen eine öffentliche Meinung, bearbeiteten die Stadtverordneten, wenn sie es nicht selbst wären. Und da sollten die Berliner nicht mit ihren Schwindelprojekten durchdringen! Herr Ambrus hatte sich ins Zeug gelegt. Aber als er zum Ende kam, ließ er den Kaiser-Friedrich-Bart auf die Brust sinken und hatte traurige Augen. Er sah immer, was vorging, aber er konnte nicht helfen. Natürlich sollte Willy zum Abendessen dableiben, und er wäre so gern geblieben. Aber was er eben von dem Postvorsteher gehört hatte, regte ihn doch zu sehr auf, als daß er den Abend gemütlich verplaudern konnte, selbst wenn der Name Regine des öfteren fallen sollte. Er versprach, an einem der nächsten Abende wiederzukommen und auch das Ladenfenster, in dem für gewöhnlich nur Drucksachen ausgestellt waren, mit Hilfe von Fräulein Haase in eine Weihnachtsausstellung zu verwandeln. Dann ging er zum Bürgermeister, um auch mit diesem noch schnell über den See zu sprechen. Nichts erinnerte bei Herrn Wilcke mehr an dessen siegesgewisse Haltung vom Vormittag. Willy sah nach den ersten Sätzen, daß Herr Ambrus mit allem recht gehabt hatte. Hinter dem Stadtverordneten Sowieso standen der Unternehmer, der die Arbeiter besorgt hatte, und der Pächter der Kantine. Der Zimmermeister, der die Balken geliefert und zugeschnitten hatte, war selbst Stadtverordneter, ein anderer Stadtvater hatte sonstige Lieferungen vergeben. »Und was mag bei der Sache verdient worden sein?« fragte Amende. Der Bürgermeister zuckte die Achseln. Natürlich war verdient worden, aber es ging alles mit rechten Dingen zu. Sollte man etwa die Sache nicht den Fachleuten der Stadt in die Hand geben? Nur der See war futsch! Ob sich denn niemand gegen das Projekt ausgesprochen hätte? Natürlich nicht! Denn an so einem Unternehmen verdienen doch schließlich alle, die Kaufleute, die Arbeiter, die Unternehmer, die Lieferanten, alle Gewerbe, die ganze Stadt. Ob denn die Firma Amende nicht auch ihren Nutzen von der Sache gehabt hätte? Amende sollte nur nachdenken: die Arbeiter lasen die Zeitung, schrieben Briefe und brauchten Briefpapier, der Unternehmer hätte mehrfach inseriert und was dergleichen Dinge mehr wären. Es war keine »Affäre«, kein Skandalpunkt. Nirgends waren übermäßige Gewinne gemacht. Niemand war bestochen worden. Es hatte nur eben niemand ein Interesse daran gehabt, daß das Projekt nicht ausgeführt würde. Die Berliner Firma hätte den Plan ausgearbeitet und unterbreitet. In öffentlicher Stadtverordnetenversammlung wäre die Sache durchberaten und besprochen worden. Jetzt sollte man einmal einen Schuldigen ermitteln! Die Sache lag vier Jahre zurück. Man hatte eben Pech gehabt. Ebensogut hätte der See ja den besten Weidegrund geben können. Tief bekümmert ging Willy nach Hause. Von den verschiedensten Seiten aus betrachtet, war die Angelegenheit niederschmetternd. Geradezu niederschmetternd. Da hatte man gerechnet und gerechnet, Projekte entworfen, drei Jahre gearbeitet, geglaubt, der Allgemeinheit einen großen Wert zuführen zu können, und das Ergebnis war dieser Riesensumpf. Vielleicht war es doch nicht richtig, den Gewinn erjagen zu wollen. Er dachte an den Abschiedsbrief seines Vaters. Vielleicht waren jetzt alle Menschen zu sehr »Macher«. Wo er hinsah, dasselbe rastlose Arbeiten auf den Erfolg hin. Das Konfektionshaus A. E. Seidel, sein Freund Heinz Winkler, der Kaufmann Knabe, der Kolonialwarenhändler Scheffler – alle, alle arbeiteten sie mit dem ganzen Aufgebot ihrer Kräfte, suchten sich zu vergrößern und den Umsatz zu steigern. Wo sich eine Verdienstmöglichkeit zeigte, rannten sie wie die Besessenen hin, und er selbst war nicht anders. Als er die Treppe zur Wohnung hinaufging, leistete er den großen Schwur, stets in allererster Linie das Wohl der Gesamtheit ins Auge zu fassen. Aber den Bericht über die Seekommission mußte man doch vorsichtig halten! Der Dezember kam und brachte noch immer keinen Frost. Wie eine trostlose Mondlandschaft lag die schwarze moorige Fläche da. Die Straßenjungen bekamen heraus, daß man mit Brettern, die man immer weiter vorschob, bis zum Abzugsgraben gelangen konnte. Sie wunderten sich, daß weder die Polizisten Daniel und Geball noch andere Herren, nicht einmal der Herr Bürgermeister sie anschnauzten, wenn sie sich mit ihren Brettern auf dem Morast vergnügten, sondern stehenblieben und sie gar ermunterten. Sie zeigten den einzigen Weg, wie man im nächsten Frühjahr Gras ansähen konnte, um wenigstens zu vermeiden, daß der Modergeruch die ganzen anliegenden Straßen verpestete. Es stand schon jetzt fest, daß dieses Gras natürlich niemals zu gebrauchen sein würde, aber der Blick schweifte dann doch wenigstens über weite grüne Flächen. Wenn man die Wahrheit sagen wollte, so mußte man schon gestehen, daß es unten am See, besonders in der Seestraße, mörderlich stank. Keiner der Anwohner ließ je ein Wort darüber verlautbaren, wenn sie auch alle unter der Hand versuchten, ihre Häuschen zu verkaufen und weiter hinauf in die Stadt zu ziehen. Auch die »Gohlunger Kreiszeitung« berichtete nichts über den Gestank, um die Häuschen nicht vollends zu entwerten, ja einmal erschien sogar eine kurze Notiz, daß der Wert dieser Häuser beträchtlich steigen würde, weil man erwarten durfte, daß wenigstens am Rand des ehemaligen Sees prachtvolles Gartenland zu gewinnen wäre. Amende hatte sich diese Notiz in vielen Kämpfen abgerungen. Der Tischler Tannenberg und der Gemüsehändler Kloß, die dort wohnten, wollten sich mit einigen Inseraten und Druckaufträgen erkenntlich zeigen, aber es wurde ihnen abgewinkt. Willy Amende ging jeden Tag einmal die Wasserstraße hinunter zum See und stand lange an der Stelle, wo er einst Regine über die Möglichkeiten der Mischehe beraten hatte. Wie schön war es früher hier gewesen, wenn das Wasser zwischen den Häuschen und Gartenzäunen hindurchblänkerte. Rechts und links der Wasserstraße lagen auf kleinen Bodenerhöhungen, die sich jedoch kräftig aus der Landschaft heraushoben, Dohnaschlößchen und Schloß und schauten das eine wie eine Trutzburg, das andere in lieblicher Rundheit, weithin über die Fläche bis zu den dunklen Wäldern am Horizont. Jetzt standen sie trostlos am Rand einer Wüste. Es war, als ob der entsetzliche Sumpf seine Schmutzfarbe bis zum Himmel aufwarf, wo die Winterwolken drohend mit hängenden Bäuchen dahinzogen. Willy konnte das Bild nicht loswerden. Vor dem Einschlafen überfiel es ihn jetzt ständig. Er sah dann die ganze Erde durch die Betriebsamkeit der Menschen in einen solchen Sumpf verwandelt, malte sich aus, wie der Morast weiter und weiter fraß, ekles Gewürm darin wimmelte, giftige Dämpfe in schillernden Blasen aus der Tiefe stiegen und zerplatzten. Manchmal sah er in seinen Gedankenphantasien Menschen dort umkommen, ganze Scharen von Menschen, mit den Händen um sich schlagen, angefressen von der sauren Schärfe des Schmutzes und hilflos versinken. Es war wie eine Vision, die ihn jeden Tag von neuem überfiel, obgleich er glaubte, seine Gedanken lenken zu können. Die Unterhaltungen mit Herrn Ambrus und dem Bürgermeister hatten etwas in ihm aufgewühlt, was nur langsam zur Ruhe kommen wollte. Wäre von Unterschlagung, Bestechung und allen Sorten von Korruption die Rede gewesen, hätte es ihn nicht einmal derartig beunruhigt. Aber daß ein solches Resultat heraussprang, wo brave Geschäftsleute nur innerhalb der durchaus erlaubten Grenzen gehandelt und verdient hatten, das erschütterte ihn im Tiefsten, und es dauerte Wochen, bis er sich damit abgefunden hatte. Ganz gewiß war die Arbeitsleistung, die auf den Schultern des jungen Chefs lastete, zu schwer. Immer mehr mußte er durch Schärfe ersetzen, was ihm an Zeit fehlte. Da hatte Fräulein Haase einen Stoß weißer Druckkartons in einer Ecke des Ladens liegen und vergilben lassen. Die Ränder waren braun und wie angesengt. Der Maschinenmeister vergeudete Walzenmasse und beim Stereotypieren unverhältnismäßig viel Blei. Blei war kostbar. Wie, wenn der Mann allmählich Zentner und Zentner davon auf die Seite brachte? Es wäre ein lohnendes Geschäft gewesen. Willy Amende konnte nicht mehr hinten und vorn zugleich sein, aber wenigstens konnte er Stichproben machen und die Leute anranzen, damit sie sich beständig kontrolliert fühlten und Angst hatten. Er litt selber unter seiner Schärfe, aber eine unbestimmte Furcht trieb ihn vorwärts. Wenn das Amtliche Kreisblatt herauskam, las er drei-, viermal Korrektur, um nur ja keinen Druckfehler stehenzulassen. Er fühlte sich dann wie vor einem wichtigen Schulextemporale. Mitten in der Nacht fiel ihm ein, den Verbrauch des Maschinenöls überwachen zu müssen, oder er fragte sich nach dem Verbleib der Stricke, mit denen die ankommenden Papierballen umschnürt waren. Wenn er nicht aufpaßte, konnten Hunderte von Talern einfach versacken, und er mochte sich dann wundern, warum er die Miete nicht herauswirtschaftete, ganz zu schweigen von den viertausend Talern, die für die Schwestern noch aufzubringen waren. Er allein trug die Verantwortung für die ganze Familie und für die Firma Amende, die jetzt bald dreißig Jahre bestand. Wenn er versagte, konnte alles hinstürzen. Wer schützte ihn davor, daß er nicht vielleicht wie die Stadtverwaltung Tausende und Tausende in einen Sumpf warf. Wenn zum Beispiel die Elbinger Zeitung eine Filiale in Gohlungen errichtete und mit ihren größeren Mitteln seine Kreiszeitung an die Wand drückte? Wenn er sich mit dem Landrat überwarf und den Druck des Amtlichen Kreisblatts verlor? Solche Angstgesichte tauchten jetzt ständig vor ihm auf und hetzten ihn weiter. Noch war er lange, lange nicht unangreifbar. In einer Zeit der schonungslosen Wirtschaftsmethoden konnte er noch immer überrannt werden. Er dachte an die Geschichte, wie sein Vater nach Gohlungen gekommen war. Da hatte in der Schmiedestraße die alte Pastorsche Druckerei bestanden. Eines Tages hatten sich einige Gohlunger Bürger mit Herrn Pastor überworfen, hatten an Breitkopf und Härtel in Leipzig nach einem tüchtigen Buchdrucker geschrieben, der Vater war angekommen, sie hatten ihm mit einigen hundert Talern die kleine Druckerei im Eckhaus am Markt eingerichtet, und zwei Jahre darauf konnte Herr Pastor seine Bude schließen und mußte noch froh sein, daß der Vater ihm wenigstens seine Druckpresse und die Schriften abkaufte. Wo mochte Herr Pastor jetzt stecken? Sein Sohn stand vielleicht irgendwo an einem Setzkasten und setzte, bis er alt und grau wurde, indes er, der junge Amende, mit Tausenden rechnete. Das Leben war grausam. Aber vielleicht schrieben in diesem Augenblick schon wieder einige Bürger nach Leipzig. Vielleicht hatten sich einige über seine Haltung bei der Seeangelegenheit geärgert. Wieviel brauchte man, um ihn aus dem Sattel zu heben? Er beruhigte sich damit, daß es nicht mehr so ganz einfach war. Es mußten schon viele Umstände zusammentreffen. Aber manchmal trafen viele Umstände zusammen. Es war nichts vorauszusehen. Die Angestellten trugen die Schärfe und das ewig wache Mißtrauen des jungen Prinzipals mit Geduld. Es ging in anderen Betrieben schließlich nicht anders zu. Das Andenken an den seligen Herrn Amende erlosch allmählich. Von den Lehrlingen war es ausgegangen, dann schlossen sich die Setzer dem Brauch an und schließlich sprachen auch der Faktor und der Maschinenmeister von Willy nicht mehr anders als vom »Alten«. »Der Alte kommt!« hörte Willy einmal rufen, als er rasch in die Setzerei gekommen war. Man vergaß über dem ernsten, immer ein wenig beunruhigten Gesicht seine fünfundzwanzig Jahre. Der Zustand war endgültig geworden. Nun konnte Willy dreißig Jahre lang der »Alte« sein, bis man ihn vielleicht eines Tages aus dem Privatkontor in die Wohnung oben hinauftrug. Aber kurz vor Weihnachten wurde die Stimmung besser. Der Himmel heiterte sich auf. Eine Nacht und einen ganzen Tag lang und wieder eine Nacht war Schnee gefallen, und nun glänzte die Himmelsglocke in azurnem Blau. Das Thermometer zeigte fünf Grad unter Null. Der See lag als weite weiße Fläche, als ob unter dem Schnee die fruchtbarsten Weidegründe schliefen. Das Rollfuhrwerk von Günther hatte eine große Kiste angefahren, bei deren Öffnung der Chef persönlich zugegen war. Hervor kam der aus Leipzig verschriebene Christbaumschmuck. Fräulein Haase stieß lauter Achs und Ohs hervor. Mutter Amende wurde heruntergeholt, um zu bewundern. Da waren silberne und goldene Engel, lange Ketten aus bunten Glaskugeln mit silbernen Fransen dazwischen, goldene Sterne, Kerzenhalter mit neuartigen Scharnieren und endlich Äffchen, Zwerge, Chinesen aus weichhaariger Chenille. Ein Äffchen mit großem Schirm und verschiedene Kartons mit bunten Kugeln, eine große silberne Baumspitze und zwei große leuchtende Sterne nahm Willy zu privatem Gebrauch beiseite. In der Wohnstube sollte diesmal für die Mutter und die aus Königsberg mit ihren Familien erwarteten Schwestern ein besonders schöner Baum ausgeputzt werden, obwohl die Trauer um den Vater noch in allen Winkeln hing. Am nächsten Tag schleppte Pörschke für das Ladenfenster einen kleinen Tannenbaum herbei. Mutter Amende, Willy und Fräulein Haase schmückten ihn gemeinsam. Man stellte ihn auf die rechte Seite ins Fenster. Links von ihm und um seinen Fuß herum ordnete man die schönste Weihnachtsausstellung, die man sich denken konnte. Da gab es Briefkartons mit aufgedruckten Tannenzweigen, Billetts, auf denen in goldener Schrift »Fröhliche Weihnachten!« zu lesen war, Karten mit Engeln und brennenden Christbäumen. Auch einige Bücher lagen da wie auf einem Weihnachtstisch. Das Schönste aber war der ausgestellte Baumschmuck. So etwas hatte man in Gohlungen noch nicht gesehen. Frau Bäckermeister Lagenpusch kam mit ihren beiden Enkeln an der Hand und sah lange zu, und auch die Wirtin des Apothekers Schnepper stellte sich vor dem Fenster auf und suchte die Preise zu entziffern. Am Mittag wurde Pörschke mit einer besonders schönen Karte in die polnische Vorstadt geschickt. »Die Firma Amende beehrt sich, Frau Postvorsteher Ambrus nebst Fräulein Tochter um vier Uhr zur Besichtigung ihrer Weihnachtsausstellung einzuladen.« Unterschrieben war die Einladung von Mutter Ernestine und Willy. Den Herrn Postvorsteher selbst wagte man nicht zu belästigen. Punkt vier, als die Uhr vom Rathausturm die Stunde anzeigte, sah man die Damen Ambrus über den Markt kommen. Frau Ambrus hatte zum Schutz gegen die Kälte ein großes Tuch umgenommen, Paula aber trug ein blaues, pelzbesetztes Kostüm mit einer schwarzen Samtkappe. Sie hatte es im vorigen Jahr zu Weihnachten geschenkt erhalten und in Gohlungen noch nicht getragen. Daß sie es gerade jetzt anzog, war der Gipfelpunkt ihrer Rache an Erich Steinbock. Als sie, von Herrn Amende empfangen, in den Laden eintraten, hatte Fräulein Haase gerade zwei Kantons von den bunten Glaskugeln verkauft und zählte nun ein Dutzend von den neuen Lichthaltern für Frau Amtsrichter Eichholz ab. Das war das Schönste für Paula, daß sie vor der »dummen Pute« in dem Amendeschen Laden so recht vertraut und heimisch tun konnte. Oben durfte sie heute sogar die Spieldose aufziehen. Frau Amende hatte die Walzen mit den Weihnachtsliedern eingelegt. In dünnen, zitternden Blechtönen erklang »Stille Nacht, heilige Nacht«. Paula und Willy standen vor dem Apparat am Spiegel, und es sah fast so aus, als ob sie Arm in Arm dastünden. Mutter Ernestine goß Mutter Jettchen den Kaffee in die Meißener Tasse. »Ach ja, Frau Postvorsteher, man hat schon mit den Kindern was, wenn sie herangewachsen sind.« »Jaja, meine liebe Frau Amende, bis da alles im Lot ist, wie man es haben möchte!« Mutter Ambrus dachte an Richard und Regine. Wenn doch nur mit Paula alles schön glatt ginge! Sie dachte, daß der junge Herr Willy ein netter Mensch zu sein schien. Die Spieldose spielte jetzt »O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!«