Cäsar Flaischlen Jost Seyfried. Zweiter Band Roman in Brief- und Tagebuchblättern Aus dem Leben eines Jeden     Sprüche eines Steinklopfers · Sturmbruch · Lieder eines Schwertschmieds · Herzblut · Tor auf!     Copyright 1921 by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart Druck der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart Drittes Buch »Lieder eines Schwertschmieds« Nun gilt es: nun zeig, daß du stark bist! die Zähne zusammen! und durchgerungen! Klagen und Traurigsein hilft zu nichts, und macht nur müde! Das Leben ist Krieg ... Das alte Lied! Um eine Stunde Frieden zu haben am späten Abend, gilt es, zehn im Kampf zu stehn! Das ist so und wird wohl immer so bleiben! und manchmal denk ich sogar: es sei gut! Also Mut! und fröhlich geblieben! es soll uns noch lange nicht unterkriegen! I Nun bist du fort! nun kannst du gar nicht mehr kommen! nun kannst du gar nicht mehr kommen! ... und die Rosen, die du brachtest, sind verwelkt!   Und ich?! o, ich bin gar nicht, der du denkst! ich lachte und tat stark und stolz und bin ... ein Kind! und habe Angst, wie ein Kind: allein zu sein! und sitze bei den Rosen, die du brachtest, und weine! und weine! ich habe Heimweh nach deiner Liebe, wie ein alter König Heimweh hat nach seiner Jugend!   Und ich hab dich nicht einmal geküßt! ich habe dir nur die Hand gegeben, vor deinem Haus ... und wir scherzten: für ein Vierteljahr ... es sei ja kaum der Mühe wert, Abschied zu nehmen! und ... ich höre immer noch den Schlüssel knarren, der mich auf die Straße schloß und in die Nacht! und ...   Ich dachte, ich sei so stark! ich dachte, ich sei gewappnet! und sitze bei welken Rosen und begrabe mein Gesicht in ihre Blätter! und weine ... wie ein Kind! und weine ... wie ein Kind! und dachte, ich könne gar nicht mehr weinen!   Und morgen kommt vielleicht eine Karte mit einem Gruß und dann ... dann weiß ich erst recht: daß du gar nicht mehr kommen kannst! und wenn es draußen klingelt ... ich brauche gar nicht an die Türe zu gehen! ich brauche gar nicht an die Türe zu gehen, wenn es klingelt! ... du bists doch nicht! II Nein, nein! hab keine Sehnsucht! und verdirb dir nicht das Schöne, das du hast! hab keine Sehnsucht ... ich weiß, was Sehnsucht haben heißt! Denk nicht hieher, bleib, wo du bist! und freu dich jeder sonnigen Stunde! wir hätten doch nicht, was wir träumen!   Sieh, wo du bist, ist Frühling! die Bäume blühen und die Vögel singen und blauer Himmel leuchtet über blauem Meer ... und hier? ... o! hier ... ist alles kalt und alt und winterweh und werktag! ... man wollte König werden und ist Narr geworden! Hab keine Sehnsucht! III Vergiß die stillen Stunden nicht ... im Wald, die wir uns stahlen, dann und wann, um auch einmal wie andere unbekümmert Arm in Arm zu gehen und uns zu freun, zusammen zu sein ... spätnachmittags und gegen Abend um Sonnenuntergang! Vergiß sie nicht, so viel sich drüber flicht an Schatten! es war ja alles, was wir hatten ... Und bleib ihnen treu, wie sichs auch füge! und halte sie rein vor Reue und Rüge und laß sie dir durch nichts entweihn! Es wird ja wohl auch weiter so sein, wenn überhaupt: wir werden nur heimlich zusammen sein dürfen für zwei, drei Stunden in stillem Wald ... Und werden wohl immer erst gegen Abend erst gegen Sonnenuntergang haben, mai-lang erwartet und erwehrt, was so viel anderen ... mühlosen Glückes ... früh schon an jauchzendem Mittag bescheert! IV Von Hannie O es ist schön, wunderschön hier! und ich hab dich lieb, Liebster! und grüße dich und küsse dich und denke hundertmal am Tag: o, wenn Jost das hätte! wenn Jost hier mit stände! wenn Jost das sähe! und ... keine Sorge! keine Schule! keine Unruhe! nichts! jeder Tag Sonntag! Ich weiß nicht, ich möchte immer die Arme ausbreiten! es ist alles so herrlich! und ... mir ist, als ob ichs eigentlich nur dir zu danken hätte! und als ob andere gar nicht sähen, was ich sehe! Mailand war Enttäuschung, auch der Dom. Riesenspielzeug. Nur innen packte es mich und oben auf dem Dach, zwischen all den Turmkreuzen. Es ist, als stünde man mitten in einer märchenhaften Klippeneinsamkeit. Und alles Marmor und Marmor, bis auf den letzten Knopf hin! Um so schöner war Genua. Ich dachte immer an den Vater und an dich dabei! Wie sich das aufbaut! und dasteht! jeder Häuserzug wie eine trotzige Brustwehr gegen die See: bis hieher und nicht weiter! hier gebiete ich, der Mensch! Und die Treppen in den alten Palästen! Wir versuchten, sie mit der entsprechenden Würde auf und abzusteigen, doch vergeblich. Die Menschen damals müssen eine ganz andere Art gehabt haben. So besonders frühlingshaft ist es hier übrigens auch nicht! wir dachten wunder, wie grün es wäre! wir dachten, es wäre hier jetzt, wie etwa bei uns im Mai oder im Juni, und es ist auch Winter und die Sonne geht schon recht früh über die Berge. Wie kommt man zu solch queren Vorstellungen? wenn man ein bißchen überlegte, würde man sich sagen: es kann ja gar nicht sein, und wäre weniger enttäuscht! Es ist wärmer und ruhiger als bei uns, aber ein guter Ofen bleibt eben doch eine höchst liebenswürdige Erfindung, auch hier an der Riviera. Ich schreibe dir, so oft ich kann, doch es wird wohl immer nur kurz werden, da Hella natürlich stundaus und ein um mich herum. Sie kam in Mailand: ich solle doch Du zu ihr sagen. Ich sagte: gern! doch es müsse dann gegenseitig sein! Es war reizend, wie verlegen sie wurde, aber sie ist jetzt noch glücklich darüber. Sie lacht und singt den ganzen Tag und man wird selbst wieder zwanzig dabei. Schade, wenn man denkt, das so was über kurz oder lang dann irgend einem trübseligen Alltagsmenschen in die Hände fällt! Ich habe ein Tagebuch angefangen und werd es dir von Zeit zu Zeit schicken. Ich hab in meinen Briefen dann mehr Raum, von deinen Dingen zu plaudern.   Unser Haus liegt ein Stückchen am Berg hinauf, an der Straße nach Ruta. Wir haben zwei kleine ineinandergehende Zimmer, mit der üblichen Ausstattung, aber mit großem Balkon und mit wunderbarem Blick. Eine halbe Welt liegt uns zu Füßen: Rapallo, das Meer und die Berge des Apennin drüben, bis Sestri und weiter. Unten am Ufer die Bahn, Tunnel an Tunnel. Wir sehen vom Fenster aus alle Züge. Klein wie Spielkram huschen sie vorbei und kriegen jedes Mal Grüße nach Berlin mit und abends warten wir immer den nach Rom ab. Wie ein glühender Faden glitzert er auf und verschwindet im Berg, wie ein Mäuschen im Loch ... weg ists! und ich denke dann immer, einmal sitzen auch Jost und Hannie da drin und sind selig! V Ich möchte aufräumen, so lange du fort bist! und Hände und Herz mir frei schaffen! es soll schön sein, wenn wir uns wiederhaben! es soll Frühling werden endlich und Ostern!   Es liegt zu viel Liegengebliebenes um mich herum, nicht fertig Gemachtes, nicht zu Ende Gedachtes ... es zerrt an meiner Seele und macht mich unruhig, wie Feinde im Rücken, und zwingt mich immer wieder stehen zu bleiben! und ich möchte weiter! ich bin so wie so im Rückstand und habe nicht Schritt gehalten mit mir selbst und meinem Leben!   Ich wollte mit Dreißig mit dem Grundriß fertig sein, um ans Bauen gehen zu können ... und . es ist . noch immer . nicht . so . weit! und bloßes Bauen ist doch auch nicht letztes Ziel! man will in seinem Haus am Ende auch noch wohnen eine Zeitlang und ... leben! und wär es nur, um zu beweisen, daß es lebbar, was man wollte! VI Herzblut lasse ich nun endgültig liegen. Ich komme nicht in Stimmung dazu. Es ist ja nur Kauf alles und Handwerk und Mache ... aber ... ich glaube, ich bin darüber hinaus! der rechte Zorn ist mir allmählich abhanden gekommen und ohne Zorn wird es nichs ... Es bleibt eben Bruchstück, was ich gewollt habe. Es sollte noch einmal der große Kampf werden um den Glauben unserer Jugend, den wir zu kämpfen haben, wenn wir aus der Heimat kommen: ›Über Bord mit deinen Träumen! es sind Lügen! die Welt ist anders, als du denkst!‹ der Kampf, der eines Tages einen Riß in jedes Leben reißt, denn wir kranken alle an diesen Träumen ... wir glauben alle einmal: die Welt wäre, wie man in Kinderzeiten uns erzählt und wie wir hören und lesen. Wir hören und lesen überall ja nur, was uns bestätigt, und nie, was uns verurteilt! wir glauben alle einmal: die Menschen seien oder sie bestrebten sich wenigstens, zu sein, wie man uns sagt, man müsse selber sein. Man zeigt uns immer nur das Ziel und nie den Weg! wir nehmen alle einmal die Forderungen, die die Dichter und Richter der Menschheit aufgestellt, als erfüllte Wirklichkeit und bauen uns in kindlich gottgroßem Überglauben eine Welt zurecht, die es nie gab und niemals geben wird ... und des eigenen Lebens erwachende Kraft läutet die Glocken und wir stürmen auf und lichten die Anker und suchen und suchen und wollen finden, was wir suchen! und was wir finden ... o, es ist nie und nirgends auch nur der Wunsch: ein eigenes Leben zu leben, einen eigenen Glauben zu glauben, eine eigene Welt sich zu schaffen ... es ist immer und immer alles nur Bequemlichkeit und Geschäft und Vorteilsucht! Kauf und Handwerk und Mache! Über Bord mit deinen Träumen! es sind Lügen! die Welt ist anders, als du denkst! Aber der rechte Zorn ist nicht mehr da! ich kann nicht mehr darüber weinen! lachen freilich, wie ich möchte, auch noch nicht! Ich sage immer noch: die Wirklichkeit hat recht! und beuge mich ihr und den Forderungen ihres Alltags, aber ... ich ereifere mich nicht mehr, wenn ich sehe: wie schon der bloße Schein genügt und wie alles nur Pappe und Leimfarbe ist und wie leicht es, König spielen können, wenn man die nötige Unverfrorenheit besitzt und nicht zu bürgerlich gesonnen bei der Wahl der Mittel! ich ereifere mich nicht mehr! das alles muß vielleicht so sein und war in keiner Gegenwart am Ende anders! Und Kunst? und Kunst? Weißt du noch: wie wir uns vom Geschrei der andern irre machen ließen und Sperlinge für Adler hielten! wie wir uns von der eigenen Augenblicks-Begeisterung betören ließen, Messing für Gold zu nehmen! wie wir uns von den Tatsachen äußeren Erfolges irre machen und zurückdrücken ließen! wie wir mitunter heimgingen vom Theater, zerstört und zerbrochen: ob auch uns einmal eine solche Stunde schlüge?! und wie es uns umwarf, wenn am andern Tag die Blätter schrieen: ein neuer Dichter sei erstanden! ... und:   Wo blieb dieser ganze Ruhm? wo sind sie alle diese stolzen und bejubelten Sieger? wer weiß noch was von ihnen? Wir haben Dinge mit Kunst zusammengebracht, die gar nichts mit Kunst zu tun hatten und es wären Windmühlen gewesen, gegen die ich zu Felde gezogen, keine Ritter, keine Helden!   Und wenn es trotzdem mich zu Zeiten packt: wenn Gott und Welt Windmühlen Ritterehren erweist, daß ich auffahre: obs nicht doch der Mühe wert, zu einem Turnier zu satteln ... der rechte Zorn ist nicht mehr da. Es war in keiner Gegenwart am Ende anders. Wozu nach rückwärts kämpfen? man kann Besseres! Vorwärts! weiter! Lachen lernen! und ... an dich selber glauben! VII Und wenn sie es schroff nennen: wenn ich sage: Du, der du es ernst meinst, halt dir den Kopf klar und das Herz ruhig: Es ist ganz einerlei, was alles gedruckt und in die Schaufenster gelegt und auf den Bühnen gespielt wird, so viel Gutes darunter! es ist ganz gleichgültig, ob der oder der nun noch fünf oder zehn oder fünfundzwanzig Jahre lang jeden Winter vielleicht ein neues Stück oder ein neues Buch zu Markte bringt und wenn die Zeitungen noch so laut in die Trompeten fallen ... auf die Dauer bleibt von allem doch nichts! die Sonne, die im März den Schnee schmilzt, schmilzt es spurlos in die Erde! Es ist ganz gleichgültig und hat nichts mit Kunst zu tun! es ist alles nur: wie ein Töpfermeister Töpfchen dreht auf seiner Scheibe, hundert am Tag, wenn er lang genug ist! ... und wenn sie das schroff nennen ... ich fürchte, ich werde dann immer schroffer werden ... und wäre es auch nur gegen mich selbst! Ich weiß, die Leute nennen es ›Dichter sein‹: sich für einen möglichst verwickelten Vorgang irgendwo begeistern, für einen ›interessanten Charakter‹ oder für irgend eine Frage, die gerade im Vordergrunde steht, heute rot und morgen tot ... und sich hinsetzen und die Sache zu einem Roman oder zu einem Stück verarbeiten, schlecht und recht und gottesfürchtig ... wie man in Alt-Nürnberg dichtete! aber ich meine, wir müßten nachgerade weiter sein, als zu Hans Sachsens Zeiten selig! Und anderen wieder glücken ein oder zwei Würfe und dann ists aus! Aber auch das ists nicht, was weiterhilft! Einmal trifft auch ein Blinder ins Schwarze! Es gilt auf jedem Punkt zu können! Es gilt als Ganzer und auf der ganzen Linie zu siegen! VIII Wir sollten weniger Künstler haben und mehr Menschen! weniger Könner, mehr Woller! Bloßes Können ist keine Kunst mehr! und wenn ein Einzelner es noch so in die Höhe steigert! Was man können kann, müßte man allmählich können! und man könnte auch, man dürfte nur wollen! Wer will, kann immer! Genie ist Wollen!   Bloßes Können bleibt Handwerk, wenn der überragende Mensch dahinter fehlt! und verfällt! Bleibendes erzwingt nur der Charakter, und nur der höhere Mensch schafft Höheres! O, ich möchte aufspringen mitunter: Sieht denn niemand: wie wir mit unserer ganzen Kunst, ja mit unserem ganzen Leben immer noch in bloßen Voraussetzungen herum hängen! und daß wir nach keiner Seite mehr vom Fleck finden mit all den Kleinkinderschulbegriffen gewesener Zeiten! daß wir endlich unsere eigenen Gesetze schaffen müssen und zu Tat machen rücksichtslos! das ganze Leben entlang! IX Das ganze Leben entlang, wohin man denkt ... auch nicht ein fester Punkt! und feste Punkte sinds, die not tun, wenn wir weiter kommen wollen! für jeden einzelnen wie für die ganze Zeit!   Wir zerreiben uns immer noch in Streitigkeiten um die bloßen Vorbedingungen ... in dieser Richtung läge kein Weg! ... anstatt uns endlich zu verständigen, so oder so, und alle Kraft vereint aufs letzte Ziel zu stellen!   Aber nirgends auch nur der leiseste Wunsch, aus diesem trostlosen Wackelawaia aller Dinge herauszukommen! Es ist jammervoll, mehr als jammervoll! X Gewiß: wir wissen nichts und werden nichts wissen! wir werden nie die letzten Schleier von den Dingen lösen! wir wissen nicht, woher wir kommen! wir wissen nicht, wohin wir gehen! Aber: hat uns diese ganze klostergraue Weisheit auch nur einen Schritt vom Fleck gebracht, so lang die Erde steht? und bringt es auch nur einen Schritt vom Fleck, sie uns immer wieder als letzte Antwort vorzuhalten? und wie Polizeiverwarnungen an allen Ecken in die Welt zu nageln: hier hört es auf! Memento mori! Wahrheit? was ist Wahrheit?! Die Welt braucht Mut und Zuversicht und Freude! und eine Handvoll Selbstvertraun ist schaffender, als alles Wissen!   Amerika wär heut noch nicht entdeckt, gäbs nicht mitunter Narren, die da lachten: Wissen fand noch nie etwas, nur Glaube! Gebt mir Schiffe und ich schaffs! ... und das ist vierhundert Jahre her! XI Es ist so leicht, so leicht, wie sichs die Menschen machen! Sie sagen: es ist Schicksal! ich vermag es nicht zu ändern! Sie sagen: es ist Gottes Wille! ich muß mich fügen! es ist Vererbung! ich muß es tragen! Vorausbestimmung! Verhängnis! Unglück! Tücke! Pech! es ist stärker als ich! ich kann nichts dafür! du kannst nichts dafür! wir können nichts dafür! Sie sagen nicht ein einziges Mal: es ist meine Schuld! es geschieht mir recht! ich hätte besser vorsorgen sollen und auf der Hut sein! XII Es gibt kein Schicksal! nein! es gibt kein Schicksal! Einer kann immer dafür! und wenn man ehrlich sucht, ist man in neunundneunzig Fällen dieser Eine meistens selber!   Aber ... Epoche auf Epoche! die ganze Geschichte! O, was hat der Mensch nicht alles schon erfunden, seine Unmündigkeit und Unfreiheit und Feigheit zu verdecken! und einer eigenen Verantwortung sich zu entziehn!   Wie ein kleines Kind sich vor dem ›schwarzen Mann‹ fürchtet, fürchtet er sich vor dem bloßen Wort! und heute mehr als je!   Anstatt aufzustehen endlich: Die Verantwortung haben heißt Herr sein! nur Knechte wollen keine Verantwortung! nicht Gott, nicht Schicksal, ich bin meines Lebens Hüter! und was ich will , sei mein Geschick! XIII Wille! Wille und Selbstzucht! Wille allein ist Kraft! und was da fehlt, sind Menschen: denen nicht Behaglichkeit das letzte Ziel: denen es Spaß macht, sich was zuzumuten! Menschen, die gegen sich selbst zur Peitsche greifen können und lachend ihren Gaul zu Schanden reiten, wenn es einmal gilt ... aus bloßer Freude, sich im Zügel zu haben! aus bloßer Freude, sich selbst gegenüber was durchzusetzen! aus bloßer Freude, zu beweisen, was man kann, wenn man will!   Erst Zuchthaus, dann Freiheit! XIV Man kann nichts gegen seine Natur! und man soll auch nichts gegen sie wollen!   Manchmal aber muß man! und es geht! und ein ander Mal muß man wieder und sieht: daß es nicht bloß geht, sondern daß es ganz klug und gut war! und schließlich geht es auch ein weiteres Mal und man entdeckt, daß einem ganz wohl dabei, und daß die Natur williger und nachgiebiger, als man dachte!   Und eines Tages ist es: als wäre eine unliebsame Schwiegermutter abgereist, und man fühlt sich zum ersten Mal eigener Herr im Hause und freut sich, wie glatt die Dinge sich erledigen! und wie das ganze Gesinde aufatmet und gar nichts lieber will, als einem klaren wissenden Willen gehorchen zu dürfen! XV Bei Karl. Lisbeth ärgerlich und knetterig: sie sei müde und habe Kopfweh! sie hätte die halbe Nacht über wach gelegen und es dann nach Tisch nachholen wollen, aber da sei der Kleine gekommen und es sei wieder vorbei gewesen! Karl: wozu eigentlich das Kindermädchen da sei! »Aber Gott! er war so lieb!« Er zu mir: Er war so lieb! natürlich! ... aber daß sie nun müde ist und Kopfweh hat und daß mir dadurch ... nicht heute, heute bist du da! ... aber sonst der ganze Nachmittag verdorben und jede Stimmung, was zu machen oder nichts zu machen und wenigstens vergnügt zu sein, genommen wird, das ... das kommt gar nicht in Frage! das Wichtigere wird ruhig dem Unwichtigeren geopfert, das zum Ziel Tragende ohne jedes Bedenken belanglosen Nichtigkeiten preisgegeben, die im Handumdrehen erledigt oder abgestellt sein könnten! aber ... die Frauen sind so, und es macht ihnen Spaß, so zu sein! und wenn man noch so darum bäte! und wenn sie es selbst sogar einsehen! sie können da einfach nicht mit! Sie haben immer nur Energie ins Kleine und Nahe und nie ins Große und Weite! Sie haben keine perspektive Energie! und es ist hundertmal wichtiger und wertvoller, daß eine Frau sich frisch und munter hält, ihrer selber wegen in erster Linie, und ein Kind einmal dem Mädchen gibt, als daß sie sich mühsam wachzwingt, Kopfweh bekommt, krank macht, ins Bett legt und schließlich dann doch den ganzen Haushalt dem Mädchen überlassen muß und unsereinen womöglich mit! der Mann hat kein Verständnis für dieses Vergnügen an freiwilligem Martyrium! zumal er schließlich doch der ist, der dafür büßen muß. Und morgen zerbricht eine Vase und übermorgen verbrennt ein Braten oder die Schneiderin verschneidet ein Kleid und so sorgt jeder Tag in bunter Abwechslung für neue Dinge, die an sich kaum zehn Worte wert, die aber zu Wichtigkeiten werden und allmählich ... das gesamte Leben ... in andere Linien schieben ... und plötzlich steht der ganze Zug auf einem toten Geleise ... und dann ... dann mag man auch nicht mehr und läßt ihn eben stehen! Und es könnte so schön sein!! aber ... die Frauen sind so, und es macht ihnen Spaß, so zu sein! XVI Weißt du, ich glaube, das ist unserer ganzen Sehnsucht letzter Wunsch: so leben zu können, so alltagslos in festlichem Gewande durch das Leben schreiten, wie wir in Büchern lesen, wie wir auf der Bühne sehen und auf Bildern und wie wir selbst wohl sind bei fröhlichen Festen!   Es ist der ewige kleine Alltag rundum, der uns nicht zu Freude kommen läßt, der immer wieder uns zu Boden bindet und die Kraft zerbröckelt ... dies immer neue Staubabwischenmüssen von den Dingen, um sie blank und klar zu halten, dies Ordnungschaffen- Uhraufziehen- und Maschinennachsehen-müssen, das Getrieb des Tages in glattem Gang zu halten ... all die hundert unscheinbaren mühen Sorgen hinter den Kulissen ... von denen nirgendwo in allen unseren Büchern etwas steht und die wir selbst vergessen, wenn die Türe hinter uns ins Schloß fällt, und über die wir spotten, wenn andere davon reden, als von Wichtigem! und sie sind zwei Drittel oder mehr noch jedes Tages und bevor wir noch zu Hause wieder, bevor wir noch die Treppe oben, stehen sie da und wollen ihr Recht und zerren uns des Abends heiteres Lachen aus der Seele!   Nicht erlahmen und nicht müde werden ... ist das einzige! XVII Nicht bloß du und ich ... sieh, alle haben wir zu wenig Ruhe und zu wenig Zeit für unseren inneren Menschen! und das ist der tiefste Urquell unseres ganzen Leids! Das äußere Leben ist zu breit geworden und zersplittert uns an tausend Einzelheiten und es ist jeden Tag ein ewiger Kampf, nur mit dem Notwendigsten zurecht zu kommen!   Und wenn man einmal ein paar Stunden für sich hätte, anstatt sich still in eine Ecke dann zu setzen, Hand in Hand, zu ein paar Blumen, und auszuruhn und von Liebe zu plaudern und von Schönem und Frohmachendem verliert man sie an dumme zwecklose Verdrießlichkeiten und Ärgernisse und vergeudet sie mit leerem Hin und Her ob Dingen, die das Leben so wie so schon viel zu viel in Anspruch nehmen, und zu dem, was not tut und was weiterhülfe, was hinaussehn ließe über Heut und Morgen und Glauben gäbe, Zuversicht und Fröhlichkeit ... bleiben nur verloren eilige Minuten ... und so stiehlt man selber sich das Beste! und macht die Seele einsam, still und müde, wie Septembernebel die Wälder draußen einsam machen, still und müde ... bis schließlich ... Schnee fällt! und dann ists vorbei!   Und wenn es Stimmungen und Träume sind und müßige Dinge ... für müßige Dinge Zeit haben, ist Glück! XVIII Der schaffende Künstler brauche Stille und Einsamkeit. Berlin sei glattes Verderben, dieser stete Lärm, diese stete Unruhe ringsum lasse niemand zu Sammlung kommen und zu innerlichem Reifen und man begreife nicht, wie man es hier aushalten und was schaffen könne. Ich habe das so oft nun hören müssen, daß ich anfange, stutzig zu werden, ob es nicht auch nur bloßes Gerede? ob es nicht auch nur eine der vielen petrefakten Behauptungen unseres alten literarischen Landpostreglements aus Großvaterzeiten? und ob dieser berühmte Einsamkeitsdichter nicht überhaupt nur Mythe?   Was heißt Berlin? was heißt Einsamkeit? was heißt ... Schaffen und ... Dichten?! Menschen sind immer Lärm! gewiß! aber ... man ist unter Menschen, um die man sich nicht zu kümmern braucht, wenn man nicht will, einsamer, als auf dem menschenlosesten Einöddorf ... und je größer die Stadt, um so einsamer kann man sein ... wenn man will. Man will nicht immer! man will vielleicht um so weniger, je größer die Stadt und je mehr sie an Zerstreuung bietet, aber ... das gerade ist der Punkt, der entscheidet: freiwillig einsam sein! Alles haben können, aber wollen ... nur, was deinem Ziel zu gute kommt!   Wenn man in Kopf und Herzen Ruhe hat, ist Lärm von außen einerlei! so laut er sei! nur freiwillige Einsamkeit ist fruchtbar, nicht durch Abgeschiedenheit erzwungene! ich kenne sie auch, diese Einsamkeit im Gebirge oder am Meer! sie schafft nur ein paar Tage, dann wird sie lauter und brüllender und zerbrechender, als aller Großstadtlärm! ich kenne sie, diese Einsamkeit!   Außerdem aber ... ich will nicht Gelehrter, ich will nicht Mönch, ich will nicht Einsiedler, ich möchte ... Dichter sein! ich muß die Fenster offen haben ... ich muß Leben hören! und wenn es lärmt, so soll es lärmen! ich will wissen was um mich vorgeht! die Welt ist meine Welt! ich grabe nicht in alten Büchern! ich will auch keine neuen machen! ich will Leben schaffen! und abmessen können ... jeden Augenblick ... wie weit es trägt und ob es trifft, was ich will!   Doch sieh, wenn man so spräche, dann schüttelten die Leute verwundert den Kopf und kämen mit Witzen: wie und wo und wann ich dann am besten in Stimmung wäre? und wenn ich darauf einginge: am freiesten und wohlsten sei mir ... je nach dem ... auf der Eisenbahn! würden sie lachen: wie man überhaupt gern Eisenbahn fahren könne! Eisenbahnfahren sei etwas Entsetzliches! und es sei nur ein Glück, daß ... daß ich dann eben jetzt auf der Welt sei! obwohl es auch vor hundert Jahren schon ... ganz gute Dichter gegeben habe! und wenn ich antwortete: das sei in der Tat der Unterschied zwischen damals und heute! dann kämen sie mit Zeitungsweisheiten und Literaturstundenerinnerungen: Goethe habe am besten beim Spazierengehen gedichtet und Schiller habe faule Äpfel auf dem Tisch haben müssen und Lord Byron und ... Victor Hugo und ... Zola und ... ihr Blatt habe ganz kürzlich noch eine sehr interessante derartige Zusammenstellung gebracht! ... und da sitzt man da und macht mit: Ja ja! ja ja! und ein berühmter französischer Dramatiker schreibe seine Stücke sogar im Schlaf und auch in Deutschland versuche man das mit immer größerem Glück! und lacht und greift sich an den Kopf im stillen! das sind nun die Menschen ... das sind nun die Menschen, für die man sozusagen sein Leben verlebt!! und schweigt und sollte eigentlich aufstehen und ans Glas klopfen:   Verzeihung! nein! man dichtet weder wie noch wo noch wann am besten! man ist nicht etwa vormittags von zehn bis zwölf oder nachmittags von drei bis fünf oder abends von neun bis elf Dichter, wenn man am Schreibtisch sitzt und Papier vor sich hat und es mit Versen, Novellen oder Theaterstücken beschreibt! man ist nicht nur Künstler, wenn man vor seiner Staffelei steht und Leinewand, Holz oder Pappe bemalt ... man ist den ganzen Tag Dichter! und ... Künstler! und die ganze Nacht! jeden Augenblick! zu Hause, unterwegs, in Gesellschaft, im Konzert, auf der Eisenbahn, im Bett, in der Badewanne, wo Sie wollen! Man ist es oder ist es nicht! wie man Mensch ist oder eben nicht! und man frägt niemand: wie oder wo oder wann sind Sie am besten Mensch!   Aber ... man wird immer höflicher, je älter man wird! und es verlohnt sich auch nicht: weder den Leuten klar zu machen, was Dichter sein heißt! noch am Ende auch, es werden zu wollen! XIX Ich möchte ... ganz gern ... wieder einmal ... Eisenbahn fahren! aber es müßte der Mühe wert sein! und wenn es auch ein paar Nächte vorher kostet, um sich den Rücken frei zu schaffen und aufzuräumen! Es kommt wenigstens einmal dazu! Zettel! . Rechnungen! . Briefe! Zeitungen! zurückgelegt, um das oder das wirklich einmal zu lesen, in Ruhe, nicht bloß zu überfliegen! aber ... Ruhe?! Ruhe?! ach ja! ... Weg damit! verloren ist ja schließlich auch nichts weiter! und Bücher ... immer mehr und immer dicker! Jedes einzelne ein lauter Vorwurf! Man müßte! und möchte auch ganz gern! aber wann? wann?! Ins Rück damit! vorläufig wenigstens, bis man zurückkommt! man muß fertig werden! es ist Zeit! und ... und man wirds! und packt! und ... schließt! leb wohl! und geht und ... sitzt auf seinem Platz endlich! ein bißchen müde, übernächtig und frierig ... aber einerlei! man hats gezwungen und es geht einmal was anderem entgegen! und wärs auch nur für ein paar Tage! und ... man dehnt und reckt und rückt sich und es fährt los endlich und ... man atmet auf:   Kein Mensch kann einen nun mehr stören! kein Briefträger kann mehr kommen, kein Besuch, keine Anfrage, kein Fernruf! nichts! nichts! man ist gar nicht aufzufinden! man ist überhaupt nicht auf der Welt! und hat Zeit! Zeit! zehn, zwölf ganze Stunden! und gar keine Möglichkeit, auch wenn man wollte, Briefe zu schreiben oder Manuskripte zu sichten oder ... oder... sich um Haushaltungsdinge zu kümmern! oder Besorgungen zu machen! oder sich für eine Gesellschaft umzuziehen, für ein Theater oder für ein Konzert und trotz aller Hetzerei doch der Letzte zu sein! oder auf seine Liebste zu warten, die versprochen, zu kommen, und nicht kommt! oder überhaupt etwas Vernünftiges zu tun! gar keine Möglichkeit!   Man ist zehn, zwölf Stunden aller Schererei überhoben und allein und kann dasitzen und seinen Mitmenschen zusehen, im Zug oder auf den Bahnhöfen: wie unglaublich unselbständig und tappsig die meisten sind! und wie rücksichtlos dabei! und wie unvergnügt! wie unvergnügt! und kann man sich in seine Ecke zurücklehnen und durchs Fenster kucken und sich freuen: wie gut das Korn steht, wie saftig die Wiesen und wie grün die Wälder und wie blau der Himmel und wie golden die Sonne und wie schön, wie so wunderschön doch eigentlich die Welt ! und kann nichts tun, nichts, als allenfalls ... Verse machen! und kommt bei alledem, ohne die Hand zu rühren, mühelos, wohin man will!   Und das nennen die Leute etwas ... Entsetzliches! vielleicht jedoch ist vergnüglich Eisenbahnfahren-können auch ... eine Kunst und ... auch wieder eine besondere Begabung?! XX O man kann an alles Mögliche denken ... auf einer solchen Fahrt! Man ... man kann ... die Pferde satteln und man kann alle seine Horizonte einmal abreiten und die Posten revidieren ... einziehen, was überflüssig geworden und andere da und dorthin vorschieben! man kann die verschiedenen Lager alarmieren, ob es klappt? ob sie vorrücken und Fühlung mit einander halten?! oder ... wo was liegen blieb!   O, man kann an alles Mögliche denken! Vor und zurück! es wird ja immer breiter voraus und man kommt immer weiter weg von allem, das zurück liegt! Erst war es zwischen stillen grünen Hügeln ein stilles abgelegenes Tal ... nun ists die Welt! Robinson hat man werden wollen! Kolumbus! Kreuzfahrer! Herzog! König! und eine Burg hat man sich bauen wollen ... so stolz und groß und fest, wie das alte Schloß, das über dem Städtchen ragte ... nur nicht so düster und schweigsam! ... mit offenen Fenstern und Balkonen ins Tal hinunter! mit wehenden Fahnen auf den Türmen und mit Gesang und Saitenspiel in den Hallen! und die Schönste sollte ... Herrin sein!   O, man kann an alles Mögliche denken!   Man kann an seine Liebste denken! wie es wäre, wenn sie hier mit säße und so durch die Welt mit führe! wie vergnügt sie wäre! wie ihre Augen leuchten würden! wie sie immer wieder was zu zeigen hätte: Du, sieh mal, guck: die Ruine dort! aber schnell! ehe sie wieder weg ist! und hier, im Tal: die Mühle und der Bach! wie auf alten Kinderbildern! und auf der Wiese drüben: der Schäfer und seine Herde! ich dachte, das alles gäb es gar nicht mehr! und die Landstraße unten! o, wie schön es sich da gehen müßte! und wie treu und lieb: den ganzen Mittag schon läuft sie neben der Bahn her und wenn sich Berge vorschieben, zieht sie in Bogen über sie weg oder sucht ganz schnell um sie herum und kommt immer gleich zurück ... weißt du, wie eine Mutter, die Angst hat, ihrem leichtfüßigen Kinde könne was geschehen, wenn sie es allein läßt! ... oder sie würde sich in die Ecke huscheln und ein Nickerchen machen: aber wenn es was zu sehen gibt, mußt du mich wecken! und bei Zeit!   O, man kann an alles Mögliche denken!   Man kann denken: wie schön das wäre! und man kann denken: warum es eigentlich denn nicht so ist!? Man kann ... sein kleines schwarzes Buch hervorholen und blättern und rechnen: Das und das hättest du haben können vom Leben und hast es nicht gehabt! warum? und das und das hast du dafür gewollt! und hast dus erreicht? auch nur zur Hälfte? auch nur zu einem Drittel? auch nur zu einem Bruchteil? und was du erreicht hast, war es das wert, was du dafür nicht gehabt hast? und ... anstatt den Menschen, die dich gern hatten, Freude zu machen, hast du ihnen nicht immer nur Kopfzerbrechen und Unruhe und Aufregung gemacht? deiner Mutter, den paar Freunden, deiner Liebsten?! und vor allem und am meisten dir selber, Zeit deines Lebens?! Deine alten Schulkameraden sind alle längst in Amt und Würden, haben Haus und Weib und Kind ... und du?! ... und du!! was gibt dir ein Recht, etwas Besonderes zu wollen? was gibt dir ein Recht, zu reden, wie du redest? was hast du geleistet? zeigen!! Du willst die Welt ändern und kommst mit deinem kleinen Leben nicht zurecht! ...   O, man kann an alles Mögliche denken, auf einer solchen Fahrt, Hannie! man kann an alles Mögliche denken! und ... zehn, zwölf Stunden so allein mit sich zu sein ... o ja, o ja: es kann schon entsetzlich werden! XXI Weißt du ... ich glaub, es geht mit allem so! bei jeder Erfüllung, von der man träumt! Man wartet und man freut sich wie ein Kind den ganzen endlos langen Winter, und wenn es friert oder regnet und schneit und mitten am Tage trüb wird und nacht ... man mummelt sich in den Mantel und lacht: je tiefer die Wege draußen verschnein, um so früher muß es vorüber sein! Und wenn es dann ganz leise kommt, ganz leise mit wieder hellerem Schein ... wie will man sich darüber freun! wie will man auf der Lauer stehn, um ja das erste Keimchen zu sehn, und jauchzend jedes Veilchen grüßen und selber, o, ganz Frühling sein! Und dann ... dann kommt der große Regen, der immer kommt, vor jeder Erfüllung ... der Regen, von dem man sagt: ja ja! doch sobald er vorüber, ist es da! Und so wirds März und wirds April ... Wie sputet man sich, aufzuräumen im kleinsten Winkel: in Ordnung zu sein und wenn es da ist, Zeit zu haben: sich zu freun! Und eines Morgens wacht man auf und steht und staunt und traut den eigenen Augen kaum: als ob ein Wunder wär geschehn, ist alles, o, so grün, so grün und ringsumher ein Sprossen und ein Blühn und Glühn, als ob es schon seit Wochen, seit Wochen Frühling wär! Und jenes erste heimliche Werden, das man so köstlich sich geträumt ... man hats nun doch ... versäumt! XXII Das müssen wir immer noch weiter üben, ohne das Herz uns zu vertrüben: wonach wir uns mühn und was wir hoffen: andern zu lassen! und ohne Neid dabeizustehn und zuzusehn, wie sies vergeuden und verprassen! XXIII Gute Nacht für heute! ob du noch wach bist? es schlägt eben Mitternacht vom Turm ... und fängt an zu regnen! Große geheimnisvolle Tropfen, laut und schwer aufs Gesimse schlagend ... und in langem Riß zwischen weißen Nebelwolken der Mond, hell wie Silber ... und wenn du schläfst, träume was Schönes! Meine Gedanken stehlen sich zu dir und setzen sich an dein Bett und sehen dir zu, wie du schläfst, und halten Wache, daß dir nichts geschieht, wie der Mond draußen Wache hält über der schlafenden Welt ... und morgen früh flittre ich als Sonnenstrahl in dein Fenster und küsse dich auf die Stirn und du schlägst die Augen auf und siehst umher und lachst: die Sonne! XXIV Vor-wärts! vor-wärts! ... o, deine Uhr ist wieder so grausam! Vor-wärts! vor-wärts! durch Sturm und Schmerz! und brächs das Herz! vor-wärts! vor-wärts! All die Tage schon predigt sies, unerbittlich! und peitscht und peitscht! und ich weiß nicht, was sie will! ich werde ihre Bleigewichte abhängen! ... ihre Bleigewichte sind es, die sie so treiben! ... doch ... nein! ... sie sind ja ihr Leben!! und sie hat recht! vorwärts! vorwärts! und hart werden!   Vielleicht aber wäre sie nicht so ernst, wenn ein Sekundenzeiger dabei wäre! was immer so tagaus und ein zusammen durch die Zeit geht, muß Fröhlichkeit und Jugend haben, sonst wird es ernst und schweigsam ... vielleicht ist sie nur deshalb so hart, weil ihr Freude fehlt!? o, ich könnte Stunden lang zusehen, wie er bergauf und ab spränge, leichtfüßig, lustig und mit Kuckuckchen Kuckuckchen spielte und atemlos davonliefe, wenn er es endlich aus seinem Neste gelockt ... Nein, es sollte keine Uhren geben ohne Sekundenzeiger! Uhren ohne Sekundenzeiger sind wie Menschen ohne Jugend! Ich werde die Jalousieen schließen ... und alle Lampen und Lichter anzünden ... und die Diener sollen mit Wein kommen und Flöte soll Krone und Mantel bringen ... und die Minister sollen antreten ... es behagt mir, lustig zu sein! ich will lachen! ich bin es müde, dieses ewige Denken! und diese ewige Schwere überall! Musik! Gesang und Geigen! Tanz und Spiel! Freude fehlt! wir nörgeln zu viel! wir werden zu weise, wir werden zu schwer, wir lachen zu wenig! wer weise, ist: Bettler, wer lachen kann: König! Doch nein! die Minister sollen lieber nicht kommen! Minister sind auch nur Dinge, die nie vergnügt sein können! und immer nur denken wollen! sie sollen an ihren grünen Tischen bleiben, wo ihnen ja doch wohler ist! Ich sehne mich nach grünen Wiesen! Leben, nicht schreiben! Die Welt ist tintig genug! und ... Tinte ist Tod!   Ein Fest ohne Königin freilich ... nein! löscht die Lichter! ein Fest ohne Königin ist kein Fest! Mandolinchen soll kommen! nur der Narr mag noch da bleiben! er allein stört nirgends! man war ja immer selber, was er ist! und wird es immer aufs neue! Ich will mich auf meinen Thron setzen und will den Kopf in die Hand stützen und in die Ferne sehen und an Jugendtage denken ... und Mandolinchen soll mir das Lied ihrer Torheit singen, das Lied des armen, alten Königs ... man hat vom Leben nur, was man ihm nimmt! warum nicht nimmt man, was man nehmen könnte! ... Du bist so jung, du bist so lieb, du bist wie ein kleines Frühlingslied, du bist wie Maitagsonnenschein, so jung und lieb ... und ich, o Gott, ich bin so stein, ich bin so kalt, so alt, so müd! Du kommst und bringst mir lauter Rosen und sagst: nicht danken! nein, nein, nein! ich möchte dich nur fröhlich machen, du bist so still und so allein! Du kommst und gibst mir beide Hände und bittest leis: auch wenn du schiltst, da, nimm! nimm mich und meine Rosen! und mach, mach mit uns, was du willst! Und du bist so jung, du bist so lieb, du bist wie ein kleines Frühlingslied, du bist wie Maitagsonnenschein, so jung und lieb! und ich, o Gott! ich bin so stein, ich bin so kalt, so alt, so müd! Noch eins, Mandolinchen! Sieh nur, wie der Mond durchs Zimmer spinnt und wie die alten Bilder an der Wand auflächeln ...   Aber denke nicht, ich sei König! auch wenn ich auf dem Throne sitze! ich will es gar nicht sein! ich habe kein Land ... nirgends ... ich bin nicht König! ich bin ... ein Kind, wie du, das irgendwo aus ferner Heimat sich in diese fremde Welt verlaufen und Heimweh hat nach seinem Sonnenland ... Denke: du seiest ich und ich sei du! ... und lösch die Lampe ... und singe mich in Schlaf! es träumt so schön sich, wenn die Saiten klingen! Gute Nacht! gute Nacht! schlaf wohl! schlaf wohl! gute Nacht und träume was Schönes! Du weißt doch, was man träumt, wird wahr, und wär es noch so wunderbar! gute Nacht! schlaf wohl! gute Nacht! Ich sitz an deinem Bett und sing und halte gute Wacht! gute Nacht! gute Nacht! Gute Nacht! gute Nacht! schlaf wohl! schlaf wohl! gute Nacht und träume was Schönes! Auch morgen ist wieder ein Tag wie heut, und wenn dich meine Liebe noch freut, und wenn der Weg dir nicht zu weit, dann gehn wir und pflücken uns Rosen! wie heut! und spielen und küssen und kosen wie heut! Ich sitz an deinem Bett und sing und halte gute Wacht! gute Nacht! gute Nacht! XXV Von Hannie Es schlägt eben zehn und der Mond steht über dem Meer und ich denke an meinen Liebsten und möchte, er wäre hier und wir könnten, statt einander zu schreiben, draußen im Mondschein sein oder ein bißchen hinausrudern oder ...   Innigen Dank für deine Grüße und die lieben Blätter vorige Woche. Es ist eigentlich ein sonderbares Ding, so ein Brief. Ein Stückchen Papier, Name und Marke darauf und irgendwo in einen Schalter gesteckt, und es wandert durch die halbe Welt und kommt und findet und liegt auf meinem Tisch und sagt mir guten Tag und bringt mir Grüße und erzählt mir: heute macht mein Liebster das und morgen das! Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Menschen lebten, als es so etwas noch nicht gab!   Rat einmal, wen ich traf? Frau von Ohlen! Wir standen am Samstag Morgen auf der Post plötzlich nebeneinander und du kannst dir unser Erstaunen denken! Ich war dann zum Kaffee bei ihr und mußte erzählen, was ich irgend wußte, von dir und mir, und wenn wir uns dieses Jahr wieder so wenig sehen ließen, würde sie ernstlich böse. Vorgestern machten wir mit Hella einen Wagenausflug zusammen nach Ruta. Martin gehe es gut. Sie hatte noch kürzlich einen langen Brief von ihm. Dora ebenso! Sie bleibt noch diese Woche und geht dann nach Florenz. Es ist immer noch die gleiche liebe prächtige Frau. Hella wird von Alt und Jung immer mehr verwöhnt und Hannie desgleichen. Beim Abendessen sitzt uns ein junger Privatdozent gegenüber und fühlt sich verpflichtet, uns über neuere Literatur aufzuklären. Ich weiß natürlich von gar nichts, und es ist ... recht scherzhaft mitunter. Nächste Woche machen wir bei einer Wohltätigkeitsgeschichte für einen verunglückten Rappallesen mit, die von einer Frau Bürgli-Ermatingen ausgeht. Wer was kann, muß mittun. Ich werde Beethoven spielen und Gedichte von Jost Seyfried vorlesen und Hella soll ein paar Lieder singen. Und nachher wird getanzt ... ohne das geht es offenbar auch hier nicht. Hannie als Ballmutter! Das Wetter war miserabel die letzten Tage ... alle Stunden ein Regenguß, gerade wenns wieder trocken geworden ... und Hella hat mir gestern Nachmittag die ersten drei grauen Haare ausgezupft. Aber es wird trotzdem Frühling! Wir haben hier ein Amselchen im Garten und wenn wir ihm Futter geben, zwitschert es ein wenig, beim Aufpicken ... und ich denke, so wird es immer mehr zwitschern, bis ihm sein ganzes Lied wieder einfällt, und wenn es das singt, ists Frühling und ... Sommer! und Hannie will sich dann auch mehr Zeit für ihren Liebsten frei halten, vorausgesetzt, daß er damit einverstanden ist.   Im allgemeinen aber sind die Menschen hier wie überall. Große Titel und feierliche Worte, und wenn man ein paar Mal mit ihnen zusammen war, ist man um ihre sämtlichen Grenzen herum und merkt, wie wenig eigentlich dahintersteckt. Es ist alles bloß Schauseite, und ich ärgere mich über mich selbst, daß man sich immer wieder dumm machen läßt. Wie alt muß man eigentlich werden? Und so besonders vergnügt, so wie man meint, daß da sein müsse, wer an der Riviera sitzt, sind die Leute auch nicht. Sie kommen auch hier nicht über ihr kleines Werktagweh und über ihre Unbehaglichkeitskümmernisse hinaus. XXVI Vor einigen Tagen kam ein junger Mensch, der mir einmal Gedichte geschickt hatte: er möchte einen Aufsatz über mich schreiben! ich hätte schon so viel gemacht und man finde nirgends etwas Zusammenhängendes darüber ... ob ich ihm vielleicht ein paar Unterlagen gäbe?   Ich ließ ihn auskramen und erzählen und ... mir wurde dabei zu Mut ... wie dir vielleicht damals bei Dreiwegs. Denke dir, du sitzt still in deinem Zimmer ... deine Bücher und Bilder um dich her ... und denkst an das Ziel, dem es gilt ... zwischenhinein vielleicht an deine Liebste ... oder du stehst am Fenster und kuckst nach dem Wetter: das ganze Land, so weit es liegt, in drängendem Frühlingserwarten, am Himmel aber Sturm ... wie gestern, wie vorgestern ... wie immer ... Sturm, Sturm und Sturm, stiller oder lauter ... und die Türe hinter dir geht und ein wildfremder Mensch tritt herein und redet dir von deinem Leben und weiß von Dingen und Gedanken, die nur du allein wissen kannst ... die Jahrzehnte zurückliegen und für dich selbst von heute kaum mehr weiter sind, als für einen Baum im März, den es zu neuer Blüte drängt, die Frucht, die er im Herbst zu Boden schüttelte ... und sagt dir: Das und das war Ihr Weg und Ihr Ziel ... aber Sie wollten nicht in frischfrommfröhlichem Übermut ins Blaue hinein losreiten, um eines Tages plötzlich weder vor noch zurück mehr zu wissen, sondern Schritt für Schritt sich festen Boden schaffen ... so und so und da und dahin ... Bücherschreiben ist ja so leicht, wenn man es nicht schwer nimmt! ... und ... Sie haben mir Licht und Sonne gegeben, als ich mich verloren hatte ... ich möchte Ihnen das danken! ... ein wildfremder Mensch, der besser Bescheid weiß in deiner Seele, als ... Freunde und ... ›Gleichgesinnte‹ und ›Mitstrebende‹, mit denen du Jahre lang zusammen gesessen, und nur weil er mit suchendem Herzen gelesen hat, was du gemacht, und darüber nachgedacht. Am meisten freilich freut mich, und das muß auch dich am meisten freuen, daß ich sehe: wenn jemand sich die Mühe nimmt, dem nachzugehen, das ich wollte, daß er mich dann doch auf Punkten trifft, zu denen nicht so schnell nachfindet, wer nicht von vornherein seines ganzes Leben darauf eingestellt! und daß der Weg, den ich ging, so oft ich auch seitaus getrieben wurde von Wind und Wetter und Wissenschaft, trotz allem Zickzack doch eine ruhige und gerade und weiterführende Linie zeigt!   Zu Geld und zu ›Ruhm‹ hat man es immer noch nicht gebracht! Vielleicht aber gibt es doch eine Handvoll Menschen auf der Welt, denen man was geben konnte! und das wäre schöner als Geld und köstlicher als Ruhm! und ... ich grüße sie! wer und wo sie auch sein mögen! XXVII Das ist vielleicht das letzte Wertmaß ... ganz aufs Alltägliche gebracht: ob man immer noch etwas will, auch wenn man nicht mehr nötig hätte, noch etwas zu wollen. Vor zehn Jahren ... o, man hätte die Welt erobert, vor zehn Jahren, als man noch an langem Tisch beisammen saß und jung war! man hätte die Welt erobert, wenn man zusammengehalten hätte! alle Bedingungen waren gegeben! aber man hielt nicht zusammen und so ist es nur ein Sieg Einzelner geworden und an einzelnen Punkten, kein Sieg des Ganzen! Keiner vergönnte dem andern, wenn er einen Fuß vorkam. Jeder wollte der Alleinstarke und Alleingroße sein. Jeder wollte in kleinlichster Eifersucht sein Abc für sich haben und ärgerte sich, wenn der andere eine blaue oder grüne Flagge wollte. Rot gelte! Rot allein siege! und statt daß man als geschlossener Haufe losgezogen wäre, wie es andre machten, und die Sache zum Sieg gebracht, rückte einer um den andern allein ins Feld ... lauter Generale ohne Regiment! ... und einer um den andern wurde so nun eben einzeln abgeschossen.   Ja, ja! es ist ein trauriges Lied, das Lied von den alten Stammtischen! XXVIII Flöte würde sagen: Nein! es ist ein lustiges Lied! es ist ein lustiges Lied, das Lied von den alten Stammtischen: Nicht einer dachte anders als die andern, und war auch Wappenspruch und -schild verschieden, es galt dem einen gleichen Ziel: den Bann zu brechen, der zu brechen war! und jeder schwur als Winkelried sich vor den Feind zu werfen: Einer für alle! alle für Einen! Doch als es sich begab dann, daß ein Feuerzeichen dem Lauschenden verriet, die Zeit sei da ... verhallte antwortlos der Ruf zum Streit! und weder Roß noch Reiter war noch Knecht zu sehen! Nur als der Morgen dann die Dämmerung löste, konnt man erkennen: wie sich allenthalben das Land hin über Stock und Stein ein zwei, drei Mann hoch Häuflein Ritter trieb ... und jedes irgendwo seis Dorf seis Burg sich in den eigenen Säckel zu befreien suchte! oder auf fettem Hof ein freundliches Quartier bezog, um ohne Blutvergießen, stolz: nec soli cedit ! sich den verdienten Lorbeer sieghaft zu ersitzen! Wie's einer will, also geschichts! nur mit der Winkelriederei ... wars nichts! XXIX Und es hatte so schön angefangen! Was wir wollten, war: Verinnerlichung, Natur und Natürlichkeit! und vor allem: Menschen, die nicht bloß auf wohlgenährten Gütern wohnten, sondern auch sonst noch Sinn für etwas hatten und für die das Leben nicht bloß aus Liebesgeschichten mit unheimlichen Gouvernanten und heimlichen Königstöchtern bestand ... und auf der Bühne: Ritter, die Ritter waren und nicht bloß Blech! Fleisch und Blut und Kerle, wie der alte Götz, nicht bloß schönlackierte Jambengestelle ... und wenn wir derart nach Menschen riefen, die nicht bloß Papier sein sollten, so galt das in erster Linie unseren Herren Dichtern selber: sie sollten weniger Papier sein und zeit- und lebensmöglicher und ausziehen, die Zeichen zu deuten, die geschahen!   Die Wissenschaft der ersten Jahrhunderthälfte, die den ganzen schönen Selbstbetrug, mit dem der Mensch sich ins Dasein gestellt, unerbittlich niedergebrochen, und all die äußeren Ereignisse vorher und nachher hatten die gesamte bisherige Welt über den Haufen geworfen und was not getan, das wären Dichter gewesen, die da zugegriffen und versucht hätten, wieder Boden zu gewinnen und dem Rationalismus der Zeit Form und Weihe zu geben und ihn weiterzuführen und zu klären oder wenigstens: Menschen zu schaffen, die auch in dieser gebrochenen Welt noch aufrecht geblieben und dem Geschrei über die zusammenstürzenden Gewohnheiten die Stirn geboten, klar und rücksichtslos: ›Laßt fallen, was fallen muß! es war nichts Besseres wert! wir wollen froh sein darüber und einen anderen höheren Himmel wölben und an den Grundriß gehen einer neuen, stolzeren Welt!‹   Das war unser ›Naturalismus‹! und ... so bin ich nach Berlin gekommen und so sind wir alle wohl damals nach Berlin gekommen! und so haben wir uns gefunden ... an langen Tischen ... in langen Nächten!   Doch ... dann kamen die Schlagwörter und schlugen alles tot und zerrissen die stolze Fahne zu hundert lumpigen Fetzen! und ... was not getan hätte, es täte noch immer not, es wäre noch immer nicht zu spät! aber die Fackeln sind längst zusammengeworfen und erloschen! Man fand den rechten Weg nicht und die rechte Form. Man hatte zu früh und zu ungerüstet angefangen und zu wenig Geduld und Zeit im Kampf mit dem äußeren Leben, sich und was man wollte, in Ruhe zu reifen! vielleicht auch zu wenig Kraft! XXX Wir ... hatten ... eine Königskunst geträumt ... und es ist alles so niedergebunden, so unfroh und trübselig, so im letzten Grunde hoffnungslos und ohne Zukunftsglauben, so wie ein Mensch, der einem ›Schicksal‹ verfallen ist und sich darüber hinwegzutäuschen sucht in krankhaftem Festklammern am Augenblick und an Äußerlichkeiten ... was unsere ganze neue Kunst bisher zu schaffen vermochte!   Bis auf ein paar Anfänge, denen man den Boden abgrub, ist nirgends etwas entstanden aus einem Geist, der über die Not der Nähe hinaussähe und hinaussuchte über das Wirrsal der Zeit! Sehnsucht genug im stillen, aber nur Sehnsucht und nirgends ein Aufraffen, das bleierne Novembergrau über uns zu brechen und einen Schein von blauem Himmel durchzuzwingen! nirgends ein bißchen innere Freude und Befreiung! alles nur Werktag, Mühsal, Kleinlichkeit, Verbitterung und ... Verstand! O und nur wahr und verständig sein wollen, ist Ziel der Wissenschaft und nicht der Kunst! und ewig ist nur: was aus Überlegenheit und Liebe oder aus Zorn oder aus Siegerfreude heraus geboren! Es ist alles nur von unten gesehen, aus der Tiefe ... es ist der Geist des kleinen Mannes, der es denen, die er über sich in Freiheit schreiten sieht, gleich tun möchte, der sich in aufflammendem Ehrgeiz über die Schranken, die ihn niederhalten, hinwegkämpft, der aber doch nicht über seine Kinderstube hinauskommt und auf der Höhe dann weder mit sich selbst noch mit der Welt mehr etwas anzufangen weiß.   Aber freilich: dieser Geist des kleinen Mannes ist der Geist der ganzen Zeit: sie will die Masse! keine Herren und Sieger und Könige! Masse! und was dieser zuträgt! Sie hat sich das Ziel aufs Große zerforschen und zerzweifeln und zerwitzeln lassen und klammert sich nun an Augenblicksdinge, an Äußerlichkeiten, an Ausschnitte und arabeske Einzelheiten und verkündet sie als letztes Ziel, anstatt den Versuch zu machen, sie zu einem einheitlichen weitertragenden Ganzen zusammen zu schließen! und wo Erkenntnis wäre, fehlt der Wille! und wo Wille wäre, fehlts an Zucht! XXXI Ich kam als junger Fant von neunzehn Jahren, als man von allen diesen Dingen, die so groß im Vordergrunde stehen, noch kaum was ahnte, mit meinen Versen eines Tages zu einem unserer berühmtesten Ästhetiker und Dichter ...   Er lobte sie, meinte aber: sie seien zu persönlich! und sagte: er möchte es machen, wie es ein Spätklassiker einmal mit einem jungen Dichter gemacht habe, der auch so persönlich gewesen. Er habe ihn ans Fenster genommen und ihm ein Hökerweib auf der Straße gezeigt und gesagt: wenn er ihm Gedichte bringe über die Welt dieses Hökerweibes und aus ihren Gedanken und Anschauungen heraus, würde er ihn für einen größeren Dichter halten!   Ich ging heim mit dieser Lehre, recht schweren Herzens ... und sah meine Verse an und lief auf den Markt und stellte mich hin und hörte zu: wie und wovon die Leute da miteinander sprachen ... und je länger ich stand, desto leichter wurde mir wieder! und ich ging nach Hause und gab nun acht auch auf andere Menschen und ihre Welt, und schlug Bücher nach, wie Könige redeten, und suchte, wie Schiller und Goethe miteinander dachten und sprachen ...   Und das Herz wurde mir immer froher und die Welt um mich immer freier und weiter und höher und herrlicher! Doch ... der Lauf der Dinge hat ihm recht gegeben!! XXXII Wenn einst aber die Philologen über uns kommen und in den Büchereien ausgraben, was diese Zeit geschaffen, und schreiben: ein wie kleinliches und unfreies Geschlecht wir gewesen! dann wollen wir aufstehen und schreien: Gewollt haben wir nicht , gewollt haben wir nicht, was daraus geworden ist ... wir ... die damals anfingen! ... Wir müssen uns diesem Spruche beugen! Träume sind keine Tat! aber ... wir haben eine Königskunst geträumt! wir wollten Zorn, Liebe, Siegerfreude! nicht diesen Hökerweiberkleinkram! wir ... die damals die Fahne erhoben! wir haben eine Königskunst geträumt! XXXIII Das einzige, das helfen könnte, wäre ... der Freund, den es nicht gibt! Klicken und Klacken und Glocken und Glucken an allen Ecken ... nicht einer aber hat den Freund, der da not täte!   Keinen Freund, der ihn gründen will! keinen Verleger! keinen Theaterdirektor! keinen Kunst- oder Konzertsaalbesitzer! keinen Freund, der ein Geschäft mit ihm machen will! ... einen Freund, der nirgends mitspielt, der nur überall zusieht und die Augen offen hat ... einen stillen Helfer und Aufrichter und Klärer des Menschen ... einen Freund, der eben ... die Freundschaft hat und zugleich das Zeug: dann und wann die Wege, die man geht, zu den seinen zu machen! der aber nicht gleich umkehren will, wenn man sich festgefahren, sondern mit abspringt: die Richtung ist richtig! und ein Weg wird sich finden! und gibt es keinen, bricht man einen!   Keinen Freund, der da sagt: Was du vorgelesen und erzählt, ist ausgezeichnet! aber fertig machen! es ist Zeit! du mußt was Neues bringen! einerlei was! die Leute warten darauf! Voriges Jahr kamst du schon zu spät! fünf Wochen früher wäre es ein doppelt so großer Erfolg geworden! ... sondern ein Freund, der da sagte: Was du vorgelesen ist wunderschön! aber nun verdirb es dir nicht mit übereiltem Fertig-hasten. Laß es reifen und werden in aller Ruhe! was soll diese D-Zug-Dichterei zu jedem Winter! Nimm dir Zeit und geh lieber zu Fuß! Gutes geht immer zu Fuß! und kommt immer rechtzeitig, ein Jahr früher oder später! und wenn sie noch so drängen, laß sie! und schreib deinem Herrn Verleger oder Theaterdirektor oder Klüngelpräses: sie sollen den Leuten sagen: sie möchten ganz ergebenst Geduld haben und warten! du hättest auch warten müssen, und lange genug, bis sie zu dir gekommen seien! wenn sie einen Dichter haben wollten, so könnten sie einen haben, sie sollten ihn dann aber Dichter sein lassen und nicht zum Handwerker machen wollen! Deine Bäume trügen nun einmal nicht jedes Jahr Obst! und ... ein Künstler sei kein Huhn, das bloß hinter den Zaun zu laufen brauche! und wenn es solche Künstler gäbe, so sei das sehr schön, es gäbe ja auch Hühner! und was in der Natur vorkomme, sei in jeder Weise auch Vorbild für die Kunst ... aber ... Grenzen bestünden eben doch! und ... und du seiest nicht ... Naturalist!   Nicht einer aber hat diesen lachenden Freund! diesen stillen Helfer hinter den Kulissen, der ... mit einem Wort eben ... all das wäre: was eine vernünftige Frau einem vernünftigen Mann sein sollte ... und an diesem Freund, den keiner hat, Hannie, geht unsere ganze Kunst kaputt, soweit sie nicht schon längst so weit ist! ... ein Frühling, der keinen Gärtner fand! XXXIV Hofrat von Muckermann taucht wieder auf ... Man kommt nicht zur Ruhe! Anstatt der alten Frau daheim, die sich nicht verteidigen kann, ein paar liebenswürdige Worte zu sagen, wenn man ihr begegnet ... macht man ihr immer wieder das Herz schwer: es sei ein Jammer, daß ich so verberlinert sei und meine gesunde schwäbische Natur an all diesen Großstadtunfug zersplittere!   Jaja! jaja! seit zehn Jahren hör ich das nun schon! und wenn man sich einmal die Mühe nähme, meine Bücher zu lesen ... allerdings anders als man seine Zeitungen liest ... und wenn man sich die Mühe nähme, etwas dabei zu denken, fände man überall klar und deutlich genug: weswegen ich in Berlin sein will! Zehn Jahre geht das nun und noch länger ... und ich habe immer dazu geschwiegen und gelacht und gedacht: Tat beweise! aber es war falsch! es war falsch! denn ... dieser Muckermann ist nicht bloß dieser Muckermann, der um zwölf Uhr auf den Schloßplatz zur Parade geht ... dieser ... Muckermann sitzt zu Hunderten und Tausenden im ganzen Reich von Schwaben bis ins hinterste Pommern, auf jedem Dorf und in jeder Stadt ... er sitzt in hundert Berufen und Ämtern, mit tausend Namen und Befugnissen, souverän und subaltern ... und haßt und höhnt und hemmt und unterbindet alles, was jung ist und höher möchte und auf eigene Kraft und eigenes Können vertrauen, und macht allerorten alten Müttern, die an uns glauben, das Leben schwer mit hofrätlich bedauernder Kritik und hinterhofrätlichem Geschwätz und Klatsch! Es war falsch, nur zu lachen. Was heißt denn: gesunde schwäbische Natur! Was kann ich denn mit einer gesunden schwäbischen Natur Besseres anfangen, als sie da in den Kampf stellen, wo wenigstens die Möglichkeit gegeben ist, sie zu beweisen! Wozu hab ich sie denn? was soll ich sonst damit! Was wollen sie denn, diese Muckermänner?! Was sie vorzubringen wissen, ist immer nur: Berlin verderbe und löse auf und zersetze! Zum Kuckuck aber: ich hab doch auch so was wie ein Gehirn im Kopf und sehe damit selber, wie Berlin zersetzt und zerfetzt! zehn, fünfzehn Jahre lang schon! jeden Tag! und ich seh es nicht bloß, ich fühls und leids! am eigenen Leib! jeden Tag! jede Stunde! und ... ich bin trotz dem hier! und . ich . bin. trotz dem . hier! Ja, ich bin sogar nur deshalb hier, Herr Hofrat! in allem Ernst, ich . bin . nur . deshalb. hier! wozu hab ich denn mein Leben?! wozu bin ich auf der Welt?! Berlin ist nicht bloß Berlin! es soll auflösen! es soll zersetzen! ich will nicht, was nicht Stich hält, wenns drauf ankommt! es soll alles brechen, was es brechen kann! ich bin nur deshalb hier! Den letzten Grundkern kanns mir doch nicht packen! der ist stärker! der ist Granit! Wem nur darum zu tun ist freilich, ein freundliches Leben zu haben oder eine Rolle zu spielen oder Schultheiß zu werden oder Hofrat ... der braucht nicht in Berlin zu sein! er hat das überall anderswo leichter! aber diesen Ehrgeiz hab ich nie gehabt! mein Ehrgeiz war immer nur der Ehrgeiz meiner Sache! meine Sache aber und was ich will, muß die Kraft haben, auch in Steinboden Wurzel zu fassen, und soll sich da erproben und bewähren, wo der Kampf am schwersten ... denn es ist alles nur so stark als sein schwächster Punkt! Meine Sache muß siegen! und lieber drum in Rom der Letzte, als auf einem Dorf der Erste! am runden Tisch im goldnen Lamm kann Jeder Bismarck sein! Was wollen sie denn diese Muckermänner?! Und selbst wenn es eines Tags mich über den Haufen nähme, gegen meine Sache bewiese das nichts! es bewiese nur, daß ich eben zu schwach war und zu allein stand! und hier, mein lieber Hofrat, kommen wir zusammen: Anstatt daß Sie helfen, wo Sie helfen könnten, wie es Ihre verdammte Pflicht wäre! ... und ein paar freundliche Worte täten schon viel: da draußen steht einer, im Kampf der Zeit! recht so! nicht nachgeben! ... und wenn er nichts zu Stande weiter bringt, als daß er sich hält, wo er steht ... er gibt sich Mühe und ... es ist einer von uns! wir wollen ihm den Rücken decken und ihn halten! statt dessen nörgeln Sie hinter einem herum und gehen einem an die Wurzeln: man sei seiner Heimat untreu und Umstürzler geworden ... man wolle ein bequemes Leben haben und schreibe so-so'ne Bücher ... und sagen einer alten Frau, die nicht darauf antworten kann: es sei schade um ihren Jungen! Zum Donnerwetter, Herr Hofrat, wenn ich mir nicht zu schade bin, zu sein, der ich bin, und zu machen, was ich mache ... brauch ichs Ihnen zehnmal nicht zu sein! es ist meine Haut, die ich zu Markte trage! Und wenn ich sage, was ich sage, Herr von Muckermann, so tu ich es nicht meinetwegen! Ich bin längst darüber hinaus und lache! Ich sage es aber derer wegen, die noch nicht so weit sind, die Sie noch zu Fall bringen können, und aller derer wegen, die nach mir kommen ... einerlei woher und einerlei: ob sie nach Berlin oder nach Paris oder sonst wohin wollen! ich sag es nicht, um Sie zu bekehren: unserer Jugend den Weg lieber zu erleichtern als zu erschweren ... Leute wie Sie bekehrt man zu nichts! ich sag es dieser Jungen wegen: Vergrämt euch nicht, wenn euch die Heimat fallen läßt! das ist immer so und muß vielleicht so sein! und sagt: nun erst recht! und bleibt ihr trotz dem treu ... und seid Kerle! und bringts zu was! und schlappt nicht ab! sonst haben diese Muckermänner recht! XXXV Bei allem und allem! o, und wozu denn! wozu denn dies ewige trübe Genörgel, dies ewige mürrische Verneinen und kindische Gescheitersein: Dies sei zu geistreich! jenes zu eckig! dies zu farblos! jenes zu fleckig! dies zu schrill! und das zu schrull! es ist an allem was auszusetzen! ich weiß das auch! wir kommen aber rettungslos damit auf Null! Was schafft es denn dieses ewige Wenn?! Freut euch lieber, wo einer was kann und wo einer suchenden Willens ist ... suchender Wille ist schon viel! und seht aufs Ziel! und helft ihm weiter! aber ohne Nörgelei! unreine Reime sind einerlei! und kleine Verzeichnungen machen es nicht! es kommt aufs Ganze an, auf die Stimmung und auf die Seele, die darin spricht! Und ... allerdings: auch auf die Menschen, die davorstehn! Ob sie selber Seele haben, ob sie selber ein Ganzes sind oder bloß Wind?! auf die Augen, die es sehen, auf die Ohren, die es hören, auf die Herzen, die es wollen, ob sie selber arm oder reich? Was wir machen, weiß Gott, wir machen es nicht für uns, wir machens für euch! XXXVI Von Hannie Telegramm und Eilbrief wirst du wohl rechtzeitig erhalten haben. Mache dir kein Gewissen daraus, die Sache abzulehnen. Ja nicht, Liebster! Es wäre Streichholzfabrik! du kannst was Besseres tun, als ein Familienblatt herausgeben. Dazu wollen wir nicht gearbeitet und gewartet und Opfer gebracht haben! Das hätten wir immer haben können! Schon vor Jahren! Und wenn sie dir noch so zureden und von allen Seiten, bleib fest, Jostel, und hör auf deine Hannie und sag: nein! Du würdest es nur meinetwegen tun und ich will nicht, daß du aufgibst, wofür wir bisher gelebt haben. Ich will das nicht und meinetwegen nicht, versteh mich wohl! Es muß ein Sieg sein, wenn wir heiraten, ein Sieg auf der ganzen Linie dessen, das du willst, kein Rückzug. Es wird schon einmal etwas kommen, das nach vorwärts trägt, auch wenn der Plan, von dem du schriebst, nichts würde. Vergiß nicht, wie oft du selbst schon gesagt: Dinge, bei denen man dir derart von allen Seiten zurede, seien dir von vornherein schon verdächtig! man lauere ja doch nur, daß auch du endlich irgendwo unterkröchest, womöglich einem armen Mädel zu lieb! und diesen Gefallen ... tun wir ihnen noch lange nicht! gelt? Frag dich und mich! was andere sagen, ist gleichgültig. Es ist unser Leben und wir haben es zu leben! und du bist die Hauptsache! nicht ich! du bist das Wichtigere! deine Seele, deine Kunst und das, was du willst, und daß du das zum Sieg bringst! ich bin Nebensache und habe gar nicht in Frage zu kommen! ich hab dich nur lieb und stehe hinter den Kulissen und halte Wache, daß du dein Ziel durchsetzt und erreichst! Also! Schluß!   Ich habe vorige Woche hier für mich auch so entschieden. Denke dir, Frau Bürgli-Ermatingen, mit der wir sehr gut Freund geworden sind, hat mir einen Antrag gemacht, nach Zürich zu kommen. Sie hat dort ein großes Mädcheninstitut und eine Art Zweiganstalt in Genf und sagte neulich: sie käme mit ihrem einen Kopf nicht mehr durch! ob ich nicht Lust hätte, ihr zweiter zu werden? und zwei weitere Hände könne sie erst recht brauchen! Sie suche schon lange nach jemand, zu dem sie so unbedingtes Vertrauen haben könne, wie zu mir, so wenig sie mich schließlich kenne. Ich solle es mir überlegen und in den Sommerferien einmal kommen, mir die Sache anzusehen. Fünftausend Franken Gehalt und drei, vier Jahre Vertrag vorläufig. Stunden hätte ich nur ausnahmsweise zu geben. Ich hätte im wesentlichen bei der Leitung mitzuhelfen und Oberaufsicht zu sein. Das Erste war, daß Hella mir um den Hals fiel und zu weinen anfing: ich dürfe nicht weggehen: was sie denn ohne mich machen solle! das Zweite, daß ich selber ein paar Nächte lag und Für und Gegen abwog, bis ich am Dienstag endlich zu Frau Bürgli ging und ihr offen erzählte, wie die Dinge stünden und daß ich nicht von Berlin wegmöchte. Sie sagte sehr nett und liebenswürdig: sie hätte sich dergleichen halb und halb gedacht! und ist seitdem nur noch herzlicher, und Hella ... jubelt! und Jost hoffentlich auch!   Es wird hier tagtäglich frühlingshafter und schöner, aber ... es ist allmählich vorbei und ... wie es mir wohl vorkommt, wenn ich wieder ins Geschirr muß? Man gewöhnt sich unglaublich schnell an ein solches Nichtstun und In-Schönheit-faulsein, obschon wir jeden Tag regelrecht fünf Stunden fleißig sind. Zuerst jedoch machte es mich beinahe unruhig. Man steckt nun eben mal in der Arbeitstieranschauung, in der man aufgewachsen, aber ich denke öfter und öfter, wie du immer sagst: der Mensch müsse es überhaupt so haben. Er sollte arbeiten dürfen, nicht arbeiten müssen. Und dann kam mir neulich ... es liegt in der gleichen Linie: ob so mancherlei Leid, das man sich macht, am Ende nicht daher kommt, daß man immer älter sein möchte, als man ist? ich meine: daß man immer Dinge haben will, die der Stufe, auf der man steht, vorausliegen?   Unser Privatdozent ist wieder hier für einige Tage. Es kam gestern zu einer förmlichen Schlacht mit ihm, auf deinen Satz hin: Mensch und Künstler sei nicht zu trennen. Er behauptete: eine solche Auffassung bedeute letzten Endes die Einstellung aller Kunst auf unmittelbare Lebenszwecke. Alle Kunst müsse dann einen, wenn auch in höherem Sinne moralischen Zweck haben ... und so denke der Philister! Kunst habe keinen Zweck, als den: zu sein! und der Künstler müsse außerhalb der landläufigen Grenzen unseres bürgerlichen Daseins stehen dürfen und so weiter! Ich hab dich lieb und küsse dich und sag: wir wollen bleiben, die wir waren! XXXVII Dein Privatdozent ist ein mutiger Mann und wird es noch weit bringen, denn er wußte offenbar nur, was jeder weiß! Aber ... sag ihm, wenn du ihn wieder siehst: seine Auffassung bedeute nicht letzten Endes, sondern von vornherein die land- und literaturübliche Verwechslung von Kunst und Handwerk, und er werde, wenn er so denke, nie ein Buch schreiben können, das er nicht schon in zehn Jahren herzlich bedaure! oder sag ihm: du hättest einen Liebsten, der als Junge allerdings ... Lebertran bekommen hätte, aber alle Kinder hätten das bekommen und er also wohl auch! Er, dein Liebster, hätte trotzdem später viel über diese Dinge nachgedacht ... nicht so viel natürlich, wie ein wirklicher Privatdozent, denn sonst wäre er es auch geworden. Er hätte leider eben immer bloß bis zu der Grenze Geduld gehabt, außerhalb der der wirkliche Künstler stehe und wahrscheinlich auch der Fachmann ... aber ... doch nein! sag ihm das alles lieber nicht, denn ein Privatdozent versteht keinen Spaß, bevor er nicht Professor ist und dann erst recht nicht!   Weißt du, erzähle ihm ganz einfach: Es sei einmal ein kleiner Junge irgendwo irgendwie dazu gekommen, als man ein Gartenhaus frisch anstrich. Auf der Steintreppe davor habe eine schöne schwarze Katze sich gesonnt. Er sei stehen geblieben und habe zugesehen, erst der Katze, dann dem Malermeister und seinem Lehrbuben, wie sie das machten. Ich glaube, der Malermeister hieß Haberecht, wie überhaupt ja wohl alle besseren Handwerker. Plötzlich fing er an: ob ich schon eine Katze mit grünem Schwanz gesehen hätte?! Gibts ja gar nicht! Was, das gäbs nicht?! das gäbs nicht! ... und mit einem Griff hatte er die Katze von der Treppe und strich ihr den Schwanz an. Das gäbs nicht? da läuft ja eine! ... und es war . wirklich . eine . schwarze . Katze . mit . grünem Schwanz! Was bewiesen werden sollte, war bewiesen! Schließlich aber packte mich doch der Ärger: So kann ich Ihnen auch einen grünen Kopf machen! Komm mal her! ich werd dir einen machen! Mit Terpentin gehts übrigens wieder ab! Doch ich zog es vor, mich zu drücken.   Und nun guck, Hannie, solche Katzen laufen allmählich zu Tausenden in der Welt herum! denn so haben in Beweisnöten alle möglichen Malermeister und Haberechte allen möglichen Katzen die Schwänze grün angestrichen und alles mögliche andere noch mit allen möglichen Farben, so daß kein Mensch mehr weiß, wie die Dinge ursprünglich eigentlich aussahen! Und wenn einem nun daran läge, dem oder jenem wirklich auf den Grund zu gehen, dann könnte er sein ganzes Leben lang zunächst nichts weiter tun, als ... Katzen fangen, und wenn er sie hätte, ja du lieber Gott! ich glaube, so viel Terpentinöl, als dann nötig wäre, ist gar nicht zu schaffen! Und bei vielen ist im Lauf der Zeit die Farbe schon so ein- und durchgetrocknet, daß die Jungen, die sie kriegen, in aller Form und alles Rechtens mit süßen maiengrünen Schwänzchen auf die Welt kommen!   Lehrsam freilich wär es dennoch, wenn man einmal den Versuch machte, festzustellen ... und es liegen da Gebiete, noch von keines Forschers Fuß betreten: wann und wo und wie und unter welcherlei Begleiterscheinungen dieser oder jener Katze der Schwanz angestrichen wurde! Nicht bloß der Wissenschaft zu lieb, sondern auch solch kleinen Jungen zu helfen, die nun einmal glauben, was sie glauben, und von allen Seiten deshalb dumm gemacht werden! Aber: Wege nach vorwärts zu versuchen und beizutragen, ringenden Menschen an die Hand zu gehen und Boden zu schaffen, findet unsere Fachwissenschaft immer noch unter ihrer Würde. Alles Lebendige ist ihr ein Greuel! XXXVIII Für uns zwei beide aber, Hannie, soll es endlich feststehen und erledigt sein, mit allen Folgerungen ... wir müssen weiter! man kann nicht immer wieder an so hahnebüchen selbstverständlichen Abc-Voraussetzungen hängen bleiben: Mensch und Dichter ist nicht zweierlei! und ist nicht zu trennen! und wer als Mensch null ist, ist auch als Dichter null! und wenn es Leute gibt, die anderes behaupten, dann irren sie! und wenn sie sämtliche Literaturbücher der Welt herbeiholen: Mensch und Dichter sei auseinander zu halten! dann sind sämtliche Literaturbücher der Welt eben falsch und müssen umgeschrieben werden! Es wäre so wie so längst Zeit dazu! Nicht Kunst und Leben, nur Kunst und Handwerk sind getrennte Dinge. Man kommt als Künstler immer nur bis zu der Stufe, bis zu der man als Mensch kommt. Man springt nicht über seinen Schatten! und wer als Mensch nur bis Stufe vierzig oder fünfzig kommt, kommt auch als Künstler nicht höher! und wenn ihm auch einmal etwas gelingt, das eine Zeit lang Aufruhr macht und aussieht, als obs länger leben könnte ... es fehlt der Kern, es fehlt, was Keimkraft hat für später! und wenn es viel ist, hält es bis zum Herbst, der Winter gräbt es lautlos in die Grube! Einmal glückt jedem ein Gedicht! einmal schreibt jeder auch ein besseres Buch, doch das entscheidet nur für heute, nicht für morgen! nur wer auf die Dauer etwas kann, ist Meister ! und auf die Dauer kann nur der überlegene Mensch etwas! und: aus diesem Grunde, guck, ist Goethe ... Goethe und Heine ... Heine!   Kunst ist nicht bloße Form! die Seele macht es, nicht Geschicklichkeit! man dichtet nicht, wie man Zigarren wickelt, und auch nicht, wie ein Schneider Hosen macht! ... man kann nur geben, was und wie man eben ... als Mensch empfindet, denkt und hört und sieht und ist! so und so geworden und so und so gewillt! man hat nicht zweierlei Gehirn! und fehlts beim Menschen, hat der Künstler auch keins! wahrscheinlich wenigstens! ich nehm es an! ich bin nicht Fachmann! Wär beides aber wirklich zweierlei und wären Mensch und Künstler wirklich so getrennte Dinge ... warum, wozu denn gräbt man überall und immer wieder nach dem Menschen und kramt ihm Küche und Schlafzimmer auf und stöbert hinter den Kulissen alle Winkel durch und läßt es nicht an dem genug sein, das ihm beliebte, vor die Rampe zu bringen?! was will man denn von ihm? wen gehts denn etwas an, weshalb und wann und wo und wie sich ... Faust an Gretchen machte! oder ... wann und wieso und auf was hin Goethe meinetwegen einmal Kopfweh hatte oder Katzenjammer ... wenn Mensch und Dichter wirklich zweierlei?! wozu dann diese ganze Schreiberei? Sie ist dann nichts als kleinliche Altjungferneugier! Entweder ... oder! Ich weiß, es gibt natürlich viele gute Menschen, die nur sehr mangelhafte ... Musikanten, und viele gute Musikanten, die stellenweis recht mangelhafte Menschen ... aber: was heißt mangelhaft? wer hat denn hier den Maßstab, der entscheidet? wer hat denn hier das Recht, zu richten?   Ein jed Jahrzehnt stellt andere Gesetze ... und soll ein deutscher Dichter etwa leben, wie seinen späteren Literatologen wünschenswert erscheint, daß er gelebt? soll Goethe denn gewesen sein, wie eine Handvoll alter Weiber von ihm haben möchte? Zum Donnerwetter: Goethe ist ... Goethe! und wer sind die Leute, wer sind die Leute, die da wollen, daß er ihrer Weltauffassung sei und ihrem Pumpernickel-Ideal entspreche! und die vermeinen, ihn ›weißwaschen‹ zu müssen! Goethe hat nicht nötig, weiß gewaschen zu werden! von niemand! laßt ihn, wie er war! er ist ... weiß genug, wenn man mit weißen Augen sehen kann! Wascht lieber anderweit! es gibt noch viel, wo es ein bißchen sauberer werden dürfte! Doch ... wer es haben will, wie's Goethe hatte ... nichts steht im Weg! Er geh und geb sich Müh und werde Goethe! gut! und gebe, was er gab ... und alles sei ihm ebenso erlaubt! Bis dahin aber allerdings ... bis dahin aber ... gelten die Gesetze für ihn, die für die Menschen eben gelten und gelten müssen, so lange sie nicht Goethe sind!   Der Künstler steht nicht außerhalb der Grenzen, die sie ziehen, aber ... über ihnen ... wie jeder andere ... so bald er nur die Kraft hat, sich in freier Größe aufzuheben über sie ... und um so höher, je höher seine Flügel tragen!   Auf hohlem Boden baut sich kein Palast! Ein kleiner Mensch wird nie ein großer Künstler sein! XXXIX Was war denn heute? was war denn heute, Mandolinchen? Eine große dunkle Wolke stand über dem Tal und ging nicht weg und ging nicht weg und mir war, als ob jemand weine! warst du es, Mandolinchen? ... ich sah dich von der Brücke aus auf dem Söller oben deine weißen Tauben locken ... Und schon in der Nacht war etwas und ließ nicht schlafen ... der Mond stand hoch zwischen jagenden Wolken und dann und wann riß ein Windstoß durch die Bäume und schlug Zweige an die Fenster ... aber die Schatten, die durchs Zimmer huschten, blieben stumm und rannen in die Tapeten, wenn ich sie anrief ... und all die Tage schon, all die Wochen ... es war wie ein Wandern über endloses Steinfeld ... ich bin es müde, dieses ewige Denken! ich möchte ... ich weiß nicht, was ich möchte ... ich möcht, es wäre Sommer und die Rosen blühten! und es ist noch so lang, bis es Sommer wird! und vielleicht wird es überhaupt nicht Sommer! Komm, hol deine Mandoline! du hast mir lange nichts gespielt ... Wenn wieder Vollmond wär, wolltest du kommen, und es wäre dann Frühling und wär wieder Mai, Winter und Warten und Weinen vorbei, und wir wollten spielen: mein oder dein? Rosen uns pflücken und Kinder sein! So lachtest du und so sagtest du beim Abschied damals ... und Nacht um Nacht hab ich gewartet nun und gewacht und immer und immer gedacht und gedacht ... und die Zeit, o sie wurde so lang und so leid, jeder Tag war wie eine Ewigkeit und jeder Abend wie ein Gericht ... Und es ist Vollmond, es ist Frühling, die Rosen blühn und ... du kommst nicht! und du kommst nicht!! XXXX Nicht meinetwegen ... deinetwegen! Mir würd es all das wiedergeben, was ich im Kampfe mit dem Leben verloren, eh ichs je gehabt! Nicht meinetwegen ... deinetwegen lieg ich nun und wein und quäle meine Seele Nacht um Nacht: ob ich noch es könnte halten, was du gäbest, und gestalten, wie ich möchte, und hüten und heimen, wenn sich erfüllt einst, was wir träumen, nicht meinetwegen ... deinetwegen! oder obs nicht doch schon längst mich viel zu mutlos und einsam gemacht?! Deinetwegen ... nicht meinetwegen! XXXXI O und immer diese ... Sehnsucht wieder: niederzuknieen und dir die Hände zu küssen! Du hast immer nur gearbeitet! jahraus, jahrein! immer nur gearbeitet! o, sie wissen gar nicht, was du alles gearbeitet! und was du an Sonne hattest, es war immer nur ein kurzes Aufleuchten zwischen regengrauen Wolken! und ich selber habe dir noch das Herz schwer gemacht und dir mitunter weh getan mit heftigen Worten in der Angst meiner eigenen Hilflosigkeit und Schwere! ... Doch ... es soll nicht Herr werden über uns! gelt, es soll nicht Herr werden!   Wir wollen die verlorenen Stunden uns verzeihen! wir wollen sie vergessen und lachen über sie und fröhlich sein! und hinausgehen, komm, die Hecken hin im Park, zum Wald, wo wir so oft gegangen früher, und von Zeiten reden, die gewesen sind, und von den Träumen, die wir träumen ... sie sind am Ende doch das Beste! Und wenn auch der Wald dann braun steht auf der Höhe und in den Gärten nur noch wenig mehr in Blüte ... es ist ja doch schon unser Schicksal: erst im Herbst zu haben, was anderen im schönsten Frühling wurde! ... Aber ... aber nein! ... nein!! was will ich denn! was schrei ich denn! mit leeren Händen steh ich, wie ich immer stand! Nein! es ist nichts, Liebste! geh, geh lieber! es ist nichts mit einem Dichter! hab kein Mitleid, geh! es sind Bettler und werden immer Bettler bleiben!   Und doch: das Leben ... es mag mir alles nehmen und zertreten ... und alle andern ringsum mögen alles haben und sich kaufen können, was es Schönes gibt ... das eine können sie nicht kaufen, das eine können sie nicht schaffen, mit keinem Reichtum und mit keiner Macht der Erde: die selbsterkämpfte stolze Kraft: so oft ich will, die Flügel zu breiten und über all die Not der Niederung hinweg in freier Höhe mit den Großen aller Zeiten eins zu sein und ... Rosen der Unsterblichkeit zu flechten um die Stirne derer, die ich liebe!   Bettler und doch König! XXXXII Aber du mußt lange warten, Hannie! wir müssen uns schon auf Jahre gefaßt machen! wir müssen schon auf Jahre hinaus Geduld und Glauben haben und Fröhlichkeit!   Es ist ein weites Stück, das wir hinter uns haben, und es war schwer genug mitunter, aber ich glaube fast, was vor uns liegt, Hannie ... ich glaube fast: es ist noch weiter und noch schwerer! doch freilich um so freier auch und um so schöner! Ich sehe immer mehr: was ich will, ist Eichensaat und braucht Jahre und Jahrzehnte ... ja, vielleicht das Leben!   Es war Torheit, wenn wir träumten: jung zum Sieg zu kommen, sei das Höchste! es war Unerfahrenheit: für Ziel zu halten, was Voraussetzung, und für Erfüllung, was nur Weg zu höheren Höhen! und wenn es andern glückte, im Aufsturm erster Jugend ... wir wollen uns nicht täuschen lassen: es kann nicht sein! es trägt nicht durch! es ist kein Sieg! es bleibt ein Halbes! die Blüte kostet sie die Frucht!   Wir dürfen nur nicht kleinmütig werden! wir müssen nur aushalten und Glauben haben zu uns selber! wir haben nur zu oft und immer wieder uns verwirren lassen vom Geschrei des Tages: das und das sei Kunst! und das und das sei groß! es war nur groß, weil wir klein waren!   Es war Torheit, wenn wir träumten: jung zum Sieg zu kommen, sei das Höchste: Für eine Fliege ist ein Zimmer schon die Welt, für einen Schmetterling ein Blumengarten, für einen Sperling ein begrenztes Tal ... wen's höher trägt, der mißt von höherer Warte! wir wollen ... Adler werden, Hannie! XXXXIII Sieh, so bis Dreißig ungefähr hält immer vor, was man mithat von zu Hause. Dann aber kommt die erste große Probe: willst du? und will man, geht es weiter ... die Vorberge aufwärts und Höhen entlang bis Fünfunddreißig!   Die erste Ernte reift. Die ersten Entscheidungen fallen. Man gewinnt und hat ... gewonnen und ist Sieger ... und die Wege führen eine Zeitlang nun von selber weiter, schön und mühelos, hoch überm Tal, durch Felder, Wälder, Wiesen, Weideland und Heide ...   Ganz langsam aber und unmerklich verlaufen sie sich dann, versanden und hören auf und ... und es wird steiniger und steiniger und rauher und einsamer und ... das große tote Feld beginnt, über das da muß, wer weiter in die Berge will ... das große Golgatha im Leben eines jeden! Viele versuchen es, die meisten freilich werden müde ... es ist mit Weib und Kind am Ende auch zu schwer! ... und geben es allmählich auf und kehren um und kaufen Garten sich und Haus auf ihrer Höhe und freun sich des Erreichten: man will doch auch einmal zum Leben kommen!   Und so mit Vierzig gibt es einen Orden und: Orden drücken immer durch den Rock aufs Herz, so klein sie sind und so ehrlich sie vielleicht verdient! ... oder man wird ... Professor und wer einmal Professor ist, der bleibts! und sitzt, wo es ihn traf!   Und das alles ist auf allen Linien des Lebens überall das gleiche, wer du bist und woher du kommst und wohin du willst. XXXXIV Wer aber weiter will und aushält, Hannie ... es ist ein schwerer Kampf ... mit stetem Zweifel in der eigenen Brust und steter Sehnsucht und steter Sorge um die Frau, die dich begleiten möchte ... es ist ein Kampf mit dem Geröll des Wegs und mit den Wolken, die am Himmel stürmen ... ein Kampf mit allem neben, hinter dir und vor dir ... ein Kampf mit dem Geschrei der Stille und mit dem Zorn der Einsamkeit und mit dem stummen Widerstand und Haß der Dinge, die dich als Fremdes fühlen, das sie zwingen möchte und ihre Geheimnisse erspähen ... es ist ein Kampf mit Zwergen und mit Narren, ein Kampf mit Riesen und mit Weisen ... ein Kampf mit Felsen und Phantomen ... und wenn man müde wird, vielleicht ... um nichts!   Weit in der Ferne aber, über allem Kampf, in goldenem Sonnenglanze ragt ein weißes Schloß mit wehenden Fahnen auf den Türmen und freier Sicht über Land und Meer! XXXXV Wir aber, Hannie, wollen hinter uns werfen, was hinter uns liegt ... und uns nicht ängstlich mehr und zag und unfrei machen lassen ... von Wünschen, die uns rückwärts bänden in Talebenen. Wir wollen weiter klettern, unverzagt und unverdrossen, von Sturz zu Sturz, von Hang zu Hang, von Höh zu Höh ... so weit wir kommen! unverzagt und unverdrossen! und über die Berge dann weiter ... ans Meer!   Und wenn Wolken uns die Sonne verhängen und Sturm aufsteht, wollen wir ein Lied singen: Halt aus und sei fröhlich! und wirst du müde, geb ich dir die Hand, und es geht wieder, gelt? und was auch kommt, wir wollen nicht stehen bleiben, nirgends, und sagen: wir haben genug getan, es ist gut! Wir wollen Wanderer bleiben, Hannie, und noch recht lang, recht lange nicht Professor werden! willst du? XXXXVI Das kannst du nicht zwingen: daß die Knospen springen, eh die Sonne ihnen ihren Mai gebracht! aber daß: was hinter dir liegt, dich nicht schreckt mehr und unterkriegt: was Winter in dir abzustreifen in aller Stille ... und Knospen zu reifen und dich selbst zum Frühling durchzuringen ... das kannst du zwingen! XXXXVII Sing ihm ein Lied, Mandolinchen! dein Herr ist traurig.   Er war dem Frühling entgegengegangen, durch den Park, am Bach entlang, wo die Weiden stehen, und hanghinauf an dem verfallenen Mutter-Gottes-Kapellchen vorbei ... an allen Hecken trieben Knospen und die Luft war weich und warm, als obs schon Mai wäre ... und oben auf der Höhe setzte er sich ... wo der alte steinerne Roland steht, als Hüter des Tals ... und es lag da zwischen seinen Bergen in wartender Stille, von silberigen Sonnenfäden übergittert ... und das Herz wurde ihm so groß und weit, in Freude und Glauben, und er breitete die Arme: die Sonne ist wieder da! es wird Frühling! ich grüße dich! aber Leute aus dem Tal traten ihm entgegen und klagten ihm ihr Trübsal und ihre Hilflosigkeit, und er ging zurück mit ihnen, sie zu trösten und sie wieder froh zu machen ... und sie freuten sich und sagten: sie wollten tun, wie er sie geheißen! und nicht mehr mutlos sein und an den Frühling glauben! doch tagsdarauf hatten sie alles vergessen und verworfen und saßen in ihren finsteren Häusern, wie immer, und zankten sich, wie immer, und machten sich das Leben schwer um Nichtigkeiten ... wie immer, wie immer!   Sing ihm ein Lied, Mandolinchen! das kleine Lied, das du immer singst, wenn du glaubst, daß es niemand hört! das du sangst, als ich dir begegnet eines Abends ... auch da oben ... als du standest und einem Zug Wandervögel nachsannst, der nach Süden zog. Nein, ach nein, nicht hier in dieser düstern Bergeinsamkeit ... drang und dränger immer wird meine Sehnsucht, lauter und lauter mein Leid! wie ein verflogenes Vöglein sucht meine Seele sich müd! bang und bänger immer wird mein Glaube, leiser und leiser mein Lied! Alles hier ist trüb und traurig, ohne Klang und Schein! und mein Herz wird immer und immer fremd hier und einsam sein! XXXXVIII Ich will dir eine Geschichte erzählen, Mandolinchen ... Ich habe geträumt ... fängt sie an. Alle Geschichten, die ich erzählen könnte, fangen so an, wie die Kindermärchen anfangen: es war einmal! ... weil sie wahr sind aber, hören alle auch so auf: ich habe geträumt!   Zwanzig Jahre, Mandolinchen, bin ich nun ein Wanderer im Land der Menschen, weil alles immer so anders war, als ich mir träumte! und was ich träumte? ... sieh, es gibt Menschen, die überhaupt nicht träumen! die da leben, ohne Seele und Sehnsucht, wie Steine im Feld ... und da ich die Welt, die ich träumte, nicht fand, so wollte ich mir eine schaffen, im Kleinen, so wie ich sie mir schön dachte ... nicht in den Wolken, sondern auf fester Erde und mit Menschen, von denen ich glaubte, daß sie die gleiche Sehnsucht hätten, wie ich selber ... und ich warb um Freundschaft und Vertrauen und keine Mühe und kein Opfer war mir zu viel. Aber so oft es Beweis und Tat galt, fielen sie ab und versagten, aus Bequemlichkeit und Lässigkeit oder aus Eifersucht und Mißgunst. Was ich nicht habe, sollst auch du nicht haben! und mir war nur darum zu tun, einen Weg zu finden aus all der Schwere hinaus und aus dem Kampf, den alle zu kämpfen hatten. Aber nirgends ein bißchen Freude, nirgends ein Zusammenhalten und Einstehen für den andern ... und so wurde meine Seele einsam und ich blieb für mich, für mich zu machen, was ich mir schön dachte.   Aber auch das wollten sie nicht! Sie kamen und nörgelten und witzelten und jeden Morgen mußte ich immer erst das Geröll bei Seite räumen, mit dem sie den Tag vorher mir den Weg verworfen ... und was ich möglich gemacht habe, habe ich möglich machen müssen gegen sie und gegen Kopfschütteln und Abraten und kleinliches Mißwollen. Nur wenn ich mich ins Joch beugen sollte und ein Unfreier werden, oder wenn etwas kam, das mich rückwärts gebracht hätte, redeten sie mir zu, bis auf zwei oder drei Getreue. So lang ich unter ihnen bin, so oft ich zu ihnen kam und so weit ich alle meine Türen aufmachte, mein ganzes inneres Leben blieb ihnen fremd und unverständlich! Es ist ein trauriges Lied, Mandolinchen!   Aber ... ich hab es überwunden! ich ereifere mich nicht mehr, weder in Groll noch in Leid: die Menschen sind, wie sie sind! es war meine Schuld, sie anders zu denken!   Sie haben die schönsten Worte für alles! sie nennen es das Höchste: auf sich selbst zu stehen und sich ein eigenes Leben zu schaffen, einen eigenen Glauben, eine eigene Welt ... doch wehe jedem, der da so vermessen wäre, es zu wagen! Eitelkeit und Neid und Kleinlichkeit und Vorteilsucht sind häßliche Dinge bei ihnen ... und in Wirklichkeit? in Wirklichkeit?!   Ihr ganzes Sinnen und Sehnen und Dichten und Trachten ist nichts als einen Punkt voraus zu haben vor den andern: einen höheren Rang, eine schönere Frau, ein begabteres Kind, einen grüneren Garten, ein fetteres Huhn ...   Freundschaft ist äußerliches Zusammensitzen! Kein Mitwandern auf des andern Wegen, kein Mitsuchen und Mitfinden, kein Sich-freuen an des andern Freude! Liebe ist äußerliches Haben, Sinnlichkeit, Lärm! Prunksucht! Kein stilles Einander-treu-sein und Sich-Hinweg-Helfen über graue Stunden, kein Ausruhen und Mut-schöpfen, kein Hand in Hand zur Höhe schreiten und Sich-Freude-sein! Arbeit ist Notwehr, Last und Muß! Sie arbeiten nicht, um ihre Kräfte zu entfalten und sich zu freun an ihrem Können, sie arbeiten, um sich zu vergessen. Sie haben ein Wort erfunden: Arbeiten und nicht verzweifeln! ein Wort, das man totschlagen sollte, denn es ist ein Spruch nur für Hörige! Nicht: Arbeiten und nicht verzweifeln! ... sondern: Arbeiten und froh sein! Nicht einer ihrer Tage aber ist ein Sein in Fröhlichkeit! Sie stehen dem Leben gegenüber, wie etwas, dem sie untertan sind und gehorchen müssen, wie Schulkinder einem Lehrer. Sie hassen ihn, weil er mächtiger ist und sie strafen kann, anstatt hinzugehen und sich ebenso mächtig zu machen ... anstatt ... ach nein! es wäre doch vergebens!   Sie seufzen und seufzen und klagen und klagen und suchen überall die Quelle ihres Trübsals, nur nicht bei sich selbst und in ihrer Bequemlichkeit und Engseeligkeit! Sie jammern und jammern und stöhnen und stöhnen über ihre Hilflosigkeit und rühren keine Hand, daß etwas besser würde! Und wenn ein Gott vom Himmel käme und sich kreuzigen ließe ... sie stünden verständnislos neugierig dabei und frügen: warum tut er das? und wenn Propheten riefen: für euch! zuckten sie die Achseln und gingen heim und wären, wie sie immer waren! und wenn mein Herz nicht so stark in seinen Wurzeln und so reich an Glauben, Liebe und Zuversicht, sie hätten es mir längst zerbrochen und ich wäre längst geworden, wie sie alle ... Das Leben ist die schwerste Kunst!   Sing mir was, Mandolinchen! Ich möchte still am Wege stehn und möcht es Frühling werden sehn! ich könnt noch immer wie als Kind bei jeder kleinen Knospe säumen ... und klänge in den kahlen Bäumen ein Vogeltriller ... ach, ich könnt, ich könnt noch immer wie als Kind mir einen ganzen Sommer träumen voll Klang und Glanz und Sonnenschein               und glücklich sein! Ich will alles nun noch einmal durchdenken und erwägen, ob es nicht doch nur Groll, der mir den Blick trübt? ob sie nicht doch am Ende recht haben, von irgend einem Punkt aus, den ich vielleicht übersehe ... und wenn ich finde, daß sie recht haben, Mandolinchen ... dann ... dann . will . ich . mich . beugen! und will sagen: Ich war ein Narr! ich habe mein Leben verloren an Träume! und will die Schellenkappe aufsetzen und ein Fest halten im Schlosse meiner Väter, wie man keines noch erlebt an Glanz und Pracht und Narretei! Von allen Türmen sollen Feuer strahlen und in allen Sälen soll Musik sein, und wer da kommt, soll haben dürfen, was er will und mag!   Und wenn die Uhren Mitternacht schlagen und die Masken fallen, will ich sagen: nun geht! es ist genug! ich will allein sein! ... Und wenn es still geworden ist ... will ich die Fackeln nehmen und sie in die Hallen werfen, daß sie aufflammen und die Krone auf dem Haupte und den Hermelin um dabeistehen und lachen und lachend sie mit mir zusammenstürzen sehen! Und . wenn . ich . finde . daß . sie . nicht . recht haben, Mandolinchen ... dann will ich, wenn es Frühling wurde und wenn die Glocken läuten in der Osterfrühe, mir das Schwert umgürten, mein altes Schwert ›Bleib-dir-treu‹ und hinaufgehen den Weg an dem verfallenen Mutter-Gottes-Kapellchen vorüber, zum Waldsaum oben, wo der steinerne Roland steht, als Hüter des Tals ... und Fahnenträger sollen mitkommen und sich am Kreuzweg aufstellen mit der alten weißblaugoldenen Standarte und man soll die Hörner blasen und das Volk zusammenrufen ... und ich will ihm sagen:   Nein! nein! ihr habt nicht recht! ihr habt nicht recht!   Ich kam zu euch und erzählte euch meine Gedanken und ihr schaltet mich Träumer und Sonderling und nanntet Torheit, was ich wollte! und ich verglich es mit dem, das ihr dafür als Ziel aufstelltet, und mit dem, das um mich herum geschah, und sah ein, daß ich wie ein Kind nach Sternen greifen wollte, und schalt mich Träumer und nannte Torheit, was ich wollte, und warf es zurück und beugte mich ... allen euern Notwendigkeiten und kam euern Forderungen nach und ließ mich knechten von euern Nüchternheiten ... freiwillig! Jahre, Jahre, Jahre lang!   Ich habe alle eure Einwände und Bedenken aufgenommen und erwogen und gesucht, daraus zu lernen und mir klar zu werden ... ich habe still gehalten bei euern Nörgeleien und alle eure Trübseligkeiten über mich ergehen lassen ... ich habe euch eure Witze machen lassen über das Heiligste, das ich hatte, und alles in mir niedertreten, das mir lieb war, und sagte: ist es gut und hat es Kraft, hebt es sich doch wieder hoch und wächst nach! ... ich habe euer Leid getragen, als ob es das meine wäre und habe zu helfen gesucht, wo ich konnte, und mit Tat, nicht mit bloßen Worten ... ich war immer ein guter Freund und vor allem auch hinter dem Rücken ... ich habe zugesehen und gewartet und gewartet, ob ihr mit dem, das ihr wolltet, ob ihr auf eure Weise, auf eurem Weg ein Leben zu schaffen vermöchtet, das über den Alltag, an dem ihr leidet, hinaustrüge ... Jahre, Jahre, Jahre lang!   Ich habe geschwiegen zu dem Hochmut, mit dem ihr eure kleinen Verdienste herumschriet und zu großen Dingen aufbliest ... ich habe geschwiegen, wenn ihr mit tönenden Reden aufs Podium tratet und euch für dies oder das begeistertet ... und es war nichts, als Eigensucht und Geschäft ... ich habe geschwiegen zu all den kleinen Drehereien, mit denen ihr in den Vordergrund schobt und stütztet, was euch und eurem Vorteil dienlich sein konnte, ob es noch so windig war und faul! und mit denen ihr alles zurückdrücktet und entwertetet, das auf anderer Seite stand ... ich habe geschwiegen und gewartet und gewartet und immer wieder Glauben gehabt … Jahre, Jahre, Jahre lang! Ich habe meine ganze Jugend dafür hingegeben ... meine Haare fangen an grau zu werden ... ich schweige jetzt nicht mehr ... einmal mußte diese Stunde kommen! ... und ich sage jetzt:   Ich habe recht, nicht ihr! Euer ganzes Dasein ist bloßes Geschwätz und Scheinmacherei! ihr wollt gar nicht hinaus über eure Kleinlichkeiten! es ist euch wohl dabei! ihr wollt gar nichts anderes! und all die hohen Dinge, die ihr im Munde führt und als Aushängeschild und Deckmantel gebraucht: es ist euch niemals Ernst damit gewesen! Ich sage das euch allen und der ganzen Welt! ich habe mir das Recht dazu erlitten: Es ist euch niemals Ernst damit gewesen !   Aber bleibt bei eurem Kram! bleibt bei eurem Schwindel! treibt es weiter, wie ihr mögt! Seid und werdet, wer und was und wie ihr wollt! ich will endlich werden, der ich bin! und gehe jetzt den Weg, den ich für den rechten halte! und wenn es auch nur Zwei sind oder Drei, die mit mir kommen ... ich schaffe meine Welt jetzt über euch hinweg! mein Glaube ist stolzer, als der eure! und er ... siegt! XXXXIX Lache, lache, mein Kind! lachen, sieh, kann nur der Mensch! ... und unter den Menschen wieder nur, wer nicht an den Dingen mehr hängt! wer nicht mehr grollt, wer nicht mehr schilt, wenn ihm ein Wunsch zerrann! wer in sich selber still und klar das Ziel seines Lebens gewann! Lache, lache, mein Kind! lachen kann nur der Mensch! ... und unter den Menschen wieder nur, der nichts von den Menschen mehr will! XXXXX Schwertspruch. Ich grüße das Leben! ich grüße die Liebe! Frohmut und Freude sei Krone und Kranz!              Aber:        was alles erwehrt erst und währt, ist in niemüder Hand ein furchtloses Schwert! und decken es Narben,        lach darein! ein ehrliches Schwert wird nie narbenlos sein! Es wäre nichts wert! Kampf nur ist Freude! Ich grüße das Schwert! Jost Seyfried Viertes Buch »Herzblut« Der ist mein Freund nicht, der die Sonne nicht mag ... Die Sonne muß lieb haben, wer mein Freund sein will ... die Sonne und das Meer und den Wald überm Strand und die Wiesen und die Wolken, die darüber gehen ... in Stille und Sturm! Doch nicht bloß so, wie man so sagt: man habe was gern! Es muß dir sein, was dem Vogel die Freiheit ... es muß zu deinem Leben gehören, es muß ein Stück von dir selber werden ... ein Stück deiner Seele, das du hast mitten auch in Novemberschauern, mitten in Mauern, mitten in Alltags-Hast und Last! Die Sonne muß lieb haben, wer mein Freund sein will! I Kommst . du . heut . noch? kommst . du . heut . noch? den ganzen Nachmittag schon tickt es unser kleines Kuckuckchen ... immer ungeduldiger: Kommst . du . heut . noch? kommst . du . heut . noch?   Wo du wohl bist? und wenn es nicht zu laut ist um dich her, ob du wohl fühlst, so wie man fühlt, daß die Sonne scheint, auch wenn man sie gar nicht sieht und kaum acht gibt: wie meine Gedanken an dich denken und wie sie nach dir fragen und dich zu mir holen möchten?   Aber wenn die Türen zu dir verschlossen, sie sollen dich nicht unruhig machen mit ihrer Sehnsucht ... nein! sie wollen dich nicht stören! sie wollen nichts als um dich sein, wie Schmetterlinge in den Gärten draußen lautlos leise um die Blumenbüsche sind!   Kommst . du . heut . noch? kommst . du . heut . noch? II O das Herz ist mir so warm ... und die Sonne scheint ... so wunderschön! Frühling! Frühling! Wie fernes Glockenläuten liegt es mir im Ohr wie Wipfelrauschen tief in sommergrünem Wald ... und ich möchte auf und hinaus ... dich suchen ... in allen Händen Veilchen, Schlüsselblumen, Mandelblüte ... so viel ich tragen könnte ... und dich überschütten damit und niederknien und dir die Hände küssen ... o du! o du! Und draußen ... wie es dahinströmt ... osterfröhlich ... Alt und Jung! und die Straßenbahnen stürmt: hinauszukommen ins Grüne und Sonne, Sonntag und Frühling zu haben und fröhlich zu sein und sich zu freun! O, ich hab sie so lieb, die Menschen! und ich möchte zu jedem hingehn und ihm die Hand geben und sagen: gelt, nun wird es wieder schön und leicht und man kann hinaus! Und all die kleinen Mädchen überall in hellem Kleidchen, mit glührotem Sonnenschirm und riesengroßem Hut ...   Es muß hübsch sein, so ein kleines Mädchen zu sein!   So ein kleines Mädchen kann spazieren gehen und braucht über nichts nachzudenken ... und tuts auch nicht! es braucht sich auch daheim um nichts zu sorgen und zu grämen, als niedlich auszusehen ... und tuts auch nicht! all der Kram, mit dem wir uns das Herz belasten, ist ihm ganz einerlei! es singt und klingt darüber weg und ... darf es auch! es darf fröhlich sein und in den Frühling hinauslachen so laut und so übermütig als es will und kein Mensch verübelts ihm und hat etwas dagegen! Es ist wie ein kleines Vögelchen, das von Baum zu Baum hüpft und sein Liedchen zwitschert und alles sieht ihm nach und freut sich und hat es lieb! Flöte freilich würde sagen: aber sie sind nur so niedlich, so lange es eben so kleine Mädchen sind. Wenn es Frauen werden, denken sie auch nicht weiter nach und das ist böse oder sie denken nach, und das ist noch böser! Sie verkümmern sich dann das Leben und verquälen sich die ganze Woche, weil es ja vielleicht möglich wäre, daß Auguste am nächsten Sonntag die Suppe verdirbt oder den Braten anbrennen läßt! III Nun ist es Mai! nun ist es Frühling! warum freuen wir uns seiner nicht, wie wir geträumt?! und stehn und haben Zeit ... für jede Blume, die am Weg wo blüht, für jedes Lied, das aus den Hecken klingt?! warum nicht jauchzen wir und singen mit?! Wir haben uns danach gesehnt, so lang, so lang! und hasten weiter nun durch Tag und Woche ohne Dank und ohne Blick für so viel Köstlichkeit ... als läge hinter all den blühenden Gärten irgendwo ein höheres Glück! IV Ich glaube: es war Unrecht, Hannie, dir immer alle meine Sorgen mit aufzulasten ... anstatt sie allein durchzutragen! Ich will es wieder gut machen! ich denke, ich kann es noch!   Es ist Torheit, wie Kinder alles Beste bis zuletzt aufheben zu wollen! Man hat vom Leben nur, was man ihm nimmt! Es sind nur Augenblicke ... und nur die schönen sinds, die baun und weiterhelfen!   Wir müssen lernen, es leichter zu nehmen! alles! dem, was wir wollen zu lieb! wir kommen sonst nicht durch! und es kostet zu viel vom Ziel! Es ist wichtiger, daß wir uns einmal eine Stunde gönnen und ausschalten und nichtstun! und ... durch die Straßen trödeln und an den Läden stehen oder hinausgehen und am Waldrand sitzen und in die Sonne sehen und uns freuen am Grün der Hecken und am Spiel der Schmetterlinge und an all den hundert kleinen Dingen, die da still und unscheinbar ihr Leben um uns leben! oder daß wir miteinander plaudern, wie andere, ganz gedankenlos, von dem und jenem, das uns gerade einfällt ... es ist hun-dert-mal wichtiger und schaffender, als dieses ganze Fragen und Sorgen und sich Müdemachen für den andern Tag! es mag noch so notwendig sein ... unsere Seele ist wichtiger! wichtiger als dieser ganze Daseinskampfkram! O, und ich möchte nicht bloß dir das sagen, Hannie! ich möchte auf die Berge steigen und die Glocken läuten in die Täler: Es muß ja sein! ihr habt die Welt euch nun einmal so eingerichtet! Aber ... es ist nicht das Leben! und all das Gerenne und Gejage und Geplage, mit dem ihr euch das Herz verquält jahraus jahrein ... Broterwerb, Beruf, Besitz ... nein! es ist nicht das Wichtigste! es ist nicht Hauptsache! Hauptsache ist gerade das, über das ihr hinweghetzt! und das ihr dafür preisgebt! Hauptsache ist: Mensch zu sein! und Halt zu machen zwischenhinein und Zeit und Sinn zu haben, einmal nichts zu tun, als sich zu freuen: wie blau der Himmel und wie bunt die Welt und ... wenn auch nur minutenlang vielleicht, an einem blühenden Rosenstrauch zu stehen und das Herz sich froh zu machen an der Fülle seiner Schönheit! V Ich bin Fünfundzwanzig und wandere mein Ränzel auf dem Rücken in die Welt und sing mein Lied von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt! Überall alles Rosen und Flieder, Lachen und Lieder, Lust und Tanz! überall nur weitoffene Türen! überall Jugend nur, Glück und Glanz! O Frühling! o Frühling! Und du bists, du, der ich entgegenjauchze! der alles gilt, was ich ersann! die ich mit allem Köstlichen umträume, das ich weiß und denken kann! Du bist die Sonne, die die Welt überleuchtet, du bist die Heimat hinter mir, und vor mir grüßend und winkend die Weite! du bist das Tal, durch das ich schreite blühende Gärten und Felder entlang, du bist der Wald mit wogenden Wipfeln, du bist das Lied, das er mir rauscht immerzu in Sturm und Ruh! o du! o du! Du bist das Kind an meinem Wege, das mir Rosenkränze flicht, du bist die Nacht mit ihrer Sehnsucht, der Tag mit seiner Zuversicht! Du bist Anfang, du bist Ende ... ich küsse dir die lieben Hände, leise, leise: segnet mich! VI Heute Mittag war eine junge Dichterin da ... zweiundzwanzig vielleicht. Es sei schon viel von ihr gedruckt, da und da, aber sie möchte nun gern ein eigenes Bändchen herausbringen. Ob ich ihr nicht raten könnte? und ob ich vielleicht einen Verleger wüßte? Sie habe auch schon Novellen geschrieben und Honorar wolle sie vorderhand nicht. Ein feines vornehmes Gesichtchen. Sehr hübsch. Dein Haar, kluge überlegsame Augen und ruhig-selbstverständliche Bewegungen, fast ein bißchen zu sicher für ihr Alter ...   Ach Hannie, daß man so ein Geschöpf, wenn es so dasitzt und davon redet: Dichterin werden zu wollen, daß man es doch bei seinem lieben Köpfchen nehmen dürfte und ihm das Haar zerzausen und es abküssen und ihm sagen: Kind! Kind! werfen Sie den ganzen Plunder in den Ofen und lassen Sie dieses männermordende Spiel! Sie denken es sich so viel schöner, als es ist! Sie denken: Sie haben was Gutes und Großes gemacht und haben es in der Tat aus übervollem heißem Herzen heraus geschrieben ... und glauben: nun kämen die Menschen und jauchzten Ihnen entgegen und brächten Ihnen Lorbeer und Kränze und ... Sie wären ... berühmt! und ... Berühmt!? ... Verzeihen Sie, aber ... was stellen Sie sich vor unter: berühmt-sein?! Vielleicht ... vielleicht ist es gar nicht etwas so Schönes, wie man in Ihrem Alter träumt! vielleicht tut es sogar weh! vielleicht ... möchte man es gar nicht mehr, wenn man es ist! vielleicht ... Nein, nein! es wäre Sünde! Leben Sie sich lieber was Vernünftiges zurecht! Dichter und Dichterinnen gibt es wie Sand am Meer! Leben Sie was Schönes! und zeigen Sie da, was Sie können! das ist ein größeres Verdienst und tausendmal köstlicher und das können viel weniger!   Ich habe das so natürlich nicht gesagt! Sie hätte es doch nicht verstanden! und ich hätte ihr etwas genommen und nichts dafür geben können! und dann ... es hat immer etwas so Rührendes, wenn sie derart kommen und wie Kinder nach den Sternen greifen! Ich möchte dann immer selbst noch diesen Glauben haben und hundert Hände, und wär es nur, um Einem vielleicht und ... über die gröbsten Enttäuschungen wenigstens hinwegzuhelfen. Angefangen haben wir schließlich alle einmal so! VII Ja, ich grüß euch ... alle ... ihr tapfern kleinen Mädchen, die ihr in den Kampf drängt, es dem Manne nach zu tun! ich grüß euch und hab euch lieb ... wie meine eigene erste Jugend! Ich hab ihn lieb, diesen aufschäumenden Durst des Leibes und der Seele ... dieses glühende Verlangen nach Erkenntnis und Erfüllung und ich freu mich über diesen fröhlichen Sturm gegen die brüchigen Mauern einer müdegewordenen Welt! Helft sie mit aufrütteln aus ihrer Zerfahrenheit und macht sie wieder jung mit eurer Sehnsucht und bringt ihr wieder Leben und Freude! Ich grüß euch ... aus meiner Stille ... und lieb euch und will mit euch gehen, ein alter Soldat, und euch die Fahne tragen und lachen über die Grämlichkeit der Alten und über ihre Ängstlichkeit! Und wenn sie euch wehren wollen, will ich ihnen sagen: Laßt sie! laßt sie! es sind kleine Mädchen! und wenn sie Gedichte machen und studieren und ins Leben hinaus wollen und das und das werden, laßt sie! sie tun ja niemand was damit zu leid! Sie wollen jung sein, wie ihrs auch wart! Ein paar Jahre und es scheidet sich von selber: was stark ist, hält, was schwach ist, fällt! und die meisten wohl werden dann etwas gefunden haben, das ihnen mehr Spaß macht auf die Dauer, als dieses Herumzerren und Herumgezerrt werden!   Und die wenigen, die durchhalten ... ich grüße sie und sage: macht alle Tore und alle Türen für sie auf, so weit sie gehen! es ist auch so noch schwer genug! und wenn auch nur wenige wieder von diesen Wenigen zum Ziel kommen ... wie viel sind denn von euch, wie viel von uns ans Ziel gekommen?! Macht ruhig alle Tore auf und alle Türen ! was glückt und was mißglückt, es kommt nur einer späteren Welt zu gut und eure Kindeskinder werden es euch einmal danken! Das freilich häng als Spruch an jedem Weg: Nehmts ernst und treibt es nicht zu weit! und vergeßt nicht, was ihr euch schuldig seid, euch selbst zu lieb und dem, das ihr wollt! sonst . wirds . nur . Leid! VIII Laß sie sich ereifern, Hannie, laß sie streiten, so lang es ihnen Spaß macht ... wir wollen jede ehrliche Meinung ehren ... wir Zwei für uns aber wollen zusammendenken lernen, nicht immer nur auseinander ... es ist Zeit dazu ... und so in die Welt sehen:   Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen Mann und Frau! nur die Kleider sind verschieden, die sie sich allmählich angewöhnt haben! es gibt keinen andern Unterschied zwischen ihnen, als den es eben überhaupt gibt, von Mann zu Mann selbst oder von Frau zu Frau! Taler ist Taler, ob er Kopf oder Wappen zeigt, und Mensch ist Mensch, und je höher er steht, um so vollgültiger ist er beides: Mann und Frau!   Die Frau kann ganz gleichwertig, was der Mann kann, wenn sie überhaupt was kann. Es gibt auch Männer, die nichts können, und leider Gottes viel zu viel! Es gibt nur ein menschliches, kein an sich weibliches oder an sich männliches Empfinden ... bis eben auf die äußeren Verschiedenheiten, die jahrhundertlange Gewöhnungen geschaffen haben und in jedem Einzelleben wieder Kinderstube und eigene Entwicklung! Letzter Kern ist letzter Kern ... und ... Gold ist Gold, zu was es auch verarbeitet sein mag, und Kupfer Kupfer und Blei Blei! IX Sieh, Liebste, das ist so schön und das dank ich dir im stillen jeden Tag aufs neue:   Daß du mir nichts von all den kleinen Demütigungen und Entwürdigungen antust, mit denen so viele Frauen ihren Männern langsam den inneren Stolz zerfasern, den man haben muß vor sich selbst, wenn man nicht bloß Haushaltungsvorstand sein soll ... im besten Glauben, in aller Liebe, aber mit ihrer ganzen Art, zu sein und ins Leben zu sehen: überall auf kleine Augenblicksvorteilchen bedacht und alles nur unter diesem Gesichtspunkt zu beurteilen ... mit ihrem Hang: wenn es Verdruß gab, die Dinge zu stellen und zu legen, wie sie, wenn man sachlich zusieht, nie gewesen sein können! mit ihrer Neigung: auch hinter zugezogenstem Vorhang noch sich selbst alles mögliche vorzumachen, und was unangenehm, irgendwo in eine Schublade zu schieben und zu glauben, damit sei es erledigt.   Ohne es zu wollen, aber ohne es zu fühlen auch, zerbröckeln sie ihm damit den inneren Stolz und mit diesem Stolz auch die stumme heimliche Verehrung, mit der der Mann die Frau umhegt, die er lieb hat ... bis er schließlich wird, wie er nie sein möchte, wie neunundneunzig aber von hundert sind.   Flöte war da und wir kamen darauf. Der Mann ist immer Kind in seiner Seele, weit mehr vielleicht als die Frau! Er darf es nur nie sein! und darum wurde ... sein Arm stärker als der der Frau und sein Herz härter und sein Wille rücksichtsloser und nun träumt er von der Frau, was er selbst nicht sein darf und vielleicht auch nicht mehr recht sein kann ... denn es verkümmert schließlich, was sich immer und immer zurückhalten und verbergen muß. O, daß die Frau es mehr verstünde, über Zaun und Hecken hinweg in seiner Seele zu lesen und ihn Kind sein zu lassen ihr gegenüber, wenn er einmal müde ist, Herr zu sein und die Zügel für ein Weilchen aus den Händen geben möchte! o, daß sie mehr verstünde, mit ihm zu gehen durch die Stimmungen seiner Sehnsucht und ihnen entgegenzufühlen! daß sie nicht immer bloß eines wäre: Kind oder Frau oder Mutter, daß sie mehr vermöchte: alles zugleich zu sein! wie sie selbst von ihm ganz ebenso doch Kind und Mann und Vater haben will und nicht bloß eines!   Er will, was Kind in ihr: die ganze zutrauliche Zärtlichkeit ihrer Seele, ihren Glauben, ihre Fröhlichkeit und Leichtigkeit! er will, was Weib in ihr: ihre Sehnsucht nach Leben, den Durst ihrer Sinne, ihre Leidenschaft und Eifersucht! er will, was Mutter in ihr: ihren Stolz, ihre Güte, ihre behütende Sorglichkeit und Treue und Aufopferung! Er will, sie soll seine Helferin sein bei allem und im Kampfe mit ihm stehen, aber er will auch, sie soll darüber hinaus sein und Hüterin seines Hauses! er will, sie soll Dienerin sein und zugleich doch wieder Königin! X Nächste Woche geht es nach Rügen, Liebste! Gerlach schreibt, er möchte am Samstag losfahren, und es wäre schön, wenn ich gleich mitkäme ... oder ob wir uns wo treffen könnten. Da ich Bescheid wüßte, wär es ihm sehr lieb, wenn ich Zeit hätte, vierzehn Tage mit ihm herumzuziehen und Aufnahmen zu machen. Er wolle gern die Hälfte der Kosten dafür tragen. Je nach dem warte er auch noch acht Tage. Was meinst du? Ich bin mit allem Laufenden so weit fertig, aber es kommt mir ein bißchen über den Kopf. Doch ich freu mich ... und es soll gut werden. Man muß aus allem was machen können. Ich packe außerdem mein Roman-manuskript ein ... und vielleicht kommt ... Hannie eines Tages?! Tausend Grüße und Küsse! Ich muß tausend Briefe schreiben ... und möchte lieber tausend Gedichte machen! XI In Sturm und Wetter gehts über die See, und die Wellen rollen und grollen und schäumen wie Schnee in die Höh und ich steh auf Deck und der Regen schauert mir ins Gesicht ... und ich suche vor und suche zurück ... in Sturm und Wetter versinkt mein Glück! Sei's Sturm! sei's! hier hast du mich! wettere mir in die Brust und brich, was nicht stand hält, brichs zusammen schonungslos! rüttle, reiße, wie du kannst! ich halt, ich lach, ich hab keine Angst! ich will, ich mag nicht, was nicht feststeht! und wenn es um den letzten Rest geht, einerlei! was nicht hält, ist Narretei! Sinn hat nur, was sich bewährt! und geht der ganze Kerl zum Teufel ... war der ganze Kerl nichts wert! XII Ich bin nun auf heiligem Boden wieder in unserem Heimat-Sonnenland ... in klingendem Goldblau leuchtet der Himmel und auf den Höhen rauschen die Wälder, die Wellen spielen am weißen Strand ... Und ich grüße dich über das Meer hinüber und rufe dich und geb dir die Hand: Wir wollen, was hinter uns liegt, begraben! wir wollen nicht mehr rückwärts sehn! wir wollen mit allem Frieden machen, was geschehen und nicht geschehn! Es ist heiliger Boden, auf dem ich steh, es ist heiliges Land, durch das ich geh! Wir wollen uns nicht mehr so müde quälen, wir haben uns gequält genug! wir wollen ein neues Leben beginnen! und was uns das alte an Wunden schlug und was wir uns selbst in törichter Pein zertragen haben mit Zagen und Fragen, wir wollen schweigend es uns verzeihn: es soll vergessen und abgetan sein! Es ist heiliger Boden, auf dem ich steh, es ist heiliges Land, durch das ich geh, und keine Sorge, kein Groll, kein Weh soll es entweihn! XIII Abendgoldklarseliger Frieden überall ... Ich sitze am Fenster ... zum ersten Mal vielleicht seit Jahren ohne Hast und Unruhe in der Seele ... was kommt, das kommt! Sturm oder Sonnenschein! hast du die Hand nur fest am Steuer wird Leid und Weh auch dir zum Ziel gedeihn und frischer Wind nur in die Segel sein! ...   Hügel und Heide und über Hügel und Heide das Meer, groß und frei, in wundersamen Farben schillernd ... weiße Wolkenkränze horizontentlang ... und Bann um Bann und Zwang um Zwang löst sich und fällt ... und wie fernabziehendes Sturmgewölk sinkt all die Sorge in die Tiefe, mit der ich mich herumgeschleppt und müde gemacht ... alles Kleinliche und Hemmende ...   Und ich steh und frage mich: warum, wozu hast du dir so das Herz verhärmt?! wozu dies ewige Zweifeln und Bedenken? Es ist so einfach alles, wenn mans einfach nimmt! ...   Was kommt, das kommt: Sturm oder Sonnenschein! hast du die Hand nur fest am Steuer, wird Leid und Weh auch dir zum Ziel gedeihn und frischer Wind nur in die Segel sein! So: in Schönheit zu leben ... in sich selber klar und still und die Dinge umher alle übersehbar offen und in ruhigem Geleise ... eins mit sich und mit der Welt ... arbeiten dürfen, nicht arbeiten müssen ... ich denke immer: so eigentlich müsse das Leben sein, das sich der Mensch auf seiner Erde schaffen müsse ... und nicht dies ruhelose, immer unsinniger werdende Gehaste und Gehetze unserer Städte.   Aber alles, was er tut und ersinnt und wofür er sich abmüht und verbraucht, all die Kunststücke und Herrlichkeiten, die er sich zurechtdenkt und erfindet und auf die er so unsagbar stolz ist ... sie führen immer weiter davon ab! sie führen immer weiter davon ab! Anstatt zu vereinfachen, erschweren und verwickeln und verwirren sie das Leben immer unlösbarer und verblenden ihn immer mehr! er vergißt immer mehr, zu welchem Ziel er alles macht und schafft! und sieht immer weniger, wie er sich die Quellen verschüttet und wie er sich gerade das zerbricht, das er damit erringen und gewinnen wollte! anstatt zum Freien macht er sich zum Knecht! Dich und dein Leben in Einklang bringen mit deiner Sehnsucht und in Einklang bringen mit den Dingen der Welt ... o, es wäre nicht so schwer ... wenn wir uns nicht immer selbst den Weg dazu verwürfen und wenn wir gelassener und vertrauender auf das in uns, das da hinaussucht eben über das Herabzerrende und Lähmende des Werktags, den wir haben Herr werden lassen! und wenn wir nicht immer und immer in Waffen stehen müßten gegen einander und uns verteidigen nach allen Seiten gegen Nichtigkeiten, Neid und Niedrigkeit ... o, es wäre nicht so schwer ... es wäre noch immer nicht unmöglich! XIV Wir müssen einen Strich durch machen, Liebste! so schön gewesen, was wir geträumt ... es ist zu spät! es ist versäumt! Wir wollten uns nicht mit ungeduld-töricht- stürmischem Augenblick-Genügen um den höchsten Kranz betrügen ... wir wollten uns, was wir wünschten, verdienen, und vor uns selbst ein Recht uns erwerben Stück um Stück auf ein bescheiden Teil an Glück! wir wollten warten und uns gedulden in Arbeit und in treuer Müh, bis es uns fiel, bis alles glatt um uns und eben und offen der Weg zu klarem Ziel! Und wir haben gewartet und haben gewartet, ohne zu klagen! wir haben schweigend alles getragen, Leid und Streit, ohne Neid, fröhlichen Glaubens und unverdrossen! wir haben gekämpft und haben gerungen und unsere Sehnsucht niedergezwungen, während die andern um uns her lachend ihre Jugend genossen! Und Jahr um Jahr ist darüber vergangen, und was jedes brachte und was es nahm, wir hielten aus und sind aufrecht geblieben und ließen uns nicht unterkriegen. Aber es ... hat zu lange gedauert und war zu schwer! und ganz leise, sieh, Schritt um Schritt haben die Dinge um uns sich gewandelt und . wir . uns . mit! Wir wollten hart werden und sind hart geworden und weinen nicht mehr! aber es hat uns ... die Freude gebrochen, jene sorglose Übermut-seligkeit, die wagt und gewinnt und nicht wägt und mißt! jene Freude, die eben ... Jugend ist! und jenen Stolz: mit erhobenem Haupte frei auf eigenem Boden zu stehn und in jungen Jahren ... lachend als Sieger ... zusammen zum Ziele zu gehn! Und wenn das Schwerste nun auch überstanden, und wenn wir nun auch . vielleicht . so . weit: sagen zu können: wir habens gezwungen! und was wir haben und was wir sind, ist selbst errungen und ehrlich verdient! ... was wir einst träumten im blühenden Mai ... das müssen wir streichen! das ist vorbei! XV Nun aber freu dich auch, schriebst du heut: Du hast nun alles, was du wünschtest: Meer und Berge und Sonnenschein! ich wollt, ich könnte mit dir sein! ... und wenn die Fäden hinter dir reißen, was liegt daran?! sie knüpfen alle sich rasch wieder an? Man muß einmal einen Abschnitt machen, wie oft hast du das selber gesagt, man muß einmal über die Berge gehn, um sich von anderswoher zu sehn! Man verliegt zu leicht und verliert den Maßstab, den Blick fürs Ganze und wird langweilig sich selbst und den andern ... immer nur Arbeit tuts nicht allein, es braucht auch Auslug zwischenhinein, Sichtung und Sammlung! Ich wollt, ich könnte mit dir sein! Ja, du hast recht! ich will es lassen! es führt zu nichts ... und macht bloß müde! Nur abends eben, wenn alles vorüber, und wenn ich noch ein bißchen gehe, allein zu sein, den Hang hinauf, das Meer zu sehen und die blitzenden Sterne zwischen den Wolken, kommt es mitunter ... und wenn ich dann denke: was und wie viel ... wie viel ich gewollt, und wie die Jahre darüber verrollt, und wie fast alles nur Stückwerk geblieben: Schaffen . Kämpfen . Leben . Lieben ... dann ist etwas, das in mir grollt! dann ist etwas ... o nein, nicht Reue, weiß Gott nicht, nein! ... Doch, du hast recht: ich will es lassen! ich will mich des Erreichten freun und des noch Kommenden fröhlich sein! Die Hälfte, sagst du, sei doch immer geglückt, und das sei viel! und mehr gelänge überhaupt nur selten! ich hätte keinen Grund zu schelten! Gewiß, gewiß: die Hälfte ist viel, vergleichst du den Anfang ... und doch, sieh, so wenig, so herzlich wenig, vergleich ichs zum Ziel! Man müßte drei Leben zu leben haben, und nicht bloß dies eine, das halb vorüber, bis man erkannt hat, wie man es nützt, und bis man endlich im Sattel sitzt! Man müßte drei Leben zu leben haben, eins in die Tiefe und eins in die Höhe, dreifache Zeit und dreifache Kraft! Bei unserem einen heißt es: sich begnügen und schweigend seine Sehnsucht betrügen mit dem, was man im Vorbeigehn errafft und schafft! ... Oder aber ... nun hab ichs wieder: Die alte Jugend grüßt herüber und klingt das Schwert: Tiefe und Höhe von drei Leben in einem zu zwingen, in einem zu leben! XVI Stille weiße Wölkchen am Himmel ... schon als Junge immer streckt ich mich ins Gartengras, oben am Berg ... wenn die Glocken Ave läuteten im Tal ... und sah euch zu ...   Und noch immer lieg ich so am Hang ... das Meer unter mir, blau und weit und blau und weit über mir der Himmel mit seiner Sommersonne ...   Und das Meer ist meine Seele und der Himmel ist meine Welt und ihr ... die Sehnsucht meiner Seele ... hinziehend durch die Welt, still und weiß ... Grüßt alle, die euch lieb haben! XVII Wie schön das ist: aufzuwachen: das ganze Zimmerchen voll Sonne, Schwalben vor dem offenen Fenster und draußen das Meer ... in lichtblaugoldenem Glanz ... und die Augen noch einmal zu schließen und zu träumen ... von dir und von Tagen, die gewesen, und von Tagen, die vielleicht einst werden ... Und lautlos geht die Türe und du kommst, mich wachzuküssen ... Leise, leise auf den Zehen schleichst du näher ... und ich sehe deine braunen Augen leuchten und du legst mir auf die Stirne leise deine weiße Hand ... und es ist, als wiche ein langer dumpfer Tod aus meiner Seele und als wiege mich ein goldener Nachen durch tiefblaue Ruh einem niegekannten neuen restlos seligen Leben zu! XVIII Nun kenn ich jeden Weg und Steg, nun kenn ich jede Bank im Wald und jeden Gang und jeden Hang diese ganze licht-selige Welt entlang, Schlupf und Schlucht und Busch und Baum Haus und Hof und Heck und Zaun, Sturz und Stein ... und möchte nur und möchte: du könntest mit mir sein! Das blaue Meer und Strand und Land und Wies und Wald und Höhn ... so hell die Sonne niedergrüßt, so golden jeder Tag verfließt ... es wäre noch einmal so licht, so selig und so schön! Die Schwalben auf dem Fenstergesimse würden uns wach zwitschern, und die Sonne blitzte am Himmel, unsere alte treue siegende Sonne! Und alles wäre hell und froh und frei und klar und heiter ... die Gärten mit ihren blühenden Rosenstöcken, die Wiesen mit ihren Schmetterlingen, die Heide mit ihrem Thymianduft, die Hänge umher mit goldenen Feldern, umhütet von Eichen- und Buchenwäldern, und da und dort und überall das Meer! unser altes ewig junges heiliges Meer! hell und froh und frei und klar und heiter! die ganze Welt ein einziges großes sommerseliges Jubellied! Und der ganze Tag gehörte uns und unserer Freude und wir gingen die Wiesen hinunter, all die lieben kleine Wege, und hanghinauf in unseren Frühlingswald und sängen und lachten und nähmen uns bei der Hand, wie damals ... weißt du noch: wie wir wegauf und ab tanzten wie Kinder, und uns küßten und weitertanzten, und wie die alten ernsten Bäume ringsum verwundert aufrauschten ob uns närrischen zwei Menschendingern? und wie wir mit einmal dann auf der kleinen runden Wiese standen, atemlos, in grünflimmerndem Licht, blaublauer Himmel über den Kronen der Eichen und ... alles still und groß und feierlich, wie in einer Kirche ...   Weißt du noch? und ... wie wir uns ansahen, du mich, ich dich ... scheu und schauernd plötzlich und erschrocken, als ob wir uns noch nie gesehen hätten ... ein paar Augenblicke ... wie ein Zauber: als ob wir gar nicht dieser Erde wären! ... Und dann setzten wir uns ins Gras und gaben uns die Hand und sahen ins Grüne: wir wollen uns gut bleiben, was auch komme!   O, ich hab dich so lieb, Hannie! so lieb, so lieb! Und wenn die Sonne untergeht, würden wir auf den Berg steigen und ihr sagen: Wir danken dir, Sonne, für diesen seligen Tag! Sehnsucht zu dir ists, die uns zusammenfinden ließ! wir wollen an dich glauben und dir treu bleiben! und uns von keiner Schwere mehr das Herz erdrücken lassen! XIX Sonntag. Tief im Westen der Mond ... Über den Hügelhöhen drüben der breite blauschwarze Streifen ist das Meer ... das weiß-rote Blickfeuer über dem Busch, geradeaus, der Leuchtturm der Oie ... das Flimmern am Horizont ... Lichter des Festlands ... wie ein fernes Jenseits liegt es im Schweigen der Nacht ... und dann: die Schattenlinien von Thiessow, vom Klein- und Groß-Zickerberg, und im Vordergrund Lobber Ort und der Strand ...   Wie still alles! totenstill! Nähe und Ferne! ich hätte nicht gedacht, daß Leben so still sein könnte und doch leben! Und die Sterne! ach ja, die Sterne! In der Stadt vergißt man ganz, daß es Sterne gibt ... und man sieht auch nichts von ihnen zwischen all den Häusern!   O es ist ganz wunderherrlich: der große Bär, der Abendstern, der Jupiter, und die Milchstraße! o es ist wie ein Märchen! und wenn ich das Glas abnehme, ist es fast noch schöner ... es schwimmt und flimmert dann alles in einander ... es ist dann wie ein silberblau bewegtes Meer über mir ... noch märchenhafter, noch unendlicher! O daß du hier wärest! daß nicht bloß ich allein es sähe! daß auch du es hättest! daß wir es zusammensähen! daß wir Hand in Hand stehen könnten in der Nacht der Gärten und ... o ich hab so Sehnsucht nach dir, so allgewaltige Sehnsucht! Es ist so schwer, sich immer allein freun zu müssen an so Schönem! Hinter dem Nußbaum, im Sandbruch am Südstrand orgelt ein Karussell auf ... ich sehe seine roten und blauen Lichter zwischen den Bäumen hin und hertanzen ... wie aus ferner Ferne aber klingt seine Musik zu mir herauf und das Lärmen und Schreien der Kinder ... wie aus menschenalterweiten Weiten ... wie aus Zeiten ... die man vielleicht nur geträumt hat.   Ich glaube, es ist das Meer, das alles so ins Ferne spinnt und alles Lachen, alles Jauchzen mit heimlich leiser Wehmut überrinnt!   Ein großer Nachtschmetterling schwirrt ins Fenster und kreist um meine Lampe ... ein Windstoß blättert meine Schreibereien auf ...   Wenn du hier wärest, würde ich sagen: komm wir wollen Kinder sein, Liebste, und hinuntergehen und Karussell fahren! mit dir könnt ichs! allein bin ich zu alt! XX Lieder des Leierkastenmannes Ich hatte ein Mädchen und hatte es lieb und hab es nicht geküßt ... und die Leute lachen mir ins Gesicht und glauben es nicht. Braunblond und jung, o ein herziges Ding, zierlich und fein wie ein Schmetterling! und wo es war, war aus und ein die ganze Welt voll Sonnenschein! Es brach mir die rotesten Rosen vom Strauch und hatte mich lieb, und ich es auch! Und ich tat ihm weh und sagte: geh! wir haben zum Heiraten beide kein Geld und du sollst ehrlich bleiben vor Gott und Welt! drum geh lieber, geh! Und die Leute lachen mir ins Gesicht und glauben es nicht! Und wenn ich wieder ein Mädchen so hab, dann frag ich den Kuckuck danach! geschehe, was gescheh! ich küß es, so viel ich will und mag und sage nie mehr: geh! Und wenn man kommt und Geschichten macht, bin ichs der lacht! bin ichs der lacht: Was heißt bei euch denn Ehr?! ich kenn euch jetzt und rat euch sehr: nehmt euch in acht! ihr habt mich ein Mal dumm gemacht, ein zweites Mal nicht mehr! Ich dank euch für die Lehr! Woher ich die Falten all im Gesicht und was mich so grau gemacht? fragt lieber nicht! doch sagt auch nicht: ich hätte zu viel im Leben gelacht und geküßt! es wär ein wenig lustig Lied, das ich dann singen müßt! Weiß Gott, ich wollt: ich hätts so getrieben! ich wollt, es käme von Leben und Lieben und Lachen und Lärmen und Lustig-sein! ich gäb sonst was dafür! und komm ich noch mal auf die Welt, dann mach ichs auch wie ihr! Dann ist mir all das einerlei, so einerlei als zwei mal zwei, weswegen ich nicht gelacht und was mir die Falten ins Gesicht und was mich so grau gemacht! O komm, ja komm! ich wart auf dich! O komm, ja komm und küsse mich und sag mir immer wieder: ich hab dich lieb! ich hab dich lieb! und was ich bin und sinn, ist dein! sei mein, sei mein! ich hab dich lieb! ... o sags mir immer wieder! ich lasse dir keine Ruh und sagst du es hundert und tausendmal, ich höre immer noch zu! Ich weiß es nicht, warum, woher ... mir ist das Herz so schwer, so schwer die ganze Zeit, so gram und leid so lahm und leer, als ob etwas verloren wär! Ich habe nie den Mut gehabt, ich habe nie dir was gesagt und hab nichts anderes doch gedacht Tag und Nacht und müd und einsam mich gemacht! Doch nun, doch nun ... ich kann nicht mehr, ich trags nicht mehr, ich mags nicht mehr! und würde Not und Qual daraus, ich jauchz es in die Welt hinaus: O komm, ja komm! sei mein, sei mein! und laß uns lachen und glücklich sein! Ich hab nur dich und will nur dich und wart auf dich und verzehre mich: o komm, o komm und küsse mich und mach mich still und mach mich gut und gib mir Glauben wieder und Mut und sag mir immer wieder: ich hab dich lieb! ich hab dich lieb! und was ich bin und sinn, sei dein! sei mein, sei mein! ... o sags mir immer wieder! ich lasse dir keine Ruh und sagst du es hundert und tausendmal ich höre immer noch zu! XXI Die Krone gerichtet! Kränze gewunden! Glocken geläutet! Spielleute auf! Die Alten sollen Festtag machen! die Jungen sollen zum Tanze kommen! die Kinder sollen Blumen streun! und so solls heut und immer sein! Ein Hoch auf die Königin und auf den Sommer, da die Rosen blühn! XXII Nun kann kein Leid uns mehr was haben, nun kann kein Neid uns mehr was tun, nun kann kein Sturm uns mehr schlagen, alle Klagen, alle Fragen lösten leise sich und ruhn! Tief aus tiefblaustrahlendem Himmel flutet die Sonne ihr flammendes Gold und verflogen und zerstoben sind alle Wetter, die uns umgrollt! Und mit Rosen in den Haaren und mit Rosen in der Hand schreiten selig nun wir beide in das sommerlachend weite lieb- und lieddurchjauchzte Land: Und kein Leid kann uns was haben und kein Neid kann uns was tun und kein Sturm kann uns mehr schlagen, alle Klagen, alle Fragen liegen wie ein Traum zurück ... um uns her nur Klang und Farben blühende Gärten, goldene Garben, Sommerglanz und Sonnenglück! XXIII Unter Buchen sitzen wir, in nickendem Farnkraut und sehen den Schmetterlingen zu, wie sie um die blauen Glockenblumen gaukeln und den Spinnen, wie sie zierlich ihre seinen Fäden schaukeln und horchen auf das Gurren wilder Tauben ... und die Welt ... so weit ... so fern!   Und wir liegen in den weißen Dünen und träumen aufs Meer und seine selig blaue Weite und plaudern den Booten nach, die draußen mit sonnenhellen Segeln in die Ferne schwinden und den Dampfern, die am Horizont vorübertauchen ... und die Welt ... so weit ... so fern!   Und wir sitzen auf der Veranda unseres kleinen Stübchens und lachen in das Schwalbengezwitscher hinaus über den Gärten und über den Wiesen an den Hövtabhängen drüben und staunen in die Feuerpracht der untergehenden Sonne und in den goldflammenden Himmel über der dämmernden Erde ... still und stiller werdend und die Welt ... so weit ... so fern!    . Und morgen ... wieder so! und morgen wieder so! Ich hab dich lieb ... ich weiß nichts anderes, als ich hab dich lieb! und alles, alles an dir hab ich lieb ... und immer mehr und immer mehr ... dein Haar, deine Stirne, deine Augen, deinen Mund, deine Hände ... alles, alles! und wie du gehst und wie du stehst, jede Bewegung, jeden Blick! und es gehört mir bis auf den letzten heimlichsten Gedanken ... alles, alles mir, nur mir, nur mir! und ich gönne niemand anderem etwas davon! nichts und niemand! nicht einmal dir selber!   Und es muß mich wieder lieb haben und zu mir wollen, alles, alles! und ... es hat mich lieb! ich weiß, ich weiß, ja ich weiß: es hat mich lieb und hat Sehnsucht zu mir, wie ich zu ihm und ich küsse es und küsse es, alles, alles, dein Haar, deine Stirn, deine Augen, deinen Mund, deine Hände ... und trinke zitternd deine Seele in die meine! o Liebste du, Herzallerallerallerliebste du! XXIV Sonntag Morgen ... lichtklarer Himmel über Höh und Heide ... nirgends aber Glockenläuten, keine Kirche weit und breit! niemand, der von Sünde spräche und von Bösem und von Büßen-müssen!   Laß uns zum Strand hinuntergehen, komm!   Wir wollen keine Andacht halten, wir wollen nur, zwei selig frohe Menschen Hand in Hand stehn: Aug in Auge unserer Sonne, Aug in Auge unserem Meer ... nicht jauchzen! nein! nicht laut sein! nur ganz still hinaussehen auf die ruheweiten Wasser und ihren glockenlosen Frieden und uns freuen: dieser Welt zu sein ... nicht mehr, nicht weniger, nichts anderes, als alles andere um uns her, das lebt und grünt und blüht und sich erfüllt ... sündlos, bußlos! Südstrand. Hövtabhang. Haselnußstauden, Wachholder, Disteln und Halmgras, von Libellen und Schmetterlingen umschwirrt ...   Himmel und Meer ein einziges wolken- und wellenloses Blau ...   Kein Hauch, kein Laut ...   Die ganze Welt ein seligstummes Blühn und Blühn und Blühn ... mittagsonnetrunken ...   Zwei schillernde Pfauenaugen in zierlichem Spiel sich lockend und übereinanderfliegend und in den Thymian fallend. Goldene Wolken im Abendblau und das Meer in lautloser Stille ... nur hie und da noch gluckert eine halbverträumte Welle durch das Pfahlwerk unterm Brückensteg ... und über den Wassern in der Ferne hüpfen Lichter auf, wie kleine Sterne.   Der Tag ist müde und will schlafen gehn und leise sinken ihm die Augen zu ... hoch am Himmel nur die stillen Wolken ziehen immer weiter. XXV Laß mich den Kopf dir in den Schoß legen, komm ... und nun ... weißt du, nun ... wollen wir die Augen zumachen und ganz still sein und träumen ... wie wir so oft träumten in regeneinsamen Novembertagen, uns Mut zu machen: Wie schön es wäre: so an blauem Meer zu sitzen hoch auf der Düne fröhliche Menschen am weißen Strand und Sonne, Sonne über Meer und Land ... wie schön es wäre: unbekümmert einmal um morgen ohne rechnen zu müssen und sorgen glücklich zu sein und uns des Augenblicks zu freun! ... Und dann ... dann wollen wir ganz schnell die Augen wieder aufmachen und ... dann ist es so! dann ist es so! wie im Märchen! und noch viel schöner! noch viel schöner! dann sitzen wir da: hoch auf der Düne unter rauschenden Föhren fröhliche Menschen am weißen Strand, und Sonne, Sonne über Meer und Land! Wir wollen noch einmal so spielen ... aber anders! Wir wollen die Augen zumachen und denken: wir wären nicht hier, sondern zu Hause ... jedes für sich, wie immer: Du hättest Schule und kämest heim und dächtest zu mir und ich zu dir und wir möchten bei einander sein und hätten Sehnsucht und freuten uns die ganze Woche schon auf Samstag Nachmittag, hinaus zu können in den Wald und ... und ich wäre eben dabei, ein paar Blätter einzustecken, um dir vorzulesen, was ich die Tage über gemacht ... statt deiner aber käme Annimariechen: du seiest eingeladen und es gehe nicht anders, so weh es dir täte ... und ich säße und säße: ob wir je noch zu einander fänden, ob wirs je noch einmal haben würden, wie es andere haben ...   Und dann ... dann ... zählst du plötzlich: eins, zwei, drei! Augen auf! und ich liege in deinem Schoß und du beugst dich über mich und lachst und küßt mich und sagst: ich hab dich lieb! so, so lieb! und ich schling die Arme um dich und küsse dich wieder und sag: ich hab dich noch viel, viel lieber! und wir nehmen uns bei den Händen: es ist am Ende nur Traum? Aber nein! es ist kein Traum! es ist so! es ist so! wir haben es auch einmal, wies andere haben! wir sitzen da: unter rauschenden Föhren hoch auf der Düne und dürfen unbekümmert um morgen des goldenen Augenblicks uns freun und ohne rechnen zu müssen und sorgen fröhliche, selige Kinder sein! Und es gibt Menschen, die das alles haben, immer, tagaus und ein und die doch nicht vergnügt sind und ohne klagen aufrecht ihres Weges gehn und lachend über dem Leben stehn! o mein Gott! XXVI Du, wir müssen an die Mutter schreiben! wir haben ihrer noch kaum gedacht! unser Glück hat uns undankbar gemacht! ... und es war die ganze Zeit doch immer wie ein stiller Segen von ihr um uns her!   O daß sie mit hier sein könnte! Wir würden am Strand unten mit ihr sein, wenn die Dampfer kommen, oder im Garten ... o wie sie glücklich sein würde und lachen und vergnügt sein! und plötzlich aufstehen vielleicht und sagen: so, nun geht! ihr braucht mich alte Frau nicht immer zu unterhalten! geht! lauft zu! und wenn sie uns dann auf den Hügeln drüben sähe, im Schein der Sonne, Hand in Hand ... o wie sie sich freuen würde! und wenn wir zurückkämen und ihr erzählten, wo wir gewesen und was wir gesehen wieder und erlebt und wie oft wir uns geküßt hätten, ganz schnell, hinter einem Baum, und wie selig wir seien ...   O wir müssen ihr schreiben und ihr einmal etwas schicken, Blumen oder ... weißt du, wir stehlen im Wald ein kleines Wachholderbäumchen oder ein Tännchen. Es kommt vielleicht fort, wenn wir es gut mit Erde verpacken! XXVII Wir wollen Muscheln suchen gehen, komm, am Südstrand unten, und Bernstein und kleine Kiesel ... und wer die schönsten hat, darf dem andern so viel Küsse geben, als er schönere hat! magst du? Und wenn wir gleich haben, zählen wir aus: Ich bin dein Kind und du bist meins! du bist mein Liebstes und ich deins! und keins ist ohne das andere Eins! Und vielleicht finden wir wieder Versteinerungen! Oder wir sehen den Schwalben zu, wie sie in ihren Nestern am Sandsturz oben ihre Jungen füttern ... oder auf der Heide den Bienen und unsern Schmetterlingen oder den Spinnen an den Schlehdornbüschen ... es ist so wunderbar, dem allem nachzugehn und in ganz Kleinem, Unscheinbarem das große Leben der Welt zu verstehn! Oder willst du in den Wald ... dann wollen wir uns Heidekraut holen und Zittergras für unsere Stübchen ... und das kleine Tal suchen, querein durch die Föhren, hinter dem Wall mit dem Hünenstein und den Wachholderbüschen ... wo es so schön war! ... tandaradei! wo wir saßen und dem Kuckuck zuhörten und zählten, wie oft er rief ... und ... wo die großen blauen Glockenblumen standen und die Königskerzen und die roten Elfensterne ... weißt du noch? Und gegen Abend gehen wir über die Höhen, den Weg, den ich dir zeigte, und sehn die Sonne untergehen.   Der ganze Himmel ist dann wie ein Feuermeer ... und man möchte Flügel haben, emporzutauchen in seine Pracht.   Ich ging da immer, ehe du da warst, und dachte, wie schön es wäre, hier einmal mit dir zu stehen und hatte so Sehnsucht ... so Sehnsucht! und nun bist du da, nun bist du da, und alles ist gut! Tag und Nacht! o und seliger, als ich je gedacht! Aber ... ja, wir haben auch die Rehe lieb, wenn sie so am Waldsaum stehen und herüberäugen über die Wiesen, neugierig-angstvoll scheu ...   Bleibt, bleibt, wir tun euch nichts! wir standen auch schon so wie ihr und wagten auch uns kaum aus unserem Wald! ... wir tun euch nichts! wir tun euch nichts! habt keine Sorge! Der Mond ... guck doch, der Mond! unser alter lieber guter Mond!   Halloh, wir grüßen dich! wir grüßen dich! Sieh her: du hast uns weinen sehen, nun sieh uns lachen! und sieh: wir stehen und ... küssen uns! und haben keine Angst mehr vor den Menschen, vor niemand und nichts!   Und wenn du es erzählen willst, erzähl's! wo und was und wem du magst! wir lachen dazu, sieh her, und küssen uns und noch einmal und immer wieder! vor dir und dieser ganzen weiten großen seligen Welt! XXVIII So ist es schön! ach ja! so ist es schön! so still zu sein ... erfüllten Wunsches froh ... dein liebes Köpfchen an die Brust gelehnt am Waldrand zu sitzen unter wilden Rosen ... hoch in den Wipfeln über uns ein leises Rauschen, wie ein Klingen ferner Glocken und blau und weit das Meer zu unseren Füßen und ganz still zu sein, kein Wort zu reden, nur zu fühlen! nur zu fühlen! ach ja, ach ja!   Und nichts zu wollen und nichts zu wissen, als: ich hab dich lieb, ich hab dich lieb, und du bist mein und ich bin dein! ... und zu fühlen, wie unser Blut herüber und hinüberklingt und unser tiefstes Leben leise in einander überrinnt und sich verspinnt und eines wird zu seliger Ruh! ... o du! o du! XXIX Alle Dinge haben Sprache, seit du da bist, und mir ist, als hätt ich nie die Welt in solchem Glanz gesehn die Sonne nicht und nicht das Meer und nicht die Erde um uns her! und wenn wir so durch die Wiesen gehen und wenn wir am Berghang oben stehn und in hochsommergoldener Fülle das ganze Land in Ähren sehn ...   O ich möchte niederknieen und die Erde küssen: ich hab dich lieb! und die Arme breiten zur Sonne: ich habe dich lieb! und aufs Meer hinausjubeln: du Meer, so groß du bist, ich hab dich lieb!   Und es ist alles wie ein wunderbarer Garten: Tal und Heide zu unseren Füßen, Felder und Wiesen und dort und hier, wohin wir sehn, die stillen Hütten froher Menschen ... und Buchten und Seen und rauschende Wälder auf den Höhn ... o es ist zum Jauchzen schön! und groß und herrlich! Alles ringsum drängt und zittert seine Seele uns entgegen und wir fühlen sie uns suchen und umsehnen und umbeben: ihr so stummes, gebundenes Leben zu erfüllen und befrein und ihm Wort und Lied zu sein! Und alles gehört uns, dir und mir! die ganze Welt mit allem ihrem Glanz und Klang und Schein! wir sind ihr Sinn, wir sind ihr Sein! wir sind ihr Leben! wir sinds, die allem Wort und Wert und Weihe geben ... wir, du und ich ... der Mensch ... mit seiner Liebe und mit seiner Sehnsucht! Und ich will das übermütige Lied singen vom Herrn der Welt ... das hohe Lied des Menschen ... das Königslied seines Siegs: Für ihn nur jubelt die Erde! für ihn nur flammt die Sonne! für ihn nur rauschen die Meere! ihm zu Preis nur, ihm zu Ehre! und was da ist, es ist für ihn, so weit am Himmel hin Wolken ziehn! für ihn, nur für ihn! von Aufgang bis zu Niedergang! zum Schmuck der Tempel, die er sich errichtet, zum Glanz der Krone, die er sich errang! In hartem Kampf aus Nebel und Nacht und Schweigen emporgehoben zu Macht und Pracht und klingendem Reigen in Licht und Lust und Überschwang, von Aufgang bis zu Niedergang, jeden neuen Tag aufs neue ihm zu Wonne, ihm zu Weihe! Von Sternenzelt zu Sternenzelt alles lobsingt des Menschen Ehre und beugt sich als Sieger ihm und Held und jauchzt ihm als seligem Herrn der Welt! Und so will unsere Burg ich bauen ... auf hohen weißen Felsen über blauem Meer soll sie aufragen in die Welt der Sonne ... mit ihrer Türme weißblaugoldenen Fahnen ein weithinleuchtend Zeichen für die Schiffe auf hoher See: zu Segen werde eure Fahrt! Und gegen das Land hin sollen blühende Gärten in weitem Bogen ihre Arme öffnen ... und Saitenspiel soll durch die Hallen klingen, Gesang und Tanz ... XXX Nacht ... Mitternacht ... der Mond steht in den Wolken wie ein Traum und lautlos liegt das Meer und lautlos liegen Höh und Heide, Näh und Weite ... nur wie in leisen langen Wellen rinnt ein heimlich Klingen durch die ganze Nacht, aufzitternd aus verborgenen Quellen irgendwo in stummer Tiefe ... oder ... weißt du: es sind vielleicht die Sterne hinter den Wolken, die sich ihre Sehnsucht sagen!   O Liebste! o Liebste! es ist so schön! so schön! ... alles! ... so schön! das Leben! die Welt! die Sonne des Tags! die Sterne der Nacht! und auch Leid und Weh zu tragen ist schön!   Doch am schönsten ist: sich lieb zu haben und Hand in Hand so ... seligstill ... durch diese selig-stille Welt zu gehen und mitzuklingen in dem großen Klang der Sterne! XXXI Tief am Horizont ein heller Streifen goldrotleuchtender Sonne ...   Sie ist also doch irgendwo! und war den ganzen Tag da! und wir sagten, sie sei weg! und waren traurig, weil alles plötzlich so zag und zögernd wurde ... und es waren nur Wolken, derentwegen wir sie nicht sahen ... und Wolken kommen immer nur von der Erde, nicht vom Himmel ...   Weißt du, wir wollen nie mehr sagen: die Sonne sei nicht da! Sie ist immer da! sogar bei Nacht ... wir sehen sie nur nicht, weil wir so klein und kleinmütig sind!   Wenn wir groß, wirklich groß wären ... so groß, daß wir über unsere Kleinmütigkeit wegsehen könnten, würde sie immer da sein irgendwo! und wenn wir wollen, können wir so groß werden ... und noch viel größer!   Es ist gar nicht so schwer ... wenn wir nur wirklich wollen! ... ich will! willst du mit?! Die Wolken ... sieh, das ist auch immer nur ... was aufwärts möchte! und Sehnsucht hat nach ... Licht und Leichtheit! Wir wollen ihnen drum nicht gram sein, wenn sie uns die Sonne verhängen ... wir wollen Geduld haben und warten und wissen: sie ist da und kommt durch! XXXII Grauer Regen über den Gärten, grauer Regen über den Bergen, grauer Regen über dem Meer ... Immer mehr und immer mehr! ... Und doch ... auch schön! Ich will nicht küssen! nein! nicht stürmisch sein! ich will ganz ruhig nur zu deinen Füßen sitzen, an Verse denken, träumen und mich freun, ganz still! ich will nur bei dir sein! ... Es sind ja nur noch Tage! O sag mir, sage ... sag mir: daß du mich lieb hast, und gib mir deine Hand, daß ich es fühle! Ich weiß nicht, eine Angst ist über mir mitunter, als ... als wäre alles nur ein Traum! als wäre dieser Wochen selige Wonne nur ein kurzes Spiel der Sonne, das mich umblüht mit goldenem Schein ... als stünd ich eines Tags ... und wär allein! als wäre, was so stark mich macht, so stolz, so froh, als wäre es ... nur wie der Sommer draußen, der plötzlich eines Tages geht und alle Blumen, alle Lieder mitnimmt, daß der Wald verödet steht! Du warst so fröhlich doch ... was hast du? sag! du gibst mir allen meinen Glauben wieder und Zuversicht und Kraft und Sprung und machst mich so jung! so jung! und ... es ist ein Weh dabei in deinem Blick, mitten in Sonnenschein und Glück?! Du singst und summst dir Lied um Lied, doch wenn du denkst, daß es niemand sieht, dann ist es manchmal, wie wenn draußen eine Wolke über die Sonne zieht! Sag ... sag: ist es, was wir ... nicht gehabt im Leben?! Kann das so aufstehen? was nicht war, kann das ... kann das auch ... sein und kommen und Macht haben? Wir wollen es vergessen! Es ist ja wohl niemand, der nicht hinter sich hätte, das er vergessen müßte, wenn er fröhlich sein will! ... Ja, lach mich aus! ja, lach mich aus! ich bin ein Kind, du hast recht! und dumm! ich quäle mich immer mit Dingen herum, die ganz unnütz und töricht sind und die ich selber schon längst verlitt! Ja, lach mich aus! ich lache mit! Es soll kein Bild werden, es soll ... Glück bleiben! und immer fester sich fügen und immer jauchzender sich baun! Es ist nun doch Sturm geworden! aber ... wir haben auch Sturm gern! Doch ... nun auf dem Meer zu sein! wie sie da kämpfen müssen! und wie sie nichts haben, als ihren Glauben! und wie er sie doch durchträgt, wenn sie nicht müde werden, und zu festem Lande finden läßt und an ihr Ziel! ...   Als wir noch draußen waren auf dem Meer ... mir ist, als wär es tausend Jahre her! Hör doch! hör! ... der Wald! wie es über ihm ist! und ihn packt und hin und her wirft! und wie er schreit und sich bäumt! und wie das Meer zu seinen Füßen aufdonnert! hör nur! hör!   Und plötzlich alles still und totenstumm!   Unser Wald! ... unser Wald , Hannie! und ... der Sommer! ... unser Sommer !! XXXIII Erste graue Haare Ja ja! ja ja: die Blätter färben! und leise wie Dengeln klingt es im Wind! Wir müssen uns schon daran gewöhnen ... wir müssen uns schon damit versöhnen, daß Frühling und Sommer vorüber sind! Aber es ist auch im Herbst noch schön! Wir dürfen nur nicht traurig werden, wenn am Abend in den Gärten frühe schon die Nebel stehn! Wir dürfen nur nicht rückwärts sehn! Und ich glaube, es ist fast mehr: sich im Herbst noch freuen zu können, wenn die Lichter schon tiefer brennen! ... und weht auch über Stoppeln der Wind ... wer weiß, ob nicht die letzten Rosen seliger noch, als die ersten sind!? XXXIV Es sind nicht viel Sterne am Himmel und doch mehr, als wir zählen könnten, Liebste! und hinter den Wolken leuchten sie noch zu tausenden und abertausenden und sie brechen die Nacht zu Dämmerung mit ihrem blauen Schein ... und die Nacht ist so weich und so weit und so warm, so suchender Sehnsucht selig! O man möchte die Arme breiten und die Brust sich volltrinken ... halb Wonne, halb Weh! ... und wir haben auch die Sterne lieb, nicht bloß die Sonne!   Die Sterne sind unsere Träume, die Sonne ist unsere Erfüllung! die Sterne sind auch Sonnen ... wir sind nur zu weit weg ... die kleinen Sonnen der Nacht! und ... man sagt: es gäbe Sterne, so weit weg, daß sie längst zerstoben, wenn wir stehn und uns an ihrem Glanze freuen!   Wir wollen auch den Sternen treu bleiben! XXXV Ja, das sind die schönsten Tage, frühherbst, so nach dem ersten Sturm: die Sonne hell an blau-lichtweißem Himmel und feine Silberschleier in der Ferne und in der Nähe alles still und froh und gut und gütig! Der Wald hoch oben über dem Strand noch frisch und grün und auf allen Wiesen zwitschernde Schwalben, auf allen Feldern goldene Garben, auf allen Wegen ein heimliches Lied! und du selbst in weißem Kleide mir zur Seite, rote Rosen in der Hand ... Und kein Leid kann uns was haben und kein Neid kann uns was tun und kein Sturm kann uns mehr schlagen ... Friede ringsum, Ruhe und Glück! alle Klagen, alle Fragen liegen wie ein Traum zurück! XXXVI Ich gehe durch die Dünen und den ganzen Strand entlang zwischen lauter fröhlichen Menschen, aber du bist nicht da!   Ich gehe alle Wege durch den Wald und auf und ab und rufe deinen Namen ... und gehe durch die Wiesen nach der Heide, wo die blauen Blumen blühten, du bist nicht da!   Ich gehe durch das Dorf und suche alle Straßen hin und Gärten, und gehe heim ... vielleicht sitzt du am Fenster oder auf dem kleinen Sofa in der Ecke? du bist nicht da!   Und gestern warest du noch überall! am Strand, im Walde, auf den Wiesen und daheim! und heute noch, heut früh noch hielt ich deine Hand!   Wo bist du, Hannie, wo bist du, daß du nicht da bist?! und warum bist du ... nicht da? warum, warum ... bist du nicht, wo ich bin? Hannie, warum? warum? Wir haben beide nicht geweint ... wir wußten ja, daß diese Stunde käme! Wir schritten schweigend nur hinab zum Strand ... und hell und heiter flimmerte das Land und lachende Kinder spielten im Sand und tief in blauem Frieden lag das Meer ... Und dann zurück ... den Berg hinauf, vom Waldhang oben die Sonne untergehen zu sehn! Nun weiß ich, daß du zu Haus: nun kann dir nichts mehr geschehn! nun kann ich auch zur Ruhe gehen ... es ist schon spät! Der Tag war lang und trüb und still und ich habe stundein und aus immer nur immer zu dir gedacht ... doch nun, nun bist du zu Haus! ... nun lösche ich die Lampe aus und sag dir Gutenacht! Es waren schöne Tage! und du ... und du ... ich danke dir! Ich trug so viel Groll in meiner Seele und allerlei altes Leid und Mißmut und Bitterkeit ... Du hast mir alles weggelacht, du hast mich wieder gut gemacht! ich danke dir! Du hast mir wieder Glauben gebracht! du hast mich mir selbst wieder heilig gemacht! ich danke dir! ich danke dir! XXXVII Allein und einsam sein ... wir können es und es ist unser stolzester Sieg! die andern weinen, wenn sie einsam sind, wie Kinder, die sich fürchten, wenn die Nacht kommt ... wir aber staunen selig stumm in ihre Fülle und ihrer Sterne Pracht löst alles Heimweh! Du hast den Sonnenschein mit weggetragen es regnet und es stürmt seit dieser Zeit und alles rüstet seinem Ende zu. Das Laub ist über Nacht fast braun geworden, die Schwalben wollen fort und sammeln sich, die Schmetterlinge an den Hängen sind verflogen ... Und bei denen wir saßen, so oft, am Waldrand oben, die wilden Rosen, liegen verblüht und verblättert am Boden. Es ist eben Herbst! Doch ich will nicht klagen! ich will mich freun und fröhlich sein, so selige Tage gelebt zu haben! XXXVIII Wir wollen es anders halten, als wir es bisher gehalten, wenn wir uns wieder haben! Ich habe keinen Ehrgeiz mehr nach draußen, ich hab ihn nur noch nach dir und deiner Seele! Ich weiß, wir sind beide schwerblütige Menschen. Deine und meine Eltern haben spät geheiratet. Wir sind beide Herbstkinder und leiden nun die ganze Sehnsucht ihres ungenossenen Frühlings ... aber wir wollen trotzdem nicht mehr sagen, wir hätten es schwer! wir wollen lieber sagen: wir hätten es froher und heller als Hunderte und Tausende und schöner und köstlicher als Hunderttausende! Wir wollen es mit uns selber machen, wie wir es mit der Mutter machen, der wir alles Unschöne und Trübe zu ersparen suchen und nur von Gutem und Freundlichem erzählen. Wir wollen uns nicht belügen, wir wollen nicht sagen, was nicht wahr wäre, wir wollen nach wie vor: allem, was da kommt, aufrecht ins Auge sehen und nichts beschönigen und bemänteln ... aber wir wollen uns nicht mehr so zernagen und all die Mißliebigkeiten und Verstimmungen, die der Tag so mit sich bringt, wir wollen sie nicht mehr so schwer nehmen, wir wollen sie abmachen, ohne daß der andere davon merkt, in aller Stille!   Unsere Liebe soll uns zu gut sein und zu heilig, um sie an Häßlichkeiten zu zerzerren ... sie soll nicht mehr mit im Kampfe stehen ... sie soll das sein, wofür wir kämpfen: Dank, Erfüllung, Glaube, Sieg, der letzte Sinn des Ganzen, Thron und Krone ... sie soll abseits alles Werktagtreibens mit ewigem Feuer in der goldenen Ampel und alten wundertätigen Bildern in den Nischen ein stiller Tempel sein auf grüner Höhe! Jenen Weg am Waldsaum hin hab ich so gern ... jenen stillen Gang zwischen Eichen und Buchen und Birken, die Hügelsenkung entlang ... den wir so oft zusammen gingen, Hand in Hand, frühmorgens oder abends! den Gang an den Hügelhängen hin, so gerade, daß man ihn fast zu Ende sehen kann ... bis zu dem Stückchen Wiese zwischen den Schlehdornhecken und weiter dann durch Lärchen und Haselnußniederholz zu der kleinen Bank oben auf der Höhe, überm Meer, mit den vielen wilden Rosen ... ich muß dann immer denken, du wärest noch da und nur hinter den Bäumen, um Blumen zu pflücken. Die Sonne ist wieder da! und gleich ist alles wieder farbig, jung und froh und lacht und lebt! und kleine weiße federige Wolken ziehen über den Himmel hin: die Sonne ist wieder da! und spielen Ringelreihen um den ganzen Horizont!   Die Sonne ist wieder da! Sieh, wenn ich das so schreibe, so steht es so leer auf dem Papier, wie ein Satz aus einer Buchstabierfibel: der Wald ist grün! die Rose sticht! der Himmel ist blau! ... und manchmal auch nicht!! und wenn ich es drucken ließe, mit Buchstaben, so groß als es gibt: Die Sonne ist wieder da! allein auf eine ganze Seite: Die Sonne ist wieder da! man würde darüber lachen ... leeres Papier macht scheu! es muß bedruckt sein! womit ist einerlei! ... und würde es für verrückt halten! anstatt zu nehmen, was dahinter steht! und es zu lösen und aufklingen zu lassen mit dem ganzen Leben, das man selber in der Brust hat: die Sonne ist wieder da! Es ist ja doch nie mehr als eine Türe oder ein Fenster, das man aufmachen kann! ... bei allem! Sehen muß ein jeder selber!   Mit Musik wäre es vielleicht zu zwingen, mit Worten nicht! Es müßte dann sein ... ich weiß nicht: es müßte ... einsetzen ... wie ein Vogellied im Frühling, sehnsüchtig, ängstlich und fragend ... und immer gewisser und sicherer werden und zuversichtlicher und ... anschwellen und aufwogen und wie Osterglocken über das Land hinläuten: Die Sonne ist wieder da! Die Sonne ist wieder da! XXXIX Das kleine Bildchen, das du schicktest, ist so hübsch und zierlich. Es steht auf meinem Tisch im Sonnenschein vor einem Glas mit blauen Glockenblumen und sieht mir zu, was ich tue! und ich rede mit ihm ... ganz dumm! und sage, o du liebe, liebe Liebste du! und es lacht dann, wie du selber manchmal lachst: ich solle nicht so töricht sein! und freut sich doch darüber und macht so glückliche Augen und dann küß ich es und sage immer wieder: o du liebe, liebe Liebste du! Hast du den Sturm gehört heute Nacht?! Mond und Sterne und ... Sturm ... als ob es den ganzen Wald auf der Höhe droben entwurzeln wollte! Südost ... und jetzt noch und immer heftiger! und wie das Meer aufsteigt, sieh doch! und wie es braust und brandet, den ganzen Strand entlang und ... bis zum Horizont hinaus lauter weiße Schaumköpfe! Es ist schön, so Sturm! und wir haben keine Angst, gelt? er kann uns nichts nehmen! er soll wettern, so viel er mag! wir stehen! so fest! wie drüben unser Wald! Klein-Hannie ist traurig heute ... es zuckt um seinen Mund, als wolle es weinen! was hast du denn? was hast du denn? Bist du traurig, weil es draußen so trübe und so nebelig? Der Sommer ist vorbei, ja ja! und den Tag über stehen Wolken am Himmel ... aber nachts sind immer doch die Sterne wieder da!   Nun weint es! aber ... was hast du denn? Wir haben uns doch versprochen, nicht mehr zu weinen! über nichts! wir haben uns doch gesagt: wir wollen der Sonne treu sein und an sie glauben, auch wenn wir sie nicht sehen, und fröhlich bleiben, auch wenn es nicht immer so sein kann, wie es jetzt war! Was ist dir denn? was ist dir denn? Denk doch nur, wie gut wir es hatten! und wie wunder-wunder-wunderschön es war! so schön, wie andere es gar nicht haben können! wie wir in den Dünen saßen und am Strand und in der Heide und im Wald und Kinder waren und lachten und uns küßten vor allen Bäumen und Blumen und Schmetterlingen und Schwalben! und wenn wir auch nicht bei einander sein können, wie wir möchten ... wir sind doch bei einander und über Berg und Tal und Land und Meer und alle Menschen hinweg und nichts und niemand kann es uns wehren! Nun lacht es wieder! ach ja! Und heute nachmittag vielleicht schon scheint die Sonne wieder und dann gehen wir ... und sehen den Spinnen zu an den Hecken, wie sie ihre Netze aufhängen oder wir holen uns Ebereschen oder wir tun gar nichts und freuen uns bloß, wie schön es noch, und singen unsere Lieder! Und wenn wir heimkommen, liegt ein Brief von Groß-Hannie auf dem Tisch, und wir schreiben ihr wieder: wie alles überall nach ihr frage und wie wir Sehnsucht hätten ... aber auch Sehnsucht zu haben sei schön! ... und wir schicken ihr das kleine Liedchen vom Sonntag Morgen: Ich soll, Herzliebste, dich grüßen von Sonne und von Meer, vom Strand und vom Wald und den Wiesen und von allen den Schwalben umher ... Sie kommen ans Fenster geflogen, zutraulich treu, und zwitschern, zwitschern und zwitschern: wo meine Liebste sei?! Ich habe Klein-Hannie heute gar nicht Guten-Morgen gesagt! ist das nicht schlecht von Jostel?! und aus lauter Freude, daß die Sonne wieder scheint! ist das nicht noch schlechter?! Wenn es trüb ist und regnet, kommt er, und wenn die Sonne da und wenn er vergnügt ist, läuft er weg und vergißt, Klein-Hannie Guten-Morgen zu sagen! ein ganz schlechter Jostel!   Aber ... denk mal, ich war schon den ganzen Weg entlang am Wald! und es war so jung und frisch und fröhlich alles, wie im Frühling, und in den Birken im Niederholz standen die Rehe, mitten auf dem Weg, wie damals!   Man müßte das öfters tun ... man müßte morgens immer gleich ein bißchen ins Freie ... man hätte dann den ganzen Tag immer ein Stückchen Frühling in der Seele ... jeder Tag ist ja doch ein kleines Jahr mit Frühling und Sommer und Herbst und Winter!   Und dann saß ich noch ein Weilchen auf unserer Bank ... das Meer unten wieder so blau wie damals ... ein paar Boote mit Fischern, die Netze auslegten, in der Ferne ein großer Dreimaster ... und Thiessow, Lobber Ort, das ganze Mönchgut in heller froher Morgensonne ... und saß und dachte so umher wie klar und frei und offen alles und wie schön und einfach diese ganze Welt hier und dachte an die andere Welt dann, hinter dem schattigen Streifen am Horizont ... hier die Welt, die man möchte ... dort die Welt, die man muß ... hier die Welt Gottes, einfach, groß und klar und selbstverständlich ... dort die Welt der Menschen, eng und klein und unfrei und gebunden ... XXXX Der Sturm hats nicht vermocht ... so wild er tat!   Da aber kam, vor ein paar Tagen schon, die Niederungen her, ein feiner grauer Schein und schlich am Hang hinauf und rann und spann und kroch in die Höhe und nistete sich in die Kronen und nahm ihnen Glauben und nahm ihnen Freude!   Und dann der Regen, gestern und heute ... der mich selbst beinahe kleinmütig gemacht!   Mir war, als hätt ich weinen hören in der Nacht ...   Sturm hätt es nicht vermocht! Sturm hätt es nicht vermocht! O was da alles sterben muß in diesem Nebel! draußen in den Gärten und auf den Wiesen und an den Hängen und im Wald!   Und wie es stirbt: klaglos ins Heidekraut sich duckend, müd und müder werdend, lautlos, einsam, still und ungesehn tief im Gebüsch im toten Blätterwerke sich verkriechend, voll Scheu vor allem, das noch leben darf!   O Sonne! o Sonne! XXXXI Das sind nun so die letzten Tage ... Immer gelber werden die Wiesen, immer müder blickt die Sonne, immer ferner klingen die Geigen, immer leiser wird Singen und Lachen ... Welke Kränze, verlorene Bänder, zerrissene Briefe liegen umher ... und alles steht leer, trüb und schwer! Es geht zu Ende! es wird nichts mehr! Nur die stillen Schiffe auf den Wassern draußen fahren immer weiter ... Und ich möchte immer so stehn und die stillen Schiffe draußen so vorbeifahren sehn! XXXXII Das Licht der Oie drüben ... o wie manchmal standen wir und sahen ihm zu, weißt du noch? Es hat etwas so Rührendes und Treues! Sobald es dämmern will, blitzt es auf und flimmert dann die ganze Nacht in die Weite, wie ein stummer Gruß. Ich sehe beim Schreiben immer wieder einmal hin, und es ist immer da und wacht, und bevor ich zu Bett gehe, stehe ich fast immer noch ein Weilchen am Fenster und denke zu ihm hinüber. Es ist wie ein fester Punkt! Es tut nichts weiter! es kann niemand helfen, der sich nicht selbst zu helfen weiß! es ist nur da und leuchtet auf und taucht weg und leuchtet wieder auf und taucht wieder weg ... weiß und rot und wieder weiß und wieder rot! still und ruhig, wie etwas ganz Selbstverständliches!   Ich dachte mitunter schon, wozu eigentlich?! aber es sind eben doch immer Fischerboote unterwegs, und wenn auch die meisten vielleicht ihren Weg so wissen ... ein Mal haben sie ihn auch noch nicht gewußt! Und dann ... denke dir: man wäre so draußen und Sturm käme und es würde Nacht und immer wegloser und verlorener, und ... man sähe plötzlich dieses Licht aufblitzen und wüßte: nun bist du da und da! Was auf dem Lande ist, hat seinen Weg! ... aber ... denke dir, wie das wäre: mitten in totfinsterer Nacht auf wogenden Wassern, in zerbrechlichstem Boot, müde und ... vielleicht schon an allem verzweifelnd, und plötzlich: ein Licht! ein fester Punkt!   So müßte man Kindern den lieben Gott klar machen! Er ist da und wacht und leuchtet, aber er tut nichts weiter! er redet nicht und hilft niemand, der sich nicht selbst zu helfen weiß! und man muß das auch nicht von ihm wollen! er ist nur da und leuchtet auf und verschwindet und leuchtet wieder auf, weiß oder rot! und die auf dem Wasser wissen dann: jetzt sind wir da und da und müssen da und dorthin halten, um an Land zu kommen.   So möchte ich einmal ein Buch schreiben. XXXXIII Die Sonne kommt nicht mehr! ich glaub's nun selber! es ist vorbei! der Herbst war stärker! Und käme sie, wär's nur ein stilles, müdes Lächeln, ein letzter, abschiedweher Gruß! Wozu noch stehn?! ich möchte gehn! es ist nicht schön, was man so lieb hat, so hinsterben sehn! Da war im Wald doch wo ein Tal ... ein heimlich Tal mit Heidekraut, mit lauter blühendem Heidekraut und großen blauen Glockenblumen ... ein heimlich Tal abseits des Wegs, den alle gehn und alle wissen ... ein Sonnenscheinchen nur verriet den Schlupf uns durch die schwarzen Föhren und irgendwo in grünem Wipfel eines Vogels leises Lied ... Und nun, nun suche ich und suche hangauf und ab, waldaus und ein und rufe laut und horche still, ob sich's nicht wieder zeigen will?! O Sonnengruß! o Wipfelruf! XXXXIV Hier stand ich, als du kamst! hier stand ich, als du gingst! hier steh ich wieder nun und suche hinaus aufs Meer ... doch keine Schiffe kommen mehr! Oie und Küste liegen im Regen und am Himmel braut es wie Schnee immer grauer und stauer ... Wildgänse schreien in der Höh ... und von den welken Wiesen und Wäldern kommt ein Wimmern wund und weh! So hört es auf! XXXXV Schön Wetter möcht ich morgen noch haben! hell und ein bißchen Sonnenschein! schön Wetter muß beim Abschied sein! Und auf den Wiesen und im Walde hol ich zusammen, was noch blüht, und bring es meiner Liebsten mit! und geh noch einmal all die Wege Strand- und Dün-entlang und Ried und singe mir ein letztes Lied ... Und gehe über Hang und Höh und sag lebwohl! und ... geh's, wie's geh: ich danke dir, was du mir gabst, du schöne Welt, in seliger Fülle an Sommerglück, an Glauben und Mut, ich will im Herzen es halten als unverlierbar Gut! und fallen Nebel darüber, schweigsam, trüb ... meine Mutter ist die Sonne ... und ich weiß, sie hat mich lieb! Geh es, wie's geh! nur nicht im Hafen liegen und schlafen und sich genügen mit leichtem Spiel! Kampf und Sieg allein ist des Lebens heiterstes Ziel! Ringen und Zwingen von Höhe zu Höh ... flatternde Wimpel ... wogende See! ... geh's, wie's geh! nur nicht im Hafen liegen und schlafen, sei es bei Glück, sei es bei Weh! Leben ist nur auf offener See! Ahoi! ahoi! XXXXVI Von Hannie Verzeih, Liebster, daß ich so weinte gestern. Ich weiß nicht, wie es kam, ich habe mich so gefreut und nun hab ich dich am Ende traurig gemacht mit meiner Haltlosigkeit. Sei mir nicht böse! Es war nur Übermüdung. Ich hatte so furchtbar viel zu tun und zu rennen diese ganze Woche und wollte doch auch, daß du es schön fändest, wenn du zurückkämst. Und es war schön! gelt? sag ja! und sag, daß du mir nicht böse bist!   Die Romanstücke, die du mir vorgelesen, sind wundervoll! mach so weiter! mach so weiter! du kriegst heraus, was du willst und zwingst es! Es ist stellenweise scharf, aber ich glaube, es ist notwendig, daß einmal gesagt wird, was du sagst! und wenn man einzelnes vielleicht auch nörgelig und verbittert nennt ... die Menschen sind schnell mit dergleichen Worten zur Hand, wenn ihnen etwas nicht genehm ist! das weißt du selber! Sei ruhig einmal scharf! Es wird so nur reden, wer sich davon getroffen fühlt! Aber hab ich dir die Wohnung nicht wunderschön zurecht gemacht? Und die Decke mit dem Löwen wollte ich doch auch fertig haben! es war mühsamer, als du vielleicht denkst, und besonders die fünfblütige Blume! ich mußte mir alles erst selber aufzeichnen und saß manche Nacht darüber ... und bei jedem Stich dachte ich: ob er sich wohl freuen wird? und wie ein kleiner Junge küßte er mir die Hände und fing an zu weinen! Ich hab dich lieb, Jostel, ich hab dich lieb!   Weißt du, ich möchte: wir könnten aus all dem Getriebe und Lärm hier heraus und irgendwo, wos schön ist, unser Leben leben, ganz still, und so, wie es uns wertvoll scheint. XXXXVII Hannie, Liebste, einzig liebe Liebste! denk dir, vorhin klingelts und ich gehe und der Austräger meiner Verleger steht draußen: er solle mir Geld bringen! Geld? und mir? und der Mensch packt dreihundert Mark auf den Tisch! und einen Brief: von den ›Sprüchen eines Steinklopfers‹ werde eine zweite Auflage notwendig! Denk dir: eine zweite Auflage! und dreihundert Mark! ... für Gedichte! für unsere Gedichte! und von ›Faun und Totenkopf‹ seien auch nur noch wenig Exemplare da! Hannie, denk doch: dann sind beinahe tausend Menschen auf der Welt, die sie haben und sich daran freuen! denk doch: tausend Menschen! wie haben sie den Weg zu ihnen gefunden? und wo sind sie alle? und ... es war vielleicht doch nicht vergebens!? Tausend Menschen, denk doch!   Aber ... nun ... nun erst recht nicht nachgeben! nun erst recht immer weiter und weiter! in aller Stille! bergauf! und wenn es noch viel schwerer wird! und wenn es das ganze Leben kostet! nun erst recht nicht müde werden oder es sich genug sein lassen! und wenn sonst was käme! nun erst recht nur geben, was bis in die letzte Falte klar und fest und durch und überdacht ist und so gut ... als man eben kann! Wenn ich bloß wüßte, wo du wärest, um es dir schwarz auf weiß zu zeigen! Und wie die Mutter sich freuen wird! Von Hannie Ich hab wieder weinen müssen auf deinen Brief hin, wie ein dummes Kind, ganz haltlos! und dann war ich bei dir, doch du warst nicht da! ... Ja, nun erst recht! Ich freu mich, Jostel, daß du das sagtest, und wir wollen es so halten! du darfst nicht müde werden und ich wills auch nicht werden! Es soll unser Leben sein, daß: was du möchtest, siegt! wie für andere andere Dinge das Leben sind. Wir wollen alle unsere Wünsche ihm unterordnen, als Nebensache! sie sollen nur wie die Wellen eines Meeres sein, über das unsere Schiffe in die Ferne suchen, und wenn sie auch einmal auftoben und über Deck schlagen, einerlei! wir müssen es zwingen und ich will stolz sein, dir mitgeholfen zu haben! Ich will auch ganz stark sein und möchte nur, daß du so an mich glaubst, wie ich an dich, so über alles Kleine und Bindende hinweg! gelt?   Gestern Abend kam Hella, mir Rosen zu bringen aus ihrem Garten, die letzten, und mich abzuholen. Auf dem Weg fing sie plötzlich an: sie möchte gern in ein Exemplar deiner Gedichte ein paar Zeilen von dir haben. Ob ich dir schreiben würde. Ich sagte, ich hätte neulich irgendwo gehört, du seiest augenblicklich verreist, sie solle dir aber ruhig einmal ihr Buch hinbringen. Du tätest ihr nichts ... und würdest dich gewiß nur freuen, ihr etwas einzuschreiben. Wenn sie kommt also, schreib ihr ein paar Verse: Rosen, Lachen, Lieder! Vielleicht lädt dich Frau von Dreiweg daraufhin einmal ein und ... es wäre ganz schön, wenn du sie kennen lerntest.   Guck, wenn wirs gemacht hätten, wie wir auch einmal dachten, dann wären wir ein oder zwei Jahre lang vergnügt gewesen, aber ... auf Kosten alles Späteren und hätten längst nun unseren Lohn dahin! So ... liegt es vor uns ... immer schöner und reicher werdend von Jahr zu Jahr! Ich schenk dir einen Spruch zur Erinnerung an heute. Ich hab ihn in Rapallo an einem Haus gelesen und mit Hilfe von Vaters bißchen Latein entziffert und mir zurecht gelegt: Exagitat frondes immoto stipite ventus! Was Blatt ist, mag im Wind verwehn, der Stamm soll stehn! Ich glaube freilich, daß kein Deutsch ihn so umfassend wiedergeben kann. Ich wollte ihn dir auf die Löwendecke sticken, aber ich kam nicht mehr dazu. Nun sollst du ihn zu heute haben. Tausend, tausend, tausend Grüße und Küsse. Hast du nichts weiter vor, so hol mich doch um zehn Uhr von Dreiwegs ab. XXXXVIII Von Hannie Ist es dir recht, Liebster, wenn ich Sonntag zum Kaffee zu dir komme, zur Feier von Vaters Geburtstag und zur Feier der zweiten Auflage. Ich habe mich frei gemacht und möchte deinen Roman weiter hören. Und dann ... dann liest du mir einmal unser kleines Liederbuch vom Sommer vor, ja?   Ich blätterte gestern darin und mir war, als ob ich auf unserer Veranda säße und dich plötzlich ... singen hörte ... Schmetterlingseelchen im Sonnenschein ... lachen und ... küssen und ... selig sein! ... und als ob du im Garten unten stündest: komm, wir wollen noch ein bißchen gehn! es ist so schön! und wie wir dann am Waldsaum oben waren und eine Krähe aufscheuchten ... und wie sie über das Tal dahinflog ... und wie du sagtest: sieh mal, ihre Flügelbewegung! wie ruhig und sicher und selbstverständlich! so ohne jede Sorge, zu fallen! ... der Mensch hat immer Angst! weißt du noch?   Ich würde sagen: Komm du zu mir am Sonntag, aber ich habe große Räumerei und ... ich mochte lieber zu dir kommen!   Es soll ein Sonntag sein wie früher und wir wollen von Zeiten reden, die vergangen sind ... wie schön es mitunter war, trotz Leid und Sorgen ... und von allem, das wir zusammen hatten! und was wir alles hofften und träumten und wie es war und wurde und wie eins ums andere sich erfüllte ... wenn auch ganz anders, als wir dachten! und wie sich auch erfüllen wird, was wir heute träumen ... obschon wahrscheinlich ebenso ganz anders, als wir denken!   Und dann ... dann zünden wir alle Lampen und Kerzen an, daß es schön und hell und froh und heiter ist ... wie zu Weihnachten ... ja? wollen wir? und dann ... dann sagen wir uns, wie lieb wir uns haben und geben uns die Hand:   Wir wollen feste Punkte für einander bleiben, was auch komme, und uns danken, was wir für einander waren und nie den Glauben an uns verlieren und ... wenn wir auch nicht bei einander sein können, wie wir möchten ... wir sind doch bei einander und über Berg und Tal und Land und Meer und alle Menschen hinweg ... und niemand weiß davon und niemand kann uns etwas tun und es uns wehren! XXXXIX Von Hannie Herzlieber, einzig lieber, liebster Jost! Erschrick nicht und sei mir nicht gram! es geht nicht anders! ich gehe in die Berge zurück! ich bin noch nicht stark genug zum Meer! und an mir selbst liegt ja nichts, wenn du nur stark dazu wirst!   Ich sitze hier auf der Terrasse im Heidelberger Schloß ... der Neckar drunten ... die Berge drüben und ... die Ebene, die ich herkam ... und will morgen zu deiner Mutter und übermorgen dann ... weiter, nach Zürich, zu Frau Bürgli-Ermatingen.   Das einzige, das mich ruhig macht, der einzige Trost, den ich habe, ist, daß ich weiß, daß du verstehst, was mich dieses Ja gekostet hat und noch kosten wird!   Ich bin hier ausgestiegen, an der Grenze, Heidelberg noch einmal zu sehen, wo wir damals so selig waren! Und morgen fahr ich zu deiner Mutter, mir einen Abschiedskuß zu holen. Ich grüße sie von dir und sag ihr, wir hätten lange darüber beraten ... doch es sei so das Beste! Also mach ihr keinen Kummer!   Ich weiß, Liebster, ich weiß, ich breche dir das Herz ... ich breche es mir selbst ...   Ich habe mich den ganzen Sommer über damit gequält und mich zernagt!   Frau Bürgli schrieb mir immer wieder und war sogar zwei Tage in Berlin, nur meinetwegen! ich habe dir nichts davon erzählen wollen, um dich nicht unruhig zu machen! ich wollte es dir dann auf Rügen sagen und am dritten Tag noch kämpfte ich damit ... aber du warst so glücklich und ich selber auch ...   Und dann sagte ich mir: ich würde uns diese ganze Zeit damit zerbrechen, und nahm mir vor, es auch für mich so lang auszuschalten und zu vergessen ... und am andern Morgen schien die Sonne und die Schwalben zwitscherten und du kamst und brachtest mir Verse und ich hatte es wirklich so vergessen, als ob es nur ein dummer Traum gewesen! nur zuletzt, als es so regnete, kam es einmal wieder. Und als du dann zurück warst ... du weißt ja, daß ich eigentlich nur noch geweint habe und ... zu Hause noch viel bitterer, als bei dir!   Es wird mir jetzt erst ein bißchen leichter.   Guck, du hättest mich nicht weggelassen und ich will doch zehn- und hundertmal mehr von dir, als daß du mich heiratest! ich will doch ... aber du weißt ja, was ich will! Unsere Liebe soll größer sein als unsere Sehnsucht! so groß sie auch sein mag! und ich weiß, du wirst es mir eines Tages danken, wie ich dir auch danke ... alles ... was du für mich getan und was du mich gelehrt!   Was wir möchten, ist nun doch einmal nicht möglich ... so wie wirs möchten ... und wie alles eben einmal ist ... und drum ist es besser ... ich gehe! für dich und für mich besser! weine nicht, Jost, weine nicht! ich gehe ja nicht aus der Welt!   Schreib mir, oft, recht oft! jedes Wort macht mir Freude! ich hab keine andere! aber schreib nicht traurig, gelt, Liebster, nicht traurig! du nähmest mir den Mut, den ich brauche, für mich und für dich! wir müssen stark bleiben! Doch erwarte keine Antwort. Ich schreibe nur, wenn ich irgendwo Gefahr für dich sehe! ich stehe und halte Wache!   Die Sonne drüben geht unter ... Lebwohl, Jostel! ... Vergiß nicht, daß du Flügel hast! und sei mutig und weine nicht!   Ich bin bei dir, wenn sie morgen früh aufgeht ... ich bin alle Tage bei dir und alle Nächte!   Das äußere Leben ist es ja nicht! und was wir hatten, kann uns niemand nehmen! und was wir uns sind und bleiben, ebensowenig!   Wir wollen für einander sein, du mir, ich dir, was das Licht der Oie ist für die, die auf dem Wasser sind ... und am Tag die Sonne! wir wollen an sie glauben und ihr treu bleiben, und wenn auch Wolken sie verhängen ... über Berg und Tal und alle Menschen hinweg! und nie müde werden, gelt?! XXXXX Ich bin gut aufgehoben, Liebster! Frau Bürgli holte mich ab, und keine Mutter könnte freundlicher sein! Ich sehe von meinem Fenster aus auf den See und auf die Berge ... es ist immer noch Sommer und grün ... und denke an dich ... und an das Meer!   In acht Tagen gehe ich für ein halbes Jahr nach Genf, um ordentlich Französisch zu üben. Unsere Liebe soll größer sein als unsere Sehnsucht und soll nicht mehr mit im Kampfe stehen ... sie soll das sein, wofür wir kämpfen: Dank, Erfüllung, Glaube, Sieg, der letzte Sinn des Ganzen, Thron und Krone ... sie soll abseits alles Werktagtreibens mit ewigem Feuer in der goldenen Ampel und alten wundertätigen Bildern in den Nischen ein stiller Tempel sein auf grüner Höhe! Jost Seyfried Fünftes Buch »Tor auf!« Was ich vermag: es ist nicht mehr: als euch in stiller Feierabendstunde zu zeigen: wie es mir, gleich tausend andern ging: ... wie ich jede Zuversicht verlor und wie ich plötzlich trotzig wurde: was andere zwingen, das zwingst du auch! es gibt kein Schicksal! Verlust und Gewinn ist nur, was ich selber will und bin! Und wie ich die Arme dann frei mir rang und wie ich den Kopf wieder hoch bekam und wie ich mich zu mir selber fand und wie sich langsam, immer klarer, immer freier, voller und wahrer aus der verschütteten Tiefe hob, alles, was ich seit Knabentagen glühend in der Seele getragen!« I Es ist immer noch Sommer ... und immer noch grün! und in den Gärten draußen blühn immer noch ein paar letzte Rosen ... und ein paar Schwalben sind auch noch da trotz allem Regen und dann und wann ein ängstlich Ding von einem verspäteten Schmetterling ... Und wenn der Himmel auch tagelang grau, zwischen den Wolken hin und wieder leuchtet doch ein Stückchen Blau ... tief in ungebrochener Ruh ... ... O du! o du! II Nun ist alles wieder wie in alten Tagen ... die Lampe brennt, die Kerzen an der Wand ... und leise ruft der Kuckuck seine Stunden ... Es war ein Glück und ist ein Bild geworden! III Irgendwo jetzt stehst du am Fenster und siehst in die Gärten und siehst in das Land und denkst an den Sommer und suchst nach Sonne, suchst nach irgend einem Schein ... Aber alles ist welk, erloschen und leer und Nebel hängen an den Hängen novembergrau und regenschwer! Und ich ... stehe hier, auch am Fenster, und seh in die Gärten und seh in das Land und denk an den Sommer und suche nach Sonne, suche nach irgend einem Schein ... Aber alles ist welk, erloschen und leer und Nebel hängen an den Hängen novembergrau und regenschwer! IV Und das ist dann das Ende ... ein langsam Sterben in entlaubtem Herbst! Ein Immer-müder-werden und Hintaumeln in kraftloser Sehnsucht ... ein mutlos totes Warten, vom Regen verschwemmt zu werden! So nicht! ... O Gott, so nicht! ... Von freier Zinne und in freier Kraft! Winter, alles! verloren und alt! stumm und starr! erfroren und kalt! kein Klang einer Quelle, kein Schein eines Lichts, kein Lied, kein Laut, kein Ruf mehr ... nichts! so weit ich suche, so weit ich seh: weglos alles, winter und weh! Und ich meine: es war noch gestern, daß ich hier ging an grünem Hang und daß es ringsum klang und sang, sommerfreudig, hell und klar, und daß ich selber mitgejubelt wie ein Kind und selig war! Und nun: verwelkt, verweht, verhallt leer und schwer und kalt und alt! Wie in totgeglaubten Tagen wieder sitz ich ... Dunkel rundum und Nacht, und alles bleibt stumm oder lacht, wenn ich frage ... lacht und lacht! Das ist dein Leben: mit Waffen, die du selbst geschmiedet, steht es gegen dich: zwinge mich! Kunst und Glück! Und die Nacht lacht zurück: Kunst und Glück!? Es ist alles aber meine Schuld! ... Ich habe dich zu lang allein gelassen! ... Man soll nie so lang allein lassen, was man liebt! ja ja! man soll nie allein lassen, was man liebt!   Die Diebin, die alle bestiehlt, bestiehlt dich darum! ja ja! ja ja! ich habe dich zu lang allein gelassen! ... und es ist alles meine Schuld!   Hannie! ... Hannie! ... Hannie! V Komm, spiel mir was, Mandolinchen! es ist so still, und die Bilder an den Wänden sehen so vorwurfsvoll auf mich herab ... Ja ja! man wollte König werden und ist Narr geworden!   O Kunst! o Kunst! ich habe immer nur mit reinen Händen und mit reinem Herzen um dich geworben ... ein halbes Leben lang ... wie viele Opfer willst du noch? ich habe nichts mehr! ich habe gelitten für dich, und alle, die mich lieb hatten, haben um deinetwillen mit gelitten ... was willst du noch? ich habe nichts mehr ... mein Haar fängt an grau zu werden und meine Seele müde ... Sing mir was, sag mir was, Mandolinchen! Wo liegt, was aufwärts trägt? auf meinem Wege oder draußen auf den Wegen, die die andern gehn? ...   Ich habe niemand mehr als dich und den Glauben, für den ich bisher gekämpft ... und das ganze Leben ist gegen ihn und verhöhnt ihn und wirft Angst über mich und Qual um Qual, immer wieder, mich ihm abtrünnig zu machen und ... und ich ... will nicht! ich ... will . nicht !        Aber ... was alles erwehrt erst und währt, ist in niemüder Hand ein furchtloses Schwert! und decken es Narben,        lach darein! ein ehrliches Schwert wird nie narbenlos sein! Es wäre nichts wert! Ja ja, Mandolinchen! ja ja: lach darein! ... lach darein! ... aber ... es ist schwer! doch ... ich verstehe dich! ja! und ... ich danke dir! es wäre nichts wert ... Kampf nur ist ... Freude! ... ich ... ich . grüße . das ... Schwert! Und ich ... komme! ja, ich komme! auf weißen Pferden ... mit flatternden Fahnen ... ich komme, ich komme und hol dich zurück! und ... und sie sollen dir entgegen gehen und wie eine Königin mit Glückaufrufen, Hörnerklang und Blumenkränzen dich begrüßen und ...   Und auf den Knieen sollen sie abbitten alles, was sie dir getan! Kampf nur ist Freude! ich grüße das Schwert! O nur Groll nicht und Hassen Herr werden lassen! Es ist so wenig, was das Leben gibt, es ist so viel, was jeden Tag zerstiebt ... such lieber zu fassen, wo es dich liebt! VI Kannst du es ändern, gut, dann frage nicht und geh und änders! Kannst du es nicht, dann klage nicht, und hab den Mut und geh und kenters!        lautlos! VII Nein, Mütterchen, nein, sie ist nicht fort! sie ist nicht fort! so wenig, als du fort bist! mach dir keine Gedanken und sei nicht traurig! ich bin es auch nicht! Sie kommt wieder! ich hole sie und ... die Glocken sollen läuten, Mutter, wenn wir kommen, und du bist die erste und einzige, zu der wir gehen und der wir danken! und dann ... sitzen wir bei dir und ... lachen! so wie du mich als Kind einst lachen gelehrt! ich hab es nicht verlernt, ich kann es noch immer, und ganz gut, Mutterchen!   Wir haben lange darüber geredet und ... dann haben wir uns die Hand gegeben und gesagt: wir wollen fest bleiben und dem treu, dem wir bisher gelebt, Hannie dort, ich hier, und lieber noch länger warten, als uns verkaufen und Hörige werden! Freu dich, Mutterchen, daß deine Kinder diesen Stolz haben und den Mut, ihn zu Tat zu machen! und ... guck, ich glaube, wenn man so ist, wie wir sind, und wenn man will, was wir wollen ... guck, ich glaube, dann geht es überhaupt nicht anders!   Gewiß, ich hab es mir leichter gedacht ... alles! und du mit deiner Geduld bist in aller Stille vielleicht noch tapferer gewesen, als Hannie und ich selber ... du weißt das gar nicht so! du weißt gar nicht, wie du uns gestützt und gehalten und geholfen hast, und nur, weil du da warest und Glauben hattest und fröhlich bliebst, obwohl es immer länger und länger wurde! VIII Es ist wie eine weite Wanderung ... durch Talebenen, bergauf und Höhen entlang ...   Man liegt als Junge vielleicht einmal im Gartengras und träumt zu den Wolken oder ins Tal hinunter und in die Weite und über den Höhenrücken am Horizont blitzt etwas auf, hell und leuchtend, wie ... wie ... ja, man weiß nicht ... man sieht hin ... kann es aber nicht erkennen ... doch es muß etwas ganz Wunderschönes sein! Und man frägt ... und andere haben es auch gesehen, immer schon, aber niemand weiß recht, was es eigentlich ist. Die einen meinen: es sei Sonnenspiegelung, andere: der Schein eines Leuchtturms irgendwo, und wieder andere: die Firnenkrone eines fernen Gebirges, und die meisten setzen dazu: es gäbe viel Wichtigeres, als an dergleichen Fragen Zeit zu verlieren! Aber es geht einem nach und man sucht in stillen Stunden immer wieder auf eine Höhe, es zu sehen und herauszukriegen, was es sein könnte!   Und eines Tages macht man sich auf den Weg in seiner Sehnsucht und geht ... weiter und weiter! Je weiter man aber von der Heimat wegkommt freilich, um so fremder wird die Welt und um so schwerer wird es, sich zurechtzufinden, und die Dinge der Nähe recken sich in die Höhe, immer verwirrender, so daß man das Ziel, zu dem man möchte, völlig verliert, wenn man es nicht im Herzen hat ... oder Nebel und Regen fällt und man verläuft sich ... und wenn man frägt ... ja, wenn man sagen könnte, was und wo es wäre, man bekäme vielleicht Bescheid! aber so ... so schütteln die Leute bloß mit dem Kopf! und es ist auch Torheit, nach dem Weg zu einem fernen Ziel zu fragen! weiter als zum nächsten Dorfe oder als zum nächsten Kreuzweg weiß doch niemand! nur wenn man vielleicht schon in der Nähe ist ... aber da wird alles immer einsamer!   Und so wandert man zu ... seiner Sehnsucht nach ... und plötzlich dann reißen einmal die Wolken auseinander, und man sieht es wieder: es ist wie ein Tempel! ... wie eine ... Burg! wie ... wie ein weißes Schloß ... hochaufragend! und je näher man kommt, um so stolzer und sonniger und leuchtender hebt es sich empor und um so deutlicher und bestimmter erkennt man: Türme und Zinnen und Balkone und Tore und ... flatternde Fahnen ...   Guck, und ... so will ich nun immer weiter, Mutterchen, bis ich da bin ... Ich habe Angst gehabt mitunter: es sei zu weit! ich sei zu schwach! aber ... ich komme hin, Mutter, ich komme hin! und wenn ich da bin, dann ... dann ... hol ich euch! dich und Hannie und ... und alle, die uns lieb haben und ... und ... und ... wir sind da! IX Ohne Kampf freilich geht es nicht, noch immer nicht! obschon ich mitunter meine, es könne nun nichts mehr kommen! Das Schwerste und Lähmendste aber war und ist immer dies ewige Sich-Herumstreiten-müssen mit den Menschen! Es ist sonderbar, sie wollen alle doch dasselbe. Sie möchten alle doch ihr Leben sich möglichst leicht und froh und schön gestalten, und sie sind es immer selber nur, die es sich und anderen so erschweren und unschön machen ... mit Kleinlichkeit und Eifersüchtelei und mit ihrer Unlust und Unfreude an allem, das ihnen nicht unmittelbaren Vorteil zeigt! Aber sie kommen nicht darüber weg! ... sie kommen nicht weg von ihrem Grünkramhändlerevangelium: ein Sperling in der Hand sei besser als zehn Tauben auf dem Dach! anstatt ein bißchen weiter zu denken! anstatt ins Ganze zu rechnen! anstatt auf das zu zielen, was über heute und morgen hinausliegt!   Man wird mitunter ungeduldig und gallig, stehen und verhandeln zu müssen und sich von ihnen auslachen zu lassen ... aber ... ich habe keinen Groll mehr, ich hab es überwunden ... und wenn ich zuweilen noch frage, guck, ich frage eigentlich nur, weil ich im Grund immer noch möchte, daß ich ... mit allem, was ich gegen sie sage ... Unrecht hätte! Aber ich will von niemand mehr, daß er zu mir halte oder für mich eintrete, weder so noch so! ich verlange von niemand mehr etwas, als von mir! Ich lasse jedem, was ihm Spaß macht, es sei so quer, wie es wolle ... ich lasse jedem, sein Leben zu leben, wie es ihm gut dünkt ... ich lasse jedem seinen Ehrgeiz, für Kunst zu halten, was er dafür halten will! ich will nur der sein dürfen, der ich bin ... und ganz für mich!   Und was ich schreibe, sieh, ich schreibe es für niemand als für dich und für Hannie und für mich und für die paar Menschen, die vielleicht Glauben und Freude daran haben! Das ist mein Reich ... und wenn es auch nur vier Wände groß ist: meine Welt! X Sich von einem Mißerfolg aus dem Sattel werfen lassen, sieh, Mutterchen, ich verstehe das immer weniger!   Ich meine doch: man ist entweder Handwerker oder Künstler! Ist man Handwerker und will ein Geschäft machen und fällt ab, ist Enttäuschung und Verdruß ganz selbstverständlich! ist man Künstler, Dichter ... ja, dann macht man, was man macht, doch für sich, um seinetwillen und dessentwegen man überhaupt was macht und eben Künstler und Dichter ist! und gibt es doch nur aus der Hand, wenn man so durch damit, wie man sich selbst und dem, das man will, schuldig zu sein glaubt ... so fertig, daß man nach allen Seiten dafür einstehen kann ... ein jedes Werk ist doch nur die notwendige, kleinere oder größere Stufe der Treppe, die man zu seinem ›Himmel‹ empor möchte ...   und ›Erfolg‹ oder ›Mißerfolg‹ kommt gar nicht in Frage und ist völlig Nebensache! Und wenn die Leute reden: es sei nicht, was man erwartet habe! Rückgang! und so weiter ... guck: wenn ich die Fundamente grabe für einen Bau und die Grundmauern lege und die Leute sehen zu und meinen, es gäbe ein Wirtshaus, und wenn sie dann, ein Jahr später, weil es nur ein Wohnhaus wurde, enttäuscht sind und Glossen machen ... ja, ich habe gar nie daran gedacht, ein Wirtshaus bauen zu wollen ... das können andere viel besser! oder wenn die Zeitungen von ungeschicktem Aufbau und verfehlter Lösung schreiben oder dergleichen ... sieh, das sind immer nur Handwerkerbegriffe und nur Handwerkerei gegenüber angebracht! und im Grund ists meist nur kümmerliches Gescheiter-sein-wollen!   Es ist etwa, wie wenn ich im Wald draußen stünde und sagte: der und der Baum ist falsch gewachsen und viel zu verknorrt! er hätte so und so wachsen müssen! ... aber ... Zeitungsschreiber wissen alles besser, bloß selber machen können sie nichts! Nein, sieh: jedes Werk der Kunst kann zunächst immer nur an dem Maßstab gemessen werden, den es selbst gibt durch das, was es ist! und dann an dem Ziel, das der Künstler für sich festgelegt, durch das, was er bis dahin gab, und durch das, was er überhaupt anstrebt! und dann erst frägt es sich, inwieweit hält das einzelne und schließlich das ganze Lebenswerk allem dem gegenüber stand, das andere ... vor ihm, mit ihm, nach ihm gegeben haben ... trägt es höher, steht es gleich oder ist es weniger? Gewiß, es ist schwer mitunter, sich den Blick frei und unbeirrt zu halten, und um so schwerer, je lauter der Lärm des Marktes und je wichtiger alles in der Nähe scheint. Was böse ist, das ist nicht, daß ein gutes, vielleicht zu knorriges Werk einmal verständnislos verlacht und zerpflückt und mit Hohn behandelt wird ... einem wirklich guten und in sich festen Werk tut das nichts! was echt ist, hält und bleibt und wächst in aller Stille darüber hinaus! ... was aber böse ist und niederdrückend und verrohend, sieh, Mutterchen, das ist: daß völlig wertlose und gleichgültige Handwerkerei ganz harmlos wie Kunst behandelt und belobt wird und daß ... daß über ein neues Stück von ... Ibsen kaum viel ernster und wichtiger und kaum von viel anderem Standpunkt aus geschrieben und geurteilt wird, als über irgend eine Schaumschlägerei irgend eines Kotzebue. Aber ich glaube, das war immer so! und was echt ist, hält und bleibt und wächst in aller Stille darüber hinaus! XI Hab keine Sorge, Mutterchen, nein, nein! hab keine Sorge: ich wäre zu schroff und vielleicht ungerecht! Nein, nein, ich bin nie ungerecht gewesen, und was ich sage, sage ich nur nach langem Zusehen und Erwägen! und denke nicht: ich mache mir Feinde! Feinde, sieh, das gibts überhaupt nicht! man hat nur Freunde! und die denken alle ganz ebenso! ... sie sagens nur nicht immer!   Und dann, guck, ich nehme mir nur dasselbe Recht, ganz bescheiden, das ... und gleich zentnerweise ... jede Zeitung für sich beansprucht, wenn sie morgens und abends die Weisheit ihrer Schöpfer und Geschöpfe verkündigt und mir das widersinnigste und unschönste Zeug auf meinen sauberen Tisch legt ... und das geschieht der ganzen Welt gegenüber, jeden Morgen, jeden Abend! und ich ... sieh, ich sage, was ich sage, nur für meine vier Wände! in seinen vier Wänden aber darf sich Jeder König fühlen! ja, er muß es! Ich will auch gar nicht, was behagt! und zu hören braucht es keiner! Hört' es freilich auch nur einer, war es nicht umsonst gesagt! Verbitterung ist kein Entschuldigungsgrund, bei nichts! Wer sich verbittern läßt, hat nie wirklich letzten Willen gehabt zu seinem Ziel! Äußeres Mißgeschick verbittert nicht!   Verbittern kann nur die Erkenntnis, daß man sich über sich selbst getäuscht und daß man nicht die Kraft hatte zu dem, das man wollte! Alles andere ist fröhlicher Kampf!   Verbitterung ist immer nur und überall ein Zugeständnis, daß man wohl den Wunsch, aber nie jenen granitenen Willen in der Seele hatte, der nicht erlahmt, bis er Sieger ist! Verbitterung ist nur Ziel-aufgeben! Nur das nicht! o nur das nicht: von irgend einer Welle plötzlich aus der Tiefe gerissen und an den Strand geworfen werden! und nach Erledigung der ersten Neugier ... erledigt sein und daliegen und in der Sonne bleichen und verwehen! o nur das nicht! lieber immer in der Tiefe bleiben! ... oder: so stark sein: Wurzel zu fassen, wo es einen an den Strand wirft, und zu wachsen und Blüten aufzutreiben! XII Dich, dein Leben zu Kunst klären, mit allem, was Tag und Alltag ein Recht hat, von dir zu fordern ... bis aufs Kleinste hinein ... deine Kunst leben, nicht bloß dichten ... da liegts! sie an dir erproben, dich an ihr: wie weit möglich, was du willst und von anderen forderst! das allein entscheidet! das allein reift eine Ernte!   Kunst muß gelebt werden können, sonst ists ... Handwerk oder ... Schwindel! Eine Kunst, die bloß bunte Träume weiß, die alles, was ich bin, in Sehnsucht und Selbstbetrug einlullt ... eine Kunst, die keine Rückwirkung auf mein Leben will, die nicht zu erzwingen vermag, daß ich mich ihr entgegen umgestalte ... eine Kunst, die mir nicht die Augen hell macht und das Herz frei ... andere mögen anders denken ... mir scheint nur hier ein Weg zu gehen! Es liegt nicht am Nichtkönnen ... wir können vielleicht viel zu viel ... es liegt auch nicht am Weniggelernthaben ... es liegt am Nichtweiterlernenwollen ... unsere Dichter sollten weniger dichten und lieber ihre Seele reifen ... sie sollten sich nicht bloß zu Genies, sondern zu auch sonst brauchbaren Menschen machen ... Und wenn sie immer und immer wieder von Kunst an sich reden, als ob es das Endziel aller Dinge wäre ... immer stehe ich wieder wie ein Fremder dabei:   Wenn euer Glaube nicht höher kann, habe ich nie etwas mit Kunst zu tun gehabt und möchte nie etwas damit zu tun haben wollen ...   Seele, Seele! nicht Kunst! ... Nicht Kunst! Seele! Daß man das alles aber immer noch sagen muß! so urselbstverständliche Dinge! Die Menschen wissen sie auch! sehr wohl! sie wissen sie auswendig, wie Kinder ihre Katechismussprüche ... wirkliches Leben aber ist ihnen nichts davon geworden! Noch immer nicht! Ein Gedicht machen, ein Bildchen malen, ein Figürchen modellieren ... ich kann mir nicht helfen: ich denke: das müsse man allmählich können, wie Lesen, Schreiben und Rechnen und wer will, kanns auch! Das Wertmaß aber muß dann ganz wo anders liegen! Vor etlichen Jahren begannen alle Aufsätze: Wir wissen nachgerade, daß alle echte Kunst realistisch ist! und man bewies es an Goethe! Eine Zeitlang später: wir wissen nachgerade, daß alle echte Kunst symbolistisch ist! und man bewies es an ... Goethe! Das Bleibende, die Wurzel daraus also wäre: Goethe! Nörgelt man weiter, was demnach vielleicht unter ›Goethe‹ zu verstehen sei? so verlautet etwas wie ›Persönlichkeitskunst‹, und man wüßte also: daß alle echte Kunst Persönlichkeitskunst! Geht man noch weiter, was hierunter zu verstehen sei, so könnte die Antwort wohl nur derart sein, daß alle Aufsätze von nun ab beginnen müßten: Wir wissen nachgerade, daß es sich bei echter Kunst immer um Dinge handelt, die ... die ... die bisher eigentlich als Nebensache betrachtet wurden! Kunst soll nichts sollen? O nein! sie soll sehr viel! sie soll das Höchste! sie soll alles! Sie soll die innere Lebenseinheit wieder schaffen, die wir uns zerstört haben! Sie soll für unser Herz möglich machen, was die Wissenschaft entdeckt, ersonnen und errungen hat, und uns zeigen, es zu leben und nicht bloß es zu wissen!   Die Wissenschaft ist unser Kopf, die Kunst ist unser Herz. Unser Kopf aber ist viel weiter voraus als unser Herz ... daher der ganze Jammer!   Das aber darum sei das Ziel unserer Kunst, wie es wohl zu allen Zeiten das Ziel aller Kunst war: was der Kopf ersann, zu Blut umzubilden für unser Herz! den Boden, den die Wissenschaft erobert, umzupflügen und urbar zu machen, damit wir ihn leben können, wie wir heute den leben, den die Kunst früherer Zeiten derart umgeschaffen hat. Ziele sinds, die da not tun! So viel vielleicht auch schon versäumt ... weiß Gott, es handelt sich zunächst noch immer um viel Wichtigeres, als um ›neue Kunst‹! Ich meine, wir hätten übergenug an Kunst! und ein paar neue Schnörkel zu erfinden, sei kein Ziel, das eines ernsten Mannes Leben lohne:   Neue Menschen gilt es zu werden! neue Seelen gilt es zu schaffen, neue Lebenswerte! dann findet sich die ›neue Kunst‹ von selber! Wohin man aber sieht, hängt alles, was dazu helfen sollte, wie Fliegen zappelnd im Spinnwebnetz ältester Überlieferung!   Neue Menschen gilts zu werden! XIII Ein Werk der Kunst ist wie ein Mensch und braucht so lang auch wie ein Mensch, um an den Punkt zu kommen, da es nicht mehr zu kämpfen braucht! Je mehr es Eigenes will, je tiefer seine Wurzeln und je höher seine Sehnsucht, um so schwerer wird es ringen müssen! Wer später kommt, muß immer den ganzen Weg durchlaufen, den, was vor ihm war und mit ihm ist, gegangen ist, und desto länger wird es dauern, bis er zu sich selber findet!   Was Frühere in Jünglingsjahren hatten, reift uns von heute auf der Schwelle erst zum Mann und Späteren vielleicht noch später! Mache dich, du Künstler! nicht irgend ein Gedicht oder einen Roman oder ein Theaterstück oder ein Musikspiel oder ein Bild oder ein Denkmal oder ein Landhaus oder einen Teppich oder einen Stuhl oder Weingläser oder Bierkrüge ... Bierkrüge und Weingläser und Stühle und Teppiche und Landhäuser und Denkmäler und Bilder und Musikspiele und Theaterstücke und Romane und Gedichte hat die Welt genug! übergenug! aber keine Menschen hat sie! schaffe einen Menschen! schaffe dich! doch nicht für eine Potemkin-Welt aus Pappe, sondern für die Welt lebendigen Lebens auf der Höhe! XIV Ja ja, Flöte: die Bücher einer Zeit sind die Zeit selbst! ... obschon es vielleicht treffender wäre zu sagen: die Bücher einer Zeit sind die Zeit, wie sie sein möchte! aber ... einerlei! Die unsere kommt dabei weder so noch so besser weg! Die unsere ... ja, du lieber Gott! die unsere wäre dann wie ein großer Trödelmarkt, wie ein großes Pfandleihamt oder ... wie ein Warenhaus ... in dem Dinge, Menschen und Gedanken kunterbunt beziehungslos nebeneinander aufgestapelt liegen ... zu keinem weiteren Zweck, als gehandelt zu werden!   Du hast recht, es ist ein melancholisches Vergnügen: was so geschrieben wird oder was die Leute in einem Buch so miteinander reden oder abends auf den Theatern, einmal auf seine gedanklichen Grundlinien und Zusammenläufe hin durchzusieben: inwieweit die einzelnen Punkte und Behauptungen unter sich und zum Ganzen stimmen, wenn man sie geraden Wegs zu Ende geht ... ein melancholisches Vergnügen!   Vielleicht ist das alles jedoch viel wahrheitsgetreuer, als ich immer noch denke! vielleicht sind die Menschen wirklich so! und vielleicht kommt wirklich nicht mehr heraus, als ein Häufchen Zupflinnen, auch wenn man wirklich lebendige Menschen einmal derart durchsiebte!   Man vermeint in seiner Kindergläubigkeit: ein Mensch sei ein die bunten Dinge der Welt einheitlich fassendes Wesen ... und das denkt heute dahinaus und morgen dorthinaus, kreuz und quer, und läuft im Leben herum, wie ein Kind, das sich im Wald verirrt hat und nun nach allen Seiten sucht, hin und her und auf und ab, im ganzen Kreis ... anstatt seine Angst niederzuzwingen und ein paar Augenblicke zu überlegen und dann nach einer Richtung hin durchzubrechen und sich zu sagen: einmal komm ich durch, wenn ich geradeaus halte, und wenn es drei Tage dauert! und das Weitere findet sich dann! XV Man soll die Pferde satteln! ich will über die Berge reiten! Die Wintersaat grünt ... und die Sonne glimmert durch die Nebel und es ist mild und schön ... mitten im Dezember! Der Fachmann nennt solch Wetter ungesund und bedenklich, der Nichtfachmann freut sich daran und denkt an ... Frühling! Gewiß, Flöte: man kann, was einem nicht paßt, mit einem einzigen Witz abmachen ... Dinge, Menschen, die ganze Welt und sich mit ... aber es ist dann nur bei Seite geworfen, nicht erledigt und fruchtbar gemacht! Witz ist noch lange nicht Humor! Witz ist Groll! Humor ist Liebe! Witz hat man im Tal, Humor nur auf der Höhe! Aber ... es nutzt nichts, Flöte: wir kommen nicht vom Fleck, weder mit unserer Kunst noch mit unserem Leben, wenn wir immer nur Witze machen, wenn wir, was uns nicht genehm, nur bei Seite schieben!   Wir kommen freilich ebensowenig vom Fleck, wenn wir uns nicht erst wieder festen Boden unter die Füße schaffen, so oder so! wenn wir uns nicht endlich von dem Bann losketten, mit dem Wissen und Wissenschaft an jedem Punkt uns immer wieder in den Arm fällt und Unmittelbarkeit und Freude bricht mit ihrer ewigen Schulmeisterei! wir kommen nicht vom Fleck, wenn uns an jeder Ecke immer nur Suchen nach Erkenntnis als letztes und höchstes Ziel entgegengehalten wird! Der Mensch hat nicht bloß Kopf, er hat auch Herz. Bloßes Wissen-wollen aber ist Professorenideal und Professorenideale leiden immer an Herzfehlern!   Wir wollen hundert und tausend Lehrstühle errichten, den Geheimnissen in Himmel-, Erd- und Menschenwelt nachzuspüren und ihre Kraft in unsere Gewalt zu bringen ... aber wir dürfen nicht vergessen: daß all diese Erkenntnisse für uns da sind, nicht wir für sie! und uns das Leben lieb und leicht zu machen und nicht zu Last und Übermüdung, ist das nächste und vielleicht sogar noch höhere Ziel! Statt daß es wie ein befruchtender, verjüngender Mairegen niedergegangen und neues Leben und neue Blüte emporgelockt, kam es wie Windwehen und übergrieselte alles mit seinem grauem durchdringendem Staub! und überall nun statt Jugendfreudigkeit und Frische ängstliches Zweifeln und Zögern und Unsichersein! und daneben ein ... sonderbarer Hochmut auf äußeres Einzel- und Besser-wissen! schon in Kleinkinderschulen! wer die meisten Regeln kann, wird Erster! Hinauszuwissen über bloßes Wissen ists, was not tut und es nutzbar und fruchtbar machen können für dich selbst und andere! Backsteine allein sind kein Haus und Grundmauern allein ebensowenig! Für beinah alle freilich bleibt ihr ganzes Wissen tote Sammlung! Sie vermögen es nicht für das eigene Leben lebendig zu machen! sie können kein Haus damit bauen! und unterbinden so sich selbst den ganzen Sinn! Auch alles Wissen ist nur Mittel und nicht Zweck! Mit bloßem Aufspeichern in Scheunen ist nichts getan. Es muß auch gedroschen werden und nicht bloß gedroschen, es muß auch Mehl gemahlen werden und aus dem Mehl muß Brot gebacken werden! und der Kornspeicher täte darum gut, ein bißchen weniger hochmütig auf Tenne, Mühle und Backtrog herunterzusehen. Es sind auch ehrliche Leute und am Ende steht er nur auf ihrem Grund und Boden! Wissenschaft hat nicht volkstümlich zu sein, aber volkstümlich zu machen! Wenn du die Welt als Ganzes überspannst ... mache dir nicht das Herz schwer und wenn auch jede Woche neue Bücher bringt, immer dicker und feierlicher ... man könnte schließlich überhaupt nichts weiter tun mehr, als sitzen und lesen und anderen nachdenken, und drei Leben damit verleben! Wenns dich beruhigt freilich, tus! ich hab es auch getan und immer wieder! ... doch wenn ich durch war und die Rechnung machte: was ich gewonnen, waren ein paar kleine Dinge mehr an sich sehr wertvoll! ein paar Nebenwege, die da und dort abkürzten! die großen Linien aber hatte ich längst auf meinen Karten! Wer selber etwas schaffen will, muß einmal aufhören, zu lesen und bloßes Wissen zu suchen! Er muß an einem Punkt sich sagen: So, nun Schluß! Entweder, oder! ich kanns nun oder ich kanns nicht! die großen Linien sind es, die entscheiden! Sie müssen mich zum Ziele tragen! und ob an dieser oder jener Ecke ein Kirschbaum einmal Apfelsinen trägt, ist einerlei: ich will nach Rom ! … XVI Einem jungen Mädchen Ich sah dich immer nur mit Rosen in der Hand ... ich sah dich immer nur mit fröhlichem Lachen, tief im Herzen ein heimliches Lied ... So dacht ich einst, so müsse das Leben sein: Rosen, Lachen und Sonnenschein und tief hinter allem ein heimliches Lied! ... Wie du so redest ... von deinen Träumen: wie du stürmisch ins Weite drängst und wie froh du das Leben dir denkst: Überall alles: Rosen und Flieder und Lachen und Lieder, Lust und Tanz, überall nur weitoffene Türen, überall Freude, Liebe und Glanz! Plaudere weiter und laß mich so sitzen, still mit abgewandtem Gesicht ... plaudere weiter! ich höre alles! es klingt wie ein altes vergessenes Gedicht: Ragende Wälder, goldwogende Felder blühende Gärten ringsumher, und mit schimmernd weißen Segeln meine Schiffe über dem Meer ... Nähe und Ferne: Sonne und Sommer, Glück, Erfüllung und Gewähr, Jugend und Freude, Lachen und Lieder, Rosen und Flieder, Lust und Tanz, überall nur weitoffene Türen, überall Leben, Liebe und Glanz! ... Plaudere weiter und laß mich so sitzen! Gönne mir dies Weilchen Ruh und laß mich träumen: ich sei du ... Jedes Wort weckt tausend Farben, Farbe wird Klang und Klang Gedicht ... plaudere weiter ... ich höre alles! aber sieh mir nicht ins Gesicht! XVII So spät schon? so spät?! ... ja, das sind Glocken ... das sind die Glocken von Sankt Marien! Sie läuten Ave! Dann ging auch die Sonne schon zu Wende! Dann ists vorbei! dann ists zu Ende ... das Lied des Tags! dann kommt die Nacht, die alles einsam zurücksinken macht! Und dann ... dann werden die Brunnen wach! Bei Tag hat niemand ihrer acht, aber bei Nacht ... Alle die Brunnen dann werden wach und brechen herauf aus vergrabener Tiefe und strömen und strömen immer voller und voller die ganze Nacht und rauschen und rufen dränger und dränger und lauter und lauter die ganze Nacht, immerzu, immerzu ... und niemand, niemand trinkt ihnen Ruh! O diese Brunnen in der Nacht! XVIII Über dem Waldsaum in der Ferne gelbgold-rotflammender Sonnenuntergang. Tiefstill alles ... in leuchtendem Schneefrieden. Gärten, Häuser, Straßen ... Winter!   Weiße Flocken fallen ... leise ... Glocken hallen! ... Weihnachten!   Wie oft man schon so am Fenster stand! wie oft man das alles schon erlebt! und wie lange man schon auf der Welt! ... da und dort! und ... mit wie viel Menschen man schon zusammen war ... Menschen, die man gern hatte ... wo sind sie alle? und wie kam es, daß man sich verloren? wie kam es, daß man sich freund war und so fern und fremd wurde?   Man sollte mehr halten, was man Schönes hat! man sollte treuer sein und anhänglicher! man sollte alles, was einem etwas war und gab ... man sollte es unverblaßt und unverwischt um sich haben können, wie ein gutes Buch, jeden Augenblick zur Hand ... und man behält nur ... ein paar Worte, ein paar Linien, eine Farbe, einen Klang und auch das verflüchtet mehr und mehr, Jahr um Jahr, und rückt immer ferner, wie das eigene Leben selber ...   Es ist ein Glück und wird ein Bild! ...   Es kommt und ist da und lacht, und du lachst mit und küßt es, und leise gleitets von dir weg und sinkt und rinnt ... wie ein Flug Tauben, klein und kleiner werdend, in die Ferne schwindet ... wie auf dem Meer ein Schiff auftaucht und kommt und Briefe bringt und geht ... wie du selber auftauchst, da bist eine Zeit lang und dann gehst! XIX Gleich einer weiten Landschaft liegt es unter mir: im Vordergrund an blauem Fluß die Stadt und rings im Umkreis: Gärten, Wiesen, Felder und in der Ferne: Hügel, Berge, Wälder und da und dort: Burgweiler, Höfe, Dörfer ... Ich kenne alle noch, so weit sie sind ... so lang es her! ich habe fast in jedem Rast gemacht und jedes immer war einmal ein Ziel und überall gabs ein paar Menschen, um derentwillen sich vielleicht gelohnt zu bleiben! Doch auch nicht eins von allen war so klein, daß es nicht hinter stillen grünen Hecken wegabseits einen kleinen Kirchhof hatte! XX Zufall, Mandolinchen? Zufall gibt es nur für unsere kargen Sinne!   Aller Zufall, sieh, ist nur ein langes heimliches Suchen, das sich ganz plötzlich dann dir irgendwie entgegenfindet! und wenn wir weniger grobe Taster hätten und schärfere Augen ... würden wir die Fäden sich verspinnen sehn! Die Nähe endlich lern verstehn und dich in ihr! von ihr aus begreife weiter! die Nähe ist unser Leben! die Sterne haben Zeit! Die Sterne haben Zeit! ich weiß, was du meinst, Mandolinchen! gewiß, ich habe das einmal gesagt und ich sag es immer noch ... aber ... der Blick in die Ferne muß da sein ... sonst wird man traurig!   Und dann ... ich glaube fast: unsere Träume sind schöner und wahrer als das Leben! und größer! Sie bleiben! Wir ... sterben! Nicht die äußeren Erlebnisse sind das Bestimmende und Richtung-gebende! es sind nur Türen, durch die wir kommen oder gehen! nicht was wir tun, sind unsere Taten! Was wir äußerlich leben, sind nur äußerliche Bestätigungen vorausgegangener innerer Entscheidungen ... gewollter oder gesollter ... was wir träumen, ist unser Leben! und in wie weit es glückt, ihm Erfüllung und Gestalt zu geben! Was wir träumen, ist die Blüte! was wir leben, sei die Frucht! XXI Wieder aber dann und wann kommen Stunden, kommen Tage, und es wandelt mich wie Klage, wandelt mich wie Sehnsucht an ... und es klingt wie ein Rufen ferner Hochlandhörner hell und heller mir ins Herz ... und ich möchte mich entgürten all der Würden, all der Bürden meines Schilds und meines Schwerts! Und ich möchte sein und werden der ich bin und immer war! All die Waffen sind ja Lüge, meine Freude nur ist wahr! ... meine Freude, meine Sehnsucht: ohne Waffen zu vertraun und auf freier Höhe eines freien Lebens frohe Hütte mir zu baun! XXII Sylvester ... Hoch am Himmel der Mond. Man wird immer einsamer ... ... die Dinge rücken immer ferner ... ... die Menschen werden immer fremder! ... vom Fest der Jugend und des Lebens ... verwelkte Rosen sind der Rest! Nur was ich träumte, blieb noch ... mich begleiten ... und ein leis verklärend Licht über das Zerbrochene breiten ... ... Ich habe geblutet für euch ... Bleibt mir ... treu, ihr stillen Träume einer Schönheit, die's nicht gibt! bleibt mir treu, ihr stillen Träume, und wenn alles rings zerstiebt! Bleibt mir treu, ihr jungen Rosen jedes Jahr! ihr frohen Schwalben und ihr Lieder, wenn es Mai ... bleibt mir treu! ... bleibt mir treu! Weiße Flocken fallen ... leise Glocken hallen ... ... Es gab mir alles, doch es nahm noch mehr! Es war ein Sommer ... überschön an Glück und Glanz und Sonnenpracht … und wie des Jahres letzte müde Stunden sinken schweigend seine letzten welken Blätter lautlos leise in die Nacht ... XXIII Ich bin nicht mehr als ein rinnender Traum, ich bin nicht mehr als ein Blatt am Baum, als ein Tropfen in fallendem Regen, nicht mehr als ein Sonnenflimmerflaum, ein Mondlichtschein in Waldgehegen ... oder sommerentlang ein Vogelklang, ein Schmetterling am Heidehang ... ein Wölkchen, das der nächste Wind spurlos ins Abendrot verrinnt! Und all meine Lust und all mein Leid, es ist nur die Lust, es ist nur das Leid eines kurzen rinnenden Traumes ... Es ist nur die Lust, es ist nur das Leid eines Mondlichtscheins auf einsamen Wegen, eines Rufes im Ried, eines Vogellieds in grünen Waldgehegen ... es ist nur die Lust, es ist nur das Leid eines Schmetterlings, der zur Sommerzeit an blühenden Hängen flügelt und den der Herbst früh oder spät spurlos über die Heide verweht! XXIV Horch ... horch, Mandolinchen! die Glocken! Neujahr! ... Neujahr! ... Neujahr! Bleibt mir treu, ihr stillen Träume ... bleibt mir treu, ihr ... jungen Rosen und ihr Lieder, wenn es Mai! bleibt mir treu! … Horch ... mir ist ... mir ist, als ... als klinge es wie ein ... Hornruf! weit her! weit her, Mandolinchen, hörst du nicht? mitten durch das Läuten draußen ... hörst du nicht!? ... ... Es war Täuschung, ja! Mein eigenes Blut vielleicht! ... und fallen Nebel darüber, schweigsam, trüb ... meine Mutter ist die Sonne ... und ich weiß, sie hat mich lieb! Ja, Mandolinchen ... ich danke dir! ... doch... … Horch, da ist es wieder! da ist es wieder! ganz laut! und keine Täuschung! und immer näher! und heller! ... Von Hannie, Mandolinchen! von Hannie! von Hannie:   Bleib fest! ich halte Wache und bin bei dir! du bist auf rechtem Weg! ich grüße dich! halt aus und sei fröhlich! ich bin es auch! wir siegen! wir siegen! …… Den ganzen Tag über war mir schon so ... ich sang und lachte und war so froh, als ob, ich weiß nicht, als ob was käme und jubelnd in den Arm mich nähme! wie Glocken klang es mir im Ohr und immer sang ich das Lied mir vor, das du einst in stürmischer Winternacht fern aus der Heimat mir mitgebracht: Ein klein bißchen Sonne, und liegts auch voll Schnee, ein klein bißchen Sonne, und es tut nicht mehr weh! Ein klein bißchen Sonne, und das Eis schmilzt! ja ja: ein klein bißchen Sonne und der Frühling ist da! Und daß es niemand weiß, das ist das Schönste! Wie Königskinder, die im Elend, gehn wir einsam durch die Menge, fremd und unbekannt und dennoch über Nähe hin und Ferne ungeschieden Hand in Hand ... du dort, ich hier! Und niemand weiß, daß wir zusammengehören! niemand kann uns etwas nehmen! niemand kann uns etwas tun! nicht so und nicht so! und das macht uns immer wieder stark und stolz und frei und froh! Und wenn die Glocken des Tages verklingen, und die Brunnen der Nacht zu rauschen beginnen, bist du bei mir und ich bin bei dir und vergessen ist Elend und Trübe! wir gehen wie in alter Zeit heckenentlang, von Blüten beschneit, und plaudern von Glück und von Liebe! XXV Goldrot im Nebel glüht die Sonne ... ich grüße dich, du junges Jahr! Glückauf! Glückauf! … Was kommt, das kommt! Sturm oder Sonnenschein! Hast du die Hand nur fest am Steuer, wird Leid und Schmerz auch ... dir zum Ziel gedeihn und frischer Wind nur in die Segel sein! ... Nur nicht im Hafen liegen und schlafen, sei es bei Glück, sei es bei Weh! Leben ist nur auf offener See! ... XXVI Ich grüße dich, Mutterchen! Hab keine Sorge mehr, ob nichts! Was war, mußte sein! und war ... gut ... so! Hab keine Sorge mehr! ich bin aus Eisen! und nichts und niemand kann mir mehr was wollen! nur das Herz blieb das alte und hat Welt und Menschen immer noch so lieb, wie immer!   Ich dachte früher einmal, es wäre schön: auch andere mitzuhaben auf meinem Weg über die Berge ... ich meinte, die Menschen müßten sich freuen, wenn man ihnen sagte: kommt mit! ich weiß ein Ziel, das der Mühe lohnt! und wenn sie den Kopf schüttelten, meinte ich: sie wollten nicht! ich glaube immer mehr jedoch: sie möchten wohl, aber das Leben läßt sie nicht los! und so wandere ich nun eben allein!   Ich will immer noch, was ich immer wollte und es wird immer heller am Himmel... aber ... es sieht vielleicht ganz anders aus und hört sich vielleicht ganz anders an, Mutterchen, denn alles, was ich sagte, als ich damals in die Welt zog, und es ist doch das gleiche! ich habe ihm nur die verwirrenden und entstellenden Schalen abgerissen und all die Widersinnigkeiten, mit denen es umsponnen war, und mich selbst durch all die verkehrten Voraussetzungen durchgefunden, mit denen man sich den Weg erschwert!   Und wenn es Zeiten gab, da ich im Kampf für meinen Glauben sagte: es ist alles nur Kauf und Handwerk und Mache! sieh, das gilt auch heute noch ganz ebenso, und ich sage es auch heute noch ganz ebenso, wenn ich auf den Punkt zurückgehe, auf dem ich damals rang! es ist so ! aber ... was ich heute möchte, sieh, das liegt so weit darüber hinaus, daß jeder Groll sich längst zu Lachen löste! was ich heute möchte, hat mit allem, dem dies galt, so wenig mehr zu tun, als auf der Bühne die Kulissen mit dem Sinn der Menschen, die ein Dichter sich geschaffen hat ... so wenig als am Ende Kern und Schale miteinander zu tun haben!   Was ich heute möchte, was Kunst und Leben heute für mich geworden, sieh, das ist trotz allem Leid, trotz allen Enttäuschungen so jubelschön, so hundertmal köstlicher, als ich jemals dachte, Mutterchen, daß ich sage: es lohnt sich doch ! ja, daß ich sagen möchte: es war eine harte Schule! aber ... ich danke ihr! und ich dank auch dir, Mutter, und Hannie und den Zwei oder Drei, die zu mir hielten: daß ihr glaubtet und die Geduld nicht verlort und, wenn ich selber mutlos wurde, sagtet: Halt aus und sei fröhlich! XXVII Ich will noch immer, was ich immer wollte! doch ich habe kein Verlangen mehr nach Kränzen und nach Lorbeer! ich kann das ruhig allen andern lassen!   Ich will nur Sämann sein ... auf meinem Felde ... ich will nur Baum noch sein in stillem Garten, der seine Früchte reift ... für sich und ohne Dank und ohne Preis dafür zu wollen ... ich will nur Blume sein am Saum des Wegs ... der Wind verträgt den Samen ihrer Blüten ... und wo er niederfällt auf gleichen Boden, wird er aufgehen und es werden wieder Blumen blühen! XXVIII Und ich grüße dich, Hannie, und danke auch dir! Ich wäre vielleicht stehen geblieben, ohne dich, an irgend einem Punkt ... in bestem Glauben ... ich hätte mich betören lassen von mir selbst: nun seis gewonnen! und du sagtest, leis und lieb und selbst neugierig manchmal: es geht höher!   Und auf jedem Punkte taten sich dann immer weitere Horizonte auf und jedes Jahr so führten hundert kleine Wege uns empor und jeder Weg trug immer weiter von sich weg und über sich hinaus zu schöneren Zielen und zu neuen Wegen!   Ich grüße dich und danke dir! XXIX Es ist ein stetes stilles Wandern durch Menschen, Dinge und Gedanken. Man geht und geht ... und merkt kaum, wie ringsum die Bilder sich verschieben und vorübergleiten und eines um das andere rückwärts fällt, und plötzlich steht man wie in einer neuen Welt! Fernes wird nah und Nahes fern ... du bleib sein Kern! XXX Ausgangs- und Zielpunkt im Auge ... woher? wohin? ... Jeden Augenblick mit dem ganzen Leben leben, auch kleinen Alltäglichkeiten gegenüber! ...   Siehst du, Hannie, ich kann vieles nicht, das man auf Markt und Straße anstaunt und bewundert, das man groß nennt und mit Kränzen behängt ... niemand weiß das besser, als ich selbst! und ... ich wills auch gar nicht können! aber das kann ich! und ich kann es, weil ich als Kind einmal glaubte: daß dies es wäre, das die Könige auf den Thronen anderen Menschen voraushätten und das sie können müßten, um gerecht und weise zu handeln und ihr Volk zu verstehen und ihm Vorbild zu sein!   Und ich ging und lernte es.   Aber währenddessen wandelte sich die Welt und nun steh ich wie ein Fremder in meinem Lande, und die Menschen umher spotten, wenn sie mich mit Gold bezahlen sehen, was sie selbst für Silber und für Kupfer haben können!   Aber wenn mir auch nur einer dafür dankt mitunter, ihm mehr gegeben zu haben, bin ich glücklich, so reich zu sein! XXXI Und Kunst, Hannie? O in den Büchern, die wir haben, stehen so viel wunderbare Dinge ... steht so viel Großes, Erlösendes und Befreiendes! und die Menschen haben alles gelesen und wissen es und freuen sich, mit anderen darüber zu reden!   Aber sie haben nirgends den Wunsch, auch nur einen Bruchteil davon einmal für ihr Leben zu leben! und wenn sie versuchen würden, auch nur einen einzigen Satz einmal, ein einziges Wort, das sie hundertmal vielleicht im Munde haben, wirklich zu Tat zu machen und durchzuführen mit den Linien, die es gibt ... o es wäre Freude, auf der Welt zu sein! Was die Großen unter uns geschaffen, Propheten, Dichter und Richter, sie haben es nicht geschaffen, daß es stumm in den Regalen stehen soll und verstauben! sie haben es gegeben, daß es Leben werden soll in unseren Herzen und uns selber groß und frei und ewig machen! XXXII Aber ... die Menschen können nicht! Sie nehmen die Dinge der Kunst immer noch und immer als etwas Entbehrliches und Überflüssiges! anstatt zu verstehen endlich, daß sie der letzte Sinn sind ihres ganzen Daseins! vom Niedrigsten an bis zum Höchsten! Sie reden von Kunst wie von etwas, das ein eigenes Leben für sich lebt, außerhalb des ihren! wie sie auch von Körper und Seele reden, wie von etwas Getrenntem! wie sie alles auf allen Gebieten loslösen aus seinen Zusammenhängen und es nur für sich begreifen, anstatt es als Eines zu erfassen und sich selber eins mit ihm zu fühlen!   Kunst ist für alle immer noch und immer nur etwas, das an den Wänden hängt als Schmuck, oder als kostbarer Schrein in ihren Zimmern steht oder als schön gebundenes Buch auf einem Tische liegt ... statt daß sie es still für sich in ihren Seelen wirksam werden lassen und zu Tat in ihren Händen und zu festem Boden unter ihren Füßen und zu Haus und Heimat!   Kunst ist entweder alles oder nichts! XXXIII Als ich ein Knabe war und Lenau las und Eichendorff und Heine und wissen wollte: was Dichter sei? sagte man mir: Dichter sei, wenn man Gedichte machen könne und Geschichten erfinden. Das sei aber schwer, und die das könnten, seien ganz besonders begnadete Lieblinge der Götter! und das Schwerste und Höchste sei: Theaterstücke zu können! und in allen Büchern, in denen ich suchte, stand ganz dasselbe und wohin ich hörte, sagte man das gleiche. Und als ich Fünfzehn war, ging ich eines Abends zu einem Verleger mit einem Heftchen Gedichte, die ich selbst machen konnte und fünf Jahre später wurden sie gedruckt und ich war nun auch ... Dichter!   Und dann wurde ich größer und ging nach Berlin, wo alle Dichter sind ... und studierte und las und ging ins Theater und kam mit anderen zusammen, von denen schon in den Zeitungen stand, und sprach mit ihnen ... mit wem ich aber auch sprach, überall hieß es: Dichter sei, wer Gedichte und Novellen und Romane und Theaterstücke schreibe, und Theaterstücke zu können, sei das Allerschwerste! und als bedeutender galt, wer den größeren Erfolg hatte ... Erfolg aber könne nur haben wer, ... die Gesetze der Technik am besten beherrsche und am gewandtesten zu erzählen verstehe ... und es gab dicke Bücher, in denen diese Gesetze und Regeln gesammelt und erklärt waren.   Und ich dachte an das, was ich selbst versucht hatte, und sah, daß ich kein Dichter war ... so sehr ich mir auch Mühe gegeben hatte und so viel inzwischen auch schon von mir gedruckt worden war.   Dann und wann aber gab es Menschen, denen ich trotzdem Freude damit gemacht hatte ... und so glaube ich im Stillen manchmal doch, auf einem rechten Weg zu sein!   Und wenn ich einen Jungen hätte und er käme und früge: was Dichter sein wäre? so würde ich ihm sagen: Dichter sein, mein Junge, ist Mensch sein! doch das verstehst du noch nicht! komm in zehn Jahren wieder! Das aber kannst du dir heute schon merken: Dichter sein ist schwerer, als Gedichte und Novellen und Theaterstücke schreiben und hat im Grund gar nichts damit zu tun ! XXXIV Und wenn er lesen und schreiben und drucken lassen gelernt hätte und eines Tages wieder käme: er möchte es versuchen, Dichter zu werden! aber alles sei dagegen und erkläre es für Torheit, bis auf eine kleine Schwester und einen einzigen Freund ... würde ich ihm sagen: Laß dich dadurch nicht irre machen, mein Junge, wenn es dir wirklich ernst ist!   Doch wenn noch so gut ist, was du kannst, es kommt ganz darauf an, ob du auch in fünf Jahren noch was kannst und ob du immer weiter willst! und wenn du so um Fünfunddreißig einen ›Erfolg‹ hast, dann denke nicht: nun seiest du durch! nun seis erreicht! nun brauchest du dir keine Mühe mehr zu geben! es gilt erst recht dann, deinen Mann zu stellen! und wenn du Fünfzig bist ... und die kleinen Schwestern, die dann auf der Welt sind, und der einzige Freund, den man hat ... sind immer noch auf deiner Seite und freuen sich an dem, das du ihnen gibst ... dann kannst du sagen: es sei nicht ganz vergebens gewesen!   Die letzte Entscheidung aber hat ... ›der Mann in fünfzig Jahren‹ ... wenn du längst tot bist! und wenn der, was du gemacht hast, aus dem Schranke holt und seiner Frau und seinen Kindern daraus vorliest und sagt: Guckt, das könnt ihr euch merken und aufschreiben und auswendig lernen! aber nicht bloß um es auswendig zu wissen, sondern um darnach zu tun und auch so zu sein! ... dann, mein Junge, hast du was gekonnt! XXXV Und wenn andere dir anderes sagen, laß dich nicht über den Haufen kriegen!   Sieh, der eine redet in seiner Kunst nur mit den Worten, die auf dem Papier stehen, der andere, mit dem, was zwischen ihren Zeilen sich dir auftut! der eine erzählt dir eine merkwürdige Anekdote aus dem Leben irgend eines Menschen, der dich gar nichts angeht und dir ganz gleichgültig ist ... und der andere erzählt dir was von dir! Die meisten Menschen freilich wollen von sich selbst nichts wissen, mögen sich aber gern mit Anekdoten unterhalten lassen ... und so hat der eine viele und der andere nur wenige Hörer und so ist der eine ein großer, der andere ein kleiner Redner! XXXVI Für den Tag, für heute gelten dieser großen Redner große Worte freilich mehr! Du für dich im stillen aber sei dir klar:   Es gibt überhaupt keine Kunst in dem allgemeinen Sinn, in dem man davon spricht! jeder Künstler schafft sich seine eigene Kunst und immer neu mit jedem neuen Werk!   Aus dem Gegebenen jedoch nun Regeln abzuleiten und sie als Dogmen auszurufen und Schaffende in ihr Gesetz zu zäunen, ist eitel Professorenaberwitz!   Du sei dir Kunst und such dir deine eigenen Gesetze! XXXVII Das aber merke dir ... es ist das Schwerste: Kunst will reine Hände haben und ein reines Herz! Du sollst nicht Geld mit ihr verdienen wollen! du sollst nicht von ihr leben wollen, so wenig als du deine Liebe verkaufen sollst! du sollst für sie leben!   Deine Kunst sei dir der Weg, mit dem du dich durch deine Zeit suchst und zur Höhe findest!   Kunst sein, nicht machen!   Dein Leben sei deine Kunst!   Wer nicht sich selbst und dem Umkreis seines Daseins als klärender und ziel-schaffender Künstler gegenübersteht, verfällt!   Was du nach außen geben kannst freilich, sind immer nur Bruchstücke, und wenn dir das Höchste glückt ... doch wenn sie echt sind, werden sie in andern wieder volles Leben reifen!   Kunst ist nur, was ein höherer Mensch für sich und andere an höheren Lebenswerten schafft in schöner Form ! XXXVIII Und noch eins, mein Junge: du kannst nichts, wenn du nicht festen Boden unter den Füßen hast, wenn du dir nicht ein klares einheitliches Bild der Welt ermühst ... über alle Wenn und Aber hinweg ... so oder so!   Sieh, du bist ein Anderer und Freierer, wenn du dir sagst: Es gibt kein ›Schicksal‹! Verlust und Gewinn ist nur, was ich selber will und bin! du stehst aufrechter da und bist Herr, nicht Höriger!   Du bist ein Anderer, Freierer und Stärkerer wenn du dir sagst: Wer will, kann alles ... und was ich kann, kann jeder, wenn er sich die Mühe nimmt, die ich mir nehme!   Du bist ein Anderer, Freierer, Stärkerer und Stolzerer, wenn du dir sagst: Ich, der Mensch, bin der Sinn der Welt! Sie ist mein Werk, wie ich selbst mein Werk bin! meine Seele, meine Sehnsucht, meine Sorge ist es, die da schuf, was war und ist!   Und wenn sie kommen und weise sein wollen und dich irre machen mit Einwänden und Zweifeleien ... Kraft schaffen, nicht unterbinden, ist Hauptsache! Kraft zu immer höherer Vollendung! Zuversicht! Freude! Leben und ... Mensch-sein: Dichter und Zusammendenker! Wenn und Aber hat noch nie ein Haus gebaut!   Was unsere Gelehrten erarbeiten, wir wollen ihnen ihren Opfermut und ihre Mühe danken, doch wenn sie uns die Welt zu einem Haufen wirrer Splitter zerdenken, Du sieh sie als lebendig Eines bis in ihre fernste Ferne! und wenn sie den Menschen zum fluchbelasteten Geschöpf, zu Puppenspielzeug oder Infusorium erniedrigen, Du sieh ihn als König! Die Welt ist und du bist ! und du warst vor dem allem und wirst nach dem allem sein! XXXIX Philosophie ... Ich dachte auch einmal, sie könne mich erlösen und den Weg mir zeigen und die Tore öffnen mir zum Sinn des Lebens!   Und ich ging und suchte mich in ihre Berge ... und was ich fand, es war ein großes altes graues Kloster, mit alten grauen Mönchen, abgeschlossen von der Welt, in einsamen Zellen ... mit altertümlich seltsamen Gebräuchen.   Sie waren gütig gegen mich, führten mich herum und zeigten mir ihre Schätze und Sammlungen und ließen mich alles lernen, was ich lernen wollte, und ich freute mich, in ihrer wundersamen Welt zu sein! Doch eines Tages kam der Frühling und durch mein Zellenfenster klang ein Vogellied und Kinderstimmen lachten irgendwo und ich nahm mein Bündel und stahl bei Nacht mich wie ein Dieb durch ein vergessenes Gittertor ins Tal und wanderte ins Leben. XXXX Einerlei wo, an einer Stelle mache Halt und sage: Es gilt den Kopf hoch zu kriegen und: Dieser Stein ist die Mitte der Welt !   Von diesem Punkt aus will ich sehen! von diesem Punkt aus will ich meine Bogen schlagen! von diesem Punkt aus will ich mich begreifen und die Welt und annehmen oder ablehnen!   Und wär er falsch ... ein falscher fester Punkt ist immer besser noch und bauender als keiner und all der tausend Theorien ewig Hin und Her und Kreuz und Quer! XXXXI An dich und mich und alle Du willst noch immer viel zu viel vom Leben! du läßt dich immer noch von deiner Sehnsucht närren und dir das Herz zerzerren und träumst von Dingen, die es gar nicht gibt! Und wenn der bunte Trug zerstiebt, gibst du voll Schmerz und Groll und Ungeduld einem fremden, dunkeln Schicksal Schuld ... einem Schicksal, gottgleich, übergewaltig, in dessen Macht dein Leben steht, Wohl und Wehe, einem Schicksal, das über uns alle entscheide, mit starrem Muß und unabänderbarem Schluß! Unmündig Kind du! ... das noch immer den Mut nicht hat, sich auf sich selbst zu stellen und fest in fester Hand die Zügel des eigenen Lebens stolzer Herr zu sein! das immer noch Gott oder Schicksal braucht, um seine Schwachheit zu verdecken, und glaubt, durch Entfliehn und durch Verstecken hinter Hecken der eigenen Verantwortung sich zu entziehn! ... Suchs nicht außen, such es innen: was du willst, ist dein Geschick ... und in jedem Augenblick! Was du bist und wie dus wurdest, wie du Zeit und Leben verstehst! was dir wertlos, was dir nichtig, und warum dir anderes wichtig, was du Leid nennst und was Glück! Was du heiligst, was du ächtest, und mit wem um was du rechtest, wie du dich und die Welt erfaßt! wen du liebst und wen du leidest, und die Frau, der du die Hände breitest, und die Freunde, die du hast! XXXXII Von Kampf und Erfüllung Einem Freunde Du sagst da alles, was ich alles selbst gesagt in deinen Jahren einst, drob ich, wie du, in heiligem Zorn erglüht, drob ich, wie du, einst zu den Waffen rief, im Glauben an das Christusrecht der Jugend, die wir waren! Wenn ich dir aber sagte, Freund: die Angelpunkte des Lebens, das es wirklich gilt, zu leben, liegen ganz wo anders! Es handelt sich in Wirklichkeit und draußen um ganz andere Dinge, als um die du kämpfst, für die du dich ans Kreuz willst schlagen lassen! o! es handelt nirgends auf der weiten Welt sich um Wahrheit, wie du meinst, um Treue, Liebe, Güte oder ... um Recht, um Überzeugungsmut und Rückgrat ... um keine ach, von all den schönen Ehrlichkeiten, die man in Knabenjahren uns als Höchstes lehrt! sie sind nicht einen roten Heller wert! ... Scheinen! doch nicht: sein! um Gottes willen! es bindet dir lediglich die Hände und macht dich schwach und macht dich feig! Wenn ich dies aber sage, Freund ... und wenn ich weiter sagte: sieh: trag, wie du willst, so stolz das Haupt, daß man dir einfach eben nicht glaubt: daß nicht auch dir das alles nur Spiel! daß nicht auch dir der eigene Vorteil erster Zweck und letztes Ziel! und wenn ich dann noch weiterginge und fragte: wenn dem also ist, obs dann nicht klüger, obs dann nicht beinahe Pflicht: statt mit gebundenen Händen zu stehn und alles bröckeln und brechen zu sehn ... sich zu ... entweihn und auch so zu sein, so gut es geht, und sich frei zu ketten, das nackte Leben wenigstens zu retten?! Ich glaube fast: es gibt nur dieses Eine! ... Du lachst?! ... Ich weine! Und heute nun, nach kaum fünf Jahren, die Stirn verfurcht, mit grauen Haaren, ein müder Mann tritt in die Tür: Es war noch schlimmer, als du sagtest! es gab gar keinen Kampf ... mit niemand! Man lachte bloß und ließ mich stehn oder zuckte die Achseln: was ich meine, sei'n Kinderein und Dichterträume, schön, aber schal! Das Leben habe damit nichts zu tun ... das fordere andere Gesetze und eine andere Moral! hier entscheide nur: wer der Stärkere sei! womit und wie? ... ganz einerlei! Hier heiße es nicht: die Menschheit zu retten und sie zu Unmöglichkeiten betören ... hier heiß es: nicht totgetreten zu werden! und ganz brutal: sich seiner Haut zu wehren! Und dann zuletzt ... das Allerschlimmste: sie haben recht! ... sie haben recht! So gings auch mir, Freund, und ... so geht es jedem! Wenn ich dir aber wiederum nun sagte: das Allerschwerste kommt erst jetzt: es gilt erst jetzt den Kern der Frage: ob, was du glaubtest, nicht bloß Selbstbetrug, obs wirklich echt ... und groß und stark genug: noch jetzt aus Verzagen und Entsagen mit neuem Flug dich emporzutragen? Sag nicht: Nein! ... Die Fassung darf zerbrochen sein, nur nicht der Stein! Es gilt erst jetzt die letzte Probe, es gilt erst jetzt den Kampf, von dem du sprachst, und ob du fällst oder ihn hältst? ... Jedoch es wird kein Ringen mehr mit andern, es wird ein Kampf nur mit dir selbst: Dich und die Welt verstehen zu lernen, die Dinge zu nehmen wie sie sind und wie sie sein müssen, je und je, aus ihrem eigenen Sinn heraus ... und ohne Groll und ohne Weh das Erlittene zu begreifen in aller Stille und ein und aus in steter Arbeit an dir selber Unmut und Bitterkeit abzustreifen und zu lösen dich und zu reifen über jede Enttäuschung hinaus! Alles andere wäre vergebens ... hier allein liegen die Schlüssel des Lebens! Drum geh und beweise und mach an dir selbst wahr, was du willst und wie du deine Sehnsucht erfüllst nach Klarheit und Glück! und leb es vor im kleinsten Kreise von Augenblick zu Augenblick! Und kannst du das, dann komm zurück ... und deute auch andern noch den Weg, den du erkannt! Es wird ein Weg dann aber sein nicht mehr zu Kampf, nur noch zu Freude ... anstatt des Schwertes Rosen in der Hand! ... Du weinst?! ... Ich lache! XXXXIII O nur ein paar Tage nun so köstliche Sonne, so strahlenden Himmel, so lockende Luft ... Wie freu ich mich, bis ganz es grün und Wald und Wiesen wieder blühn und bis erfüllt sich und enthüllt: was Jahr um Jahr nun ach, wie oft! von jedem Frühling ich gehofft! Ach ja, die Sonne ist wieder da, Mandolinchen! ... es wird wieder schön! und die Welt wird wieder jung! die Sonne ist wieder da! Es wird Frühling! ich grüße dich!   Und ... wir wollen es wie der Frühling draußen machen, Mandolinchen, und aufräumen mit den Erinnerungen des Winters und sie mit neuem Leben und mit neuer Jugend überblühen! es soll Ostern werden! es ist . Zeit . endlich, daß es: Ostern wird! Ja; es wird Frühling! ja, es wird Frühling! ich habe draußen schon Knospen gesehn und in Hecken irgendwo klang es wie ein Vogelliedchen heimlich froh: Guten Muts nur, guten Muts! und schneits und stürmts auch wieder, was tuts! Und dauerts Woch und Wochen noch, es wird, es erfüllt sich! unsere alte selige Sonne siegt doch! siegt doch! XXXXIV Die Glocken läuten Sonntag ein!   Wir wollen aufbleiben und ihm entgegenwachen, Mandolinchen! wie wir in trüben Zeiten manche Nacht verwacht!   Wir wollen des Schönen denken, das da war! weißt du noch? es wird gerade nun ein Jahr!   Komm, sing das kleine Lied mir jener Tage! Über die Straße, durch den Garten, zwischen den Hecken, über den Kies ... leise, ganz leise kommst du gegangen, wie der Frühling, jung und lieb! Leise, ganz leise zittert die Klingel ... und du stehst und lachst mich an: Rosen am Hut und Rosen am Gürtel, Rosen das ganze Menschenkind! und alles ... für mich? für mich?! für mich! die Rosen am Hut! die Rosen am Gürtel! das ganze glück-selige Menschenkind! Und ich nehme die Rosen und schling sie zum Kranze ... wenn ich, du Liebe, dein König bin, so sei gegrüßt mir als Königin! Ja ja, Mandolinchen!   Man träumt und träumt ... und denkt: es komme eines Tags in Licht und Glanz und Fröhlichkeit ... festlich mit Jauchzen und Gepränge, in hellem wallendem Gewande, auf weißem Zelter zieh es dir entgegen, schimmernde Spangen im goldenen Haar frühlings-jung und schön und sonnig ... und die Stunden stünden still ...   Und es geht alles immer weiter, wie es ging und wie es geht ... und es kommt nicht in Licht und Glanz und es kommt nicht mit Jauchzen und Gepränge ... ...   Und doch, Mandolinchen ... es soll ... doch so kommen ! es soll doch so ... kommen ! XXXXV Der Nebel fällt ! die Wolken zerstürmen ! der Himmel wird hell! es wird wieder blau! und ich grüße dich mit der siegenden Sonne hoch in der Höh ... über Trennung und Weh! Und so groß auch die Erde, so groß auch die Welt, der Himmel ist größer, der sie umhält! und größer die Sonne, die ihn durchkreist ... und irgendwo bist du, wo du auch seist! Und wenn es trübe dort, einsam und grau ... halt aus und sei fröhlich: der Nebel fällt ! die Wolken zerstürmen ! der Himmel wird hell! es wird wieder blau! und ich grüße dich mit der siegenden Sonne: daß sie den Bann, der uns bindet, zerreißt! ... irgendwo bist du ja ... wo du auch seist! XXXXVI Komm, mein Junge! wir wollen alle Bücher einmal liegen lassen! wir wollen auf den Söller steigen und ich will dir die Welt zeigen! Sieh, das ist der große Jammer und die große Not der Zeit, daß sie bloß den Verstand gelten lassen will, Rechnung und Berechnung, und alles andere dagegen zurücksetzt! und Verstand haben ist so leicht! aber: wer sich nur auf seinen Verstand verlassen will, ist bald zu Ende!   Ich ließ mich auch einmal verwirren: Verstand sei es, der das Leben heilige! Nein, mein Junge: Verstand ist nichts! Verstand hat jeder! Verstand ist Voraussetzung! Empfindung ist es, die das Leben weiht und blühen läßt und Farbe gibt und Flug ihm und Erhebung! Verstand schafft nur äußere Werte! deine Empfindung ist dein Ich!   Verstand muß das Haus bauen, aber ein Haus ist nicht für sich da, sondern für dich! und was du darin lebst, ist dein Leben! Verstand lehrt dich sehen und hören und lesen und schreiben, aber das alles ist nur, um dein Empfinden höher zu gestalten! Ohne Verstand natürlich gehts nicht. Er muß auf dem Bock sitzen, die Zügel deiner Pferde in der Hand, er muß die Augen offen haben und fahren können und die Wege wissen ... wohin es aber gehen soll, das ... muß ihm deine Empfindung sagen! XXXXVII Horch, die Glocken, mein Junge! immer lauter und lauter und heller und siegender: Frühling und ... Ostern! Ostern, mein Junge! und Frühling! verstehst du, was das heißt?! ... Ostern! Sieh, das ist die Welt, hier vor uns: das Tal, die Wiesen ... alles wieder grün und in Knospen ... der Fluß, zur Ebene hin, die Stadt, die Villen an den Hängen hinauf ... und drüben die Höhen, mit ihren Straßen über die Berge ... und die Menschen ... die Menschen unten! Guck, nur die die Glocken läuten, sind wach, die andern liegen noch und schlafen! liegen und schlafen, anstatt auf zu sein in Glauben und Freude und der Sonne entgegenzuwachen, die ihnen Frühling und Ostern bringt!   Sie liegen und schlafen, müde von der Arbeit ihrer Woche und von ihren Sorgen ... und wenn sie aufwachen, wachen sie auf, wie sie einschliefen, müde von Arbeit und Sorge und das ganze Herz doch voll glühender Sehnsucht nach Ausruhn und Freude!   Es ist schwer, mein Junge, glaub mir, es ist schwer, froh zu sein, wenn man die Menschen lieb hat! es ist schwer, mein Junge! Und wenn du Dichter werden willst, mein Junge ... sieh, du kannst es nur, wenn du die Menschen lieb hast! wenn du sie so lieb hast und so stark bist in deinem Glauben, daß du all ihr Leid mit ihnen leiden kannst, und für sie leiden, wo sie gegen dich!   Du wirst keine Heimat bei ihnen haben, du wirst wie ein Prediger sein in der Wüste ... das Herz wird dir überwallen, ihnen zu helfen, und sie werden dich verlachen und verspotten und werden dir alles antun, was Menschen einem Menschen antun können! aber glaub ihnen nicht ! glaub ihnen nicht , mein Junge!   Glaub nicht an die Unfreude, glaub nicht an die Verdrossenheit, glaub nicht an die Kleinlichkeit, die dir entgegentritt ... wisse sie, aber glaube sie nicht!   Sieh durch sie durch, in ihre Herzen! in ihren Herzen in der Tiefe wirst du nur Sehnsucht sehen, aus all der Not und Schwere ringsum heraus zu finden, und an die glaub, mein Junge! nicht an ihre Worte, nicht an ihre Taten ... an ihre Sehnsucht glaube, wenn du Dichter werden willst und ihnen helfen!   Sieh, sie zerwerfen sich immer mehr, was das Leben lebenswert macht und ihm Halt gibt! sie haben immer weniger den Mut, zu sein, wie sie sein möchten! sie zernörgeln und zerfasern sich ihre schöne Welt immer planloser, irregeführt von Propheten, die keine sind, und finden immer weniger zurecht und setzen ihren Stolz darein, sich hinwegzulügen über ihr Elend und hinwegzuspötteln über die stille Mahnung dessen, das sie träumen!   Und wenn du Dichter werden willst, wisse das alles, aber glaub es nicht ! sondern geh und rüttle ihre Sehnsucht auf und schaffe ihnen Zuversicht: daß ihre Träume höher und sieghafter als das Leben ... auf daß es endlich anfange, Sonntag zu werden in ihren Seelen aller Last und aller Hast zum Trotz! XXXXVIII O ich möchte aufspringen, immer wieder, immer wieder:   Es wird eine Zeit einst kommen, die über die Not und über das Leid, mit dem wir uns herumschleppen, hinweggefunden haben wird ... es wird eine Zeit einst kommen, die da kaum verstehen wird, wie wir uns Kummer machen konnten ob Dingen, die so kaum der Mühe wert ... eine Zeit, die über all die Kämpfe, in denen wir uns verbluten, lächeln wird, wie wir selber über Schmerzen lächeln, die uns als Kind einst weinen machten ... es wird eine Zeit einst kommen, in der der Mensch dem Getriebe und der Last seiner Städte und dem Staube ihrer Zeitungen und Bücher den Rücken kehrt und sich endlich wieder zu sich selber sucht ... eine Zeit, wie einst vielleicht vor grauen Zeiten ... doch: auf der Höhe, nicht im Tal!   O ich möchte aufspringen und durch das Läuten der Glocken draußen hinunterrufen in die Weite:   Du Dichter stehe auf und sei ein erster früher Bote dieser Zeit und gürte dein Gewand und ziehe durch die Länder und bringe den Menschen Selbstvertrauen, Daseinsfreude und Frühlingsmut!   Werde nicht müde, immer wieder ihnen zu sagen: Kehrt um, ihr seid auf falschem Wege! drei Viertel von allem, womit ihr euer Leben ausfüllt, ist Kram ... es gibt noch anderes als die Äußerlichkeiten, an die ihr euch hängt! anstatt zum Freien, macht ihr euch zum Knecht, und zerbrecht, was ihr erringen wolltet und verschüttet euch die Quellen immer mehr!   Werde nicht müde, ihnen zu sagen, wie klein im Grunde all ihr Leid und wie schön und herrlich die Welt, die sie haben, und wie wunderbar köstlich ihr Leben ... wenn sie nicht selbst nur immer wieder es zu Not und Sorge und zu Werktag sich verkehren würden!   Du Dichter stehe auf und lehre die Menschen hinaussehen über ihr Heute und bringe ihnen Glauben und mache ihre Seelen groß und frei! lehre sie der Sonne treu sein und wissen, daß sie da ist, auch wenn Wolken sie verhängen! und lehre sie lachen wieder, wie sie als Kinder einst gelacht ... doch auf der Höhe, nicht im Tal! XXXXIX O ich möchte aufspringen, immer wieder ... und durch die Welt reiten auf weißem Pferde mit flatternden Fahnen:   Du Dichter stehe auf und laß es jedes Opfers wert sein und sei du, was die Menschen nicht sein können, bei ihrem Kampfe um ihr täglich Brot! Du Dichter sei ihr Klärer und Währer und Richter und Aufrichter! sei der Freund, der ihnen not tut! ein getreuer Eckart auf ihrer Wanderung! zeige ihnen Ziele und schaffe ihnen Wegweiser und geh voran und leb es ihnen vor: daß deine Träume stolzer sind und weiter tragen, als die Wirklichkeit!   Dein Wort ist mächtiger in seiner Stille, als alles Geschrei ihrer Propheten! mächtiger als der Lärm ihrer Städte und Märkte! mächtiger als aller Gegenwille! es siegt darüber hinweg, wie der Frühling über den Winter hinwegsiegt! Und da kein anderer es wagt ... Du Dichter stehe auf und gehe zu ihnen und sage: Ich komme zu euch und ich bin von Gottes Gnaden und will euch heißen, was er mich geheißen. Es gibt nur einen Weg zur Freiheit! den: steter stiller Selbstzucht! und nur: durch die Gesetze, die eure Großen euch geschaffen haben ... nicht gegen sie! erfüllt sie und ihr werdet fühlen, wie sie tragen und eure Flügel immer weiter breiten!   Und wenn ihr Wort auch hart klingt, habt nicht Furcht: ein jegliches ›Du sollst!‹ soll immer nur dich auf dich selber stellen und einen Weg dir zeigen höhenwärts!   Sag ihnen: Ich komme zu euch und ich bin von Gottes Gnaden: Ich will keine neue Schule gründen, ich will keine neue Religion stiften, ich will niemand seinen Glauben nehmen, ich will nur die Möglichkeit suchen, so zu leben, wie es sich vielleicht zu leben lohnt! Wir brauchen keine neue Religion! wir haben Religionen genug, alte und neue, und jede einzelne ist wunderbar und groß und ewig genug! Nur laßt nicht jede totes Wort nur sein! lebt endlich einmal eine und macht Ernst!   Und weil dein Wort mächtiger, als das des Mächtigsten, und weil kein anderer es tut ... Du Dichter stehe auf und sage:   Über aller Erkenntnis steht der Mensch!   Du Mensch, bist der Sinn der Welt! und was deine Richter richten, richten sie für dich! und was deine Denker denken, denken sie für dich! und was deine Kunst schafft, schaffe sie für dich ... nicht für sich: dir auf der Erde zurecht zu helfen und sie dir lieb zu machen ... und zu Haus und Heimat! und dir Kraft zu geben, dich zu vollenden, und Zeit um Zeit zur Höhe dich zu führen!   Für dich nur jubelt die Erde! für dich nur flammt die Sonne! für dich nur rauschen die Meere! dir zu Preis nur, dir zu Ehre! Du Mensch bist Sieger und bist Held! Du Mensch bist König und Herr der Welt! XXXXX Und ... leise wie der Frühling kommt bei Nacht und auch den kleinsten ärmsten Garten jung und froh und blühen macht ... gehe still zu jedem einzelnen und sag ihm:   Einer allein kann es nicht! auch nicht hundert! wir müssen alle mithelfen! Groß und Klein! jeder in seiner Weise! und guter Wille ist schon halber Sieg! Kindheit und Jugendzeiten scheiden Werktag und Sonntag ... dann gilts: das eigene Leben zu erkämpfen, den eigenen Glauben zu erfüllen, und der Sonntag fällt und die Welt wird Werktag! Aller Werktag aber ist nur Mittel, vergiß das nicht, nur Weg: hinauszufinden über seine Not und Mühe, hinauszufinden über seine Unfrohheit! vergiß das nicht und halt es fest! es macht gelassener und heiterer und gibt dir Ruhe ...   Alles Werktagelend ist nur Weg zum Sonntag!   Und wenn es noch so lange dauern sollte und wenn es Jahr um Jahr dich unter Waffen hielte und im Kampf ... das muß als fernes Ziel feststehen über allem: daß der Sonntag endlich wieder siegt!   Nicht bloß für uns, für dich und mich und unser stilles kleines Leben, für jeden einzelnen, für alle, für die ganze Zeit und alle Zeiten, die noch kommen werden: es gilt herauszuringen endlich aus dieser ewigen Werktagschwere! der Mensch ist für den Sonntag da!! seine Werktagnot hat er sich selber aufgeladen!   Du Dichter stehe auf und gürte dein Gewand und ziehe durch die Länder und sei ein erster früher Bote dieser Zeit!