Walther Harich Dorette lächelt ... Geschichte eines Kriminalfalls   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de 1 Damals, als sich Rolf Steegen von Dorette trennen mußte – nach jenen bekanntgewordenen Vorgängen auf Schloß Swantemühl in der Mark, – hatte er das deutliche Gefühl, daß er sie wiedersehen würde. Dorettes Nähe bedeutete selige und peinigende Beklemmung, nervöse Schmerzen in den Augen, Schlaflosigkeit. Dorettes Nähe bedeutete kommende Katastrophen. Aber es war nicht abzusehen, wie man ohne Dorette leben konnte. Zum mindesten mußte man das Gefühl haben, daß sie da war. Von Zeit zu Zeit mußte man sich vorstellen können, daß sie vor einem Toilettenspiegel saß und die Augenbrauen nachzog, oder daß sie in einen Wagen stieg und auf dem Trittbrett ein wenig wippte. Man wäre wahnsinnig geworden ohne das Gefühl, daß Dorette irgendwo existierte. Rolf Steegen war als letzter auf dem Gut zurückgeblieben. Er stand auf dem Hof, als der Wagen mit den vier Damen davonfuhr. Nie im Leben würde er den Augenblick vergessen, als die Pferde sich in Bewegung setzten. Die alte Frau Blankenhorn und Dorette auf dem Polstersitz, die Töchter Karla und Sabine auf dem Rücksitz. Das Gepäck war bereits mit dem Jagdwagen vorausgeschickt. Seit der Nacht, in der Herr Blankenhorn erschossen aufgefunden war, hatte Rolf Steegen kein Wort mehr mit Dorette gewechselt. Sie war die Herrin, er der Inspektor. Nicht einmal, daß sie die Augen von ihm fortwendete, sondern sie sah über ihn hinweg wie über einen Reitknecht oder einen gleichgültigen alten Schrank. Das war die drei Wochen bis zur Abreise so geblieben. Manchmal dachte er, daß sie nachts zu ihm kommen würde, um mit ihm zu sprechen. Als sie nicht kam, nahm er an, daß sie Furcht hatte. Es konnte gefährlich werden, wenn in dieser Umgebung zwei Personen des Einverständnisses miteinander überführt wurden. Die Mordkommission hatte nichts herausbekommen. Niemand ahnte, wer den Schuß in dem Zimmer abgefeuert hatte. Es gab einfach keine Spuren, weder für das Mikroskop und die chemische Analyse, noch für den Polizeihund. Die drei Wochen bis zur Abreise kein Blick zwischen ihm und Dorette. Aber in dem Augenblick, als die Pferde anzogen, hob sie ein wenig den Kopf, schlug die Augenlider hoch, sah zu ihm hinüber und lächelte. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang lag dieses Lächeln um ihren Mund. Sie schnellte es zu ihm hinüber, und es war fort. Es sollte ihm sagen: Nichts sei zwischen uns vergessen! Wir haben die Komödie zu Ende gespielt! Du wirst von mir hören! Ob sie glaubte, daß er der Mörder war? Ob das Lächeln sich bei ihm bedanken sollte, daß er Blankenhorn erledigt hatte? Der Wagen ratterte über das holperige Pflaster des Hofes, die Hufe klapperten. Steegen sah dem Gefährt nach, wie es in die Dorfstraße einbog und hinter der alten Kirche verschwand. Das Blätterdach der Kastanien färbte das Licht smaragden. Sonnenkringel blühten wie goldene Blumen auf dem dunklen Sandweg. Über dem Kutschenrand leuchtete neben dem schwarzen Hut der alten Frau Blankenhorn das Blondhaar von Dorettes Pagenkopf. Seit jener Stunde hatte Rolf sie nicht wiedergesehen. Acht Tage wartete er auf einen Brief von ihr. Dann ritt er die sechs Kilometer zur Bahnstation hinüber und holte in vorsichtigem Gespräch aus dem Vorsteher heraus, daß die alte Dame und ihre Enkelinnen Fahrkarten nach Berlin genommen hatten, Dorette aber nach Hamburg gefahren war. Bis zur nächsten D-Zug-Station waren die vier zusammengeblieben. Erst in Neustadt konnten sie sich trennen. Rolf stellte es sich deutlich genug vor: Wie Dorette sich die Koffer in das Abteil reichen ließ und davonfuhr. Wie ihre Schwiegermutter und die Stieftöchter auf dem Bahnsteig stehenblieben und auf den Berliner Zug warteten, der eine Viertelstunde später eintraf. Man hatte sich wohl noch zugewinkt, und so waren sie auseinandergegangen, die das Schicksal zu ihrem Unheil für zwei Jahre miteinander verkoppelt hatte. Dorette und die Blankenhorns: fremde Rassen, die nichts miteinander zu tun hatten, die sich niemals hätten finden dürfen. Beide Teile mußten aufgeatmet haben, als sie sich trennten. Vielleicht hatte Dorette sich in der Einsamkeit ihres Abteils wie nach einer köstlichen Komödie ausgeschüttet vor Lachen, vielleicht war sie schluchzend zusammengebrochen. Man konnte das bei ihr nicht wissen. Sie konnte sich in aller Heimlichkeit Schiffskarten besorgt haben, um Europa zu verlassen. Sie konnte auf der nächsten Station umgekehrt und nach Berlin gefahren sein. Vielleicht hatte sie den Hamburger Zug nur genommen, um sich möglichst früh von den Blankenhorns trennen zu können. Als er Tage und Wochen hindurch nichts von Dorette hörte, wurde er von einer immer größer werdenden Angst gepackt. Ein Ring legte sich um seine Kehle und preßte sie immer stärker zusammen. Seit zwei Jahren hatte es nichts außer Dorette für ihn gegeben. Nun löste sie sich wie ein Phantom in Luft auf. Sie muß mir schreiben! schrie es in ihm. Sie hatten über das Wichtigste noch miteinander tu sprechen! Wenn sie Angst hatte, etwas Schriftliches von sich zu geben, dann mußte sie ihm wenigstens einen Boten schicken. Aber zwei, vier, acht Wochen vergingen, und es kam nichts. Dorette war verschwunden, und er wußte nicht einmal, ob sie ihn für den Mörder ihres Mannes hielt. Dieses Mannes, den sie gehaßt hatte! Drei Monate blieb Steegen auf Swantemühl, bis er die Verwaltung des Gutes abgeben konnte. Er fuhr nach Berlin. Nur nicht wieder aufs Land zurück, in einen verlassenen Winkel, in dem man nicht aufzuspüren war! Man mußte Dorette wiederfinden! Als Inspektor in grüner Joppe und hohen Stiefeln fuhr er von der Station fort. Der Kutscher wunderte sich über die drei schweren Koffer und die Frachtkiste. Als Steegen in Berlin aus dem Hotel trat, erinnerte nichts mehr an seine Tätigkeit im letzten Jahr. Allenfalls hätte er für einen Generalstabsoffizier in Zivil gelten können. Die trainierte Figur war ihm geblieben, aber das Haar sprang über der Stirn in scharfen Ecken zurück und war über den Schläfen ergraut. Jetzt erst, da er sich wieder in gewohnten Verhältnissen befand, merkte er, daß er wortkarg geworden war. Er würde nicht mehr im Kasino Sektgläser gegen die Wand schleudern. Am dritten Tag traf er durch Zufall mit Engelke, dem alten Freund und Regimentskameraden zusammen. Engelke wollte auf seinem Gut in Ostpreußen eine Pferdezucht anlegen. »Ich brauche dich dazu mit deinen Erfahrungen und deiner glücklichen Hand. Aber du wirst etwas Besseres vorhaben, was? Mit deinem Geld und deinen Beziehungen!« »Meine glückliche Hand!« lachte Steegen bitter auf. Eine Woche später trat er als Stallmeister und Reitlehrer in einem der großen Tattersalls am Tiergarten ein. Die Direktion war froh, den früheren Kavallerieoffizier zu bekommen. Man kann gut auf Dorette warten, wenn man am Tag sechs oder mehr Pferde zu reiten hat. Um sieben Uhr früh begann der Dienst. Da ritten die großen Geschäftsleute, die um neun in ihren Büros sein mußten. Um neunzehn Uhr stieg man von dem letzten Pferd. Es gab im Verkaufsstall widerspenstige Bestien, die Steegen zugewiesen wurden. Es gab junge Tiere, denen die Ganaschen durchzubrechen waren. In den Zwischenstunden saß man mit Reitschülern und Damen zusammen. Das war in der Reitbahn oder auf dem Sattelhof ein ständiges Kommen und Gehen, Grüßen und Verabreden. Abends sank man todmüde ins Bett und schlief bis zum Morgen, wenn man nicht noch gegen Mitternacht aufstand, um einige Tanzdielen aufzusuchen. Irgendwo mußte man Dorette finden! Da – an einem Sonntagvormittag ritt er in größerer Gesellschaft durch den Kurfürstendamm nach dem Grunewald. In der Höhe der Uhlandstraße begegneten sie einem trabenden Trupp, der bereits zurückkam. Sechs Reiter. Jeder Stallmeister kennt die Pferde, die in den Berliner Tattersalls eingestellt sind. »Tattersall des Westens!« konstatierte Steegen nach den vorderen Tieren. Aber die beiden letzten Pferde kannte er nicht. Ein starker Apfelschimmel, kolossaler Gewichtsträger, warf seinen Reiter, einen kleinen korpulenten Herrn, bei jedem Schritt hoch und ließ ihn schwer auf den eingebogenen Rücken niederfallen. Daneben trabte ein eleganter Brauner mit Blesse und vier weißen Füßen. Steegen entsann sich, daß der Braune vor Wochen irgendwo zum Verkauf gestanden hatte. Ein Industrieller sollte ihn erworben haben. Man hatte sich bei Beermann über den hohen Preis unterhalten. Und auf diesem Pferd saß Dorette! Sie hatte ihn erkannt. Er merkte es deutlich. Ihre schmalen grünen Augen sahen ihn für zwei Sekunden an. Die kleine unregelmäßige Nase senkte sich wie grüßend. Um die ein wenig hervorstehenden Zähne, die unter der zu kurzen Oberlippe sichtbar waren, lag ihr seltsames gedankenloses Lächeln. »Schöner Brauner!« sagte die Dame neben ihm. »War das nicht Frau Blankenhorn?« »Ich kenne Frau Blankenhorn nicht.« »Ach, die sitzt doch ewig in den Nachtbars herum!« Rolf Steegen fand sie nicht in den Nachtbars. Er wußte nicht die richtigen Lokale. Die Brücken zu der Welt, in der er einst gelebt hatte, waren eingesunken. Ein früherer Regimentskamerad von ihm ritt manchmal mit seinem Burschen im Tiergarten an ihm vorüber. Er mußte Ordonnanzoffizier bei einem Reichswehrstab sein. Sie erkannten sich nicht, wenn sie aneinander vorbeigaloppierten. Man erkennt keinen Stallmeister, wenn man Offizier bei einem hohen Stabe ist. Der Apfelschimmel und der Braune waren in keinem der Tattersalls untergestellt. Sie mußten in einem Privatstall stehen, von dem er nichts wußte. Ein Bereiter aus dem Hormeßschen Stall glaubte, daß der Braune von einem Herrn Abercron gekauft worden war. Das Adreßbuch wies viele Abercrons auf. Einer wohnte in Tempelhof, einer in Zehlendorf, einer im Tiergartenviertel. Rolf Steegen ging belegte Treppen in die Höhe, umschlich Villen, suchte nach einem Stall, der zwischen Großstadthäusern eingeklemmt wäre. Auf der Tauentzienstraße sah er an einem Schaufenster Karla stehen. Er grüßte und wollte vorüber, aber das junge Mädchen rief ihn an. Er hatte Karla und ihre Schwester Sabine öfters auf der Straße oder in Theatern gesehen. Damals waren sie mit ihrer Großmutter nach Steglitz gezogen. Es hatte sogar wegen geschäftlicher Fragen einige Briefe zwischen ihm und den Damen gegeben, aber einem persönlichen Zusammensein ging man beiderseits aus dem Wege. Rolf war erregt, als Karla Blankenhorn ihn anrief. Es war das erstemal seit zwei Jahren, daß er einem jener Menschen gegenüberstand, die die Swantemühler Zeit mit ihm erlebt hatten. »Es ist gut, daß ich Sie treffe, Herr Steegen«, fing Karla zögernd an. »Meine – Stiefmutter ist in Berlin!« »So«, sagte er und bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu machen. »Haben Sie noch Verbindung mit – Frau Blankenhorn?« »Nein, ich habe niemals wieder etwas von Ihrer – Frau Stiefmutter gehört.« »Ich dachte, daß Sie Ihnen schreiben würde. Sie ritten damals viel mit ihr zusammen aus.« Er zuckte die Achseln. Wußte das junge Mädchen wirklich nicht, wie es mit ihm und Dorette gestanden hatte? Vielleicht ahnte keine von den Damen etwas davon? Das war die große Frage, die er sich immer wieder stellte. »Ihre – Frau Stiefmutter würdigte mich manchmal, ihr beim Reiten Gesellschaft zu leisten.« Er sagte das in dem unterwürfigen Ton, den er mit seiner Stellung wie eine Verkleidung angenommen hatte. Seine Haltung entsprach dem. So stand er vor seinen Reitschülern und den Herrschaften da, die ihm ihre Pferde anvertrauten, den Hut in der Hand, ein wenig steif, die Knie durchgedrückt. Als er damals Inspektor wurde, hatte er diese Haltung angenommen. Immer korrekt angezogen, den Körper im Training, das dunkle Haar straff gescheitelt. Das verlangte man von einer Menschenklasse, die über fremde Schollen ging und fremde Pferde ritt: gutes Aussehen, Ergebenheit, Zurückhaltung. Kaffern! stieg es manchmal in ihm hoch, wenn ihm bewußt wurde, daß aus dem Spiel eigentlich schon Wirklichkeit geworden war. »Meine Stiefmutter hatte ein kleines Faible für Sie, Herr Steegen«, fuhr Karla lächelnd fort. »Wir haben sie manchmal damit aufgezogen.« »Das ehrt mich sehr«, sagte er unbewegten Gesichts. »Ich hätte nie gewagt, etwas Derartiges zu hoffen oder zu bemerken. Ihre Frau Stiefmutter liebte den Scherz, sie war noch jung.« »Ja«, sagte Karla bitter, »sie war jung. Die Stiefmutter, die unser Vater uns so überraschend gab, war drei Jahre älter als ich. – Übrigens habe ich mich verheiratet.« »Gehorsamsten Glückwunsch!« Er verbeugte sich, sah auf ihre Hand und bemerkte, daß sie keinen Ring trug. »Ach so, der Ring«, sagte sie. »Ich liebe es nicht, einen Ehering zu tragen, wissen Sie. Das sieht so aus, als ob die Verheirateten eine besondere Klasse im Staat bildeten.« Rolf Steegen stutzte. Diese Ansicht hätte Dorette äußern können. Wenn eine Frau wie Karla ihren Ehering nicht trug, mußte das einen besonderen Grund haben. Vielleicht war sie unglücklich, oder ihr Mann betrog sie. »Darf ich fragen?« »Mit Professor Stüwe, dem Bildhauer. Besinnen Sie sich auf ihn?« Natürlich besann er sich auf Stüwe, der öfters in Swantemühl gewesen war. Eine Zeitlang hatte der Bildhauer schon damals als Karlas Verlobter gegolten, bis er, ein halbes Jahr vor der Katastrophe, ausblieb. Steegen hatte sich nicht sonderlich darum bekümmert. Mochten Karla und Sabine ihre kleinen Romane erleben. Seine Gedanken kreisten um Dorette. Oder hatte nicht auch Dorette von Stüwe gesprochen? Einmal hatte er die beiden in der Fliederlaube des Parks zusammen gesehen: die zierliche blonde Dorette und den ernsten dunklen Mann, von dem es schon damals hieß, daß er berühmt wäre. »Wir bewohnen eine Atelierwohnung in der Fasanenstraße«, sagte Karla. Weshalb erzählte sie ihm das? Sie würde keine Aufforderung für ihn hinzufügen, sie zu besuchen. Für Karla war er der ehemalige Inspektor. Oder sprach sie nur, weil sie eine Frage an ihn richten wollte, die sie nun doch nicht über die Lippen brachte? Die ganze Zeit über schien es ihm, daß sie mit diesem Gespräch einen besonderen Zweck verfolgte. »Mein Mann besinnt sich noch auf Sie«, fuhr sie zögernd fort. Er mußte wieder an die Fliederlaube denken. Damals hatte der Bildhauer ihn prüfend angesehen. Vielleicht hatte Dorette gerade über ihn gesprochen? Oder war Stüwe der einzige gewesen, der den wahren Zusammenhang durchschaute? Dann drohte ihm, Rolf Steegen, von dieser Seite Gefahr. Wer hinter sein Verhältnis zu Dorette gekommen war, mußte ihn für den Mörder halten! »Hatte nicht Ihr Fräulein Schwester Unterricht bei Herrn Professor Stüwe?« fragte er ausweichend. »Sabine? Ja, sie ist Bildhauerin geworden und hat ein Meisterschüleratelier in der Akademie. Sie war lange Schülerin meines Mannes.« Sabine! dachte er und sah ihren hübschen Kopf mit den klugen Augen vor sich. Noch immer stand er in ergebener Haltung mit unbewegtem Gesicht da. Das Leben der Straße flutete an ihnen vorüber. Die Drähte der sausenden Elektrischen schwirrten in Funkenberührung, Bremsen schrien wie angeschossene Tiere, Seidenkleider und helle Sommeranzüge schoben sich aneinander in seltsamen Kurven vorbei. Stein, Glas und Eisen funkelten in schneidender Kälte. Die beiden standen wie auf einer Insel inmitten dieses Treibens. Sie standen nicht auf der Tauentzienstraße, sondern im Park von Swantemühl: Der Himmel reichte bis zu den bebuschten Horizonten. Es gab Fernen mit Dörfern und spitzen Kirchtürmen, Wege mit aufgelockertem Boden zwischen weiten Getreidefeldern, saftig grüne Viehweiden mit schwarzweißen Kühen, Gräben mit Heckenrosen, Hügel mit Birkenwäldchen, einen Eisenbahndamm, den man drei Stationen weit mit den Augen verfolgen konnte. Und in diese Landschaft verfangen einen eigenartigen Menschenkreis: den kurzbeinigen robusten Herrn Blankenhorn mit der gelben Joppe und dem verschossenen Jägerhütchen über dem wulstigen Genick. Die kleine zierliche Dorette mit dem kessen Mund. Herrn Blankenhorns Mutter mit dem glatten Scheitel, der noch immer kein weißes Haar zeigte. Karla und Sabine, die beiden Landmädchen mit den sehnsüchtigen Augen. Und zwischen diesen Menschen mit immer unbewegtem und korrektem Gesicht er selber, Rolf Steegen, der den Umbruch der Felder, das Absetzen der Kälber, das Hinausziehen der Gespanne bei Hahnenschrei bewirkte. Dazu Gäste aus der Stadt wie dieser Herr Stüwe, die die Satten voll dicker Milch und die Schalen voll eingezuckerter Erdbeeren zulangend bewunderten. Das war nun alles vorbei, seit Dorette sich in ihre Zimmer und in einsame Ritte zurückgezogen hatte, und seit Herr Blankenhorn mit durchschossener Stirn in seinem Sessel lag. Man konnte nicht einmal wissen, ob diese beiden Tatsachen einander nicht auf eine fürchterliche Weise bedingten. Diese ganze Welt aber umstand die beiden Menschen, die sich auf der Tauentzienstraße wiedergefunden hatten und nicht wußten, wie sie miteinander reden sollten. »In der Fasanenstraße!« hörte Steegen sich wiederholen. Karla und ihr Mann wohnten also in der Fasanenstraße. In diesem Augenblick sah er aus der Ladentür eine Dame in beigefarbenem Complet heraustreten. Als er nur den Fuß und die Biegung des Rocks über dem Knie gesehen hatte, erkannte er sie. Dann das leichte Zuschlagen der Tür hinter sich, die Hand, die eine rudernde Bewegung machte, und das blonde Haar, das wie ein goldener Streif unter dem weichen Filzhut sichtbar wurde. Auf einmal wußte er: Karla hatte hier auf Dorette gewartet! Es schien unausweichlich, daß sie zusammenstießen: die hochgewachsene Karla mit dem ebenmäßigen Gesicht, dessen Ausdruck jetzt völlig durch zwei erschrockene blaue Augen bestimmt war, und Dorette mit den zierlichen Bewegungen eines Fisches. Sollte man grüßen, beiseite treten, aufeinander zugehen? Man unterschätzte Dorettes Geistesgegenwärtigkeit. Sie hielt einen Augenblick inne, als müßte sie sich an das Straßengewühl gewöhnen. Die kleine Nase schnupperte in der Luft, der Blick der grünen Augen krümmte sich in sich selbst zurück, und Dorette schritt nach rechts davon. Der kurze Rock wippte in ihren Kniekehlen. Aus Karlas Gesicht war die Farbe gewichen. Sie bemühte sich, in andrer Richtung zu sehen. »Ja, in der Fasanenstraße!« sagte sie schließlich. »Wir haben eine sehr hübsche Wohnung dort.« Sie blieb unschlüssig stehen. Rolf sah den Kampf in ihrem Gesicht. Sie hatte Dorette ansprechen wollen, und wagte es nicht. Sie hatte Steegen etwas fragen wollen, und wagte es nicht. »Verzeihung, gnädige Frau, ich muß leider gehen!« sagte er korrekt und verneigte sich. Karla sah ihn mit einem hilflosen Blick an. Sie wußte nicht einmal, ob sie ihm die Hand reichen sollte. Er war bereits verschwunden. Am nächsten Tag erreichte ihn ein Brief, der im Tattersall für ihn abgegeben war. »Sehr geehrter Herr Steegen! Ich sah Sie zufällig vorüberreiten und würde mich freuen, Sie wiederzusehen Kommen Sie am Donnerstagabend gegen dreiundzwanzig Uhr in die Hildebrandtsche Privatstraße Nr. 57. Ich empfange in der Wohnung von Herrn Abercron. Am Portal steht ein Diener, der öffnet. Mit freundlichem Gruß Dorette Blankenhorn.« 2 Rolf Steegen las den Brief aufmerksam durch. Er hatte also Dorette wiedergefunden! Aber es war so ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte. Zu vieles kam zusammen. Weshalb war Dorette nach Berlin gekommen? Weshalb schlich Karla hinter ihrer ehemaligen Stiefmutter her? Was wollte dieser Professor Stüwe von ihm? Die Gespenster jener lange zurückliegenden Zeit stiegen aus dem Grabe. Es mußte etwas geschehen sein, was das Vergangene wieder lebendig machte. Eine eigentümliche Furcht beschlich ihn. Nichts hatte sich in den zwei Jahren verändert. Man brauchte nur mit einem jener Menschen zusammenzukommen, und die alte Furcht war wieder da. Was würde dieses Zusammentreffen mit Dorette bringen? In der kleinen nächtlichen Straße war kein Mensch zu sehen. An der eisernen Gittertür des Gartens fand er die gesuchte Nummer. Vor einigen Tagen hatte er bereits einmal an dieser Tür gestanden, um jenen Abercron herauszufinden, der den Braunen mit der Blesse gekauft hatte. »Zu wem, bitte?« fragte ein Diener, der in der Dunkelheit kaum zu bemerken war. »Frau Blankenhorn wollte heute abend hier sein.« »Bitte!« sagte der Diener und öffnete. Gleichzeitig waren zwei Herren in dunklen Havelocks hinzugekommen, die sich mit Selbstverständlichkeit durch die Tür klemmten. Steegen folgte ihnen. Der Diener drehte das Licht im Treppenhaus an. Eine Halle tat sich auf. Der Boden war mit rotem Stoff ausgeschlagen, die Wände mit Marmor belegt. In einer Art Kabine hingen gegen zwanzig Mäntel von Damen und Herren. Ein zweiter Diener nahm die Garderobe in Empfang und übergab sie einem Mädchen. Steegen schnupperte die Atmosphäre. Einmal hatte er auch so gelebt. Es war kaum vier Jahre her. Die beiden Herren studierten die Tischordnung, die an einem hölzernen Pfeiler angeschlagen war, und machten Glossen. Rolf Steegen freute sich, daß er wenigstens den Smoking angezogen hatte. Die beiden Herren waren im Frack. Er drängte sich mit an die Tischordnung. Der Hausherr führte eine bekannte Schauspielerin. Außer dem ihren kannte Steegen keinen der Namen. Frau Blankenhorn saß ziemlich unten. Sie sollte von einem Herrn Schwarzer zu Tisch geführt werden. Steegen war durchaus nicht in ihrer Nähe untergebracht. Neben ihm saß »Fräulein Susanne Strauch«, auf der andern Seite »Herr Kaufmann«. Es war merkwürdig, in diese Gesellschaft zu kommen. Weshalb hatte Dorette ihn hierher bestellt? Er folgte den beiden Herren durch eine halb offenstehende Tür. Der Raum war eine Bibliothek. Rings an den Wänden stiegen hohe Regale bis zur Decke empor. In einer Ecke stand ein Flügel unter einem türkischen Teppich mit kostbarer Goldstickerei und ein Geigenpult. Es gab Tische und Sessel, die zwanglos über den Raum verteilt waren. Eine aufgeschobene Tür führte in ein ebenso großes Herrenzimmer. Überall hatten sich Menschen niedergelassen oder standen in Gruppen beieinander. Sogar auf dem Schreibtischsessel saß eine Dame und unterhielt sich mit einer andern, die auf dem Schreibtisch selbst saß. Von Zeit zu Zeit strichen sie ihre Zigarettenasche in eine große Kupferschale ab, die neben dem Tintenfaß stand. Künstlergesellschaft! dachte Rolf Steegen mit einem Gemisch aus Staunen und Verachtung. Neben der Tür der Bibliothek machte eine bildhübsche junge Dame die Honneurs. Sie trug ein kostbares Abendkleid und um den Hals den Perlenschmuck einer Fürstin. Ihr aschblondes Haar fiel in breiten Wellen auf einen blendend weißen schmalen Hals nieder. »'n Tag, Blümchen!« sagte der eine der Herren und patschte ihr vertraulich den Arm. Sie wechselten einige Worte und gingen weiter. Steegen stellte sich vor. »Blümchen« nahm seinen Handkuß entgegen. »Von Frau Blankenhorn? Ich weiß nicht, ob die Dame schon hier ist und ob sie überhaupt kommt. Doch, doch, sie wird schon kommen. Herr Abercron ist leider auch noch nicht da. Wichtige Konferenz wahrscheinlich!« Sie platzte heraus, zum Zeichen, daß sie an keine wichtigen Konferenzen glaubte. »Gehen Sie nur herein!« Er wunderte sich über »Blümchen«. Als er die Tür zum Arbeitszimmer durchschritt, sah er hinten in einem Klubsessel Dorette sitzen. Sie unterhielt sich mit einem Herrn. Tausendmal hatte er sich diesen Augenblick vorgestellt. Würden sie sich mit einem Schrei in die Arme stürzen? Aber das konnte wohl nicht sein. Niemand – auch hier nicht – durfte etwas von ihren früheren Beziehungen ahnen. Vielleicht arbeiteten immer noch Detektive an der Aufklärung jener mysteriösen Mordtat. Er trat auf Dorette zu. Sie mußte aufstehen, tausend Fragen auf den Lippen. Wie hatte sie damals zu ihm gesagt? »Wenn du das könntest! Wenn du mich von ihm befreien würdest, dann ...!« Das waren die letzten Worte zwischen ihnen gewesen, kurz ehe das Furchtbare eintrat. Aber dieses »Dann« war nicht eingelöst worden. Oder hatte sie es einem andern eingelöst? Wer war dieser andre, der ihm damals so überraschend zuvorgekommen war? Rätsel über Rätsel! Nichts von dem erträumten Ineinanderfliegen. Ein dunkler schlanker Herr stand da und machte eine korrekte Verbeugung. Eine junge blonde Frau hob ein wenig ihre Hand und nickte ihm zu, ohne ihr Gespräch mit dem andern zu unterbrechen. »Da sind Sie, Herr Steegen. Herr Abercron wollte Sie bitten, eines seiner Pferde zurechtzureiten.« Es kamen einige Erklärungen über die Unarten dieses Pferdes, sie waren eigentlich schon an den kleinen mageren Herrn mit dem Römerprofil an ihrer Seite gerichtet. Sie hielt es nicht einmal für nötig, Steegen vorzustellen. Der stand unentschlossen da. Sollte er hinausgehen und diese Gesellschaft verlassen? Aber es hielt ihn zurück. Zwei Jahre hatte er von der Erinnerung an diesen Mund, an diese Schultern, an diese Knie gezehrt. Immer war etwas in ihrer Haltung, als erwarte sie, daß man sich über sie stürzte. Immer schienen ihre Augen aufzufordern und der Mund einladend zu lächeln. Seit zwei Jahren hatte er die unmittelbare Gegenwart dieses Wesens entbehrt. Jetzt genoß er jede Bewegung ihres Gesichts, jede Linie ihres Körpers. Und sie wußte es. Er fühlte, wie sie seine Gedanken mit unsichtbaren Antennen auffing, wie sie für ihn dasaß, sprach, blickte, lächelte. Er blieb stehen, stützte sich gegen die Tischecke und zündete sich eine Zigarette an. »Handelt es sich um den Braunen mit der großen Blesse?« fragte er, mitten in ihr Gespräch hinein. Sie sah erstaunt auf. »Wie bitte? Ja, um den Braunen!« In diesem Augenblick verstummten auffällig alle Gespräche. Herr Abercron war eingetreten. Merkwürdigerweise trug er einen hellen Sommeranzug, der sich seltsam zwischen den schwarzen Fracks und Smokings ausnahm. Er war größer, als Steegen ihn sich gedacht hatte. Seine Korpulenz hatte trotz des hellen Anzugs nichts Unförmiges. Unförmig war allein der große schwere Kopf mit der riesigen Glatze, die hinten direkt in das wulstige Genick überging. Nur an den Schläfen gab es wenige kurzgeschorene Haare von grauer Färbung. Herr Abercron bewegte sich mit der Schnelligkeit eines Feuerfrosches zwischen den einzelnen Gruppen. Er teilte eilige Händedrücke und kurze Fragen aus und näherte sich schnell dem Bereich seines Schreibtisches. Irgend etwas an ihm erinnerte Steegen unangenehm an Herrn Blankenhorn, etwas brutal Gutmütiges, lärmend Banales. Abercron reichte Dorette die Hand, begrüßte den mageren Herrn mit dem Römerprofil, stellte sich mit kurzer Verbeugung Steegen vor. »Ah«, sagte er, »Sie sollen mir den Braunen zurechtreiten. Wir sprechen noch darüber!« Dann hatte er den Schreibtisch erreicht. Die beiden Damen erhoben sich. »Laßt mich einmal hier heran! 'n Tag, Susannchen!« Bei dem Vornamen vermutete Steegen die ihm zugedachte Tischdame. Susanne Strauch. Ein frisches junges Mädchen. Offenbar Film. Herr Abercron schloß mit kurzen energischen Bewegungen den Schreibtisch auf, nahm ein Aktenbündel heraus und blätterte ungeniert darin. Die Gespräche lebten wieder auf. Man kannte Herrn Abercrons Gewohnheiten. »Entschuldigt, Kinder! Eine Kleinigkeit noch zu erledigen!« Er notierte sich einige Zahlen auf dem Block und hob den Hörer auf. Es gab eine kurze geschäftliche Unterhaltung. Zahlen wurden durch den Draht gegeneinander geschleudert. »Genug, genug!« schrie Herr Abercron schließlich in den Apparat. »Dafür mache ich es nicht!« Er legte den Hörer hin und klatschte in die Hände. Alle Gäste klatschten mit. Es schien ein altgeübter Ritus in diesen Räumen zu sein. Eine breite Doppeltür wurde geöffnet. Man blickte auf eine gedeckte Tafel. Zwei Diener und ein behaubtes Mädchen standen mit Schüsseln bereit. Herr Abercron machte vor der berühmten Schauspielerin eine tiefe Verbeugung und führte sie zu Tisch. In Gruppen folgten die Gäste. Steegen sah den mageren Herrn mit der wunderschönen Dame, die man »Blümchen« genannt hatte, gehen. Dorette wurde von einem grobknochigen Herrn mit braunem Scheitel aufgefordert. Das war also Herr Schwarzer. Steegen besann sich, daß er ihn im Tiergarten hatte reiten sehen. Er war ihm sogar aufgefallen. Er selbst ging auf »Susannchen« zu und stellte sich vor. »Ach«, sagte sie erfreut, »endlich mal wer Neues in diesem Kral. Sind Sie vom Film?« Von Anfang an, schon zur Hummermayonnaise, wurde Sekt eingeschenkt. Fräulein Strauch stürzte ihr Glas hinunter und hielt es dem Diener zum Füllen hin. »Sekt, Sekt!« wurde von verschiedenen Enden der Tafel gerufen. Einige korrigierten die Tischordnung, zogen mit ihrem Glas und der Serviette um und tauschten Plätze. Die Gespräche erfüllten den Raum mit lautem Summen, aus dem einzelne Rufe hervorschossen. »Ich dachte, Sie wären vom Film!« sagte Fräulein Strauch und machte ein enttäuschtes Gesicht. Seit Monaten hatte Abercron ihr versprochen, sie mit einem bestimmten Regisseur bekannt zu machen. Steegen sah sie fragend an. »Alle diese Frauen wollen etwas von Abercron«, erklärte Susanne Strauch. »Die Männer hier sind gewöhnlich dieselben. Die Frauen wechseln beständig. Von Zeit zu Zeit macht eine andre Dame die Honneurs und trägt den Perlenschmuck. Ach ja!« »Herr Abercron besitzt also einen Harem mit Wechselrahmen?« Susanne Strauch wollte sich ausschütten vor Lachen. »Herrlich!« rief sie. Aber Herr Abercron täte den meisten Damen nichts. Es gab immer nur wenige Favoritinnen, die in den engsten Kreis aufgenommen wurden. Den meisten versprach er nur: Verbindungen, Engagements, Vermittlungen, – und hielt nichts. »Nichts?« »Manchmal hält er seine Versprechungen auf eine wahrhaft majestätische Art. Das lockt alle. Aber meistens wartet man einige Wochen vergeblich und wird allmählich von der Einladungsliste gestrichen. Manchmal wird eine zur Favoritin ernannt. Auch die Favoritinnen wechseln. Blümchens Perlenkollier soll auch schon wackeln. Ohe!« »Und wer kommt dann an die Reihe?« »Was weiß ich? Plötzlich gefällt ihm irgend etwas an einer. Man kann es nie so genau verfolgen, weil man nach einiger Zeit nicht mehr eingeladen wird. Ich bin vielleicht auch das letzte Mal hier.« »Sie würden gern in den engeren Kreis kommen?« Fräulein Strauch schüttelte sich, brrr, nickte dann aber doch plötzlich mit dem Kopf. »Wir spielen heute alle va banque «, erklärte sie. »Man kann eine Welt gewinnen oder hat nix vom Leben.« Dorette! dachte er. Auch Dorette spielt hier va banque ! Dorette will eine Welt gewinnen! Dorette besaß schon einmal eine Welt, aber die stob auseinander. Der Hausherr blieb nicht lange auf seinem Platz, wie überhaupt die Tafelordnung in dieser Gesellschaft nichts Festes war. Immer wanderten einige umher, lehnten sich über fremde Stühle und sprachen auf irgendwelche Menschen ein. Abercron setzte sich minutenlang an seinen Schreibtisch im Nebenzimmer und arbeitete. Alle Augenblicke ging das Telefon und rief ihn. Er war sicher einer der beschäftigtsten Männer Berlins. Dorette saß ruhig an ihrem Platz. Steegen sah an ihrem blonden Pagenkopf vorbei auf Herrn Abercrons Schreibtisch. Über Mappen und Aktenstößen wurde der obere Teil seines riesigen Schädels sichtbar, von der Nasenwurzel an die Stirn und darüber wie ein Feldweg, der sich nach hinten verbreitert, die Glatze. Wieder mußte er an Blankenhorn denken, dessen Schädel man in ähnlicher Art aus einer bestimmten Ecke seines Arbeitszimmers über den Schreibtisch ragen sah. So hatte Blankenhorn dagesessen, als ... Er wagte den Satz nicht weiterzudenken. Mit einmal merkte er, daß Dorette ihn ansah. Sie zog mit ihren Blicken eine deutlich sichtbare Linie zwischen seinem Auge und Abercrons Schädel. War es möglich, daß sie an das gleiche dachte wie er? Sie hatte den Kopf schon wieder gesenkt und redete mit ihrem Nachbarn weiter. Aber da blieb immer noch ein Ausdruck in ihrem Gesicht, der für ihn bestimmt war, eine kleine Handbewegung, die zu ihm hinüberzuwinken schien. Und jetzt hob sie wie in Gedanken das Glas und trank. In der gleichen Sekunde tat er dasselbe. Im gleichen Rhythmus tranken sie aus und setzten die Gläser nieder. Hatte sie ihn überhaupt angesehen? Während sie weiter zu ihrem Tischherrn sprach, schien ein Lächeln, dieses seltsam verlockende und versprechende Lächeln um ihren Mund zu fliegen. Er machte die Probe. Der Diener hatte sein Glas gefüllt. Er hob es von neuem an den Mund und beobachtete ihre Hand. Aber diese Hand rührte sich nicht, blieb wie eine leichte Blume unbeeinflußt auf der weißen Tischdecke liegen. Er fühlte, wie sein Gesicht vor Enttäuschung blutleer wurde, und setzte das Glas hin. »Susannchen!« hörte er Abercrons Stimme neben sich. Fräulein Strauch brannte auf. »Der Herr dort mit dem schwarzen Spitzbart ist Direktor einer Filmproduktionsgesellschaft. Er sucht jemand für eine große Rolle. Gehen Sie zu ihm. Ich erzählte ihm schon von Ihnen.« »Ach«, sagte sie, »heißen Dank!« Sie verneigte sich fast mit einem Knicks vor ihm. Abercron nahm ohne Umstände ihren Platz ein. »Sie sind Herr Steegen? Frau Blankenhorn hat mir von Ihnen berichtet. Mein Brauner – Sie kennen ihn – hat Stalldrang. Nicht vom Hof runterzubekommen.« »Ich habe ihn unter der gnädigen Frau gesehen!« Abercron zischte ein Lachen zwischen den Zähnen hindurch. »Frau Blankenhorn ist die einzige, die ihn kriegt. Wenigstens, wenn ein andres Pferd mitgeht. Ich will aber nicht immer nur mit Frau Blankenhorn ausreiten, verstehen Sie? Das brauchen Sie ihr aber nicht zu erzählen!« »Ich bringe das Pferd in Ordnung. Wo steht es?« »Privatstall meines Freundes Schwarzer.« Er nannte eine Adresse in den Zelten. »Sie können morgen mit der Arbeit anfangen. Ihr Honorar?« »Hundertfünfzig Mark im Monat.« »Abgemacht. Wo wollen Sie das Pferd hinhaben?« »Jeden Morgen um acht bei Beermann.« »Gut!« Abercron erhob sich. Steegen blieb neben dem leeren Platz zurück. Die Tischordnung war schon völlig aufgelöst. Herr Kaufmann unterhielt sich mit seiner linken Nachbarin. Die Herren gegenüber wanderten im Saal herum, kehrten nur, wenn serviert wurde, für kurze Minuten auf ihre Plätze zurück. Fräulein Strauch stand mit dem Filmdirektor in einer Ecke. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte von unten zu ihm herauf. Man sah, daß sie für eine Rolle jeden Preis zu zahlen geneigt war. Die Hälfte der Gäste stand in Gruppen herum. »Blümchen« saß aschblond und wunderschön zwischen zwei Herren am oberen Ende der Tafel. Der Perlenschmuck schimmerte weich auf ihrem weißen Hals. Gleich ihr blieb am unteren Ende Dorette ruhig auf ihrem Platz. Wie zwei feindliche Königinnen, die sich gardez boten, wirkten die beiden Frauen. Steegen sah, daß Dorette kämpfte. War sie deshalb nach Berlin gekommen, um Herrn Abercrons Perlenschmuck zu tragen? Aber es mußte noch etwas anderes dahinter stecken. Wegen des Braunen allein hätte sie ihn nicht hierher bestellt. Oder gab es jene ferne Zeit nicht mehr für sie? War er für sie wirklich nur ein beliebiger Stallmeister geworden, den man für ein widerspenstiges Pferd brauchte? Er erhob sich, um die Gesellschaft zu verlassen. Herr Abercron saß wieder am Fernsprecher. Rolf Steegen näherte sich der Tür. Morgen früh würde er das Pferd reiten. Hier hatte er nichts mehr zu tun. Er warf einen Blick auf Dorette, die nun mit dem Rücken gegen ihn saß. Aus einem entfernten Salon klang Musik eines Grammophons herüber. Blümchen hob die Tafel auf. Ihr aschblonder Scheitel stieg langsam in die Höhe. In diesem Augenblick stand auch Dorette auf und drehte sich zu Steegen um. Sie hatte gemerkt, daß er fortgehen wollte, und trat auf ihn zu. »Vitrine!« sagte sie und nannte eine Adresse in der Kurfürstendammgegend. »Ich bin in einer Stunde dort!« Er nickte und wurde blaß vor Glück. »Also reiten Sie den Braunen morgen gut!« rief sie ihm fortgehend zu und reichte ihrem Herrn den Arm. »Ein tüchtiger Reiter!« hörte er sie zu Herrn Schwarzer sagen. 3 Also hatte Dorette nicht vergessen! Steegen bewunderte ihre Geschicklichkeit, ihn ihrem Lebenskreis wieder einzufügen. Sie würden wieder zusammen reiten. Ganz allmählich würde es kommen. Niemandem konnte es auffallen. Selbst Karla nicht, wenn sie aufpaßte. Aber es kam da eine Gefahr von jener Seite! Er fühlte es deutlich. Er fuhr mit dem Autobus den Kurfürstendamm hinunter. Kurz vor Halensee stieg er aus und ging nach links in eine dunkle Straße hinein. Es war gegen halb zwei Uhr. Das Nachtleben reichte nicht bis hierher. Autodroschken hielten schläfrig an der Ecke. Kaum ein Fußgänger war zu bemerken. Die Häuser wuchsen mit finstern Mauern aus den kleinen Vorgärten auf. Hier wohnten stille, ruhige Leute, und es war seltsam, daß sich eine Nachtbar in dieser Gegend halten konnte. Sie war fast nicht zu bemerken. Das Licht des Fensters war abgedunkelt, die rotgemalte Aufschrift »Vitrine« kaum zu entziffern. Dieses Lokal war offenbar ein kleines Ladengeschäft mit einigen Hinterräumen gewesen. Steegen trat ein. Im Innern herrschte eine angenehme Dämmerung. Die Lampen aus rotem Schleiflack trugen Schirme von dickem Gelbpapier. Der eigentliche Barraum, der wie ein vergitterter Käfig aussah, schwamm in dunkelrotem Licht. Auf den hohen Schemeln hockten zwei Herren und vier Damen. Hinter dem Büfett goß die Bardame, blond und aufgeschwemmt, die Mixturen zusammen. Hinter ihr in einer Ecke saß eine einfache ältere Frau, offenbar die Inhaberin, hatte eine Brille auf der Nase und war mit einer Handarbeit beschäftigt. An den einzelnen Tischen hatten sich verschiedene Menschen niedergelassen. Die Unterhaltung ging im Flüsterton. Das ganze Lokal machte einen seltsam unwirklichen Eindruck. Hier also verkehrte Dorette! Rolf Steegen setzte sich in eine leere Ecke. Ein schläfriger Kellner kam angeschlürft. Er war es gewohnt, daß die Gäste hier wenig bestellten. Nur manchmal entwickelte sich am Büfett ein großer Abend, der das Geschäft trug, oder irgendeine Liebesbeziehung verlangte nach Sekt. Steegen bestellte einen Weinbrand, nahm die Nachtzeitung heraus und begann zu lesen. Zwei von den Damen kreuzten auffällig an seinem Tisch vorbei. Die beiden Herren an der Bar kamen offenbar aus einer Gesellschaft, in der sie sich gelangweilt hatten. Sie mokierten sich über einzelne Personen. Die Barmädchen lachten in der lautlosen Art, die hier Sitte schien. Wenn ein helleres Lachen aufbrandete, pochte der Häkelhaken der Alten hinter dem Büfett. Nur die zahlenden Herren durften lauter werden. In einer Viertelstunde trat Dorette ein. Alle wandten sich nach ihr um. Sie grüßte einige Bekannte durch Kopfnicken und reichte der Alten die Hand über den Tisch. In dieser Umgebung schien sie zu Hause. Bei Abercron war sie eben noch die ehemalige Majoratsherrin gewesen, hier bekamen ihre Bewegungen etwas Katzenhaftes. Sie war ein kleines Mädchen, das sich anpirschte. Rolf Steegen stand halb von seinem Stuhl auf. »Dorette!« flüsterte er. Sie sagte kein Wort der Begrüßung, reichte ihm nicht einmal die Hand. Der Kellner kam. Sie verlangte eine halbe Flasche Sekt und eine kleine Karaffe helles Bier zum Mischen. Der Kellner schien ihr Lieblingsgetränk zu kennen. »Was ist das?« fragte er erstaunt. Merkwürdigerweise vermied er es bei dieser Frage mit vollem Bewußtsein, sie anzureden. »Das schmeckt gut!« flüsterte sie zurück. Sie hatte einen ganz sachlichen Ausdruck dabei, als wenn über die Eigenschaften eines Pferdes oder die Qualität eines Stoffes gesprochen würde. »Was soll diese Zusammenkunft?« fing er an. Er hatte einige Mühe, auch bei dieser Frage die Anrede zu vermeiden. Er wußte nicht mehr, wie er zu ihr stand. Zwei Jahre waren eine lange Zeit, obwohl sie bei Dorette keine Spur zurückgelassen hatten. Man konnte sie noch immer für neunzehn halten. »Was soll diese Zusammenkunft?« machte sie ihm nach. »Ich sah, daß Sie Stallmeister geworden sind. Also muß es Ihnen schlecht gehen. Ein Beruf für ehemalige Unteroffiziere und Offiziersburschen. Ich wollte Ihnen behilflich sein, Ihr Einkommen zu verbessern. Abercron zahlt Ihnen hundertfünfzig Mark im Monat für eine Stunde Reiten.« Sie hatte »Sie« zu ihm gesagt und wußte, daß sie ihn durch die Erinnerung seines Standes beleidigte. »Ich wollte in der Stadt bleiben!« sagte er und fühlte eine tolle Erregung, die ihm das Sprechen schwer machte. »Ich wußte, daß ich Sie in Berlin wiederfinden würde. Es hat zwei Jahre gedauert!« »Es hätte noch länger dauern können. Ich habe nicht nach Ihnen gesucht.« »Nein, das sehe ich.« Auf einmal brach es aus ihm heraus. »Dorette!« rief er ihr leise zu. Die ganze Qual der unsäglichen Enttäuschung lag darin. »Dorette, weshalb war das alles so? Weshalb hast du nichts mehr von dir hören lassen?« Sie neigte leise den Kopf. »Weshalb sollte ich von mir hören lassen? Es war alles zu Ende!« »Nein, es sollte alles anfangen!« »Damit sie uns festnehmen und ins Zuchthaus stecken, nicht wahr? Denkst du, man hat uns nicht beobachten lassen? Und ich will dir nur sagen, daß man uns jetzt wieder beobachtet.« »So war es nur Vorsicht?« »Nicht allein. Ich wollte nicht mehr. Und vielleicht haben Sie ein wenig überschätzt, was zwischen uns spielte.« »Wir haben uns geküßt!« Sie lachte auf. »Ja, wir haben uns geküßt!« Es schien ihr spaßig, daß man daraus Rechte ableiten wollte. »Wir haben uns geküßt!« wiederholte er noch einmal ernst. »Aber es war mehr. Hinter unsern Küssen stand der Wille, uns einmal ganz anzugehören. Es waren nur die äußeren Umstände, die uns daran hinderten.« »So, hab ich das einmal zu Ihnen gesagt?« Er dachte nach. Hundert ihrer Gespräche zogen wie ein Traum an ihm vorüber. Hatte sie das gesagt? Vielleicht hatte sie das gar nicht gesagt, nur er hatte hundertfach davon gesprochen und aus ihrem Schweigen die Zustimmung herausgelesen. »Nein«, sagte er, »du hast es nicht gesagt, aber du hast angehört, wie ich es sagte.« »Es hat mich belustigt!« »Es hat dich belustigt? Aber wir haben auch davon gesprochen, daß ich Blankenhorn totschießen werde. Ich habe dir meinen Plan mit allen Einzelheiten auseinandergesetzt.« »Auch das hat mich belustigt. Ich habe nie daran gedacht, daß du es tun würdest. Und du hast es auch nicht ausgeführt!« »Du hast deinen Mann gehaßt. Du hast selbst gewünscht, daß er auf die Seite gebracht wird. Alle haben ihn gehaßt, du, die Töchter, ich, alle Menschen, die mit ihm zu tun hatten!« »Ja«, sagte sie, »wir alle haben ihn gehaßt. Aber an das Schreckliche, daß er ermordet werden würde, hat keiner von uns gedacht. Ich sah, wie du mit dem Gedanken spieltest, und habe dich spielen lassen. Das war alles!« »Glaubst du, daß ich ihn erschossen habe?« fragte er lauernd. »Wenn ich glaubte, daß du ihn erschossen hast, hätte ich dich dem Untersuchungsrichter angezeigt!« sagte sie ernst. »Ich würde es noch heute tun. Jetzt! Sofort! Sage: hast du ihn erschossen?« Er senkte den Kopf und schüttelte ihn schwer hin und her. »Nein, ich habe ihn nicht erschossen!« »Ich wußte es!« »Und wenn ich ihn erschossen hätte, so – wärest du mein geworden?« »Nein, ich hätte dich angezeigt. Ich hatte alle Beweise in der Hand!« »Ja, du hättest alle Beweise in der Hand gehabt. Ich habe dir meinen Plan in allen Einzelheiten geschildert. Aber Blankenhorn ist doch genau so ermordet worden, wie ich ihn ermorden wollte. Alle meine Vorbereitungen hat – der andre, der es getan hat, benutzt. Du allein kannst jenen andern in mein Geheimnis eingeweiht haben. Du mußt wissen, wer es getan hat!« Dorette sah ihn lächelnd an. »Ich weiß es nicht. Wenn ich es gewußt hätte, würde ich auch ihn angezeigt haben. Du wunderst dich darüber?« »Ja, ich wundere mich. Du haßtest Blankenhorn. Du mußtest wünschen, daß er beseitigt wird!« »Ich habe es aber nicht gewünscht! Im Ernst habe ich es nicht gewünscht!« Plötzlich veränderten sich ihre Züge. Sie bekamen das Weiche, das er an ihr liebte. »Sieh, ich hatte ihn geheiratet. Wenige Wochen nach der Hochzeit wußte ich, daß wir nicht zusammenpaßten. Er war roh, er war unausstehlich, aber Swantemühl war da. Ich liebte Swantemühl! Weißt du, wie es ist, wenn man sich in seiner Jugend überall herumgestoßen hat und nun plötzlich eine Heimat besitzt? Ich hatte eine Heimat gefunden! Ich liebte das Schloß, ich liebte das Gut, die Pferde, die Felder, die Jahreszeiten. Ich liebte seine alte Mutter, und selbst die beiden Mädels liebte ich, obwohl sie mich nicht ausstehen konnten und es nie zu einer richtigen Aussprache zwischen uns kam. Ich wachte morgens auf, und draußen sangen die Vögel, und die Bäume des Parks rauschten. Kleine Kälber wurden geboren, Küken krochen aus, abends sangen die Mägde im Dorf, und die Burschen spielten Handharmonika.« Er sah sie mit träumenden Augen an. So hatte sie auch damals sprechen können. Das waren die Augenblicke, in denen er ihr rettungslos verfiel. Etwas Müdes, Gehetztes lag in ihrem Gesicht. »Das bildest du dir nur jetzt nachträglich ein!« fuhr er sie rauh an. Er wollte die Gefühle zurückdämmen, die ihn zu überwältigen drohten. Zwei Jahre! dachte er. Wie habe ich Dorette zwei ganze Jahre entbehren können! »Du glaubst mir nicht, aber es war dennoch so. Ich hätte es schöner gefunden, wenn Blankenhorn überhaupt nicht dagewesen wäre. Das ist richtig. Aber ich konnte warten. Er hatte ein wüstes Leben geführt, es mußte einmal ein Ende mit ihm nehmen. Und bis dahin wollte ich einen Sohn haben. Du weißt, daß Swantemühl Majorat ist.« Sie sah ihn plötzlich spöttisch an. »Ich habe übrigens jetzt diesen Sohn!« »Was?« fuhr er erstaunt auf. »Du hast einen Sohn?« »Ja, ich habe einen Sohn! Vierzehn Tage nach dem Mord wußte ich, daß ich ein Kind von Blankenhorn trage. Ich habe es damals niemand gesagt. Aber es war so!« »Du, du hast ein Kind von ihm? Einen Sohn? Von ihm?« »Ja! Und deshalb bin ich jetzt hier. Ich will die Rechte meines Sohnes wahren. Er ist der Majoratsherr von Swantemühl!« »Wissen Karla und Sabine davon?« »Ja, sie wissen es und versuchen alles, um meine Ansprüche zu hintertreiben. Sie suchen sogar eine nochmalige Untersuchung des Mordfalls durchzusetzen.« Sie sah ihn scharf an. »Was sagst du dazu? Eine nochmalige Untersuchung!« Rolf Steegen biß sich auf die Lippen und konnte nicht verhindern, daß sein Blick unsicher wurde. »Es kann dir auch nicht angenehm sein«, sagte er schließlich. »Vielleicht noch weniger angenehm als mir!« »Wieso?« »Blankenhorn war in schwerer finanzieller Bedrängnis. Alle und das ganze Gut litten darunter. Er hatte eine große Lebensversicherung aufgenommen. Zweihunderttausend Mark! Ich weiß selbst, welche Mühe es machte, zu den Quartalsersten die Summe für die Policen aufzubringen. Es waren jedesmal über tausend Mark. Es wurde Vieh verkauft und Holz geschlagen. Diese Versicherung war auf deinen Namen ausgestellt!« »Weshalb hatte er diese hohe Versicherung aufgenommen?« fragte sie ihn mit listigem Ausdruck. »Denkst du, meinetwegen?« Er wurde stutzig, sah sie fragend an. »Natürlich deinetwegen! Du hast ihn beredet, die Versicherung aufzunehmen! Und nach weniger als einem Jahr war er tot.« »Ach«, sagte sie, »so war es ja gar nicht. Er hat die Lebensversicherung aufgenommen, weil er Geld darauf bekommen konnte, das er sonst nirgends mehr bekam! Die Police war verpfändet!« »Das wußte niemand!« sagte er. »Du hast auf diese Versicherung gehofft! Wegen dieser Versicherung hast du gewünscht, daß er stirbt!« »Zwei Tage vor seinem Tod hat er mir gestanden, daß die Versicherung verpfändet ist.« »Das – das kannst du nicht beweisen, und ich glaube es dir nicht!« »Aber es war so!« »Dann hast du aus Ärger darüber seinen Tod gewollt!« »Ich habe gewünscht, daß Blankenhorn nicht da wäre«, sagte sie, »nie aber habe ich gewünscht, daß er ermordet würde! Keiner von uns hat das gewünscht!« »Ich aber habe gedacht, daß du es willst!« sagte er zögernd. »Und so hast du ihn erschossen?« »Nein, aber ich hätte ihn erschossen, wenn nicht – –« »Man wird dich trotzdem für den Mörder halten«, sagte sie und reichte ihm einen Brief hinüber. »Lies ihn aufmerksam durch!« Er griff hastig nach dem Schreiben. Es war ein gewöhnlicher Geschäftsumschlag. Der Stempel wies den Ort Swantemühl auf. »Aus Swantemühl?« fragte er erstaunt. Sie nickte. Der Brief war vor acht Tagen angekommen. Die Anschrift war an Dorette Blankenhorn gerichtet. Er ersah aus ihr, daß sie wenige Häuser von dieser Bar entfernt wohnte. »Du wohnst hier in der Nähe?« »Ja, ich habe zwei möblierte Zimmer genommen und wohne hier – mit meinem Kind.« »Gnädige Frau!« las er. »Es wird Sie interessieren, daß auf Veranlassung der Familie Ihres verstorbenen Gatten der Fall aufs neue untersucht wird. In einigen Tagen wird der Berliner Rechtsanwalt Dr. van Holten mit einem Polizeikommissar hier eintreffen, um nach etwaigen Spuren zu suchen. Ich würde Ihnen und Ihren Verbündeten raten, sich in Sicherheit zu bringen. Von dem Ergebnis der Untersuchung werde ich Sie rechtzeitig benachrichtigen.« Eine Unterschrift fehlte. »Wer hat diesen Brief geschrieben?« fragte er hastig. Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Irgend jemand aus Swantemühl. Es ist eine verstellte Handschrift. Ich habe vorgestern noch einen zweiten Brief erhalten. Hier ist er.« Es war genau die gleiche Handschrift. »Gnädige Frau!« lautete dieser zweite Brief. »Die Herren sind hier gewesen und haben die Spuren entdeckt.« Das war alles. Er kehrte den Brief um und um. Der Kutscher oder der Schmied oder ein Pferdepfleger konnten ihn geschrieben haben. Die Handschrift war kindlich und ungebildet, auch wenn man von der Verstellung absah. Oder ein Dienstmädchen hatte ihn geschrieben. »Und haben die Spuren entdeckt!« wiederholte er. »Welche Spuren?« Sie sah ihn spöttisch an. »Welche Spuren? Die Spuren, die der Mörder hinterlassen hat! Aber du bist es ja nicht. Du kannst ruhig sein.« »Weshalb hast du die Briefe nicht der Polizei übergeben?« »Du meinst, es hätte einen guten Eindruck gemacht?« »Vielleicht das! Ich weiß nicht! Wenn du unschuldig an diesem Mord bist, dann müßtest du alles unterstützen, was zur Ergreifung des Täters führen könnte. Oder kennst du diesen Täter?« herrschte er sie an. »Kennst und liebst du ihn vielleicht? So muß es sein: Du kennst und liebst ihn. Mich hast du nur benutzt, um die Vorarbeit zu leisten und die Spur von ihm abzulenken. Den andern aber, den hast du wirklich geliebt! Vielleicht hast du den nicht nur geküßt! Vielleicht ist dein Kind von ihm!« »Du bist wahnsinnig! Weshalb spielst du mir diese Komödie vor? Denkst du etwa, ich weiß nicht, daß du Blankenhorn ermordet hast? – Kellner, noch einmal!« Der Kellner schlürfte vorüber. Sie mußten schweigen. »Ich will das auch!« sagte Steegen und zeigte auf Dorettes Mischung. Die zierliche kleine Dorette! Sie sog das seltsame Getränk mit einem Strohhalm auf. Vielleicht schlief sie nicht mehr ohne diesen Trunk. Sie hatte sich kleine Laster angewöhnt, steckte hier, wo sie sich gehen ließ, eine Zigarette an der andern an. Wie hatte seine Reitschülerin gesagt? »Die sitzt doch ewig in den Nachtbars herum!« Noch immer mußten sie mit der Fortsetzung ihres Gesprächs warten, bis der Kellner das Gewünschte gebracht hatte. Das Getränk war von einem herben und bitteren Reiz. Es stimmte zu ihrer Lage. »Du irrst dich!« sagte er, als der Kellner fortgegangen war. »Ich bin es nicht gewesen!« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein später Gast trat ein. Es war höchstens eine Viertelstunde vor Polizeischluß. Ein dunkler großer Herr mit schwarzer Hornbrille. Er sah sich suchend in dem Lokal um und ließ sich an einem kleinen Tisch nieder, so daß er Dorette vor sich hatte. Steegen sah sie fragend an. »Das ist doch –?« Ohne die Begegnung in der Tauentzienstraße vor wenigen Tagen wäre ihm der Name nicht eingefallen. Jetzt wußte er: dieser Mann war Professor Stüwe, der Bildhauer. Er hatte Dorette nicht gegrüßt, und doch spannte es sich von ihm zu ihr hinüber. Jedermann in dem Lokal mußte sehen, daß dieser Mann nur ihretwegen hierher gekommen war. Vielleicht nicht, um sie zu sprechen, sondern um sie anzustarren. 4 Steegen bemerkte, daß das Auftauchen Hans Stüwes Dorette aus der Fassung brachte. Zuerst versuchte sie zu tun, als ob der Bildhauer ihr unbekannt wäre. Dann schien sie zu hoffen, daß Steegen ihn nicht erkannte. Aber der Name fuhr ihm heraus. »Du kennst ihn?« fragte sie erstaunt. »Er war in Swantemühl, ich ahnte aber nicht, daß du Beziehungen zu ihm hast.« Auf einmal war ihm klar, was Karla ihn auf der Tauentzienstraße hatte fragen wollen und was sie nicht herausbringen konnte: sie mußte durch einen Zufall dahinter gekommen sein, daß zwischen ihrem Mann und Dorette Verbindungen bestanden! »Ich kannte Stüwe nur flüchtig und habe ihn neulich auf einer Gesellschaft wiedergetroffen!« beeilte Dorette sich zu berichten. »Es war ein netter Abend. Wir plauderten viel von Swantemühl. Übrigens hat er inzwischen Karla geheiratet. Leider hat er sich jetzt in mich verliebt. Er lauert mir auf. Weiß der Himmel, wie er die »Vitrine« herausbekommen hat!« Noch immer sagte Rolf Steegen kein Wort. Er sah stumm vor sich nieder und knüpfte lose Beobachtungen zu festen Gespinsten zusammen. »Sie sagen ja nichts?« fragte Dorette und zündete sich eine neue Zigarette an. »Stört dieser Mensch Sie?« Er schüttelte den Kopf. »Ich wundere mich nur, wie er zu Ihnen gekommen ist.« »Ich wundere mich auch!« lachte sie auf. »Einen Augenblick!« Sie erhob sich und ging zu dem Schweigsamen an den Tisch. An seinen Bewegungen, wie er jetzt aufstand und seine Lippen über Dorettes Hand beugte, sah Steegen, daß der Bildhauer betrunken war. Aber er streifte alles Absonderliche ab, sobald Dorette sich ihm näherte. Seine Augen wurden ruhiger, das Haar strich er über die Stirn zurück. Die beiden flüsterten miteinander. Dorette mochte ihm zureden, nach Hause zu gehen. Stüwe sprach lebhaft auf sie ein. Merkwürdig nahm das Paar sich aus. Wie ein schwerfällig täppischer Bär der Professor, der gewohnt war, in Massen zu denken und mit Massen zu hantieren. Als hauchzartes Luftgebilde wirkte Dorette neben ihm. Wie Menschen, die von verschiedenen Sternen kommen, saßen die beiden nebeneinander. Nach einer Weile reichten sie sich die Hand, Dorette kam an ihren Platz zurück. Der Professor rief den Kellner, legte einen Geldschein auf den Tisch und erhob sich. Er grüßte flüchtig hinüber und ging hinaus. Dorette sah ihm aufmerksam nach, als müßte sie seinen Gang studieren. »Was will er von dir?« fragte Steegen. »Was willst du, was wollt ihr alle von mir?« fragte sie heftig zurück. »Das, was ich nicht will! Ihr sollt mich in Frieden lassen!« Von der Bar hörte man den Häkelhaken der Inhaberin einige Male hart aufpochen. »Feierabend, meine Herrschaften!« sagte sie. Die Gespräche in dem Raum wurden lebhafter, suchten zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. Ein allgemeines Finish setzte ein. Die blonde aufgeschwemmte Bardame wurde von zwei Herren bestürmt, die die Anzahl der genossenen Drinks vergeblich ins Treffen führten. Der Kellner stand wie ein Menetekel vor den Paaren, die verbissen aufeinander einredeten, und suchte zu kassieren. Einige alleinstehende Damen kehrten beim Anlegen ihrer Garderobe noch einmal alle Reize hervor. »Polizeistunde, meine Herrschaften!« klang es von der Bar her. Der Häkelhaken klopfte energischer auf. »Drei Uhr, meine Herrschaften!« Die Mixerin stellte geräuschvoll die Flaschen in den Schrank und schloß ab. Die Inhaberin drehte die Hälfte der Lampen aus. Der Raum machte sich jetzt wie eine dunkle Höhle mit wenigen Leuchtkäfern. »Komm!« sagte Dorette. Das »Du« und »Sie« wechselte in ihren Sätzen. Es wirkte sich irgendein geheimnisvolles Gesetz darin aus. »Du« war Gleichgültigkeit, Vertrautheit, Verheißung, Anerkennung. »Sie« bedeutete Fremdheit, Ablehnung, Kampf und gespannten Gegensatz, der zum Angriff reizte. Im allgemeinen schien ihm das »Sie« mehr Chancen zu geben. Er half ihr in das Seidencape. Vorher hatte sie die weiße Seite nach außen getragen. Jetzt nahm sie die schwarze nach außen. Ihr Gesicht wuchs wie eine bleiche Blume aus dem Umhang. Das blonde Haar lag in dieser Beleuchtung wie eine plastisch geformte Masse. »Ihr sollt mich in Frieden lassen!« hatte sie eben noch gesagt. Aber ihr Körper bog sich wie eine Gerte, als er das Cape um sie legte, und die schmalen Schultern hatten eine Bewegung, weich und doch voll gespannter Kraft, daß er sich zurückhalten mußte, sie nicht an sich zu pressen. Früher hatte er sie umklammern und seinen Mund auf ihre Lippen drücken dürfen. Weshalb war das zu Ende? Wie konnte ein solches Recht überhaupt jemals aufhören! Sie standen draußen. Die Gäste der Bar entfernten sich in diskutierenden Gruppen. Eine Rolljalousie senkte sich mit Getöse über die roten Buchstaben »Vitrine«. Ein Gitter schob sich quietschend vor die Tür. Zwei Herren warteten an der Ecke auf die Bardame. »Weshalb verkehren Sie bei Herrn Abercron?« fragte er, plötzlich ein neues Thema anschlagend. »Wollen Sie Blümchens Perlenschmuck erben?« Es sollte sie verletzen. Sie sollte merken, daß er ihren Kampf um eine neue Welt durchschaute. »Wieso den Perlenschmuck?« fragte sie zurück. »Ich bin mit Herrn Abercron verlobt. Wir heiraten in der nächsten Woche!« »Verlobt? Heiraten?« »Weshalb erstaunt Sie das? Wegen der Gesellschaft heute abend? Es war die letzte in diesem Stil.« »So!« sagte er leichthin. Wieder fiel ihm die Ähnlichkeit Abercrons mit Herrn Blankenhorn ein. Sollte die Tragödie noch ein zweites Mal vor sich gehen? Er sah Abercron an seinem Schreibtisch sitzen. Genau so hatte Blankenhorn dagesessen, als ihn die tödliche Kugel traf. Er sah sich mit Dorette zusammen durch den Grunewald reiten, wie er in Swantemühl mit ihr geritten war. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, fing sie an. »Werden Sie es nicht falsch verstehen, wenn ich Sie bitte, mich noch nach Hause zu begleiten? Es ist nur wenige Schritte!« Sie hatte den Mund eines ungezogenen kleinen Mädchens, wenn sie bat. Was wollte sie ihm zeigen? Sie gingen schweigend nebeneinander. Dorette schloß eine Haustür auf. »Drei Treppen!« sagte sie. Während er neben ihr die Stufen hinaufstieg, mußte er an das merkwürdige Lokal denken. Saß Dorette jeden Abend dort? In welches Leben war sie verflochten? Sie schien die Menschen zu kennen, die dort regelmäßig verkehrten. Was waren das für Menschen? Sie mußten irgendwie angeknackst sein. Der Professor fiel ihm ein, wie er Dorette mit seinen großen Augen angestarrt hatte. Eine seltsame Stimmung herrschte dort. Diese Welt war grenzenlos. Fäden spannen sich überall hin: zu Schlafzimmern, in denen enttäuschte Frauen nicht schlafen konnten, zu Junggesellenbuden, zu Bankkonferenzen, zu Redaktionen. Das ganze Leben, wie es draußen und am Tage erschien, das gab es hier noch einmal, schattenhaft, mit andern Verknüpfungen, die vielleicht wichtiger und enger waren, als was draußen und am Tage sichtbar ward. In diesem Boden wurzelte Dorette. Majoratsherrin, Verlobte des Großindustriellen Abercron, das war nur das äußerliche Bild. Irgendwie lebte sie in solchen Nachtlokalen fort, schlang den Rauch englischer Zigaretten ein, mußte den Nachgeschmack scharfer Drinks am Gaumen spüren, die aufregende, einschläfernde Unendlichkeit stundenlanger Gespräche an kleinen Tischen, das Durcheinanderwogen fremder, dunkler Schicksale. Das brauchte sie. In diese Welt würde sie immer wieder zurückkehren. Sie schloß die Wohnungstür auf. »Sei leise, bitte!« Es ging durch eine Berliner Stube in den hinteren Korridor. Hier lagen ihre zwei Zimmer. Sie traten ein. Um einen runden Tisch standen vier Sessel, es gab ein großes Sofa mit riesigem Umbau an der Wand, in der Fensterecke den Schreibtisch, Bilder und Bücher. Es war eine zusammengetragene und mühsam zurechtgestellte Gemütlichkeit. Es rührte ihn, daß sie in dieser dürftigen Umgebung hauste. »Willst du ihn sehen?« fragte sie. »Joachim Blankenhorn, den Majoratsherrn von Swantemühl?« Sie führte ihn in das Schlafzimmer nebenan. In dem kleinen Bett lag das Kind, rosig verschlafen, Fäuste gegen die dicken Backen gedrückt. Steegen stand ein wenig hilflos davor. Er verstand sich nicht auf kleine Kinder. Nur Blankenhorns merkwürdig vordringende Stirn fiel ihm in diesem noch undurchgebildeten Gesicht auf. »Macht so etwas nicht viel Arbeit?« »Ach«, sagte sie, »das ist doch eine beglückende Arbeit! Und außerdem helfen mir die Wirtin und das Mädchen. Sie sind ganz wild nach ihm. Ich darf kaum mehr tun, als mit ihm spielen und ihn küssen.« Sie beugte sich plötzlich über das Bettchen. »Führst du einen Prozeß mit Blankenhorns?« fragte er und sah sie gerührt an. Es erschütterte ihn auf eine unbegreifliche Weise, sie bei ihrem Kind zu sehen. »Ja, einen sehr komplizierten Prozeß. Ich will Swantemühl für Joachim wiederhaben.« »Geht das?« »Vielleicht. Die Anteile der andern sollen hypothekarisch eingetragen werden, aber das Gut ist schon überlastet, und kein Mensch weiß, ob Swantemühl überhaupt noch als Majorat zu betrachten ist.« »Gibt Abercron dir das Geld für den Prozeß?« Sie seufzte auf. »Ich hoffe, daß er es tun wird. Vorläufig muß ich sehr vorsichtig mit ihm sein. Er ist ungeheuer schlau und mißtrauisch.« Das Kind wurde unruhig, die kleinen Fäuste begannen in der Luft herumzusuchen. »Komm, wir müssen hinausgehen. Es hat einen leisen Schlaf.« Sie saßen im Wohnzimmer. Jetzt! dachte er. Er war neugierig, was sie von ihm wollte. Oder kam jetzt die große Aussprache, das lange Erwartete? »Wie stehst du mit Sabine?« fragte sie unvermutet. »Mit Sabine Blankenhorn? Wie soll ich mit ihr stehen? Gar nicht! Ich habe sie nie wieder gesprochen!« Dorette sah ihn verschmitzt an. »Weshalb lügst du? Du hast ihr alles erzählt, was zwischen uns war!« »Nie habe ich zu einem Menschen darüber gesprochen!« sagte er ernst. Aber in diesem Augenblick verstand er, weshalb Dorette ihm geschrieben hatte: Sie hatte Angst vor ihm! Es war noch alles wie damals nach der Tat. Er dachte an die anonymen Briefe aus Swantemühl. Wenn er irgend jemandem erzählte, was sich zwischen ihm und Dorette zugetragen hatte, dann mußte der Verdacht sich auch auf sie lenken. »Ich habe wirklich nie darüber gesprochen!« versicherte er nochmals. »Weshalb warst du denn neulich mit Karla zusammen?« »Ich traf sie ganz zufällig.« »So!« Dorette erhob sich und ging an den Schreibtisch. »Ich wollte dir etwas zeigen. Kennst du das?« Sie reichte ihm ein kleines Bild, das offenbar aus einer Zeitschrift ausgeschnitten war. Die Abbildung einer Bronzegruppe. Ein Reiter stand neben seinem Pferd, hatte den breitrandigen Hut abgezogen und blickte in die Ferne. »Feierabend, Bronze von Sabine Blankenhorn, dritter Preis«, las er darunter. »Nun, und? Das bist du doch!« sagte Dorette heftig. »Ganz deutlich bist du das und Ulfilas, der Rappe, den du in Swantemühl rittest.« Ja, Rolf Steegen erkannte sich. Unzählige Male hatte er so neben dem Rappen am Abend auf dem Hügel hinter der großen Scheune gehalten, wenn er von einem entfernten Schlag zurückkam. Ohne daß er etwas davon ahnte, mußte Sabine ihn beobachtet haben. Ein wehes Gefühl beschlich ihn, wenn er sich vorstellte, wie das hübsche Mädchen mit den klugen Augen ihm aus irgendeinem Fenster des Schlosses nachsah. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann stieg ein unbestimmter Schrecken aus dem Innern auf: Sabine hatte ihn beobachtet! Was alles konnte sie an ihm bemerkt haben? Wenn er sich hinter dem Wald mit Dorette traf! War sie ihnen vielleicht nachgeschlichen, wenn sie bei dem Busch hinter der großen Schneise abgestiegen waren und sich ins Gras gelegt hatten? Wenn Sabine ein einziges ihrer Gespräche aufgefangen hatte, dann mußte er in ihren Augen der Mörder ihres Vaters sein. Nichts hatten die zwei Jahre seitdem von dieser Angst genommen. Die Untersuchung war wieder aufgenommen. Vielleicht war diese kleine Plastik eine Warnung, die Sabine an ihn ergehen ließ: Hüte dich! Ich habe dich gesehen, als du es am wenigsten vermutetest! »Nun?« fragte Dorette. »Wie steht es mit dir und Sabine? Übrigens ist es eine wundervolle kleine Arbeit, und sie hat einen Preis erhalten.« »Ich sehe das hier zum erstenmal. Ich bin mit Sabine nicht mehr zusammengewesen. Sie muß es aus dem Gedächtnis gemacht haben.« Wieder verstand er Dorettes Angst. Sie mußte eine furchtbare Angst davor haben, daß er zu Sabine gesprochen hatte. »Wirklich?« »Ganz wirklich!« »Dann – liebt sie dich!« Er schüttelte den Kopf. »Sabine liebt mich nicht. Die haben mich alle gehaßt, weil ich mit dir zusammen war.« »Sagst du das jetzt als Vorwurf?« fragte sie feindlich. »Um des Himmels willen, nein, Dorette! Was fällt dir ein! Alles in der Welt gebe ich für eine Minute hin, die ich mit dir verlebt habe!« Sie war von dem heißen Ausbruch überrascht und sah ihn prüfend an. »Du hast nichts mit Sabine? Hast nie etwas mit ihr gehabt?« »Nein.« »Liebst du mich noch immer?« Wieder waren die Worte wie aus einer furchtbaren Angst hervorgestoßen. »Ja, Dorette, ich liebe dich! Aber du hast mich nie geliebt!« Plötzlich hing sie an seinem Halse und küßte ihn. »Ich liebe dich immer noch, Rolf!« Der Raum stürzte über ihm zusammen. Das war die große Begegnung, um derentwillen er alles fortgeworfen hatte. »Du!« stammelte er. Seine Arme suchten sie hundertfach zu umgreifen. So blieben sie minutenlang, bis sie sich endlich von ihm löste. »Sei vernünftig, Rolf! Wir müssen vernünftig sein!« Sie saßen nebeneinander. Er erwachte aus einem Traum. So war es immer gewesen. Dieses stumme lächelnde Dasitzen! War es Kälte? War es Entrücktheit? Nie konnte er es entscheiden. Auch das war das gleiche geblieben! War sie eifersüchtig auf Sabine oder hatte sie wirklich nur Angst gehabt? Er wußte es nicht. Nie wußte er etwas von Dorette. Auch in solchen Augenblicken nicht. »Es geht mir schlecht, Rolf!« sagte sie mit leiser Stimme. »Wenn es in der nächsten Woche nicht zu der Heirat kommt, weiß ich nicht, wie es werden soll.« »Abercron?« »Natürlich Abercron! Du hast ja kein Geld, mein Lieber. Also Abercron!« Das waren die kühlen Feststellungen, die er an ihr haßte. »So ist es doch heute: man kann eine Welt gewinnen, oder man bekommt nichts! Willst du einen Kognak?« Sie nahm eine Flasche und zwei Gläser aus dem Schrank. Er stellte fest, daß sie fast die gleichen Worte gebraucht hatte wie die kleine Filmschauspielerin. Wie lebten heute diese entwurzelten Frauen alle! »Ist es möglich, daß sich die Heirat zerschlägt?« fragte er. »Ja, es ist möglich! Wenn man etwas will, dann ist man seiner selbst unsicher. Dann gehorcht einem auf einmal nichts mehr. Hier, trink! Der Kognak ist warm. Ich kann nichts dafür.« Sie reichte ihm das Glas und fuhr ihm mit der Hand flüchtig durchs Haar. »Geh jetzt, Rolf! Du mußt gehen! Wir wollen vernünftig sein!« Er erhob sich mit einem energischen Ruck, stand vor ihr, nahm ihren Kopf noch einmal in seine Hände. »Du Arme, mußt mich noch wegen des Hausschlüssels hinunterbringen!« Er stellte sich vor, wie sie zusammen die Treppe hinunterstiegen. Es war wie ein Geschenk. »Ach nein«, sagte sie, »ich gebe dir einfach einen Hausschlüssel mit. Ich habe zwei. Und ich muß noch das Kind besorgen!« »Dann gehe ich jetzt. Aber ich weiß nicht, ob du mich nicht auslachst, wenn ich so einfach von dir fortgehe. Ich bin dumm, daß ich jetzt fortgehe!« »Mach mich nicht böse, Rolf! Du mußt jetzt gehen!« Er senkte traurig den Kopf. »Sage mir«, fing er noch einmal an, »wird es im Leben dazu kommen, daß du mir ganz gehörst? Und wenn es einmal nur für kurze Zeit ist, denn du weißt ja: ich bin arm. Aber für einige Wochen oder Tage, oder für eine einzige Nacht. Sag mir die Wahrheit! Wird es im Leben einmal dazu kommen?« Er suchte ängstlich in ihrem Gesicht nach einer Wirkung seiner Worte. Dorette lächelte. Sie sah von unten zu ihm auf und lächelte. Dann umfaßte sie ihn und küßte ihn auf den Mund. »Ich weiß es nicht, Rolf. Wenn du artig bist! Wenn du sehr artig bist! Komm, ich bringe dich noch bis an die Treppe.« Als er draußen stand, drückte er die Fäuste gegen die Augen. Das war das Wiedersehen gewesen, das große ersehnte Wiedersehen! Aber er wußte nicht, ob er glücklich war oder weinen sollte. 5 Um acht Uhr früh stand Abercrons Brauner mit der Blesse im Sattelhof des Tattersalls. Der Reitknecht grinste. Das Pferd wäre leicht zu reiten, nur eben gerade von Damen nicht, die überhaupt nichts könnten. »Frau Blankenhorn hat den Braunen doch tadellos geritten?« »Ja, Frau Blankenhorn hat ihn tadellos geritten. Aber Herr Abercron reitet lieber mit der andern Dame. Es soll eine Gräfin sein, aber ich glaube es nicht.« Arme Dorette! dachte Steegen. Ein Rappe wurde gerade aus dem Stall geführt. »Was ist das für ein Pferd?« fragte er den Bereiter. Das Tier war seit gestern in Pension, es gehörte einem Rechtsanwalt van Holten. Van Holten? dachte Steegen nach. Wo hatte er den Namen gehört? Irgend jemand hatte gestern zu ihm von dem Rechtsanwalt van Holten gesprochen. Auf einmal fiel es ihm ein: In dem anonymen Brief aus Swantemühl war von diesem Holten die Rede gewesen. Holten war der Berliner Rechtsanwalt, der nach Swantemühl gekommen war »und die Spuren entdeckt« hatte. Ein nicht zu großer und etwas beleibter freundlicher Herr mit dunkler Hornbrille stand im Reitanzug da und unterhielt sich mit dem Bereiter des Verkaufsstalls. Das mußte Holten sein! Steegen stieg schnell auf und ritt davon. Der Braune klebte fast gar nicht am Stall. Ein wenig Schenkeldruck genügte, ihn vorwärts zu bringen. Wenn alle Pferde so leicht zu kriegen wären! dachte Steegen. Hinter sich sah er mit halbem Auge den Rechtsanwalt aufsitzen. In der Hardenbergstraße mußte er warten, um eine Elektrische vorüberzulassen. Dabei holte der Rappe ihn ein. Sie standen dicht nebeneinander und warteten, setzten sich gleichzeitig in Bewegung und gingen nebeneinander her, bis der Braune mit seinem längeren Schritt Terrain gewann. Jenseits der Straße brachte Steegen sein Pferd in Trab. Der Rechtsanwalt konnte das Gefühl bekommen, daß er vor ihm ausriß. Aber Steegen wollte fort. Er ritt den Braunen auf blanker Kandare, ließ ihn im Sprunggarten Kreise und Achten gehen, ehe er ihn über die Hürde zwang. Holten war nach rechts abgeritten. Bleiben wir im Sprunggarten! Aber es zog ihn wie durch eine magische Fernwirkung in den Tiergarten hinein. Ihm war, als müßte er den Feind ins Auge fassen. Vielleicht holte Holten Polizisten herbei, um ihn zu verhaften. In einer phantastischen Vorstellung sah er den Tiergarten ringsum besetzt. Das machte die Nacht, in der er kaum geschlafen hatte. Die Bilder waren durcheinander gewogt. Das Bankett bei Abercron mit den seltsamen Gestalten, die einem Roman entsprungen schienen. Ob »Blümchen« die Gräfin war, mit der Abercron lieber ausritt als mit Dorette? Die Bar, der merkwürdige Professor Stüwe, Dorettes Zimmer, ihre Gespräche, die neue Gefahr, die sich von Swantemühl heranschlich. Und Dorette selbst! Immer wieder Dorette! Um eine Wegbiegung verschwand Herr Schwarzer auf einem Fuchs von schnittigem Huntertyp. Er erkannte Dorettes Tischherrn wieder, obwohl er kaum mehr als den Rücken sah. Bei der Amazone traf er auf Holten. Der Rechtsanwalt beachtete ihn nicht, sondern war völlig damit beschäftigt, dem Rappen die Vorderhand zu lösen. Steegen ritt weiter. Das nächste Mal traf er ihn am Wasserturm. Der Rappe war pitschnaß. Dieser Holten ging mächtig ins Zeug. Er verwandte keinen Blick auf den Stallmeister, und doch wurde Steegen die Vorstellung nicht los, daß er ihn langsam umkreiste und zu seiner Zeit stellen würde. Er ritt zum Stall zurück. »Na?« fragte Abercrons Reitknecht. »Ausgezeichnet!« antwortete der Stallmeister, »ich habe nichts von Kleben bemerkt.« Der Mann nickte. In diesem Augenblick ritt der Rechtsanwalt ein und gab sein Pferd ab. Es war neun Uhr. Steegen hatte einem Privatgelehrten Stunde zu geben. Auf einmal sah er Dr. Alstrich mit dem Rechtsanwalt beisammenstehen. Sein Schüler winkte ihm, er mußte herantreten, wurde vorgestellt. »Wie gefällt Ihnen mein Rappe?« fragte van Holten. Steegen wußte, daß er jetzt gestellt war. Dieser Holten würde nun nicht mehr von seinen Fersen weichen. »Kommen Sie, Steegen. Wir wollen noch einen Mokka trinken!« forderte Alstrich ihn auf. Sie gingen zu dritt in das Restaurant. »Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich von Zeit zu Zeit etwas beraten würden. Der Rappe setzt mir noch nicht genug unter«, fing der Rechtsanwalt an. »Hinten geht es schon«, sagte Steegen, »aber vorne kommt er noch nicht heraus.« Sie saßen an dem kleinen Tisch zu dreien. Es war nichts Besonderes an dieser Situation. Es kam oft vor, daß fremde Herren Steegens Rat in ihren Pferdeangelegenheiten suchten. Vielleicht wollte Dr. Alstrich ihm nur einen neuen Kunden zuführen, der sich durch den Stallmeister von Zeit zu Zeit sein Pferd zurechtreiten ließ. Nichts in Holtens Mienen verriet, daß er an Steegen ein persönliches Interesse nahm. Aber Steegen fühlte, daß der plötzliche Überfall unmittelbar bevorstand. Bis dahin galt es, gleichgültig zu tun. Er sprach von der Hüfte, die bei dem Rechtsanwalt noch mehr herausmüßte, von dem vorderen Aufrichten des Pferdes mit der Trense und dem Vorwärtsdrücken mit dem Schenkel. Redensarten, die die Herren hören wollten. »Ja«, sagte Holten, »Sie haben vollkommen recht. Wissen Sie übrigens, daß ich Ihren Namen neulich in einem interessierten Zusammenhang hörte?« Da war es! Auf diesen Augenblick hatte Steegen gewartet. Sollte er überrascht tun? Er hielt es für besser, seine Kenntnis zuzugeben. »Sie führen einen Prozeß für die Familie Blankenhorn, nicht wahr? Ich hörte davon.« »Ich war vor einiger Zeit sogar in Swantemühl.« Das war mehr zu Dr. Alstrich gesagt. »Sicher haben Sie von jenem bisher unaufgeklärten Mord an dem Schloßbesitzer und Majoratsherrn Blankenhorn auf Swantemühl gehört. Besinnen Sie sich darauf? Es ging durch alle Zeitungen. Dieser Herr Blankenhorn wurde eines Abends erschossen in seinem Arbeitszimmer aufgefunden. Er saß in einem Sessel und las ein Buch. Die Fenster waren geschlossen, die Läden heruntergelassen. Der Schuß mußte aus nächster Nähe abgefeuert sein, also aus dem Zimmer selbst. Die Mordwaffe, ein Jagdgewehr, das für gewöhnlich in dem Waffenschrank des Arbeitszimmers zu stehen pflegte, lag mitten im Zimmer am Boden. Irgendwelche Fingerabdrücke waren nicht festzustellen. Von den Bewohnern war nachweislich niemand in dem Zimmer gewesen. – Ich glaube, auch Sie, Herr Steegen, wurden eingehend nach Ihrem Aufenthalt in der fraglichen Viertelstunde vernommen, nicht wahr?« »Sehr eingehend!« antwortete Steegen. »Ich lag in meinem Zimmer auf dem Bett und döste, als der Schuß mich weckte. Dann sprang ich auf und rannte nach dem Schloß, kam aber durch die verschlossene Tür nicht hinein. Die Damen schrien aus ihren Zimmern. Es war sehr aufregend.« »Ja, Ihr Alibi konnten Sie ja durchaus einwandfrei beweisen. Das konnten, wie gesagt, alle Personen, die zu dem Haushalt gehörten. Es war einfach ein Rätsel, wie der Mord zustande gekommen war. Stellen Sie sich vor«, das war wiederum zu Dr. Alstrich gesagt, »daß der Schuß aus dem Zimmer selbst abgefeuert sein mußte, daß es aber völlig unmöglich war, daß sich jemand außer dem Ermordeten in diesem Zimmer befunden hatte. Die Haustür war verschlossen, die Fensterläden von innen verriegelt. Das ganze Schloß wurde unmittelbar nach der Tat eingehend durchsucht. Der Polizeihund, der eine knappe halbe Stunde nach der Tat eintraf, nahm keine Spur auf.« »Konnte der Majoratsherr sich nicht selbst erschossen haben?« »Auch diese Hypothese wurde sofort aufgestellt, aber sie hielt nicht stand. Auch wenn man schon annehmen will, daß Herr Blankenhorn mit Schikanen arbeitete, schloß sich die Annahme eines Selbstmordes durch den Tatbestand aus. Er war zwar aus einer ganz geringen Entfernung erschossen worden, die aber doch hinwiederum nicht so gering war, daß die Annahme eines Selbstmordes in Betracht kommen konnte. Der Mörder mußte in einer Ecke des ziemlich großen Zimmers gestanden haben. Wenn er aber dort gestanden hatte, war es unmöglich, daß er entwischte. Er hätte auf dem Korridor von den Töchtern gesehen werden müssen, die auf den Schuß und den Todesschrei des Ermordeten sofort aufs Treppenhaus eilten und es beleuchteten. Zum Fenster konnte der mysteriöse Täter hinwiederum auch nicht hinausgesprungen sein, weil die Fensterläden ja, wie gesagt, von innen geschlossen waren. – Diesen Tatbefund fand ich also vor, als ich mit einem Berliner Kriminalisten nach Swantemühl kam, um den Fall nochmals nachzuprüfen. Was glauben Sie, Herr Steegen: Habe ich etwas herausbekommen?« Das kleine Restaurant war ziemlich dunkel. In der Bahn hinter den Scheiben ritt Herr Steensbeck seinen Rappen, daß der Sand gegen das Fenster spritzte. Von draußen drangen die Rufe des Stallburschen herein. Der Rechtsanwalt sah Rolf Steegen voller Spannung an. »Ich bin neugierig!« sagte der. »Nun und?« unterstrich Dr. Alstrich die Spannung. »Ja, wir haben etwas herausbekommen«, fuhr van Holten mit ruhiger Stimme fort. »Können Sie sich denken, Herr Steegen, wie die Sache zusammenhing?« »Haben Sie den Täter?« fragte Steegen. »Den Täter haben wir noch nicht, aber ich glaube, daß wir ihn bald haben werden. Jedenfalls haben wir wichtige Spuren entdeckt. Im Prinzip dürfte das Rätsel gelöst sein.« Steegen wußte nicht, ob er rot wurde. Merkwürdigerweise brauchte er sich nicht einmal besonders zusammenzunehmen, um ruhig zu bleiben. In diesem Augenblick war ihm, als ob das Rätsel von Swantemühl ihn nicht mehr sonderlich anging. Dieser Rechtsanwalt würde den Täter herausbekommen! Nun gut! »Berühre ich schmerzliche Saiten in Ihnen, Steegen?« fragte van Holten. »Die Sache liegt lange zurück«, antwortete Steegen. »Ich habe mit den Menschen von damals kaum noch Fühlung.« »Interessiert es Sie nicht, auf welche Weise der Mord zustande gekommen ist?« »Natürlich interessiert es mich, aber fast nicht mehr als bei jeder andern rätselhaften Mordgeschichte. Die Umstände waren sehr merkwürdig.« »Man wird Sie vielleicht auch noch einmal vernehmen müssen, Herr Steegen!« »Dann werde ich noch einmal meine Aussage wiederholen, Herr Rechtsanwalt.« Auch das kam wundervoll ruhig heraus. Oder war diese Ruhe unnatürlich? Mußte sie ihn belasten? Vielleicht wäre es natürlicher gewesen, wenn er erregt gefragt hätte. »Sie sind sehr blaß, Herr Steegen«, stellte van Holten mit unveränderter Stimme fest. »Die Sache regt Sie natürlich doch noch auf. Aber ich muß jetzt gehen. Auf Wiedersehen! Und Sie geben mir von Zeit zu Zeit Ratschläge.« »Sie sind wirklich blaß geworden«, sagte Dr. Alstrich, als sie allein saßen. »Es war geradezu auffallend. Holten und ich warfen uns einen Blick zu. Sie wissen es vielleicht gar nicht.« »Ich habe heute nacht wenig geschlafen«, lachte Steegen. »Um vier Uhr nach Hause gekommen, um sechs aufgestanden. Viel Alkohol dazwischen. Kennen Sie das: Sekt mit hellem Bier? Schmeckt ausgezeichnet.« »Hören Sie«, sagte Dr. Alstrich ernst, »es gibt da eine Fassung dieser Swantemühler Geschichte, daß Sie mit der Schloßfrau ein wenig liiert waren und große Ritte mit ihr machten. Stimmt das?« Was war das? Sollte dieser Herr ihn im Auftrag des Rechtsanwalts aushorchen? Würde er dieser Tage verhaftet werden? Registrierte man schon seine Äußerungen und sein Erbleichen? Auf einmal spürte er, daß er kämpfen mußte. Etwas Unbestimmtes kam aus der Vergangenheit angekrochen. Eine Bedrohung, eine Gefahr. Seit er Karla getroffen hatte, war sie näher gekommen. Mit jedem Augenblick des gestrigen Abends war sie näher gekommen. Er trug Dorettes Hausschlüssel in der Tasche. Wenn dieser van Holten das gewußt hätte! Gesetzt, man verhaftete ihn und fand Dorettes Hausschlüssel bei ihm! Er merkte, daß er Angst hatte. Manchmal kam jetzt diese Angst über ihn. Sie ging in großen Wellenzügen über ihn hin. »Große Ritte«, hörte er sich mit ruhiger Stimme antworten, »das stimmt. Aber sonst? Du mein lieber Gott, haben Sie Frau Blankenhorn einmal gesehen? Was ist denn an dieser Frau? Ich verstand Blankenhorn nicht, daß er sie geheiratet hatte. Man pustet sie auf der bloßen Hand hinweg.« Er suchte nach gehässigen Bemerkungen über Dorette. Alle die kleinen Dinge, nach denen seine Sehnsucht schrie, konnten ins Gegenteil verkehrt und verunglimpft werden. Ihre großen Augen, die kleine aufgewippte Nase, der knabenhafte Körper. Er sah alles zum Greifen deutlich vor sich, sog den leisen Geruch ihres Leibes ein, hielt die kleinen Mädchenfüße in seiner Hand, wie er sie hundertmal gehalten hatte, wenn er ihr in den Sattel half. Das alles nahm er im einzelnen vor und gab ihm hämische Bezeichnungen. Weshalb sollte er nicht den gewöhnlichen Stallmeister spielen, der eine Frau, wie Leute dieses Schlages, gewissermaßen nach ihrem Schlachtgewicht beurteilt? »Frau Blankenhorn? Nein! Sie befahl mich zum Reiten, und ich ritt mit ihr. Da waren die beiden Töchter ganz andre Erscheinungen. Karla und Sabine! Forsche Mädels! Natürlich und mit Farben im Gesicht. Überhaupt Sabine!« Es war ihm unerfindlich, weshalb er in diesem Zusammenhang in ein Loblied Sabines ausbrach. Vielleicht bewirkte es die kleine Bronze, die sie von ihm gemacht hatte. Aus einer unbestimmten Dämmerung schien ihr Gesicht mit den klugen grauen Augen hervorzutreten. Weshalb hatte sie ihn dargestellt, wie er am Abend neben seinem Pferd zu stehen pflegte? Er hatte nicht einmal gewußt, daß er in dieser Haltung auf dem Hügel hinter der großen Scheune stand. Erst das kleine Bild hob es ihm ins Bewußtsein. »Wenn mich schon eine von den Damen interessiert hätte, dann wäre es Sabine gewesen!« hörte er sich sagen. Natürlich war es eine Dummheit, daß er so daherredete. Aber es konnte nichts schaden, wenn man gewissermaßen Spuren hinter sich verwischte. Vielleicht warf es künstlich aufgebaute Hypothesen dieses Rechtsanwalts um. »Ich habe nicht den Vorzug, die beiden jungen Damen zu kennen«, sagte Dr. Alstrich, »aber Frau Blankenhorn kenne ich und muß Ihnen widersprechen. Diese Frau hat etwas Faszinierendes. Ich habe sie auf Gesellschaften gesehen. Sie ist ein elfisches Wesen von einer zauberhaften Zerbrechlichkeit. Das Leben hat ihr übel mitgespielt. Aber vielleicht wird noch wieder alles gut mit ihr. – Kommen Sie! Wir wollen jetzt reiten. Es ist schon spät.« Als sie am Rosengarten entlang galoppierten, fing Dr. Alstrich noch einmal von Dorette an: »Hat diese Frau an der Seite Blankenhorns nicht ein Martyrium erlebt?« »Blankenhorn war nicht so schlecht, wie alle dachten«, antwortete Steegen. »Er hatte seine guten Seiten, zum Beispiel hat er viel für die Warmblutzucht getan.« Weshalb sagte er das alles? Er trieb Verrat. Dorette saß in ihren ärmlichen Zimmern, und er verriet sie. Dorette kämpfte um ein neues Leben, und er redete schlecht über sie. Es war eine seltsame Wollust, in ihrem Leben und Wesen herumzuwühlen. Und die Angst stand dahinter. Holten hatte Spuren entdeckt. Wenn er nur wüßte, was das für Spuren waren! 6 Dorettes Hausschlüssel, den er immer bei sich trug, hätte ihn an die drohende Situation erinnert, auch wenn von nun an nicht jeden Tag der Rechtsanwalt aufgetaucht wäre, um ihn durch seine bloße Erscheinung an das Vergangene zu mahnen. Sonst hätte Steegen wohl wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt, um zu vergessen. Man konnte kaum etwas anderes tun, oder allenfalls Sabine aufsuchen. Er dachte an Sabine. Weshalb hatte sie die kleine Plastik von ihm verfertigt? Er argwöhnte eine bösartige Absicht dahinter. Oder war es nur der Tribut der Erinnerung an ein verlorenes Jugendparadies? Sabine mußte ganz in der Nähe sein. Sie hatte ein Atelier in der Akademie. Er fragte eine Reitschülerin danach. Die Meisterschülerateliers in der Akademie sollten sich irgendwo bei der Hochschule in der Hardenbergstraße befinden. Merkwürdig, daß er Sabine noch nie getroffen hatte. Vielleicht gingen sie am Tag dreimal dicht aneinander vorüber. Jeden Morgen wurde der Rappe des Rechtsanwalts herausgeführt. Leider wechselte van Holten die Stunde. Immer stand er auf einmal unvermutet irgendwo da, rauchte eine Zigarette und sah prüfend die Pferde an. Dann beschäftigte Steegen sich an einer entfernten Stelle des Hofes, ging in den Stall und gab Anordnungen oder stieg in Eile auf und ritt fort. Manchmal grüßten sie sich von weitem. Einige Male brachte der Reitknecht Abercrons großen Schimmel mit. Dann dauerte es nicht lange, und der Industrielle selbst kam in seinem Kabriolett angefahren, um mitzureiten. Der dicke Mann ließ sich in die Höhe werfen und fiel bei jedem Schritt schwer in den Sattel zurück. Steegen betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Er suchte wiederum nach Ähnlichkeiten mit Herrn Blankenhorn und entdeckte plötzlich, daß Abercron im Grunde ganz anders war: Abercron hatte keineswegs das robuste Zutrauen des Herrn Blankenhorn zu sich selbst. Er ritt, um seine Unsicherheit zu betäuben. Seine vielen Geschäfte schienen nur vorgetäuscht, um sich jeden Augenblick hinter eine Kulisse zurückziehen zu können. Und vielleicht hatte er auch vor Dorette Angst! »Na?« sagte Abercron einmal zu ihm, »sind Sie nicht in Swantemühl Frau Blankenhorns Reitpage gewesen?« Es war das erstemal, daß er von Dorette sprach. Die Worte kamen infolge des unruhigen Trabens schwer und gestöhnt heraus. »Ich bin öfter mit Frau Blankenhorn geritten.« Aber Herr Abercron sagte nichts mehr. In der Entfernung ritt der Rechtsanwalt vorbei und grüßte. Steegen hatte das Gefühl, daß sich Schlingen um seinen Hals legten. Weshalb sagte van Holten nicht, worin die Spuren bestanden, die er entdeckt hatte? Die Nachforschungen mußten auf dem toten Punkt angekommen sein. Oder der Rechtsanwalt wollte ihn zwingen, ihn anzusprechen. Wer wird es länger aushalten? Ich werde dich in die Enge treiben, bis du von selbst zu mir kommst! So konnte van Holten es vorhaben. Aber Steegen würde nicht zu ihm hingehen! An einem Nachmittag benutzte er eine freie Stunde, um Sabines Atelier zu erkunden. Kurz entschlossen trat er durch das Tor in der Hardenbergstraße ein und fragte einen Mann, der Portier oder etwas Ähnliches zu sein schien, nach Fräulein Blankenhorn. Eigentlich war es merkwürdig, daß so dicht bei seinem Tattersall ein x-beliebiger Mann in einem großen Gebäude ihm über Sabine Auskunft geben konnte. Da war eine Welt, in der sie bekannt war, eine unübersichtliche Welt von Ateliers und Klassenräumen, langen Gängen und diskutierenden Menschen. »Fräulein Blankenhorn?« sagte der Mann. »Das ist in den Ateliers der Akademie. Sie gehen bis zu dem nächsten Portal, dann an dem Schinkelmuseum vorüber. Dahinter liegen die Ateliers.« »Ist das Atelier von Herrn Professor Stüwe auch dort?« »Nein, das ist hier im Haus!« »Danke!« Man brauchte noch immer nicht Fräulein Blankenhorn aufzusuchen, oder doch wenigstens nicht sofort. Aber Steegen sah sich das beschriebene Portal mit den Adlerköpfen für alle Fälle an. Das kleine schlichte Haus dahinter, das nach gar nichts aussah, war also das Schinkelmuseum. Neugierig ging er weiter. Hinten lagen merkwürdige Baracken zwischen kleinen Höfen mit kümmerlichen Rasenanlagen. Figuren aus Stein und Gips standen herum. Es gab verschlossene Eingangstüren, jede mit einem Briefkasten und einer Visitenkarte darunter. Er las einige Namen und fand auf der mittleren Tür »Sabine Blankenhorn«. Auf den Briefkasten und auf die Tür war allerhand hingekritzelt. »Komme morgen vormittag. Gruß! Poldi«, fand er und schloß daraus, daß sie am Nachmittag nicht da war. Aber es war ein eigentümliches Gefühl, daß er an die Tür klopfen und sie heraustreten konnte. Hinter dieser Tür hatte er, ohne es zu ahnen, ein merkwürdiges Leben geführt. Sein Abbild war dort geformt worden, von den Lederstiefeln an bis zu den Haaren. Seine Haltung, die Nase, der Mund, alles! In grauer Tonerde hatte er dort gestanden neben Ulfilas, dem Rappen, und über die weiten Felder geblickt. Also mußten auch diese Felder hinter der Tür sein, und Karla und ganz Swantemühl und – Dorette. Alles mit seinen seltsamen und unheimlichen Verflechtungen. Alles in die Hände und die Augen dieser Sabine gegeben! Er klopfte. Wenn sie nicht da war, würde er nie wieder hierherkommen. Er hatte Furcht vor der Begegnung. Während er die Hand sinken ließ, überschlug er, was alles sie von ihm wissen konnte. Es konnte das Entscheidende sein. Vielleicht schonte sie ihn nur, weil auch sie unter diesem Vater gelitten und ihn gehaßt hatte, wie alle. Vielleicht war das überhaupt der Grund, daß er noch frei herumlief und nicht längst in das Untersuchungsgefängnis eingesperrt war. Er wußte ja nicht, was die andern damals ausgesagt hatten. Es konnte eine schweigende Verabredung bestehen, ihn zu schonen, da er sie von diesem Mann befreit hatte. Das brauchte gar nicht bis zur Klarheit einer festen Absicht durchgedrungen zu sein. Ein leichtes Zögern, eine kleine Zurückhaltung in irgendeinem nebensächlichen Punkt konnte genügt haben. Wenn der Untersuchungsrichter zum Beispiel Sabine fragte: »Glauben Sie, daß der Verwalter den Schuß abgefeuert haben könnte?«, dann konnte sie abgewehrt haben: »Herr Steegen? Um Gottes willen! Herr Steegen hing sehr an Vater. Er war in allem seine rechte Hand!« So konnte es gewesen sein bei der alten Frau Blankenhorn, bei Karla, bei Sabine. Aus Gutmütigkeit, hinter der sich ein uneingestandenes Einverständnis verbarg. Aber wenn es so war, dann hatten sich doch alle hinter den Mörder gestellt! Dann hatten sie alle Herrn Blankenhorn umgebracht! Natürlich, so war es gewesen! Sie alle hatten Herrn Blankenhorn umgebracht. Sie alle hatten an dem Gedanken herumgebissen, daß die Lebensversicherung sie aus diesem unerträglich engen Dasein herausreißen würde. Diese Lebensversicherung, die dann schließlich längst für irgendwelche Weibergeschichten verpfändet war! Aber sie hatten alle zusammengestanden, als der Schuß gefallen war. Sie hatten alle auf die Erlösung gewartet. Vielleicht hatte sogar der Untersuchungsrichter das verstanden. Ihm wurde frei ums Herz. Vielleicht war Sabine gar nicht seine Feindin. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Sabine stand in dem weißen Arbeitskittel vor ihm. Sie sah ihn erstaunt an. »Herr Steegen?« Sie schien über sein Kommen sogar ein wenig belustigt. Auf ihrem Gesicht, das er nur ernst und ein wenig verbissen kannte, zuckte es. »Sie haben die Plastik in einer Zeitschrift gefunden, und nun stellen Sie mich zur Rede. Kommen Sie bitte herein!« Was war aus Sabine geworden! Ihr Gesicht hatte das kindlich Unbestimmte überwunden. Die Züge waren wie von einem großen Bildhauer durchmodelliert, weich, aber von einem beseelten Ausdruck. Ihre großen grauen Augen sahen ihn forschend an, als wollte sie ein Stück ihres eignen Lebens überschauen. Trotz des offenen Blicks war dies Gesicht irgendwie undurchdringlich. Das kastanienbraune Haar fiel in einer vollen Welle über die Stirn, als sollte sie ihren strengen Bau verdecken. Bei aller Freundlichkeit der Begrüßung schien dieses Mädchen ihr Wesen zurückzudämmen und nur eine Maske darzubieten. Sie schloß die Tür hinter ihm. Er stand in dem unförmig großen Raum, den selbst die lebensgroßen Figuren in Gips und Ton nicht annähernd ausfüllten. In einer Ecke standen Tisch, Couch und zwei Sessel. Daneben gab es eine Art Anrichte mit Gaskocher und allerhand Geschirr. In dieser Ecke ließen sie sich nieder. Sabine schob ihm eine Schachtel Zigaretten hin. »Sie wundern sich, daß ich Sie mit Ulfilas dargestellt habe?« fing sie an. »Es war eine Erinnerung an Swantemühl. Ich sah Sie, wenn ich gegen Abend durch den Park oder die Felder strich, oft auf dem kleinen Hügel neben der großen Scheune genau so neben dem Rappen stehen. Sie hoben sich wundervoll gegen den Horizont ab. Ich habe es im Gedächtnis behalten. Sie haben mich natürlich nicht bemerkt, wenn ich Sie beobachtete.« Sie sah ihn bei diesen Worten forschend an. »Ich nahm nicht an, daß Sie mich beobachteten.« »Nein, natürlich nahmen Sie es nicht an, und ich richtete es wohl auch ein wenig so ein, daß Sie es nicht bemerkten.« Machte es ihr Spaß, ihn irrezuführen? Vielleicht spürte sie, daß er gekommen war, um zu erkunden, was sie von ihm und Dorette gesehen hatte, und hüllte ihre Worte absichtlich in Dunkel. »Ich war sehr überrascht, als ich die Abbildung sah. Sie haben einen Preis auf Ihre Arbeit bekommen.« »Als die Blätter das Bild brachten, dachte ich, daß Sie sich äußern würden. Ich habe mich vorbereitet, eine alte Schuld abzutragen. Hier, dieser Abguß gehört Ihnen.« Sie reichte ihm die kleine Bronze hinüber, die aus dem Fensterbrett stand. Er sah sie erstaunt an. »Ich habe einmal Ihr Bild aus Ihrem Zimmer gestohlen«, fuhr sie fort. »Sie hatten sich mit Ulfilas typen lassen. Das Bild hing über dem Bett in Ihrem Zimmer. Haben Sie es nicht vermißt?« Er besann sich dunkel darauf. »Ich habe es gestohlen. Ohne dieses Bild hätte ich die Plastik nicht ausführen können. Ich danke Ihnen also nachträglich für Ihre unfreiwillige Hilfe und bemühe mich, das Verbrechen wieder gutzumachen.« »Dieser Abguß soll mir gehören?« fragte er zweifelnd. Er wog das Stück in der Hand. Es entzückte ihn, war ein Unterpfand des Friedens zwischen ihnen. Oder, fiel ihm drohend ein, sie wollte ihm in keiner Weise verpflichtet sein. Aber es war noch etwas anderes dabei. Ein Stück von seinem Leben hatte sich losgelöst, war zu etwas Unangreifbarem, ewig Fortbestehendem geworden, und er hielt es hier in der Hand. Zugleich spürte er diese klaren grauen Augen auf sich ruhen. »Das soll mir gehören?« fragte er noch einmal. »Es steht seit zwei Monaten für Sie bereit.« Er beugte sich über ihre Hand und küßte sie. »Sie wissen ja nichts von mir!« brach es unvermutet aus ihm heraus. Es war wie ein Eingeständnis, und als ob er sich ihrer Gnade empfahl. »Vielleicht weiß ich mehr von Ihnen, als Sie denken!« sagte sie ernst. Da war es wieder! Sie hatte ihn doch belauscht! Sie hielt ihn für den Mörder, und es war undurchschaubar, ob sie ihm helfen oder ihm die Schlinge um den Hals legen würde. Er wollte sie fragen, ob sie wirklich alles von ihm wisse. Aber was war dies »Alles«? Vielleicht hatte sie sich eine romantische Geschichte zusammenkombiniert, oder sie würde diesem Rechtsanwalt van Holten jedes seiner Worte hinterbringen. Er wollte Klarheit! Welche Spuren hatte Holten entdeckt? War er durch Holtens Entdeckung belastet? Sabine mußte es wissen! »Ich weiß nicht, was Sie von mir wissen können, gnädiges Fräulein!« hörte er sich sagen, wobei es ihm einfiel, daß diese Fassung wieder ungeschickt und belastend sein konnte. »Jedenfalls danke ich Ihnen herzlich. Die Swantemühler Zeit war schwer für uns alle. In Ihrer Arbeit aber haben Sie alle die angenehmen und unvergeßlichen Eindrücke zusammengefaßt, die ich dort genossen habe.« »Das ist wie eine Geburtstagsrede!« unterbrach sie ihn. »Meine kleine Arbeit hat natürlich nichts mit den Swantemühler Vorgängen zu tun. Das ist ein optischer Eindruck, den ich gehabt und wiedergegeben habe. Ich habe bei der Arbeit an dieses Ereignis überhaupt nicht gedacht. Das ist eine Sache für sich. Sie wissen, daß da ein Prozeß läuft. Unser Rechtsanwalt sagte mir, daß er mit Ihnen darüber schon gesprochen hat.« »Ja, er ist dort gewesen und hat Spuren entdeckt.« »Hat er Ihnen auch das gesagt? Nun gut! Sie werden auch noch einmal vernommen werden. Aber das ist ganz etwas anderes. Wir möchten nur nicht, daß Swantemühl an – meine Stiefmutter fällt, verstehen Sie. Und wenn diese Frau den Kampf darum haben will, dann werden wir um Swantemühl kämpfen, und es wird für einige Menschen schlimme Konsequenzen haben, die wir eigentlich vermeiden wollten. Sie sind doch wieder mit ihr zusammen, nicht wahr? Sie reiten die Pferde ihres jetzigen Beschützers ein, wie uns erzählt wurde?« »Das stimmt nicht, gnädiges Fräulein! Nein, verzeihen Sie, ich habe Ihre – Frau Stiefmutter gerade einmal flüchtig gesprochen. Wirklich!« Ihm fiel im Augenblick nichts anderes ein als die albernen Ausreden. Vielleicht sollte er Sabine alles erzählen. Aber da war etwas sachlich Unerbittliches in ihrem Gesicht. Sie hätte verstanden, aber mit ihrer kühlen Überlegenheit die Situation ausgenutzt. Nicht gegen ihn, aber gegen die andre: gegen Dorette. Zum erstenmal hielt er die beiden Frauen gegeneinander. Da war Sabine, und dort war Dorette. Du mußt dich entscheiden! schien ihm jemand zuzurufen. Aber er hatte nicht mehr zu entscheiden! Er war mit jener andern Frau verflochten. Nicht nur, weil er sie geküßt hatte, sondern weil es da diese schuldhafte Verstrickung gab. Dorette hatte Blankenhorn gehaßt, und er hatte diesem Haß nachgegeben! »Männer sind komisch!« fuhr Sabine fort. »Ich verstehe nicht, was sie an dieser Frau haben können. Es muß eine eigne Lust sein, aus dem Chaos, dem Ungeformten zu schöpfen. Oder so etwas wie die primitive Freude an Rätseln und Vexierbildern. Können Sie es mir vielleicht erklären?« Sie sah ihn ernst an. »Wirklich, es würde mich interessieren!« Er dachte daran, wie er zu Dr. Alstrich über Dorette gesprochen hatte. War in seinen Worten nicht eine Art von Befreiung gewesen? Vielleicht unterlag man bei Dorette wirklich der Phantomwirkung einer zauberischen Fata Morgana. Aber sie war da, sie ging ins Blut. »Ich kann Ihnen da am allerwenigsten etwas erklären«, sagte er. Auch das war schon wieder ein Verrat an Dorette. »Es kann sein«, sagte sie. »Vielleicht wäre mein Schwager Stüwe die richtige Instanz dafür.« Sie wußte also, daß etwas zwischen dem Bildhauer und Dorette spielte? »Ich hörte davon, daß Herr Professor Stüwe Ihr Schwager geworden ist. Stüwes wohnen in der Fasanenstraße, nicht wahr?« Sabine sah ihn überrascht an. »Woher wissen Sie das? Sind Sie bei – Frau Blankenhorn mit Stüwe zusammengetroffen?« »Nein, Frau Karla selbst hat es mir gesagt.« »Wieso?« fragte sie erstaunt. »Ach so, ja«, fuhr sie fort. »Wir sehen uns nämlich nicht viel, müssen Sie wissen. Kurzum, wir sind auseinander. Ich erkenne natürlich an, daß Karla so handeln muß, wie sie handelt. Aber Großmutter und ich müssen anders handeln.« »Ich verstehe nicht.« Sie dachte einen Augenblick nach. »Nein, Sie können es nicht wissen. Sie kennen auch Stüwe nicht genügend dazu. Vielleicht hat Karla schuld. Sie hätte Stüwe nicht heiraten sollen.« »War Herr Professor Stüwe nicht Ihr Lehrer?« »Ja, er ist ein hervorragender Künstler und ein großartiger Lehrer; aber mit solchen Eigenschaften ist man nicht immer für eine Ehe geeignet.« »Ich weiß über diese Zusammenhänge nichts.« »Vielleicht müßte ich Ihnen jetzt etwas sagen.« Sabine sah angestrengt vor sich hin. Der große ausdrucksvolle Mund öffnete sich leicht dabei. Es gefiel ihm, daß sie nicht die Stirn zusammenrunzelte und sich verkrampfte, sondern die Gedanken gewissermaßen durch sich hindurchgehen ließ. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein«, sagte sie, »ich traue Ihnen nicht. Sie lieben diese Frau. Ich mag nichts damit zu tun haben.« Sie sah ihn an, als erwartete sie eine Antwort von ihm. Ihr großer offener Blick verwirrte ihn. Ob sie ihn doch früher einmal geliebt hatte, damals als sie noch ein unfertiges junges Ding war? Dorette hatte es gesagt. Es bot einen ganz eigenen Reiz, sich das vorzustellen. Die komplizierte Sabine – ihn, der nun ein einfacher Landwirt und im Augenblick noch weniger war. »Sie sind mit Karla zusammengewesen?« rief Sabine erfreut aus. »Mit meiner Schwester Karla! Wie geht es ihr? Wie sah sie aus? Was sagte sie?« »Sie brauchen mir diese Frage natürlich nicht zu beantworten«, fing sie noch einmal an, »aber: lieben Sie – Dorette?« Er blickte zu Boden. Weshalb fragte sie ihn danach? Sollte er eingefangen werden? Sie stand mit van Holten im Bunde. Man wollte ihn überführen. Man hatte in Swantemühl Spuren gefunden, die auf ihn hinwiesen. Aber es fehlte noch das Motiv. Wenn man herausbekam, daß er Dorette liebte! Wollte man den Ring der Beweise mit dieser Frage schließen? Wenn er nun sagte: »Ja, ich liebe Dorette!« Dann wurde er vielleicht in zwei Stunden verhaftet. »Ich bin nie auf einen solchen Gedanken gekommen!« antwortete er kühl. Sie sah ihn an, ein wenig verächtlich, schien ihm. Sie glaubte ihm nicht. Auch das Gericht würde ihm nicht glauben. »Wenn Sie Karla sehen, so grüßen Sie sie von mir. Oder nein, direkt grüßen, das geht nicht. Aber sagen Sie ihr, daß Sie hier gewesen sind. Ich mag Karla sehr gern.« Steegen erhob sich. Er verstand, daß er gehen sollte. »Und vergessen Sie Ihre Bronze nicht. Warten Sie, ich schlage sie Ihnen in Papier.« »Hatten Sie sie wirklich für mich bestimmt?« fragte er noch einmal. Aber mehr, um sie überhaupt etwas zu fragen. »Natürlich, seit zwei Monaten hebe ich den Abguß für Sie auf. Sie können sogar ein wenig stolz darauf sein. Auf Wiedersehen!« Er küßte ihr die Hand. Die Tür mit dem Briefkasten schloß sich hinter ihm. Hinter dieser merkwürdigen Tür war er nun wirklich gewesen. In Gedanken ging er langsam weiter. Der Besuch hatte ihm keine Klarheit gebracht. Vielleicht war Sabine sein gefährlichster Feind. Er fühlte die Umrisse dieser Bronze in seiner Hand. 7 Als er den Hof des Tattersalls betrat, rief ihm ein Stalljunge entgegen, daß er ans Telefon gewünscht würde. Er eilte in das Büro. Dorette hatte ihn angerufen. Sie fragte ihn, ob er ihr Trauzeuge sein wolle. Morgen ließe sie sich mit Abercron trauen. Ganz einfach im Straßenkostüm. Auch in die Kirche führe man nachher, so wie man wäre. Eine kleine Feier sollte bereits heute bei Horcher stattfinden. Nur sie, Abercron und die Trauzeugen. Der andre Zeuge wäre ein Herr Schwarzer. Smoking bitte! Also dann heute abend um zweiundzwanzig Uhr bei Horcher! Die Wiederkehr der Situation ließ ihn erschauern. Würde es jetzt nicht kommen, wie es schon einmal mit ihm und ihr gewesen war? Nur in das Chaos der Weltstadt diesmal hineingetrieben, in das Gewimmel der aufgeregten Atome! Dieses lärmende Durcheinander konnte sie verbergen, wie in Swantemühl die Wälder und der ferne Horizont sie verborgen hatten. Würde er wieder mit ihr reiten und sie küssen dürfen? Und noch mehr vielleicht diesmal? »Wenn du artig bist! Wenn du sehr artig bist!« hörte er sie sagen und erschrak nachträglich über den brüchigen Ton ihrer Stimme. War hier ein Köder ausgelegt wie damals? Wenn Abercron kurz nach der Hochzeit verunglückte, dann würde sie Geld besitzen, viel Geld! Er suchte diesen Gedanken fortzuweisen. Hatte Dorette denn irgend etwas mit dem Schuß auf Blankenhorn zu tun gehabt? Hatte sie? Seit Jahren suchte er die Antwort auf diese Frage. Vielleicht wußte der Rechtsanwalt etwas darüber. Zum erstenmal spürte er die Versuchung, van Holten anzusprechen und geradezu nach den »entdeckten Spuren« zu fragen. Das konnte ganz beiläufig geschehen. Man deckte damit noch lange nicht seine Karten auf. Oder wartete der Rechtsanwalt nur darauf? Würde er triumphieren? Gerade heute hatte er bis neunzehn Uhr drei Pferde zu reiten und bis zwanzig Uhr einer Studentengruppe in der großen Bahn Stunde zu geben. Ein Gaul vor ihm schlug aus, hart an seiner Kniescheibe vorüber. Beim Springen stürzte sein Vordermann und wurde hinausgetragen. Zum erstenmal spürte er etwas wie Aufregung, als er selbst über die Stange setzte. Das kann gut werden! dachte er und riß beim Landen dem Tier mit der Kandare ins Maul. »Nanu, Herr Steegen?« rief Rechtsanwalt van Holten und galoppierte an ihm vorüber. Seit wann ritt Holten abends? Ob man ihn nachher ansprach? Aber Holten war verschwunden. Sein Rappe wurde von dem Stalljungen fortgeführt. Während der Reitstunde sah er sich in einer seltsam träumerischen Anwandlung in Sabines Atelier sitzen. Merkwürdigerweise stand eine brennende Petroleumlampe zwischen ihnen auf dem Tisch. Das tauchte aus Kindervorstellungen auf, lockte mit einem verführerischen Frieden. Sabine war gar nicht Sabine, es war seine Mutter. »Der Herr auf Ajax!« hatte er Veranlassung zu rufen, »nehmen Sie die Schenkel zurück und die Hacken herunter!« Sabine war verschwunden. Er war todmüde, als er die drei Treppen zu seinem Zimmer in einem Gartenhaus der Kantstraße hochstieg. Jedesmal an der gleichen Stelle überfiel ihn die Unwürdigkeit seines jetzigen Lebens. Er hatte noch Zeit, sich in dem kleinen Zimmer umzuziehen und einen Bissen zu sich zu nehmen. In der Speisekammer der Wirtin hielt er sich Butter und Aufschnitt. Eigentlich lebte er wie ein Kuli, aber gerade diese Vorstellung befriedigte ihn auf eine eigentümliche Art. Sein »Warten auf Dorette« drückte sich auf besonders eindringliche Weise in diesem proletarischen Dasein aus. Er überprüfte den Smoking, das weiße Hemd und die Lackstiefel im Schrank. Das war alles noch first class , war von der subalternen Ärmlichkeit noch nicht angefressen. Auf dem Tisch neben Sabines Bronze lag ein Brief, von seinem Freund Engelke natürlich, und enthielt das alte Lied: Engelke wollte nun endlich auf seiner Fünftausend-Morgen-Klitsche das Gestüt errichten und brauchte ihn als Leiter. Steegen kannte das schon. Von Zeit zu Zeit wiederholte Engelke sein Angebot. »Du bist besoffen, alter Kerl!« schrieb er. »Du bist total meschugge. Hier ringe ich mir die Hände wund nach einem Menschen mit Deinen Kenntnissen und Erfahrungen, und Du mußt Dich als besserer Reitknecht ausgerechnet in Berlin herumtreiben. Denkst Du, ich merke nicht, daß Dich irgendein Weibsbild an der Nase herumführt? Laß sie laufen, schmeiß sie raus! Wenn Du kein Geld hast, telegrafiere, aber setze Dich in den nächsten Zug und komm hierher!« Zum erstenmal las Steegen diesen Brief aufmerksam bis zu Ende durch. Der Gutshof von Kallischken stieg vor seinem Blick auf. Die weiten Pregelwiesen lehnten sich in sanftem Abfall gegen die Birkenwälder. Er sah im Geist zweihundert Pferde weiden oder in langen Reihen in den betonierten Ställen stehen. »Das wäre Glück!« sagte er zu sich selber. Man konnte den morgigen Tag noch darangeben, Dorettes Trauzeuge sein, aber dann, übermorgen früh, sollte man sich in den Zug setzen und nach Ostpreußen fahren. Er stellte sich seine Ankunft bei Engelke vor. Er richtete sich in Gedanken auf dem Gut ein. Und auf einmal – das sah er in Form einer fettgedruckten Zeitungsnotiz vor sich! – würde er lesen, daß der Großindustrielle Abercron unter seltsamen Umständen ermordet aufgefunden worden wäre. Ganz genau stellte er sich diese »seltsamen Umstände« vor: Ein Zimmer, in dem zur Zeit der Mordtat niemand außer dem Erschossenen gewesen sein konnte, wie auch ein Entkommen des Täters aus dem Zimmer unmöglich war. So würde es in den Zeitungen stehen. Und über Dorette würde man vielleicht lesen: »Die junge Gattin des Ermordeten, die sich durch ihr pikantes und reizvolles Aussehen und ihren liebenswürdigen Scharm in kurzer Zeit eine bedeutende Position in der Berliner Gesellschaft gemacht hat, weilte zur Zeit der Tat bei Freunden in einem geselligen Kreis. Durch das Telefon herbeigerufen, brach sie an der Leiche ihres Gatten mit einem Nervenschock zusammen.« So pflegten doch diese Berichte zu lauten! Er lachte über die seltsamen Phantasien, die sich ihm aufdrängten. Dann ergriff er eine Postkarte und schrieb: »Vielleicht komme ich wirklich nächstens! Gruß! Dein alter Rolf Steegen.« Aber während er schrieb, wußte er schon, daß er nicht kommen würde. Vielleicht konnte er gar nicht mehr kommen. Oder sollte er die Reise machen, um in Ostpreußen verhaftet zu werden? Plötzlich ging ihm die Verlorenheit seines Daseins auf. Die blinden Möbel starrten ihn höhnisch an. Aus dem Hof kam die Dunkelheit angekrochen. Er steckte die Karte zu sich und ging die halbdunkle Treppe hinunter. Es war eine Viertelstunde über die verabredete Zeit, als er vor dem Restaurant stand. Er hatte sich verspätet, um die andern schon vorzufinden. Eine eigentümliche Spannung bemächtigte sich seiner, als er draußen noch einige Augenblicke wartete. Wie würde Dorette in Abercrons Gegenwart sich verhalten? Ungefähr wie an jenem ersten Gesellschaftsabend in der Hildebrandtschen Privatstraße? Aber doch noch anders! Er wußte genau, wie sie sein würde. Zwei Jahre hindurch hatte er sie bei den Mahlzeiten neben Blankenhorn sitzen sehen. Alle ihre Bewegungen, die Art ihres Sprechens, ihre Kopfhaltung, die leicht geschlossenen Augenlider: das alles kannte er an ihr. Er kannte die Augenblicke des Übergangs, wenn Blankenhorn das Zimmer verließ und ihr Körper anfing lebendig zu werden, etwas Katzenhaftes bekam und ihr Gesicht wie das eines trotzig verschmitzten Knaben wurde. Genau so würde es wieder sein. Dorette mußte den Mann hassen, den sie heiratete. Das war nun einmal nicht anders. Sie mußte ihn hassen, weil sie einen andern liebte! Das war die gesetzmäßige Wiederkehr dieser Todfeindschaft. »Hallo, Herr Steegen!« rief ihn eine Stimme an. »Sie gehen wohl zum Hochzeitsschmaus?« Er drehte sich um und blickte in das rundlich freundliche Gesicht van Holtens. Wie kam der Rechtsanwalt hierher? Aber Steegen wunderte sich im Grunde nicht. Natürlich mußte Holten heute abend zu Horcher kommen, um zu beobachten. Das ließ sich ohne Aufsehen bewerkstelligen. Steegen drehte sich um, ob der Rechtsanwalt allein war. Ein Herr und zwei Damen waren in seiner Gesellschaft. Selbstverständlich! Es wäre aufgefallen, wenn er sich allein in das Lokal gesetzt hätte, in dem Dorette ihre Hochzeit feierte. »Guten Abend, Herr Rechtsanwalt!« grüßte er zurück. Er sah, wie Holten mit den andern durch die Tür eintrat. Holten wollte als letzter hineingehen. Auf einmal fiel es Steegen ein, daß er ihn nach den »entdeckten Spuren« fragen konnte. Es war kein günstiger Moment dafür. Der Rechtsanwalt konnte ihn auf seine Sprechstunde verweisen, und überhaupt war es auffallend und konnte belastend wirken. Das alles machte er sich klar, und dennoch rief er Holten an. »Verzeihung, Herr Doktor, einen Augenblick!« Der drehte sich um und sah ihn belustigt an. Hatte Holten auf diesen Augenblick gewartet? Blitzte es nicht in seinem Auge triumphierend auf? Er rief den andern eine Erklärung zu und wandte sich zu Steegen zurück. »Bitte?« fragte er, aber seinem Gesicht war anzumerken, daß er Steegens Wunsch im voraus erriet. Steegen fühlte sich ertappt. Jetzt mußte der andre ihm anmerken, daß er tagelang an nichts anderes gedacht hatte als an die »entdeckten Spuren«. »Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte van Holten noch einmal. »Ach«, gab Steegen zurück, »es ist vielleicht nicht so wichtig. Aber Sie erzählten neulich, daß Sie in Swantemühl gewesen wären und allerhand Entdeckungen gemacht hätten. Leider wurden wir damals unterbrochen. Natürlich interessiert es mich sehr, davon zu hören.« Holten sagte noch immer nichts, sondern behielt sein fast belustigtes Aussehen bei. Steegen redete weiter: »Ich dachte, daß Sie es mir mit zwei Worten sagen könnten. Aber es hat durchaus Zeit. Ich will Sie nicht aufhalten. Ich selbst muß hineingehen. Eine Gesellschaft wartet auf mich. Herr Abercron und Frau Blankenhorn feiern heute hier ihre Hochzeit. Ich bin Trauzeuge. Sie wissen schon.« Es war merkwürdig, wie van Holtens Schweigen ihn zum Weiterreden zwang. Er fühlte selbst, daß er dem andern in diesem Augenblick unterlegen war. Er war wie ein Bittsteller, der an Entschuldigungen herumwürgt. »Bitte!« sagte der Rechtsanwalt jetzt. »Ich kann Ihnen das wirklich gern mit wenigen Worten erklären, wobei ich voraussetze, daß Sie keinen Gebrauch davon machen. Aber die Sache ist weiter kein Geheimnis, sie spielt bereits eine Rolle in den Schriftsätzen.« Dabei sah er Steegen wieder belustigt an. »Sie sind über die Örtlichkeiten in Swantemühl im Bilde, nicht wahr?« »Genau!« antwortete Steegen. Die nächsten Worte mußten die Entscheidung bringen. Er tauchte seine Hände in die Manteltaschen, weil er bemerkte, daß sie zu zittern anfingen. »Die Situation unmittelbar nach dem Mord ist Ihnen ebenfalls klar: Der Ermordete liegt mit der Schußwunde in der Stirn in seinem Sessel. Nach dem ganzen Befund muß er gesehen haben, wie das Mordgewehr sich auf ihn richtete. Nun ist es nach der Lage ausgeschlossen, daß sich überhaupt jemand außer Herrn Blankenhorn selbst in dem Zimmer befand. Der Mörder muß aber in der Ecke des Zimmers gestanden und die Waffe gegen sein Opfer angeschlagen haben. Jedenfalls weist der Schußkanal und die Beschaffenheit des Einschusses darauf hin. Aus dem Zimmer konnte der Mörder nicht heraus, ohne gesehen zu werden. Man stand also vor einem vollkommenen Rätsel. Sie wissen, daß sich der Verdacht naturgemäß gegen Sie selber richtete. Aber auch Sie konnten unmöglich in dem Zimmer sein.« »Nein, das war ganz ausgeschlossen.« »Es war unmöglich. Die Haustür war von innen verschlossen. Angenommen, daß Sie der Mörder wären, so hätten Sie in Eile das Zimmer verlassen, die Haustür hinter sich zuschließen und in das Inspektorhaus laufen müssen. Aber die Haustür war eben von innen verschlossen, und Sie selbst wurden ja bald nach dem Schuß gesehen, wie Sie, anscheinend vom Inspektorhaus aus, zu dem Schloß liefen, um zu sehen, was passiert wäre.« »Ja, ich hörte den Schuß und stürzte hinaus. Ich hatte sofort das Gefühl, daß Herrn Abercron etwas zugestoßen sein müßte.« »Weshalb sagen Sie: Herrn Abercron? Herr Abercron feiert vergnügt seine Hochzeit, und Sie selbst sind geladen. Sie meinen natürlich: Blankenhorn, daß Herrn Blankenhorn etwas zugestoßen sein müßte!« »Natürlich, Blankenhorn! Ich habe mich versprochen.« »Man soll mit Versprechen vorsichtig sein. Freud macht interessante Ausführungen darüber. Aber Sie haben recht. Der Hofmann sah, wie Sie gegen die Eingangstür des Schlosses stürzten. Das war vielleicht eine Minute nach dem Schuß. Sie konnten als Täter also ebenfalls nicht in Frage kommen.« »Aber die Spuren?« »Die Spuren! Der Kriminalkommissar und ich entdeckten, daß die Mordkommission von falschen Voraussetzungen ausgegangen war. Diese lokalen Polizeiorgane haben leider meistens wenig Erfahrungen in komplizierten Fällen. Man kann nur sagen: Gott sei Dank liefert ihnen die Provinz wenig Material. Aber manchmal macht sich das doch störend bemerkbar. Der mörderische Schuß war also aus dem Zimmer abgegeben worden. Wir bekamen das bald heraus.« »Ich verstehe nicht.« »Weshalb sollten Sie auch verstehen? Aber ich will mich kurz fassen: Sie wissen, daß das Arbeitszimmer Blankenhorns, in dem er ermordet wurde, im Ostflügel des Schlosses liegt. Nun ist da im Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein kleiner vorspringender Flügel angebaut worden, nicht wahr? Dadurch ist ein Winkel entstanden, der mit einigen Tannen und dichtem Gestrüpp ausgefüllt ist. Früher führte aus dem Herrenzimmer eine Tür ins Freie. Diese Tür ist zugemauert worden. Es bestand kein Bedarf mehr für sie, weil eine bequem zu erreichende Eingangstür in dem neuen angebauten Flügel vorhanden war. Durch die Vermauerung der Tür gewann man im Herrenzimmer auch eine Wand. Es ist die Wand, an der der große Bücherschrank steht. Die Außenwand, Sie verstehen, nicht wahr?« »Natürlich! Die Wand, an der der Bücherschrank steht, das ist die Außenwand, in der sich ursprünglich eine Tür ins Freie befand.« »Richtig! Und die Außenseite dieser Wand befindet sich in einem Winkel, in dem es dichtes Haselnußgestrüpp und einige Tannen gibt, die jetzt auch bereits an die sechzig Jahre alt sind. Der Berliner Kriminalist und ich verfielen nun natürlich sofort auf die Idee, uns diese Wand gründlich anzusehen. Und was meinen Sie wohl, was wir fanden?« »Diese Wand? Ich weiß nicht. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, daß es mit dieser Wand etwas Besonderes auf sich haben könnte.« »Nun, der Mörder ist auf diesen Gedanken gekommen. Vielleicht hat er einmal zufällig diesen muffigen Winkel durchstöbert. Dann wird er entdeckt haben, daß an dieser Stelle der Putz abgefallen und die ursprünglich dort in der Wand befindliche Tür noch zu erkennen war. Vielleicht hat er dann ein wenig an den Steinen herumhantiert und gefunden, daß sie sich mit geringer Mühe lockern ließen. Dann wird er wohl mit einem Meißel ein wenig nachgeholfen haben. Die Steine lockerten sich leicht. Man konnte sie herausnehmen. Und wenn man sie herausnahm, dann befand man sich unmittelbar hinter dem Bücherschrank des Herrenzimmers. Dieser Bücherschrank verfügte aber auch schon über ein beträchtliches Alter, und außerdem war es eigentlich nur ein Bücherregal. Man konnte aus der Rückwand leicht ein Stück Brett herausnehmen und wieder so einfügen, daß es von dem Zimmer aus nicht zu merken war. Außerdem standen an der Stelle gerade die Erinnerungen von Varnhagen van Ense. Wahrscheinlich wird in dem Schloß niemand mehr seit vierzig Jahren diese an sich sehr interessanten Bände vorgenommen haben.« »Varnhagen!« erinnerte Steegen sich. »Ja, diese Bücher standen dort!« »Versetzen wir uns also in die Lage eines Menschen, der Herrn Blankenhorn systematisch nach dem Leben trachtet. Dieser Mensch brauchte nur die Stunden abzupassen, in denen sich niemand im Herrenzimmer befand. Eigentlich saß Herr Blankenhorn nur dort, wenn er mit geschäftlichen Schreibereien beschäftigt war. Das war, wie man mir sagte, vormittags von zwölf bis dreizehn, nachmittags von achtzehn bis neunzehn und abends bis etwa zweiundzwanzig Uhr. Punkt zweiundzwanzig pflegte er schlafen zu gehen. Unser Mörder hatte also sowohl am Tag wie vor allem in der Nacht genügend Zeit, sich mit dem Loch in der Wand zu beschäftigen. Man konnte sich in dem verwilderten Winkel außerdem jederzeit ungesehen aufhalten. Ja, man konnte sogar hinein, ohne Spuren zu hinterlassen, was für eine Verfolgung mit dem Polizeihund von Wichtigkeit war. Dieser Winkel war wegen des architektonischen Eindrucks durch eine kleine Mauer, die etwa einen Meter hoch war, abgeschlossen. Man konnte auf dieser Mauer, die keine Spuren aufnahm, einige Schritte entlanggehen, konnte dann einen Zweig fassen und bequem von Zweig zu Zweig bis zu dem Mauervorsprung vordringen, der genügend Halt zum Stehen bot und wiederum keine Spuren annahm. Dort konnte unser Mörder in aller Ruhe die Mauer für seine Zwecke bearbeiten. Das dichte Gestrüpp schützte ihn nach außen hin gegen Sicht. Der Schauplatz war abgelegen genug, daß er ruhig auch einige festere Hammerschläge riskieren konnte. Die Hauptschwierigkeit muß darin bestanden haben, die Hintere Holzwand des Bücherregals durchzubrechen, um bis zu Varnhagens Denkwürdigkeiten zu gelangen. – Doch ich langweile Sie mit dieser genauen Beschreibung, nicht wahr?« »Keineswegs! Das ist mir alles sehr interessant!« »Das ausgebrochene Viereck in dem Bücherregal war lose wieder einzufügen. Ich denke mir, daß der Mörder zur Vorbereitung auf seine Tat die Mauersteine herausnahm. Er brauchte dann später im gegebenen Moment nur noch das Brett fortzunehmen und konnte nun sein Gewehr auf sein Opfer anlegen. Natürlich ging das Herausnehmen des ausgesägten Brettes nicht völlig lautlos vor sich. Herr Blankenhorn wurde auf das Geräusch aufmerksam und hob den Kopf. In diesem Augenblick sah er aus dem Bücherschrank die Mündung eines Gewehres auf sich gerichtet. Können Sie sich ungefähr die Wirkung dieses Eindrucks vorstellen? Herr Blankenhorn soll allerhand auf dem Kerbholz gehabt haben. Man sagt, daß er seine Familie wie seine Leute in einer tyrannischen Weise schikaniert habe. Er soll auch einen wüsten Weiberbetrieb unterhalten und in der unsinnigsten Weise Geld ausgegeben haben, das für seine wirklich notleidende Familie und für den Gutsbetrieb besser angewandt worden wäre. Auch wenn wir das alles zugeben, so wird er jedenfalls in dem Augenblick, da er das Gewehr aus der Wand auf sich gerichtet sah, vieles abgebüßt haben. Glauben Sie nicht auch?« »Das glaube ich.« »Der Mörder muß gute Nerven gehabt haben, daß er in diesem Augenblick so gut zielen konnte. Er traf sein Opfer mitten in die Stirn. Dann warf er das Gewehr in die Stube. Dann mußte er das ausgesägte Brett wieder sorgsam einfügen und sich still verhalten. Vielleicht hat er sogar unmittelbar nach der Tat die Mauersteine wieder eingefügt. Aber das kann er ebensogut einige Stunden später gemacht haben. Er brauchte nicht damit zu rechnen, daß man diese Spuren der Tat in absehbarer Zeit auffinden würde. Selbst ein Polizeihund mußte hier versagen. Und wenn der Täter nun noch Handschuhe angezogen hatte, so daß man auch späterhin keine Fingerabdrücke fand, so konnte er beruhigt das Ergebnis der einsetzenden Verfolgung abwarten. Habe ich recht?« »Das mit der Mauer ist fabelhaft!« brach Steegen aus. »Daß Sie das herausgefunden haben! Niemand von uns allen ist auf die Idee verfallen, dort nachzusehen. Dabei lag es doch nahe. – Aber der Mörder! Haben Sie eine Spur des Mörders gefunden?« Der Rechtsanwalt sah ihn wieder mit seinem belustigten Ausdruck an. »Der Mörder ist nicht weit zu suchen. Ich habe ihn sozusagen, und ich habe ihn auch wiederum nicht. Aber darüber sprechen wir wohl besser ein andermal. Entschuldigen Sie, ich muß jetzt hineingehen, und Sie werden auch schmerzlich erwartet werden.« Sie gaben ihre Garderobe ab und betraten das Lokal. Die Freunde des Rechtsanwalts saßen gleich vorn in einer Fensternische. Abercrons Gesellschaft hatte in einer hinteren Ecke Platz genommen. Über die Anrichte hinweg, die mitten in dem Raum stand, sah Steegen Dorettes Gesicht mit dem Ausdruck tödlichen Schreckens gegen die Tür gerichtet, durch die er mit Holten eintrat. Ihre Gesichtsfarbe war in diesem Augenblick nicht bleich, sondern geradezu von einem fahlen und grünlichen Gelb. Oder hatte er sich getäuscht? Schon schien es ihm, als ob sie nur einen flüchtigen Blick hinübergeworfen hatte und sich nun mit den andern weiter unterhielt. Er verabschiedete sich von Holten und ging auf den Tisch zu. 8 Abercron saß in dem Sessel, der in der Ecke stand. Steegen bemerkte, daß der Großindustrielle schlechter Laune war. Das konnte ihm gelten, weil er sich verspätet hatte, es konnte sich aber auch auf die Hochzeit im ganzen beziehen. Man war nicht sicher, daß er nicht plötzlich aufstand und hinausging. Arme Dorette! dachte Steegen. Ihm fielen ihre Worte ein: »Wenn es in der nächsten Woche nicht zur Heirat kommt, weiß ich nicht, wie es werden soll!« Dorette schien sich nicht sonderlich um die Laune ihres Verlobten zu kümmern. Besondere Festfreude war auch ihr nicht anzumerken. Sie sah eher ein wenig gelangweilt aus, aber das war wohl an diesem Abend die einzig mögliche Haltung für sie. Sie stritt sich mit Herrn Schwarzer über eine Schauspielerin, die gestern bei einer Premiere einen beispiellosen Erfolg gehabt hatte. Die Theater hatten seit acht Tagen zu spielen begonnen. Herr Schwarzer saß schwerknochig und unbeweglich auf dem schmalen Stuhl. Sein breiter brauner Scheitel bewegte sich nicht, während er sprach. Die kräftigen Kiefern mahlten die Worte heraus. Dieser Herr Schwarzer war also Abercrons bester Freund. Steegen fand ihn ungemein scheußlich. Eigentlich hätten sie nach der Verabredung allein sein müssen. Aber man hatte noch Fräulein Strauch dazugeladen. Die junge Susanne Strauch, die nach Kinorollen suchte. Und noch ein Herr war anwesend, den Steegen nicht kannte. Ein großer bildhübscher Junge mit einer riesigen weißen Geranie im Knopfloch des tadellosen Smokings. Vielleicht hatte Fräulein Strauch ihn mitgebracht. Er schien den andern fremd zu sein. Abercron machte ihn als Dr. Will bekannt. Steegen verbeugte sich und brachte einen kurzen Glückwunsch vor. »Ach du mein lieber Gott!« brummte Abercron und reichte ihm die große fleischige Hand über den Tisch. »Wem gratulieren Sie? Mir oder Frau Blankenhorn? Und überhaupt ist die Trauung noch nicht vollzogen!« Steegen warf einen Blick zu Dorette hinüber. Sie hatte bei Abercrons Bemerkung nur einen Augenblick in ihrem Gespräch ausgesetzt und redete sofort weiter. Aber es zuckte um ihren Mund. Steegen fühlte, daß sie nahe daran war, aufzuweinen und hinauszustürzen. Susanne Strauch verkniff sich ein Lächeln. Steegens Platz war zwischen Herrn Schwarzer und Herrn Dr. Will. Der Kellner servierte ihm Hummer nach. »Ist das wahr, daß Sie 26. Husar waren?« fragte Abercron geräuschvoll über den Tisch. Abercron saß zwischen den beiden Damen, ohne sich sonderlich um sie zu bekümmern. »Jawohl. Oberleutnant bei den 26. Husaren.« »Und weshalb sind Sie nun Stallmeister?« Es war klar, daß Abercron seine schlechte Laune an jemandem auslassen wollte. »Es wird nicht lange dauern. Ich werde in einigen Wochen die Leitung eines Privatgestüts übernehmen.« Steegen fühlte die Karte an Engelke in der Tasche. Er hatte sie noch nicht abgeschickt. »Wo?« »Oben in Ostpreußen. Fünftausend Morgen. Bis jetzt sind zweihundert Pferde da.« »Also große Sache!« sagte Abercron anerkennend. »Jawohl, große Sache!« Dorette sprach weiter mit Herrn Schwarzer, Fräulein Strauch mit Dr. Will. Steegen und Abercron saßen sich schweigend an den beiden Enden des Tisches gegenüber. Sie waren mit dem Essen beschäftigt, manchmal aber blickten sie sich an. Abercron schien reden zu wollen und schwieg weiter. Diese Haltung barg Gefahren in sich. In Abercron konnten sich unvermutet Entschlüsse verdichten. Dorette entging das nicht. Manchmal wandte sie sich nach der andern Seite, um das Wort an ihren Verlobten zu richten, aber eine stärkere Kraft schien sie zu lähmen. »Wenn man etwas will, dann gehorcht einem auf einmal nichts mehr!« hörte Steegen ihre Stimme wieder vor sich. Er fühlte, was in Dorette vorging, er nahm teil an dem stummen Kampf, den sie führte. Übrigens war ihr nichts anzusehen. Wie ein verwöhntes wolkiges Geschöpfchen, dem diese Umgebung nicht ganz zu behagen schien, saß sie zwischen den beiden Herren. Sie hat Mädchenarme, stellte Steegen fest, entzückende, unberührte und ein wenig rührende Mädchenarme! Auf einmal schob Abercron seinen Teller zurück und erhob sich. Dorette und die kleine Strauch waren viel zu gewandt, um auch in diesem Augenblick ihr Gespräch zu unterbrechen. Abercrons Bewegung schien die selbstverständlichste Sache von der Welt, aber wie sein schwerer großer Körper nun über den Tisch wuchtete, war alles möglich. Er konnte einfach hinausgehen und die Gesellschaft sitzen lassen. Vielleicht war er sich selbst noch nicht über den Zweck seines Erhebens klar. »Du vermissest wohl dein Telefon?« fragte Dorette und löste den Bann. In ihren Worten lag etwas von Spott, aber zugleich schwang eine liebevolle Besorgnis mit. Ein Gott hatte ihr die Frage und den Ton eingegeben. Alle mußten lachen, da das Bild des ewig telefonierenden Abercron sich einstellte. »Was Telefon!« brummte der Großindustrielle. »Ihr seid mir zu langweilig in dieser Ecke!« Er machte einige Schritte, zog einen Stuhl herbei und ließ sich neben Steegen nieder. Das Gespräch ging weiter. Man überließ den seltsamen Bräutigam in dieser Krisenstimmung am besten sich selbst. Herr Schwarzer griff von Zeit zu Zeit nach dem Glas. Er suchte vergeblich nach dem richtigen Augenblick, den offiziellen Toast auf das junge Paar auszubringen. Ein unrichtiges Wort zur falschen Zeit konnte immer noch Opposition von ungeahnter Heftigkeit auslösen. »Wenn Sie alter Husarenoffizier sind, ist das etwas anderes«, sagte Abercron zu Rolf Steegen. »Man hat vertrauten Boden unter den Füßen.« Wieder sah es aus, als wollte er ein langes Gespräch beginnen, wie vor einigen Tagen, als er während des Reitens nach Dorette zu fragen anfing. Aber er zündete sich nur eine Zigarette an und verstummte wieder. Dr. Will erzählte eine Anekdote, die Gelächter auslöste. Er hatte eine besondere Art, mit einer leisen und schüchternen Stimme gewagte Sachen zu sagen. Der Kellner trug eine neue Platte auf. Weil sich Abercron zwischengeklemmt hatte, drängten sich auf dieser Seite des Tisches die Teller, aber niemand wagte es, hinaufzurücken und Abercrons verlassenen Platz einzunehmen. Zu dem saftigen Hirschrücken, der in Sahne schwamm, füllte man die Gläser mit einem schweren Bordeaux. »Ich denke«, sagte Herr Schwarzer und erhob ein wenig sein Glas, »es ist nunmehr an der Zeit, der besonderen Veranlassung dieser Sitzung zu gedenken.« Er sah fragend zu Abercron hin. Der winkte ab. »Wir wollen keiner besonderen Veranlassung gedenken, Kinder!« sagte er. »Noch ist nicht morgen.« Sie fühlten alle, daß das einfach nicht so weiterging. »Herrschaften!« fuhr Herr Schwarzer auf. »Ich denke, wir sind hier zu einem Hochzeitsschmaus eingeladen. Hol Sie der Teufel, Abercron, wenn Sie uns die Stimmung verderben. Denken Sie, man hat seine Abende gestohlen? Nehmen Sie Ihr Glas in die Hand, Menschenskind, und tun Sie uns Bescheid. Sie kriegen da ein bezauberndes Geschöpf zur Frau, und die gnädige Frau bekommt einen der tadellosesten Gentlemen. Ich glaube, das ist eine glatte Sache!« Auch jetzt stand der breite braune Scheitel unbeweglich über Stirn und Ohren, und die Unterkiefer mahlten die Worte heraus. Herr Schwarzer war ungeheuer geschickt. Hinter den burschikosen Worten verbarg sich eine Angst, dem Industriellen irgendeine verhängnisvolle Pointe zuzuschieben, die er ergreifen könnte. Um Gottes willen nichts über den Abschied vom Junggesellenleben und kein Wort, das auf Vergangenes hindeutete! Man konnte eigentlich überhaupt nichts sagen, ließ am besten das Standesamt gänzlich unerwähnt und spielte nicht einmal auf die bewährte Gastfreundschaft des Hauses Abercron an. Die Sätze gingen wie auf Eiern. Dorette sah aufmerksam zu dem Sprecher hin. »Nun bin ich aber neugierig!« sagte sie, als Herr Schwarzer eine kleine Pause machte. »Das sind wir alle!« fing der Redner das Wort auf. »Man ist immer neugierig, wenn sich zwei Menschen gefunden haben und nun gemeinsam durchs Leben weitertanzen wollen. Also Kinder, wir grüßen euch und sagen euch unsere herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche. Abercron und Frau Dorette!« Er hielt erst Dorette das Glas hin. »Das ist schrecklich feierlich!« sagte sie und stieß mit ihm an. Dann beugte sie sich über den Tisch zu ihrem Verlobten hinüber und suchte sein Glas. In diesem Augenblick sah sie wieder wie ein kleines Mädchen aus, das an ihrem Hochzeitstag alles Glück der Erde vom Himmel erflehen möchte. Steegen konnte nicht anders als sie anstarren. »Abercron«, hörte er ihre Stimme, »ich denke, es wird schön zwischen uns werden!« Der Industrielle sah sie an. Die andern konnten glauben, daß er mit diesem Blick nochmals alles überflog, ihr Gesicht, ihre Schultern, ihr Kleid, und Besitz von ihr ergriff. Aber Steegen entdeckte in Abercrons Augen wieder diese heimliche Angst, eine kaum zu meisternde Angst, die er schon mehrmals an ihm beobachtet hatte. »Glaubst du das wirklich?« fragte er zurück. »Nun denn, Dorette!« Sie stießen miteinander an. Dorettes Glas lag fest in der Hand, das Glas Abercrons zitterte, und an drei Seiten lief die dunkle ölige Flüssigkeit über, auf das Tischtuch, in Dr. Wills Teller, in Abercrons Ärmel hinein. »Komm her, du Bär!« sagte Dorette und wischte ihm mit ihrem Taschentuch das Handgelenk ab. Die Tischrede hatte einen Bann gebrochen. Susanne Strauch war die erste, die ausgelassen wurde. Dr. Will sekundierte ihr. Herr Schwarzer wollte zum Champagner übergehen. Über der Lustigkeit der drei merkte man kaum, daß Abercron, Dorette und Steegen schweigsam blieben. Noch immer stand der Platz zwischen den beiden Frauen leer. Rolf Steegen mußte von Zeit zu Zeit dorthin sehen. Es schien ihm wie aus einer magischen Fernwirkung heraus, daß sich niemand auf diesen Stuhl zu setzen wagte. Saß dort vielleicht schon jemand, unbemerkt von allen? Blankenhorns Schatten? Hatte Rolf Steegen nicht in jedem Augenblick, seit er an den Tisch getreten war, an Blankenhorn denken müssen? Dort, hinter jenem verhängten Fenster, hatte der Rechtsanwalt ihm soeben den Hergang der Mordtat geschildert. Genau so war sie verlaufen! Niemand wußte es besser als er selber. Er sah die alte Mauer in dem verwachsenen Winkel vor sich, aus der man die verwitterten Mauersteine herausbrechen konnte. Das wurmstichige Brett, das die Hinterwand des alten Bücherregals bildete. Die lange Reihe der vergilbten Bände von Varnhagens Erinnerungen. Die Spuren waren entdeckt. Es waren die richtigen Spuren. »Sie sind also Offizier gewesen«, fing Abercron noch einmal neben ihm an. Er sprach merkwürdig leise, nicht nur, um von den andern nicht gehört zu werden, sondern weil ihm jedes Wort eine Qual schien. »Sagen Sie, was war Blankenhorn für ein Mensch? Ein furchtbarer Patron, nicht wahr?« Es schien ihm daran zu liegen, daß Blankenhorn ein wahrer Teufel gewesen war. »Einer, der vor den Augen seiner Familie die tollsten Weibergeschichten machte, das Geld durchbrachte, während seine Familie Not litt, nicht wahr? Er schlug mit der Reitpeitsche auf den Tisch, nicht wahr? Kein Scharwerkmädel soll vor ihm sicher gewesen sein. Er verweigerte den Töchtern das Geld zu ihrer Ausbildung. Sie durften kaum in die nächste Kleinstadt fahren, um sich die notwendigsten Dinge zu kaufen. Und seine Frau kommandierte er einfach in seine Schreibstube, wenn er nach ihr verlangte, und wenn sie sich weigerte, bedrohte er sie. Ist das alles wahr?'' »So ist er wohl gewesen«, gab Steegen bedächtig zu. Einige Dutzend ähnlicher Szenen fielen ihm ein, bei denen Blankenhorn mit der Reitpeitsche in der Hand durch das Haus gerannt war, und jene eine Stunde, da der Gutsherr ihn selber angeschrien und mit der Reitpeitsche bedroht hatte. Zu niemandem hatte Steegen darüber gesprochen, nicht einmal zu Dorette. Aber Monate hindurch war er von Zeit zu Zeit rot geworden, urplötzlich mitten in einem Gespräch oder auch, wenn er für sich allein durch die Felder ritt. Er war dem furchtbar starken Mann gegenüber machtlos gewesen, und der andre hatte seine Überlegenheit mit einem wollüstigen Behagen ausgekostet. Zum erstenmal seit Monaten dachte er wieder daran, und auch diesmal würde kein Wort davon über seine Lippen kommen. Wenn er erzählte, wie Blankenhorn mit ihm verfahren war, dann blieb kaum eine andre Annahme übrig, als daß er, Steegen, ihn erschossen hatte. Aber war dieser Mann nicht mit allen Menschen so umgegangen? Und weshalb hatten sie es ertragen? Weil sie es ertragen mußten! Das war gerade das Furchtbare an diesem Mann gewesen, daß er alle in der Hand hielt und sie zappeln ließ. Es gab da kleine gemeine Listen, mit denen er sich zum Herrn über sie machte. »So ist er wohl gewesen«, sagte er noch einmal. »Man kann sich kaum eine Vorstellung von einem solchen Menschen machen.« »Er soll aber doch, solange seine erste Frau noch lebte, ein durchaus einwandfreier Mann gewesen sein? Ich habe gehört, daß der Teufel ihn erst ritt, als diese Frau gestorben war.« Steegen warf einen Blick zu Dorette hinüber. Vielleicht wollte Abercron sagen, daß Blankenhorn erst vom Teufel geritten war, seit er Dorette geheiratet hatte. War es das, wovor Abercron sich fürchtete: man heiratete diese Frau und auf einmal veränderte man sich, brachen verdeckte Triebe hervor, wurde man von einem tollwütigen Wahnsinn übermannt? »Ich weiß nicht, wie das war«, sagte er. »Herr Blankenhorn hat vor seiner ersten Frau vielleicht Angst gehabt. Er hatte alle seine Triebe zurückdämmen müssen, und sie brachen dann hervor, als er frei war. Ich kann mir denken, daß es so gewesen ist.« »Es kann auch anders gewesen sein«, sagte Abercron. Er meinte offensichtlich, daß Dorette ihren Mann zum Wahnsinn getrieben hatte. Er nahm einen tiefen Zug aus dem Rotweinglas. Die andern waren zu Sekt übergegangen, er aber blieb bei dem Bordeaux, der seiner Stimmung entsprach. Das ist doch alles gleichgültig, dachte Steegen. Der Rechtsanwalt hatte die Spuren entdeckt. In einigen Wochen mußte alles anders aussehen. Dorette war Mitwisserin und vielleicht Anstifterin. Man würde ihn und sie verhaften. Oder wartete man wirklich noch darauf, daß auch Abercron zum Opfer wurde? Er wandte sich um. Rechtsanwalt van Holten und seine Gesellschaft waren noch da. Es schien sehr lustig bei ihnen herzugehen. Holten hatte sich so gesetzt, daß er Abercrons Tisch im Auge behielt. »Entschuldige!« hörte man plötzlich Dorettes Stimme. »Ich bin furchtbar müde und möchte nach Hause.« Abercron wachte wie aus tiefen Gedanken auf. Ist er betrunken? fragte Steegen sich. Abercron war von den wenigen Flaschen natürlich nicht betrunken, aber auf eine besondere Weise der Gegenwart entrückt. Der Bordeaux hatte seinen Körper eingeschläfert, und sein Geist trieb in gesteigerter Klarheit im Weltraum. Er winkte mit der Hand und erhob sich schwerfällig, als ob er sich von irgend etwas losreißen müßte. »Verzeih«, sagte er. »Ich bin heute ein schlechter Gesellschafter. Es soll besser werden. Schwarzer, Sie bringen Frau Blankenhorn nach Hause, nicht wahr? Für den Bräutigam schickt sich das nicht, was? Und ihr geht auch, Kinder!« Das galt »Susannchen« und Dr. Will. Steegen aber, der sich gleichfalls erhoben hatte, drückte er auf den Stuhl zurück. »Sie bleiben noch ein bißchen, mein Junge!« »Gern!« sagte Steegen und stand auf, um Dorette zum Abschied die Hand zu küssen. Er wunderte sich, wie heiß und trocken ihre Hand war. Dorette war im Kampf. Noch immer konnte eine ungeschickte Bewegung von ihr alles verderben. Es war kein besonderer Druck, der von dieser Hand ausging. Dorette warf ihm auch keinen bedeutungsvollen Blick zu. Nicht einmal, daß sie es vermied, ihn zum Abschied anzusehen. Dennoch wußte er, daß sie ihn in der »Vitrine« erwarten würde. Die vier Personen schritten durch das Lokal dem Ausgang zu. Steegen sah ihnen nach. Vor zwei Stunden war er mit Holten zusammen durch die Tür hereingetreten. Jetzt ging Dorette an Holtens Tisch vorüber. Der Rechtsanwalt konnte jeden ihrer Schritte beobachten, und sie wußte genau, daß dort der Feind saß. Steegen wartete auf ein Aufblitzen in Holtens Augen oder auf eine kleine Abweichung in Dorettes Gang, aber nichts erfolgte. Ohne Anteil gingen sie aneinander vorüber. Abercron konnte nicht ahnen, daß diese beiden Menschen sich auf Tod und Leben bekriegten. Holten und Dorette, die von morgen ab seine Frau sein würde. »Es gibt hier noch einen Bordeaux, wie ich ihn nicht im Keller habe«, sagte Abercron mit schläfriger Zunge. Er lallte bereits ein wenig, aber nur, weil ihm seine Zunge gleichgültig geworden war. »Ober, diese Nummer!« Es war seltsam, mit diesem Mann jetzt allein an dem verlassenen Tisch zu sitzen. Noch immer schien der Platz, auf dem Abercron ursprünglich gesessen hatte, auf eine ganz besondere Weise leer. Die andern Stühle waren einfach verlassen. Dort hatte Dorette gesessen, dort Susanne Strauch, dort Herr Will, den niemand kannte, dort dieser sehr scheußliche Herr Schwarzer, dem man dennoch die diplomatische Geschicklichkeit und den guten Willen nicht absprechen konnte. Ohne ihn wäre vielleicht die ganze Hochzeit nicht zustande gekommen. Aber auf dem breiten Stuhl in der Ecke faß schon seit einer Stunde niemand, und doch schien er noch immer auf eine merkwürdige Art besetzt zu sein. »Steegen!« fing Abercron noch einmal mit dem gleichen Motiv an. »Sie sind alter Kavallerieoffizier, was? Sie kennen Dorette lange, was? Sie haben Blankenhorn und die ganze Geschichte durchgemacht, was? Sagen Sie, halten Sie es für möglich, daß Dorette mich liebt? Mich richtig liebt?« Steegen sah ihn erstaunt an. »Sehen Sie, viele Weiber haben mir aus durchsichtigen Gründen Avancen gemacht. Ich habe nie sonderlich viel darauf gegeben. Aber diese Frau hat mir geschworen, daß sie mich liebt. Verrückt, was? Und sie hat mich durch tausend kleine Anzeichen davon überzeugt. Durch eine geradezu grenzenlose Einfühlsamkeit in mich. Einfühlsamkeit ist natürlich Blödsinn, aber es war so. Noch nie hat mich ein Mensch so verstanden wie sie. Verstehen Sie das? Alles ganz schön und gut, was? Ich werde sie heiraten, Sie selbst werden Trauzeuge sein. Aber dann wird es sich herausstellen. In drei Tagen oder in drei Wochen werde ich dahinterkommen, daß sie mich irgendeines durchsichtigen Zweckes wegen heiratete. Weil sie meinen Namen oder mein Geld braucht. Ich bin ein gerissener Hund Steegen. Ich werde es sofort bemerken, bei der leisesten Andeutung. Finden Sie nicht auch: sie hätte das nicht tun dürfen! Halten Sie es für möglich, daß sie mich wirklich liebt? Sie kennen sie doch. Sie haben die Geschichte ihrer Ehe miterlebt.« »Wenn Frau Blankenhorn Ihnen bewiesen hat, daß sie Sie liebt?« »Sie hat es bewiesen. Sie hat mich in tollen Situationen gesehen und immer den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hat mit einem Wort Lösungen herbeigezaubert, bei denen ich erschauerte. Aber dennoch wird es kommen, Steegen. Todsicher wird es kommen, daß ich auf einmal alles durchschaue. Und das wird mein Ende sein. Glauben Sie mir: mein Ende!« Abercron legte sich in den Stuhl zurück und schlürfte den Wein hinunter, den der Kellner gebracht hatte. »Sie hätte mir sagen sollen, daß sie Geld braucht oder auch meinen Namen!« fing er noch einmal an. »Aber sie hätte mir nicht sagen sollen, daß sie mich liebt. Denn man liebt mich nicht, Steegen. Glauben Sie mir, man liebt mich nicht. Ich hätte sie auch so geheiratet!« 9 Die übrigen Gäste hatten das Lokal verlassen. Der Kellner umstrich verlegen den letzten Tisch. »Kommen Sie«, sagte Abercron und erhob sich schwerfällig. Er zahlte schon stehend. Der Chauffeur draußen war eingeschlafen. »Ich fahre Sie nach Hause. Wo wohnen Sie? Kantstraße?« Steegen sah nach der Uhr. Es war ein Viertel auf zwei. Bis drei konnte er Dorette in der Bar finden. Auch heute würde sie dort sein, zum letztenmal für lange Zeit. Morgen reiste sie mit Abercron irgendwo in den Süden, und wenn sie zurückkam, würde sie in der Hildebrandtschen Privatstraße wohnen. Merkwürdig dieser Wechsel zwischen Schlössern und möblierten Zimmern! Das Auto glitt fast geräuschlos durch die Straßen und um die Ecken. In wenigen Augenblicken waren sie da. Die Kantstraße lag ausgestorben. Die schwachbeleuchteten Häuserfassaden verloren sich nach obenhin in ein dunkel gebauschtes Nichts. Steegen stieg aus. »Morgen um zehn Uhr Standesamt!« erinnerte Abercron. Steegen schloß die Haustür auf. Das Auto stand noch da. Abercron schien halten zu wollen, bis der Stallmeister in der dunklen Öffnung verschwunden war, Weshalb eigentlich? Steegen blieb innen stehen und wartete auf das Geräusch des abfahrenden Wagens. Nichts erfolgte. Ob Abercron ahnte, daß er in dieser Nacht noch Dorette treffen wollte? Wollte Abercron ihn abfassen, wie er nach wenigen Augenblicken aus der Tür heraustrat? Durch das Schlüsselloch sah er das Licht des abgeblendeten Scheinwerfers auf dem Pflaster spielen, und wenn er genau hinhörte, war das surrende Geräusch des Motors zu hören. Daß es dem da draußen nicht langweilig wurde! Glaubte Abercron denn, daß etwas zwischen ihm und Dorette spielte? Aber davon wußte niemand etwas. Nicht einmal Karla und Sabine ahnten es. Oder doch Sabine? Eine halbe Stunde hatte er noch Zeit, dann war es zu spät. Abercron mußte doch jeden Augenblick fortfahren! Steegen lehnte sich müde gegen die Wand. Ein anstrengender Tag lag hinter ihm. Er hatte Sabine besucht, er hatte mit dem Rechtsanwalt gesprochen, er hatte den Brief von Engelke erhalten. Jedes einzelne Ereignis hatte an seinen Nerven gefressen. Heute nachmittag hatte er schon beim Springen den Kopf verloren. Wer garantierte ihm, daß seine Nerven nicht überhaupt aufhörten zu funktionieren. Dann würde er morgen oder in drei Wochen beim Springen stürzen und sich irgendein Glied oder am besten das Genick brechen. Mit kaputten Nerven konnte er im Leben nichts anfangen. Aber was konnte er überhaupt anfangen? Er hatte auf Dorette gewartet. Dorette war gekommen und lachte ihn aus. Was nun? Es war nichts mit Dorette. »Wenn du ganz artig bist!« hörte er sie sagen. Was heißt das: wenn du ganz artig bist!? Sollte er dafür sorgen, daß Abercron beim Reiten verunglückte? Dann würde sie Geld haben, viel Geld! Auch bei Blankenhorn hatte sie gedacht, daß sie viel Geld haben würde. Die Lebensversicherung war auf ihren Namen ausgestellt gewesen. Das war einfach nicht wahr, daß sie von der Verpfändung gewußt hatte. Das hatte sie später erfunden, um jeden Verdacht von sich abzuwälzen. Diesmal aber, bei Abercron, würde sie sicher viel Geld haben, und diesmal würde sie ihn belohnen. Sie hatte es ihm versprochen! Hatte sie es ihm etwa nicht versprochen? »Wenn du ganz artig bist!« Er konnte es dann vielleicht so einrichten, daß sie ein Kind von ihm bekam. Dann war sie ihm verfallen. Ein Kind! Er mußte an ihr Kind denken. Von wem stammte dieses Kind? Von Blankenhorn etwa? Oder von jenem andern, von dem er noch immer nichts wußte? Von dem, der seinen Plan im letzten Augenblick durchkreuzt hatte? Er zwang sich nachzudenken, um die Zeit hinzubringen. Dort draußen hielt Abercron immer noch mit seinem Wagen. Das Licht spielte auf dem Pflaster. Wie lange wollte der auf ihn warten? Was machte es denn aus, wenn er nochmals auf die Straße heraustrat? Er hatte einfach eine Karte einzustecken! Jawohl, die Karte an Engelke! Sie befand sich noch immer in seiner Tasche. Er nahm sie in die Hand. Abercron mußte ihm glauben, daß er noch schnell eine eilige Karte in den Kasten trug. Er konnte sie ihm zeigen. Mit kurzem Entschluß öffnete er die Tür. Kein Auto weit und breit. Es war das Licht der Laterne, das ihn getäuscht hatte. Abercrons Wagen mußte unmittelbar, nachdem er in die Tür getreten war, mit seinem lautlosen Gang fortgerollt sein. Er hatte Gespenster gesehen. Aber gerade das beängstigte ihn noch mehr. Die Zuverlässigkeit seiner Sinne war fraglich geworden. Es waren Gefahren da. Was sollte daraus werden, wenn er nicht mehr abschätzen konnte, von welcher Seite sie kamen? Wenn er noch auf die schlürfenden Schritte im Gang hinhorchte, während ihm schon die Kehle zugedrückt wurde! Wieder sah er nach der Uhr. Es war jetzt zwanzig Minuten nach zwei. Er mußte sich beeilen. Er lief fast bis zur nächsten Straßenecke, warf im Vorübergehen die Karte in einen Kasten und rief eine Taxe an. Zehn Minuten später stand er vor der Tür der »Vitrine«. Die roten Buchstaben des verhängten Fensters glommen in dunkelrotem Licht. Er trat ein. Wie damals saß die ältliche Inhaberin mit ihrer Häkelarbeit hinter der Tonbank. Auf den hohen Stühlen hockten zwei Herren und vier Damen. Gegen zwanzig Menschen saßen unter den gelben Lampenschirmen und führten leise Gespräche. Der weißgekleidete Kellner stand unter einem Rabitzbogen, der nach romanischer Kirche aussah, und gähnte. Dorette war nirgends zu sehen. Steegen erblaßte fast bei dieser Feststellung. Natürlich, es war fast selbstverständlich, daß sie heute, am Vorabend ihrer Trauung, dieses Lokal vermied, und es war nicht die leiseste Andeutung gefallen, daß er sie hier antreffen würde. Aber irgendwie verwirrte es ihn. Was wollte er eigentlich heute von Dorette? Er mußte ihr von Holtens Entdeckungen Mitteilung machen, ihr jedes Wort seiner Unterredung mit Abercron berichten! Verabredungen für die Zukunft treffen! Kurzum, es war nötig, daß sie sich heute noch einmal sprachen. Er konnte ihr von seinem Besuch bei Sabine erzählen, ja, er mußte es. Dorette wußte nichts von dem Zerwürfnis zwischen Sabine und ihrer Schwester. Das alles war wichtig! Und überhaupt, man wollte mit Dorette noch einmal an einem kleinen Tisch sitzen und mit ihr sprechen. Man hatte sie dann vor sich, sie gehörte einem. Es war fast, als wenn man sie in den Armen hielt. »He, Herr Steegen!« rief eine Stimme. Rolf Steegen drehte sich um. In der Nische saß Professor Stüwe, hielt die Augen hinter der großen Hornbrille versteckt und winkte. Steegen setzte sich zu ihm. Er wußte nicht, weshalb er das tat. Vielleicht aus Erschöpfung. Groß und bleich ragte das zerklüftete Gesicht des Bildhauers aus dem Halbdunkel des Raums vor ihm auf. »Steegen, der Mann des Feierabends!« sagte Stüwe, auf die Bronze Sabine Blankenhorns anspielend. »Unser Phantom, aus Luft geballt und goldnem Seidenhaar, läßt uns heute im Stich!« »Sie meinen: Frau Blankenhorn!« »Frau Blankenhorn! Frau Abercron! Kurzum Dorette! Ich hoffe immer noch, sie vor der großen Umwandlung hier anschauen zu dürfen. Das ist eine Frau zum Anschauen, müssen Sie wissen. Und wenn Sie es noch nicht wissen, werden Sie eines Tages todunglücklich sein. Ich schaue sie an und bin glücklich.« Steegen sah erstaunt in das Gesicht des Bildhauers, das nicht im mindesten den Ausdruck des Glücks zeigte. Dieser Mann war von inneren Bränden zerfressen. »Kellner, eine Mischung Dorette! Sie trinken doch auch Dorettes köstliche Mischung mit, Herr Steegen!« Der nickte. Der Kellner brachte den Sekt und die Bierkanne. Professor Stüwe schenkte ein. Sein Gesicht, das für Augenblicke erloschen war, belebte sich wieder. »Die Menschen halten Dorette für lasterhaft«, fuhr er fort, und es war klar, daß er lediglich zu sich selber sprach. »Aber sie ist nicht lasterhaft. Sie ist eine stille kleine Frau, die ihre Zofe und ihr französisches Parfüm haben will. Nichts weiter. Dorette will nichts von mir wissen, aber das ist gleichgültig. Ich weiß alles von ihr, und darauf kommt es an. Ich bin des Mysteriums der geistigen Vereinigung mit ihr ständig teilhaftig. Sie ist eine stille kleine und ganz gewöhnliche Frau. Nur wir geheimnissen in sie hinein. Habe ich nicht recht? Wir müssen unsre Weltgeheimnisse in sie hineinlegen. Sie ist das Urgesicht, das Idol in Wolken, das Phantom, die Sphinx. Aber diese Sphinx hat keine Rätsel, meine Herren. Es ist nur eine hübsche kleine Larve, was uns so aufregt. Der Herr Blankenhorn war kein übler Mann. Aber da ist die süße kleine Frau neben ihm, und auf einmal muß er zum Teufel werden. Und in einigen Wochen wird Herr Abercron ein Teufel sein. Wollen wir wetten?« »Erlauben Sie, Herr Professor, Blankenhorn war ein gemeiner Schuft, und Abercron wird stets ein anständiger Kerl bleiben.« »Da haben wir's, da haben wir's!« triumphierte der Bildhauer. »Wir wollen uns in zwei Wochen sprechen.« »In zwei Wochen werden die beiden noch nicht aus Sizilien zurück sein. Sie wollten sechs Wochen fortbleiben.« »Ach du mein lieber Gott, was Sie schlau sind, Mann des Abendfriedens! In zehn Tagen findet der große Termin in dem Prozeß statt. Dorette muß unweigerlich dabei sein. In Florenz wird die Depesche von ihrem Rechtsanwalt kommen, und sie muß umkehren. Dann heißt es für Abercron, ein paar tausend Mark Prozeßgebühren auf den Tisch legen, und die Ehe wird schon ganz anders aussehen. Das wissen Sie alles nicht, was? Dorette soll leben!« Er leerte das große Porterglas in einem Zug. Das war es also: Deshalb mußte die Heirat in dieser Woche abgeschlossen werden, weil Dorette Geld brauchte. Aber wofür brauchte sie das Geld? Um die Ansprüche ihres Sohnes auf Swantemühl durchzusetzen! Vielleicht war sie wirklich nur eine »stille kleine Frau«, die einen ruhigen Platz im Leben suchte und nichts weiter. »Sie tut mir leid!« sagte Steegen. »Ah, leid tun!« Der Bildhauer schlug die Augen auf. Merkwürdig tiefliegende Augen, unter denen sich bereits große Tränensäcke gebildet hatten. »Was heißt leid tun! Kann einem jemand leid tun, der die größten Seligkeiten der Welt zu verschenken hat? Das muß ein merkwürdiges Gefühl sein: Hier habe ich Arme! Hundert Männer würden Leben und Vermögen darum geben, von diesen Armen umschlungen zu werden! Hier habe ich einen Mund! Hundert Männer und so weiter wollen ihre mehr oder weniger gepflegten Zähne darauf drücken! Das muß merkwürdig sein, mit einem solchen Bewußtsein zu leben! Was für Bestien würden Sie und ich werden, wenn man uns in diese Lage brächte, was? Aber dieser Frau sind diese furchtbaren Waffen nur lästig. Sie verabscheut die rasante Fernwirkung dieser Kruppkanonen, die unaufhörlich arbeiten und die Reihen mit ihrem Eisenhagel niedermähen. Kühnes Bild, was?« Der Bildhauer mußte plötzlich auflachen, überwältigt von der Groteske seiner Worte. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und lachte schallend. Der Häkelhaken der Inhaberin klopfte energisch auf. »Sei still, alte Ziege!« fuhr er leiser fort. »Wir sind hier nämlich in einer Leichenhalle, einem Leichenschauhaus, müssen Sie wissen. Da ist man leise. Alle, die wir hier sitzen, sind quasi beurlaubte Leichen.« Plötzlich riß er sich zusammen. »Sagen Sie, Herr Steegen, Sie waren neulich mit meiner Frau zusammen?« »Ich traf Ihre Frau Gemahlin auf der Straße.« »Sagte sie was von – Ich meine, haben Sie mit ihr über alles mögliche gesprochen? Über mich und Dorette und über die Swantemühler Geschichte?« »Nicht ein Wort!« »Da geht jetzt doch der große Kladderadatsch los. Wir sind mit Sabine böse. Wissen Sie etwas darüber?« »Nur die Tatsache, und die hat mir Fräulein Sabine selbst mitgeteilt.« »Sie waren mit Sabine zusammen?« fuhr Stüwe auf. »Erzählen Sie von Sabine!« Er schwieg und stierte Steegen ins Gesicht, der ihm das Notwendigste über seinen Besuch in dem Atelier mitteilte. »Ja«, sagte er endlich, »Sie Glücklicher! Sabine hat Sie geliebt und liebt Sie womöglich noch. Sie waren der schöngewachsene dunkeläugige Mann, der mit der heimlich angebeteten Dorette flirtete und das kleine Mädchen nicht im geringsten beachtete. Kleine Mädchen sind sehr empfänglich dafür, daß man sie nicht beachtet.« »Was Sie nun reden, ist vollendeter Unsinn, Herr Professor. Fräulein Sabine hat nie daran gedacht, sich in mich zu verlieben.« »Wie Sie wollen, mein Herr. Aber wissen Sie, was Sie tun können? Sie können Sabine und ihre Großmutter gelegentlich besuchen. Sie werden gut aufgenommen, auf mein Wort! Karla und ich möchten wissen, was dort gespielt wird, verstehen Sie? Es ist kein Geheimnis. Man würde es mit uns besprechen, aber das geht nun einmal nicht mehr. Man nimmt mir die Geschichte mit Dorette übel, wissen Sie. Aber ich brauche Dorette für meine Arbeit. Ich muß den großen Brunnen machen! Das Sphinxgesicht, wissen Sie! Das Idol in Wolken, das Wasser speit!« »Feierabend, meine Herrschaften!« rief die Inhaberin durch das Lokal und klopfte mit dem Häkelhaken auf den Tisch. Die Bardame schloß geräuschvoll die Flaschen fort, der Kellner suchte zu kassieren, die Hälfte der Lampen erlosch. Auf einmal tat sich die Außentür auf, und Dorette kam herein. Ihre Augen suchten in dem Dunkel. »Gott sei Dank, da sind Sie noch!« rief sie und trat auf Steegen zu. »Kommen Sie von Herrn Schwarzer?« fragte der erstaunt. »Ich komme immer von jemand anderem«, lächelte sie. »Diesmal war es meine Schneiderin, die noch bis morgen früh für mich zu tun hat. – Seien Sie vernünftig, Stüwe, und gehen Sie nach Hause!« wandte sie sich an den Bildhauer. Bei ihrem Eintritt war das Gesicht des Professors wieder auf eine merkwürdige Weise erloschen. Es lag wie ein Schleier über seinen Zügen, der ironische Blitz in den Augen war verschwunden. Er machte den Eindruck eines Betrunkenen. Es war, als wollte er in Dorettes Gegenwart jede Spur von Selbstbewußtsein abwerfen. Steegen bestaunte das Wunder dieser merkwürdigen Verwandlung. »Drei Uhr, meine Herrschaften! Polizeistunde!« rief die Inhaberin von dem Bartisch her und zog ein altmodisches Jackett mit Puffärmeln über die gestreifte Wollbluse. »Kommen Sie!« forderte Dorette den Stallmeister auf. »Sie müssen mir alles erzählen! Gehen Sie nach Hause, Stüwe!« Draußen schlug der Bildhauer den Rockkragen hoch und entfernte sich schweigend mit unsicheren Schritten. »Wer – wer ist dieser Mann?« fragte Steegen. Sie sah ihm nach, wie er um die nächste Ecke ging. »Ein großer Künstler!« sagte sie. Er wurde nicht daraus klug, ob sie es ernsthaft meinte. Sie gingen nebeneinander durch die dunkle Straße. Unendlich viel war zu besprechen und zu bedenken. Gegen die nahe Zukunft, die nach wenigen Morgenstunden begann, drängte sich die Vergangenheit, deren Wolken dunkel über ihren Häuptern hingen. Die wenigen hundert Schritte dieses Ganges waren vollgepreßt von Erwartung. Dennoch ließ ihn das Bild dieses merkwürdigen Mannes nicht los. Er beneidete ihn um die spielerische Verzweiflung, in die er seine Leidenschaft hineingeflüchtet hatte. Der konnte wie ein trunkner Silen durch die Straßen taumeln, seinen Gesichten hingegeben, indes er selbst nur ein etwas ernster dunkler Mann im korrekten Mantel und schwarzen steifen Hut war, gepeinigt wie jener, aber ohne dessen Möglichkeiten, sich auszudrücken. »Wird die Trauung morgen stattfinden?« fragte Dorette. »Ich denke, ja.« »Kannst du mir Geld borgen? Hundert Mark, dreißig Mark, gleichgültig wieviel!« »Ich kann dir etwa fünfzig Mark geben.« »Das ist gut, ich habe noch sechzig Pfennig bei mir.« »Dorette, liebst du diesen Menschen?« »Wen?« »Abercron!« Sie lachte auf. »Nein, natürlich nicht! Wie kommst du darauf? Du weißt doch, wen ich liebe!« »Er denkt aber, daß du ihn liebst!« Sie zuckte die Achseln. »Ich werde alles tun, was er will. Er soll es nie vermissen, daß ich ihn nicht liebe. Er kann mit mir glücklich werden. Es liegt an ihm.« »Aber du mußt ihn schon in wenigen Tagen um eine größere Summe angehen. Dann wird er merken, weswegen du ihn geheiratet hast.« »Ich brauche zehntausend Mark. Jemand müßte mir zehntausend Mark geben. Dann wäre alles gut.« »Wegen des Prozesses?« »Ja, wegen des Prozesses.« »Dorette, du warst jetzt nicht bei deiner Schneiderin. Du wolltest dir die zehntausend Mark besorgen.« »Vielleicht wollte ich mir das Geld besorgen.« »Aber du hast es nicht bekommen?« »Nein.« »Konntest du nicht offen zu Abercron sein?« »Du bist ein Kind! Weißt du nicht, daß Geld bei reichen Männern der wunde Punkt ist? Er hätte mir Geld gegeben, und ich hätte vielleicht drei Monate lang Blümchens Perlenkollier tragen können. Danke!« »Und diesen Prozeß mußt du führen?« »Ja.« »Sage, Dorette: Ist das Kind wirklich von Blankenhorn?« »So wahr ich hier neben dir gehe! Es kann von niemand anderm sein!« Sie gingen schweigend nebeneinander her. Der Kampf der Geschlechter war zwischen ihnen zur Ruhe gebracht. In diesem Augenblick waren sie nur zwei Bundesgenossen, die sich brauchten. »Sag, Dorette, wie wird es nun werden?« fing er nach einer Weile an. »Es soll alles gut werden, Rolf. Bei Gott, Rolf! Ich will nur ein Leben haben wie andre Frauen, da ich schon nicht bei dir sein kann. Ich hätte auch Blankenhorn weiter ertragen, noch viele Jahre lang hätte ich alles weiter ertragen. Du weißt ja nicht, was ich dort gelitten habe.« »Du hast zu viel dort gelitten«, sagte er finster. »Es ging nicht mehr!« »Es ging nicht mehr!« Plötzlich hing sie sich an seinen Arm. »Rolf, wirst du mir helfen? Wirst du mir immer helfen?« »Ja, Dorette!« Sie schwiegen eine Weile. Ihre Schritte waren das einzige Geräusch weit und breit. »Du hast heute mit Holten gesprochen?« begann sie auf einmal. »Ja, er hat mir alles gesagt.« »Hat er die Spuren entdeckt?« »Ja, er hat alles entdeckt. Die durchbrochene Wand und das losgelöste Brett des Bücherregals.« Sie starrte ihn schreckensbleich an. »So weiß er, wer es gewesen ist?« »Darüber sagte er nichts. Er sagt, daß er den Mörder mit Händen greifen könnte und wiederum auch nicht.« »Und das Gewehr?« »Wieso das Gewehr?« fragte er. »Blankenhorn ist mit seinem eigenen Jagdgewehr erschossen worden. Man fand dieses Gewehr in der Stube liegen.« »Es war der Drilling.« »Es ist festgestellt worden, daß du dieses Gewehr zum Reinigen in dein Zimmer genommen hattest.« »Ich konnte es längst wieder in den Gewehrschrank zurückgestellt haben.« »Karla hat aber ausgesagt, daß der Drilling nicht in dem Schrank stand, als sie an jenem Abend ihrem Vater gute Nacht sagte. Wo war das Gewehr?« »Ich hatte es draußen an die Mauer gestellt.« »Dann weiß Holten, daß du der Mörder bist. Und ich weiß es jetzt auch.« »Ich bin es nicht, Dorette! Du hast vorhin Gott angerufen. Ich rufe ihn jetzt auch an. Bei Gott, Dorette, ich habe Blankenhorn nicht erschossen! Ich schwöre es dir!« »So!« sagte sie kühl. »Dann weißt du es nicht. Aber jetzt gib mir die fünfzig Mark!« Sie hielten gerade vor ihrer Haustür. »Du glaubst mir nicht«, beschwor er sie, während er die Scheine und Geldstücke zusammensuchte. »Dorette, weshalb glaubst du mir nicht?« »Ich glaube dir ja.« Sie nahm das Geld in Empfang. »Fünfzig Mark?« »Siebenundvierzig!« »Danke!« sagte sie. »Ich gebe es dir möglichst bald zurück. Hoffentlich schon morgen.« Eine Laterne beschien hell ihr bleiches Gesicht, aus dem alle Empfindung gewichen war. Ein nüchterner kalter Ausdruck war darin, der ihn entsetzte. »Du weißt ja, wer der Mörder ist!« schrie er sie an. »Du weißt es besser als ich! Sage mir, wer ist es?« »Du!« sagte sie ruhig und wandte sich ab. Er sah, wie sie die Tür aufschloß und langsam in der Dunkelheit verschwand. Das Gewehr! dachte er. Das Gewehr konnte ihn überführen. Auf einmal spürte er den Hausschlüssel in der Tasche. Weshalb hatte er ihr den Schlüssel nicht zurückgegeben? Wenn Herrn Abercron auf der Reise oder hinterher »etwas passierte« und man den Schlüssel bei ihm fand? Er wollte ihn fortwerfen, steckte ihn aber zögernd wieder ein. 10 Am nächsten Morgen war der Himmel bezogen. Mit den blauen Sommertagen, die sich weit in den Herbst hineingezogen hatten, schien es plötzlich zu Ende. Als Steegen zum Tattersall ging, trieb aus den ineinandergeschobenen Wolkenbänken die nasse Bö eines kleinen Regenschauers von eisiger Kälte herab. In einigen Tagen würde man nur noch bahnreiten, stellte er fest. Im Tiergarten rüttelte der Wind an den alten Bäumen, daß die Blätter niederwirbelten. »Sie reiten den Braunen heute zum letztenmal!« sagte der Stallbursche, der Abercrons Pferd brachte. »Herr Schwarzer wird ihn von nun an selber reiten.« Steegen probierte nochmals alle Gänge durch, sprang über die Hürde und den Graben. Das Tier war fertig. Jeder konnte es reiten. Er klopfte ihm zum Abschied Hals und Schnauze. Weshalb wurde ihm dieses Pferd gerade jetzt fortgenommen? Sollte mit Dorettes Hochzeit alles zwischen ihnen zu Ende sein. Er hatte noch Zeit, sich umzuziehen und zum Standesamt zu fahren. Sie saßen in dem Vorraum und warteten: Abercron in dem Herbstulster, aus dem das wulstige Genick herauswuchs. Dorette, deren kleiner Schirm gelangweilt mit den Stiefelspitzen spielte. Schwerknochig und hager Herr Schwarzer. Er wollte die Herren nach dem Braunen fragen, unterließ es aber. Vielleicht hatten sie und Dorette beschlossen, daß er die Zeremonie dieser Hochzeit noch mitmachen und dann verschwinden sollte. Dorette brauchte ihn nicht mehr. Sie hatte sich von seiner Ungefährlichkeit überzeugt. Steegen sah scheu in die Gesichter der andern. Sie saßen ruhig da und schauten still vor sich hin. War Herr Schwarzer der Mann, von dem Dorette noch gestern nacht versucht hatte, zehntausend Mark zu bekommen? Sie wußten alle zuviel und zuwenig voneinander. Der Standesbeamte rief sie herein. Der Mann hatte etwas professionell Feierliches in der Stimme. Sicher sprach er am Mittagstisch zu Hause mit dem gleichen sonoren Tonfall. Abercron sagte sein Ja, Dorettes Stimme zitterte ein wenig. Dorette war Frau Abercron. Sie bewohnte jetzt eine fürstliche Villa in der Hildebrandtschen Privatstraße, sie besaß Autos und Pferde. Nur, in einigen Tagen würde sie ihren Mann um einige tausend Mark bitten müssen, und wieder ein paar Tage später würde ein Rechtsanwalt unerhörte Beschuldigungen gegen sie vorbringen. Was würde er beweisen können? Das war die Frage, vor der Steegens Gedanken haltmachen mußten. Was würde van Holten beweisen können? Sie fuhren in eine Kirche, deren Gewölbe erstaunt einem ziellosen Orgelvorspiel zuhörte. Ein Pfarrer stand vor dem Altar und mußte seine Stimme bis zum Flüstern dämpfen, um nicht den Widerhall in dem leeren Raum übermächtig aufzuwecken. Das Paar stand verloren inmitten des großen Halbrondells, und die beiden Zeugen drückten sich verlegen vor den leeren Bänken herum. Diese Trauung hatte keine Ordnung in sich. Dann standen sie alle vier draußen und reichten sich die Hände. Abercron hatte seine Frau untergefaßt. Herr Schwarzer und Rolf Steegen zündeten sich Zigaretten an. Niemand wußte recht, was er sagen sollte. Eine Atmosphäre von Feindseligkeit lagerte um jeden von ihnen. Der Pfarrer kam aus der Sakristei, drückte sich vor den vier, um nicht grüßen zu müssen, und tauchte ins Straßengewühl unter. Plötzlich fing Dorette an zu weinen. Die Trostlosigkeit der leeren Zeremonie brachte sie außer Fassung. Irgendein Klang von Hochzeit, Myrten und Schleier mußte durch ihr Herz gefahren sein. Abercron schob sie verlegen in den Wagen. Ein wehes Gefühl durchschnitt Steegen, da sich Dorette in diesem Augenblick der Bodenlosigkeit ihrer Existenz bewußt wurde. Der Motor zog an. Abercron und seine Frau waren fort. »Sie haben den Braunen gut geritten«, sagte Herr Schwarzer. »Sie wissen, daß ich ihn von jetzt selbst reiten werde?« »Jawohl!« »Abercron will ihn später auch reiten. Er liebt das Tier. Übrigens hat es beim Springen eine Eigentümlichkeit: es krümmt vor dem Hindernis den Rücken und bockt. Wenn man ihm in diesem Augenblick nicht die richtige Hilfe gibt, fliegt man über den Kopf. Haben Sie es bemerkt? Es kann leicht ein Unglück geben!« Steegen hatte nichts davon bemerkt. Unter ihm setzte das Tier glatt über die Hürde. »Vielleicht reite ich es auch nicht richtig«, gab Herr Schwarzer zu und verabschiedete sich. Steegen sah ihm kopfschüttelnd nach. Dieser Mann war ihm unheimlich. Er hatte ihn im Sprunggarten beobachtet. Herr Schwarzer ritt vorzüglich. Vielleicht hatte der Braune wirklich Nücken. Steegen stieg auf die Elektrische. Um zwölf hatte er noch ein Pferd zu reiten. Es war halbzwölf durch. Die Trauung hatte ihn Zeit gekostet. Bei dieser Feststellung fielen ihm von neuem Dorettes Tränen ein. Was war das für eine Hochzeit gewesen! Über Mittag legte er sich auf die Pritsche der Stallwache. Er war todmüde, und er wollte an Dorette denken. Wie er sich aus dem Stroh ein Kissen zurechtdrückte, wurde er an irgendeine Zeit erinnert, in der er sich wohlgefühlt hatte. Er besann sich nicht darauf, was das für eine Zeit gewesen sein konnte. Ferien in der Gymnasiastenzeit oder eine Ruhestellung im Kriege? Er hatte nur das Gefühl völliger Unbeschwertheit in der Erinnerung. Aber einmal hatte er sich so in das Stroh hineingewühlt und war besinnungslos glücklich gewesen. Es mußte zehn oder fünfzehn Jahre her sein. Der Gegensatz zu seiner jetzigen Lage preßte ihm ein Seufzen ab. Er drückte die Fäuste gegen die Augen. Die Gedanken wirbelten durcheinander. Er fiel in Schlaf. Das Geschrei der Stallburschen weckte ihn, die die Pferde sattelten. Im Augenblick, da er den Kopf hob, war die Gegenwart wieder da. Er hatte es im Gefühl, daß heute noch etwas geschehen würde. Der Rechtsanwalt van Holten wußte von Abercrons Hochzeit. Er würde Dorettes Freund beobachten lassen. Was geschah in dem feindlichen Lager? Zu seiner eigenen Überraschung schloß er noch einmal die Augen und blieb zwei Minuten liegen. Er suchte nach einem Entschluß und konnte keinen finden. Er zählte sein Geld durch. Dorette hatte ihm die siebenundvierzig Mark nicht wiedergegeben. Es langte jetzt nicht zu der Fahrt nach Ostpreußen. Man mußte bis zum nächsten Ersten warten. Bis dahin würde das Verhängnis ihn gepackt haben. In zehn Tagen war der Termin. Holten mußte arbeiten. Was würde heute geschehen? Er stand langsam auf und entfernte die Strohhalme aus Haar und Kleidern. Zwei Reitschülerinnen warteten draußen auf ihn. Es regnete nicht, man konnte in den Tiergarten. Die Wege waren gelb von gefallenem Laub. Das drittemal erlebte er hier den beginnenden Herbst. Zwei Jahre hindurch hatte er Dorette herangewartet. In diesem Jahr war sie gekommen und wieder verschwunden. Nichts war gewesen. Ein Phantom, ein Idol in Wolken war vorübergezogen. Der Bildhauer hatte recht. Das Laub raschelte unter den Hufen der Pferde. Als er nach einer Stunde zurückkam, winkte der Portier ihm zu. Eine Dame hatte nach ihm gefragt. Sie wollte um achtzehn Uhr wiederkommen. »Reitschülerin?« Nein, es war eine andre Dame gewesen. Noch zwei Touren mußte er machen, eine mit Dr. Alstrich, eine mit einer Studentin, dann sah er sie im Hof stehen. Eigentlich sah er nur den grauen Filzhut und wunderte sich selbst, daß er sie daran erkannte: Sabine! Er mußte einige Schritte weiterreiten, ehe er sie ganz sah. Sie beobachtete interessiert zwei Pferde, denen die Beine gewaschen wurden. Hatte er sich nicht drei Sekunden lang gefreut, als sie überraschend in dem blauen Mantel auf dem Hof stand? Aber sie mußte heute kommen. Holten war fortgeblieben. Er hatte Sabine geschickt. Das gab es nicht, daß man ihn an diesem Tag ohne Aufsicht ließ. Sabine wandte sich bei dem Hufgeklapper um und sah ihn vom Pferde steigen. »Ich mache Ihnen als höflicher Mensch meinen Gegenbesuch«, sagte sie lächelnd. »Übrigens gefällt es mir hier. Man kann Bewegungsstudien machen. Ich muß einmal mit meinem Skizzenbuch hierherkommen. Ob das erlaubt ist?« »Der Fall ist noch nicht vorgekommen. Bildhauern Sie öfters Pferde?« »Ich möchte gern, aber Ihr Ulfilas war bisher das einzige. Merkwürdig, wie wenig Notiz die Hochschule für bildende Künste und diese hervorragende Anstalt für wundervolle Naturgebilde voneinander nehmen. Die Hardenbergstraße scheint zu tief zu sein. Was unternehmen Sie heut abend?« »Gar nichts!« sagte er. »Ich gehe nach Hause, esse eine Kleinigkeit, wasche mich, lese und schlafe. Morgen um sechs muß ich wieder hier sein.« Es setzte ihn in Verlegenheit, daß er ihr nichts zu bieten hatte. Sollte er ihr Pferde zeigen, die nicht ihm gehörten? Sollte er sie einladen, in einem kleinen Restaurant mit ihm zu speisen? Er fühlte eine Leere, als ob sein Leben in den drei Jahren ausgelaufen war, in denen es um Dorette gekreist hatte. Er sah unsicher an sich herunter. »Ich wollte Sie um etwas bitten!« sagte Sabine. In diesem Augenblick prasselte überraschend eine Regenbö hernieder. Sie flüchteten in die Stalltür. Drinnen wurde abgefüttert. Die Knechte liefen mit den Futterkiepen hin und her. Der Futtermeister fluchte. Die Pferde wieherten und scharrten mit den Vorderhufen. Jemand drehte das elektrische Licht an. Mit einem Schlage wurde es draußen dunkel. Die Züge, die in kurzen Abständen über die Torbogen donnerten, warfen ihre Rauchfahnen, die eben noch schwarz und schattenhaft gewirkt hatten, als hellen Schein über das nasse Pflaster, das mit flüssigen Lichtern glitzerte. Steegen und Sabine standen in der Tür zwischen Hell und Dunkel. »Wenn man den Stall sieht, bekommt man Heimweh nach Swantemühl«, sagte Sabine. »Ich bange mich seit Ihrem Besuch gestern aufs Land. Deswegen bin ich gekommen. Begleiten Sie mich morgen nach Swantemühl!« Er sah sie überrascht an. Das also war es! Man wollte ihn nach Swantemühl locken. »Ich kann nicht!« sagte er zögernd. »Das ist kein Grund!« lachte sie. »Weshalb wollen Sie mich in Swantemühl haben?« fragte er noch einmal und dachte, daß sie aus der Stellung seiner Worte erkennen würde, was er meinte. Eigentlich gab er mit dieser Frage sein Geheimnis preis. Es war, als wenn er gesagt hätte: Sagen Sie es mir gleich, daß Sie mich für den Mörder Ihres Vaters halten. Quälen Sie mich nicht länger! Holten und ein Kriminalkommissar werden in Swantemühl sein, um mich festzunehmen! Das alles konnte sie aus seinen Worten herauslesen. Ihm leuchtete es plötzlich ein, daß er nur am Ort der Tat ganz richtig überführt werden könnte. »Sie fragen so komisch«, sagte Sabine. »Ich habe einfach Furcht davor, allein zu fahren. Sonst fuhr ich mit Karla. Das geht jetzt nicht. Ich will nicht allein in Swantemühl herumgehen und auf dumme Gedanken kommen. Also, fahren Sie mit? Morgen, übermorgen, wann Sie wollen!« Er sah sie von der Seite an. Vielleicht liebte Sabine ihn wirklich, wie der Bildhauer gesagt hatte. Aber sie hatte einen strengen Mund. Wenn Holten sie beauftragt hatte, ihn nach Swantemühl zu bringen, würde sie es ausführen. So war sie! Der Stallmeister Werkenthin kam über den Hof gegangen. Steegen rief ihn an. »He, Werkenthin! Ich will morgen nicht kommen. Können Sie und Lange meine Pferde bewegen und die Schüler vertrösten?« »Fehlt Ihnen etwas, Steegen?« »Ich weiß nicht. Hexenschuß!« Der lange Werkenthin beugte sich in das Licht vor, das aus dem Stall kam, und warf einen verstohlenen Blick auf die fremde Dame. »Es gibt auch hübsche und junge Hexen! Gut, ich verstehe Sie!« Er ging lachend ab. »Das ist ein lustiger Kamerad!« sagte Sabine. »Also wir fahren morgen mit dem Frühzug?« »Kommen Sie! Es regnet nicht mehr.« Er konnte noch nicht zusagen, obwohl er wußte, daß er mit ihr fahren würde. Er wollte das triumphierende Aufblitzen in ihren Augen nicht sehen. Erst als sie im Dunkel waren, sagte er: »Ja, wir fahren morgen!« Sie schwieg. Sie gingen zum hinteren Tor hinaus auf die Kantstraße und bogen links ein. Auf einmal fing Sabine an: »Ich möchte wissen, Herr Steegen, wer Sie sind!« Er sah sie erstaunt an. »In welchem Sinne?« »Daß Sie kein gewöhnlicher Gutsinspektor sind, habe ich schon als kleines Mädchen in Swantemühl gemerkt und mich über die andern gewundert, die nicht sahen, daß Sie gewissermaßen verkleidet waren.« »Ich war aber gar nicht verkleidet.« »Sie waren genau so verkleidet, wie Sie jetzt als Stallmeister verkleidet sind.« »Leider bin ich auch nicht als Stallmeister verkleidet. Es ist richtig, daß ich früher einmal Herrenreiter und ziemlich wohlhabend war, aber dann habe ich alles Geld verloren und bin geworden, was ich jetzt bin.« »Darf ich etwas sagen?« entgegnete sie und senkte den Kopf, als ob sie sich verbergen wollte. »Ich habe einmal gedacht, daß Sie sich einer geliebten Frau wegen als Inspektor verkleidet haben. Es gibt gewisse Anzeichen dafür.« Er schüttelte den Kopf. »So war das nicht. Ich war froh, als ich eine Stelle bekam.« »Aber Sie hatten die geliebte Frau vorher gesehen und gesprochen und geliebt, ehe Sie auf das Gut ihres Mannes als Inspektor kamen?« Es war gut, daß sie so langsam sprach und ihn nicht ansah. Er fühlte, wie ihm das Blut aus dem Kopf wich. Das wußten sie von ihm! Sie hatten herausbekommen, daß er Dorette vor Swantemühl gekannt hatte! Wer, wer konnte sie beide damals beobachtet haben? Wenn Holten das wirklich herausbekommen hatte, dann war die Beweiskette gegen ihn geschlossen! »Es ist weder von einer geliebten Frau die Rede, noch hatte ich sie vorher gekannt!« sagte er mit fester Stimme. »Später und nachträglich wurde dann einmal ein zufälliges früheres Zusammensein, an das beide nicht mehr gedacht hatten, festgestellt. Das ist alles!« »Wie Sie wollen!« sagte Sabine und blieb an der Haltestelle stehen. »Wir sehen uns also morgen früh auf dem Bahnhof.« Sie bestieg die Elektrische, die sich gerade in Bewegung setzte. 11 Wir sind schon einmal in diesem Zug gefahren«, sagte Sabine. »Sie werden sich vielleicht nicht darauf besinnen. Karla und ich hatten ein Kostümfest in Berlin mitgemacht. Damals lernten wir Stüwe kennen. Er verliebte sich in meine Schwester, und ich wurde seine Schülerin. Er brachte uns morgens an den Zug. Wir waren in ausgelassenster Stimmung. Auf einmal kamen Sie an. Auch Sie hatten die Nacht in Berlin zugebracht. Besinnen Sie sich?« Steegen hatte eine dunkle Erinnerung. »Wissen Sie, daß ich Sie damals durchschaute? Wir kannten Sie als den neuen Inspektor, der so ausgezeichnet zu Pferde saß. Aber natürlich waren Sie immer etwas Subalternes für uns gewesen. Jetzt sah ich zum erstenmal, daß Sie ein feiner Herr waren. Sie hatten einen tadellosen Anzug und lehnten sich vornehm und, wie man so sagt, mit einem müden Zug in die Ecke Ihres Abteils zurück. Nachher schliefen Sie sogar. Man erkennt einen Menschen unfehlbar, wenn er schläft. Karla und ich beobachteten Sie vom Gang aus. Als der Wagen uns von der Station abholte, setzten Sie sich selbstverständlich auf den Bock und waren wieder Inspektor. Ich habe es aber nie wieder vergessen, daß Sie eigentlich ein feiner Herr waren.« Nach einer Weile, da er schwieg, fügte sie hinzu: »Werden Sie Ihre Verkleidung nicht abwerfen?« »Ich werde kaum mehr Zeit und Gelegenheit dazu haben«, antwortete er abwehrend. »Können Sie mir gegenüber nicht ein wenig offener sein?« »Ich verberge Ihnen nichts, gnädiges Fräulein.« »Wie Sie wollen!« sagte sie. Es war nun das zweitemal, daß Sie gerade diese Worte brauchte. Sie schwiegen. Die Strecke war für beide voller Erinnerungen, und nun brach noch die Sonne durch die Wolken. Auf einmal bestand die Welt wieder aus abgeernteten Getreideschlägen und versteckten Dörfern. Aufgelockerte breite Fahrwege wollten durch Läuten respektiert werden. Auf den Stationen wurden Milchkannen ausgeladen. Der rotbemützte Stationsvorsteher kannte die alten Marktweiber der Holzklasse und gab erst nach Scherzen das Zeichen zur Weiterfahrt. Fuhrwerke von Gutsbesitzern und Bauernwagen hielten an den kleinen Stationsgebäuden, die keine Ähnlichkeit mit mondänen Vorortbahnhöfen hatten. Stattliche Kutschen mit wohlgenährtem Habblut davor, manchmal der Sandschneider eines Inspektors. Der Zug hatte Zeit. Er stand und prustete fünf Minuten auf unbekannten Stationen, stieß Güterwagen ab und ließ sich einen neuen Viehwagen anhängen, oder er stand nur so, ohne erkennbaren Zweck, da und dokumentierte, daß es viel Zeit in einer Welt gibt, die sich nur einmal und mit unwandelbarer Sicherheit im Umschwung des Jahres erfüllt. Sie kannten diese Züge, denen der Großstädter ungeduldig und hilflos gegenübersteht. Sie hatten in ihnen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, alle Lichtschattierungen des Tages und alle Verwandlungen der Jahreszeiten erlebt. Sie hatten mit allen Stimmungen in ihnen gesessen, allein und in der Gesellschaft verschiedenster Menschen. Hundert Situationen fielen ihnen ein, als sie wieder in dem weichgepolsterten Abteil saßen und der immer freundliche Schaffner durch den schmalen Seitengang kam und die Bewohner der Polsterklasse grüßte. »Kennen Sie den Schaffner noch?« fragte Sabine. Sie besann sich sogar auf die Stationsvorsteher von Vehlefanz und Heiligensee und auf das Büfettfräulein in Neustadt. Es machte sie glücklich, als Steegen dem Schaffner zwei Zigarren schenkte. »Erzählen Sie mir von meinem Vater«, fing sie überraschend an. »Verzeihen Sie, daß ich Sie danach frage. Aber Sie sind im Grunde der einzige, der meinen Vater gekannt hat. War er so schlimm, wie alle sagen? Sie können ganz offen sein. Ich habe furchtbare Dinge über ihn gehört. Ich will Ihnen vorher sagen, daß Vater in unserm Leben nur eine geringe Rolle gespielt hat. Wir hatten Furcht vor ihm und gingen ihm aus dem Wege. Meine Großmutter half uns dabei. Sie hielt es mit uns Mädels. Vor ihr hatte Vater ja offenbar Respekt.« »Ihr Herr Vater hatte seine guten Seiten«, sagte er ausweichend. »Er hat für die Warmblutzucht viel getan.« Das war die Redensart, die er anwandte, wenn man auf Herrn Blankenhorn zu sprechen kam. »Ja«, sagte sie lächelnd, »mir ist immer noch sein Bild in einer Pferdezeitschrift in Erinnerung. Dort stand ein langer Artikel über ihn, als er fünfzig Jahre alt wurde. Seine Verdienste um den Hengst Hamilkar wurden gerühmt. Dieser Hengst war ein entsetzliches Biest, das biß und schlug. Aber er sollte eine gutartige und brauchbare Nachkommenschaft haben. Vielleicht ähnelt mein Vater darin diesem Hengst. Wir sind ja auch alle sehr gutartig und einigermaßen brauchbar.« Sie lachte. »Sagen Sie, war mein Vater ein sehr unangenehmer Vorgesetzter? War er, mit einem Wort, gemein?« »Ihr Herr Vater verlangte viel«, wich er wieder aus. Plötzlich kam ihm der Gedanke, etwas Kühnes zu sagen. Wollte Sabine ihn aushorchen? Wollte sie ihn darauf festnageln, daß er seinem Haß gegen Blankenhorn Ausdruck gab? Er ließ das Gespräch mitten in die Situation hineinspringen. »Ich habe erst neulich wieder viel an Ihren Herrn Vater denken müssen«, sagte er. »Ich sah seinen Sohn, Ihren Halbbruder Joachim. Ihre Frau Stiefmutter zeigte ihn mir. Der Kleine war Ihrem Herrn Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!« »Ich habe davon gehört«, sagte sie und sah ihn ihrerseits an. »Wir haben natürlich nichts gegen das Kind. Unserthalben soll es der neue Majoratsherr von Swantemühl sein. Wir wollen nur nicht, daß seine Mutter, die bei dem Tod meines Vaters eine zum mindesten merkwürdige Rolle spielte, als Herrin auf Swantemühl sitzt.« »Glauben Sie, gnädiges Fräulein, daß Ihre Frau Stiefmutter am Tode Ihres Herrn Vaters irgendwie schuldhaft beteiligt ist?« »Ich könnte Sie fragen: Glauben Sie das nicht? Aber ich sage lieber: Wollen wir nicht lieber diese Art des Gesprächs fallen lassen?« Wenn er jetzt schwieg, hatte er sich überantwortet. »Ich glaube es übrigens nicht«, sagte er deshalb. »In dieser Frage ist wohl noch alles ungeklärt.« »Nein, aber Sie wissen wahrscheinlich nicht, wieviel schon geklärt ist.« »Ich sprach neulich Herrn van Holten. Er hat die Spuren entdeckt, nicht wahr?« »Ja, er hat den Fall unseres Erachtens aufgeklärt. Aber ich will Ihnen sagen, daß wir keinen Gebrauch davon machen wollen, wenn es nicht nötig ist. Weshalb sehen Sie mich so an?« Er starrte ihr wirklich entsetzt ins Gesicht. Sie weiß nichts! dachte er. Holten hat es herausbekommen, aber sie weiß noch nichts! Sie weiß noch nicht, daß Holten mich für den Täter hält! Sonst könnte sie nicht hier mit mir zusammensitzen! Ist es möglich, daß sie noch nichts weiß? »Sie wissen, wer der Mörder ist?« Um nicht zu schreien, sprach er die Frage ganz leise aus. Sie sah ihn mit einem seltsam forschenden Ausdruck an. »Über diese Frage«, sagte sie ganz langsam, »möchte ich nicht mit Ihnen sprechen. Ich glaube, mit voller Bestimmtheit wissen wir noch nicht, wer der Mörder ist.« Er hatte es auf der Zunge, auszurufen: Glauben Sie, daß ich es bin? Was hätte sie geantwortet? Irgend etwas Ausweichendes! Auf dieser Fahrt wollte sie sich davon überzeugen, daß er es war. Sie hatten allein in dem Abteil gesessen. Jetzt stieg geräuschvoll ein älteres Ehepaar ein. Sie empfanden es beide als Erlösung und sahen auf den sandigen Weg hinaus, der sich um ein blaues Lupinenfeld herumbog. »Sie wissen es also noch nicht!« sagte er abschließend. »Nein!« sagte sie ebenso. Das Ehepaar erfüllte das Abteil mit häuslichen Angelegenheiten. Eine Erzieherin hatte Kinder geschlagen, was durchaus nicht zu dulden war. Irgendwelches Spalierobst war nicht aufgebunden worden. Der Mann hatte ein spitzes vorstechendes Kinn. Die Frau saß breitbeinig mit dicken Schenkeln da, und Sabines Erscheinung war ihr offensichtlich ein Greuel. Nach zehn Minuten zogen die Bremsen an. Bekannte Anlagen um eine Pumpe wurden sichtbar. Hinter dem Stationsgebäude sah man die Köpfe der beiden Braunen und die blaue Mütze des Kutschers Scherschke. Der Stationsvorsteher trat mit dem Winker in der Hand aus dem roten Backsteinbau. Diesen selben Mann hatte Steegen einst nach der Abreise Dorettes und der Damen Blankenhorn gefragt. Damals, als er noch jeden Tag auf Nachricht wartete. Die Bremsen zogen an, der Zug hielt. Türen schlugen, pralle Säcke und schwere Pakete wurden auf den Bahnsteig niedergesetzt. Aus einem Güterwagen lud man Ballen von Torfmull aus. Der Vorsteher grüßte erstaunt. Steegen bemühte sich, ein gleichmütiges Gesicht zu machen, aber er war erregt, als wenn er als Angeklagter zu einem Lokaltermin geschleppt würde. Die Braunen hatte er selbst eingefahren. Jetzt hingen sie beide schon ein wenig in den Kniegelenken. Scherschke hob grüßend die Mütze. Er wußte aus Sabines Telegramm, daß der frühere Verwalter mitkommen würde. Steegen fragte nach Ulfilas. Der Rappe war Inspektorpferd geblieben. Und die Kartoffeln? Jawohl, die Kartoffeln waren schon letzte Woche gut hereingekommen. Man hatte achtzig Frauen dazu genommen. Die Braunen zogen an. Zwei Kilometer lief die Chaussee geradeaus durch Stangenwald. Dann lag rechts die große Mahlmühle, und man bog links mit dem kleinen Flußlauf in die Allee aus uralten riesigen Platanen ein. Zu Fuß oder mit dem Reitpferd hätte man über die hölzerne kleine Brücke und durch die Wiesen rascher zum Gutshof gelangen können. Im Wagen mußte man am Rand des Laubwaldes weiterfahren. Von der Allee liefen die endlosen Jagen aus, die sich weit hinten in einem grünen Dunkel verloren. Eichen, mit eisgrauen Moosen behangen, standen am Rand. Ellern ließen die Zweige bis zum Spiegel des Flüßchens hinunterhängen. Manchmal öffnete sich ein lichterer Hain voller Buchen, auf dessen golden-modrigem Boden Sonnenkringel wie farbige Flecken eines Tigerfelles leuchteten. Hier kannten die beiden alles, aber ihre Erinnerungen waren zu verschiedener Art, als daß sie über sie hätten sprechen können. Das mannshohe Gras der endlosen Jagen war über Geheimnisse gewachsen, die wieder aufzustehen drohten. Sie schwiegen. Sabine sah Steegen von der Seite an. Er hatte eine finstere Falte zwischen den Augen. »Der Förster erwartet die Herrschaften«, sagte Scherschke überraschend. »Der Herr Verwalter und seine Frau sind nämlich gestern nach Berlin gefahren.« Sie wußten, daß hinter der nächsten Biegung des Weges die Försterei liegen würde. Ahlmann, der junge Förster, stand mit Hund und Gewehr vor dem weißen Haus und winkte. Gänse zischten den Wagen an und wurden zurückgetrieben. Zwei Dackel stürzten sich mit Gekläff den Pferden entgegen. Scherschke hielt, der Förster trat an den Schlag. Er bitte die Herrschaften zu einem kleinen Frühstück in die Försterei. Auf dem Gut klappe es heute nicht. »Ich komme nachher mit«, sagte er. Ein Mittagessen könne die Mamsell im Schloß wohl besorgen, aber Kaffeekochen, wie das gnädige Fräulein es liebe, das verstände nur seine Frau. Die Försterin hatte früher einmal auf dem Schloß gedient. Sabine besann sich auf die dunkle junge Frau, die in der Laube neben dem Haus den Kaffee auftrug. »Guten Tag, Frau Ahlmann. Sie wollen uns heute bewirten? Das ist nett von Ihnen!« Sie stiegen aus. Die Försterin knixte und verschwand im Haus. »Sie ist schüchtern«, sagte der Förster entschuldigend. Sie saßen um den weißgedeckten Tisch in der Laube. Bunte Bauernblumen blühten in farbigen Rabatten. Ahlmann traf ungeschickte Anstalten, den Kaffee einzugießen. Sabine nahm es ihm lachend ab. Die Försterin kam mit Setzeiern, die auf riesigen Speckscheiben gebraten waren. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen und sah trotz ihrer Jugend seltsam welk aus. »Aber Frau Ahlmann, was tischen Sie uns alles auf! Leisten Sie uns nicht Gesellschaft?« Die junge Frau wurde rot und verschwand wieder. Es war fast, als ob sie davonliefe. »Martha hat Angst vor Herrschaften aus dem Schloß!« sagte er. »Nichts für ungut, gnädiges Fräulein!« Sabine begann sich wohlzufühlen. »Ihr habt es gut hier!« Sie horchte auf das Rauschen in den Bäumen. Der Himmel hatte sich wieder bedeckt, aber die Sonne sandte noch Wärme genug und ein heiteres weißes Licht durch die graue Wolkenschicht. »Ja«, sagte Ahlmann, »es ist ganz gut hier. Wenn nur nicht das Geld so knapp wäre. Was im Wald zu holzen ist, ist für viele Jahre geholzt. Man kann nichts herauswirtschaften. Und mit der Wirtschaft ist es das gleiche. Wenn man einen Traktor anschaffen und die Feldbahn bis zu den Rübenfeldern durchlegen könnte, wäre das ein ganz anderes Arbeiten. Die Gespanne und die vielen Menschen fressen alles auf.« »Hören Sie auf, Herr Ahlmann! Hören Sie um Gottes willen auf! Wir haben doch nun einmal kein Geld, und wie die Dinge liegen, können wir die Klitsche jetzt nicht einmal verkaufen. Wer kauft auch dieses überschuldete Gut? Und dann wird es doch auch jetzt von der Gerichtskommission verwaltet.« »So habe ich es nicht gemeint!« sagte der Förster und wurde rot. »Ich meine nur, wir müßten den Damen in der Stadt etwas mehr herauswirtschaften. Aber es geht nicht.« »Sie haben sich ordentlich verjüngt!« kam Steegen ihm zu Hilfe. Damals war der Förster bleich und mager herumgelaufen. Jetzt hatte er ein volles rotes Gesicht und blanke Augen. »Es geht mir gut, ich bin zufrieden!« sagte er. »Ich habe mir auch fünfzehn Bienenstöcke zugelegt.« Er wies auf den goldgelben Honig auf dem Tisch. »Und aus dem Garten wirtschaftet man ja auch einiges heraus. Meine Frau versteht sich auf Mistbeete und diesen Kram, auch auf die Geflügelzucht. Man kann froh sein, wenn man eine gute Frau hat. Na, das gnädige Fräulein kennt ja die Martha!« »Ihre Frau sieht ein bißchen elend aus. Vielleicht arbeitet sie zu viel. Wieviel Kinder haben Sie jetzt eigentlich?« »Das eine, noch immer nur das eine.« Herr Ahlmann machte bei diesem Thema ein ernstes Gesicht. »Es ist jetzt anderthalb Jahre alt.« »Ich habe es, glaube ich, noch nicht gesehen.« »Wie sollte das gnädige Fräulein auch! Und jetzt schläft es wohl gerade.« Der Förster sprach von seinem Garten weiter. Er hätte mit Torfmull in dem sandigen Boden gute Erfahrungen gemacht. Man müsse sich seine Gurkenbeete ansehen. »Gern«, sagte Sabine, »aber zuerst muß ich mindestens noch zwei Tassen von diesem wundervollen Kaffee trinken. Meine Großmutter kocht mir nicht so guten.« Steegen sah, daß sie bei bester Laune war, oder konnte sich dieses Mädchen nur so vorzüglich beherrschen? Sie gingen nach hinten zu den Gurkenbeeten. Der Förster voran, hinter ihm Sabine, und Steegen als letzter. Als er sich umdrehte, sah er in der Küchentür den anderthalbjährigen Knaben stehen. Ganz ruhig stand er da, den Finger im Mund, den Kopf mit der merkwürdig ausgebauten Stirn weit vorgebeugt, und schaute den fremden Gästen nach. Diese Stirn erinnerte Steegen an etwas. Wo hatte er doch bei einem Kind eine ähnliche Stirn gesehen? Sah dieser Junge nicht aus wie das Kind Dorettes? Aber vielleicht hatten alle Kinder in dem Alter eine solche Stirn! Es war eine Kombination, die ihm flüchtig durch den Kopf ging. Hatte Blankenhorn mit dieser scheuen Frau etwas gehabt? Vielleicht hatte sie die warnenden Briefe an Dorette geschrieben? Er riß sich mit Mühe von dem Anblick des Kindes los und bemerkte im Weiterschreiten gerade noch, wie die Mutter lautlos aus der Küche trat und das Kind, ohne ein Wort zu sagen, in das Haus zog. »Sehen Sie nur die Gurken an, Herr Steegen!« rief Sabine. »So etwas habe ich überhaupt noch nicht gesehen!« Der Förster lächelte geschmeichelt. »Den ganzen Garten besorgt nun meine Frau allein mit der Magd!« 12 Wie sollte es anders sein, als daß hier Gespenster der Vergangenheit auf ihn zukamen! Wahrscheinlich erschien er selbst allen als ein Gespenst, die ihn neben Sabine in dem alten Blankenhornschen Wagen sahen. Sie fuhren nach dem Gutshof. Der Förster hatte sich auf den Bock geschwungen. Er hielt die Büchse zwischen den Knien, und der Hund lag auf seinen Füßen. So war es immer gewesen, wenn sie mit Herrn Blankenhorn zur Jagd fuhren. Sabine ließ die Augen schweifen. Sie umfaßte die Aussicht über die breite Geländemulde, in deren Mitte, von Büschen versteckt, Swantemühl lag. Links das Dorf, in der Mitte die alte Kirche aus Granitfindlingen und rechts der rechtwinklige Gebäudekomplex des Gutshofes. Von dem Schloß sah man durch den Park hindurch nur die Giebelseite, die, in der sich die Zimmer der beiden Mädels befunden hatten. »Da ist der Hügel!« rief Sabine und zeigte auf die einzige Erhebung hinter der Fachwerkwand der großen Scheune. Er wußte, was sie meinte. Dort pflegte er auf dem Rappen haltzumachen, wenn er nach Feierabend vom Felde zurückkam, um den Sonnenuntergang zu beobachten. »Wissen Sie, von wo ich Sie meistens sah? Von der Baumkanzel hinter dem Park!« Er überprüfte das Gelände. Von dort konnte sie gesehen haben, an welcher Stelle er mit Dorette in den Wald hineinritt und wo sie wieder herauskamen. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht eine Bewegung zu tun, die seine Ergriffenheit offenbarte. Diesen selben Weg, den sie jetzt entlangfuhren, war er hundertmal mit Dorette hinuntergaloppiert. Am Waldrand parierten sie die Pferde durch. Er dachte an die Querschläge zwischen den Jagen, an die engen Stellen, wo sie ganz dicht nebeneinanderreiten mußten. An den uralten Ahornbaum mit den niederhängenden Zweigen, unter denen sie haltmachten und sich küßten, ehe sie wieder das freie Feld gewannen. Das alles war nahe wie gestern. Wenn man die Zeit zurückschrauben könnte, dann würde sich alles noch einmal so abspielen. Blankenhorn – Abercron! dachte er, ohne eigentlich eine Vorstellung damit zu verbinden. Das stieg jäh aus dieser Mischung von Erinnerung und Gegenwart auf, und auf einmal wußte er, daß Abercrons Tage gezählt waren. Er erschrak vor diesem Einfall, der ihn wie ein Sturzregen überfiel. »Was haben Sie?« fragte Sabine. Er sah sie erstaunt an. Ihr Anruf riß ihn aus langgesponnenen Gedankenketten heraus, die ihm jetzt, im Aufwachen erst, zum Bewußtsein kamen. Er hatte an die merkwürdigen Worte des Herrn Schwarzer über den Braunen gedacht. Hatte das Tier wirklich die Neigung, vor der Hürde zu bocken? Plötzlich sah er Abercron vom Rücken des Pferdes durch die Luft fliegen und mit dem schweren Körper aufschlagen. Sabines Anruf riß ihn aus dieser Vorstellung. Würde er noch einmal um Dorettes willen eine solche Tat bis in alle Einzelheiten durchdenken können? dachte er schnell zu Ende. Mit genau der gleichen kaltblütigen Folgerichtigkeit wie damals? Die Vorstellung des hinstürzenden Abercron ließ ihn nicht los. Würde er? Er schauerte vor sich selber. Würde er? Wenn Dorette wollte! Wenn sie wieder mit ihm zusammenritt, wenn er wieder ihren Fuß in seinem Steigbügel fühlte und den starken Widerdruck ihrer Lippen! Nur würde er sich den Lohn zahlen lassen diesmal! Oder hatte damals ein anderer den Lohn empfangen? »Was ist?« fragte er laut zurück und begegnete Sabines fragendem Blick. »Sie sahen eben so merkwürdig aus!« sagte sie. »Als ob Sie auf jemanden böse wären.« Er schüttelte lächelnd den Kopf. Sie fuhren durch das Dorf, an der Kirche vorbei. Wie damals schien die Sonne auf die sandige Straße. Nur flutete das Licht nicht mehr smaragden grün. Die alten Kastanien waren fast entblättert. An dem großen Hoftor hatte er vor zwei Jahren gestanden und dem davonfahrenden Wagen nachgesehen. Sie fuhren über das holprige Pflaster des Wirtschaftshofs. Er sah, daß die Ställe verwahrlost waren. Die Scheunen standen mit eingeknickten Balkenknien da. In der Ecke arbeitete der Schmied an einer Egge. Der zweite Inspektor kam und grüßte den Wagen. Steegen hatte ihn noch in sein Amt eingeführt. Er besann sich, daß er Schorlemer hieß. Links lag der Gemüsegarten, und vor ihm zwischen Holunderbüschen das kleine Inspektorhaus. Dort hatte er sein Zimmer gehabt. Rechts hinter dem großen Rasenrondell lag weiß das Schloß mit seiner breiten Fensterfront. Er wollte es nicht, aber er mußte doch den ersten Blick auf jene bebuschte Ecke werfen, in der der Rechtsanwalt »die Spuren« entdeckt hatte. Dort sprang der neue Flügel des Schlosses zurück. Die Mauer mit gesprungenem Putz lief, einen Meter hoch, im Viertelkreis um die Wildnis aus Haselnußsträuchern, Fliederbäumen und Tannendickicht. Nichts war verändert. Er hätte die Lage der einzelnen Zweige zueinander aufzeichnen können. Nichts in der Welt hatte er so studiert wie diesen dunklen Winkel, um den die beiden Mauern rechtwinklig, weiß und fensterlos bis zum Dach hinaufstiegen. Der Wagen hielt vor der Auffahrt. Das Stubenmädchen stand auf der obersten Stufe der Treppe. Auch die kann es sein, dachte Steegen, die die beiden Briefe an Dorette geschrieben hat! Alle konnten es sein, selbst Schorlemer, der sich langsam näherte, oder der Bahnhofsvorsteher. Sie standen ein wenig verlegen vor der Treppe, die drei Männer und Sabine, und einige Stufen höher das Mädchen, zu deren robuster Gestalt das schwarze Servierkleid mit der weißen Schürze nicht passen wollte. »Wir wollen niemanden stören«, sagte Sabine. »Die Mamsell wird uns in zwei Stunden eine Kleinigkeit zu essen geben, und um vier Kaffee, und um halb sechs brauchen wir den Wagen zur Bahn. Das ist alles! Und natürlich möchte ich auch einmal durch das Schloß gehen.« »Ich schließe dann alles auf«, sagte das Mädchen. »Eigentlich ist es seit dem Prozeß verboten« mischte der Inspektor sich ein. »Das Schloß untersteht doch bis zum Urteil einer Kommission des Gerichts!« »Ich weiß«, sagte Sabine und wurde rot, »aber ich nehme doch hier nichts fort!« »Gewiß nicht! Ich möchte das gnädige Fräulein und Herrn Steegen nur bitten, daß nicht darüber gesprochen wird. Gestern war die frühere gnädige Frau mit ihrem neuen Herrn Gemahl da, und wir haben ihnen den Eintritt in das Schloß und in den Park verweigert.« »Wer war da?« brauste Sabine hoch. Steegen stand wie mit Blut Übergossen. Dorette war mit Abercron hiergewesen! Sie waren nicht nach Italien gefahren, wie sie vorgegeben hatten! »Wann waren Herr und Frau Abercron hier?« fragte er. Es war gegen sechzehn Uhr gewesen. Sie waren im Auto von der Berliner Chaussee her gekommen. Es hatte lange und heftige Auseinandersetzungen mit dem starken Herrn gegeben, den Dorette als ihren Mann vorstellte. Herr Abercron wollte durchaus die Stelle in der Mauer sehen, durch die der verhängnisvolle Schuß gefallen war. Der Inspektor hatte den beiden aber jedes Nähertreten verboten, und so waren sie schließlich fortgefahren. Man wunderte sich über den Besuch. Der Inspektor und der Förster hatten lange Diskussionen darüber gehabt, bis gegen Abend die Depesche eintraf, in der Sabine ihr und Steegens Kommen ansagte. »Steuerte Herr Abercron den Wagen selbst?« »Ja, es war ein Zweisitzer-Kabriolett. Das Verdeck war hochgeschlagen. Die Herrschaften müssen unterwegs heftigen Regen bekommen haben.« »Und uns wollen Sie also hier herumgehen lassen?« fragte Sabine. Der Inspektor lächelte. »Selbstverständlich! Wir bitten nur, nicht darüber zu sprechen.« »Sie werden uns dann durch das Schloß begleiten. Ich will nicht, daß uns etwas nachgesagt werden kann«, entschied Sabine. »Sie können sich auch die Stelle an der Wand ansehen«, meinte der Inspektor. An den Gesichtern der andern merkte er, daß er etwas Unpassendes gesagt hatte, und biß sich auf die Lippen. Sie gingen schweigend durch den Park. Dorettes Auftauchen in Swantemühl hatte die Situation bis auf den Grund durchleuchtet. Die Vergangenheit stand mit allen Schrecken um sie. Auf einmal war es Herbst, und die Sonne, die von Zeit zu Zeit zum Vorschein kam, legte das vorschimmernde Gerippe der Bäume nur schonungsloser bloß. Sie wateten in den raschelnden Blättern zur Baumkanzel, von der sie gesprochen hatten. Aber das war nun nicht mehr der Auslug des jungen Mädchens, sondern das Versteck eines Beobachters. Etwas hatte sich plötzlich zwischen ihnen aufgetan. Sie standen unsicher vor dem weiten Ausblick. Die Stufen und die Bank oben waren glitschig vor Nässe. Sie konnten sich nicht hinsetzen und nicht einmal gegen das Geländer lehnen. »Wundervolle Aussicht!« sagte Sabine. »Ja, ganz prachtvoll!« sagte er. Neben den banalen Worten gingen ihre eigenen Gedanken, die sie voreinander nicht aussprechen konnten. Heute abend, dachte er, oder morgen früh, wenn sie mit Herrn van Holten zusammentrifft, wird sie sagen: Sie haben recht! Steegen ist es gewesen! »Sagen Sie mir bitte eins!« fing sie an. »Wußten Sie von diesem Besuch der – Frau Abercron?« »Nein«, sagte er. »Ich stehe mit Frau Abercron viel weniger intim, als Sie vielleicht annehmen. Die beiden wollten gestern abend nach Italien fahren.« Er wußte nicht, ob sie ihm glaubte. Sie stieg ohne Worte die primitiven Stufen hinunter. Er folgte ihr. Als er neben ihr stand, hatte er den Wunsch, einfach fortzugehen und sie allein zu lassen. Aber wie sollte es vor den Leuten begründet werden? Wenn sie sich jetzt voneinander trennten, konnten gefährliche Schlüsse daraus gezogen werden. Für diesen Tag waren sie aneinander gefesselt. »Wir hätten nicht zusammen hierherfahren sollen!« sagte sie im Weitergehen. »Ich hatte mir alles anders vorgestellt.« »Wir müssen mit einem früheren Zug zurückfahren. Vor dreizehn Uhr geht einer, glaube ich. Wir erreichen ihn bequem, wenn wir in einer Stunde von hier losfahren.« »Ja, wir wollen diesen früheren Zug nehmen!« Sie schlenderten langsam durch den Park zurück. Auch die Wege um das große Rasenrondell waren verwachsen. Hier gab es den weiten Ausblick auf die Mühle. Sie machten einen Augenblick halt. Erinnerungen stiegen zu verschieden in ihnen auf. Sie fühlten, wie sie sich in ihnen bekämpften. Sie schritten dem Ausgang zu, um den Flügel herum, der vor hundert Jahren neu angebaut worden war. »Hier ist die Stelle!« sagte sie, als sie an dem verwachsenen Winkel vorüberkamen. »Ich möchte es mir doch einmal ansehen!« Er reichte ihr die Hand, daß sie über die niedrige Mauer gelangen konnte. »Und nun?« fragte sie. Er bog das Gezweig auseinander. Einen halben Meter weiter links konnte man sich ohne Mühe hindurchschwingen. Er wagte es nicht, sie darauf aufmerksam zu machen, aus Furcht, sich zu verraten. »Sie müssen etwas weiter nach links!« sagte eine Stimme neben ihnen. Erschrocken drehten sie sich um. Da stand Herr Ahlmann, der Förster, mit der Büchse auf der Schulter und dem Hund neben sich. »Etwas weiter links kommen Sie gut durch!« Er legte sein Gewehr ab und schwang sich über die niedrige Mauer. »Hier!« Aber er ging nicht, sondern griff zu den Ästen der alten Tanne hoch und turnte an den Händen bis zu der Wand des Schlosses. »So ist er gegangen«, sagte er, »und hier hat er auf diesen beiden Zweigen gestanden. Sehen Sie?« Der Putz der Mauer war abgeschlagen. Sechs Ziegel waren nur lose in das Mauerwerk eingefügt. »Soll ich sie herausnehmen?« »Nein!« sagte Sabine und drehte sich um. Steegen aber prüfte jede Einzelheit. Es war alles so, wie er es verlassen hatte. Da waren die Äste, auf denen die Füße Platz fanden. Da waren auf dem Boden noch die Eindrücke der herausgenommenen Ziegelsteine, und selbst das kleine langgezogene Oval glaubte er noch zu sehen, in dem damals der Schaft des Gewehres gestanden hatte. Des Gewehres, das ihn womöglich verraten hatte! »Und wenn man die Steine herausnimmt?« fragte er den Förster. »Es sind zwei Schichten Steine. Die Tapete dahinter in der Ecke des Herrenzimmers war ziemlich zerfetzt. Dort stand der Bücherschrank. Aber das wissen Sie ja wohl alles!« Weshalb sagte der Mann das? Woher nahm er an, daß Steegen das wußte? Oder meinte er nur, daß Steegen davon gehört hatte oder daß er ja das Zimmer von innen kannte? Oder bestand eine Verabredung zwischen den beiden: zwischen Sabine und Ahlmann? Hatten sie ihn hierhergelockt, um ihn am Ort der Tat zu beobachten? Er hielt das Auge gesenkt, heftete es auf die sechs losen Ziegel in der Wand. Endlich wagte er es, aufzuschauen. Sabine hatte sich fortgewendet, aber sie stand mit geneigtem Kopf, als ob sie lauschte und sich kein Wort entgehen lassen wollte. Grade vor ihm aber stand der Förster, sah ihn an und lächelte. Er hatte wirklich ein deutliches Lächeln um seinen starkgeschwungenen Mund. »Aber das wissen Sie ja wohl alles!« hatte er grade gesagt. »Ja«, antwortete er. »Der Rechtsanwalt van Holten hat mir eine Schilderung von dem Vorgang gegeben.« Auf einmal drehte Sabine sich um. »Der Rechtsanwalt van Holten kann Ihnen auch eine Schilderung davon geben, wie Sie Frau Abercron kennengelernt haben!« sagte sie und drängte sich durch die Büsche. Er blieb wie angewurzelt stehen und blickte ihr nach. Noch immer lächelte der Förster neben ihm. In einer merkwürdigen Gedankenausflucht mußte er an das Kind mit Blankenhorns ausgebuckelter Stirn denken. Weshalb lächelte dieser Mann so eigentümlich? Wußte er alles von ihm? Wußten schon alle alles von ihm? Mit kurzem Entschluß ging er Sabine nach. Er wußte nicht, was er jetzt tun würde. Vielleicht sie zur Rede stellen? Eine Aussprache herbeiführen? Einen Augenblick durchströmte ihn der Gedanke, ihr alles zu gestehen, wie eine Erlösung. Wenn er endlich irgend jemandem alles gestehen könnte! Zwei Jahre trug er jetzt die Last mit sich herum. Es war nicht, weil er sich eingekreist fühlte und in jedem Augenblick überführt werden konnte. Es war die große Enttäuschung, die ihm das Wiedersehen mit Dorette gebracht hatte. Liebte er Dorette noch? Ja, er liebte sie. Noch einmal würde er tun, was sie verlangte. Immer wieder! Er hatte Angst davor, sie nicht mehr zu lieben. Was hatte er noch im Leben, wenn er Dorette nicht mehr liebte! Er bog die Zweige auseinander und sah Sabine gegen den Holunderstamm gelehnt. Weinte sie? Aber sie hatte nur wenige Sekunden einem Schwächegefühl nachgegeben und richtete sich schon wieder auf, als Steegen hinter ihr stand. »Verzeihen Sie«, sagte sie. »Ich habe mich gehen lassen. Ich hätte nicht so häßlich zu Ihnen sprechen dürfen. Aber dieses Swantemühl macht mich heute wahnsinnig.« Er bewunderte ihre Selbstbeherrschung. »Wir wollen fahren!« sagte er. »Ja, wir wollen möglichst gleich fahren. Herr Ahlmann, bestellen Sie bitte den Wagen. Scherschke soll anspannen. Wir nehmen den Mittagszug.« 13 Sie standen vor der Terrasse des Schlosses und warteten auf den Wagen. Hinter dem Rosenrondell ging Ahlmann auf und ab. Die Fassade lag tot. Nicht einmal das Stubenmädchen ließ sich blicken. Ihre Unruhe war so groß, daß sie sich nicht auf der Bank niederließen. Immer ging einer von ihnen einige Schritte auf und ab, ohne daß der andre ihm folgte. Manchmal versuchten sie ein gleichgültiges Gespräch aufzunehmen, aber die Worte waren mit Sprengstoff geladen, der jeden Augenblick explodieren konnte. So war es damals, nach der Tat, gewesen, als niemand mit dem andern zu sprechen wagte. Er wußte nicht, was in dem jungen Mädchen vorging. Vielleicht war Sabine sich wirklich jetzt endgültig darüber klargeworden, daß er der Mörder ihres Vaters war. »Herr van Holten kann Ihnen auch eine Schilderung geben, wie Sie Frau Abercron kennengelernt haben!« Die Worte lagen noch immer in der Luft. Auf welchem Wege konnte van Holten davon erfahren haben? Niemand hatte bisher etwas davon gewußt. Niemand! Ob er Sabine danach fragte? Aber er brachte die Frage nicht heraus. Konnte sie ihm etwas anderes antworten, als daß er der Mörder war? Scherschke fuhr vor. Das Erscheinen des Wagens gab Anlaß zu einigen Worten. Sie lösten die Verkrampftheit nur wenig. Schorlemer kam aus dem Inspektorhaus, um sich zu verabschieden und die plötzliche Abreise zu bedauern. Von dem Rosenrondell her kam der Förster und schwang sich auf den Bock wie eine Schildwache. Der Hund sprang mit einem Satz nach. Die Pferde zogen an. Der Wagen ratterte über das Pflaster des Wirtschaftshofes und bog in die Dorfstraße ein. Genau so war der gleiche Wagen »damals« gefahren, an der Kirche vorbei, unter dem zerzausten Blätterdach der Kastanien, die diesmal schon braunrot gefärbt waren. Zwei Jahre, dachte er. Zwei Jahre der Angst und des Wartens, und grade hier an dieser Stelle, vollendete sich jetzt der Ring! Es gab gequälten Dank und Abschied, als Ahlmann ausstieg. Das weiße Haus mit dem Hirschgeweih über der Tür lag wie ausgestorben. Selbst die Gänse und Enten hatten sich verkrochen. Die beiden Dackel bellten im Innern wie aus einer fernen Gefangenschaft. Die bleiche dunkle Frau war nirgends zu bemerken. Es war, als hielte sie alles Ihrige versteckt, aus Angst vor der Berührung mit der fremden feindlichen Welt. Der Wald lag schweigend. Kein Lüftchen regte sich. Hunderte von Metern weit sah man in die bunten Schächte der Jagen hinein. Die breiten Äste der Tannen hingen wie gespreizte Hände. Das Mühlenwehr rauschte, das Räderwerk klapperte, aber auch hier sahen sie keinen Menschen. Sie wußten, daß es an der Mittagszeit lag, aber es war doch, als ob sich alles vor ihnen verbarg. Auf dem Bahnhof Abschied von Scherschke. Eine Viertelstunde lang Stehen vor den Gleisen. Der Stationsvorsteher grüßte von weitem. Steegen steckte sich eine Zigarette an und warf sie weg, als der Zug sichtbar wurde. Dann saßen sie wieder in den tiefen Polstern. Nichts Greifbares hatte sich ereignet, und doch hatte sich zwischen ihnen alles verändert. »Darf ich rauchen?« fragte er. »Gewiß! Hier ist überhaupt Raucherabteil!« Sie sahen zum Fenster hinaus. Einmal zwang er sich, ihr eine komische Wahrnehmung mitzuteilen. Es gab einige Worte, und von da ab sprachen sie wieder miteinander, um die Qual dieser Stunde zu übertäuben. In Neustadt stand der Hamburger Schnellzug auf dem Nebengleis und rollte langsam ab. Mit diesem Zug war »damals« Dorette abgefahren. Sie dachten beide daran. Wieder wollte er sie fragen: »Woher wissen Sie, daß ich Dorette vor Swantemühl gekannt habe?« Wieder brachte er es nicht über die Lippen. Die Fabrikvorstädte stiegen mit Gasometern und Röhrengewirr auf. Verrußte Rangiergleise dehnten sich in trostloser Gleichförmigkeit zu den geduckten Schuppen hin. Brückensysteme überschritten den Kanal und die Straßen. Noch fünf Minuten, dann liefen sie in der grauen Bahnhofshalle ein. Endlose Minuten. Sie gingen schweigend den Bahnsteig entlang, die Treppe hinunter. »Wie fahren Sie nach Hause?« fragte er. Es war ihm klar, daß sie verschiedene Wege nehmen würden. Er brachte sie zu der Autotaxe und öffnete den Schlag. Auf einmal stand der Abschied als Riesenaufgabe vor ihnen, die kaum zu bewältigen war. Er lüftete den Hut und machte eine tiefe Verbeugung. Und, merkwürdig, grade in diesem Augenblick mußte er an die Bronzegruppe denken, die zu Hause auf seinem Tisch stand. »Ach ja!« seufzte sie und sah ihn ernst an. Er wollte die Tür schließen. Aber plötzlich reichte sie ihm die Hand. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen die Hand geben darf«, sagte sie zögernd, »aber ...« »Aber?« fragte er zurück und erwiderte ihren Blick. Sie ist ein wundervolles Geschöpf, schoß es ihm durch den Kopf. »Aber ich gebe sie Ihnen!« ergänzte sie und lächelte dazu ein wenig vor Verlegenheit. Sie schlug die Tür zu. »Ich danke Ihnen dafür!« antwortete er, aber der Wagen rollte bereits davon. Sie konnte seine Worte nicht mehr gehört haben. Er blieb stehen. Wenn er die Augen aufhob, konnte er sie an der Ecke noch einmal in dem Wagenfenster von der Seite sehen. Aber er hielt den Blick gesenkt. Es war einfach so, daß er nicht wagte, ihr nachzublicken. Er fürchtete, daß auch sie sich nochmals umschauen würde und daß ihre Blicke sich kreuzten. Er wollte es nicht, denn Sabine hielt ihn für den Mörder ihres Vaters und – sie liebte ihn! Sabine liebt mich! wußte er auf einmal voller Traurigkeit. Deshalb hat sie diese Fahrt mit mir gemacht! Und nun hat sie auf dieser Fahrt entdecken müssen, daß ich wirklich der Mörder ihres Vaters bin! Eine Hupe ertönte dicht an seinem Ohr. Er sprang zurück. Die hastige Bewegung brachte ihn zu sich. Er bestieg den Autobus. Sollte er nach Hause fahren? Was sollte er in dem dunklen Zimmer? Vielleicht trieb man sich in der Nähe des Tiergartens umher, sah es sich einmal von unten an, wie es aussah, wenn die Rudel der Reiter die Sandwege entlanggaloppierten. Niemand würde ihn erkennen. Die Tattersallmenschen kannten ihn nur in der Stallmeistertracht. Jetzt war er ein eleganter Herr. Er sah bitter lächelnd an sich hernieder. Sabine redete von Verkleidung. Er war wirklich verkleidet. Nur daß er die Verkleidung nicht mehr abwerfen konnte. Dazu würde es nun nie mehr kommen. Wenn Sabine zu Holten gesprochen hatte, dann würde er verhaftet werden. Morgen früh oder heute nacht. Sabine war schon auf dem Wege zu Holten, um ihm zu sagen: »Ich weiß jetzt, Steegen ist der Mörder!« Am Brandenburger Tor stieg er aus und nahm den Weg in den Tiergarten. Das Wetter hielt sich noch immer, obwohl der letzte Tag die Gewalt des Sommers endgültig gebrochen hatte. Die meisten würden heut noch einmal im Freien reiten. Auch Holten! fiel ihm ein. Der Rechtsanwalt erwartete Sabine erst abends zurück. Am Donnerstag ritt er gewöhnlich nachmittags, von sechzehn bis siebzehn, oder die nächste Stunde. Steegen sah nach der Uhr: es war halb siebzehn. Vielleicht traf er ihn bei der Amazone. Dann hatte er noch den ganzen Nachmittag Zeit. Erst wenn Sabine und Holten sich getroffen hatten, konnte es geschehen. Das Ende kam! Sollte er sich sträuben? Aber etwas in ihm hatte gewußt, wie alles werden würde. Vielleicht war es gar nicht so sehr Dorette gewesen, worauf er die letzten zwei Jahre gewartet hatte, sondern dieses Ende. Er war in Gedanken bis zum Rosengarten gekommen. Alle Reiter Berlins schienen unterwegs zu sein. Die Hufe klopften lautlos den Sand, man hörte nur das Schnauben der Tiere, das Klirren der Kinnketten, das Knirschen der Sättel und die Stimmen der Reiter. Hinter den Büschen tauchten die wippenden Pferdeköpfe auf und dahinter die weißen Gesichter. Die Stämme der Bäume glänzten naß wie feuchter Basalt. Rote Büsche glühten durch das bunte Laub. Der Spiegel des Teiches war mit gelben Blättern zugedeckt, die langsam dunkel wurden und untersanken. Durch den Hauptweg sah er drei Reiter traben: Werkenthin auf dem Schwarzschimmel eines Schriftstellers, Dr. Alstrich auf einem Verleihpferd und van Holten auf seinem Rappen, der auffallend mit der Vorderhand herausstach. Holten weiß noch nichts, fiel ihm im Augenblick ein. Die Gedanken gingen weiter. Ich muß ihn sprechen, ehe Sabine ihn aufgesucht hat. Ich werde ihm alles sagen. Ich werde mich ganz in seine Hand geben. Er schlug den Weg zum Zoo ein und schritt wie ein rüstiger Wanderer aus. Die Herren würden noch um die Amazone und um den Rosengarten galoppieren. Er konnte im Tattersall sein, ehe Holten zurückkam. Draußen wollte er auf ihn warten und ihn ansprechen. Es war soweit! Er kannte die Fußwege nicht und verlief sich einige Male. Seine Stirn wurde naß von dem ungewohnten Gehen. Er hastete vorwärts. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er Holten erreichte. Er kam an den Bahnhof und atmete auf. Jetzt konnte ihm der Rechtsanwalt nicht mehr entgehen. Eine Kavalkade vom Tattersall des Westens kam vom Wasserturm her angeprescht. Er blieb stehen und sah zu, wie die Reiter in dem Torbogen der Bahn verschwanden. Er wollte weitere gehen, aber plötzlich wurde er von einem merkwürdigen Anblick angezogen. Hinten im Sprunggarten hatte er die weißen Hinterfüße von Abercrons Braunem entdeckt. An dem eigenartigen Schwung der Bewegung erkannte er das Pferd, obwohl er nur die beiden weißen Fesseln sehen konnte. Er trat einige Schritte vor. Herr Schwarzer saß darauf. Seine langen Beine hielten den Braunen umklammert, und das Kreuz schien sich auf dem Rücken festzusaugen. Noch nie war es Steegen so aufgefallen, mit welcher Vollendung dieser Mann ritt. Aber das allein war es nicht, was ihn fesselte, sondern das seltsame Tun des Reiters. Herr Schwarzer ritt gegen die große Hürde an. Mit großen Sätzen schnellte sich das Tier vorwärts. Aber jetzt, dicht vor der Hürde, blieb es mit plötzlichem Ruck stehen. Die Vorderbeine stemmten sich ein, der Hals bog sich zur Erde, der Rücken krümmte sich. Herr Schwarzer suchte sich durch engen Knieschluß im Sattel zu halten, aber die Wucht des plötzlichen Halts war so groß, daß er dem Tier fast auf den Hals fiel. Noch einmal und dann noch einmal wiederholte sich das gleiche Schauspiel. In fliegender Karriere ging es bis zu der Hürde, und dann kam dieses plötzliche Bocken des Tieres, das den Reiter jedesmal nach vorn riß. Und erst beim viertenmal flog der Braune im eleganten Schwung hinüber. Es sah aus, als ob der Reiter ihn endlich bezwungen hätte. Steegen trat zurück und zwang sich, mit schnellen Schritten der Hardenbergstraße zuzugehen. Herr Schwarzer durfte ihn nicht sehen. Herr Schwarzer! Es war die Vorbereitung zu einem Mord, was er soeben gesehen hatte. Oder konnte er sich getäuscht haben? Nein, er hatte sich nicht getäuscht! Er hatte das ungewöhnliche Zurücknehmen der Schenkel bemerkt, als der Braune endlich über die Hürde setzte. Wenn ein weniger guter Reiter, und unvorbereitet dazu, mit diesem Pferd sprang, dann mußte er über den Hals geschleudert werden! Schwarzer oder ich! dachte er. Und Dorette? Wußte Dorette schon? Das stampfte mit Riesenschritten vorwärts. Soeben war alles noch fern gewesen. Lange Entwicklungen sollten sich noch dazwischenschieben. Noch einmal monatelanges Ringen wie damals in Swantemühl. Stundenlange Ritte mit Dorette, ein Anziehen und Abstoßen, langsames Steigen der Spannung, bis die taumelnde Begierde zum Wahnsinn fortriß. Noch einmal das alles! So hatte er sich das vorgestellt! Ja, er hatte es sich wirklich vorgestellt. Aber es wäre ja keine Zeit mehr dazu gewesen! Er war umstellt und vielleicht schon überführt. Holten wußte, daß er Dorette vor Swantemühl gekannt hatte. Damit war alles entschieden! Weshalb ging das diesmal so rasch? Es hatte kaum angefangen. Vor kaum drei Wochen hatte er Dorette wiedergesehen. Ja, genau vor drei Wochen war es gewesen, daß er zu Abercron hinging. An einem Donnerstag wie heut. Jeden Donnerstag fanden Abercrons merkwürdige Gesellschaften statt. Wie würde es heut damit stehen? Hatte der Kampf zwischen ihm und Dorette schon begonnen? Eine wahnsinnige Lust packte ihn, in die Hildebrandtsche Privatstraße zu gehen und sich bei dem Industriellen melden zu lassen. Unter irgendeinem Vorwand! Er konnte ihm sagen: »Man wird versuchen, Sie mit dem Braunen zum Springen zu überreden. Springen Sie das Pferd nicht, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!« Abercron würde ihn erstaunt ansehen. Ob er ihm morgen das Kunststück mit dem Pferd vormachte? Aber Dorette! Wo war Dorette? Oder vielleicht sagte man zu Abercron nichts davon. Man konnte nicht wissen. Vielleicht brauchte man den Trick noch einmal selbst. Das zog sich schon wieder zu einem unzerreißbaren Netz zusammen, aus dem man nicht mehr herausfand. Er war in die Kantstraße eingebogen und stand an dem Hinterausgang des Tattersalls. Er sah nach der Uhr. Jeden Augenblick konnte Holten hier heraustreten. Der Rechtsanwalt würde ihn nicht einmal erkennen oder doch erst, wenn er dicht vor ihm stand. Einige Male mußte Steegen zurücke treten, um nicht mit Bekannten zusammenzustoßen, die aus dem Sattelhof herauskamen. Wahrscheinlich stand Holten jetzt grade unter der Dusche. Wenn er noch in dem Restaurant einen Mokka trank, dauerte es eine halbe Stunde, bis er kam. Die Straßenlaternen flammten auf und verdüsterten den Himmel. So war es gestern gewesen, als Sabine ihn aufsuchte. Wie eine Ewigkeit lag das zurück. Diese Fahrt nach Swantemühl hatte die Entwicklung vorwärtsgetrieben. Oder Dorettes Hochzeit hatte sie vorwärtsgetrieben. Oder vielleicht war es Holten, der treibend dahinterstand. Es war noch gar nicht so lange her, daß er Holten kannte. Aber das hatte schon in dem Plan dieses Menschen gelegen, plötzlich aufzutauchen und dann jeden Tag dazusein. Das war schon wie ein Schlußstrich gewesen, den ein Feind unter der Rechnung gezogen hatte. Warten Sie, hatte der Rechtsanwalt zu Sabine gesagt, jetzt kaufe ich mir ein Pferd und werde diesen Stallmeister beobachten und erschrecken. Und wenn es soweit ist, greife ich zu! Und Sie selber sollen mit ihm nach Swantemühl fahren und mir dann sagen, was Sie von ihm denken. Nun, ist er der Mörder? Und heute abend würde Sabine nicken und gestehen: Ja, er ist es! Heute abend, an diesem selben Abend, der gerade jetzt mit den aufflammenden Laternen begann. Er sah Holten mit Dr. Alstrich über den Hof kommen und klemmte sich gegen die Mauer. Die beiden Herren gingen langsam der Joachimstaler Straße zu. Sie standen eine Weile und unterhielten sich. Alstrich stieg in eine Elektrische, Holten hob die Hand, um ein Auto heranzuwinken. In diesem Augenblick ging Steegen auf ihn zu und lüftete den Hut. Der Rechtsanwalt drehte sich hastig herum. Seine Augen funkelten vor Freundlichkeit. »Ah, Herr Steegen, und heute einmal in Zivil! Es steht Ihnen besser als die Stallmeisterkleidung.« »Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, Herr Doktor!« »Ich weiß, ich weiß. Eigentlich warte ich seit einigen Tagen darauf. Kommen Sie bitte mit in mein Büro!« Er ließ ihn höflich voran. 14 Sie sprachen auf der Fahrt kein Wort. Mit dem Augenblick, als sie in der Taxe saßen, begann für sie eine Art Dienst, eine strenge unerbittliche Wirklichkeit. Das freundliche Lächeln Holtens war abgeschnitten. Steegen empfand es dankbar. Sie gingen die Treppe des Bürohauses hinauf. Holten öffnete die Tür des Wartezimmers. »Entschuldigen Sie mich bitte einige Minuten. Und wenn Ihr Besuch bei mir Sie reuen sollte, so gehen Sie ruhig wieder davon, Herr Steegen. Ich werde Sie mit keiner Silbe an dieses Zusammentreffen erinnern. Nehmen Sie Platz. Es kann zehn Minuten dauern.« Was nun? dachte Steegen. Das Fenster ging auf einen dunklen Hof. Die Bürozeit war bereits vorüber. Das Haus lag wie ausgestorben. Nur von fern, zwei Zimmer weiter, klapperte ununterbrochen eine Schreibmaschine. Holten wird telefonieren, vielleicht die Polizei benachrichtigen. Jeden Augenblick konnte Sabine kommen. Wer sagte ihm, daß sie nicht bereits hier war und die Unterhaltung aus dem Nebenzimmer anhören würde? Er zwang sich, nicht über das nachzudenken, was er Holten zu sagen hatte. Nur die Wahrheit wollte er sagen, die ganze Wahrheit! Holten trat ein. »Ich bitte!« sagte er ernst. Es war ein ungewöhnlich geschmackvoll eingerichtetes Arbeitszimmer, mehr ein Gesellschaftsraum. Nur daß die Bibliothek vorwiegend aus juristischen Büchern bestand. Aber auf einem großen runden Tisch in der Ecke lagen sogar einige Kunstmappen. »Bitte, nehmen Sie Platz, Herr von Scheeven!« Dieser Name war ohne Schärfe, nur wie eine längst gewohnte Anrede ausgesprochen, aber er wirkte auf Steegen derart, das er einen Schritt zurücktrat. »Sie wissen meinen Namen!« »Ich weiß auch noch manches andere, Herr von Scheeven. Übrigens können Sie immer noch gehen, falls Sie es für richtiger befinden sollten, und Sie sind dann für mich wiederum Herr Steegen.« »Nein«, sagte Steegen und setzte sich. »Ich will Ihnen alles erzählen, was ich weiß.« »Es wird mich interessieren. Hier stehen Zigaretten.« Der Rechtsanwalt drehte sich halb nach seinem Schreibtisch um, nahm ein Blatt Papier vor und begann mit einem Bleistift Figuren hinzukritzeln. Steegen schlug die Beine übereinander, bildete mit den Händen ein Dach und saß eine Weile schweigend da. Dann begann er. »Wie Sie also bereits wissen, heiße ich Rolf von Scheeven. Mein Vater besaß einige Güter, beteiligte sich aber auch gern an Industrie-Unternehmungen. Ich wuchs auf dem Lande auf, studierte zunächst ein wenig Landwirtschaft und wurde dann Offizier.« »Bei den 26. Husaren!« »Ja. Die Pferdegeschichte machte mir großen Spaß, das andre weniger. Ich hätte bald meinen Abschied genommen, wenn nicht der Krieg ausgebrochen wäre. Es ging mir übrigens im Felde gut. Kaum vier Monate Schützengraben, sonst Stabsstellen, Munitionsstaffeln oder Pferdedepots. Während des Krieges wurde mein Vater eine bedeutende Persönlichkeit. Sein Name spielte eine Rolle bei der Durchführung des Hindenburgprogramms. Er war einer der großen Scharfmacher und verdiente viel Geld. Kurz vor Kriegsende starb er plötzlich. Ich nahm dann später meinen Abschied. Damals war ich sehr wohlhabend und hätte es während der Inflation noch mehr werden können, wenn ich aufgepaßt hätte. Aber ich paßte nicht auf. Ich hielt es nicht für möglich, daß so viel Geld eines Tages plötzlich zu Ende sein könnte. Die Rentenmark habe ich sogar noch einigermaßen überstanden. Dann aber ging es mit Riesenschritten bergab. Mein Vater hatte da einige nicht ganz ungefährliche Geschäftsfreunde, die Lenninghaus', Sie wissen.« »Ich weiß.« »Kurzum, eines Tages war es so ziemlich zu Ende. Eine Zeitlang hätte ich mir noch ein Gut kaufen können, dann hörte auch das auf. Ich nahm das alles nicht so furchtbar ernst. In dieser Zeit lernte ich Dorette Blankenhorn kennen. Es war in einem Münchner Hotel.« »Soll ich es Ihnen nennen?« »Es ist nicht nötig. Ich weiß, daß Sie das herausbekommen haben. Eines Morgens fiel mir ein besonders scheußlicher Kerl beim Frühstück auf. Ich erkundigte mich nach ihm. Er bewohnte eins der größten Zimmer und hatte außerdem ein Zimmer vorbestellt für eine Dame, die am Mittag aus Berchtesgaden kommen sollte. Ich nahm mir vor, am nächsten Morgen aufzupassen, aber ich sah die beiden schon am Abend vor mir die Treppe hinaufgehen. Damals war Dorette – verzeihen Sie, wenn ich Frau Abercron einfach so nenne – zweiundzwanzig Jahre und unverheiratet. Übrigens gefiel sie mir nicht. Meine Neugierde war befriedigt, und ich hätte mich nicht mehr um diese beiden Menschen gekümmert, wenn ich nicht zwei Tage darauf Dorette im Hotelvestibül hätte sitzen sehen. Ihr Gesicht hatte einen unbeschreiblichen Ausdruck. Man konnte eine ganze Geschichte aus diesem Gesicht herauslesen. Ein schutzloses junges Mädchen aus gutem Hause, arm, schön, verlassen, und mit dem Wissen darum, welche Waffe und welche Gefahr ihre Schönheit für sie bedeutete. Ich dachte mir, als ich sie so sitzen sah – und das war auch das Richtige –, daß sie unerträglich engen Verhältnissen entflohen war und die Bekanntschaft dieses unsympathischen Herrn Blankenhorn benutzt hatte, um überhaupt erst einmal herauszukommen, mochte daraus werden, was wollte.« »Sie wissen, Herr von Scheeven, aus welchen Verhältnissen Frau Abercron stammt?« »Ich weiß es. Blankenhorn hatte sie als eine Art Haustochter alias Kindermädchen bei einer norddeutschen Familie entdeckt, die in Berchtesgaden zur Kur weilte. Ihr Vater war ein reicher Kaufmann gewesen, bis er Bankrott machte und sich erschoß. Dorette hatte Schauspielerin werden wollen. Sie war an Geld und Bewegungsfreiheit gewöhnt und hatte dann plötzlich die erste beste Stellung annehmen müssen. Ich nehme an, daß sie sie außerordentlich schlecht ausgefüllt hat.« »Darauf können wir uns wohl verlassen.« »Wie es gekommen ist, weiß ich im einzelnen nicht. Dorette war unerbittlich gewesen. Blankenhorn hatte ihr die Ehe versprechen müssen. Selbst dieser arge Sünder konnte sich Dorettes Willen nicht entziehen.« »Willen?« fragte der Rechtsanwalt. »Wirklich Willen?« »Ich weiß in der Tat nicht, ob Dorette je etwas gewollt hat. Dorette war da und lächelte. Vielleicht hat sie im Grunde nie etwas gewollt. Immer geschah etwas um sie herum, und unter den Möglichkeiten wählte sie dann nur die eine heraus. Ich habe sogar den Eindruck, daß sie stets ein wenig verzweifelt über das war, was um sie geschah. Jedenfalls sah ich sie mit einem unbeschreiblichen Ausdruck in dem Hotelvestibül sitzen und auf Blankenhorn warten. Ihr Anblick erschütterte mich. Von diesem Augenblick an wußte ich, daß sie in meinem Leben die ausschlaggebende Rolle spielen würde. Unbekümmert darum, daß dieser schreckliche Mann in jeder Sekunde die Treppe hinunterkommen konnte, sprach ich sie an. Sie erschrak, ich warnte sie vor einer Gefahr, in der sie sich befände. Sie hörte mir zu. Wir sprachen eine Viertelstunde miteinander. Ich wollte es geradezu erzwingen, daß Blankenhorn hinzukam und uns zusammensah. Es hätte eine Auseinandersetzung gegeben, in der Dorette sich für mich entschieden hätte. Aber merkwürdigerweise bekam ich Herrn Blankenhorn nicht mehr zu Gesicht. Dorette verfügte über eine große Kunst der Regie. Jeden Tag sprach ich ganze Viertelstunden mit ihr. Wir trafen uns manchmal in der Stadt. Ich beschwor sie, Blankenhorn zu verlassen und ganz zu mir zu kommen.« »Sie wollten sie heiraten?« »Natürlich wollte ich sie heiraten! Damals glaubte ich noch, viel Geld zu haben. Oder eigentlich glaubte ich das nicht mehr, aber ich wollte es nicht sehen, daß ich bereits ruiniert war. Ich glaubte, daß ein Wunder geschehen würde, ein plötzliches Hochschnellen der Kurse, das mich rettete. Wir verabredeten die Flucht. Ich zog in ein andres Hotel. Am Abend wollten wir uns auf dem Bahnhof treffen und abfahren. An diesem Tage erst machte ich mir meine Lage klar. Ich saß in dem Hotelzimmer und rechnete. Das Ergebnis war niederschmetternd. Ich irrte verzweifelt durch die Straßen. Nicht weil ich jetzt arm war, sondern Dorettes wegen. In dieser Stimmung schrieb ich ihr einen Brief, in dem ich ihr alles anheimstellte. Der Liftboy ihres Hotels mußte ihn ihr in einem unbewachten Augenblick in die Hand spielen. Ich weiß noch jedes Wort, das ich ihr geschrieben habe. Ich malte ihr ein Leben in bescheidenen Grenzen aus und schwur, sie auf Händen tragen zu wollen. Ich konnte eine Stelle als Gutsverwalter oder Gestütsdirektor annehmen. Meine Verbindungen würden mir zustatten kommen. Das alles setzte ich ihr auseinander. »Am Abend zu der verabredeten Stunde wartete ich auf dem Bahnhof. Immer hoffte ich noch, daß sie trotzdem kommen würde. Ich nahm sogar eine Fahrkarte für sie, um auf alle Fälle gewappnet zu sein. Sie kam nicht. Und sehen Sie, das habe ich ihr hoch angerechnet, daß sie einfach nicht kam. Sie wollte aus der Misere heraus und schloß keine Kompromisse mit ihrem Herzen.« »Hm«, machte der Rechtsanwalt. »Sind Sie so überzeugt davon, daß Frau Dorette ein Herz hat?« Steegen sah ihn fassungslos an. »Ein Herz? Natürlich hat sie ein Herz! Nur das Leben hat ihr keine Gelegenheit gegeben, ihm zu folgen. Immer mußte sie va banque spielen.« »Herr von Scheeven«, fragte van Holten ernst, »glauben Sie, daß Frau Abercron Sie liebt?« Steegen zögerte eine Weile, dann nickte er mit dem Kopf. »Ja«, sagte er. »Und wenn ich Geld gehabt hätte, wäre alles anders gekommen.« »Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, daß Frau Abercron jemand anders liebt?« Er überdachte, was er in der nächsten Stunde berichten würde. Da kam dieser Punkt, der in Dunkelheit lag. War es möglich, daß sie einen andern liebte? Ja, es war möglich! Es war da etwas, was er nicht überschauen konnte. »Ich werde Ihnen diese Frage durch meine Erzählung beantworten.« Holten nickte. Steegen fuhr fort: »Reste meines Vermögens waren auch jetzt immer noch zu retten. Ich aber ließ es laufen, wie es wollte. Es war mir eine Wollust, arm zu sein. Ich nahm eine Inspektorstelle an, die ich ohne Schwierigkeiten bekam. Damals legte ich meinen Namen ab. Er hätte mich gehindert. Eines Tages las ich ein Inserat, in dem die Majoratsverwaltung von Swantemühl einen erfahrenen Inspektor suchte. Mir fiel ein, daß Swantemühl diesem Herrn Blankenhorn gehörte. Ich meldete mich und wurde zur Vorstellung befohlen. Auf der Station holte mich der Milchwagen ab. Auf dem Wege begegnete mir Dorette in einem Selbstfahrer. Ich erkannte sie von weitem. Wir fuhren dicht aneinander vorüber. Der Milchfahrer grüßte, ich mit. Sie dankte. Hatte sie mich erkannt? Gab sie mir in dem Gruß ein Zeichen? Ich kann es Ihnen noch heut nicht beantworten. Eigentlich hatte ich erwartet, daß sie mich erschrocken anstarren würde, aber ich konnte keinerlei Bewegung bei ihr bemerken. Ich hatte mich in dem dazwischenliegenden Jahr verändert, oder, wenn Sie wollen, geschickt verkleidet. Obwohl ich andrerseits wieder gegen die Folgen meiner Verarmung ankämpfte. Ich hatte stets einige elegante Anzüge in meinem Koffer. Aber ich trug sie nur, wenn ich weit fort von meiner Arbeitsstelle war. Ich führte sogar ständig eine kleine Bibliothek mit mir herum. Ich liebte es, auf meinem Urlaub in den Foyers der besten Hotels zu sitzen, nicht aus Hochstapelei, sondern einfach, weil das meine Lebenssphäre war, in die ich von Zeit zu Zeit zurücktauchen mußte. Aber im übrigen war ich ein einfacher Gutsinspektor, ein außergewöhnlich brauchbarer übrigens. Ich konnte Haltung und Manieren meines neuen Standes waschecht kopieren. Ich stand vor Herrn Blankenhorn in halb militärischer Haltung. Wenn er mir eine Zigarre gab, dankte ich nicht mit einer Verbeugung, sondern durch ein Zusammenreißen meiner Knochen. Das machte mir Spaß, bis ich bemerkte, wie es allmählich in mich hineinkroch. Diese Haltung entsprach ja in der Tat dem Stande, in den ich mich hineinbegeben hatte. Ich durfte mich ja gar nicht mehr anders benehmen. Ich hielt vor mir selbst ängstlich die Fiktion aufrecht, daß das Ganze eine Vermummung war. Aber sie war es nicht. Sie ist es auch heute nicht mehr. Bitte, was unterscheidet mich von einem gewöhnlichen Stallmeister? Heute ist es eine Verkleidung, wenn ich im Smoking Herrn Abercrons Gesellschaft besuche.« »Sie wollten von Ihrem Aufenthalt in Swantemühl erzählen!« unterbrach der Rechtsanwalt ihn sachlich. »Es gehört dazu. Durch diese Swantemühler Stelle bin ich geworden, was ich heute bin. Noch immer hätte ich damals einen Vermögensrest retten können. Ich hatte einfach kein Interesse dafür. Alle meine Gedanken kreisten um Dorette. Es soll Ihnen zeigen, wie besessen ich von dieser Frau bin.« Er hielt einen Augenblick inne, ein wenig erschrocken über die Formulierung, die der Augenblick ihm eingab. »Bin oder war?« fragte Holten. Steegen sah ihn verwirrt an. »Ich weiß nicht, ich kann es Ihnen nicht sagen«, sagte er. »Ich erzähle weiter.« »Noch eine Frage: Sind Sie sicher, daß Blankenhorn Sie nicht von Anfang an durchschaut hat? Auch in Ihrer sozialen Stellung?« »Nein, darüber bin ich mir keineswegs sicher. Manchmal hatte ich den Eindruck, daß er mich gerade meiner Herkunft wegen besonders erniedrigen wollte. Er war fast noch schlimmer, als ich vermutet hatte. Übrigens bin ich mir nie darüber ganz klar geworden, wie weit seine Bösartigkeit ging und wie weit er vielleicht nur beschränkt war. Er kannte es vielleicht nicht anders, als daß man vor dem Familienoberhaupt zu ›parieren‹ hatte. Alles mußte vor ihm ›parieren‹. Sogar seine Mutter, von den Töchtern ganz zu schweigen. Die Mädels freuten sich auf einen Ball in der nahen Garnison. Im letzten Augenblick zog er die Erlaubnis, ihn zu besuchen, zurück. Karla wollte sich in Musik ausbilden. Ein Lehrer kam jede Woche heraus. Plötzlich wurde das Klavier verkauft. Es wurde auf einen Bretterwagen geladen und in die Stadt geschafft. Drei Tage lang ging das Mädel mit verweinten Augen herum. Sabine wollte Bildhauerin werden. Damals tauchte Professor Stüwe in Swantemühl auf.« »Verzeihen Sie die Unterbrechung: Haben Sie damals schon etwas davon bemerkt, daß sich Professor Stüwe für Frau Blankenhorn interessierte?« »Nicht das Geringste, obwohl ich die Augen in dieser Beziehung offen hatte. Stüwe interessierte sich ausgesprochen für Karla. Das junge Mädchen klammerte sich an diese Möglichkeit, aus der Hölle von Swantemühl herauszukommen. Ich glaube auch, daß eine von Blankenhorns Teufeleien dahintersteckte, wenn Stüwe plötzlich fortblieb. Das richtete sich wohl weniger gegen Karla als gegen Sabine, deren Talent Stüwe entdeckt hatte. Damals sollte Sabine nach Berlin, um sich bei Stüwe ausbilden zu lassen. Wir hatten bereits einen Etat dafür aufgestellt. Plötzlich kam Blankenhorn dann mit seiner hohen Lebensversicherung, deren Kosten das Geld für Sabines Aufenthalt in Berlin verschlangen. Später hörte ich dann, daß er diese Lebensversicherung sofort verpfändet haben soll.« »In der Höhe des Rückkaufwertes?« »Nein, fast in der Höhe der Versicherungssumme. Er fand irgendeinen Geldgeber dafür, der wieder einen bestimmten Anteil der Ernte für die Prämienzahlungen sicherstellen ließ. Aber das kam erst nach seinem Tode heraus. Im ersten Augenblick glaubte die Familie, durch diese Versicherung in den Besitz einer größeren Summe zu kommen. Ich allein wußte, daß die Versicherung auf Dorette ausgestellt war.« Holten sah ihn ernst an. »Sie allein wußten das? Und Frau Blankenhorn natürlich auch!« »Auch Frau Blankenhorn. Vor einigen Tagen sagte mir Dorette allerdings, daß ihr Mann ihr kurze Zeit vor der Katastrophe von der Verpfändung Mitteilung gemacht hätte.« »Glauben Sie das?« »Ich – ich weiß nicht!« »Bitte, fahren Sie fort!« »Sabine konnte also nicht nach Berlin. Die Erörterung darüber wurde kurz abgeschnitten. Herr Stüwe ließ sich nicht mehr blicken. Ich fragte Dorette nach dem Grund. Sie wußte nichts. Wahrscheinlich hatte Herr Blankenhorn ihm kurzerhand das Haus verboten.« »Sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, daß Herr Blankenhorn an der Seite seiner Frau einen Verzweiflungskampf kämpfte? Vielleicht erreichte er erst durch diese Heirat den Grad von Bösartigkeit, den Sie an ihm gekannt haben.« Steegen senkte den Kopf. Das war derselbe Gedanke, den schon einmal Abercron und Stüwe geäußert hatten. »Nehmen Sie an«, fuhr van Holten fort, »daß Blankenhorn den Argwohn engerer Beziehungen zwischen dem Bildhauer und seiner Frau hatte. Er sah sich von einem Netz umsponnen. Dieser Professor hatte vielleicht mit seiner Frau geheime Zusammenkünfte. Gleichzeitig verlobte er sich mit Karla und suchte Sabine zur Schülerin zu gewinnen. Blankenhorn wurde mißtrauisch. Vielleicht gehörte er zu jenen merkwürdigen Naturen, die bei aller Brutalität nach außen hin an inneren Minderwertigkeitskomplexen leiden. Er litt vielleicht unter sich selbst, unter seiner robusten Art. Er fühlte sich den Methoden einer geistigeren Diplomatie unterlegen. – Haben Sie sich nie solche Gedanken gemacht?« »Nein!« »Es ist mir nämlich aufgefallen, daß alle Menschen, die Blankenhorn gekannt haben, ihn mit den immer gleichen Begründungen ablehnten. Das macht mißtrauisch. Die Wahrheit ist nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt. Es gibt da gewöhnlich Übergänge. Wenn ein Mensch sich so allgemein scheußlich benimmt, wie es Herrn Blankenhorn nachgesagt wird, so nehme ich an, daß da irgendein unbekannter Grund vorlag, der diesen Menschen gerade zu diesem Benehmen veranlaßte.« »Und dieser Grund?« »Der Grund wäre in diesem Fall die Ehe mit dieser Frau! Herr Blankenhorn fühlte sich von Intrigen umgeben. Wahrscheinlich hatte Frau Dorette ihm vor der Hochzeit die Meinung beigebracht, daß sie ihn liebt, und wenige Wochen nach der Hochzeit konnte er sich vielleicht von dem Gegenteil überzeugen. Das sind natürlich Vermutungen!« Steegen sah ihn erstaunt an. War das nicht wieder genau das gleiche, was Abercron in jener Nacht bei Horcher zu ihm gesagt hatte? Mußte sich wirklich jetzt alles wiederholen? Blankenhorn – Abercron! Wieder stellte sich das Gesicht ein, das er niemals ganz los wurde: die aufsteigende Mündung eines Jagdgewehrs, das sich langsam gegen eine Stirn richtete. Und er selbst war es, der zielte und dessen Finger sich am Abzug krümmte. »Seine Frau hatte ihm den Glauben beigebracht, daß sie ihn liebe«, fuhr der Rechtsanwalt fort, »und nun war alles ganz anders. Er hatte das Gefühl, betrogen zu werden, und wußte nicht, von wem. Oder vielleicht wußte er auch, von wem. Aber wo er zupackte, zerrann es ihm unter den Händen. Diese Frau blies bunte Seifenblasen in die Luft und spielte mit ihnen. Er schlug danach und traf die leere Luft. Stüwe mußte verschwinden, und der nächste, der verschwunden wäre, wären vielleicht Sie gewesen. Aber da kam die Katastrophe dazwischen. Hat Blankenhorn Sie gemein behandelt? Nun gut, aber wie haben Sie ihn behandelt? Wissen Sie so genau, daß er nichts von Ihrer früheren Verbindung mit seiner Frau wußte? Ob er Sie beide nicht in verfänglichen Situationen beobachtet hat? Vielleicht hat er Ihnen und seiner Frau gegenüber einen ungewöhnlichen Langmut an den Tag gelegt. Vielleicht hat er sich als vornehmer Mensch gegen bloße Verdächte gesträubt und abgewartet, daß er einen sicheren Beweis in die Hand bekam. Vielleicht waren die Gemeinheiten, die er in der Tat gegen Sie und andre begangen zu haben scheint, nur ein geringer Ausgleich für die Qualen, die er unter der ständigen Gegenwart dieser Frau litt. Wissen Sie, ob er nicht um ihre Liebe gerungen hat? Mit den Mitteln freilich, die ihm zu Gebote standen! – Aber verzeihen Sie, Sie wollten erzählen.« 15 »Ich werde erzählen«, sagte Steegen, »und meine Erzählung wird manches aufklären, vielleicht sogar in dem von Ihnen angedeuteten Sinne. In vielem mögen Sie recht haben. Dorette und ich haben Blankenhorn jedenfalls gehaßt. Sie kennen, Herr Rechtsanwalt, das Schloß und das Gut. Das Inspektorhaus, in dem ich untergebracht war, liegt ein wenig abseits, vor dem Obst- und Gemüsegarten. Die Familie Blankenhorn erging sich gewöhnlich im Park, und wenn einige von ihr größere Spaziergänge unternahmen, benutzten sie eine kleine Pforte, die hinten aus dem Park direkt aufs Feld führte. Ich begegnete wochenlang niemandem, außer bei den Mahlzeiten. Aber Sie wissen, wie Mahlzeiten auf dem Lande sind. Der Inspektor darf nicht den Mund auftun. Die Hausfrau schöpft auf, und ein Mädchen reicht die Teller herum. In diesem Fall nahm Blankenhorns Mutter die Stelle der Hausfrau ein. Auch die Unterhaltung unter den Familienmitgliedern floß spärlich. Es herrschte eine gedrückte und fast verängstigte Stimmung. Zwischen Dorette und mir fiel kein Wort und kein Blick. Sie reichte mir nicht einmal die Hand, als ich ihr vorgestellt wurde, und lange Wochen hindurch haben wir uns nicht die Hand gegeben. Dadurch mußte die Spannung zwischen uns zunehmen. Der Händedruck, zu dem wir doch bei irgendeiner Gelegenheit einmal gezwungen werden würden, erschien uns schon im voraus wie ein Meilenstein am Wege. Wir dachten beide darüber nach, wie es sein würde, wenn wir uns doch einmal die Hand reichten. Es kam dann ganz plötzlich einmal, und es war dann auch gleich wie ein besiegelter Bund zwischen uns. Natürlich war es ein Affront gegen ihren Mann, als sie mir nach einem Mittagessen die Hand gab. Blankenhorn hatte mich bei Tisch vor allen andern heruntergekanzelt, wozu ich ihm übrigens nicht den mindesten Anlaß gab. Ich hatte eine Maßnahme getroffen, die sich sofort als sehr glücklich herausstellte. Natürlich sagte ich kein Wort, sondern ließ sein Schimpfen ruhig über mich ergehen. Ich sah auch mit keinem Blick zu Dorette hinüber, trotzdem sollte mein Schweigen ihr sagen: Das ertrage ich für dich! Und sie verstand mich. Dorettes und meine Stellung an diesem Tisch waren überhaupt einander ähnlich, denn wir wurden von allen mißachtet. Die beiden Mädels und ihre Großmutter hielten fest zusammen. Dorette war ihnen wie auch den Dienstboten ein verhaßter Eindringling. Ich kann mir sogar denken, daß Blankenhorn unter dieser Haltung gelitten hat. Wahrscheinlich hatte er sich die Stellung der jungen Frau in seinem Hause anders vorgestellt. Aber die Abneigung einer Sippe kann stärker sein als der Wille des heftigsten Tyrannen. Ich nehme an, daß Dorette mit den besten Vorsätzen nach Swantemühl gekommen war. Aber die Abneigung, die ihr sofort entgegenschlug, nahm ihr die Kraft und vielleicht auch den Willen. Sie hatte damals noch nicht die Erfahrung, um solche Widerstände allmählich brechen zu können. Meistens saß sie still und undurchdringlich da, aber manchmal trug ihr Gesicht einen Ausdruck wie damals, als ich sie in der Münchener Hoteldiele sitzen sah, und im Grunde war ihre jetzige Lage der damaligen nicht unähnlich. Es war etwas an ihr, das mich rührte und erschütterte. Sie hatte den Sprung in die große Welt machen wollen, und sie war in ein Zuchthaus geraten. Wenn ich sie nie vorher gesehen hätte, würde ich mir damals vorgenommen haben, sie zu unterstützen. Man mußte ihr vor allem das Selbstvertrauen wiedergeben, das ihr, wie mir damals schien, abhanden gekommen war. Diese gemeinsamen Mahlzeiten waren furchtbar, wenn keine Gäste da waren, was Gott sei Dank nicht oft vorkam. Weder Herr Blankenhorn noch sonst jemand konnte eine Ahnung von unsrer früheren Verbindung haben, und doch war es, als ob im Unterbewußtsein alle von unsrer Zusammengehörigkeit wußten. Es war genau der gleiche Tonfall, in dem Dorette und ich von den andern angesprochen wurden. Wir beide, die nicht zu der Sippe gehörten und die dennoch an diesem Tisch zu sitzen ein Recht oder sogar eine Verpflichtung hatten, wir wurden durch die stummen und unbewußten Ahnungen der andern zusammengedrängt. Ich wußte nicht, was sich sonst innerhalb der Familie zutrug, nicht einmal, welcher Art das Verhältnis zwischen Dorette und ihrem Mann war. Was mochten die beiden miteinander sprechen, wenn sie sich in ihre gemeinsamen Zimmer zurückzogen? Gab es zwischen ihnen überhaupt eine Gemeinsamkeit, oder hatte sie sich längst unter dem Druck der allgemeinen Unstimmigkeit verflüchtigt? Wenn man die beiden zusammensah, konnte man sich keine Vorstellung davon machen, daß es zwischen ihnen überhaupt eine Gemeinsamkeit gab, und doch glaubte ich später dahinterzukommen, daß eine gewisse Vertrautheit zwischen diesen beiden so verschiedenen Menschen bestand. Ich habe mich oft darüber gewundert, wie gut informiert Dorette über alle Vorgänge auf dem Gut war. Das konnte nur auf Grund täglicher ausführlicher Gespräche mit Blankenborn sein.« Der Rechtsanwalt lächelte. »Sie wundern sich darüber!« unterbrach er. »Während Frau Blankenhorn Ihnen etwas über die unerträgliche Tyrannei ihres Gatten vorklagte, stand sie auf der andern Seite mit diesem Mann höchst intim. Vielleicht hat Herr Blankenhorn es gar nicht gewußt, daß er unglücklich verheiratet war! Vielleicht gab seine Frau ihm sogar Anlaß, zu glauben, daß sie sich an seiner Seite sehr glücklich fühlte!« Steegen sah erstaunt auf. »Es ist etwas Richtiges daran«, sagte er nach einer Pause. »Die Situation zwang Dorette wahrscheinlich zu einer weitgehenden Verstellung. Ohne daß sie sich verstellte, wäre sie von Blankenhorn einfach hinausgeworfen worden.« »Und auf die andere Art wurde Blankenhorn ermordet!« sagte van Holten ernst. Rolf Steegen suchte diesen Satz mit einer Handbewegung fortzuwischen. »Ich erzähle weiter: Man kann sich kein freudloseres Dasein denken, als ich es in Swantemühl führte. Auch meine Tätigkeit machte mir keine Freude. Man konnte nicht durchgreifen, es fehlte an Geld. Manchmal richtete ich es von langer Hand mit großer Umsicht ein, daß eine größere Summe zur Verfügung stand. Dann nahm mir Blankenhorn das Geld einfach fort, fuhr nach Berlin, brachte Hunderte an einem Abend durch und mußte oft noch in einem zweifelhaften Lokal ausgelöst werden. Es war, als ob ein Dämon diesen Menschen zwang, gegen das Seinige zu wüten. Als ob er an etwas Rache nehmen müßte. Dabei waren die Frauen die Bescheidenheit selbst. Sie arbeiteten mit allen Kräften. Die Innenwirtschaft, die Hühnerzucht, der Milchbetrieb, das alles funktionierte mustergültig. Gemüse und Obst wurde auf den Markt gebracht. Von der alten Frau Blankenhorn war immer noch etwas Geld herauszukriegen, wenn die Not am größten war. Dafür wurde den Frauen jede Freude beschnitten. Nein, Herr Rechtsanwalt, es gehörte schon eine Portion Gemeinheit dazu, sich so aufzuführen, wie es Blankenhorn getan hat. Als dann eines Tages von der Lebensversicherung die Rede war, haben sicher alle den einen Wunsch gehabt, daß sie bald in Wirkung treten möchte, auch wenn niemand es aussprach. Die alte Frau Blankenhorn, Dorette, ich, die Töchter, wir wußten alle, daß diese Wirtschaft keine drei Jahre mehr aufrechtzuerhalten war. Nur wenn das Wunder geschah, daß Blankenhorn plötzlich starb, konnte die Situation gerettet werden.« »Und wie erklären Sie sich dieses Verhalten Blankenhorns?« »Manchmal glaubte ich, daß es politische Gründe hatte. Vielleicht lehnte er die neue Zeit mit ihren Anforderungen ab. Jedenfalls äußerte er sich oft im Kreise seiner Berufsgenossen in diesem Sinne, und der Beifall, der solchen Reden stets folgte, mochte ihn darin bestärken. Aber ich glaube doch, daß da noch tiefere Antriebe vorlagen. Vielleicht litt er darunter, daß er keinen Sohn hatte. Im Grunde war er ein Frauenverächter. Oder er fühlte, daß ihn niemand leiden konnte. Solange seine erste Frau lebte, soll es anders mit ihm gewesen sein.« »Ja«, bestätigte van Holten, »damals soll es ganz anders gewesen sein.« »Jetzt jedenfalls stand es schlimm mit ihm.« »Seit seiner Heirat mit Dorette!« Steegen sah den Rechtsanwalt unwillig an. »Haben Sie Anlaß, Blankenhorns wirtschaftliches Verhalten immer mit dieser Heirat in Zusammenhang zu setzen?« »Ich kann es mir wenigstens vorstellen. An der Milch- und Innenwirtschaft und an der Hühnerzucht und dem Gemüsebau hatte Dorette wahrscheinlich wenig Anteil. Was tat sie aber sonst? Können Sie es sich vorstellen, was sie tat? Sie saß da und lächelte, nicht wahr? Sie war wie ein Göttergeschenk, wie eine Krone des Lebens. Aber sie schenkte und krönte nicht. Die Wirkung blieb aus. Sie war wie ein Versprechen unendlicher Lebenserfüllung, das niemals gehalten wurde. An ihren Bewegungen, an ihrem Lächeln, an ihrem Gesicht zerschellte der Lebenswille Blankenhorns. Kann es nicht so gewesen sein?« »Nein«, sagte Steegen scharf. »Dorette kann schenken und krönen, aber nur den einen, den sie liebt. Alles andre war Vorbereitung in ihrem Leben. Auch diese Heirat mit Abercron ist noch nicht das Richtige. Aber dann wird es vielleicht kommen! Ich glaube, daß es kommen wird!« »Sie wollten erzählen, Herr von Scheeven!« Steegen biß sich auf die Lippen und fuhr fort: »Ein volles Vierteljahr lang bestand zwischen Dorette und mir keinerlei Verbindung. Bis wir uns einmal – nach aufgehobener Tafel, ich sprach bereits von dem Anlaß – die Hand reichten. Es war nur ein Augenblick, daß unsre Hände ineinander lagen, aber dieser Augenblick entschied über alles. Seitdem wurden wir wie um einen imaginären Mittelpunkt herumgerissen. Wir sprachen uns noch lange nicht, aber manchmal sahen wir uns von fern und sandten uns unsre Gedanken zu. Dann wurde mir befohlen, mit ihr auszureiten. Sie ritt gut, verheimlichte es aber, um von mir Unterricht bekommen zu müssen. Mit diesen gemeinsamen Ritten begann es. Ich war auch lange im Zweifel, ob sie überhaupt noch ein Gefühl für mich hatte. Wir ritten wochenlang miteinander, ohne daß wir mehr als das Nötigste gesprochen hätten. Stellen Sie sich meine Lage vor: Ich war nur ein kleiner Inspektor und sie die Frau meines Chefs. Ich wußte, daß Dorette nicht ungefährlich ist. Wie leicht konnte sie eine Unvorsichtigkeit meinerseits ausnutzen, um ihre Stellung bei ihrem Mann oder bei den Blankenhorns im allgemeinen zu festigen! Ich wußte nicht einmal, ob sie mich nicht wegen der Art haßte und verachtete, wie wir damals auseinandergekommen waren. Sie konnte einen Anlaß suchen, mich zu demütigen. Überdies war ich gezwungen, täglich in ihrer Gegenwart die Haltung eines landwirtschaftlichen Beamten einzuhalten. Und diese Haltung entsprach ja in der Tat völlig meiner sozialen Stellung. Ich mußte mit äußerster Vorsicht vorgehen. Wenn wir allein waren, begann ich langsam aufzuleben. Aus dem besseren Reitknecht wurde ich allmählich wieder der begleitende Kavalier. Ich drang Schritt für Schritt vor. Ich merkte, daß ich das verlorene Gebiet von neuem erobern mußte. Aber auch sie lebte auf. Ihr Körper wurde elastischer, gespannter. Sie gab nach, Schritt für Schritt, genau wie ich vordrang. Und dann, als wir einen Jagen entlang ritten, rief ich sie bei ihrem Namen an: Dorette! Wir sprachen sehr sachlich miteinander, aber wir nannten uns doch wieder bei Vornamen. Ich konnte in ihrer Gegenwart die lästige Maske abwerfen. Ich war wieder Rolf von Scheeven, die Verkleidung war wieder Verkleidung, obwohl sie es ja im Grunde nicht war, und nur, wenn wir durch das Dorf trabten, wurde ich wieder zum Inspektor Steegen. Wir lachten über die Veränderung, die mit mir vorging. Es gibt eine Art, als Inspektor, und eine andre Art, als Herr zu reiten, nicht wahr? Es liegt an Kleinigkeiten des Sitzes und der Zügelführung. Eine Gefahr für mich lag darin, daß sich eine Art zwangloser Kameradschaft zwischen uns entwickelte. Ich mußte über diese geschwisterliche Vertrautheit hinauskommen. Noch hatten wir uns nicht ein einziges Mal geküßt. Ich wurde kühner, und es war ein eigenes Gefühl, zu erleben, wie Dorette auch jetzt immer weiter und weiter nachgab. Ich fühlte, daß ich bis an die äußerste Grenze gehen konnte. Sie liebte mich.« Der Rechtsanwalt unterbrach: »Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, daß Frau Blankenhorn Sie ausnutzen wollte? Haben Sie sich nie überlegt, ob sie Sie nicht mit allen Mitteln dahin bringen wollte, ihren Mann umzubringen?« »Oh, das habe ich mir bald überlegt, als die Zeit der schärfsten Zusammenstöße mit Blankenhorn kam. Ich hatte nicht den mindesten Zweifel daran, daß Dorette den Tod ihres Mannes wünschte. Eigentlich mußten ihn ja alle wünschen! Aber es war nicht so, daß Dorette mich dazu zu bringen suchte, Blankenhorn zu ermorden. Ich selbst hatte von mir aus diesen Plan.« Der Rechtsanwalt sah ihn ernst an. »Sie wollten also Blankenhorn ermorden? Was versprachen Sie sich davon? Dachten Sie, daß Dorette dann zu Ihnen zurückkehren würde?« »Ja, das dachte ich. Ich habe sogar an die Lebensversicherung gedacht. Dorette hatte dann genügend Geld, daß wir dann etwas beginnen konnten. Ich sage Ihnen ganz offen, daß ich mir meinen Plan bis in diese materiellen Einzelheiten hinein überlegt hatte.« »Und Sie haben mit ihr darüber gesprochen?« »Erst spät, als alles schon fertig war. Es kam ja dann zu offenen Feindseligkeiten zwischen Blankenhorn und mir, und auch zwischen Blankenhorn und Dorette. Erst als es soweit war, habe ich Dorette in meine Pläne eingeweiht.« »Und was hat sie dazu gesagt?« »Wenig. Eigentlich nichts. Sie hat mir nicht geglaubt, daß ich es tun würde. Ich machte ihr klar, daß es die Rettung für sie wäre. Ich beschwor sie, mir jetzt schon völlig anzugehören. Aber sie wies mich ab. Sie lachte über meinen Plan.« »Das braucht noch nicht zu bedeuten, daß sie ihn nicht billigte. Wahrscheinlich wollte sie Sie durch ihre Weigerung nur tiefer hineintreiben.« »Ich habe das ebenfalls angenommen, aber sie hätte das nicht nötig gehabt. Ich war fest entschlossen. Ich fand ein Gefühl höchsten Glücks darin, mit ihr in tiefster Übereinstimmung zu handeln.« »Aber«, ergänzte der Rechtsanwalt, »Sie hatten sich darin getäuscht, nicht wahr? Dorette wollte gar nicht den Tod ihres Gatten!« »Ich weiß es nicht, Dorette hat mir noch vor wenigen Tagen versichert, daß sie sich einer Ermordung Blankenhorns, wenn sie ernstlich daran geglaubt hätte, mit allen Kräften widersetzt haben würde. Aber ich glaube ihr nicht. Ihr Haß gegen diesen Mann war zu stark. Sie muß seinen Tod mit aller Inbrunst gewünscht haben. Das kam vielleicht bei ihr erst ganz allmählich. Ich glaube, daß ich die Entwicklung rascher vorwärtsgetrieben habe als sie. Immerhin dauerte es eine gewisse Zeit. Wir waren zwei Liebende, die sich über Hindernisse hinweg finden mußten.« »Verzeihen Sie die Frage«, unterbrach der Rechtsanwalt noch einmal. »Haben Sie sich dann wirklich gefunden? Ich meine: wie weit sind Sie mit Frau Blankenhorn gekommen?« »Sie werden erstaunt sein, wenn ich Ihnen sage, daß wir, was die äußerliche Form anbetrifft, nicht sehr weit miteinander gekommen sind. Dorette war noch immer die Frau ihres Mannes. Er bediente sich ihrer rücksichtslos und ohne Hemmungen. Sie hat ja auch noch aus der allerletzten Zeit ein Kind von ihm. Es mußte ihr widerstreben, sich zu verschenken, solange sie einem andern Mann hörig war. Ich durfte sie küssen. Wenn wir zusammen ritten, stellte sie ihren Fuß in meinen Steigbügel. Wir mußten ja immer gewärtig sein, daß uns jemand begegnete. Wir hatten sogar Blankenhorn in Verdacht, daß er uns beobachtete oder beobachten ließ. Schon aus diesem Grunde konnte es keine allzu auffälligen Liebesbezeugungen zwischen uns geben. Aber hinter unsern Zärtlichkeiten stand der Wille, uns ganz anzugehören. Wenigstens habe ich das damals geglaubt.« »Das klingt etwas resigniert«, warf van Holten ein. »Ich weiß nicht, ob es resigniert klingt. Ich habe keinen Grund, an der Wahrheit meiner Überzeugung zu zweifeln. Die bestehende Gefahr der Entdeckung mußte uns naturgemäß vorsichtig machen. Wir durften auch nicht bestimmte Gewohnheiten eintreten lassen. Liebende in unsrer Lage werden sich gewöhnlich irgendeine hübsche Stelle in einem Gehölz zu einem richtigen Liebesnest ausbauen. Das war uns versagt. Wir hatten nur einen uralten Ahornbaum mit niederhängenden Zweigen, unter denen wir manchmal saßen. Die Pferde banden wir dann in einer Schonung an, in der sie kaum bemerkt werden konnten. Unter dem Baum war es wunderbar kühl. Weit und breit ging kein Weg an dieser Stelle vorbei, nur die Landstraße lag etwa fünfzig Meter weiter. Aber daß wir dort manchmal saßen und uns küßten, war auch schon zu unvorsichtig. Jedenfalls glaube ich, daß diese Stelle uns in gewissem Sinne zum Verhängnis geworden ist. Ich fürchte nämlich, daß uns Blankenhorn hier einmal beobachtet hat. Wenige Stunden darauf war er tot. Doch um Ihnen das zu erklären, muß ich weiter ausholen.« 16 Ich sagte Ihnen bereits, daß es im Laufe der Zeit zu offenen Feindseligkeiten zwischen Blankenhorn und mir kam. Den Anlaß gaben wirtschaftliche Differenzen, aber der Kampf um Dorette stand natürlich dahinter. Blankenhorn muß es unterbewußt gefühlt haben, daß unsre Feindschaft ihn bedrohte, schon zu einer Zeit, als zwischen Dorette und mir noch nicht ein Wort darüber gewechselt war. Vielleicht wußte er selbst nicht, was ihn trieb. Er kam uns damals vor wie eine vergiftete Ratte im Käfig, und wir nannten ihn auch schlechtweg die Ratte. Er begann zu toben und zu rasen. Ich weiß nicht, wieviel die andern davon bemerkt haben. Die Mahlzeiten vollzogen sich in alter Weise. Es wurde bei Tisch kaum ein Wort gesprochen. Wir sechs Menschen saßen verängstigt und schweigend beisammen. Besuch kam in dieser Zeit fast gar nicht mehr ins Schloß. Wahrscheinlich hat Blankenhorn die gewohnten Gäste durch Rücksichtslosigkeiten vertrieben. Sein Gesicht war bis dahin brutal und roh gewesen, jetzt wurde es geradezu bösartig. Die Ohren legten sich eng an den Kopf an, der Schnurrbart sträubte sich nach vorn. Er sah wirklich wie eine Ratte aus. Ein Bild aus jener Zeit ging an seinem fünfzigsten Geburtstag durch die Fachzeitschriften. Er wurde mit seinem Hengst Hamilkar wegen großer Verdienste um die Warmblutzucht sehr gerühmt. Als ich das Bild sah, erfaßte mich ein Schrecken. Ich mußte mich fragen, ob denn nicht alle Menschen sahen, daß hier eine bösartige Ratte gefeiert wurde. Manchmal glaube ich selbst, daß Dorette und ich mit den Zornausbrüchen Blankenhorns nichts zu tun hatten. Es konnten andre Gründe dahinterstecken. Oft kam er in dieser Zeit drei Tage lang nicht nach Hause. Ich fand ihn einmal betrunken mit einer ebenso betrunkenen Scharwerksmargell in einer Roggenmiete liegen.« »Dann hatte seine Frau ja den schönsten Scheidungsgrund.« »Jawohl, Scheidungsgrund!« lachte Steegen auf. »Wie sollte sie sich scheiden lassen? Aus Blankenhorn wäre kein Geld herauszuziehen gewesen. Dorette hätte verhungern können, ehe sie etwas, auch bei dem günstigsten Urteil, von ihm erhielt. Er wußte das ganz genau und nutzte diese Sachlage mit einer geradezu viehischen Gemeinheit aus, sie zu quälen. Und dann passierte jene furchtbare Szene, um derentwillen allein er hätte sterben müssen. Es war zwei Tage, nachdem ich ihn mit der betrunkenen Dirne getroffen hatte. Ich wollte ihn wegen einer dienstlichen Angelegenheit sprechen und kam gerade durch den Flur des Schlosses, als er mit blutunterlaufenen Augen die Treppe heruntergestürmt kam, die Reitpeitsche in der Hand. Er sah mich nicht, sondern tobte an mir vorüber in sein Zimmer. Dort klingelte er. Das Mädchen wagte kaum hineinzugehen. Er schlug mit der Peitsche auf den Tisch und brüllte, daß Dorette sofort in sein Zimmer kommen solle. Ich hatte mich hinter die Haustür zurückgezogen. Eigentlich hätte ich fortgehen müssen, aber ich blieb stehen. Ich mußte sehen, was nun geschah. Dorette kam die Treppe herunter. Es mußte oben eine Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben haben. Ich merkte es ihr sofort an. Trotzdem war sie einigermaßen ruhig. Sie öffnete die Tür zu seinem Zimmer, blieb ein wenig stehen und sah zu dem wütenden Mann hin mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen werde. Sie zitterte vor Angst am ganzen Leib, sie duckte sich vor dem Schlag der Gerte, und doch – auf eine geheimnisvolle Weise lächelte sie ihm zu, wie eine Sklavin, die zu allem bereit ist, Schläge oder Liebe zu empfangen. Ich stand erstarrt. Auf einmal wußte ich, mit welchen Mitteln allein sie sich seiner hatte erwehren können. Er zog sie in das Zimmer hinein, und dort nahm er sie.« Steegen hielt einen Augenblick inne. Die Erinnerung war zu stark. Nach einer Weile fuhr er fort: »Ich überlegte mir natürlich, ob ich nicht hervorstürzen und ihr helfen sollte. Ich weiß noch heute nicht, weshalb ich es nicht getan habe. Vielleicht war auch in ihrem Benehmen etwas, was mich stutzig machte. Einen Augenblick ging es mir sogar durch den Sinn, daß seine Art vielleicht die einzig richtige war, um sie zu zähmen. Ich gestehe es mit Scham, daß mir das sekundenlang durch das Gehirn blitzte. Aber das war natürlich Unsinn. Dorette litt Unmenschliches. Ich aber hätte ihr nicht helfen können. Blankenhorn verfügte über ungewöhnliche Kräfte. Er hätte mich kurzerhand erledigt und Dorettes Erniedrigung um ein Vielfaches gesteigert. Aber damals schwur ich mir, daß er sterben sollte, und in demselben Zimmer, in dem er sich an ihr vergangen hatte. Und damals blitzte es mir zum erstenmal auf, wie das geschehen konnte. Sie wissen: aus dem vermauerten Winkel heraus durch die Wand.« »Ah!« machte van Holten unwillkürlich. »Ja, damals begann es. Zufällig hatte ich diesen Winkel entdeckt und bemerkt, daß die Mauersteine sich leicht aus der Wand lösen ließen. Ich begann, die Wand von innen her zu studieren und auszumessen. Die Tapete hinter dem Bücherregal war durchlöchert. Die Fetzen konnten herabgerissen werden. Ich schlich mich in das Zimmer, sobald ich Blankenhorn fort wußte. Es wurde mir klar, daß das Loch genau in der Höhe von Varnhagens Erinnerungen durchgestoßen werden mußte. Ich bearbeitete die Mauer von außen. Dazu wählte ich vorzüglich die Mittagsstunden, denn ich wußte, wie die Nacht die Geräusche verstärkt. Am Mittag aber war man hinter den Büschen völlig ungestört. Vielleicht wäre ich in meinem Bemühen dennoch eingeschlafen, wenn nicht auch ich noch einen Zusammenstoß mit Blankenhorn gehabt hätte. Bei einer Unterredung bedrohte er mich mit der Reitpeitsche. Ich konnte mich nicht wehren, denn er hätte mich einfach niedergeschlagen. Damals hatte ich zum erstenmal das Gefühl, daß er um meine Vergangenheit und meinen adligen Namen wußte. Ich merkte ihm die Freude an, mich zu demütigen. Durch diesen Auftritt hatte er zum zweitenmal sein Leben verwirkt. Er muß etwas davon geahnt haben, denn seit dieser Zeit war er höllisch vorsichtig mir gegenüber. Nach wie vor gingen wir zusammen auf die Jagd. Es wäre vielleicht das Einfachste gewesen, ihn bei diesen Jagdgängen zu erschießen und einen Unglücksfall vorzutäuschen. Es wäre sogar glaubhaft gewesen, daß er sich bei seiner bedrängten wirtschaftlichen Lage selbst erschossen hätte. Aber ich merkte genau, wie er sich vorsah. Stets mußte uns der Förster begleiten, und er verstand es bei den Gängen so einzurichten, daß entweder ich oder er in der Nähe des Försters war. Auf diesen Förster – er hieß Ahlmann – hielt er große Stücke. Er wußte, daß dieser Mann ihm blind ergeben war. Ahlmann hing auch an ihm. Blankenhorn war ein vorzüglicher Jäger. Eine ganz große Autorität auf diesem Gebiet. Das imponierte dem Förster natürlich. Wie mir ja auch die Pferdekenntnisse Blankenhorns imponierten.« »So hatte er wirklich Verdienste auf dem Gebiet der Warmblutzucht?« fragte van Holten lächelnd. »Die hatte er in der Tat. Durch Kreuzung des kleinen ostpreußischen Pferdes mit dem größeren Hannoveraner schuf er einen neuen, geradezu unvergleichlichen Typ. Seine Pferdekenntnis war schon nicht mehr die des Kenners, sondern des großen Spitzbuben. Er selbst fuhr und ritt übrigens mäßig, aber stets traf er mit seinen Anordnungen den Nagel auf den Kopf. Nur durch die Art des Anspannens brachte er widerspenstige Tiere zur Räson. Wild und Pferden gegenüber zeigte er ein Tast- und Zartgefühl, das ihm Menschen gegenüber leider völlig fehlte. Doch wir schweifen ab. Erst nach den geschilderten Auftritten äußerte ich zum erstenmal zu Dorette, daß ich Blankenhorn erschießen würde, und hielt sie von jetzt ab über meine Vorbereitungen auf dem laufenden. Ich wollte Blankenhorn mit seinem eigenen Drilling erschießen. Er pflegte mir dieses Gewehr zum Putzen anzuvertrauen. Es befand sich also oft tagelang in meinem Inspektorzimmer. Wenn ich es geputzt und geölt hatte, stellte ich es wieder in den Gewehrschrank, der sich in seinem Zimmer befand. Es fiel also nicht weiter auf, ob das Gewehr dort stand oder fehlte. Trotzdem gab nachher bei den Vernehmungen Karla ganz richtig an, daß es am letzten Abend nicht in dem Gewehrschrank gestanden hätte. Ich war mit meinen Vorbereitungen so ziemlich fertig. Die Ziegel waren leicht aus der Wand herauszunehmen. In der Rückseite des Bücherregals hatte ich ein Brett genügend gelöst, so daß es fast ohne Geräusch zu entfernen war. Als Zeit hatte ich die Stunde festgesetzt, in der Blankenhorn sich allein in seinem Zimmer aufhielt, nachdem die andern Familienmitglieder sich zur Ruhe begeben hatten. Nach dem Abendessen saß die Familie gewöhnlich noch eine Stunde in dem Arbeitszimmer beisammen. An dieser Form hielt man fest, auch als Blankenhorns Verhalten schon zur Katastrophe drängte. Ich weiß nicht, wie er sich damals seiner Mutter und seinen Töchtern gegenüber gegeben hat. Es ist durchaus möglich, daß sie von den furchtbaren Auftritten zwischen ihm und Dorette keine Ahnung hatten. Vielleicht hat er sich vor ihnen geschämt. Möglicherweise aber hat er sie nicht besser behandelt als uns. Manchmal wurde auch ich aufgefordert, noch ein wenig dort zu bleiben. Ich bekam dann eine Zigarre und saß still auf meinem Stuhl, bis mir mein Inspektortaktgefühl sagte, daß ich mich zu entfernen hatte. Um einundzwanzig ging die Familie schlafen oder wenigstens auf ihre Zimmer. Bis Punkt zweiundzwanzig saß Blankenhorn noch an seinem Schreibtisch und arbeitete oder las in einem Sessel einen Roman. In dieser Stunde sollte er erschossen werden! Eigentlich hätte ich es schon seit einigen Tagen tun können. Ich weiß nicht, weshalb ich es immer noch hinauszögerte. Aber es ist eine eigne Sache, einen Menschen zu erschießen, auch wenn er sein Leben verwirkt hat. Ich glaube, daß eine ganze Menge Morde nicht zur Ausführung kommen, obwohl sie vollkommen vorbereitet sind, weil nachher ein letzter Anstoß fehlt. In unserm Fall kam dieser Anstoß. Eines Tages waren wir wie immer ausgeritten. Wir galoppierten bis zum Wald. Das war der erste Linksgalopp. Dann ritten wir im Schritt durch einen Jagen. Hierbei stellte sie wie gewöhnlich ihren Fuß in meinen Bügel, und wir küßten uns auch, indem wir ganz nahe an die Bäume heranritten, so daß man uns von weitem nicht beobachten konnte. Dann kam der Zehnminutentrab auf einem Feldweg und wieder eine Viertelstunde Trab durch den Wald bis zu dem Ahornbaum, wo wir abstiegen. Zum Wald hinaus und die Straße bis zum Dorf sollte der übliche Rechtsgalopp kommen. Obwohl wir uns an diesem Tag vollkommen sicher fühlten, vermieden wir es doch, unter den Zweigen des Ahornbaumes uns zu küssen oder etwas Wichtiges zu besprechen. Wir mochten wohl das unbestimmte Gefühl haben, beobachtet zu werden. Und die nahe Katastrophe lastete mit Unheimlichkeit auf uns. Rascher als gewöhnlich brachen wir von unserm Baum auf. Als wir das freie Feld erreichten, sahen wir in einiger Entfernung Blankenhorn aus dem Wald kommen und quer über die Wiesen gehen. Es bestand um so mehr die Möglichkeit, daß er uns nachspüren wollte, als er mir gesagt hatte, daß er zu den Schnittern am andern Ende des Gutsbezirks gehen würde. Erst jetzt fiel mir das ein. Er mußte plötzlich kehrtgemacht haben und uns gefolgt sein. Da ging er also, kaum zweihundert Meter neben uns, über die Wiesen. Hatte er uns beobachtet oder war er nur auf einem gewöhnlichen Spaziergang? Wir taten, als ob wir ihn nicht bemerkten, verabredeten uns aber, ihm auf eine eventuelle Frage zu antworten, daß wir eine Weile bei dem Ahornbaum gesessen hätten. Ich selbst hatte eigentlich keinen Zweifel, daß er uns nachgespürt hatte. Ich war auch fest überzeugt davon, daß er uns von diesem Nachmittag an nach dem Leben trachtete. An diesem Abend mußte es geschehen, denn wer weiß, ob wir die Nacht noch überlebten. Wir ritten den Weg im Galopp, um ihm vorauszukommen. Ich hätte für mein Leben gern einen Blick nach rückwärts geworfen, um sein Gesicht zu sehen. Im Hof gaben wir die Pferde ab. Ich holte mir den Drilling aus seinem Zimmer, schon aus dem Grunde, weil es mir gefährlich schien, diese Waffe in seiner Nähe zu lassen. Da kein Mensch zu sehen war, brachte ich das Gewehr sofort in mein Versteck und lehnte es dort gegen die Wand. Am Abend hatte ich es dann gleich zur Stelle. Das Abendessen kam. Es verlief wie gewöhnlich. Nach Tisch ging man in das Herrenzimmer. Auch ich wurde aufgefordert mitzukommen. Blankenhorn hatte einen besonders freundlichen Ton angeschlagen, der mich stutzig machte. Als ich durch die Tür eintrat, sah ich sofort, daß die Reitpeitsche quer über dem Schreibtisch lag. Mein erster Gedanke war, daß er mir jetzt in Gegenwart der andern ins Gesicht schlagen würde. Vielleicht spielte er auch mit diesem Gedanken. Ich möchte es für mein Leben gern wissen, ob es so war. Es kann sein, daß ihn nur der Gedanke an meine wirtschaftliche Tüchtigkeit zurückgehalten hat. Er mußte fürchten, mich zu verlieren, weil ich immer noch aus dem verlodderten Gut Geld herauszuholen verstand. Vielleicht hat er auch nur den rechten Übergang zu einer solchen Szene nicht gefunden. Ich glaubte zu bemerken, daß die Reitpeitsche alle Anwesenden ein wenig erschreckte. Aber die übliche halbe Stunde ging ohne Katastrophe vorüber. Mir war im übrigen alles gleichgültig geworden. Mochte Blankenhorn mich schlagen! Draußen an der Mauer lehnte schon das geladene Gewehr, das mich eine Stunde später rächen würde. Ich hätte mich nicht zur Wehr gesetzt. Ohne Laut hätte ich die Streiche empfangen und hätte mich mit langsamen Schritten aus dem Zimmer entfernt. Aber ich erhielt eine Zigarre und mußte Platz nehmen. Blankenhorns Mutter nahm wie immer eine Strickarbeit vor. Dorette legte eine Patience. Nie gingen Patiencen bei ihr auf. Die Mädels saßen im Hintergrund auf der Couch und blätterten in einem illustrierten Buch. Es war wie immer. Ich rauchte meine Zigarre möglichst schnell zu Ende. Dann hatte ich zu fragen, ob Herr Blankenhorn noch Befehle hätte. Jedesmal fragte er, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen: ›Wollen Sie schon gehen?‹ Jedesmal murmelte ich etwas von frühem Aufstehen und verabschiedete mich mit einer allgemeinen Verbeugung, die kaum beachtet wurde. Ich war draußen. Ich wußte, daß die andern in einer halben Stunde schlafen gingen. Dann schloß Blankenhorn die Haustür von innen ab. Er tat das immer selbst. Dann würde er sich an den Schreibtisch oder in einen Sessel setzen. Die Schwierigkeit lag darin, daß ich nicht genau wußte, welche Stellung er in dem Augenblick einnahm, da ich das Gewehr durch die Luke steckte. Ich hatte nur einen kurzen Augenblick zum Zielen. Wenn ich vorbeischoß, war ich verloren. In diesen einen Augenblick, da ich von dem Regal das Brett abhob und das Gewehr hob, drängte sich alles zusammen. Ganz ohne Geräusch konnte es nicht abgehen. Er würde den Kopf heben und hinhorchen. Ich hatte mir alles tausendmal überlegt. Ich wußte, daß diese Sekunden eine Kaltblütigkeit sondergleichen von mir forderten. Wenn er den Kopf hob, mußte ich schießen. Nicht früher, da durch die unerwartete schnelle Bewegung die Kugel vorbeigehen konnte. Dann wollte ich die Waffe geschickt in das Zimmer hineinwerfen, um die Möglichkeit eines Selbstmordes offen zu lassen. Dabei mußte ich mich hüten, eines der Bücher zu berühren, um meine Spur nicht zu verraten. Dann war das Brett wieder sorgfältig einzufügen. Nach Möglichkeit mußten auch die Ziegel in das Mauerloch getan werden. Dann stürzte ich am besten gleich auf die Haustür zu und schlug Lärm. Es mußte aussehen, als ob ich auf das Geräusch des Schusses aus meinem Inspektorzimmer herbeigeeilt käme, um zu helfen. Ich wollte läuten und mit den Fäusten gegen die Tür trommeln. Natürlich war auch sonst noch manches zu bedenken. Ich mußte Handschuhe anziehen, damit man an dem Gewehr nicht frische Daumenabdrücke von mir entdeckte. Ich mußte in meinem Zimmer das Fenster offenstehen lassen, damit es glaubhaft war, daß ich den Schuß gehört hatte. Ich mußte auch die Lampe brennen lassen und ein Buch auf den Tisch legen. Ich überlegte mir auch lange, ob ich etwa später gesehen haben sollte, wie eine dunkle Gestalt gerade im Innern des Parks verschwand. Aber das konnte gefährlich werden. Ich beschloß, nichts bemerkt zu haben. Ich hielt es immerhin für wahrscheinlich, daß man nach dem Befund ohne weiteres einen Selbstmord annehmen würde. Nur das eine hatte ich mir nicht überlegt, daß im Falle eines Selbstmords die Lebensversicherung für Dorette nicht in Kraft trat. Als ich in meinem Zimmer saß, war ich furchtbar ruhig. Ich legte die Uhr vor mich hin auf den Tisch. Wenn in Dorettes Schlafzimmer das Licht anging, war das das Zeichen, daß die Damen ihre oberen Zimmer aufgesucht hatten. Dann wollte ich noch zehn Minuten warten. Ich zwang mich wirklich, in dem Buch einige Seiten zu lesen. Dazu machte ich bestimmte Atemübungen, um meine Ruhe zu bewahren. Ich war wirklich ganz ruhig. Übrigens hatte ich ein gewisses Mißtrauen gegen diese Ruhe. Es war, als ob mir jemand ständig zurief, daß es nicht geschehen würde. Ich glaubte einfach nicht daran, daß ich gleich, nach einer Viertelstunde etwa, mich hinausschleichen würde, um Blankenhorn zu erschießen. Ich hatte mich im Verdacht, daß ich einfach sitzen bleiben und das Buch auslesen würde. Ich mußte mich zwingen, an die Reitpeitsche auf dem Schreibtisch und an die furchtbaren Szenen der letzten Tage zu denken. Ich mußte mich zu der Überzeugung zwingen, daß Blankenhorn mich in der allernächsten Zeit wie einen Hund über den Haufen schießen würde. Es half nichts. Obwohl ich fest entschlossen war, genau nach der Uhr aufzubrechen, glaubte ich einfach nicht daran, daß es geschehen würde. Ich sah das Licht in Dorettes Zimmer. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten! Ich zog den Vorhang vor, damit man mich nicht von draußen beobachten konnte, aber das Fenster selbst ließ ich, meinem Programm folgend, offen. Ganz langsam zog ich mir meine wildledernen Reithandschuhe an. Auch das hatte ich mir genau überlegt. Sie hinterließen keine Spuren auf der Waffe und waren mir bequem und weich genug. Dann legte ich den Stuhl um. Es sollte so aussehen, als ob ich ihn in der Aufregung umgestoßen hätte. Die Tür hingegen wollte ich hinter mir schließen, damit nicht etwa ein Vorübergehender das leere Zimmer bemerkte. Es waren noch zwei Minuten Zeit. Dennoch brach ich schon jetzt auf. Ich wußte nicht, ob ich meinen Entschluß in den zwei Minuten nicht ändern würde. Es war alles fertig. Der Stuhl lag auf der Erde. Ich hatte noch einen letzten Knopf an meinen Handschuhen zu schließen. Ich legte die Hand auf den Türdrücker. Ich gab einen leichten Druck. Die Tür ging auf. In diesem Augenblick hörte ich von draußen den Schuß. Unmittelbar darauf das Poltern des in das Herrenzimmer geworfenen Gewehrs. Eine Totenstille von grundloser Ewigkeit folgte. Ich war so verwirrt, daß ich einige Sekunden lang nicht wußte, ob ich nicht wirklich selbst in dumpfer Bewußtlosigkeit alles ausgeführt hatte. Ich suchte mich krampfhaft auf mein Programm zu besinnen. Was hatte ich jetzt zu tun? Gegen die Haustür des Schlosses zu laufen und mit den Fäusten dagegen zu trommeln! Ich stürzte hinaus. Ich sah in den Schlafzimmern, im Treppenhaus Licht aufflammen. Ich hörte Schreie. An der Tür merkte ich, daß ich noch meine Handschuhe anhatte. Das konnte mich verraten. Ich riß sie ab und steckte sie ein. Dann schlug ich gegen die Tür und läutete Sturm. Karla machte mir auf. Was ist? Was ist? schrie ich. ›Vater hat sich erschossen!‹ Ich ging in das Zimmer, in dem sich die andern bereits befanden, außer Dorette, die erst in diesem Augenblick herein, gestürzt kam. Ich sah Blankenhorn auf dem Sessel in seinem Blut liegen, mitten durch die Stirn getroffen, genau, wie ich es mir vorgenommen hatte. Das Gewehr lag vor dem Bücherregal. Die Bücherreihen waren in Ordnung. Hinter ihnen glänzte im Schein der Lampe das dunkelgebeizte Holz der Rückwand. Wieder war ich mir durch Sekunden hindurch nicht klar darüber, ob ich es nicht doch gewesen war. Ich empfand mich förmlich draußen an der Wand lehnen und den Atem anhalten. Dorettes Stimme knallte mir ins Ohr: ›Es darf nichts verändert werden, bis die Polizei dagewesen ist!‹ Mehr weiß ich eigentlich nicht, was in dieser Stunde geschah, bis die Polizei eintraf und nichts fand.« 17 Sprechen Sie noch nicht, bitte!« wehrte er ab, als van Holten den Kopf hob. »Ich weiß, daß Sie mir nicht glauben können. Sie müssen alles für eine fürchterlich ungeschickte und doch raffinierte Lüge halten. Aber glauben Sie mir meine Erzählung nur eine Viertelstunde lang! Es ist wirklich die Wahrheit. Tun Sie einige Minuten lang wenigstens so, als ob Sie mir glaubten! Denken Sie sich in diese Situation hinein, und dann beantworten Sie mir die Frage: Wer ist Dorette? Sie müssen mir meine Frage beantworten. Das ist das Wichtigste, was es für mich im Leben gibt: Wer ist Dorette?« Aber der Rechtsanwalt schwieg noch immer. Vor Steegens innerem Auge stand das Bild jener furchtbaren Minute. Er hatte wieder Dorettes schneidende Stimme in seinem Ohr, er sah das vor Verwirrung fast ausgelöschte Gesicht Karlas vor sich, sah Sabines kluge Augen forschend auf sich gerichtet, und im Sessel den Toten mit dem vor Schreck verzerrten Gesicht und dem blutigen Mal auf der Stirn. Die Wochen, die dann kamen, stiegen wieder auf. Diese Wochen, in denen er für Dorette nicht vorhanden zu sein schien, in denen er jeden Augenblick auf ein Zeichen von ihr gewartet hatte. Jede Nacht, da er auf den leichten Schritt ihrer Füße vor seinem Fenster gelauscht hatte, bereit, sie mit Vorwürfen über ihre Unvorsichtigkeit zu überschütten, und doch selig über ihr Tun. Alles noch einmal erlebte er. Ihre Blicke, die gleichgültig über ihn hinwegglitten. Er sah den Wagen von dem smaragdgrünen Licht umspült in der Dorfstraße entschwinden. Er wartete wieder auf ein Zeichen von ihr, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Er irrte in Berlin umher, er mietete das kleine dunkle Zimmer in dem Hinterhaus der Kantstraße, er machte noch einmal die Komödie der Vorstellung im Tattersall durch. Er wartete immer noch ein Jahr, das zweite Jahr. Und dann der Tag, da er sie wirklich wiedersah! Der Rechtsanwalt hob die Hand. »Ich gehe also auf Ihren Vorschlag ein, Herr von Scheeven, Ihre Erzählung für wahr zu halten. Wir wollen sehen, ob wir nicht den Charakter dieser Frau einigermaßen klar umreißen können, wenn wir uns an die Tatsachen halten. Wie waren Ihre Empfindungen, als Sie den ganzen Tatbestand in Ruhe überschauten? Hatten Sie nicht einen bestimmten Verdacht? Gab es in der Nähe dieser Frau nicht einen Menschen, der als Täter in Frage kam?« »Dorette war mit niemandem als mit mir zusammen!« »Falls Ihre Erzählung wahr ist, woran ich wie gesagt vorläufig nicht zweifeln will, muß da ein Irrtum Ihrerseits vorliegen. Frau Blankenhorn wird wahrscheinlich doch noch zu einem andern Mann Beziehungen unterhalten haben, von dem Sie nichts wissen. Sie hatten Ihren Plan dieser Frau in allen Einzelheiten anvertraut. Nun war Ihnen ein andrer in der Ausführung zuvorgekommen. Dieser andre muß Ihren Plan gekannt haben. Falls er Sie nicht etwa belauscht hat, kann er sein Wissen nur von Frau Blankenhorn bezogen haben. Diesen logischen Schluß hätten Sie übrigens mit leichter Mühe selbst gezogen, wenn Sie nicht vor der Vorstellung ausgewichen wären, daß Sie einen glücklicheren Rivalen haben. Nicht Sie durften den Mann erschießen, den die Frau haßte. Sie durften allenfalls einige Ziegelsteine aus einer morschen Mauer herausbrechen und ein Gewehr putzen und bereitstellen. Geben Sie die Logik dieser Ausführungen zu?« »Ich habe mir das alles tausendmal selbst gesagt, und doch glaube ich nicht daran.« »Weil – verzeihen Sie – Ihre Eigenliebe es nicht zuläßt. Hatten Sie die Empfindung, daß Frau Blankenhorn Sie für den Täter hält, oder glauben Sie andrerseits, daß Frau Blankenhorn den Täter kennt? Sie haben sie doch inzwischen wiedergetroffen und werden sich mit ihr über diesen Punkt unterhalten haben. Wie ist es?« Steegen zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Einmal hat Dorette mir ins Gesicht gesagt, daß sie mich für den Täter hält. Aber ich weiß nicht, ob sie es wirklich glaubt. Ich habe ihr ebenfalls einmal vorgeworfen, daß sie genau wüßte, wer den Schuß abgefeuert hat. Aber wie es ist, weiß ich nicht. Vielleicht wissen wir beide nichts voneinander.« »Wenn Sie nun wegen Mordes angeklagt würden«, fragte van Holten ernst, »wie denken Sie sich die Sache? Glauben Sie, daß Sie verurteilt werden würden!« »Bestimmt! Alle Anzeichen sprechen gegen mich, und im Grunde habe ich den Mord auch ausgeführt. Ich hätte ihn bestimmt ausgeführt, wenn mir nicht der andre zuvorgekommen wäre.« Der Rechtsanwalt wiegte den Kopf hin und her. »Ich bin – die Wahrheit Ihrer Erzählung unterstellt – nicht so ganz der festen Überzeugung, daß Sie den Mord ausgeführt hätten. Sie selbst haben die starken Hemmungen geschildert, die sich in Ihnen gegen die Tat aufbäumten. Sie fürchteten, noch im letzten Augenblick andern Sinnes zu werden, und vielleicht hätten Sie sich im allerletzten Augenblick doch noch besonnen.« »Ich glaube es nicht«, entgegnete Steegen. »Sie vergessen, daß mein Leben bedroht war. Ich mußte gewärtigen, von Blankenhorn bei der nächsten Gelegenheit über den Haufen geschossen zu werden. Vielleicht wäre das sogar noch in derselben Nacht geschehen.« »So handelten Sie also in gewissem Sinne in Notwehr.« »Wenn man das Notwehr nennen kann. Übrigens braucht kein Gericht der Welt mir das zu glauben. Und dann spricht doch gegen mich, daß ich Dorette von früher her kannte. Seit ich von Sabine Blankenhorn gehört habe, daß Sie das herausbekommen haben, weiß ich, daß ich verloren bin. Es ist mir vollkommen klar, daß ich verurteilt werden muß. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um mich durch meine Erzählung zu retten, sondern weil ich von Ihnen die Wahrheit über Dorette zu erhalten hoffte. Wie haben Sie übrigens mein Münchner Zusammentreffen mit Dorette erfahren? Kein Mensch konnte davon etwas wissen außer uns beiden.« Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. »Und doch wußte ein einziger Mensch von dieser ersten Bekanntschaft zwischen Ihnen und der Frau. Sie erzählten von einem Brief, den Sie in München an Dorette geschrieben haben. Dieser Brief wurde im Schreibtisch des Ermordeten gefunden.« Steegen sprang auf. »Wie!« rief er erschrocken aus. »Blankenhorn hatte diesen Brief? Aber der Brief war mit meinem richtigen Namen unterschrieben!« »Herr Blankenhorn hat auch Ihren richtigen Namen gekannt. Jedenfalls hat er mit Bleistift das Wort ›Scheeven‹ ausgestrichen und ›Steegen‹ herübergeschrieben.« Steegen ließ sich schwer in den Stuhl zurückfallen. »Mein Gott!« sagte er. »Blankenhorn wußte das!« »Ja, er wußte das. Seine Frau hat diesen Brief unvorsichtigerweise aufgehoben. In einem Eifersuchtsanfall muß Blankenhorn ihre Sachen durchsucht und den Brief gefunden haben. Vielleicht hat ihn Frau Blankenhorn gar nicht vermißt.« »Aber wie ist das möglich, daß Blankenhorn mich nicht zur Rede gestellt hat?« Der Rechtsanwalt sah ihn lächelnd an. Zum erstenmal hatte sein Gesicht wieder den freundlich pfiffigen Ausdruck. »Herr Blankenhorn wird seine Gründe gehabt haben«, sagte er. »Er hat Sie und seine Frau wahrscheinlich eine Zeitlang überwacht und hat als schlauer Psychologe bald die Wahrheit herausbekommen: daß Sie, sehr verehrter Herr von Scheeven, bei Frau Blankenhorn nur die Rolle eines Deckmantels für eine ernstere Beziehung spielten. Hinter dem Spiel mit Ihnen verbarg Frau Blankenhorn ihre eigentliche Neigung zu jemand anderm. Die Wutausbrüche Blankenhorns in seinen letzten Tagen hatten demnach gar nichts mit Ihnen zu tun, und die Reitpeitsche lag an dem unseligen Abend nicht für Sie auf dem Schreibtisch, sondern, falls sie nicht rein zufällig dalag, für seine Frau.« »Für Dorette!« »Ja, für Dorette! Vielleicht wollte er an diesem Abend die große Abrechnung mit ihr in Gegenwart seiner Familie halten und verschob es dann aus irgendeinem Grunde. Vielleicht hatte er noch nicht genügend Beweismaterial zur Hand. Vielleicht war er unsicher geworden, ob nicht doch Sie der glückliche Liebhaber waren, und wartete als gewissenhafter Mann lieber noch einige Tage.« »Aber – aber Dorette wußte doch, daß ich ihn an diesem Abend erschießen würde. Ich habe es ihr doch selbst gesagt!« »Ja«, sagte van Holten, »in diesem Punkt scheint mir noch eine kleine Unklarheit vorzuliegen. Angenommen, es verhält sich so, wie wir beide es jetzt miteinander besprochen haben: weshalb ließen Frau Blankenhorn und ihr Liebhaber Sie nicht ruhig schießen? Hier liegt wieder eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit vor, Ihrer Erzählung zu glauben. Sie sehen, daß ich mir alle Mühe gebe. Vielleicht hatte Frau Blankenhorn zu Ihnen nicht das Zutrauen, daß Sie die Tat wirklich ausführen würden. Vielleicht aber war der Termin zwischen ihr und dem andern schon früher verabredet. Nehmen Sie folgendes an: Jener andre hatte versprochen, Dorette ein Zeichen zu geben, wann er den Mord ausführen würde. Es konnte ein geknickter Ast sein, der in der Haustür lag, oder irgend etwas Derartiges. Vielleicht auch der Ruf eines Vogels aus dem Park. Auf dem Spazierritt hatten Sie Frau Blankenhorn den Entschluß mitgeteilt, Ihr Vorhaben an diesem Abend zur Ausführung zu bringen. Ein wenig später erhält sie das verabredete Zeichen von jenem andern, daß er ebenfalls diesen Abend als Zeitpunkt festgesetzt hat. Vielleicht hat Frau Blankenhorn Qualen ausgestanden, weil sie weder den einen noch den andern unbemerkt erreichen konnte. Sie rechnete damit, daß ihre beiden Liebhaber sich in dem Winkel treffen würden, und sie stellte sich ein solches Zusammentreffen wahrscheinlich sehr peinlich für beide Teile vor. Als der Schuß fiel, wußte sie vielleicht nicht einmal, wer von beiden nun wirklich geschossen hatte. Sie wußte es auch die ganze Nacht über nicht, vielleicht war sie sogar tage- oder wochenlang in Unkenntnis, weil sie sich mit keinem von beiden in Verbindung zu setzen wagte. Sie mußte doch immerhin mit einer scharfen Überwachung durch Polizeiorgane rechnen.« »Aber jetzt weiß sie es?« Der Rechtsanwalt zuckte wiederum die Achseln. »Vermutlich wird sie sich doch mit ihrem Liebhaber inzwischen gründlich über die Angelegenheit ausgesprochen haben.« »Dann hat Dorette vor mir also Theater gespielt?« Holten lächelte. »Wahrscheinlich nicht nur in diesem Punkt. Sie wird es für richtig gehalten haben, Sie ein wenig in der Schlinge zappeln zu lassen.« »Nein!« rief Steegen aus. »Nein, Sie irren sich über diese Frau! Haben Sie denn einen Anhalt, daß – dieser andre Mann existiert?« »Wenn er geschossen hat, muß er eigentlich existieren.« »Aber, daß Dorette ihn kannte! Daß sie mit ihm in Verbindung stand!« Holten setzte wieder sein freundliches Lächeln auf. »Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr von Scheeven! Haben Sie geschossen oder nicht!« »Nein!« »Dann hat also der andre geschossen!« »Wer ist der andre? Um Gottes willen sagen Sie mir, was Sie wissen. Haben Sie von diesem andern eine Spur gefunden?« »Die Spuren haben bereits die lokalen Polizeiorgane bei der ersten Untersuchung gefunden. Sie haben sie nur nicht bis zu Ende verfolgt. Sie werden sich besinnen, daß damals von einem Motorradfahrer die Rede gewesen war, der sich in auffälliger Weise in Richtung Berlin entfernt haben sollte. Dem Förster Ahlmann war es aufgefallen, daß noch spät in der Nacht ein Motorrad auf dem Fahrweg an der Försterei vorbeiknatterte. Er behauptet, ans Fenster gegangen zu sein und noch das Licht gesehen zu haben. Die Nummer allerdings konnte er nicht mehr erkennen.« »Ich besinne mich.« »Dieser Motorradfahrer ist vielleicht derselbe, der gegen dreiundzwanzig Uhr in einem Neustädter Hotel eingekehrt ist und dort auffälligerweise noch ein Ferngespräch mit Berlin hatte, ehe er weiterfuhr. Als in den Zeitungen von dem Motorradfahrer die Rede war, meldete der Wirt des Neustädter Hotels seine Beobachtung der Polizei. Seine Vernehmung hatte damals kein greifbares Ergebnis. Diese Spur nahm ich nun nach zwei Jahren mit dem Berliner Kriminalkommissar wieder auf. Wir verhörten den Wirt nochmals nach allen Richtungen hin. Er konnte den Mann noch ungefähr beschreiben. Das nützte uns zunächst wenig. Wir fragten ihn nach andern Gästen, die an dem Abend in seinem Lokal gesessen hätten. Es war die übliche Gesellschaft an dem runden Stammtisch gewesen. Bis auf einen inzwischen versetzten Assessor waren alle Herren noch immer dort zusammen. Wir fragten auch sie aus, aber vergeblich. Dann stellten wir den Assessor fest, der zwei Tage nach jenem Abend in eine kleine Stadt als Amtsrichter gekommen war. Und dieser Herr brachte uns auf die richtige Spur. Er war durch den Hausflur gegangen, als der Motorradfahrer gerade telefonierte. Zunächst konnte er uns eine genaue Beschreibung des Mannes geben, der ihm schon durch sein Äußeres aufgefallen war. Sodann hatte er in dem Telefongespräch zufällig den Namen eines sonst unbekannten Berliner Lokals gehört. Neugierig hatte der Assessor einige Wochen später, als er in Berlin war, dieses Lokal nach dem Fernsprechbuch festgestellt und aufgesucht. Provinzler sind ja wild auf solche versteckten Kneipen. An einem Tisch sah er den Motorradfahrer sitzen, diesmal allerdings in menschlicher Kleidung. Er erkannte ihn sofort wieder. Trotzdem kam er nicht auf den Gedanken, ihn mit dem Mord in Verbindung zu bringen. Der Gedanke lag ja auch fern genug. Wir suchten ebenfalls dieses Lokal auf. Es ist eine kleine Bar in Charlottenburg, ›Vitrine‹ genannt. Auf keinen der anwesenden Gäste schien uns die Beschreibung des Mannes zu passen. Es konnte ja auch nur ein Zufall sein, wenn der gleiche Gast noch immer dort verkehrte. Ich verwickelte die Wirtin in ein Gespräch und fragte sie ganz nebenbei nach einem Fremden, der so und so aussähe. ›Ah‹, sagte sie, ›das kann nur Professor Stüwe sein.‹ Und es war Professor Stüwe!« »Stüwe!« schrie Steegen erregt auf. Seit der Rechtsanwalt die »Vitrine« erwähnt hatte, wehrten sich seine Gedanken gegen diesen Namen. »Stüwe! Das ist doch nicht möglich!« »Es ist nicht nur möglich, sondern sicher. Und ich kann Ihnen sagen, daß der Bildhauer vor zwei Stunden wegen Ermordung Blankenhorns verhaftet worden ist.« Der Rechtsanwalt sah nach der Uhr. »Es ist sogar schon drei Stunden her!« 18 Hat er gestanden?« fragte Steegen nach einer Weile. »Ich erhielt soeben, bevor unsre Unterredung begann, die erste Nachricht darüber. Ja, er hat gestanden, den Majoratsherrn Blankenhorn in der fraglichen Nacht durch einen Schuß aus seinem Jagdgewehr niedergeschossen zu haben. Als Motiv für die Tat gibt er seine Leidenschaft für die Frau des Ermordeten an. Darüber, wie weit er mit Frau Blankenhorn im Einverständnis handelte, verweigert er die Aussage, ebenso über alle Einzelheiten. Nun, wir werden sehen. Jedenfalls ist an dem Sachverhalt nicht mehr zu zweifeln. Sie können sich denken, wie Ihre Erzählung mich gerade in diesem Zusammenhang interessiert hat. Ich habe übrigens nicht das geringste gegen diesen merkwürdigen Bildhauer, der in der Tat ein ungewöhnlicher Mensch und Künstler zu sein scheint. Mir kommt es bei dem Prozeß, den ich für die Blankenhornschen Damen führe, auf Dorette an. Meine Aufgabe ist es, Dorettes Mitschuld zu beweisen. Wenn schon ihr kleiner Sohn Majoratserbe von Swantemühl sein soll, dann muß er jedenfalls von seiner Mutter getrennt werden. Das ist es, was wir wollen. Durch Ihre Erzählung ist die Beteiligung dieser Frau an dem Mord ihres Gatten voll bewiesen. Stüwe verkehrte nicht mehr auf dem Gut. Er sah sich nur gelegentlich mit Frau Blankenhorn, war also gar nicht in der Lage, die sehr umständlichen Vorbereitungen zu diesem Mord zu treffen. Frau Blankenhorn muß ihn auf die günstige Gelegenheit der durchbrochenen Wand aufmerksam gemacht und über die Gewohnheiten ihres Gatten unterrichtet haben. Das alles ist von den beiden sehr raffiniert in die Wege geleitet worden. Denken Sie daran, wie Stüwe plötzlich seinen Verkehr in Swantemühl abbrach und die Verlobung mit Karla aufhob.« »O Gott, Karla!« unterbrach Steegen. »Ja, die arme Frau! Sie muß seit einigen Wochen geahnt haben, wie es um Stüwe stand. Natürlich durften wir ihr von dem Stand unserer Untersuchungen nichts mitteilen. Wir hatten die feste Absicht, Karla und ihren Mann zu schonen. Frau Blankenhorn brauchte nur ihre Ansprüche auf Swantemühl zurückzuziehen, und wir hätten die ganze Sache ruhen lassen. Aber Dorette fühlte sich zu sicher. Erst gestern hat sie die Klage ihres Sohnes zurückgezogen.« »Sie hat die Klage zurückgezogen?« »Der Brief kam heute morgen an. Vielleicht hängt das mit ihrem überraschenden Ausflug nach Swantemühl zusammen. Plötzlich muß ihr die ganze Gefährlichkeit ihrer Lage aufgegangen sein.« »Sie hat ihre Klage zurückgezogen?« rief Steegen nochmals aus. »Dann glaubt sie also, daß man dem Mörder auf der Spur ist?« »Vielleicht hat sie bestimmte Nachrichten darüber erhalten und fühlt sich selbst bedroht.« »Aber was tun Sie jetzt? Sie lassen alles auf sich beruhen?« »Das ist eben das Schlimme«, sagte van Holten ärgerlich. »Ihr Verzicht kam zu spät. Die Entwicklung war bereits zu weit vorgeschritten. Wir konnten nicht mehr zurück. Noch in den letzten Tagen wurde festgestellt, daß Stüwe sich, bald nachdem er seinen Verkehr in Swantemühl aufgegeben, in dem Dorf Vehlefanz für einige Wochen eingemietet und von dort täglich größere Motorradfahrten, oft zu nächtlicher Stunde, in Richtung auf Swantemühl unternommen hat. Später ist er dann wohl direkt von Berlin aus mit seinem Motorrad zu den Zusammenkünften mit Dorette gefahren. Seit wir seinen Aufenthalt in Vehlefanz herausbekommen haben, durften wir jedenfalls mit der Verhaftung nicht mehr zögern, denn es bestand die Gefahr, daß er von unsern Ermittlungen Kenntnis bekam. So ist es nun ins Rollen gekommen.« »Und Dorette?« fragte Steegen. »Wird Dorette etwa auch verhaftet?« »Das ist Sache des Untersuchungsrichters. Ich weiß vorläufig nichts darüber.« Holten erhob sich. Die Unterredung war für ihn zu Ende. Steegen stand gleichfalls auf. Eine Art Müdigkeit, ein Gefühl von Trotz und Enttäuschung überkam ihn. Er hatte damit gerechnet, daß er das Büro des Rechtsanwalts nur in Ketten verlassen würde. Es war fast wie eine Hoffnung gewesen. Ein Ende machen, nur endlich ein Ende machen mit diesem unerträglichen Zustand! Nur sich nicht länger den Kopf über Dorette zermartern müssen! Und nun war alles ganz anders. Stüwe hatte gestanden. Er selbst war frei, er konnte hingehen, wohin es ihm beliebte. Er konnte zum Beispiel noch heute abend nach Ostpreußen zu Engelke fahren und Gestütsleiter werden. Er stand unschlüssig da. »Nun?« fragte van Holten höflich. »Haben Sie noch eine Frage?« »Nein. Es ist nur alles so merkwürdig!« »Ja, es ist merkwürdig. Aber ich glaube, für jetzt haben wir genug. Außerdem muß ich dringend zu der Vernehmung Stüwes eilen, die für heute abend bereits festgesetzt ist.« Sie reichten sich die Hände. Das Treppenhaus des Bürogebäudes gähnte wie ein dunkles Loch. Nur einige kümmerliche Dauerbrenner warfen ein melancholisches Licht über die abgetretenen nackten Stufen. Steegen stieg langsam hinunter. Auf einmal ertappte er sich dabei, daß er Stüwe beneidete und nicht nur darum, daß Dorette ihn geliebt hatte. Jetzt würde in Verhören und Gedanken dem Bildhauer alles Entschwundene noch einmal gegenwärtig werden. Alle Stunden mit Dorette würden auferstehen, als wären sie noch einmal da. Die langen Unterhaltungen, in denen sie ihren Plan besprachen, die Sommernächte im Park, während das Motorrad irgendwo versteckt gegen einen Baum lehnte. Wie sie über ihn gelacht hatten! »Komm, ich werde dir zeigen, wo der Narr die Steine aus der Mauer herausgekratzt hat. Dort durch die Wand kannst du Blankenhorn erschießen!« Steegen hörte die flüsternden Stimmen der Liebenden. Dort, wo er heute mit Sabine gestanden hatte, waren die beiden Arm in Arm durch die Nacht gegangen. Auf der Baumkanzel hatten sie vielleicht den Mond herangewartet, die große Wiese hinter der Ligusterhecke war ihr Pfühl gewesen. Auf einmal sah er den ausgebrannten, von seiner Leidenschaft zerfressenen Kopf aus der »Vitrine« vor sich. Hans Stüwe, der große Künstler! Derselbe Hans Stüwe, den er einmal mit Dorette in der Fliederlaube des Parks zusammengesehen hatte. Dorettes Geliebter! Er sah ihn in der Ecke des kleinen Barraums sitzen und Dorette anstarren. Hatte der Bildhauer gehofft, daß Karla ihn von seiner Besessenheit erretten würde? Aber es ging nicht mehr! Man konnte ohne Dorette nicht leben! Es war unmöglich, von ihr loszukommen, wenn man einmal ihre Umarmungen genossen hatte. Arme Karla! Er stand auf der Straße. Vielleicht stand er schon lange da. Er wußte es nicht. »Nanu?« hörte er van Holtens Stimme neben sich und schrak auf. »Ich muß nach Moabit!« rief ihm der Rechtsanwalt im Vorübergehen zu. »Fräulein Sabine hat übrigens angerufen. Sie ist der Überzeugung, daß Sie der Mörder sind. Interessant was? Aber ich muß eilen!« Er rief eine Taxe heran und stieg ein. Jetzt, dachte Steegen, in einer Viertelstunde wird Stüwe zu sprechen anfangen. Er wird sagen: Ja, Dorette und ich haben uns geliebt. Wir haben uns jede Nacht im Park getroffen. Um ihr näher zu sein, mietete ich mich im Sommer in dem Dorf Vehlefanz ein. So würde das Verhör beginnen. Er stand noch immer vor dem Bürohaus. Was nun? Er konnte hingehen, wohin er wollte. Nur mit Dorette hatte er nichts mehr zu schaffen. Das war zu Ende, endgültig zu Ende. Eigentlich war es schon damals zu Ende gewesen, als er in seiner Inspektorstube den fremden Schuß fallen hörte. Er hätte schon damals wissen müssen, daß alles zu Ende war. Er verstand nicht mehr, weshalb er noch zwei Jahre auf Dorette gewartet hatte. Es war nur, weil er sich nicht von ihr lösen konnte. Was nun? Merkwürdig, wie das Wetter sich hielt, mußte er denken. Es war eine Ausflucht seiner Entschlußlosigkeit. Plötzlich bestieg er eine Elektrische. Er hatte einen Straßennamen auf dem Schild gelesen. Es stand noch nicht fest, daß er zu Karla fahren würde. Nur die Elektrische fuhr in ihre Nähe. Er konnte sich dann immer noch anders entscheiden. Aber vielleicht mußte er jetzt zu Karla. Hatte es nicht damit begonnen, daß er Karla auf der Tauentzienstraße traf? Erst sah er Dorette über den Kurfürstendamm reiten, dann traf er Karla. Damit war alles ins Rollen gekommen. Heute würde sie sich nicht mehr scheuen, ihn zu fragen, wie damals. Dem Geheimnis war die Hülle fortgerissen. Sie würden zusammensitzen und miteinander sprechen. Auch Stüwe war zu Karla gegangen, als es mit Dorette zu Ende war. Wie sich eine Hausnummer im Gehirn verfilzen kann! Er ging die Fasanenstraße entlang und suchte an den Türen. Hier war es! Er klingelte an der Portierglocke. Der Kopf einer Frau fuhr hinaus. »Professor Stüwe?« fragte er. »Hinterhaus!« antwortete der Kopf. Der Seiteneingang war noch offen. Vielleicht war es noch gar nicht so spät. Er konnte sich nicht entschließen, nach der Uhr zu sehen. Er ging über den grauen Hof. Eine Laterne kämpfte mit ihrem kleinen Licht gegen die Dunkelheit an, die darüber gestülpt war. Plötzlich hatte er vor dem kümmerlichen Rasenstück und dem dürftigen Springbrunnen die Vision Swantemühl. Das muß so sein, durchfuhr es ihn, irgend etwas Furchtbares muß geschehen, um die Menschen von Zeit zu Zeit umzuschaufeln, aus den Schlössern und Parks in die Trostlosigkeit der Mietskasernen. Immer wieder geschieht etwas Furchtbares, damit dieser zermalmende Kreislauf stattfinden kann. Er ging die Treppen in die Höhe. Ganz oben fand er das Messingschild mit dem gesuchten Namen. Ehe seine Gedanken sich hemmend über ihn schlagen konnten, klingelte er schnell. Was wollte er eigentlich hier? Karla sagen, daß beinahe er ihren Vater ermordet hätte und daß es dann doch ihr Mann tat? Ein Mädchen öffnete. Er erkannte sie wieder. Sie hatte damals im Schloß gedient. Ihre Augen waren verweint. »Herr Inspektor?« fragte sie verwundert. »Ist die gnädige Frau zu Hause?« »Ach Gott, ja, Herr Inspektor. Die gnädige Frau ist da, und Fräulein Sabine auch!« Sie öffnete eine Tür und ließ ihn eintreten. Es war ein kleiner Musikraum. Er hatte den Eindruck von türkischen Teppichen, Lederpolstern, dickgespachtelten Ölbildern. Die Tür zum Nebenzimmer war geschlossen, aber durch das Milchglas sah man Licht durchschimmern. Hinter dieser Tür saßen die beiden Schwestern. Er hörte das Mädchen die Bestellung machen. Ein Flüstern folgte. Sabine kam herein. Durch den Türspalt sah er einen Augenblick Karla auf einem Stuhl sitzen. Sie starrte zu ihm herüber. Die sich schließende Tür wischte das Bild fort. Sabine sah ihn fragend an. Vor wenigen Stunden erst hatten sie sich getrennt. Sie wunderten sich beide, wie vertraut ihr Anblick ihren Augen noch war. »Was wünschen Sie, Herr von Scheeven?« Ihre Stimme klang trotz des Ernstes freundlicher, als er erwartet hatte. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich hatte nur das Gefühl, hierher zu müssen. Ich wußte auch nicht, daß Sie hier sind.« »Haben Sie meiner Schwester etwas Besonderes mitzuteilen?« »Nein, eigentlich nicht.« Seine Worte verwirrten sich. »Ich war bei Holten. Sie wissen schon. Holten sagte mir auch, daß Sie ihn danach telefonisch gesprochen haben.« »So kennen Sie auch meine Meinung über den Fall?« »Ja«, sagte er. »Sie halten Stüwe für unschuldig und glauben, daß ich Ihren Vater erschossen habe.« »Sie wissen, daß ich es seit heute, seit unserm Zusammensein in Swantemühl, glaube. Übrigens hat mir Herr van Holten kurz angedeutet, was Sie ihm erzählt haben. Meiner Meinung nach ist das so gut wie ein Eingeständnis.« »Nein, ich habe die Wahrheit gesagt, die volle Wahrheit. Es war alles so, wie ich es gesagt habe. Stüwe hat gestanden!« Sie zuckte die Achseln. »Es ist fast unmöglich, daß Stüwe es getan hat. Er hat sich in der Nähe von Swantemühl herumgetrieben, um die Nacht unter dem Fenster von Frau Abercron zuzubringen. Diese Frau kann Männer in Primaner verwandeln. Das hat sie vor Circe voraus. Er lauerte doch auch jetzt täglich in diesem dummen Lokal auf ihren Anblick. Meine Schwester will mir einreden, daß Stüwe ihretwegen diese nächtlichen Fahrten gemacht hatte. Das ist natürlich Unsinn. Stüwe ist Frau Abercrons wegen heimlich nach Swantemühl gekommen. Das halte ich für sicher. Aber es ist unmöglich, daß die beiden etwas Ernstliches miteinander gehabt haben. Karla oder ich hätten doch später etwas von einer Verbindung zwischen ihm und dieser Frau bemerken müssen. Meine Schwester hat in dieser Wohnung niemals etwas davon bemerkt, und ich nicht in seinem Atelier, in dem ich doch ein und aus ging. Niemals war von dieser Frau die Rede, bis sie vor einigen Monaten in Berlin auftauchte. Erst da begann es wieder mit Stüwe. Wir haben alles mitgemacht. Es ist eine Besessenheit, die wir uns nicht erklären können.« »Aber diese Besessenheit erklärt die Tat!« Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube es nicht. Aber es ist besser, wenn Sie jetzt gehen, Herr von Scheeven. Und das beste für alle Teile wird sein, wenn wir uns niemals wiedersehen.« Er nickte. Natürlich war es das beste, wenn sie sich nie mehr wiedersahen. Ihr Gesicht war eisern. Ihre Augen, diese großen klugen Augen sahen ausdruckslos über ihn hinweg. »Ja«, sagte er, »ich gehe. Leben Sie wohl!« »Ich wünsche Ihnen das auch.« Er ging hinaus. In der Tür sah er, daß sie ihm nachblickte. Er bewunderte sie, wie stark sie war. Die Schwestern Blankenhorn hatten Unglück in ihrer Liebe. 19 Er ging durch die Hildebrandtsche Privatstraße, die im Dunkel lag. Wieder mußte er daran denken, daß es Donnerstag war, der Tag von Abercrons seltsamen Empfängen. Niemand würde heute dort sein. Vielleicht war Dorette verhaftet! Wie spät war es eigentlich schon? Wieder hatte er Furcht, nach der Uhr zu sehen. Die Zeitlosigkeit gab diesem Abend etwas Schwebendes, das ihm wohltat. Es war schön, nicht zu wissen, ob es zweiundzwanzig oder ein Uhr war. Ihm fiel ein, daß er Dorette warnen mußte, wenn sie nicht schon verhaftet war. Aber deswegen kam er nicht in diese Straße. Er wollte nichts mehr. Die Geschichte mit Dorette war zu Ende. Vielleicht würde er sie warnen, vielleicht wollte er sich vor diesem Haus an der Vorstellung werden, daß jeden Augenblick die Kriminalbeamten kommen mußten. Er wußte nicht. Er suchte einfach die Stätten seines alten Lebens auf, das ihn nun nichts mehr anging. Er hätte auch in die »Vitrine« gehen können. Vielleicht ging er nachher wirklich noch dorthin. Hinter den dicken Pfeilern des Vorgartens lag das Haus, groß und dunkel. Nur über die obere Kante schäumte wie weißer Dampf der Lichtschein der Stadt. Er wollte daran vorübergehen. Aber hinter dem Gitter stand wartend der Diener und fragte, als er erschrocken stehenblieb: »Zu wem, bitte?« Gleichzeitig hörte er Tanzmusik, die mit einer samtenen Süßigkeit aus dem Dunkel quoll. »Ich glaube, Herr Schwarzer wollte heute abend hier sein«, sagte er aufs Geratewohl, ähnlich wie damals, als er Dorettes Namen genannt hatte. »Bitte!« sagte der Diener und öffnete das Tor, ging vor ihm bis zu der Haustür und schloß auf. Dorettes Worte klangen ihm im Innern: »Es war die letzte Gesellschaft heute in diesem Stil. Ich bin mit Abercron verlobt!« Vor drei Wochen war das gewesen. Dorette hatte sich getäuscht. Als die schwere Tür aufging, schlug ihm der Lärm des Festes entgegen, das summende Brausen der Stimmen, aus denen Gelächter hervorstach, das dumpfe Rumoren tanzender Füße. Die Garderobe war mit Mänteln und Hüten überhängt. Ein Mädchen in weißer Haube nahm ihm die Sachen ab. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Drei Herren und zwei Damen mit bunten Kostümkappen auf dem Kopf stürzten unter Lachen heraus und stürmten gegen die Treppe. Er prallte fast mit Dr. Will zusammen, der wie damals bei Horcher die große weiße Geranie im Knopfloch trug. »Heda! Ah, der Stallmeister!« rief der hübsche Junge und blieb vor Steegen stehen. »Wie kommen Sie so spät her?« »Leider habe ich keinen Frack an. Ich wollte nur im Vorbeigehen Herrn Abercron sprechen.« »Wird Ihnen wenig nützen«, sagte Dr. Will und lachte. »Im Vertrauen gesagt: Abercron ist erledigt, völlig pleite, totaler Zusammenbruch. Hier ist heute Kehraus. Nehmen Sie wenigstens dies!« Er stülpte ihm die Kappe aus Seidenpapier auf und lief den andern nach, die die Treppe hinaufgehastet waren. Man hörte sie oben durch die Gänge jagen. Steegen trat in die Bibliothek ein. Dick und parfümiert schwoll ihm die Luft und die Musik entgegen. Niemand drehte sich nach ihm um. Die Polsterbänke rings an den Wänden waren mit Menschen besetzt, die zum Teil bunte Kostüme trugen. Auf den Büchergesimsen standen Sektgläser. In der Mitte des Zimmers drängten sich die tanzenden Paare. Zwei Mädchen und ein Diener gossen unaufhörlich ein. Alle diese Menschen waren der Wirklichkeit entrückt. Sie achteten nicht mehr aufeinander, hielten sich in erotischen Stellungen umschlungen, preßten Lippen gegen Schultern, Brüste und Haar, schoben die tanzenden Schritte ineinander. Papierschlangen hingen wie Fetzen von den Köpfen, Kleidern und Beleuchtungskörpern nieder, der Boden war mit Konfetti bedeckt. Susannchen Strauch tippte Steegen auf die Schulter. Sie kam mit einem großen blonden Herrn angesteppt. Plötzlich ließ sie diesen stehen und hängte sich in Steegens Arm. Um den Hals trug sie den fünfreihigen Perlenschmuck. »Komm her, Liebling, die andern sind zu fad!« rief sie und küßte ihn auf den Mund. »Wo ist Abercron? Wo ist Frau Abercron?« fragte er. »Irgendwo! Ich weiß nicht. Sie müssen dort drüben sitzen. Was willst du von denen? Abercron ist pleite. Aber sei still, es soll's niemand wissen!« »Alle wissen es!« rief lächelnd eine Dame im Vorübergehen. »Du hast ja den Schmuck?« fragte Steegen. »Ja, den hab' ich. Er ist übrigens unecht. Das wußten wir schon längst alle. Ach geh, du bist auch fad!« Sie stieß ihn mit beiden Händen zurück und drängte sich mit hocherhobenen Armen durch das Gewühl. Abercron pleite! Er sah sich um. Das mußte alles so sein. Das war der große Kehraus, diesmal auch für Dorette. Stüwe hatte gestanden, und Abercron war pleite! Er drängte sich zwischen den Tanzenden in das nächste Zimmer. Zwei Paare hatten sich auf dem Schreibtisch niedergelassen. Papiere, Mappen, Instrumente waren in der Mitte zu einem Haufen zusammengekehrt. Die eine Dame hatte die Beine gekreuzt und hockte auf ihnen. Die Spitzen ihrer Schuhe drückten sich in das weiche Leder einer Schreibmappe ein. Auf einmal erkannte er sie. Es war Blümchen. Unscheinbar und zerzaust sah sie in dem bescheidenen grünen Crêpe-de-Chine -Kleidchen aus. Eine kleine Kunstgewerblerin vielleicht. Selbst das aschblonde Haar hatte die leuchtende Kraft verloren. Neben ihr saß ein kleiner dunkler Herr mit einem scharfen Römerprofil. Auch an ihn erinnerte Steegen sich. Mit diesem Menschen hatte Dorette damals zusammengesessen, als er zum erstenmal dieses Zimmer betrat und ihr gegenüberstand. Diesmal konnte Abercron nicht mehr telefonieren. Der Tischapparat war achtlos beiseitegeschoben. Wenn er sich heute seinem Schreibtisch genähert hätte, würde man ihn fortgescheucht haben. Abercron war nicht mehr Herr dieser Räume. Das Chaos schlug über ihm zusammen. Steegens Blicke suchten ihn. Vielleicht saß er in einer der Gruppen, die sich in den Ecken auf zusammengeholten Sesseln, Stühlen und Tischen geballt hatten. Einige lagen oder hockten auch auf dem Teppich. Die Gruppen reichten fast bis in die Mitte des Zimmers und machten den Eindruck von Haufen eines lagernden Kriegsvolks. Plötzlich sah er Abercron, wie er sich durch die Reihen hindurchschob, über ausgestreckte Füße stieg, sich an Knien vorbeidrückte. Er hielt die Champagnerflasche in der Hand und goß rechts und links ein. »Trinkt, Kinder!« sagte er. Es sollte lustig klingen, aber die Worte quetschten sich schwer aus seinem Halse hervor. Niemand achtete auf ihn. Er machte den Eindruck eines aufdringlichen Kellners. »Herr Abercron!« rief Steegen und versuchte zu ihm vorzudringen. Plötzlich bemerkte er Dorette. Sie saß abseits von den andern in einer Fensternische. Er wunderte sich, daß er sie nicht gleich bemerkt hatte, so auffallend war ihre Haltung in dem Durcheinander dieser Gesellschaft. Oder vielleicht war es gerade deshalb, daß man sie nicht bemerkte. In einem einfachen Abendkleid aus fliederfarbener Seide, ohne jeden Schmuck, saß sie in ihren Sessel gelehnt, kühl und ein wenig bleich. Die schweigende Hitze des Raums schien ihr nichts anhaben zu können. Ihre Augen sahen fast gelangweilt vor sich nieder. Die Zähne schimmerten weiß unter der ein wenig zu kurzen Oberlippe hervor. So saß sie da und hörte mit einem abwesenden Lächeln Herrn Schwarzer zu, der auf sie einsprach. Der breite Kopf mit dem braunen Scheitel beugte sich über ihre Schulter, die sie kaum merklich zurückbog, um einer zu nahen Berührung zu entgehen. Herr Schwarzer redete mit leiser heißer Stimme und heftigen Handbewegungen. Steegen bebte zurück. Wo war das schon einmal so gewesen? Woher kannte er dieses Lächeln, das Einverständnis und ängstliche Abwehr zugleich sein konnte? Diese Haltung, die auszuweichen schien und doch nur zu stärkerem Angriff reizte. Er sah sich selbst neben Dorette unter den niederhängenden Zweigen des uralten Ahornbaumes sitzen und auf sie einsprechen. Er sah sich neben ihr reiten und sich zu ihr hinüberbeugen. Genau so war es gewesen! »Dorette!« wollte er rufen und zu ihr hinstürzen. Sie bemerkte ihn und hob die Hand, um ihm zuzuwinken. Gestern war er ihr Trauzeuge gewesen. Heute trafen sie sich auf einer Gesellschaft wieder. Nichts war inzwischen geschehen. Es war die harmloseste Situation von der Welt. Sie schlug die Augen auf und winkte ihm zu wie einem alten Freund. Sie erwartete nicht einmal, daß er zu ihr trat. Was konnte zwischen ihnen zu besprechen sein. Wußte sie denn nicht, was geschehen war? Hatte sie keine Ahnung von dem, was alle sich zuflüsterten? Abercron ist pleite! Sah sie nicht das höllische Fest ringsum? Aber sie hatte sich schon wieder zu ihrem Nachbarn zurückgewendet, als sagte sie: »Verzeihen Sie die Unterbrechung! Sie erzählten gerade so amüsant!« Er stutzte und sah sich scheu um. Niemand bekümmerte sich um den andern. Gerade setzte im Nebenzimmer die Musik mit einem Tango ein. Paare schoben sich nach vorn, um zu tanzen. Alles drängte sich in dem schmalen Gang zwischen den Sitzen. Im Vorüberzwängen tauschte man Küsse und Umarmungen aus. Susannchen mit dem Perlenschmuck tauchte unter den hochgehobenen Armen auf und suchte nach Abercron. »Abercron! Abercron! Wo bleibst du? Du gehörst mir doch heute!« Sie strebte mit ausgebreiteten Armen an Steegen vorbei. Der drehte sich um und sah, daß Abercron gerade hinter ihm stand. »Steegen!« rief der Industrielle entsetzt. »Wo kommen Sie her? Gehen Sie in das rote Zimmer hinter dem Speisesaal!« »Ach, laßt die Faxen heut!« rief Susannchen und schob den dicken Riesen fort. In das rote Zimmer hinter dem Speisesaal, wiederholte Steegen mechanisch. Er wurde von den übrigen mit fortgedrängt und hatte Mühe, sich zurückzuwinden. Noch immer saß Dorette in ihrem Sessel und hörte lächelnd zu, wie Herr Schwarzer auf sie einsprach. »Einen Augenblick, gnädige Frau!« Sie sah ihn verwundert an. »Professor Stüwe ist verhaftet. Sie müssen fliehen!« »Wieso?« fragte sie. Ihre Miene veränderte sich nicht im geringsten. »Stüwe hat gestanden!« Es war, als ob er ihr selber die Anklage des Mordes ins Gesicht schleuderte. »Ich verstehe nicht.« »Es ist heraus. Stüwe hat Blankenhorn erschossen. Sie müssen jeden Augenblick wegen Beihilfe verhaftet werden.« Trotz seiner Erregung sprach er ganz leise. Herr Schwarzer hatte sich einige Schritte zurückgezogen und spielte mit den Schnüren des Fenstervorhangs. »Das ist nicht wahr! Stüwe hat Blankenhorn nicht erschossen!« Sie sagte das mit eisiger Ruhe. »Wer hat es denn getan? Dorette, antworte mir! Wer hat es getan?« »Du selbst hast Blankenhorn erschossen!« »Dorette, ich schwöre dir bei allem, daß ich es nicht war!« Sie zuckte die Achseln. »Ich habe Mitleid mir dir gehabt«, sagte sie leise. »Ich habe dich damals nicht verraten wollen, weil ich dich gern hatte. Aber wenn ein Unschuldiger deinetwegen verurteilt wird, werde ich aussagen. Verlasse dich darauf!« »Dorette!« rief er erstaunt aus. »Um Gottes willen; Dorette!« Aber sie hatte sich bereits abgewendet. Er stand allein auf einem verlassenen Raum von einigen Quadratmetern, aber es war, als wenn er sich in einer Wüste befand, so fern war alles. Er machte einige Schritte. Das rote Zimmer hinter dem Speisesaal, wiederholte er. Er ging wie im Traum. Die breite Doppeltür stand offen. In dem Speisesaal war kein Mensch zu sehen. Die Stühle neben den langen Tafeln standen durcheinander. Dort hatte er damals gesessen, und auf jenem Stuhl Dorette. Und ihre Blicke hatten sich gekreuzt. Und dort, an dem Schreibtisch hinter den Akten, war der Kopf Abercrons aufgetaucht. Und sie hatten beide auf ihn gesehen, und ganz, ganz tief in ihren Gedanken, in einer Schicht, die vielleicht weit unter allem Bewußtsein lag, hatten sie beide auf Abercrons Stirn das kleine rote Wundmal Blankenhorns gesehen. Und sie hatten, ohne sich anzublicken, jeder sein Glas erhoben und sich zugetrunken. So war es doch gewesen! Er durchquerte mit taumelnden Schritten den weiten Raum. An der entgegengesetzten Seite stand eine kleine Tapetentür offen. Dort mußte das rote Zimmer sein, in das Abercron ihn geschickt hatte. Er ging hinein. Das Zimmer war klein und schmal. Wenige Möbel standen darin. Auf einem Tisch war ein kaltes Büfett aufgebaut, daneben stand ein Dutzend Flaschen mit altem Bordeaux, von denen bereits vier geleert waren. Offenbar hatte sich Abercron hier eine kleine Privatburg errichtet. Plötzlich fühlte Steegen, daß der Hunger in seinem Gedärm rumorte. Er hatte seit dem Frühstück in der Försterei nichts mehr zu sich genommen. Er riß ein Kotelett in Aspik von einer Schüssel, schlang es in sich hinein und warf den Knochen in weitem Schwung in den Papierkorb. Stallmeistersitten! dachte er mit einem bitteren Lächeln. Er ließ ein zweites und ein drittes folgen und fühlte auf einmal eine fast behagliche Laune in sich aufkommen, ein Übergewicht über Abercron, der jeden Augenblick hier erscheinen mußte. »Lassen Sie es sich schmecken. Bester!« hörte er Abercrons Stimme. »Und trinken Sie vor allem von diesem fabelhaften Gewächs. Wie Sie sehen, habe ich heute darin schon allerhand geleistet. Sekt ist für die Weiber und ihre Knechte. Die Aufgabe des Weins ist, rot zu sein.« Er schenkte zwei Gläser voll. Sie saßen sich gegenüber. »Tolles Gewächs, was? Es geht doch noch über den Pouillac, den wir bei Horcher nachsetzten, was? Wie lange ist das her? Zwei Tage! Komische Zeitrechnung!« Die Stimme hatte das dumpfe Grollen verloren, das einer ganzen Gesellschaft Furcht einflößen konnte. Der Mann vor ihm war erledigt. Es war auf einmal etwas Subalternes an ihm, das sich mit Lebemannsgesten spreizte. »Sie sind 26. Husar gewesen, nicht?« fing Abercron wieder in seiner Weise an. »Verzeihen Sie, ich hatte Sie zuerst so für einen Stallmeister gehalten. Und Sie heißen sogar anders, nicht? Sie sind adlig, glaub' ich? Das freut mich. Komisch, daß mich das freut. Aber man steht anders zueinander, was?« »Herr!«, Steegen unterbrach Abercron ernst, »ich bin eigentlich hierhergekommen, um Sie zu warnen.« »Mich zu warnen?« lachte der Industrielle. »Das ist köstlich. Wovor wollen Sie mich warnen? Aber schießen Sie los!« »Reiten Sie niemals den Braunen! Und wenn Sie ihn reiten, springen Sie niemals mit ihm! Niemals! Hören Sie!« Abercron lachte aus vollem Halse. Steegen fürchtete, daß die Leute herbeigestürzt kommen würden. Aber die Geräusche des Gelages waren zu laut. Plötzlich brach Abercron ab. »Es ist gut«, sagte er. »Sie warnen mich. Haben Sie gesehen, was mir Dorette ist? Ich habe sie gezwungen, heute in meinen Schweinestall zu kommen. Ich habe eigenhändig Susannchen den Perlenschmuck umgehängt, und Dorette gezwungen, sie an der Tafel mit einem Kuß als Freundin des Hauses zu begrüßen. Das habe ich getan! Und Sie wollen mich warnen? Sie denken, ich weiß nicht, daß mein Freund Schwarzer den Braunen dressiert, mich abzuwerfen? Sie denken, ich weiß nicht, daß Sie in den Bund wegen alter Verdienste um meinen Vorgänger Blankenhorn aufgenommen werden sollten? Besinnen Sie sich, daß ich Ihnen bei Horcher einen Vortrag hielt? Ich habe Ihnen damals gesagt, daß ich es im Augenblick merken werde, wenn Dorette es nicht ehrlich mit mir meint. Eine halbe Stunde nach der Hochzeit habe ich es gemerkt.« Plötzlich bog sich seine Stimme um. Es war ein unterdrücktes Vorstürzen von Tränen, ein Übergurgeln von Empfindungen. »Habe ich es gemerkt«, fuhr er fort, »daß mich Dorette nicht liebte, niemals geliebt hat! Es war alles Lüge gewesen!« Die Stimme wollte es herausschreien, aber sie trug den Ton nicht und erstickte unter den inneren Erschütterungen. »Ich habe keine Beweise«, fuhr er nach einer Weile fort, »nicht den Schatten eines Beweises. Zwei falsche Wechsel wurden meiner Bank präsentiert. Einer auf vierzigtausend, einer auf siebzigtausend. Ich habe sie diskontieren lassen. Meine Unterschrift war haargenau nachgemacht. Es war meine Schrift, wie ich meine beiden Briefe an Dorette unterschrieben habe. Was sagen Sie nun? Briefe, mit denen ich mein Herz in ihre Hände gab! Sie dienten dazu, falsche Wechsel auf meinen Namen in die Welt zu setzen!« Er stierte mit abwesendem Ausdruck vor sich hin. »Die beiden Briefe!« gurgelte er. Plötzlich hob er den Kopf und lachte von neuem. »Und Sie wollen mich warnen!« »Herr Abercron«, unterbrach Steegen. »Sie sind ein ruinierter Mann, wie ich gehört habe.« »Ja, ich bin ruiniert!« »Infolge dieser Wechsel?« Abercron verfiel wieder in sein dröhnendes Lachen. »Infolge dieser Wechselchen? Nein, mein Lieber! Börse, falsche Spekulationen, zu hohe Engagements! Das ging um Millionen! Mir machte das alles keinen Spaß mehr. Verstehen Sie? Ich will nicht mehr!« »Herr Abercron, die Geschichte von den beiden Wechseln ist gelogen!« »Nein, sie ist nicht gelogen. Ich glaube, daß Schwarzer die Unterschriften gefälscht hat, um das Geld Dorette zu geben. Er wollte für Dorette noch etwas wenigstens herausholen. Es ist ihm gelungen. Einhundertzehntausend Mark. Wieviel er davon Dorette gibt, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls im letzten Augenblick die Wechsel diskontieren lassen. Drei Stunden später war es vorbei.« Sie saßen sich gegenüber, und wie auf Verabredung hoben sie gleichzeitig die Gläser und schlürften vor Erschöpfung diesen edlen Wein ein. Abercron sank von neuem zurück und hielt die Hände vor sein Gesicht. »Glauben Sie, daß es mit Blankenhorn anders war?« fragte er nach einer Weile. »Ich wußte alles. Gestern waren wir in Swantemühl.« Plötzlich winkte er mit der Hand. »Gehen Sie, Herr von Steegen, oder wie Sie heißen! Gehen Sie fort!« Steegen erhob sich, machte eine stumme Verbeugung und ging langsam aus dem Zimmer. Von dem leeren Speisesaal konnte man geradeaus in die Diele gelangen. Als er die Tür in der Hand hielt, warf er einen Blick in das Herrenzimmer zurück. Dort saß noch immer in der Fensternische Dorette neben Herrn Schwarzer. Er bemerkte, daß sie auf sein Zurückkommen gewartet hatte. Als sie ihn sah, erhob sie sich und kam ihm nach. Nach zwei Schritten hatte sie ihn draußen eingeholt. »Du gehst?« fragte sie. »Was nun, Dorette?« fragte er zurück. Sie nahm ihm die bunte Kappe vom Kopf, die er vergessen hatte. Es war wie eine leichte Liebkosung. »Was nun? Du weißt jetzt alles!« »Ja!« »Du weißt, daß Abercron ein Betrüger ist?« Er lachte bitter auf. »Ich werde trotzdem bei ihm bleiben. Genau, wie ich bei Blankenhorn geblieben bin!« Einen Augenblick war er bereit, ihr alles zu glauben. Sollte es möglich sein, daß Abercron in dieser Stunde log? Er dachte an die gefälschten Unterschriften. »Du wirst auch in diesem Falle nicht lange Gelegenheit dazu haben!« sagte er kalt und wandte sich ab. »Rolf!« rief sie ihm nach. Er aber ließ sich bereits von dem Mädchen seine Sachen herausgeben. Sie ging langsam in das Zimmer zurück. Er wollte ihr nachgehen, unterließ es aber und trat auf die Straße hinaus. 20 Noch immer zuckte der Lichtschein der Weltstadt über dem Rand des Hauses. Noch immer quoll die Musik des Festes süß und samten aus den dunklen Steinen. An dem Gittertor stand der Diener. Er gab ihm Geld und mußte merkwürdigerweise daran denken, daß Dorette ihm die geborgte Summe nicht zurückerstattet hatte. Er scheuchte die lästigen Gedanken fort, aber ihm fehlten nun einige zwanzig Mark für die Fahrkarte nach Ostpreußen. Wenn er an Engelke depeschierte, hatte er morgen vormittag das Geld. Am Sonnabend früh konnte er dann in Königsberg eintreffen. In der Nähe mußte ein Telegrafenamt sein. Er besann sich, dort einmal vor Jahren eine Depesche aufgegeben zu haben. Er ging durch die nächtlich stillen Straßen. Wieder war es wie ein Stapfen durch zeitlose Ewigkeit. Von der Potsdamer Straße her kam der Lärm des Verkehrs. Als er um die Ecke bog, sah er fern über die Brücke die hohen Rücken der aufgestockten Autobusse vorübergleiten. Die Tramwagen klingelten, die Bremse eines Autos schrie auf. Noch immer hatte er Scheu davor, nach der Uhr zu sehen. Ihm war, als ob eine genaue Zeitangabe ihn aus dem dämmerhaften Zustand herausreißen konnte. Er gab an einem Schalter ein Telegramm auf. »Schicke Geld! Samstag früh Königsberg!« Was nun? In einem Hinterhaus der Kantstraße lag ein kleines dunkles Zimmer. Eine kleine Bronzefigur stand auf dem Tisch. Zwei Jahre hatte er dort gehaust und auf Dorette gewartet. Auf einmal ergriff ihn die Angst vor diesem Raum. Er sah die Tapete mit der ewig wiederkehrenden Blume vor sich. Das Dach des Vorderhauses, das quer durch sein Fenster schnitt. Nur nicht dorthin jetzt! Einige Autotaxen standen an der Ecke. »Vitrine!« sagte er und gab die Adresse an. Zehn Minuten später hielt er in der Seitenstraße des Kurfürstendammviertels. Die roten Buchstaben leuchteten dunkel aus dem Glas der verhängten Scheibe. Er drückte die Klinke hinunter. Eigentlich war es dumm, hier einzutreten. Aber was sollte er anfangen? In einer Ecke sitzen und Liköre trinken, bis dieses Bewußtsein verschwand, das ihm den Kopf durchstach! »Weil ich dich gern hatte!« hatte Dorette zu ihm gesagt. Daran konnte man denken, eine, zwei Stunden lang. Bis der Häkelhaken der alten Frau Feierabend gebot. Er trat ein. Es war dasselbe Bild wie immer. Er legte Mantel und Hut ab. In der Ecke war ein Tisch frei. Er ging darauf zu. Plötzlich blieb er stehen. Vor ihm, drei Schritte von ihm entfernt, saß mit dem zerklüfteten Gesicht und den ausgebrannten Augen der Bildhauer, Professor Hans Stüwe, und sah ihn an. Dorettes schauderhaftes Lieblingsgetränk stand auf dem Tisch, die Sektflasche und die Kanne Bier. »Mann des Abendfriedens!« redete Stüwe ihn an und winkte dem Kellner nach einem zweiten Glas. »Sie kommen zur rechten Stunde. Nehmen Sie Platz!« Willenlos ließ Steegen sich auf dem zurechtgeschobenen Stuhl nieder. »Ich dachte ...« sagte er und wußte nicht, wie er weitersprechen sollte. Da saß Stüwe, der wegen Mordes verhaftet war und gestanden hatte. »Man hat schon nach Ihnen gesucht. Mann des Abendfriedens. Wissen Sie, daß Sie verhaftet werden sollen? Vor einer Viertelstunde waren drei Kriminalbeamte hier und fahndeten nach Ihnen. Dies ist also im Augenblick für Sie der sicherste Platz in ganz Berlin, sämtliche Bahnhöfe mit eingerechnet!« Er schenkte ihm ein. »Trinken Sie! Erlaben Sie sich!« »Ich verstehe nicht!« sagte Steeven. »Sie selbst waren verhaftet. Man erzählte mir, daß Sie eingestanden hätten, Blankenhorn mit seinem Jagdgewehr erschossen zu haben.« »Ja, eingestanden schon. Aber ich kam nicht weit.« Er lachte auf. »Mir fehlten die Details, wissen Sie. Ich gab eine romantische Schilderung, wie ich mich in das Haus geschlichen hatte, dann in Blankenhorns Zimmer trat, den Drilling aus dem Gewehrschrank riß, den Unhold piffpaff niederknallte und aus dem Haus stürzte, um mich im Park zu verbergen.« »Sie – Sie haben Blankenhorn nicht erschossen?« »In Gedanken tausendmal, Verehrtester. Schon um Dorette aus diesem Käfig zu befreien. Nur das eine Mal, in Wirklichkeit, habe ich es versäumt. So etwas ist nämlich gar nicht so leicht auszuführen. Dazu bedarf es größerer Talente, des Ihrigen zum Beispiel. Man nahm mich in Kreuzverhör. Zunächst war dieser Drilling gar nicht im Gewehrschrank gewesen. Dann konnte ich nicht durch die Haustür entwischt sein, weil man sie nachher von innen verschlossen fand. Es nutzte nichts, daß ich dann schnell durch das Fenster entwischen wollte. Auch die Fensterläden waren von innen verschlossen. Nun sollte ich sogar angeben, wo ich bei dem Schuß gestanden hatte. Es war eine ganz falsche Stelle, um Blankenhorn in die Stirn zu treffen. Mir fehlten eben die Details. Der Mann hat keine Ahnung, sagte der Untersuchungsrichter, und der Rechtsanwalt van Holten stimmte ihm bei. Und so wurde ich aus dem Tempel der Gerechtigkeit als unnützer Querulant vertrieben.« »Und weshalb haben Sie ...« »Ah, mein Lieber, Sie sehen mich hier schon wieder einigermaßen durch den nötigen Alkohol ins Gleichgewicht gebracht. Aber ich war ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. Dorette hatte geheiratet, was wider Erwarten einige Tobsucht bei mir auslöste. Ganz unmotiviert freilich, denn was haben Hochzeiten mit Dorette zu tun!« »Bitte, Herr Professor, erzählen Sie! Und in vernünftiger Reihenfolge!« »Tue ich ja, mein Bester! Kurzum ich saß hier und klagte das Schicksal an. Ich hatte ein wenig zu früh mit meinem Tagespensum begonnen. Mein Tagespensum ist: hier sitzen und an Dorette denken, wissen Sie. Auf einmal kamen drei Herren herein und baten mich, sie zu begleiten. Das war ein Sprungbrett, das mir das Schicksal unter die Beine schob. Ich sollte Blankenhorn erschossen haben. Ich sollte ein Liebesverhältnis mit Dorette gehabt haben. Ja, mein Verehrtester, würden Sie ein solches Ansinnen etwa abweisen? Ein Liebesverhältnis mit Dorette! Ich konnte einem geduldigen Richter zwei Stunden lang erzählen, was alles sich mit Dorette und mir zugetragen hatte. Das war doch fast schon, als wenn es wirklich gewesen wäre. Verstehen Sie, was das heißt? Zwei Stunden lang erzählen dürfen, wie man Dorette in der Fliederlaube umgarnte und ihr die ersten Küsse gab. Dann einsame Spaziergänge, Stelldicheins im Wald, und dann die Nächte im Park. Eine Klimax von verstohlenen Zärtlichkeiten bis zur taumelnden Seligkeit!« »Und deshalb haben Sie gestanden, Blankenhorn erschossen zu haben?« »Ja, mein Bester, deshalb! Es war eine kleine Korrektur des Daseins. Eine wenn auch geringe Möglichkeit, das nachträglich erlebt zu haben, was man für sein Leben gern erlebt hätte. Verstehen Sie das nicht? Für mein Leben gern! Das war der Einsatz: mein Leben! Wenn ich mein Leben hinwarf, dann war das alles Wahrheit gewesen. Dann war ich Dorettes Liebhaber. Dorette selbst konnte nicht glaubhaft widersprechen. Es war eine simple Manier für sie, aus der Patsche zu kommen. Sie brauchte nichts mit der Ermordung ihres seligen Gatten zu tun haben. Ich hatte es getan, ohne ihre Beihilfe, ohne ihr ein Sterbenswörtchen zu sagen. Sie brauchte nur nicht allzu sehr zu widersprechen, daß sie meine Geliebte gewesen war!« »Und es war nichts davon wahr?« Der Bildhauer lachte dröhnend auf. »Mit Dorette? Nein, mein Lieber, nie das Geringste! Es lag nicht an mir, weiß Gott. Ich habe sie verfolgt mit allen Pferdekräften meines Motorrades. Ich habe sie mit hundert Listen zu sinnlosen Unterredungen verlockt. Es war nie das Geringste zwischen uns.« »Sie sind verrückt!« »Ja, Verehrtester, denken Sie etwa, daß man mit einem nüchternen Verstand, wie Sie ihn haben, meine Arbeit verrichten kann? Verzeihen Sie, daß ich mich in Ihre Gefilde gedrängt habe. Ich bin mit Schimpf und Schande fortgejagt worden. Jetzt kommen Sie an die Reihe. Wie ich sah, hat Frau Grippsch, die ehrbare Leiterin dieses Kunstinstituts, bereits ferngesprochen. Die Häscher sind unterwegs. In fünf Minuten werden sie eintreten. Ich spreche die Vermutung aus, daß Sie nicht an den fehlenden Details scheitern werden. Sie werden angeben können, wo sich der Drilling befand und wie man durch verschlossene Türen und Fenster gelangen kann. Ich beneide Sie.« Plötzlich griff es Steegen eiskalt ans Herz. Er sollte verhaftet werden! Jetzt war er wirklich umstellt. Während er hier saß, hatte man die Polizei benachrichtigt. »Hören Sie mich an!« sagte er, und wunderte sich, daß seine Stimme einen keuchenden Klang hatte. »Ich bin es nicht, der Blankenhorn erschossen hat! Wahrhaftig, ich bin es nicht! Ich bin auch nicht Dorettes Geliebter gewesen! Nicht so, wie Sie es meinen.« »Ihr Geliebter!« lachte der Professor auf. »So wie Dorette lieben kann, hat sie Sie geliebt. Wollen Sie nicht glauben, daß Sie der einzige gewesen sind, den Dorette je geliebt hat? Sie sind es, Verehrtester! Sie waren der Liebling der Damenwelt von Swantemühl. Ich habe eine gute Frau, eine wundervolle Frau von dort bezogen. Ich bin es nicht wert, diese Frau zu haben. Aber auch die bekam ich nur, weil der andre sie nicht beachtete. Der verwegene Ritter, der seiner Angebeteten heimlich nachgeschlichen war, in fremder Maskierung, unter falschem Namen. Verehrtester, wenn auch draußen die Handschellen schon klappern, so beneide ich Sie doch, und wenn ich nicht in Tränen ausbreche, so ist das nur die Kraft dieses enormen Gesöffs, die mir Haltung gibt. Ich beneide Sie und werde Sie beneiden in Ewigkeit. Amen!« Die Tür tat sich auf. Eine größere Gesellschaft trat ein. Etwa zehn Personen in Abendtoilette. Steegen und Stüwe hatten gespannt hingesehen, wie der Vorhang auseinandergeschoben wurde. »Doch noch nicht!« sagte der Bildhauer und nahm einen Schluck. »So obliegt mir also noch für einige Minuten die Aufgabe, Sie zu unterhalten. Oder sollten Sie die Absicht haben, sich über Berlin ohne Zurücklassung einer Fährte zu zerstreuen, so würde es jetzt höchste Zeit werden!« Die kleine Gesellschaft suchte nach einem geeigneten Platz. Es wurden drei Tische zusammengestellt. Die Herren waren den Damen beim Abnehmen der Mäntel behilflich. Man merkte, daß die Gesellschaft ein wenig derangiert war. Konfetti hatte sich in den Haaren verfangen. Die Reste von bunten Papierschlangen hingen in den Kleidern. Einige Gesichter wollten Steegen bekannt vorkommen. Plötzlich grüßte Dr. Will herüber, noch immer die weiße Geranie im Knopfloch des Fracks. Er war bleich. Steegens Augen suchten nach Susannchen. Er entdeckte sie nicht. Die Gäste hatten Platz genommen und bestellten Mokka. Vielleicht waren sie müde. Sie flüsterten nur. Ein großer dicker Mann schien mit gepreßter Stimme Erklärungen abzugeben, denen die andern zuhörten. Eine beklemmende Stimmung stieg von den drei Tischen auf. Steegen ging zu Dr. Will hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war, als wenn er unter einem dunklen Zwang handelte. »Kommen Sie von Abercron?« fragte er leise. »Sie wissen noch nicht? Abercron hat sich vor einer halben Stunde erschossen!« »Auf seiner Gesellschaft?« »Ja, in dem kleinen roten Zimmer. Plötzlich gab es einen Knall, wir stürzten hin. Abercron hatte sich mit einem Revolver mitten in die Stirn geschossen. Es war eigentlich nur ein ganz kleines Loch, aus dem ein wenig Blut kam. Er war sofort tot.« »Und Frau Blankenhorn?« Dr. Will juckte die Achseln. »Frau Blankenhorn. Die junge Witwe ist trostlos. Es ist eine furchtbare Geschichte.« Verwandelte sich das Gesicht des jungen Mannes nicht in eine grinsende Grimasse, oder war es nur der Lichtschein, der über seine Züge fiel? »Danke!« sagte Steegen und ging zu seinem Platz zurück. Über dem Kelch des großen Glases hing das bleiche Gesicht des Bildhauers. Zwei Augen brannten unter der eckigen Stirn. »Abercron ist tot, nicht wahr?« sagte er. »Erzählen Sie mir nichts! Nur ja oder nein! Ist er tot?« »Ja«, sagte Steegen. Sie schwiegen. Ihre Gedanken wanderten. Abercrons Tod schloß den Kreis. Sie bemerkten nicht, wie drei neue Herren leise das Lokal betraten. Der Vorderste suchte mit den Augen. Der Häkelhaken der Inhaberin wies auf Steegen. »Sind Sie Herr von Scheeven?« fragte der Herr und zeigte seinen Polizeiausweis. »Folgen Sie mir bitte!« »Ja«, sagte Steeven zum zweitenmal, erhob sich und zog seinen Mantel an. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, ging er hinaus. 21 Wenn ich Sie recht begreife«, sagte der Untersuchungsrichter, »so wollen Sie mit Ihrer Schilderung der Vorgänge darauf hinaus, daß Sie die Tat in einem Zustand von Umnachtung begangen haben.« »Ich verstehe nicht«, sagte Steegen. »Ich habe Ihnen, wie schon gestern Herrn Rechtsanwalt van Holten, genau erzählt, wie es gewesen ist. Ich habe den Schuß weder wachend noch träumend abgegeben.« »Sie sagten wörtlich: Als der Schuß fiel, waren Sie so verwirrt, daß Sie einige Sekunden lang nicht wußten, ob Sie nicht wirklich selbst in dumpfer Bewußtlosigkeit alles ausgeführt hätten. Und später, als Sie dann im Mordzimmer standen, waren Sie sich wiederum nach Ihrer eigenen Darstellung einige Sekunden nicht klar darüber, ob Sie es nicht doch gewesen wären. Sie geben damit selbst zu, in jenen Augenblicken ein unsicheres Gefühl gehabt zu haben. Man kennt in Erregungszuständen solche Zeitspannen, in denen das Denken ausschaltet. Ihr letzter klarer Augenblick war der, als Sie sich zwei Minuten vor der festgesetzten Zeit aufmachten, um Ihr Zimmer zu verlassen. Dann fanden Sie sich plötzlich vor der verschlossenen Haustür wieder und bemerkten mit Entsetzen, daß Sie noch Ihre wildledernen Handschuhe anhatten, die Sie verraten konnten. In Gedanken hatten Sie die Tat mit allen Einzelheiten zehnmal oder noch mehr ausgeführt. Nun war Ihr Bewußtsein übersättigt von diesem Vorgang. Es nahm den wirklichen Vorgang nicht mehr an, weil es ihn nicht annehmen wollte. Wir wollen uns also darauf einigen, daß Sie es selbst nicht für ganz unmöglich halten, in unbewußtem Zustand gehandelt zu haben. Schreiben Sie!« wandte er sich an den Protokollführer, um diese Formulierung festhalten zu lassen. »Nein«, protestierte Steegen. »Sie irren sich, Herr Richter. Ich bin den ganzen Abend über vollkommen bei Bewußtsein gewesen. Mit den von Ihnen angeführten Sätzen wollte ich nur das Verwirrende, Unwahrscheinliche bezeichnen, das darin lag, daß jemand mir um zwei Minuten zuvorkam.« »Sie bleiben also dabei, die Tat schlankweg zu leugnen?« »Durchaus!« »Sie haben aber keinerlei Vermutungen darüber, wer den verhängnisvollen Schuß nun wirklich abgegeben haben könnte?« »Nein!« »Ihrer Meinung nach wußte auch niemand um den Zustand der rätselhaften Außenwand?« Steegen zuckte die Achseln. »Ich hatte die Gelegenheit mit großer Mühe ausfindig gemacht und mit allen Vorsichtsmaßregeln ausgebaut. Es wäre seltsam, wenn jemand auf den gleichen Gedanken gekommen sein sollte. Sie sehen, Herr Richter, ich leugne keineswegs meinen Anteil an diesem Mord. Ich kann nur nicht zugeben, was ich nicht getan habe.« Der Richter sah einen Augenblick vor sich nieder. Plötzlich hob er den Kopf. »Frau Blankenhorn, oder jetzt Frau Abercron, hat zwei Warnbriefe aus Swantemühl erhalten. Sie haben diese Briefe gesehen. Haben Sie bezüglich des Absenders eine Vermutung?« »Nein. Diese Briefe kann jeder Mensch geschrieben haben. Es ist sogar möglich, daß sie gar nicht aus Swantemühl stammen, sondern daß jemand dorthin geschickt worden ist, um sie dort abstempeln zu lassen. Aber es ist natürlich auch möglich, daß sie von einem Menschen aus Swantemühl geschrieben worden sind. Frau Abercron kann dort Sympathien besessen haben. Blankenhorn war in der Gegend allgemein verhaßt. Vielleicht glaubt man in Swantemühl allgemein, daß Frau Abercron und ich die Tat gemeinsam ausgeführt haben, und man billigte sie. Der Bahnhofsvorsteher, der neue Inspektor, der Förster, das Stubenmädchen, die Gärtnersfrau: alle können diese Briefe geschrieben haben, um Frau Abercron oder mich zu warnen.« »Auch der Mörder kann sie geschrieben haben in der Absicht, Sie und Frau Abercron zur Flucht zu veranlassen und die Spuren von sich abzulenken. Ich dachte, daß Sie auf diese Deutung verfallen würden.« »Möglich!« sagte Steegen kurz. Zum erstenmal zuckte er bei dem Wort »Mörder« zusammen. Noch niemals hatte er Blankenhorns Ende als »Mord« aufgefaßt. Was er hatte tun wollen, erschien ihm auch heute noch in einem tieferen Sinne als Vergeltung oder Bestrafung. Aber vielleicht war es wirklich ein Mord gewesen! Er erschauerte bei der Vorstellung, daß damals ein »Mörder« sich unter ihnen bewegt haben könnte. Plötzlich fiel ihm Dorette ein. »Sie haben diese Briefe?« fragte er. Der Richter lächelte. »Ja, wir haben die Briefe. Frau Abercron leugnete ihren Besitz ab, aber sie befanden sich in ihrem Schreibtisch.« »So ist Dorette – Frau Abercron verhaftet?« »Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Aber vielleicht erzählen Sie mir lieber, wie Sie mit Frau Abercron in den letzten Tagen bis zu ihrer Hochzeit standen. Sie hatten sich fast zwei Jahre lang nicht gesehen. Wie feierten Sie denn nun das Wiedersehen? Waren Sie sich entfremdet, oder fanden Sie gleich wieder den inneren Kontakt?« »Ich habe Ihnen alles darüber bereits gesagt.« Der Richter schüttelte den Kopf. »Nicht alles. Wie kamen Sie denn zum Beispiel nachts in ihre Wohnung?« »Sie wollen darauf anspielen, daß der Hausschlüssel von Frau Abercron bei mir gefunden wurde. Ich war aber nur einmal abends mit ihr mitgegangen, weil sie mir ihren Sohn zeigen wollte. Sie gab mir den Hausschlüssel mit, weil sie nicht unnötig noch einmal die Treppen steigen wollte.« »Und Sie vergaßen den Schlüssel zurückzugeben?« »Ja.« »Wir wollen für heute schließen!« sagte der Richter und machte eine leichte Verbeugung, eigentlich mehr zu dem Protokollführer hin. »Ich danke.« Er klappte die Akten zu. Steegen wurde in seine Zelle zurückgeführt. Die Vernehmung hatte ihn angestrengt. Die Aufregung der letzten Tage machte sich bemerkbar. Er sank auf das primitive Lager nieder und schloß die Augen. Manchmal juckten seine Hände. Er wollte nicht denken. Alle Gedankengebäude, die er errichtete, wiesen in ihrer Mitte das dunkle Loch auf: Wer hat Blankenhorn erschossen? Man wußte nichts von Dorette, wenn man das nicht wußte. Nie würde man etwas von Dorette wissen! Die hundert neuen kleinen Geräusche der ungewohnten Umgebung tupften an sein Gehirn. In drei Tagen würde er sie alle kennen: das Geschirrklappern aus der Abwaschküche, die Schritte auf der Treppe, die immer ein wenig klirrte, das leise Summen aus den Nachbarzellen, das Schleifen schwerer Gegenstände über den Korridor, durch irgendwelche offenen Fenster die Unterhaltung von Frauen aus einem unteren Stockwerk, Öffnen und Zuschlagen von Türen. Er hatte sich tiefere Stille in diesem Bau gedacht, unendliches Schweigen wie in einem Bergwerk. Aber es war wie ein großes lebendiges Tier um ihn. Vielleicht schlief er. Er wußte es nicht. Seine Uhr war stehengeblieben. Zum letztenmal hatte er gestern auf ihr Zifferblatt gesehen, als er van Holten treffen wollte. Er freute sich, daß die Zeit ausgelöscht war. Das nahm den Vorgängen etwas von ihrer Körperlichkeit. Einmal kam der Aufseher. Es waren telegrafisch aus Ostpreußen zweihundert Mark eingegangen. Steegen mußte die Summe quittieren und wieder abliefern. Er verhandelte mit dem Mann über eine Depesche, die an Engelke zu schicken war. »Bin wegen Mordverdachts an Blankenhorn verhaftet.« »Es ist unnötig!« sagte der Aufseher. »Das liest heute abend jeder in der Zeitung.« Aber er nahm den Zettel mit. Steegen legte sich von neuem nieder und schloß die Augen. Auf einmal klopfte es. Er fuhr hoch. Es war bereits dunkel. Der Aufseher ließ einen Herrn in seine Zelle, drehte das Licht an und schloß hinter sich wieder. »Rechtsanwalt Paasche!« stellte der Herr sich vor. »Ich bin Ihnen von befreundeter Seite als Verteidiger bestellt worden. Sollten Sie bereits anders gewählt haben, trete ich selbstverständlich zurück.« »Ich habe mich um diese Frage noch nicht gekümmert«, sagte Steegen. »Wer hat Sie bestellt?« »Es ist mir aufgetragen worden, das nicht zu sagen.« »Brauche ich überhaupt einen Verteidiger in diesem Stadium der Angelegenheit!« »Es könnte sich als nützlich erweisen. Sie sind schwer belastet.« »Schwer belastet?« lachte Steegen auf. »Ich würde mich bei dem vorliegenden Beweismaterial selbst verurteilen!« Er stand langsam auf und musterte den Eingetretenen. Es war ein alter Mann mit weißem Haar, das halblang über die Schläfen und in den gebeugten Nacken fiel. Der Mund war von einem Nietzschebart fast verdeckt, und man konnte vielleicht überhaupt an einen alternden Nietzsche denken, wenn man die gemeißelte Stirn und die hellen tiefliegenden Augen darunter sah. »Sie sind mit der mir befreundeten Seite persönlich bekannt?« fragte Steegen. »Aber bitte, nehmen Sie Platz!« Er zog den Stuhl hervor und lehnte sich selbst gegen den kleinen Tisch, der in der Ecke stand. »Nein«, sagte Dr. Paasche mit einer leisen und freundlichen Stimme. »Ich bin der betreffenden Person von ihrem Rechtsvertreter lediglich empfohlen worden.« »Von Holten?« »Das tut wohl nichts zur Sache. Ich werde Sie nach besten Kräften unterstützen.« Wieder lachte Steegen auf. »Wie wollen Sie das machen? Finden Sie den Menschen heraus, der Blankenhorn erschossen hat?« »Ich werde es versuchen.« Der alte Herr ließ sich schwer atmend auf den Stuhl nieder. »Wenn er gefunden ist«, fragte Steegen, einem plötzlichen Einfall nachgebend, »bin ich dann übrigens straffrei? Ich habe Blankenhorn erschießen wollen, ich habe Vorbereitungen komplizierter Art zu diesem Zweck getroffen! Ich hätte den Schuß abgefeuert, wenn mir nicht der andre zuvorgekommen wäre.« Der Verteidiger lächelte. »Er kam Ihnen aber zuvor, und es wäre Ihnen immer etwas dazwischen gekommen. Ihre Vorbereitungen waren seit acht Tagen fertig, und Sie schoben es hinaus. Sie hätten es auch weiter hinausgeschoben, bis Ihnen etwas zuvor- oder dazwischengekommen wäre. Vielleicht ein Hund, der über den Weg rannte und Ihre Spur hätte aufnehmen können, oder eine besonders ungünstige Beleuchtung. Sie hätten den Schuß niemals abgefeuert, Herr von Scheeven!« »Sagen Sie das als Verteidiger, oder weil es Ihre Meinung ist?« »Weil es meine Meinung ist! Nach Durchsicht der Akten und nach meinem Eindruck von Ihnen.« Steegen biß sich auf die Lippen. Er wollte widersprechen, er zweifelte, er wußte nicht. Vielleicht hatte der alte Mann wirklich recht? Es regte sich etwas in ihm, was zustimmen wollte. Es war wie eine Eishülle, die von seinem Innern fortgeschmolzen wurde. »Ich möchte wissen«, sagte er unsicher, »haben Sie bereits eine Ahnung, in welcher Richtung der wirkliche Täter zu suchen ist?« »Ja!« »Und?« »Darüber kann ich Ihnen heute noch nichts sagen. Vielleicht in drei Tagen, vielleicht in drei Monaten, vielleicht niemals!« »Sagen Sie es mir! Ich bitte Sie! Geben Sie mir einen Fingerzeig!« Dr. Paasche schüttelte den Kopf. »Es ist nicht meinetwillen«, bat Steegen nochmals mit leiser Stimme. »Ich will nur wissen, wer Dorette ist!« »Frau Abercron? Das ist eine arme unglückselige Frau!« »Ich beschwöre Sie: Ist Dorette mitschuldig oder schuldig? Weiß sie, wer der Mörder ist?« »Frau Abercron weiß es nicht, und sie hat keinen Teil an dieser Tat. Sie glaubt eher, daß Sie es gewesen sind.« »Ist sie verhaftet?« »Es hat jemand hunderttausend Mark Kaution für sie gestellt.« »Schwarzer!« fuhr Steegen auf. »Sagen Sie mir alles! Ein Herr Schwarzer hat die Kaution gezahlt!« »Es ist eine schwer zu beantwortende Frage, denn Herr Schwarzer gibt an, daß das Geld Frau Abercron selber gehöre. Und vielleicht gehört es ihr.« »Ich weiß, wo dieses Geld herstammt!« Er sah wieder das kleine »rote Zimmer« vor sich und Abercron, wie er den Kopf in seinen Händen barg. »Ich weiß es nicht«, sagte der Verteidiger ernst, »und ich will es nicht wissen. Frau Abercron ist jedenfalls nicht in Haft, aber die Anklage wegen Beihilfe oder Mitwisserschaft wird gegen sie erhoben werden.« »Wenn ich verurteilt werde ...« »Wird Frau Abercron ebenfalls verurteilt werden! Sie hat bereits zugegeben, daß sie um Ihre Absichten wußte. Allerdings will sie dieselben nicht ernst genommen haben, aber zum mindesten hätte sie unmittelbar nach der Tat sprechen müssen.« »Sagen Sie, Herr Rechtsanwalt! Weshalb hat Dorette damals nicht gesprochen? Aus Angst? Aber sie hätte sich damals noch reinwaschen können!« »Frau Abercron hat zu Protokoll gegeben, daß sie aus Mitleid mit Ihnen schwieg. Sie gibt an, daß sie Sie gern gemocht oder geliebt hätte.« »Das – das glaube ich nicht«, sagte Steegen tonlos. Der Verteidiger saß in sich versunken auf der Bettkante. Nicht ein einziges Mal hob er den Kopf. Er sprach wie in tiefen Gedanken mit einer leisen, müden Stimme vor sich hin. »Weshalb glauben Sie es nicht? Das Schweigen der Frau damals nach der Tat scheint mir ein Beweis zu sein.« »Und weshalb hat sie nie von sich hören lassen? Zwei ganze Jahre nicht?« »Sie hatte Furcht. Die Kriminalpolizei beobachtete Sie beide damals längere Zeit. Es hätte Verdacht erregt, wenn eine engere Verbindung zwischen Ihnen beiden festgestellt worden wäre.« »Und dann, als wir uns wiedersahen?« »Sie sind arm, Herr von Scheeven. Immerhin ist die Liebe von Frau Abercron von einem gewissen Lebensstandard abhängig. Deshalb und aus keinem andern Grunde nannte ich sie vorhin eine arme unglückselige Frau. Haben Sie nicht bemerkt, daß die Welt heute von solchen Frauen bevölkert ist? Es ist eine Zeitkrankheit. Diese Frauen sind nicht schlechter, als sie immer waren. Sie wissen nur nicht mehr, was Glück ist. Sie denken, Automobile und Reitpferde und Dienerschaft sind Glück. Sie stehen manchmal dicht davor, alles von sich zu werfen und glücklich zu werden. Dann zwingen sie es doch nicht ganz und gehen nach der falschen Seite ab. Immer nach der falschen Seite, denn sie erzwingen nie das Glück, das sie suchen. Und eines Tages sind sie zu Ende.« »Und –« fragte Steegen mit leiser Stimme, »und so ist Dorette?« »Ich glaube, daß sie so ist! Man muß Mitleid mit diesen Frauen haben.« Herr Paasche erhob sich. Er bediente sich dabei eines dicken Stockes, auf den er sich stützte. »Es ist wohl für heute nichts weiter zu sagen.« »Sie gehen jetzt?« fragte Steegen traurig. »Sagen Sie, Sie erwähnten vorhin, daß die Möglichkeit eines Auswegs bestände. Sie haben einen Verdacht, der in bestimmter Richtung geht. Was ist es damit? Ich muß es wissen! Haben Sie Hoffnung, haben Sie vielleicht mehr als Hoffnung?« »Mehr als Hoffnung? Allenfalls Hoffnung! Kaum Hoffnung! Es ist da eine Empfindung, eine Ahnung, die mich leitet, nicht mehr.« »Und wenn es Ihnen nicht gelingt?« »Dann werden Sie und Frau Abercron verurteilt werden. Viele, furchtbar viele Menschen sind auf Grund geringerer Beweise verurteilt worden. Ihr Fall liegt so, daß kein Richter, kein Geschworener, kein Zeitungsleser jemals auf den Gedanken kommen kann, daß Ihnen beiden Unrecht geschehen wäre. Und vielleicht würde Ihnen auch nicht einmal Unrecht geschehen.« Steegen sah bewegungslos zu, wie der Verteidiger das Zeichen für den Aufseher zog und sich mit einer leichten Verneigung durch die schweigend geöffnete Tür entfernte. Der Aufseher drehte das Licht ab. Steegen bemerkte nicht, wie das Dunkel ihm über die Augen fiel. Er stand noch immer gegen den Tisch gelehnt, als man ihm später das Essen brachte. Hering und Pellkartoffeln in einem irdenen Napf. Rechtsanwalt Paasche! dachte er. Ein merkwürdiger Mann! Wer hat ihn mir geschickt? Dorette oder – Sabine? Plötzlich schüttelte ihn die Angst, daß er verurteilt werden würde, und er mußte feststellen, daß er nicht Dorettes wegen zitterte, sondern seinetwegen, allein seinetwegen. Er schämte sich. 22 Noch viermal wurde er zu Vernehmungen über lange Treppen und durch dunkle Gänge geführt. Dann hörte auch das auf. Einmal kam Rechtsanwalt Paasche und berichtete, daß die Voruntersuchung beendet und das Verfahren eröffnet sei. »Nun und? Ich bin wegen Mordes angeklagt. Und Dorette?« »Wegen Begünstigung.« »Ist das schlimm?« »Das wenigst Schlimme. Vielleicht nur Geldstrafe oder ein Jahr Gefängnis. Immerhin werden ihr die zur Erziehung ihres Sohnes erforderlichen Eigenschaften abgesprochen und wird die Erziehung des kleinen Joachim in die Hände seiner Großmutter und seiner beiden Halbschwestern gelegt werden.« »So kann Dorette nicht mehr nach Swantemühl zurückkehren? Sie hat es sich gewünscht, glaube ich.« »Vielleicht«, sagte er. »Es ist schwer, sich Frau Abercron auf dem Lande vorzustellen.« Steegen bemerkte, daß Rechtsanwalt Paasche vor sich hin lächelte. »Aber wenn nun der richtige Täter gefunden wird, und es stellt sich heraus, daß sie nichts mit dem Mord zu tun hatte?« »Dann wird sie vielleicht mit ihrem Kinde auf das Gut ziehen. Vielleicht wird sie auch etwas anderes tun.« »Sie wird Schwarzer heiraten!« »Ich weiß darüber nichts«, sagte der Alte und erhob sich. »Ich glaube aber, daß man Frau Abercron die Erziehungsgewalt über den Erben in jedem Fall absprechen wird. Das Vormundschaftsgericht denkt sehr streng über die sittliche Eignung einer Mutter.« »Und wie steht es mit Ihren Nachforschungen?« »Ich habe sie noch nicht aufgegeben. Das ist alles.« Rechtsanwalt Paasche ging. Wer hat mir diesen merkwürdigen Mann geschickt? dachte Steegen zum hundertstenmal. Er suchte gegen die Atmosphäre anzukämpfen, die von dem Alten ausstrahlte. Er kam sich vor ihm vor wie ein Kind vor dem Weihnachtsmann. Plötzlich würde er den Sack hervorziehen und seine Geschenke auspacken. Aber vielleicht verbarg sich nichts hinter dem geheimnisvollen Wesen. »Eine Hoffnung, eine Empfindung, eine Ahnung!« hörte er ihn wieder sprechen und sah ihn den weißen Kopf hin und her wiegen. Es konnten Faseleien eines alten Mannes sein. »Sie werden Besuch bekommen«, sagte der Aufseher am nächsten Morgen, »von einer Dame!« Steegen hob den Kopf. »Wer ist es?« Der Mann wußte es nicht. Sie hatte die Erlaubnis, ihn unter vier Augen zu sprechen, eine ganze Viertelstunde! Dorette oder Sabine? Eine von beiden mußte es sein. Auf einmal lastete die Zeit unerträglich. Unbeweglich stand das graue Vormittagsnebellicht hinter dem Gitterfenster. Die Mittagsstunde, in der die harten Holzsohlen der Gefangenen vom Hof heraufklapperten, wollte nicht kommen, und als sie endlich da war, nahm sie kein Ende. Er ging an das Fenster. Wenn er sich den Hals ausrenkte, konnte er die Männer unten in dem kahlen Hof zwischen den Mauern im Kreise laufen sehen. Noch fünf Stunden, sagte er sich, dann wird sie kommen. Abends, wenn ich die harte Linie des gegenüberliegenden Daches nicht mehr sehen kann. Er versuchte sich niederzulegen, aber die Zeit war nur im Auf- und Abschreiten zu zermahlen. Plötzlich stand er still. Wen erwarte ich eigentlich? Dorette oder Sabine? Oder hinter der, die kommen würde, etwas anderes noch? Er konnte es nicht bezeichnen. Wenn Dorette kam! Es mußte etwas bedeuten. Der Knoten würde sich an einer, wenn noch so kleinen Stelle zu lösen anfangen. Und würde er enttäuscht sein, wenn es Sabine war? Er stellte beide Möglichkeiten nebeneinander. Nein, entschied er zu seiner eignen Überraschung, er würde nicht enttäuscht sein. Es war Sabine. Der Aufseher schloß hinter ihr die Tür. Sie standen sich verlegen gegenüber. Ihnen unangenehm, daß ich komme?« fragte sie. »Nein!« »Ich wollte nur fragen, ob ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann. In einigen äußeren Dingen. Ich könnte Ihre Sachen bei uns unterbringen. Oder wollen Sie Ihr Zimmer behalten? Sie brauchen vielleicht Wäsche? Soll ich Ihnen eine Waschfrau besorgen? Verzeihen Sie, vielleicht wird für Sie gut gesorgt.« »Ich danke Ihnen, Fräulein Sabine. Aber weshalb wollen Sie mir helfen? Halten Sie mich nicht mehr für einen Mörder?« »Ich – weiß nicht«, sagte sie und wiederholte mit leiser Stimme: »Ich weiß es nicht mehr. Und deshalb bin ich hergekommen. Es ließ mir keine Ruhe.« Sie sah ihm voll ins Auge. »Herr Steegen, ich beschwöre Sie, mir die Wahrheit zu sagen! Sprechen Sie nicht jetzt gleich. Überlegen Sie es sich. Wollen Sie mir überhaupt antworten? Ich schwöre Ihnen, daß nie zu jemand ein Wort über meine Lippen kommen wird, was Sie mir auch sagen mögen. Soll ich es Ihnen schwören beim Andenken an meine Mutter?« Sie schlug jetzt doch die Augen nieder und wiederholte: »Soll ich es Ihnen schwören?« Er schüttelte den Kopf. »Sagen Sie mir die Wahrheit! Nur für mich! Sind Sie es, der meinen Vater erschossen hat?« »Ich schwöre es Ihnen, daß ich es nicht bin!« sagte er ernst. »Und Sie wissen nicht, wer es war?« »Nein.« »Ich danke Ihnen.« »Glauben Sie mir, Fräulein Sabine?« »Ja, Herr Steegen. Ich glaube Ihnen ganz fest.« Wieder schwiegen sie verlegen. »Haben Sie mir den Rechtsanwalt Paasche zugeschickt?« fragte er nach einer Pause. Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß von keinem Rechtsanwalt Paasche. Aber kann ich etwas für Sie tun? Ihr Zimmer kündigen, die Sachen bei uns unterstellen?« »Ihre Plastik hätte ich gern hier«, sagte er lächelnd. »Wirklich, ich hätte sie furchtbar gern hier stehen. Aber es ist wohl nicht erlaubt. So nehmen Sie sie bitte wieder zu sich. Vielleicht werde ich sie lange nicht sehen.« »Wir wollen das nicht hoffen. Aber Sie müssen mir für Ihre Wirtin einen Ausweis geben. Schreiben Sie in mein Notizbuch. Hier! Und wenn Sie einem andern Menschen etwas mitteilen wollen, dann schreiben Sie es auf eine andre Seite. Ich werde es sofort, ohne zu lesen, in einen Umschlag tun und auf die Post geben. An wen es auch ist, verstehen Sie?« »Ich danke Ihnen, aber – es ist nicht nötig.« Plötzlich fiel ihm ein, daß sie Dorette gemeint haben konnte. »Ich danke Ihnen!« wiederholte er und war gerührt. »Ich möchte, daß Sie freigesprochen werden«, sagte sie, während er der Wirtin einige Zeilen schrieb, »aber ich bange mich sonst nicht danach, daß der Täter festgestellt wird. Ist es schlimm, daß ich als Tochter so denke?« Er reichte ihr das Notizbuch zurück. »Es ist nicht schlimm«, sagte er lächelnd, »sondern es ist gut. Es hat Altes Testament und Blutrache und solche barbarischen Geschichten überwunden.« Aber die Worte waren nicht das Eigentliche, was zwischen ihnen vorging. Sie sprachen nur, um sich gegenseitig zu zeigen, daß nun alles zwischen ihnen gut war. Der Aufseher trat ein. Sie reichten sich die Hände. »Kommen Sie wieder?« fragte er. »Wenn ich darf?« »Sie müssen jeden Tag kommen!« bat er. Plötzlich fiel ihm ein, daß die Erlaubnis nicht von ihm abhing. Einige Augenblicke hatte er vergessen, daß er gefangen war. Er wurde rot vor Verlegenheit. »Von Zeit zu Zeit wird man es mir gestatten«, kam sie ihm zu Hilfe. Sie reichten sich noch einmal die Hände. »Ihr Verteidiger ist da«, sagte der Aufseher. Sabine ging mit einem Kopfnicken an Herrn Paasche vorüber, der in seiner langsamen Art eintrat. Er ist also von Dorette bestellt, dachte Steegen. Der Rechtsanwalt sah dem jungen Mädchen nach. »Wer ist das?« fragte er. »Sabine Blankenhorn!« Steegen lehnte sich für einige Augenblicke mit geschlossenen Augen gegen die Wand. Grade jetzt wäre er gern allein geblieben. Er hörte das Türschloß zuschnappen. »Sabine Blankenhorn!« sagte er noch einmal und öffnete die Augen. Herr Paasche ließ sich auf dem Stuhl nieder. »Ich habe von ihr gehört«, sagte er. »Übrigens komme ich nur kurz vorbei, um Ihnen etwas mitzuteilen.« Er sah ihn forschend an. »Die beiden Briefe an Frau Abercron sind wirklich in Swantemühl geschrieben worden!« »Und von wem?« »Das wird sich herausstellen. Es ist jedenfalls die gleiche Handschrift, die sich in einem Wirtschaftsbuch auf dem Gut befand. Natürlich verstellt! Unser Detektiv, der seit einigen Tagen dort arbeitet, wird noch feststellen, wer die betreffende Eintragung in dem Buch gemacht hat.« »Ja«, sagte Steegen, »dann werden wir wissen, wer Dorette gewarnt hat.« Seine Gedanken weilten noch bei Sabine. Der Rechtsanwalt sah wieder zu ihm auf. »Nein«, sagte er langsam, »dann werden wir wissen, wer Blankenhorns Mörder ist!« Steegen war so überrascht, daß er einen Schritt zurücktrat. »Der Mörder?« fragte er verwundert. »Wieso der Mörder?« »Die beiden Briefe hat der Mörder geschrieben!« sagte der Verteidiger mit seiner leisen Stimme. »Das war mir klar, als ich davon hörte. Wer die Briefe geschrieben hat, muß der Täter sein!« »Ich verstehe nicht.« »Der erste Brief wurde einige Tage vor der nochmaligen Besichtigung des Tatorts geschrieben. Nur ein Mensch, der das Geheimnis jener Mauerecke kannte, konnte auf den Gedanken kommen, daß diese Besichtigung etwas entscheidend Neues zutage fördern würde. Und nur ein Mensch, der den wirklichen Verlauf des Hergangs kannte, konnte vermuten, daß die aufgefundenen Spuren in erster Linie Sie und Frau Blankenhorn belasten würden. Der Schreiber der Briefe kannte Ihr Geheimnis!« »Und weshalb ließ er mich nicht schießen?« fragte Steegen fiebernd. »Vielleicht hatte er selbst eine Rechnung bei Herrn Blankenhorn zu begleichen«, sagte er bedächtig. »Es kann sein, daß er Wert darauf legte, selbst zu schießen. Es kann sein, daß er acht Tage lang vergeblich auf Ihren Schuß gewartet hat. An jenem Abend kam er an die Stelle. Das Gewehr stand schußbereit an der Mauer. Dieser Mensch konnte den Schuß so gut abfeuern wie Sie. – Sie sind es nicht gewesen, Herr von Scheeven?« Steegen überhörte die Frage. Seine Gedanken fingen an zu arbeiten. »Entweder Sie oder der Briefschreiber kommen in Frage. Der Mann dachte mit den Briefen etwas besonders Schlaues zu machen. Er hoffte, daß Sie und Frau Abercron aus Furcht vor den schwerwiegenden Indizien ins Ausland fliehen würden.« »Ich weiß, wer der Täter ist!« unterbrach Steegen schroff. Jener Morgen auf der Försterei stand vor seinen Augen. Er sah die scheue dunkle Frau ins Haus flüchten. Er sah das Kind mit der seltsamen ausgebuckelten Stirn an der Küchentüre stehen, er sah die Mutter den Jungen wortlos zu sich hineinziehen. »Vielleicht hatte er selbst eine Rechnung bei Herrn Blankenhorn zu begleichen!« dachte er der Worte des Verteidigers nach. Wie alt konnte der Junge sein? Kaum älter als Joachim Blankenhorn! Damals, als er täglich mit Dorette zusammen ritt, als er sich schon mit Mordgedanken trug, damals mußte es gewesen sein! »Sie wissen es!« nickte Herr Paasche. »Der Förster Ahlmann!« »Förster ist gut. Förster könnte passen. Ein Förster kann schießen, ein Förster kann Sie belauschen, ein Förster kann Sie beide im Wald beobachten. Er folgt den Hufspuren, stellt fest, daß Sie unter dem Ahornbaum zu lagern pflegen. Vielleicht hat er Sie da über Ihren Plan sprechen hören. Oder er findet Ihren Hinterhalt auch anders heraus. Ihm fällt eine Spur an der Mauerecke auf. – Und weshalb glauben Sie, daß er es ist?« »Der Förster hat ein Kind, anderthalb Jahre alt. Ich sah es neulich, als ich mit Fräulein Sabine dort war. Einen Jungen von einer auffallenden Ähnlichkeit mit Blankenhorn. Ich weiß jetzt, daß ich geradezu erschrak, als ich es sah.« »Und Sie glauben?« »Die schwarze Martha war vorher als Stubenmädchen im Schloß. Herr Blankenhorn hatte es ewig mit den Mädels. Dann heiratete sie den Förster.« »Und das Kind?« »Das Kind stammt schon aus der Zeit, als die Martha verheiratet war. Vielleicht ein halbes Jahr kann sie verheiratet gewesen sein. Blankenhorn muß der jungen Frau nachgestellt haben. Es kann sein, daß sie ihm früher im Schloß zu Willen gewesen ist. Das war das Merkwürdige, alle Mädels waren ihm zu Willen. Diesmal, nach ihrer Verheiratung, hat er es vielleicht mit Gewalt erzwungen. Sie wird es ihrem Mann gesagt haben, oder der hat es sonstwie herausbekommen. Und da hat er sich gerächt!« »Wir müssen sehen, ob er die Briefe geschrieben hat. Es werden einige Kinder dort herumlaufen, die Ähnlichkeit mit Herrn Blankenhorn haben. Aber Förster ist gut, Förster könnte passen!« wiederholte er. Der Verteidiger erhob sich in seiner schwerfälligen Art. Ehe er das Zeichen für den Aufseher zog, blieb er, auf den dicken Stock gestützt, mitten in der Zelle stehen. »Herr von Scheeven«, sagte er ernst, »bis Sie frei sind, kann es noch Wochen dauern. Aber wenn Sie frei sein werden, dann haben Sie eine Lebensperiode hinter sich. Oder vielleicht müssen Sie noch weiter lernen!« Steegen schlug seine Augen vor dem Blick des alten Mannes nieder. Er wußte, was Herr Paasche meinte. 23 Er hob den Blick erst wieder, als die Tür ins Schloß fiel. Zu seinem Erstaunen brannte das Licht, das der Wärter um diese Zeit sonst nicht mehr anzuzünden pflegte. Man fing an, ihm die Haft zu erleichtern. Er stand und streckte die Arme aus. Einmal würde er aus dieser Zelle heraustreten, frei, des Alpdrucks ledig! Er hatte Blankenhorn nicht erschossen! Er brauchte nicht mehr dies Bild vor sich zu haben: Visier und Korn des Gewehrs, das sich auf eine niedrige, gebuckelte Stirn richtete! Er würde wieder über Felder gehen und Pferde reiten, in freier Natur reiten, nicht nur im Tattersall oder im Labyrinth des Tiergartens. Wenn Engelke ihn noch nahm. Er ließ die Arme sinken. Alles wird in den Zeitungen gestanden haben. Meine Liebe zu Dorette, meine Vorbereitungen zu dem Mord, mein Wiedersehen mit Dorette, der Selbstmord Abercrons, alles, alles! Wo die beiden auftauchten, so wird es in den Zeitungen gestanden haben, da folgte der Tod, in der einen oder der andern Gestalt. Mord oder Selbstmord. Wenn Engelke mich noch nimmt! Plötzlich fiel sein Blick auf einen weißen Fleck, der halb unter der Kante des Lagers vorsah. Ein Stück Papier, dachte er und bückte sich. Es war ein Briefumschlag. Ein Brief an ihn? Er schob ihn vorsichtig in die Tasche. Nie wußte man, wann der Aufseher durch das Guckloch sah. Er ging langsam zum Tisch, holte die schwere Bibel aus der Schublade und setzte sich. Mit der Hand in der Tasche riß er den Umschlag auf, befühlte den glatten Bogen, legte ihn mit unauffälliger Bewegung in das heilige Buch. Wessen Handschrift würde er nun erblicken? Dorettes Handschrift! »Rolf!« las er. »Jetzt wirst Du bald frei sein, und keine Schuld wird auf uns lasten. Zwei Jahre wagte ich nicht zu Dir so zu sein, wie ich wünschte. Aus Angst! Ich fürchtete, daß Du Blankenhorn erschossen hättest. Es war nie mein Wunsch, Rolf, daß Du es tätest. Du mußt mir glauben, daß das nie mein Wunsch gewesen ist. Als es aber geschehen war, schwieg ich von Deinen Reden und dem, was Du mir von den Vorbereitungen erzählt hattest. Aus Liebe zu Dir schwieg ich und habe mich damit schuldig gemacht. Aus Liebe zu Dir, das mußt Du mir auch glauben! Wenn ich damals gesprochen hätte, so wärst Du verurteilt worden. Heute wissen wir, daß es ein andrer getan hat, und alles ist gut. Ich ahne nicht, wer. Der, der mir die Briefe aus Swantemühl schickte! Ich habe kein Glück in meinem Leben gehabt, Rolf. Blankenhorn – Abercron, Du weißt! Ich hätte mich nie von Dir trennen sollen, damals in München. Ist es zu spät, das wieder einzuholen? Wenn unsre Schuldlosigkeit feststeht, dann können wir gehen, wohin wir wollen. Paasche meint, daß man mir den kleinen Joachim fortnehmen wird und daß auch Swantemühl für mich verloren ist. Aber unser Freund Schwarzer hat für mich über hunderttausend Mark aus Abercrons Zusammenbruch gerettet. (Schon wegen dieses Satzes mußt Du diesen Brief sofort vollständig vernichten, hörst Du! Sofort und vollständig!) Mit diesem Geld können wir etwas anfangen. Nur weit weg müssen wir, wo uns niemand kennt. Willst Du mit mir in die weite Welt gehen? Dann lasse ich alles andre, und wir bleiben beisammen, wie wir immer hätten beisammen bleiben sollen, seit wir uns kennen! Willst Du? Dann sage es mir, sobald wir uns wiedersehen, in Tagen oder in Wochen! Wenn Du willst. Deine Dorette.« Steegen las den Brief viele Male hintereinander. Es war ihm, als müßte er alle Stimmen in sich zurückdrängen, um jedes Wort zu erfassen. Dann stellte er sich kurz entschlossen mit dem Rücken gegen die Tür, so daß er das Guckloch verdeckte. Nur in diesem Augenblick nicht! betete er. Er riß den Bogen in kleine Fetzen. Die Stelle über Schwarzer knüllte er mit einer raschen Bewegung zusammen, steckte das Kügelchen in den Mund und schlang es hinunter. Um alles in der Welt nicht sollte Dorette aus diesem Brief ein Nachteil erwachsen! Er zerriß und zerriß. Die kleinsten Stücke wurden noch einmal mit den Fingernägeln zerquetscht. Endlich hatte er nur noch kleine Schnitzel in der Tasche. Sie nahmen kaum Platz ein. Niemand würde sie je wieder zusammensetzen können. Er atmete tief auf und ließ sich von neuem an dem Tisch nieder. Die Bibel lag noch aufgeschlagen da. Seine Blicke fielen auf die großen ausgebreiteten Seiten. Er las halb in Gedanken: »Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« Es war eine Stelle aus dem Römerbrief. Einen Augenblick dachte er nach. Er fühlte Dorettes zermalmten Brief in der Tasche und ließ den gelesenen Satz in seiner harten Erbarmungslosigkeit auf sich einhämmern. Dem andern bin ich nicht gnädig, und des andern erbarme ich mich nicht! sprang ihm der Sinn entgegen. Er schlug das Buch zu und legte es in die Lade zurück. Erst jetzt empfing er ihren Brief, ließ ihn sich Satz für Satz durch den Kopf gehen. »Dann können wir gehen, wohin wir wollen!« Mit Dorette in die weite Welt, ein neues Leben beginnen, ohne Schuldgefühl und ohne Angst! »Wenn Du willst. Deine Dorette!« sprachen seine Lippen leise nach. Alle Sätze dieses Briefes klangen in ihm, mit Dorettes Stimme gesprochen. »Aus Liebe zu Dir schwieg ich!« klang es. »Ich habe kein Glück in meinem Leben gehabt, Rolf!« klang es, und dann kam es wie aus dem heiligen Buch in der Schublade hervorgekrochen, sich in die Sätze des Briefes mischend: Welches ich mich nicht erbarme, dessen erbarme ich mich nicht! Und noch einmal: »Ich habe kein Glück in meinem Leben gehabt!« Plötzlich ließ er den Kopf auf den Tisch sinken und weinte. Seit Jahren hatte er nicht mehr geweint. Er fühlte die warmen Tränen zwischen seinen Fingern quellen. War es vor Glück, daß Dorette ihn liebte, oder vor unsäglicher Angst, daß eine fremde Kraft erbarmungslos über ihrem Leben schaltete? »Was haben Sie?« fragte der Aufseher, der das Essen brachte. »Ihre Sache soll doch sehr gut stehen!« 24 Steegen richtete sich innerlich zu wochenlangem Bleiben ein. Zu seiner Überraschung wurde er schon am nächsten Morgen vor den Untersuchungsrichter geführt. »Nehmen Sie einen Augenblick Platz, Herr von Scheeven. Wir müssen noch auf Frau Abercron warten, die gleich erscheinen wird. Ich will Ihnen nur soviel sagen, daß das Verfahren gegen Sie niedergeschlagen ist und Sie entlassen werden.« Damit beugte er sich über die Akten und begann zu schreiben. Er hätte einige freundliche Worte sagen können, aber es war deutlich, daß er die persönliche Berührung mit dem nur aus Zufall Schuldlosen zu vermeiden wünschte. Der Protokollführer saß still an seinem Tisch vor der Maschine. Steegen sah vor sich nieder. Er bemühte sich ruhig zu sein, aber seine Hände zitterten und das Blut klopfte in den Schläfen. Jeden Augenblick würde Dorette in das Zimmer treten. Es dauerte fast eine halbe Stunde, ehe sie kam. Wie damals, in den Wochen nach Blankenhorns Tod, trug sie Schwarz. Steegen sah sie überrascht an. Er hatte nicht daran gedacht, daß sie ihm in dieser Gestalt erscheinen würde. Genau so hatte er sie von den furchtbarsten Wochen seines Lebens her in Erinnerung. Damals, als sie über ihn hinwegsah wie über einen Reitknecht. Damals, als es nicht zu begreifen war, daß sie eines Tages nicht mehr da sein würde. Sie wußten beide nicht, ob sie sich an diesem Ort begrüßen durften, und nickten sich verlegen zu. »Willst Du, dann sage es mir, sobald wir uns wiedersehen!« Er fühlte, daß auch sie an ihren Brief dachte. Er sah, wie sie rot wurde. Ein wenig bleicher als sonst war sie eben noch gewesen, aber unverändert. Wie eine Neunzehnjährige sah sie aus, blütenzart, zerbrechlich, und die furchtbaren Wochen hatten ihr dennoch keine Falte, keinen fremden Zug eingraben können. »Gnädige Frau, Herr von Scheeven!« begann der Richter mit ausdrucksloser Stimme. »Das Verfahren gegen Sie braucht nicht eröffnet zu werden oder wird eingestellt. Eine Anklageschrift haben Sie noch nicht erhalten, und sie erübrigt sich jetzt. Der Mörder des Herrn Blankenhorn, dem man übrigens auf der Spur war, ist gestern hier erschienen und hat ein umfassendes Geständnis abgelegt. Es handelt sich um den Privatförster Albrecht Ahlmann aus Swantemühl. Er stellte, einer sehr anständigen Regung nachgebend, sich selbst, um nicht Unschuldige für sein Verbrechen büßen zu lassen. Er gab an, seinen Brotherrn, den Majoratsbesitzer Blankenhorn, in dessen Zimmer erschossen zu haben, und zwar aus Rache dafür, daß Blankenhorn seine, des Ahlmann, Ehefrau vergewaltigt hätte, aus welcher Tat auch ein Kind entsprossen wäre. Durch einen Zufall hatte er von den Vorbereitungen, die Sie, Herr von Scheeven, selbst für eine Ermordung Blankenhorns trafen, Kenntnis erhalten, indem er Sie an der bewußten Mauerecke bei Ihrer Tätigkeit belauschte. Er nahm auch an, daß Sie selber die Absicht gehabt hätten, Ihren gemeinsamen Brotherrn durch die entstandene Mauerlücke zu erschießen, aber als Sühne für Blankenhorns Untat gegenüber seiner, des Täters, Frau, hielt er es für unerläßlich, die Rache selbst auszuführen. In die Richtigkeit des Bekenntnisses des Ahlmann ist kein Zweifel zu setzen. Seine Erzählung stimmt mit den bisherigen Ermittlungen vollkommen überein. Seine Tat wird nach dem Gesetz geahndet werden. Sie selbst, Herr von Scheeven, stehen schwer mit Schuld beladen vor uns. Es ist nur ein Zufall, daß Sie den bereits von Ihnen gefaßten und sehr genau vorbereiteten Plan nicht ausgeführt haben. Trotzdem bietet das Gesetz keine Handhabe, Sie zu bestrafen, da es bei Ihrer Tätigkeit bei Vorbereitungshandlungen blieb und es noch nicht zu Versuchshandlungen kam. Sie gehen infolgedessen straffrei aus. Daß dennoch Ihre damaligen Absichten Ihr Gewissen schwer belasten müssen, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen. Und dasselbe gilt für Sie, gnädige Frau, die Sie an diesen Plänen Anteil genommen haben, ohne den geringsten Versuch zu ihrer Verhinderung zu machen. Aber auch gegen Sie findet das Gesetz keine Handhabe, da diese Pläne nicht zur Ausführung kamen. Man kann Sie aus diesem Grunde auch nicht dafür bestrafen, daß Sie nach der Tat Schweigen bewahrten in der ausgesprochenen Absicht, ein verübtes Verbrechen zu verheimlichen. Durch eine Fügung war das Verbrechen, von dem Sie Kenntnis hatten, nicht ausgeführt worden, oder doch jedenfalls nicht durch die von Ihnen gemutmaßte Person. Aber auch Sie haben, wenn nicht vor dem Buchstaben des Gesetzes, so doch vor Gott und Ihrem Gewissen eine schwere Schuld auf sich geladen. Das Gericht entläßt Sie beide aus der Strafverfolgung, aber nicht, ohne Sie ernstlich zu verwarnen. Eine Entschädigung für die erlittene Untersuchungshaft, Herr von Scheeven, kommt nicht in Frage, weil das die geringste Sühne war, die Ihr Verhalten nach sich ziehen mußte. Sie sind entlassen.« Der Richter nickte leicht mit dem Kopf. Dorette und Steegen wagten nicht sich anzusehen. Schließlich ging Dorette als erste zur Tür. Steegen öffnete und ließ sie vorangehen. Sie standen draußen. An dem Treppengeländer lehnte der Sipomann, der ihn hergeführt hatte und wartete. In einer Fensternische des Korridors stand Schwarzer und blickte hinaus. Dorette blieb stehen und sah vor sich hin. Die ein wenig zu kurze Oberlippe lag flaumleicht über den weißen Zähnen. Er mußte daran denken, wie er sie am letzten Abend bei Abercron gesehen hatte, auch damals kühl und ein wenig bleich, unberührt von der schwingenden Hitze des Raums. So stand sie jetzt neben ihm. Das blonde Haar fiel in die Stirn, die fast durchsichtig und wie aus glattem Marmor war. Was würde kommen? Er wußte es nicht. Vier Jahre hatte er auf diese Frau gewartet, und jetzt konnte er sie am Arm fassen und mit ihr die Treppe hinuntergehen. Weshalb zögerte er? Blankenhorn – Abercron! dachte er. Zwei, drei, zehn Sekunden dauerte das Schweigen zwischen ihnen. Plötzlich hörten sie auf der Treppe Geräusch. Zwei Sipoleute bogen um die Ecke, und zwischen ihnen ging der Förster. Mit jedem Schritt näherte die Gruppe sich ihnen, wurde aus der Tiefe ihnen entgegengetragen, drei Gesichter in einer Reihe, und das mittelste, das wie erstarrt war, sah sie an. Es war keine Anklage, kein Haß, fast kein Ausdruck in den Augen des Försters. Er sah sie nur an, die tun wollten, was er getan hatte, und die dennoch in ihre Freiheit gehen durften. So fühlte Steegen seinen Blick. Dies war nun »der andre«, an dessen Rätsel er zwei Jahre hindurch gedeutet hatte. So fern war er ihm gewesen in seinem Kreisen um Dorette, seinem eignen Gesetz erliegend, von der eignen Rache getrieben. Und auf einmal so nah im Schicksal, da er nun sühnen mußte, was Steegen erdacht hatte. Wieviel Schlimmeres hatte Blankenhorn diesem Mann angetan! Das griff in urweltliche Bezirke. Gewalt an der Frau, die dem andern gehörte, Aufzwingen der eignen Brut dem fremden Nest! Und der andre hatte zur Waffe gegriffen wie in uralten Zeiten. Es gab keinen Ausweg: er selbst mußte den tödlichen Schuß abfeuern. Da half keine schlaue Berechnung, da galt nur das blutige Gesetz zwischen Mann und Mann. Vier, zwei Stufen war er noch zwischen ihnen entfernt, und jetzt war er oben, ging dicht an ihnen vorüber. Drei Augenpaare streiften sich, glitten voneinander fort. Steegen neigte den Kopf. Er empfand die Nötigung, sich tief vor dem Schicksal dieses Mannes zu beugen, der aus eignem Antrieb gekommen war, um ihn zu retten. Er schämte sich, daß er es bei dem kargen Grüßen bewenden ließ. Aber der andre hatte es nicht bemerkt. Er ging schon weiter. Seine Begleiter schoben ihn in das Zimmer des Richters. Einen Augenblick blieb noch seine Schulter in dem grünen Jägertuch hinter dem Türpfosten sichtbar, dann war er verschwunden. Die große Maschine zog ihn in ihr Räderwerk, um sein Leben zu zermahlen. Steegen schauerte zusammen. Noch immer standen sie da, er und Dorette. Die Frau atmete zwei Schritte neben ihm. Merkte sie, daß ihr eignes Schicksal eben an ihnen vorbeigegangen war? Plötzlich sah sie ihn an, und ihre Augen fragten. Er schauerte zusammen. Hatte sie auch in diesem Augenblick nur sich gefühlt? Sie blickte in sein ernstes Gesicht. Ein Erstaunen ging über ihre Züge. Er sah die Verwandlungen über sie hinfliegen. Und jetzt lächelte sie und winkte mit der Hand Herrn Schwarzer. Der trat mit ruhigen Schritten näher. Die beiden Herren verbeugten sich. Die Förmlichkeit hatte in dieser Situation etwas Komisches an sich. »Kommen Sie mit, Herr von Scheeven!« fragte Dorette. »Wir wollen frühstücken gehen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe noch meine Sachen zu holen.« Der Sipomann an dem Treppengeländer richtete sich auf. »Auf Wiedersehen also!« Sie reichten sich die Hand. Ganz seltsam lagen ihre Hände ineinander. Als wären Flammen darin, die zurückschlugen. Die Herren verneigten sich nochmals. Er sah die beiden die Treppe hinuntergehen, Dorette schmiegte sich in Herrn Schwarzers Arm, der sie umfaßt hielt. Von unten winkte sie noch einmal hinauf. Er winkte zurück. Zehn Minuten später trat er aus dem Portal, den kleinen Koffer in der Hand. Was nun? Er mußte Engelke einen Brief schreiben und anfragen, ob er ihn noch haben wollte. In drei Tagen fuhr er dann vielleicht nach Ostpreußen, oder er suchte sich eine Stelle in einem Tattersall, der fern von Berlin lag. Man durfte nicht wissen, wer er war. Er blieb auf der Straße stehen. Autos, Asphalt, Laternen, dürftige Anlagen. Die Bäume hatten ihre Blätter verloren, das Pflaster glänzte feucht. Die Augen konnten schweifen, die lange Straße hinunter, weit in den Himmel. Er holte tief Atem. »Mann des Abendfriedens!« hörte er eine bekannte Stimme rufen. »Wo wollen Sie hin?« Stüwe winkte mit beiden Armen, und neben ihm standen Karla und Sabine. Auf dem Damm wartete das Auto. Der Motor bebte. Sie reichten sich ergriffen die Hände. Vielleicht hatten sie ihn mit Lustigkeit überfallen wollen, nun standen sie aber doch alle vier befangen da. »Die Sache ist die«, fing der Professor an, der sich zuerst faßte. »Sie wohnen für heute und morgen bei Großmutter. Dann müssen Sie für einige Monate zu Ihrem Freund Engelke, mit dem Sabine eine rege Korrespondenz eröffnet hat. Und dann – aber das kannst du ihm sagen, Sabine!« »Wieso ich?« rief das junge Mädchen aus, und man merkte an ihrer Stimme, daß bei allen dreien wieder die Freude die Oberhand bekam. »Also gut, um mich nicht zu zieren: Herr von Scheeven, es wird noch einige Monate dauern, bis Swantemühl wieder fest in unsrer Hand ist. Das heißt eigentlich in der Hand von Joachim Blankenhorn, dem noch für zwanzig Jahre unmündigen Majoratsherrn. Für diese zwanzig Jahre brauchen wir einen Vertrauensmann, der das Gut wieder hoch wirtschaftet. Engelke will Sie freilassen, sobald Sie ihm seine Pferdezucht eingerichtet haben. Das verlangt er nun einmal von Ihnen, und es paßt ja auch ganz gut mit der Zeit. Aber dann – nein, das mußt du ihm sagen, Karla!« Karla hielt sich am Arm ihres Mannes fest und lachte. »Wieso ich? Also kurz: wollen Sie Swantemühl für uns bewirtschaften, Herr – von Scheeven?« »Falls es Ihnen dort zu einsam sein sollte«, platzte Stüwe dazwischen, »so wären Großmutter und auch Sabine vielleicht unter Umständen bereit, ihren Berliner Wigwam abzubrechen und Ihnen Gesellschaft zu leisten.« »Davon wüßte ich nichts!« widersprach Sabine. »Besonders Großmutter brennt darauf, mit Ihnen wieder dort zu wirtschaften!« fuhr der Bildhauer fort. »Aber man könnte auch in Swantemühl mit leichter Mühe ein Atelier einrichten. Aber jetzt marsch in den Kasten!« Er öffnete die Tür des Wagens. »Steegen als Ehrengast muß zuerst hinein. Da helfen keine Flausen! Und dann Karla, weil sie eine verheiratete Frau ist. Sabine und ich bekommen die vorderen und unbequemen Plätze!« Sie setzten sich, wie Stüwe befohlen. Vor Steegen saß Sabine. Stüwe drehte sich, um weiterzusprechen, während der Fahrt nach rückwärts, den Arm über die Lehne gelegt. »Großmutter behauptet, daß Kohlrouladen Ihr Lieblingsgericht wären. Mann des Abendfriedens. Falls das nicht der Fall sein sollte, tun Sie der alten Dame den Gefallen und essen Sie aus Leibeskräften. Sie riskieren allerdings damit, daß Sie dann jedesmal wieder Kohlrouladen bekommen. Und Sabine, du brauchst unserm Ehrengast auch nicht so konstant den Rücken zuzukehren!« Sabine drehte sich um und wollte Steegen zunicken. Plötzlich sah sie Karlas Gesicht und reichte der Schwester die Hand hinüber. Ihre Hände lagen ineinander. Die Töchter Blankenhorn hatten Tränen in den Augen. »Sie müssen sich also darüber klarwerden, wie Sie es mit den Kohlrouladen halten wollen, denn es kann Konsequenzen haben«, fuhr er fort. »Und wie ist es mit Swantemühl?«