Dmitri Mereschkowski Leonardo da Vinci Historischer Roman Erstes Buch Die weiße Teufelin I. Zu Florenz, neben der Kirche Or San Michele, befanden sich die Warenlager der Färberinnung. Unförmige Anbauten und Speicher und schiefe, von schrägen Holzbalken gestützte Erker klebten an den Häusern und ihre Ziegeldächer kamen oben einander so nahe, daß vom Himmel nur ein schmaler Spalt zu sehen war und daß die Gasse, selbst am Tage, im Finstern lag. Über den Ladentüren hingen Muster ausländischer in Florenz gefärbter Wolle. Mitten durch die Straße lief ein mit Steinplatten belegter Graben und darin flossen bunte Wässer, die aus den Färberbottichen kamen. Über den Türen der Hauptniederlagen – Fondachi – waren Wappenschilder des Kalimala, Wahrzeichen der Färberinnung, angebracht: goldene Adler über runden weißen Wolleballen auf rotem Grunde. In einem der Fondachi saß, von Schriftstücken und dicken Geschäftsbüchern umgeben, der reiche florentiner Kaufherr und Konsul der edlen Kunst Kalimalas – Messer Cipriano Buonaccorsi. Den Alten fröstelte im kalten Licht des Märztages und in dem feuchten Hauch, der den vollgestopften Warenkellern entströmte; er hüllte sich in seinen abgewetzten Pelz aus Eichhornfellen, der an den Ellenbogen durchlöchert war. Eine Gänsefeder steckte hinter seinem Ohr, und er studierte mit seinen schwachen und kurzsichtigen, aber doch alles sehenden Augen, anscheinend nachlässig, in der Tat aber höchst aufmerksam die Pergamentblätter eines großen Geschäftsbuches. Die Seiten des Buches waren durch wagrechte und senkrechte Linien geteilt; rechts stand »Soll«, links – »Haben«. Die Eintragungen waren mit einer gleichmäßigen runden Handschrift gemacht, und zwar ohne Majuskeln, Punkte und Kommas; die Zahlen waren in römischen Ziffern geschrieben, denn die arabischen galten als eine leichtsinnige und für den Geschäftsverkehr unpassende Mode. Auf dem ersten Blatt stand in großer Schrift: »Im Namen unseres Herrn Jesu Christi und der heiligen Jungfrau Maria wurde dieses Kontobuch im Jahre eintausendvierhundertvierundneunzig nach der Geburt des Heilands angelegt.« Als Messer Cipriano mit der Durchsicht der letzten Eintragungen fertig war und einen Fehler in der Aufstellung der als Pfand übernommenen Wollwaren und Posten von Pfefferschoten, Mekka-Ingwer und Zimt entdeckt und berichtigt hatte, lehnte er sich müde in seinen Sessel zurück und begann sich im Kopfe einen Geschäftsbrief zurechtzulegen, den er nach Montpellier in Frankreich, wo jetzt eine Tuchmesse stattfand, an seinen Hauptkommis schreiben mußte. Jemand trat in den Laden. Der Alte blickte auf und erkannte den Landwirt Grillo, der das Ackerland und die Weinberge auf seiner Villa San Gervasio im Tale von Munione in Pacht hatte. Grillo verbeugte sich. In den Händen hatte er einen Korb mit Eiern, die sorgfältig in Stroh gepackt waren, und an seinem Gürtel baumelten zwei lebende junge Hähnchen mit zusammengebundenen Beinen. »So, du bist es, Grillo!« sagte Buonaccorsi, der im Verkehr mit Großen und Geringen immer die gleiche Freundlichkeit zeigte. »Wie geht es? Ich glaube, das Frühjahr wird nicht übel?« »Für so alte Männer, wie wir es sind, Messer Cipriano, hat auch das Frühjahr wenig Reiz: denn die Knochen schmerzen und sehnen sich nach dem Grabe.« – Nach einer Pause fuhr er fort: »Da bringe ich Ew. Gnaden zum heiligen Osterfeste Eier und auch ein paar Hähnchen.« Grillo zwinkerte schlau und höflich mit seinen grünlichen Augen, wobei sich in seinem Gesicht feine braune Runzeln bildeten, die allen Leuten, die viel in Sonne und Wind arbeiten, eigen sind. Buonaccorsi bedankte sich und erkundigte sich beim Alten nach seinen Geschäften. »Nun, wie steht es mit den Arbeiten auf dem Landgute? Werden wir noch vor Ostern fertig?« Grillo holte tief Atem und blieb auf seinen Stock gestützt eine Weile nachdenklich stehen. »Alles ist bereit und wir haben genügend Arbeiter. Ich will mir aber, Messere, die Frage erlauben: sollen wir nicht lieber abwarten?« »Du hast ja neulich selbst gesagt, daß wir es nicht hinausschieben sollen, sonst könnte ja jemand von der Sache Wind bekommen.« »Es stimmt. Und doch fürchte ich mich. Es ist ja ein sündhaftes Werk, das wir vorhaben, und in diesen heiligen Fastentagen....« »Die Sünde will ich auf mich nehmen, habe nur keine Angst, ich verrate dich nicht. – Werden wir auch wirklich etwas finden?« »Gewiß! Dafür haben wir untrügliche Anzeichen. Unsere Väter und Großväter kannten schon jenen Hügel hinter der Mühle am »Nassen Hohlweg«. Nachts wimmelt es über San Giovanni von Irrlichtern. Wir haben übergenug von solchem Teufelszeug im Lande. Man erzählt, sie hätten neulich im Lehm einen ganzen Teufel gefunden, als sie einen Brunnen auf dem Weinberge von Maringiole gruben.« »Was sagst du da? Was für einen Teufel?« »Einen kupfernen mit Hörnern. Er hatte behaarte Beine mit Hufen, wie so ein Ziegenbock. Die Schnauze war recht lustig und er lachte. Er tanzte auf einem Bein und schnalzte mit den Fingern dazu. Von Alter war er ganz grün und wie mit Moos bewachsen.« »Was machte man mit ihm?« »Man goß ihn zu einer Glocke für die Erzengel Michael-Kapelle um.« Messer Cipriano geriet fast außer sich vor Zorn. »Warum hast du es mir nicht schon früher erzählt, Grillo?« »Ihr wart ja auf einer Geschäftsreise in Siena.« »Du konntest mir ja darüber schreiben. Ich hätte jemand schicken können; ich wäre auch selbst gekommen, hätte keine Kosten gescheut. Sie hätten von mir dort zehn Glocken gekriegt. Die Narren! Aus einem tanzenden Faun, vielleicht aus dem Werke des alten griechischen Bildhauers Skopas eine Glocke zu gießen!« »Es sind auch wirklich Narren. Zürnet nur nicht, Messer Cipriano. Sie sind auch schon so bestraft: seit die neue Glocke hängt – es sind schon zwei Jahre – fressen Würmer ihre Äpfel und Kirschen und auch die Oliven gedeihen schlecht. Der Ton der Glocke ist, übrigens, auch nicht gut.« »Wieso?« »Das ist schwer zu sagen. Die Glocke hat eben nicht den richtigen Ton, sie erfreut das Christenherz nicht. Es ist ein ganz sinnloses Gebimmel. Die Sache ist ja klar: wie kann aus einem Teufel eine ordentliche Glocke werden? Mit Verlaub zu sagen, Messere: der Pfarrer hat vielleicht auch recht, wenn er sagt, daß von dem ganzen Teufelszeug, das man aus der Erde gräbt, nichts Gutes kommt. Die Sache muß man auch mit der größten Vorsicht in die Hand nehmen. Man muß sich zu solchen Arbeiten mit Kreuz und Gebet bewaffnen, denn der Böse ist stark und schlau: der Hundesohn kriecht einem in ein Ohr hinein und aus dem andern wieder hinaus! Auch mit der Marmorhand, die Sacello im vorigen Jahr im Mühlenhügel fand, haben wir wenig Freude erlebt; – sie hat uns so viel Pech gebracht, daß ich davon lieber gar nicht spreche...« »Erzähle mir, Grillo, wie hast du die Hand gefunden?« »Es war im Herbst, vor dem Martinstag. Wir waren gerade beim Nachtmahl und die Hausfrau hatte eben den Brotbrei auf den Tisch gesetzt, als plötzlich der Arbeiter Sacello, ein Neffe meines Gevatters, in die Stube gestürzt kam. Ich muß eben bemerken, daß ich ihn an diesem Abend auf dem Felde neben dem Mühlenhügel zurückgelassen hatte, damit er einen alten Olivenstamm aus der Erde reiße, denn ich wollte auf jener Stelle Hanf bauen. Dieser Sacello stammelt: »Herr, Herr!« wobei seine Zähne klappern und er am ganzen Leibe zittert. »Gott mit dir, Junge!« – »Auf dem Felde,« sagt er, »ist es nicht geheuer: ein Toter sitzt unter dem Olivenstamm. Wenn Ihr es nicht glaubt, so kommt mit, Ihr werdet ihn schon sehen.« Wir nahmen unsere Laternen und gingen mit. Es war ganz dunkel geworden und hinter dem Gehölz ging der Mond auf. Wir kamen also zum Baumstamm und sahen, daß die Erde aufgewühlt war und daß im Loche etwas schimmerte. Ich beugte mich zu dem Loch und sah eine weiße Hand mit schönen feinen Fingern, wie sie die Stadtfräulein haben. »Daß dich der Teufel!« denke ich mir, »was ist das wieder für ein Zauber?« Wie ich nun meine Laterne in die Grube senke, um besser sehen zu können, beginnt die Hand sich zu bewegen und zu winken. Das war mir zu viel, ich schrie auf und fiel beinahe hin. Da sagte aber die Großmutter Monna Bonda, die bei uns als Wahrsagerin und auch als Hebamme geschätzt wird (sie ist zwar sehr alt, doch recht rüstig): »Worüber erschreckt ihr, Dummköpfe? Seht ihr denn nicht, daß die Hand weder lebendig, noch tot, sondern aus Stein ist?« Sie faßte die Hand kräftig an und zog sie aus der Erde wie man eine Rübe herauszieht. Sie war über dem Handgelenk abgebrochen. »Großmutter,« sagte ich, »Großmutter, laß es sein, rühr sie nicht an, wir wollen sie wieder in die Erde vergraben, sonst gibt es ein Unglück.« – »Nein,« sagte sie, »so macht man es nicht. Man trägt sie zunächst in die Kirche zum Pfarrer, damit er aus ihr den Teufel austreibe.« Die Alte hat mich betrogen: sie trug die Hand gar nicht zum Pfarrer, sie versteckte sie in ihre Truhe, wo sie ihre Lumpen, Salben, Kräuter, Amulette und ähnliches Zeug aufbewahrt. Ich schimpfte, sie solle die Hand wieder hergeben, die Alte wollte aber nicht. Und seit jener Zeit führte Monna Bonda viele wunderbare Heilungen aus. Wenn z. B. jemand Zahnweh hatte, so berührte sie mit jener Heidenhand die Backe und die Geschwulst war gleich weg. Sie heilte auch Fieber, Leibschmerzen und Fallsucht. Und wenn eine Kuh kalben sollte und sich quälte, so legte die Großmutter der Kuh die Marmorhand auf den Bauch und da lag schon gleich das Kalb im Stroh. Die Sache wurde in der ganzen Gegend viel besprochen. Die Alte verdiente ein schönes Geld. Nur gedieh es schlecht. Der Pfarrer – Pater Faustino, machte mir die Hölle heiß: so oft ich in die Kirche kam, überschüttete er mich vor der ganzen Gemeinde mit Vorwürfen, er nannte mich einen Sohn der Verderbnis, einen Teufelsknecht, er drohte mich beim Bischof zu verklagen und mir das heilige Abendmahl zu verweigern. Die Gassenjungen liefen mir überall nach, sie zeigten auf mich mit den Fingern und spotteten: »Da ist Grillo, er ist ein Zauberer und seine Großmutter ist eine Hexe, beide haben ihre Seele dem Teufel verschrieben.« Ihr könnt es mir glauben, oder nicht: selbst nachts fand ich keine Ruhe: immer sah ich die Marmorhand vor mir, sie näherte sich mir langsam, berührte gleichsam liebkosend mit ihren langen kalten Fingern meinen Hals und plötzlich packte sie mich bei der Gurgel und würgte mich. Ich wollte schreien und konnte nicht. Da sagte ich mir: das ist kein Spaß mehr. Ich stand also einmal vor Sonnenaufgang auf, als die Alte gerade auf den Wiesen ihre Kräuter sammelte, und brach das Schloß an ihrer Truhe auf. Ich nahm die Hand heraus und brachte sie Euch. Der Trödler Lotti bot mir zwar zehn Soldi; Ihr gabt mir aber nur acht. Aber für Ew. Gnaden opfere ich nicht nur die zwei Soldi, sondern auch mein Leben – der Herr schenke Euch Glück und auch der Madonna Angelika und Euern Kindern und Enkelchen.« »Nach alledem, was du da erzählst, werden wir auf dem Mühlenhügel sicher etwas finden, Grillo,« sagte Messer Cipriano etwas nachdenklich. »Finden werden wir schon,« sagte der Alte und atmete wieder tief auf. »Daß nur Pater Faustino nicht wieder Wind bekommt. Erfährt er etwas, so wäscht er mir den Kopf so gründlich und ohne Seife, daß ich genug habe und auch Euch wird er schaden: er wird das Volk aufwiegeln und so die Arbeiter abspenstig machen. Aber Gott ist ja gnädig. Doch ich bitte Euch: bleibt mir ein gütiger Wohltäter und legt beim Richter ein Wörtchen für mich ein.« »Betrifft es das Grundstück, das dir der Müller wegprozessieren will?« »Ja, Messere«. Der Müller ist habgierig und ein Schuft. Er weiß, wo der Teufel seinen Schwanz hat. Ich habe nämlich dem Richter ein Kalb geschenkt, darauf schickte ihm der Müller eine trächtige junge Kuh und nun kalbte diese während des Prozesses. Der Schelm hat mich übertrumpft. Jetzt fürchte ich, daß er den Prozeß gewinnt, denn die Kuh warf ein Stierkalb. Nehmt mich in Schutz, Wohltäter! Ich gebe mich ja nur Ew. Gnaden zu Liebe mit dem Mühlenhügel ab, – für niemand andern würde ich diese Sünde auf mich nehmen...« »Beruhige dich, Grillo. Ich stehe mit dem Richter sehr gut und will für dich eintreten. Jetzt geh aber. In der Küche bekommst du zu essen und zu trinken. Heute nacht fahren wir nach San Gervasio.« Grillo bedankte sich mit einem tiefen Bückling und ging. Messer Cipriano zog sich in sein kleines Arbeitszimmer am Laden zurück, das niemand betreten durfte. Wie in einem Museum hingen und standen da allerlei Bronzen und Marmorbildwerke umher. Auf mit Tuch belegten Tafeln prangten alte Münzen und Medaillen. Mehrere Kisten waren mit noch unsortierten Bruchstücken von Statuen angefüllt. Durch Vermittlung seiner zahlreichen Handelsvertreter ließ er sich Antiquitäten von überall, wo solche nur aufzutreiben waren, kommen: aus Athen, Smyrna und Halikarnassos, aus Cypern, Leukosia und Rhodos, aus dem Innern Ägyptens und Kleinasiens. Der Konsul Kalimalas betrachtete eine Zeitlang seine Schätze und vertiefte sich dann wieder in ernste Gedanken über den neuen Einfuhrzoll auf Wolle, und als er über diese Frage reiflich nachgedacht hatte, machte er sich an den Brief an seinen Hauptkommis in Montpellier. II. In der gleichen Zeit plauderten drei junge Männer: Doffo, Antonio und Giovanni hinten im Warenlager, bei den bis zur Decke aufgestapelten Wolleballen, die auch bei Tage nur von einem vor dem Madonnenbilde flackernden Lämpchen beleuchtet waren. Doffo, ein Kommis des Hauses, war rothaarig, hatte eine Stumpfnase und einen gutmütigen und heiteren Gesichtsausdruck; er trug die Ellenzahl des gemessenen Tuches in ein Lagerbuch ein. Antonio da Vinci, ein greisenhaft aussehender Jüngling mit den gläsernen Augen eines Fisches und ungefügigen struppigen Büscheln spärlichen schwarzen Haares, maß das Tuch sehr geschickt mit dem florentiner Maß – Canna. Giovanni Beltraffio, ein aus Mailand zugereister neunzehnjähriger schüchterner Kunstschüler mit großen unschuldigen traurigen grauen Augen, saß mit übergeschlagenen Beinen auf einem fertigen Warenballen und hörte aufmerksam zu. »So weit sind wir jetzt,« sagte Antonio leise und boshaft: »daß wir heidnische Götzen aus der Erde graben! – Zweiunddreißig Ellen, sechs Spannen acht Oncien rauher brauner schottischer Wolle,« fuhr er fort, sich an Doffo wendend. Dieser machte die entsprechende Eintragung in sein Buch. Antonio rollte das abgemessene Stück wieder auf und schmiß es aufgeregt, aber geschickt gerade zu jenem Haufen, wo es hingehörte. Darauf hob er den Zeigefinger und sagte mit prophetischem Ton, den Frater Girolamo Savonarola imitierend: »Gladius Dei super terram cito et velociter! Der heilige Johannes hatte auf Patmos ein Gesicht: Der Engel ergriff den Teufel – den Drachen der Urzeiten – und legte ihn auf tausend Jahre in Ketten. Er stürzte ihn in den Abgrund, versperrte ihn da und versiegelte die Tore, damit er die Völker nicht ärgere, so lange nicht tausend Jahre und eine Zeit und eine halbe Zeit erfüllt wären. Jetzt kommt der Satan aus seinem Gefängnis. Die tausend Jahre sind um. Aus der Erde, die der Engel versiegelt hatte, kommen die falschen Götter, die Vorläufer und Knechte des Satans, um die Völker zu ärgern, wehe denen, die auf der Erde und auf dem Meere wohnen!« »Siebzehn Ellen, vier Spannen neun Oncien glatte gelbe brabanter Wolle.« »Ihr glaubt also,« sagte Giovanni mit dem Ausdrucke ängstlicher und gieriger Neugierde: »daß alle diese Dinge Zeichen sind?« »Ja, gewiß. So ist es. Wachet! Die Zeit naht. Man begnügt sich nicht mehr damit, alte Götter herauszugraben, man macht auch neue nach dem Vorbild der alten. Die Bildhauer und Maler dienen heute dem Moloch, d. h. dem Teufel. Aus der Kirche des Herrn macht man einen Tempel für den Satan. Man malt unter der Maske von Märtyrern und Heiligen unsaubere Götter und betet sie an: als Johannes den Täufer malen sie den Bacchus, als die heilige Jungfrau – die Hure Venus. Solche Bilder sollte man verbrennen und die Asche in alle Winde streuen!« In den trüben Augen des frommen Kommis brannte jetzt ein drohendes Feuer. Giovanni schwieg. Er wagte nicht zu widersprechen und zog mit kraftloser Gebärde seine dünnen kindlichen Brauen zusammen. »Antonio,« sagte er nach einer Weile: »es wurde mir gesagt, daß Euer Vetter Messer Leonardo da Vinci zuweilen Schüler in seine Werkstatt aufnehme. Ich habe längst die Absicht...« »Wenn du deine Seele durchaus verderben willst,« unterbrach ihn Antonio zornig: »so geh nur zum Messer Leonardo.« »Wieso denn?« »Er ist zwar mein Vetter und auch um zwanzig Jahre älter als ich, doch es steht geschrieben: vom Ketzer mußt du dich nach dem ersten und zweiten Bekehrungsversuch abwenden. Messer Leonardo ist ein gottloser Ketzer. Sein Geist ist vom satanischen Hochmut verfinstert. Er wähnt mit Hilfe der Mathematik und der schwarzen Magie in die Geheimnisse der Natur eindringen zu können...« Er hob seine Augen zum Himmel und zitierte folgende Stelle aus der letzten Predigt Savonarolas: »Die Weisheit dieser Zeit ist Wahnsinn vor dem Herrn. Wir kennen diese Weisen: sie gehen alle in die Wohnung des Satans!« »Habt Ihr schon gehört, Antonio,« fuhr Giovanni noch mehr eingeschüchtert fort: »daß Messer Leonardo sich jetzt in Florenz aufhält? Er ist soeben aus Mailand hergekommen.« »Wozu?« »Der Herzog hat ihn hergeschickt, damit er sich umsieht, ob er nicht einige Bilder aus dem Nachlasse Lorenzo des Prächtigen kaufen könne.« »Ist er hier, so ist er eben hier. Mich geht's ja weiter nichts an!« unterbrach ihn Antonio und maß nun mit doppeltem Eifer das Tuch mit der Canna. In den Kirchen läutete man zur Vesper. Doffo reckte sich und schlug vergnügt sein Buch zu. Es war Feierabend und man schloß die Läden. Giovanni trat auf die Straße. Zwischen den nassen Dächern war ein grauer Himmel mit einem kaum merklichen rötlichen Schimmer des Abendrots zu sehen. Ein feiner Regen fiel durch die windstille Luft. Aus einem offenen Fenster der Nebengasse erklang plötzlich das Lied: »O vaghe montanine e pastorelle« »Der Berge Jungfrau'n, holde Schäferinnen ...« Die Stimme war jung und schön. Giovanni schloß nach dem das Lied begleitenden Schnurren und Klopfen, daß die Sängerin an einem Webstuhl sitze. Er hörte eine Weile hingerissen zu und da fiel ihm ein, daß nun Frühling sei und sein Herz bebte in grundloser Trauer und Rührung. »Nanna! Nanna! Wo bist du, Teufelsdirne? Bist du taub? Komm zum Nachtmahl! Die Nudeln werden kalt.« Er hörte noch eilige Schritte von Holzschuhen – Joccoli – über die Fliesen und dann wurde es wieder still. Giovanni stand noch lange da und starrte zum leeren Fenster hinauf. Durch sein Herz zog eine Frühlingsweise, wie das Spiel einer fernen Schalmei: »O vaghe montanine e pastorelle! ...« Dann seufzte er leise auf und trat in das Haus des Konsuls. Er stieg eine steile Holztreppe mit morschem wurmzerfressenem Geländer hinauf und gelangte in einen großen Raum, der als Bibliothek diente und in dem der Hofhistoriograph des Mailänder Herzogs – Giorgio Merula über einem Schreibpult gebeugt saß. III. Merula kam nach Florenz im Auftrage seines Herrn, um seltene Werke aus der Bibliothek Lorenzo des Prächtigen anzukaufen. Er kehrte wie immer bei seinem Freunde Messer Cipriano Buonaccorsi, der gleich ihm großer Liebhaber von Altertümern war, ein. Der gelehrte Geschichtsschreiber lernte Beltraffio auf der Reise aus Mailand zufällig in einem Gasthause kennen und brachte ihn ins Haus des Cipriano, da er, Merula, einen geschickten Schreiber brauchte. Giovanni hatte aber eine schöne und deutliche Schrift. Als Giovanni ins Zimmer trat, war Merula mit einem alten zerfetzten Buch beschäftigt, das wie ein Brevier oder Psalter aussah. Er strich vorsichtig mit einem nassen Schwamm über das zarte Pergament, das aus der Haut eines totgeborenen irischen Lammes gefertigt war; einzelne Zeilen bearbeitete er mit Bimsstein, glättete sie mit Messer und Falzbein und betrachtete dann die Blätter gegen das Licht. Er murmelte gerührt und aufgeregt: »Ihr Lieben, Armen ... kommt doch ans Licht ... Wie lang ihr doch seid und wie schön!« Er schnalzte mit den Fingern und hob seinen kleinen kahlen Kopf. Sein Gesicht war aufgedunsen und von weichen beweglichen Falten durchfurcht, seine Nase blaurot, seine Augen klein, bleigrau, doch voller Leben und überschäumender Freude. Auf der Fensterbank vor ihm stand ein Tonkrug und ein Becher. Der Gelehrte schenkte sich Wein ein, trank aus, räusperte sich und wollte gerade wieder sein Buch vornehmen, als er Giovanni gewahrte. »Grüß Gott, Mönchlein!« begrüßte ihn der Alte scherzend: er nannte Giovanni so seiner Bescheidenheit wegen. – »Ich habe mich nach dir wirklich gesehnt. Wo der sich nur herumtreibt? – Ich dachte mir: Hat er sich vielleicht gar verliebt? Denn in Florenz gibt es nette Mädchen, man kann sich schon wirklich in eine verlieben. – Auch ich habe hier meine Zeit nicht vergeudet. Du hast wohl noch nie ein so spaßhaftes Ding gesehen. Soll ich es dir zeigen? Oder lieber nicht: am Ende erzählst du es noch herum. Ich habe das Ding bei einem jüdischen Trödler unter allem möglichen alten Zeug entdeckt und um wenige Groschen gekauft. Nun, es sei: ich will es dir zeigen. Sonst aber niemand.« Er winkte ihm näher heran. »Komm näher ans Licht!« Er zeigte ihm ein Blatt, das eng mit eckiger Kirchenschrift beschrieben war. Es waren Hymnen, Gebete und Psalmen mit großen plumpen Noten. Dann schlug er das Buch auf einer anderen Stelle auf, hob es zum Licht vor Giovannis Augen – und da sah dieser unter den wegradierten Zeilen andere fast unsichtbare Schriftzeichen hervorschimmern; es waren eigentlich keine Schriftzeichen, vielmehr vertiefte blasse und zarte Gespenster längst entschwundener Buchstaben. »Siehst du es jetzt?« fragte Merula triumphierend. »Da sind sie nun alle wieder da. Ich sagte dir ja, Mönchlein, daß es ein spaßhaftes Ding ist!« »Was ist es denn? Woher?« fragte Giovanni. »Ich weiß es noch selbst nicht. Ich glaube, es sind Bruchstücke der alten Anthologie. Vielleicht sind es auch neue, der Welt unbekannte Schätze der hellenischen Muse. Wäre ich nicht gekommen, so hätten sie nie das Licht der Welt erblickt. Sie blieben dann für alle Ewigkeit unter diesen Hymnen und Bußpsalmen begraben...« Merula erzählte, daß manche Mönche, die im Mittelalter Bücher schrieben, von alten wertvollen Pergamenthandschriften die heidnischen Zeilen wegradierten um sie neu zu beschreiben. Die Sonne vermochte nicht den grauen Regenschleier zu zerreißen; sie schimmerte aber durch und füllte das Zimmer mit einem rötlichen, langsam verglimmenden Schein. Bei diesem Licht traten die Schatten der alten Schriftzeichen deutlicher hervor. »Siehst du, siehst du: die Toten stehen auf!« sagte Merula voller Entzücken: »Ich glaube, es ist eine Hymne an die Olympier. Schau nur her, die Anfangszeilen kann man jetzt deutlich entziffern.« Er übersetzte aus dem Griechischen: Ehre dir, prächtig mit Reben geschmückter, lieblicher Bacchus! Ehre dir, Phöbos mit fliegenden Pfeilen aus silbernem Bogen, Prächtig gelockter Mörder der Kinder Niobes ... »Und das hier ist ein Lobgesang auf Venus, vor der du solche Angst hast, Mönchlein! Ich kann es nur schwer entziffern: Ehre dir, Venus, du Mutter mit goldenen Füßen, Freude der Götter und Menschen ... Der Vers brach ab und verschwand unter der Kirchenschrift. Giovanni ließ das Buch sinken; die Schriftzeichen verblaßten, die Vertiefungen verschwanden, die Schatten wurden unsichtbar. Man sah nur noch die fetten schwarzen Buchstaben des Klosterbreviers und die großen hakenförmigen plumpen Noten des Bußpsalmes: »Erhöre, Gott, mein Gebet, vernimm mein Flehen und neige mir Dein Ohr! Ich stöhne in meinem Elend und meine Seele ist bange. Mein Herz bebt in mir und alle Schrecken des Todes bedrängen mich.« Der rötliche Lichtschein verglomm und im Zimmer wurde es dunkel. Merula schenkte sich wieder Wein ein, trank aus und bot auch Giovanni einen Becher an. »Da, trinke für mein Wohl! Vinum super omnia bonum diligamus!« Giovanni lehnte ab. »Also nicht. So trinke ich für dich. – Warum bist du heute so langweilig, Mönchlein? Wie ein begossener Pudel. Hat dir vielleicht wieder der scheinheilige Antonio mit seinen Prophezeiungen Angst eingejagt? Spuck doch drauf! Warum krächzen diese verdammten Heuchler wie die Raben? Gestehe nur, hast du wieder mit Antonio gesprochen?« »Ja.« »Worüber denn?« »Über den Antichrist und Messer Leonardo da Vinci...« »So, so! Ich glaube, du denkst jetzt nur an den Leonardo. Hat er dich denn behext? Hör' einmal, schlage dir diesen Unsinn aus dem Kopf. Bleibe mein Sekretär: du hast dann rasch deinen Weg gemacht; du sollst bei mir Latein lernen, ich werde aus dir einen Juristen, Redner oder Hofdichter machen, – du wirst Reichtum und Ruhm erlangen. Was taugt denn deine Malerei? Der Philosoph Seneca nannte die Malerei ein Handwerk, das eines Freien unwürdig sei. Schau dir nur die Maler an: es sind lauter ungebildete, rohe Menschen....« »Ich hörte sagen,« versetzte Giovanni »Messer Leonardo sei ein großer Gelehrter.« »Ein Gelehrter? Warum nicht gar! Er kann ja nicht einmal lateinisch lesen, er verwechselt Cicero mit Quintilian und hat vom Griechischen keinen blauen Dunst. Das will ein Gelehrter sein? Daß ich nicht lache!« »Man sagt,« versetzte Giovanni beharrlich, »er erfinde wunderbare Maschinen. Seine Beobachtungen der Natur sollen ....« »Ach, Maschinen, Beobachtungen .... Damit kann man nicht weit kommen. In meinen »Schönheiten der lateinischen Sprache« sind mehr als zweitausend elegante Redewendungen angeführt. Hast du eine Ahnung, was das für Arbeit machte? Wenn aber einer nur Räderchen zusammensetzt und beobachtet, wie die Vögel fliegen und wie das Gras wächst, – so ist es keine Wissenschaft, sondern leerer Zeitvertreib und Kinderspiel.« Der Alte machte eine Pause. Sein Gesicht wurde ernst. Er ergriff Giovannis Hand und sprach mit feierlichem Ernst: »Höre mir zu, Giovanni, und merke es dir. Unsere Lehrer sind – die alten Griechen und Römer. Sie haben alles vollbracht, was der Mensch auf dieser Erde nur vollbringen kann. Wir müssen ihnen folgen und bestrebt sein, ihnen alles nachzumachen. Denn es steht geschrieben: der Schüler stehe nicht höher als sein Lehrer.« Er nahm einen Schluck Wein. Dann warf er Giovanni einen lustigen schlauen Blick zu und die weichen Falten in seinem Gesicht schwammen plötzlich zu einem breiten Lächeln auseinander. »Ja ja, die Jugend! Wenn ich dich so anschaue, Mönchlein, werde ich neidisch. Eine Frühlingsknospe bist du! Du trinkst keinen Wein, gehst den Weibern aus dem Wege, bist still und schüchtern. Und doch sitzt in dir ein Teufel. Ich habe dich ja durchschaut. Warte nur, Lieber: der Teufel wird noch einmal ausbrechen. Du bist so langweilig und doch unterhält man sich so gut mit dir. Du bist wie dieses Buch, Giovanni: auf der Oberfläche sind es Bußpsalmen, und darunter – eine Hymne an Aphrodite.« »Es wird dunkel, Messer Giorgio. Soll ich nicht Licht machen?« »Warte ein wenig. Ich liebe es, in der Dämmerung zu sitzen, zu plaudern und an meine Jugend zu denken ....« Seine Zunge wurde schwer, seine Rede verworren. »Ich weiß es ja, lieber Freund,« fuhr er fort, »was du dir jetzt denkst: der alte Kerl ist besoffen und redet Unsinn. Aber da fehlt es bei mir auch nicht!« Mit diesen Worten tippte er sich auf die kahle Stirne. »Ich prahle nicht gern, frage aber jeden Scholaren, ob schon jemand den Merula in der Eleganz seiner lateinischen Sprache übertroffen hat. Und wer hat den Martial entdeckt? Wer hat die berühmte Inschrift auf den Ruinen des Tiburtinischen Tores entziffert? Ich bin manchmal so hoch geklettert, daß mir ganz schwindlig wurde; Steine rissen unter meinen Füßen los und stürzten hinab und ich mußte mich oft an irgend einen Strauch klammern, um nicht selbst hinabzustürzen. So saß ich ganze Tage in der glühenden Sonnenhitze, quälte mich mit alten Inschriften ab und schrieb sie mir auf. Junge Bauernmädchen, die vorbeigingen, lachten mich aus und sprachen: »Schaut nur her, was da für eine Wachtel sitzt. Wie hoch der Narr geklettert ist! Der sucht wohl nach einem vergrabenen Schatz.« Ich schäckerte ein wenig mit den Mädchen und machte mich wieder an die Arbeit. Und unter dem Geröll, unter Efeu und Dornen entdeckte ich die zwei Worte: »Gloria Romanorum.« Er schien diesen längst vergessenen großen Worten zu lauschen und wiederholte sie dumpf und feierlich: »Gloria Romanorum! Die Größe Roms!« »Ach ja, was helfen alle diese Erinnerungen, das Alte kehrt doch nie zurück.« Er machte eine abwehrende Handbewegung, hob sein Glas und sang mit heiserer Stimme den Tischgesang der Scholaren: Brüder, wenn ich nüchtern bin, Dicht' ich keine Zeile, Nur im Wirtshaus lebe ich Und ich sterb' am Fasse. Weine lieb' ich und Gesang Und die holden Grazien; Bin ich trunken, singe ich Süßer als Horatius. Bebt mein Herz im wilden Rausch – Dum vinum potamus – Lobet Bacchus immerfort: Te deum laudamus! Er hustete und kam nicht weiter. Inzwischen war es ganz finster geworden. Giovanni konnte Merulas Gesicht kaum noch unterscheiden. Der Regen wurde stärker, man hörte das Wasser aus der Rinne in die Pfützen fallen. »So ist es, Mönchlein!« lallte Merula: »Worüber sprach ich noch? Ich habe eine wunderschöne Frau ... Nein, es war etwas anderes. Warte. Ja, ja ... Kennst du den Vers: Tu regere imperio populos, Romane, memento! Römer, gedenke, du mußt die Völker der Erde beherrschen! »Ja, sie waren Riesen, Herrscher des Weltalls!« Seine Stimme zitterte und Giovanni glaubte, in Merulas Augen Tränen zu sehen. »Ja, sie waren Riesen! Und heute ist es eine Schande ... Schau dir nur unseren Herzog Lodovico Moro von Mailand an. Ich werde ja von ihm bezahlt, schreibe wie so ein Titus Livius die Geschichte seiner Taten, ich vergleiche diesen feigen Hasen und Emporkömmling mit Cäsar und Pompejus. Aber in meinem Herzen, Giovanni, in meinem Herzen ...« Er schielte wie ein alter Höfling zur Türe, ob nicht jemand horche, und flüsterte seinem jungen Freunde ins Ohr: »Im Herzen des alten Merula glimmt immer die Liebe zur Freiheit und sie wird darin nie erlöschen. Erzähle es nur niemand. Die Zeiten sind schlecht wie noch nie. Was da für Menschen sind, es ekelt mich sie anzusehen: es sind Zwerge, Unrat. Und dabei tragen sie die Nase hoch und wollen es den Alten nachmachen! Worin sind sie, glaubst du, groß? Worüber freuen sie sich? Da schreibt mir ein Freund aus Griechenland: neulich fanden die Wäscherinnen eines Klosters auf der Insel Chios, als sie beim Tagesanbruch zum Meere kamen, auf dem Strande einen echten alten Gott liegen, einen Triton mit Fischschwanz, Schuppen und Flossen. Die dummen Weiber erschraken, sie glaubten anfangs, es sei der Teufel. Dann sahen sie, daß er alt und schwach und wohl auch krank sei, daß ihn friere und daß er seinen mit grünen Schuppen bedeckten Rücken in der Sonne wärme, sein Haar war grau und seine Augen trüb wie die eines Neugeborenen. Die verfluchten Weiber bekamen plötzlich Mut, sie fielen über ihn mit ihren Waschhölzern her, und sangen dabei ihre christlichen Gebete. Und so schlugen sie ihn tot wie einen Hund, den alten Gott, den letzten der mächtigen Götter des Ozeans, vielleicht einen Enkel Poseidons!« Der Alte schwieg und ließ seinen Kopf sinken. Zwei Tränen des Mitleids um das erschlagene Meerwunder rollten über seine Wangen. Ein Diener brachte Licht und schloß die Laden. Die Schatten des Heidentums entschwebten. Es war die Stunde des Nachtmahls. Merula war aber so betrunken, daß man ihn zu Bett bringen mußte. Beltraffio konnte in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Er lauschte dem sorglosen Schnarchen Messer Giorgios und dachte an das, was ihn in der letzten Zeit ununterbrochen beschäftigte: an Leonardo da Vinci. IV. Giovanni war aus Mailand nach Florenz gekommen, um im Auftrage seines Onkels des Glasmalers Oswald Ingrimm jene leuchtenden durchscheinenden Farben einzukaufen, die nur in Florenz erhältlich waren. Oswald Ingrimm stammte aus Graz und war Schüler des berühmten Straßburger Meisters Johann Kirchheim; er hatte die nördliche Sakristei des Mailänder Doms mit Glasmalereien zu schmücken. Giovanni war ein uneheliches Kind seines verstorbenen Bruders, des Steinmetzen Reinhold Ingrimm. Den Namen Beltraffio hatte er von seiner Mutter, die aus der Lombardei stammte und, wie der Onkel erzählte, ein liederliches Frauenzimmer gewesen war und seinen Vater zugrunde gerichtet hatte. Giovanni wuchs einsam im Hause des stets finsteren Onkels heran. Die Seele des Kindes bebte in fortwährender Angst vor den Hexen, Werwölfen, Teufeln, Zauberern und sonstigem Spuk, von dem ihm der Onkel immer erzählte. Den größten Schrecken jagte er dem Kinde mit der Erzählung von einem weiblichen Teufel ein, die Weißhaarige Mutter, oder die weiße Teufelin genannt. Diese Sage war ins heidnische Italien mit den Einwanderern aus dem Norden gekommen. Als Giovanni ganz klein war und nachts im Bette weinte, so brauchte Onkel Ingrimm nur die Weiße Teufelin zu nennen und das Kind wurde sofort still und vergrub den Kopf in die Kissen; zu dem lähmenden Schrecken gesellte sich aber das brennende Verlangen, die Weißhaarige einmal wirklich von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Später gab Oswald seinen Neffen dem Maler Fra Benedetto in die Lehre. Dieser war ein etwas einfältiger, gutmütiger Alter. Er lehrte seinen Schüler, vor Beginn der Arbeit immer Gott den Allmächtigen, Jungfrau Maria, die vielgeliebte Fürsprecherin der Sünder, den ersten christlichen Maler, den heiligen Lukas und alle Heiligen dem Himmels anzurufen; ferner sich mit einem Gewande aus Liebe, Gottesfurcht, Gehorsam und Geduld zu schmücken; schließlich die Tempera aus Eigelb, dem milchweißen Saft junger Zweige des Feigenbaumes, Wein und Wasser zu bereiten, die Malbretter aus altem Feigenbaum- und Buchenholz herzustellen und sie mit zu Kohle verbrannten und feingepulverten Knochen zu polieren; die Rippen und Flügel von Hühnern und Kapaunen und die Rippen und Schultern der Kammer sollten die geeignetsten Knochen liefern. Es war eine unerschöpfliche Fülle van Weisheiten. Giovanni kannte genau die verächtliche Gebärde, mit der Fra Benedetto die Brauen hob, so oft die Rebe auf die Farbe »Drachenblut« kam, und die darauffolgende Bemerkung: »Denke nicht zu viel an diese Farbe und laß sie lieber sein: sie kann dir unmöglich Ehre einbringen.« Giovanni fühlte, daß Fra Benedetto diese Worte noch von seinem eigenen Lehrer, und dieser sie wiederum von dem seinigen hatte. Ebenso unveränderlich war das stille stolze Lächeln, mit dem der Mönch dem Schüler die Geheimnisse seiner Kunst anvertraute, die ihm als der höchste Gipfel der menschlichen Weisheit erschienen; so z.B., daß man zur Untermalung jugendlicher Gesichter Eigelb von Stadthühnern verwenden solle, denn dieses sei heller als das von Landhühnern; das rötliche Eigelb der letzteren eigne sich dagegen sehr zur Darstellung alter bräunlicher Gestalten. Trotz aller dieser Weisheiten war Fra Benedetto in seiner Kunst naiv wie ein Kind. Er rüstete sich zur Arbeit mit Fasten und Gebet. Er fiel auf die Knie, und bat zu Gott, er möchte ihm Kraft und Weisheit spenden. So oft er den Gekreuzigten malte, schwamm er in Tränen. Giovanni liebte seinen Lehrer und hielt ihn für den größten Meister. In der letzten Zeit hatte er aber manchmal Zweifel; so z. B., wenn der Lehrer ihm seine einzige anatomische Regel dozierte: »die Länge des männlichen Körpers beträgt acht und zwei drittel der Kopflänge,« wobei er noch mit dem gleichen wegwerfenden Ton wie beim Drachenblut bemerkte: »Was aber den weiblichen Körper betrifft, so wollen wir ihn lieber unberücksichtigt lassen, denn das Weib hat in sich keinerlei Proportionen«, von der Nichtigkeit dieser Sätze war der Mönch ebenso überzeugt, wie von dem, daß die Fische und alle unvernünftigen Geschöpfe oben dunkel und unten hell seien und daß der Mann um eine Rippe weniger als das Weib habe, denn Gott nahm ja dem Adam eine Rippe heraus, um Eva zu formen. Einmal sollte er die vier Elemente durch vier Tiergestalten versinnbildlichen. Fra Benedetto wählte den Maulwurf für Erde, den Fisch für Wasser, den Salamander für Feuer und das Chamäleon für Luft. Er hielt aber das Wort Chamäleon für einen Superlativ von camelo, was Kamel bedeutet und so stellte er die Luft als ein Kamel dar, das den Rachen weit offen hielt, um tiefer zu atmen. Die jüngeren Maler lachten viel über diesen Fehler, der Mönch hielt aber ihrem Spott mit wirklich christlicher Demut stand und blieb bei seiner Überzeugung, daß Chamäleon und Kamel dasselbe sei. Ähnlich waren auch alle anderen Ansichten des Mönches über die Natur. In Giovanni stiegen schon seit geraumer Zeit allerlei Zweifel auf, er spürte in sich inneren Aufruhr, oder den »Teufel der Philosophie«, wie der Mönch solche Dinge nannte. Als aber der Schüler des Fra Benedetto kurz vor seiner Reise nach Florenz einige Zeichnungen Leonardo da Vincis zu Gesicht bekam, so wurden die Zweifel so mächtig, daß er ihnen nicht länger widerstehen konnte. Auch in dieser Nacht, an der Seite des friedlich schnarchenden Messer Giorgio liegend, dachte er zum tausendsten Mal über alle diese Dinge nach; doch je mehr er sich in sie vertiefte, um so verworrene? wurden sie. Endlich entschloß er sich, die Hilfe des Himmels anzurufen. Er richtete seine gläubigen Blicke in die Finsternis der Nacht und betete also: »Herr, hilf mir und verlasse mich nicht! Ist Messer Leonardo wirklich ein gottloser Mensch und sind seine Lehren Ärgernis und Sünde, so richte es so ein, daß ich ihn und seine Zeichnungen vergesse, bewahre mich vor Versuchung, denn ich will nicht vor Dir sündigen. Wenn es aber möglich ist, Dir gefällig zu sein und Deinen Namen in der edlen Kunst der Malerei zu heiligen und zugleich auch das zu wissen, was dem Fra Benedetto verborgen ist und wonach meine Seele dürstet – Anatomie, Perspektive und die herrlichen Gesetze von Licht und Schatten, – so gib mir, Herr, einen festen Willen, erleuchte meine Seele, auf daß ich nicht länger zweifle. Richte es so ein, daß mich Messer Leonardo in seine Werkstatt aufnimmt und daß Fra Benedetto, der so gut ist, mir darob nicht zürnt und begreift, daß ich mich vor Dir nicht versündige.« Dieses Gebet brachte Giovanni Erleichterung und Ruhe. Seine Gedanken wurden matt: er hörte plötzlich das angenehm zischende Geräusch, mit dem die weißglühende Spitze des Glaserwerkzeugs Glas schneidet; er sah, wie aus einem Hobel die schlangenförmigen Bleibänder kamen, die zur Verbindung einzelner Glasstücke dienen. Und eine Stimme, die wie die Stimme des Onkels klang, sprach: »Mehr Einkerbungen am Rande, dann hält das Glas fester!« Und dann war alles verschwunden. Er legte sich auf die andere Seite und schlief ein. Giovanni hatte einen Traum, der sich tief in sein Gedächtnis einprägte: er sah sich in das Dunkel eines großen Domes vor ein buntes Glasfenster versetzt. Das Bild auf dem Fenster stellte die Lese des mystischen Weinstocks dar, von dem es im Evangelium heißt: »Ich bin ein rechter Weinstock und mein Vater ein Weingärtner«. Der nackte Leib des Herrn lag auf der Kelter und aus seinen Wunden floß Blut. Päpste, Kardinale und Kaiser fingen es auf und gossen es in Fässer. Die Apostel brachten Trauben herbei, der heilige Petrus zerstampfte sie. Im Hintergrunde standen Propheten und Patriarchen, sie pflegten den Weinberg und lasen die Trauben. Ein großer Bottich mit Wein wurde in einem Wagen vorbeigefahren, dem die Tiere des Evangeliums – Löwe, Stier und Adler vorgespannt waren; der Engel des heiligen Matthäus lenkte sie. Giovanni hatte schon oft in der Werkstatt seines Onkels ähnliche Glasmalereien, doch noch nie solche Farben gesehen: sie waren dunkel und zugleich leuchtend wie Edelsteine. Am schönsten war das tiefe Rot des Blutes Christi. Von der Kuppel des Doms erklangen die zarten gedämpften Töne seines liebsten Chorals: O flor di castitate, Odorifero giglio, Con gran soavitate Sei di color vermiglio! O Blüte der Keuschheit, Duftende Lilie! So rot wie Blut Strahlst du in Lieblichkeit! Das Lied verklang, das Glasgemälde erlosch und da raunte ihm die Stimme des Kommis Antonio da Vinci zu: »Fliehe, Giovanni, denn sie ist hier!« Er wollte fragen »Wer?«, doch er fühlte, daß die Weißhaarige hinter ihm sei. Es wehte ihn kalt an und eine schwere Hand packte ihn am Nacken und würgte ihn. Er glaubte, es sei sein Tod. Er schrie auf, erwachte und sah Messer Giorgio, der vor ihm stand und an seiner Bettdecke zerrte: »Steh auf! Steh auf! Sonst reisen sie ohne uns weg! Es ist die höchste Zeit!« »Wohin? Was gibt's?« fragte Giovanni noch ganz schlaftrunken. »Weißt du es nicht mehr? Nach San Gervasio, zu den Ausgrabungen im Mühlenhügel.« »Ich will nicht mitkommen.« »Was heißt das? Wozu habe ich dich dann geweckt? Ich habe ja eigens das schwarze Maultier satteln lassen, auf dem wir zu zweit reiten können. Also sei so gut und steh auf. Wovor fürchtest du dich, Mönchlein?« »Ich fürchte mich gar nicht. Ich habe einfach keine Lust.« »Hör einmal, Giovanni: der Maler Leonardo da Vinci, für den du so schwärmst, wird auch dabei sein.« Giovanni sprang auf und machte sich ohne Widerspruch fertig. Sie traten in den Hof. Alles war zur Abreise bereit. Grillo lief geschäftig hin und her und gab Ratschläge. Man machte sich auf den Weg. Einige Freunde des Messer Cipriano, darunter auch Messer Leonardo da Vinci sollten etwas, später auf einem andern Wege direkt nach San Gervasio kommen. V. Es regnete nicht mehr, denn der Nordwind hatte die Wolken verscheucht. Die Sterne flimmerten am mondlosen Himmel wie Lampen, die im Winde flackern. Die Pechfackeln rauchten, knisterten und warfen Funken um sich. Sie ritten durch die Strada Ricasoli am San-Marco vorbei und erreichten das mit Zinnen geschmückte Tor San Gallo. Die Wächter waren verschlafen und konnten lange nicht begreifen, um was es sich handelte; sie zankten und schimpften, und erst nach Erhalt eines ansehnlichen Trinkgeldes ließen sie die Gesellschaft das Stadttor passieren. Der Weg ging durch das tiefe Munione-Tal. Sie passierten einige ärmliche Dörfer, deren Straßen ebenso eng waren wie die in Florenz und deren Häuser aus roh behauenen Steinen an Festungen gemahnten, und erreichten den Olivenhain, der den Bauern von San Gervasio gehörte. Am Kreuzweg saßen sie ab und stiegen dann durch die Weinberge Messer Ciprianos zum Mühlenhügel. Hier warteten bereits die Arbeiter mit Spaten und Schaufeln. Hinter dem Hügel, jenseits des Sumpfes, den man »Nasser Hohlweg« nannte, schimmerte zwischen den Bäumen die weiße Villa Buonaccorsi. Unten am Munione stand eine Wassermühle. Auf dem Gipfel des Hügels wuchsen schlanke Cypressen. Grillo zeigte die Stelle, an der man nach seiner Ansicht graben sollte. Merula empfahl eine andere Stelle – am Fuße des Hügels, wo man einmal die Marmorhand fand. Der älteste Arbeiter – der Gärtner Strocco behauptete wieder, die geeigneteste Stelle sei unten am Nassen Hohlweg zu suchen, denn der Teufel bevorzuge die Nähe von Sümpfen. Messer Cipriano befahl an der von Grillo angegebenen Stelle zu graben. Die Spaten schlugen auf, man roch das aufgewühlte Erdreich. Eine Fledermaus flog empor und streifte beinahe Giovannis Gesicht. Er zuckte zusammen. »Fürchte dich nicht, Mönchlein, fürchte dich nicht!« ermutigte ihn Merula und klopfte ihm auf die Schulter. »wir werden hier keinen Teufel finden. Denn dieser Grillo ist ja ein Esel ... Wir haben schon ganz andere Ausgrabungen mitgemacht! so z. B. in Rom, in der vierhundert fünfzigsten Olympiade.« (Merula ignorierte die christliche Zeitrechnung und gebrauchte stets die griechische) »Da fanden in den Tagen des Papstes Innocenz VIII. auf der Via Appia lombardische Erdarbeiter einen altrömischen Sarkophag mit der Inschrift: »Julia, Tochter des Claudius«; und darin lag in Wachs die Leiche eines fünfzehnjährigen Mädchens, das so frisch aussah, als ob es schlafe. Ihre Wangen waren rosig, man glaubte, sie atme. Eine unzählige Volksmenge stand immer herum, viele Leute reisten eigens hin, um die Leiche zu sehen, denn Julia war so schön, daß niemand, ohne sie selbst gesehen zu haben, den Beschreibungen ihrer Schönheit Glauben schenken würde, wenn solche Beschreibungen überhaupt möglich wären. Der Papst erfuhr, daß das Volk eine tote Heidin anbete; er erschrak und befahl sie heimlich nachts am Pincio-Tore zu beerdigen. Ja, solche Ausgrabungen kann man zuweilen erleben.« Merula blickte verächtlich auf die Grube, die immer tiefer wurde. Plötzlich gab der Spaten eines Arbeiters einen klirrenden Ton. Alle beugten sich zur Grube. »Es sind Knochen!« sagte der Gärtner, »hier war vor vielen Jahren ein Friedhof.« In San Gervasio heulte plötzlich gedehnt und dumpf ein Hund. »Ein Grab haben sie geschändet ...« ging es Giovanni durch den Kopf. »Ich glaube, ich gehe lieber fort ... Daß ich mich nicht mit ihnen versündige ...« »Es ist ein Pferdegerippe!« sagte Strocco schadenfroh und mit diesen Worten warf er einen halbverfaulten länglichen Schädel heraus. »Ich glaube, Grillo, du hast dich wirklich geirrt,« sagte Messer Cipriano. »Sollen wir nicht an einer anderen Stelle versuchen?« »Gewiß! Man soll nicht auf Ratschläge von Dummköpfen hören,« versetzte Merula. Er nahm zwei Arbeiter und ging zum Fuße des Hügels, um da zu graben. Auch Strocco ging mit einigen Leuten zum Nassen Hohlweg, was den starrköpfigen Grillo nicht wenig ärgerte. Nach einiger Zeit rief Messer Giorgio triumphierend aus: »Da, seht! Ich wußte ja, wo man graben sollte.« Alle stürzten zu ihm. Sein Fund war aber uninteressant: es war ein rohes Stück Marmor. Grillo war nun ganz verlassen und fühlte sich tief beleidigt. Er stand in seiner Grube und wühlte hartnäckig doch ohne Hoffnung beim Scheine einer zersprungenen Laterne. Der Wind hatte sich gelegt und es wurde wärmer. Über dem Nassen Hohlweg stiegen die Nebel. Es roch nach stehendem Wasser, gelben Frühlingsblumen und Veilchen. Der Himmel hellte sich auf. Die Hähne krähten zum zweiten Mal. Die Nacht ging zu Ende. Plötzlich hörte man einen verzweifelten Schrei aus Grillos Grube: »Haltet mich! Ich versinke!« Zuerst konnte man nichts sehen, denn in der Grube war es finster und Grillos Laterne war ausgegangen. Man hörte ihn nur zappeln, ächzen und stöhnen. Als andere Laternen herbeigebracht waren, sah man unten ein halb mit Erde verschüttetes, gemauertes Gewölbe, das die Decke eines Kellers sein mochte. Das Gewölbe war unter Grillo eingestürzt. Zwei junge Arbeiter kletterten vorsichtig ins Loch. »Wo bist du, Grillo? Reich doch deine Hand! Oder bist du, Armer, ganz verschüttet?« Grillo verhielt sich still; er vergaß seinen heftigen Schmerz (er glaubte, er hätte sich den Arm gebrochen, er war aber nur ausgerenkt) und machte sich unten zu schaffen. Man hörte ihn herumkriechen und herumtasten. Plötzlich schrie er freudig auf: »Ein Götze! Ein Götze! Messer Cipriano, ein prächtiger Götze!« »Warum schreist du denn so?« brummte Strocco ungläubig. »Es wird wohl wieder ein Eselschädel sein.« »Nein, nein! Ein Arm fehlt nur!... Aber die Beine, die Brust, der Rumpf – alles ist heil und ganz!« Grillo konnte vor Entzücken kaum sprechen. Die Arbeiter banden sich Stricke um den Leib und unter die Achseln, um das Gewölbe nicht zu belasten, und ließen sich hinunter. Sie begannen die alten verschimmelten Ziegel vorsichtig auseinander zu nehmen. Giovanni kauerte auf dem Boden und blickte zwischen den gebeugten Arbeiterrücken in die Tiefe des Kellers, aus dem ihn ein kalter und feuchter Grabeshauch anwehte. Als das Gewölbe fast gänzlich niedergerissen war, sagte Messer Cipriano: »Geht etwas zur Seite, laßt mich hineinsehen.« Da sah Giovanni unten in der Grube zwischen Ziegelmauern einen nackten weißen Leib. Er lag wie eine Leiche im Sarge, schien aber im flackernden Fackellicht nicht tot, sondern rosig, lebendig und warm. »Eine Venus!« flüsterte Messer Giorgio andächtig. »Eine Venus des Praxiteles! Nun, ich gratuliere, Messer Cipriano. Ich glaube, wenn man Euch das Herzogtum Mailand und Genua noch dazu schenkte, so wäre es kein besseres Geschenk!..« Grillo kroch mühevoll heraus, sein mit Erde beschmutztes Gesicht war zwar blutig geschlagen und sein verrenkter Arm schmerzte entsetzlich, doch strahlte in seinen Augen der Stolz des Siegers. Merula empfing ihn mit den Worten: »Grillo, teurer Freund, Wohltäter! Ich hatte noch auf dich geschimpft, dich, den klügsten aller Menschen, – einen Narren genannt!« Er umarmte und küßte ihn zärtlich. Dann fuhr er fort: »Der florentiner Baumeister Filippo Bruneleschi fand in einem ähnlichen Keller, den er unter seinem Hause entdeckte, eine Marmorstatue des Merkur: vermutlich versteckten die letzten Anhänger der Götter, als die Christen gesiegt hatten und gegen die Bildwerke wüteten, die geretteten Statuen in gemauerten Kellern, um sie vor Zerstörung zu bewahren, denn sie wußten, wie vollkommen diese Kunstwerke waren.« Grillo hörte mit seligem Lächeln zu und schien gar nicht zu merken, daß im Felde die Schalmei des Schäfers tönte, daß die Lämmer blöckten, daß der Himmel zwischen den Hügeln ganz durchscheinend wurde und daß in der Ferne die Morgenglocken von Florenz sangen. »Obacht! Vorsicht! Mehr nach rechts, so! Weiter von der Wand« kommandierte Messer Cipriano. »Ein jeder von euch bekommt fünf Silber-Grossi, wenn ihr sie unversehrt herauszieht.« Langsam stieg die Göttin. Sie stieg jetzt aus dem Dunkel der Erde, aus ihrem tausendjährigen Grabe mit dem gleichen heitern Lächeln, mit dem sie einst den Wellen entstiegen. Merula begrüßte sie mit den Versen: Ehre dir Venus, Mutter mit goldenen Füßen, Freude der Götter und Menschen! Alle Sterne verblaßten und schwanden. Nur die Venus strahlte noch wie ein Diamant durch das Morgenrot. Und die Göttin erblickte den Stern vom Rande ihres Grabes. Giovanni blickte in ihr vom Morgenlicht übergossenes Gesicht und flüsterte: »Die weiße Teufelin!« Er war ganz blaß geworden und wollte in seinem Entsetzen fliehen. Doch die Neugierde bezwang die Angst. Und selbst wenn er wüßte, daß es Todsünde sei und das ihm ewige Verdammnis drohe, – auch dann würde er seinen verzückten Blick nicht von dem reinen nackten Leib und dem herrlichen Kopf der Göttin wenden können. Seit jenen Tagen, als Aphrodite noch Herrscherin der Welt war, wurde sie wohl noch nie mit solch inbrünstigem Schauer angeblickt. VI. Auf der kleinen Dorfkirche von San Gervasio ertönte Glockengeläute. Alle blickten unwillkürlich hin und hielten inne. Der Glockenton klang in der Stille des Morgens wie ein zorniger klagender Schrei. Zuweilen erstarben die zitternden Töne, dann kamen sie wieder, stärker und eindringlicher. »Der Heiland sei uns gnädig!« schrie Grillo auf, sich an den Kopf greifend: »Da ist ja der Pfarrer Pater Faustino! Seht nur die Volksmenge auf der Straße! Sie haben uns bemerkt, sie schreien und drohen! Sie kommen her ... nun ist es um mich geschehen! ...« In diesem Augenblicke kamen einige neue Berittene auf dem Mühlenhügel an. Es waren die noch fehlenden Gäste, die Messer Cipriano zu den Ausgrabungen geladen hatte. Sie hatten sich verirrt und kamen daher verspätet. Beltraffio schaute sie flüchtig an und wie sehr er auch vom Anblick der Göttin gefangen war, so fiel ihm doch das Gesicht eines der Gäste auf. Der Ausdruck kalten und ruhigen Interesses, mit dem dieser die Venus musterte und das so sehr von Giovannis Unruhe und Erregung abstach, setzte ihn in Erstaunen. Er wandte seinen Blick nicht vom Bildwerk, und fühlte dabei doch hinter seinem Rücken jenen Mann mit dem ungewöhnlichen Gesichtsausdruck stehen. »So wollen wir es machen!« sagte Messer Cipriano nach einiger Überlegung. »Die Villa ist ja in der nächsten Nähe, das Tor ist fest und hält jeder Belagerung stand ...« »Ja, wirklich!« rief Grillo erfreut. »Also, Brüder, faßt rasch an!« Er war mit väterlicher Zärtlichkeit um das Götzenbild besorgt. Die Statue wurde glücklich über den Nassen Hohlweg gebracht. Kaum hatten sie die Schwelle der Villa erreicht, als oben auf dem Gipfel des Mühlenhügels die Gestalt des wütenden Paters Faustino erschien. Er reckte die Arme zum Himmel. Das Erdgeschoß der Villa war unbewohnt. Da war ein großer weiß getünchter Saal, der als Magazin für landwirtschaftliche Geräte und für große tönerne Ölgefäße diente. In einer Ecke lag goldgelbes Weizenstroh bis zur Decke aufgeschichtet. In dieses Stroh, auf dieses ländliche Lager wurde die Göttin gebettet. Kaum hatten sie die Villa erreicht und die Zugänge verriegelt, als von außen schon ans Tor geklopft wurde, man hörte schreien und schimpfen. »Macht auf! Macht auf!« schrie Vater Faustino mit dünner schneidender Stimme. »Ich beschwöre euch beim Namen des lebendigen Gottes, macht auf!« Messer Cipriano stieg die Treppe zu einem schmalen vergitterten Fenster hinauf, das hoch über dem Erdgeschoß lag, blickte hinaus und sah, daß die Volksmenge nicht allzu groß war. Dann ließ er sich mit dem ihm eigenen liebenswürdigen Lächeln in Unterhandlungen ein. Der Pfarrer gab nicht nach und forderte die Herausgabe des Götzenbildes, denn der Grund, auf dem es ausgegraben wurde, gehöre dem Kirchhof. Der Konsul Kalimalas griff zu einer List und sagte ruhig und bestimmt: »Nehmt euch in Acht! Wir haben einen Boten nach Florenz zum Hauptmann der Stadtwache geschickt. In zwei Stunden kommen die Cavalieri: niemand wird ungestraft in mein Haus eindringen!« »Schlagt das Tor ein!« schrie der Pfarrer: »Fürchtet nichts! Gott ist mit uns! schlagt es ein!« Er nahm einem kurzsichtigen pockennarbigen Alten mit sanftem und traurigem Gesicht, das mit einem Tuche verbunden war, die Axt weg und hieb mit aller Kraft auf das Tor ein. Das Volk folgte aber seinem Beispiele nicht. »Don Faustino! Don Faustino!« flüsterte der sanfte Alte, ihn leise am Ellenbogen zupfend: »Wir sind nur arme Leute, wir finden unser Geld nicht auf der Straße. Nun wird man uns einsperren und zugrunde richten!« Als die Leute von den Cavalieri hörten, kam vielen das Verlangen, unbemerkt davonzuschleichen. »Wenn sie es wenigstens auf eigenem Grund und Boden gefunden hätten; aber die Stelle gehört noch zum Kirchhof ...« »Wo läuft denn eigentlich die Grenzlinie? Denn nach dem Gesetz ...« »Was für einen Wert hat so ein Gesetz? Die Gesetze sind Spinngewebe, Fliegen bleiben darin stecken und Bremsen fliegen durch. Die Gesetze sind nur für die Reichen ...« »Es stimmt! Jeder ist ja Herr auf seinem Grund und Boden.« Während alle diese Bemerkungen fielen, starrte Giovanni noch immer auf die gerettete Venus. Durch ein Seitenfenster kam ein Strahl der Morgensonne. Der Marmorleib, der noch nicht ganz von Schmutz gereinigt war, schimmerte in der Sonne, er schien sich nach dem langen Schlafe in der finsteren und kalten Erde zu wärmen. Feine gelbe Strohhalme leuchteten in der Sonne und gaben der Göttin einen bescheidenen und doch prächtigen Glorienschein. Giovanni lenkte nun seine Aufmerksamkeit auf den Fremden. Dieser kniete vor der Venus. Er hatte einen Zirkel, Winkelmaß und einen halbrunden Messingbogen, wie solche an mathematischen Instrumenten vorkommen, hervorgeholt und maß nun mit dem gleichen Ausdrucke hartnäckiger, ruhiger und eindringlicher Neugier in den kalten hellblauen Augen und in den dünnen fest zusammengekniffenen Lippen, alle Teile des schönen Leibes. Dabei senkte er den Kopf, so daß sein langer blonder Bart den Marmor berührte. »Was treibt er? Wer ist er?« fragte sich Giovanni. Er verfolgte mit immer wachsendem Erstaunen, beinahe mit Angst die frechen schnellen Finger, die über die Glieder der Göttin glitten, in alle Geheimnisse ihrer Schönheit eindrangen und die für das Auge nicht wahrnehmbaren Rundungen des Marmors betasteten und erforschten. Die Volksmenge vor dem Tor der Villa wurde mit jedem Augenblick kleiner. »Bleibt doch hier, bleibt, ihr Taugenichtse! Ihr Gottlosen! Ihr fürchtet euch vor der Stadtwache, doch vor der Herrschaft des Antichrist fürchtet ihr euch nicht!« schrie der Pfarrer mit erhobenen Armen. – »Ipse vero Antichristus opes malorum effodiet et exponet. So spricht der große Lehrer Anselmus von Canterbury. Hört ihr? – effodiet! Der Antichrist wird die alten Götter aus der Erde herausgraben und sie den Völkern offenbaren ...« Aber niemand hörte ihm zu. »Wie doch unser Pater Faustino scharf ist!« sagte kopfschüttelnd der besonnene Müller. »Alt und schwach ist er, und wie er doch zuweilen aus dem Häuschen geraten kann! Wenn es noch ein Schatz wäre ...« »Man sagt, das Götzenbild sei aus Silber.« »Unsinn! Ich hab sie ja selbst gesehen: aus Marmor ist sie und ganz nackt, die schamlose Dirne ...« »Wegen so einer lohnt es sich nicht, sich die Hände zu beschmutzen.« »Wo gehst du hin, Saccello?« »Ich muß aufs Feld.« »Also viel Glück. Ich gehe in den Weinberg.« Der Pfarrer schüttete jetzt seine ganze Wut auf seine Pfarrkinder aus: »So seid ihr, ihr gottlosen Hunde, ihr Kinder Chams! Euren Hirten verlaßt ihr! Wißt ihr denn, ihr Teufelsbrut, daß euer verfluchtes Dorf nur deswegen noch nicht von der Erde verschlungen ist, weil ich Tag und Nacht für euch bete und faste, weine, und mich kasteie!?! Jetzt ist es zu Ende. Ich gehe von euch und schüttle den Staub von meinen Füßen. Fluch diesem Lande! Fluch über Brot und Wasser, über euer Vieh und eure Kinder und Kindeskinder! Ich bin euch kein Vater mehr und kein Hirte! Anathema!« VII. Giorgio Merula trat an den Fremden heran, der noch immer seine Messungen an der Göttin, die im stillen Saal der Villa auf ihrem Strohlager ruhte, anstellte. »Ihr sucht die göttliche Proportion?« fragte der Gelehrte mit herablassendem Lächeln. – »Ihr wollt die Schönheit in mathematischen Formeln ausdrücken?« Jener sah ihn schweigend an, als ob er die Frage überhört hätte, und vertiefte sich wieder in seine Arbeit. Die Schenkel des Zirkels rückten auseinander und schlossen sich wieder und ihre Spitzen beschrieben regelmäßige geometrische Figuren. Er setzte nun mit einer ruhigen sicheren Bewegung das Winkelmaß an die schönen Lippen Aphroditens, deren Lächeln Giovannis Herz erbeben machte, las die Grade ab und notierte die Zahl in sein Taschenbuch. »Gestattet die Frage,« fragte Merula zudringlich, »wieviel Grade habt Ihr eben gemessen?« »Mein Instrument ist ungenau,« sagte der Fremde unwillig. »Ich pflege das menschliche Antlitz zur Feststellung der Proportionen in Grade, Minuten, Sekunden und Terzen einzuteilen. Jede dieser Teilungen beträgt ein zwölftel der vorhergehenden.« »So, so!« bemerkte Merula: »Mir scheint, daß die letzte Teilung kleiner ist, als die Dicke des feinsten Härchens. Fünfmal ein zwölftel ...« »Eine Terz,« erklärte ihm der Fremde, »ist ein achtundvierzigtausendachthundertdreiundzwanzigstel des ganzen Gesichts.« Merula hob die Augen und lächelte: »Man lernt immer was Neues. Ich hätte nie gedacht, daß man eine solche Genauigkeit erreichen kann!« »Je genauer – um so besser.« »Ja, gewiß! Aber es kommt mir vor, als ob alle diese mathematischen Berechnungen – Grade und Sekunden in der Kunst ... Ich kann, offen gestanden, nicht begreifen, daß ein Künstler im Augenblick des Schaffens, im Rausche der Inspiration, sozusagen vom göttlichen Geiste erfüllt ...« »Ja, Ihr habt recht,« sagte der Fremde, sichtlich gelangweilt, »und doch will ich gern wissen ...« Er beugte sich über die Statue und las auf seinem Winkelmaß den Winkel zwischen Haaransatz und Kinn ab. »Wissen!« dachte sich Giovanni. – »Kann man denn da etwas wissen und messen? Es ist ja Wahnsinn! Fühlt er es denn nicht selbst?« Merula, der seinen Gegner ärgern und provozieren wollte, sprach nun davon, wie vollkommen die Alten waren und daß man ihnen alles nachahmen solle. Der Fremde schwieg und erst als Merula fertig war, sagte er spöttisch lächelnd in seinen langen Bart: »Wenn man aus der Quelle trinken kann, wer wird da aus dem Gefäße trinken wollen?« »Gestattet!« schrie der Gelehrte auf. »Wenn die Alten nur ein Gefäß sind, wo ist dann die Quelle?« »Die Natur,« erwiderte der Fremde einfach. Und als Merula noch immer weiter disputierte und sich gereizt in hochtrabenden Ausdrücken erging, stritt jener nicht mehr und sagte zu allem liebenswürdig, doch reserviert – ja. Der gelangweilte Ausdruck seiner kalten Augen wurde dabei noch gelangweilter. Endlich hatte Giorgio alle seine Argumente erschöpft und schwieg. Jetzt entdeckte der Fremde einige Unebenheiten im Marmor, die weder bei schwachem, noch bei grellem Licht dem Auge wahrnehmbar waren: nur die tastende Hand konnte auf dem glatten Marmor diese Feinheiten entdecken. Und jetzt musterte der Fremde mit einem Blick, der aber jedes Entzückens bar war, den ganzen Leib der Göttin. »Mir kam ja früher vor, als könne er es gar nicht fühlen!« wunderte sich Giovanni, »wenn er es aber doch fühlt, wie kann er da messen, untersuchen, mit Zahlen arbeiten? Was ist das für ein Mensch?« »Messere,« flüsterte Giovanni dem Alten zu: »hört doch, Messer Giorgio: wie heißt dieser Mensch?« »Du bist noch hier, Mönchlein?« sagte Merula sich nach ihm umwendend: »Ich hatte dich ganz vergessen. Dieser da ist ja dein Liebling, wieso erkennst du ihn nicht? Es ist – Messer Leonardo da Vinci.« Da stellte Merula Giovanni dem Künstler vor. VIII. Man war auf dem Heimwege nach Florenz. Leonardo ritt im Schritt. Beltraffio ging zu Fuß an seiner Seite. Die beiden waren allein. Zwischen den feuchten schwarzen Wurzeln der Olivenbäume wucherten Gräser und blaue Schwertlilien auf unbeweglichen dünnen Stengeln. Es war so still, wie es nur am frühen Morgen des ersten Frühlingstages sein kann. »Ist er es denn wirklich?« fragte sich Giovanni. Er beobachtete ihn ununterbrochen und fand an ihm jede Kleinigkeit bemerkenswert. Leonardo war in den Vierzigern. Wenn er schwieg und über etwas nachdachte, so war der Blick seiner scharfen hellblauen Augen unter den zusammengezogenen Augenbrauen kalt und durchdringend, wenn er aber sprach, war der Ausdruck gutmütig. Der lange blonde Vollbart und das blonde üppig gelockte Haar verliehen ihm etwas Majestätisches. Das Gesicht war von Feiner, beinahe weiblicher Schönheit; trotz seines großen Wuchses und seines mächtigen Körperbaus klang seine Stimme dünn, sonderbar hoch, sehr angenehm, aber nicht männlich. Die schöne Hand – Giovanni fiel die Kraft auf, mit der er das Pferd lenkte, – war zart, mit Feinen langen Fingern und glich eher einer Frauenhand. Sie näherten sich den Stadtmauern. Die Kuppel des Doms und der Turm des Palazzo Vecchio leuchteten in der Morgensonne durch den Nebel. »Jetzt oder nie!« sagte sich Beltraffio. »Ich muß mich entschließen und ihm sagen, daß ich den Wunsch habe, in seine Werkstatt einzutreten.« Leonardo hatte sein Pferd angehalten und beobachtete den Flug eines jungen Geierfalken, der nach Beute – einer Ente oder einem Reiher – in dem Schilfe des Munione ausspähend, seine langsamen, gleichmäßigen Kreise zog. Plötzlich stürzte der Raubvogel jäh wie ein Stein herab und verschwand mit einem kurzen heiseren Schrei hinter den Baumgipfeln. Leonardo verfolgte ihn mit den Augen; er merkte sich jede Wendung, jede Bewegung und jeden Flügelschlag; dann nahm er sein Taschenbuch, das am Gürtel angebunden war, vor und begann zu schreiben – vermutlich seine Beobachtungen über den Vogelflug zu notieren. Beltraffio bemerkte, daß er den Schreibstift nicht mit der rechten, sondern mit der linken Hand hielt; er schloß daraus, daß Leonardo linkshändig sei und ihm fielen die sonderbaren Gerüchte ein, die über Leonardo im Umlauf waren: es hieß, er schreibe seine Werke mit einer verkehrten Schrift, die man nur im Spiegel lesen könne, – und nicht von links nach rechts, wie es alle tun, sondern von rechts nach links, nach der Art der Orientalen. Er täte es, um so seine verruchten ketzerischen Gedanken über Gott und Natur zu verbergen. Giovanni sagte sich wieder: »Jetzt oder nie!« Da fielen ihm die harten Worte Antonio da Vincis ein: »Wenn du deine Seele verderben willst, so gehe zu ihm. Denn er ist ein gottloser Ketzer.« Leonardo machte ihn lächelnd auf einen kleinen, schwachen Mandelbaum aufmerksam, der einsam auf dem Gipfel eines Hügels stand. Das Bäumchen war noch fast unbelaubt und schien zu frieren, und doch hatte es sich festlich und zutraulich in weiße und rosafarbene Blüten gekleidet, die, von der Sonne ganz durchschienen, sich zart vom hellblauen Himmel abhoben. Beltraffio konnte dem keine Freude abgewinnen, denn sein Herz war schwer und bange. Da schien Leonardo seinen Kummer zu erraten: er warf ihm einen warmen stillen Blick zu und sprach die Worte, an die Beltraffio später oft zurückdenken mußte: »Wenn du Künstler werden willst, so halte dir jede Sorge und jeden Kummer fern und lebe nur der Kunst. Deine Seele sei wie ein Spiegel, der alle Gegenstände, Bewegungen und Farben reflektiert und dabei selbst unbeweglich und klar bleibt.« Sie erreichten das Stadttor von Florenz. IX. Giovanni ging in den Dom, wo an diesem Morgen Frater Girolamo Savonarola predigen sollte. Die letzten Töne der Orgel brausten noch unter der schallenden Kuppel von Santa Maria del Fiore. Die Volksmenge füllte die Kirche mit schwüler Wärme und leisem Flüstern. Kinder, Frauen und Männer standen in gesonderten, durch Vorhänge getrennten Gruppen. Unter den Pfeilern und Schwibbogen war es dunkel und geheimnisvoll, wie im Urwalde. Unten aber drangen Sonnenstrahlen durch die dunklen und leuchtenden farbigen Fensterscheiben und fielen wie ein bunter Regen auf die lebenden Wogen der Menschen und auf das graue Mauerwerk der Pfeiler. Über dem Altar glimmten die rötlichen Flammen der siebenarmigen Leuchter. Die Messe war zu Ende. Die Menge erwartete den Prediger. Alle Blicke waren auf das hohe hölzerne Kanzelgerüst, zu dem eine Wendeltreppe hinaufführte und das an einen Pfeiler im Mittelschiff des Domes gelehnt war, gerichtet. Giovanni hörte die leisen Unterhaltungen seiner Nachbarn: »Wird's bald?« fragte mit unzufriedener Stimme ein untersetzter Mann mit bleichem schweißtriefenden Gesicht und an der Stirne klebendem, von einem schmalen Riemen zusammengehaltenem Haar. Er stand im dichtesten Gedränge und war dem Ersticken nahe. Er schien ein Schreiner zu sein. »Das weiß Gott allein,« erwiderte der Kesselschmied, ein Riese mit rotem Gesicht und starken Backenknochen. Er war kurzatmig. »Er hält sich in San Marco einen halbverrückten stotternden Mönch namens Maruffi. Wenn dieser Mönch ihm sagt, es sei Zeit, so geht er hin und predigt. Neulich mußten wir vier Stunden warten; wir glaubten schon, die Predigt fiele aus; schließlich kam er doch.« »Mein Gott! Mein Gott!« jammerte der Schreiner: »Ich warte ja seit Mitternacht. Ich vergehe vor Hunger, mir ist finster vor den Augen. Keinen Bissen hab ich noch im Munde gehabt, wenn ich nur irgendwo hinkauern könnte.« »Ich habe es dir ja gesagt, Damiano, daß man frühzeitig kommen sollte. Jetzt müssen wir so weit von der Kanzel stehen, daß wir sicher kein Wort hören werden.« »Habe nur keine Angst, Freund, du wirst es schon hören, wenn der zu schreien und zu donnern beginnt, so hören es nicht nur die Tauben, sondern auch die Toten.« »Man sagt, daß er heute weissagen wird?« »Nein, solange er nicht mit Noahs Arche fertig ist...« »Wart ihr denn taub? Die Arche ist ja schon fertig. Eine so geheimnisvolle Deutung gab er ihr: die Länge der Arche ist der Glaube, ihre Breite die Liebe, ihre Höhe die Hoffnung. Eilt doch, heißt es, in die Arche des Heils, eilt, solange ihre Tore noch offen stehen! Denn die Zeit ist nahe und die Tore werden geschlossen, und viele werden da weinen, daß sie nicht Buße getan und sich nicht in die Kirche gerettet haben...« »Heute spricht er von der Sintflut, – es ist der siebzehnte Vers im sechsten Kapitel des Buches Genesis.« »Man erzählt von einem neuen Gesicht über Hungersnot, Pest und Krieg...« »Der Roßarzt von Vallombroso erzählt, es hätte nachts in der Luft über dem Dorfe ein Kampf zwischen ungezählten Heerscharen gewütet, man hatte Schwerterklang und das Klirren der Panzer gehört...« »Ist es wahr, ihr lieben Leute, daß auf dem Antlitz der Madonna von Nunziata dei Servi blutiger Schweiß gesehen wurde?« »Gewiß! Und der Madonna auf der Brücke von Rubaconte laufen jede Nacht Tränen aus den Augen. Tante Lucia sah es selbst.« »Das bedeutet nichts Gutes ... Gott sei uns Sündern gnädig!« In der Frauenabteilung gab es einen Tumult: eine Alte, die in der Menge festgekeilt war, wurde ohnmächtig. Man versuchte ihr auf die Beine zu helfen und sie zum Bewußtsein zu bringen. »Wird's bald? Ich kann nicht mehr!« stöhnte der schwächliche Schreiner; er weinte beinahe und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Die Massen wurden von der endlosen Erwartung matt. In das Meer von Köpfen kam plötzlich Bewegung. Man flüsterte: »Er kommt, er kommt, er kommt... – Nein, er ist es nicht! – Es ist Fra Dominico de Peschia. – Er ist es doch! – Er kommt!« Giovanni sah einen Mann in schwarz-weißer, mit einem Strick umgürteter Dominikanerkutte die Kanzel langsam hinaufsteigen und die Kapuze vom Kopfe ziehen. Das Gesicht war mager und gelb wie Wachs, die Lippen dick, die Nase hakenförmig, die Stirne niedrig. Er legte die linke Hand müde auf die Kanzelbrüstung, die rechte, in der er ein Kruzifix hielt, streckte er aus. Und dann ließ er seine brennenden Augen langsam über die Menge schweifen. So still wurde es, daß jeder seine eigenen Herzschläge hören konnte. Seine starren Augen brannten wie Kohlen. Er schwieg und die Erwartung wurde unerträglich. Es schien: noch eine Weile, und die Menge beherrscht sich nicht länger und bricht in einen wahnsinnigen Schrei aus. Es wurde aber noch stiller, noch unheimlicher. Und plötzlich drang durch diese Stille der entsetzliche, herzzerreißende, unmenschliche Schrei Savonarolas: »Ecce ego adduco aquas super terram! Denn siehe, ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden!« Der Hauch des Schreckens, von dem sich alle Haare sträuben, schwebte über der Menge. Giovanni erbleichte: er glaubte, die Erde bebe, die Pfeiler des Doms stürzten ein, um ihn unter sich zu begraben. Der dicke Kesselschmied an seiner Seite zitterte wie ein Espenblatt und klapperte mit den Zähnen. Der Schreiner hatte sich geduckt, als erwarte er einen Schlag; er zog seinen Kopf ein, schloß die Augen und schrumpfte gleichsam zusammen. Es war keine Predigt, es war eine Fieberphantasie, die nun die Tausende ergriff und mitriß, wie der Sturmwind welkes Laub fortreißt. Giovanni lauschte, ohne viel zu verstehen. Er hörte nur einzelne Worte und Sätze: »Seht, seht, die Himmel sind schon schwarz! Die Sonne ist rot wie geronnenes Blut! Flieht! Es kommt ein Regen aus Feuer und Schwefel, ein Hagel aus glühenden Steinen und Felsblöcken! Fuge, o Sion, quae habitas apud filiam Babylonis! O Italien! Plagen folgen auf Plagen! Die Plage des Krieges auf die der Hungersnot, die Plage der Pest auf die des Krieges! Hier Plagen und dort Plagen – Plagen allerorten! Es wird an Lebenden mangeln, die Toten zu beerdigen! Die Häuser werden so mit Toten angefüllt sein, daß die Totengräber in den Straßen ausrufen werden: »Wer hat Leichen?« und sie werden ihre Wagen bis an die Deichsel mit Leichen anfüllen und sie zu Bergen auftürmen und verbrennen. Und dann werden sie wieder in die Straßen kommen und rufen: »Wer hat Leichen? Wer hat Leichen?« Und ihr werdet auf die Straße treten und sagen: »Da ist mein Sohn, da ist mein Bruder, da ist mein Gatte«. Und sie werden weiter gehen und rufen: »Wer hat noch Leichen? O Florenz, o Rom, o Italien! Die Zeit der Lieder und der Feste ist vorbei. Ihr seid krank, totkrank; Gott, sei mein Zeuge, daß ich mit meinem Wort diese Ruine noch stützen will. Aber ich kann nicht mehr, es geht über meine Kräfte! Ich will nicht mehr, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll! Ich kann nur noch weinen, in Tränen vergehen. O Gnade, Gnade, Herr!.. O mein armes Volk! O Florenz!..« Er streckte seine Arme aus; die letzten Worte flüsterte er. Sie schwebten über der Menge, wie der Seufzer eines endlosen Mitleides und erstarben, wie das Rauschen des Windes im Schilfe erstirbt. Er drückte das Kruzifix an die blassen Lippen, sank erschöpft in die Knie und schluchzte. Jetzt erklangen langsame schwere Orgeltöne; sie wuchsen an, wurden immer lauter, sieghafter, drohender, wie das Rauschen des nächtlichen Ozeans. Unter den Frauen schrie plötzlich eine mit gellender Stimme auf: »Misericordia!« Und Tausende von Stimmen antworteten ihr. Die Frauen fielen in die Knie wie die Ähren unter dem Winde, Welle kam auf Welle, Reihe – auf Reihe. Sie drängten und drückten aneinander, wie erschrockene Lämmer im Gewitter. Und der Schrei der Buße, der Schrei der Untergehenden zu Gott vereinigte sich mit dem vielstimmigen Donnergetöse der Orgel und ließ die Erde, die Pfeiler und die Kuppel des Doms erbeben: »Misericordia! Misericordia!« Giovanni fiel weinend in die Knie. Er fühlte auf seinem Rücken die schwere Last und auf seinem Halse den heißen Atem des dicken Kesselschmiedes, der sich im Gedränge auf ihn gestützt hatte und gleichfalls weinte. Der schwächliche Schreiner schluchzte so sonderbar und hilflos, als hätte er Aufstoßen; er verschluckte sich immer wie ein kleines Kind und schrie herzzerreißend: »Gnade! Gnade!« Beltraffio dachte an seinen Hochmut, an die Weisheit dieser Welt und daran, daß er Fra Benedetto verlassen und sich der gefährlichen und vielleicht gottlosen Wissenschaft Leonardos widmen wollte. Auch die letzte schreckliche Nacht auf dem Mühlenhügel fiel ihm ein, die auferstandene Venus und seine sündhafte Versuchung vor der Schönheit der weißen Teufelin. Er hob seine Arme gen Himmel und schrie mit der gleichen verzweifelten Stimme wie alle: »Erbarme dich, Gott! Ich habe vor dir gesündigt, vergib und verzeihe mir!« Als er sein verweintes Gesicht hob, erblickte er in seiner Nähe Leonardo da Vinci. Der Künstler stand mit einer Schulter an einen Pfeiler gelehnt, das Taschenbuch in der Rechten; mit der Linken zeichnete er. Von Zeit zu Zeit blickte er zur Kanzel auf, als wolle er noch einmal den Kopf des Predigers sehen. Einsam und der vor Schreck gelähmten Menge fremd, stand er vollkommen ruhig und kaltblütig da. Seine kalten hellblauen Augen und seine fest zusammengepreßten Lippen, die von gespannter Aufmerksamkeit und Scharfblick zeugten, drückten keine Spottlust, sondern die gleiche Neugier aus, mit der er damals den Leib Aphroditens mathematisch untersucht hatte. Giovannis Tränen versiegten, das Gebet erstarb auf seinen Lippen. Als er draußen war, ging er auf Leonardo zu und bat ihn, er möchte ihm die Zeichnung zeigen. Der Künstler weigerte sich anfangs. Giovanni drang aber in ihn und flehte; da führte ihn Leonardo etwas zur Seite und reichte ihm das Taschenbuch. Giovanni sah eine schreckliche Karikatur. Es war nicht Savonarola, sondern ein alter häßlicher Teufel in Mönchskutte, der dem Savonarola ähnlich sah; ganz ausgemergelt von Selbstkasteiungen, aber noch immer Knecht seines Hochmuts und seiner Lüste. Der untere Kiefer stand hervor, Hals und Wangen waren von tiefen Runzeln durchfurcht, die herabhängenden Wangen waren schwarz wie bei einer ausgetrockneten Leiche; die hochgezogenen Augenbrauen sträubten sich wie Borsten und der unmenschliche Blick, von hartnäckigem, beinahe boshaftem Flehen erfüllt, war gen Himmel gerichtet. Alles Finstere, Schreckliche und Wahnsinnige, was an Savonarola war und was dem halbverrückten, stotternden Seher Maruffi die Macht über ihn verlieh, war in dieser Zeichnung wiedergegeben und ohne Zorn und Mitleid, aber mit einer erstaunlichen Klarheit der Auffassung gezeichnet. Da mußte Giovanni an die Worte Leonardos denken: »Die Seele des Künstlers sei wie ein Spiegel, der alle Gegenstände, Bewegungen und Farben reflektiert, dabei aber selbst unbeweglich und klar bleibt.« Der Schüler des Fra Benedetto richtete seinen Blick auf Leonardo und fühlte, daß er ihn nicht verlassen könne, selbst wenn ihm ewige Verdammnis drohe, selbst wenn er davon überzeugt wäre, daß Leonardo tatsächlich Diener des Antichrist sei. Eine Macht, der er nicht widerstehen konnte, zog ihn zu diesem Menschen hin: er mußte ihn jetzt bis auf den Grund kennen lernen. X. Zwei Tage später kam Grillo nach Florenz, um Messer Cipriano Buonaccorsi, der von einer unerwarteten Fülle geschäftlicher Angelegenheiten ganz in Anspruch genommen war und daher noch nicht Zeit gefunden hatte, die Venus in die Stadt überführen zu lassen, eine Hiobspost zu bringen: Pater Faustino habe San Gervasio verlassen und sei in das nahe Bergdorf San Mauricio gezogen, wo er den Bauern mit Androhung himmlischer Strafen Angst eingejagt habe; eines Nachts hätten die Bauern unter seiner Führung einen Feldzug gegen die Villa Buonaccorsi unternommen, das Haus belagert, die Tore gesprengt, den Gärtner Strocco halbtot geprügelt, und die bei der Venusstatue angestellten Wächter an Händen und Füßen gefesselt; über der Göttin wurde das alte Gebet: Oratio super effigies vasaque in loco antiquo reperta gelesen; der Geistliche bittet in diesem Gebet den Herrn, er möchte die aus der Erde gegrabenen Gegenstände vom heidnischen Gräuel reinigen und sie zum Nutzen christlicher Seelen wandeln, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes – ut omni immunditia depulsa sint fidelibus tuis utanda per Christum dominum nostrum . Darauf hätten sie die Statue in Stücke geschlagen, verbrannt und mit dem gewonnenen Kalk die neue Friedhofsmauer getüncht. Als Giovanni diesen Bericht des alten Grillo hörte, der aus Mitleid mit dem vernichteten Götzenbild beinahe weinte, faßte er einen festen Entschluß: er ging am gleichen Tag zu Leonardo und bat ihn um Aufnahme in seine Werkstatt. Leonardo nahm ihn auf. Bald darauf kam nach Florenz die Nachricht, daß der allerchristlichste König von Frankreich Karl\ VIII. an der Spitze eines gewaltigen Heeres einen Feldzug zur Eroberung von Neapel und Sicilien, vielleicht auch von Rom und Florenz unternommen hätte. Die Bürger waren von Schreck ergriffen, denn sie sahen, daß nun die Prophezeiungen des Fraters Girolamo Savonarola in Erfüllung gingen: die Plagen rückten heran und das Schwert Gottes senkte sich über Italien. Zweites Buch Ecce Deus – Ecce Homo I. »Wenn der schwere Adler sich auf seinen Flügeln in der dünnen Luft zu halten vermag, wenn große Schiffe sich mittels ihrer Segel auf dem Meere fortbewegen können, warum sollte nicht der Mensch die Luft mit Flügeln durchschneiden, der Winde Herr werden und sich sieghaft in die Lüfte erheben können?« Leonardo las diese Worte in einem seiner alten Tagebücher; er hatte sie vor fünf Jahren niedergeschrieben. Daneben war eine Skizze: an einer Deichsel war eine runde eiserne Stange und an dieser waren Flügel befestigt, die mittels Stricken in Bewegung gesetzt werden konnten. Jetzt erschien ihm diese Maschine unförmlich und plump. Der neue Apparat hatte die Gestalt einer Fledermaus. Das Gerippe der Flügel bestand aus fünf Fingern, die in vielen Gelenken biegsam waren. Die Finger waren durch eine Sehne aus gegerbten Lederriemen und rohseidenen Schnüren mit Hebel und Scheibe, wie Muskeln konstruiert, verbunden. Die Flügel wurden durch Hebel und Zugstangen gehoben. Sie waren aus gestärktem luftdichtem Taffet gefertigt und konnten sich wie die Schwimmhäute einer Gans falten und spreizen. Die Flügel bewegten sich über Kreuz, wie die Leine eines Pferdes. Sie waren vierzig Ellen lang und ihr Hub betrug acht Ellen. Wenn sie nach rückwärts schlugen, so trieben sie die Maschine vorwärts, wenn sie sich senkten, trieben sie sie in die Höhe. Ein Mensch nahm in dieser Maschine stehend Platz, indem er seine Füße in Steigbügel setzte, welche mit Schnüren, Blöcken und Hebeln die Flügel antrieben. Das große gefiederte Steuer, das den Schwanz des Vogels bildete, wurde mit dem Kopf betätigt. Wenn ein Vogel aufstiegt, so muß er sich vor dem ersten Flügelschlag auf seinen Beinen emporrecken. Der Kernbeißer hat sehr kurze Beine; daher zappelt er, ohne auffliegen zu können, wenn man ihn auf die Erde legt. Den Vogelbeinen entsprachen in diesem Apparat zwei kleine Leitern aus Rohrstäben. Leonardo wußte aus Erfahrung, daß die Vollkommenheit einer Maschine mit der Schönheit aller ihrer Teile und ihrer Verhältnisse Hand in Hand geht; der unschöne Anblick der Leitern, die aber unumgänglich waren, machte ihm daher Schmerzen. Er verlegte sich wieder auf mathematische Berechnungen und suchte nach einem Fehler; es gelang ihm aber nicht, ihn zu finden. Dann strich er plötzlich seine engen Zahlenkolonnen mitten durch, schrieb auf den Rand der Seite »Falsch!« und setzte dann in großen wütenden Lettern hinzu: »Zum Teufel!« Die Berechnungen wurden immer verworrener; der unauffindbare Fehler zog immer größere Kreise um sich. Die Kerzenflamme flackerte und tat den Augen weh. Der Kater, der bereits ausgeschlafen hatte, sprang auf den Arbeitstisch, reckte sich, machte einen Buckel und begann nun mit einem von Motten zerfressenen Vogelbalg zu spielen, der von einem Querbalken an einem Bindfaden herunterhing und zum Studium der Lage des Schwerpunktes beim Fluge diente. Leonardo stieß den Kater fort, so daß dieser jammervoll aufschrie und beinahe vom Tische fiel. »Nun, in Gottes Namen! Liege wo du willst, aber störe mich nicht.« Er streichelte den Kater und im schwarzen Fell knisterten Funken. Der Kater zog seine Sammetpfoten ein, legte sich gravitätisch nieder, schnurrte und richtete seine unbeweglich-grünen, geheimnisvoll-wollüstigen Pupillen auf seinen Herrn. Und dann kamen wieder Zahlen, Klammern, Brüche, Gleichungen, Kubik- und Quadratwurzeln. Die zweite schlaflose Nacht ging dahin. Nach seiner Rückkehr aus Florenz verbrachte Leonardo einen ganzen Monat mit der Arbeit an seinem Flugapparat. Er hatte in dieser Zeit sein Haus fast kein einziges Mal verlassen. Die Zweige einer Akazie blickten zum offenen Fenster herein,ab und zu ließen sie ihre zarten süßduftenden Blüten auf den Tisch fallen. Rötliche Wolken mit Perlmutterschimmer dämpften das Mondlicht; es fiel ins Zimmer und mischte sich da mit dem roten Schein der tief heruntergebrannten Kerze. Das Zimmer war mit Maschinen und astronomischen, physikalischen, chemischen, mechanischen und anatomischen Apparaten und Präparaten angefüllt. Räder, Hebel, Federn, Schrauben, Röhren, Stangen, Bogen, Kolben und andere Maschinenteile aus Kupfer, Stahl, Eisen und Glas ragten wie Glieder von Rieseninsekten aus den finsteren Ecken in wüstem Durcheinander. Man sah darunter eine Taucherglocke, den schimmernden Glaskörper in einem optischen Modell des menschlichen Auges, ein Pferdeskelett, ein ausgestopftes Krokodil, ein Glas mit einem menschlichen Embryo in Spiritus; es glich einer großen bleichen Larve; spitze bootartige Gebilde, eine Art Wasserschuhe, und daneben einen Mädchen- oder Engelskopf aus Ton, der traurig und falsch lächelte und wohl zufällig aus der Malerwerkstatt hergeraten war. Im Hintergrunde, im schwarzen Rachen des Schmelzofens, der mit einem riesigen Blasebalg versehen war, glimmten unter Asche Kohlen. Über alle diese Dinge breiteten sich vom Boden bis zur Decke die Flügel der Flugmaschine, der eine noch nackt, der andere bereits mit Haut versehen. Auf dem Boden zwischen den Flügeln lag ein Mann, der wohl während der Arbeit eingeschlafen war. In der Rechten hielt er noch den Griff eines verrußten kupfernen Gießlöffels, aus dem etwas Zinn auf den Boden geflossen war. Das untere Ende des einen leichten Flügelgerippes berührte die Brust des Schlafenden und der Flügel zitterte bei jedem Atemzug, wobei das spitze obere Ende mit leisem Geräusch die Decke streifte. Im trüben Schein des Mondes und der Kerze sah die Maschine mit dem zwischen den Flügeln liegenden Mann wie eine riesengroße flugbereite Fledermaus aus. II. Der Mond ging unter. Von den Gärten, die Leonardos Haus in einer Vorstadt von Mailand zwischen der Festung und dem Kloster Maria delle Grazie umgaben, kam ein Duft von Gemüse und Kräutern – Melisse, Minze und Dill. Im Nest, das über dem Fenster klebte, zwitscherten die Schwalben. Im Teiche plätscherten und schrien die Enten. Das Kerzenlicht wurde blaß. In der Werkstatt nebenan hörte man die Schüler. Es waren ihrer zwei: Giovanni Beltraffio und Andrea Salaino. Giovanni zeichnete ein anatomisches Modell, das hinter einem zum Studium der Perspektive dienenden Apparat aufgestellt war. Dieser bestand aus einem Holzrahmen, in dem ein Fadennetz aufgespannt war, dem ein gleiches Liniennetz auf dem Papier entsprach. Salaino grundierte ein Lindenbrett mit Alabaster. Er war ein schöner Knabe mit unschuldigen Augen und blonden Locken, ein Liebling Leonardos, der ihn als Modell für seine Engel gebrauchte. »Was glaubt Ihr, Andrea,« fragte Beltraffio: »wird der Meister seine Maschine bald vollenden?« »Das weiß Gott allein,« erwiderte Salaino. Er pfiff ein Liedchen und nestelte an den silbergestickten Atlasaufschlägen seiner neuen Schuhe. – »Im vergangenen Jahr hat er zwei volle Monate an der Maschine gearbeitet, es kam aber nichts Gescheites heraus. Dieser plumpe Bär Zoroastro wollte durchaus fliegen. Der Meister redete es ihm aus, er setzte aber seinen Willen durch. Der Narr kletterte auch aufs Dach, wickelte sich ganz in Stricke, an welchen Ochsen- und Schweinsblasen wie Perlen in einem Rosenkranz hingen, – um sich nicht zu verletzen, wenn er herunterfiele, rührte die Flügel und flog im ersten Augenblick auch wirklich auf – ein Windstoß hatte ihn wohl mitgenommen, dann fiel er aber kopfüber herunter und gerade in einen Misthaufen hinein. Er fiel weich, aber alle Blasen platzten sofort; das gab einen Knall wie bei einem Kanonenschuß; die Dohlen auf dem Kirchturm erschraken und flogen davon. Unser neuer Ikarus aber zappelte mit beiden Beinen in der Luft und konnte nicht aus dem Misthaufen heraus!« In die Werkstatt kam der dritte Schüler – Cesare da Sesto. Er war nicht mehr jung und hatte ein kränkliches gelbes Gesicht und kluge boshafte Augen. In der einen Hand hatte er ein Stück Brot mit einer Scheibe Schinken, in der andern ein Glas Wein. »Pfui! Ist der sauer!« er spuckte aus und verzog das Gesicht. »Und der Schinken ist wie Schuhleder. Ich verstehe es einfach nicht, wie er uns mit seinen zweitausend Dukaten Jahresgehalt eine derartig elende Kost vorsetzen kann!« »Hättet Ihr doch vom anderen Fäßchen, das in der Speisekammer unter der Stiege steht, genommen,« meinte Salaino. »Hab' schon versucht. Ist noch viel schlimmer. – Hast du wieder etwas Neues?« Cesare musterte Salainos schmuckes rotes Samtbarett. »Eine nette Wirtschaft haben wir hier, das muß ich schon sagen! Ein Hundeleben! Seit zwei Monaten können sie keinen frischen Schinken kaufen. Marko schwört, der Meister habe keinen Heller, alles werde von dem verfluchten Flugapparat verschlungen, daher diese Behandlung. Das Geld steckt aber hier! Seine Lieblinge beschenkt er! Samtne Hütchen! Schämst du dich denn gar nicht, Andrea, von fremden Menschen Geschenke anzunehmen? Messer Leonardo ist ja nicht dein Vater, auch nicht dein Bruder, und du bist kein Kind mehr...« »Cesare,« sagte Giovanni, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Ihr habt mir neulich versprochen, mir ein gewisses Gesetz der Perspektive Zu erklären, wißt Ihr es noch? Der Meister wird wohl nicht kommen, er ist so sehr mit der Maschine beschäftigt...« »Ja, Brüder, wartet nur, diese Maschine wird uns noch alle zugrunde richten, daß sie der Teufel! Und tut es nicht die Maschine, so kommt etwas anderes. Ich weiß noch, wie sich der Meister bei der Arbeit am heiligen Abendmahl plötzlich für die Idee einer neuen Maschine Zur Herstellung der Mailänder Cervellata begeisterte; das ist so eine weiße Wurst aus Hirn. Darüber blieb der Kopf des ältern Jakobus so lange unvollendet, bis er mit seiner Wurstmaschine fertig war. Seine beste Madonna warf er in die Ecke, weil er einen selbsttätigen Bratspieß konstruieren mußte, auf dem Kapaune und Spanferkel ganz gleichmäßig durchgebraten werden sollten. Und dann die große Erfindung der Herstellung von Waschlauge aus Hühnermist! Glaubt mir – es gibt keine Dummheit, für die sich Messer Leonardo nicht begeistert hätte, nur um einen Vorwand zu haben, nicht mehr malen zu müssen!« Cesares Gesicht zuckte wie in einem Krampfe; seine dünnen Lippen verzogen sich zu einem boshaften Lächeln. »Warum verleiht Gott solchen Menschen ein solches Talent!« fügte er in stiller Wut hinzu. III. Leonardo saß derweil noch immer an seinem Arbeitstisch. Durch das offene Fenster flog eine Schwalbe ins Zimmer. Sie flatterte umher, schlug mit ihren Flügeln an die Wände und die Decke an, geriet schließlich in einen Flügel der Flugmaschine, und blieb mit ihren kleinen lebenden Flügeln im Netzwerk hängen. Leonardo befreite sie aus den Stricken, nahm sie ganz vorsichtig, um ihr ja nicht weh zu tun, in die Hand, küßte ihr seidenweiches schwarzes Köpfchen und ließ sie zum Fenster hinaus. Die Schwalbe flog auf und verschwand mit freudigem Zwitschern im Blau. »Wie leicht! Wie einfach!« sagte Leonardo vor sich hin, während er sie mit neidischen, traurigen Blicken begleitete. Dann blickte er angeekelt auf seine Maschine – auf das riesengroße Fledermausgerippe. Der Mann auf dem Fußboden erwachte. Es war Leonardos Gehilfe, ein geschickter Mechaniker und Schmied aus Florenz, namens Zoroastro oder Astro de Peretola. Er sprang auf und rieb sich sein einziges Auge; das andere hatte er verloren, als ihm einmal während der Arbeit ein Funke aus dem Schmiedeofen ins Gesicht flog. Der ungeschlachte Riese mit dem kindlichen Ausdruck in seinem rußbeschmutzten Gesicht glich einem einäugigen Zyklopen. »Verschlafen!« schrie der Schmied auf und griff sich verzweifelt an den Kopf. »Daß mich der Teufel! Ach, Meister, warum habt Ihr mich nicht geweckt? Ich wollte ja noch bis zum Abend den linken Flügel fertig machen, um morgen früh fliegen zu können...« »Es ist gut, daß du ausgeschlafen hast,« versetzte Leonardo. »Die Flügel taugen sowieso nichts.« »Wie!? Taugen sie wieder nichts? Nein, Messere, da muß ich schon bitten: diese Maschine arbeite ich nicht wieder um! So viel Mühe, so viel Geld hat sie gekostet! Und das soll wieder alles umsonst sein? Was wollt Ihr denn noch? Solche Flügel werden auch einen Elefanten tragen können! Ihr werdet es schon sehen, Meister! Erlaubt mir nur, daß ich sie versuche. Ich kann es ja auch über einem Wasser machen; wenn ich hineinfalle, so nehme ich nur ein Bad. Ich schwimme wie ein Fisch und kann unmöglich ertrinken!« Er faltete flehend die Hände. Leonardo schüttelte den Kopf. »Warte, Freund. Alles kommt mit der Zeit. Später...« Der Schmied war dem Weinen nahe. Er stöhnte auf: »Später! Warum nicht jetzt? Ich schwöre beim heiligen Gotte, Messere, ich werde fliegen!« »Du wirst nicht fliegen, Astro. Da ist Mathematik im Spiel.« »Das habe ich mir gedacht! Der Teufel soll Eure Mathematik holen! Sie ist ja immer im Wege. So viele Jahre schwitzen wir hier! Die Seele vergeht vor Warten! Jede dumme Mücke, Motte, jede, Gott, verzeih' mir, Mistfliege kann fliegen, und wir Menschen kriechen wie Würmer. Ist das nicht ein Hohn? Worauf sollen wir noch warten? Da sind sie ja, die Flügel! Alles ist fertig, man braucht sie nur anzuschnallen, ein kurzes Gebet zu sprechen, sie zu schwingen, um dann wie der Blitz davonzufliegen!« Plötzlich fiel ihm etwas ein und sein Gesicht heiterte sich auf. »Meister, was ich dir sagen wollte: ich hatte einen ganz merkwürdigen Traum!« »Wieder vom Fliegen?« »Ja. Aber wie! Höre nur. Ich stehe mit vielen Leuten in einer fremden Stube. Alle schauen mich an, man zeigt auf mich mit den Fingern und lacht. Da denke ich mir: wenn ich jetzt nicht fliege, wird es zu dumm. Ich springe auf, schwinge kräftig die Arme und fliege allmählich auf. Anfangs war es schwer, als ob ich einen Berg auf dem Buckel hätte. Dann wurde es leichter, ich stieg empor, hätte mir beinahe den Kopf an der Decke eingeschlagen. Da schrien alle: Schaut, schaut! Der fliegt wirklich! Da flog ich zum Fenster hinaus und stieg immer höher und höher in den Himmel hinein. Der Wind pfiff mir um die Ohren, es war mir so lustig zumute, ich lachte und fragte mich, warum ich nicht schon früher fliegen konnte. Habe ich es vielleicht verlernt? Es ist ja so einfach und man braucht gar keine Maschine dazu!« IV. Plötzlich hörte man draußen Jammergeschrei, Schimpfworte und ein Getrampel. Die Türe wurde aufgerissen und ein Bursche mit struppigem feuerrotem Haar und rotem Gesicht voller Sommersprossen stürzte herein. Es war Leonardos Schüler Marco d'Oggione. Er zerrte am Ohre einen schwächlichen etwa zehnjährigen Knaben herein, den er ununterbrochen schlug und beschimpfte. »Gott möge dir schlimme Ostern bescheren, du Taugenichts! Ich werde dir deine Fersen in die Kehle stopfen, Halunke!« »Was ist denn los, Marco?« fragte Leonardo. »Aber ich bitte, Messere! Zwei silberne Spangen hat er gestohlen, eine jede zu zehn Florins. Die eine hat er bereits versetzt und das Geld beim Würfelspiel verloren, die andere nähte er sich unter das Futter und da fand ich sie. Ich wollte ihn, wie es sich gehört, das Fell gerben, da biß mir der kleine Teufel die Hand blutig!« Er packte den Knaben mit neuer Wut an den Haaren. Leonardo trat für den Knaben ein und entriß ihn dem Marco. Da zog dieser einen Schlüsselbund aus der Tasche – er versah bei Leonardo die Dienste eines Haushälters – und sagte: »Hier sind die Schlüssel, Messere! Ich habe genug! Ich will nicht unter einem Dache mit Taugenichtsen und Dieben wohnen. Er oder ich!« »Beruhige dich, Marco...Ich will ihn ordentlich bestrafen.« Aus der Werkstatt sahen die Gehilfen herein. Zwischen ihnen drängte sich die dicke Köchin Maturina vor. Sie kam eben vom Markte und hatte einen Korb mit Zwiebeln, Fischen, fetten roten Tomaten und flockigen Finocchi. Als sie den kleinen Verbrecher sah, begann sie heftig zu gestikulieren und zu schimpfen, wobei sie eine verblüffende Zungenfertigkeit zeigte. Auch Cesare redete drein; er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß Leonardo diesen »Heiden« in seinem Hause dulde; denn es gäbe keinen noch so unnützen und grausamen Streich, zu dem Jacopo nicht fähig wäre. Er hätte neulich dem alten kranken Hofhund Fagiano mit einem Steinwurf das Bein blutig geschlagen und das Schwalbennest über dem Stall zerstört; alle wüßten ja, daß er mit Vorliebe Schmetterlingen die Flügel ausreiße und sich an ihren Qualen weide. Jacopo wich nicht von der Seite des Meisters; er blickte seine Feinde scheu an, wie ein in die Enge getriebener Wolf. Sein schönes blasses Gesicht blieb unbeweglich. Er weinte nicht, aber so oft ihn Leonardos Blick streifte, leuchtete in seinen Augen ein schüchternes Flehen auf. Maturina schrie wie besessen und forderte, daß man diesen Teufel endlich ordentlich durchhaue: sonst würde er noch alle im Hause unterkriegen und dann könne es da der Teufel aushalten. »Ruhe, Ruhe! Schweigt um Gottes willen!« sagte Leonardo, sein Gesicht drückte jetzt große Schwäche und Hilflosigkeit dieser Palastrevolution gegenüber aus. Cesare lachte und flüsterte schadenfroh: »Es wird mir übel, wenn ich ihn ansehe! Diese Memme! Nicht einmal mit dem Buben kann er fertig werden...« Als alle sich müde geschrien hatten und gingen, rief Leonardo Beltraffio heran und sagte ihm freundlich: »Giovanni, du hast das Heilige Abendmahl noch nicht gesehen. Ich gehe jetzt hin. Kommst du mit?« Der Schüler wurde vor Freude rot. V. Sie traten in den kleinen Hof, in dessen Mitte ein Brunnen stand. Leonardo wusch sich. Trotz der zwei schlaflosen Nächte fühlte er sich frisch und munter. Der Tag war neblig und windstill, das Licht war blaß, wie unter Wasser, solche Tage bevorzugte der Künstler für seine Arbeit. Als sie noch am Brunnen standen, kam Jacopo herbei. Er hatte in der Hand ein selbstverfertigtes Schächtelchen aus Baumrinde. »Messer Leonardo,« sagte der Knabe schüchtern: »da habe ich etwas für Euch...« Er hob vorsichtig den Deckel: auf dem Boden der Schachtel saß eine große Spinne. »Die war schwer zu fangen,« erklärte Jacopo. – »Sie verkroch sich in ein Loch zwischen Steinen. Drei Tage saß sie da. Sie ist giftig!« Das Gesicht des Knaben wurde lebhaft. »Und wie sie die Fliegen frißt!« Er fing eine Fliege und tat sie in die Schachtel. Die Spinne stürzte sich auf die Beute und umfaßte sie mit ihren behaarten Beinen; die Fliege schlug um sich und summte immer leiser und schwächer. »Sie saugt, sie saugt! Schaut nur her,« flüsterte der Knabe ganz aufgeregt vor Wonne. Grausame Neugier brannte in seinen Augen, und ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. Leonardo beugte sich zur Schachtel und betrachtete das grausame Insekt. Da entdeckte Giovanni in den beiden Gesichtern den gleichen Ausdruck, als ob der Künstler und das Kind, trotz der großen Kluft, die sie trennte, sich in diesem Hange zum Ungeheuerlichen und Grausamen begegneten. Als die Fliege gefressen war, schloß Jacopo die Schachtel und sagte: »Ich bringe sie Euch auf den Tisch, Messer Leonardo; vielleicht schaut Ihr sie noch einmal an. Es ist auch drollig anzusehen, wenn sie mit anderen Spinnen kämpft ...« Der Knabe wollte fortgehen, blieb aber doch noch stehen und hob seine Augen flehend zu Leonardo, seine Mundwinkel senkten sich und bebten. Er sagte leise und ernst: »Messere, Ihr seid mir doch nicht böse! Ich kann auch fortgehen, ich habe es schon längst vor; aber ich tue es nicht den andern zuliebe, sondern Euch allein. Mir ist es ja ganz gleich, was sie über mich reden, aber ich weiß, daß Ihr meiner überdrüssig seid. Ihr allein seid gut, die andern sind ebenso böse wie ich; sie verstellen sich nur, und ich kann mich nicht verstellen... Ich gehe fort und bleibe allein... So ist es besser. Aber verzeiht mir!« In den langen Wimpern des Knaben glänzten Tränen. Ganz leise und schüchtern wiederholte er: »Verzeiht mir, Messer Leonardo! ... Die Schachtel trage ich hinüber. Behaltet sie zum Andenken. Die Spinne wird noch lange leben. Ich werde Astro bitten, daß er sie füttert...« Leonardo legte seine Hände auf den Kopf des Knaben. »Wohin willst du denn gehen, Kind? Bleibe. Marco wird dir verzeihen und ich zürne dir nicht. Geh' und bestrebe dich in Zukunft, niemandem Böses zu tun.« Jacopo sah ihn schweigend mit einem langen verständnislosen Blick an, und in seinen Augen leuchtete nicht Dank, sondern Erstaunen, beinahe Angst. Leonardo erwiderte diesen Blick mit einem stillen sanften Lächeln. Er streichelte ihm zärtlich den Kopf; es war ihm, als errate er das ewige Geheimnis dieses Herzens, das von der Natur böse veranlagt und in seiner Bosheit doch unschuldig war. »Es ist Zeit,« sagte der Meister, »gehen wir, Giovanni.« Sie verließen den Hof durch eine kleine Pforte und gingen die einsame Straße zwischen Obst- und Gemüsegärten und Weinbergen zum Kloster Maria delle Grazie hinauf. VI. In der letzten Zeit war Beltraffio sehr betrübt, weil er dem Meister das ausbedungene monatliche Lehrgeld von sechs Florins nicht bezahlen konnte. Der Onkel war ihm böse und gab ihm keinen Heller. Fra Benedetto lieh ihm das Geld für zwei Monate, mehr aber hatte der Mönch auch nicht; er hatte ihm sein letztes gegeben. Giovanni wollte sich vor dem Meister rechtfertigen. Er begann stotternd, errötend und ganz verlegen: »Messere, heute ist der vierzehnte, und ich mußte am Zehnten mein Lehrgeld zahlen, wie ausbedungen ... Es ist mir sehr peinlich ... Hier habe ich aber nur drei Florins. Vielleicht wollt Ihr noch etwas warten. Ich werde mir bald Geld verschaffen. Merula versprach mir Schreibarbeit...« Leonardo sah ihn erstaunt an: »Was ist mit dir, Giovanni? Gott behüte! Schämst du dich denn gar nicht, darüber zu sprechen?« Er sah das verlegene Gesicht seines Schülers, die ungeschickten, elenden und verschämten Flicken auf seinen alten Schuhen mit den durchgewetzten groben Nähten, seine schäbige Kleidung und begriff, daß er in großer Not war. Leonardos Gesicht verfinsterte sich, und er brachte das Gespräch auf andere Dinge. Nach einer Weile aber suchte er nachlässig und zerstreut in seiner Tasche und holte ein Goldstück heraus. Er gab es Giovanni und sagte: »Bitte, Giovanni, geh' später zum Kaufmann und kaufe mir etwa zwanzig Bogen blaues Zeichenpapier, ein Paket Rötelstifte und einige Hamsterpinsel. Hier ist das Geld.« »Es ist ein Dukaten. Alles zusammen macht etwa zehn Soldi. Ich werde Euch den Rest bringen...« »Nichts wirst du mir bringen, wirst noch Zeit haben, mir es zurückzugeben. Aber wage mir ja nicht wieder von Geldsachen zu sprechen! Hörst du?« Er wandte sich ab und machte Giovanni auf die Lärchen aufmerksam, die sich an den beiden Ufern des schnurgeraden Kanales Naviglio Grande hinzogen und deren Umrisse im Morgennebel auseinanderflossen. »Hast du bemerkt, Giovanni, daß das Laub im leichten Nebel luftig-blau erscheint und im dichten Nebel – blaß-grau?« Er machte noch einige Bemerkungen über die verschiedenen Schatten, welche die Wolken im Sommer auf belaubte und im Winter auf kahle Berge werfen. Dann wandte er sich wieder zu seinem Schüler und sagte: »Ich weiß ja, warum du glaubst, ich sei ein Geizhals. Ich möchte wetten, daß ich es richtig erraten habe. Als du bei mir eintreten wolltest und wir wegen des Lehrgeldes unterhandelten, da hast du wohl bemerkt, daß ich alles mit allen Einzelheiten in mein Notizbuch eintrug. Du mußt aber wissen, mein Freund, daß ich diese Gewohnheit von meinem Vater, dem Notar Pietro da Vinci, dem vernünftigsten und genauesten Menschen der Welt geerbt habe. Aus dieser Genauigkeit Ziehe ich eigentlich keinerlei Nutzen. Oft lache ich selbst darüber, was für einen Unsinn ich mir notiere! Ich kann dir z. B. ganz genau sagen, wieviel Denare die Feder und der Samt zum neuen Barett des Andrea Salaino kosteten, weiß aber nicht, wo Tausende von Dukaten hingeraten. Ich bitte dich, Giovanni, achte in Zukunft nicht auf diese dumme Gewohnheit. Wenn du Geld brauchst, so nimm es bei mir und glaube mir, daß ich es dir so gebe, wie ein Vater seinem Sohne Geld gibt.« Leonardo sah ihn mit einem so guten Lächeln an, daß es Giovanni ganz leicht und freudig zumute wurde. Er zeigte seinem Schüler einen sonderbar geformten niedrigen Maulbeerbaum in einem Garten, an dem sie gerade vorbeigingen, und erklärte ihm, daß nicht nur jeder Baum, sondern auch jedes Blatt seine besondere, einzige und sich nie wiederholende Form habe, wie jeder Mensch sein besonderes Gesicht. Giovanni bemerkte, daß er von den Bäumen mit der gleichen Liebe sprach, wie vorhin von seiner Notlage, und er bemerkte, daß dieses Interesse für alles Lebende in der Natur dem Meister den Scharfblick eines Hellsehers verleihe. In der tiefen fruchtbaren Ebene wurde hinter den dunkelgrünen Maulbeerbäumen die rötliche Backsteinkirche des Dominikanerklosters Maria delle Grazie sichtbar. Mit ihrer breiten lombardischen zeltförmigen Kuppel und ihren Ornamenten aus gebranntem Ton, gewährte die Kirche, ein Werk des jungen Bramante, gegen den weißen Hintergrund des bewölkten Himmels einen lustigen Anblick. Sie traten ins Refektorium. VII. Es war ein einfacher langgedehnter Saal mit schmucklosen, weiß getünchten Wänden und dunklen Deckenbalken. Es roch nach warmer Feuchtigkeit, Weihrauch und dem Dunst von Fastenspeisen. An der Schmalseite beim Eingang stand der kleine Tisch des Priors. Rechts und links waren die langen schmalen Tische der Mönche aufgestellt. So still war es, daß man das Summen einer Fliege an den verstaubten gelben Fensterscheiben hören konnte. Aus der Klosterküche drangen Stimmen und das Geklirr von eisernen Pfannen und Töpfen herein. In der Tiefe des Refektoriums an der Schmalseite, dem Tische des Priors gegenüber, stand ein hölzernes Gerüst, und die Wand war da mit rauher grauer Leinwand verhängt. Giovanni erriet, daß diese Leinwand das Heilige Abendmahl, an dem der Meister seit mehr als zwölf Jahren arbeitete, verdeckte. Leonardo bestieg das Gerüst, öffnete eine Lade, in der er seine Skizzen, Kartons, Farben und Pinsel verwahrte, und holte ein kleines, halb zerfetztes lateinisches Buch hervor, dessen Blätter eine Menge Randbemerkungen enthielten. Er reichte es dem Schüler und sagte: »Lies das dreizehnte Kapitel Johannis.« Und dann schlug er den Vorhang zurück. Als Giovanni aufblickte, hatte er den Eindruck, als sei es keine Wandmalerei, sondern wirkliche Luft, eine Fortsetzung des Refektoriums in die Tiefe, als sei hinter dem Vorhang ein anderer Raum erschienen: die Deckenbalken fanden in der Wand ihre Fortsetzung, sie liefen in der Ferne perspektivisch zusammen, und das Tageslicht verschmolz mit dem stillen Abendlicht über den blauen Gipfeln Zions, die aus den drei Fenstern dieses neuen Refektoriums sichtbar waren; dieses war aber ebenso einfach wie das der Mönche, nur war es mit einigen Teppichen ausgeschlagen und schien gemütlicher und geheimnisvoller. Der lange Tisch auf dem Bilde glich denen der Mönche; da war auch das gleiche Tischtuch mit schmalen eingewebten Streifen verziert, mit zu Knoten zusammengebundenen Ecken und viereckigen Falten, die so aussahen, als ob das Tischtuch erst eben noch etwas feucht aus der Klosterwäsche käme; auch die Gläser, Teller, Messer und Weinkannen waren die gleichen. Und er las im Evangelium: »Vor dem Fest aber der Ostern, da Jesus erkannte, daß seine Zeit kommen war, daß er aus dieser Welt ginge zum Vater, wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. »Und bei dem Abendessen, da schon der Teufel hatte dem Judas, Simons Sohn, dem Ischarioth, ins Herz gegeben, daß er ihn verriete, »Ward Jesus betrübt im Geist, und zeugete und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. »Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ward ihnen bange, von welchem er redete. »Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische saß an der Brust Jesu, welchen Jesus lieb hatte. »Dem winkte Simon Petrus, daß er forschen sollte, wer es wäre, von dem er sagte. »Denn derselbige lag an der Brust Jesu, und er sprach zu ihm: Herr, wer ist's? »Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein, und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischarioth. »Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.« Giovanni hob seine Blicke zum Bilde. Die Gesichter der Apostel atmeten solches Leben, daß er ihre Stimme zu vernehmen glaubte; er sah in die Tiefen ihrer Herzen, die vor dem Unverständlichsten und Schrecklichsten von allem, was je auf Erden geschah, erschauerten: vor der Geburt des Bösen, das den Gott töten sollte. Besonders erschütterte ihn die Darstellung der Apostel Judas, Johannes und Petrus. Judas Gesicht war noch unvollendet, sein zurückgebogener Körper nur angedeutet: er hielt in seinen gekrümmten Fingern den Beutel mit den Silberlingen und stieß dabei in seiner Erregung ein Salzfaß um und verschüttete dessen Inhalt. Petrus war in seinem Zorn aufgesprungen; in der Rechten hielt er ein Messer, die Linke legte er auf Johannis Schulter, als wolle er den liebsten Jünger Jesu befragen: »Wer ist der Verräter?« und sein greiser silbergrauer zorniger Kopf erstrahlte in jenem flammenden Eifer, mit dem er später, als er die Unvermeidlichkeit der Leiden und des Todes seines Herrn einsah, die Worte sprach: »Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen.« Johannes saß Christus am nächsten; sein seidenweiches, oben glattes und unten gelocktes Haar, seine gesenkten, etwas schlaftrunkenen Wimpern, seine demütig gefalteten Hände und seine ovale Gesichtsform – dies alles atmete himmlische Ruhe und Klarheit. Er war der einzige unter den Jüngern, der nicht litt, noch fürchtete, noch zürnte. In ihm erfüllte sich das Wort des Heilands: »Auf daß sie alle eins seien, gleichwie Du, Vater, in mir und ich in Dir.« Giovanni betrachtete das Bild und dachte: »Also so ist Leonardo! Und ich hatte an ihm gezweifelt und den Verleumdungen Glauben geschenkt. Ein Mensch, der dies da geschaffen hat, soll gottlos sein? Wer steht denn unter den Menschen Christo näher als er! ...« Der Meister machte mit einigen zarten Pinselstrichen das Gesicht des Johannes fertig und versuchte nun mit einem Kohlenstift, den er aus seiner Lade holte, das Gesicht Christi zu entwerfen. Es wollte ihm aber nicht gelingen. Er war im Geiste seit zehn Jahren mit diesem Kopf beschäftigt und doch gelang es ihm nicht, ihn auch nur flüchtig zu skizzieren. Der Künstler stand nun wieder vor dem weißen Fleck auf der Leinwand, in dem das Antlitz des Herrn erscheinen sollte und doch nicht konnte, und wieder fühlte er seine Ohnmacht und seine Zweifel. Er warf die Kohle fort und beseitigte mit einem Schwamm die leichten Striche, die er eben gemacht hatte. Dann versank er vor dem Bilde in Nachdenken. So stand er oft stundenlang da. Giovanni bestieg das Gerüst und näherte sich dem Meister. Da sah er in dem finstern, mürrischen, gleichsam gealterten Gesicht Leonardos den Ausdruck einer hartnäckigen, verzweifelten Anspannung aller Gedanken. Leonardo erwiderte Giovannis Blick mit den freundlichen Worten: »Was sagst du nun, Freund?« »Meister, was kann ich denn sagen? Es ist schön, herrlicher als alles in der Welt. Niemand hat es so begriffen, wie Ihr. Ich will lieber gar nichts sagen. Ich kann es nicht...« In seiner Stimme bebte tiefe Rührung. Dann sagte er noch ganz leise, beinahe ängstlich: »Ich denke nach und begreife nicht, wie das Gesicht des Judas unter diesen Gesichtern erscheinen soll?« Der Meister nahm aus der Lade die Skizze und zeigte sie ihm. Das Gesicht war schrecklich, aber gar nicht abstoßend, nicht einmal boshaft; nur erfüllt von unendlichem Leid und von der Bitternis der Erkenntnis. Giovanni verglich es mit dem Gesichte Johannis. »Ja!« flüsterte er, »er ist es! Jener, von dem geschrieben steht: ›Der Satan fuhr in ihn.‹ Vielleicht wußte er mehr als alle, aber auf das Wort: ›Auf daß sie alle eins seien‹ wollte er nicht hören. Er wollte allein und für sich sein...« Ins Refektorium kam Cesare de Sesto in Begleitung eines Mannes, der die Kleidung eines Hof-Ofenheizers trug. »Endlich finden wir Euch!« rief Cesare. – »Wir haben schon überall gesucht. Der Mann kommt von der Herzogin in einer wichtigen Angelegenheit.« »Wollen Ew. Gnaden mir ins Schloß folgen,« sagte der Heizer ehrerbietig. »Was ist denn geschehen?« »Ein Unglück, Messer Leonardo! Die Rohrleitungen im Bade haben versagt. Als die Herzogin heute früh in die Wanne zu steigen geruhte und die Zofe ins Nebenzimmer ging, um Wäsche zu holen, da brach der Hahn für heißes Wasser ab, so daß Ihre Durchlaucht das Wasser nicht abstellen konnte. Zum Glück gelang es ihr, rechtzeitig aus der Wanne zu springen. Sonst hätte sie sich verbrüht. Nun geruht sie zu zürnen: der Schloßverwalter Messer Ambrogio da Ferrari ist sehr aufgebracht und sagt, er hätte schon oft Ew. Gnaden auf den bedenklichen Zustand der Rohrleitungen aufmerksam gemacht.« »Unsinn!« sagte Leonardo. – »Du siehst doch, daß ich beschäftigt bin. Sage es Zoroastro. Er setzt es in einer halben Stunde instand.« »Es geht nicht, Messere! Ich muß unbedingt Euch holen ...« Leonardo wandte sich von ihm weg und wollte weiter arbeiten. Als er aber den leeren Fleck, auf den das Antlitz Jesu kommen sollte, vor sich sah, verzog er geärgert sein Gesicht, denn er sah ein, daß es ihm auch diesmal nicht gelinge. Dann sperrte er seine Lade zu und stieg vom Gerüst. »Also gut, gehen wir! Erwarte mich im großen Schloßhof, Giovanni. Cesare wird dich hinführen, wir treffen uns beim Pferd.« Dieses Pferd war ein Denkmal des verstorbenen Herzogs Francesco Sforza. Giovanni bemerkte mit Erstaunen, daß sein Meister sich gar nicht nach dem Heiligen Abendmahl umwandte, und daß er willig dem Heizer folgte, um die Abflußrohre für schmutziges Wasser im herzoglichen Bade zu reparieren; er schien sogar froh zu sein, daß er nun einen Vorwand habe, sein Werk zu verlassen. »Was? Kannst dich gar nicht satt sehen?« fragte Cesare Beltraffio. – »Es mag wirklich merkwürdig erscheinen, so lange man es nicht ganz erfaßt hat ...« »Was willst du damit sagen?« »Gar nichts ... Ich will dich nicht enttäuschen, vielleicht kommst du noch selbst dahinter, vorläufig kannst du dich ja noch daran ergötzen.« »Ich bitte dich, Cesare, sage mir alles, was du darüber denkst.« »Gut. Aber, bitte, mache mir hinterdrein keine Vorwürfe, weil ich dir die Wahrheit gesagt habe. Ich weiß übrigens schon jetzt alles, was du einwenden wirst, und ich will dir nicht widersprechen. Gewiß ist es ein gewaltiges Werk. Kein Meister beherrschte so die Anatomie, die Perspektive und die Gesetze von Licht und Schatten wie er. Wie könnte es auch anders sein?! Alles ist ja der Natur abgeguckt: jede Furche in den Gesichtern, jede Falte im Tischtuch, was aber fehlt, – ist der Geist des Lebens. Gott fehlt in dem Bilde, und er kommt auch nie hinein! Alles ist darin tot, das Herz ist tot! Sieh nur hin, Giovanni: diese geometrische Symmetrie! Siehst du die Dreiecke? Zwei Dreiecke der Beschaulichkeit und zwei der Tätigkeit, und in der Mitte steht Christus. So siehst du rechts das Dreieck der Beschaulichkeit: das Vollkommen-Gute in Johannes, das Vollkommen-Böse in Judas und die Scheidung von gut und böse – das Gerechte in Petrus. Daneben siehst du das Dreieck der Tätigkeit: Andreas, Jakobus der Jüngere und Bartholomäus. Links hast du wieder ein Dreieck der Beschaulichkeit: die Liebe in Philippus, der Glaube in Jakobus dem Älteren und die Vernunft in Thomas. Und daneben ist wieder ein Dreieck der Tätigkeit. Hier ist Geometrie statt Begeisterung, Mathematik statt Schönheit! Alles ist durchdacht, berechnet, bis zum Überdruß durchgekaut, gewogen und abgemessen. Unter dem Deckmantel des Heiligsten – ist hier nur Blasphemie!« »O, Cesare!« sagte Giovanni leise und vorwurfsvoll: »wie schlecht kennst du den Meister! Und warum haßt du ihn so?« »Und du glaubst, daß du ihn kennst und liebst?« fragte Cesare mit giftigem Lächeln, ihm einen schnellen Blick zuwerfend. In seinen Augen flammte so unerwarteter Haß auf, daß Giovanni unwillkürlich stutzte. »Du bist ungerecht, Cesare,« sagte er nach einer Pause. »Das Bild ist ja noch nicht vollendet. Der Heiland fehlt ja noch drauf.« »Der Heiland fehlt. Bist du aber überzeugt, daß er je kommt? Wir wollen sehen. Aber merke dir, was ich sage: Messer Leonardo wird sein Heiliges Abendmahl nie vollenden, weder Christus, noch Judas wird er je malen. Begreife doch, mein Freund: mit Mathematik, Erfahrung und Wissen kann man vieles erreichen, aber doch nicht alles. Hier ist etwas anderes not. Hier ist die Schwelle, die er mit seiner ganzen Gelehrtheit nie überschreiten kann!« Sie verließen das Kloster und gingen zum Schlosse Castello di Porta Giovia. »In einem hast du doch unrecht, Cesare,« sagte Beltraffio: »der Judas ist schon fertig.« »So? Wo denn?« »Ich habe ihn selbst gesehen.« »Wann?« »Soeben. Er zeigte mir die Skizze.« »Dir? So!« Cesare blickte ihn an und fragte langsam, wie mit Selbstüberwindung: »Nun, ist sie gut?« Giovanni nickte stumm. Cesare erwiderte nichts und sprach nachher auf dem ganzen Wege kein Wort. Er war ganz in seine Gedanken versunken. VIII. Sie erreichten das Schloßtor und gelangten über die Zugbrücke Battiponte in den Turm der Südmauer – Torre di Filarete, der von allen Zeiten von tiefen Wassergräben umgeben war. Hier war es dumpf und finster, es roch noch nach Brot und Pferdemist, wie in einer Kaserne. Im schallenden Gewölbe hallten die vielsprachigen Rufe und Schimpfworte der Söldner und ihr Lachen wider. Cesare hatte einen Passierschein. Giovanni war aber den Wächtern unbekannt; sie musterten ihn argwöhnisch und trugen seinen Namen in das Wachtjournal ein. Sie passierten eine zweite Zugbrücke, wo sie wieder von der Wache angehalten wurden, und gelangten auf den großen leeren Schloßplatz – Piazza d'Armi, das Marsfeld. Nun standen sie vor der schwarzen Silhouette des gezackten Turmes – Bona Savoja, der sich über dem Toten Graben – Fossato Morto erhob. Rechts war der Eingang zum Ehrenhof – Corte Ducale, links – zu dem stark befestigten und völlig unzugänglichen Fort Rocchetta, das einem richtigen Adlerneste glich. In der Mitte des Platzes stand ein großes hölzernes Baugerüst, das von verschiedenen Anbauten, Zäunen und Schuppen, die zwar provisorisch aufgestellt, aber vom Alter schon schwarz und fleckig waren, umgeben war. Über diesen Zäunen und Gerüsten erhob sich eine Statue aus Ton, genannt der Koloß, – ein zwölf Ellen hohes Reiterstandbild, ein Werk Leonardos. Das Pferd aus dunkelgrünem Ton hob sich riesengroß vom bewölkten Himmel ab. Es bäumte sich, einen Krieger niedertretend; der Sieger streckte einen Herzogsstab aus. Es war der große Condottiere Francesco Sforza, der Abenteurer, der sein Blut um Geld verkaufte, halb – Soldat, halb – Räuber. Er stammte von einem armen Bauern aus der Romagna; stark wie ein Löwe und schlau wie ein Fuchs erreichte er dank seinen Verbrechen, Heldentaten und seiner Weisheit die höchste Macht und starb auf dem Throne der Mailänder Herzoge. Ein bleicher feuchter Sonnenstrahl streifte den Koloß. Giovanni sah in seinem fetten Doppelkinn und in seinen schrecklichen scharfen und raubgierigen Augen die gutmütige Ruhe eines satten Tieres. Im Sockel las er aber das Distichon, das Leonardo mit eigener Hand in den Ton modelliert hatte: Exspectant animi molemque futuram Suspiciunt; fluat aes; vox erit: Ecce deus! Die beiden letzten Worte » Ecce Deus! « – »Seht, welch ein Gott!« ergriffen Giovanni aufs tiefste. »Ein Gott!« sprach Giovanni vor sich hin und sah noch einmal den tönernen Koloß an und das menschliche Opfer, das sich unter dem Pferde des Triumphators, des gewalttätigen Sforza, wand. Da mußte er wieder an das stille Refektorium im Kloster der Gnadenreichen Jungfrau denken, an die blauen Gipfel Zions, an die himmlische Schönheit Johannis und an die Stille des letzten Abendmahls jenes Gottes, von dem geschrieben steht: »Ecce homo!« – »Sehet, welch ein Mensch!« Da kam Leonardo auf ihn zu. »Ich bin mit der Arbeit fertig. Gehen wir. Sonst ruft man mich noch zurück: ich glaube, die Küchenherde sind nicht in Ordnung. Machen wir uns aus dem Staube, ehe man es bemerkt.« Giovanni stand schweigend mit gesenkten Augen da. Er war blaß. »verzeiht, Meister! ... Ich denke und denke und kann nicht begreifen, wie Ihr zur selben Zeit den Koloß und das heilige Abendmahl schaffen konntet?« Leonardo sah ihn mit naivem Erstaunen an. »Was kannst du da nicht begreifen?« »O, Messer Leonardo, seht Ihr es denn nicht selbst? Es geht doch nicht zur selben Zeit ...« »Ganz im Gegenteil, Giovanni. Ich glaube, das eine ist dem andern förderlich. Wenn ich hier am Koloß arbeite, fallen mir die besten Gedanken für das Heilige Abendmahl ein, und umgekehrt – im Kloster denke ich mit Vorliebe an den Koloß. Diese Werke sind Zwillinge. Ich habe sie zugleich angefangen und werde sie auch zugleich vollenden.« »Zugleich! Diesen Menschen und den Heiland! Nein, Meister, das kann nicht sein! ...« rief Beltraffio aus. Er konnte seine Gedanken nicht deutlicher ausdrücken, er fühlte aber in seinem Herzen den unerträglichen Widerspruch und wiederholte nur: »Das kann nicht sein! Nein, das kann nicht sein!« »Warum kann es nicht sein?« fragte der Meister. Giovanni wollte etwas erwidern; ihn traf aber der ruhige, erstaunte Blick Leonardos, und da begriff er, daß alle Worte vergeblich seien, denn Leonardo würde seine Einwände nicht verstehen. »Als ich vor dem Heiligen Abendmahl stand,« dachte Giovanni, »glaubte ich, ihn zu verstehen. Und jetzt weiß ich wieder nichts. Wer ist er? Welchem von den beiden jubelt sein Herz zu: ›Welch ein Gott!‹ Oder hat vielleicht Cesare recht und Leonardos Herz ist wirklich gottlos?« IX. Nachts, als das ganze Haus schlief, schlich Giovanni, der nicht einschlafen konnte, in den Hof und setzte sich auf eine von Weinlaub beschattete Bank. Der Hof war viereckig und in der Nähe stand ein Brunnen. Giovanni saß mit dem Rücken zur Hausmauer; ihm gegenüber lagen die Stallungen; links war die Mauer mit der Pforte auf die Landstraße, die zur Porta Vercellina führte und rechts – die immer abgesperrte Türe zu einem Gärtchen; in diesem Gärtchen stand ein einzelnes Gebäude, das außer dem Meister nur noch Astro betreten durfte; hier arbeitete zuweilen Leonardo in gänzlicher Abgeschlossenheit. Die Nacht war still, warm und feucht; trübes Mondlicht sickerte durch den schwülen Nebel. An die Pforte wurde von der Landstraße aus geklopft. Im Erdgeschoß öffnete sich ein Fenster, jemand steckte seinen Kopf heraus und fragte: »Bist du es, Monna Kassandra?« »Ja. Mache auf.« Astro kam aus dem Hause und machte auf. In den Hof trat eine weibliche Gestalt in einem weißen Gewande, das im Mondlicht grünlich erschien. Zuerst besprachen sie etwas an der Pforte. Dann gingen sie an Giovanni vorbei, ohne ihn zu bemerken, denn ihn verdeckte der schwarze Schatten des Weinlaubes und des Schutzdaches. Das Mädchen setzte sich auf den niederen Rand des Brunnens. Sie hatte ein merkwürdiges Gesicht: es war gleichgültig und unbeweglich wie bei alten Statuen. Ihre Stirn war niedrig, ihre Augenbrauen gerade, das Kinn auffallend klein und die Augen durchsichtig bernsteingelb. Am meisten wunderte sich Giovanni über ihr Haar, das trocken, flockig und leicht war und von eigenem Leben beseelt schien; es gemahnte an die Schlangen der Medusa und umgab das Gesicht mit einem schwarzen Glorienschein, der das Gesicht noch bleicher, die roten Lippen – leuchtender und die gelben Augen – durchsichtiger erscheinen ließ. »Du hast also auch schon vom Frater Angelo gehört, Astro?« fragte das Mädchen. »Ja, Monna Kassandra. Man sagt, der Papst habe ihn hergeschickt, damit er alle Zauberei und Ketzerei ausrotte. Wenn man die Leute über die Patres der Inquisition reden hört, so stehen einem die Haare zu Berge. Ich wünsche keinem, in ihre Klauen zu geraten! Seid vorsichtiger, warnt Eure Tante...« »Sie ist gar nicht meine Tante!« »Das ist gleich. Ich meine Monna Sidonia, bei der Ihr wohnt.« »Glaubst du, daß wir Hexen sind, Schmied?« »Gar nichts glaube ich! Messer Leonardo hat es mir haarklein auseinandergesetzt und bewiesen, daß es keinerlei Hexerei gibt und auch keine geben kann, und zwar nach den Gesetzen der Natur. Messer Leonardo weiß alles und glaubt an nichts...« »Er glaubt an nichts,« wiederholte Monna Kassandra, »glaubt er denn nicht an den Teufel? Und an Gott?« »Spottet nicht. Er ist ein gerechter Mann.« »Ich spotte gar nicht. Weißt du aber, Astro, was es für sonderbare Fälle gibt? Man erzählte mir, die Patres der Inquisition hätten bei einem großen Gottesleugner einen Vertrag mit dem Teufel gefunden, nach dem sich dieser Mann verpflichtete, den Glauben an die Existenz von Hexen und an die Macht des Teufels nach den Gesetzen der Logik und der natürlichen Verordnung zu bekämpfen, um auf diese Weise die Diener Satans von den Verfolgungen der heiligsten Inquisition zu schützen und das Reich des Teufels auf der Erde zu vermehren. Daher heißt es ja auch, ein Zauberer sei ein Ketzer, derjenige aber, der an Zauberei nicht glaubt, sei ein doppelter Ketzer. Also, Schmied, sei auf der Hut, verrate deinen Meister nicht, und erzähle es niemand, daß er an die schwarze Magie nicht glaubt!« Zoroastro war zuerst bestürzt, dann begann er zu widersprechen und Leonardo zu verteidigen. Das Mädchen unterbrach ihn aber: »Wie steht's mit eurer Flugmaschine? Wird sie bald fertig?« Der Schmied machte eine abwehrende Handbewegung. »Fertig? Keine Spur! Wird wieder alles umgearbeitet.« »Ach, Astro, Astro! Wie kannst du nur an diesen Unsinn glauben! Siehst du denn nicht, daß alle diese Maschinen Schwindel sind? Ich glaube, daß Messer Leonardo schon längst fliegen kann...« »Wie kann er denn fliegen?« »Nun, ebenso wie ich.« Er sah sie nachdenklich an. »Vielleicht träumt Ihr nur davon, Monna Kassandra?« »Wie könnten es dann die andern sehen? Oder hast du nichts davon gehört?« Der Schmied kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ich vergaß übrigens,« fuhr sie spöttisch lächelnd fort: »daß ihr hier gelehrte Männer seid und an keinerlei Wunder glaubt. Bei euch ist ja alles Mechanik!« »Der Teufel soll die Mechanik holen! Sie wächst mir längst zum Halse heraus!« Dann faltete er flehend die Hände und sagte: »Monna Kassandra! Ihr wißt, daß ich verschwiegen bin. Und dann würde ich auch mir selbst schaden, wenn ich etwas ausplauderte. Denn Frater Angelo kann auch uns jeden Tag an den Kragen gehen. Sagt mir, bitte, sagt es offen ...« »Was soll ich denn sagen?« »Wie Ihr fliegt.« »So, das willst du wissen! Nein, mein Lieber, das sage ich dir nicht. Viel Wissen schadet nur.« Sie schwieg. Dann blickte sie ihm eine Weile in die Augen und sagte leise: »Was soll ich da viel erzählen? Da heißt es einfach handeln.« »Was gehört denn dazu?« fragte er mit bebender Stimme und bleich. »Man muß eine Formel wissen. Und dann gibt es noch eine Salbe, mit der man sich einreibt.« »Habt Ihr sie?« »Ja.« »Kennt Ihr auch die Formel?« Das Mädchen nickte bejahend. »Und werde ich damit fliegen können?« »Versuch's. Das ist sicherer als eure Mechanik!« Wahnsinniges verlangen erglühte in dem einzigen Auge Astros. »Monna Kassandra, gebt mir von Eurer Salbe!« Sie lächelte leise und rätselhaft. »Astro, du bist wirklich sonderbar! Erst eben erklärtest du die Geheimnisse der Magie – für dumme Märchen und nun glaubst du plötzlich selbst an sie ...« Astro schlug verlegen die Augen nieder. Sein Gesicht nahm einen eigensinnigen und verschämten Ausdruck an. »Ich will es versuchen. Mir ist es ja gleich – ob mit Magie, oder mit Mechanik, aber ich will durchaus fliegen! Ich kann nicht länger warten...« Das Mädchen legte ihm ihre Hand auf die Schulter. »Also gut. Du tust mir leid. Du wirst vielleicht noch wirklich verrückt, wenn dir das Fliegen nicht gelingt. Es sei. Ich will dir von der Salbe geben und auch die Formel sagen. Aber auch du, Astro, mußt mir einen Wunsch erfüllen!« »Ich will für Euch alles tun, Monna Kassandra! Sagt nur, was Ihr wünscht.« Das Mädchen wies auf das mondbeschienene nasse Ziegeldach des Hauses im abgeschlossenen Garten. »Laß mich da hinein.« Astro runzelte die Brauen und schüttelte den Kopf. »Nein, nein... Alles, was Ihr wollt, nur nicht das!« »Warum?« »Ich habe ihm mein Wort gegeben, daß ich niemand hineinlasse.« »Warst du schon einmal selbst dort?« »Gewiß.« »Was gibt's denn dort?« »Da gibt es wirklich keine Geheimnisse. Ich versichere Euch, Monna Kassandra, da ist gar nichts Interessantes: nichts als Maschinen, Apparate, Bücher, Manuskripte. Dann gibt es dort noch seltene Pflanzen, Tiere und Insekten, die ihm Reisende aus fremden Ländern mitbringen. Dann gibt es noch einen giftigen Baum ...« »Einen giftigen Baum?« »Ja, mit dem experimentiert er. Er hat ihn vergiftet, um die Wirkung des Giftes auf Pflanzen zu studieren.« »Ich bitte dich, Astro, erzähle mir alles, was du von diesem Baume weißt.« »Da ist nicht viel zu erzählen. Im Frühjahr, als im Baume die Säfte stiegen, bohrte er den Stamm bis zur Mitte an und dann spritzte er mit einer langen hohlen Nadel eine gewisse Flüssigkeit hinein.« »Das sind merkwürdige Experimente! Was ist es denn für ein Baum?« »Ein Pfirsichbaum.« »Nun, was wurde daraus? Sind die Früchte giftig?« »Sie werden es sein, sobald sie reif sind.« »Sieht man es ihnen an, daß sie vergiftet sind?« »Nein, es ist nichts zu sehen. Darum läßt er auch niemand hinein, damit nicht jemand an den Pfirsichen Gefallen findet, einen ißt und daran stirbt.« »Hast du den Schlüssel?« »Ja.« »Gib mir den Schlüssel, Astro!« »Was fällt Euch ein, Monna Kassandra? Ich habe ja geschworen...« »Gib den Schlüssel!« wiederholte Kassandra. – »Dann verspreche ich dir, daß du noch diese Nacht fliegst, hörst du? – noch diese Nacht! Siehst du, da ist die Salbe!« Sie holte aus ihrem Busen ein Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit, die im Mondlicht schwach aufleuchtete, hervor, zeigte es ihm, näherte ihr Gesicht ganz dicht dem seinigen und sprach mit einschmeichelnder Stimme: »Wovor fürchtest du dich, Narr? Du sagst ja selbst, daß es da keinerlei Geheimnisse gibt, wir wollen nur hineingehen und schauen... Gib also den Schlüssel!« »Laßt ab von mir!« erwiderte er. »Ich werde Euch um keinen Preis hineinlassen, auch will ich Eure Salbe nicht. Geht fort!« »Feigling!« sagte sie mit Verachtung. »Du hast die Möglichkeit, das Geheimnis zu ergründen, und du traust dich nicht. Jetzt sehe ich, daß er ein Zauberer ist und dich zum Besten hält...« Er drehte ihr mit finsterer Miene den Rücken zu und schwieg. Das Mädchen näherte sich ihm wieder. »Also gut, Astro, dann nicht. Ich will nicht eintreten, aber öffne die Türe und laß mich nur hineinschauen...« »Werdet Ihr wirklich nicht eintreten?« »Nein. Öffne und laß mich hineinschauen.« Er zog den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. Giovanni erhob sich leise von seiner Bank und erblickte in der Mitte des von allen Seiten mit Mauern umgebenen Gartens einen ganz gewöhnlichen Pfirsichbaum. Aber im bleichen Nebel und im trüben grünen Mondlicht erschien ihm der Baum unheildrohend und gespenstisch. Das Mädchen stand an der Schwelle der Gartenpforte und starrte mit dem Ausdrucke gieriger Neugier in den weitgeöffneten Augen in den Garten. Dann machte sie einen Schritt vorwärts, um einzutreten. Der Schmied hielt sie zurück. Sie rang mit ihm und glitt aus seinen Händen wie eine Schlange. Er stieß sie mit Gewalt zurück, so daß sie beinahe hinfiel. Sie richtete sich wieder auf und sah ihn unverwandt an. Ihr leichenblasses Gesicht war böse und schrecklich: in diesem Augenblick glich sie wieder einer Hexe. Der Schmied schloß den Garten zu und trat ins Haus, ohne sich von Monna Kassandra zu verabschieden. Sie folgte ihm mit den Augen. Dann ging sie rasch an Giovanni vorbei und schlüpfte durch die Pforte auf die Landstraße von Porta Vercellina. Es war wieder still. Der Nebel wurde dichter, alles verschwand und zerfloß darin. Giovanni schloß die Augen. Wie im Traume sah er vor sich den schrecklichen Baum mit den schweren Tropfen im feuchten Laub, und den vergifteten Früchten, von grünlichem Mondlicht übergossen. Die Worte der Schrift fielen ihm ein: »Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; »Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.« Drittes Buch Die giftigen Früchte I. Herzogin Beatrice pflegte sich jeden Freitag den Kopf zu waschen und das Haar golden zu färben. Nachdem es gefärbt war, trocknete sie es in der Sonne. Diesem Zwecke dienten besondere mit Geländern versehene Balkone auf den Dächern. Die Herzogin saß auf einem solchen Balkon auf dem Dache des großen Landschlosses Sforzescha. Sie ertrug heldenmütig die sengenden Sonnenstrahlen, vor denen sich die Arbeiter mit ihren Ochsen in den Schatten flüchteten. Sie war in ein weites ärmelloses Gewand aus weißer Seide gekleidet und trug einen breitkrempigen Strohhut, der ihr Gesicht vor der Sonne schützen sollte. Der Hut war oben offen; ihr goldenes Haar quoll aus der runden Öffnung hervor und lag auf der breiten Krempe. Eine tscherkessische Sklavin mit gelbem Gesicht benetzte das Haar mit einem Schwamm, der auf eine Spindel gesteckt war; eine Tatarin mit schmalen schiefstehenden Augen kämmte es mit einem elfenbeinenen Kamme. Die Flüssigkeit zum Goldfärben bestand aus dem Maisafte von Nußbaumwurzeln, Safran, Ochsengalle, Schwalbenkot, grauer Ambra, gebrannten Bärenklauen und Eidechsenfett. An der Seite der Herzogin kochte unter ihrer Aufsicht auf einem Dreifuß über einer im Sonnenlicht fast unsichtbaren Flamme, in einer langnasigen Retorte, wie solche von Alchimisten gebraucht werden, ein rosafarbenes Muskatwasser mit kostbarer Viverre, Gummitragant und Liebstöckel. Von beiden Sklavinnen troff der Schweiß, selbst das kleine Schoßhündchen der Herzogin fühlte sich auf dem heißen Balkon unbehaglich. Es sah seine Herrin vorwurfsvoll an, atmete schwer, ließ seine Zunge hängen und knurrte nicht einmal dann, wenn es vom Äffchen belästigt wurde. Der Affe aber freute sich über die Hitze, ebenso wie der kleine Mohr, der einen in Perlmutter und Perlen gefaßten Spiegel zu halten hatte. Obwohl sich Beatrice die größte Mühe gab, ihrem Gesicht jene Würde und ihren Bewegungen jene Gemessenheit zu geben, die ihrem Range ziemten, konnte man doch schwer glauben, daß sie neunzehnjährig, schon seit drei Jahren verheiratet und bereits Mutter zweier Kinder war. Mit ihren kindlich runden braunen Wangen, mit der unschuldigen Falte im schlanken Hals unter dem zu vollen und runden Kinn, mit ihren streng zusammengepreßten, launenhaften dicken Lippen, mit ihren schmalen Schultern, der flachen Brust, den eckigen, stürmischen, oft knabenhaften Bewegungen, – sah sie wie ein verhätscheltes, eigensinniges, wildes und rücksichtsloses Schulmädchen aus. Und doch leuchtete in ihren charaktervollen, eisklaren braunen Augen Berechnung und Klugheit. Der klügste aller Staatsmänner jener Zeit – der Gesandte von Venedig – Marino Sanuto berichtete der Signorie, mit diesem Mädchen könne man in der Politik unmöglich fertig werden, sie sei viel schlauer, als ihr Gemahl Herzog Lodovico, der aber gescheit genug sei, ihr in allen Dingen zu folgen. Das Schoßhündchen bellte plötzlich böse und heiser. Eine Alte in einem dunklen Witwenkleid kam ächzend und stöhnend die steile Treppe herauf, welche von den Garderoberäumen zum Balkon führte. In der einen Hand hatte sie einen Rosenkranz, in der andern eine Krücke. Ihr Aussehen wäre mit ihren Runzeln ohne das süßliche Lächeln und ohne die mausartig herumlaufenden Augen wohl ehrfurchtgebietend gewesen. »Ja, ja, Altsein ist kein Vergnügen! Ich bin mit schwerer Mühe heraufgekommen. Der Herr verleihe Ew. Durchlaucht Gesundheit!« Sie drückte mit sklavischer Gebärde den Saum des Frisiermantels der Herzogin an ihre Lippen. »Du bist es, Monna Sidonia?! Nun, ist's fertig?« Die Alte holte aus ihrem Sack ein sorgfältig eingehülltes und verkorktes Fläschchen mit einer trüben milchweißen Flüssigkeit hervor; diese bestand aus einem Gemenge von Eselsmilch und der Milch einer roten Ziege, auf Sternanis, Spargelwurzeln und den Zwiebeln weißer Lilien angesetzt. »Eigentlich sollte es noch an die zwei Tage in warmem Pferdemist stehen. Aber ich glaube, es ist auch so fertig, wollet es nur, bevor Ihr Euch damit wascht, durch ein Filzsieb durchseihen. Befeuchtet damit ein Stück weiches Weißbrot und reibt damit Euer Gesicht so lange ab, als man braucht, um drei Credos zu lesen. In fünf Wochen ist jede Bräune von Eurem Gesicht verschwunden. Es hilft übrigens auch gegen Gesichtspickel.« »Hör mal, Alte,« sagte Beatrice, »ist nicht in dieser Essenz wieder solch ekelhaftes Zeug enthalten, wie es die Hexen für ihre schwarze Magie gebrauchen? Z. B. Schlangentalg, Wiedehopfblut, Pulver aus gerösteten und zerriebenen Fröschen, wie es im Enthaarungsmittel war, das du mir neulich brachtest? Gesteh es lieber offen!« »Nein, nein, Durchlaucht! Glaubt nicht an das Geschwätz der Leute. Ich arbeite ehrlich und ohne Schwindel. Wie es die Kundschaft haben will. Allerdings ist manches ekelhafte Zeug unumgänglich: so wusch sich z. B. die ehrwürdige Monna Angelica ihren Kopf einen ganzen Sommer lang mit Hunde-Urin, damit ihr die Haare nicht ausfielen. Und sie lobt noch heute Gott für dieses Mittel.« Dann erzählte sie der Herzogin ins Ohr den letzten Stadtklatsch von der jungen Frau des Hauptkonsuls des Salzamtes, der reizenden Monna Philiberta, die ihren Mann mit einem zugereisten spanischen Ritter betrüge. »Du alte Kupplerin!« sagte die Herzogin und drohte ihr halb im Scherz mit dem Finger. Die Klatschgeschichte schien ihr große Freude zu machen. – »Du selbst hast ja die Unglückliche verführt.« »Aber Ew. Durchlaucht! Warum soll sie unglücklich sein? Sie singt jetzt wie ein Vögelchen vor Freude und ist mir alle Tage dankbar! Erst jetzt, sagt sie, habe ich erfahren, wie verschieden die Küsse eines Geliebten von den Küssen des Gatten sind.« »Denkst du nicht an die Sünde? Hat sie denn keine Gewissensbisse?« »Gewissensbisse? Ich will Ew. Durchlaucht etwas sagen: obwohl die Mönche und die Pfaffen das Gegenteil behaupten, glaube ich doch, daß die Sünde des Fleisches – die natürlichste ist. Mit einigen Tropfen Weihwasser kann sie reingewaschen werden. Es ist noch zu bemerken, daß, wenn Monna Philiberta ihren Gatten betrügt, so verfährt sie dabei nach dem Grundsatz: »Wie du mir, so ich dir«; so vermindert sie ganz bedeutend die Last seiner Sünden vor Gott; vielleicht werden sie durch ihre Untreue auch ganz getilgt.« »Treibt es denn der auch so?« »Bestimmt will ich es ja nicht behaupten. Aber die Männer sind alle gleich. Ich glaube, es gibt keinen Mann, der es nicht vorzöge, mit nur einem Arm auszukommen, als nur eine Frau zu haben.« Die Herzogin lachte. »Monna Sidonia, dir kann man wirklich nicht zürnen! Wo nimmst du nur solche Weisheiten her?« »Glaubt mir, alles, was ich sage, ist heilige Wahrheit! Ich kann ja auch in Gewissensdingen einen Strohhalm von einem Balken unterscheiden! Alles hat seine Zeit. Unsereine, die in der Jugend ihren Hunger nach Liebe zu stillen versäumt hat, spürt im Alter oft solche Reue, daß sie leicht in die Klauen des Teufels gerät.« »Du predigst da wie ein Magister der Theologie!« »Ich bin nur ein ungebildetes Weib, Ew. Durchlaucht, aber was ich sage, kommt vom Herzen! Blühende Jugend wird uns nur einmal im Leben verliehen, denn welcher Teufel – Gott verzeihe mir! – mag uns noch, wenn wir alt sind? Wir taugen dann höchstens noch dazu, um die Glut in der Kaminasche zu hüten. Man jagt uns dann in die Küche, damit wir mit den Katzen schnurren und Töpfe und Pfannen zählen. Es heißt: die jungen Weiber sollen sich zieren, die alten – sollen krepieren. Schönheit ohne Liebe ist wie eine Messe ohne Vater Unser und die Küsse des Gatten sind langweilig wie die Spiele der Nonnen.« Die Herzogin lachte wieder. »Wie? Wie? Sag's noch einmal!« Die Alte sah sie wieder durchdringend an und merkte wohl, daß sie nun genug gescherzt habe und daß die Zeit für wichtigere Mitteilungen gekommen sei. Sie flüsterte ihr wieder etwas ins Ohr. Beatrice lachte nicht mehr. Sie winkte, und die beiden Sklavinnen entfernten sich. Nur der kleine Mohr, der nicht italienisch verstand, durfte auf dem Balkon bleiben. Über ihnen wölbte sich der blaue Himmel, blaß und tot vor Hitze. »Vielleicht ist es doch Unsinn?« sagte endlich die Herzogin. – »Was wird nicht alles zusammengelogen ...« »Nein, Signora. Ich sah und hörte es selbst. Ihr könnt auch andere Leute fragen.« »War viel Volk dabei?« »An die Zehntausend. Der Platz vor dem Pavia-Schlosse war überfüllt.« »Was hast du gehört?« »Als Madonna Isabella mit dem kleinen Francesco im Arm den Balkon betrat, schwenkten alle die Arme und Mützen. Viele schluchzten. Man rief: »Es lebe Isabella von Aragonien, es lebe Gian-Galeazzo, der rechtmäßige Beherrscher Mailands, und sein Thronfolger Francesco! Tod den Räubern der Krone!..« Beatrice runzelte die Stirne. »Riefen sie wörtlich so, wie du es sagst?« »Ja, und noch viel ärger ...« »Was sagten sie noch? Rede offen, fürchte dich nicht!« »Sie schrien – Signora, ich kann es nicht wiedererzählen – sie schrien: »Tod den Dieben!« Beatrice gab es einen Ruck. Sie beherrschte sich aber und fragte leise: »Was hast du noch gehört?« »Ich weiß wirklich nicht, wie ich es Ew. Durchlaucht sagen soll.« »Nun, mach schnell! Ich will alles wissen.« »Glaubt es mir, Signora, man erzählte in der Menge, der durchlauchtigste Herzog Lodovico Moro, der Vormund und Wohltäter Gian-Galeazzos, habe seinen Neffen in die Pavia-Feste gesperrt und ihn mit bezahlten Mördern und Spionen umgeben. Dann schrien sie und verlangten den Herzog selbst zu sehen. Aber Monna Isabella sagte ihnen, er sei krank und läge zu Bett ...« Monna Sidonia flüsterte der Herzogin wieder etwas ins Ohr. Beatrice hörte zuerst aufmerksam zu, dann wandte sie sich erzürnt ab und schrie die Alte an: »Du bist ja von Sinnen, alte Hexe! Was unterstehst du dich! Ich werde dich gleich von diesem Balkon hinunterwerfen lassen, so daß es die Raben schwer haben werden, deine Knochen zusammenzulesen!« Die Drohung machte auf Monna Sidonia wenig Eindruck. Auch Beatrice beruhigte sich sehr schnell. »Ich kann es nicht glauben!« versetzte sie, die Alte mißtrauisch anblickend. Die Alte zuckte mit den Schultern. »Wie es Euch beliebt, allein es ist unmöglich, daran zu zweifeln.« Dann fuhr sie mit einschmeichelnder Stimme fort: »So wird es gemacht: man knetet eine kleine Puppe aus Wachs, fügt ihr rechts die Leber und links das Herz einer Schwalbe ein und durchbohrt sie drauf mit einer Nadel, wobei man eine bestimmte Formel spricht. Dann stirbt jener, dem die Puppe glich, eines langsamen Todes und kein Arzt in der Welt kann ihm helfen...« »Schweig!« unterbrach sie die Herzogin: »Und untersteh dich nicht, mir noch einmal von solchen Dingen zu erzählen.« Die Alte küßte wieder ehrerbietig den Saum des Frisiermantels. »Ew. Herrlichkeit! Ihr seid die Sonne meiner alten Tage! Ich liebe Euch zu sehr und das ist mein Verbrechen. Glaubt es mir: so oft man das Magnificat in der Vesper des heiligen Franciscus singt, bete ich mit Tränen zu Gott, für Eure Gesundheit. Die Leute sagen, ich sei eine Hexe; wenn ich aber je meine Seele dem Teufel verschriebe, so täte ich es nur, Gott sei mein Zeuge! – wenn ich Ew. Durchlaucht damit irgendwie nützen könnte!« Sie fügte nachdenklich hinzu: »Man kann es auch ohne Hexerei machen.« Die Herzogin hörte ihr schweigend und interessiert zu. »Als ich soeben durch den Schloßgarten ging,« fuhr Monna Sidonia scheinbar ruhig fort, »sah ich den Gärtner herrliche Pfirsiche in einen Korb einsammeln: es wird wohl ein Geschenk für Messer Gian-Galeazzo sein?« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Auch der Florentiner Meister Leonardo da Vinci soll in seinem Garten Pfirsiche von wunderbarer Schönheit haben, und die sollen giftig sein...« »Wieso giftig?« »Ja, giftig. Meine Nichte Monna Kassandra hat sie selbst gesehen.« Die Alte flüsterte ihr wieder etwas ins Ohr. Die Herzogin schwieg. In ihren Augen konnte man nichts lesen. Ihr Haar war schon trocken. Sie erhob sich, ließ den Frisiermantel fallen und stieg die Treppe zu den Garderoberäumen hinunter. Hier standen drei große Schränke. In dem ersten, der wie ein mit Meßgewändern angefüllter Sakristeischrank aussah, hingen die vierundachtzig Kleider, die sie sich im Laufe ihrer dreijährigen Ehe angeschafft hatte. Manche starrten dermaßen von Gold und Edelsteinen, daß sie ganz steif waren und frei, ohne Stütze auf dem Boden stehen konnten; andere waren leicht und durchsichtig wie Spinngewebe. Im zweiten wurden die Utensilien zur Falkenjagd und das kostbare Zaumzeug verwahrt. Der dritte enthielt wohlriechende Essenzen, Salben, Mundwässer, Zahnpulver aus weißen Korallen und Perlen, zahllose Büchsen, Phiolen, Destillierhelme und Retorten; da war ein ganzes Laboratorium für weibliche Alchimie. Daneben standen auch kostbar bemalte Truhen und eisenbeschlagene Koffer. Als die Zofe einen der Koffer öffnete, um ein frisches Hemd herauszunehmen, entströmte ihm der Duft von feiner Wäsche, unter der Lavendelbündel und seidene Säckchen mit zu Pulver zermahlenen im Schatten getrockneten levantinischen Schwertlilien und damascener Rosen lagen. Während Beatrice sich ankleidete, sprach sie mit ihrer Näherin über das neue Schnittmuster, das sie soeben durch einen Eilboten von ihrer Schwester Isabella d'Este, Markgräfin von Mantua, die gleich ihr eine große Modedame war, erhalten hatte. Beatrice beneidete ihre Schwester um ihren Geschmack und bemühte sich, ihr nachzuahmen. Ein besonderer Gesandter hatte der Herzogin von Mailand Geheimberichte über alle Neuheiten der Mantuanischen Garderobe zu erstatten. Beatrice zog ein Kleid an, das sie bevorzugte, weil es sie größer erscheinen ließ, als sie war. Der Stoff wies senkrechte Streifen von grünem Sammet und goldenem Brokat auf. Die mit grauseidenen Bändern umwundenen enganliegenden Ärmel hatten nach der neuesten französischen Mode Ausschnitte, sogenannte »Fenster«, durch die das schneeweiße Linnen des in kleinen unzähligen Falten gebügelten Hemdes hervorschimmerte. Das zu einem Zopf geflochtene Haar war von einem weitmaschigen, leichten Goldnetz bedeckt. Ein schmaler Reifen mit einem kleinen Skorpion aus Rubinen schmückte ihre Stirne. II. Sie verwendete, nach einem Ausspruche des Herzogs, so viel Zeit für ihre Toilette, als man zur Ausrüstung eines Handelsschiffes nach Indien brauchte. Plötzlich hörte sie fernen Hörnerschall und Hundegebell; da fiel ihr ein, daß sie für heute die Jagd bestellt hatte und sie beeilte sich. Als sie ganz fertig war, machte sie ihren Zwergen noch einen Besuch. Die Räume, in denen die Zwerge wohnten, hießen scherzweise »Wohnungen der Giganten«; sie waren eine Kopie der Puppenzimmer im Schlosse der Isabella d'Este. Hier war alles für Pygmäen berechnet: winzige Stühle, Betten, Geschirr, Treppen mit breiten niederen Stufen; es gab hier sogar eine Kapelle mit einem Puppenaltar, vor dem der gelehrte Zwerg Janacchi im Ornat und Krone eines Erzbischofs die Messe las. In den »Wohnungen der Giganten« hörte man stets Lärm, Lachen, Weinen, Schreien, ein wildes Konzert vieler, oft schrecklicher Stimmen, wie in einer Menagerie oder einem Irrenhause; denn hier wimmelte es von Affen, Buckligen, Papageien, Mohrinnen, Narren, Kalmükinnen, Kaninchen, Zwergen und anderen amüsanten Geschöpfen. Sie kamen zur Welt, lebten und starben in diesen engen schmutzigen dumpfen Zimmern, in denen die Herzogin oft ganze Tage verweilte und sich wie ein Kind ergötzte. Sie wollte sich noch rasch vor dem Aufbruch zur Jagd nach dem Befinden des kleinen Mohren Nannino erkundigen, den sie erst vor kurzem aus Venedig erhalten hatte. Die Haut des Kleinen war so schwarz, daß man, wie sich sein früherer Besitzer ausdrückte, »nichts besseres verlangen dürfe«. Die Herzogin spielte mit ihm wie mit einer lebenden Puppe. Der Mohr aber wurde krank, und da stellte sich heraus, daß seine schwarze Färbung nicht ganz natürlich war, denn der schwarze Lack, mit dem er angestrichen war, begann allmählich abzuspringen, was der Herzogin nicht wenig Kummer machte. In der letzten Nacht verschlimmerte sich sein Zustand und man fürchtete für sein Leben. Dies betrübte die Herzogin, denn sie liebte ihn auch in seinem verblaßten Schwarz. Sie befahl, ihn sofort zu taufen, damit er nicht als Heide sterbe. Auf der Treppe begegnete sie ihrer Lieblingsnärrin Morgantina; diese war noch jugendlich, hübsch und so drollig, daß sie, wie Beatrice oft sagte, auch einen Toten zum Lachen bringen könnte. Morgantina stahl gern; das Gestohlene versteckte sie in eine Zimmerecke, oder in ein Mauseloch unter einem losen Dielenbrett, und dann ging sie glückstrahlend umher, wenn man sie aber freundlich fragte: »Sei so gut und sag, wo du es versteckt hast« – lächelte sie schelmisch, nahm den Frager an der Hand und führte ihn zur Stelle, wo sie das Gestohlene versteckt hatte. Wenn man ihr sagte: »Wate jetzt durch den Bach!«, so hob sie ganz schamlos ihre Röcke so hoch sie konnte. Zuweilen hatte sie ganz närrische Anwandlungen: sie beweinte oft tagelang ein Kind, das sie nie gehabt hatte, und wenn sie gar zu arg jammerte, sperrte man sie in eine Kammer. Morgantina saß auch jetzt in einer Ecke an der Treppe und heulte. Sie hatte ihre Knie mit den Armen umschlungen und wiegte sich gleichmäßig hin und her. Beatrice ging auf sie zu und streichelte ihren Kopf. »Hör auf! Sei nicht so dumm!« Die Närrin richtete ihre blauen Kinderaugen auf sie und jammerte noch schrecklicher: »Ach, ach! Mein Liebstes hat man mir weggenommen! Mein Gott, warum taten sie es? Das Kind hat doch nichts verbrochen. Es war mein stiller Trost.« Die Herzogin ging in den Hof, wo sie von den Jägern erwartet wurde. III. Sie saß in schöner kühner Haltung, mehr einem erfahrenen Reiter, als einer Dame gleichend, auf einem braunen schlanken Berberhengst aus dem Gonzaga-Gestüte, umgeben von Reitern, Falkenieren, Piqueuren, Leibjägern, Pagen und Damen. »Eine echte Amazonenkönigin!« sagte stolz Herzog Moro vor sich hin, der in die gedeckte Schloßeinfahrt gekommen war, um sich den Aufbruch seiner Gattin zur Jagd anzusehen. Hinter dem Sattel der Herzogin hockte der Jagdleopard in einer goldgestickten und wappengeschmückten Schabracke. Auf ihrer Linken saß der schneeweiße cyprische Falke, ein Geschenk des Sultans; in seiner goldenen Blendkappe funkelten Smaragden. An seinen Krallen waren verschieden abgestimmte Schellen befestigt, die das Auffinden des Vogels, wenn er sich im Nebel oder im Sumpfschilf verlor, erleichterten. Die Herzogin war gut aufgelegt, sie wollte lachen, galoppieren, herumtollen. Sie blickte lächelnd auf ihren Gatten zurück, der ihr nur noch nachrufen konnte: »Nimm dich in Acht! Der Hengst ist wild!«, dann winkte sie ihren Damen und raste mit ihnen um die Wette davon, zuerst auf der Straße, dann auf dem Felde über Kanäle, Hügel, Gräben und Zäune. Die Piqueure blieben zurück. Allen voran raste Beatrice, von ihrem riesengroßen Bullenbeißer gefolgt; an ihrer Seite, auf einer schwarzen spanischen Stute die lustigste und mutigste ihrer Hofdamen Madonna Lucrezia Crivelli. Der Herzog hatte eine geheime Neigung zu Lucrezia. Als er jetzt beide – Beatrice und Lucrezia – nebeneinander sah, wußte er selbst nicht, welche ihm besser gefiel. Besorgt war er aber nur um die Gattin. Als die Pferde über Gräben sprangen, schloß er die Augen, um es nicht zu sehen, und sein Atem stockte. Er schalt die Herzogin für solcherlei Streiche, doch konnte er ihr nicht zürnen: er schämte sich seines Mangels an körperlichen Vorzügen und war daher doppelt stolz, eine so kühne Frau zu haben. Die Jäger verschwanden im Weidengestrüpp und Schilf des flachen Ticinoufers, wo es wilde Gänse und Reiher gab. Der Herzog kehrte in sein kleines Arbeitszimmer – Studiolo – zurück. Hier erwartete ihn sein Hauptsekretär, der Würdenträger und Vorstand der auswärtigen Gesandtschaften Messer Bartolomeo Calco, um die unterbrochenen Arbeiten wieder aufzunehmen. IV. Der Herzog saß in einem hohen Lehnsessel und streichelte mit seiner weißen gepflegten Hand seine glattrasierten Wangen und sein rundes Kinn. Sein wohlgestaltetes Gesicht hatte jenen Ausdruck biederer Offenheit, der nur den schlauesten und listigsten Diplomaten eigen ist. Seine große Adlernase und seine vorstehenden, gleichsam zugespitzten feingeschwungenen Lippen hatte er von seinem Vater, dem großen Condottiere Francesco Sforza. Während Francesco, nach den Worten der Dichter, zugleich Löwe und Fuchs war, hatte sein Sohn von ihm nur die Schlauheit des Fuchses geerbt und sogar vermehrt, ohne aber auch den Mut des Löwen mitzuerben. Moro trug ein einfaches aber elegantes Gewand aus hellblauer gemusterter Seide; sein Haar war nach der Mode frisiert: es lag ganz glatt, Haar an Haar, und verdeckte, einer Perrücke gleich, die Ohren und die Stirne fast bis zu den Augenbrauen. Um den Hals trug er eine flache Goldkette. Er war im Verkehr mit allen von stets gleichmäßiger Liebenswürdigkeit. »Messer Bartolomeo, habt Ihr irgendwelche zuverlässige Nachrichten über den Auszug der französischen Kriegsmacht aus Lyon?« »Nein, Durchlaucht. Jeden Abend heißt es – morgen, und am Morgen schieben sie es wieder auf. Es sind keine kriegerischen Dinge, die den König so beschäftigen.« »Wie heißt seine erste Maitresse?« »Da könnte man viele Namen nennen. Der Geschmack seiner Majestät ist verwöhnt und unbeständig.« »Schreibt dem Grafen Belgiojoso, daß ich ihm dreißig ... nein, es sind zu wenig – vierzig ... nein, – fünfzigtausend Dukaten zu neuen Geschenken schicke. Er soll nur nicht sparen, wir wollen den König aus Lyon an Goldketten herausziehen! Weißt du, Bartolomeo, – es bleibt natürlich unter uns, – man sollte seiner Majestät Bildnisse einiger hiesiger Schönheiten schicken. – Ist der Brief übrigens fertig?« »Jawohl, Signore.« »Zeig ihn her.« Moro rieb sich selbstzufrieden seine weißen, weichen Hände. So oft er das weitverzweigte Spinngewebe seiner Politik überblickte, spürte er die ihm wohlbekannte freudige Beklemmung im Herzen, wie vor einem komplizierten und gefährlichen Spiel. Daß er nun Fremde, nordische Barbaren gegen Italien berief, bedrückte sein Gewissen nicht. Er wurde ja zu diesem äußersten Schritte von seinen Feinden gezwungen, unter denen Isabella von Aragonien, die Gemahlin Gian-Galeazzos, der gefährlichste war; denn sie beschuldigte den Herzog Lodovico ganz öffentlich, seinem Neffen den Thron entrissen zu haben. Erst als Isabellas Vater, König Alfonso von Neapel, dem Herzog mit Krieg und Absetzung drohte, um seine Tochter und seinen Schwiegersohn zu rächen, – hatte der von allen verlassene Moro die Hilfe König Karls VIII. von Frankreich angerufen. »Unerforschlich sind deine Wege, Herr!« dachte der Herzog, während der Sekretär den Briefentwurf aus einem Haufen Papiere hervorsuchte. »Das Schicksal meines Reiches, Italiens und vielleicht des ganzen Europas liegt in den Händen dieses elenden Bengels, dieses wollüstigen und schwachsinnigen Knaben, des allerchristlichsten Königs von Frankreich, vor dem wir, die Nachfolger der großen Sforzas, auf dem Bauche kriechen, für die wir beinahe Kupplerdienste verrichten müssen! So will es aber die Politik: mit den Wölfen heult man!« Er durchflog den Brief. Dieser schien ihm sehr wirkungsvoll, besonders wenn man auch die fünfzigtausend Dukaten, die dem Grafen Belgiojoso zur Bestechung der Umgebung seiner Majestät geschickt wurden, und die verführerischen Bildnisse italienischer Schönheiten in Betracht zog. »Der Herr möge dein kreuztragendes Heer segnen, du AIlerchristlichster,« hieß es in diesem Brief: »die Tore Ausoniens stehen dir offen. Zögere nicht und durchschreite sie als Triumphator, als neuer Hannibal! Die Völker Italiens lechzen nach deinem Joch, du Gottgesalbter –! Sie harren deiner, wie einst nach der Auferstehung Christi die Patriarchen der Höllenfahrt des Herrn harrten. Mit Hilfe Gottes und deiner berühmten Artillerie, wirst du nicht nur Neapel und Sizilien, sondern auch das Reich des Großtürken erobern, du wirst in das Innere des heiligen Landes vordringen, Jerusalem und das heilige Grab den Söhnen Hagars entreißen und die Welt mit dem Klange deines Namens erfüllen.« In der Türe des Studiolo erschien ein buckliger kahlköpfiger Alter mit einer langen roten Nase. Der Herzog lächelte ihm freundlich zu und bedeutete ihm mit einem Zeichen, er möchte noch etwas warten. Die Türe wurde bescheiden geschlossen und der Kopf verschwand. Der Sekretär versuchte noch eine andere Staatsangelegenheit zur Sprache zu bringen, Moro hörte ihm aber jetzt nur sehr zerstreut zu und schielte immer zur Türe. Messer Bartolomeo merkte, daß der Herzog etwas anderes im Kopfe habe; er beendete seinen Vortrag und entfernte sich. Der Herzog näherte sich nun leise auf den Zehenspitzen der Türe. »Bernardo, he, Bernardo! Bist du es?« »Zu Befehl, Ew. Durchlaucht.« Der Hofdichter Bernardo Bellincioni trat eilig mit geheimnisvoller und unterwürfiger Miene ein und machte Anstalten, niederzuknien, um seinem Herrn die Hand zu küssen. Dieser hielt ihn davon ab. »Nun, wie geht's?« »Es ist glücklich abgelaufen.« »Hat sie entbunden?« »Heute nacht geruhte sie niederzukommen.« »Ist sie gesund? Soll ich einen Arzt schicken?« »Sie befindet sich in vollkommenster Gesundheit.« »Gott sei Dank.« Der Herzog bekreuzigte sich. »Hast du das Kind gesehen?« »Gewiß! Es ist wunderhübsch!« »Knabe oder Mädchen?« »Ein Knabe. Ein Krakehler und Schreier! Sein Haar ist blond wie das der Mutter, seine Augen aber sind schwarz, lebhaft, leuchtend und klug wie bei Ew. Gnaden! Man sieht ihm das königliche Blut gleich an! Ein kleiner Herkules in der Wiege. Madonna Cecilia ist außer sich vor Freude. Sie läßt fragen, welchen Namen Ihr zu wählen geruht.« »Ich habe schon darüber nachgedacht,« sagte der Herzog. – »Weißt du was, Bernardo, wir wollen ihn Caesar nennen, was sagst du dazu?« »Caesar? Es ist wirklich ein schöner Name, ein wohlklingender, alter Name! Ja, gewiß – Cesare Sforza ist ein Name, der eines Helden würdig ist!« »Was sagte der Gatte?« »Der erlauchteste Graf Bergamini ist gütig und freundlich wie immer.« »Ein vortrefflicher Mann!« sagte der Herzog mit Überzeugung. »Ein ganz vortrefflicher!« wiederholte Bernardo. – »Ich möchte sagen, er ist ein Mann von hervorragenden Tugenden! Solche Menschen sind heute selten! Wenn ihn nur seine Gicht nicht hindert, kommt er heute zum Nachtmahl, um Ew. Durchlaucht persönlich seine Hochachtung auszusprechen.« Die Gräfin Cecilia Bergamini, von der hier die Rede ist, war seit Jahren die Geliebte Moros. Beatrice erfuhr gleich nach ihrer Heirat von diesem Verhältnisse des Herzogs; sie wurde eifersüchtig und drohte zu ihrem Vater, dem Herzog Ercole d'Este von Ferrara, zurückzukehren; Moro mußte nun in Gegenwart der Gesandten einen feierlichen Eid ablegen und sich verpflichten, seine eheliche Treue nie wieder zu brechen; zur Bestätigung des Gelöbnisses verheiratete er Cecilia an einen alten verarmten Grafen Bergamini, der willig und zu allen Diensten bereit war. Bellincioni zog aus der Tasche einen Zettel und überreichte ihn dem Herzog. Es war ein Sonett zu Ehren des Neugeborenen, in Form eines Dialoges: der Dichter fragte den Sonnengott, warum er sein Haupt mit Wolken verhülle; die Sonne antwortet mit Courtoisie, sie verberge ihr Antlitz aus Scham und Neid vor der neuen Sonne – dem Sprößling des Moro und der Cecilia. Der Herzog nahm das Sonett huldvoll auf. Er zog aus dem Beutel einen Dukaten und gab ihn dem Dichter. »Weißt du, Bernardo, noch, daß Samstag der Geburtstag der Herzogin ist?« Bellincioni suchte eilig in der Tasche seines halb höfischen, halb bettlerhaften Kleides, und zog einen ganzen Haufen schmieriger Zettel hervor. Unter den hochtrabenden Oden auf den Tod des Jagdfalken der Madonna Angelica, auf die Erkrankung des Apfelschimmels – einer Stute – des Signore Pallavicini – fand er auch die bestellten Gedichte. »Es sind drei zur Auswahl, Ew. Durchlaucht! Beim Pegasus, Ihr werdet zufrieden sein!« Zu jener Zeit gebrauchten die Fürsten ihre Hofdichter, wie man Musikinstrumente gebraucht, um durch sie ihren Maitressen, wie auch den Gattinnen Serenaden zu singen; der. gesellschaftliche Takt schrieb für solche Gedichte vor, daß die Liebe der Ehegatten als ebenso überirdisch dargestellt wurde, wie die Zwischen Laura und Petrarca. Moro las die Verse aufmerksam: er hielt sich für einen feinen Kenner und einen geborenen Dichter, obwohl ihm Reime nie gelangen. Im ersten Sonett gefielen ihm drei Verszeilen, in denen der Gatte seiner Gattin folgendes sagt: Und wo du einmal ausgespieen, Da sah man Blumen gleich erblühen, wie Veilchen, die geweckt der Lenz... Im zweiten Gedicht verglich der Dichter Madonna Beatrice mit Diana und behauptete, daß es für die Eber und Hirsche der höchste Genuß sei, von der Hand der schönsten Jägerin hingestreckt zu werden. Am besten gefiel dem Herzog das dritte Sonett, in dem Dante den Herrn bittet, ihm die Rückkehr auf die Erde zu gestatten; denn dort sei seine Beatrice in Gestalt der Herzogin von Mailand erschienen. »O Jupiter!« ruft Allighieri aus: »Da du sie wieder der Welt geschenkt hast, so laß auch mich in ihrer Nähe weilen, damit ich denjenigen sehe, dem Beatrice Seligkeit spendet«, d. h. den Herzog Lodovico. Moro klopfte dem Dichter gnädig auf die Schulter und versprach ihm Tuch zu einem Pelz; Bernardo gelang es bei dieser Gelegenheit, auch einige Fuchsfelle zu einem Kragen auszubitten, indem er mit übertrieben jämmerlichen Grimassen beteuerte, sein alter Pelz sei so fadenscheinig, wie »Fadennudeln, die an der Sonne trocknen«. »Im letzten Winter,« bettelte er weiter, »litt ich so argen Mangel an Brennholz, daß ich nicht nur meine Treppe, sondern auch die Holzschuhe des heiligen Franziskus im Ofen verbrennen mußte.« Der Herzog lachte und versprach ihm Holz. Der dankbare Dichter improvisierte auf der Stelle folgendes Dankgedicht: Versprichst du deinen Sklaven Brot, o großer Mohr! So reichst du ihnen gnädig göttlich-süße Manna. Drum singt Gott Phöbus dir und seiner Musen Chor Ob deiner edlen Güte, Moro, Hosianna! »Ich glaube, du bist heute in der Stimmung, Bernardo. Hör mal, ich brauche noch ein Gedicht.« »Ein Liebesgedicht?« »Ja. Und ein leidenschaftliches soll es sein.« »An die Herzogin?« »Nein. Plaudere aber nichts aus!« »Signore, Ihr tut mir Unrecht. Hab ich denn je...?« »Also paß auf!« »Ich bleibe stumm, stumm wie ein Fisch!« Bernardo zwinkerte bedeutungsvoll und ehrerbietig mit den Augen. »Leidenschaftlich soll es sein? In welchem Sinne? Soll es ein Bitt- oder ein Dankgedicht werden?« »Ein Bittgedicht.« Der Dichter runzelte tiefsinnig die Stirne. »Ist sie verheiratet?« »Nein, ein Mädchen.« »So. Jetzt muß ich noch den Namen wissen.« »Wozu?« »In einem Bittgedicht muß auch der Name genannt werden.« »Madonna Lucrezia. – Hast du kein fertiges Gedicht auf Lager?« »Gewiß. Aber ich will lieber gleich ein frisches dichten. Mit Eurer Erlaubnis gehe ich für einen Augenblick ins Nebenzimmer. Ich sehe schon, daß es mir gut gelingen wird. Die Reime schwirren nur so um mich herum.« Ein Page trat ein und meldete: »Messer Leonardo da Vinci.« Bellincioni nahm rasch Feder und Papier und verschwand durch die eine Türe, während durch die andere Leonardo eintrat. V. Nach der ersten Begrüßung brachte der Herzog das Gespräch auf den neuen großen Kanal Naviglio Sforzesco, der die Flüsse Sesia und Ticino verbinden sollte; ein an diesen Kanal angeschlossenes System kleinerer Kanäle sollte zur Bewässerung der Felder, Wiesen und Weiden von Lomellina dienen. Leonardo leitete diesen Kanalbau, obwohl er noch keinen Hofbaumeistertitel besaß; er war nicht einmal Hofmaler, und führte nur den Titel eines Hofmusikers, den er vor Jahren für die Erfindung irgendeines Musikinstruments erhalten hatte. Dieser Titel war nur um weniges höher als der eines Hofdichters, wie ihn z. B. Bellincioni führte. Der Künstler gab genaue Erläuterungen zu den Plänen und Rechnungen und bat um Anweisung des zur Fortsetzung der Arbeiten notwendigen Geldbetrags. »Wieviel?« fragte der Herzog. »Die Meile kostet 566 Dukaten; wir brauchen also im ganzen noch 15.187,« erwiderte Leonardo. Lodovico machte ein unzufriedenes Gesicht, denn er erinnerte sich der 50\ 000 Dukaten, die er soeben zur Bestechung der französischen Höflinge ausgeworfen hatte. »Du verlangst viel Geld, Messer Leonardo! Du richtest mich wirklich zugrunde. Deine Forderungen sind ganz unmöglich. Der Bramante ist ja auch kein übler Baumeister, er verlangt aber nie solche Summen!« Leonardo zuckte mit den Achseln. »Wie es Euch beliebt, Signore. Gebt den Auftrag Bramante.« »Ist schon gut! Beruhige dich. Du weißt ja, daß ich dich nicht im Stich lasse!« Sie verhandelten weiter. »Es ist gut, morgen führen wir es zu Ende,« sagte schließlich der Herzog, der seine Beschlüsse immer möglichst weit hinausschob. Dann nahm er Leonardos Skizzenbücher zur Hand und sah sich seine architektonischen Entwürfe und Projekte an. Eine Skizze stellte ein gigantisches Grabmal dar, einen künstlichen Berg, gekrönt von einem von vielen Säulen getragenen Tempel; die Kuppel des letzteren hatte, wie im römischen Pantheon, ein rundes Loch, als Lichtquelle für die inneren Räume des Mausoleums, das an Pracht die ägyptischen Pyramiden übertraf. Neben dieser Zeichnung waren auch die genauen Maße und andere Daten angegeben, ferner auch die Anordnung der Treppen, Gänge und der für fünfhundert Totenurnen berechneten Säle skizziert. »Was ist das?« fragte der Herzog. – »Wann und für wen hast du es erfunden?« »Für niemand. Es sind nur Phantasien...« Moro sah ihn erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Sonderbare Phantasien! Ein Mausoleum für Olympier oder Titanen, wie ein Traum, oder ein Märchen... Und du willst Mathematiker sein!« Eine andere Zeichnung stellte den Plan einer Stadt mit in zwei Stockwerken angeordneten Straßen dar; das obere war für die Herren, das untere für die Sklaven, Lastfuhrwerke und für Unrat bestimmt, den ein Rohr- und Kanalsystem abführte. Diese Stadt war auf Grund einer genauen Kenntnis der Naturgesetze entworfen, aber für Wesen, deren Gewissen Ungleichheit und Teilung in Auserwählte und Verworfene verträgt, bestimmt. »Es ist nicht übel!« sagte der Herzog. – »Glaubst du, daß sich so etwas verwirklichen läßt?« »O ja!« erwiderte Leonardo, sein Gesicht wurde lebhaft. »Ich habe schon längst vor, Ew. Durchlaucht vorzuschlagen, den Versuch wenigstens mit einem der Mailänder Vororte zu machen. Fünftausend Häuser für dreißigtausend Menschen. Diese Masse von Menschen, die sich jetzt gegenseitig erdrücken, in Schmutz und dumpfer Luft leben und die Keime von Krankheiten und Tod verbreiten, würde sich zerstreuen, wenn Ihr diesen Plan ausführen wolltet, Signore, so hättet Ihr die schönste Stadt der Welt!« Der Künstler merkte, daß der Herzog lächelte, und stockte. »Messer Leonardo, du bist wirklich ein Spaßmacher und Phantast! Wenn ich dir freie Hand gäbe, so kehrtest du das Oberste zu unterst und der ganze Staat würde zum Teufel gehen! Kannst du denn nicht einsehen, daß sich selbst die demütigsten unter den Sklaven gegen deine zweistöckigen Straßen empören würden? sie werden deine »herrlichste Stadt der Welt« mit ihrer berühmten Reinlichkeit, mit ihrer Wasserversorgung und Kanalisation verfluchen und in die alten Städte zurückkehren: denn Schmutz verträgt man leichter, als Herabsetzung.« »Was ist denn das?« fragte er, auf die folgende Zeichnung zeigend. Leonardo mußte auch diese Zeichnung erklären. Es war ein Entwurf zu einem öffentlichen Haus, dessen Zimmer, Türen und Gänge so angeordnet waren, daß die Besucher einander unmöglich begegnen konnten und so jede Diskretion gewahrt wurde. »Dieser Einfall ist glänzend!« sagte der Herzog ganz entzückt. – »Du kannst dir gar keinen Begriff davon machen, wie sehr ich der ewigen Klagen wegen Raub und Mord in solchen Spelunken überdrüssig bin! Bei solcher Einteilung der Zimmer muß ja in den Häusern Ordnung und Sicherheit herrschen. Ich will unbedingt so ein Haus nach deinem Plan bauen lassen!« »Ich sehe übrigens,« fügte er lächelnd hinzu, »daß du recht vielseitig bist und daß dir kein Ding zu gering ist: neben einem Göttermausoleum zeichnest du ein öffentliches Haus!« »Ich habe einmal bei einem der alten Historiker gelesen,« fuhr er fort, »der Tyrann Dionys hätte ein in der Mauer eingebautes Hörrohr gehabt, das so eingerichtet war, daß er alles hören konnte, was in einem andern Gemach gesprochen wurde; diese Einrichtung hieß das »Ohr des Dionys«. Was glaubst du, könnte man nicht so ein Ohr in meinem Schlosse einrichten?« Anfangs schämte sich der Herzog, die Sprache auf diese Sache zu bringen. Dann überlegte er sich aber, daß er sich vor dem Künstler nicht zu genieren brauche. Leonardo machte sich auch keinerlei Gedanken über die Moral oder Unmoral des »Ohres des Dionys«; er faßte es einfach als ein neues wissenschaftliches Instrument auf und freute sich schon über die sich ihm bietende Gelegenheit, an diesen Rohren die Gesetze der Schallwellen zu studieren. Bellincioni, der sein Sonett bereits fertig hatte, schaute zur Türe herein. Leonardo nahm Abschied. Moro lud ihn zur Abendtafel. Als der Künstler fort war, rief der Herzog den Dichter heran und befahl ihm, das Gedicht vorzulesen. »Der Salamander,« hieß es im Sonett, »lebt im Feuer; ist es aber nicht ein noch viel größeres Wunder, daß eine Madonna kalt wie Eis in meinem Herzen wohnet, Und meiner Liebe Glut das klare Eis verschonet? Die letzten vier Zeilen kamen dem Herzog besonders zart empfunden vor: Ein Schwanentodeslied ist mein verliebtes Carmen; verbrennend flehe ich: »Gott Amor, hab Erbarmen!« Doch Amor schürt noch mehr in meiner Brust die Glut Und lächelt: »Lösche sie mit deiner Tränen Flut!« VI. In Erwartung seiner Gattin, die zum Nachtmahl von der Jagd zurückkehren sollte, besichtigte der Herzog die Schloßwirtschaft. Er schaute in die Pferdestallungen hinein, die mit ihren Säulenhallen an einen griechischen Tempelbau gemahnten. In der neuen prachtvoll eingerichteten Käserei kostete er den frischen Quarkkäse – »giuncata« . In endlosen Heuschuppen und Kelleranlagen vorbei gelangte er zum Viehhof und zu der Meierei. Jede Kleinigkeit erfreute hier sein Hausherrnherz: das Rieseln der Milch aus dem Euter der roten languedoc'schen Kuh, auf die er besonders stolz war, das Grunzen einer Muttersau, die wie ein Berg aus Fett aussah, der gelbe Schaum der Sahne in den eschenen Butterfässern und der Honigduft des Kornes in den überfüllten Speichern. Moro lächelte still und zufrieden: in seinem Hause herrschte wirklich goldener Überfluß. Er kehrte in den Palast zurück und setzte sich in die Galerie, um etwas auszuruhen. Es wollte Abend werden, die Sonne stand aber noch ziemlich hoch, von den feuchten Wiesen des Ticino kam ein frischer, duftiger Hauch. Der Herzog ließ den Blick über seine Besitzungen schweifen; er sah Weiden, Wiesen und Felder, Pflanzungen von Apfel-, Birnen- und Maulbeerbäumen, zwischen denen sich hängende Rebenguirlanden hinzogen. Die ganze weite lombardische Ebene von Mortara bis Abbiategrasso und noch weiter bis an den Horizont, wo der Monte Rosa im ewigen Schnee strahlte, blühte wie ein Paradies Gottes. »Herr!« sagte er mit einem inbrünstigen Seufzer, die Augen gen Himmel erhebend: »ich danke dir für alles! Was brauche ich noch mehr? Einst war hier eine Wüste. Ich habe mit Leonardos Hilfe diese Kanäle gegraben und dieses Land bewässert und heute dankt mir jede Ähre und jeder Halm, so wie ich dir danke, Herr!« Er hörte Hundegebell und Rufe der Jäger; über dem Weidengestrüpp wurde der rote Lockvogel sichtbar – ein Vogelbalg mit Flügeln eines Rebhuhns; er diente zum Anlocken der Falken. Der Herzog ging nun in Begleitung des Haushofmeisters in den Speisesaal und nahm die gedeckte Tafel in Augenschein. Bald darauf erschienen die Herzogin und die zur Abendtafel geladenen Gäste. Unter ihnen war Leonardo, der in der Villa zur Nacht bleiben sollte. Man sprach das Gebet und ging zu Tisch. Frische Artischoken, die in Körben direkt aus Genua kamen, wurden aufgetischt, dann fette Aale und Karpfen aus den mantuanischen Teichen, ein Geschenk Isabella's d'Este und eine Sülze aus Kapaunenbrüsten. Man behalf sich beim Essen mit drei Fingern und einem Messer; Gabeln waren als übertriebener Luxus verpönt: sie wurden aus Gold mit Bergkristallgriffen hergestellt und nur den Damen zu Beeren und Konfekt gereicht. Der gastfreie Herzog sah eifrig darauf, daß die Gäste ordentlich traktiert wurden. Man aß und trank sehr viel, beinahe maßlos. Die elegantesten und wohlerzogensten jungen Mädchen und Damen schämten sich ihres Hungers nicht. Beatrice saß neben Lucrezia. Der Herzog betrachtete die beiden wieder mit hellem Entzücken: es freute ihn, daß sie nebeneinander saßen, daß seine Gattin seiner Geliebten den Hof machte, daß sie ihr die besten Stücke auf den Teller legte, ihr etwas zuflüsterte und ihr die Hand in Anwandlung jener Zärtlichkeit drückte, die so sehr einer Verliebtheit gleicht und von der junge Frauen manchmal überfallen werden. Man sprach von der Jagd. Beatrice erzählte, ein Hirsch, der plötzlich aus dem Walde herangesprengt kam, hätte ihr Pferd mit dem Geweih gestoßen und sie beinahe aus dem Sattel geworfen. Man lachte über den Narren Dioda, einen Kampfhahn und Prahlhans, der soeben statt eines Ebers ein gewöhnliches Hausschwein erlegt hatte, das die Jäger eigens zu diesem Zweck mitgenommen und im Walde gegen den Narren losgelassen hatten. Dioda erzählte viel von seiner Heldentat und war so stolz, als ob er den Kalydonischen Eber erlegt hätte. Man neckte ihn und ließ schließlich den Kadaver des von ihm erlegten Schweines hereinbringen, um ihn zu überführen. Er spielte den Wütenden. In der Tat war er aber ein ganz durchtriebener Schelm, der das sehr einträgliche Amt eines Narren versah: mit seinen Luchsaugen konnte er nicht nur sehr gut ein Hausschwein von einer Wildsau, sondern auch einen dummen Witz von einem guten unterscheiden. Man lachte immer mehr. Die Gesichter wurden lebhaft und rot von den vielen Trankopfern. Nach dem vierten Gang lösten die jüngeren Damen unbemerkt die allzu straff geschnürten Mieder. Die Mundschenken kredenzten einen leichten weißen Weißwein und einen dickflüssigen angewärmten Cypernwein, der mit Pistazien, Nelken und Zimmt angerichtet war. So oft seine herzogliche Hoheit Wein verlangte, gab es eine feierliche Zeremonie: die Truchsesse riefen es einander zu, dann nahmen sie vom Gestell einen Becher und reichten ihn dem Hauptseneschall. Dieser senkte dreimal einen Talisman aus dem Horne des Einhornes an einer goldenen Kette in den Becher: war der Wein vergiftet, so wurde das Horn schwarz und es traten auf ihm Bluttropfen hervor. Schutztalismane von ähnlicher Wirkung – Krötenstein und Schlangenzunge – waren am Salzfaß angebracht. Graf Bergamini, der Gatte Cecilias, saß auf dem Ehrenplatz. Er war sehr gut aufgelegt und, trotz seines Alters und seiner Gicht, jugendlich ausgelassen. Er zeigte auf den Einhorntalisman und sagte: »Ew. Durchlaucht, ich glaube, daß nicht einmal der König von Frankreich ein Horn von solcher ungewöhnlicher Größe besitzt!« Janachi, der bucklige Lieblingsnarr des Herzogs rasselte mit seiner Klapper – einer mit Erbsen gefüllten Schweinsblase, ließ die Schellen seiner bunten mit Eselsohren geschmückten Kappe erklingen und kicherte: »Gevatter, he Gevatter!« sagte er zum Herzog, auf den Grafen Bergamini mit dem Finger zeigend: »Du kannst es ihm glauben, denn er kennt sich in allerlei Hörnern aus, bei Tieren, sowohl wie bei Menschen.« Er kicherte, meckerte. »Wer eine Ziege hat, der hat auch Hörner!« Der Herzog drohte dem Narren mit dem Finger. Von der Empore erklangen silberne Fanfaren, um die Hauptgerichte, die nun aufgetragen wurden, zu begrüßen. Man brachte einen gebratenen mit Kastanien gefüllten riesengroßen Wildschweinkopf, einen Pfau, der durch eine in seinem Innern angebrachte Mechanik Schwanz und Flügel bewegte, und schließlich eine gewaltige Pastete in Form einer Festung; aus ihr drangen zuerst Töne eines Kriegshorns, als aber ihre knusperig durchgebackene Rinde angeschnitten wurde, sprang aus ihr ein mit Papageifedern geschmückter Zwerg heraus. Er lief auf dem Tische hin und her, man fing ihn ein und setzte ihn in einen goldenen Käfig; und da begann er, den berühmten Papagei des Kardinals Ascanio Sforza imitierend, mit kreischender Stimme das Vater Unser zu rezitieren. »Messere,« fragte die Herzogin ihren Gemahl: »welch freudigem Ereignis haben wir dies unerwartete und prächtige Festmahl zu verdanken?« Moro blieb die Antwort schuldig. Er warf dem Grafen Bergamini unauffällig einen freundlichen Blick zu und dieser begriff, daß dies Fest dem neugeborenen Cesare galt. Mit dem Wildschweinkopfe war man beinahe eine Stunde beschäftigt; beim Essen übereilte man sich nicht, denn man befolgte den Lehrsatz: Bei der Tafel altert man nicht. Zum Schlusse der Tafel produzierte sich zum allgemeinen Ergötzen der dicke Mönch Tappone – eine Ratte. Nicht ohne List und Betrug gelang es dem Mailänder Herzog, diesen berühmten Fresser aus Urbino herüberzulocken. Viele Fürsten bewarben sich um ihn und man erzählte, er hätte einmal in Rom zum größten Ergötzen seiner Heiligkeit ein ganzes Drittel einer bischöflichen Sutane aus Kamelfilz, in Stücke geschnitten und mit einer Sauce angerichtet, gefressen. Der Herzog winkte und dem Fra Tappone wurde eine Schüssel mit ›busecchia‹ – Kaldaunen mit Quitten gefüllt – vorgesetzt. Der Mönch bekreuzigte sich, krempelte seine Ärmel auf und begann diese fette Speise mit einer ganz ungewöhnlichen Schnelligkeit und Gier hinunterzuwürgen. »Wäre so ein Kerl bei der Speisung des Volkes mit fünf Broten und zwei Fischen zugegen, so könnten von den Resten auch keine zwei Hunde satt werden!« rief Bellincioni aus. Die Gäste lachten. Sie waren alle vom Lachen angesteckt und befanden sich in jener Stimmung, bei der jeder Scherz wie ein Funke ganze Salven schallenden Gelächters entzündet. Leonardo allein bewahrte den Ausdruck resignierter Langeweile; er war übrigens an ähnliche Unterhaltungen seines hohen Gönners längst gewöhnt. Schließlich reichte man auf silbernen Schüsseln goldene, mit duftendem Malvasier gefüllte Orangen, und da ergriff der Hofdichter Antonio Camelli da Pistoja, ein Konkurrent Bellincionis das Wort und rezitierte eine Ode, in der die Künste und die Wissenschaften dem Herzog zuriefen: »Wir waren geknechtet. Du kamst und befreitest uns. Es lebe Moro!« Die vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer und Luft sangen: »Heil dem, der neben Gott das Steuer des Weltalls regiert und Fortunas Rad lenkt!« Dann wurden auch sein Familiensinn und die herzlichen Beziehungen zwischen dem Onkel Moro und dem Neffen Gian-Galeazzo besungen, wobei der Dichter den großmütigen Vormund mit einem Pelikan verglich, der seine Kinder mit eigenem Fleisch und Blut nährt. VII. Nach aufgehobener Tafel begaben sich die hohen Herrschaften und die Gäste in den »Paradiso«, einen geometrisch-regelmäßig angelegten Garten mit gestutzten Buchs-, Lorbeer- und Myrtenhecken, gedeckten Pergolas, Labyrinthen, Loggias und efeuumschlungenen Lauben. Auf die grüne Wiese wurden Teppiche und seidene Kissen gebracht; die Springbrunnen erfrischten köstlich die Luft. Damen und Kavaliere setzten sich in einem zwanglosen Halbkreis vor eine kleine Bühne. Zuerst wurde ein Akt aus » Miles gloriosus « von Plautus gespielt. Die lateinischen Verse wirkten einschläfernd und doch hörten die Zuschauer mit erkünstelter Aufmerksamkeit zu, um Ehrfurcht vor der Antike zu markieren. Nach der Aufführung begab sich die Jugend auf einen geräumigeren Rasenplatz, um da Ball und Blindekuh zu spielen; sie tollten zwischen den blühenden Rosen und Orangenbäumen umher, haschten einander und lachten wie die Kinder. Die älteren Herren und Damen spielten Würfel und Schach. Die jungen Mädchen, Damen und Kavaliere, die sich an diesen Spielen nicht beteiligten, setzten sich im Kreise auf die Marmorstufen der Fontäne und erzählten abwechselnd Novellen, wie im Decameron des Boccaccio. Auf einem nahen Rasenplatz wurde ein Reigen zu der Lieblingsweise des früh verstorbenen Lorenzo Medici getanzt. Der Text lautete: Quant' è bella giovenezza Ma si fugge tuttavia; Chi vuol esser lieto, sia: Di doman non c'è certezza Schön und herrlich ist die Jugend Doch so flüchtig! Laß die Sorgen, willst du glücklich sein, so sei es Und verschieb es nicht auf morgen! Nach dem Reigen sang Donsella Diana, ein Mädchen mit zartem blassem Gesicht, zu den sanften Tönen einer Viola ein gar trauriges Lied, in dem die Schmerzen der Liebe ohne Gegenliebe besungen wurden. Spiel und Lachen verstummten, alle hörten still und nachdenklich zu. Als das Lied verklungen war, wollte niemand dieses Schweigen brechen. Man hörte nur die Fontäne plätschern. Die letzten Sonnenstrahlen vergoldeten die flachen Kronen der Pinien und den hoch auffliegenden Wasserstaub der Fontäne. Dann sprach und lachte man wieder, wieder tönte Musik und bis in die späten Stunden, bis in den dunklen Lorbeerbüschen Leuchtkäfer auftauchten und im dunklen Himmel die dünne Sichel des jungen Mondes erstrahlte, schwebten über dem seligen Paradiso im stillen vom Dufte der Orangenblüten geschwängerten Dunkel die Töne des Liedes: Willst du glücklich sein, so sei es Und verschieb es nicht auf morgen! VIII. Moro sah auf einem der vier Schloßtürme Licht: der Hofastrologe des Herzogs, Senator und Mitglied des Geheimen Rates Messer Ambrogio da Rosate, der hier unter seinen astronomischen Instrumenten hauste, hatte seine einsame Lampe angesteckt und erwartete die bevorstehende Konjunktur der Planeten Mars, Jupiter und Saturn im Zeichen des Wasserträgers, welcher eine große Bedeutung für das Haus Sforza haben sollte. Dem Herzog fiel etwas ein. Er verabschiedete sich von Madonna Lucrezia, mit der er in einer traulichen Laube eine zärtliche Unterhaltung geführt hatte, zog sich in seine Räume zurück, sah auf die Uhr, wartete genau auf die Sekunde den vom Astrologen zur Einnahme von Rhabarberpillen vorgeschriebenen Moment ab und warf, nachdem er sie eingenommen, einen Blick in seinen Taschenkalender. Da las er die Notiz: »Am 5. August um 10 Uhr 8 Minuten Abends – ein inbrünstiges Gebet auf den Knien mit gefalteten Händen und zum Himmel erhobenen Blicken.« Der Herzog eilte in die Kapelle, um diesen Augenblick nicht zu versäumen. Sonst hätte das astrologische Gebet seine Wirkung verfehlt. Die Kapelle war von einem einsamen Lämpchen, das vor dem Madonnenbilde brannte, nur schwach beleuchtet. Der Herzog liebte dieses von Leonardo da Vinci gemalte Altarbild, auf dem seine Geliebte Cecilia Bergamini als Madonna, die hundertblättrige Rose segnend, dargestellt war. Moro zählte auf einer kleinen Landuhr acht Minuten ab, sank dann in die Knie, faltete die Hände und las das Confiteor. Er betete lange und von Herzen. »O Mutter Gottes!« flüsterte er mit zum Himmel gerichteten Augen: »Beschütze und errette mich, erbarme dich meiner, meiner und meines Sohnes Maximilian, des neugeborenen Cesare, meiner Gattin Beatrice, der Madonna Cecilia, und auch meines Neffen Gian-Galeazzo! Du siehst ja mein Herz, heilige Jungfrau, und du weißt, daß ich meinem Neffen nichts Böses will. Ich bete für ihn, obwohl sein Tod vielleicht mein Reich und das ganze Italien vor schrecklichem und unheilbarem Unglück bewahren würde!« Da fiel ihm der von den Rechtsgelehrten konstruierte Beweis seines Anrechtes auf den Mailänder Thron ein: sein älterer Bruder, der Vater Gian-Galeazzos wäre nur Sohn des Feldherrn Francesco Sforzas, nicht aber des Herzogs Francesco Sforzas, denn er sei zur Welt gekommen, bevor Francesco den Thron bestiegen, während er, Lodovico, nach der Thronbesteigung seines Vaters geboren wurde; er sei daher der einzige rechtmäßige Thronerbe. Aber jetzt, vor der Madonna, kam ihm diese Beweisführung doch recht zweifelhaft vor und er schloß daher sein Gebet mit den Worten: »Wenn ich vor dir gesündigt habe oder noch sündigen werde, so weißt du doch, himmlische Königin, daß ich es nicht für mich, sondern zum Heile meines Landes und Italiens tat oder tun werde. Sei meine Fürsprecherin vor Gott und ich werde deinen Namen mit dem herrlichen Baue des Mailänder Doms und der Certosa von Pavia und noch vielen anderen Gaben heiligen!« Als er das Gebet beendigt, nahm er eine Kerze und begab sich durch die dunklen Säle in das Schlafgemach. Unterwegs stieß er auf Lucrezia. »Der Gott der Liebe ist mir günstig,« sagte er sich. »Herr!« sagte das Mädchen, sich ihm nähernd. Ihre Stimme bebte. Sie wollte vor ihm niederknien, er hielt sie aber zurück. »Gnade, Herr!« Sie erzählte ihm, daß ihr Bruder Matteo Crivelli, der Hauptkämmerer der herzoglichen Münze, dem sie trotz seiner vielen dummen Streiche mit zärtlicher Liebe zugetan war, eine größere Summe Staatsgelder im Kartenspiel verloren hatte. »Beruhigt Euch, Madonna! Ich werde Euren Bruder retten.« Er machte eine Pause, seufzte tief auf und sagte: »Wollt Ihr nicht auch weniger grausam sein?« Sie sah ihn mit ihren scheuen, kindlich-klaren, unschuldigen Augen an. »Ich verstehe Euch nicht, Signore...« Ihr keusches Erstaunen ließ sie noch schöner erscheinen. »Es bedeutet, meine Liebe...« flüsterte er leidenschaftlich, sie mit einer raschen rohen Bewegung umfassend: »Es bedeutet... Siehst du denn nicht, Lucrezia, daß ich dich liebe?..« »Laßt mich, laßt!.. O Signore, was tut Ihr? Madonna Beatrice...« »Fürchte dich nicht. Sie erfährt nichts. Ich verstehe es, Geheimnisse zu wahren.« »Nein, nein, Herr! Sie ist so großmütig, so gütig zu mir... Um Gottes willen, laßt mich, o laßt!..« »Ich will deinen Bruder retten, ich will alles tun, was du verlangst, ich will dein Sklave sein! Aber erbarme dich meiner!...« Mit fast aufrichtigen Tränen flüsterte er nun das Gedicht Bellincionis: Ein Schwanentodeslied ist mein verliebtes Carmen, verbrennend flehe ich: Gott Amor, hab Erbarmen! Doch Amor schürt noch mehr in meiner Brust die Glut Und lächelt: Lösche sie mit deiner Tränen Flut! »Laßt, laßt!« wiederholte das Mädchen ganz verzweifelt. Er beugte sich zu ihr und da fühlte er die Frische ihres Atems und den Duft von Veilchen und Moschus und er küßte gierig ihre Lippen. Einen Augenblick lang lag Lucrezia in seinen Armen. Dann schrie sie auf, riß sich los und lief davon. IX. Der Herzog betrat das Schlafgemach. Beatrice hatte schon das Licht ausgelöscht und sich ins Himmelbett gelegt, das so groß und prächtig wie ein Mausoleum war. Es stand in der Mitte des Gemachs auf einer Erhöhung unter einem himmelblauen Baldachin und hatte Vorhänge aus Silberbrokat. Er entkleidete sich, hob den Saum der gold- und perlengestickten Bettdecke, die so prächtig wie ein Meßgewand aussah (sie war ein Hochzeitsgeschenk des Herzogs von Ferrara), und legte sich auf seinen Platz zur Seite seiner Gattin. »Bice,« flüsterte er zärtlich: »Bice, schläfst du schon?« Er wollte sie umarmen, doch sie stieß ihn zurück. »Warum?..« »Laß mich, ich will schlafen...« »Warum? Sag mir nur, warum? Liebe Bice! wenn du nur wüßtest, wie ich dich liebe...« »Ja, ja, das weiß ich, daß Ihr uns alle zusammen liebt: mich und Cecilia und vielleicht auch noch jene moskovitische Sklavin, die rothaarige dumme Gans, die Ihr neulich im Winkel meines Garderobenzimmers umarmtet.« »Das war ja nur ein Scherz...« »Ich danke für solche Scherze!« »Aber Bice, in den letzten Tagen bist du so kalt, so streng zu mir. Es ist ja natürlich meine Schuld, ich gebe zu, daß es eine unwürdige Laune von mir war...« »Ihr habt viele Launen, Messere!« Sie drehte ihm nun ihr Gesicht zu und sagte zornig: »Wie, schämst du dich nicht! Warum lügst du? Glaubst du denn, daß ich dich nicht kenne und durchschaue? Glaube bitte nur nicht, daß ich eifersüchtig bin. Ich will aber nicht, – hörst du? ich will nicht eine deiner Maitressen sein!« »Es ist nicht wahr, Bice! Ich schwöre dir bei meinem ewigen Seelenheil, daß ich noch nie und niemand so geliebt habe, wie ich dich liebe!« Sie schwieg und hörte ihm erstaunt zu. Nicht seine Worte, sondern sein Ton, machte sie stutzig. Er log jetzt wirklich nicht, oder fast nicht: je mehr er sie betrog, um so mehr liebte er sie. Sein Gefühl zu ihr wurde durch Scham, Angst, Gewissensbisse, Mitleid und Reue, die er empfand, stärker und zärtlicher. »Verzeih mir, Bice, verzeih mir alles um meiner großen Liebe willen!« Und sie schlossen Frieden. Während sie nun im Dunkel des Schlafgemachs in seinen Armen lag, dachte er an die scheuen, unschuldigen Augen und an den Duft von Veilchen und Moschus, und er stellte sich vor, daß er eine andere umarme und er liebte beide zugleich. Es war höchste Sünde und höchste Wollust. »Du kommst mir heute wirklich ganz verliebt vor!...« flüsterte sie mit geheimem Stolz. »Ja, ja, mein Lieb, glaub es mir: ich bin auch noch heute so verliebt, wie in den ersten Tagen!« »Unsinn!« unterbrach sie ihn. »Schämst du dich denn nicht? Denke lieber an wichtigere Dinge; sein Zustand hat sich wieder gebessert ...« »Luigi Marliani sagte mir neulich, er werde unbedingt sterben,« erwiderte der Herzog. »Wenn es ihm vorübergehend auch etwas besser geht, wird er doch ganz bestimmt sterben.« »Wer weiß?« versetzte Beatrice. »Er wird ja so gut gepflegt ... Hör' einmal, Moro, ich begreife deine Sorglosigkeit nicht. Du nimmst Beleidigungen so demütig wie ein Lamm hin und sagst, die Macht sei unser. Wäre es denn nicht besser, dieser Macht ganz zu entsagen, als Tag und Nacht um sie zu zittern, vor diesem Bastarde, dem Könige von Frankreich, auf dem Bauche zu liegen, von der Gnade des frechen Alfonso abhängig zu sein und sich um die Gunst der bösen Hexe von Aragonien zu bewerben?! Man sagt, sie sei wieder schwanger. Ein neues Schlangenjunges kommt also in dies verfluchte Nest! Und so geht unser ganzes Leben hin, Moro! Denke nur: unser ganzes Leben! Und du sagst dazu: »Die Macht ist unser!« »Aber die Ärzte erklären übereinstimmend,« erwiderte der Herzog, »die Krankheit sei unheilbar; früher oder später ...« »Ja, warte! Es sind nun zehn Jahre, daß er so stirbt ...« Sie schwiegen. Plötzlich umschlang sie ihn mit ihren Armen, schmiegte sich an ihn mit ihrem ganzen Körper und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er zuckte zusammen. »Bice! Christus sei mit dir und seine heilige Mutter! Nie! – hörst du? – nie sollst du mir wieder davon sprechen ...« »Wenn du Angst hast, so mache ich es selbst, willst du?« Er erwiderte nichts. Nach einer Pause fragte er: »An was denkst du jetzt?« »An die Pfirsiche ...« »Ja, richtig. Ich befahl dem Gärtner, ihm einen Korb von den reifsten zu schicken.« »Nein, nicht an diese. Ich denke an die Pfirsiche des Messer Leonardo da Vinci, hast du noch nichts von ihnen gehört?« »Was sind das für Pfirsiche?« »Sie sind giftig ...« »Wieso giftig?« »Er hat sie vergiftet. Zu Versuchszwecken. Vielleicht ist auch Hexerei im Spiel. Monna Sidonia hat mir davon erzählt. Die Pfirsiche sollen, obwohl sie vergiftet sind, von herrlicher Schönheit sein ...« Sie schwiegen wieder. Lange lagen sie so eng aneinander geschmiegt im Finstern, beide hatten die gleichen Gedanken und ein jeder hörte, wie das Herz des andern immer wilder und wilder pochte. Schließlich küßte Moro seine Frau mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirne und bekreuzigte sie mit den Worten: »Schlaf, mein Lieb, schlaf mit Gott!« In dieser Nacht träumte die Herzogin von wunderschönen Pfirsichen auf einer goldenen Schüssel. Ihre Schönheit verführte sie, einen von ihnen zu kosten, er war saftig und duftete süß. Eine Stimme raunte ihr plötzlich zu: »Gift, Gift, Gift!« Sie erschrak, doch konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie verzehrte einen Pfirsich nach dem andern, sie glaubte zu sterben und doch wurde ihr dabei immer leichter und fröhlicher ums Herz. Auch der Herzog hatte einen sonderbaren Traum: er lustwandelte auf dem grünen Rasenplatz des Paradiso, vor der Fontäne und sah in der Ferne drei Frauen in gleichen weißen Gewändern sitzen; sie hatten sich umarmt wie Schwestern. Er näherte sich ihnen und erkannte in der einen Madonna Beatrice, in der anderen Madonna Lucrezia, in der dritten Madonna Cecilia. Da sagte er sich tief befriedigt: »Gott sei Dank! Nun haben sie sich endlich versöhnt, es war auch die höchste Zeit!« X. Die Turmuhr schlug Mitternacht. Das ganze Haus schlief. Nur ganz oben über dem Dache, auf dem Balkon, wo sich die Herzogin ihr Haar zu trocknen pflegte, saß die Zwergin Morgantina, die aus der Kammer, in die man sie gesperrt hatte, entschlüpft war; sie beweinte ihr erdichtetes Kind: »Mein Liebstes haben sie mir weggenommen, mein Kind haben sie ermordet! Mein Gott, weshalb taten sie es? Es hat doch nichts verbrochen. Es war mein stiller Trost ...« Die Nacht war hell und klar. Die Luft so durchsichtig, daß man fern am Horizonte die Gipfel des Monte Rosa, ewigen Kristallen gleich, schimmern sah. Noch lange hörte man über der schlummernden Villa die gellenden Schreie der verrückten Zwergin; sie klangen wie Rufe eines Unheil verheißenden Vogels. Plötzlich seufzte sie tief auf, hob ihre Augen zum Himmel und wurde sofort ruhig. Jetzt war es ganz still. Die Zwergin lächelte und die blauen Sterne flimmerten ebenso unschuldsvoll und unergründlich, wie ihre Augen. Viertes Buch Der Hexensabbat I. In der einsamen Vorstadt Porta Vercellina von Mailand, in der Nähe des Dammes und des Zollhauses am Kanal Catarana, stand ein einsames altes Häuschen, aus dessen verrußtem windschiefem Schornstein Tag und Nacht Rauchwolken aufstiegen. Das Häuschen gehörte der Hebamme Monna Sidonia. Das obere Stockwert vermietete sie an den Alchimisten Messer Galeotto Sacrobosco; im Erdgeschoß hauste sie selbst mit Kassandra, der Tochter von Galeottos Bruder Luigi, der Kaufmann und berühmter Reisender gewesen war und in fortwährender Suche nach Altertümern, ganz Griechenland, die Inseln des Archipels, Syrien, Kleinasien und Ägypten bereist hatte. Alles, was ihm in die Hände fiel, verleibte er seinen Sammlungen ein: herrliche Statuen und ein Stück Bernstein mit einer darin erstarrten Fliege, eine gefälschte Inschrift von Homers Grab, echte Tragödien des Euripides und ein angebliches Schlüsselbein des Demosthenes. Die einen hielten ihn für verrückt, andere für einen Aufschneider und Schwindler, andere dagegen für einen großen Mann. Seine Phantasie war so sehr von heidnischen Dingen erfüllt, daß er, der immer ein guter Christ blieb, ganz ernsthaft zu dem »heiligen Genius Merkur« betete, und den Mittwoch, der dem geflügelten Götterboten heilig war, als einen für geschäftliche Angelegenheiten besonders günstigen Tag achtete. Bei seinen Reisen scheute er keinerlei Mühe und Entbehrungen. So erfuhr er einmal, als er sich bereits irgendwo eingeschifft hatte und an die zehn Meilen weit gefahren war, von einer interessanten Inschrift, die zu lesen er versäumt hatte; da kehrte er sofort um, um sich diese Inschrift abzuschreiben. Als ihm bei einem Schiffbruch eine wertvolle Sammlung alter Manuskripte verloren ging, wurde er über Nacht grau vor Gram. Wenn man ihn fragte, warum er sich zugrunde richte und sich sein ganzes Leben lang so großen Gefahren und Entbehrungen aussetze, so erwiderte er stets die gleichen Worte: »Ich will die Toten auferwecken!« Im Peloponnesus, bei den traurigen Ruinen Spartas, in der Nähe des Städtchens Mistra traf er einmal ein Mädchen, das der Statue der alten Göttin Diana ähnlich sah. Sie war die Tochter eines armen, versoffenen Dorfgeistlichen. Er heiratete sie und nahm sie zugleich mit einer neuen Ilias-Handschrift, Fragmenten einer Marmorhekate und einigen Amphora-Scherben nach Italien mit. Die Tochter, welche ihm diese Griechin gebar, nannte er Kassandra, Zu Ehren der Heldin des Äschylos, der Gefangenen des Agamemnon, für die er sich zu jener Zeit begeisterte. Seine Frau starb bald darauf. Als er wieder einmal eine Reise unternahm, ließ er seine kleine mutterlose Tochter unter der Obhut seines alten Freundes, des gelehrten Griechen Demetrius Chalkondilas aus Konstantinopel zurück. Dieser Philosoph war von den Sforzas nach Mailand berufen worden. Der siebzigjährige Greis war falsch, verschlossen und heuchlerisch. Er spielte einen eifrigen Vorkämpfer der christlichen Kirche, war aber in der Tat, wie viele gelehrte Griechen in Italien mit dem Kardinal Byssario an der Spitze, Anhänger des letzten Lehrers der alten Philosophie, des Neoplatonikers Gemistos Plethon, der vor etwa vierzig Jahren im Peloponnesos, bei den Ruinen Spartas, in jenem Städtchen Mistra, aus dem Kassandras Mutter stammte, gelebt hatte. Seine Jünger glaubten, die Seele des großen Plato sei vom Olymp herabgestiegen, um in der Gestalt des Plethon Weisheit zu verkünden. Die christlichen Gelehrten behaupteten dagegen, daß dieser Philosoph die ketzerische Lehre des Antichrist – des Kaisers Julian Apostata erneuern und die Anbetung der alten olympischen Götter einführen wollte, und daß man ihn nicht mit wissenschaftlichen Argumenten und Disputationen, sondern mit der heiligen Inquisition und mit den Flammen der Scheiterhaufen bekämpfen müsse. Es wurde auch folgender Ausspruch Plethons zitiert, den er drei Jahre vor seinem Tode zu seinen Schülern getan haben sollte: »Wenige Jahre nach meinem Tode wird die einzige Wahrheit über allen Völkern der Erde aufleuchten und alle Menschen werden sich in einem Geiste zum einigen Glauben bekennen – unam eandemque religionem universum orbem esse suscepturum .« Als man ihn fragte, welchen Glauben er meine, ob den christlichen oder den mohammedanischen, so erwiderte er: »Keinen von beiden, sondern einen Glauben, der dem alten Heidentum nicht ungleich ist – neutram, sed a gentilitate non differentem .« Die kleine Kassandra wurde im Hause des Demetrius Chalkondilas streng kirchlich erzogen, doch war diese Gottesfurcht nur Heuchelei. Das Kind fing manches Wort von den philosophischen Gesprächen, die im Hause geführt wurden, auf und bildete sich aus mißverstandenen Bruchstücken platonischer Weisheiten ein Zaubermärchen von der Auferstehung der toten olympischen Götter. Das Mädchen trug am Halse als Talisman gegen Fieber – eine Kamee mit der Darstellung des Gottes Dionysos, ein Geschenk ihres Vaters. Manchmal nahm Kassandra, wenn sie allein war, den alten Stein in die Hand und hielt ihn gegen das Licht, da erschien ihr im violetten Schimmer des Amethystes der nackte Jüngling Bacchus mit dem Thyrsus in der einen Hand und einer Weintraube in der anderen; zu seiner Seite sprang ein Panther, der die Traube mit der Zunge zu erhaschen suchte. Und das Herz des Kindes erglühte in Liebe zu dem schönen Gotte. Messer Luigi starb bettelarm am Sumpffieber in der Hütte eines Hirten unter den Ruinen eines von ihm entdeckten Phönizischen Tempels. Zu jener Zeit kehrte Kassandras Onkel, der Alchimist Sacrobosco, von seinen langjährigen Fahrten auf der Jagd nach dem Geheimnisse des Steines der Weisen nach Mailand zurück. Er bezog das Häuschen bei der Porta Vercellina und nahm seine Nichte zu sich. Giovanni Beltraffio dachte immer an die von ihm belauschte Unterredung der Monna Kassandra mit dem Mechaniker Zoroastro von dem vergifteten Baum. Später traf er Kassandra im Hause des Demetrius Chalkondilas, für den er auf Empfehlung Merulas Schreibarbeiten verrichtete. Es wurde ihm von vielen Leuten gesagt, sie sei eine Hexe. Doch fühlte er sich von ihrer rätselhaften Schönheit angezogen. Fast jeden Abend suchte Giovanni nach Beendigung seiner Arbeiten in Leonardos Werkstatt das kleine Haus bei der Porta Vercellina auf, um mit Kassandra zu plaudern. Sie saßen dann auf einem Hügel am Ufer des stillen dunklen Kanals, in der Nähe des Dammes und des verfallenen Redegonda-Klosters und sprachen stundenlang miteinander Ein verlorener Weg führte zwischen Holundergebüsch, Nesseln und Kletten zu diesem Hügel. Kein Mensch kam je hinauf. II. Der Abend war schwül, vereinzelte Windstöße ließen den weißen Staub von der Straße auffliegen und das Laub rauschen; dann wurde es noch stiller. Man hörte nur das ferne Grollen des Donners, das aus der Erde zu kommen schien. Und dazwischen hörte man noch die schneidenden Töne einer verstimmten Laute und die trunkenen Lieder der Zollwächter, die sich in einem nahen Wirtshaus vergnügten; denn es war Sonntag. Zuweilen flammte ein blasses Wetterleuchten auf, und man sah für einen Augenblick das baufällige Häuschen auf dem anderen Ufer mit den Rauchwolken, die aus dem Schmelzofen des Alchimisten aufstiegen, die hagere Gestalt des Küsters, der auf dem mit Moos bewachsenen Damme angelte, den langen sich in der Ferne verlierenden von zwei Reihen Lärchen und Weiden flankierten Kanal, die flachen Boote vom Lago Maggiore, mit Blöcken weißen Marmors für den Dombau beladen und von elenden Mähren gezogen und den das Wasser streifenden langen Schlepptau. Dann verschwand alles wieder im Finstern wie ein Gespenst. Nur das rötliche Feuer des Alchimisten spiegelte sich im dunklen Wasser des Kanals. Es roch nach stehendem Wasser, welkem Farnkraut, Teer und faulem Holz. Giovanni und Kassandra saßen auf ihrem gewohnten Platz am Kanal. »Es ist so langweilig!« sagte das Mädchen. Sie reckte sich und faltete ihre seinen weißen Hände hinter dem Kopfe ineinander. »Jeden lieben Tag das gleiche, heute wie gestern und morgen wie heute. Der dumme Küster angelt alle Tage so und fischt doch nie etwas heraus, der Rauch steigt immer in der gleichen Weise aus dem Kamin des Laboratoriums, wo Onkel Galeotto Gold sucht und es doch nie findet. Die gleichen Kähne werden von den gleichen Mähren geschleppt und im Wirtshause tönt immer die gleiche Laute. Daß sich doch etwas Neues ereignete! Wenn doch die Franzosen kämen und Mailand verwüsteten, oder der Küster etwas herausfischte, oder der Onkel das Gold fände ... Gott, wie langweilig!« »Ja, ich kenne es,« erwiderte Giovanni. »Auch ich habe früher schon oft diese Langeweile empfunden. Aber von Fra Benedetto habe ich ein herrliches Gebet gelernt, das den Teufel des Schwermuts vertreibt, wollt Ihr, daß ich es Euch aufsage?« Das Mädchen antwortete kopfschüttelnd: »Nein, Giovanni. Mich überkommt zwar oft das Verlangen, zu eurem Gott zu beten, doch kann ich es längst nicht mehr.« »Zu unserm Gott? Gibt es denn noch einen andern Gott neben unserem einzigen Gott? ...« Ein Wetterleuchten erhellte für einen Augenblick ihr Gesicht: es erschien ihm so unergründlich, so traurig und so schön, wie noch nie. Sie strich mit der Hand über ihr schwarzes weiches Haar und sagte nach einer Pause: »Höre, mein Freund. Es war vor vielen Jahren in meiner Heimat. Ich war damals noch ein Kind. Mein Vater nahm mich auf eine seiner Reisen mit. Wir besuchten einen zerfallenen alten Tempel. Er stand auf einer Landzunge und war vom Meere umspült. Möwen schrien rings umher und die Wellen zerschellten tosend an den schwarzen Steinen, die von Salzwasser zernagt und zu spitzen Nadeln geschliffen waren. Der Schaum flog auf und lief zischend an den Nadeln herunter. Mein Vater war mit dem Entziffern einer halbverwischten Inschrift auf einem Stück Marmor beschäftigt. Ich saß lange auf den Marmorstufen vor dem Tempel, lauschte den Wellen und atmete frische Luft, in die sich der bittere Geruch von Wermut mischte. Dann trat ich in den verlassenen Tempel. Die Säulen aus gelblichem Marmor standen noch ganz unberührt da und der blaue Himmel lugte zwischen ihnen ganz schwarz hervor. Hoch oben blühten in den Spalten rote Mohnblumen. Es war ganz still und nur das gedämpfte Brausen der Flut erfüllte den Tempel gleichsam mit Gebeten. Ich lauschte diesem Gesang, und plötzlich zuckte etwas in meinem Herzen. Ich fiel in die Knie und betete zu dem unbekannten Gott, der hier einst wohnte und der nun gestürzt war. Ich küßte die Marmorstufen und weinte; und ich liebte ihn, weil niemand auf Erden ihn mehr liebte und zu ihm betete und weil er tot war. Seit jener Stunde habe ich nie wieder mit solcher Inbrunst gebetet. Es war ein Tempel des Dionysos.« »Was sagt Ihr da, Kassandra?« sprach Giovanni: »Es ist ja Sünde und Gotteslästerung! Es gibt keinen Gott Dionysos und es hat nie einen gegeben! ...« »So, es hat keinen gegeben?« wiederholte das Mädchen mit verächtlichem Lächeln. »Wieso lehren dann die heiligen Kirchenväter, an die du glaubst, daß die gestürzten Götter sich nach dem Siege Christi in mächtige Dämonen verwandelt hätten? Warum steht im Buche des berühmten Astrologen Giorgio di Novara die auf genauer Beobachtung der Gestirne begründete Weissagung: Die Konjunktur des Jupiters mit dem Saturn hatte die Religion Mosis gezeitigt, seine Konjunktur mit dem Mars die chaldäische, mit der Sonne die ägyptische, mit der Venus die muhammedanische, mit dem Merkur die christliche; seine Konjunktur mit dem Monde wird einst die Religion des Antichrist hervorbringen und dann werden die toten Götter auferstehen!« Da ertönte ein Donnerschlag des sich nähernden Gewitters; das blendende Wetterleuchten ließ eine große schwere Wolke erkennen, die langsam heranschlich. In der schwülen drohenden Stille ließen sich noch immer die aufdringlichen Lautenklänge vernehmen. »O, Kassandra!« rief Beltraffio aus, seine Hände mit qualvoller und flehender Gebärde faltend. »Seht Ihr denn nicht, daß es nur die Versuchung des Teufels ist, der Euch in ewige Verderbnis stürzen will? Fluch über ihn, den Verdammten!« Das Mädchen wandte sich rasch um, legte ihm beide Hände auf die Schultern und flüsterte: »Hat er denn nicht auch dich versucht? Wenn du wirklich so fromm bist, Giovanni, warum hast du dann deinen Fra Benedetto verlassen, warum bist du in die Werkstatt des gottlosen Leonardo da Vinci eingetreten? Warum kommst du dann her und zu mir? Weißt du denn nicht, daß ich eine Hexe bin? Und daß die Hexen schlecht sind, viel schlimmer als der Teufel? Warum fürchtest du denn nicht, bei mir dein Seelenheil zu verlieren? ...« »Gott sei mit uns! ...« flüsterte er, am ganzen Leibe zitternd. Sie näherte sich ihm und bohrte in ihn ihre bernsteingelben durchscheinenden Augen. Jetzt war es ein Blitz und kein Wetterleuchten mehr, was plötzlich ihr blasses Gesicht beleuchtete. Es war so weiß, wie das Gesicht jener Marmorgöttin, die einst auf dem Mühlenhügel vor Giovannis Augen aus ihrem tausendjährigen Grabe auferstand. Ein unsagbarer Schreck überfiel ihn: »Sie ist es! Die weiße Teufelin!« Er wollte aufspringen und fliehen, doch konnte er sich nicht vom Platze rühren. Er fühlte auf seiner Wange ihren heißen Atem und hörte ihr Flüstern: »Willst du, Giovanni, daß ich dir alles, bis ans Ende erzähle? Willst du, mein Lieb, wir fliegen beide zu ihm hin? Dort ist gut sein, dort gibt es keine Langeweile. Und man kennt dort keine Scham! Wie in einem Traume ist es, wie im Paradiese, denn dort ist alles erlaubt! Willst du mitkommen?...« Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne, doch die Neugier bezwang seine Angst und er fragte: »Wohin?...« Jetzt berührte sie beinahe seine Wange mit ihren Lippen und sagte so leise, daß es mehr wie ein Seufzer von Leidenschaft und Wollust klang: »Zum Sabbat!« Ein Donnerschlag ließ Himmel und Erde erzittern. Er rollte in wilder Lust, wie das Lachen unterirdischer Titanen, dahin und verhallte in der atemlosen Stille. In den Baumkronen rührte sich kein Blatt. Die Lautentöne brachen ab. Im gleichen Augenblick erklang das eherne Dröhnen der Klosterglocke des abendlichen Angelus. Giovanni bekreuzigte sich. Das Mädchen erhob sich und sagte: »Es ist Zeit, aufzubrechen. Siehst du die Fackeln? Herzog Moro reitet jetzt zu Messer Galeotto. Ich hatte es ganz vergessen: der Onkel will heute dem Herzog die Verwandlung von Blei zu Gold vorführen.« Man hörte Pferdegetrabe. Von der Porta Vercellina her sprengten längs des Kanals Reiter heran. Der Alchimist machte in Erwartung des Herzogs die letzten Vorbereitungen zu dem bevorstehenden Versuch. III. Messer Galeotto verbrachte sein ganzes Leben auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Nachdem er zu Bologna die medizinische Fakultät absolviert hatte, trat er als Famulus zu dem damals berühmten Adepten der Geheimwissenschaften – dem Grafen Bernardo Trevisano ein. Dann suchte er fünfzehn Jahre lang den die Elemente umwandelnden Merkur in allen möglichen Stoffen: in Kochsalz und Salmiak, in verschiedenen Metallen, in gediegenem Bismut und Arsen, in Menschenblut, Galle und Haar, in Tieren und Pflanzen. Die vom Vater geerbten sechstausend Dukaten flogen bald durch den Kamin seines Schmelzofens. Als er mit dem eigenen Geld fertig war, machte er sich an fremdes heran. Die Gläubiger sperrten ihn ins Gefängnis. Es gelang ihm, zu entkommen; in den nächsten acht Jahren experimentierte er mit Hühnereiern, von denen er 20000 Stück verbrauchte. Dann arbeitete er gemeinsam mit dem päpstlichen Protonotar Maestro Henrico an der Erforschung der verschiedenen Vitriole; bei diesen Versuchen mußte er viel giftige Dämpfe einatmen, er wurde krank und kämpfte vierzehn Monate lang, von allen verlassen, mit dem Tode. Er litt Armut, Erniedrigungen und Verfolgungen und besuchte als reisender Laborant Spanien, Frankreich, Österreich, Holland, Nordafrika, Griechenland, Palästina und Persien. Der König von Ungarn ließ ihn foltern, um von ihm das Geheimnis des Goldmachens zu erpressen. Endlich kam er gealtert, müde, doch immer noch auf einen Erfolg hoffend, auf Einladung des Herzogs Moro nach Italien und ließ sich als herzoglicher Hofalchimist in Mailand nieder. Die Mitte des Laboratoriums nahm ein unförmlicher Ofen aus feuerfestem Ton ein, der mit einer Menge Abteilungen, Türen, Tiegel und Blasebälge ausgestattet war. In einer Ecke waren unter einer Staubschicht die verrußten Schlacken aufgehäuft. Sie glichen erstarrter Lava. Der Arbeitstisch war ganz von komplizierten Apparaten eingenommen. Da standen Destilliergefäße und Helme, chemische Rezipienten, Retorten, Trichter, Mörser, Phiolen, langhalsige Glasflaschen, Rohrschlangen, große Gläser und kleine Büchsen. Es roch nach scharfen Säuren, Alkalien und giftigen Salzen. Die Metalle enthielten eine ganze geheimnisvolle Welt; sie entsprachen den sieben olympischen Göttern und den sieben Planeten: das Gold der Sonne, das Silber dem Mond, das Kupfer der Venus, das Eisen dem Mars, das Blei dem Saturn, das Zinn dem Jupiter und das lebendige, gleißende Quecksilber dem ewig beweglichen Merkur. Einzelne Stoffe hatten barbarische Namen, die dem Laien Schrecken einflößten: so gab es hier Mondzinnober, Wolfsmilch, Achilleskupfer, Asterit, Androdama, Anagallis, Rapontikum und Aristolochia. Ein kostbarer Tropfen des nach langjähriger Arbeit gewonnenen Löwenblutes, das alle Krankheiten heilt und ewige Jugend verleiht, leuchtete wie ein Rubin. Der Alchimist saß vor seinem Arbeitstisch. Messer Galeotto war hager, klein und zusammengeschrumpft wie ein alter Pilz, aber immer noch lebhaft und beweglich. Er hatte seinen Kopf auf die Hände gestützt und beobachtete eine Flüssigkeit, die über einer bläulichen Spiritusflamme kochte und zischte. Es war das durchsichtige smaragdgrüne Venusöl – Oleum Veneris . Eine brennende Kerze warf durch die kochende Flüssigkeit einen grünen Schein auf den aufgeschlagenen uralten Pergamentfolianten – ein Werk des arabischen Alchimisten Djabir Abdallah. Als auf der Treppe Stimmen und Schritte ertönten, stand Galeotto auf. sah sich noch einmal um, ob alles fertig und in Ordnung sei, befahl dem schweigsamen Famulus, in den Schmelzofen Kohle nachzulegen und ging seinen Gästen entgegen. IV. Die Gäste waren gut aufgelegt, denn sie kamen von einem Nachtmahl, bei dem viel Malvasier getrunken worden war. Im Gefolge des Herzogs befanden sich auch sein Leibarzt Maliani, der große Kenntnisse in der Alchemie besaß, und Leonardo da Vinci. Die Damen erfüllten die stille Klause des Gelehrten mit Wohlgerüchen, mit dem Geknister ihrer Seidenkleider, mit leichten Worten und mit Lachen, das wie Vogelgezwitscher klang. Eine Dame streifte mit ihrem Ärmel eine Glasretorte. Diese fiel um und zerbrach. »Es tut nichts, Signora!« sagte Galeotto galant. »Ich will gleich die Scherben auflesen, damit Ihr Euer Füßchen nicht verletzt.« Ein anderes Dämchen ergriff ein verrußtes Stück Eisenschlacke und verschmierte sich dabei ihren hellen mit Veilchen parfümierten Handschuh. Ein geschickter Kavalier machte sich daran, mit einem Spitzentaschentuch den Fleck wegzuwischen, wobei er das Händchen heimlich drückte. Die stets zu Streichen aufgelegte blonde Donsella Diana berührte eine mit Quecksilber gefüllte Schale; es amüsierte sie und doch war ihr dabei etwas ängstlich zumute. Einige Quecksilbertropfen rollten, glänzenden Kugeln gleich, über den Tisch. »Seht doch, seht, Signori!« schrie sie auf: »Wie wunderbar! Lebendes flüssiges Silber! Es läuft ganz von selbst!« Sie hüpfte vor Freude und klatschte in die Hände. »Ist es wahr, daß wir während der Verwandlung des Bleies zu Silber im alchimistischen Feuer den Teufel sehen werden?« fragte die schöne, schelmische Philiberta, die Gattin des Salzamtverwesers. »Glaubt Ihr nicht, Messere, daß es sündhaft ist, solchen Versuchen beizuwohnen?« Philiberta war sehr gottesfürchtig, und man erzählte von ihr, daß sie ihrem Liebhaber alles gestatte, nur nicht den Kuß auf die Lippen, denn die Keuschheit bleibe gewahrt, so lange ihre Lippen, mit denen sie vor dem Altare das Gelübde der ehelichen Treue abgelegt hatte, keusch blieben. Der Alchimist ging auf Leonardo zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Messere, seid davon überzeugt, daß ich den Besuch eines Mannes wie Ihr wohl zu schätzen weiß ...« Er drückte ihm kräftig die Hand. Leonardo wollte etwas erwidern, doch der Alte unterbrach ihn nickend: »Ja, gewiß, gewiß! ... Für die andern bleibt es ein Geheimnis! Aber wir verstehen doch einander? ...« Dann sagte er mit gewinnendem Lächeln zu seinen Gästen: »Mit Erlaubnis meines Gönners, des durchlauchtigsten Herzogs, wie auch der Damen, meiner schönen Gebieterinnen, will ich jetzt den Versuch der göttlichen Metamorphose vornehmen. Ich bitte um Aufmerksamkeit!« Um jedem Zweifel an der Richtigkeit des Versuches vorzubeugen, zeigte er den Tiegel – ein dickwandiges Gefäß aus feuerfestem Ton von regelmäßiger Form – und forderte die Zuschauer auf, ihn genau zu untersuchen, zu betasten und zu beklopfen und so festzustellen, daß jeder Betrug ausgeschlossen sei; er erzählte, daß manche Alchimisten Tiegel mit doppeltem Boden gebrauchen, in dem sie Gold verstecken; der obere Boden springe in der Hitze, und so käme das Gold in die Mischung. Ebenso wurden auch die Zinnklumpen, die Kohle, die Blasebälge, die Stöcke zum Umrühren und alle sonstigen Behelfe, in denen Gold verborgen, und auch solche, in denen es unmöglich verborgen sein konnte, einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Dann schnitt er den Zinnklumpen in kleine Stücke, warf sie in den Tiegel und stellte diesen in die Mündung des Ofens auf glühende Kohlen. Der schweigsame schielende Famulus, der ein so blasses und leichenhaftes Gesicht hatte, daß ihn eine Dame für den Teufel hielt und beinahe ohnmächtig wurde, begann die riesengroßen Blasebälge zu treten. Die Kohle erglühte unter dem sausenden Luftstrom. Galeotto unterhielt indessen seine Gäste mit interessanten Erzählungen. Er nannte u. a. die Alchimie »eine keusche Dirne« – casta meretrix –, denn sie betrüge alle, erscheine einem jeden zugänglich und hätte sich doch bisher noch niemand völlig hingegeben – in nullos unquam pervenit amplexus . Dieser Vergleich erregte allgemeine Heiterkeit. Der Leibarzt Marliani, ein dicker, plumper Mann mit aufgedunsenem, aber klugem und ernstem Gesicht, hörte mit Widerwillen dem Geschwätz des Alchimisten zu und rieb sich fortwährend die Stirne. Endlich hielt er es nicht mehr aus und fragte: »Messere, wollt Ihr noch nicht ans Werk gehen? Das Zinn kocht ja schon.« Galeotto holte ein blaues Papiersäckchen hervor und entfaltete es mit großer Vorsicht. Es enthielt ein fettiges gelbes Pulver von der Farbe einer Zitrone, das wie grob gestoßenes Glas aussah und nach gebranntem Seesalz roch: es war die geheimnisvolle Tinktur, der kostbare Schatz der Alchimie, der wundertätige Stein der Weisen – lapis philosophorum . Mit einer Messerspitze nahm er ein winziges Körnchen davon, nicht größer als ein Rübsamen, knetete es in ein Stückchen weißes Bienenwachs und rollte dieses zu einer Kugel, die er dann in das siedende Zinn warf. »Welche Kraft soll Eure Tinktur haben?« fragte Marliani. »Auf einen Teil kommen 2,820 Teile des zu verwandelnden Metalles,« erwiderte Galeotto. »Die Tinktur ist natürlich noch unvollkommen, ich hoffe aber bald die Wirkungskraft von eins zu einer Million zu erreichen. Dann wird man nur ein Körnchen vom Gewicht eines Hirsenkorns nehmen müssen, es in einem Fasse auflösen und eine Nußschale voll dieser Lösung auf einen Weinberg spritzen, um schon im Mai reife Trauben zu erhalten! Mare tingerem, si Mercurius esset! – Ich könnte das Meer zu Gold verwandeln, wenn ich nur genügend Quecksilber hätte!« Marliani zuckte mit den Achseln: die Prahlerei Messer Galeottos machte ihn rasend. Er begann die Unmöglichkeit der Umwandlung mit Argumenten der Scholastik und mit den Syllogismen des Aristoteles zu beweisen. Der Alchimist lächelte. »Wartet nur, Domine Magister, ich werde Euch gleich einen Syllogismus zeigen, der nicht so leicht zu widerlegen ist.« Er schüttete in die Glut eine Handvoll weißen Pulvers. Eine Flamme, so bunt wie der Regenbogen, zischte hervor; sie war bald blau, bald grün, bald rot. In die Zuschauermenge kam Bewegung. Madonna Philiberta pflegte später zu erzählen, sie hätte in diesem Augenblick in der roten Flamme eine Teufelsfratze gesehen. Der Alchimist hob mit einem langen gußeisernen Haken den weißglühenden Deckel des Tiegels ab: das Zinn kochte, schäumte und siedete. Der Tiegel wurde wieder geschlossen. Wieder pfiff und stöhnte der Blasebalg, und als man nach zehn Minuten in den Tiegel einen Eisendraht versenkte und dann wieder herausnahm, da erblickten alle an seinem Ende einen gelben Tropfen. »Fertig!« sagte der Alchimist. Der Tiegel wurde aus dem Ofen geholt, abgekühlt und zerschlagen. Wirrend und gleißend fiel der erstaunten Zuschauermenge ein Goldklumpen vor die Füße. Nun wandte sich der Alchimist triumphierend zu Marliani: » Solve mihi hunc syllogismum! – Löse mir diesen Syllogismus!« »Es ist unerhört! ... ganz unwahrscheinlich ... gegen alle Gesetze der Natur und der Logik!« flüsterte Marliani ganz verlegen und verwirrt. Messer Galeotto war bleich, seine Augen leuchteten. Er hob sie zum Himmel und rief aus: »Laudetur Deus in aeternum, qui partem suae infinitae potentiae, nobis, suis abjectissimis creaturis communicavit. Amen.« »Gelobet sei Gott der Allmächtige, der uns, seinen unwürdigsten Geschöpfen, einen Teil seiner unendlichen Macht verleiht. Amen.« Das Gold wurde nun auf einem mit Salpetersäure befeuchteten Probierstein versucht. Es ließ darauf einen glänzenden gelben Streifen zurück; das Gold war reiner, als das beste ungarische und arabische Feingold. Alle umringten nun den Alten, gratulierten und drückten ihm die Hand. Herzog Moro nahm ihn beiseite und fragte: »Willst du mir treu und ehrlich dienen?« »Ich wollte, ich hätte mehr als ein Leben, um sie alle dem Dienste Ew. Durchlaucht zu widmen!« erwiderte der Alchimist. »Also, paß auf, Galeotto, daß kein anderer Fürst...« »Ew. Hoheit, wenn jemand etwas erfährt, so laßt mich wie einen Hund erhängen!« Nach einer kurzen Pause fügte er mit unterwürfiger Verbeugung hinzu: »Wenn ich noch um etwas...« »Schon wieder?« »Ich schwöre, es ist zum letztenmal!« »Wieviel?« »Fünftausend Dukaten.« Der Herzog überlegte sich die Sache, handelte tausend Dukaten ab und versprach viertausend. Es war spät geworden. Madonna Beatrice konnte unruhig werden. Man brach auf. Galeotto geleitete die Gäste hinaus und schenkte jedem zum Andenken ein Stückchen vom neuen Golde. Leonardo blieb zurück. V. Als alle fort waren, fragte der Alchimist Leonardo: »Meister, wie gefiel Euch der Versuch?« »Das Gold war in den Stöcken,« erwiderte Leonardo ruhig. »In welchen Stöcken? Was wollt Ihr damit sagen, Messere?« »In den Stöcken, mit denen Ihr das Zinn umrührtet. Ich habe alles gesehen.« »Ihr hattet sie doch selbst untersucht...« »Es waren andere.« »Wieso? Erlaubt doch...« »Ich sagte ja schon, daß ich alles gesehen habe,« wiederholte Leonardo. »Leugnet nicht, Galeotto. Das Gold war in den hohlen Enden der Stöcke; als die Enden abbrannten, fiel es in den Tiegel.« Der Greis war bestürzt, seine Knie schlotterten. Sein Gesicht nahm den jämmerlichen, beschämten Ausdruck eines ertappten Diebes an. Leonardo legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Fürchtet nichts. Niemand wird es erfahren. Ich verrate Euch nicht.« Galeotto ergriff seine Hand und brachte mühevoll heraus: »Werdet Ihr es wirklich niemand sagen? ...« »Nein. Ich wünsche Euch nichts Böses. Warum habt Ihr es aber getan?« »O, Messer Leonardo!« rief Galeotto aus, und statt der grenzenlosen Verzweiflung leuchtete nun in seinen Augen grenzenlose Hoffnung. »Ich schwöre bei Gott, daß, wenn ich auch quasi betrüge, so tue ich es nur noch eine ganz kurze Zeit zum Wohle des Herzogs und zum Triumph der Wissenschaft, denn ich habe doch wirklich den Stein der Weisen gefunden! Vorläufig habe ich ihn noch nicht, aber ich kann behaupten, daß ich ihn schon habe; denn ich habe die Methode gefunden, und Ihr wißt doch selbst, daß in der Wissenschaft die Methode die Hauptsache ist. Noch drei oder vier Versuche und dann bin ich fertig! Was blieb mir anderes zu tun, Meister, wiegt denn die Entdeckung des größten Geheimnisses nicht diese kleine Lüge auf? ...« »Hört doch auf, Messer Galeotto! Wir wollen doch jetzt nicht Blindekuh spielen,« sagte Leonardo, die Achseln zuckend. »Ihr wißt doch ebenso gut wie ich, daß die Umwandlung der Metalle Unsinn ist, und daß es keinen Stein der Weisen gibt und ihn auch nicht geben kann. Alchimie, Nekromantie, Schwarze Magie und alle Wissenschaften, die nicht auf peinlich genauen Versuchen und Mathematik begründet sind, sind Schwindel und Wahnsinn; sie sind die vom Winde aufgeblasene Fahne der Charlatane, der die dumme Menge gläubig folgt.« Der Alchimist starrte Leonardo mit klaren erstaunten Augen an. Dann neigte er plötzlich seinen Kopf auf die Seite, kniff ein Auge zu und lachte: »Es ist wirklich nicht schön von Euch, Messere! Bin ich denn ein Laie? Wir wissen doch ganz genau, daß Ihr der größte Alchimist, ein neuer Hermes Trismegistos oder Prometheus seid und die verborgensten Geheimnisse der Natur Euer Eigen nennt!« »Ich?« »Ja, Ihr.« »Ihr seid ein Spaßvogel, Messer Galeotto!« »Nein, Ihr seid ein Spaßvogel, Messer Leonardo! Und wie gut Ihr Euch verstellen könnt! Ich habe schon manchen Alchimisten gesehen, der auf seine Geheimnisse eifersüchtig war, aber so einer wie Ihr ist mir noch nie vorgekommen!« Leonardo musterte ihn aufmerksam. Er wollte böse werden, doch konnte er es nicht. »Glaubt Ihr also wirklich daran?« fragte er lächelnd. »Ob ich daran glaube!« rief Galeotto aus. »wißt Ihr, Messer Leonardo: wenn Gott selbst zu mir käme und mir sagte: Galeotto, es gibt keinen Stein der Weisen, – so würde ich ihm sagen: Herr, ebenso gewiß, wie daß du mich erschaffen hast, gibt es auch den Stein der Weisen, und ich werde ihn finden!« Leonardo widersprach und empörte sich nicht mehr und hörte gespannt zu. Als die Rede auf die Beihilfe des Teufels in den Geheimwissenschaften kam, erklärte der Alchimist verächtlich, der Teufel sei das armseligste und schwächlichste Wesen in der ganzen Natur. Der Alte glaubte nur an die Macht der menschlichen Vernunft und behauptete, daß für die Wissenschaft alles möglich sei. Dann fragte er, als ob ihm plötzlich etwas überaus Amüsantes und Liebes eingefallen wäre, ganz unvermittelt, ob Leonardo die Elementargeister oft sähe. Als dieser gestand, daß er noch nie einen gesehen hätte, wollte es ihm Galeotto nicht glauben und erklärte dann mit sichtbarer Freude und sehr genau, daß der Salamander von länglicher Gestalt, ungefähr anderthalb Finger breit, gefleckt, dünn und rauh sei, die Sylphide dagegen durchsichtig, himmelblau und luftig. Er erzählte ihm noch von Nymphen, Undinen, die im Wasser leben, unterirdischen Gnomen, Pygmäen, von den in Pflanzen hausenden Durdalen und den in Edelsteinen wohnenden seltenen Diameen. »Ich kann Euch gar nicht sagen, wie gut sie alle sind!« so schloß er seine Erzählung. »Warum erscheinen denn diese Elementargeister nur den Auserwählten und nicht allen?« »Wie könnten sie es tun? Sie fürchten sich vor den rohen Menschen, vor den Wüstlingen, Trunkenbolden und Fressern. Sie lieben kindliche Einfalt und Unschuld. Sie sind nur dort zu finden, wo es keine Bosheit und List gibt. Sonst werden sie scheu, wie die Tiere des Waldes, und dann flüchten sie vor den menschlichen Blicken in ihr heimatliches Element.« Ein verträumtes zartes Lächeln glitt über die Züge des Greises. »Welch ein sonderbarer, armer und lieber Mensch!« dachte sich Leonardo. Das alchimistische Geschwätz empörte ihn nicht mehr und er sprach mit ihm so vorsichtig, wie mit einem Kinde, und war bereit, den Besitz beliebiger Geheimnisse einzugestehen, um ihn nur nicht zu verletzen. Sie schieden als Freunde. Als Leonardo gegangen war, vertiefte sich der Alchimist in einen neuen Versuch mit dem Venusöl. VI. Während dieser Unterhaltung saßen vor dem großen Herd im Erdgeschoß des Hauses Monna Sidonia und Kassandra. Über brennendem Reisig kochte in einem eisernen Kessel ihr Nachtmahl – eine Suppe mit Rüben und Knoblauch. Die Alte zog mit einer gleichförmigen Bewegung ihrer eingeschrumpften Finger den Faden aus dem Spinnrocken, wobei sie die sich rasch drehende Spindel bald hob, bald senkte. Kassandra sah auf die spinnende Alte und dachte: nun ist es wieder und immer wieder das Gleiche, heute wie gestern und morgen wie heute; wieder zirpt die Grille, wieder pfeift die Maus, summt die Spindel, knistert der trockene Reisig, und wieder dieser Geruch von Knoblauch und Rüben. Die Alte machte ihr wieder die gleichen Vorwürfe, folterte sie gleichsam mit einer stumpfen Säge: sie, Monna Sidonia, sei eine arme Frau, wenn auch die Leute behaupten, sie hätte einen Topf mit Geld auf dem Weinberge vergraben. Dies sei natürlich Unsinn. Denn Galeotto richtete sie zugrunde. Und sie beide, der Onkel und die Nichte, säßen ihr auf dem Halse; sie erhalte und ernähre sie nur aus purer Herzensgüte. Kassandra sei aber kein Kind mehr und solle doch an die Zukunft denken. Nach dem Tode des Onkels könne sie betteln gehen, warum wollte sie nicht den reichen Pferdehändler aus Abbiategrasso heiraten, der sich schon längst um sie bewerbe? Er sei zwar nicht mehr jung, dafür aber klug und gottesfürchtig; er besäße einen Laden, eine Mühle und einen Olivengarten mit einer neuen Ölpresse. Der Herr selbst wolle ihr Glück, warum zögere sie denn? Was wolle sie denn noch? Monna Kassandra hörte gelangweilt zu, und ein schweres Unlustgefühl würgte sie an der Kehle und preßte ihre Schläfen zusammen, sie wollte weinen und schreien, denn sie empfand diese Langeweile wie einen heftigen Schmerz. Die Alte holte aus dem Kessel eine dampfende Rübe, die sie dann auf ein spitzes Holzstäbchen steckte, mit dem Messer schälte, mit dickem rotem Weinmost begoß und schließlich mit ihrem zahnlosen Munde laut schmatzend, zu verzehren begann. Das junge Mädchen reckte sich mit der mechanischen Gebärde stummer Verzweiflung und faltete ihre feinen weißen Finger hinter dem Kopf ineinander. Die Alte wurde nach dem Nachtmahl schläfrig, sie saß vor ihrem Spinnrocken wie eine trübe Parze, ihre Augen fielen langsam zu und ihr Geschwätz über den Pferdehändler wurde verworren und sinnlos. Da holte Kassandra aus ihrem Busen das Geschenk ihres Vaters, des Messer Luigi hervor. Der Talisman hing an einer feinen Schnur und war von ihrem Körper erwärmt. Sie hielt den Edelstein gegen das Feuer des Herdes und im violetten Scheine des Amethystes erschien ihr der nackte junge Bacchus mit dem Thyrsus in der einen Hand und einer Weintraube in der anderen; ein Panther sprang an seiner Seite und suchte die Traube mit der Zunge zu erhaschen. Und das Herz Kassandras erglühte in Liebe zu dem schönen Gotte. Sie seufzte tief auf, versteckte den Talisman und sagte schüchtern: »Monna Sidonia, heute nacht versammelt man sich in Barco di Ferrara und in Beneventum ... Liebe, gute Tante! Fliegen wir hin! Wir wollen da gar nicht tanzen: nur hineinblicken und dann wieder umkehren. Ich will alles tun, was Ihr verlangt, ich will vom Pferdehändler ein Geschenk herausbetteln, dafür wollen wir aber heute gleich hinfliegen!...« In ihren Augen brannte wildes Verlangen. Die Alte sah sie an, ihre bläulichen runzligen Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, und sie zeigte ihren einzigen gelben Zahn, der dem Hauer eines Ebers ähnlich sah. Ihr Gesicht nahm einen schrecklichen und lüsternen Ausdruck an. »So, du hast große Lust? He? Hast Appetit bekommen? So ein Teufelsmädel! Ich glaube, die könnte jede Nacht fliegen! Also gut, aber die Sünde liegt heute auf dir! Denn ich hatte gar nicht die Absicht. Ich will es nur um deinetwillen mitmachen...« Sie ging langsam durch die Stube, schloß sorgfältig die Fensterläden, verstopfte alle Fugen mit Lumpenfetzen, verriegelte die Türe, löschte die Glut auf dem Herde, mit Wasser aus, zündete eine Kerze aus schwarzem Zaubertalg an und entnahm einer eisernen Truhe einen Topf mit einer scharf riechenden Salbe. Sie wollte die Zögernde und Vernünftige spielen. Aber ihre Hände zitterten, als ob sie betrunken wäre, und ihre kleinen Augen waren bald trübe, bald leuchtend und lüstern. Kassandra stellte in der Mitte der Stube zwei große Backtröge auf. Als Monna Sidonia mit den Vorbereitungen fertig war, zog sie sich ganz nackt aus, stellte den Topf zwischen die Tröge, setzte sich über einen Trog rittlings auf einen Besen und begann ihren ganzen Körper mit der fetten grünlichen Salbe einzureiben. Der scharfe Geruch erfüllte die ganze Stube. Diese Hexensalbe bestand aus giftigem Lattich, Sumpfsellerie, geflecktem Schierling, schwarzem Nachtschatten, Mandragorawurzeln, schlafbringendem Mohn, Bilsenkraut, Schlangenblut und dem Fett ungetaufter, von Hexen totgemarterter Kinder. Kassandra wandte sich ab, um nicht den häßlichen nackten Leib der Alten zu sehen. Im letzten Augenblick, als die Verwirklichung ihres heißen Wunsches schon so nahe war, spürte sie in der Tiefe ihrer Seele doch Ekel. »Nun, wird's bald?« brummte die alte Hexe, über den Trog kauernd. »Erst eben hattest du solche Eile und jetzt machst du Geschichten. Allein will ich nicht fliegen. Zieh' dich aus!« »Sofort. Löscht das Licht aus, Monna Sidonia... Ich kann nicht bei Licht...« »Wie die verschämt tut! Auf dem Berge schämt sie sich aber nicht!...« Sie blies die Kerze aus und bekreuzigte sich zu Ehren des Teufels, wie es bei den Hexen üblich ist, mit der linken Hand. Das junge Mädchen kleidete sich aus, doch behielt sie ihr Hemd an; dann kauerte sie über dem Trog und begann sich eilig einzureiben. Im Dunkeln war das Gemurmel der Alten hörbar, es waren sinnlose, abgerissene Worte der Zauberformel: »Emen Hetan, Emen Hetan. Paludius, Baalberites, Astarot – helft! Agora, Agora, Patrica – helft!« Kassandra atmete gierig den starken Duft der Zaubersalbe ein. Ihre Haut brannte, ihr Kopf schwindelte. Ein wollüstiges Frösteln überlief ihr den Rücken, vor ihren Augen schwebten rote und grüne Kreise, und wie aus weiter Ferne erklang der laute, feierliche Schrei der Monna Sidonia: »Harr! Harr! Von unten nach oben, ohne anzustoßen!« VII. Kassandra flog aus dem Schornstein rittlings auf einem schwarzen Ziegenbocke, dessen weiches Fell ihre nackten Beine angenehm kitzelte. Ihr Atem ging schnell, sie jubilierte, zwitscherte und jauchzte, wie eine Schwalbe, die in die Sonne fliegt. »Harr! Harr! von unten nach oben, ohne anzustoßen! Wir fliegen! Wir fliegen!« Die häßliche nackte Tante Sidonia flog mit aufgelöstem Haar auf ihrem Besen neben Kassandra. Sie flogen mit rasender Geschwindigkeit, und die Luft, die sie durchschnitten, pfiff wie ein Sturmwind. »Nach Norden! Nach Norden!« schrie die Alte, ihren Besen wie ein gefügiges Pferd lenkend. Kassandra war ganz berauscht. »Unser armer Mechaniker Leonardo da Vinci plagt sich noch immer mit seinen Flugmaschinen!« kam es ihr plötzlich in den Sinn, und da wurde ihr noch lustiger zumute. Bald stieg sie in die Höhe und ritt über den schwarzen Wolken dahin, in denen blaue Blitze zuckten. Über ihr war klarer Himmel mit dem blendenden Mond, der so groß wie ein Mühlstein war und ihr so nahe schien, daß sie glaubte, ihn mit der Hand berühren zu können. Dann lenkte sie ihren Bock an seinen gewundenen Hörnern nach unten und flog abwärts, wie ein Stein in den Abgrund fliegt. »Wohin? Wohin? Du brichst dir den Hals! Bist du von Sinnen, du Teufelsmädel?« schrie Tante Sidonia, die ihr nur mit Mühe folgen kannte. Dann flogen sie so nahe über der Erde, daß sie die schläfrigen Riedgräser rauschen hörten; Irrlichter zeigten ihnen den Weg, faulende Holzstücke leuchteten bläulich? Uhus, Rohrdommeln und Nachtschwalben ließen im Waldesdickicht ihr Jammergeschrei vernehmen. Sie hatten die Alpen überflogen, deren schneebedeckte Gipfel im Monde leuchteten und ließen sich zum Meeresspiegel hinab. Kassandra schöpfte mit der hohlen Hand Wasser, warf es in die Höhe und freute sich über die saphirblauen Tropfen. Ihr Flug wurde immer schneller; jetzt gesellten sich zu ihnen viele Reisegefährten: ein grauer, zerzauster Hexenmeister in einem Waschzuber, ein lustiger feister Kanonikus mit dem roten Gesicht eines Silens, auf einem Schürhaken, ein blondes etwa zehnjähriges Mädchen mit unschuldigem Gesicht und blauen Augen auf einem kleinen Besen, eine nackte junge rothaarige Menschenfresserin auf einem grunzenden Eber und noch viele andere. »Woher des Weges, liebe Schwestern?« rief ihnen Tante Sidonia zu. »Aus Hellas, von der Insel Kandia!« Andere Stimmen antworteten: »Aus Valencia! Vom Brocken! Aus Salaguzzi bei Mirandola! Aus Beneventum! Aus Norcia!« »Wohin des Weges?« »Nach Biterne! Nach Biterne! Dort feiert der große Bock – el Boch de Biterne – seine Hochzeit. Fliegt, fliegt! Sammelt euch zur Vesper!« Sie zogen wie ein Schwarm Raben über der traurigen Ebene dahin. Der Mond schien durch den Nebel blutrot. In der Ferne leuchtete das Kreuz einer Dorfkirche. Die rothaarige Hexe, die das Schwein ritt, flog heulend auf die Kirche zu, riß die große Glocke herab und warf sie mit aller Kraft in den Sumpf. Im Sumpfe klatschte es auf, die Glocke gab noch einen jammervollen Ton, und das Lachen der Hexe klang wie Hundegebell. Das blonde Kind auf dem Besen klatschte, ausgelassen vor Freude, in die Hände. VIII. Der Mond versteckte sich hinter Wolken. Aus grünem Wachs gewundene Fackeln beleuchteten mit ihrem grellen blitzblauen Licht einen schneeweißen Kreideberg, auf dessen Kuppe schwarze Schatten huschten, ineinanderliefen, sich umschlangen und trennten. Es waren die tanzenden Hexen. »Harr! Harr! Sabbat, Sabbat! Rechts! Links! Links! Rechts!« Sie flogen zu Tausenden, ohne Anfang, ohne Ende, wie welkes Laub im Herbste, um den nächtlichen Bock – Hyrcus Nocturnus, der auf einem Felsen thronte. »Harr! Harr! Lobet den Nächtlichen Bock! El Boch de Biterne! Unsere Leiden sind zu Ende! Freut euch!« Schrill und heiser klangen die Flöten aus hohlen Menschenknochen; die mit der Haut eines Gehenkten überzogene Trommel, welche mit einem Wolfsschwanze geschlagen wurde, klang dumpf und abgemessen: »Tup, tup, tup«. In riesengroßen Kesseln kochte die gräßliche, unsagbar schmackhafte Speise. Sie war ungesalzen, denn der Gastgeber verabscheute Salz. In versteckten Winkeln lagerten sich die Liebespaare: Töchter mit ihren Vätern, Brüder mit ihren Schwestern, ein Werwolf in Gestalt eines schwarzen grünäugigen gezierten Katers hatte sich ein kleines, hageres, lilienweißes Mädchen erwählt, und der zottige Inkubus, ohne Gesicht und grau wie eine Spinne umschlang eine schamlos grinsende Nonne. Überall wimmelte es von abstoßenden Paaren. Eine fette Riesenhexe mit weißem Leib und gutmütig-dummem Gesicht stillte mit mütterlicher Zärtlichkeit zwei neugeborene Teufel. Die gefräßigen Säuglinge lagen gierig an ihren hängenden Brüsten und schluckten schmatzend ihre Milch. Dreijährige Kinder, die am Sabbat nach nicht teilnahmen, weideten abseits eine Herde mit Warzen bedeckter Kröten, die prächtige mit Schellen besetzte Schabracken aus Kardinalspurpur trugen und mit heiligen Hostien gemästet waren. »Komm', wir wollen tanzen!« lockte Sidonia Kassandra. »Der Pferdehändler sieht es noch!« erwiderte das Mädchen lachend. »Der Hund mag ihn fressen, deinen Pferdehändler!« antwortete die Ate. Beide schlangen sich in den Reigen ein, der wie ein Sturm heulte und pfiff, brüllte und lachte, tobte und kreiste. »Harr! Harr! Rechts, links! Rechts, links!« Ein langer feuchter Schnurrbart, der sich wie der eines Seehundes anfühlte, stach Kassandra in den Nacken; ein dünner harter Schweif kitzelte sie von vorne; jemand kniff sie schmerzhaft und schamlos; jemand biß sie und flüsterte ihr ein ungeheuerliches Kosewort ins Ohr. Sie wehrte sich nicht: je schlimmer je besser, je schrecklicher je berauschender. Plötzlich blieb alles wie versteinert stehen. Vom schwarzen Thron, auf dem der Unbekannte vom Schrecken umgeben saß, ertönte eine dumpfe Stimme, dem Tosen eines Erdbebens gleich: »Empfanget meine Gaben! Den Sanften verleihe ich meine Stärke, den Bescheidenen meinen Hochmut, den Armen im Geiste mein Wissen, den Traurigen meine Fröhlichkeit!« Ein wohlgestalteter Greis mit langem weißem Bart – eines der höchsten Mitglieder der heiligsten Inquisition und zugleich Patriarch der Hexen, der die schwarze Messe zelebrierte, verkündete feierlich: » Sanctificiter nomen tuum per universum mundum, et libera nos ab omni malo! Kniet hin, kniet hin, ihr Gläubigen!« Alle sanken in die Knie und stimmten, kirchlichen Gesang nachahmend, den gotteslästerlichen Hymnus an: » Credo in Deum patrem Luciferum, qui creavit coelum et terram. Et in filium ejus Belzebub. « Als die letzten Töne verklungen waren und es wieder still wurde, erklang die gleiche, wie ein Erdbeben tosende Stimme: »Führt mir meine unberührte Braut, meine unschuldige Taube zu!« Der Oberpriester fragte: »Wie heißt deine Braut, deine unschuldige Taube?« »Madonna Kassandra! Madonna Kassandra!« dröhnte es zurück. Als die junge Hexe ihren Namen hörte, fühlte sie ihr Blut in den Adern zu Eis erstarren und ihr Haar sich sträuben. »Madonna Kassandra! Madonna Kassandra!« tönte es in der Menge: »Wo ist sie? Wo ist unsere Gebieterin? Ave, archiponsa Cassandra! « Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und wollte fliehen, aber viele knochige Finger, Krallen, Rüssel, Fühlhörner und zottige Spinnenfüße streckten sich nach ihr aus, ergriffen sie, rissen ihr das Hemd vom Leibe und führten sie nackt und bebend dem Throne zu. Es wehte sie wie Bocksgestank und Grabeskälte an. Sie schlug die Augen nieder, um nichts zu sehen. Da sprach der auf dem Throne Sitzende: »Nahe!« Sie ließ ihren Kopf noch tiefer sinken und sah zu ihren Füßen ein flammendes Kreuz in der Finsternis leuchten. Sie nahm ihre letzten Kräfte zusammen, überwand das Ekelgefühl, machte einen Schritt vorwärts und hob ihre Augen zu dem, der vor ihr stand. Und da geschah das Wunder. Die Bockshaut fiel von ihm, wie das Schuppenkleid einer sich häutenden Schlange und vor Kassandra stand der alte olympische Gott Dionysos, mit dem Lächeln ewiger Freude auf den Lippen, mit dem Thyrsus in der einen Hand und der Traube in der anderen; ein Panther sprang an seiner Seite und suchte die Traube mit der Zunge zu erhaschen. Im gleichen Augenblick verwandelte sich der Hexensabbat in ein göttliches Bacchanal: die alten Hexen wurden zu jungen Mänaden, die ungeheuerlichen Dämonen zu bockbeinigen Satyren, wo aber vorher tote Kreidefelsen waren, da standen jetzt von Sonnenlicht übergossen herrliche Marmorsäulen; zwischen ihnen leuchtete das blaue Meer, und Kassandra erblickte in den Wolken die hehre Versammlung der strahlenden Götter Hellas'. Satyre und Bacchantinnen schlugen Cymbeln, stachen sich mit Messern in die Brüste, preßten aus Trauben roten Saft in goldene Schalen, vermengten ihn mit eigenem Blute, tanzten, kreisten und sangen: »Heil, Heil dem Dionysos! Die großen Götter sind auferstanden! Heil den auferstandenen Göttern!« Der nackte Jüngling – Bacchus nahm Kassandra in seine Arme auf und seine Stimme war wie der Donner, der Himmel und Erde erschüttert: »Komm, komm, meine Braut, meine reine Taube!« Kassandra fiel dem Gott in die Arme. IX. Man hörte den ersten Hahn krähen. Plötzlich roch es nach Nebel und qualmiger, scharfer Feuchtigkeit. Irgendwo in unendlicher Ferne läutete eine Kirchenglocke. Der Glockenton machte auf dem Berge große Verwirrung. Die Bacchantinnen verwandelten sich wieder in häßliche Hexen, die bockbeinigen Satyre in abstoßende Dämonen und Gott Dionysos in den stinkenden nächtlichen Bock – Hyrcus Nocturnus . »Nach Hause! Nach Hause! Flieht! Rettet euch!« »Meinen Schürhaken hat man mir gestohlen!« jammerte verzweifelt der feiste Kanonikus, der einem Silen ähnlich sah. Er lief wie besessen hin und her. »Eber, Eber, komm her!« rief die nackte Rothaarige, von der kühlen Feuchtigkeit des Morgens zitternd und hustend. Der untergehende Mond kam wieder zum Vorschein und übergoß mit seinem blutroten Lichte die erschrockenen Hexen, die schwarzen Fliegen gleich in Schwärmen den Kreideberg verließen. »Harr! Harr! Von unten nach oben ohne anzustoßen! Rettet euch, flieht!« Der nächtliche Bock meckerte jämmerlich und versank in die Erde, den Gestank brennenden Schwefels verbreitend. Die Kirchenglocken dröhnten. X. Als Kassandra zur Besinnung kam, sah sie sich auf dem Fußboden der finsteren Stube im Häuschen bei der Porta Vercellina liegen. Sie fühlte Übelkeit wie nach einem Rausche. Ihr Kopf war schwer wie Blei. Ihr Körper war vor Müdigkeit wie zerschlagen. Eintönig dröhnte die Glocke von St. Redegonda. Dazwischen hörte man von außen hartnäckig an die Türe klopfen; es wurde wohl schon seit langer Zeit so geklopft. Kassandra lauschte und erkannte die Stimme ihres Freiers, des Pferdehändlers aus Abbiategrasso. »Macht auf! Macht auf! Monna Sidonia! Monna Kassandra! Seid ihr denn taub? Ich stehe da wie ein Hund im Regen. Soll ich denn in diesem Schmutz nach Hause waten?« Das Mädchen erhob sich mit großer Mühe, sie trat ans Fenster, dessen Läden fest verschlossen waren, und nahm die Lumpen heraus, mit welchen Sidonia die Fugen verstopft hatte. Durch die Ritzen fiel bläuliches trübes Morgenlicht in die Stube und auf die alte nackte Hexe, die neben dem umgestürzten Backtrog schnarchte. Kassandra blickte durch die Ritze hinaus. Es war ein trüber, regnerischer Tag. Es goß in Strömen. Durch den grauen Regenschleier sah sie vor der Haustüre den verliebten Pferdehändler stehen, neben ihm einen Wagen, dem ein kleiner Esel mit hängenden Ohren vorgespannt war. Auf dem Wagen lag ein Kalb mit gefesselten Beinen, das sein Maul hervorstreckte und blöckte. Der Pferdehändler bearbeitete unermüdlich die Türe mit den Fäusten. Kassandra wartete, womit es enden würde. Endlich wurde oben im Laboratorium ein Fensterladen aufgeschlagen. Der alte Alchimist sah mit zerzaustem Haar hinaus. Sein Gesicht hatte jenen bösen, finsteren Ausdruck, den es immer annahm, so oft er von seinen Träumen erwachend einsah, daß man Blei unmöglich in Gold verwandeln könne. »Wer klopft da?« fragte er hinausblickend. »Was willst du? Bist du von Sinnen, alter Hund? Der Herr möge dir Unglück bescheren. Siehst du denn nicht, daß hier alles schläft? Mach, daß du weiterkommst!« »Messer Galeotto! Warum schimpft Ihr so? Ich komme in einer wichtigen Sache: es handelt sich um Eure Nichte. Da habe ich auch ein Milchkalb als Geschenk mitgebracht ...« »Zum Teufel!« schrie Galeotto wütend. »Scher dich, Schurke, mit deinem Kalb zum Teufel unter den Schweif!« Der Laden wurde zugeschlagen. Der Pferdehändler stutzte und verhielt sich eine Weile ruhig. Bald aber klopfte er wieder mit doppelter Kraft an die Türe, als wolle er sie einschlagen. Der Esel ließ seinen Kopf noch tiefer hängen. Der Regen lief in Strömen an seinen hoffnungslos-hängenden, nassen Ohren hinunter. »Gott, wieder diese Langeweile!« flüsterte Monna Kassandra, die Augen schließend. Sie dachte an die Lust des Sabbats, an die Verwandlung des nächtlichen Bockes in Dionysos, an die Auferstehung der großen Götter und fragte sich: »War es Traum oder Wirklichkeit? Wohl nur ein Traum. Und das, was ich jetzt sehe, ist Wirklichkeit. Auf den Sonntag kommt Montag!« »Macht auf! Macht auf!« schrie der Pferdehändler verzweifelt und heiser. Von der Dachrinne fielen schwere Tropfen in die schmutzige Pfütze. Das Kalb blökte kläglich. Wehmütig dröhnte die Kirchenglocke. Fünftes Buch Dein Wille geschehe I. Als der Mailänder Bürger, Schuhmacher Corbolo, nachts etwas angeheitert heimkehrte, verabfolgte ihm seine Frau, nach seiner eigenen Behauptung, mehr Schläge, als notwendig wären, um einen faulen Esel von Mailand nach Rom zu treiben. Am nächsten Morgen begab sich die Frau zu ihrer Nachbarin der Trödlerin, um eine Sülze aus Schweinsblut – Miljacci – zu kosten; Corbolo, der einige Münzen vor seiner Gattin verheimlicht hatte, benützte die Gelegenheit, um zu einem Frühschoppen zu gehen. Den Laden überließ er der Aufsicht seines Gesellen. Die Hände in den Taschen seiner alten Hose, schlenderte er nachlässig die finstere, krumme Gasse entlang, die so schmal war, daß, wenn hier ein Reiter einem Fußgänger begegnete, er ihn mit der Fußspitze oder dem Sporn streifen mußte. Es roch nach angebranntem Olivenöl, faulen Eiern, saurem Wein und dem Schimmel der Keller. Corbolo pfiff ein Liedchen, blickte zum schmalen Streifen des zwischen hohen Häusern eingeschlossenen dunkelblauen Himmels empor und auf die von der Morgensonne durchleuchteten bunten Lumpen, die von den Hausfrauen auf über die Straße gezogenen Stricken aufgehängt waren, und tröstete sich mit einem weisen Spruch, den er selbst, übrigens, nie befolgte: »Jede Frau, die gute wie die böse, braucht Schläge.« Um den Weg abzukürzen, ging er durch den Dom. Hier war Lärm und Gedränge, wie auf einem Markte. Trotz der für das Passieren des Domes angesetzten Strafe, gingen zahllose Menschen durch die Tore; selbst solche mit Maultieren und Pferden. Die Patres zelebrierten mit näselnden Stimmen Messen; in den Beichtstühlen war ewiges Geflüster; vor den Altären brannten Lampen. Und dazwischen tollten Gassenjungen herum, beschnüffelten sich die Hunde und drängten sich zerlumpte Bettler. Corbolo blieb für eine Weile unter all diesen Tagedieben stehen und lauschte mit verschmitztem und gutmütigem Lächeln dem Wortgefecht zweier Mönche. Der barfüßige Franziskaner Fra Cippolo, ein kleines rothaariges Männchen mit lustigem rundem und öligem Gesicht, das einer Semmel glich, bewies seinem Gegner, dem Dominikaner Fra Timoteo, daß der heilige Franziskus, der Christo in vierzig Punkten gleichkomme, den nach dem Sturze Luzifers im Himmel freigewordenen Platz eingenommen habe, und daß selbst die heilige Muttergottes seine Stigmata von den Kreuzeswunden des Heilands nicht unterscheiden könne. Der finstere, bleiche und hagere Fra Timoteo führte dagegen die Wunden der heiligen Katharina ins Feld; sie hätte auf der Stirne blutige Spuren des Dornenkranzes gehabt, welche Wunden dem seraphischen Vater Franziskus abgingen. Als Corbolo aus dem Schatten des Domes auf den Arengo-Platz trat, mußte er die Augen schließen: so blendete ihn die Sonne. Dieser Platz war der belebteste von Mailand. Es gab da so viel Buden von Kleinkramhändlern, Fischhändlern, Trödlern und Gemüsefrauen, daß zwischen den unzähligen Verkaufsständen, Regendächern und Kisten nur ein schmaler Durchgang frei blieb. Die Händler nahmen diesen Platz vor dem Dom noch seit undenklichen Zeiten ein und keinerlei Gesetze und Geldstrafen konnten sie von da vertreiben. »Salat aus Val Tellina! Zitronen! Pomeranzen! Artischoken! Spargel, schöner Spargel!« – so lockten die Gemüsefrauen die Käufer zu ihren Ständen. Die Trödlerinnen feilschten und gackerten wie Bruthennen. Ein kleiner störrischer Esel, der unter einem Berg weißer und blauer Trauben, Orangen, Tomaten, Rüben, Blumenkohl, Finocchi und Zwiebeln halb begraben war, schrie ohrenzerreißend: »ia, ia, ia«. Der Treiber bearbeitete seine abgewetzten Flanken von hinten mit einem Knüttel, daß es nur so krachte, wobei er fortwährend die Kehllaute »Arri! Arri!« hervorstieß. Eine Gesellschaft von Blinden mit Stöcken in der Hand und einem Führer an der Spitze sang die klagende Intermerata. Ein geschickter und beweglicher Straßen-Scharlatan und Zahnarzt, mit einem Kranz aus von ihm gezogenen Zähnen auf seiner Otternfellmütze, hatte den Kopf eines auf der Erde kauernden Patienten zwischen seinen Knien eingeklemmt und zog ihm mit einer Riesenzange einen Zahn. Die Gassenjungen neckten einen vorübergehenden Juden damit, daß sie ihre Rockzipfeln zu einem Schweinsohre falteten. Andere ließen den Trattola-Kreisel den Passanten unter die Füße laufen. Der frechste aller Gassenjungen, der schwarzhaarige und stumpfnasige Farfanicchio ließ aus einer mitgebrachten Falle die Maus laufen und machte dann mit einem Besen in der Hand, pfeifend und johlend Jagd auf sie, wobei er fortwährend schrie: »Da ist sie! Da ist sie!« Die Maus rettete sich unter die weiten Röcke der feisten, vollbusigen Gemüsefrau Barbaccia, die friedlich ihren Strumpf strickte. Sie sprang auf, schrie, wie mit siedendem Wasser übergossen, und hob zum größten Gaudium der Zuschauer, ihre Röcke, um die Maus herauszuschütteln. »Warte nur, wart! Gleich nehme ich einen Stein und haue dir deinen Affenschädel ein, du Taugenichts!« schrie sie ganz außer sich. Farfanicchio zeigte ihr die Zunge und hüpfte vor Freude. Ein Mann, der ein großes geschlachtetes Schwein auf dem Kopfe trug, blieb stehen. Das Pferd des Doktors Messer Gabbadeo scheute und riß aus, wobei es einen ganzen Berg von Küchengeschirr vor dem Laden eines Alteisenhändlers umwarf. Die Pfannen, Töpfe, Reibeisen, Kessel und Schaumlöffel fielen krachend und klirrend durcheinander. Messer Gabbadeo ließ in seiner Todesangst die Zügel fallen und schrie, in rasender Eile davonjagend: »Steh! Steh, du Rabenaas!« Die Hunde bellten, aus allen Fenstern lugten Neugierige heraus. Über den ganzen Platz hallte Lachen, Schimpfen, Pfeifen, Johlen, Menschengeschrei und Eselsgebrüll. Der Schuhmacher ergötzte sich an diesem Spektakel und dachte mit mildem Lächeln: »Wie schön wäre doch das Leben, wenn es keine Frauen gäbe, die ihre Männer so fressen, wie der Rost das Eisen frißt!« Er erhob seine Hand vor die Augen zum Schutze gegen die Sonne und betrachtete den unvollendeten und von Baugerüsten umgebenen Riesenbau. Es war der Dom, den das Volk zu Ehren von Mariae Geburt errichtete. Große und Geringe nahmen an diesem Tempelbau Anteil. Die Königin von Cypern schickte kostbare goldgewirkte Kelchtücher; die arme alte Trödlerin Katharina legte der heiligen Jungfrau ihren einzigen alten Pelz im Werte von zwanzig Soldi auf den Hauptaltar, ohne an die Kälte des nahenden Winters zu denken. Corbolo, der von Kind auf gewohnt war, das Fortschreiten der Arbeiten zu verfolgen, bemerkte an diesem Morgen einen neuen Turm und das machte ihm große Freude. Die Steinmetze klopften mit ihren Hämmern. Vom Laghetto-Hafen bei San-Stefano in der Nähe des Ospedale Maggiore wurden immer neue schneeweiße Marmorblöcke, die auf Barken aus den Steinbrüchen vom Lago Maggiore kamen, angefahren. Die Winden knarrten und ihre Ketten rasselten. Eiserne Sägen schnitten knirschend den Marmor. Die Arbeiter kletterten wie Ameisen auf den Gerüsten herum. Und der gewaltige Bau wuchs, die unzähligen Pfeiler und Spitzen türmten sich wie Stalaktiten nebeneinander und übereinander, Glockentürme und Erker aus blendendweißem Marmor ragten in den blauen Himmel hinein – eine ewige Lobhymne des Volkes zu Ehren der Geburt der Jungfrau Maria. II. Corbolo stieg die steilen Stufen zum kühlen, gewölbten, mit Fässern angefüllten Weinkeller des deutschen Wirtes Tibaldo herunter. Er begrüßte höflich die Gäste, setzte sich zu seinem Bekannten, dem Verzinner Scarabullo und ließ sich einen Krug Wein und heiße Mailänder Kümmelkuchen – Ofeletti – geben. Er nahm bedächtig einen Schluck; schob ein Stück Kuchen in den Mund und sagte: »Willst du gescheit sein, Scarabullo, so heirate nie.« »Warum denn?« »Siehst du, mein Freund,« fuhr der Schuhmacher belehrend fort: »heiraten ist dasselbe, wie aus einem mit Schlangen gefüllten Sack – einen Aal herausfangen. Lieber Gicht haben, als ein Weib, Scarabullo!« Am Nebentische erzählte der Paramentenmacher Mascarello, ein Aufschneider und lustiger Patron, einem Auditorium von abgelumpten Hungerleidern von den Wundern des unbekannten Reiches Berlinzona und des seligen Schlaraffenlandes, wo man die Reben mit Bratwürsten anbinde und wo eine Gans mit einem Gansjungen als Zuwage um einen Groschen verkauft werde. Es gäbe dort einen Berg aus geriebenem Käse, auf dessen Spitze Menschen wohnen, deren einzige Beschäftigung es sei, Maccaroni und Knödel zu bereiten, sie in Kapaunenbrühe zu kochen und dann hinunterzuwerfen. Wer mehr auffange, der habe auch mehr. In der Nähe flösse ein Strom aus Vernaccio, dem allerbesten Wein, der keinen Tropfen Wasser enthalte. In den Keller kam plötzlich ein kleiner skrofulöser Mensch mit den kurzsichtigen Augen eines noch halb blinden jungen Hundes hereingestürzt. Es war der Glasbläser Gorgoglio, eine männliche Klatschbase und lebende Zeitung. »Meine Herren!« verkündete er feierlich, seinen staubigen durchlöcherten Hut lüftend und sich den Schweiß von der Stirne wischend: »Meine Herren! Ich komme direkt von den Franzosen!« »Was erzählst du da, Gorgoglio? Sind denn die schon hier?« »Gewiß, in Pavia sind sie schon ... Laßt mich nur etwas ausschnaufen, ich bin ganz atemlos vom Laufen. Bin wie der Blitz gerannt. Daß mir niemand zuvorkommt ...« »Da hast du Wein. Trinke und erzähle weiter: Was für Menschen sind diese Franzosen?« »Schlimme Menschen, Brüder! Mit ihnen ist nicht gut Kirschen essen! Es sind wilde, ungestüme, fremdartige, gottlose, tierähnliche Gesellen! Sie haben Flinten und Arkebusen von acht Ellen Länge, Geschütze aus Kupfer, Lombarden aus Gußeisen mit Steinkugeln, ihre Pferde sind wilde Meerungeheuer mit Ohren und gestutzten Schwänzen.« »Sind sie in großer Zahl?« »Legionen von Legionen! Sie haben wie die Heuschrecken die ganze Ebene umlagert, man kann sie gar nicht überblicken! Der Herr hat uns für unsere Sünden diese schwarze Pest, die nordischen Teufel geschickt!« »Warum schimpfest du so, Gorgoglio?« versetzte Scarabullo: »Sind sie denn nicht unsere Freunde und Verbündeten?« »Verbündeten? Ja, Schnecken! Solche Freunde sind ärger als Feinde: die kaufen die Hörner und fressen den Stier.« »Laß deine Redensarten und erzähle vernünftig: warum sind die Franzosen unsere Feinde?« fragte Maso. »Weil sie unsere Felder verwüsten, unsere Bäume fällen, das Vieh forttreiben, die Bauern ausrauben, die Weiber schänden. Der französische König ist ein Schlappschwanz, aber auf die Weiber versessen. Er hat ein Buch mit den Bildnissen nackter italienischer Schönheiten. Sie sagen: Wenn uns Gott hilft, so lassen wir von Mailand bis Neapel kein einziges unschuldiges Mädchen zurück.« »Diese Halunken!« schrie Scarabullo auf und schlug so heftig mit der Faust auf den Tisch, daß alle Flaschen und Gläser erzitterten. »Unser Moro tanzt auf den Hinterpfötchen nach der französischen Pfeife!« fuhr Gorgoglio fort. – »Sie sehen uns gar nicht für Menschen an. Sie sagen: ›Ihr alle seid Mörder und Diebe. Euren eigenen rechtmäßigen Herzog habt ihr vergiftet, den unschuldigen Knaben habt ihr getötet. Gott straft euch dafür und übergibt euer Land in unsere Hände‹. Wir bewirten sie herzlich und gastfreundlich, sie aber setzen das Essen ihren Pferden vor und sagen: ›Ist vielleicht auch in den Speisen etwas von jenem Gift, mit dem ihr euren Herzog vergiftet habt?!‹« »Du lügst, Gorgoglio!« »Daß mir meine Augen ausrinnen, daß meine Zunge verdorre! Hört, meine Herren, wie sie prahlen: Wir wollen, so sagen sie, zuerst alle Völker Italiens bezwingen, alle Länder und Meere erobern, den Großtürken gefangen nehmen, Konstantinopel erstürmen, auf dem Ölberge zu Jerusalem ein Kreuz aufrichten und dann wieder zu euch kommen, um das Gericht Gottes über euch zu vollstrecken. Und wenn ihr euch nicht gutwillig unterwerft, so werden wir selbst euren Namen vernichten.« »Es ist schlimm, Brüder!« sprach der Paramentenmacher Mascarello. »Furchtbar schlimm! So etwas hat es noch nie gegeben!« Alle wurden still. Fra Timoteo, der Mönch, der vorhin im Dome mit dem Fra Tippolo gestritten und plötzlich hier auftauchte, hob seine Hände zum Himmel und verkündete feierlich: »So spricht der große Prophet Girolamo Savonarola: es kommt der Mann, der, ohne sein Schwert aus der Scheide zu ziehen, Italien erobern wird. O Florenz, o Rom, o Mailand! Die Zeit der Feste und Lieder ist vorbei! Tut Buße! Tut Buße! Das Blut des Herzogs Gian-Galeazzo, das Blut Abels, das Kain vergossen, schreit zum Himmel um Rache!« III. »Die Franzosen! Die Franzosen! Seht!« Gorgoglio zeigte auf zwei Soldaten, die eben in den Keller traten. Der eine, ein Gascogner, namens Bonivard, ein schlanker junger Mann mit schönem und frechem Gesicht und rötlichem kleinem Schnurrbart, war ein Sergeant der französischen Kavallerie. Sein Kamerad, der Picardier Gros-Guilloche, ein dicker untersetzter Alter mit einem Stiernacken, blutrotem Gesicht, hervortretenden Krebsaugen und einem Messingring in einem Ohr, war Kanonier. Beide waren angeheitert. »Finden wir endlich in diesem vermaledeiten Nest einen ordentlichen Schluck?« sprach der Sergeant, seinem Freund auf die Schulter klopfend. »Dieses lombardische Zeug kratzt einem die Gurgel wie Essig!« Bonivard nahm mit einem Ausdruck von Ekel und Langerweile an einem der Tische Platz, musterte verächtlich die andern Gäste, klopfte mit dem Zinnkrug und befahl in gebrochenem Italienisch: »Weißen, trockenen, von dem Ältesten! Und dazu gesalzene Cervelatwurst!« »Ja, Bruderherz!« sagte Gros-Guilloche mit einem Seufzer: »wenn ich an unsern Burgunder denke, oder an den köstlichen Beaume, der so goldig schimmert, wie das Haar meiner Lison, so tut mir das Herz weh! Eigentlich kann man sagen: wie das Volk, so der Wein. Trinken wir für das Wohl unseres lieben Frankreichs! Du grand Dieu soit mauldit à outrance, Qui mal vouldroit au royaume de France! »Worüber sprechen sie?« raunte Scarabullo Gorgoglio zu. »Sie bemängeln unsere Weine und loben die eigenen.« »Sieh nur diese französischen Hähne an, wie sie nobel tun!« brummte der Verzinner in den Bart. »Es juckt mich, sie ordentlich mores zu lehren!« Der Wirt Tibaldo, ein dicker Deutscher auf dünnen Beinchen, mit einem großen Schlüsselbund an seinem breiten Ledergurt, schenkte aus einem Fasse eine halbe Brenta ein und reichte sie den Franzosen in einem von Kälte beschlagenen Tonkruge, wobei er die fremden Gäste mißtrauisch musterte. Bonivard leerte mit einem Zuge seinen Becher. Der Wein gefiel ihm sehr gut, doch spuckte er aus und machte eine Grimasse des Ekels. Da ging an ihm die Wirtstochter Lotte vorbei, sie war ein anmutiges blondes Mädchen und hatte die gutmütigen blauen Augen ihres Vaters. Der Gascogner blinzelte seinem Kameraden zu und strich sich seinen roten Schnurrbart. Dann trank er noch einmal und stimmte das Soldatenlied von Karl\ VIII. an: Charles fera si grandes batailles, Qu'il conquerra les Itailles, En Jérusalem entrera Et mont Olviet montera. Gros-Guilloche begleitete ihn mit heiserer Stimme. Als Lotte, die Augen züchtig gesenkt, an ihnen wieder vorbeikam, faßte sie der Sergeant um die Taille und machte Anstalten, sie auf seinen Schoß zu ziehen. Sie stieß ihn zurück, riß sich los und lief davon. Er sprang auf, halte sie ein und küßte sie mit seinen weinbenetzten Lippen auf die Wange. Das Mädchen schrie auf, ließ ihren Tonkrug fallen, daß er zu Scherben zerbrach, drehte sich um und versetzte dem Franzosen mit aller Wucht einen Schlag ins Gesicht, so daß dieser für einen Augenblick stutzte. Die Gäste lachten. »So ein Mädel lob ich mir!« rief der Paramentenmacher aus. »Ich schwöre beim heiligen Gervasio, daß ich noch nie eine so kräftige Ohrfeige gesehen habe! Der kann wohl zufrieden sein!« »Du, laß sie laufen, fang keine Geschichten an!« beschwichtigte Gros-Guilloche seinen Freund. Aber der Gascogner hörte nicht auf ihn. Der Rausch stieg ihm zu Kopf. Er lachte gezwungen auf und schrie ihr nach: »Warte nur, Schöne! Jetzt küsse ich dich nicht auf die Wange, sondern mitten auf den Mund!« Er lief ihr nach, stieß einen Tisch um, holte sie ein und wollte sie auf die Lippen küssen. Da packte ihn aber der Verzinner Scarabullo mit seiner mächtigen Faust am Kragen. »Hundesohn! Du schamlose Franzosenfratze!« schrie Scarabullo, während er den Bonivard schüttelte und seinen Hals immer fester zusammenpreßte, »Warte nur! Ich haue dich so durch, daß du es nie vergessen wirst, was es heißt, Mailänder Mädchen zu beleidigen!..« »Fort, du Schurke! Es lebe Frankreich!« schrie Gros-Guilloche, der auch seinerseits in Wut geriet. Er zog seinen Degen und hätte ihn wohl dem Verzinner in den Rücken gebohrt, wenn nicht Mascarello, Maso und die anderen Zechkumpane herbeigestürzt wären und den Franzosen an den Armen gepackt hätten. Zwischen den umgeworfenen Tischen, Bänken und Fässern, Scherben und Weinflaschen entstand eine wüste Rauferei. Als nun Tibaldo die gezückten Degen und Messer und das Blut sah, stürzte er entsetzt aus dem Keller und schrie so, daß es über den ganzen Platz schallte: »Mord! Die Franzosen plündern!« Man läutete die Marktglocke. Die Glocke von Broletto stimmte ein. Die vorsichtigen Krämer schlossen ihre Läden. Trödlerinnen und Gemüsefrauen brachten ihre Waren in Sicherheit. »Ihr heiligen Fürbitter, unsere Beschützer, Protasio und Gervasio!« heulte Barbaccia. »Was ist da los? Brennt es wo?« »Haut die Franzosen! Schlagt sie tot!« Der kleine Farfanicchio hüpfte vor Freude, pfiff und schrie mit gellender Stimme: »Schlagt die Franzosen tot!« Da rückte die Stadtwache – Berrovieri mit Arkebusen und Hellebarden an. Sie kamen noch gerade rechtzeitig, um einem Mord vorzubeugen und die beiden Franzosen aus den Händen des Pöbels zu retten. Sie verhafteten jeden, der ihnen gerade in die Hände fiel, und so auch den Schuhmacher Corbolo. Frau Corbolo, die auf den Lärm herbeigestürzt kam, schlug ihre Hände über dem Kopfe zusammen und schrie: »Habt Erbarmen! Laßt meinen Mann los! Liefert ihn mir aus! Ich werde mit ihm schon selbst fertig werden und ihm die Lust vertreiben, wieder einmal in eine Rauferei seine Nase zu stecken! Ich versichere euch, Signori, dieser Dummkopf ist nicht einmal des Strickes wert, mit dem er aufgeknüpft wird!« Corbolo schlug traurig und beschämt seine Augen nieder, schien die Drohungen seiner Frau zu überhören und suchte sich vor ihr hinter den Rücken der Wachsoldaten zu verbergen. IV. Hoch oben über dem Gerüst des unvollendeten Domes kletterte ein junger Steinmetz auf einer schmalen Strickleiter zur Spitze eines schlanken Glockenturmes in der Nähe der Hauptkuppel empor, um da eine kleine Figur der heiligen Märtyrerin Katharina zu befestigen. Um ihn schwebten stalaktitartige, spitze Türme, Nadeln, Pfeiler, gedehnte Bögen, ein steinernes Spitzengewebe aus unmöglichen Blumen, Sprossen und Blättern, zahllose Propheten, Märtyrer, Engel, lachende Teufelsfratzen, phantastische Vögel, Sirenen, Harpyen, Drachen mit stachelbesetzten Flügeln und offenen Rachen an den Mündungen der Dachrinnen. Alles war aus reinem blendendweißem Marmor mit bläulichen Schatten und erinnerte an einen bereiften großen Wald im Winter. Es war ganz still. Schwalben flogen zwitschernd über dem Kopfe des Steinmetzen. Das Lärmen der Menge auf dem Domplatze erschien ihm hier oben wie das leise Summen eines Ameisenhaufens. Am Rande der unendlichen grünen Lombardischen Ebene strahlten die weißen Gipfel der Alpen, ebenso spitz und weiß, wie die Zinnen des Domes. Zuweilen glaubte er Orgeltöne zu vernehmen; sie klangen wie Seufzen und Beten aus dem Innern des Domes, aus der Tiefe seines steinernen Herzens und er fühlte, daß dieser gewaltige Bau atme, lebe, wachse und in den Himmel steige, wie ein ewiger Lobgesang auf die Geburt Mariae, wie eine Freudenhymne aller Völker und Zeiten an die unbefleckte sonnenbekleidete Jungfrau. Das Lärmen auf dem Platze wurde lauter, er hörte auch die Sturmglocke. Der Steinmetz blieb stehen und blickte hinunter. Da schwindelte ihm der Kopf und vor seinen Augen wurde es finster. Er hatte das Gefühl, als ob der Riesenbau unter seinen Füßen wanke und der schlanke Turm, zu dem er emporstieg, sich wie ein Schilfrohr biege. »Ich stürze ja ab!« ging es ihm durch den Kopf. »Herr, empfange meine Seele!« Er machte eine verzweifelte Anstrengung, klammerte sich an einer Sprosse der Strickleiter fest, schloß die Augen und flüsterte: »Ave, dolce Maria, di grazia piena!« Dies gab ihm Erleichterung. Von der Höhe kam ein kühlender Hauch. Er holte Atem, sammelte seine Kräfte und setzte seinen Weg fort, ohne auf die irdischen Stimmen zu achten. Er stieg immer höher und höher zum stillen, reinen Himmel empor und wiederholte mit großer Freude die Worte: »Ave, dolce Maria, di grazia piena!« Zu dieser Zeit befanden sich auf dem breiten fast flachen Dache des Domes die Mitglieder des Baurates, italienische und auch ausländische Baumeister, die vom Herzog berufen waren, um über den Tiburio, den Hauptturm über der Kuppel, zu beratschlagen. Unter ihnen befand sich auch Leonardo da Vinci. Er machte auch seine Vorschläge; die Mitglieder des Rates lehnten sie ab, als zu kühn, ungewöhnlich und revolutionär und den Überlieferungen der kirchlichen Baukunst widersprechend. Sie stritten viel herum und konnten keine Einigung erzielen. Die einen suchten zu beweisen, daß die inneren Pfeiler nicht fest genug wären; sie sagten: »Wenn man die Türme und den Tiburio ausbaut, so wird der ganze Dom einstürzen, denn der Bau ist von unwissenden Baumeistern begonnen worden«. Andere meinten wieder, der Dom werde alle Ewigkeiten überdauern. Leonardo nahm seiner Gewohnheit nach an dem Streite keinen Anteil und stand einsam und stumm abseits. Ein Arbeiter kam auf ihn zu und reichte ihm einen Brief. »Messere, unten auf dem Platze erwartet Euch ein reitender Bote aus Pavia.« Der Künstler entfaltete den Brief und las: »Leonardo, komm sofort. Ich muß dich sprechen. Herzog Gian-Galeazzo. d. 14. Oktober.« Leonardo entschuldigte sich bei den Mitgliedern des Rates, ging auf den Domplatz hinunter, bestieg sein Pferd und ritt nach Castello di Pavia. Dieses Schloß lag einige Stunden von Mailand entfernt. V. Das herbstliche Laub der Kastanien, Ulmen und Ahorne im großen Parke leuchtete in der Sonne wie Gold und Purpur. Welke Blätter flatterten wie Schmetterlinge. Die mit Gras überwucherten Fontänen standen still und auf den verwahrlosten Blumenbeeten starben Astern. Dicht vor dem Schlosse begegnete Leonardo einem Zwergen. Es war der alte Hofnarr Gian-Galeazzos, der seinem Herrn treu blieb, während alle anderen Diener den sterbenden Herzog verlassen hatten. Der Zwerg erkannte Leonardo und eilte ihm hinkend und hüpfend entgegen. »Wie ist das Befinden des Herzogs?« fragte der Künstler. Der Zwerg erwiderte nichts und winkte nur hoffnungslos mit der Hand. Leonardo wollte durch die Hauptallee gehen. »Nein, nein! Nicht hier!« sagte der Zwerg: »Hier könnte man Euch sehen. Seine Durchlaucht befahlen, daß es ganz geheim bleibe, sonst erfährt es vielleicht Herzogin Isabella und dann könnte man Euch zurückhalten. Wir wollen lieber einen Seitenweg einschlagen ...« Sie gelangten zum Eckturm, stiegen eine Treppe hinauf und passierten einige finstere Gemächer, die wohl einst prunkvoll, jetzt aber verwahrlost und unbewohnt waren. Die goldgepreßten korduanischen Ledertapeten waren abgerissen und Spinnengewebe hingen um den Herzogsthron, der unter einem seidenen Baldachin stand. Mehrere Fensterscheiben fehlten und der Wind der Herbstnächte hatte aus dem Park einige gelbe Blätter hereingeweht. »Räuber! Verbrecher!« brummte der Zwerg, seinem Gefährten diese Spuren des Verfalls zeigend. »Glaubt mir, ich kann es wirklich nicht mehr mitansehen, was hier vorgeht! Wenn ich nicht den Herzog zu pflegen hätte, der niemand bei sich hat außer mir, dem häßlichen Zwerg, so würde ich am liebsten auf und davonlaufen ... Bitte, hier ist die Türe! ...« Er ließ Leonardo in ein finsteres Zimmer eintreten, dessen dumpfe Luft ganz von Arzneigeruch erfüllt war. VI. Nach den Regeln der Arzneikunst wurde das Aderlassen immer bei geschlossenen Fensterläden und Kerzenbeleuchtung vorgenommen. Der Gehilfe des Barbiers fing das Blut in einem Kupferbecken auf. Der Barbier selbst, ein bescheidener Alter, schnitt die Adern an. Der Arzt, »Meister der Physik«, überwachte die Arbeit des Barbiers, ohne an ihr teilzunehmen, denn es galt für einen Arzt unschicklich, die chirurgischen Instrumente auch nur zu berühren. Er hatte einen tiefsinnigen Gesichtsausdruck, trug eine Brille und einen Doktormantel aus violettem Samt mit Besatz von Eichhornfell. »Am Abend wollt Ihr noch einmal zur Ader lassen!« sagte er gebieterisch, als der Arm verbunden war und der Kranke wieder in seinen Kissen lag. »Domine Magister,« wandte der Barbier höflich und schüchtern ein, »sollen wir nicht damit lieber etwas warten? Denn der übermäßige Blutverlust ...« Der Arzt sah ihn verächtlich lächelnd an. »Schämt Euch, mein Lieber! Ihr solltet doch schon wissen, daß man von den vierundzwanzig Pfund Blut, die der Mensch hat, zwanzig ohne jede Gefahr für Leben und Gesundheit abzapfen darf. Je mehr verdorbenes Wasser Ihr aus einem Brunnen abschöpft, je mehr gutes Wasser bleibt zurück. Ich habe schon Säuglinge ganz ohne Erbarmen geschröpft und mit Gottes Hilfe war es immer von Nutzen.« Leonardo, der aufmerksam zuhörte, wollte etwas einwenden; dann überlegte er sich, daß der Streit mit einem Arzte ebenso zwecklos sei, wie mit einem Alchimisten. Der Arzt und der Barbier entfernten sich. Der Zwerg rückte die Kissen zurecht und hüllte die Beine des Kranken in die Decke. Leonardo sah sich im Zimmer um. Über dem Bette hing ein Käfig mit einem kleinen grünen Papagei. Auf einem runden Tischchen lagen Karten und Würfel und stand ein Glas mit Goldfischen. Zu Füßen des Herzogs schlief zusammengerollt ein weißes Hündchen. Dies waren wohl die letzten Zerstreuungen, die der treue Diener für seinen Herrn beschafft hatte. »Hast du den Brief bestellt?« fragte der Herzog, ohne die Augen zu öffnen. »Ach, Ew. Durchlaucht!« erwiderte der Zwerg »Wir glaubten, Ihr schlaft und warteten. Messer Leonardo ist ja bereits hier.« »Schon hier?« Der Kranke lächelte freundlich und richtete sich mit großer Mühe im Bette auf. »Da bist du endlich, Meister! Ich fürchtete schon, du kämest nicht!...« Er ergriff die Hand des Künstlers und sein schönes jugendliches Gesicht – Gian-Galeazzo war erst vierundzwanzig Jahre alt – belebte sich mit einem blassen Rot. Der Zwerg verließ das Zimmer, um die Türe zu bewachen. »Mein Freund,« sagte der Kranke: »Du hast es wohl schon gehört?« »Was denn, Durchlaucht?« »Du weißt es noch nicht? Nun, dann will ich davon lieber gar nicht sprechen. Oder ich erzähle es dir doch: dann lachen wir zusammen. Sie sagen...« Er hielt inne, sah Leonardo in die Augen und schloß mit einem stillen Lächeln: »Sie sagen, du seiest – mein Mörder!« Leonardo glaubte, der Kranke phantasiere. »Nicht wahr? Welch ein Wahnsinn! Du sollst mein Mörder sein!...« fuhr der Herzog fort. Vor drei Wochen schickten mir Onkel Moro und Tante Beatrice einen Korb Pfirsiche. Madonna Isabella ist überzeugt, daß es mir, seitdem ich von diesen Früchten gegessen, schlimmer gehe, daß ich an einem langsam wirkenden Gift sterbe und daß in deinem Garten ein Baum sei...« »Es ist wahr,« sagte Leonardo, »ich habe wirklich einen solchen Baum.« »Was sagst du?! Ist es also wahr? ...« »Nein. Gott sei mir gnädig, wenn diese Pfirsiche wirklich aus meinem Garten stammten. Jetzt verstehe ich, woher diese Gerüchte kommen: um die Wirkung von Giften zu erforschen, machte ich den Versuch, einen Pfirsichbaum zu vergiften. Ich sagte meinem Schüler Zoroastro da Peretola, daß die Früchte vergiftet seien. Der Versuch ist aber mißlungen. Die Pfirsiche sind unschädlich. Mein Schüler hat wohl jemand voreilig von der Sache erzählt...« »Ich war auch fest davon überzeugt,« rief der Herzog freudig aus, »daß niemand die Schuld an meinem Tode trage! Und doch verdächtigen, hassen und fürchten sie einander! Wenn ich doch ihnen alles ebenso offen sagen könnte, wie ich jetzt hier mit dir spreche! Der Onkel hält sich für meinen Mörder, aber ich weiß, daß er gut ist, nur etwas schwach und schüchtern. Warum sollte er mich auch töten? Ich will ihm ja gerne meine Macht abtreten, denn ich brauche nichts... Ich würde von ihnen weggehen und in Freiheit, in Einsamkeit oder mit Freunden leben. Ein Mönch werden, oder auch dein Schüler, Leonardo. Niemand wollte mir aber glauben, daß ich wirklich auf alle Macht verzichte... Mein Gott, warum taten sie es? Sie haben sich selbst mit den unschuldigen Früchten von deinem unschuldigen Baum vergiftet, und nicht mich! Diese armen, blinden... Früher war ich so unglücklich darüber, daß ich sterben muß. Jetzt habe ich aber alles begriffen, Meister. Ich habe keine Wünsche mehr und auch keine Furcht. Ich fühle mich so wohl und ruhig, wie wenn ich an einem heißen Tag die staubigen Kleider von mir werfe und in reines kühles Wasser steige. Mein Freund, ich kann es nicht gut ausdrücken, doch du verstehst, was ich sagen will. Du bist ja selbst so...« Leonardo drückte ihm stumm, mit einem milden Lächeln die Hand. »Ich wußte ja,« fuhr der Kranke mit einem Ausdrucke höchster Freude fort: »Ich wußte ja, daß du mich verstehen würdest... weißt du es noch? Du hast mir einmal gesagt, daß die Betrachtung der natürlichen Notwendigkeit der ewigen Gesetze der Mechanik dem Menschen große Demut und tiefe Ruhe einflöße. Ich konnte es damals noch nicht erfassen. Aber jetzt, in Krankheit, Einsamkeit und Fieber, wie oft mußte ich an dich, an deine Züge und deine Stimme denken, mein Meister! Weißt du, ich glaube, daß wir beide auf verschiedenen Wegen – du auf dem des Lebens, ich auf dem des Todes, – zum gleichen Ziele gekommen sind...« Der Zwerg kam ins Zimmer und sagte ganz bestürzt: »Monna Druda!« Leonardo wollte fortgehen, der Herzog hielt ihn aber zurück. Monna Druda, die alte Wärterin Gian-Galeazzos, trat ins Zimmer. Sie trug in der Hand ein kleines Glas mit einer gelblichen trüben Flüssigkeit. Es war die Skorpionssalbe. Zur Mittsommerszeit, wenn die Sonne im Gestirne des Hundes stand, wurden die Skorpione gefangen und lebend in hundertjähriges Olivenöl mit Zusatz von Ruhrkraut, Kreuzkraut und Mathridat geworfen; das Öl mußte dann fünfzig Tage lang an der Sonne stehen. Mit diesem Öl wurden den Kranken allabendlich die Achselhöhlen, Schläfen, der Bauch und die linke Brust eingerieben. Die alten Weiber behaupteten, dies sei das beste Mittel gegen alle Gifte wie auch gegen Hexerei, Zauber und bösen Blick. Als die Alte Leonardo auf dem Bettrande sitzen sah, blieb sie stehen, erblich und ihre Hände begannen so zu zittern, daß sie beinahe das Glas fallen ließ. »Gott sei mit uns! Heilige Mutter Gottes!...« Gebete murmelnd und sich bekreuzigend ging sie zur Türe und lief so schnell es ihre alten Beine erlaubten mit der schrecklichen Botschaft zu ihrer Herrin Madonna Isabella. Monna Druda glaubte fest daran, daß der Mörder Moro und sein Spießgeselle Leonardo den Herzog, wenn nicht mit Gift, so doch wenigstens mit bösem Blick, Hexerei oder anderm Zauber an den Rand des Grabes gebracht hätten. Die Herzogin befand sich in der Kapelle, wo sie, vor einem Heiligenbilde kniend, betete. Als Monna Druda ihr mitteilte, daß sie beim Herzog Leonardo angetroffen hätte, sprang sie auf und schrie entsetzt: »Es kann nicht sein! Wer hat ihn vorgelassen? ...« »Wer ihn vorgelassen hat?« murmelte die Alte kopfschüttelnd. »Ihr könnt es mir glauben, Durchlaucht, daß ich mir selbst den Kopf darüber zerbreche, wie der Verdammte hereingelangen konnte! Er ist wie aus der Erde gefahren, oder zum Ofenrohr hereingeflogen, daß Gott mir verzeihe! Es geht hier offenbar nicht mit rechten Dingen zu. Ich habe ja schon längst Ew. Durchlaucht gesagt...« Ein Page kam in die Kapelle, sank ehrfurchtsvoll in ein Knie und meldete: »Durchlauchtigste Madonna, wollt Ihr und Euer Gemahl geruhen, seine Majestät den allerchristlichsten König von Frankreich zu empfangen?« VII. Karl VIII. hatte das Erdgeschoß des Pavia-Schlosses bezogen, das für ihn auf Befehl des Herzogs Lodovico prunkvoll hergerichtet worden war. Der König ließ sich, während er nach der Tafel der Ruhe pflog, das auf seinen Befehl aus dem Lateinischen ins Französische übersetzte höchst wertlose Buch »Mirabilia, Urbis Romae« (Die Wunder der Stadt Rom) vorlesen. Der immer einsame, von seinem Vater eingeschüchterte kränkliche Karl hatte in dem einsamen Schlosse von Amboise eine freudlose Jugend verbracht; er hatte dort fortwährend Ritterromane gelesen, die ihm seinen ohnehin schwachen Kopf gänzlich verwirrten. Als der zwanzigjährige, unerfahrene, menschenscheue, gutmütige und überspannte Jüngling König wurde, bildete er sich ein, einer jener Märchenhelden zu sein, wie sie in den Büchern von den Rittern des runden Tisches, Lancelot, und Tristan vorkommen, und beschloß, alles, was er in den Büchern gelesen hatte, in Taten umzusetzen. »Der Sohn des Mars und Nachkomme des Julius Caesar«, Wie ihn die Hof-Historiographen nannten, zog nun an der Spitze eines großen Heeres in die Lombardei, mit der Absicht, Neapel, Sizilien, Konstantinopel und Jerusalem zu erobern, den Großtürken zu stürzen, den muhammedanischen Ketzerglauben gänzlich auszurotten und das Heilige Grab von dem Joche der Ungläubigen zu befreien. Als ihm jetzt das Buch von den Wundern Roms vorgelesen wurde, schwelgte er im Vorgeschmack des Ruhmes, den er sich durch die Eroberung dieser gewaltigen Stadt erwerben würde. Seine Gedanken waren wirr. Er spürte Unbehagen unter der Herzgrube und sein Kopf brummte nach dem allzulustigen gestrigen Nachtmahl, das er in Gesellschaft Mailänder Damen eingenommen hatte, von einer dieser Damen – Lucrezia Crivelli – mußte er die ganze Nacht träumen. Karl VIII. war klein gewachsen und häßlich. Er hatte krumme und wie Radspeichen dünne Beine, schmale Schultern von ungleicher hohe, eine eingefallene Brust, eine übertrieben große hackenförmige Nase, dünnes rötliches Haar und einen sonderbaren gelblichen Flaum statt des Bartes. Durch seine Arme und sein Gesicht ging oft ein krampfartiges Zucken. Seine dicken Lippen, die wie bei kleinen Kindern stets offen waren, seine hochgezogenen Brauen und kurzsichtigen hervorstehenden Augen verliehen ihm einen zerstreuten, trübsinnigen und zugleich gespannten Ausdruck, der schwachsinnigen Menschen eigen ist. Seine Sprache war abgerissen und schwer verständlich. Man erzählte, er hätte an den Füßen sechs Zehen; um dieses zu verbergen, hätte er die häßliche Mode der breiten, vorne runden, hufförmigen weichen Schuhe aus schwarzem Samt beim Hofe eingeführt. »Thibeaut! He, Thibeaut!« rief er, die Lektüre unterbrechend, mit seinem gewöhnlichen zerstreuten Ausdruck, stotternd und nach Worten suchend, seinem ersten Valet-de-Chambre zu. »Ich will, mein Lieber,... ich glaube, ich habe Durst. He? Vielleicht ist es Sodbrennen? Bringe mir mal Wein, Thibeaut...« Kardinal Brissonet meldete, daß der Herzog den König erwarte. »Wie? Wie? Was gibt's? Der Herzog?... Ja, gleich. Ich will nur etwas trinken...« Karl nahm aus der Hand eines Höflings den Becher. Brissonet hielt ihn Zurück und fragte Thibeaut: »Ist es unser Wein?« »Nein, Monsignore, er ist aus dem hiesigen Keller. Der unsrige ist auf der Neige.« Der Kardinal schüttete den Wein aus. »Verzeihung, Majestät. Die hiesigen Weine könnten Eurer Gesundheit schaden. Thibeaut, schicke den Mundschenken ins Lager und lasse ein Fäßchen aus dem Feldkeller bringen.« »Warum? Wie? Was gibt's?« ... stammelte der König verständnislos. Der Kardinal flüsterte ihm ins Ohr, daß er Gift befürchte, denn von den Menschen, die ihren eigenen Herrscher vergiftet hatten, könne man jeden Verrat erwarten; wenn auch keine bestimmten Beweise vorlägen, könne Vorsicht nicht schaden. »Wie? Unsinn! Ich will trinken...« sagte Karl ärgerlich, mit einer Achsel zuckend. Doch mußte er sich schließlich fügen. Die Herolde liefen voran. Vier Pagen hoben einen prächtigen Baldachin aus blauer Seide mit silbernen Lilien über den König; der Seneschall hing ihm um die Schultern einen hermelinbesetzten Mantel aus rotem Samt, auf dem goldene Bienen und der Ritterspruch: »Le roi des abeilles n'a pas d'aiguillon . (Der König der Bienen hat keinen Stachel) gestickt waren. Dann setzte sich der Zug durch die verlassenen Säle des Schlosses zum Zimmer des Sterbenden in Bewegung. An der Kapelle begegnete Karl der Herzogin Isabella. Er lüftete ehrfurchtsvoll sein Barett und näherte sich ihr, um die Dame nach altfranzösischer Sitte auf den Mund zu küssen und sie mit »liebe Schwester« anzusprechen. Aber die Herzogin kam ihm selbst entgegen und stürzte sich ihm zu Füßen. »Majestät,« so begann sie die von ihr schon früher vorbereitete Rede. »Erbarme dich unser! Der Herr wird dich belohnen. Großmütiger Ritter, beschirme die Unglücklichen! Moro hat uns alles weggenommen, er hat den Thron geraubt, hat meinen Gemahl, den rechtmäßigen Herzog von Mailand Gian-Galeazzo, vergiftet, wir sind in unserm eigenen Hause von Mördern umgeben...« Karl verstand fast kein Wort davon und hörte auch nicht zu. »Wie? Wie? Was gibt's?« brachte er, mit der Achsel zuckend, stotternd wie aus dem Schlafe erwachend hervor. – »Nein, nein, laßt es... Ich bitte Euch...Laßt es, liebe Schwester... Steht doch auf!...« Sie erhob sich aber nicht, sondern haschte nach seinen Händen, küßte sie, versuchte seine Knie zu umarmen und schrie endlich weinend in aufrichtiger Verzweiflung aus: »Wenn Ihr mich verlaßt, Majestät, nehme ich mir das Leben!« Der König stutzte jetzt völlig, er machte eine schmerzvolle Grimasse, als ob auch er dem Weinen nahe wäre. »Nun, was ist denn das?... Mein Gott... Ich kann es nicht... Brissonet, ich bitte dich, Brissonet... ich weiß ja nichts... Sag du es ihr...« Er wollte fortlaufen; sie weckte in ihm keinerlei Mitleid, denn selbst in ihrer Erniedrigung und Verzweiflung war sie stolz und schön wie die majestätische Heldin einer Tragödie. »Durchlauchtigste Madonna, beruhigt Euch, seine Majestät werden für Euch und Euren Gemahl Messer Gian-Galeazzo das Möglichste tun!« sagte der Kardinal höflich, kühl und herablassend. Den Namen des Herzogs sprach er dabei französisch aus. Die Herzogin blickte auf Brissonet, musterte aufmerksam das Gesicht des Königs und schwieg, als hätte sie erst jetzt begriffen, wer vor ihr stand. Er war so häßlich, elend und lächerlich, seine dicken Lippen standen, wie bei kleinen Kindern, weit offen und seine weißlichen großen Augen waren aufgerissen; er lächelte blöde, gespannt und zerstreut. »Ich – die Enkelin Ferdinands von Aragonien liege zu Füßen dieses Schwachsinnigen, dieser Mißgeburt!« Sie stand auf. Ihre blassen Wangen röteten sich. Der König fühlte, daß er irgend etwas sagen müsse, um das peinliche Schweigen zu brechen. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, zuckte mit einer Achsel, zwinkerte mit den Augen und brachte nur sein gewöhnliches »Wie? Wie? Was gibt's?« zustande. Dann kam er ins Stottern, winkte hoffnungslos mit der Hand und verstummte. Die Herzogin maß ihn mit einem Blicke unverhohlener Verachtung. Karl ließ wie vernichtet den Kopf sinken. »Brissonet, wollen wir gehen... Nicht wahr? ... Wie? ...« Die Pagen schlugen die Türflügel auf und Karl trat in das Zimmer des Herzogs. Die Fensterladen waren geöffnet. Das stille Licht des Herbstabends fiel durch die goldenen Baumkronen des Parkes ins Zimmer. Der König näherte sich dem Bette des Kranken, sprach ihn mit Vetter – »mon cousin« an und erkundigte sich nach seinem Befinden. Gian-Galeazzo lächelte ihn so freundlich an, daß Karl sofort eine Erleichterung empfand und seine Befangenheit verlor. Nach und nach beruhigte er sich ganz. »Der Herr möge Ew. Majestät den Sieg verleihen!« sagte der Herzog unter anderem, »wenn Ihr nach Jerusalem kommt, so betet, bitte, am Heiligen Grabe um meine arme Seele, denn zu jener Zeit werde ich ...« »Ach nein, nein, lieber Vetter! Was sagt Ihr da! Warum?« unterbrach ihn der König. »Der Herr ist gnädig. Ihr werdet Euch gewiß erholen ... Wir werden noch zusammen einen Feldzug unternehmen, um die ungläubigen Türken zu bezwingen, Ihr werdet sehen! Wie?« Gian-Galeazzo schüttelte den Kopf. »Nein, nein, wie könnte ich noch ...« Er sah den König mit einem tiefen prüfenden Blick in die Augen und fügte hinzu: »Wenn ich tot bin, Majestät, so nehmt Euch meines armen Sohnes Francesco an, auch meiner Isabella: sie ist ja unglücklich und hat niemand auf der ganzen Welt ...« »Gott, Gott!« rief Karl in plötzlicher starker Erregung. Seine dicken Lippen zitterten, die Mundwinkel senkten sich und sein Gesicht erstrahlte in unendlicher Güte, gleichsam von einem inneren Lichte erleuchtet. Er beugte sich rasch zum Kranken, umarmte ihn in plötzlicher Anwandlung von Zärtlichkeit und flüsterte: »Du mein lieber, armer, armer, Bruder!« Beide lächelten einander wie zwei schwache kranke Kinder zu und ihre Lippen begegneten sich in einem brüderlichen Kusse. Als der König den Herzog verlassen hatte, rief er den Kardinal: »Brissonet, he, Brissonet! ... weißt du, man müßte sich doch eigentlich ... wie? ... seiner annehmen ... Man soll so etwas nicht dulden... Ich bin ja Ritter... Ich muß sie beschützen... Hörst du?...« »Majestät,« erwiderte Brissonet ausweichend, »er muß so wie so sterben, wie sollten wir ihm auch helfen? Wir könnten uns nur selbst damit schaden: Herzog Moro ist ja unser Verbündeter...« »Herzog Moro ist ein Schurke... ja, das ist er! ... und ein Mörder!« rief der König aus. Er schien jetzt ganz vernünftig und seine Augen flammten vor Zorn. »Was soll man da tun?« entgegnete Brissonet achselzuckend, mit einem seinen herablassenden Lächeln: »Herzog Moro ist nicht besser und nicht schlimmer als die andern. Es ist Politik, Majestät! Wir sind ja alle nur Menschen...« Der Mundschenk brachte dem König einen Becher französischen Weines. Karl trank ihn gierig aus. Der Wein belebte ihn und zerstreute seine finsteren Gedanken. Zugleich mit dem Mundschenk kam auch ein Abgesandter des Herzogs mit einer Einladung zur Abendtafel. Der König lehnte ab. Der Abgesandte flehte förmlich. Als er sah, daß so nichts auszurichten sei, flüsterte er Thibeaut etwas ins Ohr. Thibeaut nickte bejahend mit dem Kopf und flüsterte seinerseits dem König zu: »Majestät, Madonna Lucrezia...« »Wie? Was gibt's? Was für eine Lucrezia?...« »Die Dame, mit der Ihr auf dem gestrigen Balle zu tanzen geruhtet.« »Ach ja, gewiß!... Ich besinne mich... Madonna Lucrezia! ein wunderschönes Kind!... Du sagst, daß sie bei der Abendtafel zugegen sein wird?« »Sie wird ganz bestimmt dabei sein und sie fleht Ew. Majestät an...« »Sie fleht... So! Nun, was meinst du, Thibeaut? Wie? Soll ich vielleicht doch... Es ist ja schon alles gleich! Morgen rücken wir aus... Also, zum letzten Mal... Danket dem Herzog, Messere, und sagt ihm, daß ich vielleicht...« Der König nahm Thibeaut bei Seite. »Hör einmal: wer ist Madonna Lucrezia?« »Maitresse des Moro, Majestät.« »Maitresse des Moro? So! Schade...« »Sire, nur ein Wort und wir ordnen die Sache. Wenn es Euch beliebt, noch heute.« »Nein! Nein! Es geht nicht. Ich bin ja hier Gast ...« »Moro wird sich geehrt fühlen, Majestät. Ihr kennt ja das hiesige Gesindel nicht ...« »Dann ist es gleich, ganz gleich ... Wie du willst. Es ist deine Sache ...« »Majestät können sich auf mich verlassen. Nur ein Wort ...« »Frage nicht ... Ich kann es nicht leiden ... Ich sagte ja: es ist deine Sache ... Ich weiß von nichts ... Wie du es willst ...« Thibeaut verbeugte sich tief und schweigend. Als der König die Treppe hinabstieg, verfinsterte sich wieder sein Gesicht. Er quälte sich mit einem Gedanken und rieb sich hilflos die Stirne. »Brissonet, he, Brissonet! ... Wie glaubst du nun? ... Ja, was wollte ich noch sagen? ... Ach ja, gewiß ... Man muß sich seiner annehmen ... Er ist ja unschuldig ... und man hat ihn beleidigt ... Man darf es nicht so gehen lassen. Ich bin ja Ritter!« »Sire, laßt diese Sorge, wir haben jetzt wirklich an andere Dinge zu denken, wir wollen es aufschieben, wenn wir die Türken besiegt und Jerusalem erobert haben und wieder hierher zurückkehren, dann können wir ...« »Ja, gewiß, Jerusalem!« murmelte der König mit weit aufgerissenen Augen und einem verträumten Lächeln. »Die Hand Gottes führt Ew. Majestät zum Siege!« fuhr Brissonet fort. »Der Finger Gottes weist dem kreuztragenden Heere den Weg.« »Ja, der Finger Gottes! Der Finger Gottes!« wiederholte Karl VIII. feierlich, die Augen zum Himmel hebend. VIII. Der junge Herzog starb acht Tage darauf. Vor dem Tode flehte er seine Frau an, Leonardo holen zu lassen. Sie schlug ihm diesen Wunsch ab, denn Monna Druda hatte ihr erzählt, daß die Behexten immer ein unwiderstehliches und für sie verderbliches Verlangen verspürten, denjenigen zu sehen, der sie behext hätte. Die Alte rieb den Kranken fleißig mit ihrer Skorpionssalbe ein und die Ärzte quälten ihn bis ans Ende mit Aderlassen. Er starb friedlich. »Dein Wille geschehe!« waren seine letzten Worte. Moro ordnete die Überführung der Leiche aus Pavia nach Mailand und ihre Aufbahrung im Dome an. Die Würdenträger versammelten sich im Mailänder Schloß. Lodovico versicherte, daß der frühe Tod seines Neffen sein Herz mit unendlichem Leid erfülle, und machte den Vorschlag, den kleinen Sohn des Gian-Galeazzo, den rechtmäßigen Thronfolger Francesco, zum Herzog auszurufen. Die Würdenträger wollten davon nichts hören, man dürfe nicht einen Unmündigen mit einer so großen Macht bekleiden. Im Namen des Volkes boten sie die Krone Herzog Lodovico an. Moro zeigte anfangs Abneigung gegen diesen Vorschlag. Dann ging er aber mit erheucheltem Widerwillen auf ihn ein, als täte er es nur ihnen zu Liebe. Man brachte ein Prunkgewand aus Goldbrokat und bekleidete damit Lodovico. Der neue Herzog ritt nun, von seinen Anhängern umgeben, die fortwährend: »Es lebe Moro! Es lebe der Herzog!« schrien, unter Fanfarengeschmetter, Kanonendonner und Glockengeläute zur Kirche St. Ambrogio. Das Volk verhielt sich bei diesem Aufzuge stumm. Auf dem Marktplatz verlas ein Herold vor der Loggia della Osia an der Südseite des Rathauses den versammelten Stadtältesten, Konsuln, vornehmen Bürgern und Syndicis das Privileg, das von Maximilian, dem Kaiser des heiligen Römischen Reiches, dem Herzog Moro verliehen war: »Maximilianus divina favente clementia Romanorum Rex semper Augustus , – alle Provinzen, Länder, Städte, Dörfer, Schlösser und Festungen, Berge, Weiden und Täler, Wiesen, Einöden, Flüsse, Seen, Jagden, Fischrechte, Salz- und Erzbergwerke, die Besitzungen der Vasallen, Markgrafen, Grafen und Barone, alle Klöster, Kirchen und Pfarren, Alles und Alle – verleihen wir dir, Lodovico Sforza und deinen Nachfolgern; Wir bestätigen, ernennen, erhöhen und wählen dich, deine Kinder, Enkel und Urenkel zu Selbstherrschern der Lombardei für ewige Zeiten«. Einige Tage später wurde die feierliche Übertragung der heiligsten Reliquie Mailands – eines Nagels vom Kreuze Christi – in den neuen Dom angekündigt. Moro wollte mit dieser Feier dem Volke gefällig sein und so seine Macht befestigen. IX. Nachts entstand vor dem Weinkeller Tibaldos auf dem Arrengo-Platze ein Menschenauflauf. Mitten in der Menge stand auf einem Fasse der Dominikaner Fra Timoteo und predigte: »Brüder! Als einst die heilige Helena unter dem Tempel der heidnischen Göttin Venus das Kreuz des Herrn und die andern Werkzeuge seiner Leiden, die von den Heiden in die Erde vergraben waren, gefunden hatte, befahl Kaiser Konstantin einen dieser heiligsten und schrecklichsten Nägel in den Zaum seines Schlachtrosses einzuschmieden, damit das Wort des Propheten Zacharias: ›Zu der Zeit wird auf den Schellen der Rosse stehen: Heilig dem Herrn!‹ in Erfüllung gehe. Dieses höchste Heiligtum schenkte ihm den Sieg über alle Feinde und Widersacher des Römischen Reiches. Nach dem Tode des Kaisers kam der Nagel abhanden; später wurde er von dem berühmten heiligen Ambrosius von Mailand in der Stadt Rom im Laden des Alteisenhändlers Paulino aufgefunden und nach Mailand gebracht. Zeit jener Zeit besitzt unsere Stadt den kostbarsten und heiligsten dieser Nägel, nämlich den, mit dem die rechte Hand des Heilands auf dem Holze der Erlösung durchbohrt war. Sein genaues Maß beträgt fünf und eine halbe Oncien. Er ist länger und stärker als der in Rom und hat auch eine Spitze, während der römische stumpf ist. Unser Nagel befand sich drei Stunden lang in der Hand des Heilands, was vom gelehrten Pater Alessio durch viele überaus feine Syllogismen bewiesen wird.« Fra Timoteo machte eine Pause und schrie dann laut mit zum Himmel erhobenen Armen: »Und heute, meine Geliebten, geschieht ein großer Frevel: der Verbrecher, Mörder und Räuber des Throns – Moro verführt das Volk mit gottlosen Feiern, um mit diesem heiligsten Nagel seinen wankenden Thron zu befestigen!« Die Menge wurde unruhig. »Wißt ihr, meine Brüder,« fuhr der Mönch fort, »wer mit der Einrichtung der Maschine, welche den Nagel über den Altar unter der Hauptkuppel erheben soll, betraut wurde?« »Wer?« »Der Florentiner Leonardo da Vinci.« »Leonardo? Wer ist er?« fragte man in der Menge. »Wir kennen ihn,« erwiderten andere, »es ist derjenige, der den jungen Herzog mit vergifteten Früchten getötet hat...« »Ein Hexenmeister, Ketzer und Atheist!« »Ich habe aber gehört,« wandte Corbolo schüchtern ein, »daß Messer Leonardo ein guter Mensch sei, der keinem bisher Böses getan, und auch die Tiere liebe...« »Schweige, Corbolo! Was redest du für Unsinn?« »Kann denn ein Hexenmeister gut sein?« »Meine Kinder!« erklärte Fra Timoteo: »einst werden die Menschen auch vom großen Verführer, der da in der Finsternis nahet, sagen: ›Er ist gut, er ist mild, er ist vollkommen,‹ denn sein Antlitz wird dem Antlitze Jesu gleichen und es wird ihm eine Stimme, lockend und süß wie die Stimme der Schalmei, gegeben werden, viele wird er durch seine falsche Güte verführen. Und er wird die Völker von allen vier Winden des Himmels zusammenrufen, wie das Feldhuhn mit seinem falschen Ruf eine fremde Brut in sein Nest lockt. Wachet, meine Brüder! Es nahet der Engel der Finsternis, der Herr dieser Erde, der Antichrist geheißen wird; er nahet in Menschengestalt und der Florentiner Leonardo – ist ein Diener und Vorläufer des Antichrist!« Der Glasbläser Gorgoglio, der bisher noch nie von Leonardo gehört hatte, sagte mit großer Bestimmtheit: »Es ist wirklich so! Er hat seine Seele dem Teufel verkauft und den Kaufpakt mit eigenem Blut, unterschrieben.« »Erbarme dich unser, heilige Mutter Gottes!« schnatterte die Händlerin Barbaccia. »Neulich erzählte mir Stamma, die beim Scharfrichter als Küchenmagd dient, daß dieser Leonardo – man soll seinen Namen nicht zur Nachtzeit nennen! – Leichen vom Galgen stehle, sie mit Messern aufschlitze und die Gedärme herausziehe...« »Davon verstehst du nichts, Barbaccia,« bemerkte Corbolo wichtigtuend: »es ist eine Wissenschaft, die Anatomie heißt...« »Man sagt, er hätte eine Maschine erfunden, um mit Vogelflügeln in der Luft zu fliegen,« teilte der Paramentenmacher Mascarello mit. »Der alte geflügelte Drachen Beliar erhebt sich wider Gott,« erklärte Fra Timoteo. – »Auch der Magier Simon hatte sich in die Lüfte erhoben, er wurde vom Apostel Paulus gestürzt.« »Er geht auf dem Meere wie auf dem Trockenen und sagt: ›Der Herr ging über den Wassern, so werde ich es auch tun.‹ Solche Reden führt er!« erzählte Scarabullo. »Er taucht in einer gläsernen Glocke auf den Meeresgrund!« fügte der Kürschner Maso hinzu. »Unsinn, Brüder!« rief Gorgoglio. »Zu was braucht er eine Glocke!? Will er schwimmen, so verwandelt er sich in einen Fisch, will er fliegen, – in einen Vogel!« »Dieser verfluchte Werwolf! Daß er verrecke...« . »Warum passen die Patres der Inquisition nicht besser auf? Der gehört doch auf einen Scheiterhaufen!« »Man sollte ihm einen Espenpflock in die Gurgel treiben!« »Wehe! Wehe uns!« heulte wieder Fra Timoteo. »Der Nagel, der heiligste Nagel ist in Leonardos Händen!« »Das dulden wir nicht!« schrie Scarabullo mit geballten Fäusten. »Wir wollen lieber sterben, als daß wir die Schändung des Heiligtums dulden, wir werden dem Ketzer den Nagel entreißen!« »Rache für den Nagel! Rache für den ermordeten Herzog!« »Was tut ihr, Brüder!« rief der Schuhmacher bestürzt: »Gleich kommt ja die Nachtwache auf ihrem Rundgange her! Und der Kapitän der Giustizia...« »Zum Teufel den Kapitän! Scher dich zu deinem Weib unter den Rock, Corbolo, wenn du Angst hast!« Mit Stöcken, Pfählen, Äxten, und Steinen bewaffnet, zog die Menge schreiend und fluchend durch die Straßen. An der Spitze schritt der Mönch mit einem Kruzifix in den Händen, und sang den Psalm: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet werden, und die ihn hassen, vor ihm fliehen. »Vertreibe sie, wie der Rauch vertrieben wird; wie das Wachs zerschmilzt vom Feuer, so müssen umkommen die Gottlosen vor Gott.« Die Pechfackeln rauchten und knisterten. In ihrem blutroten Scheine erblich die umgekehrte Sichel des einsamen Mondes. Die stillen Sterne erloschen. X. Leonardo arbeitete in seiner Werkstatt an der Maschine, die den heiligen Nagel hochheben sollte. Zoroastro fertigte den runden Glaskasten mit Goldstrahlen an, einen Behälter für das Heiligtum. In einer dunklen Ecke saß Giovanni Beltraffio und blickte ab und zu auf seinen Meister. Leonardo vergaß über dem Studium der Kraftübertragung mittels Hebel und Flaschenzüge die Maschine. Soeben hatte er eine komplizierte Berechnung abgeschlossen. Die innere Notwendigkeit der Vernunft, die Gesetze der Mathematik bestätigten die äußere Notwendigkeit der Natur, die Gesetze der Mechanik: so deckten sich zwei Geheimnisse zu einem noch größeren. »Nie werden die Menschen etwas so Einfaches und herrliches erfinden können,« sagte er sich mit einem stillen Lächeln, »wie es eine Naturerscheinung ist. Die göttliche Notwendigkeit zwingt mit ihren Gesetzen die Wirkung, auf kürzestem Wege der Ursache zu folgen.« In seiner Seele hatte er das ihm wohlbekannte Gefühl eines ehrfurchtsvollen Erstaunens vor dem Abgrunde, in den er hineinblickte, ein Gefühl, das keinem andern der Gefühle, die den Menschen zugänglich sind, gleicht. Auf den Rand des Blattes mit dem Entwürfe der Hebemaschine für den heiligen Nagel, neben die Gleichungen und Zahlen schrieb er die Worte, die seinem Herzen wie ein Gebet entströmten: »O deine wunderbare Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung! Du wolltest keiner Kraft die Ordnung und die Art ihrer notwendigen Wirkungen versagen: denn wenn eine Kraft, die einen Körper hundert Ellen weit fortbewegen soll, auf diesem Wege auf ein Hindernis stößt, so erzeugt die Kraft des Anpralles, weil du es so gewollt, neue Bewegungen und der nicht zurückgelegte Rest der Strecke wird durch die verschiedenen dabei entstehenden Stöße und Erschütterungen wieder, eingebracht. O deine göttliche Notwendigkeit, du Urheber der ersten Bewegung!« Da ertönte heftiges Pochen an die Haustüre, der Gesang von Psalmen, das Fluchen und Schreien der empörten Menge. Giovanni und Zoroastro eilten hinaus um nachzusehen, was los sei. Die Köchin Maturina sprang halbentkleidet und zerzaust aus ihrem Bette und stürzte laut schreiend in die Werkstatt: »Räuber! Räuber! Hilfe! Mutter Gottes, beschütze uns!« Marco d'Oggione kam mit einer Arkebuse herein und schloß eilig die Fensterladen. »Was ist los, Marco?« fragte Leonardo. »Ich weiß nicht. Das Gesindel will das Haus stürmen. Ich glaube, daß Mönche den Pöbel aufgewiegelt haben.« »Was wollen sie?« »Der Teufel mag sich bei dem verrückten Gesindel auskennen! Sie fordern den heiligen Nagel.« »Ich habe ihn ja gar nicht hier. Er befindet sich in der Sakristei beim Erzbischof Archimbaldo.« »Ich habe es ihnen auch gesagt. Sie wüten und wollen nichts hören. Sie nennen Ew. Gnaden den Mörder des Herzogs Gian-Galeazzo, einen Ketzer und Hexenmeister.« Der Lärm auf der Straße wurde stärker. Man schrie: »Macht auf! Macht auf! Oder wir verbrennen euer verdammtes Nest! Warte nur, Leonardo, du verdammter Antichrist, es geht dir an den Kragen!« »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet werden!« rief Fra Timoteo und in seinen Gesang mischten sich die schrillen Pfiffe des Gassenbuben Farfanicchio. Der kleine Diener Jacopo sprang auf das Fensterbrett, öffnete einen Fensterladen und wollte auf die Straße hinausspringen. Aber Leonardo hielt ihn an einem Rockzipfel zurück. »Wo willst du hin?« »Ich will die Berrovieri holen: der Kapitän der Giustizia muß um diese Stunde mit seiner Wache hier vorbeikommen.« »Was fällt dir ein? Gott sei mit dir, Jacopo! Sie werden dich noch fangen und töten.« »Die fangen mich nie! Ich springe über die Mauer in den Gemüsegarten der Tante Trulla, dann über den Graben mit den Kletten, dann geht es über die Hinterhöfe ... Und wenn sie auch jemand töten, so lieber mich, als Euch!« Der Knabe blickte Leonardo zärtlich und verwegen an, glitt aus seinen Händen, sprang zum Fenster hinaus, schrie noch von draußen: »Ich bringe Hilfe, fürchtet nichts!« herein und schlug den Laden zu. »Ein ausgelassener Teufel!« sagte Maturina kopfschüttelnd. »Aber jetzt, in der Not, kann man ihn brauchen, vielleicht bringt er auch wirklich Hilfe ...« In einem der oberen Fenster klirrten die Scheiben; man hatte es eingeworfen. Die Köchin schrie und jammerte; sie schlug die Hände zusammen, stürzte hinaus, fand im Finstern tastend die steile Kellertreppe und kugelte hinunter. Dort verkroch sie sich in ein leeres Weinfaß und hätte da die ganze Nacht gesessen, wenn man sie nicht früher herausgeholt hätte. Marco lief hinauf, um die Fensterladen zu schließen. Giovanni kehrte bleich, niedergeschlagen und teilnahmslos in die Werkstatt zurück. Er wollte sich wieder in seine Ecke setzen, als er aber Leonardo gewahrte, ging er auf ihn zu und fiel vor ihm in die Knie. »Was ist mit dir? Was hast du, Giovanni?« »Meister, sie sagen ... Ich weiß ja, daß es nicht wahr ist ... Ich kann es nicht glauben ... Aber sagt, um Gotteswillen, sagt es mir selbst!« Er keuchte und kam nicht weiter. »Du zweifelst,« sagte Leonardo traurig lächelnd, »ob es wahr ist, was sie da sagen: daß ich ein Mörder bin?« »Nur ein Wort! Nur ein Wort, Meister, aus Eurem Munde!« »Was kann ich dir sagen, mein Freund? Und, wozu auch? Du wirst es mir doch nicht glauben, wenn du Zweifel hast ...« »O Messer Leonardo!« rief Giovanni aus. »Ich quäle mich so sehr, ich weiß nicht, was mit mir vorgeht ... Ich werde wahnsinnig, Meister ... Ich kann nicht mehr ... Helft mir! Erbarmt Euch meiner! ... Sagt mir, daß es unwahr ist! ...« Leonardo schwieg. Dann wandte er sich von ihm ab und sagte mit bebender Stimme: »Auch du bist mit ihnen und gegen mich!« Plötzlich erzitterte das ganze Haus: der Verzinner Scarabullo bearbeitete die Türe mit einer Axt. Leonardo hörte das Johlen des Pöbels und sein Herz wurde von der ihm wohlvertrauten stillen Wehmut, vom Gefühl unendlicher Einsamkeit ergriffen. Er ließ seinen Kopf sinken und sein Blick fiel auf die Zeilen, die er erst eben niedergeschrieben: »O deine wunderbare Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung!« »So ist es!« sagte er sich: »alles ist gut, alles kommt von Dir!« Er lächelte und sprach in tiefer Demut die letzten Worte des Herzogs Gian-Galeazzo: »Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!« Sechstes Buch. Tagebuch des Giovanni Beltraffio Ich trat am 25. März 1494 zum Florentiner Meister Leonardo da Vinci in die Lehre ein. Hier mein Studienplan: Perspektive, Maße und Proportionen des menschlichen Körpers, Zeichnen nach Vorlagen guter Meister, Zeichnen nach der Natur. Mein Mitschüler Marco d'Oggione gab mir heute ein Buch von der Perspektive, das er selbst nach den Worten des Meisters niedergeschrieben hat. Es beginnt also: »Die größte Freude für den Körper ist das Licht der Sonne; die größte Freude für den Geist sind die klaren mathematischen Wahrheiten. In der Perspektive gesellt sich zu der Betrachtung der strahlenden Linie, der größten Freude für die Augen, auch die größte Freude des Geistes – die mathematische Klarheit; aus diesem Grunde muß die Perspektive allen andern menschlichen Forschungen und Wissenschaften vorgezogen werden. So erleuchte mich derjenige, der von sich selbst sagte: »Ich bin das wahre Licht!« und er helfe mir die Wissenschaft der Perspektive – die Wissenschaft vom Licht zusammenzufassen. Ich teile dieses Buch in drei Abteilungen: die erste handelt von der Verminderung des Körperumfanges in der Ferne, die zweite – von der Verminderung der Klarheit seiner Farben und die dritte von der Verminderung der Klarheit der Umrisse.«   Der Meister sorgt für mich wie für einen Sohn; als er von meiner Armut erfuhr, wollte er von mir das ausbedungene Lehrgeld nicht mehr annehmen.   Der Meister sagte: »Wenn du die Perspektive erfaßt hast und die Proportionen des menschlichen Körpers auswendig kennst, so beobachte bei deinen Spaziergängen aufmerksam die Bewegungen der Menschen; merke dir genau, wie sie stehen, gehen, reden und streiten, wie sie lachen und miteinander raufen, und welchen Gesichtsausdruck sie und die Zuschauer, die sich in den Streit einmischen, sowie auch solche, die stumm beobachten, haben; merke dir dies alles und zeichne es so rasch wie möglich in ein kleines Buch aus farbigem Papier, das du immer bei dir tragen sollst; wenn ein Buch voll ist, so nimm ein neues; das alte hebe aber auf. Gewöhne dich daran, alle deine Zeichnungen zu verwahren und sie nie zu vernichten oder auszuwischen, denn die Bewegungen der Körper in der Natur sind so mannigfaltig, daß sie kein menschliches Erinnerungsvermögen, wie stark es auch sei, behalten kann. Du mußt daher diese Zeichnungen als deine besten Lehrer und Meister achten.« Ich habe mir ein solches Buch angelegt und schreibe mir darin allabendlich alle bemerkenswerten Äußerungen des Meisters auf, die er im Laufe des Tages getan hat.   Heute begegnete ich in der Gasse der Trödlerinnen in der Nähe des Domes meinem Onkel, dem Glasmaler Oswald Ingrimm. Er sagte mir, daß er sich von mir lossage, denn ich hätte mein Seelenheil verloren, weil ich im Hause des Atheisten und Ketzers Leonardo wohne. Jetzt stehe ich ganz allein in der Welt: ich habe niemand, weder Verwandte, noch Freunde, außer meinem Meister. Ich spreche oft das herrliche Gebet Leonardos: »Es erleuchte mich der Herr, das Licht der Welt, und er helfe mir die Perspektive – die Lehre von seinem Licht, zu erfassen.« Spricht denn so ein Gottloser?!   Wie schwer es mir auch manchmal zu Mute ist, so brauche ich nur ihn anzusehen, um große Erleichterung und Freude im Herzen zu spüren. Was für Augen er hat! sie sind klar, hellblau und kalt, wie Eis! Und seine sanfte, angenehme Stimme und sein Lächeln! Selbst die eigensinnigsten und boshaftesten Menschen können unmöglich seinen einschmeichelnden Worten widerstehen, wenn er sie von einem Ja oder Nein überzeugen will. Ich betrachte ihn oft und lange, wenn er in Gedanken versunken an seinem Arbeitstische sitzt und mechanisch und langsam mit den seinen Fingern durch seinen langen, lockigen, goldblonden Bart, der so weich ist wie die Seide des Mädchenhaares, fährt, wenn er mit jemand spricht, so pflegt er ein Auge ironisch, doch gutmütig zusammenzukneifen; der Blick seiner von dichten Brauen beschatteten Augen scheint dann in die Tiefe der Seele zu dringen.   Er kleidet sich sehr einfach; er liebt weder bunte Kleider, noch neue Moden. Er liebt auch keine Wohlgerüche. Dafür trägt er Wäsche aus feiner Rennes-Leinwand, und sie ist immer schneeweiß. Auf seinem schwarzen Samtbarett hat er keinerlei Verzierungen, weder Schaumünzen, noch Federn. Über seinem schwarzen Kamisol trägt er einen bis an die Knie reichenden dunkelroten Mantel mit gerade fallenden Falten, von alt-florentiner Schnitt. Seine Bewegungen sind ruhig und gemessen. Trotz seiner einfachen Kleidung kann man ihn nirgends – weder unter Hofleuten, noch in einer Volksmenge übersehen, denn er gleicht niemandem.   Er kann und weiß alles: er ist ausgezeichneter Bogen- und Armbrustschütze, Reiter, Schwimmer und Fechtmeister. Einmal sah ich ihn im Wettkampfe mit den ersten Athleten aus dem Volke: es galt in der Kirche eine kleine Münze bis in die Mitte der Kuppel emporzuschleudern. Messer Leonardo zeigte darin die größte Geschicklichkeit und Kraft. Er ist linkshändig. Mit seiner linken Hand, die so zart und fein wie eine Mädchenhand ist, biegt er Hufeisen und dreht eherne Glockenklöppel zusammen; mit der gleichen Hand legt er auf Bildnissen schöner Mädchen zarte und durchsichtige Schatten an, wobei er das Papier mit Bleistift oder Kohle so leise, wie ein Schmetterling mit seinen Flügeln, berührt.   Heute nachmittag sah ich ihn eine Zeichnung vollenden, die den gesenkten Kopf der Maria, wie sie der Verkündigung lauscht, darstellte. Unter der mit Perlen und zwei Taubenflügeln geschmückten Kopfbinde quollen Strähnen ihres Haares hervor, das keusch im Hauche der Engelsflügel spielte und flatterte; es war wie bei den Florentiner Mädchen anscheinend nachlässig aufgesteckt, in der Tat aber sorgfältig und kunstvoll geordnet. Die Schönheit dieser Locken berauschte wie fremdartige Musik. Das Rätsel ihrer durch die gesenkten, dunkelumrandeten Lider gleichsam durchscheinenden Augen war wie das Rätsel der durch die klare Flut durchschimmernden, aber unerreichbaren, unter Wasser blühenden Blumen. Plötzlich kam in die Werkstatt sein kleiner Diener Jacopo hereingestürzt. Er klatschte in die Hände und schrie: »Ungeheuer! Ungeheuer! Messer Leonardo, kommt schnell in die Küche! Da habe ich Euch zwei schöne Exemplare mitgebracht, Ihr werdet zufrieden sein!« »Woher?« fragte der Meister. »Ich habe sie vor dem Portal von St. Ambrogio aufgegabelt. Es sind Bettler aus Bergamo. Ich sagte ihnen, daß sie von Euch ein Nachtmahl bekommen, wenn sie Euch Modell stehen.« »Sie sollen warten, bis ich mit dieser Zeichnung fertig bin.« »Nein, Meister: sie können nicht warten, denn sie wollen noch vor Anbruch der Nacht nach Bergamo heimkehren, schaut sie Euch nur an! Ihr werdet es nicht bereuen. Es ist wirklich der Mühe wert! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, was es für Ungeheuer sind!« Der Meister legte die unvollendete Zeichnung der heiligen Jungfrau fort und begab sich in die Küche. Ich folgte ihm. Wir sahen zwei Greise in würdiger Haltung auf der Küchenbank sitzen. Es waren Brüder. Beide waren dick, gleichsam von Wassersucht aufgedunsen und hatten häßliche hängende riesengroße Kröpfe, wie sie unter den Bergbewohnern um Bergamo oft vorkommen; der eine hatte seine Frau – eine zusammengeschrumpfte dürre Alte – mitgebracht, die den zu ihr vorzüglich passenden Spitznamen »Spinne« trug. Jacopo strahlte vor Stolz und flüsterte: »Seht Ihr! Ich sagte ja, daß die Euch gefallen werden! Ich weiß ganz genau, was Ihr braucht ...« Leonardo setzte sich zu den Ungeheuern, ließ Wein auftischen, bewirtete sie und begann sie auszufragen; er unterhielt sie auch mit dummen Späßen. Anfangs waren sie scheu, sahen ihn mißtrauisch an und konnten wohl unmöglich verstehen, warum man sie hergebracht hatte. Da erzählte er ihnen die weitverbreitete Novelle vom toten Juden, der von seinen Glaubensgenossen, in Anbetracht des Gesetzes, das die Beerdigung von Juden in Bologna untersagte, in kleine Stücke geschnitten und in einem Faß, mit Honig und Gewürzen eingemacht, auf einem Schiff mit anderen Waren nach Venedig geschickt, unterwegs aber von einem reisenden christlichen Florentiner gegessen wurde; diese Geschichte gefiel der Spinne dermaßen, daß sie in Gelächter ausbrach. Bald lachten alle drei Bettler, vom Wein berauscht, mit abstoßenden Grimassen. Ich schlug verlegen die Augen nieder und wandte mich ab, um sie nicht zu sehen. Leonardo aber blickte sie mit der tiefen, gierigen Neugier eines Gelehrten an, der ein Experiment verfolgt. Als sie in ihrer Trunkenheit den höchsten Grad von Häßlichkeit erreicht hatten, nahm er Papier und Stift zur Hand und zeichnete diese ekelhaften Fratzen mit dem gleichen Bleistift und mit der gleichen Liebe, mit der er vorhin das göttliche Lächeln der heiligen Jungfrau gezeichnet hatte. Abends zeigte er mir viele Karikaturen nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren; es waren ganz schreckliche Gesichter, wie sie die Kranken im Fieber verfolgen. Im Menschlichen steckte etwas Tierisches und im Tierischen – etwas Menschliches, das eine ging leicht und natürlich in das andere über und gerade dieser unmerkliche Übergang machte sie so schrecklich. Ich denke noch an den Kopf eines Stachelschweins mit spitzen, sich sträubenden Nadeln, mit einer hängenden, weichen lappenähnlichen Unterlippe, das in einem abstoßenden menschlichen Lächeln die länglichen, mandelförmigen weißen Zähne zeigte. Ich werde auch nie den Kopf einer Alten vergessen, mit dem zu einer wahnsinnigen hohen Frisur gekämmten Haar, mit einem dünnen Zöpfchen im Nacken, einer großen kahlen Stirne, mit einer plattgedrückten Nase, die so klein wie eine Warze war, und ungeheuerlich dicken Lippen, die mich an morsche, feuchte Schwämme gemahnten, welche an faulen Baumstümpfen wachsen. Das Schrecklichste dabei ist, daß einem alle diese Ungeheuer wie alte Bekannte erscheinen, als ob man ihnen schon irgendwo begegnet wäre, und daß sie auch etwas Verführerisches an sich haben, das wie ein Abgrund lockt und zugleich abstößt. Man schaut sie mit Entsetzen an und doch kann man sich von ihnen ebenso schwer losreißen, wie von dem göttlichen Lächeln der heiligen Jungfrau. Hier wie dort ist man erstaunt, wie vor einem Wunder.   Cesare da Sesto erzählte mir, daß, wenn Leonardo irgendwo in der Volksmenge einem irgendwie auffallend häßlichen Menschen begegne, er imstande sei, ihm einen ganzen Tag lang zu folgen, um sich seine Gesichtszüge einzuprägen. Große Häßlichkeit sei bei Menschen ebenso selten und ungewöhnlich, sagte der Meister, wie große Schönheit; nur das Mittelmäßige sei gewöhnlich.   Er hat eine merkwürdige Methode erfunden, um sich menschliche Gesichter leichter einzuprägen. Er teilt die menschlichen Nasen in drei Klassen ein: in gerade, gebogene und in solche mit einer Ausbuchtung. Die geraden können kurz und lang sein, spitz und stumpf. Die Krümmung kann sich oben an der Nase befinden, oder unten, oder in der Mitte. Und so behandelt er auch alle anderen Teile des Gesichts. Alle diese Einteilungsklassen und Arten sind mit Nummern bezeichnet und in ein nach besonderem System angelegtes Buch eingetragen. Wenn der Künstler auf einem Spaziergange ein Gesicht sieht, dessen Züge er sich einprägen will, so braucht er nur die Klasse von Nase, Stirne, Augen und Kinn festzustellen und zu notieren, um das ganze Gesicht mit allen seinen Zügen mittels einer Reihe von Zahlen im Gedächtnisse zu fixieren. Nach Hause zurückgekehrt, vereinigt er die notierten Elemente zu einem Bilde. Er hat auch einen kleinen Löffel erfunden, um bei den allmählichen, von den Augen kaum wahrnehmbaren Abstufungen von Licht zu Schatten und von Schatten zu Licht die Menge der notwendigen Farbe mathematisch genau bemessen zu können, wenn z. B. einem Schatten von bestimmter Kraft zehn Löffel schwarzer Farbe entsprechen, so sind zur Erreichung des nächsten Grades elf Löffel dieser Farbe, dann zwölf, dreizehn u. s. f. erforderlich. Die Löffel werden genau bis an den Rand voll gerechnet und daher wird die Farbe immer mit einem Glaslineal abgestrichen, wie man es auf dem Markte bei Messen von Getreide tut.   Marco d'Oggione ist der fleißigste und gewissenhafteste von allen seinen Schülern. Er arbeitet wie ein Ochs und befolgt mit peinlicher Genauigkeit alle Regeln des Meisters; je größere Mühe er sich aber gibt, um so weniger bringt er zustande. Marco ist eigensinnig: wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so kann ihn niemand mehr davon abbringen. Er glaubt an die Unfehlbarkeit des Satzes: »Mit Geduld und Spucke, fängt man manche Mucke« und gibt die Hoffnung, ein großer Künstler zu werden, nie auf. Er hat mehr als wir alle Freude an jenen Erfindungen des Meisters, welche die Kunst in Mechanik umsetzen. Neulich nahm er das Buch mit den Tabellen, in denen die Gesichter in Klassen eingeteilt sind, lief damit auf den Broletto-Platz und notierte sich nach Leonardos Zahlensystem einige Gesichter aus dem Volke. Als er aber zu Hause diese Elemente zu einem lebendigen Gesicht vereinigen wollte, da konnte er es unmöglich fertig bringen. Den gleichen Mißerfolg hatte er mit dem Meßlöffel: obwohl er bei seiner Arbeit mit mathematischer Genauigkeit verfährt, werden die Schatten undurchsichtig und unnatürlich, und die Gesichter hölzern und reizlos. Marco erklärt es damit, daß er noch nicht genau genug die Regeln des Meisters befolgte, und er verdoppelt daher seinen Eifer. Cesare da Sesto sagt dazu schadenfroh: »Der gute Marco ist ein wahrer Märtyrer der Kunst! Sein Fall beweist, daß alle die berühmten Regeln, Löffel und Nasentabellen für die Katze sind. Es genügt nicht zu wissen, wie ein Kind geboren wird, um auch wirklich ein Kind zur Welt bringen zu können. Leonardo betrügt sich selbst und die andern: er selbst handelt nie nach den Grundsätzen, die er predigt. Wenn er malt, so denkt er an gar keine Regeln und folgt nur seiner Inspiration. Er begnügt sich aber nicht damit, daß er großer Künstler ist, er will auch großer Gelehrter sein. Er will Kunst mit Wissenschaft und Inspiration mit Mathematik in Einklang bringen. Ich fürchte nur: wenn einer zwei Hasen jagt, so fängt er keinen von beiden.« Vielleicht ist an diesen Worten auch etwas Wahres. Warum haßt aber Cesare so den Meister? Leonardo vergibt ihm alles, hört geduldig seine bösen und spöttischen Bemerkungen an, schätzt seinen Verstand und ist ihm nie böse.   Ich beobachte, wie er am Heiligen Abendmahl arbeitet. Er verläßt das Haus früh morgens, beim Sonnenaufgang und begibt sich in das Refektorium, wo er dann den ganzen Tag bis zum Anbruch der Dunkelheit ohne Unterbrechung und ohne an Speise und Trank zu denken, malt. Dann gehen wieder Wochen dahin, in denen er keinen Pinsel anrührt. Aber auch dann verbringt er täglich zwei oder drei Stunden auf dem Gerüste vor dem Bilde und betrachtet und überlegt sich alles, was er gemacht hat. Manchmal läßt er plötzlich irgendeine angefangene Arbeit liegen und rennt am heißesten Mittag, ohne die Schattenseite zu benutzen, durch die menschenleeren Gassen, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, ins Kloster, besteigt das Gerüst, macht zwei oder drei Pinselstriche und geht dann wieder nach Hause.   Alle diese Tage arbeitete er am Kopfe des heiligen Johannes, heute sollte er ihn vollenden. Zu meinem großen Erstaunen blieb er aber zu Hause und verbrachte den ganzen Tag damit, daß er mit dem kleinen Jacopo den Flug von Hummeln, Wespen und Fliegen beobachtete. Er studiert den Bau ihrer Körper und Flügel mit solchem Eifer, als ob davon das Schicksal der Welt abhinge. Als er gewahrte, daß die Fliegen die hinteren Beine als Steuer gebrauchen, freute er sich darüber so sehr, als hätte er ein Gott weiß wie großes Glück erfahren. Der Meister glaubt, daß dies für die Erfindung der Flugmaschine von höchster Bedeutung sei. Möglich! Es ist aber doch ärgerlich, daß der Kopf des Apostels Johannes wegen des Studiums von Fliegenbeinen unvollendet bleibt.   Heute haben wir einen neuen Kummer. Die Fliegen und das heilige Abendmahl sind vergessen. Er entwirft ein kompliziertes und reich ornamentiertes Wappen für die vom Herzoge geplante nach nicht existierende Mailänder Akademie der Malerei; es ist ein Viereck aus unendlichen verschlungenen, verknüpften und verknoteten Schnüren, die eine lateinische Inschrift einrahmen: »Leonardi Vinci Accademia.« Er ist so sehr in die Arbeit vertieft, als gäbe es für ihn in der ganzen Welt nichts außer dieser schwierigen und zwecklosen Spielerei. Ich glaube, keine Macht könnte ihn davon abbringen. Ich hielt es nicht länger aus und wagte ihn an den unvollendeten Johanneskopf zu erinnern. Er zuckte die Achseln und murmelte zwischen den Zähnen, ohne von seinen Schnüren und Knoten aufzublicken: »Die Arbeit läuft mir nicht weg. Ich finde noch Zeit!« Zuweilen erscheint mir Cesares Gehässigkeit begreiflich.   Herzog Moro betraute ihn mit der Einrichtung des sogenannten »Ohres des Dionys« – eines in der Mauer verborgenen Hörrohres, das dem Herzog gestattet, von einem Zimmer aus alle in den anderen Räumen geführten Gespräche zu belauschen. Der Meister ging mit großem Eifer an diese Arbeit. Bald verlor er aber für sie, wie gewöhnlich, jedes Interesse und schiebt sie nun immer unter verschiedenen Vormunden hinaus. Der Herzog treibt ihn an und zürnt, heute früh wurde aus dem Schlosse einige Mal nach ihm geschickt. Der Meister ist aber mit einer neuen Arbeit beschäftigt, die ihm wichtiger erscheint, als das »Ohr des Dionys«, nämlich mit Versuchen an Pflanzen: er hatte bei einem Kürbisse alle Wurzeln bis auf eine ganz kleine abgeschnitten und begoß diese fleißig mit Wasser. Zu seiner großen Freude ist die Pflanze nicht verdorrt und die Mutter – so nennt er sie – hat glücklich alle ihre Kinder – an die sechzig längliche Kürbisse – großgezogen. Mit welcher Geduld und mit welcher Liebe verfolgt er das Leben dieser Pflanze! Heute saß er die ganze Nacht am Gemüsebeet und beobachtete, wie die breiten Blätter den nächtlichen Tau trinken. Er sagt: »Die Erde tränkt die Pflanzen mit Feuchtigkeit, der Himmel mit Tau, die Sonne gibt ihnen aber die Seele.« Er glaubt nämlich, daß nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere und selbst Pflanzen eine Seele besitzen, welche Meinung Fra Benedetto für höchst ketzerisch hält.   Er liebt alle Tiere. Manchmal verbringt er ganze Tage mit dem Beobachten und Zeichnen von Katzen, mit dem Studium ihrer Gewohnheiten und Eigenschaften. Er beobachtet, wie sie spielen, kämpfen, schlafen, sich mit den Pfoten waschen, Mäuse fangen, Buckel machen und wie sie vor den Hunden fauchen. Mit dem gleichen Interesse beobachtet er durch die Wände eines großen Glasgefäßes Fische, Schnecken, Haarwürmer, Tintenfische und andere Wassertiere. Wenn sie miteinander kämpfen und einander verzehren, nimmt sein Gesicht den Ausdruck einer tiefen, stillen Befriedigung an. Er ist gleichzeitig mit tausend Dingen beschäftigt. Ohne eine Arbeit zu Ende zu führen, nimmt er eine neue in Angriff. Jede Arbeit sieht bei ihm übrigens wie ein Spiel und jedes Spiel wie eine Arbeit aus. Er ist vielseitig und unbeständig. Cesare sagt, daß eher alle Flüsse ihren Lauf umkehren werden, als daß Leonardo bei einer Idee stehen bleibt und sie zu Ende führt. Er nennt den Meister den größten aller Taugenichtse und behauptet, daß aus allen seinen zahllosen Arbeiten nichts Vernünftiges herauskommen werde. Leonardo soll hundertzwanzig Bücher »Von der Natur – Delle Cose Naturali« geschrieben haben. Es sind aber lauter zufällige Fragmente, gelegentliche Notizen und lose Papierfetzen. Es sind über fünftausend Zettel, die in einer derartigen Unordnung liegen, daß der Meister sich selbst nicht mehr auskennt und nie eine ihm gerade notwendige Notiz herausfinden kann.   Wie unersättlich seine Neugier ist! Was für ein gütiges und tiefblickendes Auge er für die Natur hat! wie groß ist seine Fähigkeit, das Unscheinbarste zu erspähen! Sein Erstaunen ist immer freudig und gierig, wie bei Kindern, wie bei den ersten Menschen im Paradiese. Manchmal macht er über den alltäglichsten Gegenstand eine so erstaunliche Bemerkung, daß man sie, wenn man auch hundert Jahre leben würde, nie wieder vergessen könnte; sie prägt sich so tief ins Gedächtnis ein, daß man sie unmöglich wieder los werden kann. So sagte der Meister, als er neulich meine Klause betrat: »Hast du es schon bemerkt, Giovanni, daß kleine Zimmer unseren Geist konzentrieren und daß die großen ihn zur Tätigkeit anregen?« Oder: »Während des Regens erscheinen die Umrisse der Gegenstände im Schatten schärfer als in der Sonne.« Hier ist eine Bemerkung, die er gestern machte, als er mit dem Erzgießer über die vom Herzog bestellten Feldgeschütze sprach: »Das zwischen dem Laden der Bombarde und der Kugel eingeschlossene Pulver wirkt bei seiner Explosion wie ein Mensch, der sich mit dem Rücken gegen eine Wand stützend, eine Last mit aller Kraft vorwärts stemmt.« In einem Gespräch über abstrakte Mechanik sagte er: »Die Kraft ist stets bestrebt, ihre Ursache zu überwinden, um nach dem Siege zu sterben. Der Stoß ist der Lohn der Bewegung und der Enkel der Kraft; ihr gemeinsamer Ahne aber ist die Schwere.« Bei einem Streite mit einem Baumeister rief er ungeduldig aus: »wie, versteht Ihr es nicht, Messere? Es ist sonnenklar: Was ist denn ein Schwibbogen? Ein Schwibbogen ist nichts anderes als eine Kraft, die von zwei sich treffenden und einander entgegengesetzten Schwachen erzeugt wird.« Der Baumeister riß vor Erstaunen den Mund auf. Für mich wurden aber die Dinge, von denen sie sprachen, so klar, als ob man plötzlich in ein finsteres Zimmer ein Licht hereingebracht hätte.   Nun hat er wieder zwei Tage am Johanneskopf gearbeitet. Doch wie! Die fortwährende Beschäftigung mit den Fliegenflügeln, Katzen, Kürbissen, dem Dionysohr, dem Rahmen aus verknüpften Schnüren und ähnlichen wichtigen Dingen war dem Werke wenig förderlich. Er wurde mit dem Kopf wieder nicht fertig und ließ die Arbeit liegen, um sich ganz in seine Geometrie zu verkriechen, wie sich die Schnecke, um mit Cesare zu reden, in ihr Haus verkriecht. Er sagt, daß selbst der Geruch von Farben und der Anblick von Leinwand und Pinseln ihn anekeln. So leben wir von tausend Zufälligkeiten abhängig und auf Gott bauend in den Tag hinein, wir sitzen am Meer und warten auf den günstigen Wind. Es ist ein Glück, daß er noch nicht bei der Flugmaschine angelangt ist, sonst, wären wir ganz verloren: wenn er sich in seine Mechanik vergräbt, bekommen wir ihn überhaupt nicht zu sehen!   Ich habe folgendes bemerkt: so oft er nach vielen Ausreden und langem Zweifeln und Schwanken schließlich doch den Pinsel ergreift und ans Werk geht, so überfällt ihn ein der Angst ähnliches Gefühl. Er ist nie mit seiner Arbeit zufrieden. In Werken, die den andern als Gipfel der Vollkommenheit erscheinen, findet er stets Fehler. Er strebt nach dem höchsten, nach dem Unerreichbaren, nach dem, was die menschliche Hand, wie unendlich hoch auch ihre Kunst sei, nie auszudrücken vermag. Dies ist der Grund, warum er seine Werke nie vollendet.   Heute kam zu uns ein jüdischer Pferdehändler. Der Meister wollte ihm einen braunen Hengst abkaufen. Der Jude bemühte sich ihn zu überreden, mit dem Hengst auch eine Stute zu kaufen; er flehte, schwatzte und mühte sich so lange, bis der Meister, der Pferdeliebhaber und Kenner ist, lachend nachgab und sich mit der Stute betrügen ließ, nur um den Juden los zu werden. Ich sah und hörte zu und staunte. »Warum staunst du so?« fragte mich später Cesare. »Er ist immer so: er läßt sich stets vom ersten Besten ausbeuten. In keiner Sache ist auf ihn Verlaß. Er kann nie einen festen Entschluß fassen. Alles ist bei ihm Zweideutig: ja, oder nein, wie man es eben auslegen will. Wie der Wind gerade weht. Nichts Festes ist an ihm und nichts Männliches. Er ist immer weich, schwankend und umstimmbar, als ob er kein Rückgrat hätte und erscheint, trotz seiner Kraft, schwächlich. Im spiele biegt er Hufeisen zusammen und erfindet Hebel, um das Taufbecken in San-Giovanni wie ein Spatzennest in die Luft zu heben; wenn es sich aber um eine wirkliche Tat handelt, die Willensstärke erfordert, so kann er sich nicht entschließen, einen Strohhalm aufzuheben oder einem Marienkäfer Leid anzutun! ...« Cesare schimpfte noch lange, wobei er offenbar übertrieb und sogar verleumdete. Ich fühlte aber, daß seine Worte neben vielen Lügen auch manches wahre enthielten.   Andrea Salaina ist erkrankt. Der Meister pflegt ihn und verbringt ganze Nächte wachend an seinem Lette, von Arzneien will er nichts hören. Marco d'Oggione brachte dem Kranken Pillen. Als Leonardo sie entdeckte, warf er sie zum Fenster hinaus. Als Andrea selbst schüchtern die Meinung äußerte, daß ein Aderlaß wohl von Nutzen wäre, – er kenne auch einen Barbier, der sich gut darauf verstehe, – wurde Leonardo ernstlich böse. Er schimpfte arg auf alle Ärzte und sagte u. a.: »Denke nicht daran, wie du deine Krankheiten heilen sollst, sondern daran, wie du dir deine Gesundheit erhalten kannst. Das Letztere erreichst du am besten, wenn du den Ärzten aus dem Wege gehst; denn ihre Arzneien gleichen den unsinnigen Mixturen der Alchimisten.« Mit einem gutmütigen verschmitzten Lächeln fügte er hinzu: »Wie sollten diese Betrüger nicht reich werden, wenn jeder Mensch nur zu dem einzigen Zweck Reichtümer ansammelt, um sein Geld später den Ärzten – diesen Zerstörern des menschlichen Lebens, weggeben zu können!«   Der Meister unterhält den Kranken mit komischen Erzählungen, Parabeln und Rätseln, die Salaino besonders liebt. Ich sehe und höre zu und komme nicht aus dem Staunen über den Meister: wie lustig er doch ist! Hier sind einige von seinen Rätseln: »Die Menschen verprügeln das, dem sie ihr Dasein verdanken.« – Das Dreschen des Getreides. »Die Wälder zeugen Kinder, die ihre eigenen Eltern vernichten.« – Holzgriffe der Äxte. »Tierfelle zwingen die Menschen, das Schweigen zu brechen, zu fluchen und zu schreien.« – Das Spiel mit Lederbällen. Nach den langen Stunden, die er im Entwerfen von Feldgeschützen, in mathematischen Rechnungen und in der Arbeit am Heiligen Abendmahl verbringt, vergnügt er sich wie ein Kind mit diesen Rätseln. Er notiert sie sich in seinen Arbeitsheften neben den Skizzen zu großen zukünftigen Werken und neben den von ihm entdeckten Naturgesetzen.   Er erfand und zeichnete mit vieler Mühe eine sonderbare, komplizierte Allegorie zur Verherrlichung der Freigebigkeit des Herzogs: Moro, in Gestalt einer Fortuna, nimmt einen Jüngling in seinen Schutz, der von einer schrecklichen Parze, welche die Züge der »Spinne« trägt, entflieht; er bedeckt ihn mit seinem Mantel und droht der schrecklichen Göttin mit seinem goldenen Szepter. Der Herzog ist mit der Zeichnung sehr zufrieden und will sie von Leonardo in Farben, als Wandgemälde für einen Saal im Schlosse wiederholen lassen. Diese Allegorien sind jetzt bei Hofe Mode. Ich glaube, sie haben da größeren Erfolg, als alle anderen Werke des Meisters. Damen, Ritter und Würdenträger bestürmen ihn mit ihren Bitten um ähnliche tiefsinnige allegorische Bildchen. Für die Gräfin Cecilia Bergamini, eine der beiden Haupt-Maitressen des Herzogs, zeichnete er eine Allegorie des Neids: eine gebrechliche Alte mit hängenden Brüsten, mit einem Leopardenfell als Mantel und einem mit vergifteten Zungen gefüllten Köcher hinter den Schultern reitet auf einem menschlichen Gerippe, und trägt einen mit Schlangen gefüllten Becher in der Hand. Er mußte dann auch eine Allegorie über das gleiche Thema für die andere Maitresse des Herzogs – Lucrezia Crivelli, zeichnen, damit diese sich nicht benachteiligt fühle: der Ast eines Nußbaumes wird mit Stöcken geschlagen und geschüttelt gerade zu jener Zeit, als seine Früchte vollkommen reif werden. Eine neben der Zeichnung angebrachte Inschrift lautet: »Für Wohltaten.« Schließlich mußte er auch für die Gattin des Herzogs, die durchlauchtigste Madonna Beatrice, eine Allegorie des Undankes erfinden: ein Mensch bläst bei Sonnenaufgang die Kerze aus, die ihm in der Nacht diente. Jetzt hat der arme Meister bei Tag und Nacht keine Ruhe: jeden Augenblick kommen Briefchen von Damen, Aufträge und Bitten. Er weiß nicht mehr, wie er sie los werden soll. Cesare sagt gehässig: »Alle diese dummen Rittersprüche und süßlichen Allegorien geziemen wohl einem höfischen Speichellecker, aber nicht einem Künstler wie Leonardo. Es ist eine Schande!« Ich glaube, er ist im Unrecht. Der Meister denkt gar nicht daran, irgendwelche Ehren zu erlangen. Die Allegorien sind für ihn nur Zeitvertreib, wie seine Rätselspiele und mathematischen Sätze, wie das göttliche Lächeln der heiligen Jungfrau und das Ornament aus verknüpften Schnüren.   Er hat seit langer Zeit ein Buch von der Malerei«, »Trattato della Pittura« begonnen; er hat es aber, wie es seine Gewohnheit ist, nicht vollendet und Gott allein weiß, ob er es je vollenden wird. In der letzten Zeit beschäftigte er sich viel damit, mir die Luft- und Linearperspektive und die Gesetze von Licht und Schatten beizubringen; er zitierte dabei verschiedene Stellen aus seinem Buche und einzelne Gedanken über Kunst. Ich zeichne hier alles auf, was ich mir davon gemerkt habe. Der Herr vergelte dem Meister die Liebe und Weisheit, mit der er mich auf den hehren Pfaden dieser edelsten Wissenschaft leitet! Derjenige, dem diese Blätter einmal in die Hände kommen, möge in sein Gebet das Seelenheil des demütigen Knechtes Gottes und unwürdigen Schülers Giovanni Beltraffio und das Seelenheil des großen Florentiner Meisters Leonardo da Vinci einschließen!   Der Meister sagte: »Das Schöne im Menschen vergeht, das Schöne in der Kunst aber nie.«   »Wer die Malerei verachtet, der verachtet die philosophisch vertiefte Betrachtung der Welt, denn die Malerei ist ein legitimes Kind, oder richtiger – Enkelkind der Natur. Alles was ist, wurde von der Natur gezeugt, und hat seinerseits die Kunst der Malerei geboren. Darum sage ich: Die Malerei ist ein Enkelkind der Natur und mit Gott verwandt. Wer die Malerei beschimpft, der beschimpft auch die Natur.«   »Der Maler soll allumfassend sein. Maler, deine Vielseitigkeit sei ebenso unendlich, wie die Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen! Indem du das von Gott begonnene Werk fortführst, sei bestrebt, die ewigen Schöpfungen Gottes, und nicht die Werte von Menschenhand zu vermehren. Ahme nie und niemandem nach. Jedes deiner Werke sei wie eine neue Naturerscheinung.«   »Wer die grundlegenden allgemeinen Gesetze der Naturerscheinungen kennt und wissend ist, der kann leicht allumfassend sein, denn alle Körper, – die menschlichen wie die tierischen – sehen sich in ihrem Baue ähnlich.«   »Sei auf der Hut, daß Geldgier nicht deine Liebe zur Kunst ersticke. Denke daran, daß der Erwerb von Ruhm größer ist, als der Ruhm des Erwerbes. Der Ruhm der Reichen stirbt mit ihnen zugleich, der Ruhm der Weisen vergeht aber nie, denn Weisheit und Wissenschaft sind eheliche Kinder ihrer Eltern, das Geld aber ist ein Bastard. Liebe den Ruhm und fürchte dich nicht vor Armut. Bedenke, daß viele Philosophen, die in Reichtum geboren waren, in freiwilliger Armut lebten, um ihre Seelen nicht durch Geld zu beschmutzen.«   »Die Wissenschaft verjüngt die Seele und versüßt die Bitterkeit des Alters. Sammle Weisheit, sammle süße Speise für dein Alter!«   »Ich kenne Maler, die ihre Bilder schamlos, zum Ergötzen des Pöbels mit Gold und Lazurblau anmalen und frech behaupten, daß sie wie die größten Meister malen könnten, wenn man ihnen höhere Preise zahlte. O diese Narren! Wer hindert sie daran, ein herrliches Werk zu schaffen und dann zu erklären: dieses Bild da kostet so und soviel; dieses ist billiger und jenes ist Marktware; nur so wäre der Beweis erbracht, daß sie für jeden Preis arbeiten können.«   »Oft erniedrigt die Geldgier auch gute Meister zum Handwerk. So hat mein Landsmann und Kollege, der Florentiner Perugino, eine solche Fertigkeit in rascher Erledigung von Aufträgen erreicht, daß er einmal seiner Frau, die ihn zum Mittagessen holte, von seinem Malgerüst herunterrufen konnte: »Trage die Suppe auf, ich werde inzwischen noch einen Heiligen malen.«   »Ein Künstler, der nie zweifelt, kann nur Geringes erreichen. Wohl dir, wenn dein Werk besser ist, als du es einschätzest; schlimm, wenn es deiner Schätzung entspricht; doch wehe dir, wenn es schlechter als diese ist; letzteres ist bei allen denen der Fall, die sich wundern, daß Gott ihnen zu einer solchen Vollkommenheit verhalf.«   »Höre alle Meinungen, die über dein Bild geäußert werden, geduldig an und erwäge, ob diejenigen, die dir Vorwürfe machen oder Fehler finden, im Rechte sind; wenn sie Recht haben – beseitige die Fehler, wenn nicht, – so stelle dich so, als ob du nichts gehört hattest; suche nur solchen Leuten, die Beachtung verdienen, zu beweisen, daß sie sich irren.« »Das Urteil des Feindes ist oft richtiger und nützlicher, als das des Freundes. Der Haß ist in den Menschen viel tiefer als die Liebe. Der Blick des Hassenden geht tiefer, als der Blick des Liebenden. Der echte Freund ist wie du selbst. Aber der Feind ist von dir verschieden und darin liegt seine Stärke. Der Haß beleuchtet vieles, was der Liebe verborgen ist. Denke daran und mißachte nie den Tadel der Feinde.«   »Grelle Farben bestechen den Pöbel. Der wahre Künstler wendet sich nicht an den Pöbel, sondern an die Auserwählten. Er suche sein Ziel und seinen Stolz nicht in der Leuchtkraft der Farben, sondern darin, daß in seinem Bilde gleichsam ein Wunder geschehe: durch Schatten und Licht wird das Flache erhaben, wer die Schatten gering schätzt und sie den Farben opfert, gleicht einem Schwätzer, der seinen leeren und hochtrabenden Worten den Sinn der Rede opfert.«   »Vermeide vor allem rohe Umrisse. Die Schatten an einem jungen und zarten Körper sollen nicht tot und starr umrissen werden, sondern leicht, kaum sichtbar und durchsichtig wie die Luft. Denn der menschliche Körper ist durchsichtig, wovon du dich überzeugen kannst, wenn du deine Finger gegen die Sonne hältst. Ein zu grelles Licht gibt keine schönen Schatten, vermeide das grelle Licht. Merke dir, wie schön und zart die Gesichter von Männern und Frauen erscheinen, die in der Dämmerung oder an trüben Tagen, wenn die Sonne sich hinter Wolken verbirgt, in schattigen Straßen, zwischen dunklen Hausmauern vorbeigehen. Dies ist das vollkommenste Licht. Du mußt die Schatten so malen, daß sie sich ganz allmählich im Lichte verlieren, wie Rauch verschwinden, wie Töne einer leisen Musik verklingen. Merke dir: zwischen Licht und Schatten gibt es noch eine Mitte, etwas Zwiespältiges, das beiden eigen ist, gleichsam ein lichter Schatten oder ein dunkles Licht, suche gerade dieses Dazwischenliegende, denn in ihm liegt das Geheimnis der vollkommensten Schönheit!« So sprach er, und wiederholte mit erhobener Hand und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck die Worte, die er wohl unverwischbar unserm Gedächtnisse einprägen wollte: »Vermeidet alles Rohe und Grelle! Eure Schatten sollen schmelzen, wie Rauch, wie Töne einer fernen Musik!« Cesare, der aufmerksam zugehört hatte, lächelte, blickte Leonardo an und wollte etwas einwenden, zog aber vor, zu schweigen.   Eine Weile später machte der Meister in einem Gespräch über ein anderes Thema die Bemerkung: »Die Lüge ist so verächtlich, daß sie selbst den Herrn beleidigt, wenn sie ihn verherrlicht. Die Wahrheit ist so schön, daß ihr Lob selbst die geringsten Dinge veredelt. Zwischen Wahrheit und Lüge ist der gleiche Unterschied, wie zwischen Licht und Schatten.« Cesare ging etwas durch den Kopf. Er blickte den Meister forschend an und sagte: »Der gleiche Unterschied, wie zwischen Licht und Schatten? Ihr habt doch, Meister, selbst soeben behauptet, daß es zwischen Licht und Schatten noch eine Mitte gäbe, etwas Zwiefältiges, was beiden eigen ist, wie ein lichter Schatten oder ein dunkles Licht! Folglich auch zwischen Wahrheit und Lüge ... Aber nein! Es kann ja nicht sein ... Meister, Euer Vergleich gereicht meinem Geiste zu einem Ärgernis: denn ein Künstler, der in der Verschmelzung von Licht und Schatten die vollendete Schönheit sucht, wäre imstande zu fragen, ob nicht auch Wahrheit und Lüge ebenso ineinandergehen, wie Licht und Schatten ...« Leonardo machte zuerst ein finsteres Gesicht, als hätten ihn die Worte des Schülers in Erstaunen gesetzt, oder sogar erzürnt. Dann lachte er aber und sagte: »Versuche mich nicht! Heb dich weg von mir, Satan!« Ich hatte eine andere Antwort erwartet und glaube, daß die Worte Cesares wohl eine ernsthaftere Antwort verdienten als einen leichtsinnigen Scherz. Mich haben sie wenigstens zu vielen qualvollen Gedanken angeregt.   Heute abend sah ich ihn in strömendem Regen in einer schmalen, schmutzigen und stinkenden Gasse stehen und eine anscheinend ganz uninteressante, fleckige, verschimmelte Mauer betrachten. Er stand lange Zeit so. Die Gassenjungen zeigten auf ihn mit den Fingern und lachten. Ich fragte, was er an dieser Wand gefunden hätte. »Sieh nur her, Giovanni, was für ein herrliches Ungeheuer – eine Chimäre mit offenem Rachen! Und daneben – ein Engel mit zartem Antlitz und wehenden Locken, der vor dem Ungeheuer flieht! Die Laune des Zufalls schuf hier Gestalten, die eines großen Meisters würdig sind.« Er bezeichnete mit dem Finger die Umrisse der Flecken, da sah ich, zu meinem großen Erstaunen, jene Dinge, von denen er sprach. »Mancher wird vielleicht solche Wahrnehmungen albern finden,« fuhr der Meister fort, »aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr sie den Geist zu Entdeckungen und Erfindungen anregen, Auf Mauern, in Zusammensetzungen verschiedener Steine, in Mauersprüngen, in den Mustern des Schimmels auf stehendem Wasser, in sich mit Asche überziehenden, verglimmenden Kohlen und in den Umrissen von Wolken habe ich schon oft herrliche Landschaften mit Bergen, Felsen, Flüssen, Tälern und Bäumen, auch fabelhafte Schlachten, merkwürdige Gesichter von unbeschreiblicher Schönheit, interessante Teufel und Ungeheuer und noch viele andere wunderbare Bilder gesehen. Ich wählte mir die nötigen Umrisse und vollendete sie zu Bildern. So kannst du aus einem fernen Glockengeläute jedes beliebige Wort, das dir gerade einfällt, heraushören.«   Er vergleicht die Runzeln, die von den Gesichtsmuskeln bei Lachen und Weinen erzeugt werden. An den Augen, Wangen und am Munde ist ein Unterschied nicht wahrzunehmen. Der Weinende hebt und vereinigt die Augenbrauen, runzelt die Stirne und senkt die Mundwinkel, während der Lachende die Augenbrauen weit auseinander zieht und die Mundwinkel hebt. Er schloß diese Feststellung mit den Worten: »Sei bestrebt, stumm und ruhig zuzuschauen, wie Menschen lachen und weinen, hassen und lieben, vor Schreck erblassen und vor Schmerz schreien; betrachte, lerne, forsche und beobachte, um die verschiedenen Gesichtsausdrücke bei allen menschlichen Gemütsbewegungen kennen zu lernen.« Cesare erzählte mir, daß der Meister gerne die zum Tode Verurteilten auf ihrem letzten Gang begleite, um an ihren Gesichtern alle Abstufungen von Qual und Angst zu studieren; selbst die Henker wundern sich über die Neugier, mit der er die letzten Muskelzuckungen der Hingerichteten verfolgt. »Du kannst dir gar keinen Begriff davon machen, Giovanni, was er für ein Mensch ist!« schloß Cesare mit einem bittern Lächeln seine Erzählung. »Er hebt einen Wurm vom Wege auf und setzt ihn auf ein Blatt, um ihn nicht zu zertreten. Wenn er aber in der Stimmung ist, kann er ruhig zusehen, wie ein Mensch, und wenn es auch seine Mutter wäre, weint und beobachten, wie sich die Brauen zusammenziehen, wie die Stirne Falten bildet und wie sich die Mundwinkel senken.«   Der Meister sagte: »Lerne von den Taubstummen ausdrucksvolle Bewegungen.«   »Wenn du Menschen beobachtest, so tu es so, daß sie es nicht merken: dann sind ihre Bewegungen, ihr Lachen und Weinen viel natürlicher.«   »Die Mannigfaltigkeit der menschlichen Bewegungen ist ebenso unendlich, wie die Mannigfaltigkeit der menschlichen Gefühle. Das höchste Ziel der Malerei ist, in den Gesichtsausdrücken und Körperbewegungen die seelischen Leidenschaften zum Ausdruck zu bringen.« »Merke dir: die von dir dargestellten Gesichter müssen so viel Gefühl ausdrücken, daß die Betrachter die Überzeugung gewinnen, dein Bild könnte selbst Tote zum Weinen oder Lachen bringen.« »Wenn der Maler etwas Schreckliches, Trauriges oder Komisches darstellt, so muß das Gefühl, welches das Bild beim Betrachter auslöst, ihn zu entsprechenden Bewegungen zwingen, als ob er selbst an der dargestellten Handlung beteiligt sei. Wenn du dies nicht erreicht hast, so wisse, Künstler, daß alle deine Anstrengungen umsonst waren.« »Ein Meister mit knochigen, knotigen Händen zeichnet mit Vorliebe Menschen mit knochigen, knotigen Händen; dasselbe gilt auch für alle anderen Körperteile, denn jeder Mensch bevorzugt solche Gesichter und Körper, die seinem eigenen Gesicht und Körper gleichen. Daher wählt ein Maler, der häßlich ist, für seine Darstellungen häßliche Gestalten und umgekehrt. Sei darauf bedacht daß die von dir dargestellten Männer und Frauen weder in ihrer Schönheit, noch in ihrer Häßlichkeit als Zwillingsbrüder und Schwestern erscheinen; dieser Fehler ist vielen italienischen Malern eigen. Denn der gefährlichste und verräterischste Fehler in der Malerei ist die Nachahmung des eigenen Körpers. Ich erkläre es mir damit, daß die Seele die Bildnerin ihres Körpers ist; sie hat ihn vor Zeiten nach ihrem eigenen Ebenbilde geschaffen und gebaut, und wenn sie jetzt mittels Pinsel und Farben einen neuen Körper schaffen soll, so wiederholt sie mit Vorliebe jene Gestalt, die sie einst selbst angenommen hat.«   »Strebe danach, daß dein Werk den Betrachter nicht abstößt wie kalte Winterluft einen eben vom Bette Aufgestandenen, sondern daß es ihn anzieht, wie die angenehme Frische eines Sommermorgens, die den Schlafenden aus seinem Bette lockt.«   Hier ist die Geschichte der Malerei, wie sie der Meister in wenigen Worten erzählte: »Nach dem römischen Zeitalter begannen die Künstler einander nachzuahmen und die Kunst geriet für viele Jahrhunderte in Verfall. Da kam aber der Florentiner Giotto, der sich nicht damit begnügen wollte, seinen Lehrer Cimabue nachzuahmen. Er war zwischen Bergen und Steppen, in denen nur Ziegen und ähnliche Tiere wohnen, aufgewachsen und da ihn die Natur selbst auf die Malerei gebracht hatte, zeichnete er auf Steinen die Bewegungen der Ziegen, die er hütete, und aller Tiere, die in seinem Lande wohnten; endlich, nach langen Studien kam es so weit, daß er nicht nur alle Meister seiner Zeit, sondern auch die vergangener Zeiten übertraf. Nach Giotto kam die Kunst der Malerei wieder in Verfall, denn jeder malte wieder nach fertigen Vorlagen. Dies dauerte Jahrhunderte, bis der Florentiner Tommaso, genannt Masaccio, mit seinen vollendeten Werken zeigte, wieviel Kraft jene Künstler vergeuden, die andere Vorlagen als die Natur, die Lehrmeisterin aller Meister, zum Vorbild nehmen.« »Das erste Kunstwerk war die Linie, die jemand um den von der Sonne auf eine Wand geworfenen Schatten eines Menschen gezogen hatte.«   Er sprach davon, wie der Künstler die Kompositionen zu seinen Bildern entwerfen soll, und führte uns als Beispiel die von ihm geplante Darstellung der Sintflut an: »Von Blitzen erleuchtete Wirbel und Wasserstrudel. Von einer Wasserhose fortgerissene Äste riesengroßer Eichen, an die sich Menschen festklammern. Schwimmende Trümmer von Hausgeräten, auf denen sich Menschen zu retten suchen. Herden von Vierfüßlern auf Hochebenen, von allen Seiten von Wasser bedroht; die Tiere steigen aufeinander, erdrücken und zerstampfen einander. Ein Haufen von Menschen, die den letzten Flecken Erde mit Waffen gegen Raubtiere verteidigen; die einen ringen die Hände und beißen sie so, daß Blut fließt, andere halten sich die Ohren zu, um das Gedröhne der Donner nicht zu hören, während andere die Augen schließen und noch obendrein beide Hände übereinanderlegen und sie so gegen die Augenlider pressen, um den nahenden Tod nicht zu sehen. Andere begehen Selbstmord: sie erdrosseln sich, erstechen sich mit den Schwertern, oder springen von den Klippen in die Flut. Mütter ergreifen, Gott verfluchend, ihre Kinder, und zerschellen ihre Köpfe an den Felsen. Verwesende Leichen schwimmen auf der Oberfläche; sie stoßen zusammen und prallen voneinander ab, wie mit Luft gefüllte Bälle. Vögel lassen sich auf den Leichen nieder, oder fallen erschöpft auf die noch lebenden Menschen und Tiere herab, da sie keinen andern Platz zum Ausruhen finden können.« Von Salaino und Marco hörte ich, daß Leonardo im Laufe vieler Jahre Reisende und alle anderen Leute, die Wasserhosen, Überschwemmungen, Orkane, Felsstürze und Erdbeben gesehen hatten, ausgefragt und sich so eine genaue Vorstellung von allen Einzelheiten verschafft hätte. Er sammelte sie wie ein Gelehrter Strich auf Strich, Beobachtung auf Beobachtung zur Komposition des Bildes, das er wohl nie ausführen wird. Ich weiß noch, daß mich, als ich seiner Beschreibung der Sintflut lauschte, das gleiche Gefühl gefangen nahm, wie beim Anblicke seiner Teufelsfratzen und Ungeheuer: nämlich ein Grauen, das mich anzog. Worüber ich noch besonders staunte: Der Meister schien, während er seinen schrecklichen Entwurf beschrieb, ruhig und leidenschaftslos. Als er von den sich im Wasser spiegelnden Blitzen sprach, sagte er: »In den vom Zuschauer entfernteren Wellen müssen mehr Spiegelungen der Blitze sein, als in den näheren; denn so erheischt es das Gesetz von der Spiegelung des Lichts in glatten Flächen.« Als er von den Leichen, die im Wasserstrudel gegeneinander prallen, sprach, bemerkte er: »Wenn du solche Zusammenstöße darstellst, so vergiß nicht das Gesetz der Mechanik, wonach der Winkel des Anpralles dem Winkel des Abpralles gleich ist.« Ich mußte unwillkürlich lächeln und dachte: »In dieser Ermahnung steckt der ganze Leonardo!«   Der Meister sagte: »Nicht die Erfahrung, die Mutter aller Wissenschaften und Künste, betrügt die Menschen, sondern die Einbildung, die das verspricht, was die Erfahrung nie zu geben vermag. Die Erfahrung ist unschuldig, aber unsere unsinnigen, eiteln Wünsche sind verbrecherisch. Indem die Erfahrung Lüge von Wahrheit scheidet, lehrt sie uns, nur nach dem Erreichbaren zu streben und nicht, aus Unwissenheit, Unerreichbares zu wollen; so bewahrt sie uns vor Verzweiflung, die betrogenen Hoffnungen folgt.« Cesare erinnerte mich später, als wir beide allein waren, an diese Worte und bemerkte, gleichsam angeekelt: »Wieder Lüge und Verstellung!« »Wo siehst du denn hier Lüge, Cesare?« fragte ich erstaunt. »Ich glaube, daß der Meister...« »Nicht nach dem Unmöglichen streben, auf das Unerreichbare verzichten!« fuhr Cesare fort, ohne auf mich zu hören. – »Vielleicht wird sich jemand finden, der es ihm glaubt. Ich bin aber nicht so dumm, mir soll er nicht mit solchen Dingen kommen! Ich durchschaue ihn ja...« »Was siehst du denn an ihm, Cesare?« »Daß er sein ganzes Leben lang nach Unmöglichem strebte und Unerreichbares wollte. Du wirst es doch selbst einsehen: Wenn einer Maschinen erfindet, um wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen oder wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen, strebt der nicht nach Unmöglichem? Und das Grauen der Sintflut, die märchenhaften Ungeheuer auf einer verschimmelten Wand und die märchenhafte Schönheit seiner göttlichen, engelsgleichen Gestalten, hat er sie denn aus seiner Erfahrung geschöpft, aus seinen mathematischen Nasentabellen, oder aus dem Farben-Meßlöffel? ... Warum betrügt er dann sich und die andern, warum lügt er? Er braucht die Mechanik zu einem Wunder: um auf Flügeln in den Himmel zu fliegen, um die natürlichen Kräfte gegen die menschliche Natur und gegen die Naturgesetze anzuwenden und sie zu überwinden, ganz gleich wohin das führen sollte, zu Gott oder zum Teufel, jedenfalls aber zum Unbekannten und Unmöglichen! Einen richtigen Glauben hat er wohl nicht, aber eine unersättliche Neugier; je weniger er glaubt, um so neugieriger ist er: seine Neugier ist wie eine unstillbare Wolllust, wie Kohlenglut, die man durch nichts löschen kann, weder mit Wissen, noch mit Erfahrung!« Cesares Worte erfüllten meine Seele mit Angst und Unruhe. Ich muß immer an sie denken und will und kann sie nicht vergessen. Heute sagte mir der Meister, als ob er meine Zweifel errate: »Geringes Wissen macht die Menschen hochmütig, großes Wissen macht sie demütig. So heben die leeren Ähren ihre Köpfe stolz zum Himmel, die vollen beugen sie aber zur Erde, die ihre Mutter ist.« »Meister, warum heißt es dann,« fragte Cesare mit seinem gewöhnlichen prüfenden und beißenden Lächeln, – »warum heißt es dann, daß das große Wissen, welches der leuchtendste der Cherubim – Lucifer besaß, ihn nicht demütig, sondern hochmütig machte, wofür er auch in die Hölle gestürzt wurde?« Leonardo gab darauf keine Antwort, aber nach einer Weile erzählte er uns die Parabel: »Ein Wassertropfen wollte einst in den Himmel steigen. Mit Hilfe des Feuers flog er als feiner Dampf auf. In der Höhe begegnete er aber dünner und kalter Luft; da verdichtete er sich und wurde schwer, sein Hochmut verwandelte sich in Schrecken. Der Tropfen fiel als Regen nieder. Die trockene Erde sog ihn ein. Und lange Zeit mußte das Wasser im unterirdischen Kerker seine Sünde büßen.«   Ich glaube, daß man ihn um so weniger kennt, je länger man mit ihm lebt. Heute vergnügte er sich wieder wie ein Kind. Und was für Scherze ihm immer einfallen! Ich saß abends oben in meiner Klause und las mein Lieblingsbuch: »Der Blütenkranz des heiligen Franziscus«. Plötzlich hörte ich unsere Köchin Maturina durch das ganze Haus schreien: »Es brennt! Es brennt! Zu Hilfe! Feuer!« Ich lief hinunter und erschrak, denn die Werkstatt war in dichten Rauch gehüllt. Der Meister stand von einer blauen Flamme wie von einem Blitz beleuchtet und in Rauchwolken gehüllt, wie ein alter Magier da und blickte lustig lachend auf Maturina, die vor Schreck ganz blaß war und mit den Armen fuchtelte, und auf Marco, der mit zwei Wassereimern herbeigestürzt kam; er hätte das Wasser wohl über den Tisch gegossen, ohne die herumliegenden Zeichnungen und Handschriften zu schonen, wenn der Meister ihm nicht zugerufen hätte, daß alles nur Scherz sei. Da gewahrten wir erst, daß der Rauch und die Flamme von einer glühenden Kupferpfanne kamen, die ein weißes Pulver – ein Gemenge aus Weihrauch und Kolophonium – enthielt; diese Mischung hatte er zur Veranstaltung von Scheinfeuerbrünsten zu Vergnügungszwecken erfunden. Ich weiß nicht, wer größere Freude an diesem Streiche gehabt hat: sein treuer Spielkamerad, der kleine Schelm Jacopo, oder Leonardo selbst. Wie herzlich hat er über Maturinas Angst und über Marcos Löscheimer gelacht! Bei Gott! wer so lacht, der kann unmöglich ein schlechter Mensch sein! Doch hat er sich bei all dem Gelächter und der Heiterkeit nicht die Gelegenheit entgehen lassen, die Runzeln und Hautfalten, welche die Angst auf Maturinas Gesicht hervorgerufen hatte, zu beobachten.   Er spricht fast nie von Frauen. Nur einmal ließ er die Bemerkung fallen, daß die Menschen sie ebenso grausam behandeln wie die Tiere. Die jetzt in Mode gekommene platonische Liebe verlacht er. Einem verliebten Jüngling, der ein weinerliches Sonett in der Art Petrarcas rezitierte, antwortete er mit drei Versen, wohl den einzigen, die er in seinem Leben gemacht hat: S'el Petrarca amò forte il lauro, – E perchè gli è bon fralla salsiccia e tordo. I'non posso di lor ciancie far tesauro. »Wenn Petrarca den Lorbeer (=Laura) so sehr liebte, so kam es wohl daher, daß Lorbeerblätter einen guten Zusatz zu Würsten und Krametsvögeln geben. Ich kann mich für solche Dummheiten nicht begeistern.« Cesare behauptet, Leonardo habe sich in seinem Leben so viel mit Mechanik und Geometrie abgegeben, daß ihm für die Liebe keine Zeit übrig blieb; doch sei er wohl kaum jungfräulich, denn wenigstens einmal müsse er sich mit einem Weibe vereinigt haben, wenn auch nicht zum Genuß, wie die gewöhnlichen Sterblichen, so doch wenigstens zu wissenschaftlichen und anatomischen Forschungen; an das Mysterium der Liebe sei er wohl mit der gleichen mathematischen Genauigkeit und ebenso leidenschaftslos herangetreten, wie an alle anderen Naturerscheinungen.   Zuweilen glaube ich, daß ich mit Cesare eigentlich nie über ihn sprechen sollte. Wir belauschen und beobachten ihn wie Spione. Cesare empfindet eine boshafte Freude, so oft es ihm gelingt, einen neuen Schatten auf den Meister zu werfen, was will er doch von mir, warum vergiftet er meine Seele? Wir besuchen jetzt öfters eine kleine elende Kneipe neben dem Catarana-Zollhause, hinter dem Vercellina-Tore. Wir sitzen da bei einer halben Brenta billigen sauren Weines, unter fluchenden Bootsleuten, die mit schmierigen Karten spielen, und tuscheln wie Verräter. Heute fragte mich Cesare, ob es mir bekannt sei, daß gegen Leonardo in Florenz die Anklage wegen Sodomie erhoben worden sei. Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte, daß Cesare betrunken sei oder phantasiere. Aber er erklärte mir die Sache ausführlich und genau. Im Jahre 1476 – Leonardo war damals 24 Jahre alt und sein Lehrer, der berühmte Florentiner Meister Andrea Verrocchio 40 Jahre – wurde in eine jener Holztrommeln – » tamburi «, – die an den Säulen der Florentiner Kirchen, hauptsächlich am Dome Maria del Fiore hängen, eine anonyme Anzeige gegen Leonardo und Verrocchio wegen Päderastie geworfen. Am 9. April des gleichen Jahres wurde die Sache von den Nacht- und Klosteraufsehern – Ufficiali di notte e monasteri – untersucht; beide Angeklagte wurden freigesprochen und zwar mit der Bedingung, daß bei einer neuen Anzeige die Sache wieder verhandelt werde – assoluti cum conditione, ut retamburentur ; nach einer neuen Anzeige wurden sie am 9. Juni endgiltig freigesprochen. Dies ist alles, was man von der Sache weiß. Leonardo verließ bald darauf die Werkstatt Verrocchios und zog aus Florenz nach Mailand. »Alles ist natürlich schändliche Verleumdung!« schloß Cesare mit einem ironischen Ausdruck in den Augen seine Rede. »Du weißt zwar noch nicht, Giovanni, wieviel Widersprüche in seinem Herzen wohnen. Es ist ein Labyrinth, in dem der Teufel selbst nicht Bescheid weiß. Da wimmelt es von Rätseln und Geheimnissen! Einerseits ist er vielleicht wirklich jungfräulich, aber andererseits...« Ich fühlte plötzlich all mein Blut zum Herzen strömen... ich sprang auf und schrie: »Wie unterstehst du dich, Schurke!« »Was hast du denn? Ich bitte dich... Gut, ich werde nie wieder davon sprechen. Beruhige dich. Ich hatte wirklich nicht erwartet, daß du es so ernst nehmen würdest...« »Was nehme ich ernst? Was? Sag mir alles, aber ehrlich und offen!« »Unsinn! Wozu die Aufregung? Es hat ja keinen Sinn, wenn solche Freunde wie wir wegen einer Dummheit in Streit geraten. Auf dein Wohl! In vino veritas ...« Wir tranken und sprachen weiter. Nein, nein, genug! Nicht mehr daran denken! Dies war das letzte Mal, ich will nie wieder mit ihm über den Meister sprechen. Er ist nicht nur sein Feind, sondern auch mein Feind. Er ist ein schlechter Mensch. Es ekelt mich, ich weiß nicht, ob es vom Weine kommt, den wir in der verfluchten Kneipe getrunken haben, oder von unsern Gesprächen. Es ist eine Schande, welche gemeine Freude manche Menschen daran haben, einen Großen zu erniedrigen.   Der Meister sagte: »Künstler, deine Kraft ist in der Einsamkeit. Bist du allein, so gehörst du nur dir; bist du aber mit einem Freund zusammen, so gehörst du dir nur halb, oder noch weniger, je nach der Unbescheidenheit deines Freundes. Hast du aber mehrere Freunde, so ist das Unglück noch größer. Wenn du sagst, ich will mich von euch abwenden und allein sein, um mich mit größerer Freiheit der Betrachtung der Natur widmen zu können, so sage ich dir: es wird dir kaum gelingen, denn du wirst nicht die Kraft haben, um auf ihr Geschwätz nicht zu hören und auf Zerstreuung zu verzichten. Du wirst ein schlechter Freund und ein noch schlechterer Arbeiter sein, denn niemand kann zweien Herren dienen. Und wenn du einwendest: ich will so weit fortgehen, daß mich ihre Worte nicht erreichen, so sage ich dir: sie werden dich für verrückt halten und dann bleibst du allein. Wenn du aber durchaus Freunde haben willst, so wähle sie unter den Malern und den Schülern deiner Werkstatt. Jede andere Freundschaft ist gefährlich. Merke dir, Künstler: deine Kraft ist in der Einsamkeit.«   Jetzt verstehe ich, warum Leonardo den Frauen aus dem Wege geht: zur großen Beschaulichkeit braucht er große Freiheit.   Andrea Salaino klagt manchmal sehr bitter über die Langeweile unseres eintönigen einsamen Lebens und behauptet, daß bei anderen Meistern die Schüler viel lustiger leben. Er liebt Putz wie ein junges Mädchen und ist unglücklich, wenn er seine neuen Sachen niemandem zeigen kann. Er liebt Feste, Lärm, Glanz, Trubel und verliebte Blicke. Der Meister hörte heute die Klagen und Vorwürfe seines Lieblings an. Er fuhr ihm mit seiner gewohnten Gebärde über die langen, weichen Locken und sagte mit gutmütigem Lächeln: »Tröste dich, Kind: ich verspreche dir, daß ich dich zum nächsten Hoffest ins Schloß mitnehmen werde. – Soll ich dir jetzt eine kleine Parabel erzählen?« »Ja, Meister!« rief Andrea freudig und setzte sich zu Leonardos Füßen. »Auf einem Hügel über der Landstraße lag an einer Gartenmauer zwischen Bäumen, Moos, Blumen und Gräsern ein Stein. Einmal sah er unten auf der Landstraße andere Steine liegen; er bekam Lust, zu ihnen hinabzusteigen und sagte zu sich selbst: ›Was für Freude habe ich an diesen verzärtelten und vergänglichen Blumen und Gräsern? Ich ziehe es vor, unter meinen Nächsten und Brüdern, unter Steinen, die meinesgleichen sind, zu wohnen.‹ Da rollte er auf die Landstraße hinunter, zu denjenigen, die er seine Nächsten und Brüder nannte. Hier drückten ihn aber die Räder schwer beladener Wagen und traten ihn die Hufe der Esel und Maultiere und die nagelbeschlagenen Stiefel der Fußgänger. Wenn es ihm aber manchmal gelang, sich etwas zu erheben und er wieder freier aufatmen wollte, da bedeckte ihn sofort klebriger Kot und Unrat der Tiere. Da blickte er traurig zu seinem früheren Platz, zu der einsamen Stätte an der Gartenmauer hinauf und sie erschien ihm wie ein Paradies. – So geschieht es denen, Andrea, die ihre stille Beschaulichkeit aufgeben und sich in die ewig bösen Leidenschaften der Menge stürzen.«   Der Meister leidet nicht, daß man Tieren und selbst Pflanzen ein Leid antut. Der Mechaniker Zoroastro da Peretola erzählte mir, daß Leonardo von seiner frühesten Jugend an kein Fleisch genieße und behaupte, daß einst alle Menschen, gleich ihm sich mit Pflanzenkost begnügen und zu der Ansicht gelangen würden, daß das Morden von Tieren ebenso verbrecherisch sei, wie Menschenmord. Als wir einst an einem Metzgerladen am Mercato Nuovo vorbeigingen, wies er mit Abscheu auf die auf Holzgestellen hängenden Kälber, Lämmer, Ochsen und Schweine und sprach: »Der Mensch ist wahrlich König der Schöpfung, oder richtiger – König der Tiere, denn an tierischer Roheit übertrifft er sie alle.« Nach einer Pause fügte er mit stiller Trauer hinzu: »Wir bauen unser Leben aus fremden Toten auf! Menschen und Tiere sind ewige Totenstätten, die einen sind die Gräber der andern, und umgekehrt...« »So will es das Gesetz der Natur, deren Güte und Weisheit Ihr selbst verherrlicht, Meister!« wandte Cesare ein. »Ich kann nicht begreifen, warum Ihr durch Eure Enthaltung von Fleisch das Naturgesetz verletzt, das allen Geschöpfen befiehlt, sich gegenseitig zu verzehren.« Leonardo blickte ihn an und erwiderte ruhig: »Die Natur hat unendliche Freude an der Erfindung neuer Formen und an der Erschaffung neuen Lebens und sie bringt sie mit größerer Schnelligkeit hervor, als sie die Zeit zu vernichten vermag; sie hat es so eingerichtet, daß die Geschöpfe einander verzehren und so für kommende Generationen Platz schaffen. Daher schickt sie auch ansteckende Krankheiten und Epidemien dorthin, wo sich die Geschöpfe zu stark vermehrt haben, vorwiegend aber zu Menschen, bei denen die Zahl der Geburten von der Zahl der Todesfälle nicht aufgewogen wird, denn sie fallen fast nie andern Tieren zum Opfer.« So erklärt Leonardo mit einer großen Ruhe des Geistes, ohne Klage und Empörung die Naturgesetze; und doch enthält er sich jeder Nahrung, die von Lebewesen stammt und folgt also einem andern Gesetze.   Gestern nacht las ich wieder lange im Buche, von dem ich mich nie trenne – in dem »Blütenkranz des heiligen Franziscus«. Franziscus liebte die Tiere wie Leonardo. Zuweilen brachte er ganze Stunden statt im Gebet, in seinem Bienengarten, in Betrachtung der Bienen, die ihre Wachszellen bauten und sie mit Honig füllten, zu; so pries er die Weisheit Gottes. Einmal predigte er auf einem öden Berge das Wort Gottes den Vögeln; sie saßen in Reihen zu seinen Füßen und hörten zu; als er zu Ende war, rührten sie ihre Flügel, begannen zu zwitschern und schmiegten sich mit offenen Schnäbeln an das Kleid des Heiligen, als ob sie ihm sagen wollten, daß sie seine Predigt verstanden hätten; er segnete sie und sie flogen mit fröhlichem Schreien davon. Lange las ich in diesem Buch. Dann schlief ich ein; durch meinen Schlaf zog ein zartes Wehen, gleichwie von vielen Taubenflügeln. Ich erwachte früh. Die sonne war soeben aufgegangen. Alles schlief noch. Ich ging in den Hof, um mich mit dem kalten Wasser des Brunnens zu waschen. Alles war still. Fernes Glockengeläute ließ sich wie summen von Bienen vernehmen. Die Luft war kühl und etwas dunstig. Plötzlich hörte ich das Rauschen unzähliger Flügel, wie in meinem Traume. Ich blickte auf und gewahrte Messer Leonardo auf der Leiter eines hohen Taubenschlags. Sein von den Sonnenstrahlen durchleuchtetes Haar umgab seinen Kopf wie mit einem Heiligenscheine und so stand er freudevoll und einsam unter dem Himmel. Ein Schwarm weißer Tauben drängte sich girrend zu seinen Füßen, sie umflatterten ihn und setzten sich zutraulich auf seinen Kopf, auf seine Schultern und Hände. Er liebkoste sie und fütterte sie aus seinem Munde. Dann hob er gleichsam segnend die Arme, – und die Tauben flatterten auf, das Schlagen ihrer Flügel klang wie das Rauschen von Seide; sie flogen einem Schneegestöber gleich dahin und verloren sich im Blau. Leonardo begleitete sie mit zärtlichem Lächeln. Und ich sagte mir, daß Leonardo dem heiligen Franziscus gleiche, der allen Lebewesen Freund war, den Wind seinen Bruder, das Wasser seine Schwester und die Erde seine Mutter nannte.   Gott verzeihe mir! Ich hielt es nicht aus und ging wieder mit Cesare in die verdammte Kneipe. Ich brachte die Sprache auf Leonardos Barmherzigkeit. »Du denkst wohl daran, Giovanni, daß Messer Leonardo kein Fleisch ißt und von den Gräsern des Feldes lebt?« »Und wenn es auch nur dies Eine wäre, Cesare? Ich weiß, daß er...« »Nichts weißt du! Messer Leonardo tut es gar nicht aus Barmherzigkeit, sondern es ist bei ihm die gleiche Spielerei wie alles andere. Er will nur den Sonderling spielen...« »Einen Sonderling spielen? Was sagst du da?...« Er lächelte mit erkünstelter Heiterkeit und sagte: »Laß es gut sein! Ich will nicht mit dir streiten. Zu Hause will ich dir aber einige interessante Zeichnungen unseres Meisters zeigen.« Nach Hause zurückgekehrt, schlichen wir unhörbar wie Diebe in die Werkstatt des Meisters. Er war nicht da. Cesare suchte herum, zog aus einem Haufen von Büchern ein Heft hervor und zeigte mir die Zeichnungen. Ich wußte, daß ich Unrecht tat, doch konnte ich die Neugier nicht bezwingen und vertiefte mich in diese Blätter. Es waren Darstellungen riesengroßer Bombarden, Sprengbomben, vielläufiger Kanonen und anderer Kriegsmaschinen, mit der gleichen luftigen Zartheit der Lichter und Schatten ausgeführt, wie die schönsten seiner Madonnengestalten. Da fiel mir eine Bombe auf, genannt die »Fragilica«. Cesare erklärte mir ihre Einrichtung: sie ist eine halbe Elle groß, aus Bronze gegossen und mit Werg, Gips, Fischbein, Wollfetzen, Pech und Schwefel gefüllt; in dieser Füllung liegt aber ein ganzes Labyrinth von verschlungenen Kupferröhren, die mit den stärksten Ochsensehnen umwickelt sind und Pulver und Kugeln enthalten. Die Mündungen der Röhren liegen in einer Schraubenlinie auf der Oberfläche der Bombe. Bei der Explosion kommt aus diesen Mündungen Feuer und die Fragilica dreht sich dann, Feuergarben speiend, mit rasender Geschwindigkeit wie ein Riesenkreisel. Auf dem Rande der Zeichnung stand eine Bemerkung von Leonardos Hand: »Dies ist eine Bombe von der besten und nützlichsten Konstruktion. Zwischen dem Kanonenschuß und ihrer Explosion vergeht so viel Zeit, als man braucht, um ein Ave Maria zu lesen.« »Ave Maria!« sagte Cesare. »Wie gefällt es dir, mein Freund? Diese unerwartete Anwendung des christlichen Gebets! Was dem Messer Leonardo nicht alles einfällt! Neben diesem Ungeheuer – ein Ave Maria!... weißt du, übrigens, wie er den Krieg nennt?« »Wie?« » Pazzia bestialissima – Die tierischste Dummheit. Das Wort nimmt sich im Munde des Erfinders solcher Maschinen doch nicht schlecht aus?« Er wendete das Blatt und zeigte mir die Darstellung eines Streitwagens mit riesengroßen eisernen Sensen. Er schneidet sich mit seiner vollen Geschwindigkeit in das feindliche Heer hinein. Riesengroße sichelförmige rasiermesserscharfe Stahlschneiden, die wie Füße einer Riesenspinne aussehen, drehen sich, wohl mit schrillem Pfeifen, Rasseln und Knarren der Zahnräder, in der Luft, und schneiden, Fetzen von Fleisch und Ströme von Blut um sich werfend, die Menschen entzwei. Ringsumher liegen abgeschnittene Beine, Arme, Köpfe und verstümmelte Körper. Ich besinne mich noch auf eine andere Zeichnung: im Hofe eines Arsenals heben unzählige nackte Arbeiter, die Dämonen gleichen, eine Riesenkanone mit einem drohenden Schlund in die Höhe. Sie spannen in ungeheurer Anstrengung ihre gewaltigen Muskeln an, klammern sich fest und stemmen mit Füßen und Händen gegen die Hebel einer riesenhaften, durch seile mit einem Hebewerk verbundenen Winde. Andere Arbeiter rollen die auf zwei Rädern laufende Achse heran. Diese nackten, in der Luft hängenden Leiber erfüllten mich mit Schrecken. Es sah wie ein Arsenal des Teufels, wie eine Höllenschmiede aus. »Nun? Hatte ich nicht recht, Giovanni?« sagte Cesare. »Sind diese Bildchen nicht höchst interessant? Hier hast du den heiligen Mann, der die Tiere liebt, kein Fleisch ißt und einen Wurm vom Wege hebt, damit ihn niemand zertrete! Er ist beides zugleich: heute Teufel, morgen Heiliger. Er ist ein Janus mit zwei Gesichtern: das eine schaut auf Christus, das andere auf den Antichrist, versuche nun zu ergründen, welches das wahre und welches das falsche Gesicht ist. Oder sind beide wahr?... Und das alles geschieht mit leichtem Herzen, mit unergründlicher bezaubernder Schönheit, gleichsam scherzend und spielend!« Ich hörte schweigend zu; eine Kälte, wie ein Hauch des Todes, durchschauerte mich. »Was hast du, Giovanni?« – bemerkte Cesare. – »Du bist ja totenblaß, du Armer! Du nimmst dir dies Alles zu sehr zu Herzen, Freund!... Warte ein wenig, Geduld bringt Huld! Hast du dich erst daran gewöhnt, wirst du dich über nichts mehr wundern, so wie ich. – Jetzt wollen wir aber in die Goldene Schildkröte gehen und noch etwas trinken. Dum vinum potamus – Bacchus, höre unser Lied: Te Deum laudamus! « Ich gab ihm keine Antwort, bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief davon.   Wie? Soll es der gleiche Mensch sein? Jener, der wie der heilige Franziscus mit einem unschuldigen Lächeln die Tauben segnet, und jener, der in der Höllenschmiede ein eisernes Ungeheuer mit bluttriefenden Spinnenbeinen erfindet – der gleiche Mensch? Nein, dies kann nicht sein, so kann ich es nicht ertragen! Lieber alles andere als das! Lieber gottlos, als Knecht Gottes und des Teufels, als das Antlitz Christi und das des Räubers Sforza zugleich tragen.   Marco d'Oggione sagte ihm heute: »Messer Leonardo, viele werfen dir und uns, deinen Schülern, vor, daß wir nur sehr selten die Kirche besuchen und an Feiertagen wie an Werktagen arbeiten.« »Die Scheinheiligen mögen sagen, was sie wollen!« erwiderte Leonardo. »Euer Herz soll sich dadurch nicht verwirren lassen, meine Freunde! Das Studium von Naturerscheinungen ist eine Arbeit, die Gott wohlgefällt. Es ist dasselbe, wie Beten. Indem wir in die Naturgesetze eindringen, ehren wir den ersten Erfinder, den Künstler des Weltalls und lernen ihn lieben, denn die große Liebe zu Gott kommt nur von vielem Wissen. Wer wenig weiß, der liebt auch wenig. Wenn du aber den Schöpfer nur für die zeitlichen Gnaden, die du von ihm erhoffst, und nicht für seine ewige Güte und Stärke liebst, so bist du wie ein Hund, der in Erwartung eines guten Bissens mit dem Schweife wedelt und die Hand seines Herrn beleckt. Stelle dir vor, wie sehr der Hund seinen Herrn lieben müßte, wenn er auch seine Seele und seinen Geist verstehen würde. Merkt es euch, meine Kinder: die Liebe ist die Tochter der Erkenntnis und sie ist um so heißer, je tiefer die Erkenntnis ist. Im Evangelium heißt es: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.« »Kann man denn die Klugheit der Schlange mit der Unschuld der Taube vereinigen?« fragte Cesare. »Mir scheint, man müsse sich für eines von den beiden entscheiden...« »Nein, beides zugleich!« erwiderte Leonardo. »Beides zugleich denn das eine ist ohne das andere unmöglich: vollkommene Erkenntnis und vollkommene Liebe ist ein und dasselbe.«   Ich las heute im Apostel Paulus und fand im achten Kapitel des ersten Briefes an die Korinther folgende Worte: »Das Wissen bläset auf, aber die Liebe bessert. So aber sich jemand dünken läßt, er wisse etwas, der weiß noch nichts, wie er wissen soll. So aber jemand Gott liebet, derselbige ist von ihm erkannt.« Der Apostel sagt, die Erkenntnis käme von der Liebe, und Leonardo sagt, die Liebe käme von der Erkenntnis. Wer hat nun recht? Ich kann es nicht entscheiden und ich kann nicht leben, ohne es entschieden zu haben.   Mir ist es, als hatte ich mich in den Irrgängen eines schrecklichen Labyrinthes verloren. Ich rufe und schreie und höre keine Antwort. Je weiter ich gehe, um so mehr verirre ich mich, wo bin ich? Was wird aus mir, wenn du mich verlässest, o Herr?   O Fra Benedetto! wie sehne ich mich in deine stille Zelle zurück, um mein Haupt an deine Brust zu schmiegen und dir all mein Leid zu erzählen, damit du dich meiner erbarmtest und diese Last von meiner Seele nähmest! Du mein geliebter Vater, mein frommes Lamm, der du das Gebot Christi erfüllt hast: »Selig sind, die da geistlich arm sind!« Heute gab es neuen Kummer. Der Hof-Historiograph Messer Giorgio Merula und sein alter Freund, der Dichter Bernardo Bellincioni unterhielten sich unter vier Augen in einem der leeren Schloßsäle. Es war nach der Abendtafel und Merula war daher etwas angeheitert. Er spielte, wie er es oft tut, den Freidenker und erging sich in verächtlichen Äußerungen über die unbedeutenden Fürsten unserer Zeit und namentlich über den Herzog Moro; er brachte die Sprache auf ein Sonett Bellincionis, das den Herzog als Wohltäter Gian-Galeazzos preist, und nannte Moro einen Mörder, der den rechtmäßigen Herzog vergiftet habe. Der Herzog belauschte aber dieses Gespräch durch das kunstvolle »Ohr des Dionys« aus einem andern Raume des Schlosses und befahl, Merula zu verhaften und in ein Verließ unter dem Hauptfestungsgraben Redifono, der das ganze Schloß umgibt, zu werfen. Was mag sich wohl dabei Leonardo denken, der dieses Dionys-Ohr eingerichtet hat, ohne an Gut und Böse zu denken, nur um an dieser Einrichtung gewisse ihn interessierende Naturgesetze studieren zu können? Für den es nur, wie sich Cesare ausdrückt, Scherz und Spiel war, wie alles, was er tut, wie auch die ungeheuerlichen Kriegsmaschinen, Platzbomben und eisernen Spinnen, die mit einem Schlage ihrer Riesenbeine an die fünfzig Menschen entzweihauen.   Der Apostel sagt: »Und wird also über deiner Erkenntnis der schwache Bruder umkommen, um welches Willen doch Christus gestorben ist.« Ist denn das die Erkenntnis, aus der die Liebe kommt? Und ist vielleicht Liebe und Erkenntnis doch nicht ein und dasselbe?   Das Gesicht des Meisters ist zuweilen so heiter, unschuldig und so engelsrein, daß ich bereit bin, ihm alles zu vergeben, ihm alles zu glauben und ihm wieder meine Seele zu schenken. Da zuckt es aber plötzlich in den unergründlichen Linien seiner dünnen Lippen, und mich überfällt ein unsagbares Grauen, als hätte ich durch eine klare Flut in tiefe Abgründe geblickt. Dann glaube ich wieder, daß in seiner Seele ein Geheimnis wohnt, und ich muß dann an eines seiner Rätsel denken: »Die größten Flüsse fließen unter der Erde.«   Der Herzog Gian-Galeazzo ist gestorben. Man sagt – Gott sei mein Zeuge, daß es mir schwer fällt, es niederzuschreiben und daß ich daran nicht glaube! – man sagt, Leonardo sei sein Mörder; er habe den Herzog mit den Früchten seines vergifteten Baumes getötet. Ich besinne mich, wie der Mechaniker Zoroastro da Peretola diesen verfluchten Baum Kassandra zeigte, hätte ich ihn doch nie gesehen! Jetzt verfolgt er mich und ich sehe ihn wieder vor mir, wie er in jener Nacht vor mir stand: im grünlichen monddurchtränkten Nebel, mit seinen still reifenden Früchten, vom Grauen des Todes umgeben. Und wieder denke ich an die Worte der Schrift: »Aber vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.« O wehe, wehe mir Verdammten! In der trauten Zelle meines Vaters Benedetto war ich in meiner unschuldigen Einfalt wie der erste Mensch im Paradiese. Nun habe ich gesündigt, habe meine Seele den Versuchungen der weisen Schlange zugewendet und vom Baume der Erkenntnis gegessen: da wurden meine Augen aufgetan und ich sah Gutes und Böses, Licht und Schatten, Gott und Teufel. Und ich wurde auch gewahr, daß ich nackt bin, und einsam und arm und meine Seele muß nun des Todes sterben.   Aus der Hölle rufe ich zu dir, Herr, neige dein Ohr der Stimme meines Flehens, erhöre mich und sei mir gnädig! Wie der Schächer am Kreuze, bekenne ich deinen Namen: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!   Leonardo malt wieder am Gesicht Christi.   Der Herzog betraute ihn mit dem Baue der Maschine, die den heiligsten Nagel hochheben soll. Er wird mit mathematischer Genauigkeit das Werkzeug der Leiden Christi auf seiner Wage wägen, als ob es ein Stück altes Eisen wäre. Er wird die Zahl der Unzen und Grade feststellen und das Heiligtum wird für ihn nur eine Ziffer unter Ziffern, nur ein Teil unter anderen Teilen seiner Aufzugsmaschine sein, unter den Schnüren, Rädern, Hebeln und Rollen!   Der Apostel sagt: »Kinder, es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehöret habt, daß der Antichrist kommt, so sind nun viele Antichristen worden; daher erkennen wir, daß die letzte Stunde ist.«   Nachts wurde unser Haus von einem Volkshaufen umzingelt, sie forderten den heiligsten Nagel und schrieen: »Hexenmeister! Gottloser! Mörder des Herzogs! Antichrist!« Leonardo hörte das Geschrei des Pöbels ohne Zorn. Als Marco mit der Arkebuse schießen wollte, verwehrte er ihm das. Das Gesicht des Meisters blieb ruhig und undurchdringlich wie immer. Ich fiel ihm zu Füßen und flehte ihn um ein Wort, das meine Zweifel zerstören könnte. Ich schwöre beim lebendigen Gotte, ich hätte ihm alles geglaubt! Aber er wollte oder konnte mir nichts sagen. Der kleine Jacopo sprang hinaus, lief um die Menge herum und begegnete einige Straßen weiter den Reitern des Kapitäns der Giustizia, die gerade ihre Runde machten. Er brachte sie uns zur Hilfe und gerade in dem Augenblick, als die Türe eingeschlagen wurde und der Pöbel ins Haus stürzte, überfielen die Soldaten die Leute im Rücken. Die Aufwiegler liefen davon. Jacopo wurde mit einem Steine am Kopfe verwundet; es kann ihm sein Leben kosten.   Heute war ich im Dome bei dem Feste des heiligsten Nagels. Er wurde genau in dem von den Astrologen vorbestimmten Augenblick hoch gehoben. Leonardos Maschine arbeitete vorzüglich. Man sah weder die Schnüre, noch die Rollen. Der runde Glasschrein mit den goldenen Strahlen, der den Nagel einschließt, schien ganz von selbst, wie die aufgehende Sonne, in Weihrauchwolken gehüllt in die Höhe zu schweben. Es war ein Wunder der Mechanik, plötzlich erklang der Kirchenchor: Confixa clavis viscera Tendens manus vestigia Redemptionis gratia Hic immolata est Hostia In diesem Augenblick blieb der Schrein in der dunklen Wölbung über dem Hauptaltar, zwischen fünf ewigen Lampen stehen. Der Erzbischof verkündete: » O crux benedicta, quae sola, fuisti digna portare Regem coelorum et Dominum. Alleluja !« Das Volk sank in die Knie und rief mit ihm: »Alleluja!« Und der Räuber des Throns, der Mörder Moro, hob seine Hände weinend zum heiligsten Nagel. Das Volk wurde später mit Wein, ganzen gebratenen Ochsen, fünftausend Maß Erbsen und vierhundert Zentnern Speck traktiert: Der Pöbel vergaß den ermordeten Herzog, überaß und betrank sich und schrie: »Es lebe Moro! Es lebe der Nagel!« Bellincioni verfaßte ein Gedicht in Hexametern, in dem es hieß, daß unter der milden Herrschaft des Augustus, des Lieblings der Götter Moro aus dem alten eisernen Nagel ein neues goldenes Zeitalter erstrahlen würde. Nach Verlassen des Domes ging der Herzog auf Leonardo zu, umarmte und küßte ihn, nannte ihn seinen Archimedes, dankte ihm für die wunderbare Aufzugsmaschine und versprach ihm eine vollblütige berberische Stute aus seinem eigenen Gestüte in der Villa Sforzesca, nebst zweitausend Reichsdukaten zum Geschenk; dann klopfte er ihm gnädig auf die Schulter und sagte ihm, er könne jetzt in Ruhe das Antlitz Christi auf dem heiligen Abendmahl vollenden.   Jetzt verstehe ich das Wort der Schrift: »Ein Zweifler ist unbeständig in allen seinen Wegen.« Ich halte es nicht länger aus! Ich gehe zugrunde! Diese Zweifel, dieses Antlitz des Antichrist, das aus dem Antlitze Christi hervorlugt, bringen mich um meinen Verstand. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?   Ich muß fliehen, so lange es nicht zu spät ist.   Ich stand nachts auf, packte meine Kleider, Wäsche und Bücher zu einem Bündel, nahm meinen Wanderstab, ging im Finstern tastend in die Werkstatt hinunter, legte auf den Tisch dreißig Florins, das Lehrgeld für die letzten sechs Monate (ich hatte meinen Smaragdring, ein Geschenk meiner Mutter, verkauft), und verließ, ohne von jemand Abschied zu nehmen, – alles schlief noch – für immer das Haus Leonardos.   Fra Benedetto sagte mir, daß er, seitdem ich ihn verlassen, allnächtlich für mich gebetet hätte und daß ihm im Traume eröffnet worden wäre, daß Gott mich auf den Weg des Heils zurückbringen würde. Fra Benedetto geht nach Florenz, um seinen kranken Bruder, der Mönch im Dominikanerkloster San Marco ist, zu besuchen. Der Abt dieses Klosters ist Girolamo Savonarola.   Preis und Dank dir, Herr! Du hast mich aus der Finsternis des Todes, aus dem Rachen der Hölle errettet! Jetzt sage ich mich los von der Weisheit dieser Zeit, die mit dem Siegel der siebenköpfigen Schlange versiegelt ist, mit dem Siegel des Tieres, das da in der Finsternis nahet und dessen Namen Antichrist ist. Ich sage mich los von den giftigen Früchten des Baumes der Erkenntnis, von dem Hochmut des weltlichen Verstandes, von der gottlosen Wissenschaft, deren Vater der Teufel ist. Ich sage mich los von jedem Ärgernis des heidnischen Zaubers. Ich sage mich los von allem, was nicht dein Wille, nicht dein Ruhm, nicht deine Weisheit ist, Christus mein Gott! Erleuchte meine Seele mit deinem einzigen Licht, errette mich von den verdammten Zweifeln, befestige meine Schritte auf deinen wegen, damit meine Füße nicht wanken, und beschirme mich mit dem Schatten deiner Fittiche! Meine Seele preise den Herrn! Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, meinem Gott lobsingen, solange ich bin!   In zwei Tagen gehe ich mit Fra Benedetto nach Florenz. Mit dem Segen und der Einwilligung meines geistlichen Vaters will ich Novize beim großen Auserwählten des Herrn Fra Girolamo Savonarola im Kloster San Marco werden. – Gott hat mich gerettet!   Hier schließt das Tagebuch des Giovanni Beltraffio. Siebentes Buch Die Verbrennung aller Eitelkeit I. Beltraffio war schon über ein Jahr lang Novize im Kloster San Marco. Girolamo Savonarola saß eines Nachmittags in den letzten Karnevalstagen des Jahres 1496 in seiner Zelle an seinem Arbeitstisch und schrieb sich das Gesicht auf, das ihm neulich von Gott gesandt war: Er sah über Rom zwei Kreuze schweben, das eine schwarz in einem todbringenden Sturmwinde mit der Inschrift: »Kreuz des göttlichen Zorns«, das andere leuchtend im Himmelsblau mit der Inschrift »Kreuz der göttlichen Barmherzigkeit«. Er fühlte sich müde und von Fieberfrost durchschüttelt. Er legte die Feder fort, stützte seinen Kopf in die Hände, schloß die Augen und begann über den Bericht nachzudenken, den ihm an diesem Morgen der von ihm nach Rom gesandte und soeben nach Florenz zurückgekehrte fromme Fra Pagolo über das Leben des Papstes Alexander VI. erstattet hatte. Ungeheuerliche Bilder, wie Gesichter der Apokalypse, tauchten vor ihm auf. Er sah den roten Stier aus dem Familienwappen der Borgias, ein Ebenbild des altägyptischen Apis; das goldene Kalb, das dem römischen Hohenpriester an Stelle des sanften Lammes Gottes dargebracht wird; die schamlosen nächtlichen Spiele, die nach dem Mahle in den vatikanischen Sälen vor dem heiligen Vater, seiner Tochter und den Kardinälen aufgeführt werden; die schöne blutjunge Maitresse des sechzigjährigen Papstes, Julia Farnese, die auf den Heiligenbildern in Gestalt der heiligen Jungfrau verherrlicht wird; die beiden ältern Söhne Alexanders – Don Cesare, Kardinal von Valencia und Don Juan, den Bannerträger der römischen Kirche, die einander aus sündhafter Lust zu ihrer Schwester Lucrezia nach dem Leben trachten. Girolamo zitterte, als er wieder daran dachte, was ihm Fra Pagolo kaum ins Ohr zu sagen wagte: an die blutschänderische Leidenschaft des Vaters zur Tochter, des alten Papstes zu Madonna Lucrezia. »Nein, nein, bei Gott, ich kann es nicht glauben ... Es ist Verleumdung ... Es kann ja nicht sein!« wiederholte er vor sich hin, und zugleich fühlte er, daß in dem schrecklichen Neste der Borgias alles möglich sei. Auf die Stirne des Mönchs trat kalter Schweiß. Er fiel in die Knie vor dem Kruzifix. Da wurde ganz leise an die Tür geklopft. »Wer ist da?« »Ich bin es, Vater!« Girolamo erkannte die Stimme seines Gehilfen und treuen Freundes, des Fra Dominico Buonvicini. »Der ehrenwerte Ricciardo Becchi, der Bevollmächtigte des Papstes, bittet dich, ihm eine Unterredung zu gewähren.« »Gut. Er soll warten, schick mir jetzt den Bruder Silvestro.« Silvestro Maruffi war ein geisteskranker Mönch, der an Epilepsie litt. Girolamo hielt ihn für das auserwählte Gefäß der göttlichen Gnade; er liebte und fürchtete ihn und legte seine Gesichte nach allen Regeln der verfeinerten Scholastik des großen Meisters der Schule – Thomas von Aquino – aus. Mit Hilfe spitzfindiger Deduktionen, logischer Sätze, Enthymemen, Apophthegmen und Syllogismen fand er prophetischen Sinn in den Worten, die den andern als sinnloses Lallen eines verrückten erschienen. Maruffi zeigte gar keine Ehrfurcht vor seinem Abte; oft beschimpfte er ihn in Gegenwart der andern Mönche; zuweilen schlug er ihn sogar. Girolamo nahm diese Beleidigungen demütig hin und gehorchte ihm in allen Dingen, wenn das Volk von Florenz in der Gewalt Girolamos war, so war Girolamo seinerseits in der Gewalt des geisteskranken Maruffi. Fra Silvestro erschien bald in Girolamos Zelle. Er setzte sich in die Ecke auf den Boden und begann, seine nackten roten Füße kratzend, ein eintöniges Lied zu summen. Sein sommersprossenbedecktes Gesicht mit einer nadelspitzen Nase, hängender Unterlippe und tränenden trüben flaschengrünen Augen hatte einen stumpfen und unfreundlichen Ausdruck. »Bruder,« sagte Girolamo, »es ist aus Rom ein Bote des Papstes gekommen. Sage mir, ob ich ihn empfangen und was ich ihm sagen soll, hast du schon vielleicht darüber ein Gesicht gehabt oder eine Stimme vernommen?« Maruffi schnitt eine Grimasse, bellte wie ein Hund und grunzte wie ein Schwein. Er hatte die Fähigkeit, alle Tierstimmen nachzuahmen. »Lieber Bruder,« flehte Savonarola, »sei so gut und sage ein Wort! Meine Seele ist bange wie vor dem Tode. Bete zu Gott, daß er dir prophetischen Geist sende ...« Der Verrückte streckte die Zunge aus, sein Gesicht verzerrte sich. »Was willst du von mir, du verdammter Pfeifer, du blödsinnige Wachtel, du Schafskopf?! Daß dir die Ratten die Nase abnagen!« schrie er plötzlich mit unerwarteter Gehässigkeit, »hast es dir selbst eingebrockt, so löffele es auch selbst aus. Ich bin nicht dein Prophet und nicht dein Ratgeber!« Er blickte Savonarola mürrisch an und fuhr dann mit veränderter Stimme etwas freundlicher und stiller fort: »Du tust mir leid, Bruder, du tust mir leid mit deiner Dummheit! ... Warum glaubst du auch, daß meine Gesichte von Gott kommen, und nicht vom Teufel?« Er verstummte und schloß die Augen. Sein Gesicht wurde unbeweglich, es schien beinahe tot. Savonarola hoffte, er würde nun ein Gesicht haben und hielt in andächtiger Erwartung inne. Maruffi öffnete wieder die Augen, wandte seinen Kopf gleichsam lauschend zur Seite, blickte zum Fenster und sagte mit gutmütigem, heiterem, beinahe kindlichem Lächeln: »Vögel! Hörst du, wie sie singen? Auf den Feldern gibt es jetzt wohl Gras und gelbe Blümchen. Ja, Bruder Girolamo, hast hier schon genug gehetzt, deinen Hochmut hast du gesättigt und auch dem Teufel Freude gemacht! Nun ist es genug. Mußt ja auch an Gott denken, wir wollen beide die verdammte Welt verlassen und in die süße Wüste ziehen!« Und dann sang er mit leiser angenehmer Stimme, seinen Oberkörper langsam hin und her wiegend, das Lied: Wir ziehen in den grünen Wald, Wo unterm Blätterdach So süß des Pirols Lied erschallt, So lieblich rauscht der Bach. Plötzlich sprang er, mit den eisernen Ketten klirrend, die er zur Selbstkasteiung am Körper trug, auf, lief auf Savonarola zu, ergriff seine Hand und flüsterte keuchend vor Wut: »Ich habe etwas gesehen, gesehen, gesehen! ... Du Teufelssohn, Eselskopf, daß die Ratten dir die Nase abnagen, – ich habe etwas gesehen! ...« »Was denn? Lieber Bruder, sag es rasch ...« »Feuer! Feuer!« erwiderte Maruffi. »Nun, und was weiter?« »Das Feuer eines Scheiterhaufens,« fuhr Silvestro fort, »und darin einen Menschen! ...« »Wen?« fragte Girolamo. Maruffi nickte und zögerte etwas mit der Antwort. Er bohrte seine durchdringenden grünen Augen in die des Savonarola, lachte leise, wie ein Verrückter, in sich hinein, neigte sich dann zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »Dich!« Girolamo fuhr zusammen und wankte zurück. Maruffi erhob sich und verließ die Zelle, seine Ketten klirrten und er summte das Liedchen: Wir ziehen in den grünen Wald, Wo unterm Blätterdach So süß des Pirols Lied erschallt, So lieblich rauscht der Bach. Als Girolamo seine Fassung wieder erlangt hatte, ließ er den päpstlichen Bevollmächtigten Ricciardo Becchi rufen. II. Mit seinem langen sutanenähnlichen seidenen Kleid rauschend, das in der Modefarbe des Märzveilchens leuchtete, lange venetianische Ärmel hatte und mit schwarzbraunem Fuchspelz besetzt war, und den Duft von Moschusambra um sich verbreitend, trat in Savonarolas Zelle der Skriptor der heiligsten apostolischen Kanzlei. In seinen Bewegungen, im klugen majestätisch-verbindlichen Lächeln, in den klaren, fast aufrichtigen Blicken und in den freundlich lächelnden Grübchen seiner frischen glattrasierten Wangen hatte Messer Ricciardo Becchi jene salbungsvolle Sanftmut, die allen Würdenträgern des römischen Hofes eigen ist. Er bat den Prior von San Marco um seinen Segen, wobei er sich mit einer beinahe höfischen Gewandtheit verbeugte, küßte seine magere Hand und begann im schönsten Latein und in langen, sich elegant entwickelnden ciceronischen Sätzen seine Rede. Er begann mit einer weitschweifenden Einleitung, die in der Redekunst »Captatio benevolentiae« – »Suchen nach Wohlwollen« heißt, erwähnte den großen Ruhm des Florentiner Predigers und ging dann direkt zur Sache über: der heilige Vater sei durch die hartnäckige Weigerung des Fra Girolamo, nach Rom zu kommen, mit Recht erzürnt; da er aber von brennendem Eifer für das Wohl der Kirche erfüllt sei, und die vollkommene Einigung aller Treuen in Christo anstrebe, so wolle er den Sünder nicht strafen, sondern retten, und so sei er in seiner väterlichen Güte bereit, ihm, Savonarola, falls er Reue zeige, seine Gnade wieder zuzuwenden. Der Mönch blickte ihn an und sagte mit leiser Stimme: »Messere, wie denkt Ihr: Glaubt der heiligste Vater an Gott?« Ricciardo tat so, als hätte er diese unschickliche Frage nicht gehört, oder mit Absicht überhört und fuhr in seiner Rede fort. Er bemerkte nebenbei, daß den Frater Girolamo, falls er sich unterwerfe, die höchste Würde der kirchlichen Hierarchie – der rote Kardinalshut erwarte und fügte mit einschmeichelndem Lächeln, sich rasch zum Mönche neigend und mit dem Finger auf seine Hand tippend, hinzu: »Nur ein Wörtchen, Vater Girolamo, nur ein Wörtchen – und der rote Hut ist Euer!« Savonarola sah ihn mit seinem unbeweglichen Blick an und sagte: »Wenn ich mich aber nicht unterwerfe, Messere, und nicht schweige, was dann? Wenn der dumme Mönch die Ehre des römischen Purpurs zurückweist, wenn er sich nicht mit dem roten Hut ködern läßt, wenn er auch ferner, das Haus seines Herrn bewachend, wie ein treuer unbestechlicher Hund bellen wird? Was dann, Messere?« Ricciardo blickte ihn überrascht an. Er verzog etwas sein Gesicht, hob die Brauen und vertiefte sich in die Betrachtung seiner glatten, mandelförmigen Fingernägel. Nachdem er auch noch die Ringe an seinen Fingern zurechtgeschoben, holte er mit langsamer ruhiger Bewegung ein Schriftstück aus der Tasche, das er entfaltete und dem Prior reichte. Es war eine bis auf die Unterschrift und das große Fischersiegel fertige Exkommunikation des Bruders Girolamo Savonarola, den der Papst unter anderm einen Sohn der Verderbnis und das verabscheuungswürdigste Insekt – nequissimum omnipedum – nannte. »Wartet Ihr auf Antwort?« fragte der Mönch, nachdem er die Bulle gelesen. Der Skriptor nickte stumm mit dem Kopf. Savonarola richtete sich in seiner ganzen Größe auf und warf die päpstliche Bulle dem Gesandten vor die Füße. »Hier ist meine Antwort! Geht nach Rom und richtet aus, daß ich die Herausforderung zum Zweikampf mit dem Papst-Antichrist annehme, wir wollen sehen, ob er mich exkommuniziert, oder ich ihn!« Die Türe der Zelle ging leise auf und Fra Dominico blickte herein. Er hatte die erhobene Stimme des Priors gehört und wollte nun sehen, was los sei. An der Türe drängten sich die andern Mönche. Ricciardo, der schon einigemal auf die Türe geschielt hatte, bemerkte höflich: »Ich erlaube mir Euch zu erinnern, Fra Girolamo, daß ich nur zu einer Unterredung unter vier Augen bevollmächtigt bin ...« Savonarola ging zur Türe und machte sie weit auf. »Hört!« rief er mit lauter Stimme. »Hört alle, denn nicht nur vor euch allein, meine Brüder, sondern auch vor dem ganzen Volke von Florenz will ich diesen schmählichen Handel aufdecken, und die Wahl zwischen Exkommunikation und Kardinalspurpur, die mir angetragen wird, zeigen!« Seine tiefliegenden Augen glühten unter der niederen Stirne wie Kohlen. Sein häßlicher Unterkiefer trat bebend hervor. »Die Zeit ist gekommen! Ich ziehe gegen euch aus, ihr Kardinäle und römischen Prälate, wie gegen Heiden! Ich werde den Schlüssel im Schlosse umdrehen und die teuflische Truhe öffnen, da wird ein Gestank eurem Rom entsteigen, daß die Menschen ersticken werden. Ich werde Worte sprechen, vor denen ihr erbleichen werdet, die Welt wird in ihren Grundfesten erbeben und die von euch gemordete Kirche Gottes wird meine Stimme vernehmen: Lazarus, komm heraus! – und sie wird sich erheben und aus ihrem Grabe herauskommen ... Ich will nicht eure Bischofskronen und Kardinalshüte! Den einen roten Hut des Todes, den blutigen Kranz deiner Märtyrer, begehre ich, o Herr!« Er fiel in die Knie und streckte seine Hände weinend zum Kruzifixe aus. Ricciardo benutzte den Augenblick der Verwirrung, schlüpfte geschickt aus der Zelle und machte sich eiligst aus dem Staube. III. Unter den Mönchen, die Fra Girolamo zugehört hatten, befand sich auch der Novize Giovanni Beltraffio. Als die Brüder sich zerstreuten, ging auch er die Treppe zum großen Klosterhof hinunter und setzte sich auf seinen Lieblingsplatz in einem langen Kreuzgang, wo es um diese Stunde stets still und einsam war. Zwischen den weißen Klostermauern wuchsen Lorbeerbäume und Cypressen; da war auch ein Busch Damascener Rosen, in dessen Schatten Girolamo mit besonderer Vorliebe zu predigen pflegte. Eine Sage erzählte, daß diese Rosen nachts von Engeln begossen würden. Der Novize schlug den Brief des Apostel Paulus an die Korinther auf und las die Stelle: »Ihr könnt nicht zugleich trinken des Herrn Kelch und der Teufel Kelch; ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Herrn Tisch und des Teufels Tisch.« Er stand auf und begann im Kreuzgang auf und abzugehen. Alle Gedanken und Gefühle, die er im letzten Jahre seines Noviziats im Kloster erfahren, gingen ihm jetzt durch den Kopf. In der ersten Zeit berauschte er sich an der großen geistigen Seligkeit, wie die andern Schüler Savonarolas. Vater Girolamo führte sie zuweilen vor die Stadtmauern. Sie stiegen auf einem schmalen steilen Pfad, der in den Himmel zu führen schien, auf die Höhen von Fiesole, von wo man Florenz zwischen den Hügeln im Arnotale liegen sehen konnte. Der Prior setzte sich auf eine grüne Wiese, wo es viele Veilchen, Maiglöckchen und Schwertlilien gab und wo es nach dem Harze der von der Sonne erwärmten jungen Cypressen roch. Die Mönche ließen sich im Grase zu seinen Füßen nieder, sie wanden Kränze, plauderten, tanzten und sprangen herum wie die Kinder, während andere die Geige, Bratsche und Viola spielten; diese Instrumente glichen denjenigen, mit denen Fra Beato seine Engelschöre darzustellen pflegte. Savonarola belehrte sie nicht und hielt auch keine Predigten. Er unterhielt sich nur liebevoll mit ihnen, spielte und lachte wie ein Kind. Giovanni sah dieses Lächeln, das auf Girolamos Gesicht leuchtete. Es war ihm, als glichen sie in dem einsamen von Musik und Gesang erfüllten Haine, auf der vom blauen Himmel umgebenen Fiesole-Höhe den Engeln Gottes im Paradiese. Savonarola blickte vom Rande des Abhanges so liebevoll auf Florenz, das in Morgennebel gehüllt dalag, wie die Mutter auf ihr schlafendes Kind blickt. Das erste Glockengeläute ließ sich hier oben wie das Lallen eines Kindes aus dem Schlafe vernehmen. Aber in den Sommernächten, wenn die Leuchtkäfer wie stille Kerzenflammen unsichtbarer Engel durch die Luft zogen, stand Girolamo im Hofe von San Marco unter dem duftenden Busche der Damascener Rosen und erzählte den Brüdern von den blutigen Stigmaten, den Wunden himmlischer Liebe auf dem Leibe der heiligen Katharina von Siena, die den Wunden des Herrn glichen und süß wie Rosen dufteten. Die Mönche sangen: Laß mich süße Schmerzen trinken. Die vom Marterkreuze winken, Schmerzen, die der Heiland litt! Da ersehnte sich Giovanni das Wunder, von dem Girolamo erzählt hatte, und wünschte, daß aus dem Abendmahlkelche Feuerstrahlen kommen und auch in seinem Körper wie mit glühendem Eisen Kreuzeswunden brennen möchten. Er verging vor süßer Sehnsucht und seufzte: Gesù, Gesù, amore! Einst schickte ihn Savonarola, wie er es oft auch mit den andern Novizen tat, zur Pflege eines Schwerkranken in die Villa Carreggi, die zwei Stunden von Florenz entfernt war und am südlichen Abhang des Ucelatojo-Hügels lag, in dieselbe Villa, wo sich oft Lorenzo Medici aufhielt und wo ihn auch der Tod ereilte. In einem der leeren und stummen Säle, die von den durch die Fensterspalten dringenden Strahlen schwach wie ein Grabgewölbe erleuchtet waren, sah Giovanni das Bild des Sandro Botticelli »Die Geburt der Göttin Venus«. Sie glitt über die Wellen, in einer Perlenmuschel stehend, ganz nackt und weiß, wie eine Wasserlilie, feucht und gleichsam den salzigen frischen Hauch des Meeres ausströmend. Die schweren goldenen Haarflechten wanden sich wie Schlangen. Sie drückte das Haar mit schamhafter Gebärde an ihre Lenden, ihr schöner Leib atmete Verführung und Sünde, während ihre unschuldigen Lippen und kindlichen Augen von heiliger Wehmut erfüllt waren. Das Gesicht der Göttin kam Giovanni bekannt vor. Er blickte sie lange an und erinnerte sich plötzlich, die gleichen gleichsam verweinten Kinderaugen, das gleiche Gesicht und die gleichen unschuldigen Lippen mit dem Ausdrucke überirdischer Wehmut auf einem andern Bilde des gleichen Sandro Botticelli, das eine Madonna darstellte, gesehen zu haben. Unsagbare Verwirrung erfüllte seine Seele. Er schlug die Augen nieder und verließ die Villa. Auf dem Heimwege nach Florenz gewahrte er in einer engen Gasse ein altes Kruzifix, das in einer Mauernische unter Rosen stand; er kniete vor ihm nieder und begann zu beten, um die Versuchung zu vertreiben. Hinter der Mauer, wohl unter dem Schatten der gleichen Rosenbüsche, erklang eine Mandoline; jemand schrie auf und eine Stimme flüsterte ängstlich: »Nein, nein, laß mich ...« »Mein Lieb!« erwiderte eine andere Stimme: »Mein liebes, liebes Mädchen! Amore!« Die Mandoline fiel zu Boden, die Saiten klirrten und man hörte einen Kuß. Giovanni sprang auf. Er rief: »Gesù! Gesù!« und wagte nicht das Wort »Amore« auszusprechen. »Auch hier,« dachte er sich, »auch hier finde ich sie ! Im Antlitze der Madonna, in den Worten der frommen Hymne, im Dufte der Rosen, die das Kruzifix beschatten!« Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und entfernte sich, als ob er vor unsichtbaren Feinden fliehen wollte. Ins Kloster zurückgekehrt, begab er sich zu Savonarola und erzählte ihm sein Erlebnis. Der Prior gab ihm den gewöhnlichen Rat, den Teufel mit den Waffen des Fastens und des Gebetes zu bekämpfen. Als aber der Novize ihm zu beweisen versuchte, daß es nicht der Teufel der fleischlichen Wollust sei, der ihn versuche, sondern der Dämon des verführerischen heidnischen Geistes, da verstand ihn der Mönch nicht, anfangs war er überrascht, dann sagte er streng und ernst, daß an den falschen heidnischen Göttern nichts außer Hochmut und unsauberer Wollust sei, welche Eigenschaften stets häßlich seien, denn die Schönheit wohne allein den christlichen Tugenden inne. Giovanni verließ ihn, ohne Trost gefunden zu haben. An diesem Tage fuhr in ihn der Teufel des Trübsinns und der Empörung. Einmal hörte er Fra Girolamo über Malerei sprechen; er verlangte von jedem Bild, daß es einen Zweck erfülle, indem es die Menschen belehre und sie auf heilsame Gedanken bringe. Wenn die Florentiner alle verführerischen Bilder durch Henkershand vernichten ließen, so würden sie damit ein gottgefälliges Werk tun. Ähnlich waren auch seine Ansichten über die Wissenschaft. »Ein Narr ist,« sprach Savonarola, »wer da glaubt, daß man mit Logik und Philosophie die Wahrheiten des Glaubens stützen könne. Bedarf denn ein großes Licht der Unterstützung eines schwachen Lichtes und die göttliche Weisheit der menschlichen? Wußten denn die Apostel und Märtyrer etwas von Philosophie? Ein des Lesens unkundiges altes Weib, das voller Inbrunst vor dem Heiligenbilde betet, ist der Erkenntnis Gottes näher, als alle Weisen und Gelehrten. Denn am Tage des jüngsten Gerichts wird ihnen ihre Logik und Philosophie nicht helfen können! Homer und Virgil, Plato und Aristoteles – sie alle kommen in die Wohnung des Teufels. Sie sind wie die Sirenen, welche Mit süßen Gesängen bestricken die Ohren, Doch wer ihnen lauscht, ist für ewig verloren. Die Wissenschaft gibt den Menschen statt Brot – Steine. Seht euch nur die Menschen an, die den Lehren dieser Welt folgen: sie alle haben Herzen von Stein.« »Wer wenig weiß, dessen Liebe ist auch gering. Die große Liebe ist die Tochter der großen Erkenntnis« – erst jetzt erfaßte Giovanni die Tiefe dieser Worte. Während der Mönch die Versuchungen der Wissenschaft und der Kunst verfluchte, dachte Giovanni an die klugen Reden Leonardos, an sein ruhiges Gesicht, an seine Augen, die so kalt wie der Himmel waren, und an sein Lächeln, in dem entzückende Weisheit spielte. Er dachte auch noch an die schrecklichen Früchte des vergifteten Baumes, an die eiserne Spinne, an das Ohr des Dionys, an die Aufzugsmaschine für den Heiligsten Nagel und an das Antlitz des Antichrist unter dem Antlitze Christi. Doch schien ihm jetzt, daß er damals seinen Meister nicht ganz begriffen, das letzte Geheimnis seines Herzens nicht erraten und den Knoten, in dem sich alle Fäden begegnen und alle Widersprüche lösen, nicht entwirrt habe. Dies alles ging ihm jetzt, als er an das Jahr seines Noviziats in San Marco dachte, durch den Kopf. Während er im tiefen Nachdenken im Kreuzgang auf und abging, war es dunkel geworden, das stille Läuten des abendlichen Ave ließ sich vernehmen, und die Mönche zogen in langen schwarzen Reihen zur Kirche. Giovanni folgte ihnen nicht. Er setzte sich auf seinen früheren Platz, schlug wieder das Buch des Apostel Paulus auf und begann, in seinem vom Teufel, dem größten aller Logiker, verfinsterten Geiste, den Sinn der Worte der Schrift so zu verdrehen: »Ihr könnt nicht umhin , zugleich zu trinken des Herrn Kelch und der Teufel Kelch; Ihr könnt nicht umhin , zugleich teilhaftig zu sein des Herrn Tisch und des Teufels Tisch.« Mit einem bittern Lächeln hob er die Augen zum Himmel und erblickte da den Abendstern, der wie die Leuchte des schönsten der Engel der Finsternis, Luzifers des Lichttragenden, strahlte. Da kam ihm die Legende in den Sinn, die er von einem gelehrten Mönch gehört hatte; sie war vom großen Origenes aufgenommen und vom Florentiner Matteo Palmieri in seinem Gedicht »Die Stadt des Lebens« wiederholt. Während des Kampfes des Teufels mit Gott, so hieß es in dieser Sage, fanden sich unter den Engeln auch solche, die sich weder den Heerscharen Gottes, noch denen des Teufels anschließen wollten; dem einen und dem andern fremd, blieben sie einsame Zuschauer des Zweikampfes; Dante sagte von ihnen: Angeli che non furon ribelli, Ne pur fideli a Dio, ma per sè foro. Engel, die weder rebellisch, Noch Gott ergeben, sondern für sich allein waren. Diese freien und traurigen Geister, die weder dunkel, noch hell, weder böse, noch gut, sondern des Lösen und des Guten, der Finsternis und des Lichts zugleich teilhaftig waren, wurden von der himmlischen Gerechtigkeit in ein irdisches Tal verbannt, das zwischen Himmel und Hölle liegt, in ein Tal der Dämmerung, die ihnen gleicht; und dort wurden sie Menschen. »Wer weiß?« so spann Giovanni seine sündigen Gedanken weiter aus: »Wer weiß, vielleicht ist nichts Böses daran, vielleicht soll man zu Ehren des Einen aus beiden Kelchen zugleich trinken?« Da schien es ihm, als hätte nicht er diese Worte gesprochen, sondern ein Anderer, der sich über ihn gebeugt und ihm mit kaltem Atem, aber liebevoll die Worte zuflüsterte: »Zugleich, zugleich!« Er sprang auf, sah sich um und, zitternd und erblassend, bekreuzte er sich. Obwohl er in dem einsamen, vom Spinngewebe der Dämmerung umwobenen Kreuzgang niemanden gewahrte, floh er durch den Hof in die Kirche, wo Kerzen brannten und Mönche die Vesper sangen; hier blieb er stehen, atmete auf, fiel auf die Steinfliesen in die Knie und betete: »Herr, hilf mir, errette mich vor diesen Zweifeln! Ich will keine zwei Reiche! Nur nach dem einen Kelch – nach deinem Kelch, nur nach der einen Wahrheit – nach deiner Wahrheit dürstet meine Seele, o Herr!« Doch keine göttliche Gnade erquickte sein Herz, wie der Tau die staubigen Gräser erquickt. Er ging in seine Zelle und legte sich schlafen. Gegen Morgen hatte er einen Traum: er sah sich mit Monna Kassandra auf einem schwarzen Bock durch die Luft reiten. Die Hexe hatte ihr marmorweißes Gesicht mit den blutroten Lippen und bernsteingelben Augen nach ihm umgewandt und flüsterte: »Zum Sabbat! Zum Sabbat!« Da erkannte er in ihr die Göttin der irdischen Liebe mit dem Ausdrucke überirdischer Wehmut in den Augen, die weiße Teufelin! Der Vollmond beschien ihren nackten Leib, der so süß und schrecklich duftete, daß Giovanni vor Erregung mit den Zähnen klapperte: er umarmte sie und schmiegte sich an sie. Sie flüsterte »Amore! Amore!« und lachte. Das schwarze Fell des Bockes wurde unter ihnen zu einem weichen, schwülen Lager. Er glaubte, es sei sein Tod. IV. Als Giovanni erwachte, sah er Sonnenschein und hörte Glockengeläut und Kinderstimmen. Er trat in den Hof und sah da viele Kinder, alle in weißen Kleidern mit Olivenzweigen und kleinen roten Kreuzen in den Händen. Es war das Heilige Heer der Kinder-Inquisition, das Savonarola zur Überwachung der Sittenreinheit in Florenz organisiert hatte. Giovanni trat unter die Kinder und lauschte den Gesprächen. »Hast du eine Anzeige?« fragte mit wichtiger Vorgesetztenmiene der Kapitän, ein blasser vierzehnjähriger Knabe, einen anderen verschmitzten rothaarigen und schielenden Bengel mit abstehenden Ohren. »Zu Befehl, Messer Federigi, eine Anzeige!« antwortete jener, militärisch Front machend und seinen Kapitän ehrfurchtsvoll anblickend. »Ich weiß schon. Die Tante hat wieder Würfel gespielt?« »Zu Befehl nein, Ew. Gnaden, es war nicht die Tante, sondern die Stiefmutter, und die hat nicht Würfel gespielt ...« »Ach ja!« besann sich Federigi. »Es war Lippos Tante, die Würfel gespielt und Gott gelästert hat. Was bringst denn du?« »Meine Stiefmutter, Messere... Gott möge sie strafen...« »Mach es schneller, mein Lieber! Ich habe keine Zeit, viel zu tun.« »Zu Befehl, Messere! Also die Sache ist die: meine Stiefmutter hat mit ihrem Freund, dem Mönch, ein Extrafäßchen Rotwein aus dem Keller meines Vaters ausgetrunken, als dieser nach Maringiole zum Jahrmarkt verreist war. Da riet ihr der Mönch, zur Madonna auf der Rubaconte-Brücke zu gehen, ihr eine Kerze zu weihen und zu beten, daß der Vater jenes Fäßchen vergessen möge. Sie machte es auch so. Der Vater kam heim und merkte nichts. Darum hat sie an der Madonnastatue noch ein Fäßchen aus Wachs, das genau so aussah, wie das, mit welchem sie den Mönch traktierte, aufgehängt, – als Dank, daß ihr die Mutter Gottes half, ihren Mann anzuführen.« »Es ist eine Sünde, eine große Sünde!« erklärte Federigi mit finsterer Miene, »Wie hast du es erfahren, Pippo?« »Ich habe den Stallknecht ausgefragt, dieser wußte es von der tatarischen Magd der Stiefmutter und die Magd ...« »Die Wohnung?« unterbrach ihn der Kapitän streng. »Bei der heiligen Annunziata, Sattlerladen des Lorenzetto.« »Gut!« sagte Federigi. »heute noch wollen wir die Sache untersuchen.« Ein hübscher ganz kleiner Knabe von etwa sechs Jahren stand in einer Hofecke an die Mauer gelehnt und weinte bitterlich. »Was hast du?« fragte ihn ein anderer, der etwas älter war. »Sie haben mir das Haar abgeschnitten! Wenn ich gewußt hätte, daß sie es tun werden, wäre ich gar nicht hergekommen!...« Er strich sich mit der Hand über sein blondes Haar, das durch die Schere des Klosterbarbiers, der jeden neuen Rekruten des Heiligen Heeres kurz zu scheren hatte, sehr übel zugerichtet war. »Aber Luca, Luca!« sagte zu ihm der Ältere, mit vorwurfsvollem Kopfschütteln, »was du für sündige Gedanken hast! Denke doch wenigstens an die heiligen Märtyrer: als die Heiden ihnen Arme und Beine abhackten, priesen sie Gott. Und du willst nicht einmal dein Haar opfern!« Das Beispiel der heiligen Märtyrer machte auf Luca einen solchen Eindruck, daß er zu weinen aufhörte. Plötzlich verzog sich aber sein Gesicht wieder in unsagbarer Angst und er begann noch lauter zu heulen: er dachte sich wohl, daß ihm die Mönche zu Ehren Gottes auch noch seine Arme und Beine abhacken könnten. »Seid so gut,« wandte sich an Giovanni eine alte, dicke und vor Aufregung rote Bürgerin, »könnt Ihr mir nicht sagen, wo ich hier einen Buben finde, mit schwarzem Haar und blauen Augen?« »Wie heißt er?« »Dino, Dino del Garbo ...« »In welcher Abteilung?« »Ach Gott, das weiß ich wirklich nicht! ... Den ganzen Tag renne ich herum, suche, frage und bekomme keine Auskunft. Mein Kopf ist schon ganz wirr...« »Ist es Euer Sohn?« »Nein, mein Neffe. Ein stiller, bescheidener Junge, hat vorzüglich gelernt. Da haben ihn plötzlich irgendwelche Gassenjungen in dies gräßliche Heer gelockt. Denkt Euch nur: ein zartes, schwaches Kind, hier sollen sie sich aber mit Steinen bewerfen...« Die Tante begann wieder zu stöhnen und zu ächzen. »Ihr seid selbst Schuld!« sagte ihr ein älterer ehrwürdig aussehender Bürger in altmodischer Tracht. »Wenn Ihr das Kind ordentlich geprügelt hättet, so würde ihm dieser Blödsinn nicht in den Kopf steigen. Hat man denn je so etwas gesehen? Mönche und Kinder wollen plötzlich den Staat regieren. Die Eier wollen die Henne belehren. In der ganzen Welt hat man noch nie solchen Blödsinn erlebt!« »Ja, ganz richtig, die Eier wollen die Henne belehren!« bestätigte die Tante. »Die Mönche sagen, daß sie jetzt aus der Erde ein Paradies machen wollen. Ich weiß nicht, was einmal sein wird, aber jetzt ist es eine Hölle. In allen Häusern nichts als Tränen, Zank und Geschrei...« »Habt Ihr es gehört?« fuhr sie im Flüsterton fort, sich geheimnisvoll zum Ohre des Bürgers neigend: »Neulich sagte Fra Girolamo im Dome vor dem ganzen Volk: Väter und Mütter, Ihr könnt Eure Söhne und Töchter an das Ende der Welt schicken, sie werden immer zu mir zurückkehren, denn sie sind mein...« Der alte Bürger stürzte in die Kinderschar und packte einen Knaben am Ohr. »Da hab ich dich, Teufelsbengel! Ich werde dir zeigen, was es heißt, vom Hause weglaufen, mit solchem Gesindel zu tun haben, dem Vater nicht gehorchen!...« »Wir müssen dem himmlischen Vater mehr gehorchen, als dem irdischen!« sagte der Knabe leise, aber bestimmt. »Nimm dich in Acht, Doffo! Daß mir nicht die Geduld reißt!... Also komm mit, komm nach Hause, widerstrebe nicht!« »Laßt mich, Vater. Ich komme nicht mit.« »Kommst nicht mit?« »Nein.« »Da hast du dafür!« Der Vater schlug ihn ins Gesicht. Doffo regte sich nicht, selbst seine erblaßten Lippen zitterten nicht. Er hob nur seine Augen gen Himmel. »Mäßigt Euch, Messere. Es ist verboten, die Kinder zu beleidigen!« riefen ihm die von der Signorie zum Schutze des Heiligen Heeres bestellten Stadtsoldaten zu. »Fort, ihr Schurken!« schrie der Alte voller Wut. Die Soldaten wollten ihm den Sohn entreißen. Der Vater fluchte und ließ ihn nicht los. »Dino! Dino!« quietschte die Tante auf – sie hatte in der Ferne ihren Neffen entdeckt und stürzte nun zu ihm hin. Die Wache hielt sie zurück. »Laßt mich! Laßt! Gott, was ist denn das!« heulte sie: »Dino, mein Junge! Dino!« In diesem Augenblick kam in die Reihen des Heiligen Heeres Bewegung. Zahllose kleine Arme schwangen Olivenzweige und rote Kreuze, helle Kinderstimmen begrüßten Savonarola, der eben in den Hof kam: » Lumen ad revelationem gentium et gloriam plebis Israel !« »Licht zur Erleuchtung der Völker, zum Ruhme des Volkes Israel.« Kleine Mädchen umringten den Mönch und bewarfen ihn mit gelben Frühlingsblumen, rosa Schneeglöckchen und dunklen Veilchen; sie knieten vor ihm, umarmten und küßten seine Füße. Er stand schweigend, von der Sonne hell beleuchtet da und segnete mit mildem Lächeln die Kinder. »Es lebe Christus, der König von Florenz! Es lebe die heilige Jungfrau, unsere Königin!« riefen die Kinder. »Richtet euch! Vorwärts marsch!« kommandierten die kleinen Befehlshaber. Die Musik spielte, die Fahnen rauschten und das Heer rückte aus. Auf dem Platze der Signorie, vor dem Palazzo Vecchio sollte die »Verbrennung der Eitelkeiten« – Brucciamento delle vanità – stattfinden. Das Heilige Heer zog jetzt aus, um Florenz zum letzten Mal nach »Eitelkeiten und Anathemas« abzusuchen. V. Als der Hof sich geleert hatte, bemerkte Giovanni den Konsul der Kunst Kalimalas, Messer Cipriano Buonaccorsi, den Besitzer der Fondacchi bei Or-San-Michele, den Altertumssammler, auf dessen Boden im Mühlenhügel bei San Gervasio die alte Statue der Göttin Venus gefunden worden war. Giovanni ging auf ihn zu. Sie kamen ins Gespräch. Messer Cipriano erzählte ihm, daß nach Florenz vor einigen Tagen Leonardo da Vinci gekommen sei, um im Auftrage des Herzogs die Kunstwerke aus den Palästen, die vom heiligen Heere verwüstet werden, aufzukaufen. Zum gleichen Zweck sei auch Giorgio Merula hergekommen, der nach zwei Monaten Gefängnishaft vom Herzog begnadigt wurde, was er zum Teil der Fürsprache Leonardos zu verdanken habe. Der Kaufmann bat Giovanni, ihn zum Prior zu geleiten und sie gingen nun beide zur Zelle Savonarolas. Beltraffio, der in der Türe stehen geblieben war, konnte die Unterredung zwischen dem Konsul Kalimalas und dem Prior von San Marco hören. Messer Cipriano bot zweiundzwanzig tausend Florins für alle Bücher, Bilder, Statuen und andere Kunstschätze, die an diesem Tage verbrannt werden sollten. Der Prior ging darauf nicht ein. Der Kaufmann dachte nach und schlug achttausend darauf. Der Mönch erwiderte gar nichts. Sein Gesicht war streng und unbeweglich. Cipriano bewegte stumm seine zahnlosen eingefallenen Kiefer, schlug die Schöße seines abgewetzten Fuchspelzes über den stets frierenden Knien zusammen, seufzte auf, blinzelte mit seinen schwachen Augen und versetzte mit seiner angenehmen, immer gleichmäßig leisen Stimme: »Vater Girolamo, ich will mich zugrunde richten und Euch alles, was ich besitze, bieten: vierzig tausend Florins.« Savonarola sah ihn an und fragte: »Wenn Ihr euch zugrunde richtet und an der Sache keinen Profit sucht, was wollt Ihr dann eigentlich überhaupt?« »Ich bin in Florenz geboren und liebe dies Land,« erwiderte der Kaufmann einfach. »Ich will nicht, daß die Ausländer sagen können, daß wir wie Barbaren unschuldige Werke von Weisen und Künstlern vernichten.« Der Mönch sah ihn erstaunt an und sagte: »Mein Sohn, wenn du doch dein himmlisches Vaterland ebenso lieben würdest, wie dein irdisches! ... Tröste dich aber: Im Scheiterhaufen wird nur das, was die Vernichtung wirklich verdient, untergehn, denn Böses und Lasterhaftes kann, wie es auch Eure berühmten Weisen bezeugen, unmöglich schön sein.« »Seid Ihr auch davon überzeugt, Vater,« sagte Cipriano, »daß die Kinder in Werken der Kunst und Wissenschaft immer unfehlbar das Gute von dem Schlechten zu unterscheiden vermögen?« »Aus dem Munde der Kinder kommt Wahrheit,« erwiderte der Mönch, »wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht wie die Kinder werdet, so könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ich will die Weisheit der Weisen vernichten und den Verstand der Verständigen verwerfen, so spricht der Herr. Tag und Nacht bete ich für diese Kleinen: wenn sie in den Eitelkeiten der Kunst und Wissenschaft etwas nicht mit dem Verstande erfassen, so möge es ihnen vom Himmel durch den heiligen Geist eröffnet werden.« »Ich beschwöre Euch, bedenkt doch,« sagte der Konsul sich erhebend: »vielleicht ist doch ein Teil ...« »Verliert keine Worte, Messere!« unterbrach ihn Fra Girolamo. »Mein Entschluß ist unwiderruflich.« Cipriano bewegte wieder seine blutleeren Lippen, die denen eines alten Weibes glichen, und murmelte einige Worte. Savonarola verstand davon nur das letzte: »Wahnsinn ...« »Wahnsinn!« Er fing Ciprianos Wort auf. »Ist denn das goldene Kalb der Borgias, das dem Papste bei gotteslästerlichen Festen dargebracht wird, kein Wahnsinn? Ist denn die Erhöhung des Heiligsten Nagels durch den Thronräuber und Mörder Moro mittels einer teuflischen Maschine kein Wahnsinn? Ihr tanzt um das goldene Kalb und treibt Wahnsinn zu Ehren eures Gottes Mammon. Laßt auch uns, die wir einfältig sind, zu Ehren unseres Gottes, des gekreuzigten Christus Wahnsinn treiben! Ihr habt die Mönche ausgelacht, als sie auf dem Platze vor dem Kreuze tanzten. Wartet nur, es wird noch ganz anders kommen, was werdet ihr Klugen sagen, wenn ich nicht nur die Mönche, sondern auch das ganze Volk von Florenz, klein und groß, Greise und Frauen, zwingen werde, in gottgefälligem Wahnsinn um das geheimnisvolle Holz der Erlösung zu tanzen, wie einst David vor der Bundeslade in der alten Stiftshütte des höchsten Gottes tanzte!« VI. Nachdem Giovanni die Zelle Savonarolas verlassen, begab er sich zum Platz der Signorie. In der Via Larga begegnete er dem heiligen Heer. Die Kinder hatten zwei schwarze Sklaven angehalten, die in einer Sänfte ein prunkvoll gekleidetes Frauenzimmer trugen. Zu den Füßen der Dame schlief ein weißes Hündchen. Auf einer Stange saßen ein Äffchen und ein grüner Papagei. Diener und Leibwache folgten der Sänfte. Es war die soeben aus Venedig eingetroffene Kurtisane Lena Griffa, eine von jenen, die von den Würdenträgern der Durchlauchtigsten Republik ehrfurchtsvoll » putana, onesta «, » meretrix onesta « – »edle, ehrenwerte Buhlerin«, – oder freundlich scherzend auch » mammola « – »Seelchen« genannt wurden. Im berühmten zur Bequemlichkeit der Reisenden herausgegebenen » Catalogo di tutte puttane dell bordello con il loro prezzo « – »Katalog aller Huren in den öffentlichen Häusern mit ihren Preisen« war der Name der Lena Griffa an erster Stelle und mit fetter Schrift gedruckt und ihm gegenüber stand der Preis – vier Dukaten; in den heiligen Nächten, den Vorabenden der Feiertage galten doppelte Preise: »aus Ehrfurcht vor der Mutter Gottes.« Monna Lena lag in ihren Kissen wie eine Kleopatra oder eine Königin von Saba und las den Brief eines verliebten jungen Bischofs, dem ein Sonett beigelegt war. Die Schlußzeilen lauteten: Wenn ich, o Lena, deiner Rede lausche, – Die Erde mit dem Himmel ich vertausche; Dann schwingt mein Geist sich auf zu Himmelshöhen, Zu göttlichen platonischen Ideen. Die Kurtisane überlegte ein Antwortsonett. Sie beherrschte die Reimkunst mit großer Vollkommenheit und pflegte oft mit Recht zu sagen, wenn es von ihr abhinge, würde sie ihre ganze Zeit in den »Akademien berühmter Männer« zubringen. Das heilige Heer umdrängte die Sänfte. Einer der Befehlshaber, Doffo, trat hervor, hob sein rotes Kreuz über dem Kopfe und rief feierlich aus: »Im Namen Jesu, des Königs von Florenz, und der heiligen Jungfrau, unserer Königin, befehlen wir dir, diesen sündigen Schmuck, deine Eitelkeiten und Anathemas von dir zu tun. Tust du es nicht, so möge dich Krankheit treffen.« Das Hündchen erwachte und begann zu bellen. Der Affe zischte, der Papagei schlug die Flügel und schrie den Vers, den ihm seine Herrin beigebracht hatte: Amore a nullo amato amar perdonna. Lena wollte schon ihrer Leibwache befehlen, die Menge auseinanderzutreiben. Da fiel ihr Blick auf Doffo. Sie winkte ihn zu sich heran. Der Knabe näherte sich ihr mit niedergeschlagenen Blicken. »Herunter mit dem Schmuck!« schrien die Kinder, »herunter mit den Eitelkeiten und Anathemas!« »Ein hübscher Knabe!« bemerkte Lena, ohne auf das Geschrei zu achten. »Mein kleiner Adonis, wie gerne hätte ich alle diese Fetzen von mir geworfen, um Euch damit Freude zu machen. Die Sache ist aber die: sie gehören nicht mir, ich habe sie von einem Juden auf Pump genommen. Das Eigentum eines solchen ungläubigen Hundes kann doch kaum eine dem Heiland und der heiligen Jungfrau wohlgefällige Gabe sein.« Doffo blickte sie an. Da nickte sie mit dem Kopf, als ob sie seine geheimen Gedanken errate, und sagte mit veränderter Stimme, mit der singenden und weichen Sprache einer Venetianerin: »In der Schäfflergasse bei Santa Trinità. Frage nach der Kurtisane Lena aus Venedig. Ich werde dich erwarten.« Doffo sah sich um und gewahrte, daß seine Kameraden in einen Streit mit einer an der Straßenecke aufgetauchten Bande von Gegnern Savonarolas, den sogenannten »Tollen« – »arrabbiati« geraten waren; sie warfen Steine, schimpften und achteten nicht mehr auf die Kurtisane. Er wollte ihnen zurufen, daß sie die Kurtisane überfallen sollten, da wurde er aber verwirrt und errötete. Lena lachte und zeigte ihre spitzen weißen Zähne zwischen den roten Lippen. Die Kleopatra und die Königin von Saba wichen jetzt dem ausgelassenen venetianischen Straßenmädel »mammola« . Die Neger ergriffen die Sänfte und die Kurtisane setzte unbeirrt ihren Weg fort. Das Hündchen schlief in ihrem Schoße wieder ein, der Papagei setzte sich ruhig auf seiner Stange zurecht und nur der unermüdliche Affe schnitt Grimassen und haschte nach dem Bleistift, mit dem die edle und ehrenwerte Buhlerin den ersten Vers ihrer Antwort an den Bischof schrieb: Mein Lieben ist so rein, wie der Seraphim Atem. Doffo, der nicht mehr die frühere Courage hatte, stieg an der Spitze seiner Abteilung die Treppe zum Palaste der Medici empor. VII. In den finsteren Gemächern, wo alles noch die Größe der vergangenen Zeiten atmete, fühlten sich die Kinder befangen. Die Fensterladen aber wurden aufgemacht; Trompeten und Trommelwirbel machten ihnen Mut. Mit Freudengeschrei, Lachen und Psalmengesang zerstreuten sich die kleinen Inquisitoren in den Sälen, Gottes Gericht über die Verführungen der Kunst und Wissenschaft haltend und nach Eingebung des heiligen Geistes die »Eitelkeiten und Anathemas« suchend und ergreifend. Giovanni überwachte ihre Arbeit. Mit gerunzelten Stirnen, die Hände auf dem Rücken, mit wichtigen Richtermienen schritten die Kinder zwischen den Statuen der großen Männer, Philosophen und Heroen des heidnischen Altertums. »Pythagoras, Anaximenes, Herakleitos, Plato, Marcus Aurelius, Epiktet,« buchstabierte ein Knabe die lateinischen Inschriften auf den Sockeln der Marmor- und Bronzebildwerke. »Epiktet!« rief Federigi mit dem Ausdrucke eines Kenners. »Dies ist ja jener Ketzer, der behauptet hat, daß alle Genüsse erlaubt seien und daß es keinen Gott gebe. Diesen sollte man verbrennen. Schade, daß er aus Marmor ist ...« »Das macht nichts!« sagte der fixe schielende Pippo. »Der soll doch seine Portion bekommen!« »Es ist nicht der richtige!« rief Giovanni. »Ihr verwechselt den Epiktet mit dem Epikur! ...« Es war zu spät: Pippo holte mit seinem Hammer aus und schlug dem Weisen die Nase so geschickt ab, daß die Knaben in Gelächter ausbrachen. »Das ist alles gleich – ob Epiktet oder Epikur! Mitgefangen, mitgehangen! Sie alle kommen in die Wohnung des Teufels!« wiederholte er den Lieblingsausdruck Savonarolas. Vor einem Bilde Botticellis entstand ein Streit: Doffo behauptete, es sei verführerisch, denn es stelle den nackten jungen Bacchus, von Pfeilen des Liebesgottes durchbohrt, dar. Federigi, der mit dem Doffo in der Kunst, die »Eitelkeiten und Anathemas« zu unterscheiden, gerne wetteiferte, betrachtete das Bild und erklärte, es sei gar nicht Bacchus: »Wer, glaubst du, ist es denn?« fragte Doffo. »Wer! Du fragst noch! Wie, seht ihr es denn nicht selbst, Brüder? Das ist ja der heilige Märtyrer Sebastian!« Vor diesem unverständlichen Bilde stutzten die Kinder: wenn es wirklich ein Heiliger ist, warum atmet dann sein nackter Leib heidnischen Zauber aus? Warum gleicht der schmerzliche Ausdruck seines Gesichts eher der Wonne der Wollust? »Glaubt ihm nicht, Brüder!« schrie Doffo: »Es ist der verruchte Bacchus!« »Du lügst, Gottloser!« rief Federigi aus, sein Kreuz wie eine Waffe erhebend. Die beiden Knaben stürzten aufeinander los. Die Kameraden konnten sie nur mit Mühe auseinanderreißen. Das Bild blieb zweifelhaft. Der stets bewegliche Pippo und Luca, der sich längst getröstet hatte und seine Locken nicht mehr beweinte – denn er hatte noch nie an so lustigen Streichen teilnehmen dürfen – gelangten indessen in ein kleines finsteres Zimmer, hier stand vor dem Fenster auf einem hohen Ständer eine jener Vasen, die von den venetianischen Glasfabriken in Murano hergestellt werden. Ein Sonnenstrahl, der durch eine Ritze im Fensterladen drang, streifte das Glas und die Vase funkelte im Finstern wie ein farbiger Edelstein. Sie glich einer riesengroßen Märchenblume. Pippo kletterte auf den Tisch, schlich ganz leise auf den Zehen heran – als ob die Vase lebendig wäre und fortlaufen könnte, steckte schelmisch seine Zungenspitze heraus, hob die Brauen über seinen schielenden Augen und stieß die Vase mit dem Finger an. Sie schwankte wie eine zarte Blüte, fiel herunter, funkelte, erklirrte wie klagend, zersprang und erlosch. Pippo sprang wie ein Besessener, warf sein rotes Kreuz in die Höhe und fing es wieder auf. Luca, in dessen weit geöffneten Augen die Freude am Zerstören leuchtete, tanzte, jauchzte und klatschte in die Hände. Da hörten sie die freudigen Schreie der Kameraden und kehrten in den großen Saal zurück. Hier hatte Federigi in einer Kammer viele Kisten entdeckt, in denen solche »Eitelkeiten« enthalten waren, wie sie die Kinder noch nie gesehen hatten. Es waren Masken und Kostüme zu jenen Karnevalsaufzügen und allegorischen Triumphen, die Lorenzo Medici der Prächtige so liebte. Die Kinder drängten sich vor der Kammer. Beim Schein eines Talglichtes entdeckten sie da ungeheuerliche Faunsköpfe aus Pappe, gläserne Weintrauben des Bacchusgefolges, Köcher und Flügel Amors, den Schlangenstab Merkurs und den Dreizack Neptuns. Allgemeines Gelächter erschallte, als schließlich der aus vergoldetem Holz verfertigte mit Spinnengewebe überzogene Blitz des donnerschleudernden Zeus und der klägliche mottenzerfressene Balg des olympischen Adlers mit ausgerupftem Schwanz und durchlöchertem Bauch, aus dem Filzfetzen hervorguckten, zum Vorschein kamen. Aus einer blonden Perrücke, die wohl der Venus diente, sprang plötzlich eine Ratte heraus. Die Mädchen kreischten. Das kleinste Mädel sprang auf einen Stuhl und hob ängstlich ihr Kleid bis über die Knie. Mit kaltem Grauen wehte es die Kinder an und sie spürten Ekel vor diesem heidnischen Gerümpel, vor dem Grabesstaub der toten Götter. Die Schatten der Fledermäuse, die vom Lärm und Licht aufgescheucht an der Decke herumflatterten, kamen ihnen wie unreine Geister vor. Da kam Doffo herbei und erzählte, er hätte oben noch ein versperrtes Zimmer entdeckt; an der Türe halte ein kleiner böser rotnasiger und kahlköpfiger Greis Wache und lasse niemanden herein. Sie gingen hinauf, um zu rekognoszieren. In dem Alten, der die Türe des geheimnisvollen Zimmers bewachte, erkannte Giovanni seinen Freund, den großen Bibliophilen Messer Giorgio Merula. »Gib den Schlüssel her!« schrie ihn Doffo an. »Wer hat euch gesagt, daß ich den Schlüssel habe?« »Der Aufseher hat es uns gesagt!« »Macht, daß ihr weiter kommt!« »Nimm dich in Acht, Alter! Wir rupfen dir noch die letzten Haare aus!« Doffo gab ein Zeichen. Messer Giorgio pflanzte sich vor der Türe auf, um sie mit seiner Brust zu decken. Die Kinder stürzten über ihn her, verprügelten ihn mit ihren Kreuzen, durchsuchten seine Taschen, fanden den Schlüssel und öffneten die Türe. Es war ein kleines Arbeitszimmer mit einer wertvollen Büchersammlung. »Hier, hier in dieser Ecke ist alles, was ihr sucht!« zeigte Merula. »Ihr braucht nicht auf die oberen Fächer zu klettern, denn dort findet ihr nichts!« Die Inquisitoren hörten nicht auf ihn. Alles, was ihnen in die Hände fiel, besonders aber Bücher in Prachteinbänden, warfen sie auf einen Haufen. Dann rissen sie die Fenster auf, um die dicken Folianten direkt auf die Straße zu werfen, wo ein mit »Eitelkeiten und Anathemas« beladener Wagen stand. Tibull, Horaz, Ovid, Apulejus, Aristophanes, seltene Manuskripte und Unica flogen vor Merulas Augen zum Fenster hinaus. Giovanni bemerkte, daß der Alte aus dem Haufen ein kleines Bändchen herausfischte und es geschickt im Busen versteckte: es war das Werk des Marcellinus mit der Lebensbeschreibung des Kaisers Julianus Apostata. Als er auf dem Boden eine Handschrift der Tragödien des Sophokles auf seidenweichem Pergament mit feinsten Initialen geschmückt gewahrte, fiel er gierig über sie her, ergriff sie und flehte: »Meine lieben Kinder! Schont Sophokles! Er ist der unschuldigste von allen Dichtern! Rührt ihn nicht an! Rührt ihn nicht an!« Verzweifelt drückte er das Buch an die Brust. Als er aber fühlte, wie die zarten, gleichsam lebenden Blätter zerrissen wurden, stöhnte und weinte er vor Schmerz und ließ die Handschrift fallen. »Wißt ihr denn, ihr gemeinen Hunde, daß jeder Vers dieses Dichters ein größeres Heiligtum vor Gott ist, als alle Prophezeiungen eures blödsinnigen Savonarola?! ...« »Schweig, Alter, sonst werfen wir auch dich zusammen mit deinen Dichtern zum Fenster hinaus!« Sie fielen wieder über den Alten her und jagten ihn aus der Bibliothek hinaus. Merula fiel in die Arme Giovannis. »Komm, komm schnell! Ich kann diesen Frevel nicht mit ansehen!« Sie verließen den Palast und begaben sich an Maria delle Fiori vorbei zum Platze der Signorie. VIII. Vor dem dunkeln schlanken Turm des Palazzo Vecchio neben der Loggia Orcagni stand der Scheiterhaufen bereit. Er war dreißig Ellen hoch und hundertzwanzig breit und stellte eine achtseitige Bretterpyramide mit fünfzehn Stufen dar. Auf der ersten unteren Stufe waren Larven, Maskenkostüme, verrücken, falsche Bärte und andere Fastnachtsgegenstände aufgestapelt. Auf den folgenden drei Stufen lagen die freigeistigen Bücher, von Anakreon und Ovid bis zum Dekamerone des Boccaccio und Morgante Pulci. Nach den Büchern kamen weibliche Toilettegegenstände: Salben, Wohlgerüche, Spiegel, Puderquasten, Nagelfeilen, Brennscheeren, Pincetten zum Ausreißen der Haare; noch weiter – Musiknoten, Lauten, Mandolinen, Spielkarten, Schachbretter, Kegel, Bälle und andere Spiele, mit denen die Menschen den Teufel erfreuen; auf der nächsten Stufe – verführerische Bilder, Zeichnungen und Bildnisse schöner Frauen; schließlich, auf der Spitze der Pyramide – Darstellungen heidnischer Götter, Heroen und Philosophen aus bemaltem Wachs und Holz. Über allen diesen Gegenständen ragte eine riesengroße Puppe, die den Teufel, den Urheber der »Eitelkeiten und Anathemas«, darstellte und mit Pulver und Schwefel gefüllt war; er war gräßlich bemalt, bockbeinig, struppig und glich so dem alten Gott Pan. Es dämmerte. Die Luft war kühl, klar und rein. Am Himmel funkelten die ersten Sterne. Die Volksmenge, die den Platz bedeckte, rauschte und bewegte sich mit andächtigem Geflüster, wie in einer Kirche. Hie und da erklangen geistliche Gesänge – laudi spirituali der Schüler Savonarolas, der sogenannten »Greiner«. Reime, Weise und Versmaß waren die alten karnevalistischen, doch der Text war geändert. Giovanni hörte eine Weile zu und der Widerspruch zwischen dem trübsinnigen Text und der lustigen Weise erschien ihm ganz ungeheuerlich: To tre once almen di speme Tre di fede, sei d'amore ... Mische dir: drei Unzen Hoffnung, Drei des Glaubens, sechs der Liebe, Zwei der Reue; stell sie dann Auf die Flamme des Gebetes; Lasse sie drei Stunden kochen. Tu hinzu je eine Prise Demut, Trauer und Zerknirschung, Daß draus Gottes Weisheit werde... Im Vorhofe der Pisaner stand ein Mann mit eiserner Brille, Lederschurz, einem Riemen in den dünnen, öltriefenden Haaren und mit schwieligen Händen und predigte einer Versammlung von Handwerkern, die wohl gleich ihm »Greiner« waren: »Ich, Ruberto, bin weder Ser, noch Messer, sondern einfach ein Florentiner Schneider,« sagte er, sich mit der Faust vor die Brust schlagend. »Und ich erkläre euch, meine Brüder, daß mir Jesus, der König von Florenz, in zahlreichen Offenbarungen die neue gottgefällige Staatsordnung und Gesetzgebung eröffnet hat. Wollt ihr, daß es weder Arme, noch Reiche, weder Große, noch Geringe gibt und daß alle gleich sind?« »Wir wollen es! Wir wollen! Sag, Ruberto, was soll man dazu tun?« »Wenn ihr den Glauben habt, so ist es sehr leicht zu machen. Eins, zwei und fertig! Erstens,« er bog den Daumen der linken Hand mit dem Zeigefinger der Rechten ein, »eine Einkommensteuer, die »der staffelförmige Zehente« heißt; zweitens –« er bog noch einen Finger ein – »ein vom ganzen Volk gewähltes und von Gott erleuchtetes Parlamento ...« Er machte eine Pause, nahm die Brille von der Nase, putzte sie, setzte sie wieder auf, räusperte sich und begann ohne Übereilung mit eintöniger lispelnder Stimme und mit dem Ausdrucke eigensinniger, demütiger Selbstzufriedenheit auf seinem stupiden Gesicht zu erläutern, was eigentlich ein staffelförmiger Zehente und ein von Gott erleuchtetes Parlamento sei. Nachdem Giovanni eine Weile zugehört hatte, spürte er tödliche Langeweile und ging ans andere Ende des Platzes. Hier huschten die Mönche, mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, wie Schatten durch die Dämmerung. Zum Fra Dominico Buonvicini, welcher die Oberaufsicht hatte, trat ein Mann auf Krücken, noch nicht alt, aber wie es schien, gelähmt, mit zitternden Armen und Beinen und gesenkten Augenlidern: über sein Gesicht ging ein Zucken, wie das eines angeschossenen Vogels. Er reichte dem Mönch eine große Rolle. »Was ist es?« fragte Dominico: »Wieder Zeichnungen?« »Anatomie. Ich hatte sie ganz vergessen. Aber gestern im Traume hörte ich eine Stimme: Sandro, du hast auf dem Dachboden über deiner Werkstatt in einem Koffer noch einige Eitelkeiten. Ich stand auf, ging hinauf und fand diese Darstellungen nackter Körper.« Der Mönch nahm ihm die Rolle ab und sagte mit heiterer, beinahe scherzender Miene: »Ein schönes Feuerlein werden wir machen, Messer Filipepi!« Der Lahme musterte die Pyramide der Eitelkeiten und seufzte: »Herr, sei uns Sündern gnädig! Wenn wir nicht Fra Girolamo hätten, so würden wir sterben, ohne Buße getan und ohne uns von unseren Sünden gereinigt zu haben. Es ist auch jetzt noch ungewiß, ob wir gerettet werden, ob wir noch Zeit haben, alles wieder gut zu machen...« Er bekreuzte sich und begann, den Rosenkranz in der Hand, Gebete zu murmeln. »Wer ist es?« fragte Giovanni einen Mönch, der neben ihm stand. »Es ist Sandro Botticelli, ein Sohn des Gerbers Filipepi,« erwiderte jener. IX. Als es ganz finster geworden war, ging durch die Massen ein Flüstern: »Sie kommen! Sie kommen!« Die Kinder-Inquisitoren kamen schweigend, ohne Hymnen, ohne Fackeln durch die Dämmerung. Sie hatten alle lange weiße Kleider an und trugen über ihren Köpfen eine Statue des Jesuskindes, das mit einer Hand auf seine Dornenkrone wies und mit der anderen das Volk segnete. Ihnen folgten die Mönche, die Geistlichkeit, die Gonfalonieri, der Rat der Achtzig, Kanoniker, Doktoren und Magister der Theologie, die Ritter des Kapitäns von Bargello, Trompeter und Stabträger. Auf dem Platze wurde es still, wie vor einer Hinrichtung. Auf die Ringhiera, eine gemauerte Erhöhung vor dem Palazzo Vecchio, trat Savonarola. Er hob ein Kruzifix empor und verkündete laut und feierlich: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – zündet an!« Vier Mönche näherten sich mit brennenden Fackeln der Pyramide und steckten sie an vier Ecken in Brand. Die Flamme knisterte, Rauch stieg empor; anfangs war er grau, dann wurde er schwarz. Fanfaren erklangen. Die Mönche stimmten ihr » Te Deum laudamus !« an und helle Kinderstimmen sangen: » Lumen ad revelationem gentium et gloriam plebis Israel !« Die Glocke auf dem Turme des Palazzo Vecchio begann zu läuten und alle Kirchenglocken von Florenz fielen in ihr mächtiges ehernes Dröhnen ein. Die Flammen schlugen immer heller empor. Zarte, gleichsam lebendige Blätter der alten Pergamentbücher warfen sich und verkohlten. Von der untersten Stufe, auf der die Karnevalslarven lagen, flog plötzlich ein brennender falscher Bart in die Luft. Die Menge jauchzte auf. Die einen beteten, die andern weinten; andere lachten, hüpften und winkten mit Armen und Hüten; wieder andere weissagten. »Singet, singet dem Herrn ein neues Lied!« schrie ein lahmer Schuhmacher mit verdrehten Augen. »Alles wird zusammenstürzen, meine Brüder, alles wird untergehen, wie hier diese Eitelkeiten in der reinigenden Flamme verbrennen; alles, alles, alles wird untergehen: Kirche und Gesetz, Regierung und Obrigkeit, Kunst und Wissenschaft, es wird kein Stein auf dem andern bleiben, und dann kommt ein neuer Himmel und eine neue Erde! Und der Herr wird jede Träne aus unsern Augen wischen, es wird weder Tod geben, noch Tränen, Leiden und Krankheiten! Komm, o Herr Jesu!« Ein junges schwangeres Weib mit hagerem, leidendem Gesicht, wohl die Frau eines armen Handwerkers, fiel in die Knie, streckte ihre Arme nach dem Scheiterhaufen aus, als ob sie in der Flamme den Heiland selbst sähe, und schrie mit den letzten Kräften wie eine besessene: »Komm, Herr Jesu! Amen! Amen! Komme, Herr!« X. Giovanni sah im Scheiterhaufen ein von der Flamme grell beleuchtetes, aber noch unversehrtes Bild; es war ein Werk Leonardo da Vincis. Über den abendlichen Wassern eines Bergsees stand die nackte weiße Leda. Ein gigantischer Schwan hatte ihren Leib mit seinem Flügel umschlungen und reckte den schlanken Hals, die Erde und den leeren Himmel mit dem Schrei sieghafter Liebe erfüllend. Zu ihren Füßen, zwischen Pflanzen, Tieren und Insekten des Wassers, zwischen keimenden Samen, Larven und Knospen regten sich in der warmen Dämmerung, in der feuchten Schwüle die neugeborenen Halbgötter und Halbtiere – die Zwillinge Kastor und Pollux, die soeben aus der Schale eines riesengroßen Eies gekrochen waren. Leda, nackt bis zu den verborgensten Falten ihres Leibes, sah liebevoll auf ihre Söhne herab und umarmte den Hals des Schwanes mit keuschem und zugleich wollüstigem Lächeln. Giovanni verfolgte mit den Blicken die Flamme, die sich ihr immer mehr und mehr näherte, und sein Herz stand still vor Grauen. Indessen hatten die Mönche auf der Mitte des Platzes ein schwarzes Kreuz aufgepflanzt. Dann reichten sie sich die Hände und bildeten drei Kreise zu Ehren der Dreifaltigkeit. Um die Freude der Gläubigen über die Verbrennung der Eitelkeiten und Anathemas zu zeigen, tanzten sie einen Reigen, zuerst langsam, dann immer schneller und schneller; schließlich kreisten sie wie ein Wirbelwind und sangen: Ognun gridi, com'io grido, Sempre pazzo, pazzo, pazzo! Um Demut vor dem Herrn zu zeigen, Wir tanzen, drehen uns im Reigen. Wie König David heben Die Kutten wir und schweben Und tanzen toll vor Glück Und keiner bleibt zurück. Laßt uns tanzen viele Runden, Trunken von dem Blut der Wunden Unsres Heilands, unsres Herrn, Laßt uns jauchzen, laßt uns singen, Laßt uns springen, springen, springen, Voller Wahnsinn vor dem Herrn! Den Zuschauern drehte sich der Kopf, und Beine und Arme begannen ganz von selbst zu zucken; Kinder, Greise und Frauen wurden von dem Taumel mitgerissen und stürzten sich in den rasenden Reigen. Ein kahlköpfiger, dicker Mönch mit finnenbedecktem Gesicht, der einem alten Faun glich, glitt aus und schlug sich den Kopf blutig; wenn man ihn nicht sofort aus der Menge herausgezogen hätte, wäre er totgetreten worden. Der blutrote flackernde Feuerschein beleuchtete verzerrte Gesichter. Das schwarze Kruzifix – der Mittelpunkt des kreisenden Reigens – warf einen schwarzen Schatten. Die Kreuze hebet, schwinget Und springet, springet, springet, Wie König David sprang. Wir drehen uns im Kreise Zur lust'gen Fastnachtsweise Mit Jauchzen und Gesang. Wollen nicht auf Weisheit hören, Die die ird'schen Weisen lehren! Alle Weisheit wir bespei'n! Denn die Weisheit ist für Sünder, Laßt uns Narren sein und Kinder, Laßt uns toll in Christo sein! Die Flammen hatten inzwischen Leonardos Bild erreicht und beleckten jetzt mit roten Zungen den nackten weißen Leib, der nun rosig angehaucht, wie lebendig und noch geheimnisvoller und schöner erschien. Giovanni blickte bebend und erblassend zu ihr hinauf. Leda schenkte ihm ihr letztes Lächeln, dann loderte sie auf, schmolz im Feuer, wie Nebel in der Morgensonne schmilzt und verschwand für alle Zeiten. Der ausgestopfte Teufel auf dem Gipfel der Pyramide hatte Feuer gefangen. Sein mit Pulver gefüllter Bauch explodierte, mit betäubendem Knall. Eine Feuersäule stieg augenblicklich zum Himmel. Das Ungeheuer schwankte auf seinem flammenden Thron, stürzte zusammen und zerfiel in einen Haufen Kohlenglut. Wieder erklangen Fanfaren und Pauken. Alle Glocken von Florenz stimmten ein. Das Volk erhob ein Siegesgeheul, als ob der Teufel in Person mit allem Leid, Unrecht und Bösen der Welt im Feuer des heiligen Scheiterhaufens umgekommen wäre. Giovanni griff sich an den Kopf und wollte fliehen. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, er wandte sich rasch um und erblickte den Meister. Leonardo nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus der Volksmenge. XI. Sie verließen den von stinkenden Rauchwolken umlagerten und von dem erlöschenden Scheiterhaufen beleuchteten Platz und gelangten durch eine finstere Gasse zum Arnoufer. Hier war es still und einsam, man hörte nur die Wellen des Flusses rauschen. Die Sichel des Mondes beleuchtete die friedlichen, mit silbernem Reif bedeckten Hügel. Die Sterne flimmerten in strengen und in milden Strahlen. »Warum hast du mich verlassen, Giovanni?« fragte Leonardo. Der Schüler hob die Augen, wollte etwas erwidern, doch seine Stimme versagte, seine Lippen erbebten und er begann zu weinen. »Meister, verzeiht! ...« »Du hast vor mir nichts verbrochen,« versetzte der Künstler. »Ich wußte selbst nicht, was ich tat,« fuhr Beltraffio fort, »wie konnte ich, o Gott, wie konnte ich Euch nur verlassen? ...« Er wollte von seinem Wahnsinn, von seinen Qualen, von seinen Zweifeln über den Reich des Herrn und den Kelch des Teufels, über Christus und Antichrist, erzählen, aber er fühlte wieder, wie einst vor dem Sforzamonument, daß Leonardo ihn nicht verstehen würde; er schwieg und blickte mit hoffnungslosem Flehen in seine klaren Augen, die so still und fremd wie die Sterne waren. Der Meister fragte ihn nicht aus, als habe er alles erraten; er lächelte ihm mit dem Ausdrucke unendlichen Mitleides zu, legte ihm die Hand auf den Kopf und sagte: »Gott helfe dir, mein armer Junge! Du weißt, daß ich dich stets wie einen Sohn liebte, wenn du wieder mein Schüler werden willst, so nehme ich dich mit Freuden auf.« Und dann fügte er noch halb für sich, mit jener rätselvollen und verschämten Kürze, mit der er gewöhnlich seine geheimen Gedanken ausdrückte, hinzu: »Je mehr Gefühl, um so mehr Leid. Ein großes Martyrium!« Das Glockengeläute, der Gesang der Mönche und die Schreie der wahnsinnigen Menge klangen noch ganz schwach aus der Ferne, doch sie störten nicht mehr das Schweigen, das Meister und Schüler umgab. Achtes Buch Das goldene Zeitalter I. Ende des Jahres 1496 schrieb Herzogin Beatrice von Mailand ihrer Schwester Isabella, der Gemahlin des Markgrafen Francesco Gonzaga, des Herrn von Mantua: »Durchlauchtigste Madonna, unsere geliebte Schwester! Ich und mein Mann Signore Lodovico wünschen Euch und dem hervorragenden Signore Francesco Gesundheit. In Erfüllung Eures Wunsches sende ich Euch ein Bildnis meines Sohnes Massimiliano. Glaubt aber, bitte, nicht, daß er so klein ist. Wir wollten eigentlich von ihm genaues Maß nehmen, um es Eurer Signorie zu schicken; doch konnten wir uns nicht dazu entschließen, denn die Wärterin meinte, daß das Maßnehmen dem Wuchse des Kindes schaden könnte. Er wächst aber ganz wunderbar: wenn ich ihn einige Tage nicht gesehen habe und dann wieder anblicke, kommt er mir um so viel gewachsen vor, daß ich überaus zufrieden und glücklich bin. Wir hatten übrigens einen großen Kummer: unser Narr Nannino ist gestorben. Ihr habt ihn gekannt und gleich uns geliebt; bei jedem andern Verlust vermag ich die Hoffnung auf Ersatz so leicht nicht aufzugeben, während uns unseren Nannino selbst die Natur nicht ersetzen kann, denn sie hat bei seiner Erschaffung alle ihre Kräfte erschöpft, indem sie in diesem einen zum Ergötzen der Fürsten bestimmten Geschöpfe die seltenste Dummheit mit der reizendsten Häßlichkeit vereinigte. Der Dichter Bellincioni sagt in seinem Epitaph: Ist er im Himmel, so belustigt er das ganze Paradies, ist er in der Hölle, so schweigt und freut sich Cerberus. Wir haben ihn in unserer Familiengruft in Maria delle Grazie neben meinem Lieblings-Jagdsperber und der unvergeßlichen Hündin Puttina beigesetzt, damit wir nach unserem Tode dieses angenehmen Gegenstandes nicht entbehren müssen. Ich habe zwei Nächte lang geweint und Signor Lodovico versprach mir zum Trost für Weihnachten einen prunkvollen silbernen Leibstuhl mit einer Darstellung der Schlacht zwischen Centauren und Lapithen. Das Innere des Gefäßes ist aus reinem Gold, der Baldachin aus karmoisinrotem Samt und mit den herzoglichen Wappen bestickt; das Ganze ist aber genau so wie der Leibstuhl der Großherzogin von Lothringen. Einen solchen Leibstuhl soll weder eine der Fürstinnen Italiens, noch der Papst, der Kaiser oder der Großtürke besitzen. Er ist schöner, als der berühmte Leibstuhl Basada, der von Martial in seinen Epigrammen beschrieben wird. Merula dichtete darauf Hexameter, die so beginnen: Quis cameram hanc supero dignam neget esse tonante Principe. Würdig ist dieses Gerät des donnerschleudernden Gottes. Signor Lodovico wollte den Florentiner Künstler Leonardo da Vinci beauftragen, im Innern des Leibstuhles ein Musikwerk, in der Art einer kleinen Orgel anzubringen, Leonardo lehnte aber unter dem Vorwande ab, daß er zu sehr vom Koloß und dem Heiligen Abendmahl in Anspruch genommen sei. Verzeiht, liebe Schwester, daß ich Euch diesen Meister nicht für eine Zeitlang geschickt habe. Ich hätte mit Freude Euren Wunsch erfüllt und ihn Euch nicht nur für eine Zeitlang, sondern für immer abgetreten. Aber Signor Lodovico schätzt ihn, ich weiß nicht warum, über alle Maßen und will sich nicht von ihm trennen. Ihr sollt Euch, übrigens, darüber nicht grämen, denn dieser Leonardo ist der Alchimie, Magie, Mechanik und ähnlichem Unsinn viel mehr ergeben, als der Malerei und zeichnet sich durch solche Unpünktlichkeit in Ausführung von Aufträgen aus, daß selbst einem Engel die Geduld reißen könnte. Außerdem ist er, wie ich höre, ein Ketzer und Atheist. Neulich hatten wir eine Wolfsjagd veranstaltet. Ich durfte nicht mitreiten, denn ich bin im fünften Monat schwanger. Ich habe der Jagd von einem erhöhten Wagentritt aus zugeschaut, der eigens für mich in der Art einer Kirchenkanzel gebaut wurde. Es war, übrigens, mehr Marter als Vergnügen. Als der Wolf in den Wald flüchtete, hätte ich beinahe geweint. Hätte ich in einem Sattel gesessen, ich hätte ihn nicht entrinnen lassen: ich hätte mir den Hals gebrochen, aber das Tier eingeholt! Erinnert Ihr Euch noch, Schwester, wie wir einst zusammen jagten? Damals stürzte Donsella Penthesileia in einen Graben und hätte sich fast den Schädel zerschlagen. Und dann die Wildschweinjagd in Cusnago, und das Ballspiel, und der Fischfang – eine schöne Zeit war das! Jetzt suchen wir uns nach Kräften zu trösten. Wir spielen Karten und laufen Schlittschuh. Dies letztere Vergnügen hat uns ein junger Edelmann aus Flandern beigebracht. Wir haben einen kalten Winter: nicht nur die Teiche, sondern auch alle Flüsse sind zugefroren. Leonardo hat auf der Eisbahn im Schloßgarten aus marmorweißem und hartem Schnee eine wunderbare Leda mit dem Schwan geformt. Es ist schade, daß sie im Frühjahre zerschmelzen wird. Wie geht es Euch, geliebte Schwester? Ist es Euch geglückt, die langhaarigen Katzen zu züchten? Wenn Ihr ein rotes Kätzchen mit blauen Augen bekommt, so schickt es mir mit der versprochenen Mohrin. Ich will Euch dafür junge Hunde von dem »Seidenfädchen« schicken. Vergeßt bitte nicht, Madonna, vergeßt nicht, mir das Schnittmuster zum Seelenwärmer aus blauem Atlas zu senden; ich meine den mit dem schrägen Kragen und Zobelbesatz. Ich hatte schon in meinem vorigen Briefe Euch darum gebeten. Schickt mir das Schnittmuster so schnell es geht, am besten morgen früh mit einem reitenden Boten. Schickt mir auch ein Glas von Eurem wunderbaren Waschmittel gegen Gesichtspickel und von dem überseeischen Holze zum Polieren der Fingernägel. Wie steht es mit dem Denkmal Virgils, dieses süßen Schwanes der Mantuanischen Seen? Wenn Euch die Bronze nicht langt, so wollen wir Euch zwei alte Bombarden aus vorzüglichem Kupfer schicken. Unsere Astrologen prophezeien einen Krieg und einen heißen Sommer: die Hunde werden toll und die Fürsten zornig werden, was sagt Euer Astrolog? Dem fremden glaubt man immer mehr als dem eigenen. Ich schicke Eurem durchlauchtigsten Gemahl Signore Francesco ein Rezept gegen die französische Krankheit, das von unserm Leibarzt Luigi Marliani erfunden worden ist. Es soll helfen. Die Quecksilbereinreibungen sollen früh morgens auf nüchternen Magen in den ungeraden Tagen des Monats nach dem Neumond vorgenommen werden. Ich habe gehört, daß diese Krankheit nur die unheilbringende Konjunktur gewisser Planeten zur Ursache habe, besonders aber die der Venus mit dem Merkur. Ich und Signor Lodovico empfehlen uns Eurem gnädigen Wohlwollen und dem Eures Gemahls, des berühmten Markgrafen Francesco. Beatrice Sforza.« II. Dieser anscheinend harmlose Brief enthielt doch viel Verstellung und Politik. Die Herzogin verschwieg ihrer Schwester ihre Familiensorgen. Das Verhältnis zwischen den Ehegatten war keineswegs so herzlich, wie man nach diesem Briefe schließen könnte. Sie haßte Leonardo weniger wegen seiner Ketzerei und Gottlosigkeit, sondern weil er einst im Auftrage des Herzogs ein Bildnis der Cecilia Bergamini, der Hauptmaitresse Moros, gemalt hatte. In der letzten Zeit verdächtigte sie ihren Mann, ein neues Liebesverhältnis mit einer ihrer Hofdamen, Madonna Lucrezia, angefangen zu haben. In dieser Zeit hatte der Mailänder Herzog den Gipfel seiner Macht erreicht. Der Sohn des verwegenen romagnolischen Söldners, des Halbsoldaten und Halbräubers Francesco Sforza, trachtete danach, Alleinherrscher des vereinigten Italiens zu werden. »Der Papst ist mein Beichtvater, der Kaiser mein Feldherr, die Stadt Venedig mein Schatzmeister und der König von Frankreich mein Eilbote,« so prahlte Moro. Seine Unterschrift lautete: » Ludovicus Maria Sfortia Anglus dux Mediolani «, denn er leitete sein Geschlecht von dem berühmten Helden, dem Gefährten des Aeneas, Anglus von Troja, ab. Auch der von Leonardo errichtete Koloß, das Denkmal seines Vaters, mit der Aufschrift » Ecce Deus ! – Sehet welch ein Gott!« zeugte von der göttlichen Größe der Sforzas. Bei all diesem äußeren Glück und Erfolg spürte der Herzog doch eine geheime Angst und Beklommenheit. Er wußte, daß das Volk ihn nicht liebte und ihn für den Räuber des Thrones hielt. Als einst die Volksmenge auf dem Arengoplatze die Witwe des verstorbenen Gian-Galeazzo mit ihrem Erstgeborenen, Francesco, gewahrte, brach sie in Rufe aus: »Es lebe der rechtmäßige Herzog Francesco!« Er war acht Jahre alt und durch Verstand und Schönheit ausgezeichnet. Der Gesandte von Venedig Marino Sanuto berichtete: »Das Volk wünscht ihn sich zum Herzog wie einen Gott.« Beatrice und Moro hatten eingesehen, daß der Tod Gian-Galeazzos die auf ihn gesetzten Hoffnungen betrogen hatte, denn sie waren doch nicht rechtmäßige Fürsten geworden. In diesem Kinde war der Schatten des verstorbenen Herzogs aus dem Grabe gestiegen. In Mailand wurden verschiedene geheimnisvolle Vorzeichen besprochen. Man erzählte, des Nachts könne man über den Schloßtürmen Flammen sehen, die dem Widerscheine einer Feuersbrunst glichen, und in den Schloßräumen sei schreckliches Stöhnen zu hören. Man erinnerte sich auch, wie Gian-Galeazzos linkes Auge sich nicht schließen ließ, als er im Sarge lag, was den baldigen Tod eines seiner nächsten Verwandten bedeuten sollte. Man erzählte sich, eine Madonna del'Albere hätte ein Zittern in den Augenlidern; die Kuh einer alten Frau, die hinter dem Ticino-Tor wohnte hätte ein Kalb mit zwei Köpfen geworfen; die Herzogin wäre in einem einsamen Saal der Rocchetta, von einem Gespenst erschreckt, in Ohnmacht gefallen und wollte darüber mit niemandem, selbst mit ihrem Gatten nicht reden. Seit einiger Zeit hatte die Herzogin ihre jugendliche Beweglichkeit, die dem Herzog so sehr gefiel, fast gänzlich eingebüßt und sah mit schlimmen Vorahnungen der Entbindung entgegen. III. An einem Dezemberabend, als die Schneeflocken die Straßen der Stadt mit einem weichen Teppich bedeckten und das Schweigen der Dämmerung vertieften, saß Moro in einem kleinen Palazzo, den er seiner neuen Maitresse, Madonna Lucrezia Crivelli, zum Geschenk gemacht hatte. Das Feuer des Kamins warf seinen Schein auf die lackierte Türe, deren Mosaikverzierungen Perspektiven alter römischer Bauwerke darstellten, auf die goldverzierte gegitterte Stuckdecke, auf die goldbedruckten Tapeten aus Kordua-Leder und auf einen runden Tisch mit einer grünen Samtdecke, einem aufgeschlagenen Roman des Bojardo, Notenrollen, einer Mandoline aus Perlmutter und einem geschliffenem Kristallkrug mit Balnea Aponitana – einem Heilwasser, welches bei den vornehmen Damen gerade in Mode kam. An der Wand hing Lucrezias Bildnis, von Leonardo gemalt. Über dem Kamin standen Tonfiguren von Caradosso: flatternde Vögel, die Weintrauben pickten und geflügelte nackte Kinder, halb christliche Engel, halb heidnische Liebesgötter, die mit den heiligen Werkzeugen der Leiden Christi – Nägel, Speer, Rohr, Schwamm und Dornenkrone – tanzten und spielten; im rosigen Widerschein der Flamme schienen sie lebendig. Im Schornsteine heulte der Schneesturm. Aber in dem schönen Arbeitszimmer – Studiolo – atmete alles Gemütlichkeit und Behagen. Madonna Lucrezia saß auf einem samtenen Kissen zu Moros Füßen. Ihr Gesicht war traurig. Er hielt ihr freundlich vor, daß sie seit so langer Zeit die Herzogin Beatrice nicht besucht hätte. »Durchlaucht,« sagte das Mädchen und schlug die Augen nieder. »Ich flehe Euch an, nötigt mich nicht dazu, denn ich kann nicht lügen!« »Verzeih mir, heißt denn das lügen?« wunderte sich Moro. »Wir verheimlichen ja nur. Hat denn nicht auch der Donnerschleuderer selbst seine Liebesgeheimnisse vor seiner eifersüchtigen Gattin verheimlicht? Und erst Theseus, Phädra, Medea und die andern Götter und Helden des Altertums? Können denn wir, schwache Sterbliche, der Macht des Liebesgottes widerstreben? Ist denn ein verheimlichtes Übel nicht besser als ein offenkundiges? Wenn wir unsere Sünde verheimlichen, so bewahren wir unsere Mitmenschen vor dem Ärgernis, wie es christliche Nächstenliebe erheischt. Wenn aber in unserem Tun kein Ärgernis, dafür aber Nächstenliebe ist, so tun wir auch gar nichts Böses, oder beinahe nichts Böses...« Er lächelte verschlagen. Lucrezia schüttelte den Kopf und sah ihm mit ihrem strengen, kindlich-feierlichen unschuldigen Blick etwas mißtrauisch gerade in die Augen. »Ihr wißt, mein Fürst, wie glücklich mich Eure Liebe macht. Und doch möchte ich zuweilen lieber sterben, als Madonna Beatrice hintergehen, die mich wie eine Schwester liebt...« »Laß das, mein Kind!« sagte der Herzog. Er zog sie auf seinen Schoß und umschlang mit der einen Hand ihre Taille, während er mit der andern ihr schwarzes glänzendes Haar streichelte, das glatt über die Ohren gekämmt und von einem schmalen Goldreifen, der in der Mitte der Stirne einen funkelnden Diamanten trug, geschmückt war. Sie hatte ihre langen weichen Wimpern gesenkt und gab sich ohne Leidenschaft und Erregung, kühl und keusch seinen Liebkosungen hin. »Wenn du wüßtest, wie ich dich liebe, du mein stilles, bescheidenes Mädchen, nur dich allein!« flüsterte er, den ihm wohlvertrauten Geruch von Veilchen und Moschus gierig einatmend. Die Türe ging auf und ehe noch der Herzog das Mädchen aus seinen Armen entgleiten lassen konnte, stürzte ins Zimmer die erschrockene Zofe: »Madonna, Madonna!...« keuchte sie: »Dort unten, vor dem Tore ... Herr, sei uns Sündern gnädig!...« »Rede vernünftig!« versetzte der Herzog. »wer ist vor dem Tore?« »Herzogin Beatrice!« Moro erblich. »Der Schlüssel! Wo ist der Schlüssel von der anderen Türe? Ich will durch die Hinterpforte und den Hof... wo ist denn der Schlüssel? Gib ihn rasch her...« »An der Hinterpforte stehen die Cavalieri der durchlauchtigsten Madonna!« erwiderte die Zofe verzweifelnd die Hände ringend. »Der ganze Hof ist umzingelt!« »Es ist eine Falle!« rief der Herzog aus, sich an den Kopf fassend. »Woher mag sie es nur wissen? Wer kann es ihr gesagt haben?« »Es kann nur Monna Sidonia gewesen sein!« fiel die Zofe ein. »Jetzt ist es mir klar, warum die verdammte Hexe so oft zu uns mit ihren Essenzen und salben kommt. Ich hatte Euch ja gewarnt, Signora...« »Was tun? Mein Gott, was soll ich tun?« lallte der totenblasse Herzog. Von der Straße aus wurde laut an die Haustüre geklopft. Die Zofe stürzte zur Treppe. »Verstecke mich, Lucrezia! Verstecke mich!« »Durchlaucht!« erwiderte das Mädchen, »wenn Madonna Beatrice Verdacht hat, so läßt sie doch das ganze Haus absuchen. Wäre es nicht besser, ihr gleich entgegen zu treten?« »Nein, nein, Gott bewahre! Was sprichst du, Lucrezia! Wie könnte ich ihr entgegentreten?! Du weißt ja nicht, was für ein Weib sie ist! Mein Gott, wie schrecklich, wenn ich bedenke, was daraus werden kann! Sie ist ja schwanger! ... Verstecke mich doch, verstecke mich! ...« »Ich wüßte wirklich nicht, wohin ...« »Ganz gleich, wohin du willst, aber schnell!...« Der Herzog zitterte und glich in diesem Augenblick eher einem ertappten Dieb, als dem fabelhaften Helden Anglus von Troja, Gefährten des Aeneas. Lucrezia führte ihn durch das Schlafgemach in den Ankleideraum und versteckte ihn in einem jener großen weißen, im alten Geschmack mit Gold verzierten Wandschränke, die den vornehmen Damen als »Guardaroben« dienten. Er verkroch sich in eine Ecke zwischen den Kleidern. »Wie dumm!« dachte er sich. »Mein Gott, wie dumm! Ganz wie in den Novellen des Franco Sacchetti oder Boccaccio.« Es war ihm aber gar nicht so lustig zu Mute. Er holte aus dem Busen ein kleines Amulett mit Reliquien des heiligen Christophorus und ein zweites, das genau so wie das erste aussah und ein Stückchen von einer ägyptischen Mumie, ein in jener Zeit besonders beliebter Talisman, enthielt. Die Amulette sahen einander so ähnlich, daß er sie im Finstern und in seiner Aufregung nicht voneinander unterscheiden konnte und so küßte er, sich bekreuzend und Gebete murmelnd, für jeden Fall beide. Plötzlich hörte er die Stimmen seiner Frau und seiner Geliebten, die zusammen in den Ankleideraum traten, und ein Gruseln überlief ihn. Die beiden Frauen unterhielten sich so freundschaftlich, als ob nichts vorgefallen wäre. Er merkte aus dem Gespräch, daß Beatrice den Wunsch geäußert hatte, Lucrezias neues Haus zu sehen und daß diese es ihr nun zeige. Beatrice hatte wohl keine unumstößlichen Beweise in Händen und wollte daher ihren Verdacht nicht merken lassen. Es war ein Zweikampf weiblicher Verstellungskunst und List. »Sind auch hier Kleider?« fragte Beatrice mit gleichgültigem Ausdruck und wies auf den Schrank, in dem Moro mehr tot als lebendig stand. »Es sind alte Hauskleider, wollen Ew. Durchlaucht sie anschauen?« erwiderte Lucrezia. Und sie öffnete die Schranktüre. »Sagt, meine Liebe,« fuhr die Herzogin fort: »wo ist denn das Kleid, das mir neulich so gut gefiel? Ihr wißt wohl, Ihr hattet es beim Sommerball bei den Pallaviccini an? Ich meine das mit den kleinen Goldwürmchen auf dunkelblauem Morello, sie flimmerten wie Leuchtkäfer!« »Wenn ich nur wüßte ...« versetzte Lucrezia ganz ruhig. »Ach ja, ich weiß schon! Es wird wohl in diesem Schrank hängen.« Und ohne die Türe des Schrankes, in dem Moro saß, zu schließen, trat sie mit der Herzogin vor die nächste Guardarobe. »Und eben erst hat sie gesagt, sie könne nicht lügen!« dachte er voller Entzücken. »Solche Geistesgegenwart! Ja, die Frauen! wir Fürsten sollten eigentlich bei ihnen Politik lernen!« Beatrice und Lucrezia verließen den Ankleideraum. Moro konnte freier aufatmen. Doch hielt er noch immer beide Amulette – das mit der Reliquie und das mit der Mumie – krampfhaft in der Hand. »Ich gelobe zweihundert Reichsdukaten der heiligen Fürsprecherin zu Maria delle Grazie für Öl und Kerzen, wenn alles gut abläuft!« flüsterte er von heißem Glauben beseelt. Die Zofe lief herbei, öffnete den Schrank, ließ den Herzog mit ehrfurchtsvoll-schelmischer Miene heraus und berichtete, die Gefahr sei vorbei: die durchlauchtigste Herzogin geruhe fortzufahren, nachdem sie von Madonna Lucrezia höchst gnädig Abschied genommen hatte. Er bekreuzigte sich mit großer Inbrunst, ging ins Studiolo , stärkte sich mit einem Glas Balnea Aponitana und lächelte Lucrezia zu, die, wie vorhin mit gesenktem Kopf und das Gesicht mit den Händen bedeckt, vor dem Kamin saß. Dann trat er mit schleichenden Fuchsschritten von rückwärts an sie heran, beugte sich zu ihr nieder und umarmte sie. Das Mädchen zuckte zusammen. »Laßt mich! Laßt! Geht fort! wie könnt Ihr es noch nach dem vorgefallenen! ...« Der Herzog aber hörte nicht auf sie; er bedeckte schweigend ihr Gesicht, Haar und ihren Hals mit gierigen Küssen. Noch nie erschien sie ihm so schön: als hätte ihr die weibliche Lüge, die er an ihr soeben wahrgenommen, einen neuen Reiz verliehen. Anfangs widerstrebte sie, doch war sie zu schwach, sie schloß, die Augen und reichte ihm zögernd mit hilflosem Lächeln ihren Mund zum Kusse. Der Dezembersturm heulte im Schornsteine, während auf dem Kamin, unter der Rebenranke des Bacchus eine Schar nackter Kinder im rosigen Widerscheine der Flamme mit den heiligsten Marterwerkzeugen Christi spielte und tanzte. IV. Am Neujahrstag des Jahres 1497 sollte am Hof ein Ballfest stattfinden. Die Vorbereitungen, an denen Bramante, Caradosso und Leonardo da Vinci teilnahmen, dauerten drei Monate. Um fünf Uhr nachmittags begann die Auffahrt der Gäste. Es waren über zweitausend Personen geladen. Der Schneesturm hatte alle Wege und Straßen verweht. Die mit Schnee bedeckten Zinnen, Vorsprünge und Schießscharten des Schlosses hoben sich weiß vom Hintergrunde des finsteren Himmels ab. Im Hofe wärmte sich bei den lodernden Scheiterhaufen lachend und plaudernd eine Schar von Stallknechten, Läufern, Bügelhaltern, Reitknechten und Sänfteträgern. Bei der Einfahrt des Palazzo Ducale und bei der eisernen Zugbrücke, die zum inneren Hof der Rocchetta führte, drängten sich vergoldete plumpe Karossen, Reisewagen und Kutschen, mit vier und mit sechs Pferden bespannt, und ihnen entstiegen Signorie und Cavalieri in kostbares moskowitisches Pelzwerk gehüllt. Durch die vereisten Fensterscheiben strahlten festliche Flammen. Im Vorraum passierten die Gäste die in zwei Reihen aufgestellte herzogliche Leibwache; da waren türkische Mamelucken, griechische Stradioten, schottische Armbrustschützen und schweizer Landsknechte in eisernen Rüstungen, mit schweren Hellebarden in der Hand. In der ersten Reihe standen schlanke Pagen, lieblich wie junge Mädchen, in mit Schwanenpelz besetzten zweifarbigen Livreen, die rechts aus rosa Samt und links aus blauem Atlas waren und auf der Brust die in Silber gestickten heraldischen Abzeichen des Hauses Sforza-Visconti zeigten; diese Kleidung lag so eng an, daß alle Körperformen vollkommen sichtbar waren; nur vorn unter dem Gürtel bildete das Wams kurze enge röhrenförmige Falten. Diese Knaben hielten brennende lange Kerzen aus rotem und gelbem Wachs, die wie Kirchenkerzen aussahen, in den Händen. Sobald ein Gast den Vorraum betrat, rief ein Herold, dem zwei Trompeter assistierten, seinen Namen aus. Vor den Gästen öffnete sich eine Reihe großer, blendend hell beleuchteter Säle: der »Saal der weißen Tauben auf rotem Felde«; – der »Goldene Saal« mit der Darstellung der herzoglichen Jagd; der »Rote Saal«, dessen Wände von unten bis oben mit goldbesticktem Atlas bezogen waren; das Muster bestand aus Eimern und brennenden Scheiten, was die unumschränkte Macht der Mailänder Herzöge, die nach ihrem Belieben die Flamme des Krieges anfachen und sie wieder mit dem Wasser des Friedens löschen könnten, bedeutete. Im kleinen von Bramante erbauten »Schwarzen Saal«, der den Damen als Toilettenzimmer diente, sah man auf der Decke und den Wänden unvollendete Fresken Leonardos. Die festlich geputzte Menge summte und rauschte wie ein Bienenschwarm. Die Kleider zeichneten sich durch bunte und grelle Farben und durch maßlosen, oft geschmacklosen Luxus aus. In dieser Buntheit und in der Mannigfaltigkeit der hier vertretenen ausländischen Moden, die zum Teil geradezu närrisch wirkten und den Gewohnheiten und Bräuchen der Vorfahren widersprachen, erblickte ein anwesender Satiriker »ein Vorzeichen der ausländischen Invasion und der drohenden Unterjochung Italiens«. Die wie Kirchengewänder gemusterten Stoffe der Damenkleider fielen in glatten schweren Falten; sie waren reich mit Gold durchwirkt und mit Edelsteinen besetzt und daher steif wie Blech und so dauerhaft, daß sie als Erbstücke von Urgroßmüttern zu Urenkeln wanderten. Tiefe Ausschnitte entblößten Schultern und Brust. Das Haar, das vorn unter einem goldenen Netz lag, war nach lombardischer Sitte bei verheirateten Frauen wie bei jungen Mädchen in steife Zöpfe geflochten, die durch falsches Haar und Bänder verlängert, bis zum Boden herabfielen. Die Mode verlangte, daß die Augenbrauen kaum sichtbar waren; diejenigen Damen, die üppigen Haarwuchs hatten, zupften sich die Haare der Augenbrauen mit Stahlpinzetten aus. Es galt für unschicklich, ungeschminkt zu erscheinen. Es wurden nur sehr stark und schwer duftende Wohlgerüche gebraucht: Moschus, Ambra, Viverra und ein Pulver aus Cypern, das einen durchdringenden und betäubenden Duft hatte. Man sah viele junge Mädchen und Frauen von jener eigentümlichen Schönheit, die nur in der Lombardei vorkommt: mit jenen luftigen, wie Rauch schmelzenden Schatten auf der blassen matten Haut und auf den zarten und weichen Rundungen der Gesichter, wie sie Leonardo da Vinci so gern malte. Die schwarzäugige und schwarzlockige Madonna Violanta Borromeo, deren sieghafte Schönheit einem jeden Geschmack zugänglich war. wurde als Königin des Balles bezeichnet. Sie trug ein dunkelrotes Samtkleid mit goldgestickten Faltern, die ihre Flügel an Kerzenflammen versengten – eine Warnung für die Verliebten. Es war aber nicht Madonna Violanta, die die Aufmerksamkeit der Auserwählten auf sich lenkte, sondern Donsella Diana Pallaviccini mit Augen so kalt und klar wie Eis, mit aschgrauem Haar, mit gleichgültigem Lächeln und langsam-singender Rede, die wie Violamusik klang. Sie trug ein einfaches Gewand aus weißem fließendem Damast mit langen dunkelgrünen Seidenbändern, die Algen glichen. Inmitten des Glanzes und Lärmes schien sie allem fremd, einsam und traurig, wie blasse Wasserblumen, die auf vergessenen Teichen im Mondschein schlummern. Trompeten und Pauken gaben das Signal und die Gäste begaben sich in den großen »Saal des Ballspiels«, der sich in der Rocchetta befand. Unter der blauen mit goldenen Sternen besäten Decke hingen kreuzförmige Gestelle mit brennenden Wachskerzen, leuchtenden Weintrauben gleich. Von dem Balkon, der als Chor diente, hingen seidene Teppiche und Girlanden von Lorbeer, Efeu und Wacholder herab. Genau zu der von den Astrologen vorausbestimmten Stunde, Minute und Sekunde – denn der Herzog pflegte, wie sich ein Gesandter ausdrückte, weder sein Hemd zu wechseln, noch seine Frau zu küssen, ohne zuvor die Gestirne zu befragen, – betrat das herzogliche Paar Moro und Beatrice den Saal. Barone, Camerieri, Spenditoren und Cjambellane trugen die langen Schleppen ihrer mit Hermelin gefütterten Krönungsmäntel aus Goldbrokat. In der Brustschnalle des Herzogs funkelte ein Rubin von fabelhafter Größe, den er Gian-Galeazzo geraubt hatte. Beatrice war abgemagert und hatte viel von ihrer Schönheit verloren. Der schwangere Leib machte bei ihrer mädchenhaften, beinahe kindlichen Gestalt mit der flachen Brust und den eckigen Bewegungen eines Knaben einen befremdenden Eindruck. Moro gab ein Zeichen. Der Hauptseneschall hob seinen Stab, vom Chore erklang Musik und die Gäste setzten sich an die Festtafel. V. In diesem Augenblick gab es einen Zwischenfall. Der Gesandte des Großfürsten von Moskau, Danilo Mamyrow, wollte nicht weiter unten sitzen, als der Gesandte der durchlauchtigsten Republik von San Marco. Man versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. Doch der eigensinnige Alte wollte auf niemand hören und bestand auf seinem Rechte: »Da setze ich mich nicht hin, denn es steht mir schlecht an.« Von allen Seiten richtete man auf ihn neugierige und spöttische Blicke. »Was ist denn los? Wieder Unannehmlichkeiten mit den Moskovitern? Es sind wilde Menschen! Die drängen sich immer auf die ersten Platze! Sie lassen nicht mit sich reden. Man kann sie wirklich nirgends einladen! Barbaren! Und erst ihre Sprache – habt Ihr gehört? – sie klingt wie türkisch! Ein wildes Volk!« Der geschäftige und stets bewegliche Mantuaner Boccalino, der als Dolmetscher diente, sprang rasch zu Mamyrow: »Messer Daniele! Messer Daniele!« sprach er in gebrochenem Russisch unter fortwährenden Grimassen und Bücklingen auf ihn ein: »Es geht nicht! Es geht nicht! Ihr müßt Euch setzen. So ist es Sitte in Mailand. Es ist nicht schön zu streiten. Der Duca zürnt.« Auch der junge Begleiter Mamyrows, der Beamte des auswärtigen Amtes in Moskau, Nikita Katschjarow, suchte auf den Alten einzuwirken. »Väterchen Danilo Kusmitsch, ereifere dich nicht! In ein fremdes Kloster soll man nicht mit eigenem Statut kommen! Es sind ja Ausländer und unsere Sitten sind ihnen fremd. Wie leicht kann da ein Unglück passieren! Sie werfen uns noch hinaus und da haben wir die Schande.« »Schweig, Nikita, schweig! Du bist zu jung, um mich alten Mann zu belehren. Ich weiß, was ich tue. Sie werden es nie erreichen, daß ich mich hinter den venetianischen Gesandten setze. Das wäre eine Verletzung unserer Gesandtenehre. Es heißt ja: jeder Gesandte vertritt das Antlitz und die Sprache seines Fürsten. Unser Fürst ist aber der rechtgläubige Selbstherrscher aller Reußen.« »Messer Daniele! Messer Daniele!« bestürmte ihn der Dolmetscher Boccalino. »Laß mich in Ruh! Was plapperst du da, du ungläubiger Affe? Wenn ich einmal gesagt habe, daß ich mich nicht setze, so bleibt es dabei!« Seine kleinen Bärenaugen sprühten unter den finsteren Augenbrauen vor Zorn, stolz und unbesiegbarem Eigensinn. Der mit Smaragden besetzte Knopf seines Stockes bebte in seiner fest zusammengepreßten Faust. Es war klar, daß ihn keine Gewalt umstimmen würde. Moro rief den Gesandten von Venedig zu sich heran, entschuldigte sich vor ihm mit jener bezaubernden Höflichkeit, die ihm in hohem Maße eigen war, versprach ihm sein Wohlwollen und bat ihn, ihm die persönliche Gefälligkeit zu erweisen und sich zur Vermeidung von Streit und Zwistigkeiten, auf einen andern Platz zu bequemen; er möchte ihm glauben, daß er dem dummen Ehrgeiz dieser Barbaren keinerlei Bedeutung zumesse. In der Tat war aber der Herzog eifrig bestrebt, sich mit dem »Großherzog von Rosien« – »gran duca di Rosia« gut zu stellen, denn er hoffte durch seine Vermittlung einen vorteilhaften Vertrag mit dem Sultan der Türkei abschließen zu können. Der Venetianer warf dem Mamyrow einen spöttischen Blick zu und erwiderte mit verächtlichem Achselzucken, daß seine Hoheit recht habe, denn ähnliche Streitereien um einen Platz seien eines vom Lichte der Menschlichkeit – » humanità « erleuchteten Mannes unwürdig. Und er setzte sich auf den ihm angewiesenen Platz. Danilo Kusmitsch verstand von der Rede seines Gegners kein Wort, wenn er sie aber auch verstanden hätte, so würde er sich nicht viel daraus gemacht haben, er war von seinem Rechte überzeugt, denn er wußte, daß vor zehn Jahren, im Jahre 1487, bei Gelegenheit eines feierlichen Empfangs beim Papste Innocenz VIII., die Moskauer Gesandten Dimitrij und Manuil Raljew auf den Stufen des apostolischen Thrones gleich nach den römischen Senatoren, den Vertretern der alten die Welt beherrschenden Stadt, rangierten. Nicht umsonst hatte der ehemalige Metropolit von Kiew, Sabbas Spiridon, in einem Sendschreiben den Großfürsten von Moskau für den einzigen Nachfolger des Doppeladlers von Byzanz, der unter seinen Fittichen Ost und West vereinige, erklärt. Weiter hieß es in diesem Sendschreiben, daß Gott der Allmächtige, der die beiden Rom, das alte und das neue ihrer Ketzereien wegen gestürzt, nun eine dritte geheimnisvolle Stadt errichtet habe, um über sie seinen ganzen Ruhm, seine Kraft und seine Gnade zu ergießen, ein drittes nordisches Rom – das rechtgläubige Moskau; ein viertes Rom werde es aber niemals geben. Ohne auf die feindlichen Blicke zu achten, strich sich Danilo Kusmitsch selbstzufrieden seinen langen grauen Bart, zupfte sich den Gürtel auf dem dicken Bauch und den dunkelroten Samtpelz mit Zobelbesatz zurecht, und ließ sich schwer und würdevoll auf dem erkämpften Platz nieder. Ein dunkles, berauschendes Gefühl erfüllte seine Seele. Nikita und der Dolmetscher Boccalino setzten sich ans untere Ende der Tafel, neben Leonardo da Vinci. Der prahlerische Mantuaner erzählte von den Wundern, die er in Moskovien gesehen hatte, wobei er die Wahrheit reichlich mit Lügen vermengte. Der Künstler glaubte von Karatschjarow selbst genauere Mitteilungen erhalten zu können und wandte sich durch den Dolmetscher direkt an den Russen. Er fragte ihn über das ferne Land aus, das Leonardos Neugier wie alles Rätselhafte und Maßlose reizte, über die unendlichen Steppen, grimmigen Fröste, großen Ströme und Wälder, über die Flut am Hyperboreischen Ozean und am Hyrkanischen Meere, über das Nordlicht und schließlich auch über seine nach Moskau gezogenen Freunde – den lombardischen Maler Pietro Antonio Solari; der bei der Ausschmückung der großfürstlichen Rüstkammer beteiligt war, und den Bologneser Baumeister Aristoteles Fioraventi, der den Kremlplatz mit herrlichen Bauwerken geschmückt hatte. »Messere,« wandte sich an den Dolmetscher seine Tischnachbarin, die neugierige und schelmische Donsella Ermellina: »Ich hörte, daß dieses wunderbare Land darum Rosia heiße, weil es da viele Rosen gebe. Stimmt das?« Boccalino gab lachend zur Antwort, daß es in Rosia, trotz des Namens, weniger Rosen gebe, als in irgend einem andern Lande; zur Bestätigung erzählte er ihr die italienische Novelle von der russischen Kälte: Einige Florentiner Kaufleute waren nach Polen gekommen. 5ie durften nicht weiter ziehen, denn um jene Zeit führte der König von Polen Krieg mit dem Großherzog von Rosien. Die Florentiner wollten aber Zobelpelze kaufen und luden die russischen Kaufleute an die Ufer des Boristhenes ein, der beide Länder von einander trennt. Sie wagten nicht, den Fluß zu passieren, da sie fürchteten, in Gefangenschaft zu geraten; darum blieben die Moskoviter auf dem einen Ufer und die Italiener auf dem andern und sie verhandelten so miteinander über den Fluß. Der Frost war aber so stark, daß die Worte in der Luft einfroren, noch ehe sie das andere Ufer erreichten. Da entzündeten die findigen Polen in der Mitte des Flusses einen großen Scheiterhaufen, an jener Stelle, wohin nach ihrer Berechnung die Worte noch uneingefroren ankamen. Das Eis war hart wie Marmor und konnte daher beliebiges Feuer aushalten. Und so tauten die Worte, die eine ganze Stunde lang eingefroren in der Luft hingen, allmählich auf; sie tropften und flossen dahin und endlich konnten die Florentiner sie ganz deutlich vernehmen, obwohl die Moskoviter längst das andere Ufer verlassen hatten. Die Erzählung zündete. Die Damen richteten neugierig-mitleidsvolle Blicke auf Nikita Karatschjarow, der aus diesem unglückseligen, von Gott verfluchten Lande stammte. Nikita glotzte indessen ganz erstaunt auf ein von ihm noch nie gesehenes Schauspiel: Es wurde eine große Platte aufgetragen mit einer nackten Andromeda aus zarten Kapaunenbrüsten, die an einen Felsen aus weißen Käse geschmiedet war und von einem aus Kalbfleisch geformten geflügelten Perseus befreit wurde. Bei den Fleischgerichten war das ganze Geschirr und alles Zubehör purpurn und golden; bei den Fischgerichten – der Farbe des nassen Elements entsprechend – silbern. Man reichte versilberte Brote, versilberte Salatzitronen in Schalen und schließlich erschien auf einer mit riesengroßen Neunaugen, Stören und Sterleten garnierten Platte eine Amphitrite aus weißem Walfleisch, die in einem von Delphinen über blaugrüne, von innen beleuchtete Gelee-Wellen gezogenen Perlmutterwagen thronte. Dann kam eine lange Reihe süßer Platten – es waren Bildwerke aus Marzipan, Pistazien, Cedernüssen, Mandeln und gebranntem Zucker, nach Entwürfen von Bramante, Caradosso und Leonardo angefertigt; da gab es einen Herkules, der goldene Hesperidenäpfel erbeutete, Hippolit mit Phädra, Bacchus mit Ariadne, Jupiter mit Danae, kurz den ganzen Olymp der auferstandenen Götter. Nikita sah auf diese Wunder mit kindlicher Neugier, während Danilo Kusmitsch, der beim Anblick der nackten schamlosen Göttinnen seinen Appetit verloren hatte, sich in den Bart brummte: »Antichristliche Greuel! Heidnischer Unrat!« VI. Nun begann das Ballfest. Die Tänze jener Zeit – »Venus und Saurus«, »Das grausame Schicksal« und »Cupido« zeichneten sich durch ein langsames Tempo aus, denn die langen und schweren Damentoiletten gestatteten keine schnellen Bewegungen. Die Damen und Herren gingen einander entgegen und entfernten sich wieder voneinander langsam und feierlich, mit gezierten Verbeugungen, schmachtenden Seufzern und süßem Lächeln. Die Damen mußten wie Pfaue schreiten, wie Schwäne dahingleiten. Die Musik war leise, zart, fast traurig, voll brennender Sehnsucht, wie die Lieder Petrarcas. Der erste General Moros, der junge Signor Galeazzo Sanseverino bezauberte die Damen. Der raffinierte Stutzer war ganz weiß gekleidet, hatte rosagefütterte lange Ärmel und weiße diamantbesetzte Schuhe; sein schönes Gesicht war welk, weibisch und blaß. Beifälliges Gemurmel lief durch die Zuschauerreihen, so oft er im Tanze »Das grausame Schicksal« anscheinend zufällig, in der Tat aber mit feiner Berechnung seinen Schuh verlor, oder seinen Kragen von der Schulter gleiten ließ und dann mit jener »gelangweilten Nachlässigkeit«, die als Ausdruck höchster Eleganz galt, durch den Saal gleitend, weitertanzte. Danilow Mamyrow schaute ihm eine Zeitlang zu und spuckte schließlich aus: »Welch ein Hanswurst!« Die Herzogin liebte den Tanz. Aber an diesem Abend war ihr trüb und öde zu Mute. Nur dank der seit langer Zeit geübten Verstellungskunst gelang es ihr, die Rolle der gastfreundlichen Hausfrau zu spielen und die zahllosen Neujahrsglückwünsche und die süßlichen Komplimente der Höflinge zu beantworten. Zuweilen glaubte sie es nicht länger ertragen zu können; ihr war es, als müsse sie fortlaufen oder weinen. Sie konnte für sich keinen Platz finden und gelangte, in den von den Gästen überfüllten Sälen umherirrend, in ein kleines entlegenes Gemach, wo vor einem lustig flackernden Kamin mehrere junge Damen und Herren im engen Kreise saßen und plauderten. Sie fragte nach dem Thema ihrer Unterhaltung. »Wir sprechen von der platonischen Liebe, Durchlaucht,« gab eine der Damen zur Antwort. »Messer Antoniotto Fregoso behauptet, daß eine Dame einen Herrn, falls er sie mit himmlischer Liebe liebt, auf den Mund küssen darf, ohne dabei das Gebot der Keuschheit zu verletzen.« »Wie wollt Ihr es beweisen, Messer Antoniotto?« fragte die Herzogin und kniff zerstreut ihre Augen zusammen. »Mit Erlaubnis Ew. Durchlaucht behaupte ich, daß das Werkzeug der Rede, der Mund, das Tor der Seele ist, und wenn er sich mit einem andern Munde im platonischen Kusse vereinigt, so strömen die Seelen der sich Küssenden zu den Lippen, ihren natürlichen Pforten. Daher hat auch Plato den Kuß nicht verboten; und König Salomo, der das Mysterium der Verschmelzung der menschlichen Seele mit Gott besingt, sagt: ›Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes.‹ »Verzeiht, Messere,« unterbrach ihn ein alter Baron, ein ländlicher Ritter mit offenem und grobem Gesicht. »Vielleicht verstehe ich diese Feinheiten nicht, aber glaubt Ihr, daß ein Gatte, der seine Frau in den Armen eines Liebhabers ertappt, ein solches Verhältnis dulden muß? ...« »Gewiß,« entgegnete der Hofphilosoph, »nach den weisen Gesetzen der himmlischen Liebe ...« »Wie steht es dann mit der Ehe?« »Mein Gott, wir sprechen ja nicht von Ehe, sondern von Liebe!« unterbrach ihn die schöne Madonna Fiordalisa und zuckte ungeduldig mit ihren blendenden nackten Schultern. »Aber die Ehe, Madonna, ist nach allen menschlichen Gesetzen ...« versuchte der Ritter einzuwenden. »Die Gesetze!« Fiordalisa verzog verächtlich ihren roten Mund, »wie könnt Ihr nur, Messere, bei unserer erhabenen Unterhaltung die menschlichen Gesetze erwähnen, diese elenden Schöpfungen des Pöbels, der die heiligsten Begriffe ›Geliebter‹ und ›Geliebte‹ mit den rohen Worten ›Mann‹ und ›Frau‹ herabwürdigt?!« Der Baron war vor Erstaunen sprachlos. Messer Fregoso schenkte ihm keine weitere Beachtung und fuhr in seinem Vortrag über die Mysterien der himmlischen Liebe fort. Beatrice wußte, daß am Hofe ein höchst unanständiges Sonett dieses Messer Antoniotto Fregoso im Umlauf war. Es war einem schönen Knaben gewidmet und begann mit den Worten: »Es irrte Jupiter, als Ganymed er raubte ...« Die Herzogin spürte Langeweile. Sie verließ leise das Zimmer und trat in den nächsten Saal. Hier rezitierte der aus Rom zugereiste berühmte Dichter Serafino d'Aquila, genannt »Der Einzige« – Unico – seine Gedichte. Es war ein kleines mageres, sorgfältig gewaschenes, rasiertes, frisiertes und parfümiertes Männchen mit dem rosigen Gesicht eines Säuglings, schmachtendem Lächeln, verdorbenen Zähnen und öligen Äuglein, in denen durch die ewige Rührung und Verzückung zuweilen schelmische List durchblickte. Beatrice bemerkte unter den Damen, die sich um den Dichter drängten, Lucrezia. Sie spürte einige Befangenheit und wurde sogar etwas blaß, nahm sich aber wieder zusammen, ging auf Lucrezia mit gewohnter Freundlichkeit zu und küßte sie. In diesem Augenblick erschien in der Türe eine korpulente, buntgekleidete und stark geschminkte ältere häßliche Dame, die ihr Tuch vor die Nase hielt. »Was habt Ihr, Madonna Dionigia? Seid Ihr ausgeglitten und hingefallen?« fragte Donsella Ermellina schelmisch und teilnahmsvoll. Dionigia erklärte, sie hätte während des Tanzens, wohl infolge der Hitze und Ermüdung Nasenbluten bekommen. »Da haben wir einen Fall, auf den selbst Messer Unico kein Liebesgedicht machen kann,« bemerkte einer der Hofkavaliere. Unico sprang auf, setzte einen Fuß vor, fuhr sich nachdenklich durch die Haare, warf den Kopf in den Nacken und hob seinen Blick zur Decke. »Pst, pst!« flüsterten andächtig die Damen: »Messer Unico dichtet! Geruhen Eure Hoheit hier Platz zu nehmen, hier hört man es besser.« Donsella Ermellina nahm ihre Laute und griff leise in die Saiten. Der Dichter rezitierte zu diesen Tönen mit der feierlich-dumpfen, zitternden Stimme eines Bauchredners sein Sonett: Gott Amor, vom Flehen des Liebenden gerührt, richtete seinen Pfeil auf das Herz der Grausamen; da aber der Gott auf den Augen eine Binde trug, so schoß er fehl und traf statt des Herzens – die Nase: Da sieht er rote Ströme rinnen In ihres Tuches weißes Linnen Aus ihrem Näschen weiß und zart. Die Damen klatschten Beifall. »Wundervoll! wundervoll! Einzig! Wie schnell! Und wie leicht! Der ist doch mit unserm Bellincioni nicht zu vergleichen, der über einem jeden Sonett ganze Tage schwitzt. Glaubt mir, meine Liebe, als er die Augen gen Himmel hob, da spürte ich auf meinem Gesicht ein Wehen, wie einen Hauch von Übersinnlichem, es wurde mir sogar etwas schwindlig...« »Messer Unico, wollt Ihr vielleicht etwas Rheinwein?« fragte die eine besorgt. »Messer Unico, darf ich Euch kühlende Pfefferminzplätzchen anbieten?« schlug eine andere vor. Man nötigte ihn in einen Sessel und fächelte ihm Kühlung zu. Er schwelgte und schmolz vor Entzücken und im Genuß seines Erfolges und schloß die Augen wie ein satter Kater. Dann rezitierte er noch ein anderes Sonett zu Ehren der Herzogin. Da hieß es, der Schnee habe, von ihrer blendendweißen Haut beschämt, an ihr furchtbare Rache genommen, indem er sich in Eis verwandelte; daher wäre die Herzogin, als sie soeben in den Schloßhof herabstieg, um sich da zu erfrischen, ausgeglitten und beinahe hingefallen. Er las noch ein Gedicht von einer Schönen, der ein Vorderzahn fehlte: dies sei eine List Amors, der in ihrem Munde wohne und diese Lücke als Schießscharte für seine Pfeile benütze. »Ein Genie!« kreischte eine der Damen: »Der Name Unicos wird von der Nachwelt neben Dantes Namen genannt werden!« »Höher als Dante!« fiel eine andere ein. »Kann man denn von Dante solche Feinheiten in Liebessachen lernen, wie von unserm Unico?« »Madonnen,« erwiderte der Dichter bescheiden: »Ihr übertreibt. Denn auch Dante hat viele Verdienste. Übrigens: jedem das Seine. Was mich betrifft, so gebe ich für Euren Beifall gerne den Ruhm Dantes hin.« »Unico! Unico!« stöhnten seine Verehrerinnen vor Wonne vergehend. Als Serafino ein neues Sonett vortrug, in dem es hieß, daß während einer Feuersbrunst im Hause seiner Geliebten die herbeigeeilten Leute unmöglich der Flamme Herr werden konnten, weil sie zuerst die von den Blicken der Schönen in ihren Herzen entzündeten Flammen löschen mußten, hielt es Beatrice nicht mehr aus und verließ den Saal. Sie kehrte in die großen Säle zurück und befahl ihrem Pagen Ricciardetto, einem ihr treu ergebenen und, wie es ihr zuweilen schien, in sie verliebten Knaben, hinaufzugehen und sie mit einer Fackel in der Hand bei der Türe des Schlafgemachs zu erwarten. Sie durchschritt dann einige von Menschen erfüllte Säle und gelangte in eine einsame entlegene Galerie, in der sich nur einige Schildwachen befanden, die auf ihre Speere gestützt schliefen; sie öffnete eine eiserne Türe und stieg eine finstere Wendeltreppe hinauf, die sie in ein großes gewölbtes Gemach führte, das dem Herzogspaar als Schlafzimmer diente. Sie trat zu der in die Mauer eingelassenen eichenen Truhe, in welcher der Herzog seine wichtigen Schriftstücke und geheimen Briefschaften verwahrte, und versuchte sie mit dem Schlüssel, den sie ihrem Mann entwendet hatte, aufzuschließen. Sie merkte aber, daß das Schloß aufgebrochen war, und als sie die Kupfertüre der Truhe öffnete, fand sie die Fächer leer; folglich hatte Moro den Verlust des Schlüssels bemerkt und die Briefe an einen andern Ort geschafft. Sie blieb verdutzt stehen. Draußen schwebten die Schneewolken wie weiße Gespenster. Der Wind heulte und weinte. Diese Stimme des nächtlichen Windes weckte in den Menschenherzen uralte, schreckliche, längst bekannte Gedanken wach. Der Blick der Herzogin fiel auf den gußeisernen Deckel des »Ohres des Dionys«, jenes von Leonardo eingerichteten Sprachrohres, welches das herzogliche Schlafgemach mit den unteren Schloßräumen verband, sie trat an die Öffnung, hob die schwere Klappe ab und lauschte: das Stimmengewirr ließ sich wie jenes ferne Meeresrauschen vernehmen, das man in Muscheln hören kann; in die Stimmen und das Rauschen der festlichen Menge und in die zarten Seufzer der Musik mischte sich das Heulen und Pfeifen des nächtlichen Windes. Plötzlich schien es ihr, als hätte ihr jemand, nicht von unten her, sondern aus nächster Nähe ins Ohr geflüstert: »Bellincioni ... Bellincioni ...« Sie schrie auf und erbleichte. »Bellincioni! ... warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Ja, gewiß ... von ihm erfahre ich alles ... Zu ihm! Daß es nur niemand merkt ... Man wird mich ja suchen ... Es ist mir alles eins! Ich will die Wahrheit wissen, ich kann diese Lüge nicht länger ertragen!« Sie erinnerte sich, daß Bellincioni unter dem Vorwande, krank zu sein, nicht zum Feste gekommen war, überlegte sich, daß er zu dieser Stunde zu Hause und allein sein müsse und rief den Pagen Ricciardetto herbei, der vor der Türe stand. »Bestelle zwei Läufer mit einer Sänfte zum geheimen Schloßtor am Parke. Wenn du mir gefällig sein willst, so mach es so, daß niemand etwas davon erfährt, hörst du? – Niemand!« Sie reichte ihm ihre Hand zum Kusse. Der Knabe stürmte fort, um den Befehl auszuführen. Beatrice kehrte ins Schlafgemach zurück, warf sich einen Pelz um die Schultern, band eine schwarze Larve vors Gesicht und saß nach wenigen Minuten in der Sänfte, die ihren Weg zum Ticino-Tore nahm, wo Bellincioni wohnte. VII. Der Dichter nannte sein altes halbzerfallenes Häuschen ein »Froschloch«. Er bekam zwar viele Geschenke, doch führte er ein unordentliches Leben und vertrank oder verspielte alles, was er hatte. Daher verfolgte ihn die Armut, wie Bernardo sich selbst ausdrückte, »wie eine ungeliebte aber treue Gattin.« Er lag in seinem dreibeinigen Bett, dem ein Holzscheit als viertes Bein diente, auf einer durchlöcherten und platten Matratze, trank den dritten Topf eines elenden saueren Weines und arbeitete an einem Epitaph für den Lieblingshund der Madonna Cecilia. Der Dichter sah die letzten Kohlen im Kamin erlöschen. Er versuchte sich zu wärmen, indem er sich seinen dünnen mottenzerfressenen Eichhornpelz statt einer Bettdecke über die dünnen Storchbeine zog, hörte den Schneesturm heulen und dachte an die Kälte der bevorstehenden Nacht. Der Grund, warum er nicht zum Hofball kam, auf dem die ihm zu Ehren der Herzogin verfaßte Allegorie »Das Paradies« aufgeführt werden sollte, war gar nicht seine Krankheit; er war zwar seit längerer Zeit wirklich krank und so abgemagert, daß man, wie er sich ausdrückte, »beim Betrachten seines Körpers die Anatomie sämtlicher menschlichen Muskeln, Sehnen und Knochen studieren konnte«, wenn er aber auch im Sterben gelegen hätte, so wäre er doch zu diesem Fest gegangen. Die wahre Ursache seines Fernbleibens war der Neid: er wäre lieber in seinem Loch erfroren, als daß er dem Triumph seines Nebenbuhlers, des frechen Schelms und Schwindlers Unico, der mit seinen sinnlosen Versen bereits allen dummen Gänsen der Hofgesellschaft den Kopf verdreht hatte, zugesehen hätte. Der bloße Gedanke an diesen Unico ließ seine ganze Galle zum Herzen fließen. Er ballte die Fäuste und sprang auf. Im Zimmer war es aber so kalt, daß er sich wohlweislich wieder ins Bett legte. Er zitterte, hustete und hüllte sich in seine Lumpen. »Diese Schurken!« schimpfte er. »Vier Sonette mit der Bitte um Brennholz habe ich gemacht und dazu mit so seltenen Reimen, und noch immer kein Span! ... Die Tinte wird noch einfrieren, und dann kann ich gar nicht mehr schreiben. Soll ich nicht das Treppengeländer in den Ofen werfen? Anständige Menschen besuchen mich ja so wie so nie, und wenn sich der Wucherer den Hals bricht, so ist es um den Juden nicht schade.« Aber die Treppe tat ihm doch leid. Er richtete seine Blicke auf das dicke Scheit, das seinem Bette als viertes Bein diente, und überlegte sich eine Weile, was besser wäre: die ganze Nacht zu frieren, oder auf einem schwankenden Lager zu schlafen? Der Sturm blies in die Fensterritzen und weinte und lachte wie eine Hexe im Schornstein. Mit verzweifelter Entschlossenheit zog Bernardo das Scheit unter dem Bette hervor, hackte es klein und warf das Holz in den Kamin. Das Feuer loderte wieder auf und beleuchtete die traurige Klause. Er kauerte vor dem Kamin und streckte seine blau angelaufenen Hände zum Feuer, dem letzten Freund der einsamen Dichter, aus. »Ein Hundeleben!« dachte sich Bellincioni. »Bin ich denn wirklich schlechter als die andern? Hat nicht der göttliche Dante, zu jener Zeit, als das Haus Sforza noch gar nicht existierte, auf meinen Ururgroßvater, den berühmten Florentiner, den Vers gedichtet: Bellincion Berti vid'io andar cinto Di cuojo e d'osso ...? Als ich nach Mailand kam, da waren die Speichellecker des Hofes nicht imstande, ein Strambotto von einem Sonett zu unterscheiden, wer hat denn ihnen die Eleganz der neueren Poesie beigebracht, wenn nicht ich? Habe denn nicht ich den Quell Hyppokrenens zu einem Meer erweitert, das nun mit einer Überschwemmung droht? Ich glaube, daß jetzt selbst im Canale Grande castalisches Wasser rinnt... Und das ist der Lohn! Ich werde hier noch wie ein Hund auf dem Stroh krepieren! ... Den verarmten Dichter will niemand mehr kennen, als wäre sein Gesicht unter einer Larve verborgen oder von Blattern entstellt ...« Er las die Verse aus seiner Epistel an den Herzog Moro: Ich hab mein Leben lang nie anderes vernommen, Als: »Geh nur weiter, geh, die Stellen sind besetzt!« Was fang ich Armer an? Mein Licht ist wohl verglommen! Auf eine Narrenkappe selbst verzicht' ich jetzt. O edler Fürst! Die Zeit ist wohl gekommen, Daß auf die Mühle man als Esel mich versetzt! Mit bitterem Lächeln ließ er seinen kahlen Kopf sinken. Der Dichter glich mit seiner hageren Gestalt und der spitzen roten Nase, wie er so vor dem Feuer kauerte, einem frierenden kranken Vogel. Da wurde unten an die Haustüre geklopft; gleich darauf hörte er das verschlafene Schimpfen seiner alten zänkischen, von Wassersucht geschwollenen Magd und das Schlürfen von Holzschuhen auf dem steinernen Fußboden. »Wen bringt mir da der Teufel?« wunderte sich Bellincioni. »Ist es vielleicht wieder der Jude, der seine Zinsen holen will? Die verfluchten Ungläubigen! Selbst nachts lassen sie einem keine Ruhe ...« Die Treppenstufen knarrten. Die Türe ging auf und ins Zimmer trat eine Dame in Zobelpelz mit einer schwarzen seidenen Maske vor dem Gesicht. Bernardo sprang auf und glotzte sie an. Sie ging stumm auf einen Stuhl zu. »Vorsicht, Madonna!« warnte sie der Hausherr: »Die Stuhllehne ist zerbrochen!« Dann fragte er galant: »Welchem guten Genius verdanke ich das Glück, die herrlichste Signora in meiner bescheidenen Klause zu sehen?« »Es wird wohl eine Bestellung sein. So irgend ein kleines Liebesmadrigal ...« dachte er sich. – »Nun, auch das ist nicht zu verachten! wenn es nur für Brennholz reicht. Es ist nur sonderbar, daß sie allein kommt und zu dieser Stunde... Ich habe also offenbar doch noch einen gewissen Ruf. Vielleicht habe ich auch unbekannte Verehrerinnen!« Er lief geschäftig zum Kamin und warf großmütig den letzten Span ins Feuer. Die Dame nahm ihre Larve ab. »Ich bin es, Bernardo!« Er schrie auf, taumelte zurück und stützte sich an einen Türpfosten, um nicht hinzufallen. »Herr Jesus! Heilige Jungfrau!« lallte er. Seine Augäpfel traten vor Entsetzen beinahe heraus. »Ew. Durchlaucht... durchlauchtigste Herzogin...« »Bernardo, du kannst mir einen großen Dienst erweisen,« sagte Beatrice. Sie sah sich um und fragte: »Wird uns niemand hören?« »Hoheit können ruhig sein: niemand, außer Mäuse und Ratten!« »Hör einmal,« fuhr Beatrice langsam fort, ihn durchdringend anblickend. »Ich weiß, daß du für Madonna Lucrezia Liebesgedichte geschrieben hast. Du hast gewiß Briefe des Herzogs mit Aufträgen und Bestellungen.« Er erbleichte und starrte sie stumm und unverwandt an. »Fürchte nichts,« fuhr sie fort. »Es wird niemand erfahren. Ich gebe dir mein Wort, daß ich dich fürstlich belohnen werde, wenn du meine Bitte erfüllst. Ich werde dich zu einem reichen Mann machen!« »Ew. Hoheit,« brachte er endlich mühsam und stotternd hervor. »Glaubt nicht daran ... es ist Verleumdung ... Ich habe keine Briefe ... Bei Gott! ...« In ihren Augen flammte Zorn auf, sie zog ihre feinen Brauen zusammen, stand auf und näherte sich ihm, ihn immer durchdringender anblickend. »Lüge nicht! Ich weiß alles. Wenn dir dein Leben wert ist, so gib mir die Briefe des Herzogs heraus! Nimm dich in acht, Bernardo! Meine Leute warten unten. Ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu scherzen! ...« Er fiel in die Knie. »Tut mit mir, was Ihr wollt, Signora! Ich habe keine Briefe.« »Du hast keine Briefe?« wiederholte sie, sich über ihn beugend und ihm in die Augen blickend. »Du sagst, du hast keine Briefe? ...« »Nein ...« »Also warte, verfluchter Kuppler! Ich werde dich schon zwingen, mir die Wahrheit zu sagen. Ich werde dich mit meinen eigenen Händen erwürgen, Schurke! ...« schrie sie wutentbrannt auf und preßte in der Tat seinen Hals mit ihren zarten Fingern so kräftig zusammen, daß sich seine Adern blähten und er um Atem ringen mußte. Er leistete keinen Widerstand, ließ seine Hände sinken und zwinkerte nur hilflos mit den Augen. Jetzt sah er einem traurigen kranken Vogel noch ähnlicher. »Sie tötet mich, bei Gott, sie tötet mich!« dachte Bellincioni. »Gut, soll sie mich töten ... Den Herzog verrate ich doch nicht.« Bellincioni war sein Leben lang ein Hofnarr, ein liederlicher Kumpan und käuflicher Verseschmied, doch kein Verräter. In seinen Adern floß edles Blut, das viel reiner war, als das der romagnolischen Söldner, der Emporkömmlinge Sforzas. Und jetzt wollte er es beweisen: Bellincion Berti vid'ior andar cinto Di cuojo e d'osso – Die Herzogin kam zur Besinnung. Sie ließ angeekelt den Hals des Dichters los, stieß ihn zurück, trat an den Tisch, ergriff die kleine verbogene Zinnlampe mit dem heruntergebrannten Docht und ging zur Türe, die ins Nebenzimmer führte. Sie hatte schon früher dieses Zimmer bemerkt und erraten, daß es die Arbeitsklause – studiolo – des Dichters sei. Bernardo sprang auf und stellte sich vor die Türe, um der Herzogin den Eintritt zu verwehren. Sie maß ihn aber stumm mit einem Blick, vor dem er zusammenschrumpfte, sich krümmte und zur Seite schlich. Sie trat in die Klause seiner armseligen Muse. Es roch hier nach verschimmelten Büchern. Die nackten Wände mit abgesprungenem Verputz hatten feuchte Flecke. Das zerschlagene bereifte Fenster war mit Lumpen verstopft. Auf dem schiefen Schreibpult, der mit Tintenklecksen besät war, lagen abgerupfte und beim Suchen nach einem Reime abgenagte Gänsefedern und Papierfetzen herum. Es waren wohl die Konzepte zu seinen Versen. Beatrice stellte die Lampe auf ein Bücherbrett und begann, ohne auf den Hausherrn zu achten, in seinen Papieren zu suchen. Es waren eine Menge Sonette an die Hofkassenverwalter, Haushofmeister, Mundschenke und Truchsesse mit scherzhaften Lamentationen und Bitten um Geld, Brennholz, Wein, warme Kleidung und Eßwaren. In einem Sonett bat der Dichter den Messer Pallaviccini um eine mit Quitten gefüllte gebratene Gans zum Allerheiligenfeste. In einem anderen, das »Moro an Cecilia« überschrieben war, verglich er den Herzog mit Jupiter und die Herzogin mit Juno und erzählte, wie Moro einst auf dem Wege zu seiner Geliebten von einem Gewitter überrascht wurde und nach Hause zurückkehren mußte, weil »die eifersüchtige Juno, Ehebruch witternd, sich das Diadem vom Kopfe riß und die Perlen als Regen und Hagel auf die Erde niederprasseln ließ«. Unter dem Haufen Papiere entdeckte sie plötzlich eine elegante Schatulle aus Ebenholz. Sie öffnete sie und fand ein sorgfältig verschnürtes Päckchen Briefe. Bernardo, der sie nicht aus den Augen ließ, schlug die Hände zusammen. Die Herzogin blickte ihn an, sah sich dann die Briefe an, erkannte Moros Handschrift und begriff, daß sie nun das gefunden habe, was sie suchte: nämlich die Briefe des Herzogs und die Konzepte der Liebesgedichte, die er für Lucrezia bestellt hatte. Sie nahm die Briefe zu sich, versteckte sie unter ihrem Kleide am Busen, warf dem Dichter schweigend, wie man einem Hunde einen Knochen hinwirft, einen Beutel Dukaten hin und verließ das Zimmer. Er hörte noch, wie sie die Treppe hinunterstieg und wie unten die Türe zugeworfen wurde. Dann stand er lange wie vom Blitz getroffen da. Es schien ihm, daß der Boden unter seinen Füßen schwankte wie ein Schiffsdeck bei bewegter See. Schließlich fiel er erschöpft auf sein dreibeiniges Lager hin und versank in tiefen Schlaf. VIII. Die Herzogin kehrte ins Schloß zurück. Die Gäste hatten ihre Abwesenheit bemerkt, sie tuschelten und fragten, was geschehen sei. Der Herzog war unruhig geworden. Sie ging auf ihn zu und sagte, sie hätte sich, vom langen Festmahl ermüdet, in die inneren Gemächer zurückgezogen, um auszuruhen. Sie war etwas blasser als vorhin. »Bice,« sagte der Herzog, ihre kalte Hand ergreifend, die in der seinigen erzitterte, »wenn du dich unwohl fühlst, so sag es um Gottes willen! Vergiß nicht, daß du schwanger bist, willst du, daß wir den zweiten Teil des Festes auf morgen verschieben? Ich habe ja das Ganze nur für dich, mein Lieb, veranstaltet ...« »Nein, nein ...« erwiderte die Herzogin. »Bitte, beunruhige dich nicht. Ich habe mich seit langer Zeit nicht so wohl gefühlt wie heute, ich bin so gut aufgelegt ... Ich will das ›Paradies‹ sehen. Und dann werde ich auch noch tanzen! ..« »Gott sei Dank, meine Liebe, Gott sei Dank!« sagte der Herzog beruhigt und küßte ehrfurchtsvoll und zärtlich die Hand seiner Gattin. Die Gäste versammelten sich wieder im großen »Saal des Ballspiels«. Zur Vorstellung des Bellincioni'schen »Paradieses« war hier eine vom Hofmechaniker Leonardo da Vinci erfundene Maschinerie aufgestellt. Als alle Platz genommen hatten und das Licht ausgelöscht war, gab Leonardo das Kommando: »Fertig!« Ein Zündfaden wurde angesteckt und plötzlich flammten im Finstern mehrere im Kreise angeordnete Kristallkugeln auf, die mit Wasser gefüllt und von innen durch unzählige in allen Farben des Regenbogens schillernde Flammen beleuchtet waren, sie glichen durchsichtigen Sonnen aus Eis. »Seht ihn nur an,« sagte Donsella Ermellina zu einer neben ihr sitzenden Dame, auf den Künstler weisend. »Sieht er nicht wie ein Magier aus? Er wird noch das ganze Schloß wie in einem Märchen in die Luft heben.« »Man soll nicht mit Feuer spielen,« versetzte die andere. »Wie leicht kann eine Feuersbrunst entstehen!« Hinter den Kristallkugeln waren runde schwarze Kasten verborgen. Einem dieser Kasten entstieg ein Engel mit weißen Flügeln und kündete den Beginn der Vorstellung an. Als er die Worte des Prologs: »Der große König lenkt die ew'gen Sphären« sprach, wies er mit der Hand auf den Herzog, um damit zu sagen, daß dieser seine Untertanen mit der gleichen Weisheit regiere, wie Gott die himmlischen Sphären. In diesem Augenblick begannen die Kugeln um die Achse der Maschine zu kreisen, wobei eine sonderbare, leise, ungemein angenehme Musik ertönte. Es klang so, als berührten sich die Kristallsphären in ihrem Kreislauf miteinander, jene geheimnisvolle Musik erzeugend, von der die Pythagoreer erzählen. Diese Töne rührten von eigenartigen, von Leonardo erfundenen, durch Tasten angeschlagenen Glasglocken her. Die Planeten blieben stehen und über einem jeden von ihnen erschien der Reihe nach die entsprechende Gottheit: Jupiter, Apollo, Merkur, Mars, Diana, Venus, Saturn und ein jeder von ihnen begrüßte Beatrice mit eigenen Versen. Merkur sprach: »O du, vor deren Pracht die Sterne still erlöschen, Der Menschen Sonne du und Spiegel des Olymps! Mit deiner Schönheit nahmst du Jupiter gefangen, Du aller Lichter Licht, du aller Schönheit Preis!« Venus beugte vor ihr die Knie und sprach: »All meine Reize sind vor deinen Reizen Staub, Ich darf und wage nicht, mich »Venus« noch zu nennen. Und als besiegter Stern in deiner Strahlen Glanz Erblasse ich vor Neid, du neue Weltensonne!« Diana bat Jupiter: »O laß mich, Vater Zeus, fortan als Sklavin dienen Der Königin der Welt, der schönen Beatrice!« Saturn zerbrach seine Sense und rief: »Dein Leben sei von Glück erfüllt und ohne Stürme Und deines Lebens Zeit – ein Zeitalter von Gold!« Zum Schluß stellte Jupiter ihrer Hoheit die drei hellenischen Grazien und die sieben christlichen Kardinaltugenden vor. Der Olymp und das Paradies kreisten nun wieder von den weißen Engelsflügeln beschattet und von einem aus grünen Flammen, Symbolen der Hoffnung, gebildeten Kreuze überragt, wobei alle Götter und Göttinnen zu den Tönen der Sphärenmusik und unter Beifallsklatschen der Zuschauer eine Hymne an Beatrice sangen. »Könnt Ihr mir nicht sagen,« wandte sich Beatrice an den neben ihr sitzenden Edlen Gaspare Visconti, »warum hier die Juno fehlt, die ihr Diadem vom Kopfe reißt und die Perlen als Regen und Hagel auf die Erde niederprasseln läßt?« Der Herzog, der diese Frage gehört hatte, wandte sich rasch nach ihr um und sah sie an. Sie lachte so sonderbar und gezwungen auf, daß es ihn kalt überlief. Sie beherrschte sich aber gleich wieder und brachte das Gespräch auf andere Dinge. Sie drückte aber die Briefe noch fester an ihre Brust. Der Vorgeschmack der Rache berauschte sie, machte sie stark, ruhig und beinahe lustig. Die Gäste begaben sich in einen andern Saal, wo sie ein neues Schauspiel erwartete: Neger, Greife, Leoparden, Centauren und Drachen zogen durch den Saal eine Reihe von Triumphwagen, auf denen Numa Pompilius, Caesar, Augustus und Trajanus thronten; allegorische Darstellungen und Inschriften besagten, daß alle diese Helden nur Vorboten Moros gewesen seien. Zuletzt kam ein von Einhörnern gezogener Wagen mit einem riesengroßen Himmelsglobus, auf dem ein Krieger in verrosteter eiserner Rüstung lag. Der Rüstung entstieg am einer Spalte ein goldenes nacktes Kind mit einem Maulbeerzweige (italienisch – moro ) in der Hand; es bedeutete den Untergang des alten eisernen Zeitalters und die durch die weise Regierung Moros bewirkte Geburt des neuen goldenen Zeitalters. Zur allgemeinen Überraschung stellte sich die goldene Puppe als lebendes Kind heraus. Der Knabe war über und über mit einer dicken Goldkruste überzogen und fühlte sich daher unwohl. In seinen erschrockenen Augen glänzten Tränen. Mit zitternder weinerlicher Stimme deklamierte er seine Begrüßung an den Herzog mit dem eintönigen, beinahe unheildrohend wirkenden Kehrreim: Rost'ges Eisen wird versinken Und in neuer Herrlichkeit Kehrt zurück, auf Moros Winken, Euch – die neue Goldne Zeit! Um den Wagen des Goldenen Zeitalters begann der Ball aufs neue. Die endlose Begrüßungsansprache langweilte die Gäste und man hörte ihr nicht mehr zu. Der Knabe aber stand noch immer auf seinem Wagen und deklamierte hoffnungslos und ergeben, während seine vergoldeten Lippen immer steifer wurden: Kehrt zurück, auf Moros Winken, Euch – die neue Goldne Zeit! Beatrice tanzte mit Gaspare Visconti. Zuweilen schnürten ihr Wein- und Lachkrämpfe die Kehle zusammen. Das Blut pochte mit unsagbaren Schmerzen an ihre Schläfen, es wurde ihr finster vor den Augen, doch ihr Gesicht blieb sorglos. Sie lächelte sogar. Nachdem sie die Runde beendigt, verließ sie die festliche Menge und zog sich unbemerkt zurück. IX. Die Herzogin begab sich in den einsamen Turm der Schatzkammer, den niemand außer ihr und dem Herzog betreten durfte. Sie nahm aus den Händen Ricciardettos die Kerze, befahl ihm vor der Türe zu warten und trat in den hohen Saal, in dem es so kalt und finster war wie in einem Keller. Sie setzte sich hin, holte die Briefe hervor, schnürte das Päckchen auf und wollte sich in die Lektüre vertiefen, als plötzlich ein Windstoß pfeifend, heulend und ächzend durch den Kamin fuhr, durch den ganzen Turm fegte und beinahe die Kerze verlöschte. Dann war alles wieder still. Sie glaubte die Klänge der fernen Ballmusik zu hören und noch andere Stimmen und Töne – ein Klirren von Eisenketten, das aus dem unterirdischen Kerker zu kommen schien. Im gleichen Augenblick fühlte sie hinter ihrem Rücken jemand stehen. Ein ihr schon bekanntes Grauen erfaßte sie. Sie wußte, daß sie nicht hinsehen dürfe und doch hielt sie es nicht aus und wandte sich um. In der Ecke stand derjenige, den sie schon einmal gesehen hatte – eine lange schwarze Gestalt, schwärzer als die Finsternis, mit gesenktem Kopf; eine Mönchskapuze verdeckte das Gesicht. Sie wollte schreien, Ricciardetto rufen, doch ihre Stimme versagte. Sie sprang auf, um zu fliehen, aber ihre Füße erlahmten. sie fiel in die Knie und flüsterte: »Bist du es? ... Wieder? ... Was willst du? ...« Er hob langsam den Kopf. Und sie erblickte das Gesicht des verstorbenen Herzogs Gian-Galeazzo, das weder tot noch schrecklich erschien, und sie hörte seine Stimme: »Verzeih ... Du Arme, Arme ...« Er ging ihr einen Schritt entgegen. Es wehte sie mit Grabeskälte an. Sie schrie gellend und unmenschlich auf und fiel in Ohnmacht. Ricciardetto, der auf den Schrei herbeistürzte, fand sie besinnungslos auf dem Boden liegend. Er stürmte durch die finsteren Galerien, die nur stellenweise von den trüben Laternen der Wachen erleuchtet waren, durch die hellen festlichen Säle, suchte den Herzog und schrie in wahnsinniger Angst: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Es war Mitternacht. Auf dem Balle herrschte eine ansteckend lustige Stimmung. Man tanzte eben einen neuen Tanz, bei dem die Paare in einem langen Zuge die »Pforte der treuen Liebhaber« zu passieren hatten. Oben auf der Pforte stand der Genius der Liebe von einem Mann mit einer langen Trompete dargestellt; unten standen die Richter, so oft sich ein »Treuer Liebhaber« der Pforte näherte, stimmte der Genius eine zarte Weise an und die Richter begrüßten ihn mit stürmischer Freude. Die Untreuen bemühten sich aber vergeblich die Pforte zu passieren: die Trompete machte ohrenbetäubenden Lärm und die Richter empfingen sie mit einem Confettisturm. Die Unglücklichen mußten unter einem Hagel von spöttischen Bemerkungen fliehen. Der Herzog passierte soeben die Pforte; die Trompete begrüßte ihn mit Tönen so süß und zart, wie die einer Hirtenschalmei oder das Girren von Tauben, – als den treuesten aller Liebhaber. Da stürzte plötzlich Ricciardetto herein und die Menge stob auseinander. Er schrie wie wahnsinnig: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« Er bemerkte den Herzog und stürzte auf ihn zu. »Hoheit! Die Herzogin ist unwohl ... schnell ... Hilfe! ...« »Unwohl? Schon wieder?« Der Herzog griff sich an den Kopf. »Wo ist sie? Wo? Rede doch vernünftig! ...« »In der Schatzkammer ...« Moro lief so schnell, daß die goldene Schuppenkette auf seiner Brust rasselte und die prunkvolle glatte Zazzera – eine Art goldener Perücke – auf seinem Kopfe wackelte. Der Genius auf der »Pforte der treuen Liebhaber« blies noch weiter seine Trompete. Endlich merkte er, daß unten etwas passiert sei, und verstummte. Viele folgten dem Herzog und plötzlich kam in die glänzende Menge eine panikartige Bewegung; die Gäste stürzten zu den Ausgängen wie eine erschrockene Hammelherde. Die Pforte wurde umgeworfen und zertreten. Dem Trompeter gelang es nur mit Mühe herabzuspringen, wobei er sich ein Bein ausrenkte. Jemand schrie: »Feuer!« »Da haben wir es, ich habe ja gesagt, man dürfe nicht mit Feuer spielen!« rief, die Hände zusammenschlagend, jene Dame aus, die sich vorhin abfällig über Leonardos Kristallkugeln geäußert hatte. Eine andere kreischte und machte Anstalten, in Ohnmacht zu fallen. »Beruhigt Euch, es ist gar keine Feuersbrunst,« behaupteten die einen. »Was ist denn los?« fragten die andern. »Die Herzogin ist krank! ...« »Sie stirbt! Man hat sie vergiftet!« behauptete einer der Höflinge einer plötzlichen Eingebung folgend; er glaubte auch sofort an seine Erfindung. »Es kann nicht sein! Die Herzogin war erst eben hier! ... Sie hat auch getanzt...« »Habt Ihr es denn nicht gehört? Die Witwe des verstorbenen Herzogs Gian-Galeazzo, Isabella von Aragonien, hat, um ihren Mann zu rächen... langsam wirkendes Gift...« »Gott sei mit uns! ...« Aus dem Nebensaale klang noch Musik. Man wußte dort noch von nichts. Es wurde der Tanz »Venus und Saurus« aufgeführt, bei dem die Damen ihre Kavaliere mit bestrickendem Lächeln an goldenen Ketten, wie Gefangene herumführten; als diese mit schmachtenden Seufzern zu Boden sanken, setzten sie ihnen als Siegerinnen ihren Fuß auf den Rücken. Da kam ein Cameriere hereingestürzt, er winkte mit beiden Händen und rief den Musikern zu: »Still! Still! Die Herzogin ist krank! ...« Alle wandten sich um. Die Musik verstummte. Nur die Viola, die ein schwerhöriger, halb blinder alter Mann spielte, ließ noch lange ihre zitternden klagenden Töne erklingen. Diener trugen eilig ein schmales langes Bett vorbei. Es hatte eine harte Matraze, zwei Querbalken für den Kopf, rechts und links Griffe für die Hände und eine Querstange für die Füße der Gebärenden. Es war das Gebärbett, das seit altersher in den Garderoberäumen des Schlosses aufbewahrt wurde und allen Fürstinnen des Hauses Sforza bei den Geburten diente. Im Glanze des Balles, inmitten der festlichen Lichter und der prunkvoll gekleideten Damen machte dieses Gebärbett einen befremdenden, unheildrohenden Eindruck. Man warf sich Blicke zu und begriff den Sachverhalt. »Wenn es von Schreck oder von einem Fall gekommen ist,« bemerkte eine ältere Dame, »so sollte sie sofort ein rohes Eiweiß mit feingeschnittenen Fetzchen roter Seide verschlingen.« Eine andere behauptete, die rote Seide sei hier gar nicht am Platze; man müsse vielmehr die Keime von sieben Hühnereiern mit dem Gelben eines achten Eies verzehren. Ricciardetto hatte sich inzwischen in einen der oberen Säle begeben und hörte aus dem Nebengemach ein so schreckliches Stöhnen, daß er bestürzt stehen blieb und eine der vielen Frauen, die mit Wäsche, Wärmeflaschen und heißem Wasser vorbeiliefen, auf die Türe weisend, fragte: »Was ist da los?« Sie gab ihm keine Antwort. Ein anderes altes Weib, wohl eine Hebamme, blickte ihn streng an und sagte: »Mach daß du weiterkommst! Was stehst du hier im Wege? Du störst nur! Es ist nichts für Knaben.« Die Türe wurde für einen Augenblick geöffnet und Ricciardetto sah in der Tiefe des Zimmers, in einem unordentlichen Haufen von Kleidungsstücken und Wäsche jenes Gesicht, das er so hoffnungslos und so kindlich liebte. Es war jetzt rot, schweißbedeckt, an der Stirne klebten Haarsträhne und aus dem offenen Munde drang ununterbrochenes Stöhnen. Der Knabe erbleichte und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Neben ihm drängten sich verschiedene alte Weiber, Wärterinnen. Heilkünstlerinnen, Wahrsagerinnen und weise Frauen. Eine jede empfahl ihr Mittel. Die eine wollte das rechte Bein der Gebärenden mit Schlangenhaut umwickeln; eine andere wollte sie auf einen gußeisernen Kessel mit siedendem Wasser setzen; eine dritte ihr die Mütze ihres Gatten an den Leib binden; eine vierte ihr von einem mit Hirschhorn und Cochenillesamen angesetzten Schnaps zu trinken geben. »Einen Adlerstein unter die rechte Achsel und einen Magnetstein unter die linke!« sprach eine zahnlose uralte Frau, die sich mehr als alle anderen geschäftig zeigte. »Dies ist die Hauptsache! Einen Adlerstein oder einen Smaragd.« Der Herzog kam aus dem Zimmer herausgestürzt, fiel in einen Stuhl, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und begann wie ein Kind zu schluchzen. »Mein Gott! Mein Gott! Ich kann nicht mehr! ... ich kann nicht ... Bice, Bice ... Und an allem habe ich, Verdammter, Schuld! ...« Er dachte daran, wie die Herzogin, als sie ihn soeben erblickt, mit rasender Wut ihm zugeworfen hatte: »Fort! Fort! Geh zu deiner Lucrezia! ...« Eine geschäftige Alte ging auf ihn zu und setzte ihm einen Zinnteller vor. »Geruhen, Hoheit, davon zu essen.« »Was ist das?« »Wolfsfleisch. Es ist ein Hausmittel: wenn der Mann Wolfsfleisch ißt, spürt die Gebärende sofort Erleichterung. Wolfsfleisch ist jetzt die Hauptsache, mein Lieber!« Der Herzog versuchte gehorsam und geistesabwesend ein Stück von diesem zähen schwarzen Fleisch herunterzuschlingen, es blieb ihm aber im Halse stecken. Die Alte beugte sich über ihn und murmelte die Beschwörungsformel: Vater unser, der du bist. Sieben Wölfe, eine Wölfin. Im Himmel und auf Erden Alles Unheil soll vom Wind Fortgeblasen werden. »Heilig, heilig, heilig. – Im Namen der einigen und ewigen Dreieinigkeit. So soll es sein. Amen!« Aus dem Krankenzimmer trat der erste Leibarzt Luigi Marliani mit den anderen Ärzten. Der Herzog lief ihnen entgegen. »Nun? Wie steht's?« Sie schwiegen. »Ew. Durchlaucht,« sprach endlich Marliani, »alle Mittel sind schon angewandt worden, wollen wir hoffen, daß der Herr in seiner Barmherzigkeit...« Der Herzog packte ihn bei der Hand. »Nein, nein... Es muß ja noch ein Mittel geben... So geht es nicht... Um Gottes willen! ... Tut doch etwas! ...« Die Ärzte blickten einander wie Auguren an und fühlten, daß sie ihn irgendwie beruhigen müßten. Marliani runzelte ernst die Stirne und sagte lateinisch zu einem jungen Arzt mit rosigem und frechem Gesicht: »Drei Unzen einer Abkochung aus Flußschnecken mit Muskatnuß und gestoßenen roten Korallen.« »Vielleicht ein Aderlaß?« bemerkte der dritte Arzt, ein alter Mann mit gutmütigem und schüchternem Gesicht. »Ein Aderlaß? Ich habe schon daran gedacht,« erwiderte Marliani. »Leider ist aber der Mars im Sternbilde des Krebses, im vierten Hofe der Sonne. Und dazu noch der ungünstige Einfluß des ungeraden Datums...« Der Alte seufzte bescheiden und verstummte. »Wie glaubt Ihr, Meister,« wandte sich zu Marliani ein anderer Arzt, der rote Wangen und unentwegt heitere und gleichgültige Augen hatte und sich sehr ungezwungen benahm: »Sollen wir nicht zu der Schneckenabkochung noch etwas märzlichen Kuhmist hinzutun?« »Gewiß,« stimmte Luigi nachdenklich zu, sich die Nase reibend. »Kuhmist, ja, das ist das Richtige!« »O Gott! Gott!« stöhnte der Herzog. »Ew. Hoheit,« wandte sich Marliani zu ihm, »beruhigt Euch! Ich kann Euch versichern, daß alles, was die Wissenschaft vorschreibt...« »Zum Teufel die Wissenschaft!« schrie der Herzog. Er konnte sich nicht länger halten und stürzte wütend mit geballten Fäusten auf den Arzt. »Sie stirbt! Hört ihr? Sie stirbt! Und ihr kommt da mit der Schneckenabkochung und Kuhmist! ... Schurken! ... Man soll euch alle aufknüpfen!« Er lief in Todesangst im Zimmer umher und lauschte den nicht enden wollenden Schreien. Da fiel sein Blick auf Leonardo. Er nahm ihn beiseite. »Hör einmal,« lallte er wie im Fieber. Er wußte wohl selbst nicht, was er sagte. »Höre, Leonardo. Du bist mehr wert, als sie alle zusammen. Ich weiß, daß du große Geheimnisse besitzt ... Nein, nein, leugne nicht! ... Ich weiß es! ... Mein Gott, mein Gott, diese Schreie! ... Was ich sagen wollte... Ja, hilf mir, mein Freund, hilf, tue etwas! ... Ich gebe meine Seele hin, um ihr, wenn auch nur für kurze Zeit, zu helfen, um nur nicht diese Schreie zu hören! ...« Leonardo wollte ihm etwas erwidern; aber der Herzog beachtete ihn nicht mehr und stürzte den Kaplanen und Mönchen entgegen, die eben ins Zimmer traten. »Endlich! Gott sei Dank! Was bringt ihr mit?« »Reliquienteile des seligen Ambrosio, den Gürtel der heiligen Geburtshelferin Margareta, den verehrungswürdigen Zahn des heiligen Christophorus und ein Haar der heiligen Jungfrau.« »Gut, gut! Geht hinein und betet!« Moro wollte mit ihnen ins Krankenzimmer gehen, aber in diesem Augenblick stieß die Kranke einen so unmenschlichen und erschütternden Schrei aus, daß er sich die Ohren zuhielt und davonrannte. Er durchlief einige finstere Säle und kam in die Kapelle, die nur schwach von einigen Lämpchen erleuchtet war. Hier fiel er in die Knie vor dem Heiligenbilde. »Ich habe gesündigt, heiligste Mutter Gottes! Ich habe gesündigt, den unschuldigen Knaben, meinen rechtmäßigen Herrn Gian-Galeazzo habe ich umgebracht! Doch erhöre du barmherzige, einzige Fürsprecherin mein Flehen und erbarme dich meiner! Ich will alles hingeben, ich will alles abbitten, aber rette sie, nimm meine Seele statt der ihren!« In seinem Kopfe drängten sich Bruchstücke sinnloser Gedanken und sie störten ihn in seinem Gebet; so fiel ihm eine Erzählung ein, über die er erst vor kurzem so sehr gelacht hatte: ein Schiffer, dessen Schiff dem Untergange nahe war, gelobte der heiligen Jungfrau ein Licht von der Größe des Schiffsmastes; als ihn aber ein Kamerad fragte, wo er so viel Wachs hernehmen wolle, antwortete er: Schweig! Jetzt müssen wir nur sehen, wie wir uns retten; wir finden noch später Zeit, darüber nachzudenken. Auch hoffe ich, daß die heilige Jungfrau mit einer kleineren Kerze fürlieb nehmen wird. »Mein Gott, woran denke ich denn da?« besann sich der Herzog, »Verliere ich den Verstand? ...« Mit großer Mühe nahm er seine Gedanken zusammen und betete weiter. Doch vor seinen Augen kreisten und rollten helle Kristallkugeln, gleich Sonnen aus Eis; er hörte eine leise Musik und den aufdringlichen Kehrreim des goldenen Kindes: Kehrt zurück, auf Moros Winken, Euch die neue Goldne Zeit! ... Dann verschwand alles und er verlor die Besinnung. Als er erwachte, glaubte er, es seien nur zwei oder drei Minuten vergangen, wie er aber die Kapelle verließ, sah er durch die schneeverwehten Fenster das graue Licht des Wintermorgens. X. Moro kehrte in den Saal der Rocchetta zurück. Hier war alles still. Eine Frau, die einen Korb mit Windeln vorbeitrug, ging auf ihn zu und sagte: »Ihre Durchlaucht haben geruht niederzukommen.« »Lebt sie?« flüsterte er erbleichend. »Gott sei Lob und Dank. Aber das Kindchen ist tot. Ihre Durchlaucht sind sehr schwach und wünschen Euch zu sehen. Wollt Ihr eintreten!« Er betrat das Zimmer und sah in den Kissen ein Gesicht, so winzig wie das eines kleinen Mädchens, mit großen eingefallenen Augen, die wie mit Spinnwebe übersponnen schienen; es war so ruhig und kam ihm so vertraut und zugleich ganz fremd vor. Er trat vor das Bett und beugte sich über sie. »Schick nach Isabella ... sofort ...« flüsterte sie ihm zu. Der Herzog erteilte den Befehl. Einige Minuten später betrat eine schlanke Frau mit traurigem und strengem Gesicht das Zimmer. Es war Herzogin Isabella von Aragonien, die Witwe Gian-Galeazzos. Sie näherte sich der Sterbenden; Moro und der Beichtvater zogen sich in den Hintergrund zurück, die andern verließen das Gemach. Beide Frauen flüsterten eine Zeitlang miteinander. Dann küßte Isabella die Sterbende mit den Worten der letzten Versöhnung, sank in die Knie, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und betete. Beatrice rief den Herzog wieder zu sich. »Vico, lebe wohl und vergib. Weine nicht. Denke, daß ich ... immer bei dir... Ich weiß, daß du nur mich allein...« Sie kam nicht weiter, doch er begriff, was sie sagen wollte: »daß du nur mich allein geliebt hast.« Sie sah ihn mit einem klaren, wie aus weiter Ferne kommenden Blick an und flüsterte: »Küsse mich.« Moro berührte ihre Stirne mit den Lippen. Sie wollte etwas sagen, aber sie konnte es nicht; sie hauchte nur kaum hörbar: »Auf den Mund.« Der Mönch las das Sterbegebet. Das Gefolge kehrte ins Zimmer zurück. Der Herzog behielt seine Lippen im Abschiedskusse auf den ihrigen und er fühlte, wie sie erkalteten. In diesem letzten Kusse nahm er den letzten Atemzug seiner geliebten Freundin auf. »Sie ist verschieden,« sagte Marliani. Alle bekreuzten sich und knieten nieder. Moro erhob sich langsam von den Knien, sein Gesicht war regungslos. Es drückte keinen Schmerz aus, sondern eine entsetzliche, ungeheuere Abspannung. Sein Atem ging rasch und schwer, wie beim Besteigen eines Berges. Plötzlich bewegte er mit unnatürlicher, wilder Gebärde beide Arme, schrie »Bice!« und fiel über die Leiche. Von allen Anwesenden hatte Leonardo allein die Ruhe bewahrt. Er beobachtete den Herzog mit tiefem prüfendem Blick. In solchen Augenblicken wurden alle anderen Gefühle des Künstlers von seiner Neugier überwältigt. Den Ausdruck des großen Schmerzes in den menschlichen Gesichtern und Bewegungen beobachtete er wie ein seltenes und ungewöhnliches Experiment, wie eine neue herrliche Naturerscheinung. Kein Hautfältchen und kein Muskelzittern entging seinem leidenschaftslosen scharfen Blick. Er wollte so schnell als möglich das von Verzweiflung entstellte Gesicht Moros in seinem Taschenbuch skizzieren. Er verließ das Sterbezimmer und begab sich in die leeren unteren Schloßräume. Die Kerzen waren hier heruntergebrannt, sie qualmten und ließen Wachstropfen zu Boden fallen. In einem der Säle schritt er über die umgeworfene und zertretene »Pforte der treuen Liebhaber«. So unheimlich und kläglich nahmen sich im kalten Morgenlicht die prunkvollen Allegorien zur Verherrlichung Moros und Beatrices aus, diese Triumphwagen des Numa Pompilius, Augustus, Trajanus und des Goldenen Zeitalters. Er trat zum erloschenen Kamin, vergewisserte sich mit einem raschen Blick, daß er allein war, nahm Skizzenbuch und Stift zur Hand und wollte mit der Zeichnung beginnen, als er plötzlich an der Ecke des Kamins den Knaben bemerkte, der als Statue des Goldenen Zeitalters gedient hatte. Er schlief, zusammengekrümmt, von Frost ganz erstarrt; sein Kopf lag auf den Knien, die er mit beiden Händen umfaßt hielt. Der letzte warme Hauch der erkaltenden Asche war nicht imstande, seinen vergoldeten Körper zu erwärmen. Leonardo berührte leise seine Schulter. Das Kind stöhnte jämmerlich und dumpf, ohne den Kopf zu heben. Der Künstler nahm es in seine Arme. Der Knabe öffnete seine großen erschrockenen veilchenblauen Augen und begann zu weinen: »Nach Hause, nach Hause! ...« »Wo wohnst du? Wie heißt du?« fragte Leonardo. »Lippi,« erwiderte der Knabe. »Nach Hause! Nach Hause! Mir ist so schlecht und so kalt ...« Seine Augen schlossen sich wieder, er lallte im Fieber: Rost'ges Eisen muß versinken, Und in neuer Herrlichkeit Kehrt zurück auf Moros Winken Euch die neue Goldne Zeit.« Leonardo hüllte das Kind in seinen Kragen und legte es auf einen Sessel. Dann ging er ins Vorzimmer, weckte die auf dem Boden schnarchenden Diener, die sich während der allgemeinen Verwirrung betrunken hatten, und erfuhr von einem von ihnen, daß Lippi der Sohn eines alten armen verwitweten Bäckers sei, der in der Straße Broletto Novo wohne und sein Kind um zwanzig Scudi zur Darstellung des Triumphes hergegeben habe, obwohl viele ihn gewarnt hätten, daß das Kind an der Vergoldung sterben könne. Der Künstler suchte seinen warmen Wintermantel heraus, warf ihn um, kehrte zu Lippi zurück, hüllte ihn in den Pelz und verließ das Schloß. Er wollte eine Apotheke aufsuchen, um die zur Abwaschung der Vergoldung notwendigen Drogen zu kaufen, und dann das Kind nach Hause tragen. Da fiel ihm die begonnene Skizze ein und der interessante Ausdruck von Verzweiflung auf Moros Gesicht. »Es tut nichts,« dachte er sich, »ich werde es nicht vergessen. Das Wesentliche sind die Runzeln über den hoch erhobenen Brauen und das sonderbare, leuchtende, beinahe verzückte Lächeln um die Lippen, jenes Lächeln, das in den menschlichen Gesichtern den Ausdruck des größten Schmerzes dem der größten Seligkeit ähnlich macht; denn Schmerz und Seligkeit sind nach Platos Zeugnis zwei Welten, die in den Grundflächen getrennt, mit den Gipfeln zusammengewachsen sind.« Er sah, daß der Knabe vor Kälte zitterte. »Unser armes Goldenes Zeitalter!« dachte sich der Künstler mit traurigem Lächeln. »Mein armes Vöglein!« flüsterte er mit unendlichem Mitleid. Er hüllte das Kind noch wärmer ein und drückte es so liebevoll und zärtlich an seine Brust, daß es dem Armen im Traume vorkam, als ob ihn seine verstorbene Mutter herze und in den Schlaf singe. XI. Herzogin Beatrice starb Dienstag, den 2.\ Januar 1497, um 6\ Uhr früh. Der Herzog verbrachte mehr als 24 Stunden an der Leiche seiner Frau. Er hörte auf keinen Trost und wollte weder schlafen noch essen. Seine Umgebung fürchtete, daß er den Verstand verliere. Donnerstag früh ließ er sich Papier und Schreibzeug geben und schrieb einen Brief an Isabella d'Este, die Schwester der verstorbenen Herzogin. Er teilte ihr darin den Tod Beatrices mit und sagte unter anderm: »Es wäre Uns leichter, wenn Wir selber gestorben wären. Wir bitten Euch, Uns niemanden zum Troste zu schicken, um nicht Unsern Schmerz zu erneuern.« Am gleichen Tag gegen Mittag gab er den inständigen Bitten seiner Umgebung nach und nahm etwas Nahrung zu sich. Er wollte sich aber nicht zu Tisch setzen, und aß von einem einfachen Brett, das Ricciardetto ihm vorhielt. Mit den Vorbereitungen zu der Beerdigung betraute er anfangs seinen ersten Sekretär Bartolomeo Calco. Aber bei der Bestimmung des Zeremoniells für den Trauerzug, das nur er allein festsetzen konnte, ließ er sich hinreißen und gab sich dem Arrangement des Trauerzuges mit der gleichen Liebe hin, mit der er das Neujahrsfest des Goldenen Zeitalters veranstaltet hatte. Er vertiefte sich ganz in die Vorbereitungen, ging in alle Details ein und bestimmte ganz genau das Gewicht der großen weißen und gelben Wachskerzen, die Ellenzahl des Goldbrokats, des schwarzen und karmoisinroten Samtes zu jeder Altardecke und die Menge von Kupfergeld, Erbsen und Speck, die an die Armen bei den Seelenmessen verteilt werden sollten. Als er das Tuch zu den Trauerlivreen der Hofbediensteten auswählte, ging er sehr gewissenhaft zu Werke, befühlte jede Stoffprobe und hielt sie gegen das Licht, um sich von der Güte der Ware zu überzeugen. Er ließ auch für sich selbst ein besonders feierliches Gewand »der großen Trauer« aus grobem und rauhem Tuch anfertigen; es waren darin künstlich Schlitze und Löcher angebracht, um den Anschein zu erwecken, als habe er das Kleid selbst in einem Anfalle von Verzweiflung zerrissen. Die Beerdigung fand Freitag spät abends statt. An der Spitze des Trauerzuges gingen Läufer, Stabträger, Herolde mit langen silbernen Trompeten, an denen unten schwarze Seidenfahnen hingen. Tamboure, die einen Trauermarsch schlugen, Ritter in geschlossenen Visieren mit Trauerfahnen auf Pferden, die Decken aus schwarzem Samt mit weißen Kreuzen trugen, die Mönche aller Klöster von Mailand mit brennenden sechspfündigen Kerzen und der Erzbischof von Mailand mit dem ganzen Klerus. Dem großen Leichenwagen mit einem Katafalk aus Silberbrokat, mit vier silbernen Engeln und der Herzogskrone geschmückt, folgte Moro in Begleitung seines Bruders, des Kardinals Ascanio und der Gesandten der kaiserlichen Majestät, und der von Spanien, Neapel, Venedig und Florenz; dann kamen die Mitglieder des Geheimen Rats, Leibärzte, Magister der Universität von Pavia, vornehme Kaufherren, je zwölf Vertreter von jedem der Tore Mailands und eine unübersehbare Volksmenge. Der Zug war so lang, daß sein Ende noch im Schloßhof war, als seine Spitze die Kirche Maria delle Grazie erreicht hatte. Nach einigen Tagen schmückte der Herzog das Grab seines totgeborenen Sohnes Leone mit einem Epitaph. Er hatte es selbst italienisch verfaßt; Merula hatte es ins Lateinische übersetzt: »Ich, unglückliches Kind, bin gestorben, ehe ich noch die Welt gesehen hatte, und bin noch unglücklicher, weil ich mit meinem Tode meiner Mutter das Leben und meinem Vater die Gattin entrissen habe. In diesem traurigen Schicksal ist mein einziger Trost, daß ich von gottähnlichen Eltern gezeugt worden bin, von dem Mailänder Herzogspaare Ludovicus und Beatrix. A.\ D. 1497, in den dritten Nonen des Januars.« Moro stand lange in Bewunderung versunken vor dieser Inschrift, die in goldenen Lettern auf einer Platte aus schwarzem Marmor prangte; das kleine Grabmal Leones befand sich im Kloster Maria delle Grazie, wo auch Beatrice ruhte. Er teilte das naive Entzücken des Steinmetzen, der nach Beendigung dieser Arbeit etwas zurücktrat, den Kopf zur Seite neigte und mit einem Auge zwinkernd mit der Zunge schnalzte: »Es ist ein wahres Spielzeug und kein Grab!« Es war ein frostiger sonniger Morgen. Der Schnee auf den Dächern hob sich blendend weiß vom blauen Himmel ab. In der klaren Luft wehte jene Frische, die dem Dufte der Maiglöckchen gleicht und uns als der Geruch des Schnees erscheint. Aus dem Sonnenlicht und der Kälte trat Leonardo in ein dunkles schwüles Gemach, das mit schwarzem Taffet ausgeschlagen war; die Fensterladen waren geschlossen und das Zimmer war nur von Beerdigungskerzen erleuchtet. Es war wie in einer Gruft. Die ersten Tage nach der Beerdigung seiner Frau hatte der Herzog diese finstere Zelle nicht verlassen. Der Herzog besprach mit dem Künstler das »Heilige Abendmahl«, das die Stätte der ewigen Ruhe Beatrices schmücken sollte. Zum Schluß fragte er ihn noch: »Ich hörte, Leonardo, du hättest dich des Knaben, der auf jenem unglückseligen Feste die Geburt des Goldenen Zeitalters dargestellt hat, angenommen. Wie geht es ihm jetzt?« »Hoheit, er ist gestorben und zwar an jenem Tage, an dem ihre Durchlaucht beerdigt wurde.« »Er ist gestorben!« In der Stimme des Herzogs klang Erstaunen und zugleich etwas wie Freude. »Gestorben ... Wie sonderbar! ...« Er ließ seinen Kopf sinken und seufzte schwer auf. Dann umarmte er plötzlich Leonardo und sagte: »Ja, ja, gerade so mußte es kommen! Unser Goldenes Zeitalter ist gestorben zugleich mit meiner unvergeßlichen Frau! Wir haben es mit Beatrice begraben, denn es wollte und konnte sie nicht überleben! Nicht wahr, mein Freund, welch ein bedeutungsvoller Zufall, welch eine schöne Allegorie!« XII. Ein ganzes Jahr ging in tiefer Trauer hin. Der Herzog legte sein Trauergewand mit den Löchern nicht ab und aß auch nicht an einem Tisch, sondern von einem Brett, das ihm die Hofdiener vorhalten mußten. »Nach dem Tode der Herzogin,« berichtete der Gesandte von Venedig, Marino Sanuto, seiner Regierung, »ist Moro fromm geworden; er wohnt jedem Gottesdienste bei, fastet und lebt, wie man behauptet, keusch und in Gottesfurcht.« Bei Tage gelang es dem Herzog zuweilen, sich durch Staatsgeschäfte etwas abzulenken, obwohl er auch hier Beatrice vermißte. Aber nachts verzehrte er sich in Gram. Er sah sie oft im Traume als sechzehnjähriges Mädchen, so wie sie bei ihrer Heirat war: eigensinnig und ausgelassen wie ein Schulmädel, hager und braun wie ein Knabe, so wild, daß sie sich manchmal in Garderobeschränke versteckte, um nicht bei feierlichen Empfängen anwesend sein zu müssen und so keusch, daß sie sich noch ganze drei Monate nach der Hochzeit wie eine Amazone mit Nägeln und Zähnen gegen seine Liebesattacken wehrte. Fünf Tage vor der ersten Wiederkehr ihres Todestages sah er sie nachts im Traume, so wie er sie einst in ihrer Lieblingsbesitzung Cusnago an einem großen stillen Teiche beim Fischfang beobachtet hatte. Sie hatte Glück und die Fischeimer waren bis an den Rand voll. Da erfand sie ein Spiel: sie krempte die Ärmel auf, nahm die Fische aus den nassen Netzen heraus und warf sie mit den Händen ins Wasser zurück. Sie lachte und vergnügte sich an der Freude der befreiten Gefangenen, an dem schnellen Aufblitzen ihrer silbernen Schuppen im Wasser. Die schlüpfrigen Barsche, Brassen und Rotaugen bebten und wanden sich in ihren nassen Händen, die Wassertropfen funkelten wie Diamanten und die Augen und die dunklen Wangen seines lieben Mädchens leuchteten in der Sonne. Als er erwachte, fühlte er, daß sein Kissen ganz naß von Tränen war. Früh morgens ging er zum Kloster Maria delle Grazie, betete am Grabe seiner Frau, speiste mit dem Prior und unterhielt sich mit ihm lange Zeit über die Frage, die zu jener Zeit die Theologen Italiens erregte – über die unbefleckte Empfängnis der heiligen Jungfrau. Als es dunkel wurde, begab er sich direkt aus dem Kloster zu Madonna Lucrezia. Trotz des Schmerzes um den Verlust der Gattin und trotz der »Gottesfurcht«, hatte er nicht nur beide Maitressen behalten, sondern sich noch enger an sie angeschlossen. In der letzten Zeit wurden Madonna Lucrezia und Gräfin Cecilia Freundinnen. Cecilia, die im Ruf einer »neuen Sappho« und einer »gelehrten Heroine« stand, war im Grunde eine einfache gute, wenn auch etwas überspannte Frau. Der Tod Beatrices gab ihr Gelegenheit, eine jener Heldentaten der Liebe, von denen sie in ihren Ritterromanen gelesen hatte und für die sie seit langer Zeit schwärmte, in Szene zu setzen. Sie wollte ihre Liebe mit der ihrer jungen Nebenbuhlerin vereinigen, um so den Herzog zu trösten. Lucrezia sträubte sich anfangs dagegen und war auf den Herzog eifersüchtig, doch die »gelehrte Heroine« entwaffnete sie stets mit ihrer Großmut. Lucrezia mußte, ob sie wollte oder nicht, sich an die Gräfin in dieser sonderbaren Freundschaft anschließen. Im Sommer 1497 gebar sie dem Herzog einen Sohn. Gräfin Cecilia wollte durchaus die Patin sein; sie nannte Lucrezias Sohn ihr »Enkelkind« und gab sich seiner Pflege mit übertriebener Zärtlichkeit hin, obwohl sie auch eigene Kinder von Moro hatte. So ging Moros sehnlicher Wunsch in Erfüllung: seine beiden Geliebten befreundeten sich. Er bestellte beim Hofpoeten ein Sonett, in welchem Cecilia und Lucrezia mit der Abend- und Morgenröte verglichen wurden, er selbst aber, der untröstliche Witwer zwischen den beiden leuchtenden Göttinnen, mit der finsteren Nacht, die in ewiger Ferne von der Sonne – Beatrice – leben muß. Moro betrat das ihm vertraute behagliche Gemach des Palazzo Crivelli und traf da beide Frauen Seite an Seite vor dem Kamin sitzend. Sie trugen, wie alle Hofdamen, Trauer. »Wie ist das Befinden Ew. Hoheit?« fragte ihn Cecilia – die »Abendröte«, die ganz verschieden von der »Morgenröte«, doch ebenso schön wie diese war. Sie hatte eine matt-weiße Haut, feuerrotes Haar und zarte grüne Augen, so durchsichtig, wie das stille Wasser eines Bergsees. Der Herzog pflegte sich in der letzten Zeit über sein Befinden zu beklagen. An diesem Abend fühlte er sich wohl wie immer, doch nahm er aus Gewohnheit einen müden Ausdruck an, seufzte tief auf und sagte: »Urteilt selbst, Madonna, wie es mit meinem Befinden stehen kann! Ich habe ja nur noch einen Wunsch: möglichst bald an der Seite meines Täubchens ruhen zu können ...« »Nein, Durchlaucht, nein! Ihr sollt nicht so reden!« rief Cecilia, die Hände zusammenschlagend. »Es ist eine große Sünde. Wie könnt Ihr nur so sprechen? Wenn Euch Madonna Beatrice hören könnte! ... Jedes Leid kommt von Gott und wir müssen alles mit Dank hinnehmen ...« »Gewiß,« bestätigte Moro. »Ich klage auch nicht. Daß Gott mich davor behüte! Ich weiß, daß sich der Herr mehr um uns sorgt, als wir es selbst tun. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.« Er nahm die Hände seiner beiden Geliebten in die seinigen und hob die Augen zur Zimmerdecke. »Der Herr belohne euch, meine Lieben, weil ihr den unglücklichen Witwer nicht verlassen habt!« Er wischte sich mit einem Tuche die Augen und zog aus der Tasche seines Trauergewandes zwei Schriftstücke hervor. Das eine war eine Schenkungsurkunde, laut der er dem Pavianischen Kloster delle Grazie die großen Latifundien der Villa Sforzesca bei Vigevano verlieh. »Hoheit,« sagte die Gräfin erstaunt, »war nicht dieses Land Euch besonders wert und lieb?« »Das Land!« erwiderte Moro mit bitterem Lächeln. »Es ist nicht dieses Land allein, was mir keine Freude mehr macht. Wieviel Erde braucht denn überhaupt ein Mensch? ..« Die Gräfin legte ihm ihre rosige Hand auf den Mund, damit er nicht wieder vom Tode rede. »Und was steht im andern Papier?« fragte sie neugierig. Sein Gesicht heiterte sich auf und das frühere lustige und schelmische Lächeln spielte auf seinen Lippen. Er las ihnen das zweite Schriftstück vor. Es war gleichfalls eine Schenkungsurkunde mit einer langen Aufzählung der Ländereien, Wiesen, Wälder, Dörfer, Jagden, Fischweiher, Wirtschaftsgebäude und sonstiger Appertinentien, die er der Madonna Lucrezia Crivelli und seinem natürlichen Sohne Gian-Paolo verlieh. Auch die durch ihr Fischwasser berühmte Villa Cusnago, welche die verstorbene Beatrice so sehr liebte, war in diesem Verzeichnisse erwähnt. Moros Stimme bebte vor Rührung, als er den Schlußpassus dieser Urkunde las: »Diese Frau hat Uns in wunderbaren und seltenen Liebesbanden ihre vollständige Ergebenheit bewiesen und solche erhabene Gefühle gezeigt, daß Wir in ihrer angenehmen Gesellschaft gar oft unendliche Seligkeit und große Erleichterung von Unseren Sorgen erfahren haben.« Cecilia klatschte freudig in die Hände und umarmte ihre Freundin mit Tränen mütterlicher Rührung in den Augen. »Siehst du, Schwesterlein: ich hab dir ja gesagt, daß er ein goldenes Herz hat! Jetzt ist mein kleiner Enkel Paolo der reichste Erbe von Mailand!« »Welches Datum haben wir heute?« fragte Moro. »Den achtundzwanzigsten Dezember, Durchlaucht,« antwortete Cecilia. »So, den achtundzwanzigsten!« wiederholte er nachdenklich. Es war der Tag und die Stunde, zu der vor einem Jahre die verstorbene Herzogin in den Palazzo Crivelli gekommen war und den Herzog beinahe mit seiner Geliebten ertappt hätte. Er sah sich um. Im Zimmer war es ebenso hell und behaglich wie vor einem Jahre; im Schornstein heulte wieder der Wind und im Kamin, auf dem nackte Liebesgötter aus Ton mit den Marterwerkzeugen Christi tanzten und spielten, brannte ein lustiges Feuer. Auf dem runden Tischchen mit der grünen Decke stand die gleiche geschliffene Karaffe mit Balnea Aponitana und lagen die gleichen Noten und die Mandoline. Die Türe zum Schlafgemach stand offen und ließ auch den Ankleideraum und jenen Garderobeschrank, in dem sich der Herzog vor seiner Frau versteckt hatte, sehen. Was hätte er jetzt nicht alles darum gegeben, um wieder das entsetzliche Pochen des Türhammers und den Schrei »Madonna Beatrice!« der erschrockenen Zofe hören zu können, um einen Augenblick in jenem Garderobeschrank vor der drohenden Stimme seines geliebten Mädchens zittern zu dürfen! Doch das kehrt nie, nie wieder! Moro ließ den Kopf sinken und über seine Wangen rollten Tränen. Mein Gott! Da siehst du: er weint wieder!« flüsterte Gräfin Cecilia. »Geh, sei lieb zu ihm, tröste ihn, küsse ihn ordentlich! Schämst du dich denn nicht?« Sie stieß ihre Nebenbuhlerin sachte in die Arme ihres eigenen Geliebten. Die unnatürliche Freundschaft mit der Gräfin rief in Lucrezia schon seit längerer Zeit ein unangenehmes Gefühl hervor, wie Ekel vor einem zu starken und süßlichen Duft. Jetzt wollte sie aufstehen und fortgehen. Sie schlug die Augen nieder und errötete. Und doch mußte sie die Hand des Herzogs ergreifen. Er lächelte ihr unter Tränen zu und drückte ihre Hand an sein Herz. Cecilia holte vom runden Tischchen die Mandoline, nahm die gleiche Stellung ein, in der sie Leonardo vor zwölf Jahren in dem berühmten Bildnis der »Neuen Sappho« verewigt hatte, und sang Petrarcas Lied vom himmlischen Gesicht der Laura: Levommi il mio pensier in parte ov'era, Quella ch'io cerco e non ritrovo in terra. Mich hob mein Geist hinan auf fernem Gleise, Zu suchen, was der Erd' ach! nun entschwunden. Da sah ich sie, vom dritten Kreis' umwunden, weit schöner und mit minder stolzer Weise. Sie gab die Hand und sprach: »In diesem Kreise Wirst du, irrt nicht mein Wunsch, mir einst verbunden; Ich bin's, durch die du solchen Kampf gefunden, Und die vorm Abend schloß des Tages Reise. Der Herzog griff wieder nach seinem Tuch und verdrehte schmachtend die Augen. Er wiederholte einige Mal die letzten Worte und streckte seine Hände schluchzend, gleichsam nach einem vorbeischwebenden Gesicht, aus: »Und die vorm Abend schloß des Tages Reise!« »Mein Täubchen! Ja, ja, vorm Abend!'... Wißt Ihr, Madonnen, ich glaube wirklich, daß sie jetzt vom Himmel herabschaut und uns alle drei segnet. O Bice, Bice!...« Er ließ seinen Kopf schluchzend auf Lucrezias Schulter sinken und umfaßte zugleich ihre Taille, um sie sich auf den Schoß zu ziehen. Sie widerstrebte, denn sie schämte sich. Er küßte sie verstohlen auf den Nacken. Cecilia hatte es mit ihrem scharfen mütterlichen Blick bemerkt. Sie erhob sich, machte Lucrezia ein Zeichen, wie eine Schwester, die ihren schwerkranken Bruder der Obhut einer Freundin anvertraut, entfernte sich auf den Zehen – doch nicht in das Schlafgemach, sondern in das ihm gegenüberliegende Zimmer – und schloß die Türe hinter sich ab. Die »Abendröte« war auf die »Morgenröte« nicht eifersüchtig, denn sie wußte aus langer Erfahrung, daß die Reihe später auch an sie kommen und daß der Herzog nach den schwarzen Haaren noch viel mehr Gefallen an den feuerroten finden würde. Moro sah sich um, umarmte Lucrezia mit einem starken, beinahe rohen Griffe und setzte sie sich auf den Schoß. Die Tränen um die verstorbene Frau glänzten noch in seinen Augen, aber um seine feingeschwungenen Lippen spielte bereits ein schelmisches, aufrichtiges Lächeln. »Wie eine Nonne – ganz in Schwarz!« scherzte er, ihren Hals küssend. »Ein ganz einfaches Kleidchen und wie gut es dir steht! Der Hals sieht wohl nur neben dem Schwarz so weiß aus?...« Er knöpfte die Achatknöpfe auf ihrer Brust auf und plötzlich sah er ihren nackten Leib, der zwischen den Falten des Trauergewandes noch blendender erschien. Lucrezia bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Und über dem lustig flackernden Kamin tanzten die von Caradosso geschaffenen nackten Liebesgötter mit den Marterwerkzeugen des Heilands – Nägeln, Hammer, Zange und Speer spielend, ihren ewigen Reigen weiter und im flackernden rosigen Widerschein der Flamme schien es, als ob sie unter der Weinranke des Bacchus miteinander schelmische Blicke wechseln, über den Herzog Moro und Madonna Lucrezia kichern und als ob ihre Pausbacken vor Lachen platzen wollten. Aus der Ferne klang die schmachtende Mandoline und der Gesang der Gräfin Cecilia: Ivi far lor, che il terzo cerchio serra, La revidi, più bella e meno altera. Da sah ich sie, vom dritten Kreis umwunden, weit schöner und mit minder stolzer Weise. Und die kleinen alten Götter lauschten dem Gedicht Petrarcas, dem Liede der neuen himmlischen Liebe und lachten wie wahnsinnig. Neuntes Buch Die Doppelgänger I. »Bitte, seht Ihr hier auf dieser Karte im Indischen Ozean, westlich von der Insel Taprobane – die Aufschrift: ›Meerwunder, die man Sirenen heißt?‹ Cristoforo Colombo erzählte mir, er hätte sich sehr gewundert, als er an diese Stelle kam und keine Sirenen vorfand... Worüber lächelt Ihr?« »Es ist nichts, Guido! Erzählt nur weiter, ich höre zu.« »Ich weiß schon, Messer Leonardo: Ihr glaubt doch, daß es gar keine Sirenen gibt. Was würdet Ihr erst zu den Skiapoden sagen, die ihre Fußsohlen wie einen Schirm zum Schutze gegen die Sonne gebrauchen, oder zu den Pygmäen, die so große Ohren haben, daß sie das eine als Bettuch und das andere als Bettdecke benützen? Oder zu dem Baume, der statt Früchten Eier trägt, aus denen gelbe Vögel, die jungen Enten gleichen, herauskriechen – ihr Fleisch hat den Geschmack von Fischen und man darf es daher an Fasttagen genießen? Oder zu der Insel, auf der einst einige Schiffer landeten, Feuer machten und darauf ihr Nachtmahl bereiteten, und die sich später als ein Walfisch entpuppte, wie es mir ein alter Seemann zu Lissabon erzählte, der ein durchaus nüchterner Mann war und dazu noch seine Mitteilung mit einem Schwur beim heiligsten Leib und Blut des Herrn bekräftigte?« Dieses Gespräch wurde geführt fünf Jahre nach der Entdeckung der Neuen Welt in der Palmwoche, am 6. April 1498 in der Kürschnergasse zu Florenz, unweit des Alten Marktes, in einem Raume über dem Warenlager des Handelshauses von Pompeo Berardi, der auch in Sevilla Warenniederlagen besaß und die Ausrüstung der Schiffe, welche in die von Kolumbus entdeckten Länder geschickt wurden, besorgte. Messer Guido Berardi war ein Neffe Pompeos; er zeigte bereits seit seiner frühesten Kindheit große Neigung, Seefahrer zu werden und wollte sogar an der Expedition Vasco-da-Gamas teilnehmen, als er plötzlich an jenem Leiden erkrankte, das erst in jener Zeit auftauchte und das die Italiener die französische, die Franzosen die italienische, die Polen die deutsche, die Moskoviter die polnische und die Türken die christliche Krankheit nannten. Er ließ sich von allen Ärzten behandeln und opferte allen wundertätigen Heiligenbildern wächserne Priape, doch beides war vergeblich. Er war ganz gelähmt und zu ewiger Unbeweglichkeit verurteilt, und doch hatte er seinen lebhaften und regen Geist bewahrt; er unterhielt sich viel mit Seefahrern, verbrachte ganze Nächte über seinen Büchern und Karten, segelte in seiner Phantasie über Weltmeere und entdeckte auf diesen Fahrten unbekannte Länder. In seinem Zimmer gab es eine Menge Schiffahrtsinstrumente – Äquatoreale aus Messing, (Quadranten, Sextanten, Astrolabien, Kompasse und Himmelsgloben; es sah bei ihm daher wie in einer Schiffskajüte aus. Die Türe zur Loggia stand offen und draußen dämmerte der klare Aprilabend. Die Lampe flackerte zuweilen im Winde auf. Von den Warenlagern kam ein Duft der ausländischen Gewürze herauf – von indischem Pfeffer, Ingwer, Zimmt, Muskatnuß und Nelken. »So ist es, Messer Leonardo!« schloß Guido seine Erzählung und rieb sich mit der Hand seine eingepackten kranken Beine. »Nicht umsonst heißt es, daß der Glaube Wunder wirkt, hätte auch Colombo gezweifelt, wie Ihr es tut, so hätte er nichts erreicht. Ihr werdet doch zugeben, daß es sich lohnt, unsagbare Leiden zu erfahren und mit dreißig Jahren alt und grau zu werden, um die Lage des irdischen Paradieses zu entdecken?« »Des Paradieses?« wunderte sich Leonardo, »wie meint Ihr das, Guido?« »Wie? Ihr wißt es noch nicht? Habt Ihr denn noch nie etwas von den Beobachtungen gehört, die Messer Colombo bei den Azorischen Inseln über den Polarstern gemacht hat und mit denen er bewies, daß die Erde nicht, wie man früher annahm, die Form eines kugelrunden Apfels habe, sondern die einer Birne mit einem Ansatz, wie die Warze auf einer Frauenbrust? Diese Brustwarze ist ein Berg, so hoch, daß sein Gipfel in die Mondsphäre hineinragt und auf dem Gipfel befindet sich das Paradies ...« »Aber Guido! Es widerspricht ja allen Ergebnissen der Wissenschaft!« »Ja, die Wissenschaft!« unterbrach ihn mit verächtlichem Achselzucken Guido. »Wißt Ihr, was Colombo von der Wissenschaft sagt? Ich will Euch seine eigenen Worte aus dem Buche »Libro de las profecias« zitieren: Weder der Mathematik, noch den Karten der Geographen, noch den Gründen der Vernunft verdanke ich das, was ich erreicht habe, sondern allein der Prophezeiung Jesajas vom neuen Himmel und von der neuen Erde.« Guido verstummte. Er bekam seine gewöhnlichen Schmerzen in den Gelenken. Leonardo rief auf seine Bitte die Diener herbei und diese brachten den Kranken in sein Schlafzimmer. Als der Künstler allein geblieben, begann er die mathematischen Berechnungen, die Kolumbus bei den Azorischen Inseln über die Bewegung des Polarsterns angestellt hatte, nachzuprüfen und fand in diesen so grobe Fehler, daß er seinen Augen nicht traute. »Welche Ignoranz!« sagte er verwundert. »Er ist gleichsam im Finstern ganz zufällig auf eine neue Welt gestolpert! Wie ein Blinder, weiß er gar nicht, was er entdeckt hat; er glaubt, es sei China, oder Salomos Ophir, oder das irdische Paradies! Er wird wohl auch in diesem Wahne sterben, ohne es erkannt zu haben.« Er las noch einmal den Brief vom 29. April 1493, mit dem Kolumbus Europa von seiner Entdeckung in Kenntnis setzte: »Brief des Christophorus Kolumbus, dem unsere Zeit vieles zu verdanken hat, von den kürzlich entdeckten Indischen Inseln über dem Ganges.« Die ganze Nacht verbrachte Leonardo über den Karten und Berechnungen. Ab und zu trat er auf die offene Loggia hinaus, blickte nach den Sternen und dachte an den Propheten der Neuen Erde und des Neuen Himmels, den sonderbaren Schwärmer, mit dem Herzen und Verstand eines Kindes. Unwillkürlich mußte er sein eigenes Schicksal mit dem des Kolumbus vergleichen. »Wie wenig hat er gewußt, wie viel hat er erreicht! Und ich bin mit allem meinem Wissen so unbeweglich, wie dieser gelähmte Berardi: mein ganzes Leben lang strebe ich nach unbekannten Welten und habe mich ihnen noch um keinen schritt genähert. Sie sprechen vom Glauben. Ist denn aber vollkommener Glaube und vollkommenes Wissen nicht ein und dasselbe? Sehen denn meine Augen nicht weiter, als die Augen des blinden Propheten Kolumbus? Oder will es so das menschliche Schicksal, daß man sehend sein muß, um zu wissen und blind, um zu schaffen?« II. Leonardo merkte gar nicht, wie die Nacht verging. Die Sterne waren erloschen. Ein rötlicher Widerschein lag auf den Vorsprüngen der Dächer und auf den schrägen Holzbalken in den Mauern der alten Backsteinhäuser. Von der Straße her ließ sich das Rauschen und Reden der Menge vernehmen. An die Türe wurde geklopft. Er schloß auf. Es war Giovanni, der gekommen war, um den Meister zu erinnern, daß an diesem Palmsamstag die »Feuerprobe« stattfinden sollte. »Was für eine Probe?« fragte Leonardo. »Fra Dominico wird für Fra Savonarola in das Feuer des Scheiterhaufens steigen, und Fra Giuliano Rondinelli für seine Gegner; wer von den beiden unversehrt bleibt, dessen Sache ist gerecht,« erklärte Beltraffio. »Also geh nur hin, Giovanni, ich wünsche dir viel Vergnügen an diesem Schauspiel.« »Kommt Ihr denn nicht mit?« »Nein, du siehst ja, daß ich beschäftigt bin.« Der Schüler wollte Abschied nehmen, dann sagte er noch unsicher: »Auf dem Wege zu Euch begegnete ich Messer Paolo Somenci. Er versprach mir, uns abzuholen und uns einen guten Platz, von dem alles gut zu sehen ist, zu verschaffen. Schade, daß Ihr jetzt keine Zeit habt. Ich dachte ... vielleicht ... Wißt Ihr, Meister, die Feuerprobe ist für die Mittagsstunde angesagt, wenn Ihr bis dahin mit Eurer Arbeit fertig sein könntet, so kämen wir, noch zurecht!? ...« Leonardo lächelte. »Willst du denn durchaus, daß ich dieses Wunder sehe?« Giovanni schlug die Augen nieder. »Nun, es ist nichts zu machen: ich will mitkommen – dir zuliebe!« Zur festgesetzten Stunde kam Beltraffio zu seinem Meister in Begleitung des Paolo Somenci, eines beweglichen, gleichsam mit Quecksilber gefüllten Menschen, der in Florenz der Hauptspion Moros, des erbittertsten Feindes Savonarolas, war. »Ist es wahr, Messer Leonardo, daß Ihr Euch anfangs geweigert habt, uns zu begleiten?« fragte Paolo mit einer unangenehmen gellenden Stimme, mit närrischen Grimassen und Gebärden. »Aber ich bitte Euch, wer sollte sich denn für dieses physikalische Experiment noch mehr interessieren, als Ihr, der große Liebhaber der Naturwissenschaften?« »Wird man ihnen denn wirklich erlauben, ins Feuer zu gehen?« fragte Leonardo. »Was soll ich Euch sagen? Wenn die Sache so weit kommt, so wird Fra Dominico auch vor dem Feuer nicht zurückschrecken. Er steht, übrigens, nicht allein da: zweiundeinhalb tausend Bürger, reiche und arme, gelehrte und dumme, Frauen und Kinder haben sich gestern in San-Marco bereit erklärt, an der Feuerprobe teilzunehmen. Es ist ein solcher Blödsinn, daß auch den Vernünftigen der Kopf dumm wird, selbst unsere Philosophen und Freidenker haben Angst: wenn es nun einem der Mönche einfällt, unversehrt zu bleiben? Nein, Messere, stellt Euch nur die dummen Gesichter der frommen Greiner vor, wenn alle beide verbrennen!« »Es kann nicht sein, daß Savonarola wirklich daran glaubt,« versetzte Leonardo nachdenklich, halb für sich. »Er selbst glaubt vielleicht auch nicht daran,« entgegnete Somenci, »oder wenigstens nicht ganz. Er wäre froh, wenn er noch zurücktreten könnte; jetzt ist es aber zu spät. Er hat dem Pöbel einmal Appetit gemacht, und nun läuft ihnen das Wasser im Munde zusammen – sie wollen unbedingt ein Wunder sehen, und basta! Denn auch hier, Messere, ist Mathematik, die nicht weniger interessant als die Eurige ist: wenn es einen Gott gibt, warum sollte er nicht einmal ein Wunder geschehen lassen, so daß zweimal zwei ausnahmsweise fünf und nicht vier macht? Besonders, wenn es gilt, das Gebet der Gläubigen zu erhören und die gottlosen Freidenker – wie wir es beide sind – zu beschämen!« »Nun, wir wollen gehen. Ich glaube, es ist Zeit?« sagte Leonardo und warf Paolo einen Blick voll unverhohlenen Ekels zu. »Ja gewiß, es ist Zeit!« bestätigte jener. »Nur noch ein Wort, wer, glaubt Ihr, hat diesen Trick mit dem Wunder ausgeheckt? Das war ich! Daher will ich auch, Messer Leonardo, daß Ihr die Sache würdigt. Ihr seid ja der Einzige, der sie würdigen kann!« »Warum denn gerade ich?« fragte Leonardo angeekelt. »Versteht Ihr mich denn nicht? Ich bin ein einfacher Mensch und wie Ihr seht ganz offenherzig. Und dann bin ich ja auch ein wenig Philosoph. Ich weiß ja ganz genau, welchen Wert die Fabeln haben, mit denen die Mönche uns Angst machen wollen. Wir beide, Messer Leonardo, sind in dieser Sache Kampfgenossen. Daher sage ich, daß jetzt an uns die Reihe kommt zu triumphieren! Es lebe die Vernunft, es lebe die Wissenschaft! Denn, mag es einen Gott geben oder nicht – zweimal zwei ist immer vier!« Die drei machten sich auf den Weg. In den Straßen bewegten sich große Menschenmassen. In allen Gesichtern war die feierliche Erwartung und Neugier zu lesen, die Leonardo auch schon in Giovannis Gesicht bemerkt hatte. In der Strumpfwirkergasse bei Or-San-Michele, vor dem in einer Wandnische stehenden Bronzebildwerk des Verrocchio, das den Apostel Thomas, wie er seine Finger in die Wunden Christi legt, darstellt, herrschte ein besonderes Gedränge. Da hing ein Plakat mit den in großen roten Lettern gedruckten acht theologischen Thesen, über deren Richtigkeit die Feuerprobe entscheiden sollte. Die einen buchstabierten sie, die andern hörten zu und besprachen die Thesen: Die Kirche Gottes wird sich erneuern. Gott wird sie strafen. Gott wird sie erneuern. Nach diesem Gottesgericht wird sich auch Florenz erneuern und über allen Völkern erhöht werden. Die Ungläubigen werden sich bekehren. Dies alles wird sofort in Erfüllung gehen. Die Exkommunikation Savonarolas durch den Papst Alexander VI. ist ungültig. Wer diese Exkommunikation nicht anerkennt, begeht keine Sünde. Leonardo, Giovanni und Paolo gerieten hier ins Gedränge, Sie blieben stehen und lauschten den Gesprächen. »Alles stimmt zwar, Brüder, ich fürchte nur, daß es doch Sünde ist!« sagte ein alter Handwerker. »Warum sollte es eine Sünde sein?« entgegnete ein junger Geselle mit leichtsinnigem und selbstbewußtem Lächeln. »Ich glaube, Filippo, daß hier von Sünde keine Rede sein kann ...« »Es ist ein Ärgernis, mein Freund!« bestand Filippo auf seiner Meinung: »Wir verlangen ein Wunder; sind wir aber eines Wunders würdig? Es steht geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.« »Schweig, Alter! Was krächzst du da wie ein Rabe? So ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben. Gott darf uns das Wunder nicht versagen, sobald wir glauben!« »Er darf es nicht! Er darf es nicht!« fielen mehrere Stimmen ein. »Wer geht zuerst ins Feuer, Brüder, Fra Dominico oder Fra Girolamo?« »Beide zugleich. »Nein. Fra Girolamo wird nur beten, er selbst geht aber nicht ins Feuer.« »Wie? wer soll dann ins Feuer gehen, wenn nicht er? Zuerst kommt Dominico, dann Girolamo, und dann werden auch wir Sünder dieser Gnade teilhaftig, alle, die sich im Kloster San Marco eingeschrieben haben.« »Ist es wahr, daß Vater Girolamo einen Toten auferwecken wird?« »Ja, es ist wahr. Zuerst kommt das Wunder mit dem Feuer und dann die Auferweckung des Toten. Ich habe selbst seinen Brief an den Papst gelesen. Da schreibt er: man soll mir einen Gegner bestellen und wir werden dann beide vor ein Grab hintreten und einer nach dem andern sprechen: Stehe auf! Auf wessen Befehl der Tote sich aus dem Grabe erhebt, der ist ein Prophet; der andere aber ein Betrüger.« »Wartet nur, Brüder! Es wird noch ganz anders kommen! Wenn ihr nur glaubt, so werdet ihr auch den Menschensohn, der da in den Wolken kommt, leibhaftig sehen! Und dann kommen noch Zeichen und Wunder, wie es solche noch nie gegeben hat!« »Amen! Amen!« erklang es in der Menge. Die Gesichter wurden blaß und in den Augen flammte wahnsinniges Feuer auf. Die Menge setzte sich in Bewegung und zog auch die drei mit sich. Giovanni blickte zum letzten Mal auf das Bildwerk Verrocchios zurück. Da glaubte er in dem liebevollen, schlauen und furchtlos-neugierigen Lächeln, mit dem der ungläubige Thomas seine Finger in die Wunden des Herrn legt, eine Ähnlichkeit mit dem Lächeln Leonardos zu sehen. III. Auf dem Platze der Signoria gerieten sie wieder in ein derartiges Gedränge, daß Paolo einen Reiter der Stadtmiliz bitten mußte, sie zu der Ringhiera – einer steinernen Bühne vor dem Rathause, wo für die Gesandten und die vornehmen Bürger Plätze reserviert waren, zu geleiten. Giovanni glaubte, noch nie eine solche Menschenansammlung gesehen zu haben. Nicht nur auf dem ganzen Platz, sondern auch in allen Loggien, Türmen, Fenstern und selbst auf den Dächern drängten sich die Leute. Sie klammerten sich an die in die Mauern eingelassenen eisernen Fackelhälter, an die Gitter, Giebelvorsprünge und Dachrinnen, sie hingen stellenweise in schwindelnder Höhe. Man kämpfte um die Plätze. Jemand stürzte ab und war auf der Stelle tot. Schlagbäume mit Ketten sperrten die Straßen ab. Nur drei Zugänge standen offen; hier waren Stadtwachen postiert, die nur erwachsene und unbewaffnete Männer durchließen. Paolo zeigte seinen Begleitern den Scheiterhaufen und erklärte ihnen die Einrichtung dieser »Maschine«, von dem Fuße der Ringhiera, wo der Marzocco, der heraldische Bronzelöwe von Florenz stand, bis zum Dache der Pisaner zog sich ein schmaler langer Scheiterhaufen; zwischen zwei Wänden aus Brennholz, das mit Pech beschmiert und mit Pulver bestreut war, ging ein schmaler mit Ton, Steinen und Sand gepflasterter Steg für die zu Prüfenden. Von der Vecherecchia-Straße her kamen die Franziskaner – die Feinde Savonarolas, und dann die Dominikaner. Fra Girolamo in einer Sutane aus weißer Seide mit einer in der Sonne funkelnden Monstranz in den Händen und Fra Dominica in feuerrotem Samtgewand beschlossen den Zug. »Preiset den Herrn,« sangen die Dominikaner: »Er ist groß über Israel und seine Macht ist über den Wolken. Furchtbar bist du, Herr, in deinem Heiligtume.« Die Volksmenge fiel in den Gesang der Mönche mit dem erschütternden Schrei ein: »Hosianna! Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!« Die Feinde Savonarolas besetzten die dem Rathaus zunächst gelegene Hälfte der Loggia Orcagni, die zu diesem Zweck mit einer Bretterwand in zwei Hälften geteilt worden war; seine Anhänger – die andere Hälfte. Alles war fertig. Man brauchte nur noch den Scheiterhaufen anzuzünden und ins Feuer zu gehen. So oft aus dem Palazzo Vecchio die Kommissare heraustraten, die den Wettkampf überwachten, verstummte das Volk erwartungsvoll, sie liefen zu Fra Dominico, tuschelten mit ihm eine Weile und kehrten dann wieder ins Schloß zurück. Fra Giuliano Rondinelli war verschwunden. Die Spannung und die Ungewißheit wurden unerträglich. Manche erhoben sich auf den Zehen und reckten die Hälse, um besser zu sehen. Andere bekreuzten sich und beteten den Rosenkranz mit dem einfältigen kindlichen Flehen: »Tue ein Wunder, Herr! Ein Wunder!« Es war still und schwül. Der Donner, den man schon seit dem frühesten Morgen vernahm, rollte immer näher heran. Die Sonne brannte entsetzlich. Aus dem Palazzo Vecchio traten auf die Ringhiera einige vornehme Bürger, Mitglieder des Rates, in langen togaähnlichen Mänteln aus dunkelrotem Tuch. »Signori! Signori!« rief geschäftig ein Greis mit runder Brille auf der Nase und einer Gänsefeder hinter dem Ohr, wohl der Sekretär des Rates. »Die Sitzung dauert noch fort. Jetzt werden die Stimmen gesammelt...« »Der Teufel mag sie mit ihren Stimmen holen!« rief ein Bürger. »Ich habe genug! Den Unsinn kann man nicht länger anhören!« »Worauf warten die noch?« bemerkte ein anderer, »wenn sie wirklich solche Lust haben, zu verbrennen, so soll man sie nur ins Feuer gehen lassen und die Sache hat ein Ende!« »Aber bitte: es wäre ja Mord!« »Unsinn! Es ist kein Unglück, wenn die Welt um zwei Narren ärmer wird!« »Ihr sagt, daß sie verbrennen werden. Es handelt sich aber darum, daß sie nach allen kirchlichen Gesetzen und kanonischen Regeln verbrennen – das ist die Sache! Es ist eine schwierige theologische Frage...« »Wenn es eine theologische Frage ist, so soll man sie zum Papst schicken.« »Was hat das Ganze mit dem Papst und den Mönchen Zu schaffen? Wir müssen doch, Signori, an das Volk denken. Wenn man mit dieser Maßregel die Ruhe in der Stadt wiederherstellen könnte, so müßte man natürlich alle Pfaffen und Mönche nicht nur ins Feuer, sondern auch ins Wasser, in die Luft und in die Erde werfen!« »Wasser genügt! Ich schlage vor: man bringe einen großen Kübel Wasser und tauche beide Mönche hinein; wer trocken bleibt, der hat recht. Dies ist wenigstens ungefährlich!« »Habt ihr es gehört, Signori?« Mischte sich Paolo mit unterwürfigem Kichern ins Gespräch ein: »Unser armer Fra Giuliano Rondinelli hat vor Angst eine Magenverstimmung bekommen. Jetzt läßt man ihn zur Ader, damit er nicht gar vor Angst stirbt.« »Ihr scherzt nur, Signori,« versetzte ein würdig aussehender Alter mit klugem und traurigem Gesicht, »wenn ich aber die ersten Vertreter meines Volkes solche Reden führen höre, so weiß ich nicht, was besser ist: zu leben oder zu sterben. Denn wahrlich, unsere Vorfahren, die Gründer dieser Stadt, hätten sicher jeden Mut verloren, wenn sie geahnt hätten, daß ihre Nachkommen so tief sinken werden ...« Die Kommissare liefen noch immer zwischen dem Rathaus und der Loggia hin und her. Die Unterhandlungen wollten gar kein Ende nehmen. Die Franziskaner behaupteten, Savonarola habe die Kutte Dominicos behext. Er zog sie aus. Der Zauber konnte aber auch in der Unterkleidung stecken. Da ging er ins Schloß, entkleidete sich vollständig und zog die Kleidung eines andern Mönches an. Man untersagte ihm, sich dem Fra Girolamo zu nähern, damit er ihn nicht wieder behexe. Man verlangte noch, daß er das Kreuz, das er in der Hand hielt, lasse. Dominica ging auch darauf ein, doch erklärte er, daß er den Scheiterhaufen nicht anders als mit den heiligen Sakramenten in den Händen betreten werde. Darauf erklärten die Franziskaner, daß Savonarolas Schüler den Leib und das Blut Christi verbrennen wollten. Dominico und Girolamo suchten ihnen zu beweisen, daß das heilige Sakrament nicht verbrennen könne und daß vom Feuer nur der vergängliche »Modus«, nicht aber die ewige »Substanz« zerstört werden könne. Darüber entwickelte sich ein scholastischer Streit. Die Volksmenge begann zu murren. Der Himmel hatte sich inzwischen mit Wolken bedeckt. Plötzlich ließ sich ein langgedehntes hungriges Brüllen vernehmen. In der Löwengasse hinter dem Palazzo Vecchio wurden in einem gemauerten Graben einige Löwen als heraldische Wahrzeichen von Florenz gehalten. An diesem Tage hatte man wohl im allgemeinen Trubel vergessen, ihnen Futter zu geben. Es schien, als ob der eherne Marzocco aus Empörung über die Schande seines Volkes brülle. Die Menge stimmte in das Tiergebrüll mit einem noch schrecklicheren hungrigen Menschengeheul ein: »Rascher! Rascher! Ins Feuer! Fra Girolamo! Ein Wunder! Wunder!« Savonarola, der vor einem Abendmahlskelche betete, schien aus einer Verzückung zu sich zu kommen. Er trat an den Rand der Loggia und hob mit seiner gewohnten herrischen Gebärde beide Arme, um dem Volke schweigen zu gebieten. Das Volk aber wollte nicht schweigen. In den hinteren Reihen der unter dem Dache der Pisaner stehenden Menge rief einer der » Arrabbiati «: »Jetzt hat er die Courage verloren!« Die Volksmenge fing diesen Ruf auf und er schallte jetzt über den ganzen Platz. Von hinten her drängten sich die wütenden »Arrabbiati«. Sie wollten die Loggia stürmen und in der allgemeinen Verwirrung ihren Feind – Savonarola erschlagen. Man hörte empörte Schreie: »Schlagt sie tot, die verdammten Scheinheiligen!« Giovanni sah wilde tierische Gesichter. Er schloß die Augen, um nicht sehen zu müssen, wie sie Fra Girolamo ergreifen und zerfleischen würden. In diesem Augenblick krachte ein Donnerschlag, ein greller Blitz durchzuckte den ganzen Himmel und dann kam ein Wolkenbruch, wie man ihn in Florenz seit vielen Jahren nicht erlebt hatte. Er war zwar von kurzer Dauer, doch als er aufhörte, war an die Feuerprobe nicht mehr zu denken: aus dem Durchgange zwischen den beiden Wänden des Scheiterhaufens strömte das Wasser wie aus einer Dachrinne. »Nein! diese Mönche!« lachte man in der Menge: »sie wollten ins Feuer und gerieten ins Wasser! Das nenne ich ein Wunder!« Eine Abteilung Soldaten mußte Savonarola durch die erboste Menge begleiten. Nach dem Gewitter kam ein stiller Landregen. Als Beltraffio Fra Girolamo sah, wie er unter dem langsam fallenden Regen mit eiligen unsicheren Schritten abzog, die Kapuze über das Gesicht gestülpt und das weiße Ordenskleid von Kot bespritzt, da krampfte sich sein Herz zusammen. Leonardo sah, wie Giovanni erbleichte; er nahm ihn bei der Hand und führte ihn, wie bei der Verbrennung der Eitelkeiten, aus der Menge heraus. IV. Am nächsten Tag saß der Künstler wieder im gleichen kajütenähnlichen Zimmer des Hauses Berardi und bewies dem Messer Guido, wie unsinnig die Ansicht des Kolumbus über die Lage des Paradieses auf der Brustwarze der birnenförmigen Erde sei. Guido hörte anfangs aufmerksam zu, er machte Einwände und widersprach; dann wurde er plötzlich still und traurig, als ob er Leonardo wegen seiner Wahrheit zürne. Etwas später bekam er wieder seine Schmerzen in den Beinen und ließ sich ins Schlafzimmer tragen. »Warum habe ich ihn betrübt?« fragte sich der Künstler, »Wie die Schüler Savonarolas, braucht er nicht die Wahrheit, sondern ein Wunder.« Er blätterte in seinen Arbeitsheften und kam zufällig auf jene Zeilen, die er an jenem denkwürdigen Tage, als der Pöbel sein Haus stürmte und von ihm den heiligsten Nagel forderte, niedergeschrieben hatte: »O, deine wunderbare Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung! Du wolltest keiner Kraft die Ordnung und die Art der notwendigen Wirkungen versagen: denn, wenn eine Kraft, die einen Körper hundert Ellen weit fortbewegen soll, auf diesem Wege auf einen Widerstand stößt, so erzeugt die Kraft des Anpralles, weil du es so gewollt, neue Bewegungen und der nicht zurückgelegte liest der strecke wird von den verschiedenen dabei entstehenden Stößen und Vibrationen völlig ausgeglichen. O deine göttliche Notwendigkeit, du erster Urheber der Bewegung! – So zwingst du mit deinen Gesetzen alle Wirkungen auf dem kürzesten Wege ihren Ursachen zu entspringen, welch ein Wunder!« Er dachte nun an das heilige Abendmahl und an das Antlitz Christi, das er immer noch suchte und nie fand, dabei fiel ihm ein, daß zwischen diesen Worten vom ersten Urheber der Bewegung und von der göttlichen Notwendigkeit einerseits und der vollkommenen Weisheit dessen, der gesagt hatte: »Einer unter euch wird mich verraten«, andererseits, ein Zusammenhang bestehen müsse. Abends kam Giovanni zu ihm und berichtete ihm von den letzten Ereignissen. Die Signoria hatte den Fratres Girolamo und Dominico befohlen, die Stadt zu verlassen. Als die beiden Mönche noch zögerten, zogen die Arrabbiati mit Waffen und Kanonen, von einer großen Volksmenge begleitet, zum San Marco-Kloster und stürmten die Kirche, wo die Mönche gerade die Vesper beteten: Sie verteidigten sich mit brennenden Kerzen, Leuchtern und Kruzifixen aus Holz und Eisen wie mit Waffen. Im Pulverrauch und im Widerschein der Feuersbrunst schienen sie lächerlich – wie wütende Tauben und schrecklich – wie Teufel. Ein Mönch war aufs Dach geklettert und bewarf die Feinde mit Steinen. Ein anderer sprang auf den Altar, pflanzte sich vor dem Kruzifixe auf und feuerte aus einer Arkebuse in die Menge; nach jedem Schuß rief er: »Gelobt sei der Herr!« Das Kloster wurde erstürmt. Die Mönche flehten Savonarola, er möchte fliehen. Er ergab sich aber mit Dominico selbst den Feinden. Sie wurden ins Gefängnis abgeführt. Die Wache der Signoria bemühte sich vergeblich (oder suchte sich wenigstens diesen Schein zu geben), sie vor dem Pöbel zu schützen. Die einen schlugen Fra Girolamo von hinten auf die Backen und sangen, den näselnden Ton der »Greiner« nachahmend: »Prophezeie nun, prophezeie, du Mann Gottes, errate, wer dich geschlagen hat!« Die andern krochen auf allen Vieren vor ihm her, als suchten sie etwas im Straßenkote. Sie grunzten: »Wo ist das Schlüsselchen? Hat denn niemand Girolamos Schlüsselchen gesehen?« – Das war eine Anspielung auf das von ihm in seinen Predigten oft erwähnte »Schlüsselchen«, mit dem er die geheimen Verließe der römischen Gräuel aufzusperren drohte. Kinder, die erst vor kurzem Krieger des Heiligen Heeres der Inquisition gewesen waren, bewarfen ihn mit faulen Äpfeln und verdorbenen Eiern. Alle, die sich nicht durch die Menge hindurchdrängen konnten, riefen ihm aus der Ferne die immer gleichen Schimpfworte zu, als könnten sie sich an ihnen gar nicht sättigen: »Feigling! Feigling! Feigling! Judas, Verräter! Sodomit! Hexenmeister! Antichrist!« Giovanni hatte ihn bis zu seinem Gefängnisse im Palazzo Vecchio begleitet. Als Fra Girolamo die Schwelle des Gefängnisses überschritt, das er erst zu seiner Hinrichtung verlassen sollte, stieß ihn ein Spaßmacher mit dem Knie ins Hintere und rief: »Seht! Hier kamen seine Prophezeiungen heraus!« Am nächsten Morgen reisten Leonardo und Giovanni ab. Gleich nach seiner Ankunft in Mailand vertiefte sich der Künstler in jene Arbeit, die er achtzehn Jahre lang hinausgeschoben hatte: es galt das Antlitz Christi für das heilige Abendmahl zu schaffen. V. Am 7. April 1498, am gleichen Vorabend des Palmsonntags, an dem in Florenz die Feuerprobe stattfand, starb plötzlich Karl VIII., König von Frankreich. Die Nachricht von seinem Tode erschreckte Moro über alle Maßen, denn nun sollte der ärgste Feind des Hauses Sforza – der Herzog von Orleans – unter dem Namen Ludwig XII. den französischen Thron besteigen. Der Enkel der Valentina Visconti, der Tochter des ersten Mailänder Herzogs, hielt sich für den einzigen rechtmäßigen Erben der Lombardei und wollte sie wieder erobern und dabei das »Räubernest der Sforzas« dem Erdboden gleich machen. Noch vor dem Tode Karls VIII. fand einmal in Mailand am Hofe Moros ein »gelehrter Wettkampf« statt, der dem Herzog so gut gefallen hatte, daß er zwei Monate darauf einen zweiten veranstalten wollte. Viele glaubten, er werde in Anbetracht der Kriegsgefahr die Veranstaltung absetzen, doch der schlaue und durchtriebene Moro zog es vor, den Feinden zu zeigen, daß er sich um sie wenig kümmere, daß in der Lombardei unter der milden Regierung der Sforzas die wiedergeborenen Künste und Wissenschaften, die »Früchte des goldenen Friedens« in schönerer Blüte ständen als je und daß sein Thron sich nicht auf Waffengewalt allein, sondern auch auf den Ruhm des aufgeklärtesten Fürsten Italiens, des Beschützers der Musen, stütze. Im großen »Saal des Ballspiels« in der Rocchetta versammelten sich die Doktoren, Dekane und Magister der Universität Pavia in ihren viereckigen roten Baretten, hochroten seidenen hermelinbesetzten Kragen, violetten Handschuhen aus Sämischleder und mit goldgestickten Beuteln am Gürtel. Die Hofdamen trugen prachtvolle Balltoiletten. Rechts und links zu Moros Füßen saßen Madonna Lucrezia und Gräfin Cecilia. Die Sitzung wurde mit einer Rede Giorgio Merulas eröffnet, der den Herzog mit Perikles, Epaminondas, Szipio, Cato, Augustus, Maecenas, Trajanus, Titus und noch unzähligen andern großen Männern verglich und den Beweis erbringen wollte, daß Mailand, »das neue Athen«, das alte Athen übertrumpft habe. Darauf begann ein theologischer Disput über die unbefleckte Empfängnis der heiligen Jungfrau und ein medizinischer über folgende Fragen: »Sind schöne Frauen fruchtbarer als häßliche? Ging die Heilung Tobiae mit der Fischgalle auf natürlichem Wege vor sich? Ist die Frau ein unvollkommenes Geschöpf? In welchem inneren Körperorgan hatte sich das Wasser gebildet, das aus der Wunde des Herrn floß, als er auf dem Kreuze von einem Speere durchbohrt wurde? Ist die Frau wollüstiger als der Mann?« Dann kam ein philosophischer Wettstreit über die Frage, ob der primäre Urstoff vielgestaltig oder einfach sei? »Was bedeutet dieses Apophthegma?« fragte ein zahnloser Greis mit giftigem Lächeln, und den trüben Augen eines Säuglings, ein großer Doktor der Scholastik. Er suchte seine Gegner zu verwirren, indem er einen so feinen Unterschied zwischen »quidditas« und »habitus« aufstellte, daß ihn niemand verstehen konnte. »Der primäre Urstoff,« bewies ein anderer, »ist weder eine Substanz, noch ein Accidens. Inwiefern wir aber unter jedem Akt entweder ein Accidens, oder eine Substanz verstehen, insofern ist der primäre Urstoff auch kein Akt.« »Ich behaupte,« rief ein dritter, »daß jede geschaffene Substanz wie die körperliche, so auch die geistige, ins Reich der Materie gehört.« Der alte Doktor der Scholastik schüttelte nur den Kopf, als wisse er von vornherein, was ihm seine Gegner erwidern könnten und als könne er alle ihre Sophismen wie ein Spinngewebe wegblasen. »Nehmen wir an,« erklärte ein vierter, »die Welt sei ein Baum: dann entsprechen die Wurzeln dem Urstoff, die Blätter sind Accidentien, die Äste – Substanz, die Blüten – die vernunftbegabte Seele, die Früchte – die Engelsnatur, und Gott ist der Gärtner.« »Der primäre Urstoff ist einfach!« schrie ein fünfter dazwischen, ohne auf die andern zu hören, »der sekundäre Urstoff ist zwiefach, der tertiäre – vielfach. Und alle streben zur Einheit. Omnia unitatem appetunt!« Leonardo hörte wie immer einsam und schweigend zu; zuweilen spielte ein feines Lächeln um seine Lippen. Nach einer Pause demonstrierte der Mathematiker Luca Paccioli, ein Franziskanermönch, Kristallmodelle von Polyedern und erläuterte an Hand dieser die pythagoräische Lehre von den fünf erstgeschaffenen regelmäßigen Körpern, aus denen das Weltall entstanden. Er rezitierte auch ein Gedicht, in dem sich diese Körper selbst verherrlichen: Der Forschung Frucht, die süßeste und schönste Hat alle Weisen immer angeregt Zu suchen unsren rätselvollen Ursprung. Wir strahlen stets in körperloser Schönheit, Wir sind der erste Ursprung aller Welten, An unsren wunderbaren Harmonien Berauschten Pluto sich, Pythagoras, Euklid. Wir füllen aus die ewge Sphäre; haben So vollkommne Gestalt, daß alle Körper Von uns erhalten ihr Gesetz und Maß. VI. Gräfin Cecilia flüsterte dem Herzog etwas zu, auf Leonardo hinweisend. Moro rief ihn zu sich heran und bat ihn, am Wettkampfe teilzunehmen. »Messere,« wandte sich zu ihm die Gräfin selbst, »seid doch so freundlich...« »Siehst du, die Damen bitten dich,« sprach der Herzog. »Ziere dich nicht! Es macht dir auch keine Mühe. Erzähle uns etwas Lustiges. Ich weiß ja, dein Kopf ist immer voll von wunderbaren Chimären...« »Hoheit, gestattet mir zu schweigen. Ich hätte Euch gerne, Madonna Cecilia, den Gefallen erwiesen, ich kann aber wirklich nicht, ich verstehe es einfach nicht...« Leonardo sprach die Wahrheit. Er liebte wirklich nicht öffentlich zu sprechen, und konnte es auch nicht. Zwischen seinen Gedanken und seinen Worten lag eine ewige Scheidewand. Es schien ihm, daß jedes seiner Worte übertreibe, oder vertusche, fälsche und lüge. Seine Tagebuchaufzeichnungen unterzog er einer ständigen Umarbeitung, die Worte durchstreichend und abändernd. Auch im Gespräch stotterte er, suchte nach Worten und brach oft unvermittelt ab. Die Redner und Schriftsteller nannte er Schwätzer und Federfuchser, und doch, in der Tiefe seines Herzens – beneidete er sie. Die abgerundete formvollendete Sprache mancher ganz unbedeutenden Menschen ärgerte und entzückte ihn zugleich. Er dachte sich: »Es ist wirklich eine erstaunliche Gottesgabe!« Je energischer sich Leonardo weigerte, um so inständiger baten die Damen: »Messere,« zwitscherten sie im Chor, sich um ihn drängend: »Bitte! Bitte! Wir alle bitten Euch! Erzählt uns doch etwas Schönes!« »Wie die Menschen einst fliegen werden,« schlug Donsella Fiordalisa vor. »Oder lieber etwas von der Magie!« fiel Donsella Ermellina ein: »Von der schwarzen Magie. Es ist so interessant! Oder von der Nekromantie – wie man die Toten aus den Gräbern zitiert...« »Aber Madonnen, ich kann Euch versichern, daß ich noch nie einen Toten zitiert habe...« »Dann erzählt uns etwas anderes, Aber nur Grusliges, und ohne Mathematik...« Leonardo konnte niemandem etwas abschlagen, um was es sich auch handelte. »Ich wüßte wirklich nicht, Madonnen...« sagte er verlegen. »Er sagt ›ja‹! Er sagt ›ja‹!« rief Ermellina, mit den Händen klatschend. »Messer Leonardo wird sprechen! Hört!« »Wie? Wer?« fragte der vom Alter halb blödsinnig gewordene und schwerhörige Dekan der theologischen Fakultät. »Leonardo!« schrie ihm ins Ohr sein Nachbar, ein junger Magister der Medizin. »Über den Mathematiker Leonardo Pisano, nicht wahr?« »Nein, Leonardo da Vinci selbst wird sprechen.« »Da Vinci? Doktor oder Magister?« »Weder Doktor, noch Magister, nicht einmal Baccalaureus, sondern der Künstler Leonardo, der das heilige Abendmahl gemalt hat.« »Ein Künstler? Spricht er über Malerei?« »Nein, ich glaube über Naturwissenschaften.« »Über Naturwissenschaften? Sind denn jetzt die Künstler Gelehrte geworden? Leonardo? Nie gehört ... was hat er denn für Werke geschrieben?« »Gar keine. Er veröffentlicht nichts.« »Veröffentlicht nichts?« »Man sagt, er schreibe mit der linken Hand und in einer Geheimschrift, damit es niemand lesen kann,« mischte sich ein anderer ein. »Damit es niemand lesen kann? Mit der linken Hand?« wiederholte der Dekan mit immer wachsendem Erstaunen. »Es wird wohl etwas Drolliges sein, Messere, wie? Vielleicht zur Erholung von unseren Arbeiten und zur Belustigung des Herzogs und der schönsten Damen?« »Vielleicht ist es auch etwas Drolliges. Wir werden sehen.« »So, so. Hättet Ihr es mir gleich gesagt. Es sind ja Hofleute hier und eine Belustigung ist wohl am Platze. Diese Künstler sind wirklich possierliche Menschen. Der Narr Buffalmaco soll ja auch ein so lustiger Geselle gewesen sein ... Also gut, wollen wir hören, was Leonardo für einer ist!« Er putzte seine Brille, um das bevorstehende Schauspiel besser sehen zu können. Leonardo blickte den Herzog noch zum letzten Mal flehend an. Jener lächelte ihm nicht sehr freundlich zu. Gräfin Cecilia drohte mit ihrem Finger. »Sie werden mir noch zürnen,« dachte sich der Künstler. »Ich werde ihn aber bald wieder um Bronze für das Pferd bitten müssen. Also gut, ich erzähle ihnen das erste beste, was mir gerade einfällt, nur um sie loszuwerden.« Mit verzweifelter Entschlossenheit stieg er aufs Katheder und musterte mit einem raschen Blick die gelehrte Versammlung. »Ich muß vorausschicken,« begann er stotternd und errötend wie ein Schuljunge. »Ich bin ganz unvorbereitet... Und nur auf dringenden Wunsch des Herzogs... Das heißt, ich will sagen... ich glaube ... Mit einem Wort – ich will über Muscheln sprechen.« Er erzählte von den versteinerten Seetieren und von den Abdrücken von Seealgen und Korallen, die man in Bergen und Höhlen, weit vom Meere entfernt findet und die davon zeugen, daß das Antlitz der Erde sich seit der ältesten Urzeit verändert hat und daß dort, wo heute Erde und Berge sind, einst der Grund eines Ozeans gewesen war. Das Wasser, die Triebkraft der Natur, ihr »Fuhrmann« erschafft und zerstört Gebirge. Die Ufer wachsen immer an, indem sie sich der Mitte der Meere nähern; die Binnenmeere legen allmählich ihren Boden blos und verwandeln sich schließlich in große Ströme, die in den Ozean münden. So hat z. B. der Po die ganze Lombardei entwässert, und das Gleiche wird er dereinst mit dem ganzen Adriatischen Meere machen. Der Nil wird das Mittelländische Meer in eine hügelige Sandwüste, in ein neues Ägypten oder Lybien verwandeln und dann hinter Gibraltar in den Ozean münden. »Ich bin überzeugt,« schloß Leonardo seinen Vortrag, »daß die Erforschung der versteinerten Pflanzen und Tiere, die von den Gelehrten bisher wenig beachtet wurden, den Grund zu einer neuen Wissenschaft von der Erde, von ihrer Vergangenheit und Zukunft legen wird.« Seine Gedanken waren so klar, präzis und, trotz seiner scheinbaren Bescheidenheit, so erfüllt von einem unerschütterlichen Glauben an die Wissenschaft; sie waren so verschieden von den unklaren pythagoräischen Phantasien Pacciolis und der toten Scholastik der gelehrten Doktoren, daß alle Zuhörer stutzten und nicht recht wußten, wie sie sich verhalten sollten: soll man da loben oder lachen? und ist es eine neue Wissenschaft oder das freche Geschwätz eines Ignoranten? »Es wäre uns sehr erwünscht,« sagte der Herzog mit jenem herablassenden Lächeln, mit dem man zu Kindern spricht: »Es wäre uns sehr erwünscht, daß deine Prophezeiung in Erfüllung ginge, daß die Adria austrocknete und unsere Feinde, die Venetianer, auf ihren Lagunen wie die Krebse auf einer Landbank sitzen blieben!« Alle lachten devot und mit übertriebener Heiterkeit. Die Richtung war jetzt gegeben und die höfischen Windfahnen drehten sich nach dem Winde. Der Rektor der Universität Pavia, Gabriele Pirovano, ein stattlicher Greis mit silberweißem Haar und einem majestätischen, doch völlig unbedeutenden Gesicht sagte, den herablassenden Scherz des Herzogs in seinem vorsichtigen und flachen Lächeln spiegelnd: »Eure Mitteilungen, Messer Leonardo, waren in der Tat höchst interessant. Ich gestatte mir aber die Bemerkung: wäre es denn nicht einfacher, den Ursprung dieser kleinen Muscheln, dieses zufälligen, amüsanten und man kann wohl sagen entzückenden, aber völlig unschuldigen Naturspiels, auf dem Ihr eine ganze Wissenschaft begründen wollt, – wäre es nicht einfacher, sage ich, ihren Ursprung so zu erklären, wie man es bisher immer tat: nämlich mit der Sintflut?« »Ja, gewiß, die Sintflut!« fiel Leonardo ein. Er sprach jetzt ganz unbefangen und mit einer Ungezwungenheit, die vielen zu frei und sogar frech erschien. »Ich weiß es, alle sprechen da von der Sintflut. Diese Erklärung ist aber nichts wert. Urteilt doch selbst: während der Sintflut soll das Wasser, nach Zeugnis desjenigen, der es gemessen, zehn Ellen über den höchsten Berggipfeln gestanden haben. Folglich mußten da die von den Wellen herumgetriebenen Muscheln von oben herab fallen; unbedingt von oben, Messer Gabriele, und nicht von der Seite her; sie konnten also keineswegs zu den Bergsohlen und ins Innere der Höhlen geraten; ferner mußten sie je nach der Laune der Wellen in einem bunten Durcheinander gesunken sein, und nicht in aufeinanderfolgenden Schichten, wie wir sie beobachten. Und dann bitte ich Euch noch folgendes zu beachten: jene Tiere, die in Gemeinschaft leben, wie Schleimwürmer, Tintenfische und Austern, werden auch in größeren Ansammlungen gefunden, während diejenigen, die einzeln leben, auch einzeln herumliegen; es ist genau so, wie wir es auch heute am Meeresufer beobachten können. Ich habe schon selbst oft die Verteilung der versteinerten Muscheln in Toskana, Lombardei und Piemont beobachtet, wenn Ihr aber einwendet, daß sie nicht von den Wellen hergetrieben worden, sondern selbst dem steigenden Wasser gefolgt sind, so werde ich auch diesen Einwand leicht umstoßen, denn die Muschel ist ein ebenso langsames Tier wie die Schnecke. Sie schwimmt nie und kann nur über Sand und Steinen kriechen, indem sie ihre Schalen auf und zu klappt; sie kann dabei drei, höchstens vier Ellen an einem Tage zurücklegen. Wie wollt Ihr nun, Messer Gabriele, erklären, daß sie in den vierzig Tagen, welche die Sintflut nach dem Zeugnisse Mosis dauerte, die 250 Meilen lange Strecke von der Adria bis zu den Monferrato-Hügeln zurückgelegt haben? Dies wird nur der zu behaupten wagen, der das Experiment und die Beobachtung verwirft, die Natur nur nach Büchern, dem elenden Geschwätz der Literaten beurteilt und noch nie mit eigenen Augen jene Gegenstände gesehen hat, von denen er spricht!« Ein ungemütliches Schweigen folgte diesen Ausführungen. Alle hatten den Eindruck, daß die Entgegnung des Rektors zu schwach war und daß eher Leonardo das Recht habe, auf ihn wie auf einen Schüler herabzusehen, als umgekehrt. Endlich schlug der Hofastrologe, der Liebling Moros, Messer Ambrogio da Rosate, eine andere Erklärung vor: mit Hinweis auf den Naturalisten Plinius behauptete er, daß die Versteinerungen, die nur die äußere Gestalt von Seetieren hätten, im Erdinnern unter dem magischen Einflusse der Gestirne entstanden wären. Als Leonardo das Wort »magisch« hörte, lächelte er müde und gelangweilt. »Wie erklärt Ihr nun, Messer Ambrogio,« entgegnete er, »daß die an einem Orte und unter dem Einflusse der gleichen Gestirne entstandenen Tiere nicht nur verschiedenen Gattungen angehören, sondern auch von verschiedenem Alter sind? Ich habe nämlich gefunden, daß der Schnitt einer Muschel, genau so wie die Hörner der Rinder und Schafe und die Jahresringe der Bäume, Aufschluß über ihr Alter gibt, und zwar nicht nur in Jahren, sondern auch in Monaten ausgedrückt. Wie wollt Ihr erklären, daß die einen ganz, die andern zerbrochen gefunden werden; andere wieder mit Sand, Schlamm, Krabbenscheren, Fischgräten und Zähnen, auch mit jenen vom Wasser rundgeschliffenen Steinchen, wie wir solche am Meeresstrande finden, gefüllt? Und was sagt Ihr zu den zarten Abdrücken von Blättern auf den Felsen der höchsten Berge? Und zu den versteinerten Algen an den Muscheln? Woher kommt das alles? Vom Einflusse der Gestirne? Wenn man so urteilen wollte, Messere, so gibt es, glaube ich, in der ganzen Natur keine Erscheinung, die man nicht mit dem magischen Einflusse der Gestirne erklären könnte; dann wären aber alle Wissenschaften mit Ausnahme der Astrologie überflüssig ...« Der alte Doktor der Scholastik bat ums Wort, und als es ihm gewährt wurde, erklärte er, daß der Streit ganz falsch geführt werde, denn entweder gehört die Frage von den Versteinerungen in das Bereich der niederen, »mechanischen« Wissenschaften, die mit der Metaphysik nichts zu schaffen haben, und dann lohne es sich überhaupt nicht, über sie zu sprechen, denn man sei hier nicht dazu versammelt, um über unphilosophische Dinge zu disputieren; oder aber, sie gehöre in das Bereich des höchsten Wissens – der Dialektik; in diesem Falle dürfe sie auch nur nach allen Regeln der Dialektik behandelt werden, indem man die Gedanken zu geläuterten Spekulationen erhöhe. »Ich weiß,« sagte Leonardo mit noch gelangweilterem Ausdruck. »Ich weiß, was Ihr damit sagen wollt, Messere. Ich habe schon oft darüber nachgedacht. Aber Ihr irrt.« »Ich irre?« bemerkte der Alte sarkastisch. Sein ganzes Wesen schien sich mit Gift zu füllen. »Wenn ich mich irre, so erleuchtet uns doch bitte, Messere, und belehrt uns, wie es damit steht.« »Ach nein ... Ich hatte gar nicht die Absicht ... Ich versichere Euch, ich wollte nur von den Muscheln sprechen ... Also ich glaube ... Mit einem Worte, es gibt weder höhere, noch niedere Wissenschaften, sondern nur eine wirkliche Wissenschaft, die auf Erfahrung fußt.« »Auf Erfahrung? Gestattet mir die Frage: wie steht es dann mit der Metaphysik eines Aristoteles, Plato, Plotin und aller alten Philosophen und mit ihren Lehren über Gott, Geist und Wesenheit? Ist denn dies alles ...?« »Gewiß ist dies alles keine Wissenschaft!« erwiderte Leonardo ruhig. »Ich erkenne wohl die Größe der Alten an, aber nicht in diesem Punkte. In der Wissenschaft gingen sie einen falschen Weg. Sie wollten durchaus Dinge erfassen, die dem wissen unzugänglich sind; dabei haben sie das Zugängliche übersehen. sie haben sich in ihren Irrgängen verirrt und auch die anderen irrten mit ihnen viele Jahrhunderte lang. Denn wenn Menschen über unbeweisbare Dinge sprechen, so können sie auch nichts einstimmig und endgültig annehmen. Wo es keine vernünftige Beweise gibt, versucht man sie durch Geschrei Zu ersetzen. Wer aber etwas positiv weiß, der braucht nicht zu schreien. Es gibt nur ein Wort der Wahrheit, und wenn es nur einmal ausgesprochen ist, so muß jeder Streit verstummen; wenn aber noch weiter gestritten wird, so bedeutet es, daß man die Wahrheit noch nicht gefunden hat. Streitet man denn in der Mathematik darüber, ob zweimal drei fünf oder sechs sei? Ob die Summe der Winkel im Dreieck zwei rechte Winkel ausmache, oder nicht? Verschwindet denn hier nicht jeder Widerspruch vor der Wahrheit, so daß ihre Diener sie in Frieden genießen können, was bei den vermeintlichen sophistischen Wissenschaften nie der Fall ist? ...« Er wollte noch etwas hinzufügen, als er aber seinen Gegner anblickte, verstummte er. »So weit sind wir jetzt, Messer Leonardo!« sagte der Doktor der Scholastik noch giftiger. »Ich wußte, übrigens, im voraus, daß wir uns ausgezeichnet verstehen werden. Eines kann ich nur nicht begreifen – Ihr müßt es mir altem Mann nicht übel nehmen – ist es denn wirklich so, wie Ihr sagt? Ist denn unser ganzes Wissen von der Seele, von Gott und von dem Leben nach dem Tode, also das Wissen, welches keinen natürlichen Versuchen unterliegt, und, wie Ihr Euch ausgedrückt habt, ›unbeweisbar‹ ist, aber dennoch in der heiligen Schrift unumstößliche Bestätigung findet ...?« »Das wollte ich gar nicht behaupten,« unterbrach ihn Leonardo mit finsterer Miene. »Ich will hier die göttlichen Bücher unberührt lassen, denn sie sind das höchste Wissen...« Man ließ ihn nicht ausreden. Es entstand eine allgemeine Verwirrung. Die einen schrieen, die andern lachten, viele sprangen auf und warfen ihm drohende Blicke zu, andere wieder wandten sich von ihm mit Verachtung ab. »Genug! Genug! – Laßt mich doch, Messere, ich will ihm antworten! – Da gibt es nichts zu antworten! – Unsinn! – Ich bitte ums Wort! – Plato und Aristoteles! – Die ganze Sache ist keinen roten Heller wert! – Wie erlaubt man nur so etwas? – Die Wahrheiten unserer heiligen Mutter Kirche!– Ketzerei! Ketzerei! Gottlosigkeit! ...« Leonardo schwieg, sein Gesicht drückte Ruhe und Wehmut aus. Er sah sich einsam unter diesen Menschen, die sich für Diener der Wissenschaft hielten; er sah den unüberbrückbaren Abgrund, der ihn von ihnen trennte und er ärgerte sich, nicht über seine Gegner, sondern über sich selbst, weil er nicht rechtzeitig geschwiegen und dem Streite ausgewichen war; weil er sich wieder, trotz seiner Erfahrungen, von der Ansicht hatte leiten lassen, es genüge den Menschen die Wahrheit zu zeigen, damit sie sie auch annehmen. Der Herzog, die Höflinge und die Damen verfolgten den Streit mit großem Genuß und Interesse, obwohl sie längst nichts mehr davon verstanden. »Wunderbar!« rief der Herzog, sich die Hände reibend: »Es ist wie eine wirkliche Schlacht! Seht nur hin, Madonna Cecilia, gleich geraten sie sich in die Haare! Seht den Greis da an, wie er aus der Haut fährt: er zittert, droht mit den Fäusten, jetzt hat er seinen Hut ergriffen und fuchtelt mit ihm herum. Und der Schwarze, der Schwarze, der hinter ihm sitzt! Dem steht schon Schaum vor dem Munde! Und wenn man nur bedenkt, daß der ganze Streit sich um irgendwelche versteinerte Muscheln dreht! Ein merkwürdiges Volk sind diese Gelehrten! Man hat seine liebe Not mit ihnen! Und erst unser Leonardo! Der sich sonst so still und sanft verhält! ...« Alle lachten und vergnügten sich an diesem Gelehrtenwettstreit wie an einem Hahnenkampf. »Jetzt muß ich meinen Leonardo retten,« sagte der Herzog, »sonst machen ihm diese Rotmützen den Garaus! ...« Er trat unter die erbitterten Gegner. Alle verstummten und wichen vor ihm zurück, als hätte sich beruhigendes Öl in eine stürmische Flut ergossen: ein einziges Lächeln Moros vermochte Physik mit Metaphysik zu versöhnen. Er lud die Gäste zur Abendtafel und bemerkte liebenswürdig: »Nun, Signori, Ihr habt gestritten und euch erhitzt; jetzt ist's genug! Man muß sich auch stärken. Ich bitte! Ich hoffe, daß meine gekochten Tiere aus der Adria, die Gott sei Dank noch nicht ausgetrocknet ist, weniger Streit erregen werden, als die versteinerten Tiere des Messer Leonardo.« VII. Bei der Abendtafel flüsterte Luca Paccioli, der Leonardos Tischnachbar war, diesem ins Ohr: »Zürnt mir nicht, mein Freund, weil ich geschwiegen habe, als sie über Euch herfielen. Sie hatten Euch mißverstanden und doch könntet Ihr mit ihnen eine Einigung erzielen, denn das eine hindert das andere nicht. Man soll eben nicht gleich ins Extreme gehen, denn alles läßt sich in Einklang bringen und versöhnen...« »Ich bin mit Euch vollkommen einverstanden, Fra Luca,« sagte Leonardo. »Also seht Ihr! So ist es auch besser. Man soll immer in Eintracht leben. Denn wozu dieser Streit? Gut ist die Metaphysik, gut ist auch die Mathematik. Alle finden Platz. Wir lassen Euch in Ruhe und Ihr – uns. Nicht wahr, Freund?« »Ganz richtig, Fra Luca.« »Das ist ja schön! Es soll, folglich, keinerlei Mißverständnisse geben, wir lassen Euch in Ruhe und Ihr uns ...« »Ein freundliches Kalb saugt bei zwei Müttern,« dachte sich der Künstler und musterte das schlaue Gesicht des Mönches und Mathematikers, der blitzschnelle Mausaugen hatte und Pythagoras mit Thomas von Aquino zu versöhnen wußte. »Auf Euer Wohl, Meister!« sagte mit dem Ausdrucke eines Mitwissenden sein anderer Tischnachbar, der Alchimist Galeotto Sacrobosco, den Becher erhebend. »Schön habt Ihr sie, der Teufel mag sie holen, bei der Nase herumgeführt! Was für eine feine Allegorie das war!« »Was für eine Allegorie?« »So, jetzt fangt Ihr wieder an! Es ist nicht schön, Messere! Ich glaube, daß Ihr Euch vor mir nicht zu verstellen braucht. Wir sind ja, Gott sei Dank, beide Eingeweihte! Wir werden uns doch gegenseitig nie verraten...« Der Alte zwinkerte schlau mit den Augen. »Ihr fragt, was es für eine Allegorie war? Das will ich Euch sagen: die Erde bedeutet Schwefel, die Sonne – Salz, die Wellen des Ozeans, die einst die Bergspitzen bedeckten, – das Quecksilber, die lebende Flüssigkeit des Merkurs. Was sagt Ihr nun dazu? Habe ich denn nicht recht?« »Gewiß, Messer Galeotto, habt Ihr recht!« erwiderte Leonardo lachend. »Ihr habt meine Allegorie wunderbar erfaßt.« »Ich habe sie also erfaßt? Folglich bin auch ich nicht auf den Kopf gefallen. Die versteinerten Muscheln bedeuten aber das größte Geheimnis der Alchimisten – den Stein der Weisen, der aus der Verbindung von Sonne – Salz, Erde – Schwefel und Wasser – Merkur entsteht. Es ist die göttliche Verwandlung der Metalle!« Er hob seinen Zeigefinger, bewegte seine dünnen, vom Feuer des alchimistischen Ofens versengten Augenbrauen und brach in ein gutmütiges und kindlich-einfältiges Lachen aus. »Aber unsere Gelehrten mit den roten Mützen haben nichts verstanden! Wollen wir auf Euer Wohl trinken, Messer Leonardo, und auf das Gedeihen unserer Mutter Alchimie!« »Gerne, Messer Galeotto! Jetzt sehe ich wirklich ein, daß man vor Euch nichts verheimlichen kann, und ich gebe mein Wort, daß ich mich vor Euch nie wieder verstellen werde!« Nach dem Abendessen nahmen die Gäste Abschied. Der Herzog hielt aber einige Auserwählte zurück und lud sie in ein kühles, behagliches Gemach, wohin er Wein und Früchte bringen ließ. »Wie herrlich es doch war!« schwärmte Donsella Ermellina. »Ich hätte nie geglaubt, daß es so amüsant werden könnte. Ich muß gestehen, daß ich etwas höchst Langweiliges erwartet hatte. Nun war es aber schöner als jeder Ball! Ich würde gerne jeden Tag solchen gelehrten Wettstreiten beiwohnen. Wie sie über den Leonardo herfielen, wie sie ihn angeschrien haben! Es ist zu schade, daß sie ihn nicht ausreden ließen. Es wäre doch so schön gewesen, wenn er uns noch etwas von seiner Magie oder Nekromantie erzählt hätte ...« »Ich weiß nicht, ob es wahr ist, – vielleicht ist es nur ein leeres Geschwätz,« sagte ein alter Würdenträger: »daß Leonardo sich in seinem Geiste so ketzerische Gedanken bilde, daß er auch an Gott nicht glaubt. Er hat sich ganz den Naturwissenschaften ergeben und soll der Ansicht sein, daß es besser sei, ein Philosoph, als ein Christ zu sein ...« »Unsinn!« unterbrach ihn der Herzog. »Ich kenne ihn gut. Er hat ein goldenes Herz. Nur wenn er spricht, ist er ein solcher Held, in der Tat tut er auch einem Floh nichts zu leid. Man sagt, er sei ein gefährlicher Mensch. Da haben sie den richtigen getroffen. Sich vor dem zu fürchten! Die Patres Inquisitoren mögen schreien so viel sie wollen, aber meinen Leonardo lasse ich nicht antasten!« »Auch die Nachwelt,« sagte mit ehrfurchtsvoller Verbeugung Baltasare Castiglione, ein eleganter Würdenträger des Hofes von Urbino, der nach Mailand zum Besuche gekommen war. »Auch die Nachwelt wird Ew. Hoheit für die Erhaltung eines so ungewöhnlichen, man darf wohl sagen, einzig in der Welt dastehenden Künstlers dankbar sein. Es ist aber doch schade, daß er die Kunst vernachlässigt und seinen Geist mit so sonderbaren Phantasien und so ungeheuerlichen Chimären nährt ...« »Ihr habt recht, Messer Baltasare,« sagte Moro. »Wie oft habe ich ihm schon gesagt: laß deine Philosophie! Ihr wißt aber wohl, was für Menschen diese Künstler sind. Man kann mit ihnen nichts machen. Man darf von ihnen auch nichts verlangen. Es sind Sonderlinge!« »Ew. Durchlaucht geruhten sich ganz richtig auszudrücken!« fiel ein anderer Würdenträger ein – der Hauptkommissar der Salzzölle, der schon längst etwas über Leonardo zum besten geben wollte. »Es sind wirklich Sonderlinge! Die hecken manchmal so etwas aus, daß man nur so staunt. Ich komme neulich in seine Werkstatt, um bei ihm eine allegorische Zeichnung zu einer Hochzeitstruhe zu bestellen. Ich frage: ›Ist der Meister zu Hause?‹ – ›Nein‹, sagt man mir, ›er ist sehr beschäftigt und nimmt keine Aufträge an‹. – ›womit‹, frage ich, ›ist er denn so beschäftigt?‹ – ›Er will das Gewicht der Luft messen‹. Ich glaubte, sie machten sich über mich lustig, später treffe ich Leonardo selbst und frage ihn: ›Ist es wahr, Messere, daß Ihr das Gewicht der Luft meßt?‹ – ›Ja‹, sagt er, ›es ist wahr!‹ und sieht mich dabei wie einen Narren an. Das Gewicht der Luft! wie gefällt es Euch, Madonnen? wieviel Pfund und Gran mag wohl ein Lenzlüftchen wiegen?! ...« »Das ist noch gar nichts!« bemerkte ein junger Cameriere mit einem genügend dummen und selbstzufriedenen Gesicht. »Ich habe gehört, er hätte ein Boot erfunden, das ohne Ruder gegen die Strömung fahren kann!« »Ohne Ruder? Ganz von selbst?« »Ja, auf Rädern und durch Dampfkraft.« »Ein Boot auf Rädern! Das habt Ihr wohl eben selbst erfunden ...« »Ich kann Euch mein Ehrenwort geben, Madonna Cecilia, daß ich es von Fra Luca Paccioli gehört habe und dieser hat die Zeichnung der Maschine gesehen. Leonardo glaubt, daß dem Dampfe eine solche Kraft innewohne, daß man mit ihm nicht nur Boote, sondern auch ganze Schiffe fortbewegen könne.« »Also Ihr seht, ich habe ja davon gesprochen! hier steckt ja seine schwarze Magie und Nekromantie!« rief Donsella Ermellina aus. »Ja, das muß ich schon zugeben, daß er ein merkwürdiger Kauz ist!« schloß der Herzog mit gutmütigem Lächeln. »Und doch liebe ich ihn von Herzen: denn er ist ein lustiger Geselle und nie langweilt er einen!« VIII. Leonardo ging durch eine stille Straße der Vercellina-Vorstadt seinem Hause zu. Am Rande der Straße weideten Ziegen. Ein von der Sonne gebräunter Junge in zerfetzter Kleidung trieb mit einem Stecken eine Gänseherde. Der Abend war heiter. Nur im Norden türmten sich über den unsichtbaren Alpen schwere, gleichsam steinerne, goldumrandete Wolken und unter ihnen leuchtete auf dem blassen Himmel ein einsamer Stern. Leonardo dachte an die beiden Wettkämpfe, deren Zeuge er gewesen war – an den des Wunders in Florenz und den des Wissens in Mailand –; sie erschienen ihm verschieden und zugleich einander ähnlich, wie Doppelgänger. Auf einer Steintreppe, die an der Außenwand eines alten Häuschens klebte, saß ein etwa sechsjähriges Mädchen und aß einen Kuchen aus Roggenmehl mit gebackenen Zwiebeln. Er blieb stehen und winkte das Kind zu sich heran. Sie blickte ihn ängstlich an. Aber sein Lächeln flößte ihr wohl Vertrauen ein; sie lächelte ihm ebenfalls zu und stieg mit ihren nackten braunen Füßen, die mit Küchenabfällen, Eier- und Krebsschalen bedeckten stufen hinunter. Er holte aus seiner Tasche eine sorgfältig in Papier gewickelte, vergoldete und verzuckerte Pomeranze, wie solche bei Hofe gereicht wurden. Er pflegte sich oft solche Leckereien einzustecken, um sie später bei seinen Spaziergängen an Straßenkinder zu verschenken. »Er ist aus Gold!« flüsterte das Mädchen. »Ein goldener Ball!« »Es ist kein Ball, sondern ein Apfel. Versuch ihn nur: innen ist er süß.« Das Mädchen konnte sich nicht entschließen hineinzubeißen. Es betrachtete die ihr ganz fremde Leckerei mit stummem Entzücken. »Wie heißt du?« fragte Leonardo. »Maja.« »Maja, kennst du die Geschichte vom Hahn, vom Ziegenbock und vom Esel, die Fische fangen wollten?« »Nein.« »Soll ich sie dir erzählen?« Er streichelte mit seiner zarten, langen und feinen Hand, die wie die Hand eines jungen Mädchens war, ihr weiches, zerzaustes Haar. »Also komm, wollen wir uns setzen. Halt, ich habe auch Anisplätzchen; denn ich glaube, Maja, daß du den goldenen Apfel gar nicht magst.« Er begann in seinen Taschen zu suchen. Aus dem Hause schaute eine junge Frau heraus. Sie sah Maja mit Leonardo stehen, nickte ihnen freundlich zu und setzte sich an ihren Spinnrocken. Etwas später kam aus dem Hause eine alte gebeugte Frau. Sie hatte die gleichen klaren Augen wie Maja und war wohl ihre Großmutter. Auch sie blickte Leonardo an; als sie ihn erkannte, schlug sie die Hände zusammen, beugte sich dann zur Spinnerin und sagte ihr etwas ins Ohr. Diese sprang auf und rief: »Maja, Maja, komm schnell her!« Das Mädchen zögerte. »Komm sofort her, du Taugenichts! Oder ich werde dich ...« Maja lief erschrocken die Treppe hinauf. Die Großmutter entriß ihr den goldenen Apfel und warf ihn über die Mauer in einen Nachbarhof, wo Schweine grunzten. Das Mädchen brach in Tränen aus. Die Alte flüsterte ihr aber etwas zu, wobei sie auf Leonardo wies. Maja wurde sofort still und richtete auf ihn ihre weit aufgerissenen erschrockenen Äugen. Leonardo wandte sich ab und ging stumm und mit gesenktem Kopf von dannen. Er begriff, daß die Alte, die sein Gesicht kannte und wohl van jemandem gehört hatte, daß er ein Zauberer sei, nun Angst habe, daß er Maja mit einem bösen Blick bezaubern könne. Er lief fluchtartig davon und war so verwirrt, daß er noch immer in seiner Tasche nach den nun unnötigen Anisplätzchen suchte. Er lächelte zerstreut und verlegen. Vor diesen erschrockenen unschuldigen Kinderaugen fühlte er sich einsamer, als vor dem Volkshaufen, der ihn als einen Gottlosen erschlagen wollte, als vor den Gelehrten, die seine Wahrheiten wie das Lallen eines Irrsinnigen verlacht hatten. Er fühlte sich den Menschen ebenso fremd, wie der einsame Abendstern im hoffnungslos-klaren Himmel. Nach Hause zurückgekehrt, begab er sich in sein Arbeitszimmer. Es erschien ihm mit den verstaubten Büchern und wissenschaftlichen Instrumenten finster wie eine Gefängniszelle. Er setzte sich an den Tisch, zündete eine Kerze an, nahm eines seiner Hefte vor und vertiefte sich in die von ihm längst begonnene Untersuchung über die Bewegung von Körpern auf der schiefen Ebene. Die Mathematik wirkte auf ihn ebenso beruhigend wie die Musik. Auch an diesem Abend gab sie ihm die wohlbekannte selige Ruhe. Als er mit den Berechnungen fertig war, holte er aus einem Geheimfach seines Tisches sein Tagebuch hervor und schrieb darin mit der linken Hand in verkehrter Schrift, die man nur im Spiegel lesen konnte, jene Gedanken nieder, die ihm nach dem Gelehrtenwettstreit gekommen waren: »Die Schriftgelehrten und Literaten, die Schüler des Aristoteles, diese Krähen in Pfauenfedern und Verkünder und Nachahmer fremder Werke – verachten mich, den Erfinder. Ich könnte ihnen aber mit den Worten antworten, die Marius zu den römischen Patriziern sprach: Ihr schmückt euch mit fremden Werken und wallt mir die Früchte meiner eigenen nicht lassen.« »Zwischen einem Naturforscher und einem Nachahmer der Alten besteht der gleiche Unterschied, wie zwischen einem Gegenstand und seinem Bilde im Spiegel.« »Sie glauben, daß ich nicht das Recht habe, über Wissenschaft zu sprechen und zu schreiben, weil ich nicht ein Literat wie sie bin und folglich meine Gedanken nicht richtig ausdrücken kann. Sie wissen aber nicht, daß meine Kraft nicht in den Worten ist, sondern in der Erfahrung, der Lehrmeisterin aller, die gut geschrieben haben.« »Ich will nicht und kann mich nicht auf die Bücher der Alten stützen, wie sie es tun; daher stütze ich mich auf die Erfahrung, die Lehrerin aller Lehrer, die wahrer ist als alle Bücher.« Die Kerze brannte trüb. Der Kater, der einzige Freund seiner schlaflosen Nächte, sprang auf den Tisch und schmeichelte sich gleichgültig schnurrend an ihn heran. Der einsame Stern schien durch das verstaubte Fensterglas noch ferner, noch hoffnungsloser. Er blickte ihn an und dachte wieder an die auf ihn gerichteten, entsetzten Augen Majas, doch ohne Wehmut: er war wieder klar und fest in seiner Einsamkeit. Und nur im tiefsten Grunde seiner Seele, der ihm selbst unbekannt war, sprudelte wie ein heißer Quell unter der Eisdecke eines Zugefrorenen Stromes – eine unergründliche Wehmut, gleichsam ein Schuldbewußtsein: er fühlte sich wirklich vor Maja schuldig; er wollte und konnte sich nicht verzeihen. IX. Am nächsten Morgen wollte Leonardo ins Kloster delle Grazie gehen, um die Arbeit am Antlitze Christi wieder aufzunehmen. Der Mechaniker Astro erwartete ihn an der Haustüre mit den Heften, Pinseln und Farbenkasten. Als der Künstler in den Hof trat, sah er, wie der Stallknecht Nastagio unter einem Schutzdache eine graue Apfelschimmelstute putzte. »Wie geht es dem Giannino?« fragte Leonardo. So hieß eines seiner Lieblingspferde. »Gut,« erwiderte der Stallknecht nachlässig. »Aber der Schecke hinkt.« »Der Schecke!« sagte Leonardo geärgert. »Seit wann?« »Seit vier Tagen.« Nastagio blickte seinen Herrn nicht an und bearbeitete schweigend und verdrossen die Flanken des Pferdes mit solcher Wucht, daß das Tier unruhig tänzelte. Leonardo wollte den Schecken sehen. Nastagio führte ihn in den Stall. Als Giovanni Beltraffio in den Hof trat, um sich am Brunnen mit kaltem Wasser zu waschen, hörte er jene gellende durchdringende beinahe weibische stimme, mit der Leonardo in den Anfällen seines plötzlichen, heftigen, doch ganz ungefährlichen Zorns zuweilen schrie: »Du Dummkopf, besoffener Kerl, wer hat dich denn gebeten, die Pferde vom Roßarzt behandeln zu lassen?« »Aber Messere, ein krankes Pferd muß man doch kurieren?!« »Kurieren! Glaubst du, Esel, daß diese stinkige Salbe was nützt?« »Es ist nicht die Salbe, sondern es gibt eine Formel zum Besprechen. – Ihr versteht nichts von dieser Sache und darum zürnt Ihr so ...« »Geh zum Teufel mit deinen Besprechungen! Wie kann denn dieser ungebildete Schinder kurieren, wenn er von Körperbau und Anatomie keinen Dunst hat?« Nastagio hob seine satten faulen Augen, blickte seinen Herrn mürrisch an und sagte mit dem Ausdrucke unendlicher Verachtung: »Ja, die Anatomie!« »Schurke! Fort, fort aus meinem Hause!« Der Stallknecht zuckte mit keiner Wimper. Er wußte aus langer Erfahrung, daß, sobald der plötzliche Zorn seines Herrn verpufft, er ihn flehentlich bitten wird, zu bleiben, denn er schätzte Nastagio als großen Pferdeliebhaber und Kenner. »Ich wollte schon längst um Entlassung bitten!« sagte Nastagio. »Ew. Gnaden schulden mir noch den Lohn für drei Monate. Was aber das Heu betrifft, so ist es nicht meine Schuld. Marco gibt kein Geld her, um Hafer zu kaufen.« »Was ist das nun wieder? Wie untersteht er sich, kein Geld zu geben, wenn ich es befohlen habe?« Der Stallknecht zuckte mit den Achseln und kehrte Leonardo den Rücken, um ihm zu zeigen, daß er mit ihm nicht weiter reden wolle. Er räusperte sich und begann wieder das Pferd zu striegeln, als wolle er an ihm seinen Ärger auslassen. Giovanni hörte mit lustigem Lächeln interessiert zu und rieb sich sein vom kalten Wasser gerötetes Gesicht mit einem Handtuch. »Nun, Meister? Wollen wir vielleicht gehen?« fragte Astro, des Wartens überdrüssig. »Warte noch,« erwiderte Leonardo, »ich muß noch den Marco wegen des Hafers fragen und feststellen, ob dieser Schurke die Wahrheit spricht.« Er ging ins Haus. Giovanni folgte ihm. Marco arbeitete in der Werkstatt. Die Vorschriften des Meisters mit der ihm eigenen Genauigkeit befolgend, schöpfte er die schwarze Farbe für die Schatten mit einem winzigen Löffelchen aus Blei, wobei er noch in einen mit Zahlen vollgeschriebenen Zettel hineinguckte. Auf seiner Stirne standen Schweißtropfen, die Adern auf seinem Halse schwollen an. Er atmete schwer, als müsse er einen schweren Stein auf einen Berg hinaufrollen. Seine fest zusammengepreßten Lippen, der gekrümmte Rücken, der sich eigensinnig sträubende rote Haarschopf und die roten Hände mit den krummen dicken Fingern schienen zu sagen: »Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke.« »Messer Leonardo, Ihr seid noch nicht fort? Wollt Ihr mir nicht diese Rechnung nachprüfen? Ich glaube, ich habe da einen Fehler gemacht...« »Gut, Marco, später. Jetzt wollte ich dich aber fragen: ist es wahr, daß du kein Geld hergibst, um für die Pferde Hafer zu kaufen?« »Ich gebe keines her.« »Wieso denn, mein Freund? Ich habe dir ja gesagt, –« fuhr der Künstler fort, seinen strengen Hausverwalter immer schüchterner und ängstlicher anblickend. »Ich habe dir ja gesagt, Marco, daß du unbedingt Geld für den Hafer hergeben sollst, hast du es denn vergessen?« »Nein. Aber wir haben kein Geld.« »So, so! ich konnte es mir denken – wir haben also wieder kein Geld? Ich bitte dich, Marco, überlege es dir selbst: können denn die Pferde ohne Hafer bleiben?« Marco erwiderte nichts und warf wütend seinen Pinsel fort. Giovanni beobachtete, wie sich ihre Gesichtsausdrücke veränderten: jetzt glich der Meister einem Schüler und der Schüler einem Meister. »Hört, Meister!« sagte Marco. »Ihr habt mich selbst ersucht, die Wirtschaft zu übernehmen und Euch mit den Haushaltssorgen nicht zu belästigen, warum fangt Ihr nun wieder an?« »Marco!« rief Leonardo vorwurfsvoll. »Marco, ich habe dir noch in der vergangenen Woche dreißig Florins gegeben!..« »Dreißig Florins! Rechnet nun davon, gefälligst, vier Florins ab, die wir Paccioli schuldeten, dann zwei – für den zudringlichen Bettler Galeotto Sacrobosco, fünf – für den Henker, der Euch für Eure Anatomie Leichen vom Galgen stiehlt, drei – kostete die Reparatur der Öfen und Fenster im Warmhause, wo Ihr Eure Kröten und Fische haltet, und ganze sechs goldene Dukaten – der gestreifte Teufel ...« »Du meinst wohl die Giraffe?« »Ja, die Giraffe, wir haben selbst nichts zu essen und füttern noch dies verdammte Vieh! Ihr könnt mit ihr anfangen, was Ihr wollt, sie wird doch krepieren!« »Das macht nichts, Marco! Mag sie krepieren,« erwiderte Leonardo mild: »ich werde sie sezieren: sie hat höchst interessante Halswirbel...« »Ja, die Halswirbel! Ach Meister, Meister, wenn nicht alle Eure Liebhabereien – Pferde, Leichen, Giraffen, Fische und Gott weiß was wären, wie herrlich könnten wir dann leben, ohne vor jemand den Rücken beugen zu müssen! Ist denn ein Stück tägliches Brot nicht besser?« »Das tägliche Brot? Verlange ich denn für mich etwas anderes, als ein Stück tägliches Brot? Ich weiß, übrigens, Marco, daß du sehr froh wärest, wenn alle meine Tiere, die ich mir mit solcher Mühe und um so teures Geld anschaffe und die ich so notwendig brauche, krepieren würden. Du willst durchaus deinen Willen durchsetzen!...« Die Stimme des Meisters klang hilflos und beleidigt. Marco schwieg finster mit niedergeschlagenen Augen. »Wie soll es nun werden?« fragte Leonardo. – »Ich frage, was nun mit uns geschehen soll? Wir haben keinen Hafer. Es ist doch kein Spaß! So weit sind mir jetzt. Wir haben noch nie so etwas erlebt! ...« »Es war immer so und wird auch immer so bleiben,« entgegnete Marco, »Was wollt Ihr denn? Es ist ja mehr als ein Jahr, daß wir vom Herzog keinen Heller bekommen haben, Ambrogio Ferrari vertröstet Euch immer auf morgen; immer heißt es bei ihm – morgen. Er macht sich offenbar nur lustig...« »Er macht sich lustig!« rief Leonardo, »Warte nur, ich will ihm schon zeigen, was es heißt, sich über mich lustig zu machen! Ich werde mich beim Herzog beschweren, da wird er was erleben! Mit diesem Schurken Ambrogio werde ich schon fertig werden, daß ihm der Herr böse Ostern beschert! ...« Marco machte nur eine stumme Handbewegung, mit der er wohl sagen wollte, daß, wenn schon jemand mit dem herzoglichen Schatzmeister fertig werden könne, so jedenfalls nicht Leonardo. »Laßt es, Meister, laßt!« sagte Marco, und plötzlich ging durch seine harten, eckigen Gesichtszüge ein gutmütiges, zärtliches, gönnerhaftes Lächeln. »Der Herr ist ja gnädig, wir werden schon irgendwie durchkommen, wenn Ihr es unbedingt wollt, so richte ich es, vielleicht, so ein, daß es auch zum Hafer langt...« Er wußte, daß er ihn von seinem eigenen Geld, daß er sonst seiner kranken alten Mutter zu schicken pflegte, werde bezahlen müssen. »Der Hafer allein macht es nicht!« rief Leonardo und sank erschöpft in einen Stuhl. Seine Augen blinzelten, die Lider zuckten wie bei starkem, kaltem Wind. »Hör einmal, Marco. Ich muß dir noch etwas sagen. Im nächsten Monat muß ich unbedingt achtzig Dukaten haben, denn, siehst du, ich muß eine Schuld begleichen ... schau mich nur nicht mit solchen Augen an...« »Wem schuldet Ihr sie?« »Dem Geldwechsler Arnoldo.« Marco schlug verzweifelt die Hände zusammen, sein roter Schopf zitterte. »Dem Geldwechsler Arnoldo! Nun, ich muß Euch gratulieren, das war vernünftig gehandelt! Wißt Ihr denn nicht, daß er eine Bestie ist, viel ärger als ein Jude oder Maure?! Der ist gar kein Christenmensch. Meister, Meister, was habt Ihr nun wieder angestellt! Warum habt Ihr mir nichts davon gesagt? ...« Leonardo ließ seinen Kopf sinken. »Ja, Marco, ich brauchte dringend Geld, Du sollst mir nicht böse sein...« Er schwieg eine Weile, dann fügte er ängstlich und schüchtern hinzu: »Bring einmal die Rechnungen her, Marco, vielleicht finden wir noch einen Ausweg? ...« Marco war zwar überzeugt, daß sie keinen Ausweg finden würden; da man aber den Meister auf keine andere Weise beruhigen konnte, als daß man seine plötzliche vorübergehende Erregung sich ganz austoben ließ, holte er gehorsam die Rechnungen. Als Leonardo sie von weitem sah, verzog er jämmerlich sein Gesicht. Er sah das ihm bekannte dicke Buch im grünen Einband mit jenem Blick an, mit dem der Mensch eine klaffende Wunde am eigenen Körper anblickt. Er vertiefte sich in die Rechnungen, bei denen er, der große Mathematiker, oft Additions- und Subtraktionsfehler machte. Zuweilen fiel ihm irgend eine abhanden gekommene Rechnung über einige tausend Dukaten ein und er begann seine Schatullen, Kisten und staubigen Papierberge zu durchstöbern; dabei fand er aber nur ganz unnötige, von ihm eigenhändig und sorgfältig abgeschriebene Rechnungen, über lächerlich geringe Beträge, so z.B. eine über Salainos Mantel: Silberbrokat 15 Lire  4 Soldi Roten Samt zum Besatz    9 Soldi Schnüre    9 Soldi Knöpfe   12 Soldi Er zerriß wütend die Zettel und warf die Fetzen schimpfend unter den Tisch. Giovanni beobachtete den Ausdruck menschlicher Schwäche im Gesichte des Meisters. Die Worte eines der Verehrer Leonardos fielen ihm ein: »Der neue Gott Hermes Trismegistos hat sich in ihm mit dem neuen Titanen Prometheus verbunden.« »Hier steht er – weder Gott, noch Titan,« dachte er lächelnd, »sondern ein Mensch wie alle. Warum hatte ich nur solche Angst vor ihm? O, der Arme, Liebe!« X. Nach zwei Tagen geschah alles so, wie es Marco vorausgesehen: Leonardo vergaß die Geldsorgen, als hätte er nie an sie gedacht. Schon am nächsten Tag bat er Marco um drei Florins zum Ankauf einer vorsintflutlichen Versteinerung – er tat es so sorglos, daß Marco nicht den Mut hatte, ihn durch eine Absage zu betrüben, und ihm die drei Florins vom eigenen Geld, das für seine Mutter bestimmt war, gab. Der Schatzmeister hatte ihm trotz der Bitten Leonardos sein Gehalt noch nicht ausgezahlt: der Herzog brauchte zu jener Zeit selbst Geld zu den großen Rüstungen gegen Frankreich. Leonardo borgte bei jedem, bei dem er nur borgen konnte, selbst bei seinen eigenen Schülern. Der Herzog ließ ihn nicht einmal das Sforzadenkmal vollenden. Das Tonmodell, die Gußform mit dem Eisengerippe und die Schmelzöfen – alles war fertig. Als aber der Künstler den Kostenanschlag über die Bronze einreichte, – geriet Moro außer sich und weigerte sich sogar, ihn zu empfangen. Ende November 1498 schrieb er, von der Not Zum Äußersten gebracht, dem Herzog einen Brief. In Leonardos Papieren befindet sich ein Entwurf zu diesem Brief; er besteht aus abgerissenen und Verworrenen Sätzen und gleicht dem verschämten Lallen eines Menschen, der nicht zu betteln versteht: »Signore, ich weiß zwar, daß der Geist Ew. Hoheit von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen ist, aber da ich durch mein Schweigen den Zorn meines gnädigsten Gönners heraufzubeschwören fürchte, wage ich es, Euch meine kleinen Nöte und die zum Stillstand Verurteilten Künste in Erinnerung zu bringen ...« »... seit zwei Jahren bekam ich kein Gehalt ausgezahlt ...« »... Die anderen Leute, die im Dienste Ew. Durchlaucht stehen, haben Nebeneinkünfte und können warten; aber ich, mit meiner Kunst, die ich gerne mit etwas Besserem vertauschen würde ...« »... Hoheit können über mein Leben verfügen und ich bin stets bereits, jedem Befehle nachzukommen ...« »... vom Denkmal will ich gar nicht sprechen, denn ich kenne die Zeiten ...« »... Es ist mir sehr peinlich, daß ich der Nahrungssorgen wegen meine Arbeit unterbrechen und mich mit Bagatellen abgeben muß. Ich mußte sechs Menschen 56 Monate lang ernähren und hatte nur 50 Dukaten ...« »... Ich weiß gar nicht, wie ich meine Kräfte anwenden soll ...« »... Soll ich an Ruhm denken, oder an das tägliche Brot? ...« XI. An einem Novemberabend kam Leonardo ganz erschöpft nach Hause; er lief den ganzen Tag in Geschäften herum, er hatte den freigebigen Würdenträger Gaspare Visconti besucht, dann mit dem Geldwechsler Arnoldo und mit dem Scharfrichter unterhandelt, der von ihm Bezahlung für zwei gelieferte Leichen schwangerer Frauen forderte und mit einer Anzeige bei der Heiligsten Inquisition drohte. Er ging zuerst in die Küche, um seine Kleider zu trocknen. Dann ließ er sich von Astro den Schlüssel geben und wollte in sein Arbeitszimmer gehen; vor der Türe aber blieb er stehen, da er im Zimmer jemand sprechen hörte. »Die Türe ist verschlossen,« dachte er sich. – »Was ist es nun? Sind es vielleicht Diebe?« Er erkannte die Stimmen seiner Schüler Giovanni und Cesare, und erriet, daß sie seine geheimen Papiere durchstöberten, die er nie und niemandem zeigte. Er wollte schon die Türe aufmachen; er stellte sich aber vor, mit welchen Augen sie ihn ansehen würden, wenn er sie ertappte. Er schämte sich für sie. Auf den Zehen schlich er sich, ganz rot, als ob er der schuldige wäre, davon. Er ging an das andere Ende der Werkstatt und rief mit unnatürlich lauter Stimme, so daß es die Schüler unbedingt hören mußten: »Astro! Astro! Bring, eine Kerze her! Wo steckt ihr denn alle? Andrea, Marco, Giovanni, Cesare!« Die Stimmen im Arbeitszimmer verstummten. Dann klirrte etwas, als ob ein Glas zerschlagen würde; ein Fensterrahmen wurde zugeschlagen. Er horchte noch immer und konnte sich nicht entschließen, einzutreten. Er spürte weder Zorn, noch Erbitterung, sondern nichts als Ekel und Langeweile. Er hatte sich nicht geirrt: Giovanni und Cesare waren ins Zimmer durch ein Fenster von der Hofseite eingedrungen, hatten die Fächer seines Arbeitstisches durchstöbert und sich über seine geheimen Papiere, Zeichnungen und Tagebücher gemacht. Beltraffio, der ganz blaß war, hielt einen Spiegel. Cesare las über ihn gebeugt das Spiegelbild von Leonardos verkehrter Schrift: »Laude del Sol« – »Lob der Sonne«. »Ich kann Epikur nicht den Vorwurf ersparen, behauptet zu haben, die Sonne sei in Wirklichkeit nur so groß, wie sie uns erscheine; ich begreife auch Sokrates nicht, der dieses große Gestirn beleidigte, indem er es einen glühenden Stein nannte. Ich wollte, ich hätte genügend starke Worte, um jene zu tadeln, die der Anbetung der Sonne – die Anbetung eines Menschen vorziehen ...« »Soll ich noch weiter lesen?« fragte Cesare. »Ich bitte dich, lies alles bis zu Ende!« sagte Giovanni. »Diejenigen, die Götter in menschlicher Gestalt anbeten,« las Cesare weiter, »sind in großem Irrtum, denn wenn ein Mensch auch die Größe der Erdkugel hätte, so wäre er noch immer kleiner als der kleinste Planet, als der winzigste Punkt im Weltall. Außerdem unterliegen alle Menschen der Verwesung ...« »Wie sonderbar!« wunderte sich Cesare: »Wie ist es nun? Die Sonne betet er an, und Den, der durch seinen Tod den Tod besiegt hat, scheint er gar nicht zu kennen! ...« Er wendete das Blatt. »Hier kommt noch etwas, paß nur auf!« »An allen Enden Europas wird man den Tod eines in Asien gestorbenen Menschen beweinen.« »Verstehst du das?« »Nein,« flüsterte Giovanni. »Es ist der Karfreitag,« erklärte Cesare. »O ihr Mathematiker!« las er weiter: »Macht doch diesem Wahnsinn ein Ende. Der Geist kann nicht ohne Körper bestehen und wo es kein Fleisch und Blut, keine Zunge, keine Knochen und Muskeln gibt, da kann es weder Stimme, noch Bewegung geben.« – Weiter ist alles ausgestrichen, ich kann da nichts entziffern. Hier ist aber der Schluß: – »Was aber alle anderen Definitionen des Geistes betrifft, so überlasse ich sie den heiligen Vätern, den Lehrern des Volkes, die die Naturgesetze durch Intuition kennen.« »Hm, es würde unserm Messer Leonardo recht übel ergehen, wenn diese Papierchen in die Hände der heiligen Patres Inquisitoren gerieten ... Da steht wieder eine Prophezeiung: »Ohne etwas zu tun, Armut und Arbeit verachtend, werden Menschen in Herrlichkeit leben, in palastähnlichen Häusern wohnen, sichtbare Schätze gegen unsichtbare eintauschen und behaupten, dies sei die beste Art, dem Herrn zu dienen.« »Er meint die Ablaßzettel!« riet Cesare. »Das klingt beinahe wie Savonarola! Es ist auf den Papst gemünzt!« »Menschen, die vor tausend Jahre gestorben, werden die Lebenden ernähren.« »Das verstehe ich nicht. Es ist schon zu schwierig ... Übrigens ... Ja, gewiß! Die vor tausend Jahren gestorben – es sind die Märtyrer und Heiligen, in deren Namen die Mönche Gelder sammeln.« »Man wird zu denen sprechen, die Ohren haben und nicht hören; man wird vor denen Lampen anzünden, die Augen haben und nicht sehen. – Es sind natürlich die Heiligenbilder.« »Frauen werden den Männern alle ihre Wollust und alle ihre geheimen Schandtaten eingestehen. – Dies ist die Beichte. – wie gefällt es dir, Giovanni? Er ist doch ein merkwürdiger Mensch. Denke dir nur: für wen mag er diese Rätsel, erfinden? Und doch ist keine richtige Bosheit darin, es ist nur ein Spiel mit Blasphemie!« Er blätterte noch etwas weiter und las: »Viele, die mit vermeintlichen Wundern Handel treiben und so den dummen Pöbel betrügen, richten diejenigen hin, die ihren Schwindel aufdecken. – Hier ist wohl von der Feuerprobe des Fra Girolamo und von der Wissenschaft, die den Wunderglauben zerstört, die Rede.« Er legte das Heft fort und blickte Giovanni an. »Ich glaube, dies wird genügen. Oder willst du noch andere Beweise? Die Sache ist doch klar?« Beltraffio schüttelte den Kopf. »Nein, Cesare. Es ist immer noch nicht das Richtige. Wenn man nur eine Stelle finden könnte, wo er sich ganz offen ausspricht!« »Offen? Nein, Bruder, so etwas findest du bei ihm nie. Er hat einmal diese Natur: alles ist bei ihm zweideutig, doppelsinnig und listig wie bei einem Weibe. Daher liebt er auch die Rätsel: versuch ihn einmal da zu fangen! Er kennt sich, übrigens, auch selber nicht und ist für sich selbst das größte Rätsel!« »Cesare hat recht,« dachte sich Giovanni. »Lieber offene Blasphemie, als dieser Spott, als dies Lächeln des ungläubigen Thomas, der seine Finger in die Wunden des Heilands legt...« Cesare zeigte ihm eine kleine Rötelzeichnung auf blauem Papier, die er unter Maschinenskizzen und Rechnungen entdeckt hatte; sie stellte die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde in der Wüste dar; die Mutter saß auf einem Stein und zeichnete mit dem Finger im Lande Dreiecke, Kreise und andere Figuren: sie unterrichtete ihren Sohn in der Geometrie, der Quelle alles Wissens. Lange betrachtete Giovanni diese sonderbare Zeichnung und der Wunsch kam ihm, den Text, der unter ihr stand, zu entziffern. Er näherte sie dem Spiegel und Cesare begann zu lesen. Als er aber die ersten Worte: »Die Notwendigkeit ist eine ewige Lehrmeisterin,« entziffert hatte, erklang aus der Werkstatt die Stimme Leonardos: »Astro! Astro! Bring eine Kerze her! Wo steckt ihr denn alle? Andrea, Marco, Giovanni, Cesare!« Giovanni fuhr zusammen, erblich und ließ den Spiegel fallen. Dieser Zerbrach. »Das bedeutet Unglück!« scherzte Cesare. Hastig, wie ertappte Diebe, steckten sie die Papiere wieder in das Fach, sammelten die Spiegelscherben auf, öffneten das Fenster, sprangen auf das Fensterbrett und kletterten, sich an der Dachrinne und den Ästen der das Haus umschlingenden Weinreben festklammernd, in den Hof hinunter. Cesare stürzte ab und hätte sich beinahe den Fuß ausgerenkt. XII. An diesem Abend konnte Leonardo in der Mathematik nicht die ersehnte Ruhe finden. Bald ging er im Zimmer auf und ab, bald setzte er sich an den Tisch, begann zu zeichnen und warf gleich darauf die Zeichnung wieder fort. In seiner Seele war eine unbestimmte Unruhe, als müsse er eine Aufgabe lösen und könne es nicht. Seine Gedanken kehrten hartnäckig immer zum gleichen Ausgangspunkt zurück. Er dachte daran, wie Giovanni Beltraffio zu Savonarola geflüchtet, wie er dann wieder zu ihm zurückgekehrt war, anscheinend für einige Zeit Ruhe gefunden und sich ganz der Malerei hingegeben hatte. Und daß er nach jener unglückseligen Feuerprobe und besonders von jenem Tage an, als nach Mailand die Kunde vom Ende des Propheten kam, elender und zerstreuter als zuvor geworden war. Der Meister sah, wie er sich quälte, daß er ihn verlassen wollte und es doch nicht konnte; er erriet den inneren Kampf in der Seele des Schülers, die zu tief war, um nicht zu fühlen, und zu schwach, – um die eigenen Widersprüche zu besiegen. Zuweilen schien es Leonardo, daß er Giovanni verstoßen müsse, um ihn zu retten, doch fehlte ihm der Mut dazu. »Wenn ich nur wüßte, wie ich ihm helfen konnte,« dachte der Künstler lächelnd. »Ich habe ihn behext und verdorben! Die Leute haben wohl recht: ich habe wirklich einen bösen Blick ...« Er stieg die steilen Stufen der finsteren Treppe hinauf und. klopfte an. Als ihm niemand antwortete, öffnete er selbst die Türe. In der engen Zelle herrschte ein Halbdunkel. Man hörte den Regen auf das Dach klatschen und den Herbstwind heulen. In der Ecke vor der Madonna brannte ein Lämpchen. Auf der weißen Wand hing ein Kruzifix. Beltraffio lag angekleidet im Bett, zusammengekauert, wie ein krankes Kind, mit eingezogenen Knien und das Gesicht in die Kissen vergraben. »Giovanni, schläfst du?« fragte der Meister. Beltraffio sprang auf, gab einen leisen Schrei von sich, streckte seine Arme aus und blickte auf Leonardo mit weit aufgerissenen wahnsinnigen Augen, mit dem Ausdrucke des gleichen Schreckens, den der Künstler schon in Majas Augen gesehen hatte. »Was hast du, Giovanni? Ich bin es doch!« Beltraffio schien aus einer Betäubung zu erwachen, er fuhr sich langsam mit der Hand über die Augen: »Ach so, Ihr seid es, Messer Leonardo! ... Mir schien... Ich hatte einen schrecklichen Traum ...« »Also Ihr seid es wirklich?« wiederholte er, ihn noch immer mißtrauisch anstarrend. Der Meister setzte sich auf den Bettrand und legte ihm seine Hand auf die Stirne. »Du hast Fieber, du bist krank. Warum hast du es mir nicht gesagt?« Giovanni wandte sich ab. Dann aber richtete er seinen Blick wieder auf Leonardo, seine Mundwinkel senkten sich und erbebten. Er faltete seine Hände und flehte: »Meister, jagt mich fort! ... selbst gehe ich nicht, und doch darf ich bei Euch nicht länger bleiben, denn ich... ja, ich bin ein gemeiner Mensch... ein Verräter!« Leonardo umarmte ihn und zog ihn zu sich heran. »Was sagst du da, mein armer Junge! Gott sei mit dir! Sehe ich denn nicht, wie du dich quälst? Wenn du glaubst, daß du dich gegen mich vergangen hast, so verzeihe ich dir alles. Vielleicht wirst du einmal auch mir vergeben ...« Giovanni richtete auf ihn langsam seine großen erstaunten Augen und plötzlich schmiegte er sich an ihn an und verbarg sein Gesicht an seiner Brust und in seinem seidenweichen Barte. »Wenn ich Euch doch einmal verlasse,« lallte er unter Schluchzen, das seinen ganzen Körper erschütterte, »wenn ich Euch doch einmal verlasse, Meister, so sollt Ihr nicht glauben, daß ich Euch nicht liebe! Ich weiß selber nicht, was mit mir vorgeht... Es kommen mir so schreckliche Gedanken, als würde ich verrückt... Gott hat mich verlassen... Nein, Ihr sollt es nicht glauben, denn ich liebe Euch mehr als jemanden in der Welt, mehr als meinen Vater Fra Benedetto! Niemand kann Euch so lieben wie ich!...« Leonardo streichelte mit mildem Lächeln sein Haar, seine von Tränen benetzten Wangen und tröstete ihn wie ein Kind: »Nun ist's genug, höre auf! Ich weiß wohl, daß du mich liebst, mein armer, unverständiger Junge ...« »Du hast wohl wieder alles vom Cesare her?« fügte er hinzu, »warum hörst du auf ihn? Er ist klug, doch unglücklich, auch er liebt mich, obwohl ihm scheint, daß er mich hasse. Er kann ja vieles nicht verstehen...« Giovanni wurde plötzlich still und hörte zu weinen auf. Er blickte den Meister etwas sonderbar und prüfend an und schüttelte den Kopf. »Nein,« sprach er langsam, die Worte mit Mühe hervorbringend: »Nein, es war nicht Cesare. Ich selbst... Nein, nicht ich, sondern Er ...« »Wer?« fragte der Meister. Giovanni schmiegte sich noch fester an ihn. Seine Augen wurden wieder starr vor Schreck. »Nicht doch...« flüsterte er kaum hörbar. »Ich bitte Euch... redet nicht von Ihm ...« Leonardo fühlte ihn in seinen Armen zittern. »Hör einmal, mein Kind,« sagte er streng, doch freundlich und etwas unnatürlich, wie die Ärzte mit Kranken zu sprechen pflegen. »Ich sehe, daß du etwas auf dem Herzen hast. Du mußt es mir sagen. Ich will alles wissen, hörst du, Giovanni? Dann wirst du es auch leichter haben.« Er dachte etwas nach und fügte hinzu: »Sage mir, von wem du eben sprachst?« Giovanni blickte sich ängstlich um, näherte seine Lippen dem Ohre Leonardos und flüsterte, um Atem ringend: »Von Eurem Doppelgänger.« »Von meinem Doppelgänger? Hast du von ihm geträumt?« »Nein, ich habe ihn in Wirklichkeit gesehen.« Leonardo sah ihn durchdringend an und einen Augenblick lang glaubte er, Giovanni phantasiere. »Messer Leonardo, Ihr wart doch nicht vorgestern Dienstag nachts hier bei mir?« »Nein, weißt du es denn selbst nicht?« »Ich weiß es schon... Also seht, Meister, jetzt ist es gewiß, daß Er es war!« »Wie bist du denn darauf gekommen, daß ich einen Doppelgänger habe? wie ist das geschehen?« Leonardo fühlte, daß Giovanni selbst alles erzählen wollte, und er hoffte, daß die Aussprache ihn erleichtern würde. »Wie das geschah? Es war so: Er kam zu mir ebenso, wie Ihr heute gekommen seid und zu der gleichen Stunde. Er setzte sich auf den Bettrand, wie Ihr jetzt sitzt, und tat und sprach das Gleiche, was Ihr tut und sprecht. Sein Gesicht war wie Euer Gesicht, aber in einem Spiegel gesehen. Er ist nicht linkshändig. Mir kam gleich der Gedanke, daß Ihr es nicht seid. Er erriet sofort diesen Gedanken, ließ mich aber nichts davon merken; er stellte sich so, als wüßten wir beide nichts davon. Nur beim Weggehen wandte er sich nach mir um und sagte: hast du denn, Giovanni, noch nie meinen Doppelgänger gesehen? Wenn du ihn einmal siehst, so fürchte ihn nicht. – Da begriff ich alles ...« »Glaubst du auch jetzt noch daran, Giovanni?« »Wie sollte ich nicht glauben? Ich sah Ihn ja so, wie ich jetzt Euch sehe... Und Er hat mit mir gesprochen...« »Worüber?« Giovanni bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Sag es lieber,« sprach Leonardo – »sonst wirst du immer wieder darüber denken und dich quälen.« »Es war nicht gut,« sagte Beltraffio und blickte seinen Meister mit hoffnungslosem Flehen an. »Es war schrecklich, was Er zu mir sprach. Er sagte, alles in der Welt sei nur Mechanik, alles sei so, wie jene schreckliche Spinne mit den beweglichen Beinen, die Er... das heißt, nicht Er, sondern Ihr erfunden...« »Eine Spinne? Ach ja, ich weiß. Du hast wohl die Skizze zu der Kriegsmaschine gesehen?« »Dann sagte Er noch,« fuhr Giovanni fort, »daß der Gott, zu dem die Menschen beten, nur jene ewige Kraft sei, welche die Spinne und ihre eisernen bluttriefenden Beine antreibt, und daß Ihm alles ganz gleich sei: Recht und Unrecht, Gut und Böse, Leben und Tod. Er sei unerbittlich wie die Mathematik: zweimal zwei könne nie fünf geben...« »Gut, gut. Quäle dich nicht. Genug. Jetzt weiß ich alles...« »Nein, Messer Leonardo, Ihr wißt noch nicht alles. Hört nur zu, Meister! Er sagte noch, daß Christus ganz umsonst gekommen sei: nach dem Tode wäre er gar nicht auferstanden, er hätte auch nicht den Tod mit dem Tode besiegt, sondern wäre im Grabe verwest. Als er dies sagte, mußte ich weinen. Da tat ich ihm leid und er tröstete mich und sprach: Weine nicht, mein armer unverständiger Junge, es gibt keinen Christus, es gibt nur die Liebe; die große Liebe ist die Tochter der großen Erkenntnis; wer alles weiß, der liebt auch alles. – Ihr seht: es sind Eure eigenen Worte! – Einst – sagte er, – kam die Liebe aus Schwäche, Wunderglauben und Unwissenheit; heute kommt sie aus Stärke, Wahrheit und Erkenntnis, denn die Schlange hat nicht gelogen: Welches Tags ihr von dem Baum der Erkenntnis esset, werdet ihr sein wie Gott. – Und da begriff ich erst, daß Er vom Teufel kam und ich verfluchte ihn. Er ging fort, versicherte aber, wiederzukommen.« Leonardo hörte mit solchem Interesse zu, als wäre es gar nicht mehr die Fieberphantasie eines Kranken. Er fühlte, wie Giovannis Blick, der nun anklagend und fast ruhig war, ins tiefste Innere seines Herzens drang. »Das schrecklichste war,« flüsterte der Schüler, sich aus der Umarmung des Meisters losreißend und ihn mit durchdringendem Blick anstarrend, »das Gräßlichste war, daß Er lächelte, während er dies alles sprach, lächelte... genau so wie Ihr jetzt lächelt!« Giovanni wurde plötzlich leichenblaß, sein Gesicht verzog sich, er stieß Leonardo zurück und schrie gellend und wahnsinnig: »Du ... Wieder du! ... Hast dich verstellt ... Im Namen Gottes ... Verschwinde, vergehe, versinke, Verdammter! ...« Der Meister erhob sich, blickte ihn gebieterisch an und sprach: »Gott sei mit dir, Giovanni! Jetzt sehe ich, daß es besser für dich ist, wenn du mich verläßt. Du weißt, in der Schrift steht: Wer sich aber fürchtet, ist nicht völlig in der Liebe. Liebtest du mich mit voller Liebe, so würdest du dich nicht fürchten und würdest verstehen, daß dies alles – Wahnsinn und Fieberwahn ist; daß ich anders bin, als die Leute glauben; daß ich keinen Doppelgänger habe und daß ich vielleicht an meinen Christus und Heiland stärker glaube, als diejenigen, die mich einen Diener des Antichrist nennen. Lebe wohl, Giovanni! Der Herr beschirme dich. Fürchte nicht: Leonardos Doppelgänger kehrt nie wieder zu dir zurück!« Seine Stimme zitterte in unendlicher, stiller Wehmut. Er stand auf und wollte fortgehen. »Ist es auch wirklich so? Habe ich ihm die Wahrheit gesagt?« ging es ihm durch den Kopf und im gleichen Augenblick fühlte er, daß er auch lügen würde, wenn eine Lüge Giovanni retten könnte. Beltraffio sank in die Knie und küßte die Hände des Meisters. »Nein, nein, ich will es nie wieder tun! ... Ich weiß, daß es Wahnsinn ist... Ich glaube Euch... Ihr werdet sehen: ich werde diese schrecklichen Gedanken vertreiben... verzeiht mir nur, Meister, verzeiht mir! Verlaßt mich nicht! ...« Leonardo blickte ihn mit unsagbarem Mitleid an, beugte sich über ihn und küßte ihn auf den Kopf. »Gut, Giovanni, vergiß nicht, was du mir versprochen hast. – Aber jetzt,« fügte er mit seiner gewöhnlichen ruhigen Stimme hinzu: »jetzt wollen wir schnell hinuntergehen. Denn hier ist es kalt. Du darfst nicht wieder hierher, bis du dich nicht ganz erholt hast. Ich habe, übrigens, eine dringende Arbeit vor und du kannst mir helfen.« XIII. Er führte ihn in sein neben der Werkstatt gelegenes Schlafzimmer, fachte das Feuer im Kamin an und, als die Flamme knisterte und das Zimmer mit ihrem behaglichen Schein beleuchtete, sagte er zu Giovanni, er müsse jetzt ein Malbrett herrichten. Leonardo hoffte, daß die Arbeit den Kranken ablenken werde. So geschah es auch. Giovanni ließ sich von der Arbeit hinreißen. Mit ernstem Gesicht, als gelte es ein höchst wichtiges und interessantes Werk, half er dem Meister das Brett mit einer giftigen Lösung von Sublimat und doppelschwefligem Arsenik in Weingeist zu imprägnieren, die das Holz vor Wurmfraß schützen sollte. Dann legten sie die erste Schicht des Grundes an, füllten alle Fugen mit Alabaster, Cypressenöllack und Mastix und polierten die Unebenheiten mit einem flachen Schabeisen weg. Die Arbeit ging rasch und leicht vor sich und glich in Leonardos Händen einem Spiel. Zur gleichen Zeit erteilte er Ratschläge, lehrte, wie man Pinsel binden müsse, von den stärksten und härtesten aus Schweineborsten in Bleifassung, bis zu den feinsten und weichsten aus Eichhornhaaren, die in Federkiele gefaßt werden; oder wie man der Beize, damit sie rascher trockne, venetianisches Kupfergrün und roten eisenhaltigen Ocker beimengen müsse. Das Zimmer füllte sich mit dem angenehmen flüchtigen und erfrischenden Geruch von Terpentin und Mastix, der zur Arbeit anregte. Giovanni rieb mit aller Kraft das Brett mit einem sämischledernen Läppchen mit heißem Leinöl ein. Es wurde ihm dabei heiß und sein Fieberfrost verging. Er hielt einen Augenblick inne, um auszuruhen und wandte sein gerötetes Gesicht zum Meister. »Rasch, rasch! Schlafe nicht!« trieb ihn Leonardo an. »Wenn es kalt wird, kann es nicht mehr ins Holz eindringen.« Giovanni krümmte den Rücken, spreizte die Beine, preßte die Lippen fest zusammen und machte sich wieder an die Arbeit. »Nun, wie fühlst du dich jetzt?« fragte Leonardo. »Gut!« erwiderte Giovanni mit zufriedenem Lächeln. Auch die anderen Schüler versammelten sich in die warme, helle Ecke um den großen steinernen mit schwarzsamtenem Ruß bedeckten lombardischen Herd, aus dem das Heulen des Windes und das Rauschen des Regens so angenehm tönten. Da waren der frierende, doch stets sorglose Andrea Salaino, der einäugige Cyclop – der Schmied Zoroastro da Peretola, Jacopo und Marco d'Oggione. Nur Cesare da Sesto fehlte wie immer in diesem Freundeskreise. Leonardo legte das Brett zum Trocknen weg und zeigte nun den Schülern die beste Art, reines Malöl zu gewinnen. Man brachte eine große irdene Schüssel mit einem abgestandenen Brei aus Nüssen, die in sechsmal gewechseltem Wasser eingeweicht waren; die Nüsse hatten einen weißen Saft ausgeschieden und oben schwamm eine bernsteingelbe fette Schicht. Nun rollte Leonardo aus Baumwolle lange Zöpfe, die Lampendochten glichen und legte sie mit dem einen Ende in die Schüssel, mit dem anderen in einen Blechtrichter, der im Halse einer Glasflasche stak. Das Öl wurde von der Baumwolle eingesogen und tropfte am anderen Ende golden und durchsichtig in die Flasche. »Seht nur, seht!« rief Marco: »wie rein es ist! Ich erhalte immer eine ganz trübe Schmiere, so oft ich es auch durchseihe.« »Du läßt wohl an den Nüssen das obere Häutchen,« bemerkte Leonardo. »Es tritt dann auf der Leinwand hervor und macht alle Farbe schwarz.« »Hört ihr?« triumphierte Marco. – »Das größte Kunstwerk kann durch solchen Dreck – durch Nußhäute zugrunde gehen! Und ihr lacht mich immer aus, wenn ich sage, man müsse die Vorschriften mit mathematischer Genauigkeit befolgen...« Die Schüler folgten plaudernd und scherzend, aber aufmerksam den Erklärungen des Meisters. Obwohl es schon spät war, wollte noch niemand schlafen gehen. Sie hörten auch nicht auf die Ermahnungen Marcos, der über jedes Holzscheit schimpfte und warfen immer neues Holz ins Feuer. Wie es oft bei solchen improvisierten Zusammenkünften der Fall ist, herrschte große grundlose Fröhlichkeit. »Wollen wir Märchen erzählen!« schlug Salaino vor. Als erster gab er die Novelle vom Priester zum Besten, der am Karsamstag in alle Häuser ging und so auch in die Werkstatt eines Malers kam, wo er alle Bilder mit Weihwasser besprengte. »Warum hast du das getan?« fragte ihn der Maler. – »Weil ich dir Gutes will, denn es steht geschrieben: Ein gutes Werk wird hundertfältig vergolten«. Der Maler erwiderte nichts, als aber der Pater das Haus verließ, lauerte er ihm auf und goß ihm aus dem Fenster einen Kübel kalten Wassers über den Kopf und sagte: »Hier hast du die hundertfältige Vergeltung für die Wohltat, die du mir erwiesen, indem du mir meine Bilder verdorben hast.« Novelle folgte nun auf Novelle, jeder hatte einen neuen Einfall, der eine unsinniger als der andere. Alle freuten sich unsagbar, am meisten aber Leonardo. Giovanni liebte es zu beobachten, wie der Meister lachte: seine Augen zogen sich zusammen und wurden zu engen Schlitzen, sein Gesicht nahm den Ausdruck von kindlicher Einfalt an, er schüttelte den Kopf, wischte sich die Tränen aus den Augen und lachte in hohen feinen Tönen, die so sonderbar zu seiner großen männlichen Erscheinung paßten und ebenso schrill und weibisch klangen, wie seine zornigen Schreie. Gegen Mitternacht spürten sie Hunger. Sie wollten nicht ohne Imbiß zu Bett gehen, um so weniger, als das Nachtmahl karg gewesen war; denn Marco hielt sie sehr knapp. Astro holte alles, was er in der Speisekammer finden konnte: schäbige Reste eines Schinkens, etwas Käse, an die drei Dutzend Oliven und ein Stück hartes Weizenbrot; Wein gab es nicht. »Hast du das Faß ordentlich gekippt?« fragten ihn die Kameraden. »Ich habe es nach allen Zeiten gekippt und gewendet. Kein Tropfen ist darin.« »Marco, Marco, was tust du uns an? Was sollen wir ohne Wein?« »Jetzt heißt es wieder – Marco hin, Marco her; was kann ich aber tun, wenn kein Geld im Hause ist?« »Geld ist da, folglich bekommen wir auch Wein!« rief Jacopo. Er warf ein Goldstück hoch und fing es mit der flachen Hand wieder auf. »Wo hast du es her, du Teufelsbengel? Wieder gestohlen? Warte nur, ich reiße dir noch die Ohren ab!« drohte Leonardo mit dem Finger. »Nein, Meister, bei Gott, ich habe es nicht gestohlen. Ich soll gleich in die Erde versinken, meine Zunge soll verdorren, wenn ich es nicht im Würfelspiel gewonnen habe!« »Sieh dich vor! Wenn du uns mit gestohlenem Geld freihalten willst...« Die nahe Schenke Zum Grünen Adler war noch offen, denn dort Zechten während der ganzen Nacht schweizerische Landsknechte. Jacopo lief hinüber und brachte zwei Zinnkrüge. Der Wein erhöhte die fröhliche Stimmung. Der Knabe schenkte ihn ein wie Ganymed: er hielt die Kanne hoch, so daß der Rotwein im Becher rosig, und der Weißwein golden schäumte. Das Bewußtsein, daß er die ganze Gesellschaft freihalte, machte ihn glücklich; er sprang ausgelassen umher, riß Possen und sang mit unnatürlich heiserer Stimme, wie ein alter betrunkener Zecher, das verwegene Lied eines ausgestoßenen Mönches: Kutte, Rosenkranz, Brevier Mag der Teufel holen! Seh ein Mädel ich vor mir, Mach' ich Kapriolen. und die feierliche Hymne aus der lateinischen Scherzmesse der fahrenden Scholaren zu Ehren des Bacchus: Wer den Wein mit Wasser trinkt, Der wird naß wie´n Pudel; In der Hölle trocknet ihn Einst der Teufel Rudel. Noch nie hatte Giovanni Speise und Trank so gut geschmeckt, wie bei diesem armseligen Mahle mit Leonardo, das aus versteinertem Käse, hartem Brot und dem verdächtigen, vielleicht auch wirklich für gestohlenes Geld erworbenen Weine Jacopos bestand. Man trank auf das Wohl des Meisters, auf den Ruhm seiner Werkstätte, auf Erlösung aus der Armut und auf gegenseitiges Wohlergehen. Zum Schluß musterte Leonardo lächelnd den Kreis seiner Schüler und sagte: »Ich habe gehört, Freunde, daß der heilige Franziscus von Assisi den Trübsinn – das schlimmste aller Laster nannte und behauptete, daß man Gott am besten mit ewiger Fröhlichkeit diene. Trinken mir also auf die Weisheit des Franziscus und auf die ewige Fröhlichkeit in Gott.« Alle wunderten sich ein wenig. Aber Giovanni begriff, was der Meister sagen wollte. »Ach Meister,« versetzte Astro und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf: »Ihr redet da von Fröhlichkeit; wie können wir aber fröhlich sein, solange der Mensch wie ein Wurm oder Aaskäfer auf der Erde herumkriechen muß? ... Die anderen mögen trinken, auf was sie wollen, ich trinke aber auf die menschlichen Flügel, auf die Flugmaschine! Erst wenn es geflügelte Menschen geben wird, wird man fröhlich sein können. Der Teufel soll alle Schwere holen und auch die Gesetze der Mechanik ...« »Nein, mein Lieber, ohne Mechanik wirst du nicht weit fliegen können!« unterbrach ihn der Meister lachend. Als schließlich alle schlafen gingen, hielt Leonardo Giovanni unten zurück. Er half ihm, sich ein Lager in seinem Schlafzimmer, vor dem Kamin, in dem die Kohlen verglommen, richten. Dann holte er eine kleine Buntstiftzeichnung und reichte sie dem Schüler. Der Jüngling, den die Zeichnung darstellte, kam Giovanni so bekannt vor, daß er sie anfangs für ein Porträt hielt: er hatte große Ähnlichkeit mit Fra Girolamo Savonarola, wie er wohl in seiner Jugend aussah und erinnerte zugleich an den sechzehnjährigen Sohn des reichen Mailänder Wucherers, des von allen gehaßten alten Juden Barucco; dieser Sohn, ein kränklicher, schwärmerischer Jüngling, der sich viel mit den Geheimnissen der Kabbala beschäftigte, galt bei seinen Lehrern, den Rabbinern, als eine zukünftige Leuchte in Israel. Als aber Beltraffio diesen jüdischen Jüngling mit dichtem rötlichem Haar, niederer Stirne und dicken Lippen genauer anblickte, erkannte er in ihm Christus; nicht jenen Christus, den er von den Heiligenbildern kannte, sondern einen anderen, den er gleichsam leibhaftig gesehen und dann vergessen hatte. Im Kopf, der so gesenkt war, wie eine Blüte auf einem zu schwachen Stiel, und im kindlich unschuldigen Blick der niedergeschlagenen Augen lag die Vorahnung jener letzten Trauer auf dem Ölberge, da er verzagend und sich grämend zu seinen Schülern sprach: »Meine Seele ist betrübet bis in den Tod«. Und ging ein wenig fürbaß, fiel auf die Erde und betete: »Abba, mein Vater, es ist dir alles möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.« Zum andern und zum dritten Male ging er hin, betete und sprach: »Mein Vater, ist's nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille.« Und es kam, daß er mit dem Tode rang, und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. »Um was bat Er in seinem Gebet?« dachte Giovanni. »Wie konnte er bitten, daß das, was notwendig sein mußte und was sein eigener Willen war, an ihm vorbeiginge? Hat er sich denn auch so gequält, wie ich mich quäle, mußte er denn auch bis zum Blutschweiß mit den schrecklichen Zweifeln kämpfen?« »Nun, was gibt´s?« fragte Leonardo, ins Zimmer zurückkehrend, das er für einen Augenblick verlassen hatte. »Ich glaube, du fängst wieder an...« »Nein, nein, Meister! Wenn Ihr nur wüßtet, wie wohl und ruhig es mir ums Herz ist. Jetzt ist ja alles vorbei...« »Gott sei Dank, Giovanni! Ich sagte ja, daß alles vorübergehen wird. Sei auf der Hut, daß es nie wiederkehre...« »Es kehrt nie wieder! Ihr könnt unbesorgt sein. Jetzt sehe ich,« – er wies auf die Zeichnung hin – »daß Ihr ihn so liebt, wie kein zweiter Mensch.« »Und wenn Euer Doppelgänger,« fügte er hinzu, »mich wieder besucht, so weiß ich, womit ich ihn vertreiben kann: ich werde ihn nur an diese Zeichnung erinnern. XIV. Giovanni hörte von Cesare, daß Leonardo das Antlitz Christi auf dem heiligen Abendmahl vollende, und wünschte, es zu sehen. Er hatte den Meister schon mehrmals darum gebeten; dieser versprach ihm, seinen Wunsch zu erfüllen, aber schob es immer wieder hinaus. Eines Morgens führte er ihn endlich ins Refektorium von Maria delle Grazie. Da erblickte Giovanni auf der ihm wohlbekannten Stelle, die sechzehn Jahre lang leer gestanden, zwischen den Köpfen des Johannes und Jakobus, dem Sohne des Zebedäus, im Vierecke des offenen Fensters, auf dem Hintergrunde des stillen Abendhimmels und der Hügel Zions – das Antlitz des Herrn. Einige Tage später befand sich Giovanni abends auf dem Heimwege vom Alchimisten Galeotto Sacrobosco, von dem er im Auftrage des Meisters ein seltenes mathematisches Werk geholt hatte. Er ging über das leere unbebaute Gelände am Cataranakanal. Nach dem Winde und dem Tauwetter waren Frost und Windstille eingetreten. Die Pfützen auf der schmutzigen Fahrstraße hatten sich mit feinen Eisnadeln überzogen. Die Wolken hingen tief und schienen die kahlen bläulichen Gipfel der Lärchen mit den zerzausten Dohlennestern zu berühren. Es dämmerte. Nur ganz tief unten am Horizonte zog sich ein messinggelber Streifen der trüben Abendröte hin. Der Kanal war nicht zugefroren und sein stilles und wie Gußeisen schweres und schwarzes Wasser schien unendlich tief. So sehr sich Giovanni auch bemühte, solche Gedanken, die er sich selbst sogar nicht eingestehen wollte, von sich zu weisen, mußte er doch an die beiden Christusköpfe des Leonardo denken. Er brauchte nur die Augen zu schließen, um sie beide wie lebend nebeneinander stehen zu sehen: das eine, ihm so wohl vertraute, voller menschlicher Ohnmacht, das Antlitz dessen, der auf dem Ölberge so sehr litt, daß sein Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde fiel, als er mit kindlichem Glauben ein Wunder erflehte; das andere – unmenschlich ruhig, weise, fremd und schrecklich. Giovanni meinte, vielleicht könnten beide in ihrem unlösbaren Widerspruch die wahren sein. Seine Gedanken waren wirr wie im Traume. Sein Kopf glühte. Er setzte sich am Ufer des schmalen schwarzen Kanals auf einen Stein nieder und ließ seinen Kopf erschöpft in die Hände sinken. »Was treibst du hier? Du siehst aus, wie der Schatten eines Verliebten auf dem Acherontischen Strande,« sprach eine spöttische Stimme. Eine Hand berührte seine Schulter. Er fuhr zusammen, und als er sich umwandte, gewahrte er Cesare. Der hagere Cesare, mit dem langen aschgrauen kränklichen Gesicht, stand in einen grauen Mantel gehüllt in der staubgrauen winterlichen Dämmerung unter den kahlen bläulichen Lärchen mit den zerzausten Dohlennestern. Er glich einem unheimlichen Gespenst. Giovanni stand auf und beide setzten schweigend ihren Weg fort; das welke Laub raschelte unter ihren Füßen. »Weiß er, daß wir neulich seine Papiere durchsucht haben?« fragte schließlich Cesare. »Er weiß es,« antwortete Giovanni. »Selbstredend zürnt er uns nicht dafür. Das ist ja klar. Er verzeiht eben alles!« Cesare lachte boshaft und gezwungen. Dann schwiegen sie wieder. Ein Rabe flog mit heiserem Krächzen über den Kanal. »Cesare,« sagte Giovanni leise. »Hast du das Antlitz Christi im heiligen Abendmahl gesehen?« »Ja, ich habe es gesehen.« »Nun ... was sagst du dazu?« Cesare wandte sich rasch nach ihm um: »Was sagst du dazu?« »Ich weiß nicht ... weißt du, mir scheint ...« »Sag es geradeaus: gefällt es dir nicht?« »Doch. Aber ich weiß nicht. Mir kommt der Gedanke, daß es vielleicht gar nicht Christus sei ...« »Nicht Christus? Wer denn?« Giovanni erwiderte nichts. Er verlangsamte nur seine Schritte und ließ den Kopf sinken. »Höre einmal,« fuhr er nachdenklich fort, »hast du den anderen Entwurf zum Christuskopf, die Buntstiftzeichnung, gesehen, auf der er beinahe als Kind dargestellt ist?« »Ich weiß, als ein rothaariger Judenjunge mit niederer Stirne und dicken Lippen; er gleicht da dem Sohn des alten Barucco. Also was ist damit? Gefällt dir der andere besser?« »Nein ... Ich denke nur, wie verschieden diese beiden Christusköpfe sind!« »Verschieden?« wunderte sich Cesare. »Aber es ist ja das gleiche Gesicht. Im heiligen Abendmahl ist er nur um etwa fünfzehn Jahre älter ...« »Übrigens,« fuhr er nach einer Weile fort – »hast du vielleicht auch recht, wenn es aber auch wirklich zwei Christusse sind, so gleichen sie einander wie Doppelgänger.« »Wie Doppelgänger!« wiederholte Giovanni zusammenfahrend und stehenbleibend, »wie sagtest du, Cesare, Doppelgänger ?« »Ja, gewiß, warum bist du so erschrocken? hast du denn das nicht selbst bemerkt?« Sie gingen Wieder schweigend weiter. »Cesare!« rief plötzlich Giovanni leidenschaftlich aus. »Siehst du es denn nicht? wie konnte denn der Allmächtige und Allwissende, den der Meister im heiligen Abendmahl dargestellt hat, sich auf dem Ölberge im blutigen Schweiße in Gram verzehren und so kindlich wie wir Menschen um ein Wunder beten: »Laß den Zweck meines Erdendaseins nicht in Erfüllung gehen. Abba, mein Vater, überhebe mich dieses Kelchs«? Aber in diesem Gebete ist doch alles – hörst du, Cesare? – alles enthalten. Ohne dies Gebet gibt es keinen Christus und es ist mir lieber als alle Weisheit! Hätte er nicht so gebetet, so wäre er auch kein Mensch, und könnte nicht so leiden und so sterben, wie wir! ...« »Das meinst du also!« sagte Cesare bedächtig. »Es mag stimmen. Ja, gewiß, ich verstehe dich. Jener Christus auf dem heiligen Abendmahl könnte natürlich nie so beten ...« Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Giovanni konnte nur mit Mühe das Gesicht seines Freundes erkennen: es schien ihm sonderbar verändert. Plötzlich blieb Cesare stehen. Er hob seine Hand und sprach feierlich: »Du willst also wissen, wen er auf dem Heiligen Abendmahl dargestellt hat, wenn nicht deinen Christus, der auf dem Ölberge gebetet hat? Höre also: ›Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbige war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist. Und das Wort ward Fleisch.‹ Hörst du: das Wort, die Weisheit des Herrn, ward Fleisch, seine Jünger verzehrten sich in Angst und Gram, als sie seine Worte hörten: ›Einer unter euch wird mich verraten‹ aber er selbst blieb dabei ruhig und war allen gleich nahe und fremd: dem Johannes, der an seiner Brust saß und dem Judas, der ihn verriet; denn für ihn gab es weder Gut noch Böse, weder Liebe noch Haß, nichts als den Willen des Vaters – die ewige Notwendigkeit: ›Nicht was ich will, sondern was du willst‹. Diese Worte sprach auch dein Christus, der auf dem Ölberge um ein unmögliches Wunder bat. Daher sage auch ich: sie sind Doppelgänger. ›Die Gefühle gehören der Erde, doch die betrachtende Vernunft steht außerhalb der Gefühle‹ – kennst du noch diese Worte Leonardos? In den Gesichtern und Bewegungen der Apostel, dieser größten Menschen, hat er alle menschlichen Gefühle dargestellt; aber der da die Worte sprach: ›Ich habe die Welt besiegt‹ und ›Ich und der Vater sind eins‹, – der ist die betrachtende Vernunft und steht außerhalb der Gefühle. Kannst du dich auch auf die anderen Worte Leonardos über die mechanischen Gesetze besinnen: ›O deine wunderbare Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung!‹ Christus ist dieser Urheber der ersten Bewegung; er ist Anfang und Mittelpunkt einer jeden Bewegung und dabei selbst unbeweglich,‹ sein Christus ist eben diese ewige Notwendigkeit, die sich im Menschen selbst erfaßt hat, und er liebt in sich die göttliche Notwendigkeit und den Willen des Vaters. »Gerechter Vater, die Welt kennet dich nicht; Ich aber kenne dich, und diese erkennen, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kund getan, und will ihn kund tun, auf daß die Liebe, damit du mich liebtest, sei in Ihnen‹. Hörst du: die Liebe kommt hier aus der Erkenntnis. ›Die große Liebe ist die Tochter der großen Erkenntnis‹. Unter allen Menschen hat Leonardo allein dieses Wort des Herrn erfaßt und er hat es in seinem Christus, ›der alles liebt, weil er alles weiß‹, Fleisch werden lassen.« Cesare verstummte, sie gingen schweigend durch die atemlose Stille der immer dichter werdenden kalten Dämmerung. »Weißt du noch, Cesare,« sagte endlich Giovanni, »wie wir vor drei Jahren genau so wie heute durch die Vercellina-Vorstadt gingen und über das Heilige Abendmahl stritten? Du hast damals über den Meister gespottet und behauptet, er werde nie das Antlitz Christi vollenden. Ich aber widersprach dir. Und jetzt bist du mit ihm gegen mich, weißt du, ich hätte nie erwartet, von dir, gerade von dir solche Worte über ihn zu hören!« Giovanni wollte ihm in die Augen blicken, Cesare wandte sich aber ab. »Ich freue mich,« schloß Beltraffio, »daß du ihn liebst und vielleicht noch mehr liebst als ich. Du, willst ihn hassen, und doch liebst du ihn!« Cesare wandte ihm langsam sein bleiches verzerrtes Gesicht zu. »Was hast du dir eigentlich gedacht? Natürlich liebe ich ihn! wie könnte ich anders? Ich will hassen und muß lieben, denn niemand, vielleicht auch er selbst nicht, hat das, was er im Heiligen Abendmahl ausgedrückt hat, so tief erfaßt, wie ich – sein ärgster Feind.« Er lachte wieder gezwungen. »Wie sonderbar doch das Menschenherz beschaffen ist! Wenn wir schon so weit sind, so will ich dir die Wahrheit sagen: ich liebe ihn doch nicht, Giovanni; ich liebe ihn noch weniger, als damals...« »Weshalb?« »Und wenn nur aus dem einzigen Grunde, daß ich selbständig bleiben will – hörst du? Lieber der Allerletzte sein, als sein Ohr, oder sein Auge, seine Zehe! Die Schüler Leonardos sind wie Kücken in einem Adlernest! Mit den wissenschaftlichen Regeln, dem Farbenmeßlöffel und den Nasentabellen mag sich Marco trösten! Ich möchte gern wissen, wie das Antlitz des Herrn geraten wäre, wenn Leonardo selbst alle seine Regeln befolgt hätte! Wenn er uns Kücken nach Adlerart fliegen lehrt, so tut er es natürlich aus purer Herzensgüte: denn er hat Mitleid mit uns, wie mit den blinden Jungen seiner Hofhündin, wie mit einer lahmen Mähre, einem Verbrecher, den er zum Schafott geleitet, um das Zucken seiner Gesichtsmuskeln zu studieren, oder wie mit einer erfrorenen Grille, wie die Sonne ergießt er den Überfluß seiner Güte über alle Dinge ... Aber siehst du, mein Freund: ein jeder hat seinen Geschmack: der eine liebt es, jene erfrorene Grille oder jener Wurm zu sein, den der Meister wie ein heiliger Franziscus von der Straße aufliest und auf ein grünes Matt setzt, damit er nicht zertreten werde. Der andere aber zieht vor... Weißt du, Giovanni, mir wäre es lieber, wenn er mich einfach, ohne viel zu reden, zerträte...« »Cesare,« sagte Giovanni: »wenn dem wirklich so ist, warum verläßt du ihn nicht?« »Und warum verläßt du ihn nicht? Du hast dir wie ein Falter an einem Licht die Flügel versengt und doch flatterst du noch immer um ihn herum und willst durchaus ins Feuer! Vielleicht will aber auch ich in diesem Feuer verbrennen. Wer kann es übrigens wissen? Ich habe aber noch immer eine Hoffnung...« »Worauf hoffst du?« »Es ist vielleicht ein ganz sinnloser, wahnwitziger Gedanke. Aber ich muß wieder und immer wieder denken: wenn nun ein anderer käme, der ihm gleich und doch von ihm verschieden wäre? – ich meine weder Perugino, noch Borgognone, noch den großen Mantegna, denn ich kenne den Wert unseres Meisters und weiß, daß keiner von diesen ihm gefährlich werden könnte, wenn aber doch ein anderer, ein Unbekannter käme? Den einen Wunsch hätte ich dann: den Ruhm des Andern zu sehen und Messer Leonardo zu zeigen, daß auch solche Geschöpfe, die wie ich aus Gnade verschont worden sind, einen anderen ihm vorziehen können; dies würde ihn tötlich verletzen, denn trotz seines Schafpelzes, trotz seines Mitleids und seiner Liebe hat er noch immer einen teuflischen Hochmut! ...« Cesare stockte und kam nicht weiter. Giovanni fühlte, wie er mit seiner zitternden Hand die seinige ergriff. »Ich weiß,« sagte Cesare mit veränderter Stimme, die nun beinahe schüchtern und flehend klang. »Ich weiß, daß du unmöglich von selbst darauf kommen konntest. Wer hat dir gesagt, daß ich ihn liebe? ...« »Er selbst,« erwiderte Beltraffio. »Er selbst? So, so!« sagte Cesare ganz bestürzt. »Er glaubt also...« Seine Stimme stockte. Sie blickten einander an und begriffen, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten und daß jeder zu sehr mit den eigenen Gedanken und Qualen beschäftigt war. Am nächsten Kreuzwege trennten sie sich schweigend und ohne Abschied zu nehmen. Giovanni setzte mit unsicheren schritten seinen Weg fort. Er ging mit gesenktem Kopf, ohne auf den Weg zu achten, über die leeren Gelände am langen geraden Kanal, in dessen schwarzem, gleichsam gußeisernem Wasser sich kein einziger Stern spiegelte. Er blickte stier vor sich hin und wiederholte wie wahnsinnig: »Doppelgänger... Doppelgänger...« XV. Anfang März 1499 erhielt Leonardo vom herzoglichen Rentamt ganz unerwartet das Gehalt für die letzten zwei Jahre. Um jene Zeit war das Gerücht verbreitet, daß Moro, der von der Nachricht von dem zwischen Venedig, dem Papste und dem König geschlossenen, gegen ihn gerichteten Dreibund aufs tiefste erschüttert worden war, sich entschlossen habe, beim ersten Auftauchen der französischen Truppen in der Lombardei zum Kaiser nach Deutschland zu fliehen. Um sich nun die Treue der Untertanen für die Zeit seiner Abwesenheit zu sichern, ermäßigte er die Steuern und Zölle, bezahlte seine Schulden und beschenkte die Höflinge. Etwas später erhielt Leonardo einen neuen Beweis der herzoglichen Huld: »Ludovicus Maria Sforza, der Herzog von Mediolanum, verleiht dem vortrefflichen Künstler, dem Florentiner Leonardus Quintius, sechzehn Joch Ackerland und einen Weinberg, der vom Kloster des heiligen Viktor, genannt ›Vorstadtkloster‹, in der Nähe des Vercellina-Tores erworben worden ist.« so hieß es in der Schenkungsurkunde. Der Künstler begab sich ins Schloß, um dem Herzog zu danken. Die Audienz war für den Abend angesetzt. Leonardo aber mußte bis tief in die Nacht warten, denn Moro hatte eine große Menge von Geschäften zu erledigen. Den ganzen Tag hatte er in langweiligen Unterredungen mit den Rentmeistern und Sekretären verbracht, hatte Rechnungen über Kriegsvorräte, Kanonen, Munition und Pulver geprüft; in dem weit ausgedehnten Netz von Betrug und Verrat, in dem er sich wohl fühlte, wie die Spinne in ihrem Netz, solange er darin Herr war, und in dem er sich jetzt wie eine gefangene Fliege vorkam, hatte er alte Knoten entwirrt und neue geknüpft. Als er endlich mit diesen Arbeiten fertig war, begab er sich in die über einem der Graben des Mailänder Schlosses erbaute Galerie Bramante. Die Nacht war still. Das Schweigen wurde nur von Trompetensignalen, den gedehnten Rufen der Wachtposten und dem eisernen Klirren der rostigen Retten der Zugbrücke unterbrochen. Der Page Ricciardetto steckte in die eisernen Wandarme zwei Fackeln und reichte dem Herzog einen goldenen Teller mit feingeschnittenem Brot. Zwei vom Lichtscheine angelockte weiße Schwäne schwammen über den schwarzen Wasserspiegel langsam gleitend heran. Der Herzog lehnte sich an die Brüstung, warf Brotstückchen ins Wasser und erfreute sich am Anblick der Schwäne, die das Futter auffingen und das Wasser lautlos mit ihren Brüsten durchschnitten. Die Tiere waren ein Geschenk der Markgräfin Isabella d'Este, der Schwester der verstorbenen Beatrice und stammten aus den flachen stillen Gewässern des Mincio bei Mantua, in denen von altersher viele Schwäne nisteten. Moro hatte sie immer geliebt, in der letzten Zeit hatte er aber eine ganz besondere Vorliebe für sie. Er fütterte sie eigenhändig, Abend für Abend; dies war seine einzige Erholung von den quälenden Gedanken über geschäftliche Dinge, über Krieg, Politik und eigenen sowie fremden Verrat. Die Schwäne brachten ihm seine Jugend in Erinnerung; auch als Kind pflegte er in den schläfrigen grün überwucherten Teichen Vigevanos Schwäne zu füttern. Hier in diesem Schloßgraben, zwischen den drohenden Schießscharten, Türmen, Pulverlagern, Kugelpyramiden und Kanonen, von bläulich-silbernem Mondlicht übergossen, erschienen die reinen, weißen stillen Schwäne noch schöner. Das Wasser, das unter ihnen den Himmel spiegelte, war selbst fast ganz unsichtbar und sie glitten schwankend zwischen den Steinen geheimnisvoll wie Gespenster dahin; sie schwebten gleichsam zwischen zwei Himmeln, den beiden gleich nahe und gleich ferne. Hinter dem Herzog ging eine kleine Tür auf und der Cameriere Pusterla blickte hinein. Mit ehrfurchtsvoller Verbeugung näherte er sich dem Herzog und reichte ihm ein Schriftstück. »Was ist es?« fragte der Herzog. »Der Hauptschatzmeister Messer Borgonzio Botto schickt eine Rechnung über Munition, Pulver und Kugeln. Er läßt sich sehr entschuldigen, daß er Ew. Hoheit um diese Stunde noch belästigen muß. Aber die Vorräte müssen beim Tagesanbruch nach Mortara geschickt werden...« Moro ergriff das Papier, ballte es zusammen und warf es fort. »Wie oft habe ich dir gesagt, daß man mich nach der Abendtafel mit keinerlei Geschäften belästigen soll! Mein Gott, mir scheint, sie werden mir bald auch nachts im Bette keine Ruhe gönnen! ...« Der Cameriere zog sich, nach rückwärts schreitend, zur Türe zurück und sagte so leise, daß es der Herzog, wenn er wollte, auch überhören könnte: »Messer Leonardo.« »Ach ja, Leonardo! warum hast du mich nicht schon früher daran erinnert. Er soll eintreten.« Er wandte sich wieder den Schwänen zu und dachte: »Leonardo stört mich nicht.« Auf dem gelben, gedunsenen Gesicht Moros mit den feinen, listigen und gierigen Lippen erschien plötzlich ein gutmütiges Lächeln. Der Herzog fuhr fort, Brotstücke ins Wasser zu werfen, und als der Künstler die Galerie betrat, richtete er auf ihn die Augen mit dem gleichen Lächeln, mit dem er eben den Schwänen zugeschaut hatte. Leonardo wollte vor ihm ein Knie beugen; doch Moro hielt ihn davon ab und drückte ihm einen Kuß auf die Stirne. »Guten Abend! Wir haben uns lange nicht gesehen, wie geht es, Freund?« »Ich muß mich bei Ew. Durchlaucht bedanken...« »Laß doch! Bist du denn solcher Geschenke würdig? Laß mir nur Zeit: ich werde dich schon in ganz anderer Weise zu belohnen wissen.« Er sprach mit dem Künstler von seinen letzten Arbeiten, Erfindungen und Plänen und gerade von solchen, die dem Herzog ganz unmöglich und phantastisch erschienen: so von der Taucherglocke, den Wasserschuhen und den menschlichen Flügeln. So oft aber Leonardo die Rede auf die laufenden Arbeiten brachte und von der Befestigung des Schlosses, dem Martesanakanal und dem Guß des Sforzamonuments sprach, winkte er wie angeekelt und gelangweilt ab. Plötzlich wurde er nachdenklich, verstummte und ließ den Kopf sinken; solche Zustände hatte er in der letzten Zeit öfters. Sein Gesicht nahm einen so weltfremden und gespannten Ausdruck an, als ob er den Gast ganz vergessen hätte. Leonardo nahm Abschied. »Lebe wohl! Lebe wohl!« nickte ihm der Herzog zerstreut zu. Als aber der Künstler schon bei der Türe war, rief er ihn zurück, näherte sich ihm und legte ihm beide Hände auf die Schultern. Er blickte ihn lange mit traurigen Augen an und sagte mit bebender Stimme: »Lebe wohl, lebe wohl, mein Leonardo! wer weiß, ob mir uns unter vier Augen je wiedersehen werden? ...« »Hoheit wollen uns verlassen?« Moro holte tief Atem und sagte nichts. »So stehen die Sachen, mein Freund,« sagte er nach einer längeren Pause. »Sechzehn Jahre haben wir zusammen gelebt, ich habe von dir nur Gutes erfahren und ich glaube, daß auch du mir nichts vorwerfen kannst. Die Leute mögen sagen, was sie wollen, wenn aber in späteren Jahrhunderten jemand Leonardo nennen wird, so wird er auch des Herzogs Mora gedenken müssen.« Der Künstler war kein Freund von Zärtlichkeiten; er sprach daher auch jetzt den einzigen Satz, den er bei allen Gelegenheiten, die höfliche Redensarten erheischten, anzuwenden pflegte: »Signore, ich wünschte, ich hätte mehrere Leben, um sie dem Dienste Ew. Durchlaucht zu weihen.« »Ich glaube es dir,« sagte Moro. – »Einmal wirst du auch meiner mit Mitleid gedenken...« Er kam nicht weiter, schluchzte auf und umarmte und küßte den Künstler. »Nun, helfe dir Gott, helfe dir Gott! ...« Als Leonardo fort war, saß Moro noch lange in der Galerie Bramante und beobachtete die Schwäne. 5ein Herz war von einem Gefühl erfüllt, das er in keine Worte kleiden konnte. Er dachte daran, wie ihm Leonardo in seinem finsteren, vielleicht verbrecherischen Leben wie ein weißer Schwan erschienen sei, einer von denen, die jetzt vor ihm über das schwarze Wasser des Festungsgrabens, zwischen den drohenden Schießscharten, Türmen, Pulverlagern, Kugelpyramiden und Kanonen vorüberglitten, – wie diese nutzlos und schön, rein und keusch. In der Stille der Nacht vernahm man nur, wie von den heruntergebrannten Fackeln die Tropfen fielen. In dem rötlichen Fackelschein, der mit dem blauen Mondlicht zusammenfloß, schaukelten die Schwäne, geheimnisvoll wie Gespenster; von Sternen umgeben, zwischen den beiden Himmeln, beiden gleich nahe und gleich ferne – schlummerten sie, wie ihre Doppelgänger im schwarzen Wasserspiegel. XVI. Trotz der späten Nachtstunde begab sich Leonardo direkt vom Herzog ins Kloster San Franzesco, wo sich sein kranker Schüler Giovanni Beltraffio befand. Vor vier Monaten, gleich nach seinem Gespräch mit Cesare über die beiden Christusköpfe, war er an einem hitzigen Fieber erkrankt. Es war Ende Dezember 1498, als Giovanni einmal seinen früheren Lehrer Fra Benedetto besuchte und bei ihm den aus Florenz zugereisten Dominikanermönch Fra Pagolo kennen lernte. Auf Bitten Benedettos und Giovannis erzählte er ihnen über Savonarolas Tod. Die Hinrichtung war für den 23. Mai 1498 um neun Uhr morgens festgesetzt. Sie fand auf dem gleichen Signoria-Platze vor dem Palazzo Vecchio statt, wo sich auch die Verbrennung der Eitelkeiten und die Feuerprobe abgespielt hatten. Am Ende eines langen Brettersteges war ein Scheiterhaufen errichtet und über ihm erhob sich der Galgen – ein in die Erde eingerammter Pfosten mit einem Querbalken, an dem drei Schlingen und Eisenketten befestigt waren. Die Arbeiter mühten sich vergeblich mit dem Querbalken ab: bald verkürzten sie, bald verlängerten sie ihn, – aber der Galgen blieb immer einem Kreuze ähnlich. Der Platz, die Loggien, Fenster und Dächer waren wie am Tage der Feuerprobe von unzähligen Menschenmassen gefüllt. Aus dem Tore des Palazzo traten die Delinquenten – Girolamo Savonarola, Dominica Buonvincini und Silvestro Maruffi. Sie gingen über den Steg und blieben vor der Tribüne des von Papst Alexander VI. gesandten Bischofs stehen. Der Bischof erhob sich, ergriff die Hand des Fra Girolamo und sprach mit unsicherer Stimme den Text der Exkommunikation. Er wagte nicht, seine Augen auf Savonarola zu heben, aber dieser sah ihm gerade ins Gesicht. Die letzten Worte sprach er falsch: » Separo te Ecclesia militante atque triumphante – Ich stoße dich aus der streitenden und sieghaften Kirche aus.« »Militante, non triumphante, hoc enim tuum non est« verbesserte ihn Savonarola: »Aus der streitenden, aber nicht sieghaften, denn dieses ist nicht in deiner Macht.« Den Exkommunizierten wurden die Kleider vom Leibe gerissen und sie setzten halbnackt, nur mit dem Hemd bekleidet, ihren Weg fort, sie mußten noch zweimal stehen bleiben: einmal vor der Tribüne der apostolischen Kommissäre, die ihnen den Beschluß des geistlichen Gerichts vorlasen und dann noch vor der der Acht Männer der Florentinischen Republik, die ihnen im Namen des Volkes das Todesurteil verkündeten. Auf der letzten Strecke stolperte Fra Silvestro und fiel beinahe hin; auch Dominico und Savonarola stolperten an der gleichen Stelle: später stellte sich heraus, daß einige Gassenjungen, frühere Soldaten des heiligen Heeres der Kinderinquisition, sich unter den Steg geschlichen und durch die Ritzen zwischen den Brettern spitze Stöcke gesteckt hatten, um den zum Tode verurteilten Mönchen die Füße zu verwunden. Der geisteskranke Fra Silvestro Maruffi mußte als erster den Galgen besteigen. Als er die Leiter emporkletterte, bewahrte er seinen blöden Gesichtsausdruck und schien gar nicht zu verstehen, was mit ihm vorging. Als aber der Henker ihm die Schlinge um den Hals gelegt hatte, hob er seine Augen gen Himmel und rief: »Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!« Und dann sprang er selbst ohne Hilfe des Henkers verständig und furchtlos von der Leiter. Fra Dominico trat, von freudiger Ungeduld erfüllt, von einem Fuß auf den andern; als ihm der Henker heranwinkte, stürzte er so ungestüm und mit solch einem glücklichen Lächeln zum Galgen, als gelte es ins Paradies einzutreten. Silvestro hing an einem Ende des Querbalkens, Dominico am andern. Der Platz in der Mitte war für Savonarola bestimmt. Er kletterte die Leiter hinauf, blieb oben stehen und senkte seinen Blick auf das Volk. Es trat ebensolche Stille ein, wie einst im Dome Maria del Fiori vor seiner Predigt. Als er aber seinen Kopf in die Schlinge steckte, rief ihm jemand zu: »Prophet, zeige uns ein Wunder!« Es war niemandem klar, ob es Hohn oder ein Schrei wahnsinnigen Glaubens gewesen war. Der Henker stieß ihn von der Leiter. Ein alter Handwerker mit einem gutmütigen, frommen Gesicht, der seit einigen Stunden am Scheiterhaufen darauf gelauert hatte, bekreuzigte sich beim Anblick des hängenden Fra Girolamo und steckte eine brennende Fackel in den Scheiterhaufen. Er tat es mit den gleichen Worten, mit denen Savonarola einst den Scheiterhaufen mit den Eitelkeiten und Anathemas in Brand gesteckt hatte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Die Flammen loderten auf. Doch der Wind trieb sie zur Seite. Durch die Menge ging eine Bewegung. Die Leute drängten einander und flohen von Schrecken erfaßt? man hörte schreien: »Ein Wunder! Ein Wunder! Ein Wunder! Sie brennen nicht!« Aber der Wind legte sich. Die Flammen schlugen wieder hoch und ergriffen die Leichen. Der Strick, mit dem die Hände des Fra Girolamo gefesselt waren, verkohlte, die Hände lösten sich, fielen herab und regten sich im Feuer; und vielen schien es, daß Savonarola zum letzten Male das Volk segne. Als der Scheiterhaufen abbrannte und an den eisernen Ketten nur noch verkohlte Knochen und Fleischstücke hingen, drängten sich Savonarolas Schüler zum Galgen, um die sterblichen Reste der Märtyrer aufzulesen. Die Wachen trieben sie zurück und brachten die Asche auf einem Wagen zum Ponte Vecchio, um sie in den Fluß zu werfen. Doch gelang es den »Greinern«, einige Prisen Asche und Teile des Herzens Savonarolas, das angeblich unversehrt geblieben, zu erhaschen. Schließlich zeigte Fra Pagolo seinen Zuhörern einen kleinen Beutel mit jener Asche. Fra Benedetto küßte lange die Reliquie und benetzte sie mit seinen Tränen. Die beiden Mönche gingen zur Vesper. Giovanni blieb allein zurück. Als sie zurückkehrten, fanden sie Giovanni bewußtlos auf dem Fußboden vor dem Kruzifix liegen; in seinen starren Fingern hielt er die Reliquie. Drei Monate lang schwebte Giovanni zwischen Leben und Tod. Fra Benedetto verließ ihn keinen Augenblick. Oft durchwachte er ganze Nächte am Bette des Kranken. Er lauschte seinen Fieberphantasien und ein Grauen überkam ihn zuweilen. Giovanni phantasierte über Savonarola, Leonardo da Vinci und die heilige Jungfrau, die mit ihrem Finger im Wüstensande geometrische Figuren zeichnete und so das Jesuskind in den Gesetzen der ewigen Notwendigkeit unterrichtete. »Warum betest du?« wiederholte immer wieder der Kranke, sich unsagbar quälend. »Weißt du denn nicht, daß es keine Wunder gibt und daß dich dein Kelch ebenso gewiß erreichen wird, wie die Gerade der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist?« Auch ein anderes Gesicht schien ihn zu quälen: er sah zwei entgegengesetzte und doch einander wie Doppelgänger gleichende Christusantlitze vor sich: das eine voller menschlicher Leiden und Ohnmacht, das Antlitz dessen, der auf dem Ölberge um ein Wunder gebetet hatte; das andere – erschreckend und fremd, das Antlitz des Allwissenden und Allmächtigen, des Wortes, das Fleisch ward, – das Antlitz des Urhebers der ersten Bewegung. Beide standen einander gegenüber wie zwei Gegner in ewigem Zweikampfe. Und als Giovanni genauer hinsah, verdunkelte und verzerrte sich das Antlitz des Leidenden und Demütigen, es glich immer mehr dem Antlitze jenes Dämons, den Leonardo einst in seiner Karrikatur auf Savonarola dargestellt hatte; und er erhob Klage gegen seinen Doppelgänger und nannte ihn den Antichristen ... Fra Benedetto rettete das Leben Beltraffios. Als dieser sich Anfang Juni 1499 so weit erholt hatte, daß er wieder gehen konnte, kehrte er, trotz aller Ermahnungen und Bitten des Mönches, in die Werkstatt Leonardos zurück. Ende Juli des gleichen Jahres überschritt das Heer des Königs Ludwig\ XII. von Frankreich unter dem Oberbefehl der Herren Aubigny, Louis Luxembourg und Gian-Jacopo Trivulzio die Alpen und kam in die Lombardei. Zehntes Buch Stille Wellen I. Eine kleine eisenbeschlagene Türe im nordwestlichen Turme der Rocchetta führte in ein Kellergewölbe, in dem viele eichene Kisten standen. Hier war die Schatzkammer Moros. Über der Türe befand sich ein unvollendetes Fresko von Leonardos Hand; es stellte Gott Merkur in Gestalt eines drohenden Engels dar. In der Nacht auf den 1.\ September 1499 waren in der Schatzkammer der Hofschatzmeister Ambrogio da Ferrari und der Verwalter der herzoglichen Einkünfte Borgonzio Botto mit ihren Beamten versammelt; sie füllten gemünztes Gold, Perlen, die sie wie Getreide mit vollen Kellen schöpften, und andere Kostbarkeiten in Ledersäcke und versiegelten diese. Diener trugen die Säcke in den Garten und luden sie auf Maultiere. Dreißig Maultiere waren bereits mit zweihundertvierzig Säcken beladen, doch sah man beim Scheine der heruntergebrannten Kerzen noch ganze Haufen Dukaten in den Kisten liegen. Moro saß vor der Türe der Schatzkammer an einem Schreibpult, auf dem viele Rechnungsbücher lagen, und starrte, ohne auf die Arbeit der Schatzmeister zu achten, wie geistesabwesend in die Flamme der Kerze. Von jenem Tage an, als ihn die Nachricht von der Flucht seines ersten Feldherrn Signor Galeazzo Sanseverino und von dem Marsche der Franzosen gegen Mailand erreicht hatte, war er in diesen Zustand von Starre verfallen. Als alle Schätze verpackt waren, fragte ihn der Schatzmeister, ob er auch das Gold- und Silbergeschirr mitzunehmen gedenke, oder ob er es zurücklassen wolle. Moro blickte ihn geistesabwesend und doch mit der größten Anspannung an, als ob es ihm unsagbare Mühe koste, die Frage zu verstehen. Er wandte sich aber gleich ab und starrte wieder in die Flamme. Als Messer Ambrogio seine Frage wiederholte, wandte sich der Herzog gar nicht mehr um. Die Beamten entfernten sich, ohne eine Antwort erhalten zu haben. Moro blieb allein. Der alte Cameriere Mariolo Pusterlo meldete den neuen Festungskommandanten Bernardino da Corte. Moro fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, erhob sich und sagte: »Ja, gewiß. Er soll eintreten.« Er hatte stets den Vertretern vornehmer Geschlechter mißtraut und ihnen Menschen ganz niederer Herkunft vorgezogen, die Ersten zu Letzten, die Letzten zu Ersten gemacht. Unter seinen höchsten Beamten befanden sich Söhne von Ofenheizern, Gärtnern, Köchen und Maultiertreibern. Bernardino war der Sohn eines Hoflakaien und späteren Hofküchenbuchhalters und hatte in seiner Jugend selbst eine Livree getragen. Moro hatte ihn zu den höchsten Würden emporgehoben und erwies ihm nun die größte Ehre, indem er ihn mit der Verteidigung der Mailänder Zitadelle, der letzten Feste seiner Macht in der Lombardei betraute. Der Herzog empfing den neuen Präfekten sehr gnädig. Er bot ihm einen Sessel an, entfaltete vor ihm die Festungspläne und erklärte ihm die Signale, mit denen die Besatzung der Festung sich mit den Einwohnern der Stadt zu verständigen hatte: die Notwendigkeit rascher Hilfe wurde am Tage durch ein krummes Gartenmesser, nachts durch drei brennende Fackeln auf dem Hauptturme der Festung angezeigt; ein am Turme der Bona Savoja ausgehängtes Laken bedeutete den Verrat der Soldaten; ein aus einer Schießscharte an einem Strick hängender Stuhl – Mangel an Pulver; ein Frauenrock – Mangel an Wein; eine schwarze Hose – Mangel an Brot; ein irdenes Nachtgeschirr bedeutete, daß man einen Arzt brauchte. Moro hatte diese Zeichen selbst erfunden. Er tröstete sich mit ihnen, einfältig wie ein Kind, und glaubte, daß in ihnen seine letzte Hoffnung und Rettung sei. »Also siehst du, Bernardino,« schloß er seine Erläuterungen, »alles ist vorgesehen; du hast genügende Vorräte an Geld, Pulver, Lebensmitteln und Geschützen; dreitausend Söldner haben ihren Lohn im voraus bekommen. Ich gebe dir eine Festung, die einer dreijährigen Belagerung stand halten kann; ich bitte dich aber, nur drei Monate auszuharren, und wenn ich dir bis dahin nicht zu Hilfe komme, so kannst du tun, was dir beliebt. – Das wäre, glaube ich, alles. Lebe wohl! Gott schütze dich, mein Sohn!« Zum Abschied umarmte er ihn. Als der Präfekt fort war, befahl Moro dem Pagen, sein Feldbett zu richten; er betete, legte sich hin, doch er konnte nicht einschlafen. Er steckte sich wieder eine Kerze an, holte aus seiner Reisetasche ein Päckchen Papiere, und entnahm diesem das Gedicht des Konkurrenten des Bellincioni – eines gewissen Antonio Camelli-da-Pistoja, der den Herzog, seinen ehemaligen Wohltäter, in Stich gelassen und sich zu den Franzosen begeben hatte. In diesem Gedicht wurde der Krieg Moros gegen Frankreich als Kampf zwischen der geflügelten Schlange des Hauses Sforza und dem alten gallischen Hahn beschrieben: Ich seh den Kampf des Hahnes mit dem Drachen: Sie haben sich umschlungen und umklammert. Der Drache hat ein Auge schon verloren Und will entfliehen, doch er kann es nicht: Der Hahn umklammert fest den Kopf der Schlange Und diese windet sich in Wut und Schmerz. Der Drache stirbt, der gall'sche Hahn wird König! Den Wurm, der sich als Weltbeherrscher wähnte, Verachten alle Menschen und auch Tiere Und selbst der Rabe, der sich nährt von Aas. Ein Memme war er stets und nur in diesem Streite Erschien sein feiges Herz voll Mannesmut. Weil du den Feind ins eigne Land gerufen Und deinen Neffen seines Trons beraubt, Hat Gott dir eine Plage nun gespendet, Von der dich, Moro, nur der Tod erlöst. Und wenn du an dein Glück noch denkst zurück, So wirst du, Sohn des Condottiere, Voll Schrecken starren in die Leere, Die dir verschlungen hat dein Glück. Diese unverdiente Beleidigung erfüllte Moros Herz mit einem bitteren und zugleich beinahe wollüstigen Gefühl. Er mußte an die sklavisch-devoten Hymnen, die der gleiche Antonio Camelli-da-Pistoja vor nicht allzu langer Zeit an ihn richtete, denken: Wer Moros Herrlichkeit erschaut, erstarrt In heil'gem Grauen, wie vor der Meduse. – Du Herr von Frieden und von Krieg, Mit deinen Füßen trittst du auf den Himmel Und auf die Erde. Wenn du, o Herzog, einen Finger hebst, Steht still die Welt! Als erster neben Gott regierest du Des Weltalls Steuer und das Rad Fortunas. Mitternacht war längst vorüber. Die Kerze war ganz heruntergebrannt und ihre Flamme zuckte im Erlöschen. Der Herzog aber ging noch immer in der finsteren Schatzkammer auf und ab. Er dachte an seine Leiden, an die Ungerechtigkeit des Schicksals und an die Undankbarkeit der Menschen. »Was habe ich ihnen getan? Warum hassen sie mich so? Sie sagen, ich sei ein Verbrecher und Mörder. Dann waren aber Romulus, der seinen Bruder tötete, Caesar und Alexander und alle Helden des Altertums – nur Verbrecher und Mörder! Ich wollte ihnen ein neues Goldenes Zeitalter geben, wie es die Völker seit Augustus, Trajan und Antonius nicht gesehen haben. Es hatte noch wenig gefehlt – und unter meiner Herrschaft wären im vereinigten Italien die alten Lorbeeren Apollos und die Olivenbäume Athenas erblüht; ein Reich des ewigen Friedens, das Reich der göttlichen Musen wäre angebrochen. Ich war der erste unter den Fürsten, der seinen Ruhm nicht in blutigem Streite, sondern in den Früchten des goldenen Friedens – in der Aufklärung suchte. Bramante, Paccioli, Caradosso, Leonardo und noch viele andere Namen werden auch in den entferntesten Zeiten, wenn das eitle Klirren der Waffen längst verstummt sein wird, neben dem Namen Sforza genannt werden! was hätte ich noch alles vollbracht, auf welche Höhe hätte ich, ein neuer Perikles, mein neues Athen erhoben, wenn nicht diese wilde Horde der nordischen Barbaren ...! Mein Gott, mein Gott, warum muß ich das erleben?« Er ließ seinen Kopf sinken und wiederholte die Verse des Dichters: Dann wirst du, Sohn des Condottiere Voll Schrecken starren in die Leere, Die dir verschlungen hat dein Glück! Die Kerze flackerte zum letzten Mal auf, die Flamme beleuchtete die Gewölbe des Turmes und den Merkur über der Türe der Schatzkammer und erlosch. Der Herzog fuhr zusammen, denn das letzte Aufflackern eines verlöschenden Lichtes galt als schlimmes Vorzeichen. Um Ricciardetto nicht zu wecken, suchte er im Finsteren tastend sein Bett auf, entkleidete sich, legte sich nieder und schlief sofort ein. Er sah sich im Traume vor Madonna Beatrice knien, die erst eben von einem Liebesstelldichein ihres Gatten mit Madonna Lucrezia erfahren hatte, ihn beschimpfte und auf die Backe schlug. Es tat ihm weh, doch er fühlte sich nicht beleidigt: denn er war froh, daß sie lebte. Er ließ sich gehorsam schlagen, haschte nach ihren kleinen braunen Händen, um sie an die Lippen zu drücken und weinte vor Liebe und Mitleid mit ihr. Plötzlich sah er statt Beatrice – den Gott Merkur, wie er von Leonardo auf dem Fresko über der eisernen Türe als drohender Engel dargestellt war, vor sich stehen. Der Gott hatte ihn beim Haarschopf gepackt und schrie ihn an: »Narr! Narr! Worauf hoffst du noch? Du glaubst wohl, daß dir alle deine Schliche helfen werden, der göttlichen Strafe zu entrinnen? Du Mörder!« Als er erwachte, drang durch die Fenster das erste Morgenlicht ein. Ritter, Würdenträger und Soldaten, die ihn nach Deutschland begleiten sollten, – im ganzen etwa dreitausend Berittene, erwarteten den Herzog in der Hauptallee des Parkes und auf der Landstraße, die gen Norden – zu den Alpen führte. Moro ritt noch zum Kloster delle Grazie, um zum letzten Mal am Grabe seiner Frau zu beten. Als die Sonne eben aufging, setzte sich der traurige Zug in Bewegung. II. Da die Straßen infolge des herbstlichen Unwetters schlecht waren, verzögerte sich die Reise um mehr als zwei Wochen. Am 18. September, auf einer der letzten Tagereisen, beschloß der Herzog, der müde und krank war, auf einer Höhe in einer Höhle, die sonst nur Hirten als Zuflucht diente, zu übernachten. Es wäre wohl möglich gewesen, einen ruhigeren und bequemeren Ort zum Übernachten zu finden, aber Moro wählte absichtlich diese Wildnis zur Begegnung mit dem Gesandten des Kaisers Maximilian. Ein Holzfeuer beleuchtete die Stalaktiten auf den tief herabhängenden Wölbungen der Höhle. In der Feldküche wurden Fasanen zum Abendessen gebraten. Der Herzog saß auf einem aus Riemen geflochtenen Feldstuhl, in warme Decken eingehüllt, mit einer Wärmflasche an den Füßen. Madonna Lucrezia, heiter und ruhig wie immer, spielte die Hausfrau; jetzt bereitete sie für den Herzog ein von ihr selbst erfundenes Spülwasser gegen Zahnschmerzen; es bestand aus Wein, Pfeffer, Nelken und anderen starkriechenden Gewürzen. Der Herzog hatte Zahnweh. »So stehen die Sachen, Messer Odoardo,« sagte er zum kaiserlichen Gesandten; die Größe seiner Leiden schien ihn mit einem gewissen Stolz zu erfüllen. »Ihr könnt seiner Majestät berichten, wo und in welchem Zustande Ihr den rechtmäßigen Herzog der Lombardei angetroffen habt!« Er hatte wieder einen jener Anfälle von Geschwätzigkeit, die jetzt oft seinen Zuständen von Starre und Geistesabwesenheit folgten. »Füchse haben ihre Löcher, Vögel ihre Nester, ich allein finde keine Zufluchtstätte!« »Corio,« wandte er sich zum Hofhistoriographen: »vergiß nicht in deiner Chronik auch dieses Nachtlager in der Höhle zu erwähnen, dieser letzten Zufluchtsstätte des Nachkommen der großen Sforzas aus dem Geschlechte des trojanischen Helden Anglus, des Begleiters des Aeneas!« »Signore, Euer Mißgeschick ist der Feder eines neuen Tacitus würdig!« bemerkte Odoardo. Lucrezia reichte dem Herzog das Mundwasser. Er sah sie an und konnte seinen entzückten Blick nicht von ihr wenden. Sie stand blaß, aber frisch im rosigen Widerschein der Flamme, mit ihrem schwarzen, glatt über die Ohren gekämmten Haar und einem Diamanten auf dem schmalen Stirnreif. Sie blickte lächelnd auf ihn, voll mütterlicher Zärtlichkeit und zugleich etwas scheu mit ihren aufmerksamen, ernsten und kindlich unschuldigen Augen. »Mein Lieb! Du wirst mich nie verraten, nie verlassen!« dachte er sich. Als er mit dem Spülen fertig war, sagte er: »Corio, notiere dir: Im Schmelzofen der großen Leiden wird echte Freundschaft geprüft, so wie das Gold im Feuer.« Der Zwerg und Hofnarr Janacchi näherte sich dem Herzog. Er kauerte sich zu seinen Füßen, klopfte ihm freundschaftlich aufs Knie und sagte: »Gevatter, he Gevatter! Was läßt du deine Nase hängen und bläst Trübsal? Laß das! Für jedes Leid gibt es eine Arznei, nur für den Tod nicht. In der Tat: es ist besser ein lebender Esel, als ein toter König zu sein. – Sättel!« schrie er plötzlich, auf einen Haufen Pferdegeschirr weisend. »Gevatter, sieh nur hin: da sind Eselsättel!« »Worüber freust du dich so?« fragte der Herzog. »Es ist ein altes Märchen, Moro! Du solltest es eigentlich hören, soll ich es dir erzählen?« »Meinetwegen kannst du es erzählen.« Der Zwerg sprang auf, so daß alle seine Schellen klirrten, und fuchtelte mit seinem Narrenstab, an dem eine mit Erbsen gefüllte Schweinsblase hing. »Beim König Alfonso von Neapel lebte der Maler Giotto. Der König befahl ihm einmal, sein ganzes Königreich auf einer Wand im Schlosse darzustellen. Giotto malte einen Esel, der auf dem Rücken einen Sattel mit dem königlichen Wappen, Krone und Szepter trug und einen anderen neuen Sattel, mit dem gleichen Wappen, der zu seinen Füßen lag, beschnupperte. ›Was hat das zu bedeuten?‹ fragte ihn Alfonso. – ›Es ist Euer Volk, Majestät,‹ erwiderte der Künstler, ›das sich jeden Tag einen neuen Herrscher wünscht.‹ – Das ist mein ganzes Märchen, Gevatter. Ich bin zwar ein Narr, doch spreche ich die Wahrheit: der französische Sattel, den jetzt die Mailänder beschnuppern, wird ihnen bald den Rücken wundreiben; laß den Esel nur seine Freude daran haben: bald wird ihm der alte Sattel wieder neu erscheinen und der neue – alt.« » Stulti aliquando sapientes . – Die Narren sind manchmal weise,« sagte der Herzog mit traurigem Lächeln. »Corio, notiere dir ...« Diesmal war es ihm nicht gegönnt, den bemerkenswerten Ausspruch zu diktieren: denn er hörte vor der höhle Pferdegewieher, Klirren von Hufeisen und mehrere gedämpfte Stimmen. Der Cameriere Mariolo Pusterlo kam hereingestürzt und flüsterte ganz erschrocken dem ersten Sekretär Bartolomeo Calco etwas ins Ohr. »Was gibt's?« fragte Moro. Alle verstummten. »Hoheit, ...« begann der Sekretär. Aber seine Stimme versagte und er wandte sich erschauernd ab. »Signore,« sagte Luigi Marliani, sich dem Herzog nähernd. »Der Herr möge Ew. Durchlaucht beschützen! Ihr müßt Euch auf alles gefaßt machen. Es ist eine schlimme Nachricht ...« »Redet doch! Sagt alles!« schrie Moro erbleichend. Sein Blick fiel auf einen Mann in kotbespritzten Reiterstiefeln, der unter den Hofbediensteten und Soldaten am Eingänge der Höhle stand. Alle machten ihm schweigend Platz. Der Herzog stieß Messer Luigi zur Seite, stürzte zum Boten, und entriß ihm einen Brief. Er entfaltete und las das Schreiben, schrie auf und fiel in Ohnmacht. Pusterlo und Marliani gelang es noch, ihn in ihre Arme aufzufangen. Borgonzio Botto teilte mit, daß am 17. September, dem Tage des heiligen Satyrus, der Verräter Bernardino da Corte die Mailänder Feste dem Marschalle des Königs von Frankreich, Gian-Jacopo Trivulzio, übergeben hatte. Der Herzog liebte es in Ohnmacht zu fallen und war darin ein großer Künstler. Manchmal gebrauchte er dies Mittel als diplomatischen Trick. Diesmal aber war die Ohnmacht echt. Man konnte ihn lange nicht zum Bewußtsein bringen. Endlich öffnete er die Augen, seufzte auf, erhob sich, bekreuzte sich inbrünstig und sprach: »Seit Judas gab es noch keinen größeren Verräter als Bernardino da Corte!« An diesem Tag sprach er kein Wort mehr. Einige Tage später befand er sich schon in Innsbruck, wo ihn Kaiser Maximilian höchst gnädig aufgenommen hatte. Zu einer späten Nachtstunde ging er in einem Saal des kaiserlichen Schlosses auf und ab und diktierte seinem ersten Sekretär Bartolomeo Calco Beglaubigungsschreiben für die Gesandten, die er heimlich nach Konstantinopel zum Sultan schicken wollte. Das Gesicht des alten Sekretärs drückte nichts als gespannte Aufmerksamkeit aus. Seine Feder flog gehorsam über das Papier und konnte kaum dem raschen Diktat Moros folgen. »Indem Wir stets fest und unerschütterlich in Unseren guten Vorsätzen und in Unseren freundschaftlichen Gefühlen Ew. Majestät gegenüber sind und nun auf die großmütige Beihilfe des Herrschers des Ottomanischen Reiches zur Wiedererlangung Unseres Landes hoffen, haben wir beschlossen, drei Boten auf drei verschiedenen Wegen zu schicken, damit wenigstens einer Unsere Aufträge ausführe.« Weiter beklagte er sich beim Sultan über den Papst Alexander VI.: »Der Papst, der von Natur aus hinterlistig und schlecht ist...« Die leidenschaftslose Feder des Sekretärs stockte. Er hob die Brauen, runzelte die Stirne und fragte in der Annahme, daß er falsch verstanden habe: »Der Papst?« »Ja, der Papst. Schreibe rascher.« Der Sekretär beugte seinen Kopf noch tiefer und kritzelte weiter. »Der Papst, der, wie es Ew.\ Majestät bekannt ist, von Natur aus hinterlistig und schlecht ist, hat den König von Frankreich zu einem Feldzug gegen die Lombardei bewogen.« Weiter wurden die Siege der Franzosen beschrieben. »Als Wir von den Siegen erfuhren, gerieten Wir in solche Angst,« gestand Moro ein, »daß Wir es vorzogen, Uns zum Kaiser Maximilian zu begeben und hier auf die Hilfe Ew.\ Majestät zu warten. Alle haben Uns betrogen und verraten, am meisten aber Bernardino ...« Bei diesem Namen zitterte seine Stimme. »Bernardino da Corte ist eine Schlange, die Wir an Unserem Busen großgezogen, ein Sklave, den wir mit Unseren Gnadenbeweisen und reichen Gaben überschüttet haben; und er hat Uns wie Judas verraten ... – Nein, warte: das mit dem Judas gehört nicht hinein ...« Ihm fiel ein, daß der Brief doch an einen ungläubigen Türken gerichtet war. Nachdem er seine Leiden beschrieben, bat er den Sultan, Venedig von der Land- und der Seeseite zu überfallen und prophezeite ihm einen sicheren Sieg und die vollständige Vernichtung der San Marco-Republik – des Erbfeindes des Ottomanischen Reiches. »Ew. Majestät,« schloß er den Brief, »dürfen, wie in diesem Kriege, so auch in jedem andern Unternehmen über alles, was Wir besitzen, verfügen, denn Ew.\ Majestät können wohl in ganz Europa keinen stärkeren und treueren Bundesgenossen finden, als Wir es sind.« Er ging zum Schreibtisch, um noch etwas hinzuzufügen, doch gab er es auf und sank erschöpft in einen Sessel. Bartolomeo streute Sand auf die letzte Seite, die noch nicht ganz trocken war. Plötzlich hob er den Blick auf seinen Herrn: der Herzog hatte sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt und weinte. Sein Rücken und seine Schultern, das weiche Doppelkinn, die bläulichen, glattrasierten Wangen, seine glatte Frisur – die Zazzera – alles zitterte unter dem Schluchzen. »Wofür? Wofür? Herr, wo ist deine Gerechtigkeit?« Er wandte sein runzliges Gesicht, das in diesem Augenblick dem eines alten verweinten Weibes glich, dem Sekretär zu und sagte: »Bartolomeo, dir vertraue ich; sag mir aufrichtig, ob ich im Rechte oder Unrechte bin?« »Durchlaucht denken dabei an die Gesandtschaft zum Türken?« Moro nickte bejahend. Der alte Diplomat hob nachdenklich seine Brauen, spitzte die Lippen und runzelte die Stirne. »Einerseits steht ja fest, daß man unter Wölfen heulen soll; aber andererseits ... Ich erlaube mir Ew.\ Hoheit den Vorschlag zu machen, noch etwas zu warten ...« »Um nichts in der Welt!« rief Moro erregt aus. »Ich habe genug gewartet! Ich will ihnen zeigen, daß man einen Herzog von Mailand nicht wie einen überflüssigen Bauer im Schachspiel hinauswerfen darf! Siehst du, mein Freund: wenn der Gerechte leidet, wie es mein Fall ist, so darf ihn niemand verurteilen, und wenn er nicht nur die Hilfe des Großtürken, sondern auch die des Teufels anruft!« »Hoheit,« sagte der Sekretär mit einschmeichelnder Stimme, »wäre denn nicht zu befürchten, daß die Berufung der Türken nach Europa unerwartete Folgen ... sagen wir für die christliche Kirche haben könnte?« »Bartolomeo, glaubst du denn, daß ich nicht schon selbst darüber nachgedacht habe? Ich will lieber tausendmal den Tod erleiden, als unserer Mutter, der Kirche, auch den geringsten Schaden zuzufügen. Daß Gott mich davor bewahre!« »Du kennst noch nicht alle meine Pläne,« fügte er mit seinem früheren listigen und gierigen Lächeln hinzu. »Laß mir nur Zeit! Ich werde den Feinden schon eine Suppe einbrocken und sie so umgarnen, daß es ihnen angst und bange werden wird! Eines will ich dir nur sagen: der Großtürke ist nur ein Werkzeug in meiner Hand. Wenn die Zeit kommt, werden wir auch ihn vernichten, die gottlose Sekte Mohammeds aus der Welt schaffen und das Heilige Grab vom Joche der Ungläubigen erlösen! ...« Bartolomeo antwortete nichts und blickte finster zu Boden. »Schlecht steht es mit ihm!« dachte er sich. »Ganz schlecht! Er hat sich verrannt. Was für eine Politik kann dabei herauskommen?!« In dieser Nacht betete der Herzog lange mit heißem Glauben und in der Hoffnung auf die Hilfe des Großtürken vor seinem liebsten Heiligenbilde, auf dem Leonardo die schöne Geliebte Moros, Gräfin Cecilia Bergamini, als Mutter Gottes dargestellt hatte. III. Zehn Tage vor der Übergabe der Mailänder Zitadelle war Marschall Trivulzio, mit den Freudenrufen des Volkes: »Frankreich! Frankreich!« und mit Glockengeläute empfangen, in Mailand wie in eine eroberte Stadt eingezogen. Der feierliche Einzug des Königs sollte am 6. Oktober stattfinden. Die Bürger rüsteten sich zum festlichen Empfang. Im Festzug sollten auch zwei Engel, die vor fünfzig Jahren in den Tagen der Ambrosianischen Republik Genien der Volksfreiheit dargestellt hatten, und die jetzt von den Handelssyndici aus der Schatzkammer des Domes herausgeholt wurden, Verwendung finden. Die alten Federn, die die vergoldeten Flügel antrieben, hatten nachgelassen. Die Engel wurden daher dem ehemaligen herzoglichen Mechaniker Leonardo da Vinci in Reparatur gegeben. Um jene Zeit war Leonardo mit dem Bau einer neuen Flugmaschine beschäftigt. Eines Morgens, als es noch finster war, saß er bei seinen Zeichnungen und mathematischen Berechnungen. Das leichte Rohrgerippe der Flügel, das mit Taffet wie mit einer Schwimmhaut überzogen war, erinnerte nicht mehr an eine Fledermaus, wie die erste Maschine, sondern an eine Riesenschwalbe. Das feine, spitze und überaus schöne Gebilde eines schon fertigen Flügels reichte vom Boden bis zur Decke; unten in seinem Schatten saß Astro, mit der Ausbesserung der beschädigten Sprungfedern an den beiden hölzernen Engeln der Mailänder Kommune beschäftigt. Diesmal wollte Leonardo mit seinem Flugapparat dem Körperbau der Vögel nahekommen, denn darin hatte die Natur selbst dem Menschen das Modell eines Flugapparats geliefert. Er ließ sich noch immer von der Hoffnung leiten, das Wunder des Fluges den Gesetzen der Mechanik anpassen zu können. Er wußte wohl alles, was man überhaupt wissen kann, und doch fühlte er, daß im Fluge ein Geheimnis enthalten sei, das sich den einfachen mechanischen Gesetzen nicht fügen wollte. Er näherte sich, wie bei vielen früheren Versuchen, jener Kluft, die ein Werk der Natur von einem Werke der Menschenhände, und den Bau eines lebenden Körpers von einer toten Maschine trennt. Es schien ihm, daß er nach Unmöglichem strebe. »Gott sei Dank, fertig!« rief Astro, die Federn aufziehend. Die Engel schwangen ihre schweren Flügel. Ein Windhauch flog durchs Zimmer und der dünne leichte Flügel der Riesenschwalbe zitterte und rauschte wie lebendig. Der Schmied blickte den Flügel mit unsagbarer Zärtlichkeit an. »So viel Zeit habe ich mit diesen Kerlen verloren!« sagte er auf die Engel zeigend. »Aber jetzt, Meister, verlasse ich diese Werkstatt nicht eher, als bis ich mit den Flügeln fertig bin. – Ich bitte um die Zeichnung des Schwanzes.« »Sie ist noch nicht fertig, Astro. Ich muß mir da noch manches überlegen.« »Aber Messere! Ihr hattet sie mir ja noch vorgestern versprochen ...« »Was kann ich machen; Freund! Du weißt, daß der Schwanz unseres Vogels als Steuer dient. Der kleinste Fehler kann da alles verderben.« »Gut, Ihr müßt es wohl besser wissen. Ich will warten, aber inzwischen nehme ich den zweiten Flügel vor ...« »Warte noch etwas damit, Astro,« sagte der Meister. »Ich fürchte nämlich, daß wir wieder etwas werden abändern müssen ...« Der Schmied antwortete nichts. Er hob vorsichtig das Rohrgerippe, das von einem Netzwerk aus Ochsensehnen zusammengehalten war, und begann es zu wenden. Dann sagte er mit dumpfer, bebender Stimme: »Meister, zürnt mir nur nicht, aber wenn Ihr mit Eurer Mathematik wieder erklärt, daß man auch mit dieser Maschine nicht fliegen könne, so werde ich trotzdem fliegen, Eurer Mechanik zum Trotz; denn ich kann nicht länger warten, es geht über meine Kräfte! ... Eines weiß ich bestimmt: wenn wir auch diesmal ...« Er kam nicht weiter und wandte sich ab. Leonardo musterte aufmerksam sein derbknochiges, stumpfes und eigensinniges Gesicht, in dem nur ein einziger, unverrückbarer, wahnsinniger und alles andere niederdrückender Gedanke zu lesen war. »Messere,« sagte Astro, »sagt es mir lieber offen: werden wir fliegen, oder nicht?« Aus diesen Worten klang so viel Angst und Hoffnung, daß Leonardo nicht den Mut fand, die Wahrheit zu sagen. »Bestimmt kann ich noch nichts sagen,« antwortete er, zu Boden blickend, »ehe wir es nicht versucht haben. Aber ich glaube doch, Astro, daß wir fliegen werden ...« »Genug, kein Wort mehr!« rief der Schmied, vor Entzücken mit den Armen fuchtelnd. »Jetzt will ich auf nichts mehr hören! Wenn Ihr selbst sagt, daß wir fliegen werden, so werden wir auch fliegen!« Er gab sich offenbar Mühe, sich zu beherrschen, doch schließlich brach er in ein glückliches kindliches Lachen aus. »Was hast du?« wunderte sich Leonardo. »Verzeiht, Messere. Ich störe Euch bei Eurer Arbeit. Aber nur noch dies eine Mal will ich Euch unterbrechen... Glaubt es mir: wenn ich an die Mailänder, an die Franzosen, den Herzog Moro, den König denke, so muß ich lachen, und zugleich tun sie mir auch etwas leid. Die Armen streiten miteinander, mühen sich ab und glauben große Taten zu vollbringen. Die kriechenden Würmer, flügellosen Käfer ahnen gar nicht, was für ein Wunder hier vorbereitet wird. Stellt Euch nur vor, Meister, was für Augen sie machen, wie sie die Mäuler aufreißen werden, wenn sie beflügelte und fliegende Menschen sehen. Denn das ist doch was anderes als diese hölzernen Engel, die zur Ergötzung des Pöbels ihre Flügel schwingen. Sie werden ihren Augen nicht trauen und glauben, es sind Götter. Das heißt: mich werden sie wohl kaum für einen Gott ansehen, viel eher für einen Teufel; Ihr werdet aber mit den Flügeln wirklich wie ein Gott erscheinen. Vielleicht werden sie Euch auch für den Antichrist halten. Sie werden erschrecken und auf ihr Angesicht fallen und Euch anbeten. Und Ihr werdet mit ihnen alles tun können, was Ihr nur wollt. Ich glaube, Meister, daß es dann weder Kriege noch Gesetze, weder Herren noch Sklaven geben wird; alles wird anders werden und eine neue Zeit wird anbrechen, wie wir sie uns heute noch gar nicht ausmalen können. Die Völker werden sich zu geflügelten Chören vereinigen und sie werden ein allversöhnendes Hosianna anstimmen ... Messere Leonardo! Mein Gott! wird es denn auch wirklich so kommen?« Er sprach wie im Fieber. »Der Arme!« dachte sich Leonardo. »Wie fest sein Glaube ist! Vielleicht kommt er noch wirklich um seinen Verstand. Was soll ich mit ihm tun? Wie kann ich ihm denn die Wahrheit sagen?« In diesem Augenblick wurde an die Haustüre und etwas später an die Türe der Werkstatt geklopft. Man hörte auch Stimmen und Schritte. »Wer, zum Teufel, kommt nun schon wieder?« fluchte Astro. »Wer ist da? Der Meister ist nicht zu sprechen. Er ist nicht in Mailand, er ist verreist.« »Ich bin es, Astro! Ich – Luca Paccioli. Um Gottes willen, mach auf!« Astro machte auf und ließ den Mönch herein. »Was ist mit Euch, Fra Luca?« fragte der Künstler, als er das erschrockene Gesicht Pacciolis erblickte. »Es handelt sich nicht um mich, Messer Leonardo, – oder doch auch um mich, doch davon später. Messer Leonardo! ... Euer Koloß... Die Gascogner Armbrustschützen, – ich komme direkt aus dem Castello und habe es mit eigenen Augen gesehen: die Franzosen zerstören Euer Pferd ... Kommt doch rasch mit, wir müssen eilen!« »Wozu?« fragte Leonardo. Er blieb ruhig und wurde nur etwas blaß. »Was können wir da machen?« »Wie? Erlaubt mir! Ihr werdet doch nicht hier ruhig dasitzen, während Euer größtes Werk zerstört wird? Ich kann mir Zugang zum Sir de la Trémouille verschaffen. Wir müssen sofort etwas unternehmen ...« »Wir kommen wohl so wie so zu spät,« sagte der Künstler. »Wir kommen noch zurecht! Wir wollen den kürzesten Weg, über Gemüsegärten und Zäune nehmen. Aber rasch, beeilt Euch!« Der Mönch schleppte Leonardo aus dem Haus und sie rannten beide zum Schloß. Unterwegs erzählte ihm Fra Luca von seinem eigenen Leid: in der vergangenen Nacht hatten die Landsknechte den Keller des Kanonikus von San Simpliciano, wo Paccioli sein Quartier hatte, ausgeplündert; sie betranken sich und schlugen alles kurz und klein, auch die Kristallmodelle der geometrischen Körper, die sie in einer der Zellen fanden und für Werkzeuge der schwarzen Magie oder für »Kristalle zum Wahrsagen« hielten. »Was haben ihnen meine unschuldigen Kristalle getan?« jammerte Paccioli. Sie gelangten auf den Schloßplatz und sahen vor dem südlichen Haupttor, auf der Battiponte-Zugbrücke neben dem Torre del Filarete einen jungen französischen Stutzer stehen, der von einer Suite umgeben war. »Maître Gilles!« rief Fra Luca aus und erklärte Leonardo, daß dieser Maître Gilles ein Vogelfänger, ein sogenannter »Feldhuhnpfeifer » sei, der die Zeisige, Elstern, Papageien und Staare seiner allerchristlichsten Majestät abrichte und ihnen das Singen und Sprechen beibringe, und der am Hofe eine große Rolle spiele. Es wurde erzählt, daß in Frankreich nicht nur die Elstern allein nach seiner Pfeife tanzten. Paccioli hatte schon längst die Absicht, ihm seine Werke »Die göttliche Proportion« und »Summa Arithmeticae« in kostbaren Einbänden zu dedizieren. »Ihr könnt um mich unbesorgt sein, Fra Luca,« sagte Leonardo. »Geht nur zum Maître Gilles. Ich werde schon allein das Nötige tun.« »Nein, zu ihm gehe ich später,« sagte Paccioli etwas verblüfft. »Wißt Ihr was? Jetzt will ich nur für einen Augenblick zu ihm gehen und ihn fragen, wohin er geht. Dann kehre ich gleich zu Euch zurück. Ihr selbst müßt aber gleich zum Sir de la Trémouille gehen.« Der flinke Mönch raffte die Schöße seiner braunen Kutte hoch und hüpfte dem königlichen Feldhuhnpfeifer nach, wobei die Zoccoli auf seinen nackten Füßen klapperten. Leonardo ging über den Battiponte und gelangte auf das Marsfeld – den inneren Hof des Mailänder Schlosses. IV. Der Morgen war nebelig. Die Lagerfeuer waren im Erlöschen. Auf dem Platze und in den anliegenden Gebäuden waren Kanonen, Kugeln, Lagergepäck, Hafersäcke, Strohbündel und Mist angehäuft, so war das Marsfeld in eine riesengroße Kaserne, in Pferdestall und Kantine verwandelt. Vor den Marketenderbuden und Bratküchen standen und lagen volle und leere Fässer, von denen manche als Spieltische dienten; man schrie, fluchte und schimpfte in verschiedenen Sprachen. Gotteslästerungen und trunkene Lieder schwirrten durch die Luft. Wenn irgendein Vorgesetzter vorbeiging, wurde alles still; man vernahm Trommelwirbel und Trompeten der rheinischen und schwäbischen Landsknechte. Söldner aus den freien Kantonen Uri und Unterwalden bliesen auf ihren Alpenhörnern eintönige Schäferweisen. Der Künstler drängte sich bis zur Mitte des Platzes und sah, daß sein Koloß fast unversehrt war. Francesco Attendolo Sforza, der große Herzog und Eroberer der Lombardei, mit dem kahlen Kopf eines römischen Imperators und dem Ausdruck von Löwenmut und Fuchslist im Gesicht, saß noch immer auf seinem Pferd, das sich bäumte und einen gefallenen Krieger mit den Hufen trat. Schwäbische Arkebusiere, graubündner Schützen, pikardische Steinschleuderer und gascogner Armbrustschützen drängten sich um das Bildwerk und schrien. Da sie einander offenbar schlecht verstanden, ergänzten sie die Worte mit Gebärden, nach denen Leonardo schloß, daß hier ein Wettkampf zweier Schützen, eines Deutschen und eines Franzosen, bevorstehe. Sie sollten abwechselnd auf Distanz von fünfzig Schritten, nachdem ein jeder vier Krüge starken Weines getrunken, schießen. Als Zielpunkt wurde das Muttermal auf der Wange des Kolosses bestimmt. Die Distanz wurde abgemessen und die Reihenfolge der Schützen ausgewürfelt. Die Marketenderin brachte den Wein. Der Deutsche trank die vier Krüge in einem Zuge aus, trat zurück, zielte, drückte ab und schoß fehl. Der Pfeil zerkratzte die Wange, zertrümmerte den Rand des linken Ohres, berührte aber das Mal nicht. Als nun der Franzose seine Armbrust anlegte, kam in die Zuschauermenge Bewegung. Die Soldaten machten Platz und ließen einen Zug prunkvoll gekleideter Herolde, die einen Ritter begleiteten, passieren. Dieser ritt vorbei, ohne auf das Treiben der Soldaten zu achten. »Wer ist es?« fragte Leonardo einen neben ihm stehenden Steinschleuderer. »Sir de la Trémouille.« »Noch habe ich Zeit!« dachte sich der Künstler, »soll ich ihm nachlaufen, ihn bitten? ...« Er blieb aber wie erstarrt stehen, denn er fühlte sich zu keiner Handlung fähig; sein Wille war so geschwächt, daß er auch dann keinen Finger gerührt hätte, wenn es um sein Leben gegangen wäre. Angst, Scham und Ekel bemächtigten sich seiner beim Gedanken, daß er sich nun durch den Troß der Lakaien hindurchdrängen und dem Mächtigen nachlaufen müsse, wie es eben Luca Paccioli tat. Der Gascogner drückte ab. Der Pfeil sauste durch die Luft und blieb im Muttermal stecken. »Bigorre! Bigorre! Montjoie Saint-Denis!« schrien die Soldaten, ihre Mützen schwingend. »Frankreich hat gesiegt!« Die Schützen drängten sich wieder um den Koloß und setzten den Wettkampf fort. Leonardo wollte fortgehen, blieb aber wie angewurzelt stehen und sah teilnahmslos, als ob es ein schrecklicher und sinnloser Traum wäre, zu, wie das Werk der sechzehn besten Jahre seines Lebens, vielleicht das herrlichste Bildwerk seit Praxiteles und Phidias, zerstört wurde. Unter dem Hagel von Pfeilen, Kugeln und Steinen bröckelte der Ton ab, feiner Sand und größere Klumpen fielen zu Boden und in den Staubwolken wurde das Eisengerippe sichtbar. Die Sonne kam hinter den Wolken zum Vorschein. In ihrem freudigen Licht erschien die Ruine des Kolosses mit dem kopflosen Rumpf des Helden auf dem Pferde ohne Beine, mit den Resten des herzoglichen Szepters in der noch unversehrten Hand und der Inschrift » Ecce Deus! – Sehet welch ein Gott!« auf dem Postament, noch unglücklicher und elender. In diesem Augenblick kam der erste Feldherr des Königs von Frankreich, der alte Marschall Gian-Jacopo Trivulzio über den Platz. Als er den Koloß gewahrte, blieb er etwas verdutzt stehen. Er hielt die Hand vor die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen, sah das Bildwerk noch einmal an und wandte sich dann zu seinen Begleitern: »Was ist das?« »Monseigneur!« erklärte ehrfurchtsvoll ein Leutnant, »Hauptmann Georges Coqueburn hat es den Armbrustschützen aus eigener Machtvollkommenheit erlaubt ...« »Das Sforzadenkmal,« rief der Marschall aus, »ein Werk Leonardo da Vincis als Zielscheibe für die gascogner Schützen! ...« Er ging auf die Soldaten zu, die so sehr hingerissen waren, daß sie ihn gar nicht bemerkten, packte einen pikardischen Schleuderer am Kragen, warf ihn zu Boden und begann wahnsinnig zu fluchen. Das Gesicht des alten Marschalls wurde blaurot, die Adern auf seinem Halse blähten sich. »Monseigneur!« lallte der Soldat, kniend und am ganzen Leibe bebend. »Monseigneur, wir hatten es nicht gewußt ... Hauptmann Coqueburn ...« »Wartet nur, ihr Hundesöhne!« schrie Trivulzio, »ich werde euch schon den Hauptmann Coqueburn zeigen! Ich werde euch alle an den Beinen aufhängen lassen! ...« Er zog blank und hätte wohl zugehauen, wenn Leonardo ihn nicht mit seiner Linken so kräftig am Handgelenk gepackt hätte, daß sich das eherne Armstück der Rüstung verbog. Der Marschall bemühte sich vergebens, den Arm zu befreien und blickte Leonardo mit größtem Erstaunen an. »Wer ist es?« fragte er. »Leonardo da Vinci,« erwiderte jener ruhig. »Wie unterstehst du dich!« schrie ihn der Alte wütend an. Als ihn aber der ruhige Blick des Künstlers traf, verstummte er. »Du bist also – Leonardo!« sagte er, ihn anblickend. »Die Hand laß aber los! Du hast mir das Armstück verbogen, so eine Kraft! Das nenne ich kühn! ...« »Monsignore, ich bitte Euch, zürnt nicht und vergebt ihnen!« sagte der Künstler ehrfurchtsvoll. Der Marschall musterte ihn noch aufmerksamer, lächelte und schüttelte den Kopf: »Narr! Sie haben ja dein bestes Werk zerstört und du bittest noch für sie?« »Ew. Durchlaucht, wenn Ihr sie auch alle aufhängen ließet, was würde das mir und meinem Werke nützen? Sie wissen nicht, was sie tun.« Der Alte wurde nachdenklich. Sein Gesicht heiterte sich plötzlich auf und seine kleinen klugen Augen nahmen einen gutmütigen Ausdruck an. »Hör einmal, Messer Leonardo, eines kann ich nicht begreifen: wie konntest du hier ruhig dabei stehen und zusehen? Warum hast du dich nicht beschwert, warum hast du es nicht mir oder Sir de la Trémouille gesagt? Er ritt hier wohl übrigens vor kurzem vorbei?« Leonardo schlug die Augen nieder und sagte stotternd und errötend, als ob er sich einer Schuld bewußt wäre: »Ich hatte nicht mehr Zeit... Auch kenn ich Sir de la Trémouille nicht...« »Schade!« sagte der Alte, die Trümmer betrachtend. »Ich hätte hundert meiner besten Soldaten für dein Koloß geopfert!« ... Auf dem Heimwege ging der Künstler über die Brücke mit der schönen Loggia des Bramante, wo er seine letzte Begegnung mit Moro gehabt hatte. Er sah, wie die französischen Pagen und Reitknechte auf die zahmen Schwäne, die Lieblinge des Herzogs von Mailand, mit Armbrüsten schossen. Die Vögel warfen sich in dem engen, von hohen Wänden eingeschlossenen Graben erschrocken hin und her. Im schwarzen Wasser schaukelten zwischen weißem Flaum und Federn blutbespritzte Leichen. Ein erst eben verwundeter Schwan streckte mit einem durchdringenden jammervollen Schrei seinen langen Hals aus und schlug mit den erlahmenden Flügeln, als wolle er noch vor dem Tode in die Lüfte steigen. Leonardo wandte sich ab und ging rasch vorüber. Er kam sich selbst wie dieser Schwan vor. V. Sonntag, den 6. Oktober, zog König Ludwig\ XII. von Frankreich durch das Ticino-Tor in Mailand ein. Unter seinem Gefolge befand sich Cesare Borgia, Herzog von Valentino, ein Sohn des Papstes. Im Zuge vom Domplatze zum Schloß wurden auch die Engel der Mailänder Kommune getragen, die ihre Flügel ganz vorschriftsmäßig bewegten. Von jenem Tage an, als der Koloß zerstört wurde, hatte Leonardo seinen Flugapparat nicht angerührt. Astro allein machte den Apparat fertig. Leonardo hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, daß auch diese Flügel nichts taugten. Der Schmied ging dem Meister augenscheinlich aus dem Wege und sprach mit ihm kein Wort über den bevorstehenden Flugversuch. Nur ab und zu warf er ihm einen stummen Blick aus seinem einzigen Auge zu, in dem ein trübes und wahnsinniges Feuer leuchtete. An einem der letzten Oktobertage kam Paccioli eines Morgens zu Leonardo hereingestürzt und brachte die Nachricht, daß der König ihn ins Schloß berufe. Der Künstler ging mit einigem Widerwillen hin. Er hatte bemerkt, daß die Flügel verschwunden waren und fürchtete, daß Astro, der doch um jeden Preis fliegen wollte, Unheil anrichten könne. Als Leonardo den ihm so wohlvertrauten Saal der Rocchetta betrat, empfing Ludwig\ XII. die Ältesten und die Syndici von Mailand. Der Künstler betrachtete seinen zukünftigen Herrn, den König von Frankreich. In seinem Äußern war nichts Majestätisches: er hatte einen schwachen, gebrechlichen Körper mit schmalen Schultern und eingefallener Brust, sein Gesicht war von Runzeln entstellt und leidend, doch von den Leiden nicht veredelt, sondern flach, alltäglich, mit dem Ausdrucke kleinbürgerlicher Tugendhaftigkeit. Auf der obersten Stufe des Thrones stand ein etwa zwanzigjähriger junger Mann in einfacher schwarzer Kleidung, nur mit einigen Perlen an den Aufschlägen des Baretts und mit der Muschelkette des Erzengel Michaelordens geschmückt; er hatte lange blonde Locken, kurzen, geteilten, dunkelblonden Bart, ein gleichmäßig blasses Gesicht und schwarzblaue, freundliche und kluge Augen. »Sagt mir doch, Fra Luca,« flüsterte der Künstler seinem Begleiter zu: »Wer ist dieser Würdenträger?« »Ein Sohn des Papstes,« erwiderte der Mönch, »Cesare Borgia, Herzog von Valentino.« Leonardo hatte von den Greueltaten Cesares gehört. Obwohl es keine absolut sicheren Beweise gab, zweifelte niemand daran, daß er seinen Bruder Giovanni Borgia ermordet habe, da er nicht länger als der Jüngere angesehen werden mochte und seinen Kardinalspurpur mit dem Amte des Heerführers der Kirche – Gonfaloniere – vertauschen wollte. Es gingen über ihn noch grauenhaftere Gerüchte um: es wurde behauptet, daß die Ursache dieser Kainstat nicht nur die Eifersucht auf die väterliche Huld gewesen sei, sondern auch eine blutschänderische Zuneigung der beiden Brüder zu ihrer leiblichen Schwester Madonna Lucrezia. »Das kann nicht sein!« dachte sich Leonardo, das ruhige Gesicht und die unschuldsvollen Augen des Herzogs betrachtend. Cesare fühlte wohl den durchdringenden Blick des Künstlers auf sich ruhen; er sah sich um, beugte sich zu einem neben ihm stehenden schönen Greis, der dunkle Kleidung trug und wohl sein Sekretär war, und flüsterte ihm etwas zu, auf Leonardo weisend. Als der Alte ihm etwas erwidert hatte, begann er Leonardo aufmerksam zu mustern. Ein feines Lächeln spielte um seine Lippen. In diesem Augenblick fühlte Leonardo: »Ja, es kann sein; der ist zu allem fähig, und zu noch viel schlimmeren Dingen, als denen, die man ihm zuschreibt!« Der Älteste der Syndici, der seine langweilige Ansprache beendet hatte, trat vor den Thron, beugte die Knie und überreichte dem König eine Bittschrift. Die Pergamentrolle entglitt Ludwigs Händen. Der Älteste machte Anstalten, sie aufzuheben. Aber Cesare kam ihm zuvor, hob mit einer raschen und geschickten Bewegung die Rolle auf und reichte sie mit einer Verbeugung dem König. »Sklavenseele!« flüsterte jemand unter den hinter Leonardo stehenden französischen Würdenträgern. »Wie der die Gelegenheit erhascht hat, sich dienstbar zu machen!« »Ihr habt recht, Messere!« sagte ein anderer. »Der Sohn des Papstes versieht ganz vorzüglich das Amt eines Lakaien. Hättet Ihr nur gesehen, wie er jeden Morgen dem König beim Ankleiden hilft und wie er ihm das Hemd wärmt! Ich glaube, er würde nicht verschmähen, auch seinen Pferdestall zu reinigen.« Der Künstler hatte die unterwürfige Bewegung Cesares bemerkt, doch schien sie ihm mehr schrecklich, als sklavisch; wie eine verräterische liebkosende Gebärde eines Raubtiers. Paccioli bemühte sich indessen um Leonardo: er stieß ihn am Ellenbogen und raunte ihm etwas zu; als er aber sah, daß Leonardo mit seiner gewohnten Schüchternheit wohl imstande sei, den ganzen Tag im Gedränge zu stehen, ohne die Aufmerksamkeit des Königs irgendwie auf sich zu lenken, ergriff er energische Maßregeln: er faßte ihn bei der Hand und stellte den Künstler mit tiefen Bücklingen dem Könige vor, wobei die Superlative: stupendissimo, prestantissimo, invicissimo nur so pfiffen und zischten. Ludwig brachte das Gespräch auf das Heilige Abendmahl; er lobte die Darstellung der Apostel, doch war er von der Perspektive der Zimmerdecke am meisten entzückt. Fra Luca wartete von Augenblick zu Augenblick, daß seine Majestät Leonardo vorschlagen würde, in seine Dienste einzutreten. Da aber kam ein Page herein und überreichte dem König einen soeben aus Frankreich eingetroffenen Brief. Der König erkannte die Handschrift seiner Frau, der von ihm so sehr geliebten Bretonin Anna. Der Brief enthielt die Nachricht von ihrer Entbindung. Die Höflinge brachten ihm seine Glückwünsche dar. Leonardo und Paccioli wurden dabei zurückgedrängt. Der König warf ihnen einen Blick zu, wollte wohl noch etwas sagen, doch vergaß er es gleich wieder; er forderte die Damen freundlich auf, auf das Wohl seiner neugeborenen Tochter zu trinken und ging in einen anderen Saal. Paccioli ergriff die Hand seines Begleiters und zog ihn mit sich: »Schnell! Schnell!« »Nein, Fra Luca,« erwiderte Leonardo ruhig. »Ich danke Euch für Eure Bemühungen: aber ich will mich nicht vordrängen, denn seine Majestät hat jetzt andere Gedanken im Kopf.« Er verließ das Schloß. Bei der Battiponte-Zugbrücke im Südtor des Castello holte ihn der Sekretär Cesare Borgias, Messer Agapito, ein. Er bot ihm im Namen des Herzogs das Amt des ersten Baumeisters, das er auch bei Moro versehen hatte, an. Der Künstler erbat sich einige Tage Bedenkzeit. Als er sich seinem Hause näherte, sah er noch von weitem einen Menschenauflauf. Er beschleunigte seine Schritte. Giovanni, Marco, Salaino und Cesare trugen wohl aus Ermangelung einer Tragbahre auf einem großen zerrissenen und eingedrückten Flügel der neuen Flugmaschine, der einem Schwalbenflügel glich, ihren Kameraden, den Schmied Astro da Peretola, dessen Kleidung zerrissen und mit Blut bespritzt und dessen Gesicht totenblaß war. Was der Meister befürchtet hatte, war auch wirklich geschehen: der Schmied hatte die Maschine ausprobieren wollen und war dabei nach wenigen Flügelschlägen herabgestürzt. Es hätte ihm wohl das Leben gekostet, wenn sich nicht einer der Flügel in den Ästen eines Baumes verfangen hätte. Leonardo half seinen Schülern die Bahre ins Haus zu tragen und brachte den verletzten vorsichtig ins Bett. Als er sich über ihn beugte, um die Wunden zu untersuchen, kam Astro zur Besinnung, blickte Leonardo flehend an und flüsterte: »Meister, vergebt mir!« VI. In den ersten Tagen des Novembers, gleich nach den prunkvollen Festen zu Ehren der neugeborenen Prinzessin, reiste Ludwig\ XII., nachdem er von den Mailändern den Treueid entgegengenommen hatte, nach Frankreich, seinen Marschall Trivulzio ließ er als Statthalter der Lombardei zurück. Im Dome wurde dem heiligen Geist eine Dankmesse zelebriert. Die Ruhe war wieder hergestellt, doch nur äußerlich: das Volk haßte Trivulzio für seine Grausamkeit und Tücke. Die Anhänger Moros wiegelten den Pöbel auf und verbreiteten anonyme Drohbriefe, viele, die den Herzog noch vor kurzer Zeit mit Spott und Schimpf in sein Exil geleitet hatten, beweinten ihn jetzt als den besten Fürsten. Das heilige Abendmahl Ende November hatte das Volk die Stände der französischen Steuereinnehmer vor dem Ticino-Tore geplündert. Am gleichen Tage hatte sich ein französischer Soldat in der Villa Lardirago bei Pavia an einer jungen lombardischen Bäuerin vergriffen. Sie verteidigte ihre Ehre und schlug dabei den Attentäter mit einem Besen ins Gesicht. Der Soldat bedrohte sie mit einer Axt. Auf ihr Schreien stürzte ihr Vater mit einem Stock herbei. Der Franzose erschlug den Alten. sofort sammelte sich eine Menschenmenge und der Soldat wurde getötet. Die Franzosen überfielen die Lombarden, töteten viele und verwüsteten das ganze Dorf. Die Nachricht wirkte in Mailand wie ein Funke im Pulverfaß. Das Volk überschwemmte die Plätze, Straßen und Märkte und schrie: »Nieder mit dem König! Nieder mit dem Statthalter! schlagt die Franzosen, schlagt sie tot! Es lebe Moro!« Trivulzios Truppen reichten nicht aus, um sich gegen dreimalhunderttausend Bürger zu verteidigen. Er pflanzte auf dem provisorischen Glockenturme des Domes einige Kanonen auf, richtete ihre Mündungen auf die Volksmenge und befahl, auf seinen ersten Wink zu schießen; er selbst unternahm aber noch einen letzten Versuch, das Volk zu überreden und trat unter die Menge. Der Pöbel hätte ihn beinahe erschlagen. Man trieb ihn ins Rathaus und hier wäre er wohl umgekommen, wenn nicht rechtzeitig eine Abteilung Schweizer unter dem Befehl des Signore Coursinge ihm zu Hilfe gekommen wäre. Es kam nun eine Zeit von Brandstiftungen, Morden, Überfällen, Folterungen und Hinrichtungen von Franzosen, die den Aufrührern in die Hände fielen, und von Bürgern, die einer Neigung zu den Franzosen verdächtig schienen. In der Nacht zum ersten Februar verließ Trivulzio heimlich die Festung und überließ ihre Verteidigung den Hauptleuten d'Espy und Cordequard. In der gleichen Nacht wurde der aus Deutschland heimkehrende Moro in Como mit großem Jubel empfangen. Die Bürger Mailands erwarteten ihn wie ihren Erlöser. Leonardo hatte sich in den letzten Tagen des Aufruhrs, in seiner Angst vor den Kanonen, die schon einige Nachbarhäuser zerstört hatten, in seinen Keller zurückgezogen. Er hatte darin Kamine und Rohrleitungen gebaut und einige behagliche Räume eingerichtet. Alles, was im Hause wertvolles war: seine Bilder, Zeichnungen, Bücher, Handschriften und wissenschaftlichen Instrumente wurden in diese kleine Festung geschafft. In dieser Zeit faßte er den endgiltigen Entschluß, in die Dienste Cesare Borgias einzutreten. Nach dem Vertrag, den er mit Messer Agapito abgeschlossen hatte, war er verpflichtet, spätestens in den Sommermonaten 1500 nach Romagna zu kommen. Er wollte aber noch zuvor seinen alten Freund Girolamo Melzi aufsuchen, um in dessen einsam gelegener Villa Vaprio bei Mailand die Zeit des Krieges und des Aufruhrs abzuwarten. Am zweiten Februar, am Tage Mariä Reinigung, brachte ihm Fra Luca Paccioli die Nachricht, daß das Schloß unter Wasser stehe: der Mailänder Luigi da Porto, der in französischen Diensten stand, hätte nachts die Schleusen der Kanäle, von denen die Festungsgraben gespeist wurden, geöffnet und wäre dann zu den Aufständischen geflohen. Das Wasser hätte die Mühle im Parke an der Rocchettamauer fortgeschwemmt und wäre in die Keller gedrungen, wo Pulver, Öl, Brot, Wein und alle anderen Vorräte aufbewahrt wurden. Den Franzosen sei es mit der größten Mühe gelungen, einen Teil der Vorräte zu retten, sonst hätten sie, von Hunger gezwungen, schon nach wenigen Tagen die Festung übergeben müssen, was auch die Absicht Messer Luigis gewesen sei. Bei dieser Überschwemmung wären auch die Kanäle in der Vercellina-Vorstadt aus ihren Ufern getreten und hätten die sumpfige Gegend, wo sich das Kloster delle Grazie befand, unter Wasser gesetzt. Fra Luca teilte dem Künstler seine Befürchtungen mit, daß das Wasser das heilige Abendmahl beschädigt haben könnte und schlug ihm vor, hinzugehen und nach dem Bilde zu sehen. Leonardo erwiderte mit geheuchelter Gleichgültigkeit, er habe jetzt keine Zeit und sei um das heilige Abendmahl unbesorgt: das Bild sei hoch angebracht, so daß ihm die Feuchtigkeit unmöglich schaden könne, sobald aber Paccioli gegangen war, eilte Leonardo ins Kloster. Im Refektorium gewahrte er auf dem steinernen Boden Pfützen, die die Überschwemmung zurückgelassen hatte. Es roch nach Feuchtigkeit. Ein Mönch erzählte ihm, daß das Wasser eine viertel Elle hoch gestanden hätte. Leonardo näherte sich der wand mit dem heiligen Abendmahl. Die Farben schienen ihm unverändert und ungetrübt. Die durchsichtigen zarten Farben waren keine Wasserfarben, wie man sie gewöhnlich zu Wandmalereien gebrauchte, sondern Ölfarben, die er nach eigenem Verfahren bereitete. Auch die Wand war auf eine ganz besondere Art präpariert: er hatte sie zuerst mit einem Gemenge aus Ton mit Wacholderlack und Firnis grundiert und darüber einen zweiten Malgrund aus Mastix, Harz und Gips aufgetragen. Erfahrene Meister behaupteten, daß die Malerei auf einer feuchten, auf sumpfigem Boden stehenden Wand unmöglich dauerhaft sein könne. Aber Leonardo, der immer neuen Versuchen und noch unerforschten Wegen in der Kunst nachging, achtete nicht auf alle Ratschläge und Warnungen. Er griff nicht zu den Wasserfarben auch aus dem Grunde, weil die Arbeit auf frisch angelegtem und noch feuchtem Kalk Entschlossenheit und Sicherheit erheischt, also gerade jene Eigenschaften, die Leonardo abgingen. »Ein Künstler, der nie zweifelt, kann nur wenig erreichen,« behauptete er stets. Diese ihm notwendigen Zweifel, das Schwanken, Tasten, Abändern und das unglaublich langsame Tempo der Arbeit waren nur bei Anwendung von Ölfarbe möglich. Er trat ganz nahe an die Wand heran und begann die Oberfläche des Bildes mit einer Lupe zu untersuchen. Da entdeckte er in der linken unteren Ecke am Tischtuche, bei den Füßen des Apostels Bartholomäus einen kleinen Riß und daneben, auf der etwas verblaßten Farbschicht – einen samtweichen, weißen, reifartigen Anflug von Schimmel. Er erblaßte. Doch beherrschte er sich und untersuchte weiter. Der untere Tongrund hatte sich vor Feuchtigkeit geworfen und von der Mauer gelöst; dabei hatte er auch den Gipsgrund mitgenommen und dadurch waren in der dünnen Halbschicht kleine kaum wahrnehmbare Risse entstanden, durch die jetzt die salpeterhaltige Feuchtigkeit der morschen porösen Mauersteine hindurchsickerte. Das Schicksal des heiligen Abendmahls war besiegelt: wenn auch die Farben noch vierzig oder fünfzig Jahre halten konnten und der Künstler daher ihren langsamen Verfall nicht erleben würde, so durfte er doch nicht an der schrecklichen Wahrheit zweifeln: sein größtes Werk war unrettbar verloren. Vor dem Verlassen des Refektoriums blickte er noch zum letzten Mal das Antlitz Christi an, und plötzlich fühlte er, als ob er jetzt zum ersten Mal sähe, wie teuer ihm dieses Werk war. Mit dem Untergang des heiligen Abendmahls und des Kolosses rissen die letzten Fäden, die ihn noch mit den lebenden Menschen, wenn auch nicht mit seinen Zeitgenossen, so doch mit den kommenden Geschlechtern verbanden; seine Einsamkeit wurde jetzt noch hoffnungsloser. Den Staub des tönernen Kolosses wird der Wind verwehen; auf jener Stelle der Mauer, wo einst das Antlitz Christi war, werden die Farben wie Schuppen abfallen oder von Schimmel überwuchert werden und so wird alles, worin er lebte, wie ein Schatten verschwinden. VII. Er ging nach Hause, stieg in den Keller hinunter und verweilte im Zimmer, wo Astro lag. Beltraffio machte ihm gerade kalte Umschläge. »Hat er wieder Fieber?« fragte der Meister. »Ja, er phantasiert.« Leonardo beugte sich über ihn, um den Verband zu wechseln und lauschte seinem schnellen, sinnlosen Lallen: »Höher, höher! Zur Sonne! Daß die Flügel nur nicht Feuer fangen. Kleiner, wo kommst du her? Wie heißt du? Mechanik? Ich habe noch nie gehört, daß der Teufel so heißt. Warum lachst du so? Laß es sein! Hast genug gescherzt. Er schleppt mich... Ich kann nicht weiter, warte, laß mich Atem holen... Es ist mein Tod!...« Er stieß einen wahnsinnigen Angstschrei aus. Es war ihm, als ob er in einen Abgrund stürze. Dann begann er wieder mit großer Hast zu murmeln: »Nein, nein, über ihn sollt ihr nicht lachen! Es war meine Schuld. Er sagte mir ja, daß die Flügel noch nicht fertig sind. Jetzt ist es aus... Ich habe den Meister blamiert!... Hört ihr? Was ist es nun wieder? Ja, ich weiß, die Rede ist vom kleinsten und schwersten aller Teufel – von der Mechanik!...« »Und der Teufel führte ihn gen Jerusalem und stellte ihn auf des Tempels Zinne,« fuhr der Kranke in singendem Tone fort, wie man in der Kirche die Evangelien liest: »und sprach zu ihm: ›Bist du Gottes Sohn, so laß dich von hinnen hinunter. Denn es stehet geschrieben: Er wird befehlen seinen Engeln, daß sie dich bewahren und auf den Händen tragen, auf daß du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest ...‹ Nun habe ich vergessen, was er dem Teufel der Mechanik geantwortet hat. Weißt du es nicht, Giovanni?« Er blickte Beltraffio beinahe vernünftig an. Jener glaubte, daß er noch immer phantasiere. »Weißt du es nicht?« fragte Astro eindringlich. Um ihn zu beruhigen, zitierte Giovanni den zwölften Vers aus dem vierten Kapitel des Evangeliums Lukas: »Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesaget: ›Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.‹« »Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen!« wiederholte der Kranke mit unbeschreiblichem Ausdruck, dann phantasierte er wieder: »Ganz blau, ohne Wölkchen ... von der Sonne ist nichts zu sehen und sie wird auch nie erscheinen – oben und unten ist nichts wie blauer Himmel. Auch die Flügel sind überflüssig. Wenn es der Meister nur wüßte, wie wohl, wie weich es ist, wenn man in den Himmel stürzt! ...« Leonardo sah ihn an und dachte: »Ich bin schuld daran, daß er zugrunde geht! Ich habe dieser Geringsten Einen geärgert, ich habe ihn verführt, wie ich schon Giovanni verführt habe.« Er legte seine Hand auf Astros glühende Stirne. Der Kranke wurde nach und nach ruhig und schlief ein. Leonardo zog sich in seine unterirdische Zelle zurück. Er steckte sich ein Licht an und vertiefte sich in seine Berechnungen. Zur Vermeidung neuer Fehler in der Konstruktion der Flügel studierte er jetzt die Mechanik des Windes und der Luftbewegung mit Hilfe der Mechanik der Wellenbewegung im Wasser. Er schrieb in sein Tagebuch: »Wenn du zwei Steine von gleicher Größe in einiger Entfernung voneinander in ruhiges Wasser wirfst, so entstehen auf der Wasseroberfläche zwei auseinandergehende Kreise. Nun frage ich: wenn einer dieser Kreise so groß wird, daß er den anderen ihm entsprechenden trifft, wird er in ihn eindringen und ihn zerschneiden, oder werden die Wellenstöße an den Berührungspunkten unter gleichen Winkeln abprallen?« Die Einfachheit, mit der die Natur dies Problem löste, entzückte ihn dermaßen, daß er an den Rand die Bemerkung schrieb: »Questo è bellissimo, questo è sottile! – Das ist ein herrliches, feines Problem!« »Ich beantworte die Frage auf Grund eines Versuches,« fuhr er fort: »Die Kreise werden sich gegenseitig schneiden, ohne sich miteinander zu vermischen oder zu vereinigen und die beiden Mittelpunkte werden immer an jenen Stellen liegen, wo die Steine hineingefallen sind.« Er behandelte nun dies Problem auch mathematisch und sah, daß die Mathematik mit ihren Gesetzen der inneren logischen Notwendigkeit die natürliche Notwendigkeit der Mechanik bestätigt. Die Stunden flogen dahin. Der Abend brach an. Leonardo nahm sein Nachtmahl ein, unterhielt sich eine Weile mit den Schülern, erholte sich etwas und ging wieder an die Arbeit. Seine Gedanken waren außerordentlich klar und scharf und daraus schloß er, daß er sich einer großen Entdeckung nähere. »Sieh nur hin, wie der Wind im Kornfelde Wellen treibt, wie Welle auf Welle folgt; die Halme beugen sich, bleiben aber auf ihrem Platze. Ebenso sind auch die Wellen im unbeweglichen Wasser; diese von einem hineingeworfenen Stein oder vom Wind auf der Oberfläche erzeugten Wellen sind als Zittern des Wassers und nicht als seine Bewegung aufzufassen. Du kannst dich davon überzeugen, wenn du einen Strohhalm auf die im Wasser auseinandergehenden Kreise wirfst: er wird zittern, doch auf seiner Stelle bleiben.« Der Versuch mit dem Strohhalm rief ihm in Erinnerung einen anderen Versuch, den er bei seinen Studien über die Fortpflanzung des Schalls gemacht hatte. Er blätterte etwas zurück und fand die Stelle: »Wenn eine Glocke ertönt, so antwortet ihr die benachbarte Glocke mit leisem Dröhnen und Zittern; wenn auf einer Laute eine Saite ertönt, so antwortet ihr die entsprechende Saite auf einer anderen Laute, und wenn du auf diese einen Strohhalm legst, so kannst du sehen, daß er zittert.« Mit unbeschreiblicher Erregung ahnte er den Zusammenhang zwischen den beiden, so sehr voneinander verschiedenen Erscheinungen; eine ganze noch unbekannte Welt der Erkenntnis lag wohl zwischen den beiden zitternden Strohhalmen: dem einen auf dem sich kräuselnden Wasser, dem andern – auf der Saite, die mit einer andern mitklingt. Und plötzlich durchzuckte sein Gehirn ein Gedanke, grell wie ein Blitz: »Hier wie dort das gleiche Gesetz der Mechanik! Wie die im Wasser von einem Stein erzeugten Wellen, so ziehen auch die Schallwellen ihre Kreise in der Luft, ohne sich zu vermischen, wenn sie sich schneiden, und bewahren den Mittelpunkt ihrer Kreise im Entstehungspunkte. – Und das Licht? Wie das Echo eine Spiegelung des Schalls ist, so ist auch die Spiegelung des Lichts – ein Echo der Lichtstrahlen. In allen Erscheinungen der Energie herrscht ein einziges mechanisches Gesetz. Einzig ist dein Wille und deine Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung: Der Einfallswinkel ist immer dem Ausfallswinkel gleich!« Sein Gesicht war blaß, seine Augen brannten. Er fühlte, daß er wieder in jenen Abgrund blicke, in den vor ihm noch niemand geschaut hatte, und diesmal aus so erschreckender Nähe, wie noch nie zuvor. Er wußte, daß seine Entdeckung, wenn sie der Versuch bestätigte, die größte in der Mechanik seit Archimedes sein würde. Vor zwei Monaten hatte er einen Brief von Messer Guido Berardi erhalten, der ihm die soeben in Europa eingetroffene Nachricht von den Reisen Vasco da Gamas mitteilte; dieser hatte zwei Ozeane durchquert, das Südkap von Afrika umsegelt und einen neuen weg nach Indien entdeckt. Leonardo hatte ihn damals beneidet, aber nun hatte er das Recht zu sagen, daß er eine noch viel größere Entdeckung als Kolumbus und Vasco da Gama gemacht, daß er noch weitere Fernen des neuen Himmels und der neuen Erde geschaut habe. Er hörte den Kranken im Nebenzimmer stöhnen. Der Künstler horchte auf und gleich fielen ihm wieder seine Mißerfolge und die Schicksalsschläge, die ihn getroffen, ein: er dachte an die unsinnige Zerstörung des Kolosses, an den sinnlosen Untergang des heiligen Abendmahls, an den dummen und schrecklichen Sturz Astros. Er dachte: »Wird denn auch diese Entdeckung ebenso spurlos und unrühmlich untergehen, wie alles andere, was ich gemacht habe? Wird denn nie und niemand meine Stimme vernehmen? Werde ich denn immer allein bleiben, wie ich jetzt hier in dieser Finsternis lebendig begraben bin, allein mit meinem Traum von den Flügeln?« Doch diese Gedanken vermochten nicht seine Freude zu ersticken. »Meinetwegen – einsam. Meinetwegen in der Finsternis, im ewigen Schweigen und von allen vergessen. Meinetwegen soll es niemand wissen. Aber ich weiß es!« Er fühlte sich so sieghaft und stark, als ob er jene Flügel, nach denen er sich sein Leben lang gesehnt hatte, schon geschaffen hätte und sich auf ihnen erhöbe. Er fühlte sich im Keller beengt und sehnte sich nach Luft und Raum. Er verließ das Haus und ging zum Domplatz. VIII. Die Nacht war heiter und mondhell. Über den Dächern leuchtete der blutrote dunstige Widerschein der Feuersbrünste. Je mehr er sich dem Broletto-Platz, dem Mittelpunkt der Stadt, näherte, desto größere Volksmassen traf er auf seinem Wege. Im blauen Mondlicht und im rötlichen Fackelschein sah er vor Wut entstellte Gesichter, weiße mit roten Kreuzen bestickte Fahnen der Mailänder Kommune, an Stangen befestigte Laternen, Arkebusen, Musketen, Flinten, Keulen, Speere, Jagdspieße, Sensen, Heugabeln und Zaunstecken. Er sah eine riesengroße, alte Bombarde, die aus Faßdauben und Eisenreifen verfertigt war, von Ochsen gezogen; Menschen wimmelten wie Ameisen um dieses altertümliche Geschütz und halfen es zu scheppen. Die Sturmglocke dröhnte, Kanonenschüsse krachten. Die französischen Söldner saßen in der Festung und beschossen von da aus die Straßen Mailands. Die Belagerten behaupteten prahlerisch, daß sie die ganze Stadt dem Erdboden gleich machen würden, ehe sie sich ergäben. In das Glockengeläute und den Kanonendonner mischte sich das nicht endenwollende Geheul des Volkes: »Schlagt die Franzosen tot! Nieder mit dem König! Es lebe Moro!« Alles, was Leonardo sah, war wie ein schrecklicher sinnloser Traum. Auf dem Fischmarkte von Broletto wurde an der Ostmauer ein in die Hände des Pöbels gefallener pikardischer Tambour – ein sechzehnjähriger Junge – gehängt. Er stand auf einer an die Wand gelehnten Leiter. Der Paramentenmacher Mascarello, ein lustiger Gesell, verrichtete das Amt des Henkers. Er legte dem Jungen die Schlinge um den Hals, versetzte ihm einen leichten Schlag auf den Kopf und sprach feierlich: »Der Knecht Gottes, der französische Infanterist ›Hüpf-über-den-Busch‹, genannt auch ›Samtener-Kragen,-nichts-im-Magen‹ wird hiermit zum Ritter des Hanfhalsbandes ernannt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« »Amen!« fiel die Menge ein. Der Tambour, der wohl kaum begriff, was mit ihm vorging, zwinkerte mit den Augen wie ein Kind, das weinen will, duckte sich und nestelte an der Schlinge, die auf seinem dünnen Halse lag. Ein sonderbares Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Im letzten Augenblick erwachte er wohl doch aus seiner Betäubung und wandte sein blasses, schönes Gesicht der Menge zu, als ob er etwas sagen oder um etwas bitten wollte. Aber die Menge brach in ein Wutgeheul aus. Der Knabe winkte schwach und ergeben mit der Hand, holte aus dem Busen ein silbernes Kreuzchen an blauem Bande – wohl ein Geschenk seiner Mutter oder Schwester, – küßte es eilig und bekreuzte sich. Mascarello stieß ihn von der Leiter und rief lustig: »Zeig uns mal jetzt, Ritter des Hanfhalsbandes, wie man die französische Gaillarde tanzt!« Als der Körper auf dem eisernen Fackelhalter hängen blieb und im Todeskampfe zuckte, gleichsam tanzte, brach die Menge in Gelächter aus. Einige Schritte weiter sah Leonardo eine in Lumpen gehüllte Alte auf der Straße vor ihrem soeben von den Kanonenkugeln zerstörten alten Häuschen zwischen Haufen von Küchengeschirr, Betten, Kissen und sonstigem Hausrat stehen. Sie streckte ihre nackten knochigen Arme aus und schrie: »Hilfe! Hilfe! Hilfe! ...« »Was hast du, Tante?« fragte der Schuhmacher Corbolo. »Mein Junge ist da verschüttet! Er lag in seinem Bettchen... Der Fußboden stürzte ein... vielleicht lebt er noch... Hilfe! Hilfe!« Eine Kanonenkugel pfiff und sauste durch die Luft und schlug das halbzerstörte Dach gänzlich ein. Die Balken krachten. Eine Staubwolke flog in die Höhe. Das Häuschen stürzte ein und die Alte verstummte. Leonardo ging zum Rathaus. Vor der Loggia della Osia bei den Geldwechslerläden stand auf einer Bank ein Scholar, wohl ein Student aus Pavia, und predigte wie von einem Katheder herab von der Größe des Volkes, von der Gleichheit der Armen und Reichen und von Tyrannenmord. Das Volk hörte mißtrauisch zu. »Mitbürger!« rief er, sein Messer schwingend, das ihm für gewöhnlich zu höchst friedlichen Zwecken diente: zum Spitzen von Gänsefedern, zum Zerteilen der weißen Hirnwurst – Cervellata – und zum Einschneiden von pfeildurchbohrten Herzen mit den Namen der von ihm bevorzugten Wirtshausnymphen in die Rinden der Vorstadtulmen. Jetzt nannte er dies Messer den »Dolch der Nemesis« und predigte: »Mitbürger! Sterben wir für die Freiheit! Der Dolch der Nemesis soll vom Blute der Tyrannen triefen! Es lebe die Republik!« »Was faselt er da?« tönte es aus der Menge, »wir kennen die Freiheit, die ihr meint, ihr Verräter und französischen Spione! Zum Teufel die Republik, es lebe der Herzog! Schlagt ihn tot, den Verräter!« Als der Redner zur Bekräftigung seiner Meinung Cicero, Tacitus und Livius zu zitieren begann, fielen die Zuhörer über ihn her, warfen ihn zu Boden und verprügelten ihn. Sie schrien: »Da hast du für deine Freiheit! Und da – für deine Republik! Verhaut ihn ordentlich, Brüder! Uns wirst du nicht betrügen! Wir werden dich lehren, was es heißt, das Volk gegen den rechtmäßigen Herzog aufzuwiegeln! ...« Leonardo begab sich zum Arengoplatz und sah den weißen Stalaktitenwald der Türme und Pfeiler des Domes in doppeltem Lichte: im bläulichen des Mondes und im rötlichen der Feuersbrünste. Vor dem Palaste des Erzbischofs sah er einen Menschenknäuel, der einem Leichenhaufen glich; die Körper regten und walzten sich und aus ihrer Mitte drang ein Wehgeschrei. »Was ist da los?« fragte der Künstler einen alten Handwerker mit einem ängstlichen, gutmütigen und traurigen Gesicht. »Da soll sich der Teufel auskennen! Sie sagen, es sei der Marktvikarius Jacopo Crotto, ein französischer Spion. Er soll vergiftete Lebensmittel unters Volk gebracht haben, vielleicht ist es auch ein anderer, wer ihnen zuerst in den Weg läuft, den schlagen sie tot. Es ist schrecklich! O Herr Jesu, sei uns Sündern gnädig!« Aus dem Haufen sprang der Glasbläser Gorgoglio heraus, mit einer Stange, an deren Spitze ein abgeschlagener blutiger Menschenkopf steckte; er fuchtelte mit dieser Siegestrophäe herum. Der Gassenjunge Farfanicchio lief ihm nach, hüpfte auf einem Bein und schrie, auf den Kopf zeigend: »Dem Hunde ein hündischer Tod! Tod den Verrätern!« Der Alte bekreuzigte sich und sprach die Worte des Gebets: » A furore populi libera nos, Domine! – Erlöse uns, Herr, von der Wut des Volkes!« Vom Schlösse her erklangen Trommelwirbel, Trompetengeschmetter, das Knattern der Arkebusen und Schreie der Soldaten, die einen neuen Angriff auf die Zitadelle unternahmen. Im gleichen Augenblick krachte in den Bastionen ein so mächtiger Schuß, daß die Erde erbebte und die ganze Stadt zusammenzustürzen schien. Es war ein Schuß aus der riesengroßen Kanone, einem ehernen Ungeheuer, das von den Franzosen » Margot la Folle « und von den Deutschen »Die tolle Grete« genannt wurde. Der Schuß traf ein brennendes Haus hinter dem Borgo Nuovo. Eine Feuersäule stieg in den nächtlichen Himmel empor. Der Platz wurde vom roten Lichtschein überflutet und das stille Mondlicht erlosch. Die Leute liefen, rannten und wimmelten von Schrecken erfüllt durcheinander wie schwarze Schatten. Leonardo betrachtete diese menschlichen Gespenster. Er dachte an seine Entdeckung und sah und hörte im Feuerscheine, im Heulen der Menge, im Dröhnen der Sturmglocke und im Kanonendonner – die stillen Wellen von Schall und Licht, die ruhig, wie die im Wasser von einem hineingefallenen Stein erzeugten Kreise dahinglitten, sich in der Luft verbreiteten, sich schnitten, ohne sich zu vermengen und ihren Mittelpunkt stets in ihrem Entstehungsorte behielten. Ein berauschendes Gefühl erfüllte ihn beim Gedanken, daß die Menschen dieses zwecklose Spiel, diese Harmonie der unendlichen und unsichtbaren Wellen und das die Welt wie der einzige Wille eines Schöpfers beherrschende mechanische Gesetz, das Gesetz der Gerechtigkeit – unmöglich stören können: der Einfallswinkel ist immer dem Ausfallswinkel gleich. In seinem Herzen klangen die Worte, die er einst in sein Tagebuch eingetragen und später so oft wiederholt hatte: » O mirabile giustizia di te, primo Motore! O deine wunderbare Gerechtigkeit, du Urheber der ersten Bewegung! Du versagst keiner Kraft die Ordnung und die Art der notwendigen Wirkungen. O du göttliche Notwendigkeit, du zwingst alle Wirkungen, auf dem kürzesten Wege ihren Ursachen zu folgen.« Der Künstler stand unter der vertierten, tollen Volksmenge und in seinem Herzen herrschte die ewige Ruhe der Betrachtung. Sie glich dem stillen Mondlichte vor dem Widerscheine der Feuersbrünste.   Am 4. Februar 1500 zog Moro am Morgen in Mailand durch die Porta Nuova ein. Am Tage vorher hatte sich Leonardo zu seinem Freunde Melzi in die Villa Vaprio begeben. IX. Girolamo Melzi war einst beim Hofe der Sforza angestellt. Als aber vor zehn Jahren seine junge Frau starb, verließ er den Hof und zog sich in die einsame Villa am Fuße der Alpen, fünf Stunden nordwestlich von Mailand, zurück. Er lebte hier als Philosoph in voller Abgeschiedenheit von der lärmenden Welt, bestellte selbst seinen Garten und verbrachte seine Mußestunden mit dem Studium von Geheimwissenschaften und Musik, deren großer Liebhaber er war. Man erzählte, daß Messer Girolamo sich mit schwarzer Magie abgebe, um den Schatten seiner verstorbenen Frau aus dem Jenseits zurückrufen zu können. Der Alchimist Galeotto Sacrobosco und Fra Luca Paccioli besuchten ihn hier öfters. Sie verbrachten zuweilen ganze Nächte im Streite über die Geheimnisse der Platonischen Ideen und der Pythagoräischen Zahlengesetze, welche die Sphärenmusik regieren. Die größte Freude hatte aber der Hausherr an den Besuchen Leonardos. Als der Künstler noch den Bau des Martesana-Kanals leitete, kam er öfters in diese Gegend und so lernte er die schöne Villa kennen und lieben. Vaprio lag am linken steilen Ufer der Adda. Der Kanal lief zwischen Garten und Fluß. An dieser Stelle hatte die Adda Stromschnellen. Das Wasser tobte hier ununterbrochen wie die Brandung der See. Der freie reißende Strom lief kalt und grün zwischen den zerklüfteten Sandsteinufern; und an seiner Seite glitt der spiegelglatte stille Kanal stumm in seinen schnurgeraden Ufern mit dem gleichen grünen Gebirgswasser, das in ihm aber beruhigt und gezähmt schlummerte. In dieser Verschiedenheit der beiden Wasserläufe sah der Künstler einen tiefen Sinn; er verglich die beiden und wußte nicht, was schöner sei: – das Werk von Menschenvernunft und Menschenwille, das Werk seiner eigenen Hände, der Martesana-Kanal, oder dessen wilde Schwester, die Adda; beide waren ihm gleich lieb und seiner Seele verwandt. Von der oberen Gartenterrasse war eine Aussicht auf die grüne Lombardische Ebene zwischen Bergamo, Treviglio, Cremona und Brescia. Im Sommer duftete es nach dem Heu der weiten feuchten Wiesen. In den fruchtbaren Feldern wuchs der Roggen und Weizen so üppig, daß die mit Rebengirlanden miteinander verbundenen Obstbäume fast gänzlich von den Ähren verdeckt waren. Die Ähren berührten die Birnen, Äpfel, Kirschen und Pflaumen, und die ganze Ebene glich einem großen Garten. Im Norden standen die dunklen Berge von Como. Über ihnen erhoben sich im Halbkreise die ersten Vorsprünge der Alpen und noch höher in den Wolken schimmerten rosig und golden die Schneegipfel. Zwischen der heiteren Lombardischen Ebene, wo jeder Fleck Erde von Menschenhänden bebaut war, und den wilden, öden Alpen fühlte Leonardo den gleichen harmonischen Gegensatz, wie zwischen der stillen Martesana und der ungestümen Adda. Zu gleicher Zeit mit Leonardo waren hier auch Fra Luca Paccioli und der Alchimist Sacrobosco, dessen Häuschen beim Vercellino-Tor von den Franzosen zerstört worden war, auf Besuch. Leonardo hielt sich etwas abseits von ihnen. Dagegen befreundete er sich mit dem kleinen Sohne des Hausherrn – Francesco. Der Knabe war scheu und schüchtern wie ein Mädchen und fürchtete sich anfangs vor dem Künstler. Als ihn aber der Vater einmal mit irgend einem Auftrag zu Leonardo schickte, sah er bei ihm bunte Gläser, die dem Künstler zum Studium der Komplementärfarben dienten. Leonardo ließ ihn durch die Gläser hindurchschauen. Das gefiel dem Knaben. Gegenstände, die ihm längst bekannt waren, erschienen auf einmal ganz märchenhaft, bald finster, bald freudig, bald feindlich, bald freundlich, je nachdem er sie durch ein gelbes, blaues, rotes, violettes oder grünes Glas betrachtete. Auch eine andere Erfindung Leonardos – die Camera Obscura gefiel ihm gut: wenn auf dem weißen Papierblatt ein lebendes Bild erschien, auf dem man deutlich sah, wie sich das Mühlenrad drehte, wie die Dohlen um den Kirchturm flogen, wie der graue Esel des Holzhackers Peppo eine Tracht Reisig durch den Straßenkot schleppte und wie sich die Gipfel der Pappeln im Winde neigten, – so konnte sich Francesco nicht länger beherrschen und klatschte vor Wonne in die Hände. Den größten Reiz hatte für ihn aber der Regenmesser, der aus einem mit Teilungen versehenen Messingring, einem Wagebalken und Zwei an diesem befestigten Kugeln bestand; die eine war mit Wachs umknetet, die andere mit Baumwolle umwickelt; wenn die Luft feucht war, zog die Baumwolle die Feuchtigkeit an, die mit ihr umwickelte Kugel wurde schwerer und sank, während die Wachskugel ihr Gewicht behielt. Auf dem Messingring konnte dann genau der Feuchtigkeitsgehalt der Luft abgelesen werden. Die Schwankungen des Wagebalkens zeigten auf diese Weise das Wetter für die nächsten zwei Tage an. Der Knabe baute sich einen ähnlichen Apparat und freute sich, wenn seine Wettervoraussagen zum Erstaunen der Hausgenossen in Erfüllung gingen. Francesco besuchte die Dorfschule, in der der alte Abt des nächsten Kanonikats, Dom Lorenzo, unterrichtete. Er lernte mit Widerwillen: die lateinische Grammatik flößte ihm Ekel ein und beim bloßen Anblick der mit Tinte beschmierten grünen Rechenfibel verzog er sein Gesicht. Ganz anders war die Wissenschaft Leonardos: sie kam dem Kinde wie ein Märchen vor. Die mechanischen, optischen, akustischen und hydraulischen Instrumente und Modelle lockten ihn wie lebendiges Zauberspielzeug. Er wurde nie müde, Leonardos Erzählungen zu lauschen. Der Künstler war den Erwachsenen gegenüber verschlossen, denn er wußte, daß jedes unvorsichtige Wort Verdacht oder Spott auf ihn lenken könnte. Aber mit Francesco sprach er über alles offen und vertrauensvoll. Er belehrte ihn und zugleich lernte er auch selbst von ihm. Er dachte an die Worte des Heilands: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen,« und fügte noch hinzu: »und werdet nicht in das Reich der Erkenntnis kommen.« Um diese Zeit schrieb er sein »Buch von den Sternen«. In den klaren Märznächten, als in der kalten Luft schon der erste Frühlingshauch schwebte, stand er oft nachts mit Francesco auf dem Dache der Villa, beobachtete den Lauf der Gestirne und zeichnete die Mondflecke ab, um sie später zu vergleichen und so festzustellen, ob sie ihre Umrisse ändern. Einst fragte ihn der Knabe, ob es wahr sei, was ihm Paccioli von den Gestirnen erzählt hatte: daß sie von Gott wie Diamanten in die himmlischen Kristallsphären eingesetzt seien; diese zögen sie bei ihren Umdrehungen mit und erzeugten dabei die Sphärenmusik. Leonardo erklärte ihm, daß diese Sphären, die sich nach Pacciolis Auffassung seit vielen Jahrtausenden mit rasender Geschwindigkeit drehten, nach den Gesetzen der Reibung schon längst zerfallen müßten; ihre Kristallränder müßten sich abnützen, die Musik verstummen und die »unermüdlichen Tänzerinnen« müßten längst in ihrem Laufe stehen geblieben sein. Er durchstach ein Stück Papier mit einer Nadel und ließ den Knaben durch die Öffnung hindurchsehen. Francesco sah die Sterne nun ohne strahlen, als helle runde winzige Punkte und Kugeln. »Diese Punkte,« erklärte ihm Leonardo, »sind riesengroße Welten; viele unter ihnen sind hundert und tausend Mal größer als unsere Welt, die übrigens in keiner Weise geringer oder weniger ehrwürdig ist, als die andern Himmelskörper. Die von der menschlichen Vernunft entdeckten Gesetze der Mechanik, die auf Erden herrschen, regieren auch die Welten und Sonnen.« So wies er unserer sonst verachteten Erde den ihr gebührenden Platz neben den anderen Gestirnen an. »Unsere Erde erscheint den Bewohnern der anderen Planeten,« sprach der Meister, »als unvergänglicher Stern, als leuchtendes Stäubchen, wie uns jene Welten erscheinen.« Francesco konnte vieles von seinen Worten nicht verstehen, wenn er aber den Kopf in den Nacken warf und in den Himmel sah, überkam ihn ein Angstgefühl. »Was ist denn dort, hinter den Sternen?« fragte er. »Andere Sterne, andere Welten, die wir nicht sehen.« »Und hinter diesen?« »Wieder andere Sterne.« »Was ist aber ganz am Ende?« »Es gibt kein Ende.« »Es gibt kein Ende? ...«wiederholte der Knabe und Leonardo fühlte, wie die Hand Francescos in seiner Hand erbebte. Beim Lichtscheine des Lämpchens, das auf einem kleinen Tisch zwischen astronomischen Geräten stand, sah er, daß das Gesicht des Knaben plötzlich leichenblaß wurde. »Wo ist aber,« fragte er mit langsam anwachsendem Erstaunen, »wo ist aber das Paradies, Messer Leonardo? Wo sind die Engel, die Heiligen, die Madonna, Gott-Vater, der auf seinem Throne sitzt, der Sohn und der heilige Geist?« Der Meister wollte ihm erwidern, daß Gott überall sei, wie in den Sandkörnchen, so auch in den Sonnen und Welten; er schwieg aber, denn den kindlichen Glauben wollte er nicht zerstören. X. Als die Zeit der Baumblüte kam, verbrachten Leonardo und Francesco ganze Tage im Garten der Villa und im nahen Gehölz, um das Wiederaufleben der Pflanzen zu beobachten. Wenn der Künstler einen Baum oder eine Blüte abzeichnete, so war er immer bestrebt, die Pflanze porträtähnlich darzustellen und ihr den ihr eigentümlichen und sich nie wiederholenden Ausdruck abzugucken. Er lehrte Francesco, das Alter der Bäume nach der Zahl der Jahresringe und die Feuchtigkeit der betreffenden Jahre nach der Breite der Ringe zu bestimmen und festzustellen, wie die Äste gerichtet waren: denn die nach Norden gerichteten Ringe seien breiter und der Mittelpunkt der Ringe sei stets nach Süden verschoben, also nach der Seite, die von der Sonne mehr erwärmt wird. Er erzählte ihm, daß der Saft sich im Frühling zwischen der inneren grünen Haut – dem »Hemdchen« der Pflanze – und der Rinde ansammele; dadurch werde die Rinde gerunzelt und auseinandergetrieben; in den vorjährigen Furchen entstünden neue tiefere und so werde der Umfang der Pflanze vergrößert. Wenn man an einer Stelle einen Ast abschneide oder die Rinde beschädige, so bekämen die verwundeten Stellen dank der heilenden Lebenskraft mehr nährende Säfte, als die heilen Stellen; an solchen Stellen bilde sich daher mit der Zeit eine festere und stärkere Rinde. Dieser Andrang der Säfte sei so groß, daß sie oft noch über die verwundete Stelle hinaus stiegen, als ob sie in ihrem Laufe nicht rechtzeitig innehalten könnten; und so erzeugen sie, nach außen hinaustretend, Knospen und Knoten – »wie Blasen im siedenden Wasser«. Leonardo sprach von der Natur trocken und kühl, denn er war nur auf die wissenschaftliche Präzision bedacht. Die zarten Feinheiten des Frühlingslebens der Pflanze erörterte er mit leidenschaftsloser Genauigkeit, als ob es sich um eine tote Maschine handelte: »der von dem Ast und dem Stamm gebildete Winkel ist um so spitzer, je jünger und dünner der Ast ist.« Die geheimnisvollen Gesetze der kristallinisch-regelmäßigen, konischen Anordnung der Nadeln an den Fichten, Tannen und Kiefern führte er auf abstrakte Mathematik zurück. Und doch fühlte Francesco bei all dieser Leidenschaftslosigkeit und Kälte die große Liebe Leonardos zu allem Lebenden: zu dem kläglich zerknitterten, dem Gesichte eines neugeborenen Kindes gleichenden Blättchen, das die Natur mit solcher Berechnung unter das sechste obere Blatt gesetzt hat, daß es recht viel Licht habe und der zu ihm längs des Stengels herabgleitende Regentropfen durch nichts aufgehalten werde; und auch zu den alten mächtigen Ästen, die sich aus dem Schatten zur sonne wie Arme im Gebet emporrecken; und zu der Kraft der Pflanzensäfte, die wie lebendes sprudelndes Blut den verwundeten Stellen zur Hilfe eilen. Er blieb oft im Waldesdickicht stehen und sah lächelnd zu, wie ein grünes Hälmchen aus einem Haufen vorjährigen welken Laubes hervorlugte, oder wie eine nach dem Winterschlafe noch matte Biene mühevoll in den noch halb geschlossenen Kelch eines Schneeglöckchens einzudringen suchte. Ringsumher war es so still, daß Francesco seine eigenen Herzschläge hören konnte. Schüchtern blickte er den Meister an: die Sonnenstrahlen fielen durch die noch nackten Zweige auf das blonde Haar, den langen Bart, die buschigen Augenbrauen Leonardos und umgaben sein Haupt mit einem Glorienschein; sein Gesicht war ruhig und schön; in solchen Augenblicken glich er dem alten Pan, der dem Wachsen des Grases, dem Lallen der unterirdischen Quellen und dem Erwachen der geheimnisvollen Lebenskräfte lauscht. Alles schien ihm von Leben erfüllt: das Weltall – als ein großer Körper, und der Menschenkörper – als ein kleines Weltall. In einem Tautropfen sah er das Ebenbild der die Erde umfassenden Wassersphäre. In Trezzo bei Vaprio, wo der Martesana-Kanal seinen Anfang hatte, studierte er bei den Schleusen die Wasserfälle und Wasserwirbel, die er mit den Wellen in Frauenlocken verglich. »Merke dir,« sagte er, »wie die Haare zweien Strömungen folgen: der Hauptrichtung, die der Richtung ihrer eigenen Schwere entspricht, und einer anderen Kraft, die sie zu Locken windet, so auch in den Wasserläufen: ein Teil des Wassers stürzt hinab, während der andere Teil Strudel und Wirbel bildet, die den Haarlocken ähnlich sehen.« Solche rätselhafte Ähnlichkeiten, solche Anklänge in Naturerscheinungen reizten und lockten den Künstler; sie erschienen ihm als Zwiegespräch zweier verschiedenen Welten. Bei Beobachtung des Regenbogens bemerkte er, daß die gleichen Farben auch im Vogelgefieder, im stehenden Wasser bei faulen Baumwurzeln, in Edelsteinen, in der auf einer Wasserfläche schwimmenden Fettschicht und in alten trüben Glasscheiben vorkommen. In den Formen des Reifes auf den Bäumen und den eingefrorenen Fensterscheiben sah er eine Ähnlichkeit mit lebenden Blättern, Blumen und Gräsern; ihm war es, als webe durch die Welt der Eiskristalle ein Traum von der lebenden Pflanzenwelt. Zuweilen ahnte er vor sich eine neue Welt der Erkenntnis,, die sich vielleicht erst den kommenden Geschlechtern offenbaren sollte. So schrieb er in sein Tagebuch über die Anziehungskraft des Magnets und des mit Tuch geriebenen Bernsteins: »Ich weiß nicht, wie der Menschengeist diese Erscheinungen erklären könnte. Ich glaube, daß die magnetische Kraft eine von jenen Kräften ist, die den Menschen noch unbekannt sind. Die Welt ist voll von unzähligen Möglichkeiten, die noch nie ihre Erfüllung gefunden haben.« Einmal besuchte sie der in Bergamo, in der Nähe von Vaprio lebende Dichter Giudotto Prestinari. Während des Abendessens begann er einen Streit über die Vorzüge der Dichtkunst gegenüber der Malerei, denn er fühlte sich dadurch beleidigt, daß Leonardo seine Verse wenig gelobt hatte. Der Künstler schwieg, schließlich amüsierte ihn die Erregung des Dichters und er begann ihm halb im Scherz zu widersprechen: »Die Malerei,« sagte Leonardo u. a., »steht schon aus diesem Grunde höher als die Dichtkunst, weil sie die Werke Gottes darstellt, während die Dichter, wenigstens heutzutage, sich mit der Darstellung ihrer eigenen Ideen begnügen; sie stellen auch nichts dar, sie beschreiben nur, wobei sie das Meiste fremden Werken entlehnen und so mit fremder Ware handeln. Sie sammeln den alten Kram und die Abfälle der verschiedenen Wissenschaften und man kann sie mit den Verkäufern gestohlener Sachen vergleichen...« Fra Luca, Melzi und Galeotto widersprachen ihm. Leonardo ließ sich allmählich in den Streit hineinziehen und schließlich stritt er ganz ernsthaft: »Das Auge verhilft dem Menschen zu einer tieferen Kenntnis der Natur, als es das Ohr zu tun vermag. Das Gesehene ist zuverlässiger als das Gehörte. Daher steht die Malerei, die stumme Dichtkunst, der exakten Wissenschaft näher, als die Dichtkunst, – die blinde Malerei. In einer poetischen Beschreibung haben wir nur eine Reihe von aufeinanderfolgenden Bildern; in einem Gemälde sind aber alle Bilder und Farben zu einem Ganzen vereinigt und so verschmolzen, wie die Töne in einem musikalischen Gleichklange; daher finden wir in der Malerei wie in der Musik mehr Harmonie, als in der Dichtkunst. Wo aber die höchste Harmonie fehlt, dort fehlt auch die höchste Schönheit. – Fragt nur einen Verliebten, was er vorzieht: ein Bildnis der Geliebten oder eine Beschreibung ihrer Gestalt, selbst vom größten Dichter verfaßt.« Alle mußten unwillkürlich über dieses Argument lachen. »Ich habe selbst folgenden Fall erlebt,« fuhr Leonardo fort. »Ein Florentiner Jüngling verliebte sich dermaßen in ein Frauenantlitz auf einem meiner Bilder, daß er dies Bild kaufte. Anfangs wollte er davon alle Merkmale des Heiligenbildes beseitigen, um das geliebte Antlitz ganz unbefangen küssen zu können. Aber sein Gewissen besiegte die Wollust. Er entfernte das Bild aus seinem Hause, denn anders konnte er keine Ruhe finden. Nun soll einmal ein Dichter versuchen, mit seiner Beschreibung eines schönes Weibes eine derartige Leidenschaft zu wecken! Ja, Messere, ich will es nicht von mir selbst behaupten, denn ich weiß, wie sehr ich von der Vollkommenheit entfernt bin, aber von einem Künstler, der die Vollkommenheit erreicht hat: ein solcher Künstler ist durch die Macht seines Blickes mehr als ein Mensch. Will er die himmlische Schönheit, oder ungeheuerliche, komische, traurige, schreckliche Gestalten schauen, – in allen Dingen bleibt er ein Herrscher wie Gott!« Fra Luca machte dem Meister Vorwürfe, daß er seine Werke nicht sammle und herausgebe. Der Mönch wollte ihm gern einen Verleger vermitteln. Aber Leonardo wollte davon nichts wissen. Er blieb sich treu bis ans Ende: bei seinen Lebzeiten wurde keine einzige Zeile von ihm gedruckt. Und dabei faßte er seine Aufzeichnungen so ab, als ob er sich mit dem Leser unterhielte. Am Anfange eines seiner Tagebücher entschuldigt er sich wegen der Unordnung in den Aufzeichnungen und der häufigen Wiederholungen: »Tadele mich nicht, Leser, deshalb; denn die Fülle der Dinge ist unendlich und mein Gedächtnis kann sie nicht alle fassen; daher weiß ich nie, was in den früheren Aufzeichnungen schon erwähnt, und was noch unerwähnt war; um so mehr, als ich mit großen Unterbrechungen schreibe und die Notizen aus verschiedenen Lebensjahren stammen.« Einmal stellte er die Entwicklung des menschlichen Geistes auf folgende Art allegorisch dar: er zeichnete eine Reihe von Würfeln, von denen der erste fiel und im Fallen den zweiten umwarf; ebenso der zweite den dritten und so fort. Die Unterschrift lautete: »Einer stürzt den anderen.« Dem fügte er noch hinzu: »Diese Würfel stellen die menschlichen Geschlechter und das menschliche Wissen dar.« Eine andere Zeichnung stellte einen die Erde aufwühlenden Pflug dar. Darunter stand: »Trotzige Strenge.« Er hoffte in diesem Sturze der Würfel auch einmal an die Reihe zu kommen und bei den kommenden Geschlechtern einen Widerhall zu finden. Er war wie ein Mensch, der zu früh erwacht ist: alle schlafen und um ihn ist Finsternis, selbst unter den ihm nahestehenden Menschen war er stets einsam; seine in einer Geheimschrift geschriebenen Tagebücher waren für den kommenden Bruder bestimmt und für diesen ging auch der einsame Pflüger in der Morgendämmerung ins Feld, um mit seinem Pfluge mit »trotziger Strenge« Furchen zu ziehen. XI. In den letzten Märztagen trafen auf der Villa Melzi beunruhigende Nachrichten ein. Das Heer Ludwigs\ XII. hatte unter dem Befehl des Sir de la Trémouille die Alpen überschritten. Moro befürchtete den Verrat seiner Soldaten und wich daher einer Schlacht aus. Ihn quälten abergläubische Vorahnungen und er war »feiger als ein Weib«. Die Gerüchte über Krieg und Politik gelangten nach Vaprio wie ein schwaches gedämpftes Dröhnen. Ohne sich um den König von Frankreich und den Herzog zu kümmern, durchzogen Leonardo und Francesco die nahen Hügel, Täler und Wälder. Manchmal gelangten sie, den Lauf eines Stromes verfolgend, in Bergwälder. Hier ließ der Künstler Ausgrabungen machen und suchte nach vorsintflutlichen Muscheln, versteinerten Seetieren und Algen. Als sie einmal von einem solchen Ausfluge heimkehrten, setzten sie sich auf dem steilen Adda-Ufer am Rande des Abhanges unter einer alten Linde nieder, um etwas auszuruhen. Zu ihren Füßen lag die weite Ebene mit den Ulmen- und Pappelalleen. Im Abendsonnenschein sahen sie die freundlichen weißen Häuschen von Bergamo. Die schneebedeckten Alpen schienen in der Luft zu schweben. Die Luft war klar. Aber in der Ferne zwischen Treviglio, Castell-Rozzone und Brignano schwebte dicht am Horizonte eine Rauchwolke. »Was ist das?« fragte Francesco. »Ich weiß nicht,« erwiderte Leonardo. »Vielleicht ist es eine Schlacht... Siehst du die Flammen? ... Es könnten Kanonenschüsse sein. Vielleicht ist es ein Gefecht zwischen den Franzosen und den Unsrigen...« In den letzten Tagen waren solche zufälligen Gefechte in der ganzen Lombardischen Ebene sehr häufig. Sie schauten eine Weile der Rauchwolke zu. Dann dachten sie nicht mehr an sie und vertieften sich in die Untersuchung der Ausbeute der letzten Ausgrabungen. Der Meister ergriff einen langen spitzen, noch erdbeschmutzten Knochen, der vielleicht aus der Flosse eines vorsintflutlichen Fisches stammte. »Wieviel Völker,« sagte er nachdenklich, wie vor sich hin, mit einem milden Lächeln, »wieviel Könige hat wohl die Zeit seit jenem Tage vernichtet, als dieser Fisch, mit dem wunderbaren Körperbau, in dem Höhlenlabyrinth, in dem wir ihn heute fanden, eingeschlummert ist? Wieviel Jahrtausende sind da hingegangen, wieviel Umwälzungen hat das Antlitz der Erde erfahren, während dieser Fisch hier von allen Zeiten eingeschlossen lag, die schweren Erdschollen mit seinem vom Zahne der Zeit abgenagten Gerippe stützend? ...« Er streckte seine Hand aus und wies auf die zu ihren Füßen liegende Ebene. »Alles, was du hier siehst, Francesco, war einst der Boden eines Ozeans, der den größten Teil von Europa, Asien und Afrika bedeckte. Die Seetiere, die wir hier finden, zeugen von jenen Zeiten, als die Gipfel der Apenninen noch Inseln auf einem großen Meere waren und als über den Tälern, über denen heute Vögel fliegen, Fische schwammen.« Sie blickten jetzt wieder auf die ferne Rauchwolke, in der ab und zu Kanonenschüsse aufblitzten. In der grenzenlosen Ferne, im rosigen Lichte der Abendsonne gebadet, erschien sie ihnen so winzig, friedlich und ruhevoll, daß man unmöglich glauben konnte, daß dort eine Schlacht wütete und Männer sich mordeten. Ein Zug Vögel flog vorbei. Francesco verfolgte sie mit den Augen und versuchte sich jene Fische vorzustellen, die hier einmal durch die Wellen eines Ozeans, der ebenso tief und leer wie der Himmel war, dahinglitten. Sie schwiegen. Doch beide hatten den gleichen Gedanken: »Ist es denn nicht ganz gleich, ob die Franzosen die Lombarden oder die Lombarden die Franzosen bezwingen, ob der König oder der Herzog Sieger wird? Vaterland, Politik, Ruhm, Krieg, Sturz von Königreichen, Aufruhr der Völker, kurz alles, was den Menschen groß und drohend erscheint, verschwindet es denn nicht vor der ewigen heiteren Natur wie die kleine Wolke, die im Abendlichte schmilzt?« XII. In der Villa Vaprio vollendete Leonardo ein Bild, das er noch vor vielen Jahren in Florenz begonnen hatte. Es stellte die Mutter Gottes dar, wie sie in einer Felsgrotte sitzend, mit ihrer Rechten den kleinen Johannes den Täufer umarmte und mit der Linken ihren Sohn beschattete, als ob sie beide, den Menschen und den Gott, in einer Liebe vereinigen wollte. Johannes kniete mit gefalteten Händen vor dem Jesuskinde, das ihn mit zwei Fingern segnete. Der kleine Heiland saß ganz nackt auf der nackten Erde; das eine dicke Beinchen hatte er unter das andere geschoben und er stützte sich auf sein rundliches Händchen mit den gespreizten Fingern: die ganze Gestalt besagte, daß das Kind noch nicht laufen, sondern nur kriechen konnte. Aber sein Gesicht drückte jene vollkommene Weisheit aus, die zugleich auch vollkommene Einfalt ist. Ein Engel, der neben dem Herrn kniete und ihn mit der einen Hand stützte, wies mit der anderen Hand auf Johannes und wandte sein von einer trüben Ahnung erfülltes Gesicht mit rätselhaftem mildem Lächeln dem Zuschauer zu. In der Ferne zwischen den Felsen fiel feuchtes Sonnenlicht durch einen Regenschleier hindurch auf bläuliche, spitze und feine Berge, die gar nicht irdisch aussahen und mehr spitzen Stalaktiten glichen. Diese gleichsam von Salzwasser zerfressenen und abgenagten Felsen erinnerten an den Grund eines ausgetrockneten Ozeans. In der Grotte herrschte eine tiefe Dämmerung, wie unter Wasser. Das Auge unterschied kaum eine unterirdische Quelle, runde Blätter von Wasserpflanzen und zarte Kelche blasser Schwertlilien. Man hörte förmlich die durch die Wurzeln der Schlingpflanzen, Schachtelhalme und Bärlapp hindurchsickernden Wassertropfen von dem überhängenden schwarzen Dolomitgestein heruntertropfen. Nur das halb kindliche, halb jungfräuliche Gesicht der Madonna leuchtete im Dunkeln wie ein von innen durchleuchtetes Alabastergefäß. Die Himmelskönigin erschien hier dem Menschen zum ersten Mal; im geheimnisvollen Dunkel der unterirdischen Höhle, die vielleicht einst dem alten Pan und den Nymphen als Zufluchtsstätte gedient hatte, saß hier die Mutter des Gottmenschen am Herzen der Natur, in den Tiefen der Mutter Erde, ein Geheimnis aller Geheimnisse. Es war die Schöpfung eines großen Künstlers und zugleich eines großen Gelehrten. Die Verteilung von Licht und Schatten, die Gesetze des Pflanzenlebens, den Bau des menschlichen Körpers und der Erde, die Mechanik der Kleiderfalten, die Mechanik der Frauenlocken, die sich nach den Gesetzen der Wasserwirbel ringeln, so daß der Anprallwinkel dem Abprallwinkel gleich ist, alles, was der Gelehrte mit seiner »trotzigen Strenge« leidenschaftslos und exakt erforscht und gemessen und wie eine leblose Leiche seziert hatte, das hatte der Künstler zu einem göttlichen Ganzen zusammengefügt und in atmende Schönheit, in stumme Musik, in eine geheimnisvolle Hymne an die heilige Jungfrau, an die Mutter alles Seins, verwandelt. Mit der gleichen Liebe und dem gleichen Wissen malte er die Äderchen in der Schwertlilie, das Grübchen im runden Ellenbogen des Kindes, die tausendjährige Furche im Dolomitfelsen, die Bewegung des tiefen Wassers der unterirdischen Quelle und die Bewegung der tiefen Trauer im Antlitze des Engels. Er wußte alles und liebte alles, denn die große Liebe ist die Tochter der großen Erkenntnis. XIII. Der Alchimist Galeotto Sacrobosco wollte einen Versuch mit der »Rute des Merkur« machen. So nannte man Stöcke aus Myrten-, Mandel-, Tamarinden- oder irgend einem andern »astrologischen« Holz; alle diese Holzarten sollten eine gewisse Verwandtschaft mit Metallen besitzen. Die Stöcke dienten zum Auffinden von Kupfer-, Gold- und Silbererzen. Zu diesem Zweck begab er sich mit Messer Girolamo an das Ostufer des Lecco-Sees, wo es viele Bergwerke gab. Leonardo schloß sich ihnen an, obwohl er an die »Rute des Merkur« nicht glaubte und über sie ebenso spottete, wie über alle anderen Phantasien der Alchimisten. In der Nähe des Dorfes Mandello lag am Fuße des Campione ein Eisenbergwerk. Die Bauern erzählten, daß hier vor einigen Jahren ein Stollen eingestürzt sei und viele Arbeiter verschüttet habe, daß auch noch heute aus den tiefen Spalten Schwefeldämpfe kämen und daß ein hineingeworfener Stein mit nie endendem, immer leiser werdendem Gepolter falle und den Grund nie erreiche, weil es da überhaupt keinen Grund gäbe. Diese Erzählungen reizten die Neugier des Künstlers und er beschloß, das verlassene Bergwerk zu erforschen, während seine Freunde ihre Versuche mit der Rute machten. Doch die Bauern weigerten sich, ihn hinzugeleiten, denn sie glaubten, daß in der Grube ein böser Geist wohne. Endlich fand er doch einen alten Bergmann, der die Führung übernahm. Ein steiler, finsterer unterirdischer Gang, der einem Brunnen glich und dessen Stufen halb zerstört und sehr glitschig waren, zog sich in der Richtung zum See hin und führte in die Schächte. Voraus schritt der Führer mit einer Laterne; Leonardo folgte ihm, Francesco auf den Armen tragend. Der Knabe hatte, trotz des Einspruches des Vaters und der Ermahnungen Leonardos, so lange gebettelt, daß ihn Leonardo mitnehmen mußte. Der unterirdische Gang wurde immer enger und steiler. Sie hatten schon über zweihundert Stufen gezählt, der Gang führte aber immer tiefer hinunter und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Ein schwüler feuchter Hauch kam ihnen entgegen. Leonardo beklopfte die Wände mit einem Spaten, wobei er auf den Klang achtete, und studierte das Gestein, die Erdschichten und den in den Granit eingestreuten Glimmerglanz. »Hast du Angst?« fragte er mit liebevollem Lächeln, denn er fühlte, wie der Knabe sich enger an ihn schmiegte. »Nein, wenn ich bei Euch bin, fürchte ich nichts.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Ist es wahr, Messer Leonardo, was der Vater erzählt: daß Ihr bald abreist?« »Ja, Francesco, es ist wahr.« »Wohin?« »Nach Romagna, um in den Dienst Cesares, des Herzogs von Valentino, zu treten.« »Nach Romagna? Ist es weit?« »Einige Tage von hier.« »Einige Tage!« wiederholte Francesco. »Da werden wir uns nie wiedersehen?« »Warum denn? Ich werde ja wieder herkommen, sobald es mir möglich sein wird.« Der Knabe wurde nachdenklich. Dann umschlang er in plötzlicher Anwandlung von Zärtlichkeit Leonardos Hals, schmiegte sich noch enger an ihn an und flüsterte: »Messer Leonardo, nehmt, o nehmt mich doch mit!« »Was fällt dir ein, Kind? Du darfst nicht mit. Dort wütet ja ein Krieg!« »Und wenn auch! Ich habe ja schon gesagt, daß ich mit Euch nichts fürchte! ... Es ist ja schon hier schrecklich genug; und wenn es noch schrecklicher sein wird, so werde ich dennoch nichts fürchten! ... Ich will Euer Diener sein, Eure Kleidung werde ich reinigen, die Zimmer fegen, den Pferden Futter geben; Ihr wißt ja, ich bin geschickt im Sammeln von Muscheln und verstehe von Pflanzen Abdrücke mit Kohlenpulver zu machen. Ihr habt mir neulich selbst gesagt, daß ich es vorzüglich mache. Ich will wie ein Erwachsener alle Eure Befehle ausführen ... Nehmt mich nur mit, Messer Leonardo, verlaßt mich nicht! ...« »Und Messer Girolamo? Glaubst du, daß er dich mit mir ziehen läßt?« »Er wird mich lassen! Ich werde ihn so lange darum bitten. Er ist ja so gut. Wenn er mich aber doch nicht gehen läßt, so werde ich heimlich fortgehen ... Sagt mir nur, daß Ihr es mir erlaubt ... Ja?« »Nein, Francesco, – ich weiß ja, daß du es nicht ernst meinst und deinen Vater nie verlassen wirst. Er ist ja alt und einsam. Du wirst doch Mitleid mit ihm haben ...« »Gewiß habe ich mit ihm Mitleid ... Aber auch Ihr tut mir leid. Ihr kennt mich noch nicht, Messer Leonardo, Ihr glaubt, ich sei ein Kind. Aber ich weiß alles! Tante Bona sagt, Ihr seid ein Zauberer, und auch der Schullehrer Dom Lorenzo meint, daß Ihr schlecht seid und daß ich in meinem Umgange mit Euch mein Seelenheil verlieren könne. Als er einmal wieder so schlecht von Euch sprach, habe ich ihm eine Antwort gegeben, daß er mich beinahe durchgehauen hätte. Alle fürchten Euch. Aber ich fürchte mich nicht, denn Ihr seid besser als die anderen, und ich will immer mit Euch sein!« Leonardo streichelte ihm schweigend den Kopf und mußte dabei unwillkürlich an einen anderen Knaben denken, den er vor einigen Jahren ebenso in seinen Armen getragen – an das Kind, das beim Feste Moros das Goldene Zeitalter dargestellt hatte. Francescos heiteres Gesicht wurde plötzlich finster, das Feuer in seinen Augen erlosch, seine Mundwinkel senkten sich und er sagte leise: »Was soll ich tun? Ich weiß ja, warum Ihr mich nicht mitnehmen wollt: Ihr liebt mich nicht ... Aber ich ...« Er schluchzte und kam nicht weiter. »Weine nicht, Kind. Wie, schämst du dich nicht? Höre lieber, was ich dir sagen werde: Wenn du einmal groß bist, will ich dich unter meine Schüler aufnehmen. Wir werden dann gar prächtig miteinander leben und uns nie trennen.« Francesco hob die Augen, an deren langen Wimpern noch Tränen glänzten und blickte Leonardo lange prüfend an. »Wollt Ihr mich wirklich als Schüler haben? Vielleicht sagt Ihr es jetzt nur, um mich zu trösten, und vergeßt es später wieder?« »Nein, ich verspreche es dir, Francesco.« »Ihr versprecht es mir? Wieviel Jahre muß ich warten?« »Acht oder neun, wenn du fünfzehn Jahre alt bist ...« »Neun Jahre ...« Er zählte es an seinen Fingern ab. »Und dann bleiben wir immer zusammen?« »Ja, bis an den Tod.« »Gut, jetzt glaube ich sicher daran. Also noch acht Jahre?« »Ja, du kannst dich darauf verlassen.« Francesco lächelte ihm glückselig zu und liebkoste ihn nach einer eigenen von ihm erfundenen Art: er rieb sich mit seinem Gesicht an seiner Wange, wie eine Katze. »Wißt Ihr, Messer Leonardo, wie wunderbar es war! Mir träumte einmal, daß ich viele, unendlich viele Stufen, unendlich lange Gänge ohne Anfang und ohne Ende hinabstiege. Jemand trug mich dabei auf den Armen. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen, aber ich wußte, daß es meine Mutter war. Ich habe sie ja nie gekannt, denn sie starb, als ich noch ganz klein war. Und jetzt hat sich dieser Traum erfüllt. Nur werde ich von Euch getragen und nicht von der Mutter. Mir ist aber in Euren Armen ebenso wohl wie in den ihrigen. Und ich fürchte nichts ...« Leonardo sah ihn mit einem unendlich milden Blicke an. Die Augen des Kindes strahlten im Dunkeln. Francesco streckte dem Künstler seine Lippen so zutraulich entgegen, als ob er seine Mutter vor sich habe. Leonardo küßte ihn und es war ihm, als hätte ihm Francesco in diesem Kusse seine Seele geschenkt. Er fühlte, wie an seinem Herzen das Herz des Kindes pochte und er stieg mit festen Schritten, der trüben Laterne folgend und von unstillbarem Wissensdrang getrieben, die schreckliche Treppe des Bergwerks in die unterirdische Finsternis hinab. XIV. Als die Bewohner der Villa nach Vaprio zurückkehrten, vernahmen sie die beunruhigende Nachricht vom Herannahen des französischen Heeres. Der König hatte, über den Verrat und die Empörung aufs höchste erzürnt, die Stadt Mailand aus Rache den Söldnern preisgegeben. Wer nur die Möglichkeit dazu hatte, flüchtete in die Berge. Auf allen Straßen traf man Wagen, die mit allerlei Hausrat beladen waren und denen weinende Kinder und Frauen folgten. Nachts sah man aus den Fenstern der Villa über die ganze Ebene »rote Hähne« – Flammen der Feuersbrünste flattern. Von Tag zu Tag erwartete man bei Novara eine Schlacht, die das Schicksal der ganzen Lombardei entscheiden sollte. Fra Luca kam einmal in die Villa aus der Stadt mit der Nachricht von den letzten Ereignissen: Die Schlacht sollte am 10. April stattfinden. Als der Herzog am Morgen dieses Tages Novara verlassen hatte und im Angesicht des Feindes seine Truppen ordnete, weigerten sich die schweizer Söldner, die seine Hauptmacht bildeten, aber von Marschall Trivulzio bestochen waren, in die Schlacht zu gehen. Der Herzog flehte sie mit Tränen in den Augen an, ihn nicht ins Verderben zu stürzen und schwor, ihnen im Falle des Sieges einen Teil seines Besitzes zu schenken. Sie blieben unerbittlich. Moro verkleidete sich als Mönch und wollte fliehen. Aber ein Schweizer aus Luzern, namens Schattenhalb, verriet ihn den Franzosen. Der Herzog wurde ergriffen und zum Marschall gebracht, der den Schweizern für diesen Dienst dreißigtausend Dukaten, »dreißig Silberlinge des Judas«, zahlte. Ludwig XII. beauftragte Sir de la Trémouille, den Gefangenen nach Frankreich zu schaffen. So wurde derjenige, der nach den Worten der Hofdichter »als erster neben Gott das Rad Fortunas und das Steuer des Weltalls lenkte«, wie ein wildes Tier in einen Käfig gesperrt und auf einem Leiterwagen fortgeführt. Man erzählte, der Herzog habe sich als besondere Gnade ausgebeten, Dantes »Göttliche Komödie« nach Frankreich mitnehmen zu dürfen. Der Aufenthalt in der Villa wurde von Tag zu Tag gefährlicher. Die Franzosen verwüsteten die Lomellina, die Landsknechte Seprio und die Venezianer die Gegend von Martesana. In der Nähe von Vaprio waren Räuberbanden aufgetaucht. Messer Girolamo zog mit Francesco und Tante Bona nach Chiavenna. Als Leonardo die letzte Nacht in der Villa Melzi verbrachte, trug er, wie es seine Gewohnheit war, in sein Tagebuch alles Interessante, was er am Tage gesehen und gehört, ein. In dieser Nacht schrieb er: »Wenn ein Vogel einen kurzen Schwanz, aber breite Flügel hat, so wendet er sich mit einigen kräftigen Flügelschlägen so dem Winde zu, daß dieser ihm unter die Flügel weht und ihn so hochhebt, wie ich es selbst beim Auffluge eines jungen Habichts über der Kirche von Vaprio links von der Bergamo-Straße, morgens d. 14.\ April 1500, beobachtet habe.« Auf der gleichen Seite stand noch die Notiz: »Moro hat sein Reich, sein Eigentum und seine Freiheit verloren und alle seine Werke sind eitel Staub.« Und sonst kein Wort darüber! Als erscheine ihm der Sturz des großen Hauses Sforza und das Ende des Mannes, mit dem er sechzehn Jahre gelebt, weniger wichtig und bemerkenswert, als der einsame Flug eines Raubvogels. Elftes Buch Wir werden Flügel haben! I. In Toskana, zwischen Pisa und Florenz in der Nähe von Empoli, liegt am westlichen Abhange des Monte Albano das Dorf Vinci – die Heimat Leonardos. Nachdem Leonardo alle seine Geschäfte in Florenz geordnet hatte, wollte er vor seiner Abreise nach Romagna, wohin ihn Cesare Borgia berief, dieses Dorf besuchen, wo noch sein alter Onkel väterlicherseits, der durch Seidenzucht reich gewordene Ser Francesco da Vinci, lebte. Er war der einzige in der ganzen Familie, der den Neffen liebte. Der Künstler wollte ihn besuchen und, wenn möglich, in dessen Hause seinen Schüler Zoroastro da Peretola, der sich von den Folgen seines schrecklichen Sturzes noch immer nicht erholt hatte, unterbringen. Die Verletzungen Astros waren so schwer, daß er für den Rest seines Lebens wahrscheinlich ein Krüppel blieb. Der Meister glaubte, die Bergluft, die ländliche Stille und Ruhe würden ihm mehr als alle Arzneien nützen. Leonardo verließ Florenz auf seinem Maultiere durch das Tor Al Prato ganz ohne Begleitung und folgte den Ufern des Arno. Bei der Stadt Empoli ließ er das Arnotal und die nach Pisa führende Landstraße abseits liegen und schlug einen schmalen Feldweg ein, der sich über niedere einförmige Hügel wand. Der Himmel war bewölkt und es war nicht heiß. Die Sonne ging im Nebel unter und ihr trübes weißliches zerstreutes Licht kündete Nordwind an. Die Aussicht zu beiden Seiten der Straße erweiterte sich ganz allmählich. Die Hügel stiegen fast unmerklich, gleichmäßig wie Wellen, und hinter ihnen ahnte man das Gebirge. Das Gras der Wiesen war wenig üppig und von einem blassen Grün. Die ganze Gegend sah mehr nordisch aus; alles war etwas blaß und armselig, die Farben grau und grün, ruhig und verschwommen. Auf den Feldern standen blasse Ähren, endlose Weinberge zogen sich, von Mauern umgeben, in die Ferne und in gleichen Abständen voneinander standen Olivenbäume mit festen, krummen Stämmen, die seltsam gewundene spinnenähnliche Schatten auf die Erde warfen. Ab und zu sah man vor einer einsamen Kapelle, vor einem verlassenen Landhause, in dessen gelben Mauern ganz unsymmetrisch vergitterte Fenster angebracht waren, oder vor einem ziegelgedeckten Schuppen für landwirtschaftliche Geräte, auf dem ruhigen Hintergrunde der schon einmal gesehenen grauen Berge Reihen kohlschwarzer, spindelförmiger Cypressen, wie man sie auf manchen alten Bildern der florentiner Schule findet. Die Berge wurden anscheinend immer höher. Man fühlte eine langsame, doch ununterbrochene Steigung. Man atmete leichter. Der Reisende passierte Sant' Ausano, Calistri, Lucardi und die Kapelle von San Giovanni. Der Abend brach an. Der Himmel heiterte sich auf und die Sterne wurden sichtbar. Plötzlich wurde es kühl: es war der Anfang des durchdringend kalten und reinen Nordwindes – Tramontano . Plötzlich wurde bei der letzten scharfen Biegung des Weges das Dorf Vinci sichtbar. In der ganzen Gegend gab es keinen ebenen Fleck: die Hügel wurden zu Bergen, die Ebene zu Hügeln. An einem dieser Hügel, der nieder und spitz war, klebte das Dorf mit seinen engen, zwischen Steinmauern eingeschlossenen Straßen. Der schwarze Turm der alten Festung hob sich schlank und leicht vom abendlichen Himmel ab. In den Fenstern der Häuser sah man Licht. Am Fuße des Berges stand am Kreuzwege in einer Mauernische ein von einem Lämpchen erleuchtetes Muttergottesbild. Es war aus weiß und blau glasiertem Ton, und der Künstler kannte es noch von seiner Kindheit her. Vor der Madonna kniete in gebückter Stellung und das Gesicht mit den Händen bedeckend, eine weibliche Gestalt in ärmlicher dunkler Kleidung, wohl eine Bauersfrau. »Katharina!« flüsterte Leonardo den Namen seiner verstorbenen Mutter, die ja auch eine einfache Bauersfrau aus Vinci gewesen war. Er passierte die Brücke, die über einen reißenden Bergbach führte, und schlug einen schmalen Pfad zwischen Gartenmauern nach rechts ein. Hier war es schon ganz finster. Eine von einer Mauer herabhängende Rosenranke streifte leise sein Gesicht, küßte ihn gleichsam im Finstern, und ein frischer Duft schlug ihm entgegen. Vor einem alten Holztor, das in einer Mauer angebracht war, saß er ab. Er ergriff einen Stein und schlug an eine der Eisenklammern. Dieses Haus hatte einst seinem Großvater Antonio da Vinci gehört und gehörte jetzt seinem Onkel Francesco. Hier hatte Leonardo seine Kindheit zugebracht. Auf sein Klopfen bekam er keine Antwort. Er hörte in der Stille den Strom Moline di Gatte in der Schlucht rauschen. Oben im Dorf bellten die Hunde, von Leonardos Klopfen geweckt. Ein wohl sehr alter Hund antwortete ihnen ganz heiser vom Hofe her. Endlich kam ein krummer Greis mit einer Laterne. Er war schwerhörig und konnte lange nicht verstehen, wer der Gast sei. Als er es aber schließlich doch begriff, begann er vor Freude zu weinen und hätte beinahe seine Laterne fallen lassen. Er küßte dem vornehmen Herrn, den er vor vierzig Jahren auf seinen Armen getragen, die Hände und stammelte schluchzend: »O Signore, Signore, o mein Leonardo!« Der Hofhund wedelte so träge mit seinem hängenden Schweife, als tue er es nur seinem alten Herrn zu Liebe. Gian-Battisto – so hieß der alte Gärtner, – erzählte, Ser Francesco sei nach seinem Weinberge bei Madonna del'Erta verreist und wolle von dort aus noch nach Marciliana gehen, um sich da von einem alten Mönch mit einer Abkochung aus Tausendgüldenkraut wegen seiner Kreuzschmerzen behandeln zu lassen. Nach ein oder zwei Tagen werde er heimkehren. Leonardo wollte so lange warten, um so lieber, als am nächsten Tage Zoroastro und Giovanni Beltraffio aus Florenz eintreffen mußten. Der Greis führte ihn ins Haus, das unbewohnt war; denn Francescos Kinder lebten in Florenz. Er lief geschäftig hin und her und rief endlich seine hübsche sechzehnjährige blonde Enkelin herbei, um ihr das Nachtmahl zu bestellen. Leonardo aber wollte sich mit etwas Vincianer Wein, Brot und Quellwasser begnügen; die Quelle in der Besitzung des Onkels war wegen ihres vorzüglichen Wassers berühmt. Trotzdem Ser Francesco einiges Vermögen besaß, lebte er ebenso bescheiden, wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater gelebt hatten; dieses Leben mußte einem an die Bequemlichkeiten der Großstadt gewöhnten Menschen ärmlich erscheinen. Der Künstler betrat das ihm so wohl vertraute Gemach im Erdgeschoß, das zugleich als Empfangszimmer und Küche diente. Die Ausstattung bestand aus einigen plumpen Stühlen, Bänken und Truhen aus dunklem und vom Alter spiegelblankem geschnitztem Holz und einer Kredenz mit schwerem Zinngeschirr; von den rauchgeschwärzten Deckenbalken hingen Bündel getrockneter Arzneikräuter herunter. Das Zimmer hatte einfach weiß getünchte Wände, einen steinernen Fußboden und einen mächtigen verrußten Kamin. Neu waren nur die dicken, grünlichen Butzenscheiben in den Fenstern. Leonardo erinnerte sich noch, wie in seiner Kindheit diese Fenster, wie in allen toskanischen Bauernhäusern, mit gewachster Leinwand überzogen waren, so daß im Zimmer auch am Tage Dämmerung herrschte. In den oberen Räumen, die als Schlafzimmer dienten, wurden die Fenster nur mit hölzernen Läden geschlossen, so daß im Winter, der in dieser Gegend manchmal sehr streng ist, zuweilen das Wasser in den Waschschüsseln einfror. Der Gärtner machte Feuer aus duftendem Gebirgsheidekraut und Wacholder – Ginepri –, und zündete eine kleine Lampe an, die im Innern des Kamins an einer Messingkette herabhing. Sie war aus Ton, hatte einen langen engen Hals und Handgriff und glich jenen Lampen, die man in alten etruskischen Gräbern findet. In dem einfachen ärmlichen Zimmer erschien die vornehme, schlanke Form der Lampe noch reizvoller. Hier in diesem halbwilden Winkel der Toskana hatten sich im Blut und in der Sprache, im Hausgerät und in den Sitten der Einwohner noch einzelne Anklänge an den uralten Etruskerstamm erhalten. Während das junge Mädchen den Tisch deckte und ein rundes flaches ungesäuertes Brot, eine Schüssel mit Lattichsalat in Essig, einen Krug Wein und getrocknete Feigen herbeischaffte, stieg Leonardo die knarrende Treppe zu den oberen Räumen hinauf. Auch hier war noch alles beim Alten. Die Mitte des geräumigen niederen Zimmers nahm ein riesengroßes quadratisches Bett ein, in dem eine ganze Familie Platz finden konnte. In diesem Bette schlief einst Leonardo mit seiner guten Großmutter Monna Lucia, der Frau Antonio da Vincis. Dieses Familienheiligtum gehörte jetzt dem Onkel Francesco. Wie vor Jahren hing auch jetzt am Kopfende des Bettes ein Kruzifix, ein Weihwasserbecken, ein Bündel grauen trockenen Grases, das »Nebel« – »Nebbia« hieß, und ein uraltes Papierblatt mit einem lateinischen Gebet. Er ging wieder hinunter, setzte sich zum Herdfeuer, trank den mit Wasser vermischten Wein aus einer runden Holzschale, deren frischer Olivenholzduft ihn wieder an seine früheste Kindheit erinnerte, und versank, sobald sich Gian-Battisto und seine Enkelin zurückgezogen hatten, in seine ruhigen, klaren Gedanken. II. Er dachte an seinen Vater, den Notar der Florentiner Kommune, Ser Piero da Vinci, den noch rüstigen siebzigjährigen Greis mit rotem Gesicht und silberweißen Locken, den er noch vor einigen Tagen in Florenz gesehen hatte. Der Alte bewohnte da ein selbsterworbenes Haus in der Gibellino-Straße. Leonardo hatte noch nie einen Menschen gesehen, der mit einer so ursprünglichen Liebe am Leben hing, wie Ser Piero. Vor Jahren war der Notar seinem natürlichen erstgeborenen Sohne mit väterlicher Liebe zugetan. Als aber die beiden legitimen Söhne Antonio und Giuliano heranwuchsen, fürchteten sie, der Vater werde ihrem älteren Bruder das gleiche Erbteil vermachen, wie ihnen; daher gaben sie sich Mühe, zwischen Leonardo und dem Vater Feindschaft zu stiften. Bei seinem letzten Besuch in der Familie fühlte er sich allen fremd. Sein Bruder Lorenzo, ein tüchtiger Kaufmann von der florentiner Wollhändlerinnung, der zwar noch ein Knabe an Jahren, aber schon eifriger Savonarola-Schüler war und zu den »Greinern« gehörte, zeigte besondere Empörung über die zu jener Zeit stadtbekannte Gottlosigkeit Leonardos. Er unterhielt sich oft mit dem Künstler in Gegenwart des Vaters über den christlichen Glauben, über die Notwendigkeit von Buße und Einkehr und über die ketzerischen Ansichten einiger neueren Philosophen. Zum Abschied schenkte er ihm ein von ihm selbst verfaßtes frommes Buch. Am Herde des alten Familienzimmers sitzend, holte Leonardo dieses mit einer sauberen Kaufmannshandschrift engbeschriebene Buch hervor. »Buch der Beichte, von mir, Lorenzo di Ser Piero da Vinci, verfaßt und für meine Schwägerin Nanna bestimmt. Ein gar nützliches Buch für alle, die ihre Sünden beichten wollen. Nimm dies Buch und lies: wenn du im Register deine eigene Sünde findest, so schreibe sie dir heraus; aber die Sünden, die du nicht begangen, lasse aus: sie werden vielleicht einem anderen nützlich sein; denn sei überzeugt, daß auch tausend Zungen diesen Stoff nicht bewältigen können.« Diesem Titel folgte das vom jungen Wollhändler mit peinlicher Genauigkeit zusammengestellte Register aller möglichen Sünden; dann kamen acht fromme Betrachtungen, »die jeder Christ vor der Beichte in seiner Seele haben müsse.« Lorenzo erörterte mit theologischem Ernst die Frage, ob es sündhaft sei, Tuch und andere Wollwaren zu tragen, für die kein Zoll entrichtet wurde. »Was die Seele betrifft,« hieß es da, »so kann ihr das Tragen von ausländischen Stoffen keinerlei Schaden zufügen, insofern die Zölle ungerecht sind. In diesem Punkte könnt ihr ein ruhiges Gewissen haben, ihr geliebten Brüder und Schwestern! Wenn mir aber jemand sagt: Lorenzo, worauf begründest du deine Meinung, wenn du so über die ausländischen Tuchwaren sprichst?, – so antworte ich: als ich mich im vergangenen Jahre 1499 in geschäftlichen Angelegenheiten in Pisa aufhielt, hörte ich in der Kirche San-Michele die Predigt eines Mönches vom Orden des heiligen Dominicus, eines gewissen Fra Sanobi, der mit einer erstaunlichen Menge wissenschaftlicher Argumente die gleiche Ansicht über die ausländischen Tuchwaren verfocht, die ich jetzt verfechte.« Zum Schluß erzählte er im gleichen langweiligen und weitschweifigen Ton, wie ihn der Teufel lange am Schreiben dieses frommen Buches gehindert und ihm u.\ a. vorgehalten habe, daß er nicht über die notwendige Gelehrsamkeit und einen schönen Stil verfüge und daß es einem guten Wollhändler besser zieme, sich um seinen Laden zu kümmern, als Bücher geistlichen Inhalts zu verfassen. Als er diese Versuchungen des Teufels glücklich überwunden, sei er zur Ansicht gelangt, daß es hier nicht so sehr auf Gelehrsamkeit und einen guten Stil ankomme, wie auf christliche Gottesfurcht und Glaubensstärke; und so habe er mit der Hilfe Gottes und der heiligen Jungfrau Maria dieses Buch vollendet, das er nun seiner Schwägerin Nanna, sowie allen Brüdern und Schwestern in Christo widme. Leonardo blieb bei einem Passus stehen, wo Lorenzo von den vier christlichen Tugenden sprach und, vielleicht nicht ohne Hintergedanken an seinen Brüder, den berühmten Künstler, den Malern den Rat erteilte, sie durch folgende Allegorien darzustellen: die Weisheit mit drei Gesichtern, was besagen sollte, daß sie in die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft schaue; die Gerechtigkeit mit Schwert und Wage; die Kraft mit einer Säule, an die sie sich lehnt; die Mäßigkeit mit einem Zirkel in der einen Hand und einer Schere in der andern, »mit der sie jeden Überfluß abschneidet und kürzt.« Aus dem Buche schlug Leonardo der ihm wohlbekannte Geruch von kleinbürgerlicher Tugendhaftigkeit entgegen, die seine Kinderjahre beherrscht hatte und in der Familie von Geschlecht auf Geschlecht vererbt wurde. Schon hundert Jahre vor seiner Geburt waren die Ahnen des Hauses Vinci ebenso sparsame, tüchtige und gottesfürchtige Beamte der Florentiner Kommune, wie es jetzt sein Vater war. In Urkunden aus dem Jahre 1339 wird der Ururgroßvater des Künstlers, ein gewisser Ser Guido di Ser Michele da Vinci, Notar der Signoria, zuerst erwähnt. Seinen Großvater Antonio sah er wie lebendig vor sich. Die Lebensweisheit des Alten glich vollkommen der seines Enkels Lorenzo. Er lehrte seine Söhne, nie nach Höherem zu streben; weder nach Ruhm und Ehren, noch nach staatlichen oder militärischen Ämtern, weder nach übermäßigem Reichtum, noch nach übermäßiger Gelehrsamkeit. Er pflegte zu sagen: »Der goldene Mittelweg ist der einzig sichere Weg.« Leonardo konnte sich noch gut an den ruhevollen und würdigen Ton erinnern, mit dem der Alte diese Grundlehre vom goldenen Mittelweg dozierte. »Meine Kinder, nehmt euch die Ameisen zum Vorbild, die schon heute an die Sorgen von morgen denken. Seid sparsam, seid mäßig. Mit wem soll ich den guten Hausherrn und Familienvater vergleichen? Ich vergleiche ihn mit der Spinne, die im Mittelpunkte ihres weiten Netzes sitzt und auf das leiseste Zittern eines der Fäden sofort zur betreffenden Stelle eilt.« Er verlangte, daß alle Familienmitglieder Abend für Abend beim Ave-Läuten zu Hause versammelt seien. Er machte selbst die Runde durch den ganzen Besitz, sperrte eigenhändig die Tore ab und versteckte die Schlüssel unter sein Kissen. Nichts in der Wirtschaft – wie gering es auch sei – entging seinem stets wachenden Auge: ob die Stiere zu wenig Heu bekommen, ob die Magd den Lampendocht zu hoch eingesetzt hatte, so daß zu viel Öl verbrannte, – alles merkte er sofort und überall griff er ein. Dabei war er gar nicht geizig. Er wählte für seine Kleidung immer das beste und teuerste Tuch und veranlaßte auch seine Kinder, das gleiche zu tun: denn teures Tuch sei haltbarer und die daraus gefertigten Kleider seien nicht nur vornehmer, sondern auch billiger. Die Familie sollte, nach Ansicht des Großvaters, stets unter einem Dache zusammenbleiben und einen gemeinsamen Haushalt führen: »wenn alle an einem Tische essen, so genügt ein Tischtuch und eine Kerze; bei zwei getrennten Tischen braucht man aber zwei Tischtücher und zwei Kerzen; wenn alle bei einem Herde sitzen, genügt ein Bündel Holz, aber für zwei Herde braucht man zwei Bündel. So ist es auch in allen anderen Dingen.« Auf die Frauen sah er von oben herab: »sie haben sich nur um die Küche und um die Kinder zu kümmern und sollen ihre Nase nicht in die Angelegenheiten des Mannes stecken. Nur ein Narr glaubt an den weiblichen Verstand.« Die Weisheit Ser Antonios war nicht ohne List: »Meine Kinder,« lehrte er: »seid barmherzig, wie es unsere heilige Mutter Kirche vorschreibt; doch zieht die glücklichen Freunde den unglücklichen und die reichen den armen vor. Gerade darin besteht die höchste Lebenskunst: den Listigen zu überlisten und dabei tugendhaft zu bleiben.« Er lehrte sie, die Obstbäume so an der Grenzlinie zwischen eigenem und fremdem Besitz zu pflanzen, daß der Schatten nur auf das Feld des Nachbars falle; oder, daß man einem Menschen, der um ein Darlehen bittet, eine abschlägige und dabei freundliche Antwort geben müsse. »Hier ist der Vorteil doppelt,« fügte er hinzu, »denn erstens behaltet ihr dabei euer Geld und zweitens habt ihr noch das Vergnügen, über den, der euch betrügen wollte, zu lachen. Wenn der Betreffende klug ist, so wird er euch verstehen und euch für die freundliche Art, mit der ihr ihm seine Bitte abgeschlagen, noch mehr schätzen. Ein Schwindler nimmt, ein Narr gibt. Aber den Verwandten und Hausgenossen sollt ihr nicht nur mit Geld, sondern auch mit Schweiß und Blut helfen und nicht nur eure Ehre, sondern auch euren ganzen Besitz und selbst euer Leben dem Wohle der Familie opfern. Denn, meine Geliebten, ehrenvoller und vorteilhafter ist es, seinen Angehörigen Gutes zu tun, als Fremden.« Der Künstler saß nun nach dreißigjähriger Abwesenheit wieder am heimatlichen Herd, hörte den Wind heulen, sah die Glut im Kamin erlöschen und überdachte, wie sein ganzes Leben eine ununterbrochene Verletzung der sparsamen, uralten Ameisen- und Spinnenweisheit seines Großvaters gewesen sei: es war vielmehr jene wilde Unmäßigkeit, jener gesetzwidrige Überfluß gewesen, den, nach Ansicht Lorenzos, die Göttin der Mäßigkeit mit ihrer eisernen Schere beschneiden sollte. III. Am nächsten Morgen verließ er ganz früh, als der Gärtner noch schlief, das Haus, durchquerte das ärmliche Dorf Vinci, dessen hohe schmale Häuser sich am Abhange des Hügels um die Festung drängten, und stieg den steilen Weg zum nächsten Dorf – Anchiano – empor. Das Sonnenlicht war wie am Vortage trüb und blaß, beinahe winterlich, der Himmel war wolkenlos und kalt und hatte selbst zu dieser frühen Stunde einen lilafarbigen Rand. Der Tramontano war über Nacht steifer geworden. Der Wind kam nicht mehr ruckweise wie gestern, sondern in einem gleichmäßig starken Zug direkt vom Norden; er pfiff und schien steil vom Himmel zu stürzen. Leonardo sah wieder die gleichen einförmigen blassen und stillen, wenig üppigen Felder, die hier auf dieser Höhe noch mehr an eine nordische Landschaft erinnerten; an den Abhängen der Hügel lagen in halbrunden Stockwerken – »Monde« nannten sie die Einwohner von Vinci – dürre Weinberge. Die Gräser waren weder saftig, noch üppig; abgeblühter Mohn und staubig-graue Olivenbäume, deren kräftige schwarze Äste im Winde ruckweise, gleichsam vor Schmerz zusammenzuckten, vervollständigten die Landschaft. Als Leonardo das Dorf Anchiano erreicht hatte, blieb er stehen, denn er erkannte die Gegend nicht wieder. Er konnte sich erinnern, daß hier einst ein halbzerfallenes Schloß Adimari gelegen, in dessen zu jener Zeit noch erhaltenem Turme sich ein kleines Wirtshaus befunden hatte. Nun sah er aber auf dieser Stelle, auf dem sogenannten Campo della Torraccia, zwischen den Weinbergen, ein neues weißes Haus stehen. Hinter einer niederen Mauer arbeitete ein Bauer an den Weinreben. Er erzählte dem Künstler, daß der Besitzer des Wirtshauses gestorben sei und seine Erben den Besitz an einen reichen Schafzüchter aus Orbignano verkauft hätten; dieser habe den Hügel vom Mauerwerk gesäubert und einen Weinberg und einen Olivenhain angelegt. Leonardo erkundigte sich nicht ohne Grund nach diesem Wirtshause: denn hier stand seine Wiege. Hier bei der Einfahrt in das arme Bergdorf befand sich vor fünfzig Jahren bei der Landstraße, die über Monte Albano aus dem Nievole-Tale nach Prato und Pistoja führte, in der finsteren Ruine des Ritterschlosses Adimari eine lustige Dorfschenke – Osteria. Über der offenen Türe, durch die der Blick auf Reihen von Fässern, Zinnkrügen und bauchigen Tonflaschen fiel, hing auf verrosteten knarrenden Eisenhaken das Schild mit der Inschrift »Bottigleria«. Unter den frischen sonnendurchschienenen Reben, die das Haus umwucherten, sahen wie zwei kurzsichtige, schelmisch lächelnde Augen – zwei Gitterfenster ohne Glasscheiben, mit altersgeschwärzten Laden hervor; die Stufen vor der Türe waren von den Füßen der unzähligen Besucher glattgescheuert. Die Bewohner der Nachbarortschaften machten auf ihrem Wege zum Jahrmarkt von San-Mignato und Fucechio oft einen Abstecher in diese Osteria; auch die Gemsenjäger, Maultiertreiber, florentiner Grenzzollwächter – Doganieri und andere anspruchslose Leute besuchten gerne die Wirtschaft, wenn sie ein wenig plaudern, ein Glas herben Wein trinken und eine Partie Dame, Karten, Domino, Zara oder Tarocca spielen wollten. Ein sechzehnjähriges Mädchen, namens Katharina, ein armes Waisenkind aus Vinci, war hier als Schankmagd angestellt. Im Frühjahr 1451 kam der junge florentiner Notar Piero di Ser Antonio da Vinci in das Dorf Vinci, um hier seinen Vater zu besuchen. Einmal wurde er in seiner Eigenschaft als Notar nach Anchiano berufen: er sollte einen Vertrag über die langfristige Pacht eines sechsten Teiles von einer Ölpresse abfassen. Nachdem die Bedingungen des Vertrages festgelegt und rechtsgiltig unterschrieben worden waren, luden die Parteien den Notar in die Osteria nach Campo della Toraccia, um den Abschluß des Geschäftes bei einem Glase Wein zu feiern. Ser Piero, der stets einfach und selbst im Umgange mit geringen Leuten liebenswürdig war, folgte gerne dieser Einladung. Katharina bediente. Der junge Notar verliebte sich, wie er später selbst erzählte, gleich beim ersten Blick in das Mädchen. Unter dem Vorwande, auf Wachteln jagen zu wollen, verschob er seine Abreise auf den Herbst und verkehrte den ganzen Sommer über fast täglich in der Schenke. Er machte dem Mädchen eifrig den Hof; doch sie erwies sich unzugänglicher, als er ursprünglich gedacht hatte. Ser Piero genoß nicht umsonst den Ruf eines Bezwingers weiblicher Herzen. Er war damals vierundzwanzig Jahre alt, trug sich elegant, war schön, kräftig, geschmeidig und verfügte in Liebessachen über eine ausgezeichnete Rednergabe, durch welche Frauen aus dem Volke leicht geködert werden können. Katharina widerstand ihm lange; sie flehte die heilige Jungfrau um Beistand an, mußte ihm schließlich aber doch nachgeben. Um die Zeit, wenn die von den saftigen Herbsttrauben fettgewordenen toskanischen Wachteln aus dem Nievole-Tale wegziehen, war sie bereits schwanger. Das Gerücht über das Verhältnis Ser Pieros mit der armen Waise, dem Schenkmädchen aus der Osteria zu Anchiano, kam auch bald Ser Antonio da Vinci zu Ohren. Er drohte ihm mit dem väterlichen Fluche und schickte ihn sofort nach Florenz zurück. Im gleichen Winter verheiratete er ihn – »um den Burschen zur Vernunft zu bringen« – mit Madonna Albiera di Ser Giovanni Amadori, die weder jung, noch schön war, aber aus einer geachteten Familie stammte und eine anständige Mitgift hatte; zu gleicher Zeit verheiratete er Katharina mit seinem Taglöhner Accattabriga di Piero del Vacca, einem armen Bauer aus Vinci. Dieser war ein älterer, finsterer, streitsüchtiger Mann und es hieß, daß er seine erste Frau oft in betrunkenem Zustande geprügelt hätte und daß diese an den Folgen solcher Behandlung gestorben sei. Accattabriga erklärte sich bereit, gegen eine Vergütung von dreißig Florins und ein winziges Stück Olivenhain, die fremde Sünde mit seinem Namen zu decken. Katharina fügte sich drein ohne zu murren. Doch sie wurde krank vor Gram und wäre nach der Niederkunft beinahe gestorben. Sie hatte auch keine Milch. Der kleine Leonardo – so hieß das Kind – wurde daher mit der Milch einer Ziege vom Monte Albano großgezogen. Auch Piero fügte sich, trotz seiner Sehnsucht nach Katharina, die er noch immer liebte, in sein Schicksal; er setzte aber durch, daß der Vater das Kind in sein Haus aufnahm. Um jene Zeit schämte man sich nicht seiner natürlichen Kinder; man zog sie fast immer mit den legitimen Kindern auf und schätzte sie oft höher als diese. Der Großvater erfüllte die Bitte um so lieber, als die erste Ehe seines Sohnes kinderlos blieb. Er überließ das Kind der Obhut seiner Frau, der guten alten Großmutter Monna Lucia di Piero Sofi da Bacaretto. So wurde Leonardo, das uneheliche Kind des vierundzwanzigjährigen florentiner Notars und der von ihm verführten Schenkmagd des Wirtshauses von Anchiano, in die tugendhafte und gottesfürchtige Familie der da Vinci aufgenommen. Im Archiv der Stadt Florenz befand sich im »Catastro« des Jahres 1457 eine eigenhändige Eintragung des Großvaters und Notars Antonio da Vinci: »Leonardo, unehelicher Sohn des obigen Piero und der Katharina, jetzigen Frau des Accattabriga di Pier del Vacca da Vinci, fünf Jahre alt.« Leonardo konnte sich noch dunkel an seine Mutter erinnern. Ihr zartes unergründliches, leicht dahingleitendes, etwas schelmisches Lächeln, das sich so sonderbar auf ihrem einfachen, traurigen, strengen, schönen Gesicht ausnahm, hatte er für immer im Gedächtnis bewahrt. Einmal sah er zu Florenz, im Museum der Medici-Gärten von San-Marco, ein in der alten etrurischen Stadt Arezzo ausgegrabenes Bildwerk. – eine kleine kupferne Kybele, die uralte Göttin der Erde. Und sie hatte das gleiche sonderbare Lächeln, wie seine Mutter, die junge Bäuerin aus Vinci. Folgende Worte aus seinem »Traktat von der Malerei« galten der Katharina: »Hast du denn nie bemerkt, daß die ärmlich gekleideten Frauen aus den Bergen mit ihrer Schönheit oft die anderen reicher gekleideten Frauen besiegen?« Leute, die seine Mutter in der Jugend kannten, behaupteten, daß Leonardo ihr gliche. Seine feinen langen Hände, sein seidenweiches blondes Haar und sein Lächeln erinnerten an Katharina. Vom Vater hatte er den kräftigen Körperbau, Gesundheit und die Liebe zum Leben; von der Mutter die weibliche Anmut, von der sein ganzes Wesen erfüllt war. Das Häuschen, in dem Katharina mit ihrem Manne lebte, lag in der Nähe von Ser Antonios Villa. Zur Mittagszeit, als der Großvater sein Schläfchen hielt und Accattabriga sich mit seinen Ochsen auf die Feldarbeit begab, schlich sich der Knabe zum Weinberg, kletterte über die Mauer und lief zu seiner Mutter. Sie saß mit ihrem Spinnrocken auf dem Hausflur und erwartete ihn. Sie streckte ihm ihre Arme entgegen, er fiel ihr an die Brust und sie bedeckte mit ihren Küssen sein Gesicht, Augen, Mund und Haar. Noch besser gefielen ihnen die nächtlichen Begegnungen. An Festtagen ging der alte Accattabriga abends ins Wirtshaus oder zu seinen Freunden, um mit ihnen Würfel zu spielen. Leonardo schlich sich nachts aus dem alten Familienbett, in dem er mit der Großmutter Lucia schlief, kleidete sich halb an, öffnete vorsichtig einen Fensterladen, kletterte aus dem Fenster, ließ sich an den Ästen eines alten Feigenbaumes herab und lief zu seiner Mutter. Die Kühle des staubbedeckten Grases, die Schreie der nächtlichen Vögel, die Brennesseln und die spitzen Steine, an denen er seine nackten Füße verbrannte und verwundete, das Funkeln der fernen Sterne, die Angst, daß die Großmutter erwachen und ihn vermissen könnte, und das Geheimnis der gleichsam verbotenen Liebkosungen, mit denen ihn seine Mutter empfing, wenn er zu ihr unter die Decke kroch und sich mit seinem ganzen Körper an den ihrigen schmiegte, – dies alles war ihm unsagbar süß und von höchster Wonne erfüllt. Monna Lucia liebte und verhätschelte ihren Enkel. Er konnte sich noch an das dunkelbraune Kleid, das die Großmutter immer trug, erinnern, an das weiße Kopftuch, das ihr dunkles, von Runzeln durchfurchtes gutmütiges Gesicht umrahmte, an die stillen Lieder, mit denen sie ihn in den Schlaf sang und an den leckeren Geruch des in Sahne bereiteten »berlingozzo«, des ländlichen Kuchens, den sie für ihn buk. Mit dem Großvater aber kam er nicht so gut aus. Anfangs unterrichtete Ser Antonio seinen Enkel selbst. Der Knabe folgte dem Unterricht mit Widerwillen. Mit sieben Jahren kam er in die Schule bei der Kirche Santa Petronilla. Doch das Latein reizte ihn wenig. Oft schwänzte er die Schule und verbrachte die Schulstunden in irgend einem Graben oder einer schilfbewachsenen Schlucht; er legte sich da platt auf den Rücken und verfolgte oft stundenlang mit neidischen Augen die vorüberziehenden Kraniche. Oder er betrachtete die Blumen, die er, ohne sie vom Stiel zu brechen, ganz behutsam in die Hand nahm, um in ihre Kelche hineinzublicken und den feinen Bau der zartbehaarten Blüten, der honigbedeckten Staubfäden und Narben zu bewundern. So oft Ser Antonio in die Stadt reiste, lief der kleine Nardo, die Güte seiner Großmutter mißbrauchend, für ganze Tage in die Berge. Er kletterte auf Pfaden, die nur den Ziegen bekannt waren, über gähnende Abgründe, auf steile Abhänge, erklomm die kahlen Gipfel des Monte Albano, und genoß von da aus die Aussicht auf die weiten Wiesen, Felder und Haine, den sumpfigen See Fucechio, Pistoja, Florenz, Prato und die schneebedeckten Apuanischen Alpen; bei klarem Wetter sah er zuweilen den schmalen bläulichen Streifen des Mittelländischen Meeres. Von solchen Ausflügen kehrte er zerschunden, schmutzig, sonnenverbrannt, aber so lustig nach Hause zurück, daß Monna Lucia nicht den Mut hatte, auf ihn zu schelten oder ihn beim Großvater zu verklagen. Der Knabe wuchs einsam heran. Den guten Onkel Francesco und seinen Vater, der ihm zuweilen aus der Stadt Süßigkeiten mitbrachte, sah er nur selten, denn beide verbrachten den größeren Teil des Jahres in Florenz. Unter den Schulkollegen hatte er keinen einzigen Freund. Ihre Spiele waren ihm fremd. Wenn sie einem Schmetterling die Flügel ausrissen und sich dann an seinen Schmerzen ergötzten, zuckte es in seinem Gesicht, er erblich und lief davon. Nachdem er einmal gesehen, wie die alte Haushälterin zum Feste ein mit Milch gemästetes Ferkel abstach, das ihren Händen zu entschlüpfen suchte und herzzerreißend schrie, weigerte er sich längere Zeit, ohne den Grund anzugeben, Fleisch zu essen, worüber sich Ser Antonio nicht wenig ärgerte. Die Schuljungen hatten einmal unter Führung des ausgelassenen, klugen und boshaften Rosso einen Maulwurf gefangen. Nachdem sie sich an seinen Qualen geweidet, banden sie dem halbtoten Tier eine Schnur ans Bein und wollten ihn den Schäferhunden vorwerfen. Leonardo, der stark und gewandt war, stürzte in die Kinderschar, warf drei Knaben um, entriß den erstaunten Jungen, die von dem sonst stillen Nardo einen solchen Überfall nicht erwartet hatten, den Maulwurf und lief mit ihm ins Feld. Als sich die Kameraden von ihrem Erstaunen erholt hatten, jagten sie ihm schreiend, johlend, pfeifend und schimpfend nach und bewarfen ihn mit Steinen. Der lange Rosso, der fünf Jahre älter als Nardo war, packte ihn an den Haaren und so entstand eine wüste Balgerei. Aber Leonardo hatte sein Ziel erreicht: dem Maulwurf gelang es bei der allgemeinen Schlägerei zu entweichen und sich in Sicherheit zu bringen. Im Feuer des Gefechts hatte Leonardo, sich gegen Rosso wehrend, diesen leicht am Auge verletzt. Rossos Vater, der Koch bei einem in der Nähe wohnenden Edelmanne war, beschwerte sich beim Großvater. Ser Antonio geriet außer sich und wollte den Enkel empfindlich strafen. Aber die Fürbitte der Großmutter rettete den Knaben vor der Züchtigung. Der Großvater beschränkte sich darauf, daß er Nardo für einige Tage in die Kammer unter der Treppe sperrte. Als er später an diese erste Ungerechtigkeit der langen Reihe, die er zu erdulden hatte, zurückdachte, fragte er sich in seinem Tagebuche: »Wenn man dich schon als Kind ins Gefängnis sperrte, als du nach deinem Gewissen handeltest, was wird man mit dir erst jetzt tun, da du erwachsen bist?« In der finsteren Kammer beobachtete der Knabe, wie eine Spinne, deren Netz von einem durch eine Ritze fallenden Sonnenstrahl gestreift in allen Farben des Regenbogens schillerte, eine Fliege aussaugte. Das Opfer schlug mit den Flügeln und summte immer leiser und leiser. Nardo konnte sie retten, wie er den Maulwurf gerettet hatte. Aber ein unbestimmtes Gefühl, dem er nicht widerstehen konnte, hielt ihn davon zurück: er ließ die Spinne ruhig ihr Opfer verzehren und beobachtete die Gier des ungeheuerlichen Insektes mit der gleichen leidenschaftslosen und unschuldigen Neugier, mit der er die Geheimnisse der zarten Blüten erforschte. IV. In der Nähe von Vinci baute der Florentiner Architekt Biagio da Ravenna, ein Schüler des großen Alberti, eine Villa für den Signor Pandolfo Ruccelai. Leonardo ging öfters zur Baustelle und beobachtete, wie die Arbeiter die Mauern aufführten, die Steine mit Hilfe eines Winkelmaßes richteten und sie mit Maschinen hoben. Als sich Ser Biagio einmal mit dem Knaben in ein Gespräch einließ, mußte er über seinen klaren Verstand staunen. Er brachte ihm anfangs scherzend, dann ganz ernsthaft die Elemente der Arithmetik, Algebra, Mechanik und Geometrie bei. Die Auffassungsgabe des Knaben erschien dem Lehrer ungewöhnlich, beinahe wunderbar: es war, als erinnere sich das Kind beim Unterricht an Dinge, die es schon früher gewußt hatte. Der Großvater fand wenig Gefallen an der eigentümlichen Veranlagung des Enkels. Auch seine Linkshändigkeit gefiel ihm nicht, denn sie galt als schlimmes Vorzeichen. Man behauptete, daß die Menschen, die einen Pakt mit dem Teufel unterschreiben, also alle Zauberer und Hexenmeister, linkshändig auf die Welt kämen. Dies feindselige Gefühl wurde noch stärker, als eine weise Frau aus Faltugnano dem Alten erzählte, das alte Weib aus dem entlegenen Städtchen Fornelzo, der die schwarze Ziege gehörte, mit deren Milch Leonardo großgezogen wurde, sei eine Hexe gewesen. Wie leicht war es möglich, daß sie, um dem Teufel einen Gefallen zu tun, die Milch der Ziege behext hatte. »Es muß schon etwas Wahres dabei sein,« dachte sich der Großvater. »Der Wolf läßt wohl seine Haare, aber nicht seine Mucken. Aber so ist wohl Gottes Wille. Jede Familie hat ihre Mißgeburt.« Der Großvater erwartete mit Ungeduld, daß ihn sein Lieblingssohn Piero mit der Geburt eines legitimen Enkels und würdigen Stammhalters beglücke; denn Leonardo war in dieser Familie ein wirklicher Bastard und gleichsam ein Findelkind. Die Bergbewohner von Monte Albano erzählten von einer Eigentümlichkeit dieser Gegend: der weißen Färbung auffallend vieler Tiere und Pflanzen. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen, wird schwer daran glauben; aber dem Wanderer, der die Wiesen und Wälder von Monte Albano genau kennt, sind da schon oft weiße Veilchen, weiße Erdbeeren, weiße Spatzen aufgefallen und selbst in den Nestern schwarzer Drosseln wurden schon weiße Junge gefunden. Daher hieß auch der Berg – so behaupteten wenigstens dessen Bewohner – seit altersher der Weiße Berg – Monte Albano. Der kleine Nardo war eines der Wunder des Weißen Berges: er war eine Mißgeburt in der tugendhaften und spießbürgerlichen Familie des florentiner Notars, ein weißes Junges im Neste schwarzer Drosseln. V. Als der Knabe dreizehn Jahre alt war, nahm ihn sein Vater zu sich nach Florenz. Seit dieser Zeit kam Leonardo nur selten in seine Heimat. In den Tagebüchern des Künstlers befindet sich folgende kurze Eintragung, rätselhaft wie fast alle anderen, vom Jahre 1493, also aus der Zeit, als er bereits in den Diensten des Mailänder Herzogs stand: »Katharina ist hier am 16. Juli 1493 angekommen.« Man könnte glauben, daß hier von einer neu aufgenommenen Dienstmagd die Rede sei. In der Tat war hier aber Leonardos Mutter gemeint. Nach dem Tode ihres Gatten Accattabriga di Pier del Vacca kam Katharina das Verlangen, vor ihrem Tode noch einmal den Sohn zu sehen; denn sie fühlte, daß sie bald ihrem Mann in den Tod folgen würde. Sie schloß sich an einige Wallfahrerinnen an, die aus dem Toskanischen in die Lombardei zur Verehrung der Reliquien des heiligen Ambrosius und des heiligsten Nagels Christi zogen und kam mit ihnen nach Mailand. Leonardo nahm sie mit großer Liebe und Ehrfurcht auf. In ihrer Gesellschaft fühlte er sich als der frühere kleine Nardo, der vor Jahren zu ihr barfuß gelaufen kam und sich unter ihre Bettdecke verkroch, um sich an sie zu schmiegen. Die Alte wollte nach dem Wiedersehen mit dem Sohne wieder in ihr Heimatsdorf reisen. Leonardo aber hielt sie zurück und brachte sie in dem in der Nähe seiner Wohnung am Vercellina-Tor gelegenen Kloster Santa-Clara unter, wo er für sie eine geräumige Zelle gemietet und behaglich eingerichtet hatte. Im Kloster erkrankte sie, mußte das Bett hüten, doch weigerte sie sich, in sein Haus überzusiedeln, um ihm nicht zur Last zu fallen. Daher brachte sie Leonardo in das beste Mailänder Krankenhaus – das vom Herzog Francesco Sforza erbaute palastartige Ospedale Maggiore, wo er sie jeden Tag besuchte. In den letzten Tagen ihrer Krankheit wich er nicht von ihrem Bett. Dabei blieb der Aufenthalt Katharinas in Mailand Leonardos Freunden und sogar Schülern unbekannt. In seinen Tagebüchern erwähnte er die Mutter nie. Nur einmal ist von ihr die Rede; doch ganz nebenbei, als er seine Eindrücke über ein interessantes, oder, wie er sich ausdrückte, – »märchenhaftes« Gesicht eines von einer schweren Krankheit heimgesuchten jungen Mädchens niederschrieb, das ihm im Krankenhause, in dem seine Mutter starb, aufgefallen war: »Giovannina – viso fantastico – sta, asca Catarina all'ospedale.« »Giovannina – ein märchenhaftes Antlitz – frage bei Katharina im Krankenhause nach.« Als er zum letzten Mal ihre erkaltende Hand mit seinen Lippen berührte, schien es ihm, daß er dieser armen bescheidenen Bäuerin aus Vinci alles, was er besaß, zu verdanken habe. Er veranstaltete ein prunkvolles Begräbnis, als ob Katharina nicht ein bescheidenes Schenkmädchen aus dem Wirtshause zu Anchiano, sondern eine vornehme Dame gewesen wäre. Mit der bekannten, von seinem Vater, dem Notar, ererbten Genauigkeit, mit der er ganz unnötigerweise die Auslagen für Knöpfe, Silbertressen und rosa Atlas zu einem neuen Kleide für Andrea Salaino aufzeichnete, schrieb er sich nun auch die Kosten der Beerdigung seiner Mutter auf. Als er sechs Jahre später, im Jahre 1500, schon nach dem Sturze Moros, vor seiner Abreise aus Mailand nach Florenz seine Sachen einpackte, fand er in einem seiner Schränke ein sorgfältig verschnürtes Bündel. Es enthielt die ländlichen Geschenke, die ihm Katharina aus Vinci mitgebracht hatte: zwei Hemden aus grober grauer Leinwand, die sie selbst gewebt hatte, und drei paar gleichfalls selbstverfertigter Socken aus Ziegenwolle. Er trug diese Sachen nicht, da er an seine Wäsche gewöhnt war. Als er aber dieses unter wissenschaftlichen Büchern und mathematischen Modellen und Maschinen verlorene Bündel erblickte, fühlte er, wie sich sein Herz mit Wehmut erfüllte. Bei allen seinen späteren einsamen und traurigen Reisen und Wanderungen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, vergaß er nie dieses unnötige armselige Bündel mit den Hemden und Socken mitzunehmen und er verwahrte es stets mit den anderen Dingen, die ihm besonders lieb waren, vor profanen Blicken. VI. Diese Erinnerungen gingen Leonardo durch den Kopf, während er den ihm aus seinen Kindertagen vertrauten steilen Pfad zum Monte Albano emporstieg. Unter einem Felsvorsprung, an einer vom Winde geschützten Stelle setzte er sich auf einen Stein, um etwas auszuruhen. Er sah vor sich niedrige knorrige Eichen mit vorjährigem trocknem Laub, mattgrünes duftendes Heidekraut, das in dieser Gegend »scopa« – »Besen« genannt wird, und blasse wilde Veilchen. Über allen diesen Pflanzen schwebte ein eigentümlicher frischer Duft, der bald an Frühling erinnerte, bald von Wermut, oder von irgendwelchen unbekannten Berggräsern zu kommen schien. Der gewellte Horizont fiel zum Arnotale ab. Rechts türmten sich kahle Berge mit gewundenen Schattenlinien und Rissen und lilagrauen Abgründen. Zu seinen Füßen lag Anchiano, ganz weiß in der Sonne. Noch tiefer in der Ebene klebte an einem runden und oben spitzen Hügel, einem Wespennest gleich, das Dorf Vinci, dessen Festungsturm ebenso spitz und schwarz war, wie die beiden Cypressen an der Anchiano-Straße. Nichts hatte sich da verändert: es war so, als wäre er erst gestern hier herumgeklettert. Auch jetzt, wie vor vierzig Jahren, wuchsen hier die blassen Veilchen und die üppige Scopa, rauschte das dunkelbraune Laub der eingeschrumpften Eichen, blaute der öde Monte Albano. Und die ganze Landschaft war einfach, ärmlich, still und blaß, beinahe nordisch. Durch diese Stille und Farblosigkeit schimmerte aber zuweilen die feine, unergründliche Anmut des edelsten Landes der Welt – des einstigen Etruriens und jetzigen Toskana, des ewig lenzlichen Landes der Renaissance; es war wie das rätselhafte zarte Lächeln auf dem ernsten schönen Gesicht der jungen Bäuerin aus Vinci, der Mutter Leonardos. Er erhob sich und stieg den steilen Pfad hinan. Je höher er kam, desto kälter und grimmiger wurde der Wind. Wieder traten Erinnerungen an ihn heran; diesmal an seine Jünglingsjahre. VII. Der Notar Ser Piero da Vinci hatte Glück in allen seinen Unternehmen. Er war tüchtig, immer gut aufgelegt und gutmütig und gehörte zu jenen Leuten, bei denen alles wie geschmiert geht und die auch ihre Mitmenschen leben lassen. Er konnte mit beliebigen Leuten auskommen; mit den geistlichen Herren stand er aber auf besonders gutem Fuß. Ser Piero wurde daher Vertrauensmann des reichen Klosters der Heiligsten Annunziata und noch vieler anderer milder und gottgefälliger Stiftungen; dies ermöglichte ihm, seinen Besitz abzurunden, indem er immer neue Parzellen, Häuser und Weinberge in der Gegend von Vinci ankaufte. Dabei änderte er aber nichts an seiner früheren Lebensweise und blieb immer der Lebensweisheit Ser Antonios treu. Aber zur Ausschmückung der Kirchen steuerte er gern große Summen bei; um die Ehre seiner Familie zu verherrlichen, stiftete er für die Familiengruft der da Vinci in der Florentiner Badia eine Grabplatte. Als seine erste Frau Albiera Amadori starb, war er achtunddreißig Jahre alt. Er tröstete sich sehr bald und heiratete ein blutjunges reizendes Mädchen, fast noch ein Kind, Francesca di Ser Giovanni Lanfredini. Aber auch diese zweite Ehe blieb kinderlos. Um jene Zeit wohnte Leonardo mit seinem Vater im Hause eines gewissen Michele Brandolini auf dem Platze San Firenze, in der Nähe des Palazzo Vecchio. Ser Piero wollte seinem natürlichen Erstgeborenen eine gute Erziehung zuteil werden lassen, ohne mit dem Gelde zu geizen, um ihn mit der Zeit, aus Ermangelung legitimer Kinder, zu seinem Erben und natürlich auch zu einem Florentiner Notar, wie es alle ältesten Söhne im Hause da Vinci waren, zu machen. In Florenz lebte zu jener Zeit der berühmte Naturforscher, Mathematiker, Physiker und Astronom Paolo dal Pozzo Toscanelli. Dieser hatte bekanntlich an Columbus einen Brief geschrieben, in dem er ihm durch Berechnungen bewies, daß der Seeweg nach Indien durch die Antipodenländer unmöglich so weit sein könne, wie man annahm; er ermunterte ihn zu der Reise und sagte ihm einen sicheren Erfolg voraus. Ohne Hilfe und Ermunterung Toscanellis hätte Columbus seine Entdeckung nie gemacht; der große Seefahrer war nur ein gefügiges Werkzeug in der Hand des Gelehrten, der in seiner Klause alles durchdacht und berechnet hatte. Toscanelli lebte abseits vom glänzenden Hofe Lorenzo Medicis und ging den eleganten und unfruchtbaren Schwätzern, den Neoplatonikern aus dem Wege. Er lebte nach dem Zeugnisse der Zeitgenossen »wie ein Heiliger«: er war Schweiger, Faster, verachtete das Geld, aß nie Fleisch und blieb bis an sein Lebensende vollkommen keusch. Sein Gesicht war häßlich, beinahe abstoßend. Aber seine leuchtenden, klaren und kindlichen Augen waren schön. Als einmal im Jahre 1470 zu einer späten Abendstunde ein ihm unbekannter junger Mann an die Türe seines Hauses in der Nähe des Palazzo Pitti klopfte, nahm ihn Toscanelli höchst kühl und unfreundlich auf, denn er glaubte, der Gast sei lediglich aus Neugierde zu ihm gekommen. Als er aber eine Weile mit Leonardo gesprochen hatte, überkam ihn das gleiche Staunen über das mathematische Genie des Jünglings, wie einst den Baumeister Ser Biagio da Ravenna. Ser Paolo nahm ihn als Schüler auf. In klaren Sommernächten stiegen sie beide auf den in der Nähe von Florenz gelegenen Hügel Poggio al Pino, auf dessen Gipfel zwischen Heidekraut, wohlriechendem Wacholder und schwarzen harzigen Tannen eine halbzerfallene Holzhütte stand, die dem großen Astronomen als Observatorium diente. Er eröffnete dem Schüler alles, was er selbst von den Naturgesetzen wußte. Aus diesen Gesprächen schöpfte Leonardo seinen Glauben an die neue, den Menschen noch unbekannte Macht des Wissens. Der Vater hinderte ihn nicht an diesem Studium, nur riet er ihm, sich irgendeinen einträglichen Beruf zu wählen. Als er bemerkte, daß sein Sohn viel zeichnete und modellierte, zeigte er einige seiner Arbeiten dem ihm befreundeten Goldschmied, Maler und Bildhauer Andrea del Verrocchio. Bald darauf trat Leonardo zu Verrocchio in die Lehre. +VIII. Verrocchio, der Sohn eines armen Ziegelarbeiters, war siebzehn Jahre älter als Leonardo. Wenn Ser Andrea mit der Brille auf der Nase und der Lupe in der Hand am Arbeitstische in seiner halbzerfallenen Werkstätte – Bottega, in der Nahe des Ponte Vecchio in einem alten, windschiefen Häuschen mit durchfaulten Balken und vom schmutzig grünen Wasser des Arno umspülten Mauern saß, so konnte man ihn eher für einen gewöhnlichen florentiner Krämer, als für einen großen Künstler halten. Sein Gesicht mit dem Doppelkinn war ausdruckslos, flach, weiß, rund und aufgedunsen. Nur seine feinen festzusammengepreßten Lippen und der durchdringende spitze Blick seiner kleinen Augen verrieten einen kalten, scharfen und furchtlos-forschenden Geist. Andrea hielt sich für einen Schüler des alten Meisters Paolo Uccello. Man erzählte, daß dieser Uccello sich viel mit abstrakter Mathematik, die er in den Dienst der Kunst stellen wollte, und mit den schwierigsten perspektivischen Problemen abgegeben hätte; von allen verachtet und verlassen, sei er gänzlich verarmt und beinahe verrückt geworden. Ganze Tage soll er ohne Speise, ganze Nächte ohne Schlaf verbracht haben. Manchmal, wenn er so mit offenen Augen im Bette lag, weckte er seine Frau mit dem begeisterten Rufe: »Wie süß ist doch die Perspektive!« Er starb von allen verlacht und von niemand erkannt. Verrocchio hielt wie Uccello die Mathematik für die gemeinsame Grundlage von Kunst und Wissenschaft und behauptete, die Geometrie, die einen Teil der Mathematik, der »Mutter aller Wissenschaften« bilde, sei zugleich auch »die Mutter der Zeichnung, der Mutter aller Künste«. Das vollkommene Wissen und der vollkommene Genuß am Schönen waren für ihn gleichbedeutend. Wenn ihm ein Gesicht oder ein anderer Körperteil durch Häßlichkeit oder Schönheit auffiel, so wandte er sich nicht angeekelt ab und vergaß sich nicht in Bewunderung, wie es andere Künstler, z.\ B. Sandro Botticelli, taten, sondern studierte und machte Gipsabgüsse vom Gesehenen, was vor ihm noch niemand getan hatte. Mit unendlicher Geduld verglich, maß und erforschte er die Erscheinungen, denn er witterte in den Gesetzen der Schönheit Gesetze der mathematischen Notwendigkeit. Er suchte noch unermüdlicher als Sandro nach einer neuen Schönheit; doch suchte er sie weder im Wunder, noch im Märchen, noch in jenem verführerischen Halbdunkel, wo sich der Olymp mit Golgatha vermengt, wie es Sandro tat, sondern in einer so tiefgehenden Erforschung der Geheimnisse der Natur, wie sie noch niemand unternommen hatte; denn für Verrocchio war nicht das Wunder eine Wahrheit, sondern die Wahrheit ein Wunder. Jener Tag, an dem ihm Ser Piero da Vinci seinen achtzehnjährigen Sohn gebracht hatte, besiegelte das Schicksal der beiden. Andrea wurde nicht nur der Lehrer, sondern auch der Schüler seines Schülers Leonardo. Auf dem von den Mönchen von Vallombrosa bei Verrocchio bestellten Bilde, das die Taufe des Heilands darstellte, hatte Leonardo den knienden Engel gemalt. Alles, was Verrocchio vorahnte und wie ein Blinder tastend suchte, hatte Leonardo gefunden und in dieser Gestalt Fleisch werden lassen. Man erzählte später, Verrocchio sei darüber, daß sein Schüler ihn übertroffen, in solche Verzweiflung geraten, daß er die Malerei ganz aufgab. In Wirklichkeit bestand zwischen den beiden keinerlei Feindschaft. Sie ergänzten wunderbar einander: der Schüler hatte jene Leichtigkeit, die Verrocchio abging, und der Meister jene Hartnäckigkeit und Fähigkeit sich zu konzentrieren, die die Natur dem vielseitigen und unbeständigen Leonardo versagt hatte. Sie waren aufeinander weder neidisch, noch eifersüchtig und wußten oft selbst nicht, wer von beiden unter dem Einflusse des anderen stand. Um jene Zeit war Verrocchio mit dem Gusse der Bronzegruppe des Heilands mit Thomas für Or San Michele beschäftigt. Nach allen den paradiesischen Gesichtern des Fra Beato und den Märchenphantasien Botticellis war diese Gestalt des Thomas, der seine Finger in die Wunden des Heilands legt, der erste, und auf Erden noch nie dagewesene Ausdruck der Vermessenheit des Menschen vor Gott, der prüfenden Vernunft vor dem Wunder. IX. Die erste Arbeit Leonardos war ein Entwurf zu einem goldgewirkten Vorhang, den die Florentiner Bürger als Geschenk für den König von Portugal in Flandern bestellen wollten. Die Zeichnung stellte den Sündenfall dar. Der gegliederte Stamm einer der paradiesischen Palmen war mit solcher Vollendung ausgeführt, daß ein Augenzeuge und Zeitgenosse ausrief: »Beim Gedanken, daß ein Mensch so viel Geduld haben könne, steht einem der Verstand still.« Das weibliche Antlitz der Schlange atmete verführerische Schönheit und man glaubte ihre Worte zu hören: »Ihr werdet mit nichten des Todes sterben; sondern Gott weiß, daß, welches Tags ihr davon esset, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist.« Das Weib streckte ihre Hand nach dem Baume der Erkenntnis mit dem gleichen Lächeln verwegener Neugier aus, mit dem auf dem Werke Verrocchios Thomas der Ungläubige seine Finger in die Wunden des Gekreuzigten legt. Im Auftrage seines Nachbars, eines Bauers aus Vinci, der ihm oft bei Jagd und Fischfang behilflich war, bat Ser Piero einst seinen Sohn, irgend etwas auf einem runden Holzschilde »Rotella« zu malen, solche Schilder mit allegorischen Bildern und Inschriften wurden zum Schmucke der Häuser verwendet. Der Künstler beschloß nun auf diesem Schilde ein Ungeheuer darzustellen, das dem Betrachter den gleichen Schrecken wie das Haupt der Medusa einflößen sollte. Er sammelte in seinem Zimmer, das stets verschlossen war, eine Menge Eidechsen, Schlangen, Heimchen, Spinnen, Tausendfüßer, Nachtfalter, Skorpione, Fledermäuse und andere häßliche Tiere. Indem er nun einzelne Körperteile der verschiedenen Tiere wählte, vergrößerte und kombinierte, schuf er ein übernatürliches Ungeheuer, das keinem der existierenden glich und dabei doch möglich erschien; aus Elementen der Wirklichkeit entwickelte er das Phantastische mit der gleichen Überzeugungskraft, mit der Pythagoras und Euklid aus einem geometrischen Lehrsatz einen neuen entwickelten. Das Ungeheuer kroch aus einer Felsspalte, und man glaubte zu hören, wie es mit seinem schwarzglänzenden, schlüpfrigen, geringelten Bauch auf der Erde rasselte, Aus dem offenen Rachen kam ein stinkender Hauch, die, Augen sprühten Flammen, die Nüstern Rauch. Das Sonderbarste dabei war aber, daß das schreckliche Ungeheuer den Betrachter ebenso gefangen nahm und anzog, wie irgend etwas unsagbar Schönes. Leonardo verbrachte Tage und Nächte im verschlossenen Zimmer, dessen Luft von den krepierten Tieren so sehr verpestet war, daß man nur mit Mühe atmen konnte. Obwohl Leonardo sonst beinahe überempfindlich war und keinen üblen Geruch vertragen konnte, bemerkte er diesen Gestank gar nicht. Endlich erklärte er seinem Vater, das Bild sei nun fertig, er könne es abholen. Als Ser Piero kam, bat er ihn, noch etwas im Nebenzimmer zu warten. Er selbst aber ging in die Werkstatt, stellte das Bild auf eine Staffelei, drapierte diese mit schwarzem Tuch und schloß fast alle Laden, so daß nur ein Lichtstrahl das Bild traf. Dann rief er Ser Piero herein. Beim Anblicke des Bildes schrie dieser auf und taumelte erschrocken zurück, denn er glaubte, ein lebendiges Ungeheuer vor sich zu haben. Der Künstler verfolgte aufmerksam, wie im Gesichte des Vaters der Ausdruck des Schreckens in den des Erstaunens überging und sagte lächelnd: »Das Bild erreicht seinen Zweck und wirkt so, wie ich es haben wollte. Nehmt es, denn es ist fertig.« Im Jahre 1481 bekam er von den Mönchen von San Donato a Scopeto den Auftrag, ein Altarbild mit der Anbetung der heiligen drei Könige zu malen. In dem Entwurfe zu diesem Bilde zeigte er eine solche Kenntnis der Anatomie und des Ausdruckes menschlicher Gefühle in den Körperbewegungen, wie sie vor ihm noch kein Meister besessen hatte. Im Hintergrunde des Bildes waren Szenen aus dem Leben der alten Hellas zu sehen: – lustige Spiele, Reiterwettkämpfe, schöne nackte Jünglinge und eine Tempelruine mit halbzerfallenen Bogen und Treppen. Im Schatten eines Olivenbaumes saß auf einem Steine die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde. Sie lächelte kindlich und voller Erstaunen darüber, daß zu dem in der Krippe Geborenen fürstliche Gäste aus fremden Ländern gekommen sind und daß sie ihm ihre Schätze, Weihrauch, Myrrhen und Gold, alle Gaben der irdischen Größe, darbringen. Die Könige ließen ihre Häupter, müde von der Last ihrer tausendjährigen Weisheit, sinken, sie schützten mit den Händen ihre halbblinden Augen und schauten auf das Wunder, das größer als alle Wunder war: auf das Wunder der Geburt Gottes in Menschengestalt; und sie fielen auf ihr Angesicht vor dem, der einst sprechen wird: »Wahrlich, ich sage euch: Es sei denn, daß ihr euch umkehret, und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.« In diesen beiden ersten Werken ist Leonardos ganzer Gedankenkreis enthalten: im Sündenfall – die Weisheit der Schlange und die Vermessenheit der Vernunft; in der Anbetung der Weisen – die Einfalt der Taube und die Demut des Glaubens. Dieses Bild blieb übrigens unvollendet, wie fast alle seine folgenden Arbeiten. Er strebte nach unerreichbarer Vollkommenheit und schuf sich selbst Schwierigkeiten, die der Pinsel nicht bewältigen konnte: »Der übermäßige Durst ließ ihn nie Erquickung finden« lautet eine Stelle bei Petrarca. Die zweite Frau Ser Pieros, Madonna Francesca, starb nach kurzer Ehe. Ser Piero verheiratete sich zum dritten Mal und zwar mit einer gewissen Margherita, der Tochter des Ser Francesco di Gulielmo; sie brachte ihm 365 Florins als Mitgift. Die Stiefmutter mochte Leonardo nicht leiden; sie haßte ihn namentlich seit der Zeit, als sie ihren Gatten mit der Geburt zweier Söhne, Antonio und Giuliano, beglückt hatte. Leonardo war ein Verschwender. Ser Piero unterstützte ihn, wenn auch nicht besonders freigebig. Monna Margherita vergällte ihrem Mann das Leben mit fortwährenden Vorwürfen, weil er sein Geld, das doch einst den legitimen Erben zufallen sollte, an »diesen Findling, Bastard und Zögling der Hexenziege«, wie sie Leonardo nannte, weggebe. Unter seinen Kollegen in Verrocchios Bottega und in den anderen Werkstätten hatte er viele Feinde. Einer dieser Feinde verfaßte eine anonyme Anzeige, in der er auf die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Lehrer und Schüler hinwies und sie beide der Sodomie beschuldigte. Diese Verleumdung fand leicht Glauben, denn Leonardo, der in Florenz als der schönste Jüngling galt, ging den Frauen stets aus dem Wege. »Seine ganze Erscheinung,« erzählt ein Zeitgenosse, »strahlt in solcher Schönheit, daß bei seinem Anblicke jede vergrämte Seele heiter wird.« Um jene Zeit verließ er Verrocchios Werkstatt und bezog eine eigene Wohnung. Schon damals waren Gerüchte über Leonardos »ketzerische Ansichten« und »Gottlosigkeit« im Umlauf. Der Aufenthalt in Florenz wurde ihm immer unerträglicher. Ser Piero vermittelte ihm einen vorteilhaften Auftrag von Lorenzo Medici. Doch gelang es Leonardo nicht, ihn zufrieden zu stellen. Lorenzo verlangte von seiner Umgebung vor allem eine wenn auch verfeinerte, aber doch immer sklavische Verehrung. Menschen, die zu dreist und frei waren, mochte er nicht leiden. Die Untätigkeit bedrückte Leonardo. In der Suche nach Arbeit knüpfte er sogar durch Vermittlung der Gesandtschaft des ägyptischen Sultans Kaid-Bey, die sich gerade in Florenz aufhielt, Unterhandlungen mit einem syrischen Würdenträger an, in dessen Dienste er als erster Baumeister treten wollte, obwohl er wußte, daß er sich in diesem Falle von Christo lossagen und in den muhammedanischen Glauben übertreten müßte. Er mußte unbedingt aus Florenz fort, ganz gleich wohin, denn er fühlte, daß er zugrunde gehen würde, wenn er da noch länger bliebe. Ein Zufall kam ihm zur Hilfe. Er erfand eine vielsaitige, silberne Laute, die die Form eines Pferdeschädels hatte. Lorenzo der Prächtige, der großer Musikliebhaber war, fand Gefallen an der ungewöhnlichen Form und am Ton des Instruments. Er schlug dem Erfinder vor, nach Mailand zu gehen und die Laute dem Herzog von Mailand, Lodovico Sforza Moro, als Geschenk darzubringen. Im Jahre 1482 verließ Leonardo, der damals dreißig Jahre alt war, Florenz und ging nach Mailand, und zwar nicht in der Eigenschaft eines Künstlers oder Gelehrten, sondern nur in der eines Hofmusikers. Vor seiner Abreise schrieb er dem Herzog Moro: »Durchlauchtigster Signor, nachdem ich die Arbeiten der neuesten Erfinder von Kriegsmaschinen studiert und untersucht habe, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß sie sich durch nichts von den schon bekannten und im allgemeinen Gebrauch befindlichen Maschinen unterscheiden. Daher erlaube ich mir, mich an Ew.\ Durchlaucht zu wenden, um Euch die Geheimnisse meiner Kunst zu eröffnen.« Dann kam eine Aufzählung seiner Erfindungen: leichte und unverbrennbare Brücken; eine neue Methode, mit Bombarden jede Festung und Zitadelle, wenn sie nur nicht einem Felsen eingebaut ist, zu zerstören; eine Methode, rasch und geräuschlos unterirdische Gänge und Minen unter Gräben und Flüssen anzulegen; gedeckte Wagen, die sich in die Reihen der Feinde einschneiden und die in ihrem Laufe durch keine Kraft aufgehalten werden können: Bombarden, Kanonen, Mörser, Passavolanten von einer neuen »herrlichen und gar nützlichen Konstruktion«; Sturmböcke, Schleudermaschinen und andere Geräte »von einer wunderbaren Wirkungskraft« und außerdem noch für jeden Einzelfall neu zu erfindende Maschinen; Angriffs- und Verteidigungswaffen für Seeschlachten, Schiffe, deren Wandungen steinernen und eisernen Kanonenkugeln Widerstehen können und schließlich ganz neue und unbekannte Explosivstoffe. »Zu Friedenszeiten,« so schloß der Brief, »hoffe ich Ew. Durchlaucht als Baumeister zufrieden zu stellen, denn ich kann öffentliche und private Bauten aufführen und Kanäle und Wasserleitungen anlegen. »Auch in der Kunst der Bildhauerei in Marmor, Ton und Erz und in der Malerei kann ich beliebige Aufträge nicht schlechter als jeder andere ausführen. »Auch bin ich erbötig, aus Bronze ein Pferd zu gießen, das den ewigen Ruhm Eures hochseligen Herrn Vaters und des ganzen berühmten Hauses Sforza verherrlichen wird. »Wenn Euch aber eine von den oben erwähnten Erfindungen unwahrscheinlich vorkommen sollte, so will ich sie Euch gern probeweise ausführen und vorführen, sei es im Schloßparke, sei es an einem andern Ort, nach Angabe Ew. Durchlaucht, deren gnädigem Wohlwollen ich mich als gehorsamster Diener empfehle. Leonardo da Vinci.« Als er die ersten schneebedeckten Alpengipfel über der grünen Lombardischen Ebene aufleuchten sah, fühlte er, daß für ihn nun ein neues Leben beginnen und er in diesem fremden Lande eine zweite Heimat finden würde. X. So kamen Leonardo die fünfzig Jahre seines Lebens in Erinnerung, während er zum Monte Albano hinaufstieg. Er näherte sich bereits dem Passe, der auf der Spitze des Weißen Berges lag. Der Pfad ging jetzt schnurgerade und ohne Windungen zwischen trockenem Gesträuch und kleinen krummen Eichen mit vorjährigem Laub hinauf. Die trüben lilagrauen Berge erschienen ihm so wild, unheimlich und öde, als ob sie nicht der Erde, sondern einem andern Planeten angehörten. Der Wind blies ihm ins Gesicht, stach ihn gleichsam mit eiskalten Nadeln und blendete seine Augen. Zuweilen riß sich unter seinem Fuße ein Stein los und rollte polternd in den Abgrund. Er stieg immer höher und höher. In diesem anstrengenden Aufstieg fand er die eigentümliche ihm noch von seiner Kindheit her bekannte Freude wieder: er wurde Herr über diese unfreundlichen, finsteren, windumwehten Berge und mit jedem Schritte wurde sein Blick weiter und schärfer, denn die Ferne wurde immer unendlicher und klarer. Hier war nichts mehr vom Frühling zu sehen: auf den Bäumen waren noch keine Knospen und das Gras grünte noch nicht. Es roch nur nach feuchtem Moos. Aber auf der Höhe, zu der er emporstieg, war nichts als nacktes Gestein und blasser Himmel. Die Ebene, in der Florenz lag, war von hier aus nicht mehr sichtbar. Aber die ganze unendliche Ebene gegen Empoli lag vor seinen Blicken: zuerst kamen lilagraue Berge mit breiten Schatten, Vorsprüngen und Abgründen, dann zogen sich die unendlichen Hügel von Livorno über Castellino-Maritimo und Volterrano bis San-Gimignano. Er sah nur weiten Raum, Luft und Leere vor sich, der schmale Pfad verschwand gleichsam unter seinen Schritten und er flog auf Riesenflügeln über den welligen Fernen dahin. Hier schienen die Flügel natürlich und notwendig und ihr Fehlen erfüllte die Seele mit Staunen und Angst. Dieses Empfinden hat wohl ein Mensch, dessen Beine plötzlich versagen. Er erinnerte sich noch, wie er als Kind die dahinziehenden Kraniche mit den Blicken verfolgt und vor Neid geweint hatte, wenn sie ihren kaum hörbaren Schrei vernehmen ließen, der wie ein Zuruf »Fliegen wir! Fliegen wir!« klang. Er erinnerte sich auch, wie er im geheimen die Staare und Grasmücken seines Großvaters aus den Vogelbauern fliegen ließ und sich an der Freude der Befreiten ergötzte; wie ihm einmal der Mönch, der sein Lehrer war, von Ikarus, dem Sohne des Daedalus, erzählt hatte, der sich auf Flügeln, die mit Wachs zusammengefügt waren, in die Lüfte schwang und dabei abstürzte, und wie er auf die Frage des Lehrers, wer der größte unter den Helden des Altertums gewesen sei, geantwortet hatte: »Ikarus, der Sohn des Daedalus«. Er erinnerte sich auch noch an das Erstaunen und die Freude, die ihn erfüllten, als er auf dem Campanile des Domes Maria del Fiore unter den Basreliefs Giottos, die alle Künste und Wissenschaften darstellen, zuerst einen komischen, plumpen, mit Vogelfedern bedeckten Menschen, den fliegenden Mechaniker Daedalus, entdeckt hatte. Er hatte noch eine Erinnerung aus seiner frühesten Kindheit, eine von denen, die den Fremden sinnlos, aber demjenigen, der sie in seinem Herzen bewahrt, geheimnisvoll und prophetisch erscheinen. »Es wird mir wohl vom Schicksal bestimmt sein, daß ich fortwährend über Geier schreibe,« erzählt er in einem seiner Tagebücher. »Denn ich kann mich noch auf einen Traum aus meiner ersten Kindheit besinnen: mir träumte, daß an meine Wiege ein Geier geflogen kam, mir den Mund öffnete und mehrere Mal mit seinen Federn über meine Lippen strich, wohl zum Zeichen, daß ich mein Leben lang von Flügeln sprechen werde.« Die Prophezeiung ging in Erfüllung: Menschliche Flügel wurden zum letzten Ziel seines Daseins. Als er jetzt auf dem Abhange des Weißen Berges stand, empfand er, wie vor vierzig Jahren als Kind, wie tief erniedrigend und sinnlos es sei, daß die Menschen keine Flügel haben. Er dachte sich: »Wer alles weiß, der kann alles. Wenn die Menschen genügend wissen werden, so werden sie auch Flügel haben!« XI. Bei einer der letzten Windungen des Pfades spürte er, daß jemand von hinten den Saum seines Kleides erfaßt hatte. Er wandte sich um und gewahrte seinen Schüler Giovanni Beltraffio. Giovanni hatte die Augen zusammengekniffen, den Kopf gesenkt, den Hut mit der Hand ins Gesicht gedrückt und kämpfte so gegen den Wind. Er hatte wohl schon früher gerufen und geschrien, aber der Wind übertönte seine Stimme. Als der Meister sich umwandte, erschien seine Gestalt auf dieser toten, öden Leere dem Schüler so erschreckend und fremd, daß er ihn kaum wiedererkannte: sein langes Haar flatterte im Winde, der auch seinen langen Bart über die Schulter geworfen hatte; die tiefen Furchen der Stirne und die Augen unter den streng zusammengezogenen Brauen drückten einen unbeugsamen, beinahe grausamen Willen aus. Die weiten im Winde wehenden Falten seines dunkelroten Mantels sahen wie Flügel eines Riesenvogels aus. »Ich komme direkt aus Florenz,« schrie Giovanni; aber im Heulen des Windes klang es wie Geflüster und man konnte nur einzelne Worte unterscheiden: »Wichtiger Brief – sofort – bestellen –.« Leonardo begriff, daß ein Brief von Cesare Borgia gekommen sei. Giovanni reichte den Brief dem Meister. Der Künstler erkannte die Handschrift des herzoglichen Sekretärs Messer Agapito. »Steige hinunter!« schrie er Giovanni zu, als er sein von Kälte blaues Gesicht gewahrte. »Ich komme gleich nach ...« Giovanni begann den steilen Weg hinabzusteigen. Er klammerte sich an Sträucher, glitt an Steinen herab, kroch zusammengeschrumpft und gekrümmt dahin und schien so klein, schwach und gebrechlich, daß man den Eindruck hatte, der Sturm müsse ihn erfassen und wie ein Strohhälmchen davontragen. Der Anblick des mühevoll absteigenden Beltraffio brachte dem Meister seine eigene Schwäche in Erinnerung: – den Fluch der Ohnmacht, der über seinem ganzen Leben lastete, die unendliche Reihe seiner Mißerfolge, den sinnlosen Untergang des Kolosses und des heiligen Abendmahls, den Sturz Astros, das Unglück, das alle, die er liebte, betroffen, den Haß Cesares, die Krankheit Giovannis, das Grauen in den Augen Majas und seine eigene ewige und schreckliche Einsamkeit. »Flügel!« dachte er. »Werden auch die Flügel untergehen, wie alles, was ich geschaffen?« Da fielen ihm die Worte ein, die der Mechaniker Astro in seinem Fieber gesprochen hatte: die Antwort, die der Menschensohn demjenigen gab, der ihn mit den Schrecken des Abgrundes und mit der Wonne des Fluges versuchte: »Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.« Er hob den Kopf und preßte noch strenger seine feinen Lippen zusammen, runzelte noch finsterer die Stirne und stieg weiter, gegen den Wind kämpfend und die Höhe überwindend. Der Pfad war verschwunden. Er ging ohne Weg auf dem kahlen Gestein weiter, das vor ihm vielleicht noch niemand betreten hatte. Noch eine letzte Anstrengung, noch ein letzter Schritt – und er stand am Rande des Abgrundes. Weiter konnte er nicht gehen, da konnte man nur fliegen. Der Fels brach hier ab und zu seinen Füßen lag ein bisher unsichtbar gewesener Abgrund. Er gähnte bläulich wie Nebel und Luft, und es schien Leonardo, daß unten, unter seinen Füßen keine Erde, sondern der gleiche unendliche, leere Himmel wäre, wie über seinem Kopfe. Der Wind wurde hier zum Sturme, er tobte wie Donner, er pfiff, als ob Züge unsichtbarer Vögel mit rauschenden, pfeifenden Riesenflügeln vorbeizögen. Leonardo sah in den Abgrund hinein und plötzlich ergriff ihn so mächtig wie noch nie zuvor das ihm von seiner Kindheit her vertraute Gefühl der natürlichen Notwendigkeit, der Notwendigkeit der Flügel: »Wir werden sie haben!« flüsterte er, »wir werden Flügel haben! Wenn es auch mir nicht gelingt, so wird doch ein anderer Mensch fliegen. Der Geist hat nicht gelogen: Wenn die Menschen wissend sein werden, so werden sie Flügel haben und wie Gott sein!« Und er sah vor sich im Geiste den Herrn der Lüfte, den Bezwinger aller Grenzen und aller Schwere, den Menschensohn im Glanze seiner Macht, den auf riesengroßen, schneeweißen Flügeln im Himmelsblau schwebenden großen Schwan. Die Freude, die nun seine Seele erfüllte, war wie ein Grauen. XII. Als er vom Monte Albano herabstieg, war die Sonne im Sinken. Unter den grellen gelben Strahlen schienen die Zypressen schwarz wie Kohle, die verschwindenden Berge zart und durchscheinend wie Amethyst. Der Wind legte sich. Er näherte sich Anchiano. Nach einer Biegung des Weges erblickte er plötzlich unten im tiefen Tale wie in einer Wiege das kleine dunkle Dorf Vinci, das einem Wespennest glich, und seinen Festungsturm, so schwarz und spitz wie eine Zypresse. Er blieb stehen, holte sein Taschenbuch hervor und schrieb: »Vom Berge, der nach dem Sieger genannt wird,« ( Vincivincere heißt besiegen) »wird der große Vogel, der Mensch auf dem Rücken des großen Schwanes, seinen ersten Flug unternehmen, er wird die Welt mit Staunen und alle Bücher mit seinem unsterblichen Namen erfüllen. – Ewiger Ruhm dem Neste, in dem er geboren!« Er blickte auf sein Heimatsdorf am Fuße des Weißen Berges hinab und wiederholte die Worte: »Ewiger Ruhm dem Neste, in dem der Große Schwan geboren!«   Der Brief Agapitos verlangte die sofortige Abreise des neuen herzoglichen Mechanikers zum Lager Cesares, wo er Belagerungsmaschinen zum bevorstehenden Sturme auf Faenza bauen sollte. Nach zwei Tagen verließ Leonardo Florenz und reiste nach der Romagna zu Cesare Borgia. Zwölftes Buch Aut Caesar – Aut Nihil I. »Wir, Cesare Borgia di Francia, von Gottes Gnaden Herzog der Romagna, Fürst von Andria, Herr von Piombino usw. usw., der heiligsten Römischen Kirche Bannerträger und erster Kapitän, befehlen allen Unsern Statthaltern, Kastellanen, Heerführern, Condottieri, Officiali, Soldaten und Untertanen, Unsern ersten Baumeister und Mechaniker Leonardo Vinci freundlichst aufzunehmen, ihm, sowie allen seinen Begleitern freien Durchgang, ohne Erhebung von Brückenzöllen und sonstigen Abgaben zu gewähren, ihm das Messen und Besichtigen eines jeden Gegenstandes in Unseren Schlössern und Festungen zu gestatten, die nötigen Mannschaften beizustellen und ihm auch sonst mit größtem Eifer behilflich zu sein. Wir übertragen dem erwähnten Leonardo die Aufsicht über alle Festungen und Schlösser in Unserm Reiche und befehlen allen anderen Baumeistern, ihn in jeder Angelegenheit nach seinem Willen zu befragen. »Gegeben zu Pavia, den 18. August im Jahre 1502 nach Christi Geburt und im 2. Jahre Unserer Herrschaft in der Romagna. Caesar Dux Romandiolae.« So lautete der Passierschein Leonardos zur bevorstehenden Besichtigung der Festungen. Um jene Zeit eroberte Cesare Borgia mit allen Möglichkeiten von Verrat und Verbrechen und mit Unterstützung des römischen Hohenpriesters und des christlichsten Königs von Frankreich den alten Kirchenstaat, der angeblich noch von Kaiser Konstantin dem Großen den Päpsten geschenkt worden war. Er entriß die Stadt Faenza ihrem rechtmäßigen Herrn, dem achtzehnjährigen Astorre Manfredi, und die Stadt Forli der Katharina Sforza; den Jüngling und die Frau, die seiner ritterlichen Ehre vertraut hatten, warf er in das Gefängnis der römischen Engelsburg. Er schloß ein Bündnis mit dem Herzog von Urbino, um ihn bald darauf zu entwaffnen, verräterisch zu überfallen und auszurauben, wie es die Räuber auf den Landstraßen tun. Im Herbste 1502 unternahm er einen Feldzug gegen Bentivoglio, den Regenten von Bologna, um diese Stadt zu erobern und zur Hauptstadt seines Reiches zu machen. Ein Schrecken überfiel die Fürsten der Nachbarländer, denn jeder fühlte, daß er früher oder später Cesare zum Opfer fallen müsse, und daß dieser entschlossen sei, alle Nebenbuhler zu beseitigen und Alleinherrscher von Italien zu werden. Km 28. September versammelten sich die Feinde des Herzogs von Valentino: Kardinal Pagolo, Herzog Gravina Orsini, Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, Gian-Paolo Baglioni, der Regent von Perugia, Antonio Giordani da Venafro und der Gesandte des Regenten von Siena Pandolfo Petrucci in der Stadt Magiona in der Ebene von Carpi und schlossen ein geheimes Bündnis gegen Cesare. In dieser Versammlung schwur Vitellozzo Vitelli den Eid des Hannibal: den gemeinsamen Feind vor Ablauf eines Jahres zu töten, gefangen zu nehmen oder aus Italien zu verjagen. Als sich die Kunde von dem zu Magiona abgeschlossenen Bündnis verbreitet hatte, traten diesem noch zahlreiche andere von Cesare beleidigte Fürsten bei. Das Herzogtum Urbino empörte sich und fiel von Cesare ab. Auch seine eigenen Truppen brachen ihm die Treue. Der König von Frankreich zögerte, ihm zu Hilfe zu kommen. Cesares Lage war verzweifelt. Doch auch von allen verraten und verlassen und fast wehrlos, flößte er den Feinden noch immer Schrecken ein. Diese hatten in kleinlichen Zwistigkeiten und Erwägungen den günstigsten Zeitpunkt, um ihn zu vernichten, versäumt und ließen sich nun mit ihm in Unterhandlungen wegen eines Waffenstillstandes ein. Durch List, Drohungen und Versprechen gelang es ihm, sie zu verführen und zu umgarnen und zwischen den Verbündeten Zwistigkeiten zu stiften. Mit der ihm eigenen Verstellungskunst lud er seine neuen Freunde, Liebenswürdigkeit heuchelnd, in die soeben eroberte Stadt Sinigaglia, unter der Vorspiegelung, daß er ihnen seine Treue nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten in einem gemeinsamen Feldzuge beweisen wolle. Leonardo gehörte zu der nächsten Umgebung Cesare Borgias. In seinem Auftrage schmückte er die neu eroberten Städte mit prächtigen Bauten, Palästen, Schulen, Bibliotheken; auf der Stelle der zerstörten Festung Castel' Bolognese baute er große Kasernen für Cesares Soldaten; er schuf den Hafen Porte-Cesenatico, den besten am westlichen Ufer der Adria, und vereinigte ihn durch einen Kanal mit Cesena; er legte den Grund zu der mächtigen Festung von Piombino, baute Kriegsmaschinen und zeichnete Karten. Während er den Herzog auf allen seinen Reisen begleitete und sich auch auf den Schauplätzen aller seiner Bluttaten – Urbino, Pesaro, Imola, Faenza, Cesena und Forli – in seinem Gefolge befand, führte er wie immer sein Tagebuch. Doch erwähnte er darin mit keinem Worte Cesares, als sähe er gar nicht, was um ihn vorging, oder als wolle er es nicht sehen. Sonst notierte er jede Kleinigkeit, die ihm auffiel: die Art, wie die Bauern von Cesena ihre Obstbäume durch Rebenguirlanden verbanden; die Einrichtung der Hebel, mit denen die Domglocken von Siena geschwungen wurden; den sonderbaren Ton der Wasserstrahlen im Springbrunnen zu Rimini. Er skizzierte einen Taubenschlag und den Turm mit der Wendeltreppe im Schlosse zu Urbino, aus dem der unglückliche, von Cesare ausgeraubte Herzog Guidobaldo soeben geflohen war, und zwar nach Zeugnis der Zeitgenossen »im bloßen Hemde«. Er beobachtete, wie in der Romagna am Fuße der Apenninen die Hirten die Mündungen ihrer Hörner in schmale Felsspalten stecken, um so den Klang zu verstärken; der Ton wurde so stark, daß er, vom Echo verdoppelt, die ganze Ebene erfüllte und selbst von den auf den größten Entfernungen weidenden Herden vernommen wurde. Er stand tagelang allein am öden Meeresufer von Piombino und beobachtete, wie die Wellen kleine Steine, Holzstücke und Algen bald ans Ufer trieben, bald wieder fortschwemmten. »So kämpfen die Wellen um die Beute, die dem Sieger zufällt«, schrieb Leonardo. Während um ihn herum alle Gesetze der menschlichen Gerechtigkeit verhöhnt und verletzt wurden, bewunderte er, ohne jene Verbrechen zu verurteilen oder zu rechtfertigen, in dem scheinbar zufälligen und launischen, in der Tat aber gesetzmäßigen und unabänderlichen Spiele der Wellen die unverletzbaren Gesetze der göttlichen Gerechtigkeit, die der Urheber der ersten Bewegung in der Mechanik festgelegt hatte. Am 9. Juni 1502 wurden im Tiber in der Nähe Roms die Leichen des jungen Fürsten von Faenza, Astorre, und seines Bruders mit Stricken um den Hals und mit Steinen beschwert, gefunden; sie waren erdrosselt und in den Fluß aus der Engelsburg geworfen worden. Die Körper, die nach Aussage der Zeitgenossen »so schön waren, wie man kaum unter Tausenden ähnliche finden könnte«, wiesen Spuren widernatürlicher Schändung auf. Der Volksmund schrieb diese Greuel Cesare zu. Auf den gleichen Tag fällt folgende Notiz in Leonardos Tagebuch: »In der Romagna gebraucht man Wagen mit vier Rädern, von denen die beiden vorderen klein, die beiden hinteren groß sind. Diese Konstruktion ist höchst sinnlos, denn nach den Gesetzen der Physik – siehe §5 meiner ›Elemente‹ – ruht die ganze Last auf den Vorderrädern.« So verschwieg er die gröbsten Verletzungen der Gesetze des geistigen Gleichgewichts und empörte sich über die Verletzung der Gesetze der Mechanik in der Konstruktion der romagniolischen Wagen. II. In der zweiten Hälfte des Dezembers 1502 zog der Herzog von Valentino mit seinem ganzen Hofe und Heere aus Cesena nach Fano. Diese Stadt lag an der Mündung des Flusses Arcilla in die Adria, zwanzig Meilen von Sinigaglia entfernt, wo Cesare eine Zusammenkunft mit den früheren Verbündeten Oliverotto da Fermo, Orsini und Vitelli verabredet hatte. Ende Dezember reiste auch Leonardo aus Pesaro zu Cesare. Er hatte Pesaro am frühen Morgen verlassen und hoffte Fano noch vor Abend zu erreichen, geriet aber in einen Schneesturm. Die Berge waren mit unpassierbarem Schnee bedeckt. Die Maultiere glitten fortwährend auf den eisbedeckten Steinen aus. Der schmale Bergpfad führte dicht am Rande des Abhanges; unten zerschellten die schwarzen Wellen der Adria am schneeverwehten weißen Ufer. Zum Schrecken des Führers scheute sein Maultier, als es einen Gehenkten witterte, der auf dem Aste einer Espe baumelte. Inzwischen war es ganz finster geworden. Sie ließen die Zügel hängen und ritten aufs Geratewohl, den klugen Tieren vertrauend. In der Ferne wurde ein Lichtschein sichtbar. Der Führer erkannte die große Herberge bei Novilara. Dieses Bergnest lag genau in der Mitte des Weges zwischen Pesaro und Fano. Sie mußten lange an das eisenbeschlagene Tor klopfen, das einem Festungstore glich. Endlich erschien ein verschlafener Stallknecht mit einer Laterne in der Hand, etwas später kam auch der Wirt. Er verweigerte ihnen das Nachtlager mit der Begründung, daß nicht nur alle Zimmer, sondern auch die Pferdestallungen überfüllt seien; in jedem Bette schliefen wenigstens drei Mann und es seien lauter vornehme Leute – Offiziere und Herren aus dem Gefolge des Herzogs. Als Leonardo seinen Namen nannte und seinen Paß mit Unterschrift und Siegel des Herzogs vorzeigte, bot ihm der Wirt unter tausend Entschuldigungen sein eigenes Zimmer an, in dem vorläufig nur drei Offiziere aus dem verbündeten französischen Regiment von Yves d´Allegre untergebracht seien; diese hätten sich betrunken und schliefen jetzt wie Tote; er selbst wolle mit seiner Frau in der Kammer neben der Schmiede übernachten. Leonardo trat ins Gastzimmer, das zugleich als Eßzimmer und Küche diente, und, wie alle Gastzimmer in der Romagna, schmutzig und verrußt war und feuchte Flecken auf den abgebröckelten Wänden aufwies. Auf einer Stange schlummerten Hennen und Perlhühner, in einem Bretterverschlag grunzten Ferkel und an den rauchgeschwärzten Deckenbalken hingen Reihen goldgelber Zwiebeln, Blutwürste und Schinken. Im großen Herde, mit überhängendem, gemauertem Schornstein, zischte auf einem Bratspieße über einem großen Feuer ein ganzes Schwein. Der rote Widerschein des Herdfeuers beleuchtete die an langen Tischen sitzenden Gäste. Sie aßen, tranken, schrien, stritten, spielten Würfel, Dame und Karten. Leonardo setzte sich zum Herd und wartete auf das bestellte Nachtmahl. Am nächsten Tische, an dem Leonardo u. a. den alten Hauptmann der herzoglichen Lanzenreiter Baldassare Scipione, den ersten Hofrentmeister Alessandro Spanocchia und den Gesandten von Ferrara – Pandolfo Colenuccio, erkannte, predigte ein unbekannter Mann mit ungewöhnlicher Begeisterung und mit den Händen fuchtelnd, mit hoher quietschender Stimme: »Signori, ich kann es durch Beispiele aus der neuen und alten Geschichte mathematisch genau beweisen! Denkt nur an die Reiche, die ihren Ruhm in Kriegen erworben haben: an Rom, Sparta, Athen, Ätolien, Achaia und die vielen anderen Länder jenseits der Alpen. Alle großen Eroberer haben ihre Heere stets aus den Bürgern ihres eigenen Volkes gebildet: Ninos aus den Assyriern, Kyros aus den Persern, Alexander aus den Mazedoniern ... Freilich haben Pyrrhus und Hannibal ihre Siege mit Hilfe von Söldnern errungen, doch haben wir es nur der ungewöhnlichen Begabung dieser Heerführer zuzuschreiben, die es verstanden haben, den fremdländischen Soldaten den Mut und die Begeisterung einer Volksmiliz einzuflößen. Achtet doch, bitte, auf die Grundlehre, den Grundstein der Kriegswissenschaft: die Infanterie, nur die Infanterie allein entscheidet die Stärke eines Heeres; doch keineswegs die Kavallerie und noch viel weniger die unsinnigste Errungenschaft der Neuzeit – die Artillerie mit ihrem Pulver! ...« »Ihr geht zu weit, Messer Niccolo,« wandte mit verbindlichem Lächeln der Hauptmann der Lanzenreiter ein. »Die Geschütze gewinnen mit jedem Tag an Bedeutung. Was Ihr auch von den Römern und Spartanern sagen mögt, ich wage zu behaupten, daß die modernen Heere viel besser bewaffnet sind, als die alten. Ich sage das nicht, um Ew. Gnaden zu verletzen, aber eine Schwadron französischer Reiter oder eine Abteilung Artillerie mit dreißig Bombarden ist imstande, einen ganzen Felsen umzuwerfen, nun gar erst eine Abteilung Eurer römischen Infanterie!« »Es sind Sophismen! Nichts als Sophismen!« ereiferte sich Messer Niccolo. »In Euren Worten, Signore, erkenne ich jene verderbliche Verirrung, die den besten Heerführern unserer Zeit die Wahrheit verschleiert. Wartet nur, einst werden Horden nordischer Barbaren mit diesem Irrtum aufräumen. Dann werden die Italiener die Ohnmacht der Söldnertruppen einsehen und sich davon überzeugen, daß Kavallerie und Artillerie keinen roten Heller wert sind im Vergleich mit der Macht der regulären Infanterie; dann aber wird es zu spät sein ... Wie können nur Menschen so sichtbare Tatsachen leugnen? Bedenkt doch wenigstens, daß Lucullus mit einer kleinen Abteilung Fußvolk die hundertundfünfzigtausend Reiter des Tigranus vernichtet hat, obwohl unter den letzteren einzelne Kohorten waren, die sich mit den heutigen französischen Reiterschwadronen messen könnten! ...« Leonardo sah ganz erstaunt auf diesen Mann, der von den Siegen des Lucullus mit solcher Bestimmtheit sprach, als ob er selbst dabei gewesen wäre. Der Fremde trug ein langes Gewand von vornehmem Schnitte aus dunkelrotem Tuch mit gerade fallenden Falten, wie es hohe Würdenträger der Florentiner Republik und vornehmlich Gesandtschaftssekretäre tragen. Das Gewand sah aber etwas abgetragen, aus: an einzelnen, wenn auch wenig sichtbaren Stellen hatte es Flecken und seine Ärmel glänzten. Der Hemdkragen, der als dünner Streifen unter dem hoch zugeknöpften Rock hervortrat, ließ darauf schließen, daß auch die Wäsche nicht ganz sauber war. Er hatte große knochige Hände mit einer Verdickung am Mittelfinger, die Leuten, die viel schreiben, eigen ist; auch Tintenflecke wiesen die Finger auf. Sein Äußeres war wenig majestätisch und respekteinflößend. Er war nicht alt, vielleicht in den Vierzigern, hager, schmalschultrig und hatte ungewöhnlich lebhafte, eckige, scharf ausgeprägte und höchst eigentümliche Gesichtszüge. Während des Gesprächs hob er zuweilen seine flache, lange Nase, die einem Entenschnabel glich, warf seinen kleinen Kopf in den Nacken, kniff die Augen zusammen und schob nachdenklich seine breite Unterlippe vor; wenn er dabei noch über den Kopf desjenigen, mit dem er sprach, hinwegblickte, gleichsam in die Ferne sah, so glich er einem scharfsichtigen Vogel, der, ganz Spannung, seinen langen dünnen Hals reckt und seinen Blick auf einen erstaunlich weit entfernten Gegenstand richtet. Seine hastigen Gebärden, die fieberhafte Röte seiner braunen, rasierten, eingefallenen Wangen mit den breiten Backenknochen und besonders seine großen grauen durchdringenden Augen ließen auf inneres Feuer schließen. Diese Augen wollten böse scheinen; doch konnte man in ihnen zuweilen neben dem Ausdruck kalter Erbitterung und beißenden Spottes auch etwas wie Schüchternheit und Hilflosigkeit lesen. Messer Niccolo entwickelte seinen Gedanken über die Bedeutung der Infanterie im Kriege weiter und Leonardo staunte über diese Vermengung von Wahrheit und Lüge, grenzenloser Dreistigkeit und sklavischer Nachäffung der Alten in den Worten dieses Mannes. Um die Zwecklosigkeit der Geschütze zu beweisen, erklärte er, wie schwer das Schießen mit Geschützen größeren Kalibers sei: denn ihre Kugeln flögen entweder viel zu hoch über den Köpfen der Feinde dahin, oder aber zu niedrig, ohne ihr Ziel zu erreichen. Dem Künstler fiel diese treffende und scharfsinnige Bemerkung auf, denn er kannte aus eigener Erfahrung diesen Fehler der großen Bombarden. Gleich darauf aber stellte Niccolo die Behauptung auf, Festungen könnten unmöglich einen Staat schützen, wobei er auf die Römer, die keine Festungen bauten, und auf die Spartaner hinwies, die ihre Stadt nie befestigten, weil der Mut der Bürger die Mauern ersetzen sollte. Als ob alle Meinungen und Handlungen der Alten unanfechtbar seien, zitierte er den allen Scholaren bekannten Ausspruch eines Spartaners über die Mauern von Athen: »Sie würden von Nutzen sein, wenn die Stadt ausschließlich von Frauen bewohnt wäre.« Leonardo hörte nicht das Ende des Streites, denn der Wirt geleitete ihn in das für ihn im oberen Stockwerk vorbereitete Zimmer. III. Über Nacht war der Schneesturm stärker geworden. Der Führer weigerte sich, weiterzureisen und behauptete, bei solchem Wetter würde ein guter Mensch nicht einmal seinen Hund aus dem Hause jagen. Der Künstler mußte noch einen Tag warten. Um die Zeit totzuschlagen, begann er im Küchenherd einen von ihm erfundenen selbsttätigen Bratspieß einzurichten. Die Einrichtung bestand aus einem großen Schaufelrad, das, durch den Luftzug im Ofenrohr gedreht wurde und seinerseits den Bratspieß antrieb. »Mit dieser Maschine,« erklärte Leonardo den erstaunten Zuschauern, »hat der Koch nicht zu befürchten, daß ihm der Braten verbrennt, denn die Wirkung des Feuers bleibt unverändert: wenn die Hitze größer ist, so dreht sich der Spieß rascher; sinkt sie, so dreht er sich langsamer.« Mit diesem vollkommenen Bratspieß gab sich der Künstler mit der gleichen Liebe und Begeisterung ab, wie mit den Menschenflügeln. Im gleichen Zimmer erklärte indessen Messer Niccolo einigen jungen Sergeanten der französischen Artillerie, die passionierte Spieler waren, das von ihm angeblich auf Grund abstrakt-mathematischer Gesetze erfundene System, im Würfelspiel sicher zu gewinnen und den Launen der »Buhlerin Fortuna«, wie er das Glück nannte, zu begegnen. Er erläuterte sein System in klugen und schönen Sätzen; so oft er es aber an einem Beispiel demonstrieren wollte, verlor er zu seinem eigenen Erstaunen und zur Schadenfreude der Zuschauer seinen Einsatz. Er tröstete sich aber damit, daß ihm bei der Anwendung der weisen Regel irgendein Rechenfehler unterlaufen sei. Das Spiel hatte einen für Messer Niccolo höchst unangenehmen Ausgang: als es ans Bezahlen ging, erwies sich, daß sein Beutel leer war und daß er auf Pump gespielt hatte. Spät abends kam in die Herberge mit einer Unmenge Koffer und Kisten und in Begleitung zahlreicher Diener, Pagen, Reitknechte, Narren, Mohrinnen und zur Belustigung dienender Tiere die vornehme venetianische Cortesane, die »edle Buhlerin« Lena Griffa; es war dieselbe, die einst in Florenz den Auftritt mit den kleinen Inquisitoren des heiligen Heeres von Fra Girolamo Savonarola hatte. Vor zwei Jahren hatte Monna Lena, dem Beispiele vieler ihrer Freundinnen folgend, die sündige Welt verlassen und als büßende Magdalena den Schleier genommen. Sie tat es nur, um später ihren Preis im berühmten »Tarif der Cortesanen oder Diskurs für vornehme Fremde, in dem die Preise und Eigenschaften aller Cortesanen Venedigs, sowie die Namen ihrer Kupplerinnen verzeichnet sind«, erhöhen zu können. Die dunkle Nonnenpuppe entwickelte sich zu einem glänzenden Schmetterling. Lena Griffa machte schnell Karriere: wie es bei den besseren Cortesanen üblich war, hatte sich das venetianische Straßenmädel, die »mammola« , einen gar prächtigen Stammbaum konstruiert, aus dem ersichtlich war, daß sie eine natürliche Tochter des Bruders des mailänder Herzogs – des Kardinals Ascanio Sforza sei. Um die gleiche Zeit avancierte sie zur Hauptmätresse eines altersschwachen und halb blödsinnigen, doch steinreichen Kardinals. Zu diesem reiste sie eben von Venedig nach Fano, wo sie der Monsignore am Hofe Cesare Borgias erwartete. Der Wirt geriet in große Verlegenheit: einer so vornehmen Person, »Ihrer Hochwürden«, der Mätresse eines Kardinals, konnte er nicht gut das Nachtlager verweigern, und doch hatte er im ganzen Hause kein einziges freies Zimmer. Schließlich gelang es ihm, einige Kaufleute aus Ancona zu überreden, gegen einen bedeutenden Preisnachlaß in die Schmiede zu übersiedeln und ihr Zimmer dem Gefolge der edlen Buhlerin abzutreten. Die Dame selbst wollte er im Zimmer Messer Niccolos und der französischen Offiziere vom Regiment Yves d'Allegre unterbringen; diese sollten aber in die Schmiede zu den Kaufleuten gehen. Niccolo geriet außer sich und fragte den Wirt, ob er bei Sinnen sei, ob er wisse, mit wem er es zu tun habe und was er sich eigentlich denke, wenn er wegen einer hergelaufenen Straßendirne anständige Menschen so frech behandle. Hier mischte sich aber die Wirtin ein, die recht gesprächig und tapfer war und »ihre Zunge nicht beim Juden als Pfand liegen hatte«. Sie empfahl Messer Niccolo, mit dem Schimpfen etwas zu warten und zuerst die Rechnung für seine Verpflegung sowie für die seiner Diener und der drei Pferde zu begleichen und bei dieser Gelegenheit auch die vier Dukaten zurückzuzahlen, die ihm ihr Mann aus Herzensgüte noch am vergangenen Freitag geliehen habe. Wie vor sich selbst, aber immerhin noch so laut, daß es alle verstehen konnten, wünschte sie allen Hochstaplern und Gaunern, die die Landstraßen unsicher machen, sich als große Herren ausgeben, mit der Zeche durchgehen und dabei anständige Menschen von oben herab behandeln, »böse Ostern«. In den Worten der Wirtin war wohl auch etwas Wahres enthalten. Wenigstens wurde Niccolo sofort still; er schlug vor ihren drohenden Blicken die Augen nieder und schien sich zu überlegen, wie er sich einigermaßen anständig zurückziehen könne. Inzwischen hatten die Diener sein Gepäck herausgetragen. Ein häßlicher Affe, ein Liebling von Monna Lena, der während der Reise halb erfroren war, schnitt jämmerliche Fratzen und sprang auf den Tisch, auf dem die Papiere, Schreibfedern und Bücher Messer Niccolos, darunter die Dekaden des Titus Livius und die »Lebensbeschreibungen berühmter Männer« des Plutarch, herumlagen. »Messere,« wandte sich Leonardo an ihn mit freundlichem Lächeln: »Wenn Ihr mit mir mein Zimmer teilen wolltet, so wäre es mir eine große Ehre, Ew. Gnaden diese kleine Gefälligkeit erweisen zu können.« Niccolo sah ihn etwas erstaunt an und schien noch verlegener. Er bemeisterte aber sofort seine Verlegenheit und dankte mit großer Würde. Sie gingen in Leonardos Zimmer und der Künstler trat seinem Zimmergenossen den besseren Platz ab. Je länger er ihn beobachtete, um so anziehender und interessanter erschien ihm dieser sonderbare Mensch. Er nannte seinen Namen und Stand: Niccolo Machiavelli, Sekretär des Rates der Zehn der Florentiner Republik. Vor drei Monaten hatte die schlaue und vorsichtige Signorie diesen Sekretär zu Cesare Borgia geschickt, den sie zu überlisten hoffte, indem sie seine positiven Vorschläge, einem Schutzbündnis gegen die gemeinsamen Feinde Bentivoglio, Orsini und Vitelli beizutreten, mit platonischen und zweideutigen Freundschaftsbeteuerungen beantwortete. In Wirklichkeit fürchtete die Republik den Herzog und wollte ihn weder unter ihren Feinden, noch unter ihren Freunden haben. Messer Niccolo Machiavelli besaß keinerlei wirkliche Vollmachten, er hatte nur den Auftrag, eine freie Passage für die florentiner Kaufleute durch die Besitzungen des Herzogs an der adriatischen Küste zu erwirken. Diese Frage hatte übrigens eine große Bedeutung für den Handel, »diese Amme der Republik«, wie es im Beglaubigungsschreiben des Gesandten hieß. Auch Leonardo nannte ihm seinen Namen und seine Stellung am Hofe des Herzogs von Valentino. Sie kamen ins Gespräch und unterhielten sich mit jener natürlichen Leichtigkeit und dem gegenseitigen Vertrauen, wie es oft im Gespräche verschieden gearteter, einsamer und denkender Männer auftritt. »Messere,« sagte Niccolo gleich am Anfang des Gesprächs mit einer Offenheit, die auf den Künstler einen ausgezeichneten Eindruck machte. »Ich weiß natürlich, daß Ihr ein großer Meister seid, Ich muß aber gleich bemerken, daß ich von Malerei nichts verstehe und sie sogar nicht liebe, obwohl ich gern zugeben will, daß diese Kunst mir darauf die gleiche Antwort geben kann, die einst Dante einem Spötter, der ihm auf der Straße eine Feige zeigte, gab: ›Selbst für hundert deiner Feigen gebe ich nicht eine von den meinigen.‹ Ich habe aber auch gehört, daß der Herzog Euch für einen großen Meister in der Kriegswissenschaft hält und gerade über militärische Dinge möchte ich mit Ew. Gnaden reden. Ich war immer der Ansicht, daß dieser Gegenstand eine um so größere Beachtung verdiene, als die Größe der Völker auf ihrer Kriegsmacht und auf der Qualität und der Quantität ihrer stehenden Heere beruht, wie ich es in dem von mir beabsichtigten Werke ›Von den Monarchien und Republiken‹ beweisen werde. Ich will darin die natürlichen Gesetze, die das Leben, die Entwicklung, den Verfall und den Untergang eines Staates regieren und bedingen, mit der gleichen Präzision untersuchen und festlegen, mit der der Mathematiker die Gesetze der Zahlen und der Naturforscher die der Mechanik und Physik behandelt ...« Hier hielt er inne und bemerkte mit gutmütigem Lächeln: »Verzeiht, Messere! Mir scheint, daß ich Eure Liebenswürdigkeit mißbrauche: vielleicht interessiert Euch meine Politik ebensowenig, wie mich Eure Malerei? ...« »Nein, nein, ganz im Gegenteil!« erwiderte der Künstler. »Besser ist es, wenn ich mit Euch ebenso offen spreche, wie Ihr mit mir, Messer Niccolo. Die gewöhnlichen Gespräche der Leute über Krieg und Staat mag ich in der Tat nicht leiden, denn sie sind meistens hohl und verlogen. Aber Eure Ansichten sind von den allgemein verbreiteten so verschieden, so neu und ungewöhnlich, daß ich Euch – Ihr könnt es mir glauben – mit dem größten Genuß zuhöre.« »Nehmt Euch in acht, Messer Leonardo!« warnte Niccolo mit noch gutmütigerem Lächeln. »Daß Ihr es nur nicht bereut! Ihr kennt mich noch nicht. Denn die Politik ist mein Steckenpferd, und wenn ich einmal anfange, so höre ich nicht eher auf, als bis Ihr mir Schweigen gebietet. Mein größtes Vergnügen ist – mit klugen Menschen über Politik zu sprechen. Aber leider sind die Klugen selten! Unsere vornehmen Herren interessieren sich nur für die Marktpreise von Wolle und Seide; aber ich –« er sagte es mit stolzem und bitterem Lächeln: »ich bin einmal so beschaffen, daß ich weder über Verlust und Gewinn, noch über Seide und Wolle zu reden verstehe und daher entweder schweigen, oder aber über Staatsangelegenheiten sprechen muß.« Der Künstler beruhigte ihn noch einmal, und um das angefangene Gespräch, das ihm in der Tat höchst interessant erschien, wieder in Fluß zu bringen, fragte er ihn: »Ihr sagtet soeben, Messere, daß die Politik eine exakte Wissenschaft sein müsse, wie die Naturwissenschaft, die auf Mathematik fußt und ihre Lehrsätze aus dem Experiment und der Beobachtung der Natur schöpft. Habe ich Euch richtig verstanden?« »Ja, vollkommen richtig!« sagte Machiavelli. Er hatte die Brauen zusammengezogen und blickte, ganz Spannung, über den Kopf Leonardos hinweg. So glich er einem scharfsichtigen Vogel, der seinen Blick auf einen erstaunlich weit entfernten Gegenstand richtet und dabei seinen langen, dünnen Hals reckt. »Vielleicht wird es mir auch nicht gelingen, mein Vorhaben auszuführen,« fuhr er fort, »aber ich will den Menschen über ihre Einrichtungen Dinge sagen, wie sie sie noch von niemand gehört haben. Weder Plato in seiner ›Republik‹, noch Aristoteles in seiner ›Politik‹, noch der heilige Augustinus in seinem ›Staate Gottes‹, noch irgendeiner von denen, die über den Staat geschrieben haben, hat die Hauptsache berücksichtigt: nämlich die Naturgesetze, die das Leben eines jeden Volkes regieren und außerhalb des menschlichen Willens, des Guten und des Bösen, stehen. Alle sprechen nur davon, was gut und schlecht, edel und niedrig erscheint, und von Staatsformen, wie sie sein müssen und wie sie in Wirklichkeit weder existieren noch existieren können. Ich will aber diese Dinge nicht wie sie sein sollten und nicht wie sie einem erscheinen, sondern wie sie sind , erforschen. Ich will die Natur jener großen Körper, die man Republiken und Monarchien nennt, ohne Liebe und Haß, ohne Lob und Verurteilung untersuchen, genau so wie der Mathematiker die Natur der Zahlen und der Anatom den Bau des Körpers erforscht. Ich weiß, daß es ein schweres und gefährliches Beginnen ist, denn die Menschen nehmen nichts so übel und rächen nichts so bitter, als wenn man ihnen in politischen Dingen die Wahrheit sagt. Ich will ihnen aber trotzdem die Wahrheit sagen, und wenn sie mich auch dafür auf den Scheiterhaufen werfen, wie den Fra Girolamo!« Mit unwillkürlichem Lächeln beobachtete Leonardo den Ausdruck der prophetischen und zugleich leichtsinnigen, gleichsam kindischen Verwegenheit in Machiavellis Augen, die in sonderbarem, beinahe wahnsinnigem Feuer glänzten. Er dachte sich: »Mit welcher Aufregung spricht er über die Ruhe, mit welcher Leidenschaftlichkeit über die Leidenschaftslosigkeit!« »Messer Niccolo,« versetzte der Künstler, »wenn es Euch gelingt, Euren Plan auszuführen, so wird Euren Entdeckungen die gleiche Bedeutung zukommen, wie die der Geometrie des Euklides und die der Forschungen des Archimedes in der Mechanik.« Das Neue in Niccolos Gedanken kam Leonardo in der Tat erstaunlich vor. Er erinnerte sich noch an die Randbemerkung, die er vor dreizehn Jahren in seinem Buche mit den Zeichnungen von inneren Organen des menschlichen Körpers gemacht hatte: »Der Höchste möge mir helfen, die Natur der Menschen, ihre Sitten und Gewohnheiten ebenso zu erfassen, wie ich jetzt den inneren Bau des menschlichen Körpers begriffen habe.« IV. Sie sprachen lange miteinander. Leonardo fragte ihn unter anderem, wie er dazu käme, in seinem gestrigen Gespräche mit dem Hauptmann der Lanzenreiter den Festungen, Feuerwaffen und dem Pulver jede Bedeutung abzusprechen; ob es nicht gar ein Scherz gewesen sei? »Die alten Spartaner und Römer,« erwiderte Niccolo, »die doch unfehlbare Meister in der Kriegskunst waren, hatten keine Ahnung vom Pulver.« »Haben wir denn nicht aus Experimenten und der Erforschung der Natur,« rief der Künstler aus, »vieles gelernt, woran die Alten gar nicht zu denken wagten, und lernen wir denn nicht auch heute jeden Tag neue Dinge?« Machiavelli blieb hartnäckig bei seiner Meinung. »Ich bin der Ansicht,« wiederholte er, »daß die modernen Völker in Kriegs- und Staatssachen Fehler begehen, wenn sie nicht den Lehren der Alten folgen.« »Ist denn eine solche Nachahmung überhaupt möglich, Messer Niccolo?« »Warum denn nicht? Sind denn die Bewegungen, die Kräfte, ist die Ordnung der Menschen und der Elemente, der Sonne und des Himmels heute anders als im Altertum?« Keinerlei Beweggründe konnten ihn von dieser Meinung abbringen. Leonardo sah, daß er, der in allen anderen Dingen verwegen und oft frech war, plötzlich abergläubisch und ängstlich wie ein Schulpedant wurde, sobald die Rede auf die Antike kam. »Seine Pläne sind wirklich groß, wird er sie aber auch ausführen können?« fragte sich der Künstler. Unwillkürlich fielen ihm die Regeln für das Würfelspiel ein, die so geistreich erschienen, solange sie Machiavelli theoretisch dozierte, und so kläglich versagten, als er sie im wirklichen Spiel demonstrieren wollte. »Wißt Ihr, Messere,« rief plötzlich Niccolo während des Streites mit dem Ausdruck großer Freude in den Augen. »Je länger ich Euch zuhöre, um so mehr staune ich und traue meinen Ohren nicht! .. Bedenkt doch nur, welche sonderbare Konstellation der Gestirne dazu notwendig war, damit sich zwei Männer wie wir begegneten! Ich behaupte, daß es drei Arten von Menschen gibt: erstens solche, die alles selbst sehen und erraten; zweitens solche, die Dinge sehen, auf die sie von andern aufmerksam gemacht werden; und schließlich solche, die weder selbst etwas merken, noch sich belehren lassen. Die ersten – sind die besten und seltensten; die zweiten – gut und mittelmäßig, die letzten – sind die häufigsten und untauglichsten. Ich zähle Ew.\ Gnaden und vielleicht auch mich selbst – um nicht in den Geruch übertriebener Bescheidenheit zu kommen – zu der ersten Kategorie. Warum lacht Ihr? Habe ich denn unrecht? Ihr könnt Euch dabei denken, was Ihr wollt; was aber mich betrifft, so glaube ich, daß unsere Begegnung nicht zufällig ist, daß sie vielmehr vom Schicksal beabsichtigt war und daß ich in meinem ganzen Leben keine zweite Begegnung solcher Art erleben werde; denn ich weiß, wie wenig kluge Menschen es in der Welt gibt. Um aber unserer Unterhaltung die Krone aufzusetzen, gestattet mir, eine herrliche Stelle aus dem Livius vorzulesen und meine Erklärungen dazu zu geben.« Er nahm das Buch vor, rückte einen fast heruntergebrannten Talglichtstumpf heran, setzte sich eine eiserne, zerbrochene, aber sorgfältig mit einem Faden verbundene Brille mit großen runden Gläsern auf und nahm einen ernsten, feierlichen Gesichtsausdruck an, als ob er beten oder eine andere religiöse Handlung vornehmen wolle. Er zog die Brauen hoch und hob den Zeigefinger, um jenes Kapitel aufzuschlagen, in dem dargelegt ist, daß schlecht eingerichtete Staaten an ihren Siegen und Eroberungen eher zugrunde gehen, als zur Blüte gelangen. Kaum hatte er aber die ersten wie Erz dröhnenden Worte des feierlichen Livius vorgelesen, – als die Türe leise aufgemacht wurde und ein kleines gebücktes und runzliges altes Weib ins Zimmer trat. »Signori,« sagte sie mit ihrem zahnlosen Mund, sich tief verbeugend, »entschuldigt die Störung. Ein Liebling meiner Herrin, der erlauchtesten Madonna Lena Griffa – ein Kaninchen mit blauer Halsschleife – ist entlaufen. Wir haben schon das ganze Haus abgesucht und wissen nun gar nicht, wo es sein könnte ...« »Hier gibt es keine Kaninchen,« unterbrach sie Messer Niccolo böse. »Macht, daß Ihr weiter kommt!« Er erhob sich, um die Alte wegzujagen, blieb aber plötzlich stehen, musterte sie aufmerksam durch seine Brillengläser, ließ dann die Brille auf die Nasenspitze gleiten, sah die Alte noch einmal über die Gläser hinweg an, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Monna Alvigia! Bist du es, alte Hexe? Ich meinte, die Teufel hätten dich schon längst mit ihren Haken in die Hölle geschleppt...« Die Alte kniff ihre schwachen, schlauen Augen zusammen, grinste und erwiderte die liebevollen Flüche mit einem freundlichen Lächeln ihres zahnlosen Mundes, das sie noch häßlicher erscheinen ließ. »Messer Niccolo! Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Das hatte ich wirklich nicht erwartet, daß wir uns in diesem Leben noch einmal begegnen würden!« Machiavelli entschuldigte sich vor dem Künstler und lud Monna Alvigia in die Küche ein, um über die gute alte Zeit zu plaudern; Leonardo aber versicherte ihm, in keiner Weise gestört zu sein. Er nahm ein Buch und setzte sich etwas abseits. Niccolo rief einen Diener herbei und bestellte eine Flasche Wein in einem Ton, als ob er der vornehmste Gast im Hause wäre. »Diesem Gauner von Wirt, mein Freund, kannst du sagen, er solle sich ja nicht unterstehen, uns wieder von jenem Essig zu geben, den er mir neulich kredenzte. Denn ich und Madonna Alvigia mögen schlechten Wein ebensowenig, wie der bekannte Pater Arlotto, von dem es heißt, daß er vor dem heiligen Sakrament, das mit schlechtem Wein zubereitet war, nicht knien wollte. Er behauptete, solcher Wein könne sich unmöglich in das Blut des Herrn verwandeln! ...« Monna Alvigia vergaß das Kaninchen, Messer Niccolo – den Livius, und sie unterhielten sich bei der Flasche Wein wie alte Freunde. Leonardo entnahm aus dem Gespräch, daß die Alte selbst vor vielen Jahren eine Courtisane, dann eine Bordellwirtin zu Florenz, und später Kupplerin zu Venedig gewesen war und nun als erste Wirtschafterin und Garderobeaufseherin bei Madonna Lena Griffa angestellt sei. Machiavelli erkundigte sich bei ihr nach den gemeinsamen Bekannten; auch nach der fünfzehnjährigen blauäugigen Atalanta, die einst, als die Rede auf die Sünde des Fleisches gekommen war, mit unschuldigem Lächeln ausgerufen hatte: »Ist es denn ein Vergehen wider den heiligen Geist? Die Mönche und Pfarrer mögen predigen, was sie wollen; nie aber werde ich glauben, daß es eine Todsünde sei, armen Menschen Vergnügen zu bereiten!« Dann sprachen sie von der reizenden Madonna Riccia, deren Gatte, als man ihm einst von der Untreue seiner Frau erzählte, mit der Gleichgültigkeit eines Philosophen gesagt hatte: »Eine Frau im Hause gleicht dem Feuer im Herde: man kann davon seinen Nachbarn geben, so viel man will, es bleibt immer noch genug zurück!« Sie gedachten auch der dicken, roten Marmiglia, die jedesmal, wenn sie einem ihrer Verehrer eine Gunst gewährte, das Heiligenbild verhüllte, »damit es die Madonna nicht sieht«. Niccolo fühlte sich bei diesem unanständigen Klatsch in seinem Clement. Leonardo staunte über die Verwandlung des Staatsmannes, des Sekretärs der Florentiner Republik, des stillen und weisen Zuhörers und Redners in einen liederlichen Kumpan und Stammgast verdächtiger Spelunken. Die Ausgelassenheit Machiavellis schien übrigens nicht aufrichtig zu sein, und der Künstler hörte aus seinem zynischen Lachen eine heimliche, verhaltene Erbitterung heraus. »Ja, so ist es, mein bester Herr! Das Junge blüht, das Alte verwelkt! ...« Monna Alvigia wurde zum Schluß sentimental und schüttelte den Kopf wie eine alte Parze der Liebe. »Es sind nicht mehr die alten Zeiten! ...« »Du lügst, alte Hexe, Dienerin des Teufels!« sagte Niccolo und zwinkerte lustig mit den Augen. »Erzürne Gott nicht, Gevatterin, wie es auch anderen Leuten gehen mag, dir und deinesgleichen geht es jetzt so glänzend, wie noch nie. Es kommt heutzutage nie mehr vor, daß schöne Frauen eifersüchtige oder arme Männer haben: denn dank der liebevollen Fürsorge solcher Meisterinnen, wie du eine bist, leben sie in Herrlichkeit und Freuden. Die stolzesten Damen sind um Geld zu haben; in ganz Italien herrscht nichts als Unzucht und Hurerei. Eine Dirne kann man von einer anständigen Frau höchstens noch am gelben Abzeichen unterscheiden ...« Er meinte damit die safrangelbe Kopfbinde, die das Gesetz allen öffentlichen Dirnen vorschrieb, damit man sie auf der Straße von anständigen Frauen unterscheiden könne. »Sagt das nicht, Messere!« entgegnete die Alte seufzend, »wie kann man diese Zeit mit der guten alten vergleichen? Bedenkt doch nur, daß wir in Italien vor nicht allzu langer Zeit noch nichts von der französischen Krankheit gewußt haben, wir lebten wie im Paradies. Und auch das mit dem gelben Abzeichen ist ein wahres Unglück! Glaubt es mir, im vergangenen Fasching hätten sie meine Herrin beinahe ins Gefängnis gesteckt. Urteilt doch selbst: wie kann man von Madonna Lena verlangen, daß sie ein gelbes Abzeichen trage?« »Warum sollte gerade sie keines tragen?« »Was sagt Ihr da? Erlaubt doch! Ist denn die erlauchteste Madonna eins von jenen Straßenmädeln, die sich mit jedem Gesindel abgeben? Ist es denn Ew.\ Gnaden bekannt, daß ihre Bettdecke prächtiger ist als die Meßgewänder, die der Papst zum heiligen Osterfeste anlegt? Was aber Geist und Bildung anbetrifft, so, glaube ich, übertrifft sie darin sämtliche Doktoren der Universität von Bologna. Ihr solltet einmal hören, wie sie über Petrarca und Laura und über die Unendlichkeit der himmlischen Liebe disputiert! ...« »Das will ich glauben,« spottete Niccolo, »wer sollte sich auch besser in der Unendlichkeit der Liebe auskennen?« »Lacht nur, lacht, Messere! Ich schwöre Euch bei meinem Seelenheil: als sie neulich ihre Epistel an einen armen Jüngling vorlas, dem sie den Rat erteilte, sich den Übungen der Tugend zuzuwenden, weinte ich vor Rührung, wie bei den Predigten des Fra Girolamo, seligen Angedenkens, in der Kirche Santa Maria del Fiore. Sie ist wirklich ein neu erstandener Tullius Cicero! Nicht umsonst zahlen ihr die vornehmsten Herrschaften für eine einzige Unterhaltung über die Mysterien der platonischen Liebe nur um zwei oder drei Dukaten weniger, als einer anderen für eine ganze Nacht. Und Ihr redet da noch vom gelben Abzeichen!« Zum Schluß gab Monna Alvigia ihre eigenen Jugenderinnerungen zum besten. Auch sie war einmal schön gewesen, viele Verehrer hatten zu ihren Füßen gelegen und alle ihre Launen waren erfüllt worden. Was hatte sie für Streiche angestellt! Einst hatte sie dem Bischof von Padua in der Domsakristei die Mitra vom Kopfe genommen und sie ihrer Sklavin aufgesetzt. Mit den Jahren aber verwelkte die Schönheit, die Verehrer hatten sie verlassen, und sie mußte ihren Lebensunterhalt als Zimmervermieterin und Wäscherin verdienen. Dann erkrankte sie noch und kam so sehr herunter, daß sie vor der Kirchentüre betteln wollte, um sich Gift kaufen zu können. Doch die heilige Jungfrau hatte sie vom Tode errettet: durch einen alten Abt ermuntert, der in ihre Nachbarin, die Frau eines Schmiedes, verliebt war, hatte sie eine neue Laufbahn begonnen, die einträglicher war, als das Wäschewaschen. Die Erzählung von der wunderbaren Hilfe der heiligen Jungfrau, ihrer besonderen Fürsprecherin, wurde durch das Erscheinen einer Zofe der Madonna Lena unterbrochen, die herbeigelaufen kam, um von der Alten den Topf mit der Heilsalbe, mit der die erfrorene Pfote des Affen behandelt wurde, und den Decamerone des Boccaccio zu holen, den die edle Buhlerin vor dem Einschlafen zu lesen pflegte und den sie mit ihrem Gebetbuch unter dem Kissen verwahrte. Als die Alte fort war, nahm Niccolo einen Bogen Papier vor, schnitt sich eine Feder zurecht und begann einen Bericht an die herrlichen Signori von Florenz über die Pläne und Handlungen des Herzogs von Valentino abzufassen. Diese Epistel war in einem leichten, fast scherzhaften Stil gehalten und doch von höchster Staatsweisheit erfüllt. »Messere,« sagte er plötzlich, von seiner Arbeit aufblickend, »gesteht es nur: Ihr wart doch nicht wenig erstaunt, als ich aus dem Gespräch über die größten und wichtigsten Dinge, über die Tugenden der alten Spartaner und Römer so leicht in das Geschwätz über Dirnen mit der Kupplerin hinüberglitt? Ihr sollt mich aber nicht zu streng richten, Messere, und bedenken, daß die Natur selbst in ihren ewigen Verwandlungen und Gegensätzen uns ein Beispiel solcher Vielseitigkeit zeigt. Das erste Gebot aber ist – in allen Dingen tapfer der Natur zu folgen! Wozu sollten wir uns auch verstellen? Wir sind ja alle Menschen und aus dem gleichen Holz geschnitten! Kennt Ihr die alte Fabel vom Philosophen Aristoteles, der in Gegenwart seines Schülers, Alexanders des Großen, der Laune eines liederlichen Frauenzimmers folgend, in das er bis über die Ohren verliebt war, sich vor ihr auf die Viere niederließ und sie auf seinen Rücken nahm; sie ritt in der Tat schamlos und nackt auf dem Weisen wie auf einem Maultier? Es ist ja nur eine Fabel, doch ihr Sinn ist tief, wenn sich ein Aristoteles von einem schönen Mädel zu einer solchen Dummheit hinreißen ließ, was kann man dann von uns armen Sündern verlangen?« Es war spät geworden. Das ganze Haus schlief. Ringsum die Stille der Nacht. Nur ein Heimchen zirpte in der Ecke, und im Nebenzimmer murmelte die alte Monna Alvigia; sie rieb die erfrorene Affenpfote mit der Salbe ein. Leonardo legte sich nieder, doch er konnte nicht einschlafen und sah zu Machiavelli hinüber, der mit einer abgenagten Gänsefeder in der Hand noch immer über seiner Arbeit saß. Die Flamme des Lichtstumpfes warf auf die kahle weiße Wand einen großen Schatten seines Kopfes mit den eckigen, scharfen Umrissen, der vorgeschobenen Unterlippe, dem langen dünnen Hals und der langen, einem Schnabel gleichenden Nase. Als er mit seinem Bericht über die Politik Cesares fertig war, versiegelte er den Brief und machte auf dem Umschlag den bei eiligen Sendungen üblichen Vermerk: »Cito, citissime, celerrime!« Dann nahm er wieder den Titus Livius vor und vertiefte sich in die Arbeit, die ihn seit Jahren schon beschäftigte: in seinen Kommentar zu den Dekaden. »Junius Brutus,« schrieb er, »der sich als Narr aufspielte, hat größeren Ruhm erworben, als die klügsten Männer. Wenn ich sein ganzes Leben betrachte, so komme ich zu dem Ergebnis, daß er es tat, um keinerlei Verdacht auf sich zu lenken und den Tyrannen leichter stürzen zu können. Es ist ein Beispiel, dem alle Tyrannenmörder folgen sollten. Wenn sie sich offen erheben können, so ist es natürlich edler. Wenn man aber nicht die Kraft oder Möglichkeit hat, offen zu kämpfen, so muß man im geheimen handeln, die Gunst des Monarchen zu erschleichen suchen, ohne vor den niedrigsten Mitteln selbst zurückzuschrecken, muß alle seine Laster teilen und sein Genosse in jeder Unzucht sein; eine solche Annäherung rettet erstens dem Verschwörer das Leben und verschafft ihm zweitens eine günstige Gelegenheit, um den Mord zu begehen. Daher sage ich, daß man wie Junius Brutus einen Narren spielen und das Gegenteil von dem, was man wirklich glaubt, loben, verurteilen und behaupten soll, wenn man den Tyrannen verderben und dem Vaterland die Freiheit zurückgeben will.« Leonardo sah den schwarzen Schatten auf der Wand tanzen und schamlose Gesichter schneiden, während der Sekretär der Florentiner Republik den Ausdruck feierlicher Würde, einen Abglanz gleichsam der Größe des alten Rom, bewahrte. Nur in der Tiefe seiner Augen und in den Winkeln der geschwungenen Lippen trat zuweilen ein Ausdruck von Zweideutigkeit und bitterem Spott auf. Er schien ebenso zynisch, wie während der Unterhaltung mit der Kupplerin über die Dirnen. V. Über Nacht hatte sich der Sturm gelegt. Die Sonne funkelte in den vereisten, trübgrünen Fensterscheiben der Herberge wie in blassen Smaragden. Die schneeverwehten Felder und Hügel schienen weich wie Flaum und glänzten blendend weiß unter dem blauen Himmel. Als Leonardo erwachte, hatte sein Gefährte das Zimmer bereits verlassen. Der Künstler ging in die Küche. Auf dem Herde brannte ein großes Feuer und auf dem von ihm eingerichteten selbsttätigen Bratspieß zischte ein Braten. Der Wirt war außer sich vor Freude über Leonardos Maschine. Ein altes Weib, das aus einem weit entfernten Bergdorfe gekommen war, starrte in abergläubischer Angst auf den Hammel, der sich selbst briet, sich wie lebend drehte und seine Flanken immer so wendete, daß sie nicht anbrennen konnten. Leonardo befahl dem Führer, die Maultiere zu satteln, und setzte sich an einen Tisch, um vor der Abreise noch etwas zu essen. Messer Niccolo unterhielt sich in außergewöhnlicher Aufregung an einem Nebentische mit zwei neu angelangten Reisenden. Der eine war ein Bote aus Florenz, der andere ein junger Mann von tadellosem Äußeren und einem Gesicht, das weder gut noch böse, weder klug noch gescheit war, wie man sie zu Tausenden unter der Menge sieht und die sich nie im Gedächtnisse einprägen. Es war, wie Leonardo später erfuhr, ein gewisser Messer Lucio, ein Neffe des angesehenen Bürgers Francesco Vettori, der viele Verbindungen hatte und dem Machiavelli gewogen war; außerdem war er mit dem Gonfaloniere Piero Soderini verwandt. Lucio, der in Familienangelegenheiten nach Ancona reiste, hatte sich dem Boten angeschlossen, um Niccolo in der Romagna aufzufinden und ihm die Briefe seiner florentiner Freunde zu überbringen. »Eure Sorge ist ganz unbegründet, Messer Niccolo,« sagte Lucio. »Onkel Francesco versichert, daß das Geld in den nächsten Tagen abgeschickt wird; die Signori hatten ihm noch am letzten Donnerstag versprochen ...« »Mein Herr,« unterbrach ihn Machiavelli zornig, »ich habe hier zwei Diener und drei Pferde, die sich mit den Versprechungen der herrlichen Signori nicht abspeisen lassen. In Imola erhielt ich 60 Dukaten, mit denen ich 70 Dukaten Schulden zu bezahlen hatte. Der Sekretär der Florentiner Republik wäre verhungert, wenn sich nicht mitleidige Menschen seiner angenommen hätten. Schön wahren die Signori die Ehre ihrer Stadt, wenn ihr Bevollmächtigter an einem fremden Hofe jeden Augenblick um drei oder vier Dukaten betteln muß! ..« Er wußte, daß seine Klagen zwecklos waren. Gleichviel, er wollte nur seinem Zorn Luft machen. In der Küche war fast niemand anwesend, und er konnte frei sprechen. »Unser Landsmann, Messer Leonardo da Vinci – der Gonfaloniere dürfte ihn kennen,« fuhr Machiavelli fort, auf den Künstler weisend, vor dem sich Lucio sofort höflich verbeugte, »Messer Leonardo war Zeuge, welche Erniedrigungen ich hier gestern über mich ergehen lassen mußte ...« »Ich fordere, hört es, ich bitte nicht, sondern ich fordere meinen Abschied!« sagte er schließlich mit solcher Erregung, als hätte er in der Person des jungen Florentiners die ganze herrliche Signorie vor sich. »Ich bin ein armer Mann, meine Lage ist verzweifelt, außerdem bin ich krank, wenn es so weitergeht, wird man mich in einem Sarge nach Hause bringen! Alles, was ich mit meinen Vollmachten ausrichten konnte, habe ich schon ausgerichtet. Aber die Unterhandlungen zu verschleppen, umherzulungern, immer einen Schritt vorwärts und dann gleich einen rückwärts zu tun, nichts anrühren dürfen, – dafür danke ich, ergebenster Diener! Ich halte den Herzog für zu klug für eine derartig kindliche Politik. Übrigens habe ich Eurem Onkel geschrieben ...« »Mein Onkel,« erwiderte Lucio, »wird selbstredend das Mögliche tun; aber leider hält der Rat der Zehn Eure Berichte, die die hiesigen Angelegenheiten beleuchten, für so unentbehrlich für das Wohl der Republik, daß er Euch unter keinen Umständen den Abschied geben wird. Sie würden Euch gern gehen lassen, aber sie wissen keinen Ersatz. Sie halten Euch für unersetzlich und nennen Euch das Ohr und das Auge der Republik. Ich kann Euch versichern, Messer Niccolo, Eure Briefe haben in Florenz einen so großen Erfolg, wie Ihr Euch einen größeren gar nicht wünschen könntet. Alle sind über die unvergleichliche Eleganz und Leichtigkeit Eures Stils entzückt. Der Onkel erzählte mir, wie sie sich neulich im Rat vor Lachen gewunden haben, als eine Eurer Scherzepisteln vorgelesen wurde ...« »So stehen also die Sachen!« rief Machiavelli aus und sein Gesicht verzerrte sich. »Jetzt ist mir alles klar! Die Signori haben an meinen Berichten Gefallen gefunden. Messer Niccolo ist also doch noch zu etwas gut. Sie kugeln sich dort vor Lachen und ergötzen sich an meinem eleganten Stil, während ich hier wie ein Hund lebe, friere, hungere, vor Fieber zittere, Beleidigungen erdulde und mich wie ein Wurm krümme – und alles für das Wohl der Republik; der Teufel mag die Republik mit ihrem Gonfaloniere holen, diesem weinerlichen alten Weib! Daß Ihr alle miteinander krepiertet!« Er begann unflätig zu schimpfen und war von ohnmächtigem Zorn erfüllt, wie immer, wenn er an die Führer des Volkes dachte, die er verachtete und denen er fast als Lakai dienen mußte. Um dem Gespräch eins andere Wendung zu geben, reichte ihm Lucio einen Brief von seiner jungen Frau Marietta. Machiavelli durchflog die wenigen Zeilen, die mit großer Kinderschrift auf das graue Papier hingekritzelt waren. »Ich hörte,« schrieb u.\ a. Marietta, »daß in den Ländern, in denen Ihr Euch aufhaltet, Fieber und andere Krankheiten wüten. Ihr könnt Euch vorstellen, wie es mir ums Herz ist. Ich muß Tag und Nacht an Euch denken. – Der Junge ist gottlob gesund. Er gleicht Euch von Tag zu Tag mehr. Sein Gesicht ist schneeweiß, sein Haar ist dicht und tief schwarz, genau wie bei Euer Gnaden. Er scheint mir hübsch, denn er ähnelt Euch. Er ist so lebhaft und lustig, als wäre er mindestens ein Jahr alt. Ihr dürft es mir glauben: kaum war er auf der Welt, als er die Augen weit aufriß und zu schreien begann. Ich bitte Euch, denkt auch an uns und kommt, so schnell es geht, zurück, denn ich will und kann nicht länger warten. Um Gottes willen, kommt, so bald es geht! Inzwischen beschütze Euch Gott, die heilige Jungfrau und der mächtige Messer Antonio, zu dem ich täglich um Euer Wohlergehen bete.« Leonardo bemerkte, wie Machiavellis Gesicht in einem gutmütigen Lächeln erstrahlte, während er diesen Brief las. Das Lächeln nahm sich bei seinen eckigen und scharfen Gesichtszügen gar seltsam aus, als schaue das Gesicht eines andern Menschen aus ihnen heraus. Dieser Ausdruck aber war bald wieder verschwunden. Machiavelli zuckte verächtlich mit den Schultern, knitterte den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und brummte: »Wer war denn so schlau, ihr von meiner Krankheit zu erzählen?« »Man konnte es unmöglich verheimlichen,« entgegnete Lucio. »Täglich kommt Monna Marietta zu irgendeinem von Euren Freunden oder von den Mitgliedern des Rates der Zehn und fragt sie aus, wo Ihr seid und wie es mit Euch steht ...« »Ja, ja, ich kenne sie doch! Es ist ein wahres Unglück! ...« Er winkte ungeduldig mit der Hand und fügte hinzu: »Staatsgeschäfte sollte man doch nur unverheirateten Leuten anvertrauen. Denn eines von beiden: entweder die Frau, oder die Politik!« Er wandte sich etwas ab und fuhr mit scharfer, gellender Stimme fort: »Habt Ihr nicht die Absicht, zu heiraten, junger Mann?« »Vorläufig noch nicht, Messer Niccolo,« erwiderte Lucio. »Nie, hört Ihr, nie sollt Ihr diese Dummheit begehen! Gott bewahre Euch davor! Denn heiraten ist dasselbe, wie aus einem Sack mit Schlangen einen Aal herausziehen! Die Ehe ist eine Last für den Rücken eines Atlas, aber nicht für den eines gewöhnlichen Sterblichen. Habe ich recht, Messer Leonardo?« Leonardo sah ihn an und erriet, wie überaus zärtlich er seine Monna Marietta liebte, wie er sich dieses Gefühls aber schämte und es unter der Larve eines Zynikers zu verbergen suchte. Die Herberge leerte sich. Die Gäste waren früh aufgestanden und abgereist. Auch Leonardo machte sich auf den Weg. Er lud Machiavelli ein, sich ihm anzuschließen. Der aber erklärte mit traurigem Kopfschütteln, daß er hier noch die Geldsendung aus Florenz abwarten müsse, um seine Rechnung bezahlen und Pferde mieten zu können. Seine erkünstelte Ungezwungenheit von vorhin war spurlos verschwunden. Er war ganz niedergeschlagen und schien unglücklich und krank. Die Langeweile der Untätigkeit und des zu langen Aufenthalts an einem Ort war für ihn Gift. Die Mitglieder des Rates der Zehn hatten ihm in einem ihrer Briefe vorgeworfen, daß er zu viele unnötige Reisen mache, die die Geschäfte nur verwirrten: »Diesen Vorwurf, Niccolo,« hieß es in dem Brief, »hast du deinem unruhigen Geist, der dich immer von Ort zu Ort treibt, zu verdanken.« Leonardo nahm ihn bei der Hand, führte ihn zur Seite und bot ihm ein Darlehen an. Niccolo lehnte ab. »Beleidigt mich nicht, mein Freund,« sagte der Künstler. »Ihr habt es doch gestern selbst gesagt: welche seltene Konstellation der Gestirne war dazu notwendig, damit sich zwei Männer wie wir begegneten. Warum wollt Ihr dann Euch und mir diese Wohltat des Schicksals versagen? Fühlt Ihr denn selbst nicht, daß Ihr mir einen größeren Dienst erweisen würdet, als ich Euch?« Das Gesicht und die Stimme des Künstlers waren so gütig, daß Niccolo nicht den Mut hatte, die Bitte abzuschlagen. Er nahm von ihm dreißig Dukaten, die er zurückzuzahlen versprach, sobald das Geld aus Florenz eintreffen würde. Er beglich sofort seine Rechnung beim Wirt mit fürstlicher Freigebigkeit. VI. Sie reisten ab. Der Morgen war still und mild, in der Sonne war es warm, es taute wie im Frühling und im Schatten war eine duftig frostige Frische. Der tiefe Schnee mit den blauen Schatten knisterte unter den Hufen der Reittiere. Zwischen den weißen Hügeln funkelte das blaßgrüne winterliche Meer, auf dem gelbe schräge Segel, goldenen Schmetterlingen gleich, vorbeizogen. Niccolo plauderte, scherzte und lachte. Jede Kleinigkeit inspirierte ihn zu unerwarteten lustigen oder wehmütigen Bemerkungen. Als sie durch ein armes Fischerdorf an der Mündung des Bergstromes Arzilla in das Meer ritten, sahen sie auf dem kleinen Kirchenplatz mehrere feiste, lustige Mönche unter einer Menge junger Bauernweiber stehen, denen sie Kreuze, Rosenkränze, Reliquienteile, Steinchen von dem Hause der Muttergottes zu Loretto und Federn aus den Flügeln des Erzengels Michael verkauften. »Wie könnt ihr da ruhig zusehen?« rief Niccolo den Männern und Brüdern der Bäuerinnen zu, die mit auf dem Platze standen. »Laßt doch die Mönche nicht an die Frauen heran! Wißt ihr denn nicht, daß Fett leicht Feuer fängt und die heiligen Väter wohl wünschten, daß die Schönen sie nicht nur Väter nennen, sondern sie auch zu solchen machen?« Er brachte die Sprache auf die römische Kirche und behauptete, sie sei es, die Italien zugrunde richte. »Beim Bacchus!« rief er aus und in seinen Augen flammte Entrüstung. »Ich würde den Mann, der dieses Gesindel, die Mönche und Pfaffen, zwingen würde, auf ihre Macht oder ihre Unzucht zu verzichten, wie mich selbst lieben!« Leonardo fragte ihn, wie er über Savonarola denke. Niccolo gestand, daß er eine Zeitlang sein eifrigster Anhänger gewesen sei und von ihm gehofft hatte, er würde Italien retten, doch habe er bald die Ohnmacht des Propheten eingesehen. »Mich ekelt vor diesen heuchlerischen Geschäften. Ich will nicht mehr daran denken. Daß sie der Teufel ...!« VII. Gegen Mittag zogen sie in Fano ein. Alle Häuser waren von Soldaten, Offizieren und dem Gefolge Cesares überfüllt. Leonardo bekam als Hofbaumeister zwei Zimmer in der Nähe des Schloßplatzes. Eines dieser Zimmer stellte er seinem Reisegefährten zur Verfügung, denn dieser konnte in der ganzen Stadt kein anderes auftreiben. Machiavelli begab sich ins Schloß und kam bald mit einer wichtigen Neuigkeit zurück: der herzogliche Statthalter Don Ramiro di Lorqua war hingerichtet worden. Am Weihnachtsmorgen, dem 25.\ Dezember, wurde auf der Piazzetta zwischen dem Schlosse und der Rocca Cesena der enthauptete Leichnam Don Ramiros in einer Blutlache gefunden; neben ihm lag ein Beil, und auf einem Spieße steckte sein Kopf. »Den Grund der Hinrichtung kennt niemand,« schloß Niccolo seinen Bericht. »Aber in der ganzen Stadt spricht man nur noch davon. Da werden recht interessante Meinungen geäußert. Ich komme, um Euch abzuholen. Gehen wir auf den Platz und horchen. Es wäre ja Sünde, eine solche Gelegenheit, die natürlichen Gesetze der Politik an einem Beispiele studieren zu können, sich entgehen zu lassen!« Vor dem alten Dome Santo-Fortunato wartete eine Volksmenge auf das Erscheinen des Herzogs. Er sollte ins Lager reiten, um die Truppen zu inspizieren. Man sprach von der Hinrichtung des Statthalters. Leonardo und Machiavelli mischten sich unter die Menge. »Wie geht das nun zu, Brüder? Ich kann es unmöglich begreifen!« fragte ein junger Handwerker mit gutmütigem und dummem Gesicht. »Hieß es denn nicht, daß er den Statthalter mehr als alle anderen Würdenträger liebe und schätze?« »Eben aus diesem Grunde hat er ihn auch so bestraft!« versetzte belehrend ein ehrbar aussehender Schmied, in einem Pelz aus Eichhornfellen. »Don Ramiro hat den Herzog betrogen. In seinem Namen hat er das Volk mißhandelt, viele Leute in Gefängnissen und bei Torturen umgebracht; er hat sich auch bestechen lassen. Vor dem Fürsten aber spielte er das unschuldige Lamm. Er glaubte, von seinen Taten käme nichts ans Licht. Es kam aber anders! Ihm schlug die Stunde, der Faden der herzoglichen Geduld riß und der Fürst opferte seinen ersten Würdenträger dem Wohle des Volkes. Er wartete gar nicht auf einen Richterspruch, sondern ließ ihn wie den gemeinsten Verbrecher enthaupten, um ein Exempel zu statuieren. Jetzt ziehen alle, die etwas auf dem Gewissen haben, den Schwanz ein, denn sie sehen, wie schrecklich sein Zorn und wie gerecht sein Urteil ist. Dem Demütigen ist er gnädig, den stolzen vernichtet er!« »Regas eos in virga ferrea,« zitierte ein Mönch die Worte der Apokalypse – »Du sollst sie weiden mit einem eisernen Stabe«. »Ja, alle die Hundesöhne, die Leuteschinder sollte man mit eisernem Stabe schlagen.« »Er versteht, zu strafen, versteht auch gnädig zu sein!« »Es gibt keinen besseren Fürsten!« »So ist es!« sagte ein Bauer. »Gott hat sich unserer Romagna erbarmt. Früher hat man Tote und Lebendige geschunden, mit Steuern und Abgaben zugrunde gerichtet. Wenn einer nichts zu essen hatte, nahm man ihm auch das letzte Paar Ochsen für rückständige Steuern fort. Erst seit wir den Herzog Valentino haben, können wir wieder aufatmen! Der Herr möge ihm Gesundheit spenden!« »Auch die Gerichte sind jetzt anders!« warf ein Kaufmann ein. »Früher verschleppten sie ihre Entscheidungen tagelang, es war eine wahre Tortur. Heute fällen sie die Sprüche so rasch, wie man es gar nicht rascher verlangen darf.« »Die Waisen beschirmt er, den Witwen spendet er Trost,« sagte der Mönch. »Das muß man ihm lassen: er liebt sein Volk.« »Er läßt uns von niemandem beleidigen.« »Mein Gott!« schluchzte vor Rührung eine alte, gebrechliche Bettlerin. »Er ist unser Vater, Wohltäter und Ernährer; die Himmelskönigin möge ihn beschützen!« »Hört Ihr es? hört Ihr?« flüsterte Machiavelli dem Künstler zu. »Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes! Ich habe immer gesagt: nur vom Tale aus kann man die Berge überblicken; man muß unters Volk gehen, wenn man einen Fürsten kennen lernen will. Alle, die den Herzog für ein Scheusal halten, sollten jetzt herkommen und zuhören! Er hat es den Weisen und Klugen verborgen und den Unmündigen offenbart.« Da ertönte Musik. In die Menge kam Bewegung. »Er ist es... Er... Da reitet er ... Seht ...« Man stellte sich auf die Zehen und reckte die Hälse. Aus allen Fenstern sahen Neugierige heraus. Junge Mädchen und Frauen mit verliebten Augen eilten auf die Balkone und Loggias, um den Helden – »den blonden und schönen Cäsar« – » Cesare biondo e bello « – zu sehen. Dies galt als seltenes Glück, denn Cesare zeigte sich dem Volke sehr selten. Zuerst kamen die Musiker, deren Pauken mit betäubendem Dröhnen die schweren Schritte der Soldaten begleiteten. Dann die romagnolische Garde des Herzogs: lauter ausgesucht schöne junge Männer mit drei Ellen langen Hellebarden, eisernen Helmen und Panzern und zweifarbiger Kleidung – die rechte Hälfte gelb, die linke rot. Niccolo war entzückt über die echt römische stramme Haltung dieses von Cesare geschaffenen Truppenkörpers. Der Garde folgten mit unerhörter Pracht gekleidete Pagen und Bügelhalter: sie trugen Wämser aus Goldbrokat und Mäntel aus rotem Samt mit goldgewirkten Farnkrautblättern; die Schwertscheiden und Riemen waren aus Schlangenhaut und die Schnallen stellten giftspeiende Vipernköpfe dar – das heraldische Wahrzeichen des Hauses Borgia. Auf der Brust prangte das mit Silber in schwarze Seide gewirkte Wort: Caesar . Dann kamen die Leibtrabanten des Herzogs – albanische Stradioten mit grünen türkischen Turbanen und krummen Yataganen. Der Maestro del Campo, der Oberbefehlshaber des Lagers, Bartolomeo Capranica, trug in erhobenen Händen das bloße Schwert des Bannerträgers der römischen Kirche. Dann kam auf einem Berberhengst der Beherrscher der Romagna, Cesare Borgia, Herzog von Valentino, in hellblauem Seidenmantel, auf den mit Perlen die weißen Lilien Frankreichs gestickt waren, und in einer spiegel-glänzenden Bronzerüstung; der Panzer war vorn mit einem geöffneten Löwenrachen geschmückt, der Helm stellte ein Meerungeheuer oder einen Drachen mit stachligen Federn, Flügeln und Flossen dar, aus dünnem Kupferblech geschmiedet und bei jeder Bewegung klirrend. Der Herzog war sechsundzwanzig Jahre alt; sein Gesicht war seit der Zeit, als Leonardo ihn in Mailand am Hofe Ludwigs XII. gesehen hatte, bleicher und magerer geworden. Die Gesichtszüge waren schärfer, und der Ausdruck seiner Augen, die den schwarzblauen Glanz von brüniertem Stahl hatten, war härter und undurchdringlicher geworden. Das blonde, immer nach dichte Haar und der geteilte Bart schienen dunkler. Die Nase schien länger und erinnerte an den Schnabel eines Raubvogels. Das leidenschaftslose Gesicht aber hatte seine vollkommene Klarheit bewahrt. Es drückte noch mehr stürmische Kühnheit und erschreckende Schärfe als früher aus und erinnerte an eine bloße geschliffene Schwertschneide. Dem Herzog folgte die Artillerie, die beste in ganz Italien; da waren schlanke kupferne Coulevrinen, Falkonette und bauchige gußeiserne Mörser, aus denen mit Steinkugeln geschossen wurde. Von Ochsen gezogen, rollten sie mit dumpfem, betäubendem Dröhnen, das sich mit dem Schmettern der Pauken und Trompeten vermengte, vorüber. Die Geschütze, Panzer, Helme und Speere leuchteten in den blutroten Strahlen der untergehenden Sonne wie Blitze. Cesare ritt im kaiserlichen Purpur des Winterabends gleichsam als Triumphator gerade auf den großen, tiefstehenden blutroten Sonnenball zu. Das Volk starrte seinen Helden schweigend mit verhaltenem Atem an. Es wollte ihm zujubeln. Doch in der Ehrfurcht, die an Grauen grenzte, wagte es nicht, das Schweigen zu brechen. Die alte Bettlerin weinte vor Rührung. »Heilige Märtyrer, heilige Jungfrau!« lallte sie, sich bekreuzend. »So habe ich es doch noch erlebt, dein strahlendes Sonnenantlitz zu schauen!...« Das funkelnde Schwert, das Cesare vom Papste zur Verteidigung der Kirche des Herrn erhalten hatte, erschien ihr als das Flammenschwert des Erzengels Michael. Leonardo mußte lächeln, als er im Gesichte Niccolos und in dem der halbverrückten Bettlerin den gleichen Ausdruck einfältigen Entzückens bemerkte. VIII. Nach Hause zurückgekehrt, fand der Künstler den von Agapito, dem ersten Sekretär des Herzogs, unterzeichneten Befehl, am nächsten Tage vor seiner Hoheit zu erscheinen. Lucio, der sich diesen Tag in Fano aufgehalten hatte und nun nach Ancona weiter reisen wollte, kam zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Niccolo brachte die Sprache auf die Hinrichtung Ramiros di Lorqua. Lucio fragte ihn, was er für den wirklichen Grund der Hinrichtung halte. »Die Beweggründe eines solchen Fürsten wie Cesare zu erraten, ist schwierig und fast unmöglich,« antwortete Machiavelli. »Wenn Ihr aber meine persönliche Meinung hören wollt, so will ich sie gern sagen. Bekanntlich befand sich die Romagna, bevor sie von Cesare erobert wurde, unter dem Joche einer Menge unbedeutender Tyrannen und litt unter Willkür, Räubereien und Gewalttätigkeiten. Um damit aufzuräumen, ernannte Cesare seinen klugen und treuen Diener Don Ramiro di Lorqua zum Statthalter. Durch entsetzliche Strafen und Hinrichtungen, die im Volke einen heilsamen Respekt vor den Gesetzen weckten, machte er der früheren Wirtschaft ein Ende und stellte im Lande vollkommene Ruhe her. Als der Fürst aber sah, daß sein Ziel erreicht war, beschloß er, das Werkzeug seiner Grausamkeit zu vernichten: er ließ Ramiro wegen angeblicher Bestechlichkeit verhaften, enthaupten und seinen Leichnam auf dem Platze abstellen. Der schreckliche Anblick wirkte auf das Volk befriedigend und zugleich betäubend. Diese überaus weise und nachahmenswerte Handlung brachte dem Herzog dreierlei Vorteil: erstens riß er das Unkraut der Zwiste, das von den früheren schwächlichen Tyrannen gesät worden war, mit der Wurzel aus; zweitens erweckte er im Volke den Glauben, alle diese Grausamkeiten seien ohne Wissen des Fürsten verübt worden, er wusch seine Hände in Unschuld und lud die ganze Verantwortung dem Statthalter auf, während er selbst die guten Früchte von dessen Grausamkeit erntete; drittens zeigte er ein Beispiel hoher und unbestechlicher Gerechtigkeit, indem er seinen liebsten Diener dem Wohle des Volkes opferte.« Er sagte dies alles mit ruhiger Stimme und sein Gesicht blieb dabei so leidenschaftslos und unbewegt, als rede er von abstrakter Mathematik. Nur in der Tiefe seiner Augen bebte bald verlöschend, bald wieder aufflackernd eine Flamme frecher, beinahe kindlich-ausgelassener Lust. »Das nenne ich eine Gerechtigkeit!« rief Lucio aus. »Aus Euren Worten, Messer Niccolo, folgt, daß diese vermeintliche Gerechtigkeit – entsetzliche Gemeinheit ist!« Der Sekretär von Florenz schlug die Augen nieder und gab sich Mühe, ihr lebhaftes Feuer etwas zu dämpfen. »Möglich,« sagte er kühl, »es ist sehr möglich, Messers, was folgt aber daraus?« »Was daraus folgt? Haltet Ihr denn diese Gemeinheit für nachahmenswerte Staatsweisheit?« Machiavelli zuckte mit den Achseln. »Junger Mann, wenn Ihr Euch einige Erfahrung in der Politik angeeignet haben werdet, so werdet Ihr sehen, daß zwischen dem, was die Menschen tun sollten, und dem, was sie in Wirklichkeit tun, ein ganz gewaltiger Unterschied besteht. Diesen Unterschied verkennen, heißt sich ins Verderben stürzen, denn alle Menschen sind von Natur aus schlecht und lasterhaft, und nur Angst oder Vorteil zwingt sie manchmal, tugendhaft zu sein. Daher sage ich auch, daß ein Fürst, der dem Untergange entrinnen will, vor allen Dingen lernen soll, tugendhaft zu scheinen, und es in Wirklichkeit je nach den Umständen zu sein, oder nicht zu sein, ohne sich dabei Gewissensbisse über jene Laster zu machen, die zur Erhaltung der Macht notwendig sind. Wenn man nämlich genauer die Natur des Guten und des Bösen erforscht, so muß man einsehen, daß vieles, was Tugend erscheint, die Macht eines Fürsten untergräbt, und was Laster erscheint, sie vermehrt.« »Gestattet doch, Messer Niccolo!« empörte sich endlich Lucio, »wenn man so urteilt, so ist alles erlaubt, und kein Verbrechen ist so gemein, daß man es nicht rechtfertigen könnte ...« »Ganz richtig, alles ist erlaubt,« sagte Niccolo noch kühler und leiser. Um diesen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen, hob er die Hand und wiederholte: »Demjenigen, der herrschen will und kann, ist alles erlaubt!« »Um auf unsern Gegenstand zurückzukommen,« fuhr er fort, »stelle ich nun die Behauptung auf, daß der Herzog von Valentino, der die Romagna in einen geeinigten Staat verwandelt und mit Hilfe Don Ramiros von den Gräueln, die in ihr herrschten, gesäubert hat, nicht nur klüger, sondern bei all seiner Grausamkeit auch barmherziger gehandelt hat, als z.B. die Florentiner Republik, die in den ihr gehörenden Gebieten ewige Aufstände und Gewalttätigkeit duldet. Denn besser ist die Grausamkeit, die nur einzelne Menschen trifft, als die Barmherzigkeit, die ganze Völker in Aufständen untergehen läßt.« »Gestattet doch,« sagte der ganz verwirrte und verblüffte Lucio. »Ist es denn wirklich so? Hat es denn nie große Fürsten gegeben, denen jede Grausamkeit fremd war? Zum Beispiel Kaiser Antonius und Markus Aurelius; es gab aber noch viele andere, wie in der alten, so auch in der neueren Geschichte? ...« »Vergeßt nicht, Messere,« entgegnete Niccolo, »daß ich vorläufig nur von den eroberten und nicht von den ererbten Monarchien sprach und die Erlangung und nicht die Erhaltung von Macht im Auge hatte. Die Kaiser Antonius und Markus Aurelius konnten natürlich barmherzig sein, ohne damit dem Staate einen besonderen Schaden zuzufügen, denn ihre Vorgänger hatten genügend grausame und blutige Handlungen begangen. Denkt doch daran, daß bei der Erbauung Roms von den beiden von der Wölfin aufgezogenen Brüdern der eine den anderen ermordet hat. Es war ja gewiß ein schreckliches Verbrechen; wer weiß aber, ob ohne diesen Brudermord, der zur Schaffung der Alleinherrschaft notwendig war, die Stadt Rom überhaupt existieren könnte, ob sie nicht bei den Zwisten, die bei jeder geteilten Herrschaft unvermeidlich sind, untergegangen wäre? Wer ist berufen, zu entscheiden, welche Wagschale sinken würde, wenn man auf die eine den Brudermord, auf die andere – alle Weisheit und Tugenden der ewigen Stadt legte? Selbstredend ist das düsterste Menschenschicksal einer auf solchen Schandtaten begründeten Königswürde vorzuziehen. Wenn aber ein Mensch den Pfad der Tugend einmal verlassen hat, so muß er, wenn er nicht untergehen will, sich endgültig für den anderen Weg entscheiden und ihn bis ans Ende verfolgen, denn die Menschen rächen nur kleine und mittelmäßige Verbrechen, während die großen ihnen die Möglichkeit sich zu rächen nehmen. Daher darf ein Fürst an seinen Untertanen nur große Verbrechen begehen und muß sich der kleinen und mittelmäßigen enthalten. Die Menschen aber wählen meistens den gefährlichen Mittelweg zwischen Gut und Böse und haben nicht den Mut, gut oder böse bis ans Ende zu sein. Wenn ein Verbrechen Größe erfordert, schrecken sie davor zurück und beschränken sich nur auf kleine Gemeinheiten, die sie mit natürlicher Leichtigkeit begehen.« »Wenn man Euch zuhört, Messer Niccolo, stehen einem die Haare zu Berge!« rief Lucio ganz entsetzt. Da ihn sein weltmännisches Taktgefühl wohl empfinden ließ, daß diesem unliebsamen Gespräch eine scherzhafte Wendung gegeben werden mußte, fügte er mit unnatürlichem Lächeln hinzu: »Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, nie werde ich glauben, daß dies Eure wirklichen Ansichten sind. Es erscheint mir höchst unwahrscheinlich ...« »Die vollkommene Wahrheit erscheint fast immer unwahrscheinlich,« unterbrach ihn Machiavelli trocken. Leonardo, der aufmerksam zugehört hatte, hatte schon längst bemerkt, daß Niccolo, der Gleichgültigkeit heuchelte, öfters verstohlene, prüfende Blicke auf seinen Gesprächspartner geworfen hatte, wie um festzustellen, welchen Eindruck seine Worte hervorriefen: ob die Neuheit und Angewohnheit seiner Gedanken ihn in Erstaunen oder in Angst versetzten. Diese schielenden, unsicheren Blicke verrieten Eitelkeit. Der Künstler fühlte, daß Machiavelli sich nicht genügend beherrschte und daß seinem Geist, bei aller Schärfe und Feinheit, die ruhige überzeugende Kraft fehle. Sein Bestreben, anders zu denken, als die andern Menschen, und Gemeinplätze zu vermeiden, führte ihn in das entgegengesetzte Extrem – zu Übertreibungen und zur Jagd nach seltenen, wenn auch unvollkommenen, aber unbedingt verblüffenden Lehrsätzen. Er spielte mit unerhörten Zusammenstellungen sich widersprechender Worte – wie z.\ B. »Tugend« und »Grausamkeit«, mit jener furchtlosen Geschicklichkeit, mit der ein Gaukler mit entblößten Degen spielt. Er besaß ein ganzes Arsenal scharf geschliffener, blendender, verführerischer und schrecklicher Halbwahrheiten, die er wie vergiftete Pfeile ebenso gegen seine Feinde schleuderte, wie gegen kleinbürgerlich-anständige und vernünftig-denkende Herdenmenschen, wie Messer Lucio einer war. Er rächte sich an ihnen für ihre sieghafte Trivialität und für seine Überlegenheit, die sie nicht verstehen konnten; er stach und biß sie, doch tötete er sie nicht und verwundete sie nie. Der Künstler mußte an sein eigenes Ungeheuer denken, das er einst im Auftrage des Ser Piero da Vinci auf dem hölzernen Schilde – der Rotella – gemalt hatte, in dem einzelne Körperteile der verschiedensten häßlichen Tiere vereinigt waren. Hatte vielleicht auch Messer Niccolo nach dem gleichen Verfahren und ebenso zwecklos und uneigennützig sein gottähnliches Ungeheuer, den nichtexistierenden und unmöglichen Fürsten geschaffen, ein widernatürliches und zugleich anziehendes Scheusal, ein Medusenhaupt zum Schrecken des Pöbels? Leonardo aber sah in Niccolo neben dieser scheinbar sorglosen Phantasie, der spielenden Laune und der Leidenschaftslosigkeit eines Künstlers, auch ein wirkliches tiefes Leid: als ob der mit Schwertern spielende Gaukler sich selbst absichtlich verwunde; in der Verherrlichung fremder Grausamkeit war eine Grausamkeit gegen sich selbst enthalten. »Gehört er vielleicht zu jenen unglücklichen Kranken, die ihre Schmerzen zu lindern suchen, indem sie ihre Wunden neu aufwühlen?« fragte sich Leonardo. Das letzte Geheimnis dieses finstern, komplizierten Herzens, das dem seinigen fremd und zugleich verwandt war, blieb ihm noch immer verborgen. Während Leonardo Machiavelli mit dem größten Interesse betrachtete, kämpfte Messer Lucio hilflos, wie in einem sinnlosen Traume, mit dem Gespensterkopf der Medusa. »Nun, ich will nicht weiter streiten,« sagte er, sich an den letzten Strohhalm gesunden Menschenverstandes klammernd. »Das, was Ihr da von der Grausamkeit der Fürsten sagt, mag ja vielleicht in bezug auf die großen Männer des Altertums stimmen. Ihnen wird vieles verziehen, weil ihre Tugenden und Heldentaten unermeßlich waren. Was aber, um Gottes willen, Messer Niccolo, hat dies alles mit dem Fürsten der Romagna zu schaffen? Quod licet Jovi, non licet bovi. Was Alexander dem Großen und Julius Cäsar erlaubt war, ist das auch Alexander\ VI. erlaubt oder Cesare Borgia, von dem man noch nicht einmal weiß, ob er ein Cäsar oder ein Nichts ist? Dies ist meine Ansicht und ich glaube, daß ihr alle beistimmen ...« »Gewiß werden alle Euch beistimmen!« unterbrach ihn Niccolo, der jetzt offenbar die Haltung verlor. »Dies ist aber kein Beweis, Messer Lucio! Die Wahrheit wohnt nicht auf den großen Landstraßen, die allen offen stehen. Um unsern Streit abzuschließen, will ich nur noch folgendes sagen: ich finde die Handlungen Cesares vollkommen und glaube, daß man ihn allen jenen, die ihre Macht mit Waffen und Erfolgen erlangen wollen, als bestes Beispiel hinstellen kann. In ihm hat sich höchste Grausamkeit mit höchster Tugend vereint, er versteht so gut, Menschen mit Gnaden zu überschütten und zu vernichten, so fest sind die Grundsteine seiner jungen Macht, daß man ihn schon heute als den einzigen Selbstherrscher in Italien und vielleicht auch in ganz Europa erklären muß; was ihn freilich in der Zukunft erwartet, ist heute noch gar nicht abzusehen ...« Seine Stimme zitterte, auf seinen eingefallenen Wangen traten rote Flecken hervor und seine Augen glänzten wie im Fieber. Er sah wie ein Hellseher aus. Unter der spöttischen Maske des Zynikers lugte das Gesicht des ehemaligen Savonarolaschülers hervor. Kaum aber hatte Lucio, vom Streit ermüdet, den Vorschlag gemacht, im nächsten Keller bei einigen Flaschen Wein Frieden zu schließen, als der Hellseher verschwand. »Wißt Ihr was?« sagte Niccolo. »Wollen wir lieber irgend anderswohin gehen. Ich habe ja eine Spürnase wie ein Hund und bin überzeugt, es gibt hier ganz prächtige Mädchen.« »Was für Mädchen wird es in einem so elenden Nest geben?« zweifelte Lucio. »Hört einmal, junger Mann!« unterbrach ihn der Sekretär von Florenz mit wichtiger Miene. »Ihr sollt mir die kleinen Nester nie verachten. Gott bewahre! Denn in den schmutzigsten Vororten und den finstersten Gäßchen findet man oft die herrlichsten Leckerbissen! ...« Lucio klopfte Machiavelli kollegial auf die Schulter und nannte ihn einen losen Buben. »Es ist aber finster,« wandte er ein, »und auch kalt; wir werden noch erfrieren ...« »Wir nehmen Laternen mit,« drang Niccolo in ihn ein, »hüllen uns in Pelze und stülpen Kapuzen übers Gesicht. So wird uns niemand erkennen. Je geheimnisvoller solch ein Abenteuer ist, um so größer ist sein Reiz. – Messer Leonardo, kommt Ihr mit?« Der Künstler lehnte ab. Er verabscheute die gewöhnlichen Gespräche der Männer über Frauen und wich ihnen mit dem Gefühl unüberwindlicher Schamhaftigkeit aus. Dieser fünfzigjährige Mann, der tapfere Erforscher der Geheimnisse der Natur, der Menschen zum Schafott begleitete, um den Ausdruck des letzten Grauens auf ihren Gesichtern zu studieren, wurde oft über einen leichtsinnigen Scherz verlegen, schlug die Augen nieder und errötete wie ein Knabe. Niccolo schleppte Messer Lucio mit sich fort. IX. Am nächsten Morgen kam ein Cameriere aus dem Schloß, um zu fragen, ob der erste herzogliche Baumeister mit seinem Quartier zufrieden sei, und ob er in der von so vielen Fremden überfüllten Stadt nicht irgendwelchen Mangel leide; er überbrachte ihm das Geschenk des Herzogs, das nach der gastfreundlichen Sitte jener Zeit aus Lebensmitteln und anderen nützlichen Sachen bestand: aus einem Sack Mehl, einem Fäßchen Wein, einem geschlachteten Hammel, acht Paar Kapaunen und Hühnern, zwei großen Fackeln, drei Bündeln Wachskerzen und zwei Kisten Konfetti. Als Niccolo diese Aufmerksamkeit Cesares gegen Leonardo sah, bat er ihn, sich für ihn beim Herzog zu verwenden und ihm eine Audienz erwirken. Um elf Uhr – zu der gewöhnlichen Empfangsstunde Cesares – begaben sie sich ins Schloß. Der Herzog führte eine seltsame Lebensweise: im Winter wie im Sommer ging er um vier oder fünf Uhr zu Bett, um drei Uhr nachmittags sah er erst den Morgen dämmern, um vier Uhr ging die Sonne auf, um fünf Uhr abends kleidete er sich an und nahm gleich, oft noch im Bette liegend, die Mahlzeit ein; während des Essens und nach dem Essen befaßte er sich mit den laufenden Geschäften. Sein ganzes Leben umgab er mit unergründlichen Geheimnissen; er tat es nicht nur aus angeborener Verschlossenheit, sondern aus feiner Berechnung. Sehr selten verließ er das Schloß, und dann immer mit einer Larve vor dem Gesicht. Dem Volke zeigte er sich nur bei außergewöhnlich feierlichen Gelegenheiten, dem Heere nur während der Schlacht, im Augenblick der größten Gefahr. Dafür war sein Erscheinen immer so unerwartet und glänzend wie das eines Halbgottes. Er liebte und verstand es zu verblüffen. Von seiner Freigebigkeit wurden Wunderdinge erzählt. Alles Gold, das ununterbrochen aus der gesamten Christenheit in die Kasse von St.\ Peter zusammenfloß, langte nicht zum Unterhalt des ersten Kapitäns der Kirche. Die Gesandten berichteten ihren Fürsten, daß seine täglichen Ausgaben sich nicht weniger als auf tausend achthundert Dukaten beliefen. Wenn Cesare durch die Straßen ritt, lief ihm die Menge nach, denn man wußte; daß er seine Pferde mit besonderen, leicht abfallenden silbernen Hufeisen beschlagen ließ, um diese absichtlich zu verlieren und dem Volke zum Geschenk zu machen. Auch seine körperliche Stärke soll ungeheuer gewesen sein; es hieß, daß er einst in Rom bei einem Stierkampfe, als er noch Kardinal von Valencia war, einem Stier mit einem Hiebe seines Schwertes den Schädel gespalten hätte. Die französische Krankheit, an der er in den letzten Jahren litt, hatte seine Gesundheit nur etwas geschwächt, aber nicht untergraben. Mit den Fingern seiner schönen, feinen, gleichsam weiblichen Hände bog er Hufeisen, drehte Eisenstangen zusammen und zerriß Schiffstaue. Er, der für seine eigenen Würdenträger und die Gesandten der Großmächte unzugänglich war, wohnte oft auf den Hügeln um Cesena den Faustkämpfen von romagnolischen Berghirten bei. Zuweilen beteiligte er sich auch selbst an solchen Spielen. Zugleich war er ein vollkommener Kavalier und Gesetzgeber auf dem Gebiete der Mode. In der Hochzeitsnacht seiner Schwester, Madonna Lucrezia, verließ er plötzlich sein Heer bei der Festung, die er gerade belagerte, und kam direkt aus dem Lager ins Schloß des Bräutigams, Alfonsos d'Este, des Herzogs von Ferrara. Von niemand erkannt, ganz in schwarzen Samt gekleidet und mit einer schwarzen Larve vor dem Gesicht, bahnte er sich einen Weg durch die Menge der Gäste, verbeugte sich und begann ganz allein zu den Klängen der Musik zu tanzen. Kaum hatte er einige Touren getanzt, als ihn alle an seiner unnachahmlichen Eleganz erkannten. Durch die Menge ging ein Flüstern des Entzückens: »Cesare! Cesare! Der einzige Cesare!« Ohne auf die Gäste und den Bräutigam zu achten, führte er die Braut etwas zur Seite, beugte sich zu ihr und begann ihr etwas zuzuflüstern. Lucrezia schlug die Augen nieder, und wurde erst rot, dann kreideweiß. Zart und bleich wie eine Perle, vielleicht noch unschuldig, aber willenloses Werkzeug in den schrecklichen Händen des Bruders, schien sie jetzt noch viel schöner. Sie war ihm, wie man behauptete, bis zur Blutschande ergeben. Er war nur um eines besorgt: keine offenkundigen Beweise zu liefern. Vielleicht übertrieb das Gerücht die Schandtaten des Herzogs, vielleicht war die Wirklichkeit noch schrecklicher als das Gerücht. Jedenfalls verstand er es, alle Spuren zu verwischen. X. Seine Hoheit bewohnte das alte gotische Rathaus von Fano. Leonardo und Machiavelli durchschritten einen großen, kalten, düsteren Saal, in dem die gemeinsamen Audienzen der minder vornehmen Besucher stattfanden, und gelangten in ein kleines Gemach, das einst eine Kapelle gewesen war. Es hatte Spitzbogenfenster mit farbigen Gläsern und ein Chorgestühl aus Eichenholz, dessen feine Schnitzereien die zwölf Apostel und die ältesten Kirchenväter darstellten. Auf einer verblaßten Freske auf der Decke schwebte zwischen Engeln und Wolken die Taube des heiligen Geistes. Hier war die nächste Umgebung des Herzogs versammelt. Man sprach nur im Flüsterton, denn die Nähe des Fürsten war auch durch die Wände hindurch wahrnehmbar. Ein kahlköpfiger Greis, der unglückliche Gesandte von Rimini, der sich schon seit drei Monaten um eine Audienz beim Herzog bemühte und offenbar von den vielen durchwachten Nächten erschöpft war, schlummerte in der Ecke auf einem der Kirchenstühle. Zuweilen ging eine Türe auf: der Sekretär Agapito, die Brille auf der Nase, eine Feder hinter dem Ohr, steckte seinen Kopf mit besorgtem Gesichtsausdruck herein und rief einen der wartenden zum Herzog. Bei jedem Erscheinen des Sekretärs fuhr der Gesandte von Rimini zusammen und erhob sich von seinem Sitz; als er aber sah, daß die Reihe noch immer nicht an ihm war, seufzte er schwer auf und nickte wieder ein. Da es im kleinen Rathaus an Räumlichkeiten mangelte, wurde die Kapelle in eine Feldapotheke verwandelt. Vor dem Fenster, wo sonst der Altar stand, bereitete auf einem mit Flaschen, Phiolen und Büchsen des medizinischen Laboratoriums besetzten Tische der Bischof von Santa-Giusta, Gaspare Torella, der »Archijartos,« und erste Leibarzt seiner Heiligkeit und Cesares, das eben in Mode gekommene Heilmittel gegen die französische Krankheit – die Syphilis. Es bestand aus einer Abkochung des »heiligen Holzes« – Guajaco, das von den kürzlich von Kolumbus entdeckten südlichen Inseln eingeführt wurde. Der Bischof-Arzt zerrieb mit seinen schönen Händen das scharfriechende safrangelbe Mark des Guajaco, das fette Klümpchen bildete, und erklärte dabei mit verbindlichem Lächeln Natur und Eigenschaften des wunderbaren Holzes. Alle hörten mit Interesse zu. Viele der Anwesenden kannten die schreckliche Krankheit aus eigener Erfahrung. »Wo mag sie nur hergekommen sein?« fragte der Kardinal Santa-Balbina mit traurigem Kopfschütteln. »Die spanischen Juden und Mohren sollen sie eingeschleppt haben,« erwiderte Bischof Elna. »Jetzt, da man neue Gesetze gegen die Gottlosen erlassen hat, hat die Krankheit, Gott sei Dank, etwas nachgelassen; aber noch vor vier oder fünf Jahren wütete sie nicht nur unter Menschen, sondern auch unter Tieren, Pferden, Schweinen und Hunden; das Getreide auf den Feldern und selbst Bäume wurden krank.« Der Arzt äußerte seinen Zweifel, ob Weizen und Hafer die französische Krankheit bekommen könnten. »Es ist eine Strafe Gottes,« seufzte der Bischof Trani ganz zerknirscht. »Der Herr hat uns für unsere Sünden die Geißel seines Zorns gesandt!« Das Gespräch verstummte. Man hörte nur noch das Geräusch des Stößers im Mörser; die im Chorgestühl dargestellten Kirchenväter schienen ganz erstaunt diesem Gespräch der neuen Hirten der Kirche des Herrn zu lauschen. In der Kapelle, die vom flackernden Apothekerlämpchen erleuchtet war, wo sich der erstickende kampferähnliche Geruch des Guajacoholzes mit dem kaum wahrnehmbaren Dufte des alten Weihrauches vermengte, schienen die römischen Prälaten zu irgendeiner geheimen religiösen Handlung versammelt Zu sein. »Monsignore,« wandte sich an den Arzt der herzogliche Astrolog Valgulio, »ist es wahr, daß diese Krankheit durch die Luft übertragen wird?« Der Arzt zuckte zweifelnd mit den Schultern. »Selbstredend wird sie durch die Luft übertragen!« versicherte Machiavelli mit schlauem Lächeln, »wie könnte man es anders erklären, daß sie sich in Mönchs- und in Nonnenklöstern gleichzeitig verbreitet?« Alle lächelten. Ein Hofpoet – Battisto Orfino – rezitierte feierlich wie ein Gebet die an den Herzog gerichtete Widmung einer neuen Abhandlung des Bischofs Torella über die französische Krankheit; er behauptete darin u. a., der Herzog habe mit seinen Tugenden alle großen Männer des Altertums in den Schatten gestellt: Brutus durch seine Gerechtigkeit, Decius durch Standhaftigkeit, Scipio durch Mäßigkeit, Marcus Regulus durch Treue und Paulus Emilius durch Großmut; zugleich verherrlichte er den Bannerträger der Römischen Kirche als den Begründer der Quecksilberkur. Während dieses Gesprächs nahm der Sekretär der Florentiner Republik bald den, bald jenen von den Anwesenden zur Seite und fragte alle höchst geschickt und mit dem Spürsinn eines Jagdhundes nach der künftigen Politik Cesares aus. Er trat auch an Leonardo heran, senkte den Kopf, legte den Zeigefinger an den Mund und sprach nachdenklich, auf Leonardo schielend, vor sich hin: »Ich werde eine Artischocke essen ... Ich werde eine Artischocke essen ...« »Was für eine Artischocke?« wunderte sich der Künstler. »Das ist es eben – was für eine Artischocke? Neulich gab der Herzog dem Gesandten von Ferrara Pandolfo Colenuccio ein Rätsel zu raten: ›Ich werde eine Artischocke Blatt für Blatt verzehren.‹ Vielleicht meinte er damit das Bündnis seiner Feinde, das er spalten und vernichten will; vielleicht auch etwas anderes. Seit einer Stunde schon zerbreche ich mir den Kopf darüber!« Er beugte sich zum Ohre Leonardos und flüsterte: »Hier sind lauter Rätsel und Fallen! Über jeden Unsinn reden sie, sobald man aber von Geschäften spricht, sind sie alle stumm wie Fische oder wie Mönche beim Essen. Mich kann man aber nicht so leicht betrügen. Ich fühle, daß hier etwas im Anzuge ist. Aber was? Glaubt mir, Messere, ich würde meine Seele dem Teufel verschreiben, um es zu erfahren.« Seine Augen leuchteten wie bei einem verzweifelten Spieler. Die Türe ging wieder auf und Agapito winkte dem Künstler. Leonardo gelangte durch einen langen halbfinstern Gang, der von den Leibtrabanten, den albanischen Stradioten, besetzt war, in das Schlafzimmer des Herzogs. Es war ein behagliches Gemach mit seidenen Teppichen an den Wänden, bestickt mit einer Einhornjagd; die Stuckdecke zeigte die Fabel von der Liebe der Königin Pasiphae zum Stiere. Dieser Stier, das purpurne und goldene Kalb, das heraldische Tier der römischen Kirche, wiederholte sich in der ganzen Ausschmückung des Raumes neben der päpstlichen dreimal gekrönten Tiara und den Schlüsseln des heiligen Petrus. Das Zimmer war überheizt, denn die Ärzte rieten den Kranken, nach der Quecksilbereinreibung sich vor Zugluft zu hüten und sich an der Sonne oder am Ofen zu wärmen. Im Marmorkamin brannte wohlriechender Wacholder; dem Brennöl in den Lampen war Veilchenessenz zugesetzt, denn Cesare liebte Wohlgerüche. Er lag, wie es seine Gewohnheit war, angekleidet auf einem niederen Lager ohne Vorhänge, das in der Mitte des Zimmers stand. Nur zwei Körperstellungen waren ihm eigen: entweder lag er im Bette, oder er saß auf seinem Pferde. Unbeweglich und leidenschaftslos verfolgte er, sich auf einen Ellenbogen stützend, eine Partie Schach, die zwei Höflinge neben seinem Bett auf einem Jaspistischchen spielten, und nahm zugleich den Vortrag des Sekretärs entgegen: Cesare besaß die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zugleich auf mehrere verschiedene Dinge zu richten. Nachdenklich rollte er mit langsamen gleichförmigen Bewegungen aus einer Hand in die andere eine goldene mit Wohlgerüchen gefüllte Kugel, von der er sich wie von seinem Damaszenerdolch nie trennte. XI. Er empfing Leonardo mit der ihm eigenen bestrickenden Liebenswürdigkeit. Er erlaubte, ihm nicht, das Knie zu beugen, reichte ihm die Hand und nötigte ihn in einen Sessel. Er hatte ihn zu sich berufen, um sich mit ihm über Bramantes Pläne zu einem neuen Kloster, der sogenannten »Valentina«, für die Stadt Imola zu beraten. An das Kloster sollte eine reiche Kapelle, ein Spital und eine Herberge für Wanderer angegliedert werden; diese Wohltätigkeitsanstalten sollten ein Denkmal seiner christlichen Nächstenliebe bilden. Als die Pläne erledigt waren, zeigte er dem Künstler die neuen erst eben fertiggestellten Lettern für die Buchdruckerei Hieronimos Sonciono in Fano, den er in seiner Sorge um das Aufblühen der Künste und Wissenschaften in der Romagna unterstützte. Agapito überreichte dem Fürsten eine Sammlung von Lobhymnen des Hofpoeten Francesco Uberti. Seine Hoheit nahm sie gnädig entgegen und befahl, den Dichter fürstlich zu belohnen. Darauf verlangte er nicht nur die Lobhymnen, sondern auch die gegen ihn gerichteten Satiren zu sehen, und der Sekretär überreichte ihm ein Epigramm des neapolitanischen Dichters Mancioni, den man kürzlich in Rom verhaftet und in die Engelsburg gesperrt hatte. In diesem Sonett, das von Schimpfwörtern strotzte, wurde Cesare ein Maulesel, der Bastard einer Hure und des Papstes, der auf dem Throne sitze, der früher der Thron Christi gewesen und nun der des Satans sei, genannt, ferner ein Türke, ein Beschnittener, ein entweihter Kardinal, ein Blutschänder, ein Brudermörder und ein Gottloser. »Worauf wartest du noch in deiner Langmut, o Herr,« rief der Dichter aus, »siehst du denn nicht, daß er die heilige Kirche in einen Maultierstall und in ein öffentliches Haus verwandelt hat?« Was befehlen Hoheit, mit diesem Schurken zu machen?« fragte Agapito. »Man soll bis zu meiner Rückkehr warten,« erwiderte der Herzog leise, »ich werde mit ihm schon selbst fertig werden.« Noch leiser fügte er hinzu: »Ich werde den Dichtern Manieren beibringen.« Man kannte ja die Art, wie Cesare den Dichtern »Manieren beibrachte«: für minder schwere Beleidigungen ließ er ihnen die Hände abhacken und die Zunge mit glühendem Eisen durchstechen. Der Sekretär schloß seinen Vortrag und zog sich zurück. Der erste Hofastrolog Valgulio kam mit einem neuen Horoskop. Der Herzog lauschte seinen Ausführungen aufmerksam, beinahe andächtig, denn er glaubte an die Unvermeidlichkeit des Fatums und an die Allmacht der Gestirne. Der Astrolog erklärte u. a., daß der letzte Anfall der französischen Krankheit beim Herzog dem schädlichen Einflüsse des trockenen Mars, der ins Zeichen des feuchten Skorpions getreten war, zuzuschreiben sei; sobald aber der Mars in Konjunktur mit der Venus beim aufgehenden Stiere träte, würde seine Krankheit von selbst und gänzlich verschwinden. Dann riet er dem Herzog, falls er irgendein wichtiges Unternehmen vorhabe, es am 31. Dezember nachmittags in Angriff zu nehmen, denn die Stellung der Gestirne an diesem Tage und zu dieser Stunde sei für ihn günstig. Er hob den Zeigefinger, neigte sich zum Ohre des Herzogs und flüsterte ihm dreimal bedeutungsvoll zu: »Mach es so! Mach es so! Mach es so!« Cesare schlug die Augen nieder und erwiderte nichts. Der Künstler aber sah, wie ein Schatten über sein Gesicht huschte. Der Herzog verabschiedete den Astrologen mit einer Handbewegung und wandte sich wieder an seinen Hofbaumeister. Leonardo breitete vor ihm die neuen Pläne und Kriegskarten aus. Es waren nicht nur Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung über die Gestaltung des Bodens, Wasserläufe, Bergketten und Flußtäler, sondern zugleich auch Werke eines großen Künstlers, von der Vogelperspektive aus gesehene Landschaftsbilder. Das Meer war mit blauer Farbe bezeichnet, die Berge waren braun, die Flüsse hellblau, die Städte dunkelrot und die Wiesen hellgrün. Alle Einzelheiten, die Plätze, Straßen und Türme der Städte waren mit höchster Vollkommenheit dargestellt, so daß man sie sofort, ohne erst die erklärenden Inschriften zu lesen, erkennen konnte. Beim Betrachten dieser Karten hatte man das Gefühl, in schwindelnder Höhe über die Erde hinzufliegen, zu Füßen die unübersehbaren Fernen. Mit besonderem Interesse betrachtete Cesare auf der Karte die Gegend, die im Norden vom Val d'Emo – dem Tale eines in den Arno mündenden Flüßchens, im Süden vom Bolsena-See, im Westen von Arezzo und Perugia und im Osten von Siena und dem Küstenland begrenzt war. Hier lag das Herz Italiens, die Heimat Leonardos, das Land von Florenz, das den Herzog schon längst als eine leckere Beute interessierte. Cesare studierte die Karte und schwelgte im Gefühl des Fluges. Er war wohl kaum imstande, seine Empfindungen in Worte zu kleiden; aber er fühlte wohl, daß er und Leonardo einander verstünden, daß sie gleichsam Komplizen seien. Er erriet, wenn auch dunkel, die ungeheuere Macht, welche ihm die Wissenschaft verleihen könnte, und strebte nach dieser Macht, nach diesen Flügeln zu einem sieghaften Fluge, schließlich hob er seine Augen zum Künstler und drückte ihm mit bestrickendem Lächeln die Hand. »Ich danke dir, mein Leonardo! Diene mir auch weiter so, wie du mir bisher gedient hast; ich werde dich zu belohnen wissen.« »Fühlst du dich auch wohl?« fügte er besorgt hinzu. »Bist du mit deinem Gehalt zufrieden? Hast du vielleicht irgendwelche Wünsche? Du weißt doch, daß ich dir jeden Wunsch mit Freuden erfüllen werde.« Leonardo benützte die Gelegenheit, um für Messer Niccolo ein Wort einzulegen, und bat den Herzog, er möchte diesem eine Audienz gewähren. Cesare zuckte mit den Schultern und sagte mit gutmütigem Lächeln: »Ein merkwürdiger Mensch ist dieser Messer Niccolo! Er bewirbt sich immer um Audienzen, und so oft ich ihm wirklich eine gewähre, haben wir nichts zu besprechen. Warum haben sie mir einen solchen Kauz geschickt?« Er schwieg eine Weile und fragte dann Leonardo, was er von Machiavelli halte. »Ich glaube, Hoheit, daß er der klügste Mensch ist, den ich je gesehen habe.« »Ja, klug ist er,« bestätigte der Herzog, »vielleicht auch recht tüchtig in Geschäften. Und trotzdem... ist auf ihn kein Verlaß. Er ist ein Phantast und Windbeutel, in keiner Sache hält er Maß. Ich war ihm übrigens immer gewogen und bin es ihm jetzt erst recht, da ich weiß, daß er dein Freund ist. Er ist ja höchst gutmütig! Er ist durchaus nicht hinterlistig, obwohl er sich für den tückischsten Menschen hält und mich immer zu hintergehen sucht, als ab ich ein Feind eurer Republik wäre. Ich bin ihm dafür nicht böse, denn ich weiß, daß er sein Vaterland mehr als sein Leben liebt. – Nun, mag er zu mir kommen, wenn er so große Lust hat ... Sag ihm, daß es mich freuen wird, ihn zu empfangen. – Ich habe übrigens neulich gehört, daß Messer Niccolo ein Werk über Politik und Kriegswissenschaft schreiben will, wie steht es damit?« Cesare lächelte wieder still vor sich hin, als ob ihm etwas Lustiges eingefallen wäre. »Hat er mit dir schon über seine mazedonische Phalanx gesprochen? Noch nicht? So höre zu. Niccolo hatte einmal meinem Maestro di Campo, Bartolomeo Capranica, und anderen Hauptleuten aus seinem Buche über Kriegswissenschaft ein Kapitel über die Regeln einer neuen Schlachtordnung, die der altmazedonischen Phalanx gleicht, mit solcher Überzeugungskraft vorgetragen, daß allen der Wunsch kam, sie in der Praxis zu sehen. Man trat ins Feld vor dem Lager und Niccolo übernahm das Kommando. Drei Stunden lang mußten die zweitausend Soldaten in Kälte, Wind und Regen stehen, Niccolo quälte sich entsetzlich ab, aber die mazedonische Phalanx brachte er nicht fertig. Endlich riß meinem Bartolomeo die Geduld; er trat vor das Heer und stellte es beinahe augenblicklich unter den Klängen eines Tamburins zur herrlichsten Schlachtordnung auf, obwohl er noch nie ein kriegswissenschaftliches Werk in der Hand gehabt hatte. Da erst sahen alle, welch großer Unterschied zwischen Worten und Taten besteht. – Aber ich bitte dich, Leonardo, erzähle ihm davon kein Wort, denn Messer Niccolo schätzt es nicht, an die mazedonische Phalanx erinnert zu werden!« Es war spät geworden, gegen drei Uhr nachts. Dem Herzog wurde ein leichtes Abendbrot gereicht, das aus einer Gemüseplatte, einer Forelle und etwas weißem Wein bestand: als echter Spanier zeichnete er sich durch Mäßigkeit im Essen aus. Der Künstler verabschiedete sich. Cesare dankte ihm noch einmal mit berückender Freundlichkeit für die Kriegskarten und ließ ihn durch drei fackeltragende Pagen nach Hause begleiten, was eine besondere Ehre bedeutete. Leonardo erzählte Machiavelli von seinem Empfang beim Herzog. Als Niccolo von den Karten hörte, die Leonardo im Auftrage Cesares in der Umgebung von Florenz aufgenommen hatte, erschrak er. »Wie? Ihr, ein Bürger der Republik, habt es für den schlimmsten Feind des Vaterlandes getan?« »Ich denke doch, daß Cesare als unser Verbündeter gilt ...« entgegnete der Künstler. »Gilt!« rief der Sekretär von Florenz und in seinen Augen flammte Entrüstung. »Wißt Ihr auch, Messere, daß man gegen Euch eine Anklage wegen Hochverrat erheben wird, wenn die herrlichen Signori davon erfahren?« »Wirklich?« fragte Leonardo mit naivem Erstaunen. – »Ihr sollt aber nicht so von mir denken, Messer Niccolo, denn ich verstehe wirklich nichts von Politik; auf diesem Gebiete bin ich wie ein Blinder ...« Sie blickten einander schweigend an und begriffen mit einem Male beide, daß sie in diesem Punkte bis zum tiefsten Grunde der Seele voneinander verschieden seien, daß sie sich darin ewig fremd bleiben und einander nie verstehen würden: für den einen gab es kein Vaterland, der andere liebte es, wie sich Cesare ausgedrückt hatte, »mehr als sein Leben«. XII. In der gleichen Nacht reiste Niccolo ab. Niemand wußte, wohin und wozu. Am nächsten Tag gegen Mittag kam er müde und halb erfroren zurück. Er suchte Leonardo in seinem Zimmer auf, schloß sorgfältig die Türe und erklärte, daß er ihm schon seit längerer Zeit eine Sache anvertrauen wolle, die größte Diskretion erfordere. Er begann weit ausholend. Vor drei Jahren hätte sich einmal in der Abenddämmerung in einer einsamen Gegend der Romagna zwischen den Städten Cervia und Porto-Cesenatico folgendes zugetragen. Bewaffnete, vermummte Reiter hätten die Gattin des Kapitäns der Infanterie der Durchlauchtigsten Republik, Batisto Caracciolo, Madonna Dorotea, die unter der Eskorte einer Abteilung Berittener von Urbino nach Venedig reiste, überfallen, die Dame, sowie ihre fünfzehnjährige Base Maria, eine Novize des Nonnenklosters von Urbino, geraubt und auf ihren Pferden entführt. Von jenem Tage an waren Dorotea und Maria verschollen. Der Rat und der Senat von Venedig sahen die Republik in der Person ihres Kapitäns beleidigt und erhoben bei Ludwig XII., dem König von Spanien und dem Papst Klage gegen den Herzog von Romagna, den sie des Raubes beschuldigten. Sie hatten jedoch keine überführenden Beweise in Händen, und Cesare beantwortete die Anklage mit der spöttischen Bemerkung, er leide keinen Mangel an Frauen und habe es daher nicht notwendig, sich solche von den Landstraßen zu holen. Es gingen Gerüchte, Madonna Dorotea begleite den Herzog auf allen seinen Reisen, sie habe sich bald getröstet und sehne sich gar nicht nach ihrem Mann zurück. Maria hatte einen jungen Bruder, Messer Dionigio, der als Kapitän in den Diensten von Florenz stand und dem Lager von Pisa zugeteilt war. Da alle Bemühungen der Florentiner Signori ebenso fruchtlos waren, wie die Klagen der Durchlauchtigsten Republik, beschloß Dionigio, sein Glück selbst zu versuchen. Er kam in die Romagna, verschaffte sich unter einem angenommenen Namen Zutritt zum Herzog, erschlich sich sein Vertrauen, drang in den Festungsturm von Cesena ein und floh mit der als Knabe verkleideten Maria. Doch an der Grenze von Perugia wurden sie eingeholt. Der Bruder wurde getötet, die Schwester wieder in die Festung gesperrt. Machiavelli hatte sich als Sekretär der Florentiner Republik dieser Sache angenommen. Messer Dionigio hatte sich mit ihm befreundet, ihn in das Geheimnis seines Vorhabens eingeweiht und ihm alles erzählt, was er von den Gefängniswärtern über seine Schwester erfahren konnte. Die Wärter hielten sie für eine Heilige, behaupteten, sie heile Kranke, weissage, und ihre Hände und Füße wiesen blutige Wunden auf, die den Stigmaten der heiligen Katharina von Siena glichen. Als Cesare Doroteas überdrüssig war, richtete er seine Blicke auf Maria. Der berühmte Verführer der Frauen war sich des Zaubers, der von ihm ausging und dem selbst die reinsten nicht widerstehen konnten, bewußt. Er war überzeugt, daß Maria sich ihm früher oder später ergeben werde. Aber er hatte sich geirrt. Sein Wille stieß auf einen unüberwindlichen Widerstand im Herzen dieses Kindes. Man erzählte sich, daß der Herzog sie oft in ihrer Gefängniszelle besuche und viele Stunden mit ihr unter vier Augen verbringe; was sich aber bei diesen Zusammenkünften abspiele, wußte niemand. Schließlich erzählte Niccolo, daß er die Absicht habe, Maria zu befreien. »Wenn Ihr, Messer Leonardo, mir dabei helfen wolltet, so würde ich die Sache so leiten, daß niemand etwas von Eurer Beihilfe erfährt. Ich wollte Euch übrigens nur um Auskünfte über gewisse Einzelheiten der Lage und Einrichtung der Festung San-Michele, wo sich Maria befindet, bitten. Als Hofbaumeister könnt Ihr Euch leicht Eingang verschaffen und alles auskundschaften.« Leonardo betrachtete ihn schweigend und erstaunt. Unter diesen prüfenden Blicken lachte Niccolo plötzlich unnatürlich laut, beinahe boshaft auf. »Ich will hoffen,« rief er aus, »daß Ihr mich nicht einer übertriebenen Gefühlsduselei und ritterlichen Großmut verdächtigt! Mir ist es selbstverständlich ganz gleich, ob der Herzog das Mädchen verführen wird oder nicht. Ihr wollt natürlich wissen, warum ich mich um die Sache bemühe? Nun, vielleicht nur, um den herrlichen Signori zu beweisen, daß ich auch zu anderen Dingen als zu Narrenpossen tauge. Die Hauptsache aber ist, daß der Mensch irgendeine Zerstreuung habe. Das menschliche Leben ist schon einmal so eingerichtet, daß man sich ab und zu irgendeine Dummheit erlauben muß, um nicht vor Langeweile zu sterben. Ich habe es satt, zu schwatzen, Würfel zu spielen, öffentliche Häuser zu besuchen und unnötige Berichte an die Wollhändler von Florenz zu schreiben. Nun habe ich mir diese Sache ausgeheckt, denn hier sind wenigstens keine Worte, sondern Taten! ... Es wäre unverzeihlich, eine solche Gelegenheit zu verpassen. Ich habe bereits den ganzen Plan mit den wunderbarsten Feinheiten fertig! ...« Er sprach dies so rasch, als wolle er sich rechtfertigen. Leonardo hatte aber schon früher bemerkt, daß Niccolo sich seiner Güte schämte und sie wie immer unter der Maske eines Zynikers verbarg. »Messere,« unterbrach ihn der Künstler, »ich bitte Euch, auf mich ebenso zu rechnen, wie auf Euch selbst. Doch stelle ich die Bedingung, daß im Falle eines Mißerfolgs ich dieselbe Verantwortung trage, wie Ihr.« Niccolo war sichtbar gerührt. Er erwiderte den Händedruck des Künstlers und entwickelte vor ihm sofort seinen Plan. Leonardo hörte ihm ohne Widerspruch zu, obwohl er in der Tiefe seiner Seele zweifelte, ob dieser Plan, der zu fein und schlau und zu unwahrscheinlich klang, sich in der Tat ebenso leicht verwirklichen ließe, wie in Worten. Zur Befreiung Marias setzten sie den 30. Dezember an: an diesem Tage sollte der Herzog Fano verlassen. Zwei Tage vorher kam zur späten Abendstunde einer der bestochenen Gefängniswärter gelaufen, um sie vor drohendem Verrat zu warnen. Niccolo war nicht zu Hause und Leonardo ging in die Stadt, um ihn zu suchen. Endlich fand er den Sekretär von Florenz in einer Spielhölle, wo eine Bande von Bauernfängern, – es waren zum größten Teil Spanier aus dem Heere Cesares, – unerfahrene Spieler rupfte. Machiavelli erläuterte vor einem Auditorium junger Wollüstlinge und Zechbrüder das berühmte Sonett Petrarcas: Ferito in mezzo di core di Laura Von Laura mitten in das Herz getroffen. – In jedem Worte entdeckte er einen unanständigen Sinn und bewies, daß Laura ihren Petrarca mit der französischen Krankheit angesteckt hätte. Die Zuhörer kugelten sich vor Lachen. Im Nebenzimmer erklang Männergeschrei, Weibergewinsel, der Lärm umgeworfener Tische und das Klirren von Degen, zerschlagenen Flaschen und rollenden Münzen: man hatte einen Falschspieler ertappt. Niccolos Zuhörer eilten hin. Leonardo flüsterte ihm zu, er komme mit einer wichtigen Neuigkeit in der Angelegenheit Marias. Sie traten auf die Straße. Die Nacht war still und sternenklar. Unter den Schritten knisterte reiner, neugefallener Schnee. Nach der erstickenden Schwüle der Spielhölle atmete Leonardo gierig die frostige Luft ein, die fast aromatisch schien. Als Niccolo vom Verrat erfuhr, äußerte er mit unerwarteter Sorglosigkeit, daß vorläufig nichts zu befürchten sei. »Ihr wart wohl erstaunt, mich in einer solchen Spelunke zu finden?« fragte er seinen Gefährten. – »Den Sekretär der Florentiner Republik – in der Rolle eines Hanswursts vor diesem Gesindel zu sehen? was soll man tun? Not lehrt auch den Bären tanzen! Sie sind zwar Gauner und Schwindler, doch immerhin freigebiger als unsere Signori! ...« In diesen Worten lag eine solche Grausamkeit gegen sich selbst, daß Leonardo ihn unterbrechen mußte: »Es ist ja nicht wahr! Warum sprecht Ihr so über Euch selbst, Messer Niccolo? Wißt Ihr denn nicht, daß ich Euer Freund bin und Euch anders beurteile als die anderen?« Machiavelli wandte sich ab und fuhr nach einer Pause leise und mit veränderter Stimme fort: »Ich weiß es ... seid mir nicht böse, Leonardo! Zuweilen, wenn es mir schwer wird, scherze und lache ich, statt zu weinen ...« Seine Stimme zitterte, er senkte den Kopf und sagte noch leiser: »So ist einmal mein Schicksal! Ich bin unter einem unglückseligen Stern geboren, während meine Altersgenossen, ganz unbedeutende Männer, in allen Dingen Erfolg haben, in Herrlichkeit und Freuden leben, Ehren, Geld und Macht gewinnen, – bleibe ich allein hinter allen zurück und werde von den Dümmsten zurückgedrängt. Sie halten mich für leichtsinnig, vielleicht haben sie auch recht. Großen Entbehrungen, Gefahren und Mühen gehe ich nie aus dem Wege. Aber mein ganzes Leben lang kleine und gemeine Beleidigungen erdulden, ewig Not leiden und jeden Heller zehnmal wenden müssen – das kann ich wirklich nicht! Was soll ich da überhaupt noch viel reden!« er machte eine verzweifelte Handbewegung und seine Stimme wurde von Tränen erstickt. »Ein verfluchtes Leben! Wenn Gott mit mir kein Einsehen hat, werde ich bald alles liegen und stehen lassen, mich von den Geschäften zurückziehen und Monna Marietta und meinen Sohn in Stich lassen, denn ich falle ihnen nur zur Last; es wäre besser, wenn sie mich tot glaubten. – Ich werde ans Ende der Welt fliehen, mich in irgendein Loch, wo mich niemand kennt, verkriechen, zu einem Podesta als Schreiber eintreten, oder Kinder in irgendeiner Dorfschule unterrichten, nur um nicht vor Hunger zu krepieren; und so werde ich leben, bis ich ganz stumpf werde und jedes Bewußtsein verliere; denn das Schrecklichste, mein Freund, ist die Erkenntnis, Kräfte zu haben und sie zu nichts verwenden zu können, daß man nie etwas erreichen wird und sang- und klanglos untergehen muß! ...« XIII. Die Zeit verstrich und Leonardo bemerkte, wie Niccolo, je näher der zur Befreiung Marias festgesetzte Tag heranrückte, bei all seinem Selbstvertrauen, immer schwächer wurde, die Geistesgegenwart verlor, bald unvorsichtig zögerte, bald sich sinnlos übereilte. Der Künstler wußte aus eigener Erfahrung, was in der Seele Niccolos vorging: es war keine Feigheit, sondern die auch Leonardo wohlbekannte unerklärliche Schwäche und Unentschlossenheit jener Menschen, die nicht zu Taten geboren sind, das plötzliche Versagen des Willens im letzten, entscheidenden Augenblick, wenn es gilt, ohne Zweifeln und Schwanken zu handeln. Am Vorabend des verhängnisvollen Tages begab sich Niccolo in ein in der Nähe der San Michele-Festung gelegenes Dorf, um die Vorbereitungen zur Flucht Marias endgültig abzuschließen. Auch Leonardo sollte am gleichen Morgen dort eintreffen. Der Künstler zweifelte nicht mehr daran, daß das Unternehmen wie ein dummer Schuljungenstreich kläglich mißlingen würde; als er allein geblieben, erwartete er von Stunde zu Stunde die Hiobspost. Draußen dämmerte ein trüber Wintermorgen. An die Türe wurde geklopft und Leonardo machte auf. Niccolo trat blaß und bestürzt ins Zimmer. »Verloren!« sagte er, sich erschöpft in einen Sessel niederlassend. »Ich hatte es gewußt,« sagte Leonardo ruhig. »Ich warnte Euch ja, Niccolo, wir mußten hereinfallen.« Machiavelli sah ihn zerstreut an. »Nein, die Sache ist nicht so,« fuhr er fort, »wir sind gar nicht hereingefallen, aber der Vogel ist aus dem Bauer entschlüpft, wir kamen zu spät...« »Wieso ist sie entschlüpft?« »Ja, heute vor dem Sonnenaufgang fand man Maria mit durchschnittener Kehle auf dem Boden ihrer Gefängniszelle liegen.« »Wer ist der Mörder?« fragte der Künstler. »Er ist unbekannt, aber nach der Art der Wunde zu schließen, wird es kaum der Herzog gewesen sein. Denn Cesare und seine Henker sind doch in solchen Dingen Meister und hätten es verstanden, dem Kinde die Kehle ordentlich zu durchschneiden. Man sagt, sie sei als Jungfrau gestorben. Ich glaube, sie selbst ...« »Es kann nicht sein! Maria, die als Heilige galt ...« »Alles ist möglich,« fuhr Niccolo fort. »Ihr kennt die Leute schlecht. Dieses Scheusal ...« Er hielt inne, erblich und schloß mit heftiger Bewegung: »Dieses Scheusal ist zu allem fähig! Er konnte auch eine Heilige so weit bringen, daß sie selbst Hand an sich legte ...« »Früher,« fügte er hinzu, »als sie noch nicht so streng bewacht wurde, habe ich sie zweimal gesehen. Sie war schlank und fein wie ein Schilfrohr. Ein Kindergesicht. Ihr Haar war dünn und flachsblond, wie das der Madonna Filippino Lippis in der Florentiner Badia, die dem heiligen Bernardo erscheint. Sie war auch nicht sonderlich schön, was nur dem Herzog an ihr so gefallen hat? O Messer Leonardo, wenn Ihr wüßtet, was für ein armes, liebes Kind sie war! ...« Niccolo wandte sich ab, und der Künstler glaubte in seinen Augen Tränen zu sehen. Doch faßte er sich wieder und fuhr beinahe schreiend fort: »Ich habe immer gesagt: ein ehrlicher Mensch am Hofe ist wie ein Fisch auf einer Bratpfanne. Ich habe genug! Ich bin nicht geboren, Tyrannenknecht zu sein. Ich werde es doch noch durchsetzen, daß die Signorie mir einen Posten bei einer anderen Gesandtschaft gibt; ganz gleich, wo, nur möglichst weit von hier!« Maria tat dem Künstler leid, vor keinem Opfer wäre er zurückgescheut, um sie zu retten; zugleich spürte er beim Gedanken, daß die Sache nun erledigt sei, in der geheimsten Tiefe seiner Seele ein Gefühl von Erleichterung. Dasselbe Gefühl las er auch in Niccolos Herzen. XIV. Am 30. Dezember verließ die Hauptstreitmacht des Herzogs von Valentino, etwa zehntausend Mann Infanterie und zweitausend Mann Kavallerie, am frühen Morgen die Stadt Fano und bezog ein Lager auf der Straße nach Senigaglia, am Ufer des Flüßchens Metauro, in Erwartung des Herzogs, der am nächsten Tage, dem vom Astrologen Valgulio bestimmten 31. Dezember, abreisen sollte. Die Verschwörer von Maggioni, die nun mit Cesare Frieden geschlossen hatten, unternahmen im Einverständnis mit ihm einen gemeinsamen Feldzug gegen Senigaglia. Die Stadt hatte sich ergeben, doch der Kastellan erklärte, die Tore nur dem Herzog selbst öffnen zu wollen. Seinen früheren Feinden und jetzigen Verbündeten stiegen im letzten Augenblick böse Ahnungen auf. Sie wichen einer Begegnung mit ihm aus. Doch Cesare überlistete und beruhigte sie wieder; wie Machiavelli sich später ausdrückte: »betörte er sie wie der Basiliskus, der sein Opfer mit süßem Gesang lockt und verführt«. Niccolo verging vor Neugierde und folgte dem Herzog, ohne auf Leonardo zu warten. Einige Tage später reiste der Künstler allein ab. Die Straße führte nach Süden und folgte wie der Weg aus Pesaro dem Meeresstrande. Rechts waren Berge. Ihr Fuß kam stellenweise dem Meere so nahe, daß kaum ein schmaler Streifen für die Straße frei blieb. Es war ein grauer, stiller Tag. Das Meer war ebenso gleichmäßig grau wie der Himmel. Die reglose Luft schien zu schlummern. Das Krächzen der Raben verkündete baldiges Tauwetter. Zugleich mit den Tropfen eines feinen Regens und nassen Schnees senkte sich die frühe Dämmerung. Die schwarzroten Ziegeldächer der Festung von Senigaglia wurden sichtbar. Die Stadt war zwischen zwei natürlichen Mauern eingeklemmt – dem Meere und dem Gebirge – und glich so recht einer Falle. Sie lag eine Meile vom Meeresstrand und etwa einen Armbrustschuß weit vom Fuße der Apenninen entfernt. Beim Bache Misa machte die Straße eine scharfe Biegung nach links. Von hier aus führte eine schiefe Brücke zum Stadttore. Vor dem Tore war ein kleiner, von niederen Vorstadthäusern eingeschlossener Platz. Es waren zum größten Teil Warenlager venetianischer Kaufherren. Zu jener Zeit war Senigaglia ein bedeutender halbasiatischer Handelsplatz, wo die italienischen Kaufleute mit Türken, Armeniern, Griechen, Persern und Slaven aus Montenegro und Albanien Tauschhandel trieben. Jetzt waren die sonst belebtesten Straßen, die von Cypern, Zante, Kandien und Kephalonien, leer. Leonardo begegnete auf den Straßen fast nur Soldaten. An einzelnen der sich in unendlichen Reihen an beiden Seiten der Straßen hinziehenden gedeckten Verkaufsständen und Fondachi bemerkte er Spuren von Plünderung: eingeschlagene Fensterscheiben, erbrochene Schlösser und Riegel, zertrümmerte Türen und in Unordnung herumliegende Warenballen. Es roch nach Brand. Halbverbrannte Trümmer rauchten noch; an den dicken Ringen der gußeisernen Fackelhalter, die in die Mauern alter Backsteinpaläste eingelassen waren, baumelten Gehenkte. Es dämmerte bereits, als Leonardo auf dem Hauptplatze der Stadt zwischen dem Palazzo Ducale und der runden, niederen, mit drohenden Zinnen versehenen und von einem tiefen Graben umgebenen Festung von Senigaglia inmitten des Heeres beim Fackelscheine Cesare gewahrte. Er leitete die Hinrichtung der Soldaten, die beim Plündern ertappt worden waren. Messer Agapito las die Todesurteile vor. Cesare winkte, und die Verurteilten wurden zum Galgen geführt. Der Künstler suchte mit den Blicken in der Schar der Höflinge, um jemand zu finden, den er ausfragen könnte, was hier vor sich gehe. Da entdeckte er den Sekretär von Florenz. »Wißt Ihr es? Habt Ihr es schon gehört?« fragte ihn Niccolo. »Nein, ich weiß noch nichts. Ich freue mich, daß ich Euch hier treffe. Erzählt mir alles.« Machiavelli führte ihn in eine Nebenstraße. Durch einige enge, finstere Gäßchen, die mit Schnee verweht waren, gelangten sie in eine öde Vorstadt am Meerufer neben der Werft, wo Niccolo nach langem Suchen in einem einsamen, schiefen Häuschen, das der Witwe eines Schiffsbauers gehörte, die einzigen zwei Zimmer, die in der Stadt noch aufzutreiben waren, für sich und Leonardo gemietet hatte. Niccolo zündete schweigend und eilig eine Kerze an, holte aus seinem Gepäck eine Flasche Wein hervor, fachte die Kohlenglut auf dem Herde an, nahm Leonardo gegenüber Platz und richtete auf ihn seinen flammenden Blick. »Ihr wißt es noch nicht?« sagte er feierlich. »Also hört. Es ist ein ungewöhnliches und denkwürdiges Ereignis! Cesare hat an seinen Feinden Rache genommen. Die Verschwörer sind verhaftet worden, Oliverotto, Orsini und Vitelli harren der Hinrichtung.« Er lehnte sich zurück und musterte schweigend Leonardo, um sich an seinem Erstaunen zu werden. Er zwang sich, ruhig und leidenschaftslos zu scheinen, wie ein Chronist, der über Ereignisse vergangener Zeiten spricht, oder wie ein Gelehrter, der eine Naturerscheinung beschreibt, und begann seinen Bericht über die berühmte »Falle von Senigaglia«. Cesare war am frühen Morgen ins Lager am Metauro-Fluß gekommen. Er hatte zweihundert Reiter vorausgeschickt, die Infanterie folgen lassen, und war schließlich selbst mit dem Rest der Reiterei nachgekommen. Er wußte, daß die Verbündeten ihm entgegenreiten und der größte Teil ihrer Truppen Senigaglia geräumt haben würde, um sich in einige benachbarte Festungen zurückzuziehen und für die neu eintreffenden Truppen Platz zu schaffen. Als er sich den Toren von Senigaglia näherte, ließ er die Reiterei an jener Stelle, wo die Straße nach links abbiegt und dem Misa-Flusse folgt, halten. Hier stellte er sie in zwei Reihen auf: die eine mit dem Rücken zum Fluß, die andere mit dem Rücken zum Feld; die Infanterie ließ er zwischen diesen beiden Reihen, ohne zu halten, hindurchziehen, die Brücke passieren und Senigaglia besetzen. Die Verbündeten – Vitellozzo Vitelli, Gravina und Pagolo Orsini – waren ihm mit einem zahlreichen Gefolge auf Maultieren entgegengeritten. Vitellozzo mochte eine trübe Vorahnung gehabt haben, denn er war so traurig, daß alle, die sein früheres Glück und seinen Mut kannten, über ihn staunten. Später wurde erzählt, daß er vor seiner Abreise nach Senigaglia von seinen Hausgenossen Abschied genommen, als ob er den ihm drohenden Tod vorgeahnt hätte. Die Verbündeten saßen ab, entblößten die Köpfe und begrüßten den Herzog. Auch er saß ab, reichte zuerst jedem einzelnen die Hand und küßte sie, indem er sie seine »lieben Brüder« nannte. Cesares Offiziere hatten sich indessen, wie früher verabredet, so aufgestellt, daß Vitelli und die beiden Orsini zwischen je zwei Offiziere des Herzogs zu stehen kamen. Als er merkte, daß Oliverotto fehlte, gab er seinem Kapitän Don Michele Corella ein Zeichen. Dieser ritt voraus und traf den Vermißten in Borgo an. Oliverotto schloß sich dem glänzenden Reiterzug an und nun ritten alle, sich freundschaftlich über Kriegsangelegenheiten unterhaltend, zum Schlosse vor der Festung. Im Vorhofe des Schlosses wollten sich die Verbündeten verabschieden, doch der Herzog hielt sie mit seiner bekannten bestrickenden Liebenswürdigkeit zurück und nötigte sie, mit ins Schloß einzutreten. Kaum hatten sie aber das Empfangszimmer betreten, als die Türen sofort geschlossen wurden und acht bewaffnete Männer sich auf die vier stürzten. Immer zwei gegen einen ergriffen, entwaffneten und fesselten sie die Verbündeten. Die Unglücklichen waren so überrascht, daß sie fast keinen Widerstand leisteten. Man erzählte sich, der Herzog wolle seine Feinde noch im Laufe dieser Nacht in den Geheimverließen des Schlosses umbringen. »O Messer Leonardo,« schloß Machiavelli seinen Bericht, »wenn Ihr nur gesehen hättet, wie er sie umarmte und küßte! Ein einziger unsicherer Blick, nur eine Bewegung – und alles wäre verloren gewesen. Sein Gesicht und seine Augen schienen so aufrichtig, daß ich selbst, Ihr könnt es mir glauben, bis zum letzten Augenblick nichts ahnte und mir meine Hand darauf hätte abhauen lassen, daß er sich nicht verstelle. Ich halte diesen Betrug für den schönsten von allen, die, seit es eine Politik gibt, verübt worden sind.« Leonardo lächelte. »Selbstredend,« sagte er, »werde ich zugeben, daß der Herzog Mut und Verstand gezeigt hat, aber dennoch muß ich gestehen, daß ich zu wenig von Politik verstehe und nicht begreifen kann, warum Euch, Messer Niccolo, dieser Verrat so sehr entzückt?« »Verrat?« unterbrach ihn Machiavelli. »Messere, wenn es sich um die Rettung des Vaterlandes handelt, kann weder von Verrat, noch von Treue, weder von Gut, noch von Böse, weder von Grausamkeit, noch von Barmherzigkeit die Rede sein. Alle Mittel sind erlaubt, wenn sie nur zum Ziele führen.« »Was hat das mit der Rettung des Vaterlandes zu tun, Niccolo? Ich glaube doch, daß der Herzog nur seine eigenen Vorteile im Auge hatte...« »Wie? Gehört Ihr denn auch zu denjenigen, die das nicht begreifen können? Es ist ja klar wie der Tag! Cesare ist der künftige Einiger und Selbstherrscher Italiens. Jetzt ist ja der günstigste Moment zum Auftreten eines Helden. Das Volk Israel mußte unter der ägyptischen Herrschaft leiden, damit ein Moses auferstünde, die Perser unter dem Joche der Meder, damit Kyros groß wurde, die Athener mußten sich in Bürgerkriegen aufreiben, damit ein Theseus auftreten konnte; so mußte auch unser Italien tief erniedrigt werden, eine schwerere Knechtung als die Juden, ein schlimmeres Joch als die Perser, einen verderblicheren Bruderzwist als die Athener erfahren, ohne Oberhaupt und Führer, ohne Regierung hinsterben, von Barbaren geplündert und zertreten werden und alle Leiden, die einem voll beschieden sein können, erdulden, damit ein neuer Held, ein Retter des Vaterlandes erscheine! Zu verschiedenen Zeiten traten wohl einzelne Männer auf, die uns einen Schimmer von Hoffnung brachten und als Auserwählte Gottes erschienen, aber das Schicksal ließ sie fallen, so oft sie den Gipfel ihrer Macht erreicht hatten und vor der Vollbringung ihrer großen Tat standen. Das halbtote Land harrt noch immer des Mannes, der den Gewalttätigkeiten in der Lombardei ein Ziel setzen, mit den Räubereien und den Mißbräuchen in Toskana und Neapel aufräumen und alle diese stinkenden, von der Zeit eiternden Wunden heilen soll. Es ruft Tag und Nacht Gott an und bittet ihn um einen Erlöser ...« Seine Stimme klang wie eine überspannte Saite und brach plötzlich ab. Er war blaß und zitterte am ganzen Leibe, seine Gebärden verrieten nicht nur Erregung, sondern auch große Schwäche, seine Leidenschaft glich einem Krampfanfalle. Leonardo erinnerte sich, wie Niccolo noch vor einigen Tagen, bei seinem Bericht über den Tod Marias, Cesare ein Scheusal genannt hatte. Aber der Künstler wollte nicht von diesem Widerspruch reden, denn er wußte, daß Niccolo sich jetzt von seinem Mitleid mit Maria wie von einer unverzeihlichen Schwäche lossagen würde. »Wir werden es ja sehen, Niccolo!« sagte Leonardo. »Nur noch eine Frage: warum gewannt Ihr gerade heute die Überzeugung von der göttlichen Mission Cesares? Hat er denn mit der Falle von Senigaglia deutlicher als mit allen seinen anderen Handlungen gezeigt, daß er ein Held ist?« »Ja,« erwiderte Niccolo, der seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte und den Leidenschaftslosen spielte. – »Die Vollkommenheit dieses Betrugs zeigt deutlicher als alle anderen Taten des Herzogs, daß in ihm die größten und sich widersprechendsten Eigenschaften vereinigt sind, deren gleichzeitiges Vorhandensein beim Menschen äußerst selten ist. Ich bitte Euch, zu beachten, daß ich hier weder lobe, noch verurteile, sondern nur die Tatsachen feststelle, hier ist mein leitender Gedanke: zu jedem Ziele kann man auf zwei verschiedenen Wegen gelangen – auf dem der Gesetzlichkeit und dem der Gewalttätigkeit. Der erstere ist der menschliche, der andere – der tierische. Ein Mensch, der herrschen will, muß sich auf beiden Wegen auskennen und es verstehen, nach seinem Gutdünken, bald Mensch, bald Tier zu sein. Dies ist auch der tiefste Sinn der alten Sage, die erzählt, daß König Achill und andere Helden vom Zentauren Cheiron, der Halbgott und Halbtier war, großgezogen worden sind. Die vom Zentauren erzogenen Fürsten vereinigen in sich die Tiernatur mit der Menschennatur. Gewöhnliche Menschen können keine Freiheit ertragen und fürchten sie mehr als den Tod; wenn sie aber ein Verbrechen begehen, so stürzen sie augenblicklich unter der Last der Gewissensbisse zusammen. Nur der vom Schicksal erwählte Held hat die Kraft, die Freiheit zu ertragen. Nur er allein kann das Gesetz ohne Furcht und Gewissensbisse verletzen und selbst im Bösen unschuldig sein, wie ein Tier und wie ein Gott! Heute habe ich zum erstenmal in Cesare diese Freiheit – das Siegel des Auserwählten – bemerkt!« »Ja, jetzt verstehe ich Euch, Niccolo,« sagte der Künstler nachdenklich. »Doch glaube ich, daß nicht der frei ist, der gleich Cesare alles wagt, weil er nichts weiß und nichts liebt, sondern der, der alles wagt, weil er alles weiß und alles liebt. Nur durch diese Freiheit können Menschen das Gut und Böse, das Oben und Unten, alle irdischen Hindernisse und Grenzen und die Schwere überwinden, wie die Götter sein und fliegen lernen ...« »Fliegen?« fragte Niccolo erstaunt. »Wenn sie das vollkommene Wissen besitzen werden,« erklärte Leonardo, »so werden sie auch Flügel schaffen, eine Flugmaschine erfinden. Ich habe schon viel darüber nachgedacht. Vielleicht gelingt es mir auch nicht, aber es ist ganz gleich: menschliche Flügel werden einmal erfunden werden, wenn nicht von mir, so von jemand anderem.« »Nun, ich gratuliere!« lächelte Niccolo. »Jetzt sind wir gar bei geflügelten Menschen angelangt. Bei meinem Fürsten, dem Halbgott und Halbtier, werden sich die Vogelflügel nicht schlecht ausnehmen! Das nenne ich eine wirkliche Chimäre!« Auf einem nahen Turme schlug die Uhr. Niccolo sprang hastig auf und eilte ins Schloß, um etwas über die bevorstehende Hinrichtung der Verschwörer zu erfahren. XV. Die Fürsten Italiens gratulierten Cesare zu dem »schönsten Betrug«. Ludwig XII. nannte die Falle von Senigaglia »eine Tat, die eines alten Römers würdig ist«. Die Markgräfin von Mantua, Isabella Gonzaga, schickte dem Herzog zum Geschenk hundert bunte seidene Larven zum bevorstehenden Karneval. »Glorreichste Signora, verehrungswürdige Frau Gevatterin und geliebteste Schwester!« lautete der Antwortbrief des Herzogs: »Wir haben die hundert von Ew. Durchlaucht Uns zum Geschenk gemachten Larven erhalten. Sie waren Uns sehr angenehm wegen ihrer ungewöhnlichen Eleganz und Verschiedenheit, insbesondere aber, weil das Geschenk zu der passendsten Zeit und am passendsten Ort eingetroffen ist, als ob Ew. Herrlichkeit die Bedeutung und die Reihenfolge Unserer Handlungen vorausgeahnt hätten. Mit Gottes Hilfe haben wir an einem Tage die Stadt und das Land Senigaglia mit allen Festungen erobert, die bösen Verräter und Feinde, wie sie es verdient hatten, hingerichtet, Castello, Fermo, Cisterna, Montone und Perugia vom Joche der Tyrannen befreit und dem heiligsten Vater, dem Statthalter Christi unterworfen. Die gesandten Larven sind Unserm Herzen auch als aufrichtiger Beweis der schwesterlichen Gewogenheit Ew. Durchlaucht doppelt angenehm.« Niccolo behauptete lachend, daß die Füchsin Gonzaga dem Fuchse Borgia, dem Meister in aller Verstellungskunst, kein passenderes Geschenk hätte schicken können, als diese hundert Larven. XVI. Anfang März 1503 war Cesare nach Rom zurückgekehrt. Der Papst schlug den Kardinälen vor, dem Helden die höchste Auszeichnung, die die Kirche an ihre Verteidiger zu vergeben hatte, die Goldene Rose, zu verleihen. Die Kardinäle stimmten zu und die Zeremonie der Verleihung fand schon nach zwei Tagen statt. Im ersten Stock des Vatikans, im Saale der Hohenpriester, dessen Fenster auf den Hof des Belvedere gingen, versammelten sich die römische Kurie und die Gesandten der Großmächte. In einem von Edelsteinen strahlenden Pluviale, mit einer dreimal gekrönten, von Pfauenfederwedeln umfächelten Tiara auf dem Kopfe, stieg ein wohlbeleibter, rüstiger siebzigjähriger Greis mit gutmütig-majestätischem, wohlgestaltetem Gesicht die Thronstufen empor. Es war Papst Alexander\  VI. Die Trompeten der Herolde begannen zu schmettern. Der erste Ceremoniere, der Deutsche Johannes Burchard, gab ein Zeichen, und in den Saal traten die Waffenträger, Pagen, Läufer und Leibtrabanten des Herzogs, und der Oberbefehlshaber seines Lagers, Messer Bartolomeo Capranica mit dem entblößten, aufrecht getragenen Schwert des Bannertägers der Römischen Kirche in der Hand. Das untere Drittel des Schwertes war vergoldet und mit fein gravierten Darstellungen verziert: da war eine thronende Göttin der Treue mit der Inschrift: »Treue ist stärker denn Waffen«; Julius Cäsar im Triumphwagen mit der Inschrift: » Aut Caesar, aut nihil «; der Übergang über den Rubicon mit der Inschrift: »Der Würfel ist gefallen«; und schließlich nackte, junge Priesterinnen, die dem Stiere oder Apis des Hauses Borgia opferten und über einem eben abgeschlachteten Menschenopfer Weihrauch verbrannten; die Inschrift auf dem Altar lautete: » Deo Optimo Maximo hostia – ein Opfer dem allgütigen, allmächtigen Gott.« Darunter: » In nomine Caesaris omen .« Das dem göttlichen Tier dargebrachte Menschenopfer hatte einen schrecklichen Sinn, denn diese Zeichnungen waren zu jener Zeit bestellt worden, als Cesare den Entschluß bereits gefaßt hatte, seinen Bruder Giovanni Borgia zu ermorden, um sich das Schwert des Kapitäns und des Bannerträgers der Römischen Kirche anzueignen. Dem Schwerte folgte der Held. Er trug einen hohen Herzogshut, von der Taube des Heiligen Geistes, die aus Perlen zusammengesetzt war, überschattet. Er näherte sich dem Papste, nahm sein Barett ab, kniete und küßte das mit Rubinen gestickte Kreuz auf dem Schuh des Heiligen Vaters. Kardinal Monreale reichte seiner Heiligkeit die Goldene Rose – ein Wunder der Goldschmiedekunst. Zwischen den goldenen Blättern der Mittelblüte war ein kleines Gefäß verborgen, angefüllt mit wohlriechendem Öl, das den Duft zahlloser Rosen verbreitete. Der Papst erhob sich und sprach mit vor Rührung bebender Stimme: »Empfange, mein vielgeliebtes Kind, diese Rose, ein Symbol der Freude der beiden Jerusalem, des himmlischen und des irdischen, der streitbaren und sieghaften Kirche, der unaussprechlichen Blüte, der Seligkeit der Gerechten, der Schönheit der unvergänglichen Kronen, auf daß auch deine Tugend in Christo erblühe, wie die Rose, die am Ufer vieler Gewässer blüht. Amen.« Cesare empfing aus den Händen seines Vaters die geheimnisvolle Rose. Der Papst konnte sich nicht länger beherrschen, wie sich ein Augenzeuge ausdrückte »ließ er sich von der Stimme des Blutes leiten«. Zur großen Entrüstung des steifen Burchards verletzte er das Zeremoniell, indem er sich bückte und die zitternden Hände seinem Sohne entgegenstreckte; sein Gesicht verzog sich, sein dicker Körper zitterte. Er spitzte seine fleischigen Lippen und lallte, sich nach Greisenart verschluckend: »Mein Kind! ... Cesare... Cesare! ...« Der Herzog mußte seine Rose dem neben ihm stehenden Kardinal Climenta übergeben. Der Papst umarmte stürmisch seinen Sohn, drückte ihn an sein Herz, lachte und weinte. Wieder schmetterten die Trompeten der Herolde, die Glocke von St. Peter erdröhnte und die Glocken sämtlicher Kirchen Roms und die Kanonen der Engelsburg fielen mit ihrem Donner ein. »Es lebe Cesare!« schrie die im Belvederehof aufgestellte romagnolische Garde. Der Herzog trat auf den Balkon, um sich dem Heere zu zeigen. Wie er in seinen purpurnen und goldenen Gewändern, mit der aus Perlen zusammengesetzten Taube des heiligen Geistes über dem Haupte, mit der geheimnisvollen Rose, der Freude der beiden Jerusalem, in der Hand, unter dem blauen Himmel in den Strahlen der Morgensonne stand, da erschien er der Menge nicht als Mensch, sondern als Gott. XVII. Nachts wurde ein prunkvoller Maskenzug nach dem auf dem Schwerte Valentinos dargestellten »Triumph des Julius Cäsar« veranstaltet. Auf einem Wagen, der die Inschrift »Göttlicher Cäsar« trug, thronte der Herzog der Romagna mit einem Palmenzweige in der Hand, mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf. Der Wagen war von Soldaten begleitet, die als römische Legionäre verkleidet waren und eiserne Adler und Bündel von Spießen trugen. Alles war mit großer Genauigkeit den Darstellungen in den Büchern, auf Denkmälern, Basreliefs und Medaillen nachgebildet. Vor dem Wagen trug ein mit dem langen weißen Gewand eines ägyptischen Hierophanten bekleideter Mann ein Banner, auf dem der heraldische rote Stier des Hauses Borgia, der Apis und Beschützer des Papstes Alexander VI., mit Purpur und Gold gemalt war. Mit silbernen Tuniken bekleidete Jünglinge sangen: Vive diu Bos! Vive diu Bos! Borgia vive! Es lebe der Stier! Es lebe der Stier! Borgia lebe! Hoch über den Köpfen der Menge ragte in den gestirnten Himmel das von flackernden Fackeln beleuchtete Götzenbild des Tieres, blutrot wie die aufgehende Sonne. Unter den Zuschauern befand sich auch Leonardos Schüler Giovanni Beltraffio, der soeben aus Florenz nach Rom zu seinem Meister gekommen war. Als er das scharlachfarbene Tier sah, mußte er an die Worte der Apokalypse denken: »Und beteten das Tier an und sprachen: wer ist dem Tiere gleich? und wer kann mit ihm kriegen? »Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. »Und an ihrer Stirn geschrieben einen Namen, ein Geheimnis: Die große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden.« Und wie der, der einst diese Worte schrieb, so verwunderte sich auch Giovanni sehr, da er das Tier sah. Dreizehntes Buch Das scharlachfarbene Tier I. Leonardo besaß einen Weinberg in Fiesole bei Florenz. Ein Nachbar wollte ihm ein Stück dieses Besitzes wegprozessieren. Der Künstler, der sich damals in der Romagna befand, beauftragte Giovanni Beltraffio mit dieser Sache und berief ihn Ende März 1503 zu sich nach Rom. Unterwegs machte Giovanni einen Abstecher nach Orvieto, um sich die berühmten, eben erst vollendeten Fresken Luca Signorellis im Dome anzusehen. Eine dieser Fresken stellte die Ankunft des Antichrist dar. Giovanni war über das Gesicht des Antichrist sehr erstaunt. Zuerst erschien es ihm böse; als er es aber genauer angeschaut hatte, sah er, daß es nicht Bosheit, sondern unendliches Leid ausdrückte. Die klaren Augen mit dem schweren und sanften Blick spiegelten die letzte Verzweiflung der Weisheit, die sich von Gott losgesagt hat. Trotz seiner häßlichen spitzen Satyrohren und der gekrümmten Finger, die Tierkrallen glichen, war er schön. Und Giovanni sah, wie einst in seiner Fieberphantasie, unter diesem Gesicht ein anderes göttliches Gesicht, das dem ersten entsetzlich glich, hervorlugen. Er wollte es erkennen und wagte es nicht. Auf dem gleichen Bilde war links der Untergang des Antichrist dargestellt. Der Feind des Herrn war auf unsichtbaren Flügeln in den Himmel geflogen, um den Menschen zu zeigen, daß er der Menschensohn sei, der da in Wolken naht, um die Lebendigen und Toten zu richten. Ein Engel aber stürzte ihn in den Abgrund. Dieser mißlungene Flugversuch, diese menschlichen Flügel riefen in Giovanni die alten schrecklichen Gedanken über Leonardo wach. Zugleich mit Giovanni stand vor den Fresken ein feister, gemästeter, etwa fünfzigjähriger Mönch und sein Begleiter, ein hagerer Mensch von unbestimmbarem Alter mit hungrigem und dabei lustigem Gesicht; seiner Kleidung nach ein herumziehender Kleriker von denen, die man in früherer Zeit fahrende Schüler, Vaganten oder Galiarden nannte. Giovanni machte ihre Bekanntschaft und sie setzten die Reise zusammen fort. Der Mönch war ein Deutscher aus Nürnberg, gelehrter Bibliothekar an einem Augustinerkloster und hieß Thomas Schweinitz. Er reiste nach Rom, um einige Mißverständnisse über streitige Benefizien und Prebenden aufzuklären. Sein Reisegefährte war gleichfalls ein Deutscher; er stammte aus Salzburg, hieß Hans Plater und diente ihm als Sekretär, als Narr und Stallknecht zugleich. Unterwegs sprachen sie über Kirchenangelegenheiten. Mit großer Ruhe und wissenschaftlicher Klarheit bewies Schweinitz die Unhaltbarkeit des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes und versicherte, daß in höchstens zwanzig Jahren ganz Deutschland sich erheben und das Joch der römischen Kirche abschütteln würde. »Dieser wird nie sein Leben für den Glauben opfern,« dachte sich Giovanni, das satte, runde Gesicht des Nürnberger Mönches betrachtend, »er wird nie gleich Savonarola ins Feuer gehen, wer weiß, vielleicht aber ist er der Kirche noch gefährlicher.« Bald nach seiner Ankunft in Rom begegnete Giovanni eines Abends auf dem Petersplatze dem Hans Plater. Der fahrende Schüler führte ihn in die nahe Sinibaldi-Gasse, wo sich eine Menge Herbergen für deutsche Pilger befanden, sie kehrten in dem kleinen Weinkeller zum Silbernen Igel ein, der dem Böhmen Jan dem Lahmen, einem Hussiten, gehörte. Dieser nahm in seinem Keller seine Gesinnungsgenossen gastfreundlich auf und bewirtete sie mit auserlesenen Weinen. Außerdem versammelten sich hier die heimlichen Feinde des Papstes, die Freigeister, die die große Erneuerung der Kirche herbeiwünschten, und deren Zahl von Tag zu Tag anwuchs. Jan hatte in seinem Wirtshaus ein Hinterstübchen, in das nur die Auserwählten eingelassen wurden, hier war eine große Gesellschaft versammelt. Thomas Schweinitz saß auf dem Ehrenplatz, am oberen Ende der Tafel, den Rücken an ein Weinfaß gelehnt, die dicken Hände auf dem dicken Bauche gefaltet, sein aufgedunsenes Gesicht mit dem Doppelkinn war unbeweglich. Die kleinen, vom Trinken trüben Augen fielen zu; er hatte wohl über den Durst getrunken. Ab und zu näherte er sein Glas der Kerzenflamme und ergötzte sich an dem blaßgoldenen Glanze des Weines im geschliffenen Kristallbecher. Ein Mönch, namens Fra Martino, der zufällig in die Gesellschaft hineingeraten war, erging sich in seiner Entrüstung über die Bestechlichkeit der Kurie in eintönigen Lamentationen: »Das läßt man sich einmal, höchstens zweimal gefallen. Aber immer und immer wieder blechen – wer hält es auf die Dauer aus? Besser ist es, Straßenräubern in die Hände zu fallen, als den hiesigen Prälaten. Es ist ja Raub am hellichten Tage! Den Penitentiarius muß man bestechen, und den Protonotarius, und den Cubicularius, den Hostiarius, den Stallknecht, den Koch und den Mann, der bei ihrer Hochwürden, der Mätresse des Kardinals, die Nachttöpfe leert. Daß Gott verzeihe! Es ist genau so, wie es im Liede heißt: Ihren Christ verkaufen sie Die Ischariote.« Hans Plater erhob sich mit feierlicher Miene. Als alle verstummt waren und auf ihn die Blicke gerichtet hatten, rezitierte er gedehnt, wie man in der Kirche die Evangelien liest: »Da traten zum Papste seine Schüler, die Kardinäle, und fragten ihn: ›Was sollen wir tun, um gerettet zu werden?‹ Alexander antwortete und sprach: ›warum fraget ihr noch? Es steht geschrieben und ich wiederhole es euch: Du sollst Gold und Silber mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und den Reichen wie dich selbst lieben, wenn ihr dies befolgt, werdet ihr lang leben auf Erden.‹ Und der Papst setzte sich auf seinen Thron und sagte: ›Selig sind die Reichen, denn sie können mein Antlitz schauen? selig sind, die da Gaben bringen, denn ich nenne sie meine Söhne; selig sind, die da im Namen des Goldes und des Silbers nahen, denn ihrer ist die päpstliche Kurie, wehe dem Armen, der mit leeren Händen kommt; ihm wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist.‹ Und die Kardinale antworteten und sprachen: ›Dieses werden wir erfüllen.‹ Und der Papst sprach: ›Meine Kinder, ich gebe euch ein Beispiel; wie ich die Lebenden und Toten ausgeraubt habe, so sollt ihr es auch tun.‹« Alle lachten. Der Orgelbauer Otto Marpurg, ein ehrwürdig aussehender Greis, mit einem kindlichen Lächeln auf dem Gesicht, der bisher stumm in einem Winkel gesessen hatte, holte aus der Tasche einige sorgfältig zusammengefaltete Blätter hervor und machte den Vorschlag, eine soeben in Rom erschienene und in zahlreichen Abschriften verbreitete Satire auf Alexander\  VI . vorzulesen. Die Satire hatte die Form eines anonymen Briefes an den Würdenträger Paolo Savelli, der zum Kaiser Maximilian geflohen war, um den Verfolgungen des Papstes zu entrinnen. Sie enthielt ein langes Register aller im Hause des Heiligen Vaters verübten Greuel und Schandtaten, von der Simonie bis zum Brudermord Cesares und der Blutschande des Papstes mit seiner eigenen Tochter Lucrezia. Das Schreiben schloß mit einer Aufforderung an alle Fürsten Europas sich zu vereinigen und diese »Ungeheuer, Tiere in Menschengestalt« zu vernichten. »Der Antichrist ist gekommen, denn der Glaube und die Kirche des Herrn haben noch nie solche Feinde gehabt, wie es Alexander\  VI. und sein Sohn Cesare sind.« Nach diesem Vortrag wurde die Frage, ob der Papst wirklich der Antichrist sei, erörtert. Die Meinungen waren verschieden. Der Orgelbauer Otto Marpurg gestand, daß er sich schon viel mit dieser Frage abgegeben hätte und zu dem Ergebnis gekommen sei, daß nicht der Papst, sondern sein Sohn Cesare, der, wie allgemein angenommen wurde, nach dem Tode des Vaters Papst werden sollte, der wahre Antichrist sei. Fra Martino behauptete, indem er sich auf einen Passus im Buche »Die Himmelfahrt Isais« berief, daß der Antichrist zwar Menschengestalt haben, in Wirklichkeit aber kein Mensch, sondern ein körperloser Geist sein werde, denn auch nach den Worten des heiligen Cyrillus von Alexandrien sei »der Sohn der Verderbnis, der da in der Finsternis naht und Antichrist genannt wird, – der Satan selbst, der große Drache, der Engel Belial, der Herr der Erde, der in diese Welt gekommen ist«. Thomas Schweinitz wandte kopfschüttelnd ein: »Ihr irrt, Fra Martino. Johannes Chrysostomos sagt ja ausdrücklich: ›Wer ist dieser? Der Satan? – Keineswegs, sondern ein Mensch , der alle Macht des Satans angenommen hat, denn in ihm sind zwei Naturen vereinigt: die menschliche und die teuflische.‹ Übrigens ist weder der Papst, noch Cesare der Antichrist, denn dieser muß der Sohn einer Jungfrau sein...« Zur Bekräftigung seiner Ansicht zitierte Schweinitz einen Passus aus dem Werke des Hyppolitus »vom Ende der Welt«, und die Worte Ephraims des Syrers: »Der Teufel wird eine Jungfrau aus dem Stamme Dans verführen, die wollüstige Schlange wird in ihren Leib eindringen, und sie wird empfangen und gebären.« Alle wandten sich nun mit ihren Zweifeln und Fragen an Schweinitz. Der Mönch erzählte ihnen von der Ankunft des Antichrist, wobei er sich auf die heiligen Hieronymus, Cyprianus, Irenäus und viele anderen Kirchenväter berief. »Die einen behaupten, daß er wie Christus in Galiläa, die anderen, daß er in der großen Stadt, die man im Geiste Babylon oder Sodom und Gomorrha nennt, geboren werden wird. Sein Gesicht wird wie das Gesicht eines Werwolfes sein und vielen als das Antlitz Christi erscheinen. Er wird viele Zeichen und Wunder tun. Er wird befehlen, und das Meer wird stille werden, er wird befehlen, und die Sonne wird erlöschen, die Berge werden sich verrücken und Steine zu Broten verwandelt werden. Er wird die Hungrigen speisen, die Kranken, die Stummen, die Blinden und die Lahmen heilen. Ob er auch die Toten auferwecken wird, weiß ich nicht; im dritten Sibyllinischen Buch heißt es zwar, er würde sie auferwecken, doch die heiligen Kirchenväter bezweifeln es. Ephraim sagt: ›Aber die Geister hat er keine Gewalt – Non habet postestatem in Spiritus .‹ Und alle Völker von allen vier Winden werden zu ihm strömen, auch Gog und Magog werden kommen, und die Erde wird weiß werden von ihren Zelten, und das Meer von ihren Segeln. Und er wird sie um sich versammeln und wird zu Jerusalem im Tempel des allerhöchsten Gottes thronen und sprechen: ›Ich bin der Seiende, ich bin Sohn und Vater.‹« »Sieh mal einer an! So ein verfluchter Hund!« rief Fra Martino, der sich nicht länger beherrschen konnte, mit der Faust auf den Tisch schlagend. – »Wer wird ihm denn glauben? Ich meine, Fra Thomas, daß selbst unmündige Kinder nicht auf den Schwindel hereinfallen werden!« Thomas schüttelte wieder den Kopf. »Viele werden ihm glauben und von der Larve der Heiligkeit verführt werden. Denn er wird sein Fleisch abtöten, Keuschheit bewahren, sich mit keinem Weibe verunreinigen, kein Fleisch essen und nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere und alle Geschöpfe barmherzig sein, wie ein Waldhuhn wird er eine fremde Brut mit trügerischen Worten in sein Nest locken und sagen: ›Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken ...« »Wenn es so ist, wer wird ihn dann erkennen und überführen?« fragte Giovanni. Der Mönch sah ihn lange durchdringend an und antwortete: »Ein Mensch kann es nicht, vielleicht nur Gott. Selbst die Gerechtesten unter den Gerechten werden ihn nicht erkennen, denn ihr Geist wird getrübt werden und ihre Gedanken werden verwirrt werden und sie werden nicht unterscheiden, wo Licht und wo Finsternis ist. Und eine Trauer, wie sie noch nie auf Erden war, wird die Völker der Erde befallen. Und die Menschen werden zu den Bergen sprechen: ›Fallet über uns und verberget uns.‹ Und sie werden in Angst und in Erwartung der Plagen, die über sie kommen, hinsterben, denn auch die himmlischen Kräfte werden erschüttert werden. Und dann wird der auf dem Throne im Tempel des allerhöchsten Gottes Sitzende sagen: ›Warum ist euch bange und was wollt ihr? Haben denn die Schafe die Stimme ihres Hirten nicht erkannt? Ihr seid ein falsches und hinterlistiges Geschlecht! Ihr wollt ein Zeichen sehen und ich werde euch ein Zeichen geben. Ihr werdet den Menschensohn schauen, der da in den Wolken nahet, um die Toten und Lebenden zu richten.‹ Da wird er große, mit teuflischer List eingerichtete Flügel nehmen und wird sich unter Donner und Blitz in den Himmel schwingen, von seinen Schülern, die Engelsgestalt annehmen werden, umgeben, und er wird fliegen ...« Giovanni hörte blaß, mit vor Schreck erstarrten Augen zu; er dachte an die weiten Falten im Gewande des vom Engel in den Abgrund gestürzten Antichrist auf dem Bilde Luca Signorellis und an ebensolche Falten, die Flügeln eines Riesenvogels gleich an den Schultern Leonardos im Winde flatterten, als er am Rande des Abgrundes auf dem öden Gipfel des Monte Albano stand. Der Scholar, der kein Freund langer gelehrter Unterhaltungen war, hatte sich schon früher in das Gastzimmer zurückgezogen; dort erklang plötzlich Geschrei, Mädchenlachen, Getrampel, Lärm umgeworfener Stühle und Klirren zerschlagener Gläser: Hans, der bereits angeheitert war, vergnügte sich mit der hübschen Kellnerin. Plötzlich wurde alles still, – wahrscheinlich hatte er sie eingefangen und geküßt und auf seine Knie gesetzt. Zu den Tönen einer Laute erklang das alte Lied: Holde Hebe, liebes Kind, Wunderschöne Rosa, Ave, ave sing ich dir Virgo gloriosa! Unser Wirt ist ja ein Schelm, Wein verschmäht und Most er; Wohler fühle ich mich hier, Als in einem Kloster. Vor des losen Amors Pfeil Und vor Cypris Ketten Kann uns weder die Tonsur, Noch die Kutte retten. Und für einen süßen Kuß Geb ich hin mein Leben. Holde Hebe, schenk mir ein süßen Saft der Reben. Kirchenväter fürcht' ich nicht, Noch der Teufel Locken. Übertönt in Rom das Gold Doch die Kirchenglocken! Rom ist jetzt ein Räubernest, Eine trübe Pfütze. Für die Kirche ist der Papst Eine faule Stütze. Liebes Mädchen, küsse mich! Dum vinum potamus – Bacchus, höre unser Lied: Te deum laudamus! Thomas Schweinitz lauschte andächtig dem Liede und sein fettes Gesicht erstrahlte in einem seligen Lächeln. Er erhob seinen Becher mit dem leuchtenden, blaßgoldenen Wein und fiel mit seiner hohen zitternden Stimme in das alte Lied der fahrenden Schüler, Vaganten und Galiarden, der ersten Empörer gegen die römische Kirche, ein: Bacchus, höre unser Lied: Te deum laudamus! II. Leonardo beschäftigte sich im Krankenhause San Spirito mit Anatomie. Beltraffio half ihm bei der Arbeit. Er merkte, daß Giovanni immer traurig war, und um ihn etwas zu zerstreuen, versprach er ihm einmal, ihn gelegentlich ins Schloß des Papstes mitnehmen zu wollen. Die Spanier und Portugiesen hatten sich um jene Zeit an Alexander VI. gewandt, damit er einige strittige Fragen über ihre Hoheitsrechte in den neuen, von Kolumbus entdeckten Ländern entscheide. Der Papst sollte endgültig jene Grenzlinie bestätigen, die er vor zehn Jahren, bei der ersten Nachricht von der Entdeckung Amerikas durch den Erdball gezogen hatte. Der Papst wollte wegen dieser Frage einige Gelehrte befragen und forderte u. a. auch Leonardo auf, an der Sitzung teilzunehmen. Giovanni lehnte anfangs ab, mitzukommen. Doch siegte schließlich seine Neugier, denn er hatte große Lust, denjenigen zu sehen, über den er so viel gehört hatte. Am nächsten Morgen gingen sie beide in den Vatikan. Durch den großen Saal der Hohenpriester, wo Alexander VI. seinem Sohn Cesare die Goldene Rose verliehen hatte, und durch einige weitere Gemächer gelangten sie in das Audienzzimmer, den Saal Christi und der Gottesmutter, und in das Arbeitszimmer des Papstes. Die Gewölbe und die halbrunden Räume zwischen den Schwibbogen waren mit Fresken von Pinturicchios Hand geschmückt. Es waren Darstellungen aus dem Neuen Testament und dem Leben der Heiligen. Auf den gleichen Wänden hatte der Künstler auch heidnische Mysterien dargestellt. Der Sonnengott Osiris, Jupiters Sohn, steigt vom Himmel herab und vermählt sich mit Isis, der Göttin der Erde. Er lehrt die Menschen Ackerbau treiben, Früchte ernten, Weinreben pflanzen. Die Menschen töten ihn. Er steht wieder auf, steigt aus dem Grabe und erscheint den Menschen als der weiße Stier, der makellose Apis. Wie sonderbar auch in den Räumen des römischen Pontifex diese Zusammenstellung von Bildern aus dem Neuen Testament mit der Vergötterung des Goldenen Stieres der Borgia in der Darstellung des Apis erschien, so wurden doch beide Mysterien, das des Sohnes Jehovas und das des Sohnes Jupiters, von der sie erfüllenden vollkommenen Freude am Dasein wieder ausgesöhnt. Junge, schlanke Zypressen bogen sich im Winde zwischen lieblichen Hügeln, die den Hügeln des sandigen Umbriens glichen; im Himmel schwebten Vögel, und sie umkreisten einander in lenzlichen Liebesspielen; neben der heiligen Elisabeth, welche die heilige Jungfrau mit dem Gruße »Gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes« umarmte, lehrte ein kleiner Page einen Hund Männchen machen. Bei der Vermählung des Osiris mit der Isis ritt ein kleiner Knabe nackt auf einer Opfergans. So atmete alles die gleiche Freude. Zwischen den Blumengewinden, den Engeln mit Weihrauchfässern und Kreuzen, den bockbeinigen tanzenden Faunen mit Thyrsusstäben und Fruchtkörben, – überall wiederholte sich der geheimnisvolle Stier, das goldene und purpurne Tier, dem diese Freude wie einer Sonne zu entströmen schien. »Was ist das?« fragte sich Giovanni. – »Ist es Gotteslästerung oder kindliche Einfalt? Ist denn im Gesichte der Elisabeth, die in ihrem Leibe das Kind hüpfen fühlt, und im Gesichte der Isis, die über dem getöteten Gott Osiris weint, nicht die gleiche heilige Rührung dargestellt? Gleicht denn nicht die Andacht Alexanders VI., der vor dem auferstehenden Herrn kniet, der Andacht der ägyptischen Priester, die den von den Menschen getöteten und als Apis auferstandenen Sonnengott empfangen?« Jener Gott, vor dem die Menschen knien, Hymnen singen, dem sie Weihrauch darbringen, der heraldische Stier des Hauses Borgia, das neuerstandene goldene Kalb, war kein anderer, als der römische Pontifex selbst, von dem die Poeten sangen: Caesare magna fuit, nunc Roma est maxima: Sextus Regnat Alexander; ille vir, iste Deus. Groß war Rom unter Cäsar. Doch größer ist's jetzt: Alexander Borgia herrscht. Er ist Gott, Cäsar nur Mensch. Diese friedliche Aussöhnung zwischen dem Gotte und dem Tiere erschien Giovanni schrecklicher als alle Widersprüche. Er betrachtete die Fresken und lauschte zugleich den Gesprächen der Würdenträger und Prälaten, die in Erwartung des Papstes die Säle füllten. »Woher kommt Ihr, Beltrando?« fragte Kardinal Arborea den Gesandten von Ferrara. »Aus dem Dome, Monsignore.« »Nun, wie steht's? Wie geht es Sr. Heiligkeit? Ist er nicht ermüdet?« »Keine Spur. Er hat die Messe ganz wunderbar gesungen. Majestätisch, salbungsvoll, engelgleich! Mir schien, ich sei nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel unter den Heiligen. Als der Papst den Abendmahlskelch erhob, da kamen mir und auch vielen anderen Tränen.« »An welcher Krankheit ist Kardinal Michele gestorben?« erkundigte sich der erst eben eingetroffene französische Gesandte. »An Speise und Trank, die sein Magen nicht vertragen konnte,« antwortete leise der Datarius Don Juan Lopez, der, wie die meisten Hofbeamten Alexanders VI., ein Spanier war. »Man sagt,« bemerkte Beltrando, »daß Se. Heiligkeit am Freitage, – Michele war am Donnerstag gestorben – den spanischen Gesandten nicht empfangen wollte. Er hatte ihn früher mit Ungeduld erwartet, doch ließ er sich mit dem Schmerz und der Sorge um den verstorbenen Kardinal entschuldigen.« In diesen Gesprächen war alles doppelsinnig: so bestanden die Sorgen, die der Tod des Kardinals Michele dem Papste verursacht hatten, darin, daß er den ganzen folgenden Tag das Geld des Verstorbenen nachzählte; die Speise, die der Magen seiner Hochwürden nicht vertragen konnte, war das berühmte Gift der Borgia – ein weißes, süßes Pulver, das allmählich wirkte und seine tödliche Wirkung in einer genau vorauszubestimmenden Zeit ausübte, oder eine Abkochung aus getrockneten und fein zerriebenen spanischen Fliegen. Der Papst hatte selbst diese einfache und rasche Methode, sich Geld zu verschaffen, erfunden: er verfolgte aufmerksam die Einkünfte seiner Kardinale, und sobald er sah, daß einer genügend reich war; ließ er ihn bei der ersten besten Gelegenheit umbringen, um sich dann zum Erben zu erklären. Man sagte, er mäste sie, wie man Schweine zum Schlachten mästet. Der Zeremonienmeister, der Deutsche Johann Burchard, notierte jeden Augenblick in seinem Tagebuche neben den Beschreibungen von kirchlichen Feiern mit erstaunlicher Kürze den Tod dieses oder jenes Prälaten: »Er hat den Kelch getrunken. – Biberat calicem. « »Ist es wahr, Monsignori,« fragte der Camerarius Pedro Caranza, auch ein Spanier. – »Ist es wahr, daß heute nacht der Kardinal Monreale erkrankt ist?« »Wirklich?« rief Arborea bestürzt. »Was fehlt ihm denn?« »Ich weiß nichts Bestimmtes. Man sagt Übelkeit, Erbrechen ...« »O Gott, Gott!« seufzte Arborea schwer auf und zählte an den Fingern ab: »Die Kardinäle Orsini, Ferrari, Michele, Monreale ...« »Sollte vielleicht die hiesige Luft oder das Tiberwasser der Gesundheit Eurer Hochwürden schädlich sein?« fragte spöttisch Beltrando. »Einer nach dem andern! Einer nach dem andern!« flüsterte Arborea erblassend. »Heute lebt noch der Mensch, und morgen ...« Alle verstummten. Eine neue Schar von Würdenträgern, Rittern, der vom Großneffen des Papstes, Don Rodrigez Borgia, befehligten Leibtrabanten, Camerarier, Cubicularier, Datarier und anderer Beamten der Apostolischen Kurie strömte aus den benachbarten großen Papagallo-Sälen in den Audienzsaal. Durch die Menge ging ein Flüstern: »Der Heilige Vater, der Heilige Vater!« Die Menge geriet in Bewegung und rückte auseinander, eine Straße freimachend. Die Türe ging auf und Papst Alexander\ VI. betrat den Audienzsaal. III. In seiner Jugend war er schön gewesen. Man erzählte, daß er die Fähigkeit besaß, mit einem einzigen Blick in einem Weibe Leidenschaft zu entfachen: als habe seinen Augen eine eigentümliche Kraft innegewohnt, die die Frauen anzog, wie der Magnet Eisen anzieht. Sein Gesicht war zwar vom Alter aufgedunsen, doch hatte es einen majestätischen Ausdruck bewahrt. Seine Gesichtsfarbe war dunkel, sein Schädel war kahl und hatte im Nacken einige Reste von grauen Haaren. Er hatte eine große Adlernase, ein herabhängendes Kinn, kleine lebhafte, schnelle Augen, die von ungewöhnlichem Leben erfüllt waren, und fleischige, weiche, vorstehende Lippen, die seinem Gesicht einen Ausdruck von Wollust, Tücke und zugleich kindlicher Einfalt verliehen. Vergeblich suchte Giovanni in diesem Gesichte etwas Schreckliches oder Grausames. Alexander Borgia trug ein überaus feines höfisches Benehmen und eine angeborene Eleganz zur Schau. Was er auch sagte und tat, stets hatte man den Eindruck, daß alles nur so und nicht anders gesagt oder getan werden mußte. »Der Papst ist siebzig Jahre alt,« berichtete einer der Gesandten, »doch scheint er mit jedem Tag jünger. Die schwersten Sorgen bedrücken ihn nicht länger als einen Tag; sein Temperament ist heiter. Bei allen Handlungen ist er nur um seinen Vorteil besorgt; er trachtet übrigens immer nach dem Ruhme und dem Glücke seiner Kinder.« Die Borgia leiteten ihren Stammbaum von kastilischen Mauren, den Einwanderern aus Afrika ab; die dunkle Hautfarbe, die dicken Lippen und der brennende Blick Alexanders VI. schienen wirklich darauf hinzuweisen, daß in seinen Adern afrikanisches Blut fließe. »Man könnte sich keine bessere Folie für ihn ausdenken,« dachte sich Giovanni, »als diese Fresken Pinturicchios, die den Triumph des alten Apis, des sonnengeborenen Stieres, darstellen.« Der alte Borgia war trotz seiner siebzig Jahre gesund und stark wie ein junger Stier und schien wirklich ein Nachkomme seines Wappentieres, des purpurnen und goldenen Stieres zu sein, des Gottes der Sonne, Freude, Wollust und Fruchtbarkeit. Alexander VI. betrat den Saal in Begleitung des jüdischen Goldschmieds Salomone da Sesso, der den Triumph des Julius Cäsar auf dem Schwerte Cesares dargestellt hatte. Ein besonderes Wohlwollen Sr. Heiligkeit hatte er sich damit erworben, daß er auf einem großen flachen Smaragd nach der Art der alten Gemmen eine Venus Kallipygos geschnitten hatte; diese hatte dem Papste so sehr gefallen, daß er den Edelstein in das Kreuz, mit dem er bei feierlichen Gottesdiensten im St. Peter-Dome das Volk zu segnen pflegte, fassen ließ, so oft er das Kruzifix küßte, küßte er die schöne Göttin. Er war übrigens gar nicht gottlos; er beobachtete nicht nur alle äußeren kirchlichen Gebräuche, sondern er war auch im tiefsten Inneren seiner Seele wirklich gläubig; besonders verehrte er die heilige Jungfrau Maria, die er für seine ständige und eifrige Fürsprecherin vor Gott hielt. Die Lampe, die er jetzt dem Juden Salomone bestellte, war für die Kirche Maria del Popolo bestimmt, der er sie für die Genesung der Madonna Lucrezia gelobt hatte. Am Fenster sitzend, betrachtete er die verschiedenen Edelsteine. Er liebte sie mit wahrer Leidenschaft. Mit den feinen langen Fingern seiner schönen Hand berührte er sie ganz leise und musterte einen nach dem andern, wobei er seine dicken Lippen mit dem Ausdrucke von Begierde und Wollust vorschob. Am besten gefiel ihm ein großer Chrysopras, der dunkler als ein Smaragd war und in geheimnisvollen goldenen und purpurnen Strahlen spielte. Er ließ aus seiner eigenen Schatzkammer eine Schatulle mit Perlen bringen. So oft er die Schatulle öffnete, mußte er an seine geliebte Tochter Lucrezia, die einer blassen Perle glich, denken. Er entdeckte unter den anwesenden Würdenträgern den Gesandten seines Schwiegersohns, des Herzogs Alfonso d'Este von Ferrara, und winkte ihn zu sich heran. »Vergiß also nicht, Beltrando, das Geschenk für Madonna Lucrezia mitzunehmen. Es wäre nicht schön, wenn du zu ihr mit leeren Händen vom Onkel heimkehrtest.« Er nannte sich »Onkel«, weil Madonna Lucrezia in offiziellen Schriftstücken nicht die Tochter, sondern die Nichte Sr. Heiligkeit genannt wurde: der Heilige Vater durfte keine legitimen Kinder haben. Er wühlte in der Schatulle herum, holte eine große, längliche rosafarbige indische Perle, in der Größe einer Haselnuß, von unschätzbarem Wert heraus, hob sie gegen das Licht und betrachtete sie mit entzückten Blicken: er sah, wie schön sie sich im tiefen Ausschnitt des schwarzen Kleides auf dem mattweißen Busen Lucrezias ausnehmen würde; er schwankte plötzlich, ob er diese Perle der Herzogin von Ferrara oder der heiligen Jungfrau schenken solle. Es fiel ihm aber ein, daß es sündhaft sei, der Himmelskönigin das gelobte Geschenk zu versagen; er übergab daher die Perle dem Juden mit der Weisung, sie an der sichtbarsten Stelle der Lampe zwischen dem Chrysopras und dem Karfunkel, einem Geschenk des Sultans, einzusetzen. »Beltrando,« wandte er sich wieder an den Gesandten, »wenn du die Herzogin siehst, so sage ihr, daß ich ihr Gesundheit wünsche und sie bitte, inbrünstig zur Himmelskönigin zu beten. Was Uns betrifft, so befinden Wir Uns, wie du es selbst siehst, dank der Gnade Gottes und der heiligen Jungfrau, Unserer ständigen Fürsprecherin, beim besten Wohlsein, und wir senden ihr Unsern apostolischen Segen. – Das Geschenk für sie bekommst du noch heute abend eingehändigt.« Der spanische Gesandte warf einen Blick in die Schatulle und sagte ehrfurchtsvoll: »Noch nie im Leben habe ich eine solche Menge Perlen gesehen. Ich glaube, hier werden mindestens sieben Weizenmaße sein?« »Acht und einhalb!« berichtigte der Papst stolz. »Auf meine Perlen kann ich wirklich stolz sein. Ich sammele sie seit zwanzig Jahren. Meine Tochter ist ja eine große Liebhaberin von Perlen...« Er kniff das linke Auge zusammen und lachte leise und sonderbar. »Die Kleine weiß, was ihr steht. Ich will,« fügte er feierlich hinzu, »daß meine Lucrezia nach meinem Tode die schönsten Perlen in Italien haben soll!« Er versenkte beide Hände in die Perlen, ließ sie sich durch die Finger gleiten und ergötzte sich an den zarten matten Körnern, die mit blassem Glanz und leisem Knistern herabfielen. »Alles, alles ist für unsere vielgeliebte Tochter!« wiederholte er, sich verschluckend. Plötzlich bemerkte Giovanni in den brennenden Augen des Papstes einen Ausdruck, von dem es ihn kalt überlief, und er mußte an die Gerüchte von der ungeheuerlichen blutschänderischen Leidenschaft des alten Borgia zu seiner leiblichen Tochter denken. IV. Seiner Heiligkeit wurde Cesare gemeldet. Der Papst hatte ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sich berufen: der König von Frankreich hatte durch seinen Gesandten beim Vatikan seinen Unwillen über die feindseligen Absichten des Herzogs von Valentino gegen die Florentiner Republik, die unter dem Protektorate Frankreichs stand, ausdrücken und die Beschuldigung gegen Alexander VI. aussprechen lassen, daß er seinen Sohn in jenen Absichten unterstütze. Als dem Papst sein Sohn gemeldet wurde, warf er dem französischen Gesandten einen heimlichen Blick zu, näherte sich ihm, nahm ihn unter den Arm, flüsterte ihm etwas zu und führte ihn, anscheinend ganz zufällig, zur Türe jenes Zimmers, wo Cesare wartete. Hier ließ er den Gesandten stehen und trat ins Zimmer zu Cesare, wobei er die Türe, anscheinend gleichfalls zufällig, etwas offen ließ, so daß alles, was er mit Cesare besprach, von denen, die in der Nähe der Türe standen und auch vom französischen Gesandten gehört werden mußte. Bald hörte man den Papst zornig schreien. Cesare antwortete ihm anfangs ruhig und ehrfurchtsvoll. Der Alte aber stampfte mit den Füßen und schrie ihn wütend an: »Fort aus meinen Augen! Erhängen sollst du dich, du Hundesohn, du Hurenkind! ...« »Ach, mein Gott! Hört Ihr?« flüsterte der französische Gesandte dem neben ihm stehenden venezianischen Oratore Antonio Giustiniani zu. – »Sie werden noch raufen, der Papst wird ihn schlagen!« Giustiniani zuckte die Achseln, denn er wußte, daß eher der Vater vom Sohne Schläge bekommen würde, als umgekehrt. Seit der Ermordung des Herzogs von Gandia, des Bruders von Cesare, zitterte der Papst vor seinem Sohn, und dabei liebte er ihn noch zärtlicher als zuvor; zum abergläubischen Grauen gesellte sich der väterliche Stolz. Alle wußten noch, wie Cesare einmal den jungen Camerarius Perotto, der sich vor seinem Zorne im Gewande des Papstes versteckt hatte, an der Brust des Vaters erstach, so daß das Blut des Dieners diesem ins Gesicht spritzte. Giustiniani erriet, daß der jetzige Streit nur Betrug sei: sie wollten offenbar den Gesandten gänzlich verwirren und ihm zeigen, daß, wenn der Herzog auch feindselige Absichten gegen die Republik hege, der Papst ihnen jedenfalls ferne stehe. Giustiniani behauptete, daß sie einander in allen Dingen behilflich seien: der Vater täte nie das, was er sagte, und der Sohn sage nie das, was er täte. Der Papst drohte dem forteilenden Herzog mit seinem väterlichen Fluche und mit einer Exkommunikation und kehrte, zitternd vor Aufregung, um Atem ringend und den Schweiß aus seinem geröteten Gesichte wischend, ins Audienzzimmer zurück. In der Tiefe seiner Augen aber leuchtete etwas wie heimliche Lust. Er ging auf den französischen Gesandten zu, nahm ihn wieder beiseite und führte ihn diesmal in die Nische der Türe zum Belvedere. »Ew. Heiligkeit,« begann der höfliche Franzose, sich entschuldigend, »ich wollte durchaus nicht Euren Zorn heraufbeschwören ...« »Habt Ihr es denn gehört?« fragte der Papst mit einfältigem Erstaunen. Er ließ den bestürzten Gesandten nicht zur Besinnung kommen, faßte ihn väterlich am Kinn – was ein Zeichen seines besondern Wohlwollens war – und begann rasch und fließend, mit großer Leidenschaftlichkeit von seiner Ergebenheit gegen den König und von der Lauterkeit der Absichten des Herzogs zu sprechen. Der Gesandte hörte ganz verdutzt und bestürzt zu. Er hatte zwar unwiderlegliche Beweise des Betruges in Händen, doch hätte er in diesem Augenblick eher seinen eigenen Augen mißtraut, als dem Gesichtsausdrucke, den Augen und der Stimme des Papstes. Der alte Borgia log ganz natürlich. Er legte sich seine Lügen nie im voraus zurecht; sie kamen über seine Lippen ganz von selbst, ebenso unschuldig und beinahe unwillkürlich, wie bei einem verliebten Weibe. Er hatte sich diese Fähigkeit durch langjährige Übungen angeeignet und schließlich eine solche Fertigkeit erreicht, daß man ihm glauben mußte, obwohl alle wußten, daß er log und daß der Papst, wie sich Machiavelli ausdrückte, »um so mehr Eide leistete, je weniger er erfüllen wollte«; das Geheimnis der Wirkung seiner Lügen bestand eben darin, daß er auch selbst an sie glaubte, wie ein Künstler an seine Phantasiegebilde. V. Als der Gesandte abgefertigt war, wandte sich Alexander VI. zu seinem ersten Sekretär Francesco Remolino da Ilerda, dem Kardinal von Perugia, der einst der Verurteilung und Hinrichtung des Fra Girolamo Savonarola beigewohnt hatte. Dieser hatte eine bis auf die Unterschrift fertige Bulle über die Einführung der geistlichen Zensur mitgebracht. Diese Bulle war vom Papst selbst entworfen und verfaßt. Es hieß in ihr u. a.: »Wenn wir auch den Nutzen der Druckpresse, als einer Erfindung, die die Wahrheit verewigt und sie allen zugänglich macht, voll anerkennen, so müssen wir doch an den Schaden denken, der der Kirche aus freigeisterischen und verführerischen Werken entstehen kann. Daher verbieten wir, ein Buch ohne Genehmigung der geistlichen Obrigkeit, des Kreisvikars oder des Bischofs zu drucken.« Nachdem die Bulle vorgelesen war, musterte der Papst die Reihen der Kardinäle und richtete an sie die übliche Frage: » Quo videtur ? was ist eure Ansicht?« »Sollte man vielleicht außer gegen die gedruckten Bücher,« schlug Arborea vor, »auch gegen handschriftlich vervielfältigte Werke, wie den anonymen Brief an Paolo 5avelli, Maßregeln ergreifen?« »Ich kenne den Brief,« unterbrach ihn der Papst, »Ilerda zeigte ihn mir.« »Wenn Ew. Heiligkeit ihn schon kennen ...« Der Papst sah ihm gerade in die Augen. Der Kardinal stutzte. »Du wolltest wohl fragen, warum ich keine Untersuchung gegen den Schuldigen eingeleitet habe? Mein Sohn, warum sollte ich meinen Ankläger verfolgen, da er doch nichts als die reine Wahrheit gesprochen hat?« »Heiliger Vater!« rief Arborea entsetzt aus. »Jawohl,« fuhr Alexander VI. mit feierlicher und eindringlicher Stimme fort, – »mein Ankläger hat recht! Ich bin der letzte der Sünder, ein Dieb, ein Wucherer, ein Ehebrecher, ein Mörder! Ich zittere und weiß nicht, wohin ich mein Gesicht vor dem Gericht der Menschen verbergen soll; was werde ich erst vor dem schrecklichen Gericht Christi, da auch der Gerechte kaum der Strafe entrinnen wird, anfangen? ... Doch der Herr lebt und meine Seele lebt! Auch für mich verdammten ist mein Heiland mit Dornen gekrönt, verspottet und gekreuzigt worden, auch für mich ist er am Kreuze gestorben! Ein Tropfen von seinem Blut genügt, um auch einen solchen Sünder, wie ich es bin, reiner als Schnee zu waschen, wer von euch, meine Brüder und Ankläger, hat die Tiefe der göttlichen Barmherzigkeit erforscht, um mir sagen zu können: Du bist verdammt? Die Gerechten mögen sich vor dem Gerichte rechtfertigen; uns Sündern steht nur der weg der Umkehr und Reue offen, denn wir wissen, daß es ohne Sünde keine Reue, ohne Reue keine Rettung gibt. Ich werde sündigen und Buße tun, und wieder sündigen und wieder über meine Sünden weinen, wie der Zöllner und wie die Buhlerin. O Herr, ich bekenne deinen Namen, wie der Schächer am Kreuze! Und wenn mich nicht nur die Menschen, die vielleicht ebenso sündig sind, wie ich, sondern auch die Engel und alle himmlischen Kräfte und Mächte verurteilen und sich von mir abwenden, so werde ich doch nicht schweigen, sondern immer meine Fürsprecherin, die heilige Jungfrau, anrufen; denn ich weiß, daß sie mich begnadigen wird! ...« Sein dicker Leib wurde von dumpfem Schluchzen erschüttert und er, streckte seine Hände zu dem von Pinturicchio über der Türe gemalten Muttergottesbilde aus. Viele glaubten, daß der Künstler, dem Wunsche des Papstes entsprechend, dieser Madonna die Züge der schönen Römerin Julia Farnese, der Geliebten seiner Heiligkeit, der Mutter Cesares und Lucrezias, verliehen hätte. Giovanni sah und hörte und konnte unmöglich begreifen: war es Theater oder Glauben? oder vielleicht beides zugleich? »Eines will ich euch, meine Freunde, noch sagen,« fuhr der Papst fort, »doch nicht zu meiner Rechtfertigung, sondern zum Ruhme des Herrn. Der Verfasser des Briefes an Paolo Savelli nennt mich auch einen Ketzer. Der lebendige Gott sei mein Zeuge, daß ich darin unschuldig bin! Ihr selbst...doch ihr werdet mir ja nie die reine Wahrheit sagen, – aber du, Ilerda, – ich weiß, daß du mich liebst und mein Herz siehst, auch bist du kein Schmeichler, – also sage du mir, Francesco, ganz aufrichtig, bin ich der Ketzerei schuldig?« »Heiliger Vater,« erwiderte der Kardinal mit tiefer Rührung, »kann ich denn dein Richter sein? Selbst deine ärgsten Feinde, wenn sie nur das Werk Alexanders VI. ›Das Schild der heiligen Römischen Kirche‹ gelesen haben, werden zugeben müssen, daß du der Ketzerei nicht schuldig bist.« »Hört ihr?« rief der Papst aus, auf Ilerda weisend und wie ein Kind triumphierend, »wenn er mich freispricht, so wird mich auch Gott freisprechen, von anderen Sünden spreche ich nicht, aber der Freigeisterei, der aufrührerischen Weisheit dieser Zeit und der Ketzerei bin ich nicht schuldig! Ich habe meine Seele mit keinem gottlosen Gedanken oder Zweifel verunreinigt. Unser Glaube ist rein und unerschütterlich. – Diese Bulle von der geistlichen Zensur sei ein neues demantenes Schild zum Schutze der Kirche des Herrn!« Er ergriff die Feder und setzte auf das Pergament mit seiner großen, kindlich plumpen, doch majestätischen Handschrift die Worte: » Fiat. Alexander Sextus episcopus servus servorum Dei . – Es geschehe. Alexander VI., Bischof, Knecht der Knechte des Herrn.« Zwei Zisterziensertracht aus dem apostolischen Kollegium der »Siegeler« – Piombatore, befestigten an der Bulle mittels einer Seidenschnur, die durch einen Einschnitt im Pergament gezogen war, eine Bleikugel und drückten diese mit einer eisernen Zange zu einem stachen Siegel, mit dem Namen des Papstes und einem Kreuze, zusammen. »Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren!« flüsterte Ilerda, seine eingefallenen Augen, in denen wahnsinniger Eifer brannte, zum Himmel erhebend. Er glaubte wirklich, daß, wenn man auf eine Wagschale alle Schandtaten des Borgia legte und auf die andere – diese Bulle von der geistlichen Zensur, so würde die letztere überwiegen. VI. Dem Papste näherte sich sein geheimer Cubicularius und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Borgia verließ mit besorgter Miene den Saal, ging ins Nebenzimmer und gelangte von da aus durch eine kleine unter Wandteppichen verborgene Türe in einen schmalen Gang, der von einer Hängelaterne beleuchtet war. Hier erwartete ihn der Koch des vergifteten Kardinals Momente. Alexander VI. war nämlich zu Ohren gekommen, daß die dem Kardinal verabreichte Menge Gift sich als ungenügend erwiesen hatte und der Kranke genesen könnte. Nachdem der Papst den Koch ausgefragt hatte, gewann er die Überzeugung, daß der Kardinal, trotz der vorübergehenden Besserung in seinem Befinden, in zwei oder drei Monaten sterben werde. Dies war nur vorteilhaft, denn so wurde jeder verdacht beseitigt. »Und doch ist es um den Alten schade!« dachte er. »Er war so lustig, ein angenehmer Gesellschafter und ein treuer Sohn der Kirche.« Er seufzte zerknirscht auf, ließ den Kopf hängen und schob gutmütig seine dicken, fleischigen Lippen vor. Der Papst log nicht: der Kardinal tat ihm wirklich leid, und er wäre glücklich, wenn er ihm sein Geld wegnehmen könnte, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Er begab sich wieder in den Audienzsaal. Als er aber unterwegs im Saale der Freien Künste, der zuweilen als Speisesaal für die Mittagstafel im engen Freundeskreise diente, eine gedeckte Tafel sah, spürte er plötzlich Appetit. Die Teilung der Erdkugel wurde für den Nachmittag verschoben. Se. Heiligkeit lud die Gäste zur Tafel. Der Tisch war mit blühenden weißen Lilien in Kristallgläsern geschmückt. Der Papst liebte diese Blume der Verkündigung, weil ihre jungfräuliche Schönheit ihn an Lucrezia gemahnte. Die Gerichte waren recht bescheiden: Alexander VI. zeichnete sich durch Mäßigkeit in Speise und Trank aus. Giovanni, der unter den Kammerdienern stand, lauschte der Unterhaltung am Tische. Der Datarius Don Juan Lopez brachte die Rede auf den heutigen Streit Sr. Heiligkeit mit Cesare und begann den letzteren eifrig zu verteidigen, als ob er gar nicht wüßte, daß das Ganze nur Komödie gewesen war. Alle stimmten ihm zu und sprachen von den Tugenden Cesares. »Ach nein, nein! redet nicht von ihm!« sagte der Papst kopfschüttelnd, zugleich zärtlich und mißbilligend. »Ihr wißt gar nicht, meine Freunde, was für ein Mensch er ist! Jeden Tag erwarte ich irgendeinen tollen Streich von ihm. Wir werden es noch erleben, daß er uns alle ins Unglück stürzt und auch sich selbst den Hals bricht ...« In seinen Augen leuchtete väterlicher Stolz. »Wem mag er wohl nachgeraten sein? Mich kennt ihr ja: ich bin ein einfacher Mensch, ohne Hintergedanken. Was ich auf dem Herzen habe, das habe ich auch auf der Zunge. Aber Cesare tut immer so geheimnisvoll und verschlossen. Gott allein weiß, was er vor hat. Ihr könnt es mir glauben, Messere: wenn ich ihn anschreie oder auf ihn schimpfe, muß ich oft selbst vor ihm zittern. Ich fürchte mich vor meinem eigenen Sohn! Er ist zwar immer höflich, sogar übertrieben höflich, doch hat er zuweilen einen Blick, daß es einem einen Stich ins Herz gibt ...« Die Gäste verteidigten nun Cesare mit doppeltem Eifer. »Ja, ich weiß, ich weiß,« sagte der Papst mit schlauem Lächeln, »ihr liebt ihn alle wie einen Sohn und nehmt ihn immer gegen Uns in Schutz ...« Alle verstummten, denn sie wußten nicht, welches Lob er von ihnen noch erwarte. »Ihr sagt alle: er ist so und so,« fuhr der Greis fort, und in seinen Augen leuchtete aufrichtiges Entzücken, »ich will es euch aber offen sagen: niemand von euch weiß, was Cesare bedeutet! Hört, meine Kinder, ich will euch das Geheimnis meines Herzens eröffnen. Ich verherrliche in ihm nicht mich, sondern die göttliche Vorsehung. – Es gibt zwei Rom. Das eine versammelte alle Völker und Geschlechter der Erde unter die Gewalt seines Schwertes, wer aber ein Schwert ergreift, muß auch durch ein Schwert umkommen. So mußte dieses Rom untergehen. Die einigende Macht ging unter und die Völker zerstreuten sich über die Erde wie Schafe ohne einen Hirten. Ohne Rom kann aber die Welt nicht bestehen. Das neue Rom wollte die Völker unter die Gewalt des Geistes wieder vereinigen, doch die Völker kamen nicht, denn es steht geschrieben: ›Und er soll sie werden mit einem eisernen Stabe.‹ Denn der geistige Stab allein hat keine Macht über die Völker. Ich bin der erste unter den Päpsten, der der Kirche des Herrn dieses Schwert, diesen eisernen Stab, mit dem die Völker geweidet und zu einer Herde versammelt werden, verliehen hat. Cesare – ist mein Schwert. Jetzt vereinigen sich beide Rom und beide Schwerter; der Papst soll Cäsar und Cäsar soll Papst sein, und im letzten ewigen Rom wird die Herrschaft des Geistes auf der Herrschaft des Schwertes ruhen!« Der Greis verstummte und hob seinen Blick zur Decke, wo das scharlachfarbene Tier in goldenen Strahlen wie eine Sonne leuchtete. Im Saale war es schwül geworden. Der Papst war bereits etwas berauscht, weniger vom Wein, als von den Gedanken über die Größe seines Sohnes. Alle traten auf die Ringhiera, die in den Hof des Belvedere mündete. Die päpstlichen Stallknechte führten gerade die Stuten und Hengste aus den Ställen. »Laß einmal los, Alonso!« rief der Papst dem Oberstallknecht zu. Jener verstand den Befehl und führte ihn sofort aus: Se. Heiligkeit liebte es, der Beschälung der Stuten zuzuschauen. Die Tore der Stallungen wurden geöffnet; unter Peitschenknall und freudigem Gewieher lief in den Hof eine ganze Pferdeherde; die Hengste liefen den Stuten nach und deckten sie. Von Kardinalen und anderen geistlichen Würdenträgern umgeben, ergötzte sich der Papst lange an diesem Schauspiele. Allmählich verfinsterte sich aber sein Gesicht: er dachte daran, daß er noch vor wenigen Jahren dem gleichen Schauspiele in Gesellschaft der Madonna Lucrezia beigewohnt hatte. Er sah das Bild seiner Tochter wie lebendig vor sich: blond, mit blauen Äugen, mit etwas dicken, wollüstigen Lippen, die sie vom Vater hatte, frisch und zart wie eine Perle, unendlich gefügig und still, erkannte sie im Bösen nie das Böse und blieb im letzten Schrecken der Sünde rein und leidenschaftslos. An ihren jetzigen Mann, den Herzog Alfonso d'Este von Ferrara, dachte er mit Empörung und Haß. warum hatte er sie ihm hingegeben, warum hatte er dieser Ehe Zugestimmt? ...   Er seufzte tief auf und ließ das Haupt sinken, als hätte er plötzlich auf seinen Schultern das Joch des Alters verspürt. Dann kehrte er in den Audienzsaal zurück. VII. Hier waren schon Globen, Karten, Zirkel und Kompasse vorbereitet: der Papst sollte jetzt den großen Meridian über den Erdball ziehen, dreihundertsiebzig portugiesische Leguen westlich von den Azorischen Inseln und dem Cap Verde. Man wählte diese Stelle, weil sich hier nach der Behauptung des Kolumbus »der Nabel der Erde« befand, der Ansatz des birnenförmigen Erdballs, der der Saugwarze einer Frauenbrust gleichende, in die Mondsphäre hineinragende Berg, von dessen Existenz ihn der Ausschlag der Magnetnadel, den er bei seiner ersten Reise an dieser Stelle beobachtet hatte, überzeugte. Vom westlichsten Punkt der Küste Portugals einerseits und vom östlichsten Punkt der Küste Brasiliens andererseits wurden gleiche Entfernungen vom Meridian abgemessen. Die Längen dieser Strecken sollten später von Seefahrern und Astronomen mit großer Genauigkeit gemessen und in der Zahl der Tagereisen ausgedrückt werden. Der Papst verrichtete ein Gebet, segnete den Erdball mit jenem Kreuze, in das der Smaragd mit der Venus Kallipygos eingesetzt war und zog mit einem in rote Tinte eingetauchten Pinsel durch den Atlantischen Ozean vom Nordpol zum Südpol die große Friedenslinie: alle bereits entdeckten, wie auch die noch unentdeckten Länder und Inseln östlich von dieser Linie fielen Spanien, die westlich von ihr, Portugal zu. So zerschnitt er mit einer Handbewegung den Erdball wie einen Apfel in zwei Hälften und teilte ihn unter die christlichen Völker. In diesem Augenblick glich der Papst – so schien es Giovanni – in seiner majestätischen Haltung, von seinem Machtbewußtsein erfüllt, jenem weltbeherrschenden Papst-Cäsar, dem Einiger der zwei Reiche des Erdenreiches und des Himmelreiches, dem kommenden Papste, den er vorhin bei der Tafel verkündet hatte. Am Abend dieses Tages gab Cesare in seinen im Vatikan gelegenen Gemächern ein Fest zu Ehren Sr. Heiligkeit und der Kardinäle. Fünfzig von den schönsten römischen »edlen Buhlerinnen« – meretrices honestae – nahmen an dieser Veranstaltung teil. Nach aufgehobener Tafel wurden die Türen und die Fensterläden geschlossen und die großen silbernen Armleuchter von den Tischen genommen und auf den Boden gesetzt. Cesare, der Papst und die Gäste warfen den Buhlerinnen gebratene Kastanien zu, die sie ganz nackt, auf allen Vieren zwischen den brennenden Wachskerzen herumkriechend, auflesen mußten. Sie balgten sich, lachten, schrien und glitten aus, und bald regte sich zu den Füßen Sr. Heiligkeit ein ganzer Haufen brauner, weißer und rosiger Leiber, vom grellen, von unten fallenden Lichte der heruntergebrannten Kerzen überflutet. Der siebzigjährige Papst amüsierte sich wie ein Kind, er warf die Kastanien mit vollen Händen unter die Mädchen, klatschte und nannte die Dirnen seine »Vögelchen« und »Bachstelzen«. Allmählich kam über sein Gesicht der gleiche Schatten wie nachmittags, als er auf der Ringhiera des Belvedere stand: er dachte daran, wie er sich im Jahre 1501 am Vorabende des Allerheiligenfestes in Gesellschaft seiner vielgeliebten Tochter Madonna Lucrezia am gleichen Kastanienspiele ergötzt hatte. Zum Schlusse des Festes begaben sich die Gäste in die Privatgemächer Sr. Heiligkeit, in den Saal des Herrn und der Muttergottes. Hier wurde ein Liebeswettkampf zwischen den Buhlerinnen und den stämmigsten unter den romagnolischen Leibgardisten des Herzogs veranstaltet. Die Sieger erhielten Preise. So wurde im Vatikan der denkwürdige Tag der Römischen Kirche: die Teilung der Erdkugel und die Einführung der geistlichen Zensur gefeiert. Leonardo hatte diesem Feste beigewohnt und alles gesehen. Eine Einladung zu solchen Veranstaltungen galt als höchstes Huldzeichen, und man durfte sie unter keinen Umständen ablehnen. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er noch in derselben Nacht in sein Tagebuch: »Recht hat Seneka, welcher sagt: in jedem Menschen ist ein Gott mit einem Tiere zusammengekoppelt.« Weiter schrieb er neben eine anatomische Zeichnung: »Mir scheint, daß Menschen mit tierischen Seelen und gemeinen Leidenschaften des schönen und komplizierten Körperbaues, wie ihn auch Menschen von großem, beschaulichem Geist haben, nicht würdig sind. Für solche Menschen würde auch ein Sack mit zwei Öffnungen – die eine zur Aufnahme und die andere zur Ausscheidung der Nahrung – genügen; denn sie sind ja wirklich nichts anderes als eine Verdauungsmaschine für Speisen, und nur zum Füllen der Abortgruben tauglich. Nur durch Gesicht und stimme gleichen sie den Menschen, sonst stehen sie aber tiefer als das Vieh.« Am nächsten Morgen traf Giovanni den Meister in der Werkstätte, am heiligen Hieronymus malend. In einer Höhle, die eher einer Löwengrube glich, kniete der Heilige vor einem Kruzifix und schlug sich mit einem Steine vor die Brust mit solcher Kraft, daß der gezähmte Löwe, der zu seinen Füßen lag, ihn mit offenem Rachen anstarrte und dabei wohl gedehnt und eintönig brüllte: das Tier schien Mitleid mit dem Menschen zu haben. Giovanni mußte an ein anderes Bild Leonardos denken – an die weiße Leda mit dem weißen Schwan, an die Göttin der Wollust, die vor seinen Augen auf dem Scheiterhaufen Savonarolas von den Flammen verzehrt worden war. Und wieder und immer wieder fragte er sich: welcher von diesen beiden einander entgegengesetzten Abgründen liegt dem Herzen des Meisters näher? oder sind ihm beide gleich nahe? VIII. Als der Lämmer kam, trat in Rom eine Epidemie des pontischen Sumpffiebers – der Malaria – auf. Ende Juli und Anfang August verging fast kein einziger Tag, an dem nicht mindestens einer von den Beamten des Papstes starb. In den letzten Tagen schien dieser unruhig und traurig. Es war aber nicht die Angst vor dem Tode, sondern seine alte Sehnsucht nach Madonna Lucrezia, was an seinem Herzen nagte. Er hatte auch schon früher Anfälle dieser Sehnsucht, die an Wahnsinn grenzte, gehabt; er glaubte, daß seine blinden, dumpfen wünsche ihn erwürgen würden, wenn er sie nicht sofort erfüllte. Er schrieb ihr Briefe und flehte sie an, wenigstens für einige Tage zu kommen; er hoffte, sie dann mit Gewalt zurückhalten zu können. Sie antwortete, ihr Mann lasse sie nicht reisen. Der alte Borgia hätte sich vor keinem Verbrechen gescheut, um diesen letzten und von ihm am meisten gehaßten Schwiegersohn zu vernichten, wie er schon die anderen Gatten Lucrezias vernichtet hatte. Doch mit dem Herzog von Ferrara war nicht zu spaßen, denn er hatte die beste Artillerie in ganz Italien. Am 5. August besuchte der Papst den Kardinal Adrian auf dessen Landvilla. Beim Nachtmahl aß er trotz der Warnungen der Ärzte die von ihm bevorzugten gewürzten Speisen, trank dazu schweren sizilianischen Wein und erquickte sich lange an der gefährlichen Frische des römischen Abends. Am nächsten Morgen fühlte er sich etwas unwohl, später, wurde erzählt, er hätte an diesem Tage, als er zufällig an ein offenes Fenster trat, zu gleicher Zeit zwei Leichenzüge gesehen – den eines seiner Camerieri und den des Messer Guglielmo Raymondo. Beide Männer waren bei Lebzeiten sehr beleibt gewesen. »Diese Jahreszeit ist für uns wohlbeleibte gefährlich!« soll der Papst gesagt haben. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als eine Turteltaube zum Fenster hereinflog, gegen die Wand prallte und vom Schlage betäubt zu den Füßen Sr. Heiligkeit niederfiel. »Ein schlimmes Vorzeichen! Ein schlimmes Vorzeichen!« flüsterte er erbleichend. Dann zog er sich in sein Schlafzimmer zurück. Nachts bekam er Fieber und Erbrechen. Die Ansichten der Ärzte waren verschieden: die einen nannten die Krankheit ein »tertiäres« Fieber, die anderen Gallensucht, die dritten – »Blutschlag«. In der Stadt munkelte man, der Papst sei vergiftet worden. Mit jedem Tag schwanden seine Kräfte. Am 16. August entschloß man sich, das letzte Mittel anzuwenden: der Kranke bekam ein Pulver aus zerriebenen Edelsteinen, das aber machte seinen Zustand noch bedenklicher. Nachts erwachte er und begann auf seiner Brust unter dem Hemd herumzutasten. Alexander VI. hatte in den letzten Jahren stets eine kleine Reliquienkapsel, in Form einer goldenen Kugel, mit Partikeln des Blutes und Leibes des Herrn mit sich herumgetragen. Die Astrologen versicherten ihm, daß er nicht sterben werde, solange er diese Kugel bei sich habe. Ob er sie selbst beiseite geschafft oder ob jemand aus seiner Umgebung, der seinen Tod wollte, sie gestohlen hatte, blieb ein Rätsel. Als er erfuhr, daß sie unauffindbar sei, schloß er hoffnungslos und ergeben die Augen und sagte: »Ich muß also sterben. Es ist das Ende!« Am Morgen des 17. August fühlte er tödliche Ermattung. Er ließ alle das Zimmer verlassen, rief seinen Lieblingsarzt, den Bischof von Vanosa, heran und befragte ihn nach der Heilmethode, die der jüdische Leibarzt des Papstes Innocenz VIII. erfunden haben sollte, und die darin bestand, daß man in die Adern des Sterbenden das Blut von drei Kindern fließen ließ. »Ist es Ew. Heiligkeit bekannt,« fragte der Bischof, »welchen Erfolg dieses Experiment hatte?« »Ich weiß, ich weiß,« lallte der Papst. – »vielleicht ist es aber nur deswegen mißlungen, weil man dazu sieben- und achtjährige Kinder genommen hatte; es heißt, daß es Säuglinge sein müssen...« Der Bischof erwiderte nichts. Die Augen des Kranken waren erloschen. Er phantasierte bereits: »Ja, ganz kleine ... weiße ... Säuglinge ... Ihr Blut ist rein und rot... Ich liebe ja die Kinder. Sinite parvulos ad me venire . Lasset die Kindlein zu mir kommen ...« Diese Worte des sterbenden Statthalters Christi ließen selbst den abgestumpften und an alles gewöhnten Bischof erschaudern. Der Papst suchte und tastete noch immer auf seiner Brust mit der einförmigen, hoffnungslosen und krampfhaften Bewegung eines Ertrinkenden nach der Kapsel mit dem Blute und dem Leibe des Herrn. Während seiner Krankheit hatte er mit keinem Worte seiner Kinder gedacht. Auch die Nachricht, daß Cesare gleichfalls mit dem Tode kämpfe, ließ ihn kalt. Als man ihn fragte, ob er nicht seinen letzten Willen seinem Sohne oder seiner Tochter mitteilen lassen wolle, wandte er sich schweigend ab: diejenigen, die er sein Leben lang mit so wahnsinniger Liebe geliebt hatte, schienen für ihn nicht mehr zu existieren. Freitag, den 18. August früh, beichtete er seinem Beichtvater, dem Bischof von Carinola Piero Gamboa, und empfing von ihm die Sterbesakramente. Gegen Abend las man das Sterbegebet. Der Sterbende versuchte einige Mal etwas zu sagen oder ein Zeichen zu geben. Der Kardinal Ilerda neigte sich zu ihm und verstand die schwachen Töne, die von den Lippen des Papstes kamen: »Rasch, rasch ... das Gebet zur Fürsprecherin ...« Obwohl dies Gebet nach dem Rituale gar nicht über einen Hinscheidenden gelesen werden sollte, erfüllte Ilerda doch die letzte Bitte seines Freundes und las das Stabat Mater Dolorosa: Sei dem Kreuz mit nassen Wangen, Wo ihr liebster Sohn gehangen, Stand sie trostlos und allein. Und in dem beklemmten Herzen Drängten sich die Todesschmerzen Gleich dem Dolche blutend ein. Todesangst sank auf sie nieder, Da sie die zerrissnen Glieder Ihres liebsten Jesu sah!   Jungfrau, der Jungfrauen Zierde, O durch deine Mutterwürde, Litt ich, teil mir mit den Schmerz, Daß ich meines Heilands Leiden, Seinen Tod und bittres Scheiden Immer nehme tief zu Herz! Ich will auch das Kreuz umfangen Und mit seinen Wunden prangen, Als getreuer Liebespflicht. Brennen diese Liebesflammen, Wird er einst mich nicht verdammen, Wenn die Mutter für mich spricht! Die Augen Alexanders VI. erglänzten in einem unaussprechlichen Gefühl, als sähe er schon seine Fürsprecherin vor sich stehen. Mit der letzten Anstrengung streckte er seine Hände aus, fuhr zusammen, richtete sich halb auf, wiederholte mit erlahmender Zunge die Worte: »Wird er einst mich nicht verdammen, wenn die Mutter für mich spricht!« und sank tot in seine Kissen zurück. IX. In der gleichen Zeit schwebte auch, Cesare zwischen Leben und Tod. Sein Leibarzt, der Bischof Gaspare Torella, wandte bei ihm eine ganz ungewöhnliche Heilmethode an: er ließ einem Maultiere den Bauch aufschlitzen und den vom Fieberfrost geschüttelten Kranken in die blutenden und dampfenden Eingeweide des Tieres hineinstecken; gleich darauf wurde er in eiskaltes Walser getaucht. Cesare überstand die Krankheit, was weniger den Heilmitteln, als seinem eisernen Willen zuzuschreiben war. In diesen schrecklichen Tagen bewahrte er vollkommene Ruhe; er verfolgte die Tagesereignisse, nahm Vorträge entgegen, diktierte Briefe und erteilte Befehle. Als ihm der Tod des Papstes gemeldet wurde, ließ er sich durch einen geheimen Gang aus dem Vatikan in die Engelsburg tragen. In der Stadt schwirrten die abenteuerlichsten Gerüchte über den Tod Alexanders VI. Der Gesandte von Venedig, Marino Sanuto, berichtete seiner Republik, daß der sterbende Papst kurz vor seinem Tode einen Affen gesehen hätte, der ihn neckte und im Zimmer umhersprang; als einer der Kardinale den Affen einfangen wollte, hätte der Papst entsetzt ausgerufen: »Laß ihn, laß; es ist ja der Teufel!« Andere erzählten, daß er vor dem Sterben die Worte: »Ich komme, ich komme, warte noch einen Augenblick!« wiederholt hatte: im Konklave, nach dem Tode Innocenz' VIII., soll nämlich Rodrigo Borgia, der spätere Papst Alexander VI., mit dem Teufel einen Pakt abgeschlossen haben, nach dem er ihm seine Seele für zwölf Jahre päpstlicher Macht verkauft hätte. Es wurde auch behauptet, daß eine Minute vor seinem Hinscheiden am Kopfende seines Lagers sieben Teufel erschienen seien und daß sein Körper sofort nach dem Tode in Verwesung übergegangen sei und wie ein Kessel im Feuer zu kochen und zischen angefangen habe; er sei unförmlich, dick und aufgedunsen geworden, hätte jede menschliche Form verloren und sei so schwarz geworden, »wie Kohle oder wie das schwärzeste Tuch, das Gesicht aber wie das eines Negers«. Der Brauch erheischte, daß vor der Beerdigung eines römischen Pontifex im St. Petersdome neun Tage lang Seelenmessen gelesen wurden. Die Leiche des Papstes flößte aber solchen Schrecken ein, daß niemand diese Messen lesen wollte, An seiner Bahre gab es weder Kerzen, noch Weihrauch, weder Mönche, noch Wachen, noch Betende. Man konnte auch lange keine Leichenträger finden, schließlich meldeten sich sechs Taugenichtse, die für ein Glas Wein zu allem bereit waren. Der Sarg erwies sich als zu klein. Daher wurde dem Papste die dreimal gekrönte Tiara vom Kopfe genommen, die Leiche wurde mit einem durchlöcherten Teppich zugedeckt und mit Fußtritten in den zu kurzen und schmalen Kasten hineingezwängt. Es wurde sogar behauptet, der Papst hätte überhaupt keinen Sarg bekommen; man hätte ihm an die Füße einen Strick gebunden und ihn wie einen Tierkadaver oder wie die Leiche eines an der Pest Gestorbenen zur Grube geschleift. Aber selbst nach der Bestattung soll er keine Ruhe gefunden haben: die abergläubische Angst des Volkes wuchs mit jedem Tage an. Es war, als ob sich in der Luft zum todbringenden Hauche der Malaria ein neuer, unbekannter, noch schrecklicherer und unheimlicherer Gestank gesellt hätte. Man wollte im St. Petersdome einen schwarzen Hund gesehen haben, der mit unglaublicher Geschwindigkeit im Kreise herumlief. Die Bewohner des Borgo trauten sich nicht, ihre Häuser nach dem Anbruch der Dämmerung zu verlassen, viele waren davon überzeugt, daß Papst Alexander VI. nicht endgültig gestorben sei, sondern auferstehen und seinen Thron besteigen werde; dann werde auch das Reich des Antichrist beginnen. Giovanni wurde von allen diesen Ereignissen und Gerüchten im Weinkeller des Hussiten Jan des Lahmen in der Sinibalda-Gasse unterrichtet. X. Um diese Zeit arbeitete Leonardo unbeirrt und in voller Zurückgezogenheit an einem Bilde, das er schon vor langer Zeit im Auftrage der Servitermönche für ihre Kirche Santa Maria dell' Annunziata zu Florenz begonnen hatte, während er im Dienste Cesares stand, arbeitete er an diesem Bilde, das die heilige Anna und die Jungfrau Maria darstellte, in seinem gewohnten langsamen Tempo weiter. Die heilige Jungfrau war auf einer Bergwiese mit blauen Spitzen ferner Berge und stillen Seen im Hintergrunde dargestellt. Sie saß nach alter Gewohnheit auf dem Schoße ihrer Mutter Anna und hielt das Jesuskind zurück, das mit einem Lamm spielte: der Knabe hatte das Lamm an den Ohren gepackt und ließ es niederknien, während er in kindlicher Ausgelassenheit ein Beinchen hob, um das Tier zu besteigen. Die heilige Anna glich einer ewig jungen Sibylle. Das Lächeln, das über ihre gesenkten Augen und die seinen geschwungenen Lippen glitt, war geheimnisvoll und verführerisch wie tiefes, durchsichtiges Wasser; dieses Lächeln der Schlangenweisheit erinnerte Giovanni an das Lächeln Leonardos. Das kindlich klare Antlitz Marias an ihrer Seite atmete Taubeneinfalt. Maria war die vollkommene Liebe, Anna die vollkommene Erkenntnis. Maria wußte, weil sie liebte? Anna liebte, weil sie wußte. Beim Betrachten dieses Bildes glaubte Giovanni, den Sinn der Worte des Meisters: »Die große Liebe ist die Tochter der großen Erkenntnis« zum erstenmal voll erfaßt zu haben. Gleichzeitig machte Leonardo Entwürfe und Zeichnungen zu den verschiedensten Maschinen: zu riesengroßen Winden, zu Pumpen, Drahtziehbänken, Sägen zum Zerschneiden des härtesten Gesteins, zu Bohrmaschinen, Walzwerken, Webebänken, Tuchschermaschinen, Tauziehbahnen und Töpferscheiben. Giovanni wunderte sich, daß der Meister die beiden Arbeiten, die an den Maschinen und die an der heiligen Anna, vereinigen konnte. Diese Vereinigung war aber durchaus nicht zufällig. »Ich behaupte,« schrieb er in seinen Elementen der Mechanik, »daß die Kraft etwas Geistiges und Unsichtbares ist; sie ist geistig, weil sie von körperlosem Leben erfüllt ist; und unsichtbar, weil der Körper, in dem sie entsteht, weder sein Gewicht, noch sein Aussehen verändert.« Mit der gleichen Freude beobachtete er, wie sich die Kraft in den Organen einer schönen Maschine – in den Rädern, Hebeln, Federn, Bögen, Treibriemen, Schrauben, Stangen, starken eisernen Wellen und ganz kleinen Radzähnchen, Speichen und Hohlkehlen – fortbewegt und verteilt; so wie auch die Liebe, die geistige, Welten bewegende Kraft, vom Himmel zur Erde, von der Mutter zur Tochter, von der Tochter zum Enkel und zum geheimnisvollen Lamme wandert, ihren ewigen Kreislauf vollendet und zu ihrer Meile zurückströmt. Leonardos Schicksal entschied sich zugleich mit dem Cesares. Cesare, der »große Kenner des Schicksals«, wie ihn Machiavelli nannte, bewahrte seine äußere Ruhe und seinen Mut; und doch wußte er, daß das Glück sich von ihm gewandt hatte. Als seine Feinde von seiner Krankheit und dem Tode des Papstes erfuhren, vereinigten sie sich gegen ihn und entrissen ihm die Römische Campagna. Prospero Colonna näherte sich den Toren der Ewigen Stadt; Vitelli zog gegen Citta-di-Castello, Gian-Paolo Baglioni gegen Perugia; Urbino hatte sich empört. Das zur Wahl eines neuen Papstes versammelte Conclave forderte die Entfernung des Herzogs aus Rom. Alles war erschüttert, alles stürzte zusammen. Alle, die noch vor kurzer Zeit vor ihm gezittert hatten, verspotteten ihn jetzt und freuten sich über seinen Untergang: sie schlugen den sterbenden Löwen mit ihren Eselshufen. Die Poeten verfaßten Epigramme: »Caesar oder ein Nichts!« Vielleicht auch beides? Ein Caesar warst du bereits. Nun kommt auch an die Reihe das Nichts. Leonardo unterhielt sich einmal im Hofe des Vatikans mit dem venetianischen Oratore Antonio Giustiniani, der noch in jenen Tagen, als der Herzog auf dem Gipfel seiner Macht stand, prophezeit hatte, daß er »verbrennen werde wie ein Strohfeuer«. Der Künstler brachte die Sprache auf Machiavelli: »Hat er mit Euch über sein Werk von der Staatswissenschaft gesprochen?« »Gewiß, sogar mehr als einmal. Messer Niccolo geruht natürlich zu scherzen. Er wird sein Werk doch nie veröffentlichen. Darf man dann über solche Dinge schreiben? Den Fürsten Ratschläge erteilen, vor dem Volke die Geheimnisse ihrer Macht enthüllen, beweisen, daß jede Regierung eine unter der Larve von Gerechtigkeit verborgene Willkür ist: das alles ist doch dasselbe, wie den Hühnern die Schlauheit des Fuchses beibringen, oder den Schafen Wolfszähne einsetzen. Gott möge uns vor solcher Politik bewahren!« »Ihr glaubt also, daß Messer Niccolo auf Abwegen ist und daß er früher oder später seine Gesinnung ändern wird?« »Nein, das glaube ich durchaus nicht. Ich bin mit ihm in allen Dingen einverstanden. Man muß wirklich so handeln, wie er sagt; aber nicht so sprechen, wenn er, übrigens das Buch veröffentlicht, so wird er sich damit nur selbst schaden. Der Herr ist ja gnädig: die Schafe und Hühner werden nach wie vor ihren legitimen Fürsten, den Füchsen und Wölfen, trauen, und diese werden Machiavelli einer teuflischen Politik, der Schlauheit des Fuchses und der Wut des Wolfes, beschuldigen. Und so wird alles beim alten bleiben. Wenigstens solange wir leben.« XI. Im Herbste 1503 trat Leonardo in die Dienste des auf Lebenszeit eingesetzten Gonfaloniere der Florentiner Republik, Piero Soderini, der ihn als Kriegsmechaniker ins Pisanische Lager schickte. Belagerungsmaschinen sollte er dort bauen. Der Künstler verbrachte die letzten Tage vor seiner Abreise in Rom. Eines Abends wanderte er auf dem Palatinischen Hügel umher. An dieser Stätte, wo einst die Paläste der Kaiser Augustus, Caligula und Septimius Severus aufragten, heulte jetzt zwischen den Ruinen der Wind, und unter den grauen Olivenbäumen blökten Lämmer und zirpten Grillen. Nach der Menge der Marmorsplitter, die hier herumlagen, konnte man vermuten, daß hier im Schoße der Erde viele Götterbilder von ungeahnter Schönheit ruhen mußten, die wie Tote ihrer Auferstehung harrten. Der Abend war heiter. Die von der sinkenden Sonne beleuchteten Backsteinruinen von Toren, Gewölben und Mauern hoben sich blutrot vom dunkelblauen Himmel ab. Der Purpur und das Gold des Herbstlaubes schienen prunkvoller, als der Purpur und das Gold, das einst die Paläste der römischen Kaiser geschmückt hatte. Leonardo kniete auf dem nördlichen Abhang des Hügels in der Nähe der Garten des Capronicus nieder, um ein altes, fein ornamentiertes Stück Marmor, das im hohen Grase lag, zu betrachten. Auf dem schmalen Pfade zwischen den Sträuchern kam ein Mann zum Vorschein. Leonardo blickte ihn an, erhob sich von den Knien, blickte ihn noch einmal an, näherte sich ihm und rief aus: »Messer Niccolo?« – Ohne seine Antwort abzuwarten, umarmte und küßte er ihn wie einen Bruder. Die Kleidung des Sekretärs der Florentiner Republik schien jetzt noch ärmlicher und abgetragener als in der Romagna: die Regierung der Republik hielt ihn wohl noch immer knapp. Er war magerer geworden, die rasierten Wangen waren eingefallen; der lange, dünne Hals schien länger, die flache, einem Entenschnabel gleichende Nase spitzer und das Feuer in seinen Augen lebhafter geworden zu sein. Leonardo fragte ihn, ob er für längere Zeit nach Rom gekommen sei und in welcher Angelegenheit. Als der Künstler den Namen Cesares erwähnte, wandte sich Niccolo, seinen Blicken ausweichend, von ihm ab. Er zuckte die Achseln und erwiderte kühl, mit geheuchelter Gleichgültigkeit: »Das Schicksal hat mich schon oft zum Zeugen solcher Ereignisse gemacht, daß ich mich über nichts mehr wundere.« Um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, fragte er Leonardo, was er treibe. Als er erfuhr, daß der Künstler in die Dienste der Florentiner Republik getreten sei, machte er eine wegwerfende Handbewegung. »Ihr werdet wenig Freude erleben! Wer weiß, was besser ist: die Schandtaten eines solchen Helden wie Cesare, oder die Tugenden eines solchen Ameisenhaufens wie unsere Republik einer ist. Das eine ist übrigens ebensoviel wert wie das andere. Ich kann Euch genaue Auskunft geben, denn ich glaube etwas von den Vorzügen einer Volksregierung zu verstehen!« sagte er mit bitterem Lächeln. Leonardo erzählte ihm von der Bemerkung, die Antonio Giustiniani über ihn gemacht hatte: von der Fuchsschlauheit, die er den Hühnern beibringen und den Wolfszähnen, die er den Schafen einsetzen wolle. »Er hat nicht so unrecht!« Niccolo brach in ein gutmütiges Lachen aus. »Ich will die Gänse necken! Ich sehe schon, wie mich brave Menschen zum Scheiterhaufen verurteilen werden, weil ich das, was alle stillschweigend tun, auszusprechen wagte. Die Tyrannen werden mich für einen Aufwiegler des Volkes erklären, das Volk – für einen Diener der Tyrannen, die Scheinheiligen – für einen Gottlosen, die Guten – für einen Bösewicht; die Bösen werden mich aber am meisten hassen, denn sie werden glauben, ich sei noch schlechter als sie selbst.« Leise und traurig fügte er hinzu: »Erinnert Ihr Euch noch unserer Gespräche in der Romagna, Messer Leonardo? Ich muß oft an sie denken, und zuweilen scheint mir, daß wir beide das gleiche Schicksal teilen. Die Entdeckung neuer Wahrheiten war und bleibt immer ebenso gefährlich, wie die Entdeckung neuer Länder. Für die Tyrannen, wie für den Pöbel, für die Großen, wie für die Geringen sind wir beide nur heimatlose Vagabunden, ewige Landstreicher, – wir erscheinen ihnen fremd und überflüssig, wer anders geartet ist als alle, der muß auch allein gegen alle kämpfen, denn die Welt ist für den Pöbel erschaffen und von lauter Pöbel bewohnt. – So ist es, mein Freund,« fügte er noch leiser und nachdenklicher hinzu, »es ist langweilig auf der Welt. Das Furchtbarste im Leben ist aber wohl weder Krankheit, noch Sorge, weder Leid, noch Armut, sondern Langeweile...« Sie stiegen schweigend den westlichen Abhang des Palatino hinab und gelangten durch eine enge schmutzige Gasse zum Fuße des Kapitols und zu den Ruinen des Saturnustempels, zu der Stätte, wo einst das Forum Romanum gestanden hatte. XII. Zu beiden Zeiten der alten Heiligen Straße, Sacra Via, vom Triumphbogen des Septimius Severus bis zum Amphitheater der Flavier, zogen sich elende, halb zerfallene Häuschen hin. Man erzählte, daß die Fundamente dieser Häuser zum großen Teil aus Bruchstücken kostbarer Bildwerke, aus den Gliedern olympischer Götter beständen; denn im Laufe vieler Jahrhunderte war das Forum als Steinbruch benutzt worden. Aus den Ruinen heidnischer Tempel lugten scheu und traurig christliche Kirchen hervor. Der ursprüngliche Boden war hier infolge der Anhäufung und Ablagerung von Kehricht, Abfällen und Staub um mehr als zehn Ellen erhöht worden. Und doch ragten noch hier und da einzelne alte Säulen mit Resten von Architraven heraus, die jeden Augenblick einstürzen konnten. Niccolo zeigte seinem Gefährten die Stätten des Römischen Senates, der Kurien und der Volksversammlung. Jetzt hieß dieser Platz die Kuhweide und diente als Viehmarkt. Weiße Ochsen mit starken Hörnern und schwarze Büffel lagen zu Paaren zusammengekoppelt auf der Erde; in den Pfützen grunzten Schweine und winselten Ferkel. Gestürzte Marmorsäulen und Blöcke mit halbverwitterten Inschriften waren von Viehmist bedeckt und von schwarzem, flüssigem Schmutz überschwemmt. Am Triumphbogen des Titus Vespasianus klebte ein mittelalterlicher Ritterturm, das ehemalige Räubernest der Barone Frangipani. Vor dem Bogen befand sich ein Wirtshaus für die Bauern, die zum Viehmarkt kamen. Aus den Fenstern kam Weibergeschrei und Qualm von ranzigem Öl und gebratenen Fischen. An einem Stricke waren Lumpen zum Trocknen aufgehängt. Ein alter Bettler mit einem vom Fieber abgezehrten Gesicht saß auf einem Stein und umwickelte seinen kranken geschwollenen Fuß mit Lappen. Im Innern des Triumphbogens waren rechts und links zwei Basreliefs angebracht; das eine stellte den Kaiser Titus Vespasianus, den Eroberer von Jerusalem, in einem mit einer Quadriga bespannten Triumphwagen dar; das andere die gefangenen, gefesselten Juden mit den Trophäen des Siegers: dem Opferaltar Jehovas, den Schaubraten und dem siebenarmigen Leuchter aus dem Tempel Salomos; oben, in der Mitte der Bogenwölbung, trug ein mächtiger Adler den vergötterten Kaiser zum Olymp empor. Auf der Stirnseite des Tores las Niccolo die noch unversehrte Inschrift: Senatus populusque Romanus divo Tito divi Vespasiani filio Vespasiano Augusto. Die Sonne stand über dem Kapital und ihre letzten blutroten Strahlen fielen durch die bläulichen Wolken des stinkenden Küchenqualms, die gleich Weihrauchwolken in der Luft schwebten, auf den Triumph des Imperators. Niccolo warf noch einen letzten Blick auf das Forum, und sein Herz krampfte sich zusammen, als er vor der Kirche Maria Liberatrice drei einsame weiße Marmorsäulen, vom rosigen Abendsonnenschein übergossen, stehen sah. Das traurige, greisenhaft-lallende Glockengeläute des abendlichen Ave klang wie eine Totenklage über den Fall des Römischen Forums. Sie betraten das Kolosseum. »Jawohl,« sagte Niccolo mit einem Blick auf die riesengroßen Steinquadern in den Mauern des Amphitheaters, »jene Menschen, die solche Bauten auszuführen verstanden, waren doch anders als wir. Nur hier in Rom kann man den großen Unterschied, der zwischen uns und den Alten besteht, voll erfassen, wie konnten wir uns mit ihnen messen! Wir können uns heute gar keinen Begriff davon machen, was es für Menschen waren...« »Ich glaube,« sagte Leonardo langsam, als ob er sich mit Mühe von den ihn beschäftigenden Gedanken losreiße, »ich glaube, Niccolo. daß Ihr Euch irrt. Auch die Menschen von heute haben eine Kraft, die der Kraft der Alten nicht nachsteht; nur ist sie anders beschaffen ...« »Meint Ihr vielleicht die christliche Demut?« »Ja, unter anderem auch die Demut ...« »Vielleicht habt Ihr auch recht,« sagte Niccolo kühl. Auf der untersten, halbzerfallenen Stufe des Amphitheaters machten sie Rast. »Mir scheint,« rief plötzlich Niccolo leidenschaftlich aus, »mir scheint, daß wir Menschen Christus entweder annehmen oder verwerfen müßten. Wir haben aber weder das eine, noch das andere getan und sind weder Christen noch Heiden. So haben wir uns zwischen zwei Stühle gesetzt. Wir sind zu schwach, um gut, und zu feige, um schlecht zu sein. Wir sind weder schwarz, noch weiß, sondern grau. Im ewigen Schwanken zwischen Christus und Belial sind wir so verlogen, so kleinmütig geworden, daß wir heute wohl selbst nicht wissen, was wir wollen und wohin wir streben. Die Alten wußten es und sie taten alles bis ans Ende; sie verstellten sich nicht und nie boten sie ihre linke Backe demjenigen dar, der ihnen einen Streich auf die rechte gab. Als sich aber die Menschen zum Glauben bekehrten, daß man um der himmlischen Seligkeit willen auf Erden jedes Unrecht dulden müsse, bekamen alle Schufte freie Hand und die Möglichkeit, sich ungestraft zu betätigen, was hat denn die Welt so geschwächt und sie an die Schurken ausgeliefert, wenn es nicht diese Lehre war? ...« Seine Stimme bebte, in seinen Augen brannte wahnsinniger Haß und seine Gesichtszüge verzerrten sich wie vor unerträglichem Schmerz. Leonardo schwieg. Durch seinen Kopf zogen klare, kindliche Gedanken; sie waren so einfach, daß er sie gar nicht in Worte kleiden konnte: er schaute zum blauen Himmel empor, der durch die Spalten ins Kolosseum hereinstrahlte, und überdachte, wie nirgends der Himmel so freudig und ewig jung erscheint, als durch die Spalten von Ruinen betrachtet. Einst hatten die Eroberer Roms, die nordischen Barbaren, die nicht einmal verstanden, Erz aus der Erde zu gewinnen, die eisernen Klammern, mit denen die Quadern im Kolosseum verbunden waren, herausgerissen, um das alte römische Eisen in neue Schwerter umzuschmieden; in den Löchern, wo die Klammern angebracht waren, hatten sich Vögel ihre Nester gebaut. Leonardo beobachtete die schwarzen Dohlen, die mit freudigem Geschrei ihr Nachtlager zwischen den Steinen aufsuchten. Und er versenkte sich in die Gedanken an alle die Weltbeherrschenden Kaiser, die diesen Bau errichtet, an die Barbaren, die ihn zerstört hatten und die nicht ahnten, daß sie für diejenigen arbeiteten, von denen geschrieben steht: »sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und der himmlische Vater nähret sie doch.« Er versuchte gar nicht, Machiavelli zu widersprechen, er wußte, daß dieser ihn nicht verstehen würde; denn alles, was für Leonardo Freude war, bedeutete für Niccolo Kummer; sein Honig war für Niccolo Galle, und die Tochter der großen Erkenntnis – Haß. »Wißt Ihr, Messer Leonardo,« sagte Machiavelli, der das Gespräch, wie es seine Gewohnheit war, mit einer scherzhaften Wendung abschließen wollte, »jetzt sehe ich erst, wie sehr alle, die Euch einen Ketzer und einen Gottlosen nennen, im Unrecht sind. Ihr werdet es noch sehen: am Tage des jüngsten Gerichts, wenn man uns in Schafe und Böcke einteilen wird, werdet Ihr unter die demütigen Schafe Christi geraten und zu den Heiligen ins Paradies kommen!« »Und auch zu Euch, Messer Niccolo!« fiel der Künstler ein. »Denn wenn ich in das Paradies komme, so kommt Ihr erst recht hin!« »Nein, nein, ergebenster Diener! Ich trete meinen Platz schon jetzt jedem, der ihn haben will, ab. Ich habe an der irdischen Langeweile schon genug ...« Sein Gesicht wurde plötzlich freudig und gutmütig. »Hört einmal, Freund, welchen bedeutungsvollen Traum ich einmal gehabt habe. Man hatte mich in eine Versammlung von hungrigen und schmutzigen Vagabunden, Mönchen, Dirnen, Sklaven, Krüppeln und Schwachsinnigen gebracht und mir erklärt, dies seien diejenigen, von denen geschrieben steht: ›Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer.‹ Dann wurde ich an einen anderen Ort geführt, wo ich eine Versammlung großer Männer vor mir sah, die dem alten Senat glich; hier waren Feldherren, Kaiser, Päpste, Gesetzgeber und Philosophen, wie Homer, Alexander der Große, Plato und Marc Aurel; sie unterhielten sich über Wissenschaft, Kunst und den Staat. Und es wurde mir gesagt, das sei die Hölle und vor mir sähe ich die armen Sünder, die Gott verworfen hätte, weil sie der Weisheit dieser Welt, die vor dem Herrn Wahnsinn ist, zugetan gewesen wären. Und man fragte mich, wohin ich gehen wolle: ins Paradies oder in die Hölle? Und ich rief aus: ›Natürlich in die Hölle zu den Weisen und den Helden!‹« »Ja, wenn es sich auch in Wirklichkeit so verhält, wie es Euch geträumt, so wäre ich selbst gern dabei...« erwiderte Leonardo. »Nein, jetzt ist es Zu spät! Jetzt könnt Ihr dem Paradiese nicht mehr entrinnen. Man wird Euch mit Gewalt hinschleppen. Für Eure christlichen Tugenden werdet Ihr mit dem christlichen Paradiese belohnt werden.« Als sie das Kolosseum verließen, war es bereits dunkel geworden, hinter der schwarzen Kuppel der Konstantin-Basilika kam der gelbe Mond zum Vorschein, und seine Strahlen zerschnitten die Wolkenschichten, die zart wie Perlmutter waren. Durch den Schleier rauchiger, blauer Dämmerung, der sich vom Triumphbogen des Titus Vespasianus bis zum Kapitol hinzog, erschienen die drei einsamen, bleichen, mondlichtübergossenen Säulen vor der Kirche Maria Liberatrice bleich wie Gespenster und unsagbar schön. Das greisenhaft-lallende Glockengeläute des abendlichen Angelus klang noch trauriger, und es war wie eine Totenklage über den Fall des römischen Forums. Vierzehntes Buch Monna Lisa Gioconda I. Leonardo schrieb in seinem »Traktat von der Malerei«: »Zum Bildnismalen sollst du eine eigene Werkstätte haben: einen länglichen viereckigen Hof, zehn Ellen breit und zwanzig lang, mit schwarz gestrichenen Wänden, einem Dachvorsprung über den Wänden und einem zusammenlegbaren Schutzdach aus Leinen gegen die Sonne. Ohne dieses Leinendach darfst du nur vor der Abenddämmerung oder bei bewölktem Himmel und nebeligem Wetter malen. Denn diese Beleuchtung ist vollkommen.« Einen solchen Hof hatte er sich im Hause des vornehmen Florentiner Bürgers und Kommissarius der Signorie, Ser Piero di Barto Martelli, eines Liebhabers der Mathematik, eines klugen und ihm freundschaftlich gewogenen Mannes, bei dem er wohnte, eingerichtet. Es war das zweite Haus auf der linken Seite der Martelli-Straße, wenn man vom Platze San-Giovanni zum Palazzo Medici geht. Es war an einem windstillen, warmen und nebeligen Tag, Ende Frühjahr 1505. Das Sonnenlicht drang trüb durch den feuchten Wolkenschleier, wie durch Wasser, die Schatten waren zart und schmelzend wie Rauch – es war das von Leonardo bevorzugte Licht, von dem er behauptete, daß es den Antlitzen von Frauen eine besondere Schönheit verleihe. »Kommt sie am Ende doch nicht?« fragte er sich. Er dachte an diejenige, an deren Bild er nun fast drei Jahre mit einer für ihn ganz ungewöhnlichen Ausdauer malte. Er machte die Werkstätte zu ihrem Empfang fertig. Giovanni Beltraffio beobachtete im geheimen seinen Meister und wunderte sich über die beinahe an Ungeduld grenzende Unruhe der Erwartung, die sich des sonst so ruhigen Leonardo bemächtigt hatte. Leonardo ordnete auf den Wandbrettern die verschiedenen Pinsel, Paletten und Farbtöpfe, auf deren Oberfläche der Leim als helle Kruste erstarrt war, und nahm vom Bilde, das auf einer verschiebbaren dreibeinigen Staffelei – dem Leggio – stand, die Hülle herab. Er ließ die Fontäne, die er in der Mitte des Hofes eigens für sie eingerichtet hatte, springen; die Wasserstrahlen trafen eine Reihe gläserner Halbkugeln, die dadurch in Drehung versetzt wurden und dabei eine eigentümliche leise Musik ertönen ließen; auf dem Beete um den Springbrunnen blühten Schwertlilien, ihre Lieblingsblumen, die er mit eigener Hand gepflanzt hatte. Er holte einen Korb mit feingeschnittenem Brot für die zahme Hirschkuh herbei, die sich auf dem Hofe herumtrieb und die sie eigenhändig zu füttern pflegte; dann ordnete er den dicken Teppich vor dem Sessel aus glattem, dunklem Eichenholz mit gegitterter Lehne und Armstützen. Auf diesem Teppich, seinem gewohnten Platz, lag und schnurrte bereits ein weißer Kater von seltener Rasse, den er eigens zu ihrer Unterhaltung angeschafft hatte; der Kater stammte aus Asien und hatte Augen von verschiedener Farbe: das rechte war gelb wie ein Topas, das linke blau wie ein Saphir. Andrea Salaino brachte Noten herbei und begann seine Viola zu stimmen. Etwas später kam auch der andere Musiker, ein gewisser Atalante, den Leonardo noch in Mailand, am Hofe Moros, kennen gelernt hatte, besonders gut spielte er die vom Meister erfundene silberne Laute, die die Form eines Pferdeschädels hatte. Leonardo pflegte in seine Werkstätte die besten Musiker, Sänger, Erzähler, Dichter und die geistreichsten Gesellschafter zu laden, um ihr die Zeit zu vertreiben; denn er wußte, wie langweilig es ist, einem Künstler zu einem Bildnis zu sitzen. Er studierte in ihren Zügen das Spiel der Gedanken und Gefühle, die von Unterhaltung, Erzählungen und Musik hervorgerufen wurden. In der letzten Zeit veranstaltete er solche Unterhaltungen nur noch selten, denn er wußte, daß sie nicht mehr nötig waren und daß sie sich auch ohne fremde Gesellschaft nicht langweilen würde. Nur die Musik, die beide bei der Arbeit anregte, schaffte er nicht ab; denn auch sie arbeitete an ihrem Bildnisse mit. Alles war fertig, sie aber erschien noch immer nicht. »Kommt sie am Ende doch nicht?« dachte er sich. »Das Licht und die Schatten sind heute wie auf meinen Wunsch geschaffen, soll ich sie holen lassen? Sie weiß, daß ich warte; folglich muß sie kommen.« Giovanni sah, wie er immer unruhiger wurde. Plötzlich lenkte ein leiser Lufthauch den Wasserstrahl der Fontäne zur Seite; die Glaskugeln erklirrten und die Blütenblätter der weißen Schwertlilien neigten sich unter dem auf sie herabfallenden Wasserstaub. Die Hirschkuh reckte ihren schlanken Hals und spitzte die Ohren. Leonardo hob den Kopf und lauschte. Giovanni hörte selbst noch nichts, doch las er in den Zügen des Meisters, daß sie kam. Zuerst trat in die Werkstätte mit stiller Verbeugung Schwester Camilla, eine Convertitennonne, die bei ihr wohnte und sie jedesmal zum Künstler begleitete. sie hatte die Eigenschaft, gleichsam unsichtbar zu werden: sie saß immer bescheiden mit ihrem Gebetbuch in der Hand in einer Ecke, hob nie ihren Blick und sprach auch fast nie ein Wort, so daß Leonardo kaum ihre Stimme kannte, obwohl sie schon seit drei Jahren in seine Werkstatt kam. Gleich nach Camilla erschien auch diejenige, die hier von allen erwartet wurde: eine etwa dreißigjährige Frau, in einfacher dunkler Kleidung, mit einem durchsichtigen dunklen Schleier, der bis an die Mitte der Stirne reichte. Es war Monna Lisa Gioconda. Beltraffio wußte, daß sie eine Neapolitanerin aus einem sehr alten Geschlechts, die Tochter des einst reichen, aber nach der französischen Invasion verarmten Edlen Antonio Gerardini und die Gattin des florentiner Bürgers Francesco del Giocondo sei. Der letztere hatte im Jahre 1481 die Tochter eines gewissen Mariano Rucellai geheiratet; diese starb nach zwei Jahren. Darauf heiratete er eine gewisse Tommasa Villani, und als auch diese starb, ging er seine dritte Ehe mit Monna Lisa ein. Als Leonardo ihr Bildnis malte, war der Künstler fünfzig und ihr Gatte, Messer Giocondo, fünfundvierzig Jahre alt. Messer Giocondo war in das Kollegium der Zwölf Buonomini gewählt worden und sollte bald Prior werden; er war ein Durchschnittsmensch, wie man solche überall und immer findet, weder besonders gut, noch besonders schlecht, geschäftstüchtig, sparsam und ganz seinem Amte und der Landwirtschaft ergeben. Die schöne junge Frau betrachtete er als einen angemessenen Schmuck für sein Haus, von der Schönheit Monna Lisas aber verstand er viel weniger, als von den Vorzügen einer neuen Rasse sizilianischer Stiere, oder von den Vorteilen des Einfuhrzolles auf rohe Schafhäute. Man erzählte sich, sie hätte ihn nicht aus Liebe, sondern nach dem Wunsche ihres Vaters geheiratet und sei schon einmal verlobt gewesen, doch hätte ihr Bräutigam auf einem Schlachtfelde einen freiwilligen Tod gefunden. Man erzählte sich auch – vielleicht war es aber nur Klatsch – von anderen leidenschaftlich und hartnäckig, doch stets hoffnungslos in sie verliebten Verehrern. Übrigens konnten böse Zungen, deren es in Florenz genügend gab, ihr nichts schlechtes nachsagen. Monna Gioconda war stets still und bescheiden, hielt streng auf alle Gebräuche der Kirche, zeichnete sich durch Wohltätigkeit aus und war eine gute Hausfrau, treue Gattin und ihrer zwölfjährigen Stieftochter Dianora eher eine wirkliche zärtliche Mutter, als eine Stiefmutter. Das war alles, was Giovanni von ihr wußte. Doch erschien ihm jene Monna Lisa, die in Leonardos Werkstätte kam, als eine ganz andere Frau. Obwohl er sie schon seit drei Jahren kannte, bemächtigte sich seiner bei jedem ihrer Besuche ein sonderbares Gefühl: ein Erstaunen, das an Angst grenzte, wie vor einer Gespenstererscheinung; und dies Gefühl schwand nicht mit der Zeit, es wurde vielmehr tiefer und stärker. Er erklärte es sich zuweilen damit, daß er ihr Gesicht schon so oft auf dem Bilde gesehen habe und daß die Kunst des Meisters so groß sei, daß die lebende Monna Lisa ihm weniger lebend erscheine, als die gemalte. Doch es mußte wohl auch noch einen anderen, geheimnisvolleren Grund haben. Er wußte, daß Leonardo sie nur bei der Arbeit, also entweder in Gegenwart vieler Geladener oder mindestens in Gegenwart der sie stets begleitenden Schwester Camilla, nie aber unter vier Augen sehen konnte. Und doch fühlte Giovanni, daß die beiden ein Geheimnis hatten, das sie miteinander verband und von den anderen Menschen trennte. Er wußte auch, daß dieses Geheimnis nicht Liebe war, oder wenigstens nicht das, was die Menschen Liebe nennen. Er hatte von Leonardo gehört, daß alle Künstler die Neigung hätten, den von ihnen dargestellten Körpern und Gesichtern Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Körper und Gesicht zu verleihen. Der Meister erklärte es damit, daß die menschliche Seele, die ihren Leib selbst bildet, jedesmal, wenn sie einen neuen Körper erfinden müsse, bestrebt sei, in ihm das von ihr schon einmal Geschaffene zu wiederholen; diese Neigung sei so stark, daß man selbst in Bildnissen durch die äußere Ähnlichkeit mit dem Dargestellten, wenn nicht die Gesichtszüge, so doch die Seele des Künstlers hindurchschimmern sehen könne. Was sich jetzt vor Giovannis Augen abspielte, war noch erstaunlicher: es schien ihm, daß nicht nur die auf dem Bilde dargestellte, sondern auch die lebende Monna Lisa dem Künstler immer ähnlicher wurde, wie man es zuweilen bei Menschen beobachten kann, die viele Jahre zusammenleben. Aber das Schwergewicht dieser immer anwachsenden Ähnlichkeit lag weniger in den Zügen selbst – obwohl ihm auch diese in der letzten Zeit auffiel –, als im Ausdruck der Augen und im Lächeln. Mit grenzenlosem Erstaunen erkannte er darin das gleiche Lächeln, das er schon beim Ungläubigen Thomas wahrgenommen hatte; dem Thomas, der auf dem Bildwerke Verrocchios seine Finger in die Wunden des Heilands legt, und zu dem der junge Leonardo Modell gestanden hatte, Auch bei Mutter Eva vor dem Baume der Erkenntnis auf dem ersten Werke des Meisters, beim Engel der »Felsgrotten-Jungfrau«, bei der Leda mit dem Schwan und bei vielen anderen weiblichen Gesichtern, die der Meister noch vor seiner Bekanntschaft mit Monna Lisa gemalt, modelliert und gezeichnet hatte, fand er das Lächeln wieder. Als hätte der Meister sein Leben lang in allen seinen Schöpfungen die Spiegelung seiner eigenen Schönheit gesucht und sie endlich in den Zügen Giocondas gefunden. Wenn Giovanni zuweilen dieses beiden eigene Lächeln längere Zeit beobachtete, überfiel ihn ein unheimliches Gefühl, fast eine Angst, wie vor einem Wunder: die Wirklichkeit schien ihm ein Traum, der Traum Wirklichkeit zu sein, als wäre Monna Lisa kein lebender Mensch und nicht die Gattin des florentiner Bürgers Messer Giocondo, des gewöhnlichsten unter den Sterblichen, sondern ein durch den Willen des Meisters geschaffenes Gespenst, ein Zauberwesen, ein weiblicher Doppelgänger Leonardos. Gioconda streichelte ihren Liebling, den weißen Kater, der auf ihren 5chotz gesprungen war; unter ihren seinen zarten Fingern knisterten im Felle kaum hörbar unsichtbare Funken. Leonardo ging an die Arbeit. plötzlich legte er den Pinsel weg und musterte aufmerksam das Gesicht Manna Lisas: nicht ein Schatten und nicht die geringste Veränderung in diesen Zügen entging seinen Blicken. »Madonna,« sagte er, »Ihr seid heute durch etwas beunruhigt?« Auch Giovanni sah, daß sie heute ihrem Bildnisse weniger glich als gewöhnlich. Lisa richtete ihren ruhigen Blick auf Leonardo. »Ja, ein wenig,« antwortete sie. »Dianora ist nicht ganz wohl und ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.« »Vielleicht seid Ihr müde und habt keine Lust, mir heute zu sitzen? Wollen wir es nicht lieber aufschieben? ...« »Nein, es macht nichts, wäre es denn nicht schade um einen solchen Tag? seht doch nur, wie zart die Schatten, wie feucht das Licht ist: es ist mein Tag!« »Ich wußte,« fügte sie nach einer Weile hinzu, »daß Ihr mich erwartet. Ich wäre schon früher gekommen, aber man hat mich aufgehalten: Madonna Sophonisbe ...« »Wer? Ach ja, ich weiß schon: es ist die mit der Stimme eines Marktweibes, die, die wie ein Verkäufer von Wohlgerüchen riecht ...« Gioconda lächelte. »Madonna Sophonisbe,« fuhr sie fort, »mußte mir durchaus über das gestrige Fest im Palazzo Vecchio bei der durchlauchtigsten Madonna Argentina, der Gattin des Gonfaloniere, Bericht erstatten und mir ausführlich erzählen, was zur Abendtafel gereicht wurde, wie die Damen gekleidet waren und von wem dieser und jener der Hof gemacht worden ist.« »So ist es also! Folglich hat Euch gar nicht die Krankheit Dianoras, sondern das Geschwätz dieser Klatschbase so verstimmt, wie sonderbar! Habt Ihr es schon wahrgenommen, Madonna, daß zuweilen irgendein Unsinn, den wir von fremden Menschen hören und der uns nichts angeht, oder eine gewöhnliche menschliche Dummheit oder Abgeschmacktheit ganz plötzlich unsere Seele betrübt und uns mehr verstimmt, als ein schweres Leid? Sie neigte stumm ihren Kopf: man sah, daß sie es längst gewohnt waren, sich fast ohne Worte, durch leiseste Andeutungen zu verständigen. Er versuchte wieder zu malen. »Erzählt mir etwas,« sagte Monna Lisa. »Was?« Sie dachte eine Weile nach und sagte: »Von dem Reiche der Venus.« Er wußte einige Erzählungen, die sie besonders liebte; es waren zum größten Teil eigene und fremde Erinnerungen, Reiseerlebnisse, Naturbeobachtungen und Vorwürfe zu Bildern. Er erzählte sie fast immer mit denselben einfachen, fast kindlichen Worten zu den Tönen einer leisen Musik. Leonardo gab ein Zeichen. Und als Andrea Salaino auf seiner Viola und Atalante auf seiner silbernen Laute, die einem Pferdeschädel glich, die Melodie anstimmten, die immer die Erzählung »Von dem Kelche der Venus« begleitete, begann er mit seiner feinen, beinahe weiblichen Stimme im Tonfalle eines alten Märchens oder eines Wiegenliedes: »Schiffer, die an der Küste Ciliciens wohnen, behaupten, es sei jenen Seefahrern, denen es bestimmt ist, in den Wellen ihren Tod zu finden, zuweilen vergönnt, in den tollsten Stürmen die Insel Zypern, das Reich der Göttin der Liebe, zu schauen. Um die Insel herum toben Sturzwellen, Wasserhosen und Wirbelstürme, und viele Schiffe sollen schon an den von den Wellen umtobten Riffen zerschellt sein, wie viele Seefahrer sind schon in diesem Strudel umgekommen! Auf dem Strande sind noch die elenden Gerippe der Schiffskörper zu sehen; vom Sand halb verschüttet, von Algen umwunden, strecken die einen den Bug, die anderen das Steuerteil empor; die einen zeigen ihre entblößten Spanten, die schauerlich wie Rippen halbverwester Leichen aussehen; die anderen – Trümmer des Steuers. Es sind ihrer so viele, daß man glauben muß, der Jüngste Tag, an dem das Meer alle Schiffe, die es verschlungen, wiedergeben muß, sei schon angebrochen. Über der Insel aber blaut ein ewig heiterer Himmel, die Sonne ergießt ihr Licht auf blumenbewachsene Hügel und die Luft ist so ruhig, daß die langen Flammenzungen der auf den Tempelstufen stehenden Räuchergefäße ebenso steil zum Himmel emporsteigen, wie die weißen Säulen und die sich im glatten Wasser eines Sees spiegelnden schwarzen Zypressen. Man hört nur den süßen Gesang der Springbrunnen, die ihr Wasser aus einem Porphyrbecken in das andere rieseln lassen. Die im Meere Untergehenden sehen diesen nahen, stillen See; der Wind bringt ihnen den Duft der Myrtenhaine; und je schrecklicher der Sturm tobt, um so tiefer ist die Ruhe im Reiche der Cypris.« Er schwieg. Die Töne der Viola und der Laute verklangen, und nun trat jene Stille ein, die schöner ist als alle Töne: die Stille nach einer Musik. Nur der auf die gläsernen Halbkugeln fallende Strahl des Springbrunnens sang noch leise. Von der Musik gleichsam eingelullt, durch die Stille vom wirklichen Leben getrennt, heiter, allem fremd und nur dem Meister ergeben, sah Manna Lisa dem Meister gerade in die Augen mit einem Lächeln, so geheimnisvoll, wie stilles Wasser, das ganz durchsichtig, aber so tief ist, daß der Blick nie bis an den Grund dringen kann; es war Leonardos Lächeln. Wie zwei Spiegel erschienen die Beiden Giovanni, wie Spiegel, die, einander widerstrahlend, sich in die Unendlichkeit vertiefen. II. Am nächsten Morgen arbeitete der Künstler im Palazzo Vecchio an der »Schlacht bei Anghiari«. Als er im Jahre 1503 aus Rom nach Florenz gekommen war, erhielt er von dem auf Lebenszeit eingesetzten Gonfaloniere Piero Soderini, dem damaligen Oberhaupte der Republik, den Auftrag, auf einer Wand des neuen Ratsaales der Signorie im Palazzo Vecchio irgendeine denkwürdige Schlacht darzustellen. Der Künstler wählte den berühmten Sieg bei Anghiari, den die Florentiner im Jahre 1440 über Niccolo Piccinio, den Feldherrn des lombardischen Herzogs Philippo Maria Visconti, davongetragen hatten. Auf der Wand des Ratsaales war schon ein Teil des Bildes zu sehen: vier Reiter waren aneinandergeraten und kämpften um eine Fahne; die Fahnenstange war gebrochen und das zerfetzte Tuch flatterte an der Spitze eines langen Stockes. Fünf Hände hielten ihn umklammert und zerrten ihn wütend nach verschiedenen Richtungen. Degen kreuzten sich in der Luft. Alle hielten den Mund offen, so daß man das wilde Geschrei der Kämpfenden zu hören glaubte. Die verzerrten Gesichter der Männer waren nicht weniger schrecklich, als die tierischen Fratzen der Märchenungeheuer auf ihren ehernen Panzern. Die Pferde schienen von der Wut der Menschen angesteckt: auf ihren Hinterbeinen stehend, waren sie mit den Vorderbeinen aneinandergeraten, hatten die Ohren zurückgelegt, sich wie Raubtiere ineinander verbissen; sie fletschten die Zähne und warfen aus ihren schrägstehenden Pupillen wilde Blicke um sich. Im blutigen Schmutze unter ihren Hufen hatte ein Mann seinen Gegner an den Haaren gepackt und suchte ihn zu töten, indem er seinen Kopf gegen die Erde stieß; er schien gar nicht zu merken, daß beide, er und sein Gegner sofort von den Pferdehufen zerstampft werden mußten. Der Krieg war hier in seinem ganzen Schrecken dargestellt als ein sinnloses Gemetzel, als die »tierischste aller Dummheiten« – »pazzia bestialissima« , die nach einem Ausspruche Leonardos »keinen ebenen Platz auf der Erde ohne Blutspuren zurückläßt«. Kaum hatte er seine Arbeit begonnen, als er auf den Steinfliesen des Saales schallende Schritte hörte. Er erkannte gleich, von wem sie herrührten, und machte eine saure Miene, ohne von seiner Arbeit aufzublicken. Es war Piero Soderini, einer von jenen Menschen, von denen Niccolo Machiavelli sagte, sie seien weder kalt noch heiß, sondern lauwarm, weder schwarz noch weiß, sondern grau. Die florentiner Bürger, die Nachkommen reich gewordener Krämer, die sich in die vornehmen Kreise hineingedrängt hatten, wählten ihn zum Führer der Republik, da sie ihn für ihresgleichen und für einen vollkommen mittelmäßigen und ungefährlichen Menschen hielten; sie hofften, er würde ihnen ein gefügiges Werkzeug sein. Aber sie hatten sich getäuscht: Soderini erwies sich als ein Freund der Armen und als ein Beschützer des Volkes. Niemand maß dem übrigens irgendwelche Bedeutung bei. Er war trotzdem zu nichtssagend: statt staatsmännischer Fähigkeiten besaß er die Emsigkeit eines Beamten, statt des Verstandes – Vorsicht, statt der Tugend – Gutmütigkeit. Es war allen bekannt, daß seine Gemahlin, die hochmütige und unnahbare Madonna Argentina, die ihre Verachtung gegen ihren Mann nie verbarg, ihn nie anders als »meine Ratte« nannte. Und Messer Piero erinnerte in der Tat an eine alte, ehrwürdige Ratte aus dem Keller einer Kanzlei. Er besaß nicht einmal jene Geschicklichkeit und angeborene Plattheit, welche für Regierende ebenso notwendig sind, wie das Öl für die Räder einer Maschine. Er war in seiner republikanischen Ehrlichkeit trocken, hart, eben und glatt wie ein Brett, – er war so unbestechlich und rein, daß er, nach Machiavellis Ausdruck, »wie frisch gewaschene Wäsche nach Seife roch«. In seinem Bestreben, alle zu versöhnen, reizte er sie nur auf. Er machte es den Reichen nie recht und half auch den Armen nicht. Er setzte sich stets zwischen zwei Stühle und geriet immer zwischen zwei Feuer. Er war der Märtyrer der goldenen Mittelmäßigkeit. Machiavelli, den er protegierte, verfaßte einst folgendes Epigramm, in Form einer Grabinschrift: Gleich nach dem Tode Piero Soderini's Begab sich seine Seele in die Hölle. Doch Pluto sprach: »Was suchst du hier, du Dummer? Geh in den Mittelkreis zu kleinen Kindern.« Bei der Übernahme der Bestellung mußte Leonardo einen sehr unbequemen Vertrag unterschreiben, der ihn im Falle der geringsten Unpünktlichkeit zu einer Geldbuße verpflichtete. Die vornehmen Signori waren wie Krämer auf ihren Vorteil bedacht. Soderini, der ein großer Liebhaber von amtlichen Schreibereien war, belästigte ihn mit der Forderung, ihm über jeden vom Rentamt erhaltenen Heller Rechenschaft abzulegen; so über das Geld, das er zum Aufführen von Gerüsten und zum Ankaufe von Lack, Soda, Kalk, Farben, Leinöl und von anderen Kleinigkeiten erhielt. Im Dienste der »Tyrannen«, wie sich der Gonfaloniere verächtlich ausdrückte, am Hofe von Moro und Cesare, hatte sich Leonardo noch nie so als Sklave gefühlt, wie im Dienste des Volkes, in der freien Republik, im Reiche der bürgerlichen Gleichheit. Das schlimmste dabei aber war, daß Messer Piero, gleich den meisten auf dem Gebiete der Kunst ungebildeten und unbegabten Menschen, die Leidenschaft hatte, den Künstlern Ratschläge zu erteilen. Soderini wandte sich an Leonardo mit der Anfrage bezüglich des Geldes, das man ihm zum Ankaufe von fünfunddreißig Pfund alexandrinischen Bleiweißes bewilligt hatte und das in seinem Rechenschaftsbericht nicht angeführt war. Der Künstler gestand, er hätte kein Bleiweiß gekauft, er wüßte auch nicht mehr, wofür er das Geld verausgabt hätte, und erklärte sich bereit, es dem Rentamt wiederzuerstatten. »Aber, was fällt Euch ein! Wo denkt Ihr denn hin, Messer Leonardo? Ich erinnere Euch ja nur der Ordnung und Genauigkeit halber daran. Ihr dürft uns das nicht übel nehmen. Ihr seht ja selbst: wir sind geringe, bescheidene Leute. Im Vergleich mit der Freigebigkeit solcher vornehmer Fürsten wie Sforza und Borgia erscheint Euch unsere 5parsamkeit vielleicht als Geiz, was soll man aber machen? Jeder muß sich nach seiner Decke strecken, wir sind ja keine Selbstherrscher, sondern nur Diener des Volkes und schulden ihm Rechenschaft über jeden Soldo; denn Ihr wißt ja selbst, daß die Staatsgelder etwas Heiliges sind: sie bestehen aus dem Scherflein der Witwe, den Schweißtropfen des ehrlichen Arbeiters und dem Blute des Soldaten. Der Fürst ist allein, während wir unserer viele sind? auch sind wir alle vor dem Gesetze gleich. So verhält es sich also, Messer Leonardo! Die Tyrannen haben Euch mit Gold gezahlt, wir zahlen mit Kupfer; ist aber das Kupfer der Freiheit nicht besser als das Gold der Sklaverei, und ist denn ein ruhiges Gewissen nicht jeder Belohnung vorzuziehen? ...« Der Künstler hörte schweigend zu und tat so, als wäre er mit allem einverstanden. Mit der traurigen Demut vor dem Schicksal eines auf der Landstraße von einer Staubwolke überraschten Wanderers, der sein Haupt senkt und die Augen schließt, erwartete er das Ende der Rede Soderinis. Leonardo fühlte in diesen gewöhnlichen Gedanken gewöhnlicher Menschen eine blinde, stumpfe, unerbittliche Kraft, die den Naturmächten gleicht, mit denen nicht zu streiten ist, und wenn sie ihm auch auf den ersten Blick nur platt erschienen, hatte er doch beim tieferen Eindringen das Gefühl, als blicke er in eine furchtbare Leere, in einen schwindelnden Abgrund. Soderini war aber im Zuge. Er wollte den Gegner zum Streite herausfordern. Um ihn empfindlich zu treffen, begann er über Malerei zu sprechen. Er setzte sich die silberne Brille mit den runden Glasern auf und begann mit wichtiger Kennermiene den vollendeten Teil des Bildes zu betrachten. »Ausgezeichnet! bewunderungswürdig! welche Kraft in den Muskeln, welche Kenntnis der Perspektive! Und die Pferde, die Pferde – sie sind wie lebendig!« Dann schaute er den Künstler über die Brille hinweg gutmütig und streng an, wie ein Lehrer einen begabten, aber nicht genügend fleißigen Schüler anschaut: »Und doch, Messer Leonardo, muß ich auch jetzt wieder sagen, was ich schon so oft gesagt habe: wenn Ihr ebenso fortfahren werdet, wie Ihr begonnen habt, wird die Wirkung des Bildes eine zu bedrückende und unerfreuliche sein und – Ihr dürft mir meine Offenheit nicht übel nehmen, Verehrtester, ich sage ja immer den Menschen die Wahrheit ins Gesicht – wir haben eigentlich etwas anderes erwartet ...« »Was habt Ihr denn erwartet?« fragte der Künstler mit schüchterner Neugierde. »Daß Ihr den Kriegsruhm der Republik für die Nachkommen verewigen und die denkwürdigen Taten unseres Helden darstellen würdet? wißt Ihr, irgend etwas, das die Seelen der Menschen erhebt und ihnen als ein gutes Beispiel der Vaterlandsliebe und der bürgerlichen Tugenden dienen kann. Ich gebe zu, daß der Krieg in Wirklichkeit so ist, wie Ihr ihn dargestellt habt, warum, frage ich Euch aber, Messer Leonardo, warum sollte man denn nicht einige Kraßheiten veredeln und verschönern oder wenigstens mildern, denn Maß ist in allen Dingen vonnöten. Vielleicht bin ich im Irrtum, es scheint mir jedoch, daß der wahre Beruf des Künstler gerade darin besteht, dem Volke durch seine Anweisungen und Belehrungen zu nützen ...« Wenn er einmal vom Nutzen der Kunst für das Volk zu sprechen begonnen hatte, konnte er nicht mehr innehalten. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung für den gesunden Menschenverstand und in dem einförmigen Ton seiner Worte war die Beharrlichkeit eines Tropfens, der den Stein höhlt. Der Künstler lauschte in schweigender Erstarrung, und nur manchmal, wenn er zur Besinnung kam und sich vorzustellen bemühte, was dieser tugendhafte Mann eigentlich über die Kunst dachte, – wurde ihm unheimlich, wie beim Betreten eines engen, dunklen, mit Menschen überfüllten Raumes, der eine so dumpfe Luft hat, daß man auch nicht einen Augenblick darin bleiben kann, ohne zu ersticken. »Die Kunst, die dem Volke keinen Nutzen bringt,« sagte Messer Piero, »ist ein Zeitvertreib für Müßiggänger, eine eitle Laune für die Reichen oder ein Luxus für Tyrannen, habe ich nicht recht, Verehrtester?« »Gewiß,« bestätigte Leonardo und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln in den Augen hinzu: »Wißt Ihr was, Signore? Um unseren alten Streit zu schlichten, mühten wir folgendes tun: die Bürger der Florentiner Republik sollten hier in diesem Ratsaal, in einer allgemeinen Volksversammlung mit weißen und schwarzen Kugeln durch Stimmenmehrheit entscheiden, ab mein Bild für das Volk von Nutzen sein kann oder nicht. Es wäre dadurch ein doppelter Vorteil erreicht: erstens eine mathematische Genauigkeit, denn man braucht die Stimmen nur zu zählen, um die Wahrheit festzustellen. Zweitens ist es jedem sachverständigen und klugen Menschen eigen, sich zu irren, wenn er allein ist, während zehn- bis zwanzigtausend Unwissende oder Dummköpfe sich in ihrer Gesamtheit nicht irren können, denn die stimme des Volkes ist die stimme Gottes.« Die Sache wollte Soderini nicht sofort einleuchten. Die geheiligten weißen und schwarzen Kugeln flößten ihm solche Andacht ein, daß ihm gar nicht einfiel, jemand könnte sich erlauben, mit einem derartigen Sakrament Spott zu treiben. Als er es endlich begriffen, starrte er den Künstler mit stumpfem Erstaunen, beinahe mit Furcht an, und seine kleinen, halb blinden, runden Äuglein hüpften und sprangen, wie die einer Ratte, die eine Katze wittert. Er gewann aber bald seine Haltung wieder. Nach der ihm eigenen Geistesrichtung hielt der Gonfaloniere die Künstler im allgemeinen für Menschen ohne gesunden Menschenverstand; darum fühlte er sich durch Leonardos Scherz nicht verletzt. Messer Piero wurde jedoch traurig, denn er hielt sich für den Wohltäter dieses Menschen: er hatte ihn ja, trotz der Gerüchte über den Hochverrat Leonardos, über die Kriegskarten der Umgebung von Florenz, welche er für Cesare Borgia, den Feind des Vaterlandes, angefertigt haben sollte, großmütig in die Dienste der Republik treten lassen, da er auf seinen eigenen günstigen Einfluß, und auf die Reue des Künstlers vertraute. Messer Piero gab jetzt dem Gespräch eine neue Wendung und erklärte ihm unter anderem mit der sachlichen Miene eines Vorgesetzten, Michel Angelo Buonarotti hätte den Auftrag erhalten, auf der gegenüberliegenden Wand desselben Ratsaales ein Schlachtenbild zu malen; darauf verabschiedete er sich kühl und ging. Der Künstler blickte ihm nach: dieses farblose, grauhaarige Männchen mit den krummen Beinen und dem runden Rücken erinnerte aus der Entfernung noch mehr an eine Ratte. III. Als Leonardo den Palazzo Vecchio verließ, blieb er auf dem Platze vor dem David des Michel Angelo stehen. Vor den Toren des Rathauses von Florenz stand dieser Recke aus weißem Marmor wie ein Wachtposten. Er hob sich scharf gegen den dunklen Hintergrund des schlanken, drohenden Turmes ab. Der nackte Jünglingskörper war schmächtig. Die Rechte mit der Schleuder hing herab, so daß die Sehnen hervortraten; die vor der Brust erhobene Linke hielt einen Stein. Die Brauen waren zusammengezogen und der Blick wie bei einem Zielenden in die Ferne gerichtet. Die Locken über der niederen Stirn waren ineinander verflochten und sahen wie eine Krone aus. Und Leonardo gedachte der Worte des ersten Buches Samuelis: »David aber sprach zu Paul: Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters, und es kam ein Löwe und ein Bär, und trug ein Schaf weg von der Herde. Und ich lief ihm nach, und schlug ihn, und errettete es aus seinem Maul. Und da er sich über mich machte, ergriff ich ihn bei seinem Bart, und schlug ihn, und tötete ihn. Also hat dein Knecht geschlagen beide, den Löwen und den Bären. So soll nun dieser Philister, der Unbeschnittene, sein gleich wie deren einer. – Und nahm seinen Stab in seine Hand, und erwählte fünf glatte Steine aus dem Bach, und tat sie in die Hirtentasche, die er hatte, und in den Sack, und nahm die Schleuder in seine Hand, und machte sich zu dem Philister. – Und der Philister sprach zu David: Bin ich denn ein Hund, daß du mit einem Stecken zu mir kommst? David aber sprach zu dem Philister: heutiges Tags wird dich der Herr in meine Hand überantworten, daß ich dich schlage, und nehme dein Haupt von dir, und gebe die Leichname des Heers der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem wild auf Erden, daß alles Land innewerde, daß Israel einen Gott hat.« Auf dem Platze, auf dem Savonarola verbrannt worden war, erschien Michel Angelos David als jener Prophet, den Girolamo vergeblich angerufen hatte, als jener Held, den Machiavelli erwartete. In dieser Schöpfung seines Nebenbuhlers fühlte Leonardo eine Seele, die vielleicht der seinigen glich und ihr zugleich ebenso entgegengesetzt war, wie das Handeln der Beschaulichkeit, wie die Leidenschaft der Ruhe, wie der Sturm der Stille. Und diese fremde Macht zog ihn an und erregte in ihm Neugierde und den Wunsch, ihr näherzutreten, um sie ganz zu erkennen. In den Bauspeichern des florentiner Domes Maria del Fiore hatte ein ungeheurer, von einem ungeschickten Bildhauer verdorbener, weißer Marmorblock gelegen; die besten Meister hatten sich geweigert, ihn zu bearbeiten, da sie ihn für ganz unbrauchbar hielten. Als Leonardo aus Rom zurückgekehrt war, wurde ihm dieser Block angeboten, während er aber mit der ihm eigenen Langsamkeit überlegte, maß und rechnete, kam ihm ein anderer Künstler, der um dreiundzwanzig Jahre jüngere Michel Angelo Buonarotti, bei diesem Auftrage zuvor. Er arbeitete nicht nur bei Tag, sondern auch in der Nacht bei Licht und vollendete seinen Recken im Laufe von fünfundzwanzig Monaten. Leonardo aber hatte sechzehn Jahre lang an dem tönernen Koloß, dem Denkmal der Sforza, gearbeitet, er wagte es kaum, sich vorzustellen, wieviel Zeit er wohl für die Bearbeitung eines Bildwerks von der Größe des David benötigt haben würde. Die Florentiner erklärten Michel Angelo für einen Nebenbuhler Leonardos in der Bildhauerkunst. Und Buonarotti nahm die Herausforderung ohne jedes Zögern an. Jetzt begann er das Schlachtenbild im Ratsaale, obwohl er bis dahin kaum einen Pinsel in der Hand gehabt hatte; auf diese Weise ließ er sich mit einer Kühnheit, die vielleicht unvernünftig erschien, auch in der Malerei in einen Wettkampf mit Leonardo ein. Je mehr Sanftmut und Wohlwollen Leonardo seinem Nebenbuhler entgegenbrachte, desto schonungsloser wurde dessen Haß. Er deutete Leonardos Ruhe als Verachtung. Mit krankhaftem Argwohn lieh er jedem Klatsch sein Ohr, suchte nach einem Vorwande für Streitigkeiten und benutzte jede Gelegenheit, um den Feind zu verletzen. Als der David beendet war, luden die Signori die besten Florentiner Maler und Bildhauer ein, um über die Frage des Standplatzes für das Kunstwerk zu entscheiden. Leonardo schloß sich der Ansicht des Architekten Giuliano da San Gallo an, der vorschlug, den Recken auf dem Platze der Signoria, unter dem Mittelbogen in der Tiefe der Loggia Orcagna aufzustellen. Als Michel Angelo davon erfuhr, erklärte er, Leonardo wolle den David aus Neid in die dunkelste Ecke so verstecken, daß niemand ihn sehen könnte und der Marmor niemals von der Sonne beleuchtet würde. In dem Werkstatthof mit den schwarzen Wänden, wo Leonardo das Porträt der Gioconda malte, fand eines Tages eine der üblichen Versammlungen statt, an der viele Meister, unter anderem die Brüder Pollaiuoli, der alte Sandro Botticelli, Filippino Lippi und Peruginos Schüler, Lorenzo di Credi, teilnahmen; es wurde dabei die Frage aufgeworfen, welche Kunst höher stehe: die Bildhauerei oder die Malerei; ein zu jener Zeit bei den Malern beliebter Streit. Leonardo hörte schweigend zu. Als man ihn aber mit Fragen bedrängte, sagte er: »Ich halte eine Kunst für desto vollkommener, je weiter sie vom Handwerk entfernt ist.« Das ihm eigene zweideutige Lächeln glitt über sein Gesicht, so daß es schwer fiel zu entscheiden, ob er aufrichtig spreche oder spotte. »Diese beiden Künste,« fügte er hinzu, »unterscheiden sich hauptsächlich dadurch voneinander, daß die Malerei für den Geist, die Bildhauerei aber für den Körper anstrengender ist. Die in dem groben, harten Stein wie ein Kern eingeschlossene Gestalt wird vom Bildhauer langsam befreit, indem er sie mit Anspannung aller körperlichen Kräfte, bis zur Ermattung, mit Meißel und Hammer aus dem Marmor aushaut; dabei rinnt ihm der Schweiß wie einem Tagelöhner herunter, vermischt sich mit dem Staub und wird Schmutz; sein Gesicht ist beschmiert und wie das eines Bäckers mit weißem Marmormehl bestäubt; seine Kleidung ist mit den Splittern wie mit Schnee bedeckt und sein Haus ist mit Steinen und Staub angefüllt. Der Maler sitzt dagegen in völliger Ruhe und fein gekleidet in der Werkstätte und führt den leichten Pinsel mit den angenehmen Farben, sein Haus ist hell und rein und mit schönen Bildern geziert; es herrscht darin stete Ruhe, und bei der Arbeit ergötzen ihn Musik, Gespräche oder Lektüre, und all dem kann er lauschen, von keinem Hammerschlag oder sonstigem lästigen Geräusch gestört.« Leonardos Worte wurden Michel Angelo überbracht, der sie auf sich bezog; er verbarg jedoch seinen Zorn und erwiderte nur, achselzuckend und giftig lächelnd: »Messer da Vinci, der uneheliche Sohn einer Gasthofsmagd, mag sich ja in der Rolle eines Müßiggängers und eines verwöhnten Muttersöhnchens gefallen. Ich aber, der Nachkomme eines alten Geschlechts, schäme mich meiner Arbeit nicht, und wie ein einfacher Tagelöhner ekele ich mich weder vor Schweiß noch vor Schmutz. Was aber die Vorzüge der Bildhauerei vor der Malerei oder umgekehrt anbelangt, so ist das ein sinnloser Streit: alle Künste sind gleich, da sie der gleichen Quelle entspringen und nach demselben Ziele streben, wenn aber jemand, der die Malerei für edler als die Bildhauerei erklärt, auch in anderen Dingen, über die er urteilt, ebenso bewandert ist, versteht er vom Malen wohl kaum mehr als meine Küchenmagd.« Michel Angelo nahm mit fieberhafter Eile das Bild im Ratsaal in Angriff, um den Nebenbuhler einzuholen, was übrigens nicht schwierig war. Er wählte einen Zwischenfall aus dem Pisanischen Krieg: die florentiner Soldaten baden an einem heißen Sommertage im Arno; da wird Alarm geblasen – die Feinde sind da; die Soldaten eilen ans Ufer, steigen aus dem Wasser, wo ihre müden Körper in der Kühle Erquickung suchten, und ziehen, ihrer Pflicht gehorchend, ihre verschwitzten, staubigen Kleider und die von der Sonnenglut erhitzten ehernen Rüstungen und Panzer an. Im Gegensatz zu Leonardos Bild, faßte Michel Angelo den Krieg also nicht als ein sinnloses Abschlachten, als »tierischste Dummheit« auf, sondern als eine mutige Tat, als, eine Erfüllung der ewigen Pflicht, als einen Kampf der Helden für den Ruhm und die Größe des Vaterlandes. Dieser Zweikampf zwischen Leonardo und Michel Angelo wurde von den Florentinern mit jener Neugierde verfolgt, die der Pöbel allen außergewöhnlichen Schauspielen entgegenbringt. Und da alles, was der Politik fern stand, ihnen ebenso fad, wie ein Gericht ohne Salz und Pfeffer, erschien, beeilten sie sich, zu verkünden, Michel Angelo vertrete die Republik gegen die Medici, Leonardo jedoch die Medici gegen die Republik. Und nachdem so der Kampf allen verständlich geworden war, entbrannte er mit neuer Kraft, wurde aus den Häusern auf die Straßen und Plätze hinausgetragen und selbst diejenigen, die sich nicht im geringsten um die Kunst kümmerten, nahmen daran teil. Die Werke des Leonardo und des Michel Angelo wurden zu Kriegslosungen zweier feindlichen Lager. Es kam so weit, daß der David eines Nachts von Unbekannten mit Steinen beworfen wurde. Die vornehmen Bürger schrieben diese Tat dem Volk zu, die Volksführer – den vornehmen Bürgern, die Künstler – den Schülern des Perugino, der in Florenz vor kurzem seine Werkstätte eröffnet hatte; Buonarotti erklärte aber in Anwesenheit des Gonfaloniere, die Taugenichtse, die den David mit Steinen beworfen hatten, wären von Leonardo bestochen worden. Und viele glaubten es oder gaben wenigstens vor, es zu glauben. Eines Tages, als Leonardo am Bildnisse der Gioconda arbeitete und in der Werkstätte außer Giovanni und Salaino niemand zugegen war, sagte er zu Monna Lisa mit Bezug auf Michel Angelo: »Mir scheint zuweilen, alles würde sich ganz von selbst klaren und diese ganze dumme Streitigkeit aus der Welt geschafft werden, wenn ich ihn unter vier Augen sprechen könnte: er würde dann begreifen, daß ich nicht sein Feind bin und daß niemand ihn so lieb gewinnen könnte wie ich...« Monna Lisa schüttelte den Kopf: »Ist dem auch wirklich so, Messer Leonardo? würde er es denn verstehen?« »Er würde es verstehen,« rief der Künstler aus, »es ist doch nicht möglich, daß ein solcher Mensch es nicht versteht! Das ganze Unglück liegt ja nur darin, daß er zu schüchtern ist und zu wenig Selbstvertrauen besitzt. Er quält sich, verzehrt sich in Eifersucht und Furcht, weil er sich selbst noch nicht kennt. Das ist ja ein Hirngespinnst, ein Wahnsinn! Ich würde ihm einfach alles sagen und ihn dadurch sicher beruhigen. Hat er denn Grund, mich zu fürchten? Wißt Ihr, Madonna, als ich neulich seinen Entwurf zu den badenden Kriegern sah, traute ich meinen Augen nicht. Niemand kann sich auch nur eine Vorstellung davon machen, was er ist und was er werden wird. Ich weiß, daß er mir schon jetzt nicht nur gleichkommt, sondern stärker ist als ich; ja, ja, ich fühle, er ist stärker! ...« Sie richtete auf ihn jenen Blick, in dem sich, wie es schien, Leonardos Blick spiegelte, und lächelte leise und seltsam. »Messere,« sprach sie, »erinnert Ihr Euch an jene Stelle in der heiligen Schrift, wo Gott zum Propheten Elias, der vor dem gottlosen Könige Ahab auf den Berg Horeb geflohen war, spricht: »Gehe heraus und tritt auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr ging vorüber und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging vor ihm her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles sanftes Säuseln; und darin war der Herr. Messer Buonarotti ist vielleicht stark wie dieser Wind, der vor dem Herrn die Berge zerreißt und die Felsen zerbricht. Doch er besitzt nicht jene Stille, in welcher der Herr ist. Er weiß das und haßt Euch, weil Ihr ebenso stark seid als er, wie die Stille stärker ist als der Sturm.« In der Branacci-Kapelle, an der hinter dem Flusse gelegenen alten Kirche Maria del Carmine, befinden sich die berühmten Fresken des Tommaso Masaccio, die eine Art Schule für alle großen Meister Italiens bildeten, und die auch Leonardo einst studiert hatte; – hier traf er eines Tages einen ihm unbekannten Jüngling, beinahe einen Knaben, der diese Fresken studierte und abzeichnete. Er trug ein mit Farben beschmutztes schwarzes Wams und reine, aber grobe Wäsche, aus hausgewebtem Leinen. Er war schlank und biegsam und hatte einen dünnen, ungewöhnlich weißen, zarten und langen Hals, wie ihn bleichsüchtige Mädchen haben; sein länglich rundes, eiförmiges, durchsichtig bleiches Gesicht war von einer gezierten und süßlichen Anmut, und seine großen, schwarzen Augen erinnerten an die der umbrischen Bäuerinnen, die Perugino in seinen Madonnen verewigte; diesen Augen war jedes Denken fremd, sie waren tief und leer wie der Himmel. Nach einiger Zeit traf Leonardo diesen Jüngling wieder, und zwar im Kloster Maria Novella, im Papstsaale, in dem der Karton zur »Schlacht bei Anghiari« ausgestellt war. Er studierte und kopierte ihn ebenso eifrig wie Masaccios Fresken. Der Jüngling, der Leonardo zu kennen schien, blickte ihn starr an, wagte es aber nicht, ihn anzusprechen, obwohl er es sichtlich sehr wünschte. Als Leonardo das bemerkte, ging er selbst auf ihn zu. Der junge Mann erklärte ihm hastig, erregt und errötend, in einer etwas aufdringlichen, aber kindlich naiven, einschmeichelnden Weise, er halte ihn für seinen Lehrer und für den größten Meister Italiens; Michel Angelo sei unwürdig, dem Schöpfer des »heiligen Abendmahls« auch nur die Schuhriemen zu lösen. Leonardo kam mit diesem Jüngling noch einigemal zusammen, unterhielt sich mit ihm, prüfte seine Zeichnungen, und je mehr er ihn kennen lernte, desto tiefer wurde seine Überzeugung, einen großen zukünftigen Meister vor sich zu haben. Er war wie ein Echo für alle Stimmen empfänglich und wie ein Weib jedem Einflusse zugänglich; er ahmte sowohl Perugino als Pinturicchio, bei dem er vor kurzem in der Bibliothek zu Siena gearbeitet hatte, vor allem aber Leonardo nach. Trotz dieser Unreife erriet der Meister in ihm eine Frische des Gefühls, wie er sie noch nie gesehen hatte. Am meisten aber wunderte er sich, daß dieser Knabe, wie zufällig und ohne es selbst zu wollen, in die tiefsten Geheimnisse der Kunst und des Lebens eindrang; er besiegte die größten Schwierigkeiten ohne jede Anstrengung und wie im Spiele. Er erreichte alles ohne jede Mühe, und die Kunst war für ihn scheinbar frei von jenem endlosen Suchen, von der Mühe, der Anstrengung, dem Schwanken und Zweifeln, welche die Qual und den Fluch von Leonardos ganzem Leben bildeten. Und wenn der Meister zu ihm von der Notwendigkeit eines langsamen und geduldigen Naturstudiums und von den mathematisch genauen Regeln und Gesetzen der Malerei sprach, sah ihn der Jüngling mit seinen großen erstaunten und gedankenlosen Augen an; er langweilte sich offenbar und hörte nur aus Respekt vor dem Lehrer aufmerksam zu. Einmal entschlüpfte ihm ein Ausspruch, der Leonardo durch seine Tiefe überraschte und beinahe erschreckte: »Ich habe bemerkt, daß man beim Malen gar nicht denken soll: es gelingt dann besser.« Dieser Knabe schien ihm durch sein ganzes Wesen zu sagen, daß jene von ihm erstrebte Einheit, jene vollkommene Harmonie zwischen Gefühl und Vernunft, Liebe und Erkenntnis, gar nicht existiere und nicht existieren könne. Seine sanfte, sorglose und gedankenlose Klarheit erweckte in Leonardo größere Zweifel und größere Furcht für das künftige Schicksal der Kunst und für seine Lebensarbeit, als die Empörung und der Haß des Buonarotti. »Woher stammst du, mein Sohn?« fragte er ihn bei einer der ersten Begegnungen. »Wer ist dein Vater und wie heißt du?« »Ich stamme aus Urbino,« antwortete der Jüngling mit seinem freundlichen, etwas süßlichen Lächeln. »Mein Vater ist der Maler Giovanni Sanzio. Ich heiße Rafael.« IV. Zu dieser Zeit mußte Leonardo Florenz in einer wichtigen Angelegenheit verlassen. Die Republik führte seit undenklichen Zeiten einen endlosen, grausamen Krieg mit der Nachbarstadt Pisa, der beide Städte ruinierte. Bei einem Gespräch mit Machiavelli setzte ihm der Künstler folgenden Kriegsplan auseinander: die Gewässer des Arno durch die Schaffung eines neuen Bettes von Pisa abzuleiten und in den Sumpf von Livorno zu führen, um die belagerte Stadt vom Meere abzuschneiden, die Zufuhr von Lebensmitteln zu unterbinden und auf diese Weise eine Kapitulation zu erzwingen. Niccolo begeisterte sich bei seiner Vorliebe für alles Außergewöhnliche sofort für diese Idee und teilte sie dem Gonfaloniere mit, dessen Unfähigkeit man in der letzten Zeit alle Mißerfolge im Pisanischen Krieg zuschrieb. Einerseits riß er ihn hin und überzeugte ihn durch seine Redekunst, indem er höchst geschickt auf seine Eitelkeit einwirkte; andererseits betrog er ihn, indem er die wirklichen Unkosten und Schwierigkeiten des Unternehmens vor ihm verheimlichte. Als der Gonfaloniere den Plan dem Rate der Zehn vorlegte, wurde er beinahe ausgelacht. Soderini war gekränkt und wollte nun den Beweis erbringen, daß er nicht weniger gesunden Menschenverstand besitze, als jeder andere; er ging mit einer solchen Beharrlichkeit vor, daß er seinen Willen schließlich durchsetzte. Dabei unterstützten ihn seine Feinde am eifrigsten: sie stimmten für seinen Vorschlag, der ihnen höchst unsinnig erschien, nur um Messer Pieros Sturz herbeizuführen. Machiavelli verheimlichte vorläufig seine List vor Leonardo, da er den Gonfaloniere mit der Zeit in die Sache ganz zu verwickeln hoffte, um mit ihm dann nach Belieben schalten und walten zu können und von ihm alles Notwendige zu erlangen. Der Beginn der Arbeit schien günstig zu sein. Der Wasserstand des Flusses sank. Bald traten jedoch Schwierigkeiten ein, die immer größere Ausgaben im Gefolge hatten; die sparsamen Signori aber feilschten um jeden Heller. Im Sommer 1505 zerstörte der nach einem starken Gewitterregen aus den Ufern getretene Fluß einen Teil des Dammes. Leonardo mußte sich sofort zur Unfallstelle begeben. Der Künstler hatte am Tage vor der Abreise Machiavelli besucht und mit ihm über die Angelegenheit gesprochen, wobei ihm dieser alles gestand und ihm damit große Angst einjagte, Auf dem Heimwege von Machiavelli ging er über die Santa-Trinita-Brücke in der Richtung zur Tornabuoni-Straße. Es war spät. Die Stadt war wie ausgestorben. Die Stille wurde nur durch das Rauschen des Wassers auf dem Mühlendamm hinter dem Ponte alla Carraja unterbrochen. Der Tag war heiß gewesen. Gegen Abend war jedoch ein Regen niedergegangen und hatte die Luft erfrischt. Auf der Brücke roch es nach warmem Wasser. Hinter dem schwarzen San-Miniato-Hügel stieg der Mond auf. Rechts auf dem Kai des Ponte Vecchio spiegelten sich die kleinen alten Häuschen mit ihren ungleichen Vorsprüngen und schiefen Holzpfählen in dem trüben grünen, tiefen und stillen Stauwasser. Links über dem violetten, zarten Vorgebirge des Monte Albano zitterte ein einsamer Stern. Das Antlitz von Florenz hob sich wie ein Titelbild auf mattem Goldgrunde in einem alten Buche vom reinen Himmel ab: dieses einzige Antlitz, das sich jedem wie ein lebendiges Menschengesicht einprägt: gegen Norden der alte Glockenturm von Santa Croce, dann der gerade, schlanke, strenge Turm des Palazzo Vecchio, die weiße Marmorcampanilla Giottos und die rötliche Ziegelkuppel der Kirche Maria del Fiore, die einer riesigen Knospe der alten heraldischen Roten Lilie gleicht; die ganze Stadt Florenz sah im Zwielicht des Abends und des Mondscheins wie eine einzige große Blume aus dunklem Silber aus. Leonardo hatte die Beobachtung gemacht, daß jede Stadt, ebenso wie jeder Mensch, ihren eigenen Geruch habe; Florenz hatte den Duft des feuchten Staubes der Irisblüte, vermischt mit dem kaum wahrnehmbaren frischen Geruch von Lack und Farben sehr alter Bilder. Er dachte an die Gioconda. Er wußte von ihrem Leben beinahe ebensowenig wie Giovanni. Der Gedanke, daß sie einen Gatten hatte, verletzte ihn nicht; er wunderte sich nur, daß es Messer Francesco, dieser hagere, lange, nüchterne Mann mit der Warze auf der linken Wange und mit den dichten Brauen war, der über die Vorzüge der sizilianischen Stierrasse und über die neuen Zölle für Schafshäute zu räsonnieren liebte. Es gab Augenblicke, wo ihre geisterhafte, fremde, ferne, überirdische Anmut, die aber doch wirklicher als alle Wirklichkeit war, Leonardo erfreute; es gab aber auch andere Augenblicke, wo er ihre lebendige Schönheit fühlte. Monna Lisa gehörte nicht zu jenen Frauen, die man zu jener Zeit »gelehrte Heroinnen« nannte, sie stellte ihre Gelehrsamkeit niemals zur Schau. Er erfuhr nur zufällig, daß sie lateinisch und griechisch läse. Ihr Benehmen und ihre Art zu sprechen waren so schlicht, daß sie von vielen für unbedeutend gehalten wurde. In Wirklichkeit aber schien sie ihm das zu besitzen, was tiefer als jeder verstand, besonders aber als der weibliche ist: eine hellseherische Weisheit. Oft gebrauchte sie Worte, die sie ihm plötzlich verwandt und vertraut machten, vertrauter als alle, die er kannte; er hielt sie dann für seine einzige, ewige Freundin und Schwester. In solchen Augenblicken wollte er oft jenen Zauberkreis überschreiten, der die Phantasie vom wirklichen Leben trennt. Doch er unterdrückte diesen Wunsch, so oft er auftauchte; und jedesmal, wenn er einen solchen Sieg über Monna Lisas lebendige Reize davontrug, wurde ihre von ihm auf die Leinwand gebannte geisterhafte Gestalt lebendiger und wirtlicher. Er glaubte zuweilen, sie wisse es, unterwerfe sich ihm und helfe ihm; sie opfere sich gleichsam ihrem eigenen Doppelgänger auf dem Bilde und gäbe dem Meister mit Freude ihre Seele hin. War das, was sie beide vereinigte, Liebe? Das damalige platonische Geschwätz, die schmachtenden Seufzer der himmlischen Liebhaber, die süßlichen Sonette im Geschmacke Petrarcas riefen in ihm nur Langeweile oder Spott hervor. Das aber, was die Mehrzahl der Menschen Liebe nennt, war ihm nicht minder fremd. Ebenso, wie ihm der Genuß von Fleisch nicht verboten, sondern widerwärtig erschien, enthielt er sich auch des Verkehrs mit Frauen, weil ihm jede körperliche Vereinigung, – ganz gleich, ob in der Ehe oder im Ehebruch – nicht sündhaft, aber brutal erschien. »Der Zeugungsakt,« schrieb er in seinen anatomischen Notizen, »und die ihm dienenden Organe zeichnen sich durch eine derartige Häßlichkeit aus, daß, wenn nicht die Schönheit der Gesichter, der Schmuck und die Macht der Leidenschaft bei den in Frage kommenden Personen hinzukämen, das menschliche Geschlecht aussterben müßte.« Und er hielt sich von dieser »Häßlichkeit« und von diesem wollüstigen Kampf der Männchen und Weibchen ebenso fern, wie von dem blutigen Abschlachten der zum Verzehren bestimmten Opfer; er tat es, ohne Entrüstung, Tadel oder Rechtfertigung, in Anerkennung des Gesetzes der natürlichen Notwendigkeit im Kampfe der Liebe und des Hungers; nur wollte er nicht selbst daran teilnehmen. Für ihn galt ein anderes Gesetz, das der Liebe und der Keuschheit. Wenn er sie auch liebte, könnte er da eine vollkommenere Vereinigung mit der Geliebten ersehnen, als die, die er bei diesen unergründlichen, geheimnisvollen Liebkosungen erreichte – bei der Erschaffung einer unsterblichen Gestalt, eines neuen Wesens, das sie zeugten und gebaren, wie Vater und Mutter ein Kind gebären, und das er und sie zugleich war? Und doch ahnte er in dieser so keuschen Verbindung eine vielleicht größere Gefahr, als in der gewöhnlichen fleischlicher Liebe. Sie gingen beide am Rande eines Abgrundes, wo noch niemand je gegangen war, und besiegten die Verlockung und Anziehungskraft dieses Abgrundes. Ihnen entglitten durchsichtige Worte, durch die ein Geheimnis schimmerte, wie die Sonne durch feuchten Nebel. Es ging ihm oft durch den Kopf: wie wäre es wohl, wenn der Nebel sich zerstreute und die blendende Sonne erschiene, in deren Licht alle Geheimnisse und Gespenster verschwinden? Wenn er oder sie es nicht aushielte, die Grenze überschritte und die Träume Wirklichkeit würden? hatte er denn das Recht, mit der gleichen leidenschaftslosen Neugierde, mit der er die Gesetze der Mechanik oder Mathematik, das Leben einer vergifteten Pflanze oder den Bau einer sezierten Leiche studierte, auch die lebendige Seele, die einzig vertraute Seele seiner ewigen Freundin und Schwester zu erforschen? Würde sie sich nicht empören und ihn, wie jedes andere Weib, voll Haß und Verachtung von sich stoßen? Es schien ihm manchmal, daß er sie auf eine langsame und furchtbare Weise zu Tode marterte. Und er entsetzte sich vor ihrer Gefügigkeit, die ebenso grenzenlos war wie seine zarte und unerbittliche Neugierde. Erst in der letzten Zeit hatte er in sich selbst diese Grenze entdeckt und begriffen, daß er früher oder später sich klar werden müsse, was sie für ihn sei: ein lebendiger Mensch oder nur ein Gespenst, das Ebenbild der eigenen Seele im Spiegel weiblicher Anmut. Er hoffte noch, durch die Trennung Zeit zu gewinnen, um sich nicht sofort für das eine oder das andere entscheiden zu müssen, und er freute sich beinahe über die Gelegenheit, Florenz verlassen zu können. Jetzt aber, da die Trennung so nahe bevorstand, wußte er, daß er sich getäuscht hatte und daß seine Abreise die Entscheidung nicht hinausschieben, sondern vielmehr beschleunigen würde. Er war in diese Gedanken so vertieft, daß er sich, ohne es zu bemerken, in ein entlegenes Gäßchen verirrte; als er um sich sah, konnte er die Gegend nicht sofort erkennen. Nach dem die Dächer überragenden Marmorturm des Giotto zu schließen, befand er sich in der Nähe des Domes. Die eine Seite der schmalen, langen Straße lag ganz in undurchdringlich schwarzem Schatten, während die andere von grellem, beinahe weißem Mondlichte übergossen war. In der Ferne schimmerte ein rötliches Licht. Dort, vor einem Eckbalkon, mit einem abschüssigen Ziegeldach, mit halbrunden Bögen auf schlanken Säulen, vor einer florentinischen Loggia, sangen Männer in schwarzen Larven und Mänteln zu den Tönen einer Laute eine Serenade. Er blieb stehen und lauschte. Es war das alte, von Lorenzo Medici dem Prächtigen verfaßte Liebeslied, das einst den Karnevalszug des Gottes Bacchus und der Ariadne begleitet hatte, – das unendlich freudige und traurige Lied, das Leonardo liebte, weil er es in seiner Jugend oft gehört hatte: Quant' è bella giovinezza Ma si fugge tuttavia. Chi vuol esser lieto, sia – Di doman non c'è certezza. Schön und herrlich ist die Jugend, Doch so flüchtig! Laß die Sorgen, willst du glücklich sein, so sei es Und verschieb es nicht auf morgen! Der letzte Vers weckte in seinem Herzen eine dunkle Ahnung. Sandte ihm das Schicksal nicht jetzt, an der Schwelle und in der unterirdischen Finsternis und Einsamkeit des Alters, eine verwandte, lebendige Seele? Wird er sie von sich stoßen und sich von ihr lossagen, wie er schon so oft das Leben der Betrachtung geopfert hatte? Wird er wieder das Nahe dem Fernen, das Wirkliche dem Nichtexistierenden und einzig Schönen opfern? Wen wird er wählen – die lebendige oder die unsterbliche Gioconda? Er wußte, er würde durch die Wahl der einen die andere verlieren; und doch waren ihm beide gleich teuer. Aber er wußte auch, daß er wählen müsse, daß er nicht länger zögern und diese Qual verlängern dürfe. Doch sein Wille war ohnmächtig. Er wollte und konnte nicht entscheiden, was besser sei: die Lebendige der Unsterblichen, oder die Unsterbliche der Lebendigen zu opfern; die wirkliche, oder die auf die Leinwand des Bildes gebannte zu töten? Er durchschritt noch zwei Straßen und erreichte das Haus seines Wirtes, Martelli. Die Türe war geschlossen und das Licht ausgelöscht. Er hob den an der Kette hängenden Hammer und klopfte auf die Eisenplatte. Der Pförtner antwortete nicht, er schlief oder war fortgegangen. Die Schläge weckten im Gewölbe der steinernen Stiege einen Widerhall und erstarben; es trat Stille ein und das Mondlicht schien sie noch zu vertiefen. Plötzlich erklangen schwere, langsame, gemessene, eherne Töne – der Glockenschlag vom nahen Uhrturme, sie sprachen vom stummen und unerbittlichen Fluge der Zeit, vom finsteren, einsamen Altern und vom Vergangenen, das nie wiederkehrt. Der letzte Ton zitterte und bebte bald starker, bald schwächer, er zog seine Kreise durch die Stille der Mondnacht und schien zu sprechen: Chi vuol esser lieto, sia – Di doman non c'è certezza. Willst du glücklich sein, so sei es Und verschieb es nicht auf morgen! V. Monna Lisa kam am nächsten Tage zur gewohnten Stunde in seine Werkstätte; diesmal ganz allein, ohne ihre ständige Begleiterin, Schwester Camilla. Gioconda wußte, daß es ihre letzte Begegnung mit Leonardo sei. Der Tag war sonnig und das Licht blendend. Leonardo stellte das Schutzdach auf und der Hof mit den schwarzen Wänden wurde sofort von einem zarten, gleichsam durch Wasser dringenden Dämmerlicht erfüllt, das ihrem Gesichte die höchste Schönheit verlieh. Sie waren beide allein. Er malte schweigend, von der Arbeit hingerissen und in vollkommener Ruhe. Seine gestrigen Gedanken über die bevorstehende Trennung und die Wahl, vor der er stand, hatte er gänzlich vergessen, als gäbe es für ihn weder eine Vergangenheit, noch eine Zukunft, als stehe die Zeit still und als habe Gioconda mit ihrem stillen, unergründlichen Lächeln immer so vor ihm gesessen und würde immer so sitzen, was ihm im Leben nie gelang, tat er jetzt in seiner Phantasie: er verschmolz zwei Gestalten in eine, die Wirklichkeit mit dem Spiegelbild, die Lebendige mit der Unsterblichen. Dies gab ihm die Freude der großen Befreiung. Sie tat ihm nicht mehr leid und flößte ihm auch keine Angst ein. Er wußte, daß sie ihm bis ans Ende ergeben bleiben würde, daß sie alles über sich ergehen lassen, alles erleiden und selbst sterben würde, ohne sich aufzulehnen. Zuweilen blickte er sie mit der gleichen Neugierde an, mit der er die letzten Zuckungen des Schmerzes in den Gesichtern der Verbrecher, die er zum Schafott begleitete, zu beobachten pflegte. Plötzlich glaubte er zu sehen, wie über ihr Gesicht der fremde Schatten eines lebendigen Gedankens huschte, den er ihr nicht eingeflößt hatte und den er nicht brauchen konnte; es war wie die zarte Spur eines lebendigen Hauches auf der Oberfläche eines Spiegels. Um sie wieder gefangen zu nehmen und in seinen Kreis zu bannen, um diesen lebenden Schatten zu vertreiben, erzählte er ihr in jenem singenden und befehlenden Tone, in dem ein Zauberer seine Beschwörungen spricht, eines von jenen Märchen, die an Rätsel gemahnten und die er oft in seinen Tagebüchern verzeichnete: »Ich hatte nicht die Kraft, meinem Wunsche zu widerstehen, neue, den Menschen noch unbekannte Schöpfungen der Natur zu schauen. So machte ich mich auf den Weg und ging lange Zeit zwischen nackten, finsteren Felsen, bis ich endlich eine Höhle erreichte und unentschlossen vor dem Eingange stehen blieb, schließlich neigte ich doch meinen Kopf, krümmte den Rücken, drückte meine linke Hand an das rechte Knie und die rechte Hand an die Augen, um mich an die Finsternis zu gewöhnen. Ich zog meine Brauen hoch, kniff meine Augen zusammen und strengte sie an, um etwas zu erspähen. Ich ging bald rechts, bald links, tastete mich mühselig vorwärts, doch die Finsternis war undurchdringlich. Nachdem ich eine Zeitlang geirrt hatte, waren in mir zwei gegeneinander kämpfende Gefühle erwacht: Angst und Neugierde; Angst vor der Finsternis der Höhle und Neugierde, ob sie nicht doch noch irgendein wunderbares Geheimnis beherberge.« Er schwieg. Der fremde Schatten lag noch immer auf ihrem Gesicht. »Welches der beiden Gefühle blieb Sieger?« fragte sie. »Die Neugierde.« »Habt Ihr also das Geheimnis der Höhle erfahren?« »Ich habe alles erfahren, was ich nur erfahren konnte.« »Werdet Ihr es den Menschen eröffnen?« »Alles darf ich nicht eröffnen, auch hätte ich nicht die Fähigkeit, es zu tun. Doch will ich in ihnen eine so starke Neugierde wecken, daß sie ihre Angst immer bezwinge.« »Wenn aber die Neugierde nicht genügt? Was dann, Messer Leonardo?« fragte sie und ihr Blick leuchtete plötzlich auf. »Wenn etwas anderes, Größeres not tut, um in die letzten, vielleicht wunderbarsten Geheimnisse der Höhle eindringen zu können?« Sie blickte ihn mit einem Lächeln an, wie er es bei ihr noch nie wahrgenommen hatte. »Was tut denn noch not?« fragte er. Sie schwieg. In diesem Augenblick drang ein seiner blendender Sonnenstrahl durch eine Spalte im Schutzdach, und das Dämmerlicht wurde gestört. Der Reiz der zarten, einer fernen Musik gleichenden Schatten und des »dunkeln Lichtes« schwand von ihrem Gesicht. »Reist Ihr morgen?« fragte Gioconda. »Nein, heute abend.« »Auch ich reise bald fort,« sagte sie. Er blickte sie unverwandt an, als ob er ihr noch etwas sagen wollte; er schwieg aber. Er fühlte, daß sie nur aus dem Grunde verreisen wolle, um nicht ohne ihn in Florenz bleiben zu müssen. »Messer Francesco,« fuhr Monna Lisa fort, »verreist nach Calabrien, wo er etwa drei Monate bis zum Herbste bleiben wird. Ich habe ihn gebeten, mich mitzunehmen.« Er wandte sich um und betrachtete geärgert den scharfen, bösen Sonnenstrahl, der schonungslos wie die Wahrheit war. Der Wasserstaub der Fontäne, der bis dahin einfarbig, leblos und durchsichtig gewesen, leuchtete jetzt, vom lebendigen Strahle getroffen, in allen Farben des Regenbogens, den Farben des Lebens. Er fühlte plötzlich, daß er ins Leben zurückkehrte, – scheu, ohne Kraft, von Leid und Mitleid erfüllt. »Es macht nichts,« sagte Monna Lisa, »Ihr könnt ja das Schutzdach ganz aufrichten. Es ist noch nicht zu spät. Ich bin auch noch nicht müde.« »Nein, jetzt ist es gleich. Es ist genug,« sagte er, seinen Pinsel fortlegend. »Werdet Ihr das Bildnis nie vollenden?« »Warum denn?« fragte er hastig, gleichsam erschrocken, »werdet Ihr denn nie wieder zu mir kommen, wenn Ihr von der Reise zurückgekehrt sein werdet?« »Ich werde wiederkommen. Doch werde ich vielleicht nach drei Monaten eine ganz andere sein und Ihr werdet mich nicht wiedererkennen. Ihr habt ja selbst gesagt, daß die Gesichtszüge der Menschen, besonders aber der Frauen, sich rasch verändern ...« »Ich möchte das Bild gern vollenden,« sagte er langsam, wie vor sich hin. »Aber ich weiß nicht... Zuweilen scheint mir, daß das, was ich erreichen will, überhaupt unmöglich ist...« »Unmöglich?« fragte sie verwundert. »Ich habe übrigens schon oft sagen hören, daß Ihr nichts vollendet, weil Ihr immer nach Unmöglichem strebt...« In diesen Worten glaubte er einen ganz leisen, unendlich sanften, traurigen Vorwurf zu hören. »Jetzt kommt es,« sagte er sich, und plötzlich krampfte sich sein Herz zusammen. Sie erhob sich und sagte ruhig, wie immer: »Nun ist es Zeit. Lebt wohl, Messer Leonardo. Glückliche Reise.« Er blickte sie an und las in ihrem Gesicht einen letzten hoffnungslosen Vorwurf, ein Flehen. Er wußte, daß dieser Augenblick unwiederbringlich und ewig wie der Tod war. Er wußte, daß er nicht schweigen dürfe. Je mehr er aber seinen Willen anspannte und nach einem Auswege, nach einem entscheidenden Worte suchte, um so mehr erkannte er seine Schwäche und die sich zwischen ihm und Monna Lisa öffnende unüberbrückbare trennende Kluft. Sie aber lächelte noch immer still und heiter. Doch jetzt glaubte er, daß es jene Stille und Heiterkeit sei, die zuweilen auf Totengesichtern erscheint. Ein unendliches, unerträgliches, quälendes Mitleid durchfuhr sein Herz und machte ihn noch ohnmächtiger. Monna Lisa reichte ihm die Hand, die er schweigend küßte; zum erstenmal, seit er sie kannte. Im gleichen Augenblick spürte er, wie sie sich über ihn neigte und sein Haar mit ihren Lippen berührte. »Gott schütze Euch,« sagte sie noch immer vollkommen ruhig. Als er zur Besinnung kam, war sie schon fort. Um ihn herum war jene tote sommerliche Mittagsstille, die viel unheimlicher ist, als die Stille der finsteren, einsamsten Mitternacht. Wie zur Mitternachtsstunde, doch noch unheimlicher und feierlicher, erklangen langsame, gemessene, eherne Töne – der Glockenschlag vom nahen Uhrturm. 5ie sprachen vom langsamen und unerbittlichen Fluge der Zeit, vom finsteren, einsamen Altern, und vom Vergangenen, das nie wiederkehrt. Der letzte Glockenschlag zitterte noch lange nach und er schien zu sagen: Chi vuol esser lieto, sia – Di doman non c'è certezza. VI. Als Leonardo den Auftrag, den Arnostrom von Pisa fortzuleiten, übernahm, war er überzeugt, daß dieses kriegerische Unternehmen ihn früher oder später vor eine friedlichere und wichtigere Aufgabe stellen würde. Schon in seiner Jugend hatte er an den Bau eines Kanals gedacht, der den Arno von Florenz bis zum Pisanischen Meere schiffbar machen sollte, das ganze Land mittels eines Systems kleinerer Kanäle bewässern und Toskana in einen einzigen blühenden Garten verwandeln könnte, »Prato, Pistoja, Pisa und Lucca«, lautete eine seiner älteren Aufzeichnungen, »könnten durch ihre Beteiligung an diesem Unternehmen ihre jährlichen Einnahmen um 20 000 Dukaten erhöhen. Wer die Gewässer des Arnostromes in ihrer Tiefe und auf der Oberfläche beherrschen wird, der wird in jedem Morgen Land einen Schatz finden.« Leonardo glaubte, daß das Schicksal ihm jetzt kurz vor seinem Alter die letzte Gelegenheit biete, im Dienste des Volkes das zu schaffen, was er im Dienste der Fürsten vergeblich erstrebt hatte, und der Menschheit die Macht der Wissenschaft über die Natur zu zeigen. Machiavelli eröffnete ihm, daß er Soderini betrogen, die wirklichen Schwierigkeiten des Unternehmens verschwiegen und ihm versichert hätte, daß es sich um höchstens dreißig- bis vierzigtausend Arbeitstage handele. Leonardo, der die Verantwortung dafür nicht tragen wollte, klärte den Gonfaloniere über den wahren Sachverhalt auf und legte ihm eine Berechnung vor, nach der zwei Entwässerungskanäle bis zum Sumpfe von Livorno, bei 7 Fuß Tiefe und 20 bis 30 Fuß Breite, was einer Gesamtfläche von 800 000 Quadratellen entspricht, im günstigsten Falle 200 000 Arbeitstage erfordern müßten; vielleicht noch mehr – je nach der Beschaffenheit des Bodens. Die Signori waren außer sich. Gegen Soderini wurden von allen Seiten Beschuldigungen erhoben: niemand konnte verstehen, wie er sich in ein derartiges Unternehmen hatte einlassen können. Aber Niccolo gab seine Hoffnung noch immer nicht auf: er lief herum, log, betrog, schrieb formvollendete Briefe und schwor auf den sicheren Erfolg der begonnenen Arbeiten. Trotz der hohen Kosten, die von Tag zu Tag anwuchsen, gingen die Arbeiten immer schlechter vor sich. Auf Messer Niccolo lastete wohl ein Fluch: was er auch unternahm, alles stürzte bei ihm ein, schmolz in seinen Händen und wurde zu Worten, abstrakten Gedanken und schlechten Scherzen, die ihm selbst am meisten schadeten. Der Künstler mußte unwillkürlich daran denken, wie Machiavelli in einem fort verlor, als er sein Spielsystem demonstrierte, wie kläglich der Versuch der Befreiung Marias und die Mazedonische Phalanx ausgefallen waren. In diesem sonderbaren Menschen, der immer nach Taten strebte und doch zu keiner Tat fähig war, der im Geiste stark und im Leben ohnmächtig und unbeholfen wie ein Schwan auf dem Trockenen war, erkannte Leonardo sein Ebenbild. In seinem Berichte an den Gonfaloniere und die Signori riet Leonardo, entweder alle Arbeiten sofort einzustellen und das Unternehmen endgültig aufzugeben, oder es aber, ohne die Kosten zu scheuen, zu vollenden. Die Machthaber der Republik wählten natürlich einen Mittelweg: sie beschlossen, die bereits gegrabenen Kanäle als strategische Gräben zu benützen, die den Marsch der Pisaner aufhalten sollten; da die Pläne Leonardos ihnen als zu kühn erschienen und wenig Vertrauen einflößten, ließen sie sich aus Ferrara neue Baumeister kommen, während aber die Bürger von Florenz diese Frage in allen möglichen Versammlungen, amtlichen Stellen und Sitzungen behandelten, nach Stimmenmehrheit mit weißen und schwarzen Kugeln abstimmten, miteinander stritten und diskutierten, zerstörten die Feinde, ohne sich lange zu besinnen, mit ihren Kanonenkugeln alles, was bis dahin geschaffen war. Das ganze Unternehmen war dem Künstler schließlich so verleidet, daß er nicht ohne Ekel daran denken konnte. Er hatte schon längst die Möglichkeit, nach Florenz abzureisen. Da er aber zufällig erfahren hatte, daß Messer Giocondo erst Anfang Oktober aus Calabrien zurückkehren würde, beschloß er, seine Abreise um zehn Tage zu verschieben, um Monna Lisa bestimmt in Florenz anzutreffen. Er zählte ungeduldig die Tage. Beim bloßen Gedanken, daß die Trennung sich noch hinziehen könnte, bemächtigte sich seiner eine abergläubische Angst und eine tiefe Sehnsucht. Er vermied schließlich, an sie zu denken und sogar Erkundigungen über sie einzuziehen; denn er fürchtete, hören zu müssen, daß sie ihre Heimreise aufgeschoben habe. Er traf in Florenz früh morgens ein. Das herbstlich-trübe, feuchte Florenz erschien ihm so lieb und vertraut, wie noch nie, denn das Antlitz der Stadt gemahnte ihn an Gioconda. Es war auch einer von »ihren« Tagen: still, neblig, mit jenem feucht-trüben, gleichsam durch Wasser dringenden Licht, das den weiblichen Gesichtern einen besonderen Reiz verlieh. Er fragte sich nicht mehr, wie die Begegnung ausfallen und was er ihr sagen würde; was er unternehmen würde, um sich nie wieder von ihr zu trennen, um die Gattin des Messer Giocondo als seine einzige ewige Freundin zu bewahren. Er wußte, daß alles ganz von selbst kommen, das Schwierige leicht, das Unmögliche möglich werden würde. Wenn er sie nur bald wiedersehen könnte! »Man soll gar nicht denken, dann gelingt es besser,« wiederholte er die Worte Rafaels. – »Ich werde sie fragen und sie wird mir jetzt sagen, was sie damals verschwiegen hatte: was noch außer der Neugierde not tut, um in die letzten, vielleicht wunderbarsten Geheimnisse der Höhle eindringen zu können?« Sein ganzes Wesen wurde plötzlich von einer Freude erfüllt, als wäre er nicht vierundfünfzig, sondern erst sechzehn Jahre alt, und als hätte er noch sein ganzes Leben vor sich liegen. Aber in dem tiefsten Abgrund seines Herzens, in den kein Strahl der Erkenntnis drang, war unter dieser Freude eine schwere Vorahnung verborgen. Er suchte Niccolo auf, um ihm verschiedene Geschäftspapiere und die Zeichnungen zu den Kanalbauarbeiten zu bringen. Den Messer Giocondo wollte er erst am nächsten Morgen besuchen; aber er konnte sich nicht länger beherrschen, und beschloß, noch am gleichen Abend hinzugehen; auf dem Heimwege von Machiavelli wollte er an dem Hause am Lungarno delle Grazie vorbeigehen, um einen Stallknecht, Diener oder Pförtner zu fragen, ob die Herrschaften zurückgekehrt seien und wie es ihnen gehe. Leonardo ging die Tornabuoni-Straße zu der Santa Trinita-Brücke hinunter; es war der gleiche Weg, den er in der Nacht vor seiner Abreise, aber in umgekehrter Richtung, gegangen war. Gegen Abend war das Wetter umgeschlagen, wie es in Florenz in den Herbstmonaten oft vorkommt. Aus der Munioneschlucht kam ein durchdringender scharfer Nordwind. Die Höhe von Mugello hatte sich mit weißem Reif bedeckt. Es regnete auch etwas. Unter der dichten Wolkenschicht, die nur unten am Horizont einen schmalen Streif blauen Himmels freiließ, kam plötzlich die Sonne zum Vorschein und beleuchtete die schmutzigen Straßen, die nassen, glänzenden Dächer und die Gesichter der Menschen mit einem unangenehmen messinggelben kalten Licht. Der Regen sah plötzlich wie Messingstaub aus. In der Ferne funkelten einige Fensterscheiben wie glühende Kohlen. Gegenüber der Kirche Santa Trinita, bei der Brücke an der Ecke des Kais und der Tornabuoni-Straße, erhob sich der Palazzo Spini; er war aus graubraunem Stein erbaut und gemahnte mit seinen Zinnen und Gitterfenstern an eine mittelalterliche Festung, wie bei den meisten alten florentiner Palästen, waren auch beim Palazzo Spini längs der Mauern breite Steinbänke angebracht; hier pflegten Bürger jeden Alters und Standes zu sitzen, Würfel und Dame zu spielen, über die Tagesereignisse zu plaudern, im Winter sich in der Sonne zu wärmen und im Sommer im Schatten zu rasten. An der Flußseite des Palazzo war über dieser Bank ein Ziegeldach errichtet, das auf kleinen Säulen ruhte. Das Ganze glich einer Loggia. Als Leonardo hier vorbeiging, gewahrte er eine Versammlung von Menschen, die er zum Teil flüchtig kannte. Die einen saßen, die andern standen herum. Sie unterhielten sich so eifrig miteinander, daß sie die heftigen Windstöße und den Regen gar nicht zu bemerken schienen. Als sie den Künstler erkannten, riefen sie ihm zu: »Messere, Messere Leonardo! Kommt doch, bitte, her und entscheidet unsern Streit.« Er blieb stehen. Sie stritten wegen einiger rätselhafter Verse im vierundzwanzigsten Gesänge der Danteschen »Hölle«, wo der Dichter vom Riesen Dis spricht, der bis an die Mitte der Brust im Eise des verdammten Brunnens steckt. Er ist der Hauptanführer der gestürzten Engelschar, der »Kaiser des Traurigen Reiches«. Seine drei Antlitze – ein rotes, ein gelbes und ein schwarzes, bedeuten eine teuflische Anspielung auf die göttlichen Personen der heiligen Dreieinigkeit. In jedem Rachen steckt ein Sünder, an dem er ewig nagt: im schwarzen der Verräter Judas, im roten Brutus, im gelben Cassius. Man behandelte eben die Frage, warum Allighieri für denjenigen, der sich gegen den Menschgott aufgelehnt, für den Mörder des Julius Cäsar, und für den größten der Verräter, der sich gegen den Gottmenschen aufgelehnt hatte, – fast die gleiche Strafe bestimmte. Der Unterschied bestand nur darin, daß bei Brutus die Beine im Rachen steckten, während der Kopf heraushing, bei Judas aber die Beine heraushingen und der Kopf im Rachen steckte. Die einen erklärten es damit, daß Dante, der ein eifriger Ghibelline und Verteidiger der kaiserlichen Macht gegen die weltliche Herrschaft der Päpste gewesen war, das Römische Reich für ebenso oder fast ebenso heilig und für das Heil der Welt notwendig als die Römische Kirche hielt, andere entgegneten, eine solche Auffassung sei ketzerisch und widerspräche dem christlichen Geiste des frömmsten aller Dichter. Je länger sie stritten, desto unlösbarer erschien das Geheimnis des Dichters. Ein alter, reicher Wollhändler erklärte dem Künstler sehr umständlich den Gegenstand des Streites; Leonardo hatte seine Augen wegen des starken Windes halb geschlossen und blickte in die Ferne nach dem Kai des Lungarno Acciajoli. Aus dieser Richtung näherte sich mit ungelenken, schweren Schritten ein ärmlich und nachlässig gekleideter Mann; er war hager und knochig, hatte einen großes Kopf mit struppigem, krausem, schwarzem Haar, einem dünnen, wirren Ziegenbart, abstehenden Ohren und einem derbknochigen, flachen Gesicht. Es war Michel Angelo Buonarotti. Besonders häßlich, beinahe abstoßend, wirkte seine Nase, die ihm in seiner Jugend ein Bildhauer, der sein Nebenbuhler war und den er mit boshaften Bemerkungen aus der Fassung gebracht, mit einem Faustschlage halb zertrümmert hatte. In den Pupillen seiner kleinen gelbbraunen Augen leuchtete zuweilen ein seltsames blutrotes Feuer auf. Seine Augenlider waren entzündet, gerötet und hatten fast keine Wimpern: denn er begnügte sich nicht mit den Tagesstunden und arbeitete auch nachts, wobei er sich eine kleine runde Laterne an die Stirne befestigte; so gemahnte er an einen Zyklopen, der mit dem einzigen leuchtenden Auge in der Mitte der Stirne in der unterirdischen Finsternis brummend herumtastet und mit seinem eisernen Hammer gegen das Gestein kämpft. »Nun, wie ist Eure Ansicht, Messere?« fragten die Streitenden. Leonardo hoffte noch immer, daß sein Streit mit Buonarotti früher oder später mit einer Versöhnung abschließen werde. Während seiner Abwesenheit aus Florenz hatte er an diesen Streit nie gedacht und ihn fast vergessen. Sein Herz war jetzt von einer solchen Ruhe und Klarheit erfüllt, daß er bereit war, an seinen Gegner so gütige Worte zu richten, daß dieser ihn unbedingt verstehen müßte. »Messer Buonarotti ist ein großer Dantekenner,« sagte er mit freundlichem, ruhigem Lächeln, auf Michel Angelo hinweisend. »Er wird Euch die Stelle besser erklären können, als ich.« Michel Angelo ging, wie es seine Gewohnheit war, mit gesenktem Kopf und blickte weder nach links, noch nach rechts. So geriet er, ohne es zu bemerken, mitten in die Versammlung. As er seinen Namen aus Leonardos Munde hörte, blieb er stehen und hob die Augen. Er war menschenscheu und schüchtern, und jeder auf ihn gerichtete Blick war ihm lästig: er war sich seiner Häßlichkeit bewußt, schämte sich ihrer und glaubte immer, daß man ihn verspotte. Im ersten Augenblick war er so überrascht, daß er seine Fassung verlor: er musterte die Versammlung mißtrauisch mit seinen kleinen gelbbraunen Augen und blinzelte hilflos mit den entzündeten Lidern. Die Sonne und die auf ihn gerichteten Blicke taten ihm weh. Als er aber das heitere Lächeln und den durchdringenden Blick seines Gegners gewahrte, der ihn von oben herab ansah – denn Leonardo war größer als Michel Angelo –, ging seine Verlegenheit, wie es bei ihm öfters vorkam, fast augenblicklich in Wut über. Einige Minuten war er sprachlos. Sein Gesicht war bald leichenblaß, bald fleckig rot. Schließlich brachte er mühselig, mit dumpfer, gepreßter Stimme heraus: »Erkläre es ihnen selbst! Du bist ja dazu berufen, du Klügster unter den Menschen, der du dich den lombardischen Kapaunen anvertraut hast; sechzehn Jahre hast du am tönernen Koloß gearbeitet, und ihn doch nicht in Erz gegossen; du mußtest schließlich die Arbeit mit Schimpf und Schande aufgeben! ...« Er fühlte selbst, daß er nicht das Richtige sprach. Er suchte nach verletzenden Worten, mit denen er seinen Gegner noch mehr erniedrigen könnte, und fand sie nicht. Alle verstummten und blickten neugierig auf die beiden Künstler. Leonardo schwieg. Einige Augenblicke lang sahen beide einander an: der eine mit dem früheren milden Lächeln, erstaunt und betrübt, der andere – mit einem verächtlichen Lächeln, das ihm nicht recht gelingen wollte, sondern seine Züge wie ein Krampf verzerrte und ihn noch häßlicher erscheinen ließ. Vor der wütenden Kraft des Buonarotti erschien die stille weibliche Anmut Leonardos als eine grenzenlose Schwäche. Leonardo hatte einmal den Kampf zweier Ungeheuer, eines Löwen und eines Drachen, gezeichnet: der geflügelte Drache, der König der Lüfte, besiegte den flügellosen Löwen, den König der Erde. Was jetzt gegen ihren Willen und ohne daß sie sich darüber Rechenschaft gaben, vorging, erinnerte an diesen Kampf. Leonardo fühlte, daß Monna Lisa recht gehabt hatte: sein Gegner würde ihm nie seine »Stille, die stärker ist als ein Sturm«, verzeihen. Michel Angelo wollte etwas sagen, machte aber nur eine stumme Handbewegung, wandte sich ab und setzte mit schweren, ungelenken Schritten seinen Weg fort. Er ging gesenkten Kopfes mit gekrümmtem Rücken, als trage er auf seinen Schultern eine ungeheuere Last; im Gehen brummte er etwas dumpf und undeutlich vor sich hin. Bald entschwand er den Blicken; seine Gestalt hatte sich gleichsam im trüben, messinggelben Regen- und Sonnenstaube aufgelöst. Auch Leonardo setzte seinen Weg fort. Auf der Brücke holte ihn ein Mann ein, den er schon bei der Versammlung am Palazzo Spini bemerkt hatte. Er war häßlich; beweglich und glich einem Juden, war aber ein Florentiner von reinstem Blute. Der Künstler konnte sich nicht mehr besinnen, wer dieser Mann war und wie er hieß; er wußte nur, daß er als eine männliche Klatschbase berüchtigt war. Auf der Brücke war der Wind stärker; er pfiff um die Ohren und stach das Gesicht wie mit eisigen Nadeln. Die Wellen des Arno strömten der sinkenden Sonne entgegen und glichen unter dem drückenden, finsteren, gleichsam steinernen Himmel einem unterirdischen Ströme geschmolzenen Messings. Leonardo ging den schmalen, trockenen Steg entlang und schenkte seinem Begleiter keine Beachtung. Dieser lief neben ihm im Schmutze her, überholte ihn zuweilen, blickte ihm wie ein Hund in die Augen und versuchte ein Gespräch über Michel Angelo anzuknüpfen. Er hatte offenbar die Absicht, irgendeine unvorsichtige Bemerkung Leonardos aufzufangen, um sie dann gleich seinem Gegner zu hinterbringen und in der ganzen Stadt zu verbreiten. Leonardo aber sprach kein Wort. »Sagt mir, Messere,« drang in ihn der unangenehme Mensch, »Ihr habt doch Giocondas Bildnis noch nicht vollendet?« »Nein, ich habe es noch nicht vollendet,« erwiderte der Künstler mit finsterer Miene, »was geht es Euch übrigens an?« »Ich habe nur so gefragt, wenn man bedenkt, daß Ihr schon seit drei Jahren an diesem einen Bilde arbeitet und es noch immer nicht fertig ist ... Wir Laien halten es schon jetzt für so vollkommen, daß wir uns gar nicht vorstellen können, wie es noch besser werden sollte! ...« Er lächelte devot. Leonardo sah ihn angeekelt an. Er fühlte in sich plötzlich einen solchen Haß aufsteigen, daß er diesen widerwärtigen Menschen beinahe am Kragen gepackt und in den Fluß geworfen hätte. »Was soll aber aus dem Bildnis werden?« fuhr der zudringliche Mensch fort. »Oder wißt Ihr es noch nicht, Messer Leonardo?« Er hätte wohl etwas im Sinn und zog das Gespräch augenscheinlich in die Länge. Plötzlich empfand der Künstler neben dem Gefühl des Ekels noch eine unheimliche Angst vor seinem Gefährten; sein Körper erschien ihm plötzlich schlüpfrig und in vielen Gelenken biegsam wie der eines Insekts. Der Unbekannte hatte wohl diese Regung in Leonardo wahrgenommen: seine Hände und Augenlider bebten und so glich er noch mehr einem Juden. »Mein Gott, Ihr seid ja erst heute früh nach Florenz gekommen und könnt es also noch gar nicht wissen. Denkt Euch nur, dieses Unglück! Der arme Messer Giocondo ist zum dritten Mal Witwer geworden, vor einem Monat ist Madonna Lisa nach Gottes unerforschlichem Ratschluß verschieden ...« Leonardo wurde es finster vor den Augen. Einen Augenblick glaubte er, daß er umfallen müsse. Sein Begleiter hatte in ihn seine stechenden Blicke gebohrt. Aber der Künstler beherrschte sich, was ihm eine übermenschliche Anstrengung kostete; sein Gesicht war blaß, blieb aber undurchdringlich. Sein Gefährte konnte wenigstens darin nichts merken. Er schien enttäuscht. Auf dem Frescobaldi-Platze versank er bis an die Fußknöchel in den Schmutz und blieb zurück. Als Leonardo wieder zur Besinnung kam, war sein erster Gedanke, daß der Mann alles erlogen habe, um den Eindruck, den diese Nachricht auf ihn machen würde, zu sehen und einen neuen Beitrag zu den Gerüchten über ein angebliches Liebesverhältnis zwischen Leonardo und der Gioconda verbreiten zu können. An die Tatsache ihres Todes wollte er im ersten Augenblick gar nicht glauben. Denn eine Todesnachricht erscheint uns immer unwahrscheinlich. Doch am gleichen Abend erfuhr er alles: auf der Heimreise aus Calabrien, wo Messer Francesco seine Geschäfte ausgezeichnet besorgt und unter anderem auch einen vorteilhaften Vertrag über Lieferung roher Schafshäute nach Florenz abgeschlossen hatte, war Monna Lisa Gioconda in dem abgelegenen kleinen Nest Lagonero gestorben; die einen sagten an Sumpffieber, die anderen an einem ansteckenden Halsleiden. VII. Die Arbeiten am Kanal zur Ableitung des Arnostromes von Pisa nahmen ein schlimmes Ende. Im Herbste hatte das Hochwasser alles, was schon geschaffen war, zerstört und die ganze blühende Ebene in einen Sumpf verwandelt; unter den Arbeitern brach eine Seuche aus. Die große Arbeit und die ungeheueren Kosten waren verloren; jetzt kamen noch Menschenopfer hinzu. Die Ferrarischen Baumeister schoben die Schuld auf Soderini, Machiavelli und Leonardo. Alle wandten sich von ihnen ab und niemand grüßte sie mehr auf der Straße. Niccolo wurde vor Scham und Ärger krank. Zwei Jahre vorher hatte Leonardo seinen Vater verloren. Mit der ihm eigenen Kürze notierte er in seinem Tagebuch: »Mittwoch, d. 9. Juli 1504 um sieben Uhr abends starb mein Vater Ser Piero da Vinci, Notar im Schlosse des Podesta, im Alter von achtzig Jahren. Er hinterließ zehn Kinder männlichen und zwei weiblichen Geschlechts.« Ser Piero hatte öfters vor Zeugen die Absicht geäußert, seinem unehelichen Erstgeborenen, Leonardo, denselben Teil des Vermögens, wie den übrigen Kindern zu vermachen. Entweder gab er diese Absicht vor dem Tode selbst auf, oder wollten die Söhne den Willen des Verstorbenen nicht erfüllen; jedenfalls aber erklärten sie, Leonardo sei als unehelicher Sohn von der Erbschaft ganz auszuschließen. Da machte ein Wucherer, ein geschickter Jude, der Leonardo auf die erwartete Erbschaft Geld geliehen hatte, den Vorschlag, ihm seine Rechte im Streite mit den Brüdern abzukaufen. So sehr Leonardo Familienzwist und Scherereien mit dem Gericht auch verabscheute, mußte er in Anbetracht seiner zu dieser Zeit sehr verwickelten Vermögensverhältnisse doch darauf eingehen. Nun begann ein Prozeß, der 300 Florins zum Gegenstand hatte und der sechs Jahre dauern sollte. Die Brüder nützten die allgemeine Erbitterung gegen Leonardo aus und beschuldigten ihn, um Öl ins Feuer zu gießen, der Gottlosigkeit, des Hochverrats während seines Dienstes bei Cesare Borgia, der Zauberei und der Entweihung christlicher Gräber beim Ausgraben von Leichen zum Zwecke der Lektion; sie ließen auch den vor fünfundzwanzig Jahren verstummten Klatsch von seinen widernatürlichen Lastern wieder auferstehen und schändeten das Angedenken seiner verstorbenen Mutter, Katharina Accattabriga. Zu allen diesen Unannehmlichkeiten kam noch sein Mißgeschick mit dem Bilde im Ratsaal hinzu. Leonardos Gewohnheit, langsam zu arbeiten, war bei der Freskomalerei nur bei Anwendung von Ölfarben möglich; sein Widerwillen gegen die von der Arbeit mit Wasserfarben erheischte Eile war so stark, daß er, trotz der warnenden Erfahrung mit dem heiligen Abendmahl, doch beschloß, auch bei der Schlacht von Anghiari Ölfarben zu verwenden, allerdings andere, die er für vervollkommnet hielt. Als die Arbeit zur Hälfte ausgeführt war, zündete er vor dem Bilde auf Eisenrosten ein großes Feuer an, um nach dieser neuen, von ihm erfundenen Methode, das Eindringen der Farben in den Mörtel zu beschleunigen; er überzeugte sich jedoch bald, daß die Hitze nur auf den unteren Teil des Bildes einwirkte, während auf dem oberen, vom Feuer entfernten, weder Farben noch Lack trockneten. Nach vielen vergeblichen Bemühungen gewann er die endgültige Gewißheit, daß auch sein zweiter Versuch, bei Fresken Ölfarben zu verwenden, ebenso fehlschlagen würde wie der erste: Die Schlacht bei Anghiari würde ebenso zu Grunde gehen wie das heilige Abendmahl; und schon wieder mußte er, nach Buonarottis Ausdruck »mit Schimpf und Schande alles aufgeben.« Das Bild im Ratsaal war ihm noch mehr verleidet, als der Pisanische Kanal und der Prozeß mit den Brüdern. Soderini quälte ihn, indem er von ihm bureaukratische Genauigkeit bei der Ausführung des Auftrages verlangte, trieb ihn an, die Arbeit zur festgesetzten Frist zu beenden und bedrohte ihn mit einer Geldbuße; als er sah, daß nichts half, begann er ihn offen der Unredlichkeit und der Aneignung von Staatsgeldern zu bezichtigen. Als aber Leonardo bei seinen Freunden eine Anleihe machte und ihm alles aus der Staatskasse Erhaltene zurückerstatten wollte, weigerte sich Messer Piero, es anzunehmen. Unterdessen machte in Florenz ein von Buonarottis Freunden in Abschriften verbreiteter Brief des Gonfaloniere an den Florentiner Bevollmächtigten in Mailand die Runde; es handelte sich um eine Beurlaubung des Künstlers zum Eintritt in die Dienste des Statthalters des französischen Königs in der Lombardei, Seigneur Charles d'Amboise: »Leonardos Handlungsweise ist unlauter«, hieß es unter anderem in diesem Brief. »Nach dem Empfang eines großen Vorschusses und nach kaum begonnener Arbeit hat er seine Tätigkeit wieder eingestellt und an der Republik wie ein Verräter gehandelt.« Einmal saß Leonardo in einer Wintersnacht allein in seinem Arbeitszimmer. Der Sturm heulte im Schornstein des Kamins. Die Mauern erzitterten im Ansturme des Windes; die Kerzenflamme flackerte, der auf einem Balken des Flugmodells aufgehängte Vogelbalg mit den von Motten zerfressenen Flügeln schaukelte hin und her, als hätte er die Absicht aufzufliegen; und in der Ecke, über dem Bücherbrett mit den Werken des Plinius, lief eine ihm gut bekannte Spinne aufgeregt in ihrem Netze herum. Die Tropfen des Regens oder des geschmolzenen Schnees schlugen an das Fenster, als ob jemand leise anklopfte. Nach dem in kleinlichen Sorgen verbrachten Tage fühlte sich Leonardo müde und zerschlagen, wie nach einer im Fieber verbrachten Nacht. Er machte den Versuch, seine längst begonnene Arbeit, die Erforschung der Bewegungsgesetze der Körper auf der schiefen Ebene, in Angriff zu nehmen; dann beschäftigte er sich mit der Karrikatur einer alten Frau mit einer Stulpnase von der Größe einer Warze, mit Schweinsaugen und einer riesigen, ungeheuerlich heruntergezogenen Oberlippe; er versuchte zu lesen, aber alles entglitt seinen Händen, schlafen wollte er auch nicht, und dabei stand ihm noch die ganze Nacht bevor. Er heftete seinen Blick auf die Stöße alter staubiger Folianten, auf die Phiolen, Retorten und die Gefäße mit den bleichen Mißgeburten in Spiritus, auf die kupfernen Quadranten, die Globen, die Apparate für Mechanik, Astronomie, Physik, Hydraulik, Optik und Anatomie, – und ein unaussprechlicher Ekel erfüllte seine Seele. Glich er nicht selbst dieser alten Spinne in der dunklen Ecke über den verschimmelten Büchern, den Knochen von menschlichen Gerippen und den toten Gliedern toter Maschinen? Was stand ihm im Leben noch bevor, was trennte ihn vom Tode, außer diesen wenigen Papierblättern, die er mit unverständlichen Schriftzeichen bedeckte? Und er gedachte seiner Kindheit, da er auf dem Monte Albano dem Schrei der Kranichschwärme lauschte, den harzigen Kräuterduft einatmete und auf Florenz hinabsah, das im Sonnenglast durchsichtig wie ein Amethyst dalag und so klein erschien, daß es zwischen zwei blühenden goldigen Zweigen des die Bergabhänge im Frühling bedeckenden Gebüsches Platz fand; – damals war er glücklich, ohne etwas zu wissen und an etwas zu denken. War denn seine ganze Lebensarbeit wirklich nur Täuschung gewesen und war also die große Liebe nicht die Tochter der großen Erkenntnis? Er lauschte dem Heulen, dem Winseln und dem Toben des Schneesturmes. Macchiavellis Worte fielen ihm ein: »Das Furchtbarste im Leben ist weder Sorge, noch Armut, weder Leid noch Krankheit, nicht einmal der Tod, sondern Langeweile.« Die wilde Stimme des nächtlichen Sturmes sprach davon, was dem Menschenherzen vertraut und unentrinnbar erscheint – von der letzten Einsamkeit in der furchtbaren blinden Finsternis, im Schoße des Vaters alles Seins, des uralten Chaos und von der grenzenlosen Langenweile der Welt. Er erhob sich, nahm die Kerze, öffnete die Türe, ging in das Nebenzimmer, näherte sich dem Bilde, das auf einer Staffelei mit drei Füßen stand und schlug den Vorhang zurück, der es wie ein Leichentuch mit schweren Falten verhüllte. Es war das Bildnis der Monna Lisa Gioconda. Er hatte es seit jener Stunde nicht mehr gesehen, als er bei ihrem letzten Beisammensein daran gearbeitet hatte. Er glaubte es jetzt zum ersten Mal zu sehen. Und er fühlte in diesem Gesicht eine solche Kraft des Lebens, daß er vor seiner eigenen Schöpfung erschauerte. Er dachte an die unheimlichen Erzählungen von jenen Zauberbildnissen, welche man bloß mit einer Nadel zu durchbohren braucht, um den Tod des Dargestellten herbeizuführen, hier glaubte er jedoch das Gegenteil zu sehen; er hatte die Lebende des Lebens beraubt, um es der Toten zu geben. Alles an ihr war klar und genau, bis auf die letzte Falte des Gewandes und bis auf die Kreuzstiche der feinen Stickerei, welche den Ausschnitt ihres dunklen Kleides auf der bleichen Brust umrahmte. Man glaubte, nur genauer hinschauen zu müssen, um zu sehen, wie die Brust atmete, wie in dem Grübchen unter der Kehle das Blut pulsierte und wie der Gesichtsausdruck wechselte. Und doch war sie zugleich geisterhaft, fern und fremd und erschien in ihrer unsterblichen Jugend älter als die urgeschaffenen Basaltfelsen im Hintergründe des Bildes, obwohl diese duftig blauen, stalaktitähnlichen Berge einer unirdischen, längst erloschenen Welt anzugehören schienen. Die Windungen der Ströme zwischen den Felsen erinnerten an ihre feingeschwungenen Lippen mit dem ewigen Lächeln. Und die Wellen der Haare quollen unter dem durchsichtigen, dunklen Schleier nach denselben Gesetzen der ewigen Mechanik hervor wie die Wellen des Wassers. Als hätte ihr Tod ihm die Augen geöffnet, begriff er erst jetzt, daß Monna Lisas Anmut alles sei, was er mit einer so unersättlichen Neugier in der Natur gesucht hatte; er begriff, daß das Geheimnis der Welt das Geheimnis der Monna Lisa sei. Jetzt erforschte nicht mehr er sie, sondern sie ihn. Was bedeutete der Blick dieser Augen, die seine Seele wiederspiegelten und sich darin bis zur Unendlichkeit vertieften? Sagte sie jetzt vielleicht das, was sie bei der letzten Begegnung verschwiegen hatte: es tut etwas Größeres als Neugierde not, um in die letzten, vielleicht wunderbarsten Geheimnisse der Höhle eindringen zu können? Oder war es das gleichgültige Lächeln der Allwissenheit, mit dem die Toten die Lebenden betrachten? Er wußte, daß ihr Tod kein Zufall gewesen war: er hätte sie retten können, wenn er es gewollt hätte. Er glaubte noch niemals so unmittelbar und nahe in das Antlitz des Todes geschaut zu haben. Der kalte und freundliche Blick der Gioconda machte seine Seele zu Eis erstarren. Und zum ersten Mal im Leben trat er vor einem Abgrund zurück und wagte nicht hineinzuschauen; zum ersten Mal wollte er etwas nicht wissen. Rasch, beinahe wie ein Dieb senkte er den Vorhang mit den schweren Falten wie ein Leichentuch auf ihr Antlitz nieder. Dank der Verwendung des französischen Statthalters Charles d'Amboise wurde Leonardo im Frühjahr für drei Monate aus Florenz beurlaubt; er begab sich bald darauf nach Mailand. Ebenso wie vor fünfundzwanzig Jahren, war er auch jetzt froh, die Heimat zu verlassen; mit den gleichen Gefühlen wie damals erblickte der einsame Wanderer wieder die Schneemassen der Alpen über der grünen Ebene der Lombardei. + Fünfzehntes Buch Die heilige Inquisition I. Während seines ersten Aufenthaltes in Mailand, als er noch in Moros Diensten stand, studierte Leonardo Anatomie gemeinsam mit einem noch sehr jungen, etwa achtzehnjährigen, aber schon sehr berühmten Gelehrten, Marc Antonio, aus dem alten Geschlecht der Veroneser Patrizier della Torre, bei denen die Liebe zur Wissenschaft erblich war. Marc Antonios Vater lehrte in Padua Medizin, auch seine Brüder waren Gelehrte. Er selbst hatte sich seit seinen Knabenjahren dem Dienste der Wissenschaft geweiht, ebenso wie die Nachkommen ruhmreicher Geschlechter einst ihre ritterlichen Dienste der Dame ihres Herzens oder Gott weihten. Weder die Spiele der Kindheit noch die Leidenschaften der Jugend konnten ihn von diesem strengen Dienst ablenken. Er war einmal verliebt; da er aber zur Einsicht gelangte, man könne nicht zugleich zweien Herren – der Liebe und der Wissenschaft – dienen, verließ er die Braut und sagte sich endgültig von der Welt los. Noch in der Kindheit hatte er sich seine Gesundheit durch übermäßiges Studieren zerstört. Sein hageres, bleiches Gesicht, das ihm das Aussehen eines strengen Glaubenseiferers verlieh, war noch immer schön und erinnerte an das Gesicht Rafaels, doch drückte es größere Tiefe und Trauer aus. Als er noch Jüngling war, stritten sich die beiden berühmten Universitäten Norditaliens, die Paduanische und Pavianische, um ihn. Und als Leonardo nach Mailand zurückkehrte, galt der zwanzigjährige Marc Antonio als einer der ersten Gelehrten Europas. In der Wissenschaft verfolgten sie anscheinend die gleichen Ziele: sie ersetzten beide die scholastische Anatomie der mittelalterlichen arabischen Deuter des Hippokrates und des Galenos durch das Experiment, die Naturbeobachtung und durch die Erforschung des Baues des lebendigen Körpers; doch unter der äußeren Ähnlichkeit verbarg sich auch eine tiefgehende Verschiedenheit. An den letzten Grenzen des Wissens ahnte der Künstler ein Geheimnis, das ihn durch alle Welterscheinungen hindurch anzog, gleich dem Magnet, der auch durch Gewebe hindurch Eisen anzieht. Bei der Beschreibung der Schultermuskeln sagte er: »Diese Muskeln sind durch die Enden dünner Fäden nur an den äußeren Rand ihrer Behälter befestigt: der große Meister hat es so eingerichtet, damit sie die Möglichkeit haben, sich frei auszudehnen und zusammenzuziehen, sich zu strecken und zu verkürzen.« In den Anmerkungen zu der Zeichnung, welche die Bündel der Schenkelmuskeln darstellte, schrieb er: »Betrachte diese schönen Muskeln a, b, c, d und e und wenn es dir vorkommt, es seien ihrer zu viel oder zu wenig, versuche einige hinzuzufügen oder zu entfernen; wenn es aber so recht ist, dann lobe den ersten Erbauer einer so wunderbaren Maschine.« So war für ihn das letzte Ziel eines jeden Wissens das große Staunen vor dem Unerforschlichen, vor der göttlichen Notwendigkeit, vor dem Willen des Urhebers der ersten Bewegung in der Mechanik, des ersten Baumeisters in der Anatomie. Auch Marc Antonio fühlte das Geheimnis in den Naturerscheinungen, doch es flößte ihm keine Ehrfurcht ein; da er nicht die Macht besaß, es von sich zu weisen oder zu besiegen, kämpfte er dagegen und fürchtete sich davor. Leonardos Wissen ging zu Gott; Marc Antonios Wissen gegen Gott. Den verlorenen Glauben wollte er durch einen neuen ersetzen, durch den Glauben an den menschlichen Verstand. Er war mildtätig, während er Reiche oft abwies, behandelte er die Armen unentgeltlich, gab ihnen Geld und war bereit, ihnen alles zu geben, was er besaß. Er hatte jene Güte, die nur weltfremden, philosophischen Betrachtungen ergebenen Menschen eigen ist. So oft aber die Rede auf die Unwissenheit der Mönche und Pfaffen, auf die Feinde der Wissenschaft kam, verzerrte sich sein Gesicht und seine Augen funkelten vor unbändiger Wut; Leonardo fühlte, daß dieser mildtätige Mensch, wenn er die Macht besäße, die Menschen im Namen der Vernunft ebenso auf die Scheiterhaufen werfen würde, wie seine Feinde, die Mönche und Pfaffen, es im Namen Gottes taten. Leonardo war in der Wissenschaft ebenso einsam wie in der Kunst, während Marc Antonio von Schülern umgeben war. Er riß die Menge hin, entzündete die Herzen gleich einem Propheten, tat Wunder und rettete Kranken das Leben, weniger durch Medikamente, als durch den Glauben. Und die jungen Zuhörer trieben gleich allen Schülern die Ideen ihres Lehrers auf die Spitze. Sie kämpften nicht mehr, sondern verneinten sorglos das Geheimnis der Welt und glaubten, die Wissenschaft würde über kurz oder lang alles besiegen, alles lösen und das hinfällige Gebäude des Glaubens dem Erdboden gleich machen. Sie prahlten mit dem Unglauben wie Kinder mit neuen Spielsachen; sie wüteten wie Schulknaben und in ihrer siegesgewissen Fröhlichkeit glichen sie kläffenden jungen Hunden. Für den Künstler war der Fanatismus der vermeintlichen Diener der Wissenschaft ebenso abstoßend wie der Fanatismus der vermeintlichen Diener Gottes. »Wenn die Wissenschaft einmal siegt,« – dachte er voll Trauer, »und der Pöbel ihr Heiligtum betritt, wird er sie durch seine Anerkennung nicht ebenso besudeln, wie er die Kirche besudelt hat? und wird das Wissen der Menge weniger gemein sein, als ihr Glaube?« Zu jenen Zeiten war das Beschaffen von Leichen für Zwecke der Anatomie, die Papst Bonifacius\  VIII. durch die Bulle Extravagantes verboten hatte, ein schwieriges und gefährliches Beginnen. Vor zweihundert Jahren hatte der Gelehrte Mundini dei Luzzi als erster gewagt, eine öffentliche Sektion zweier Leichen an der Universität Bologna vorzunehmen. Er wählte Frauen, »da sie der tierischen Natur näher stehen.« Nichtsdestoweniger quälte ihn, nach seinem eigenen Bekenntnis, das Gewissen, so daß er es gar nicht wagte, den Kopf, »den Sitz des Geistes und der Vernunft«, zu sezieren. Die Zeiten hatten sich geändert. Marc Antonios Schüler waren weniger scheu, sie verschafften sich frische Leichen, ohne vor irgend welchen Gefahren oder selbst Verbrechen zurückzuschrecken: sie kauften sie nicht nur um teures Geld den Henkersknechten und Totengräbern ab, sondern entwendeten sie auch mit Gewalt, stahlen sie von den Galgen und gruben sie aus den Gräbern der Friedhöfe heraus; wenn der Meister es erlaubt hätte, würden sie wohl an abgelegenen Vororten die Passanten umgebracht haben. Die große Anzahl von Leichen machte die Arbeit des Della Torre für den Künstler besonders wichtig und wertvoll. Er verfertigte eine ganze Reihe von anatomischen Zeichnungen mit der Feder und dem Rötel, mit Kommentaren und Randnoten. In den Methoden der Forschung trat der Gegensatz der Forscher noch deutlicher hervor. Der eine war nur Gelehrter, der andere Gelehrter und Künstler zugleich. Marco Antonio mußte. Leonardo wußte und liebte – und die Liebe vertiefte das Wissen. Seine Zeichnungen waren so genau und zugleich so schön, daß es schwer fiel zu entscheiden, wo die Kunst aufhörte und die Wissenschaft anfing. Das eine ging in das andere über, das eine verschmolz mit dem anderen zu einem untrennbaren Ganzen. »Demjenigen, der einwenden wollte«, schrieb er in diesen Notizen, »es wäre besser, Anatomie an den Leichen als nach weinen Zeichnungen zu studieren, werde ich zur Antwort geben: dem wäre so, wenn du bei einem Schnitt alles sehen könntest, was die Zeichnung darstellt; so groß dein Scharfsinn aber auch sein mag, würdest du nur einige Blutgefäße sehen und erkennen. Ich habe aber mehr als zehn menschliche Körper verschiedenen Alters seziert, um mir ein vollkommenes Wissen anzueignen; ich habe alle Glieder zerstört, indem ich alles Fleisch, das die Adern einschließt, bis auf die letzten Fasern entfernt habe, ohne das Blut austreten zu lassen, außer den kaum merklichen Tropfen aus den Haargefäßen. Und wenn eine Leiche nicht ausreichte, weil sie während der Untersuchung in Verwesung überging, sezierte ich so viele Leichen, als es die vollkommene Kenntnis des Gegenstandes erheischte; oft machte ich dieselbe Untersuchung zwei Mal, um die Unterschiede zu erkennen. Durch das Aneinanderreihen der Zeichnungen stelle ich jedes Glied und jedes Organ so dar, als hieltest du sie in den Händen und könntest sie durch Umwenden von allen Seiten betrachten, von innen und außen, von oben und unten.« Der hellseherische Geist des Künstlers verlieh dem Auge und der Hand des Gelehrten die Genauigkeit eines mathematischen Apparates. Die von niemanden gekannten, in dem Bindegewebe oder den Schleimhäuten verborgenen Verzweigungen der Adern, die in den Muskeln enthaltenen feinsten Blutgefäße und Nerven betastete er mit dem Skalpell und legte sie mit seiner linken Hand bloß, die so stark war, daß sie Hufeisen bog und so zart, daß sie das Mysterium des weiblichen Reizes in Giocondas Lächeln aufspürte. Marc Antonio, der an nichts als an den Verstand glauben wollte, empfand vor diesem hellseherischen Wissen zeitweise Verlegenheit und beinahe Furcht, wie vor einem Wunder. Manchmal sagte sich der Künstler: »So muß es sein, so ist es gut.« Und wenn er bei der Untersuchung seine Vermutung bestätigt fand, schien der Wille des Schöpfers dem Willen des Verachtenden zu entsprechen: die Schönheit war Wahrheit, die Wahrheit Schönheit. Marc Antonio fühlte einerseits, daß Leonardo sich der Wissenschaft, ebenso wie allem anderen nur zeitweise und gleichsam spielend hingab und sich seine Freiheit für neues Beginnen aufsparte, aber sah zugleich, welche unendliche Geduld, welche »trotzige Strenge« die Arbeit erforderte, die in den Händen des Meisters als ein Spiel und ein Zeitvertreib erschien. »Und wenn du Liebe zur Wissenschaft hast«, wandte sich Leonardo in seinen Notizen an den Leser, »wird dich nicht das Gefühl des Ekels zurückhalten? Und wenn du den Ekel überwunden haben wirst, wird dich nicht zur nächtlichen Stunde Furcht vor den zerfetzten, blutigen Toten erfassen? Und wenn du die Furcht besiegt haben wirst, bist du dir auch bewußt, nach welchem Plan du vorgehen wirst, was zu einer solchen Darstellung der Körper unumgänglich ist? Und wenn du einen Plan hast, besitzt du die Kenntnis der Perspektive? Und wenn du sie besitzt, beherrschst du die Methoden der Geometrie und der Mechanik, um die Kraft und Spannung der Muskeln zu bemessen? Und schließlich die Hauptsache: hast du genügend Geduld und Genauigkeit? Daß ich alle diese Eigenschaften besitze, werden die von mir verfaßten hundertundzwanzig Bände der Anatomie beweisen. Der Grund, daß ich meine Arbeit nicht zu dem gewünschten Ende gebracht habe, ist nicht in Eigennutz und Nachlässigkeit, sondern nur in Zeitmangel zu suchen.« »So wie vor mir Ptolemäus die Welt in seiner ›Kosmographie‹ beschrieben hat, beschreibe ich den menschlichen Körper, diesen kleinen Kosmos, die kleine Welt in der großen.« Er ahnte, daß, wenn seine Arbeiten von den Menschen erkannt und verstanden werden würden, sie in der Wissenschaft die größte Umwälzung hervorrufen müßten; er wartete auf »Jünger« und »Nachfolger«, welche in seinen Zeichnungen »die Wohltat, die er der Menschheit erwiesen«, richtig einschätzen könnten. Er schrieb: »Laß das Buch der ›Elemente der Mechanik‹, deiner Erforschung der Gesetze der Bewegungen und Kräfte des Menschen und anderer Lebewesen vorangehen; dann wirst du jeden anatomischen Lehrsatz mit Hilfe der Mechanik geometrisch klar beweisen können.« Er betrachtete die Glieder der Menschen und der Tiere als lebendige Hebel. Die Wurzeln jedes Wissens ruhten bei ihm in der Mechanik, welche die Verkörperung »der wunderbaren Gerechtigkeit des Urhebers der ersten Bewegung« war. Und der wohltätige Wille des Ersten Baumeisters fußte auf dem gerechten Willen des Urhebers der ersten Bewegung, des Mysteriums aller Mysterien. Bei all seiner mathematischen Genauigkeit hatte Leonardo viele Hypothesen, Vorahnungen und Prophezeiungen aufgestellt, die Marc Antonio durch ihre Kühnheit erschreckten und ihm ebenso ungeheuerlich erschienen, wie einem Menschen, der zum ersten Mal Berge sieht, denen die fernen Gipfel als schwebende Wolken erscheinen; es fällt ihm schwer zu glauben, daß diese Visionen Granitwurzeln besitzen, die bis an das Herz der Erde reichen. Bei der Erforschung der verschiedenen Entwickelungsstufen der Embryos, die er in den Leichen schwangerer Frauen vorfand, war Leonardo durch die Ähnlichkeit des Körperbaues der Menschen mit demjenigen der Tiere und zwar nicht nur der Vierfüßler, sondern auch mit dem der Fische und Vögel überrascht. »Vergleiche den Menschen,« – schrieb er, – »mit dem Affen und mit vielen anderen Tieren ähnlicher Art. Vergleiche die Eingeweide des Menschen mit den Eingeweiden des Affen, des Löwen, des Ochsen, der Fische und der Vögel. Vergleiche die Finger der menschlichen Hand mit den Fingern der Bärentatze, mit den Knorpeln der Fischflossen, mit dem Flügelgerippe der Vögel und der Fledermaus.« »Für denjenigen, der die vollkommene Kenntnis des menschlichen Körperbaues besitzt, ist es ein Leichtes, allumfassend zu sein, denn die Glieder aller Tiere sind einander ähnlich.« In der Vielgestaltigkeit des Körperbaues erkannte er das einzige Gesetz der Entwicklung, den einzigen zusammenhängenden Plan der Natur. Marc Antonio stritt, ereiferte sich, nannte diese Ahnungen Faseleien, die eines Gelehrten unwürdig seien und dem Geiste der exakten Wissenschaft widersprächen; doch manchmal verstummte er, gleichsam besiegt und bezaubert, und lauschte. In diesen Augenblicken war sein kindlich zartes und mönchisch strenges Antlitz schön. Und wenn Leonardo in seine tiefen, stets traurigen Augen blickte, fühlte er, daß dieser Einsiedler der Wissenschaft nicht nur ihr Priester, sondern auch ihr Opfer sei: für ihn war die größte Trauer »die Tochter der großen Erkenntnis.« II. Dank der Verwendung des Statthalters Charles d'Amboise und des Königs von Frankreich erhielt der Künstler von der Florentiner Republik einen Urlaub auf unbestimmte Zeit, und im nächsten Jahr, 1507, trat er endgültig in die Dienste Ludwigs XII., ließ sich in Mailand nieder und kam nur mitunter geschäftlich nach Florenz. Es vergingen vier Jahre. Ende des Jahres 1511 arbeitete Giovanni Beltraffio, der um diese Zeit schon als geschickter Maler galt, an einem Wandgemälde in der neuen Kirche San Mauritio, die dem alten, auf den Ruinen eines alt-römischen Zirkus und eines Jupitertempels erbauten Frauenkloster Maggiore gehörte, von diesem durch eine hohe Mauer getrennt, die sich längs der Della-Vigna-Straße hinzog, befand sich in einem verwilderten Garten der einst prunkvolle, aber längst verlassene und halb zerfallene Palast des regierenden Geschlechtes Carmagnola. Die Nonnen hatten diesen Besitz samt dem Gebäude an den Alchimisten Galeotto Sacrobosco und dessen Nichte, Monna Kassandra, die Tochter seines Bruders, Messer Luigi, des berühmten Sammlers von Altertümern, vermietet; sie waren vor kurzem nach Mailand zurückgekehrt. Bald nach der ersten französischen Invasion und der Plünderung des kleinen Häuschens der Hebamme Monna Sidonia beim Catarana-Kanal hinter dem Vercellina-Tor, verließen sie die Lombardei und verbrachten neun Jahre auf der Wanderung im Orient, in Griechenland, auf den Inseln des Archipels, in Kleinasien, Palästina und Syrien. Es waren seltsame Gerüchte über sie verbreitet: die einen versicherten, der Alchimist hätte den Stein der Weisen gefunden, der Blei in Gold verwandelte; andere erzählten, er hätte dem syrischen Statthalter für seine Versuche ungeheure Geldsummen entlockt und wäre damit geflohen; andere wollten wissen, Monna Kassandra hätte durch den Vertrag mit dem Teufel und durch das Vermächtnis ihres Vaters an dem Standort eines ehemaligen phönizischen Tempels der Astarte einen vergrabenen Schatz gehoben; andere wieder hatten gehört, sie hätte in Konstantinopel einen alten, schwer reichen Kaufmann aus Smyrna ausgeraubt, den sie mit Zauberkräutern behext habe. Wie dem auch sei, jedenfalls kehrten sie als reiche Leute zurück. Kassandra, die frühere Hexe, die Schülerin des Demetrius Chalkondila, die Ziehtochter der alten Hexe Sidonia, wurde jetzt zu einer frommen Anhängerin der Kirche, oder sie heuchelte wenigstens es zu sein; sie hielt strenge alle Zeremonien und Fasttage ein, besuchte die kirchlichen Messen und gewann durch ihre Freigebigkeit das besondere Wohlwollen nicht nur der Nonnen des Klosters Maggiore, die sie auf ihrem Besitz untergebracht hatten, sondern auch das seiner Heiligkeit, des Erzbischofs von Mailand in eigener Person. Böse Zungen behaupteten indessen, (vielleicht nur aus Neid, der den Menschen plötzlichem Reichtum gegenüber eigen ist), sie sei von ihren fernen Wanderungen als eine noch größere Heidin zurückgekehrt; die Hexe wäre genötigt gewesen, mit dem Alchimisten aus Rom zu fliehen, um sich vor der heiligen Inquisition zu retten und sie würden früher oder später dem Scheiterhaufen nicht entrinnen. Vor Leonardo empfand Galeotto noch immer Ehrfurcht und hielt ihn für seinen Lehrmeister, für den Besitzer der »geheimen Weisheit des Hermes Trismegistos«. Der Alchimist hatte von seiner Reise viele seltene Bücher mitgebracht, hauptsächlich mathematische Werke der alexandrinischen Gelehrten aus der ptolemäischen Periode. Der Künstler entlieh bei ihm oft diese Bücher, welche er gewöhnlich durch Giovanni holen ließ, der in der Nachbarschaft, in der Kirche San Mauritio arbeitete. Nach einiger Zeit begann Beltraffio aus alter Gewohnheit ihn unter irgend einem Vorwand immer öfter und öfter zu besuchen, in Wirklichkeit aber nur, um Kassandra zu sehen. Bei den ersten Begegnungen war das Mädchen auf ihrer Hut, sie spielte eine reuige Sünderin und sprach von ihrer Absicht, den Schleier zu nehmen; als sie sich aber überzeugt hatte, daß sie nichts zu befürchten habe, wurde sie nach und nach offenherziger. Sie gedachten der Gespräche, die sie vor zehn Jahren geführt hatten, da sie beide beinahe Kinder waren und einander auf dem einsamen Hügel über dem Catarana-Kanal, an den Mauern des Klosters der hl. Redegonde trafen; sie gedachten des Abends mit dem bleichen Wetterleuchten, mit dem schwülen, sommerlichen Geruch des Wassers aus dem Kanal, mit dem dumpfen, gleichsam unterirdischen Grollen des Donners; er erinnerte sich noch an ihre Prophezeiung, von der Auferstehung der olympischen Götter und an ihre Einladung zum Hexensabbat. Jetzt lebte sie als Einsiedlerin; sie war krank oder schien es zu sein und verbrachte beinahe ihre ganze freie Zeit, die ihr nach dem Besuch der Kirchenmessen übrig blieb, in einem abgelegenen Raum, in den sie niemanden hineinließ. Es war eines der wenigen noch erhaltenen Gemächer des alten Palastes, ein düsterer Saal mit Spitzbogenfenstern, die in den verwilderten Garten hinausgingen, wo die Zypressen als eine stumme Wache emporragten und wo das grellgrüne, feuchte Moos die ausgehöhlten Stämme der Ulmen bedeckte. Die Einrichtung dieses Zimmers erinnerte an ein Museum und an eine Bibliothek. Hier befanden sich die von ihr aus dem Orient mitgebrachten Altertümer – Bruchstücke hellenischer Statuen, ägyptische Götter aus glattem schwarzen Granit, mit Hundeköpfen, gravierte Steine der Gnostiker mit dem Zauberwort » Abraxas «, das die dreihundertfünfundsechzig erhabenen Himmel bezeichnet, byzantinische Pergamente, hart wie Elfenbein, mit Fragmenten für alle Ewigkeit verlorener Werke der griechischen Poesie, irdene Scherben mit assyrischer Keilschrift, in Eisenplatten gebundene Bücher persischer Magier und gleich Blumenblättern durchsichtig zarte Papyrusrollen aus Memphis. Sie erzählte ihm von ihren Wanderungen, von den Wundern, die sie gesehen, von der einsamen Größe der weißen Marmortempel auf den schwarzen, vom Meer zerfressenen Felsen inmitten der ewig blauen, durch ihren Salzgeruch an den frischen Duft des nackten Körpers der schaumgeborenen Göttin erinnernden jonischen Wellen, von ihren unsagbaren Mühsalen, Nöten und Gefahren. Und als er sie einmal fragte, was sie auf diesen Wanderungen gesucht, wozu sie diese Altertümer gesammelt und so viele Qualen erduldet hätte, antwortete sie ihm mit den Worten ihres Vaters, des Messer Luigi Sacrobosco: »Um die Toten wiederzuerwecken!« Und in ihren Augen flammte ein Feuer auf, an dem er die frühere Hexe Kassandra erkannte. Sie hatte sich wenig verändert. Es war noch immer dasselbe, der Freude und Trauer gleich fremde Gesicht, das an die Reglosigkeit alter Statuen erinnerte, die Stirne war breit und nieder, die Brauen waren gerade und fein, auf den streng aufeinandergepreßten Lippen konnte man sich kein Lächeln vorstellen und die Augen waren durchscheinend gelb wie Bernstein. Dieses durch die Krankheit und durch eine maßlos konzentrierte Gedankenarbeit verfeinerte Gesicht, besonders die auffallend schmale und kleine untere Partie, mit der ein wenig vorstehenden Unterlippe drückte jetzt noch mehr strenge Ruhe und zugleich kindliche Hilflosigkeit aus. Ihre trockenen, dichten Haare, die lebendiger als das ganze Gesicht waren, als besäßen sie gleich den Schlangen der Medusa ein Leben für sich, umgaben die bleichen Züge mit einer schwarzen Glorie, die das Antlitz noch bleicher und regloser, die roten Lippen leuchtender und die gelben Augen durchsichtiger erscheinen ließ. Und der Reiz dieses Mädchens, das in ihm Neugierde, Furcht und Mitleid erregte, zog Giovanni noch unwiderstehlicher als vor zehn Jahren an. Während der Wanderung durch Griechenland besuchte Kassandra die Heimat ihrer Mutter, die kleine, öde Stadt Mistra, neben den Ruinen von Sparta, zwischen den wüsten, von der Sonne verbrannten Hügeln des Peloponnesus, wo vor einem halben Jahrhundert der letzte der Lehrmeister hellenischer Weisheit, Gemistos Plethon, gestorben war. Sie sammelte die nicht herausgegebenen Fragmente seiner Werke, seine Briefe, die ehrfurchtsvollen Überlieferungen der Schüler, welche daran glaubten, die Seele Platos wäre noch ein Mal vom Olymp herabgestiegen und hätte sich in Plethon verkörpert. Als sie Giovanni von ihrem dortigen Aufenthalte erzählte, wiederholte sie die Prophezeiung, die er schon bei einem ihrer früheren Gespräche am Catarana-Kanal von ihr gehört hatte und an welche er seitdem oft denken mußte, – an die Worte Plethons, die der hundertjährige Philosoph drei Jahre vor dem Tode angeblich ausgesprochen hatte: »Wenige Jahre nach meinem Ende wird über allen Völkern der Erde eine einzige Wahrheit aufleuchten und alle Menschen werden sich in einem Geiste zum einigen Glauben bekennen.« Als man ihn fragte, welchen Glauben er meine, ob den christlichen oder den mohammedanischen, antwortete er: »Keinen von beiden, sondern einen Glauben, der dem alten Heidentum nicht ungleich ist.« »Zeit Plethons Tod ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen«, erwiderte Giovanni, »und die Prophezeiung geht noch immer nicht in Erfüllung. Glaubt Ihr denn noch immer daran, Monna Kassandra?« »Plethon war nicht im Besitz der vollkommenen Wahrheit«, sagte sie ruhig, »er irrte sich in Vielem, denn er wußte Vieles nicht.« »Was wußte er nicht?« fragte Giovanni und fühlte plötzlich, wie sein Herz unter ihrem tiefen, forschenden Blick still stand. Statt zu antworten, nahm sie ein altes Pergament vom Bücherbrett, – es war Aischylos' Tragödie »Der gefesselte Prometheus«, – und las ihm einige Verse vor. Giovanni verstand ein wenig griechisch und das, was er nicht verstand, erklärte sie ihm. Nachdem der Titane alles, was er den Menschen geschenkt, – das vergessen des Todes, die Hoffnung und das dem Himmel geraubte Feuer aufgezählt hatte, Gaben, welche sie früher oder später den Göttern gleich machen würden, – prophezeite er den Sturz des Zeus: Dann geht der ganze Vaterfluch des Kronos, Den er, gestürzt vom alten Sitze, sprach, Dir in Erfüllung, und der Götter keiner Weist dir den Rettungsweg, als ich allein! Ich kann's; ich weiß den Weg! Der Gesandte der Olympier, Hermes, verkündete Prometheus: Und nicht ein Ende hoffe solchen Qualen, Bevor der Götter Einer dir erscheint, Bereit in Hades' Nacht für dich zu steigen, Zum tiefen Nebelschlund des Tartaros. »Wie glaubst du, Giovanni«, sprach Kassandra, das Buch schließend, »wer ist dieser ›Götter Einer‹, der in den Tartarus hinabsteigt?« Giovanni antwortete nicht; ihm war, als öffnete sich vor ihm beim Scheine eines plötzlich aufleuchtenden Blitzes ein Abgrund. Monna Kassandra sah ihn noch immer mit ihren klaren, durchscheinenden Augen starr an; in diesem Augenblick erinnerte sie wirklich an Agamemnons unselige Gefangene, die hellsehende Jungfrau Kassandra. »Giovanni«, sagte sie nach einer Pause, »hast du von dem Menschen gehört, der vor mehr als zehn Jahrhunderten gleich dem Philosophen Plethon von der Wiederauferweckung der toten Götter geträumt hat, vom Kaiser Flavius Claudius Julianus?« »Von Julianus Apostata?« »Ja, von demjenigen, der seinen Feinden, den Galiläern, und sich selbst leider als ein Abtrünniger erschien, es jedoch nicht zu sein wagte, da er den alten Wein in neue Schläuche füllte: die Hellenen könnten ihn ebenso gut wie die Christen einen Abtrünnigen heißen...« Giovanni erzählte ihr von einem Mysterium des Lorenzo Medici Magnifico, das er einst in Florenz gesehen hatte; darin wurde der Märtyrertod zweier Jünglinge, San Giovanni und Paolo, die von Julianus Apostata für ihren christlichen Glauben hingerichtet wurden, geschildert. Er kannte sogar noch einige Verse aus diesem Mysterium, die ihm besonders aufgefallen waren; unter anderem den Todesschrei des vom Schwerte Merkurs durchbohrten Julianus: »Du hast gesiegt, Galiläer!« O Christo Galileo, tu hai pur vinto! »Höre, Giovanni«, fuhr Kassandra fort, »in dem seltsamen und beklagenswerten Schicksale dieses Menschen ist ein großes Geheimnis enthalten. Sie beide, sage ich, sowohl Cäsar Julianus als auch der Weise Plethon waren in gleichem Maße im Unrecht, weil sie nur die eine Hälfte der Wahrheit besaßen, die ohne die zweite Hälfte eine Lüge ist: sie hatten beide die Prophezeiung des Titanen vergessen, die Götter würden erst auferstehen, wenn die Hellen sich mit den Finsteren vereinigt haben würden, der Himmel oben mit dem Himmel unten, und das was Zwei war, Eins sein würde. Sie haben das nicht verstanden und haben ihre Seele vergeblich für die olympischen Götter hingegeben...« Sie hielt inne, als wagte sie nicht zu Ende zu sprechen und fügte dann leise hinzu: »Wenn du es wüßtest, Giovanni, wenn ich dir alles bis ans Ende eröffnen könnte!... Doch nein, jetzt ist es noch zu früh. Ich sage dir vorläufig nur das Eine: es gibt unter den olympischen Göttern einen Gott, der sich mehr als alle anderen seinen unterirdischen Brüdern nähert, einen Gott, der hell und finster ist, wie die Morgendämmerung, und erbarmungslos wie der Tod; er ist auf die Erde herabgestiegen und hat den Sterblichen in seinem eigenen Blut, in dem berauschenden Saft der Weinreben das Vergessen des Todes, ein neues Feuer vom Feuer des Prometheus gegeben. Mein Bruder, wer unter den Menschen wird es verstehen und der Welt sagen, wie die Weisheit des Rebenbekränzten der Weisheit des Dornenbekränzten gleicht, desjenigen der gesagt hat: ›Ich bin der rechte Weinstock‹, und der ebenso wie Gott Dionysos die Welt mit seinem Blut berauscht? – Hast du verstanden, wovon ich spreche, Giovanni? – Wenn du es nicht verstanden hast, so schweige und frage nicht, denn es ist darin ein Geheimnis verborgen, von dem man heute noch nicht sprechen darf...« In der letzten Zeit äußerte sich bei Giovanni eine neue, ihm bis dahin unbekannte Kühnheit der Gedanken. Er fürchtete nichts, da er nichts zu verlieren hatte. Er fühlte, daß weder Fra Benedettos Glaube, noch Leonardos Wissen seine Qualen zu lindern und die Widersprüche zu lösen vermochten, in denen seine Seele hinstarb. Einzig und allein in Kassandras dunklen Prophezeiungen glaubte er den vielleicht furchtbarsten, aber einzigen Weg zu einer Versöhnung zu finden, und er betrat diesen letzten Weg mit der Tollkühnheit des Verzweifelnden. Sie kamen einander immer näher. Einmal fragte er sie, weshalb sie heuchele und vor den Menschen dasjenige verberge, was ihr als Wahrheit erscheine. »Es ist nicht alles für alle bestimmt«, – erwiderte Kassandra. »Die Menge braucht das Glaubensbekenntnis der Märtyrer ebenso wie die Wunder und Zeichen, denn nur diejenigen, die nicht schrankenlos glauben, sterben für die Religion, um ihre Wahrheit anderen und sich selbst zu beweisen. Vollkommener Glaube ist aber vollkommenes Wissen. Meinst du denn wirklich, daß der Tod des Pythagoras die von ihm entdeckten Wahrheiten der Geometrie bestätigt hätte? Vollkommener Glaube ist stumm und sein Geheimnis ist über jedes Bekenntnis erhaben, wie der Meister gesagt hat: ›Erkennet alle, euch soll jedoch niemand erkennen.‹« »Welcher Meister?« fragte Giovanni; er sagte sich: »Das hätte Leonardo sagen können: auch er kennt alle, ihn aber niemand.« »Der ägyptische Gnostiker Basilides«, – antwortete Kassandra und erklärte, die großen Lehrer der ersten christlichen Jahrhunderte, für die vollkommener Glaube und vollkommenes Wissen eins gewesen sei, hätten sich Gnostiker – Wissende genannt. Und sie teilte ihm die seltsamen, manchmal an Fieberphantasien erinnernden und ungeheuerlichen Lehren der Gnostiker mit. Einen besonders tiefen Eindruck machte auf ihn die Lehre der alexandrinischen Ophyten, der Schlangenanbeter von der Erschaffung der Welt und des Menschen: »Über allen Himmeln herrscht ein namenloses, regloses, ungeborenes Dunkel, das schöner als jedes Licht ist; es ist der ›Unerforschliche Vater‹, Ðáô?ñ ?ãíùóïò – der Abgrund und das Schweigen. Seine einzige Tochter, die Allweisheit Gottes, trennte sich vom Vater und erkannte das Sein; sie verdüsterte sich und wurde von Trauer erfüllt. Und der Sohn ihrer Trauer war Jaldabaoth, der erschaffende Gott. Er wollte allein sein, sonderte sich von der Mutter ab und versenkte sich noch tiefer als sie in das Sein. Er erschuf die Welt des Fleisches, das verzerrte Bild der geistigen Welt, und darin den Menschen, der die Größe des Schöpfers widerspiegeln und von dessen Macht zeugen sollte. Die Diener Jaldabaoths, die Geister der Elemente, vermochten aus dem Staub nur eine sinnlose, im Urschlamm wie ein Wurm hinkriechende Körpermasse zu formen. Sie brachten sie zu ihrem König Jaldabaoth, damit er Leben hineinblase; aber die Allweisheit Gottes hatte mit dem Menschen Erbarmen und sie rächte sich an dem Sohn ihrer Freiheit und Trauer dafür, daß er von ihr abgefallen war, indem sie ihm durch Jaldabaoths Lippen zugleich mit dem fleischlichen Leben den Funken göttlicher Weisheit, die sie von ihrem unerforschlichen Vater erhalten hatte, einflößte. Und das armselige Geschöpf aus Staub und Asche, an dem der Schöpfer seine Allmacht zeigen wollte, überflügelte ihn plötzlich bei weitem und wurde das Bild und das Ebenbild nicht Jaldabaoths, sondern des wahren Gottes, des Unerforschlichen Vaters. Und der Mensch erhob sein Antlitz aus dem Staube. Der Schöpfer wurde beim Anblick des seiner Macht entronnenen Geschöpfes von Zorn und Entsetzen erfüllt. Er richtete seine Augen, in denen das Feuer verzehrender Eifersucht brannte, in den tiefsten Schoß der Materie, in den schwarzen Urschlamm und dort spiegelte sich ihr düsteres Feuer und sein wutverzerrtes Antlitz wieder; dieses Abbild wurde zum Engel der Finsternis, dem schlangengleichen, dem kriechenden und tückischen Ophyomorphos, dem Satan, der verfluchten Weisheit. Und mit seiner Hilfe erschuf Jaldabaoth die drei Reiche der Natur und versenkte den Menschen in ihre tiefsten Tiefen, wie in einen stinkenden Kerker und gab ihm das Gesetz: ›tue das eine und tue das andere nicht, und wenn du das Gesetz verletzt, bist du des Todes‹, denn er hoffte noch immer, sein Geschöpf durch die Furcht vor dem Bösen und dem Tode unter das Joch des Gesetzes zu zwingen. Doch die Allweisheit Gottes, die Befreierin, verließ den Menschen nicht und nachdem sie ihn einmal liebgewonnen hatte, liebte sie ihn bis ans Ende und schickte ihm einen Tröster, den Geist der Erkenntnis, den schlangenartigen, geflügelten, morgensternähnlichen Engel des Lichts, denjenigen, von dem es heißt: ›seid klug wie die Schlangen‹. Und er stieg zu den Menschen herab und sagte: ›Esset und ihr werdet erkennen und eure Augen werden aufgetan und werdet sein wie Gott.‹« »Die Menge, die Kinder dieser Welt sind die Sklaven Jaldabaoths und der tückischen Schlange«, – schloß Kassandra, – »sie leben in steter Todesangst und winden sich unter dem Joch des Gesetzes. Doch die Kinder des Lichts, die Wissenden, die Gnostiker, die Erwählten der Sophia, sind in die Geheimnisse der Weisheit eingeweiht; sie mißachten alle Gesetze, übertreten alle Grenzen, sie sind unfaßbar wie Geister, frei und geflügelt wie Götter, sie erheben sich nicht im Guten und bleiben rein im Bösen, wie das Gold im Schmutz. Und der Engel der Morgenröte, der dem in der Morgendämmerung leuchtenden Sterne gleicht, führt sie durch Leben und Tod, durch Gut und Böse, durch alle Flüche und Schrecken der Welt Jaldabaoths zu ihrer Mutter, zu der allweisen Sophia und durch sie in den Schoß des namenlosen Dunkels, der über allen Himmeln und Abgründen herrscht, der reglos und ungeboren und schöner als jedes Licht ist, in den Schoß des unerforschlichen Vaters.« Giovanni lauschte diesen Lehren der Ophyten, und verglich Jaldabaoth mit Kronos, Sophias göttlichen Funken – mit dem Feuer des Prometheus, die wohltätige Schlange, den lichtbringenden Engel Lucifer – mit dem gefesselten Titanen. In allen Zeiten, bei allen Völkern, in Aischylos' Tragödie, in den Sagen der Gnostiker, in der Lebensgeschichte des Kaisers Julianus Apostata, in der Lehre des Weisen Plethon fand er einen fernen, verwandten Widerhall der großen Uneinigkeit und des Kampfes, der sein eigenes Herz erfüllte. Sein Schmerz vertiefte sich und besänftigte sich durch das Bewußtsein, daß die Menschen schon vor zehn Jahrhunderten gelitten, dieselben Zweifel bekämpft hatten und an denselben Widersprüchen und Verlockungen zugrunde gegangen waren wie er. Es gab Augenblicke, wo er aus diesen Gedanken wie aus einem tiefen Rausche oder einem Fiebertraum erwachte; und dann schien es ihm, daß Monna Kassandra sich nur so stelle, als wäre sie stark, hellsehend und in Geheimnisse eingeweiht, daß sie aber in Wirklichkeit ebenso wenig wußte und sich ebenso verwirrt hatte wie er: sie waren beide noch armseligere, verlassenere und hilflosere Kinder als vor zwölf Jahren, und dieser neue Sabbat der halb göttlichen und halb satanischen Weisheit war noch wahnsinniger als der Hexensabbat, zu dem sie ihn einst eingeladen hatte und den sie jetzt als eine Belustigung des Pöbels verachtete. Ihm war bange und er wollte fliehen. Doch es war zu spät. Die Macht der Neugierde zog ihn gleich einer teuflischen Eingebung zu ihr hin, und er fühlte, er würde nicht eher von ihr lassen, als bis er alles, bis ans Ende, erfahren, und zugleich mit ihr entweder sein Heil finden oder zugrunde gehen würde. Um diese Zeit kam der berühmte Doktor der Theologie, der Inquisitor Fra Giorgio da Casale, nach Mailand. Papst Julius II., der durch die Gerüchte von der ungeheuren Verbreitung der Zauberei in der Lombardei beunruhigt war, hatte ihn mit drohenden Bullen dahin abgesandt. Die Nonnen des Klosters Maggiore und die Beschützer, die Monna Kassandra im erzbischöflichen Palaste hatte, setzten sie von der drohenden Gefahr in Kenntnis. Fra Giorgio war jenes Mitglied der Inquisition, vor dem sich Monna Kassandra und Messer Galeotto aus Rom geflüchtet hatten. Sie wußten, daß keine Fürsprache sie erretten könnte, wenn er sie wieder in seine Gewalt bekommen sollte, und sie beschlossen, sich in Frankreich zu verbergen und, wenn es nötig sein sollte, auch noch weiter, nach England und Schottland zu gehen. Eines Morgens, zwei Tage vor der geplanten Abreise, unterhielt sich Giovanni mit Monna Kassandra wie gewöhnlich in ihrem Arbeitszimmer, dem abgelegenen Saale des Palastes Carmagnola. Das Sonnenlicht, welches durch die dichten, schwarzen Zweige der Cypressen in die Fenster drang, erschien bleich wie Mondlicht und das Gesicht des Mädchens war besonders schön und reglos. Erst jetzt, vor der Trennung, begriff Giovanni, wie nahe sie ihm stand. Er fragte, ob sie sich noch einmal sehen würden und ob sie ihm jenes letzte Geheimnis eröffnen würde, von dem sie so oft gesprochen hatte. Kassandra sah ihn an und nahm schweigend aus einer Schatulle einen flachen, viereckigen, durchsichtig grünen Stein heraus. Es war die berühmte »Tabula Smaragdina«, die smaragdene Gesetzestafel, welche angeblich in einer Höhle nächst der Stadt Memphis gefunden worden war und zwar in den Händen der Mumie eines Priesters; nach der Überlieferung war diese Mumie die irdische Hülle des Hermes Trismegistos, des ägyptischen Or, des Gottes des Grenzraines, des Führers der Toten in das Reich der Schatten gewesen. Auf der einen Seite des Smaragdes waren mit koptischen, auf der anderen Seite mit althellenischen Schriftzeichen vier Verse eingraviert: Ïõñáíï áíù ïõñáíï êáôù Áóôåñá áíù áóôåñá êáôù Ðáí áíù ðáí ôïõôï êáôù Ôáõôá ëáâå êáé åõôõ÷å. Der Himmel oben, der Himmel unten, Die Sterne oben, die Sterne unten. Alles was oben, das ist auch unten, Wenn du's verstehst, ist es dein Wohl. »Was bedeutet das?« fragte Giovanni. »Komm zu mir heute Nacht«, sagte sie leise und feierlich. »Ich werde dir alles sagen, was ich selbst weiß; hörst du, alles, bis ans Ende. Und jetzt wollen wir nach alter Sitte vor der Trennung den letzten brüderlichen Kelch leeren.« Sie holte ein kleines mit Wachs versiegeltes Tongefäß, wie solche im fernen Orient im Gebrauch sind, herbei, füllte daraus einen alten Chrysolithkelch, der mit gravierten Darstellungen des Gottes Dionysos und seiner Bacchantinnen geschmückt war, mit dickflüssigem, seltsam duftendem, goldig-rosigem Wein, trat an das Fenster und erhob den Becher wie zu einem Trankopfer. Die Strahlen der bleichen Sonne drangen durch den rosigen Wein wie durch warmes Blut und ließen die nackten Körper der Bacchantinnen, die den rebenbekränzten Gott mit ihrem Tanz feierten, wie lebend erscheinen. »Einst glaubte ich«, sagte sie noch leiser und noch feierlicher, »daß dein Lehrer Leonardo das letzte Geheimnis besitze, denn sein Gesicht ist so schön, als hätte sich in ihm der olympische Gott mit dem unterirdischen Titanen vereinigt. Jetzt sehe ich aber, daß er nur strebt und nichts erreicht, sucht und nichts findet, weiß und nichts versteht. Er ist der Vorläufer dessen, der ihm folgt und der mehr ist als er. – Mein Bruder, leeren wir jetzt diesen Abschiedskelch dem Unbekannten zu Ehren, dem letzten Versöhner, den wir beide anrufen!« Und sie trank den Kelch andächtig, als vollziehe sie ein heiliges Sakrament, bis zur Hälfte aus und reichte ihn dann Giovanni: »Fürchte nichts«, sprach sie, »es sind keine verbotenen Zauberkräfte darin. Dieser Wein ist rein und heilig: er stammt von den Reben, die auf Nazareths Hügeln wachsen. Das ist das reinste Blut des Dionysos-Galiläers.« Als er getrunken hatte, flüsterte sie rasch und einschmeichelnd, indem sie ihm beide Hände zutraulich liebkosend auf seine Schultern legte: »Komm also, wenn du alles wissen willst, komme, ich werde dir das Geheimnis sagen, das ich noch nie und niemandem gesagt habe; ich werde dir die letzte Qual und Freude eröffnen, in der wir auf ewig vereint sein werden, wie Bruder und Schwester, wie Bräutigam und Braut!« Und in den Strahlen der Sonne, die durch die dichten Zypressenzweige hereindrangen und bleich wie die des Mondes waren, – ebenso wie in jener denkwürdigen Gewitternacht am Catarana-Kanal, im Scheine des bleichen Wetterleuchtens, – beugte sie über ihn ihr Gesicht, das reglos und streng und weiß wie gemeißelter Marmor war, mit dem Glorienschein der schwarzen, duftigen Haare, die gleich den Schlangen der Medusa lebten, mit den blutroten Lippen und den bernsteingelben Augen. Das bekannte Zittern des Entsetzens überlief Beltraffios Herz, und er dachte: »Die weiße Teufelin!« III. Zur vereinbarten Stunde stand er an der Pforte in der abgelegenen Della Vigna-Gasse, vor der Mauer des Gartens, welcher den Palast Carmagnola umgab. Die Tür war verschlossen. Er klopfte lange. Es wurde nicht geöffnet. Da ging er von der anderen Seite, durch die Straße Sant' Agnese zu dem Tor des benachbarten Klosters Maggiore und erfuhr von der Pförtnerin eine furchtbare Nachricht: Der Inquisitor des Papstes Julius II., Fra Giorgio da Casale, war unerwartet in Mailand eingetroffen und hatte sofort befohlen, den Alchimisten Galeotto Sacrobosco und dessen Nichte, Monna Kassandra, festzunehmen, da sie der schwarzen Magie am meisten verdächtig erschienen. Galeotto gelang es noch rechtzeitig zu fliehen. Monna Kassandra befand sich in der Folterkammer der allerheiligsten Inquisition. Als Leonardo davon erfuhr, wandte er sich mit seinen Bitten und seiner Fürsprache für die Unglückliche an seine Gönner, den ersten Schatzmeister Ludwigs XII., Florimond Roberté, und an den Statthalter des Königs von Frankreich in Mailand, Charles d'Amboise. Auch Giovanni tat sein Möglichstes; er besorgte die Briefe des Meisters und zog am Gerichtshofe der Inquisition, der sich neben dem Dom im erzbischöflichen Palaste befand, Erkundigungen ein. Hier lernte er Fra Giorgios ersten Sekretär, Fra Michele da Valverda, kennen, der Magister der Theologie war und ein Buch über schwarze Magie geschrieben hatte. In diesem »Neuesten Hexenhammer«, wurde unter anderem bewiesen, daß der sogenannte Nächtliche Bock, Hyrcus Nocturnus, der Vorsitzende des Sabbats, ein naher Verwandter jenes Ziegenbocks sei, der einst die Hellenen unter wollüstigen Tänzen und Chören, aus denen sich nachher die Tragödie entwickelte, dem Gotte Dionysos opferten. Fra Michele behandelte Beltraffio mit bestrickender Höflichkeit. Er gab sich den Anschein, lebhaften Anteil an Kassandras Schicksal zu nehmen, und an ihre Unschuld zu glauben; zugleich heuchelte er auch, ein Bewunderer Leonardos, »des größten der christlichen Meister«, wie er sich ausdrückte, zu sein. Dabei fragte er den Schüler über das Leben, die Gewohnheiten, die Arbeiten und die Gedanken des Meisters aus. So oft jedoch die Rede auf Leonardo kam, war Giovanni auf der Hut und wäre lieber gestorben, als daß er den Meister auch nur mit einem einzigen Wort verraten hätte. Als Fra Michele sich davon überzeugt hatte, daß seine List vergeblich war, erklärte er eines Tages, er hätte Giovanni trotz ihrer kurzen Bekanntschaft wie einen Bruder liebgewonnen und halte es für seine Pflicht, ihn von der Gefahr in Kenntnis zu setzen, welche Messer da Vinci bedrohe, der im Verdacht der Zauberei und der schwarzen Magie stehe. »Das ist eine Lüge!« rief Giovanni aus. »Er hat sich nie mit schwarzer Magie befaßt und er glaubt nicht einmal...« Beltraffio sprach nicht zu Ende. Der Inquisitor sah ihn lange an. »Was wolltet Ihr sagen, Messer Giovanni?« »Nein, es ist nichts.« »Ihr wollt mit mir nicht offenherzig sein, mein Freund. Ich weiß ja, Ihr wolltet sagen: Messer Leonardo glaubt nicht einmal an die Möglichkeit der schwarzen Magie.« »Das wollte ich nicht sagen«, – versicherte Giovanni hastig. »Im übrigen, wenn er daran auch nicht glauben würde, könnte das denn wirklich als ein Beweis seiner Schuld aufgefaßt werden?« »Der Teufel ist ein vorzüglicher Logiker«, – erwiderte der Mönch mit einem leisen Lächeln. »Er macht manchmal seine erfahrensten Feinde stutzen. Wir haben neulich von einer Hexe den Inhalt seiner Rede auf dem Sabbat erfahren. ›Meine Kinder‹, sagte er, ›freut euch und seid lustig, denn mit Hilfe unserer neuen Verbündeten, der Gelehrten, welche durch ihre Verneinung der Macht des Teufels das Schwert der allerheiligsten Inquisition abstumpfen, werden wir in kurzer Zeit einen endgültigen Sieg davontragen und unsere Herrschaft über das ganze Weltall ausdehnen.‹« Fra Michele sprach ruhig und sicher von den unerhörtesten Äußerungen des bösen Geistes, unter anderem von den Anzeichen, an welchen man die von Teufeln und Hexen auf die Welt gebrachten kleinen Werwölfe erkennen könne: diese blieben immer klein und wären dabei bedeutend schwerer als die gewöhnlichen Säuglinge, sie wögen 80 bis 100 Pfund, schrien immer und sögen die Brüste von fünf, sechs Ammen leer. Er gab mit mathematischer Genauigkeit die Zahl der Hauptmachthaber der Hölle an; sie belief sich auf 572 und die der ihnen untergebenen, jüngeren Teufel verschiedenen Standes auf 7,405,926. Einen besonderen Eindruck machte auf Giovanni jedoch die Lehre von den Incuben und Succuben, den doppelgeschlechtlichen Dämonen, die willkürlich männliche oder weibliche Gestalt annehmen, um die Menschen zu verführen und mit ihnen in fleischlichen Verkehr zu treten. Der Mönch erklärte ihm, wie die Teufel aus verdichteter Luft oder aus den von den Galgen geraubten Leichen Körper für die Unzucht bilden; diese blieben aber bei den feurigsten Liebkosungen kalt und gleichsam tot. Er führte die Worte des heiligen Augustins an, der die Existenz der Antipoden als eine gotteslästerliche Ketzerei in Abrede stellte, jedoch nicht an der Existenz von Incuben und Succuben zweifelte, die angeblich einst als Faune, Satyre, Nymphen, Hamadryaden und andere Gottheiten die Bäume, das Wasser und die Luft bewohnten und von den Heiden verehrt wurden. »Ebenso wie im Altertum die unreinen Götter und Göttinnen zum Zwecke sündhafter Buhlerei zu den Menschen herabstiegen«,– fügte Fra Michele seine eigene Auffassung hinzu, – »können auch jetzt noch, nicht nur die niederen, sondern auch die mächtigsten Dämonen, wie z. B. Apollo und Bacchus als Incuben erscheinen, Diana und Venus aber als Succuben.« Aus diesen Worten konnte Giovanni schließen, daß die Weiße Teufelin, die ihn das ganze Leben verfolgte, der Succubus Aphrodite gewesen war. Manchmal nahm ihn Fra Michele zu den Gerichtsverhandlungen mit, da er wohl noch immer hoffte, in ihm früher oder später einen Genossen und Spion zu finden; er wußte aus Erfahrung, wie leicht man in den Bann der Schrecken, der Inquisition geriet. Giovanni überwand Furcht und Ekel und weigerte sich nicht, den Untersuchungen und Folterungen beizuwohnen, da er seinerseits hoffte, wenigstens etwas über Kassandra zu erfahren, wenn er ihr Schicksal auch nicht zu erleichtern vermochte. Bei diesen Gerichtsverhandlungen und aus den Erzählungen des Inquisitors erfuhr Giovanni beinahe unglaubliche Fälle, in denen sich Lächerliches mit Entsetzlichem paarte. Eine Hexe, ein noch ganz junges Mädchen, das bereut hatte und in den Schoß der Kirche zurückgekehrt war, segnete ihre Peiniger dafür, daß sie sie aus den Krallen des Satans befreit hatten; sie ertrug alle Qualen mit unendlicher Geduld und Sanftmut und erwartete freudig und ruhig den Tod, in dem Glauben, die irdischen Flammen würden sie von den ewigen befreien; sie flehte die Richter nur an, ihr vor dem Tode den Teufel aus der Hand herauszuschneiden, in die er angeblich in Gestalt einer spitzen Spindel eingedrungen war. Die heiligen Väter beriefen einen erfahrenen Chirurgen. Doch trotz der ihm angebotenen hohen Summe weigerte sich der Arzt, den Teufel herauszuschneiden, da er fürchtete, der Unhold könnte ihm während der Operation das Genick brechen. Eine andere Hexe, die Witwe eines Brotbäckers, eine gesunde, hübsche Frau, wurde beschuldigt, während ihres achtzehnjährigen Verkehrs mit dem Teufel einige Werwölfe geboren zu haben. Bei den entsetzlichen Torturen betete diese Unglückliche, bellte zuweilen wie ein Hund, oder wand sich stumm vor Schmerz und verlor die Besinnung, so daß ihr der Mund mit einem besonderen, hölzernen Instrument gewaltsam geöffnet werden mußte, um sie zum Reden zu bringen; endlich riß sie sich aus den Händen der Henkersknechte los, stürzte zu den Richtern, mit dem wahnsinnigen Schreie: »Ich habe meine Seele dem Teufel verschrieben und werde ihm ewig angehören!« und fiel leblos hin. Kassandras angebliche Tante, Monna Sidonia, die gleichfalls verhaftet worden war, zündete eines Nachts nach langen Qualen, um der Folter zu entgehen, das Stroh an, auf dem sie im Gefängnis lag und erstickte im Rauch. Eine alte, schwachsinnige Lumpensammlerin wurde überführt, daß sie jede Nacht auf ihrer eigenen Tochter, die verstümmelte Hände und Füße hatte und angeblich von den Teufeln mit Hufeisen beschlagen war, zum Sabbat ritt. Die Alte lächelte die Richter gutmütig und schelmisch an, als ob sie ihre Partner bei einem vorher verabredeten Scherz wären und gab gern alle gegen sie erhobenen Anklagen zu. Sie fror in einem fort. »Das Feuerchen! das Feuerchen!« – lispelte sie freudig, wie ein ganz kleines Kind, vor Lachen erstickend, und sich die Hände reibend, als man sie zum flammenden Scheiterhaufen führte, um sie zu verbrennen. »Gott schenke euch Gesundheit, ihr Lieben: endlich werde ich mich erwärmen!« Ein etwa zehnjähriges Mädchen erzählte den Richtern ohne Scham und Furcht, wie ihre Dienstgeberin, eine Stallbesitzerin, ihr eines Abends auf dem Viehhof ein Stück Butterbrot gab, das mit etwas süßsaurem, sehr Schmackhaftem bestreut war. Das war der Teufel. Als sie das Brot verzehrt hatte, lief ein schwarzer Kater, mit Augen, die wie Kohlen brannten, auf sie zu und schmiegte sich schnurrend und den Rücken krümmend an sie heran. Sie ging mit ihm in die Scheune und gab sich ihm dort auf dem Stroh hin; sie gewährte ihm dann oft im Spiel und ohne an Sünde zu denken alles, was er von ihr wollte. Die Dienstgeberin sagte ihr: »Siehst du, was du für einen Bräutigam hast!« Und dann gebar sie einen großen weißen Wurm, vom Umfang eines Säuglings, mit einem schwarzen Kopf. Sie vergrub ihn in den Mist. Da kam aber der Kater zu ihr, zerkrazte sie und befahl ihr mit menschlicher Stimme, das Kind, den gefräßigen Wurm, mit kuhwarmer Milch zu füttern. – Das Mädchen erzählte das alles so genau und umständlich, und blickte dabei die Inquisitoren mit so unschuldigen Augen an, daß es schwer zu entscheiden war, ob sie eine von jenen seltsamen, zwecklosen Lügen vorbrachte, welche manchmal Kindern eigen sind, oder ob sie im Fieber phantasiere. Ein ganz besonderes, unvergeßliches Entsetzen weckte in Giovanni jedoch eine sechzehnjährige Hexe, von ungewöhnlicher Schönheit, welche alle Fragen und alles Zureden der Richter mit demselben beharrlichen, unaufhörlich flehenden Schrei beantwortete: »Verbrennt mich! verbrennt mich!« Sie versicherte, der Teufel »gehe in ihrem Körper wie in seinem eigenen Hause herum«, und wenn er »hin und her läuft, sich inwendig in ihrem Rücken wie eine Ratte im Kellerloch herumwälzt«, werde es ihr so matt, so bang ums Herz, daß sie sich den Kopf gegen die Wand einrennen würde, wenn man sie zu solchen Zeiten nicht bei den Händen festhielte oder mit Stricken bände. Sie wollte nichts von Buße und Vergebung hören, da sie der Meinung war, der Teufel hätte sie geschwängert und sie wäre unwiderruflich verloren und noch bei Lebzeiten vom ewigen Gericht verurteilt. Sie flehte, man möchte sie verbrennen, bevor das Ungeheuer zur Welt käme. Sie war eine sehr reiche Waise. Nach ihrem Tode mußte ihr ungeheures Vermögen in die Hände eines entfernten Verwandten, eines geizigen Alten übergehen. Die heiligen Väter wußten, daß die Unglückliche, wenn sie am Leben bliebe, ihre Reichtümer der Inquisition opfern würde. Aus diesem Grunde bemühten sie sich, sie zu retten, jedoch vergebens. Endlich schickte man ihr einen Beichtvater, der durch die Kunst, die Herzen der verstocktesten Sünder zu erweichen, berühmt war. Als er ihr zu versichern begann, daß es keine Sünde gebe und geben könne, die der Heiland nicht mit seinem Blut gesühnt hätte und daß er auch ihr verzeihen würde, antwortete sie, furchtbar schreiend: »Er wird nicht verzeihen, er wird nicht verzeihen, – ich weiß es! Verbrennt mich oder ich werde mich selbst umbringen!« Nach Fra Micheles Ausdruck »lechzte ihre Seele nach dem heiligen Feuer, wie der verwundete Hirsch nach der Quelle lechzt.« Der erste Inquisitor, Fra Giorgio da Casale, war ein Greis mit gebeugtem Rücken und mit einem mageren, bleichen, gutmütigen, stillen und schlichten Gesicht, das an das Gesicht des heiligen Franciskus erinnerte. Nach dem Urteil der ihm Nahestehenden war er »der sanftmütigste Mensch auf Erden«, ein großer Geldverächter, der das Gelübde des Fastens, des Schweigens und der Keuschheit hielt. Wenn Giovanni dieses Gesicht betrachtete, schien es ihm manchmal wirklich, daß es keinerlei Bosheit oder List ausdrücke und daß der Greis mehr als seine Opfer leide und diese nur aus Mitleid quäle und verbrenne, da er die Überzeugung hatte, man könne sie auf keine andere Weise vor dem ewigen Feuer erretten. Aber manchmal, besonders während der raffiniertesten Folterqualen und der ungeheuerlichsten Geständnisse, blitzte in Fra Giorgios Augen plötzlich ein Ausdruck auf, daß Giovanni nicht entscheiden konnte, wer furchtbarer, wer wahnsinniger sei, die Richter oder die Angeklagten. Einmal erzählte eine alte Hexe, eine Hebamme, den Inquisitoren, wie sie den Neugeborenen mit dem Daumen den Scheitel einzudrücken pflegte und auf diese weise über zweihundert Kinder umgebracht hätte; und zwar nur, weil es sie freute, die weichen Kinderschädel gleich Eierschalen krachen zu hören. Bei der Beschreibung dieses Zeitvertreibs lachte sie so, daß es Giovanni kalt überlief. – Und plötzlich schien es ihm, als ob die Augen des alten Inquisitors in einem ebenso wollüstigen Feuer wie die der Hexe brannten. Und obwohl er im nächsten Augenblick meinte, daß alles ihm nur so vorgekommen wäre, blieb in seiner Seele doch die Erinnerung an etwas unsagbar Entsetzliches Zurück. Ein anderes Mal gestand Fra Giorgio demutsvoll und traurig, er hätte für keine seiner Sünden solche Gewissensbisse zu erdulden gehabt, wie dafür, daß er vor vielen Jahren, »dem vom Teufel eingegebenen, verbrecherischen Mitleid« folgend, siebenjährige Kinder, die im Verdacht des fleischlichen Verkehrs mit Incuben und Succuben standen, statt sie zu verbrennen, auf dem Marktplatz vor den Scheiterhaufen, auf denen ihre Väter und Mütter von den Flammen verzehrt wurden, nur auspeitschen ließ. Der in den Folterkammern der Inquisition unter den Opfern und Henkern herrschende Wahnsinn verbreitete sich in der Stadt, vernünftige Menschen glaubten plötzlich an Dinge, über die sie zu gewöhnlicher Zeit wie über dumme Märchen gelacht hätten. Die Anzeigen mehrten sich. Die Diener klagten ihre Herren an, die Frauen ihre Männer, die Kinder ihre Eltern. Eine alte Frau wurde nur deswegen verbrannt, weil sie gesagt hatte: »Der Teufel helfe mir, wenn Gott es nicht tut!« Eine andere wurde für eine Hexe erklärt, weil ihre Kuh nach der Ansicht der Nachbarinnen drei Mal mehr Milch gab, als sie geben sollte. Im Frauenkloster Santa Maria della Scala erschien der Teufel fast täglich nach dem Ave in Gestalt eines Hundes und schändete der Reihe nach alle Nonnen, von der sechzehnjährigen Novize bis zur alten Äbtissin, und zwar nicht nur in den Zellen, sondern auch während der Messe in der Kirche. Die Nonnen von Santa Maria hatten sich so sehr an den Teufel gewöhnt, daß sie sich vor ihm nicht mehr fürchteten und schämten. So ging es acht Jahre lang. In den Bergdörfern bei Bergamo fand man einundvierzig Hexen, welche Menschenfresserinnen waren; sie saugten das Blut ungetaufter Säuglinge und aßen ihr Fleisch. In Mailand selbst wurden dreißig Geistliche überführt, die Kinder nicht »im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes«, sondern »im Namen des Teufels« getauft zu haben; Frauen weihten ihre ungeborenen Kinder dem Satan; Mädchen und Knaben von drei bis sechs Jahren wurden vom Teufel verführt und ergaben sich mit ihm der unerhörtesten Unzucht: erfahrene Inquisitoren erkannten diese Kinder an dem besonderen Glanz der Augen, am schmachtenden Lächeln und an den feuchten, sehr roten Lippen. Sie waren durch nichts anderes als durch Feuer zu erretten. Am schrecklichsten erschien dabei, daß die Teufel bei dem stets wachsenden Eifer der Inquisition ihre Umtriebe nicht einstellten, sondern vermehrten, als hätten sie an der Sache Geschmack gefunden. Im verlassenen Laboratorium des Messer Galeotto Sacrobosco wurde ein ungewöhnlich dicker, zottiger Teufel gefunden; manche versicherten, er lebte, andere dagegen, er wäre schon krepiert, hätte sich aber sehr gut erhalten. Es hieß, man hätte ihn in einer Kristalllinse eingeschlossen gefunden; obwohl die Untersuchung ergab, daß es kein Teufel, sondern ein Floh war, den der Alchimist durch ein Vergrößerungsglas studiert hatte, verblieben viele doch bei der Überzeugung, es sei ein echter Teufel gewesen, der sich nur in den Händen der Inquisitoren in einen Floh verwandelt hätte, um sie zu foppen. Alles erschien möglich: die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fieberdelirium war im Verschwinden. Man erzählte sich, daß Fra Giorgio in der Lombardei eine Verschwörung von 12000 Hexen und Zauberern entdeckt hätte, welche im Laufe dreier Jahre solche Mißernten in ganz Italien hervorrufen wollten, daß die Menschen genötigt sein würden, einander wie Tiere Zu verzehren. Der erste Inquisitor selbst, ein erfahrener Feldherr des Heeres Christi, der die Ränke des Erbfeindes studiert hatte, äußerte Bedenken und beinahe Furcht angesichts dieses nicht dagewesenen, wachsenden Ansturmes der satanischen Truppen. »Ich weiß nicht, womit das enden soll«, – sagte Fra Michele eines Tages offenherzig zu Giovanni. »Je mehr von ihnen wir verbrennen, um so mehr neue keimen aus der Asche auf.« Die üblichen Torturen, die spanischen Stiefel, die eisernen Leisten, die mit Schrauben allmählich so zusammengepreßt wurden, daß die Knochen der Opfer knackten, das Ausreißen der Nägel mit weißglühenden Zangen erschienen wie ein Kinderspiel im Vergleich mit den neuen raffinierten Malen, welche vom »sanftesten der Menschen« Fra Giorgio, erfunden wurden; – zum Beispiel mit der Folter der Schlaflosigkeit – tormentum insomniae , die darin bestand, daß man die Angeklagten nicht schlafen ließ und sie im Laufe einiger Tage und Nächte durch die Gänge des Gefängnisses jagte, so daß ihre Füße sich mit Wunden bedeckten und die Unglücklichen in Wahnsinn verfielen. – Doch der Feind lachte auch über diese Qualen; er war stärker als Hunger, Schlaf, Durst, Eisen und Feuer, denn der Geist ist stärker als das Fleisch. Die Richter nahmen vergeblich ihre Zuflucht zur List: man brachte die Hexen rücklings in die Folterkammer, damit ihr Blick den Richter nicht bezauberte und ihm nicht verbrecherisches Mitleid einflößte; die Frauen und Mädchen wurden vor der Folter ganz rasiert, so daß auf ihrem Körper auch nicht ein einziges Haar zurückblieb, um »das Teufelssiegel« – stigma diabolicum sicherer finden zu können; es war unter der Haut oder in den Haaren verborgen und machte die Hexe gefühllos. Man gab ihnen Weihwasser zu trinken und bespritzte sie damit; man beräucherte die Folterwerkzeuge mit Weihrauch und weihte sie mit Teilen des Offertoriumlammes und mit Reliquien, man umgürtete die Angeklagten mit Leinenbändern, von der Länge des Körpers des Heilands, man hängte ihnen Zettel um, auf denen die Worte aufgezeichnet waren, die der Erlöser am Kreuze gesprochen hatte. Nichts half: der Feind triumphierte über alles Heilige. Nonnen, die ihren unzüchtigen Verkehr mit dem Teufel eingestanden hatten, versicherten, daß er zwischen zwei Ave Marias in sie fahre und daß sie selbst mit dem heiligen Abendmahl im Munde fühlten, wie der verfluchte Geliebte sie mit den schamlosesten Liebkosungen besudele. Die Unglücklichen gestanden schluchzend, »ihr Körper gehöre ihm wie die Seele.« Der böse Geist verhöhnte die Richter durch den Mund der Hexen; er stieß derartige Gotteslästerungen aus, daß den Furchtlosesten die Haare zu Berge standen. Er brachte die Doktoren und Magister der Theologie durch schlau gesponnene Sophismen und durch die feinsten theologischen Widersprüche in Verlegenheit, oder er entlarvte sie durch Fragen, die von einer solchen Menschenkenntnis zeugten, daß die Richter sich in Angeklagte und die Angeklagten in Kläger verwandelten. Die Mutlosigkeit der Bürger stieg bis zum Äußersten, als sich das Gerücht verbreitete, der Papst hätte eine mit unwiderleglichen Beweisen versehene Anzeige erhalten, aus welcher hervorging, daß der Wolf im Schafpelz, der in die Herde des Hirten eingedrungen war, der Diener des Teufels, der sich den Anschein seines Verfolgers gab, um die Herde des Herrn um so sicherer zu vernichten, das Haupt der satanischen Heerscharen, niemand anderes sei als der Großinquisitor – Fra Giorgio da Casale selbst. Aus den Worten und Handlungen der Richter konnte Beltraffio schließen, daß die Macht des Teufels ihnen der Macht Gottes gleich zu sein schien, so daß es noch ganz unbestimmt war, wer aus diesem Zweikampf als Sieger hervorgehen würde. Er staunte darüber, wie sehr die Lehren des Inquisitors Fra Giorgio und die der Hexe Kassandra sich in ihren Extremen berührten; denn für beide war der obere Himmel dem unteren gleich und der Sinn des menschlichen Lebens bestand im Kampf der beiden Abgründe des Menschenherzens, – mit dem einzigen Unterschied, daß die Hexe noch immer nach einer, vielleicht unmöglichen, Versöhnung suchte, während der Inquisitor das Feuer dieses Hasses schürte und die Hoffnungslosigkeit steigerte. In der Gestalt des Teufels, gegen den Fra Giorgio einen so erfolglosen Kampf führte, in der Gestalt des Schlangenähnlichen, Listigen, Kriechenden erkannte Giovanni wie in einem trüben, entstellenden Spiegel das verzerrte Bild der gütigen Schlange, des Beflügelten, des Ophyomorphos, des Sohnes der höchsten, befreienden Weisheit, des gleich dem Morgenstern lichtbringenden Lucifers, oder des Titanen Prometheus. Der ohnmächtige Haß seiner Feinde, der armseligen Diener Jaldabaoths, klang wie eine neue Siegeshymne an den Unbesiegbaren. Um diese Zeit verkündete Fra Giorgio dem Volke, daß in einigen Tagen ein großartiges Fest, den Feinden der christlichen Kirche zur Warnung, den getreuen Kindern zur Freude stattfinden werde: – die Verbrennung von hundertneununddreißig Zauberern und Hexen. Als Giovanni dies von Fra Michele erfuhr, fragte er erbleichend: »Und Monna Kassandra?« Trotz der heuchlerischen Mitteilsamkeit des Mönchs hatte Giovanni bis jetzt noch nichts von ihr erfahren können. »Monna Kassandra ist zugleich mit den andern verurteilt worden«, – antwortete der Dominikaner, – »obwohl sie eine grausamere Hinrichtung verdient hätte. Fra Giorgio ist der Ansicht, sie sei mächtiger als alle Hexen, die er je gesehen. Die Zauberkräfte, die sie bei der Tortur unempfindlich machten, waren so unbezwingbar, daß wir sie nicht dazu bringen konnten, ein Wort oder einen Seufzer von sich zu geben, geschweige denn, sie zu einem Geständnis oder zur Reue zu zwingen; wir kennen nicht einmal den Klang ihrer Stimme.« Bei diesen Worten blickte er Giovanni forschend und erwartungsvoll an. Beltraffio kam blitzartig der Gedanke, ein schnelles Ende zu machen, ein Geständnis abzulegen und zu erklären, er sei der Mitwisser der Monna Kassandra und wolle mit ihr sterben. Er unterließ es; doch nicht aus Furcht, sondern aus Gleichgültigkeit und der seltsamen Narrheit, die sich seiner in den letzten Tagen bemächtigt hatte und die an die »Zauberkraft der Unempfindlichkeit« erinnerte, die die Hexen bei den Torturen schützte. Er war wie die Ruhe des Todes. Am Vorabend des für die Verbrennung der Hexen und Zauberer bestimmten Tages saß Beltraffio zu später Stunde im Arbeitszimmer seines Meisters. Leonardo beendete eine Zeichnung, welche die Sehnen und Muskeln des Oberarmes und der Schulter darstellte; für diese Organe hatte er ein großes Interesse, da mit ihnen die Hebel der Flugmaschine in Bewegung gebracht werden sollten. Sein Gesicht erschien Giovanni an diesem Abend besonders schön. Trotz der ersten Furchen, die sich vor kurzem, nach Monna Lisas Tode, vertieft hatten, herrschte darin völlige Ruhe und Klarheit der Betrachtung. Manchmal erhob er die Augen von der Arbeit und blickte den Schüler an. Beide schwiegen. Giovanni erwartete schon lange nichts mehr vom Meister und hoffte auf nichts. Er konnte nicht daran zweifeln, daß Leonardo um die Schrecken der Inquisition, um die bevorstehende Hinrichtung der Monna Kassandra und der anderen Unglücklichen und um das Unglück seines Schülers wußte. Er fragte sich oft, was der Meister wohl über alles das denken mochte. Nachdem Leonardo die Zeichnung beendet hatte, machte er auf demselben Bogen, über der Darstellung der Sehnen und Muskeln der Schulter folgende Anmerkung: »Wenn du, Mensch, der du in diesen Zeichnungen die wunderbaren Schöpfungen der Natur betrachtest, es für verbrecherisch hältst, meine Arbeit zu vernichten, so bedenke, um wieviel verbrecherischer es ist, dem Menschen das Leben zu nehmen; denke auch daran, daß der dir so vollkommen erscheinende Körperbau nichts ist im Vergleich mit der diesen Bau bewohnenden Seele; denn diese ist, was sie auch sein mag, immerhin etwas Göttliches. Bedenke, wie ungern sie sich vom Körper trennt, und daß ihr Weinen und Trauern nicht ohne Grund sein kann. Hindere sie also nicht, in dem von ihr erschaffenen Körper, solange sie es selbst will, zu verweilen, und zerstöre dieses Leben nicht mit deiner Tücke und Bosheit. Es ist so schön, daß derjenige, der es nicht würdigt, seiner wirklich nicht wert ist.« Während der Meister schrieb, blickte der Schüler mit demselben hoffnungslosen Wohlgefallen auf sein stilles Gesicht, mit dem der in der Wüste verirrte, vor Hitze und Durst sterbende Wanderer auf die Schneeberge blickt. IV. Am nächsten Tag verließ Beltraffio das Zimmer nicht. Er fühlte sich seit dem Morgen nicht wohl und hatte Kopfweh. Er lag bis zum Abend im Halbschlaf zu Bette, ohne an irgend etwas zu denken. Als es dunkelte, ertönte über der Stadt ein seltsames Glockengeläute, das bald an ein Fest, bald an ein Begräbnis erinnerte, und in der Luft verbreitete sich ein schwacher, aber beharrlicher und widerwärtiger brenzlicher Geruch. Dieser Geruch steigerte noch sein Kopfweh und ihm wurde übel. Er ging auf die Straße. Es war schwül und die Luft war feucht und warm wie in einer Badestube; wie es in der Lombardei während des Schirokko im Spätsommer oder im Frühherbst oft vorkommt. Es regnete nicht, doch von den Dächern und Bäumen tropfte es. Das Ziegelpflaster glänzte. Und in der freien Luft, in dem trüben, gelben, klebrigen Nebel erschien der brenzliche Gestank noch stärker. Trotz der späten Stunde waren die Straßen belebt. Alle kamen aus der einen Richtung, vom Broletto-Platze. Als er die Gesichter betrachtete, schien es ihm, auch die anderen befänden sich in demselben Halbschlaf wie er und auch sie wollten und könnten nicht erwachen. Die Menge wogte mit verschwommenem, leisem Stimmengewirr vorüber. Aus den ihm zufällig entgegenfliegenden, abgerissenen Worten, die sich auf die soeben verbrannten hundertneununddreißig Zauberer und Hexen und auf Monna Kassandra bezogen, erkannte er plötzlich den Grund des furchtbaren, ihn verfolgenden Gestankes: er rührte von den verkohlten Menschenleibern her. Er beschleunigte seine Schritte und lief weiter, ohne zu wissen wohin; er rannte die Leute an, wankte wie ein Trunkener, zitterte vor Kälte und fühlte, wie der Brandgeruch ihm in dem trüben, gelben, klebrigen Nebel nachjagte, ihn umfing, ihn zu,ersticken drohte, in seine Lunge drang und die Schläfen mit einem stumpf nagenden Schmerz und mit Übelkeit zusammenpreßte. Er wußte nicht, wie er sich zu dem Kloster Jan Francesco hinschleppte und in Fra Benedettos Zelle trat. Die Mönche ließen ihn ein, Fra Benedetto war jedoch nicht im Kloster – er war nach Bergamo verreist. Giovanni schloß die Tür, zündete eine Kerze an und ließ sich ermattet auf das Bett sinken. In diesen stillen, ihm so vertrauten Wänden war alles wie früher von Frieden und Heiligkeit erfüllt. Er atmete freier: der furchtbare Gestank war fort und es umfing ihn der eigentümliche klösterliche Duft, der sich aus dem Geruch von Fastenöl, Weihrauch, Wachs, alten Lederfolianten, frischem Lack und jenen leichten, zarten Farben zusammensetzte, mit denen Fra Benedetto in seiner Herzenseinfalt und voll Geringschätzung für die weltliche Wissenschaft der Perspektive und Anatomie seine Madonnen mit den Kindergesichtern, die in himmlischer Glorie erstrahlenden Heiligen und die Engel mit den Regenbogenflügeln, den wie die Sonne goldenen Locken und den himmelblauen Tunikas malte. Über dem Kopfende des Bettes hing an der glatten, weißen Wand ein schwarzes Kruzifix und darüber Giovannis Gabe, ein vertrockneter Kranz aus rotem Mohn und dunklen Veilchen; er hatte sie an dem denkwürdigen Morgen im Zypressenhain auf den Höhen von Fiesole zu Savonarolas Füßen gepflückt, während die Brüder von San-Marco sangen, auf den Violen spielten und gleich kleinen Kindern oder Engeln um den Lehrer herumtanzten. Er erhob die Augen zum Kruzifix. Der Heiland streckte die festgenagelten Hände noch immer so aus, als riefe er die ganze Welt in seine Umarmung: »Kommet zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen.« – »Ist das nicht die einzige, die vollkommene Wahrheit?« – dachte Giovanni. – »Soll ich mich nicht zu seinen Füßen stürzen und ausrufen: Ich glaube, o Herr, hilf meinem Unglauben!« Doch das Gebet erstarrte auf seinen Lippen. Er fühlte, daß er nicht lügen konnte, wenn ihn auch ewige Verdammnis bedrohen würde, daß er das, was er wußte, nicht vergessen konnte und die beiden miteinander kämpfenden Wahrheiten in seinem Herzen weder zurückzuweisen, noch miteinander zu versöhnen vermochte. Er wandte sich mit der alten stillen Verzweiflung vom Kruzifix ab und im selben Augenblick schien ihm, daß der stinkende Nebel, der furchtbare Brandgeruch auch hierher, an seine letzte Zufluchtsstätte dringe. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen. Und vor ihm erstand das, was er vor kurzem gesehen hatte, obwohl er nicht hätte sagen können, ob es im Traum oder in Wirklichkeit gewesen war: in der Tiefe des Kerkers, beim scheine von roten Flammen inmitten von Folterwerkzeugen, Henkersknechten und blutigen Menschenleibern, erschien ihm Kassandras nackter Körper, der durch die Zauber der wohltätigen Schlange, der Befreierin, beschützt wurde – er war unempfindlich gegen die Folterwerkzeuge, gegen Feuer und Eisen und gegen die Blicke der Peiniger, er war unvergänglich und unverletzbar, wie der jungfräulich reine und harte Marmor der Bildwerke. Als er erwachte, erkannte er an der heruntergebrannten Kerze und an der Zahl der Glockenschläge auf dem Turme des Klosters, daß er einige stunden in Bewußtlosigkeit verbracht hatte und daß es jetzt schon nach Mitternacht war. Es war still. Der Nebel schien sich zerstreut zu haben. Der Brandgeruch war verschwunden – aber es war noch heißer geworden. Durch das Fenster zuckte blaßblaues Wetterleuchten und es ertönte ebenso wie in jener unvergeßlichen Gewitternacht am Catarana-Kanal das dumpfe, gleichsam unterirdische Grollen des Donners. Ihm schwindelte, die Kehle war ausgetrocknet? ihn quälte der Durst. Er erinnerte sich, daß in der Ecke ein Krug mit Wasser stand. Er erhob sich, indem er sich mit der Hand an die Mauer klammerte, schleppte sich hin, trank einige Schlucke, benetzte sich den Kopf und wollte schon auf das Bett zurückkehren, als er plötzlich fühlte, daß jemand in der Zelle war, – er wandte sich um und sah unter dem schwarzen Kruzifix jemand in einem langen, dunklen, bis zur Erde reichenden Mönchsgewand, mit einer spitzen, das Gesicht bedeckenden Kapuze, wie die Brüder »Battuti« sie tragen, auf Fra Benedettos Bett sitzen. Giovanni war erstaunt, t»a er wußte, daß die Tür verschlossen war – er erschrak jedoch nicht. Er empfand eher eine Erleichterung, als wäre er nach langen Anstrengungen erst jetzt erwacht. Der Kopf hörte mit einem Male zu schmerzen auf. Er näherte sich der sitzenden Gestalt und begann sie näher zu betrachten, sie erhob sich und warf die Kapuze zurück. Giovanni erblickte ein regloses, marmorweißes Gesicht, mit blutroten Lippen und bernsteingelben Augen, von einem Glorienschein schwarzer Haare umgeben, die lebendiger waren als das Gesicht selbst und gleich den Schlangen der Medusa ein eigenes Leben zu haben schienen. Und feierlich hob Kassandra – denn sie war es – langsam, wie zu einer Beschwörung die Hände. Jetzt ertönte das Getöse des Donners noch naher und es schien ihre Worte zu begleiten: Der Himmel oben, der Himmel unten, Die Sterne oben, die Sterne unten, Alles was oben, das ist auch unten, Wenn du's verstehst, ist es dein Wohl. Die schwarzen Gewänder fielen, sich zusammenrollend, Zu ihren Füßen nieder, und er erblickte das strahlende Weiß eines Körpers, der tadellos war, wie die dem tausendjährigen Grabe entstiegene Aphrodite, – wie die schaumgeborene Göttin Sandro Botticellis, mit dem Gesicht der Heiligen Jungfrau Maria, mit der überirdischen Trauer in den Augen, – wie die wollüstige Leda auf Savonarolas flammendem Scheiterhaufen. Giovanni blickte ein letztes Mal auf das Kruzifix, der Gedanke: »die weiße Teufelin!« durchzuckte zum letzten Mal sein Hirn, und der Schleier des Lebens zerriß und enthüllte ihm dies letzte Geheimnis der letzten Vereinigung. Sie näherte sich ihm, umfaßte ihn mit den Armen und preßte ihn an sich. Ein blendender Blitz vereinigte den Himmel und die Erde. Sie sanken auf das ärmliche Lager des Mönchs hin. Und Giovanni fühlte mit seinem ganzen Leibe die jungfräuliche Kälte des ihrigen, und sie war ihm süß und furchtbar wie der Tod. V. Zoroastro da Peretola starb nicht, genas aber auch nicht von den Folgen seines Sturzes beim mißlungenen Versuche mit den Flügeln: er blieb für sein ganzes Leben ein Krüppel. Er verlor die Sprache und murmelte unverständliche Worte, die nur der Meister zu deuten wußte. Bald irrte er auf seinen Krücken humpelnd im Hause herum, ohne Ruhe zu finden; groß, plump und zerzaust erinnerte er an einen Riesenvogel; bald lauschte er den Reden der Leute, als versuche er etwas zu verstehen; bald saß er mit heraufgezogenen Beinen in einer Ecke, ohne jemand zu beachten und spulte ein langes Leinenband auf einen runden Leisten auf, eine Beschäftigung, die der Meister für ihn ersonnen hatte, da die Hände des Mechanikers die frühere Geschicklichkeit und das frühere Bedürfnis nach Bewegung bewahrt hatten; er schnitzte Holzstäbchen, sägte Klötzchen für ein Wurfspiel und drechselte Kreisel; oder er saß auch stundenlang halb bewußtlos mit einem sinnlosen Lächeln, da, wiegte sich hin und her und schwang die Arme wie Flügel, indem er immer ein und dasselbe Lied durch die Nase summte: »Kraniche, Stare, Falken und Aare, Die Sonne winkt, Die Erde versinkt. Kraniche, Stare, Falken und Aare.« Darauf blickte er den Meister mit seinem einzigen Auge an und begann plötzlich leise zu weinen. Er schien in solchen Augenblicken so unglücklich, daß Leonardo sich rasch abwandte oder fortging. Er hatte jedoch nicht das Herz, den Kranken ganz Zu entfernen. Auf allen seinen Wanderungen verließ er ihn nie, sorgte für ihn, schickte ihm Geld Und sobald er sich irgendwo niederließ, nahm er ihn zu sich ins Haus. So vergingen Jahre und dieser Krüppel war gleichsam ein lebendiger Vorwurf, ein ewiger Hohn auf die ganze Lebensarbeit Leonardos, – auf die Erschaffung von Flügeln für die Menschen. Er bemitleidete nicht minder auch seinen anderen Schüler, der seinem Herzen vielleicht am nächsten stand, Cesare da Sesto. Cesare begnügte sich nicht mit dem Nachahmen und wollte selbständig sein. Der Meister vernichtete ihn jedoch, verschlang ihn, verwandelte ihn in sein Wesen. Cesare war nicht schwach genug, um sich zu fügen und nicht stark genug, um sich zu behaupten, und so quälte er sich nur, ohne jeden Erfolg, erbitterte sich und vermochte ebenso wenig sich zu retten, als auch' ganz zugrunde zu gehen. Er war gleich Giovanni und Astro ein Krüppel, weder lebendig noch tot; auch er gehörte zu denjenigen, die Leonardo durch seinen »bösen Blick« verdorben und behext hatte. Andrea Salaino verständigte den Meister von Cesares geheimem Briefwechsel mit den Schülern des Rafael Sanzio, der in Rom bei Papst Julius II. den Vatikan mit Fresken schmückte, viele prophezeiten, daß Leonardos Ruhm in den Strahlen dieses neuen Gestirns verblassen werde. Manchmal kam es dem Meister vor, als hätte Cesare Verrat im Sinne. Doch die Treue der Freunde war dem Verrate der Feinde kaum vorzuziehen. Unter dem Namen der Leonardischen Akademie hatte sich in Mailand eine schule junger lombardischer Maler gebildet; es waren dies zum Teil seine früheren Schüler, zum Teil unzählige neue Ankömmlinge, deren Zahl immer anwuchs. Sie drängten sich um ihn und wähnten selbst und versicherten anderen, daß sie seinen Spuren folgten. Er beobachtete aus der Ferne das Treiben dieser unschuldigen Verräter, die selbst nicht wußten, was sie taten. Und manchmal stieg in ihm ein Gefühl des Ekels auf, wenn er sah, wie alles, was in seinem Leben heilig und groß war, die Beute des Pöbels wurde: das Antlitz des Heilandes auf dem heiligen Abendmahl wurde den Nachkommen in Kopien übermittelt, die es mit der platten kirchlichen Überlieferung in Einklang brachten; das Lächeln der Gioconda wurde schamlos entblößt, indem man es lüstern machte oder es in Träume platonischer Liebe verwandelte, oder gutmütig und dumm werden ließ. Im Winter 1512 starb im Städtchen Riva di Trento am Ufer des Gardasees Marc-Antonio della Torre im Alter von dreißig Jahren an Sumpffieber, mit dem er sich von den Armen, die er behandelte, angesteckt hatte. Leonardo verlor in ihm den Letzten von denjenigen, die ihm zwar nicht nahe standen, aber doch weniger fremd waren als die anderen, während die Schatten des Alters sich auf sein Leben niedersenkten, rissen die Fäden, die ihn mit der Welt der Lebenden verbanden, einer nach dem andern, und die Einsamkeit und das schweigen um ihn herum wurden immer tiefer und größer; es schien ihm manchmal, daß er sich auf einer schmalen, dunklen Stiege in die unterirdische Finsternis herabließe, mit einer eisernen Axt den Weg durch die Steinblöcke bahnend, von »trotziger Strenge« und von der vielleicht wahnwitzigen Hoffnung erfüllt, es könnte dort unten einen Ausgang zu einem anderen Himmel geben. In einer Winternacht saß er allein in seinem Zimmer und lauschte dem heulen des Sturmes, wie in der Nacht nach jenem Tage, als er von Giocondas Tod erfahren haue. Die übermenschliche Stimme des nächtlichen Windes erzählte von bekanntem und Unentrinnbarem, das dem Menschenherzen verständlich ist, von der letzten Einsamkeit in dem furchtbaren, blinden Dunkel, im Schoße des Vaters alles Seins, des uralten Chaos, von der grenzenlosen Öde der Welt. Er dachte an den Tod, und dieser Gedanke, welcher ihm jetzt immer häufiger kam, verschmolz mit dem Gedanken an Gioconda. Plötzlich klopfte jemand an die Tür. Er erhob sich und öffnete. In das Zimmer trat ein unbekannter Jüngling mit lustigen und gutmütigen Augen, mit einem vom Frost geröteten frischen Gesicht und mit schmelzenden Schneeflocken in den dunkelblonden Locken. »Messer Leonardo!« – rief der Jüngling aus. – »Ihr erkennt mich nicht?« Leonardo sah ihn genauer an und erkannte in ihm seinen kleinen Freund, den achtjährigen Knaben Francesco Melzi, mit dem er einst im Frühjahre durch die Wälder Vaprios gestreift war. Er umarmte ihn mit väterlicher Zärtlichkeit. Francesco erzählte, er käme aus Bologna, wohin sein Vater bald nach der französischen Invasion von 1500 gereist war, um die Schmach und das Elend der Heimat nicht zu sehen, und wo er schwer erkrankt sei und lange Jahre dahinsiechte; vor kurzem sei er gestorben. Jetzt sei er nun zu Leonardo geeilt, da er dessen Versprechen noch in Erinnerung habe. »Welches Versprechen?« – fragte der Meister. »Wie? Ihr habt es vergessen? Und ich war so dumm, darauf zu hoffen! ... Wißt Ihr es wirklich nicht mehr? ... Es war in den letzten Tagen vor unserer Trennung im Dorfe Mandello, am Leccosee, am Fuße des Campione. Wir stiegen in ein verlassenes Bergwerk hinab und Ihr trugt mich auf den Armen; Ihr sagtet, Ihr würdet in die Romagna reisen und in Cesare Borgias Dienste treten, und ich begann zu weinen und wollte mit Euch fliehen und den Vater verlassen; Ihr ließet es jedoch nicht zu und gabt mir das Wort, in zehn Jahren, wenn ich erwachsen sein würde ...« »Ich erinnere mich, ich erinnere mich!« – unterbrach ihn der Meister freudig. »Also Gott sei Dank! – Ich weiß, daß Ihr mich nicht braucht, Messer Leonardo. Ich werde Euch aber hoch nicht stören. Jagt mich nicht davon. Ich werde übrigens auch dann nicht fortgehen, wenn Ihr mich sogar wegjagen walltet ... Es steht in Eurer Macht, Meister, tut mit mir, was Ihr wollt, ich werde Euch nie mehr verlassen ...« »Mein lieber Junge! ...« sagte Leonardo mit zitternder Stimme. Er umarmte ihn von neuem und küßte ihn auf den Kopf, und Francesco schmiegte sich mit derselben zutraulichen Liebkosung an seine Brust, wie es der kleine Knabe getan hatte, den Leonardo auf seinen Armen in das Erzbergwerk getragen und mit dem er die schlüpfrige, unheimliche Stiege immer tiefer und tiefer in das unterirdische Dunkel hinabgestiegen war. VI. Seitdem der Meister im Jahre 1507 Florenz verlassen hatte, trug er den Titel eines Hofmalers und stand in Diensten des Königs Ludwig XII. von Frankreich. Da er jedoch kein Gehalt bezog, mußte er sich auf die königliche Gnade verlassen. Oft vergaß man ihn ganz und er verstand es nicht, sich durch seine Werke in Erinnerung zu bringen, denn er arbeitete mit den Jahren immer weniger und langsamer. Da er wie bisher immer Geld brauchte und seine Vermögensverhältnisse immer verwickelter wurden, borgte er bei allen, bei denen es nur ging, selbst bei seinen eigenen schillern? bevor er die alten Schulden abgetragen hatte, machte er wieder neue. Er richtete an den französischen Statthalter Charles d'Amboise und an den Schatzmeister Florimond Roberté ebenso verschämte, ungeschickte und demütige Bittschriften, wie er sie einst an den Herzog Moro gerichtet hatte: »Indem ich Euer Gnaden nicht mehr belästigen will, nehme ich mir die Freiheit zu fragen, ob ich einen Gehalt beziehen werde. Ich habe an Ew. Signorie schon oftmals darüber geschrieben, habe aber bisher keine Antwort erhalten.« Er antichambrierte bei den Höflingen, demütig inmitten anderer Bittsteller, bis die Reihe an ihn kam, obwohl ihm mit dem herannahenden Alter die fremden Treppen immer steiler erschienen und das fremde Brot immer bitterer schmeckte. Er fühlte sich im Dienste der Herrscher ebenso überflüssig, wie im Dienste des Volkes; er war immer und überall ein Fremder, während Rafael im Genüsse der päpstlichen Freigebigkeit aus einem Halbbettler ein reicher Mann, ein römischer Patrizier geworden war, und während Michel Angelo seine Soldi für schlechte Zeiten zusammensparte, blieb Leonardo wie bisher ein heimatloser Wanderer, der nicht mußte, wo er vor dem Tode noch eine Zuflucht finden könnte. Die Kriege, die Siege, die Niederlagen der Seinigen und der Fremden, die Änderungen der Gesetze und der Regierungen, das Knechten der Völker, der Sturz der Tyrannen, alles was den Menschen als das einzig wichtige und Ewige erschien, zog an ihm vorüber, wie ein staubiger Wirbelwind an einem Wanderer auf der Landstraße vorüberzieht. Den Dingen der Politik mit unveränderlicher Gleichgültigkeit gegenüberstehend, befestigte er die Zitadelle Mailands für den König von Frankreich gegen die Lombarden, wie er sie einst für den Herzog der Lombardei gegen die Franzosen befestigt hatte. Zur Feier des Sieges Ludwigs XII. über die Venetianer bei Agnadello errichtete er einen Triumphbogen mit denselben hölzernen Engeln, die ihre vergoldeten Flügel schon zu Ehren der Ambrosianischen Republik, des Francesco Sforza und des Lodovico Moro, geschwungen hatten. Nach drei Jahren schlossen der Papst, der Kaiser und der König Ferdinand der Katholische von Spanien einen Bund, die »Heilige Liga« gegen Ludwig XII., verjagten die Franzosen aus der Lombardei und setzten mit Hilfe der Schweizer »den kleinen Moro«, Massimiliano Moretto, den Sohn des Lodovico Sforza, einen neunzehnjährigen Jüngling, der in der Verbannung, am Hofe des Kaisers aufgewachsen war, auf den Thron. Leonardo errichtete auch für ihn den Triumphbogen. Morettos Regierung war von kurzer Dauer: die schweizer Söldlinge kümmerten sich gar nicht um ihn und behandelten ihn wie eine nichtssagende Puppe; die Verbündeten der Heiligen Liga beschäftigten sich zu eifrig mit ihm, wie die vielen Köche, die den Brei verderben. Der kleine Herzog hatte anderes im Kopfe als Kunst. Nichtsdestoweniger nahm er Leonardo in seine Dienste auf, bestellte bei ihm sein Porträt und setzte für ihn ein Gehalt fest, das ihm übrigens nie ausbezahlt wurde. In Toscana ging um diese Zeit eine ebensolche Umwälzung vor sich wie in der Lombardei. Der Wille des Volkes war der Wille Gottes und die Kanonen Ferdinands des Katholischen entfernten den unglückseligen Piero Soderini. Nachdem die republikanischen Tugenden seiner Mitbürger ihn endgültig enttäuscht hatten, floh er nach Ragusa. Die früheren Tyrannen, die Gebrüder Medici, die Söhne Lorenzos des Prächtigen, kehrten nach Florenz zurück. Einer von ihnen, Giuliano, ein seltsamer Träumer, dem Macht und Ehren gleichgültig waren, ein trauriger und gutmütiger Sonderling, war ein großer Liebhaber der Alchimie. Galeotto Sacrobosco, der bei ihm nach seiner Flucht aus Mailand Schutz gefunden hatte, erzählte ihm von Leonardos geheimen Künsten und er forderte diesen auf, in seine Dienste zu treten, weniger in Eigenschaft eines Künstlers, als in der eines Alchimisten. Anfang des Jahres 1513 knüpfte der Marschall Gian Jacopo Trivulzio mit den Schweizern Unterhandlungen wegen der Herausgabe des kleinen Moro an. Ihm drohte das Schicksal seines Vaters. Leonardo erwartete in der Lombardei neue Umwälzungen. Er fühlte sich in den letzten Jahren durch die eintönigen und launischen Zufälligkeiten der Politik, durch den steten Rausch auf fremden Festen ermüdet: das Aufführen von Triumphbogen, das Ausbessern der Federn in den Flügeln der hinfällig gewordenen Engel ödete ihn an und es schien ihm immer häufiger, es wäre für diese Engel ebenso wie für ihn selbst an der Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. Er beschloß, Mailand zu verlassen und in die Dienste der Medici überzutreten. Papst Julius II. war tot. Zu seinem Nachfolger war Giovanni Medici unter dem Namen Leo X. gewählt worden. Der neue Papst ernannte seinen Bruder Giuliano zum obersten Kapitän und Bannerträger der Römischen Kirche. Er bekleidete nun das Amt, das einst Cesare Borgia innegehabt hatte. Giuliano begab sich nach Rom. Leonardo sollte ihm im Herbste folgen. Einige Tage vor seiner Abreise aus Mailand, beim Morgengrauen nach jener Nacht, in der auf dem Platze Broletto hundertneununddreißig Zauberer und Hexen verbrannt worden waren, fanden die Mönche des Klosters San Francesco Beltraffio in der Zelle des Fra Benedetto bewußtlos auf dem Boden liegen. Es war anscheinend ein Anfall derselben Krankheit, die er vor fünfzehn Jahren nach Fra Pagolos Bericht über Savonarolas Tod durchgemacht hatte. Dieses Mal erholte sich Giovanni recht bald. Nur manchmal flammte in seinen gleichgültigen Augen, in seinem seltsam reglosen, toten Gesicht ein Ausdruck auf, der Leonardo noch mehr Sorge um ihn einflößte, als seine frühere schwere Krankheit. Da der Meister die Hoffnung, ihn zu retten, noch immer nicht aufgab und ihn zu diesem Zwecke von sich und seinem bösen Blick fernhalten wollte, riet er ihm, bis zur völligen Genesung in Mailand bei Fra Benedetto zu bleiben. Doch Giovanni flehte mit einem so unbeugsamen Trotz, mit einer so stillen Verzweiflung, ihn nicht zu verlassen und nach Rom mitzunehmen, daß Leonardo nicht den Mut hatte, ihn abzuweisen. Das französische Heer näherte sich Mailand. Der Pöbel war aufgeregt. Der kleine Moro richtete sich durch kindische Unvernunft und durch Eigensinn zugrunde. Man durfte nicht zögern. Ebenso wie er sich einst von Lorenzo Medici zu Moro, von Moro zu Cesare, von Cesare zu Soderini und von Soderini zu Ludwig XII. begeben hatte, begab Leonardo sich jetzt zu seinem neuen Beschützer, Giuliano Medici; gelangweilt und demütig setzte er als ewiger Wanderer seine hoffnungslosen Irrfahrten fort. »Am 23. September 1513«, – notierte er mit der gewohnten Kürze in seinem Tagebuch, – »reiste ich mit Francesco Melzi, Salaino, Cesare, Astro und Giovanni aus Mailand nach Rom.« + Sechzehntes Buch Leonardo, Michel Angelo und Rafael I. Auch Papst Leo X., der den Überlieferungen des Geschlechtes der Medici treu blieb, verstand es, in den Ruf eines großen Beschützers der Künste und Wissenschaften zu gelangen. Als er von der Wahl erfuhr, sagte er zu seinem Bruder Giuliano Medici: »Wir wollen die päpstliche Macht genießen, denn sie ist ein Geschenk Gottes!« Und sein Lieblingsnarr, der Mönch Fra Mariano, fügte mit dem Ernst eines Philosophen hinzu: »Wir wollen in Herrlichkeit und Freuden leben, heiliger Vater, denn alles übrige ist Unsinn!« Und der Papst sammelte um sich Dichter, Musiker, Künstler und Gelehrte. Jeder, der eine reichliche Menge von fließenden, wenn auch mittelmäßigen Versen zu liefern verstand, durfte auf eine fette Präbende und auf ein warmes Plätzchen bei Sr. Heiligkeit rechnen. Für die nachahmenden Literaten, die fest daran glaubten, daß die Prosa Ciceros und die Verse Vergils ein unerreichbarer Gipfel der Vollkommenheit seien, brach nun ein goldenes Zeitalter an. Sie sagten: »Der Gedanke, daß die neuen Dichter die alten übertreffen könnten, ist die Wurzel aller Gottlosigkeit.« Die Seelenhirten vermieden es, in Predigten Christus beim Namen zu nennen, da dieser Name bei Cicero nicht vorkommt; die Nonnen wurden Vestalinnen genannt, der Heilige Geist – der Odem des höchsten Jupiters. Man hatte den Papst sogar gebeten, den Philosophen Plato heilig zu sprechen. Der Verfasser des Dialogs über überirdische Liebe »Asolani«, und des überaus cynischen Poems »Priapus«, des späteren Kardinals Pietro Bembo, gestand, er vermeide es, die Episteln des Apostels Paulus zu lesen, »um sich den Stil nicht zu verderben.« Als König Franz I. nach dem Siege über den Papst von ihm den vor kurzem entdeckten Laokoon zum Geschenk verlangte, erklärte Leo X., er wolle sich eher vom Kopfe des Apostels trennen, dessen Reliquien in Rom aufbewahrt wurden, als vom Laokoon. Der Papst liebte seine Gelehrten und Künstler; seine Narren aber vielleicht noch mehr. Der berühmte Verseschmierer, Freßsack und Trunkenbold Querno, der den Titel eines Erzdichters erhalten hatte, wurde von ihm in feierlichem Triumph mit einem Küchenlorbeerkranz gekrönt und mit denselben reichen Gnaden überschüttet, wie Rafael Sanzio. Für die üppigen Festgelage der Gelehrten verausgabte er die ungeheueren Einkünfte der Anconischen Mark der Landschaft Spoletos und der Romagna; er selbst zeichnete sich jedoch durch Mäßigkeit aus, da sein Magen schlecht verdaute. Dieser Epikuräer litt an einer unheilbaren Krankheit, – einer eiterigen Fistel. Und seine Seele wurde gleich dem Körper von einer geheimen Wunde, der Langenweile, zerfressen. Er ließ für seine Menagerie seltene Tiere aus fernen Ländern kommen und besaß eine Sammlung von Narren, possierlichen Krüppeln, Mißgeburten und Irrsinnigen aus den Spitälern. Doch weder die Tiere, noch die Menschen konnten ihn zerstreuen. Bei den Festen und Gelagen, inmitten der lustigsten Scherze, behielt sein Gesicht den Ausdruck von Langeweile und Widerwillen. Nur in der Politik äußerte er seine wahre Natur: er war ebenso kalt, grausam und meineidig wie Borgia. Als Leo X. im Sterben lag, war ihm nur sein Lieblingsnarr, der Mönch Fra Mariano, von allen seinen Freunden allein bis zuletzt treu geblieben. Als dieser gutherzige und fromme Mann den Papst als einen Heiden sterben sah, flehte er ihn mit Tränen in den Augen an: »Denkt doch an Gott, heiliger Vater, denkt an Gott!« – Das war eine unbewußte, doch beißende Verspottung des ewigen Spötters. Einige Tage nach seiner Ankunft in Rom wartete Leonardo im päpstlichen Empfangssaal auf eine Audienz. Er war schon einige Male dagewesen, denn es war sehr schwer, von Se. Heiligkeit empfangen zu werden, selbst wenn man zu einer Audienz direkt eingeladen war. Leonardo hörte den Gesprächen der Höflinge über den geplanten Triumph des päpstlichen Lieblings, des mißgestalteten Zwerges Baraballo, zu, der auf einem kürzlich aus Indien eingetroffenen Elefanten durch die Straßen geführt werden sollte. Man erzählte auch von Fra Marianos neuen Streichen; wie er z. B. neulich beim Abendessen in Anwesenheit des Papstes auf den Tisch gesprungen und darauf herumgelaufen war, indem er unter allgemeinem Gelächter die Kardinale und Bischöfe auf den Kopf geschlagen und ihnen von einem Ende des Tisches zum anderen gebratene Kapaune zugeworfen, so daß der Strom der Saucen sich über die Gewänder und Gesichter der ehrwürdigen Herren ergossen hatte. Während Leonardo den Erzählenden lauschte, ertönte hinter der Tür des Empfangszimmers Musik und Gesang. Die durch das Warten ermüdeten Gesichter drückten noch größere Mutlosigkeit aus. Der Papst war ein schlechter, aber leidenschaftlicher Musiker. Die Konzerte, in denen er stets selbst mitwirkte, dauerten endlos, so daß diejenigen, die ihn geschäftlich aufsuchten, bei den Klängen der Musik verzweifelten. »Wißt Ihr, Messere«, flüsterte ein neben ihm sitzender verkannter Dichter mit einem hungrigen Gesicht Leonardo ins Ohr. Er wartete seit zwei Monaten vergeblich auf eine Audienz. »Wißt Ihr, Messere, was das beste Mittel ist, um eine Audienz bei Se. Heiligkeit zu erwirken? Man muß sich für einen Narren ausgeben. Mein alter Freund, der berühmte Gelehrte Marco Masuro, der hier mit seiner Gelehrsamkeit nichts auszurichten vermochte, ließ sich durch den Cameriere als ein neuer Baraballo melden. Er wurde sofort vorgelassen und so erreichte er alles, was er wollte.« Leonardo folgte nicht dem guten Rate, ließ sich nicht als Narr melden und ging, nachdem er wieder vergeblich gewartet hatte, nach Hause. In der letzten Zeit stiegen in ihm seltsame Ahnungen auf. Sie erschienen ihm grundlos. Die Lebenssorgen, die Mißerfolge am Hofe Leos X. und Giuliano Medicis beunruhigten ihn nicht: er hatte sich längst an solche Dinge gewöhnt. Die unheimliche Unruhe aber steigerte sich unterdessen. Und an diesem strahlenden Herbstabend, als er aus dem Palast nach Hause zurückkehrte, krampfte sich sein Herz mehr denn je, wie vor einem nahenden Unglück, zusammen. Er wohnte im gleichen Hause, wo er bei seinem ersten Aufenthalte in Rom, in den Tagen Alexanders VI., gewohnt hatte: wenige Schritte vom Vatikan entfernt, hinter St. Peter, in einem, engen Gäßchen, in einem der kleinen, voneinander getrennten Gebäude der päpstlichen Münze. Es war ein altes, düsteres Gebäude. Als Leonardo nach Florenz abreiste, blieb es einige Jahre lang unbewohnt, wurde feucht und nahm ein noch düstereres Aussehen an. Er betrat ein geräumiges Gemach mit einer gewölbten Decke, mit spinnenförmigen Rissen an den Wänden, von denen sich der Mörtel abgebröckelt hatte, mit Fenstern, die dicht an die Mauern des Nachbarhauses stießen, so daß es hier trotz der hellen frühen Abendstunde schon dunkel war. In einer Ecke saß der kranke Mechaniker Astro mit hinaufgezogenen Beinen, schnitzte Stäbchen und summte durch die Nase sein eintöniges Liedchen, sich nach seiner Gewohnheit hin und her wiegend: »Kraniche, Stare, Falken und Aare, Die Sonne winkt, Die Erde versinkt. Kraniche, Stare, Falken und Aare!« Leonardos Herz klopfte noch banger in unheilvollen Ahnungen. »Was hast du, Astro?« – fragte er freundlich, ihm die Hand auf den Kopf legend. »Nichts«, antwortete dieser und blickte den Meister forschend, beinahe vernünftig und sogar schelmisch an. »Ich habe nichts. Aber Giovanni... Nun, es ist ja so besser für ihn. Er ist fortgeflogen...« »Was sprichst du, Astro? Wo ist Giovanni?« fragte Leonardo und wußte auf einmal, daß die bösen Ahnungen, die sein Herz bedrängten, Giovanni galten. Ohne den Meister weiter zu beachten, begann der Kranke von neuem zu schnitzen. »Astro«, drang Leonardo in ihn, seine Hand ergreifend, »ich bitte dich, mein Freund, erinnere dich daran, was du mir sagen wolltest. Wo ist Giovanni? Hörst du, Astro, ich muß ihn durchaus gleich sehen!...Wo ist er? Was ist mit ihm?« »Wißt Ihr es denn noch nicht?« sagte der Kranke. »Er ist dort oben. Er ist froh... er ist fort...« Er schien nach einem Laut zu suchen und konnte ihn nicht finden; er war seinem Gedächtnis entschwunden. Das kam bei ihm oft vor. Er verwechselte die einzelnen Laute und sogar ganze Worte, und gebrauchte das eine statt des anderen. »Ihr wißt nicht?« fügte er ruhig hinzu. »Also kommt mit. Ich werde es Euch zeigen. Aber fürchtet Euch nicht. Es ist besser so...« Er erhob sich und humpelte auf seinen Krücken die knarrende Stiege hinauf. Sie kamen auf den Dachboden. Hier unter dem von der Sonne erwärmten Ziegeldach war es schwül; es roch nach Vogelmist und Stroh. Durch das Dachfenster drang ein schräger, staubiger, roter Sonnenstrahl. Als sie eintraten, flatterte ein erschreckter Taubenschwarm mit den Flügeln rauschend auf und flog davon. »Hier«, sagte Astro wieder ruhig, indem er in die Tiefe des Dachbodens wies, wo es dunkel war. Und Leonardo erblickte Giovanni unter einem der dicken Querbalken; er stand gerade, reglos und seltsam gestreckt da und schien ihn mit weit geöffneten Augen anzustarren. »Giovanni!« rief der Meister aus. Er erblich und seine Stimme versagte. Er stürzte zu ihm hin, sah das furchtbar verzerrte Gesicht und berührte seine Hand; sie war kalt. Der Körper machte eine schaukelnde Bewegung: er hing an einer festen Seidenschnur, einer von jenen, die der Meister für seine Flugmaschinen benützte. Sie war an einem neuen Eisenhaken festgebunden, der offenbar vor kurzem in den Balken hineingeschraubt worden war. Daneben lag auch ein Stück Seife, mit dem der Selbstmörder wahrscheinlich die Schlinge eingeseift hatte. Astros lichter Moment war wieder vorbei, er trat jetzt an die Dachluke und schaute hinaus. Das Haus stand auf einer Anhöhe. Man sah von hier die Ziegeldächer, Türme und Campanile Roms, die wie ein Meer wogende, mattgrüne, von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Ebene der Campagna mit den langen, schwarzen, sich hier und da unterbrechenden Linien der römischen Aquädukte, die Hügel Albano, Frascati und Rocca di Papa und den klaren Himmel, unter dem jetzt Schwalben kreisten. Er betrachtete das alles mit halbgeschlossenen Augen, sich mit einem seligen Lächeln hin und herwiegend und die Arme gleich Flügeln schwingend: »Kraniche, Stare, Falken und Aare...« Leonardo wollte fortlaufen und um Hilfe rufen, konnte sich jedoch nicht bewegen und blieb vor Entsetzen gelähmt zwischen seinen beiden Schülern stehen – dem Toten und dem Wahnsinnigen...   Als der Meister nach einigen Tagen die Papiere des Verstorbenen durchsah, fand er darunter das Tagebuch. Er las es aufmerksam durch. Leonardo begriff nicht jene Widersprüche, an denen Giovanni zugrunde gegangen war; er fühlte nur noch deutlicher als je zuvor, daß er die Ursache dieses Unglücks war, daß sein »böser Blick ihn verdorben«, daß er ihn mit den Früchten des Baumes der Erkenntnis vergiftet hatte. Einen besonders starken Eindruck machten auf ihn die letzten Zeilen des Tagebuchs, die, nach dem Unterschied in der Farbe der Tinte und in der Schrift zu urteilen, nach einer mehrjährigen Unterbrechung geschrieben waren: »Neulich zeigte mir im Kloster bei Fra Benedetto ein Mönch, der von Athos kam, ein altes Pergament mit einer kolorierten Zeichnung, die Johannes den Täufer den Geflügelten darstellte. In Italien gibt es keine solchen Darstellungen; sie ist von griechischen Heiligenbildern übernommen. – Die Glieder sind fein und lang. Das Antlitz ist seltsam und furchtbar. Der mit einem zottigen Gewand aus Kamelhaaren bekleidete Körper erscheint befiedert wie bei einem Vogel. – ›Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bunds, den ihr begehret, siehe er kommt!‹ Prophet Maleachi III, 1. – Aber es ist kein Engel, kein Geist, sondern ein Mensch mit Riesenflügeln.« »Im Jahre 1503, dem letzten Regierungsjahr des scharlachfarbenen Tieres, des Papstes Alexander VI., erzählte mir der Augustinermönch Thomas Schweinitz in Rom folgendes über den Flug des Antichrist: »Und dann wird das Tier, das das Feuer vom Himmel geraubt hat und auf dem Thron des allmächtigen Gottes im Tempel zu Zion sitzt, zu den Menschen sprechen: ›Warum ist euch bange und was wollt ihr? Ihr seid ein falsches und hinterlistiges Geschlecht! Ihr wollt ein Zeichen sehen und ich werde euch ein Zeichen geben. Ihr werdet den Menschensohn schauen, der da in den Wolken nahet, um die Toten und Lebenden Zu richten.‹ So wird Er sprechen und wird große Feuerflügel nehmen, die teuflische Künste ersonnen haben und wird sich unter Donner und Blitz in den Himmel schwingen, von seinen Schülern, die Engelsgestalt annehmen werden, umgeben, und er wird fliegen.« Es folgten abgerissene, sichtlich mit zitternder Hand geschriebene, an vielen Stellen durchgestrichene Worte: »Die Ähnlichkeit zwischen Christus und dem Antichrist ist eine vollkommene. Das Antlitz des Antichrist ist im Antlitze Christi, das Antlitz Christi ist im Antlitze des Antichrist, wer wird sie unterscheiden können? wer wird nicht in Versuchung geraten? Das letzte Geheimnis ist das letzte Leid, wie es auf Erden noch keines je gegeben hat.« »Im Dome Zu Orvieto, auf dem Bilde des Luca Signorelli flattern die Kleiderfalten des in den Abgrund fliegenden Antichrist im Winde. Und dieselben Falten, die an die Flügel eines ungeheuren Vogels erinnern, waren hinter Leonardos Schultern, als er auf dem Gipfel des Monte Albano über dem Dorfe Vinci am Rande eines Abgrundes stand.« Ganz unten auf der letzten Seite war wieder mit einer anderen Schrift, wahrscheinlich nach einer langen Unterbrechung, geschrieben: »Die weiße Teufelin ist immer und überall. Fluch über sie! Das letzte Geheimnis ist: zwei ist eins. Christus und der Antichrist sind eins. Der Himmel ist oben und unten. Das soll, das darf nicht sein! Lieber den Tod. Ich befehle meinen Geist in deine Hände, mein Gott! Richte mich.« Mit diesen Worten schloß das Tagebuch. Und Leonardo wußte nun, daß sie am Vorabend oder am Tage des Selbstmordes geschrieben waren. II. In einem der Empfangsräume des Vatikans, in der sogenannten Stanza della Segnatura mit den kürzlich vollendeten Wandgemälden Rafaels, saß unter einer Freske, die den Gott Apollo inmitten der Musen auf dem Parnaß darstellte, Papst Leo X., umringt von den Würdenträgern der Römischen Kirche, Gelehrten, Dichtern, Zauberkünstlern, Zwergen und Narren. Sein ungeheurer, weißer, aufgedunsener Körper, wie ihn alte, an Wassersucht leidende Frauen haben, das dicke, runde, bleiche Gesicht mit den farblosen, glotzenden Froschaugen war widerwärtig; mit dem einen Auge sah er beinahe gar nicht, mit dem anderen nur schlecht, und wenn er etwas anschauen mußte, gebrauchte er, statt eines Augenglases, eine Linse aus Beryll – » Ochialle «; aus dem sehenden Auge leuchtete ein kalter, klarer und sich grenzenlos langweilender Verstand. Der Stolz des Papstes waren seine tatsächlich schönen Hände: er stellte sie bei jeder passenden Gelegenheit zur Schau und prahlte mit ihnen ebenso wie mit seiner angenehmen Stimme. Der heilige Vater ruhte sich nach den geschäftlichen Empfängen aus und unterhielt sich dabei mit seinen Vertrauten über zwei neue Gedichte. Sie waren beide in tadellos eleganten lateinischen Versen geschrieben und der Aeneis des Vergil nachgebildet. Das eine, mit dem Titel » Christias «, war eine Übertragung des Evangeliums mit der zu jener Zeit modernen Vermischung von christlichen und heidnischen Gestalten: so wurde das heilige Abendmahl »die göttliche Speise« genannt, »die für die schwachen menschlichen Augen in der Gestalt der Ceres und des Bacchus verborgen wird«, was mit Brot und Wein gleichbedeutend ist; Diana, Thetis und Äolus erwiesen der Mutter Gottes ihre Dienste; bei der Verkündigung des Erzengels Gabriel in Nazareth hatte Merkur an der Tür gehorcht und diese Kunde der Versammlung der Olympier überbracht, damit sie ihre Maßregeln ergreifen könnten. Das zweite Gedicht von Fracastore war » Syphilis « betitelt und dem künftigen Kardinal Pietro Bembo gewidmet, – demselben, der die Episteln des Apostel Paulus zu lesen vermied, um sich »den Stil nicht zu verderben«. – In tadellosen Versen im Geschmacke Vergils wurden darin die französische Krankheit und die verschiedenen Arten ihrer Behandlung mit Schwefelbädern und Quecksilbersalben besungen. Die Entstehung der Krankheit wurde unter anderen in folgender Weise erklärt: in uralten Zeiten habe ein Schäfer, namens Syphilus, den Sonnengott durch seinen Spott erzürnt und sei von diesem durch eine Krankheit bestraft worden, die so lange keinerlei Behandlung gewichen, bis ihn die Nymphe Amerika in ihre Mysterien eingeweiht und in einen Hain heilkräftiger Guajakobäume zu einer Schwefelquelle und einem Quecksilbersee geführt hätte. Spanische Reisende hätten den Ozean durchquert und den neuen Erdteil, in dem die Nymphe Amerika wohnte, entdeckt. Sie hätten den Sonnengott beleidigt, indem sie bei einer Jagd einige von den ihm geweihten Vögeln erschossen hätten. Einer von den Vögeln hätte dabei mit menschlicher Stimme prophezeit, daß Apollo sie für dieses Sacrilegium mit der französischen Krankheit bestrafen würde. Der Papst rezitierte einige Stellen aus den beiden Gedichten. Besonders gut gelang ihm die Rede Merkurs vor den olympischen Göttern über die Verkündigung und die Liebesklage des Schäfers vor der Nymphe Amerika. Als er unter begeistert geflüsterten Beifallsworten und ehrerbietig zurückhaltendem, gleichsam unwillkürlich ertönendem Beifallklatschen schloß, wurde ihm der kürzlich aus Florenz eingetroffene Michel Angelo gemeldet. Der Papst runzelte ein wenig die Stirne, aber befahl, ihn sofort vorzulassen. Der düstere Buonarotti flößte Leo X. ein Gefühl ein, das an Furcht grenzte. Er zog den lustigen, zu allem bereiten, verträglichen, »guten Kerl« Rafael vor. Der Papst empfing Michel Angelo mit seiner unveränderlichen gelangweilten Liebenswürdigkeit. Als der Künstler jedoch von einer Angelegenheit zu reden begann, in welcher er sich tödlich gekränkt wähnte, von den ihm erteilten und dann plötzlich zurückgezogenen Auftrag, für die Florentiner San Lorenzo-Kirche eine neue Marmorfassade zu bauen, brachte der heilige Vater das Gespräch auf andere Dinge; er warf ihm durch die geschliffene Beryllinse einen gutmütigen Blick zu, unter dem sich aber etwas wie Hohn verbarg, und sagte: »Messer Michel Angelo, wir möchten gern deine Meinung in einer gewissen Sache hören: unser Bruder, Herzog Giuliano, rät uns, deinen Landsmann, den Florentiner Leonardo da Vinci, für irgend eine Arbeit zu verwenden. Sei so gut und sage mir, was du von ihm hältst und welche Arbeit man ihm wohl am besten geben könnte?« Michel Angelo schwieg mit düster gesenkten Äugen. Die auf ihn gerichteten neugierigen Blicke, seine unüberwindliche Schüchternheit und das Bewußtsein seiner Häßlichkeit quälten ihn wie immer. Der Papst betrachtete ihn aber aufmerksam durch sein Beryllglas und wartete auf Antwort. »Es dürfte Ew. Heiligkeit vielleicht unbekannt sein«, sagte endlich Buonarotti, »daß viele mich für Messer da Vincis Feind halten. Mag es wahr sein oder nicht, jedenfalls glaube ich, daß ich am wenigsten berufen bin, in dieser Sache Schiedsrichter zu sein und irgend eine Meinung zu seinen Gunsten oder Ungunsten zu äußern.« »Beim Bacchus,« rief der Papst erregt aus, der offenbar einen lustigen Spaß vor hatte, »wenn dem auch wirklich so wäre, so wünschen wir um so mehr deine Ansicht über Messer Leonardo zu erfahren, denn wir würden jeden anderen eher als dich für parteiisch halten, wir zweifeln nicht daran, daß du in einem Urteil über den Feind nicht weniger edelmütig sein wirst, als in einem Urteil über einen Freund. Ich habe übrigens niemals daran geglaubt und werde es auch nicht glauben, daß ihr tatsächlich Feinde seid. Unsinn! Solche Künstler wie du und er müssen über jede Eitelkeit erhaben sein. Und was solltet ihr denn miteinander teilen, um welchen Vorrang streiten? Und wenn zwischen euch auch wirklich etwas vorgefallen sein sollte, so müßt ihr es einfach vergessen! Ist es denn nicht besser, in Frieden zu leben? Man sagt, bei Eintracht wächst Kleines und bei Zwietracht geht Großes zugrunde. Und wenn ich, dein Vater, wünschen sollte, eure Hände zu vereinigen, könntest du es mir denn wirklich abschlagen und ihm deine Hand verweigern?« Buonarottis Augen blitzten auf: wie es so oft bei ihm geschah, ging seine Schüchternheit auch jetzt in Wut über. »Verrätern reiche ich nicht die Hand!« sagte er dumpf und kurz, sich kaum beherrschend. »Verrätern?« fiel ihm der Papst ins Wort; auch seine Erregung wuchs. »Es ist eine schwere Anklage, Michel Angelo, eine sehr schwere, und wir sind überzeugt, daß du dich nie entschlossen hättest, sie auszusprechen, wenn du nicht sichere Beweise in Händen hättest...« »Ich habe keine Beweise und brauche sie auch nicht! Ich sage nur das, was alle wissen. Fünfzehn Jahre lang war er ein Lakai des Herzogs Moro, desjenigen, der zuerst die Barbaren nach Italien gerufen und ihnen das Vaterland ausgeliefert hat. Als Gott den Tyrannen so bestrafte, wie er es verdiente, so daß er zugrunde ging, trat Leonardo in die Dienste eines noch größeren Schurken, – des Cesare Borgia über; er, ein Bürger von Florenz, verschmähte es nicht, Kriegskarten von Toskana anzufertigen, um dem Feinde die Eroberung seines Vaterlandes zu erleichtern.« »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet«, sagte der Papst mit einem weisen Lächeln. »Du vergißt, mein Freund, daß Leonardo weder ein Krieger, noch ein Staatsmann, sondern nur ein Künstler ist. Sollten die Diener der freien Musen nicht ein größeres Recht auf Freiheit besitzen, als die andern Sterblichen? Was geht euch die Politik und Feindschaft zwischen Völkern und Herrschern an; euch Künstler, die ihr in höheren Regionen lebt, wo es weder Sklaven, noch Freie, weder Juden und Hellenen, noch Barbaren und Skythen gibt und wo überall und immer nur Apollo herrscht? Könntet ihr euch nicht gleich den alten Philosophen Bürger des Weltalls nennen, für die das Vaterland dort ist, wo es ihnen gut geht?« »Ew. Heiligkeit verzeihe mir«, unterbrach ihn Michel Angelo beinahe grob. »Ich bin ein einfacher, ungebildeter Mann und verstehe nichts von philosophischen Feinheiten. Ich bin es gewohnt, das Weiße weiß und das Schwarze schwarz zu nennen. Und ein Mensch, der seine Mutter nicht ehrt und sich von seiner Heimat lossagt, erscheint mir als der verächtlichste Schurke. Ich weiß, Messer Leonardo glaubt sich über die menschlichen Gesetze erhaben. Aber mit welchem Recht? Er verspricht Wunder, die die Welt in Erstaunen versetzen sollen, wäre es nicht an der Zeit, mit Taten zu beginnen? Wo sind sie denn, seine Zeichen und Wunder? Oder sollten es vielleicht seine Narrenflügel sein, mit denen einer seiner Schüler zu fliegen versucht hat? Er hat sich auch wie ein Narr den Hals gebrochen. Wie lange sollen wir denn noch seinen Worten trauen? Haben wir, gewöhnliche Sterbliche, denn nicht das Recht zu zweifeln und uns zu fragen, was denn eigentlich hinter allen seinen Rätseln und Geheimnissen steckt? ... Ach, wozu überhaupt noch davon reden! In früheren Zeiten wurden die Betrüger Betrüger genannt und die Schufte Schufte, jetzt heißen sie aber Weise und Bürger des Weltalls, und es wird wohl bald keinen Spitzbuben und Taugenichts mehr geben, der sich nicht für den Gott Hermes Trismegistos und den Titanen Prometheus ausgäbe!...« Der Papst blickte Michel Angelo unverwandt, ruhig und kalt mit seinen hellen Froschaugen an und dachte dabei an die Vergänglichkeit alles Irdischen, an die Eitelkeit aller Dinge; er sah die Erniedrigung des Großen, die Nichtigkeit des Stolzen. Er hatte sich vorgenommen, die beiden Nebenbuhler zusammenzubringen und sie aufeinander zu hetzen. Es sollte ein noch nie dagewesenes Schauspiel geben, einen Hahnenkampf von Riesendimensionen, eine philosophische Komödie, die er, der Liebhaber alles Seltenen und Ungeheuerlichen, mit derselben epikuräischen, ein wenig verächtlichen Neugierde und derselben Langenweile genießen würde, wie den Rumpf seiner Narren, Krüppel, Schwachsinnigen, Affen und Zwerge. »Mein Sohn«, sprach er endlich mit einem stillen, traurigen Seufzer, »ich sehe jetzt, daß die Feindschaft, an die wir bis heute nicht glauben wollten, zwischen euch tatsächlich besteht. Ich bin erstaunt, ja, ich muß gestehen, ich bin erstaunt und zugleich betrübt, wenn du so über Leonardo urteilst, wie ist es nur möglich, Michel Angelo ich bitte dich! Wir haben ja so viel Gutes über ihn gehört! Von seiner hohen Kunst und Gelehrsamkeit will ich gar nicht sprechen, man sagt aber auch, er sei so gutherzig, daß er nicht nur mit Menschen, sondern auch mit den stummen Tieren und sogar mit den Pflanzen Mitleid habe und nicht dulde, daß man ihnen etwas zu leide tue; – er gleicht darin den indischen Weisen, den sogenannten Hymnosophisten, von welchen uns die Reisenden so viel Wunderbares erzählen...« Michel Angelo schwieg mit abgewandtem Gesicht, durch das ab und zu ein zorniges Zucken ging. Er fühlte, daß der Papst ihn verhöhnte, Pietro Bembo, der aufmerksam dem Gespräch folgte, befürchtete, der Scherz könnte schlecht enden: Buonarotti eignete sich wenig zu dem vom Papst ersonnenen Spiele. Der geschickte Hofmann ergriff um so lieber seine Partei, als er selbst Leonardo nicht sehr gewogen war, von dem behauptet wurde, daß er die Literaten »Nachahmer der Alten« und »Krähen mit fremden Federn« verspottete. »Ew. Heiligkeit«, – sagte er, – »in Messer Michel Angelos Worten ist vielleicht etwas Wahres enthalten; jedenfalls sind über Leonardo so viel sich widersprechende Gerüchte in Umlauf daß man manchmal wirklich nicht weiß, woran man glauben soll. Man sagt, daß er Tiere liebt und kein Fleisch genießt; zugleich erfindet er aber todbringende Geschütze zur Vertilgung des Menschengeschlechtes und liebt es, Verbrecher zum Schafott zu begleiten, um auf ihren Gesichtern den Ausdruck des letzten Entsetzens zu beobachten. Ich habe auch gehört, seine Schüler und die des Marc-Antonio hätten Leichen, die sie zum Studium der Anatomie brauchten, nicht nur aus den Spitälern gestohlen, sondern auch aus der Erde christlicher Friedhöfe ausgegraben. Ich glaube übrigens, daß den großen Gelehrten aller Zeiten außergewöhnliche Sonderbarkeiten eigen waren: so berichten die Alten von den berühmten alexandrinischen Naturforschern Erasistratus und Herophylus, welche ihre anatomischen Lektionen an lebendigen Menschen und zwar an zum Tode verurteilten Verbrechern, ausgeführt haben sollen und welche ihre Grausamkeit den Menschen gegenüber mit der Liebe zur Wissenschaft rechtfertigten, was auch Celsius bestätigt: Herophylus homines odit ut nosset «. Herophylus haßte die Menschen, um wissend zu sein...« »Schweig! schweig! Pietro! Gott sei mit uns!« unterbrach ihn der Papst in nicht mehr geheuchelter Bestürzung. »Das Zerschneiden lebendiger Menschen ist eine schöne Wissenschaft, das muß ich sagen!... Wage es nie, uns von diesen Schändlichkeiten zu erzählen. Und wenn wir nur erfahren sollten, daß Leonardo...« Er sprach nicht zu Ende und bekreuzte sich. Sein ganzer dicker, aufgedunsener Körper bebte. Trotz seiner Skepsis war Leo\  X . abergläubisch wie ein altes Weib. Vor allem aber fürchtete er die schwarze Magie, während er mit der einen Hand die Verfasser solcher Gedichte wie »Syphilus« und »Priapus« belohnte, unterfertigte er mit der anderen die Vollmachten des Großinquisitors Fra Giorgio da Casale zum Kampf gegen die Zauberer und Hexen. Als er von dem Raub von Leichen aus den Gräbern hörte, erinnerte er sich an die soeben eingelaufene Anzeige, die er zuerst nicht beachtet hatte; ein bei Giuliano Medici angestellter deutscher Spiegelmacher Johann, welcher in Leonardos Hause wohnte, beschuldigte den Künstler, daß er unter dem Vorwande anatomischer Studien, in Wirklichkeit jedoch für Zwecke der schwarzen Magie, die Embryos aus den Leichen schwangerer Frauen herausschneide. Das Entsetzen des Papstes hielt übrigens nicht lange an: als Michel Angelo fort war, wurde ein Konzert veranstaltet, wobei seiner Heiligkeit eine schwere Arie besonders gut gelang, was ihn stets in eine gute Stimmung versetzte. Als er dann bei der Mittagstafel in seinem Narrenrat die Ordnung des Triumphzuges des Zwerges Baraballo auf dem Elephanten festsetzte, war er wieder guter Dinge und dachte nicht mehr an Leonardo. Am nächsten Tage aber erging an den Vorsteher des Spitals von San Spirito, wo sich der Künstler mit Anatomie beschäftigte, der strenge Befehl, ihm keine Leichen zu geben und ihn nicht in die Krankensäle einzulassen; zugleich wurde ihm die Bulle Bonifazius\  VIII ., De sepulturis in Erinnerung gebracht, welche die Sektion von menschlichen Körpern ohne Genehmigung der Apostolischen Kurie unter Androhung des Kirchenbannes verbot. III. Nach Giovannis Tode wurde dem Meister der Aufenthalt in Rom lästig. Die Ungewißheit, die Erwartung, die erzwungene Untätigkeit hatten ihn ermüdet. Die gewohnten Beschäftigungen, die Bücher, die Maschinen, die Versuche und das Malen flößten ihm Ekel ein. An den langen Herbstabenden, wenn ihm das Alleinsein in dem jetzt noch düstereren Hause mit dem wahnsinnigen Astro und mit Giovannis Schatten zu unheimlich wurde, besuchte er Messer Francesco Vettori, den Florentiner Gesandten, der mit Niccolo Macchiavelli im Briefwechsel stand, von ihm viel erzählte und seine Briefe manchmal dem Künstler zu lesen gab. Das Schicksal verfolgte Niccolo noch immer. Der Traum seines ganzen Lebens, das von ihm geschaffene Volksheer, von dem er die Rettung Italiens erwartete, erwies sich als ganz unbrauchbar: bei der Belagerung von Prato im Jahre 1512 lief es vor seinen Augen bei den ersten spanischen Kugeln wie eine Hammelherde auseinander. Nach der Rückkehr der Medici wurde Macchiavelli seines Amtes enthoben, »abgesetzt, entfernt und um alles gebracht.« Bald darauf wurde eine Verschwörung zur Wiedererrichtung der Republik und zum Sturz der Tyrannen entdeckt. Niccolo war in die Sache verwickelt. Er wurde verhaftet, vors Gericht geschleppt, gefoltert und viermal auf den Wippgalgen gehoben. Er ertrug die Folter mit einem Mut, den er, nach seinem eigenen Geständnis, »von sich nicht erwartet hätte.« Man ließ ihn gegen Bürgschaft frei, stellte ihn jedoch unter Bewachung und verbot ihm, im Laufe eines Jahres die Grenzen Toskanas zu überschreiten. Er verfiel in solche Armut, daß er Florenz verlassen und sich auf dem ererbten kleinen Landsitz in einem Gebirgsdorf nächst San Casciano, zehn Meilen von der Stadt entfernt, auf der Straße nach Rom niederlassen mußte. Doch auch hier kam er nach allen erlittenen Schicksalsschlägen nicht zur Ruhe: aus dem feurigen Republikaner wurde plötzlich ein eifriger Anhänger der Tyrannen; diese Metamorphose war durchaus aufrichtig gemeint, wie er überhaupt bei allen seinen Sprüngen aus einem Extrem ins andere stets aufrichtig war. Noch aus dem Gefängnisse schrieb er an die Medici reuevolle und loberfüllte Episteln in Versen. In seinem Buche »Vom Fürsten«, das er Giulianos Neffen, Lorenzo dem Prächtigen, gewidmet hatte, stellte er als das höchste Beispiel staatsmännischer Weisheit den inzwischen in der Verbannung gestorbenen Cesare Borgia hin, den er einst selbst so grausam entlarvt hatte. Jetzt umgab er ihn wieder mit einem Glorienschein beinahe übermenschlicher Hoheit und zählte ihn zu den unsterblichen Helden. Macchiavelli fühlte im geheimen, daß er sich selbst betrog: die spießbürgerliche Autokratie der Medici war ihm ebenso widerwärtig wie die spießbürgerliche Republik Soderinis; da er jedoch nicht mehr die Kraft hatte, auf diesen letzten Traum zu verzichten, klammerte er sich an ihn, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Der kranke, einsame Mann, auf dessen Händen und Füßen die Narben von den Stricken des Wippgalgens noch nicht vernarbt waren, flehte Vettori an, sich für ihn beim Papst und Giuliano zu verwenden und ihm irgend einen Posten zu verschaffen; denn der Müßiggang sei ihm furchtbarer als der Tod: wenn man ihn nur wieder anstellte, wäre er zu jeder Arbeit, selbst zum Steinetragen bereit. Um seinem Beschützer durch die ewigen Bitten und Klagen nicht lästig zu fallen, bemühte sich Niccolo, ihn manchmal durch Scherze und Berichte über seine Liebesabenteuer zu unterhalten. Er war zwar fünfzig Jahre alt und Vater einer hungrigen Familie, doch stets verliebt wie ein Schulknabe; oder er heuchelte es zu sein. »Ich habe alle klugen, wichtigen Gedanken bei Seite gelassen: weder die Überlieferung der Heldentaten des Altertums, noch die Gespräche über zeitgenössische Politik interessieren mich: ich liebe!« Als Leonardo diese leichtsinnigen Briefe las, fielen ihm Niccolos Worte ein, die er einst in der Romagna beim Verlassen einer Spielhölle, wo er vor dem spanischen Gesindel den Hanswurst abgegeben, zu ihm gesagt, hatte: »Not lehrt auch den Bären tanzen«. Manchmal entriß sich ihm auch in diesen Briefen, mitten zwischen epikuräischen Ratschlägen, Liebesergüssen und der schamlos zynischen Selbstverspottung, ein Schrei der Verzweiflung: »Ist es denn möglich, daß auch nicht eine einzige lebende Seele sich meiner erinnert? Wenn Ihr mich noch liebt, Messer Francesco, wie Ihr mich einst geliebt habt, könntet Ihr das unwürdige Leben, das ich jetzt führe, nicht ohne Empörung mit ansehen.« In einem anderen Brief beschrieb er dieses Leben: »Die Drosseljagd war bis jetzt meine Hauptzerstreuung. Ich stand vor Sonnenaufgang auf, ordnete eigenhändig die Netze und verließ mit Käfigen beladen das Haus, wobei ich dem Freigelassenen Gythes glich, der Amphytrions Bücher vom Hafen heraufschleppte. Ich fing gewöhnlich nicht weniger als zwei und nicht mehr als sechs Drosseln. So verbrachte ich den September. Dann hörte auch dieser Spaß auf; so dumm er auch war, geht er mir doch ab. »Jetzt stehe ich etwas später auf und gehe in meinen Hain, der ausgeholzt wird; ich bleibe da etwa zwei Stunden, prüfe die Arbeit des Vortages und plaudere mit den Holzknechten. Dann gehe ich zum Brunnen und von dort in den Wald, wo ich früher gejagt habe. Ich trage immer irgend ein Buch mit mir – Dante, Petrarca, Tibull oder Ovid. Leim Lesen ihrer leidenschaftlichen Klagen denke ich an meine eigenen Herzensangelegenheiten und finde in diesen Träumen kurzes, aber süßes Vergessen. Dann gehe ich in den Gasthof auf der Landstraße, unterhalte mich mit den Reisenden, höre Neuigkeiten und beobachte die menschlichen Geschmacksrichtungen, Gewohnheiten und Launen. Zur Mittagsstunde kehre ich nach Hause zurück, setze mich mit den Meinigen zu Tische und stille den Hunger mit jenen bescheidenen Gerichten, welche uns die spärlichen Einkünfte des Gutes erlauben. Nach dem Essen schlendere ich wieder in den Gasthof zurück. Hier ist schon eine ganze Gesellschaft versammelt: der Wirt, der Müller, der Fleischer und zwei Bäcker. Ich verbringe den ganzen Rest des Tages mit ihnen und spiele Dame und Würfel, wir streiten, ereifern uns, schimpfen, meistens wegen eines Hellers, und lärmen so, daß man es in San Casciano hört. »So ist also der Sumpf beschaffen, in dem ich versinke. Ich bin nur um das Eine besorgt: daß ich nicht endgültig verschimmele, oder vor Langerweile wahnsinnig werde; im übrigen überlasse ich es dem Schicksal, mich mit Füßen zu treten und mit mir alles zu tun, was es nur wünscht, um endlich zu erfahren, ob seine Schamlosigkeit wirklich grenzenlos ist. »Am Abend gehe ich nach Hause. Bevor ich mich aber in meinem Zimmer einschließe, werfe ich meine schmutzigen Werkeltagskleider von mir, ziehe Hof- oder Senatsgewänder an und betrete in dieser angemessenen Kleidung die Paläste des Altertums, wo große Weise und Helden mich wohlwollend empfangen, wo ich mich von der Speise nähre, für die ich geboren bin, wo ich ohne Scheu mit ihnen rede, sie befrage und die Beweggründe ihrer Handlungen erfahre; in ihrer Güte antworten sie mir wie einem ihresgleichen, während einiger Stunden langweile ich mich nicht; ich fürchte weder Armut noch Tod, vergesse alle meine Leiden und lebe ganz in der Vergangenheit. Dann notiere ich mir alles, was ich von ihnen erfahren habe; auf diese Weise entsteht mein Buch ›Vom Fürsten‹.« IV. Beim Lesen dieser Briefe fühlte Leonardo, wie nahe Niccolo ihm stand, trotzdem er in Vielem sein Gegensatz war. Er gedachte seiner Prophezeiung, daß sie ein gemeinsames Schicksal haben würden: sie würden in dieser Welt, »in der es außer dem Pöbel niemanden gibt«, ewig heimatlose Wanderer bleiben. Leonardos Leben in Rom war tatsächlich ebenso unwürdig wie Macchiavellis Leben in der Einöde San Casciano: – es war die gleiche Langeweile, die gleiche Einsamkeit, der erzwungene Müßiggang, der furchtbarer als jede Folter ist, dasselbe Bewußtsein seiner Kraft und zugleich seiner Unbrauchbarkeit. Ebenso wie Niccolo überließ er es dem Schicksal, ihn mit Füßen zu treten und mit ihm alles Erdenkliche zu tun; nur äußerte er dabei eine noch größere Sanftmut, da er nicht einmal zu wissen wünschte, ob diese Schamlosigkeit eine Grenze habe: er war nämlich schon lange davon überzeugt, daß es dafür keine Grenze gäbe. Leo X., der mit dem Triumphzug des Narren Baraballo beschäftigt war, hatte noch immer nicht Zeit gefunden, Leonardo zu empfangen. Um ihn los zu werden, beauftragte er ihn mit der Vervollkommnung der Prägemaschine in der päpstlichen Münze. Der Meister, dem wie gewöhnlich keine Arbeit, auch nicht die bescheidenste, zu gering erschien, führte den Auftrag vollendet gut aus: er erfand eine Maschine, die es ermöglichte, die vorher ungleichen, zackigen Ränder der Münzen tadellos rund zu machen. Um diese Zeit waren seine Verhältnisse, infolge alter Schulden, so zerrüttet, daß der größte Teil seines Gehaltes zur Abzahlung der Zinsen diente. Hätte ihn Francesco Melzi, der seinen Vater beerbt hatte, nicht unterstützt, so hätte Leonardo die bitterste Not leiden müssen. Im Sommer 1514 erkrankte er an römischer Malaria. Das war die erste ernste Krankheit während seines ganzen Lebens. Er nahm keine Arznei und befragte keinen Arzt. Francesco allein pflegte ihn und Leonardo gewann ihn mit jedem Tage lieber; er schätzte seine ungekünstelte Anhänglichkeit, und manchmal schien es dem Meister, Gott hätte ihm in Francesco einen letzten Freund, einen Schutzengel und eine Stütze für sein einsames Alter gesandt. Der Maler fühlte, daß er in Vergessenheit gerate, und machte manchmal vergebliche Versuche, sich in Erinnerung zu bringen. Während der Krankheit schrieb er seinem Gönner, Giuliano Medici, Huldigungsbriefe, mit der zu jener Zeit üblichen höfischen Liebenswürdigkeit, die ihm aber schlecht gelang: »Als ich von Eurer so ersehnten Genesung erfuhr, mein ruhmreicher Fürst, war meine Freude so groß, daß sie mich selbst heilte und wie durch ein Wunder aus dem Tode erweckte.« Gegen den Herbst verging die Malaria. Es blieb aber doch ein Unwohlsein und eine Schwäche zurück. In den wenigen Monaten nach Giovannis Tode war Leonardo so sehr heruntergekommen und gealtert, als ob lange Jahre vergangen wären. Eine seltsame Mutlosigkeit und eine Bangigkeit, die einer Todesmattigkeit glich, hatten sich seiner nach und nach bemächtigt. Manchmal nahm er mit scheinbarem Eifer, irgend eine von seinen früheren Lieblingsbeschäftigungen, wie Mathematik, Anatomie, Malerei oder die Flugmaschine vor; doch er ließ sie sogleich wieder liegen und begann etwas anderes, um auch das bald angeekelt beiseite zu schieben. In seinen schlimmsten Tagen begeisterte er sich plötzlich für kindische Spielereien. Er verband sorgfältig gewaschene und getrocknete Schafsdärme, die so weich und dünn waren, daß sie in einer Handfläche Platz fanden, durch eine Öffnung in der Wand mit einem im Nebenzimmer versteckten Blasebalg; wenn die Därme zu ungeheuren Blasen aufquollen, so daß der erschrockene Besucher zurücktreten und sich in eine Ecke drücken mußte, verglich er sie mit der Tugend, die auch im Anfang klein und verächtlich erscheint, aber nach und nach wachsend die Welt erfüllt. Eine ungeheure Eidechse, die er im Belvederegarten gefunden hatte, beklebte er mit schönen Fisch- und Schlangenschuppen, versah sie mit Hörnern, einem Bart, mit Augen und befestigte an ihr mit Quecksilber gefüllte, bei jeder Bewegung des Tieres zitternde Flügel; er setzte sie in eine Schachtel, zähmte sie und zeigte sie den Gästen, die dieses Ungeheuer für den Teufel hielten und entsetzt zurückprallten. Oder er formte aus Wachs kleine unnatürliche Tiere mit Flügeln, füllte sie mit warmer Luft, so daß sie leicht wurden, aufstiegen und in der Luft schwebten. Aber Leonardo genoß das Erstaunen oder die abergläubische Furcht der Zuschauer, triumphierte, und in den ernsten Falten seines Gesichtes, in den trüben, traurigen Augen erschien plötzlich etwas Naives und kindlich Fröhliches. In seinem alten, müden Gesicht aber wirkte es so armselig, daß Francesco das Herz blutete. Eines Tages hörte er aus dem Nebenzimmer Cesare da Sesto, der die Gäste hinausbegleitete, sagen: »So ist es, Messere. Mit solchen Spielereien geben wir uns jetzt ab. Wozu es verheimlichen? Unser Alter wird schwachsinnig, der Arme ist kindisch geworden. Er hat mit Menschenflügeln begonnen und mit fliegenden Wachspuppen geendet. Der Berg hat eine Maus geboren!« Und dann fügte er mit seinem boshaften und gezwungenen Lächeln hinzu: »Ich wundere mich über den Papst: ich glaube, er sollte doch ein Kenner von Narren und Schwachsinnigen sein. Messer Leonardo ist ein wahrer Schatz für ihn. Sie scheinen füreinander geboren zu sein. Verwendet euch doch wirklich für den Meister, meine Herren, damit der heilige Vater ihn in seine Dienste nehme. Fürchtet euch nicht, er wird zufrieden sein: unser Alter wird ihn besser zu unterhalten verstehen, als selbst Fra Mariano und sogar der Zwerg Baraballo!« Dieser Scherz war der Wahrheit näher, als man glauben konnte. Als Leo\ X. von Leonardos Kunststücken, von den Schafsdärmen, die durch Blasebälge aufgeblasen wurden, von der geflügelten Eidechse und den fliegenden Wachsfiguren erfuhr, bekam er solche Lust sie zu sehen, daß er sogar bereit war, die ihm durch Leonardos Zauberei und Gottlosigkeit eingeflößte Angst zu überwinden. Geschickte Höflinge gaben dem Künstler zu verstehen, daß er jetzt die Gelegenheit benützen sollte: das Schicksal bot ihm die Möglichkeit, nicht nur Rafaels, sondern selbst Baraballos Nebenbuhler in der Gnade seiner Heiligkeit zu werden. Doch Leonardo hörte, wie schon so oft im Leben, auch diesmal nicht auf den Rat der Lebensweisheit und verstand es nicht, den richtigen Augenblick zu erfassen und sich rechtzeitig an Fortunas Rad zu klammern. Francesco fühlte, daß Cesare Leonardos Feind sei und warnte den Meister vor ihm; doch dieser glaubte ihm nicht. »Laß ihn in Ruhe«, verteidigte er Cesare. »Du weißt nicht, wie er mich liebt, wenn er mich auch hassen will. Er ist ebenso unglücklich und sogar noch unglücklicher als ...« Leonardo sprach nicht zu Ende. Melzi erriet jedoch, daß er sagen wollte: unglücklicher als Giovanni Beltraffio. »Und ich soll sein Richter sein?« fuhr der Meister fort. »Vielleicht habe ich ihn selbst auf dem Gewissen ...« »Ihr habt Cesare auf dem Gewissen?« fragte Francesco erstaunt. »Ja, mein Freund. Du wirst es nicht verstehen. Aber es scheint mir manchmal, daß ich ihn durch meinen Blick verdorben habe; denn siehst du, mein Junge, ich habe wohl wirklich einen bösen Blick ...« Nach einer Weile fügte er mit einem leisen, gutmütigen Lächeln hinzu: »Laß ihn, Francesco, und fürchte nichts: er wird mir nichts Böses tun, er wird mich weder verlassen, noch verraten. Wenn er sich aber empört und gegen mich kämpft, tut er es ja für seine Seele und Freiheit, denn er sucht sich selbst und will selbständig sein. Und er soll es auch tun! Gott helfe ihm dabei, denn ich weiß, er wird zu mir zurückkehren, wenn er gesiegt hat, er wird mir verzeihen, und wird einsehen, wie ich ihn liebe. Dann werde ich ihm alles geben, was ich besitze, ich werde ihm alle Geheimnisse der Kunst und Wissenschaft eröffnen, damit er sie nach meinem Tode den Menschen predigt. Wer sollte es denn tun, wenn nicht er?« Noch im Sommer, während Leonardos Krankheit, verschwand Cesare wochenlang aus dem Hause. Im Herbst ging er endgültig fort und kehrte nicht mehr zurück. Als Leonardo seine Abwesenheit bemerkte, fragte er Francesco nach ihm. Dieser schlug verlegen die Augen nieder und antwortete, Cesare wäre zur Ausführung eines eiligen Auftrags nach Siena gereist. Francesco befürchtete, Leonardo möchte ihn ausfragen, warum Cesare, ohne Abschied zu nehmen, verreist sei. Der Meister aber glaubte oder tat, als glaube er dieser ungeschickten Lüge; er sprach auch gleich von etwas anderem. Nur seine Mundwinkel zuckten und senkten sich mit jenem Ausdruck bitteren Ekels, der in letzter Zeit immer häufiger auf seinem Gesicht erschien. V. Der Herbst war regnerisch. Ende November aber kam eine Reihe sonniger, strahlender, stiller Tage, die nirgends so schön sind wie in Rom: das prunkvolle Sterben des Herbstes ist der stillen Pracht der Ewigen Stadt verwandt. Leonardo hatte schon lange vor, die Sixtinische Kapelle aufzusuchen, um Michel Angelos Fresken zu sehen. Er schob es aber immer wieder auf, als fürchtete er sich davor. Eines Morgens verließ er endlich das Haus und begab sich mit Francesco zur Kapelle. Es war ein schmales, langes, sehr hohes Gebäude mit kahlen Wänden und Bogenfenstern. Auf der Decke und auf der Kuppel befanden sich die soeben vollendeten Fresken Michel Angelos. Leonardo betrachtete sie und erstarrte. Trotzdem er sich schon im vorhinein gefürchtet hatte, übertraf das, was er sah, seine Erwartungen. Von den Riesengestalten, die im Fieberwahn geschaffen schienen, vor Gott Zebaoth, der die Finsternis im Schoße des Chaos vom Lichte schied, die Gewässer und die Pflanzen segnete, Adam aus dem Staube und Eva aus Adams Rippe schuf; vor dem Sündenfall, vor Abels und Kains Opfer, vor der Sintflut, vor Ham, der die Blöße seines schlafenden Erzeugers verspottete; vor den schönen, nackten Jünglingen, den Dämonen der Elemente, welche die Tragödie des Weltalls, den Kampf des Menschen mit Gott mit ihren Spielen und Tänzen begleiteten; vor den Sibyllen und Propheten, den furchtbaren Giganten, die mit übermenschlicher Trauer und Weisheit beladen zu sein scheinen; vor den Vorfahren Jesu, der Reihe dunkler Geschlechter, die die zwecklose Last des Lebens einander übergaben und in den Qualen des Gebärens, des Ernährens und des Todes schmachtend, den unbekannten Erlöser erwarteten, vor allen diesen Geschöpfen seines Nebenbuhlers wagte Leonardo kein Urteil zu fällen, zu vergleichen oder zu messen; er fühlte sich nur vernichtet. Er ließ seine eigenen Werke vor sich im Geiste vorüberziehen: das dem Untergang geweihte Heilige Abendmahl, den vernichteten Koloß, die Schlacht bei Anghiari, die unzählige Menge anderer, unvollendeter Werke – eine Reihe vergeblicher Anstrengungen, lächerliche Mißerfolge und ruhmloser Niederlagen. Er hatte in seinem ganzen Leben nur angefangen, Anstalten getroffen, sich vorbereitet, hatte aber bisher nichts vollendet und – wozu der Selbstbetrug? – jetzt war es schon zu spät, – er würde auch nie mehr etwas vollenden. Glich er, trotz seiner ganzen ungeheuren Lebensarbeit, nicht dem schlauen Sklaven, der seinen Zentner in die Erde vergraben hatte? Und zugleich wußte er, daß er nach etwas Größerem, Höherem als Buonarotti gestrebt hatte – nach jener Einheit, nach jener letzten Harmonie, die der Andere nicht kannte, und in seiner steten Uneinigkeit mit sich selbst in seiner Auflehnung, in seinem Ungestüm und in seiner chaotischen Verfassung auch nicht kennen wollte. Leonardo fielen die Worte Monna Lisas über Michel Angelo ein: daß seine Kraft dem Sturmwind gleiche, der die Berge zerreißt und die Felsen vor dem Herrn zerbricht und daß er, Leonardo, stärker sei als Michel Angelo, ebenso wie die Stille stärker ist als der Sturm; denn der Herr sei in der Stille und nicht im Sturm. – Jetzt war es ihm klarer als je, daß dem wirklich so sei: Monna Lisa hatte sich nicht geirrt, und früher oder später würde der menschliche Geist auf den von Leonardo gewiesenen Weg zurückkehren, vom Chaos zur Harmonie, vom Zwiespalt zur Einheit, vom Sturm zur Stille. Und doch, wer konnte wissen, wie lange Buonarotti siegreich bleiben und wie viele Geschlechter er mit sich hinreißen würde? Und das Bewußtsein, daß seine Anschauung die wahre sei, machte ihm das Bewußtsein seiner Ohnmacht in der Handlung nur noch qualvoller. Schweigend verließen sie die Kapelle. Francesco erriet, was im Herzen des Meisters vorging, wagte aber nicht zu fragen. Als er dem Meister ins Gesicht sah, erschien er ihm noch mutloser, als wäre er in der einen Stunde, die sie in der Sixtinischen Kapelle verbracht hatten, auf einmal um viele Jahre gealtert. Sie durchquerten den San-Pietroplatz und begaben sich durch die Straße Borgo-Nuovo zur Sant'-Angelobrücke. Jetzt dachte der Meister an einen anderen Nebenbuhler, der für ihn vielleicht nicht minder gefährlich war als Buonarotti, an Rafael Sanzio. Leonardo hatte vor kurzem Rafaels schon vollendete Fresken in den oberen Empfangsräumen des Vatikan, den sogenannten Stanzen gesehen und konnte sich nicht darüber klar werden, was darin überwog, die Größe in der Ausführung oder die Nichtigkeit in der Idee, die unnachahmliche, an die feinsten und klarsten Werke der Alten heranreichende Vollkommenheit oder die sklavische Unterwürfigkeit den Mächtigen dieser Welt gegenüber? Papst Julius\ II. hatte von der Vertreibung der Franzosen aus Italien geträumt: Rafael ließ ihn auf seinem Bilde bei der Vertreibung des syrischen Feldherrn Heliodor, des Schänders des Heiligtums, durch himmlische Mächte aus dem Tempel des ewigen Gottes zugegen sein; Papst Leo\ X. hielt sich für einen großen Redner: Rafael verherrlichte ihn in der Gestalt Leos\ I. des Großen, der den Barbaren Attila ermahnte, von Rom abzulassen; Leo\ X. war während der Schlacht bei Ravenna von den Franzosen gefangen genommen worden und hatte sich dann glücklich gerettet: Rafael verewigte dieses Ereignis in der Darstellung der wunderbaren Befreiung des Apostels Petrus aus dem Gefängnisse. So verwandelte er die Kunst in ein notwendiges Attribut des päpstlichen Hofes, in süßlichen Weihrauch der höfischen Schmeichelei. Dieser Ankömmling aus Urbino, der träumerische Jüngling mit dem Gesicht der unbefleckten Madonna, der ein auf die Erde herabgestiegener Engel zu sein schien, besorgte auf das beste seine irdischen Geschäfte: er bemalte dem römischen Bankier Agostino Chigi die Ställe, verfertigte Zeichnungen für dessen Geschirr, für die goldenen Schüsseln und Teller, welche nach der Bewirtung des Papstes in den Tiber geworfen wurden, damit sie niemandem mehr dienten. »Der glückliche Knabe«, fortunato garzon, wie ihn Francia nannte, erntete wie im Spiel Ruhm, Reichtum und Ehren. Er entwaffnete seine erbittertsten Feinde und Neider durch seine Liebenswürdigkeit. Er heuchelte nicht, sondern war tatsächlich der Freund aller. Und alles gelang ihm, Fortunas Gaben schienen ihm von selbst in den Schoß zu fallen: man überließ ihm das einträgliche Amt des verstorbenen Baumeisters Bramante beim Bau des neuen Domes, seine Einkünfte wuchsen mit jedem Tage; der Kardinal Bibbiena trug ihm die Hand seiner Nichte an, er wartete aber noch ab, da man ihm selbst den Kardinalpurpur versprochen hatte. Er hatte sich auf dem Borgo einen schönen Palast erbaut und lebte darin mit fürstlichem Prunk. Von früh bis spät drängten sich in seinem Vorzimmer Würdenträger und Gesandte fremder Fürsten, die ihr Bildnis, oder wenigstens irgend ein Bild oder eine Zeichnung zum Andenken haben wollten. Er hatte alle Hände voll zu tun und wies alle ab. Die Bittsteller ließen aber nicht nach und bestürmten ihn. Er hatte schon längst keine Zeit mehr, seine Werke zu vollenden; er begann sie nur, machte zwei, drei Pinselstriche und übergab sie sofort den Schülern, die sich darauf stürzten und sie wie im Fluge vollendeten. Rafaels Werkstatt hatte sich in eine ungeheure Fabrik verwandelt, in der geschickte Geschäftsmänner wie Giulio Romano Leinwand und Farben mit erstaunlicher Schnelligkeit und marktschreierischer Frechheit in klingende Münze verwandelten. Er selbst kümmerte sich nicht mehr um die Vollkommenheit, sondern begnügte sich mit der Mittelmäßigkeit. Er diente dem Pöbel und dieser betrachtete ihn entzückt als seinen Auserwählten, als seinen Lieblingssohn, als das Fleisch von seinem Fleische, das Bein von seinem Beine, als die Verkörperung seines eigenen Geistes. Er genoß den Ruf des größten Künstlers aller Zeiten und Völker: Rafael wurde zum Gott der Malerei ernannt. Und das Schlimmste dabei war der Umstand, daß er auch im Sinken noch groß und berückend schön war, und zwar nicht nur für die Menge, sondern auch für Auserwählte. Er empfing mit ungekünstelter Sorglosigleit das glänzende Spielzeug aus den Händen der Glücksgöttin und blieb rein und unschuldig wie ein Kind. »Der glückliche Knabe« wußte selbst nicht, was er tat. Und diese leichte Harmonie Sanzios, seine akademisch tote, verlogene Versöhnlichkeit war für die Zukunft der Kunst noch verderblicher als Michel Angelos Zerfahrenheit und das in ihm herrschende Chaos. Leonardo sah voraus, daß hinter diesen beiden Gipfeln, hinter Michel Angelo und Rafael keine Wege in die Zukunft führten; dort war nichts als ein Abgrund und Leere. Und zugleich war er sich bewußt, wieviel die beiden ihm verdankten: sie hatten von seinem Wissen von Schatten und Licht, von Anatomie, Perspektive, von der Erkenntnis der Natur und des Menschen geschöpft und vernichteten ihn nun, nachdem sie aus ihm entstanden waren. In diese Gedanken vertieft, setzte er seinen Weg noch immer wie im Traume mit gesenkten Augen und geneigtem Haupte fort. Francesco versuchte mit ihm zu sprechen, doch die Worte erstarben in ihm jedesmal, wenn er bei einem Blick in das Gesicht des Meisters auf den bleichen Greisenlippen den Ausdruck eines unendlichen, stillen Ekels bemerkte. Als sie sich der Sant' Angelobrücke näherten, mußten sie einer aus etwas sechzig Personen zu Fuß und zu Roß bestehenden Gesellschaft in prächtigen Kleidern ausweichen, die ihnen in der schmalen Straße Borgo Nuovo entgegenkam. Leonardo sah zuerst zerstreut hin, in der Meinung, es sei der Hofstaat irgend eines römischen Würdenträgers, eines Kardinals oder eines Gesandten. Ihm fiel aber das Gesicht eines jungen Mannes auf, der reicher als die übrigen gekleidet war und einen weißen Araberhengst mit vergoldetem und mit Edelsteinen übersätem Geschirr ritt. Er glaubte dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Da fiel ihm plötzlich der schmächtige, blasse Knabe in dem schwarzen, mit Farben beschmutzten Rock mit den durchgewetzten Ellbogen ein, der ihm vor acht Jahren in Florenz mit schüchternem Entzücken gesagt hatte: »Michel Angelo ist unwürdig Euch auch nur den Schuhriemen zu lösen, Messer Leonardo!« – Das war er, der jetzige Nebenbuhler Leonardos und Michel Angelos, »der Gott der Malerei«, Rafael Sanzio. Sein Gesicht war noch immer kindlich, unschuldig und ausdruckslos, doch glich es jetzt weniger dem eines Cherubs, denn es schien jetzt etwas voller, aufgedunsener und schwammiger. Er ritt aus seinem Palazzo auf den Borgo zu einer Audienz beim Papste im Vatikan und war dabei, wie gewöhnlich, von Freunden, Schülern und Anbetern begleitet: es kam bei ihm nie vor, daß er das Haus ohne ein Ehrengeleite von etwa fünfzig Personen verließ, so daß jede seiner Ausfahrten an einen Triumphzug erinnerte. Rafael hatte Leonardo erkannt, er errötete kaum merklich und grüßte, indem er sein Barett eilig mit übertriebener Ehrerbietung lüftete. Einige der Schüler, die Leonardo nicht persönlich kannten, sahen sich erstaunt nach diesem Alten um, vor dem »der Göttliche« sich so tief verneigte, der aber so bescheiden und beinahe ärmlich gekleidet war, und sich an die Wand drückte, um ihnen Platz zu machen. Ohne jemanden zu beachten, richtete Leonardo seinen Blick auf einen Menschen, der sich unter Raphaels Schülern befand und an dessen Seite ging und betrachtete ihn verblüfft, als traute er seinen Augen nicht: es war Cesare da Sesto. Und auf einmal begriff er alles – Cesares Abwesenheit, seine ahnungsvolle Bangigkeit, Francescos ungeschickten Betrug: sein letzter Schüler hatte ihn verraten. Cesare hielt Leonardos Blick aus und sah ihm mit einem frechen und zugleich armseligen Lächeln in die Augen, das sein Gesicht krankhaft verzerrte und es furchtbar, wie das eines Wahnsinnigen erscheinen ließ. Und nicht er, sondern Leonardo schlug die Augen verlegen, als wäre er der Schuldige, nieder. Der Zug war vorüber. Sie setzten ihren Weg fort. Leonardo stützte sich auf den Arm seines Begleiters. Sein Gesicht war bleich und ruhig. Sie gingen durch die Sant' Angelobrücke und die Straße Dei Coronari und gelangten zum Navoneplatz, wo ein Vogelmarkt abgehalten wurde. Leonardo kaufte eine Menge Vögel: Elstern, Zeisige, Grasmücken, Tauben, einen Jagdsperber und einen jungen wilden Schwan. Er verausgabte das ganze Geld, das er bei sich hatte, und borgte sich noch welches bei Francesco aus. Diese beiden Menschen, der Greis und der Jüngling, die vom Kopf bis zu den Füßen mit Käfigen, in denen Vögel zwitscherten, behängt waren, lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Die Vorübergehenden sahen sich neugierig nach ihnen um; die Gassenbuben liefen ihnen nach. Sie durchquerten ganz Rom und gingen, am Pantheon und dem Forum Trajanum vorbei, zum Esquilinischen Hügel; durch das Tor Maggiore verließen sie die Stadt, und gelangten auf die alte römische Straße, Via Sabicana. Dann schlugen sie einen schmalen, einsamen Pfad ins Feld ein. Vor ihnen breitete sich die unübersehbare, stille bleiche Campagna aus. Durch die Bogen des halbzerstörten, von Epheu umrankten Aquädukts, der von den Kaisern Claudius, Titus und Vespasian erbaut worden war, sah man einförmige Hügel, die graugrün wie Meereswellen am Abend waren; hie und da ragte ein einsamer schwarzer Turm auf, das zerstörte Nest eines Raubritters; und weiter am Rande des Himmels war die Ebene von duftigen, blauen Bergen wie von den Stufen eines Riesenamphitheaters eingefaßt. Über Rom leuchteten die Strahlen der untergehenden Sonne hinter den runden, weißen Wolken wie lange, breite Garben hervor. Ochsen mit starken Hörnern und glänzendem weißen Fell, mit klugen, gutmütigen Augen wandten ihren Kopf träge nach den verhallenden Schritten um, während sie langsam wiederkäuten und der Speichel von ihrem schwarzen feuchten Maul auf die stachligen Blätter der staubigen Schlehen herabtropfte. Das Zirpen der Grillen in dem harten, sonnenverbrannten Gras, das Rascheln des Windes in den toten Stengeln des Beifußes über den Steinen der Ruinen und das Glockengeläute, das aus dem fernen Rom kam, schienen die Stille noch zu vertiefen. Hier, über dieser Ebene, in ihrer wundervollen, feierlichen Einsamkeit schien die Prophezeiung des Engels schon in Erfüllung gegangen zu sein, der »bei dem Lebenden von Ewigkeit zu Ewigkeit« geschworen hatte, »daß hinfort keine Zeit mehr sein soll.« Sie wählten sich einen Platz auf einem der Hügel, stellten die Käfige auf die Erde, und Leonardo begann die Vögel in Freiheit zu setzen. Das war seit seiner Kindheit sein liebster Zeitvertreib. Er begleitete sie mit freundlichen Blicken, während sie mit freudigem Flattern und Flügelrauschen emporschwebten. Sein Gesicht wurde von einem stillen Lächeln erhellt. Er vergaß in diesem Augenblick alle seine Leiden und schien glücklich wie ein Kind. Im Käfig waren nur der Jagdsperber und der wilde Schwan zurückgeblieben; der Meister hob sie bis zuletzt auf. Er setzte sich hin um zu rasten und entnahm der Reisetasche ein Paket mit dem bescheidenen Abendessen, das aus Brot, gebackenen Kastanien, gedörrten Feigen, einer mit Stroh umflochtenen Flasche roten Orvietoweines und zwei Arten Käse bestand: aus Ziegenkäse für sich und Rahmkäse für seinen Begleiter; er wußte, daß Francesco keinen Ziegenkäse liebte und hatte daher eigens für ihn Rahmkäse mitgenommen. Der Meister lud den Schüler ein, mit ihm das Mahl zu teilen und begann zu essen, indem er voll Entzücken die Vögel betrachtete, die im Vorgefühl der Freiheit mit den Flügeln schlugen: er liebte es, die Befreiung der geflügelten Gefangenen durch solche kleine Feste im Felde unter freiem Himmel zu feiern. Sie aßen schweigend. Francesco warf ihm ab und zu einen verstohlenen Blick zu. Zum ersten Mal seit der Krankheit sah er Leonardos Gesicht bei hellem Tageslicht in der Luft, und noch nie war es ihm so müde und alt erschienen. Die schon ergrauenden, gelblich schimmernden Haare, welche oben dünn waren und die die gewölbte, ungeheure, von trotzigen, düsteren Runzeln durchfurchte Stirn enthüllten, fielen nach unten hin noch immer dicht und reich und vereinigten sich mit dem gleich unter den Backenknochen beginnenden langen, bis zur Mitte der Brust reichenden, ebenfalls ergrauenden welligen Bart. Die blaßblauen Augen blickten mit derselben Schärfe und furchtlosen Wißbegier aus den tiefen, dunklen Höhlen unter den dichten überhängenden Augenbrauen. Diesem Ausdruck von beinahe übermenschlicher Geistesmacht und ungeheurem Wissensdrang aber widersprach der Ausdruck menschlicher Ohnmacht und tödlicher Ermattung in den kränklichen Falten der eingefallenen Wangen, in den schweren greisenhaften Säcken unter den Augen, in der etwas vorstehenden Unterlippe und der mit verachtender Bitterkeit und mit unaussprechlichem Ekel gesenkten feinen Mundwinkeln: das war das Gesicht des besiegten, beinahe altersschwachen Titanen Prometheus. Francesco betrachtete ihn, und das bekannte Gefühl des Mitleids bemächtigte sich seiner. Er wußte, daß manchmal eine nichtige Kleinigkeit genüge, um den Ausdruck menschlicher Gesichter in einem Augenblick zu verändern und ihre ungeahnte Tiefe zu enthüllen: so stieg in ihm ohne jeden Anlaß ein unverständliches seltsames Mitleidsgefühl auf, wenn er auf der Wanderung sah, wie irgendein ihm unbekannter und gleichgültiger Reisender sein Bündel mit Lebensmitteln hervorholte, sich beiseite setzte und mit jener Schamhaftigkeit, die Menschen, wenn sie an einem ungewohnten Ort und unter fremden Menschen essen müssen, eigen ist, seine Vorräte mit abgewandtem Gesicht zu verzehren begann; solche Menschen erschienen ihm immer einsam und unglücklich. Er hatte dies Gefühl häufig in seiner Kindheit gehabt, doch es bemächtigte sich seiner zuweilen auch in den späteren Jahren. Er hätte dieses Mitleid, dessen Wurzeln tiefer als im Bewußtsein lagen, durch nichts erklären können. Er dachte auch beinahe gar nicht daran; wenn es aber kam, erriet er es sofort und konnte ihm nicht widerstehen. So auch jetzt, während er beobachtete, wie der Meister zwischen den leeren Käfigen auf dem Grase sitzend und die zurückgebliebenen Vögel betrachtend, mit dem alten Federmesser, das einen zerbrochenen Beingriff hatte, das Brot und die dünnen Käsestücke schnitt, in den Mund schob und angestrengt und sorgfältig zerkaute, wie es Greise mit schwachen Kiefern tun, so daß sich die Haut auf den Backenknochen bewegte: wenn er ihn so sah, fühlte er in seinem Herzen plötzlich dieses bekannte, brennende Mitleid aufsteigen. Und es war um so unerträglicher, als es sich mit Ehrfurcht paarte. Er wollte Leonardo zu Füßen stürzen, sie umfassen und ihm schluchzend sagen, wenn er von den Menschen auch verstoßen und verachtet werde, sei in dieser Ruhmlosigkeit doch mehr Ruhm enthalten, als in Rafaels und in Michel Angelos Triumph. Er tat es aber nicht – er wagte es nicht zu tun; er betrachtete den Meister schweigend, mit verhaltenen Tränen, die ihm an der Kehle würgten, während er die Brot- und Käseschnitten mit Anstrengung herunterschluckte. Als Leonardo sein Abendbrot verzehrt hatte, erhob er sich, setzte den Sperber in Freiheit und öffnete den letzten, den größten Käfig mit dem Schwan. Der große weiße Vogel flatterte heraus, schwang laut und freudig die von den Abendsonnenstrahlen geröteten Flügel und flog geradeaus in die Sonne. Leonardo folgte ihm mit einem langen Blick, der von tiefer Trauer und unendlichem Neid erfüllt war. Francesco fühlte, daß der Meister den Traum seines ganzen Lebens beweine, die Menschenflügel und den »Großen Vogel«, von dem er einst in seinem Tagebuch prophezeit hatte: »Der Mensch wird seinen ersten Flug auf dem Rücken eines großen Schwans unternehmen.« VI. Der Papst gab den Bitten seines Bruders Giuliano Medici nach und bestellte bei Leonardo ein kleines Bild. Der Künstler zögerte wie gewöhnlich mit der Ausführung, verschob die Arbeit von Tag zu Tag und befaßte sich mit vorbereitenden Versuchen, mit der Vervollkommnung der Farben und der Erfindung eines neuen Firnisses für das zu malende Bild. Als Leo X. davon erfuhr, rief er mit gespielter Verzweiflung aus: »Dieser Spaßvogel wird es nie zu etwas bringen, denn er denkt an das Ende vor dem Anfang.« Die Höflinge fingen diese Worte auf und verbreiteten sie in der ganzen Stadt. Leonardos Schicksal war besiegelt. Leo\ X., der größte Kenner und Schätzer der Kunst, hatte sein Urteil verkündet: von nun an konnten Pietro Bembo und Rafael, der Zwerg Baraballo und Michel Angelo ruhig auf ihren Lorbeeren ruhen, denn ihr Nebenbuhler war vernichtet. Alle hatten sich plötzlich, wie auf Verabredung, von ihm abgewandt; er wurde vergessen, wie Tote vergessen werden. Der Ausspruch des Papstes wurde ihm aber doch mitgeteilt. Leonardo hörte ihn so gleichgültig an, als hätte er es längst vorausgesehen und als hätte er nichts anderes erwartet. Als er in der Nacht, die auf diesen Tag folgte, allein blieb, schrieb er in sein Tagebuch: »Die Geduld ist für den Beleidigten dasselbe, was das Kleid für den Frierenden ist. Kleide dich wärmer, wenn die Kälte zunimmt, und du wirst sie nicht spüren. Ebenso mußt du in der Zeit der großen Kränkungen die Geduld vermehren, und die Kränkung wird deine Seele nicht berühren.«   Am 1. Januar 1515 verschied König Ludwig\ XII. von Frankreich. Da er keine Söhne hatte, folgte ihm sein nächster Verwandter, der Gatte seiner Tochter Claude de France, der Sohn der Louise von Savoyen, der Herzog von Angoulème, François de Valois, unter dem Namen Franz\ I. Gleich nach seiner Thronbesteigung unternahm der junge König einen Feldzug zur Rückeroberung der Lombardei; mit einer unglaublichen Schnelligkeit überschritt er die Alpen, zog durch den Engpaß d'Argentière, erschien plötzlich in Italien, errang bei Marignano einen Sieg, stürzte Moretto und zog als Triumphator in Mailand ein. Um diese Zeit reiste Giuliano Medici nach Savoyen. Als Leonardo sah, daß er in Rom nichts zu suchen habe, beschloß er bei dem neuen Fürsten sein Glück zu versuchen und reiste im Herbst desselben Jahres nach Pavia, an den Hof Franz\ I. Hier gaben die Besiegten Feste zu Ehren der Sieger. An diesen Veranstaltungen sollte Leonardo in Eigenschaft eines Mechanikers teilnehmen; er hatte den Ruf eines solchen noch seit Moros Zeiten in der Lombardei behalten. Er baute einen sich selbst bewegenden Löwen: diese Figur durchschritt bei einem der Feste den ganzen Saal, blieb vor dem König stehen, stellte sich auf die Hinterbeine und öffnete seine Brust, aus welcher zu den Füßen seiner Majestät die weißen Lilien Frankreichs herabfielen. Dieses Spielzeug trug zu Leonardos Ruhm mehr bei, als alle seine übrigen Werke, Erfindungen und Entdeckungen. Franz I. forderte die italienischen Gelehrten und Künstler auf, in seine Dienste zu treten. Rafael und Michel Angelo wurden vom Papst nicht fortgelassen. Da lud der König Leonardo ein und bot ihm ein Jahresgehalt von siebenhundert Écus und das kleine Schloß Du-Cloux in der Touraine, bei der Stadt Amboise, zwischen Tours und Blois, an. Der Künstler willigte ein und der ewige Wanderer verließ in seinem vierundsechzigsten Lebensjahr ohne Hoffnung und ohne Wehmut die Heimat und zog mit dem alten Diener Villanis, der Magd Maturina, mit Francesco Melzi und Zoroastro da Peretola anfangs des Jahres 1516 aus Mailand nach Frankreich. VII. Die Reise war sehr beschwerlich, namentlich aber zu dieser Jahreszeit; – sie ging über Piemont nach Turin, durch das Tal des Doria Riparia, eines Nebenflusses des Po, dann durch den Gebirgspaß Col de Fréjus auf den Bergsattel zwischen Mont Tabor und Mont Cenis. Sie brachen früh morgens, vor Sonnenaufgang, aus dem Städtchen Bardonecchia auf, um den Sattel noch vor Abend zu erreichen. Die Maultiere mit den Reisenden und dem Gepäck klommen, mit den Hufen aufschlagend und mit den Schellen läutend, den schmalen Pfad am Rande des Abgrundes hinauf. Unten, in den südlich gelegenen Tälern, fühlte man schon den Duft des Frühlings, während auf der Höhe noch Winter herrschte. In der trockenen, dünnen, windstillen Luft machte sich die Kälte jedoch wenig fühlbar. Es dämmerte kaum merklich. In den Abgründen, in denen die vereisten Wasserfälle gleich Stalaktiten gespensterhaft weiß schimmerten und die schwarzen Tannenwipfel an den Rändern der Abstürze wie struppige Borsten aus dem Schnee ragten, lagerten schon die Schatten der Nacht. Oben am bleichen Himmel kamen schon die Schneemassen der Alpen zum Vorschein, die von innen beleuchtet zu sein schienen. An einer der Biegungen machte Leonardo Halt: er wollte die Berge näher betrachten. Da er von den Führern erfahren hatte, daß der schmälere und mühsamere seitliche Fußsteig zu demselben Ziele wie der Reitweg für die Maultiere führte, begann er mit Francesco die nächste Anhöhe zu erklimmen, von der die Berge sichtbar waren. Als die Schellen verstummt waren, wurde es so still, wie es nur auf den höchsten Bergen zu sein pflegt. Die Reisenden hörten die Schläge des eigenen Herzens und ab und zu das langgedehnte, donnerähnliche Getöse einer Lawine, das von einem vielstimmigen Wiederhall begleitet wurde. Sie stiegen immer höher und höher. Leonardo stützte sich auf Francescos Arm. – Und der Schüler dachte daran, wie sie beide vor vielen Jahren im Dorfe Mandello, am Fuße des Campione auf der schlüpfrigen, unheimlichen Treppe in den unterirdischen Abgrund des Erzbergwerks herabgestiegen waren: damals hatte Leonardo ihn auf seinen Armen getragen, jetzt stützte Francesco den Meister. Und dort, unter der Erde, war es eben so still wie hier auf der Höhe. »Schaut, schaut, Messer Leonardo«, rief Francesco aus, auf den sich plötzlich dicht vor ihren Füßen eröffnenden Abgrund hinweisend, »das ist wieder das Tal des Doria Riparia! Jetzt sehen wir es wohl zum letzten Mal. Gleich kommt der Bergsattel, und dann sehen wir es nicht mehr.« »Dort liegt die Lombardei, Italien«, fügte er leise hinzu. In seinen Augen leuchteten Freude und Wehmut auf. Er wiederholte noch leiser: »Zum letzten Mal ...« Leonardo blickte in der Richtung, wohin Francesco zeigte und wo die Heimat lag; sein Antlitz blieb teilnahmslos. Er wandte sich schweigend ab und schritt wieder weiter, dorthin, wo der ewige Schnee und die Gletscher von Mont-Tabor, Mont-Cenis und Roccio Melone schimmerten. Ohne die Müdigkeit zu beachten, ging er jetzt so rasch weiter, daß Francesco zurückblieb und unten am Rande des Abgrunds noch etwas verweilte, um von Italien Abschied zu nehmen. »Wohin, wohin eilt Ihr, Meister?« rief er ihm aus der Ferne nach. »Seht Ihr denn nicht, daß der Pfad zu Ende ist? Höher geht es nicht mehr. Dort ist ein Abgrund. Vorsicht!« Doch Leonardo stieg, ohne auf ihn zu hören, mit festen, jugendlich leichten, gleichsam beschwingten Schritten immer höher und höher über schwindelnde Abgründe empor. Die Eismassen zeichneten sich am bleichen Himmel immer klarer ab: sie erhoben sich wie eine riesenhafte, von Gott errichtete Wand zwischen zwei Welten. Sie lockten und zogen an, als läge hinter ihnen das letzte Geheimnis, das einzige, das seine Neugierde befriedigen konnte. Sie waren ihm verwandt und von ihm ersehnt, obwohl sie unüberbrückbare Klüfte trennten; sie erschienen ihm so nahe, als genügte es, die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Sie blickten ihn so an, wie Tote einen Lebenden anblicken – mit einem ewigen Lächeln, das dem Lächeln der Gioconda glich. Leonardos bleiches Gesicht wurde durch ihren bleichen Widerschein beleuchtet. Er lächelte ebenso wie sie. Während er diese Massen von klarem Eis in dem kalten und ebenso klaren Himmel betrachtete, – dachte er an die Gioconda und an den Tod wie an ein und dasselbe. Siebzehntes Buch Der Tod. Der geflügelte Vorläufer I. Im Herzen Frankreichs an der Loire lag das königliche Schloß Amboise. Am Abend, wenn die letzten Sonnenstrahlen sich im einsamen Flusse spiegelten und erloschen, schien der gelblich-weiße tourainische Stein, aus dem das Schloß erbaut war, von einem blaßgrünen, wie durch Wasser dringenden Lichtschein übergossen, geisterhaft leicht wie eine Wolke. Von dem Eckturm sah man den Hegewald, Wiesen und Äcker zu beiden Seiten der Loire, wo im Frühling Felder roter Mohnblumen mit Feldern himmelblauer Flachsblüten abwechselten. Diese in einen feuchten Schleier gehüllte Ebene, mit den Reihen dunkler Pappeln und silbergrauer Weiden, erinnerte ebenso an die Ebenen der Lombardei, wie die grünen Gewässer der Loire an die der Adda erinnerten: nur war jene ein stürmischer, junger Gebirgsfluß, während diese auf ihren Sandbänken still und langsam dahinfloß und alt und müde erschien. Am Fuße des Schlosses drängten sich die spitzen Dächer von Amboise, mit glatten schwarzen, in der Sonne glänzenden Schieferplatten und hohen Ziegelrauchfängen. In den winkelreichen engen, dunklen Gassen atmete alles das Mittelalter; unter den Gesimsen, den Wasserrinnen, in den Fensterecken, an den Türpfosten und Balken klebten kleine Männchen aus demselben weißen Stein wie das Schloß: lachende dicke Mönche, mit Flaschen und Rosenkränzen, mit untergeschlagenen Beinen und Holzschuhen, Gerichtsherren, ehrwürdige Doktoren der Theologie mit Pelerinen, besorgte und sparsame Bürger, mit vollen, an die Brust gepreßten Geldbeuteln. Genau dieselben Gesichter wie auf diesen Bildwerken waren in den Straßen der Stadt zu sehen: hier war alles bürgerlich wohlhabend, reinlich, geizig berechnend, kalt und fromm. Wenn der König nach Amboise zur Jagd kam, belebte sich das Städtchen: in den Straßen wiederhallte Hundegebell, Pferdegetrabe und Hörnerklang; es schimmerten die bunten Gewänder der Höflinge; in den Nächten tönte aus dem Schloß Musik herüber, und die weißen, gleichsam aus Wolken aufgebauten Schloßmauern wurden von rotem Fackelschein beleuchtet. Sobald aber der König verreiste, versank das Städtchen wieder in seine Stille; nur an Sonntagen gingen die Bürgerinnen in weißen Spitzenhauben, die mit Strohhalmen geklöppelt werden, zur Messe; an Wochentagen aber war die ganze Stadt wie ausgestorben: man hörte weder einen Schritt, noch eine Stimme; nur das Geschrei der um die weißen Schloßtürme kreisenden Schwalben oder das Rasseln einer Drehbank in einer dunklen Werkstatt störten die Stille. An Frühlingsabenden, wenn der frische Geruch der Pappeln aus den Vorstadtgärten herüberwehte, bildeten die Knaben und Mädchen, die beim Spielen ebenso steif wie die Erwachsenen waren, einen Kreis, faßten sich bei den Händen an, tanzten und sangen ein altes Liedchen von Saint-Denis, dem Schutzheiligen von Frankreich. Und die Apfelbäume hinter den Steinmauern streuten in der durchsichtigen Dämmerung ihre rosig weißen Blütenblätter auf die Kinderköpfe. Aber wenn das Lied verstummte, trat wieder eine solche Stille ein, daß man in der ganzen Stadt nur die gleichmäßigen metallenen Schläge der Uhr über dem Tore des Horlogeturmes und das Geschrei der wilden Schwäne auf den Sandbänken der blauen Loire, in der sich der blaßgrüne Himmel spiegelte, hörte. Südöstlich vom Schloß, in einer Entfernung von etwa zehn Minuten, auf der Straße zur Mühle Saint-Thomase, befand sich ein zweites kleines Schloß, Du-Cloux, das einst dem Haushofmeister und Waffenträger König Ludwigs XI. gehört hatte. Dieser Besitz war von der einen Seite durch eine hohe Mauer und von der anderen durch das Flüßchen Amas, einem Nebenfluß der Loire, begrenzt. Gerade vor dem Hause senkte sich eine feuchte Wiese zum Fluß hinab, rechts stand ein Taubenschlag; die Zweige der Weiden und Haselsträucher waren ineinander verflochten und das Wasser erschien in ihrem Schatten, trotz der schnellen Strömung, unbeweglich wie in einem Brunnen oder Teiche. Von dem dunklen Grün der Kastanien, Ulmen und Weiden hoben sich die rosa Ziegelwände des Schlosses mit der weißen gezackten Borte aus tourainischem Stein ab, die die Mauerecken, die Bogenfenster und Türen umrahmte. Das kleine Gebäude mit dem spitzen Schieferdache, mit der winzigen Kapelle rechts vom Haupteingang, mit dem achteckigen Türmchen, in dem sich eine hölzerne Wendeltreppe befand, die die acht unteren Gemächer mit derselben Zahl oberer verband, erinnerte an eine Villa oder an ein Landhaus. Es war vor etwa vierzig Jahren umgebaut worden und erschien von außen noch neu, heiter und freundlich. Dieses Schloß wurde von Franz I. Leonardo da Vinci überlassen. II. Der König empfing den Künstler freundlich, unterhielt sich mit ihm lange über seine früheren und künftigen Arbeiten und nannte ihn ehrfurchtsvoll seinen »Vater« und »Meister«. Leonardo machte dem König den Vorschlag, das Schloß Amboise umzubauen und einen großen Kanal anzulegen, der die benachbarte sumpfige Gegend Sologne, eine unfruchtbare Wüste, in der ständig Fieber herrschte, in einen blühenden Garten verwandeln sollte; die Loire würde mit der Mündung der Sâone bei Maçon vereinigt, das Herz Frankreichs, die Touraine, durch das Gebiet von Lyon mit Italien verbinden und so einen neuen Weg aus Nordeuropa zum Mittelländischen Meer bilden. Leonardo hoffte dieses fremde Land mit jenen Gaben der Wissenschaft zu beglücken, die seine Heimat zurückgewiesen hatte. Der König willigte in diesen Vorschlag ein und der Künstler ging sofort nach seiner Ankunft in Amboise an die Erforschung der Gegend. Während König Franz seinen Jagden oblag, studierte Leonardo die Gestaltung und Beschaffenheit des Bodens in Sologne bei Romorantin, den Lauf der Nebenflüsse der Loire und der Cher, maß den Wasserstand und entwarf Zeichnungen und Karten. Bei seinen Wanderungen in dieser Gegend kam er einmal nach Loches, einem kleinen Städtchen, das südlich von Amboise, am Ufer des Indre, inmitten der weiten Wiesen und Wälder der Touraine gelegen war. Hier befand sich das alte königliche Schloß mit dem Kerkerturm, wo der Herzog der Lombardei, Lodovico Moro, acht Jahre in der Gefangenschaft geschmachtet hatte und gestorben war. Der alte Gefängniswärter erzählte Leonardo, wie Moro einen Fluchtversuch unternommen, indem er sich in einen Wagen mit Stroh versteckt hatte; da er jedoch die Wege nicht kannte, verirrte er sich im nahen Walde; am folgenden Morgen holten ihn die Häscher ein und die Jagdhunde fanden ihn im Gesträuch. Seine letzten Lebensjahre hatte der Herzog von Mailand in frommen Betrachtungen, in Gebeten und bei der Lektüre des Dante verbracht, des einzigen Buches, das man ihm aus Italien mitzunehmen erlaubt hatte. Mit fünfzig Jahren war er schon ein Greis. Nur selten, wenn die Gerüchte von den politischen Umwälzungen zu ihm drangen, leuchtete in seinen Augen das frühere Feuer auf. Am 17. Mai 1508 verschied er sanft nach einer kurzen Krankheit. Nach den Worten des Gefängniswärters hatte Moro einige Monate vor dem Tode einen seltsamen Zeitvertreib erfunden: er bat sich Pinsel und Farben aus und begann die Wände und das Gewölbe des Gefängnisses zu bemalen. Leonardo fand auf dem vor Feuchtigkeit abgebröckelten Mörtel hie und da Spuren dieser Malerei – komplizierte Muster, Streifen, Striche, Kreuze und Sterne, rot auf weißem und gelb auf blauem Grund; in der Mitte war ein großer Kopf eines römischen Kriegers in einem Helm zu sehen, wohl ein mißlungenes Selbstbildnis des Herzogs, mit einer Inschrift in gebrochenem Französisch: »Meine Devise in der Gefangenschaft und in den Leiden lautet: Meine Waffe ist meine Geduld.« Eine zweite, noch unorthographischere Inschrift lief an der ganzen Decke entlang und bestand zuerst aus ungeheuren, drei Ellen langen gelben Buchstaben in altertümlicher Steilschrift: Celui qui. – Da der Platz nicht ausreichte, folgte darauf in kleinen, schmalen Lettern: n´est pas contan. »Derjenige der unglücklich ist.« Beim Lesen dieser kläglichen Inschriften und beim Betrachten der plumpen Zeichnungen, die an die Kritzeleien erinnerten, mit denen Schulkinder ihre Hefte vollschmieren, dachte der Meister daran, wie Moro vor vielen Jahren mit einem gutmütigen Lächeln die Schwäne im Graben der Mailänder Zitadelle betrachtet hatte. »Wer weiß, ob in der Seele dieses Menschen nicht eine solche Liebe zum Schönen gewohnt hat, daß sie ihn vor dem himmlischen Gericht rechtfertigen könnte?« dachte Leonardo. Während er über das Schicksal des unglückseligen Herzogs nachsann, mußte er auch daran denken, was er einst von einem aus Spanien kommenden Reisenden über den Sturz seines anderen Gönners, des Cesare Borgia, gehört hatte. Der Nachfolger Alexanders VI., Papst Julius II., lieferte Cesare verräterisch seinen Feinden aus. Man brachte ihn nach Castilien und steckte ihn in den Turm Medina del Campo. Er floh mit unglaublicher Geschicklichkeit und Waghalsigkeit, indem er sich aus dem Fenster des Gefängnisses, aus schwindelnder Höhe, an einem Seil herabgleiten ließ. Die Gefängniswärter aber schnitten den Strick noch rechtzeitig entzwei. Er fiel hinab, schlug sich wund, behielt jedoch Geistesgegenwart genug, nach Wiedererlangung des Bewußtseins zu den von seinen Mitverschworenen vorbereiteten Pferden hinzukriechen und fortzugaloppieren. Er erschien in Pampeluna am Hofe seines Schwagers, des Königs von Navarra, und trat als Condottiere in seine Dienste. Die Nachricht von Cesares Flucht erfüllte ganz Italien mit Entsetzen. Der Papst zitterte. Man setzte auf den Kopf des Herzogs zehntausend Dukaten aus. An einem Winterabend des Jahres 1507 drang Cesare bei einem Handgemenge mit Beaumonts französischen Söldlingen unter den Mauern von Viana in die feindlichen Reihen ein; die Seinigen verließen ihn und man trieb ihn in einen Graben, das Bett eines ausgetrockneten Flusses, wo er, wie ein gehetztes Wild, sich bis zuletzt mit verzweifeltem Mut verteidigte und endlich, aus mehr als zwanzig Wunden blutend, fiel. Beaumonts Söldlinge rissen ihm die Rüstung und die Kleider, von deren Pracht verlockt, vom Leibe und ließen den nackten Leichnam im Graben liegen. Als die Navarrer des Nachts die Festung verließen, fanden sie die Leiche, die sie anfangs nicht erkannten. Endlich erkannte der kleine Page Giuanico seinen Herrn, stürzte sich auf den Körper und umarmte ihn schluchzend, denn er hatte Cesare geliebt. Das gen Himmel gerichtete Antlitz des Toten war schön: er schien ebenso gestorben zu sein, wie er gelebt hatte, – ohne Furcht und ohne Reue. Die Herzogin von Ferrara, Madonna Lucrezia Borgia, beweinte den Bruder ihr ganzes Leben lang. Als sie starb, fand man an ihrem Körper ein härenes Hemd. Valentinos junge Witwe, die französische Prinzessin Charlotte d'Albery, die in den wenigen Tagen, die sie mit Cesare verlebt hatte, ihn wie eine neue Griseldis treu bis zum Tode liebgewonnen hatte, zog sich, als sie vom Tode ihres Gemahls erfuhr, als ewige Einsiedlerin in das Schloß La-Motte-Feuilly zurück, das in der Tiefe eines einsamen Parks lag, wo die welken Blätter im Winde raschelten; sie verließ ihre mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Gemächer nur, um in den benachbarten Dörfern Almosen auszuteilen und die Armen zu bitten, für Cesares Seelenheil zu beten. Auch die Untertanen des Herzogs in der Romagna, die halbwilden Hirten und Feldarbeiter in den Schluchten der Apenninen, bewahrten ihm eine dankbare Erinnerung. Sie wollten lange nicht an seinen Tod glauben, erwarteten ihn als ihren Befreier, als einen Gott und hofften, er würde früher oder später zu ihnen zurückkehren, um die Gerechtigkeit auf Erden wieder herzustellen, die Tyrannen zu stürzen und das Volk in Schutz zu nehmen. Die Bettler sangen in den Städten und Dörfern »die tränenvolle Klage über Herzog Valentino«, in welcher auch der Vers vorkam: Fe cose extreme, ma senza misura. Seine Taten waren ungeheuerlich, aber unendlich erhaben. III. Der Umbau des Schlosses von Amboise und der Kanalbau in der Sologne nahmen ein ebenso unrühmliches Ende, wie beinahe alle Unternehmungen Leonardos. Vorsichtige Ratgeber hatten den König von der Unausführbarkeit der zu kühnen Pläne Leonardos überzeugt; er verhielt sich diesen gegenüber nach und nach kühler, fühlte sich enttäuscht und vergaß sie bald ganz. Der Künstler begriff, daß er von König Franz, trotz all' seiner Liebenswürdigkeit, nicht mehr zu erwarten habe, als von Moro, Cesare, Soderini, Medici und Leo X. Er gab die letzte Hoffnung auf, verstanden zu werden und den Menschen auch nur einen kleinen Teil von dem zu geben, was er für sie das ganze Leben lang gesammelt hatte; er beschloß, sich unwiderruflich in seine Einsamkeit zurückzuziehen und jeder Tätigkeit zu entsagen. Im Frühjahr 1517 kehrte er krank, vom Fieber, das er sich in den Sümpfen der Sologne zugezogen hatte, ermattet, in das Schloß Du-Cloux zurück. Gegen Sommer trat bei ihm eine Besserung ein. Er erlangte jedoch nie wieder die vollständige Gesundheit. Der Hegerwald von Amboise begann fast an den Mauern von Du-Cloux, hinter dem Flusse Amas. Jeden Nachmittag verließ Leonardo, sich auf Francesco Melzis Arm stützend, (denn er war noch immer schwach), das Haus und begab sich auf einem einsamen Pfad tief in das Waldesdickicht hinein, wo er sich auf einen Stein setzte. Der Schüler legte sich zu seinen Füßen ins Gras und las ihm aus Dante, aus der Bibel oder aus irgend einem alten Philosophen vor. Rings war es dunkel; nur dort, wo ein Sonnenstrahl durch das Dickicht drang, leuchtete auf einer fernen Lichtung plötzlich eine bis dahin unsichtbare, üppige Blume, wie eine Kerze in violetten oder roten Flammen auf, und das Moos in der Höhlung eines vom Sturme gestürzten halbverfaulten Baumes funkelte wie Smaragden. Es war ein heißer, gewitterschwüler Sommer; doch die Wolken zogen über den Himmel, ohne sich als Regen zu ergießen. Wenn Francesco die Vorlesung unterbrach und verstummte, trat im Walde eine Stille ein, wie in der tiefsten Mitternacht. Nur ein Vogel, wohl eine Mutter, die ihr Junges verloren hatte, wiederholte seine wehmütige Klage, als ob er weinte. Doch auch er verstummte endlich. Es wurde noch stiller. Es war schwül. Der Geruch der verwesenden Blätter, der Pilze, der dunstigen Feuchtigkeit und der Fäulnis benahm den Atem. Ab und Zu ertönte das kaum hörbare Grollen eines fernen, gleichsam unterirdischen Donners. Der Schüler erhob die Augen zum Meister: dieser saß regungslos, wie erstarrt, der Stille lauschend da und umfing den Himmel, die Blätter, die Steine, die Gräser und die Moose mit einem Abschiedsblick, als sähe er sie zum letzten Mal vor der ewigen Trennung. Auch Francesco unterlag nach und nach der Erstarrung und dem Zauber der Stille. Er sah wie im Traum das Antlitz des Meisters; es schien sich vor ihm immer mehr zu entfernen und sich immer tiefer in die Stille, wie in einen dunklen Abgrund, zu versenken. Er wollte erwachen und konnte es nicht. Ihm wurde bange, als ob etwas Verhängnisvolles, Unentrinnbares nahte, als ob in dieser Stille der betäubende Schrei des Gottes Pan erschallen sollte, vor dem alles Lebende in wildem Entsetzen flieht. Wenn es ihm endlich gelang, die Erstarrung durch eine Willensanstrengung zu überwinden, preßte ihm eine bange Ahnung und ein unbegreifliches Mitleid mit dem Meister das Herz zusammen. Er drückte schüchtern und schweigend die Lippen auf seine Hand. Und Leonardo sah ihn an und streichelte ihm, wie einem erschrockenen Kinde, den Kopf; er tat es so wehmütig und zärtlich, daß Francescos Herz sich noch hoffnungsloser zusammenkrampfte. In diesen Tagen begann der Meister ein seltsames Bild. Unter einem Vorsprung überhängender Felsen, in dem kühlen Schatten inmitten reifender Kräuter, in der Stille des atemlosen Mittags, der geheimnisvoller als die tiefste Mitternacht ist, saß der rebenbekränzte Gott, mit einem beinahe weiblichen Körper, mit bleichem, schmachtendem Gesicht, mit einem gefleckten Rehfell um die Lenden und mit einem Thyrsusstab in der Hand; er hatte die Beine übereinander geschlagen und schien mit gesenktem Haupte zu lauschen, wobei er ganz Neugierde und Erwartung war und mit einem unergründlichen Lächeln mit dem Finger dorthin wies, woher der Laut kam; vielleicht war es der Gesang der Mänaden, oder das Grollen eines fernen Donners, oder die Stimme des großen Pan, jener betäubende Schrei, vor dem alles Lebende in wildem Entsetzen flieht. Leonardo fand in Beltraffios Schatulle einen Amethyst mit einer gravierten Darstellung des Bacchus, wahrscheinlich ein Geschenk der Monna Kassandra. In derselben Schatulle befanden sich einzelne Blätter mit Versen aus den »Bacchantinnen« des Euripides, die aus dem Griechischen übersetzt und von Giovanni eigenhändig abgeschrieben waren. Leonardo überlas diese Fragmente einige Male. In der Tragödie erscheint Bacchus, der jüngste der olympischen Götter, der Sohn des Donnerers und Semeles, den Menschen in der Gestalt eines mädchenhaften, berückend schönen Jünglings, eines Ankömmlings aus Indien. Pentheus, der König von Theben, läßt ihn ergreifen, um ihn hinzurichten, weil er unter dem Vorwand einer neuen bacchischen Weisheit, den Menschen barbarische Mysterien, den Wahnsinn blutiger und wollüstiger Opfer predigt. »O Fremdling«, – spricht Pentheus spöttisch zum unerkannten Gott, – »du bist schön und besitzst alles, was die Frauen verführt: deine langen Haare fallen schmachtend auf deine Wangen; du verbirgst dich wie ein Mädchen vor den Sonnenstrahlen und erhältst dir im Schatten dein Gesicht weiß, um Aphrodite zu fesseln.« Der Chor der Bacchantinnen verherrlicht, dem ruchlosen König zum Trotz, Bacchus, als »den furchtbarsten und barmherzigsten unter den Göttern, der den Sterblichen im Rausche die vollkommenste Freude verleiht.« Auf denselben Blättern befanden sich neben den Versen des Euripides Abschriften aus der Bibel von Giovanni Beltraffios Hand. So aus dem Hohenlied: »Trinket, meine Freunde, und werdet trunken!« Aus dem neuen Testament: »Wahrlich ich sage euch, daß ich hinfort nicht trinken werde vom Gewächse des Weinstocks bis auf den Tag, da ich's neu trinke in dem Reich Gottes.« »Ich bin der rechte Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.« »Mein Blut ist der rechte Trank.« »Wer trinket mein Blut, der hat das ewige Leben.« »Wen da dürstet, der komme zu mir, und trinke!« Leonardo ließ den Bacchus unvollendet und begann ein anderes, noch seltsameres Bild, Johannes den Täufer. Er arbeitete daran mit einem für ihn so ungewöhnlichen Eifer und mit einer solchen Unruhe, als ahnte er, daß seine Tage gezählt seien und daß seine Kräfte mit jedem Tage nachließen. Er beeilte sich, in diesem seinem letzten Werk sein heiligstes Geheimnis zu enthüllen, das er nicht nur den Menschen, sondern auch sich selbst sein ganzes Leben lang verschwiegen hatte. Nach einigen Monaten war die Arbeit so weit gediehen, man bereits die Idee des Meisters erkennen konnte. Der Hintergrund des Bildes erinnerte an das Dunkel jener Furcht und Neugierde erweckenden Höhle, von der er einst Monna Lisa erzählt hatte. Aber dieses Dunkel, das zuerst undurchdringlich erschien, wurde, je länger sich der Blick hineinsenkte, immer durchsichtiger, so daß die schwärzesten Schatten, die dabei ihr ganzes Geheimnis beibehielten, mit dem weitesten Licht zusammenflossen, darüber hinwegglitten und mit ihm wie Rauch, wie Klänge ferner Musik verschmolzen. Und hinter dem Schatten und dem Licht erschien das, was nach Leonardos Ausspruch weder Licht noch Schatten, sondern »ein lichter Schatten« oder »ein dunkles Licht« war. Und gleich einem Wunder, doch wirklicher als alles, was existiert, gleich einem Gespenst, doch lebendiger als das Leben selbst, traten aus diesem lichten Dunkel das Gesicht und der nackte Körper des mädchenhaften, berückend schönen Jünglings hervor, der an die Worte des Pentheus erinnerte: »Deine langen Haare fallen schmachtend auf deine Wangen; du verbirgst dich wie ein Mädchen vor den Sonnenstrahlen und erhältst dir im Schatten dein Gesicht weiß, um Aphrodite zu fesseln.« Wenn es aber Bacchus sein sollte, warum waren dann seine Lenden nicht mit dem gefleckten Rehfell bekleidet, sondern mit einem Gewand aus Kamelhaar? Warum hielt er statt des Thyrsus der bacchischen Orgien ein Kreuz aus dem Rohr der Wüste, das Urbild des Golgathakreuzes, in der Hand? Warum schien er mit gesenktem Haupte, ganz Neugierde, ganz Erwartung zu lauschen, während er mit einem halb traurigen, halb spöttischen Lächeln mit der einen Hand auf das Kreuz und mit der anderen auf sich hinwies, als wollte er sagen: »Es kommt aber ein Stärkerer nach mir, dem ich nicht wert bin, die Riemen seiner Schuhe zu lösen.« IV. Im Frühjahr 1517 wurden in Amboise zu Ehren der Geburt eines Sohnes Königs Franz I., große Festlichkeiten abgehalten. Der Papst war als Taufpate geladen. Er beauftragte seinen Neffen, den Sohn Giulianos, Lorenzo Medici, den Herzog von Urbino, der mit der französischen Prinzessin Madeleine, der Tochter des Herzogs von Bourbon, verlobt war, ihn zu vertreten. Unter den Gesandten der verschiedenen europäischen Staaten wurde zu diesen Festlichkeiten auch der russische Gesandte, Nikita Karatschjarow, aus Rom erwartet, wo er sich am Hofe seiner Heiligkeit befand. Leo X. hatte mit dem Großfürsten von Moskowien, Wassilij Joannowitsch, schon längst Beziehungen angeknüpft, da er auf ihn, als auf einen mächtigen Verbündeten in der Liga der europäischen Fürsten gegen den Sultan Selim rechnete, der durch die Eroberung Ägyptens gestärkt, Europa mit einem Überfall bedrohte. Der Papst gab sich auch einer anderen Hoffnung hin: es war dies die Vereinigung der Kirchen. Obwohl ihm der Großfürst zu dieser Hoffnung gar keinen Anlaß gab, schickte Leo X. doch zwei durchtriebene Dominikaner, die Brüder Schombergh, nach Moskau. Der römische Pontifex schwor, die Riten und Dogmen der östlichen Kirche nicht anzutasten, wenn Moskau sich nur herbeiließe, die geistliche Oberherrschaft Roms anzuerkennen; er versprach, einen unabhängigen russischen Patriarchen zu ernennen, den Großfürsten mit der Königskrone zu krönen und ihm, im Falle der Eroberung Konstantinopels, diese Stadt abzutreten. Da der Großfürst das Buhlen des Papstes um seine Gunst für vorteilhaft hielt, schickte er zu ihm zwei Gesandte, Dmitrij Gerassimow und Nikita Karatschjarow, – denselben, der vor zwanzig Jahren auf der Durchreise durch Mailand im Gefolge des Danilo Mamyrow dem Feste des Goldenen Zeitalters beigewohnt und sich mit Leonardo über Moskowien unterhalten hatte. Dmitrij Gerassimow, mit dem Spitznamen Mitja der Dolmetscher, ein in den heiligen Büchern wie in diplomatischen Geschäften gleich erfahrener Mann, hatte in seiner Jugend im Auftrage des Erzbischofs von Nowgorod, Gennadij, Italien bereist, zwei Jahre »zum Zwecke gewisser notwendiger Ausforschungen« in Venedig, Rom und Florenz verbracht und die dort gesammelten Erhebungen über das zwiefache und dreifache Halleluja, die Ostergrenztafel für das achte Jahrtausend und die berühmte Novelle von der »Weißen Mönchskappe« nach Nowgorod mitgebracht. Später, in hohem Alter, hatte dieser Gerassimow dem italienischen Schriftsteller Paolo Giovio verschiedene Mitteilungen über Rußland gemacht. Der Hauptzweck der russischen Gesandtschaft in Rom war in einem Handschreiben des Großfürsten angegeben: »es sollen geschickte Erzkundige und Architekten nach Moskau mitgebracht werden; auch ein sachkundiger Meister, der Städte zu stürmen versteht; außerdem ein zweiter Meister, der aus Kanonen schießen kann, ein geschickter Steinmetz, um fürstliche Gemächer zu bauen und ein Silberarbeiter, der große Gefäße zu treiben und zu bemalen versteht; auch soll man einen Medicus und einen Organisten ausfindig machen.« Als erster Sekretär war bei Karatschjarow der Schreiber des auswärtigen Amtes, Ilja Potapytsch Kopyla, ein alter Mann von sechzig Jahren, angestellt. Er hatte zwei jüngere Schreiber unter sich: Ewtichij Païssejewitsch Gagara und Ilja Potapytschs Großneffen, Fjodor Ignatjewitsch Rudomjotow, mit dem Spitznamen Fedjka der Gebratene. Alle drei waren von der gleichen Liebe zu der kirchlichen Malerei erfüllt. Fjodor und Ewtichij waren selbst tüchtige Meister in diesem Fach, während Ilja Potapytsch ein feiner Kenner war. Ewtichij war der Sohn einer armen Witwe, einer Hostienbäckerin an der Verkündigungskirche zu Uglitsch. Nach dem Tode seiner Mutter gänzlich verwaist, wurde er vom Küster derselben Kirche, Wassian Eleasorow, großgezogen. Er kam zu einem Mönch, Prochor aus Gorodez, »zur Erlernung der Darstellung von Heiligen« in die Lehre. Dieser Mönch war ein braver Mann, aber ein ungeschickter Maler, auf den die in dem Handbuch für Ikonenmalerei enthaltene Charakteristik des heiligen Antonij Sijskij paßte: »der Heilige war in diesem Handwerk nicht gewandt, sintemalen seine Ikonenmalerei einfältig war; er hat sich mehr im Fasten und im Gebet geübt und dies ersetzte bei ihm den Mangel an Kunst.« Vom greisen Prochor ging Ewtichij zum Mönch Danila Tschornij über, der die Kirchen des Spasso-Androniker Klosters ausmalte und ein Schüler des größten allrussischen Meisters Andrej Rubljow war. Er machte alle Stufen der Wissenschaft durch, von den Dienstleistungen eines einfachen Arbeiters, der Wasser trägt und Farben reibt, bis zum Zeichner und erreichte, dank seinem angeborenen Talent, eine solche Fertigkeit, daß man ihn nach Moskau berief, wo er in dem Gemache des Patriarchen-Hauses, in dem der Chrisam zubereitet wurde, ein Altarbild malen sollte, das den Heiland zwischen der heiligen Jungfrau und Johannes dem Täufer darstellte. Hier schloß er mit Fjodor Ignatjewitsch Rudomjotow, – Fedjka dem Gebratenen, – Freundschaft. Dieser war ebenfalls ein junger Ikonenmaler, »ein guter Meister der perspektivischen Kunst«, der in demselben Gemach die Mauern »mit Blumenmuster auf Goldgrund« schmückte. Rudomjotow führte den Kameraden im Hause des Bojaren Fjodor Karpow ein, der bei der Nikolajkirche nächst der Bolwanowka wohnte. Fedjka bemalte im Hause dieses Bojaren die Decke in der Eßstube mit den Darstellungen der »himmlischen Bewegung der Gestirne, der zwölf Monate und der himmlischen Kreise« ; auch malte er allerlei »Parabeln aus dem Leben und Preospektivische Gleichnisse«, »Blumen und Gräser« und Landschaften, was dem Verbot der alten Meister zuwiderlief, die den Ikonenmalern die Darstellung von Gegenständen und Personen jeder Art, mit Ausnahme von Heiligen, untersagten. Fjodor Karpow war mit dem Deutschen Nikolaus Buljew, dem Lieblingsarzt des Großfürsten Wassilij Iwanowitsch, befreundet. Dieser Buljew, ein »Lästerer und Lateiner«, äußerte sich, wie der Gelehrte Maxim der Grieche es nannte, »unzüchtig über den orthodoxen Glauben«, indem er die Wiedervereinigung der Kirchen anstrebte. Die frommen Moskauer Bürger behaupteten, daß der Bojare Fjodor unter dem Einflusse des Deutschen Buljew »zum Lateiner« geworden sei, sich mit Sternkunde, Erdmeßkunst, Geometrie, Astronomie, Zauberei, schwarzer Magie und mit vielen anderen »hellenischen Fabeldichtungen« befasse, und sich an ketzerische, von der Kirche verbotene Bücher und an »allerlei andere teuflische Künste und Weisheiten, die den Menschen von Gott entfernen«, halte. Er wurde auch der Zugehörigkeit zur Judensekte beschuldigt. Der Bojare Fjodor gewann die jungen Ikonenmaler, Fedjka Rudomjotow und Tischa (Ewtichij) Gagara lieb. Da er der Meinung war, daß Reisen in fremden Ländern für ihre Kunst von großem Nutzen sein könnte, verschaffte er ihnen das Amt von Schreibern am Auswärtigen Amt. Fedjka begann noch in Moskau, in Karpows Hause in seinem Glauben zu schwanken, da er dort »fremdländische Wunderdinge und ketzerische Bücher« zu sehen bekam und oft freigeistigen Gesprächen über die Judensekte beiwohnte. Im Auslande, im Angesicht der Wunder der italienischen Städte Venedig, Mailand, Rom und Florenz, wurde er aber ganz wirr, verlor den Kopf und lebte in stetem Staunen, »in geistiger Verzückung«, wie Ilja Potapytsch sich ausdrückte. Er besuchte mit der gleichen Andacht Spielhöllen, Bibliotheken, alte Dome und Bordelle. Er stürzte sich auf alles mit der Neugierde eines Kindes, und der Gier eines Barbaren. Er erlernte Lateinisch und trug sich mit dem Gedanken herum, welsche Kleider anzulegen und sich sogar seinen Bart zu rasieren, was eine Todsünde bedeutete, »wenn sich jemand den Bart rasiert und so stirbt«, – warnte Ilja Potapytsch den Neffen, »so ist er nicht wert, daß man für ihn betet oder Messen liest; man darf auch keine Hostie und keine Kerze für seine Seele in die Kirche bringen. Wer seine Mannesgestalt entstellt und so den Buhlerinnen oder den Katzen und Hunden gleich wird, die lange Schnurrbärte, aber keine Bärte haben, zählt zu den Ungläubigen.« Fedjka begann damit, daß er ganz unnötig fremdländische Worte gebrauchte. Er prahlte mit den Kenntnissen, »tat gelahrt«, sprach von »Alchimie«, davon »wie man Gold macht«, von der Dialektik, »einer gelehrten Deutungsmethode, mit der man die Wahrheit ausfindig macht«, der »Sophisterei, die das der menschlichen Natur Unfaßbare aufdeckt.« »In Moskau gibt es keine Menschen«, – beklagte er sich bei Ewtichij, – »es ist ein dummes Volk, mit dem man nicht leben kann.« Wenn er angeheitert war, liebte er Untersuchungen über Glaubensfragen anzustellen und verschiedene Zweifel zu äußern. »Ich habe Philosophie studiert und das macht mich stolz«, gestand er ein, »ich weiß alles, was auch irgendwo geschieht!« In seinen »Untersuchungen über Glaubensfragen« gelangte er zu solcher Freigeisterei, daß er sich nicht mehr mit der ausländischen »Sophisterei« begnügte, sondern die noch extremeren Ansichten der eigenen russischen Philosophen, der Anhänger der Jüdischen Irrlehre predigte. Diese Sektierer behaupteten, Jesus Christus wäre noch nicht geboren, wenn er aber auf die Welt käme, würde er sich »nach der Gnade und nicht nach dem Wesen« Sohn Gottes nennen; »derjenige aber, den die Christen Jesus Christus und Gott heißen, sei ein gewöhnlicher Mensch und kein Gott gewesen; er sei gestorben und im Sarge verwest«; sie hielten auch daran fest, daß man weder die Ikonen, noch das Kreuz und den Kelch anbeten dürfte: »man soll sie wohl achten; aber anbeten darf man nur den einzigen Gott«; man solle auch keinerlei irdische Obrigkeit anerkennen. Fedjka führte dann die Worte über die Unsterblichkeit der Seele und über das Leben im Jenseits an, die dem Moskauer Metropoliten Sossima, der angeblich der Judensekte angehörte, zugeschrieben wurden: »Und wie verhält es sich mit dem Himmelreich? und mit dem jüngsten Gericht? und mit der Auferstehung der Toten? Das alles existiert nicht. Wenn jemand tot ist, ist er tot und rührt sich nicht von der Stelle.« Vor dem Onkel, Ilja Potapytsch, der den Neffen nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Stock belehrte, hatte Fedjka, trotz seiner Keckheit, doch großen Respekt. Ilja Potapytsch Kopylo war ein Mann vom alten Schlag, der an »dem treuen Verharren bei der Frömmigkeit« unwandelbar festhielt. Die Wunder fremdländischer Kunst und Wissenschaft lockten ihn nicht. »Das alles sind Vorzeichen der Ankunft des Antichrist, es ist der Anfang der Übel«, – pflegte er zu sagen. – »Verwirrt uns, Schafe Christi, nicht mit euren Sophistereien: wir haben keine Zeit, eure Philosophien anzuhören, – denn es naht das Ende der Welt und das Gericht Gottes steht vor der Tür. Was hat das Licht mit der Finsternis zu tun, oder wie kann Belial sich mit Christus vereinigen? Ebensowenig hat auch der schmutzige Katholizismus mit unserem rechtgläubigen Christentum gemein.« »In Europien«, – pflegte er zu sagen, »dem dritten Teile der Welt, dem Teile des Sohnes Noahs Japhets, leben hochmütige, stolze, betrügerische Menschen, die in den Schlachten mutig sind, aber der Fleischeslust und allen übrigen Schwächen unterliegen und alles nach ihrem Gutdünken tun. Sie haben einen Hang zur Gelahrtheit und sind in allerlei Wissenschaften erfahren; sie sind aber von der Gottesfurcht abgekommen, sind nach der Anstiftung des Teufels Anhänger verschiedener Ketzerlehren geworden und haben sich über die ganze Welt zerstreut. Nur das russische Volk hält noch immer an der Gottesfurcht fest, und wenn es auch keinen Eifer für die weltlichen Wissenschaften zeigt und sich nicht in den hochgelahrten, sophistischen Weisheitsfaseleien übt, hängt es dafür unverführt an dem wahren Glauben. Die Menschen sind bei uns würdevoll und bärtig und tragen anständige Kleider; die Kirchen Gottes werden durch heiligen Gesang verschönt, und in ganz Europien ist kein Land zu finden, das schöner oder nur ähnlich wäre.« Bei Ewtichij Païssejewitsch Gagara, dem Sohne der Hostienbäckerin aus Uglitsch, erregten die fremden Länder keine geringere Neugierde als in Fedjka dem Gebratenen. Ewtichij maß dem Freidenkertum des Kameraden, in dem er mehr Prahlerei und Bravour als wirkliche Gottlosigkeit sah, keine Bedeutung bei. Aber er teilte auch nicht Ilja Potapytschs ruhige Verachtung allem Fremdländischen gegenüber. Nach allem, was er im Auslande gesehen und gehört hatte, befriedigten ihn nicht mehr die »Smaragde«, »Goldquellen« und »Feiertagsbücher«, welche das ganze Gebiet des menschlichen Wissens in folgenden Fragen und Antworten erschöpften: »Errate, Philosoph, kommt das Huhn vom Ei oder das Ei vom Huhn? – Wer ist vor Adam mit einem Barte auf die Welt gekommen? – Der Bock. – Was war das erste Handwerk? – Das Schneiderhandwerk, denn Adam und Eva haben sich aus Blättern Kleider genäht. – Was bedeutet es, daß vier Adler ein Ei gelegt haben? – Die vier Evangelisten haben das heilige Evangelium geschrieben. – Was hält die Erde? – Das hohe Wasser. – Was hält das Wasser? – Ein großer Stein. – Was hält den Stein? – Acht große goldene und dreiunddreißig kleinere Walfische auf dem Tiberiassee.« Ewtichij glaubte übrigens auch nicht an Fedjkas Ketzerlehre, die folgendermaßen lautete: »Der Bau der Erde ist nicht viereckig, nicht dreieckig und nicht rund, sondern eiförmig: innen liegt der Dotter und außen das Eiweiß und die Schale. So mußt du dir auch die Erde denken: die Erde ist der Dotter im Ei und die Luft das Eiweiß und, ebenso wie die Schale das Innere des Eies einschließt; umgibt der Himmel die Erde und die Luft.« Obwohl er an diese Irrlehre nicht glaubte, fühlte er doch, daß die einst unbeweglichen Walfische auf denen die Erde ruhte, sich für ihn bewegt und verschoben hätten und von keiner Macht der Welt mehr aufgehalten werden könnten. Er ahnte dunkel, daß in Fedjkas abergläubischer Anbetung der fremdländischen Wunderdinge, trotz allen Mutwillens, doch etwas Wahres enthalten sei, das weder durch Spott, noch durch Drohungen, und nicht einmal durch Onkel Kopylos knorrigen Stock widerlegt werden könnte. »Es ist keine Schande, Gutes von anderen zu übernehmen und dem Beispiele fremder Länder zu folgen. – Die Arithmetik und Preospektive sind nützliche Dinge, sie sind süßer als Honigseim und verstoßen nicht gegen Gott,« sagte Fedjka mit tiefer Überzeugung. Und diese Worte fanden in Ewtichijs Herzen einen Wiederhall. Er erbat sich bei Gott Kraft und Verstand, um den Weizen von der Spreu und das Gute vom Bösen zu scheiden und »den wahren Weg zur Weisheit zu finden«, ohne vom Glauben der Väter abzuirren und gleich Fedjka »lateinisch« zu werden, aber auch ohne alles Fremde wahllos zu verwerfen, wie es Ilja Potapytsch tat. So schwierig und furchtbar dieses Beginnen ihm auch erschien, sagte ihm doch eine geheime Stimme, daß es heilig sei und daß Gott ihm seine Hilfe nicht versagen würde. Zu den Feierlichkeiten der Hochzeit des Herzogs von Urbino und der Taufe des neugeborenen Dauphins hatte sich auch der eine der beiden in Rom beglaubigten russischen Gesandten, Nikita Karatschjarow, nach Amboise begeben. Er sollte dem König die Ehrengaben des Moskauer Großfürsten überreichen: einen Hermelinpelz auf purpurrotem Atlas mit goldenem Blumenmuster bestickt, einen zweiten Pelz aus auserlesenen Biberfellen, einen dritten aus Marderbauchfellen, vierzig Mal vierzig Zobelfelle, Silberfüchse und sibirische graue Füchse, außerdem vergoldete spitze Sporen und Jagdvögel. Unter den Gesandtschaftsbeamten und Sekretären, die Nikita nach Frankreich mitnahm, befanden sich auch Ilja Petapytsch Kopyla, Fedjka der Gebratene und Ewtichij Gagara. V. Ende April 1517 bemerkte der königliche Förster eines Morgens auf der Landstraße, die durch den Hegewald nach Amboise führte, einige Reiter, die so ungewöhnlich gekleidet waren und eine so seltsame Sprache sprachen, daß er stehen blieb und sie lange mit den Blicken verfolgte. Er war im Unklaren darüber, ob es Türken oder Gesandte des Großmoguls oder gar Sendboten jenes fabelhaften Priesters Johannes seien, der am Ende der Welt lebte, dort, wo sich Himmel und Erde berührten. Doch es waren weder Türken, noch Gesandte des Großmoguls, noch Sendboten des Priesters Johannes, sondern Angehörige eines »tierischen« Stammes, Gäste aus einem Lande, das für nicht minder barbarisch als das märchenhafte Gog und Magog galt, – Russen aus der Gesandtschaft des Nikita Karatschjarow. Die schwere Fuhre mit der Dienerschaft der Gesandten und mit den Ehrengaben war vorausgeschickt worden; Nikita reiste mit dem Gefolge des Herzogs von Urbino. Die Reiter, denen der Förster begegnete, hatten die für Franz I. bestimmten Jagdfalken verschiedener Art zu überwachen. Die kostbaren Vögel wurden mit großer Vorsicht auf einem besonderen Wagen in inwendig mit Schafpelzen ausgeschlagenen Bastkörben geführt. Neben dem Wagen ritt Fedjka der Gebratene eine muntere Apfelschimmelstute. Er war so groß gewachsen, daß die Leute auf den Straßen fremder Städte sich erstaunt nach ihm umschauten; er hatte breite Backenknochen und ein flaches, sehr dunkles Gesicht; sein Haar war pechschwarz, weshalb er auch der Gebratene genannt wurde; seine blaßblauen, trägen und zugleich leidenschaftlich neugierigen Augen hatten jenen widerspruchsvollen, abwechslungsreichen und unsteten Ausdruck, der russischen Gesichtern eigen ist, – eine Mischung von Schüchternheit und Frechheit, Einfalt und Schlauheit, Trauer und Keckheit. Fedjka lauschte dem Gespräch zweier Kameraden, die ebenfalls zum Gesandtschaftsgesinde gehörten, des Martin Uschak und Iwaschka Trufanz. Diese waren als Kenner der Falkenjagd von Nikita mit dem Transport der Vögel nach Amboise betraut worden. Iwaschka erzählte von der Jagd, welche der französische Edelmann Anne de Montmorency zu Ehren des Herzogs von Urbino im Walde von Chatillon veranstaltet hatte. »Nun, und du sagst, daß Gamajun gut geflogen ist?« »Na und ob, Bruder!« rief Iwaschka aus. »So wunderbar gut, daß man es garnicht beschreiben kann. Und Samstag morgen, als wir uns mit den jungen Falken in Schatilowo (so nannte er Chatillon), die Zeit vertrieben, ist Gamajun nur so herumgeschossen und hat zugleich zwei Fasanentennester und drittehalb Kriechentennester überfallen; und wie er zum zweiten Mal aufgeflogen ist, ist eine Fasanente in den Wald fortgelaufen und hat den braven Jagdfalken Gamajun um seine Beute bringen wollen; der Gute hat ihr aber eins auf den Hals versetzt, daß sie sich zehnmal überschlagen hat und zu Fuß ins Wasser zurückgekehrt ist. Man wollte auf sie schießen, denn man glaubte, er hätte sie schlecht bearbeitet, er hat sie aber so zugerichtet, daß ihr die Gedärme heraushingen; – sie ist noch ein bißchen geschwommen und ist ans Ufer gelaufen, und da hat sich Gamajun auf sie draufgesetzt!« Iwaschka zeigte durch so ausdrucksvolle Gebärden, wie er ihr »eins versetzt« und wie er sie »bearbeitet« hatte, daß das Pferd unter ihm scheu wurde. »Ja«, sagte Uschak, ein Liebhaber der Büchersprache, mit Wichtigkeit, »diese ländliche Unterhaltung tröstet in hohem Maße die traurigen Herzen; die Beutejagd des Falken ist erfreulich und löblich, sein hoher Flug aber ist erquickend und dem Auge wohlgefällig!« An der Spitze des Zuges, in einiger Entfernung vom Wagen, ritten Ilja Kopylo und Ewtichij Gagara. Ilja Potapytsch hatte ein dunkles, strenges Gesicht, einen schlohweißen Bart und ebensolches Haar; seine ganze Erscheinung war würdevoll und gesetzt; nur seine kleinen grünlichen, tränenden Augen verrieten spöttische List und Durchtriebenheit. Ewtichij war etwa dreißig Jahre alt, sah aber so schmächtig aus, daß er aus der Ferne für einen Knaben gelten konnte; er hatte einen spärlichen Spitzbart und ein nichtssagendes Gesicht, – eines von jenen, die man sich schwer merken kann. Nur manchmal, wenn er lebhaft wurde, flammte in seinen grauen Augen ein tiefes Gefühl auf. Die Gespräche von den Falken und Fasanenten langweilten Fedjka. Trotz der frühen Morgenstunde hatte er bereits öfters in die Reiseflasche hineingeschaut und, wie stets in solchen Fällen, juckte ihm schon förmlich die Zunge, vor lauter Lust zu streiten und »von erhabenen Dingen« zu reden. Er entnahm aus einzelnen, von ihm aufgefangenen Worten, daß die vor ihm reitenden Gagara und Kopylo über Ikonenmalerei sprachen – er gab dem Pferd die Sporen, holte sie ein und hörte zu. »Die heiligen Ikonen werden jetzt auf Papierblätter gedruckt«, sagte Ilja Potapytsch, »und mit diesen Blättern schmücken die Menschen nachlässig ihre Gotteshäuser, nicht zum Zwecke der Andacht, sondern nur wegen der Schönheit, ohne jede Gottesfurcht. Diese Blätter werden aber von deutschen und welschen Ketzern von geschnittenen Holzstöcken abgedruckt; sie tun es in ihrem verfluchten Unglauben ungehörig und liederlich, und stellen die Heiligen mit Gesichtern ihrer Landsleute und welschen Gewändern dar, ohne sich an die alten rechtgläubigen Vorbilder zu halten. Auch die heilige Jungfrau wird von den Malern nach lateinischen Mustern mit unbedecktem Haupt und mit zerzaustem Haar gemalt ...« »Wie ist es denn eigentlich, Onkelchen?« ergriff jetzt Fedjka mit geheuchelter Ehrerbietung und mit heimlicher Herausforderung das Wort, nachdem er einen Schluck aus der Flasche getan hatte, »meinst du denn wirklich, daß es nur die Sache der Russen ist, Heiligenbilder zu malen? Warum sollte man nicht auch von fremdländischen Meistern lernen, wenn ihre Bilder heilig und schön sind?« »Du redest ganz unschicklich von den heiligen Ikonen«, unterbrach ihn Kopylo, die Stirn runzelnd. »Du faselst gottloses und liederliches Zeug!« »Warum ist es denn gottlos, Onkelchen?« fragte Fedjka, den Gekränkten spielend. »Weil es sich nicht ziemt, die ewigen Grenzen zu überschreiten: wer einen fremden Glauben liebt und lobt, der verhöhnt den eigenen.« »Ich spreche ja nicht vom Glauben, Potapytsch. Ich sage nur: die Preospektive ist eine nützliche Sache und ist süßer als Honigseim ...« »Was hältst du mir deine Preospektive vor? Schon wieder die alte Leier ... Es heißt ein für alle Mal: man soll sich nur an die Satzungen der heiligen Väter halten. Hörst du? Man darf weder mit der Preospektive noch mit etwas anderem nach seinem Gutdünken walten. Wo Neues ist, da ist auch Ungehöriges.« »Du hast recht, Onkelchen«, sagte Fedjka, mit geheuchelter Demut ausweichend. »Ich sage ja selbst, daß die Ikonenmeister jetzt ohne Sinn und Verstand malen; man sollte aber beim Malen auf jede Frage eine Antwort wissen. Es heißt: man soll genau so verfahren, wie die alten Meister gemalt haben. Die Sache hat aber einen Haken: es sind so viele alte Meister da, die Nowgoroder, die Korssuner, die Moskauer und jeder hat eine andere Art. Auch die Vorbilder sind verschieden. Die einen sind so, die andern so. Manchmal ist das Alte wie neu, und manchmal das Neue alt. Wer soll daraus klug werden, wo das Alte und wo das Neue ist? Nein, Potapytsch, du kannst es damit halten wie du willst, aber ohne eigene Gedanken und ohne Verstand kann man kein guter Meister sein!« Der Alte, der durch den plötzlichen tückischen Überfall überrascht war, stutzte einen Augenblick. »Und dann noch eines«, fuhr Fedjka noch kühner fort, indem er die Verlegenheit des Alten ausnützte, »wo ist denn eine solche Regel zu lesen, daß die Heiligen auf den Ikonen alle auf die gleiche Art schwarz und braun gemalt werden müssen? Ist denn das ganze Menschengeschlecht mit dem gleichen Antlitz erschaffen worden? Waren denn alle Heiligen traurig und mager? Wer wird denn nicht über einen solchen Unsinn lachen, daß das Dunkle mehr geehrt werden soll als das Helle? Der Herr hat nur den Teufel mit Finsternis und Rauch bedacht; seinen Söhnen, und zwar nicht nur den gerechten, sondern auch den sündigen hat er aber die Gabe des Lichtes versprochen: ›Ich werde euch weiß machen wie Schnee und wie Wolle‹. Und zum anderen Mal: ›Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolget, der wird nicht wandeln in der Finsternis‹. Und beim Propheten heißt es: ›Der Herr thront und hat sich in Schönheit gekleidet‹.« Fedjka sprach zwar hochtrabend und schöngeistig, doch aufrichtig. Ewtichij schwieg; man sah es seinen leuchtenden Augen an, daß er gierig lauschte. »Nach der Überlieferung der heiligen Väter«, begann Ilja Potapytsch wieder mit Würde, »ist das schön, was vor Gott heilig ist ...« »Und was schön ist, das ist auch heilig«, fiel Fedjka ein, »das ist ja ein und dasselbe, Onkelchen.« »Nein, es ist nicht ein und dasselbe«, sagte der Alte zornig. »Es gibt auch eine Schönheit, die vom Teufel kommt!« Er wandte sich zum Neffen hin und sah ihm gerade in die Augen, als überlegte er, ob er nicht zu seinem gewöhnlichen Beweismittel, dem Knotenstock greifen sollte. Aber Fedjka hielt seinen Blick aus, ohne mit einer Wimper zu zucken. Da erhob Kopylo seine rechte Hand und rief feierlich aus, als wollte er den bösen Geist selbst beschwören: »Vergehe und hebe dich hinweg, Verruchter, mit deinen Ränken! Christus ist meine Rettung und mein Licht, meine Freude und meine nie wankende Mauer!« Die Reiter befanden sich am Saume des Waldes von Amboise. Sie ließen die Einfriedigung des Schlosses Du Cloux links liegen und ritten zum Stadttor hinein. VI. Der russischen Gesandtschaft wurde eine Wohnung im Hause des königlichen Notars, Guillaume Borot, angewiesen, unfern des Turmes Horloge, in dem einzigen Haus, das in der von den Fremden überfüllten Stadt noch frei geblieben war. Ewtichij mußte mit seinen Kameraden in einem kleinen Dachzimmer wohnen. In der Nische eines Dachfensters hatte er sich hier eine winzige Werkstatt eingerichtet. Er hatte an die Wand ein Regal angebracht und darauf seine Malbretter aus Eichen- und Lindenholz für die Ikonen, glasierte Töpfchen mit Firnis, mit durchsichtigem Sterlett- und Stöhrleim, irdene Scherben und Muscheln mit aufgelösten Gold- und Eierfarben geordnet; eine mit Filz bedeckte Holzkiste diente ihm als Bett, und er hängte darüber das Bild der Mutter Gottes von Uglitsch, ein Geschenk des Mönchs Danila Tschornij, auf. In diesem Winkel war es eng, aber still, hell und gemütlich. Aus dem Fenster öffnete sich zwischen den Dächern und Schornsteinen eine Aussicht auf die grüne Loire, auf ferne Wiesen und blaugrüne Wipfel. Manchmal stieg von unten, aus dem kleinen Gärtchen in das offene Fenster der Duft des Faulbaums hinauf, – es waren heiße Tage, – und das erinnerte Ewtichij an die Heimat, an den bekannten Gemüsegarten in der Vorstadt von Uglitsch, mit den Dill-, Hopfen- und Johannisbeerbeeten, mit dem halbzerfallenen Lattenzaun vor dem alten Häuschen des Küsters der Verkündigungskirche. Einige Tage nach seiner Ankunft in Amboise saß er eines abends allein in seiner Werkstätte. Die Kameraden hatten sich in das Schloß zu einem Turnier begeben, das zu Ehren des Herzogs von Urbino veranstaltet wurde. Es war still; man hörte nur das Girren der Tauben und das seidene Rascheln ihrer Flügel unter dem Fenster und ab und zu das gemessene Schlagen der Uhr auf dem nahen Turm. Er las sein Lieblingsbuch »Die Anleitung zur Ikonenmalerei«, eine Zusammenfassung kurzer Vorschriften nach den Tagen und Monaten geordnet, für die Darstellung von Heiligen. Obwohl Ewtichij dieses Buch beinahe auswendig wußte, las er es doch jedes Mal mit neuer Wißbegierde und fand darin immer neue Erquickung. In den letzten Tagen hatte aber der Streit zwischen Ilja Potapytsch und Fedjka dem Gebratenen, dem er im Walde auf dem Wege nach Amboise zugehört hatte, in ihm seine alten bangen Zweifel geweckt, die von den Dingen, die er in fremden Ländern sah, herrührten. Und er suchte für sie eine Lösung in der »Anleitung«, der einzigen wahren Quelle »für die kunstgerechte Erkenntnis der wahren Gestalten«: »Wie war die körperliche Gestalt der Mutter Gottes?« – las er eine seiner Lieblingsstellen des Buches. – »Sie war von mittlerem Wuchs, ihr Antlitz war wie ein Weizenkorn; die Haare waren gelb; die Augen scharf, die Pupillen darin gleich der Frucht des Ölbaumes; die Brauen gesenkt und recht schwarz; die Nase nicht zu kurz; der Mund wie die Blüte der Rose, von Süßigkeit beschwert; das Antlitz weder rund, noch spitz, aber nicht zu lang; die Finger der gottempfangenden Hände aber waren fein gemeißelt; sie war ganz einfach, hatte keinerlei Weichheit, aber vollendete Demut und trug dunkle Gewänder.« Er las auch von der Märtyrerin Katharina, die wegen ihres schönen und lichten Gesichtes von den Hellenen »die Mondgleiche« benannt wurde; von Philaret dem Gnadenreichen, »der mit neunzig Jahren verschied; sein Angesicht hatte sich aber auch in diesem Alter nicht verändert, es war wohlgestaltet und schön wie ein roter Apfel.« Und es schien ihm, als ob Fedjka recht hätte: das Antlitz der Heiligen mußte licht und freudig sein, denn der Herr selbst hat sich »in Schönheit gehüllt«, und alles, was schön ist, kommt von Gott. Als er aber einige Seiten umgeblättert hatte, las er in demselben Buch: »Der 9. November ist der Gedenktag der heiligen Theoktiste aus Lesbos. Ein Jäger sah sie in der Wüste und gab ihr sein Gewand, um ihre Nacktheit zu bedecken; und sie stand vor ihm und war furchtbar und hatte kaum das Aussehen eines Menschen; man sah an ihr kein lebendiges Fleisch: vom Fasten waren die Knochen und Gelenke nur mit Haut bedeckt; die Haare waren weiß wie das Vließ der Schafe, das Gesicht aber war dunkel mit leichten Spuren von Blässe; die Augen tief eingefallen; und ihre ganze Gestalt wie die Gestalt eines Toten, der lange im Grabe gelegen ist. Sie atmete mühsam und konnte nur leise reden. Und es war an ihr durchaus nichts von menschlicher Schönheit.« »Das bedeutet«, dachte sich Ewtichij, »daß nicht alles Heilige schön ist: auch in der Verhöhnung aller menschlichen Schönheit bei den berühmten Märtyrern, in einer vertierten Gestalt ist etwas Engelsgleiches enthalten.« Und er dachte an den heiligen Christophorus, der oft auf russischen Ikonen dargestellt wird und von dem es in dem »Handbuch« unter dem 9.\ Mai heißt: »von diesem ruhmreichen Märtyrer wird das Wunderbare berichtet, daß er einen Hundskopf gehabt habe.« Die Gestalt des Heiligen mit dem Hundskopf erfüllte das Herz des Ikonenmalers mit noch größerer Bestürzung. In seinem Kopfe stiegen immer verwirrtere und unheimlichere Gedanken auf. Er legte das Handbuch beiseite und griff nach einem anderen Buch, nach einem allen, im Jahre 1485 in Uglitsch geschriebenen Psalter. Er hatte danach lesen gelernt und schon damals die naiven Textbilder bewundert, die die Psalmen erläuterten. Es hatte sich so gefügt, daß er dieses Buch seit seiner Abreise aus Moskau nicht zu Gesicht bekommen hatte. Jetzt, nach den vielen alten Bildwerken, die er in den Palästen und Museen von Venedig, Rom und Florenz gesehen hatte, gewannen diese ihm seit der Kindheit vertrauten Gestalten einen neuen Sinn für ihn: er begriff, daß der blaue Mann mit der gesenkten Schale, aus der Wasser floß, und der sich auf den Vers des Psalters bezog: »Wie der Hirsch schreit nach frischen: Wasser, so schreiet, meine Seele, Gott, zu dir«, der Flußgott war; die Frau, die inmitten von Getreide auf der Erde lag, stellte Ceres, die Göttin der Erde vor; der Jüngling mit der Königskrone auf einem mit roten Pferden bespannten Wagen war Apollo; der bärtige Alte auf dem grünen Ungeheuer mit dem nackten Weibe, der zu dem Psalm »Es lobe ihn das Meer und alles, das sich drinnen reget«, gehörte, war Neptun mit Nereïde. Durch welches Wunder und nach welchen Wanderungen und Verwandlungen waren die vertriebenen Götter des Olymps durch den alten russischen Meister aus dem noch älteren byzantinischen Original in die Stadt Uglitsch verpflanzt worden? Von der Hand des barbarischen Künstlers verunstaltet, erschienen sie plump und schüchtern, als schämten sie sich ihrer Nacktheit inmitten der strengen Propheten und Asketen; sie sahen halb erfroren aus, als wären sie in der Kälte der hyperboräischen Nacht erstarrt. Und doch schimmerte hie und da in der Biegung eines Ellbogens, in der Wendung eines Nackens, in der Rundung eines Schenkels der letzte Widerschein einer ewigen Schönheit. Ewtichij erkannte mit Furcht und Staunen in diesen ihm seit seiner Kindheit vertrauten und lieben Bildern des Uglitscher Psalters, die er für heilig gehalten hatte, den verführerischen teuflischen Zauber der Hellas. In seiner Erinnerung erstanden auch andere sündhafte Gestalten, die Überlieferungen alter russischer Sammlungen – die bleichen Schatten des heidnischen Altertums: »die Jungfrau Gorgoneja mit dem Gesicht, den Brüsten und Händen eines Menschen, den Beinen und dem Schwanz eines Pferdes und mit Schlangen statt Haaren auf dem Kopfe«; einäugige Giganten, die in Sizilien am Fuße des Berges Ätna leben; der Zar Kitowras oder Kentauros, der »oben ein Mensch und unten ein Esel ist«; die Isatyre oder Satyre, die in den Wäldern mit den Tieren hausen; »sie sind schnellfüßig – niemand holt sie ein; sie gehen nackt herum und sind mit Wolle wie mit Tannenrinde bewachsen; sie reden nicht, sondern meckern wie die Ziegen.« Ewtichij fuhr zusammen, kam zu sich, bekreuzte sich fromm und flüsterte den beruhigenden Spruch russischer Schriftgelehrten, den er von Ilja Potapytsch gehört hatte: »Alles ist erlogen: es hat keinen Kitowras, keine Jungfrau Gorgoneja und keine Menschen mit Wolle gegeben; dies alles ist von den hellenischen Philosophen erfunden. Dieser Zauber ist durch die Lehren der Apostel und heiligen Väter verworfen und verflucht worden.« Und dann dachte er gleich wieder: »Ist dem auch wirklich so? Ist alles erlogen, ist alles verflucht? Wie kommt es denn, daß in den alten russischen Kirchen neben den Heiligen auch heidnische Weise, Dichter und Sybillen dargestellt sind, welche die Geburt Christi teilweise prophezeit hatten und trotz ihrer Ungläubigkeit um ihres reinen Lebens willen vom heiligen Geist berührt worden sind, wie es im »Handbuch« heißt.« Diese Worte von der beinahe christlichen Heiligkeit der heidnischen Propheten erfüllten Ewtichij mit großer Befriedigung. Er erhob sich und nahm vom Wandregal ein Malbrett mit der begonnenen Zeichnung einer kleinen Ikone eigener Erfindung: »Alles, was Odem hat, lobe den Herrn;« es war ein Bild mit vielen Personen und Details, die man nur durch ein Vergrößerungsglas unterscheiden konnte. Im Himmel thronte der Allerhalter; zu seinen Füßen in den sieben Himmelsphären waren Sonne, Mond und Sterne dargestellt, mit der Inschrift: »lobet den Herrn, ihr Himmel allenthalben, lobet ihn, Sonne und Mond, lobt ihn, alle leuchtenden Sterne;« unter den Gestirnen folgten fliegende Vögel; »die Sturmwinde«, der Hagel, der Schnee, die Bäume, die Berge, das aus der Erde entspringende Feuer, die verschiedenen Tiere und Würmer; ein Abgrund in Gestalt einer Höhle mit der Inschrift: »lobet ihn, alle fruchtbaren Bäume und alle Zedern, alle Tiere und alle Hügel, lobet den Herrn.« Zu beiden Zeiten waren Engelsköpfe, Heilige, Könige, Richter und Völkerscharen: »alle seine Heiligen sollen loben, die Kinder Israel, alle Stämme und Völker der Erde.« Ewtichij ging an die Arbeit, und da er seine Gefühle nicht anders ausdrücken konnte, fügte er zu diesen vorschriftsmäßigen Gestalten noch den Märtyrer Christophorus mit dem Hundskopf und das göttliche Tier, den Kentaurus hinzu. Er wußte, daß er gegen die Überlieferung des »Handbuches« verstieß; in seiner Seele regte sich aber weder ein Zweifel noch ein Ärgernis: ihm schien, daß eine unsichtbare Hand seine Hand führe. Zugleich mit dem Himmel und der Hölle, dem Feuer und dem Sturmwind, den Hügeln und den Bäumen, den Tieren und dem Gewürm, den Menschen und den körperlosen Geistern, dem Christophorus mit dem Hundskopf und dem zu Christus bekehrten Kentauros sang seine Seele das eine Lied: »Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.« VII. König Franz hatte eine große Schwäche für Weiber. Bei allen Feldzügen befanden sich im Gefolge des Königs zugleich mit den wichtigsten Staatsmännern, Narren, Zwergen, Astrologen, Köchen, Negern, Zwerginnen, Hundezungen und Geistlichen auch die »lustigen Mädchen« unter der Aufsicht der »ehrbaren Frau« Johanna Lignière. Sie nahmen an allen Triumphzügen und Festen, sogar an den kirchlichen Prozessionen teil. Der Hof war mit diesem Lagerfreudenhaus so eng verbunden, daß es schwer fiel zu entscheiden, wo das eine aufhörte und das andere anfing: die »lustigen Mädchen« waren zur Hälfte Hofdamen, die mit ihren Ausschweifungen für ihre Männer die goldene Halskette des Ordens vom Erzengel Michael gewannen. Die Verschwendungssucht des Königs für die Frauen war schrankenlos. Die Steuern und Abgaben wuchsen mit jedem Tage, und doch reichte das Geld nicht aus. Als beim Volke nichts mehr zu holen war, begann Franz seinen Edelleuten das kostbare Speisegeschirr wegzunehmen und prägte einmal Münzen aus dem Silbergitter vom Sarge des ruhmreichen heiligen Martin, des Bischofs von Tours; er tat es übrigens nicht aus Freigeisterei, sondern aus Not, denn er hielt sich für einen treuen Sohn der römischen Kirche und verfolgte jede Ketzerei und Gottlosigkeit wie eine Beleidigung seiner eigenen Majestät. Seit den Zeiten Ludwigs des Heiligen erhielt sich im Volke die Überlieferung von der den Königen des Hauses Valois angeblich eigenen heilenden Kraft: sie heilten durch die Berührung ihrer Hand Grindige und Skrophulöse; zu Ostern, Weihnachten, Pfingsten und anderen Feiertagen strömten die auf Heilung Hoffenden nicht nur aus allen Enden Frankreichs, sondern auch aus Spanien, Italien und Savoyen zusammen. Während der Festlichkeiten aus Anlaß der Vermählung des Lorenzo Medici und der Taufe des Dauphins hatte sich in Amboise eine Menge von Kranken versammelt. An einem bestimmten Tage wurden sie in den Hof des königlichen Schlosses eingelassen. Früher, als der Glaube noch stärker war, sprach seine Majestät während seines Rundganges, über jedem Kranken das Zeichen des Kreuzes machend und alle der Reihe nach mit einem Finger berührend, die Worte: »Der König hat berührt, Gott wird heilen.« Der Glaube versiegte, Heilerfolge wurden seltener und die zu der Zeremonie gehörenden Worte wurden jetzt in der Form eines Wunsches ausgesprochen: »Gott heile dich – der König hat dich berührt.« Nach Beendigung der Zeremonie wurde ein Waschbecken mit drei Handtüchern gebracht, von denen das eine mit Essig, das zweite mit reinem Wasser und das dritte mit Orangeessenz befeuchtet war. Der König wusch sich und wischte sich Hände, Gesicht und Hals ab. Nach dem Anblick der menschlichen Armut, Häßlichkeit und Krankheit hatte er den Wunsch, seine Seele zu ergötzen und seine Augen auf etwas Schönem ausruhen zu lassen. Ihm fiel ein, daß er schon seit langem Leonardos Werkstätte besuchen wollte, und er begab sich mit kleinem Gefolge in das Schloß Du Cloux. Der Meister arbeitete trotz Schwäche und Unwohlsein den ganzen Tag eifrig an Johannes dem Täufer. Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch die Bogenfenster des Studios; – es war ein großer kalter Raum mit einem Steinboden und einer getäfelten Eichendecke. Er benützte das letzte Tageslicht und beeilte sich, die erhobene, nach dem Kreuz hinweisende Rechte des Täufers zu vollenden. Unter den Fenstern ertönten Schritte und Stimmen. »Laß niemanden herein«, sagte der Meister zu Francesco Melzi, »hörst du, niemanden! Sage, ich bin krank oder nicht zu Hause.« Der Schüler ging in das Vorhaus, um die ungebetenen Gäste aufzuhalten; als er jedoch den König erblickte, verneigte er sich ehrerbietig und öffnete vor ihm die Tür. Leonardo hatte kaum Zeit, das neben dem Johannes stehende Bildnis der Gioconda zu verhängen: er tat es immer, denn er liebte es nicht, sie Fremden zu zeigen. Der König trat in die Werkstätte ein. Er war mit einem Luxus von nicht ganz tadellosem Geschmack gekleidet: er trug übermäßig bunte und grelle Stoffe, eine Unmenge von Gold, Stickereien und Juwelen; die schwarzen Atlasbeinkleider waren eng anliegend, der kurze Wams mit abwechselnden Längsstreifen aus schwarzem Samt und Goldbrokat hatte ungeheure aufgeblasene Ärmel, mit zahllosen Schlitzen – »Fenstern«; auf dem runden schwarzen Barett war eine weiße Straußenfeder; der viereckige Brustausschnitt entblößte einen schlanken, weißen, wie aus Elfenbein geschnitzten Hals; er gebrauchte auch zu viel wohlriechende Essenzen. Er war vierundzwanzig Jahre alt. Seine Anhänger versicherten, sein Äußeres sei so hoheitsvoll, daß selbst Leute, die sein Gesicht nicht kannten, beim ersten Blick sofort fühlten: das ist der König. Er war in der Tat schlank, groß, gewandt und ungewöhnlich stark; er verstand es, berückend liebenswürdig zu sein; aber sein schmales und langes, außerordentlich weißes, von einem pechschwarzen Bärtchen umrahmtes Gesicht, mit der niederen Stirn, mit der unverhältnismäßig langen, dünnen, spitzen, gleichsam heruntergezogenen Nase, mit den listigen, kalten und wie frisch angeschnittener Zinn glänzenden kleinen Augen, mit den dünnen, sehr roten und feuchten Lippen hatte einen unangenehmen Ausdruck übermäßig zur Schau gestellter, beinahe tierischer Lüsternheit; er hatte etwas von einem Affen und von einem Ziegenbock, und erinnerte an einen Faun. Leonardo wollte, wie es die höfische Sitte vorschrieb, vor dem König das Knie beugen. Dieser hielt ihn jedoch zurück, neigte sich selbst zu ihm und umarmte ihn ehrerbietig. »Wir haben uns lange nicht gesehen, maître Léonard «, sagte er freundlich. »Wie geht es? Malst du viel? Hast du keine neuen Bilder?« »Ich bin immer krank, Majestät«, antwortete der Meister und nahm das Porträt der Gioconda, um es beiseite zu stellen. »Was ist das?« fragte der König, auf das Bild hinweisend. »Es ist ein altes Bildnis, Sire. Ihr habt es bereits zu sehen geruht...« »Das bleibt sich gleich. Zeige her. Deine Bilder sind so, daß sie immer mehr gefallen, je öfter man sie anschaut.« Als der Künstler zögerte, trat einer der Höflinge heran, zog die Leinwand herab und enthüllte die Gioconda. Leonardo runzelte die Brauen. Der König ließ sich auf einen Sessel nieder und betrachtete das Bild lange schweigend. »Merkwürdig!« sagte er endlich, wie aus einem Traume erwachend. »Das ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe! Wer ist es?« »Madonna Lisa, die Gemahlin des Florentiner Bürgers Giocondo«, antwortete Leonardo. »Hast du sie vor langer Zeit gemalt?« »Vor zehn Jahren.« »Ist sie auch jetzt noch immer so schön?« »Sie ist gestorben, Majestät.« »Maître Léonard de Vinci«, sagte der Hofdichter Saint-Gelais, indem er den Namen des Künstlers französisch aussprach, »hat fünf Jahre an diesem Bilde gearbeitet, ohne es zu vollenden; so versichert er wenigstens selbst.« »Er hat es nicht vollendet?« fragte der König erstaunt, »was fehlt denn noch daran, ich bitte? Sie ist wie lebendig, nur spricht sie nicht...« »Nun, ich gestehe«, wandte er sich wieder an den Meister, »man darf dich wirklich beneiden, maître Léonard. Fünf Jahre mit einem solchen Weib! Du darfst über dein Schicksal nicht klagen: du warst glücklich, Alter. Und wo hat der Gatte nur seine Augen gehabt? Wenn sie nicht gestorben wäre, so hättest du wohl auch noch heute daran gemalt, nicht wahr?« Und er lachte, wobei er seine glänzenden Äuglein zusammenkniff, was seine Ähnlichkeit mit einem Faun noch steigerte: der Gedanke, daß Monna Lisa bei ihrem Verkehr mit dem Künstler ihrem Gatten treu bleiben konnte, lag ihm ganz fern. »Ja, mein Freund«, fügte er lächelnd hinzu, »du verstehst dich auf Weiber. Welche Schultern, welche Brust! Und das, was hier nicht zu sehen ist, muß wohl noch schöner sein...« Er betrachtete sie mit jenem offenen männlichen Blick, der die Frauen entkleidet und sich wie eine schamlose Liebkosung ihrer bemächtigt. Leonardo schwieg; er war etwas bleich geworden und hatte die Augen niedergeschlagen. »Um ein solches Porträt zu malen«, fuhr der König fort, »genügt es nicht, ein großer Künstler zu sein, man muß auch in alle Geheimnisse des weiblichen Herzens eindringen können, in dieses Labyrinth des Dädalus, diesen Knäuel, das der Teufel selbst nicht zu entwirren vermag! Da scheint eine zum Beispiel sanft, bescheiden und keusch zu sein, sie faltet die Händchen wie eine Nonne, kann nicht bis drei zählen, versuche aber einmal dich ihr anzuvertrauen, versuche zu erraten, was in ihrer Seele vorgeht!« »Souvent femme varie, Bien fol est qui s'y fie –« führte er zwei Verszeilen seines eigenen Liedchens an, das er einst, als er über weibliche Tücke nachsann, mit einem Diamanten in eine Fensterscheibe des Schlosses Chambors hineingeschnitten hatte. Leonardo ging zur Seite und tat so, als wolle er die Staffelei mit dem anderen Bilde näher ans Licht rücken. »Ich weiß nicht, ob es wahr ist, Majestät«, flüsterte Saint-Gelais dem König ins Ohr, so daß es Leonardo nicht hören konnte, »man hat mich versichert, dieser Sonderling hätte weder Lisa Gioconda, noch sonst irgend ein Weib in seinem ganzen Leben geliebt und er wäre überhaupt vollkommen keusch...« Und er fügte noch leiser, mit einem frivolen Lächeln, wohl etwas recht Gepfeffertes von der sokratischen Liebe hinzu, von der außerordentlichen Schönheit einiger Schüler des Leonardo und von den freien Sitten der Florentiner Meister. Franz war erstaunt, zuckte aber die Achseln mit dem nachsichtigen Lächeln eines klugen Weltmannes, der frei von Vorurteilen ist, selbst lebt und andere leben läßt, und weiß, daß sich in derartigen Dingen über den Geschmack nicht streiten läßt. Nachdem er die Gioconda genügend betrachtet, lenkte er seine Aufmerksamkeit auf den daneben stehenden unvollendeten Karton. »Und was ist das?« »Nach den Weinreben und dem Thyrsus zu urteilen, muß es Bacchus sein«, riet der Poet. »Und das?« fragte der König, auf das daneben stehende Bild hinzeigend. »Ein zweiter Bacchus?« sagte Saint-Gelais zweifelnd. »Seltsam!« wunderte sich Franz. »Die Haare, die Brust, das Gesicht, – sind ganz wie bei einem Mädchen. Er sieht der Lisa Gioconda ähnlich: es ist dasselbe Lächeln.« »Vielleicht ein Androgynos?« bemerkte der Poet, und als der König, der sich durch Bildung nicht auszeichnete, nach der Bedeutung dieses Wortes fragte, erinnerte ihn Saint-Gelais an Platos alte Fabel von den doppelgeschlechtlichen Wesen, den Mann-Weibern, die vollkommener und schöner als Menschen seien, den Kindern der Sonne und der Erde, die beide Elemente, das männliche und weibliche vereinigten, und die so stark und stolz seien, daß sie gleich den Titanen sich unterfingen, gegen die Götter sich aufzulehnen und sie vom Olymp stürzen zu wollen. Zeus wollte die Rebellen bezähmen, doch nicht ganz ausrotten, da er ihrer Gebete und Opfer nicht entraten mochte; daher spaltete er sie mit seinem Blitze in zwei Hälften, »wie die Bäuerinnen«, heißt es bei Plato, »die Eier vor dem Einsalzen mit einem Faden oder Haar durchschneiden.« Und seitdem streben beide Hälften, die Männer und Weiber mit Sehnsucht zueinander, mit jenem unersättlichen Wunsch, der die Liebe ist und die Menschen an die ursprüngliche Einheit der Geschlechter gemahnt. »Vielleicht«, schloß der Dichter, »hat maître Léonard in diesem Werke versucht, das wiederzuerwecken, was es in der Natur nicht mehr gibt: er wollte die von den Göttern getrennten Elemente, das männliche und das weibliche, wieder vereinigen.« Während er diese Erklärung anhörte, betrachtete Franz auch dieses Bild mit demselben schamlosen, entblößenden Blick, mit dem er soeben Monna Lisa betrachtet hatte. »Löse unsere Zweifel, Meister«, wandte er sich an Leonardo, »wer ist es, Bacchus oder Androgynos?« »Weder der eine, noch der andere, Majestät«, erwiderte Leonardo errötend, als fühlte er sich schuldig. »Das ist Johannes der Täufer.« »Der Täufer? Unmöglich! Was sprichst du, ich bitte dich?« Als er aber genauer hinsah, bemerkte er in der dunklen Tiefe des Bildes ein feines Kreuz aus Schilfrohr und schüttelte verblüfft den Kopf. Diese Vermischung des Heiligen und Sündhaften erschien ihm gotteslästerlich und doch gefiel sie ihm. Er fand übrigens gleich, daß es sich nicht verlohne, dem eine Bedeutung beizumessen: was fällt so einem Künstler nicht alles ein? »Maître Léonard, ich kaufe beide Bilder: den Bacchus, das heißt den Johannes und die Lisa Gioconda. Was sollen sie kosten?« »Majestät«, begann der Künstler schüchtern, »sie sind noch nicht vollendet. Ich hatte die Absicht...« »Unsinn«, unterbrach ihn Franz. »Den Johannes kannst du meinetwegen noch beenden, – ich will darauf warten. Die Gioconda darfst du aber nicht mehr anrühren. Du wirst sie auf keinen Fall besser machen können. Ich will sie sofort haben, hörst du? Nenne also den Preis, fürchte dich nicht: ich werde nicht feilschen.« Leonardo fühlte, daß er eine Entschuldigung, einen Vorwand für seine Weigerung vorbringen müsse, was konnte er aber diesem Menschen sagen, der alles, was er berührte, in eine Zote oder Gemeinheit verwandelte? Wie hätte er es ihm erklären können, was das Bildnis der Gioconda für ihn bedeutete und weshalb er es um keinen Preis weggeben würde? Franz glaubte, daß Leonardo deswegen schwiege, weil er einen zu niederen Preis zu nennen fürchtete. »Nun, da ist nichts zu machen; wenn du es nicht tun willst, so werde ich selbst den Preis bestimmen.« Er sah Monna Lisa an und sagte: »Dreitausend Écus. Zu wenig? Dreieinhalb?« »Sire«, begann der Künstler wieder mit bebender Stimme, »ich kann Euch versichern...« Er verstummte; sein Gesicht wurde wieder etwas bleich. »Nun, gut: viertausend, maître Léonard. Ich glaube, es ist genug?« Ein Flüstern des Staunens lief durch die Reihen der Höflinge: noch kein Beschützer der Künste, nicht einmal Lorenzo Medici selbst, hatte je solche Preise für Bilder bezahlt. Leonardo erhob in unsagbarer Verwirrung die Augen zu Franz. Er war bereit, ihm zu Füßen zu stürzen, und ihn anzuflehen, wie man um die Schonung des Lebens fleht, daß er ihm die Gioconda nicht nehme. Franz hielt diese Verwirrung für einen Ausbruch der Dankbarkeit, erhob sich zum Gehen bereit, und umarmte ihn wieder zum Abschied. »Also abgemacht? Viertausend. Das Geld kannst du jederzeit bekommen. Ich werde morgen die Gioconda holen lassen. Sei ruhig, ich werde für sie einen solchen Platz bestimmen, daß du zufrieden sein wirst. Ich kenne ihren Wert und werde sie der Nachwelt zu erhalten wissen.« Als der König gegangen war, sank Leonardo in einen Sessel. Er sah die Gioconda mit einem verlorenen Blick an und wollte nicht an das Geschehene glauben. Unsinnige kindische Pläne gingen ihm durch den Kopf: sie so zu verstecken, daß man sie nicht finden könnte und sie nicht fortzugeben, wenn man ihn auch mit der Todesstrafe bedrohte, – oder sie mit Francesco Melzi nach Italien zu schicken, – selbst mit ihr zu fliehen. Es dämmerte. Francesco schaute ein paar Mal in die Werkstätte herein, wagte aber nicht, den Meister anzureden. Leonardo saß noch immer vor der Gioconda; sein Gesicht erschien in der Dunkelheit bleich und reglos wie das eines Toten. In der Nacht kam er in Francescos Zimmer; dieser hatte sich schon niedergelegt, konnte aber nicht einschlafen. »Steh' auf. Komm mit ins Schloß. Ich muß den König sehen.« »Es ist spät, Meister. Ihr seid heute müde. Ihr werdet wieder erkranken. Ihr fühlt Euch ja schon jetzt unwohl. Wäre es nicht besser, es auf morgen zu verschieben?« »Nein, sofort. Zünde die Laterne an und begleite mich. – Übrigens, wenn du nicht willst, gehe ich allein.« Francesco erhob sich, ohne weiter zu widersprechen, kleidete sich an, und sie begaben sich ins Schloß. VIII. Bis zum Schlosse hatte man etwa zehn Minuten zu gehen; der Weg war aber steil und schlecht gepflastert. Leonardo ging langsam, sich auf Francescos Arm stützend. Die sternenlose Nacht war schwül, schwarz und wie unterirdisch. Der Wind blies stoßweise. Die Baumäste zuckten wie erschrocken und schmerzhaft. Oben, zwischen den Ästen schimmerten rot die erleuchteten Schloßfenster. Von dort schallte auch Musik herüber. Der König speiste mit einer kleinen, auserwählten Gesellschaft zunacht, wobei er sich mit einem bei ihm besonders beliebten Scherz belustigte: er zwang junge Hofdamen und Mädchen aus einem großen silbernen Kelch zu trinken, dessen Ränder und Fuß mit kunstvollen unzüchtigen Darstellungen verziert waren. Er beobachtete, wie die einen lachten, die anderen erröteten und vor Scham weinten, manche zürnten, andere wieder sich die Augen bedeckten, um nicht zu sehen und einzelne sich so stellten, als ob sie es zwar sähen, jedoch nichts verständen. Unter den Damen befand sich die leibliche Schwester des Königs, die Prinzessin Marguerite, – »die Perle der Perlen«, wie sie genannt wurde. Die Kunst zu gefallen, war ihr »gewohnter als das tägliche Brot.« Aber während sie alle bezauberte, blieb sie selbst gleichgültig; sie liebte nur ihren Bruder mit einer seltsamen, übermäßigen Liebe: seine Schwächen erschienen ihr als Vollkommenheiten, seine Laster als Tugenden, sein Faunsgesicht als das Gesicht eines Apollo. Sie war jeden Augenblick ihres Lebens bereit, für ihn, wie sie sich ausdrückte, »nicht nur den Staub ihres Leibes in alle Winde zu wehen, sondern auch ihre unsterbliche Seele preiszugeben.« Man munkelte, daß sie ihn mehr liebe, als es einer Schwester erlaubt sei. Jedenfalls mißbrauchte Franz diese Liebe: er nahm ihre Dienstleistungen nicht nur bei seinen Arbeiten, Krankheiten und Gefahren, sondern auch bei allen seinen Liebesabenteuern in Anspruch. An jenem Abend sollte ein neuer Gast aus dem unzüchtigen Kelch trinken; es war ein noch ganz junges Mädchen, beinahe ein Kind, die Erbin eines uralten Geschlechtes. Marguerite hatte sie in irgend einem Nest der Bretagne aufgespürt und bei Hofe eingeführt; seine Majestät hatte bereits ein Auge auf sie geworfen. Das Mädchen hatte es nicht notwendig, sich zu verstellen: sie verstand die unzüchtigen Darstellungen wirklich nicht; sie errötete nur kaum merklich unter den auf sie gerichteten neugierigen und spöttischen Blicken. Der König war gut aufgelegt. Leonardo wurde gemeldet. Franz befahl ihn vorzulassen und ging ihm mit seiner Schwester entgegen. Als der Künstler verlegen und mit niedergeschlagenen Augen durch die Reihen der Hofdamen und Kavaliere in den erleuchteten Sälen schritt, wurde er von halb erstaunten, halb spöttischen Blicken begleitet: dieser große Greis mit den langen grauen Haaren, mit dem finsteren Gesicht, mit dem scheuen Blick eines Wilden, wehte selbst den Sorglosesten und Leichtsinnigsten mit dem Odem einer anderen, fremden Welt an, gleich dem kalten Hauch, den ein aus dem Frost in ein warmes Zimmer tretender Mensch ausströmt. »Ah, maître Léonard!« begrüßte ihn der König und umarmte ihn, wie gewöhnlich, mit Ehrerbietung. »Ein seltener Gast! Womit soll ich dich bewirten? Ich weiß, du ißt kein Fleisch, vielleicht nimmst du Gemüse oder Obst?« »Ich danke, Majestät ... Verzeihung, ich möchte Euch nur um eine kurze Unterredung bitten...« Der König blickte ihn forschend an. »Was hast du, mein Freund? Bist du am Ende krank?« Er fühlte ihn beiseite und fragte, auf die Schwester hinweisend: »Wird sie uns stören?« »O nein«, erwiderte der Künstler, sich vor Marguerite verneigend. »Ich wage zu hoffen, daß Ihre Hoheit meine Fürsprecherin sein wird ...« »Sprich. Du weißt, ich freue mich immer ...« »Es handelt sich noch immer um dasselbe, Sire, um das Bild, das Ihr kaufen wolltet, um das Porträt der Monna Lisa...« »Wie? schon wieder? Warum hast du es mir nicht gleich gesagt? Du bist ein Kauz! Ich dachte, wir hätten uns über den Preis geeinigt.« »Es handelt sich nicht um Geld, Majestät ...« »Um was denn?« Unter dem gleichgültig freundlichen Blick des Königs fühlte Leonardo wieder die Unmöglichkeit, von der Gioconda zu reden. »Gnädiger Fürst«, sagte er endlich, die Worte mit Anstrengung herausbringend. »O Fürst, seid barmherzig, nehmt mir dieses Bild nicht! Es gehört so wie so Euch, und ich will kein Geld: laßt es mir nur eine Zeitlang – bis zu meinem Tode ...« Er blieb stecken, kam nicht zu Ende und sah Marguerite mit verzweifeltem Flehen an. Der König runzelte achselzuckend die Stirne. »Sire«, ergriff die Prinzessin für den Künstler Partei, »erfüllt die Bitte des maître Léonard. Er hat es verdient, seid gnädig!« »Auch Ihr seid für ihn, auch Ihr? Es ist ja eine ganze Verschwörung!« Sie legte die Hand auf die Schulter des Bruders und flüsterte ihm ins Ohr: »Wieso seht Ihr es nicht? Er liebt sie noch jetzt ...« »Sie ist doch tot!« »Was tut das? Liebt man denn die Toten nicht? Ihr habt doch selbst gesagt, daß sie auf dem Bilde lebendig sei. Seid gütig, lieber Bruder, laßt ihm das letzte Andenken an das Vergangene, kränkt den Alten nicht.« In der Seele des Königs regte sich etwas Halbvergessenes, etwas, das an Schule und Bücher gemahnte, an den ewigen Bund der Seelen, an überirdische Liebe, an ritterliche Treue: er wollte großmütig sein. »In Gottes Namen, maître Léonard«, sagte er mit einem etwas spöttischen Lächeln, »dein Trotz ist wohl nicht zu beugen. Du hast es verstanden, dir eine Fürbitterin zu finden. Du kannst ruhig sein: ich werde deinen Wunsch erfüllen. Merke dir nur das Eine: das Bild gehört mir und das Geld dafür bekommst du im vorhinein.« Und er klopfte ihn auf die Schulter. »Fürchte also nichts, mein Freund: ich gebe dir mein Wort darauf; niemand wird dich von deiner Lisa trennen!« Marguerite traten Tränen in die Augen: mit einem leisen Lächeln reichte sie dem Künstler die Hand, die er schweigend küßte. Es ertönte Musik; der Ball begann; die Paare drehten sich im Kreise. Und niemand dachte mehr an den seltsamen, fremden Gast, der sie wie ein Schatten gestreift hatte und in dem Dunkel der sternenlosen, schwarzen und gleichsam unterirdischen Nacht wieder verschwunden war. IX. Francesco Melzi mußte sich vom königlichen Notar der Stadt Amboise, Maître Guillaume Boro, verschiedene Urkunden ausstellen lassen, um eine ihm von einem entfernten Verwandten zugefallene kleine Erbschaft anzutreten. Dieser liebenswürdige Mann war Leonardo freundschaftlich gesinnt. Als er sich einst mit Francesco über die letzten Arbeiten des Meisters unterhielt, bemerkte er scherzhaft, daß in seinem eigenen Hause ein seltsamer Maler aus den hyperboräischen Ländern wohne. Und als Francesco ihn auszufragen begann, führte er ihn auf den Boden und zeigte ihm hier in dem großen niederen Raume neben dem Taubenschlag, in der Nische des Dachfensters – die winzige Ikonenwerkstätte des Ewtichij Passejewitsch Gagara. Francesco wollte den Meister, der in den letzten Tagen besonders nachdenklich schien, erheitern; er erzählte ihm von der Werkstätte des barbarischen Malers, wie von einer Kuriosität und riet ihm, sie sich bei Gelegenheit anzusehen. Leonardo erinnerte sich noch an das Gespräch, das er in Mailand, im Schlosse des Moro beim Feste des goldenen Zeitalters mit dem russischen Gesandten Nikita Karatschjarow über das ferne Moskowien geführt hatte; er wollte nun auch einen Künstler aus diesem halb märchenhaften Lande sehen. Eines Abends, bald nach dem Besuche Franz I. in seiner Werkstätte, begab sich Leonardo, von Francesco Melzi begleitet, zu Maître Guillaume. An diesem Abend wohnten die Kameraden Ewtichijs einem Maskenball im Schloß bei. Auch Ewtichij hatte die Absicht, hinzugehen; doch Ilja Potapytsch, der selbst bei dem Feste anwesend sein mußte, riet ihm davon ab: »Wenn bei den hiesigen schamlosen welschen Sitten Männlein und Weiblein in garstigen Larven und in Maskengewändern zu gräßlichen Trinkgelagen zusammenkommen, finden sich auch Gotteslästerer mit Harfen, Geigen, Schalmeien und Tamburinen ein – sie toben und springen und singen unzüchtige Lieder: jeder Mann reicht einem fremden Weib mit Küssen den Becher; die Hände verschlingen sich, die bösen heimlichen Reden verstricken sich und der Teufelsbund ist geschlossen ...« Ewtichij war übrigens nicht aus Furcht vor Verführung zu Hause geblieben, sondern weil er in der Einsamkeit an der neuen Ikone »Alles was Odem hat, lobe den Herrn!« arbeiten wollte. Er saß auf seinem gewohnten Platz am Fenster und nahm gerade die Arbeit in Angriff. Alle handwerksmäßigen Verrichtungen in der Kunst waren ihm nicht weniger heilig und teuer als die höchsten Regeln. Er sorgte nicht nur für die Schönheit, sondern auch für die Dauerhaftigkeit und malte seine Ikonen so, daß Jahrhunderte verstreichen konnten, ohne ihnen zu schaden. Er wählte sich gewöhnlich Linden- oder Ahornholz, von der gleichmäßigsten weißen Farbe, und zwar solches, das auf einem hohen, trockenen Platz gewachsen war und deshalb nicht leicht faulte; er füllte die Fugen sorgfältig aus, imprägnierte das Brett mit festem Störleim, überzog es mit einer Lage weicher alter Leinwand und trug in Schichten die dünne Grundfarbe auf. Diese mußte durchaus ohne Kreide sein, die nur von solchen Meistern gebraucht wurde, die mehr an die Billigkeit als an die Dauerhaftigkeit ihrer Werke dachten; es mußte vielmehr die teuerste, härteste und zarteste Alabasterfarbe sein; er ließ sie trocknen und rieb sie mit Schachtelhalmen ab. Dann zeichnete er mit einem dünnen Pinsel mit Tusche den Umriß des alten Vorbildes und um sich späterhin, während des Malens nicht zu irren, umzog er den ganzen Umriß mit feinen Rillen, die er mittels eines spitzen Nagels hineinkratzte. Schließlich bereitete er die Farben; er löste sie in Eidotter auf und rieb sie auf irdenen Scherben und Muscheln; die zartesten aber bereitete er auf den eigenen Fingernägeln, die ihm die Palette ersetzten. Darauf begann er zu malen, zuerst alles außer den menschlichen Gesichtern: die Berge als runde, flache Mützen, die Bäume als Pilze, die Gräser als gefiederte, schwarzrote Algen, mit den blauen Punkten des Vergißmeinnichts, die Wolken als unregelmäßige weiße Kreise; er trug auf die Gewänder zuerst dunkelbraune Farbe auf, bezeichnete dann die Falten und machte die erhöhten Stellen weiß. Die goldenen Ornamente auf den Gewändern der Engel und Heiligen vergoldete er ebenso wie die Schnörkel und feinsten Grashalme mittels einer Nadel mit geschabtem Dukatengold. Bis auf die Gesichter war schon alles fertig. An diesem Abend wollte er den wichtigsten und schwierigsten Teil des Werkes in Angriff nehmen: das Malen der menschlichen Gesichter. Er malte sie ebenso wie die Gewänder Zuerst mit dunkler Farbe, dann belebte er sie allmählich mit den drei Gesichtsockerfarben, von denen jede immer heller als die vorhergehende war. Zum Schluß schminkte er »die Bäckchen, die Lippen, das Bärtchen, das Mündchen und das Hälschen« rot. Er begnügte sich nicht mit den schroffen weißen Pinselstrichen der alten Nowgoroder Schule und strebte nach der neuen Art des Meisters Rubljow, die an die alt byzantinische erinnerte und vollkommener war; sie wurde von den damaligen Meistern »wolkig mit Schmelz« bezeichnet. Die rosige Ockerfarbe ging bei ihm in feine, lichte Schatten über; besonders sorgte er aber für wohlgestaltete Männer; ihr Part war bald kurz und kraus, bald lang bis an die Füße reichend, bald breit und auf beide Schultern zurückgeschlagen, bald »struppig mit Zotteln«, bald »rauchig«, oder mit braunen und grauen Haarsträhnen; ihr Gesichtsausdruck war hoheitsvoll ernst, oder leidvoll und zart. Er hatte sich ganz in die Arbeit vertieft, als plötzlich hinter dem Fenster das Rascheln und Zittern von Taubenflügeln ertönte, Ewtichij wußte, daß die Nachbarin, die junge Frau des alten Bäckers, die Vögel fütterte. Er sah sie oft verstohlen an. Sie stand zwischen Fliederzweigen, im dunklen Viereck des offenen Fensters über dem Vorgarten, ihr Hals war entblößt und er sah von oben in dem Ausschnitt ihres Kleides die Teilung der Brüste und den warmen Schatten dazwischen, sowie auch die kaum merklichen Sommersprossen auf der weißen Haut und die roten Haare, die in der Sonne wie Gold schimmerten. »Kind, schaue nicht auf Weiberschönheit,« fielen ihm Ilja Potapytsch's Worte ein, »denn diese Schönheit ergötzt zuerst wie Honig und ist nachher bitterer als Wermut und Galle. Erhebe deine Augen nicht zu ihr, auf daß du nicht zugrunde gehst. Kind, fliehe vor der Weiberschönheit ohne zu verweilen, wie Noah vor der Sintflut und Lot vor Sodom und Gomorrha. Denn was ist das Weib? Ein vom Teufel erschaffenes Netz, das durch Süßigkeiten lockt, eine mutwillige Verleumderin der Heiligen, ein Satansfest, ein Schlangenlager, eine Teufelsblume, eine unheilbare Krankheit, eine brünstige Ziege, ein Nordwind, ein Regentag, eine Judenherberge. Es ist besser an Fieber zu kranken, als von einem Weibe besessen zu sein: Das Fieber schüttelt einen und läßt dann wieder los, das Weib zehrt aber, bis man tot ist. Das Weib ist wie die Katze: hier schmerzt es und dort juckt es. Wenn du sie bändigst, widersteht sie dir, wenn du sie schlägst, rast sie wie der Teufel. Böser als alles Böse ist ein böses Weib.« Ewtichij fuhr fort, die Nachbarin zu betrachten und lächelte ihr sogar unbewußt zu. Als er dann zu seiner Arbeit zurückkehrte, malte er eine der heiligen Märtyrerinnen auf der Ikone mit goldroten Haaren, wie die hübsche Bäckerin sie hatte. Auf der Stiege ertönten Stimmen. Wlassij, der alte Gesandtschaftsdolmetscher, trat ein und ihm folgten der Hausbesitzer Maître Guillaume Boro, Francesco Melzi und Leonardo. Als Wlassij Ewtichij mitteilte, daß die Gäste sich seine Werkstätte anschauen wollten, wurde er verlegen und erschrak beinahe. Während die Gäste sich in seiner Werkstätte umsahen, stand er schweigend mit niedergeschlagenen Augen da und richtete nur ab und zu einen verstohlenen Blick auf Leonardo, dessen Gesicht auf ihn einen mächtigen Eindruck machte und ihn an das Antlitz des Propheten Elias, wie er im »Handbuch der Ikonenmalerei« dargestellt war, erinnerte. Nachdem Leonardo die Einrichtung der winzigen Werkstätte, die noch nie gesehenen Pinsel, Feilen, Brettchen, Muscheln mit Farben, Näpfchen mit Leim und Firniß besichtigt hatte, lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Ikone »Alles, was Odem hat, lobe den Herrn«. Obwohl Wlassij, der mehr verwirrte als erklärte, den Sinn der Inschriften nicht zu übersetzen vermochte, begriff der Künstler doch den Vorwurf der Ikone und wunderte sich darüber, daß dieser Barbar, der Sohn »eines tierischen Stammes«, wie die italienischen Reisenden die Russen nannten, an die Grenzen der ganzen menschlichen Weisheit gerührt hatte: war denn derjenige, der auf dem Throne über den Sphären der sieben Planeten saß und von allen Stimmen der Natur, den Stimmen des Himmels und der Hölle, des Feuers und des Sturmwindes, der Pflanzen und der Menschen und der Engel gepriesen wurde, nicht der »Urheber der ersten Bewegung« der göttlichen Mechanik, der Primo Motore von Leonardo selbst? Der Meister betrachtete mit großer Aufmerksamkeit und Neugierde auch das Handbuch mit den Vorlagen für die Ikonenmalerei, ein großes Heft, mit in Kohle und roter Tinte skizzierten Darstellungen von Ikonen. Hier sah er verschiedene russische Madonnen: die »Linderin meiner Schmerzen«, die »Freude aller Leidtragenden«, die »Frohlockung«, die »Zerknirschung« und die »Lebenbringende Quelle«, wo die Jungfrau an einem Wasserfall steht, aus dem alle Geschöpfe ihren Durst stillen; die »Dolorosa« mit dem Jesukinde, das sich, wie entsetzt, von dem Kreuze, das ihm ein trauernder Erzengel darbietet, abwendet; den Heiland »mit dem nassen Bart«, mit geraden, sich nicht kräuselnden Haaren, – das wundertätige abgeprägte Bildnis auf dem Schweißtuche, mit dem sich der Herr sein Antlitz abwischte, als er nach Golgatha ging; und den Heiland »das Heilige Schweigen« mit den auf der Brust gefalteten Händen. Leonardo fühlte, daß es keine Malerei sei oder wenigstens nicht das, was er für Malerei hielt: aber ungeachtet der Unvollkommenheit der Zeichnung, der Verteilung von Licht und Schatten, der Perspektive und Anatomie war hier ebenso wie auf den alten byzantinischen Mosaiken (Leonardo hatte sie in Ravenna gesehen) eine Kraft des Glaubens enthalten, die älter und zugleich jünger erschien als die in den frühesten Werken der italienischen Meister Cimabue und Giotto; es lag darin eine Vorahnung einer neuen, großen Schönheit; wie eine geheimnisvolle Dämmerung, in der der letzte Strahl der hellenischen Anmut mit dem ersten Strahl eines noch unbekannten Morgens verschmolz. Die Wirkung dieser manchmal plumpen, barbarischen, seltsamen, halbwilden und zugleich durchgeistigten, wie die Traumbilder eines Kindes zarten und durchsichtigen Gestalten war wie die von Musik; selbst wenn sie die Naturgesetze verletzten, streiften sie die Welt des Übermenschlichen. Besonders fielen dem Künstler zwei Darstellungen von Johannes dem Täufer auf: auf der einen trug der Heilige in der linken Hand eine goldene Schale mit dem urewigen Kinde, auf das er mit der rechten Hand hinwies: »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt«; auf der zweiten Darstellung mit »der Enthauptung« wies er den Naturgesetzen zum Trotz zwei Köpfe auf: einen lebendigen auf den Schultern und einen zweiten, toten in einem Gefäß, das er in den Händen trug, wie zum Zeichen dessen, daß der Mensch nur nach der Abtötung alles Menschlichen die Schwingen des Übermenschlichen erlangen kann. Beide Antlitze waren seltsam und furchtbar: der Blick der weit geöffneten Augen erinnerte an den in die Sonne gerichteten Blick eines Adlers; Bart und Haare flogen wie im starken Wind; das zottige Kamelhaargewand erinnerte an Vogelgefieder; die nur mit Haut bedeckten Knochen der abgemagerten, übermäßig langen, dünnen Arme und Beine erschienen leicht, wie zum Fliegen bestimmt, als wären sie innen hohl und leer wie die Knorpel und Knochen von Vögeln; die beiden Riesenflügel hinter den Schultern erinnerten an die Flügel des Schwanes oder jenes großen Vogels , von dem Leonardo sein ganzes Leben geträumt hatte. Und dem Künstler fielen die in Giovanni Beltraffios Tagebuch angeführten Worte des Propheten Maleachi ein: »Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehret, siehe, er kommt.« X. Gleich nach der Abreise des Königs stellte sich in Amboise die gewohnte Stille und Öde ein. Man hörte nur das gemessene, metallene Schlagen der Uhr auf dem Turme Harloge, und in den Abendstunden das Geschrei der wilden Schwäne auf den Sandbänken der spiegelglatten, den blaßgrünen Himmel wiederspiegelnden Loire. Leonardo arbeitete wie bisher an Johannes dem Täufer. Die Arbeit ging aber, je mehr sie fortschritt, immer langsamer und schwieriger vonstatten. Francesco schien es manchmal, daß der Meister Unmögliches erstrebe. Mit derselben Kühnheit, mit der er einst in Monna Lisa das Geheimnis des Lebens enthüllt hatte, erforschte er jetzt in diesem auf das Kreuz von Golgatha hinweisenden Johannes dasjenige, worin Tod und Leben zu einem einzigen, noch größeren Geheimnis zusammenschmelzen. Manchmal in der Dämmerung nahm Leonardo die Hülle von der Gioconda und betrachtete sie lange wie auch den daneben stehenden Johannes, als vergleiche er sie miteinander. Und dann schien es manchmal dem Schüler, – vielleicht war es nur ein Spiel von Licht und Schatten –, daß der Gesichtsausdruck beider, des Jünglings und des Weibes sich verändere, daß sie gleich Gespenstern aus der Leinwand herausträten, unter dem unverwandten Blick des Meisters von einem übernatürlichen Leben erfüllt würden und daß Johannes der Monna Lisa und Leonardo selbst, wie er in seiner Jugend war, ähnlich werde, wie ein 5ohn seinen Eltern ähnlich sieht. Die Gesundheit des Meisters ließ zu wünschen übrig, vergeblich flehte Melzi ihn an, sich auszuruhen und die Arbeit zu unterbrechen. Leonardo wollte nichts von Ruhe hören. Einmal im Herbst 1518 fühlte er sich besonders unwohl. Er überwand jedoch Krankheit und Müdigkeit und arbeitete den ganzen Tag durch; er machte nur früher als sonst Schluß und bat Francesco, ihn in das im oberen Stockwerk gelegene Schlafgemach zu geleiten: die hölzerne Wendeltreppe war steil; infolge häufiger Schwindelanfälle traute er sich nicht mehr ohne fremde Hilfe hinaufzusteigen. Francesco stützte auch an diesem Abend den Meister. Leonardo ging langsam, mit Anstrengung, und blieb nach jeden zwei, drei Stufen stehen, um Atem zu holen. Plötzlich schwankte er und stützte sich mit der ganzen Schwere seines Körpers auf den Schüler. Dieser sah, daß ihm nicht wohl sei und rief nach dem alten Diener, Battisto Villanis, da er fürchtete, den Meister nicht allein halten zu können. 5ie faßten ihn beide, er sank in ihre Arme und sie riefen um Hilfe; als noch zwei Diener herbeigeeilt kamen, trugen sie den Kranken in das Schlafgemach. Er blieb sechs Wochen zu Bette, wobei er, wie gewöhnlich, von ärztlicher Behandlung nichts wissen wollte. Die rechte Körperhälfte war gelähmt und die rechte Hand war steif. Zu Beginn des Winters besserte sich sein Befinden. Die Besserung ging jedoch schwer und langsam vor sich. Leonardo hatte sein ganzes Leben lang beide Hände, die linke ebenso wie die rechte, gebraucht, und sie waren ihm beide für seine Arbeit notwendig: mit der linken zeichnete er, mit der rechten malte er seine Bilder. Was von der einen geleistet wurde, konnte von der anderen nicht ausgeführt werden; auf dieser Verbindung zweier entgegengesetzter Kräfte beruhte, wie er behauptete, seine Überlegenheit andern Künstlern gegenüber. Doch jetzt, da die Finger seiner rechten Hand infolge des Schlaganfalls gelähmt waren, so daß er sie fast nicht gebrauchen konnte, fürchtete er, auf das Malen ganz verzichten zu müssen. Er stand in den ersten Tagen des Dezember vom Bett auf, ging zuerst in den oberen Räumen herum und stieg dann in die Werkstätte hinab; zur Arbeit kehrte er jedoch noch nicht zurück. Eines Tages in der stillen Stunde, als alle im Hause ihre Nachmittagsruhe hielten, ging Francesco, der den Meister nach etwas fragen wollte und ihn in den oberen Räumen nicht fand, in die Werkstätte hinunter, öffnete vorsichtig die Tür und schaute hinein. In der letzten Zeit war Leonardo, der düsterer und menschenscheuer als je geworden, mit Vorliebe allein in seinem Zimmer, das niemand, ohne vorher anzuklopfen, betreten durfte; er schien zu fürchten, beobachtet zu werden. Francesco sah durch die halb geöffnete Tür, wie er vor dem Johannes stand und mit der kranken Hand zu malen versuchte: sein Gesicht war in einer verzweifelten Anstrengung wie durch einen Krampf verzerrt; die Winkel der fest zusammengepreßten Lippen waren gesenkt; er runzelte die Brauen; die grauen Haarsträhnen klebten an der schweißbedeckten Stirne. Die steifen Finger gehorchten ihm nicht: der Pinsel zitterte in der Hand des großen Meisters, wie in der Hand eines unerfahrenen Schülers. Francesco betrachtete voll Entsetzen, mit verhaltenem Atem, ohne eine Bewegung zu wagen, diesen letzten Kampf des lebendigen Geistes mit dem sterbenden Fleische. XI. Der Winter war in jenem Jahre streng; der Eisgang zerstörte die Brücken auf der Loire; die Menschen erfroren auf den Landstraßen; die Wölfe kamen bis in die Vorstadt; der alte Gärtner versicherte, er hätte sie im Garten des Schlosses Du Cloux gesehen: man konnte des Nachts das Haus nicht ohne Waffen verlassen; die Zugvögel fielen tot herunter. Als Francesco eines Morgens auf die Außenstiege hinaustrat, fand er im Schnee eine halberfrorene Schwalbe und brachte sie dem Meister. Dieser erwärmte sie mit seinem Atem und richtete ihr in einer warmen Ecke hinter dem Herde ein Nest ein, um sie im Frühjahr in Freiheit zu setzen. Er machte keine Versuche mehr, seine Arbeit wieder aufzunehmen: den unvollendeten Johannes versteckte er zugleich mit den übrigen Bildern, Zeichnungen, Pinseln und Farben in den verborgensten Winkel der Werkstätte. Die Tage verstrichen in Müßiggang. Manchmal besuchte ihn der Notar, Maître Guillaume; er sprach von der bevorstehenden Ernte, von der Salzteuerung, davon, daß bei den Schafen von Languedoc die Wolle länger wäre, während diejenigen von Berny und Limousin ein besseres Fleisch hätten; oder er erklärte der Köchin Maturina, wie man die jungen Hasen an einem leicht beweglichen Knochen in den Vorderläufen von den alten unterscheiden könne. Es besuchte ihn auch ein Franziskanermönch, der Beichtvater Francesco Melzis, Fra Guglielmo, der aus Italien stammte und sich vor langer Zeit in Amboise angesiedelt hatte. Der schlichte, lustige und freundliche Alte erzählte ausgezeichnet alte Novellen von den Florentiner Schelmen und Spaßvögeln. Leonardo lauschte ihm und lachte dabei ebenso gutmütig wie der Mönch selbst. Sie spielten an den langen Winterabenden Dame, Hölzchenspiel und Karten. Es dämmerte früh; durch die Fenster fiel bleiernes Licht herein; die Gäste gingen fort. Dann ging Leonardo stundenlang im Zimmer auf und ab; zuweilen schaute er zu dem Mechaniker Zaroastro da Peretola hinüber. Jetzt war dieser Krüppel mehr denn je ein lebendiger Vorwurf, ein Hohn auf die Mühe des ganzen Lebens des Meisters – auf die Erschaffung von Menschenflügeln. Astro saß, wie gewöhnlich, zusammengekauert in einer Ecke und wickelte ein langes Leinenband um ein rundes Stäbchen; er sägte Klötzchen und schnitzte Kreisel; oder er wiegte sich mit geschlossenen Augen langsam hin und her, bewegte blöde lächelnd die Arme wie Flügel und summte wie im Traume immer ein und dasselbe Liedchen durch die Nase: Kraniche, Stare, Falken und Aare. Die Sonne winkt. Die Erde versinkt, Kraniche, Stare, Falken und Aare. Dieses wehmütige Liedchen stimmte ihn noch trauriger, und das kalte Dämmerlicht erschien ihm noch hoffnungsloser. Endlich wurde es ganz dunkel. Im Hause trat Stille ein. hinter den Fenstern heulte der Sturm und ächzten die nackten Äste der alten Bäume; diese Laute klangen wie ein Gespräch böser Riesen. Zu dem Heulen des Windes gesellte sich ein anderes, noch kläglicheres, wohl das Heulen der Wölfe an der Waldlichtung. Francesco machte im Kamin Feuer und Leonardo setzte sich zu ihm. Melzi spielte gut die Laute und hatte eine angenehme Stimme. Er bemühte sich manchmal, die düsteren Gedanken des Meisters durch Musik zu vertreiben. Einmal sang er ihm das von Lorenzo Medici verfaßte alte Lied, welches den sogenannten Trionfo, – den Karnevalszug von Bacchus und Ariadne – begleitet hatte; ein unendlich freudiges und trauriges Liebeslied, das Leonardo liebte, weil er es in der Jugend oft gehört hatte: Wie so herrlich ist die Jugend, Doch so flüchtig! Laß die Sorgen, Willst du glücklich sein, so sei es, Und verschieb es nicht auf morgen. Der Meister lauschte mit gesenktem Haupte: vor ihm erstand eine Sommernacht mit kohlschwarzen Schatten, grelles, beinahe weißes Mondlicht in einer menschenleeren Straße, er hörte Lautentöne vor einer Marmorloggia und das gleiche Liebeslied. Gedanken an die Gioconda tauchten vor ihm wieder auf. Der letzte Ton zitterte, verklang und verschmolz mit dem Getöse und Dröhnen des Schneesturmes. Als Francesco, der zu den Füßen des Meisters sah, zu ihm die Augen erhob, sah er über das greise Antlitz Tränen fließen. Zuweilen nahm Leonardo seine Tagebücher wieder vor und notierte neue Gedanken darüber, was ihn jetzt am meisten beschäftigte – über den Tod: »Jetzt siehst du, daß deine Hoffnung und dein Wunsch, in die Heimat, zum früheren Sein zurückzukehren, dem Streben des Schmetterlings nach dem Feuer gleicht; der Mensch, der in ununterbrochenen Wünschen, in freudiger Ungeduld stets ein neues Frühjahr, einen neuen Sommer, neue Monde und neue Jahre herbeiwünscht und wähnt, das Erwartete habe sich nur verspätet, will nicht einsehen, daß er nur seinen eigenen Verfall und sein Ende herbeiwünscht. Doch dieser Wunsch ist das Wesen der Natur – die Seele der Elemente, die sich in der menschlichen Seele eingekerkert fühlt, und aus dem Leibe ewig zu dem, der sie gesandt hat, zurückstrebt.« »In der Natur gibt es nichts als Kraft und Bewegung; die Kraft ist aber der Wille zum Glück – die ewige Sehnsucht der Welt nach dem letzten Gleichgewicht, nach dem Urheber der ersten Bewegung.« »Wenn das Gewünschte mich mit dem Wünschenden vereinigt, wird der Wunsch gestillt und daraus erwächst eine Freude: so ruht der Liebende, wenn er sich mit der Geliebten vereinigt hat, so ruht das Gewicht, wenn es gefallen ist.« »Der Teil will sich stets mit dem Ganzen vereinigen, um der Unvollkommenheit zu entrinnen: Die Seele wünscht stets im Körper zu bleiben, da sie ohne seine Organe weder handeln, noch fühlen kann. Doch bei der Zerstörung des Leibes wird die Seele nicht zerstört; sie wirkt im Körper ebenso wie der Wind in den Orgelpfeifen: wenn eine der Pfeifen zerstört ist, kann der Wind keinen richtigen Ton hervorbringen.« »Ebenso wie ein nützlich verwendeter Tag zu einem freudigen Schlafe führt, führt auch ein gut gelebtes Leben zu einem freudigen Tode.« »Jedes gut gelebte Leben ist ein langes Leben.« »Jedes Übel hinterlaßt in der Erinnerung eine Bitternis, außer dem allergrößten – dem Tod, der zugleich mit dem Leben auch die Erinnerung zerstört.« »Als ich glaubte, das Leben kennen zu lernen, lernte ich nur das Sterben.« »Die äußere Notwendigkeit der Natur entspricht der inneren Notwendigkeit der Vernunft: Alles ist vernünftig, alles ist gut, denn alles ist notwendig.« »Dein Wille geschehe, Vater unser, auf Erden wie im Himmel.« Auf diese Weise rechtfertigte er im Tode die göttliche Notwendigkeit – den Willen des Urhebers der ersten Bewegung. Doch in der Tiefe seines Herzens empörte sich etwas, es konnte und wollte sich nicht der Vernunft fügen. Einst träumte ihm, er wäre als scheintot begraben, im Sarge unter der Erde erstickend, erwacht und hätte sich mit einer verzweifelten Anstrengung mit den Händen gegen den Sargdeckel gestemmt. – Am nächsten Morgen erinnerte er Francesco an seinen Wunsch, nicht eher begraben zu werden, als bis die ersten Anzeichen der Verwesung erschienen. In den Winternächten, wenn er den Sturm stöhnen hörte und die Kohlenglut im Herde verglimmen sah, dachte er an seine Kinderjahre in dem Dorfe Vinci zurück, an den unendlich fernen und freudigen, gleichsam lockenden Schrei der Kraniche: »fliegen wir! fliegen wir!«, den harzigen Duft des Heidekrauts, den Blick auf Florenz, das unten im sonnigen Tal lag, durchscheinend violett wie ein Amethyst und so klein, daß es zwischen zwei goldigen Zweigen des die Abhänge des Monte Albano bedeckenden Gebüsches Platz fand. – Da fühlte er, daß er das Leben noch immer liebte, daß er, ein Halbtoter, sich noch immer daran klammerte und den Tod als eine schwarze Grube fürchtete, in die er, wenn nicht heute, so morgen mit dem Schrei des letzten Entsetzens stürzen könnte. Eine solche Wehmut schnürte ihm das Herz zusammen, daß er hätte weinen können, wie ein kleines Kind. Alle Tröstungen der Vernunft, alle Worte von der göttlichen Notwendigkeit, von dem Willen des Urhebers der ersten Bewegung erschienen ihm jetzt verlogen; sie verflogen wie Rauch vor seinem sinnlosen Entsetzen. Die dunkle Ewigkeit, die Geheimnisse der überirdischen Welt würde er für einen einzigen Sonnenstrahl, für einen Hauch des vom Duft knospender Blätter erfüllten Frühlingswindes, für einen einzigen Zweig mit den goldgelben Blüten vom Monte Albano hingeben. Des Nachts, wenn sie allein blieben und nicht schlafen wollten, – Leonardo litt in letzter Zeit an Schlaflosigkeit – las ihm Francesco aus dem Evangelium vor. Dieses Buch war ihm noch nie so neu, so ungewöhnlich und von den Menschen so mißverstanden erschienen. Manche Stellen wurden, wenn er sich in sie hineindachte, zu tiefen Abgründen. Eine solche Stelle war im vierten Kapitel des Evangeliums Lukas. Als der Herr die beiden ersten Versuchungen, – mit dem Brote und der Macht – besiegt hatte, versuchte ihn der Teufel mit den Flügeln: »Und er führte ihn gen Jerusalem, und stellte ihn auf des Tempels Zinne, und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so laß' dich von hinnen hinunter; denn es stehet geschrieben: Er wird befehlen seinen Engeln von dir, daß sie dich bewahren, und auf den Händen tragen, auf daß du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest. – Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesaget: Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.« Dieses Wort erschien jetzt Leonardo als die Antwort auf die Frage seines ganzen Lebens: ob die Menschen je Flügel haben werden? »Und da der Teufel alle Versuchung vollendet hatte, wich er von ihm eine Zeitlang .« »Eine Zeitlang? Was bedeutet das?« dachte Leonardo, »Wann wird der Teufel wieder an ihn herantreten?« Andere Worte, die ihm als von dem größten Ärgernis erfüllt erscheinen konnten und seiner Erfahrung und seinem Wissen von den Gesetzen der natürlichen Notwendigkeit am meisten widersprachen, beirrten ihn nicht: »So ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Heb' dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben.« Er war stets der Ansicht gewesen, daß das letzte, den Menschen vielleicht unerreichbare Wissen und der letzte ebenso unerreichbare Glaube auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziele führen müßten: Zu der Verschmelzung der inneren Notwendigkeit mit der äußeren, des menschlichen Willens mit dem Willen Gottes. Wer mit dem wahren Glauben zum Berge sprechen würde: »Hebe dich auf und wirf dich ins Meer,« der weiß , daß es nicht anders als nach seinem Wort geschehen kann; für ihn ist das Übernatürliche – natürlich. War aber der verwundende Stachel dieser Worte nicht darin enthalten, daß es schwieriger ist, »Glauben als ein Senfkorn« zu haben, als zu dem Berge zu sagen: »Hebe dich auf und wirf dich ins Meer«? Er bemühte sich vergeblich, auch ein anderes, noch geheimnisvolleres Wort des Heilands zu erfassen: »Ich preise dich, Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen offenbaret. Ja, Vater; denn es ist also wohlgefällig gewesen von dir.« Wenn Gott ein Geheimnis hat, das er den Kindern offenbart, wenn vollkommene Einfalt nicht vollkommene Weisheit ist, warum heißt es dann in demselben Buch: »Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben?« Zwischen diesen beiden Worten öffnete sich wieder ein Abgrund. Und dann hieß es noch: »Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! – Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr alles bedürfet. So wird euch solches alles zufallen.« Leonardo gedachte seiner Erfindungen, Entdeckungen und Maschinen, welche dem Menschen zur Macht über die Natur verhelfen sollten, und er fragte sich: »Ist denn das alles wirklich nur Sorge um den Leib? um das Essen, das Trinken und die Kleidung? nur der Dienst des Mammons? Und ist in menschlicher Arbeit nichts als Nutzen enthalten? Und wenn die Liebe Maria ist, die das gute Teil erwählt hat, zu den Füßen Jesu sitzt und seiner Rede zuhört, ist dann die Weisheit nur die Martha, die viele Sorge und Mühe hat, während eins nur not ist? Er wußte übrigens aus eigener Erfahrung, daß in der tiefsten Weisheit, ebenso wie auf dem schlüpfrigen Rand eines Abgrundes, die furchtbarsten und unüberwindlichsten Versuchungen wohnen. Er gedachte dieser Geringsten, seiner eigenen Schüler, Cesare, Astro, Giovanni, die von ihm verführt, vielleicht durch seine Schuld zugrunde gegangen waren, als er diese Worte hörte: »Wer aber ärgert dieser Geringsten Einen, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist. – Weh der Welt der Ärgernis halber! Es muß ja Ärgernis kommen; doch weh dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!« Hieß es aber denn nicht in demselben Buch: »Und selig ist, der sich nicht an mir ärgert. – Meinet ihr, daß ich herkommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht!« Am meisten entsetzte er sich über die Erzählung des Matthäus und Markus von dem Tode Christi: »Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land bis zu der neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – Jesus schrie abermals laut und verschied.« » Warum hast du mich verlassen? « dachte Leonardo, »War dieser dem Vater geltende Todesschrei des Sohnes, der gesagt hat: ›Ich und der Vater sind eines,‹ nur seinen Feinden oder auch anderen Menschen als der Schrei der letzten Verzweiflung erschienen? Und wenn man seine ganze Lehre auf die eine Wagschale legte, und diese vier Worte auf die andere, welche würde das Übergewicht haben?« Während er daran dachte, glaubte er schon die schwarze Grube vor sich zu sehen, in die er, wenn nicht heute, so morgen strauchelnd und mit dem Schrei des letzten Entsetzens hinabstürzen würde: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« XII. Zuweilen blickte er morgens beim Aufstehen durch die gefrorenen Scheiben auf die Schneehügel, den grauen Himmel, die bereiften Bäume und ihm schien, der Winter würde nie enden. Anfangs Februar aber kam ein warmer Hauch; auf der Sonnenseite der Häuser fielen von den herabhängenden Eiszapfen hell aufklatschende, durchsichtige Tropfen herunter. Die Spatzen zwitscherten; die Baumstämme wurden von den dunklen Kreisen des tauenden Schnees umringt; die Knospen schwollen an; und durch die jetzt durchsichtigeren Wolken schien zuweilen der blaßblaue Himmel durch. Des Morgens, wenn die schrägen Sonnenstrahlen in die Werkstätte drangen, stellte Francesco den Sessel des Meisters hinein, und der alte Mann saß stundenlang regungslos da und wärmte sich gesenkten Hauptes, die abgemagerten Hände im Schoß, sowohl diese Hände als das Gesicht mit den halbgeschlossenen Lidern drückten unendliche Müdigkeit aus. Die Schwalbe, die in der Werkstätte überwintert hatte, und ganz zahm geworden war, kreiste durch den Raum, setzte sich auf Leonardos Schulter oder Hand und ließ sich greifen und auf das Köpfchen küssen; dann flog sie wieder auf und schwirrte mit ungeduldigem Schreien herum, als fühle sie den Frühling nahen. Mit aufmerksamen Blicken verfolgte er jede Wendung ihres kleinen Körpers, jede Bewegung der Flügel, und der Gedanke an die menschlichen Flügel erwachte in ihm von neuem. Eines Tages öffnete er die große Truhe, die in einer Ecke der Werkstätte stand und begann in den Stößen von Papieren, Heften und zahllosen einzelnen Blättern mit Zeichnungen von Maschinen und fragmentarischen Notizen aus den von ihm verfaßten zweihundert »Büchern von der Natur« herumzustöbern. Sein ganzes Leben lang hatte er sich vorgenommen, dieses Chaos zu ordnen, die Fragmente durch einen gemeinsamen Gedanken zu verbinden und sie zu einem harmonischen Ganzen, zu einem großen Buch vom Weltgebäude zu vereinigen; – doch hatte er es stets aufgeschoben. Er wußte, daß sich hier Entdeckungen befanden, welche die Arbeit der Forschung um einige Jahrhunderte verkürzen, die Schicksale der Menschheit verändern und sie in andere Bahnen lenken könnten. Und zugleich wußte er auch, daß es nie eintreten würde: jetzt war es schon zu spät, alles würde ebenso fruchtlos, ebenso sinnlos zugrunde gehen wie das Heilige Abendmahl, das Sforzadenkmal und die Schlacht bei Anghiari. Denn auch in der Wissenschaft hatte er nur unbeschwingte Wünsche gehegt, nur begonnen und nichts vollendet; er hatte nichts erreicht und würde nichts erreichen, als ob ihn das spöttische Geschick für die Maßlosigkeit seiner Wünsche mit der Nichtigkeit seiner Taten bestrafen wollte. Er sah voraus, daß die Menschen das suchen würden, was er schon gefunden hatte; sie würden das entdecken, was er bereits entdeckt hatte; sie würden seine Wege gehen und seinen Spuren folgen, aber an ihm vorbeigehen, ihn vergessen, als hätte er überhaupt nie gelebt. Er suchte ein kleines, vor Alter vergilbtes Heft hervor, das »Von den Vögeln« betitelt war, und legte es beiseite. In den letzten Jahren hatte er sich beinahe gar nicht mit der Flugmaschine befaßt, doch stets an sie gedacht. Während er den Flug der gezähmten Schwalbe beobachtete, fühlte er einen neuen Gedanken in sich reifen; von der letzten, vielleicht wahnsinnigen Hoffnung erfüllt, daß seine ganze Lebensarbeit durch die Erschaffung von Menschenflügeln gerettet und gerechtfertigt werden würde, entschloß er sich, einen letzten Versuch vorzunehmen. Er nahm diese neue Arbeit mit derselben Beharrlichkeit und derselben fieberhaften Hast in Angriff, mit der er Johannes den Täufer gemalt hatte; er dachte nicht mehr an den Tod, überwand Schwäche und Krankheit, vergaß Schlaf und Nahrung und saß ganze Tage und Nächte über den Zeichnungen und Berechnungen. Manchmal schien es Francesco, es sei keine Arbeit, sondern das Delirium eines Wahnsinnigen. Mit wachsender Bangigkeit und Furcht blickte der Schüler auf das Antlitz des Meisters, das durch den Krampf einer verzweifelten, gleichsam wütenden Willensanstrengung verzerrt war und den Wunsch nach Unmöglichem, nach dem, was die Menschen nicht ungestraft wünschen dürfen, auszudrücken schien. Es verging eine Woche. Melzi wich nicht von seiner Seite und durchwachte ganze Nächte. Nach der dritten durchwachten Nacht bemächtigte sich Francescos eine tödliche Müdigkeit. Er kauerte auf dem Sessel vor dem erloschenen Kamin und schlummerte ein. Der Morgen graute durch die Fenster. Die Schwalbe war erwacht und zwitscherte. Leonardo saß mit der Feder in der Hand vor seinem kleinen Arbeitstisch, den Kopf über ein mit Ziffern beschriebenes Papierblatt gesenkt. Plötzlich schwankte er leise und seltsam; die Feder entglitt seinen Fingern; der Kopf begann immer tiefer zu sinken. Er machte eine Anstrengung, um aufzustehen und Francesco zu rufen; doch der kaum hörbare Schrei erstarb ihm auf den Lippen; er fiel plump und schwer mit seinem ganzen Körpergewicht auf den Tisch und warf ihn um. Die heruntergebrannte Kerze fiel zu Boden. Der durch den Lärm geweckte Melzi sprang auf. Im Morgendämmerlicht erblickte er den Meister neben dem umgestoßenen Tisch, der erloschenen Kerze und den verstreuten Papierblättern auf dem Boden liegen. Die Schwalbe kreiste erschrocken im Zimmer umher und berührte Decke und Wände mit den raschelnden Flügeln. Francesco wußte sogleich, daß es der zweite Schlaganfall sei. Der Kranke lag einige Tage bewußtlos und setzte im Delirium die mathematischen Berechnungen fort. Als er zu sich kam, verlangte er sofort nach den Zeichnungen der Flugmaschine. »Meister, das geht nicht, wenn Ihr es auch wünscht!« rief Francesco aus. »Ich sterbe lieber, als daß ich zulasse, daß Ihr die Arbeit wieder aufnehmt, ehe Ihr Euch ganz erholt habt ...« »Wo hast du sie hingelegt?« fragte der Kranke ärgerlich. »Wo ich sie auch hingelegt habe, dürft Ihr ruhig sein. Sobald Ihr gesund seid, gebe ich Euch alles sofort wieder.« »Wo hast du sie hingelegt?« wiederholte Leonardo. »Ich habe sie auf den Boden getragen und verschlossen.« »Wo ist der Schlüssel?« »Bei mir.« »Gib ihn her.« »Aber ich bitte, Messere, wozu braucht Ihr ihn denn?« »Gib ihn sofort her.« Francesco zögerte. In den Augen des Kranken flammte Zorn auf. Um ihn nicht zu reizen, gab ihm Melzi den Schlüssel. Leonardo versteckte ihn unter das Kissen und beruhigte sich. Sein Befinden besserte sich früher, als Francesco erwartet hatte. Es war anfangs April. Leonardo war den ganzen Tag über ruhig gewesen und hatte mit Fra Guglielmo Dame gespielt. Francesco war abends, durch die vielen schlaflosen Nächte ermüdet, auf der Bank zu Füßen des Meisters den Kopf an das Bett gelehnt, eingenickt. Plötzlich erwachte er, als hätte es ihm einen Ruck gegeben. Er lauschte und konnte den Atem des Schlafenden nicht wahrnehmen. Das Nachtlicht war erloschen. Er zündete es an und sah das Bett leer; er durchschritt alle oberen Räume des Hauses und weckte Battisto Villanis; auch dieser hatte Leonardo nicht gesehen. Francesco wollte schon nach unten, in die Werkstätte, gehen, als ihm die Papiere, die er auf dem Boden versteckt hatte, einfielen. Er lief hin, öffnete die unverschlossene Tür und erblickte Leonardo, der vor einer alten, ihm als Tisch dienenden Kiste halbangekleidet auf dem Boden saß. Er schrieb beim Scheine des Stumpfes einer Unschlittkerze, – er machte wohl Berechnungen für die Maschine; dabei murmelte er leise und schnell wie im Delirium. Dieses Murmeln, die brennenden Augen, die grauen, zerzausten Haare, die borstigen, in einer übermäßigen Gedankenanstrengung zusammengezogenen Brauen, die Winkel des eingefallenen Mundes, die mit dem Ausdruck greisenhafter Schwäche gesenkt waren, und das ganze Gesicht, das ihm so fremd und unbekannt erschien, als hätte er es nie zuvor gesehen, – das alles war so furchtbar, daß Francesco an der Türschwelle stehen blieb und nicht einzutreten wagte. Plötzlich ergriff Leonardo den Bleistift und durchstrich den mit Ziffern bedeckten Bogen so, daß die Bleistiftspitze abbrach; dann sah er sich um, gewahrte den Schüler und erhob sich bleich und wankend. Francesco stürzte zu ihm hin, um ihn zu stützen. »Ich habe dir gesagt,« sagte der Meister mit einem seltsamen, leisen Lächeln, »ich habe ja gesagt, Francesco, daß ich bald fertig bin. Nun, ich bin also fertig, ich bin mit allem fertig. Fürchte jetzt nichts, ich werde nichts mehr tun. Genug! Ich bin alt und dumm geworden, dümmer als Astro. Ich weiß nichts. Und das, was ich gewußt habe, habe ich vergessen. Was will ich denn noch mit den Flügeln... Zum Teufel damit, zum Teufel!...« Er nahm die Papierbogen vom Tisch, knitterte sie zusammen und zerriß sie voll Wut. Von diesem Tage an ging es mit ihm wieder bergab. Melzi ahnte, daß er diesmal nicht wieder aufstehen würde. Manchmal lag der Kranke ganze Tage lang bewußtlos, wie in tiefer Ohnmacht. Francesco war strenggläubig. Er glaubte voller Einfalt an alles, was die Kirche lehrte. Er allein war dem Einfluß jenes verderblichen Zaubers, »des bösen Auges« Leonardos entgangen, dem beinahe alle, die in seine Nähe kamen, unterlagen. Obwohl er wußte, daß der Meister die Gebräuche der Kirche nicht achtete, erriet er doch durch den Instinkt der Liebe, daß Leonardo nicht gottlos sei. Doch vertiefte er sich nicht in diese Frage und forschte nicht weiter nach. Jetzt entsetzte er sich aber bei dem Gedanken, daß der Meister ohne Beichte sterben könnte. Er hätte seine Seele hingegeben, um ihn zu erretten, er wagte jedoch nicht, mit ihm darüber zu sprechen. Als er eines Abends am Bette des Kranken saß und ihn mit dem ihn ununterbrochen beschäftigenden furchtbaren Gedanken anblickte, fragte ihn Leonardo: »Woran denkst du?« »Fra Guglielmo war heute früh da,« antwortete Francesco mit unsicherer Stimme, »er wollte Euch sehen. Ich habe gesagt, das ginge nicht...« Der Meister blickte ihm in die von Flehen, Furcht und Hoffnung erfüllten Augen. »Du hast an etwas anderes gedacht, Francesco, warum willst du es mir nicht sagen?« Der Schüler schwieg mit gesenktem Blick. Leonardo hatte alles erraten. Er wandte sich mit finsterer Miene ab. Er hatte immer so sterben wollen, wie er gelebt hatte, – in Freiheit und Wahrheit. Doch Francesco tat ihm leid: Sollte er denn auch jetzt, in den letzten Augenblicken vor dem Tode den demütigen Glauben trüben und der Geringsten einen ärgern? Wieder blickte er den Schüler an, legte seine abgemagerte Hand in die seinige und sprach mit einem leisen Lächeln: »Mein Sohn, schicke zu Fra Guglielmo und bitte ihn morgen zu kommen. Ich will beichten und das heilige Abendmahl empfangen. Lade auch Maître Guillaume ein.« Francesco antwortete nicht, er küßte nur mit unendlicher Dankbarkeit Leonardos Hand. XIII. Am nächsten Morgen, den 23. April, am Karsamstag, diktierte Leonardo dem Notar, Maître Guillaume, seinen letzten Willen: die vierhundert Florins, die er dem Kämmerer der Kirche Santa Maria Novella in Florenz zur Verwahrung übergeben hatte, vermachte er seinen Brüdern, mit denen er einen Prozeß führte, als Zeichen der vollständigen Aussöhnung; dem Schüler Francesco Melzi – die Bücher, die wissenschaftlichen Apparate, die Maschinen und den Rest des Gehaltes, den er aus der königlichen Schatzkammer zu bekommen hatte; dem Diener Battisto Villanis – das Hausgerät des Schlosses Du Cloux und die Hälfte des Weinberges beim Vercellina-Tor zu Mailand; die zweite Hälfte des Weinberges vermachte er dem Schüler Andrea Salaino. Was die Zeremonie des Leichenbegängnisses und alles übrige anbelangte, bat er den Notar, es mit Melzi auszumachen, den er zu seinem Testamentsvollstrecker bestimmte. Francesco und Maître Guillaume trugen Sorge für eine Bestattung, die davon zeugen sollte, daß Leonardo, trotz der im Volke verbreiteten Gerüchte, als treuer Sohn der katholischen Kirche starb. Der Kranke hieß alles gut und, um zu zeigen, daß er an Francescos Bemühungen, die Beerdigung prunkvoll zu gestalten, teilnähme, setzte er statt der vorgeschlagenen acht Pfund Kerzen für die Seelenmesse – zehn Pfund fest und erhöhte den Betrag von fünfzig tourainer Sous, die unter den Armen verteilt werden sollten – auf siebzig. Als das Testament fertig war und durch die Zeugenunterschriften rechtskräftig gemacht werden sollte, erinnerte sich Leonardo an seine alte Dienerin, die Köchin Maturina. Maître Guillaume mußte einen neuen Passus einfügen, wonach sie ein Kleid aus gutem schwarzem Tuch, eine pelzgefütterte Haube, gleichfalls aus Tuch und zwei Dukaten in barem Geld für ihre jahrelangen treuen Dienste bekommen sollte. Diese Aufmerksamkeit des Sterbenden gegen eine arme Dienerin erfüllte Francescos Herz mit dem bekannten Gefühl unerträglichen Mitleids. Fra Guglielmo betrat mit den heiligen Sakramenten das Gemach, und alle entfernten sich. Als der Mönch den Kranken verließ, beruhigte er Francesco mit der Mitteilung, daß Leonardo die Vorschriften der Kirche mit Demut erfüllt habe. »Was die Menschen von ihm auch reden mögen, mein Sohn,« schloß Fra Guglielmo, »wird er doch nach dem Worte des Herrn gerechtfertigt werden: ›Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.‹« Nachts hatte der Kranke Erstickungsanfälle. Melzi fürchtete, er würde in seinen Armen sterben. Gegen Morgen, es war am 24. April, am heiligen Ostersonntag, fühlte er Erleichterung. Da er noch immer Atemnot hatte und es im Zimmer heiß war, öffnete Francesco das Fenster. Am blauen Himmel zogen weiße Tauben und der Klang der Osterglocken vermengte sich mit dem bebenden Rauschen ihrer Flügel. Doch der Sterbende sah und hörte nichts mehr. Ihm war, als ob ungeheure Lasten, gleich Steinblöcken auf ihn herabsänken, stürzten und ihn erdrückten; er wollte sich erheben und sie von sich abwälzen, aber es ging nicht – und plötzlich befreite er sich mit einer letzten Anstrengung und flog auf Riesenflügeln in die Höhe. Doch die Steine fielen wieder, häuften sich und erdrückten ihn; er kämpfte von neuem, siegte und flog; das wiederholte sich wieder und immer wieder. Die Last wurde mit jedem Mal größer und die Anstrengung ungeheurer. Endlich fühlte er, daß er nicht mehr kämpfen könne, und fügte sich mit dem Schrei der letzten Verzweiflung: »Gott, mein Gott! warum hast du mich verlassen?« Sobald er sich dem gefügt hatte, begriff er, daß die Steine und die Flügel, der Druck der Last und das Hinaufstreben zum Fluge, das Oben und das Unten ein und dasselbe seien: es blieb sich gleich, ob man flog oder fiel. Und er flog und fiel, ohne mehr zu wissen, ob er in den leisen Wellen einer unendlichen Bewegung schaukelte, oder ob ihn seine Mutter in den Schlaf wiegte. Einige Tage lang erschien sein Leib der Umgebung noch lebendig, doch er kam nicht mehr zu sich. Eines Morgens, es war am 2. Mai, bemerkten Francesco und Fra Guglielmo, daß sein Atem schwächer wurde. Der Mönch begann die Totengebete zu murmeln. Nach einiger Zeit bemerkte der Schüler, als er die Hand auf des Meisters Herz legte, daß es nicht mehr schlug. Er drückte ihm die Augen zu. Das Antlitz des Toten hatte sich wenig verändert. Es trug den Ausdruck tiefer und stiller Aufmerksamkeit, den es häufig im Leben gehabt hatte. Während Francesco mit Battista und mit der alten Dienerin Maturina die Leiche wusch, standen die Fenster und Türen weit offen. Unterdessen war die zahme Schwalbe, die man in den letzten Tagen vergessen hatte, im Gefühl ihrer Freiheit aus der Werkstätte durch die Stiege in den oberen Stock und in das Sterbezimmer geflogen, sie kreiste inmitten der im strahlenden Morgensonnenlichte trübe brennenden Totenkerzen und ließ sich schließlich, wohl aus alter Gewohnheit, auf Leonardos gefaltete Hände nieder. Dann reckte sie sich, schwang sich in die Höhe und flog mit freudigem Schreien durch das offene Fenster in den Himmel hinein. Francesco dachte: nun tut der Meister zum letztenmal das, was er immer so geliebt hatte, – er schenkt der geflügelten Gefangenen die Freiheit. Nach dem Wunsche des Verstorbenen blieb seine Leiche drei Tage liegen, jedoch nicht in der Totenkammer, – das hatte Francesco nicht zugelassen, – sondern in demselben Zimmer, wo er gestorben war. Die Bestattungszeremonien gingen genau nach dem Testament vor sich: Kapellane, Domherren, Vikare und Mönche gaben dem Sarge das Geleite; sechzig Arme trugen sechzig Kerzen; in den vier Kirchen von Amboise wurden drei große und dreißig kleine Messen gelesen, wobei zehn Pfund dicker Wachskerzen brannten; siebzig tourainer Sous wurden an die Armen des städtischen Spitals Saint-Lazare verteilt. Nach allem diesen konnten sich die frommen Leute überzeugen, daß ein treuer Sohn der heiligen katholischen Kirche beerdigt wurde. Er wurde im Kloster Saint-Florentin bestattet. Das Grab aber wurde bald vergessen und dem Erdboden gleich; die Erinnerung an ihn schwand spurlos in Amboise, und die Stelle, wo Leonardos Gebeine ruhen, blieb den künftigen Geschlechtern unbekannt. Francesco setzte die Brüder des Meisters in Florenz von seinem Tod in Kenntnis; er schrieb: »Ich vermag nicht den Schmerz zu beschreiben, mit dem mich der Tod dessen erfüllt hat, der für mich mehr als ein Vater gewesen. Solange ich aber lebe, werde ich um ihn trauern, denn er hat mir eine große und zarte Liebe entgegengebracht. Und ich glaube, daß ein jeder um den Verlust dieses Menschen trauern muß, denn die Natur kann keinen zweiten schaffen, der ihm ähnlich wäre. – Gott der Allmächtige schenke ihm ewige Ruhe.« XIV. Am Todestage Leonardos jagte Franz I. im Walde von Saint-Germain. Als er vom Hinscheiden des Künstlers erfuhr, ließ er seine Werkstätte bis zu seiner Ankunft in Amboise versiegeln, da er die besten Bilder für sich mit Beschlag belegen wollte. Übrigens hatte Franz um diese Zeit Sorgen, die wichtiger als die Kunst waren. Vor fünf Monaten, am 12. Januar 1519, war Kaiser Maximilian I. gestorben. Drei Könige, – die von England, Spanien und Frankreich – stritten um die Krone des heiligen römischen Reiches mit reichlicher Anwendung von Betrug und Intriguen. Franz I. setzte sich zum Ziel, das Zepter der französischen Könige mit dem der römischen Kaiser in seinen Händen zu vereinigen und eine in Europa noch nicht dagewesene Monarchie zu gründen. Er war bereit, die Summe von drei Millionen für Bestechungen zu verausgaben; er wollte mit dem Papste einen Bund schließen und versprach ihm einen Kreuzzug gegen die Türken zur Wiedereroberung des heiligen Grabes zu unternehmen; er schwor, in drei Jahren nach seiner Erwählung als Sieger in Konstantinopel einzuziehen und auf die heilige Sophia das Kreuz zu setzen. Er haßte den jungen Karl, den König von Spanien, mehr als die anderen Nebenbuhler, und versicherte, er würde eher der Wahl des unbedeutenden Kurfürsten von Brandenburg oder selbst des Königs Sigismund von Polen, als der Karls von Spanien zustimmen. Leo X. trieb seine gewöhnliche hinterlistige Politik und schwankte zwischen den beiden Nebenbuhlern, ohne seine wirklichen Absichten aufzudecken; zu gleicher Zeit setzte er durch den Dominikaner Dietrich Schombergh die Unterhandlungen mit dem Moskauer Großfürsten Wassilij Ivannowitsch fort, wobei er um seinen Beitritt zur Heiligen Liga gegen die Türken warb, und ihm seine Vermittlung beim Friedensschlusse mit König Sigismund anbot. Zu dieser Zeit war der eine der beiden nach Italien entsandten russischen Bevollmächtigten, Dmitrij Gesassimow, bereits nach Moskau zurückgekehrt; der zweite, Nikita Karatschjarow, verblieb in Rom. Als Nikita von der bevorstehenden Kaiserwahl und von den aus diesem Anlasse gepflogenen Unterhandlungen des Königs Franz mit dem erbittertsten Feinde seines Fürsten, dem Könige Sigismund, erfuhr, begab er sich, um die Sache eingehend zu untersuchen, mit dem päpstlichen Legaten nach Frankreich; wie bei seiner ersten Reise nahm er den alten Sekretär Ilja Potapytsch Kopylo, den Dolmetscher Wlassij und die beiden jüngeren Schreiber, Fjodor Ignatjewitsch Rudomjotow (Fedjka den Gebratenen) und Ewtichij Païssejewitsch Gagara mit. Ewtichij führte wie viele russische Reisende jener Zeit ein Reisetagebuch, in das er alles, was ihn von dem Gesehenen und Gehörten besonders interessierte, eintrug. In diesem Tagebuch hatte er z.B. Florenz wie folgt beschrieben: »Die Stadt, die Florensa genannt wird, ist sehr groß, und wir haben unter den früher beschriebenen noch keine solche gesehen. Sie ist die schönste und beste Stadt von allen, die es in Italien gibt, und die ich selbst gesehen habe. Die Gotteshäuser sind überaus schön, die Paläste sind aus weißem Stein und sehr hoch und kunstvoll. Und es gibt in dieser Stadt ein großes Gotteshaus, aus weißem und schwarzem Marmorstein. Und bei diesem Gotteshaus ist ein Glockenturm wie eine Säule aufgerichtet und ist auch aus weißem Marmorstein. Und er ist so kunstvoll, daß unser Verstand es nicht fassen kann. Und wir sind auf diese Säule hinaufgestiegen und haben die Stufen gezählt: es waren ihrer vierhundertundfünfzig. – Was wir in unserem Unverstand begreifen konnten, das haben wir niedergeschrieben, wie wir es gesehen haben; das andere kann man aber nicht beschreiben, da es zu wundersam und unsagbar ist,« schloß er seine Erzählung; er vermochte es in der Tat nicht, das wiederzugeben, was ihn am meisten überrascht hatte. Unter den sechseckigen Marmorreliefs des Giotto, die das untere Stockwerk des großen Glockenturmes des Domes Santa Maria del Fiore schmücken, und die aufeinanderfolgenden Stufen der menschlichen Entwicklung darstellen – die Viehzucht, den Ackerbau, das Zähmen des Pferdes, die Erfindung des Schiffbaues, des Webstuhls, der Bearbeitung von Metallen, der Malerei, der Musik und Astronomie, – hatte er den schlauen Mechaniker Dädalus entdeckt, der die von ihm erfundenen Riesenflügel aus Wachs erprobte: sein Körper war mit Vogelfedern beklebt; die Flügel waren mit Riemen an den Leib befestigt; er klammerte sich mit beiden Händen an die inneren Querstangen, bewegte mit ihnen die Flügel und versuchte aufzufliegen. Das nämliche Basrelief hatte einst in dem Jüngling Leonardo, der aus dem Dorfe Vinci soeben nach Florenz gekommen war, den ersten Gedanken an die Flugmaschine – an »den großen Vogel« erweckt. Die rätselhafte Gestalt des geflügelten Menschen fiel Ewtichij um so mehr auf, als er in jenen Tagen an der Ikone des geflügelten Täufers arbeitete. Mit einer unklaren und ahnungsvollen Unruhe fühlte er den Gegensatz zwischen den greifbaren, vielleicht durch Teufelslist geschaffenen Flügeln des Mechanikers Dädalus und den geistigen Flügeln, die »das Entschweben der Keuschen zu Gott« darstellen, den Flügeln »des fleischgewordenen Engels« Johannes des Täufers. Franz I. übersiedelte aus Saint Germain in das Jagdschloß Fontainebleau und dann nach Amboise. Ebendaselbst traf in den ersten Junitagen des Jahres 1519 der russische Gesandte Nikita Karatschjarow ein und stieg, ebenso wie das erstemal, im Hause des Notars Maître Guillaume Boro, auf der Hauptstraße der Stadt, bei dem Uhrturme ab. Der König besichtigte gleich nach seiner Ankunft Leonardos Werkstätte. Am Abend desselben Tages begab sich Prinzessin Marguerite in Begleitung des Gesandten des Kurfürsten von Brandenburg und anderer fremdländischen Würdenträger, unter denen sich auch Nikita Karatschjarow befand, in das Schloß Du Cloux. Als es Fedjka der Gebratene erfuhr, riet er dem Onkel, Ilja Potapytsch Kopyla und Ewtichij Gagara ebenfalls nach »Düklow« zu gehen; er versicherte, daß sie in dem Hause »dieses vielgerühmten Künstlers Lionardus, dieses gutherzigen, in den Wissenschaften bewanderten Mannes von wundersamem Verstande, dieses Meisters der Redekunst, der auch in der Naturwissenschaft nicht unerfahren gewesen sei und sich durch seinen scharfen Verstand ausgezeichnet hätte,« manches Interessante sehen könnten. Ilja Potapytsch, Ewtichij und der Dolmetscher Wlassij begaben sich mit ihm in das Schloß Du Cloux. Als sie ankamen, wollten Marguerite und die übrigen Gäste, die die Besichtigung schon beendet hatten, gerade aufbrechen. Nichtsdestoweniger empfing Francesco die neuen Gäste mit derselben Liebenswürdigkeit, mit der er alle Ausländer aufnahm, die das Haus des Meisters aufsuchten, ohne nach ihrem Rang und Namen zu fragen; er führte sie in die Werkstätte und zeigte ihnen alles. Mit ängstlichem Staunen betrachteten sie die nie gesehenen Maschinen, die astronomischen Sphären, Globen, Quadranten, die Glasphiolen, Destillierhelme, das große Kristallmodell des menschlichen Auges, das zum Studium der Gesetze des Lichts diente, die Musikinstrumente, mit denen der Meister die Gesetze des Schalles studiert hatte, das kleine Modell einer Taucherglocke, die spitzen, bootähnlichen Schuhe, mit denen man auf dem Wasser wie auf dem Trockenen gehen konnte, die anatomischen Zeichnungen und die Entwürfe zu furchtbaren Kriegsmaschinen. Alle diese Dinge zogen Fedjka mächtig an und erschienen ihm, als »astrologische Weisheit und höchste Alchimie«. Ilja Potapytsch runzelte dagegen in einemfort die Stirne, wandte sich ab und bekreuzte sich. Dem Ewtichij fiel besonders das alte, zerbrochene Flügelgerippe auf, das einem mächtigen Schwalbenflügel glich. Als Melzi ihm durch den Dolmetscher mit Mühe und Not erklärte, daß es ein Teil der Flugmaschine sei, an der der Meister sein ganzes Leben gearbeitet hätte, erinnerte sich Ewtichij an den geflügelten Menschen Dädalus auf dem marmornen Glockenturm zu Florenz; und seltsame bange Gedanken erwachten in ihm mit neuer Macht. Beim Besichtigen der Bilder verweilte er betroffen vor Johannes dem Täufer; er hielt ihn zuerst für eine Frau und glaubte es nicht, als ihm Wlassij Francescos Erklärung übersetzte, daß es der Täufer sei. Als er jedoch genauer hinsah, bemerkte er das Kreuz aus Schilfrohr – »den Stab mit dem Kreuze«, mit dem auch die russischen Ikonenmaler den Täufer darzustellen pflegten; auch bemerkte er das Gewand aus Kamelhaaren. – Er stutzte. Trotz des großen Gegensatzes zwischen diesem Flügellosen und jenem Geflügelten, der ihm vertraut war, bezauberte ihn, je länger er hinsah, die fremde Anmut des mädchenhaften Jünglings und das geheimnisvolle Lächeln, mit dem er auf das Kreuz von Golgatha hinwies, immer mehr und mehr. Er stand erstarrt und gefesselt, ohne an etwas zu denken, und fühlte nur, wie sein Herz in einer unerklärlichen Erregung immer wilder pochte. Ilja Potapytsch konnte sich nicht länger beherrschen; er spuckte wütend aus und schimpfte: »Teufelsspuk! Unerhörte Schamlosigkeit! Soll denn dieser liederliche Gesell, der wie eine Dirne entblößt ist und weder Bart noch Schnurrbart hat, der Vorläufer Christi sein? Wenn er ein Vorläufer ist, so ist er wohl derjenige des Antichrist und nicht des Heilands... Komm, Ewtichij, komm schnell, mein Kind, verunreinige deine Augen nicht: uns, Rechtgläubigen, geziemt es nicht, diese fremden, verworfenen, dem Teufel geweihten Ikonen anzuschauen! Fluch über sie!« Er nahm Ewtichij bei der Hand, zog ihn beinahe mit Gewalt von dem Bilde fort und konnte sich noch lange, nachdem sie Leonardos Haus verlassen hatten, nicht beruhigen. »Seht ihr nun,« warnte er seine Begleiter, »wie gottverlassen ein Mensch sein kann, der Geometrie, Zauberei, Alchimie, Sternguckerei und ähnliches liebt? Denn wer an den Verstand glaubt, unterliegt leicht allerlei Verlockungen. Liebet also die Einfalt mehr als die Weisheit, meine Kinder; strebt nicht nach dem Höchsten, forscht nicht nach dem Tiefsten, bekümmert euch nicht um die Versuchungen und haltet an dem euch von Gott fertig zugewiesenen Glauben fest. Und wenn jemand dich fragt: Kennst du die ganze Philosophie? antworte ihm voll Demut: Ich habe lesen und schreiben gelernt, die hellenischen Spitzfindigkeiten aber habe ich nicht studiert, die rhetorischen Astronomen habe ich nicht gelesen und von der Philosophie habe ich keinen Dunst; ich kenne und lese nur die Bücher des heiligen Gesetzes, um die sündige Seele zu retten...« Ewtichij hörte verständnislos zu. Er dachte an anderes, an die »dem Teufel geweihte Ikone«; er wollte und konnte sie nicht vergessen. Das geheimnisvolle Antlitz des Mädchenhaften und Ungeflügelten schwebte vor seinen Augen, erschreckte ihn, zog ihn an und verfolgte ihn wie ein Spuk. XV. Da bei dem zweiten Aufenthalte Karatschjarows in Amboise der Andrang von Fremden nicht mehr so groß war, brachte der Hausherr die russische Gesandtschaft in den geräumigen und bequemeren Gemächern zur ebenen Erde unter. Ewtichij aber, der die Einsamkeit liebte, bezog wieder dasselbe Zimmer dicht unter dem Dach und neben dem Taubenschlag, wo er vor zwei Jahren gewohnt, und richtete sich wieder seine winzige Werkstätte in der Nische des Dachfensters ein. Als er aus dem Schlosse Du Cloux heimgekehrt war, begann er, um die Versuchung zu bekämpfen, an dem neuen, beinahe schon vollendeten Heiligenbild zu arbeiten: der geflügelte Johannes der Täufer stand auf dem Hintergrunde eines blauen Himmels auf dem rundlichen Gipfel eines sandigen, gleichsam von der Sonne verbrannten Berges, der sich am Rande der Erdkugel zu befinden schien, und von einem dunkelblauen, beinahe schwarzen Ozean umgeben war. Der Heilige hatte zwei Köpfe, einen lebendigen auf den Schultern und einen toten in einem Gefäß, das er in seiner Hand hielt, gleichsam zum Zeichen dessen, daß der Mensch nur nach der Abtötung alles Menschlichen die Schwingen des Übermenschlichen erlangen kann; das Antlitz war seltsam und furchtbar, der Blick der weit geöffneten Augen erinnerte an den in die Sonne gerichteten Blick eines Adlers; das zottige Kamelhaargewand erinnerte an Vogelgefieder; Bart und Haare flatterten wie im starken Wind; die nur mit Haut bedeckten Knochen der an Kranichbeine erinnernden, übermäßig langen, dünnen, abgemagerten Arme und Beine erschienen unnatürlich leicht, als wären sie innen hohl, wie die Knorpel und Knochen von Vögeln; hinter den Schultern hatte er zwei riesengroße, auf dem blauen Himmel über der gelben Erde und dem schwarzen Ozean ausgebreitete Flüge; sie waren außen weiß wie Schnee und innen rotgolden, wie Feuer und glichen den Flügeln eines riesengroßen Schwanes. Ewtichij hatte nur noch die Vergoldung der Innenseite der Flügel fertig zu machen. Er nahm einige Blättchen Rotgold, die dünn wie Papier waren, zerdrückte sie in der Handfläche, zerrieb sie mit dem Finger in einer Muschel mit frischem Firnis und goß Wasser, so warm, als die Hand es noch gerade vertragen konnte, darüber. Als das Gold sich auf den Boden gesetzt hatte und das Wasser abgestanden war, schüttete er es weg und begann mit einem spitzen Marderpinsel die Federn auf den Flügeln des Täufers sorgfältig, Faser für Faser, aufzutragen; er befestigte das Gold mit Eiweiß, glättete es mit einer Hasenpfote und polierte es mit einem Bärenzahn. Die Flügel wurden immer lebendiger und strahlender. Doch diesmal konnte er in der Arbeit nicht die gewohnte Ablenkung finden: die Flügel des Täufers erinnerten bald an die Flügel des Mechanikers Dädalus, bald an den Flügel von Leonardos Flugmaschine. Das Antlitz des rätselhaften Jünglings, der zugleich Mädchen war, das Antlitz des Flügellosen erstand vor ihm und ließ den Geflügelten verblassen; es lockte und erschreckte ihn und verfolgte ihn wie ein Spuk. In Ewtichijs Herzen herrschte Unruhe und Verwirrung. Der Pinsel entfiel seiner Hand. Er fühlte, daß er nicht mehr arbeiten konnte und verließ das Haus. Er irrte lange herum, zuerst durch die Straßen, dann auf dem Ufer der einsamen Loire. Die Sonne war untergegangen. Der blaßgrüne Himmel mit dem Abendstern spiegelte sich in dem glatten Wasser, von der anderen Seite rückte aber eine Wolke heran, in der die Wetterleuchten wie flammende Riesenflügel zuckten. Es war schwül und still. In dieser Stille krampfte sich Ewtichijs Herz immer qualvoller, immer banger zusammen. Er kehrte wieder nach Hause zurück, zündete die Lampe vor der Ikone der Muttergottes von Uglitsch an und las die Kanons, Gesangsstücke und Gebete genau nach den Klostervorschriften. Darauf breitete er auf der schmalen Holzkiste, die ihm als Bett diente, eine Reisefilzdecke aus, entkleidete sich und legte sich nieder; doch er konnte nicht einschlafen. Stunde auf Stunde verrann. Bald fühlte er Fieberhitze, bald fröstelte es ihn. Er lag in der Finsternis, die ab und zu durch das Aufleuchten bleicher Blitze unterbrochen wurde, mit offenen Augen und lauschte der Stille, in der er ein seltsames Rascheln, Flüstern und Rauschen zu hören vermeinte; es waren jene geheimnisvollen Laute, denen die alten russischen Autoren eine besondere Bedeutung zuschrieben: »das Ohrensausen, das Krachen der Wände und das Piepsen der Mäuse.« Abgerissene Gedanken zogen wie in einem Delirium durch sein Gehirn. Er dachte an allerlei märchenhafte Wunder und Unholde: an das furchtbare Tier Indrik, das »unter der Erde wie die Sonne über der Erde wandelt und an den Flüssen und Brunnen vorüberzieht«; an das Vogelungeheuer Stratim, das »am Ufer des Ozeans lebt, die Wellen wiegt und die Schiffe versenkt«; an den Bruder des Königs Salomo, Kitowras, der am Tage über die Menschen herrscht und des Nachts Tiergestalt annimmt und wild über die ganze Erde dahinjagt; an die Menschen, die über einen Abgrund mit nie verlöschendem Feuer schweben, weder essen noch trinken und so lang und dünn sind, daß sie wie Spinngewebe mit jedem Winde fliegen, ohne den Tod zu finden. Und er kam sich selbst wie ein solcher im ewigen Wirbelwind über dem Abgrunde schwebender Spinngewebemensch vor. Die Hähne krähten zum zweiten Male: und er erinnerte sich an eine alte Legende: die Engel nehmen gegen Mitternacht die Sonne vom Throne Gottes und tragen sie gen Osten, während die Cherubim mit ihren Flügeln schlagen, die Vögel auf Erden vor Freude zittern und der Hahn seinen Kopf hebt, erwacht und mit ausgebreiteten Flügeln der Welt das Licht verkündet. Die zusammenhanglosen Gedanken zogen sich, wie in einem Fiebertraum, endlos hin, rissen wie morsche Fäden ab und verwirrten sich zu einem Knäuel. Vergeblich betete er mit angehaltenem Atem, nach der Vorschrift des Nilus von Sora, aber nichts half – die Gesichte wurden immer deutlicher, immer zudringlicher. Plötzlich entstieg dem Dunkel der von teuflischer Anmut erfüllte mädchenhafte Jüngling und stellte sich wie lebendig vor ihn hin; er wies mit einem zarten und spöttischen Lächeln auf das Golgathakreuz hin und sah Ewtichij so durchdringend und liebevoll an, daß sein Herz vor Entsetzen erstarrte und der kalte Schweiß ihm auf die Stirne trat. Er entschloß sich, ganz auf Schlaf zu verzichten, nahm ein Buch vom Wandbrett und begann zu lesen. Es war die alte russische Novelle »Vom babylonischen Reiche.« Zur Zeit des Königs Nebukadnezar und seiner Nachfolger wurde Babylon von den Menschen verlassen und diente lange Zeit als Asyl zahllosen Schlangen. Nachdem viele Jahrhunderte vergangen waren, sandte der byzantinische Kaiser Leo, der in der heiligen Taufe den Namen Basilius erhalten hatte, drei Männer aus, um die Krone und den Thronpurpur des Königs Nebukadnezar aus Babylon zu holen. Sie wanderten lange, denn der Weg war schmal und schwierig. Als sie endlich nach Babylon kamen, sahen sie dort nichts, weder Mauern, noch Häuser, denn um die verödete Stadt war sechzehn Stadien weit das Kraut der Wüste, »unbrauchbares Distelkraut«, gewachsen. »In diesen Disteln lagerte das zusammengerollte Gewürm, Schlangen ohne Zahl und Maß, wie ungeheure Heuhaufen; sie pfiffen und zischten, und strömten einen kalten Winterhauch aus.« Am dritten Tage kamen die Abgesandten zur Großen Schlange, die um Babylon gerollt lag, so daß ihr Schwanz ihren Kopf berührte. Und eine Leiter aus Zypressenholz war an die Stadtmauer gelehnt. Sie stiegen auf dieser Leiter hinauf, drangen in die Stadt ein und fanden in einem der Königsschlösser Nebukadnezars Krone und eine Schatulle aus Carneol mit dem Purpur und dem Zepter. Als die Gesandten mit dem gefundenen Schatze zum Kaiser zurückkehrten, krönte der Patriarch von Konstantinopel den rechtgläubigen Zaren Basilius in der Kirche der göttlichen Weisheit Sophia mit dem Purpur und der Krone Nebukadnezars, des Königs von Babylon und der ganzen Welt. Späterhin schickte der Kaiser Konstantin diese Krone dem Großfürsten Wladimir Wssewolodowitsch, als Zeichen der Herrschaft über das Weltall, die Gott dem Lande der Russen beschieden hatte. Ewtichij legte die Novelle »Vom babylonischen Reich« beiseite und nahm ein anderes Buch – die Sage »Von der weißen Mönchskappe« – vor; dieses Buch hatte vor einigen Jahren Dmitrij Gerassimow, der Begleiter des Nikita Karatschjarow, bei dem Ewtichij Schreiber war, dem Erzbischof von Nowgorod Gennadij aus Rom mitgebracht. In uralten Zeiten, so hieß es in dieser Novelle, wollte Kaiser Konstantin der Apostelgleiche, nachdem er den christlichen Glauben angenommen und durch den Papst Sylvester geheilt worden war, diesen durch eine Kaiserkrone belohnen. Der Engel gebot ihm jedoch, dem Papste nicht die Krone der irdischen, sondern die der himmlischen Macht zu verleihen – die weiße Kappe, die nach dem Vorbilde der Mönchskappen als Symbol »des heiligen dreitägigen Osterfestes« dienen sollte. Die rechtgläubigen Päpste verehrten lange die weiße Mönchskappe, bis Kaiser Carolus und der Papst Formosus in die römische Ketzerei verfielen und nicht nur die himmlische, sondern auch die irdische Macht der Kirche anerkannten. Da erschien einem der Päpste ein Engel und befahl ihm, die Kappe nach Byzanz an den Patriarchen Philotheos zu schicken. Dieser empfing das Heiligtum mit großen Ehren und wollte es für sich behalten; doch Kaiser Konstantin und Papst Sylvester, die ihm im Traume erschienen, befahlen ihm, die Kappe noch weiter, in das russische Land, nach dem Großen Nowgorod zu schicken. »Denn das alte Rom«, sagte Papst Sylvester zum Patriarchen, »ist in seinem Stolz mutwillig von dem Ruhm und Glauben Christi abgefallen und der lateinischen Versuchung unterlegen; auch in Konstantinopel, dem neuen Rom, wird der Glaube vernichtet werden: die gottlosen Söhne der Hagar werden ihn ausrotten. Im dritten Rom, im russischen Reich, wird aber die Gnade des Heiligen Geistes erstrahlen. Wisse, Philotheos, daß alle christlichen Reiche ihr Ende finden und sich um des rechten Glaubens willen zu einem einzigen russischen Reich vereinigen werden. Denn in uralten Zeiten wurde die Krone Nebukadnezars nach dem Wunsche des irdischen Kaisers Konstantin Monomachos aus seiner Residenzstadt an den russischen Zaren geschickt; ebenso wird die weiße Kappe nach dem Wunsche des himmlischen Zaren Christus dem Erzbischof des großen Nowgorod verliehen werden. Um wieviel heiliger ist aber die himmlische Krone als die irdische! Alles Heilige wird Gott dem russischen Lande verleihen, und er wird den russischen Zaren über viele Völker erhöhen und das Land wird nach dem Willen Gottes das ›Lichte Rußland‹ benannt werden, denn die heilige, vereinigte, apostolische Kirche dieses neuen, dritten Rom wird über das ganze Weltall durch den orthodoxen christlichen Glauben heller als die Sonne erstrahlen.« »So geschah es auch. Der Erzbischof von Nowgorod nahm die weiße Mönchskappe an und verwahrte sie in der Kirche der heiligen Sophia, der Weisheit Gottes. Und durch die Gnade des Herrn Jesus Christus bekrönt sie jetzt und in alle Ewigkeit die Häupter aller russischen Bischöfe.« Die Novelle vom Babylonischen Reich verkündete die irdische und die Novelle von der weißen Mönchskappe die himmlische Größe des russischen Reiches. Jedesmal, wenn Ewtichij diese Legenden las, wurde seine Seele von einem unruhigen, ihm selbst unverständlichen Gefühl erfüllt; es war wie eine grenzenlose Hoffnung, bei der sein Herz heftiger pochte, sein Atem wie über einem Abgrunde stockte. So arm und gering ihm auch die Heimat im Vergleich mit den fremden Ländern erschien, glaubte er doch an diese Prophezeiungen von der künftigen Größe des dritten Rom, »des ursprünglichen Jerusalem«, von den in den Strahlen der aufgehenden Sonne leuchtenden siebzig goldenen Kuppeln des weltbeherrschenden russischen Domes der göttlichen Weisheit Sophia. Nur in dem tiefsten Grunde seiner Seele lebte ein Zweifel, ein Gefühl des unlösbaren Widerspruches, hieß es denn nicht, daß König Nebukadnezar ein ungerechter Fürst, »der böseste Fürst auf Erden« gewesen sei? Daß er von allen Völkern und Stämmen als ein Gott verehrt und angebetet werden wollte und durch einen Herold verkünden ließ: Fallt nieder und betet den goldenen Götzen des Königs Nebukadnezar an! – Doch der wahre Gott strafte ihn: er nahm ihm das menschliche Herz und gab ihm ein tierisches, und er war von den Menschen verstoßen und aß Gras wie ein Ochs, und sein Leib wurde von himmlischem Tau benetzt, so daß ihm die Haare eines Löwen und die Krallen eines Vogels wuchsen. – Und hieß es denn nicht in der Offenbarung: »Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Wein ihrer Hurerei getränket alle Heiden. – Weh', weh', die große Stadt, die bekleidet war mit köstlicher Leinwand und Purpur und Scharlach!«? Und wenn dem so ist, fragte sich Ewtichij, wie kann sich denn im dritten Rom, im russischen Reich, die Weiße Kappe mit der verfluchten Krone des Königs Nebukadnezar, der von Gott verdammt worden ist, paaren – die Krone Christi mit der Krone des Antichrist? Er fühlte, daß darin ein großes Geheimnis enthalten sei und daß, wenn er sich hineinvertiefen würde, noch furchtbarere Visionen als die, die ihn soeben verlassen, wieder über ihn herfallen würden. Er bemühte sich, nicht mehr zu denken, löschte die Kerze aus und legte sich ins Bett. XVl. Und er hatte einen Traum: er sah ein Weib mit Flammenflügeln, mit strahlenden Gewändern, auf einer Mondsichel, von Wolken umgeben, unter einer von sieben Säulen getragenen Monstranz stehen, die die Inschrift trug: »Die Weisheit hat sich hier ein Haus geschaffen.« Propheten, Heilige, Erzväter, schwerttragende Engel, Erzengel, himmlische Heerscharen, Throne, Herrscher und Mächte umringten sie; und in den Scharen der Propheten, zu den Füßen der Weisheit stand Johannes der Täufer, mit ebenso dünnen Armen und langen Kranichbeinen, mit denselben weißen Riesenflügeln wie der auf seiner Ikone, doch mit einem andern Gesicht: an der kahlen Stirn mit den trotzigen Furchen, an den borstigen Brauen, dem langen grauen Bart und den grauen Haaren erkannte Ewtichij das Gesicht, das sich in sein Gedächtnis eingeprägt hatte, und das dem Greise gehörte, der dem Propheten Elias ähnlich sah und der vor zwei Jahren seine Werkstätte besucht hatte – das Gesicht Leonardo da Vincis, des Erfinders der Menschenflügel. – Unten, unter den Wolken, auf denen das Weib stand, leuchteten am blauen Himmel die goldenen Kuppeln und Kreuze der Kirchen wie Feuer; man sah schwarze, soeben vom Pflug aufgewühlte Äcker, blaue Haine, helle Flüsse und die unendliche Ferne, an der er Rußland erkannte. Feierliches Glockengeläute ertönte; und die sechs geflügelten Tiere bedeckten entsetzt ihr Antlitz mit den Flügeln und stöhnten: »Es schweige jede menschliche Kreatur und stehe in Angst und Beben«; und die sieben Erzengel schlugen mit ihren Flügeln; und sieben Donner ertönten. Und über dem flammenden Weibe, der heiligen Sophia, der göttlichen Weisheit, öffnete sich der Himmel, und darin erschien etwas Weißes, Sonnengleiches, und Ewtichij wußte nun, daß es die »Weiße Kappe«, die Krone Christi über dem russischen Lande sei. Die Rolle, welche der geflügelte Täufer hielt, öffnete sich und Ewtichij las: »Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bunds, des ihr begehret, siehe, er kommt!« Die Stimme der Donner, das Rauschen der Engelsflügel, das Siegeslied Halleluja und das Glockengeläute verschmolzen zu einem einzigen Lobgesang auf die heilige Sophia, die Göttliche Weisheit. Und in diese Hymne fielen die Äcker, die Haine, die Flüsse, die Berge und alle unendlichen Fernen der russischen Erde ein. Ewtichij erwachte. Es war noch früher, grauer Morgen. Er erhob sich und öffnete das Fenster. Ihm wehte die duftende Frische der vom Regen gewaschenen Blätter und Gräser entgegen: in der Nacht war ein Gewitter niedergegangen. Die Sonne ging noch nicht auf. Doch an dem Himmelsrande, über den dunklen Wäldern, hinter dem Fluß, dort, wo sie aufgehen sollte, schimmerten die sich türmenden Wolken purpurn und golden. Die Straßen der Stadt schliefen in der Dämmerung; nur der schlanke weiße Glockenturm des heiligen Hubertus war von einem blaßgrünen, wie durch Wasser dringenden Lichtschein beleuchtet. Es herrschte vollkommene Stille, die von einer großen Erwartung erfüllt schien; man hörte nur die wilden Schwäne auf den Sandbänken der einsamen Loire schreien. Der Ikonenmaler setzte sich zum Fenster an den kleinen Tisch mit dem schrägen Schreibbrett, mit dem seitlich angebrachten Tintenfaß aus Horn und der Schublade für Federn; er schnitt sich eine Gänsefeder zurecht und öffnete ein großes Heft. Das war sein Werk, an dem er seit vielen Jahren arbeitete und das ihm sein Lehrer, der fromme Greis Prochor, aufgetragen hatte: ein neues, verbessertes »Handbuch für Ikonenmalerei«. »Woher stammt der Anfang der Ikone? Nicht vom Menschen, sondern von Gott-Vater. Er selbst hat einen Sohn gezeugt, Sein Wort, Seine lebende Ikone«, – das waren die letzten von Ewtichij geschriebenen Worte. Er tauchte die Feder ein und fuhr fort: »Ich Sündiger habe von Gott ein Talent empfangen und will nicht den Zentner, den er mir Unwürdigem anvertraut hat, in die Erde verbergen, damit ich dafür nicht getadelt werde. Ich habe mich daher bemüht, das Alphabet dieser Kunst, das ist alle Glieder des menschlichen Leibes, die bei der Ikonenmalerei dargestellt werden, zum Nutz und Frommen aller, die sich dieser frommen Kunst befleißigen, in Bildern vorzuführen. Ich bitte euch alle meine Brüder, denen ich diese Arbeit widme, um ein inbrünstiges Gebet zu Gott, auf daß ich, der ich Seine Gestalt und die Gestalt seiner heiligen Diener auf Erden gemalt habe, Sein Göttliches Antlitz selbst und das Antlitz aller Seiner Heiligen im Himmelreiche schaue, wo sein Lob und Preis von allen Seligen, jetzt und künftig und in alle Ewigkeit gesungen wird. Amen.« Während er schrieb, kam hinter dem dunklen Wald der Rand der Sonne gleich einer glühenden Kohle zum Vorschein. Etwas, das an Musik erinnerte, schwebte über Himmel und Erde. Die weißen Tauben kamen unter dem Dachvorsprung hervor und rührten ihre Flügel. Ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster in Ewtichijs Werkstätte drang, fiel auf die Ikone Johannes des Täufers, und die innen rotgoldenen und außen schneeweißen vergoldeten Flügel, die in dem blauen Himmel über der gelben Erde und dem schwarzen Ozean ausgebreitet waren und den Flügeln eines Riesenschwanes glichen, schimmerten plötzlich im Purpur der Sonne und funkelten, als wären sie von einem übernatürlichen Leben beseelt. Ewtichij dachte an seinen Traum, nahm den Pinsel, tauchte ihn in rote Ockerfarbe und schrieb auf die weiße Rolle des Geflügelten Täufers: Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bunds, des ihr begehret, siehe, er kommt!   Ende. Selbstbildnis........................................ 1 Skizzen zum Reiterdenkmal.............................. 49 Hof einer Geschützgießerei.............................. 81 Karikaturen......................................... 161 Savonarola........................................ 193 Vasari, Ansicht von Florenz............................209 Madonna Litta.....................................225 Unbekannter Meister, Verbrennung Savonarolas............272 Das heilige Abendmahl................................353 Madonna in der Grotte................................369 Ansicht von Vinci....................................385 Kopf des heiligen Michael..............................401 Skizzen für Schlachtwagen..............................449 Heiliger Hieronymus.................................. 497 Heilige Anna Selbdritt................................513 Schlacht bei Anghiari..................................529 Mona Lisa............................................ 545 Anatomische Studien..................................561 Bacchus.............................................657