Tausend und ein Abenteuer Ein neues Wanderbuch von Kurt Faber   1933 Zum Geleit Alle Länder hat er durchstreift, alle Meere befahren – vom Nördlichen Eismeer bis nach Patagonien und zum sturmgepeitschten Kap Horn, – von Chiles Salpeterwüste bis zum Palmenparadies der Südseeinseln. Warum? »Frage das Meer und den Wind und die Wolken.« Die Wunder der großen weiten Welt hatten es ihm angetan und wirbelten ihn drei volle Jahrzehnte um und um in tollem Reigen. – Ja, warum? – so fragen wir. Die Antwort läßt sich nur erahnen: er war ein ganzer Kerl, dem das Herz lachte in der Gefahr. Das war das Eine. Er war ein Deutscher, ein echter Deutscher, dem das Herz laut pochte vor Fernweh und Wundersucht, – das war das Andere. Ein echt nordischer Mensch war er, den das wild gärende Wikingerblut immer wieder aus Enge und Beschränktheit hinausstieß in Not und Gefahr, – aber auch in Ganzheit, Größe und Erfüllung. Und draußen in der Welt, in tausend Gefahren und Abenteuern blieb er innerlich rein und stark, und immer tiefer und unbestechlicher lernte er es, den Menschen und Dingen auf den Grund zu blicken: er wuchs an seinem Erlebnis, – das Wandern wurde ihm zur Aufgabe, zur Pflicht! Und immer tiefer verwurzelte er sich in Volk und in der Heimaterde. Dort draußen lernte er, mit wahrem Fanatismus deutsch sehen und denken, und immer häufiger kehrte er zu uns zurück, um sich Kraft zu holen aus der Heimatscholle. Dies bezeugt allein schon dieses letzte Werk. Ein tragischer Schleier liegt auf diesem Buch! – Es war in den letzten Augusttagen des Jahres 1929: soeben hatte er in der geliebten Pfälzer Heimat das Manuskript beendet, und schon steckte in seiner Brusttasche die Schiffskarte nach New York, – als ihn der Reichsparteitag zur Heerschau nach Nürnberg rief. Er folgte dem Appell. – Noch einmal sah er mit tiefster Ergriffenheit die Tausende der Getreuen in straffer Zucht vorbeimarschieren. Er konnte sich nicht losreißen, so schrieb er unserer Mutter, hier marschierte das kommende Deutschland! Was scherte es ihn, daß für die geplante Fahrt nach Nordalberta das Jahr schon bedenklich zur Rüste ging? Zwei Wochen später bot sich ja abermals Gelegenheit zur Überfahrt! In Winnipeg schrieb er das ergreifende Vorwort, das die Ahnung baldigen Todes umwittert. Ein seltsam verklärter Spätherbst war ihm beschieden zur Paddelbootfahrt auf den halberforschten Gewässern des Peace- und Hay River. – Dann aber brach das Verhängnis jäh herein auf den kühnen Mann. – Einsam verhauchte er seine nimmermüde Seele in Schnee und Eis, nur wenige Wegstunden entfernt vom rettenden Ufer des Großen Sklavensees. Über seinem Grabe steht der Glaube an Deutschlands Wiederauferstehen. Er durfte die Erfüllung nicht erleben, – doch im Geiste hat er sie nicht nur geglaubt und gehofft, sondern schon klar geschaut. – – – Danzig, im September 1936. Dr. Walther Faber »Denn zu bewundern und zu schauen ...« Tausend und ein Abenteuer – – – Vielleicht waren es auch nur neunhundert, vielleicht fünfhundert, vielleicht nur eine Handvoll. Aber so viel oder so wenig ihrer gewesen sind, so will ich sie lieben. Ja, wer auf Abenteuer ausgeht, der wird sie auch finden, manchmal mehr, als ihm lieb ist! Von anderen habe ich schon in vielen Büchern berichtet, und wenn ich mich nun hinsetze, um von diesen letzten zu erzählen, die mir im Lauf des vergangenen Jahres über den Weg gelaufen sind, in Afrika, in Australien, in der Südsee, in Japan, in der Mandschurei, in Sibirien und Moskau, so bleibe ich auf einmal mitten im vollen Menschenleben stecken. Es geht nicht ganz in einen Band, wenn er sich nicht zu einem Ungetüm auswachsen soll. Ein Jahr lang war die Welt wieder mein ... Ein Jahr lang war ich wieder Weltwanderer, wieder Soldat im Heere der Heimatlosen, die unstet umherschweifen, Landsknechte des Glücks und der Unruhe. Und warum? Frage das Meer und den Wind und die Wolken. – Einmal las ich in Kiplings Balladen den Stoßseufzer eines Soldaten, den ich hier wiedergebe in schlechtem Deutsch: »Denn zu bewundern und zu schaun, Zu wandern, auf ein Nichts gestellt, Was Gutes bracht's mir nie im Traum – Könnt's doch nicht lassen um die Welt!« So etwas wird zur Gewohnheit. Es ist ein Gift wie manches andere, ein schaffender Teufel, der aus biederen, zu allen Bürgertugenden geborenen Menschen zuweilen Geschöpfe macht, die widerhaarig und unleidlich sind, Tiere, die man tanzen lehrte mit vielen Schlägen und schmalen Bissen, hoffnungslose Phantasten, gehetzt von Dämonen der Unrast. – »Nicht doch«, sagt Zarathustra zum sterbenden Seiltänzer, »du hast die Gefahr zu deinem Berufe gemacht; so will ich dich mit meinen Händen begraben!« Winnipeg (Kanada), im September 1929. Kurt Faber 1 Fahrt nach Südwest Noch einmal in Antwerpen / Die »Olle mit die vier Meisjes« / Sie beliebt mich nicht zu kennen / Wieder unterwegs / Olle Afrikaner / Von Farmlöwen und anderen Dingen / Desdemona im Zwischendeck / Endlich in Afrika Der Anfang war vielversprechend. Ein nasser, kalter, unfreundlicher Tag. Die Nässe spiegelte sich im Asphaltpflaster und dicke Nordseenebel hingen um die hohen Häuser. Ab und zu kam eine Regenschauer auf Flügeln des eiskalten Windes, der pfeifend um die Ecke fegte. – Wahrlich ein Wetter, in dem man keinen Hund auf die Straße schicken mochte. Noch einmal in Antwerpen! Zum letztenmal – wann war es doch? – vor vielen, vielen Jahren, so ungefähr Anno 1913, da fuhren wir nach langer Reise mit dem Segelschiff die Scheide hinauf in richtigem seemännischem Stil. Damals – da kamen die Herren Heuerbaase Anwerber der Schiffsmannschaft schon in Vlissingen mit der Schnapspulle an Bord und klopften jedem väterlich wohlwollend auf die Schulter und verkauften uns echt englische Anzüge, die nachher auch danach waren, und die beutelüsternen Gastwirte an der Lange Straat luden einen mit freundlichen Worten ein, und man war der Held in jeder Hafenkneipe, selbst ein Stück des Lebens, das da durch die Gassen flutete, so wild und lärmend wie die Brandung, die gegen die Hafenmole tobte. Damals – Aber welche Welt lag dazwischen! Und wieviel Weltgeschichte gerade hier! Zwar ist noch immer alles so, wie es war. Noch sind es dieselben Straßen, dieselben hohen Häuser, deren Stockwerke sich wunderlich übereinandertürmen, die dürren, wetterharten Gestalten mit den breiten Schirmmützen und den großen Halstüchern, ohne die man sich eine europäische Hafenstadt nicht recht vorstellen kann. Man verliert sich in den engen Gassen, wo es nach Motten und alten Kleidern riecht, wo aus dunklen Läden eine vielgestaltige Herrlichkeit bis in die Straße überquillt und man alles zum Verkauf ausbietet, von einem getragenen Überzieher bis zu der eigenen Seele. Ja, und da sind noch immer dieselben fahrenden Händler, um deren Buden ein süßer Duft von pommes frites und Brüsseler Waffeln schwebt. Die feinen Nebel ziehen zwischen den Schiffsmasten auf der Schelde, von überall kommt das Schnauben der Krane und der geschäftige Lärm der Docks. – So heimlich die Namen der Wirtshäuser, die am Wege stehen! »In 't Antje«, »de Scheldevriend«. Ein schöner, alter Platz mit buckligem Pflaster kam mir besonders bekannt vor, trotz der vielen Jahre. Stand es da noch immer über der Tür des alten Hauses: »In 't Mientje«. Das war doch »die Olle mit die vier Meisjes«, die täglich mit ihren Karten nach dem Segelschiffhafen zu kommen pflegte. Die mußte ich mit meiner Kundschaft beehren, grade nur um der alten Zeiten willen. – Es war wirklich noch alles so wie einst. Der Laden noch so sauber geputzt und die Tische noch so blank gescheuert. Und rote Vorhänge an den Fenstern und auf der Theke ein mächtiger flandrischer Käse, der unter einer Glasglocke träumte. Und die Katze schnurrte vor dem Kachelofen ganz so wie damals, als ob nicht Generationen von Katzen seither gekommen und gegangen wären. – Ah, aber die Menschen waren anders! Das Meisje setzte das Weinglas grob auf den Tisch. Es war wohl schon das Meisje des Meisjes von damals, und das keifende Weib, das da im Hintergrund schimpfte – wer weiß? Es wurde einem übel, wenn man nur daran dachte! Aber da kamen von draußen ein paar Matrosen herein, und das Meisje blickte auf einmal wieder so freundlich und liebreizend wie das vor beinahe fünfzehn Jahren, und die dicke Madame lächelte so freundlich, wie das nur möglich war bei ihren Jahren, derweilen der Wirt ein Geldstück in den Musikkasten warf, der lärmend loslegte. Inzwischen fing es an dunkel zu werden. Die Nacht kroch aus allen Ecken. Da und dort blitzten die Lichter in den fallenden Schatten. Nur der Turm der Kathedrale ragte noch stolz hinein in ein Meer von Licht. Die Glocken schlugen wirr durcheinander, genau so, wie sie es damals taten. – Am anderen Morgen regnete es noch immer. Der ganze Himmel weinte, und das war gut so, denn so gab es wenigstens doch etwas in Antwerpen, das Rührung zeigte über meine Abreise. Im übrigen war es höchste Zeit, als ich mit meinen Siebensachen vor dem Dampfer »Toledo« ankam. »Man tau«, sagte der Mann, der sich eben anschickte das Fallreep hochzuziehen, »et ward all Tid!« Und schon warfen sie die Leinen los. Schon arbeiteten die Maschinen. – Und wenn man es tausendmal gesehen und miterlebt hat, so erfaßt einen doch immer wieder dasselbe seltsame Gefühl bei der Abreise eines Dampfers. Freilich ist die Welt nicht mehr so wie zu Kolumbus' Zeiten. Schiffe kommen und gehen alle Tage zwischen Ländern und Meeren, ohne daß ein Hahn danach kräht, ohne daß auch nur eine mitfühlende Musik ein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus« spielt. Es geht alles so sang- und klanglos, so empörend nüchtern und geschäftsmäßig zu, und doch ist das Abschiednehmen noch um kein Jota leichter geworden für die, die da am Kai noch ein letztes Wort, einen letzten Blick zu erhaschen suchen, ein wenig mitrennen mit dem davongleitenden Schiff, bis die winkenden Taschentücher sich im Grau des Herbsttages verlieren. So viel Betrieb, so viel gemachte Lustigkeit, so viel krampfhaftes » keep smiling «, »Immer lächeln«, Schlagwort zur Bezeichnung einer grundsätzlich optimistischen Lebenseinstellung das nicht echt ist! Nirgendwo wird jahraus, jahrein so viel und so gut Theater gespielt wie an den Kais der Dampferlinien. – * Auf Schiffen ist es heutzutage nicht anders wie auf der Eisenbahn: das beste Publikum fährt in der letzten Klasse. Freilich – was wissen die Leute, die heute in den ach so komfortabel eingerichteten dritten Klassen unserer modernen Überseedampfer fahren, von der Hölle des Zwischendecks, die noch vor gar nicht langer Zeit in allgemeiner Geltung war, jenen schwimmenden Menschenmenagerien, in denen die lebende Fracht wie gepökelte Heringe auf dumpfen Pritschen im Halbdunkel eines kahlen Schiffsraumes lag, wo Atem und Dunst von zahllosen Menschen wie eine Wolke um die düster brennenden Petroleumlampen hing, wo es nach faulen Strohsäcken, sauren Speiseresten und sonstigen schönen Dingen duftete, wo man seinen Blechteller vor den lauernden Zigeuneraugen verstecken mußte und wo überhaupt einer des anderen Wolf war während der ganzen langen Reise. Und doch hatte auch das seine großen Reize, zumal in lauen Mondscheinnächten, wenn die See ringsum so glatt war wie ein Spiegel und nichts lebendig, als der Rauch, der qualmend zum Himmel stieg. Wenn dann bei sinkender Nacht die drückende Sonne vom Verdeck gewichen war und so etwas wie Kühle durch das Tauwerk zog und ein Matrose seine »Quetschmaschine« und die Zigeuner ihre Geigen hervorholten und alles ringsum sich im Kreise bewegte, da war man einmal wieder für ein paar glückliche Stunden versöhnt mit der christlichen Seefahrt. Ach, aber die Zeiten sind inzwischen kalt und kälter geworden! Kein Platz mehr für rauhe Romantik in dieser nüchternen Welt. Und doch – Es müßte einer blind sein und ohne Phantasie, wenn ihn nicht auch heute noch das wehmütig bange Gefühl erfaßte beim Ansehen dieser Fracht von Hoffnungen und Illusionen, die sich den Himmel versprechen und oft die Hölle finden. Himmel und Hölle, diesmal in Südwest. Was ist es nur um dieses Land, daß es nach wie vor die deutsche Wanderlust weckt? Was wünschen, was hoffen, was versprechen sich alle diese Menschen, die ein tolles Schicksal aus den verschiedensten Lebenslagen zusammengewürfelt hat? Da sind zunächst die alten Afrikaner, die da nach langen Jahren der Trennung wieder zurück zur altgewohnten Sonne fliegen wie die Motten zum Licht. Der »olle Afrikaner« auf Reisen ist ein Studium für sich. Meist ist er leicht zu kennen; ein Abbild seines Landes. Lang, dürr, ausgetrocknet in mehr als einer Hinsicht zwingt er einem geradezu den Gedanken auf: dieser Mensch kann nur aus Afrika kommen! Von anderer Gesellschaft hält er nicht viel. Der Mensch fängt bei ihm erst beim Südwestafrikaner an. Gleich bei der Abfahrt von Hamburg sieht er sich nach seinesgleichen um und sagt einen Dauerskat bis Swakopmund an. Zwischendurch werden alte Erinnerungen von der »Pad« und vom Feldzug aufgefrischt und ein Jägerlatein verzapft, vor dem die Löwen in Busch und Namib schamrot werden würden, wenn sie es hörten. Und dann gleitet das Gespräch unmerklich auf das Gebiet der Farmlöwen, und das ist auch ein Thema, über das man Bände reden kann. Schon immer war Südwest das Land der verlorenen Söhne, nach dem man böse Buben abschob, wenn zufolge Beschluß des Familienrats ihres Bleibens in Deutschland nicht mehr länger sein konnte. Südwest war da gerade weit genug, und die Farmer im neuen Lande, denen sie zur Erlernung des Handwerks als »Farmlöwen« zugeteilt wurden, hatten ihre liebe Mühe, ihren Ärger und manchmal ihr Pläsier an ihnen. Auch heute erzählt man sich die Geschichte von jenem gräflichen Farmlöwen, der immer schon vorzeitig zu Ende war mit seinen Monatsapanagen. Dann verwandte er seine letzten Groschen zu einem dringenden Telegramm an seine lieben Verwandten in Deutschland: »Komme mit dem nächsten Dampfer.« Der erhoffte Erfolg blieb nie aus. Heute, nachdem die Grenzen wieder geöffnet sind, kommen wieder Farmlöwen, aber es ist eine andere Sorte. Nicht mehr der Leichtsinn, die Sorglosigkeit, die Sektgelage, der glorreich gefüllte väterliche Geldbeutel. Nüchtern und illusionslos ist man geworden, voll von moderner Sachlichkeit. Aber nicht alle, besonders nicht die zukünftigen Farmlöwinnen. Da war eine an Bord der »Toledo« – Exwandervogel, Rohköstlerin, Steinerianerin im Nebenberuf und im übrigen Tom Mix ins Weibliche übersetzt, mit einem Cowboyhut und Wasserstiefeln, als ob man drüben so etwas brauchen könnte. Und eine andere – ach Gott, welche Schicksale enden auf Auswandererschiffen! – Dame in den sogenannten besten Jahren. Schon etwas beleibt, schon etwas angegraut, schon etwas ungeschickt auf den Beinen. Früher Schauspielerin, sogar berühmte Schauspielerin in England. Großes Haus. Viele Verehrer. Krieg, Internierung, Inflation. Armut in Berlin. Pellkartoffeln zum Nachtessen. – Nichts für Madame! Verkauft den letzten Möbelplunder mitsamt den bisher so eifersüchtig gehüteten Souvenirs aus besseren Tagen, die Kotillongeschenke des Lords, die Tanzorden der Großfürsten. Auf nach Windhuk vis-à-vis de rien . dem reinen Nichts gegenüber – Aber warum nicht? Was ein rechter Schauspieler ist, dem wird es nimmer fehlen an den Enden der Erde. Ja, das Auswandern nach Südwest ist heute eine ernste Angelegenheit, der letzte Strohhalm, an den sich mancher klammert, nachdem alle anderen versagten. Die Ungewißheit geht um auf dem Schiffe, und so ist es gut, daß es zur Ablenkung der Gemüter ab und zu etwas zu sehen gibt. An einem wunderschönen, sommerlich blauen Morgen tauchten die Bergspitzen von Madeira aus den Fluten auf. Es gibt Orte, die man schon um ihres Namens willen liebt. Madeira – hört sich das nicht an wie weicher Wind und sanfte Harfenklänge, wie blaues Meer und blauer Himmel und Sonne und Farben und süßer Wein, bei dessen Anblick allein schon die Welt des Südens aus dem Glase steigt? Und wenn man denkt, daß dieses Zauberwort nichts anderes heißt als Holz, einfach Holz. – Ja, das klingt sehr nüchtern, und mit Fug und Recht möchten wir bezweifeln, ob dieses Zauberland noch den gleichen Nimbus hätte, wenn man fürderhin etwa sagen müßte: »Kommerzienrats haben heuer die Saison auf Holz verbracht.« Und doch – Holz oder nicht; diese Inseln sind schön, wenn man zuerst in zarten Umrissen die hohen Berge aus der blauen Flut aufsteigen sieht, die einen eben erst noch in der Nordsee, im Kanal, in der ††† Biskaya mit allen Schrecken der Seekrankheit geplagt hat. Hier endlich ist Sommer und Sonne. Die Berge schimmern grün in der Ferne. Die weiße Brandung bricht sich an der steilen Küste. Es ist so recht eine Landschaft, die Dichter begeistern könnte, und wenn wir es nicht ganz genau wüßten, daß er nie über das Schwabenland hinausgekommen war, so könnte man wohl auf den Gedanken kommen, daß Mörike im Anschauen dieser Küsten die Verse schrieb: »Du bist Orplid, mein Land, Das ferne leuchtet! Vom Meere dampfet dein besonnter Strand.« Oh, hätte man nie mehr als das von Madeira gesehen! Aber es ist hier nicht anders als in anderen südlichen Plätzen, wenn bei näherer Betrachtung der betörende Glanz der Farben zerrinnt und Menschliches, allzu Menschliches nackt und bloß im grellen Lichte steht. Man wandert über die Mole von Funchal, die schwarz ist von Kavalieren, die den Werktag zum Sonntag machen. Sie stehen auf der Praca und spucken; sie sitzen im Café und lesen mit Andacht den Correio do Funchal. Überall ist es lebendig von schwarzgelockten Gassenbuben, die einem die Schuhe putzen wollen, von gefälligen Leuten, die einem ihre Dienste als Bärenführer anbieten. Die beste Weinkneipe, den schönsten Aussichtspunkt, das Grabmal des Kaisers Karl. Es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, das sie einem nicht willig zeigen würden gegen eine kleine Vergütung. Und dann sind da die Fuhrleute mit ihren wunderlichen Ochsenschlitten, auf denen man sich unter rotem Baldachin zur Not wie ein König vorkommen kann. Man wandert durch diese fremde Welt in engen Gassen, die zu beiden Seiten von Wirtshäusern überquellen, Gassen, in denen es nicht nur nach Madeirawein riecht, und es ergreift einen ein peinliches Gefühl der Unwirklichkeit, als ob man nicht mehr sein eigenes Selbst wäre, sondern ein wesenloses, unwirkliches Objekt der Fremdenindustrie, ein wandelndes Pfund Sterling, eine begehrenswerte Mark, ein allmächtiger Dollar, nach dem diese seltsame Stadt mit tausend Polypenarmen greift. Eine ganz enge Gasse führte steil bergauf zwischen hohen Mauern, hinter denen man die Schönheit der Gärten nur ahnen konnte. Bald wurde es lichter ringsum. Zuckerrohrfelder wiegten sich leise im Winde. Weiße Landhäuser standen in hellen Bananenhainen. Der Duft der Blumen lag schwer und berauschend in der Luft. Der Abend stand rot über dem Meere, und an den Hügelhängen entzündete sich ein Kranz von Lichtern. Wie still es hier war! Wie weit entfernt vom Lärm der Gasse und der plappernden Stimme der Fremdenführer! Ein dünnes Stimmchen läßt sich klagend und bittend dicht neben mir vernehmen. Galgenstrick, der du dich trinkgeldlüstern an meine Ferse geheftet! Aber wer vermochte je den großen, schwarzen Glutaugen eines südländischen Bambino kleines Kind zu widerstehen? Sie schauen dich an, als ob sie Generalpardon erflehten für alle sündhaften Lazzaroni, Bettler für jede Lüge eines Fremdenführers. Und sie tun es auch. O Sonne von Madeira! O süße Unmoral dieser schwülen Luft! Später – wenn es Gottes Wille ist – werde ich noch einmal zu diesen Ufern kommen, aber nicht als landflüchtiges Objekt der Fremdenindustrie, sondern als seßhafter Wintergast. Und werde alsdann mit den anderen im Kaffeehaus sitzen und im Correio do Funchal lesen, ich werde mit Don Silva da Costa auf den Weinfässern sitzen und die Politik erörtern und werde dem bunten Gewimmel auf dem Markte zuschauen und mich verirren in dem Hexeneinmaleins von Pfunden, Dollars und Eskudos, portugiesische Münze = RM. –,15 das hier in Geltung ist. Und werde mit offenen Augen zusehen, wie sie mir mit Grazie die falschen Fünffranksstücke andrehen, und mich nicht einmal darüber ärgern, weil es gerade so und nicht anders sein muß in Sommer und Sonne dieses lachenden Landes. – Aber wie mancher ist schon an diesen Inseln vorbeigefahren, nach Südafrika, nach Südamerika, und fortan haben sie jahrelang in seinem Gedächtnis fortgelebt als wahre Inseln der Seligen, denn hier hatte er die letzten Stunden ungetrübter Freude erlebt, ehe das wilde, rauhe Leben, das hemdsärmelige Auswandererschicksal ihn beim Schopfe nahm und nicht mehr zur Besinnung kommen ließ in manchen Jahren. So mag es auch manchem gehen, der damals an Bord der »Toledo« die Ausreise antrat. Wir fuhren längs der afrikanischen Küste, und es war afrikanisch heiß. Die See war glatt und still wie Öl. Die Hitze kroch durch alle Sonnensegel. Einige Tage später wurde es kühler. Ein feiner Dunst stieg aus dem Wasser. Weit in der Ferne, im unsicheren Licht über dem Horizont tauchte eine flache, kahle, gelbe Küste auf, die unsere landhungrigen Augen gierig verschlangen. Einige, die in der Geographie Bescheid zu wissen glaubten, meinten, sie gehöre zum belgischen Kongo, andere rieten auf Portugiesisch-Angola, aber der Bootsmann, der dazukam, machte dem Argument ein Ende. »Das da«, sagte er mit grimmigem Schnurrbartstreichen, »das ist immer noch Deutsch -Südwestafrika!« 2 Jim macht Dampf Ankunft in Walfischbai / Südwest im Morgengrauen / Die Angst vor dem Immigrationsoffizier / Er läßt mit sich reden / Der staatsgefährliche Weihnachtsbaum / Sandwichmann im Wüstensand / Beamtenlachse / Vorstadt von Hamburg / Jakobus in der Kaiser-Wilhelm-Straße / Spuk in der Namib / Man feiert Siegesfest / Jim macht Dampf / Es bekommt der Lokomotive schlecht / Endlich in Windhuk So waren wir endlich in Südwest! Aus dem Grau des dämmernden Tages sondert sich die Küste ab. Schön im landläufigen Sinne ist sie keineswegs, und man müßte lügen, wenn man behaupten wollte, daß sie auch nur einigermaßen einladend aussähe. Und sie gewinnt auch nicht bei näherer Betrachtung. Wie mancher mag hier schon an Deck gestanden haben mit süßsaurer Miene im Angesicht des Landes, das er sich zur neuen Heimat auserwählt hatte, derweilen es ihm ein wenig kalt über den Rücken lief beim Anblick der gelben Sanddünen, die kahl und tot in der grellen Sonne stehen. Nicht jeder konnte sich, wie einst Peter Moor, zu dem Gedanken aufschwingen, daß das nur eine von der weisen Natur errichtete Kulisse sei, damit die Löwen keine nassen Füße bekommen. Der Schlepper führt uns hinein in die Bucht von Walfischbai, und das ist keine kleine Kunst, denn obwohl es eine sehr geräumige Bai ist, ist sie doch übersät mit wandernden Sandbarren, von deren Gefährlichkeit manches halb versandete Wrack ein beredtes Zeugnis ablegt. Seit einigen Jahren hat sie einen ernsthaften Anlauf zu einem ordentlichen Hafen genommen. Es wurden Kaianlagen errichtet, an denen die Schiffe langseits gehen können, und dicht am Wasser erhebt sich das recht stattliche, aber unschöne Haus der »Cold Storage«, die Gefrierfleischanstalt, als einzig nennenswertes Gebäude in der weiten Umgebung. Wenn es nun auch nicht viel zu sehen gibt, so bekommt man um so mehr zu riechen; ein furchtbar penetranter Gestank, der wie eine Wolke über die Bai herüberkommt von den Blechbuden der Walfischstation, wo sie eben dabei sind, die Meeresungeheuer auszukochen. Aber viel Zeit bleibt nicht zu solchen Beobachtungen, denn schon ist der englische Immigrationsoffizier an Bord, und das würgt einem ein wenig in der Kehle in diesem deutschen Koloniallande. Rede einer vom deutschen Bürokratismus! Er ist gewiß nicht immer erfreulich – das wäre auch zuviel verlangt! – aber man weiß, woran man mit ihm ist. Nicht so beim englischen, der unendlich langsam und schwerfällig arbeitet. Er hüllt sich in zweideutige Redensarten wie ein delphisches Orakel. Er wiegt seine Opfer ein in falsche Hoffnungen. »I am sorry – I shall see what I can do for you –.« Es tut mir leid – ich will sehen, was ich für Sie tun kann Und dann tun sie am Ende gar nichts, und das mit dem Bedauern ist auch nur so ein echt englisches Wort, bei dem sich jeder etwas anderes denken kann. So auch der Immigrationsoffizier. Er kommt nicht allein. Mit ihm kommen ein Kollege und ein deutscher Dolmetscher. Letzterer tut die ganze Arbeit. Er redet mit den Leuten. Er fragt sie aus nach dem Woher und Wohin. Er erkundigt sich nach ihrem Vorleben, ihrer Gesundheit, ob sie getauft, geimpft, ob sie schon einmal im Zuchthaus waren, und was sonst noch so an seltsamen Fragen im Formulare steht. Und alle die Zeit sitzen die beiden angelsächsischen Edelmenschen, die natürlich kein Wort Deutsch verstehen, dafür aber ein doppelt so hohes Gehalt beziehen, dabei und nicken gewichtig mit dem Kopfe. Und gleich hier macht man eine lehrreiche Beobachtung: schon immer hat man sich darüber gewundert, woher es kommt, daß dieses mit Glücksgütern doch keineswegs überreichlich gesegnete Land einen so unwiderstehlichen Reiz auszuüben vermag auf alle, die einmal dort gewesen. – Nun wohl, hier offenbart sich uns das Geheimnis aus dem Munde des Dolmetschers bei jedem neuen Namen der Liste: »Tag, Frau Müller! Auch wieder in Südwest? – Nanu, Herr Krause! Schlanker sind Sie man auch nicht geworden! – Sieh da, Herr Schulze! Na, ich sage ja nur, die Olle wartet schon in Tsumeb!« Ja, so ist's! Da kommt es einem zum Bewußtsein gleich am ersten Tage, noch ehe man das Land betreten: Südwest ist ein einziges großes Dorf, vom Oranje bis zum Kunene ... Was bin ich, wenn ich nach Hamburg komme? Eine Null, ein Nichts, eine ärgerliche Bewegung im Wege. Hier aber ist ein großes heimatliches Land, in dem man Mensch ist und es sein darf, in dem jeder des anderen Vermögen und seine Bankschulden kennt, und seine Fehler und Gebrechen und seine Liebschaften und seine Leidenschaften, so gut und besser als er selber, in dem alles Menschliche umrankt ist von einer Legende von Buschklatsch. Aber schon liegen wir langseits am Kai, wo die vielen Mohren, die hierzulande nicht schokoladenbraun wie anderswo, sondern schwarz wie Stiefelwichse sind, das ganz besondere Interesse unserer europäischen Neulinge erregen. Mancher mochte es sich wohl etwas anders vorgestellt haben unter dieser heißen afrikanischen Sonne. »Kleider sind hier wenig Sitte, Höchstens trägt man einen Hut Oder einen Schurz der Mitte. Man ist schwarz, und damit gut.« Aber gerade der Aufwand von eigenartigen Toiletten ist es, der diesem schwarzen Gewimmel von Walfischbai seine besondere Note verleiht. Die meisten machen freilich einen ziemlich »z'sammg'stupften« Eindruck, doch kann man auch ganz löbliche Anläufe zu wirklicher Eleganz beobachten, wie z. B. bei jener farbigen Dame mit dem roten Sonnenschirm und dem Kapotthut von Anno Dazumal und bei dem Kavalier mit der fabelhaften Bügelfalte, der mit den anderen den Güterwagen vor sich herschiebt. Am Fallreep wird man von einer Menge begrüßt, die uns in einem mehr malerischen als verständlichen Deutsch ihre Dienste anbietet. Und auch das ist eine Überraschung für den europäischen Neuling, die zuweilen mit Schrecken gemischt sein mag wie bei jenem Trupp deutscher Auswanderer in Südbrasilien, die einen Neger antrafen, der tadellos plattdeutsch sprach, obgleich sein Gesicht tiefschwarz war. Da staunten die biederen Einwanderer. »Wie kommt denn das, daß du so gut deutsch kannst?« fragten sie den farbigen Gentleman. »Ja,« antwortet der, »das kommt nun mal so. Das Klima bringt das mit sich. Wartet nur einmal zehn Jahre lang und ihr werdet mindestens ebenso schwarz sein wie ich.« Nun endlich ist das Schiff seiner Ladung ledig. Hier stehen wir herum, eine Fracht von alten Afrikanern und solchen, die es noch werden wollen, von alten Farmern und kommenden Farmlöwen und was sonst noch so von einem Schiff an Land gesetzt werden kann an Hoffnungen und Illusionen und gescheiterten Existenzen. Wer heute nach Südwest auswandern will, der muß bei der Ankunft in Walfischbai fünfzig Pfund gleich tausend Mark Landungsgeld aufweisen können, und das zusammen mit den Reisekosten ist ein Batzen Geld, in dessen Besitz die meisten es sich zweimal überlegen würden, ehe sie sich zur Auswanderung entschließen. Aber es muß schon so sein, daß der Auswanderungskommissar beide Augen zudrückt, denn wie anders kann man es sich erklären, daß einige jener hoffnungsvollen Jünglinge schon im Zollschuppen von Walfischbai sich das Geld zur Reise nach Windhuk borgen mußten? In anderen Dingen, bei denen man es nicht für möglich halten sollte, ist man jedoch von größter Strenge. – Es kam da auch ein älteres Ehepaar, das in Anbetracht des kommenden Festes einen ganz hübschen kleinen Weihnachtsbaum in einem Topfe mitgebracht hatte. Der Beamte besah sich das corpus delicti von oben bis unten, schüttelte den Kopf, schaute in der Tabelle nach. – Lebende Pflanzen, Einfuhr verboten. Konfiszierte das staatsgefährliche Ding und versiegelte es, wie das Gesetz es befahl. – Zehn Stunden dauerten diese Orgien des Bürokratismus, und man hatte währenddessen Zeit, die Sehenswürdigkeiten jener aufblühenden Stadt in Augenschein zu nehmen, die man freilich bequem in einer halben Stunde abtun kann. Da ist die Walfischstation, zu der man erwartungsvoll seine Schritte lenkt, um dann auf halbem Wege umzukehren, hoffnungslos besiegt durch den Pesthauch, der wie aus einem Vorhof zur Hölle von dorther kommt; da ist ein Hotel mit einem großen Namen und kleinen Akkomodationen, ein Café Royal, dessen Herrlichkeiten auf weißer Tafel in großen Lettern von einem Sandwichmann Träger von Reklameplakaten, die auf Brust und Rücken befestigt sind auf dem Kai spazieren getragen werden. Da ist eine Reihe von kümmerlichen englischen Normalhäuschen, die trostlos in der heißen Sonne stehen. Irgendwo erblickt man, sorgfältig eingehüllt in ein altes Zementfaß, ein schwindsüchtiges Tamariskenbäumchen, dem man es ansehen kann, wie sauer ihm seine Würde als alleiniger Vertreter des grünen Pflanzenreiches wird. Wohin man schaut, ist es eine Symphonie von Blechkannen und leeren Whiskyflaschen, welch letztere hier sogar als Einfassung dienen für das, was man mit einiger Kühnheit als Gartenbeete zu bezeichnen beliebt. Es ist Mittag. Die Sonne steht im Zenit. Der Wind kommt vom Meere. Die Brise summt zwischen den Wellblechbuden. Die Konservenbüchsen kollern lustig in den Straßen. Der kühle Abend erst treibt die Menschen aus den Häusern. Da und dort bemerkt man dann ein Gewimmel von zwei oder drei Menschen, die eiligst zum Whisky oder zu den »Movies« Kinovorstellung gehen. Denn auch diese Armseligkeit hat ein Kinotheater. – Das ist die Walfischbai, das ist das Tor zu diesem neuen Lande. Es ist wie jenes andere, über dem geschrieben stand: »Lasciate ogni speranza.« laßt alle Hoffnung fahren Alles geht indes einmal vorüber: auch zehn Stunden in Walfischbai. Endlich hat das Züglein sich ermannt und fährt schnaubend davon, nach Swakopmund, immer dicht am Strande hin, zwischen jenen beiden ewigen Dingen: dem Meer und der Wüste. Kahl und tot ist die Gegend und doch von seltsamer Schönheit, jetzt wo die Sonne sich blutigrot zum Meere neigt und der Abend einen Goldstaub über Meer und Wüste wirft. Es ist, als ob die Natur mit lebendigen Farben wieder gutmachen wollte, was sie an sonstigem Leben versäumt hat. Dunkelviolette Schatten huschen über die blaue Meeresfläche. Weiß und wild tobt die Brandung an der gelben Sandküste. Da und dort wälzt sich wohlig ein Seelöwe, da und dort sieht man eine Schar Kormorane oder einen Zug von Flamingos in zartem Rosa der sinkenden Sonne entgegenfliegen. Da und dort brennt das Feuer vor einem Kaffernpontok, bienenkorbförmige Wohnhütte der Kaffern und überall am Strande sieht man das seltsame Zeug, das das ewig unruhige Meer herangespült hat, am seltsamsten unter diesem die kleinen Grundhaie, die ganz Maul sind und vom Volksmund »Beamtenlachse« getauft wurden. In großem Bogen fährt das Bähnlein erst rings um den Ort herum, bis es endlich vor einem Bahnhof hält, der mit deutscher Solidität mitten im Sand der Wüste erbaut wurde. Draußen empfängt uns die seltsamste aller Straßenbahnen, die nach dem etwas abseits gelegenen Städtchen fährt. Was immer an Fahrgästen angekommen ist, wird mit Kisten und Koffern auf einen von zwei lustigen Mauleseln gezogenen Flachwagen gepackt, auf dessen Bänken in drangvoller Enge das Publikum sitzt, in der Hoffnung, daß der Herr nicht regnen lasse auf die Gerechten. Und er tut es auch nicht; denn in Swakopmund regnet es nie . Petrus, der schwarze Zugführer, läßt die Peitsche knallen, Jakobus, sein womöglich noch schwärzerer Assistent, ruft die Namen der Hotels aus, Johannes, ebenso schwarz, springt ab und stellt die Weichen. Die Sonne ist schon untergegangen, und die Abendschatten liegen lang in den Straßen. Aber noch sehen wir genug der Dinge, die uns staunen machen und zugleich ein schönes, süßes Gefühl der Heimatlichkeit an diesem fernen Strande in uns wecken. In flottem Tempo geht es durch die Kaiser-Wihelm-Straße. Nun biegen wir ein in die Moltke-Straße und halten schließlich vor dem Hotel Fürst Bismarck. Weiterhin bemerken wir ein Hotel Kaiserhof, einen »Krug zum grünen Kranze«, und so geht es weiter. Wohin man schaut, sieht man nur deutsche Inschriften an den Häusern und an den Straßenecken. Wo man hinhört, spricht man deutsch. Noch immer ist Swakopmund, wie einst, die Vorstadt von Hamburg. Vor dem Strandhotel, das aussieht wie jedes andere in Deutschland auch, nimmt Markus, der schwarze Hausknecht, unseren Koffer in Empfang, Lukas bemächtigt sich der Stiefel, Nikodemus richtet ein Bad. Wo immer drei oder vier von diesen zu sehen sind, da ist gleich auch die ganze heilige Familie versammelt. Am anderen Morgen sind wir frühzeitig auf den Beinen und schauen den Ovamboleuten zu, die den Sand der breiten Straßen so sauber rechen, daß es einem ordentlich wie eine Entweihung scheint, wenn man mit plumpen Füßen dieses Vorbild deutscher Ordnungsliebe zerstört. Denn mehr als je legt Swakopmund Wert auf seine äußere Erscheinung. Der Traum eines Seehafens ist ausgeträumt; dafür fühlt man sich nun als kommenden Badeort, und das mit vollem Recht. Wenn es irgendwo auf dieser Erde noch einen Seestrand gibt, der vollkommener wäre als der von Swakopmund, so möchte ich wissen, wo er ist. Was immer zu den Erfordernissen eines solchen gehört, ist hier in geradezu idealer Weise vereinigt. Ein flacher, weicher, sandiger Strand, eine mächtige Dünung, die ewig donnernd dagegen anrollt, dazu in den Sommermonaten ein immer blauer Himmel von fleckenloser Reinheit und vor allem diese köstliche Ruhe, dieses seltsam anheimelnde kleinstädtische Milieu, das allein schon eine Medizin für zerzauste Nerven ist. In den Sommermonaten sind die Hotels überfüllt mit Gästen, die der Gluthitze des Innern entfliehen. Aber auch jetzt, wo die »Saison« noch nicht begonnen hat, sieht man die hier zur Schule gehenden Farmersbuben, die braun verbrannt und geradezu herausfordernd gesund aussehen. Die Jungens machen einen Diener, die Mädchen begrüßen uns mit einem Knicks. – Wo sonst passiert einem noch so etwas auf dieser Erde? Wir gehen hinunter zum Strande, wo die Gärten stehen, die mit rührender Geduld den Kampf mit Meer und Wüste zu bestehen haben. Weiße Margriten und blutrote Geranien umsäumen die alte, längst versandete Mole, die heute als Badestrand eine Auferstehung feiert. Nein, Swakopmund ist nicht tot! An diesem seltsamen Städtchen ist alles Kampf und Sieg und Niederlage und neue Auferstehung, so recht ein Musterbeispiel dafür, was deutsche Kulturpioniere zu schaffen vermögen, die unverzagt auch das Hoffnungsloseste überwanden. »Wie rauscht das Meer um deine weißen Küsten und singt ein Lied von alter Hansamacht!« Längst schon ist die Sonne gesunken. Weiß schäumend bricht die Brandung aus dem nachtschwarzen Meere. Stetig blitzt das Licht vom Leuchtturme. Nur ab und zu schreit ein Pinguin, nur ab und zu kreischen die Kormorane, die sich auf dem Brückenkopfe eingenistet haben. O süße, erhabene Ruhe dieser Märchenstadt zwischen Meer und Wüste! Wie lange noch? Wie lange wird es dauern, bis ein geschäftstüchtiger Impresario auch dieses Idyll entdeckt und in verwässerten Aktien zu einer Limitedcompany emporgepufft haben wird? Dann wird es aus sein mit dem niedlichen Strandcafé zwischen den roten Geranien, dann werden keine »Hühnersteige« mehr über die Sandstraßen führen, keine Mädchen mehr knicksend den Vorübergehenden begrüßen. Es wird alles Zement und Asphalt und Pikkolos und Zahlkellner und Golfklubs und mondäne Toiletten sein. Der Benzingestank wird die Pinguine vertreiben und das Heulen des Saxophons das Meeresrauschen übertönen. Die Hausplätze an diesem Strande wird man alsdann per Quadratmeter handeln, und geschäftige Landagenten werden ihre Zukunft in schreienden Zeitungsanzeigen preisen. Aber das Swakopmund, das wir lieben, diese anheimelnde Vorstadt von Hamburg am südlichen Strande, wird dann für uns in Wahrheit eine tote Stadt sein. * Je größer die Entfernungen, desto langsamer die Zugverbindungen. Das ist eine Regel, von der die südwestafrikanischen Eisenbahnen wahrlich keine Ausnahme bilden. In der glühenden Mittagshitze sitzen wir auf dem Bahnsteig von Swakopmund, wo Tickets und Kaartjes verkauft werden, und ringsum das »Nix deutsch« von allen Wänden schreit. Nur englisch und »afrikaans« die Inschriften, einerlei, ob es einer versteht oder nicht. Puffend und fauchend steht die Lokomotive, beinahe so, als ob sie es eilig hätte. Noch einen Blick erhaschen wir von dem blauen Meere, noch eine Nasevoll von der weichen Seebrise, die frisch und lebendig von dorther kommt, ehe es hineingeht in den Glutofen der Wüste, die feindselig unter der hellen Sonne steht. »Wüstensand und Sonnenbrand, Das war alles, was ich fand. Als ich ging so ganz allein Tief nach Afrika hinein.« Sand und Sonne ist hier alles. Schweigende Einsamkeit und trostlose Dürre. Die Sonnenstrahlen fallen senkrecht in den Sand, und die kahlen Bergkuppen in der Ferne werfen sie zurück in flimmernden Wellen. Es ist eine Gegend, die auffallend viel Ähnlichkeit hat mit den Salpeterwüsten des nördlichen Chile, auf der Strecke, die von Antofagasta nach Bolivien führt. Genau wie dort, so steigt auch hier die Bahnlinie schnell bergan, ohne daß man im äußeren Landschaftsbilde viel davon gewahr wird, wenngleich das Schnauben der hinten und vorne angekoppelten Maschinen etwas davon ahnen läßt. Nur ab und zu sieht man ein Bahnwärterhäuschen, das trostlos in der heißen Sonne steht. Das Wellblechdach funkelt weithin in der Wüste, eine Ziege knabbert an einer alten Zeitung, ein paar Kaffern liegen faul in der Sonne. Sonst ist nichts zu sehen als der Sand und nichts zu hören als der Wind, der eintönig in den Telegraphendrähten summt. Heutzutage sind es Buren, die hier als Streckenwärter fungieren und sich offenbar auch ziemlich wohlfühlen inmitten einer Schar von Jongens und Meisjes, von denen pünktlich in jedem Jahre aufs neue eines das Licht der Wüste erblickt. Wie man aber früher einmal deutsche Menschen finden konnte, die um ein geringes Entgelt sich dazu bereit finden ließen, die schönsten Jahre ihres Lebens in diesem beschaulichen Martyrium zu verbringen, das ist uns heute noch nicht verständlich. Aber noch etwas anderes sieht man hier in der Wüste stehen, unweit Swakopmund, dort, wo die ersten Dünen beginnen. – Was ist es nur? Ein Automobil, eine Dampfwalze, ein ultramoderner Tank? Es ist ein eigenes Ding und eine große Hoffnung liegt mit ihm begraben, hier im Sande. Im Aufstandsjahre 1904, als die Eisenbahn noch nicht ging, erschien es einem Berliner Geheimrat als das einzig wahre Transportmittel zum Nachschub für die kämpfenden Truppen. So wanderte es vom grünen Tisch direkt in die Namib. Aber in der ersten Düne blieb es stecken und da steckt es heute noch. Fortan aber hieß und heißt es nur noch der »Martin Luther«. (Hier stehe ich, ich kann nicht anders.) Aber einmal nimmt auch die Wüste ein Ende und mit ihr der Sand und die Salzbüsche. Unmerklich zieht sich ein brauner Schimmer über die Hügel. Gelbes Steppengras wuchert am Bahndamm. Schon tauchen vereinzelte Kameldornbäume auf. Von Stunde zu Stunde wird es schöner. Wohin man schaut, sieht man die schwarzen, seltsam verzerrten Dornbuschbäume. Das gelbe Gras wiegt sich im Winde. Die hohen Khanberge, die unseren Lauf schon eine Zeitlang im Süden begleiteten, leuchten plötzlich rot auf in der sinkenden Sonne. Ein feiner Goldstaub liegt über der Steppe. Tiefdunkelblau leuchtet der Himmel, und ringsum ist es ein Sprühen und Leuchten von Farben, die einem ein blasierter Europäer niemals glauben würde, wenn es wirklich gelänge, sie so, wie sie sind, auf die Leinwand zu bringen. Das ist der Zauber der Steppe. Das sind die Farben von Südwest! Schon ist es ganz dunkel. Man sieht nur die Nacht und die Sterne und die Schatten der Dornbüsche, die gespensterhaft in der Landschaft stehen. Von fernher blitzen ein paar Lichter, die einem ordentlich deplaciert vorkommen in dieser endlos scheinenden Wildnis. Ehe wir's uns versehen, fahren wir in den Bahnhof von Usakas ein, von wo die Otawibahn nach dem Norden abzweigt. Es herrscht ziemlicher Betrieb auf dem Bahnsteig. Die ganze Bevölkerung hat sich, nach uraltem Brauche der Kleinstadtbewohner, zur Begrüßung des Zuges versammelt. Eine babylonische Sprachverwirrung von Deutsch, Englisch, Afrikaans und Herero beleidigt die Ohren. Zumal die Engländer treten sehr in die Erscheinung an diesem Eisenbahnknotenpunkt, denn selbstverständlich haben sie alle fetten Posten im Bahndienst für sich reserviert, in Südwest wie überall sonst in dem großen Reiche, das längst aus einer machtpolitischen Einheit herabgesunken ist zu einem Zweckverband zur Beschaffung von Sinekuren müheloses, einträgliches Amt für die Söhne Britanniens. Ob einer dabei auch was versteht von seinem Amte und es genau nimmt mit seinem Dienste, ist eine Konsideration, die erst in zweiter Linie kommt. Hauptsache ist, daß er zur Edelrasse gehört. Und nun muß ich in diesem Zusammenhange meine Feder tief eintauchen, um von Dingen und Vorgängen zu berichten, die mir der europäische Mensch – trotz aller Wundergläubigkeit für afrikanische Abenteuer – so ohne weiteres gar nicht glauben wird. Schon in Usakas war mir die große Zahl freudig erregter junger Männer und Mädchen aufgefallen, die mit großen, roten Blumen im Knopfloch den Zug bestiegen. »Hallo, Jim«, rief einer dem Lokomotivführer zu, »mach' Dampf! Wir kommen zu spät auf den Maskenball.« Jim tat, wie ihm geheißen. Er machte Dampf. Der Zug schwankte wie ein Schiff bei hohem Seegang, und währenddem wurde es allenthalben lebendig von Clowns, Dominos, Don Quichotes, Sancho Pansas und dergleichen Gestalten, deren Daseinsberechtigung uns nicht recht einleuchten mochte in Anbetracht der noch etwas entfernten Karnevalszeit. Die Clowns – das waren verkleidete Eisenbahnbeamte und der größte Clown saß auf der Lokomotive. Jim machte noch mehr Dampf. Die Lokomotive selbst wurde angesteckt von der allgemeinen Festesfreude. – Heisa! Heut war ja der elfte November! Armisticeday , Waffenstillstandstag. Gedächtnistag für zehn Millionen Tote. Das mußte gefeiert werden. In einer Kurve bockte die Maschine. Die Steigung war doch etwas zu stark für ihren schon in der Vorfreude des Festes erschöpften Atem. Wieder und wieder fuhr sie mit dem Zuge zurück und rannte gegen das Hindernis wie ein bockiger Maulesel, dem man das Springen beibringen will. Glücklicherweise war es eine herrlich schöne, milde Mondnacht. So stiegen wir alle aus und betrachteten uns das Sekundärbahnidyll von außen. »Zwei zu eins, daß ihr nie da hinaufkommt«, sagte ein langer Engländer. »Gemacht!« sagte Jim und wieder brauste die Lokomotive gegen den Berghang. Aber Jim verlor die Wette. »Drei zu eins!« rief es im Chor. Jim nahm auch diese Wette an. So ging es weiter. Die Wetten wuchsen, aber als sie zehn zu eins auf dem Mißerfolg standen, entschloß man sich, den Zug auseinanderzunehmen und stückweise nach Karibib zu fahren. Dort angelangt, verschwand das gesamte Zugpersonal, um zunächst einmal in einem nahen Wirtshause Waffenstillstand zu feiern. Das dauerte drei Stunden, währenddessen nichts zu hören war als das Klanken der großen Windpumpe am Bahnhof und das Zirpen der Grillen in der Stille der Nacht. Als sie wiederkamen, waren sie samt und sonders drei Strich im Wind und gerade in der Stimmung, ihre frohe Festeslaune an der Lokomotive auszutoben. Aber es war ein kurzer Spaß. Schon nach zwei oder drei weiteren Stationen blieb der Zug stehen, trotzdem sie alle Ventile öffneten und aus Leibeskräften an dem Feuer rüttelten. Eine Stunde verging und noch eine. Längst war der Tag schon wieder angebrochen, aber die Maschine rührte sich nicht. Die Reisenden stiegen aus, steckten mit afrikanischer Gemächlichkeit ihre Pfeifen an und berieten, was da nun zu tun wäre. Einige stiegen auf die Plattform der Lokomotive, guckten ins Feuer und gingen kopfschüttelnd wieder fort. Andere schlüpften zwischen die Räder und betrachteten das widerspenstige Ding von unten, ohne jedoch zu einem besseren Resultat zu kommen. Zuletzt kam noch ein deutscher Schlosser herbei, der sich auskannte. – Freilich, wie konnte man selbst einer afrikanischen Maschine irgendwelche Arbeit zumuten, wenn aus durchgebrannten Kesselrohren das Wasser auf den Bahndamm lief! Per Telephon – das wenigstens war nicht defekt – bestellte man eine andere Maschine, die denn auch nach geraumer Zeit endlich angefahren kam und diesem afrikanischen Eisenbahnidyll ein Ende machte. Der Zug wurde zur nächsten Station geschoben, wo man die infolge des Waffenstillstandstages so glorreich verwundete Lokomotive auf ein Seitengleis schob, mitsamt den beiden noch immer nicht ganz ernüchterten Führern, die übers ganze Gesicht strahlten in Erwartung der Bezahlung für die vielen Überstunden. »Oh, it was good sport! What fun we had!« Oh, das war eine feine Sache! Was hatten wir für einen Spaß! »Nichts Neues!« sagten die Mitreisenden mit gleichgültigem Achselzucken. »Kein Grund zur Aufregung. Man ist eben in Afrika, in Südwestafrika. Das ist der Schuttabladeplatz für allen Plunder, menschlichen und anderen, aus der südafrikanischen Union. Nicht wert, daß man sich darüber aufregt.« Es ist jedoch ein schlechter Wind, der niemand zuliebe bläst. Wären wir bei Nacht und Nebel von Karibib weitergefahren, so hätte ich nie geahnt, welch liebliches Land zwischen dort und Windhuk liegt; lieblich nicht im herkömmlichen Sinne, sondern so wie man es bei Steppenländern haben will, mit dem berauschenden Eindruck der unermeßlichen Weiten und den glühenden Farben, die darauf liegen. Noch stand alles verstaubt und dürr, in Erwartung der Regenzeit, die in einigen Wochen fällig sein mußte. Das gelbe Gras zog weithin über die Hügel. Überall glucksten die Perlhühner, ein Rudel Kuduantilopen schaute gemächlich und nicht ein bißchen scheu dem Teufelsding aus Frankistan nach, das heulend und fauchend durch seine Steppe zog. Ab und zu sah man eine Herde Bockies im Busch. Von menschlichen Wohnungen kaum irgendwo eine Spur. Noch nicht einmal eingezäunt ist dieses Land des weiten Raumes und der großen Entfernungen. Okahandja stand auf der Tafel einer größeren Station. Es ist ein Name, der allen Deutschen geläufig ist oder doch sein sollte, denn dieser Platz hat viel deutsches Blut getrunken. Hier war es, wo der mächtige Häuptling Samuel Maharero seine Werft hatte, von der eines Tages das Stichwort ausging zur Ermordung der Farmer. Hunderte von braven deutschen Kulturpionieren mußten damals ihr Leben lassen, aber freilich – wären es Engländer gewesen, hätte man sich in der Heimat darüber aufgeregt, wären es Buren gewesen, so hätte man ihnen Heldengedichte gewidmet, wären es Armenier gewesen, so hätte man für sie gesammelt. So aber redete man von der Streusandbüchse und von Hottentottenkralen und kam sich wunder wie gescheit dabei vor, bis dann die anderen den Braten rochen, und heute – ja heute –! Im Busch stehen ein paar kümmerliche Pontoks. Um das Feuer lungern die ehemaligen Herren dieses Landes, die einst wie Könige mit ihren Rindern von Wasserstelle zu Wasserstelle zogen. Große, stattliche Männer in billigen europäischen Lumpen. Die Weiber gar sind eine Erscheinung in ihrer hohen, turbanartigen Kopfbedeckung und den langen, aufgeplusterten Röcken, die wie ein stummer Protest wirken auf das Ideal der modernen schlanken Linie. Vorbei der Glanz des Hererovolkes. Vorbei auch der kurze Traum der deutschen Herrschaft. Und doch ist hier der Grund uneben von Gräbern, die es laut verkünden, selbst wenn es die Menschen nicht mehr wahrhaben wollten: »Ich aber kann des Landes nicht, des eignen, Schmerzerfüllte Frage mißverstehen, Ich kann die stillen Gräber nicht verleugnen, Wie tief sie auch im Unkraut heut vergehen.« Um aber auf die Geschichte zurückzukommen: am späten Nachmittag fuhren wir mit der Kleinigkeit von zwölf Stunden Verspätung in den Bahnhof von Windhuk ein. 3 Mooiprat Von Windhuk zu Windhoek / Babylonische Sprachverwirrung / Klein-Paris in Südwest / Alles fürs Auto / Der Tintenpalast / Das Schwimmbad als Weltwunder / Ein angenehmer Besuch / Mooiprat / Eine Haupt- und Staatsaktion / Im Gefängnis / Die anstößigen Bohnen / Allerlei Galgenvögel / Der Hungerstreik / Römisch-Holländisches Unrecht / Billy, der Wärter, wird nervös / Ein gutes Geschäft / Besuch im Gefängnis / Der Magistrat wird energisch / Endlich frei Mooiprat – das ist ein Wort, ein burisches Wort, das wohl in weitesten Kreisen ganz unbekannt sein dürfte. Und um die Wahrheit zu sagen: ich selbst bin in den wenigen Monaten meiner afrikanischen Gastrolle doch nicht genug Afrikaner geworden, um Sinn und Wesen dieses vieldeutigen Ausspruchs so ganz in seiner Tiefe zu erfassen. Dennoch setze ich ihn hier an die Spitze dieses Kapitels. Man wird besser verstehen warum, wenn ich damit zu Ende bin. – Langsam und selbstbewußt, als ob gar nichts Böses passiert wäre, fährt der Zug in den großen, geräumigen, mit deutscher Solidität erbauten Bahnhof der kleinen Hauptstadt ein. Windhuk steht auf dem Bahnhofsschild. Oder nein: Wind hoek steht da, denn die Zeiten haben sich geändert und zwischen Huk und Hoek liegt ein Berg von Enttäuschungen, ein Meer von Blut und Tränen. Auf dem Bahnhof herrscht wirklich so etwas wie großstädtisches Leben. Man sieht viele Engländer und noch mehr Buren, die sich als Engländer geben, und kein Ende von Kaffern, die in Kleinstadtmanier auf dem Bahnsteig herumlungern und unter hinreißend schönen Hotelmützen die Namen der Gasthöfe ausrufen, so gut sie es verstehen: »Stadt Windhuk – Kaiserkrone – Großes Herzog – Rheinisches Hof.« Vor dem Bahnhof warten die Autos in langer Reihe. Anders ist diese Stadt als das Bild, das wir uns bisher davon machten. – Windhuk! Liegt nicht in dem Namen schon etwas von der afrikanischen Wildnis? Hört sich das nicht an wie knarrende Ochsenwagen, wie heulende Schakale an staubiger Pad? Statt dessen sausen wir im Auto über eine wohlplanierte Straße zwischen funkelnden Spiegelscheiben, aus denen uns die neuesten Kreationen Pariser Modekünstler entgegenlachen. Statt dessen sieht man schöne Frauen mit schicken Bubiköpfen und Autos und immer wieder Autos. Denn dieses ist der Gott des neuen Südafrika, es ist das Ding, an dessen Anschaffung ein jeder denkt, noch ehe er das Nötigste zusammen hat für einen kümmerlichen Haushalt. In diesem Klein-Paris von Südwestafrika ist das Auto ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand. Am Auto hängt, zum Auto drängt hier alles. Es ist das Ding, das das Gesprächsthema liefert, wenn die Farmer vom Lande kommen und im Hotel »Großes Herzog« viel Whisky mit wenig Soda trinken. Der Mensch fängt hierzulande erst beim Auto an wie anderwärts beim Scheckbuch. Es ist hier nicht anders als überall sonst in den heranwachsenden Städten der neuen Länder. Viel Benzin und nicht viel sonst. Man fährt durch die breite Kaiserstraße und betrachtet sich die Herrlichkeit, und wenn man eben denkt, nun müßte Windhuk doch bald kommen, so ist man schon auf dem weiten Ausspannplatze, der einstmals von dem Gebrüll der Zugochsen widerhallte, und nur wenige Schritte weiter steht man schon wieder in der grenzenlosen Einsamkeit der afrikanischen Steppe. Für den, der eben erst von dem so ganz und gar deutschen Swakopmund kommt, ist Windhuk auf den ersten Blick eine unerfreuliche Überraschung durch die vielen englischen Ladeninschriften, die sich in der Hauptstraße breitmachen. Fast jedes Ladenschild ist zweisprachig deutsch und englisch, obwohl die Besitzer fast durchweg noch die alten aus deutscher Zeit sind, wobei freilich nicht verschwiegen werden darf, daß einige darunter waren, die mit beneidenswerter Elastizität den Anschluß an die neue Zeit zu finden wußten. So wurde z. B. ein Neumann über Nacht zu einem Mr. Newman, ein Herr Stein schrieb sich plötzlich mit einem Ypsilon. Aber das ist menschlich. Solche Leute soll es auch anderwärts geben. Dem gesteigerten Zuzug kapländischer Juden – den getreuesten Trabanten des englischen Imperialismus in Südafrika – folgte die Errichtung einer Synagoge, deren Entstehen vom Administrator Werth als bedeutendste Kulturtat seit Errichtung des Mandats gefeiert wurde; er muß es ja wissen. Und doch ist es noch immer das alte Windhuk, das deutsche Städtchen in der afrikanischen Steppe. Auch heute, wo die Bußfertigkeit und Selbstanklage der Deutschen in aller Welt wahre Orgien feiert, wird es wohl noch erlaubt sein, so viel zu unserem Lobe zu sagen: Was wir tun, das tun wir im allgemeinen gründlich. Man braucht sich nur einmal Windhuk oder Swakopmund anzusehen mit den stattlichen Häusern und den großzügigen Stadtanlagen und daneben irgendein gleichgroßes englisches Kolonialstädtchen mit seinen gleichförmigen, roh zusammengehauenen Holz- und Blechhütten, mit seinen Whiskybars und Geldwechselbuden, die man Banken zu nennen beliebt, und der ganzen tödlichen Langeweile, die darauf ruht. Und nun gar Windhuk, Windhuk die Lustige, Übermütige, das einstige Paradies der deutschen Tunichtgute! Schon die Lage ist einzig schön und eine unvergeßliche Erinnerung für jeden, der einmal bei sinkender Nacht von den Höhen hinter dem Orte hinüberschaute zu den wildzerrissenen Khauasbergen, die im Abendlichte glühen, und hinunter zur Stadt und Steppe, über die das schwindende Tageslicht ein feuriges Farbenmeer gießt. Mit welcher Liebe hat der deutsche Siedler an dieser seiner neuen Heimatstadt gehangen! Wie verschwenderisch hat der deutsche Steuerzahler sie ausgestattet, ohne die Spur eines händlerischen Gedankens, ob sich das jemals verzinse! Deutschland mit seiner Seele wollten sie dorthin tragen und Windhuk sollte es widerspiegeln. Da war z. B. ein Baurat, der es darauf abgesehen hatte, deutschen Burgruinen auch in Afrika ein Heimatrecht zu verschaffen. Und er tat es! Wohl das größte Wunder, das einen schon von weitem in Windhuk begrüßt, sind die drei Bergschlösser, die da auf trotzigen Felsengipfeln den Eingang zum Tal nach Klein-Windhuk sperren. Richtige Burgen mit hohen Türmen, verfallenen Mauern, Zinnen, Treppen und wunderschönen, altdeutsch eingerichteten Gemächern, in denen es vor Zeiten eine Lust war, zu trinken. Nicht weit von den Burgen steht das vom selben Baumeister errichtete imposante Regierungsgebäude, das Schutztruppenlatein einst den Tintenpalast taufte, ein Name, der ihm heute noch anhängt, trotz der Schreibmaschinen. Weiter unten, aber immer noch die Stadt überhöhend, die evangelische Kirche, als eine Oase in der Wüste dieses Landes des Wellblechs. Eine Eigentümlichkeit von Windhuk sind die aus den Kalkfelsen hervorspringenden heißen Quellen, deren Wasser einst hier einen sumpfigen Urwald von tropischer Üppigkeit entstehen ließ. Heute ist auch das zivilisiert. Das Wasser wurde gefangen in dem von den deutschen Militärbehörden errichteten Schwimmbad, das eines der sieben Weltwunder von Deutsch-Südwestafrika ist. Man steht davor und schaut hinauf zu dem mitleidlos blauen Himmel, zu den staubigen Kasuarinen, zu den Sandwolken, die der heiße Steppenwind herüberfegt, und man kann es nicht glauben, daß noch irgendwo auf dieser Erde so viel Wasser beisammen sein könnte. Wir gehen durch den schönen Tropengarten und bestaunen die hohen Dattelpalmen und die roten und weißen Oleanderblüten, deren Duft süß und berauschend über den Sandwegen schwebt, zusammen mit dem von zahlreichen anderen farbenfreudigen Blumen, zu deren Kenntnis wir leider noch nicht weit genug vorgedrungen sind aus dem Gebiete der afrikanischen Botanik. Hier gibt es einen Zoologischen Garten mit Luchsen und Leoparden, mit Panthern und Pavianen, deren Stimmen hinaufklingen bis in die vornehme Gegend, wo die Mandarine hoher chinesischer Würdenträger, hier in ironischem Sinn: Beamter in der Leutweinstraße wohnen. An jedem Käfig steht eine Bemerkung: Presented by ... Geschenk von ... Presented by Mister Müller. Presented by Mister Schulze. Man liest die Namen, die Inschriften und aus dem Dickicht des Gartens steigt wieder der Spuk dieser unmöglichen Zeit. Presented by Mister Mooiprat ... Wäre diese Stadt deutsch geblieben, so würde heute ganz Afrika zusammenlaufen, um sie zu bewundern. Statt dessen – statt dessen ist alles in den Anfängen steckengeblieben. Statt dessen ist sie auf dem besten Wege zu der bodenlosen Trostlosigkeit einer englischkolonialen Wellblechstadt, zu einem burischen »Dorp« im Achterveld mit seinen Autogaragen, Benzingestank und Whisky und Soda und ein bißchen Getue, das sich Sport nennt. Ich stand auf der Anhöhe, neben dem »Reiter von Südwest«, in dessen Sockel in Erz gegossen die Namen derer stehen, die einst mit ihrem Blute dieses Land zuerst zu einem Weißmannslande machten. Es war Nacht und die Grillen zirpten unanständig laut. Drunten blitzten die Lichter der Stadt. Seltsame Stadt! In dieser Stadt von knapp 5000 Einwohnern gibt es siebenhundert Autos – oder gab es damals, vor einem Jahre. Die Götter mögen wissen, wie viele es heute sind! In dieser Stadt drucken sie Zeitungen in drei Sprachen. In dieser Stadt kommt auf jeden zehnten Einwohner ein Polizist und auf jeden hundertsten ein Gerichtsvollzieher. In dieser Stadt gibt es dreiunddreißig Advokaten und zwei Bischöfe. In diesen Mauern steigt wie nirgendwo sonst die hohe Politik herab in die Sphäre der gewöhnlichen Sterblichen. Sie wird eine persönliche Angelegenheit von Nachbar Müller und Schulze, sie umgibt sich mit Buschklatsch, sie setzt sich wohlig mitten hinein in die chronique scandaleuse , Lästergeschichte, Stadtklatsch die mit lästernder Zunge durch die Gassen geht, und wer sich da nicht sehr in acht nimmt, den packt sie beim Schopf und macht ihn zu einer politischen Sensation, ob er will oder nicht. Bedachtsamkeit war nun freilich noch nie meine Tugend, und warum, wenn ich mir mit kaltem Blute die Sache heute überlege – warum sollte es denn mir besser ergangen sein wie allen anderen? Damals freilich, als mit wichtiger Amtsmiene der Gerichtsvollzieher in den »Westfälischen Hof« kam, da dachte ich anders. In englischen Ländern sind sogar die Gerichtsvollzieher höflich. »Good morning, Sir« , sagte er mit einer Verbeugung. »Good morning« , antwortete ich. »Sind Sie Mister Faber?« »Jawohl.« »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin nämlich der Gerichtsvollzieher – I'm so sorry – und habe das Vergnügen Ihnen etwas zu überbringen. Vielleicht haben Sie die Güte das durchzulesen. Es wird Sie interessieren.« Damit überreichte er mir eine blaue Aktenmappe und empfahl sich höflich, wie er gekommen, und überließ mich der Lektüre. Es war in der Tat eine interessante Lektüre, so etwas in der Art derer, die man gelegentlich von Finanzämtern zugestellt bekommt. Viele Papierbogen, breite Aktenränder, wichtige Stempel, lange Ausführungen in der so seltsam verklausulierten englischen Gerichtssprache, die nur die Advokaten verstehen können, und die nicht einmal richtig. Und darunter ein paar unbeholfene Unterschriften. Biljoen – Smith –? Aber ja, das waren doch die Hanswürste auf der Lokomotive, die Don Quichoten des Waffenstillstandstages, die sich nun bitter beklagten über diesen Mister Faber, der sich anderen Tages über sie lustig gemacht hatte in den Spalten der Windhuker »Allgemeinen Zeitung«. So etwas schreibt man nicht. So etwas denkt man nur in einem freien Lande. Und anderenfalls ist es »de-fa-ma-tion of character« böswillige Verleumdung und ein Verbrechen, das nach Strafe schreit. Nach – ja, ich mußte genau hinsehen. Ich mußte die Augen reiben und mich noch einmal überzeugen, um es zu glauben – nach fünfhundert Pfund Schadenersatz. – Wie war das? Hatte man sich vielleicht in der Zahl der Nullen geirrt? Doch da stand es deutlich noch einmal in Buchstaben: Fünfhundert Pfund Sterling. Und das waren gerade zehntausend Mark! Ein Kompliment auf meine Zahlungsfähigkeit! Aber Komplimente machen nicht fett. Ich ging zum Schriftleiter der Zeitung, der sehr bestürzt in seiner Bude saß, denn auch er hatte eine Klage auf zehntausend Mark zugestellt bekommen. Ich besuchte den Verleger, der ebenfalls zehntausend Mark bezahlen sollte. Was da wohl zu tun wäre? fragte ich. »Was da zu tun ist?« sagte der. »Man nimmt eben alles de- und wehmütig zurück in der Zeitung. Es glaubt's ja doch keiner.« »Wenn man aber doch im Recht ist –« »Als ob es darauf ankäme! Glauben Sie denn, ich lasse mir die Druckaufträge von der Regierung sperren?« Am anderen Tage rieben sich alle Engländer und Buren in Südwest die Hände vor Vergnügen über die Erklärung in der deutschen Zeitung. Aber freilich – Mister Fabers Unterschrift war nicht darunter. – Also war es nur eine halbe Freude, und also bekam Mister Faber von neuem den Besuch des Gerichtsvollziehers, der ihm ein weiteres Schriftstück überreichte mit der Bitte um Empfangsbestätigung. »Will you kindly sign here –« Wollen Sie bitte hier unterschreiben? Nun kannte ich mich selbst nicht mehr aus. Hatte ich den König von England umgebracht oder einen Lokomotivführer einen Narren genannt? Denn diese Vorladung war vor den High Court , das oberste Gericht, wo man die Staatsverbrechen zu behandeln pflegt und wo altväterliche Perücken dem profanen Publikum den Ernst der Stunde zum Bewußtsein bringen. His Worship , Seine Gnaden, der Richter, war ein Deutscher aus der Kapkolonie, aber es war alles »Nix Deutsch« bei der Verhandlung. Ob ich mir das nun überlegt habe und alles zurücknehmen wolle? »Nein, Euer Gnaden.« Seine Gnaden putzte die Brille. »Dann müssen wir das vertagen«, meinte er. »Das Gericht geht jetzt in Ferien und tritt erst in vier Monaten wieder zusammen.« »Allright« , sagte ich. »Allright« , sagte auch der Richter, »aber inzwischen müssen Sie zweihundertfünfzig Pfund (5000 Mark) Kaution stellen.« »Die habe ich nicht.« »Oh, ich weiß, daß Sie das nicht haben. Aber gewiß haben Sie Freunde, die dafür garantieren können –« »Tut mir leid, Euer Gnaden. Ich habe auch keine Freunde.« »Dann muß ich Sie verhaften lassen. – I'm so sorry« . Und so geschah es am nächsten Tage. Derselbe höfliche und würdige Gerichtsvollzieher, der mich schon zweimal zuvor mit seinem Besuch beehrt hatte, verhaftete mich auf der Straße und nahm mich mit ins Gefängnis. Je nun, es ist alles eine Sache der Gewohnheit, und dieses war – ich muß es gestehen – auch nicht meine erste Begegnung mit dem Gefängnis. Einmal, als ganz junger Bursch wegen Vagabundierens in Texas, ein andermal wegen Schwarzfahrens in Kalifornien, ein andermal als »Bolschewik« in Chile, dann wieder einmal in Mato Grosso im innersten Brasilien aus Gründen, die ich heute noch nicht kenne – ich könnte, wie einst Silvio Pellico, ein Buch »Le mie prigione« Mein Gefängnisleben schreiben, und es gäbe ein interessantes Buch. Ein bißchen überlief es mich aber doch mit einer Gänsehaut, ein sinkendes Gefühl der Trostlosigkeit erfaßte mich, als der Wärter die Wache herausrief und als das Tor sich öffnete in der grauen Mauer, an der mit großen Buchstaben zu lesen stand: »H. M. Goal.« Königlich-Englisches Gefängnis Es ist ein besonderes Gefängnis, das auch seinen Einzug in die deutsche Literatur gehalten hat als Schauplatz für mehrere Kapitel in dem Buch von Hans Grimm »Volk ohne Raum«. Der Gefängnisdirektor schaute mich kaum an. Mürrisch trug er den Namen in ein großes Buch, das schon von manchem verworrenen Schicksal zeugen mochte, und dann war ich frei mich umzusehen in dieser neuen Umwelt. Sie war nicht erfreulich – das wäre auch zuviel verlangt für ein Gefängnis –, aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich habe schon schlimmere erlebt und gesehen. Es war noch früh am Vormittag, und alle Insassen waren auswärts bei der Arbeit. Unter einem primitiven Bretterverschlag auf dem Hofe ging der Koch seinen Künsten nach. »Hallo, was hast du ausgefressen?« fragte er mich auf deutsch. »Das weiß ich nicht«, antwortete ich mürrisch und wahrheitsgemäß. »Ja, das kennt man! Schon manchen hab' ich kommen sehen in den zehn Monaten, die ich hier abbrumme, und keiner hat etwas gewußt. Alle unschuldig wie die Tauben. – Und wie lange sollst du wohl hier bleiben?« »Wenn ich das wüßte –« sagte ich trostlos. »Du weißt nicht? Keine Ahnung? – Das sind immer die, die am längsten bleiben.« Mißtrauisch schaute er mich von der Seite an. Da er aber gar so neugierig und ich froh um irgendeine Aussprache war, erzählte ich ihm alles, wie es sich zugetragen. Er nickte mit dem Kopfe, als ich fertig war. »So ist das nun mal hierzulande. Das kommt alles vom Mooiprat.« »Mooiprat –« »Ja, da sieht man, daß du noch nicht lange in Südafrika bist. Mooiprat ist eben Mooiprat. Das ist burisch und heißt auf deutsch Schönreden. Es kann aber auch Schlechtreden heißen, je nachdem. Wir haben sogar einmal einen Mr. Mooiprat als Administrator gehabt. Das ist nämlich jetzt so bei uns in England: da reden alle viel und alle nichts und passen höllisch auf auf das, was sie sagen. Nur die Deutschen plappern heraus, was sie im Kopf und auf der Zunge haben und stolpern dann über Paragraphen und fangen sich in den Maschen der Gesetze, die so viele Fallstricke sind für die Dummen. Kurz nach dem Kriege war das ganze Gefängnis hier voll von solchen Dummen, die sich in ihrer deutschen Einfalt einbildeten, daß die Sprache noch für etwas anderes da wäre als für den Mooiprat. Zehn Jahre Zuchthaus war damals die Normaldosis für einen Deutschen, und bei manchen taten sie es nicht unter einem Todesurteil, gerade nur um das Blaubuch zu füllen.« »Blaubuch –?« »Nun ja, das brauchten sie doch, um uns die Kolonien abzuluchsen. – Aber das habt ihr wohl wieder vergessen in Deutschland? Geht euch nichts an? Aber dich wird's angehen, ehe du wieder herauskommst aus dem verdammten Loch. – Und hast du vielleicht eine Zigarette für mich?« Während er noch so redete, kamen auch die anderen Gefangenen von der Arbeit und setzten sich an den Tisch im Hof in Erwartung der Mahlzeit. Es war so gut wie ein Picknick. In Windhuk geht die Farbenlinie bis in die Gefängnisse. Auch hinter Mauern ist der weiße Mann ein Übermensch, eine Art Ersatzgentleman, den man streng getrennt von dem farbigen Volke hält. Es waren ihrer etwa ein Dutzend, die hier über ihre afrikanischen Delikte nachdenken mußten. Der eine hatte Diamanten geschmuggelt in Lüderitzbucht, der andere den Eingeborenen Schnaps verkauft, ein englischer Edelmensch, der auch herübergekommen war, um in sacred trust of civilisation Der erhabene Schutz der Zivilisation das von Deutschland so schlecht verwaltete Land zu retten, hatte als Postbeamter seine Kasse mit der seines Amtes verwechselt. Ein burischer Rechtsanwalt mußte sechs Monate lang über ein gerütteltes Maß von Schandtaten nachdenken. »Ja, so ist das mit dem römisch-holländischen Unrecht,« meinte der, als er meine Geschichte hörte, »die Dummen fangen sich in seinem Netze, wo die, die sich auskennen, vierspännig hindurchfahren. Lieber eine Mordanklage als eine Damagesache (Beleidigungssache)! Es gibt Leute, die reisen darauf hierzulande. Man benimmt sich möglichst zweifelhaft und gibt den Leuten etwas zu reden. Und liegt dann auf der Lauer, ob einer – aber nur einer mit viel Geld – etwas verlauten lasse, was er nicht beweisen kann, dann her mit der Beleidigungs- oder Damageklage. Verdammt nahrhaftes Handwerk! Darauf werde ich mich verlegen, wenn ich wieder draußen bin.« »Wenn einer dumm genug ist, darauf hereinzufallen«, meinte ich. »Aber mir kann doch nichts passieren.« »Wieso?« sagte der Advokat. »Wo man doch seine Zeugen hat. Wo sie doch wirklich alle betrunken waren.« »Als ob's darauf ankäme! Darum haben sie doch Ihren Fall vors Obergericht gebracht, weil das auf vier Monate in Ferien geht. Und wenn die herum sind, dann werden es fünf und sechs und sieben, bis Sie darankommen. – Kein übler Trick, das! Da wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben als die zweihundertundfünfzig Pfund zu zahlen, und obendrein wird man Ihnen noch vorhalten, daß Sie nichts beweisen konnten. – So, da haben Sie nun Ihr Lehrgeld! Und verdammt billig sind Sie dabei noch weggekommen unter der glorreichen britischen Flagge. ›Right or wrong, my country.‹ Recht oder Unrecht, ich stehe zu meinem Vaterland! – Ein den Engländern als politischer Wahlspruch beigelegter Satz Die brechen jedes Gesetz und schwören jeden Meineid, wenn es sich um ihre Interessen handelt. Und meine Landsleute, die Buren, die können es heute schon so gut wie ihre Meister.« Ich antwortete nicht. Die Rede stimmte mich bedenklich. Zweihundertfünfzig Pfund, mehr als fünftausend Mark! Woher nehmen und nicht stehlen? Und selbst wenn man sie hätte – nein, solche »Recht«sprechung! Ich stand im Hofe, mitten in der grellen Sonne, und hing brütend den düsteren Gedanken nach. Neben mir bereitete mein neuer Freund, der Diamantenschmuggler, den ärmlichen Gefängnisfraß. Es wurde dunkel. Er rief mich zum Esten. Bohnen – Das internationale Menü, das an den Enden der Erde zum Gefängnis gehört wie das Schloß und die Mauern. Ebensogut hätte man mir eine Ration Steine vorsetzen können. »Ja,« sagte der Advokat, »so geht es allen, wenn sie anfangs kommen; aber Bohnen sind ein nahrhaftes Gericht und verdammt viel bester als gar nichts.« Überdem war das letzte bißchen Licht aus dem weiten Hofe gewichen. Die Mauern standen schwärzer als die Nacht im unsicheren Scheine der Laternen. Irgendwo tönte eine schrille Klingel, das Schnurren und Rumpeln von aufgerissenen Toren. Es war wie in einer Menagerie. Der Wärter kam mit einem Schlüsselbund und brachte mich nach der Zelle, einer düsteren Angelegenheit aus Eisen und Zement und gerade groß genug, um einen anständigen Karnickelstall zu beherbergen. Auf dem Steinboden lag eine schmutzige Matratze. Sonst war nichts zu sehen als die großen Nietköpfe an der eisernen Wand und hoch oben, außer Reichweite, das vergitterte Fenster, durch das ein spärliches Laternenlicht auf die Spinngewebe fiel, die vorurteilslose Tiere sogar in dieser freudlosen Umwelt gesponnen hatten. Es war noch früh in der Nacht, aber ebensogut hätte es Mitternacht sein können, so intensiv, so bleiern schwer war die Stille. Nur ab und zu hallten schwere Schritte durch den kahlen Gang, zuweilen knarrte ein Schloß. Irgendwo bimmelte eine Glocke und hörte nimmer auf. So vergingen die Stunden, deren jede wie eine kleine Ewigkeit war. Wie lang sind die Nächte im Gefängnis! Am anderen Morgen gab es wieder Bohnen. Und eine schwarze Brühe, die man Kaffee zu nennen beliebte. Und der schnoddrige Advokat, der seine Bemerkungen machte. Der Tag wurde heiß wie alle anderen. Die Sonne lag grell im Hofe. Der Magen knurrte ein wenig, aber es wurde wieder Abend, und ich hatte immer noch nichts gegessen. Da kam Billy, der Oberwärter im Gefängnis, mit der schicksalsschweren Frage, die ich in den nächsten Tagen noch oft genug zu hören bekam: «Why don't you eat?» Warum essen Sie nicht? Besonders eindringlich kam die Frage aus diesem Munde, denn Billy war ein ausgesprochen kulinarischer Typ von zwei und einem halben Zentner Lebendgewicht, die schon ihre Ansprüche stellten. Aber im übrigen war er der beste Mensch in und außerhalb der Gefängnisse und voller Sympathie für seine hungernden Zeitgenossen. Kopfschüttelnd betrachtete er mich von oben bis unten. Kopfschüttelnd holte er den großen Schlüsselbund und brachte mich nach der Zelle. – »Well,« sagte er, »wir haben neulich hier einen gehabt, der am nächsten Tage gehenkt wurde, und der hat nicht halb so sauer dreingesehen wie Sie.« Aber was soll ich da weiter erzählen? Es war eine Tragikomödie und wurde schließlich zu einer recht ärgerlichen Geschichte. Wäre mir acht Tage vorher, ja nur in dem Augenblick, da ich zuerst durch das Gefängnistor ging, ein Prophet erschienen und hätte mir einen Hungerstreik geweissagt, ich hätte ihn ausgelacht. Nun aber war ich mitten drin und wußte selbst nicht, wie es kam. Wer viel auf Landstraßen gelegen hat, wer, wie ich, drei Jahre bei den Eskimos lebte, der hat auch Übung im Hungern, der lacht über ein dreitägiges Fasten. Aber vom vierten oder fünften Tag an geht es bergab mit den guten Vorsätzen, und wer da nicht einen Kopf von Eisen hat, der führt das Experiment nicht durch. Nicht, daß man Hunger hätte! Der verliert sich in den ersten Tagen vollständig. Aber es ist eine nervenfressende Angelegenheit in mehr als einer Hinsicht, sogar für die, die es, mit ansehen müssen. – In diesem Falle besonders auch für Billy, den Wärter. An jedem Vormittag zur selben Stunde stieg seine gewaltige Leibesfülle über den schattenlosen Hof und blieb kopfschüttelnd vor mir stehen. »Well, how are you this morning?« Nun, wie geht es Ihnen heute morgen? »So –? Allright Alles in Ordnung sagen Sie? All-right? Das verstehe wer will. Ich kann ja gewiß auch allerhand vertragen und habe es auch getan in meinem Leben, aber nichts essen – Hu! Was hat man denn sonst von seinem Dasein? Einmal habe ich auf Anraten des Arztes vierundzwanzig Stunden lang gefastet, weil ich nämlich so fett bin. – Vier-und-zwanzig Stunden! Aber, lieber Gott, das kann sich kein Mensch vorstellen, was ich da gelitten habe! – Well , nun will ich aber selbst mal zu Mittag essen!« So verging ein Tag um den anderen einigermaßen erträglich. Nicht aber die Nächte. Nicht aber die langen, dunklen Stunden, in denen die wirren Gedanken aus dem Kopfe stiegen und auf den überspannten Nerven tanzten. Zwölf Stunden, zwölf Ewigkeiten, und da war keine unter ihnen, in denen ich mich nicht einen Narren schimpfte ob des Abenteuers, in das ich mich eingelassen hatte. Da war keine, die mir nicht jahrelange Gefängnishaft vorgaukelte, wenn ich jetzt nicht durchhielt. Anders als bei anderen Leuten malt sich die Welt in einem Kopfe, der mit einem hungrigen Magen zusammenhängt. Jede alltägliche Angelegenheit magnifiziert sich zu einer Katastrophe. Gespenster steigen auf. Die ganze Umwelt wird zu einem großen Fragezeichen. Es war ein Glück, daß es wenigstens bei Tage nicht an Abwechslung fehlte. Hungerstreike sprechen sich schnell herum, vor allem in Afrika, wo die chronique scandaleuse besonders lange Beine hat. Im Augenblick war die Kunde davon vom Kap bis Kairo gewandert. Sie hatte sich ins Büro Reuter verlaufen und stand in allen Zeitungen an den Enden der Erde. Für die Dauer eines Tages war ich ein berühmter Mann. Ah, wenn man davon leben könnte! Wenn der Ruhm auch satt machen würde! Wenn diese Druckerschwärze die ärgerliche Angelegenheit endlich aus der Welt schaffen könnte! Schon waren fünf Tage vergangen und noch immer stand sie auf demselben Punkte wie am ersten. Sollte das nun noch fünf Tage lang so weiter gehen? Mir graute ein wenig davor, und ich begann unsicher zu werden in meinen Vorsätzen. Ohnehin hatte ich kein Talent zu einem Michael Kohlhaas. An jenem Tage erschien unerwartet der Gefängnisarzt, ein sehr magerer Mann, der aussah, als ob er selbst erst einen achttägigen Hungerstreik hinter sich hätte. Aber Augen hatte er, die hart waren wie Stahlspitzen. »Wo ist das Subjekt?« wandte er sich an den Gefängniswärter. »Hier,« sagte der, »und er scheint recht ausgepumpt, Sir.« »Seit wann hat er nichts mehr gegessen?« »Fünf Tage, Sir.« »Gut, dann hat er ja Übung. Kann es noch zweimal so lang aushalten. Kleinigkeit. Stellen Sie ihm bei jeder Mahlzeit das Essen hin, und wenn er absolut sterben will – allright! Ich habe nichts dagegen.« Sprach's und ging weiter, ohne mit den Wimpern zu zucken. Aber am anderen Tage kam er wieder in Begleitung des Magistrats, einer sehr aufgeblasenen Person, die wie ein Pfau über den Gefängnishof schritt. »Das ist Poppe, auch so einer von den Vögeln, die uns vom Kapland zugeflogen sind«, flüsterte mir der Koch zu. »Kann man's ihm ansehen, daß sein Vater noch Tagelöhner in Mecklenburg war?« »Noch nichts gegessen?« fragte Mister Poppe mit strengster Amtsmiene. »Und warum nicht?« »Weil ich eben keinen Hunger habe.« »Keinen Hunger – so? Und wie hoch, sagten Sie, war die Kaution?« »Zweihundertfünfzig.« »Zweihundert täten es wohl auch.« Ich schüttelte nur den Kopf. Am andern Morgen kam er wieder. »Wie wär's mit hundertfünfzig?« Dann am nächsten. »Und hundert?« Noch immer schüttelte ich den Kopf. Aber im stillen rieb ich die Hände. – Fünfzig Pfund pro Tag! Das war kein schlechtes Geschäft. Aber lang konnte das nicht so weiter gehen. Einmal muß man ja wohl essen, und sechstägiges Fasten greift auch die stärksten Nerven an. Es war Sonntag, ein trüber, häßlicher Sonntag, trotz der Sonne, die hell wie immer in den schattenlosen Hof herunter schien. Hunger verspürte ich keinen. Den hatte ich mir schon abgewöhnt. Aber ein wenig Fieber. Und ein seltsam schwindliges Gefühl und einen unerträglich dumpfen Druck im Kopf. Das leiseste Geräusch ging mir auf die Nerven. Hier aber herrschte ein Lärm, der selbst einen Verkehrsschutzmann nervös gemacht hätte. Die ganze Rotte Korah der eingeborenen Gefangenen war zu Hause geblieben und vertrieb sich die Zeit mit einer Orgie von Frömmigkeit. Ein katholischer Pater war aus Klein-Windhuk gekommen, und nun widerhallte das Haus von Hymnen, die zum Himmel stiegen in einem furchtbaren Falsetto; eine schaurige Kakophonie, deren Anhören allein sechs Wochen Gefängnis aufwog; ein verworrener Lärm von christlichem Eifer und heidnischem Temperament, der aus allen Flügeln des Gefängnisses zu gleicher Zeit kam und nimmer aufhörte, bis bei dunkler Nacht die schrillen Glocken gellten und bald nur noch die schweren Schritte und die eintönigen Rufe der Ronden in den langen, kahlen Gängen widerhallten. Tagsüber hatte es mir nicht an Besuch gefehlt. In Begleitung eines evangelischen Pastors, der sich vom ersten Tage an mit großer Besorgtheit meiner angenommen hatte, erschien auch ein sehr schlanker, sehr dunkler, etwas pädagogisch aussehender Herr, dessen Bild ich einmal irgendwo gesehen haben mochte, soviel ich mich erinnerte. Es war kein anderer als Hans Grimm, der Verfasser des Buches »Volk ohne Raum«, der wie niemand sonst die Misere unserer zusammengebrochenen Kolonialpolitik zu schildern vermochte, und mit ihr die ganze tragikomische Verkettung von deutscher Dummheit und burisch-angelsächsischer Verschlagenheit, für die ich selbst eben ein so betrübliches Beispiel dokumentierte. – Freilich kam gleich nach ihm der deutsche Konsul und mit ihm eine andere Welt. – So ging der Tag ganz leidlich herum. Aber die Nacht – die sechste des Hungerstreiks – war sicher die längste meines Lebens. Gerade nur um mich auch auf andere Gedanken zu bringen, hatte der Wärter mir ein kleines Buch überreicht. Ich schaute hinein. – Essays von Carlyle – die waren gerade die richtige Kost für einen, der acht Tage lang nichts gegessen hat! Ich warf den Wisch in eine Ecke. Ich versuchte zu schlafen. Ich rannte auf und ab in dem engen Raume wie ein Tier im Käfig. Schließlich verfiel ich in einen dumpfen Halbschlaf, aus dem ich erst wieder aufschreckte, als sich polternd die Tür öffnete und ein ganz fremder, offenbar sehr hoher Gerichtsbeamter auf der Bildfläche auftauchte. Manchmal können Engländer auch recht höflich und leutselig sein. Dieser überbot sich sogar in solcher Kunst. Er ließ sich einen Stuhl bringen und setzte sich neben die schmutzige Matratze. Ein Dutzend Fragen stellte er auf einmal und schaute mich dabei an mit einem Gesicht, aus dem eine Welt voll Wohlwollen strahlte. – Wie ich geschlafen hätte? Wie ich mich fühle heute morgen? Ob es nun nicht bald Zeit wäre, die lächerliche Sache aus der Welt zu schaffen? »Gewiß,« sagte ich, »höchste Zeit!« »Ganz meine Meinung. Und auch die des Mister Viljoen oder wie er heißt und der Advokaten der Gegenseite.« »Und –«. »Nun ja, es ist wohl alles mehr ein Mißverständnis; don't you see ? Es liegt ihnen nichts an barem Geld, zumal Sie ja doch nichts bezahlen können. – So wollen sie gern darauf verzichten, und wenn Sie nun eben hier noch unterschreiben wollten –« Einen Augenblick sah ich ihn an. Ich schaute auf das weiße Papier und die schwarzen Buchstaben, die vor meinen Augen tanzten. Krampfhaft faßte ich die Feder, aber die Finger zitterten ein wenig. Man ist kein Kalligraph, wenn man acht Tage lang nichts gegessen hat. Zu meinem Glück war ich es nicht. Denn wie sagt Mephisto? »Ist doch ein jedes Blättchen gut. Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut!« War es doch der Text einer kleinen Zeitungsnotiz, in dem ich alle Behauptungen reumütig zurücknahm. »Nun?« meinte der allzu freundliche Herr. »Lieber nicht, your worship « Er nahm seinen Hut, putzte ein Stäubchen von seinem Rock, als ob er die ganze Gefängnisatmosphäre von sich schütteln wollte. Einmal noch schaute er streng zurück. » You'll be sorry for this . Sie werden das bereuen!« Dann fiel das schwere Tor wieder hinter ihm ins Schloß. – Aber es verging keine halbe Stunde, ehe er wieder zurückkam und mit ihm der deutsche Konsul. »Allright« , sagte er, »Sie können nun gehen. Die Sache ist abgesetzt vom Obergericht und kann nun jeden Tag beim Magistrat verhandelt werden. Inzwischen stellt Mister Konsul fünfzig Pfund Kaution.« »Allright« , sagte ich, als ob nichts passiert wäre. Aber ein wenig zitterte ich doch, als mich draußen das helle Licht und die Sonne der Freiheit wie wilde Tiere überfielen. Der brave, dicke Gefängnischef klopfte mir wohlwollend auf die Schulter. »Hm,« sagte er mit strahlender Miene, » ich weiß, wer heute ein tüchtiges Mittagessen haben wird!« Aber damit ich das gleich vorausnehme: es war nichts mit dem großen Mittagessen, denn den Hunger hatte ich mir inzwischen schon abgewöhnt. Es wurde auch nichts aus der so hoch und heilig versprochenen Gerichtsverhandlung. Und von den fünfzig Pfund Kaution haben sie mir fünfundzwanzig für Gerichtskosten abgeknöpft, als ich schon wieder in einem anderen Lande weilte. 4 Auf Koffipad Kurt Faber, der Hungerkünstler / Auf Pad / Das moderne Schiff der Wüste / Ein Kapitel über die Frauen / Besuch auf der Farm / Ein mooi Plaatsje / In der Kalahari / Begegnung mit Buren / Auch ein Auto / Kaffee bei Oom Paul / Bei den Wassern Babylons / Im Hartebeesthaus / Oom Piet erzählt eine Geschichte / Die »sware Ziekte« und das »afrikaanse Geneesmittel« / Ein schwieriger Fall / Im Bastardland / Schutztruppenlatein / Eine seltsame Geschichte Es hilft nichts, daß man sich dagegen wehrt. Noch je und je war der Mensch ein Sklave des Milieus, in dem er lebte. Noch je und je hat solches Milieu in den Gehirnen Verwirrung angerichtet und sich endlich widergespiegelt in den subtilen Mitteln der Sprache. So ist im Laufe der Jahrhunderte die stolze niederländische Sprache unter dem Einfluß der afrikanischen Sonne verdorrt zu einem bequemen Wellblechholländisch, Afrikaans genannt; eine Sprache, die sich herrlich dazu eignet, die Bockies in den Kraal zu jagen und den Ochsengespannen das Fürchten beizubringen, aber sonst – Und wenn das schon die Holländer tun, warum sollen dann die Deutschen zurückbleiben? »Wenn einer spricht die Sprache wert, Die seine Mutter ihn gelehrt, Das ist gar keine Sache! Nein, wer den deutschen Laut verfälscht, Wer möglichst greulich kauderwelscht, Der, der beherrscht am besten Die Sprache von Südwesten!« So sang der Dichter schon zu deutscher Zeit. Und warum soll es dann besser geworden sein in diesen Mandatstagen? Und warum – so frage ich mich – warum soll ich mich so weit bloßstellen in den Augen aller Landeskundigen, daß ich mich eines anderen Idioms bediene? Und also werde ich für die Folge meine weiteren Eindrücke in südwestafrikanischer Sprache niederschreiben. – O heilige Einfalt, die etwa in der heißen Sonne eine Ziege über den Ausspannplatz laufen sähe und bei deren Anblick nicht von einem Bockie spräche! Man würde solchen Menschen einfach nicht für voll nehmen, man würde ihn in die hinterste Klasse einreihen, zu den hoffnungslosesten Grünhörnern, er bekäme etwas zu hören über solch bedauerlichen Mangel an Anpassungsfähigkeit! Und darum werde ich mich nicht noch weiter wehren gegen den Geist dieses Landes. Ich werde ein Auge zudrücken und dann noch eines. Ich werde mich versündigen an allen guten Geistern der deutschen Sprache und werde fürderhin von Bockies und Beestern sprechen. Ich werde mein Baüe anziehen und auf Pad gehen und diesem Powian von einem Bambusen eins mit dem Schambol geben, wenn er nicht Hakahana macht. Ab und zu – miskie – werde ich dann im Schtor einen Suppi genehmigen, in der Fläche die Hartebeesters und die Wildebeesters jagen und alles das zuletzt noch niederschreiben, weil eben das »Pampier« geduldig ist. – Das Intermezzo im Gefängnis war vorbei, aber nicht vergessen. Meinen afrikanischen Namen hatte ich weg. Wo immer ich mich blicken ließ in einem Wirtshause – ich wollte sagen in einer Bar –, da schmunzelten die Leute ein wenig. »Ah, der Hungerkünstler!« So war es gut, daß schon am ersten Tage ein alter Afrikaner mich einlud, einmal mit ihm »auf Pad« zu gehen. – Auf Pad? Ist das eigentlich noch der richtige Ausdruck für so etwas? Wer denkt bei dem Worte nicht an die lange Schlange der Ochsenwagen, die in der tiefen Spur beschaulich zwischen den Dornbüschen schaukelt? An Staub und Hitze und brüllende Ochsen und Kaffern, die mit langen Peitschen knallen, und an eine üppige Matratze im Wagen, auf der der Ouwbaas liegt. Und abends ein loderndes Feuer unter funkelnden Steinen, und ringsum die verworrenen Stimmen der Wildnis, die zu uns mit ewig neuer Sprache sprechen. Und ist es nun das? Von aller Romantik afrikanischer Landstraßen nichts anderes mehr als dieses benzinschnaubende, kilometerfressende Ungetüm. – Ach, es hilft nichts, daß wir uns dem Zeitgeist entgegenstemmen. Das Auto ist doch das moderne Schiff der Wüste. – Windhuk liegt schon hinter uns. Nun fahren wir zwischen den Gärten von Klein-Windhuk, wo die reifenden Trauben aus dem dunklen Blätterwerk der Weinberge leuchten. Da und dort sieht man stattliche Feigenbäume, da und dort die weißen Oleanderblüten, die für einen Augenblick den Benzingeruch vertreiben. Schlanke Eukalyptusbäume stehen staubig am Wegrand. Unser Führer und Gastgeber gibt uns ausführliche Auskunft über die lieben Männer und die bösen Frauen, die hier in der Gegend hausen. Bald haben wir den Ort hinter uns gelassen, und der schnurrende Motor führt uns hinaus in die endlose afrikanische Steppe, die überall so grau und dürr erscheint, wenn man sie aus der Nähe betrachtet, und so voller Farben, wenn man den Blick in die Ferne wendet. Wie still es hier ist! Nur da und dort glucksen ein paar Perlhühner, nur da und dort liegen ein paar langhornige Ochsen im Schatten eines Kameldornbaumes. Hier huscht ein mausartiges Geschöpf mit einem buschigen Schwanz wie ein Eichhörnchen über die Straße, eine Herde Ziegen, ich wollte sagen Bockies, steht stumm und störrisch auf der Pad, die sie erst im letzten Augenblick freigeben. In der Ferne taucht mitten aus der grenzenlosen Einsamkeit des Buschlandes das schimmernde Wellblechdach eines Farmhauses auf. »Schreiben Sie auch Romane?« fragte mein Gastgeber. »Nein«, sagte ich. »Schade,« meinte der Afrikaner, »dort drüben könnten sie ein Motiv dafür finden. Der Mann ließ sich eine Braut aus Deutschland kommen, die dann auch prompt eintraf, zusammen mit ihrer Schwester, und wie das nun zuweilen so kommt – wie nun Braut Nummer eins nach Deutschland fährt, um sich die Aussteuer anzuschaffen, verlobt er sich mit der Schwester. Das war nicht schön, werden Sie sagen. Aber wie nun Braut Nummer zwei zum gleichen Zweck übers Wasser geht, lernt sie einen jungen Kerl kennen und gibt dem Gewesenen den Laufpaß. – Ja, die Frauen! Die waren früher dünn gesät wie die Regentage hierzulande! Einige behalfen sich mit Bastardfrauen, andere blieben zeitlebens Junggesellen oder sie gingen nach Swakopmund und wählten sich etwas aus unter denen, die von wohltätigen Gesellschaften in Deutschland als Weihnachtspaket herübergeschickt wurden.« Dicht beim Farmhause biegt die Pad links ab in eine bergige Gegend, wo die Farmen ziemlich dicht beieinander stehen und man Gelegenheit hat zum Absteigen und zu einer Tasse Kaffee, verbunden mit einem »mooi Pratje«, das der Afrikaner so sehr liebt. Es war ein schönes Haus, das wir vor uns sahen. Das Auto pflügte durch den tiefen Sand des Schwarzen oder Weißen Nossob. Genau weiß ich es nicht mehr. Ringsum in der Steppe weideten die Ochsen – werde ich es denn nie lernen? – die Beesters. »Morrow!« sagte der Hausherr, der vor der Gartentür stand. »Morrow!« antworteten wir. Darauf traten wir gleich ein ohne Umstände, gemäß dem ungeschriebenen Gesetz der großen, selbstverständlichen afrikanischen Gastfreundlichkeit und im Umschauen hatten wir Gelegenheit zu beobachten, wie ganz europäisch komfortabel diese Hinterwäldler doch eingerichtet sind. Die Hausfrau, eine rundliche Dame von schwäbischem Typ, begrüßte uns herzlich, wie lang vermißte liebe Verwandte, und während nun die Kuckucksuhr tickte und die Katze auf der Haustreppe schnurrte und wir Männer einen »Katholischen« tranken, ging die Frau in die Küche – nein, so war es nicht – da kam ein Rauch aus der Kombüse, derweilen die Missis die Kost klar machte und wir die neue Windhuker Stadtchronik durchsprachen. Dann deckte die Frau – ich wollte sagen die Missis – den Tisch in der Weinlaube im Garten mit leckeren Spätzle und duftendem Sauerbraten, bei dem wir uns weiter auf deutsch-afrikanisch unterhielten. – Drüben in Neudamm, da habe es heuer schon viel – was sage ich? – da habe es stief geregnet. In Voigtskirch seien alle Dämme vollgelaufen, und Nachbar Müller habe auf seinem Platze schon annähernd 100 Millimeter Regen gehabt. – Ja, so sei es. Denn wisse: wenn zwei oder drei Südwestafrikaner zusammensitzen, da reden sie erstens vom Regen, zweitens noch mehr vom Regen und drittens holen sie nach, was sie vom Regen vergessen haben. Man redet doch am meisten von dem, was man nicht hat. Ueber dem hat man schon längst die Pfeife angezündet, und der Hausvater erzählt in seiner bedächtigen Art von den wilden, schönen Zeiten von Anno dazumal. Er war dabeigewesen, wie François die Feste Hoorekrens stürmte. Er hatte Leutwein erlebt und die ersten wilden Jahre, in denen man mit den Stiefeln ins Bett stieg und zu Pferde ins Wirtshaus hineinritt. Die Zeit, in der man an der Bar um Reitpferde und Ochsenwagen knobelte und Hotelrechnungen in Diamanten bezahlte – ah, damals! Da war das Gesetz kaum länger als ein Flintenlauf, und heute wohnen sechsunddreißig Advokaten in Windhuk! Und nun kommt endlich auch einmal die Frau zu Wort und zeigt uns die großen Kohlköpfe im Garten, die Pfirsiche und Aprikosen, die Tomaten und Maulbeeren und alles das, was hier Schwabenfleiß aus dem Nichts der Wildnis geschaffen in stetem Kampf um jeden Tropfen Wasser, um jeden Brocken Erde, gegen tausend Feinde, unter denen die Menschen nicht die geringsten waren. »Die Schätze drunten, voll von Goldgewicht, Zieh' deinen Pflug und ackre sie ans Licht!« Es ist ein Stück Menschheitsgeschichte, das wir vernehmen aus dem Munde der einfachen Frau. Wir hören es an, und heiß steigt es in uns auf, das Gefühl der Empörung: Und das wollen sie uns nehmen! Weiter ging die Reise ostwärts durch die Ebene, über der in dem fallenden Schatten der Nacht ein Wetterleuchten zuckte. Bei Dunkelheit kamen wir zu einer Hütte, in der wir übernachteten, und am anderen Morgen waren wir in einem anderen Land. Das graue Einerlei der Steppe, die wir bisher durchzogen hatten, hatte sich geändert und ein anderes Einerlei fing an. In der Ferne zeigten sich hohe, gleichförmige Sanddünen, die sich wie ungeheure Wellen durch die Landschaft zogen und blutrot in der aufgehenden Sonne leuchteten. Das war die berühmte, die berüchtigte Kalahari. Eine eigentliche Wüste ist sie nicht. Die Dünen sind ziemlich dicht mit hohen Dornbüschen besetzt, während in dem weißen Sand der Täler, der von dem Rot der Dünen so seltsam absticht, die allerschönsten Blumen wachsen. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir mitten in einem trockenen Flußbett ein Ding wahrnahmen, aus dem wir vorerst nicht klug werden konnten. Isaak hielt es für ein Hartebeest, der Farmer für einen gestrandeten Ochsenwagen. Als wir herankamen, offenbarte es sich als ein schon halb im Treibsand versunkenes Fordautomobil, das offenbar einem Selbstmord zum Opfer gefallen war, und das konnte man ihm wahrlich nicht verübeln. Einen jämmerlicheren Kasten gab es sicher nicht zwischen Kap und Kairo. Es lief noch auf vier Rädern, wenn auch ohne Gummi. Wieso aber der Eigentümer es fertiggebracht hatte, diese Leiche noch bis hierher zu galvanisieren, konnte man sich beim besten Willen nicht vorstellen, denn es bestand nur noch aus Stücken, die kunstvoll zusammengebunden waren mit ledernen Ochsenriemen, Stücken von Stacheldrahtzäunen und was sonst noch eben zu finden ist, wenn man »eine »Panne« erleidet auf afrikanischer Pad. Wir stiegen aus und besahen uns kopfschüttelnd die Bescherung, und während wir noch dabei waren, erschien der Besitzer des Wracks, ein alter, verwitterter, langbärtiger Bur, der aussah wie der wiedererstandene Oom Paul. Paul Krüger, Präsident der Südafrikanischen Republik »Tag Oom«, sagte der Farmer. »Tag Nef«, antwortete der Bur. »Tag Mijenheern.« »Dat is man kwaai«, fuhr der Farmer fort. »Kwaai«, sagte Oom Paul, während er seine Pfeife anzündete. »Und was ist da nun zu machen?« »Ja – was ist da zu machen?« meinte der Oom zwischen langen Zügen an seiner Pfeife, »Ons weet niet.« Inzwischen waren wir zu der Uferbank hinaufgegangen, wo die ganze Familie recht behaglich und anscheinend ganz unbekümmert unter einem Kameldornbaum lagerte. Es war eine zahlreiche Familie, bei deren Anblick man sich vergebens die Frage vorlegte, wie sie nur alle unterkamen in ihrem modernen Treckwagen. Jedenfalls verstanden sie sich einzurichten und vom Lande zu leben. Auf dem Feuer hing ein rußiger Kochtopf, in dem es lustig brodelte. Etwas abseits lag ein frisch geschossenes Hartebeest, an dem die Hunde schnupperten. Die Hausfrau, eine würdige Dame mit einem Kapotthut, der zu Urgroßmutters Zeiten einmal Mode war, saß auf einem Schakalfell und las im Kerkbode. Neben ihr lagen ein goldgerändertes Gesangbuch und eine Tabakspfeife. Das eine von den Meisjes rupfte ein Perlhuhn, das andere machte die Honneurs beim Kaffee, die Männer setzten ihre Pfeifen in verdoppelte Tätigkeit. Bald war ringsum alles ein Duft und eine Tabakswolke, und allmählich kam so etwas wie eine Konversation in Gang. Langsam und gemächlich, denn in Afrika hat man immer Zeit. »Ja, dat is man so –« sagte der Farmer. »Et is baai Jammer, en nie nodig nie«, klagte der Baas. Aber was sei da zu machen? Man müsse eben abwarten. Und wenn das nicht hilft, dann will ons skrywe an Sy Edle Gestrenge, die Administrator mit 'n Teken van groot Waardering en Konfiderasie aan Mevrou Werth in Windhuk für een nieuwen Treckwagen. Denn »ons Mense« wird man doch nicht sitzen lassen, hier in Ons Land, wohin man uns gerufen hat nach dem großen Oorlog. Von Prieska sei er, in der Kapkolonie, ganz am Rande der Karu. Dort sei nichts mehr los. Dürre und Heuschrecken und fast gar kein Wild. Aber hier gebe es noch Hartebeester und Wildebeester. Da brauche man nur zu schießen. Ein »Mooi Plaatsje« habe er sich schon gesichert in der Gegend von Okahandja, alles auf Staatskosten. Jetzt komme er vorerst mit einem ganz kleinen Teil seiner Familie, gewissermaßen als Vortrekker. Aber binnen kurzem werde ganz Prieska und das ganze Kapland kommen. – Ja Südwest! Langsam schlief die Unterhaltung ein, während die Sonne immer höher stieg und wir alle immer enger zusammenrücken mußten in dem kürzer werdenden Schatten des Kameldornbaumes. Endlich verabschiedeten wir uns allerseits mit dem schönen Gruß, den die Buren gebrauchen: »All's for die Best!« Wir übernachteten im Busch und fuhren bei Tagesanbruch weiter durch die Dünen, vorbei an Sandfeldern, die von roten Lilien übersät waren, und an hohen, felsigen Uferbänken, auf denen die Paviane kreischten. Es ist ein seltsames Land, aber noch seltsamer sind die Menschen, die dort wohnen. Es ist nicht meine Absicht, ein Who´s who« der Kalahari zu schreiben. Die Abhandlung würde etwas umfangreich geraten, denn hier hat jedermann seine Geschichte, ob er nun einmal ein Baron, ein Gardeoffizier, ein verbummelter Student oder ein biederer Schutztruppler gewesen ist. In neuerer Zeit ist diese Gegend im ganzen Schutzgebiet bekannt geworden durch die Anbohrung von artesischem Wasser. In diesem Lande gräbt man nach Wasser wie anderwärts nach Gold. Und wenn man es endlich gefunden hat, so kommt es in den wenigsten Fällen den Deutschen zugute. »Wer das Kreuz hat, der segnet sich.« Es ist alles ein Jagdgrund für die neuen Herrenmenschen, die Buren. Seltsame Gestalten, die da als neue Vortrekker über die Grenze gewechselt kamen, um dem Deutschen das Brot vom Munde wegzuschnappen! Weiße Kaffern nennt sie der Hottentotte. Ihr Leben lang leben sie im Hartebeesthaus und verlegen sich aufs Gebären von Kindern, die zahlreich sind wie der Sand der Steppe. Einen Stich gibt es einem ins Herz, wenn man sieht, was sie anfangen mit dem teuren, auf Regierungskosten erbohrten Wasser. Ein kleines Paradies würde ein Deutscher sich in der Wildnis damit schaffen. Sie aber lassen es nutzlos abfließen und verdunsten in einem Wasserloch, »damit die Beesters Wasser kriegen«. Kulturträger, in der Tat! Aber amüsant und eigenartig sind sie darum doch. Bald erreichten wir die Ansiedlung einer solchen »artesischen Burenfamilie«, die in biblischer Beschaulichkeit an den erbohrten Wasserlöchern saß. Sie war zahlreich wie der Samen Abrahams. Denn wenn Buren siedeln, so bringen sie immer gleich die ganze Verwandtschaft mit allen Töchtern und Schwiegertöchtern und so und so vielen »Achterwoners« und »Beiwoners« mit, die dann in vielen Generationen alle auf der »Stoe« (Veranda) ihres Hartebeesthauses sitzen und Maispapp löffeln oder Kaffee trinken. Wir setzten uns auch dazu und hatten ein Pratje mit Oom Pieter, der uns erzählte von den Wildebeestern, die in der letzten Nacht durch den Zaun gebrochen waren, und von der »swaren Ziekte« seiner Frau, mit der er gar nicht fertig werde. Sonst habe doch immer das »allgemeine afrikaanse Geneesmittel« (Rhizinusöl) geholfen. Aber diesmal habe er es schon mit Coopers Schafdip, mit einem Mittel gegen die Lahmseuche und einem solchen gegen die Rinderpest versucht, aber alles umsonst. Zweimal schon habe er ihr im Namen der Dreieinigkeit den Magen mit Gänsefett beschmiert. Wenn es eine Kuh gewesen wäre, so wäre sie schon lange gesund geworden oder verreckt. Aber da kenne sich einer aus mit den Weibern! Langsam strich er sich seinen langen weißen Bart. Schwerfällig erhob er sich auf den steifen Beinen. Er wollte uns noch das große Kalahariwunder, das Wasser, zeigen. Wir gingen hinunter zum Flußufer und staunten vor dem artesischen Brunnen, wo das Wasser hoch aus der Erde aufschoß und in dickem Strom davonlief. Einen wunderschönen Garten hätte man damit anlegen können, ein Paradies in dieser dürren Erde, ein kleines Kalifornien im Kalaharisande, aber da floß es ungenützt dahin und versickerte im trockenen Flußbett. Was das wohl gekostet habe? fragte der Farmer. »Ons weet niet«, meinte Oom Piet. »Ons heft die Rekening noch niet kriegen.« »Die wirst du auch nicht kriegen,« sagte der Farmer, »die ist nur für die Deutschen.« »Ja, die Duitsers,« sagte treuherzig Oom Piet, »die sall det woll kriegen. Mar ons Mense –.« »Jawohl,« sagte der Farmer, »das wissen wir schon. – All's for die Best.« Dann verabschiedeten wir uns mit vielen frommen Segenswünschen. – Und ein andermal waren wir anderswo »auf Pad«. Südwärts im Bastardlande. Es ist ein schönes Stück Land, nach dem die Farmer ringsum die Hälse recken, zu gut für die »verfluchten Halbkaffer«, die da in ihren Pontoks dem lieben Gott den Tag abstehlen, ohne irgendwelche Neigung zu dienstbarer Arbeit auf den Farmen der Weißen. Mitten im Schutzgebiet liegen ihre Ländereien, gleichsam als Pfahl im Fleische des Landes, eine Insel des Rückschritts, die sich mit afrikanischer Beharrlichkeit dem Automobil der modernen Zeit entgegenstemmt. Es gibt nicht wenige im Lande, die mit ihnen lieber heute als morgen aufräumen möchten, aber das ist leichter gesagt als getan, denn auch die verwegenste Advokatenrabulistik wird ihr Recht auf dieses Land nicht bestreiten wollen, und auch der böswilligste Geschichtsschreiber wird nicht leugnen können, daß sie hier vor allen andern Siedlern saßen. Lange vor Lüderitz kamen sie vom Kapland herüber. Mit ihnen ihre Sünden und Laster, das gärende Mischlingsblut und ihre korrupte kapholländische Sprache. Buren und Hottentotten – das gibt eine seltsame Mischung. Von beiden haben sie die Fehler. Dennoch spricht es für ihr diplomatisches Geschick und für die Lebensfähigkeit des Völkchens, daß sie sich so lange zu halten vermochten, mitten zwischen streitenden Herero- und Hottentottenstämmen. Als die deutsche Regierung die Schutzherrschaft übernahm, fand sie hier schon einen wohlorganisierten Bastardfreistaat vor, mit einem als erblicher Fürst regierenden Kapitän, dem ein vom Volke gewählter Rat von Großleuten zur Seite stand. Dieser Zustand hielt sich im großen und ganzen während der Dauer der deutschen Schutzherrschaft. In ihrer Bastardfreundlichkeit ging die Regierung sogar soweit, daß sie den ausgedienten Schutztrupplern die Töchter jenes Stammes offiziell als Heiratskandidatinnen empfahl, und der Bastard hatte nichts dagegen. Während kriegerische Völker ringsum im Kampf um ihre Unabhängigkeit verbluteten, verlegten sich die Bastards aufs Lavieren und aufs Geldverdienen durch Frachtfahrten für die Truppen. Ungeahnter Wohlstand kam über das Völkchen. Die Großleute machten es wie Rittergutsbesitzer. Pontok und Vieh in der Steppe überließen sie der Beaufsichtigung ihrer Dienstleute und bauten sich Häuser in ihrer Hauptstadt Rehoboth, wo sie ihre Zeit mit Kaffeetrinken und Politisieren zubrachten. Es war zu viel und zu feine Politik, die sie da ausheckten. Bei Ausbruch des Krieges glaubten auch sie ihre Stunde zu erleben. England war Freiheit, dessen war man gewiß. Zudem standen alle waffenfähigen deutschen Männer an den verschiedensten Kampffronten. Die blühenden Farmen lagen schutzlos da. Eine nie wiederkehrende Gelegenheit! Es wurde nach Herzenslust gemordet, geplündert, Vieh gestohlen. Aber der Dank von England blieb aus. Vor den Augen der neuen Herren schmolzen die Großmachtsträume des kleinen Volkes wie Butter vor der Sonne. Aus ist es nun mit Kapitän, Rat und Großleuten. Kein Kaffee, keine Politik mehr in Rehoboth. Man hat's nicht mehr dazu. Die Großleute sitzen wieder in ihrem Pontok im Busch und sinnen grollend auf neue Pläne, die sich diesmal gegen das perfide Albion richten. Vor anderthalb Jahren machte sich die Unzufriedenheit Luft in einem regelrechten Bastardaufstande, der aber im Keime erstickt wurde durch jene schreckenerregenden Dinger, mit denen man heute allgemein die rückständigen Steuern einzuziehen pflegt in entlegenen und aufsässigen Gebieten des britischen Weltreiches: bombenwerfende Flugzeuge. Aber auch in jener kritischen Stunde zeigte sich das angeborene diplomatische Geschick der Bastards. Sie übergaben alle Gewehre einem ihrer Großmänner, der sie hinter Schloß und Riegel aufbewahrte. Dann besannen sie sich auf ihre Eigenschaft als kleine Nation und wandten sich beschwerdeführend – an den Völkerbund. Das ist die romantische Geschichte des kleinen Volkes mit den großen Rosinen. Rehoboth, die stolze Hauptstadt, war nie viel gewesen. Jetzt ist sie nur noch ein Schatten von dem wenigen. – Ein Schatten? Ach, es gibt hier keinen Schatten unter der Mittagssonne, die glühend über dem Städtchen steht! Der große Platz mit den Kameldornbäumen liegt kahl unter dem dunkelblauen Himmel. Wir sitzen in der einzigen Wirtschaft am Platze und trinken ein Bier, das warm ist wie Spülwasser. Ein Hottentottenweib hebt bettelnd die Hände. Aus weißen Häusern schauen leere Fensterhöhlen wie erloschene Augen. Knarrend schleicht ein Ochsenwagen vorüber. In einer Türnische sitzt ein kaffeebrauner Großmann wie ein geflickter Lumpenkönig und träumt von vergangenen besseren Zeiten und denkt vielleicht nach über die zeitgemäße Abwandlung des Sprichworts: »Wer von England ißt, der geht daran zugrunde.« Nun ist der Spuk wieder vorbei. Nun sind wir wieder draußen in der Steppe, irgendwo im Bastardlande. Es ist Nacht, eine von den schönen, klaren, sternbesäten Nächten, die einem dieses Land so lieb machen, trotz allem. Die Grillen zirpen. Von fernher kommt das Heulen der Schakale. Irgendwo quiekt und quakt es im Busch mit den verworrenen Stimmen der Wildnis. Die knorrigen Äste des Dornbaumes bewegen sich wie etwas Lebendiges im roten Scheine des Feuers. Das ist das Milieu für ein bißchen Schutztruppenlatein. Wenn Afrikaner erzählen, so lügen sie noch mehr als andere Menschen. Die Sonne bringt das so mit sich. Aber sie lügen mit Grazie und Phantasie, und auch wenn man alles Gelogene abzieht, bleibt zumeist noch ein erstaunliches Garn zu spinnen. Warum haben wir dummen Jungens von früher uns eigentlich immer für die Indianer begeistert? O Gott! Die Abenteuer unserer Schutztruppen, die Fahrten und Irrfahrten unserer ersten afrikanischen Kolonisten, die schreien nach einem Karl May! Da war die Geschichte, die ich so schnell nicht vergessen werde, die Geschichte von der Reiterpatrouille, die im Sande der Namib sich in Durstqualen von einer vertrockneten Wasserstelle zur anderen schleppte, bis schließlich nichts mehr von ihnen übrig blieb als drei Kreuze im Sande. »Heut morgen in der Senke, Gab's kaum genug fürs Zelt; Wer weiß, die nächste Tränke Liegt nicht in dieser Welt! Ich hebe zum Gebete Die Hand zum Himmelszelt, Geb' Gott, daß sie mich töte, Die Kugel, die mich fällt!« Ein anderer erzählte die Geschichte des Heldenepos von Hohe Warte: »Das war Anno 1904, wie eben der Hereroaufstand ausbrach und die Farmer niedergemetzelt wurden wie sonst die Hammel. Was sich noch retten konnte, das flüchtete mit Frauen und Kindern nach der Schanze. Vierzehn Tage lang hielten sie stand gegen zehntausend Kaffern. Nachts standen die Männer auf Posten und tagsüber nahmen die Frauen die Gewehre, und so ging das fort, bis Ersatz von Windhuk kam.« Ich horchte auf: Hohe Warte? Noch nie davon gehört. In keinem Schullesebuch stand so etwas. Ja, wenn es Spartaner gewesen wären, so hätte man wohl ein paar Hexameter darüber auswendig gelernt. Da das aber nur Deutsche waren – »Und da ist noch so eine Geschichte aus der Zeit des Aufstandes«, sagte ein anderer. »Ich komme von der Truppe ab, verreite mich im Busch, komme aber schließlich im letzten Augenblick noch auf die richtige Pad. Der Kamerad, der mit mir war, blieb achteraus und wurde drei Tage später tot im Busch gefunden. Hereroweiber hatten ihm die Augen ausgestochen. Nun ja, man war in Afrika und im Aufstand. Da kann man nicht große Umstände machen. An der nächsten Werft holten die Kameraden die Weiber heraus und erschossen sie wie die Hunde. Aber dann wurde die Sache ruchbar in Berlin. Ein Abgeordneter brachte sie im Reichstag vor. Zwei Kameraden wurden vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und nachher zu neun Jahren Zuchthaus begnadigt.« Und warum sie das wohl taten? fragte einer. »Eben weil wir das dümmste Volk der Erde waren«, meinte der Schutztruppler. »Und weil wir es noch sind!« sagte ein anderer und stocherte in dem Feuer, daß es prasselnd aufflammte zum schwarzen Nachthimmel, von dem groß und feurig die Sterne herniedersahen auf das verlorene Land. 5 Gesiebte Wüste Sommer in Südwest / »Wasser tut's, freilich!« / Wir »machen einen Plan« / Mitten in der Namib / Wenn man Hartloop macht / Lüderitzbucht, die Stadt der verpaßten Gelegenheiten / Ein Hut voll Diamanten / Wo der Sand gezählt ist / »Lüderiz limitiert« / Die Wüste als Kurszettel / Bei den Sandmachern / Ein schweres Handwerk / Rationalisierte Wüste / Mitten im Sandsturm / Vierspännige Fahrt / Die Rose von Kolmannskop Am Weihnachtsabend brachte das Christkind den ersten Regen. Man muß in Südwest gewesen sein, um zu wissen, was das bedeutet. Ein halbes Jahr lang und länger liegt das Land im grellen Sonnenbrande, in einer Dürre, die man erlebt haben muß, um sie zu begreifen. Der Sand glüht in der Sonne, die Berge stehen wie Backofen in der flimmernden Hitze, die Klippen brennen wie heiße Herdplatten in der Mittagshitze. Tag um Tag, Woche um Woche vergeht unter einer Sonne, die feindselig herniederblickt von einem Himmel, der mit jedem kommenden Tage von neuem dunkelblau wie polierter Stahl über der Steppe steht, ohne jeden Schatten einer Wolke, ohne einen Tropfen für das verschmachtende Land. Kahl und trocken liegen die Riviere, die Sandhosen wirbeln vor dem Winde, der heiß wie ein Höllenodem über die Wüste zieht. Man sieht den Buschwald mit seinen mächtigen Kameldornbäumen und wundert sich, wo die wohl die Courage hernehmen zu wachsen in solcher Dürre, die leeren Flußläufe, die wie ein Märchen anmuten aus längst vergangenen Zeiten, in denen es wirklich doch einmal geregnet haben sollte, und immer wieder ist man unter der Suggestion der Sonnenstrahlen, die sicherlich – so dünkt einen – bis in die Tiefen der Erde alle Lebenskeime versengt haben auf ewige Zeiten. Und buchstäblich von einem Tag auf den anderen wird alles anders. »Wasser tut's freilich!« Auf einmal laufen die Riviere, auf einmal singen die Vögel, auf einmal grünt und blüht das Feld unter schwarzen, runden Wolken, die glückverheißend über die Steppe ziehen. Landschaften, die man acht Tage zuvor in ihrer Dürre erlebte, sind nicht wiederzuerkennen in ihrem neuen Kleide. Der Sand, die Steine, die Klippen selbst überziehen sich mit Blumen, die in mächtigen Feldern weiß und gelb über die Steppe leuchten. Die spröden Kameldornbäume treiben gelbe Blüten, selbst die stacheligen Kakteen, denen man so viel Lebensfreudigkeit niemals zugetraut hätte, blühen auf mit seltsamen Kelchen von phantastischen Farben, und über allem liegt ein würziger Erdgeruch, der süß und berauschend in die Nase steigt. Das ist die Zeit, in der der Südwestafrikaner »einen Plan« zu machen pflegt. Und also »machten wir einen Plan« und reisten nach den Diamantenfeldern in Lüderitzbucht. – Wenn man von Keetmannshoop westwärts fährt zur Küste, so ist man auf einmal wieder ganz in Deutschland. Jedermann im Zuge spricht deutsch und nimmt das gleiche mit der allergrößten Selbstverständlichkeit auch von seinen Mitreisenden an. Und in jener Nacht redeten sie noch etwas lauter und lärmender als gewöhnlich, denn es war die Neujahrsnacht. Der Morgen graute über einer Landschaft, die nicht viel anders war als jene, die tags zuvor in ihrer graugelben Einförmigkeit das Auge gekränkt, beleidigt und doch wieder auf ihre Art berauscht hatte durch das Farbenspiel der Ferne und den Blick in unendliche Weiten. Nur ist hier alles noch etwas düsterer und kahler. Es ist schon die beginnende Namib mit ihren spärlichen Gräsern und den wunderlichen Salzbüschen an den Hängen der hohen Tafelberge. Strichweise, wo es der Regen gut gemeint hatte, zieht sich ein grüner Schimmer über die Ebene, in der man da und dort etwas Weißes gewahrt, das plötzlich eine Staubwolke aufwirft und sich in der Ferne als ein davongaloppierenoes Rudel Springböcke herausstellt. Stundenlang fährt man durch dieses echt afrikanische Land, bis einem plötzlich draußen im Gelände etwas auffällt, das die Augen beleidigt. – Was ist es nur? Ein Spiel der Natur? Ein Buschmannslager? Eine verlassene Hererowerft? Verfallene Bauwerte ausgestorbener Höhlenbewohner? »Was das wohl ist?« sagte einer, der neben mir saß. »Da sind Sie an die richtige Adresse gekommen, wenn Sie mich das fragen. Drei Jahre habe ich dort hinter Stacheldraht gesessen und dreitausend andere Deutsche mit mir. Drei volle Jahre. Wissen Sie, was das heißt? Drei Jahre zusammengepfercht wie die Schafe, eingebuddelt in Lehmpontoks wie die Kaffern und auf der Gotteswelt nichts zu tun als Pläne machen und Tabak rauchen, so man welchen hatte, und Bur und Engelsmann zu begaffen, die draußen vor dem Zaun den Gentleman mimten. Und wissen Sie, was die Stacheldrahtkrankheit ist? Nein, woher sollen Sie es denn wissen? Da bekommt man den Koller. Die Wut, die einem so schon immer am Halse würgte, kocht auf einmal über. Man fängt an zu toben. Man sucht sich eine Lücke in dem elektrisch geladenen Zaun. Man macht »Hartloop«, man wird wieder erwischt von den Kaffern, die sich die Fangprämie verdienen wollen, wenn man nicht vorher schon irgendwo in der Namib verdurstet ist. – Das ist zehn Jahre her. Aber glauben Sie nicht, daß wir heute auch noch hinter einem Stacheldrahtzaun sitzen, hinter so einem recht dicken, elektrisch geladenen, wir Deutsche in Südwest und sonstwo in der Welt? Und daß es uns noch immer schlecht bekommt, wenn wir zuweilen Hartloop machen?« Herausfordernd schaute er mich an, aber antworten konnte ich ihm nicht. Die Antwort war zu offensichtlich. Bald war der letzte Rest der Steppe verschwunden, und der Zug fuhr bergab zwischen Klippen und Sanddünen durch eine Gegend, der man eine Schmeichelei sagen würde, wenn man sie eine Wüste nennte. Alles ist hier Sand und Sonne und heulender Wind und Flugsand, der vor ihm über die Dünen fegt. Aber plötzlich, wenn man eben meint, das würde nie ein Ende nehmen, bemerkt man die Masten einer mächtigen Starkstromleitung, die von irgendwo nach irgendwo mittendurch die Wüste führt. Und auf einmal sieht man mitten in den Dünen die Wellblechdächer einer großen Fabrik: Kolmannskuppe, das Lager der Diamantenunion. Wir hielten am etwas abseits gelegenen Bahnhof, wo uns die Detektive der »Consolidated Diamond« Name einer englischen diamantenschürfenden Gesellschaft mißtrauisch musterten. Denn es ist hier verbotenes Land. Eher ginge ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Unbefugter seinen Fuß setze auf diesen diamantbesäten Sand. So fuhren wir weiter durch die Wüste, in der Namen auftauchten, die sich anhören wie ein Kapitel aus dem Kurszettel. Wohin man schaut, sind sie dabei, die Wüste durch Siebe zu schütten. Irgendwo steht ein ungeheurer Abfallhaufen von Bierflaschen unk Konservenbüchsen und dicht daneben ein kleiner, kahler Kirchhof, bei dessen Anblick es einem durch den Kopf geht »Nicht hier!« Ja, und auf einmal fegt ein frischer Wind in die stickige Atmosphäre des Eisenbahnwagens, dicht vor uns liegt das Meer, und schon fahren wir in den Bahnhof von Lüderitzbucht ein. Wir gehen durch die Stadt und betrachten uns die Sehenswürdigkeiten. – Je nun, man hat sie schnell abgetan. Sand und Klippen und ein scharfer Wind, der klagend durch die Gassen geht. Die brütende Langeweile eines englischen Sonntags liegt über dem Städtchen. Aber das ist auch das einzige Englische, was einem vorerst auffällt. Überall sieht man deutsche Inschriften an den Geschäften, überall Häuser, die gebaut wurden mit deutscher Gründlichkeit, teilweise richtige Mietskasernen, die aussehen, als ob sie eben erst von einer Straßenecke in Berlin-Friedenau nach Lüderitzbucht eingewandert wären. Freilich fehlen die ach so herrlich schönen Vorgärten und Balkonblumen, denn die zerzaust der Wind und die Sonne. Es sieht alles ein wenig kahl und neu aus. Und doch ist es eine Stadt, die schon eine Vergangenheit hinter sich hat, eine Geschichte, aus der ich ein Kapitel zu hören bekam aus dem Munde eines biederen Malermeisters in einer Kneipe am Hafen, noch ehe ich eine Stunde in diesen Mauern weilte. Die aufregende Geschichte von dem Hut voll Diamanten. Aufs Geratewohl, wie das damals so üblich war, war er mit einem Kutter südwärts gesegelt, um zu sehen, was da zu finden wäre. Bei dunkler Nacht – denn das Geschäft vertrug nicht immer das Tageslicht – waren sie in einer Bai gelandet, um Schutz zu suchen vor einem Südweststurm. Und wie sie nun beim Feuer sitzen, sieht einer einen sechskarätigen Diamant im Sande blitzen. Keiner machte in der Nacht ein Auge zu. Im Morgengrauen schickten sie die Ovambos aus, damit sie den Schatz auflesen, immer eine Streichholzschachtel voll gegen eine Stange Tabak. Und die Diamanten kamen, bis der Hut halb voll war, und er wäre auch ganz voll geworden, wenn nicht Wassermangel sie zur Rückkehr nach Lüderitzbucht gezwungen hätte. Und dann – nun ja, man kam von einer weiten Reise und hatte eine Stärkung nötig, und so hat man zuerst einmal die Diamanten aus den Kopf gehauen in Gesellschaft von guten Kameraden und schönen Frauen. Vielleicht hat man dabei des Guten etwas zuviel getan, vielleicht hat man sich da in einer lustigen Stunde veranlaßt gesehen, etwas auszuplaudern, von dem das Ohr nicht wissen durfte, was der Mund gesprochen – als man nämlich zurückkehrte, um mehr von den schönen Dingern zu holen, war das Gelände schon abgesteckt und ein Schürfschein auf andere ausgestellt, und es gab Krach mit der Polizei. – »Ja, und wenn das anders gekommen wäre, so wäre ich heute der Diamantenkönig.« Denn dieses ist die Stadt der verpaßten Gelegenheiten! Es gibt hier kaum einen, der nicht ein »Hätte ich« oder »Wäre ich« aus den Lippen hätte, der nicht den Traum der Millionen zerrinnen sah in diesen letzten zwanzig Jahren. Wie muß das damals so anders gewesen sein, als man noch an den Wirtstischen um Diamanten knobelte, als Hausknechte in Hausplätzen spekulierten und weggelaufene Matrosen Diamantenkompagnien gründeten. Damals, als die Männer noch im wesentlichen unter sich waren und das Lächeln einer Barmaid nicht unter einem sechskarätigen Diamanten zu erzwingen war. Und nicht viel weniger zahlten sie für einen Kamm oder eine Zahnbürste, so jemand überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre, so etwas zu benutzen in jener wilden Zeit, da das Glück in rauhen Stiefeln über diese rauhe Küste ging. Und heute? Heute sind die Kämme in Lüderitzbucht so billig wie anderwärts in lausigen Zeiten, und die Barmaids lächeln für einen Sixpence, und der Sand wird mit Maschinen geschaufelt, und das Arbeiten auf den Feldern ist eine pensionsberechtigte Angelegenheit. Es ist alles organisiert, rationalisiert, mehr noch wie anderwärts, ein Fabrikhof der Wildnis, eine Insel zwischen Meer und Wüste. Und weil es noch nicht genug ist mit den Grenzen, die die Natur gezogen hat, hat auch der Mensch noch ringsum seine Verbotstafeln aufgestellt und somit den glücklichen Landstrich zu einer Art Gefängnis gemacht für die, die ihn bewohnen. Denn weit mehr als die Menschen zählen die Diamanten und mehr als diese der Profit der Aktionäre. Wer an einem Sonntag in die Namib hinausreiten will – aber wer wollte denn das? – der muß sich zuvor bei der Polizei einen Erlaubnisschein holen, wer mit einem Segelboot ins Meer hinausfährt, der steht unter dem lauernden Auge des Gesetzes, wenn er irgendwo landen wollte am wüsten Strande. In jener Gegend ist der Sand gezählt und die Sonne verpachtet. Alles ist wertvoll, nur die Menschen nicht. Und doch – Wenn ich zurückdenke an die vielen absonderlichen Weltwinkel, in die mich im Laufe der Jahre ein abenteuerliches Geschick verschlagen hat, so steht Lüderitzbucht trotz allem vor meinen Augen als einer der schönsten. – Woran liegt das nur? Sicher sind es nicht die paar Häuser, die leeren Gassen, die geschäftigen Kneipen. Ah, aber das Meer, und mehr noch als dieses die Sonne, die darauf liegt! Wo die Natur nur Tod und Dürre verbreitet, da sind zumeist die Farben um so lebendiger, und wo wären sie tiefer und berückender, von feurigerer Glut, als an einem Sommerabend in Lüderitzbucht, wenn der Himmel übernatürlich klar, in fleckenloser Reinheit erstrahlt, wenn die Sanddünen rot aufleuchten in der untergehenden Sonne und ringsum die schwarzen Felsen umsäumt sind vom Brandungsschaum der Wellen, die wie wilde Tiere herausspringen aus der Wasserwüste, über der schon die Nachtschatten liegen. Auch dieses ist eine graue Stadt am grauen Meer und eine, in die man sich verlieben könnte. Es ist still. Nur die Möwen schreien. Nur der Donner der Brandung kommt fernher, eine Stimme von anderen Gestaden. Am Strande liegen die Fischerboote mit schlaffen Segeln. Der Widerschein der Lichter liegt zitternd auf dem Wasser. Von irgendwoher kam der klagende Laut einer Ziehharmonika. Langsam kroch der Vollmond hinter den Bergen hervor und warf ein weißes Licht auf die hohen Masten einer stolzen Viermastbark, die draußen in der Bai vor Anker lag. Angra Peguenha, die Kleine Bai, nannte sie ihr Entdecker Bartolomäus Diaz. Angra Pequena! Noch einmal ging ihr Name durch Deutschland wie das Fanal einer neuen Zeit, als der Bremer Kaufmann Lüderitz im Jahre 1884 hier die erste deutsche Flagge in Übersee aufpflanzte. »Erwach', mein Volk, mit neuen Sinnen. Blick in des Schicksals gold'nes Buch, Lies in den Sternen dir den Spruch: Du sollst die Welt gewinnen!« Von Diaz steht noch das Kreuz auf der Landspitze, von Lüderitz spricht hier kein Denkmal, kein Stein. Wäre er ein Engländer gewesen, würde sein Name heute vielleicht in allen deutschen Schulbüchern stehen. Da er aber nur ein Deutscher war, hat ihn das dankbare Vaterland vergessen. Hat es doch auch Karl Peters einen Mordbrenner geschimpft. – Es war spät geworden über dem Schauen. Mich fröstelte ein wenig in dem frischen Winde. Nachdenklich ging ich nach Hause durch eine stille Gasse, in der man im unsicheren Licht der Laternen gerade noch die Inschrift auf dem Firmenschild einer Limitedkompany lesen konnte: »Lüderitz Limited.« Der Name kam mir vor wie ein Symbol, ein Sinnbild unserer matten, entabenteuerten Zeit. »Lüderitz limitiert.« Wenn man nach Lüderitzbucht kommt, so will man Diamanten sehen. Denn sie sind das Ding, um das sich dort alles dreht. Aber um ihnen die Reverenz zu erweisen, muß man zunächst einen langen und dornenvollen Instanzenweg gehen, bis man endlich von dem Direktor (mit 500 Pfund Sterling Monatsgehalt) den Erlaubnisschein erhält, mit diesen und jenen Vorbehalten natürlich, denn die Diamanten sind kitzliche Dinger. So stehen wir am frühen Morgen vor dem gewaltigen Elektrizitätswerk, dem größten in Südafrika, das von hier aus die gesamten Felder mit Kraft versorgt. Das große Auto der Kompanie – so eine Art mailcoach Postkutsche – führt uns schnell landeinwärts in die Wüste, die hier noch trostloser wirkt, als sie uns selbst von der Eisenbahn aus erschienen war. Nach einer Stunde taucht Kolmannskop auf, ein stattliches » mining camp «, Arbeitslager bei einer Diamantenschürfstelle verweht vom Sande, der weiß auf den Dächern liegt, so daß man von weitem den Eindruck einer tief verschneiten Ortschaft hat. Aber die sengende Sonne belehrt uns, daß das eine Täuschung ist. Mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks treffen wir vor dem Büro des Betriebsleiters ein, der uns sogleich herumführt zwischen den Sehenswürdigkeiten dieser Wüstenstadt, durch Werkstätten und Lagerschuppen, durch lange Hallen, in denen die Feuer brennen und man fast sein eigenes Wort nicht hört über dem Lärm der Schmiedehämmer. Eine Hölle im kleinen ist das Leben des Arbeiters auf den »Feldern«. Das kommt uns so recht zum Bewußtsein an diesem sturmgepeitschten Tage, wo der Südwest wie ein wildes Tier vom Meere aufspringt und uns die Sandwolken in die Augen schleudert, während uns die elektrische Draisine auf der schmalspurigen Feldbahn nach den dreißig Kilometer südlich gelegenen Werken an der Elisabethbucht führt. Es ist nichts weniger als eine angenehme Fahrt. Die Kraft des Sturmes wächst von Minute zu Minute. Winzige Steinsplitter kommen scharf wie Messer aus dem Nichts geflogen. Der salzige Sand setzt sich in Mund und Ohren fest, und ringsum ist alles gehüllt in düstere Schatten, wie ich sie sonst nur bei Schneestürmen im Eismeer sah. Und doch sieht man auch bei diesem unmenschlichen Wetter noch überall die Kolonnen der »Sandmacher« in Tätigkeit. Die hochgewachsenen Ovambos mit verbundenen Gesichtern und dazwischen der »weiße« Aufseher, dessen von der Wüste dunkelbraun gebranntes Gesicht ganz Sandbrille ist. Denn in diesem Lande werden die Kinder schon mit Sandbrillen geboren. Kolonnen um Kolonnen tauchen aus dem Sandsturm auf und verschwinden wieder im Sande. Zuweilen sieht man die Blechdächer menschlicher Niederlassungen, die auf der Minenkarte Namen tragen, die schönere Gegend vor das Auge zaubern: Zillertal, Heidelberg usw. Hier aber ist alles nur Sand und Sonne und Wind und Durst und Diamanten. – Diamanten! Früher – in den ersten schönen, romantischen Zeiten – da pflegte man hinauszugehen und sie mit der Hand aufzulesen, wenn man ein Auge dafür hatte. Heute haben die Limitedcompanies ihre schwere Hand auf die Felder gelegt, das Diamantensuchen auf eigene Faust wurde offiziell zu einem Diebstahl gemacht, der schlimmer bestraft wird als ein Mord, und überdies ist alles an der Oberfläche bereits schon so sehr abgesucht, daß man heute eher nach einer verlorenen Nadel auf einem Heuspeicher suchen könnte als nach Diamanten in der Namib. Aber unter der Oberfläche ist der Sand noch so reich wie je. Und da das Geld bekanntlich zum Gelde will, sind kapitalkräftige Gesellschaften nunmehr daran gegangen, durch die Kolonnen der »Sandmacher« die ganze Wüste systematisch durch das Sieb zu schütten. Es ist ein seltsamer Spuk in der Wüste, ein hartes, entbehrungsvolles Gewerbe, aber es gibt auf dieser Welt keine Plage, der der Mensch sich nicht willig unterzöge, solange sie nur nach Dollars schmeckt. Mancher deutsche Farmer, der oben im Lande durch den Krieg um Hab und Gut gekommen war, hat hier als Sandmann sich wieder die nötigen Barmittel zu neuer Existenz erschuftet. Aber auch mit solcher Möglichkeit ist es nun schon beinahe vorbei, seitdem man angefangen hat, auch die Wüste zu rationalisieren mit mächtigen, menschenmordenden Maschinen. Wie ein Wunder tun diese sich vor uns auf in den großen, steinernen Gebäuden an der Elisabethbucht, dicht am Rande des sturmgepeitschten Meeres, das brüllend dagegen anläuft. Der Betriebsleiter führt uns umher in den hohen, maschinendurchzitterten Hallen, in denen auch ein technisch so gänzlich unbegabter Mensch wie ich Verständnis aufbringt zum Nachdenken über die Raffiniertheit der Menschen, die die Nächte wach liegen beim Ausklügeln von Maschinen, die ihre Mitmenschen um Brot und Arbeit bringen. Nichts mehr von Sandmachern bei solchem System. Der Sand wird draußen mit Baggern in die Feldbahn geschaufelt, von dieser über laufende Bänder auf ein sinnreich ausgeklügeltes System von Sieben geschüttet und schließlich durch überlaufendes Wasser ins Meer geschwemmt. Die Wüste siebt sich ganz von selbst. In den letzten Sieben bleibt ein Rückstand von feinem Kies, in dessen Zentrum sich schwarze Steine angesammelt haben. Wie etwas Wertloses wird er in eine Kiste geschüttet. Aber siehe, nun kommen die Ovambos und fischen mit feinen Pinzetten etwas Leuchtendes daraus heraus. Diamanten! Wir sehen zu, versuchen es auch ein wenig und berauschen uns an solchem Sport. Der Mann im Büro zeigt uns die Tagesausbeute. Wir sehen hin und die Enttäuschung steigt in uns auf. Das also war es, von dem man so viel Aufhebens machte, um dessentwillen man Tag und Nacht diesen ganzen Spuk von Maschinen laufen ließ. Eine Handvoll Diamanten. – Mit der Draisine ging es wieder zurück nach Kolmannskop, in einem Sandsturm, den unsereins als einen Orkan ansprechen würde, der aber den dortigen Wüstenbewohnern eine Alltäglichkeit ist. Von Minute zu Minute wächst der Sturm; von Minute zu Minute wird es unsichtiger. Neben der Bahnlinie stationierte Ovambos, die mit ihren verbundenen Gesichtern wie Spukgestalten ausschauten, hatten alle Hände voll zu tun, um die verwehten Gleise freizuschaufeln. Als wir an Ort und Stelle ankamen, hatte der Sand alles wie mit einem Zuckerguß überzogen. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Man hörte nur das Heulen des Windes und das zitternde Arbeiten der Maschinen. Nichts Lebendes war zu sehen. Nur in einer geschützten Ecke machte ein Oleander den rührend schüchternen Versuch zu blühen, trotz Sturm und Wetter. Hinter einem Fenster stand ein leuchtender Rosenstock, und der schien mir ein größeres Wunder als alle Diamanten. In einer sehr anmaßenden vierspännigen Kutsche fuhren wir endlich wieder zurück durch die Dünen nach Lüderitzbucht; der Weg war weit und voller Klippen. Die Augen fielen mir zu vor Müdigkeit. Aber noch lange sah ich es vor mir wie etwas Unwirkliches: die Menschen und die Maschinen, den Spuk im Sande, die gesiebte Wüste, die Diamanten in der Pfanne. Und die Rose von Kolmannskop. * Und was soll ich nun noch weiter erzählen von diesem Kapitel? Die Tage in Südwest waren gezählt. Der Boden wurde mir zu heiß, in mehr als einer Hinsicht. Auch in Lüderitzbucht gab es Leute, die ein ganz außerordentliches Interesse an mir und meinem jeweiligen Aufenthaltsort an den Tag legten. Dafür aber stellte sich der Magistrat in Windhuk, der ja die Kaution eingezogen und dafür eine sofortige Verhandlung zugesagt hatte, andauernd taub und blind, reagierte auf keine Zuschrift, und ja – es war schon so, wie mir der verkrachte Advokat im Gefängnis gesagt hatte: » Right or wrong, my country! Die brechen jedes Gesetz und schwören jeden Meineid, wenn es sich um ihre nationalen Interessen handelt. Von denen kann unsereins noch etwas lernen.« »Kurt Faber«, sagte ich mir, »dies ist hinfort kein angenehmes Land mehr für dich. So lange bist du hier herumgereist in- und außerhalb des Gefängnisses als das Urbild eines » undesirable «, eines lästigen, unerwünschten Ausländers, den man verfolgt und ausspioniert auf allen Wegen und Beiwegen und lieber heute als morgen über alle Berge wünscht. Tue ihnen und dir selbst den Gefallen einer Luftveränderung, wenn es nun schon nicht anders geht.« Aber wohin? Angola! Ja, das war's! Ein großes, schönes, apartes Land, das schon auf der Landkarte so verlockend ausschaute. Und also kam es, daß die Wörmannlinie noch einmal sieben Pfund an mir verdiente für die Reise nach Loanda. 6 Intermezzo in Angola Vor Sao Paulo de Loanda / Ein seltsamer Speisezettel / Der Gott im Kaffeehaus / » Amanha! « / Das große Zuchthaus / Auch ein Miramar / Afrikanisches Cayenne / Mein Freund, der Zigeuner / Auch ein Auto / Selbst Zigeuner gehen mit der Zeit / Verstoßene Kinder / Sie fallen dem Konsul auf die Nerven / Endlich unterwegs / Auto im Urwald / Rast am Cuanza / Wander- und Wundergewerbe / Was eine Chininpille tun kann / Donna Mercedes zeigt ihr Talent / Im Libollohochland / Bei deutschen Landsleuten / »Schwarze Ware«, ein einträgliches Handwerk Beim ersten Schimmer des hereinbrechenden Tages warf die »Usambara« Anker in der Bai von Loanda. Es ist eine offene, ungeschützte Bai, der man es ansehen kann, wie wild sie sich zuweilen gebärdet, wenn der Westwind weht. An jenem Morgen aber war sie glatt wie Glas und still wie ein Friedhof und ringsum war nichts lebendig als die heiße Luft, die darüber flimmerte. Gelb und kahl wie eine heiße Herdplatte lag das Land unter dem dicken Dunste, der an Moskitos gemahnte. Von dorther kam eine Flotte von langen, schwarzen, glorreich romantisch ausschauenden Einbaumkanus, deren noch schwärzere Besitzer Bananen und Fische feilboten und auch nicht abgeneigt waren, den weißen Senhor nach der Stadt zu fahren auf seine Rechnung und Gefahr. Aber noch rechtzeitig kam die Motorpinasse, die mich daran erinnerte, was ich meiner Würde als weißer Bwana schuldig war. Wenig dachte ich damals daran, daß ich binnen kurzem tausend Kilometer zwischen Löwen und Flußpferden in solchem Seelenverkäufer – doch das ist eine andere Geschichte. – Die Hafenanlagen von Loanda machen einen recht bescheidenen Eindruck in Anbetracht der Tatsache, daß die jetzigen Besitzer schon einige vierhundert Jahre Zeit gehabt haben zu ihrer Errichtung. Aber die Stadt selbst ist eine ganz angenehme Überraschung. Von der steinernen Landungsbrücke, wo ein Zollbeamter faul in der Sonne hockt, kommt man auf einen schönen, sauber gehaltenen, von Bäumen beschatteten Platz, eingefaßt von hohen Häusern, bei deren Anblick man sich nach Portugal oder Süditalien versetzt glaubt. Es ist Sonntag und alles Leben ist ausgestorben im Hafen. Nur weit in der Ferne schreit ein Esel. Irgendwo kreischt ein kränkliches Grammophon. Ein Neger, der so schwarz ist wie seine Stiefelwichse, besteht energisch auf der Verschönerung meines äußeren Menschen. Dann, als alles nichts fruchtet, packt er meine paar Habseligkeiten, ladet sie auf den Kopf und schreitet vor mir her als Cicerone Führer zum nächsten Hotel. Schnell rücken die Gassen enger zusammen. Es riecht nach Knoblauch und solchen Dingen. An einer Straßenecke ist das Volksfest im Gange, das der Südländer mehr als alles andere liebt: ein leilão , eine öffentliche Versteigerung. Trotz der Hitze – es ist ungefähr 40 Grad im Schatten – sitzen sie dichtgedrängt auf dem vermoderten Plunder und lauschen der kreischenden Stimme des Auktionators, der die Herrlichkeiten feilbietet: alte Möbel, mottenzerfressene Teppiche, schwindsüchtige Kanarienvögel, abgetakelte Heilige. Es riecht nach Motten und Naphthalin. » Cem escudos! « 100 Eskudos ruft der Auktionator mit einer Stimme, als ob er ein Regiment vor sich stehen hätte. » Doucientos! « 200 Eskudos! ruft ein anderer. Die Preise steigen wie das Thermometer hierzulande. Der lächerlichste Plunder geht für Phantasiepreise ab. Ist es nur das heiße Blut, das sich entzündet unter dieser heißen Sonne? Ist es eine Flucht in die Sachwerte wie einst bei uns in der seligen Inflationszeit? Wer kann es wissen, wer wollte darüber nachdenken bei vierzig Grad im Schatten! Im Hotel empfängt uns ein sehr vornehmer Herr von kaffeebraunem Teint, der uns zum Speisesaal führt. Zum Mittagessen gibt es grüne Meergrassuppe, gehackten Tintenfisch, Beefsteak, garniert mit Saubohnen. Aber sie verschenken dazu einen Portwein, der alle Sünden der portugiesischen Küche wieder vergessen macht. Und nach dem Mittagessen – Nun ja, was tut man wohl in São Paulo de Loanda? Man geht natürlich ins Kaffeehaus! Manche Kaffeehäuser habe ich gesehen, in manchen Ländern, aber solche wie die in São Paulo de Loanda noch nie. Weit in die Straße bauen sie sich hinein, mit hohen, luftigen Hallen, steingetäfelten Fußböden und fabelhaften Korbsesseln, in denen man über Welt und Menschen nachdenken kann. Alles ladet hier ein zur Ruhe und Beschaulichkeit. Und es bedarf nicht einmal der Einladung. Das ganze Leben dieser glücklichen Stadt ist ein einziges großes dolce far niente . Süßes Nichtstun Es ist Sonntag heute, und die Kaffeehäuser sind gefüllt. Aber am Werktag ist es auch nicht anders. Von morgens bis abends sind die Sessel besetzt von Kavalieren, die – Künstler des Müßigganges – in lässiger Eleganz dem Rauch der Zigaretten nachschauen. Von morgens bis abends klappern die Dominosteine, von morgens bis abends ist eine zwitschernde Unterhaltung über Dinge, die den Kopf nicht erhitzen und das Blut nicht in Wallung bringen – – über was? Ach Gott, das Meer ist groß, und Portugal ist weit. Die hohen Wellen der Politik verebben nur leise an diesem fernen Strande, geschäftlich ist ohnehin nichts los, man wird nicht reicher oder ärmer, ob man arbeitet oder nicht. So übergibt man sich ganz der Omnipotenz des Kaffeehauses und lebt in den Tag hinein, weil das Leben nun einmal gelebt sein muß. Alle Tage Sonntag! Und wie, wenn nun Dom Silva da Costa schon dreimal gemahnt hat wegen der goldenen Uhr, die man der Senhora zum Namenstag schenkte, wenn Ferreira die seit Monaten nicht beglichene Bäckerrechnung reklamierte, wenn Dom Manoel, der Schneider, nicht mehr warten wollte und alles ringsum stachelig ist mit ungelösten Problemen – o Gott! Man wird doch nicht sein wie ein übergeschnappter Ingles oder ein lächerlicher Allemão, der sich graue Haare über so etwas wachsen läßt! Denn wie es auch komme unter dieser Sonne, man hat ein Zauberwort, das über alles hinweghilft: Amanhã! – Amanhã! – morgen ist auch ein Tag. Das ist die Parole dieses Landes, in dem einer von des anderen Schulden lebt. Und ob auch Costa und Manoel und Ferreira miteinander Briefe wechseln, in denen sie mit dem Rechtsanwalt drohen, so sitzen sie doch morgens, mittags und abends zusammen mit demselben Rechtsanwalt im Kaffeehaus, und die Dominosteine klappern, und die Sonne scheint dazu, und der Himmel ist heiter. Alle Tage Sonntag. Der Abend kommt. Die Sonne sinkt langsam ins dunkelblaue Meer, das die Brandungsstreifen entlang der Küsten wie Silberbänder säumen. Still stehen die Palmen, kaum bewegt vom leisen Abendwind. Noch immer springt keine Brise auf, die Erlösung vom heißen Tage verspricht. Nun tönt die Gebetsglocke der Kathedrale mit aufreizendem Lärm, wie wenn einer mit einem Löffel gegen einen Kochtopf schlägt. Überall wird es lebendig von trippelnden Füßen, die zur Kirche eilen. Ganz lang liegen schon die Schatten in der Straße. Je länger sie werden, desto bunter und vielgestaltiger krabbelt es aus den Häusern und hängt um die Haus- und Gartentüren in allen Farbennuancen, vom tiefsten, lackglänzenden Schwarz über Kaffee- und Schokoladefarben zum vollkommenen Weiß. Alles ist fröhlich und lustig untereinander gemischt, sehr zum Erstaunen des Wanderers, der eben erst aus Südwestafrika kommt, wo jeder Farbige streng auf die »Werft« verwiesen ist und jeder Verkehr mit ihm als unrein gilt. Aber da möge einer eher ein Stuhlbein über die Unsterblichkeit der Seele belehren als einen Portugiesen über den Begriff der Rassenschande. – Der Tag ist vorbei. Fast ohne Dämmerung ist die tropische Nacht hereingebrochen. Groß und feurig stehen die Sterne über der Stadt, die mit einem tiefen Atemzug der Erlösung das Dunkel zu begründen scheint. Der Tag ist Tod, und die Nacht ist Leben in São Paulo de Loanda. Noch immer wie in der schlimmsten Mittagssonne steht der Verkehrsschutzmann an der Straßenecke; schwarz, barfuß, mit kurzen Hosen und einem Gummiknüppel. Er ist ein Stück großstädtischen Größenwahns, den man dieser sonst so vollkommenen Hauptstadt schon verzeihen muß. Viel Schaden kann er nicht anrichten, denn meistens ist er im Banne des landesüblichen dolce far niente , schläft die landesübliche Siesta, genau so wie die große Uhr auf der Kathedrale, die Bartolomäus Diaz zum letzten Male aufgezogen. Und es ist gut, daß es seither niemand wiederholte. Denn was liegt an der Zeit? Was kümmern uns die Stunden in Angola? Sie kommen und gehen und lehren uns alle die eine Lektion, die so schwer begreiflich ist für uns geplagte Mitteleuropäer: Alle Tage Sonntag. – Ja, auch in São Paulo de Loanda kennt man heute schon Henry Ford und seine »Blechliese«, wenngleich man sie wohl vermissen könnte in diesen engen, steilen Gassen, zwischen den schönen, alten Häusern und Denkmälern, die vor dem Benzingeruch die Nase rümpfen. Wie anders die Kutscher, die da in langen Reihen unter den staubigen Pfefferbäumen an der Praça stehen und warten und nichts tun, die ohne Einladung vorgefahren kommen und den excellentissimo senhor mit einer so königlich wohlwollend leutselig herablassenden Miene zu einer Rundfahrt auffordern, daß man nicht umhin kann, ihnen die Ehre anzutun. Und solche Rundfahrt lohnt die Mühe, zumal sie nicht anstrengend ist. Die beiden Pferde gehen in einem verschlafenen Zuckeltrab, aus dem sie nur zuweilen aufgeweckt werden durch einen sanften Peitschenhieb. Um so lebendiger ist die Zunge des Kutschers, die nicht müde wird, uns die Wunder dieser Stadt auszumalen mit der ganzen Farbenfreudigkeit einer südländischen Phantasie. Loanda ist eine von den Städten, deren Straßen immer bergauf und bergab gehen. In dieser und vieler anderer Hinsicht hat sie Ähnlichkeit mit Funchal auf Madeira, nur daß hier die Farben noch feuriger sind und die Glut der Tropen noch heißer brennt. Vierhundert Jahre portugiesischer Herrschaft schauen herab von alten, wunderlichen Hausgiebeln, seltsam verschnörkelten Türen und Toren und hohen Standbildern von wilden Konquistadoren, als Wahrzeichen der mahnenden Worte, die einst Camoëns seinem Volk zurief: »Bewahr', o Herr, daß Spanier, Deutsche, Briten, Daß Welsche sagen in des Stolzes Wahn, Dem Portugiesen zieme nicht gebieten Und das Gehorchen stünd' ihm besser an!« Aber auf einmal hält die Kutsche mit einem Ruck. Wir sind angelangt vor der größten, vor der Sehenswürdigkeit von Loanda. Mit der Peitsche weist der Kutscher auf einen weißen Gebäudekomplex, der unter uns in der Abendsonne schimmert. Senkrecht steigt er aus dem blauen Meere auf, stolz anzusehen, etwa wie das Schloß von Miramar an der Adria. Aber ach, es ist ein Miramar, dessen Anblick schon manchen mit Schauern des Entsetzens erfüllte und noch erfüllt; ein Château d'If auf afrikanischer Erde. Das große Zuchthaus von Loanda, mit dem zu Hause in Portugal die Mütter ihre Kinder schrecken. Denn noch heute ist Loanda, und bis zu einem gewissen Grade ganz Angola, das, was es immer war in diesen vier vergangenen Jahrhunderten: das Land, zu dem man nur hinging, wenn man mußte, zu dem die Menschen ihre Schritte lenkten wie die Selbstmörder zum Strick, wenn ihnen gar nichts mehr übrig blieb in diesem Leben, eine tote Stadt unter glühender Sonne, zwischen fieberbrütenden Sümpfen, in deren Gassen gähnend die Langweile hockte; die letzte, die äußerste, die ultimo esperança , zu der man die Verbrecher hinschickte, wenn man schlimmer strafen wollte als der Tod. Jetzt erst, beim Anblick des weiß schimmernden und doch so düsteren Gebäudes, wurde uns manches klar, auf das wir uns keinen rechten Vers machen konnten in dieser seltsamen Stadt. Die vornehmen Senhores in den Cafés – Verbannte, Verschickte sind es, die einmal im Leben ihre ungeschickten Finger zu tief hineingesteckt hatten in den heißen Brei der portugiesischen Politik und nun in Erwartung eines kommenden Umsturzes ihre Tage verbringen bei halbem Sold und viel Kaffee und alle Tage Bacalao (Stockfisch) in Gesellschaft einer schwarzen Senhora, die die Wäsche besorgt und auch bei anderen Wünschen und Bedürfnissen tröstend und helfend zur Seite steht. Die Arbeiterkolonnen in den Straßen – Zuchthäusler aus Portugal, die für den Rest ihres verpfuschten Lebens Steine schleppen und Erdarbeiten verrichten, zusammen mit ihren schwarzen und braunen Kollegen. Lasciate ogni speranza . Dunkel und schwül ist die Nacht, leer sind die Gassen. Aus den langen Häuserreihen schimmert kein Licht. Von überall her ertönt der heisere, Antwort heischende Wachruf der Posten am Hafen. Eine gespenstige Umwelt, ein unheimliches Milieu, eine Art afrikanisches Cayenne, bis morgen wieder die Sonne scheint und die Kaffeehäuser ihre Türen öffnen und die Dominosteine wieder klappern. – * Aber wie nun wieder wegkommen aus diesem Weltwinkel? Zwei Tage lang weilte ich schon in den Mauern dieser aufblühenden Stadt. Achtundvierzig Stunden, und da war keine, in der ich mir nicht diese Frage vorgelegt hätte. Vielleicht wäre das auch noch lange so weitergegangen, wenn ich nicht einem Engländer begegnet wäre, der mich auf die richtige Spur brachte. » Well «, sagte der, »ich funktioniere hier im Nebenberuf auch als amerikanischer Konsul, und da sind heute morgen zwei Burschen in meinem Büro aufgetaucht, die ungefähr denselben Weg wie Sie haben und wohl auch ganz gut mit Ihnen auskommen sollten.« »Meinen Sie wirklich?« »Ja, die sind nämlich Zigeuner.« »Zigeuner?« »Gewiß doch! Richtige Zigeuner mit pechschwarzen Haaren und Zupfgeigen und Läusen und einer dunkelbraunen Frauensperson, die Kartenschlagen und Sterne deuten kann. – Aber Busineßmen: Fordauto, Schreibmaschine und ein Saxophon haben sie sich auch schon angeschafft. Die passen in die Welt, und amüsant sind sie auch. Ich ginge gleich mit, wenn ich nicht hier festgenagelt wäre.« Und wo diese interessanten Herrschaften zu finden wären? fragte ich. »Das kann man bei Zigeunern nicht ohne weiteres sagen«, meinte der Engländer, »die haben unbeständige Gewohnheiten und die Polizei hat da meist auch ein Wort mitzureden. Gestern nacht kampierten sie drüben beim Fort auf der Landzunge.« So machte ich mich denn auf den Weg nach der Landzunge. Mit Zigeunern zu reisen, das schien mir recht apart, wenn auch etwas aufregend und anstrengend, und dann – ein Auto war schließlich so gut wie das andere. Das Lager war leicht genug zu finden, denn es stand allein auf weiter Flur, dicht am flachen Strande, an dem die Brandung in nimmermüdem Anlauf zerschellte. Ganz in der Nähe stand ein Negerdorf mit Stroh- und Basthütten und schwarzen Einbaumkanus, auf denen nackte Kinder spielten; eine liederliche, zigeunerhafte Umwelt. Und liederlich war auch das Lager. Es hatte schon seine Richtigkeit mit dem Automobil, wenngleich es kein Ford war, sondern ein ziemlich großer Lastwagen von »General Motors«, amerikanische Automobilfabrik der fast so stattlich aussah wie jener von Mynheer Oom Piet, den ich vor kurzem erst in der Kalahari bewunderte. Und da waren auch die Zigeuner. Man brauchte sie nicht zweimal anzusehen, um sich dessen zu vergewissern. Malerisch hockten sie ums Feuer, so wie es im Buche steht. »Hielt der eine für sich allein In den Händen die Fiedel, Spielte, umglüht vom Abendschein, Sich ein feuriges Liedel.« Ganz so war's doch nicht, denn es war ein Saxophon, und im übrigen saß die ganze Gesellschaft beim Mittagessen um den rußigen Kochtopf, während der unruhige Schein der Flammen auf ihren dunklen Gesichtern zuckte. Etwas abseits vom Feuer kauerte ein Mann mit langem, schneeweißem Bart, den offenbar der Tod vergessen hatte, und nickte unaufhörlich mit dem müden Kopfe. Die übrige Familie bestand aus einem Mann, einer Frau und einer vorerst noch unübersehbaren Schar von kleinen und halbstarken Kindern. Der Mann – einen Herrn mochte man ihn heißen – war nach der letzten Yankeemode gekleidet und trug eine mächtige, pechschwarze Haartolle. Von der Frau war wenig zu sehen, denn die Strähnen ihres vornüberhängenden Bubikopfes bedeckten das meiste, irgendwelche Trachten trugen sie nicht. Aber Zigeuner waren es doch, das konnte man sehen auf den ersten Blick – ja, und man konnte es riechen! Schon von weitem hatten sie mich kommen sehen. Zwei unangenehm aussehende Wolfshunde mit flackrigen Augen wurden von den Kindern zurückgehalten und mit Schlägen bedacht. Die Frau – sie wäre wirklich hübsch gewesen, wenn sie sich gewaschen hätte – offerierte mit Grazie eine Tasse Kaffee, während ich dem Herrn des »Hauses« meinen Fall vortrug. Dieser sprach ein ganz perfektes Englisch mit amerikanischem Akzent. Nur wenn er sich gelegentlich mit seiner Frau zankte, verfiel er unwillkürlich in die Zigeunersprache. Worauf dann diese mit vorwurfsvoller Miene: »O, Donald!« Zu solch schottischem Namen war er jedenfalls gekommen wie seine Hunde zu den Schlägen. – Ja, sagte Donald, er habe nichts dagegen, wenn ich mitreise nach dem Innern, denn sie seien ohnehin schon zu viele für das Auto und da käme es auf einen mehr auch nicht an. Er selbst reise dann weiter nach Südwestafrika, lieber heute als morgen, aber leider seien die Aussichten nicht am besten. »Und warum das?« fragte ich. »Ja, sehen Sie, das ist so«, fuhr er fort, »Laonda, oder wie das Kaff hier heißt, ist ein guter Platz, ein ganz verdammt guter Platz für unser Geschäft, und gar nicht abgegrast. Da könnte man mit Kind und Kegel ein halbes Jahr lang als original-amerikanische Jazzband in den vielen Kaffeehäusern auftreten. Mercedes hier, was meine Frau ist, versteht sich fabelhaft auf's Handlesen und Kartenschlagen, aber was nutzt das alles, wenn der Policeman uns hier draußen festhält?« »Desto besser«, sagte ich, »dann können wir gleich morgen fahren.« »Das möchte ich auch«, fuhr der Zigeuner fort, »aber da ist noch Verschiedenes zu bedenken. Erstens haben wir kein Benzin, das man freilich im Notfall irgendwo klauen könnte. Zweitens hat der Gerichtsvollzieher einen Kuckuck auf das Auto geklebt, weil wir den Gewerbeschein von 200 Escudos nicht bezahlen konnten.« »Vielleicht, wenn der Konsul –« warf ich ein. »Der Konsul«, sagte Donald mit düsterer Miene. »Der Konsul!« zischte Mercedes, und ihre Augen schossen Dolche. Nur der alte Mann nickte noch immer, als ob ihn alles nichts anginge. » Allright «, sagte ich, »ich will es mal selbst mit ihm versuchen.« Eine Stunde später war ich in dem Haus, über dem die amerikanische Flagge weht, im Büro beim Konsul, dessen Zigeunerliebe inzwischen schon recht erkaltet war. »Sir«, sagte er mit zitternder Stimme, »der Himmel bewahre mich vor dem Gesindel! Seit gestern habe ich keine ruhige Stunde mehr. Keine Minute vergeht, ohne daß nicht irgend so ein Wesen vor meiner Tür herumlungert. Der ist ein armer Reisender, der um eine milde Gabe bittet, der ein großer Künstler in noch größerer Notlage, die eine junge Frau, die von ihrem Mann verstoßen wurde, jener ein junger Mann, den seine Frau verlassen hatte, und unter den vielen verstoßenen Kindern kennt man sich schon gar nicht mehr aus. Pünktlich in jeder halben Stunde kommt ein anderer. Und dabei hockt das ganze Pack Abend für Abend ums Feuer vor dem Zigeunerwagen und amüsiert sich auf meine Kosten. Fünfzig Pfund bezahle ich auf der Stelle, wenn ich sie wieder los werde.« »Das können Sie billiger haben, Herr Konsul«, unterbrach ich ihn. »Es kostet nur einen Gewerbeschein, den der edle Herr – wie heißt er? – nicht bezahlen kann.« »Und wieviel wäre das?« »Zweihundert Eskudos.« »Anderthalb Pfund. Wird gleich gemacht.« Er nahm das Telefon vom Tisch und sprach eifrig hinein. » Allright Das wäre besorgt. Der Polizeipräsident wird die Bande ausweisen, wenn sie morgen noch da ist.« » Allright «, sagte auch ich. Zigeuner oder nicht; da war ein Auto und eine billige Reisegelegenheit, die sich so schnell nicht wieder bieten würde. Ich ging nach dem Gasthaus, packte meine wenigen Sachen und stand bald wieder vor dem Lagerplatz, wo alles in hellem Aufruhr war. Mister Donald schimpfte aus vollem Halse mit einem portugiesischen Polizisten, Donna Mercedes weinte, die Kinder schrien, die Hunde bellten. Nur der alte Mann saß noch immer auf demselben Platze und nickte mit dem Kopfe. Der Polizist sprach nur Portugiesisch, Mr. Donald nur Englisch, und so war es ein wahres Glück, daß ich dazu kam und den Dolmetscher spielte. – Ja, es war alles nur ein Mißverständnis. Weit davon entfernt, sie von neuem zu drangsalieren, war der edle Senhor sargente da policia nur gekommen, um das Pfandsiegel abzunehmen und den Senhores Americanos eine glückliche Reise zu wünschen und einen Gruß auszurichten von Seiner Exzellenz dem prefecto da policia , der entschieden der Ansicht sei, daß man in der Kühle der Nacht am allerbesten fahre, und zwar unbedingt noch in dieser, weil es in der nächsten sicher ganz furchtbar regnen würde. Mr. Donald war auch ganz dieser Ansicht. Er rief seine zahlreiche Familie zusammen. Der umherliegende Plunder wurde ins Auto geworfen, und da kurze Haare bekanntlich bald gebürstet sind, waren sie in fünf Minuten reisefertig. Sogar mehrere Kannen Benzin kamen plötzlich zum Vorschein. » Boa noite! « rief der Sergeant dem davonfahrenden Auto nach. » Boa noite! « riefen wir, »und eine Empfehlung an Seine Exzellenz den Senhor Polizeipräsident.« Noch eine Weile fuhren wir entlang dem Strande, gegen den die silberhelle Brandung mit dumpfem Brausen aus dem nachtschwarzen Meere aufsprang. Dann bogen wir in enge Gassen über das holperige Pflaster menschenleerer Märkte, wo nirgendwo ein Licht brannte und nichts zu hören war als die heisere Stimme eines Hundes, der verschlafen bellte, oder die hallenden Schritte einer Polizeipatrouille. Ich wunderte mich, wie der Zigeuner den Weg fand, aber ohne einmal zu fragen oder zu zaudern steuerte er den Wagen mit dem Ortsinstinkt seiner Rasse durch das Straßengewirr und hinaus auf eine breite Landstraße, die schnurgerade in ein schwarzes Bergland führte. Freilich war es fast taghell unter dem Lichte des Vollmonds, der groß und rund am wolkenlosen Himmel stand. Bald zog ein dicker Dunst über die Landschaft. Schon waren wir mitten im großen Busch, der Afrika ist vom Kongo bis zum Kap. Es war eine schwüle Nacht mit einem verhangenen Himmel, von dem der Vollmond nur matt herunterschien. Zu beiden Seiten der Straße stand die Dschungel schwarz wie ein Höllenrachen. Zumeist kroch der Busch niedrig am Boden, aber stellenweise standen Gruppen von Palmen, schlank wie Schiffsmasten, stellenweise wieder mächtige Bäume mit gewaltigen, kegelförmig aufgebauschten Stämmen und breiten Ästen, die phantastisch in die Nacht hinausragten. Ab und zu huschte ein Negerdorf und ein Bananenhain vorbei. Ab und zu grunzte und quiekte etwas im Busch. Alle Augenblicke eilte irgend etwas Flinkes über den Weg, und einmal, als der Zigeuner den Scheinwerfer seitwärts in den Busch drehte, da traf er voll in die funkelnden Augen eines fauchenden Leoparden. Ja, das war das Afrika, von dem ich immer träumte! Alles war hier wild und unwirklich, voll von raunenden Geheimnissen, eingehüllt in den weichen Mantel der lauen Nacht. Schnell, wie immer in den Tropen, löste der Tag das Dunkel ab, aber kein Sonnenstrahl drang durch die hängenden Wolken. Der Busch war zum Urwald angewachsen, ein kalter Hauch kam aus der Dschungel, in die kein Lichtstrahl drang. Von allen Seiten kamen sprudelnde Bäche, die mit dicken Knüppeldämmen überbrückt waren. Und nun mag man über portugiesische Verwaltungsmethoden denken, wie man will – ich kenne sie nicht und mag mir deshalb kein Urteil darüber anmaßen –, aber das eine weiß ich: die Portugiesen sind Meister in der Wegebaukunst. Von einem Winkel zum anderen ist das weite Land Angola durchzogen von einem Netz von Automobilstraßen, um die es manches europäische Land mit Fug und Recht beneiden könnte, eine wahre Beschämung für das benachbarte Südwestafrika, das nach zehnjähriger Mandatsmißwirtschaft die Landstraßen im wesentlichen noch in dem Zustande aufzuweisen hat, wie es sie zur deutschen Zeit der Ochsenwagen übernahm. Freilich geht das alles ein wenig par ordre du moufti , ländlich, schändlich, afrikanisch. Ein Ukas des Distriktschefs zitiert den betreffenden Häuptling, daß er mit seiner Dorfgemeinde an den Straßenrand ziehe, wo ihr eine Wegstrecke für Reparaturarbeiten angewiesen wird. Dafür bekommen sie dann regelmäßig ihre Ration Buschkost, aber nie einen baren Heller Löhnung. So marschiert in Portugiesisch-Afrika der Lauf der Zivilisation, »die herein aus den Gefilden rief den ungesell'gen Wilden.« So fährt man im Auto durch den Urwald, der drei Schritte abseits vom Wege noch so ursprünglich ist wie der, den Stanley vorgefunden. Der Wald und die Menschen, deren primitive Basthütten ungefähr das Anspruchsloseste sind, was man auf dem Gebiete der Wohnkultur erwarten kann. Meist sind es Weiber und Kinder, die auf der Straße arbeiten, während die Männer zu Hause dem Müßiggang obliegen. Die Kinder stehen da mit schauerlich aufgetriebenen Bäuchen, barfuß bis zum Halse, die Weiber mit einem Lendenschurz und einem Piganini, das sich am Rücken festklammert und niemals seinen Halt verliert, ob die Mama nun mit der Hacke arbeitet oder als schwarze Rebekka mit dem Wasserkruge auf dem Kopf durch die afrikanische Sonne schreitet. Es ist ein Anblick, der mehr romantisch als ästhetisch wirkt. Auch der Geruch, der von ihnen ausströmt, ist nicht immer ein Duft von betäubenden Tropenblumen. Aber wer eine empfindliche Nase hat, der geht lieber gar nicht erst in den Urwald. Im übrigen sind sie höfliche und devote Wilde. Beim Herannahen des Autos heben sie grüßend die Hand oder, falls sie einen solchen haben, ziehen sie den Hut mit tiefer Verbeugung wie vor den Lakaien einer Hofkutsche. Denn es herrscht Ordnung im Urwald. Je länger wir fuhren, desto mehr bewunderte ich Mr. Donald. Gewiß, es gab da keine Seitenstraßen, in denen man irr gehen konnte, aber daß einer, der so fremd wie ich selbst in Angola war, so sicher und selbstbewußt durch Nacht und Wildnis fahren konnte ohne einen Augenblick zu zaudern und zu überlegen, das war doch eine Offenbarung. Mir selbst wurde ein wenig unheimlich zumute in diesem Busch. Aber plötzlich kam eine Lichtung. Schon fuhren wir durch eine Dorfstraße zwischen grauen Negerhütten, deren spitze Dachkegel phantastisch in den heißen Himmel ragten. Es war ein lebhaftes Dorf, fast schon eine kleine Stadt zu nennen. Kleine Kinder und bissige Hunde verfolgten das Auto. Die Männer standen faul in den Türen ihrer Lehmhütten, und überall sah man die Weiber, die in großen, hölzernen Mörsern das Hirsemehl stampften. Bald hielten wir am Ufer eines mächtigen, hoch angeschwollenen Flusses, dessen gelbes Wasser mit dumpfem Brausen zwischen den dunklen Waldufern vorüberglitt. Das war der Cuanza, einer der größten und wasserreichsten Ströme Afrikas, ja der ganzen Welt, von dessen Existenz wir bisher – zu unserer Schande mußten wir es sagen – noch keine Ahnung gehabt hatten. Lange stand ich am Ufer und versank immer tiefer in das Betrachten der Landschaft. Es war ein Bild, wie man es sich afrikanischer nicht vorstellen konnte. Am Strande lagen große Dschunken mit hohen Masten und festgemachten Segeln. Zwischen beiden Ufern war ein ständiges Kommen und Gehen von langen, schwarzen, ganz niedrigen Einbäumen, in denen die aufrecht stehenden Schiffer aussahen wie spukhafte Gestalten, die auf dem Wasser wandelten. Und überall entlang der Ufer warteten die Trägerkolonnen mit ihren abgeworfenen Lasten und den menschlichen Lasttieren, die faul in der Sonne lagen. Inzwischen hatte sich das ganze Dorf um unser Auto versammelt. Mit der unbegreiflichen Schnelligkeit, mit der Nachrichten in Afrika zu reisen pflegen, hatte sich schon lange vor uns die Kunde von unserem Kommen herumgesprochen als von den seltsamen Senhores Americanos, denen keine Kunst zu verborgen, keine Krankheit zu geheimnisvoll für ein Heilmittel sei. Es war, wie wenn ein verheißener Messias, aber nicht ein Zigeuner eingezogen wäre. Mit lüsternen Mienen und funkelnden, lackglänzenden Augen umlagerten sie das Auto, eine schwarze Masse, von der ein übler Geruch aufstieg. Alles war vertreten, was irgendeinen Wunsch hatte. Gesunde und Kranke, solche, die nur noch Haut und Knochen waren, und andere, deren Glieder bis zur Unkenntlichkeit verschwollen waren durch irgendeine unerhörte Krankheit. Andere wurden von ihren Angehörigen herbeigeschleppt wie lebende Leichen, müde und blaß, so weit man das von einem Neger sagen kann, und abgestorben gegen alle äußeren Eindrücke. Einer, der schrecklich anzusehen war mit seinen von der Elefantiasis angeschwollenen Beinen, kam auf mich zugehumpelt und schaute mich an mit Augen, aus denen eine Welt von Vertrauen leuchtete. – Was tun? Da half nur noch das System Coué. Ich gab ihm eine Chininpille, die er mit Todesverachtung zerbiß und hinunterschluckte. Dann – nein, es war keine Täuschung! – dann ging er sehr viel gelenkiger davon, als er gekommen war, denn soviel geht auf Konto der Einbildung bei unseren Krankheiten. Nach diesem kamen andere und zogen alle hochbeglückt ab, jeder mit einer Chininpille. Inzwischen hatte auch Donna Mercedes ihr Gewerbe aufgenommen, aber nur gegen bar oder Lebensmittel. Hühner und Eier wurden in Körben herbeigeschleppt, ein kleines Ferkel war auch schon im Auto. Aus Hand und Asche wurde geweissagt mit wenig Worten, großen Gebärden, ganz ohne Dolmetscher und anscheinend dennoch zur vollen beiderseitigen Befriedigung, obwohl keiner ein Wort von des anderen Sprache verstand. Denn solches ist die Kunst der Zigeuner. Immer größer wurde der Auflauf, immer zudringlicher die Neugier. Männer mit bunten Lendentüchern, die sie eben erst beim Händler gekauft hatten, Frauen mit Kapuzen, aus denen die Piganini herausschauten, ein Häuptling, der in nichts gekleidet war als in seine Würde und ein tadellos gebügeltes Frackhemd – alle wollten der Wunder teilhaftig werden. Mr. Donald rieb sich die Hände, Donna Mercedes strahlte über dem großen Busineß, die vielen Kinder hatten sich über die Gegend verbreitet, um Ausschau zu halten nach etwas, das die Mühe lohnte, der alte Mann nickte noch immer, wie er in Loanda genickt hatte, und alles war bei bester Laune. Nur ich selbst betrachtete mit Kummer diese neue Lage. Da waren wir nun, und wann wir wieder fortkommen würden, das mochten die Götter wissen, denn ehe da nicht der Rahm abgeschöpft, die Milch ausgetrunken und überhaupt die letzte verlorene Möglichkeit an diesem Strande ausgekehrt und ausgekämmt worden war bis in den letzten Winkel, war an ein Weiterreisen nicht zu denken; sie müßten denn keine Zigeuner sein. Der Tag verging. Der rote Ball der untergehenden Sonne stand schon unter den Baumkronen des Urwaldes. Die Schatten lagen lang in der Gasse. Der breite Fluß lag im Dämmerlicht und die ersten Moskitos kamen herangeschwärmt mit metallischem Summen. Die Nacht konnte nett werden! – Wer gut schlafen kann, erspart sich viel Aerger. Ich nahm meine Decken und machte mich auf die Suche nach einem einigermaßen erträglichen Nachtlager, als ich plötzlich in der Ferne etwas zu vernehmen glaubte, das angenehm wie Musik in meinen Ohren klang. Es war in der Tat das Summen eines herannahenden Automobils. Schon hielt es vor dem Gebäude eines portugiesischen Händlers, der eine Art Restauration betrieb, wo man Stockfisch und dergleichen portugiesische Nationalgerichte für teures Geld bekommen konnte. Der einzige Passagier war ein stattlicher, sehr eleganter Herr, der gelangweilt eine Zigarette um die andere rauchte in dem düsteren, fliegenumsummten Lokal. Ob der excellentissimo senhor allein zu reisen beliebe? fragte ich mit aufkeimender Hoffnung. » Si, Senhor. « Und ob er sich dazu bereit fände, einen gestrandeten Caballero mitzunehmen. »Aber natürlich. Mit dem größten Vergnügen. Betrachten Sie es als Ihr Auto.« Dies mit einer so großen Gebärde, wie sie nur ein Portugiese fertig bringen kann. Am anderen Morgen machten wir uns schon vor Sonnenaufgang auf den Weg. Die Zigeuner, die an so etwas gewöhnt sind, machten es kurz mit dem Abschiednehmen. Dann machten wir uns an den Flußübergang, der bei dem hohen Wasserstand eine einigermaßen atemberaubende Angelegenheit war. Für die Autos hat man eine Fähre zurechtgemacht, die an Primitivität nichts zu wünschen übrigläßt. Sie besteht aus einem von Ufer zu Ufer gespannten Kabel, an dem die Fähre hinübergeschoben wird vermittelst eines Rades, das durch »Muskelmotoren« in Bewegung gesetzt wird. Freilich sind es Menschen, die über Pferdekräfte verfügen; herkulisch gebaute Neger, denen nur ein wenig Uebung am punching ball fehlt, um Dempsey und all die anderen Götter des Fleisches vom Stuhl zu stoßen und fortan ein Leben in Ruhm und Dollars zu führen als neueste Exponenten unserer modernen Kultur. – Zwei Stunden dauert der Flußübergang. Dann stürzt sich der Wagen wieder hinein in den Busch, wo zu beiden Seiten der Straße das hohe Elefantengras wie eine grüne Mauer steht. Bald ändert sich das Bild der Landschaft. Blaue Berge tauchen in der Ferne auf, oft gekrönt von bizarren Felsklippen, die an heimische Burgruinen erinnern. In vielen Windungen führt die Straße bergauf in immer höhere Regionen, in denen aus den Tiefen des Urwaldes die Basthütten der werdenden Plantagen herausschauen. Was immer eine Tropenlandschaft hervorzubringen vermag, wächst hier in üppiger Fülle. Wälder von Oelpalmen, Bananenhaine, die breitblättrig am Wegrand stehen. Es riecht überall nach Brand und Moder. Der Mensch geht dem Urwald zu Leibe. Zwischen verkohlten Baumstümpfen stehen schon die hellgrünen Maisfelder inmitten der dunklen Hänge des ungebrochenen Urwalds. Noch immer höher führt der Weg zwischen Wäldern und Wasserfällen, während tief unten die heiße Ebene im Dunste verdämmert. Es ist eine Gegend, die ganz auffallend an die Bergländer von Ceylon erinnert. Auch Usambara ließe sich mit ihr vergleichen. Gegen Mittag rasteten wir bei einem großen Hause, das ganz nach Landessitte aus Lehm gebaut war und ein Dach aus getrockneten Palmblättern hatte. Um so größer war mein Erstaunen, als eine deutsche Hausfrau herauskam und mich in unverfälschtem Schwäbisch anredete. Sie lud uns ein und bewirtete uns mit der großen, schönen afrikanischen Gastfreundlichkeit, die ich noch von Südwestafrika in so guter Erinnerung hatte. Wir tranken Kaffee an dem Tische mit der bunten Decke und vergaßen darüber, daß wir in der Wildnis waren. Die kleinen blonden Buben, die in dieser Gegend mehr Löwen als weiße Menschen zu sehen bekamen, schauten uns scheu aus der Ferne zu und die Frau erzählte uns allerhand, während sie hin- und hereilte bei ihren häuslichen Geschäften. – Ja, hier im Libollohochland habe sich seit dem Krieg eine ganze Kolonie von deutschen Ansiedlern niedergelassen. Ihr nächster Nachbar sei der Herr von Soundso. Weiter landeinwärts wohne der Graf X, der Freiherr Y. Eine ganze adlige Ecke. Zum Teil seien es alte Ostafrikaner, aber auch sonst kämen so allerlei Leute von drüben, gute und weniger gute. Denn in Deutschland sei kein Raum, irgendwo müsse man doch hin, und gerade hier im Hochland sei das Klima gut, das Land fruchtbar und man bekäme so viel davon, wie man haben wolle von der portugiesischen Regierung. Das bare Geld sei zwar das Rarste, was man zu sehen bekomme in diesem Dasein, aber man habe ein Dach über dem Kopf, ein paar hundert Hektar Land, zu denen man in Deutschland nie käme und wenn erst einmal die Kaffeebäume groß wären, dann solle es wohl auch nicht am Geld fehlen. – Ob ich mir einmal die Plantage ansehen wolle? »Gewiß doch.« Wir brauchten nicht weit zu gehen. Sie lag direkt hinter dem Hause. Eine Lücke im Busch, eine Wunde des Urwalds, sonst nichts. Ueberall lagen kreuz und quer die gefällten Stämme. Ueberall ragten die halbverkohlten Baumstummel aus dem jungen Grün der üppig wieder aufschießenden Vegetation. Ein scharfer Brandgeruch lag in der Luft. Zwischen drin arbeitete eine Kolonne von Schwarzen unter Führung eines langen Mulatten, dessen pockennarbiges Gesicht unter einem breitkrempigen Hut hervorschaute, ganz das Ebenbild eines Sklavenbändigers von Anno dazumal. Auch da müsse man Lehrgeld zahlen, meinte die Frau mit einem müden Blick. Anfangs habe man es mit Baumwolle versucht und teure Maschinen von Deutschland herübergebracht, die nun nutzlos in dem Schuppen verrosteten. Jetzt glaube jeder nur noch an den Kaffee, und die großen Rosinen vom Schnellreichwerden hätten sich die meisten auch schon abgewöhnt. Lieber klein, aber sicher. Aber leicht sei das nicht mit dem Haufen Kinder, dem vielen Personal und dem Mann meistens auswärts auf der Jagd und beim Frachtfahren. Das alles erzählte die einfache Frau mit dem nüchternen Wesen und dem jungen, frühzeitig hart gewordenen Gesicht, in dem Arbeit und Sorgen und tausend Enttäuschungen ihre Spuren eingegraben hatten. Bei alledem blieben wir länger als beabsichtigt. Die Sonne stand schon tief, als wir weiter fuhren. Mein liebenswürdiger Gastgeber im Auto, der portugiesische Kavalier, der natürlich kein Wort von der Unterhaltung verstanden hatte, zeigte dennoch große Freude über das angenehme Intermezzo. »Gute Kolonisten, diese Deutschen«, sagte er. »Besonders die Kinder machen uns Freude, denn die werden einmal sehr gute Portugiesen werden.« Weiter ging die Reise. Flüchtig zog das Hochland an uns vorüber in seiner berauschenden Schönheit. Dann blieben die Ansiedelungen zurück, und ringsum war alles wieder nur Busch und Urwald und Baumsavanne und Negerdörfer. Diese Wildnis ist stumm, von einer tiefen, schweren Melancholie, ganz im Gegensatz zu dem so viel dürreren Südwestafrika, wo es trotzdem überall irgendwie zwitschert und singt und gurrt von wilden Tauben, wo einem auch in der größten Wildnis die Springböcke, Strauße und Hartebeester die Zeit vertreiben. Hier aber gibt es anscheinend gar keinen nennenswerten Wildbestand. Kein brüllender Löwe, keine stampfende Elefantenherde, die wir zu sehen hofften. Das einzig Wilde in dieser Gegend ist der Mensch. Bei einem Portugiesen – er war schwarz wie Stiefelwichse, aber hier zählt alles als Portugiese, solange es drei Worte in der Sprache des Camoëns sprechen kann – hielten wir an und erkundigten uns nach der Entfernung zur nächsten Façenda. »Dreiundsiebzig Kilometer«, sagte er ohne Umschweife. So ist dieses Land der großen Nachbarschaften! Hundert zu hundert Kilometer liegen die Ansiedelungen auseinander, und dazwischen liegt nichts, ein Niemandsland, das fürs Holen zu haben ist. Schon wird es wieder dunkel, aber noch ist die Reise nicht zu Ende. Fünfhundert Kilometer haben wir schon gefressen, fünfhundert mehr müssen wir noch machen, bis wir am Ziele sind. So entartet die Welt! Früher hatte man immer Zeit in Afrika. Nun, da man dieses Teufelsding eingeführt hat, glaubt man sich bei Tag und Nacht zu Tode rädern zu müssen auf den durchgesessenen Polstern des wildgewordenen Benzinrosses. – Weiter geht die Reise. Der Urwald steht phantastisch im Lichtkegel des Scheinwerfers. Die Affen schimpfen auf den Bäumen, das hohe Elefantengras rauscht im Luftzug des vorübersausenden Waldteufels. Vorwärts! Zeit ist Geld! Business, Dollars machen ist heute die Parole auch im innersten Urwald. Ein wenig war ich doch noch eingeschlafen und wurde erst wieder wach, als das Auto in vorsichtig schwankender Gangart über eine baufällige Brücke fuhr, unter der ein wilder Bergbach rauschte. Die Sterne funkelten, und es war bitter kalt. Im Osten stand das erste Tageslicht als blasser Streifen über dem Horizont. Der Tag dämmerte über einer Landschaft, die nichts mehr gemein hatte mit der, die wir bisher durchschnaubt hatten. Fast konnte man sich wieder nach Südwestafrika versetzt glauben. Weite Grasflächen, nur da und dort unterbrochen von Baumgruppen, zogen sich in endlos blaue Fernen. Ein Rudel wilder Strauße lief flüchtig über die Straße, und in einiger Entfernung zogen sogar mehrere Ochsenwagen. Bald darauf kam etwas in Sicht, vor dem ich mir erst einmal die Augen reiben mußte, um mich zu vergewissern, daß es so etwas noch gibt, »Caminho de ferro« , sagte der Wagenführer. Es war in der Tat die große Eisenbahnlinie, die von Lobitobai über das Hochland von Angola nach dem Kongo führt. Silva Porta hieß die Station und das angrenzende Dorf, zu dem der Weg führte. Wir waren am Ziel, und eigentlich hätten wir einen tiefen Schlaf verdient. Aber nein! Diese Gegend war zu schön, als daß man darüber gleich wieder einschlafen konnte, die Luft so kühl, daß man alle Müdigkeit vergaß. Eine Weile noch machte ich einen Rundgang über grüne Wiesen, in denen die lieben, schönen Blumen blühten, die wir aus Deutschland kennen, vorbei an Gärten, in denen hohe Zedern standen, ganz wie die Tannen bei uns zu Hause, und sah die blauen Hügel, die in etwas an die Gegend von Unterfranken erinnerten, und im Gehen kamen mir so allerlei Gedanken: Wieso kommt es, daß diese riesigen, durchaus gesunden und fruchtbaren Hochländer von Angola, die mindestens so gut und besser sind als die von Rhodesia und am Kenia, bisher so gar keine Anziehungskraft auszuüben vermochten auf europäische, zumal deutsche Auswanderer? Da rennen sie in die unmöglichsten und abgelegensten Gegenden, in moskitobrütende Sümpfe, eine sichere Beute des Fiebers, und hier liegt ein herrliches, heimatlich anmutendes Land unter milder Sonne unbeachtet und vergessen. Und dabei bekommt man das Land umsonst von der Regierung! Am Abend saß ich im Hotel, dem einzigen, besten und schlechtesten am Platze, und aß Stockfisch mit Bohnen, das übliche portugiesische Menü und trank dazu einen Wein, der wohl im Urwald gewachsen war, und der Wirt saß mit mir am Tisch und erkundigte sich sehr genau nach dem Woher und Wohin, denn Fremde sind kein alltägliches Ereignis in Silva Porto. Und wer denn der elegante, liebenswürdige Herr sei, mit dessen Auto ich hierher gekommen war? wollte ich wissen. »Dom Pedro?« »Ja, so hörte ich ihn nennen.« »Dom Pedro«, wiederholte der Wirt, »der hat so seine eigenen Geschäfte; seine ganz besonderen Geschäfte.« »So –?« sagte ich. »Freilich«, fuhr der Wirt fort, »denn sehen Sie, das ist so in Angola: mit dem Hotelbetrieb ist nichts zu verdienen, Händler gibt es auch mehr als genug. Mit anständiger Arbeit kann man sich nicht ernähren. Am besten haben's noch die Präfekten, denn denen geht viel durch die Finger und manches bleibt daran hängen; aber dazu muß man geboren sein. Da ist dann das zweitbeste, daß man mit den Präfekten so gut steht wie Dom Pedro. Da kann man dann ungestört mit schwarzer Ware handeln.« »Mit schwarzer Ware?« »Nun ja, man geht in die Dörfer mit ein paar Schnapsflaschen, großen Versprechungen und einem Steuerzettel, das übrige kommt dann ganz von selbst. Im Handumdrehen hat man eine ganze Schiffsladung für die Kakaoplantagen auf São Thomé. Ein ganz reelles Geschäft. Nichts daran auszusetzen. – Ah, aber ein halbes Jahr lang möchte ich doch in den Schuhen Pedros stecken und hier mit schwarzer Ware handeln. Dann wäre ich gesund, dann hätte ich ein Hotel in Lissabon statt der Kneipe in diesem Affenlande.« 7 Das Land der dunklen Ehrenmänner Im dunkelsten Afrika / Lumpen von Format / Romantik des Eisenbahnbaus / Buschvagabunden / Im Urwaldladen / Ein nahrhaftes Handwerk / Beim Bahnbau / Der »Moloch Lager« / Pat erzählt eine Geschichte / Eine »ganz verdammt schöne Reise« / Eine ungemütliche Stadt / Auf ins nahe Rhodesien! / Auf Negerpfaden / Allerlei Handelsgeschäfte / Ein Negertanz / Alles fürs Salz / Die Angst vor den Leoparden / Nächtlicher Zwist / Der Löwe als Friedensstifter / Schwieriges Reisen / »Haia Safari!« / Zweibeinige Pferde / Eine schlimme Nacht / Meuterei / Verzweifelte Lage Wenn man durch Angola ostwärts nach den Quellflüssen des Kongo wandert, ungefähr dorthin, wo Afrika anfängt am dunkelsten zu werden, so kommt man auch in das Land der dunklen Ehrenmänner. Es gibt ihrer nicht wenige, die dort zwischen Tag und Dunkel eine Gastrolle geben und dann wieder spurlos verschwinden, meist ohne eine Adresse zu hinterlassen, und das aus guten Gründen; flüchtige Gestalten, deren Gewissen schwarz ist wie ein Urwalddschungel und denen kein Land zu dunkel, um Taten und Untaten eines verfehlten Lebens zu verhüllen. Denn der Arm des Gesetzes ist länger geworden in diesen Jahren. Heute geht man nicht mehr nach Amerika, wenn man etwas auf dem Kerbholz hat. Man muß sich schon in den afrikanischen Busch bemühen und in Stanleys Stiefeln wandern. Aber wie lange noch? Binnen weniger Jahre wird man im Schlafwagen von Kapstadt nach Kairo fahren können, noch ein oder zwei Jahre und man wird vor dem Frühstück in Daressalam den Expreßzug besteigen, man wird dinieren am Tanganjikasee, übernachten in Katanga und am nächsten Morgen in Lobitobai an der Benguellaküste ankommen, wie wenn man eben aus dem Berlin-Pariser Schnellzug stiege. Und dort, wo man noch verschont ist von der Eisenbahn, da wird man sicher über kurz oder lang vom Auto heimgesucht. – Ach, das Afrika, das wir zu kennen glaubten, das wir einst geliebt, gefürchtet, von dem wir geträumt in unseren Kindertagen, es ist nicht mehr! Der Weltverkehr hat es in seinen Netzen gefangen und die Staatsautorität darüber ihren Teufelsmantel gebreitet. Und doch, und doch – Auch diese neue sachliche Zeit hat eine neue Romantik geboren, die wilder und phantastischer ist als die der alten Forscher, abenteuerlicher als die der Trapper und Jäger der amerikanischen Prärien, wenngleich sie noch keinen Cooper und keinen Karl May gefunden hat, um in ihr Horn zu blasen. Wenn es irgendwo auf dieser Erde noch Menschen gibt, die kühner, verwegener sind als jene, die heute als Prospektoren oder beim Eisenbahnbau, auf Vorposten der Zivilisation, den afrikanischen Busch durchziehen, so möchte ich wohl wissen, wo sie sind. Es ist eine Sorte, die jeden Respekt vor der Wildnis, aber auch vor allem anderen verloren hat. Vagabunden, dunkle Ehrenmänner, Lumpen vielleicht, aber Lumpen von Format. Eine Art Konquistadoren in der Westentasche. Da ist einer z. B. in Europa Schneider gewesen und entdeckt plötzlich in Afrika sein Talent zum Brückenbauer. Man probiert es. Geht es schief, so hält man Ausguck nach etwas anderem und übernimmt vielleicht einen Kontrakt zum Holzschlagen oder Backsteinmachen oder bei den Streckenarbeitern. Immer aber ist man dabei ein großer Bwana und Herr über Hunderte von Schwarzen, die einen bedienen wie zu Hause keinen Kommerzienrat. Geld verdient man reichlich, und die Pfunde hat man lose in der Tasche sitzen. – Ja, die Pfunde! Abends, wenn mit den ersten Schatten die Frösche ihr Konzert im Sumpf beginnen, wenn die Sonne hinter der scharf gezackten Linie des Buschwalds versunken, wenn plötzlich die Nacht hereingebrochen ist ohne einen Hauch erlösender Kühle nach dem schwülen Tage, wenn die Moskitos summen und die Grillen ihr nimmer endendes Lied im Grase singen – was tut man mit solch langer, langer Nacht? Man liegt im Liegestuhl und schaut müde in das verlöschende Feuer, man trinkt viel Whisky mit wenig Soda, man spielt Poker und verspielt sein Hab und Gut in einer Nacht, der Whisky steigt einem in den Kopf, man legt sich irgendwo hin auf den Boden, wo das Fieber lauert. Und vierzehn Tage später steht noch ein Kreuz am neuen Bahndamm. Oder man wird vom Boß an die Luft gesetzt. Dann pilgert man eben eine Weile durch Busch und Urwald zu einem anderen Bahnbau. Eines Tages traf ich so einen, der, nur mit einem Stecken bewaffnet, durch Angola ging. »Wo geht die Reise hin?« fragte ich ihn. »Ich mache nach Uganda«, antwortete er seelenruhig. O Stanley! O Wißmann! O Emin Pascha! Wie haben sich die Zeiten geändert! Anderwärts baut man Bahnen nach den Bedürfnissen des Verkehrs. In Afrika ist es im Gegenteil der Bahnbau, der den Verkehr und seine Bedürfnisse erst schafft aus dem Nichts, wie ein lebenspendender Kanal, an dessen Ufern die Bäume aus der Erde wachsen, auch in der dürrsten Wüste. Genau so entstehen hier über Nacht die Städte und Dörfer in ihrer Wellblechherrlichkeit am Rande des Buschwaldes. Es ist, als ob sie selbst noch nicht an ihr Dasein glaubten, als ob sie sich umschauten nach dem Wind, der sie hier zusammengetrieben und im nächsten Augenblick wieder auseinanderjagen könnte in seiner Laune. Man muß sie gesehen haben, um sie ganz zu verstehen, jene aufblühenden Städte und Dörfer längs der neuen Angola-Kongobahn. Hier fließt das Leben langsam, à la Portuguesa . Die Straßen sind sehr breit und die Häuser sehr niedrig; groß und plump sind die Telegraphenstangen, und lebendig ist nur der Wind, der in ihnen summt. Es ist Mittag, und kein Mensch ist auf der Straße; denn der Mittagsschlaf ist hier eine heilige Handlung, die vom späten Morgen bis zum frühen Abend dauert. Vor dem Hotel steht Dom Fulano de Tal, der Besitzer, und schaut blinzelnd hinaus auf den »Largo Gago Coutinho«, auf dem die Langeweile hockt wie ein gähnendes Gespenst. Die Ziegen sind eben dabei, den jungen Zierbäumen, die gestern erst gepflanzt wurden von der hohen commissão do fomenta , das Lebensmark abzuknabbern. Irgendwo schreit ein Esel, irgendwo jammert ein liebestoller Kater. – Was man wohl heute wieder für einen Küchenzettel macht für die excellentissimos senhores von der Administration? Bacalão natürlich! Bacalão (Stockfisch) mit Kartoffeln, Bacalão mit grünen Bohnen, Bacalão mit weißen Bohnen, Bacalão mit Ei, mit Spargel, Makkaroni, Reis und Kohlrüben, mit Schlagsahne an Sonn- und Feiertagen – man ist hier nicht verlegen um den Küchenzettel und nicht ein bißchen schüchtern mit den Preisen, die groß sind wie das Savoyhotel in Lissabon. So viele Hotels, so viele Halsabschneider. Aber dieses Thema wäre nicht erschöpft, wenn man zuvor nicht wenigstens noch ein Wort hinzufügen wollte über die dunkelsten der Ehrenmänner, die unter dieser Sonne gedeihen. Das sind die senhores , die hinter den Ladentischen der casas de commercio stehen. In Angola allein wird heute noch Kolonialpolitik nach der klassischen Methode getrieben, d. h. man läßt das Land nach Möglichkeit im Urzustand und sieht zu, wie man am besten und ohne großen Aufwand den Rahm abschöpft. Das läßt sich am einfachsten dadurch erreichen, daß man dem Eingeborenen europäische Bedürfnisse aufschwatzt, die man ihm dann zu möglichst hohen Preisen verkauft. So ist das Handelshaus der Exponent der kolonialen Betätigung. Oft sind es stattliche Gebäude. Die Neger kampieren vor der Tür und schielen mit lüsternen Augen nach den Herrlichkeiten, die drinnen aufgebaut sind: rote Wollmützen, bunter Kattun aus Chemnitz, Glasperlen aus Liverpool, Medaillons mit Heiligenbildern, lockende Spiegel, stilvoll gefaßt in Rahmen mit eingedruckten Vergißmeinnicht, die süß nach Pomade riechen. Alles billig, das Billigste vom Billigen, über dem der Boß hinter dem Ladentisch thront wie ein Gebieter über beide Welten. Vor ihm steht die Kiste mit den »Pratas«, ringsum drängt sich das Volk und verbreitet einen dicken Negerdunst, der einem den Atem nimmt, wenn man ihn nicht gewohnt ist. Die Wachsballen, die Säcke mit den Erdnüssen wandern über die Waage und verschwinden in düstere Lagerräume. Vor dem Ladentisch steht ein Plantagenarbeiter und schüttelt den Kopf über einem Ballen Kattun. Sein ganzer Verdienst ist nur ein Eskudo (15 Pfennig) für ein schweres Tagewerk, und das hier lostet deren zwanzig pro Meter. Was tun? Die ganze Familie schüttelt den Kopf, betrachtet den Schatz noch einmal, befühlt ihn mit lüsterner Miene, geht hinaus zu gemeinschaftlichem Rate und kommt wieder. Und immer noch klappern die Pratas in der Kiste. Es ist das blecherne Klappern einer Inflationsmünze, aber in den Augen der Neger sind es Silberstücke, so gut wie Taler, für die man eine Kugel Wachs oder einen Sack Erdnüsse hundert Kilometer weit auf dem Kopf durch den Urwald trägt. – Ja, es ist ein rentables Geschäft, aber man muß ein Herz von Stein haben, um dabei zu florieren. Aber freilich, zum Vergnügen ist kein Mensch in Kamacupa! Einmal, wenn erst das dicke Hauptbuch voll ist mit Zahlen, dann wird man seine sieben Sachen zusammenpacken und mit hundert Kontos auf der Bank das angolesische Fegefeuer vertauschen mit dem Himmel von Lissabon. Dort wird man sich ernsthaft als Gentleman etablieren. Man wird alle Tage ins Kaffeehaus gehen und Politik und ein wenig Revolution machen und Domino spielen mit Dom Ferreica da Costa, und Angola wird in weiter Ferne liegen wie ein wüster Traum: das Geschäft, der Ladentisch, die Glasperlen, die Pratas, die Neger und ihr Gestank und selbst die dicke, schwarze, mollige Senhora mitsamt den gelben und braunen Piganinis, mit denen man einst den Weg der portugiesischen Kolonialmacht bestreut auf angolesischer Erde. So sind die Zeiten und die Menschen noch heute im inneren Angola. Wird das noch lange so bleiben, wird es anders werden, wenn erst einmal die große Eisenbahn fertiggestellt ist? Zu damaliger Zeit (Frühjahr 1928) war sie im Rohbau beendet bis zur Grenze des Kongostaates, aber für den Verkehr eröffnet war sie erst bis zu dem großen Lager am oberen Cuanza, von wo aus die Bauzüge abgefertigt wurden. Ein echt afrikanisches Zeltlager mit echt afrikanischen Bewohnern, die weißen nicht minder wie die schwarzen. Mehr als die Hälfte waren Deutsche, die als Handwerker, Lokomotivführer und Unternehmer mit kleinen Kontrakten ein nicht ungefährdetes Dasein führten. Die Kreuze über den Gräbern der am Schwarzwasserfieber Gestorbenen redeten davon eine beredte Sprache. In den zwei Jahren seines Daseins hatte der Moloch Lager schon mehr Menschen verschlungen, als die normale Besetzung erforderte. Man gewöhnt sich indes an alles. Bei allzu großer Alltäglichkeit verliert selbst der Tod seine Tragik und wird zur Selbstverständlichkeit, für die man bezahlt wird mit einem Pfund pro Tag. Allerlei Menschen waren hier am Cuanza zusammengefegt worden durch den Wirbelwind dieser tollen Zeit: Freikorpssoldaten, Fremdenlegionäre, Kapp-Putsch-Rebellen. Aber der interessanteste war Pat, der Irländer. Pat war schon länger im afrikanischen Busch, als irgendeiner von uns auf dieser lieben Erde lebte. Und er sah darnach aus. Unendlich lang, unendlich dürr, ohne ein Atom richtiges Fleisch. Nur Knochen und Stricke als Muskeln, eine Haut, die zu Leder gegerbt worden war an unzähligen Lagerfeuern, und endlich ein Paar ganz große, stahlgraue Augen, die unheimlich lebendig aus dem starren Gesicht hervorblitzten. Eines Abends erzählte er mir mit lässiger Miene, wie etwas Alltägliches, die Geschichte von seiner Reise nach dem Njassaland. »Well, das war vor dreißig Jahren, als ich und Bill in den damals noch nagelneuen Kupferminen von Broken Hill arbeiteten. Damals – da war es hier noch Afrika! – da verdiente man jedesmal ein Pfund, wo man heute einen lumpigen Schilling hingeworfen bekommt. Reich wäre ich geworden und hätte heute eine Villa und ein Auto, wenn ich ausgehalten hätte. Aber wie das nun so geht – Abwechslung muß sein. So hauten wir den Sack, ich, Kamerad Bill und noch drei andere Burschen, und machten nach dem Njassaland.« »Vor dreißig Jahren?« »Jawohl, das war vor Stanley und allen anderen.« »Und war euch da nicht ein bißchen bange?« »Wieso? Wir waren gut ausgerüstet. Jeder hatte einen Nigger mit sich mit einem Sack Salz als Handelsgut. Dazu hatten wir zwölf Flaschen Whisky. Die soffen wir gleich am ersten Tage aus. – Well, und dann gingen wir aus Negerpfaden in den Urwald und bis an den großen See und lebten von Hühnern und Eiern und ganz verdammt gutem Negerbier und waren überall die großen Bwanas in den Dörfern. Aber zwei von den Jungens starben am Fieber, Kamerad Bill wurde von einem Leoparden gefressen, ich selbst sah aus wie eine Leiche auf Urlaub, als ich wieder in Broken Hill ankam, aber eine schöne Reise war es doch, eine ganz verdammt schöne Reise!« In dieser selben Nacht ging die Reise weiter mit dem Bauzug, der Steine nach der Spitze beförderte. Mit den Steinen reiste eine lebendige Fracht von etwa zweihundert schwarzen Arbeitern unter Führung eines jungen Deutschen. Dieser Jüngling konnte nach seinem Aussehen unmöglich viel mehr als zwanzig Lenze zählen, und doch hatte er schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Angefangen hatte er beim Freikorps in Oberschlesien, dann ging es nach Marokko zur spanischen Legion, von dort als Deserteur und blinder Passagier nach Südamerika, später Südwestafrika und endlich Angola, wo es ihm besser als irgendwo sonst gefiel, und das konnte man ihm nachfühlen, denn was konnte es Romantischeres geben, als so unter dem sprühenden Funkenregen der Lokomotive in die gewitterschwüle, wetterleuchtende Nacht hineinzufahren, derweilen links und rechts der Urwald wie eine schwarze Mauer stand! Der Tag kam, aber noch immer war nichts zu sehen als die keuchende Lokomotive, die kauernden Neger auf den Wagen und immer und immer der unendliche Wald. Ab und zu sah man die niedrigen Grashütten der Bahnarbeiter, ab und zu huschte irgend etwas Lebendiges über die Strecke: eine Schar Affen, eine flinke Antilope oder ein langbeiniger Leopard, worauf dann der Zug still stand und jedermann auf die Jagd ging. Ein Leopard, der auf eine ziemlich lange Strecke etwa fünfzig Meter voraus einen Wettlauf mit der Lokomotive aufnahm, imponierte mir besonders. Unter solch harmlosen Vergnügen kamen wir endlich am Endpunkte der Eisenbahn an. »Villa Luz« stand auf dem Stationsschild. An dieses Villa Luz werde ich immer denken, solange ich lebe; ich werde es in Erinnerung behalten als einen der trübsinnigsten, freudlosesten Plätze, denen ich je begegnet bin. Ein trauriges Nest am Rande des Urwalds und doch wieder ganz eine Talmistadt mit Prätensionen und Prätensiönchen und so etwas wie einer Großstadtreklame, zu der auf hundert Meilen im Umkreis die Neger des Urwalds herbeigeströmt kommen. Es war gerade Karnevalszeit, als ich ankam, und wenn in Villa Luz Karneval ist, so geht es dort weniger prunkvoll, weniger elegant und weniger dezent als in Lissabon zu. Dafür aber lauter und lärmender, mit gelegentlichen Messerstechereien und sonstigen hinterwäldlerischen Späßen. Acht Tage lang hockten sie im einzigen Wirtshaus am Platze, ohne daß man je wissen konnte, wo der Mensch anfing und die Maske aufhörte. Acht traurige, ungeduldige Tage, denn vor dem Aschermittwoch war niemand auf der Polizeistation, und ohne deren Brief und Siegel geht keiner in den Urwald. – Aber einmal nehmen auch acht Tage in Villa Luz ein Ende. Meine Mohren hockten vor der Polizeistation, und der hochmögende Chef der Polizei las ihnen höchstpersönlich die Kriegsartikel vor. Dann setzte er mit großem Schwung seine Unterschrift unter das Dokument des Kontrakts, den er mir mit einer tiefen Verbeugung überreichte. Neugierig las ich den Namen: »Dom Cavalho da Moskitos.« Das war nicht eben vielversprechend für einen Anfang im tropischen Urwald. Aber jetzt war keine Zeit mehr zu Betrachtungen. Ich zählte meine Karawane. »Marsch!« » Bom viagem !« rief der Polizeichef. » Obrigado, senhor «, antwortete ich und versuchte dabei ein kühnes Gesicht zu machen, was mir jedoch nur teilweise gelang. Denn ganz geheuer war mir doch nicht zumute, während wir aus dem Ort hinausmarschierten auf der schlechten Straße, die sich bald verlor in einen engen Negerpfad, der sich vielgewunden durch den Busch schlängelte. Ein wenig schalt ich mich einen Narren, und das mit Recht. Seit Wochen und Monaten war es mir schon im Kopf herumgegangen und hatte sich immer mehr festgesetzt, je weiter ich reiste im Lande Angola: Rhodesien! Das war ein Land, das man gesehen haben mußte nach so vielen anderen! Aber der Weg war lang und gefährlich in Busch und Urwald, voll wilder Tiere und Menschen, in einer Wildnis, in der die Flüsse nur punktiert auf der Landkarte laufen und auf Tausenden von Meilen das Land noch so ist, wie es zu Stanleys Zeiten war. Dort durchzugehen, allein, nur mit einem Rucksack und dazu noch jetzt in der Regenzeit? So gut wie ein Selbstmord! Das war die Ansicht aller Kenner des Landes. Aber es ist eine alte Wahrheit, daß die Landeskenner gewöhnlich am wenigsten von ihrem Lande wissen. Und im übrigen war ich keineswegs allein. Ich kam mir ungeheuer gut ausgerüstet vor, ungefähr so wie Livingstone oder Stanley, beim Anblick meiner fünf Träger, von denen drei je einen Sack Salz als Handelsgut trugen. Safarizauber, wenn auch ein recht kümmerlicher und ersatzmäßiger, denn für die ganze Herrlichkeit – Gepäck und Lohn – hatte ich nur drei Pfund bezahlt. Es war spät geworden über der Abreise von Villa Luz, und wir mußten uns beeilen, wenn wir noch vor Anbruch der Nacht nach dem nächsten Orte, Mujico, kommen wollten. Die gerade Entfernung war nicht allzuweit, nur einige fünfzehn bis zwanzig Kilometer, aber solche Zahl beweist nur den Abstand zwischen Theorie und Praxis, der in Afrika noch größer als anderswo ist. Negerpfade sind erhaben über die gerade Linie, denn warum den kürzesten Weg gehen, wenn es auch Umwege gibt? Einmal, vor tausend Jahren vielleicht, ging ein Neger diesen Weg nach seiner Phantasie. Ein anderer trat in seine Spur und so weiter und weiter, bis jeder Umweg geheiligt war. Gefallene Bäume machten nach und nach immer größere Umwege nötig, bis der Pfad zur heutigen Schlangenlinie wurde. Dennoch sind es in ihrer Art gute Straßen, mit einem Boden, der hart ist wie gepflastert und scharf abgeschnitten von der Dschungel, die zu beiden Seiten als eine grüne Mauer steht und oft wie ein Dom den Pfad überwölbt. Um die Mittagsstunden ist es hier heiß wie im türkischen Dampfbad, aber bei Einbruch der Nacht kommt ein eiskalter Hauch aus dem Dickicht. Bei Reisen im afrikanischen Busch ist nichts so ärgerlich wie die Nacht, die einen unterwegs überrascht. Denn sie kommt nicht langsam und bedächtig wie in anderen Zonen, sondern blitzschnell wie ein Raubtier in der Dschungel. Man sieht die Sonne langsam zum Horizont herabsinken. Eben hat man sie noch bestaunt in ihrer feurigen Glut, die alle Farben der Landschaft noch einmal aufleuchten ließ in tausendfacher Schönheit. Dann kriechen plötzlich wie die Gespenster die Schatten aus dem Busch. Und auf einmal ist es pechschwarze Nacht. So war es auch diesmal. Der Pfad war vom Walde verschlungen und der Wald von der Nacht. Man stolperte über Baumstämme, man trat in eklige Pfützen, man schnitt sich die Hände blutig an den scharfen Halmen des hohen Elefantengrases. Wohin man schaute, leuchtende Millionen Glühwürmchen mit verwirrendem Feuer. Von fernher schimmerte ein helles Licht. Aber als wir herankamen, stellte es sich als brennender Waldkomplex heraus, wo ein Neger sein Land rodete. Alles in allem waren es die längsten zwanzig Kilometer, die ich je unter die Füße genommen habe. Aber auf einmal, als ich schon gar nicht mehr daran glauben wollte, öffnete sich der Busch, und im Licht der trüben Laterne lag die casa de commercio , Handelshaus das Handelshaus von Mujico. Soweit waren wir, aber dennoch nirgendwo, und die Ausrüstung, auf die ich tags zuvor noch so stolz gewesen war, hatte sich auch schon als zu kümmerlich herausgestellt auf dem kurzen Wege von Villa Luz bis hierher. Der Kaufmann schüttelte auch bedenklich den Kopf über meine schäbige Karawane und erging sich in düsteren Prophezeiungen. Der Weg sei lang bis nach Rhodesien. Er selbst sei noch nie dort gewesen, wüßte auch nicht genau, wo es liege, so wenig wie irgendein anderer aus der Gegend. Jedenfalls müsse ich noch mehr Proviant, mehr Salz und noch einmal so viele Träger haben. Er wolle mir das alles zum halben Preise verkaufen, weil ich es sei und weil er Mitleid mit mir habe. So kaufte ich das, was mir fehlte und wozu ich mich beschwatzen ließ, und war ordentlich stolz auf mein Heer. – Ach, es war ein kurzer Stolz und eine kurze Freude! Wenige Tage nur sollten vergehen, ehe ich erfahren muhte, wie es auch anders und ohne das ging, wenn es müßte. – Am anderen Morgen machte ich mich frühzeitig auf den Weiterweg. Der Aufbruch war kein leichtes Geschäft. Zum soundsovielten Male hatte ich die Häupter meiner Karawane gezählt. Bald waren es acht, bald zehn Mann. Noch nie in meinem Leben war ich Baas über so viele Menschen gewesen. Ich holte die Liste hervor, auf der sie alle registriert waren mit ihren sonderbaren Namen. Endlich hatte ich alle Nummern verglichen mit all den lieben Gesichtern, die ich nie auseinanderhalten konnte bis zum Ende der Reise, soweit sie dann überhaupt noch da waren, soweit sie nicht aufsässig geworden und Hartloop gemacht hatten. Doch ich will dieser Geschichte nicht vorgreifen. – – Es war noch immer sehr früh am Morgen, als wir auf vielgewundenem Negerpfad in langem Gänsemarsch hinauszogen in den Busch. Die Sonne schaute eben über die Waldwipfel, und ihre Strahlen brachen sich millionenfach in den Tautropfen, die schwer von den hohen Gräsern hingen. Es war eine schöne Gegend mit waldigen Berghängen, die in vielfachen Schattierungen von Grün den Tälern zuneigten. Im Tale selbst rauschte ein lustiger Fluß, und das und die murmelnden Bäche und das Singen der Vögel und die frische, belebende Bergluft ließen ein fröhliches, heimatliches Gefühl aufkommen, als ob man nicht im afrikanischen Busch wäre, sondern in einem deutschen Waldgebirge. Bald hatte der Busch alle Aussicht verschluckt, und der Pfad führte in unendlichen, ganz unmotivierten Windungen durch den Wald, der als eine grüne, undurchdringliche Wand zu beiden Seiten stand. Nichts Eintönigeres gibt es als den afrikanischen Busch. Immer sind es die gleichen Bäume, immer ist es das gleiche hohe Elefantengras, das einem ermüdend den Weg versperrt. Kaum ein Laut ist von nah und fern zu vernehmen, es sei denn das Schreien eines Geiers oder das Gurren einer wilden Taube. Es ist, als ob man allein unter allen Menschenwesen durch diese Waldwüste wandere. Und doch war allem Anschein nach die Gegend ziemlich dicht besiedelt. Alle Augenblicke wurden wir seitwärts in den Busch gedrängt durch Trupps, die mit Ladungen von Wachs, Erdnüssen und getrockneten Fischen vorüberzogen. Einige gingen unisono barfuß bis zum Halse, aber mit langen, haarscharf geschliffenen Lanzen. Dann wieder kamen Weiber mit Krügen auf dem Kopfe und Piganinis auf dem Rücken. Einmal kam einer des Weges mit einem schönen, fetten Huhn. »Wie heißt das in deinem Lande?« fragte der Karawanenführer. »Huhn«, sagte ich. »Hunya!« riefen alle voll Vergnügen. »Diese Hunya ist zu verkaufen für zwei Prata.« Zwei Prata – das war gerade ein Eskudo, fünfzehn Pfennig! Die »Hunya« wechselte ihren Besitzer, und ich gab noch eine Prata als Trinkgeld. »Das solltest du nicht tun«, sagte der Karawanenführer mit vorwurfsvoller Miene. »Warum nicht? Es ist immer noch billig.« »Ja, aber in Afrika reisen die Nachrichten schnell. Da weiß immer jeder alles, und wenn wir ins nächste Dorf kommen, so hat es sich herumgesprochen, und wir werden keine Hunya mehr bekommen unter zehn Pratas.« Weiter reisten wir während des ganzen Tages, ohne je etwas anderes zu sehen als Busch und Gras. Erst gegen Abend begann es hell zu werden ringsum. Wir kamen durch Felder von hochgewachsener Hirse, Mussanga genannt, und ganz plötzlich standen wir mitten in einem großen Negerdorf. Es war das erste Negerdorf, das ich so gesehen hatte, und es bot Grund genug zu erstaunten Betrachtungen. Nie hätte ich so etwas im dichten Busch vermutet! Hier war alles solide gebaut mit einer gewissen Kunstfertigkeit. Die Häuser aus Lehm mit Bastdächern, und neben jedem Haus ein aus kunstvollem Flechtwerk hergestelltes rundes, bienenkorbartiges Nebengebäude, das auf Pfählen ruhte und als Vorratskammer diente. Überall sah man Hühner und Schweine und Ziegen, man sah Maisfelder, die mitten in die Dorfgassen hineinwucherten. Noch ehe wir uns richtig niedergelassen hatten, wurde es plötzlich lebendig im Orte. Was an Frauen und Kindern vorhanden war, hatte sich zu einer langen Prozession formiert und kam singend und händeklatschend näher. Die Weiber hatten ihren feinsten Staat angelegt mit zahllosen Kupferringen an Füßen und Handgelenken. Die Kinder waren in nichts gekleidet als in ihre Ängstlichkeit, taten aber auch ihr Bestes. Nun standen sie in langer Reihe vor dem weißen Bwana und sangen ein langes Lied, während die Hände den Takt dazu klatschten. Wie sie sich freuten, daß der Bwana zu ihnen gekommen sei, was für eine Ehre das sei, für das ganze Dorf. Und oh, oh, oh, gewiß habe der hohe Bwana auch Munkwa (Salz) für sie mitgebracht! Nun kamen sie noch näher und knieten auf dem Boden und sangen lauter und wilder und rasselten mit den beringten Füßen, und die Augen funkelten, und sie bekamen eine tüchtige Portion Salz. Denn Salz ist Gold in jenem Lande. Wer ohne Salz dort über Land reist, der gleicht einem Manne, der seinen Kopf vergessen hat. Die Sonne sank. Die Feuer brannten vor der Hütte. Der Rauch zog fein und leicht über die Maisfelder. Um die Feuer unter den runden Vorratshütten saßen die Männer und hämmerten an den Baumfasern, die sie zu Tauen verarbeiteten. Von überall kam ein dumpfes Dröhnen, dort wo die Weiber in ihren Holzgefäßen die Mussanga stampften. Die Nacht stand still mit großen, funkelnden Sternen über Busch und Hütten wie der Abendfrieden über einem deutschen Dorfe. – Am anderen Tage machten wir uns noch vor der Sonne auf den Weg, immer auf demselben endlosen Negerpfad, der stellenweise fast bis zur Unkenntlichkeit überwuchert war von dem scharfen Elefantengras, das jede bloße Körperstelle wie mit Messern schnitt. Im Gegensatz zum vorhergehenden Tage marschierten alle Träger dicht aufgeschlossen, und bange, erwartungsvolle Stille lag über der Kolonne. Denn die Gegend ist verrufen wegen ihrer Leoparden und sonstigen Raubzeugs. Buschneger sind zumeist besessen von einer uns Europäer oftmals grotesk anmutenden Angst vor wilden Tieren. Doch diese ist nicht unbegründet. Es ist ein Unterschied, ob man mit einem guten Gewehr oder nur mit Pfeil und Bogen durch den Busch wandert, aus dem jeden Augenblick auf drei Meter Abstand ein leichtfüßiges Ungeheuer sich seinen Braten holen kann. Glücklicherweise blieben wir verschont von solchen Überraschungen und kamen abends im nächsten Dorfe an, das nicht viel anders als das Tags zuvor verlassene ausschaute. Wieder wurden wir feierlich begrüßt von der Salzprozession, wieder brannten die Feuer, und vor allen Hütten dröhnte es von der Arbeit der Weiber, die die Mussanga stampften. Aber der abendliche Dorffriede wurde bedenklich gestört durch zwei Weiber, die sich keifend in den Haaren hatten. Der Streit gewann schnell an Umfang. Das ganze Dorf mischte sich in die Sache, und es war ein ohrenbetäubendes Geschrei. Aber plötzlich änderte sich die Szene. »Dumba!« (Löwe!) ging es von Mund zu Mund. Alles stürzte Hals über Kopf in die Hütte und verrammelte sie mit Balken. Im Augenblick war es totenstill. Man hörte nur das Meckern der Ziegen in ihrem Stall. Dann ein dumpfes, heiseres Brüllen weit in der Ferne. Dann kam es noch einmal aus größerer Nähe. Dann wurden alle anderen Geräusche erstickt unter einem krachenden Donner, und ein Platzregen ging hernieder, wie man ihn nur in Afrika kennt. Am anderen Morgen war nichts mehr zu sehen vom Löwen und seinen Spuren, und wir setzten getrost, aber immer noch etwas ängstlich, unsere Wanderung in der Wildnis fort. Weiter ging die Wanderung und mit ihr alle Wunder und Schrecken, die einem Afrikareisenden nicht erspart werden, wenngleich sie anderer Natur sind als die, von denen sich der Laie eine Vorstellung macht. In keinem Lande und unter keinen Umständen ist es eine reine Freude, wenn man Herr ist über viel Personal. Viele Diener, viele Diebe. Im Urwald aber wird so etwas zum Martyrium. Du kennst nicht die Sprache, du kennst nicht die Sitten dieser Menschen. Du wanderst fremd durch diese fremde Welt wie ein neugeborenes Kind. Für jede Wegstrecke, für jede Handreichung fast bist du auf die Hilfe dieser Kreaturen angewiesen und mußt doch zu jeder Stunde das kühne, unbekümmerte Gesicht des großen Bwana Sahib aufsetzen, der alles weiß und kann, mußt Meutereien ersticken mit eiserner Stirn, mußt nachts mit offenem Auge schlafen, wenn du am frühen Morgen noch etwas von deinem Proviant vorfinden willst. »Haia Safari!« Wie Hohn klingt das in meinen Ohren, wenn ich noch einmal die Schar jener klugen, allzu klugen Jungens vor meinem geistigen Auge vorüberziehen lasse. Da war z. B. Ogutu – so wenigstens beliebte er sich zu nennen für die Gelegenheit. – Er verdiente es, daß man ihm an jedem Morgen einen Tritt in den Bauch und fünfundzwanzig mit der Nilpferdpeitsche gab, aber er war der einzige, der etwas portugiesisch sprach, und so mußte man sich mit ihm abfinden. – Im Urwald lernt man, die Faust in der Tasche zu ballen! Aber einmal hat alles ein Ende, sogar ein Negerpfad. Unversehens machte sich wieder so etwas wie Kultur in der Landschaft bemerkbar. Eine breite Straße, umsäumt von sauberen Hütten, eine Schar von mit europäischem Plunder behängten Eingeborenen, die uns schreiend das Geleit gaben. Schon standen wir vor dem Gebäude der portugiesischen Station Locusse. Sie ist der am weitesten in den Urwald hinein vorgeschobene Posten der portugiesischen Herrschaft in Angola. Die Portugiesen pflegen ihre kolonialen Beamten nicht zu verwöhnen. Nichts von Whisky und Soda, von Tennisplätzen und von solchen Dingen. Als Neger unter Negern pflegt der Chefe de Posto zu hausen in einem strohgedeckten Hause, das noch nicht einmal Schutz gegen Moskitos bietet. Bacalão (Stockfisch) und Bohnen sind seine tägliche Mahlzeit, und sein einziges Vergnügen ist die schwarze Senhora, diese meist in der Mehrzahl. In solchem Menschen lebt irgendwo doch noch etwas von der Art der alten Konquistadoren, die einst Camoëns besungen. Ganz allein herrscht er in seinem Reiche und sieht auf Ordnung und hält sie auch und leistet oft erstaunliche Dinge, ganz ohne Mittel. – So auch der excellentissimo senhor von Locusse, mit dem und dessen schwarzer Senhora ich abends am weißgedeckten Tische vor der Petroleumlampe saß, während die Fledermäuse durchs Zimmer schwirrten. Ah, es war alles wie ein Traum! Am anderen Tage begann die Quälerei von neuem. Diesmal reiste ich in Begleitung des hochmögenden Chefe de Posto in persona , der unten am Lungo Bungo zu tun hatte. Er hatte für sich und mich je eine von Negern getragene Hängematte (Tipoya genannt) zurechtmachen lassen; denn – so sagte er – in diesem Lande seien die Neger die Pferde, und kein Christenmensch gehe zu Fuß. Im übrigen war er erhaben über jeden Luxus. Weder ein Zelt, noch ein Feldbett, noch ein Moskitonetz führte er mit sich. Und so etwas sollte man einmal einem englischen Kolonialbeamten zumuten! Auf alle Fälle war das Reisen in der Tipoya bequemer als die vorhergehenden Methoden, wenngleich man sich für den Anfang ein wenig deplaziert vorkam zwischen den scheinend schwarzen Rücken der menschlichen Lasttiere, aber man gewöhnt sich an alles und am schnellsten an die Allüren des Herrenmenschen. Der Tag begann gut, aber ein Grauen überkommt mich noch heute, wenn ich an den Abend denke. Gegen Mittag waren wir aus dem Wald herausgekommen und wanderten durch eine schilfige, weithin überschwemmte Gegend. Trotzdem wir mitten in der Regenzeit waren, hatte das Wetter es bisher auffallend gut mit uns gemeint. Jetzt aber schien es das Versäumte nachholen zu wollen. Am östlichen Horizont kam ein Gewitter heraufgezogen, so schwarz wie ein Weltuntergang. Eines jener afrikanischen Tropengewitter, denen niemand mit schwachen Worten gerecht werden kann. Wie ein Höllenrachen zog es herauf; eine schwarze Wand, zerrissen von dem grellen Spiel phantastischer Blitze, deren Anblick die stärksten Herzen mit staunendem Grauen erfüllte. Ehe wir's uns versahen, kam die Sintflut. Am hellen Tage konnte man nicht drei Schritte voraussehen. Mitten im Regen kampierten wir auf freiem Felde, am Rande eines Baches, den wir nicht zu überschreiten vermochten. – Wohin in diesen Wasserfluten? Der Neger, als echtes Naturkind, ist im allgemeinen nicht in Verlegenheit, wenn es sich darum handelt, ein Unterkommen zu finden. Im stärksten Regen wird er sich binnen einer halben Stunde eine komfortable Hütte bauen, solange nur irgendwo ein paar Baumäste und ein wenig Gras aufzutreiben ist. Das größte Unwetter wird ihn nie daran hindern, auch ohne Streichhölzer ein Feuer anzuzünden. Bald standen die Hütten, und die Feuer brannten, aber immer neue, gewaltige Regengüsse löschten sie sofort wieder aus, und in den »Hütten« stand das Wasser noch tiefer als draußen im Freien. Die Donner rollten und krachten ohne Unterlaß. War das eine Nacht! Aber es sollte noch schlimmer kommen. Gegen Morgen, als schon das erste Tageslicht durch die Baumkronen schimmerte, vernahm man ein dumpfes, seltsames Brausen. Schnell kam es näher, und ehe man noch wußte, wie es geschehen, war das Lager überschwemmt von dem Wasser des abwärtskommenden Flusses. Kisten und Kasten schwammen im Wasser. Eine reißende Strömung trug alles mit sich, was nicht von Baumwurzeln und dergleichen festgehalten wurde. Fast so schnell, wie sie gekommen, verlief sich die Flut, aber die Bescherung, die sie zurückgelassen, war genug, um einem ein Gefühl zu verursachen, so grau wie der Tag, der darüber dämmerte. Mehr als die Hälfte aller Vorräte war vom Strome weggetrieben, und was übriggeblieben, das war ein unappetitliches Durcheinander von Brot, Seife, Reis, Salz und solchen Dingen. Ratlos stand ich davor. – Was nun? Der Chefe de Posto war fürs Umkehren, und ich war beinahe auch dieser Ansicht. Aber gleich besann ich mich eines Besseren. Umkehren? In meinem Leben war ich noch nie umgekehrt, und da sollte ich nun im Urwald damit anfangen? Aber wie nun weiterkommen? Wie den Bach überschreiten, dessen braune Wassermassen noch immer brausend und gurgelnd vorüberzogen? » Faz ponte! « Brücke machen! kommandierte der Portugiese. Sogleich zerstreute sich ein Teil der Neger im Busch und fällte Bäume, während ein anderer Teil sich daran machte, mit ihren kleinen, wunderlichen Äxten die Stämme von ihrer Faser zu schälen, die in diesem rohen Zustand als Strick verwendet wurde, mit dessen Hilfe man Baumstamm an Baumstamm band, bis der Steg fertig war, auf dem einer nach dem anderen mit seiner Last zum andern Ufer balancierte. Es war eine Pionierleistung allerersten Ranges. Der Regen hatte inzwischen aufgehört. In den spärlichen Sonnenstrahlen trocknete ich meine Habseligkeiten, und nun erst fand ich heraus, wieviel mich die Nacht gekostet hatte. Mit neun Trägern war ich gekommen, nun konnte ich mit deren vier für die Tipoya fertig werden. Den andern weinte ich keine Träne nach. Um Mittag brachen wir auf, der Chefe nach seinem Posten, ich zum Lungo Bungo. Keiner sprach ein Wort. Aber wenn je einem Menschen unangenehm zumute war, so mir in jener Stunde. Es war ein mühseliges Marschieren. Die Sonne brannte, weiße Nebel stiegen aus der dunstigen Landschaft. Immer wieder mußte ich an den langen Weg nach Rhodesien denken, an die tausend und mehr Kilometer durch Busch und Sumpf und an den wenigen Plunder, den ich mit mir führte. Einen Augenblick blieb ich stehen und lachte laut vor mich hin; ein wildes, freudloses Lachen. – Aber es ist kein Unglück so groß, als daß es nicht noch schlimmer kommen könnte. Bei dunkler Nacht kamen wir in einem kleinen Negerdorf an, wo mir alle Müdigkeit der vergangenen Tage auf einmal in die Glieder schoß. Ich legte mich unter einen Baum und schlief sogleich ein, ohne wie sonst den Proviant oder was davon übriggeblieben war, in Sicherheit zu bringen. Als ich aufwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. – Mein erster Blick war nach meinem einzigen Sack Salz, den ich aus der Katastrophe gerettet hatte. – Meine schlimmsten Erwartungen wurden bestätigt. Meine Trägerspitzbuben hatten in der Nacht die Gelegenheit wahrgenommen und sich eine tüchtige Mahlzeit geleistet. Um reichlich zehn Pfund war er leichter geworden. Ogutu, der Koch, hockte daneben, als ob er das beste Gewissen hätte »Was soll das heißen?« fragte ich zornig. »Wir haben Hunger«, antwortete er trotzig. »So, Hunger habt ihr? Dann werdet ihr heute noch mehr hungern müssen. – Ruf mir die Träger.« »Die Träger, Herr, sind sehr müde.« Ich packte einen Stock und ging auf ihn los. Er lief davon und kam bald wieder mit den vier Trägern, deren langsamen Bewegungen man noch die gute Mahlzeit der vergangenen Nacht ansehen konnte. Störrisch schauten sie mich an. Störrisch maulten sie etwas, das Ogutu bereitwilligst übersetzte: »Wir sind müde.« »Und könnt ihr heute arbeiten?« »Nein.« »Und morgen?« »Vielleicht.« Ein wenig heiß lief es mir über den Rücken bei den Antworten, ein kaltes Gefühl der Verzweiflung erfaßte mich, wenn ich in ihre störrischen Augen schaute. – Meuterei? Hier im Busch? Nur jetzt die Nerven nicht verlieren, sonst war alles verloren! Ich faßte den Stock noch fester. »Ruhe!« donnerte ich sie an. »Und kein Wort mehr, ehe der Chefe de Posto gesprochen hat.« So ruhig, wie ich das unter den Umständen vermochte, zog ich irgendeinen alten Brief heraus, den ich mit gemessener Stimme verlas, während Ogutu übersetzte. – Also, keinen Lohn sollte es geben bei Kontraktbruch, fünfundzwanzig mit der Nilpferdpeitsche acht Tage lang an jedem Morgen in Locusse, und der Himmel wußte wieviel Zwangsarbeit beim Straßenbau. Langsam las ich das, langsam übersetzte Ogutu. Dann wurde es still. »Habt ihr's euch überlegt?« Noch immer keine Antwort. Es war unheimlich. Ein sinkendes, schwindeliges Gefühl der Hoffnungslosigkeit kam über mich. Aber noch war ich Schauspieler genug. »So werde ich allein weitergehen und dem Chefe de Posto berichten.« Ich packte meinen Rucksack und wandte mich dem Walde zu. Da luden sie ihre Lasten auf und trabten hinterher, als ob sich das von selbst verstünde. Ich aber ging weiter und schaute nicht rechts und nicht links und sah nicht den hellen Sonnentag und hörte nicht die Vögel, die in den Bäumen zwitscherten. Für diesmal waren wir noch einmal um eine Handbreit an der Gefahr vorbeigekommen. Wer garantierte für morgen und übermorgen und all die vielen anderen Tage auf dem endlosen Wege? Wer konnte da überhaupt noch etwas wissen? Wie sollte man sich hier durchsetzen? Wie wollte ich Länder entdecken und Meutereien ersticken, ich hier in der Wildnis, mit nichts als einem Stecken? – Ah – wie? »Kein Pfad mehr, Abgrund rings und Todesstille – So wolltest du's! Vom Pfade wich dein Wille. Nun, Wanderer, gilt's! Nun blicke kalt und klar. Verloren bist du, glaubst du – an Gefahr!« 8 Tausend Kilometer im Kanu Am Lungo Bungo / Eine Negerstadt / Besuch beim Häuptling / Das große Palaver / Komplizierte Handelsgeschäfte / Ein Ochse gleich zwei Frauen gleich einem Kanu / Das verlockende Dumbawasser/ Heimat der Jazzband / Schlangen als Bettgenossen / Eine schlimme Nacht / Endlich unterwegs / Böse Ahnungen / Einbäume und Leoparden / Moskitos / Die Angst vor den Flußpferden / Löwen melden sich an / Wieder unter Menschen / Eine amphibiale Landschaft / Negeretikette / Auf dem Sambesi / Das Elend liebt die Gesellschaft / Vis-á-vis de rien / Malaria und andere Quälgeister / Ein Lichtstrahl im Dunkel Noch zwei Tage lang marschierten wir weiter durch die graue Eintönigkeit des afrikanischen Urwalds. Da sahen wir plötzlich etwas Helles durch das Blättergewirr schimmern. Schnell wurde es größer. Bald öffnete sich der Wald, und wir gingen nun dicht an der hohen Uferbank des mächtigen Lungo Bungo hin. Die Ungeduld war über mir noch mehr wie sonst an jenem Tage, aber dennoch setzte ich mich ein wenig hin und lauschte auf das Brausen des Wassers und betrachtete eine Weile die Wälder, deren Silhouetten schwarz und scharf gezackt, wie aus Papier geschnitten, sich vom düsteren Himmel am anderen Ufer abhoben. Da waren wir endlich am Lungo Bungo. Und doch noch nirgendwo! Weiter marschierten wir, immer entlang dem Flusse, auf einem Pfad, der immer schlechter und sumpfiger wurde und oftmals unterbrochen von schmutzigen Tümpeln, aus denen quakend die Frösche hüpften, und niedergetretenen Schilfflächen, in denen sich die Flußpferde gewälzt hatten. Mehrfach kamen wir durch kleine Dörfer, und endlich tauchten in der Ferne die spitzen Strohdächer des Negerdorfes, fast möchte man sagen der Neger stadt Tipoya auf. Weithin dehnte sie sich aus über einen flachen Hügel, wo eine stattliche Rinderherde weidete. Überall vor den Hütten waren die Weiber eifrig beim Mussangastampfen, und alles ringsum machte einen recht wohlhabenden Eindruck. Nackte Kinder mit aufgetriebenen Bäuchen liefen neugierig hinter uns her. Magere Kaffernköter mit flackerigen Wolfsaugen schnappten nach unseren Beinen. Wir gingen nach der etwas abgelegenen Residenz seiner Majestät des Häuptlings, wo wir unter dem Schatten eines riesenhaften Baumes der Dinge harrten, die da kommen sollten. Der Häuptling, der, wie alle anderen, auch nur in einem strohbedeckten Lehmhause residierte, ließ sich indes vorerst nicht stören in seinem Mittagsschlaf. Erst ein Teller voll Salz ermunterte ihn so weit, daß er sich herbeiließ, aus der Hütte herauszukommen, um unter dem Baume ein Palaver zu beginnen, das beängstigende Dimensionen anzunehmen drohte, denn inzwischen hatte sich die ganze Dorfbevölkerung vollzählig eingefunden. Er war ein großer, stattlicher, nicht unschöner Mann, dessen Bewegungen und Handlungen in der Tat etwas Hoheitsvolles an sich hatten. Leider sprach er kein Wort Portugiesisch, so daß mein Erzschurke von einem Koch wieder einmal das große Wort führen durfte. Es beliebte ihm offenbar, meine Wünsche und Bedürfnisse in mehr bilderreicher als wahrheitsgetreuer Sprache auseinanderzusetzen, denn seine Rede wurde oft unterbrochen durch laute Protestrufe, dann wieder stürmisches Händeklatschen der versammelten Honoratioren, die alle einen aktiven Anteil an diesen Verhandlungen hatten. Endlich war die Rede zu Ende, und der Häuptling wandte sich an mich, während sich die andern in erwartungsvolles Schweigen hüllten. »Also ein Kanu willst du kaufen –« »Jawohl. – Und was soll das kosten?« »Hm, ja –« Er kratzte sich hinter den Ohren – »Das ist nicht so einfach. Wir haben nämlich kein Kanu. Die beiden letzten sind von den Flußpferden zerstört worden, und wenn du eins haben willst, so müssen wir es erst machen.« »Und wie lange wird man dazu gebrauchen?« Er zählte lange und andächtig an den Fingern. »Zehn Tage.« Ich runzelte die Stirne vor dieser unerfreulichen Auskunft. Zehn Tage in diesem Moskitonest! Das war mehr, als man ertragen konnte. Ich verlegte mich weiter aufs Parlamentieren, und er versprach ein übriges zu tun und Boten auszuschicken in sein Land, ob nicht vielleicht sonstwo etwas Schwimmbares aufzutreiben wäre. Spät in der Nacht kam in der Tat eine Gesellschaft von Eingeborenen mit einem wirklich recht brauchbaren Einbaumkanu, und alle Honoratioren versammelten sich sogleich unter dem Baum zu einem neuen endgültigen Palaver über den Kaufpreis. Was das kostet? fragte ich. »Das kostet ebensoviel wie ein Ochse«, sagte der Häuptling mit todernstem Gesicht. »Und wieviel kostet wohl der?« Da schüttelte er den Kopf und die dabeisitzenden Großleute taten desgleichen aus reiner Ratlosigkeit, bis dann einer die Ansicht aussprach, daß ein Ochse wohl zwei Weiber wert wäre, was die anderen mit energischem Kopfnicken bestätigten. Freilich hatte ich auch keine Frau und also war guter Rat teuer. »Zwei Frauen sind drei Häuser«, meinte einer. Aber andere wollten dieses Werturteil nicht gelten lassen. Der Kopf wurde allen heiß über soviel Mathematik. Das Palaver löste sich auf in ohrenbetäubendem Geschrei, bis der Häuptling Ruhe gebot und mein Galgenstrick von einem Koch noch einmal das Wort ergriff zu einer Rede, die damit endete, daß er eine alte Schlafdecke, eine Blechdose, einen wie Silber glänzenden Löffel und fünfzig angolesische Escudos (RM. 7,50) als äußersten Preis anbot. Das Angebot war verlockend. Noch eine Weile wurde darüber argumentiert unter dem milde lächelnden Monde, bis dann endlich die Versammlung ohne endgültigen Entschluß verlegt wurde auf einen späteren Termin. Am anderen Tage sah ich Ogutu im eifrigen Gespräch mit dem Häuptling. »Ist er einverstanden?« fragte ich. »Ja«, meinte der Koch, »aber er möchte auch etwas von dem Dumbawasser haben.« »Dumbawasser? – Das führe ich nicht.« »Doch«, sagte Ogutu, verschwand einen Augenblick und kam gleich wieder mit dem fraglichen Objekt. – Für etwas ist auch die Eitelkeit gut! Am Tage der Abreise von Deutschland hatte ich es mir auf dem Bahnhof von Köln gekauft als Andenken und als Hilfsmittel beim Rasieren: ein Fläschchen Kölnisch Wasser, das in einer mit einem Löwenkopfe verzierten Schachtel lag. Dumba aber heißt Löwe in der dortigen Eingeborenensprache. – Ja, nun war alles klar. »Sage dem Herrn, daß Dumbawasser sehr teuer ist.« »Er möchte aber nur mal dran riechen.« »Und wird er dann auch das Kanu verkaufen?« »Gewiß.« Ich konnte mir also erlauben, freigebig zu sein mit meinem Dumbawasser. Der Häuptling bekam einen Spritzer auf die ausgestreckten Hände, die er selig entzückt an die Nase hielt. Dann wurde die Prozedur bei jedem der Großleute wiederholt. Alle waren gleichmäßig erfreut, alle schnalzten mit der Zunge. Mit mächtigem Händeklatschen kam der Kaufabschluß zustande, und wir gingen alle zum Strande, um das Kaufobjekt zu besichtigen. Es war in der Tat ein sehr stattliches Kanu, aber dennoch sank mir ein wenig das Herz beim Anblick dieses Einbaumes, der mich um so viele hundert Kilometer weiter tragen sollte durch Sümpfe und Stromschnellen und weiß Gott welch andere Gefahren. In jener Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Es war eine der wunderbar klaren Vollmondnächte, die den Negern das Tanzbein kitzeln. Von fernher kam der Klang der dumpfen Trommeln. In allen Hütten wurde es lebendig. Ein wildes Heer zog über den Hügel, kam näher und näher und gruppierte sich unter dem großen Baume. Alte Männer in bunten Gewändern, Jünglinge, phantastisch beschmiert mit roten und weißen Farbenklexen, andere mit Federn aufgeputzt, mit Kuhschwänzen, Ziegenhörnern und was sonst eine Negerphantasie sich ausdenken kann. Und unaufhörlich rasten die Trommeln in immer gleichen Takten. Nun stürzten die jungen Männer in langen Linien gegeneinander vor mit wilden Grimassen. Blitzschnell wichen sie zurück, formierten sich in anderen Linien und wiederholten das gleiche Spiel. Nun kamen die Frauen und umkreisten den Platz mit schaurigem Geschrei wie liebestolle Katzen. Und über alles warf der Mond ein geisterhaft weißes Licht, und die Trommeln rasten immer lauter und wilder, während die Glut dieser wirklich originellen Jazzbandtänzer sich am eigenen Feuer entzündete die ganze lange Nacht hindurch. Ich verkroch mich in meine Hütte und versuchte zu schlafen. Da hörte ich etwas rascheln, dicht neben dem Kopfe. Ich zündete ein Streichholz an und schaute nach. Es war in der Tat eine Schlange! Nun war es vorbei mit dem Schlaf bei solchem Bettgenossen. Ich ging hinaus und setzte mich auf den bloßen Erdboden, wo die Moskitos summten. Nein, es war keine geruhsame Nacht. – Neger sind Frühaufsteher, auch wenn sie nachts zuvor noch so sehr ihre wilden Orgien gefeiert haben. – Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und über den fernen Hügeln zeigte sich das erste blasse Licht der kurzen tropischen Dämmerung, als wir hinunter zum Flußufer gingen. Wir , sage ich, denn die ganze Dorfbevölkerung, soweit sie nur auf zwei Beinen stehen konnte, bestand daraus, mir das Abschiedsgeleite zu geben. Der Pfad, der zum Fluß führte, war nur gemacht für nackte Negerfüße, nicht aber für einen mit Schuhen und Strümpfen bewaffneten weißen Bwana. Im Dämmerdunkel trat man alle Augenblicke in eine stinkende Pfütze, aus der schleimige Frösche quakend davonhüpften. Der Tau im hohen Gras klebte kalt an den Kleidern. Endlich waren wir am Ziel, bei meinem teuer erstandenen Einbaumkanu. Vier kräftige Männer verstauten meine Siebensachen im Boot und legten ihre langen Paddel zurecht. Ich hatte nur mit deren zwei als Bootsmannschaft gerechnet. Aber wie nun argumentieren über den Fall mit den umstehenden Stammeshäuptern, mit denen ich nur mit Händen und Füßen reden konnte? Mein Koch und Dolmetscher hatte tags zuvor »Hartloop gemacht«, wie die Buren sagen, und ich war nun so gut wie ein Stummer in diesem Lande. So ließ ich alles geschehen, wie es mußte, und es war gut, daß ich es tat, denn ich sollte bald erfahren, wie nötig ich alle vier gebrauchte. Nachdem wir uns mit unseren Sachen auch selbst im Kanu verstaut hatten, kam der große Abschiedsmoment. Nach Negersitte klatschten wir zum Gruß dreimal in die Hände. Darauf antworteten unsere Freunde am Lande auf die gleiche Weise und stimmten einen lauten Singsang an, der ungefähr folgendermaßen klang: »Ja, ja, Sambesi, ja, anga, ja.« Mit kräftigen Stößen schoß das Kanu in den Fluß hinein, und wurde schnell von der Strömung davongetragen. Aber noch lange, während das Dorf schon um eine Biegung verschwunden war, hörte man den Takt des eintönigen Gesanges. Wie seltsam das war! Einmal, vor vielen Jahren, hatte ich fast das gleiche schon einmal erlebt, aber damals war ringsum Eis und Schnee, das Kanu war aus Walroßhaut, und es waren Eskimos, die uns ein Abschiedslied sangen. Wie ist die Welt so klein! So ganz geheuer war mir doch nicht zumute, während wir nun flußabwärts fuhren. Die Grenze von Nordrhodesien liegt nicht allzuweit von Tipoya. Aber was würde man dort vorfinden? Höchstwahrscheinlich dieselbe Wildnis, die man hier sah. Irgendwo weiter flußabwärts, schon am Sambesi, lag die englische Militärstation Mungo. Aber wie weit? Man kann einem Neger alles beibringen, nur nicht den Begriff der Zeit und Entfernung. Die Angaben schwankten zwischen zehn und dreißig Tagereisen. Aber zehn oder dreißig, für mich blieb nur die unerfreuliche Gewißheit, daß mir selbst bei großer Sparsamkeit nur noch für deren fünf oder sechs Proviant übrigblieb, und was nachher kommen würde, das wagte ich kaum auszudenken. Es war ein erhebendes Gefühl, zu sehen, wie die waldigen Uferbänke vorüberglitten, jede Meile ein Markstein, ein Schritt näher der zivilisierten Welt. Wir reisten während des ganzen Tages, ohne je etwas anderes zu sehen als die schwarzen Urwalddschungeln, in denen die wilden Tauben gurrten. Sonst war alles still und tot. Kein Kanu zeigte sich auf dem Fluß. Nirgendwo die Spur einer menschlichen Siedlung. Vor Sonnenuntergang landeten wir an einer flachen, von dichtem Schilf umgebenen Landzunge, wo einige verlassene Hütten standen, die zum Schutz vor Überschwemmungen auf Pfählen errichtet waren. Im Nu hatten wir ein Lager a la barbare errichtet. Der Kochjunge rupfte die mitgebrachten Hühner, die anderen zerstreuten sich im Wald, um Brennholz herbeizuschaffen. Bald schmorte es im Kochtopf, ein rotes Feuer flackerte hoch auf zum abendlichen Himmel. Afrika war wieder einmal wunderschön. Aber es wurde anders mit dem Fortschreiten der Nacht. Kaum waren die letzten Sonnenstrahlen hinter den schwarzen Baumwipfeln des Urwaldes verschwunden, als auch schon mit hellem, metallischem Summen die ersten Moskitos uns ihre Aufwartung machten. Zuerst vereinzelt, dann immer mehr, dann Wolken der kleinen Quälgeister. Nun erst kam mir ganz zum Bewußtsein, was ich verloren hatte in jener Nacht, als der abkommende Fluß sich über meine schöne afrikanische Ausrüstung hermachte. Keine Zeltplane, kein Feldbett, kein Moskitonetz mehr! Schutzlos war man den Angriffen der giftgeladenen Quälgeister ausgesetzt, die schlimmer sind als alle anderen Bestien des Urwalds. Kein Feuer, kein Rauch vermochte sie ganz zu vertreiben. Stunde um Stunde lag ich wach und hörte aus das Quaken der Frösche und aus das Grunzen der Flußpferde im Schilfe. Mir war, als ob eine Ewigkeit vergangen wäre, als endlich der blasse Tag über dem Walde dämmerte. Ach, und es war nur die erste von vielen anderen schlaflosen Nächten am Lungo Bungo. Waren die Nächte eintönig und dumpf, so konnte man sich wenigstens bei Tag nicht über Mangel an Abwechslung beklagen. Schon der zweite Reisetag war recht aufregend und abenteuerlich. Wir waren kaum vom Lande abgestoßen, als uns die Flußpferde den Weg versperrten. Quer über der Fahrrinne lagen sie wie ungeheure Felsblöcke und sonnten sich, ohne ein Glied zu rühren. Sobald aber das Kanu eine Bewegung machte, da wurden auch sie lebendig. Mit einer Schnelligkeit, die man diesen plumpen Fleischklötzen niemals zugetraut hätte, bewegten sie sich im Wasser und stießen dabei ein mehrfach wiederholtes dumpfes Grunzen aus, das zuletzt in ein lautes, behäbiges »Bah!« ausging, wobei sie die mächtigen Mäuler groß wie Scheunentore aufrissen. Man konnte ihnen nachfühlen, wie wohl sie sich fühlten in ihrem Element. Man hatte auch nicht den Eindruck, als ob sie Böses vorhätten mit dem Kanu. Nur Neugierde, nur spielerische Lust am Ungewohnten. Aber auch das kann lebensgefährlich werden bei einem Flußpferd. Aus diesem Grunde hielten wir uns im Schilf dicht am Ufer, denn keiner von uns hatte ein brauchbares Gewehr, um ihnen zu Leibe zu rücken. Doch hier am Flußrand war es noch weniger geheuer. »Dumba! Dumba!« riefen die Jungens, und richtig sah man allenthalben frische Löwenspuren im Sande. Es war eine schlimme Entdeckung, denn auch vom Fluß her rückten uns die Flußpferde stark zu Leibe. Man hörte sie wie mächtige Mühlen im Wasser unter dem hohen Schilfe plätschern. Aber Negernerven halten manches aus, und so navigierten wir während des ganzen Tages zwischen Löwen und Flußpferden, bis am Abend die gefährliche Stelle überwunden war. Aber wir waren noch nicht am Ende unserer Abenteuer.– Die Flüsse im inneren Afrika haben wenig gemein mit dem, was wir uns in Deutschland unter diesem Begriffe vorstellen. Stellenweise fließen sie eng zusammengepreßt in wilden Stromschnellen zwischen Bergen und Felspforten, stellenweise – meistens – laufen sie durch weite Täler und Ebenen ungehemmt zwischen meilenbreiten Schilfstrecken, die sie in der Regenzeit weithin überschwemmen. Es gehört schon die ganze Sachkenntnis eines eingeborenen Flußpiloten dazu, um zu wissen, wo Anfang und Ende ist in solchem Irrgarten von Sumpf und Fluß. Unter diesen Strömen ist der Lungo Bungo sicher einer der unbändigsten. Schon auf halbem Weg zum Sambesi verliert er sich fast völlig in den berüchtigten Malolosümpfen. Soweit das Auge reicht, sieht man dort nur Schilf und weite Felder voll hochgewachsener Papyrusstauden, in denen die Reiher nisten. Nur da und dort steht eine Gruppe von mächtigen Palmen als eine schattenhafte, unwirtliche Erscheinung, wie eine Insel aus anderen Welten über dem Meer von Schilf und Wasser. Nirgendwo findet sich eine Stelle, wo das Kanu anlegen könnte, und wo man eine solche zu erspähen glaubt, ist es bei näherem Zusehen nur ein schwammiges, schilfiges Etwas, aus dem beim Anlaufen das kalte Wasser in eklen Blasen aufsteigt und ein Schwarm von seltsamen Vögeln mit mißtönendem Geschrei davonschwirrt. Wehe dem, der in solcher Gegend vom Regen überrascht wird. Aber es war ohnehin unser Schicksal, daß wir von schlechten Geistern begleitet waren auf jener Reise, und so wunderte ich mich keineswegs, als die Wolken sich plötzlich schwarz über dem Horizont ballten und bald darauf die Sintflut herniederging. Ein heulender Wind begleitete das Unwetter, das Schilf bog sich im Sturme, aber die stark bewachsenen Sumpfflächen ließen glücklicherweise keinen Seegang aufkommen in der Wasserrinne. Dafür trieb es der Regen um so schlimmer. Wie ein dicker Vorhang legten sich die herabrauschenden Wassermassen vor die Landschaft. Um ein Überfluten des Kanus zu verhindern, brachten wir es in dickes Schilf unter einer Palmengruppe, um wenigstens vor dem Schlimmsten geschützt zu sein. Hier hockten wir in der Nässe und zitterten vor Kälte trotz des schwülen Tropentages und hörten auf das Singen der Frösche, das von fern und nah in allen Tonarten kam, und glaubten in unserem Elend, daß das niemals enden würde, als sich auf einmal die Wollen zerteilten und die Tropensonne wieder so heiß herniederbrannte, als ob es nie geregnet hätte. Während des ganzen Tages drangen wir vorwärts durch Schilf und Rohr der Sümpfe, und es war, als ob das niemals ein Ende nehmen würde, als wir am späten Abend im Scheine der untergehenden Sonne eine Erscheinung gewahrten, die wir hier am allerwenigsten vermutet hatten. Es war tatsächlich ein Mensch, der da mit seinem Einbaumkanu über das Wasser kam. Vom Kanu, das wie eine Nußschale war, war nichts zu sehen, und so sah er aus wie einer, der über das Wasser wandelte. Im Augenblick war er herangekommen und überreichte uns ein Bündel schöner, weißglänzender Fische, die wir mit einer Handvoll Salz bezahlten. Er erbot sich ferner, den Lotsen für uns zu spielen, und führte uns richtig nach einer trockenen, mit mächtigen Bäumen bestandenen Insel. Es war dunkle Nacht, als wir dort ankamen. Ein Feuer brannte vor einer Hütte, und wir versäumten nicht, uns um dasselbe hinzuhocken. Denn wir waren alle bis auf die Knochen durchgefroren von Wind und Nässe des langen Tages. Die Fische schmeckten herrlich und ebenso die von den Bewohnern herbeigebrachten Süßkartoffeln, die wir noch in der Asche schmorten. Dennoch war es eine schlimmere Nacht als alle anderen zuvor, denn die Moskitos hingen in Wolken über dem Platze, und oben in den Baumkronen vollführten Scharen von schwarzen Geiern ein schauriges Konzert. So fiel uns der Abschied nicht schwer, als wir mit Tagesanbruch die Reise fortsetzten. Das Schlimmste der Malolosümpfe lag nun hinter uns, aber noch immer trug die Gegend einen amphibialen Charakter. Noch immer wußte man nicht recht, wo Land und wo Wasser war, und Mensch und Tier, die hier hausten, schienen sich nicht sehr darum zu kümmern. In beiden Elementen waren sie gleichermaßen zu Hause. In Schilf und Rohr nisteten die Reiher und unzählige andere Vögel, in den Sümpfen, die sich an den Waldrändern hinzogen, ästen große Rudel von Hirschen und Antilopen, die bis zum Bauch im Wasser standen, und es schien, daß es ihnen gerade so am besten gefiel. Selbst mitten im Strome sah man gelegentlich ein Wildschwein oder ein ähnlich mißgestaltetes Wasserferkel aus dem Schilfe hervorbrechen. Weiter flußabwärts nahmen Land und Wasser wieder bestimmtere Formen an, und die Dörfer der Eingeborenen rückten wieder näher an das Flußufer heran. Zum Teil waren es ganz stattliche Ansiedlungen, und der Empfang, der einem dort wurde, war nicht ohne Feierlichkeit. Immer steht in der Mitte des Ortes ein mächtiger Baum, unter dem die allgemeinen Palaver abgehalten werden. In seinem Schatten pflegten wir uns niederzulassen mit gekreuzten Beinen. Nach einer Weile kamen dann die Ältesten des Dorfes und ließen sich gleichfalls nieder in einem Abstand von etwa zwanzig Metern. Dann klatschten sie zur Begrüßung mehrmals in die Hände, und wir antworteten auf die gleiche Weise. Dann kamen die jüngeren Männer, ließen sich in noch größerer Entfernung auf der anderen Seite nieder und klatschten gleichfalls in die Hände. Zuletzt kamen Frauen und Kinder in langer Prozession, mit Kupferringen an Fuß- und Handgelenken und Leopardenzähnen als Medaillons, und begrüßten die Ankömmlinge mit lautem Gesang unter allgemeinem Händeklatschen. Dann wurde ein wenig Salz ausgeteilt und noch einmal in die Hände geklatscht. Das alles ist nicht ohne Würde und ein Zeichen eines gewissen Grades von gesellschaftlicher Kultur, wie man überhaupt von jenen »Barbaren« einen anderen Eindruck gewinnt, wenn man wochenlang mit ihnen als Wilder unter Wilden lebt. Es ist ja eine allbekannte Tatsache, daß der Eingeborene um so anständiger und in seiner Art kultivierter ist, je größer der Abstand ist, der ihn trennt von den Segnungen der Zivilisation. – Aber einmal nimmt sogar der Lungo Bungo ein Ende! Unversehens nahm die Landschaft einen ganz anderen Charakter an. Der Buschwald, der uns von Angola bis hierher begleitet hatte, verschwand, und an seine Stelle traten Wälder von riesigen Palmen, die aussahen, als ob sie auf dem Wasser schwämmen. Der Fluß selbst wurde zu einer unabsehbaren Wasserfläche, auf der die Wellen im Winde tanzten. Überall im Schilfe hörte man die Flußpferde grunzen. Von fernher kam ein dumpfes Brausen. Und auf einmal befanden wir uns mitten in einem großen Strome, der zwischen finsterem Urwalddickicht majestätisch dahinfloß. Das war der Sambesi! Da es noch früh am Tage war, verloren wir keine Zeit mit der Weiterreise auf unserer neuen Flußbahn, die mit ihrer stärkeren Strömung ein schnelleres Fortkommen ermöglichte als der langsame Lungo Bungo. Es war eine so schöne und romantische Flußreise, wie man sie sich nur immer wünschen konnte. Die Ufer waren bedeckt mit majestätischem Urwald, der jetzt bei dem Wasserstand der Regenzeit richtig in den Fluß hineinwuchs. An anderen Stellen wieder sah man Grasflächen, aus denen schlanke Palmen in den klaren Himmel hineinragten. Ab und zu sah man langgefiederte Reiher, die schwer und ruhig wie Flugzeuge durch die Abendschatten über dem stillen Wasser flogen. Aber bald erreichte auch den Sambesi das Schicksal aller afrikanischen Ströme. Er verlor sich in der Gegend und wurde wie unser Freund Lungo Bungo ein Meer von Schilf und Papyrus. Diese Sambesisümpfe gehören zu den interessantesten Gegenden der Erde für den, der einigermaßen ein Auge dafür hat. Eine Fundgrube für Botaniker, ein Paradies für Vogelkundige. Stundenlang fährt man in ganz stillem Wasser durch Felder von Seerosen, die in allen Farben schillern. Reiher, sowohl von der weißen wie von der schwarzen Sorte, gibt es in Millionen, dazu Flamingos, Nashornvögel und sonst noch allerlei seltsames, langbeiniges, gefiedertes Getier, von dessen Dasein man bisher in seinen Träumen keine Ahnung hatte. Nur selten sieht man Bäume, abgesehen von den Palmen, aber wo einer steht, da sind seine Äste über und über behangen mit Nestern, und die Vögel sitzen einträchtig auf den Zweigen, vom kleinsten Kolibri bis zum Adler, der königlich von der Baumkrone herunterschaut. Die Not hat sie zusammengeführt und das Sichvertragen gelehrt. Nur die Reiher bauen ihre Nester ins Schilf. Für alle anderen gibt es nur diese wenigen Nistplätze im Sumpfe. Seltsamerweise sind diese Sumpfgegenden ziemlich dicht besiedelt. Wo immer sich eine kleine Bodenerhöhung befindet, sieht man ein Maisfeld und daneben ein Dorf, das jetzt in der Regenzeit völlig abgeschnitten auf einer Insel liegt und nur durch Kanus den Verkehr mit der übrigen Welt, ja mit den eigenen Feldern aufrechterhalten kann. Man kommt hier in eine andere Welt. Während überall im westlichen Angola und am Lungo Bungo die Dörfer weit auseinandergebaut sind, mit Hütten von eckiger Bauart, findet man hier nur runde, bienenkorbartige Behausungen, ganz eng zusammengehuddelt und rings umgeben von einem mehrere Meter hohen Bastzaune. Außerdem ist jedes einzelne Haus noch einmal umfaßt von einem gleich hohen Zaun, der es hermetisch von der Außenwelt abschließt. An jene Dörfer im Sambesidelta werde ich immer mit Unbehagen zurückdenken. Denn wenn nirgends sonst, so habe ich es dort gelernt, daß das Reisen im wilden Afrika kein Kinderspiel ist. Trotz aller Sparsamkeit war schon seit einigen Tagen der gefürchtete Augenblick gekommen, wo mein Proviant zu Ende war. Das letzte Salzkorn war verschwunden. Und womit nun kaufen und handeln in dieser Wildnis? Ein Huhn kostete zwanzig Pfennige. Aber was nützte mir diese Billigkeit? Abgesehen von einigen portugiesischen Eskudos, die hier niemand nahm, hatte ich nur eine Zehnpfundnote, die keiner wechseln konnte. So war ich wie einer, der über keinen Pfennig verfügte, und mußte mich nun dazu bequemen, die notwendigsten Kleidungsstücke zu verschleudern, nur um das Leben zu fristen. Ein Hemd für ein Huhn, eine Jacke für eine Ente usw. Und dabei war nicht einmal böser Wille oder Erpressung im Spiel. Die guten Leutchen verlangten zwanzig Pfennig für ein Huhn. Daß aber ein Hemd zwanzig mal zwanzig Pfennig kosten solle, das ging über ihre Mathematik, und so nahmen sie gleich das Ganze. Der Hunger und der Ärger fraßen mir an der Seele an jedem neuen Abend in jedem neuen Dorfe. Es war ein Glück, daß wenigstens von meinem Dumbawasser noch etwas übriggeblieben war und nach wie vor Anerkennung fand. Mit jener uns Europäern ewig unerklärlichen Schnelligkeit afrikanischer Nachrichtenübermittlung war die Kunde von dem kosmetischen Wunder schon vor meiner Ankunft in die Dörfer gedrungen. Erwartungsvoll saßen sie um das Kanu und selig waren sie, wenn sie einen Spritzer aus der Flasche um ein Ei eintauschen durften. Die Dinge lagen schlimm, in der Tat, aber alles hätte sich mit Humor ertragen lassen, wenn sich nicht zuletzt noch ein Quälgeist eingestellt hätte, der schlimmer war als alle andern. Schon einige Wochen lang hatte ich mich gewundert, daß sie mich noch nicht besucht hatte, die gute, alte Malaria, die mir schon so oft das Leben sauer gemacht hatte in wüsten, verworrenen Wochen und Monaten in manchem verpesteten Erdenwinkel. Nun kam sie über Nacht. Es war in der Tat so, daß Menschen und Dinge hier einen unheiligen Bund geschaffen hatten, um mir das Leben am Sambesi zu verleiden. Der kalte Hauch, der aus den Sümpfen kam, die Sonne, die über dem Boote brannte, verwirrten die Sinne und legten sich vor die Augen wie düstere Nebelstreifen. Bald kümmerte ich mich nicht mehr um den Küchenzettel, noch darum, ob ich überhaupt etwas zu essen hatte. Mein Kopf war schwer wie Blei, und ich war froh, wenn ich ihn abends irgendwo hinlegen konnte auf ein altes Ziegenfell oder den gestampften Lehmboden einer Hütte. Es war dort kein Ende der Quälgeister. Bald waren es Ameisen, die mich mit giftigen Bissen aufschreckten aus einem unruhigen Halbschlummer. Bald waren es runde, fette vielbeinige Wanzen, die mit ihren Bissen das Blut aus der Wunde laufen ließen. Tics nennt man die lieben Tierchen. Doch kein Wort mehr davon! Niemand war glücklicher als ich, als eines Tages der Sumpf ein Ende hatte und auf einem Hügelhang die wellblechbedeckten Häuser und Schuppen der englischen Militärstation Mungo auftauchten. Das Schlimmste der Reise war überstanden. 9 Der König kommt! Stanley oder Don Quichote / Endlich in Mungo / Eine überraschende Offenbarung / Ein Liebesdienst / Ich als Mohrenfürst / Fürstliche Bezahlung / Fahrt in der Barke / Der verlorene Sambesi / Allerlei Reisegefährten / Durch die Stromschnellen / Im Hexenkessel / Faule Eier und eine anstößige Küche / Was ein Negerappetit vermag / Große Vorbereitungen / »Der König kommt!« / Parker Gilbert in Afrika / Im Gefolge Seiner Majestät / Byzanz im Barotseland / Nachtlager im Caprivizipfel/ Ein lustiges Abenteuer / »Ah, Kaiser gut!« / Fieber / Und noch mehr Fieber » Quest' avventura, che diavvolo, Mai finira? « Aber einmal mußte das Abenteuer doch ein Ende nehmen! Einmal mußte er doch aufhören, dieser Spuk, der mir täglich und stündlich keine Ruhe gelassen hatte in diesen aufregenden Wochen! Einmal würde man wieder leben können, ohne daß einen die Moskitos quälten und die Zecken und die Ameisen und alle die anderen Teufelstiere, die der Busch in seiner Unheiligkeit brütete. Eine ganze Nacht würde man schlafen können in einem richtigen Bette, ein Mensch wieder unter Menschen sein und nicht ein unmögliches, gehetztes Etwas, das, gepeitscht von bösen Fiebern, gejagt von tausend Unwirklichkeiten durch diese Wildnis irrt. Wie phantastisch abenteuerlich, wie glorreich wild und ursprünglich ist doch Afrika noch immer, trotz allem! – Aber hatte ich Talent zu einem Stanley? Viel eher zu einem Don Quichote, ich, der ich mich mit einer Seele voll Ahnungslosigkeit und einer Ausrüstung für eine Wochenendpartie in dieses Abenteuer gestürzt hatte! So ungefähr wie Kolumbus war mir dennoch zumute, als unser Kanu durch das raschelnde Schilf in den kleinen Bootshafen von Mungo einfuhr. Keinen Augenblick zu früh waren wir gekommen. Ich setzte mich in das hohe Gras unter einem Baume, und eine Weile drehte die Welt sich wirr vor mir im Kreise. Alles sah ich noch einmal, was ich gesehen hatte in diesen letzten Wochen: die Löwen und Flußpferde, die Zecken und Sandflöhe, die Schlangen und Leoparden, die giftigen Ameisen, die Sümpfe und Urwälder, die wilden Tiere und Menschen. Ganz schwer war es mir im Kopf, als ich in der heißen Sonne den Berg hinaufstieg zu der Station. Auf den ersten Blick konnte man sehen, daß hier Engländer etwas zu sagen haben. Ringsum sah alles ungefähr so aus wie etwa in Southdown oder Shropshire. Rasenflächen, unterbrochen von mächtigen Baumgruppen. Dann wieder niedrige Cottages ländliches Einfamilienhaus mit weiten Verandas, auf denen kurzhaarige Ladies dem Bridgespiel oblagen. Und kein Ende von Golf- und Tennisplätzen. Old England im Barotseland. Alles das sah seltsam aus für einen, der wochenlang nur Negerhütten gesehen hatte und manchmal nicht einmal diese. Eine ältere Lady mit einem grauen Bubikopf, die eben vom Tennisplatz kam, redete ich an, denn sonst war weit und breit niemand zu sehen. Einen Augenblick lorgnettierte sie indigniert meine abgerissene Gestalt, und es schien, als ob sie gute Lust hätte, mit ihrem Tennisschläger den Wortwechsel zu verhindern. Wo hier der Doktor zu finden wäre? »Aow, the doctor? – I am the doctor!« Das war eine etwas überraschende Offenbarung, aber die Lady war zu energisch, um irgendwelches Erstaunen bei sich oder ihren Mitmenschen zum Ausleben zu bringen. – Ihr Mann, so sagte sie, sei augenblicklich im Busch, so habe sie nun selbst vorübergehend die Praxis übernommen, und wenn ich Malaria hätte – und daß das der Fall sei, könne man mir ja aus Meilen ansehen – so solle ich mit ihr nach dem Spital kommen. So gingen wir nach dem sehr schönen und zeitgemäß eingerichteten Spital, wo ich einen großen Schluck Chinin und – was mir in dem Augenblick besonders wohltat – einen anderen aus einer Whiskyflasche bekam. Ah, man muß ein armes, verlassenes, krankes, gehetztes Menschenkind sein, wie ich in jenen Tagen, um zu wissen, was Menschenhilfe und Menschenliebe ist! Nur die, die nie etwas erlebt haben in ihrem Leben, können so unbedingt von der Schlechtigkeit der Menschen reden. Ich wenigstens habe überall auch gute angetroffen. Ich wäre längst unter der Erde, wenn es anders gewesen wäre. Nachher konnte man sich einmal wieder richtig waschen, richtig ausschlafen, man begann sich wieder als Mensch unter Menschen zu fühlen. Der Urwald mit all seinen Schrecken war abgeschüttelt wie das Wasser vom Hunde, der aus dem Bade kommt. Und doch war das alles nur eine weltabgelegene Station, tausend Meilen von nirgendwo, mit ganzen dreiunddreißig weißen Einwohnern. Aber dreiunddreißig gewichtigen Bewohnern. Der kleinste Schreiber, der unbedeutendste Polizeisergeant, der zu Hause kaum das tägliche Brot verdienen würde mit einem kümmerlichen Solde, ist hier aufgeputzt zu einem allround gentleman , zu einem großmächtigen Bwana, vor dem die ganze Gegend zittert. Geht man auf dem Fußwege – es gibt deren nur zwei oder drei in Mungo –, so treten die des Wegs kommenden Schwarzen beiseite, fallen auf die Knie und klatschen vor Ehrfurcht in die Hände. Anfänglich war solche Ehrung etwas zu überschwänglich und daher peinlich für meine bürgerliche Ängstlichkeit. Aber schon nach zwei Tagen ertappte ich mich dabei, wie ich einen Eingeborenen mit finsterer Miene zurechtwies, weil die Reverenz nach meinem Dafürhalten nicht ehrfurchtsvoll genug ausgefallen war. So schnell gewöhnt man sich an die Allüren des Herrenmenschen! Aber immer wieder kommt es einem hier mit einer gewissen Bitterkeit zum Bewußtsein, welchen Unterschied es doch auch für den einzelnen Menschen bedeutet, ob er einem reichen und mächtigen oder einem armen Volke angehört. Zumal der, der eben von Angola kommt und dort mit eigenen Augen sah, wie portugiesische Beamte in denselben und in höheren Stellungen sich nach der Decke strecken müssen, findet hier Stoff genug zum Nachdenken. Wo hätte je der portugiesische »Chefe de Posto« gelebt, der es gewagt hätte, seine vorgesetzte Behörde etwa um die Mittel für Errichtung eines Tennisplatzes anzugehen? Wo hätte es je eine portugiesische Kolonialbehörde gegeben, die ihm so etwas bewilligt hätte? Und dabei – wir haben schon einmal darauf hingewiesen – ist es an den Enden der Erde überall Old England, mit Bridge und Golf und Dinner Parties, Old England im breit auseinandergegangenen Stil, mit vielen schwarzen Dienern, Beturbanten und anderen, mit einem Wort: »Kolonial« . »To the cool of your deep verandas – To the blaze of your jewelled main, To the night, to the palms in the moonlight, And the fire-fly in the cane!« Ah, unsere tiefen, kühlen Veranden Das Leuchten der glitzernden See, Die Nacht, die Palmen im Mondschein Und die Feuerfliege im Rohr! Doch was schreibe ich? Es wird Zeit, daß ich zu meiner Geschichte zurückkehre. – – Von Mungo sind es immer noch einige 700 bis 800 Kilometer Wegstrecke auf dem Sambesifluß, bis man bei der Stadt Livingstone an den großen Sambesifällen die Eisenbahn trifft, die von dem Kongo nach Kapstadt führt. Auf dieser Strecke ist der Fluß voller Stromschnellen, denen ein Kanu nicht zu trotzen vermag. So mußte ich mich schweren Herzens von meinem Einbaum trennen, der mich so getreulich durch Flüsse und Sümpfe bis hierher gebracht hatte. Auch meine vier Mohren wurden abbezahlt und erhielten den fürstlichen Lohn von sechs Mark pro Mann für ihre Bemühungen. Sie waren stolz und zufrieden damit, zumal ich ihnen noch je eine hübsche rote Mütze als Bakschisch Trinkgeld schenkte. Wie sie wieder zurückkommen wollten nach ihrer fernen Heimat mit so wenig Zehrgeld war mir ein Rätsel. Sie selbst schienen sich darüber weiter nicht im geringsten zu bekümmern, obwohl sie ebenso wie ich hier Fremde im fremden Lande waren, dessen Sprache sie kaum verstanden. Zum Abschied machten sie es feierlich, und ich kam mir vor wie ein Mohrenfürst, als sie vor mir auf die Knie fielen und in die Hände klatschten, während unter den dicken, hochgezogenen Lippen die starken Zähne wie Elfenbein funkelten. Treue Seelen! Ein wenig verfressen waren sie ja und, alles in allem, nicht übermäßig appetitlich anzusehen, aber man möchte jedem Herrn in zivilisierten Landen ebenso tüchtige Diener wünschen. – Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wo ich endlich, endlich meine verhängnisvolle Zehnpfundnote loswerden konnte. Lange genug hatte ich gehungert. Nun wollte ich wenigstens für den Rest der Reise aus dem vollen wirtschaften können und mit dem, was ich zuviel kaufte und was der Ladeninhaber mir noch an unnützen weiteren Dingen aufschwatzte, hatte ich zuletzt wohl Proviant genug für eine noch viel umfangreichere Afrikareise, als ich endlich meinen Weg fortsetzte auf dem Sambesi; der kein Ende nehmen wollte. Wie alle anderen in Mungo, so war auch dieser letzte ein heißer Tag. Die große Barke lag fertig zur Abfahrt im Uferschilf. Die Neger verstauten noch die letzte Ladung. Nur noch zwölf Tagereisen bis Livingstone! Immer wieder sagte ich mir das. Und doch ... Ich schaute über Schilf und Rohr, auf das ruhige Wasser, das regungslos in der flimmernden Hitze unter dem dunkelblauen Himmel lag. Mir war, als ob das Fieber mir wieder kalt den Rücken hinauflief. Ich dachte an die Abenteuer der vergangenen Wochen, an die schlaflosen Nächte in den düsteren Negerhütten, und es fröstelte mich ein wenig, wenn ich an die dachte, die nun noch kommen sollten. – Aus war es nun mit meinem Stolz und meiner Würde als Kapitän und Schiffsreeder. Fortan war ich nur noch nüchterner Passagier. Aber am Ende der Abenteuer waren wir noch nicht. Was hatte ich mir doch alles unter Mungo vorgestellt in meinem Menschenhunger auf dem Einbaumkanu! Wie war der Ort gewachsen in meiner Phantasie zu einer Art Ersatzgroßstadt mit allen Bequemlichkeiten, von der aus man ganz bürgerlich behaglich den Weg per Dampfschiff fortsetzen konnte auf dem großen Sambesi. Statt dessen – Statt dessen war es auch wieder eine Art Kanu, dem ich mich anvertrauen mußte, wenn auch bequemer als der Einbaum auf dem Lungo Bungo. Das Fahrzeug war geräumig und sogar mit einem richtigen Sonnendach versehen. Als Fortbewegungsmittel dienten fünfzehn starke Neger, die ihre Paddel mit viel Temperament in Bewegung hielten. Vorerst war das Reisen nicht anders, als wir es in den letzten Reisetagen gewöhnt waren, ehe wir mit unserem Kanu nach Mungo kamen. Noch immer war der Sambesi unauffindbar zwischen den Sümpfen, die sich endlos ausbreiteten. Noch immer ging der Kurs durch enge Rinnen, zwischen hohem Schilf und Papyrusstauden, in ganz niedrigem Wasser, durch das unsere Mohren das Boot mehr schoben als ruderten. Noch immer flatterten die Reiher im Dickicht und flogen wie silberglänzende Segel in den blauen Sonnenhimmel. Noch immer glühte die Pracht der Seerosen in dem stillen Wasser, aus dem die Dörfer und Maisfelder wie Inseln hervorragten. Eine Abwechslung im Landschaftsbild brachten nur die vielen Luftspiegelungen, die auf halber Höhe des Horizonts die schönsten mit Palmen bestandenen Landschaften hinzauberten. Stundenlang dauerte oft die Erscheinung, bis sie plötzlich zerrann und nichts mehr übrigließ als das grelle Licht und die gleißende Sonne. Spät abends legten wir an einer flachen Landzunge an, die kaum über das Schilf hinausragte, und verbrachten dort eine böse Nacht bei einem kümmerlichen Feuer, das kaum stark genug war, um die Moskitos fernzuhalten; denn es war weit und breit kein Brennholz zu finden. Wenn ich mir bisher einbildete, der einzige Hahn im Korb auf jener Barke zu sein, so wurde ich am nächsten Morgen eines anderen belehrt. Schon vor Tagesanbruch erschien ein großes Kanu, dem ein recht umfangreiches farbiges Ehepaar entstieg. Zwei weitere kleine Kanus brachten das Gepäck der Herrschaften, unter dem man unter anderem einen grellroten Sonnenschirm und ein Paar fabelhafte Lackschuhe bemerkte, ganz zu schweigen von einem halben Dutzend Hühner, zwei Enten und einer halben Kuh, die sie als Proviant mitnahmen. Der farbige Gentleman sprach leidlich Englisch und tat mir in Zukunft gute Dienste als Dolmetscher, aber seine bessere Hälfte war so ziemlich das letzte an Unbeholfenheit und breitete sich mit ihren Sachen auf einem Flächenraum aus, der täglich wuchs wie die Wüste und uns allen nur noch einen sehr beschränkten Aktionsradius übrigließ. Proteste nutzten nichts, denn sie verstand kein Wort Englisch, und wenn ihr Mann sie mit sanften Worten zurechtwies – mehr traute er sich nicht zu –, dann kollerten ihr die Tränen aus den großen Augen, und vor lauter Kummer schob sie ihren Plunder noch weiter in die Mitte des Bootes. Am Abend des zweiten Reisetages fanden wir endlich den verlorenen Sambesi wieder. Zwischen festen, waldigen Ufern, vielfach durchsetzt von großen Inseln, floß er nun, breiter und stattlicher als je, talabwärts. Aber nun stellten sich andere Schwierigkeiten der Schifffahrt ein, von denen wir vorher nicht gewußt hatten und deren Gefährlichkeit wir – obwohl wir davon gehört hatten – nicht abzuschätzen wußten, bis wir mitten darin waren: die Stromschnellen. Hier, in seinem Mittellaufe, ist der Sambesi einer der tückischsten Ströme, voll reißender Wasserwirbel, die um so stärker werden, je weiter man flußabwärts kommt, bis sie dann in den berühmten Viktoriafällen ihren Höhepunkt erreichen. Kein aufregenderes Abenteuer kann man sich denken als solche Fahrt durch die Stromschnellen! Schon stundenlang vorher hört man das dumpfe, unheilvolle Brausen. Plötzlich, um eine Flußbiegung, sieht man den Hexenkessel vor sich. Man spürt den kalten Lufthauch des verdunstenden Wassers. Man sieht die weißen Schaumkämme, die über den Wirbeln tanzen. Man möchte einen Augenblick anhalten, um sich erst einmal ein wenig zu stärken für das bevorstehende Abenteuer. Aber schon sieht man an den vorübergleitenden Silhouetten des Waldufers, wie man selbst in rasender Eile in den Wirbel hineingetrieben wird. Mit einem Gefühl der Angst, das man nicht ganz unterdrücken kann, spürt man, wie das Fahrzeug in die Höhe gehoben wird und dann wieder in einem Tale versinkt, während ringsum die schwarze Wasserfläche sich hebt wie ein Höllenrachen. Schon ist man mitten im schäumenden Gischt des aufgeregten Elements. Rasend geht die Fahrt zwischen schwarzen Felsblöcken, die verderbendrohend aus dem Wasser ragen. Im Bug steht der »Induna«, der schwarze Lotse, und gibt mit ausgebreiteten Händen die Befehle, die die Ruderer blitzschnell ausführen. Es ist alles still. Keiner spricht ein Wort. Nur das Brausen des Wassers schlägt wild ans Ohr, bis nach einigen Minuten der Hexensabbath zu Ende ist und der Fluß wieder so still wird, als ob er niemals ein Wässerlein getrübt hätte. – In der Regenzeit – und wir befanden uns mitten darin – sind jene Stromschnellen am leichtesten zu überwinden, denn wenn auch dann die Kraft der Strömung ihr Höchstmaß erreicht, so sind doch die gefährlichen Klippen zum größten Teil unter Wasser, und außerdem bietet sich stellenweise Gelegenheit, auf abseitslaufenden Kanälen im überschwemmten Lande die gefährlichen Stellen überhaupt zu umgehen, immerhin trafen wir auch jetzt noch auf zwei Stellen, wo man das gesamte Boot entladen und eine Strecke weit über Land schleppen mußte, weil hier ein Durchfahren der wasserfallartigen Schnellen einem Selbstmord gleichgekommen wäre. – Während nun so unsere tapfere Barke ihren Weg durch den Hexenkessel fand, wurde sie täglich mehr mit allerlei Plunder beladen, bis sie aussah wie ein Apfelkahn, der zum Markte nach Treptow fährt. Da und dort hatten wir noch verschiedene eingeborene Passagiere aufgelesen, die nun alle auch noch irgendwo ihre Sachen aufbauten, trotz des Protestes der farbigen Dame, die zuerst an Bord gekommen war. Alle hatten gut vorgesorgt, damit sie unterwegs nicht Mangel litten. Kürbisse, Maiskolben, Wassermelonen türmten sich zu Bergen. Die Hühnerschar hatte sich um ein gutes Dutzend vermehrt. Die Hauptnahrung aber war eine Art saure Milch, die das ganze Fahrzeug mit einem seltsam muffigen, durchdringenden Geruch erfüllte, der mich heute in der Erinnerung noch mit Widerwillen schüttelt. Die halbe Kuh, die die farbige Dame mitgebracht hatte, war noch nicht halb aufgezehrt und verbreitete einen vergiftenden Gestank, der alle Mücken des Barotselandes an sich zog. Aber niemand dachte daran, dieses Ärgernis über Bord zu werfen. Im Gegenteil! Der Neger ist hier wie der Eskimo. Je fauler ein Stück Fleisch, desto mehr schmeichelt es seinem Gaumen. Immer wieder, wenn man durch jene Länder reist, muß man über die Magen der Menschen, über ihre Anspruchslosigkeit in bezug auf die Qualität und ihre unbegrenzte Aufnahmefähigkeit für jede Quantität staunen. Es ist schon ein Anblick, wenn man sie abends beim Scheine des Feuers um den ungeheuren Kessel hocken sieht, in dem das Wasser kocht. Sobald es so weit ist, schüttet der Induna einen mächtigen Haufen von Mais-, Mandioka- oder Hirsemehl in das Wasser, das sprudelnd aufzischt und das Mehl zu einem grauen, klebrigen Papp aufblähen läßt, der mit einem großen Stecken nur mühsam umgerührt werden kann. Dann endlich bekommt jeder einen Klumpen, den er aus beiden Händen verspeist, ohne Salz, ohne Fett, aber mit der Würze eines gesunden Negerhungers. Kommt noch ein getrockneter Fisch oder ein Stück verfaultes Fleisch dazu, so fehlt nichts mehr zur restlosen Seligkeit. Wieviel so einer bei unbegrenzten Rationen zu vertilgen vermag, wage ich nicht in genauen Zahlen abzuschätzen. Man möchte mich für einen Münchhausen halten. Doch ist auch im Leben des Negers nicht alles nur Magen und Materialismus. Das sah man am besten jetzt auf dem Sambesi, wo alles sich rüstete zum großen Feste, denn ein König hatte seinen Besuch angemeldet, der König von Barotseland, und der ist keineswegs ein Zaunkönig. Auch im Volk der Neger wohnt eine ganz erhebliche staatenbildende Kraft. Als die Weißen auf ihren Eroberungszügen zuerst in den »dunklen Erdteil« vordrangen, da stießen sie fast überall auf mächtige Königreiche, die heute freilich verschwunden sind, mit Ausnahme von einigen wenigen, die aber auch nur noch ein Schattendasein führen. Es ist das Bestreben der englischen Regierung gewesen, überall neben Wildschutzgebieten auch Eingeborenenreservate zu schaffen, wo der Neger, fern von dem verderblichen Einfluß der europäischen Zivilisation, noch nach altgewohnter Weise sein Leben zu führen vermag, wo auf eine Fläche vom Umfang des Deutschen Reiches, oder doppelt soviel, kaum ein halbes Hundert Weiße als konzessionierte Händler kommen. Vielfach hat man dabei auf die noch bestehenden Formen der alten Königreiche zurückgegriffen. Uganda ist heute das größte solcher für die Eingeborenen reservierten Gebiete. Aber auch das Barotseland am Sambesi steht diesem nur wenig nach. Solches »Königreich« ist wie eine taube Nuß. Ganz Schale und sein Kern. Man läßt ihm die äußere Form und nimmt ihm die Hoheitsrechte. »Und der König absolut, wenn er unseren Willen tut.« Der eigentliche Herrscher ist nicht der König, sondern der ihm beigegebene englische Resident, in dessen Kassen die Steuern fließen, von denen er dem lieben Landesvater soviel oder sowenig gibt, wie ihm gefällt; eine Art Parker Gilbert, amerikanischer Finanzpolitiker, Dawes-Plan! ins Afrikanische übersetzt! In allen äußeren Funktionen aber ist er noch immer der souveräne Herrscher, der er einmal war. Die Rechtsprechung unter den Eingeborenen liegt in seinen Händen, er ist das religiöse Oberhaupt, und sein öffentliches Auftreten ist noch immer begleitet mit einem Aufwand von mystisch angehauchtem Pomp, für den der Neger so empfänglich ist. So waren auch jetzt wieder den ganzen Sambesi entlang die Dörfer im Fieber einer freudigen Erwartung. Der König kommt! Ein Dorf suchte das andere zu überbieten in der Errichtung von Lagerplätzen mit stattlichen Hütten und hohen Zäunen. Ringsum wurde das Unkraut ausgerodet, und die ganze Einwohnerschaft war dabei, den Lehm auf einer weiten Fläche zu stampfen, die flach und eben war wie ein Tanzplatz. Etwa auf halbem Wege nach Livingstone überholten wir die königliche Karawane. Es war an einer Stelle, wo man der allzu heftigen Stromschnellen wegen die Fahrzeuge ein Stück Weges über Land schleppen mußte. Wir waren mit unserer Barke bereits auf der anderen Seite und trafen Anstalten für die Weiterreise, als unsere Aufmerksamkeit durch einen wilden, ungereimten Gesang gefangengenommen wurde, der aus Hunderten von Kehlen kommen mochte. Näher und näher kam das wilde Heer. Nun sah man es deutlich: es waren die treuen Untertanen, die sich eine Ehre daraus machten, die königliche Barke zu schleppen. Es war so gut wie ein Volksfest. Voran marschierte der gesamte Hofstaat mit den Indunas, den Großleuten, in prächtigen Gewändern, bei deren Anblick alle Umstehenden auf die Knie fielen und in die Hände klatschten. Dann das Heer der nackten Mohren, die mit einem einzigen markerschütternden Jubelschrei das Boot ins Wasser zogen und zuletzt noch ein weiterer Schwarm von Großleuten und sonstigen gewöhnlichen Sterblichen, die sich sofort auf der mit mächtigen Bäumen bestandenen Wiese ausbreiteten, wo bald unzählige Feuer im fahlen Licht des sinkenden Tages leuchteten. Der König selbst war leider im Dorfe zurückgeblieben und wollte erst am nächsten Morgen nachkommen. Zwei Tage später wurden wir wieder vom König überholt. Mitten auf dem Flusse kam die aus etwa zehn Barken bestehende Karawane in Sicht. Mit unglaublicher Schnelligkeit näherte sie sich und glitt schließlich an uns vorüber wie eine unwirkliche Erscheinung. Etwas Militärisches lag in dieser Aufmachung. Alle Ruderer waren gleich gekleidet mit roten Lendentüchern und ebensolchen hoch mit Federn geschmückten Mützen. Im Heck des königlichen Bootes stand einer mit einer großen Trommel und schlug den Takt zu den Ruderschlägen, die jedesmal das Boot mit einem fühlbaren Ruck durch das Wasser schießen machten. Es war wahrlich eine königliche Art des Reisens. Am Abend schlugen wir unser Lager dicht neben dem des Königs auf. Noch heute bereue ich es, daß ich damals die Gelegenheit zu einer Staatsvisite verpaßte. Aber gerade hier mußte zu ungelegener Zeit das Fieber sich wieder melden, und das hat selbst vor Königen keinen Respekt. Während der ganzen Nacht kam der dumpfe Laut der Trommeln aus dem königlichen Lager, und das und das Hämmern des Blutes in den Schläfen und die verworrenen Wahnideen des Fiebers machten die Nacht so lang wie keine zuvor auf der ganzen Reise. – Aber einmal hat auch die längste Nacht ein Ende und einmal auch die längste Wanderung. Im Verlauf des nächsten Reisetages kam in der Tat noch einmal ein Stück Südwest in Gestalt des berühmten Caprivi-Zipfels in Sicht, »Caprivi strip« wird er auch heute noch allgemein genannt, wenngleich er politisch verschwunden und, soviel mir bekannt, zum Territorium Betschuanaland geschlagen ist. Von der englischen Regierung ist er gegenwärtig zum Wildreservat erklärt, in dem die Ausübung der Jagd aufs strengste verboten ist. Auf der Karte sieht jener Landstreifen lächerlich eng aus. Wenn man aber, wie wir, beinahe drei Tage lang mit einer Geschwindigkeit von ungefähr fünfzig Kilometern pro Tag an seiner Uferstrecke hingefahren ist, so kommt es einem zum Bewußtsein, daß wir auch hier ein schönes Stück Land verloren haben. – Es war dunkle Nacht, als wir endlich die Reise unterbrachen. Der Lagerplatz sah wenig vertrauenerweckend aus. Es roch nach Krokodilen, wie der Induna behauptete, und überall im Schilfe hörte man das Grunzen der Flußpferde. Das Quaken und Singen der Frösche war so laut, daß man kaum sein eigenes Wort verstand. Ein sumpfiger Pfad führte nach einem nahen Dorf, wo unter einem großen Baume die landesüblichen Begrüßungszeremonien mit den Einwohnern ausgetauscht wurden. Der Häuptling betrachtete mich mißtrauisch. Aber nachdem er einige Worte mit dem Induna gewechselt, klärte sich seine Miene auf wie ein Sonnenhimmel nach einem Gewitter. Höchstselbst eilte er nach der Hütte und kam mit einer fetten Ente wieder. Wieviel die kostete? Er schüttelte den Kopf. Gar nichts. Ein dickes Weib kam herbei und brachte eine Schüssel voll Eier. Die kosteten auch nichts. Andere brachten Melonen und Mangos. pflaumenähnliche Frucht Alle aber ließen sich in einem Kreis um mich nieder und starrten mich an wie ein Wundertier in einer Jahrmarktsbude. Die Sache wurde immer rätselhafter. Erst als der englisch sprechende Neger, der mit mir reiste, den Dolmetscher machte, kam ich auf den Grund des Verhaltens. – Weiß der Kuckuck, was der schwarze Halunke ihm vorgeredet! Der Häuptling sprach, der Dolmetscher übersetzte, und alle übrigen hüllten sich in erwartungsvolles Schweigen. – So, der Kaiser habe mich geschickt! Direkt aus Deutschland! Solange hätten sie keinen Deutschen mehr gesehen. Aber nun kämen sie wohl wieder, und alle würden wieder deutsch werden, wie sie es einmal waren und wie es auch von Rechts wegen sein sollte. Und auch der Kaiser komme wieder. Ah, Kaiser gut! Der ließ einem jeden, was er wolle, aber dem Englischmann müsse man zehn Schilling Hüttengeld bezahlen, selbst wenn man gar keine Hütte habe. Und alle Augenblicke komme einer und frage, ob man getauft, geimpft oder gezählt sei, und ehe man sich's versehe, werde man fortgeschafft nach den Minen von Johannesburg. – Ah, Englischmann nix gut! Der Häuptling sprach, die anderen mischten sich ein. Die Weiber kamen herbei und sangen ein Lied, während alle dazu in die Hände klatschten. »Ah, ah, ah! Kaiser gut!« Die Nacht war mild und schön. Die Sterne standen groß und hell am Himmel. Im Baum, im Busch und überall im Grase geisterten blau leuchtende Glühwürmchen. Von fernher grunzten die Flußpferde, und von überall kamen die verworrenen Stimmen der tropischen Nacht. – 10 Von Schwarzen, Ganz »Schwarzen« und anderen Dingen Ankunft in Livingstone / Im Spital / Das verkannte Wildschwein / So sieht eine Eisenbahn aus! / Nacht über Rhodesien / Intermezzo in Buluwayo / Sonderbare Geschichten / Johannesburg / Sport in der Eisenbahn / Die »Ganz Schwarzen« / Endlich in Kapstadt / Das »Wirtshaus der See« / Eine finstere Gegend / Die neue Flagge wird geheißt / »Oranje Boven!« / Eine Galerie von Burengeneralen / Revolte auf dem Paradeplatz / Auf nach Australien! Livingstone heißt zu Ehren des großen Forschers die Stadt, die unweit der Sambesifälle das Ausfalltor bildet, von dem aus die europäische Zivilisation oder auch das, was heutzutage unter dieser Marke geht, ihre Fangarme nach der Wildnis am oberen Sambesi ausstreckt. Sie ist bereits eine berühmte Stadt, deren Namen einen Klang hat in der Welt, in der man sich langweilt. Ganze Menagerien von reisenden Amerikanern ergießen sich alljährlich in ihre Gassen und auteln hinauf zu den Fällen, die sie very nice sehr hübsch, schrecklich interessant und awfully interesting finden; und dann rasen sie gleich wieder weiter nach anderen Zonen und anderen Wundern, die man geschaut haben muß um der allgemeinen Bildung willen. An der Stadt Livingstone selbst und ihren 4000 Einwohnern ist freilich nur wenig hängen geblieben von dem Segen. Die typische englisch koloniale Wellblechstadt mit vielen Wirtshäusern, vielen Automobilgaragen, mit großen Firmenschildern, kleinen Kaufläden und einem unglaublich frechen Niggerpack, das in billiger europäischer Konfektion so aufgeblasen wie nur möglich in den breiten, ungepflasterten Straßen herumlungert. Aber so armselig der Ort auch ist, so wirkte er immer noch zu elegant und ordnungsliebend als Umrahmung zu dem Bilde des wilden Waldläufers, der da hungrig und abgerissen, mit bleichem Gesicht und fieberglänzenden Augen durch die Gassen schlich. Diesem polizeiwidrigen Individuum, das natürlich niemand anders war als ich selbst, war so unerfreulich zumute, wie das bei einem menschlichen Wesen nur immer der Fall sein kann. Bisher war es die Erwartung gewesen, die die gesunkenen Lebensgeister immer wieder beflügelte, aber nun, da man am Ziele war – Ja, was nun? Livingstone war schließlich ein Ort wie alle anderen. – Wie lang hier die Wege waren! Mitten auf der Straße stand ich still. Das Blut hämmerte unerträglich im Kopfe. Livingstone drehte sich im Kreise. Ich mußte mich irgendwo festhalten, wenn ich nicht hinfallen und einen Auflauf verursachen wollte wie eine ohnmächtige alte Mamsell. Auf der Polizeistation empfing mich der Beamte nicht unfreundlich. Was ich wolle? Wer das gleich sagen könnte! Also, der Polizeioffizier in Mungo – »In Mungo?« – »Ja, in Mungo. Der General, der Gouverneur in Mungo –« Weiter kam ich nicht in meiner Rede, denn plötzlich drehte sich die Polizeistube im Kreise wie vorher die Stadt Livingstone. Der Polizeichef selber kam herein und betrachtete mich von oben herunter. »Sieht ein bißchen verboten aus«, meinte er. »Das tun wir alle, wenn wir aus dem Busch kommen.« Er telephonierte nach dem Spital. – Und nun soll ich die Geschichte noch einmal erzählen, die ich schon so oft erzählt habe, die wilde, verworrene Geschichte von schlimmen Krankheiten und noch schlimmeren Spitälern? Wenn man in bürgerlichen, gesitteten Verhältnissen in Tropenländern lebt, so steht einem bei allem Komfort und allen hygienischen Vorsichtsmaßregeln doch immer die Krankheit hinter dem Stuhle wie ein Gespenst. Bei dem, der dort als wandernder Abenteurer Glück und Schicksal herausfordert, ist sie etwas, das sich am Rande versteht, eine Selbstverständlichkeit, die dazu gehört wie ein Sumpf, ein Tropengewitter, die Moskitos selbst; ein Ding, vor dem man sich duckt, solange es dauert, und es nachher abschüttelt. Und doch – und doch – »Da hinauf?« hatte mir einer gesagt, als er hörte, wohin man mich brachte. »Nicht für tausend Dollars!« Später konnte ich ihm das nachfühlen, denn mit einer einzigen Ausnahme – und die war danach – war dieses Spital das schlimmste, in dem ich je gelegen habe. Es war ein großer Raum mit vielen Kranken und wenigen Krankenschwestern, die sich um alles kümmerten, nur nicht um ihre Patienten. Das Schicksal wollte es, daß neben mir einer lag, der aus dem Schiffbruch des Lebens nichts herüber gerettet hatte ins Spital als einen rostigen Phonographen mit einer einzigen Platte, die von morgens bis abends »Valencia« krächzte. Hätte ich Geld gehabt, ich hätte ihm das Ding abgekauft, rationalisiert und stillgelegt. Aber da lag ich ohne einen Penny, ärmer als der Aermste in Rhodesien. Drei Pfund waren mir noch übriggeblieben bei meiner Abreise von Mungo, aber aus irgendeinem Gedankengange, dem nur Bürokraten zu folgen vermögen, hatte mir die dortige Polizei diesen notwendigen Reisepfennig beschlagnahmt mit der Maßgabe, daß ich ihn in Livingstone wiederbekommen sollte. Aber wann? Es war wohl am besten, wenn ich nicht darüber nachdachte. Nur liegen und nichts denken und auf das Summen und Hämmern des Fiebers lauschen und auf den Lärm der Tropengewitter, wenn draußen der Regen auf den fleischigen Blättern trommelte. Der Mann mit dem Phonographen war übrigens ein unterhaltsamer Bursche, wenn er – was selten genug vorkam – einmal eine lichte Stunde hatte. Dann pflegte er mir zu erzählen, wie er zu Schaden und ins Spital gekommen war, und dann entspann sich eine Unterhaltung, die sich folgendermaßen abwickelte: Er: »Haben Sie schon einmal ein Wildschwein gesehen?« Ich: »Ja.« »Aber so ein richtiges afrikanisches?« »Das noch nicht.« »Dann können Sie von Glück reden. Ich bin einem begegnet, und das genügt mir.« »Das muß Ihnen wohl sehr zugesetzt haben?« »Ein wenig schon, denn es war ein merkwürdiger Fall, ein ganz verdammt merkwürdiger Fall, wenn man's richtig betrachtet. Ich fahre mit meinem Fahrrad von der Kupfermine zum Kamp, wie ich das schon tausendmal getan hatte. Diesmal aber war's dunkle Nacht, und meine Laterne hatte ich auch zu Hause gelassen. Da höre ich etwas rascheln im Busch, dann schnaubt es hinter mir her wie ein fünfzigpferdiger Motor. Ich fahre so schnell wie ich kann, aber das Schnauben kommt näher. – Well, ich bin nicht gerade ein ängstlicher Mann, ein schlechter Radfahrer bin ich auch nicht, aber aufs Sechstagerennen bin ich nicht trainiert, und gerade vor dem Kamp holte es mich ein und reißt mich vom Rad – rede einer von Gestank!« Hier pflegte er eine Pause zu machen. »Wie es dann weiterging? Woher soll ich das wissen? Das nächste, was ich sah, war der Doktor in Livingstone. Und Jim, der Vormann, sagte, es sei gar kein Wildschwein, sondern Mister Collins Kuh gewesen.« Dann wendete er sich zur anderen Seite und drehte an dem Apparat, der es wieder hinausschmetterte, als müßte er etwas nachholen: »Valencia!« Das waren so Geschichten. Sie erinnerten mich daran, daß ich schon lange keine mehr geschrieben hatte, daß ich meinem Gewerbe untreu geworden war und die schöne Zeit versäumte im Spital. Denn wer konnte wissen, wann ich wieder einmal solange an einem Platze weilen und soviel Zeit im Überfluß haben würde wie hier? Aber Feder, Tinte und Papier waren teure Artikel, und woher nehmen und nicht stehlen, da ich doch keinen Penny in der Tasche hatte? Aber das Bedürfnis findet stets Wege und Umwege. Einen Bleistift borgte ich von der Krankenschwester, und das Papier stiftete ein sympathisierender Mitpatient. So schrieb ich mit kritzelnden, unsicheren Händen stundenlang von alledem, was mir in den letzten Wochen über den Weg gelaufen war in Busch und Urwald. Ich schrieb und schrieb, bis auf einmal sich alles wieder im Kopfe drehte, und dann hatte das Papier wieder Ruhe für einen oder zwei Tage. Aber fortgeschickt wurde vorerst keiner von den Briefen, denn das kostete bares Geld, und da hört die Wohltätigkeit gewöhnlich auf. Zugvögel der Zeitung, Landsknechte der Feder – wie viele, die solche Artikel mit all ihren Flüchtigkeiten zu Hause am Frühstückstisch lesen – ja, wie viele von diesen wissen, in welcher Hast, unter welchen unmöglichen Umständen so etwas oft zusammengekritzelt wird, zusammengekritzelt werden muß in den verlorensten Weltwinkeln! Aber nicht ein weiteres Wort will ich erzählen von Livingstone und seinem Krankenhaus. Eines Tages erschien ein Polizeibeamter und brachte das konfiszierte Geld aus Mungo und noch etwas mehr dazu. Es war ein Lösegeld aus dem Spital. Aber draußen war die goldene Freiheit nicht annähernd so schön, wie ich sie mir ausgemalt hatte in den langen, langen Tagen und Nächten im Dämmerdunkel des Krankenhauses. Das grelle Sonnenlicht auf der Straße überfiel mich wie ein wildes Tier. Ein wenig schwindelte mir im Kopfe. Ein wenig unsicher war ich auf den Beinen, denn die Krankheit war mir zuletzt in die Knie geschossen. Nur ganz langsam hinkte ich weiter bis zum Bahnhof, den ich lange und andächtig betrachtete. – Also so sah eine Eisenbahn aus! Fast hatte ich das vergessen über der langen Reise in der Wildnis. Ich verstaute meine Sachen und richtete mich häuslich ein mit dem Gefühl der Befriedigung. – Das wäre also geschafft. Nun fängt ein anderes Leben an. – Südafrikanische Eisenbahnen – ich hatte ja früher schon ihre nähere Bekanntschaft zu meinem Schaden gemacht – sind im allgemeinen nicht das letzte Wort an Komfort. Sie sind in der ein Meter breiten Spur angelegt, in der sogenannten »Kapsspuer«, die vor einem halben Jahrhundert, als man noch nicht an große Ueberlandlinien im dunklen Kontinente dachte, den Ingenieuren als das Richtige erschienen war, die aber heute zu einer Plage geworden ist. Immer schneller sollen die Züge laufen, immer breiter die Wagen werden, aber die Spurweite bleibt unverrückbar dieselbe. So geht aller Fortschritt auf Kosten des Magens der Passagiere, die schon sehr fest gebaut sein müssen, um nicht der Seekrankheit zum Opfer zu fallen. – Und nun erst einer mit soundso viel Grad Fieber. – Aber Fieber oder nicht. – Es gibt Dinge, an denen man nicht vorübergehen darf. War es nicht eine Schande gewesen, daß ich hier schon drei Wochen lang dicht bei den großen Fällen wohnte, ohne je einen Gedanken für sie, geschweige denn ein Verlangen nach ihrem Anblick zu haben? Nun kam der Berg einmal wirklich zu Mohammed. Nun bekam man sie zu sehen, ob man wollte oder nicht. Und man bekam sie zu hören, lange ehe man sie zu Gesicht bekam. Weithin war die Luft erfüllt mit dumpfem Brausen. Weiße Dampfwolken stiegen in den dunkelblauen Himmel. Und endlich kam das Auge auf seine Kosten. Ganz unvermittelt hielt der Zug auf einer Brücke, die so hoch wie der Wasserfall und in der Tat die höchste der Erde ist. Tief, tief unten schäumt der Sambesi. Ringsum ist alles brüllender Donner und Aufruhr der Elemente. Gerade voraus sieht man zwischen Palmen, zwischen schwarzen Felsen, die starr wie Festungen stehen – was sieht man da eigentlich? Mosivatunja, den donnernden Rauch, nennt der Eingeborene diese Fälle. Man könnte in der Tat keinen besseren Namen finden, denn viel mehr ist wahrlich nicht zu bemerken: nur Donner, nur Rauch, nur Höllenspuk und wilder Hexensabbat der entfesselten Natur. Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung, und während er nun weiterfuhr, da konnte ich nicht umhin, zu denken, wie schön es trotz allem ist– – das Wandern! Ein Amerikaner, der mir gegenüber saß, stopfte mit saurer Miene seine Pfeife. »Well«, meinte er, »da muß ich dann doch schon sagen: So ein Geschrei zu machen wegen diesem mühsam herausgequetschten Tropfen! Bei uns der Ni–a–gara –.« Nach dem Ueberschreiten des Sambesi durchzieht die Bahn das Gebiet der nunmehrigen autonomen Kolonie Rhodesia, die, nachdem hinten im Kapland und Transvaal die Buren am Regimente sind, zum letzten Zufluchtsort des englischen Jingo ein die Vaterlandsliebe übertreibender Heißsporn, Hurrapatriot in Südafrika geworden ist. Allenthalben im Mutterland und in anderen Teilen des weiten britischen Weltreiches wird zur Zeit gewaltig die Werbetrommel gerührt für dieses neue Wunderland, das in seiner wilden Unberührtheit einen tiefen Eindruck selbst auf den macht, der es flüchtig vom Eisenbahnwagen aus beschaut. Man kommt durch weite Ebenen, auf denen wunderliche Affenbrotbäume stehen, vorbei an Sümpfen, aus denen groteske Termitenbauten herausragen, und wiederum keucht die Lokomotive durch romantische Bergländer mit unübersehbaren Wäldern, die heimatlich anmuten in ihrem rotbraunen Herbstkleide. Und wieder kommt die Nacht, die weiße, helle, sternklare afrikanische Nacht, die man erlebt haben muß, um ihren Zauber zu spüren. Bei Tagesanbruch erreichten wir die Hauptstadt Buluwayo. Buluwayo – der Name klingt exotisch, wie der Inbegriff alles Afrikanischen. Vor dreißig Jahren stand hier noch Labengulas Kral, die ersten wilden Abenteurer fristeten ihr Leben mit dem, was ihre Büchse einbrachte, und wenn einer nach dem Matabeleland ging, wie es damals hieß, so brachte er vorher seine weltlichen Güter in Ordnung und machte sich auf den Weg, mit der ganzen Gloriole eines Afrikaforschers. Heute ist Buluwayo ein Klein-Paris, eine Filiale von Johannesburg mit allem Zubehör. Vor dem Bahnhofsgebäude, das etwas abseits von der Stadt liegt, stehen schwarze Kulis mit ihren Rikschas, zweirädriger, von Menschen gezogener Personenwagen in Ostasien ganz wie irgendwo im Orient, und da der Zug zehn Stunden Aufenthalt hat, ist dafür gesorgt, daß man nicht unbesehen an Buluwayo vorbeikommt. Wenn ich heute an Buluwayo zurückdenke, so scheint es mir einer der kältesten Plätze, die ich je gesehen habe. So lang waren die Straßen! So eiskalt der Wind! Eben konnte ich mich noch in eine Teestube retten, wo plötzlich ein Herr vor mir stand, der mir ein Glas Cognac unter die Nase hielt. Um ihn standen mehrere andere und machten ihre Bemerkungen. »Der hat das Fieber,« meinte einer. »Er kommt aus dem Busch,« orakelte ein anderer. »Das wird er wohl,« antwortete der Mensch mit dem Glas. »Einen aus Regentstreet könnte man hier wohl kaum vermuten.« Nach einer Weile fragten sie mich nach dem Woher und Wohin, aber da die Auskunft ziemlich kraus ausfiel, gaben sie die Bemühungen auf, und einer der Herren brachte mich mit dem Auto wieder nach dem Bahnhof. – Wenn es je einem Menschen gegraust hatte vor einer Eisenbahnfahrt, so mir vor der nach Johannesburg. Aber es ging, wie es meistens geht bei Dingen, deren Schrecken man gewissermaßen schon vordiskontiert hat. Trotz allem Elend war es eine unterhaltsame Reise. Wenn einer von Buluwayo südwärts fährt, so bringt er meist einen gerüttelt vollen Sack von Erfahrungen mit, und wo wäre er mehr geneigt, sie an den Mann zu bringen, als in der Enge eines Eisenbahnwagens, wo man ohnehin nichts zu tun hat, als seinen Mitmenschen anzusehen durch lange Tage und Nächte, während draußen das Grau der Steppe in ewigem Einerlei vorüberzieht. Da war zunächst ein enttäuschtes Grünhorn von einigen zwanzig Lenzen, das vor wenig mehr als sechs Monaten auf derselben Bahnlinie, vielleicht im selben Wagen mit tausend Segeln hinaufgezogen war ins gelobte Land und nun mit saurer Miene wieder zurückkehrte, » a sorrier, but a wiser man ,« ein etwas enttäuschter, aber dafür klügerer Mann wie die Engländer sagen. – Ja, Rhodesien! Die Pest hole das Affenland! Drüben in England, da habe man ihm die Zunge lang gemacht mit dem großen Land und der vielen Sonne und was sonst so in den schönen Prospekten stand. – Kann man etwa von der Sonne leben? Oder vom Land, wenn nichts darauf ist? »Und haben Sie es nicht mit Farmen probiert?« fragte einer. Aber da maulten die anderen noch mehr. »Von wegen Farm!« fuhr der Sprecher zornig fort. »Tausend Meilen von nirgendwo, sechs Tagereisen mit dem Ochsenwagen ein Stück Wüste oder bestenfalls ein Busch, an dem sich die Leoparden die Zähne putzen, in dem die Termiten selbst das Wellblech fressen und man Skorpione als Bettgenossen hat. – Heißen Sie das etwa auch eine Farm, Herr?« Seine lauten und zornigen Worte hatten die Leute aus den anderen Abteilen herbeigelockt, die beifällig murmelten zu der Rede. Ganz so sei es, maulte ein anderer. Ein jeder müsse hier seine Erfahrungen machen und er mache sie auch. Glücklich der, der mit sechs Monaten dabei wegkomme. Er selbst habe zwei Jahre in diesem gottverfluchten Affenlande verloren. Im ersten haben ihm die Heuschrecken den Tabak auf der Farm gefressen, im zweiten die Kaufleute, und die seien schlimmer als die Heuschrecken. So sei er neulich nach Buluwayo zurückgekommen, mit nichts als einem leeren Sack auf dem Buckel. Noch morgen, wenn er nach Johannesburg komme, wolle er einen Brief schreiben, aber einen gesalzenen, an den Prinz von Wales ganz persönlich, denn so könne das nicht weitergehen. Hunderte lägen so wie er auf der Straße, ein Objekt für die Heilsarmee in Buluwayo. »Als ob sie anderswo nicht auf der Straße lägen!« fuhr ihm einer ins Wort, ein dürrer, starkknochiger Mann mit einer Haut wie Leder und einem unheimlich mageren Gesicht, aus dem ein Paar ganz große, blaue Augen seltsam herausleuchteten, ein Buschmann, wie er im Buche stand. – Er solle einmal sehr vorsichtig sein mit dem, was er sage über das Affenland! Das Land sei schon gut genug, der Fehler liege bei denen, die nicht einmal gut genug wären, um mit Affen umzugehen, und das sei wohl bei den meisten der Fall, die heute übers Wasser kämen. Zu seiner Zeit, vor zwanzig Jahren, da habe es zwar auch schon Grünhörner gegeben. Aber auch Elefanten und richtige Wilde. Die Löwen seien auf den Straßen von Buluwayo spazierengegangen, um dunkle Ecken flogen Kaffernspeere, und die hätten Männer aus den Grünhörnern gemacht, ob sie wollten oder nicht. Aber heute – Heute fange das schon an zu heulen, wenn nicht hinter jedem Busch ein Federbett und in jeder Wüste ein Tennisplatz stehe. Das alles komme von der Zivilisation und den vielen Weißen, die jedes Land verderben, auch das beste. Nordrhodesien fange nun auch schon an zu verphilistern, und da möchte man wohl wissen, wohin ein anständiger Abenteurer heute noch flüchten solle. Ja, wohin? Einer im Wagen war für Uganda, ein anderer für Deutsch-Ostafrika. Ein dritter kam eben aus Njassaland, wo er eine Weile nach Gold und Kupfer prospektiert hatte, und meinte, das wäre der richtige Platz für einen smarten jungen Mann. Ich selbst gab meine Stimme für Angola ab. Da horchten sie auf. Afrikabereist wie sie waren, war dennoch keiner in Angola gewesen. Denn was sollte einer dort wollen? Dort gab es nur Niggers und Portugiesen. Angola, das war der große, schwarze Fleck, um den man herum ging wie um etwas Unreines. Nun aber, da einer vor ihnen saß, der wirklich dort gewesen war, konnten sie nicht genug davon hören. Von Löwen, Leoparden, Einbaumkanus, von Sümpfen, Salzprozessionen und Negerpotentaten. Krank wie ich war, vergaß ich doch alle Krankheiten über solchen Erinnerungen, denen die anderen lauschten wie große Kinder, die sie auch waren, als echte Abenteurer. »Ja«, sagte einer, den sie Bill nannten, »das ist noch richtiges Afrika – Angola! Das ist noch ein Land. Das lasse ich mir gefallen! Ein bißchen zuviel war's schon. Das kann man Ihnen ja auf den ersten Blick ansehen. Sie sehen aus wie ein Buschgespenst. Aber eine schöne Reise muß es doch gewesen sein; eine ganz verdammt schöne Reise, wie ich kalkuliere. Und in diesem Winter werde ich auch nach Angola machen.« Ueber diesen Gesprächen kam wieder die Nacht, eine schwere, dumpfe, drückende Nacht. Das Heer der Sterne marschierte auf über der Steppe. Sanddünen wechselten ab mit weiten Flächen von großen, knorrigen Dornbuschbäumen, unter denen das hohe, gelbe Gras wie reifes Getreide wogte. Ab und zu sah man irgendwo ein rotes Feuer. Ab und zu hielt der Zug an einer kleinen Station, wo die Windpumpen eintönig in die Nacht hineinklankten und zerlumpte Kaffernkinder mit Melonen und Schakalfellen handelten. Von überall her drang der Sand durch die Ritzen und legte sich wie ein Teppich über alle Bänke und alle Menschen und in die Lungen der Menschen. Es war, als ob man wieder durch Südwestafrika fahre. Aber es war Betschuanaland. Und später Transvaal und Afrika überall, das ewig gleiche Land von Busch und Sonne. Im Morgengrauen aber vermischte sich das Licht des hereinbrechenden Tages mit dem der elektrischen Bogenlampen. Ungeheure Schutthalden standen grau und gespensterhaft in der Ebene, und überall machten Schornsteine und Wellblechbaracken die ganze Gegend zu einer einzigen großen Fabrik. Namen tauchten auf und verschwanden, Namen, die man irgendwo schon gelesen hatte in einem Kurszettel oder in einem Börsenbericht: » Ferreira Deep. – Cinderella Deep . –« Das stand da so nüchtern und farblos auf dem weißen Stationsschild vor einer Blechbude von einem Bahnhofsgebäude, als ob nicht Gold in diesen Namen wäre, und Glück und Unglück und Selbstmord und Selbstbetrug und Rausch des Besitzes. Als ob nicht immer wieder Tausende über ihnen fieberten, wenn sie mit zitternden Fingern im Kurszettel suchten. Und auf einmal fuhren wir zwischen hohen Häusern. Da waren wir in Johannesburg, der Großstadt von vierzig Jahren. – – Als ich dort ankam, hatte ich noch zehn Schilling in der Tasche. Und das ist sehr wenig, zumal in Johannesburg. Dafür hatte ich aber das Fieber. Und ein böses Bein und einen Kopf voll düsterer Gedanken, mit denen ich in dem Straßenlärm noch einsamer umherging als in der wildesten Wildnis des Barotselandes. Und nun soll ich die Geschichte noch einmal erzählen, die alte Geschichte von der großen Stadt und dem kleinen Schicksal, das lustlos durch die Gassen schleicht, vom Fieber in Johannesburg und einem Spital in Pretoria. – Wen interessierte es? So mache ich einen großen Strich durch diese Geschichten und nehme den Faden der Erzählung wieder auf in der Eisenbahn zehn Meilen von Kapstadt. – Achtundvierzig Stunden waren wir schon unterwegs gewesen von Pretoria, und da war keine unter diesen, die nicht Fahrgäste und Zugpersonal gleichermaßen in heller Aufregung gesehen hätte. Denn große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus: die »All Blacks«, die »Ganz Schwarzen«, hatten sich zum Feldzug nach Südafrika gerüstet. Das Vaterland war in Gefahr. Es galt, sich zum Kampf zu rüsten. Seit Wochen schrieben die Zeitungen von nichts anderem. Seit Tagen schrie es der Rundfunk in alle Welt. »Die ›Ganz Schwarzen‹ kommen!« Zwischen Pretoria und Johannesburg stieg die Begeisterung wie das Thermometer dortzulande. Wenn Südafrikaner begeistert sind, so wetten sie, und demgemäß hatte sich jeder schon nach allen Richtungen engagiert, als in Johannesburg ein Herr zustieg, der vermöge seiner Sachkenntnis sogleich das Gespräch an sich riß. – Ja, das könne man heute schon mathematisch voraussagen, wie das kommen würde! Er habe die letzten sechs Wochen nur zu diesem Studium verwendet und eine eingehende Analyse gemacht. Jim McGregor von den »Ganz Schwarzen« sei heute in großer Form. Tom Bowers dürfte wohl ein Tormann sein, dem Bill von den »Springböcken« nicht gewachsen wäre. »Wieso?« riefen die anderen entrüstet. »Wieso? Weil er es eben nicht ist! Und Ben kann sich nicht sehen lassen in der Fußarbeit neben Nat –« »Aber im Kopfschuß kann ihn doch kein Mensch in der Welt überbieten,« sagten mehrere wie aus einem Munde. »Das wird sich erst noch herausstellen«, fuhr der alte Herr zornig fort, »und Charley ist auch ein schwarzes Pferd und überhaupt will mir scheinen, daß man sich unsererseits doch nicht ganz des furchtbaren Ernstes der Lage bewußt ist.« Da waren nun wieder die anderen ganz anderer Ansicht, und so wurden in heftiger Gegenrede die Chancen abgewogen und in runden Summen gegeneinandergesetzt, während der Zug immer weiter raste über das sonnige Veldt von Transvaal, durch die Buschsteppen des Griqualandes und durch Nacht und Sterne über der Karu. Während draußen Namen aufleuchteten, die wie Diamanten funkelten. Kimberley, Lichtenburg ... Namen von Flüssen und Kopjes, die die halbverwischten Erinnerungen an die romantischen Zeiten des Burenkriegs weckten. Aber Nacht und Tag und Sonne und Sterne unterbrachen nicht das langatmige Argument, bis sie alles ausgeschöpft hatten bis zu den entferntesten Imponderabilien: die Anstrengungen einer langen Reise, der Einfluß einer fremden Umgebung auf die Stoßkraft eines jungen Mannes und inwiefern die eventuellen Nachwirkungen der Seekrankheit als Bundesgenossen für Südafrika in Rechnung zu stellen seien. Der dicke Herr meinte, es sei ein Ereignis, von dem man Kindern und Kindeskindern erzählen könnte, von dem man Epochen datiere in Südafrika, so eines wie Anno 1905, wo er auch schon dabei gewesen sei. – Ja, und er habe durch Protektion sogar eine Empfehlungskarte bekommen vom Kapitän in Pretoria. Sein Auto sei schon voraus gefahren nach Kapstadt, damit werde er dann den »Ganz Schwarzen« nachreisen auf ihrer Tournee bis nach Buluwayo und endlich, nach dem er das gesehen, beruhigt in die Grube fahren. So redete er weiter, und die anderen starrten ihn an mit unverhohlenem Neid. Er war ein Mann, der schon stark an der schattigen Seite der Fünfzig lebte, er war dick und unbeholfen, ein schwitzendes Ungetüm mit einer Glatze, die wie eine polierte Stahlplatte funkelte. Ich staunte ihn an, ihn und sein ebenso infantiles Publikum, und ich sagte mir: »Herr, führe mich zurück ins Barotseland!« Wählend sie noch so redeten, fuhren wir durch ein enges Tal, in dem Weinberge und herbstlich entblätterte Obstgärten standen. In der Ferne stand ein Berg mit einer Nebelkappe. Blau schimmerte irgendwo das Meer. Nun zogen die Bremsen an. Da waren wir in Kapstadt. – Kapstadt ist ein Ort, vor dem man den Hut sehr tief abnehmen muß. Von allen Städten, die ich kenne, ist Kapstadt vielleicht nicht die schönste, aber die eigenartigste in ihrer seltsamen Lage, die einem den Eindruck vermittelt, als ob sie vom Berge heruntergerutscht und halbwegs hängengeblieben wäre in einer Umrahmung von leuchtenden Gärten, umrauscht von süßen Winden, die frisch wie das Leben aus dem Meere aufsteigen, das von überall die weiße Brandung gegen die Felsenküsten wirft. Das »Wirtshaus der See« hat man schon vor Jahrhunderten diese Stadt genannt, und das ist ein sehr gut gewählter Name. Jahrhundertelang war »das Kap« dem Seemann niemals Selbstzweck, sondern immer nur Mittel zum Zweck gewesen, eine Etappe, eine Atempause, ein Markstein am Wege für die Ostindienfahrer, eine Hafenkneipe auf der Reise nach Batavia, in der lärmende Matrosen ihre schwer erworbenen Gulden vertaten. Deutsche, Holländer, Engländer, Franzosen, Malaien, Neger aus Sankt Helena haben sich hier fröhlich und gefährlich gemischt und ihre Sünden erbten sich fort und sind gewachsen wie die Wüste bis zum heutigen Tage. Das alles haust in der Vorstadt, die unter dem Namen »Distrikt Sechs« einen wenig beneidenswerten Weltruf erlangt hat. Es ist das Kapstadt, das nicht in den Fremdenführern steht, die Unterwelt, in der alles erlaubt ist, der Ort eines unheimlichen Kinderreichtums, die grauen Gassen, durch die die Armut mit zerrissenen Schuhen übel schlechtes Pflaster geht und das Elend eng zusammengehuddelt in schmutzigen Häusern haust. Wir gehen durch die Vorstadtstraßen, in denen die Häuser groß und grau in den Nachtschatten stehen und zerlumpte Kinder auf den Haustreppen sitzen. Billig, billig! schreit es aus allen Schaufenstern. Billig und schlecht ist die Aufmachung des Menschengewimmels, das da so dicht wie nirgendwo sonst in der Stadt im unsicheren Lichte der Laternen flutet. Ein paar mehr oder weniger verkommene Gestalten europäischer Abkunft – weiße Kaffern nennt man sie hierzulande – lungern vor billigen Speisehäusern. Aber im übrigen ist alles schwarz und braun und gelb, und was es sonst noch so an Farbennuancen auf menschlichen Gesichtern geben kann. Weiter geht man durch die Straße, zwischen Hausschildern, die sich lesen wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht oder doch wie Reklamebilder einer Zigarettenfabrik. »Ali Mohammed, Arabisches Kaffeehaus« steht über einer Haustür, vor der sich eine Schar Gassenbuben balgt, von der Sorte, die nachts um zwölf noch den »Star« in den Gassen ausschreit und in den kalten, nebligen Morgenstunden ihre Bleibe in den Türnischen, den Bänken und auf den Treppen der Kathedrale findet. Was ist es nur um diese gottverlassene Gegend? Auf dem großen, kahlen Paradeplatz, zu Füßen des altertümlichen Forts macht sich das Menschenungeziefer am breitesten, dort wo man zwanzig Bananen für einen Sixpence und eine Tüte Erdnüsse für einen Penny bekommen kann, in den Läden der Straßenhändler, vor denen im wilden Fackellicht über den schwarzen Gesichtern die roten Feze aufleuchten. Schwer ist es zu sagen, wo das Schwarz aufhört und das Weiß anfängt in dieser Masse, in der die Sünden der Väter sich heimsuchen seit Vasco da Gamas Zeiten. Kaffeebraune Gesichter gibt es hier, mit wunderschönen, mandelförmigen Augen, die einen vorwurfsvoll anschauen, wandelnde Vogelscheuchen neben farbigen Gentlemen mit fabelhaften Charlestonhosen weit geschnittenes Beinkleid und Krawatten von buntester Schönheit. Das alles gibt es auf dem Paradeplatz. Schwarz, Gelb und Braun. Neger, Malaien, polnische Juden, eng verbunden durch den dicken Saft ihres gärenden Bolschewistenblutes. Verlumpt und abgerissen hockt es um die Stufen eines stolzen Denkmals, auf dessen Sockel es weithin sichtbar geschrieben steht: » Never a king had more loyal subjects. « »Nie hatte ein König loyalere Untertanen!« Denn der Stein ist geduldig. Und es steckt Lüge auch in dem Geschwätz, das auf den Denkmälern steht. Doch ich will nicht zum hunderttausendsten Male eine Schilderung von Kapstadt geben. – Wenn ich bisher gedacht hatte, ich wäre der »Ganz Schwarzen« losgeworden mit dem Zuge, so wurde ich gleich eines andern belehrt. Schon in der Bahnhofshalle überfielen uns die Zeitungsjungen. »All Blacks! « Auf der Straße schrie es aus allen Schaufenstern. Die Menschen, die einem begegneten, sprachen von nichts anderem. » All Blacks! « Vor einem Gebäude stand die Menge in einer langen Reihe. Halb schlafend lehnten sie gegen die Wand. Andere hatten sich Stühle herbeigeschafft und dösten geduldig auf dem Sitze. – »Die warten hier schon zwei Tage lang, ohne die Nächte«, sagte einer. »Auf was denn?« fragte ich verwundert. »Auf Eintrittskarten zu den ›Ganz Schwarzen‹ natürlich.« Am andern Tage standen alle Räder still. Was irgend gehen und stehen und das Eintrittsgeld bezahlen konnte, das hatte sich draußen auf dem Spielplatz versammelt und die übrigen standen atemlos auf den Straßen, wo mächtige Lautsprecher den Fortgang des Spieles verkündeten. Unbeschränkte Infantilitis kindisches Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts! Und doch – es war wirklich so, wie jener Herr im Zuge sagte: Es waren Tage, von denen aus man Weltgeschichte datieren würde in Südafrika. Wenn ich je ein Stück Geschichte miterlebt habe, so war es dort in Kapstadt. Noch mitten in dem Ganz-Schwarzen-Rummel warf er seine Schatten voraus, der große Tag, der nichts weniger als das Ende des Begriffes »Britisch-Südafrika« bedeuten sollte, der Tag, an dem die alte holländische Oranjeflagge, die einst Van Riebeek hier zuerst geheißt hatte, von neuem aufleben sollte als Wahrzeichen von Südafrika, während der britische Union Jack nach dem Willen der neuen Machthaber von der nationalistischen Burenpartei auf immer niedergeholt wurde von den öffentlichen Gebäuden. Historische Tage haben wohl zumeist ursprünglich nicht den Schimmer der Romantik gehabt, den die Inbrunst so vieler nachfolgender Jahrestage darum zu weben vermochte. So wird man ganz gewiß auch in kommenden Jahrzehnten den 31. Mai 1928 als einen Tag der Begeisterung in Kapstadt nacherleben, obgleich man am Tage selbst nicht viel davon merkte. Und doch war es ein schöner Tag von der Sorte, wie selbst in Kapstadt nicht ein Dutzend auf ein Jahr gehen, und das will viel heißen. Ganz klar, in Sonne gebadet, mit einem tiefblauen Rivierahimmel – nein, mehr als das: mit einem kapländischen Himmel, den man erlebt haben muß, um ihn zu würdigen. Aber die Stadt, die noch eben gebebt hatte über den »Ganz Schwarzen«, lag dumpf und gleichgültig da. Kaum irgendwo sah man eine Fahne an den Privatgebäuden. Nirgendwo regte sich so etwas, was man auch nur als offizielle Begeisterung hätte ansprechen können. Und doch fühlte man den entscheidungsvollen Tag unter der dumpfen Maske der Gleichgültigkeit. Auf dem weiten Platz vor dem Parlamentsgebäude hatte sich eine ungeheure Menschenmenge, angesammelt; eine verbissene, mürrische, maulende Menge, die alles andere als begeistert war. Auf der Rampe des Parlaments hatte sich ein Kongreß von Burengeneralen versammelt. Alle Augenblicke glaubte man den alten Oom Paul auftauchen zu sehen. Aber siehe, es war der britische Gouverneur, der angefahren kam in einer fabelhaften Uniform. »Die hat er auch nicht für zehn Pfund auf Abzahlung gekauft«, maulte einer aus dem Publikum. »Südafrika hat jedenfalls nichts dazu bezahlt«, wies ihn ein anderer zurecht, »das kommt direkt aus der Tasche Seiner Majestät, des Königs.« »Und, warum, Herr, bleibt er dann nicht dort, wenn er so viel verdient?« unterbrach ihn hitzig der erste Sprecher. Um ein Haar wäre es schon hier zu einem Handgemenge gekommen, wenn nicht ein rechtzeitig auftauchender Schutzmann mit einem Gummiknüppel diese vox populi des Volkes Stimme zum Schweigen gebracht hätte. Indes lief droben die Vorstellung programmäßig ab. Der Premierminister General Hertzog, ein Typ wie ein deutscher Professor, hielt eine Rede auf Holländisch, dann kam die Reihe an General Smuts, den Deutschenfresser, eine spitzbärtige Mephistogestalt, die auch nicht nach einem General, geschweige denn einem Burengeneral ausschaute. – Kurzum, man sah viel Weltgeschichte auf einmal. Aber plötzlich donnerten in der Ferne die Kanonen. Die neue Oranjeflagge rauschte auf und flatterte in der Brise, die vom Tafelberg wehte. Da pfiffen die Engländer. Gleich darauf sah man über einem anderen Flügel des Gebäudes den Union Jack. Nun pfiffen die Buren. So verlief das große Ereignis inmitten kleiner Begeisterung. Aber es hatte ein kleines Nachspiel. In den Nachmittagsstunden sammelte sich eine von Minute zu Minute anwachsende Menschenmenge auf dem großen Platze vor der Festung, denn wenn es an diesem Tage etwas zu sehen geben sollte, so war es dort. Schon wochenlang hatten die großen englischen Zeitungen gedroht, gebeten und selbst das Gespenst der Revolution heraufbeschworen, falls es dort nicht nach ihren Wünschen gehen solle. – Hundertdreißig Jahre lang habe der Union Jack dort oben geweht als Herr über Südafrika. Man wage es, ihn niederzuholen, und man würde was erleben. Engländer sind Menschen, die nicht das Innere ihrer Seele auf dem Markte auszubreiten pflegen. Es kann einer ein ganzes Leben lang unter ihnen gelebt haben, ohne solchen Vorgang zu erleben. Ich selbst habe das nur einmal beobachtet und das war an jenem letzten Maitag, als über den Wällen der Festung zum erstenmal die neue Flagge sichtbar wurde. – Das waren keine Engländer mehr. Das waren Italiener, Portugiesen, die hier tobten. Von Minute zu Minute wuchs die Erregung. Vornehme Ladies – und das will schon etwas heißen – vergaßen all ihre Würde und fielen jedem um den Hals, der eine britische Flagge im Knopfloch trug. Autos, die über und über bedeckt waren mit Union Jacks, vermochten sich kaum einen Weg zu bahnen durch den Aufruhr. Immer wilder wurde die Szene, bis auf einmal etwas geschah, was eigentlich nicht auf dem Programm stand. Der »Sechste Distrikt«, die Unterwelt der Farbigen, meldete die Teilnahme an als ungebetener Gast. Erst kamen sie in einzelnen Trupps, dann in Scharen, dann wie eine schwarze Lawine, wie eine verderbenbringende Sturmflut, die aus den Außenbezirken hereinströmte. Neger, Mulatten, Malaien und sonstiges Mischvolk. Schreiend und johlend wälzte der Mob sich nach der inneren Stadt, überflutete die Kette der Schutzleute, die hilflos dastanden mit ihren Gummiknüppeln. An einer Straßenecke staut sich die Menge. Rot leuchten die Feze im wilden Fackellicht, das neben einer primitiven Rednertribüne brennt. An die Hauswand gelehnt steht eine schwarz-rot-gelb-grüne Fahne und daneben ein riesengroßes, grünes Plakat, auf dem in mächtigen Lettern zu lesen steht: »Afrika den Afrikanern! Afrikanischer Kongreß. Rache für den Mord der Bondelzwarts!« Hottentottenstamm in Südwestafrika Ein Redner ist eben dabei, einer andächtigen Menge dies alles noch mehr zu verdeutlichen, und während er seine Weisheit ausstreut, drängen sich immer größere Mengen um das Rednerpult. Denn dieses ist ein Erlebnis, ein Ereignis in dieser Unterwelt. Kadalie spricht ... Clements Kadalie, der Organisator der J.C.U., der farbigen Arbeiterunion. Er ist ein stattlicher Bursche, ganz der Typ eines farbigen Gentleman, mit roter Krawatte und schwarzem Gesicht, in dem die weißen Zähne funkeln. Er spricht schnell und hastig, in einem tadellosen Englisch, das der neben ihm stehende Dolmetscher anscheinend nur mühsam in eine guttural klingende Eingeborenensprache übersetzt. Und was er sagt, hat Hand und Fuß, wenn man es vom Standpunkt des Kaffern betrachtet. »Die Erde, mit allen ihren Früchten, meine Freunde, gehört nicht dem König von England, nicht dem General Hertzog, nicht dem Prinzen von Wales und nicht dem Herrn Thielmann Roos, sondern Gott! Merkt euch das und schließt euch uns an, die wir schon dabei sind, es zu merken. Organisiert euch, bewaffnet euch, und wenn die Stunde kommt, will ich der Feldherr sein!« Die Musik fällt ein bei dem Wort, und nun hören wir, nachdem wir oben die Fahne gesehen, nun auch die neue afrikanische Nationalhymne, deren Melodie uns bekannt vorkommt. Ah, es ist unser liebes, altes »O Tannenbaum!« Andächtig fällt die Menge ein. Nun spricht der Redner wieder. Nun rauscht der Beifall auf aus der grauen Menge. Nun wieder eine wilde Musik. Das und die seltsame Umgebung und die Nacht im wilden Fackellicht geben wirklich ein faszinierendes Bild. Es ist gut gespieltes Theater, berechnet auf die Phantasie des Schwarzen und aufgeführt im wilden Jazzrhythmus der afrikanischen Natur. Erwachendes Afrika? Rührt sich die schwarze Bestie? Man weiß bei diesem Volke nie, wo die Wirklichkeit anfängt und das Theater aufhört. Weiß man es auch bei den anderen, den Weißen? Sind sie nicht geneigt, alle schwarzen Gefahren zu vergessen über einer Tournee der »Ganz Schwarzen« aus Neuseeland? Oder doch nicht? Ich fing an darüber nachzudenken, während ich zum Kai hinüberging, wo der Dampfer bereitlag zur Fahrt nach einem andern Erdteil. Ja, sagte ich mir, da hast du wieder einmal Glück gehabt! Hast Weltgeschichte miterlebt und eine Flaggenheißung und eine halbe Revolution. Aber auch ein Fußballspiel und einen Lautsprecher und die »Ganz Schwarzen«. Und das ist tausendmal wichtiger in diesem Jahrhundert des Kindes. – 11 Der Hunger von Whitechapel An Bord bei »Bendigo« / Der Schrecken der »Einheitsdampfer« / Wenn man en gros ißt / Eine Orgie der Gefräßigkeit / Hoffnungsvolle Jünglinge / Eine angenehme Familie / »Dreadnoughtjungens« / Hans der Bierbrauer weiß alles / »Bei uns in Australien« / Verlockende Druckerschwärze / Das »Land der besseren Aussichten« / Schlechtes Wetter / Ein Schneegestöber/ Ein unheimliches Telegramm / Ankunft in Adelaide / Böser Anfang / Winter in Melbourne / Gespräch mit einem Heilsarmeegeneral / Ein düsterer Rundgang Das Erlebnis an Land war interessant gewesen. So interessant, daß ich darüber um ein Haar das Schiff versäumt hätte. Fahrplanmäßig hätte es schon fort sein müssen. Aber noch immer lag es groß und breit und schwarz am Kai. »Bendigo« stand am Bug zu lesen. »Noch einer«, sagte ärgerlich der Bootsmann, der mir die Karte abnahm. »Noch nie einen gesehen, der pünktlich war in Kapstadt.« Ich aber stellte zunächst meine Sachen auf das Verdeck und setzte mich darauf mit einem Seufzer der Befriedigung. Endlich wußte man einmal wieder, wo man hingehörte, hatte eine »Bleibe« für ein paar Wochen! Laut und herausfordernd heulte die Dampfsirene. Rasselnd kam die Ankerkette hoch. Draußen, auf dem Kai, lärmte eine Musik, die einen Heilsarmeegeneral verabschiedete. Ringsum war das fröhlich bittere Getue des Abschiednehmens, das immer irgendwie den Beigeschmack eines Leichenbegängnisses hat, und es war mir ordentlich wohl bei dem Gedanken, daß wenigstens hier in Afrika keine Menschenseele lebte, die sich den Teufel darum scherte, ob ich hier war oder nicht. Schon warfen sie die Leinen los. Kleiner und kleiner wurden die wehenden Taschentücher am Kai. Langsam drehte sich der große Dampfer in dem engen Dock. Noch einmal erweckte die Stimme der Dampfsirene ein Echo am Tafelberg, während die Flagge sich zum Gruß für die auf der Hafenmole senkte. – Bei Gott, ich glaube, ich war der einzige an Bord, dem es auffiel, daß es eine andere war als die, die sie zwei Tage zuvor bei der Einfahrt salutiert hatte! Draußen auf See überfiel uns der Westwind wie ein wildes Tier. Der Tag ging schon zur Neige. Lange Schatten lagen auf dem Wasser und die Fensterscheiben der Bungalows Sommerhaus der Europäer (ursprünglich in Indien) von Sea Point leuchteten auf im Scheine der untergehenden Sonne. Schwärzer als die hereinbrechende Nacht hob sich die felsige Küste des Kaps vom dunkelblauen Himmel ab. In der Ferne sah man schon die Leuchtfeuer durch die Abendschatten blitzen. Dann ging es weiter durch die sternhelle Nacht, in der nach dem Lärm des aufregenden Tages nichts das Einerlei störte als das Zittern der Maschine und das Summen des Windes im Tauwerk, bis endlich das Kap der Guten Hoffnung sich wie eine schwarze Tatze in das Meer hinausstreckte. Und das war das Letzte, was wir von Afrika sahen. Nirgendwo sind die Menschen mitteilsamer als auf den überseeischen Passagierdampfern. Mag einer ein noch so wunderlicher, verschlossener Sonderling sein, die große Langweile der hohen See führt ihn mit seinen Mitmenschen zusammen und macht ihn zu einem Gegenstand des Interesses für alle, die drei Wochen auf der Gotteswelt nichts zu tun haben als den lieben Mitmenschen zu beriechen, zu begutachten und über seine Vergangenheit und Zukunft zu spekulieren. Früher, in vergangenen romantischeren Zeiten, war das ein heroisches Vergnügen, an das man später mit einem nassen und mit einem heiteren Auge, meist aber mit ersterem zurückdachte. Ich könnte eine Geschichte über meine Zwischendecks schreiben, die schlimmer wäre wie die von meinen Gefängnissen. Einmal – als ganz junger Bursche – fuhr ich in Gesellschaft von Arabern im Zwischendeck nach Amerika. Das war scheußlich. Ein andermal vertraute ich mich einer Fahrgelegenheit an von Triest nach Buenos Aires, wo es dreimal pro Tag Makkaroni gab, die mich noch heute zuweilen verfolgen in meinen wildesten Träumen. Ein andermal zwischen Chinesen und Malaien mit zehn Tagen Quarantäne in einem abgelegenen Hafen, der heiß wie ein Backofen war – ja, man pflegte allerlei zu leiden und zu erleben im Zwischendeck damaliger Zeiten! Aber heute ist man human und demokratisch geworden. Selbst das Zwischendeck, das man früher verleugnet hatte wie eine arme Verwandtschaft, ein Nachtgespenst der christlichen Seefahrt, ist heute ein Gegenstand der Anbetung auf den Dampferprospekten geworden und schon ist man so weit, daß man als non plus ultra auf dem Wege dieser Entwicklung den Einheitsdampfer preist. Ein solcher war auch die gute »Bendigo« von der englischen P.u.O.-Linie. Gleich war hier alles, auch die Misere. Das ganze Schiff mit seinen endlos langen Promenadendecks hatte man zur Verfügung. Frei und stolz durfte man überall promenieren, ohne daß einem ein arrogantes » First class only « Nur für Fahrgäste erster Klasse! den Weg verbaute. Man durfte, aber man konnte nicht ohne die anstrengendste aller Gebirgstouren über alte Frauen, Kinderwagen, kleine Kinder, schnauzbärtige Waliser Bergarbeiter, die einen hinterher verfluchten vom Scheitel bis zur Sohle. Ein tolleres Pandämonium Aufenthaltsort böser Geister konnte man sich nicht gut vorstellen als unter dieser grauen Menschenmasse, die hier, ein Stück enttäuschtes England, nach Australien zog, von dem sie sich Berge und Wunder erhoffte. So teuer sind die Gebühren für die Durchfahrt durch den Suezkanal, daß die Auswandererschiffe von England lieber den alten, weiten Weg ums Kap der Guten Hoffnung nach Australien nehmen, immerhin eine Reise von etwa sechs bis acht Wochen, die jedermann an Bord Gelegenheit gibt, sich eine gewisse Routine anzueignen, auf daß er nicht zu kurz komme mit seinem gewohnten Plätzchen auf dem Verdeck und bei den Mahlzeiten. Vor allem bei den Mahlzeiten. Ich bin in meinem Leben schon an Orten gewesen, wo sie en gros gegessen und geschlafen haben, aber solche Orgien der Gefräßigkeit wie bei der Speisung der Zweitausend an Bord der »Bendigo« sah ich noch nie. Fern sei es von mir, hier etwas gegen das Volk der Engländer zu sagen. Es hat viele gute und lobenswerte Eigenschaften, aber in ihnen allen lebt der immanente Wunsch, nicht zu kurz zu kommen, wenn etwas verteilt wird, und womöglich noch etwas mehr zu erwischen als der liebe Mitmensch. Die Erziehung zum Gentleman leitet diesen an sich gewiß gesunden Instinkt in Bahnen, wo er nach außen nicht zu auffällig in Erscheinung tritt. Bei solchen Naturkindern aber, die eben erst aus der Wildnis von Whitechapel Vorstadt von London. kommen, tritt er mit einer Wucht zutage, die etwas Rührendes an sich hat. Dreimal täglich saßen wir in dem unendlich großen Speisesaal, der grau und düster dalag unter dem schweren Verdeck mit den dicken Nietköpfen an den Eisenplatten. Die Luft war dick dunstig, erfüllt von einer Atmosphäre unheimlicher Gefräßigkeit. » You just want to grab! « riet mir eine neben mir sitzende Dame gleich in der ersten Minute. »Sie müssen grabsen, sonst kommen Sie zu kurz. – Sehen Sie, gerade so –« Und damit stürzte sie sich auf eine Schüssel noch dampfender Brote, die eben der Steward auf den Tisch stellen wollte. Flink und entschlossen wie sie war, war sie es doch nicht genug, um zu verhindern, daß die Nachbarn alles wegschnappten, ehe sie Zeit hatte, den Satz zu beenden. Das gleiche geschah mit dem Fleisch, mit den Kartoffeln, dem Gemüse, der Butter. Zum Schluß kam noch ein mächtiger Teller Käse, den einer jener hoffnungsvollen Jünglinge, die man »Dreadnoughtboys« jugendlicher Draufgänger nennt, mit einer eleganten Handbewegung vor meinen und aller anderer Augen wegschnappte und in seinen weiten Hosentaschen verschwinden ließ. Die große, wohlgefüllte Kaffeekanne flog dabei über den Tisch, eine hysterische Frau goß mir den Inhalt ihres Tellers auf den Schoß, und kurzum: es war kein erfreulicher Anfang. Dabei war die Verpflegung an Bord der »Bendigo« sehr reichlich bemessen pro Kopf. Jeder konnte sich mehr wie sattessen an dem Gebotenen. Aber das war es nicht: Der Hunger von Whitechapel schaute ihnen noch allen aus den hohlen Augen heraus. Immer, und wenn ich hundert Jahre alt werde, sehe ich die saubere Familie vor mir, die drei Wochen lang dreimal an jedem Tage mir gegenüber am Tische saß, Vater, Mutter und drei Kinder. Gewiß eine ehrbare Familie. Aber – aber ist es denkbar, daß Menschen außerhalb des Barotselandes so ganz und gar das Dekorum vermissen lassen! Die beiden Eltern waren wenigstens noch so weit angekränkelt von Europas übertünchter Höflichkeit, daß sie, wenn auch mit größter Ungeschicklichkeit, Messer und Gabel in die Hand nahmen. Die drei hoffnungsvollen Jünglinge aber, die immerhin im Alter von neun, zehn und fünfzehn Jahren standen, waren erhaben über solche Dinge. Was immer auf ihren Teller kam – Fleisch, Kartoffeln, Gemüse – grabsten sie mit den schmutzigen Händen und würgten es hinunter mit einer Gier, die eines Menagerielöwen würdig gewesen wäre. So erlebte man sie dreimal an jedem Tage, die Wilden von Whitechapel, und in der Zwischenzeit hatte man Gelegenheit, sich Gedanken über sie zu machen, weil es sonst nichts zu tun gab. Früher – in vergangenen Zeiten, als Botany Bay noch der Popanz war, mit dem man in England die bösen Buben schreckte, da war Australien der so angenehm weit abgelegene Platz, auf dem England seine Verbrecher aussetzte; gewiß keine respektable Fracht für ein ehrsames Schiff, wenn die Soldaten mit entsicherten Gewehren auf Posten standen und in den lauen Tropennächten das Klirren von Ketten aus dem Zwischendeck kam. Immerhin war dabei so etwas wie Romantik. Nun haben sich wieder die Hinterhöfe von England aufgetan, nun speien sie wieder ihre Überflüssigen aus, die düsteren » Slums « Elendsviertel einer Großstadt von London, Liverpool, New Castle und Birmingham. Was immer dort auf der Straße lag, was jahrelang gestempelt, mit Heftpflaster gehandelt und Zigarettenstummel aufgelesen hat in grauen Vorstadtstraßen, das wird aufs Schiff gesetzt und fortgefahren als » assisted passenger «, staatlich unterstützter Auswanderer damit es in den fernen Kolonien ein neues Leben beginne oder vollends zugrunde gehe. – Gewiß ein guter und gesunder Gedanke und ein glänzendes Geschäft für das Mutterland, das seine zähesten Kostgänger so billig los wurde durch Kapitalisierung einer Halbjahresrente der Arbeitslosenunterstützung. – Wie aber dabei wohl die australische Rechnung aufgeht? Viele gibt es darunter, bei deren Anblick man sich kopfschüttelnd fragt, wie sie den Mut zu solchem Unternehmen fanden, angesichts ihrer offenkundigen Untauglichkeit. Und es ist auch nur die Verzweiflung, die aus ihren verhärmten Gesichtern schaut: »Fort, nur fort! Australien mag ein Fegefeuer sein, aber England ist die Hölle! Vielleicht werden es unsere Kinder einmal besser haben. Vielleicht – gewiß – werden sich die einmal alle Tage sattessen können, ohne zu hungern in der kalten Stube und zu frieren in dem Nebel vor den Arbeitsämtern. Und das in einem Lande, von dem man sagt, daß es den Krieg gewonnen habe. – Ah, verdammt der gewonnene Krieg!« Freilich hat das alles noch eine andere Seite. Jung ist Herr, auch auf den Auswandererdampfern. Da sind die schon vorher erwähnten »Dreadnoughtjungens«, eine Menschenrasse, keimendes Menschenschicksal, um das wir das britische Weltreich mit Fug und Recht beneiden könnten. Nicht jeder junge Erdenbürger wird geboren zu einem pensionsberechtigten Dasein, und sie könnten es auch nicht alle erreichen, selbst wenn sie wollten. – Ah, wenn ich daran denke, auf welch phantastischen Umwegen wir in jungen Jahren unsere Haut zu Markt getragen haben in fremden Tretmühlen, nur deshalb, weil wir Deutsche waren! Uns wird nichts geschenkt. Dagegen die Engländer! Wenn einer von diesen das Schicksal hat, einen widerspenstigen Sohn von abenteuerlicher Veranlagung zu besitzen, so braucht er ihn nur als »Dreadnoughtjungen« bei der Regierung anzumelden und eines Tages geht dann die Reise kostenlos nach Australien, wo dem Jüngling Gelegenheit geboten ist, sein Temperament zur Genüge auszutoben. Die Reise geht auf Regierungskosten, Unterkunft und Arbeitsstelle findet er bei seiner Ankunft vor. Er kommt sozusagen in ein gemachtes Nest. England ist seine unruhigen Geister los, Australien gewinnt ein erstklassiges Menschenmaterial und jedem ist geholfen, während sich bekanntlich kein Mensch in Deutschland um deutsche Jugend von gleicher Veranlagung kümmert. Man stößt sie aus dem Vaterlande, man schreibt sie ab vom nationalen Vermögen, man läßt sie hungern und leiden und verkommen auf fremden Landstraßen. Kein Verein, kein Verband unter den unzähligen, die wir haben, nimmt sich ihrer an, kein Konsul kümmert sich um sie – ja, und dann tut man wunder wie entrüstet, wenn solches arme Volk jedem Kalbfell nachläuft und jedem politischen Abenteurer die gierigen Rekruten stellt. – Freilich mag man nach Lage der Dinge wohl bezweifeln, ob diesen überhaupt zu helfen wäre. Zu raten ist ihnen sicher nicht. Denn wo gäbe es noch ein Wesen, das tiefer von sich und seinen Illusionen durchdrungen wäre, als ein deutsches Grünhorn auf der Fahrt ins Blaue! Da war z.B. an Bord der »Bendigo« Hans der Bierbrauer, ein Bursch von etwa zwanzig Jahren, stark und kräftig, wie Bierbrauer sein müssen. Und gewerkschaftlich organisiert. Der wußte ganz genau, wie es in Australien zuging, »bei uns in Australien«, wie er sagte, obwohl er in seinem Leben noch nie zehn Kilometer über die Stadt Dessau, oder wo er herstammte, hinausgekommen war. – Nun ja, bei uns in Australien, da ist das Arbeiterparadies, bei uns in Australien, da sind alle Menschen gleich und alle organisiert, bei uns in Australien darf einer dem Ministerpräsidenten auf den großen Zeh treten, ohne daß dieser aufzubegehren wagt vor dem Männerstolze, bei uns in Australien verdient einer in einem Tage so viel wie in Deutschland in einer Woche, da hat jeder Arbeitsmann sein Auto, jeder zweite seine Villa, jeder zehnte eine Vergnügungsjacht, laut Statistik hat er das. Bei uns in Australien wird man gratis versichert gegen alle Eventualitäten und pensioniert mit sechzig Jahren. Bei uns in Australien fängt das Weekend schon Freitagabend an und hört am Montagmittag auf. Vorerst. Später wolle man das noch verlängern. Und bis wann man dann wohl gar nicht mehr arbeite? fragte ihn ein richtiger Australier, dem ich das übersetzt hatte. »Vorerst noch nicht«, meinte Hans mit todernster Miene. »Später tun dann alles die Maschinen.« Der Australier ging fort und murmelte etwas von Sonnenstichen, aber Hans fuhr ihn wütend an. – Ob er denn etwas von Australien wisse? Er habe das alles studiert in einem Buche, gehört in einem Vortrag, gelesen in der Gewerkschaftszeitung, schwarz auf weiß selbst in den Propagandaschriften der australischen Regierung. Er ging nach seiner Koje und kramte unter dem Strohsack ein Bündel bunter illustrierter Schriften hervor von der Sorte, die man auf Reisebüros und amtlichen Propagandastellen zu Hausen nachgeworfen bekommt. Verlockende Bilder, in der Tat! Melonen, so groß wie Kinderköpfe, Pflaumen wie Kanonenkugeln, Äpfel mit vollen Backen, die so rot waren wie die der Menschen, die alle so herausfordernd gesund ausschauten – auf dem Papier. Darüber aber stand geschrieben: » Australia, the land of the better chance. « Das Land der besseren Aussichten. Das Land, in dem man wohl überhaupt noch einmal eine Aussicht haben würde. Ja, das war's! Das war der Gedanke, der diese graue illusionslose Masse zusammenhielt, der einzige trübe Stern, der sie begleitete auf ihrem langen Wege vom alten ins neue Land. – Fort, nur fort! Australien mag ein Fegefeuer sein, aber England ist die Hölle. Wer dachte an Reichtümer in diesem Zuge der Heimatlosen? Wer an das Locken der Goldfelder? Nur Arbeit wollte man endlich bekommen. Und eine feste Stelle, die es einem ermöglichte, wenigstens einmal noch im Leben von heute auf morgen zu Atem zu kommen, ohne ängstlich jeden »Bob« volkstümliche Bezeichnung des engl. Schillings zu zählen, ohne daß der Hunger von Whitechapel sich zu jeder Mahlzeit einlade und man sich schließlich selbst zum Überdruß werde in den langen, lungernden Stunden des trüben Nichtstuns vor den Arbeitsämtern. » Australia calls you! « Australien ruft dich! Ach, es war alles nur Druckerschwärze auf den Prospekten und das einzige Gewisse war der Kampf bis aufs Messer um das bißchen Dasein, wie überall heute in dieser unruhigen, friedlosen Welt. – Unterdes zog das Schiff seine Bahn, ruhig und stetig wie das Schicksal selbst. Schiffe, die vom Kap der Guten Hoffnung nach Australien fahren, sind gezwungen dem Monsun auszuweichen und bis auf fünfundvierzig Grad südlicher Breite herunterzugehen, um dort die große Westdrift zu erreichen. Es ist eine Gegend, die einst mit einem Schimmer der Romantik umwoben war in den alten Segelschiffzeiten der Tee- und Wollklipper, die hier mit vollen Segeln vor Wind und Wetter davonrasten, gehetzt vom reinen Schnelligkeitsteufel, der jedem modernen Motorradfahrer Ehre gemacht hätte. » Running Eastern down. « in wilder Jagd nach dem Osten Heroische, romantische, gefährliche Seefahrt. Im Zeitalter der Dampfer ist das anders geworden, aber die Stürme sind geblieben. Als wir ungefähr auf der Höhe der Kerguelen angelangt waren, nahm der vorher so herrlich blaue Himmel eine bleigraue Färbung an. Tausende von Möwen flatterten kreischend um das Heck des Schiffes. Eiskalt kam der Wind vom Eismeer her in wilden Böen, die schwarz über dem Horizont heraufstiegen. Etwas wirbelte in der Luft, etwas, an dessen Vorhandensein ich nicht mehr glauben mochte nach meinen Abenteuern in Afrika. Es war wahrhaftig Schnee! Richtiger Schnee, der da herniederschwebte und das Verdeck leer fegte von dem Menschengewimmel. Ich aber ging auf dem nun endlich von Kindern und Kinderwagen erlösten Verdeck auf und ab wie ein kleiner Kapitän und schaute auf die vorüberjagenden Wolkenfetzen, auf die Albatrosse, die mit dem Sturmwind segelten, und zum erstenmal seit der Abreise aus Kapstadt kam es mir zum Bewußtsein, daß ich auf einem Schiffe war. Acht Tage lang blieb uns dieses Wetter treu und entwickelte sich weiter zu einem Sturm und endlich zu einem regelrechten Orkan, der die Sturzwellen über das Verdeck jagte und ringsum das weite Meer in einen tosenden, brüllenden Aufruhr von fliegendem Wasserstaub versetzte. Aber plötzlich, als ob er darum gewußt hätte, legte sich der Sturm in dem Augenblick, als aus dem Dunkel der Nacht das erste Leuchtfeuer der australischen Küste aufblitzte. Noch zitterte das Wetter nach in einer schweren Dünung, die vom Süden heranrollte. Aber die Luft war so still, als ob die Natur den Atem angehalten hätte. Das Heer der Sterne schimmerte hell und groß und alles ringsum war so friedlich und still, als ob ein Segen ausginge von dem jungen Tage, dessen erster blasser Schein eben über dem neuen Lande aufstieg. Irgendwo spielte einer eine Ziehharmonika und man hörte die Stimmen der jungen Frauen, die dazu sangen: » Old folks at home ...« bekanntes englisches Lied, etwa: Ihr Alten daheim... Aber was wollte ich da eben noch erzählen von dieser Fracht von gehetzten Menschen, die dem Elend der Arbeitslosigkeit zu entfliehen glaubten? An jenem Morgen, als die Küste des gelobten Landes schon ganz nahe war und man die Häuser am Strande schon erkennen konnte, da standen sie vor dem Schwarzen Brett, wo die drahtlosen Reutertelegramme angeschlagen waren, und lasen kopfschüttelnd die Nachricht, daß die Regierung der Kolonie Südaustralien eine Anleihe von 3 500 000 Pfund bewilligt habe zur Beschaffung von Arbeit – für die Arbeitslosen! * Am späten Abend fuhren wir langsam an der hohen Känguruhinsel vorbei. Dann immer langsamer. Der Anker ging rasselnd nieder und wir lagen die Nacht über in der Bai von Adelaide, fernab vom Lande, von wo die Leuchtfeuer so anheimelnd blinkten nach so viel Wasser. – Von allen Beamten, die ich kenne, sind eigentlich die Zollbeamten mit ihrem Anhang die einzigen, die gewohnheitsmäßig früh aufstehen. So ließen sie sich denn auch beizeiten an Bord der »Bendigo« blicken, nicht zu unserer Freude, denn der Tag begann mit einem Wolkenbruch, das Wasser rann in Strömen von den Decksaufbauten herunter, und nirgends war ein trockenes Plätzchen für uns, die wir in endloser Schlange warteten auf das Belieben des Arztes, des Paßbeamten oder sonstiger Mandarine. Nicht ohne Grund maulten wir über den unfreundlichen Empfang, aber einer der Polizeibeamten meinte, dazu läge gar kein Grund vor, im Gegenteil. Hierzulande würden sie dem lieben Gott auf den Knien für so etwas danken. Hierzulande würde jedermann gerne acht Tage lang im Regen stehen, wenn er nur anhalten wolle, denn seit zwei Jahren sei nichts mehr vom Himmel gekommen außer ein paar armseligen Tropfen. Wie alles, so geht selbst eine Schiffskontrolle einmal zu Ende, und gerade, als der Regen aufhörte, wurden wir losgelassen auf Australien und alles das, was wir uns davon versprachen, eine Ladung von Grünhörnern, die aus der Regelmäßigkeit eines mehr oder minder beschaulichen Daseins plötzlich herausgerissen worden waren in das große Abenteuer der neuen Welt, vor der sie ratlos standen wie einer, der eben auf einem fremden Planeten gelandet ist. Es war noch nicht Adelaide, wo wir uns befanden, sondern der Hafen Port Adelaide, den man hier draußen errichtet hat, da die tiefergehenden Schiffe die Stadt selbst nicht anlaufen können. Es ist ein Ort, der im wesentlichen aus Wellblech besteht, ganz geschäftsmäßig, mit sehr viel Verkehr. Was aber einem seebefahrenen Mann an dem Hafen selbst am meisten auffallen mußte, das waren die ganz primitiven, eines viertklassigen Hafens würdigen Vorrichtungen zum Löschen der Ladung, die noch nach der Großväter Methode aus wackligen Dampfkranen bestanden, nebst Handkarren, mit denen die Güter aus den Lagerschuppen herangerollt wurden. Ich schaute mir das an und schüttelte den Kopf, worauf ein sehr klassenbewußter Australier mich aufklärte über diese Ungereimtheiten. »Ja, das haben die Gewerkschaften so gewünscht.« »So, so«, sagte ich. »Sieh mal an! Und warum haben sie das gewünscht?« »Warum, Herr? Eben darum! Glauben Sie, daß die sich so ohne weiteres um ihre Posten bringen lassen? Wir leben doch in einem freien Lande. – In einem ganz verdammt freien Lande, Herr!« Der Sinn der Rede leuchtete mir nicht gleich ein. Ich übersetzte sie Hans, dem Bierbrauer, der dabeistand, und mir alsbald unsanft auf die Schultern klopfte. »Ja, da sieht man's wieder! – Mensch, Australien!« Australien! Mich selbst hatte so eine Art Rausch erfaßt, als wir dann mit der Eisenbahn landeinwärts fuhren, um der Stadt Adelaide einen Besuch abzustatten. So frisch, so lebendig, so neugewaschen sah die Landschaft aus nach dem großen Regen, von dem noch allenthalben die dicken Tropfen in der hellen Sonne blinkten. Sonst aber war es eine nüchterne Landschaft, in der nur das Bunte der Reklameschilder leuchtete und die Pracht der Benzinstationen. Da und dort sah man einen Gaskessel oder eine Erzschmelze, die aus hohen Schornsteinen den giftigen Rauch in den grauen Himmel schickte. Allenthalben war es eine große Wellblechromantik, so eine Art Bungalow-Bohemia, wo das Gras in grauen Pfützen wucherte und ein Interieur von Kinderwiegen, Vogelkäfigen, schmutziger Wäsche und leeren Whiskyflaschen sich fröhlich ausbreitete zwischen baufälligen Hütten, die einen lebhaft an die Worte des Regierungsprospekts erinnerten, daß mehr als die Hälfte aller Australier als Eigentümer in ihrem Hause wohnt. Kunststück, bei solchen Häusern! Doch schon fuhr der Zug in die Bahnhofshalle von Adelaide ein. Adelaide ist eine sehr schöne, sehr stolze, von sich eingenommene, sehr langweilige Stadt; eine gute Stadt zum Sterben, wie man zu sagen pflegt. Eine von den Städten, die überall aufhören und nirgendwo richtig anfangen. Allenthalben ist ein Überfluß von Bäumen, Boulevards und Gärten und eine Inflation von Denkmälern, auf deren Stufen sich die Vagabunden sonnen. Aber zahlreicher noch sind die Kirchen in dieser gottgefälligen Stadt. Es ist ein Edinburgh in verkleinerter Ausgabe. Aber ein Edinburgh mit einem Schuß Broadway, mit hemdsärmeligen Gentlemen, gummikauenden Ladies, und jedes dritte Geschäft ein »Sodafountain« von der Art, wie sie drüben ins Kraut geschossen sind in der Treibhausluft der Prohibition. So ist es überall ein ersetztes England, ein verwässertes Amerika, aber alles sehr behaglich, sehr breitspurig, sehr respektabel, ohne die Hast des Yankee und ohne die fressende Sorge, die einen in den grauen Gassen englischer Städte aus allen Augen anzuschauen scheint. Oder doch? Während wir noch auf dem großen, schönen Victoria Square standen, kam Unruhe in die respektable Straße, die plötzlich leer gefegt war, als ob die Wolken daran schuld wären, die sich plötzlich vor die Sonne legten, als ob es der Herbstwind wäre, der auf einmal so eisig über den Boulevard kam. Und nun war es ganz wie oft bei uns in Europa: Polizei, Gummiknüppel, eine graue Masse, die im Gleichschritt dahermarschiert kam. Tausend, zweitausend Menschen oder mehr. Zweitausend verbissene Gesichter und darüber ein mächtiges Schild, auf dem es in großen Buchstaben zu lesen stand: »Bürger, wißt ihr, daß der Hunger in eurer Mitte hockt?« Vorbei ging der Zug, ohne Musik, fast ohne einen Laut außer dem Gleichschritt der Menge; eine bittere, verbissene, eine schäbige Angelegenheit wie der Wolkenschatten vor der Sonne. Lange schaute ich ihnen nach. »Jedem Arbeiter sein Automobil, jedem zweiten seine Villa.« – »Das sind die Richtigen«, murrte einer, der neben mir stand. »Keine Arbeit? Nichts zu essen? Ist etwa schon einmal einer verhungert in diesem Lande, der es der Mühe wert hielt, drei Schritte darum zu laufen? – Aber nicht die! Das hungert lieber in der Stadt, als daß es draußen im Busch ein anständiges Tagewerk tue. Mit Knüppeln könnte man die nicht aus Adelaide hinausjagen.« Ich hörte ihn an. Ich antwortete nicht. Aber ich hatte Stoff zum Nachdenken, während ich langsam zum Schiff zurückging. Am andern Morgen fuhren wir bei Tagesgrauen im Hafen von Melbourne ein. Es regnete wie tags zuvor bei der Ankunft in Adelaide; ein feiner, durchdringender Regen. Auf dem Wasser lag der Nebel so dick, daß man ihn mit Händen greifen konnte. Ganz langsam tastete der Dampfer sich vorwärts durch die enge Flußrinne, während die Dampfsirene heulte. Links und rechts standen die grauen Fabriken und die hohen Schornsteine, vom Nebel ins Gespensterhafte verzerrt. Von überall kam der Lärm der Hämmer auf den Werften und der rasselnden Krane an den Docks. Es ist, als ob man elbeaufwärts nach Hamburg fahre. Und es ist keineswegs ein Minaturhamburg, sondern im Gegenteil könnte man Hamburg ein Minaturmelbourne nennen. – Woher das kommt, wovon das lebt in diesem unentwickelten Kontinent von sieben Millionen Einwohnern? Immer wieder, wenn man aus Europa herauskommt, hat man Gelegenheit zu melancholischen Betrachtungen darüber, wie sehr das Zentrum dieser Welt sich in den Nachkriegsjahren verschoben hat nach anderen Zonen und wie gerade in Ländern, die man vorher nur als Hinterhöfe der Zivilisation anzuschauen pflegte, die Millionenstädte ins Kraut zu schießen beginnen. Mehr noch als anderwärts ist die Großstadt der Gott des Australiers. Sein Gott und sein Teufel und der sichere Untergang des Landes, wenn das so noch eine Weile weitergeht. Als die »Bendigo« am Kai festlegte, lärmte dort eine mehr herzhafte als melodische Musikkapelle, und in die graue Regenluft stiegen die Hymnen der Heilsarmeesoldaten, die unseren General begrüßten. So war wenigstens etwas da, um uns aufzuheitern, und das hatte man nötig, denn wir schrieben Ende Juni, und es gibt keine frostigere, freudlosere Stadt als Melbourne im Winter. Wer einmal Italien zu solcher Jahreszeit besucht hat, der weiß, was man leiden kann in einem Lande, in dem es niemals kalt genug ist, um ein anständiges Feuer im Ofen zu rechtfertigen und immer so kalt, daß man eins wünschen möchte und wo man den Menschen alles lehren kann, nur nicht das Schließen der Türen und Fenster. So ist das auch in Melbourne im Juni, nur noch tausendmal schlimmer für den Einwanderer, der alles, nur das nicht erwartete. Sonniges Australien! In keinem Hotel, in keinem Gasthaus gibt es einen anständigen Ofen oder sonstige Heizung, abgesehen vielleicht von einem kümmerlichen Feuer in einem Kamin, das meist auch nur eine grausame Vorspiegelung falscher Tatsachen mit künstlichen Kohlen und elektrischem Lichteffekt ist. Da es für die wenigen kalten Tage nicht die Mühe lohnt sich für den Winter einzurichten, sucht man durch eine Art Massensuggestion den Glauben zu erwecken, als ob es noch Sommer wäre. Aber es ist ein Glaube, der nicht selig macht. Man sitzt im Café, im Restaurant, wo Türen und Fenster sperrangelweit aufgerissen sind und jeder Atemzug eine weiße Wolke in der eisigen Luft formt. Ah, um ein anständiges Wirtshaus! Aber heute ist Sonntag, ein öder englischer Sonntag, über dem die Häuser selbst das Gähnen bekommen. Die Straßen sind leer, die Läden geschlossen, nicht einmal ein Kino ist geöffnet. – Aber da steht es groß geschrieben: » Peoples Palace «, Volkspalast Heilsarmee. » Come in! « Tritt ein! Gute, alte Salvation Army! Heilsarmee Mehr als einmal war sie mir schon Wärmehalle gewesen auf mancher wilden Wanderfahrt. Ich setzte mich neben die Dampfheizung, die wohlige Wärme ausstrahlte, während sich die anderen durch das dicke Gesangbuch von Moody und Sanky von Anfang bis zu Ende durchsangen. Endlich ging eine Unruhe, ein Rücken von Stühlen durch die Menge. Der Reverend sprach das Schlußgebet. Ich schaute mir ihn richtig an. War das nicht unser General? Er war es. Er hatte mich erkannt und kam auf mich zu. » How do you do? ?« Wie geht es Ihnen? Ich sagte, daß es mir augenblicklich nicht erfreulich zumute sei und daß, nach allem, was man sehen konnte, auch noch andere in Melbourne noch weit mehr Ursache hätten, sich zu beklagen. »Das mag wohl sein«, meinte der General, »zwanzigtausend liegen allein hier in Melbourne auf der Straße ohne einen Penny und mit nichts als einer Heilsarmeesuppe.« »Hier, in dem großen, leeren Land und einem Auto auf drei Einwohner?« »Das mit dem Auto mag vielleicht stimmen«, fuhr der General nachdenklich fort, »ich kenne mich da nicht aus in den Statistiken. Aber daß ein paar Tausend trotz Auto nichts zu essen haben in diesem Winter, das weiß ich, und Sie werden sich auch davon überzeugen, wenn Sie mit mir kommen wollen auf meinem Rundgang heute abend.« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und so ging ich dann bei sinkender Nacht mit dem General, der, wie sich nachher herausstellte, gar keiner war, sondern ein Oberst, Major, Kapitän oder so etwas, die Kingstraße hinauf ins Hinterhaus von Melbourne, wo die Wirtshäuser billig sind und das Elend seinen Kummer in Bier ersäuft, das man zu drei Penny pro Glas erhält. Vor den verschlossenen Türen der Arbeitsbüros lungerten noch immer die Habitués mit verkniffenen, hartverbissenen Gesichtern, in Überziehern, die zu schäbig fürs Pfandhaus waren, mit krummen Beinen, die müde waren vom Eckenstehen. Vor der Suppenküche warteten Hunderte in langer Schlange geduldig auf ein wenig warme Brühe, die kaum zu viel zum Sterben war. Irgendwo hatte es einer mit großen Kreidebuchstaben an die Wand geschrieben: » Unemployed – Unite and fight! « Arbeitslose – Kämpft vereint! Was ist es nur um dieses Land, das alt ist, noch ehe es jung gewesen? Wir gingen weiter durch die Straßen. Der Wind wurde frostiger und schärfer. Von Suppenküche zu Suppenküche und endlich in ein großes, düsteres Lokal, in dem an endlos langen Tischen en gros gegessen wurde und über allem eine dicke, muffige Armeleuteluft lag, wie ich sie vor- und nachher nur noch einmal zu riechen bekam, und das war in einem bolschewistischen Speisehaus in Sibirien. »Die alle hier im Saale«, sagte der Heilsarmeeoffizier, »wenn Sie sie umstülpen hier auf der Stelle, so fiele nicht ein Sechspencestück heraus.« »Wirklich? Und wie erklärt man sich so etwas in diesem neuen Lande?« »Zu viel Staat«, meinte er mit unwilligem Kopfschütteln. »Zu viel Regiererei, zu viel Sichhineinmischen in alle möglichen und unmöglichen Verhältnisse, zu viel soziales Gewissen und zu wenig Barmherzigkeit. Das bringt auf die Dauer das beste Land auf den Hund.« Nachdenklich ging ich nach Hause. Und ein wenig verwirrt. Wohin nun zuerst in diesem Lande Australien, das offenbar so ganz anders war, als ich es mir bisher vorgestellt hatte? Tasmanien schien mir zuerst als das Richtige. Ein gemütliches, angenehm weit abgelegenes Inselland voll alpiner Romantik. – Aber in Tasmanien war es noch kälter als in Melbourne, der Wind noch rauher, der Nebel noch dicker, und wer weiß, ob sie dort Öfen haben? Wie angenehm warm war dagegen der Norden von Neu-Süd-Wales! Wie heiß schien die Sonne in Queensland! Also kaufte ich mir eine Fahrkarte und fuhr, soweit die Eisenbahn ging, nach dem Innern, »in den Busch«, wie man in Australien sagt. 12 Paradies der Landstreicher Man hat Zeit in Mildura / Ein Pferdekauf / Rosinante / Ein »ganz verdammt gutes Pferd« / Am Murrayfluß / Paradies der Landstreicher / Eine schwere Kunst / Etwas über den Gummibaum / Unheimliches Nachtlager / Seltsame Schlafgenossen / Der »Lachesel« / Cockeyland / Automobilisierte Schafzucht / Der tote Wald / Modernes Arkadien / Auf der »Station«, Bei den Bündelmännern / Sie weihen mich in ihre Geheimnisse ein / Ein weiser Rat: Nur nicht arbeiten! Mildura heißt die aufblühende Stadt, deren Bahnhofsgebäude sich im Grauen des Tages aus den Nachtschatten absonderten. Hier hielt der Zug, denn es war ohnehin die Endstation. Ich stieg aus und betrachtete mir die Gegend. Das war also Australien! So sah das Landleben bei den Antipoden aus. Ein langgestreckter Ort mit sehr viel Wellblech, sehr viel Stacheldraht, und hie und da ein paar niedrige Palmen, die es einem zum Bewußtsein brachten, wie heiß es hier sein mußte in der Glut des Hochsommers. An jenem Wintermorgen aber war es eiskalt und es war, als ob der ganze Ort sich gekuscht hätte unter dem Reif, der in der frühen Sonne auf den Dächern funkelte. Langsam ging ich durch die breiten Straßen, an denen zu beiden Seiten die Telegrafenpfosten hoch wie die Galgen standen. Ungefähr jedes dritte Haus war ein Wirtshaus, jedes vierte eine Automobilgarage. Und selbstverständlich fehlte da nicht das war memorial , das Kriegerdenkmal mit den beiden davor aufgepflanzten eroberten Hunnenkanonen, die sie herausgeklaubt hatten aus dem Schrotthaufen von 1918 als Wahrzeichen australischer Tapferkeit für kommende Geschlechter. Das alles sah sehr behäbig und breitspurig und sehr, sehr langweilig aus. Kaum erwähnenswert, und ich tue es auch nur deshalb, weil ich damit ein für allemal alle australischen Landstädtchen beschrieben haben möchte, ob sie nun Mildura oder Menendie oder Walla Walla oder Wagga Wagga heißen. Wenn man eine gesehen hat, hat man sie alle erlebt. Es ist ein Land, in dem sie spät aufstehen und ausgiebige Siesta halten, weil die Leere des Daseins das Wachsein nicht lohnt. Die Sonne war schon ein erhebliches Stück über den Horizont gekrochen, ohne daß etwas Lebendes zu sehen gewesen wäre außer einigen verlorenen Hunden und Ziegen, die sich an umherliegenden Zeitungen gütlich taten. Es wurde acht Uhr und noch stand ich hungrig und frierend vor verschlossenen Türen. Erst gegen halb neun zeigten sich gähnend die ersten Hausbewohner. Das erste Leben ging durch die Gassen und erinnerte mich daran, daß ich wohl auch zu irgendeinem Zweck hierhergekommen war. – Weshalb nur? Was wollte ich in Mildura? Ausgerechnet in Mildura? War es der Rausch der weiten Entfernung? War es der Klang des weichen Namens? Oder nur eine Chimäre? Inzwischen hatte auch das Wirtshaus seine Pforten geöffnet und der Bartender betrachtete mich neugierig. Denn Fremde sind ein Ereignis in Mildura. Wo ich mein Auto gelassen hätte? wollte er wissen. Ich sagte ihm, daß mein Auto vorerst noch auf zwei Beinen laufe, daß ich aber nicht abgeneigt wäre, ein Pferd zu erwerben als Reisegelegenheit für den Busch, worauf dann der Wirt, der ohnehin ein bißchen taub war, die Ohren spitzte und die Stirn in düstere Falten legte. »Wie sagten Sie? Ein – Pferd?« »Gewiß doch. Ganz richtig. Ein Pferd.« Noch einmal starrte der Wirt mich an mit großen Augen. Dann verschwand er kopfschüttelnd hinter der Theke, kam aber gleich wieder zurück mit einem Mann, der aussah wie ein Preisboxer und eine Stimme wie ein Erdbeben hatte. » What is it you want? « Was wünschen Sie? herrschte er mich an. »Einen Ford wollen Sie kaufen?« »Nein, ein Pferd.« »Sonst nichts? Pferde gibt es hier genug zu laufen. Da ist kein Mangel. Aber wer wollte denn eins kaufen? Denn erstens gibt es weit und breit kein Futter und zweitens kommt man billiger weg, wenn man eine alte Blechliese kauft. – Ho, ho! Ich habe hier den ganzen Hinterhof vollstehen, von Gästen, die das Zahlen vergessen haben. Fords, Buicks, Chevrolets ... Da braucht man sich nur auszuwählen.« »Leider verstehe ich nichts von Autos«, sagte ich wahrheitsgemäß, worauf er mich von Kopf bis zu den Füßen maß mit einem Blick, in dem eine Welt der Geringschätzung lag. »Als ob es da etwas zu verstehen gäbe! Man setzt sich eben darauf und fährt los. So tut man das in Australien.« »Sicherer ist aber schon ein Pferd, wenn es nicht zu wild ist«, meinte ich. »Für ein Grünhorn wohl«, meinte er mitleidig. »– Heda, Bill! Hast du deine alte Stute noch?« Dies an die Adresse eines rothaarigen Irländers, der hinter einer Flasche Whisky vor dem Kamine kauerte. Bill kam gleich herbei und erklärte sich unter Freuden bereit, mir seine Stute anzubieten und vorzuführen. »Ein verdammt gutes Pferd«, sagte er, »es hat einmal fünfzig Meilen pro Tag gemacht vor zwanzig Jahren.« Inzwischen hatte sich aber die Kunde herumgesprochen. Die vor der Bar versammelte Kundschaft spitzte die Ohren. »Ein Pferd? Aber mit dem größten Vergnügen! Zwanzig Pfund samt Wagen und Geschirr.« – »Fünfzehn Pfund«, rief eine andere Stimme. – »Zwölf Pfund!« – »Zehn Pfund!« Mehr Kundschaft kam von draußen herein. Die Nachricht hatte sich blitzschnell herumgesprochen. Denn in Mildura ist, oder war wenigstens damals vor einem Jahre, die Flucht vor dem Pferde noch ausgeprägter als anderswo. Seit zwei Jahren hatte es sozusagen nicht mehr geregnet, die Weide war dürr, das Geld war rar und der Whisky teuer. Darum fort mit den unnötigen Fressern! Die ich rief, die Geister, wurde ich nicht mehr los. Wohin vor dem Schwarm der eifrigen Verkäufer? Während des ganzen Vormittags wanderte ich durch die Straßen, umgeben von einer Wolke von Roßtäuschern. Auf offener Straße hatten sie mehr als zehn kleine, zweirädrige Kutschen aufgefahren, denen gegenüber ich ein pferdeverständiges Gesicht zu machen versuchte, das jedoch keinen Menschen täuschte. Es war eine gemischte Gesellschaft. Ruppig, struppig, mottenzerfressen, galvanisierte Leichen, die eben noch auf vier Beinen stehen konnten neben anderen, die bösartig schnaubend einem die alte Weisheit bestätigten, daß ein Pferd ein wildes Tier ist, das dem Menschen nach dem Leben trachtet. Zwischen beiden Extremen war am Ende auch nicht allzuviel Auswahl, und so erstand ich schließlich einen ganz annehmbaren kleinen Wagen mit einer ausgehungerten, melancholisch dreinschauenden Stute, die auf den stolzen Namen Nelly hörte, sogleich aber umgetauft wurde auf einen anderen, der mir besser zu passen schien. Rosinante. Don Quichotes Pferd, alter Klepper Solches Gefährt nennt man in Australien einen » turn out «. Es ist das gewöhnliche Beförderungsmittel des Wandersmanns im Busch, sofern er es nicht vorzieht, den »Billy« selbst über Land zu tragen. Alles in allem waren zehn Pfund ein billiger Preis für Pferd und Wagen, aber wenn ich bisher gedacht hatte, daß damit das Geschäft perfekt wäre, so bewies das nur, daß ich noch nicht lange genug in Australien war. Wer ein Geschäft abgemacht hat in Mildura, der ist verpflichtet zu »brüllen«, wie der Fachausdruck lautet. So will es der Brauch seit undenklichen Zeiten, und also mußte ich »brüllen« für die ganze Gesellschaft von Roßtäuschern, die alle einen erstaunlichen Durst auf meine Kosten entwickelten. Zwei weitere von meinen Pfunden waren durch ihre Gurgeln gegangen, als die Heilsarmee auf der Straße vor dem Eingang zur Bar aufmarschierte und der Kapitän einen Vortrag über die verderbenbringenden Wirtshausgewohnheiten hielt. Die Gelegenheit benützte ich zu einem französischen Abschied.– Am anderen Morgen holte ich frühzeitig meine Kutsche und in flottem Trab ging es über den großen Murrayriver hinüber nach Neu-Süd-Wales. Und während nun Rosinante rüstig ausgriff und die Strahlen der frühen Morgensonne wie ein Goldregen durch das Blätterdach der Gummibäume fielen, machte ich in Gedanken noch einmal Inventur von den schönen Dingen, die ich mir erstanden hatte in diesen Tagen: dem Wagen, dem Pferd, dem Zelt, dem Kochtopf, und kam mir dabei schon ganz wie ein alter Australier vor. Ich war eben noch nicht lange genug im Busch, um es besser zu wissen. – Und gleich hier muß ich eine Abschweifung machen zu Betrachtungen allgemeiner Natur, in deren Verlauf ich einige Schlußfolgerungen vorausnehme aus dem, was ich nachher erleben sollte: Australien ist ein Erdteil, den ich meinen – wie soll ich mich da wohl ausdrücken? – meinen Mitvagabunden aufs angelegentlichste empfehlen kann. Das Land ist groß, das Leben leicht, und der müßte es ungeschickt anfangen, der verhungern wollte, wo andere etwas zu essen haben im Busch. Bett und Kochgeschirr muß freilich jeder mit sich bringen. So sieht man sie denn fleißig auf allen Straßen pilgern mit »Swag« und »Billy«. Letzteres ist der Fachname für den rußigen Kochtopf. Der »Swag« dagegen ist eine Rolle von Decken, in die man das hineinpackt, was der deutsche Landstreicher die Klamotten nennt. Das Rollen eines solchen Swags ist eine Kunst, die man nicht am ersten Tage lernt, und als ich mich aus dem Bahnhof von Mildura zum erstenmal darin versuchte, wollten sich die umherstehenden Kenner halb totlachen über meine Ungeschicklichkeit. Später ging es dann besser, aber ein perfekter »Swagmann« bin ist trotz aller Bemühungen doch nicht geworden in der kurzen Zeit. – Weiter ging die Reise mit dem Karren. Mildura lag weit zurück und ringsum begann nun ernstlich der Busch. Manches versteht der Australier unter diesem Gesamtnamen. Bald ist es hoher Wald, bald dichtes Gestrüpp, bald weite, offene Ebene, in der nichts als Gras und nicht zuviel davon zu sehen ist. Aber immer ist es eine Landschaft, über der das Gefühl der Weite und der Menschenleere schwer und drückend, fast wie etwas körperlich Greifbares hängt. Es ist ein Land, an das man sich erst gewöhnen muß. Stellenweise erinnert es sehr an die Weideflächen Südpatagoniens, nur mit dem Unterschied, daß hier die Sonne das Leben geradeso aussaugt wie dort die eisigen Kap-Horn-Stürme. Wohin man schaut, sieht man nur Gras und Drahtzäune und rote Sanddünen. Man schaut und schaut in die dürre, kahle, staubgeschwängerte Landschaft, man sieht die trügerischen Luftspiegelungen, die über dem heißen Horizonte zerrinnen, bis man endlich müde wird vom Schauen und die brennenden Augen schlicht, derweilen das Pferd verschlafen weitertrippelt. Durch solches Land ziehen sich die Flüsse wie Wesen aus einer anderen Welt. In ganz Australien gibt es nur zwei, die der Rede wert sind: der Murray und sein Nebenfluß, der Darling. Der, der vorerst meinen Weg begleitete, war der Murray, ein großer oder genauer gesagt – um mich der Buschsprache zu bedienen – »ein ganz verdammt großer Fluß«, ein kleiner Mississippi aus australischer Erde. Gelb wie Erbsensuppe war das Wasser, das einem immer wieder die Frage vorlegte, wo das denn alles herkommen mochte in diesem knochendürren Lande, in dem man weinen möchte um jeden Wassertropfen, der ungenützt ins Meer hinunterfließt. Auf seinem ganzen Lauf ist das Flußbett tief eingeschnitten zwischen Lehmbänken und hohen, oft mit seltsamen Muschelversteinerungen durchwachsenen Kalkwänden, auf die die mächtigen Gummibäume scharfe, schwarze Schatten werfen. Gummibäume haben mit Gummi nichts zu tun. In anderen Ländern werden sie Eukalyptus genannt. Wer von Australien erzählt, der kommt bei seinen Betrachtungen immer wieder zum Gummibaum zurück, denn er ist es, dem man überall begegnet, das Ding, ohne das man sich Australien überhaupt nicht vorstellen kann. Er wächst in Wäldern auf Flächen, die kaum dem Grase ein dürftiges Fortkommen gestatten, er ist fast der einzige Bestandteil der Galeriewälder, die sich wie Schatten an den Flußläufen hinziehen. Der vorsichtige Reisende im Busch, zumal der Anfänger, der sich aufs Finden der Wasserstellen nicht versteht, hält sich bei seinen Wanderungen wenn irgend möglich an diese Flußwälder, die in der Tat Gelegenheit zum Kampieren bieten, wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. Nichts von der armseligen » leña de vaca « ( recto = Kuhmist), das einem an argentinischen Lagerfeuern die Augen zerbeißt, nichts von den Salzbüschen und Dornbuschreisern, die einem die Hände zerreißen und doch nicht genug Feuer geben, um daran eine ordentliche Tasse Kaffee zu kochen in den bitterkalten Nächten im afrikanischen Veldt. Hier, in der Dschungel am australischen Fluß, ist man überall zu Hause, so lange man nur ein Streichholz besitzt, um ein Feuer zu machen. Schönes, trockenes Holz gibt es allenthalben im Überfluß. Die dürren, gefallenen Baumstämme liegen überall umher. Man scharrt die Eukalyptusblätter zusammen und macht sich eine Lagerstatt, auf der man seinen »Swag« ausbreitet. Und während nun der »Billy« kocht und die hohen Bäume sich in der Glut des auflodernden Feuers wie etwas Lebendiges zu bewegen scheinen, hört man noch eine Weile auf das Geschrei der bunten Kakadus, die in den Baumkronen nisten, auf das mißtönende Krächzen der Krähen und noch verschiedener anderer Waldesstimmen, für die unsere Schulweisheit nicht ausreicht, bis die fortschreitende Nacht dem Konzert ein Ende macht und tiefe, unheimliche Stille über Busch und Steppe fällt, während das Südliche Kreuz in flammender Pracht durch das Blätterdach schimmert. So war es immer, nachdem ich mich erst einmal eingelebt hatte im Busch. Aber von jener ersten Nacht unter dem freien australischen Himmel muß ich gestehen, daß sie kaum ein Erfolg war. Von Alaska angefangen gibt es kaum ein Land, unter dessen Himmel ich nicht einmal zu irgendeiner Zeit im Freien genächtigt, eine »Platte gerissen«, wie der Fachausdruck lautet. Aber trotzdem muß ich gestehen, daß diese australischen Gummibaumwälder mir anfangs geradewegs auf die Nerven gingen. So seltsam melancholisch, so düster und gespensterhaft sahen sie aus mit den mächtigen Stämmen und den harten, abstehenden Blättern und den leeren Flächen, über denen die Nachtschatten geisterten. Nur um die Nerven zu beruhigen, machte ich ein riesiges Feuer, das alle Kakadus auf den Bäumen zum Protest herausforderte. Es schnatterte und trompetete von wilden Gänsen und ähnlichen Vögeln. Dann wieder war es stundenlang unheimlich still. Man hörte nur das Knistern des Feuers, den heiseren Ruf einer Eule, der sich regelmäßig wiederholte, als ob sie dafür bezahlt würde. Dann war auch das einen Augenblick still, bis etwas flatterte auf einem Zweig, dicht neben dem Ohr. Kru – kru – kraaks! Und gleich darauf ein gellendes, ohrenzerreißendes Lachen, das von einem Vogel kam, den man dortzulande » laughing jackass «, den Lachesel nennt. – Alles also Geräusche, die mit rechten Dingen zugingen. Für mich und meine aufgepeitschten Nerven aber waren es Geisterstimmen in der bleischweren Einsamkeit des seltsamen Waldes. Es war nur ein Glück, daß wenigstens Rosinante mir Gesellschaft leistete mit dem angenehm fressenden Geräusch an der Futterkiste. Aber auch diese Nacht ging herum, und mit dem ersten Tagesschimmer eines ganz eiskalten Morgens setzte ich die Reise nach der Stadt Wentworth am Darlingflusse fort. – 3m Reiche der Blinden ist der Einäugige König. Im australischen Busch ist auch Wentworth noch eine Stadt. In der Geschwindigkeit zählte ich fünf Automobilgaragen und drei Wirtshäuser. Sonst gab es noch ein Kriegerdenkmal und das war alles. – Nein, nichts mehr von Wentworth! Nur einen Whisky trank ich in dem »Hotel«. Dann setzte ich Rosinante wieder in Trab und reiste weiter flußaufwärts entlang dem nord-südwärts fließenden Darling, der hier in den Murray mündet. – Für australische Verhältnisse ist das Land am unteren Darling ziemlich gut besiedelt, denn schon vor Jahren wurde durch Parlamentsakte das Land an »kleine« Siedler aufgeteilt, die aber immer noch etwa 10 000 Hektar Land ihr eigen nennen, ganz abgesehen von den Schulden, die darauf liegen. »Cockies« nennt der Australier diese Ansiedler, die allem Anschein nach nicht besonders populär sind bei ihren Landsleuten. Oft sind es reine Spekulanten, die ihr' Sach' auf nichts gestellt haben als die mancherlei Unterstützungen und Zuwendungen der Regierung, die sie nach Kräften ausnutzen, bis eine Tages das Faß zum überlaufen kommt. Gewiß sieht man ab und zu den ansprechenden Platz eines Bona-fide -Farmers, vertrauenswürdiger Ansiedler umgeben von einem schönen Garten, in dem die Orangen leuchten. Die meisten sind aber sozusagen »gerichtlich eingerichtet«, mit einer alten Windpumpe und ein paar Wellblechbuden, die kahl in der Sonne blinken. Aber immer, und mag einer noch so arm sein, hat er ein Auto im Stall stehen. Dieses ist der Mittelpunkt, um den sich alles dreht. Oft besteht die Farm nur aus einem Auto und ein wenig darum herum. Das Farmleben ist diesen Leuten eine Last, eine Art Verbannung von Sidney und Melbourne, wo man in Gedanken noch immer lebt, in Erwartung des Augenblicks, da man genug zusammengescharrt hat, um dorthin zurückzukehren. Schafzucht ist ein einträgliches Geschäft. In wenigen guten Jahren kann man es mit wenig Arbeit zu Wohlstand bringen. Man kann zum ersten Wagen einen zweiten anschaffen und zu diesem eine noch viel herrlichere Maschine. Aber die wirklich guten Jahre sind selten wie die Schaltjahre im Busch. Und was tut man, wenn es, wie heuer, seit zwei Jahren kaum mehr geregnet hat, wenn die Weide verdorrt und an den vertrockneten Wasserstellen die schmachtenden Schafe zu Tausenden verenden, und niemand mehr zufrieden ist als die Geier im Busch? Dann wandert das eine Auto ins Pfandhaus, der Kredit beim Händler wird noch nach Möglichkeit ausgenutzt, man setzt sich in den übriggebliebenen Wagen und hört mit nichts auf, so wie man angefangen. Australien wird darum nicht ärmer. » It's all in the game «, Man muß mit allem rechnen sagt man dortzulande. Kein besonders scharfer Beobachter brauchte man zu sein, um zu merken, daß man sich gegenwärtig gerade wieder in einer Periode des Abbaus der Automobile befand. Ringsum war alles so dürr und kahl, daß man sich wundern konnte, wie überhaupt ein einziges Schaf sein Leben fristen wollte. Die Staubwolken zogen vorüber und verloren sich in der Ferne. Kahle Bäume streckten verzerrte Äste in den blaßblauen Himmel. Ein Cockey, der mich überholte in seiner Kutsche, fuhr eine Weile neben mir her und unterhielt mich über das Wetter. Alle Augenblicke schaute er sorgenvoll zum Himmel, wo sich Wolken zu sammeln begannen. – Ob es wohl regnen würde? Ob es überhaupt noch einmal regne, hier im Busch? Zweitausend Schafe habe er verloren durch die Dürre. Fünfhundert blieben ihm noch übrig, d.h. wenn es innerhalb der nächsten vierzehn Tage regne; sonst gar nichts mehr. – Ah, wenn man doch zu Hause in England geblieben wäre und hätte so viel gearbeitet wie hier in Australien und so viele Entbehrungen und so viele Sorgen erlebt, man hätte zum mindesten etwas gehabt von seinem Leben – ah, zur Hölle mit dem Busch, verdammt das Land Australien! Fluchend peitschte er seinen Gaul, der aussah wie die teure Zeit, fluchend hielt er vor seiner Hütte und verschwand hinter einem Haufen von Wellblech. Bald blieb die Heide zurück und es ging durch einen ganz klapperdürren Wald von der Sorte, die in Australien unendliche Flächen bedeckt und dem man dortzulande den wenig verlockenden Namen »Nimmergrün« gegeben hat. »O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald!« Welche Ironie, daß mir gerade das einfallen mußte, während Rosinante ihre alten Ohren zwischen den Gummibäumen spitzte! Wie grau, wie tot, wie öde war hier alles! Ein Heer von Gespenstern, das phantastisch und unwirklich, wie in Schmerzen erstarrt im harten Lichte der Sonne stand. Nur wenige Bäume trugen Blätter, und auch diese rauschten nicht, sondern klapperten nur, wenn ein Luftzug durch die Baumkronen ging. Für einen lebenden standen hier hundert tote Bäume. Nicht ein bißchen junges, sprossendes Grün war weit und breit zu sehen. Alles alt und verwittert, sterbend oder bereits abgestorben! Wie dürr dieses Land, wie freudlos und tot! Tagelang ging es weiter durch den toten Wald, der Stoff zum Nachdenken gab. – War das nicht alles einmal gewachsen und in üppiges Grün geschossen unter einem gnädigeren Himmel und einer milderen Sonne? War es denn möglich, daß das Klima sich so gewandelt hätte in wenigen Jahren? – Oder wie? Sah man nicht um diesen Baumstamm einen Kranz losgehackter Rinde? Um diesen, um den nächsten, um alle. Bewußt hat der Mörder Mensch dies alles zum Absterben gebracht, ohne auch nur das Holz zu nützen. Man hat sogar eine eigene Vokabel erfunden für diesen größten Waldfrevel aller Zeiten: » to ringbark «. Der Himmel allein mag wissen, wie viele hunderttausend Hektar einst frischen Waldes auf solche Weise »geringbarkt« wurden, aus reiner kurzsichtiger Profitsucht, um Raum zu schaffen für mehr Weide. Eine Parlamentsakte – man sollte es nicht für möglich halten – hat diese Waldverwüstung den neuen Ansiedlern sogar zur Pflicht gemacht. Noch heute wird sie vielfach ausgeübt als der Weisheit letzter Schluß einer rationellen Weidewirtschaft von Squattern, australische Großherdenbesitzer die sich täglich die Haare raufen und die Köpfe schütteln über der zunehmenden Verdorrung des Landes. – Nichts währt ewig. Auch der Wald und das »Cockeyland« blieb zurück, und voraus, in der Richtung nach Queensland breitete sich das weite Land der großen Stationen, ein Land der Schafe und Schäfer und dennoch keineswegs ein Arkadien. »Der Schäfer spricht, wenn er frühmorgens weidet: ›Dort drüben wohnt sie hinter Berg und Flüssen!‹ Doch seine Wunden deckt sie gern mit Küssen, Wenn lauschend Licht am stillen Abend scheidet.« Wie weit ist man hier von Strickstrümpfen und Schalmeien, wie fern von Flöten und Menuetten! Als »Station« bezeichnet man in Australien, was man in anderen Zonen eine Farm nennen würde. Man könnte sie auch Wollfabriken nennen; so geschäftsmäßig geht dort alles zu. Die Landflächen, über die sie gebieten, sind oft von einem für europäische Begriffe geradezu märchenhaften Umfang und die Zahl ihrer Schafe geht in die Hunderttausende. Hier ist auch stets Bedarf an »Händen«, zumal in der Schurzeit, und demgemäß sind die Straßen, oder was man dortzulande darunter versteht, belebt von »Bündelmännern« auf der Arbeitsuche, wenngleich nicht verschwiegen werden darf, daß sich nicht wenige darunter befinden, die täglich zum lieben Gott beten, daß sie sie nicht finden mögen. Diese letzteren nennt man » sundowners «. Schon früher habe ich Gelegenheit gehabt zu erwähnen, daß Australien das Paradies des Landstreichers ist; sein Paradies und seine Hölle, wie man es immer auffassen mag. Die Schafzucht, die saisonweise arbeitet und auf kurze Fristen Arbeitskräfte benötigt, die sie dann wieder auf die Landstraße wirft, hat das so mit sich gebracht. In keinem anderen Lande, selbst nicht in Südamerika, sieht man so viele und so malerische Exemplare des Lumpacius Vagabundus auf den Landstraßen tippeln. Arbeiter, Abenteurer, weggelaufene Matrosen und wiederum Menschen von vornehmem Herkommen und tiefer Bildung, ausgerüstet mit dem ganzen Wissen ihres Jahrhunderts. Aber alle mit dem Bündel auf dem Rücken und dem Billy in der Hand. Die Landstraße macht sie alle gleich. Und doch gibt es auch hier noch Standesunterschiede. Ein besserer Vagabund kommt zu Pferde, ein Kapitalist leistet sich – wie ich – einen » turn out «, mit dem das Landstreichen eigentlich ein fortgesetztes Picknick ist. Doch ist auch das keine ungemischte Freude. Wer Vieh besitzt, der ist auch der Sklave seines Viehes. Er muß dafür sorgen, daß ihm die nötige Nahrung zuteil werde; aber woher nehmen und nicht stehlen, jetzt, wo das Land ringsum kahl wie eine Dreschtenne aussah und Rosinante schnuppernd auf der Weide umherging »wie ein Tier auf dürrer Heide, von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt«, ein Ebenbild wahrlich ihres berühmten Vorfahren: » Come Rosinante estais tan delgada? Porque nunca se come, y se trabaja. « Warum, Rosinante, bist du so mager? Man kommt nicht zum Fressen bei dem ewigen Schuften Es war eine Angelegenheit, die mir viel Kopfzerbrechen verursachte, wie so manches andere, über das ich nicht Bescheid wußte als Anfänger im Busch, und so war es ein Glück, daß ich eines Abends an einer großen Station ankam, wo um ein Feuer ein ganzer Kongreß von Sundownern versammelt war, die mich über manches aufklärten. Dicht am Flußufer hockten sie unter einem hohen Gummibaum und kochten den Billy auf landesübliche Weise. – »Hallo, Dick!« rief mich einer an, als ich eben vorüberfahren wollte. Dick – das ist nämlich der Name für jedermann im Busch. Manchmal auch Jim, Jack, Joe oder was einem sonst gerade einfällt. Es ist eine fröhlich gefährliche Unterwelt der Vornamen, in der man sich bald selbst nicht mehr auskennt in der Zahl der Namen, bei denen man gerufen wird. »Hallo, Joe!« sagte ich, »kann man an eurem Feuer den Billy kochen?« »Aber natürlich.« So stieg ich ab, spannte Rosinante aus und füllte den Billy mit Wasser am Fluß, derweilen die anderen Pferd und Wagen mit sachverständigen Mienen musterten. »Ein verdammt feines Pferd, das du da hast«, meinte der, den ich für die Gelegenheit Joe zu nennen beliebte. »Gut?« sagte Jack geringschätzig. »Heißt du das gut? Das war einmal gut vor zwanzig Jahren!« »Gut genug für einen armen Mann«, antwortete Joe, »und außerdem ist es nur zwölf Jahre alt.« »Wenn das zwölf Jahre alt ist, dann bin ich ein Schuljunge,« sagte Jack und kratzte dabei seinen grauen Haarschopf. Das Argument wurde immer hitziger. Rosinante wurde betastet von allen Seiten. Sie untersuchten die Hufe, sie rissen ihr Maul auf und schauten nach den Zähnen, ohne jedoch zu einer Einigung zu kommen. »Nun ja«, sagte endlich Joe, »meinetwegen sollst du recht haben. Zwanzig oder nicht, ein Pferd ist ein Pferd und ein Wagen ist ein Wagen und verdammt besser als gar keins.« In diesem Punkte waren sie sich nun wieder alle einig. Rosinante wurde endlich auf die Weide entlassen, derweilen ich mir über dem Feuer mit meinen Kochkünsten zu schaffen machte. – Eine seltsame Erscheinung, die mir schon viel Stoff zum Nachdenken gegeben hat, ist die verschiedenartige Koch- und Backmethode, die auch bei sonst gleich gearteten Verhältnissen von den Abenteurern der Landstraße in den verschiedenen Zonen angewandt wird. So wird z.B. der Goldgräber in Alaska dabei anders zu Werk gehen als ein Eseltreiber in den argentinischen Kordilleren oder ein Känguruhjäger in Australien. Die große Kunst der australischen Buschküche ist der sogenannte Jonnycake, ein primitives Gebäck aus Mehl und Wasser und Backpulver, das dennoch einer gewissen Technik bedarf zu seiner sachgemäßen Herstellung. Unter den Augen jener Veteranen kam es mir an jenem Abend besonders zum Bewußtsein, daß ich noch ein Lehrling im Busch war. »Da sieht man's, daß du noch ein Grünhorn bist«, sagte Tom mit herablassender Miene, »zeig mal her.« Schon hatte er die Asche des Feuers auseinandergezogen. Schon hatte er irgendwo ein rostiges Stück Drahtmaschen von einem Zaun gefunden, das er mit dem Teig darauf als Rost auf die Asche legte. Nach zehn Minuten hatten wir ein ganz lockeres, frisches Brot. Und während wir nun den schwarzen, starken, bitteren Buschtee tranken, fragten mich die anderen in ihrer langsamen Weise gründlich aus über das Woher und Wohin. »– Erst drei Wochen in Australien? – Ha, ja! Sieh mal an! Da hast du es aber eilig gehabt mit dem Swag. Verdammt eilig. Das muß man sagen. Die meisten brauchen drei Jahre, bis sie darauf verfallen, und zu einem turn out bringen sie es im Leben nicht. – Und was suchst du nun hier? Wohl gar Ar–beit?« Sie schüttelten sich alle bei dem Gedanken. Wo wollte einer hier erstens Arbeit suchen und zweitens welche finden, bei solchen Zeiten? In wenigen Tagen beginne zwar die Schurzeit. Da pflegten sie sonst die Bündelmänner bei den Haaren herbeizuholen aus Mangel an Arbeitskräften. Aber was sei da heuer wohl zu scheren, wo's keine Schafe gebe? Hier auf der Station habe man noch zehntausend gegen hunderttausend in normalen Zeiten. Auf den Nachbarplätzen sei es noch schlimmer und gar bei den kleinen Cockeys unten am Fluß werden die paar übriggebliebenen Hammel hungrig, wenn sie von einem Halm zum andern laufen. – Verdammt das Land Australien! Es wird Zeit, daß die Bolschewiken kommen und da einmal eine Aenderung bringen! »Und meinst du, daß sie bald kommen?« »Wer kann das wissen?« jagte ich. Worauf dann ein anderer: »Die können auch keinen Regen machen.« Worauf dann Tom ihn zu einem Boxkampf herausforderte, bis schließlich das Argument sich in einer Serie von Flüchen auflöste, wie man sie so schön und bildhaft nur im australischen Busch hören kann und das Gespräch langsam eine andere Wendung annahm. – »Verdamm deine Augen!« rief plötzlich Tom. Dies an die Adresse von Rosinante, die an seinem Billy schnupperte, »hast du keine Koppel für das Mistvieh?« »Woher eine bekommen?« »Woher bekommt man so etwas? Ich sag's ja, daß du kein Buschmann bist! Das klaut man sich vom ersten besten Gaul auf der Weide und die Glocke nimmt man auch gleich dazu. – Ja, und dann brauchst du noch eine Laterne, die man in jedem größeren Schafschuppen »finden« kann mitsamt dem Petroleum. Dazu noch Kaninchenfallen und solche Dinge. Man muß eben mit der Zeit gehen! Neulich kam einer von Broken Hill mit einer Blechliese (Fordautomobil) vorbei, und natürlich keinen Groschen Geld, aber Benzin genug, um ihn von hier nach Sydney und wieder zurückzufahren. Das hatte er gefochten auf den Stationen und geklaut in den Schuppen. Man muß eben mit der Zeit gehen!« »Vor allem gib das auf mit dem Arbeitsuchen«, mahnte noch einmal ein anderer. »Da wird man müde und ärgert sich unnötig und es kommt nichts dabei heraus. Da ist Bill hier. Er ist schon dreißig Jahre lang am Darling und hat bis jetzt noch keine gefunden.« Langsam und gewichtig sprach er die Worte, während er und die anderen ihre Habseligkeiten zusammenpackten und ein Nachtlager im Schafschuppen herrichteten. Nur ein junger »Pomm« (Name für frisch eingewanderten Engländer) war mit mir am Feuer zurückgeblieben. Der meinte, ich könne der Sicherheit halber doch einmal beim »Rep« nachfragen. »Der Rep?« fragte ich erstaunt. »Das ist der Boß der Scherer, der die Leute einstellt. – Ja, siehst du, du mußt noch viel lernen. Ich hab's auch gemußt«, meinte er patronisierend. »Und nun will ich dir einmal zeigen, wie man richtiges Brot backt im Busch.« »Ohne Ofen?« »Wer sagt, daß hier kein Ofen wäre?« Im Nu hatte er ein altes Blech erwischt, schnitt eine alte Benzinkanne entzwei, stülpte sie über den auf dem Blech liegenden Teig und deckte das Ganze mit heißer Asche zu. Fertig war der Backofen. Und während wir nun um die heiße Asche saßen und auf das Resultat der Backkünste warteten, wurde Tommy nicht müde, mir noch allerlei Ratschläge zu erteilen. »Was? Gekauft hast du den Plunder auf deiner Karre? Gekauft? Bist du wahnsinnig geworden? Willst du die Zunft blamieren? Tee, Zucker, Mehl, Fleisch – so etwas bekommt man hier fürs Fragen auf jeder Station, wenn man sich einigermaßen stellt mit dem Koch. Und man muß darum fragen, sonst verdirbt man den andern das Geschäft. You want to bum! Man muß halt fechten – Ja, lieber Gott, ich war auch einmal dumm. Aber seither habe ich gelernt. – Verflucht das Land Australien! – Und eine Fischangel hast du auch nicht, wie ich sehe.« Er brachte eine Angel, er flocht mir einen Halfter fürs Pferd, er kam mit einem kleinen Sack voll Mehl, das er gefochten hatte auf den verschiedenen Stationen, und duldete nicht, daß ich die Annahme verweigerte, denn er selbst hatte heute Arbeit für vierzehn Tage zu vier Pfund die Woche gefunden und kam sich reich wie ein Krösus vor. Und warum er das tat? Das eben ist die große Freimaurerei des wandernden Volkes. Er war sicher kein tugendhafter Jüngling. Es kam ihm sicher nicht darauf an, dem Squatter ein Schaf zu entführen, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Er wäre vor einem Pferdediebstahl nicht zurückgeschreckt und hätte im passenden Augenblick einen Schafschuppen ausgeräumt ohne Gewissensbisse, aber das alles hinderte ihn nicht, seinem Mitmenschen am Straßenrande behilflich zu sein aus purer Menschenfreundlichkeit, weil er gar nicht anders konnte, so wie ich es überall gefunden habe auf dieser Erde: die schlimmsten Teufel und die reinsten Engel und Himmel und Hölle sind noch immer auf der Landstraße. 13 Romantik der Wolle Ein seltsamer Fluß / »Darling Dreadnoughts« / Tantalusqualen / Ein gesegneter Durst / Buschdörfer / Ein besseres Cayenne / Eine tiefschürfende Konversation / »Auf das Nasenbein kommt's an« / Die Scheckjäger / Beschauliches Martyrium / Ein mehr malerisches als reinliches Heer / Fürstliche Löhne für die anderen! / S.M. der Schafscherer / Ein schwieriges Handwerk / Etwas von Buschköchen / Don Quichote im Busch / Wirklich Regen!/ Idyll in der Schäferhütte / »Brüllpeter« erzählt eine Geschichte / Eine wüste Nacht / Rosinante wird mir untreu / Verirrt im Busch / Ein Handelsgeschäft / Vandalenakte / Weiter mit dem Wollkarren Noch immer weiter ging es flußaufwärts am Darling. Es ist ein seltsamer Fluß von der Art, wie man sie nur in Australien findet. Was wir früher schon vom Murrayriver sagten, das gilt auch vom Darling, nur daß hier die Flußufer noch höher und die Uferbänke mit einem noch zäheren Schlamm besetzt sind. In den langen Monaten der Dürre ist der Darling fast ebenso trocken wie ein südwestafrikanischer Onuramba. Aber wenn vor Einbruch des Winters in Queensland der Regen zu fallen beginnt, dann hat man tausend Meilen weiter unten schon die Höhe der Flutwelle berechnet, Wochen ehe sie fällig ist. Die »Darlingdreadnoughts«, die so lange auf dem Trockenen gesessen haben, machen sich reisefertig und dampfen bei erster Gelegenheit flußaufwärts mit den Frachten für die Stationen. Nun war es beinahe wieder so weit. Nun wälzte sich das Wassergelb durch die tiefe Rinne, das Gras stand fußhoch in der Dschungel. Aber eine reine Freude war es darum doch nicht. Wer den Darling nicht versteht, für den ist er ein ärgerliches Ding. Durstig von der langen Fahrt kampiert man am Flußufer unter den Gummibäumen. – Jetzt erst einmal einen Tropfen Wasser! Drunten blinkt es ganz aus der Nähe, nur wenige Meter entfernt. Aber wie hinunterkommen? Wo sich festhalten an den steilen Bänken, wo man bei jedem Schritt bis über die Knöchel in dem zähen Lehm versinkt? Noch heute – nachdem doch schon beinahe ein Jahr darüber hingegangen ist – denke ich mit Aerger zurück an meine verzweifelten Bemühungen beim Wasserschöpfen, mühsam balancierend auf einer Baumwurzel und oftmals den kostbaren Inhalt wieder verschüttend, nachdem er beinahe schon oben war, während Rosinante durstig schnuppernd unter den Bäumen wartete. Unglaublich, was so ein Vieh alles saufen konnte! Man muh ein gelernter Darlingreisender sein, um die Stellen zu wissen, die ungehinderten Zugang gewähren, ohne mit Seiltänzerkünsten das Wasser zu balancieren. Gelernte Darlingreisende – es gibt deren genug. Hartgesottene » Old timers «, richtige Speckjäger, um in der Sprache der deutschen Landstraße zu reden. Mit den ersten Ansiedlern in den neunziger Jahren sind sie zum Fluß gekommen und seither haben sie getreulich den Swag auf und ab getragen von Station zu Station an seinen Ufern, bis sie grau und endlich weiß geworden sind und nichts mehr an ihnen ordentlich funktionieren will als die nimmermüden Füße. Die meisten sind schon im Genuß der vom Staate gewährten Altersrente, die freilich pünktlich an jedem ersten die Gurgel hinunterfließt in der nächsten Buschkneipe oder in einer von diesen aufblühenden Ortschaften. Und das bringt mich zwanglos auf ein Thema, von dem ich nur mit Unbehagen spreche: Das Langweiligste, Oedeste, Trostloseste auf dieser Erde ist eine Buschkneipe im Innern Australiens. Von ihren Reizen habe ich schon an anderer Stelle berichtet, aber schlimmer als jene ist das Buschdorf und über diesem sträubt sich die Feder. Schwer zu sagen, was außer dem baren Verdienst einen Menschen veranlassen könnte, dort seine Tage zu verbringen. Denn es ist eine Verbannung zwischen Wellblech, ein besseres Cayenne. – Vom fernen Sandhügel hält man Ausguck nach der verheißenen Stadt. Nichts ist zu sehen als graues Land im grellen Sonnenlicht und der Staub über der Steppe. Irgendwo in der Ferne blitzt Wellblech unter staubigen Gummibäumen. Beim Näherkommen sieht man noch mehr Wellblech. Unversehens ist man schon mitten im Ort, auf einer Fläche, die so groß ist, daß man den Platzschwindel bekommt. Irgendwo steht ein »Store« Store mit einer hölzernen Veranda, auf der eine unbewegliche Gestalt, die ganz Hut ist, immer Siesta hält. Irgendwo klankt langweilig eine Windpumpe. Irgendwo fangen sich die Sonnenstrahlen in einem Haufen leerer Whiskyflaschen. Vielleicht weht der Wind. Dann klappert es seltsam in den Gummibäumen, dann wirbeln die gelben Staubwolken und die leeren Konservenbüchsen kollern durch die einzige breite Gasse. Vielleicht ist es windstill. Dann brütet die Sonne und die Hitze flimmert über dem blinkenden Blech und ringsum ist es so still wie in dem Nirwana, von dem die Buddhisten träumen. In solcher Umwelt gibt es nur eine rettende Gnade: das Wirtshaus. Wir binden den müden Gaul an die Veranda unter dem großen Schild, auf dem so einladend »Hotel« geschrieben steht und wecken zunächst einmal den Wirt. »Rum!« Er bringt uns das Getränk, das wir langsam schlürfen, und das aus guten Gründen, denn es brennt wie Schwefelsäure. Und dann – was soll man denn mit sich anfangen bei solcher Hitze? – Man trinkt noch einen Rum. Ueber dem ist es Abend geworden und eiskalt. Die schwarze »Gin« Eingeborene Frau macht ein Feuer im Kamin. Langsam versammeln sich darum einige Honoratioren des Ortes. Langsam kommt so etwas wie eine Konversation zustande. Ausnahmsweise bewegt sich das Argument einmal nicht um die Schafe, sondern in höheren Sphären, gentlemanlike . – Morgen würde also Tom mit Gene in New York boxen. Welch ein Ereignis! Zehn Pfund für Tom! – Aber wieso denn, wo er doch fünf Pfund leichter ist? – Ja, aber die Faust mißt fünfzig Zentimeter im Umfang, er ist gut im Fußwert und kann was einkassieren. – Erinnern Sie sich doch, meine Herren, an den großen Tag, wo Tom Sharkey mit Jim Maloney boxte – ah, da hat man's wieder gesehen! Auf das Nasenbein kommt's an, ebensoviel wie auf die Fäuste. Und dann – Gentlemen – ist doch auch die Kopfarbeit bei Tom besonders glänzend. So mit dem Kopf in den Magen –« So ungefähr hört man's im Busch und überall in Australien bei Leuten, die bestrebt sind, ihre Konversation einigermaßen auf der Höhe zu halten. Mehr noch als anderswo hat sich hier die moderne Richtung der Abkehr vom Geistigen durchgesetzt. Der beste Boxer ist ihnen auch der vollkommenste Mensch. Niemand fällt es ein, das in Frage zu stellen. Jedes Kind auf der Straße kann die Namen dieser Uebermenschen im Schlafe hersagen. Jede Zeitung bringt zehn Seiten Sport für eine halbe Politik. Internationale Boxkämpfe werden einem bis zur Fieberhitze erregten Publikum in solch flammenden Ueberschriften verkündet wie jene, die ich eines Tages als New Yorker Sonderbericht in einer Sydney-Zeitung las: »Hallo Tom, says Gene!« Wie schaut's, Tom? sagt Gene Nun mögen die Götter wissen, wer Tom und wer Gene ist; aber der Australier weiß und würde jeden als eine Unschuld vom Lande ansehen, der seine Unwissenheit auf diesem Gebiete zur Schau stellte. Alles das ist, wie gesagt, ein unerschöpfliches Thema an australischen Kaminen, selbst im hintersten Busch. Aber einmal beginnt es doch leerzulaufen, und dann müssen wieder die Schafe zur weiteren Unterhaltung herhalten. Es war das zur Zeit ein trübes Thema, so trüb und freudlos wie das Feuer im Kamin. Dieser hat zweitausend, jener dreitausend Schafe verloren. Mit dem gegenwärtigen Stand der Weide sähe es noch immer traurig aus, und selbst wenn der Regen nun käme, was nutze er, wenn man keinen Stock mehr habe für die Weide? Denn so ginge es immer in diesem Lande: zuerst habe man Schafe und kein Futter und dann Futter und keine Schafe. So schleppt sich in der Regel die mühsame Unterhaltung hin, bis dann endlich einmal ein paar Jungens von der Station kommen und Leben in die Bude bringen. Sogleich rundet sich die essigsaure Miene des Galgenstricks von einem Gastwirt: »Hallo, Bill! Auch wieder hier? 's ist ein Monat von Sonntagen, seit wir uns nicht mehr gesehen.« Mit hörbarem Ruck fällt Bills Scheck auf den Schanktisch. »Sagt mir, wann ich mich durchgesoffen habe.« Es sind so einige zwanzig Pfund. Es lohnt die Mühe. Für ein paar glückliche Stunden ist Bill der Held des Tages. Dann geht es zu später Stunde mit einem Hundstritt wieder hinaus aus der Bar und zurück nach der Station in Hemdsärmeln. Es ist auf den ersten Blick fast nicht zu begreifen, wie der australische Busch mit seiner trotz aller Rauheit so gutmütigen, in ihrer Denkart beinahe kindlichen Bevölkerung eine solche Gesellschaft von ausgekochten Schurken in seinen sogenannten Städten hervorbringen konnte. Wohin man schaut in jenen Plätzen, sieht man die lauernden Galgengesichter einer Menschenrasse, denen die Uebervorteilung der lieben Mitmenschen zur zweiten Natur geworden ist. Man sieht sie beim Gastwirt, beim Krämer, sie verfolgen einen auf der Straße. Für das jämmerliche Unterkommen in einer miserablen Kneipe zahlt man mehr als für ein Staatszimmer im ersten Hotel in Sydney, ein Hut kostet so viel wie ein Anzug in Melbourne. Vor allem aber sind sie Scheckjäger, ein Gewerbe, das seinen Mann nährt. Kommt da so ein armer Teufel mit einem fetten Scheck von seiner Hütte, wo er vielleicht monatelang außer Hunden und Schafen keine lebende Seele gesehen. Menschenhungrig ist seine Seele, nach Zerstreuung, nach Abwechslung dürstet sein junges Blut. Und da gähnt ihm nun so ein Kaff entgegen mit seinem Wellblech in der grellen Sonne. Niemand kümmert sich um ihn. Einsamer selbst als in seiner Hütte steht er auf der Straße. Nur in der Kneipe ist er willkommen. »Hallo, Jim ...« Vielleicht ist auch so eine in Melbourne längst schon abgedankte Schönheit da. »Man weiß, das Volk taugt aus dem Grunde nichts. Geschnürten Leibs, geschminkten Angesichts, Man weiß, man sieht's, man kann es greifen. Und dennoch tanzt man, wie sie pfeifen.« Monatelang hat man sich's geschworen in der Hütte: »Nie wieder!« Vielleicht widersteht man der ersten Versuchung, dann erliegt man der zweiten oder dritten. Es ist eine Springprozession von Fall zu Fall, bis man dennoch die Beute der Scheckjäger wird. Doch das sind Geschichten und Tragödien, die viel zu traurig sind, als daß es sich lohne, bei ihnen zu verweilen. – Wenn schon nichts Rühmenswertes zu berichten ist von den Buschdörfern, so muß man die »Stationen« um so mehr anerkennen in ihrer Wichtigkeit. Das muß eine glorreich-abenteuerliche Zeit gewesen sein, damals als die ersten »Squatters« mit ihren Tieren zum Darling kamen und die Grenzreiter ihre Schafe in stetem Kampf vor wilden Tieren und noch wilderen Menschen schützten. Heute ist alles Land, auch hier im Hinterland, eingefaßt durch Zäune, die die Schafe besser bewachen, als Menschen es könnten. Die Tage des alten »Boundaryrider« sind vorüber. Heute ist er, wie in anderen Ländern, ein Schäfer, dessen Aufgabe im wesentlichen darin besteht, die Zäune abzureiten und wenn nötig auszubessern. Zehn Monate im Jahr ist das alles eine ziemlich stumpfsinnige Angelegenheit. Die großen Scherschuppen stehen tot in der Sonne. Die »Stationshände« machen sich ums Haus herum nützlich, der Lagerverwalter schläft über seinen Schätzen, in der »homestead« , dem meist mit einem mühsam bewässerten Garten umgebenen Herrenhause, sitzt der Squatter, der viel Whisky mit wenig Soda trinkt, und seine Frauen und Töchter, die lange Patiencen legen und in den Modejournalen blättern oder im »Sydney Bulletin« lesen. Dann aber kommt die große Mobilisation. Es wird lebendig in den Telephonen, die zu den Schäferhütten führen. Aus allen Paddoks Gehege setzen sich die Schafe in Bewegung, ein großes, graues Heer in konzentrischem Anmarsch, der je nach den Weisungen vom Hauptquartier bald aufgehalten, bald beschleunigt wird. Zu gleicher Zeit kommt aber auch Leben in das Heer der Arbeiter, die oft in Entfernungen von tausend und mehr Meilen sich aufmachen, um hier die kurze Verdienstmöglichkeit von knapp zwei Monaten mitzunehmen. Zu Fuß, zu Pferde, mit Autos, Fahrrädern und mit der Eisenbahn strömen sie herbei, ein buntes, zerlumptes, mehr malerisches als reinliches Heer. Welche Menschen! Im Gegensatz zu dem so überaus lammfrommen modernen Amerikaner sind die Australier durchweg von einem ausgeprägten Unabhängigkeitssinn beseelt, der eng verbunden ist mit einer allgemein verbreiteten leidenschaftlichen Anteilnahme an Dingen der hohen Politik. Nur so ist es möglich gewesen, auf diesem unendlich dünn bevölkerten Raume die gesamte Arbeiterschaft zusammenzuschließen zu einer gemeinsamen Arbeiterunion, die es verstanden hat, auch die politische Macht an sich zu reißen und seit Jahrzehnten das Land mit einem System zu beglücken, das nach außen, namentlich in Fragen des unglaublich hohen Schutzzolls, ganz nationalistisch ist, während im Innern Methoden angewandt werden, die man nur als bolschewistisch bezeichnen kann. In keinem Lande der Welt sind – auch an den Lebenshaltungskosten gemessen – die Löhne so hoch wie in Australien. Nirgendwo geht es dem Arbeiter so gut – auf dem Papier! So beträgt z. B. der Tariflohn eines Anstreichers in Sydney z. Z. 110 RM. pro Woche, eines gelernten Zimmermanns 121 RM. pro Woche, und die Maurer verdienen soviel, wie sie wollen. Und doch – Die Tausende, die da in Melbourne ihr Leben an den Suppen der Heilsarmee fristen, die Zehntausende, die bei Lagerfeuern vor den Farmen umsonst auf Arbeit warten, dürften sich wohl mit dem Liede sagen: »Was nützet mir ein schöner Garten, wenn andere drin spazieren gehn?« Was nützen die fürstlichen Löhne – der anderen, wenn man selbst den Billy über die Landstraße tragen muß, weil nirgendwo Arbeit zu finden ist, und das gerade aus diesem Grunde? Von allen Seiten waren sie am Murray und Darling zusammengeströmt in jenem mißvergnügten Winter des Jahres 1928. Matrosen von den aufgelegten Schiffen, Bergleute von den Minen von Broken Hill, Handlungsgehilfen aus Sydney, die offenbar in einer Art Panik die Stadt verlassen hatten und nun ohne Swag, ohne Billy, ohne irgendwelche ländliche Ausrüstung, mit zierlichen Halbschuhen, in lächerlicher Stadtkleidung am Feuer saßen und nicht wußten, was sie mit sich anfangen sollten. Und den anderen ging es nicht viel besser als diesen »Stadtfräcken«. Keine Arbeit. Wenig Schafe. Kurze Schurzeit. Auch im Busch haben die Gewerkschaften für jede Arbeit einen Mindestlohn festgesetzt in Höhe von etwa vier Pfund pro Woche. Es ist ein fluchwürdiges Verbrechen, schlimmer als das Pferdestehlen, wenn etwa einer sich einfallen ließe, eine Arbeit anzunehmen, die unter diesem Tarif bezahlt wäre. Aber härter noch als das Gebot der Gewerkschaften ist das der Not, und so sah man sie ringsum recht fleißig und willig als »Volontäre« auf den Farmen arbeiten um ein Taschengeld von – einem Pfund pro Monat! Ja, es ist manchmal seltsam bestellt um solche Arbeiterparadiese! Anders steht es schon mit den Aristokraten unter den Arbeitern im Busch: den Schafscherern. Schafscherer sind überall eine eigene Rasse. In aller Herren Ländern habe ich sie zu beobachten Gelegenheit gehabt. In Patagonien, in Südafrika, hier in Australien, und bestenfalls kann ich von ihnen sagen, daß sie schwer zu behandelnde Menschen sind. Der Umgang mit Schafen bringt das so mit sich. Und das Bewußtsein der Unentbehrlichkeit. Es ist ein anstrengendes Gewerbe, das eine gewisse Kunstfertigkeit verlangt, die man sich bezahlen läßt. Ein einigermaßen geübter Scherer erledigt durchschnittlich hundert Schafe pro Tag und erhält dafür eine Bezahlung von zwei Pfund und fünfzehn Schilling, also rund 55 Mark pro Tag. Viele gehen weit über diese Leistung hinaus und erreichen Wochenverdienste bis zu fünfhundert Mark! Es gibt zwei Sorten von Scherern, die zur Schafschur pilgern. Die einen kommen per Auto oder Eisenbahn direkt aus der Stadt, geschniegelt und gebügelt, als ob sie zu einem Tanzvergnügen in der Vorstadt Paramatta gingen; richtige » swells «, wie man im Busch sagt. Die anderen sind ganz gewöhnliche Bündelmänner. Aber Götter sind sie alle, sobald sie Scherer sind. Sobald der »Mob« Pöbel, hier etwa Kolonne der einfachen Arbeiter zusammengestellt ist, ergreift er Besitz vom Scherschuppen und wählt einen Obmann, den »Rep«, als Verbindungsmann mit der Farmverwaltung. Dieser tritt dann vor die Tür und ruft es hinaus mit Stentorstimme: » Any cooks about ?« Sind hier Köche unter euch? Worauf dann eine Schar der seltsamsten Köche oder solcher, die es sein möchten, vor ihm auftaucht, alle mehr oder weniger zerlumpt und verkommen an unzähligen Lagerfeuern, denn es ist lange her seit der letzten Saison. Nach langer Beratung wird endlich ein Glücklicher erwählt, der dann einige Wochen oder Monate lang ein Höllenleben führen darf, denn es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, das einen Scherer zufriedenstellen könnte. Die saftigsten Beefsteaks, die leckersten »Brownies« (australisches Wort für Kuchen) machen bei ihm keinen Eindruck. Zehnmal am Tag will er Tee und zwei- oder dreimal Kakao trinken, zum Frühstück will er » ham and eggs «, Schinken mit Ei zum Lunch ein Kotelett, zum Nachtessen eine süße Speise haben. Und wie das alles kochen am offenen Feuer? Weit verbreitet in Australien ist die Anekdote von jenem Buschkoch, der seine Dienste anbot mit den folgenden klassischen Worten: »Vom Kochen versteh ich zwar nichts, aber das wenigstens kann ich von mir sagen: einen willigeren und fleißigeren Koch wie mich könnt ihr im ganzen Australien nicht mehr finden.« Ein anderer – ein Mann wie ein Baum, der seiner Sache sicher war – brachte sein Verhältnis zu der Mannschaft gleich von allem Anfang ins klare. Bei der ersten Mahlzeit marschierte er mit aufgekrempelten Hemdsärmeln in die Hütte und setzte das Essen mit hörbarem Gepolter auf den Tisch: »Hier ist Ihr Essen, Gentlemen, Sie können etwas davon haben, oder was vom Koch!« Die Zahl solcher und ähnlicher Geschichten, die im Busch umgehen, ist Legion. Freilich muß man den Scherern zugestehen, daß sie arbeiten. Man muß sie gesehen haben, wie sie sich mit ordentlich knackendem Rücken über Schafe beugen, derweilen die sausende Maschine das ungebrochene Vließ wie einen Mantel vom Rücken des Schafes schält, das dann, nach getaner Arbeit, kahl und unwahrscheinlich dünn, wie ein Ziegenbock zum andern Ende des Schuppens hinausspringt. Es ist ein Pandämonium der Arbeit, das sich da abspielt im Halbdunkel des Schuppens. Die sausenden Maschinen, die halbnackten Gestalten, die die Wolle vom Boden auflesen und fortschaffen, das geschäftige Getue der Sortierer, das Ächzen und Stöhnen der Wollpresse im Nebenschuppen. Leider ist nicht abzuleugnen, daß trotz dieses oben erwähnten gewaltigen Gebrauchs und Verbrauchs von Köchen dennoch in jeder, selbst in der besten Saison alljährlich ein erheblicher Überstand bleibt, eine Reservearmee von Köchen und solchen, die es sein wollen, die Wochen zuvor voll Hoffnung hinauszogen, »Schuppen zu jagen«, wie der Fachausdruck lautet, und nun betrübt um die Feuer sitzen und auf Gott und die Welt und das Land Australien schimpfen. Weiter flußaufwärts am Darling, in der Gegend zwischen Bourke und Wilcannia, traf ich einen ganzen Trupp, der bei einer Station am Flußufer lagerte. Es war keine erfreulich aussehende Gesellschaft. Graue Köpfe, verwilderte Bärte, zum Teil auch harte Physiognomien, deren Inhabern man es ohne weiteres glauben konnte, daß sie nicht allzu großen Wert darauf legten, in der Nähe der Polizei zu wohnen. Aber ich war hungrig. Ein angenehmer Duft von gebratenen Fischen und gerösteten Hammelkeulen schwebte um das Lager, und da sie mich freundlich einluden, ließ ich Rosinante laufen und verbrachte hier die Nacht als Koch unter Köchen. Es war eine ganz schöne und für diese Winterzeit ungewöhnlich milde Nacht, in der die Sterne groß durch das Blätterdach der Gummibäume schimmerten. Aber die bösartig verbissene Unterhaltung floß eintönig dahin. Es war auch eine zu traurige Gesellschaft von müden »Old timers«, die selbst der Busch schon abgetakelt und zum alten Eisen geworfen hatte. Einer aber fiel mir auf – ja, man machte so seine Bekanntschaften im Busch! – Er war ganz lang und dürr und hatte große, schwarze, wildblickende Augen; ein wiedererstandener Don Quichote. Von diesem hatte ich schon gehört in den Gesprächen der Jungens weiter flußabwärts. Es war » roaring Peter «, Brüllpeter. Er war schon länger im Busch und mehr noch verwittert von diesem als irgendein anderer von den Jungens. Und doch hatte er einmal andere, bessere Zeiten gesehen, glorreiche Zeiten auf seine Art, damals, als er noch Kapitän war auf einem » black birder «, einem jener Südseeschoner, die in vergangenen romantischeren Zeiten mit List und lockenden Versprechungen, oft auch mit roher Gewalt die Kanaken in ihren Inselparadiesen aufgriffen und gegen gutes Kopfgeld nach den Zuckerrohrplantagen in Queensland verfrachteten. Doch das war lang, lang vor der Zeit, da er hier am Feuer saß. Exotisch wie er aussah, kam mir doch sein Englisch verdächtig vor, so daß ich ihn geradeheraus fragte, ob er nicht etwa doch in der Gegend von Heidelberg oder Karlsruhe zu Hause wäre, was er denn auch zugab nach einigem Leugnen. »Hast du Tabak?« fragte er mich. »Nein«, sagte ich. »Aber eine Zeitung.« Die hatte ich. Ich gab ihm ein Blatt aus dem »Sydney Bulletin«, das er sorgfältig glättete. Dann suchte er die letzten verlorenen Tabakkrümel aus seinen zerrissenen Taschen, legte sie auf das Papier und rollte eine Zigarette, Marke »Sydney Bulletin«. So etwas nennt man eine »Cadie«, eine Buscharkadia. Als er damit fertig war, legte er sich auf die andere Seite. Das Gespräch verstummte. Bald hörte man nur noch das Knistern des Feuers, das Kruksen der wilden Tauben und das Schreien der Kakadus, die uns in den Schlaf sangen. – Aber noch ehe der Morgen graute, wurde ich unsanft aufgeweckt durch etwas, durch ein Naturereignis, an das ich schon gar nicht mehr glauben wollte. Schlaftrunken schaute ich in den grauen Himmel. Der Wind heulte in den Baumkronen. Es trommelte auf den Blättern. Dicke Tropfen fielen auf den Boden. – Es regnete wirklich! Und es hörte auch sobald nicht wieder auf. Drei Tage lang hockten wir in dem Schuppen und lauschten voll Wonne auf den Regen, der auf das Wellblechdach trommelte. Es gibt keine lieblichere Musik für australische Ohren. Denn wenn es einmal wirklich dort regnet, so regnet es Pfunde. – Während dieser Zeit hatte ich Muße, mir über meine kommenden Reisepläne einen Überblick zu machen. Bisher war Queensland mein Traum gewesen, aber Brüllpeter hatte mich richtig beredet zu einem Abstecher nach Osten, in die Richtung der Neu-England-Berge. Dort sei die Gegend lange nicht so abgegrast, und außerdem brauche man sich doch jetzt nicht mehr an den Fluß zu halten, wo es überall Wasser und bald auch Gras für das Pferd gäbe. Sobald es richtig aufgeklart hatte, zogen wir denn weiter. Ich mit meinem Wagen, er mit seinem schwerbepackten »Kamel« (Buschname für Fahrrad). Die Gegend, in die wir nun kamen, ist noch weit dünner besiedelt als die am Darling und die Stationen so weit auseinander, daß man in der Regel ein- bis zweimal dazwischen im Busch oder in Schäferhütten übernachten muß. Die sehr sandigen Wege ermöglichen nur ein langsames Vorwärtskommen und die mit Tamarisken und Salzbüschen besetzte Ebene bietet auch keine erfreuliche Augenweide, wenngleich gerade diese für das Laienauge so spärlich aussehenden Salzbüsche das allerbeste und gegen jede Art von Dürre widerstandsfähigste Viehfutter liefern. Gegen Mittag kamen wir an eine kümmerlich genug aussehende Schäferhütte, die aber Brüllpeter so gut gefiel, daß er sich weigerte, weiter zu reisen. Denn bei ganzen Tagemärschen – so meinte er – würde man müde werden. – Und warum? Am Rande einer großen Lagune, die der letzte Regen mit schlammigem Wasser gefüllt hatte, machten wir ein Feuer. Das junge Gras, das mit der für Steppenländer so charakteristischen Schnelligkeit auf den ersten Regen hin schon herausgeschossen war, war ein Traktament für Rosinante und so war alles in schönster Ordnung. Die Hütte freilich war eine seltsame Konstruktion aus alten Petroleumtannen und einem Dach aus Gummibaumrinde. Der Schäfer, der sich schon seit Wochen nur mit seinen Hunden und mit dem klappernden Teekessel unterhalten hatte, nahm Rache dafür an uns, indem er uns stundenlang in seiner schläfrigen Weise über die neueste chronique scandaleuse im Busch unterhielt. Leider war sein Tabak ausgegangen und aus diesem Grunde rauchte er in seiner Pfeife gedörrte Gummiblätter, die einen Rauch verbreiteten, der fast so scharf und beißend war wie die Flüche, mit denen er seine Geschichten würzte. So ist das Schäferleben in diesem modernen Arkadien. Eine beschauliche Verbannung in behaglicher Verzweiflung, zwischen Herde und Hütte. Nebenan klankt eine Windpumpe über dem Trog, in dem manchmal wirklich Wasser genug für die Schafe ist. Der Tag ist lang in dieser Einsamkeit; aber länger noch sind die Nächte mit den verworrenen Stimmen der Wildnis unter dem sternklaren Himmel. Da sitzt man dann neben der rußigen Feuerstelle, über der der Billy baumelt, und schaut in die unruhigen Flammen und hält Konversation mit dem kochenden Wasser im Teekessel und mit den Hunden – vor allem mit den Hunden. Zumeist sind es deutsche Schäferhunde, aber seit dem Kriege beliebt man sie » Alsacians « Elsässer zu nennen. Kein Tier gibt es auf dieser Erde, das so viel Lügen über sich ergehen lassen muß wie ein Schäferhund. Der ist kein rechter Buschmann, der nicht ein halbes Dutzend davon auf Lager hat. Und doch hätten sie es nicht nötig, denn auch die Wahrheit bietet Stoff genug zu erstaunlichen Berichten. War da einmal ein Sundowner, der sich seine Hunde zum Schafefangen abgerichtet hatte und damit einen angenehmen, wenn auch ungesetzlichen Unterhalt verdiente. Das ging, so lange es gehen konnte, bis der Herr eines Tages in Nummer Sicher saß, worauf dann die treuen Hunde noch fortgesetzt an jedem Tage eine Schafherde in den Gefängnishof trieben, bis man sie endlich totschoß. Auch am nächsten Tage nahmen wir uns Zeit auf unserer Wanderung und mußten noch einmal im Busch übernachten, ehe wir die Station erreichten. Es war eine böse, bitterkalte Nacht mit eisigem Wind, der ab und zu die Regenschauer vor sich hertrieb. Trotz des gewaltigen Feuers vermochte ich nicht warm zu werden. Aber Brüllpeter legte sich flach auf den nassen Boden, deckte sich zu mit seiner dünnen Baumwolldecke, die die Funken von unzähligen Lagerfeuern schon wie ein Sieb durchlöchert hatten, und schlief gleich ein. Gegen Mitternacht wurde er wieder munter, zündete sich eine Zigarette an und begann in aller Ausführlichkeit von seinen Erlebnissen zu erzählen. – Wie er mit dem Großfürsten Nikolajewitsch auf Reisen war, wie er in Monte Carlo seine letzten hunderttausend Francs verspielte und wie er in Konstantinopel mit dem Großwesir dinierte. Mir wurde ein wenig unheimlich zumute bei solchen Berichten. Über das Feuer hinweg sah ich sein verwittertes Gesicht und die wilden Haare. Dieser Brüllpeter fing an, mich nervös zu machen. Ich sann auf Mittel und Wege, wie ich ihn mit Anstand wieder loswerden könnte. Aber als der Morgen graute, war er verschwunden, mit ihm aber noch etwas anderes, und das brachte mein Abenteuer im Busch zu einem vorzeitigen Ende. – Nein, ich will nicht die Götter anklagen wegen meines Mißgeschicks. Es war ganz meine Schuld. Denn hatten mich nicht unterwegs schon alle Kenner gewarnt und mir geraten, ich solle mir eine Glocke klauen und dazu ein paar Spanner für die Vorderhufe? Nun war es zu spät. Rosinante war fort. Weit und breit war keine Spur von ihr zu sehen. Und wie sie nun finden in einem mit dickem Busch übersäten Paddock von 20 000 Hektar? Anfangs dachte ich, daß vielleicht Brüllpeter auch hier den Sklavenhändler gespielt hätte, aber den Gedanken gab ich bald auf. Die Spur seines Fahrrades war deutlich zu verfolgen in dem aufgeweichten Boden. Der alte Klepper wäre ihm nur Ballast gewesen. Mir aber war er A und O im Busch, denn wer sonst sollte mir meine Karre wieder herausfahren? Ratlos schaute ich vor mich hin. Das Weinen war mir näher als das Lachen. Und der Himmel selbst fing an zu weinen über das Mißgeschick. In Strömen kam der Regen herunter auf die graue Asche des verloschenen Feuers. Zitternd vor Frost lief ich stundenlang im Busch umher und folgte den Pferdespuren, die sich immer wieder verwirrten. Denn die Pferde gehen manchmal wunderliche Wege, und es ist nicht jeder ein Lederstrumpf, ein Winnetou, Old Shatterhand und noch viel weniger ein Sherlock Holmes. Eine australische Schaffarm mißt nicht mit Maßen europäischer Entfernungen. Das dazugehörige Gelände wird durch Drahtzäune aufgeteilt in mächtige »Paddocks«, von denen jede einen Flächeninhalt hat von einigen 15 000–20 000 Hektar. – Und wie sich nun zurechtfinden in solchem weg- und steglosen Stück Wildnis mit den Büschen, die sich überall gleichen wie die Wege in einem Irrgarten, in dem die Spuren von Mensch und Tier wirr durcheinander laufen und es zumeist nur ein einziges Wasserloch gibt, das obendrein noch oft vertrocknet ist? Da der Boden feucht war vom Regen und mein Pferd beschuhte Hufe hatte, was sonst nur sehr selten der Fall ist bei Buschpferden, gelang es sogar meiner Unfähigkeit in den Buschmannskünsten, die Spur zu verfolgen, die in schnurgerader Richtung Gott weiß wohin führte. Stundenlang war ich ihr gefolgt und noch immer wollte das kein Ende nehmen. Ganz erschöpft stand ich still. Der Tag begann sich schon zu neigen. Es fing wieder an zu regnen. Überall hörte man das Kru-Kruk der Wildtauben. Ganz in der Nähe heulte ein Dingo. Hunderasse Einen Augenblick wollte ich nachdenken. Ich kam mir lächerlich vor in dieser Lage. Ein häßliches Angstgefühl lief mir kalt den Rücken hinunter. – Was tun? Hier liegenbleiben in dem Regenwetter? Weitergehen – wohin? Mechanisch tappte ich wieder vorwärts hinter den Pferdespuren. Da stand ich plötzlich vor einer Telegraphenstange, die ich vor Freude beinahe umarmt hätte. Vor mir lag die große, breite Straße, die nach Wilcannia führt. Nun wollte ich keinen Schritt mehr weitergehen. Rosinante hatte ich abgetan mit einem Fluch und einem Steinwurf. Das ganze Pferdegeschäft war mir verleidet. Hier am Straßenrande wollte ich warten auf irgendein Fahrzeug, das mich mitnehmen konnte nach einem von Menschen bewohnten Platz, wo man sich die weiteren Schritte in Ruhe überlegen konnte. Ich brauchte nicht lange zu warten, denn schon nach einer Stunde tauchte ein Auto auf; der Wagen eines Händlers – er ging, wie ich später erfuhr, unter dem Namen »Lausiger Joe« –, der mich bereitwilligst mitzunehmen versprach. Aber Versprechungen sind billig, auch im Busch. Wir waren noch nicht fünf englische Meilen weit gekommen, da muckte der Motor. Gleich darauf blieb er vollends stehen, und das war ihm nicht zu verdenken, denn es war kein Tropfen Benzin mehr im Auto. Um das Unglück voll zu machen, war auch der Wasservorrat zu Ende. Den letzten Tropfen hatte der gefräßige Kühler verschlungen. Da saßen wir nun, eine traurige, mißmutige Gesellschaft unglücklicher Reisender, neben dem hungrigen Benzinroß. Ein wenig tröstete mich die Genugtuung, daß ich nicht allein der Dumme war. Daß so etwas auch alten Buschleuten passieren konnte. Aber es war ein schwacher Trost. Glücklicherweise hatten wir in unserer Gedankenlosigkeit nicht auch noch die Streichhölzer vergessen. So machten wir ein mächtiges Feuer, um das wir freudlos saßen, während die Raben in den Bäumen krächzten. Lousy Joe erging sich in düsteren Prophezeiungen über unsere Aussichten. – Ja, das könne man nie sagen bei australischen Straßen! Jeden Augenblick mag ein Auto auftauchen. Vielleicht dauere es aber acht Tage, bis wieder eins komme. Über meine Aussichten betreffs Wiedererlangung des Pferdes sprach er sich recht pessimistisch aus. Da habe ich mir ein schönes Unglücksvieh aufhängen lassen. Das sei nämlich ein »Springer«, der über die Zäune wegsetzt. Längst sei er schon in einem anderen Paddock, und wer da nicht ein richtiger Buschmann sei – und daß ich das nicht sei, könne man mir ja auf Meilen ansehen –, der könne es nunmehr so wenig finden wie eine verlorene Nadel in einem Heuspeicher. Ich mußte lachen. Rosinante! Aber Lousy Joe blieb bei seiner Meinung. Die Zahmen, das seien eben die Schlimmsten. Mit den Menschen sei es ja auch nicht anders. Über solchen Gesprächen war die Nacht herumgegangen und der erste Strahl des hereinbrechenden Morgens begrüßte das Postauto, das von Bourke her kam und uns nun mit Benzin versorgte. Vor wenigen Minuten erst waren sie an meiner Karre vorbeigekommen, die kaum eine halbe englische Meile entfernt neben der Straße lag. Sie hatten sich die Sache angesehen und einer von den Passagieren war nicht abgeneigt, mir den ganzen Plunder abzukaufen, so wie er da stand. »Vier Pfund«, meinte er. »Gut«, sagte ich. »Und auch die Aussicht auf das Pferd, wenn ich es finde?« »Auch das.« Zug um Zug händigte er mir den Mammon aus. Aus war es mit der Kutsche, aus mit den großen Buschreisen, aus mit der Milchmädchenrechnung der Kaninchenfelle, die ich mir damit zu erobern gedacht. – »Adieu veau, vache, cochon, poulet.« Lebt wohl, Kalb, Kuh, Schwein und Huhn! Mit den vier Pfund marschierte ich zurück zu meinem Kamp, holte meinen Swag, nahm den Billy und marschierte weiter zum nächsten Regierungstank, ohne mich noch einmal umzusehen, denn nach den gemachten Erfahrungen konnte ich es nicht über mich bringen, noch einmal eine Nacht auf dem verfluchten Platze zuzubringen. Der Weg war weit und schwer. Das ungewohnte Bündel drückte auf den Rücken. Es wurde Nacht und ich tappte immer noch weiter auf der breiten Straße, auf die ab und zu der Mond ein weißes Licht zwischen zerrissenen Wolken durchwarf. – Wie lang war diese Straße! Jetzt erst bekam ich einen Begriff von dem bedauernswerten Ahasverdasein der armen »Swaggies«, die da jahrzehntelang ihr Bündel ruhelos von Station zu Station schleppen. Zwei Tage dauerte die Reise auf der Straße, die tot und ausgestorben dalag. Nur einmal traf ich unterwegs einen Kollegen von der Landstraße, der in entgegengesetzter Richtung tippelte – einen von jenen aschblonden Yorkshiremännern, die im Busch alle unter dem Kriegsnamen »Sandy« gehen. Wir setzten uns in den Busch am Straßenrand und hatten eine kleine Unterhaltung. »Hier haben wir ihn begraben«, sagte Sandy, während er seine Pfeife stopfte. »Armer Ginger! Er war ein guter Junge, und abgesehen vom Whiskytrinken hat's ihm keiner gleichgetan. Aber einmal hat er es doch zu oft getrieben, und der Busch erwischt schließlich auch den besten Buschmann, meist gerade dann, wenn er anfängt, nicht mehr daran zu glauben. Eine Gin folgte seinen Spuren. Irgendwo fand sie seinen Rock, ein Stück Wegs weiter seinen Swag und schließlich Ginger selbst neben seinem verhungerten Hunde und dem Fahrrad, das er in einem Baum aufgehängt hatte. Denn so geht es den meisten. Eine Schraube ist immer irgendwo los bei jedem von den Jungens – denn wie sonst kämen sie in den Busch? – Aber wenn einer so drei Tage lang kein Wasser mehr gesehen hat, dann fängt er an, Schlangen zu sehen am hellen Tage, und die Polizei hat nachher die Arbeit, ihn zu verscharren unter einem Gummibaum. Der Busch hat ihn umgebracht. So geht es meistens mit den Jungens.« Langsam und trocken hatte Sandy das erzählt, mit nachlässiger Stimme, wie einer, der davon berichtet, daß es gestern geregnet hat oder daß die Wolle um einen Penny pro Pfund hinaufgegangen ist. Die Pfeife war endlich im Gang, und er redete von etwas anderem. Ich aber war zu neu im Busch, um die grausige Geschichte so schnell zu verdauen. »In des Gummibaums Schatten, des Gummibaums Schatten Ist des Herdenmanns Grab.« An jenem Abend schlief ich voller Durstqualen an einem leeren Wasserloch. Aber die Unruhe trieb mich schon um Mitternacht wieder auf den Weg, und gegen Morgen – es schien mir der kälteste in meinem Leben – erreichte ich den bewußten »Tank«, mit welchem Namen man in Australien die von der Regierung angelegten Wasserreservoire bezeichnet. Es stand dort ein ganz schönes Haus, in dem vor kurzem noch ein Postmeister residiert hatte. Ein richtiger Kochherd stand neben dem Kamin. Aber in der weiten Runde war kein Brennholz zu sehen. So tat ich, was offenbar schon andere vor mir getan hatten an diesem Platze: ich riß noch ein Stück von der Veranda ab, und als das nicht genügte, machte ich Feuerholz aus der Bank vor der Tür. Das war nicht eben »law abiding«. Hausrecht Mea maxima culpa! mein größtes Verbrechen Ich muß mich bekennen zu diesem Vandalenakt, aber wer noch nie im kalten Morgengrauen in einer Buschhütte saß, der werfe nach mir mit Steinen. Nachdem das Feuer ordentlich im Gang war, machte ich mir ein Bett auf dem Schreibtisch zurecht, und so war es eigentlich ganz gemütlich, trotzdem die Krähen wie besessen am Dache rüttelten und die Geier ein häßliches Geschrei erhoben um ein totes Känguruh, das im Hofe lag. Gegen Mittag kam dann eine Wollkarre vorbei, deren Fuhrmann versprach, mich mitzunehmen bis zur nächsten Eisenbahnstation. Erst nach Dunkelwerden fuhren wir weiter. Zehnspännig, und ich hoch oben auf dem höchsten Wollballen. Die Nacht war kalt, aber wunderbar frisch und klar. Ringsum waren die hellen Sterne und vor mir die vielen nickenden Pferdeköpfe. Da erlebte ich im Geiste noch einmal alles, was ich hier gesehen hatte im Busch, und ich war dankbar für das, was ich erleben durfte. In der Hütte hatte ich eine schmutzige, abgegriffene Ausgabe der » Seven Seas « gefunden, und da ich nach so langer Zeit einen Hunger nach Druckerschwärze hatte, studierte ich die Gedichte beim matten Licht der Sterne. – Ja, da stand es wohl, was es am besten ausdrückte für mich und alle, die mir Weggenossen waren in diesen Wochen: » Yes, a health to ourselves ere we scatter, For the steamer wont wait for the train, And the legion that never was listed, Goes back into quarters again! Regards! Goes back and canvas again. Here's now! The swag and the billy again.« Ja, ein Prost auf uns alle, eh' wir scheiden; Denn das Schiff wartet nicht auf den Zug, Und die Mannschaft, die niemals gemeldet war, Geht zurück in ihr altes Quartier. Seid gegrüßt! Zurück nun ins alte Zelt. So ist's nun einmal! Huckt Bündel und Kochtopf auf! 14 Insel der Seligen Ein durstiges Handwerk / » Swells Stutzer, Stadtfrack tipple « / Ein empfehlenswertes Gasthaus / Unterwegs nach Sydney / In die »Blauen Berge« / Der Schnee als Weltwunder / Ein politisches Gespräch / Noch einmal in New Castle / Schlechte Zeiten / Hans der Bierbrauer macht seine Erfahrungen / An Bord der »Sierra« / Ankunft auf den Fidschiinseln / Australisches Indien / Die Tongainseln / Auch ein Königreich / Allerlei Bekanntschaften / Das Schwein auf der königlichen Veranda / Insel der Seligen Die Nacht war vorüber, und noch immer keuchte der schwere Wollwagen weiter durch die sandige Straße. Toby, der Fuhrmann, hatte seine liebe Not mit den zehn müden Pferden. Mürrisch saß er auf dem hohen Bock und verfluchte jedes einzelne der Tiere gewissenhaft vom Schwanz bis zu den Ohren. »Oh, Sandy – verdamm' deine Augen! – Get up , Auf! Los! Bill! – oh woh! Alle miteinander. – Der Teufel hole eure schwarzen Seelen!« Wie Flintenschüsse hallten seine Peitschenschläge. Zwischendurch fand er aber immer noch Zeit, sich rückwärts nach den Wollballen zu wenden, um mit mir eine Unterhaltung zu führen. »Schlimmes Handwerk, das!« sagte er zwischen langen Zügen aus seiner Pfeife, »fast noch schlimmer als Pferdestehlen. Ein durstiges Handwerk, ein verdammt durstiges Handwerk, kann man wohl sagen!« »Das glaube ich«, sagte ich nachdenklich. »Ja, aber mit dem Glauben allein ist's nicht getan«, fuhr er fort, »man muß auch danach handeln. – Wie Sie z. B. dort drinnen in der Hütte bei den Känguruhs, den Raben und den Dingos waren – wer weiß, ob Sie nicht noch dort säßen, wenn nicht Toby gekommen wäre mit seiner Karre. Und wovon hätten Sie da wohl gelebt? – Etwa von dem toten Känguruh? Oder von den Raben? Die muß man erst erwischen, und dann schmecken sie auch nicht gerade wie junge Hühner. – Well, und darauf wollen wir nun einen heben, wenn wir wieder unter Menschen kommen. – Ho, Bossy! Ich werde dir Beine machen!« Wieder knallte die Peitsche, wieder zogen die Pferde an, von der Angst beflügelt. Aber schon blinkte in der Ferne das Wellblech der »Stadt«, die sich um die Eisenbahnstation baute. Sie trug den Namen »Ivanhoe«, und so war doch etwas Poetisches an ihr, wenngleich sie im übrigen ebenso langweilig war wie jedes andere Buschdorf. Schon waren wir mitten im Orte, und während die Pferde ihren Durst mit langen Zügen in einem trüben, sumpfigen, fröschequakenden, seltsamerweise noch nicht ausgetrockneten Teiche löschten, eilten Toby und ich ins nahe Wirtshaus, um auch für unseren zu sorgen. Toby ließ sich dort nicht lange bitten und bestellte eine Flasche » swells tipple « auf meine Kosten. Ich wunderte mich, was das wohl wäre in dieser unendlich langen Reihe von verschieden etikettierten Flaschen, die alle ungefähr dasselbe Gift enthielten. Ein » swell « ist in Australien etwa das, was man anderwärts auf dem Lande einen Stadtfrack nennen würde, doch ein » swells tipple « – Aber siehe, der Wirt schloß ein Fach unter dem letzten Winkel der Bar auf und holte eine Flasche hervor, die er aus einer dicken Strohhülse herausschälte und uns präsentierte mit einem so freundlichen Lächeln, wie das bei seinem Galgengesichte immer nur möglich war. » Champaigne « stand darauf. Kalt lief es mir über den Rücken, als ich den Abstand zwischen solcher Etikette und den vier Pfund ermaß, die ich für meine Karre bekommen hatte. Aber Toby hatte sich schon der Flasche angenommen. Der Pfropfen flog bis zur Decke. Mit einem Zug, der von echtem Fuhrmannsdurst zeugte, jagte er den halben Inhalt der Flasche glucksend durch die Gurgel. Ein Glas ließ er mir übrig. Das Zeug schmeckte wie Apfelwein mit sehr viel Schwefelsäure, außerdem war es lau wie Spülwasser, aber Toby fand es göttlich. »So«, sagte er, indem er sich aufblähte wie ein Frosch beim Regenwetter, »das wäre der Anfang!« In diesem Augenblick aber gab es draußen ein furchtbares Stampede. Die zehn Pferde, die wahrscheinlich ein vorüberfahrendes Lastauto erschreckt hatte, rannten in voller Karriere über die Straße und der schwere Wagen hinterher wie ein Handkarren. Toby stürzte zur Tür hinaus. Ich habe ihn an dem Tag nicht wiedergesehen. – Ivanhoe liegt zwar an der Eisenbahn. Dennoch ist ein abfahrender Zug keineswegs ein alltägliches Ereignis. Wer Glück hat wie ich, der kann immerhin nach knapp vierundzwanzig Stunden auf eine Abfahrt rechnen. – Aber wie diese langen Stunden totschlagen in Ivanhoe? Der Tag war rauh und frostig, wie nur ein Wintertag auf dem australischen Hochland sein kann. Alle Gäste hockten eng zusammen um den kalten Kamin, in dem nur weiße Asche und ein Atom von Feuer zu sehen war. Aber bequem wie sie waren, fiel es keinem ein, für die nötige Heizung zu sorgen, dem Wirt am allerwenigsten. Als ich reklamierte, drückte er mir vertrauensvoll eine Holzaxt in die Hand und hielt mich zwei Stunden lang mit Holzhacken beschäftigt, was ihn freilich nicht hinderte, mir am anderen Tage eine gesalzene Rechnung für Kost und Logis vorzulegen; und kurzum, ich müßte heucheln, wenn ich sagen wollte, daß mich irgendwelcher Trennungsschmerz erfaßte, als ich endlich meinen Swag in dem Eisenbahnzug verstauen konnte, der gemächlich nach besseren Zonen rollte, während draußen ein blutiges Abendrot zum letztenmal den Busch in glühende Farben tauchte. – Ostwärts ging die Reise durch die lange Nacht und einen darauffolgenden Tag, der auch kein Ende nehmen wollte. Erst jetzt, nach dieser fünfhundert Kilometer langen Eisenbahnstrecke, sollte ich herausfinden, daß der Darling denn doch noch nicht ganz Australien ist. Immer weiter blieb der graue Busch zurück, an seine Stelle traten junge Weizenfelder, die eben frisch und grün aus dem Boden sproßten, und darüber hingen schwere Wolken an einem regendrohenden Himmel. Langsam keuchte der Zug hinauf in die »Blauen Berge«, durch dichte Wälder mit seltsamen Farnbäumen und wiederum vorbei an steilen Schluchten zu einem winterlich anmutenden Hochland, das mit seinen blau verdämmernden Höhen an deutsche Mittelgebirge erinnerte. Die Felder lagen grau, braun und tot unter dem trüben Himmel, und wirklich, da wirbelte etwas Graues von oben herunter. – Es war wahrhaftig Schnee. So etwas ist auch zur Winterszeit ein sensationelles Ereignis in Neusüdwales. Der ganze Zug geriet in Aufregung. Man füllte Hüte und Reisetaschen, um die seltene Gottesgabe den Freunden und Nachbarn in Sydney zu zeigen. Ein neben mir sitzender lieber alter Herr polsterte damit seine Aktentasche, ehe er das begonnene politische Gespräch über die deutsch-australischen Beziehungen fortsetzte. »Ja«, meinte er nachdenklich, »das kann ich nie verstehen, daß der Kaiser uns den Krieg erklärt hat. Und ich kann es ihm auch nicht vergessen. Denn sehen Sie, ich bin Engländer, und wenn ich keiner wäre, so wollte ich wohl einer sein. Ich könnte mir das gar nicht anders denken. Aber wenn es schon einmal nicht anders ginge, hätte ich wohl Deutscher sein mögen, ehe uns der Kaiser den Krieg erklärt hat.« »Soweit ich mich erinnere, hat König Georg dem Kaiser den Krieg erklärt«, wandte ich ein. »Ja, aber er hat angefangen!« Da konnte ich denn doch nicht umhin, ihn zu fragen, ob er überhaupt informiert wäre über die Vorgänge, die zum Kriege führten. »Freilich«, rief er aus, »wo doch die verdammten Preußen den belgischen Kronprinzen ermordeten!« Solche Information nahm mir einen Augenblick den Atem weg. Ich versuchte, ihm auseinanderzusetzen, daß das nicht ganz mit den geschichtlichen Tatsachen übereinstimme, aber damit forderte ich nur den Protest der anderen Reisenden heraus. Ob ich das wohl besser wissen wolle als Leute, die schon lange in Australien sind? Über die Mörder des belgischen Kronprinzen entspann sich freilich ein Argument. Die einen meinten, es wären Österreicher gewesen, die anderen schoben sie den Türken in die Schuhe. Aber ermordet mußte man ihn doch haben, denn wie sonst wäre der Krieg zustande gekommen? Nachdem solchermaßen das Gespräch mitten in die Kriegsereignisse geglitten war, mischte sich ein wohlgekleideter Herr hinein, der eine bronzene Feldzugsmedaille im Knopfloch trug: »Der Kronprinz«, sagte er mit zornbebender Stimme, »der deutsche Kronprinz hat in einem Schloß zu Verdun im Elsaß einen goldenen Becher gestohlen. Aus dem hat er an jedem Tag einen Tropfen Blut im Champagner auf den Untergang Englands getrunken.« Bei dieser erstaunlichen Behauptung zogen die Bremsen des Zuges an, und über holperige Weichen fuhren wir – keinen Augenblick zu früh – in den Bahnhof von Sydney ein. – – Die Stadt Sydney war von jeher das Mekka der Australier und wird es auch in Zukunft bleiben. Man muß sie im Sonnenglanze eines australischen Wintertages gesehen haben, und dann ist jedes Wort zu ihrem Preise zuviel. In einem Leben der Wanderungen habe ich alle Welthäfen gesehen, von denen man ein Geschrei macht in den Touristenbüros: Konstantinopel, Rio de Janeiro, Neapel, Colombo, San Franzisko – aber die Bai von Sydney kann sich mit diesen allen messen. In mancher Hinsicht ähnelt sie der Kieler Föhrde. Aber es ist eine Föhrde, an der die Palmen stehen und wunderliche Wolkenkratzer in einen dunkelblauen Himmel ragen, der sich in dem ebenso blauen Wasser spiegelt. Im nahen Botanischen Garten sieht man die wilde Majestät der zerzausten Norfolktannen, die Palmen in der Sonne. Von dorther kommt die weiche Luft, die wie eine Ahnung der Tropen mit dem salzigen Seewind zieht. Ja, Sydney ist schön; eine von den Städten, die wie ein Vampyr leben auf Kosten anderer Plätze, die zum Geldverdienen und nur zum Geldverdienen da sind. Ein solcher ist der einige sechzig englische Meilen weiter nordwärts gelegene Hafen New Castle, wohin ich gleich weiterreiste, gerade nur um der alten Zeiten willen. – Ach, immer ist das Tier im Menschen lebendig und zieht und zieht ihn nach dem alten Stall. Vor zwanzig Jahren war ich als ganz junger Matrose zum erstenmal durch diese enge Hafeneinfahrt gekommen mit einem englischen Segelschiff, das von San Franzisko kam. Nun ging ich wieder durch die Gassen, die mir noch enger, noch schmutziger, noch rußiger wie damals vorkamen, zwischen Häusern, aus denen das Elend noch häßlicher herausschaute. Damals – da war doch alles ganz anders. Da war der Fluß weithin übersät mit einem Wald von Masten der stolzen Segelschiffe, da drängten sich die breiten Trampdampfer vor den Kippkähnen der Kohlenbunker, da widerhallten allabendlich die Gassen vom Lärm der Matrosen, und man war reich mit den fünf Schilling, die einem der Kapitän am Samstagabend auf Vorschuß gab. Nun war es wieder Samstagabend, aber die Schenken waren leer, die Wirte gähnten gelangweilt vor den Türen, im Hafen lag ein einziger, armseliger Küstendampfer. Streik in den Bergwerken, Streik der Seeleute. In Australien ist der Seemannsstreit eine ständige Einrichtung. So oft ich hingekommen bin, habe ich es doch niemals anders gesehen. Nebst den Scherern sind die Matrosen in ihrer Begehrlichkeit eine Zielscheibe des Spottes für den »Mann in der Straße«. Ein Matrose der australischen Handelsmarine erhält eine Heuer von neunzehn Pfund, also rund 400 Mark pro Monat bei vollkommen freier Station und einer streng gewerkschaftlich festgelegten Minimalarbeitszeit an Bord. Die von der Bundesregierung während des Krieges mit beschlagnahmten deutschen Dampfern eröffnete Dampferlinie nach Europa war jahrelang das Schlaraffenland der Seefahrer. Guter Verdienst, wenig Arbeit und immer einmal pro Reise ein Streik der Stewards auf hoher See, wobei dann die Passagiere selbst ihr Geschirr waschen und den Tisch decken mußten unter den feindseligen Blicken der Mannschaft, die sie als Streikbrecher beschimpften. Legte der Dampfer in einem fremden Hafen an, so gingen die Herren Matrosen an Land und kamen zurück, wenn es ihnen Spaß machte. » The ship can wait! « – Das Schiff kann warten! Und es wartete! – Ersatz war keiner zu finden, da man zur Anmusterung ein australisches Gewerkschaftsbuch benötigte. Das ging, solange es gehen konnte bei einer internationalen Monatsheuer von acht Pfund und weniger idyllischen Verhältnissen auf anderen Schiffen. Im Jahre 1928 verkaufte der Staat die Schiffe an eine englische Gesellschaft, und die arbeitslosen Matrosen saßen nun in langen Reihen an den Kais von New Castle und baumelten mit den Beinen und schauten blinzelnd auf das glitzernde Wasser und auf die Kormorane, die auf den grün bewachsenen Molenköpfen sahen. Früher, meinte einer, da hätten sich die Heuerbase hier die Beine abgelaufen nach jedem Grünhorn, und ein richtiger Matrose sei geradezu ein Objekt der Anbetung gewesen; aber jetzt sei alles vorbei. Englische Kohlen würden in Sydney billiger angeboten wie die aus New Castle. Den südamerikanischen Markt und den von Singapore habe man schon lange verloren, und die wenigen Schiffe, die sich hier noch herwagten, scheuten sich sogar Bunkerkohlen einzunehmen, aus Angst vor den Kaigebühren – ja, und was habe man nun von den fabelhaften Löhnen? Kein Mensch wußte darauf eine Antwort von allen denen, die da weiterdösten im Zwielicht, während der Wind den Hafenlärm herüberbrachte und die verlaufende Flut in den Bojen rasselte; eine betrübte Gesellschaft, die in den sinkenden Tag hineinstarrte. Dachten sie an die glitzernden Versprechungen der lockenden Reklamen? » Australia calls you ! – Geh nach Australien und wachse mit dem Lande!« Ach, es war doch alles nur Druckerschwärze! Noch dachte ich über diese Dinge nach, als eine Gestalt vor mir auftauchte, die mir bekannt vorkam. Hans, der Bierbrauer! Vor wenig mehr als einem Vierteljahr waren wir noch auf der »Bendiga« zusammengewesen. – Aber was bringt ein Vierteljahr mit sich an Erleben für einen armen Auswanderer! Hans hatte es daran offenbar auch nicht gefehlt. Er war magerer geworden, von brauner, australisch anmutender Gesichtsfarbe, mit einem bösen, harten Zug um den Mund und einem müden, gehetzten Ausdruck in den Augen. Und kein Wunder, denn es war ihm, wie er mir erzählte, keineswegs immer gut ergangen »bei uns in Australien«. Zwar hatte er gleich zu allem Anfang das Glück, eine Stelle in seinem Beruf zu bekommen bei einer Bezahlung, die er sich zu Hause nicht hätte träumen lassen. Aber nach acht Tagen kam der » union boss « Gewerkschaftsführer und fragte nach seiner Gewerkschaftskarte. »Die muß ich mir erst anschaffen«, meinte Hans, der sich inzwischen schon in John umgetauft hatte. »Und Australier bist du nicht?« meinte der Gewerkschaftsbeamte. »Nein«, sagte Hans. »Engländer natürlich auch nicht.« »Nein.« »Etwa gar von Germany ?« »Ja«, antwortete Hans kleinlaut. »Dann kannst du mal gleich deinen Plunder wieder zusammenpacken. Wir haben genug an unseren Arbeitslosen.« Das war der Anfang einer bösen Geschichte, die sich in Fortsetzungen wiederholte, bis nach New Castle. Eine Weile noch lief er in Melbourne von einer Arbeitsmöglichkeit zur anderen, zu verschlossenen Glastüren, zu Leuten mit den großen, bronzenen Feldzugsmedaillen, die ihn gleichgültig anschauten und müde mit dem Kopfe schüttelten. »Nix deutsch!« Überall war er ein Hans im Glück gewesen und hatte den Goldklumpen verhandelt. Das teure Fahrgeld war umsonst ausgegeben, die vierzig Pfund Landungsgeld waren fort. Wir gingen in ein Restaurant, und nach der Art, wie er das Beefsteak verzehrte, konnte man schließen, daß er schon lange nichts Ordentliches mehr gegessen hatte. »Wenn nur wenigstens Neuguinea oder Samoa noch unser wären«, sagte er, indem er noch ein Beefsteak nahm, »dann wüßte man wenigstens, wo man hingehen könnte! – Oh, die Dummköpfe in Deutschland! – Morgen soll ja die »Mosel« hier ankommen.« »Möglich«, sagte ich. »Aber was kann das helfen?« »Ich meine man bloß. Wenn ich da an Bord gehe und dem Kapitän meine Lage auseinandersetze, da wird er mich wohl meine Passage nach Hamburg abarbeiten lassen. Meinst du nicht auch?« Ich nickte nur mit dem Kopf. Aber ich dachte mir meinen Teil, und es ging mir so durch den Sinn, wie gut es doch für so manchen verträumten Hans oder Michel wäre, wenn er ein klein wenig nach Australien reiste. – * Drei Tage später sah mich die Sonne der Südsee an Bord des amerikanischen Dampfers »Sierra« wieder einmal auf der Reise – aber auf der wievielten in den letzten sechs Monaten? – nach fernen Gestaden. Für die Südsee habe ich immer eine Schwäche gehabt. Oft schon, wenn ich in früheren Jahren auf langsamen Trampdampfern oder geruhsamen Segelschiffen durch diese Gewässer fuhr, wenn ringsum die weißen Vögel über die dunkelblaue Meeresfläche segelten, wenn das Wasser eintönig rauschte vor dem Bug und der frische, gewürzige Passatwind im Tauwerk summte und kühl von den geblähten Segeln herunterfegte wie ein süßes, unbegreifliches Etwas, das einem alles in Erinnerung rief, was man einmal gehört und gelesen hatte von den Wundern und Abenteuern verschlagener Schiffe und unfaßbarer Robinsonaden – in solchen Zeiten mochte es mir als das schönste aller Erlebnisse erscheinen, wenn man einmal Zeit und Gelegenheit hätte, hier herumzuzigeunern auf der blauen, unendlichen Weite, mit Meer und Wind und Sternen, zwischen Riff und Palmen auf verschwiegenen, windgepeitschten Inseln. Wie göttlich müßte das sein! Ja, und nun war es beinahe soweit. Und doch nicht so. – Gute, alte »Sierra«! Ich erinnerte mich an sie noch aus der Zeit, da ich – ein halbes Kind noch an Jahren, ein Dreiviertelkind an Verstand, ein ganzes auf dem Gebiete der Phantasie – mit leerem Geldbeutel, aber mit einer Seele voll Abenteuerlust, im Hafen von San Franzisko eben diese selbe »Sierra« auf eine Gelegenheit zum Verstauen für eine glorreiche Schwarzfahrt nach fernen Ländern musterte. Damals war sie noch das letzte Wort eines zeitgemäßen Schiffbaues. Aber auch das Neueste wird mit der Zeit altmodisch, und die Frage, wie lange sie es noch mitmachen würde, gab Stoff zum großen Rätselraten für den müßigen Bordklatsch von Sydney bis San Franzisko. Wie ich schon erwähnte, fuhr die »Sierra« unter amerikanischer Flagge. Sie war also ein »trockenes« Schiff. Nur Eiswasser bekam man reichlich zu trinken, ein kümmerlicher Ersatz bei 25 Grad im Schatten. Was aber tat man zur Hebung der Stimmung? – Da war an Bord auch eine Gesellschaft von jungen Leuten, deren Väter es sich leisten konnten, ihre Sprößlinge auf einen jener heute in Amerika schon zum Bestandteil der allgemeinen Bildung gehörigen » trip around the world « Reise rund um die Welt zu schicken. Es waren durchweg Studenten, junge Geschäftsleute bzw. Volontäre, Söhne von großen Kaufleuten, Industriellen, hohen Regierungsbeamten. Und was taten nun diese beneidenswerten Jünglinge? Schon in der ersten Stunde an Bord kramten sie mächtige Trommeln, Saxophone, Kindertrompeten und sonstige Spektakelinstrumente hervor, taten sich zusammen zu einer Jazzband und fortan widerhallten die stillen Südseenächte von sechs Uhr abends bis drei Uhr morgens von dem infernalischen Lärm, während immer abwechselnd eine Gruppe ihre Glieder verrenkte in geradezu besessenen Niggertänzen. So etwas nennt man auf amerikanisch » a jolly good time «. Eine wirklich großartige Zeit Aber bei aller Verjazzung unseres Jahrhunderts möchte ich vorerst doch noch bezweifeln, ob auch junge Leute anderer als angelsächsischer Nationen, von gleichem sozialem Herkommen, sich dazu bereit finden würden, Abend für Abend solchen Exhibitionismus mit ihrer Geistlosigkeit zu treiben. – Freilich gab es auch noch andere an Bord. Da war z. B. Mr. Müller, der sie nie erfassen konnte, die Suggestion des modernen Amerika. » Keep smiling! « Mr. Müller, der von San Franzisko auf dem Umweg über Australien und Honolulu nach Shanghai fuhr. Auf blauen Dunst nach Shanghai mit 45 Jahren! Eigentlich hätte Herr Müller so etwas nicht nötig gehabt, denn es war ihm recht gut ergangen auf seinem ruhigen und gesicherten Buchhalterposten in Deutschland. – Aber ging es nicht den Leuten in Amerika unendlich viel besser? Hatten die nicht den Krieg gewonnen? Verdienten die nicht in Dollars, sogar jetzt, im Jahre des Unheils 1923? Fuhren dort nicht die Waschfrauen per Auto auf Kundschaft? Hatte nicht jeder Arbeiter sein Huhn im Topfe und seinen Ford in der Garage? Und war es nicht das Land der Freiheit, in dem die Zeitungsjungen Präsidenten zu werden pflegten, wenn sie sich nur ein bißchen anstrengten? – Und also verschleuderte man den Plunder zu Hause um jämmerliche Papiermark, die die Überfahrt bezahlte; sie war so gut wie eine Eintrittskarte ins Paradies. Aber auch in New York wird mit Wasser gekocht, wie Herr Müller bald herausfand. Die Straßen sind dort lang, die Straßenbahnfahrpreise hoch, und Mister Müller stand an jedem Tage vor einem anderen Office, vor einer anderen Glastür mit goldener Inschrift, vor harten Tatsachen und noch härteren Yankeegesichtern. So war es ein Glück, daß wenigstens die nunmehrige Missis Müller ein Job in einem Office Büro, Geschäftsstelle bekam, eben das, was man ihm selbst vorenthielt. Dafür bekam er ein solches als Officeboy und fortan lebten sie beide in einem »Flat«, zwischen Normalmöbeln, die man irgendwo in Millionen herstellt und die überall dieselben sind, in einem Flat Mietwohnung mit Zentralheizung, Staubsauger, kaltem und warmem Wasser und allem modernen Komfort und oh! nicht einem Atom von Wärme für die hungrige Seele. Da sagte Mr. Müller in seinem schönsten Deutschamerikanisch: »Ich gleiche dieses Officeboyjob nicht mehr. Wir wollen muhwen Umziehen (lautnachahmende Schreibweise) nach Chikago.« – Aber Chikago war nur eine Wiederholung von New York, und es wurde auch nicht besser, als sie weiter nach San Franzisko muhwten. – Von wegen Auto! Man konnte von Glück reden, wenn es einmal in der Woche für die Movies reichte und ab und zu zu einem verschwiegenen Glase Bier bei boot-leggers Alkoholschmuggler und Mondscheinern. Nicht daß Bier sich Glück buchstabiert, aber die Freiheit tut's. – Ja, und dann ging es immer schneller bergab, und die Missis machte eine divorce , Ehescheidung und eine fremde junge Dame, an die er einmal in aller Unschuld ein Auge gewagt hatte, verklagte ihn wegen breach of promise . Bruch des Eheversprechens Die Advokaten wurden Stammgast im Hause, man träumte nachts von beschworenen Affidavits, Bescheinigung, eidliche Versicherung und Australien war da gerade weit genug, um vor solchem Schrecken zu fliehen. Besser wurde es aber dort auch nicht, und so raffte er das letzte Geld zusammen, das er mit Swag und Billy im Busch verdient hatte, und Shanghai war das Ende. – Warum ich die sonderbare Geschichte dieses Mister Müller erzähle? Ach, er ist nur einer unter hunderttausend Deutschen, die heute in ihren besten Jahren erbarmungslos zum alten Eisen geworfen werden in fernen Ländern unter kalten, fremden Menschen. »Die ihr nicht wißt, was deutsche Liebe, Nicht ahnt, was deutsche Narrheit ist.« Das Wetter war übrigens während der ganzen Überfahrt keineswegs ideal. Die See ging hoch, die Seekrankheit ging um wie ein Gespenst, und so war es für jedermann an Bord eine rechte Erlösung, als endlich die hohen Berggipfel der Fidschiinseln aus dem Meere auftauchten. Es war ganz ein Bild, wie man sich das Erscheinen einer Südseeinsel gewöhnlich nicht vorzustellen pflegt. Kein blauer Himmel, kein blaues Meer, keine weißen Korallenriffe. Düster und trübselig war alles ringsum. Die Wolken hingen schwer über dem Wasser. Zwischen zerrissenen Nebelstreifen sah man nur gelegentlich einige Fetzen eines hohen, finsteren Landes, das ebensogut die Alaskaküste sein konnte. Zwischen Riffen, um die das klare Wasser seltsam smaragdgrün schimmert, kommt man in die weite Bai, deren Schönheit man nur ahnen konnte. Vor uns lag der Hafen von Suva, tropisch schwül, unter hohen Kokospalmen, umhüllt von einem dicken Dunst, der dampfend aus den Bananenhainen aufstieg. Suva ist einer der wenigen guten und ausgebauten Häfen des Stillen Ozeans. Auch die größten Schiffe können direkt längsseit gehen am Kai, auf dem es von Fidschiinsulanern wimmelt, die mit ihrer sehr dunklen Hautfarbe, den seltsam gemeißelten Gesichtern und den ungeheuer hoch aufgebauten Wuschelfrisuren wahrlich eine beachtenswerte Erscheinung sind. An jenem Tage war alles in höchster Feiertagsstimmung, zum Empfang der beiden japanischen Kreuzer, die schwarz und drohend an der Landungsbrücke lagen. Eben war der Gouverneur in vollem Staat aufgefahren, und hinter einer lärmenden Musikbande marschierte die erstaunlichste Polizeitruppe, die die Welt je gesehen. Barfuß, den Kopf nur bedeckt mit der gewaltigen Frisur, dunkle, seltsame Gesichter und statt der Hosen weiße Spitzenröcke, die an einer Filmdiva vielleicht totschick aussehen würden, für einen Polizeibeamten aber kaum das richtige Bekleidungsstück sein dürften. Ein wollköpfiger Fidschijunge, dessen bloßes Auftreten schon eine erste Nummer wäre in einem europäischen Varieté, hatte sich schon an Bord des Dampfers meiner angenommen und trug nun meinen Swag vor mir her durch die Gassen von Suva, zwischen niedrigen Häusern, die ganz Veranda waren, und hohen, windzerzausten Kokospalmen, die abenteuerlich-romantisch über die Hausdächer hinausragten. Der Himmel war grau, und es regnete ein wenig; gerade das Wetter, in dem sich südliche Städte am unvorteilhaftesten präsentieren. Aber er machte seine Sache gut und brachte mich nach einer Pension, die meinem Geldbeutel angemessen war. Da saßen wir denn bald beim Lunch und aßen Beefsteak und tranken glühend heißen Tee, als ob wir in Schottland säßen, als ob nicht die Kokospalmen zum Fenster hereinschauten, als ob nicht ein Tropenregen bei dreißig Grad im Schatten auf die Palmblätter trommelte, als ob nicht da, drei Schritte vom Hause, das tropische Meer und die Brandung wäre, die donnernd vom Riff herüber hallte. Steif saßen sie am Tisch und machten Konversation, und die Pensionsmutter fragte die üblichen Fragen. »Did you have a pleasant voyage? Hatten Sie eine gute Überfahrt? – Oh, I'm so glad you did!« Es war ein langes Martyrium bei solcher Hitze, aber endlich wurde man doch entlassen, um sich die Sehenswürdigkeiten Suvas anzuschauen. Doch ehe ich davon erzähle, muß ich zum besseren Verständnis leider noch einmal einen Seitensprung machen in das Gebiet der hohen Politik. Die Engländer sind ein sehr rassestolzes Volk, oder gelten wenigstens dafür. Das hindert jedoch nicht, daß sie in allen den Kolonien, die sie selbst nicht mit ihren Landsleuten besiedeln können, die billige Rolle des Schirmherren der Eingeborenen spielen und die Interessen der weißen Rasse mit Füßen treten. Wo immer die britische Flagge über einer Kronkolonie weht, da werden die Einwohner herangepäppelt zu nachgemachten Engländern, zu einem Haufen von dumm-frechen Hosenniggers, die den weißen Ansiedler langsam, aber sicher zum Lande hinaustreiben. Dort, wo es angebracht erscheint, schiebt man die Stämme und Völker auch durcheinander wie Steine auf einem Schachbrett – divide et impera ! Teile und herrsche! Grundsatz durch Zersplitterung der Gegner über sie zu herrschen – oder man rottet sie ganz aus wie die nordamerikanischen Indianer und die unglückseligen Ureinwohner Australiens. Hunderttausende, nein Millionen sind im Laufe der letzten hundert Jahre vom Erdboden vertilgt worden durch Pulver und Blei, durch Gift und Meuchelmord und die Hungerpeitsche derer, die mit frommem Augenaufschlag uns unsere Kolonien wegnahmen, weil sie auf Grund ihres makellosen Vorlebens sich selbst nur für würdig erklärten, als Mandatsträger ein »zurückgebliebenes« Volk zu wahrer Höhe der Zivilisation zu führen. Fidschi ist ein lebendiger Anschauungsunterricht dafür, Suva eine Lektion des britischen Imperialismus. Wer sich in Indien auskennt, der fühlt sich auch in Suva zu Hause. Die gleichen engen Gassen, die gleichen dunklen Läden, vor denen sie das lockende Süßfleisch anbieten. Die gleichen dunkelhäutigen Jünglinge, auf deren pechschwarzen Haarschöpfen die Pomade fingerdick steht, und überall an den Läden Inschriften in den seltsamen Buchstaben der hindustanischen Sprache. Indien ist nach den Fidschiinseln ausgewandert und hat von ihnen Besitz ergriffen mit all seinen Krankheiten, Leidenschaften und seinen Problemen. Und dazwischen gibt es noch Japaner und Chinesen als Rosinen im Teig; erstere meist im edlen Barbierhandwerk, letztere oft schon in hohen Sphären, die auf bronzenen Bürotafeln ihre Wichtigkeit in die Welt hinausschreien: » Kwong Tiy Co. Ltd .« » Sun yat sun Ltd. « Es gibt sogar einen Kuomintang mit allem Zubehör. Von der Vielseitigkeit der Menschenmenagerie in dieser kaum 10 000 Einwohner zählenden Stadt gibt die letzte Statistik im Fidschijahrbuch Aufschluß: Europäer 1755, Mischlinge 785, Fidschiinsulaner 2000, Inder 7000, Polynesier 569, Chinesen 343, Japaner 159, Samoaner 182, Tonganesen 39, andere Insulaner etwa 300. Zu alledem kommen noch die phantastischen Mischungen von Menschen, die bald wie Chinesen, bald wie Malaien, bald wie Weiße aussehen, je nach dem Gesichtswinkel, unter dem man sie betrachtet. Das alles lebt mehr oder minder einträchtig beisammen. Selbst die stolzen Sikhs mit den wunderschönen Bärten und den Turbanen, die groß wie Storchennester sind – selbst diese Aristokraten, die zu Hause in Indien jede andere Beschäftigung als die eines Soldaten oder Polizisten mit Entrüstung abgewiesen hätten, tragen hier Holz am hellichten Tage oder machen sich sonst nützlich. Fidschi mag ein lockender Name drüben in Indien sein, eine Art Insel der Seligen, wo man sich alle Tage satt essen kann. Und es ist es auch, für die Weißen nicht weniger als für die Farbigen. Länger als andere polynesische Inseln war Fidschi von Weißen besucht und bewohnt, und das hatte seine guten Gründe. Denn nicht allzuweit entfernt liegt Botany Bay, wo England seine unerwünschten Untertanen unterbrachte. Und noch etwas näher Noumea auf Neukaledonien, dem französischen Sibirien. – Die man erwischte, kamen nach Botany Bay, die anderen gingen nach den Fidschiinseln, dem schönen, sonnigen Lande, das so angenehm weit weg war von allen Armen der Gerechtigkeit, mit einer eigenen Regierung ohne Auslieferungsgesetze und einem dunkelhäutigen Herrscher von Strandläufers Gnaden. Ach, die Zeiten sind nicht mehr so romantisch wie damals! Aus dem Königreich wurde eine Kronkolonie, regiert und verwaltet von tennisspielenden Exzellenzen an Stelle der dunklen Ehrenmänner, die einst zwischen Meer und Menschenfressern ein herrisches Dasein führten. Aber Fidschi ist noch immer ein gelobtes Land. Hier endlich ist das sagenhafte Land, wo man einen Spazierstock in die Erde stecken könnte, um ihn zum fruchtbaren Baum ersprießen zu lassen. Wohin man schaut, ist alles ein Chaos der Pflanzenwelt, die im Eifer ihres Wachstums über die Zügel schlägt. Die schleimigen Mangroven am Meeresstrand, die windgepeitschten Kokospalmen, die knorrigen Bäume der Dschungel und die alles überwuchernden Schmarotzerpflanzen, die an ihrem Lebensmark saugen. Es gibt hier Seen, Wasserfälle und große Flüsse, in denen die herrlichsten Fische leben. Am ehesten ließe sich das Land mit Ceylon vergleichen. Selbst auf der Hauptinsel Viti Levu geht die »Kultur« nicht weit über den engen Umkreis von Suva hinaus. Weiter landeinwärts ist alles Busch und Negerpfade, die von Dorf zu Dorf führen. Ein solches Dorf sieht nicht viel anders aus wie im Barotseland. Die Grashäuser der Häuptlinge sind groß und geräumig wie niedersächsische Bauernhäuser. Im Innern sind sie mit schönen Matten belegt und unter dem Dach sieht man zuweilen viele Grasstreifen dicht nebeneinander. Das war die sinnige Art, mit der man in vergangenen bösen Zeiten Kontrolle geführt hat über die gefressenen Menschen. Fidschi war das Land der Menschenfresser par excellence . Kein anderes Volk hat diese edle Sitte so andauernd und so andächtig betrieben wie die Fidschis. Von einem Häuptling, der sich darin zu einem Gourmand entwickelt hatte, erzählt man sich, daß er als sorgsamer Hausvater zur Kontrolle für jeden gefressenen Menschen einen Stein beiseite legte. Nach seinem Tode zählte man 800 Stück. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das Christentum und mehr noch die englischen Gewehre haben den alten Adam ausgetrieben. Heute geht der Fidschiinsulaner friedlich seinen Geschäften nach, ein Betrogener, Ausgeplünderter, ein Fremdling fast in seinem eigenen Lande. Nur auf dem Gebiete der Seefahrt haben ihn die zugereisten Mitbewerber noch nicht zu verdrängen vermocht. Wie alle Südseeinsulaner sind die Fidschileute amphibiale Wesen, die auf dem Wasser ebenso zu Hause sind wie auf dem Lande. Kühne, furchtlose Seefahrer, die in ihren Nußschalen von Kanus von Insel zu Insel segeln und auch auf größeren Schiffen im Dienste der »Papalangis« (Weißen) recht brauchbare Matrosen abgeben. Wohl lohnt es sich, einen Tag zu sitzen und zu träumen an der Hafenfront von Suva, wo alle Wunder der Südsee sich ein Stelldichein geben. Der Sonnenschein liegt gleißend auf den weißen Segeln. Das Wasser plätschert leise gegen die grünbewachsenen Molenköpfe. Die Luft ist erfüllt von dem wunderlichen Geruch der Kopra und allenthalben sieht man die mächtigen, muskulösen Gestalten, die die schweren Säcke wie Spielballen handhaben. Häfen bieten immer ein buntes Bild, selbst wenn sie klein sind wie der von Suva. Aber ein Südseehafen ist ein Ding für sich: lebendig gewordene Romantik aus den süßen Träumen unserer Kindertage, Erfüllung alles dessen, was je uns berauschte in unseren wildesten Wachträumen. Hier könnte man tage-, nein, wochen-, nein, monatelang an der Landungsbrücke sitzen im Kommen und Gehen der Kopraschoner und darüber Zeit und Stunde vergessen, während der Wind mit den Wellen spielt und die großen Segel sich im Wasser spiegeln. Bei Tag die glitzernde Sonne, die schwüle Wucht der Tropengewitter, bei Nacht die klaren, unwahrscheinlich großen Sterne, unter denen die hellen Hafenlichter blitzen. Und immer bei Tag und Nacht die drückende Treibhausluft, die zum Träumen verlockt und die seltsam wunderliche Welt, die von fernen, fremden Ländern erzählt. Und was brauchte man mehr, um sich als Robinson Crusoe zu fühlen? Aber so sind die Menschen: wenn es einem irgendwo wirklich gefällt, so ist man am meisten besessen nach dem Anblick anderer Länder, die noch schöner sein sollen. Und also machte ich mich schon nach acht Tagen auf die Weiterreise nach den benachbarten Tongainseln. Benachbart ist eigentlich nicht der richtige Name, selbst gemessen an diesem Meer der großen Entfernungen. Zwar lagen da und dort noch andere Inseln am Wege, aber die Entfernung von den Fidschiinseln zu der nächstgelegenen Ostgruppe der Tongainseln beträgt immerhin einige 300 bis 400 Seemeilen. Es war ein Glück, daß der Wind auffrischte, sobald die Flut uns aus der schwülen Landnähe hinausgeführt hatte, denn so traumhaft schön das Reisen auf einem Südseeschoner ist, so muß man sich doch erst daran gewöhnen, denn erstens wird man bei Tag und Nacht gepeinigt von den großen, schwarzen Käfern, die zu einem Kopraschoner gehören wie das Amen zur Predigt, zweitens ist da der seltsam süßliche, dem Neuling zu Kopf steigende Geruch der Ladung und drittens duften die dort angestellten Fidschimatrosen auch nicht nach Rosen. Mitten in der Nacht kamen wir vor der Hauptinsel Nukualofa an. Ganz plötzlich fiel der Wind. Die See war glatt wie Glas und hob und senkte sich wie unter dem Atem eines Riesen in einer mächtigen Dünung, die unser kleines Fahrzeug wie einen Spielball umherwarf. Ganz in der Nähe hörte man den Donner der Brandung, die gegen die Korallenriffe tobte. Bis zum Morgengrauen drehten wir bei in der hellen Mondnacht, die die Ränder der Wolken versilberte und vor den dunklen Mangrovenstrand einen blendend weißen Streifen zauberte, als ob das Meer dort von Quecksilber wäre. Ganz plötzlich kam der Tag und die Sonne. Vor uns lag das Land greifbar nahe. Doch ist es nicht leicht, an eine Südseeinsel heranzukommen. Ringsum ist sie gepanzert mit einem Gürtel von vorgelagerten Korallenriffen, gegen die das ewig unruhige Meer in nimmermüdem Anlauf anstürmt. Nur da und dort sind kleine Lücken im Wall, durch die man mit viel Geschick und Kühnheit hindurch laviert, ungefähr so, wie durch die Stromschnellen des Sambesi. Ganz hoch hebt sich plötzlich die Flut. Links und rechts sieht man das Leuchten der todbringenden Korallenriffe im klaren Wasser. Ein paar scharfe Kommandos. Schon ist man in der blauen Lagune, die still wie ein Mühlteich ist. Vor uns lag weit ausgestreckt das flache Land mit dem weißen Strand vor dem palmenbesetzten Ufer. Das ist Tongatabu, die größte Insel der Tongagruppe, bei deren Anblick es uns zum Bewußtsein kommt, daß wir hier in der Tat am Weltende angelangt sind. Kein »Hauch der aufgeregten Zeit« erreicht diese Ufer. Aller Lärm und alles Getue der großen Welt kommt nur gedämpft, wie der Wellenschlag des breiten Meeres, der müde an diesem Strande verebbt. Insel der Seligen! Auch beim Näherkommen sieht man nichts als Sand und Palmen, zwischen denen allmählich die weißen Häuser herauskommen. Hinter hohen Norfolktannen, die seltsam fremd und nordisch anmuten in dieser Umwelt, steht ein Haus, das etwas anspruchsvoller als die anderen, doch keineswegs königlich aussieht: der Palast der Königin von Tonga. Nebenan flattert an einem hohen Mast die rote Flagge des freien Landes von Englands Gnaden. Der Hafen Rukualofa ist nicht schlecht, und die Tonganer haben sich seine Herrichtung etwas kosten lassen. Eine solide zementierte Landungsbrücke gestattet das direkte Anlaufen von Schiffen, die allerdings nur seltene Gäste sind. Einmal im Monat kommt ein Postdampfer mit Briefen und den neuesten Zeitungen aus Neuseeland, und im übrigen ist man angewiesen auf das Kommen und Gehen solcher kleinen Seezigeuner, wie wir es waren und die auch einer ausgiebigen Begrüßung gewärtig sein dürfen, weil man ohnehin sonst nichts zu tun hat in Tonga. Bei unserer Ankunft leuchtete die ganze Landungsbrücke von bunten Lendentüchern und fabelhaften Sonnenschirmen. Im Triumph wurden wir nach dem Strande gebracht, wo die ganze Regierung des Königreichs Tonga sozusagen auf einem Klumpen sitzt. Ein Zaunkönigreich mit wenig Verwaltungsorganen. Die Post, das Zollgebäude, die Finanzverwaltung sind alle in einem Hause untergebracht, das, wenn auch klein, so doch ganz modern eingerichtet ist. Der erste, der mich an Land begrüßte, war ein herkulisch gebauter Schutzmann in Lava-Lava (Lendentuch) und fabelhaft schönem, mit silbernen Knöpfen besetztem Uniformrock, der einmal für ein anderes Klima hergestellt wurde. »Alofa!« sagte er, indem er freundlich grüßend die Hand ausstreckte. – Nichts von Paß, nichts von Zoll, nichts von Quarantäne. Wo sonst ist noch so etwas möglich außer in Tonga? Ein junger Tonganese begrüßte mich mit einer sehr artigen Verbeugung. »You my flem?« Das verstand ich nicht gleich, bis es mir einer verdeutlichte. – Ob ich sein Freund sein wollte? »Ja«, sagte ich leichtsinnig. Von diesem Augenblick an betrachtete er mich als sein persönliches Eigentum. Keinen Augenblick ließ er sich abschütteln während meines Aufenthaltes in Rukualofa. Aber er war der beste und hilfsbereiteste aller Ciceronen. In der Hitze des frühen Tages gingen wir durch eine endlos lange, mit sauberem Korallensand gepflasterte Straße, an der hinter Vorgärten kleine Holzhäuser standen, ganz vergraben unter rotem Hibiskus und dunkelvioletten Bougainvilleblumen. Überall standen hohe, windzerzauste Kokospalmen, die mächtigen, breitblätterigen Brotfruchtbäume. Wohin man schaute, wimmelte es von schwarzborstigen Schweinen, die frei auf der Straße herumspazierten; ein kleines Schlaraffenland. Kaum irgendwo aber sah man einen Menschen. Denn es war Sonntag, und der wird in Tonga mit puritanischer Strenge gehalten. Die Religion ist hier noch das alles durchdringende Element des Daseins. Und es fehlt nicht an Auswahl der Religionen für jeden erdenklichen Geschmack. Jeder religiöse oder auchreligiöse Sonderling, der mit seinen Lehren zu Hause keine Jünger mehr zu erwerben vermag, kommt früher oder später auf die Idee, die Südseeinsulaner zu beglücken. Während des ganzen Sonntags ist es ein ständiges Läuten der Glocken, Singen von Hymnen und ein Getrippel von und zu den Kapellen, von denen es fast so viel wie Einwohner gibt. Vom ersten Morgenstrahl bis zu sinkender Nacht und weit noch bis in diese hinein sitzen sie auf den harten Bänken oder auf dem bloßen Fußboden und ruhen nicht, bis sie das Gesangbuch von hinten bis vorne ausgesungen haben in einer Intonierung, die weniger von musikalischem Gefühl als von heidnischem Temperament zeugt. Wenn man durch diese Straßen wandert, so hat man den Eindruck, daß hier der Kampf ums Dasein in unserem Sinne ein unbekannter Begriff ist. Die schönen, gesunden Hütten aus Gras und aus Matten sind freilich meist verschwunden und an ihre Stelle trat die traurige Oede des häßlichen englischen Normalholzhauses, das man im australischen Busch ebenso finden kann wie in einer Vorstadt von London und das irgendwo serienweise hergestellt und nach Maß abgeschnitten wird. Auch der »Palast« der Königin sieht ganz so aus, als ob er eben von London hierher geflogen wäre; ein zweistöckiges Holzhaus, wie es sich jeder pensionierte Bankbeamte in den Vorstädten von Liverpool baut. Nichts Königliches, aber doch ein Wunderwerk für Tonga. Heute lag der Palast sonntäglich still in dem großen, schlecht gehaltenen Garten hinter den hohen Norfolktannen. Auf der Veranda lag ein fettes Schwein, das faul in die Sonne blickte und blinzelnd dem auf und abgehenden Posten nachschaute, als ob er zu seiner persönlichen Bedienung da wäre. Das alles wirkt, wie schon gesagt, nicht eben königlich, aber das Königreich Tonga ist trotz allem eine Realität. Trotzdem das Land auf der Karte rot angestrichen ist, hat es seine vollständige innere Selbständigkeit bewahrt, ohne britische »Residenten«, die die afrikanischen Schattenkönige und die indischen Radschas bevormunden. Im eigenen Recht nahm das Land seinerzeit die britische Schutzherrschaft an und duldet auch bis heute keine britischen Hoheitszeichen, weder in der Flagge, im Wappen noch auch in den Briefmarken. In Tonga gibt es keine Armut, keine Analphabeten, keinen Landwucher, keine öffentliche Schuld, sondern im Gegenteil ein erhebliches Staatsvermögen, das in neuseeländischen Papieren angelegt ist. So liegt das Königreich Tonga am fernen Weltende zwischen unendlichen Weiten von Meer und Himmel. Aber es ist nicht alles so christlich, wie es aussieht, trotz der roten Flagge mit dem Kreuz. Mein neuer Freund erklärt mir diesen Zwiespalt der Natur: » Sunday all e same missionary; other day all e same tonga man .« Das war Pidgin-Englisch Mischsprache besonders der Chinesen im Verkehr mit Ausländern und heißt etwa auf deutsch: »Es ist genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe.« Wir gingen zum Strande, wo alle versammelt waren zu einem nächtlichen Feste. Junge Männer und Frauen von prachtvoller Gestalt und pechschwarzen, üppigen, gar nicht negerhaft gekräuselten Haaren, die mit roten Hibiskusblüten geschmückt waren. Die hellbraune Hautfarbe schimmerte beinahe weiß im Lichte des Mondes. Aus braunen Gesichtern lachten sie mit Zähnen, die so weiß wie die Brandung waren. Schon begann der Tanz. – Aber wer vermochte je mit Worten dem Zauber eines Tanzes in den Mondnächten einer Tongainsel gerecht zu werden? Er ist in vieler Beziehung wie ein Hula-Hula der Eskimos, er hat ganz den mitreißenden Rhythmus der Negertänze, aber es ist alles so viel süßer und einschmeichelnder, keine Bewegung ohne Eleganz, keine Miene ohne Zweck, bald lockend und gurrend, bald feierlich gemessen oder wild aufbrausend zu phantastischen Kriegstänzen. Würde man solche Truppe nach Europa bringen, so könnte man damit das Geld in Scheffeln heimsen in den Varietés unserer großen Städte. Und doch fehlte alles, was diesem hier den Hintergrund gibt: die Schwüle der Tropen, der Wind in den Palmkronen und der Zauber des mondbeschienenen Meeres. Wenn Südseeinsulaner einmal angefangen haben zu tanzen, so finden sie so schnell kein Ende. Bis zum frühen Morgen dauerte das Hula-Hula. Ich aber ging lange am Strande und sah das Wasser, das leise murmelnd den weißen Sand bespülte, und sah die hohen Palmen und hörte auf den Wind, dessen Stimme sich mit dem Donner der fernen Brandung mischte. Mir war, als ob ein Zauberer mich weit hinweggetragen hätte aus dem nüchternen Dasein in eine Welt der Unwirklichkeiten. Der Mond zog silberne Straßen in das nachtschwarze Meer. Immer kräftiger rauschte der Wind in den Palmkronen. Nachtvögel kreischten in den nahen Mangrovebüschen. Das Wasser lärmte lauter am weißen Sand. – Der Strand, der Wind und das Meer. – Das sind die drei Dinge, die hier alles beherrschen und alles verklären wie der milde Mond über dem Wasser: das Land, das Meer, die Menschen und alle menschlichen Schwächen und Gebrechen und selbst das Schwein, das auf der königlichen Veranda schlief. Es ist wirklich eine Insel der Seligen! 15 Riffe und Palmen Ankunft des Dampfers / Beschäftigung, die beinahe in Arbeit ausartete / Auf »Malanga« / Ein Weltwunder / Insel auf Urlaub / Besuch bei Robinson Crusoe / Etwas von Strandläufern / Die Insel Vavau / Ankunft in Apia / Zusammenstoß mit der Polizei / Ein Kapitel Politik / Urwaldzauber / An R. L. Stevensons Grab / Tusitala / Onkel Sams andere Insel / Ein hochnotpeinliches Verfahren / Und das Ende Auch ein Tongatanz dauert nicht ewig. Auch die Tongasonne ermüdet zuweilen. Mondscheinnächte über Südseeinseln sind etwas ganz Paradiesisches, aber auch europäischer Komfort – so nüchtern er an sich sein mag – ist nicht zu verachten, und so war es kein Wunder, daß die Dampfsirene des am frühen Morgen von Neuseeland angekommenen Postdampfers ein freudiges Echo auf der ganzen Insel weckte. Für ein paar Stunden war selbst Nukualosa ein Geschäftsplatz, eine Art Zentrum der großen Welt, die bis hierher ihre letzten verschlafenen Wellen warf. Was vorher Beschäftigung war, das wurde nunmehr Geschäft und artete beinahe in Arbeit aus. Auf dem Brückenkopf türmten sich die Koprasäcke. Es wimmelte allenthalben von neuen Lendentüchern und fabelhaften Sonnenschirmen. Auch die Königin machte Toilette. Irgendwo sah man sogar ein Auto, der Schutzmann unter dem Sonnenschirm regulierte den Verkehr mit wichtiger Miene wie sein Kollege am Potsdamer Platz, und im Postamt, wo sie die exotischen Briefmarken verkauften, war Hochbetrieb. Denn in Tonga gibt es keine Analphabeten. Ueber dem kam das weißgekleidete Heer der Passagiere über die Brücke; Geschäftsleute und Beamte auf dem Weg nach den Samoainseln, Engländer mit steinernen Gesichtern, junge und weniger junge Damen mit graumelierten Bubiköpfen und langen Hälsen, die sie noch länger streckten, während sie wundergläubig die Gegend lorgnettierten: » Very nice, indeed !« Als der Dampfer am späten Abend wieder in See ging, schiffte ich mich ebenfalls ein. Der Kapitän hatte es eilig, weil er noch vor Einbruch der Dunkelheit die Riffe hinter sich haben wollte, die die Lagune einschließen. So wurde denn ohne viel Federlesens die Leine losgeworfen. Schnell entfernte sich das Schiff von der Brücke, wo unsere Freunde noch lange winkten, während eine lärmende Blechmusik einen mehr lauten als melodischen Abschiedstusch blies. – – Schiffen, die durch die Südsee fahren, fehlt es zumeist nicht an Passagieren. Zumal die Tonganesen sind sehr reiselustig, Und da sie ohnehin zumeist nichts zu tun haben, packen sie mehrmals im Jahre die ganze Familie auf und gehen mit Kind und Kegel »auf Malanga« zu guten Freunden und getreuen Nachbarn, die nicht immer erbaut sind von dem Besuche. Oft, wenn sie das Herannahen des Unglücks noch zeitig gemerkt haben, ergreifen sie Hals über Kopf die Flucht in den nahen Busch. Im anderen Falle aber schicken sie sich mit der allergrößten Grazie in das Unvermeidliche, schmücken die Gäste mit Blumen, trinken Kawa und stehlen dem lieben Gott die Tage ab mit Schlafen und Tanzen. Aber auch der, der nicht auf Malanga geht, sondern sozusagen in Geschäften reist, wird von seinen Freunden wie ein Pfingstochse geschmückt mit einem schweren Kranz von Ingwer- oder Hibiskusblüten, und so wird das Verdeck zu einem Blütentraum von Tongatänzen, während die Maschine eigensinnig weiterstampft und der Mond ein geisterhaft weißes Licht durch das Tauwerk wirft. Es war eine schöne Nacht, und ebenso angenehm wurde der folgende Tag, der wie ein junger Gott aus dem Meer aufstieg. – Und noch an diesem Tage sollten wir das größte Naturwunder schauen, das, trotz Niagara und allem, unsere Erde heute aufzuweisen hat. Gegen Abend, als die Sonne sich schon zum Untergang rüstete und der ganze westliche Horizont in so tiefen Farben erglühte, wie man sie nur auf den unendlichen Wasserflächen des großen Pazifik sehen kann, kam Land in Sicht; einzelne Inseln, die sich ganz anders präsentierten als die, die wir bisher zu sehen bekamen. Statt des flachen Strandes und der Kokospalmen, die auf dem Meere zu schwimmen schienen, waren es schroffe Felseneilande, die jäh aufstiegen und auf denen von der weiten Gotteswelt kein weiteres Leben zu sein schien als der Wind, der sein klagendes Lied zwischen den Steinen sang. Weit weg, kaum sichtbar, im Dunste der Ferne stand ein spitzer Vulkankegel, um den die feinen, durchsichtigen Rauchwolken schwammen, und etwas näher, gegen Nordosten, eine andere hohe Insel, die man nur mit Kopfschütteln betrachten konnte. Mehr wie ein schwimmender Kochkessel sah sie aus, wie ein Krater, der durch irgendeine furchtbare Katastrophe vom Berggipfel weggeschleudert wurde und nun hilflos auf dem Wasser schwamm. Es ist eine etwa drei oder vier Quadratmeilen große Insel, die in ihrem höchsten Punkte etwa zwei- bis dreihundert Meter hoch über der Meeresfläche steht. Ein flaches Vorland im Westen steigt an zu einer hohen Wand, die in einem Halbkreis um einen nach dem Meere zu offenen Krater steht. Nur ein ganz niedriger Landgürtel trennt diesen von der anrennenden Brandung, so daß man vom Schiff aus direkt in diesen Kochkessel der Natur hineinsehen kann wie einer in einer Mietskaserne in des Nachbarn Küche. Es kocht und brodelt in dem Kessel. Dampfwolken steigen auf. Die weiße Asche liegt dick an den steilen Hängen. Kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm ist weithin zu sehen, und kein Wunder, denn das ist das große Wunder dieses seltsamen Landes, daß es vor einem Jahre noch nicht da war! Faulcon Island, die Falkeninsel, so genannt nach dem englischen Kriegsschiff »Faulcon«, das sie in den achtziger Jahren zuerst entdeckte, worauf sie bald wieder verschwand, periodisch wiederkehrte und jetzt zuletzt vor einem Jahre von neuem auftauchte, ein willkommener Gesprächsstoff für die wenigen vorüberfahrenden Seeleute, die eifrig ihre Formveränderung seit der letzten Reise diskutieren. Ganz dicht unter der Insel fuhren wir vorbei und, während die Maschine stoppte und der Dampfer schwerfällig in der langen Dünung des Pazifik rollte, hingen alle Blicke wie gebannt an dieser seltsamsten aller Naturerscheinungen. Die Sonne war schon untergegangen, die schnelle Nacht der Tropen stand am Himmel, und im letzten Dämmerlicht lag die Insel als ein schwarzes, unheimliches Etwas, wie eine aus der Unterwelt hervorragende Tatze, die es uns deutlicher als tausend Worte sagte, daß es noch viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt. – Ja, und wenn noch einmal ein Böcklin geboren würde, hier könnte er seine Toteninsel malen ohne einen Hauch von Phantasie! Lange noch, während wir weiterfuhren, schaute ich zurück nach der Insel, die schon von der Nacht verschlungen war wie vorher vom Meere. Seltsames Land! Wäre es in wilden Geburtswehen dem Schoße des Meeres entsprungen, hätte es Inseln in Erdbeben erschüttert, es würde uns nicht so unheimlich vorkommen wie nun, da es fast lautlos kommt und verschwindet und alle unsere Vorstellungen von Aufbau und Alter der Erde über den Haufen wirft. Am anderen Tage aber lagen wir im Morgengrauen vor einer anderen Insel, die wieder eine andere Welt war. Wieder wie in Nukualosa war alles flach, mit Riffen und Palmen, die auf dem Meer zu schwimmen schienen; eine winzige Insel, die wie ein grüner Smaragd in der tiefblauen Einfassung des weiten Pazifik lag. Es war wie bei Daniel Defoe, und Robinson Crusoe ließ auch nicht auf sich warten. Mit dem Schiffsboot fuhren wir zur kleinen Landungsbrücke, von wo aus man die Herrlichkeiten von Hapau mit einem Blick übersehen konnte: die alte, süße Eintönigkeit von Riff und Palmen und weißem Strande, deren man niemals müde wird. Dicht am Strande träumte sogar ein Auto, denn Raum ist heutzutage auf der kleinsten Insel für so etwas. Das Auto gehörte Robinson, einem aus Stettin gebürtigen Manne, der schon anno 1879 zu diesem Strande gekommen war und dem, nach seinem blühenden Aussehen zu urteilen, dieses Dasein außerordentlich gut zugesagt hatte. Es ist erstaunlich, welchen lockenden Einfluß die Einsamkeit der Südseeinseln gerade auf Menschen auszuüben vermochte, denen sonst die bunte Abwechslung des Daseins ein Lebenselement war. Wetterharte Seefahrer, Abenteurernaturen von reinstem Wasser, die vorher als Walfischfänger, Sklavenhändler und in Dutzenden von anderen ausgefallenen Berufen in aller Herren Ländern ein fröhliches und gefährliches Dasein führten. Beach combers , Strandläufer nennt man solche Leute. Vielleicht nicht ein einziger von diesen hat solches Inseldasein von Anfang an beabsichtigt. Manch einer mag sich wohl vorgekommen sein wie ein Verbannter auf der Teufelsinsel, nachdem erst einmal der erste Rausch der Neuheit vorbei war. Wie der Robinson im Buche mag er nächtelang am Strande gestanden haben, um Ausschau zu halten nach einem rettenden Schiff. Aber die Schiffe waren selten, und wenn sie kamen, so standen die Chancen zehn zu eins, daß sie ihn nicht mitnahmen. So fand man sich in sein Schicksal und fand sich gut. Denn schließlich war man hier jemand, und was war man in Hamburg, in Liverpool? Man war frei, das Leben ein Traum, ein dolce far niente . So wurde die Südseesonne zum Kapua vieler starker Naturen. – Und wer wollte sie darum schelten? Die Sonne bringt das mit sich, und das Meer, das leise murmelnd von fernen Zonen erzählt. Aber die Schiffe sind noch unruhiger als die Menschen. Bei Anbruch der Nacht gingen wir wieder in See und mit uns eine andere Horde von »glorreichen Wilden«, die sich ausbreiteten auf dem Verdeck in der unbekümmerten Art dieser Naturkinder; ein intimes Interieur, das voll Farbe war. Die Frauen bauten sich ein Zelt auf dem Ruderhaus, die Männer hockten faul auf der Luke und über allem hing der sonderbar süßliche Geruch von Kokosöl. Und noch geschmückt mit den Bändern und Blumenkränzen, die ihnen ihre Angehörigen bei der Abreise umgehängt hatten, begann dann gleich wieder der Tanz. – Im ersten Licht des kommenden Tages näherten wir uns der östlichsten Tongagruppe, der Inselflur von Vavau. Diese ist nun wieder vulkanischen Ursprungs, dicht bewachsen und überragt von wilden Felszacken, die einem alles, was man einmal gelesen hat von verwunschenen Inseln, verschwiegenen Seeräuberschlupfwinkeln, vergrabenen Schätzen und spanischen Silberflotten wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Zwischen der Brandung vor den Riffen kommt man durch eine enge Einfahrt in einen Hafen, wie man ihn besser im weiten Pazifik kaum mehr wiederfindet. Zwischen steilen, von üppigem Grün wild überwucherten Bergen fährt man etwa sieben Meilen weit durch eine tiefe, blauschimmernde Meeresstraße in eine vollkommen landumschlossene Bai, wo einen an der Landungsbrücke die ganze Bevölkerung mit allen Anzeichen aufrichtiger Begeisterung empfängt. Denn das Erscheinen eines Dampfers – des Dampfers, der allmonatlich seine Rundreise macht, ist ein kleines Ereignis. Es wimmelt von bunten Gewändern, die in der Sonne schimmern. In seiner Farbenfreudigkeit ist es beinahe ein orientalisches Bild. Die Insel selbst stellt viel mehr vor als ihre Schwestern der Tongagruppe. Die Berge geben dem Bild einen Hintergrund. Lustige Bäche kommen plaudernd über die Steine. Dunkle Orangenbäume wachsen wild im Busch. Der Weg ist bestreut mit tauben Kokosnüssen, und was die Bananen anbelangt, so wachsen sie einem beinahe in den Mund aus der verwirrenden Ueppigkeit der hellgrünen Haine. Es ist in der Tat ein Schlaraffenland nach dem Herzen eines Kanaken. Als gewissenhafter Chronist muß ich freilich feststellen, daß die Bewohner mir bedeutend weniger wohlerzogen vorkommen als die von Nukualosa. Eine naseweise Manier marschiert frech durch die Gassen. Das mag an der engeren Berührung mit den Weißen liegen, von denen es etwa vierzig auf der Insel gibt, wovon die Hälfte Deutsche sind. Freilich ist es schwer zu sagen, wo hier Weiß anfängt und Braun aufhört. Man sieht Weiße, die nach Eingeborenenart in Hemd und Lava-Lava einherschreiten, und Braune, die aussehen, als ob sie eben aus einer Office in Pittstreet in Sydney herauskämen. Man sieht die abenteuerlichsten Mischungen von Weiß und Braun. Nie weiß man so recht, wo der Busineßman aufhört und der Strandläufer anfängt. Es ist alles ein wenig verkanakert. Strandläufer alle! Manche haben es sogar zum Minister und zu anderen hohen Vertrauensstellungen gebracht im Königreich Tonga. Doch fehlt es auch hier nicht, wie anderwärts, an den subtilen Dingen, die mit hohen Stellungen verbunden sind. Das erfuhr vor kurzem zu seinem Schaden der Königliche Leibarzt, der seine Herrin in Quarantäne beorderte, weil sie die Masern hatte. Es kam, wie es kommen mußte: sie gab dem Leibarzt den Sack und verbannte ihn noch obendrein aus ihrem Inselparadies. Was soll man noch mehr von Vavau erzählen? Dicht hinter dem Hafen erhebt sich ein hoher, dicht bewaldeter Berg, an dessen steilen Seiten man sich mit Klauen und Zähnen hinaufarbeiten muß, im Zwielicht des Tropenwaldes. Aber es lohnt die Mühe, denn die Aussicht ist schön. Zu Füßen ein Meer von Palmkronen. Tief unten das Schiff wie ein Spielzeug. Weiter hinaus blaues Meer und weiße Riffe und zweihundertundfünfzig Inseln auf einen einzigen Blick! Denn so ist das Land Tonga: Das kleinste Königreich, der jüngste Vulkan, die schönsten Frauen, die meisten Inseln. Es ist wirklich ein Märchenland! * Einige Tage später lagen wir vor der hohen Küste der samoanischen Insel Upola. Aus den weichenden Nachtschatten sonderte sich die liebliche Bai von Apia ab. Apia, Samoa – hier lag es ausgebreitet im gleißenden Sonnenlicht, hier stieg es glorreich aus dem Meere wie fleischgewordene Kinderträume! Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße in Gestalt eines englischen bzw. neuseeländischen Polizeioffiziers, der eine Stunde lang bald mich, bald meinen Paß aufmerksam und andächtig betrachtete. – Wie war das denn möglich? Wie reimte sich das mit den Instruktionen? Wirklich ein »Hunne«, ein german citizen deutscher Staatsbürger hier am Strande von Apia, der erste seit vielen, vielen Jahren, versehen mit Brief und Siegel der neuseeländischen Behörde in Melbourne? Ein Mißverständnis, eine Ungeschicklichkeit nachgeordneter Instanzen. Aber das Pech war nun einmal passiert. Man mußte ihn laufen lassen, und so ging der Hunne an Land. Apia ist klein und ein Klatschnest. Die Kunde hatte sich schnell herumgesprochen. Sie sprang von Boot zu Boot. An der Landungsbrücke begrüßte mich ein ganzer Auflauf lavalavabekleideter Gestalten, die ihre halbvergessenen deutschen Brocken aus den hintersten Winkeln ihres Gedächtnisses hervorkramten. »Guten Tag, Mister ... Sehr heiß heute ... Stillgestanden! Richt euch! ... Verdammter Schweinehund!« So viel Aufmerksamkeit war mir schon lange nicht mehr zuteil geworden. War sie echt? Vielleicht waren sie nur eine Gesellschaft von durchtriebenen Hafenlazzaroni; aber sie waren es mit Grazie. Sie taten so selbstverständlich familiär, sie lachten einen an mit Augen, so hell wie die Sonne dieses Landes, mit Zähnen, so weiß wie die Brandung. Und auf einmal fand einer das erlösende Wort: »Willst du Bier haben?« Das wollte ich freilich, denn der Tag war heiß, in Samoa herrschte schon seit zehn Jahren die Prohibition, und ein schlechtes Glas Bier war am Ende doch besser als gar keines. Wir gingen auf winkligen Wegen über Hinterhöfe und Gärten, über denen die Kokospalmen wehten, wir schlüpften durch mehrere Bananenhaine und kamen zu einem hinter dichten Mangobäumen versteckten samoanischen Hause, wo der Wirt das Mondscheingeschäft in aller Ruhe am hellen Tage betrieb. Das hausgemachte Bier schmeckte ein wenig nach Arsenik, aber sonst war es über Erwarten gut, sogar in Eis gekühlt, und so saßen wir noch lange auf der Matte und redeten Politik, denn das war von jeher das Lieblingsgeschäft der Samoaner. Das alte, immer neue Lied von den vergangenen besseren Zeiten. – Früher, als noch Dr. Solf hier war, da habe man eine gute Lava-Lava für zwei Mark bekommen. Jetzt koste eine schlechte doppelt soviel. Früher haben die Palangi (Weißen) Geld ins Land gebracht, jetzt tragen sie es fort. Früher sei man mit wenig Schutzleuten ausgekommen, jetzt müsse man schon Weiße aus Neuseeland herschicken, und alles werde einem vorgeschrieben, was man zu tun habe am Werktag und was nicht am Sonntag. Und überhaupt Neuseeland – soviel wie Dreck! – Ja, und ob es wirklich wahr wäre, daß demnächst ein großes deutsches Schiff komme, mit »Missi Uebba« und Gouverneur Schulz an Bord, und daß alsdann die Lava-Lava wieder zwei Schilling koste, und die vielen Schutzleute wieder fortgingen und man sich nicht mehr bei Nacht zu verschwören brauche, um ein Glas Bier zu trinken? »Vielleicht,« sagte ich. »Wer kann es wissen. Die Welt ist rund, und es ändert sich manches.« Am hellen Mittag ging ich wieder durch die Straßen – die einzige Straße von Apia – und schaute auf das fremde Leben, das ganz eine Illustration war zu dem, was ich soeben gehört hatte. Wohin man schaute, sah man Eingeborene, bekleidet mit der blauen Lava-Lava, das Kennzeichen der Leute vom »Mau«, der großen Protestbewegung des samoanischen Volkes, das sich zu einem Bunde zusammengeschlossen hat, um durch das Mittel der passiven Resistenz, Verweigerung der Steuern, systematische Mißachtung der gesetzlichen Bestimmungen, also eine Art » non-cooperation « Nicht-Zusammenarbeit nach Gandhischem Muster, der nun schon vierzehn Jahre dauernden neuseeländischen Mißwirtschaft ein Ende zu machen. Denn zwischen diesen und ihren samoanischen Schutzbefohlenen ist heutzutage wahrlich keine Liebe verloren. Jener englische Staatsmann, der die Lügen in drei Klassen teilte: die gemeine Lüge, die Notlüge und die Statistik, hatte eine vierte, die Mandatslüge, vergessen, und diese ist die größte unter ihnen. Was ist es, das einem hier nicht gefallen will? Ueber diesem Lande hängt schwer wie eine Wolke der Fluch der unerfüllten Versprechungen. Es ist etwas faul im Lande Samoa, und wenn man genauer nachforscht, so kommt man zu dem Schluß, daß das ganze hier herrschende System ein Unding ist. Vierzehn Jahre hat die deutsche Flagge über diesen Inseln geweht. Was unter ihr geschaffen wurde, ist nicht hinwegzubringen, denn es hat sich besser als ein steinernes Denkmal eingegraben in das Angesicht des Landes. Nun ist das Land ebensolange in den Händen derer, die » in sacred trust of civilization « das Mandat übernahmen, mit der Begründung, daß die bisherigen deutschen Machthaber weder fähig noch würdig waren, das Land und seine Bewohner zu regieren. Sie übernahmen ein schuldenfreies Gemeinwesen mit einem Ueberschuß im öffentlichen Haushalt und dazu noch etwa 100 000 Hektar Plantagenland, das seinem bisherigen entschädigungslos enteigneten deutschen Besitzer einige 30 bis 40 Prozent Dividende abzuwerfen pflegte. – Wahrlich, ein beneidenswertes Erbe! Heute, nach vierzehn Jahren, ist dieses ehemalige deutsche Musterländchen von Schulden erdrückt, am Rande des Bankrotts, das Land voll gärender Unruhe, die Regierenden selbst das Gespött des Mannes im Busch. Samoa hat man in diesen Jahren gebraucht, mißbraucht, vergewaltigt und bewußt getötet. Getötet! Das Wort ist buchstäblich richtig. Als die Neuseeländer zuerst ins Land kamen, hatten sie nichts Eiligeres zu tun, als die deutschen Aerzte außer Landes zu schaffen und all das Hunnenwerk der deutschen sanitären Vorschriften außer Kraft zu setzen. Dafür brachten sie etwas anderes mit, und das war die Influenza, die in wenigen Wochen ein Drittel der gesamten Bevölkerung wegraffte! Der Massenmord am samoanischen Volke – das war die Morgengabe, die diese seltsamen Vormünder ihren Schutzbefohlenen überreichten! Daß es sich hier nicht um ein unvermeidliches Naturereignis, sondern allein um die grauenhaften Folgen einer frevlen Mißwirtschaft handelte, erhellt schon daraus, daß im benachbarten amerikanischen Samoa, das doch denselben Bedingungen unterworfen ist, nicht ein einziger der Seuche zum Opfer fiel. Andere Sünden reihen sich würdig an diese wohl einzig dastehende Großtat auf sanitärem Gebiete. Wie hat man in deutschen Zeiten gespottet über das Uebermaß von Uniformen, wo doch z. B. der frühere deutsche Gouverneur Dr . Solf alles andere als Militarist war und ist, während es die Neuseeländer bei ihren Gouverneuren nicht unter wohluniformierten Generalen und Obersten tun, die neuerdings sogar die Missionare in Uniform stecken und mit Säbeln versehen, damit dem Bedürfnis nach Pomp Genüge geschehe. Wie hat man einst genörgelt über deutschen Bureaukratismus, der doch ein Ausbund von liberalem Wohlwollen war, gegenüber dem, was heute in Samoa ins Kraut geschossen ist. Wenn es ein Land gibt, in dem noch mehr rote Tinte verschrieben und mit Schreibmaschinen geklappert wird, in dem kleine Regierungsbeamte sich mit einer leuchtenderen Aureole ihrer Wichtigkeit umgeben, dann möchte ich wohl wissen, wo das liegt. Es war das Unglück Samoas, daß Neuseeland sich gänzlich unvorbereitet in dieses Abenteuer stürzte, ohne auch nur eine einzige Persönlichkeit von praktischer kolonialer Erfahrung zu besitzen. So kamen die unglaublichsten Menschen zu Karrieren. Leute, die eben noch mit nichts als einem Paar Schuhe am Strand von Apia landeten, fuhren morgen im Auto, übermorgen sah man sie Urteil sprechen im Amtsgericht, und die Samoaner, die ein überaus fein entwickeltes Gefühl für Stand und Würde haben und überdies an die Herrschaft der deutschen Berufsbeamten gewohnt waren, weisen heute mit Fingern auf die Emporkömmlinge: »Was, das will ein Faamasino sein, wo er doch eben noch ein kleiner Kussi-Kussi war?« Es würde zu weit führen, wenn man hier im einzelnen auf die verschiedenen Phasen der samoanischen Freiheitsbewegung eingehen wollte und auf die neuseeländischen Unterdrückungsmaßregeln, die darum nicht weniger grausam sind, daß das kabelbeherrschende Britannien wenig davon in der großen Welt verlauten läßt. Genüge es, zu erwähnen, daß im letzten Jahre nicht weniger als zweihundert Eingeborenenhäuptlinge verbannt wurden und daß man nun auch noch dazu übergeht, Europäer, die zufällig nicht der gouvernementalen Ansicht sind, des Landes zu verweisen. Ein besonders schwerer Fall war der des Halbblutsamoaners Nelson, eines reichen, in Apia ansässigen und dort geborenen Geschäftsmannes, der ohne Zeremonien aufs Schiff gesetzt wurde. In Anbetracht des den Bewohnern der Mandatsgebiete zustehenden Petitionsrechtes wandte er sich nach Genf an den Völkerbund, wo er aber gar nicht vorgelassen wurde, ein Schicksal, das man ihm voraussagen konnte, denn England beim Völkerbund anzuschwärzen, hieße wahrlich den Teufel bei seiner Großmutter verklagen! So hat sich nach vierzehnjähriger segensreicher Regierung die neuseeländische Herrschaft glücklich zwischen alle Stühle gesetzt. Feindschaft bei den nicht beamteten Weißen, selbst bei den Stockengländern, Verachtung bei den Eingeborenen, verbunden mit systematischer Gesetzesverachtung, Deportierungen, Massenverhaftungen – das sind die Früchte. Und schon sind sie in ihrer Ratlosigkeit dabei, einen Plan auszuhecken, der teuflischer ist als alle anderen, in seinen Konsequenzen schlimmer als die Influenzasünden. Die »Hawaiisierung« Samoas, die systematische Austreibung der eingesessenen Bevölkerung durch zugewanderte Asiaten. Man braucht nur die Grenzen zu öffnen, und in zehn Jahren ist es geschehen, wie heute schon in Fidschi und Hawai. Der Kuli wird den Lebensstandard senken und der Samoaner der Kuli der Kulis sein, ein Heimatloser auf eigner Erde. Ah, das »Weltgewissen« ist weit und geduldig! Die derzeitigen Machthaber aber hätten endlich das gewünschte Milieu, das dem britisch-kolonialen Beamten von jeher am besten zusagte: die lächelnde Unterwürfigkeit des Chinesen, die pathetische Hilflosigkeit des Hindu, die grandios-vornehme Dienstfertigkeit der schwarzbärtigen, beturbanten Sikhs. Samoa aber schliefe unter der britischen Fahne den Todesschlaf. Doch das ist alles Politik. – – * Hinterwärts von Apia führt die Straße nach Vailima direkt in die Berge hinein. Es ist eine breite, sogar asphaltierte Straße, auf der die Autos jagen wie in einer Vorstadt von Berlin. Aber sie ist auch das einzige, was einen berlinisch anmutet in dieser Gegend. Einen Schritt vom Wege, und man ist schon im Busch, in der Wildnis oder wie man das nennen mag. Es ist allenthalben ein verwirrendes Chaos von üppiger Fruchtbarkeit. In hellen Hainen hängen die Bananen. Neben Brotfruchtbäumen stehen Palmen, schlank wie Schiffsmasten, und anspruchsvolle Mangos, die mit ihrem breiten Stamme und der mächtigen Krone alles andere beiseitegeellbogt haben, und unendlich viel anderes verwirrendes Gewächs, unter dem man sich nicht auskennt. Dschungel, die einem Garten gleicht, und Gärten, die wie eine Dschungel ausschauen, ein steter Kampf der Kultur mit der vordringenden Wildnis, die alles durchdringt, bis man beides nicht mehr auseinanderhalten kann. Ueberall sieht man die runden Dächer der Eingeborenenhütten, die eine so angenehme Ueberraschung sind für den, der eben erst von den Fidschiinseln kommt, wo die armseligen Blechhütten der Inder sein Auge ebenso beleidigten wie die Lehmhütten der Fidschianer, die von einer geradezu krankhaften Angst vor der frischen Luft zeugen. Mag man sonst über den Samoaner sagen, was man will: niemand kann ihm abstreiten, daß er es verstanden hat, ein Haus zu erfinden, das schlechterdings ein Ideal für das tropische Klima darstellt. Das Gerippe des Hauses besteht aus einem auf mächtigen Pfählen ruhenden Dach, und die Wände sind Kulissen aus Strohmatten, die man je nach Wind und Regen mühelos einsetzen und wieder entfernen kann. Bei Tag und bei gutem Wetter ist alles weit offen, und von der Straße aus kann man ungestört hineinschauen in das intimste Interieur. Man sieht die Hausfrau, die dem Mann den Rücken mit Kokosfett einreibt, die Mädchen, die aus roten Beeren Kränze winden oder ein Stück Baumrinde zu einem Tapatuche hämmern. Weiße Wäsche flattert an der Leine. Zuweilen sieht man eine Nähmaschine oder ein Moskitonetz über dem Bett. In einem Hause bemerkte ich sogar eine Schreibmaschine, die unter einem Tapatuch hervorschaute. In solchem Hause sitzen sie auf den kühlen Matten und verbringen ihre sonnigen Tage, ohne daß einer so recht etwas zu tun hätte. Es gibt kein anderes Volk, das es so gut versteht, die Arbeit zum Spiel zu machen und im Spiel die Arbeit zu verrichten. Unterwegs begegneten wir zwei jungen Burschen, die beide schon ein Stück Arbeit hinter sich hatten. Der eine trug nach Chinesenart einen Korb voll Kokosnüsse an einem Stock, dessen anderes Ende ausbalanciert war mit einem zweiten Korb, aus dem ein lebendes Ferkel heraussah. Der andere war mit einer Axt im Walde tätig gewesen. Aber beide waren geschmückt mit grünen Kränzen, die sie sich unterwegs geflochten hatten. Es sah seltsam aus, aber nicht ein bißchen affektiert, keine Spur von bestellter Arbeit für den gutgläubigen Palangi. Denn so mußte es sein unter dieser Sonne. Ganz plötzlich nimmt dieses Idyll ein Ende und man steht vor einem Hause, das in die Literatur eingegangen ist: Vailima, der einstige Wohnsitz des schottischen Dichters Robert Louis Stevenson, der hier seine Tage beschloß. Ganz in der Nähe liegt er begraben, und ich beschloß, dieser letzten Ruhestätte meine Reverenz zu erweisen, schon deshalb, weil ich kurz zuvor für einen deutschen Verlag noch eine von den allzu vielen Uebersetzungen seiner »Schatzinsel« angefertigt hatte. Es war gewiß eine geniale Idee des Dichters, daß er, in Vorahnung kommender Touristen, sein Grab auf dem Gipfel des nahen Berges Vana errichten ließ; denn wenn sie schon einmal seine Ruhe stören wollten mit Literaturgesprächen aus dem Konversationslexikon und alles very nice und pretty und so awfully interesting finden wollten, so sollten sie wenigstens mit manchem Schweißtropfen dafür bezahlen. Es ist ein heißer, aber auch ein schöner Weg, der dort hinaufführt, ganz wie ein Bergpfad bei uns zu Hause. Ueber einen kleinen Bach hinweg kommt man zunächst an einen göttlichen – ja, ich weiß, aber von diesem Lande kann man nur in Superlativen sprechen! – an den göttlichsten aller Badetümpel mit einer natürlichen Dusche in Form eines Wasserfalls und rings umgeben von dem dichten Blätterdach des tropischen Bergwaldes, durch den die Sonnenstrahlen nur gedämpft hindurchdringen können. Es nützt nur wenig, daß man im kühlen Wasser badet, denn der Weg ist steil und der Urwald ist heiß wie ein Backofen. Am Wegrand stehen die wunderlichsten Bäume. Es raschelt und quakt im Dickicht. Eine Schlange zischt im Busch. Eine Eidechse läuft raschelnd über den Weg. Ein glatter Frosch, so grün wie die Blätter, sitzt glotzend im Schatten eines Mamniapfelbusches. Und während wir noch beim Betrachten dieser Intimitäten des Urwaldes sind, wird es plötzlich hell in dem Dämmerdunkel. Vor uns liegt das Grab des Dichters, und ringsum schweift der Blick über Meer und Busch weit hinaus ins samoanische Land. Unter den vielen Blumen, die fleißige Hände zusammengetragen, liest man die Inschrift im Stein: » Home is the sailor, home from sea, And the hunter home from the hill. « Daheim ist der Schiffer, daheim von der See, Und der Jäger daheim vom Gebirg. »O Tusitala«, steht über dem samoanischen Text. Biographen haben endlos viel geschrieben über diesen für Stevenson speziell erfundenen »Ehrentitel«. Es ist jedoch allem Anschein nach ein sehr gebräuchliches samoanisches Wort für einen, der Geschichten erzählt, und ehe ich noch zwei Tage in Apia war, war selbst meine Unbedeutendheit ein »Tusitala«. Der hier liegt, war jedenfalls ein Tusitala von besonderer Sorte. Während man auf die Lichtung schaut und weit darüber hinaus auf Meer und Riff und Palmen, da ist es, als ob sie noch einmal aus dem toten Stein aufstiegen, die tollen Gestalten seiner wilden, ausschweifenden Phantasie: der Schoner, die Bai und die Insel. John Silver, der einbeinige Piratenkoch mit dem Papagei auf der Schulter. Die Sonne sank ins Meer. Fledermäuse geisterten zwischen den Bäumen, um die schon die Nachtschatten lagen. Ganz so eine sinkende Nacht wie jene, da den erschreckten Schatzsuchern von den Baumkronen die Geisterstimme entgegenschallte mit den letzten sterbenden Worten des Kapitän Flint: »Darby Mac Graw! Darby Mac Graw! Bring den Rum nach achtern, Darby!« So ist Samoa noch heute ein Stück Literatur und ein Miniaturbild moderner Weltgeschichte. Wie muß es glorreich lustig hergegangen sein auf der Insel, damals, vor einem Menschenalter, als hier der » furor consularis « der Grimm der Konsuln wütete und der Strand von Apia wie ein Knochen zwischen den keifenden Hunden der »Großen Mächte« lag. Interessant müssen die Zeiten gewesen sein, als hier noch kein Tag ohne hohe Politik, keine Woche ohne Verschwörung, ohne diplomatischen Zwischenfall vorüberging. Damals – da war hier kein Konsul, der sich nicht als Königsmacher, kein Kommis, der sich nicht als politische Größe fühlte. Die heute so leeren, Limonade verschenkenden, ganz unanständig respektablen Wirtshäuser waren erfüllt vom Lärmen phantastischer Abenteurer, die ihre Suppe am Weltbrand zu kochen hofften, die Bai voll Kriegskanus und Kriegsschiffen, die mit ihren Kanonen zuweilen die Kokospalmen beschossen zur Unterstützung eines Schattenkönigs im Busch, und über allem stand das grausig-wilde Gefühl, daß man hier an der Zündschnur saß, die jeden Augenblick das europäische Pulverfaß zum Explodieren bringen konnte. Damals – Aber Apia ist noch immer der Südseetraum von Riffen und Palmen, dunklen Wäldern, rauschenden Wasserfällen, zerzaust vom Wind, überglänzt von der Sonne. O süßer Wind! O selige Sonne! Ecce Samoa! Früher hatten dort auf den Inseln die Menschenfresser gehaust; jetzt haben sie den englisch-amerikanischen Fiskus. Die Wahl wird einem schwer zwischen den beiden. Schön ist hier das Land, glorreich die Sonne, göttlich das Meer, aber die Menschen und Dinge sind nicht mehr, wie sie waren, damals, in den Zeiten, von denen die alten Grauköpfe am Strand von Apia und anderswo noch heute mit einem nassen und einem heiteren Auge erzählen; da konnte man ungestört ein- und ausgehen, und keiner fragte nach dem Woher und Wohin, einerlei, ob einer ein Bankkonto hatte oder nichts als einen faulen Bauch, den er sich von der Sonne bescheinen ließ. Heute führen sie hier Buch über alles Lebendige, genau so wie anderswo. Es ist alles registriert, klassiert und normiert, und ehe einer auf einer Insel landet, wird er streng ins Gebet genommen, ob er auch die nötigen Barmittel zum Lebensunterhalt habe, ob er getauft, geimpft, getraut oder geschieden sei; ob er krank und mit Ungeziefer behaftet, ein ehemaliger Zuchthäusler, ein Bettler oder gar ein Bolschewist sei. Ein Narr fragt viel, worauf sieben Weise nicht antworten können, aber im allgemeinen darf man wohl sagen, daß heute eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Strandläufer nach den Inseln gehen kann. Und doch fand sich vor kurzem erst einer, der ihnen allen erfolgreich die Zähne zeigte. Jonny Luke hieß der Mann. Es wäre schade, wenn sein Name je der Vergessenheit anheimfiele, denn er war ein wahrer Märtyrer der Zunft und außerdem ein Mann, der sich zu helfen wußte. Eines Tages kam er nach dem Hafen Pago Pago in Amerikanisch-Samoa, wo man ihn landen ließ auf sein ehrliches Gesicht, ohne ihm die üblichen hundert Dollar Kaution abzunehmen. Schon am nächsten Tage stellte sich heraus, daß der neue Einwanderer ein polizeiwidriges Wesen ohne sichtbare Existenzmittel war. Der Schrecken ging durch alle Amtsstuben. – Was tun mit Jonny Luke? Der Dampfer, der ihn gebracht hatte, war fort. Man mußte sich mit ihm abfinden. Der Gouverneur selbst nahm ihn ins Gebet. Ob er nicht gewillt wäre, einen leichten, gutbezahlten Regierungsposten anzunehmen? Ob das etwa mit Arbeit verbunden wäre? fragte Jonny Luke, der gleich den Pferdefuß merkte. »Mit etwas schon«, meinte der Gouverneur. »Dann ist das nichts für mich«, antwortete Jonny. »Wenn ich arbeiten wollte, wäre ich in England geblieben.« Und dabei blieb es. Es half kein Locken, kein Drohen. Jonny Luke blieb seinen Grundsätzen treu. Die Tage vergingen, und täglich mußten die amtlichen Augen auf dem Wege vom und zum Büro das unerwünschte Subjekt betrachten, das da am Strande lag und zwischen Mangos, Bananen und Kawatee ein Leben wie die Lilien auf dem Felde führte. Schließlich war es genug des Ärgernisses. Ein Kabinettsrat beschloß, ihm die Reise nach dem nahen Apia in Westsamoa zu bezahlen und außerdem noch die dort verlangte Kaution von hundert Dollar zu stellen. So machte Jonny eine neue Reise, wohl versehen mit Barmitteln. Aber bald war es in Apia wie in Pago Pago, und die dortige Regierung bezahlte Jonny die Reise nach Suva auf den Fidschiinseln, wo der Emigrationsoffizier ihm aber die Landung verweigerte, denn sein Ruhm war ihm schon vorausgeeilt, und alle australischen und neuseeländischen Zeitungen hatten bereits eine besondere Rubrik eingerichtet: »Neues von Jonny Luke, dem Seefahrer. Ein Roman der Südsee.« Und es gab Stoff für die Rubrik auf seinen weiteren ruhelosen Wanderungen nach Aukland, Sydney, Brisbane usw. Zuletzt landete er wieder in Apia, wo er zur Zeit in Ruhe und Zufriedenheit von seinen weiten Wanderungen ausruht. »Lady Roberts« nennt sich das Fahrzeug, das den Verkehr zwischen dem Mandatsgebiet und Amerikanisch-Samoa aufrechterhält. – Ah, wenn die Namen Schiffe machten! Jedenfalls ist sie eine kapriziöse Lady und alles in allem das jämmerlichste Fahrzeug, das jemals dem großen Pazifik Unehre machte. Dreißig Schilling kostet die Überfahrt, und dafür wird man dann während der ganzen langen Nacht allein gelassen auf dem Verdeck, mit den Schweinen und der Seekrankheit, und – oh! – es war die schrecklichste Nacht, die ich je auf einem Schiff zugebracht habe. Bei dunkler Nacht kamen wir im Hafen von Pago Pago an, und als der Tag zu dämmern begann, enthüllte er ein Bild, wie man es sich schöner nicht wünschen konnte. Um eine fast kreisrunde, vollständig landumschlossene Bai, in der das Wasser so still und klar wie in einem Bergsee war, standen hohe, dichtbewaldete Berge; deren massige Formen sich im Wasser spiegelten. Wären nicht Palmen am Strande gewesen, man hätte wahrlich glauben können, ein Zaubermantel hätte einen weit weggetragen nach den Ufern des Vierwaldstätter Sees. An der Landungsbrücke empfängt uns die Polizei, der Doktor, die Emigrationsbehörde. Es ist ein geschäftiges Getue um diesen einen Passagier, den Passagier, der heute von Apia kam. Aber schließlich geht auch das vorüber, und man ist nun frei zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt, die aus drei Kaufläden, zwei »Sodafontänen«, mehreren Kirchen und sehr vielen Soldaten besteht. Mit schmetternder Musik zieht eben eine recht flott ausschauende Eingeborenentruppe vor das Administrationsgebäude, wo mit den üblichen Zeremonien das Sternenbanner gehißt wird. – Denn so ist es: in Amerikanisch-Samoa wird heute mehr mit den Flaggen gewedelt als im anderen Landesteile während der ganzen deutschen Herrschaft. Es ist ganz auffällig, wie gerade die Amerikaner, die sich doch vier Jahre lang über den deutschen Militarismus ereiferten, heute selbst von einem wahren Rausch des Militärdünkels befallen sind, einer kritiklosen Anbetung der Uniformen und einer hysterischen Militärfrommheit, die den Fernstehenden mit bassem Staunen erfüllt. Exerzieren und Schießen ist die Parole des Tages. Die Colleges gleichen Manöverlagern. Die kleinsten Dreikäsehochs, weit unter dem preußischen Kadettenalter, werden von ihren Mammis militärisch eingekleidet, der Boyscouts sind es Legionen, und die Schulkinder müssen an jedem Morgen und Abend ihr Männchen vor der Flagge machen, indem sie militärisch grüßend daran vorbeimarschieren. Es sind das in der Tat seltsame Resultate des einst so feurig gepredigten Kreuzzuges gegen den Militarismus, und man ist versucht, auf sie die Worte Uhlands zu beziehen: »Fürwahr, du bist dem Lehrer zu vergleichen. Der seinen Schüler ob gestohl'ner Kirschen Ausschalt und scheltend selber sie gefressen!« Im übrigen ist Onkel Sams andere Insel ein Backofen, und an jenem Tage war sie außerdem noch ein türkisches Dampfbad. Denn es regnete, wie es nur in den Tropen regnen kann, und die tropfende Feuchtigkeit stieg in dicken Schwaden aus dem Blätterdach des Urwalds. Naß wie ein Pudel mußte ich unter dem Wellblechdache auf der Landungsbrücke schlafen, denn es war nirgendwo Raum und überhaupt keine Herberge in Pago Pago, und überdies hatte die vorsorgliche Behörde meine Schlafdecken eingeschlossen. Am nächsten Morgen aber wollten sie einen Dollar Schreibgebühr von mir haben. Das war zuviel. Ich verweigerte die Bezahlung, und die Sache kam vor den Richter, der mich nochmals ausdrücklich dazu verurteilte. Aber der böse German zahlte nicht, und die Angelegenheit ging auf dem Instanzenweg weiter zum Gouverneur. Was mir wohl einfiele? Ob ich nun bezahlen wolle? »Nein.« Da richtete er sich auf in seiner ganzen Würde als Gouverneur der Insel Tutuila: » Are you going to defy the laws of the Juh – United States? « Wollen Sie sich etwa den Gesetzen der Vereinigten Staaten widersetzen? »Warum nicht?« »Dann marsch, zurück auf die ›Lady Roberts‹ und nach Apia!« »Schön«, sagte ich und ging hinaus und dachte dabei an Jonny Luke und an das viele Geld, das so etwas kosten würde, und daß ich ja dort gar nicht mehr landen konnte. – Ja, auch in Pago Pago wird mit Wasser gekocht. Nach fünf Minuten kam einer auf einem Fahrrad hinter mir her und brachte mir den visierten Paß und kein Wort mehr vom Dollar. Eine Stunde später kam der Dampfer, von dessen Verdeck aus ich noch einmal hinüberschaute auf das seltsame Land. Eben holten sie mit Musik die Flagge nieder. Die hohen Berge widerhallten von militärischen Kommandos. Ein Kanonenboot salutierte mit einundzwanzig Schüssen die untergehende Sonne, das Nachtessen des Gouverneurs oder was weiß ich. Irgend etwas – »Auszufüllen die Leere der Tage Und die lange, unendliche Zeit.« Schaurig widerhallte der Pfiff der Dampfsirenen in der engen Bucht. Hinaus ging es, ins offene Meer, wo der Passatwind wehte und die Insel Tutuila mit der untergehenden Sonne verschwand wie ein Spuk. Und damit auch das letzte dieser tausend Abenteuer.