Georg Ebers Die Frau Bürgemeisterin 1882 Freifrau Sophie von Brandenstein geborene Ebers. Warum ich Dir, der einzigen Schwester meines seligen Vaters, ein Buch, und gerade dies Buch, widme, bedarf für uns Beide keiner erklärenden Worte. Von früh an bist Du mir eine liebe und treue Freundin gewesen, und Du hast gewiß nicht vergessen, wie ich vor siebzehn Jahren, als Dein Gast, emsig bemüht gewesen bin, das Material zu ordnen, welches der »Frau Bürgemeisterin« zu Grunde liegt. Du hast damals mit freundlichem Interesse Kenntniß von mancher Notiz genommen, die mir bemerkenswerth, selten oder belustigend erschienen war, und als die Anforderungen eines ernsten Berufes mich hinderten, die liebe Beschäftigung mit der Geschichte Hollands, der Heimat meiner Mutter, in alter Weise fortzuführen, bist Du nicht müde geworden, mich an das brachliegende Material zu mahnen, welches vor Zeiten Deine Theilnahme erweckt hatte. Endlich ist es mir vergönnt gewesen dem so lange zurückgestellten Stoff sein Recht widerfahren zu lassen. Ein schöner Abschnitt der glorreichen Geschichte Hollands ist diesmal das Spalier, um welches die Ranken meiner Erzählung sich schlingen. Du hast sie wachsen sehen, und schon darum wirst Du sie gern und mit Nachsicht betrachten. In Liebe und Freundschaft immer derselbe Georg Ebers. Leipzig, den 30. Oktober 1881. Erstes Kapitel. Im Jahre 1574 nach der Geburt Jesu Christi hatte der Lenz frühzeitig seinen fröhlichen Einzug in die Niederlande gehalten. Der Himmel war blau, Mücken spielten im Sonnenlicht, weiße Falter hefteten sich an neuerblühte goldgelbe Blumen, und neben einem der vielen die weite Ebene durchschneidenden Wassergraben stand ein Storch und schnappte nach einem stattlichen Frosch; da zappelte der arme Gesell in dem rothen Schnabel des Feindes. Ein Schluck: – der muntere Springer war verschwunden und sein Mörder regte die Flügel und schwang sich hoch auf. Ueber Gärten und Gärtchen mit blühenden Obstbäumen, zierlich abgezirkelten Beeten und bunt bemalten Lauben, über den unfreundlichen Kranz der die Stadt umgürtenden Festungsmauern und Thürme, über schmale Häuser mit hohen zackigen Giebeln, über saubere Straßen, an deren Seiten Ulmen, Pappeln, Linden und Weiden im frischen Schmuck des Frühlings grünten, flog der Vogel dahin. Endlich ließ er sich auf einem Ziegeldache nieder. Hier stand auf dem First sein wohlbefestigtes Nest. Nachdem er seinen Fang großmüthig dem brütenden Weibchen überlassen, stellte er sich auf das rechte Bein und schaute nachdenklich auf die Stadt hernieder, die dort unter ihm auf dem grünen Sammetteppich der Wiesen in leuchtendem Ziegelroth blink und blank aufgebaut stand. Er kannte sein schönes Leyden, die Zierde Hollands, seit manchem Jahre. Mit all' den Armen und Aermchen des Rheins, die den stattlichen Ort in zahlreiche Eilande zerlegten und über die sich so viele steinerne Brücken schwangen, als fünf Monate des Jahres Tage zählen, war er vertraut, aber freilich, seit seinem letzten Aufbruch nach Süden hatte sich hier doch gar Manches verändert. Wo waren die bunten Lusthäuser und Obsthaine der Bürger, wo die hölzernen Rahmen geblieben, auf denen sonst die Weber ihre dunklen und farbigen Tuche auszuspannen pflegten? Welches Menschenwerk, welches Gewächs auch immer die Einförmigkeit der Ebene unterbrechend sich außerhalb der Stadtmauern und Festungsthürme bis zur Brusthöhe eines Mannes erhoben hatte, Alles war von der Erde verschwunden, und weiterhin, auf den besten Jagdplätzen des Vogels, zeigten sich im Grün der Wiesen bräunliche, von schwarzen Kreisen besäte Stellen. Am letzten Oktober des vergangenen Jahres, kurz nachdem die Störche das Land verlassen, hatte hier ein spanisches Heer sein Lager aufgeschlagen, und wenige Stunden vor der Heimkehr der geflügelten Wanderer, am Tage des Frühlingsanfangs, waren die Belagerer unverrichteter Sache von bannen gezogen. Mißwachs inmitten des üppigen Wuchses bezeichnete ihre Lagerstätten, das Schwarz der erloschenen Kohlen ihre Feuerplätze. Die schwer bedrohten Bürger der erretteten Stadt athmeten dankbar auf. Das fleißige, leichtlebige Volk hatte schnell die erduldeten Leiden vergessen, denn der frühe Lenz ist so schön, und niemals will das gerettete Dasein so kostbar erscheinen, als wenn uns die Wonnen des Frühlings umgeben. Eine neue, bessere Zeit schien nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen begonnen zu haben. Das Kriegsvolk, welches in der belagerten Stadt gelegen und mancherlei Unerfreuliches verübt hatte, war vorgestern mit Sang und Klang verabschiedet worden. Die Axt des Zimmermanns blitzte vor den rothen Mauern, Thürmen und Thoren in der Frühlingsonne und biß schneidig in die Balken, aus denen neue Gerüste und Rahmen zusammengefügt werden sollten; stattliche Rinder weideten friedlich und unbeängstigt rings um die Stadt her, in den verwüsteten Gärtchen ward fleißig umgegraben, gesät und gepflanzt. Auf den Straßen und in den Häusern regten sich tausend Hände, die noch jüngst auf den Wällen und Thürmen Arkebusen und Spieße geführt hatten, zu nützlicher Arbeit, und alte Leute saßen ruhig vor den Thüren und ließen sich den Rücken von der Sonne des warmen Lenztages bescheinen. An diesem 18. April sah man in Leyden nur wenig unzufriedene Gesichter. An ungeduldigen fehlte es freilich nicht, und wer sie aufsuchen wollte, der brauchte nur in die Hauptschule zu gehen, wo jetzt der Mittag sich nahte und viele Buben weit eifriger durch die geöffneten Fenster des Schulzimmers, als auf den Mund des Lehrers schauten. Nur an derjenigen Stelle des weiten Saales, an der die größeren Knaben Unterricht empfingen, machte sich keine Unruhe geltend. Auch auf ihre Bücher und Hefte schien die Frühlingssonne, auch sie rief der Lenz in's Freie, aber mächtiger noch als seine berückende Stimme schien das, was sie jetzt vernahmen, auf die jungen Gemüther zu wirken. Vierzig leuchtende Augen waren gespannt auf den bärtigen Mann gerichtet, welcher mit tiefer Stimme zu ihnen sprach. Selbst der wilde Jan Mulder hatte das Messer, mit dem er das wohlgetroffene Bild eines Schinkens in den Schultisch zu schneiden begonnen, sinken lassen und hörte aufmerksam zu. Jetzt ließ sich das Mittagsgeläut von der nahen Peterskirche und bald darauf auch vom Rathhausthurme hören, die kleinen Buben verließen lärmend den Saal, aber – wunderbar – die Geduld der größeren hielt immer noch Stand; sie mußten doch wohl Dinge zu hören bekommen, welche nicht eigentlich in den Unterricht gehören. Der Mann, welcher da vor ihnen stand, war kein Lehrer der Schule, sondern der Stadtsekretarius van Hout, welcher seinen erkrankten Freund, den Magister und Prediger Verstroot, heute an dieser Stelle vertrat. Während des Geläutes hatte er das Buch zugeschlagen und sagte nun: »Suspendo lectionem. He, Jan Mulder, wie würdest Du mein »suspendere« übersetzen?« »Hängen,« entgegnete der Knabe. »Hängen!« lachte van Hout. »Dich vielleicht an den Haken, aber wohin hängt man eine Lektion? Adrian van der Werff« Der Aufgerufene erhob sich schnell und sagte: »Suspendere lectionem« heißt die Stunde abbrechen.« »Gut; und wenn wir den Jan Mulder aufhängen wollten, so würde es heißen?« »Patibulare, – ad patibulum!« riefen die Schüler durcheinander. Die Züge des Stadtsekretarius, welche eben noch gelächelt hatten, wurden ernst. Er holte tief Athem und sagte dann: »Patibulo ist ein schlechtes lateinisches Wort, und eure Väter, welche hier saßen, verstanden weniger gut als ihr seine Bedeutung. Jetzt kennt es ein jedes Kind in den Niederlanden, denn Alba hat es uns eingeschärft. Mehr als achtzehntausend brave Bürger sind durch sein »ad patibulum« an den Galgen gekommen.« Bei diesen Worten zog er das kurze schwarze Wamms durch den Gürtel, trat dem vordersten Tische näher, neigte den stämmigen Oberkörper weit vor und sagte mit stetig zunehmender innerer Erregung: »Für heute soll es genug sein, ihr Buben. Es wird nicht viel schaden, wenn ihr die Namen später vergeßt, die wir hier lernten. Aber das Eine behaltet im Sinne: Das Vaterland über Alles! Leonidas und seine dreihundert Spartaner sind nicht vergebens gestorben, so lange es Männer gibt, die ihrem Beispiel zu folgen bereit sind. Auch an euch kommt die Reihe. Prahlen ist nicht meine Sache, aber was wahr ist, bleibt wahr. Wir Holländer haben fünfzigmal dreihundert Märtyrer für die Freiheit es heimischen Bodens gestellt. In solcher Sturmzeit gibt's feste Männer; auch Knaben haben sich tüchtig bewährt. Der Ulrich dort an eurer Spitze darf seinen Spitznamen Löwing mit Ehren tragen. ›Hie Perser – hie Griechen!‹ hieß es vor Zeiten, – wir aber rufen: ›Hie Niederland und hie Spanien!‹ Und wahrlich, der stolze Darius hat in Hellas nie so gewüthet wie König Philipp in Holland. Ja, ihr Buben. Viele Blumen blühen in des Menschen Brust. Unter ihnen ist der Haß der giftige Schierling. Spanien hat ihn in unseren Garten gesät. Ich fühl' ihn hier drinnen wachsen, und ihr empfindet ihn auch und sollt ihn empfinden. Aber versteht mich nicht falsch! ›Hie Spanien – hie Niederland!‹ heißt das Geschrei und nicht: ›Hie römisch und hie reformirt!‹ Dem Herrn mag wohl jeder Glaube recht sein, wenn der Mensch nur ernstlich bestrebt ist, auf Christi Wegen zu wandeln. Am Himmelsthrone wird nicht gefragt: Papistisch, kalvinisch oder lutherisch? sondern: Wie warst du gesinnt, und wie hast du gehandelt? Achtet Jedermanns Glauben; aber den, der gegen die Freiheit des Vaterlandes mit dem Zwingherrn gemeinsame Sache macht, den mögt ihr verachten. Nun betet still. So. Und nun gehet nach Hause!« Die Schüler erhoben sich; van Hout wischte den Schweiß von der hohen Stirn und sagte dann, während die Knaben die Bücher, Stifte und Federn zusammennahmen, zögernd und als habe er sich wegen des Gesagten vor sich selbst zu entschuldigen: »Was ich euch da mit auf den Weg gab, das gehört vielleicht nicht in die Schule; aber, ihr Buben, dieser Kampf ist noch lange nicht am Ende, und ihr habt die Schulbank zwar noch ein Weilchen zu drücken, aber ihr seid doch auch künftige Kämpfer. Löwing, bleib' zurück, ich möchte Dir etwas sagen.« Der Magister wandte den Buben langsam den Rücken und diese stürzten in's Freie. In einem Winkel des Petrikirchplatzes, der hinter dem Gotteshause lag und von wenigen Vorübergehenden berührt ward, blieben sie stehen, und aus ihrem wilden Durcheinanderrnfen entstand eine Art von Berathung, zu welcher sich der aus der Kirche dringende Orgelton gar sonderbar ausnahm. Es galt, sich über das am Nachmittag vorzunehmende gemeinsame Spiel zu verständigen. Daß es nach der Rede des Stadtsekretärs eine Schlacht geben mußte, verstand sich von selbst, das war auch von Keinem vorgeschlagen worden, sondern die Voraussetzung, von der die nun folgende Verhandlung ausging. Bald hatte sich's entschieden, daß nicht Griechen und Perser, sondern Patrioten und Spanier gegeneinander in die Schranken treten sollten; als aber der vierzehnjährige Bürgemeisterssohn Adrian van der Werft vorschlug, schon jetzt die Parteien zu bilden, und mit der ihm eigenen gebieterischen Art Paul van Swieten und Klaus Dirkson zu Spaniern zu machen versuchte, stieß er auf heftigen Widerspruch, und es ergab sich der bedenkliche Umstand, daß sich Niemand entschließen wollte, einen wälschen Soldaten vorzustellen. Jeder Knabe wollte den andern zum Kastilianer machen und selbst unter Niederlands Fahnen kämpfen. Aber Freund und Feind gehören nun einmal zum Kriege, und Hollands Heldenmuth brauchte Spanier, um sich bethätigen zu können. Die jungen Geister erhitzten sich, die Wangen der Streitenden begannen zu glühen, hie und da erhoben sich schon geballte Fäuste und Alles deutete darauf hin, daß der dem Landesfeinde zu liefernden Schlacht ein gräßlicher Bürgerkrieg vorangehen werde. Freilich waren diese munteren Burschen wenig geschickt, die Rolle der finsteren, steifnackigen Krieger des Königs Philipp zu spielen. Unter lauter Blondköpfen sah man nur wenig Knaben mit braunem und einen einzigen mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Das war Adam Baersdorp, dessen Vater wie der van der Werff's zu den Führern der Bürgerschaft gehörte. Als auch er sich weigerte, einen Spanier zu spielen, rief einer der Knaben: »Du willst nicht? Und mein Vater sagt doch, Deiner wäre auch so ein halber Glipper und dabei ein ganzer Papist.« Der junge Baersdorp warf bei diesen Worten die Bücher zur Erde und drang mit erhobenen Fäusten auf seinen Gegner ein, – Adrian van der Werff trat aber schnell zwischen die Streitenden und rief: »Schäme Dich, Cornelius... Wer hier noch einmal so schimpft, dem stopf' ich das Maul. Katholiken sind Christen wie wir. Ihr habt's von dem Stadtsekretarius gehört, und mein Vater sagt's auch! Willst Du Spanier sein, Adam, ja oder nein?« »Nein!« rief dieser entschieden. »Und wenn Jemand noch einmal...« »Nachher mögt ihr raufen,« unterbrach Adrian van der Werff den erregten Genossen und fuhr dann, indem er die Bücher, welche Baersdorp zu Boden geworfen, gutmüthig aufhob und sie ihm reichte, entschieden fort: »Ich bin heute Spanier. Wer noch?« »Ich, ich, meinetwegen ich auch,« riefen mehrere Schüler und die Bildung der Parteien würde in bester Ordnung zu Ende geführt worden sein, wenn nicht die Aufmerksamkeit der Knaben durch etwas Neues von ihrem Vorhaben abgelenkt worden wäre. Ein junger Herr, dem ein schwarzer Diener folgte, kam die Straße herauf und gerade auf sie zu. Er war auch ein Niederländer, aber er hatte wenig mehr mit den Schülern gemein als das Alter, ein weiß und rothes Gesicht, blondes Haar und blaue, hell und übermüthig in's Leben schauende Augen. – Jeder seiner Schritte gab Zeugniß, daß er sich als etwas Besonderes fühlte, und der Mohrenjunge in bunter Tracht, welcher ihm einige neu eingekaufte Gegenstände nachtrug, ahmte in komischer Weise seine Haltung nach. Der Kopf des Negers war noch tiefer nach rückwärts geneigt, als der des Junkers, den eine steife spanische Halskrause hinderte, sein hübsches Haupt so frei wie andere Menschenkinder zu tragen. »Der Aff', der Wibisma,« sagte einer der Schüler und zeigte mit dem Finger auf den immer näher herankommenden Junker. Die Augen aller Knaben wandten sich diesem zu und musterten höhnisch seinen kleinen mit einer Feder geschmückten Sammethut, sein rothes gestepptes und an Brust und Aermeln aufgepolstertes Atlaßgewand, die weiten Puffen seiner kurzen bräunlichen Hosen und den leuchtenden Scharlach des seidenen Strumpfwerks, das sich eng an das wohlgebaute Bein schmiegte. »Der Aff',« wiederholte Paul van Swieten. »Er ist kardinal'sch, drum geht er so roth.« »Und so spanisch, als käme er geradewegs aus Madrid,« rief ein anderer Knabe, und ein dritter fügte hinzu: »Hier gewesen sind die Wibisma wenigstens nicht, so lange das Brod bei uns knapp war.« »Die Wibisma sind allesammt Glipper.« »Und das stolzirt hier am Alltag in Sammet und 11 Seide herum,« sagte Adrian. »Seht nur den schwarzen Buben, den der rothbeinige Storch mit nach Leyden gebracht hat.« Die Schüler erhoben ein lautes Gelächter, und sobald der Junker sie völlig erreicht hatte, schnarrte Paul van Swieten ihm mit näselnder Stimme zu: »Wie ist euch das Ausreißen bekommen? Wie geht es in Spanien, Herr Glipper?« Der Junker warf den Kopf weiter zurück, der Neger hinter ihm that das Gleiche, und Beide gingen ruhig weiter, auch noch als Adrian ihm in's Ohr rief: »Glipperchen! Sage mir doch, um wie viel Silberlinge hat Judas den Heiland verschachert?« Der junge Matenesse van Wibisma machte eine unwillige Bewegung, hielt aber immer noch an sich, bis ihm Jan Mulder in den Weg trat, ihm sein kleines Baret von Tuch, an dem eine Hahnenfeder steckte, wie ein Bettler unter das Kinn hielt und demüthig bat: »Schenkt mir einen Ablaßgroschen für unsern Kater, Herr Grande; er hat gestern dem Metzger ein Kalbsbein gestohlen.« »Aus dem Weg!« sagte nun der Junker stolz und entschieden und versuchte es, Mulder mit der Rückseite der Hand bei Seite zu drängen. »Nicht anfassen, Glipper!« rief jetzt der Schüler und erhob drohend die Faust. »So laßt mich in Ruh',« entgegnete Wibisma. »Ich suche keine Händel und am letzten mit euch.« »Warum denn nicht mit uns?« fragte Adrian van der Werff, den der kühl-hochmüthige Ton der letzten Worte verdroß. Der Junker zuckte wegwerfend die Achseln. Adrian aber rief: »Weil Dein spanisch Gewand Dir besser gefällt als unsere Wämmser von Leydener Tuch.« Hier schwieg Adrian, denn Jan Mulder schlich sich hinter den Junker, schlug ihm mit einem Buch auf den Hut und rief, während Nicolas van Wibisma die Augen von der sie beschattenden Kopfbedeckung zu befreien suchte: »So, Herr Grande, nun sitzt das Hütlein fest. Du darfst es ja aufbehalten, auch vor dem König.« Der Neger konnte seinem Herrn nicht beispringen, denn auf seinen beiden Armen ruhten Pakete und Düten. Der junge Edelmann rief ihn auch nicht, denn er wußte, wie feig sein schwarzer Diener war, und er fühlte sich stark genug, um sich selbst zu helfen. An seinem Hute hielt eine kostbare Agraffe, die er erst neulich an seinem siebenzehnten Geburtstage zum Geschenk erhalten hatte, eine stolze Straußenfeder fest; aber er dachte nicht an sie, warf den Hut von sich, streckte die Arme wie zum Ringkampfe aus und fragte mit glühenden Wangen laut und entschieden: »Wer hat das gethan?« Jan Mulder war rasch in den Kreis seiner Genossen zurückgewichen, und statt hervorzutreten und seinen Namen zu nennen, rief er lachend: »Suche den Hutwalker, Glipper! Wir wollen Blindekuh spielen.« Der Junker wiederholte nun dringender und außer sich vor Zorn seine Frage. Als statt jeder andern Antwort die Schüler auf Jan Mulder's Scherz eingingen und munter durcheinander schrieen: »Blindekuh spielen! Den Hutwalker suchen! Glipperchen, mach' Du den Anfang!« da hielt sich Nicolas nicht länger und rief wüthend in die lachende Schaar hinein: »Feiges Lumpengesindel!« Kaum war dieß Wort verklungen, als Paul van Swieten seine in Schweinsleder gebundene kleine Grammatik erhob und sie Wibisma vor die Brust warf. Unter lautem Geschrei folgten dem Donatus andere Bücher nach und schlugen dem Edelknaben an die Schultern und Beine. Verwirrt und sein Antlitz mit den Händen schützend, zog er sich an die Mauer der Kirche zurück. Dort blieb er stehen und schickte sich an, sich auf seine Feinde zu stürzen. Die steife und modisch hohe spanische Krause beengte nun nicht mehr seinen schönen, von goldenen Locken umwallten Kopf. Frei und kühn schaute er seinen Gegnern in's Antlitz, streckte die durch manche ritterliche Uebung gestählten sechzehnjährigen Glieder und stürzte sich dann mit einem echt niederländischen Fluche auf den ihm am nächsten stehenden Adrian van der Werff. Nach kurzem Ringen lag der seinem Gegner an Alter und Kraft nachstehende Bürgemeisterssohn am Boden; aber nun legten die anderen Schüler, welche dabei nicht aufhörten, »Glipper« und wieder »Glipper« zu schreien, Hand an den Junker, welcher auf dem Ueberwundenen kniete. Nicolas wehrte sich tapfer, aber die Uebermacht seiner Gegner war zu groß. Außer sich, seiner selbst vor Ingrimm und Scham nicht mehr mächtig, riß er den Dolch aus dem Gürtel. Jetzt erhoben die Knaben ein furchtbares Gezeter, und zwei von ihnen warfen sich auf Nicolas, um ihm die Waffe zu entwinden. Dies gelang ihnen schnell; der Dolch flog auf das Pflaster, aber Paul van Swieten sprang klagend zurück, denn die scharfe Klinge hatte seinen Arm getroffen, und Helles Blut floß auf den Boden. Minutenlang übertönte das Geschrei der Knaben und das Jammergeheul des Schwarzen das schöne Orgelspiel, welches aus den Fenstern der Kirche drang. Plötzlich verstummte die Musik: statt der kunstvoll vorgetragenen Weise ließ sich nur noch der langsam ausklingende Klageton einer einzelnen Pfeife vernehmen, und ein junger Mann stürzte aus der Sakristeipforte des Gotteshauses hervor. Schnell überblickte er die Ursache des wilden Getöses, welches ihn in seiner Uebung gestört hatte. Sein hübsches, von einem kurzen Vollbart umrahmtes Gesicht, welches eben noch erschreckt genug dreingeschaut hatte, begann zu lächeln, aber die Scheltworte und Handbewegungen, mit denen er die ergrimmten Burschen auseinandertrieb, waren doch ernstlich genug und verfehlten keineswegs ihre Wirkung. Die Schüler kannten den Musiker Wilhelm Corneliussohn und setzten ihm keinen Widerstand entgegen, denn sie mochten ihn leiden, und das Dutzend Jahre, welches er vor ihnen voraus hatte, verlieh ihm ihnen gegenüber ein unbestrittenes Ansehen. Keine Hand rührte sich mehr gegen den Junker, aber die Buben umringten nun den Orgelspieler, um durcheinander redend und schreiend Nicolas anzuklagen und sich selbst zu vertheidigen. Paul van Swieten's Wunde war leicht. Er stand außerhalb des Kreises seiner Kameraden und stützte den verletzten linken Arm mit der rechten Hand. Manchmal blies er auf die mit einem Tüchlein umwickelte brennende Stelle im Fleische, aber die Neugier auf den Ausgang dieses unterhaltenden Streites war stärker als der Wunsch, sich verbinden und heilen zu lassen. Als das Werk des Friedensstifters sich bereits dem Abschluß näherte, rief der Verwundete plötzlich, indem er mit der gesunden Hand nach der Richtung der Schule hinwies, seinen Kameraden warnend zu: »Da kommt der Herr von Nordwyk! Laßt den Glipper, sonst wird's etwas fetzen!« Paul van Swieten nahm seinen wunden Arm wieder in die Rechte, und lief schnell um die Kirche herum. Mehrere andere Knaben folgten ihm, aber der neue Ankömmling, vor dem ihnen bangte, hatte junge, kaum dreißigjährige Beine von beträchtlicher Höhe und wußte sie wacker zu brauchen. »Halt, ihr Buben!« rief er mit weithin tönender Kommandostimme. »Halt! Was hat's da gegeben?« Jedermann in Leyden zollte dem hochgelehrten und tapfern jungen Edelmanne große Achtung, und so blieben denn sämmtliche Knaben, welche den Warnruf des Verwundeten nicht sogleich beachtet hatten, stehen, bis der Herr von Nordwyk sie erreicht hatte. Ein sonderbar lebhaftes Leuchten flackerte aus den klugen Augen, und ein feines Lächeln umspielte den schnurrbärtigen Mund dieses Mannes, als er dem Musiker zurief: »Was hat's hier gegeben, Meister Wilhelm? Ist das Geschrei der Jünger Minerva's mit Eurem Orgelspiel nicht in Harmonie zu bringen gewesen, oder hat – aber bei allen Farben der Iris, das ist ja Nico Matenesse, der junge Wibisma! Und wie sieht der Junker aus! Rauferei im Schatten der Kirche, und Du dabei, Adrian, und Ihr dabei, Meister Wilhelm?« »Ich brachte sie auseinander,« entgegnete der Angeredete gelassen und strich die verschobenen Manschetten zurecht. »Mit aller Ruhe, aber mit Nachdruck, wie beim Orgelspiele,« lachte der Kommandant. »Wer hat den Streit begonnen? Ihr, Junker? Oder die Anderen?« Nicolas fand vor Erregung, Scham und Ingrimm keine zusammenhängenden Worte. Adrian aber trat vor und sagte: »Wir haben mit einander gerungen. Haltet es uns zugute, Herr Janus!« Nicolas warf seinem Gegner einen freundlichen Blick zu. Der Herr von Nordwyk, Jan van der Does, oder, wie er sich als Gelehrter selbst zu nennen liebte, Janus Dousa, war aber keineswegs mit dieser Auskunft zufrieden, sondern rief: »Geduld, Geduld! Du siehst verdächtig genug aus, Meister Adrian; tritt einmal hieher und erzähle mir, »atrecos«, der Wahrheit gemäß, was hier vorging.« Der Schüler folgte diesem Geheiß und that es ehrlich, ohne etwas von dem Geschehenen zu verschweigen oder zu beschönigen. »Hm,« machte Dousa, nachdem der Knabe seinen Bericht geschlossen. »Ein schwerer Fall. Freizusprechen ist Keiner. Eure Sache wäre die bessere ohne das Messer, mein feiner Herr Junker, aber Du, Adrian, und ihr, ihr pausbäckigen Lümmel, die eure ... Da hinten kommt der Herr Rektor ... Wenn er euch einfängt, so bekommt ihr an diesem schönen Tage gewiß nicht mehr als vier Wände zu sehen. Das sollte mir leid thun.« Die pausbäckigen Lümmel und Adrian mit ihnen verstanden diesen Wink und jagten ohne Abschied wie eine vom Habicht verfolgte Taubenschaar um die Kirche herum. Sobald sie verschwunden waren, näherte sich der Kommandant dem jungen Nicolas und sagte: »Aergerliche Geschichten! Was Denen da recht war, ist Euch billig. Macht, daß Ihr nach Haus kommt! Seid Ihr bei Eurer Base zu Gast?« »Ja, Herr,« entgegnete der Junker. »Ist Euer Vater auch in der Stadt?« Der Junker schwieg. »Er will nicht gesehen sein?« Nicolas nickte bejahend, und Dousa fuhr fort: »Leyden steht jedem Holländer offen, auch Euch. Wenn Ihr freilich wie der Page des Königs Philipp einhergeht und denen, die Euresgleichen sind, Mißachtung erweist, so habt Ihr die Folgen selbst zu tragen. Da liegt Euer Dolch, junger Freund, und da Euer Hut. Hebt beide auf und laßt Euch bedeuten, daß solche Waffe kein Spielzeug ist. Manchem hat ein Augenblick, in dem er sie unbesonnen brauchte, ein ganzes Leben verdorben. Die Uebermacht, die Euch bedrängte, mag Euch entschuldigen. Aber wie kommt Ihr mit diesem zerfetzten Wamms ohne Schande bis zum Haus Eurer Base?« »Mein Mantel ist in der Kirche,« sagte der Musiker, »ich geb' ihn dem Junker.« »Brav, Meister Wilhelm!« entgegnete Dousa. »Wartet hier, Herrlein, und geht dann nach Hause. Ich wollte, die Zeit käme wieder, in der Euer Vater sich aus meinem Gruß etwas machte. Wißt Ihr auch, weßwegen er ihm nicht mehr genehm ist?« »Nein, Herr.« »So will ich es Euch sagen. Weil er gern Spanisch hört und ich beim Niederländischen bleibe.« »Wir sind Holländer wie Ihr,« entgegnete Nicolas mit erglühenden Wangen. »Kaum,« gab Dousa gelassen zurück, legte die Hand an das hagere Kinn und gedachte zu dem scharfen ein freundlicheres Wort zu fügen, als der Junker heftig ausrief: »Herr von Nordwyk, dies »Kaum« nehmt Ihr zurück!« Dousa schaute erstaunt dem kühnen Knaben in's Antlitz, und wieder zuckte es heiter um seinen Mund. Dann sagte er freundlich: »Mein Herr Nicolas, Ihr gefallt mir; und wenn Ihr ein rechter Holländer werden wollt, so soll es mich freuen. Da kommt Meister Wilhelm mit seinem Mantel. Gebt mir die Hand. Nein, nicht diese, die andere!« Nicolas zögerte; Janus aber erfaßte mit beiden Händen des Knaben Rechte, beugte die hohe Gestalt zu dem Ohre desselben hernieder und sagte so leise, daß der Musiker ihn nicht verstehen konnte: »Bevor wir scheiden, nehmt von Einem, der es gut meint, dies Wort mit auf den Weg: Ketten, auch goldene, ziehen herab, aber die Freiheit gibt Flügel. Ihr spiegelt Euch in dem gleißenden Prunk, wir aber schlagen mit dem Schwert auf die spanischen Fesseln, und ich lobe mir unsere Arbeit. – Denkt an dies Wort, und wenn's Euch beliebt, so kündet es auch Eurem Vater.« Janus Dousa wandte dem Knaben den Rücken, winkte dem Musiker grüßend zu und ging von dannen. Zweites Kapitel. Der junge Adrian eilte den Werffsteg hinab, welcher seinem Geschlecht den Namen gegeben. Er beachtete weder die Linden zu beiden Seiten, in deren Kronen die ersten grünen Blättchen sich aus den spitzen Knospenhüllen hervordrängten, noch die Vögel, welche Nester bauend und zwitschernd in den gastlichen Zweigen der stattlichen Bäume hin und her flogen, denn er hatte nichts im Sinne, als möglichst schnell nach Hause zu kommen. Jenseits der die Achtergracht überspannenden Brücke blieb er unschlüssig vor einem großen Gebäude stehen. An der Mittelthür desselben hing der Klopfer, aber er wagte nicht sogleich ihn zu heben und ihn auf die glänzende Platte unter dem Schlosse fallen zu lassen, denn er hatte bei den Seinen keinen frohen Empfang zu erwarten. Sein Wämmschen war beim Ringen mit dem stärkeren Gegner übel zugerichtet worden. Die zerrissene Halskrause hatte ihren rechtmäßigen Platz eingebüßt und sich's gefallen lassen müssen, in eine Tasche zu wandern, und das neue violette Strumpfwerk an seinem rechten Beine, dies unglückselige Strumpfwerk, war auf dem Pflaster völlig durchgerieben worden, und die große klaffende Wunde in demselben zeigte weit mehr von Adrian's weißem Knie, als ihm lieb war. Die Pfauenfeder an dem sammetnen Mützlein ließ sich leicht ersetzen, aber das Wamms war nicht an der Naht, sondern im Tuche zerrissen und das Strumpfwerk kaum mehr zu stopfen. Das that dem Knaben aufrichtig leid, denn der Vater hatte befohlen, das Zeug gut zu halten, um die Pfennige zu sparen; ging es doch in dieser Zeit knapp her in dem großen Hause, das mit drei Thüren, ebenso vielen mit schön geschwungenen Voluten geschmückten Giebeln und sechs Fenstern im untern und obern Stock gar stolz und stattlich dem Werffsteg zugewandt war. Die Bürgemeisterei trug nicht viel ein, und das großväterliche Gewerbe der Sämischlederbereitung, sowie der Handel mit Fellen gingen rückwärts, denn dem Vater lagen andere Dinge im Sinne, Dinge, die nicht nur seinen Geist, seine Kraft und Zeit, sondern auch jeden überflüssigen Heller in Anspruch nahmen. Adrian hatte zu Hause nichts Gutes zu erwarten, – gewiß nicht vom Vater und noch weniger von Frau Barbara, seiner Base. Aber der Knabe fürchtete sich doch noch weniger vor dem Zorne dieser beiden, als vor einem unzufriedenen Blicke aus den Augen der jungen Frau, welche er seit kaum zwölf Monaten »Mutter« nannte und die nur sechs Jahre mehr als er selber zählte. Sie sagte ihm niemals ein unfreundliches Wort, aber vor ihrer Schönheit, ihrem stillen, vornehmen Wesen zerschmolzen sein Trotz und seine Wildheit. Ob er sie lieb hatte, wußte er selbst nicht recht, aber sie kam ihm vor wie die gute Fee, von der die Märchen erzählten, und es wollte ihm oft scheinen, als ob sie viel zu zart und fein und holdselig für ihr einfach bürgerlich Haus wäre. Sie lächeln zu sehen machte ihn glücklich, und wenn sie traurig dreinschaute – und das kam nicht eben selten vor – so that ihm das Herz weh. Gütiger Himmel! Freundlich konnte sie ihn gewiß nicht empfangen, wenn sie dies Wamms anschaute und die Krause da in der Tasche und das unglückselige Strumpfwerk! Und dann! Da läutete es wieder! Die Essenszeit war längst vorbei, und der Vater wartete auf Keinen. Wer zu spät kam, der hatte das Nachsehen, wenn sich seiner nicht Base Barbara in der Küche erbarmte. Aber was half das Bedenken und Zaudern? Adrian raffte sich auf, biß die Zähne zusammen, preßte die Linke fester um die zerrissene Halskrause in der Tasche und ließ den Klopfer kräftig auf die Stahlplatte schlagen. Trautchen, die alte Magd, öffnete die Thür und bemerkte in der weiten, halbdunklen Hausflur, in welcher dicht aneinandergereiht die Lederballen lagerten, nichts von der Verwahrlosung seines äußern Menschen. Schnell eilte er die Stiege hinauf. Das Speisezimmer stand offen, und – o Wunder! – der gedeckte Tisch war noch unberührt – der Vater mußte länger als sonst auf dem Rathhause geblieben sein. In großen Sätzen sprang Adrian auf sein Giebelstübchen, kleidete sich säuberlich um und trat, bevor der Hausherr den Segen gesprochen, zu den Seinen. In einer gelegenen Stunde konnten Wamms und Strumpfwerk den bessernden Händen der Base Barbara oder Trautchen's übergeben werden. Adrian griff wacker in die dampfende Schüssel; aber bald ward ihm schwül um's Herz, denn der Vater sprach kein Wort und blickte so ernst und besorgt vor sich hin wie damals, als die Noth in der belagerten Stadt stieg. Des Knaben junge Stiefmutter saß ihrem Gatten gegenüber und blickte oft in das ernste Antlitz Peter's van der Werff, um einem freundlichen Blick von ihm zu begegnen. Jedesmal, wenn sie das vergeblich gethan, strich sie das feine, goldblonde Haar von der Stirn, warf den schönen kleinen Kopf zurück oder biß sich leicht in die Lippe und schaute still auf ihren Teller. Auf der Base Barbara Fragen: »Was gab es im Rath? Kommt das Geld zu der neuen Glocke zusammen? Gebt ihr Jakob van Sloten die Wiese in Pacht?« gab er kurze, halb ablehnende Antworten. Der feste Mann, der da so schweigsam und mit Zusammengezogenen Brauen unter den Seinen saß und einigemal hastig, dann aber gar nicht wieder in die Schüssel griff, sah nicht aus wie Einer, der sich müßigen Launen hingibt. Noch sprachen alle Anwesenden, nun auch Magd und Knecht, den Speisen zu, als der Hausherr sich plötzlich erhob und, indem er die zusammengefalteten Hände an den stark vorspringenden Hinterkopf preßte, stöhnend ausrief: »Ich kann nicht mehr. Sprich Du das Dankgebet, Maria. Geh' auf's Rathhaus, Janche, und frag', ob noch kein Bote herein ist.« Der Knecht wischte sich den Mund und gehorchte sogleich. Es war ein großer, breitschultriger Friese, aber er reichte seinem Herrn nur bis an die Stirn. Ohne die Seinen zu grüßen, wandte Peter van der Werff den Rücken, öffnete die zu seinem Arbeitszimmer führende Thür, zog sie, nachdem er die Schwelle überschritten, scharf in's Schloß und trat dann an den großen, aus Eichenholz festgefügten Schreibtisch, auf dem Papiere und Briefe in hohen, mit rohen Bleiplatten beschwerten Stößen geordnet lagen, und begann in den neu angekommenen Akten zu blättern. Eine Viertelstunde lang suchte er vergebens zu der nöthigen Aufmerksamkeit zu gelangen. Dann ergriff er den Arbeitsstuhl, um die gekreuzten Arme auf seine hohe, durchbrochene Rückenlehne von einfachem Schnitzwerk zu stützen. Dabei schaute er nachdenklich zu dem Holzgetäfel der Zimmerdecke hinauf. Nach einigen Minuten schob er mit dem Fuß den Sessel bei Seite, hob die Hand zum Munde, trennte den Schnurrbart von dem starken braunen Kinnbart und trat an's Fenster. Die kleinen, kreisrunden, mit Bleirahmen verbundenen Scheiben gestatteten, so spiegelblank sie auch geputzt sein mochten, doch nur einen engbegrenzten Theil der Straße zu überblicken, aber der Bürgemeister schien das, wonach er ausschaute, gefunden zu haben; denn er stieß das Fenster hastig auf und rief dem Knechte, welcher sich eilends dem Hause näherte, entgegen: »Aufgeschaut, Janche; ist er herein?« Der Friese schüttelte verneinend den Kopf, das Fenster flog wieder zu, und wenige Augenblicke später griff der Bürgemeister nach dem Hute, welcher zwischen einigen Reiterpistolen und einem einfachen derben Degen unter dem Bilde einer jungen Frau an der einzigen nicht völlig nackten Wand seines Zimmers hing. Die marternde Unruhe, welche ihn erfüllte, duldete ihn nicht länger im Hause. Er wollte das Pferd satteln lassen und dem erwarteten Boten entgegenreiten. Ehe er das Zimmer verließ, blieb er sinnend stehen und trat dann noch einmal vor den Schreibtisch, um einige Papiere zu unterschreiben, die für das Rathhaus bestimmt waren; denn es konnte bis zu seiner Heimkehr Nacht werden. Stehend überflog er die beiden Blätter, welche er vor sich ausgebreitet hatte, und griff nach der Feder. Da öffnete sich leise die Thür des Gemaches, und der frische Sand, mit dem die weißen Dielen bestreut waren, knisterte unter einem zierlichen Fuße. Er hörte es wohl, ließ sich aber nicht stören. Jetzt stand sein Weib dicht hinter ihm. Vierundzwanzig Jahre jünger als er, glich sie ganz einem schüchternen Mädchen, als sie nun ihren Arm erhob und es doch nicht wagte, die Aufmerksamkeit ihres Gatten von den Geschäften abzulenken. Ruhig wartete sie, bis er das erste Papier unterzeichnet hatte, dann wandte sie den lieblichen Kopf zur Seite und rief mit gesenkten Augen und leicht erröthend: »Ich bin es, Peter!« »Gut, mein Kind,« entgegnete er kurz und näherte die zweite Schrift den Augen. »Peter!« rief sie zum andern Male, dringender als vorher, aber immer noch schüchtern. »Ich habe Dir etwas zu sagen.« Van der Werff wandte das Haupt zu ihr hin, warf ihr einen kurzen, freundlichen Blick zu und sagte: »Jetzt, Kind? Du stehst, ich habe zu thun, und da liegt schon mein Hut.« »Aber Peter!« entgegnete sie; und es blitzte etwas wie Unwillen aus ihren Augen, während sie mit kaum merklich klagender Stimme fortfuhr: »Wir haben heute noch gar nicht mit einander geredet. Mir ist das Herz so voll, und was ich Dir sagen möchte, das ist, das muß ja...« »Wenn ich heimkomme, Maria, jetzt nicht,« gab er sie unterbrechend zurück und seine tiefe Stimme klang dabei halb ungeduldig, halb bittend. »Erst die Stadt und das Land, – dann die Minne.« Maria warf bei diesen Worten das Haupt zurück und sagte mit zuckenden Lippen: »Das ist Deine Rede seit dem ersten Tag unserer Ehe.« »Und leider, – leider – sie muß es bleiben, bis wir am Ziel sind,« entgegnete er fest. Da stieg ihr das Blut in die zarten Wangen und rascher athmend rief sie schnell und entschieden: »Ja wohl, dies Wort kenne ich seit Deiner Werbung, und ich bin meines Vaters Tochter und war ihm niemals entgegen, aber nun paßt es nicht mehr auf uns Beide und es sollte lauten: »Alles für's Land, und dem Weibe gar nichts«.« Van der Werff legte die Feder aus der Hand und wandte sich voll seiner jungen Gattin zu. Ihre schlanke Gestalt schien gewachsen zu sein und ihre in Thränen schwimmenden blauen Augen leuchteten stolz. Wie von Gott für ihn, und eigens für ihn geschaffen war diese Gefährtin. Das Herz ging ihm auf. Freimüthig streckte er dem geliebten Wesen beide Hände entgegen und sagte innig: »Du weißt, was es gilt! Dies Herz ist unwandelbar, und es kommen andere Zeiten.« »Wann werden sie kommen?« fragte Maria so dumpf, als glaubte sie nicht an eine bessere Zukunft. »Bald!« entgegnete ihr Gatte fest. »Bald, wenn jetzt nur ein Jeder willig gibt, was das Vaterland fordert.« Das junge Weib löste bei diesen Worten die Hände aus denen des Gatten; denn die Thür hatte sich geöffnet, und Frau Barbara rief von der Schwelle her ihrem Bruder entgegen: »Herr Matenesse van Wibisma, der Glipper, steht in der Hausflur und will Dich sprechen.« »Führ' ihn herauf,« sagte der Bürgemeister verdrossen. Als er mit seiner Gattin wieder allein war, fragte er schnell: »Willst Du Nachsicht üben, und willst Du mir helfen?« Sie nickte bejahend und versuchte dabei zu lächeln. Er merkte, daß sie nicht froh war, und weil ihm das wehe that, streckte er ihr nochmals die Hand entgegen und sagte: »Es kommen bessere Tage, in denen ich Dir mehr sein darf als heute. Was wolltest Du mir vorhin sagen?« »Ob Du es weißt oder nicht weißt, – für den Staat hat es nichts zu bedeuten.« »Aber für Dich. So hebe nur wieder den Kopf und schaue mich an. Mach' schnell, Liebe, denn da sind sie schon auf der Treppe.« »Es ist der Rede nicht werth. – Heute vor einem Jahre, – heute könnten wir unsern Hochzeitstag feiern.« »Unsern Hochzeitstag!« rief er und schlug laut in die Hände. »Ja, richtig, wir schreiben den siebenzehnten Aprilis, und das, das hab' ich vergessen!« Liebreich zog er sie an sich, da ging schon die Thür, und Adrian führte den Baron in das Zimmer. Van der Werff verneigte sich höflich vor dem seltenen Gast, dann rief er seiner Gattin, die sich erröthend entfernte, herzlich nach: »Meinen Glückwunsch also! Ich komme nachher. Adrian, wir feiern heut ein schönes Fest, unsern Hochzeitstag, daß Du's weißt.« Der Knabe schlüpfte schnell aus der Thür, die er noch in der Hand hielt; denn ihm ahnte, daß der vornehme Besuch auch für ihn nichts Gutes bedeute. In der Hausflur blieb er sinnend stehen. Dann eilte er schnell die Treppe hinauf, holte sein federloses Mützlein und eilte hinaus vor das Thor. Draußen sah er seine Kameraden, die sich mit Stöcken und Stangen in Schlachtordnung stellten. Wohl hätte er sich gern an dem Kriegsspiel betheiligt; aber eben deswegen wollte er in diesem Augenblick das Rufen der Streiter lieber gar nicht hören und lief dem Zylhofe zu, bis er aus dem Bereich ihrer Stimmen war. Nun hemmte er den Schritt und folgte in gebückter Haltung, manchmal auf den Knieen, einem kleinen, in den alten Rhein mündenden Graben. Sobald seine Mütze von den weißen, blauen und gelben Frühlingsblumen, die er gepflückt hatte, übervoll war, setzte er sich auf einen Grenzstein, vereinte jene mit leuchtenden Augen zu einem schönen bunten Strauß und lief mit ihm nach Hause. Auf der Sommerbank neben dem Thor saß die alte Magd, mit seiner kleinen sechsjährigen Schwester. Der übergab er die Blumen, welche er bis dahin auf dem Rücken versteckt gehalten, und sagte: »Nimm, Elisabethchen, und bring' sie der Mutter, 's ist heute ihr Hochzeitstag; ich weiß es. Statte ihr auch einen schönen Glückwunsch ab von uns Beiden.« Die Kleine erhob sich, die alte Magd aber sagte: »Adrianchen, Du bist ein kreuzbraver Junge.« »Meinst Du?« fragte er, und all' seine Sünden vom Vormittag kamen ihm in den Sinn. Aber leider verursachten sie ihm keinerlei Reue; vielmehr begannen seine Augen schelmisch zu leuchten, und sein Mund lachte, als er die Schulter der Alten klopfte und ihr leise in's Ohr flüsterte: »Es sind heute Haare geflogen, Trautchen. Droben in der Kammer unter dem Bett liegt mein Wamms und das neue Strumpfwerk. So wie Du kann doch keine stopfen.« Die Magd drohte mit dem Finger, er aber wandte sich hurtig um und lief vor das Zylthor, um diesmal die Spanier gegen die Niederländer zu führen. Drittes Kapitel. Der Bürgemeister hatte den Edelmann genöthigt, sich auf den Arbeitsstuhl niederzulassen, er selbst aber lehnte halb sitzend am Schreibtisch und hörte seinem stattlichen Gaste nicht ohne Ungeduld zu. »Ehe ich von wichtigeren Dingen rede,« hatte Herr Matenesse van Wibisma begonnen, »möchte ich Euch als einem gerechten Manne die Ahndung der Unbill an's Herz legen, welche meinem Blut in dieser Stadt widerfahren.« »Redet,« bat der Bürgemeister, und der Ritter erzählte nun kurz und mit unverhüllter Empörung von dem Ueberfall, den sein Sohn bei der Jakobikirche erlitten hatte. »Ich werde den Rektor von diesem ärgerlichen Vorfall unterrichten,« erwiederte van der Werff, »und gegen die Schuldigen wird nach Recht und Gebühr vorgegangen werden; aber verzeiht, edler Herr, wenn ich Euch frage: Hat man auch schon untersucht, wer den Anlaß gegeben?« Herr Matenesse van Wibisma schaute den Bürgemeister verwundert an und entgegnete stolz: »Ihr kennt den Bericht meines Sohnes.« »Man soll sie billig hören Beide,« gab van der Werff gelassen zurück. »Das ist von altersher niederländischer Brauch.« »Mein Sohn trägt meinen Namen und redet die Wahrheit.« »Unsere Buben heißen nur Leendert oder Adrian oder Gerrit, aber sie thun das Gleiche, und so muß ich Euch bitten, den Junker zum Verhör in die große Schule zu senden.« »Das wird mit nichten geschehen,« entgegnete der Ritter entschieden. »Wäre ich der Meinung, daß diese Sache vor den Rektor gehörte, so hätte ich ihn aufgesucht und nicht Euch, Herr Peter. Mein Sohn hat seinen eigenen Präzeptor, und er wurde nicht in eurer Schule überfallen, der er ohnehin entwachsen ist, denn er zählt bald siebenzehn Jahre, sondern auf offener Straße, über deren Sicherheit zu wachen Eures, des Bürgemeisters, Amt ist.« »Gut denn, so reicht Eure Klage ein, führt den Junker vor die Schöffen, stellt Zeugen und laßt dem Recht seinen Lauf. Aber, Herr,« fuhr van der Werff fort und mäßigte den ungeduldigen Klang seiner Stimme, »waret Ihr nicht selbst einmal jung? Habt Ihr die Raufereien unter der Burg völlig vergessen? Welch' ein Gefallen geschieht Euch, wenn wir ein paar unbesonnene Wichte bei diesem sonnigen Wetter auf zwei Tage in's Loch werfen? Die Galgenvögel finden drinnen wie draußen etwas Lustiges zu treiben, und nur die Eltern sind die Bestraften.« Die letzten Worte hatten so freundlich und gutherzig geklungen, daß sie ihre Wirkung auf den Freiherrn nicht verfehlten. Er war ein hübscher Mann, dessen wohlgebildete, behagliche, echt niederländische Züge nichts weniger als Härte verriethen. »Wenn Ihr in diesem Ton mit mir redet,« gab er lächelnd zurück, »so werden wir uns leichter vereinen. Daß ich's nur sage. Wäre die Rauferei beim Spiel oder bei einer knabenhaften Streiterei entstanden, so würde ich kein Wort verlieren, – aber daß schon die Kinder sich herausnehmen, Andersgesinnte mit Hohn und Gewaltthat zu überfallen, das darf nicht ohne Rüge hingehen. Die Buben haben dem Junker das läppische Wort nachgerufen ...« »Es ist freilich ein übler Schimpf,« unterbrach van der Werff den Edelmann, »ein sehr garstiger Name ist es, mit dem unser Volk die Feinde seiner Freiheit bezeichnet.« Der Freiherr erhob sich und stellte sich dem andern Manne erregt gegenüber. »Wer sagt Euch,« rief er und schlug dabei auf die breite, mit seidenen Puffen gepolsterte Brust, »wer sagt Euch, daß wir Holland die Freiheit mißgönnen? Wir wünschen just so lebhaft wie Ihr, sie für die Staaten zurückzugewinnen, aber auf anderen, graderen Wegen als der Oranier ...« »Ob Eure Wege krumm oder grade sind, Herr,« gab van der Werff zurück, »hab' ich hier nicht zu prüfen; aber das weiß ich gewiß: es sind Holzwege.« »Sie sollen zum Herzen Philipp's, unseres und eures Königs, führen.« »Ja, hätte der nur das, was wir in Holland ein Herz nennen,« entgegnete der Andere und lächelte bitter; Wibisma aber warf den Kopf heftig zurück und sagte verweisend: »Herr Bürgemeister, Ihr sprecht von dem gesalbten Fürsten, dem ich Treue geschworen.« »Freiherr Matenesse,« entgegnete van der Werff mit schwerem Ernst in der Stimme, indem er sich hoch aufrichtete, die Arme kreuzte und dem Edelmann scharf in die Augen schaute, »ich spreche vielmehr von dem Zwingherrn, dessen Blutrath Alles, was niederländisch heißt und Euch mit uns Anderen für todeswürdige Verbrecher erklärte, der durch Alba, seinen würgenden Teufel, Zehntausende von redlichen Männern verbrannt, geköpft und erhängt und andere Zehntausende ihrer Güter beraubt und aus dem Lande verjagt hat, ich spreche von dem ruchlosen Tyrannen...« »Genug,« rief der Ritter und klammerte die Hand an den Griff des Degens. »Wer gibt Euch das Recht ...« »Wer mir das Recht gibt, so bittere Reden zu führen, wollt Ihr fragen?« unterbrach Herr Peter den Andern und suchte mit einem finsteren Blick die Augen des Edelmannes. »Wer mir dies Recht gibt? Ich brauche es nicht zu verschweigen. Dies Recht ertheilt mir der stumme Mund meines wackeren Vaters, der um seines Glaubens willen geköpft ward, dies Recht ertheilt mir die Willkür, welche ohne Richterspruch mich und meine Brüder des Landes verwies – dies Recht ertheilen mir die von den Spaniern gebrochenen Eide, die zerrissenen Freibriefe dieses Landes, die Noth des armen, mißhandelten, braven Volkes, das zu Grunde geht, wenn wir es nicht retten.« »Ihr rettet es nicht,« entgegnete Wibisma in ruhigerem Tone. »Ihr stoßt die am Abgrund taumelnde Menge vollends in die Tiefe und geht mit ihr zu Grunde!« »Wir sind Lootsen. Vielleicht bringen wir Rettung, vielleicht gehen wir mit Denen zu Grunde, für die wir zu sterben bereit sind.« »Das sagt Ihr, und dennoch knüpft ihr an Euer Dasein ein junges, blühendes Weib.« »Herr Baron, Ihr seid als Kläger zu dem Bürgemeister, mit nichten als Gast oder Freund über diese Schwelle getreten.« »Ganz recht, aber ich kam in guter Absicht als Warner zu dem leitenden Oberhaupt dieser schönen, unseligen Stadt. Einmal seid ihr dem Ungewitter entronnen, aber neue und vielfältig schwerere ziehen sich über euren Häuptern zusammen.« »Wir fürchten sie nicht.« »Auch jetzt noch nicht?« »Jetzt mit gutem Grunde weniger denn je.« »So wißt Ihr nicht, daß des Prinzen Bruder –« »Ludwig von Nassau ist am vierzehnten hart auf die Spanier gestoßen, und unsere Sache steht gut ...« »Im Anfang freilich hat sie nicht übel gestanden.« »Der Bote, der gestern Abend –« »Der unsere kam heute Morgen.« »Heute Morgen, sagt Ihr? Und weiter –« »Des Prinzen Heer ward auf der Mooker Haide geschlagen und gänzlich zerstreut. Ludwig von Nassau selbst ist geblieben.« Van der Werff drückte die Finger fest auf das Holz des Schreibtisches. Die frischen Farben seiner Wangen und Lippen waren einer fahlen Blässe gewichen, und bei der leisen, dumpfen Frage: »Ludwig todt, gewißlich todt?« zog sein Mund sich schmerzlich zusammen. »Todt,« entgegnete der Baron bestimmt und düster. »Wir sind Gegner gewesen, aber Ludwig war ein herrlicher Jüngling. Ich beklage ihn mit Euch.« »Todt, Wilhelm's theurer Liebling todt!« murmelte der Bürgemeister wie im Traum vor sich hin. Dann faßte er sich gewaltsam und sagte fest: »Verzeiht, edler Herr. Die Stunden eilen. Ich muß auf's Rathhaus.« »Und Ihr werdet dort trotz meiner Botschaft fortfahren, dem Abfall das Wort zu reden?« »Ja, Herr, so wahr ich ein Holländer bin!« »Erinnert Euch an das Schicksal von Haarlem.« »Ich denke an den Widerstand seiner Bürger und an das gerettete Alkmaar.« »Mann, Mann!« rief der Baron. »Bei Allem, was heilig ist, beschwöre ich Euch, laßt Euch bedeuten.« »Genug, Herr Baron, ich muß auf's Rathhaus.« »Nein, nur noch dies Wort, dies eine Wort. Ich weiß es: ihr scheltet uns 'Glipper', 'Ausreißer' und so nicht allein, aber so wahr ich auf Gottes Barmherzigkeit hoffe, ihr beurtheilt uns falsch. Nein, Herr Peter, nein, ich bin kein Verräther! Ich liebe dies Land und dies brave, fleißige Volk mit gleicher Wärme wie Ihr, denn sein Blut fließt auch in meinen Adern. Ich habe das Kompromiß mit unterschrieben. Hier stehe ich, Herr. Schaut mich an. Sehe ich aus wie ein Judas? Sehe ich aus wie ein Spanier? Könnt Ihr es mir verargen, daß ich treu an dem Schwur halte, den ich dem Könige geleistet? Seit wann spielt man denn in den Niederlanden mit Eiden? Ihr, des Oraniers Freund, habt eben erklärt, Jedem den Glauben zu gönnen, an dem er hängt, und ich will's nicht bezweifeln. Nun wohl, ich halte fest an der alten Kirche, ich bin katholisch und werde es bleiben. Aber in dieser Stunde bekenn' ich es offen: ich hasse wie Ihr die Inquisition und die Blutthaten Alba's. Sie gehören so wenig zu unserem Glauben wie der Bildersturm zu dem Euren gehört hat. Ich liebe wie Ihr die Freiheiten unserer Heimat. Sie zurückzugewinnen ist mein Streben wie das Eure. Aber wie kann es uns, dem kleinen Häuflein, jemals gelingen, dem mächtigsten Reiche der Welt auf die Länge zu widerstehen? Laßt uns einmal siegen, zweimal und dreimal, so werden jedem geschlagenen Heer zwei neue, stärkere folgen. Mit Gewalt richten wir nichts aus – wohl aber mit klugem Nachgeben und weisem Handeln, Philipp's Kassen sind leer; er bedarf seiner Heere auch in anderen Landen. Wohl denn, so laßt uns seine Verlegenheiten benützen, und nöthigen wir ihn, für jeden abgefallenen Ort, der zu ihm zurückkehrt, eine verlorene Freiheit neu zu bestätigen. Kaufen wir aus seiner Hand mit dem, was uns von dem alten Reichthum bleibt, die Rechte zurück, welche er im Kampf gegen die Empörer an sich gerissen. Ihr werdet an mir und meinen Gesinnungsgenossen offene Hände finden. Eure Stimme wiegt schwer im Rath dieser Stadt, Ihr seid des Oraniers Freund, und wenn Ihr ihn zu bewegen vermöchtet...« »Wozu, edler Herr?« »Mit uns in Verbindung zu treten. Wir wissen, daß man in Madrid seine Bedeutung zu würdigen weiß und ihn fürchtet. Stellen wir als erste Bedingung volle Vergebung für ihn und seine Getreuen. König Philipp, ich weiß es, nimmt ihn wieder in Gnaden auf ...« »In seine Arme, um ihn zu erwürgen,« entgegnete der Bürgemeister entschieden. »Habt Ihr die falschen Pardonverheißungen von früher, habt Ihr das Schicksal der Egmont und Hoorn, des edlen Montigny und der anderen Seigneurs vergessen? Sie haben es gewagt und sind in die Höhle des Tigers gegangen. Was wir heute erkaufen, das wird uns sicherlich morgen wieder genommen, denn welcher Eid wäre Philipp heilig? Ich bin kein Staatsmann, aber das weiß ich: Gäbe er uns auch alle Freiheiten wieder, – die eine, ohne die das Leben nichts werth ist, gewährt er uns niemals.« »Welche, Herr Peter?« »Die eine, zu glauben, wonach uns das Herz steht. – In Eurer Weise meint Ihr es redlich, edler Herr; – aber Ihr traut dem Spanier, wir trauen ihm nicht; und thäten wir's dennoch, so wären wir betrogene Kinder. Ihr habt nichts für Euren Glauben zu fürchten, wir aber Alles; Ihr meint, die Truppenzahl und die Macht des Goldes werde bei unserem Kampfe den Ausschlag geben, wir getrösten uns der Hoffnung, daß Gott der guten Sache eines muthigen Volkes, das für seine Freiheit tausend Tode zu leiden bereit ist, endlich dennoch zum Siege verhilft. Das ist meine Meinung, und die werde ich auf dem Rathhaus verfechten.« »Nein, Meister Peter, nein! Ihr könnt und Ihr dürft nicht.« »Was ich kann, ist wenig, was ich darf, steht hier drinnen geschrieben, und darnach werde ich handeln.« »Und so werdet Ihr dem gekränkten Herzen und nicht dem erwägenden Haupte folgen und keinen andern als üblen Rath zu ertheilen vermögen. Bedenket, Mann, auf der Mooker Haide ist des Oraniers letztes Heer verloren gegangen.« »Recht, Herr, und eben darum wollen wir jetzt die Augenblicke nicht zum Reden, sondern zum Handeln benützen.« »Das werde auch ich mir gesagt sein lassen, Herr Bürgemeister, denn es weilen noch manche Freunde des Königs zu Leyden, die man lehren muß, Euch nicht blind auf die Schlachtbank zu folgen.« Van der Werff trat bei diesen Worten von dem Edelmann zurück, faßte den Knebelbart fest mit der Rechten zusammen und sagte kalt und gebieterisch, indem er die tiefe Stimme lauter erhob: »So befehle ich Euch als Hüter der Sicherheit dieser Stadt, Leyden sofort zu verlassen. Werdet Ihr morgen nach Mittag noch in diesen Mauern betroffen, so lasse ich Euch von den Stadtwaibeln über die Flurgrenze führen.« Der Freiherr entfernte sich ohne Gruß. Sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, warf sich van der Werff in den Armstuhl und verbarg das Antlitz in die offenen Hände. Als er sich wieder aufrichtete, schimmerten zwei große Thränentropfen auf dem Papier, welches unter seinen Fingern gelegen. Bitter lächelnd wischte er sie mit dem Rücken der Hand von dem beschriebenen Blatte. »Todt, todt,« murmelte er, und das Bild des tapferen Heldenjünglings, des gewandten Vermittlers, des Lieblings Wilhelm's von Oranien, trat vor sein inneres Auge: er fragte sich, wie dieser neue Schicksalsschlag auf den Prinzen wirken werde, den er als des Landes Vorsehung verehrte und als den weisesten, selbstlosesten Mann bewunderte und liebte. Wilhelm's Leid that ihm so weh, als wäre es ihm selbst widerfahren, und der Schlag, welcher die Sache der Freiheit getroffen, war schwer, vielleicht nie zu verschmerzen. Aber nur kurze Zeit gönnte er sich, dem Kummer nachzuhängen, denn nun gerade galt es, die ganze volle Kraft zusammenzunehmen, das Verlorene zu ersetzen, durch frische Thaten die drohenden schweren Folgen der Niederlage Ludwig's abzuwenden und auf neue Kampfmittel zu denken. Mit scharf zusammengezogenen Augenbrauen ging er, Maßregeln ersinnend und Plane durchdenkend, in dem Gemache auf und nieder. Seine Gattin hatte die Thür geöffnet und war auf der Schwelle stehen geblieben; er aber bemerkte sie erst, als sie seinen Namen rief und ihm entgegentrat. Sie hielt einen Theil der Blumen, welche ihr der Knabe gebracht hatte, in der Hand, ein anderer aber prangte heiter an ihrem Busen. »Nimm,« sagte sie und hielt ihm das Sträußchen hin. »Adrian, der gute Junge, hat sie gepflückt, und Du weißt ja nun, was sie bedeuten.« Er nahm die Frühlingsboten willig entgegen, näherte sie dem Antlitz, zog Maria an seine Brust, drückte ihr einen langen Kuß auf die Stirn und sagte dann düster: »Das also ist die Feier unseres ersten Hochzeitstages. Armes Weib! Der Glipper hatte so Unrecht nicht; vielleicht wär' es weiser und besser von mir gewesen, Dein Schicksal nicht an das meine zu ketten.« »Peter,« rief sie vorwurfsvoll. »Wie kommen Dir solche Gedanken!« »Ludwig von Nassau ist gefallen,« murmelte er dumpf, »sein Heer ward zersprengt.« »O – o!« rief sie und schlug erschreckt in die Hände, – er aber fuhr fort: »Es war unsere letzte Streitmacht. Die Kassen sind leer, und woher wir neue Mittel nehmen, und das was nun kommen wird – das, das –. Ich bitte Dich, Maria, laß mich allein! Wenn wir jetzt nicht die Stunden nützen, wenn wir jetzt die rechten Wege nicht finden, so geht es nicht gut, so kann es nicht gut gehen.« Bei diesen Worten warf er den Strauß auf den Tisch, griff hastig nach einem Papier, schaute hinein und winkte ihr dabei ohne sie anzusehen, mit der Rechten. Der Bürgemeisterin Herz war voll und weit geöffnet gewesen, als sie in das Zimmer getreten. Sie hatte so Schönes von dieser Stunde erwartet, und nun stand sie einsam in dem Raum, den er doch mit ihr theilte. Die Arme waren ihr niedergesunken und rathlos, beschämt und beleidigt schaute sie nach ihm hin. Maria war inmitten des Kampfes um die Freiheit aufgewachsen und wußte den schweren Ernst der Nachricht, die er empfangen, zu würdigen. Bei seiner Werbung hatte er ihr gesagt, daß sie ein Leben voll Unruhe und Gefahr an seiner Seite erwarte, und sie war dennoch dem braven Streiter für die gute Sache, welche auch die ihres Vaters gewesen, freudig zum Altar gefolgt, denn sie hatte gehofft, Theilnehmerin seiner Sorgen und Kämpfe zu werden Und nun? Was durfte sie ihm sein? Was nahm er von ihr an? Was war er mit ihr, die sich doch nicht schwach zu fühlen vermochte, zu theilen gewillt, heut an ihrem Hochzeitstage? Da stand sie und ihr offenes Herz zog sich zusammen und es widerstand ihr, ihn anzurufen und ihm zu sagen, daß sie seine Sorgen ebenso gern mit ihm tragen und jede Noth mit ihm theilen möchte wie Glück und Ehre. Jetzt hatte er das, was er suchte, gefunden, griff nach dem Hute und bemerkte sie wieder. Wie bleich und enttäuscht sie dastand! Das Herz that ihm weh; er hätte so gern der großen und warmen Liebe, die er für sie empfand, in Worten Ausdruck gegeben und ihr einen heiteren Glückwunsch dargebracht, aber in dieser Stunde, mit dieser Trauer, mit solchen Sorgen in der Brust konnte er's nicht, und so hielt er ihr nur beide Hände entgegen und sagte innig: »Du weißt ja, was Du mir bist, Maria, und weißt Du es nicht, so sag' ich's Dir heute Abend. Ich muß die Herren noch auf dem Rathhaus finden, sonst geht ein ganzer Tag verloren, und in dieser Zeit heißt's mit den Augenblicken geizen. Nun, Maria?« Die junge Frau schaute zu Boden. Sie wäre ihm gern an die Brust geflogen, aber ihr verletzter Stolz duldete es nicht, und eine geheinmißvolle Macht bannte ihre Hände und gestattete ihr nicht, sie in die seinen zu legen. »Lebe wohl,« sagte sie dumpf. Da rief er vorwurfsvoll: »Maria! Wahrlich zum Schmollen ist heute die Zeit nicht günstig gewählt. Komm' und sei mein verständiges Weib.« Doch sie kam nicht sogleich; er aber hörte die vierte Stunde einläuten, welche das Ende der Rathssitzung anzeigte, und verließ, ohne sich nach ihr umzusehen, das Zimmer. Auf dem Schreibtische lag noch das Sträußchen; das bemerkte sie wohl und hielt mit Mühe die Thränen zurück. Viertes Kapitel. Zahlreiche Bürger waren vor dem stattlichen Rathhause zusammengeströmt. Die Nachricht von der Niederlage Ludwig's von Nassau hatte sich schnell durch alle achtzehn Bone Quartiere, Bezirke. der Stadt verbreitet, und ein Jeder wollte etwas Näheres erfahren, seinen Kummer und seine Besorgnisse Gleichgesinnten aussprechen und hören, welche Maßregeln der Rath für die nächste Zukunft zu ergreifen gedenke. Zwei Boten hatten die Mittheilung des Herrn Matenesse van Wibisma nur zu wohl bestätigt. – Ludwig war todt, sein Bruder Heinrich wurde vermißt und sein Heer war völlig zu Grunde gerichtet. Jetzt trat der Rathssekretär Jan van Hout, welcher den Knaben an diesem Morgen Unterricht ertheilt hatte, an ein Fenster, theilte den Bürgern mit, welch' ein empfindlicher Schlag die Freiheit des Landes betroffen, und forderte sie mit kernigen Worten auf, nun erst recht mit Leib und Leben für die gute Sache einzustehen. Lauter Zuruf folgte dieser Rede. Bunte Mützen und befederte Hüte flogen in die Luft, Stecken und Degen wurden geschwungen, und die Frauen und Kinder, welche sich unter die Männer gedrängt hatten, schwenkten Tücher und überschrieen mit ihren höheren Stimmen die Bürger. Die Mitglieder der wackeren Bürgergarde schaarten sich zusammen, um ihren Hauptmann zu beauftragen, dem versammelten Rath die Versicherung zu geben, daß die »Schutterij« gewillt sei, bis auf den letzten Blutstropfen und Pfennig zu Wilhelm von Oranien zu stehen und daß sie lieber für Hollands Sache sterben, als unter der spanischen Tyrannei leben wolle. In ihrer Mitte sah man manch' ernstes und tief betrübtes Gesicht, denn diese Männer, welche ihre Reihen durch eigene Wahl ergänzten, hingen alle mit Liebe an dem Oranier: sein Kummer that ihnen weh – und des Landes Noth schnitt ihnen in's Herz. Sobald die vier Bürgemeister, die acht Schöffen der Stadt und die anwesenden Mitglieder des Gemeinderaths sich an den Fenstern zeigten, fielen Hunderte in das Geusenlied ein, welches schon längst von Einzelnen angestimmt worden war, und als beim Untergang der Sonne das leichtlebige Volk sich zerstreute und fortsingend einzeln oder zu Zweien und Dreien Arm in Arm den Weg in die Wirthshäuser suchte, um durch einen frischen Trunk die Zuversicht auf bessere Tage zu stärken und manche wohlberechtigte Sorge zu zerstreuen, da sah es auf dem Markt von Leyden und in den ihm benachbarten Straßen nicht anders aus als wäre soeben vom Rathhaus eine Siegesbotschaft verlesen worden. Wohl hatte das Vivatrufen und das Geusenlied kräftig geklungen, – aber so viel Hunderte von holländischen Kehlen wären doch wohl im Stande gewesen, die Luft mit weit gewaltigeren Tönen zu erschüttern. Eben diese Bemerkung hatten die drei wohlgekleideten Bürger gemacht, welche dort an dem blauen Stein vorbei durch die breite Straße gingen, und der älteste von ihnen sagte zu seinen Gefährten: »Jetzt prahlen und schreien sie und dünken sich groß, aber wir werden's erleben, es kommt bald ganz anders.« »Gott verhüte das Schlimmste,« entgegnete der Andere, »aber nun ziehen die Spanier sicher von Neuem heran, und in meinem Bon kenn' ich Manchen, der diesmal nicht für den Widerstand stimmt.« »Sie haben Recht, und tausendmal Recht. Requesens ist kein Alba, und wenn wir uns gutwillig der Gnade des Königs befehlen...« »So gäbe es kein Blutvergießen und Alles ginge zum Besten.« »Ich bin auch lieber holländisch als spanisch,« sagte der Dritte. »Aber nach der Mooker Haide ist's mit dem Widerstand vorbei. Der Oranier mag ja ein braver Herr sein, aber das Hemd ist mir näher als der Rock.« »Und im Grunde sollen wir doch nur für ihn Hab' und Leben auf's Spiel setzen.« »Das hat meine Frau noch gestern gesagt.« »Er hilft dem Gewerbe nicht auf, er am letzten. Glaubt mir, es denken Viele wie wir; und wäre es anders, so hatte das Geusengeschrei auch lauter geklungen.« »Auf drei Kluge kommen immer fünf Narren,« sagte der ältere Bürger. »Ich habe mich wohl gehütet, das Maul aufzureißen.« »Und was steckt denn so Großes hinter dem Freiheitsgeschrei? Alba hat die Bibelleser verbrannt, de la Marc hängt die Pfaffen. Meine Frau geht gern in die Messe, aber wenn sie es thut, so geschieht's im Geheimen, als wenn sie ein Unrecht beginge.« »Wir halten auch an dem alten Glauben.« »Glauben hin, Glauben her,« sagte der Dritte. »Wir sind kalvinisch, aber mir geht die Lust aus, meine Pfennige dem Oranier in den Rachen zu werfen, und es kann mich nicht freuen, die Stangen vor dem Kuhthor, an denen meine Sach' hängt, wieder einzureißen, eh' der Wind das Garn trocken weht.« »Halten wir nur zusammen,« rieth der Aeltere »Die Leute trauen sich nur nicht mit ihrer wahren Meinung heraus und jeder lumpige Habenichts möchte den Helden spielen. Aber ich sage euch, es finden sich in jedem Bon und jeder Zunft und selbst im Rath und unter den Bürgemeistern verständige Männer genug.« »Still,« flüsterte der zweite Bürger, »da kommt der van der Werft mit dem Stadtsekretär und dem jungen Herrn van der Does; das sind die Schlimmsten von Allen.« Die drei Genannten kamen in eifrigem, aber leisem Gespräch die breite Straße herunter. »Mein Oheim hat Recht, Meister Peter,« sagte Jan van der Does, derselbe hochgewachsene Herr, welcher am Morgen dieses Tages Nicolas van Wibisma mit einer guten Mahnung heimgesandt hatte. »Es hilft nichts, Ihr müßt den Prinzen aufsuchen und mit ihm zu Rath gehen.« »Wohl muß ich's,« entgegnete der Bürgemeister. »Morgen brech' ich auf.« »Nicht erst morgen,« fiel ihm der Stadtsekretär in's Wort. »Der Prinz reitet schnell, und wenn Ihr ihn in Delft nicht mehr findet...« »Geht Ihr mir voran,« bat van der Werff, »Ihr habt das Protokoll unserer Sitzung.« »Ich kann nicht; aber Euch, dem Freunde des Prinzen, fehlt heute, heute zum ersten Male der gute Wille.« »Ihr habt Recht, Jan,« rief der Bürgemeister, »und Ihr sollt auch wissen, was mich zurückhält.« »Sind's Dinge, die ein Freund Euch abnehmen kann; hier steht er,« sagte der Herr von Nordwyk. Van der Werff schlug in die Hand, welche der Junker ihm darbot und gab lächelnd zurück: »Nein, Herr, nein. Ihr kennet mein junges Weib. Heute sollten wir den ersten Hochzeitstag feiern und ich, ich hatt' es über all' den Sorgen schmählich vergessen.« »Hart, hart,« sagte der Stadtsekretär leise. Dann richtete er sich gerade auf und fügte entschieden hinzu: »Und doch! Wäre ich wie Ihr, so würde ich reiten, trotz Frau Maria.« »So würdet Ihr heute reiten?« »Heute, denn morgen kann es zu spät sein. Wer weiß, wie bald uns der Ausgang verlegt wird, und ehe wir von Neuem das Aeußerste wagen, gilt es, des Prinzen Ansicht zu kennen. Er ist der Kopf, wir sind die Hände. Ihr, Herr, steht ihm näher, als einer von uns.« »Und Gott weiß, wie gern ich ihm ein gutes Wort in diesen traurigen Stunden brächte; aber heute soll's wohl nicht sein. Der Bote ist auf meinem Braunen weiter geritten.« »So nehmt meinen Fuchs, er ist ohnehin schneller,« sagte Janus Dousa, und van der Werff entgegnete schnell: »Dank, Herr. Morgen in aller Frühe lass' ich ihn holen.« Dem Stadtsekretär trat das Blut in den Kopf. Unwillig stieß er die Hand zwischen Gürtel und Wamms und rief: »Schickt mir den Fuchs, Junker, wenn der Herr Bürgemeister mir Urlaub ertheilt.« »Nein, sendet ihn mir,« fiel ihm Peter gelassen in's Wort. »Was sein muß, muß sein; ich reite noch heute.« Van Hout's männliche Züge glätteten sich schnell, und indem er des Bürgemeisters Rechte mit beiden Händen erfaßte, sagte er froh: »Habt Dank, Herr Peter. Und nichts für ungut; Ihr kennet den Hitzkopf. Schickt Eure junge Frau, wenn die Zeit ihr lang wird, zu meiner.« »Und zu der meinen,« fügte Dousa hinzu. »'s ist doch ein seltsam Ding um die beiden Wörtchen 'mag' und ,soll'. Je freier und besser ein Mensch wird, desto sicherer wird bei ihm das Erste der Sklave des Zweiten.« »Und doch will ich wetten, Herr Peter, daß Euer Weib heute beide Worte verwechseln und glauben wird, Ihr hättet Euch gegen das 'Soll' gar gröblich vergangen. Für das 'Mag' sind jetzt schlechte Zeiten.« Van der Werff nickte zustimmend und legte dann den Freunden kurz und entschieden dar, was er dem Prinzen zu eröffnen gedachte. Vor seinem Hause trennten sich die drei Männer. »Kündet dem Herrn,« sagte van Hout beim Abschied, »wie wir auf das Schlimmste gefaßt sind: wir wollen's bestehen und wagen.« Janus Dousa maß bei diesen Worten seine beiden Genossen mit den Augen, seine Lippen zuckten wie immer, wenn eine starke Erregung sein Herz erfaßte, und aus seinem klugen Antlitz leuchteten Freude und Zuversicht, als er ausrief: »Wir Drei halten aus, wir Drei stehen fest auf den Füßen, uns kann der Tyrann den Nacken wohl brechen, aber beugen soll er ihn nicht. Leib und Leben, Hab' und Gut, was dem Menschen lieb ist und werth und dienlich, wir geben es hin für das höchste der Güter.« »Ja,« sagte van der Werff ernst und laut, und der Stadtsekretär wiederholte feurig: »Ja, ja und zum dritten Mal ja.« Einen Augenblick ruhten die Hände der gleichgesinnten Männer fest in einander. Ein stummer Eid verband sie in dieser Stunde, und als dann der Herr von Nordwyk sich hierhin und van Hout sich dorthin wandte, da meinten die Bürger, welche ihnen begegneten, ihre hohen Gestalten seien in den letzten Stunden gewachsen. Der Bürgemeister begab sich ohne Säumen in die Kammer seiner Frau, aber er fand sie dort nicht. Sie war mit seiner Schwester vor das Thor gegangen. Die Magd trug ein Licht in sein Zimmer; er folgte ihr, untersuchte die großen Schlösser seiner Pistolen, schnallte den alten Degen um, legte, was er bedurfte, in die Satteltasche und ging dann, hoch aufgerichtet und ganz von seiner Aufgabe erfüllt, nachdenkend auf und nieder. Der Fuchs des Herrn von Nordwyk stampfte das Pflaster vor der Thür und über den Dächern stand der Abendstern. Jetzt ging die Hausthür. Er trat auf die Flur, aber er fand dort nur Adrian, welcher nach Hause kam, nicht seine Gattin. Nun trug er dem Knaben auf, die Mutter herzlich zu grüßen und ihr zu sagen, daß er den Prinzen in wichtigen Geschäften aufsuchen müsse. Die alte Magd hatte die kleine Elisabeth schon gewaschen und entkleidet. Jetzt trug sie ihm das in eine Decke gewickelte Kind entgegen. Er küßte das liebe Köpfchen, welches ihm aus der seltsamen Vermummung entgegenlachte, drückte die Lippen auf Adrian's Stirn, befahl ihm noch einmal, die Mutter zu grüßen, und ritt dann die Marendorpstraße hinunter. Zwei Frauen kamen ihm, als er bis zum Stephanskloster gelangt war, vom Rheinsburgerthor her entgegen. Er bemerkte sie nicht, aber die jüngere von ihnen schob das Kopftuch zurück, schaute ihm nach, schlug die Finger schnell und fest um das Handgelenk ihrer Begleiterin und rief leise: »Das war Peter!« Frau Barbara hob den Kopf und entgegnete: »Gut, daß ich nicht schreckhaft bin! Laß nur meinen Arm los! Meinst Du den Reiter, der da an dem St. Ursulagäßchen vorbeitrabt?« »Ja, es ist Peter.« »Thorheit, Kind! Der Braune hat kürzere Beine als das hohe Kamel dort; und zu dieser Stunde reitet Peter niemals in's Freie.« »Aber er war es.« »Bewahre uns Gott! Bei Nacht sieht die Linde aus wie die Buche. Wenn er heute nicht heimkommen wollte, – das wäre 'was Schönes!« Die letzten Worte waren Frau Barbara wider Willen über die Lippen geflossen; denn sie hatte sich bis dahin klüglich das Ansehen gegeben, als ahne sie nicht, daß zwischen Maria und ihrem Gatten nicht Alles sei, wie es sollte, und dennoch lag ihr das, was in ihrer jungen Schwägerin vorging, klar vor Augen. Sie war eine kluge und welterfahrene Frau, welche ihren Bruder und seine Bedeutung für die Sache des Vaterlandes wahrlich nicht unterschätzte; ja, sie ging so weit, zu glauben, daß außer dem Prinzen von Oranien kein Mensch auf Erden geschickter sei, die Sache der Freiheit zum guten Ende zu führen, als Peter; aber sie fühlte, daß ihr Bruder nicht recht gegen Maria handle, und weil Barbara ein billig denkendes Weib war, so nahm sie stillschweigend Partei gegen den seine Frau vernachlässigenden Mann. Eine Zeitlang gingen Beide schweigend neben einander her. Endlich blieb die Wittwe stehen und sagte: »Vielleicht hat der Prinz Peter zu sich entboten. In solchen Zeiten, nach solchen Schlägen ist Alles möglich. Es könnte doch sein, daß Du richtig gesehen hast.« »Er war es gewiß,« entgegnete Maria bestimmt. »Der arme Schelm!« gab die Andere zurück. »Das muß ein saurer Ritt für ihn sein! Viel Ehr', viel Beschwer. Du hast keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, denn Dein Mann kommt morgen oder übermorgen wieder; aber ich – sieh' mich an, Maria! Straff und grad gehe ich durch's Leben, thue froh, was meine Pflicht ist; meine Backen sind roth, und das Essen schmeckt mir, und doch hab' ich mein Bestes hingeben müssen. Zehn Jahre trag' ich mein Wittthum; mein Gretchen hat man mir fortgeheirathet, und den Kornelius schickte ich selbst zu den Geusen auf's Meer. Jede Stunde kann ihn mir nehmen, denn sein Dasein ist lauter Gefahr. Was hat eine Wittwe, als ihren einzigen Sohn?! Und ich gab ihn hin für die Sache des Landes! Das ist schwerer, als einen Mann am Hochzeitstage auf ein paar Stunden ausreiten sehen. Er thut es ja wahrhaftig nicht zu seinem Vergnügen!« »Da sind wir zu Hause,« sagte Maria und rührte den Klopfer. Trautchen öffnete und schon auf der Schwelle rief ihr Barbara entgegen: »Ist der Herr daheim?« Die Antwort fiel verneinend aus, wie auch sie es nun nicht anders erwartet hatte. Adrian bestellte seine Grüße; Trautchen trug das Abendbrod auf, aber über »Ja« und »Nein« wollte das Gespräch nicht hinaus. Nachdem Maria den Segen rasch vor sich hingesprochen, stand sie auf und sagte, indem sie sich an Barbara wandte: »Das Haupt thut mir weh, ich möchte in's Bett.« »So geh' nur zur Ruh'!« entgegnete die Wittwe. »Ich schlaf' in dem Nebenstübchen und lasse die Thür auf. Im Dunkeln und Stillen – da kommen die Grillen.« Maria küßte ihre Schwägerin mit aufrichtiger Wärme und legte sich nieder; aber sie fand keinen Schlaf und warf sich bis gegen Mitternacht unruhig hin und her. Als sie Barbara in dem Nebenzimmer husten hörte, richtete sie sich auf und fragte: »Schwägerin, schläfst Du?« »Nein, Kind. Fühlst Du Dich unwohl?« »Das nicht; aber mir ist so bang – mich quälen böse Gedanken.« Barbara zündete sogleich die Kerze an dem Nachtlicht an, trat mit ihr in das Schlafgemach und setzte sich auf den Rand des Bettes. Es schnitt ihr in's Herz, wie sie das junge, liebliche Wesen ansah, das da kummervoll und einsam auf dem breiten Lager ruhte und vor bitterem Herzweh nicht schlafen konnte. So holdselig-schön war ihr Maria noch niemals erschienen. Wie ein trauernder Engel lag sie da in ihrem weißen Nachtgewand auf den weißen Kissen. Barbara konnte sich nicht enthalten, ihr das Haar von der schmalen Stirn zu streichen und ihre leicht geröthete Wange zu küssen. Maria blickte ihr dankbar in die kleinen hellblauen Augen und sagte bittend: »Ich möchte Dich etwas fragen.« »Nun?« »Aber Du sollst mir redlich die Wahrheit sagen.« »Viel verlangt!« »Ich weiß ja, daß Du aufrichtig bist, aber es gibt doch –« »Nur heraus mit der Sprache!« »Ist Peter mit seiner ersten Frau glücklich gewesen?« »Ja, Kind, ja.« »Und das weißt Du nicht nur von ihm, sondern auch von der verstorbenen Eva?« »Ja, Schwägerin, ja.« »Und Du kannst Dich nicht irren?« »Nein, in diesem Falle gewiß nicht! Aber was bringt Dich auf solche Gedanken? 'Laß die Todten ihre Todten begraben!' heißt es in der Schrift. Nun wende Dich um und versuche zu schlafen!« Barbara ging in ihr Zimmer zurück, aber Stunden vergingen, ehe Maria den Schlummer fand, welchen sie suchte. Fünftes Kapitel. Am folgenden Morgen hielten in der Nobelstraße unweit des Marktes zwei Reiter in sauberer Dienertracht vor einem stattlichen Hause. Ein dritter führte zwei ledige Schecken von kräftigem Bau und mit stark gebogenen Ramsnasen auf und nieder. Ein Stallbub hielt einen bunt aufgeputzten, langmähnigen Klepper am Zaume. Dieser sollte den jungen Neger tragen, der in der Hausthür stand und die Gassenbuben, welche sich ihm zu nähern wagten, von sich fern hielt, indem er die Augen fürchterlich rollte und sie mit den weißen Zähnen anfletschte. »Wo sie nur bleiben?!« sagte der eine der beiden Berittenen. »Der Regen läßt heute nicht lang auf sich warten.« »Sicher nicht,« entgegnete der andere. »Der Himmel ist grau, wie mein alter Filz, und kommen wir erst an den Wald, so wird's etwas geben.« »Es nebelt schon feucht.« »Solch naßkaltes Wetter ist mir besonders zuwider.« »Gestern war's schöner.« »Schnalle die Klappen über den Pistolenhalftern fester! Der Mantelsack hinter dem Sattel des Junkers liegt nicht recht gerade. So! Hat Dir die Köchin die Flasche gefüllt?« »Mit braunem Spanier. Da steckt sie.« »Dann mag es losgehen! Wenn der Mensch von innen naß ist, so kann er viel Feuchtes von außen vertragen.« »Zieh' die Hengste an's Thor; ich höre den Herrn.« Der Reiter hatte sich nicht geirrt; denn ehe es seinem Genossen gelungen war, den größeren Schecken zum Stehen zu bringen, ließ sich von der weiten Hausflur die Stimme seines Gebieters, des Herrn Matenesse van Wibisma, und des Junkers Nicolas vernehmen. Beide wechselten freundliche Worte des Abschieds mit einem jungen Mädchen, dessen Stimme tiefer klang als die des halb erwachsenen Knaben. Als der ältere Herr die Mähne des Schecken um die Hand zu wickeln begann und schon den Fuß erhob, um ihn in den Bügel zu setzen, trat das Fräulein, welches auf der Hausflur zurückgeblieben war, auf die Straße, legte die Hand auf Wibisma's Arm und sagte: »Noch ein Wort, Oheim, aber mit Dir allein.« Der Baron behielt die Mähne des Hengstes in der Hand und rief mit einem verbindlichen Lächeln: »Wenn es den Rossen nur nicht zu schwer wird! So ein Geheimniß aus schönem Munde hat sein Gewicht!« Dabei hielt er seiner Nichte das Ohr hin; sie aber schien es nicht auf's Flüstern abgesehen zu haben, denn sie trat ihm nicht näher und sagte nur halblaut, doch in italienischer Sprache: »Erkläre, bitte, dem Vater, ich bleibe nicht hier.« »Aber Henrika!« »Sag' ihm, ich thu' es in keinem Falle.« »Die Base wird Dich nicht lassen.« »Kurz und bündig: ich bleibe nicht hier.« »Ich werd' es bestellen, aber in etwas milderer Form, wenn Dir's recht ist.« »Wie Du willst. Sage ihm also, ich lass' ihn bitten, mich abzuholen. Wenn er dies Ketzernest nicht selbst betreten mag, was ich ihm gar nicht verdenke, so soll er mir nur Pferde oder die Kutsche schicken.« »Und Deine Gründe?« » Ich will Dein Gepäck nicht noch schwerer belasten. Macht fort, sonst wird der Sattel naß, ehe ihr reitet.« »Ich habe also Hoogstraten auf einen Brief zu vertrösten?« »Nein. Dergleichen läßt sich nicht schreiben. Ist auch nicht nöthig. Sage dem Vater, ich bliebe nicht bei der Base und wollte nach Hause. Adieu, Nico! Die Reiterstiefeln und das grüne Tuchwamms stehen Dir weit besser als die seidenen Lappen.« Das Fräulein warf dem Junker, der sich längst in den Sattel geschwungen, eine Kußhand zu und eilte in das Haus zurück. Ihr Oheim zuckte die Achseln, bestieg den Schecken, wickelte sich fester in den dunklen Mantel, winkte Nicolas an seine Seite und ritt mit ihm den Dienern voran. Solange der Weg durch die Stadt führte, wurde kein Wort unter ihnen gewechselt, vor dem Thor aber sagte Wibisma: »Henrika wird in Leyden die Zeit lang; sie möchte zu ihrem Vater zurück.« »Es muß auch nicht leicht sein, mit der Base zu hausen,« entgegnete der Junker. »Sie ist alt und krank, und ihr Leben war freudlos.« »Aber sie ist doch einmal schön gewesen. Man sieht davon nicht mehr viel, aber ihre Augen sind immer noch wie auf dem Bilde, und dabei ist sie so reich.« »Das macht nicht glücklich!« »Aber warum ist sie wohl Fräulein geblieben?« Der Baron zuckte die Achseln und entgegnete: »An den Männern hat es gewiß nicht gelegen.« »Weßhalb ist sie dann nicht in ein Kloster gegangen?« »Wer weiß es? Frauenherzen sind noch schwerer zu verstehen als Deine griechischen Bücher. Das wirst Du später erfahren. Was hattest Du mit der Base, als ich hinaufkam?« »Da, sieh' nur,« entgegnete der Knabe, nahm die Zügel in den Mund und zog den Handschuh von der Linken, »sie steckte mir diesen Ring an den Finger!« »Ein edler Smaragd! Sie trennt sich sonst schwer von dergleichen Dingen.« »Erst hatte sie mir einen andern geboten und dabei gesagt, sie schenke ihn mir, um mich für die Püffe zu entschädigen, die ich gestern als treuer Anhänger des Königs bekommen. Ist das nicht drollig?« »Mehr als das, sollte ich meinen.« »Es ging mir auch wider die Natur, für meine blauen Flecken Geschenke zu nehmen, und da zog ich rasch die Hand zurück und sagte, die Bürgerjungen hätten auch das Ihre von mir mit nach Hause genommen, und als Lohn dafür wollt' ich den Reif schon nehmen.« »Recht, Nico, recht!« »So sagte sie auch, legte den kleinen Ring wieder in den Kasten, suchte diesen hier aus, und da steckt er.« »Ein kostbares Stück!« murmelte der Baron und dachte still bei sich: »Diese Gabe ist auch ein gutes Zeichen. Er und die Hoogstratens sind ihre nächsten Erben, und wenn das thörichte Mädchen nicht bei ihr aushält, so könnte es kommen –« Aber er fand keine Zeit, diese Erwägungen zu Ende zu führen, denn der Junker unterbrach sie, indem er sagte: »Da fängt der Regen schon an! Sehen die Dünste da auf der Wiese nicht aus, als wären sie vom Himmel gefallene Wolken? Mich friert!« »Zieh' nur den Mantel hinauf!« »Wie das regnet und hagelt! Man sollte meinen, es würde noch einmal Winter. Das Wasser in den Gräben sieht schwarz aus, und dort – sieh' nur – was ist das?« An der Straße lag eine Schenke, und vor derselben ragte eine einzeln stehende, sehr hohe Ulme gen Himmel, deren Stamm, nackt wie ein Mastbaum, kerzengerade aufgewachsen war und sich erst in der Höhe eines Hauses in Aeste zertheilte. Der Frühling hatte noch kein Blättchen an die Zweige geheftet, aber in der kahlen Krone des Baumes gab es doch mancherlei zu sehen. An einem Aste war ein Fähnlein mit den Farben des Hauses Oranien befestigt, an einem andern hing eine große Puppe, die aus der Ferne täuschend aussah wie ein schwarz gekleideter Mann, auf einem dritten schwebte ein alter Hut, und an einem vierten steckte ein Stück weißer Pappe, auf dem in großen schwarzen Buchstaben, die der Regen schon zu verlöschen begann, zu lesen war: »Oranien Heil, und dem Spanier Tod! Heißt Peter Quatgelat's Gastgebot.« Dieser bunt aufgeputzte Baum gewährte in der grauen, kalten Nebelluft des regnerischen Aprilmorgens einen keineswegs angenehm auffallenden Anblick. Neben der vom Winde hin und her gewehten Puppe hatten sich Raben niedergelassen, welche sie für einen aufgeknüpften Mann halten mochten. Es mußten wenig gelehrige Vögel sein, denn seit Jahren wurden da, wo der Spanier in Holland regierte, die Richtstätten nicht leer. Die Raben kreischten denn auch wie vor Verdruß, aber sie blieben dennoch auf dem Baume sitzen, welchen sie wohl für einen Galgen hielten. Der übrige lustige Aufputz und der Gedanke an den flinken Wagehals, welcher da hinaufgeklettert sein mußte, um ihn an seine Stelle zu bringen, stach grell und verletzend von dem Zerrbilde des Hochgerichtes dort oben ab. Nicolas lachte dennoch laut auf, als er die wunderlichen Dinge in der Ulmenkrone erblickte, und sagte, indem er mit dem Finger aufwärts zeigte: »Was für Früchte da hängen!« Aber schon im nächsten Augenblick lief es ihm kalt über den Rücken, denn ein Rabe hatte sich auf die schwarze Puppe gesetzt und hacke mit dem harten Schnabel so kräftig auf sie ein, daß sie sich zugleich mit dem Vogel wie ein Pendel hin und her schwang. »Was bedeutet das tolle Zeug?« fragte der Baron, indem er sich an den hinter ihm reitenden Knecht, einen keck in die Welt hineinschauenden Gesellen, wandte. »'s ist so 'was wie ein Wirthshausschild,« entgegnete dieser. »Gestern, als die Sonne drauf schien, sah es lustig genug aus – aber heute – brrr – es ist zum Gruseln.« Des Edelmanns Augen waren nicht scharf genug, um die Inschrift auf der Tafel zu erkennen. Nachdem Nicolas sie ihm vorgelesen, fluchte er vor sich hin. Dann wandte er sich wiederum an den Knecht und fragte: »Und der Narrentand führt dem schuftigen Wirth Gäste in's Haus?« »Ja, Herr, und bei, meiner Seel', es sah auch gestern, als das Rabenzeug da droben noch fehlte, verteufelt drollig aus; man könnt' es nicht ansehen, ohne zu lachen. Halb Leyden war draußen, und wir ließen uns von dem Schwarm mit hinausziehen. Auf dem Grasplatz da drüben – das war ein Leben und Lärmen. Dudeldum – Hübütt, Hübütt – Dudeldum – Geigengequietsche und Dudelsackgeleier hörten nicht auf. Dazwischen jauchzte das tolle Volk; es gellt mir noch in den Ohren. Spiel und Tanz und kein Ende! Die Kerle warfen die braunen und blauen und rothen Strumpfbeine in die Luft, wie die Fiedel es wollte, – die Röcke flogen, und mit dem Mädel im rechten Arm und dem Bierkrug hoch über dem Kopf, daß der Schaum nur so spritzte, ging es rundum, rundum. Es gab ein Schreien und Jubeln, als hätte sich jede Butterblume im Gras in einen Goldgulden verwandelt. Aber heute – heiliger Florian – das ist ein Regen!« »Er kommt den Dingen da oben zugute,« rief der Baron. »Bei solchem Guß wird der Zunder feucht; sonst holte ich die Pistolen heraus und schösse den schäbigen Freiheitshut und den bunten Lappen vom Baum.« »Dort war der Tanzplatz,« bemerkte der Knecht und zeigte auf zertretenen Rasen. »Das Volk ist besessen, völlig besessen,« rief der Freiherr, »heute Tanz und Jubelgeschrei, und morgen weht der Wind den Filz und das Fähnlein vom Baum, und statt der schwarzen Puppe kommen sie selbst an den Galgen. Ruhig, Scheck', ruhig! Die Schlossen ängstigen die Thiere. Schnall' den Mantelsack auf, Gerrit, und gib dem Junker die Decke!« »Gleich, Herr! Aber wär' es nicht besser, Ihr trätet hier unter, bis der Schauer vorüber ist? Heiliger Florian! Seht nur dies Eisstück da in der Mähne von Eurem Hengste! Ein Taubenei ist nicht größer ... Unter dem Schuppen stehen schon zwei Gäule, und Quatgelat's Bier ist nicht übel.« Der Edelmann schaute fragend auf seinen Sohn. »Laß uns hineingehen,« sagte dieser; »wir kommen früh genug in den Haag. Sieh' nur, wie der arme Balthasar klappert! Henrika sagt, er wäre ein angestrichener Weißer; aber wenn sie sehen könnte, wie gut er bei diesem Wetter Farbe hält, sie nähm' es zurück.« Herr van Wibisma wandte seinen triefenden und dampfenden, von den Schlossen beunruhigten Hengst dem Hause zu, und nach wenigen Minuten überschritt er mit seinem Sohne die Schwelle der Schenke. Sechstes Kapitel. Warme, von Bierdunst und Speisegeruch erfüllte Luft quoll den Reisenden entgegen, als sie in das große, niedrige Gastzimmer traten. Dasselbe empfing von zwei Seiten aus Fensterchen, welche kaum mehr als den Namen Luken verdienten, spärliches Licht. Auch die Schenkstube selbst sah dem Kajütenraum eines Schiffes gleich. Die Decke und Dielen, die Tische und Stühle bestanden aus dem gleichen dunkelbraunen Holze, mit welchem die Wände bekleidet waren, in denen sich Betten wie Kojenlager befanden. Der Wirth war den vornehmen Gästen mit vielen Verneigungen entgegengetreten und hatte sie an den Kamin geführt, in dem große Torfstücke glimmten. Die Glut, welche diese ausstrahlten, diente mehreren Zwecken zugleich. Sie wärmte die Luft, erhellte einen Theil des bei dem finsteren Regenwetter halbdunklen Raumes und kam den drei Hühnern zugute, die sich an einer dünnen Eisenstange über dem Feuer zu bräunen begannen. Als die neuen Gäste sich dem Feuer nahten, stieß die alte Frau, welche den Spieß gedreht hatte, den weißen Kater vom Schooß und stand auf. Der Wirth warf die Gewänder, welche auf den Lehnen zweier Stühle zum Austrocknen schwebten, auf eine Bank und hängte an ihre Stelle die triefenden Mantel des Freiherrn und seines Sohnes. Während der altere Wibisma für sich und seine Leute einen wärmenden Trunk bestellte, führte Nicolas den Schwarzen an den Kamin. Der zitternde Geselle kauerte neben der Asche auf den Boden hin und hielt bald die in durchweichtem rothem Saffian steckenden Füße, bald die erstarrten Finger in die Flammen. Vater und Sohn nahmen an einem Tische Platz, welchen die Magd mit einem Leintuche bedeckte. Der Freiherr hatte nicht übel Lust, den Wirth, einen überhöflichen, pockennarbigen Knirps, dessen Kleidung genau die gleiche braune Farbe zeigte, wie das Holz in seiner Schenkstube, wegen des aufgeputzten Baumes zur Rede zu stellen, aber er unterließ es, denn an einer in ziemlicher Entfernung von der seinen aufgestellten Tafel saßen zwei Leydener Bürger, von denen der eine ihm wohl bekannt war, und es widerstand ihm, sich an einem Ort, wie diesem, in Händel einzulassen. Nachdem auch Nicolas sich in der Schenkstube umgeschaut, stieß er seinen Vater an und sagte leise: »Hast Du die Männer dort bemerkt? Der jüngere, – jetzt hebt er den Deckel vom Kruge, – ist der Organist, der mich gestern von den Buben befreite und der mir seinen Mantel mitgab.« »Der dort?« fragte der Edelmann. »Ein hübscher junger Mann. Man könnte ihn für einen Maler halten oder dergleichen. He, Wirth, wer ist der Herr mit den braunen Locken und großen Augen, der da mit dem Fechtmeister Allertssohn redet?« »Herr Wilhelm ist es, wenn der gnädige Herr es gestattet, des alten Rathssteuereinnehmers Cornelius jüngerer Sohn, ein Spielmann oder Musikus, wie sie es nennen.« »Sieh', sieh',« rief der Baron. »Sein Vater gehört zu meinen alten Leydener Bekannten. Er war ein braver, ganz vortrefflicher Mann, bevor der Freiheitsschwindel den Leuten die Köpfe verdrehte. Auch der Junge hat ein Gesicht, das man gern ansieht. Es liegt etwas Reines darin, – etwas – 's ist schwer zu sagen, etwas – was meinst Du, Nico? Gleicht er nicht unserem heiligen Sebastian? Soll ich ihn anreden und ihm für seine Gefälligkeit danken?« Der Baron wartete die Antwort seines Sohnes, den er wie einen gleichberechtigten Freund zu behandeln liebte, nicht ab, sondern erhob sich, um seiner freundlichen Gesinnung gegen den Musiker Ausdruck zu geben, aber diesem löblichen Vorhaben stellte sich ein unerwartetes Hinderniß entgegen. Der Mann, welchen der Baron den Fechtmeister Allertssohn genannt hatte, war soeben gewahr geworden, daß die Ueberkleider der »Glipper« am Feuer hingen, während sein eigener Mantel und der seines Freundes auf die Bank geworfen worden waren. Diese Thatsache schien den Leydener schwer zu verdrießen; denn während der Freiherr sich erhob, schob er den Stuhl heftig zurück und beugte den kräftig entwickelten Oberkörper weit vor. Dabei stemmte er die Arme auf die Kante der Tafel ihm gegenüber und wandte das martialische Antlitz mit ruckweisen Bewegungen bald dem Wirth, bald dem Edelmann zu. Endlich rief er laut in das Zimmer hinein: »Peter Quatgelat – Du – Du. – Wenn Du Dich! – Wer hat Dir, Du schäbiger Katzenbuckel... Wer gibt Dir das Recht, unsere Mäntel in die Ecke zu werfen?« »Die euren, Herr Hauptmann,« stammelte der Wirth, »waren bereits...« »Halts Maul, Kriecher!« donnerte der Andere mit so lauter Stimme und solcher Erregung, daß der weit hinfliegende graue Schnurrbart an seiner Oberlippe hin und her wankte und der lange starke Knebelbart an seinem Kinn auf und nieder bebte. »Halt's Maul! Das kennen wir besser. Gottes Donner! Den adeligen Mänteln wird hier hofirt. Sind spanisch geschnitten! Das steht den Glippern fein zu Gesichte. Gut holländisch Gewebe wird in die Ecke geworfen. Oho, oho, Bruder Krummbein; wir fahren Dir in die Parade.« »Ich bitte Euch, wohledler Herr Hauptmann –« »Ich blase auf Euer Wohledel, Ihr Garnichtedel, Ihr Erzlump! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst; das gilt in Holland, das hat in Holland schon für Adam und Eva gegolten. Spitze die Ohren, Krummbein! Wenn mein ,wohledler' Mantel und der des Herrn Wilhelm nicht bis ich zwanzig zähle an ihrem alten Platze hangen, so geschieht hier was, das Euch nicht lieb ist. – Eins – zwei – drei –« Der Wirth warf dem Edelmann einen ängstlich fragenden Blick zu, und als dieser die Achseln zuckte und vernehmlich sagte: »Es findet sich wohl für mehr als zwei Mäntel Platz am Feuer,« nahm Quatgelat die Ueberwürfe der Leydener von der Bank und hängte sie auf zwei Stühle, welche er an den Kamin rückte. Während dies geschah, zählte der Fechtmeister langsam fort. Als er bis zur Zwanzig gekommen war, hatte der Wirth sein Werk vollendet, aber der empörte Hauptmann ließ ihm noch keine Ruhe, sondern sagte: »Jetzt unsere Zeche, Mann. Mit Wind und Regen verkehrt es sich übel, aber ich kenne noch schlechtere Gesellschaft. 's gibt Platz genug am Kamin für vier Mäntel, und in Holland für alles Vieh aus Noah's Arche, nur nicht für Spanier und Spaniergenossen. Pfui Teufel, die ganze Galle ist mir in die Leber geschossen. Kommt mir nach zu den Rossen, Herr Wilhelm, sonst gibt es ein Unglück.« Bei den letzten Worten hatte der Fechtmeister die weit hervortretenden Augen, welche auch im gemeinen Leben so scharf in die Welt schauten, als hätten sie etwas Merkwürdiges zu prüfen, ingrimmig auf den Edelmann gerichtet. Dieser gab sich das Ansehen, als ob er die herausfordernden Worte nicht vernähme, ging, während der Fechtmeister das Zimmer verließ, unbeirrt und in hochaufgerichteter Haltung auf den Musiker zu, verneigte sich höflich vor ihm und dankte ihm für die Freundlichkeit, welche er gestern seinem Sohne erwiesen. »Ihr seid mir wahrlich nichts schuldig,« entgegnete Wilhelm Corneliussohn. »Ich stand dem Junker bei, weil es sich übel ansieht, wenn Viele auf einen Einzelnen eindringen.« »So gestattet mir, diese Gesinnung zu loben,« gab der Baron zurück. »Gesinnung,« wiederholte der Musiker mit einem feinen Lächeln und zeichnete einige Noten auf den Tisch. Der Baron folgte eine Weile schweigend dem malenden Finger. Dann trat er dem jungen Manne näher und fragte: »Muß denn jetzt Alles und Alles auf politische Händel bezogen werden?« »Ja,« entgegnete Wilhelm fest und wandte das Antlitz mit einer schnellen Bewegung dem älteren Manne zu. »In diesen Zeiten, ›ja‹ und zwanzigmal ›ja‹. Ihr thatet nicht gut, mit mir von Gesinnung zu reden, Herr Matenesse.« »Jeder,« gab der Ritter zurück und zuckte die Achseln, »Jeder hält seine Meinung, wie sich das von selbst versteht, für die rechte, aber er sollte doch auch die der anders Denkenden achten.« »Nein, Herr,« rief der Musiker den Edelmann unterbrechend. »In diesen Tagen gibt es für uns nur eine Gesinnung. Wer holländischen Blutes ist und anders empfindet als wir, mit dem wünsche ich nichts zu theilen, auch nicht einen Trunk am gleichen Tische. Verzeihet, Herr; mein Reisegefährte ist, wie Ihr leider erfahren habt, ungeduldigen Blutes und wartet nicht gern.« Wilhelm verneigte sich leicht, winkte Nicolas mit der Hand, ging auf den Kamin zu, nahm seinen und seines Gefährten halbtrockenen Mantel auf den Arm, warf ein Geldstück auf den Schenktisch, nahm einen verdeckten Käfig, in dem Vögel flatterten, in die Hand und verließ die Stube. Der Baron schaute ihm schweigend nach. Die einfachen Worte und der Aufbruch des jungen Mannes erweckten in ihm peinliche Empfindungen. Er glaubte das Rechte zu wollen, und doch überkam ihn in diesem Augenblick das Gefühl, als hafte etwas wie ein Makel an der Sache, die er vertrat. Es erträgt sich leichter, verfolgt als gemieden zu werden, und so lag denn ein Ausdruck tiefer Verdrossenheit auf den leutseligen Zügen des Edelmanns, als er zu seinem Sohne zurückkehrte. Nicolas hatte kein Wort des Orgelspielers verloren und das Blut war ihm aus den frischen Wangen gewichen, als er sehen mußte, wie dieser Mann, dessen ganze Erscheinung seinem jungen Herzen besonders zugesagt hatte, seinem Vater wie einem Ehrlosen, dem man aus dem Wege geht, den Rücken wandte. Die Worte, mit denen Janus Dousa ihn gestern verlassen hatte, kamen ihm mit großer Lebendigkeit in den Sinn, und als der Freiherr ihm wiederum gegenüber saß, hob der Knabe die Augen und sagte zaudernd, aber voll rührender Innigkeit und aufrichtiger Besorgniß: »Vater, was ist das gewesen? Vater – haben sie denn so ganz Unrecht, wenn sie lieber holländisch sein wollen als spanisch?« Wibisma sah seinen Sohn erstaunt und mißbilligend an, und weil er seine eigene Sicherheit, wenn auch nur für einen Augenblick, wanken fühlte und ein polterndes Wort oft gute Dienste leistet, wo es an der Möglichkeit oder dem Willen gebricht, mit Gründen zu streiten, rief er so unwillig, wie er seit Jahren nicht zu seinem heranwachsenden Liebling geredet: »Fängt auch Dir an der Köder zu munden, mit dem der Oranier die Gimpel lockt? Noch ein solches Wort und ich zeige Dir, wie man naseweise Buben behandelt. Hieher, Wirth; was hat es mit dem Firlefanz auf dem Baume dort auf sich?« »Die Leute, Herr, die Leydener Narren, nicht ich, Eure Gnaden, sind schuld an dem Unfug. Als die Kriegsknechte abzogen, die während der Belagerung in der Stadt gestanden hatten, putzten sie den Baum so nichtswürdig auf. Ich halte hier Haus als Pachter des älteren Herrn van der Does und darf keine eigene Meinung haben, denn man will ja doch leben, aber so wahr ich selig zu sterben hoffe, ich bin König Philipp in Treue ergeben.« »Bis die Leydener wieder herauskommen,« entgegnete Wibisma bitter. »Habt Ihr während der Belagerung hier Haus gehalten?« »Ja, Herr; die gnädigen Herren Spanier hatten sich nicht über mich zu beklagen, und wenn Euch eines armen Mannes Dienste nicht zu gering sind, mein gnädiger Herr, so stehen sie Euch zur Verfügung.« »So, so,« murmelte der Baron und schaute aufmerksam auf die unschöne Gestalt des Wirthes, aus dessen kleinen Augen, ihm große Verschlagenheit entgegenblitzte. Dann wandte er sich an Nicolas und sagte: »Sieh Dir die Amseln dort im Fenster ein wenig an, mein Sohn, ich habe mit dem Wirthe zu reden.« Der Junker erhob sich sogleich, und während er, statt nach den Vögeln zu schauen, den beiden für die Freiheit Hollands glühenden Männern nachblickte, welche auf der nach Delft führenden Straße dahinritten, erinnerte er sich an das Bild von den Fesseln, welche herabziehen, und vor seinem inneren Auge sah er die Gnadenkette erglänzen, welche König Philipp seinem Vater gesandt hatte. Unwillkürlich sah sich Nicolas nach diesem um. Da stand er und flüsterte eifrig mit dem Wirth. Jetzt legte er ihm sogar die Hand auf die Schulter. War es recht von ihm, so mit einem Manne zu verkehren, den er doch im Grunde des Herzens verachten mußte? Oder sollte er gar – ihn schauderte, denn das Wort »Verräther«, das einer der Schulknaben ihm während des Streites vor der Kirche in die Ohren gerufen, kam ihm in den Sinn. Als der Regen sich mäßigte, verließen die Reisenden das Wirthshaus. Der Freiherr gestattete dem häßlichen Gastgeber, ihm beim Abschied die Hand zu küssen, aber der Junker duldete nicht, daß er die seine berührte. Auf dem weiteren Ritt in den Haag wurden wenig Worte zwischen Vater und Sohn gewechselt. Der Musiker und Fechtmeister zeigten sich auf dem Wege nach Delft weniger schweigsam. Wilhelm hatte dem Andern bescheidentlich, wie es dem jüngeren Manne geziemt, angedeutet, daß er doch wohl seiner feindlichen Gesinnung gegen den Edelmann gar zu, lebhaften Ausdruck gegeben. »Recht, ganz recht,« entgegnete Allertssohn, den seine Freunde auch kürzer »Allerts« riefen. »Ganz recht! Das Blut – o das Blut! Ihr ahnt nicht, Herr Wilhelm... Aber lassen wir's gut sein.« »Nein, redet nur, Meister.« »Ihr werdet nicht besser von mir denken, wenn ich es thue.« »So laßt uns auf etwas Anderes kommen.« »Nein, Wilhelm. Zu schämen brauch' ich mich gerade nicht, denn für einen Banghasen wird Keiner mich halten.« Der Musiker lachte und rief: »Ihr und ein Banghase! Auf wie viel Spanier hat Euere Brescianer Klinge da losgeschlagen?« »Mehr gestochen, Herr; weit öfter gestochen, Herr, als geschlagen,« entgegnete der Andere. »Wenn der Teufel mich fordert, so werd' ich fragen: Fleuret, Herr, oder spanische Degen? Aber es gibt doch einen, vor dem mir bangt, und das ist mein bester und zugleich mein schlechtester Freund, das ist ein Niederländer wie Ihr, das ist, damit Ihr es wißt, das ist der Mann, der hier neben Euch reitet. Ja, Herr, wenn die Wuth mich ergreift, wenn der Knebelbart da zu zittern beginnt, so fliegt mir das bischen Verstand so hurtig davon, wie Euch Eure Tauben, wenn Ihr sie loslaßt. Ihr kennt mich nicht, Wilhelm.« »Nicht, Meister? Wie oft muß man Euch denn kommandiren sehen und Euch auf dem Fechtboden besuchen?« »Schnick, Schnack – da bin ich ruhig wie das Wasser dort in dem Graben, – aber wenn etwas mir gegen die innere Natur geht, wenn, – ja, wie soll ich Euch das ohne Bilder ganz kurz und bündig erklären ...« »Sprecht nur.« »Also zum Exempel, wenn ich mit ansehen muß, wie dem Duckedich begegnet wird, als wär' er Herr Aufrecht...« »So verdrießt Euch das weidlich.« »Verdrießen? Nein! Dann werde ich wild wie ein Tiger, und ich darf's doch nicht werden, ich darf's nicht! Roland, mein Vormann, was mag wohl –« »Meister, Meister, der Bart beginnt schon wieder zu zittern!« »Was mögen sich die Glipper wohl eingebildet haben, Herr, als ihre hochadeligen Mäntel –« »Der Wirth hat meinen und Euren ganz auf eigene Hand von dem Feuer genommen.« »Meinetwegen! Aber der knickbeinige Affe that es, um den spanischen Fuchsschwänzer zu ehren. Das wurmte, das durfte nicht hingehen.« »Ihr habt Euren Groll auch nicht bei Euch behalten, und es mußte mich wundern, wie geduldig der Freiherr Eure Schmähungen hinnahm.« »Das ist's ja eben, das ist's!« schrie der Fechtmeister und sein Knebelbart begann bedenklich heftig zu zittern. »Das hat mich aus der Spelunke getrieben, deßwegen nahm ich Reißaus vor mir selbst. Das – das – Roland, mein Vormann.« »Ich versteh' Euch nicht, Meister.« »Nicht, nicht? Wie solltet Ihr auch; aber ich will's Euch erklären. – Seht, junger Mann, wenn Ihr so alt geworden sein werdet, wie ich bin, so werdet Ihr's auch erfahren. Es gibt wenig völlig gesunde Bäume im Wald, wenig Rosse ohne Fehler, wenig Klingen ohne Makel und kaum einen Mann, der die Vierzig überschritten hat, und dem nicht irgend ein Wurm in der Brust sitzt. Der eine nagt leicht, der andere quält mit scharfem Biß, und meiner – meiner... Wollt Ihr einen Blick hier hinein thun?« Der Fechtmeister schlug sich bei diesen Worten auf die breite Brust und fuhr, ohne die Antwort seines Gefährten abzuwarten, lebhaft fort: »Ihr kennt mich und mein Leben, Herr Wilhelm. Was thu' ich, was treib' ich? 's ist lauter ritterlich Werk. – Mein Dasein ist auf das Schwert gestellt. Kennt' Ihr einen besseren Degen oder eine sicherere Hand als die hier? Gehorchen mir meine Soldaten? Hab' ich mein Leben geschont im Kampfe vor den rothen Mauern und Thürmen dahinten? Nein, bei meinem Vormanne Roland, nein, nein und tausendmal nein!« »Wer spricht Euch das ab, Meister Allerts? Aber sagt, was meint Ihr mit Eurem Ruf: ›Roland, mein Vormann‹?« »Ein anderes Mal, Wilhelm; jetzt sollt Ihr mich nicht unterbrechen. Hört vielmehr zu Ende, wo mir der Wurm steckt. Noch einmal also: Was ich auch thu' und treibe, ist ritterlich Werk, und dennoch, wenn so ein Wibisma, der von meinem Vater lernte, den Degen zu brauchen, mir übel begegnet und mir die Galle erregt, und ich ließ' es mir beikommen, was doch mein Recht war', ihn vor die Klinge zu fordern, was würd' er thun? Lachen würd' er und fragen: ,Was kostet der Gang, Herr Fechtmeister Allerts? Habt Ihr auch geschliffene Rapiere?' Vielleicht sagt er gar nichts, und wie er sich dabei benimmt, das haben wir eben gesehen. Sein Blick ist wie ein Aal an mir vorbeigeschlüpft, und er hatte Wachs in den Ohren. Ob ich ihn schelte oder ein Köter ihn ankläfft, das gilt ihm gleichviel. Wäre nur vorhin ein Renneberg oder Brederode an meiner Stelle gewesen, wie schnell würde da dem Wibisma der Degen aus der Scheide geflogen sein, denn er versteht zu fechten und ist nicht feige. Aber ich, – ich? Niemand läßt sich gern in's Antlitz schlagen, doch so wahr mein Vater ein braver Mann war, auch der wüsteste Schimpf trägt sich leichter als die Empfindung, für zu gering geachtet zu werden, um einen Schimpf anthun zu können. Seht, Wilhelm, als der Glipper an mir vorbeisah...« »Da verlor der Bart seine Ruhe.« »Ihr habt gut scherzen, Ihr wißt nicht –« »Doch, doch, Herr Allerts; ich verstehe Euch wohl.« »Und Ihr begreift auch, warum ich mich selbst und den Degen so schnell in's Freie brachte?« »Vollkommen; doch bitte, haltet jetzt einen Augenblick mit mir an. Die Tauben da drin flattern so ängstlich; sie begehren nach Luft.« Der Fechtmeister brachte seinen Hengst zum Stehen und fragte, wahrend Wilhelm das triefende Tuch von dem kleinen Käfig, welcher zwischen ihm und dem Halse des Pferdes stand, aufhob: »Wie kann sich ein Mann mit derlei sanften Thierlein befassen. Wollt Ihr nun schon einmal gefiedertem Volk zu Gefallen der Frau Musika die Zeit schmälern, so zähmet Falken, dieß ist ein ritterlich Handwerk, und ich kann es Euch lehren.« »Laßt meine Tauben in Frieden,« entgegnete Wilhelm. »Sie sind nicht so fromm wie man meint, und in manchem Krieg, der doch gewißlich ein ritterlich Spiel ist, haben sie sich nützlich erwiesen. Denkt nur an Haarlem. – Da beginnt es schon wieder zu gießen. Wenn nur mein Mantel nicht gar so knapp geschnitten wäre; ich deckte ihn gern über die Tauben.« »Ihr seht freilich darin aus wie Goliath im Gewand des David.« »Es ist mein Schülermantel; meinen andern legte ich gestern dem jungen Wibisma auf die Schultern.« »Dem spanischen Grünspecht?« »Ich erzählte Euch ja schon von dem Geraufe der Buben.« »Wohl, wohl. Und der Grasaff' behielt Euren Mantel?« »Ihr holtet mich ab und wolltet nicht warten. Sie haben ihn wohl bald nach unserem Aufbruch zurückgeschickt.« »Und die gnädigen Herren erwarten noch Dank, weil der Junker ihn annahm!« »Nein, nein; der Freiherr sprach erkenntliche Worte.« »Aber die machen Euer Kräglein nicht länger. Nehmt meinen Mantel, Wilhelm. Ich habe keine Tauben zu schützen, und meine Haut ist dichter als Eure.« Siebentes Kapitel. Dem ersten Regentage folgte ein zweiter und dritter. Weißlicher Nebel und grauer Dunst hingen über den Wiesen. Der kalte und feuchte Nordwestwind trieb schweres Gewölk zusammen und verfinsterte den Himmel. Aus den Regengossen an den steilen Dächern von Leyden stürzten kleine Bäche in die Straßen; das Wasser in den Grachten und Kanälen trübte sich und schwoll dem Rande des Ufers entgegen. Ohne Gruß eilten triefende und frierende Männer und Frauen an einander vorüber, während das Storchenpaar sich in seinem Neste dichter aneinander drängte und des warmen Südens gedachte, die vorschnelle Heimkehr in die kühle und feuchte niederländische Ebene beklagend. In besorgten Gemüthern wuchs die Furcht vor dem was kommen mußte. Wie auf den Feldern die jungen Halme, so ließ der Regen in den Herzen vieler Bürger die Angst rasch wachsen. In manchen Bierstuben wurden Gespräche geführt, die nichts weniger als hoffnungsvoll klangen, – in anderen konnte man gar den Widerstand Narrheit schelten oder laut zum Abfall von der Sache des Prinzen und der Freiheit auffordern hören. Wer in diesen Tagen zu Leyden ein fröhliches Antlitz zu sehen wünschte, der konnte lange vergeblich suchen, und am letzten durfte er es wohl im Hause des Bürgemeisters van der Werff zu finden erwarten. Drei Tage waren nun seit dem Aufbruch des Herrn Peter vergangen, ja, der vierte näherte sich seiner Mitte, und noch war der Bürgemeister nicht heimgekehrt, noch war den Seinen kein Gruß, kein erklärendes Wort geworden. Frau Maria hatte das Kleid von hellblauem Tuch mit den Mechler Spitzen in dem viereckigen Ausschnitt am Halse angezogen, denn in diesem Gewände sah ihr Gatte sie besonders gern, und heute mußte er ja heimkehren. Den Goldlackzweig an der Brust hatte sie von dem blühenden Stocke im Fenster ihrer Kammer geschnitten, und Barbara war ihr bei der Ordnung des vollen Haars behülflich gewesen. Es fehlte nur noch eine Stunde am Mittag, als die zarte, schlanke Gestalt der jungen Frau mit einem weißen Staubtuch in der Hand in das Arbeitsgemach des Bürgemeisters trat. Hier stellte sie sich zunächst an das Fenster, von dem der strömende Regen in vielfach gekrümmten Schlangenlinien herniedertroff, drückte die Stirn an die Scheibe und schaute in die ausgestorbene Straße nieder. Zwischen den glatten rothen Ziegeln des Pflasters stand das Wasser. In schweren Holzschuhen klapperte ein Lastträger vorüber, eine Magd eilte, vermummt in ihr Kopftuch, rasch dahin, ein Schusterbub' sprang, ein Paar hoher Stiefel über den Rücken gehängt, von Pfütze zu Pfütze und vermied sorgsam die trockenen Stellen; – kein Reiter erschien. Es war fast unheimlich still im Haus und auf der Straße; sie vernahm nichts als das Rauschen des Regens. Ehe Hufschlag sich hören ließ, durfte Maria ihren Mann nicht erwarten; auch spähte sie nicht in die Ferne – sie träumte nur in die Gasse und den unaufhörlichen Regen hinaus. Das Zimmer war für den durchnäßten Mann, dessen Heimkehr erwartet wurde, vorsorglich geheizt, aber durch die Fensterritzen traf Maria der kalte Luftzug. Sie fröstelte, und als sie sich in die halbdunkle Stube zurückzog, wollte es ihr scheinen, als müßte es immer so dämmerig bleiben, als könnte es gar keine hellen Tage mehr geben. Minuten vergingen, bis sie sich erinnerte, zu welchem Zweck sie das Zimmer betreten. Nun fuhr sie mit dem Tuche über den Schreibtisch, die aufgehäuften Papiere und was das Zimmer sonst noch enthielt. Zuletzt näherte sie sich den Pistolen, welche Peter nicht mit auf die Reise genommen. Ueber den Waffen hing in ziemlicher Höhe das Bildniß der verstorbenen ersten Gattin ihres Mannes. Dieses war der säubernden Hand weit dringender bedürftig als die Gewehre, denn Maria hatte sich bis jetzt immer gescheut, es zu berühren. Heute faßte sie ein Herz, stellte sich ihm gegenüber und schaute unverwandt in die jugendlichen Züge der Frau, mit welcher Peter glücklich gewesen war. Sie fühlte sich wie gebannt von den braunen Augen, die ihr aus dem freundlichen Antlitz entgegenschauten. Ja, die Frau da oben sah zufrieden, fast übermüthig zufrieden aus. Wie viel mehr mochte Peter wohl seinem ersten Weibe gewährt haben als ihr? Dieser Gedanke schnitt ihr in's Herz, und ohne die Lippen zu regen, richtete sie eine Reihe von Fragen an das stumme Bildniß, welches immer gleich sicher und heiter aus dem schlichten Rahmen auf sie herniederschaute. Einmal war es ihr, als hätten die vollen Lippen des Gemäldes gezuckt, einmal, als hätte es die Augen bewegt. Ein kaltes Frösteln durchschauerte ihr Blut, sie begann sich zu fürchten, aber sie konnte sich doch nicht von dem Bilde trennen. Mit weit geöffneten Augen schaute sie aufwärts. Sie regte sich nicht, und ihr Athem begann schneller zu gehen. Jetzt schien sich ihr Blick zu schärfen. Auf der hohen Stirn der verstorbenen Eva lag ein Schatten. Hatte der Maler mit ihm eine sie bedrückende Sorge darstellen wollen, oder war das, was sie sah, nur Staub, der sich auf die Farbe gesetzt hatte? Sie zog einen Stuhl zu dem Bilde heran und stellte den Fuß auf den Sitz. Dabei verschob sich ihr Kleid. Erröthend, als blickten noch andere als gemalte Augen zu ihr hernieder, zog sie es schamhaft über den weißen Strumpf und erstieg dann mit einer schnellen Bewegung vollends den Stuhl. Jetzt stand sie Auge in Auge dem Bilde gegenüber. Das Tuch in der leise bebenden Hand Maria's fuhr über Eva's Stirn und wischte den Schatten von dem rosigen Fleische. Nun wehte sie den Staub von dem Rahmen und der Leinwand und bemerkte die Beischrift des Künstlers, dem das Bildniß seinen Ursprung verdankte. »Artjen von Leyden« nannte er sich, und seine sorgsame Hand hatte mit peinlicher Genauigkeit auch das kleinere Beiwerk nachgebildet. Die silberne Kette mit den blauen Türkisen an dem vollen Halse da oben, die kannte sie wohl. Peter hatte ihr dieselbe als Bräutigamsgabe geschenkt, und sie war mit ihr vor den Altar getreten; aber das Kreuzchen von Diamanten, welches in ihrer Mitte hing, hatte sie niemals gesehen. Die goldene Schnalle an Eva's Gürtel gehörte ihr seit ihrem letzten Geburtstage, – doch sie war übel verbogen, und die stumpfen Zähne konnten nur noch schwer den starken Bandstoff durchbohren. »Sie hat das Alles bekommen, solange es noch neu war,« sagte sie sich. »Der Schmuck! Was frag' ich nach dem! Aber das Herz, das Herz – wie viel Liebe hat sie in Peter's Herzen übrig gelassen?!« Sie wollte es nicht, aber sie vernahm diese Worte immer wieder vor ihrem inneren Ohre, und sie mußte sich fest zusammennehmen, um nicht zu weinen. »Käme er nur, wollt' er nur kommen!« rief es laut in ihrer schwer geängstigten Seele. Da öffnete sich, ohne daß sie es bemerkte, die Thür. Barbara trat über die Schwelle und rief leise, mit freundlichem Vorwurf ihren Namen. Maria schrak zusammen und bat erröthend: »Bitte, reiche mir die Hand; ich möchte hinunter. Da bin ich schon fertig. Dieser Staub ... es war eine Schande.« Als sie wieder auf dem Fußboden stand, sagte die Wittwe: »Wie rothe Wangen Du hast! Hör', liebe Schwägerin, höre mich, Kind –!« Barbara ward mitten in ihrer Mahnung unterbrochen, denn der Klopfer fiel hart auf die Hausthür, und Maria eilte an's Fenster. Die Wittwe folgte ihr und rief nach einem schnellen Blick auf die Straße: »Das ist Wilhelm Corneliussohn, der Musiker. Er war in Delft. Ich weiß es von seiner Mutter. Vielleicht bringt er Nachricht von Peter. Ich schick' ihn Dir hinauf, aber erst soll er mir unten erzählen, was er mitbringt. Wenn Du mich brauchst, so findest Du mich bei Lieschen. Sie ist heiß und die Augen thun ihr weh; es gibt einen Ausschlag oder ein Fieber.« Barbara verließ das Zimmer. Maria drückte die Hände an die brennenden Wangen und ging langsam auf und nieder, bis es klopfte und der Musiker zu ihr hereintrat. Nach der Begrüßung fragte die junge Frau eifrig: »Und Ihr habt meinen Gatten in Delft gesehen?« »Ja wohl, Frau Bürgemeisterin,« entgegnete Wilhelm, »vorgestern Abend.« »So theilt mir doch mit –« »Gleich, gleich. Ich bringe Euch einen ganzen Sack voll Grüße. Erstlich von Eurer Frau Mutter.« »Sie befindet sich wohl?« »Wohl und munter. Auch der würdige Doktor Groot ist frisch auf den Beinen.« »Und mein Mann?« »Den fand ich beim Doktor. Herr Groot läßt Euch alles Schönste und Beste sagen. Gestern und vorgestern ward bei ihm musizirt. Er hat immer das Neueste, das aus Italien kommt, und als wir hier diese Motette –« »Nachher, Herr Wilhelm! Erst sollt Ihr mir sagen, was Euch mein Gatte –« »Der Herr Bürgemeister kam im Auftrage des Prinzen zu dem Doktor. Er war in Eile und konnte nicht bis zum Beginn des Gesanges verweilen. Es ging ganz vortrefflich. Wegen der Tabulatur macht Euch keine Sorgen. Wenn Ihr nur mit Eurer herrlichen Stimme – « »Ich bitte Euch, Meister Wilhelm!« »Nein, werthe Frau, Ihr dürft Euch nicht weigern. Herr Groot sagt, Ihr hattet in Delft als Mädchen den Tenor wie keine Andere gehalten, und wenn Ihr, wenn die edle Frau von Nordwyk und ferner wenn Herrn van Aken's älteste Tochter –« »Aber lieber Meister,« rief die Bürgemeisterin mit wachsender Ungeduld, »ich frage jetzt nicht nach Euren Motetten und Tabulaturen, sondern nach meinem Gemahl.« Wilhelm schaute der jungen Frau halb erstaunt, halb erschrocken in's Antlitz. Dann schüttelte er, lächelnd über sein Ungeschick, den Kopf und sagte mit gutmüthig-reuiger Stimme: »Verzeiht mir, bitte, 's ist einmal so, daß uns auch Kleines überwichtig erscheint, wenn es uns eben die Seele erfüllt. Euren Ohren muß ja ein Wort über den fernen Gatten lieblicher klingen als all' meine Musik. Das hätte ich freilich eher bedenken sollen. Nun also: der Bürgemeister ist wohlauf und hat viel mit dem Prinzen verhandelt. Bevor er gestern Vormittag nach Dortrecht aufbrach, gab er mir auch dieses Briefchen an Euch und trug mir auf, es mit den schönsten Grüßen in Eure Hände zu legen.« Der Musiker überreichte bei diesen Worten Maria ein Schreiben. Sie nahm es ihm schnell aus der Hand und sagte: »Nichts für ungut, Herr Wilhelm, aber über Eure Motette reden wir morgen oder wann es Euch sonst beliebt; jedoch heute –« »Heute gehört Eure Zeit diesem Brieflein,« unterbrach sie Wilhelm. »Das ist nicht mehr als natürlich. Der Bote hat seinen Auftrag erfüllt, und der Musikmeister wird ein anderes Mal sein Glück mit diesen Noten bei Euch versuchen.« Sobald der junge Mann sich entfernt hatte, begab sich Maria in ihre Kammer, setzte sich dort an das Fenster nieder, öffnete mit fliegenden Händen das Schreiben ihres Gatten und las: »Meine liebe und getreue Hausfrau! »Meister Wilhelm Corneliussohn von Leyden wird Dir diesen Brief überbringen. Ich bin wohl, aber es ist mir sauer geworden, Dich an unserem Hochzeitstag zu verlassen. Das Wetter ist sehr schlecht. Ich habe den Prinzen in tiefer Bekümmerniß gefunden, aber wir geben die Hoffnung nicht auf, und wenn der liebe Gott uns beisteht und Jeder seine Schuldigkeit thut, so kann Alles noch gut werden. Ich muß heute nach Dortrecht reiten. Was mir dort zu bewirken obliegt, ist wichtig. Gedulde Dich, denn es können noch mehrere Tage vergehen bis zu meiner Heimkehr. »Wenn der Rathsbote anfragt, so übergib ihm die Papiere, welche auf dem Schreibtisch ganz rechts unter der kleineren Bleitafel liegen. Grüße Barbara und die Kinder. Wenn es an Geld gebricht, so bitte den Rathssekretär van Hout in meinem Namen um den Rest meines Guthabens; er weiß schon. – Wenn Du Dich einsam fühlst, so besuche sein Weib oder die Frau von Nordwyk; sie würden es gern sehen. Kaufet ein an Mehl und Butter und Käse und geräuchertem Fleisch, soviel es nur angeht. Man weiß nicht, was kommt. Laß Dir von Barbara rathen! »Deines Gehorsams gewärtig in Treue Dein Ehegemahl Peter Adrianssohn van der Werff.« Maria las diesen Brief erst schnell, dann zum andern Male langsam und Satz für Satz zu Ende. Enttäuscht, betrübt, verletzt faltete sie ihn zusammen und zog – sie wußte selbst nicht, warum – den Goldlackzweig aus dem Ausschnitt ihres Kleides und warf ihn in den Torfkasten neben dem Kamin. Dann öffnete sie ihre Truhe und nahm aus derselben ein sauber geschnitztes Kästchen, stellte es auf den Tisch, öffnete es und legte das Schreiben ihres Gatten hinein. Nachdem dies schon längst seinen Platz bei anderen Papieren gefunden, stand Maria noch immer vor der Schatulle und blickte nachdenklich auf ihren Inhalt. Endlich legte sie die Hand an den Deckel, um sie zu schließen; aber sie zauderte und griff nach einem Päckchen Briefe, welches unter einigen goldenen und silbernen Pathenthalern, bescheidenen Schmucksachen und einer vertrockneten Rose auf dem Boden des Kästchens gelegen hatte. Darauf zog sie einen Stuhl an den Tisch, setzte sich und begann zu lesen. Sie kannte diese Schreiben gut genug. Ein edler, vielversprechender Jüngling hatte sie an ihre Schwester, seine Braut, gerichtet. Sie waren aus Jena datirt, wohin er gegangen war, um seine Studien in der Rechtswissenschaft zu vollenden. Aus jedem Wort sprach die inbrünstige Sehnsucht des Liebenden, aus jeder Zeile die Leidenschaft, welche das Herz des Schreibenden erfüllt hatte. Manchmal erhob sich die Prosa des jungen Gelehrten, der als Schüler des Doktor Groot seine Braut in Delft liebgewonnen hatte, als sie kaum den Kinderjahren entwachsen, zu hohem Schwunge. Maria sah, während sie las, vor ihrem innern Auge Jakoba's liebliches Antlitz und ihres Bräutigams schönes Schwärmergesicht. Sie erinnerte sich an die fröhliche Hochzeit der Beiden, an ihres Schwagers unbändigen, mit allen Gaben verschwenderisch ausgestatteten Freund, welcher ihm, um sein Brautführer zu sein, nach Holland gefolgt war und der ihr beim Abschied die Rose gereicht hatte, welche dort vor ihr in dem Kästchen lag. Wie mit der seinen hatte ihre Stimme mit keiner andern zusammen geklungen, so dichterisch geschmückte Reden hatte sie aus keinem zweiten Munde vernommen, so leuchtende Augen wie die des jungen Thüringer Edelmanns hatten nie wieder in die ihren geschaut. Nach der Hochzeit war Georg von Dornburg heimwärts und das junge Paar nach Haarlem gezogen. Von dem Fremden hatte sie nichts wieder vernommen, und ihre Schwester und der Gatte derselben sollten bald auf ewig verstummen. Wie die meisten Bewohner Haarlems fanden sie bei der Einnahme dieser edlen, unglücklichen Stadt durch die spanischen Würger den Tod. Nichts war ihr von der geliebten Schwester geblieben, als ein treues Gedenken an sie und die Briefe ihres Bräutigams, welche sie nun in der Hand hielt. Aus ihnen sprach Liebe , sprach die rechte, hohe Liebe, welche mit Engelszungen zu reden und Berge zu versetzen weiß. Da lag ihres Gatten Brief. Aermliches Schreiben! Sie scheute sich, es noch einmal zu öffnen, als sie die lieben Andenken in den Kasten zurücklegte, und doch hob sich ihre Brust, da sie an Peter dachte. Sie wußte auch, daß sie ihn liebte und daß sein treues Herz ihr gehörte. Aber sie war nicht zufrieden, sie war nicht glücklich, denn er hatte für sie nur leidenschaftliche Zärtlichkeit oder väterliche Güte, und sie wollte anders geliebt sein. Die Schülerin, ja die Freundin des gelehrten Groot, die im Verkehr mit hochgebildeten Männern herangewachsene junge Frau, die begeisterte Patriotin fühlte, daß sie ihrem Gatten mehr, weit mehr zu gewähren im Stande sei, als er von ihr begehrte. Uebersprudelnde Empfindungen und hochtrabende Worte hatte sie nie von dem ernsten, auf kräftiges Handeln gestellten Manne erwartet, wohl aber, daß er Alles, was sich Hohes und Edles in ihr regte, verstehen und daß er ihr gestatten würde, sein Streben zu theilen und die Genossin seiner Empfindungen und Gedanken zu werden. Daß es anders gekommen, lehrte sie wieder der dürftige Brief, welchen sie heute empfangen. Er war ein treuer Freund ihres Vaters gewesen, der nun nicht mehr unter den Lebenden wandelte. Auch ihr verstorbener Schwager hatte sich mit der Begeisterung der Jugend an den älteren und voll ausgereiften Freiheitskämpfer van der Werff geschlossen. Wenn er mit Maria von Peter gesprochen hatte, so war es in Ausdrücken der wärmsten Bewunderung und Liebe geschehen. Bald nach dem Hingang ihres Vaters und dem gewaltsamen Tode des jungen Paares war Peter nach Delft gekommen, und als er ihr dort seine Theilnahme kundgab und ihr tröstend zusprach, that er es mit kräftigen, innigen Worten, an die sie sich wie an einen rettenden Anker in der Noth ihres Herzens halten konnte. Der wackere Leydener kam immer häufiger nach Delft und war dann stets der Gast des Groot'schen Hauses. Wenn dort die Männer berathend zusammensaßen, durfte Maria die Gläser füllen und ihren Verhandlungen beiwohnen. Die Reden flogen hin und her und wollten ihr oft weder klar noch weise erscheinen; aber was van der Werff sagte, war stets verständig, und ein Kind konnte dabei seine schmucklosen, kräftigen Worte verstehen. Wie ein Eichbaum unter schwanken Weiden kam er ihr vor. Sie wußte um viele seiner mit schwerer Lebensgefahr verbundenen Reisen im Dienste des Prinzen und der Freiheit des Landes und erwartete ihren Ausgang klopfenden Herzens. Mehr als einmal war ihr damals der Gedanke gekommen, es müsse schön sein, sich von diesem sicher schreitenden Mann auf starken Armen durch's Leben tragen zu lassen, und er streckte ihr denn auch diese Arme entgegen, und sie folgte so stolz und glückselig seinem Verlangen, wie ein Knappe, den der König ruft, um ihn zum Ritter zu schlagen. Jetzt dachte sie an diese vergangene Zeit, und wie lebhaft trat ihr jede Hoffnung, mit der sie ihm nach Leyden gefolgt war, vor die Seele! Ihr Neuvermählter hatte ihr keinen Maimond, aber einen guten Sommer und Herbst an seiner Seite verheißen. Jetzt mußte sie dieses Gleichnisses gedenken, und wie so ganz andere Dinge, als sie erwartet, hatte ihr die Vereinigung mit ihm bis heute geboten! Sturm, Unruhe, Kampf, ein ewiger Wechsel von schwerer Arbeit und Uebermüdung, das war sein Leben, das war das Dasein, zu dem er sie an seine Seite gerufen, ohne auch nur den Willen zu zeigen, ihr irgend einen Antheil an seinen Mühen und Sorgen zu gewähren. So durfte, so konnt' es nicht fortgehen. Alles, was ihr in ihrem Elternhause schön und lieblich erschienen war, – hier ging es zu Grunde. Musik und Dichtung, die ihr Gemüth in der Heimat erhoben, seine Gespräche, die ihren Geist entwickelt hatten, – hier waren sie nicht zu finden. Barbara's freundlicher Sinn konnte diese verlorenen Güter nimmer ersetzen; für ihres Gatten volle Liebe hätte sie sie alle hingegeben – aber wie war es um diese Liebe bestellt? Mit bitteren Empfindungen stellte sie das Kästchen in die Truhe zurück und folgte dem Rufe zur Mahlzeit. Sie fand an der großen Tafel nur Adrian und die Dienstboten, denn Barbara wachte bei Lieschen. So öde, so vereinsamt, so unnütz war sie sich noch niemals vorgekommen wie heute. Was sollte sie hier? Barbara waltete in Küche und Keller, und sie – sie stand ihrem Manne bei der Erfüllung seiner Pflichten gegen Stadt und Staat nur im Wege. So dachte sie, als der Klopfer wiederum an die Hausthür schlug. Sie trat an's Fenster. Es war der Arzt. Lieschen war kränker geworden, und sie, ihre Mutter, hatte nicht einmal nach der Kleinen gefragt. »Die Kinder, die Kinder!« murmelte sie vor sich hin; ihre erschlafften Züge belebten sich, und es ward lichter in ihrer Seele, als sie sich sagte: »Ich habe Peter gelobt, sie zu halten, als ob es meine eigenen wären, und ich will erfüllen, was ich auf mich genommen habe.« Freudig erregt trat sie in das dämmerige Krankenzimmer und zog die Thür schnell hinter sich zu. Doktor Bontius schaute sich mit einem verweisenden Blicke nach ihr um, und Barbara sagte: »Leise, leise! Lieschen schläft eben ein wenig.« Maria näherte sich dem Bette; aber der Heilkünstler wies sie zurück und fragte: »Habt Ihr schon die Frieseln gehabt?« »Nein.« »So dürft Ihr das Zimmer nicht wieder betreten. Wo Frau Barbara pflegt, da bedarf es keiner weiteren Hülfe.« Die Bürgemeisterin entgegnete nichts und trat in die Hausflur zurück. Das Herz war ihr so schwer – so namenlos schwer. Sie fühlte sich wie ein Fremdling im Haus ihres Gatten. Es drängte sie in's Freie, und als sie ihr Kopftuch umgenommen hatte und die Treppe hinunterstieg, wollte ihr der Ledergeruch, welcher aus den Ballen im Lagerräume zu ebener Erde aufstieg, und den sie früher kaum wahrgenommen hatte, unerträglich erscheinen. Sie sehnte sich zu ihrer Mutter, zu den Delfter Freunden und in ihr stilles, lustiges Elternhaus zurück. Zum ersten Male wagte sie es, sich unglücklich zu nennen, und während sie mit niedergeschlagenen Augen dem Winde entgegen durch die Straßen hinschritt, wehrte sie sich vergebens gegen eine geheimnißvolle, finstere Macht, welche sie zwang. Alles sorglich herauszuspüren, was anders gekommen war, als sie gehofft hatte. Achtes Kapitel. Nachdem der Musiker das Haus des Bürgemeisters verlassen, begab er sich zu der Vase des jungen Herrn Matenesse van Wibisma, um seinen Mantel zu holen, denn derselbe war nicht zu ihm zurückgebracht worden. Er pflegte nicht sonderlich viel auf seine Kleidung zu geben, aber es war ihm doch lieb, daß der Regen die Leute im Haus hielt, denn der ausgewachsene Umwurf auf seiner Schulter hatte ein gar zu wenig gefälliges Ansehen. Und Wilhelm mußte auch, wie er da ging und stand, nichts weniger als wohlhäbig erscheinen; denn in dem weiten und stattlichen Vorfall des alten Fräuleins van Hoogstraten empfing ihn der Hausmeister Belotti so herablassend, als ob er ein Bittsteller wäre. Uebrigens zog der Neapolitaner, in dessen Munde das kräftige Holländisch wie das Röcheln eines erkälteten Sängers klang, schnell andere Saiten auf, als ihm Wilhelm in gutem Italienisch ruhig den Zweck seines Kommens erklärte. Ja, das abweisende Wesen des Dieners zerschmolz vor den lieblichen Klängen seiner Muttersprache in wohlwollendes und lebhaftes Entgegenkommen. Er schickte sich auch an, mit Wilhelm über seine Heimat zu reden, aber der Musiker gab ihm kurzen Bescheid und forderte ihn zum andern Mal auf, seinen Mantel zu holen. Belotti führte ihn nun höflich in ein Kabinet an der Seite des großen Vorsaals, nahm ihm den Mantel ab und stieg dann die Treppe hinan. Als Minute auf Minute und endlich eine volle Viertelstunde verging und weder Diener noch Mantel erscheinen wollten, verlor der junge Mann die nicht leicht zu erschütternde Geduld, und der in Blei gefaßten Scheibe, auf welche seine Finger kräftig trommelten, drohte ernste Gefahr, als die Thür sich endlich öffnete. Wilhelm bemerkte dies wohl, doch hämmerte er mit verdoppelter Heftigkeit weiter, um dem Italiener recht deutlich zu Zeigen, daß die Zeit ihm lang werde. Aber er zog die Finger schnell von dem Glase zurück, denn hinter ihm sagte eine klangvolle Mädchenstimme in vortrefflichem Holländisch: »Seid Ihr mit Eurem Kriegsliede zu Ende, mein Herr? Belotti bringt Euren Mantel.« Wilhelm hatte sich umgewandt und schaute dem jungen Edelfräulein, welches ihm dicht gegenüberstand, verwirrt und sprachlos in's Antlitz. – Diese Züge waren ihm nicht fremd, und doch: die Jahre machen selbst eine Göttin nicht jünger, und sterbliche Menschentöchter wachsen in die Höhe und werden nicht kleiner; die Dame aber, welche er vor sich zu sehen gemeint, die er in der ewigen Roma gar wohl gekannt und nie und nimmer vergessen hatte, war älter und größer gewesen als das Fräulein, welches ihr so sonderbar gleich sah und das geringes Gefallen an dem erstaunten und dabei forschenden Blick des jungen Mannes zu finden schien. Mit einer stolzen Bewegung winkte sie dem Hausmeister und sagte auf Italienisch: »Geben Sie dem Herrn da seinen Mantel zurück, Belotti, und sagen Sie ihm, ich sei gekommen, um ihn wegen Ihrer Vergeßlichkeit« um Entschuldigung zu bitten.« Henrika von Hoogstraten wandte sich bei diesen Worten der Thür zu, Wilhelm aber folgte ihr mit zwei raschen Schritten und rief: »Nicht doch, nicht doch, edles Fräulein! Es ist an mir, mich zu entschuldigen. Aber wenn Euch jemals eine Aehnlichkeit in Erstaunen versetzt hat – « »Nur nicht anderen Leuten ähnlich sehen!« rief das Mädchen mit einer abweisenden Geberde. »Ach, Fräulein, und dennoch...« »Laßt, laßt das,« unterbrach ihn Henrika in so gereiztem Tone, daß der Musiker sie verwundert ansah. »Ein Schaf sieht aus wie das andere und unter hundert Bauern haben zwanzig das gleiche Gesicht. Alle Dutzendwaare ist billig.« Sobald Wilhelm Gründe vorbringen hörte, gewann er die ihm eigene ruhige Haltung zurück und entgegnete bescheiden: »Aber die Natur bildet doch auch das Schönste zu Paaren. Denkt an die Augen im Angesicht der Madonna.« »Ihr seid katholisch?« »Kalvinisch, edles Fräulein.« »Und der Sache des Prinzen ergeben?« »Sagt lieber, der Sache der Freiheit.« »Daher das Getrommel des Kriegsliedes.« »Es war zuerst eine sanfte Gavotte, aber die Ungeduld hat das Taktmaß beschleunigt. Ich bin Musiker, Fräulein.« »Aber doch wahrscheinlich kein Trommler. Die armen Scheiben!« »Sie sind ein Instrument wie ein anderes, und beim Spielen sucht unsereiner das zum Ausdruck zu bringen, was er gerade empfindet.« »So nehmt meinen Dank, daß Ihr die Scheiben nicht in Stücke geschlagen.« »Das würde nicht schön gewesen sein, Fräulein, und die Kunst hört auf, wo das Unschöne anfängt.« »Haltet Ihr das Lied, welches da in Eurem Mantel gesteckt hat, – es war auf die Erde gefallen und Nico nahm es auf – für schön oder unschön?« »Dies hier oder das andere?« »Das Geusenlied mein' ich.« »Es ist wild, aber so wenig unschön wie das Brausen des Sturms.« »Es ist widerwärtig, roh und empörend.« »Ich nenne es derb und von hinreißender Kraft.« »Und diese andere Weise?« »Erlaßt mir das Urtheil; ich habe sie selbst gesetzt. Ihr versteht Noten zu lesen, edles Fräulein?« »Ein wenig.« »Und hat mein Versuch Euch mißfallen?« »Das nicht, aber ich finde weinerliche Stellen in diesem Choral wie in all' den kalvinischen Liedern.« »Es kommt darauf an, wie man sie vorträgt.« »Sie sind ja für die Krämer- und Waschfrauenstimmen in euren Bethäusern berechnet.« »Jedes Lied, wenn es nur wahr empfunden ist, wird den Seelen einfacher Leute, welche es singen, Flügel verleihen; und was sich aus dem tiefsten Grunde des Herzens zum Himmel aufschwingt, das kann dem lieben Gott, an den es sich ja wendet, schwerlich mißfallen. Und dann –« »Nun?« »Und wenn diese Noten werth sind, erhalten zu bleiben, so mag es wohl kommen, daß einmal ein Chor ohnegleichen –« »Sie Euch vorsingen wird, meint Ihr?« »Nein, Fräulein; sie haben ihre Bestimmung erfüllt, wenn sie überhaupt einmal in edler Weise zum Vortrage kommen. Wohl möchte ich dabei nicht fehlen, aber dieser Wunsch tritt weit hinter den ersten zurück.« »Wie bescheiden!« »Ich glaube den besten Genuß beim Schaffen vorweg genommen zu haben.« Henrika sah den Künstler mit Theilnahme an und sagte darauf mit einem weicheren Ausdruck in der klangvollen Stimme: »Es thut mir leid um Euch, Meister. Warum soll ich es leugnen, Eure Weise gefällt mir; sie spricht an vielen Stellen zum Herzen, aber wie wird man sie in euren Kirchen verunstalten! Eure Ketzerei verdirbt jede Kunst. Die Werke der großen Maler sind euch ein Greuel, und der edlen Musika, welche doch hier in den Niederlanden erblüht ist, wird es bald nicht besser ergehen.« »Ich meine das Gegentheil glauben zu dürfen.« »Mit Unrecht, Meister, mit Unrecht, denn wenn eure Sache siegt, was die Jungfrau verhüten möge, so gibt es in Holland bald nichts weiter als Waarenlager, Werkstätten und nackte Predigthäuser, aus denen man zuletzt auch noch Gesang und Orgel verbannt.« »Mit nichten, Fräulein. Das kleine Athen ward erst zur Heimat der Künste, nachdem es im Krieg gegen die Perser seine Freiheit gesichert.« »Athen und Leyden,« entgegnete sie höhnisch. »Eulen gibt es freilich auf dem Pankratiusthurm. Aber wo finden wir die Minerva?« Während Henrika diese Worte mehr lachte als sprach, wurde zum dritten Male von einer kreischenden Frauenstimme ihr Name gerufen. Nun unterbrach sie sich mitten im Satze und sagte: »Ich muß gehen. Diese Noten behalt' ich.« »Ihr ehrt mich, wenn Ihr sie annehmt, und würdet Ihr mir wohl gestatten, Euch auch andere zu bringen?« »Henrika!« rief es wiederum von der Treppe, und das Fräulein erwiederte rasch: »Gebt Belotti getrost was Ihr wollt, aber bald, denn ich bleibe hier nicht mehr lange.« Wilhelm schaute Henrika nach. Sie ging nicht weniger schnell und selbstbewußt durch die weite Vorhalle und die Treppe hinauf, als sie gesprochen hatte, und wiederum dachte er lebhaft an seine Freundin aus Rom. Auch der alte Italiener war Henrika mit den Augen gefolgt. Als sie bei der letzten Wendung der breiten Treppe verschwand, zuckte er die Achseln, wandte sich dem Musiker zu und sagte mit dem Ausdruck redlicher Theilnahme: »Es thut nicht gut mit dem Fräulein. Immer nur Sturm; immer wie eine geladene Pistole und dabei der schreckliche Kopfschmerz! Sie war anders, als sie hieher kam.« »Das Fräulein ist leidend?« »Meine Dame will es nicht wahr haben,« entgegnete der Diener. »Aber was wir sehen, die Cameriera und ich, das sehen wir. Bald roth – bald blaß, in der Nacht keine Ruhe, bei Tisch kaum einen Hühnerflügel und ein Blättchen Salat.« »Der Arzt theilt Eure Besorgniß?« »Der Arzt? Doktor Fleuriel ist nicht mehr hier. Er siedelte, als die Spanier heranzogen, nach Gent über, und seitdem duldet die Gnädige nur noch den Barbier, welcher ihr zur Ader läßt. Die Herren Doktoren hier hängen dem Prinzen von Oranien an und sind allesammt Ketzer. Da wird schon wieder gerufen. Den Mantel schick' ich in Euer Haus, und wenn es Euch einmal gelüstet, in meiner Sprache zu reden, so klopft nur hier an. – Dies Rufen – dies ewige Rufen! Auch das Fräulein leidet darunter.« Als Wilhelm auf die Straße trat, tröpfelte es nur noch leise. Das Gewölk begann sich zu zerstreuen und aus einem Stück blauen Himmels schien die Sonne blendend und stechend in die Nobelstraße nieder. Ein Regenbogen schimmerte farbenbunt über den Dächern, aber der Musiker hatte heute keine Augen für dies anmuthige Schauspiel. Das helle Licht in der nassen Straße freute ihn nicht. Die scharfen Strahlen des Tagesgestirns hatten doch keine Dauer, denn »sie zogen Regen«. Was ihn umgab, wollte ihm unordentlich und unruhig erscheinen. Neben ein schönes Bild, das er im Allerheiligsten seiner Erinnerungen aufbewahrte, um nur in den besten Stunden dem rückwärts schauenden Geist zu gestatten, bei ihm zu verweilen, wollte sich ein anderes drängen. Sein echter Diamant war in Gefahr, mit einem Steine vertauscht zu werden, dessen Werth er nicht kannte. In die alte, reine Harmonie mischte sich störend eine andere in ähnlicher, aber doch von ihr abweichender Tonart. Wie konnte er noch Isabella's gedenken, ohne sich an Henrika zu erinnern! Wenigstens hatte er das Fräulein nicht singen hören, und so war die Erinnerung an Isabella's Lieder ungetrübt geblieben. Er tadelte sich selbst, weil er, einer Regung der Eitelkeit folgend, der stolzen, spanisch gesinnten Dame verheißen hatte, ihr neue Lieder zu senden. Dem Herrn Matenesse van Wibisma war er um seiner Gesinnung willen schroff entgegengetreten, aber an Die, welche verlachte, was er hoch hielt, wollte er sich drängen, weil sie ein Weib, und weil es doch süß war, sein Schaffen von schönen Lippen loben zu hören. »Herakles wirft die Keule fort und setzt sich an den Rocken, wenn Omphale winkt, und die schöne Esther und des Herodes Tochter –« murmelte Wilhelm unwillig vor sich hin. Er fühlte sich schwer beunruhigt und es zog ihn in sein stilles Giebelzimmer neben dem Taubenschlage. »Es ist ihm Unerfreuliches in Delft widerfahren,« dachte der Vater. »Warum wollen ihm heute die gebratenen Butten nicht munden?« fragte die Mutter, als er mit ihnen die Mahlzeit theilte. Jeder fühlte, daß ihn, den Stolz und Liebling des Hauses, etwas bedrücke, aber man bemühte sich nicht, das Was und Wie zu erkunden; denn man kannte die Stimmungen, denen er zuweilen halbe Tage lang unterworfen war. Nachdem Wilhelm seine Tauben gefüttert hatte, begab er sich auf sein Zimmer. Hier ging er anfangs unruhig auf und nieder. Dann ergriff er die Geige und verschlang alle Lieder, welche er aus Isabella's Munde vernommen hatte, in eins. So schmelzend und dann wieder so wild und stürmisch hatte sein Spiel selten geklungen, und seine Mutter, welche es in der Küche hörte, drehte den Quirl schneller und schneller, stieß ihn dann in den fest gebundenen Teig und murmelte, während sie die Hände mit der Schürze abrieb, vor sich hin: »Wie das jammert und jauchzt! Wenn's ihm die Seele erleichtert, in Gottes Namen; aber die Därme sind theuer und zwei Saiten wird es wenigstens kosten.« Gegen Abend war Wilhelm gehalten, an der Uebung des Schützenkorps, zu dem er gehörte, theilzunehmen. Sein Fähnlein war bestimmt, am Hoogewoort'schen Thore Wache zu halten. Als er mit demselben durch die Nobelstraße zog, hörte er aus einem offenen Fenster im Hoogstraten'schen Hause den tiefen und reinen Gesang einer Frau. Er lauschte hinauf, und als er schaudernd bemerkte, wie sehr Henrika's Stimme – denn nur das Fräulein konnte die Sängerin sein – derjenigen Isabella's glich, befahl er dem Tambour, die Trommel zu schlagen. Am folgenden Morgen erschien ein Knecht aus dem Hoogstraten'schen Hause und übergab Wilhelm einen Zettel, auf dem er in kurzen Worten aufgefordert wurde, um zwei Uhr Nachmittags, nicht früher und nicht später, in der Nobelstraße zu erscheinen. Er wollte nicht »ja« –, er konnte nicht »nein« sagen und befand sich zu rechter Zeit am Platze. In dem Kabinet neben der Hausflur erwartete ihn Henrika. Sie sah ernster aus als gestern und tiefere Schatten unter ihren Augen und das hohe Roth ihrer Wangen erinnerten Wilhelm an Belotti's Besorgniß für ihre Gesundheit. Nachdem sie seinen Gruß erwiedert, sagte sie unvermittelt und schnell: »Ich muß Euch sprechen. Nehmet Platz. Kurz und bündig! Die Art und Weise, in der Ihr mich gestern begrüßtet, hat eigene Gedanken in mir erweckt. Ich muß einer andern Frau sehr ähnlich sehen, und Ihr seid ihr in Italien begegnet. Vielleicht denkt Ihr an Eine, welche mir nahe steht, und deren Spur ich verloren habe. Antwortet mir redlich, denn ich frage nicht ans eitler Neugier. Wo trafet Ihr sie?« »In Lugano. Wir fuhren mit demselben Vetturin nach Mailand, und später habe ich sie in Rom wiedergefunden und monatelang täglich mit ihr verkehrt.« »Dann kennt Ihr sie also genau. Findet Ihr, nachdem Ihr mich zum zweiten Male gesehen, die Aehnlichkeit immer noch überraschend?« »Ueberraschend auf's Höchste.« »Ich muß also eine Doppelgängerin haben. Ist sie hier zu Hause?« »Sie nannte sich eine Italienerin, aber sie verstand holländisch, denn sie hat oft in meinen Büchern geblättert und ist den Gesprächen gefolgt, welche ich mit jungen Malern aus unserer Heimat führte. Ich glaube, sie ist eine Deutsche aus edlem Hause,« »Also eine Abenteurerin. Und ihr Name?« »Isabella; – aber es ist, sollte ich meinen, Niemand berechtigt gewesen, sie eine Abenteurerin zu heißen.« »War sie vermählt?« »Es lag etwas Frauenhaftes in ihrer majestätischen Erscheinung, doch hat sie niemals von einem Gatten gesprochen. Die alte Italienerin, ihre Duenna, nannte sie stets Donna Isabella, aber sie hat von ihrer Vergangenheit schwerlich bessere Kenntniß besessen als ich.« »Das heißt gute oder schlechte?« »Keine, edles Fräulein.« »Und was trieb sie in Rom?« »Sie übte die Kunst des Gesanges, in der sie Meisterin war. Aber sie hörte nicht auf zu lernen und hat in Rom große Fortschritte gemacht. In der Wissenschaft des Kontrapunkts war es mir gestattet, sie zu unterweisen.« »Und sie trat öffentlich als Sängerin auf?« »Ja und nein. Ein hoher fremder Prälat war ihr Gönner, und seine Empfehlung öffnete ihr alle Thüren, auch die Palestrina's. So wurden ihr denn bei Kirchengesängen hervorragende Partieen übertragen, und sie weigerte sich auch nicht, in vornehmen Kreisen zu singen, aber um goldenen Lohn ist sie niemals aufgetreten. Ich weiß es, denn sie ließ sich von keinem Andern als von mir begleiten. Mein Spiel war ihr genehm, und so bin ich durch sie in viele hohe Häuser gekommen.« »War sie reich?« »Nein, Fräulein. Sie besaß schöne Kleider und glänzenden Schmuck, doch war sie gezwungen, sich einzuschränken. Ueber Florenz kamen ihr von Zeit zu Zeit Geldsendungen zu, aber die Goldstücke glitten rasch durch ihre Finger, denn ob sie auch bescheiden wohnte und sich wie ein Vogel nährte, obgleich ihre zarte Gesundheit kräftigere Kost gefordert haben würde, war sie doch bis zur Unklugheit verschwenderisch, wenn sie arme Künstler in Noth sah, und sie kannte die meisten von ihnen, denn sie scheute sich nicht, in meiner Begleitung mit ihnen beim Weine zu sitzen.« »Mit Malern und der Musik beflissenen Männern?« »Lauter Künstlern von hoher Gesinnung. Zu Zeiten that sie es allen zuvor an übersprudelnder Laune.« »Zu Zeiten?« »Ja, nur zu Zeiten, denn sie hatte auch schwere, beklagenswerth schwere Stunden und Tage, aber wie an einem Apriltag Sonnenschein und Regen, so konnten bei ihr Verzweiflung am Dasein und schäumende Lebenslust wechseln.« »Ein seltsames Wesen. Wißt Ihr, wo sie ein Ende genommen?« »Nein, Fräulein. Eines Abends erhielt sie ein Schreiben aus Mailand, das üble Kunde enthalten mußte, und am folgenden Tage war sie ohne Abschied verschwunden.« »Und Ihr habt es nicht versucht, ihr zu folgen?« Wilhelm erröthete und entgegnete befangen: »Mir fehlte das Recht, es zu thun, und kurz nach ihrer Abreise bin ich erkrankt, – zu Tode erkrankt.« »Ihr habt sie geliebt?« »Gnädiges Fräulein, ich muß Euch bitten...« »Ihr habt sie geliebt! Und hat sie Eure Neigung erwiedert?« »Ihr und ich kennen einander seit gestern, Fräulein von Hoogstraten.« »Verzeihet! Aber wenn Ihr meinen Willen achtet, so haben wir uns nicht zum letzten Male gesehen, obgleich meine Doppelgängerin gewiß eine Andere ist als die Dame, an welche ich dachte. Auf Wiedersehen. Ihr hört, das Rufen nimmt wieder kein Ende. Ihr habt Theilnahme für Eure seltsame Freundin in mir erweckt, und ein anderes Mal sollt Ihr mir mehr von ihr erzählen. Nur das noch: Darf sich ein ehrbares Mädchen auch weiter ohne Schimpf über sie mit Euch unterhalten?« »Gewiß, wenn Ihr Euch nicht scheut, über eine edle Dame zu reden, welche keinen andern Beschützer besaß, als sich selbst,« »Und Euch, Euch nicht zu vergessen!« rief Henrika und verließ das Zimmer. Der Musiker ging sinnend nach Hause. War Isabella eine Verwandte des Fräuleins? Er hatte Henrika von ihren äußeren Umständen fast Alles erzählt, was er wußte, und schon das gab dem Fräulein vielleicht dasselbe Recht, welches sich Viele zu Rom genommen, sie eine Abenteurerin zu nennen. Dies Wort that ihm weh, und Henrika's Frage, ob er die Fremde liebe, beunruhigte ihn und wollte ihm zudringlich und unziemlich erscheinen. Ja, er war von tiefer Leidenschaft für sie ergriffen gewesen; ja, er hatte es schwer ertragen, ihr nicht mehr zu sein, als ein guter Gesell und zuverlässiger Freund. Es hatte ihm Kämpfe genug gekostet, seine Empfindungen vor ihr zu verbergen, und er wußte, daß er ohne die Furcht vor Zurückweisung und Spott dennoch unterlegen wäre und sich ihr offenbart haben würde. Alte Herzenswunden brachen jetzt wieder auf, und er gedachte der Zeit, in der sie plötzlich und ohne Abschied Rom verlassen hatte. Nachdem er eine schwere Krankheit nothdürftig überwunden, war er bleich und flügellahm in die Heimat zurückgekehrt, und es hatte langer Monde bedurft, ehe er die rechte Freude an seiner Kunst wiederfinden konnte. Anfänglich hatte die Erinnerung an sie nichts als Bitterkeit in sich geschlossen, nun aber war er in stillem, beharrlichem Ringen dahin gelangt, wenn auch nicht zu vergessen, so doch die herben Empfindungen von der reinen und köstlichen Lust der Erinnerung an sie zu sondern. Heute wollte der alte Kampf von Neuem beginnen, aber er war nicht gesonnen, sich zu ergeben, und er ließ nicht ab, sich Isabella's Bild in seiner ganzen Herrlichkeit vor die Seele zu rufen. Henrika ging tief erregt zu ihrer Base zurück. War die Abenteurerin, von der Wilhelm gesprochen, das einzige Wesen, welches sie mit der ganzen Innigkeit ihrer feurigen Seele liebte? War Isabella ihre verlorene Schwester? Viel sprach dagegen, aber es war doch immerhin möglich. Sie zermarterte sich selbst mit Fragen, und je weniger Ruhe die Base ihr ließ, desto unerträglicher wurde der Kopfschmerz, desto deutlicher fühlte sie, daß das Fieber, gegen dessen erschlaffende Gewalt sie seit Tagen ankämpfte, sie überwältigen werde. Neuntes Kapitel. Am Abend des dritten Tages, welcher Wilhelm's Unterredung mit Henrika folgte, führte ihn der Weg durch die Nobelstraße, an dem Hoogstraten'schen Hause vorüber. Ehe er es erreicht hatte, sah er zwei Herren, denen ein Knecht eine Laterne vorantrug, über den Fahrdamm auf dasselbe zuschreiten. Wilhelm wurde aufmerksam. Jetzt faßte der Diener den Thürklopfer. Das Licht seiner Laterne traf der Männer Gesicht. Beide waren ihm nicht unbekannt. Der kleine, zierliche Alte mit dem spitzen Hut und dem kurzen schwarzen Sammetmantel war der Abbé Picard, ein muntrer Pariser, welcher vor zehn Jahren nach Leyden gekommen war und in den wohlhabenden Häusern der Stadt französischen Unterricht ertheilte. Er war auch Wilhelm's Lehrer gewesen, aber des Musikers Vater, der Rathssteuereinnehmer, wollte von dem witzigen Abbé nichts wissen; denn er sollte sein geliebtes Frankreich wegen eines unsauberen Handels verlassen haben, und Herr Cornelius witterte in ihm einen spanischen Spion. Der andere Herr, ein mittelgroßer Graukopf von ungewöhnlicher Körperfülle, der viel Tuch zu seinem mit Pelz verbrämten Ueberwurf brauchte, war Signor Lamperi, der Vertreter des großen italienischen Handelshauses Bonvisi in Antwerpen, welcher alljährlich mit den Störchen und Schwalben auf einige Wochen in Geschäften nach Leyden zu kommen pflegte, und in jeder Trinkstube als unerschöpflicher Erzähler von munteren Possen ein hochwillkommener Gast war. Zu diesen Beiden gesellte sich, ehe sie das Haus betraten, ein dritter Herr, dem zwei Diener Laternen vorantrugen. Ein weiter Mantel umschloß seine hohe Gestalt, und auch er stand an der Schwelle des Greisenalters und war kein Fremder für Wilhelm, denn der päpstliche Monseigneur Gloria, welcher häufig aus Haarlem nach Leyden kam, war ein Gönner der edlen Tonkunst und hatte den jungen Musiker, als er seine Reise nach Italien antrat, trotz seines ketzerischen Glaubens mit werthvollen Empfehlungsbriefen versehen. Wilhelm setzte seinen Weg fort, als sich die Hausthür hinter den drei Herren schloß. Der Hausmeister Belotti hatte ihm gestern gesagt, daß ihm das junge Fräulein recht leidend zu sein scheine, aber da die alte Dame Gäste empfing, mußte sich ihre Nichte doch wohl besser befinden. Das erste Stockwerk des Hoogstraten'schen Hauses war diesen Abend hell erleuchtet, im zweiten drang nur aus einem Fenster ein milder, stetiger Lichtschein in die Nobelstraße, aber die, für welche er leuchtete, saß mit fieberhaft glühenden Augen unruhig neben einem schwerfälligen Tische und drückte die Stirn auf die Marmorplatte desselben. Henrika befand sich ganz allein in dem weiten, überhohen Raum, den ihre Base ihr zur Wohnung angewiesen. Hinter Vorhängen von starkem vergilbtem Brokatstoff stand ihre Bettstatt, ein schweres Gebäu von ungeheurer Breite. Auch das übrige Geräth war groß und von abgeriebener Pracht. Jeder Stuhl, jeder Tisch sah aus, als wäre er einem außer Gebrauch gestellten Festsaal entnommen. Es fehlte nichts Nöthiges in diesen: Saale, aber er war dennoch nichts weniger als heimlich und wohnlich, und Niemand wäre wohl auf den Gedanken gekommen, daß ein junges Mädchen hier hause, hätte nicht eine große vergoldete Harfe an der langen, hartgepolsterten Ruhebank neben dem Kamin gelehnt. Henrika's Haupt glühte, aber die Füße wollten ihr auf dem buntgegipsten Estrich, den kein Teppich bedeckte, erstarren, obgleich sie den Unterkörper mit einem Tuche umwickelt hatte. Kurze Zeit nachdem die drei Herren in das Haus ihrer Base getreten waren, stieg eine Frauengestalt die Treppe hinauf, welche aus dem ersten in das zweite Stockwerk führte. Henrika's überreizte Sinne bemerkten die leisen Tritte der Atlasschuhe und das Rauschen der seidenen Schleppe lange bevor die Nahende das Zimmer erreicht hatte, und sie richtete sich schneller athmend in ganzer Höhe auf. Jetzt öffnete eine dürre Hand, ohne zuvor geklopft zu haben, die Thür und das alte Fräulein von Hoogstraten schritt gerade auf ihre Nichte zu. Die betagte Dame war einmal schön gewesen, jetzt und in dieser Stunde bot sie indessen einen seltsamen und unerfreulichen Anblick dar. Der gebeugte, hagere Körper war in ein langes Schleppgewand von schwerer rosenrother Seide gekleidet. Das kleine Haupt verschwand in der Halskrause, einem Spitzengebäu von ungeheurer Höhe und Breite. Ueber der fahlen Haut, die der Brustausschnitt sehen ließ, hingen lange Ketten von Perlen und funkelnden Edelsteinen, und über den kunstreichen rothblonden venetianischen Löckchen schwebte ein mit Straußfedern aufgeputzter Wulst von hellblauem Sammet. Ein starker Duft von wohlriechenden Essenzen wehte ihr voran. Sie mochte diesen selbst als überkräftig empfinden; denn der große, schillernde Fächer in ihrer Hand blieb in steter Bewegung und gerieth in heftige Schwingungen, als Henrika auf ihr kurzes »Schnell, schnell!« ein entschiedenes »Nein, ma tante ,« antwortete. Die alte Dame ließ sich indessen durch diese Weigerung nicht irre machen, sondern wiederholte ihr »Schnell, schnell!« nur entschiedener und fügte ihm als Begründung gewichtig hinzu: »Der Monseigneur ist gekommen und will Dich hören.« »Viel Ehre,« entgegnete das Mädchen, »viel Ehre, aber wie oft soll ich's wiederholen: Ich komme nicht!« »Darf man fragen, warum nicht, meine Schönste?« fragte die Greisin. »Weil ich für Deine Gesellschaft nicht tauge,« rief Henrika heftig, »weil der Kopf mich schmerzt und die Augen mir brennen, weil ich heute nicht singen kann und weil – weil – weil –. Ich beschwöre Dich, laß mich in Frieden.« Die Alte ließ den Fächer sinken und fragte kühl: »Hast Du vor zwei Stunden gesungen – ja oder nein?« »Dann ist es also nicht schlimm mit dem Kopfschmerz und Denise wird Dich ankleiden.« »Wenn sie kommt, so schick' ich sie fort. Als ich vorhin nach der Harfe griff, that ich's, um den Schmerz fortzusingen. Es hat auf einige Minuten geholfen, aber nun hämmert es doppelt heftig hier oben.« »Ausflüchte.« »Glaube, was Du magst. Uebrigens: Wenn ich mich auch in dieser Stunde wohler fühlte, als ein Eichhörnchen im Walde, ich ginge doch nicht wieder zu Deinen Herren hinunter. Ich bleibe hier. Nun weißt Du's. Ich bleibe hier. Mein Wort darauf, und ich bin eine Hoogstraten wie Du.« Henrika hatte sich erhoben, und aus ihren Augen leuchtete ein unheimliches Feuer ihrer Drängerin entgegen. Die alte Dame ließ den Fächer schneller spielen, und ihr weit vorspringendes Kinn wankte. Dann sagte sie kurz: »Dein Wort in Ehren. Also nicht! Also nicht!« »Gewiß nicht,« rief das Mädchen mit unehrerbietiger Bestimmtheit. »Jeder hat seinen Willen,« erwiederte die Greisin und wandte sich der Thür zu. »Was zu bunt ist, ist zu bunt. Dein Vater wird Dir's nicht danken.« Mit diesen Worten nahm Fräulein von Hoogstraten ihren langen Schlepprock auf und näherte sich der Thür. Dort blieb sie stehen und blickte sich noch einmal fragend nach Henrika um. Diese bemerkte das Zaudern ihrer Base recht wohl, aber sie wandte ihr geflissentlich und ohne die versteckte Drohung einer Erwiederung zu würdigen, den Rücken. Sobald die Thür sich geschlossen hatte, sank das Mädchen auf den Stuhl zurück, drückte die Stirn auf die Marmorplatte und ließ sie dort lange ruhen. Dann erhob sie sich so rasch und heftig, als ob sie einem dringenden Rufe folgte, schlug den Deckel ihrer Truhe zurück, schleuderte Strümpfe, Mieder und Schuhe, die ihr im Wege lagen, in weiten Bogen auf den Estrich hin und erhob sich erst wieder, nachdem sie einige Bogen Schreibpapier gefunden, welche sie im Schloß ihres Vaters zu ihren übrigen Sachen gelegt hatte. Als sie sich aus der knieenden Stellung erhob, erfaßte sie ein Schwindel, aber sie hielt sich auf den Füßen, trug erst die weißlichen Blätter nebst einem Notenbuche und dann das große Schreibzeug, welches schon seit mehreren Tagen in ihrem Zimmer stand, auf den Tisch und setzte sich dann neben demselben nieder. Tief in den Sessel gelehnt, begann sie zu schreiben. Das Buch, welches ihr als Pult diente, lag auf ihrem Knie, das Papier auf dem Buche. Knirschend und stockend zog der Gänsekiel große und steile Lettern über die weiße Fläche. Henrika war nicht ungeübt im Schreiben, aber es mußte ihr heute unsäglich schwer werden, denn ihre hohe Stirn befeuchtete sich leise, ihr Mund war von bitterem Weh verzogen, und so oft sie wenige Zeilen vollendet hatte, schloß sie die Augen oder trank mit gierigen Zügen aus dem Wasserkruge, welcher neben ihr stand. Es war ganz still in dem großen Zimmer, aber manchmal wurde die Ruhe, welche sie umgab, von eigenthümlichen Geräuschen und Tönen unterbrochen, welche aus dem unter ihrem Gemach gelegenen Speisesaal zu ihr hinaufdrangen. Gläsergeläut, scharfes Gekicher, lautes tiefes Gelächter, einzelne Takte aus einem lockeren Liebesliede, Vivatrufen und dann der schrille Ton eines muthwillig zertrümmerten Glases drangen vereinzelt und durcheinanderklingend zu ihr hinauf. Sie wollte das Alles nicht hören, aber sie hörte es doch und biß entrüstet die weißen Zähne zusammen. Dabei kam die Feder doch nicht völlig zur Ruhe. Was sie in dieser Stunde schrieb, waren abgebrochene oder lange, bis zur Unverständlichkeit verschlungene Sätze ohne innern Zusammenhang. Hier klafften Lücken, dort wiederholten sich einzelne Worte zweimal und dreimal. Das Ganze glich einem Brief, den eine Irrsinnige geschrieben, und dennoch sprach ans jeder Zeile, aus jedem Federzuge der gleiche mit leidenschaftlicher Sehnsucht hervorgestoßene Wunsch: Fort von hier! Fort von dieser Frau und aus diesem Hause! Ihrem Vater galt die Anrede. Sie bat ihn, sie endlich von hier zu befreien, sie abzuholen oder holen zu lassen. Der Oheim Matenesse van Wibisma, sagte sie, scheine ein träger Bote zu sein; er habe früher wohl selbst Gefallen an den Abenden der Base gefunden, die sie, Henrika, mit Ekel erfüllten. Sie würde ihrer Schwester nach in die Welt hinauslaufen, wenn der Vater sie hier zu bleiben nöthigte. Dann begann sie mit einer Schilderung der Base und ihres Treibens. Das Bild der Tage und Nächte, welche sie bei dem alten Fräulein nun schon seit Wochen verlebte, stellte ein Gemisch von kleinen und großen Leiden, äußerlich und innerlich herabwürdigenden Anforderungen in grellen, wüsten Zügen dar. Wie heute, so ward da unten nur zu oft gezecht und gekichert; aber nicht bloß das – Henrika hatte sich stets zu den Gästen der Base, älteren, ausgelassenen Herren von italienischer oder französischer Herkunft und leichten Sitten, gesellen müssen. Während sie diese Konventikel beschrieb, stieg das Blut voller in ihre ohnehin gerotteten Wangen und die langen Federstriche wurden dabei größer und größer. Was der Abbé erzählte und die Tante belachte, was der Italiener herausschrie und der Monseigneur schmunzelnd mit einem leisen Kopfschütteln verdammte, war so schamlos frech, daß sie sich besudelt hätte durch die Wiederholung. War sie ein ehrbares Mädchen oder war sie es nicht? Lieber hungern und dursten, als solchem Gelage noch einmal beiwohnen. Wenn der Speisesaal leer war, so wurde anderes Unerhörtes von Henrika gefordert, denn dann war die Base, welche es nicht aushalten konnte, auch nur einen Augenblick allein zu sein, krank und elend, und sie mußte sie pflegen. Daß sie Leidende gern und willig bediene, so schrieb sie, das habe sie an den Blatterkindern im Dorfe zur Genüge bewiesen, aber wenn die Base den Schlaf nicht finde, so müsse sie bei ihr wachen, ihr die Hand halten und bis zum Morgen zuhören, wie sie bald jammere, winsele und bete, bald sich selbst und die verrätherische Welt verwünsche. Sie, Henrika, sei stark und kräftig in dies Haus gekommen, aber so viel Ekel, Ingrimm und Ueberwindung hätten sie um die Gesundheit gebracht. Bis um Mitternacht hatte das Mädchen geschrieben. Immer undeutlicher waren die Buchstaben, immer ungleichmäßiger und krummer die Zeilen geworden und bei den letzten Worten: »Mein Kopf, mein armer Kopf! Ihr werdet sehen, ich komme um den Verstand. O bitte, ich bitte Euch, lieber und strenger Herr Vater, nehmt mich nach Hause. Ich habe auch wieder etwas gehört, das sich auf Anna...« trübten sich ihre Augen, die Feder sank ihr aus der Hand und sie fiel besinnungslos in den Sessel zurück. So blieb sie liegen, bis das letzte Lachen und Gläsergeklirr unter ihr vertönt war und die Gäste ihrer Base das Haus verlassen hatten. Denise, die Cameriera, bemerkte das Licht im Zimmer des jungen Fräuleins. Sie trat ein und rief, nachdem sie sich vergeblich bemüht hatte, Henrika zu erwecken, die Herrin. Diese folgte der Zofe und murmelte, während sie die Treppe hinanstieg: »Eingeschlafen, Langeweile, – nichts weiter! Unten bei uns wäre man munter geblieben und hätte gelacht. Schwerfälliges Blut! 'Leute von Butter', sagt König Philipp. Der tolle Lamperi war heute von einer Unart, und der Abbé hat Dinge gesagt – Dinge –« Aus den großen Augen der Greisin blitzte der Wein und der Fächer flog hin und her, um die Glut ihrer Wangen zu kühlen. Jetzt stand sie Henrika gegenüber. Sie rief sie an, schüttelte sie und bespritzte sie aus der großen, in Gold gefaßten Perle, welche als Riechfläschchen an ihrem Gürtel hing, mit stark duftendem Wasser. Als ihre Nichte trotzdem nur unverständliche Worte murmelte, befahl sie der Zofe, den Arzneikasten zu holen. Denise hatte sich entfernt und nun bemerkte das Fräulein den Brief Henrika's, führte ihn nah an die Augen, durchlas mit wachsender Entrüstung Seite für Seite, warf ihn endlich zu Boden und versuchte dann ihre Nichte wachzuschütteln; aber vergebens. Inzwischen war der Hausmeister Belotti von der schweren Erkrankung Henrika's unterrichtet worden, und weil derselbe dem jungen Fräulein zugethan war, schickte er auf eigene Hand zu einem Arzte und ließ auch, an Stelle des ausgewiesenen Seelsorgers des Hauses, den Kaplan Damianus rufen. Dann begab er sich in das Zimmer der Kranken. Noch ehe er die Schwelle übertreten, rief ihm die alte Dame in höchster Erregung entgegen: »Belotti, was sagen Sie nun, Belotti? Krankheit im Hause, vielleicht ansteckende Krankheit, vielleicht gar die Pest.« »Es scheint nur ein Fieber zu sein,« entgegnete der Italiener beruhigend. »Kommen Sie, Denise, wir tragen das Fräulein zusammen auf's Bett. Der Arzt wird bald kommen.« »Der Arzt?« rief die alte Dame und schlug mit dem Fächer auf die Marmorplatte des Tisches. »Wer hat Euch gestattet, Belotti ...« »Wir sind Christen,« unterbrach sie der Diener nicht ohne Würde. »Ganz wohl, ganz wohl,« rief die Greisin. »Thut, was Ihr wollt, ruft, wen Ihr mögt, aber hier kann Henrika nicht bleiben. Ansteckung im Hause, die Pest, eine schwarze Tafel.« »Eccellenza beunruhigen sich ganz ohne Noth. Hören wir doch erst den Ausspruch des Arztes.« »Ich will ihn nicht hören, ich mag nicht die Pest und die Blattern. Ihr geht sogleich hinunter, Belotti, und laßt die Sänfte rüsten. Im Hinterhause steht das alte Kavalierzimmer leer.« »Aber, Eccellenza, es ist dumpf und so feucht, daß die Nordwand mit Schimmel bedeckt ist.« »So laßt es lüften und reinigen. Was soll dies Zaudern bedeuten? Ihr habt zu gehorchen. Versteht Ihr mich, Herr?« »Das Kavalierzimmer taugt nicht für die kranke Nichte meiner gnädigen Herrin,« entgegnete Belotti höflich, aber entschieden. »Nicht? Und das wißt Ihr genau?« fragte das Fräulein höhnisch. »Geh' hinunter, Denise, und laß die Sänfte herausbringen. Habt Ihr noch etwas zu sagen, Belotti?« »Ja, Padrona,« entgegnete der Italiener mit bebender Stimme. »Ich bitte Eccellenza, mich zu entlassen.« »Aus dem Dienst zu entlassen?« »Mit Eccellenzas Erlaubniß, ja; – aus dem Dienst.« Die Greisin zuckte zusammen, drückte beide Hände fest an den Fächer und sagte: »Ihr seid empfindlich, Belotti.« »Nein, gnädige Dame, aber ich bin alt und fürchte mich vor dem Unglück, in diesem Hause einmal zu erkranken.« Das Fräulein zuckte die Achseln und rief, indem sie sich an die Cameriera wandte: »Die Sänfte, Denise. Ihr seid entlassen, Belotti.« Zehntes Kapitel. Der Nacht, in welcher Leid und Krankheit in das Hoogstraten'sche Haus eingezogen war, folgte ein herrlicher Morgen. Den Störchen wurde es wieder wohl in Holland, und mit lautem, frohem Geklapper flogen sie in die Wiesen hinaus, über denen die Sonne hell erglänzte. Es war ein Tag, wie ihn das Ende des April manchmal den Menschen beschert, gleichsam als wollt' er ihnen zeigen, daß sie seinem vielbesungenen Nachfolger, dem Mai, zu große, ihm selbst aber zu geringe Ehren erweisen. In seinem Hause, des darf der April sich rühmen, wird der Frühling geboren, und sein blühender Erbe stärkt nur die Kraft und entfaltet die Schönheit des Lenzes. Es war Sonntag, und wer an einem solchen in Holland bei Glockenklang auf sonnigen Wegen durch blumenreiche Wiesen, auf denen bunte Rinder ohne Zahl, wollige Schafe und müßige Rosse weiden, dahinwandelt und Bauern in sauberem Staat, Bäurinnen mit zierlichem blink- und blankem Goldblech unter schneeweißen Spitzenhauben, feiernden Bürgern in buntem Putz und schulfreien Kindern begegnet, dem mag es leicht scheinen, als ob auch die Natur ein Feierkleid trüge und in hellerem Grün, lichterem Blau und reicherem Blumenbunt schöner glänzte als an den Werktagen. Frohe Sonntagsstimmung erfüllte wohl auch die Bürger, welche heute zu Fuß, in großen überfüllten Holzwagen oder auf dem Rhein in bunt bemalten Booten in's Freie fuhren, um bei Landbrod, gelber Butter und frischem Käse, bei Milch und kühlem Bier die freien Stunden des Ruhetages mit Weib und Kind auszugenießen. Der Musiker Wilhelm hatte sein Orgelspiel in der Kirche längst beendet, aber er war nicht mit seinen Altersgenossen in's Freie gewandert, denn er benützte an solchen Tagen die Ruhestunden gern zu weiteren Reisen, bei denen sein Schuhwerk ganz außer Spiel blieb. Sie führten ihn auf windesschnellen Flügeln über die heimische Ebene durch Deutschlands Höhen und Thäler, über die Alpen fort nach Italien. Ein gar günstiges Plätzchen stand ihm für solches Vergessen der Gegenwart und der täglichen Umgebung zu Gunsten vergangener Tage und eines fernen Landes bereit: seine Brüder Ulrich und Johannes, welche gleichfalls Musiker waren und die höhere Begabung ihres Wilhelm neidlos anerkannten und sie weiter ausbilden halfen, hatten während seines Aufenthalts in Italien an der Schmalseite des spitzen Daches ihres väterlichen Hauses eine artig ausgerüstete Kammer für ihn hergerichtet, aus der eine breite Thür auf einen kleinen Altan führte. Hier stand eine hölzerne Bank, auf die sich Wilhelm gern setzte, um dem Flug seiner Tauben. mit dem Blick zu folgen, träumend in die Ferne zu schauen oder wenn er zu künstlerischem Schaffen gestimmt war, den Tönen zu lauschen, welche sich aus seiner Brust an sein inneres Ohr drängten. Ein schöner Rundblick bot sich von dieser höchsten Stelle des freigelegenen Hauses; ja man konnte von ihr ans fast ebenso weit in die Ferne schauen, wie von der Spitze der Burg, dem alten, in der Mitte Leydens gelegenen Römerthurm. Wie eine Spinne im Netz, so lag da Wilhelm's Vaterstadt inmitten der zahllosen Flußarme und Kanäle, welche die Wiesen durchkreuzten. Das rothe, von einem dunklen Wasserstreifen bespülte Ziegelgemäuer des Stadtwalls mit seinen Thürmen und Bastionen umschloß fast so wie ein Stirnband das Haupt eines Mädchens den sauberen Ort; und wie ein Kranz von locker gebundenen Dornen zogen sich Schanzen und Bastionen in einem weiteren, vielfach durchbrochenen Ringe um die Mauer herum. Zwischen den Vertheidigungswerken und der Stadtmauer weideten die Rinderheerden der Bürger, und neben und jenseits derselben erhoben sich Dörfer und Weiler. An diesem klaren Apriltag sah man, wenn man gen Norden schaute, das Haarlemer Meer, im Westen, jenseits des neu ergrünenden Laubdomes des Haager Forstes, mußten die Dünen liegen, welche die Natur zum Schutze des Landes vor den andringenden Wogen aufgethürmt hatte. Fester und uneinnehmbarer stellte sich ihre lange Hügelkette dem Andrang der Flut entgegen, als feindlichen Heeren die Erdwerke und Schanzen von Alfen, Leyderdorp und Volkenburg, die drei hart am Ufer des Rheins gelegenen Forts. Des Rheins! Wilhelm schaute zu dem schmalen und trägen Flusse nieder und verglich ihn mit einem vom Throne gestoßenen König, welcher Macht und Größe verloren hat und sich nun mit den Gütern, die ihm verblieben sind, freundlich bemüht, in kleinem Kreise Segen zu spenden. Der Musiker kannte den herrlichen, ungetheilten deutschen Rhein und folgte ihm oft im Geiste nach Süden, aber weit öfter noch führte ihn sein Träumen mit einem gewaltigen Sprung an den See von Lugano, die Perle des hesperischen Alpenlandes, und wenn er an ihn und das Mittelmeer dachte, so sah er smaragdenes Grün und azurenes Blau und goldenes Licht vor seinem inneren Auge; und in solchen Stunden gestaltete sich Alles, was er dachte, in seiner Brust zu Harmonieen und schöner Musik. Und seine Fahrt, von Lugano nach Mailand! Bescheiden und überfüllt war der Wagen gewesen, welcher ihn in die Stadt Leonardo's geführt hatte, aber er hatte in ihm Isabella. gefunden. Und Rom, Rom, das edle, unvergeßliche Rom, in dem man über sich selbst hinauswächst und zunimmt an Kraft und geistigem Vermögen, so lange man dort ist, und welches uns elend macht vor Sehnsucht, wenn es hinter uns liegt. Am Tiber hatte Wilhelm erst recht erfahren, was Kunst, was seine herrliche Kunst sei; hier war ihm in Isabella's Nähe eine neue Welt aufgegangen, aber über die Herzensblüten, welche sich zu Rom in ihm erschlossen hatten, war ein scharfer Frost gefahren, und er wußte, daß sie verdorben waren und keinerlei Frucht tragen konnten. – Heute jedoch gelang es ihm, sie in ihrer jungen Schönheit vor sein inneres Auge zurückzurufen und statt an die verlorene Geliebte, an die gütige Freundin Isabella zu denken und von einem Himmel zu träumen, so blau wie fester Türkis und leichte Cyanen, von schlanken Säulen und sprudelnden Brunnen, von Olivenhainen und Marmorbildern, von kühlen Kirchenhallen und schimmernden Villen, von feurigen Augen und glühendem Wein, von herrlichen Chören und von Isabella's Gesang. Die Tauben, welche im Schlage neben ihm girrten und glucksten, ausflogen und wiederkehrten, konnten jetzt nach Belieben schalten und walten, denn ihr Pfleger sah und hörte sie nicht. Der Fechtmeister Allertssohn stieg die Leiter zu seiner Warte hinan, aber er bemerkte ihn erst, als er auf dem Altan neben ihm stand und ihn mit seiner tiefen Stimme begrüßte. »Wo sind wir gewesen, Herr Wilhelm?« fragte der Graubart. »In diesem Tuchstoffe webenden Leyden? Nein! Doch wohl bei der Frau Musika selbst auf dem Olympus, wenn anders sie dort ihre Unterkunft hat.« »Richtig gerathen,« entgegnete Wilhelm, indem er mit beiden Händen das Haar von der Stirn strich. »Ich war bei ihr zu Besuch, und sie läßt Euch grüßen.« »So entbietet ihr meinen Gegengruß,« entgegnete der Andere, »aber sie gehört sonst nur von fern zu meinen Bekannten. Meine Kehle paßt besser für den Trank als den Sang. Ihr gestattet?« Der Fechtmeister nahm den Bierkrug, welchen Wilhelm's Mutter täglich frisch zu füllen und in die Kammer ihres Lieblings zu stellen pflegte, und that einen langen Zug. Dann wischte er den Schnurrbart und sagte: »Das hat gut gethan, und es war mir nothwendig. Die Leute wollten hinaus in's Vergnügen und nicht exerzieren, aber wir haben sie gezwungen, der Junker von Warmond, der Duivenvoorde und ich. Wer weiß, wie bald es zu zeigen gilt, was wir können! Roland, mein Vormann, solcher Unverstand ist wie ein Knüppel, gegen den man mit Florentiner Rapieren, mit seinen Terzen und Quarten nicht ankommt. Mir ist der Weizen verhagelt.« »So laßt ihn liegen und seht zu, ob die Gerste und der Klee nicht besser stehen,« entgegnete Wilhelm heiter und warf einer großen Taube, welche sich auf die Brüstung seiner Warte gestellt hatte, Wicken und Weizenkörner hin. »Das frißt, und wofür ist es gut!« rief Allertssohn, welcher der Taube zusah. »Der Herr von Warmond, ein junger Mann nach dem Herzen Gottes, hat mir gerade zwei Falken gebracht; wollt Ihr zusehen, wie ich sie zähme?« »Nein, Hauptmann, ich habe an meiner Musika und meinen Tauben genug.« »Das ist Eure Sache. Der Langhals da ist ein possierlicher Kerl.« »Und was für ein Landsmann mag er wohl sein? Da fliegt er fort zu den anderen. Betrachtet den Burschen ein wenig und dann gebt mir Antwort.« »Fragt das den König Salomo; der stand auf Du und Du mit den Vögeln.« »Seht ihm nur nach, Ihr werdet's schon finden.« »Der Bursche hat einen steifen Hals und trägt den Kopf absonderlich hoch.« »Und der Schnabel?« »Gebogen, fast wie bei den Geiern! Potz Tausend, was geht das Ding mit gespreizten Zehen weitspurig einher! Warte, Bandit! Er hackt Euch noch das kleine Täubchen zu Tode. So wahr ich lebe, der Protz muß ein spanischer Schuft sein!« »Richtig gerathen. Es ist eine spanische Taube. Sie ist mir zugeflogen, aber ich mag sie nicht leiden und jage sie fort; denn ich halte nur wenige Paare von gleicher Art und suche aus ihnen das Beste zu machen. Wer vielerlei Volks in einem Schlage züchtet, der bringt es zu nichts.« »Das gibt zu denken. Aber ich meine, daß Ihr nicht gerade die schönste Gattung erwählt habt.« »Nein, Herr. Was Ihr da seht, ist ein Gemisch von Carrier und Tümmler, die Antwerpener Brieftaubengattung. Bläuliches, röthliches, geschecktes Volk; ich frage nicht nach den Farben, aber kleine Körper und große Flügel mit breiten Fahnen an den Schwungfedern müssen sie haben, und vor allen Dingen tüchtige Muskelkraft. Der da, – wartet, ich fass' ihn, – ist einer von meinen besten Fliegern. Versucht einmal, ihm die Schwinge zu heben.« »Weiß Gott, das kleine Ding hat Mark in den Knochen! Wie es das Flüglein ankneift; die Falken sind nicht viel stärker.« »'s ist auch eine Leittaube, die ihren Weg allein findet.« »Warum haltet Ihr keine weißen Tümmler? Ich sollte doch meinen, daß man sie bei ihrem Fluge am längsten mit den Augen verfolgen könnte.« »Weil es mit den Tauben gerade so geht wie mit den Menschen. Wer recht hell leuchtet und von Weitem gesehen wird, den bedrängen die Widersacher und Neider, und auf weiße Tümmler stößt das Raubzeug zuerst. Ich sage Euch, Meister, wer nur Augen im Kopf hat, der kann in einem Taubenschlag lernen, wie es auf Erden unter Adam und Eva's Nachkommen zugeht.« »Zank und Geschnäbel gibt es hier oben gerade so wie in Leyden.« »Ja, gerade so, Hauptmann. Wenn ich eine alte Taube mit einer viel jüngeren paare, so kommt es nur selten gut aus. Wenn der Tauber verliebt ist, so weiß er dem Schönchen so viel Komplimente zu machen, wie der feinste Galan seiner Holden. Und wißt Ihr auch, was das Schnäbeln bedeutet? Der Werbende füttert sein Liebchen, das heißt, er sucht es mit schönen Geschenken für sich zu gewinnen. Dann kommt die Hochzeit, und sie bauen ein Nest. Gibt es Junge, so füttern sie sie gemeinsam in guter Eintracht. Die vornehmen Tauben brüten nur schlecht, und wir legen ihre Eier gemeineren unter.« »Das sind die Edelfrauen, die für ihre Säuglinge Ammen gebrauchen.« »Ungepaarte Tauben stiften unter den gepaarten oft Unheil.« »Nehmt ein Exempel, junger Mann, und hütet Euch, ein Hagestolz zu werden. Auf die Mädchen zwar, die unvermählt bleiben, lasse ich nichts kommen, ich habe unter ihnen viel liebe, hülfreiche Seelen gefunden.« »Ich auch, doch leider auch schlimme, wie hier im Schlage. Im Ganzen führen meine Pfleglinge glückliche Ehen, aber wenn es zur Trennung kommt –« »Wer von beiden trägt dann die Schuld?« »Unter zehn Malen neunmal das Weibchen.« »Roland, mein Vormann, gerade so wie unter den Menschen,« rief der Fechtmeister und schlug in die Hände. »Was ist das mit Eurem Roland, Herr Allerts, Ihr habt mir neulich versprochen ... aber wer kommt da die Leiter herauf?« »Ich höre Eure Frau Mutter.« »Sie bringt mir einen Besuch. Ich kenn' diese Stimme ... und dennoch. Wartet. Es ist der Hausmeister des alten Fräuleins von Hoogstraten.« »Aus der Nobelstraße? Laßt mich gehen, Wilhelm, denn dieses Glippergesindel –« »Wartet ein wenig, es gibt auf der Leiter nur Platz für Einen,« bat der Musiker und hielt Belotti die Hand hin, um ihn von der letzten Sprosse in seine Kammer zu ziehen. »Spanier und Spaniergenossen,« murmelte der Fechtmeister, ging auf die Thür zu und rief, während er an der Leiter hinabstieg: »Ich warte hier unten, bis die Luft wieder rein ist.« Das hübsche, sonst immer mit äußerster Sorgfalt glatt rasirte Gesicht des Hausmeisters war heute mit Bartstoppeln besät, und der alte Mann sah kummervoll und überwacht aus, als er Wilhelm zu erzählen begann, was sich seit dem vergangenen Abend im Hause seiner Herrin zugetragen. »Wer rasches Blut hat,« sagte der Italiener, indem er seinen Bericht fortsetzte, »den machen die Jahre wohl schwächer, aber nicht ruhig. Ich konnt's nicht mit ansehen, den armen Engel, denn sie ist nicht fern von dem Throne der Jungfrau, wie einen kranken Hund, den man auf den Hof wirft, behandeln zu sehen, und so nahm ich denn meinen Abschied.« »Das macht Euch Ehre, war aber gerade jetzt wenig am Platz. Und hat man denn wirklich das Fräulein in die feuchte Kammer gebracht?« »Nein, Herr. Pater Damianus kam und machte der alten Eccellenza deutlich, was die heilige Jungfrau von einem Christenmenschen erwartet, und als die Padrona dennoch den Willen durchzusetzen versuchte, gab ihr der heilige Mann so scharfe und strenge Worte zu hören, daß sie sich fügte. Jetzt liegt die Signorina mit glühenden Wangen im Bett und redet irre.« »Und wer behandelt die Kranke?« »Um des Arztes willen bin ich eben zu Euch gekommen, lieber Herr, denn den Doktor de Bont, welcher nicht auf sich warten ließ, als ich ihn rief, hat die Eccellenza so übel angelassen, daß er ihr kurz den Rücken wandte und mir an der Hausthür erklärte, er komme nicht wieder.« Wilhelm schüttelte den Kopf, der Italiener aber fuhr fort: »Es gibt ja noch andere Aerzte in Leyden, aber Pater Damianus sagt, de Bont, oder Bontius, wie sie ihn nennen, sei der geschickteste und gewissenhafteste von allen, und weil nun die alte Eccellenza selber um Mittag einen Anfall bekam und gewiß nicht so bald aus dem Bett kann, ist die Bahn wieder frei, und Pater Damianus sagt, er werde zur Noth den Doktor Bontius selbst aufsuchen. Aber weil Ihr doch ein Kind dieser Stadt und der Signorina nicht fremd seid, so wollte ich dem Pater die Abweisung, welche ihm doch wohl bei dem Feind unserer heiligen Kirche bevorsteht, ersparen. Der arme Mann hat ohnehin genug von den unnützen Buben und Spöttern zu dulden, wenn er mit dem Sakrament durch die Stadt geht.« »Ihr wißt, daß es streng untersagt ist, ihn bei Ausübung seines Berufes zu stören.« »Aber er kann sich doch nicht, ohne geneckt zu werden, auf der Straße zeigen. Wir werden Beide die Welt nicht ändern, mein Herr. So lange die Kirche das Heft in der Hand hielt, hat sie euch gebrannt und geviertheilt, und nun ihr hier die Macht habt, werden unsere Priester verfolgt und verhöhnt.« »Gegen das Gesetz und die obrigkeitliche Verfügung.« »Ihr werdet's den Leuten nicht wehren, und Pater Damianus ist ein Lamm, welches Alles geduldig erträgt, ein ebenso guter Christ wie viele Heilige, denen man Kerzen stiftet. Kennt Ihr den Doktor?« »Ein wenig, von Ansehen.« »O, so geht zu ihm, Herr, um des Fräuleins wegen,« rief der alte Mann weich und dringend. »Es liegt in Eurer Hand, ein Menschenleben, ein schönes junges Menschenleben zu retten.« Die Augen des Hausmeisters schimmerten feucht. Wählend Wilhelm ihm die Hand auf den Arm legte und freundlich sagte: »Ich will es versuchen,« rief der Fechtmeister in die Thür: »Euer Konzilium währt mir zu lange. Auf ein anderes Mal!« »Nein, Meister, kommt auf eine Minute herein. Dieser Herr hier ist wegen eines armen, todkranken Mädchens gekommen. Jetzt liegt das hülflose Geschöpf ohne Pflege allein, denn seine Base, das alte Fräulein van Hoogstraten, hat den Doktor de Bont, weil er kalvinisch ist, von ihrem Bette getrieben.« »Von dem Bett des todkranken Mädchens?« »Es ist nichtswürdig genug, nun aber liegt die Alte selber darnieder.« »Bravo, bravo!« rief der Fechtmeister und schlug in die Hände. »Wenn der Gottseibeiuns sich nicht vor ihr fürchtet und sie zu holen begehrt, will ich ihm die Postpferde zahlen. Aber das Mädchen, das kranke Mädchen?« »Der Herr hier bittet mich, de Bont zu bewegen, daß er sie wieder besucht. Ihr seid mit dem Doktor befreundet?« »Ich war es, Wilhelm, ich war es; indessen – am letzten Freitag sind wir wegen der neuen Sturmhauben scharf an einander gerathen, und nun verlangt der gelehrte Halbgott Entschuldigungen von mir, aber zur Retirade blasen, das steht hier nicht geschrieben ...« »O, lieber Herr,« rief Belotti mit rührender Dringlichkeit. »Das arme Kind liegt da ohne Hülfe im höchsten Fieber. Wenn Euch der Himmel selbst mit Kindern gesegnet...« »Ruhig, alter Mann, ruhig,« entgegnete der Fechtmeister und strich Belotti freundlich über das graue Haar. »Meine Kinder gehen Euch zwar nichts an, aber wir thun für die junge Frauensperson, was wir vermögen. Auf Wiedersehen, ihr Herren! Roland, mein Vormann, was man nicht Alles erlebt! Der Hanf ist doch billig in Holland, und solch' ein Unhold wird mitten unter uns so alt wie ein Rabe.« Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinunter. Auf der Straße erwog er mit einem Gesicht, als habe er Wermuth im Munde, die Worte, mit denen er sich bei Doktor Bontius entschuldigen wollte; dazwischen aber lächelten seine Augen und bärtigen Lippen. Sein gelehrter Freund machte ihm die Abbitte leicht, und als Belotti nach Hause kam, fand er den Arzt am Bette der Kranken. Elftes Kapitel. Frau Elisabeth von Nordwyk und die Gattin des Stadtsekretärs van Hout hatten jede für sich die Frau Bürgemeisterin aufgefordert, mit ihnen auf's Land Zu gehen, um den schönen Frühlingssonntag zu genießen, aber die junge Frau war trotz Barbara's Zureden nicht zu bewegen gewesen, ihrer Einladung zu folgen. Hinter ihr lagen seit der Abreise ihres Gatten acht Tage, welche so langsam, wie das brackige Wasser in einem die Wiesen Hollands durchschneidenden Graben dem breiteren Fluß entgegenschleicht, den Weg vom Morgen zum Abend gefunden hatten. Der Schlaf liebt die Ruhestätten der Jugend, und er hatte auch die ihre wieder gefunden, aber mit dem Aufgang der Sonne kehrte das Mißbehagen, die Unruhe und innere Noth zurück, welche der Schlummer freundlich unterbrochen hatte. Sie fühlte, daß es so nicht recht sei, und daß ihr Vater sie getadelt haben würde, wenn er sie so gesehen hätte. Es gibt Frauen, welche sich der rothen Wangen, wie der unbefangenen Freude am Dasein schämen und denen die Empfindung des Leids eine trübselige Lust gewährt. Zu diesen gehörte Marie gewiß nicht. Sie wäre gern glücklich gewesen, und sie ließ nichts unversucht, um die verlorene Freudigkeit des Herzens zurückzuerlangen. Redlich bestrebt, ihre Pflicht zu erfüllen, kehrte sie zu dem Bett des kleinen Lieschens zurück; aber das Kind erholte sich schnell und rief nach Barbara, Adrian oder Trautchen, sobald es sich mit ihr allein sah. Sie versuchte zu lesen, aber die wenigen Bücher, welche sie aus Delft mitgebracht hatte, waren ihr alle bekannt, und ihre Gedanken gingen, ehe sie sich in die alten Schriften versenkt hatten, die eigenen Wege. Wilhelm brachte ihr die neue Motette, und sie versuchte es, sie durchzusingen; aber die Musik verlangt von Denen, welche sich ihrer Gaben zu freuen wünschen, ganze Herzen, und darum versagten ihr, deren Sinn auf ganz andere Dinge gewandt war, Lautenschlag und Gesang, so Trost wie Vergnügen. Wenn sie Adrian bei der Arbeit half, erlahmte ihre Geduld weit früher als sonst. Am ersten Markttag zog sie mit Trautchen aus, um der Anordnung ihres Gatten zu folgen und Einkäufe zu machen, und während sie auf den verschiedenen Plätzen, an denen je eine Gattung von Waaren: hier Fische, da Fleisch, dort Gemüse, feilgeboten wurde, unter die bunte Menge trat und ihr von allen Seiten »Frau Bürgemeisterin, hieher!« und »Frau Bürgemeisterin, ich hab', was Ihr begehret!«, zugerufen wurde, vergaß sie, was sie bedrückte. Mit neu belebtem Selbstbewußtsein prüfte sie Mehl, Hülsenfrüchte und getrocknete Fische und setzte eine Ehre darein, tüchtig zu dingen; Barbara sollte doch sehen, daß sie einzukaufen verstehe. Das Gedränge war groß auf allen Plätzen, denn die städtische Obrigkeit hatte ausrufen lassen, daß jeder Hausstand sich angesichts der drohenden Gefahr an allen Markttagen reichlich mit Vorräthen versorgen möchte; aber der lieblichen jungen Frau des Bürgemeisters machten selbst die gewerbsmäßigen Aufkäuferinnen Platz, und auch das that ihr wohl. Mit heiterem Gesicht und froh, ihr Bestes gethan zu haben, kehrte sie heim und begab sich sogleich zu Barbara in die Küche. Peter's freundlich gesinnte Schwester hatte recht wohl bemerkt, wie schwer bedrückt das Herz ihrer jungen Schwägerin war, und sie darum gern zum Einkaufen ausgehen sehen. Das Wählen und Dingen mußte ja die Bekümmerte zerstreuen und auf andere Gedanken bringen. Freilich hatte die vorsichtige Wirthschafterin, welche Maria alles Gute zutraute, nur nicht die Fähigkeit, sich als Hausfrau tüchtig und kräftig zu erweisen, Trautchen anempfohlen, die Herrin vor Uebervortheilung zu behüten. Aber wenn auf einem Markte die Nachfrage das Angebot um das Doppelte und Dreifache überbietet, so steigen die Preise, und so kam es, daß, als Maria der Wittwe aufzählte, wie viel sie für Dies und Jenes gezahlt hatte, Barbara ein: »Aber Kind, das ist ja ganz unerhört!« oder »Da kann man ja an den Bettelstab kommen!«, dem andern folgen ließ. Diese Ausrufe, denen es unter den gegebenen Umständen in den meisten Fällen an Berechtigung fehlte, verdroßen Maria; doch der Friede mit ihrer Schwägerin war ihr lieb, und es ward ihr zwar schwer, Unrecht zu tragen, aber ihrem Unmuth in heftigen Worten Ausdruck zu geben, würde ihrer Natur widerstrebt und ihr weh gethan haben. So sagte sie denn nur mit leiser Erregung: »Bitte, erkundige Dich, was andere Frauen zahlen, und dann schilt, wenn Du es für recht hältst.« Darauf verließ sie die Küche. »Aber Kind, ich schelte ja gar nicht,« rief Barbara ihr nach, doch Maria wollte sie nicht hören, stieg schnell die Treppe hinauf und verschloß sich in ihre Kammer. Um die Freudigkeit war es wieder geschehen. Um Sonntag ging sie in die Kirche. Nach Tisch füllte sie Adrian, welcher mit einigen Freunden eine Bootfahrt unternehmen wollte, das leinene Umhängetäschchen mit Mundvorrath und setzte sich dann in ihrer Kammer an's Fenster. Stattliche Herren, und unter ihnen manches Mitglied des Rathes, kamen mit ihren geputzten Frauen und Kindern bei ihr vorüber, Mädchen mit Blumen am Busen gingen zu Zweien und Dreien Arm in Arm auf dem Fußweg neben der Gracht dahin, um vor dem Zylthore auf dem Dorfe zu tanzen. Still und mit sittsam niedergeschlagenen Augen zogen sie fürbaß, aber manche Wange färbte sich roth und mehr als ein mühsam verhaltenes Lachen flog um frische Lippen, wenn die Bürgerssöhne, welche den gemessen dahinschreitenden Jungfrauen so beweglich und lustig folgten, wie behende Möven dem Schiff, sich in neckenden Scherzreden ergingen, oder ihnen Worte zuraunten, welche kein Dritter zu hören brauchte. Heiter und sorglos erschien Alles, was dem Zylthore zustrebte, und man sah es jedem Gesicht an, wie frohe Stunden man draußen in der freien Luft und auf den sonnigen Wiesen zu finden erwartete. Auch der Bürgemeisterin erschien das, was diese hinauszog, schön und begehrenswerth, aber was sollte sie bei den Frohen, mit beklommenem Herzen allein unter Fremden? Der Schatten der Häuser kam ihr heute besonders dunkel, die Stadtluft dumpfer als sonst vor, und es wollte ihr scheinen, als wäre der Frühling für alle Menschen gekommen, große und kleine, alte und junge, nur nicht für sie. Die Bauten und die Bäume zur Seite der Achtergracht warfen schon längere Schatten und der über den Dächern schwebende goldige Duft begann sich mit zartem Hortensienroth zu vermischen, als Maria einen Reiter herantraben hörte. Sie richtete sich straff auf und ihr Herz schlug heftig. Sie wollte Peter anders empfangen als sonst, sie mußte offen gegen ihn sein und ihm zeigen, wie ihr zu Sinn war. und daß es so nicht fortgehen könne, ja sie suchte schon nach geeigneten Worten für das, was sie ihm zu sagen hatte. Da hielt das Roß vor der Thür. Sie trat an's Fenster und sah, wie ihr Gatte sich aus dem Sattel schwang und freudig zu ihrer Kammer hinaufschaute. Sie grüßte nicht zu ihm hernieder, aber ihr Herz zog sie zu ihm hin. Alles Denken, alles Grübeln war vergessen und mit beflügelten Schritten eilte sie den Gang hinunter und auf die Treppe zu. Er hatte indessen die Hausflur betreten, und sie rief ihm seinen Namen hinunter. »Kind, Maria, da bist Du!« scholl es hinauf, und behend wie ein Jüngling stürmte er die Treppe hinan, traf mit ihr auf einer der obersten Stufen zusammen und zog sie mit überströmender Zärtlichkeit an das Herz. »Endlich, endlich hab' ich Dich wieder,« rief er freudig und drückte die Lippen auf ihre Augen und ihr duftendes Haar. Sie hatte die Hände fest um seinen Hals geschlungen, er aber machte sich von ihnen frei, hielt sie in den seinen und fragte: »Sind Barbara und Adrian zu Hause?« Sie schüttelte verneinend den Kopf. Da lachte er, bückte sich ein wenig, hob sie wie ein Kind in die Höhe und trug sie in sein Zimmer. Wie ein schöner Baum neben dem brennenden Hause von der nahen Glut erfaßt wird, ob man ihn gleich mit kaltem Naß vor den Flammen zu schützen versucht hat, so wurde sie trotz ihres tagelang gehegten Vorsatzes, ihn kühl zu empfangen, von der Wärme seiner Gefühle ergriffen. Sie freute sich innig seines Besitzes und glaubte ihm willig, als er ihr mit zärtlichen Worten bekannte, wie schmerzlich er die Trennung empfunden, wie schwer er sie vermißt und wie deutlich er, dem sonst die Fähigkeit mangle, sich einen Abwesenden vorzustellen, ihr Bildniß vor Augen gehabt habe. Wie warm und mit wie tief überzeugenden Tönen wußte er heute seiner Liebe Ausdruck zu geben! Sie war doch ein glückliches Weib, und sie zeigte ihm auch rückhaltlos, daß sie es war. Barbara und Adrian kehrten heim, und nun gab es bei der Abendmahlzeit, viel zu erzählen. Peter hatte manches Seltsame auf der Reise erlebt und neue Hoffnung gewonnen, der Knabe war auf der Schule ausgezeichnet worden und Lieschens Krankheit konnte schon eine Gefahr genannt werden, welche ein glückliches Ende genommen. Barbara strahlte vor Freude, denn zwischen Maria und ihrem Bruder schien wieder Alles im Gleichen zu sein. Die schöne Sommernacht im April ging freundlich vorüber. Als Maria am folgenden Morgen ihre Flechten mit schwarzem Sammet durchflocht, war sie dankbar bewegt, denn sie hatte Muth gefunden, Peter zu sagen, daß sie einen größeren Antheil an seinen Sorgen zu empfangen begehre als bisher, und freundliche Zusage erhalten. Ein würdigeres, reicheres Leben, so hoffte sie, werde von nun an für sie beginnen. Heute noch sollte er ihr erzählen, was er mit dem Prinzen und zu Dortrecht verhandelt und bewirkt hatte, denn bisher war von alledem kein Wart über seine Lippen gekommen. Barbara, welche in der Küche herumhantirte und eben drei junge Hühner ergreifen wollte, um sie zu schlachten, ließ sie noch ein wenig leben und warf ihnen sogar eine halbe Hand voll Gerste in den Käfig, als sie ihre Schwägerin singend die Treppe herunterkommen hörte. Die abgebrochenen Takte aus Wilhelm's neuestem Madrigal klangen ihr so lieblich und verheißungsvoll wie der erste Ruf der Nachtigall, den der Gärtner am Ende eines langen Nachwinters vernimmt. Es wurde wieder Frühling im Haus und ihr gutes, rundes Gesicht schaute, wie die Sonnenblumenscheibe aus den grünen Kelchblättern, hell und ohne Trübung aus der großen Haube hervor, als sie Maria zurief: »Heute hast Du einen guten Tag, Kind; wir wollen die Dauerbutter einschmelzen und Schinken salzen.« Das klang so froh, als habe sie ihr eine Einladung in's Paradies zu überbringen, und Maria half ihr gern bei der Arbeit, welche ungesäumt ihren Anfang nahm. Wenn die Wittwe die Hände regte, so durfte die Zunge nicht still stehen, und das, was zwischen Peter und seinem jungen Weibe vorgefallen sein mochte, erregte ihre Neugier nicht wenig. Geschickt genug wußte sie die Rede auf den Heimgekehrten zu bringen, und wie von ungefähr fiel die Frage: »Hat er auch schon Abbitte geleistet wegen seines Aufbruchs am Hochzeitstage?« »Ich weiß ja; er konnte nicht bleiben.« »Gewiß nicht, gewiß nicht; aber wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Man muß den Männern nicht zu viel durchgehen lassen. Geben, aber auch nehmen. Erlittenes Unrecht ist ein Gulden, für den man sich in der Ehe ein Kalb kauft.« »Ich mag mit Peter nicht handeln, und wenn mir auch Dies und Das auf der Seele lag, so hab' ich es gern nach so langer Trennung vergessen.« »Nasses Heu kann die Scheune verderben, und wem der Hase in den Kohl läuft, der mag ihn fangen! Was den Menschen quält, das soll er nicht aufbewahren, sondern an's Licht bringen; dazu hat er die Zunge, und gestern war der rechte Tag, um mit Allem, was Dich bedrückt, reinen Tisch zu machen.« »Er war so guten Muthes, als er heimkam, und dann: Warum glaubst Du denn, daß ich mich unglücklich fühle?« »Unglücklich? Wer hat das gesagt?« Maria erröthete, die Wittwe aber griff nach dem Messer und öffnete den Käfig der Hühner. Trautchen half den beiden in der Küche thätigen Frauen; sie wurde aber oft in der Arbeit unterbrochen, denn der Klopfer an der Hausthür fand an diesem Morgen keine Ruhe, und die da eintraten, mußten dem Bürgemeister wenig Erfreuliches bringen, denn seine tiefe, grollende Stimme war manchmal bis in die Küche vernehmbar. Am längsten hatte er mit dem Stadtsekretär van Hout zu verhandeln, der nicht bloß als Wißbegieriger und Berichterstatter, sondern auch als Kläger zu ihm gekommen war. Es gewährte ein nicht gewöhnliches Schauspiel, als diese beiden Männer, welche nicht nur an Gestalt, sondern auch an sittlichem Ernst und begeisterter Hingabe an die Sache der Freiheit ihre Mitbürger hoch überragten, im Wechselgespräch die Meinungen klärten und dem Groll gemeinsamen Ausdruck gaben. Der schnell entflammte, rastlose und phantasiereiche van Hout führte die erste Stimme, der langsame und nüchterne van der Werff hielt mit gewichtigem Ernst die zweite. Unter den Vätern der Stadt, der Vroodschaft, den Reichen aus alten Geschlechtern, den großen Webern und Brauern herrschte üble Gesinnung, denn Habe, Leben und Ansehen ging ihnen über Religion und Freiheit, während der arme Mann, welcher im Schweiße seines Angesichts die Seinen mühevoll durchbrachte, freudig entschlossen war, Gut und Blut für die gute Sache zu opfern. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten gab es zu heben. Die Gerüste und Schuppen, Rahmen und alles andere Holzwerk, welches einem Mann zum Versteck dienen konnte, sollte, wie früher schon Alles, was sich an Landhäusern und anderen Gebäuden in der Nähe der Stadt befunden hatte, der Erde gleich gemacht werden. Viel neu errichtetes Holzwerk war schon beseitigt, aber die Reichen sträubten sich am längsten, die Axt an das ihre zu legen. Bei dem wichtigen Fort von Valkenburg hatte man neue Erdwerke aufzurichten begonnen; doch gehörte ein Theil des Bodens, auf dem die Arbeiter zu graben hatten, einem Brauer, und dieser verlangte für seine beschädigte Wiese eine große Entschädigungssumme. Bei der im März aufgehobenen Belagerung hatte man Papiergeld hergestellt, runde Pappstücke, auf deren einer Seite der niederländische Löwe mit der Umschrift »Haec libertatis ergo« stand, während auf der andern das Wappen der Stadt und der Spruch »Gott behüte Leyden« zu sehen war. Dieses sollte nun gegen klingende Münze oder Brodfrucht eingetauscht werden, aber wohlhabende Spekulanten hatten sich in den Besitz vieler Stücke gesetzt und versuchten, ihren Werth in die Höhe zu treiben. Anforderungen jeder Art traten an ihn heran, und bei alledem mußte der Bürgemeister auch an seine eigenen Angelegenheiten denken, denn bald konnte jeder Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten werden, und es galt, mit dem Vertreter seines Geschäfts in Hamburg Vieles in's Reine zu bringen. Es drohten große Verluste, aber er ließ nichts unversucht, um das, was noch zu retten war, für die Seinen in Sicherheit zu bringen. Weib und Kinder sah er nur selten; dennoch glaubte er das Versprechen, welches ihm Maria am Abend nach seiner Heimkehr abgenommen hatte, zu erfüllen, wenn er ihre Fragen kurz beantwortete oder ihr aus freien Stücken einige Sätze zuwarf wie: »Es ging heute heiß her auf dem Rathhause!« oder: »Der Umtausch der Nothmünze macht doch mehr Schwierigkeiten, als man gedacht hat.« Vertraute zu haben und sich mitzutheilen, dies freundliche Bedürfniß besaß er nicht, und seine erste Frau war von Herzen zufrieden und glücklich gewesen, wenn er in ruhigen Zeiten still neben ihr gesessen, sie seinen Schatz genannt, sich an den Kindern gefreut oder auch nur ihre Waffeln und Sonntagsbraten gelobt hatte. Die Geschäfte wie die öffentlichen Angelegenheiten waren seine, die Küche und Kinderstube ihre Sache gewesen. Was sie getheilt hatten, war das Bewußtsein der Liebe, welche Eins für das Andere empfand, waren die Kinder, war das Ansehen, waren die Ehre und der Besitz des Hauses gewesen. Maria verlangte mehr, und er war auch gewillt, es ihr zu gewähren, aber wenn sie den schwer ermüdeten Mann des Abends mit Fragen bedrängte, welche er sonst nur aus dem Munde von Männern zu hören gewohnt war, so vertröstete er sie mit der Antwort auf ruhigere Zeiten oder entschlummerte wohl auch inmitten ihres wißbegierigen Drängens. Sie sah, wie viel auf ihm lastete, wie unermüdlich er schaffte – aber warum wälzte er nicht einen Theil der Arbeit auf andere Schultern? Einmal ging er mit ihr bei schönem Wetter auf's Land. Da ergriff sie die Gelegenheit und stellte ihm vor, daß er es sich selbst und ihr schuldig sei, sich mehr Ruhe zu gönnen. Geduldig hörte er ihr zu, und als sie mit ihren Bitten und Mahnungen zu Ende war, nahm er ihre Hand in die seine und sprach: »Du bist ja auch Herrn Marnix von St. Aldegonde begegnet und weißt, was ihm die Sache der Freiheit verdankt. Kennst Du seinen Wahlspruch?« Sie nickte mit dem Haupte und antwortete leise: » Repos ailleurs. « »Wo anders können wir rasten,« wiederholte er fest. Da ergriff sie ein leiser Schauer, und während sie ihm die Hand entzog, mußte sie denken: »Wo anders; – hier also nicht. Ruhe und Glück haben hier keine Heimat.« Sie sprach diese Worte nicht aus, aber sie wollten ihr nicht aus dem Sinn. Zwölftes Kapitel. ln der stillen Nobelstraße war in diesen Maitagen das Hoogstraten'sche Hans das allerstillste. Auf dem Fahrdamm vor demselben lag in Folge einer Verordnung des Doktor Bontius und des Sachwalters der erkrankten alten Dame ein Gemisch von Stroh und Sand. Die Fenster waren dicht verhängt und zwischen dem Klopfer und der Thür hing ein Stück Filz. Das Hausthor war nur angelegt, aber hinter demselben saß ein Knecht, um denen, welche Einlaß begehrten, Bescheid zu geben. Am Morgen des ersten Mai bogen der Musiker Wilhelm Korneliussohn und Janus Dousa in die Nobelstraße ein. Beide Männer hatten eine lebhafte Unterhaltung gepflogen, als sie sich aber dem Sand und Stroh näherten, dämpften sie erst die Stimmen und schwiegen dann gänzlich. »Der Teppich, welchen man dem Triumphator Tod unter die Füße breitet,« sagte der Junker. »Hoffentlich wird er hier die Fackel nur einmal senken und dem Alter, so wenig ehrwürdig es auch sein mag, die Ehre erweisen. Bleibt nicht zu lange in dem verpesteten Hause, Herr Wilhelm.« Der Musiker öffnete leise die Thür. Der Knecht begrüßte ihn schweigend und wandte sich nach der Treppe, um Belotti zu rufen; denn der »Spielmann« hatte schon mehr als einmal nach dem Hausmeister gefragt. Wilhelm betrat das Kabinet, in dem er zu warten pflegte, und fand dort zum ersten Mal einen andern Besucher und zwar in eigentümlicher Stellung. Hoch aufgerichtet, aber mit seitwärts gebogenem Haupte saß Pater Damianus auf einem Lehnstuhl und schlief. Das Antlitz des Geistlichen, eines Mannes am Ende der dreißiger Jahre, war von einem dünnen hellblonden Barte umrahmt und so weiß und roth wie das eines Kindes. Um die große Tonsur zog sich ein schmales Kränzchen von dünnen, hellen Haaren; in den Händen, welche dem Schlummernden in den Schooß gesunken waren, hing ein stark gebräunter Rosenkranz von Olivenholzperlen. Weich und freundlich war das Lächeln, welches seinen halb geöffneten Mund umspielte. »Dieser sanfte Heilige im langen Frauengewande,« dachte Wilhelm, »sieht nicht aus, als könnte er kräftig zugreifen, und dennoch sind seine großen Hände wacker ausgearbeitet und schwielig.« Als Belotti das Kabinet betrat und den schlafenden Pater erblickte, schob er ihm behutsam ein Kissen unter den Kopf und winkte Wilhelm, ihm in die Hausflur zu folgen. »Gönnen wir ihm ein wenig Ruhe,« sagte der Italiener. »Von gestern Mittag bis vor zwei Stunden hat er am Bette der Padrona gesessen. Gewöhnlich weiß sie nicht mehr, was mit ihr vorgeht, aber sobald das Bewußtsein ihr wiederkehrt, verlangt sie nach geistlichem Trost. Die Sterbesakramente verschmäht sie noch immer, denn sie will sich nicht eingestehen, daß es mit ihr zu Ende gehen könne. Manchmal freilich, wenn er sie schärfer anfaßt, fragt sie in Todesangst, ob Alles bereit sei, denn sie fürchtet sich doch, ohne Oelung zu sterben.« »Und wie befindet sich Fräulein Henrika?« »Ein klein wenig besser.« Der Geistliche war aus dem Kabinet getreten. Belotti küßte ihm ehrerbietig die Hand und Wilhelm verneigte sich achtungsvoll. »Ich war eingeschlafen,« sagte Damianus einfach und natürlich, aber mit nicht so kräftiger und tiefer Stimme, als man von seiner breiten Brust und hohen Gestalt zu erwarten berechtigt war. »Ich lese die Messe, besuche schnell meine Kranken, und dann komme ich wieder. Habt Ihr Euch eines Besseren besonnen, Belotti?« »Es geht nicht, Herr, die Jungfrau weiß es, es geht nicht. Meine Kündigung hat auf den ersten Mai gelautet, heute schreibt man den achten, und noch bin ich hier – ich habe das Haus nicht verlassen, weil ich ein Christ bin! Jetzt werden die Damen von einem guten Arzt versorgt, Schwester Gonzaga thut ihre Pflicht, Ihr selbst verdient Euch durch Eure Pflege einen Platz unter den Märtyrern im Paradiese, und so kann ich denn, ohne mich einer Sünde schuldig zu machen, das Bündel schnüren.« »Geht nicht , Belotti,« sagte der Pater ernst, »und wenn Ihr dennoch auf Eurem Willen besteht; so nennt Euch wenigstens nicht einen Christen.« »Ihr werdet bleiben,« rief Wilhelm, »und wäre es nur um des jungen Fräuleins willen, dem Ihr doch gut seid.« Belotti schüttelte den Kopf und entgegnete ruhig: »Zu dem, was der ehrwürdige Pater mir gestern vorgestellt hat, könnt Ihr, junger Herr, nichts mehr fügen. Indessen, mein Entschluß ist gefaßt, ich will gehen; aber weil mir an des ehrwürdigen Paters und auch an Eurer guten Meinung liegt, so bitte ich Euch um die Gunst, mich anzuhören. Ich habe mein zweiundsechzigstes Jahr hinter mir, und ein altes Pferd und ein alter Diener stehen lange auf dem Markte, bevor Einer sie kauft. In Brüssel möcht' es wohl noch eine Stelle für einen katholischen Hausmeister geben, der seine Sache versteht, aber dies alte Herz sehnt sich nach Neapel zurück, – heiß, heiß, unaussprechlich. Ihr habt unser blaues Meer und unsern Himmel gesehen, junger Herr, und gewiß, mich verlangt nach ihnen, aber mehr noch nach anderen, kleineren Dingen. Es will mir schon wie ein Glück erscheinen, daß ich mit Euch, Meister Wilhelm, und mit Euch, mein Vater, meine Sprache reden darf. Aber es gibt ja ein Land, in dem Jeder redet wie ich. Am Fuß des Vesuv liegt ein kleiner Ort – gütiger Himmel, es möchte sich mancher fürchten, nur eine halbe Stunde da zu hausen, wenn der Berg dröhnt, wenn es Asche regnet und die glühende Lava in Fluß kommt. Die Häuser sind dort mit nichten so zierlich gefügt und die Scheiben blitzen auch nicht so reinlich wie hier zu Lande. Ich fürchte fast, daß es überhaupt nur wenig gläserne Fenster in Resina gibt, aber die Kinder frieren bei uns darum doch nicht mehr als bei euch zu Lande. Was würde wohl eine Leydener Hausfrau zu unserer Dorfstraße sagen? Stangen mit Weinlaub, Feigengeäst und bunte Wäsche auf den Dächern, an den Fenstern und den krummen und schiefen Altanen; Orangen- und Zitronenbaume mit goldenen Früchten in den kleinen Gärten ohne gerade Wege und abgezirkelte Beete. Alles wächst da kunterbunt durcheinander. Und die Buben, welche in ihren Lumpen, die kein Schneider genäht und geflickt hat, über die weißen Weinbergmauern klettern, und die kleinen Mädchen, denen die Mutter vor der Hausthür die Haare auskämmt, sie sind nicht so weiß und roth und sauber gewaschen wie holländische Kinder, aber ich möchte die braunen Schwarzköpfe mit den dunklen Augensternen doch einmal wiedersehen und unter all' dem Gerümpel in warmer Luft und ohne Sorge und Arbeit mit den Neffen und Nichten und Blutsverwandten meine Tage beschließen.« Die Züge des alten Mannes hatten sich bei diesen Worten geröthet und aus seinen schwarzen Augen glänzte ein Feuer, welches noch vor Kurzem die Luft des Nordens und die lange Dienstarbeit ausgelöscht zu haben schien. Als weder der Pater noch der Musiker sogleich in seine abgebrochene Rede einfielen, fuhr er ruhiger fort: »Der Monseigneur Gloria geht jetzt nach Italien, und ich kann ihn bis Rom als Reisemarschall begleiten. Von dort aus komme ich leicht nach Neapel, und mit den Zinsen meines Ersparten werde ich sorgenfrei leben. Am fünfzehnten reist mein künftiger Herr, und am zwölften muß ich schon in Antwerpen sein, wo ich ihn finde.« Die Augen des Paters und Musikers begegneten einander. Wilhelm versagte der Muth, den Hausmeister von seinem Vorhaben abzuhalten, Damianus aber faßte sich zusammen, legte die Hand auf die Schulter des Alten und sagte: »Wenn Ihr noch wenige Wochen hier ausharret, Belotti, so werdet Ihr später die rechte Ruhe, ich meine die Ruhe des guten Gewissens finden. Denen, die treu ausharren bis in den Tod, wird die Krone des Lebens verheißen. Wenn diese schweren Tage ein Ende gefunden, so wird es leicht gelingen, Euch den Weg in Eure Heimat zu ebnen. Gegen Mittag sehen wir uns wieder, Belotti. Wird mein Beistand nothwendig, so sendet zu mir; der alte Ambrosius weiß mich zu finden. Gottes Segen sei mit Euch, und wenn Ihr ihn von mir annehmen wollt, auch mit Euch, Meister Wilhelm.« Nachdem der Priester das Haus verlassen, seufzte der Diener: »So wird er mich dennoch zwingen, seinem Willen zu folgen. Er mißbraucht seine Macht über die Seelen. Ich bin kein Heiliger, und das, was er von mir verlangt ...« »Es ist das Rechte,« sagte Wilhelm entschieden. »Aber Ihr wißt nicht, was es heißt, die beste Hoffnung eines langen, geplagten Lebens fortzuwerfen wie abgetragene Schuhe. Und für wen, ich frage Euch, für wen? Kennt Ihr meine Padrona? O Herr, ich habe in diesem Hause Dinge erfahren, Dinge, von denen Eure Jugend nicht ahnt, daß sie auch nur möglich sein könnten. Das junge Fräulein hat es Euch angethan! Hab' ich Recht oder Unrecht?« »Ihr irrt Euch, Belotti.« »Wirklich? Um Euretwillen kann es mir lieb sein, denn Ihr seid ein bescheidener Künstler, die Signorina aber trägt den Hoogstraten'schen Namen, und damit ist Alles gesagt. Kennt Ihr den Vater des Fräuleins?« »Nein, Belotti.« »Das ist ein Blut, – ein Blut! Habt Ihr nie etwas von der Geschichte der älteren Schwester unserer Signorina vernommen?« »Henrika hat eine ältere Schwester?« »Ja, Herr, und wenn ich an sie denke ... Stellt Euch die Signorina vor, ganz unsere Signorina, nur höher, stattlicher, schöner.« »Isabella!« rief der Musiker. Eine Vermuthung, welche seit seinem Gespräch mit Henrika in ihm lebendig geworden war, schien sich zu bestätigen, und so faßte er denn des Hausmeisters Arm so schnell und unerwartet, daß dieser zurücktrat, und fuhr dringend fort: »Was wißt Ihr von ihr? Ich bitt' Euch, Belotti, erzählt mir Alles.« Der Diener schaute die Treppe hinan und entgegnete dann kopfschüttelnd: »Ihr irrt wohl. Eine Isabella hat es meines Wissens in diesem Hause nicht gegeben, aber ich stehe Euch dennoch gern zu Diensten. Kommt nach Sonnenuntergang wieder, nur dürft Ihr keine fröhliche Geschichte zu hören erwarten.« Die Dämmerung war kaum dem Dunkel gewichen, als der Musiker wiederum in das Hoogstraten'sche Haus trat. Das Kabinet war leer, aber er brauchte nicht lange auf Belotti zu warten. Der Alte stellte ein zierliches Brettchen mit einem Krug Wein und einem Becher neben das Licht auf den Tisch und bot Wilhelm, nachdem er ihn über das Ergehen der Kranken unterrichtet hatte, mit ausgesuchter Höflichkeit einen Stuhl an. Als der Musiker ihn fragte, warum er nicht auch für sich einen Pokal mitgebracht, entgegnete er: »Ich trinke nur Wasser, aber gewährt mir die Freiheit, mich niederzusetzen. Der Zimmerlakai hat das Haus verlassen, und es ging nun den ganzen Tag treppauf treppab. Das hat den alten Beinen wehe gethan, und wir dürfen keine ruhige Nacht erwarten.« Eine einzige Kerze erhellte das Kabinet, als Belotti, welcher sich tief in den Stuhl zurückgelehnt hatte, die gefalteten Hände öffnete und langsam anhub: »Also – ich sprach schon heute Morgen von dem Hoogstraten'schen Blute. Nun gerathen zwar die Kinder von gleichen Eltern überall gar verschieden, aber in Eurem kleinen Lande, welches seine eigene Sprache redet und auch sonst viel Eigenes besitzt – Ihr werdet's nicht leugnen – hat jedes alte Geschlecht sein besonderes Aussehen. Ich kann es wissen, denn ich bin in manchem adeligen Hause in Holland aus und ein gegangen. Jede Sippe hat eben eigenes Blut und ihre besondere Weise. Auch wo es – mit Eurer Erlaubniß – einen Sparren zu viel gibt, kommt er selten allein bei einem Mitgliede des Hauses vor. Meine Dame hat mehr von der französischen Art ihrer Frau Mutter. Aber ich will ja nur von der Signorina reden, und ich hole zu weit aus.« »Nein, Belotti, gewiß nicht, wir haben Zeit, und ich höre Euch gern zu, nur müßt Ihr mir zuvor eine Frage beantworten.« »Ei, Herr, wie die Wangen Euch glühen. Seid Ihr etwa der Signorina in Italien begegnet?« »Vielleicht, Belotti.« »Ja dann, ja dann freilich! Wer sie einmal gesehen, der vergißt sie nicht leicht. Was begehrt Ihr also zu wissen?« »Zuerst den Namen der Dame.« »Anna.« »Und nicht auch Isabella?« »Nein, Herr, sie wurde immer nur Anna genannt.« »Und wann hat sie Holland verlassen?« »Wartet: es war... Um Ostern wurden's vier Jahre.« »Ist sie schwarz, braun oder blond?« »Ich sagte es ja schon, ganz Fräulein Henrika. Aber welche Dame wäre nicht blond oder braun oder dunkel? Ich denke, wir kommen schneller zum Ziel, wenn Ihr mir jetzt eine Frage zu stellen gestattet. Hatte die Dame, welche Ihr meint, eine große, halbrunde Narbe hart unter dem Haar, gerad' in der Mitte der Stirn?« »Genug,« rief Wilhelm und erhob sich rasch. »Sie war als Kind auf ein Gewehr ihres Vaters gestürzt.« »Umgekehrt, Herr, der Griff der Waffe des Junkers van Hoogstraten ist auf die Stirn seiner leiblichen Tochter gefallen. Wie entsetzt Ihr dreinschaut! Mein Gott, ich habe in diesem Hause noch Anderes erlebt. Aber nun ist wieder die Reihe an Euch: In welcher Stadt meiner Heimat habt Ihr die Signorina getroffen?« »In Rom, allein und unter einem angenommenen Namen. Isabella – ein holländisches Mädchen! Bitte, Belotti, fahrt fort in Eurer Erzählung; ich werde Euch sicher nicht mehr unterbrechen. Was hatte die Kleine gethan, daß ihr leiblicher Vater ...« »Der Junker ist eben unter den tollen Hoogstraten der tollste. In Italien habt Ihr vielleicht seinesgleichen gesehen – hier zu Lande könnt Ihr lange nach solch' einem Sturmwinde suchen. Für einen übel gesinnten Mann dürft Ihr ihn deßhalb nicht halten, aber ein Wort, das ihm gegen den Strich geht, ein scheeler Blick bringen ihn um die Besinnung, und es werden Dinge begangen, die man ebenso schnell bereut wie sie geschehen sind. Was nun die Narbe der Signorina betrifft, so ist sie so zu derselben gekommen: Sie war noch ein Kind und sollte natürlich das Schießgewehr nicht mit den Fingern berühren, aber sie that es dennoch, so oft sie nur konnte, und dabei ging einmal die Pistole los und die Kugel streckte einen der besten Jagdhunde zu Boden. Der Junker hörte den Knall, und als er das Thier am Boden liegen und die Pistole neben den Füßen des kleinen Fräuleins liegen sah, nahm er sie auf und schlug mit ihrem scharfkantigen Griffe ...« »Ein Kind, seine eigene Tochter!« rief Wilhelm entrüstet. »Es gibt eben verschiedene Menschen,« fuhr Belotti fort. »Die einen, und zu denen werdet Ihr wohl gehören, überlegen fein, bevor sie reden und handeln; die zweiten erwägen lange, und wenn sie fertig sind, gibt es viele Worte zu hören, doch zum Handeln kommen sie selten; die dritten aber, und an ihrer Spitze die Hoogstraten'sche Sippe, häufen Thaten auf Thaten, und wenn sie ja einmal überlegen, so geschieht es höchstens nach der vollendeten Handlung. Finden sie dann, daß sie ein Unrecht begangen, so kommt der Stolz und verbietet ihnen, es einzugestehen, es gut zu machen oder zu widerrufen. So folgt dann ein Unglück dem andern; aber es geht den Herren nicht nach, und bei Wein und Spiel, beim Turnier und auf der Jagd wird es vergessen. Schulden gibt es genug, aber den Gläubigern überläßt man die Sorge, und für die Knaben, denen das Erbgut nicht zufällt, findet sich ein Platz bei Hofe oder im Heere, für die Mädchen fehlt es gottlob, wenn sie sich zu unserer heiligen Religion bekennen, nicht an Klöstern, und für alle beide hofft man auf reiche Basen und andere Blutsverwandte, die ohne Nachkommen sterben.« »Ihr malt mit lebhaften Farben.« »Aber wahr sind sie dennoch; und auf den Junker passen sie alle; für Söhne brauchte er freilich sein Gut nicht zusammenzuhalten, denn seine Gattin hatte ihm keine geschenkt. Er war ihr am Hofe in Brüssel begegnet und sie stammte aus Parma.« »Habt Ihr sie gekannt?« »Sie war schon gestorben, bevor ich zur Padrona in's Haus kam. Die beiden Fräulein sind ohne Mutter herangewachsen. Ihr habt gehört, daß der Junker sich auch an ihnen vergreifen konnte, aber darum hat er sie doch wohl geliebt und sich niemals entschließen mögen, sie in ein Kloster zu geben. Manchmal fühlte er freilich, – er gab es wenigstens im Gespräch mit der Eccellenza willig zu, – daß es passendere Orte für ein heranwachsendes Edelfräulein gebe als sein Schloß, in dem es arg genug herging, und so sandte er denn endlich seine älteste Tochter zu uns. Meine Herrin mochte sonst niemals junge Mädchen in ihrer Nähe leiden, aber Fräulein Anna gehörte zu unseren nächsten Verwandten, und ich weiß, daß sie dieselbe aus freien Stücken zu sich geladen. Ich sehe die sechzehnjährige Signorina noch vor mir; ein süßeres Geschöpf, Herr Wilhelm, ist mir weder früher noch später je vor die Augen gekommen, und dabei blieb sie sich niemals gleich. Ich habe sie so weich gesehen wie flandrischen Sammet, aber zu anderen Zeiten konnte sie brausen und toben wie der Novembersturm in Eurem Lande. Schön wie eine junge Rose ist sie immer gewesen, und weil die alte Cameriera ihrer Mutter – sie war in Lugano zu Hause – sie groß gezogen, und der Priester, welcher sie unterrichtet hatte, aus Pisa stammte und als ein mit der Musik vertrauter Maëstro bekannt war, so sprach sie meine Sprache nicht besser und schlechter als ein toskanisches Kind und war mit der Musika völlig vertraut. Ihren Gesang, ihr Harfen- und Lautenspiel habt Ihr wohl selber gehört, aber wissen sollt Ihr, daß alle Hoogstraten'schen Frauen, mit Ausnahme meiner Dame, für Eure Kunst besondere Gaben besitzen. Wir wohnten im Sommer in dem schönen Landhause, welches vor der Belagerung von Euren Freunden, – mit geringem Recht sollte ich meinen – niedergerissen worden ist. Mancher stattliche Besuch kam damals zu uns geritten. Wir hielten auch offenes Haus, und wo eine gute Tafel winkt und es ein schönes Fräulein wie unsere Signorina gibt, da bleiben die Ritter nicht fern. Unter ihnen befand sich auch ein sehr vornehmer Herr in mittleren Jahren, der Marquis d'Avennes, welchen die Eccellenza ausdrücklich zu sich geladen. So aufmerksam wie ihn haben wir keinen Fürsten empfangen. Natürlich, denn seine Mutter war eine Verwandte der Eccellenza. Ihr müßt wissen, daß meine Dame von mütterlicher Seite aus der Normandie stammt. Der Marquis d'Avennes war gewiß ein feiner Kavalier, aber weit mehr zierlich als männlich. Bald war er wie toll in Fräulein Anna verliebt und hielt richtig um ihre Hand an. Eccellenza begünstigte die Werbung, und der Junker sagte einfach: ›Du nimmst ihn.‹ Widerrede duldet er nicht. Auch andere Ritter fragen ihre Töchter nicht lange, wenn ein passender Freier sich zeigt. So ward die Signorina des Marquis Verlobte, aber die Padrona erklärte entschieden, ihre Nichte sei noch zu jung für die Ehe. Sie hat damals den Junker, den sie so fest am Seil hielt wie der Hufschmied das Füllen, zu bestimmen gewußt, die Hochzeit bis nach Ostern zu verschieben. Im Winter sollte für die Ausstattung gesorgt werden. Dem Marquis wurde die Bedingung gestellt, sich noch ein halbes Jahr zu gedulden. Er ritt denn auch mit dem Ring am Finger nach Frankreich zurück. Seine Braut hat ihm kein Thränchen nachgeweint und vor den Augen der Cameriera, von der ich es weiß, den Reif, sobald der Bräutigam fort war, in die Schmuckschale geworfen. Sie wagte es nicht, sich dem Vater zu widersetzen, aber vor der Eccellenza hielt sie nicht mit der Meinung über den Marquis zurück, und ihre Base, welche doch die Werbung des Franzosen begünstigt hatte, ließ sie gewähren. Früher war es dagegen oftmals zwischen dem alten und jungen Fräulein heiß hergegangen, und wenn die Padrona Grund gehabt hatte, dem wild aufgewachsenen Falken die Flügel zu stutzen und ihn zu lehren, was adeligen Damen ziemt, so war die Signorina doch auch berechtigt gewesen, sich über manche Zumuthung zu beklagen, mit der Eccellenza ihr die Freude am Dasein verdarb. Es thut mir leid, Meister, das Vertrauen Eurer Jugend zu stören, aber wer mit offenen Augen grau ward, dem sind auch Menschen begegnet, die es freut, ja denen es noth thut, andere Menschen zu kränken. Dabei will es mir freilich tröstlich erscheinen, daß Keiner bös ist, um böse zu sein, ja ich habe oft gefunden, daß die schlechtesten Regungen, – wie soll ich nur sagen? – daß die schlechtesten Regungen aus dem Umschlag oder auch nur der maßlosen Uebung der herrlichsten Tugenden hervorgehen, deren Kehrseite oder Zerrbild sie sind. Aus schönem Ehrgeiz habe ich gelben Neid, aus tüchtigem Eifer verdammliche Habsucht, aus zärtlicher Leidenschaft wilden Haß hervorgehen sehen. Meine Herrin hat, als sie jung war, treu und fest zu lieben verstanden, aber sie wurde schmählich betrogen, und nun bemächtigte sich ihrer der Groll, nicht nur gegen eine bestimmte Person, sondern gegen das Leben, und aus der edlen Treue ist bei ihr zähes Festhalten an schlimmen Wünschen geworden. Wie ich das meine und wie dies gekommen, werdet Ihr erfahren, wenn Ihr mir weiter zuhören wollt. »Als der Winter herankam, erhielt ich den Auftrag, nach Brüssel voranzureisen und dort einen neuen Hausstand auf glänzendem Fuß in Gang zu bringen. Die Damen folgten mir bald. Es war vor vier Jahren. Herzog Alba residirte damals noch als Vizekönig in Brüssel; und dieser hohe Herr hielt große Stücke auf meine Dame, ja er hat uns zweimal die Ehre seines Besuchs erwiesen. Auch seine vornehmen Offiziere gingen bei uns aus und ein. Unter ihnen befand sich Don Luis d'Avila, ein Edelmann aus altem Hause, der zu den Begünstigten des Herzogs gehörte. Er stand so wenig wie der Marquis in der ersten Jugend, aber er war von anderem Schlage als er; ein Mann von hoher Gestalt, wie aus Stahl gehämmert, ein Fechter von unwiderstehlicher Kraft und Gewandtheit, der gefürchtetste Händelsucher, in dessen brennenden Augen und wundervollem Gesange doch wohl eine geheimnißvolle, die Frauen bezaubernde Gewalt liegen mußte. In der Dienerstube wurden Abenteuer zu Dutzenden erzählt, welche er bestanden haben sollte, und die Hälfte von ihnen beruhte auf Wahrheit; das habe ich später mit Sicherheit in Erfahrung gebracht. Wenn Ihr glaubt, daß dieser Herzensbrecher wie die frohen, lockigen Glückskinder aussah, denen die Jungfrauen entgegeneilen, um ihnen ihre Liebe auf den Händen entgegenzutragen, so irrt Ihr, denn Don Luis war ein ernster Mann mit bleichen Wangen und kurz geschorenem Haar, welcher niemals andere als dunkle Kleider und sogar ein Schwert trug, an dem der Griff statt aus Gold und Silber, aus geschwärztem Metalle bestand. Er glich viel eher dem Tod als der blühenden Liebe. Vielleicht machte ihn gerade das unwiderstehlich, denn wir werden ja Alle für den Tod geboren und kein Werber ist des Sieges so sicher wie er. »Die Padrona war ihm anfänglich nicht eben günstig gesinnt, aber das sollte sich ändern, und schon um Neujahr wurde er auch zu den kleinen Abenden gezogen. Er erschien, so oft wir ihn luden, aber für unser junges Fräulein hatte er kein Wort, keinen Blick, kaum einen Gruß. Nur wenn die Signorina sich zum Singen bequemte, trat er in ihre Nähe und bemerkte mit scharfen Worten, was ihm an ihrem Vortrag mißfiel. Manchmal sang er auch selbst, und dann wählte er gewöhnlich dieselben Lieder, welche das Fräulein gesungen, gleichsam um sie durch seine höhere Kunst zu überbieten. »So ging es bis zum Karneval. Am Fastnachtsdienstag gab die Padrona ein größeres Fest, und als ich die aufwartenden Diener leitete und dabei hinter der Signorina und Don Luis stand, dem die Padrona schon lange den Platz neben ihrer Nichte anzuweisen pflegte, da bemerkte ich, daß sich ihre Hände unter der Tafel gefunden hatten, um lange in einander zu ruhen. Mir wurde so bang um's Herz, daß ich nur schwer die Aufmerksamkeit, welche an jenem Abend so nöthig war, bewahren konnte – und als ich am folgenden Morgen zu der Padrona gerufen wurde, um Rechnung zu legen, da hielt ich es für meine Pflicht, ihr bescheiden zu bemerken, daß Don Luis d'Avila's Werbung dem jungen Fräulein trotz ihrer Brautschaft nicht zu mißfallen scheine. Sie ließ mich reden; als ich aber zu berichten wagte, was man sich über den Spanier erzählte, fuhr sie heftig auf und wies mir die Thür. Ein treuer Diener hört und sieht oft mehr als die Gebietenden ahnen, und ich genoß das Vertrauen der Milchschwester der Padrona, welche nun nicht mehr ist; damals aber wußte Susanna um Alles, was die Herrin anging. »Mit den Aussichten des Bräutigams in Frankreich stand es schlecht, denn wenn die Padrona über ihn redete, so that sie es mit einem Lachen, welches wir kannten und das nichts Gutes verhieß; aber sie schrieb doch viel an den Marquis und seine Mutter, und mancher Brief aus Rochebrun traf bei uns ein. Freilich ertheilte die Eccellenza auch Don Luis mehr als eine geheime Audienz. »Während der Fasten kam ein Bote des Junkers mit der Meldung, daß am heiligen Ostertage er selbst aus Haarlem und der Marquis von Schloß Rochebrun in Brüssel eintreffe, und am grünen Donnerstag erhielt ich den Auftrag, die Hauskapelle mit Blumen zu schmücken, Postpferde zu bestellen und Anderes mehr. Am heiligen Charfreitag, dem Tage der Kreuzigung des Herrn – ich wollte gern, daß ich Lügen erzählte, – am heiligen Charfreitag wurde die Signorina in aller Frühe bräutlich geschmückt, Don Luis erschien schwarz gekleidet, stolz und finster wie immer, und vor Sonnenaufgang bei Kerzenschein, an einem kalten und feuchten Morgen, – mir ist es, als wär's erst gestern gewesen, – wurde der Kastilianer mit unserem jungen Fräulein getraut. Die Padrona, ein spanischer Offizier und ich waren die Zeugen. Gegen sieben Uhr früh fuhr der Wagen vor, und nachdem er bepackt war, übergab mir Don Luis ein Kästchen, um es in die Kutsche zu stellen. Es war schwer, und ich kannte es wohl; die Padrona pflegte darin das gemünzte Gold aufzubewahren. Zu Ostern wußte die ganze Stadt, Don Luis d'Avila habe die schöne Anna van Hoogstraten entführt und ihren Bräutigam auf seinem Wege nach Brüssel am grünen Donnerstag Morgen, – also kaum vierundzwanzig Stunden vor der Hochzeit, – zu Hal im Zweikampf getödtet. »Wie der Junker van Hoogstraten bei seiner Ankunft getobt hat, das werde ich niemals vergessen. Die Padrona weigerte sich, ihn zu sehen, und gab sich für krank aus, aber sie war so gesund, wie sie in den letzten Jahren nur sein konnte.« »Und wißt Ihr das rätselhafte Betragen Eurer Herrin zu deuten?« fragte Wilhelm. »Ja, Herr; ihre Gründe liegen offen zu Tage. Aber es wird spät, und ich muß mich beeilen; über das Einzelne weiß ich ohnehin nicht viel zu berichten, denn ich war selbst noch ein Kind, als es sich zutrug. Freilich hat mir Susanna Manches erzählt, das sich wohl der Mittheilung lohnte. Die Mutter der Eccellenza war eine Chevreaux und bei der Schwester derselben, welche im Winter zu Paris residirte, hat meine Dame ihre besten Jahre verlebt. Es war zur Zeit des hochseligen Königs Franz, und Ihr wißt wohl, daß dieser große Fürst ein galanter Herr war, ein kecker Ritter, von dem es heißt, er habe nicht weniger Herzen gebrochen als Lanzen. – Auch meine Padrona, die damals noch schön war, gehörte zu den Damen seines Hofes und König Franz hat sie ausgezeichnet vor Vielen. Aber das Fräulein wußte ihre Ehre zu wahren, denn sie hatte früh in dem galanten Marquis d'Avennes einen Ritter gefunden, dem sie mit aller Treue ergeben war und um den sie manche Nacht schmerzlich verweint hat; denn wie der Herr, so der Diener, und der Marquis trug zwar fünf Jahre lang die Farbe des Fräuleins und erwies ihr jeden Dienst eines gehorsamen Ritters, aber seine Augen und sein Herz schweiften auch viel zur Rechten und Linken. Indessen kehrte er immer wieder zu seiner Dame zurück, und als das sechste Jahr herankam, drangen die Chevreaux in den Marquis, dem Spiel ein Ende zu machen und an die Hochzeit zu denken. Meine Dame begann die Ausstattung zu rüsten, und Susanna war Zeugin, wie sie mit dem Marquis zu Rath ging, ob sie die holländischen Liegenschaften und Schlösser behalten oder zum Verkauf bringen sollte. Aber es kam noch immer nicht zur Hochzeit, denn der Marquis mußte mit dem Heer nach Italien ziehen, und das Fräulein lebte in steter Angst um ihn; denn es ist damals den Franzosen in meiner Heimat gar übel ergangen, und er ließ sie oft ganze Monde auf Nachrichten warten. Endlich kehrte er heim und fand im Chevreaux'schen Hause die kleine Base des Fräuleins zu einer reizenden Jungfrau herangewachsen. Das Andere könnt Ihr Euch denken. Die Knospe Hortense gefiel dem Marquis nun besser als die fünfundzwanzigjährige holländische Blume. Die Chevreaux waren vornehm, aber auch verschuldet genug, und dem Freier war, während er in Italien kämpfte, die große Herrschaft seines Herrn Oheims zugefallen, und so ließen sie ihn nicht vergebens fragen. Meine Dame zog nach Holland zurück. Des Junkers Vater forderte den Marquis heraus, doch floß kein Blut bei dem Zweikampf, und Herr d'Avennes lebte mit Hortense von Chevreaux in gesegneter Ehe. Ihr Sohn war der unglückliche Bräutigam der Signorina. Versteht Ihr, Herr Wilhelm? Ein halbes Leben lang hat sie den alten Groll gehegt und gepflegt; ihm zu Gefallen wurde ihr eigenes Blut dem Fechter Don Luis geopfert, aber dafür hat sie durch den Tod des einzigen Sohnes der verhaßten Mutter das Weh heimgezahlt, das sie jahrelang um ihretwillen getragen.« Der Musiker ballte das Tuch, mit dem er sich die Stirn getrocknet hatte, zusammen und fragte dumpf: »Was habt Ihr weiter von Anna erfahren?« »Wenig,« entgegnete Belotti. »Der Junker hat sie aus seinem Herzen gerissen und nennt Henrika seine einzige Tochter. Wen der Fluch des Vaters belastet, den flieht das Glück, und sie hat es gewiß nicht gefunden. Don Luis soll wegen übler Streiche zum Fähnrich degradirt worden sein, und wer weiß, was aus der armen, schönen Signorina geworden. Die Padrona sandte ihr durch Signor Lamperi über Florenz bisweilen Geld nach Italien, – aber in den letzten Monaten hab' ich davon nichts mehr gehört.« »Noch eine Frage, Belotti,« sagte Wilhelm. »Wie hat der Junker, nach dem, was seiner ältern Tochter im Hause meiner Herrin begegnet ist, ihr auch Henrika anvertrauen mögen?« »Geld – das leidige Geld. Um sich das Schloß zu erhalten und die Erbschaft nicht einzubüßen, gab er sein Kind fort. Ja, Herr, wie um ein Roß, so ward um die Signorina gehandelt, und billig hat der Junker sie nicht hergegeben. Trinket, Herr, denn Euer Aussehen ist übel.« »Es hat nichts zu sagen,« gab Wilhelm zurück, »aber die frische Luft wird mir wohl thun. Habt Dank für Eure Erzählung, Belotti.« Dreizehntes Kapitel. Die Frau Bürgemeisterin van der Werff durchmusterte am Nachmittage des sechzehnten Mai Schränke und Laden. Ihr Gatte befand sich auf dem Rathhause, aber er hatte ihr mitgetheilt, daß noch gegen Abend der Kommissarius des Prinzen, Herr Dietrich van Bronkhorst, die beiden Herren von Nordwyk, der Stadtsekretär van Hout und einige andere Häupter der Stadt und Freunde der Freiheit zu einer vertraulichen Besprechung bei ihm zusammenkommen würden. Maria sollte für die Bewirthung der Herren mit einem guten Imbiß, Wein und dergleichen Sorge tragen. Diese Aufforderung wirkte ermunternd und belebend auf die junge Frau. Es freute sie, doch auch einmal im Sinne ihres elterlichen Hauses die Wirthin spielen zu können. Wie lange war es ihr versagt gewesen, einem ernsten, inhaltreichen Gespräch zuzuhören. An Besuchen hatte es ihr freilich nicht gefehlt: die Gevatterinnen und Verwandten des Hauses ihres Gatten, welche ihr aufwarteten und bei Barbara vorsprachen, ersuchten sie oft genug, es sich bei ihnen wohl sein zu lassen; aber unter ihnen gab es zwar Manche, welche sich ihr freundlich gesinnt zeigte und die sie wegen ihrer Bravheit achten mußte, aber auch nicht eine, zu der sie warme Neigung gezogen hätte. Ja, Maria, in deren Leben die Zerstreuungen sich wahrlich nicht drängten, graute es doch vor ihrem Kommen, und wenn sie da waren, so ertrug sie ihre Anwesenheit wie ein unabwendbares Uebel. Die würdigen Matronen stammten sämmtlich aus weit früheren Jahrzehnten als sie, und wenn sie bei Kuchen, Fruchtmus und Würzwein dasaßen und spinnend, strickend oder Netze knüpfend von der schlimmen Zeit der Belagerung, von Kinderpflege und Dienstbotensorgen, von Wäsche und Seifekochen sprachen, oder die vielen unbegreiflichen und niemals zu billigenden Dinge, welche andere Frauen begangen haben sollten, begingen oder begehen wollten, einer strengen Prüfung unterzogen, so ward der Bürgemeisterin schwül um's Herz und, ihre einsame Kammer wollte ihr dann immer wie ein stiller Friedenswinkel erscheinen. Nur wenn man von dem Elend des Landes und der heiligen Pflicht sprach, zur Noth auch noch ein zweites Mal für die Freiheit des Landes Drangsale jeder Art zu ertragen, konnte sie redselig werden, und dann hörte sie gern auf die derben Frauen, denen man ansah, daß es ihnen ernst war mit dem, was sie sagten; aber wenn müßiges Geschwätz sich durch Stunden hinzog, verursachte es ihr geradezu Schmerzen. Dennoch durfte sie ihm nicht entfliehen und mußte bis zum Aufbruch der letzten Gevatterin aushalten; denn Barbara hatte, nachdem sie es einigemal gewagt hatte, sich vorzeitig zurückzuziehen, sie freundlich gewarnt und ihr nicht verschwiegen, daß sie schweren Stand gehabt habe, um sie gegen den Vorwurf des Stolzes und der Unart zu vertheidigen. »Solche Plauderei,« hatte die Alte gesagt, »ist vergnüglich und stärkt den Muth, und wer die Gevatterinnen, so lange sie noch beisammen sitzen, verläßt, der mag den Herrgott um freundliche Nachrede bitten.« Eine Frau in Leyden sagte der Bürgemeisterin innig zu. Das war die Frau des Stadtsekretärs van Hout, aber diese ließ sich nur selten sehen, denn obgleich sie zart und vornehm erschien, mußte sie sich doch von früh bis spät rühren, um die Kinder und den Hausstand, in dem es knapp genug herging, in Ordnung zu halten. Frischer und froher als seit vielen Tagen trat Maria heut vor die Borde, welche das Tafelgeschirr trugen und den Schrank, in dem das Silber verwahrt ward. Blank und glänzend, frei von jedem Stäubchen stand Alles, was das Haus von guten Geräthen besaß, auf weißen, mit Spitzen besetzten leinenen Tüchern. Sie wählte, was sie bedurfte, aber Vieles unter dem Zinngeräth, dem Glas und Steingut wollte ihr nicht gefallen; denn es paßte nicht recht zu einander, war zufällig ergänzt und an manchem einzelnen Stück fand sie Beulen und abgestoßene Stellen. Als die Mutter ihre Ausstattung herzurichten begonnen, hatte Peter den Wunsch ausgesprochen, daß in dieser schweren Zeit das Geld beisammen gehalten und kein unnützes Stück angeschafft werden möchte. An Hausgeräth jeder Art war Ueberfluß in seiner Wirtschaft, und er würde es für Unrecht gehalten haben, auch nur einen Teller zu kaufen. Und in der That, es fehlte nichts auf den Borden und in den Schränken, aber sie hatte es nicht selbst gewählt und eingebracht; es gehörte ihr wohl, aber so ganz gehörte es ihr doch nicht, und was das Schlimmste war, ihre an hübschere Dinge gewöhnten Augen konnten kein Wohlgefallen an diesen erblindeten, zerkratzten Zinntellern, diesen mit rohen Figuren in grellen Farben bemalten Krügen, Tassen und Kannen finden. Auch das grobe Glaswerk war nicht nach ihrem Sinne, und als sie es durchsah und das Nothwendige auswählte, mußte sie an die jungvermählten Freundinnen denken, welche ihr mit strahlenden Augen ihren neuen blanken Hausrath so stolz und zufrieden gezeigt hatten, als ob jedes Stück ihr eigenes mühsam gebildetes Werk wäre. Aber auch mit dem Vorhandenen ließ sich eine Tafel hübsch und zierlich decken. Vor Tisch hatte sie mit Adrian im Garten an der Stadtmauer Blumen geschnitten und auf der Wiese vor dem Thor feine Gräser gepflückt. Diese Gaben des Maimonds wurden jetzt kunstvoll geordnet, mit Pfauenfedern untermischt und in Vasen gestellt, und sie freute sich, als selbst die plumpsten Gefäße durch die Ranken, mit denen sie sie umwand, ein anmuthiges Aussehen gewannen. Adrian schaute ihr staunend zu. Es würde ihn nicht gewundert haben, wenn sich unter ihrer Hand das dunkle Speisezimmer in eine Halle von Krystall und Perlmutter verwandelt hätte. Als die Tafel gedeckt war, kam Peter auf einen Augenblick nach Hause. Bevor seine Gäste erschienen, wollte er noch einmal mit dem Hauptmann Allertssohn, Janus Dousa und anderen Herren nach Valkenburg hinausreiten, um die Schanzen zu besichtigen. Als er durch das Speisezimmer kam, grüßte er seine Gattin mit der Hand und sagte, indem er die Tafel überschaute: »Der Aufputz wäre nicht nöthig gewesen und am letzten die Blumen. Wir wollen ernsten Rath pflegen, und Du hast da eine Hochzeitstafel gerichtet.« Als er bemerkte, daß Maria den Blick senkte, rief er freundlich: »Meinetwegen mag es so bleiben,« und verließ das Zimmer. Maria stand ihrem Werke unschlüssig gegenüber. Bittere Empfindungen begannen sich wieder in ihr zu regen und trotzig streckte sie schon die Hand nach einer besonders reich geschmückten Vase aus, als Adrian seine großen Augen zu ihr erhob und im Tone dringlicher Bitte ausrief: »Nein, Frau Mutter, das dürft Ihr nicht thun, es sieht doch gar zu köstlich und hübsch aus.« Maria lächelte, strich dem Knaben mit der Hand über die Locken, nahm zwei Kuchen aus einer Schale, gab sie ihm und sagte: »Der eine für Dich, der andere für Lieschen; unsere Blumen sollen da bleiben.« Adrian eilte mit der süßen Gabe hinaus, sie aber überschaute noch einmal den Tisch und dachte: »Peter will immer nur was eben noth thut; aber das ist doch gewiß nicht Alles, sonst hätte der liebe Gott alle Vögel mit grauen Federn geschaffen.« Nachdem sie Barbara in der Küche Beistand geleistet, begab sie sich in ihre Kammer. Dort ordnete sie das Haar, legte eine neue, schön gesteifte Krause um den Hals und sorglich gefältelte Spitzen in den Ausschnitt am Busen, aber sie behielt das Hauskleid an; denn ihr Gatte wollte, ja der Versammlung in seinem Hause kein festliches Ansehen geben. Als sie die letzte goldene Nadel in's Haar gesteckt hatte und erwog, ob dem Rath van Bronkhorst als Stellvertreter des Prinzen oder dem ehrwürdigen älteren Junker von Nordwyk der Ehrenplatz an der Tafel gebühre, klopfte Trautchen bei ihr an und theilte ihr mit, daß Doktor Bontius den Bürgemeister in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen verlange. Die Magd hatte dem Arzt mitgetheilt, daß der Herr ausgeritten sei, jener aber hatte sich nicht abweisen lassen und die Frau zu sprechen verlangt. Maria begab sich sogleich in Peter's Stube. Der Arzt schien Eile zu haben. Statt jedes andern Grußes wies er nur mit dem goldenen Knopfe an seinem langen Stabe nach dem spitzen schwarzen Hute, welcher seinen Kopf auch am Krankenbett niemals verließ, und fragte dabei schnell und kurz: »Wann kommt Meister Peter nach Hause?« »In einer Stunde,« entgegnete Maria, »setzt Euch doch, Doktor!« »Ein andermal. Mit Eurem Manne währt's mir zu lange. Ihr könntet mir am Ende auch ohne seine Einwilligung folgen.« »Das wohl; aber wir erwarten Besuch.« »Richtig. Wenn ich Zeit finde, komme ich noch. Die Herren werden auch ohne mich fertig, aber bei der Kranken, zu der ich Euch führen möchte, seid Ihr vonnöthen.« »Ich weiß ja noch gar nicht, von wem Ihr redet.« »Nicht? Dann also noch einmal, zu Einer, die leidet, und das mag Euch für's Erste genug sein.« »Und Ihr meinet, ich könnte...« »Ihr könnet weit mehr als Ihr selber wißt. Barbara regiert in der Küche, und nun noch einmal: Ihr sollt einer Leidenden beistehen.« »Aber, Herr Doktor...« »Schnell, muß ich bitten, denn meine Zeit ist gemessen. Wollt Ihr Euch nützlich erweisen, ja oder nein?« Die Thür zum Speisezimmer war geöffnet geblieben. Maria schaute noch einmal auf die gedeckte Tafel und Alles, worauf sie sich für diesen Abend gefreut hatte, zog ihr durch den Sinn. Als aber der Arzt sich zum Gehen anschickte, hielt sie ihn zurück und sagte: »Ich komme.« Maria kannte die Art des rauhen, aber selbstlosen und tüchtigen Mannes. Ohne eine Antwort abzuwarten, holte sie ihr Tuch und ging ihm voraus die Treppe hinunter. Als sie an der Küche vorbeikamen, rief Bontius Frau Barbara zu: »Sagt Meister Peter, ich hätte seine Hausfrau in die Nobelstraße zu dem kranken Fräulein van Hoogstraten geführt.« Maria vermochte dem schnell voranschreitenden Doktor kaum zu folgen und hatte Mühe, ihn zu verstehen, als er in abgerissenen Sätzen erzählte, der ganze Glipperanhang der Hoogstraten habe die Stadt verlassen, das alte Fräulein wäre gestorben, die Dienerschaft aus Furcht vor der Pest, von der hier gar keine Rede sei, auseinandergelaufen und Henrika liege nun verlassen darnieder. Sie habe ein schweres Fieber überstanden, aber es gehe ihr seit einigen Tagen um Vieles besser. »In dem Glippernest,« sagte er, »hat das Unglück sich zu Gevatter gebeten. Der Alten that der Sensenmann einen Gefallen, als er sie holte. Die französische Zofe, ein schwächliches Nichts, hielt sich wacker, brach aber nach einigen Nachtwachen zusammen und sollte in's Katharinenhospital gebracht werden, aber dem widersetzte sich der italienische Hausmeister, der kein übler Mann ist, und ließ sie zu einer katholischen Wäscherin tragen. Er ist ihr nachgezogen, um für sie zu sorgen. Niemand ist zur Pflege des jungen Fräuleins in dem verlassenen Hause zurückgeblieben, als Schwester Gonzaga, ein gutes Nönnchen, eine von den Dreien, denen es gestattet wurde, in dem alten Klösterchen neben Euch wohnen zu bleiben, aber die brave Alte hat sich heute früh, um das Unglück voll zu machen, beim Wärmen eines Bades die Finger verbrüht. Der katholische Seelsorger ist unbeschädigt und treu auf dem Posten geblieben, aber was kann uns der bei der Pflege der jungen Kranken helfen! Ihr ahnet jetzt wohl, wozu ich Euch mitnahm. Die Pflegerin sollt Ihr und könnt Ihr auf die Dauer bei der Fremden nicht abgeben; aber wenn es mit dem Fräulein nicht doch noch schief gehen soll, muß sie jetzt ein Gesicht um sich haben, zu dem sie ein Herz fassen kann, und gerade mit einem solchen hat der liebe Gott Euch gesegnet. Schaut Euch die Kranke an, redet mit ihr, und wenn Ihr Die seid, für die ich Euch halte –; aber da sind wir am Ziele.« In der dämmerigen Flur des Hoogstraten'schen Hauses war die Luft mit scharfem Moschusgeruch gesättigt. Der Tod der alten Dame war von dem Vertreter des Doktor Bontius sogleich auf dem Rathhause angemeldet worden, und so ging denn ein bewaffneter Mann, Wache haltend, in der Hausflur auf und nieder und theilte dem Arzte mit, der Stadtsekretär van Hout sei bereits hier gewesen und habe mit seinen Leuten die Thüren versiegelt. Auf der Treppe legte Maria erschreckt die Hand an den Arm ihres Führers; denn in einer offenen Thür des ersten Stockwerks, welches sie mit ihrem Begleiter erstieg, sah sie im Halbdunkel eine unförmliche Gestalt, welche sich in seltsamer Weise bald hierhin, bald dorthin, bald auf, bald nieder bewegte, und es klang nicht eben zuversichtlich, als sie mit dem Finger seitwärts weisend den Doktor fragte: »Was ist das?« Der Arzt war mit ihr stehen geblieben, und als er das seltsame Etwas, auf welches die Bürgemeisterin zeigte, erblickt hatte, trat er selbst einen halben Schritt zurück. Aber der ruhige Mann erkannte schnell die wahre Natur der Spukgestalt, und indem er Maria voranschritt, rief er lächelnd: »Was in aller Welt treibt Ihr da auf dem Boden, Pater Damianus?« »Ich scheure die Diele,« gab der Angerufene gelassen zurück. »Alles was recht ist,« entgegnete der Arzt unwillig. »Für Mägdearbeit seid Ihr zu gut, Herr Pater, zumal es hier im Hause genug herrenloses Geld gibt und wir morgen so viel Scheuerfrauen finden, wie wir begehren.« »Aber nicht heute, Herr Doktor; und das Fräulein will doch durchaus nicht mehr in dem Zimmer da bleiben. Ihr habt ihr selbst das Schlafen verordnet, und Schwester Gonzaga sagt, daß sie Thür an Thür mit der Leiche kein Auge zuthun werde.« »So hätten sie die Gerichtsdiener sammt dem Bett in das schöne Wohngemach der alten Dame tragen sollen.« »Das ward versiegelt, und ebenso ging's mit den anderen guten Zimmern in diesem Stockwerk. Die Leute vom Rath waren gefällig und haben sich auch nach Scheuerfrauen umgeschaut; die armen Weiblein fürchten sich aber arg vor der Pest.« »Solch' ein Gerücht wächst auf wie die Quecken,« rief der Doktor. »Gesät will Keiner sie haben, und wer rottet sie aus, wenn sie da sind?« »Ihr nicht und ich nicht,« entgegnete der Geistliche. »In dieses Zimmer mußte das Fräulein nun einmal gebracht werden; aber es sah wüst darin aus, und so hab' ich es denn eben gereinigt. Der Kranken kommt das zugute, und mir kann die Bewegung nicht schaden.« Bei diesen Worten erhob sich der Priester und sagte, als er Maria bemerkte: »Ihr bringt eine neue Pflegerin mit? Daß ist recht. Ich brauche Schwester Gonzaga nicht zu loben, denn Ihr kennt sie; aber ich stehe Euch dafür, daß Fräulein Henrika sie nicht lange um sich dulden wird, und was mich betrifft, so werde ich, sobald die Bestattung vorbei ist, dies Haus verlassen.« »Ihr habt das Eure gethan; aber was soll das mit der Schwester bedeuten?« rief der Arzt unwillig. »Eure alte Gonzaga ist mir mit ihrer verbrannten Hand immer noch lieber als... Was mag da nur wieder geschehen sein!« Der Priester näherte sich ihm und flüsterte mit einem raschen Seitenblick auf die Bürgemeisterin: »Sie näselt sehr, wenn sie spricht, und das Fräulein sagte vorhin, es thue ihr weh, wenn sie sie reden höre; ich möchte sie von ihr fern halten.« Doktor Bontius dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Es gibt Augen, welche keinen grellen Lichtstrahl vertragen, und so kann es auch kommen, daß gewisse Töne einem überreizten Gehör unerträglich erscheinen ... Frau Bürgemeisterin, Ihr habt lange gewartet; ich bitte Euch, folgt mir.« Es war dunkel geworden. Man hatte die Vorhänge des Krankenzimmers niedergelassen, und das hinter einem Schirm brennende Lämpchen verbreitete nur schwaches Licht. Der Arzt trat an das Lager, fühlte Henrika den Puls, bereitete sie mit leisen Worten auf den Besuch vor, den er ihr brachte, und nahm dann die Lampe, um das Aussehen der Leidenden zu prüfen. Maria sah nun ein bleiches, ebenmäßig geschnittenes Gesicht, aus dem zwei dunkle Augen schauten, deren Glanz und Größe in eigenthümlichem Gegensatz zu den abgefallenen Wangen und schlaffen Zügen der Kranken standen. Nachdem die alte Gonzaga die Lampe wieder an ihren Platz gestellt hatte, sagte der Arzt: »Vortrefflich! Gehet nun, Schwester, legt Euch nieder und wechselt den Umschlag auf Eurem Arm.« Dann winkte er der Bürgemeisterin, näher heranzutreten. Das Antlitz Henrika's berührte Maria seltsam. Sie fand sie schön, aber die großen Augen und der fest geschlossene Mund wollten der jungen Frau mehr eigenthümlich als anziehend erscheinen. Dennoch folgte sie sogleich der Aufforderung des Arztes, trat an das Lager und sagte freundlich, daß sie gern gekommen sei, um ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten und nach ihren Wünschen zu fragen. Henrika richtete sich bei diesen Worten empor und rief aufathmend: »Das thut gut! Ich danke Euch, Doktor. Doch einmal wieder eine Menschenstimme. Wenn Ihr mir gefällig sein wollt, Frau Bürgemeisterin, so redet nur immerfort, gleichviel was es sein mag. Bitte, kommt und fetzt Euch hieher. Mit Schwester Gonzaga's Händen, Eurer Stimme und des Doktors – ja, wie sage ich nur, mit des Herrn Bontius Offenheit wird es nicht schwer sein, sich vollends gesund pflegen zu lassen.« »Gut, gut,« murmelte der Arzt. »Der braven Gonzaga Wunden haben nichts auf sich, und sie bleibt bei Euch, aber Euch selbst wird man später, wenn die Schlafenszeit kommt, wo anders hin tragen. – Ihr, Frau Bürgemeisterin, dürft eine Stunde hier bleiben, dann muß es für heute genug sein. Ich gehe zu Euch heran und sende Euch den Knecht mit der Laterne.« Als die Frauen allein waren, sagte Maria: »Ihr achtet stark auf den Klang der Stimmen; ich thu' es auch, und wohl mehr als es gut ist. Zwar habe ich noch keine schwere Krankheit bestanden...« »Dies ist auch meine erste,« entgegnete Henrika, »aber nun weiß ich, wie es thut, wenn man Alles über sich ergehen lassen muß, was man nicht mag, und Alles doppelt stark empfindet, was einem widerwärtig erscheint. Lieber todt als leidend.« »Eure Base ist gestorben,« sagte Maria theilnehmend. »Heute früh. Wir hatten wenig mehr mit einander gemein als das Blut.« »Sind Eure Eltern nicht mehr am Leben?« »Nur noch mein Vater; aber was soll das?« »Er wird sich über Eure Rettung freuen; Doktor Bontius sagt, Ihr werdet völlig genesen.« »Das glaube ich auch,« entgegnete Henrika zuversichtlich und fuhr dann leise und ohne Maria zu beachten fort: »Eins ist doch schön. Wenn ich wieder wohl bin, werde ich wieder... Treibt Ihr Musik?« »Ja, liebes Fräulein.« »Nicht bloß zum Spiel, sondern weil Ihr fühlt, daß sie Euch nöthig ist, um zu leben?« »Ihr solltet ruhiger bleiben, edles Fräulein. Die Musik; – ja ich glaube, mein Leben würde ohne sie viel ärmer sein als es ist.« »Ihr singt?« »Es will hier nur seltener angehen, aber als Mädchen in Delft haben wir täglich gesungen.« »Ihr natürlich die erste Stimme?« »Ja, Fräulein.« »Laßt doch das Fräulein und heißt mich Henrika.« »Von Herzen gern, wenn Ihr Euch bequemt, mich Maria oder doch Frau Maria zu nennen.« »Ich will es versuchen. Meint Ihr nicht, daß wir manchen Satz miteinander einüben könnten?« Schwester Gonzaga war bei diesen Worten in's Zimmer getreten und meldete des Steuereinnehmers Cornelius Gattin, welche anfragte, ob sie der kranken Dame nicht mit etwas zu dienen vermöge. »Was soll das?« fragte Henrika unwillig. »Ich kenne das Weib nicht.« »Es ist die Mutter des Musikers Wilhelm,« sagte die junge Frau. »O!« rief das Fräulein. »Ob ich sie einlasse, Maria?« Die Bürgemeisterin schüttelte das Haupt und entgegnete bestimmt: »Nein, Fräulein Henrika. Mehr als ein Besuch wird Euch in dieser Stunde nicht gut sein, und dann...« »Nun?« »Sie ist ein braves, kernhaftes Weib, aber ich fürchte, ihr derbes Wesen, ihr wuchtiger Schritt und ihre kräftige Stimme würden Euch jetzt noch nicht wohl thun. Laßt mich zu ihr gehen und sie fragen, was sie begehrt.« »Begegnet ihr freundlich und sagt ihr, sie möchte ihren Sohn von mir grüßen. Ich bin ja selbst nicht eben zart, aber ich sehe schon, Ihr versteht mich; so derbe Kost würde mir schwerlich schon jetzt bekommen.« Nachdem Maria ihren Auftrag ausgerichtet und sich wieder eine Zeitlang mit Henrika unterhalten hatte, wurde die Frau des Stadtsekretärs van Hout gemeldet. Ihr Gatte, welcher bei der Versiegelung des Sterbehauses zugegen gewesen war, hatte ihr von der verlassenen Kranken erzählt und sie kam, um zu sehen, woran es vielleicht dem armen Mädchen gebrechen möchte. »Die dürftet Ihr freilich empfangen,« sagte Maria, »denn sie würde Euch sicher gefallen;... aber da läutet es wieder, und jetzt ist es für heute genug. Versucht nun zu schlafen. Ich gehe mit der Frau Stadtsekretärin nach Hause, und morgen komme ich wieder, wenn es Euch recht ist.« »Kommt, ich bitte Euch, kommt!« rief das Fräulein. »Ihr wollt mir noch etwas sagen?« »Ich möchte wohl, Fräulein Henrika. In diesem traurigen Hause dürft Ihr nicht bleiben. In unserem ist Raum genug. Seid unser Gast, bis Euer Herr Vater...« »Ja, nehmet mich zu Euch!« rief die Genesende und ihre Augen schimmerten feucht. »Nehmt mich von hier fort, nur fort – ich will es Euch danken, so lange ich lebe.« Vierzehntes Kapitel. So freudig wie heute war Maria seit Wochen nicht die Treppe hinangestiegen. Sie würde gesungen haben, wenn es sich geschickt hätte, aber es bangte ihr doch ein wenig; denn vielleicht war es ihrem Manne nicht recht, daß sie die Fremde und noch dazu die kranke, spanisch gesinnte Fremde eigenmächtig zu Gaste geladen. Da sie am Speisezimmer vorbeikam, hörte sie die beratenden Männer reden. Jetzt nahm Peter das Wort. Die wohllautende Tiefe seiner Stimme fiel ihr auf, und sie sagte sich, daß Henrika sie gern hören würde. Wenige Minuten später trat sie in das Zimmer, um die Gäste ihres Gatten, welche ja auch die ihren waren, zu begrüßen. Freudige Erregung und der rasche Gang durch die nach einem warmen Tage immer noch laue Luft des Maiabends hatten ihre Wangen geröthet, und als sie bescheiden und mit einem ehrerbietigen Gruße, dem man doch die Freude ansah, welche ihr der Besuch solcher Gäste verursachte, über die Schwelle trat, bot sie einen so herzgewinnend lieblichen Anblick, daß kein Anwesender unberührt von ihm blieb. Der ältere Herr van der Does schlug Peter auf die Schulter und dann mit der Faust in die Hand, als wollte er sagen: »Das lasse ich gelten!« Janus Dousa flüsterte dem Stadtsekretär, welcher ein guter Lateiner war, heiter zu: » Oculi sunt in amore duces .« Der Hauptmann Allertssohn sprang auf und legte militärisch grüßend die Hand an den Hut, van Bronkhorst, der Kommissar des Prinzen, gab seinen Empfindungen durch eine ritterliche Verneigung Ausdruck, Doktor Bontius lächelte zufrieden wie Einer, dem ein gewagtes Unternehmen trefflich gelungen ist, und Peter suchte stolz und glücklich die Aufmerksamkeit seines Weibes auf sich zu lenken. Doch dies sollte ihm nicht gelingen, denn sobald Maria inne ward, wie sie das Ziel so zahlreicher Blicke war, schlug sie erröthend die Augen nieder und sagte dann weit entschiedener, als man es bei ihrem schüchternen Aussehen erwarten durfte: »Willkommen, ihr Herren! Mein Gruß kommt spät, aber wahrlich, ich hätte ihn euch gern früher geboten.« »Das kann ich bezeugen,« rief Doktor Bontius und erhob sich nun, um Maria so herzlich wie nie zuvor die Hand zu schütteln. Dann winkte er Peter und rief den Tafelnden zu: »Dem Bürgemeister für einen Augenblick Urlaub!« Als er sodann mit dem Ehepaar abgesondert an der Thür stand, rief er: »Ihr habt Euch einen neuen Gast in's Haus geladen, Frau Bürgemeisterin; ich will keinen Tropfen Malvasier mehr trinken, wenn ich Unrecht habe.« »Wie könnt Ihr das wissen?« fragte Maria heiter. »Ich seh' es Euch an.« »Und mir soll das Fräulein herzlich willkommen sein,« fügte Peter hinzu. »So weißt Du?« fragte Maria. »Der Doktor hat mit seiner Ahnung nicht hinter'm Berge gehalten.« »Nun ja, die Kranke ist gern bereit, zu uns zu kommen, und morgen ...« »Nein, heute noch lass' ich sie holen,« unterbrach sie Peter. »Heute? Aber mein Gott, es ist schon so spät; sie schläft jetzt vielleicht, die Herren sind hier, und unser Gastbett ...« rief Maria und schaute mißbilligend und unschlüssig erst auf den Arzt und dann auf ihren Gatten. »Beruhige Dich, Kind,« entgegnete Peter. »Der Doktor hat aus dem Katharinenhospital eine verdeckte Sänfte bestellt, Jan und ein Stadtwaibel werden sie tragen, und Barbara hat in der Küche nichts mehr zu thun und richtet jetzt ihre eigene Kammer für sie her.« »Und,« fiel ihm der Arzt in die Rede, »hier findet die Kranke den Schlaf vielleicht wieder. Außerdem wird es dem stolzen Obenhinaus mehr als recht sein, im Dunkeln und ungesehen über die Straße zu kommen.« »Ja, ja,« sagte Maria traurig, »das mag ja wohl recht sein; aber ich hatte schon überlegt... Man soll sich doch auch mit nichts übereilen.« »Wirst Du das Fräulein gern als Gast bei uns sehen?« fragte Peter. »Ja freilich!« »Nun dann wollen wir auch nicht mit halben, sondern mit ganzen Maßregeln für sie sorgen. Da winkt Barbara; die Sänfte ist angekommen, Doktor. So leitet denn den nächtlichen Umzug in Gottes Namen, aber laßt nicht zu lang auf Euch warten.« Der Bürgemeister begab sich auf seinen Platz zurück und Bontius verließ das Gemach. Maria folgte ihm. In der Hausflur legte er ihr die Hand auf den Arm und fragte: »Wollt Ihr nun zum andern Mal wissen, was ich von Euch halte?« »Nein.« entgegnete die Bürgemeisterin in einem Tone, welcher scherzhaft klang, aus dem man aber dennoch die Enttäuschung, welche sie empfand, heraushören konnte; »nein, – aber Ihr habt mich gelehrt, daß Ihr ein Mann seid, der Einem die besten Freuden zu verderben versteht.« »Dafür schaff' ich Euch andere,« lachte der Arzt und stieg die Treppe hinunter. Er war Peter's ältester Freund und hatte mancherlei gegen die Ehe des Bürgemeisters mit der um so Vieles jüngeren Maria in diesen schlimmen Tagen einzuwenden gehabt, aber heute zeigte er sich mit der Wahl van der Werff's zufrieden. Maria kehrte zu den Gästen zurück, füllte und kredenzte den Herren die Gläser und begab sich dann in die Kammer ihrer Schwägerin, um ihr zu helfen, Alles auf's Beste für die Kranke vorzubereiten. Sie that es nicht unwillig, aber es wollte ihr scheinen, als ob sie in der Frühe des folgenden Tages mit weit größerer Lust an die Arbeit gegangen sein würde. Barbara's geräumige Kammer war dem Hofe zugewandt. Man konnte in ihr nichts von der Unterhaltung der Herren im Speisezimmer vernehmen, und es ging doch keineswegs still unter diesen Männern her, welche zwar der gleiche Gedanke beseelte, die aber über die Mittel und Wege, ihn zu einem glücklichen Ende zu führen, vielfältig uneinig waren. Da saßen sie, die muthigen Söhne eines kleinen Landes, die stattlichen Führer eines an Seelenzahl und Vertheidigungsmitteln armen Gemeinwesens, welche es auf sich genommen hatten, der gewaltigsten Macht und den besten Heeren ihrer Zeit die Stirn zu bieten. Sie wußten, daß das Gewölk, welches sie seit Wochen aus der Ferne bedrohte, schnell und schneller heraufziehen, sich kräftig zusammenballen und sich als furchtbares Gewitter über Leyden entladen werde, denn van der Werff hatte sie in sein Haus berufen, weil ein an den Kommissar van Bronkhorst und ihn selbst gerichteter Brief des Prinzen die Kunde enthielt, daß der Statthalter des Königs Philipp von Spanien dem Maëstro del Campo Valdez den Befehl ertheilt habe, Leyden zum zweiten Male zu belagern und zur Unterwerfung zu zwingen. Es war ihnen bewußt, daß Wilhelm von Oranien gewiß nicht vor Ablauf von Monden ein Heer herbeiführen könne, um die feindlichen Truppen von ihrem Ziele abzulenken oder die Stadt zu entsetzen; sie hatten erfahren, wie wenig von der Königin von England und den protestantischen Fürsten in Deutschland zu erwarten sei, und das entsetzliche Schicksal ihrer mächtigeren Nachbarstadt Haarlem stand ihnen als drohendes Beispiel vor Augen. Aber sie waren sich bewußt, einer guten Sache zu dienen, sie bauten auf die Treue, den Opfermuth und die Staatskunst des Oraniers, sie waren bereit, lieber zu sterben, als Leib und Seele von dem spanischen Zwingherrn knechten zu lassen. Ernst und tief war ihr Glaube an die Gerechtigkeit Gottes und froh die Zuversicht eines Jeden auf die eigene standhafte Manneskraft. Und wahrlich, die Herren, welche da an der von Frauenhand zierlich mit Blumen geschmückten Tafel saßen, den weiten Römer mit den derben Buckeln am gerieften Fuß so wacker zu leeren verstanden, daß Krug auf Krug von Peter's Malvasier und Rheinwein aus dem Keller heraufwandern mußte, die Männer, welche da in die runden Pasteten und die gewaltigen Fleischstücke, wie sie kein anderes Land als das ihre so saftig und nahrhaft zu liefern vermochte, Bresche legten – die sahen nicht aus, als habe die blasse Furcht sie zusammengeführt. Der Hut ist das Zeichen der Freiheit, und der freie Mann behält den Hut auf dem Kopfe. So saßen denn einige Gäste des Bürgemeisters mit bedecktem Haupt an der Tafel, und wie stattlich standen dem frischen Greisengesicht des alten Herrn von Nordwyk und dem klugen Denkerantlitz seines Neffen Janus Dousa die hohen gefalteten Barette von tiefrothem Sammet mit der reichen, schön gebogenen Federzier, wie gut nahm sich auf den Locken des jungen Herrn von Warmond, Jan van Duivenvoorde der breitkrämpige Hut aus, von dem Straußenfedern in Blau und Orangegelb, den Farben des Oraniers, wehten! Und wie gesund und eigenartig waren die Köpfe der anderen hier versammelten Männer! Frisches Wangenroth fehlte auf wenigen Gesichtern, und derbe Lebenslust, heller Verstand, unerschütterliche Willenskraft und entschiedener Sinn strahlten an dieser Tafelrunde aus vielen blauen Augen. Auch die schwarzgekleideten Herren vom Rath, denen die gefältelte Halskrause oder der glatte weiße Kragen gar wohl stand, sahen nicht aus, als hätte der Aktenstaub ihre Gesundheit geschädigt. Der Schnurrbart über den Lippen eines Jeden, der Knebel- oder Vollbart, verlieh auch ihnen ein mannhaftes Aussehen. Sie alle waren froh bereit, sich und das Ihre für ein hohes geistiges Gut zu opfern, und doch hatten sie das Aussehen, als stünden sie mit kräftigen Beinen mitten im Leben; kein Zug von Schwärmerei sprach aus ihren verständigen, kerngesunden Gesichtern; nur aus den Augen des jungen Herrn von Marmond leuchtete etwas dergleichen, und Janus Dousa's Blick schien sich oft nach innen zu wenden, um dort nach verborgenen Dingen zu suchen; und in solchen Augenblicken gewannen seine scharf geschnittenen, unregelmäßigen Züge einen seltenen Zauber. Viel Platz nahm die breite und überstark entwickelte Gestalt des Kommissars und Rathes van Bronkhorst ein. Dieser Körper war schwer beweglich, aber aus dem runden, kurzgeschorenen Haupte blickten zwei hervortretende Augen, aus denen unbeugsame Festigkeit schaute. Die hell beleuchtete Tafel, um die sich solche Gäste vereint hatten, bot einen bunten und prächtigen Anblick. Wie freundlich hob sich das gelbe Leder der Koller des Junkers von Marmond, des Obersten Mulder und des Hauptmanns Allertssohn, sowie die farbige Seide der Schärpen, welche sie schmückten, und der lichtrothe Rock des wackeren Dirk Smaling von dem tiefen Schwarz der Gewänder ab, welche der Pfarrer Verstroot, der Bürgemeister, der Stadtsekretär und ihre Genossen trugen! Das Violett der Kleider des Kommissars und die tiefen Farben der mit Pelzwerk verbrämten Ueberwürfe des älteren Herrn van der Does und des Herrn van Montfort mischten sich wohlthuend und vermittelnd in die hellen und tief dunklen Töne. Alles, was kümmerlich heißt, schien weit von dieser farbenbunten und lebensfrischen Tafelrunde verbannt zu sein, und so sprudelten denn auch die Reden und klangen die Stimmen voll und kräftig genug. Die Gefahr stand vor der Thür. Jeder Tag konnte die ersten Spanier nach Leyden führen. Manche Vorbereitung war getroffen. Englische Hülfsvölker sollten die Schanzen von Alsen besetzen und die Gouda'sche Schleuse vertheidigen, die Werke von Valkenburg waren verbessert und anderen britischen Kriegsknechten anvertraut worden, die Stadtsoldaten, die Bürgerwehr, die Freiwilligen wurden tüchtig geübt. Fremdes Kriegsvolk aufzunehmen, wünschte man nicht, denn bei der ersten Belagerung hatte es sich weit mehr lästig als nützlich erwiesen, und eine Erstürmung der durch Wasser, Mauern und Thürme wohl geschützten Stadt war kaum zu befürchten. Was die Herren am meisten erregte, war eine Nachricht, welche der Stadtsekretär überbracht hatte. Der reiche Baersdorp, einer von den vier Bürgemeistern, welcher das größte Getreidegeschäft in Leyden besaß, hatte es übernommen, im Namen der Stadt beträchtliche Mengen von Brodfrüchten zusammenzukaufen. Mehrere Schiffsladungen Weizen und Roggen waren gestern von ihm abgeliefert worden, aber mit drei Viertheilen des Bestellten befand er sich noch im Rückstand. Er bekannte offen, betreffs derselben noch keine bestimmten Aufträge ertheilt zu haben, weil sich an den Börsen von Rotterdam und Amsterdam wegen der guten Ernteaussichten ein Sinken der Kornpreise erwarten lasse und es bis zum Beginn der neuen Einschließung der Stadt ja noch immerhin einige Wochen Zeit habe. Van Hout war voller Empörung, zumal von den vier Bürgemeistern noch zwei ihrem Kollegen Baersdorp Recht gegeben hatten. Der ältere Herr von Nordwyk stimmte ihm zu und rief: »Eure Würde in Ehren, Meister Peter, aber Eure drei Amtsgenossen gehören zu den schlechten Freunden, die man gern mit offenen Feinden vertauschte.« »Herr von Noyelles,« unterbrach ihn der Oberst Mulder, »hat seinerzeit von ihnen das gute und wahre Wort an den Prinzen geschrieben, daß sie an den Galgen gehörten.« »Und dahin gehören sie auch,« fiel der Hauptmann Allertssohn ein, »so lange Henkerschlingen und Verrätherhälse für einander gemacht sind!« »Verräther – nein,« sagte van der Werff entschieden. »Nennt sie Memmen, nennt sie eigensüchtig und niedrig gesinnt, – aber ein Judas ist keiner von ihnen.« »Recht, Meister Peter, das sind sie gewiß nicht, und vielleicht hat auch die Feigheit nichts mit ihrem Gebahren zu schaffen,« fügte der ältere Herr von Nordwyk hinzu. »Wer Augen zu sehen und Ohren zu hören hat, weiß, wie es mit der Gesinnung der Herren aus den alten städtischen Geschlechtern, welche als künftige Rathsherren aus der Taufe gehoben werden, bestellt ist; und ich rede nicht nur von den Leydenern, sondern auch von denen in Gouda und Delft, in Rotterdam und in Dortrecht. Unter hundert von ihnen ertrügen sechzig den spanischen Druck, selbst den Gewissenszwang willig, wenn ihnen nur ihre Freiheiten und Rechte gewährleistet würden. Die Städte sollen herrschen und in ihnen sie selbst; das ist Alles, was sie begehren. Ob man in den Kirchen predigt oder Messe liest, ob sie ein Holländer oder Spanier beherrscht, darnach fragen sie erst an zweiter Stelle. Die Anwesenden nehme ich aus, ihr Herren, sie würden nicht hier sein, wenn sie so gesinnt wären wie Die, von denen ich rede.« »Dank für dies Wort,« sagte Dirk Smaling, »und Euer Urtheil in Ehren, aber Ihr habt mit schwarzen Farben gemalt. Darf ich Euch fragen, ob der Adel nicht auch auf seine Rechte und Freiheiten hält?« »Gewiß, Herr Dirk; sind sie doch gemeinhin von höherem Alter als Eure,« entgegnete der also Angeredete. »Seht, der Edelmann braucht einen Herrscher. Er ist ein glanzloser Stern, wenn ihm das Licht einer Sonne fehlt, die ihn erhellt. Ich und mit mir die Edeln alle, welche ihm Treue geschworen, meinen nun, unsere Sonne muß und kann kein Anderer sein, als der Oranier, welcher einer der Unseren ist, der uns kennt und liebt und versteht, nicht Philipp, der nichts von Allem begreift, was in und unter uns vorgeht, der uns fremd ist und uns verabscheut. Wir stehen mit Gut und Blut zu Wilhelm, denn, wie ich schon sagte, wir brauchen eine Sonne, das heißt, einen Monarchen; – die Städte aber meinen eigene Leuchtkraft zu haben und selbst wunder wie helle Gestirne zu sein. Freilich fühlen sie, daß dem Lande in diesen schweren Tagen des Streites ein Führer noth thut, und daß sie keinen besseren und weiseren und ihnen vertrauteren finden können, als den Oranier; kommt es aber dahin – und der Himmel möge es fügen, – daß das spanische Joch in Stücke zerbricht, dann wird ihnen auch des edlen Wilhelm Herrschaft überlästig erscheinen, weil ihnen selbst das Herrscherspielen zu wohl schmeckt. Kurz und gut: die Städte ertragen den Gebieter, der Adel schaart sich um ihn und braucht ihn. Gut wird es nicht werden, bevor nicht Edelmann, Bürger und Bauer sich ihm willig fügen lernen und sich zusammenstellen, um unter seiner Führung für die höchsten Güter des Lebens zu kämpfen.« »Recht,« sagte van Hout. »Der wohlgesinnte Adel kann den regierenden Ständen hier und in den anderen Städten zum Exempel dienen, aber das Volk, das arbeitende, arme Volk, das weiß ohnehin, worauf es ankommt, das hat gottlob den warmen Sinn für das, was Ihr die höchsten Güter des Lebens nanntet, noch nicht verloren. Das will holländisch sein und bleiben, das flucht mit redlichem Haß den spanischen Schlächtern, das will seinem Gotte dienen nach seiner Seele Verlangen, und glauben, wonach ihm das Herz steht, das nennt den Prinzen seinen Vater Wilhelm. Wartet ein wenig! Sobald die Noth uns bedrängt, werden die Kleinen und Armen feststehen, wenn die Großen und Reichen in's Wanken gerathen und die gute Sache verleugnen.« »Auf sie ist Verlaß,« sagte van der Werff, »fester Verlaß.« »Und weil ich sie kenne,« rief van Hout, »so mag kommen was mag, wir werden's mit Gottes Hülfe bestehen.« Janus Dousa hatte in das Glas geschaut. Jetzt warf er den Kopf zurück und sagte mit einer schnellen Handbewegung: »Wunderbar, daß Diejenigen, welche mit den Fäusten um das Dasein ringen und deren ungeschulter Geist sich nur regt, wo das Bedürfniß des Tages es fordert, am willigsten bereit sind, für geistige Güter das Wenige zu opfern, das sie besitzen.« »Ja,« sagte der Pfarrer, »den Einfältigen steht das Himmelreich offen. Es ist ein wunderbar Schauspiel, wie die Armen und Ungelehrten Glauben, Freiheit und Vaterland höher zu achten wissen, als das eitle Gut dieser Welt, das goldene Kalb, um welches die Geschlechter sich drängen.« »Den Meinen wird heute nicht geschmeichelt,« entgegnete Dirk Smaling; »aber ich bitte euch, mit Gunst zu bedenken: wir spielen ein hohes und gefährliches Spiel, und die Besitzenden schießen den Löwenpart zu dem Einsatz.« »Mit nichten,« fiel ihm van Hout in's Wort. »Der höchste Satz, um welchen die Würfel fallen, ist doch das Leben, und dies hat gleichen Werth für Arme und Reiche. Aber Diejenigen, welche damit zurückhalten werden, – die mein' ich zu kennen; sie haben kein schlichtes Sprüchlein oder Wahrzeichen, sondern stolze Wappen über den Thüren. Warten wir's ab!« »Warten wir's ab,« sagte van der Werff; »jetzt aber gibt es näherliegende Dinge zu bedenken. Uebermorgen ist Himmelfahrtstag und dann wird man den großen Jahrmarkt einläuten. Gestern und vorgestern ist schon mehr als ein fremder Krämer und fahrender Mann durch die Thore gezogen. Sollen wir die Buden aufschlagen lassen, oder die Messe auf andere Tage verschieben? Wenn der Feind sich beeilt, so gibt es eine üble Verwirrung und wir spielen ihm vielleicht einen guten Fang in die Hände. Ich bitte um eure Meinung, ihr Herren.« »Man sollte die Händler vor Schaden bewahren und den Markt verschieben,« sagte Dirk van Montfort. »Nein, Herr,« entgegnete der Stadtsekretär, »denn wenn das Verbot ergeht, so nehmen wir den kleinen Leuten den schönen Verdienst und lähmen ihnen vorzeitig den guten Muth.« »Laßt ihnen ihr Fest,« rief Janus Dousa. »Man soll der kommenden Noth den Gefallen nicht thun, um ihretwillen sich die frohe Gegenwart zu verkümmern. Wenn ihr weise zu handeln begehrt, so folget meinem Horatius.« »Jeder Tag hat seine eigene Sorge, lehrt auch die Schrift,« fügte der Pastor hinzu, und der Hauptmann Allertssohn rief: »Bei Leibe, ja! Meine Soldaten, die Bürgerwehr und die Freiwilligen müssen ihren Aufzug beim Ommegang haben. Im vollen Putz unter Wehr und Waffen, wenn schöne Augen ihn anlachen, die Alten ihm winken und die Kinder ihm jauchzend voranziehen, da lernt der Soldat sich erst fühlen.« So ward denn beschlossen, den Jahrmarkt stattfinden zu lassen. Wahrend andere Fragen in lebhaftem Wechselgespräch verhandelt wurden, fand die kranke Henrika in Barbara's freundlichem Zimmer liebreiche Aufnahme. Als sie entschlummert war, schaute Maria noch einmal nach ihren Gästen, aber sie trat nicht wieder an die Tafel; denn die Wangen der Herren glühten und sie redeten nicht mehr in guter Ordnung fein nach einander, vielmehr sprach jetzt ein Jeder zu dem Andern, wie es ihm eben gefiel. Der Bürgemeister verhandelte mit van Hout und dem Kommissar über das in die Stadt zu schaffende Korn, Janus Dousa und der Herr von Marmond redeten über das Poëm, welches der Stadtsekretär in der letzten Sitzung des Dichterbundes der Rederyker vorgetragen hatte, der altere Herr van der Does und der Pfarrer stritten über die neuen Kirchengebräuche, und der große Hauptmann Allertssohn, vor welchem ein weites, bis auf den letzten Tropfen geleertes Trinkhorn stand, hatte die Stirn auf die Schulter, des Obersten Mulder gelehnt und vergoß, wie das seine Art war, wenn er sich beim Weine so recht glückselig fühlte, bittere Thränen. Fünfzehntes Kapitel. Am folgenden Tage begaben sich nach der Sitzung des Raths der Bürgemeister van der Werff, der Stadtsekretär van Hout und ein Notarius mit zwei Gerichtsdienern in die Nobelstraße, um den Nachlaß des alten Fräuleins van Hoogstraten zu ordnen. Die Väter der Stadt hatten beschlossen, die verlassenen Wohnungen der Glipper mit Beschlag zu belegen und das in ihnen zurückgebliebene Gut zum Besten der gemeinen Sache zu verwenden. Die üble Gesinnung der alten Dame war allbekannt, und da Leyden ihren nächsten Angehörigen, den Hoogstraten und Matenesse van Wibisma, untersagt worden war, so fiel der Stadt die Aufgabe zu, die Erben zu vertreten. Man durfte erwarten, daß in dem Testament der Verstorbenen nur offenkundige Glipper bedacht sein würden, und war dies der Fall, so sollte der Stadt die Nutznießung der vorhandenen Kapitalien und Liegenschaften zufallen, bis die Ueberläufer sich eines Besseren besinnen und der Behörde durch ihr Verhalten gestatten würden, ihnen wiederum die Thore zu öffnen. Wer von ihnen fortfuhr, dem Spanier anzuhängen und der Sache der Freiheit entgegenzuarbeiten, dessen Antheil an der Erbschaft sollte der Stadt gehören. Dies Verfahren war kein neues. König Philipp hatte es zu üben gelehrt, da ja zu seinen Gunsten nicht nur die Güter von zahllosen unschuldig Hingerichteten, Verbannten oder freiwillig in's Exil gegangenen Anhängern der neuen Religion, sondern auch die Besitztümer von gut katholischen Patrioten eingezogen worden waren. Wenn man so viele Jahre lang Amboß gewesen, thut es wohl, den Hammer zu spielen: verfuhr man dabei nicht immer in würdiger und mäßiger Weise, so entschuldigte man sich damit, eine hundertfach härtere und grausamere Behandlung von den Spaniern erfahren zu haben. Es würde unchristlich gewesen sein, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, aber man gab ja auch nur auf tödtliche Streiche derbe Schlage zurück und stand den Glippern nicht nach dem Leben. An der Thür des Sterbehauses fanden die Herren vom Rath den Musiker Wilhelm Corneliussohn mit seiner Mutter; sie waren gekommen, um Henrika noch einmal gastliche Aufnahme in ihrem Hause anzubieten. Die Frau Steuereinnehmerin, welche sich anfänglich geweigert hatte, ihre Nächstenliebe auf das Glipperfräulein zu erstrecken, ertrug es nun schwer, um die Gelegenheit, ein gutes Werk zu üben, gekommen zu sein, und gab diesen Empfindungen in der ihr eigenen derben Weise Ausdruck. In der Hausflur stand Belotti, nicht mehr in seidenen Strümpfen und dem mit Atlas verbrämten Tuchgewande des Hausmeisters, sondern in einfacher, dunkler Bürgertracht. Er hatte dem Musiker und Peter eröffnet, daß er für's Erste in Leyden bleibe, weil er es nicht über's Herz bringe, die erkrankte Zofe Denise im Stich zu lassen; aber es hielt ihn auch noch Anderes zurück, und vornehmlich, obgleich es ihm widerstand, sich dies selbst einzugestehen, das durch lange Jahre gefestigte Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Hoogstraten'scheu Hause. Seine Rechnungsbücher waren in guter Ordnung, das hatte der Sachwalter des Fräuleins anerkannt und ihm sein Guthaben willig ausgezahlt. Sein Erspartes war sicher angelegt worden, und da der mäßige Mann die Zinsen niemals angerührt, sondern zum Kapital geschlagen hatte, stattlich angewachsen. Nichts hielt ihn in Leyden zurück, aber er konnte es doch noch nicht verlassen, bevor in dem Hause, das er so lange verwaltet hatte, Alles zum Abschluß gelangt war. Tag für Tag hatte er sich nach dem Befinden der kranken Damen erkundigt, und nach dem Tode der Eccellenza blieb er, obgleich es mit Denise besser zu werden begann, dennoch in Leyden; hielt er es doch für seine Pflicht, der Verstorbenen bei ihrem Begräbniß die letzte Ehre zu erweisen. Den Herren von der Stadt war es lieb, Belotti im Hause zu finden. Der Notar hatte das kleine Vermögen desselben verwaltet und schätzte ihn als einen redlichen Mann. Jetzt forderte er ihn auf, ihm und seinen Begleitern als Führer zu dienen. Es galt vor allen Dingen, das Testament der Verstorbenen aufzufinden. Ein solches mußte vorhanden sein, denn es war bis zu dem Tage, welcher der Erkrankung Henrika's folgte, bei dem Notar in Verwahrsam gewesen, dann aber von der alten Dame, welche Veränderungen in demselben vorzunehmen wünschte, zurückverlangt worden. Er wußte über seinen Inhalt keinen Aufschluß zu geben; denn nicht er, sondern der verstorbene Kollege, dessen Klientel ihm zugefallen war, hatte bei seiner Abfassung Beistand geleistet. Der Hausmeister führte die Herren zuerst in das Wohnzimmer und das kleine Kabinet der Padrona, aber obgleich man dort die Schreibtische, Truhen und Schränke durchsuchte und auf Briefe, Geld und werthvolle Schmucksachen in manchem Kasten und Kästchen stieß, das Dokument wurde doch nicht gefunden. Die Herren vermutheten, es werde in einem geheimen Fach liegen, und trugen einem Gerichtsdiener auf, den Kunstschlosser zu rufen. Belotti ließ es geschehen, aber er lauschte dabei mit besonderer Aufmerksamkeit auf den leisen Gesang, welcher aus dem Schlafgemach drang, in dem sich die Leiche der alten Dame befand. Dort, das wußte er, konnte sich das Testament am ehesten finden, aber es lag ihm am Herzen, den Priester die Einsegnung seiner Gebieterin ungestört vornehmen zu lassen. Sobald es in dem Sterbezimmer still wurde, bat er die Herren, ihm zu folgen. Der hohe, flach gewölbte Raum, in den er sie führte, war von Weihrauchdüften erfüllt. Eine große Bettstatt, über welcher sich ein spitzes Zelt von schwerer Seide bis zur Zimmerdecke erhob, stand im Hintergrunde. In der Mitte der Stube hatte der Sarg, in dem die Verstorbene ruhte, Platz gefunden. Ein leinenes mit Spitzen besetztes Tuch lag über dem Antlitz. Die feinen, immer noch unverfallenen Hände der Verstorbenen waren gefaltet und schlossen sich leicht um einen vielgebrauchten Rosenkranz. Den Körper der Entschlafenen barg eine kostbare Decke und in der Mitte derselben lag ein Kruzifix von schön geschnittenem Elfenbein. Die Herren verneigten sich stumm vor der Leiche. Belotti trat näher heran, und als er die ihm so wohlbekannten Hände der Padrona erblickte, wurde die Brust des alten Mannes von einem krampfhaften Schluchzen erschüttert. Dann kniete er neben dem Sarge nieder, drückte die Lippen auf die zarten, erkalteten Finger, und eine warme Thräne, die einzige, welche um diese Todte vergossen wurde, fiel auf die für immer geschlossenen Hände. Der Bürgemeister und seine Begleiter störten ihn nicht, auch nicht als er die Stirn auf das Holz des Sarges legte und ein kurzes, stilles Gebet sprach. Nachdem er sich erhoben und ein älterer Geistlicher in vollem Priesterornat das Zimmer verlassen hatte, winkte Pater Damianus dem Chorknaben, mit dem er in den Hintergrund getreten war, legte mit seiner und Belotti's Hülfe den Deckel über den Sarg und sagte dann, indem er sich an Peter van der Werff wandte: »Um Mitternacht denken wir das Fräulein zur Ruhe zu bringen, damit es kein Aergerniß gibt.« »Gut, Herr!« entgegnete der Bürgemeister, »und was auch kommt, wir werden Euch nicht aus der Stadt weisen. Wenn Ihr es freilich vorzieht, Euch zu den Spaniern ...« Damianus schüttelte das Haupt und unterbrach den Bürgemeister, indem er bescheiden erwiederte: »Nein, Herr; ich bin in Utrecht geboren, und ich bete gern für das freie Holland.« »Seht, seht!« rief der Stadtsekretär. »Das war ein Wort, ein vortreffliches Wort! Eure Hand, Herr Pater.« »Da ist sie; und so lange ihr nicht das haec libertatis ergo auf euren Münzen in ein haec religionis ergo verwandelt, braucht nichts von dem Worte geändert zu werden.« »Ein freies Land und darin Freiheit des Glaubens für Jeden, auch für Euch und die Euren,« sagte der Bürgemeister, »das ist's, was wir wollen. Doktor Bontius hat mir von Euch gesprochen, würdiger Mann; Ihr habt wacker für diese Todte gesorgt. Bestattet sie denn nach dem Brauch Eurer Kirche; wir sind gekommen, um das irdische Gut, welches sie nachläßt, zu ordnen. Vielleicht enthält dieses Kästchen das Testament.« »Nein, Herr,« entgegnete der Priester. »Sie hat das versiegelte Schriftstück, als sie erkrankte, in meinem Beisein erbrochen und, so oft sie sich kräftiger fühlte, einige Worte hinzugeschrieben. Eine Stunde vor ihrem Ende befahl sie, den Herrn Notarius zu rufen, aber als er eintraf, war sie schon dahin. Ich konnte nicht immer bei der Leiche bleiben und habe das Pergament in den Wäscheschrank gelegt. Da habt Ihr den Schlüssel.« Das eröffnete Testament fand sich bald. Der Bürgemeister faltete es gelassen auseinander, und während er seinen Inhalt laut vorlas, schauten ihm der Notar und der Stadtsekretär über die Schulter. Verschiedene Kirchen und Klöster, in denen für die Seele des Fräuleins Messen gelesen werden sollten, und ihre nächsten Blutsverwandten hatten sich in das Vermögen zu theilen. Belotti und Denise waren mit kleinen Legaten bedacht. »Ein Glück,« rief der Stadtsekretär, »daß dies Papier ein Stück Papier ist und nichts weiter.« »Der Akt hat keinerlei Gültigkeit,« fügte der Notar hinzu, »denn er ward von mir mit der ausdrücklichen Erklärung, ihn abzuändern, zurückgezogen und erbrochen. Wendet das Instrument, Meister Peter. Hier hinten gibt es noch mancherlei zu lesen.« Die Arbeit, der sich nun die Herren unterzogen, war keine leichte, denn die Kranke hatte auf die leere Rückseite des Papiers oben und unten, hierhin und dorthin kurze Notizen gekritzelt, und zwar wahrscheinlich als Gedächtnisstütze für die Abfassung eines neuen letzten Willens. Ganz oben stand ein mit unsicherer Hand gezeichnetes Kreuz, und darunter: »Bitte für uns! Der heiligen Kirche bleibt Alles.« Weiter unten las man: »Nico. Der Junge gefällt mir. Das Schloß auf der Düne. Zehntausend Goldgulden an Geld. Ist für ihn sicher zu stellen. Der Vater darf nicht daran rühren. Ausdrücklich hervorzuheben, warum er enterbt wird. Van Vliet aus Haarlem war der Herr, mit dessen Tochter der Vetter heimlich vermählt war. Unter erbärmlichen Vorwänden hat er sie verlassen, um eine neue Ehe zu schließen. Wenn er es vergessen hat, mir ist es im Gedächtniß geblieben, und ich tränk' es ihm ein. Nico soll es sich merken: Falsche Liebe ist Gift. Mir hat sie das Leben verdorben – verdorben.« Diesem zweiten »verdorben« folgte das gleiche Wort noch viele Male. Das letzte am Schlusse des Satzes hatte der Stift der Kranken mit Spiralen und Ranken umwunden. Am rechten Rande des Blattes stand eine Reihe von kurzen Notizen: »Anna zehntausend Gulden. Festzustellen. Sonst fallen sie dem Schnapphahn d'Avila in die Krallen. »Henrika dreimal so viel.« Ihr Vater zahlt ihr das Geld aus – von der Summe, die er mir schuldet. Woher er es nimmt, ist seine Sache. So wäre die Rechnung mit ihm beglichen. »Belotti hat sich schlecht benommen. Wird übergangen. »Denise mag behalten, was ihr bestimmt war.« In der Mitte des Papiers stand der mit großen Lettern geschriebene, mit doppelten und dreifachen Strichen umrahmte Satz: »Das Ebenholzkästchen mit dem Hoogstraten'schen und d'Avila'schen Wappen auf dem Deckel soll man an die Witwe des Marquis d'Avennes senden. Man findet sie auf Schloß Rochebrun in der Normandie. –« Die Männer, welche diese Sätze gemeinsam entziffert hatten, sahen einander schweigend an, bis van Hout ausrief: »Welch' ein wüstes Gemisch von Bosheit und weiblicher Schwäche. Mag es in einem Frauenherzen auch noch so winterlich kalt aussehen: Eisblumen finden sich immer darin.« »Die junge Hoogstraten in Eurem Hause, Herr Peter,« rief der Notar, »thut mir leid, denn eher entlockt man einem Roggenbrod Funken, als dem verschuldeten Habenichts solch' ein Vermögen. Die Tochter wird durch den Vater verkürzt; das nenne ich verwandtschaftlich handeln.« »Was mag in dem Kästchen stecken?« fragte der Notar. »Da steht es,« rief van Hout. »Gebt es her, Belotti.« »Wir müssen es öffnen,« sagte der Sachwalter, »denn vielleicht versucht sie ihr Bestes über die Grenze zu bringen.« »Es öffnen? Gegen den ausdrücklichen Wunsch der Verstorbenen?« fragte van der Werff. »Gewiß!« rief der Notar. »Wir wurden hieher gesandt, um uns über das Nachgelassene zu unterrichten. Der Deckel hält fest. Nehmt die Dietriche, Meister. Da wär' es schon offen.« Die Bevollmächtigten der Stadt sollten keine Kostbarkeiten in der Schatulle finden, sondern nur Briefe aus verschiedenen Zeiten. Es waren nicht viele. Die untersten, stark vergilbten enthielten Liebesbetheuerungen des Marquis d'Avennes, die neueren waren kurz und Don Luis d'Avila gezeichnet. Der Stadtsekretär, welcher die kastilianische Sprache, in der sie geschrieben waren, verstand, durchlas sie schnell. Als er sich dem Ende des letzten näherte, rief er in lebhafter Empörung: »Wir halten hier den Schlüssel zu einem Bubenstücke in Händen! Erinnert ihr euch des Aufsehens, welches vor vier Jahren der Zweikampf erregte, in dem der Marquis d'Avennes einem spanischen Raufbold zum Opfer fiel? Auf diesem Blatte schreibt nun der elende Bravo, er habe... Es lohnt sich der Mühe; ich werde es euch übersetzen. Der erste Theil des Billets hat keine Bedeutung; aber jetzt kommt es: ›Und nachdem es mir nun vergönnt war, mit dem Marquis den Degen zu kreuzen und ihn nicht ohne eigene Gefahr zu tödten, ein Loos, welches er wohl verdient zu haben scheint, da er Euer Mißfallen in so hohem Grade erregt hat, so ist die Bedingung, welche Ihr mir stelltet, erfüllt, und ich hoffe morgen den süßesten Lohn durch Eure Gnade in Empfang zu nehmen. Sagt Donna Anna, meiner angebeteten Braut, ich würde sie morgen in aller Frühe zum Altare führen, denn die d'Avennes sind von Einfluß und meine Sicherheit ist vielleicht schon übermorgen gefährdet. Was das Andere betrifft, so hoffe ich auf die Billigkeit und Großmuth meinem Gönnerin zählen zu dürfen.'« Van Hout warf das Schreiben auf den Tisch und rief: »Sehet her, was der Bravo für eine zierliche Hand schreibt. Und, Gottes Donner, die Dame, an welche diese Mordanschläge gesandt werden sollen, wird doch wohl die Mutter des unglücklichen Marquis sein, den der spanische Mordgesell erlegte.« »Ja, Herr,« sagte Belotti, »ich kann Eure Vermuthung bestätigen. Die Marquise ist die Gattin des Mannes gewesen, der dem jungen Fräulein van Hoogstraten die Treue gebrochen. Die, welche da ruht, hat viele Sonnen auf- und untergehen sehen, bis ihre Rache gereift war.« »In's Feuer mit dem Geschreibsel!« rief van Hout heftig. »Nein,« entgegnete Peter. »Wir senden die Briefe nicht ab, aber Ihr werdet sie im Archiv aufbewahren. Gottes Mühlen mahlen langsam, und wer weiß, wozu diese Blätter noch gut sind.« Der Stadtsekretär nickte zustimmend und sagte, während er die Schreiben zusammenlegte: »Ich denke, das Vermögen der Todten kommt der Stadt zugute.« »Der Prinz wird darüber verfügen,« entgegnete van der Werff. »Wie lange habt Ihr dem Fräulein gedient, Belotti?« »Fünfzehn Jahre.« »So bleibt einstweilen in Leyden, denn ich denke, daß Ihr auf das Legat, welches sie ursprünglich für Euch bestimmt hat, hoffen dürft. Ich werde Euren Anspruch vertreten.« Einige Stunden vor dem nächtlichen Begräbniß des alten Fräuleins erschienen Herr Matenesse van Wibisma und sein Sohn Nicolas vor der Stadt, aber sie wurden von dem Thorwächter abgewiesen, obgleich sie sich Beide ans den Tod ihrer Verwandten beriefen. Henrika's Vater erschien nicht, denn er war vor wenigen Tagen zum Turniere nach Köln geritten. Sechzehntes Kapitel. Am 26. Mai, dem Tage der Himmelfahrt Christi, hatte am Mittag zwischen zwölf und ein Uhr helles Glockengeläut den Anfang des großen Kreuzmarktes verkündet. Die alte Umgehung der Flurgrenze hatte längst einem kirchlichen Feste weichen müssen, aber der Name des »Ommegangs« blieb mit dem der Kreuzmesse verwachsen, und allerlei Umzüge fanden auch nachdem die neue Religion zur Herrschaft gelangt war, beim Beginn des Jahrmarktes statt. In der katholischen Zeit war das Kreuz in feierlicher Prozession, an der sich ganz Leyden zu betheiligen pflegte, in den Straßen umhergetragen worden, jetzt zog es den Bannern der Stadt und den Fahnen mit den Farben des Hauses Oranien voran, und ihm folgten die adeligen Herren hoch zu Roß, die Behörden des Ortes in feierlichem Ornate, die Geistlichkeit in schwarzen Talaren und die Freiwilligen in reichstem Waffenschmuck, die Zünfte mit ihren Emblemen, denen gelenkige Stabschwinger voransprangen, und in langen, fröhlichen Reihen die Schulkinder. Auch der Aermste schaffte für diesen Tag seinem Nachwuchs etwas Neues an. Niemals flochten die Mütter den kleinen Mädchen sorgsamer die Zöpfe, als bei dem Aufzug am Kreuzmarkt. Mancher Stüber aus schmalem Beutel ward trotz der schweren Zeit für frische Bänder und neue Kinderschuhe, für kleidsame Knabenmützen und Strumpfwerk in leuchtenden Farben ausgegeben. So konnte sich denn auch die Frühlingssonne gar heiter in dem blank gekämmten Haar der Mädchen spiegeln, und bunter noch als die Blumen im Garten des Herrn van Montfort, an dem der Zug vorüber mußte, sahen die großen Buben und kleinen Abcschützen aus. Jeder trug neben der Feder grünes Laub an der Mütze, und je kleiner das Männchen war, desto größer mußte der Zweig sein. An lautem Gespräch und lustigem Geschrei fehlte es nicht, denn jedes Kind, welches an dem elterlichen Hause vorbeikam, rief der daheim gebliebenen Mutter, den Großeltern und Dienstboten zu, und wenn Eines die Stimme erhob, folgten ihm alsbald viele andere. Auch die Großen blieben nicht stumm, als der Zug sich dem Rathhause, dem Schützenhause, den Gildehallen, oder wenn er sich den Wohnungen beliebter Männer näherte, und den allgemeinen Jubel hob und ermunterte das Läuten der Glocken, das Hochrufen der Schiffsleute auf beiden Armen des Rheins und in den Kanälen, das Spiel der Stadtmusikanten an den Straßenecken und der Knall der Böllerschüsse und Kanonenschläge, welche der Konstabel mit seinen Gehülfen auf der Burg abfeuerte. Das war ein frohes Treiben im fröhlichen Lenz! Im sicheren Genuß des Friedens und Wohlseins schienen diese heiteren Menschen sich sorglos zu wiegen, und wie blau war der Himmel, wie warm und hell schien die Sonne! Nur unter den Herren vom Rath gab es ernste, sorgenvolle Gesichter; aber die Zünfte und die Kinder hinter ihnen wurden sie nicht gewahr, und so dauerte der Jubel ohne Unterbrechung fort, bis die Kirchen den Zug aufnahmen und von den Kanzeln manches Wort erscholl, welches so ernst und mahnend klang, daß Viele nachdenklich wurden. Dem Manne gehören alle drei Phasen der Zeit, dem Greise gehört die Vergangenheit, dem Jüngling die Zukunft, dem Kinde aber die Gegenwart. Was kümmerte die Leydener Buben und Mädchen in der schulfreien Jahrmarktszeit die nahe Gefahr? Wer heute und während der großen Leinenzeugmesse am Freitag und an den kommenden Tagen von den Eltern oder Pathen einen Jahrmarktspfennig bekommen, oder wer auch nur Augen zum Sehen, Ohren zum Hören und eine Nase zum Riechen besaß, der zog mit den Genossen durch die Budenreihen hin und blieb vor dem Kameel und dem Tanzbären stehen, oder schaute in die offenen Schenken, in denen nach dem Takt des Dudelsacks, der Klarinette und Geige sich nicht nur Mädchen und junge Bursche, sondern auch lustige Alte im Tanze schwangen, – oder prüfte Pfefferkuchen und andere Leckereien mit der Aufmerksamkeit eines Sachverständigen, oder folgte den Trompetenstößen, mit welchen der Mohr des Quacksalbers die Menge herbeirief. Auch Bürgemeisters Adrian schlenderte Tag für Tag mit seinen Gefährten oder allein unter den Herrlichkeiten des Jahrmarktes umher und griff dabei manchmal mit dem sicheren Gefühl der Wohlhabenheit an den Lederbeutel, welcher an seinem Gürtel hing, denn es befanden sich darin mehrere Stüber, welche ihm von verschiedenen Seiten: dem Vater, der Mutter, Barbara und der Frau Pathin zugeflossen waren. Dreimal hatte ihn der Rittmeister van Duivenvoorde, sein besonderer Freund, auf dessen stattlichen Rossen er schon manchmal gesessen, mit in eine Waffelbude genommen, daß er sich nach Belieben satt esse, und darum war sein kleines Vermögen auch am Dienstag nach Himmelfahrt noch wenig geschmälert. Er gedachte dafür etwas Rechtes und Großes zu kaufen: ein langes Ritterschwert, oder eine Armbrust; vielleicht auch – aber dieser Gedanke wollte ihm wie eine schlimme Versuchung erscheinen – den mit Mandeln gepflasterten Pfefferkuchen, welcher als großes Schaustück in der Bude eines Delfter Zuckerbäckers zu sehen war. Er und Lieschen konnten freilich wochenlang an diesem Riesenkuchen naschen, wenn sie sparsam waren, und Sparsamkeit ist doch eine treffliche Tugend. Etwas mußte jedenfalls auch für »Brüderchen« übrig bleiben, die gute Jahrmarktswürze, welche in vielen Buden vor den Augen der Vorübergehenden gebacken wurde. Am Dienstag Nachmittag führte ihn der Weg an dem berühmten Rotterdamer Brüderchenkram vorüber. Vor dem mit Spiegeln und bunten Bildchen geschmückten, leicht zusammengefügten Bretterhause saß auf einem langbeinigen, seine Umgebung hoch überragenden Armstuhle ein wohlbeleibtes sauberes Weib in der Blüte der Jahre und goß sehr rasch mit bemerkenswerthem Geschick weißen, flüssigen Mehlteig, welchen sie einem großen Topfe entnahm, auf die erhitzte, mit vielen Vertiefungen versehene Eisenplatte. Diese stand in der Höhe ihrer bequem auseinandergespreizten Kniee. Ihre Gehülfin wandte die winzigen, in den Vertiefungen der metallenen Fläche rasch bräunenden Plinzenscheiben blitzschnell mit einer Gabel um und legte das fertige Gebäck zierlich auf kleine Teller. Der Aufwärter machte es für die Gäste bereit, indem er ein stattliches Stück goldgelber Butter auf den dampfenden Hügel der Küchelchen legte. Ein ausnehmend reizender Geruch, welcher nur zu sehr an frühere Genüsse erinnerte, entstieg dem Herde, und Adrian's Finger prüften schon den Inhalt seines Beutels, als die Trompete des Mohren erscholl und der Karren des Quacksalbers gerade vor der Brüderchenbude still hielt. Der berühmte Doktor Morpurgo war ein stattlicher, in lauter Scharlach gekleideter Mann mit einem kohlschwarzen dünnen Knebelbart, welcher ihm bis auf die Brust herabhing. Seine Bewegungen waren gemessen und vornehm, die Verbeugungen und Gesten, mit denen er die versammelte Menge begrüßte, herablassend und gütig. Nachdem sich eine genügende Zahl von Neugierigen um seinen mit Schachteln und Flaschen besetzten Karren versammelt hatte, begann er in gebrochenem, mit vielen fremden Worten gewürztem Holländisch zu reden. Er pries die Güte der Vorsehung, welche das Wunder des menschlichen Organismus geschaffen habe. In diesem, sagte er, sei Alles weise und auf's Beste angeordnet und gestaltet, aber in einer Hinsicht vermöge die Natur dennoch vor dem Eingeweihten nur schlecht zu bestehen. »Wißt ihr auch, wo der Fehler steckt, ihr Herren und Frauen?« fragte er. »Im Geldbeutel,« rief ein lustiger Barbiergehülfe; »der magert alle Tage vorzeitig ab.« »Richtig, mein Sohn,« entgegnete der Quacksalber gnädig. »Aber die Natur versieht es auch mit der großen Pforte, aus welcher Deine Antwort gekommen ist. Eure Zähne sind ein stümperhaftes Machwerk. Sie kommen mit Schmerzen, sie verderben vor der Zeit, und so lange sie da sind, quälen sie Denjenigen, welcher sie nicht mit Emsigkeit pflegt. Aber die Kunst korrigirt die Natur. Seht diese Schachtel ...« und nun begann er das von ihm erfundene Zahnpulver und seine Mixtur gegen Zahnschmerzen zu preisen. Dann ging er auf den Kopf des Menschen über und beschrieb mit lebhaften Farben die verschiedenen Leiden desselben. Aber auch sie waren zu heilen, sicher zu heilen, man brauchte nur sein Arcanum zu kaufen. Für ein Spottgeld war es zu haben, und wer dieses daran wagte, konnte sicher jede Art von Kopfschmerz, auch die schlimmste, wie mit einem Besen fortfegen. Adrian hörte dem berühmten Doktor mit offenem Munde zu. Von der heißen Platte des Ofens vor dem Brüderchenkram wehten ihm besonders liebliche Düfte entgegen, und er hätte sich herzlich gern einen Teller voll frischer Küchelchen gegönnt. Jetzt winkte ihm die behäbige Bäckerin sogar mit dem Löffel, aber er schloß die Hand um den Beutel und wandte seine Augen wiederum auf den Quacksalber, dessen Karren nun von etlichen Männern und Frauen umdrängt wurde, welche Tinkturen und Arzneien kauften. In seinem väterlichen Hause lag die kranke Henrika. Er war schon zweimal zu ihr geführt worden, und das bleiche schöne Gesicht mit den großen dunklen Augen halte sein Herz mit Mitleid erfüllt. Auch die tiefe reine Stimme, mit der sie ihm einige Worte zugerufen, war ihm merkwürdig erschienen und ihm in die Seele gedrungen. Eines Morgens hatte es geheißen, sie sei da, und seitdem war die Mutter nur selten zu sehen gewesen, und es war im Hause noch weit stiller als sonst; denn Jeder ging leise, sprach mit gedämpfter Stimme, pochte, statt den Klopfer zu rühren, vorsichtig an ein Fenster, und so oft Lieschen oder er selbst laut lachte oder in der Vergessenheit die Stiege herauf oder hinunter sprang, zeigte sich Barbara, die Mutter oder Trautchen und raunte ihnen zu: »Leise, Kinder, das Fräulein hat Kopfschmerz.« Nun standen da oben auf dem Karren viele Flaschen, welche Heilung dieses Leidens verhießen, und der berühmte Morpurgo schien doch ein sehr verständiger Mann, gar kein Possenreißer wie die anderen Quacksalber zu sein, und die Frau des Bäckers Wilhelm Peterssohn, welche neben ihm stand und die er kannte, sagte zu ihrer Begleiterin, die Mittel des Doktors seien gut, sie hätten ihre Gevatterin ganz schnell von einer bösen Gesichtsrose geheilt. Diese Rede brachte den Entschluß des Knaben zur Reife. Flüchtige Bilder des Ritterschwertes, der Armbrust, des Pfefferkuchens und der saftigen Brüderchen zogen ihm zwar noch einmal an dem inneren Auge vorüber, aber er wies sie mit einer kräftigen Willensthat von sich, hemmte den Athem, um die verführerischen Brüderchendüfte nicht zu riechen, und trat schnell an den Karren heran. Vor demselben löste er den Beutel vom Gürtel, schüttete seinen Inhalt in die Hand, wies ihn dem Doktor, welcher die schwarzen Augen wohlwollend auf den seltenen Käufer gerichtet hatte, und fragte ihn: »Wird das genug sein?« »Wofür?« »Für die Medizin gegen den Kopfschmerz.« Der Quacksalber breitete mit dem Zeigefinger die kleinen Münzen in Adrian's Hand auseinander und erwiederte ernst: »Nein, mein Sohn, indessen freut es mich stets, das Wissen zu fördern. Es gibt für Dich in der Schule noch viel zu lernen, und dabei hindert der Kopfschmerz. Hier hast Du die Tropfen, und weil Du es bist, geb' ich Dir noch diese Anweisung für ein anderes Arcanum mit in den Kauf.« Adrian wickelte das Fläschchen, welches der Quacksalber ihm reichte, eilfertig in das bedruckte Papier, behielt seinen theuer erworbenen Schatz in der Hand und lief nach Hause. Unterwegs wurde er von dem Hauptmann Allertssohn angehalten, welcher ihm mit dem Musiker Wilhelm entgegenkam. »Hast Du meinen Andreas gesehen, Meister Thunichtgut?« fragte er den Knaben. »Er stand bei den Spielleuten in der Rapenburg und hörte zu,« sagte Adrian, machte sich von der Hand des großen Mannes los und verschwand in der Menge. »Ein flinker Bursch,« sagte der Fechtmeister. »Meiner steht wieder einmal bei den Musikanten. Der Bub' hat nichts als Eure Kunst im Sinn. Er bläst weit lieber auf dem Kamm, als daß er sich mit ihm kämmt, auf jedem Blatt und jedem Rohr muß er flöten, aus zerbrochenen Klingen bastelt er sich Triangel zusammen, kein Kochtopf ist vor seiner Trommelei sicher; kurz, dem Taugenichts steckt lauter Singsang im Sinne; er will Spielmann werden oder dergleichen.« »Recht, recht!« entgegnete Wilhelm mit Eifer! »er hat ein feines Gehör und ist der Beste im Chor.« »Man muß das Ding überlegen,« gab der Hauptmann zurück, »und wenn Einer, so könnt Ihr mir sagen, was er in Eurer Kunst zu erreichen vermag. Habt Ihr heute Abend Zeit, Herr Wilhelm, so kommt zu mir auf die Wache; ich möchte mit Euch reden. Freilich vor zehn Uhr findet Ihr mich schwerlich. Ich habe heute wieder das Ziehen in der Kehle, und an solchen Tagen ist ... Roland, mein Vormann!...« Der Hauptmann räusperte sich laut und heftig, und Wilhelm sagte: »Ich steh' Euch zu Diensten, denn die Nacht ist lang, aber jetzt lass' ich Euch nicht eher los, als bis ich weiß, was es mit dem Vormanne Roland auf sich hat.« »Meinetwegen denn; es ist nicht viel damit, und vielleicht werdet Ihr's gar nicht begreifen. Kommt hier herein; bei einem Kruge Bier erzählt es sich besser, und die Beine meutern, wenn man ihnen vier Nächte lang den Sold der Nachtruhe entzieht.« Als die beiden Männer einander in der Schenkstube gegenübersaßen, strich der Fechtmeister den Schnurrbart von den Lippen und begann: »Wie lange wird's her sein –? Sagen wir vor einem guten Mandel Jahre, da ritt ich einmal mit dem Wirthe vom Wechsel, der, wie Ihr wißt, ein gelehrter Mann ist und sich mit allerlei altem Kram und lateinischen Schriften befaßt, nach Haarlem. Es plaudert sich gut mit dem Manne, und als die Rede darauf kam, wie Einem im Leben manches zum ersten Mal begegnet, das man doch schon einmal gesehen zu haben meint, da sagt der Aquanus, dies lasse sich leichtlich erklären, denn die Menschenseele sei ein unzerstörbares Ding, ein niemals sterbender luftiger Vogel. So lange man lebt, bleibt sie in uns, und wenn es aus mit uns ist, fliegt sie fort und wird je nach ihrem Verdienst belohnt oder gepeinigt; aber nach Jahrhunderten, welche dem Herrgott nicht mehr sind als die Minute, in der ich diesen frischen Krug leere – noch einen, Dientje! – gibt sie der barmherzige Vater wieder frei, und dann nistet sie sich in ein neugeborenes Kind ein. Das machte mich lachen; er aber ließ sich nicht stören und berichtete von einem alten Heiden, einem über die Maßen weisen Gesellen, der sicher gewußt hat, daß seine Seele früher einmal in dem Leibe eines gewaltigen Helden Quartier genommen. Dieser selbige Heide erinnerte sich auch genau, wohin er bei seinem früheren Leben seinen Schild gehängt hatte, und erzählte das seinen Zunftgenossen. Da suchte man nach und fand das Rüstungsstück und darauf die Anfangsbuchstaben des Vor- und Zunamens, der dem Weisen vor Jahrhunderten in der Zeit seines Lebens als Soldat eigen gewesen. Das machte mich stutzig, denn seht, Herr – und nun lacht nicht! – denn mir war früher etwas ganz Aehnliches widerfahren wie jenem Heiden. Ich halte nicht viel von Büchern und habe von Kind an immer eins und dasselbe gelesen. Ich hatte es von meinem Vater selig geerbt, und es ist nicht gedruckt, sondern geschrieben. Ich zeig' es Euch einmal – es enthält die Geschichte vom tapfern Roland. Oft sind mir, wenn ich mich in diese schönen und wahrhaftigen Historien vertiefte, die Backen so roth geworden wie lichtes Feuer, und wie dem Aquanus, so bekenn' ich's auch Euch: Ich muß mich irren, oder ich habe bei König Karl an der Tafel gesessen, oder ich habe beim Lanzenbrechen und in der Schlacht in Roland's Kettenpanzer gesteckt. Den Mohrenkönig Marsilia mein' ich gesehen zu haben, und einmal, als ich wiederum las, wie der sterbende Roland im Thale Roncesvalles in das Horn stieß, bis Alles vorbei war, da habe ich einen Schmerz in der Kehle gespürt, als müßte sie springen, und es war mir dabei zu Sinn, als hätte ich gleiche Pein schon ein anderes Mal hier drinnen empfunden. Wie ich dies Alles dem Aquanus treulich bekannte, da rief er aus, es leide keinerlei Zweifel, meine Seele habe schon einmal in der des Roland gelebt, oder mit anderen Worten, ich sei in einem früheren Leben der Ritter Roland gewesen.« Der Musiker schaute den Erzähler verwundert an und fragte: »Das könntet Ihr wirklich glauben, Herr Hauptmann?« »Warum nicht,« entgegnete der Andere. »Vor dem Höchsten ist kein Ding unmöglich. Zuerst habe ich selbst dem Wirth in's Gesicht gelacht, aber seine Worte sind mir nachgegangen, und als ich die alten Historien von Neuem durchlas, – ich brauche die Augen dabei wenig zu quälen, denn bei jeder Zeile weiß ich vorher, was die folgende bringt – konnt' ich nicht umhin, mich zu fragen ... Kurz, Herr, meine Seele hat doch wohl einmal in der des Roland gesteckt, und darum heiße ich ihn meinen »Vormann«. Im Laufe der Jahre ist es mir denn zur Gewohnheit geworden, bei ihm zu schwören. »Narrheit« werdet Ihr denken, aber ich weiß, was ich weiß, und nun muß ich gehen. Heút Abend reden wir weiter, aber über andere Dinge. Ja, Herr, es hat Jeder hier oben einen Sparren zu viel, aber mit meinem falle ich wenigstens den Leuten nicht lästig. Uebrigens zeige ich ihn nur guten Freunden, und Fremde, die mich einmal nach dem Vormanne Roland fragen, thun es selten zum zweiten Male. Die Zeche, Dientje... Da zieht es wieder... Man muß sehen, ob die Thürme richtig besetzt sind, und den Wachen einschärfen, die Augen offen zu halten. Wenn Ihr in Wehr und Waffen erscheint, so spart Ihr vielleicht einen Gang, denn heute steh' ich für nichts. Ihr kommt wohl an dem neuen Rhein vorbei. Tretet da in mein Haus und saget meiner Frau Liebsten, sie sollen mit dem Abendbrod nicht auf mich warten. Oder nein, ich besorge das selbst; es steckt heute was in der Luft, Ihr werdet's erleben, denn ich habe wieder den Roncesvalles-Hals.« Siebenzehntes Kapitel. In der großen Wachtstube, welche während der vor zwei Monaten aufgehobenen Belagerung der Stadt neben der Burg eingerichtet worden war, saßen nach Sonnenuntergang Stadtsoldaten und Freiwillige gruppenweise bei einander, sprachen plaudernd dem Bierkruge zu und vertrieben sich bei dem spärlichen Licht von mageren Talgkerzen mit Kartenspiel die Zeit. Der Erker, in welchem der Tisch der Offiziere stand, war etwas besser erleuchtet. Wilhelm, welcher gemäß dem Rathe seines Freundes in der Rüstung eines Bürgerwehrfähnrichs erschien, setzte sich kurz nachdem die Thurmuhr die zehnte Stunde geschlagen an die leere Tafel. Während er dem Aufwärter befahl, ihm einen Krug Bier zu bringen, erschien Hauptmann Allertssohn mit dem Junker von Warmond, welcher an der Berathung bei Peter van der Werff theilgenommen und sich vor zwei Jahren bei der Einnahme von Brill seine Kapitänsschärpe wacker verdient hatte. Als dieser Sohn eines der vornehmsten und reichsten Adelsgeschlechter in Holland, dessen Mutter den Namen Egmond getragen, in den Erker trat, löste er die in einem hohen Fechthandschuh geborgene Hand aus dem Arm des Hauptmanns und sagte, indem er die Bestellung des Musikers widerrief: »Nichts da, Aufwärter! Das Fäßchen mit dem Gelben vom Würzburger Stein kann noch nicht leer sein. Heute Abend wollen wir seinen Boden finden. Was meint Ihr, Hauptmann?« »Solches wird das Fäßlein erleichtern und uns nicht sonderlich beschweren,« entgegnete der Andere. »Guten Abend, Herr Wilhelm, Pünktlichkeit ziert den Soldaten. Die Leute fangen an zu begreifen, worauf es ankommt.. Ich habe sie so postirt, daß sie alle Richtungen der Windrose mit den Augen beherrschen. Stunde für Stunde lasse ich sie ablösen und dazwischen sehe ich selbst nach dem Rechten. Dies ist ein guter Tropfen, Junker. Ehre dem Manne, welcher sein väterliches Gold in solche Flüssigkeit umschmilzt. Das erste Glas gilt dem Prinzen.« Die drei Männer stießen mit den Römern an und ließen sie bald darauf auf die Freiheit Hollands und auf das Wohl der guten Stadt Leyden zusammenklingen. Dabei nahm die Rede einen fröhliches Fortgang und auch die Pflicht wurde nicht vergessen, denn nach der ersten halben Stunde erhob sich der Hauptmann, um selbst in die Ferne zu schauen und die Aufmerksamkeit der Wachen zu schärfen. Als er wieder in den Erker trat, nahmen Wilhelm und der Junker im Eifer des Gesprächs sein Erscheinen nicht wahr. Der Musiker erzählte von Italien und Allertssohn hörte, wie er mit großer Lebendigkeit rief: »Wer es einmal gesehen, der kann es nimmer vergessen, und wenn ich oben bei meinen Tauben sitze, so fliegen die Gedanken nur allzu oft mit ihnen fort, und die Augen sehen nichts mehr von unserer breiten, eintönigen Ebene und unserem grauen, nebeligen Himmel.« »Ho, Meister Wilhelm,« unterbrach ihn der Hauptmann, warf sich in den Armstuhl und streckte die gestiefelten Beine weit von sich. »Ho – ho. Diesmal fasse ich euch bei Eurem Sparren. Italien und wieder Italien! Ich kenne das Wälschland auch, denn ich bin in Brescia gewesen und habe da für den Prinzen und andere Seigneurs Klingen von gutem Stahl ausgesucht. Dann zog ich über den rauhen Apennin und kam nach Florenz, um nach seinen Rüstungsstücken zu sehen. Von Livorno ging ich zur See nach Genua, und dort erwarb ich ciselirtes Silber- und Goldwerk für Wehrgehänge und Degenkörbe. Was wahr ist, muß wahr bleiben: arbeiten können die braunen Halunken. Aber das Land – das Land! Roland, mein Vormann, – wie das ein verständiger Mann dem unseren vorziehen kann, das mag ein Anderer begreifen.« »Holland ist unsere Mutter,« unterbrach ihn der Junker. »Als gute Söhne halten wir sie für die beste Frau, aber wir dürfen ohne Schande zugeben, daß es doch noch schönere Weiber auf Erden gibt.« »Ihr blast auch in diese Trompete!« rief der Fechtmeister und schob den Römer ärgerlich in die Tafel hinein. »Seid Ihr denn jemals über die Alpen gekommen?« »Nein, Herr, indessen...« » Indessen glaubt Ihr den Farbenklecksern von der Malergilde, denen das bischen Blau auf dem Meer und am Himmel in die Augen sticht, oder den Herren von der Musika, die sich von den weichen Stimmen und dem rührsamen Gefiedel da drüben die Sinne verwirren lassen, aber Ihr würdet gut thun, auch einmal einen ruhigen Mann zu hören.« »Redet nur, Hauptmann.« »Wohl. Und wer mich eines unwahren Wortes zu zeihen vermag, dem zahl' ich bis zum jüngsten Tage die Zeche. Ich werde von Adam an die Geschichte beginnen. Erst geht es also über das gräßliche Alpengebirge. Da sieht man unfruchtbare, öde Felsen, kalten Schnee und eisige, wilde Wasser, auf die man keinen Kahn zu setzen vermag. Statt Wiesen zu tränken, schleudert das krause Gewirbel Steine an's Ufer. Dann kommt man in die Ebene, auf der mancherlei wächst, das muß wahr sein. Ich war im Monat Junius da unten und habe meinen Spaß gehabt an den winzigen Ackerstücklein, auf denen kleine Bäume standen, die dem Weinlaub zur Stütze dienten. Das sah nicht übel aus, aber die Hitze, Junker, die Hitze verdarb jegliche Freude! Und dieser Schmutz in den Schenken, das Ungeziefer, und was man von den Bravos auf zwei Beinen hören muß, welche für schnödes Gold das Blut von ehrlichen Christenmenschen im Dunkeln vergießen. Wenn Einem die Zunge im Munde vertrocknet, so findet man lauter heißen Wein und keinen Schluck kühles Bier. Und der Staub, ihr Herren, der gräßliche Staub! – Was den Stahl von Brescia anbetrifft, – alle Achtung! Aber im Gasthause wurde mir die Feder vom Hute gestohlen, und der Wirth fraß euch Zwiebeln wie Weißbrod. Gott soll mich strafen, wenn mir da drüben ein einziges Stück rechtschaffenes Rindfleisch, so wie meine Alte es mir täglich vorsetzen kann, – und wir leben nicht wie die Fürsten – zwischen die Zähne gekommen ist. Und die Butter, Junker, die Butter! Wir brennen das Oel in den Lampen und schmieren damit die Thürangeln ein, wenn sie knarren, die Wälschen aber brauchen es, um Hühner und Fische darin zu braten. Pfui, Teufel!« »Hütet Euch, Hauptmann,« rief Wilhelm, »sonst nehm' ich Euch beim Wort, und Ihr müßt mir die Zeche zeitlebens bezahlen. Das Oel der Oliven ist eine reine, schmackhafte Würze.« »Für den, dem es schmeckt. Ich lobe mir holländische Butter. Zum Poliren des Stahles lass' ich das Olivenöl gelten, aber zum Backen und Braten ist Butter das Rechte, und damit Punktum. Schlagt doch einmal Eurer Frau Mutter vor, mit Oel die Küchel und Schollen zu braten, – sie würde Euch ansehen! Aber ich bitte, mich weiter zu hören. Von der Lombardei bin ich nach Bologna und von da nach dem rauhen Apennin gezogen. Bald ging es aufwärts, bald wieder jäh hinunter, und es ist eine kuriose Freude, von der man hier zu Lande gottlob verschont bleibt, wenn es bergab geht, im Sattel zu sitzen. Zur Rechten und Linken hohe Berge, wie Mauern. Die Brust wird Einem beklommen in den schmalen Thälern, und wenn man in's Weite schauen will: nichts da, denn überall stellen sich Einem die nichtswürdigen Berge dicht vor die Nase. Ich meine, der Herr hat diese Höcker nach Adam's Sündenfall zur Strafe für den Menschen erschaffen. Am sechsten Schöpfungstage ist die Erde eben gewesen. Es war im August, und wenn die Mittagssonne auf die Felswände prallte, so wurde es just zum Vergehen; es nimmt mich nur Wunder, daß ich hier nicht gedörrt und gebacken neben euch sitze. Das berühmte Blau des italienischen Himmels! Immer dasselbe! Wir kennen es auch hier zu Lande, aber es wechselt mit schönem Gewölk. Wenige Dinge gibt es in Holland, die mir besser gefallen, als gerade unsere Wolken. Wie der rauhe Apennin endlich hinter mir lag, da kam ich in das berühmte Florenz.« »Und auch dieser Stadt könnt Ihr Euren Beifall versagen?« fragte der Musiker. »Nein, Herr, es gibt da viele stattliche, trotzige Paläste und schmucke Kirchen und es fehlt nicht an Sammet und Seide allüberall, auch steht das Tuchmachergewerk stattlich im Flor; aber wohl befunden, Herr, wohl befunden hab' ich mich auch nicht in Eurem Florenz, vornehmlich wegen der Hitze, auch hab' ich Vieles ganz anders gefunden, als ich erwartet. Da ist erstens der Arnostrom! Zum Lachen ist dies Gewässer, gewißlich zum Lachen! Wißt Ihr, wie es aussieht? Wie die Pfützen, die nach einem tüchtigen Gewitterregen auf dem Arbeitsplatz des Steinmetzen zwischen den abgeschlagenen Splittern und Quaderstücken herumstehen.« »Die Zeche, Hauptmann, die Zeche!« »Ich meine die Werkstätte eines sehr großen Steinmetzen und Lachen von ziemlicher Breite. Werdet Ihr mir noch widersprechen, wenn ich behaupte: der Arno ist ein flacher, schmaler Wasserstreifen, gut genug, um den Borkenkahn eines Buben zu tragen? Er verbrämt eine breite Fläche von grauen Kieseln, ungefähr wie die Goldfranse da den Fechtstulp am Handschuh des Junkers.« »Ihr habt ihn am Ende eines heißen Sommers gesehen,« entgegnete Wilhelm, »im Frühling ist er ganz anders.« »Mag sein; aber ich bitte Euch, an den Rhein und die Maas und unsere anderen Flüsse, auch die Marne und Drecht und wie die anderen kleineren heißen, zu denken. Die bleiben in jeder Jahreszeit voll und tragen stattliche Schiffe. Gleichmäßig und von gutem Verlaß, das gilt hier zu Lande; heute so, morgen so, das ist italienisch. Mit dem Gefuchtel auf dem Fechtboden steht es ebenso aus.« »Die Italiener führen gefährliche Klingen,« sagte der Junker. »Ganz recht, aber das springt hierhin und dorthin und die rechte Stätigkeit mangelt. Ich kann davon reden, denn bei meinem Kollegen Torelli, dem ersten Fechtmeister der Stadt, fand ich Quartier. Von den Mahlzeiten, die er mir bot, will ich nicht reden. Heute Nudeln, morgen Nudeln, zwei Hühnerbeine dazu und damit basta. Ich habe manchmal nach Tisch den Gürtel fester gezogen. Was die Kunst betrifft, so ist der Torelli gewiß kein Stümper, aber auch er hat das Springen in der Methode. Es gilt bei einem Gange mit ihm, die Augen offen halten, aber Hab' ich einmal seine Klinge und kann zu meiner Quart, Terz und Seitensekunde kommen, so ist er geliefert.« »Eine schöne Suite,« sagte der Junker. »Sie ist mir nützlich gewesen.« »Ich weiß, ich weiß,« entgegnete der Hauptmann lebhaft. »Ihr habt mit ihr zu Namur den französischen Raufbold zum Schweigen gebracht. – Da faßt es mich wieder im Halse. Es gibt heute etwas, ihr Herren, es muß etwas geben.« Der Fechtmeister griff mit der Linken in das Vorderstück seiner Krause und stieß mit der Rechten den Römer auf den Tisch. Nicht selten hatte er ihn weit unvorsichtiger gehandhabt, heute aber zersprang das Glas in viele Stücke. »Hat nichts zu sagen,« rief der Junker. »Aufwärter! Ein anderes Glas für den Hauptmann.« Der Fechtmeister schob den Stuhl von der Tafel zurück und sagte, indem er auf die grünlichen Glasscherben schaute, mit veränderter Stimme mehr vor sich hin, als zu seinen Gefährten: »Ja, ja, ja heute wird's Ernst. Mitten entzwei in tausend, Stücke. Wie Gott es fügt! Ich weiß, wo mein Platz ist.« »Meister,« unterbrach ihn der Junker mit leisem Vorwurf und füllte den neuen Römer. »Meister, was sind das für Grillen? Vor der Affäre von Brill stürzte ich beim Sprung aus dem Kahne, und dabei zerbrach mir der Degen. Ich fand bald einen andern, aber es kam mir doch in den Sinn: ,Heute geht es zu Ende', und nun sitze ich hier und hoffe, noch manchen Römer mit euch zu leeren.« »'s geht schon vorüber,« sagte der Fechtmeister, lüftete den Hut und wischte die Stirn mit dem Rücken der Hand. »Einmal schlägt Jedem sein Stündchen, und wenn das meinige naht – wie Gott will! Die Meinen werden nicht darben. Das Haus am neuen Rhein ist schuldenfrei, und wenn sie auch sonst nicht viel erben, so hinterlass' ich ihnen doch einen ehrlichen Namen und redliche Freunde. Meinen zweiten, den Musikanten, laßt Ihr nicht aus den Augen, Wilhelm, das weiß ich. Unentbehrlich ist Keiner, und wenn mich der Himmel von diesem Kommando abrufen will so kann der Junker von Nordwyk, der Jan van der Does meine Stelle vertreten. Ihr, Herr von Warmond, seid da, wo Ihr steht, recht am Platze, und die gute Sache kommt auch ohne mich zu einem glücklichen Ende.« Der Musiker lauschte mit Erstaunen auf den weichen Klang in der tiefen Stimme des wunderlichen Mannes, der Junker aber hob den Pokal und rief: »Um ein leichtes Glas so schwere Gedanken! Ihr kommt zu kurz bei dem Handel, mein Kapitän. Faßt wieder den Römer und thut mir Bescheid: ›Die edle Fechtkunst soll leben und Eure Suite: Quart, Terz und Seitensekunde.‹« »Sie lebe,« gab der Hauptmann zurück, »ja, sie lebe. Viele Hunderte von edlen Herren brauchen in diesem Lande den Degen, und der Mann, welcher hier sitzt, hat sie gelehrt, ihn nach allen Regeln zu führen. Wie Vielen hat meine Suite beim Zweikampf Dienste geleistet, und ich, der Andreas, ihr Meister, ich habe der Quart die Terz und der Terz die Sekunde tausendmal folgen lassen, aber immer nur mit dem Hütlein auf dem Rapiere und gegen gepolsterte Wämmser. Vor den Mauern der Stadt, auf dem Schlachtfeld, hat mir Keiner, so oft ich mich auch an die Führer drängte, zum Zweikampf gestanden. Diese Klinge von Brescia ist mehr als einmal durch spanische Koller gedrungen, aber die Kunst, welche ich lehre, ihr Herren, die Kunst, der mein Leben geweiht war und die ich liebe, hab' ich doch niemals im Ernste geübt. Das ist schwer zu tragen, ihr Herren, und wenn der Himmel einem armen Manne, der nicht schlechter war als ein Anderer, ehe er ihn abruft, eine Gnade zu gewähren geneigt ist, dann gestattet er mir noch einmal, meine Klinge mit einer andern in einem echten und rechten Zweikampf zu kreuzen, und läßt mich meine Suite im Streit auf Leben und Tod gegen einen tüchtigen Fechter versuchen. Wenn das der liebe Gott dem Andreas gewährt ...« Der Fechtmeister hatte den letzten Satz nicht ausgesprochen, als ein bewaffneter Mann die Thür aufriß und in die Wachtstube hineinrief: »In Leyderdorp wird das Licht aufgezogen.« Allertssohn sprang bei diesen Worten behend wie ein Jüngling vom Stuhle, richtete sich in ganzer Höhe auf, rückte das Wehrgehänge zurecht, zog die Schärpe hinunter und rief: »Auf die Burg, Hornist, und zum Sammeln geblasen! Hauptmann van Duivenvoorde, zu Euren Freiwilligen! Am Hohenort'schen Thore stellt Ihr euch auf mit vier Fähnlein, um einzugreifen, wenn der Kampf sich bis vor die Stadtmauern zieht. Der Konstabel soll für die Lunten sorgen. Die Besatzungen an den Thürmen werden verdoppelt. Fort, Klaas, zu dem Glöckner von St. Pankratius. Er soll stürmen, um die Jahrmarktsleute zu warnen. Die Hand, Junker, ich weiß, Ihr seid auf dem Posten, und Ihr, Meister Wilhelm ...« »Ich ziehe mit Euch hinaus,« sagte der Musiker entschieden. »Weiset mich nicht zurück. Lange genug habe ich ruhig an mich gehalten; ich ersticke hier drinnen!« Wilhelm's Wangen brannten, und aus seinen Augen strahlte ein Feuer so glühend und düster, daß der Junker seinen gemessenen Freund mit Verwunderung anschaute, während der Hauptmann demselben zurief: »So stellt Euch in die erste Kompagnie neben meinen Fähnrich. Ihr seht nicht aus, als wär' Euch spaßhaft zu Muthe, und es wird Ernst heute, blutiger Ernst.« Allertssohn ging festen Schrittes in's Freie, redete seine Leute mit wenigen kurzen und schneidigen Worten an, befahl den Trommlern beim Gang durch die Stadt die Schlägel zu rühren, um die Marktleute zu wecken, stellte sich an die Spitze seiner kleinen erprobten Schaar und führte sie an den neuen Rhein. Der Mond beleuchtete hell die stillen Straßen, spiegelte sich in der schwarzen Fläche des Flusses und umwob die hohen, zackigen Giebel der schmalen Häuser mit silbernem Glanz. Der rasche Taktschritt der Soldaten hallte durch die Stille der Nacht laut von den Häusern wieder, und die Schwingung der vom Trommelwirbel erschütterten Luft ließ die Scheiben erklirren. Diesmal zogen keine fröhlichen Kinder mit papierenen Fahnen und hölzernen Schwertern den Kriegern voran, diesmal folgten ihnen keine munteren Mädchen und stolze Mütter, und auch kein Alter, der sich an frühere Tage erinnerte, in denen er selbst die Waffen getragen. – Als die schweigende, kampfbereite Schaar in der Nähe des Allertssohn'schen Hauses angelangt war, schlug die Thurmuhr mit langsamen Schlägen die zwölfte Stunde und gleich darauf begann auf dem Pankratiusthurme die Sturmglocke zu wimmern. Im ersten Stock, der Wohnung des Fechtmeisters wurde ein Fenster aufgestoßen, und in demselben erschien das Gesicht der Gattin des Hauptmanns. Die angstvolle Ehe mit dem wunderlichen Manne hatte des hübschen Evchen Gesicht frühzeitig gealtert, aber das milde Mondlicht verklärte seine welkenden Züge. Der Klang der Trommeln ihres Gatten war ihr wohl bekannt, und als sie ihn in der Mitternacht beim schaurigen Ruf der Sturmglocke dahinschreiten sah, erfaßte sie große Angst, und es wollte ihr kaum gelingen, »Mann, Mann! Was gibt es, Andreas?« hinunter zu rufen. Er hörte sie nicht, denn des Tambours Wirbel, der auf das Pflaster schlagende Fuß der Soldaten und das Gefahr kündende Geläut vom Kirchthurm übertönte ihre Stimme. Aber er bemerkte sie wohl, und es wurde ihm ganz wunderlich zu Sinne. Ihr von einem weißen Tuch umrahmtes, vom Mondlicht beschienenes Antlitz kam ihm so holdselig vor, wie er es seit seiner Freierszeit nicht gesehen, und er fühlte sich selbst so jugendfrisch und ritterlich trotzig auf dem Weg zur Gefahr, daß er hoch aufgerichtet und nach dem Schlage der Trommel im zierlichsten Taktschritt an ihr vorüberzog, ihr wie ein verliebter Fant mit der Linken eine Kußhand zuwarf und mit der Rechten den Degen neigte. Der Trommelschlag und das Fahnenwehen hatten jeden finsteren Gedanken aus seiner Seele gescheucht. So ging es fort bis an den Gansort. Dort stand ein Karren, die Wohnung fahrender Leute, welche die Sturmglocke aus dem Schlaf geweckt hatte, und die nun in der Hast ihren Kram zusammenrafften. Ein altes Weib schirrte klagend einen mageren Gaul an die Deichsel und aus einem kleinen Fensterchen drang eine jammernde Kinderstimme, welche »Mutter, Mutter,« und dann »Vater« und wiederum »Vater« weinte. Der Fechtmeister vernahm diesen Ruf. Das Lächeln wich von seinen Lippen und sein Gang wurde schlaffer. Dann wandte er sich um und rief seinen Leuten ein kräftiges »Vorwärts!« zu. Wilhelm marschirte dicht hinter ihm und trat auf den Wink des Hauptmanns zu ihm heran; Allertssohn aber faßte, während er den Schritt beschleunigte, den Arm des Musikers und sagte leise: »Ihr nehmt den Jungen zu Euch in die Lehre?« »Ja, Hauptmann.« »Gut; es wird Euch schon einmal vergolten,« entgegnete der Fechtmeister, schwang den Degen und rief: »Hollands Freiheit, Tod den Spaniern, der Oranier soll leben!« Die Soldaten stimmten freudig ein und zogen mit ihm in raschem Schritt durch das Hohenort'sche Thor in's Freie und auf Leyderdorp zu. Achtzehntes Kapitel. Adrian eilte mit dem Fläschchen nach Hause und in seiner Freude, dem kranken Fräulein Hülfe zu bringen, vergaß er ihren Kopfschmerz und warf den Klopfer recht heftig gegen die Thür. Barbara empfing ihn denn auch mit einer wenig schmeichelhaften Begrüßung, er aber war so voll von dem Glück, den theuer erworbenen Schatz zu besitzen, daß er die scheltenden Worte der erzürnten Base furchtlos unterbrach, indem er ihr im Bewußtsein seiner guten Sache mit sicherer Lebhaftigkeit zurief: »Du wirst schon sehen; ich habe hier etwas für das Fräulein; wo ist die Mutter?« Barbara sah dem Knaben an, daß er der Träger einer frohen Botschaft sei, welche ihn ganz in Anspruch nahm, und das frische, glückselige Knabengesicht gefiel ihr so ganz absonderlich, daß sie das Schelten vergaß und mit gutherzigem Lächeln fragte: »Man kann ja ganz neugierig werden; was gibt es so eilig?« »Ich habe etwas gekauft; ist die Mutter oben?« »Ja wohl; zeige doch her, was Du mitbringst.« »Ein Mittel. Ganz unfehlbar, sage ich Dir; ein Mittel gegen den Kopfschmerz.« »Ein Mittel gegen den Kopfschmerz?« fragte die Wittwe erstaunt. »Wer wird Dir das aufgehängt haben?« »Aufgehängt!« wiederholte der Knabe und lachte. »Unter dem Preise hab' ich's bekommen.« »Zeig' her, Junge,« befahl Barbara und griff nach dem Fläschchen, aber Adrian trat zurück, verbarg die Arznei hinter dem Rücken und sagte: »Nein, Base; ich bringe es selbst der Mutter.« »Ist so etwas erhört!« rief die Wittwe. »Der Esel tanzt auf dem Seil, die Schulbuben pfuschen den Aerzten in's Handwerk! Gleich zeigst Du das Ding her! Die Quacksalberwaare fehlt uns noch gerade.« »Quacksalberwaare!« entgegnete Adrian lebhaft. »Sie hat mich all' meine Jahrmarktsstüber gekostet, und es ist eine gute Arznei.« Doktor Bontius kam mit der Bürgemeisterin während dieses kleinen Streites die Treppe herunter. Er hatte die letzten Worte des Knaben vernommen und fragte streng: »Von wem hast Du das Zeug?« Dabei griff er nach der Hand des Knaben, welcher sich dem ernsten Manne nicht zu widersetzen wagte, nahm ihm das Fläschchen und die gedruckte Anweisung aus der Hand und fuhr, nachdem ihm Adrian kurz »Vom Doktor Morpurgo« geantwortet hatte, ärgerlich fort: »Das Gebräu ist zum Fortschütten gut; man muß sich noch hüten, die Fische damit zu vergiften, und einen halben Gulden kostet das Ding! Ihr seid ein wohlhabender junger Mann, Meister Adrian! Wenn Ihr wieder überflüssige Kapitalien habt, könnt Ihr sie mir leihen.« Diese Worte verdarben die reine Freude des Knaben, aber sie überzeugten ihn nicht, und trotzig kehrte er mit einer halben Wendung dem Arzte den Rücken. Barbara fühlte ihm nach, was in ihm vorging, und flüsterte dem Doktor und ihrer Schwägerin mitleidig zu: »Sein ganzes Jahrmarktsgeld, um dem Fräulein zu helfen.« Die Bürgemeisterin näherte sich sogleich dem enttäuschten Kinde, zog seinen Lockenkopf an sich und küßte ihm schweigend die Stirn, während der Doktor den gedruckten Zettel durchlas und dann ernst wie immer und ohne eine Miene zu verziehen sagte: »Der Morpurgo ist doch der schlechteste nicht, das Mittel, welches er hier vorschlägt, kann dem Fräulein am Ende doch gut thun.« Adrian war das Weinen näher als das Lachen gewesen. Jetzt athmete er auf, aber er hielt noch immer Maria's Hand fest, während er dem Doktor wieder das Gesicht zuwandte und mit Spannung lauschte, als dieser fortfuhr: »Zwei Theile Bitterklee, ein Theil Pfefferminzkraut und ein halber Theil Baldrian. Letzterer besonders für Frauen. Mit kochendem Wasser durchziehen lassen und jeden Morgen und Abend eine Tasse voll kalt trinken! Nicht übel – wahrhaftig nicht übel. Du hast da ein gutes Mittel gefunden, mein Herr Kollega. Ich wollte Dir ohnehin noch etwas sagen. Meine Buben gehen heute Abend zu den englischen Reitern, und es wird ihnen lieb sein, wenn Du sie begleitest. Mit dem Tranke könnt ihr schon heute beginnen.« Der Doktor grüßte die Frauen und trat an die Hausthür. Barbara folgte ihm auf die Straße und fragte: »Ist es Ernst mit der Verordnung?« »Freilich, freilich,« entgegnete der Doktor, »schon meine Großmutter hat diesen Trank mit Vorliebe gegen Kopfschmerz verwendet, und sie ist eine kluge Frau gewesen. Abends und Morgens, und dabei gehörige Ruhe.« Henrika weilte in einem sauberen, freundlich ausgestatteten Stübchen. Die Fenster desselben waren dem stillen mit Bäumen bepflanzten Hof zugewandt, an den sich die Werkstätten der Sämischlederfabrik schlossen. Sie durfte einen Theil des Tages, an Kissen gelehnt, in einem gepolsterten Lehnstuhl sitzen. Ihre gesunde Natur erholte sich schnell. Freilich war sie noch schwach, und der einseitige Kopfschmerz verdarb ihr noch immer ganze Tage und Nächte. Der Bürgemeisterin zartes, sinniges Wesen that ihr wohl, und sie litt auch Barbara mit ihrem frischen Gesicht und ihrer einfachen, sorglichen, derb zugreifenden Weise gern in ihrer Nähe. Als Maria ihr von Adrian's Einkauf für sie erzählte, war sie bis zu Thränen gerührt; aber dem Knaben gegenüber verbarg sie ihre dankbare Bewegung in neckenden Worten und begrüßte ihn mit dem Rufe: »Komm nur näher, mein Retter, und gib mir die Hand.« Auch später nannte sie ihn stets »mein Retter« oder, weil sie gern italienische Worte in ihr Holländisch mischte, »Salvatore« oder »Signor Salvatore«. Sie liebte es überhaupt, die Menschen, mit denen sie verkehrte, in ihrer eigenen Weise zu rufen, und so hieß sie denn Barbara, deren christlicher Name ihr abscheulich vorkam, »Babetta« und die kleine, zarte und äußerst liebliche Elisabeth, welche sie besonders gern bei sich sah, »die Elfe«. Nur die Bürgemeisterin blieb »Frau Maria«, und als diese sie einmal im Scherz nach dem Grunde solcher Vernachlässigung fragte, gab Henrika zurück, sie passe zu ihrem Namen und ihr Name zu ihr; wenn sie Martha hieße, so würde sie sie wahrscheinlich »Maria« nennen. Die Genesende hatte heute einen guten, schmerzlosen Tag, und als gegen Abend Adrian zu den englischen Reitern gegangen war und der Duft der früh erblühten Linden und das Licht des Mondes den Weg durch die geöffneten Fenster ihres Zimmers fanden, bat sie Barbara, kein Licht zu bringen, und forderte Maria auf, sich zu ihr zu setzen und mit ihr zu plaudern. Von Adrian und Lieschen wandte sich das Gespräch auf ihre eigene Kinderzeit. Henrika war neben den Zechkumpanen ihres Vaters, unter Becherklang und Jagdgeschrei, Maria in einem ernsten Bürgerhause aufgewachsen, und was sie einander erzählten, kam Jeder von ihnen vor wie eine Kunde aus einer fremden Welt. »Ihr habt es leicht gehabt, die weiße, hohe Lilie zu werden, die Ihr nun einmal seid,« sagte Henrika, »ich aber muß den Heiligen danken, daß es so mit mir abging, denn eigentlich sind wir wie Unkraut aufgewachsen, und wenn die Lust am Gesange nicht in mir gewohnt hätte und der Kaplan kein so vorzüglicher Musiker gewesen wäre, dann könnte ich noch schwerer vor Euch bestehen. Wann erlaubt mir der Doktor endlich einmal, Euch singen zu hören?« »In der nächsten Woche; aber Ihr müßt nicht zu viel erwarten; Ihr habt überhaupt eine zu hohe Meinung von mir. Denkt an das Wort von den stillen Wassern! Hier in der Tiefe sieht es oft weit weniger friedlich aus, als Ihr wohl wähnet.« »Aber Ihr habt gelernt, wenn es stürmt, die Oberfläche ruhig zu halten; ich nicht. Hier ist eine seltsame Stille über mich gekommen. Ob ich's der Krankheit schulde oder der Luft, welche in diesem Hause weht, kann ich nicht sagen; aber wie lange ist's her? Da ging es hier drinnen zu wie auf dem Meere, wenn die zischenden Wellen sich in schwarze Abgründe stürzen, die Möve schreit und die Fischerweiber am Strande beten. Jetzt ruht die See. Erschreckt nicht zu sehr, wenn das Toben einmal von Neuem beginnt.« Die Bürgemeisterin faßte bei diesen Worten die Hände des erregten Mädchens und sagte bittend: »Ruhig, ruhig, Henrika. Ihr müßt jetzt nur an Eure Genesung denken. Und soll ich Euch etwas gestehen? Ich glaube, daß alles Schwere sich leichter erträgt, wenn man es wie das Meer, von dem Ihr redet, ungeduldig auswerfen kann; bei mir häuft sich Eines zum Andern und bleibt da liegen wie unter dem Sande.« »Bis die Windsbraut kommt, die ihn fortfegt. Ich will kein schlimmer Prophet sein, aber Ihr denkt gewiß noch einmal an dieses Wort. Welch ein wildes, sorgloses Ding bin ich gewesen! Da kam ein einziger Tag und kehrte mein Inneres von unterst zu oberst.« »Hat Euch falsche Liebe gekränkt?« fragte Maria bescheiden. »Nein; nur das, was falsche Liebe an einer Andern verschuldet,« entgegnete Henrika und lächelte bitter. »Als ich ein Kind war, hat das flatternde Herz sich schneller geregt, ich weiß nicht wie oft. Erst habe ich für den einäugigen Kaplan, unsern Musikmeister, weit mehr als Verehrung empfunden und ihm jeden Morgen frische Blumen in's Fenster gelegt, die er aber niemals bemerkte. Dann – ich mochte damals fünfzehn Jahre zählen – erwiederte ich die feurigen Blicke eines hübschen Pagen des Grafen Brederode. Der versuchte es einmal, zärtlich zu werden, und bekam dafür meine Reitpeitsche zu kosten. Nun kam ein stattlicher Junker an die Reihe, der mich, als ich kaum sechzehn Jahre zählte, heirathen wollte, aber noch verschuldeter war als mein Vater und darum heimgesandt wurde. Ich habe um ihn keine Thräne geweint, und als ich zwei Monate später bei einem Turnier in Brüssel Don Fadrique, den Sohn des großen Alba, zu sehen bekam, da meinte ich ihn so zu lieben wie nur irgend ein Fräulein ihren Amadis, obgleich es über das Anschauen niemals hinauskam. Darauf brach der Sturm, von dem ich schon sagte, herein, und damit war das Geliebel vorbei. Später erzähl' ich Euch mehr von dem Allen; ich brauch' es nicht zu verschweigen, denn es ist kein Geheimniß geblieben. Habt Ihr schon von meiner Schwester gehört? Nein? Sie war älter als ich, ein Geschöpf – der liebe Gott hat kein vollkommeneres geschaffen. Und ihr Gesang! Sie kam zu meiner verstorbenen Base und da ... Aber ich will mich nicht unnütz erregen ... kurz der Mann, den sie mit aller Macht ihres Herzens geliebt hat, stieß sie in's Elend, und mein Vater hat sie verflucht und keinen Finger ausgestreckt, um sie zu retten. Ich habe die Mutter niemals gekannt, aber um Anna's willen hab' ich sie niemals vermißt. Ihr Schicksal hat mir die Augen über die Männer geöffnet. In den letzten Jahren begehrte mich Mancher, aber mir fehlte das Vertrauen und mehr noch die Liebe, denn mit der habe ich nichts mehr zu schaffen.« »Bis sie Euch dennoch zu finden weiß,« entgegnete Maria. »Es war unrecht, über dergleichen mit Euch zu sprechen, denn es regt Euch auf, und das taugt nichts.« »Laßt nur; es thut gut, das Herz einmal zu erleichtern. Habt Ihr Keinen vor Eurem Gatten geliebt?« »Geliebt? Nein, Henrika, wahrhaft geliebt habe ich Keinen als ihn.« »Und Euer Herz hätte auf den Herrn Bürgemeister gewartet, um schneller zu schlagen?« »Nein, es ist auch früher nicht immer ruhig geblieben; ich bin ja unter geselligen Menschen, jungen und alten, erwachsen und habe natürlich den Einen lieber gehabt als den Andern.« »Und gewiß auch Einen am liebsten.« »Das will ich nicht leugnen. Zur Hochzeit meiner Schwester ist mit meinem Schwager sein Freund, ein junger Edelmann, aus Deutschland gekommen und mehrere Wochen bei uns geblieben. Dem bin ich gut gewesen, und heute noch denk' ich gerne an ihn.« »Habt Ihr niemals wieder von ihm gehört?« »Nein; und wer weiß, was aus ihm geworden. Mein Schwager erwartete Großes von ihm, und er war auch voll seltener Gaben, aber dabei ein tollkühner Wagehals, ein rechtes Angstkind für seine Mutter.« »Ihr müßt mir mehr von ihm erzählen.« »Was soll das, Henrika?« »Ich will nicht mehr reden, aber ich möchte still liegen, den Lindenduft einathmen und hören, nur hören.« »Nein, Ihr sollt jetzt in's Bett. Ich helfe Euch, und wenn Ihr eine Stunde allein geblieben, komme ich wieder.« »Man lernt bei Euch den Gehorsam, aber wenn mein Retter nach Hause kommt, so führt Ihr ihn her. Er soll mir von den englischen Reitern erzählen. Da kommt Frau Babetta und bringt seinen Trank. Ihr sollt sehen, ich nehme ihn pünktlich.« Der Knabe kam spät nach Hause, denn er hatte mit den Kindern des Doktors alle Herrlichkeiten des Jahrmarktes genossen. Der Besuch, welchen er Henrika abstatten durfte, wurde kurz bemessen. Den Vater hatte er gar nicht gesehen, denn er war zu einer nächtlichen Sitzung zum Kommissar van Bronkhorst gegangen. Am folgenden Morgen waren die Jahrmarktsferien zu Ende, die Schule sollte wieder beginnen und Adrian hatte beabsichtigt, die Aufgaben an diesem Abend zu vollenden. Nun waren ihm die englischen Reiter dazwischen gekommen, und ohne das Exerzitium konnte er unmöglich vor den Rektor treten. Das bekannte er auch freimüthig der Mutter, und diese räumte ihm auf dem Tisch, an dem sie nähte, ein Plätzchen ein und wußte dem jungen Lateiner mit mancher Vokabel und Regel, die sie mit ihrem verstorbenen Bruder gelernt hatte, auszuhelfen. Als nur noch eine halbe Stunde an Mitternacht fehlte, trat Barbara herein und sagte: »Nun ist's genug. Morgen früh vor der Schule wird fertig gemacht, was noch fehlt.« Ohne die Antwort Maria's abzuwarten, schlug sie die Bücher des Knaben zu und schob sie zusammen. Noch war sie damit beschäftigt, als das Gemach von rauhen Schlägen an die Hausthür erbebte. Maria warf das Nähzeug zur Seite, schnellte vom Sitze empor, und Barbara rief: »Um des Heilands willen, was gibt es?« Adrian aber sprang schnell in des Vaters Stube und öffnete das Fenster. Die Frauen waren ihm nachgeeilt, und bevor sie den Störenfried befragen konnten, rief eine tiefe Stimme zu ihnen hinauf: »Oeffnet; ich muß hinein!« »Was gibt's?« fragte Barbara, welche im Mondlicht einen Soldaten erkannte. »Man hört sein eigenes Wort nicht; laßt doch das Pochen!« »Ruft den Bürgemeister!« rief der Bote, welcher bis dahin den Klopfer ohne Unterlaß gerührt hatte. »Schnell, ihr Weiber; die Spanier kommen!« Barbara kreischte laut auf und schlug in die Hände, Maria erbleichte, aber sie verlor nicht die Fassung, sondern gab dem Soldaten zurück: »Der Herr ist nicht zu Hause, aber ich lasse ihn holen. Schnell, Adrian, rufe den Vater!« Der Knabe stürzte die Treppe hinunter und traf in der Hausflur den Knecht und Trautchen, welche rasch aus dem Bett gesprungen war, einen Unterrock übergeworfen hatte und nun mit bebenden Händen das Schloß zu öffnen versuchte. Der Knecht drängte sie zur Seite und Adrian stürzte, sobald die Thür in den Angeln knarrte, in's Freie und eilte wie im Wettlauf die Straße hinab zu dem Hause des Kommissars. Dort langte er vor jedem andern Boten an, drang durch das geöffnete Thor in den Speisesaal und rief athemlos den beim Weine Rath haltenden Männern zu: »Die Spanier sind da!« Die Herren erhoben sich schnell von den Sitzen. Der Eine wünschte zur Burg, der Andere auf das Rathhaus zu eilen, und in der Erregung des Augenblicks kam es zu keiner verständigen Erwägung. Nur Peter van der Werff bewahrte die Ruhe, und nachdem Allertssohn's Bote erschienen war und mitgetheilt hatte, daß der Hauptmann mit seinen Leuten sich auf dem Wege nach Leyderdorp befinde, wies der Bürgemeister darauf hin, daß sich jetzt die ganze Umsicht der Führer den Jahrmarktsleuten zuwenden müsse. Er und der Stadtsekretär übernahmen es, für sie zu sorgen, und bald stand Adrian mit seinem Vater und van Hout mitten unter den zusammenströmenden Menschen, welche die eherne Klagestimme vom Pankratiusthurme aus dem Schlafe gerufen. Neunzehntes Kapitel. Adrian's Thätigkeit für diese Nacht war noch nicht am Ende, denn sein Vater hinderte ihn nicht, ihm zum Rathhause zu folgen. Er gab ihm dort den Auftrag, der Mutter mitzutheilen, daß er bis zum Morgen in Anspruch genommen sein werde, und daß der Knecht alle Leute, welche ihn nach ein Uhr zu sprechen begehren sollten, zum Holzmarkt am Rhein senden möge. Die Mutter sandte sodann den Knaben wieder zum Rathhause zurück, um den Vater zu fragen, ob er nicht den Mantel, einen Imbiß, Wein oder dergleichen zu haben wünsche. Der Knabe erfüllte diese Aufträge mit großem Eifer, denn er fühlte sich, während er sich durch die Menge, welche sich in den schmaleren Gassen eng zusammendrängte, Bahn brach, so wichtig wie nie zuvor; hatte er doch ein Amt zu verwalten, und das in der Nacht, der Schlafenszeit anderer Knaben und besonders seiner Kameraden, welche jetzt gewiß nicht aus dem Hause gelassen wurden. Zudem durfte man eine ereignisreiche, bunte Zeit voll Trommelschlag, Trompetenruf, Musketengeknatter und Kanonengebrüll erwarten. Es war ihm, als sollte das Spiel »Holland gegen die Spanier« im Ernst und im Großen fortgesetzt werden. Die volle Lebenslust seiner Jahre kam über ihn, und wenn er sich mit den Ellbogen zu unbelebteren Stellen Bahn gebrochen hatte, jagte er eilig dahin und schmetterte so lustig, als gälte es eine Freudenbotschaft zu verbreiten, in die Nacht hinein: »Sie kommen,« »die Spanier« oder » Hannibal ante portas «. Nachdem er bei seiner Rückkehr in's Rathhaus erfahren hatte, daß der Vater nichts bedürfe, und daß er, wenn es an etwas fehlen sollte, den Gerichtsdiener schicken werde, hielt er seine Aufträge für erledigt und fühlte sich berechtigt, seiner Neugier Genüge zu leisten. Zuerst zog es ihn zu den englischen Reitern. Das Zelt, in welchem diese ihre Vorstellungen gegeben hatten, war von der Erde verschwunden, und kreischende Männer und Weiber rollten große Leinwandstücke auf, schnürten Ballen und koppelten fluchend Pferde zusammen. Dabei vermischte sich düsterer Fackelschein mit dem Licht des Mondes und zeigte ihm auf den schmalen Stufen, welche zu einem großen vierräderigen Wagenhause führten, ein kleines Mädchen in dürftiger Bürgerkleidung, das bitterlich weinte. Konnte das der rosenfarbene Engel sein, welcher ihm, während er auf dem schneeweißen Rößlein geschwebt hatte, wie ein glückseliges Wesen aus schöneren Welten erschienen war? Jetzt hob eine keifende Alte das Kind in den Wagen, er aber folgte den drängenden Menschen und sah den Doktor Morpurgo auf einem dürren Klepper, nicht mehr im Scharlach, sondern in dunklem Tuch neben seinem Karren dahinreiten. Der Mohr trieb das Maulthier vor diesem Fuhrwerk ingrimmig an, sein Herr schien indessen im Vollbesitz der ihm eigenen Ruhe geblieben zu sein. Sein Kram war wenig werth, und die Herren Spanier hatten keinen Grund, ihm den Kopf und die Zunge zu nehmen, mit denen er mehr erwarb, als er brauchte. Adrian folgte ihm bis zu der langen Budenreihe in der breiten Straße, und dort bekam er Dinge zu sehen, welche seinen Uebermuth brachen und ihn nach und nach zur Erkenntniß brachten, daß es sich hier um ernste, herzbekümmernde Dinge handle. Er hatte noch lachen können, als er dem Pfefferküchler und Garnhändler zuschaute, welche handgemein geworden waren, weil sie im ersten Schreck ihre Waarenpakete, wie es gerade kam, in die offenen Kisten des Einen und Andern zusammengeworfen hatten und ihre Habe nun nicht mehr zu sondern vermochten; aber die Delfter Steingutverkäuferin dort an der Ecke that ihm von Herzen leid, denn ein mit großen Ballen bepackter Wagen aus Gouda hatte ihre leichte Bude umgerissen, und nun stand sie neben ihrem zerschlagenen Kram, durch den sie sich und ihren Kindern das Leben gefristet, und rang die Hände, während der Fuhrknecht, ohne sie zu beachten, die Gäule mit knallendem Peitschenschlag antrieb. Ein kleines Mädchen, das von seinen Eltern abgekommen war und von einer mitleidigen Bürgersfrau fortgezogen wurde, heulte so gar jammervoll kläglich. Ein armer Seiltänzer, dem ein Dieb im Gedränge das blecherne Büchslein mit den eingesammelten Pfennigen gestohlen, lief händeringend umher und suchte die Sicherheitswache. Ein Schuster stampfte die Reiterstiefel und Frauenpantoffeln bunt durch einander in eine hölzerne Kiste mit Griffen von Hanfschnur, sein Weib aber raufte sich das Haar und schrie, statt ihm zu helfen: »Ich hab' es vorausgesagt, Du Hansnarr, Du Besserwisser, Du Dummkopf! Sie kommen und nehmen uns Alles.« Am Eingang der Gasse, welche beim Assendelftschen Hause zur Liebfrauenbrücke führte, hatten mehrere hochbepackte Wagen sich ineinander gefahren, und in der Angst hieben die Fuhrleute, statt abzusteigen und Hülfe zu schaffen, aufeinander los und trafen dabei die Frauen und Kinder, welche sich auf den Ballen niedergelassen. Weithin scholl ihr Jammern und Zetern, aber es sollte noch übertönt werden; denn am Nordende hatte sich ein Tanzbär losgerissen, und Alles, was sich in seiner Nähe befand, in die Flucht gejagt. Kreischend und heulend drängten die von dem Thier geängstigten Leute die Straße hinunter, rissen Andere mit fort, welche nicht mehr wußten, um was es sich handelte, und durch die am nächsten liegende Besorgniß irregeleitet: »die Spanier! die Spanier!« brüllten. Was sich diesem geängstigten Haufen in den Weg stellte, ward niedergerissen. Das Kind eines Siebhändlers gerieth neben dem umgestürzten Karren seines Vaters unter die Füße der Menge, dicht neben Adrian, welcher sich in eine Hausthür gestellt hatte. Aber der Knabe vermochte dem Kleinen nicht beizuspringen, denn er wurde fest in seinen Schlupfwinkel eingedrängt, und seine Aufmerksamkeit fand ein neues Ziel, als Janus Dousa hoch zu Roß erschien. Er ritt der geängstigten Menge entgegen. In das Geschrei: »die Spanier! die Spanier!« rief er mit weithin gellender Stimme: »Ruhe, Ruhe, ihr Leute! Noch ist der Feind nicht gekommen! Zum Rhein, zum Rhein! Es warten dort Schiffe für alle Fremden. Zum Rhein! Kein Spanier ist da, hört ihr, kein Spanier! « Der Junker hielt dicht vor Adrian, denn sein Roß konnte nicht mehr vorwärts und schnaubte und zitterte unter seinem Reiter. Des Edelmanns Mahnung trug nur spärliche Früchte, und erst nachdem Hunderte an ihm vorbeigeeilt waren, verminderte sich die geängstigte Schaar. Der Bär, vor dem sie geflohen, hatte sich längst durch Brauknechte aufhalten und zu seinem Besitzer zurückführen lassen. Jetzt erschienen auch die Stadtwaibel unter Führung seines Vaters, und der Knabe folgte ihnen unbemerkt bis zum Holzmarkt am südlichen Ufer des Rheins. Da empfing ihn ein anderes Getümmel, denn dorthin waren viele Krämer geeilt, um ihr Gut in die Schiffe zu bergen. Männer und Frauen drängten sich an Ballen und Waaren vorüber, welche man über die schmalen Stege in die Fahrzeuge wälzte. Eine Frau, ein Kind und der Karren eines Seilers waren in's Wasser gedrängt worden, und an dieser Stelle erhob sich der wildeste Lärm. Aber der Bürgemeister war zur rechten Zeit auf dem Platze, leitete die Rettung der Ertrinkenden und setzte dann Alles daran, Ordnung in die Verwirrung zu bringen. Die Waibel erhielten Befehl, die Fliehenden nur in diejenigen Fahrzeuge zu lassen, welche nach den Orten, in die sie gehörten, bestimmt waren; an jedes Schiff wurden zwei Stege, einer für die Waaren und ein anderer für die Menschen, gelegt, die Rathsboten riefen aus, daß – wie es ohnehin das Gesetz gebot, sobald die Sturmglocke geläutet wurde – alle einheimischen Bürger in die Häuser treten und die Straße bei schwerer Pön räumen sollten. Sämmtliche Thore wurden für das Fuhrwerk geöffnet, nur aus dem Hohenort'schen, welches nach Leyderdorp führte, blieb der Ausgang versagt. So lichteten sich denn die Straßen, es kam Ordnung in das Gedränge, und als Adrian in der Morgendämmerung den Heimweg antrat, erschienen die Straßen nur wenig belebter, als in anderen Nächten. Die Mutter und Barbara waren besorgt um ihn gewesen, er aber erzählte ihnen von dem Vater, und in welcher Weise er vor seinen leiblichen Augen dem Wirrwarr Einhalt gethan. Während er sprach, ließen sich von ferne Musketenschüsse vernehmen, und diese erweckten in ihm solche Erregung, daß er von Neuem hinaus wollte; doch die Mutter hielt ihn zurück, und er mußte sich bequemen, in seine Kammer zu steigen. Aber er ging nicht zu Bette, sondern kletterte auf den obersten Boden im Giebel des Hinterhauses und schaute von dort aus durch die Luke, zu der man die Lederballen hinauf zu winden pflegte, nach Osten, denn von dort her ließen sich immer noch Musketenschüsse vernehmen. Doch er sah nichts als das Morgenroth und leichte Rauchwölkchen, welche sich rosig gefärbt in die Höhe kräuselten. Als gar nichts Neues erscheinen wollte, fielen die Augen ihm zu, und er entschlummerte neben der geöffneten Luke und träumte von einer blutigen Schlacht und den englischen Reitern. Sein Schlaf war so fest, daß er das Rädergerassel nicht hörte, welches sich auf dem stillen Hofe unter ihm vernehmen ließ. Die Karren, von denen es ausging, gehörten Krämern aus benachbarten Städten, welche es vorzogen, ihre Waaren in der bedrohten Stadt zu lassen, als sie den heranziehenden Spaniern entgegenzuführen. Meister Peter hatte einigen von ihnen gestattet, ihr Gut bei ihm niederzulegen. Die Fuhrwerke mußten durch das Hintergebäude mit den Werkstätten, und diejenigen Waaren, welche von der Witterung leiden konnten, sollten im Laufe des Tages in dem weiten Bodenraum seines Hauses geborgen werden. Die Bürgemeisterin war um Mitternacht zu Henrika gegangen, um sie zu beruhigen, aber die Genesende zeigte sich frei von jeder Besorgniß, und als sie erfuhr, daß die Spanier im Anzug seien, leuchteten ihre Augen freudig auf. Maria bemerkte es und wandte sich von ihrem Gaste ab; auch hielt sie die scharfen Worte, welche sich ihr auf die Lippen drängen wollten, zurück, bot dem Fräulein eine gute Nacht und verließ das Zimmer. Henrika schaute ihr sinnend nach und richtete sich dann auf, denn an Schlaf war in dieser Nacht gewiß nicht zu denken. Das Sturmgeläut vom Pankratiusthurm nahm kein Ende, und mehr als einmal gingen die Thüren, ließen sich Stimmen und von ferne her Schüsse vernehmen. Mancherlei Töne und Geräusche, deren Ursprung und Wesen sie sich nicht zu erklären vermochte, drangen an ihr Ohr, und als der Morgen tagte, wurde es in dem sonst so stillen Hofe unter ihren Fenstern lebendig. Wagen rasselten, laute Reden klangen erregt durcheinander, und eine tiefe Männerstimme schien das, was da unten vorging, zu leiten. Ihre Neugier, ihre Unruhe wuchsen von Minute zu Minute. Sie lauschte mit solcher Spannung, daß der Kopf ihr von Neuem zu schmerzen begann, aber sie konnte nur einzelne Worte und auch diese nur undeutlich verstehen. War die Stadt den Spaniern übergeben worden, hatten Soldaten des Königs Philipp in dem Bürgemeisterhause Quartier gefunden? Ihr Blut wallte unwillig auf, wenn sie an den Triumph der Kastilianer und die Demüthigung ihres Vaterlandes dachte, aber bald erfüllte sie wieder die freudige Erregung von vorhin, denn sie sah wieder in den ihres Schmuckes beraubten, nackten Räumen der Leydener Kirchen die Kunst einziehen, singende Prozessionen durch die Straßen wallen und an dem neuverzierten Tabernakel bei schönem Gesang, Weihrauchduft und dem Läuten des Glöckleins den Priester im reichen Ornat die heilige Messe celebriren. Sie erwartete von den Spaniern eine Stätte zurückzuempfangen, an der sie in ihrer Weise beten und sich die Seele frei beichten konnte. In ihrer früheren Umgebung hatte nichts ihr einigen Halt gewährt, als ihre Religion. Ein würdiger Priester war zugleich ihr Lehrer und eifrig bestrebt gewesen, ihr darzulegen, daß die neue Lehre die mystische Weihe des Lebens, die Sehnsucht, nach dem Schönen, jede ideale Regung der Menschenseele und somit auch die Kunst zu vernichten drohe, und darum wünschte Henrika ihr Vaterland lieber spanisch und katholisch, als frei von den Fremden, welche sie haßte, und calvinisch zu sehen. Nach und nach wurde es ruhiger im Hof, aber als die ersten Morgenstrahlen ihre Fenster streiften, begann das Leben in demselben wiederum lebendiger und lauter zu werben. Schwere Sohlen schlugen auf das Pflaster, und unter den Stimmen, welche sich nun unter diejenigen mischten, welche sie schon früher vernommen, glaubte sie auch die Maria's und Barbara's zu erkennen. Ja, sie irrte sich nicht. Dieser Schreckensruf konnte nur aus dem Munde ihrer Freundin kommen, und ihm folgten schmerzliche Klagelaute von bärtigen Lippen und lautes Schluchzen. Eine schlimme Post mußte in das Haus ihres Gastfreundes gelangt sein, und die ungestüm weinende Frau da unten war doch wohl die gute »Babetta«. Es trieb sie vom Lager. Auf dem Tischchen neben demselben stand zwischen einigen Flaschen und Gläsern neben dem Licht und der Zunderbüchse die kleine Klingel, auf deren leisen Ruf sonst eine von ihren Pflegerinnen unfehlbar herbeizueilen pflegte. Henrika schwang sie dreimal und wieder und nochmals, aber Niemand erschien. Da wallte ihr rasches Blut heftig auf, und halb von Ungeduld und Verdruß, halb von Neugierde und Theilnahme getrieben, schlüpfte sie in die Schuhe und warf das Morgenkleid über. Dann ging sie zu dem Stuhl, welcher in der Nische auf dem Tritt stand, stieß das Fenster auf und schaute zu der dicht unter ihr versammelten Gruppe nieder. Niemand bemerkte sie, denn die Männer, welche dort trauernd beisammenstanden, und die verweinten Frauen, unter denen sich Maria und Barbara befanden, folgten mit manchen Zeichen der Theilnahme der lebhaften Rede eines jungen Mannes und hatten nur für diesen Auge und Ohr. Henrika erkannte in dem Erzähler den Musiker Wilhelm, aber nur an der Stimme, denn die Sturmhaube auf seinen Locken und der mit Blut befleckte Panzer verliehen dem anspruchslosen Künstler ein kriegerisches, ja ein heldenhaftes Ansehen. Er war schon weit in der Erzählung fortgeschritten, als Henrika ungesehen seine Zuhörerin wurde. »Ja, Herr,« gab er auf eine Frage des Bürgemeisters zurück, »wir waren ihnen gefolgt, aber dann verschwanden sie wieder im Dorfe, und Alles blieb still. Einen Sturm auf die Häuser zu wagen, wäre Tollheit gewesen. So hielten wir uns denn ruhig, aber gegen zwei Uhr hörten wir in der Gegend von Leyderdorp schießen. ›Der Junker von Warmond wird ausgebrochen sein‹ sagte der Hauptmann und führte uns in die Richtung des Feuers. Das hatten die Spanier gewollt, denn lange bevor wir am Ziel waren, stieg im Dämmerlicht ein Fähnlein Kastilianer mit weißen Todtenhemden über der Rüstung aus einem Graben hervor, warf sich auf die Kniee, murmelte ein › Pater noster ‹, rief sein San Jago und drang dann auf uns ein. Wir hatten sie zeitig genug bemerkt, und so konnten die Hellebardiere noch die Spieße strecken und die Musketiere sich niederlassen und die Lunten auf's Kraut legen. So wurden denn die Spanier übel empfangen, und vier von ihnen sind bei diesem Angriff gefallen. Wir waren ihnen an Zahl überlegen, und ihr Kapitän führte sie in guter Ordnung in den Graben zurück. Da blieben sie liegen, denn ihre Aufgabe war wohl keine andere, als uns aufzuhalten und uns dann von einem größeren Korps abschneiden zu lassen. Wir waren zu schwach, sie aus ihrer Stellung zu treiben, als es aber im Osten zu dämmern begann und sie immer noch nicht hervortreten wollten, schritt ihnen der Hauptmann mit einem weißen Tuche und dem Trommler entgegen und rief ihnen auf Italienisch zu, denn das hatte er in Wälschland ein wenig gelernt, er wünsche den Herren Kastilianern einen guten Morgen, und wenn sich unter ihnen ein Offizier mit Ehre im Leibe befinde, so möge er sich einem Hauptmann stellen, der mit ihm den Degen zu kreuzen begehre. Er gebe sein Wort zum Pfande, daß seine Leute dem Zweikampf unbetheiligt zusehen würden, möge sich nun der Ausgang so oder so wenden. Da fielen zwei Schüsse aus dem Graben, und die Kugeln sind wohl hart genug an dem armen Meister vorübergeflogen. Wir riefen ihm zu, sein Leben zu schonen, er aber rührte sich nicht und schrie ihnen entgegen, sie seien Memmen und Meuchelmörder grad' wie ihr König. »Inzwischen war es ziemlich hell geworden – wir hörten sie aus dem Graben hin und wider reden, und gerade als Allertssohn sich wenden wollte, sprang ein Offizier auf die Wiese und rief: 'Bleib' stehen, Prahlhans, und hol' Dir das Deine.' »Da zog der Hauptmann seine Brescianer Klinge, verneigte sich vor dem Gegner, wie auf dem Fechtboden, bog den Stahl und band ihn mit dem des Kastilianers. Der war ein hagerer Mann von stattlicher Größe und vornehmer Haltung, und wie es sich bald zeigen sollte, ein gefährlicher Fechter. Wie ein Wirbelwind umkreiste er den Hauptmann mit Sprüngen, Stößen und Finten, aber Allertssohn bewahrte seine Ruhe und beschränkte sich zuerst auf geschickte Paraden. Dann stieß er mit einer prächtigen Quart an, und als der Andere sie aufhob, ließ er die Terz folgen und dieser, welche abgedrängt wurde, blitzschnell eine Seitensekunde, wie nur er sie zu führen vermochte. Der Kastilianer fiel auf die Kniee, denn die Brescianerin hatte ihm die Lunge durchbohrt. Er ist eines schnellen Todes gestorben. »Sobald er im Grase lag, stürzten die Spanier von Neuem auf uns ein, aber wir schlugen sie wieder Zurück und nahmen die Leiche des Offiziers in unsere Mitte. So stolz und froh, wie in dieser Stunde, hatt' ich den Hauptmann niemals gesehen. Ihr, Junker von Warmond, könnt die Ursache leichtlich errathen. Er hatte nun in einem echten und rechten Zweikampf gegen einen ebenbürtigen Gegner seine Suite zu Ehren gebracht, und er sagte mir auch, dieß sei sein glücklichster Morgen, und befahl dann, den Graben zu umgehen und den Feind von der Seite zu fassen. Aber kaum hatten wir uns in Bewegung gesetzt, als das erwartete Korps aus Leyderdorp vordrang. Weithin tönte sein lautes San Jago, und zu gleicher Zeit erhoben sich die alten Feinde aus dem Graben und griffen uns an. Allertssohn stürmte ihnen entgegen, aber er erreichte sie nicht. – Ach, ihr Herren! – das werde ich niemals vergessen, eine Kugel riß ihn an meiner Seite zu Boden. Sie hat ihn wohl mitten in's Herz getroffen, denn er rief nichts mehr als die Worte: 'Denkt an den Jungen!' und dann streckte er den gewaltigen Leib und war todt. Wir wollten ihn mit uns führen, aber die Uebermacht drang auf uns ein, und es kostete Mühe genug, in leidlicher Ordnung bis in die Schußweite der Freiwilligen des Junkers von Warmond zu kommen. So weit wagten sich die Spanier nicht vor. Da sind wir. Die Leiche des Kastilianers liegt im Thurm am Hohenort'schen Thore. Hier sind die Papiere, welche wir in dem Wammse des Todten gefunden, und dieß ist sein Ring; er hat mit einem stolzen Wappen gesiegelt.« Peter van der Werff nahm die Brieftasche des Verstorbenen in die Hand, durchblätterte sie und sagte: »Don Luis d'Avila war sein Name.« Er sprach nicht weiter, denn seine Gattin hatte Henrika's weit vorgestrecktes Haupt am Fenster des Krankenzimmers bemerkt und rief erschrocken, mit lauter Stimme: »Fräulein, um Gottes willen, Fräulein – was thut Ihr!« Zwanzigstes Kapitel. Die Bürgemeisterin war um Henrika besorgt gewesen, aber diese begrüßte sie mit besonderer Freudigkeit und begegnete ihren milden Vorwürfen mit der Versicherung, daß dieser Morgen ihr wohl gethan habe. Die Schickung, sagte sie, sei gerecht, und wenn es wahr sei, daß Zuversicht auf Genesung dem Arzte helfe, so werde es Doktor Bontius leicht mit ihr haben. Der gefallene Kastilianer könne Niemand anders sein, als der Elende, welcher ihre Anna in's Unglück gestürzt habe. Maria verließ sie erstaunt, aber völlig beruhigt und suchte dann ihren Gatten auf, um ihm mitzutheilen, wie sie die Kranke gefunden und in welcher Beziehung der von Allertssohn getödtete spanische Offizier zu Henrika und ihrer Schwester gestanden zu haben scheine. Peter hörte ihr mit halbem Ohre zu, und als Barbara ihm die frisch getollte Halskrause brachte, unterbrach er seine Gattin mitten in der Erzählung, reichte ihr die Brieftasche des Gefallenen und sagte: »Da, laß sie sich selbst überzeugen und bring' mir heute Abend das Portfolio wieder. Ich komme schwerlich zu Tisch; im Laufe des Tages wirst Du wohl einmal nach der Wittwe des armen Allertssohn sehen.« »Gern,« entgegnete sie eifrig. »Und wen werdet ihr an seine Stelle setzen?« »Das hat der Prinz zu bestimmen.« »Habt ihr auch auf Mittel gedacht, die Verbindung mit Delft vor dem Feinde frei zu halten?« »Wegen Deiner Mutter?« »Das nicht allein. Rotterdam liegt ja auch im Süden. Von Haarlem und Amsterdam, also von Norden her, können wir nichts erwarten, denn da befindet sich Alles in den Händen der Spanier.« »Ich schaffe Dir eine Stelle im Kriegsrath. Woher nimmst Du die Weisheit?« »Man macht sich eben seine Gedanken, und ist es denn nicht natürlich, daß ich euch lieber sehend als blind in die Zukunft folge? Hat man die englischen Fähnlein benutzt, um sich der Werke am alten Kanal zu versichern? Auch der Kaag ist ein wichtiger Punkt.« Peter schaute seiner Frau erstaunt in's Antlitz, und es überkam ihn jenes Mißbehagen, welches den unsicheren Schreiber befällt, wenn ihm ein Unberufener über die Schulter sieht. Sie hatte ihn auf einen bösen, folgenschweren Fehler verwiesen, welcher freilich ihm nicht allein zur Last fiel, und weil er sich ihr gegenüber gewiß nicht verantworten wollte und es vielleicht auch mißlich um seine Rechtfertigung gestanden hatte, blieb er ihr die Antwort schuldig und sagte nichts als die Worte: »Männersachen! Auf heute Abend.« Damit ging er an Barbara vorüber, der Thür zu. Maria wußte nicht, wie ihr geschah, aber ehe er die Hand auf die Klinke legte, gewann sie Fassung genug, um ihm nachzurufen: »So willst Du gehen, Peter! Ist das recht? Was hast Du mir bei Deiner Heimkehr von der Reise zum Prinzen versprochen?« »Ich weiß, ich weiß,« gab er ungeduldig zurück. »Man kann nicht zweien Herren dienen und in diesen Tagen bitte ich Dich, mich nicht mit Fragen und Dingen, die Dich nichts angehen, zu stören. Die Angelegenheiten der Stadt zu leiten, ist meine Sache; Du hast Deine Kranke, die Kinder, die Armen; damit laß es genug sein.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer, sie aber schaute ihm regungslos nach. Barbara blickte einige Augenblicke mit stiller Besorgniß auf sie hin. Dann machte sie sich mit den Papieren auf ihres Bruders Schreibtisch zu schaffen und sagte wie im Selbstgespräch und doch halb ihrer Schwägerin zugewandt: »Schlimme Zeiten! Danke Jedes dem Herrgott, den keine solche Lasten drücken wie Peter. Er hat die Verantwortung für Alles zu tragen, und mit Centnern am Beine kam auch Leichtfuß nicht tanzen. Ein besseres Herz hat Keiner, und redlicher meint es wohl Niemand als er. Wie haben die Marktleute seine Umsicht gelobt! Im Sturm erkennt man den Lotsen, und wenn es am buntesten herging, war Peter immer am größten. Er weiß ja, wofür er eintritt, aber die letzten Wochen haben ihn um Jahre gealtert. Wir müssen ihm Manches nachsehen, sollte ich meinen.« Maria nickte mit dem Kopfe. Barbara aber verließ das Zimmer, und als sie nach einigen Minuten wiederkehrte, sagte sie bittend: »Du siehst übel aus, Kind, komm jetzt und lege Dich nieder. Eine Stunde Schlaf ist besser als drei Mahlzeiten. Solch' verwachte Nacht wie die letzte geht in Deinem Alter nicht spurlos vorüber. Die Sonne scheint so hell, ich habe die Fenster verhängt und Dein Bett aufgemacht. Sei verständig und folge.« Bei den letzten Worten faßte sie der Bürgemeisterin Hand und zog sie mit sich fort. Maria sträubte sich nicht, und obgleich ihre Augen nicht trocken blieben, als sie allein war, wurde sie doch bald vom Schlaf überwältigt. Erquickt und frisch gekleidet begab sie sich gegen Mittag in die Wohnung des Hauptmanns. Ihr war weh um's Herz, und Mitleid mit sich selbst und ihrem Loose beherrschte sie wieder. Eva Peterstochter, des Fechtmeisters Wittwe, eine stille, bescheidene Frau, die sie kaum von Ansehen kannte, ließ sich nicht sehen. Sie saß allein in ihrer Kammer und weinte, aber Maria fand in ihrem Hause den Musiker Wilhelm, welcher dem Sohn seines verstorbenen Freundes tröstend zugesprochen und ihm verheißen hatte, ihn bei sich aufzunehmen und zu einem tüchtigen Spielmann heranzubilden. Die Bürgemeisterin ließ die Wittwe bitten, sie am nächsten Tage zu empfangen, und trat dann mit dem Musiker auf die Straße. Ueberall standen Bürger, Gesellen und Frauen gruppenweise bei einander und unterredeten sich über das Geschehene und die kommende Noth. Wahrend Maria dem Musiker erzählte, wer der gefallene Kastilianer gewesen sei und daß Henrika ihn, Wilhelm, sobald es angehe, zu sprechen wünsche, wurde sie mehr als einmal unterbrochen, denn bald zogen Freiwilligen- und Bürgerwehrfähnlein, welche die Wachen in den Thürmen und auf den Mauern abzulösen hatten, an ihnen vorüber, bald versperrte ein Geschütz ihren Weg. War es die Erwartung auf kommende Ereignisse oder waren es die Wirbelschläge der Trommler und die Trompetenrufe, welche ihren Begleiter so sehr erregten, daß er sich oft an die Stirn griff und sie ihn bitten mußte, den Schritt zu mäßigen. Es lag auch etwas Fremdes, Gepreßtes in seiner Stimme, während er ihrer Aufforderung zufolge erzählte, daß die Spanier zu Schiff auf der Amstel, der Drecht und dem Brasem See in den Rhein gekommen und bei Leyderdorp an's Land gegangen seien. Ein berittener Bote mit den Farben des Prinzen, dem nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene Neugierige nachliefen, um zu gleicher Zeit mit ihm das Rathhaus zu erreichen, unterbrach ihn, und sobald der Schwarm vorbei war, legte die Bürgemeisterin ihrem Begleiter eine Frage nach der andern vor. Der Kriegslärm, das aus der Ferne vernehmbare Schießen, die bunten Soldatentrachten, welche an Stelle der dunkleren Bürgerkleider überall zu sehen waren, versetzten auch sie in lebhafte Spannung, und was sie von Wilhelm erfuhr, war wenig geeignet, diese zu vermindern. Die Hauptmacht der Spanier war auf dem Weg nach dem Haag. Die Einschließung der Stadt hatte begonnen, aber sie konnte dem Feinde schwerlich gelingen; denn auf die englischen Hülfsvölker, welche die neuen Schanzen bei Valkenburg, das Dorf Alfen und die Gouda'sche Schleuse vertheidigen sollten, war guter Verlaß. Wilhelm hatte die britischen Soldaten, ihren Oberst Chester und den Kapitän Gensfort selbst gesehen und rühmte ihre reiche Ausrüstung und stattliche Haltung. Vor ihrem Hause wollte sich die Bürgemeisterin von ihrem Begleiter verabschieden, dieser begehrte aber dringend das Fräulein sogleich zu sprechen und ließ sich nur schwer überzeugen, daß er sich gedulden müsse, bis der Arzt seine Einwilligung gegeben habe. Bei Tisch gab Adrian, der, wenn der Vater nicht an der Mahlzeit theilnahm, frei genug mit der Sprache herauskam, allerlei Selbstgesehenes, sowie Nachrichten und Gerüchte zum Besten, welche er in der Schule und auf der Straße erhascht hatte, und seine Redseligkeit wurde nicht wenig durch die lebhaften Fragen der Mutter ermuthigt. Eine große Unruhe hatte sich der Bürgemeisterin bemächtigt. Ihre Begeisterung für die Sache der Freiheit, der die Geliebtesten unter ihren Angehörigen zum Opfer gefallen waren, loderte hell auf, und der Zorn gegen die Bedrücker ihres Landes regte sich leidenschaftlich in ihrer Brust. Das zarte, jungfräulich in sich selbst zurückgezogene, jeder lauten und derben Gefühlsäußerung im gewöhnlichen Leben unfähige Weib wäre jetzt im Stande gewesen, auf die Wälle zu eilen, um dort, wie Kenau Hasselaer von Haarlem, mit den Männern dem Feinde entgegenzutreten. Der verletzte Stolz und Alles, was noch vor einer Stunde ihr Herz bedrängt hatte, trat zurück hinter der Theilnahme für die Sache der Ihren. Mit neuem Lebensmuth beseelt ging sie zu Henrika und setzte sich, als es Abend geworden war, an die Lampe, um an ihre Mutter zu schreiben; denn das hatte sie seit der Aufnahme der Kranken verabsäumt, und die Verbindung mit Delft konnte leicht in der nächsten Zeit unterbrochen werden. Als sie den fertigen Brief überlas, war sie mit ihm und sich selbst zufrieden, denn er athmete festes Vertrauen auf den Sieg der guten Sache und brachte deutlich und ungezwungen zum Ausdruck, wie freudig sie bereit sei, auch das Schlimmste zu tragen. Barbara hatte sich schon zur Ruhe begeben, als Peter endlich erschien. Er war so schwer ermüdet, daß er das für ihn bereit gehaltene Mahl kaum berührte. Während er die Speisen zum Mund führte, bestätigte er Maria, was sie bereits von dem Musiker erfahren, und war mild und freundlich, aber sein Anblick that ihr weh, denn er erinnerte sie an Barbara's Hinweis auf die schwere Last, welche er auf sich genommen. – Heute zum ersten Male bemerkte sie zwei tiefe Falten, welche die Sorge ihm zwischen Augen und Mund gefurcht hatte, und von zärtlichem Mitgefühl erfaßt, trat sie hinter ihn, legte beide Hände auf seine Wangen und küßte ihm die Stirn. Da erbebte er leis, ergriff ihre zarte Rechte so heftig, daß sie zusammenschrak, führte sie erst an die Lippen und dann auf die Augen, und ließ sie dort minutenlang ruhen. Endlich erhob er sich, ging ihr in das Schlafzimmer voran, bot ihr eine herzliche Gutenacht und legte sich nieder. Als auch sie das Lager aufsuchte, athmete er tief. Schwere Müdigkeit hatte ihn schnell übermannt. Beiden war in dieser Nacht nur ein vielfach unterbrochener Schlummer beschieden, und so oft sie erwachte, hörte sie ihn seufzen und stöhnen. Sie regte sich nicht, um den Schlaf, den er suchte und brauchte, nicht zu verscheuchen, und zweimal hielt sie den Athem an, denn er redete vor sich hin. Zuerst klagte er leise: »Schwer, zu schwer,« und dann: »Wenn ich's nur trage.« Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatte er bereits das Zimmer verlassen und war auf das Rathhaus gegangen. Um Mittag kehrte er heim und erzählte, die Spanier hätten den Haag genommen und seien dort von den elenden Königsknechten mit Jubel begrüßt worden. Die gutgesinnten Bürger und Geusen hätten zum Glück Zeit gefunden, nach Delft zu entkommen, denn bei der Geestburg habe der wackere Nikolas Ruichhaver den Feind eine Zeitlang im Schach gehalten. Der Westen sei noch frei und das neu verschanzte, von den Engländern besetzte Valkenburg nicht so leicht zu erstürmen. Im Osten zu Alfen lägen noch andere britische Hülfsvölker im Rücken der Spanier. Der Bürgemeister erzählte das Alles ungefragt, aber nicht so frei und natürlich wie im Gespräch mit Männern. Wahrend er redete, schaute er oft in den Teller und hielt stockend inne. Es war, als müsse er sich Zwang anthun, vor den Frauen, Dienstboten und Kindern über diese Dinge zu reden, welche er nur mit seinesgleichen zu verhandeln gewohnt war. Maria hörte ihm aufmerksam zu, aber sie hielt sich bescheiden zurück und regte ihn nur durch freundliche Blicke und theilnehmende Ausrufe an, während Barbara kecklich eine Frage nach der andern stellte. Das Mahl näherte sich dem Ende, als der Junker von Warmond unangemeldet in das Zimmer trat und den Bürgemeister ersuchte, ihm sogleich zu folgen, denn Oberst Chester stehe mit einem Theil der englischen Hülfsvölker vor dem weißen Thor und begehre in die Stadt gelassen zu werden. Peter stieß bei dieser Kunde den Bierkrug zornig auf die Tafel, sprang dann auf und ging dem Junker voran. In den späteren Nachmittagsstunden füllte sich das van der Werff'sche Haus. Die Gevatterinnen kamen, um mit Frau Barbara über das, was am weißen Thore vorging, zu verhandeln. Die Bürgemeisterin van Swieten wußte von ihrem Gatten selbst, daß die Engländer, ohne Widerstand zu leisten, beim bloßen Anblick der Spanier die schöne neue Schanze von Valkenburg preisgegeben und das Hasenpanier ergriffen hatten. Der Feind war von Haarlem aus durch die Dünen über Nordwyk herangezogen, und es wäre für die Briten ein Leichtes gewesen, die starke Stellung zu halten. »Schöne Hülfe, die solche Hülfsvölker bringen!« rief Barbara entrüstet. »Königin Elisabeth behält die Männer auf ihrer Insel für sich selbst zurück und schickt uns die Weiber.« »Und dabei sind es wahre Enakssöhne und sie tragen sich wie schmucke Soldaten,« sagte die Frau des Schöffen Heemskerk. »Hohe Stiefel, Wämmser von feinem Leder, bunte Federn auf den Sturmhauben und Hüten, große weite Panzer, Hellebarden, um einem halben Dutzend damit den Garaus zu machen, – und das Alles wie neu.« »Sie wollten's wohl nicht verderben, darum haben sie's so schnell in Sicherheit gebracht, die windigen Memmen,« rief des Kirchenvorstehers de Haes Hausfrau, welche wegen ihrer scharfen Zunge bekannt war. »Ihr scheint sie Euch aus der Nähe betrachtet zu haben, Frau Margret.« »Von der Windmühle am Thor,« entgegnete die Andere. »Der Parlamentär hielt auf der Brücke dicht unter uns. Ein schöner Mann auf einem stattlichen Gaul. Auch sein Signalbläser saß im Sattel, und das große Sammettuch an seiner Trompete starrte von schöner Stickerei in Goldfäden und Perlen. Sie begehrten brav auf, aber das Thor blieb geschlossen.« »Recht, recht!« rief Frau Heemskerk, »der Kommissar des Prinzen, der Bronkhorst, kann mir gefallen. Was fragt Der nach uns, wenn die Königin nur nicht die Laune verliert und die Subsidien einstellt. Er will dem Chester zu Willen sein und ihm Einlaß gewähren, hab' ich gehört.« »Das möcht' er,« fügte die Gattin des Stadtsekretärs van Hout hinzu. »Aber Euer Gemahl, Frau Maria, und mein Herr, – ich habe ihn auf dem Herweg gesprochen, setzen Alles dran, um das zu verhindern. Die beiden Herren van der Does find auch ihrer Ansicht, und so wird der Kommissar vielleicht überstimmt.« »Das walte Gott,« rief in ihrem derben Ton die Mutter des Musikers Wilhelm. »Morgen oder übermorgen kann keine Katze mehr zum Thor hinaus, und mein Mann sagt, wir müßten von Anfang an mit den Vorräthen sparen.« » Ein halbes Tausend Fresser mehr in der Stadt, die unseren Kindern die Bissen schmälern; das wäre das Rechte!« rief Frau de Haes, warf sich in den Stuhl, daß er krachte, und schlug sich mit der Hand auf das Knie. »Und es sind Engländer, Frau Gevatterin, Engländer sind's,« fiel die Steuereinnehmerin der Frau Margret ins Wort. »Das ißt nicht, das frißt nicht, das schlingt. Wir stellen auch unsern Mann; aber der Herr von Nordwyk, – ich meine den jüngeren, der als Gesandter des Prinzen mit bei der Königin gewesen, der hat meinem Wilhelm erzählt, was so ein britischer Vielfraß klein kriegen kann. Sie tilgen Euch das Rindfleisch wie Käse, und unser Bier ist Spülwasser gegen ihr schwarzes, malziges Gebräu.« »Das ließe sich Alles ertragen,« gab Barbara zurück, »wenn sie wackere Kriegsleute wären. Auf hundert Stück Vieh mehr oder weniger kann's uns nicht ankommen, und der Nimmersatt wird zum Haltemaß,. wenn Schmalhans im Hause regiert. Aber für diese Schnellläufer nehm' ich unserem Adrian noch nicht eins von seinen grauen Kaninchen.« »Es wär' auch schade darum,« sagte Frau de Haes. »Ich gehe jetzt nach Haus, und finde ich meinen Alten, so soll er erfahren, was verständige Leute über die Engländer denken.« »Ruhe, Gevatterin, Ruhe,« sagte nun die Frau des Bürgemeisters van Swieten, welche bis dahin still mit der Katze gespielt hatte. »Glaubt mir, es bleibt sich im Grunde ganz gleich, ob wir das Hülfsvolk einlassen oder nicht, denn bevor die Stachelbeeren in unserem Garten süß sind, wird es ohnehin mit dem Widerstande vorbei sein.« Maria, welche Kuchen und Würzwein herumreichte, stellte bei diesen Worten das Brett auf die Tafel und fragte: »Das solltet Ihr wünschen, Frau Magtelt?« »Das wünsche ich,« entgegnete diese bestimmt, »und mit mir wünschen es viele verständige Leute. Gegen die Uebermacht ist kein Widerstand möglich, und je eher wir die Gnade des Königs anrufen, desto sicherer wird sie gewährt.« Die anderen Frauen hörten der kühnen Magtelt sprachlos zu, Maria aber trat ihr näher und entgegnete empört: »Wer das sagt, der mag nur gleich zu den Spaniern gehen, wer das sagt, der will die Schande der Stadt und des Landes, wer das sagt...« Magtelt unterbrach Maria mit einem erzwungenen Gelächter und rief: »Frau Frühweise, Ihr wollt erfahrene Weiber in die Schule nehmen? Ist es erhört, bei einem Besuch so überfallen zu werden?« »Erhört oder nicht,« entgegnete die Andere. »Ich dulde solche Reden nimmer in unserem Hause, und kämen sie meiner Schwester über die Lippen, so würd' ich ihr sagen: Geh, Du bist nicht mehr meine Freundin!« Maria's Stimme bebte und mit straff ausgestrecktem Arm wies sie auf die Thür. Frau Magtelt rang nach Fassung, aber sie fand, während sie das Zimmer verließ, kein anderes Wort als: »Unbesorgt, unbesorgt... Ihr seht mich nicht wieder.« Barbara folgte der Gekränkten, und während die Zurückbleibenden verlegen in den Schooß schauten, rief Wilhelm's Mutter: »Brav, Frauchen, brav!« Des Stadtsekretärs freundliche Gattin schlang den Arm um die junge Frau, küßte ihre Stirn und flüsterte ihr zu: »Kehrt Euch ab von den anderen Weibern und trocknet die Augen.« Einundzwanzigstes Kapitel. Es wird von einem Verurtheilten erzählt, welchen seine grausamen Henker in ein Gefängniß von künstlichem Bau geworfen hatten. Täglich schoben sich die Wände dieses Käfigs enger und enger zusammen, täglich drangen sie näher auf den Unglücklichen ein, bis er verzweifelnd den Geist aufgab und der Kerker sein Sarg wurde. So schoben sich auch von Stunde zu Stunde die eisernen Schranken der spanischen Regimenter näher und näher um Leyden zusammen, und wenn es ihnen gelang, den Widerstand ihres Opfers zu brechen, so drohte diesem ein Ende noch grausamer und schonungsloser als das des unseligen Gefangenen. Der Gürtel, welchen Valdez, der Maëstro del Campo des Königs Philipp, und sein geschickter Lieutenant, Don Ayala, in kaum zwei Tagen um die Stadt gezogen, war schon beinah geschlossen, das mit aller Sorgfalt verstärkte Bollwerk von Valkenburg gehörte den Feinden, und dazu war die Gefahr viel schneller und mit weit unwiderstehlicherer Gewalt hereingebrochen, als es selbst die Aengstlichen unter den Einwohnern befürchtet hatten. Wenn Leyden fiel, so waren seine Häuser den Flammen und der Plünderung, seine Männer dem Tode, seine Frauen der Schande preisgegeben, dafür bürgte das Schicksal der andern eroberten Städte und die spanische Art. Wer mochte sich heute den Genius der geschäftigen Stadt anders denken, als unter einem finstern Himmel mit düsterer Stirn und angstvoll blickenden Augen, und doch sah es am weißen Thore an diesem Nachmittag so bunt und fröhlich aus, als fände ein Frühlingsfest mit einer glänzenden Schaustellung sein Ende. Wo sich auf den Wällen bis zum Katharinenthurm hin ein Plätzchen bot, stand es voll von Männern, Weibern und Kindern. Die alte Mauer gewährte den Anblick überfüllter Zuschauerbänke in einer Arena, und bis weit in die Stadt hinein ließ sich das Gesumm der vielköpfigen neugierigen Menge vernehmen. Es ist gütig von der Schickung, daß sie den Menschen befähigt, sich eines kurzen Sonnenblicks mitten unter schrecklichen Wettern zu freuen, und so vergaßen die Gesellen und Burschen, die Weiber und Knaben da oben die drohende Gefahr und weideten das Auge an den schön gekleideten englischen Kriegsknechten, welche zu ihnen hinaufschauten, den Jungfrauen übermüthig zuwinkten und lachten, zum Theil freilich auch mit bedenklichen Mienen dem Ausfall der Unterhandlungen entgegensahen, welche innerhalb der Mauern gepflogen wurden. Jetzt öffneten sich die Pforten des weißen Thores: der Kommissar van Bronkhorst, van der Werff, der Stadtsekretär van Hout und andere Leiter des Gemeindewesens begleiteten den britischen Obersten und seinen Trompeter auf die Brücke. Der Erstere schien von leidenschaftlichem Unwillen erfüllt zu sein und schlug mehrmals auf den Knauf seines Schwertes, die Leydener Herren sprachen ihm zu und verabschiedeten sich endlich von ihm mit tiefen Verneigungen, welche er nur mit einer stolzen Handbewegung erwiederte. Jetzt zogen sich die Bürger zurück, die Thorflügel schlugen zusammen, das alte Schloß knarrte, die mit Eisen beschlagenen Schutzbäume fielen in ihre Lager zurück, die Ketten an der Brücke rasselten weithin vernehmbar und die versammelte Menge wußte nun, daß den Engländern der Eintritt in die Stadt versagt worden sei. Laute Vivatrufe, untermischt mit manch lebhafter Aeußerung des Mißfallens, ließen sich vernehmen; »Oranien soll leben!« schrieen die Knaben, unter denen sich auch Adrian und der Sohn des gefallenen Fechtmeisters Allertssohn befanden, die Weiber schwenkten Tücher, und aller Augen waren auf die Briten gerichtet. Jetzt erscholl eine laute Trompetenfanfare, die berittenen Offiziere der Engländer sprengten an den Obersten heran und hielten mit ihm einen kurzen, aber von heftigen Reden einiger Einzelnen gestörten Kriegsrath, und bald darauf wurden Signale geblasen. Nun tummelten sich die Kriegsknechte eilfertig durcheinander, und viele von ihnen drohten dabei mit der Faust nach der Stadt hin. Die zusammengestellten Hellebarden und Musketen wurden von ihren Besitzern ergriffen, und unter Trommel- und Trompetenschall klärte sich der Wirrwarr zur Ordnung. Die Einzelnen reihten sich zu Gliedern, die Glieder zu Schaaren zusammen, die bunten Tücher an den Fahnenstangen wurden gelöst und vom Abendhauche erfaßt, und mit lautem Hurrahgeschrei zog das Korps den Rhein entlang nach Südwesten, wo die spanischen Vorposten standen. Die Leydener Buben stimmten laut in das Hurrah der Engländer ein. Auch des Fechtmeisters Waise Andreas hatte mit ihnen zu schreien begonnen; als er aber einen großen Kapitän seinem Fähnlein stolz voranschreiten sah, versagte ihm die Stimme, und mit der Hand vor den Augen lief er zu seiner Mutter nach Hause. Die andern Knaben bemerkten ihn nicht, denn die untergehende Sonne spiegelte sich so glitzernd in den Panzern und Helmen, den Hellebarden und dem Schwerterstahl der Soldaten, die Fanfaren schmetterten so lustig, die Hengste der Offiziere tanzten so muthig unter ihren Reitern, die bunten Federn und Fahnen und der Rauch der glimmenden Lunten gewannen so prächtigen Farbenglanz im Rosenroth der scheidenden Sonne, daß Auge und Ohr wie gebannt an diesem Schauspiele hing. – Nun zog wiederum etwas Neues die Aufmerksamkeit von Groß und Klein auf sich, Sechsunddreißig Engländer, und unter ihnen auch Offiziere, blieben hinter den andern zurück und näherten sich dem Thore. Wieder knarrte das Schloß und rasselten die Ketten. Die kleine Schaar wurde in die Stadt eingelassen und bei den ersten Häusern des Nordendes von Herrn van Bronkhorst und dem Bürgemeister willkommen geheißen. Jedermann auf den Wällen hatte gedacht, es werde sich nun vor seinen Augen ein Scharmützel zwischen den abziehenden Briten und Kastilianern entwickeln. Aber, weit gefehlt! denn bevor die Ersteren den Feind erreicht hatten, sah man Lunten durch die Luft fliegen, Fahnen sich senken, und als es Nacht wurde und die Neugierigen sich zerstreuten, wußten sie, daß die Engländer von der guten Sache abgefallen und zu den Spaniern übergelaufen waren. Die sechsunddreißig, welche man in das Thor eingelassen, waren die Einzigen gewesen, welche sich geweigert hatten, die Mitschuld an diesem Verrath zu tragen. Dem Stadtsekretär war die Aufgabe zugefallen, für den Kapitän Cromwell und die andern treu gebliebenen Briten und Niederländer Quartiere zu besorgen. Van der Werff ging mit Herrn van Bronkhorst nach Hause. Manches leise, aber heftige Wort ward zwischen ihnen gewechselt. Der Kommissar versicherte, daß der Prinz höchst aufgebracht über die Abweisung der Engländer sein werde, denn er lege mit Recht schweres Gewicht auf die Geneigtheit der Königin Elisabeth für die Sache der Freiheit, der Bürgemeister und seine Freunde hätten derselben heute einen schlechten Dienst geleistet. Van der Werff leugnete dies, denn Alles komme darauf an, Leyden zu halten. Nach dem Fall dieser Stadt seien auch Delft, Gouda und Rotterdam verloren, und alle weiteren Versuche, die Freiheit Hollands zu erkämpfen, würden nutzlos sein; fünfhundert anspruchsvolle Esser mehr mußten den ohnehin ungenügenden Proviant vorzeitig erschöpfen. Man hatte auch Alles gethan, um der Zurückweisung der Engländer eine milde Form zu geben, ja es war denselben frei gestellt worden, sich im Schutze der Wälle unter den Kanonen der Stadt zu lagern. Als beide Männer sich trennten, hatte keiner den andern überzeugt, aber jeder blieb der treuen Gesinnung seines Kampfgenossen versichert. Zum Abschiede sagte Peter: »Der Stadtsekretär soll dem Prinzen in einem klaren und überzeugenden Schreiben, wie nur er es zu verfassen vermag, die Gründe unseres Verhaltens darlegen, und Seine Excellenz wird sie am Ende doch billigen. Verlaßt Euch darauf.« »Warten wir's ab,« entgegnete der Kommissar, »aber bedenkt, daß wir bald in diesen Mauern wie Sträflinge hinter Schloß und Riegel sitzen werden, und daß vielleicht schon, übermorgen kein Bote den Weg zu ihm findet.« »Der Staatssekretär ist schnell mit der Feder.« »Und morgen früh laßt verlesen, daß wir den Frauen, Greisen und Kindern, kurz Allen, welche die Vorräthe schmälern und zur Verteidigung nichts nützen, den Rath ertheilen, die Stadt zu verlassen. Sie werden ungefährdet nach Delft gelangen, denn dahin stehen die Wege noch offen.« »Ganz wohl,« entgegnete Peter. »Uebrigens sollen schon heute viele Frauen und Mädchen den Anderen vorangegangen sein.« »Recht so,« rief der Kommissar. »Wir treiben auf einem gebrechlichen Fahrzeug auf hoher See. Hätte ich eine Tochter im Hause, so wüßte ich wohl, was ich thäte. Auf Wiedersehen, Meister. Wie mag es um Alfen stehen? Man hört keinen Schuß mehr.« »Die Dunkelheit hat wohl den Kampf unterbrochen.« »Hoffen wir denn auf morgen das Beste, und wenn die draußen auch allesammt unterliegen, wir hier drinnen wollen nicht wanken und weichen.« »Wir halten fest bis an's Ende,« gab Peter entschieden zurück. »Bis an's Ende, und so Gott will, bis an ein glückliches Ende.« »Amen,« rief Peter, drückte dem Kommissar die Hand und vollendete den Heimweg. Auf der Treppe kam ihm Barbara entgegen. Sie wollte Maria rufen, welche sich bei dem Fräulein befand; er aber untersagte es ihr und ging nachdenklich auf und nieder. Dabei zuckten seine Lippen mehr als einmal so schmerzlich, als habe er große Pein zu erdulden. Als er nach einiger Zeit die Stimme seines Weibes im Speisezimmer hörte, nahm er sich gewaltsam zusammen, ging auf die Thür zu und öffnete sie langsam. »Du schon zu Hause; und ich sitze hier ruhig und spinne!« rief sie überrascht. »Ja, Kind. Ich bitte Dich, tritt zu mir ein, ich habe mit Dir zu reden.« »Um Gottes willen, Peter, was ist geschehen? Wie Deine Stimme klingt, und wie bleich Du aussiehst!« »Ich bin nicht krank, aber es wird Ernst, furchtbarer Ernst, Maria.« »So ist es wahr, so hätten die Feinde ...« »Sie haben gestern und heute große Vortheile errungen, aber ich bitte Dich, unterbrich mich jetzt nicht, wenn Du mich lieb hast; denn was ich Dir jetzt sagen muß, das sagt sich nicht leicht, das ist schwer, schwer über die Lippen zu bringen. Womit fang' ich nur an? Wie wend' ich's nur, daß Du mich richtig verstehst? Sieh', Kind, ich nahm Dich in mein Haus aus einem warmen Neste. Was wir Dir bieten konnten, war wenig, und Du hattest wohl auch mehr zu finden erwartet. Ich weiß es: Du bist nicht zufrieden.« »Aber es würde so leicht für Dich sein, mich zufrieden zu machen.« »Du irrst, Maria. Mich nimmt in dieser schweren Zeit nur Eins in Anspruch, und was darüber und daneben ist, was meine Gedanken ablenkt, das ist vom Uebel. Aber gerade jetzt lähmt mir Eins den Muth und den schneidigen Willen: es ist die Angst um Dein Schicksal; denn wer weiß, was uns droht, und darum muß es denn gesagt sein, muß ich mein Herz auf die Schlachtbank führen und Dir einen Wunsch eröffnen ... Einen Wunsch? O barmherziger Himmel, gibt es denn kein anderes Wort für das, was ich meine!« »Sprich, Peter, sprich, und martere mich nicht!« rief Maria und schaute mit einem angstvollen Blick ihrem Gatten in's Antlitz. – Es konnte nichts Kleines sein, was den klaren und bestimmten Mann veranlaßte, in so gewundener Sprache zu reden. Der Bürgemeister raffte sich zusammen und begann von Neuem. »Du hast Recht, es frommt nicht, zurückzuhalten, was doch gesagt werden muß. Wir haben heut auf dem Rathhaus beschlossen, die Frauen und Mädchen aufzufordern, die Stadt zu verlassen. Die Straße nach Delft ist noch offen; übermorgen wird sie es vielleicht nicht mehr sein, und später – was später geschieht, wer kann das voraussehen? Wenn kein Entsatz kommt und die Vorräthe sind aufgezehrt, bleibt uns nichts übrig, als dem Feinde die Thore zu öffnen, und dann, Maria, stelle Dir vor, was dann geschieht! Der Rhein und die Grachten werden sich purpurn färben, denn viel Blut wird sich in sie ergießen, und sie werden einer Feuersbrunst sondergleichen zum Spiegel dienen. Wehe über die Männer, zehnfaches Wehe über die Frauen, gegen welche dann die Wuth des Siegers sich richtet. Und Du, Du – das Weib des Mannes, welcher Tausende zum Abfall von König Philipp bewogen hat, die Frau des Verbannten, der in diesen Mauern den Widerstand leitet...« Maria hatte bei den letzten Worten die großen Augen weit geöffnet und unterbrach nun ihren Gemahl mit der Frage: »Willst Du prüfen, wie hoch mir der Muth steht?« »Nein, Maria; ich weiß, daß Du treulich aushalten und wohl ebenso unverzagt wie Deine Schwester dem Tod in's Antlitz schauen würdest; aber ich, ich kann den Gedanken nicht tragen. Dich in die verfluchte Hand unserer Schlächter fallen zu sehen. Die Angst um Dich, die furchtbare Angst wird mir in den entscheidenden Stunden die rüstige Kraft zernagen, und darum muß es gesagt sein ...« Maria hatte ihrem Gatten bis dahin still zugehört; sie wußte, was er von ihr begehrte. Jetzt trat sie ihm näher und schnitt ihm das Wort ab, indem sie fest, ja in gebietendem Ton ausrief: »Nicht weiter, nicht weiter, hörst Du! Ich ertrage kein Wort mehr!« »Maria!« »Still! Denn jetzt ist die Reihe an mir. Um der Angst zu entgehen, willst Du Dein Weib aus dem Hause stoßen; die Angst, sagst Du, würde Deine Kraft untergraben. Aber wird die Sehnsucht sie stärken? Wenn Du mich liebst, so bleibt sie nicht aus ...« »Ob ich Dich liebe, Maria!« »Wohl, wohl. Aber das hast Du zu bedenken vergessen, wie es mir in der Verbannung zu Muthe sein wird, wenn ich Dich ebenso liebe. Ich bin Dein Weib. Wir haben einander vor dem Altare geschworen, daß nichts uns scheiden soll, als der Tod. Haft Du's vergessen? Sind Deine Kinder die meinen geworden? Hab' ich sie gelehrt, mich froh ihre Mutter zu nennen? Ja oder nein?« »Ja, Maria, ja, ja, und hundertmal ja.« »Und Du hast das Herz, mich der zehrenden Sehnsucht in die Arme zu werfen! Und Du willst mich hindern, den heiligsten der Schwüre zu halten? Du kannst es über Dich gewinnen, mich von den Kindern zu reißen? Du hältst mich für zu gering und zu schwächlich, Noth und Tod für die heilige Sache zu tragen, die die meine so gut ist wie die Deine! Du nennst mich gern Dein Kind, aber ich kann auch stark sein und, was nun auch komme, ich werde nicht weinen. Du bist der Mann und hast zu befehlen; ich bin nur die Frau und werde gehorchen. Soll ich gehen? Soll ich bleiben? Ich erwarte die Antwort.« Sie hatte die letzten Worte mit bebender Stimme gesprochen, er aber rief in tiefer Bewegung: »Bleib', bleib', Maria! Komm', komm', und vergib mir.« Peter ergriff ihre Hand und rief noch einmal: »Komm', komm'!« Sie aber machte sich frei, trat von ihm zurück und sagte bittend: »Laß mich, Peter; ich kann nicht; ich brauche Zeit, um das zu verwinden.« Er ließ die Arme sinken und schaute ihr tief bekümmert in's Antlitz, sie aber wandte sich um und verließ schweigend das Zimmer. Er folgte ihr nicht, sondern begab sich still in sein Arbeitsgemach und bemühte sich, Mancherlei, was sein Amt betraf, zu erwägen, aber die Gedanken kehrten stets zu Maria zurück. Seine Liebe bedrückte ihn wie eine Schuld, und er kam sich vor wie ein Eilbote, der die Blumen am Wege pflückt und bei diesem müßigen Thun die Zeit verzettelt und den Zweck seiner Sendung vergißt. Ihm war unsagbar schwer und wehe um's Herz, und es erschien ihm fast wie eine Erlösung, als kurz vor Mitternacht die Glocke vom Pankratiusthurm ihre Unheil kündende Stimme erhob. In der Noth, das wußte er, fühlte und dachte er nichts, als was die Pflicht von ihm heischte, und so nahm er denn auch mit erneuter Kraft den Hut vom Haken und verließ festen Schrittes das Haus. Auf der Straße begegnete er dem Junker van Duivenvoorde, welcher ihn zu dem Hohenort'schen Thore berief, denn vor demselben waren wiederum Engländer erschienen; wenige und brave Männer, welche Alfen und die Gouda'sche Schleuse in heißem, blutigem Kampf so lange gegen die Spanier gehalten hatten, bis ihnen das Pulver ausgegangen war und die Noth sie gezwungen hatte, sich zu ergeben oder ihr Heil in der Flucht zu suchen. Der Bürgemeister folgte dem Kriegsmann und ließ den wackeren Soldaten die Thore öffnen. Es waren einige zwanzig, und unter ihnen der niederländische Hauptmann van der Laen und ein junger Offizier von deutscher Herkunft. Peter befahl, sie für diese Nacht im Rathhause und auf der Thorwache unterzubringen. Am andern Morgen sollten passende Quartiere für sie in Bürgerhäusern ausgesucht werden. Janus Dousa bat den Hauptmann, bei ihm vorlieb zu nehmen, der Deutsche kehrte im Gasthaus zum Wechsel ein. Allen wurde befohlen, sich am folgenden Mittag bei dem Bürgemeister zu melden, um sich die Herbergen anweisen und in Freiwilligenfähnlein einreihen zu lassen. Auch den Frauen im van der Werff'schen Hause störte das Stürmen vom Pankratiusthurme die nächtliche Ruhe. Barbara suchte Maria auf, und erst nachdem sich Beide über die Ursache des Geläutes unterrichtet und Henrika beruhigt hatten, kehrten sie in ihre Gemächer zurück. Die Bürgemeisterin konnte nicht schlafen. Ihres Gatten Vorsatz, sich während der drohenden Gefahr von ihr zu trennen, hatte ihr ganzes Wesen in Aufruhr versetzt und sie auf's Tiefste gekränkt. Sie fühlte sich herabgesetzt, und wenn auch nicht verkannt, so doch unerkannt von Dem, für den es sie freute, wenn sie ein hohes Streben und große Regungen in der eigenen Seele wahrnahm. Was frommt dem schönen Weib eines Blinden der Reiz seiner Formen; was nützte ihr der reiche, in ihrem Busen vergrabene Schatz, wenn er ihn nicht sehen und heben wollte! – »Zeig' ihm, sag' ihm, wie hoch dir der Sinn steht,« mahnte die Liebe; aber der weibliche Stolz rief dazwischen: »Dräng' ihm nicht auf, was er zu suchen verschmäht.« So zogen die Stunden an ihr vorüber und brachten ihr weder Schlaf noch Frieden, noch den Willen, die ihr angethane Demüthigung zu vergessen. Endlich trat Peter in das Schlafgemach, behutsam und leise, um sie nicht zu wecken. Sie gab sich das Ansehen, im Schlaf zu liegen, aber mit den halb geschlossenen Augen konnte sie ihn sehen. Der Lichtschimmer fiel auf sein Antlitz, und die Falten, welche sie schon früher wahrgenommen hatte, lagen ihm als tiefe Schatten zwischen Auge und Mund. Sie prägten auf seine Züge den Stempel schwerer, schmerzlicher Sorge und erinnerten Maria an das »zu schwer«, und »wenn ich's nur trage«, welches er in der vergangenen Nacht aus dem Schlafe gerufen. Jetzt näherte er sich ihrem Lager und blieb hier lange stehen; sie aber sah ihn nicht mehr, denn sie hielt die Augen fest geschlossen, aber der Schimmer des ersten liebreichen Blickes, mit dem er zu ihr niedergesehen hatte, war ihr nicht entgangen. Er leuchtete vor ihrem inneren Auge fort, und sie meinte zu fühlen, daß er sie zärtlich betrachte und wie für ein Kind für sie bete. Der Schlaf hatte ihren Gatten schon längst übermannt, als sie noch immer wach wie am Tage in die Morgendämmerung hineinsah. Um seiner Liebe willen mußte sie ihm wohl Vieles vergeben, aber die Demüthigung, welche sie erfahren hatte, konnte sie doch nicht vergessen. Ein Spielzeug, sagte sie sich, ein Kunstwerk, an dem man sich freut, bringt man in Sicherheit, wenn dem Hause Gefahr droht; die Axt und das Brod, das Schwert und den Talisman, welcher uns schützt, kurz, das, was wir nicht entbehren können zum Leben, das geben wir nicht aus der Hand bis an's Ende. Nothwendig, unentbehrlich war sie ihm nicht. Hätte sie ihm den Willen gethan und ihn verlassen, dann – ja dann ... Hier stockte der Strom ihrer Gedanken, denn zum ersten Male warf sich die Frage in ihr auf: »Hatte er deine helfende Hand, dein ermuthigendes Wort wirklich entbehrt?« Beunruhigt wandte sie sich um, und das Herz schlug ihr ängstlich, als sie sich sagte, daß sie wenig gethan habe, um ihm seinen steinigen Pfad zu ebnen. Die dunkle Empfindung, daß ihm doch nicht die ganze Schuld zufalle, wenn sie kein volles Glück an seiner Seite gefunden, stieg beängstigend in ihr auf. Berechtigte ihn nicht gar ihr früheres Verhalten, eher Hinderung als Erhebung und Hülfe in den drohenden Tagen der schwersten Gefahr von ihr zu erwarten? Von der tiefen Sehnsucht erfüllt, Klarheit über sich selbst zu gewinnen, setzte sie sich hoch in den Kissen auf und ließ ihr vergangenes Leben an sich vorüberziehen. Ihre Mutter war in ihrer Jugend katholisch gewesen und hatte ihr oft, erzählt, wie frei und leicht ihr zu Muthe gewesen sei, wenn sie Alles, was ein Frauenherz beunruhigen mag, einem verschwiegenen Dritten anvertraut und aus dem Munde des Dieners der Gottheit die Versicherung erhalten habe, daß sie nun, sicher der Vergebung, ein neues Leben beginnen könne. »Wir haben's jetzt schwerer,« hatte ihr die Mutter vor der ersten Abendmahlsfeier gesagt, »denn wir Reformirten sind auf uns selbst und unsern Gott angewiesen, und mit ihm und uns sollen wir völlig im Reinen sein, ehe wir vor den Tisch des Herrn treten. Das ist freilich genug, denn wenn wir dem Richter in unserem eigenen Innern Alles offen und unbemäntelt bekennen, was uns, sei es in Gedanken, sei es in Thaten, das Gewissen beschwert, und es aufrichtig bereuen, so sind wir um der Wunden des Heilandes willen der Vergebung gewiß.« Zu solcher stillen Beichte faßte Maria sich jetzt zusammen und prüfte streng und schonungslos ihr Verhalten. Ja, sie hatte viel zu unverwandt auf sich selbst gesehen, und viel verlangt und wenig gegeben. Die Schuld war erkannt, und nun sollte das Bessermachen beginnen. Nach dieser Selbstschau wurde ihr wieder leicht um's Herz, und als sie sich endlich, um den Schlaf zu suchen, von dem dämmernden Morgenlicht abwandte, freute sie sich auf den liebreichen Gruß, welchen sie Peter am Morgen bieten wollte, aber bald darauf war sie entschlummert: als sie erwachte, hatte ihr Gatte das Haus längst verlassen. Wie immer, so stellte sie auch heute vor jedem andern Geschäft die Ordnung in Peter's Arbeitszimmer her, und dabei warf sie einen freundlichen Blick auf das Bild der verstorbenen Eva. Auf dem Schreibtische lag die Bibel, das einzige, den Angelegenheiten seines Berufes fremde Buch, in dem ihr Mann zu lesen pflegte. Auch Barbara schöpfte bisweilen aus demselben Trost und Erhebung, aber sie benützte es auch als Orakel, denn bei offenen Fragen schlug sie es auf und wies mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle. Diese deutete sich meist von selbst, und was sie gebot, darnach pflegte sie gewöhnlich, wenn auch nicht immer, zu handeln. Auch heute war sie unfolgsam gewesen, denn auf ihre Frage, ob sie es wagen dürfe, jetzt noch an ihren Sohn, den Wassergeusen, trotz der die Stadt umzingelnden Spanier, einen Sack mit allerlei guten Dingen zu senden, hatte sie des Jeremias Worte zur Antwort erhalten: »Man wird ihnen die Hütten und Heerden nehmen, ihre Gezelte, alle Geräthe und Kameele werden sie wegführen.« Dennoch war der Sack in aller Frühe einer Wittwe anvertraut worden, die sich mit ihren heranwachsenden Töchtern, der Aufforderung des Rathes gemäß, nach Delft zu retten gedachte. – Die gute Gabe konnte doch wohl nach Rotterdam gelangen; hofft doch eine Mutter für ihr Kind immerdar auf ein Wunder. Bevor Maria die Bibel an ihren alten Platz zurückstellte, schlug sie das dreizehnte Kapitel im ersten Briefe Pauli an die Korinther auf, welches über die Liebe handelt, und das ihr besonders werth war. Da stand geschrieben: »Die Liebe ist langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht,« und dann: »die Liebe verträgt Alles, sie glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet Alles.« Freundlich und langmüthig zu sein, Alles zu hoffen und Alles zu dulden, das war die Pflicht, welche die Liebe auch ihr auferlegte. Als sie die Bibel geschlossen hatte und sich anschickte, zu Henrika zu gehen, führte Barbara Janus Dousa zu ihr hinein. Der junge Edelmann trug heute Harnisch und Halsberge und hatte weit eher das Aussehen eines Soldaten, als das eines Gelehrten oder Dichters. Er hatte Peter vergeblich auf dem Rathhause gesucht und gehofft, ihn in seinem Hause zu finden. Einer der an den Prinzen gesandten Boten war aus Dortrecht zurückgekehrt, und zwar mit einem Schreiben, welches den durch den Tod Allertssohn's erledigten Befehlshaberposten ihm übertrug. Er sollte nicht nur die Stadtsoldaten sondern die gesammte bewaffnete Macht kommandiren. Mit froher Bereitwilligkeit hatte er diese Berufung angenommen und bat Maria, dies ihrem Gatten zu künden. »Nehmt meinen Glückwunsch,« sagte die Bürgemeisterin. »Was wird aber nun aus Eurer Devise: Ante omnia Musae ?« »Ich verändere die Worte ein wenig und sage: Omnia ante Musas .« »Verstehst Du das Kauderwälsch, Kind?« fragte Barbara. »Den Musen wird bis auf Weiteres der Laufpaß gegeben,« entgegnete Maria heiter. Janus freute sich über die rasche Antwort und rief: »Wie froh und munter Ihr dreinschaut! In diesen ernsten Tagen sind sorgenfreie Gesichter seltene Vögel.« Maria erröthete, denn sie wußte nicht, wie sie die Worte des Edelmanns, der mit seinem Spott den Tadel zu geben verstand, zu deuten habe, und entgegnete treuherzig: »Haltet mich nicht für leichtfertig; Junker. Ich kenne den Ernst dieser Tage, aber ich bin just mit einer stillen Beichte zu Ende gekommen und habe viel Arges in mir gefunden, aber auch den Willen, Löblicheres an seine Stelle zu setzen.« »Seht, seht,« gab Janus zurück. »Ich weiß ja längst, daß Ihr in der Delfter Schule mit meinen Alten Freundschaft geschlossen. 'Erkenne dich selbst', war die vornehmste Lehre der Griechen, und Ihr folget ihr weislich. Jede stille Beichte, jedes Verlangen nach innerer Läuterung muß doch mit dem Vorsatz, sich selbst zu erkennen, beginnen, und wenn man dabei auf Dinge stößt, welche dem lieben Ich zur Unzier gereichen, und man hat den Muth, sie an sich selbst so häßlich wie an Anderen zu finden ...« »Dann kommt der Abscheu von selbst, und man hat die erste Stufe zum Besserwerden betreten.« »Nein, werthe Frau, dann steht man schon auf einer der höheren Staffeln. Nach stundenlangem, tiefem Denken erkannte Sokrates, wißt Ihr auch was?« »Daß er gar nichts wisse. Ich bringe es schneller fertig, zu dieser Erkenntniß zu gelangen.« »Und der Christ lernt das schon in der Schule,« sagte Barbara, um sich auch an dem Gespräch zu betheiligen. »Alles Wissen ist Stückwerk.« »Und wir sind allesammt Sünder,« fügte Janus hinzu. »Das spricht sich leicht aus, liebe Mutter, und man versteht das auch leicht, wenn man die Anderen betrachtet. ›Er ist ein Sünder‹ ist schnell gerufen, aber ›ich bin ein Sünder‹, das geht schwer über die Lippen; und wer es sich im stillen Kämmerlein mit Schmerzen zuruft, bei dem mischen sich schon in die schwarzen Teufelsflügel die weißen Federn der Engelsschwingen. Verzeiht! Daß sich doch in diesen Tagen Alles, was man denkt und sagt, in schweren Ernst verwandelt. Mars ist da, und die heiteren Musen schweigen. Grüßt Euren Gatten und sagt ihm noch, die Leiche des Hauptmanns Allerts sei eingebracht, und die Bestattung auf morgen anberaumt worden.« Der Junker verabschiedete sich, und Maria sandte, nachdem sie ihre Pflegebefohlene besucht und sie wohl und heiter gefunden hatte, Adrian und Lieschen in den Garten vor der Stadtmauer, um Blumen und Laub zu pflücken, die sie dann mit ihnen zu Kränzen für den Sarg des braven Gefallenen winden wollte. Sie selbst begab sich zu der Wittwe des Hauptmanns. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Kurz vor Tisch kehrte die Bürgemeisterin heim. Vor ihrem Hause fand sie eine bunte Schaar von bärtigen Kriegsknechten. Diese suchten sich in englischer Sprache einigen Stadtwaibeln verständlich zu machen, und legten, als die Letzteren Frau Maria ehrerbietig grüßten, gleichfalls die Hand an die Sturmhauben. Sie dankte freundlich und betrat die Hausflur, in welche durch die weit geöffnete Thür das volle Licht des Mittags strömte. Peter hatte den englischen Soldaten da draußen Quartiere, und ihnen, nach Rücksprache mit dem neuen Kommandanten, Jan van der Does, Hauptleute angewiesen. Sie warteten wohl noch auf Kameraden, denn als die junge Frau die erste Stufe der Treppe betreten hatte und zu ihr hinaufschaute, fand sie das obere Ende der schmalen Stiege von der hohen Gestalt eines Kriegers versperrt. Dieser hatte ihr den Rücken zugewandt und zeigte Lieschen sein mit rechteckigen Zacken umkränztes Baret von dunklem Sammet, über welches eine schöne lichtblaue Straußfeder sich wölbte. Das Kind schien mit dem Soldaten gute Freundschaft geschlossen zu haben, denn obgleich derselbe ihr etwas untersagte, lachte die Kleine doch munter. Maria blieb einen Augenblick unschlüssig stehen; als aber das Kind die bunte Kopfbedeckung an sich riß und sie sich auf die Locken setzte, glaubte sie ihm wehren zu müssen und rief mahnend hinauf: »Aber Lieschen, das ist kein Spielzeug für Kinder.« Der Soldat wandte sich um, blieb einen Augenblick betroffen stehen, hob die Hand an die Stirn und eilte dann mit wenigen raschen Sätzen die Treppe hinunter und auf die Bürgemeisterin zu. Diese war überrascht zurückgetreten; er aber ließ ihr keine Zeit, sich zu besinnen, sondern streckte ihr beide Hände entgegen und rief frisch, freudvoll und mit strahlenden Augen: »Maria! Jungfrau Maria! Ihr hier? Das nenne ich einen Glückstag!« Die junge Frau hatte den Soldaten sogleich erkannt und legte die Rechte willig, aber doch nicht ohne Befangenheit, in die seine. Des Soldaten helle, blaue Augen suchten die ihren, sie aber wandte den Blick zu Boden und sagte: »Ich bin nicht mehr die ich war, aus dem Mädchen ist eine Hausfrau geworden.« »Eine Hausfrau!« rief er. »Wie würdig das klingt! Und doch! Und doch! Ihr seid noch immer die Jungfrau Maria. Kein Haar hat sich an Euch geändert. So neigtet Ihr zu Delft bei der Hochzeit das Haupt, so hobt Ihr die Hände, so habt Ihr die Augen niedergeschlagen, – so hold seid Ihr schon damals erröthet.« Aus der Stimme, welche diese Worte mit froher, fast kindlicher Unbefangenheit sprach, klang ein seltener Wohllaut, der Maria nicht weniger anmuthete, als die vertrauliche Weise des Offiziers sie verdroß. Mit einer schnellen Bewegung, hob sie den Kopf, schaute dem jungen Herrn fest in das schöne Antlitz und sagte mit Würde: »Ihr seht nur das Aeußere, Junker von Dornburg; hier drinnen hat sich seit drei Jahren Vieles verändert.« »Junker von Dornburg,« wiederholte er und schüttelte das lockige Haupt. »In Delft war ich Junker Georg. Es ist uns gar verschieden ergangen, werthe Frau, gar verschieden! Denn seht, mir ist der Schnurrbart gewachsen, leidlich, wenn auch nicht gar zu kräftig, ich bin breiter geworden und die Sonne hat das roth und weiße Knabenantlitz gebräunt, – kurzum: mein äußerer Mensch hat sich arg umgestaltet, hier drinnen aber sieht es heute noch gerade so aus, wie vor drei Jahren.« Maria fühlte, daß das Blut ihr wiederum in die Wangen stieg, aber sie wollte nicht erröthen und erwiederte rasch: »Stillstand ist Rückschritt, und so habt Ihr drei schöne Jahre verloren, mein Herr von Dornburg.« Der Offizier schaute Maria betroffen in's Antlitz und fagte dann ernster als zuvor: »Euer Spiel mit dem Witze trifft besser zu, als Ihr wohl meintet; ich hatte gehofft, Euch in Delft wieder zu finden, aber das Pulver wurde uns knapp in Alfen, und so werden die Spanier wohl eher in Eure Vaterstadt kommen, als wir. Nun führt mich ein freundliches Schicksal schon hier mit Euch zusammen; aber lasset mich ehrlich sein! ... Was ich hoffe und wünsche, das stellt sich mir greifbar vor Augen, das höre ich mit der Seele, und es hat mir, wenn ich an unser Wiedersehen dachte, geträumt. Ihr würdet Eure beiden Hände in die meinen legen und Ihr würdet mich nicht mit schneidigen Worten begrüßen, sondern den alten Genossen fröhlicher Stunden, den besten Freund Eures Leonhard fragen: ›Gedenkt Ihr noch unseres Todten?‹ Und wenn ich Euch dann gesagt hätte: ›Ja, ja, ja, ich habe ihn niemals vergessen; dann, dachte ich, würde der sanfte Glanz Eurer Augen... O, o! wie ich Euch danke! Da schwimmen ja die lieben Sterne in dem feuchten Krystall! Ihr seid doch nicht so ganz verändert, wie Ihr wohl meintet, Frau Maria, und wenn ich in Treue des Vergangenen gedenke, wollt Ihr es tadeln?« »Gewiß nicht,« entgegnete sie herzlich. »Und nun Ihr so mit mir redet, nenn' ich Euch wieder mit Freuden Junker Georg und lade Euch als meinen und Leonhard's Freund in unser Haus.« »So, so ist es schön,« rief er innig. »Ich hab' Euch so viel zu fragen, und was mich selber betrifft ... Herr Gott, ich wollte, ich hätte weniger zu erzählen.« »Habt Ihr meinen Gatten gesehen?« fragte Maria. »Ich kenne noch Niemand in Leyden,« gab er zurück, »als meinen gelehrten und gastlichen Wirth und den Dogen dieses wasser- und brückenreichen kleinen Venedigs.« Georg wies mit dem Finger die Treppe hinan; Maria erröthete wieder und sagte: »Der Bürgemeister van der Werff ist mein Gatte.« Der Junker schwieg kurze Zeit. Dann sagte er schnell: »Er hat mich gütig empfangen. Und die liebliche Elfe da oben?« »Sein Kind aus erster Ehe, aber nun auch meines. Wie kommt Ihr dazu, sie Elfe zu nennen?« »Weil sie aussieht, als wäre sie unter weißen Blumen im Mondlicht geboren, und weil der Nachglanz der Morgenröthe, vor der die Elfen entfliehen, ihre Wangen färbte, als ich sie einfing.« »Sie hat schon einmal diesen Namen bekommen,« sagte Maria. »Darf ich Euch zu meinem Gatten führen?« »Jetzt nicht, Frau Bürgemeisterin, denn ich habe für die Leute da draußen zu sorgen, aber morgen, wenn Ihr gestattet.« »Ich werde meinem Manne von Euch erzählen. Auf Wiedersehen, Junker Georg!« Maria fand auf dem Speisetische die dampfende Schüssel. Die Ihren hatten auf sie gewartet, und erhitzt von dem schnellen Gang in der Mittagszeit, erregt von der unerwarteten Begegnung mit dem jungen Deutschen, öffnete sie die Thür des Arbeitszimmers und rief ihrem Gatten entgegen: »Verzeih'! Ich bin aufgehalten worden. Es ist schon recht spät.« »Wir warten gern,« entgegnete er freundlich und trat ihr näher. Da kam ihr Alles in den Sinn, was sie sich vorgesetzt hatte, und zum ersten Mal seit ihrer Vermählung führte sie die Hand ihres Mannes an die Lippen. Er entzog sie ihr lächelnd, küßte ihre Stirn und sagte dann: »Es ist doch schön, daß Du da bist.« »Nicht wahr?« fragte sie und drohte ihm leis mit dem Finger. »Aber nun sind wir Alle beisammen und das Essen wartet.« »So kommt,« entgegnete sie heiter. »Weißt Du auch, wen ich unten an der Treppe getroffen?« »Englische Soldaten.« »Ja freilich, aber unter ihnen den Junker von Dornburg.« »Der hat sich bei mir gemeldet. Ein schmucker Gesell, von herzgewinnender Frische, ein Deutscher aus den evangelischen Landen.« »Leonhard's bester Freund. Weißt Du nicht mehr? Ich habe Dir sicher von ihm erzählt. Unser Gast bei Jacoba's Hochzeit.« »Richtig. Der Junker Georg. Er hat damals den bösen Fuchs für den Stallmeister des Prinzen zur Vernunft gebracht.« »Das war ein vermessenes Beginnen,« sagte Maria und athmete tief auf. »Der Fuchs geht heut noch vortrefflich,« entgegnete Peter. »Leonhard hat geglaubt, der Junker werde mit seinen Künsten und Gaben die Welt aus den Angeln heben; ich erinnere mich wohl, und nun muß der arme Schelm hier still sitzen und sich von uns füttern lassen. Wie ist er zu den Engländern und hieher in den Krieg gekommen?« »Ich weiß nicht; er sagte mir nur, er habe Vieles erlebt.« »Das will ich glauben. Er wohnt im Wirthshaus zum Wechsel; aber vielleicht finden wir ein Zimmer für ihn im Seitenflügel am Hofe.« »Nein, Peter,« rief sie eifrig. »Es ist dort auch keine Kammer in Ordnung.« »Das findet sich später. Laden wir ihn jedenfalls morgen zu Tisch, da mag er uns etwas erzählen. Es steckt ein guter Kern in dem Junker. Er hat mich gebeten, ihn nicht müßig gehen zu lassen, sondern ihn, wie auch immer, im Dienst zu verwenden. Jan van der Does stellt ihn schon an den richtigen Platz, denn der neue Kommandant sieht den Leuten in's Herz.« Barbara mischte sich in das Gespräch, Peter ließ statt des Biers trotz des Werktages einen Krug Wein bringen, und was seit Wochen nicht vorgekommen war, das geschah heute: der Hausherr blieb, nachdem die Speisen abgetragen waren, eine volle Viertelstunde mit den Seinen an der Tafel sitzen und erzählte von dem schnellen Aufmarsch der Spanier, dem traurigen Geschick der übergelaufenen Engländer, welche entwaffnet und abtheilungsweise fortgeführt worden waren, dem todesmuthigen Widerstand, welchen diejenigen Briten, zu denen Junker Georg gehörte, bei Alfen geleistet hätten, und von einem andern heißen Kampfe, bei dem Don Gaytan, die rechte Hand und der beste Offizier des Maëstro del Campo Valdez, gefallen sein sollte. Noch gingen und kamen Boten auf dem Delfter Wege in die Stadt, aber morgen schon, sagte er, werde wohl auch dieser von den Feinden versperrt sein. Bei Allem, was er sagte, wandte er sich stets an Maria, wenn Barbara ihn nicht ausdrücklich fragte, und als er sich endlich von der Tafel erhob, bestellte er auf morgen einen guten Braten für den Gast, welchen er selbst zu laden gedachte. Kaum hatte sich die Thür seines Zimmers hinter ihm geschlossen, als die kleine Elisabeth auf Maria zueilte, die Aermchen um ihre Kniee schlang und sie fragte: »Nicht wahr, Mutter; Junker Georg ist der große Hauptmann mit der blauen Feder, der so schnell die Treppe zu Dir hinabsprang?« »Ja, Kind.« »Und er kommt morgen zu Tisch! Adrian, er wird kommen!« Die Kleine schlug in die Hände vor Vergnügen und lief dann zu Barbara, um noch einmal zu rufen: »Base Bärbel, hast Du gehört? Er wird kommen!« »Mit sammt der blauen Feder,« entgegnete die Wittwe. »Und Locken hat er, Locken, so lang wie Assendelft's Klärchen. Darf ich mit zur Muhme Henrika?« »Später vielleicht,« entgegnete Maria. »Geht jetzt, Kinder, holt die Blumen und sondert sie hübsch von dem Laube. Trautchen wird Reifen und Faden bringen, und dann werden die Kränze gewunden.« Junker Georg's Wort, es sei heute ein Glückstag, schien sich bewahrheiten zu wollen; denn die junge Frau fand Henrika frisch und schmerzlos. Sie war mit des Doktors Erlaubniß im Zimmer auf und nieder gegangen, hatte längere Zeit am offenen Fenster gesessen, ihr Hühnchen genossen und saß, als Maria bei ihr eintrat, im Wohlgefühl der wachsenden Kräfte in dem weichgepolsterten Sorgenstuhl. Die junge Frau freute sich über ihr besseres Aussehen und sagte ihr, wie wohl sie ihr heute gefalle. »Ich gebe Euch das Kompliment zurück,« entgegnete Henrika. »Ihr schaut drein wie die gute Stunde. Was ist Euch Schönes begegnet?« »Mir? O, mein Mann war froheren Muthes als sonst, und es gab bei Tisch viel zu erzählen. Ich komme nur, um nach Eurem Ergehen zu fragen. Auf Wiedersehen nachher. Jetzt mach' ich mich mit den Kindern an eine traurige Arbeit.« »Mit den Kindern? Was hat das Elschen und Signor Salvatore mit Trauer zu schaffen?« »Der Hauptmann Allertssohn wird morgen bestattet, und da wollen wir miteinander Kränze für den Sarg winden.« »Kränze winden!« rief Henrika, »das kann ich Euch lehren! Da, Trautchen, nehmt die Teller und ruft mir die Kleinen.« Die Magd entfernte sich, Maria aber sagte besorgt: »Ihr muthet Euch wieder zu viel zu, Henrika.« »Ich? Morgen singe ich wieder. Der Trank des Retters! Ich sage Euch, er thut Wunder. Habt Ihr Blumen und Eichenlaub zur Genüge?« »Ich sollte denken!« Bei den letzten Worten öffnete sich die Thür und Lieschen trat vorsichtig in das Zimmer, ging auf den Zehen, wie man es ihr anbefohlen hatte, auf Henrika zu, ließ sich von ihr küssen und sagte dann eifrig: »Muhme Henrika, weißt Du auch schon? Junker Georg mit der blauen Feder kommt morgen wieder und wird mit uns essen.« »Junker Georg?« fragte das Fräulein. Maria unterbrach die Antwort des Kindes und erwiederte befangen: »Herr von Dornburg, ein Offizier, der mit den Engländern, von denen ich Euch sprach, in die Stadt kam ... ein Deutscher ... ein Bekannter von früher. Geh', Lieschen, und ordne die Blumen mit Adrian; dann komm' ich und werde euch helfen.« »Aber hier, bei der Muhme Henrika,« bat das Kind. »Ja, Elschen, hier; und wir Beide winden zusammen den allerschönsten Kranz, den Du jemals gesehen hast.« Das Kind lief hinaus und vergaß diesmal in seiner Freude, die Thür leise zu schließen. Die junge Frau sah zum Fenster hinaus. Das Fräulein beobachtete sie eine Zeitlang schweigend und rief dann: »Auf ein Wort, Frau Maria. Was gibt es da unten im Hofe? Nichts? Und wo sind auf einmal die frohen Augen geblieben? Es wimmelt in Eurem Haus nicht eben von Gästen; warum habt Ihr auf Lieschen gewartet, um mir von Junker Georg, dem Deutschen, dem Bekannten von früher, zu erzählen?« »Laßt das, Henrika.« »Nein, nein! Wißt Ihr, was ich glaube? Der Kriegssturm hat Euch den jungen Tollkopf in's Haus geweht, mit dem Ihr bei der Hochzeit Eurer Schwester so glückselige Stunden genossen. Hab' ich Recht oder Unrecht? Ihr braucht nicht so tief zu erröthen.« »Er ist es,« entgegnete Maria ernst. »Aber wenn Ihr mich lieb habt, so vergeßt, was ich Euch von ihm erzählte, oder versagt Euch doch die müßige Lust, darauf anzuspielen, denn wenn Ihr es dennoch thätet, so würd' es mich kränken.« »Wie sollte ich! Ihr seid die Frau eines Andern.« »Eines Andern, den ich ehre und liebe, der mir vertraut und der den Junker selbst in sein Haus lud. Ich bin dem jungen Manne gut gewesen, habe mich an seinen Gaben gefreut und mich um ihn geängstigt, wenn er mit dem Leben spielte, als wär' es ein armseliges Blatt, das man in den Fluß wirft.« »Und nun Ihr ihn wiedergesehen habt, Maria?« »Nun weiß ich, was meine Pflicht ist. Sorgt Ihr dafür, daß mir die Ruhe hier drinnen nicht durch müßige Reden gestört wird.« »Gewiß nicht, Maria; aber begierig bin ich dennoch auf diesen Ritter Georg und seinen Gesang. Leider wird unser Beisammensein nicht lange währen. Ich will nach Hause.« »Der Doktor läßt Euch noch nicht reisen.« »Einerlei. Ich gehe, sobald ich fühle, daß ich wohl genug bin. Man weigert meinem Vater den Einlaß, aber Euer Gatte vermag hier viel, und ich muß mit ihm reden.« »Wollt Ihr ihn morgen empfangen?« »Je eher, desto lieber, denn er ist Euer Mann, und, ich wiederhole es, der Boden brennt mir hier unter den Füßen.« »O!« machte Maria. »Das klingt ja ganz betrübt,« rief das Fräulein. »Wollt Ihr hören, daß ich mich schwer von Euch trenne? – Ich ging' auch noch nicht; aber meine Schwester, die Anna; sie ist nun Wittwe... Gottlob möcht' ich sagen, doch sie leidet Noth und ist völlig verlassen. Ich muß mit meinem Vater über sie reden und wieder aus dieser stillen Bucht hinaus in den Sturm.« »Mein Mann kommt zu Euch,« sagte Maria. »Recht! Recht!... Herein nun, ihr Kinder! Stellt die Blumen dort auf den Tisch. Du, Elschen, setz' Dich hübsch auf den Schemel, und Du, Salvatore, reichst mir die Blumen. Was ist denn das? Ich glaube wahrhaftig, der Schlingel hat sich wohlriechendes Oel auf den Krauskopf gestrichen. Mir zu Ehren, Retter? Ich danke! – Die Reifen brauchen wir später. Erst machen wir Sträuße, und dann binden wir sie mit dem Laub zusammen an das Holz. – Singet mir zu der Arbeit ein Lied, Maria. Das erste! Heut kann ich's ertragen.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Halb Leyden war dem Sarge des braven Hauptmannes gefolgt, und unter den anderen Soldaten, welche dem tapferen Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen, hatte sich auch Georg von Dornburg befunden. Nach dem Begräbniß führte der Musiker Wilhelm den Sohn des von Vielen beweinten guten Gesellen in sein Haus. Van der Werff fand nach der Feier noch mancherlei zu verrichten, aber er hielt dennoch die Mittagsstunde inne; denn er erwartete ja den Deutschen zu Tisch. Der Bürgemeister saß wie immer an der Spitze der Tafel; zwischen ihm und Maria hatte der Junker und gegenüber Barbara mit den Kindern Platz genommen. Die Wittwe wurde nicht müde, in das frische, sonnige Antlitz des jungen Mannes zu schauen, denn wenn ihr Sohn sich auch nicht von fern an Schönheit mit ihm messen konnte, so lag doch etwas Treuherziges in des Junkers Augen, das sie an ihren Wilhelm erinnerte. Manche Frage und Antwort war schon unter den Speisenden getauscht, manche liebe Erinnerung aufgefrischt worden, als Peter, nachdem man die Speisen abgeräumt und einen neuen Krug mit besserem Wein aufgestellt hatte, dem Junker den Römer von Neuem vollgoß und dann den seinen erhob. »Trinken wir dieses Glas,« rief er und schaute Georg mit herzlichem Wohlgefallen in die Augen. »Trinken wir's auf den Sieg der guten Sache, für die Ihr ja auch freiwillig das Schwert tragt. Dank für den kräftigen Bescheid. Auch das Trinken ist eine Kunst, und die Deutschen sind darin Meister.« »Man lernt sie bei uns an verschiedenen Orten und nicht am schlechtesten auf der hohen Schule zu Jena.« »Ehre den Herren Doktoren und Professoren, die ihre Scholaren so weit bringen, wie weiland meinen seligen Schwager, und nach diesem Probetrunke zu schließen, auch Euch.« »Leonhard ist mein Magister in der ars bibendi gewesen. Wie lange ist es schon her!« »Die Jugend ist sonst nicht genügsam,« entgegnete Peter, »aber wenn es sich um Jahre handelt, nennt sie leicht ›viel‹, was Aelteren wenig erscheint. Freilich! Es mag sich wohl in den letzten Jahren Eures Lebens mancherlei zusammengedrängt haben. Ich kann noch ein Stündchen erübrigen, und da wir hier einmal so warm beisammen sitzen, mögt Ihr uns erzählen, wenn anders Ihr es nicht zu verschweigen begehrt, wie Ihr aus Eurer fernen Heimat nach Holland, und von den deutschen und lateinischen Büchern unter die englischen Fahnen gekommen seid.« »Ja,« fügte Maria unbefangen hinzu, »Ihr seid mir diese Erzählung noch schuldig« Sprecht euer Gebet, Kinder, und geht dann.« Adrian schaute bittend erst auf die Mutter und dann auf den Vater, und als Beide ihm das Bleiben nicht wehrten, rückte er seinen Stuhl dicht an den seiner Schwester, und Beide lehnten die Köpfe zusammen und lauschten mit weit geöffneten Augen, während der Junker erst gelassen, dann mit wachsender Lebendigkeit also erzählte: »Ihr wißt, daß ich aus Thüringen stamme, einem bergigen Land im Herzen von Deutschland. Unsere Burg liegt in einem freundlichen Thale, das ein klarer Fluß in vielen Windungen durcheilt. Waldige Berge, nicht so gewaltig hoch, wie die Riesen im Schweizerlande, und doch auch nicht winzig, begrenzen die schmale Sohle des Thales. Ihr Fuß ist mit Aeckern und Wiesen bekleidet, in größerer Höhe erheben sich Tannenwälder, die zu allen Zeiten des Jahres wie der Jägersmann grüne Gewänder tragen. Im Winter freilich deckt sie der Schnee mit schimmerndem Weiß. Wenn der Frühling erwacht, treiben die Tannen junge Triebe, so frisch und saftig wie das sprossende Laub an Euren Eichen und Buchen, und auf den Wiesen am Flusse beginnt es in warmen Lüften zu schneien, denn dann blüht ein Obstbaum neben dem andern, und wenn der Wind sich erhebt, so flattern die zarten, weiß schimmernden Blättchen wie Flocken durch die Luft und fallen zu den bunten Blumen im Grase und auf den reinen Spiegel des Flusses. Auch nackte Felsen gibt es vielfach an den höheren Stellen der Berge, und da, wo sie sich recht schroff und unzugänglich erhoben, haben die Väter, um sich vor dem Anfall von Feinden zu sichern, ihre Festen erbaut. Unsere Burg steht auf einem Bergkamm inmitten des Saalthals. Da bin ich geboren, da habe ich die Knabenjahre verspielt, die Schriften lesen und die Feder führen gelernt. Zu jagen gab es genug in den Wäldern, wir hatten muthige Rosse im Stall, und ich wilder Bube bin selten freiwillig in die Schulstube gekommen; der graue Magister Lorenz mußte mich fangen, wenn er meiner habhaft werden wollte. Meine Schwestern und Hans, unser Jüngster, der Bube war nur drei Jahr jünger als ich, hielten ihm still; – einen älteren Bruder hatte ich wohl, aber ich hatt' ihn auch nicht. Er war, als ihm der Bart kaum keimte, von unserem gnädigen Herzog dem Ritter von Brand als Knappe beigegeben und nach Spanien gesandt worden, um dort andalusische Rosse zu kaufen. Johann Friedrich's seliger Vater hatte deren Werth in Madrid nach der Mühlburger Schlacht kennen gelernt. Ludwig war ein froher Gesell gewesen, als er auszog, und damals hatte er auch den wildesten Hengst zu zähmen verstanden. Ihn todt zu denken fiel den Eltern gar sauer, aber Jahre vergingen, und als weder er noch der Ritter Brand wieder erschien, da mußten wir ihn wohl verloren geben. Nur die Mutter that es nicht und wartete immer auf seine Heimkehr. Der Vater nannte mich den künftigen Burgherrn und Erben. Als ich die Knabenstimme verloren hatte und den Cicero leidlich verstand, wurde ich nach Jena auf die hohe Schule geschickt, mich der Rechte zu befleißigen, um, wie mein Oheim, der Kanzler, es wünschte, später einmal in den Staatsrath zu treten. »O Jena, liebes Jena! Es gibt Wonnetage im Mai und im Junius, an denen nur leichte Schäfchen am Himmel werden und alle Blätter und Blumen so frisch und kräftig grünen und prangen, baß man denken möchte – und sie denken's wohl selber –, daß sie niemals welken und fallen könnten, – solcher Tag ist im Menschenleben die Zeit des frohen deutschen Studentenlebens. Ihr mögt es glauben! Leonhard hat euch genug von Jena erzählt. Er verstand es, die Lust mit der Arbeit zu paaren; ich dagegen lernte nur wenig auf den hölzernen Bänken, denn ich habe sie selten gedrückt, und der Bücherstaub hat mir gewiß nicht die Lunge verdorben, aber den Ariost las ich wieder und wieder, dem Gesang war ich fleißig ergeben, und wenn es hier drinnen brauste und stürmte, hab' ich zu meiner eigenen Lust viele Lieder gedichtet. Auch den Degen lernt man in Jena führen, und meinen hätte ich wohl gern einmal mit dem des wackeren Fechtmeisters Allertssohn gekreuzt, von dem ihr mir vorhin erzählt habt. Leonhard war älter als ich, und als er mit Ehren das Magisterium erworben hatte, war ich noch gar schwach in den Pandekten. Aber ein Herz und eine Seele sind wir immer gewesen, und so bin ich mit ihm zur Hochzeit nach Holland gezogen. Ja, das waren Tage! Die Herren Theologen in Jena haben sich weidlich gestritten, an welcher Stelle auf Erden das Gärtlein des Paradieses zu suchen sei. Ich hielt sie damals alle für Narren und dachte: ›Es gibt nur ein Eden, und das liegt in Holland, und die schönsten Rosen, die der Thau am ersten sonnigen Morgen erweckte, die blühen in Delft!‹« Georg schüttelte bei diesen Worten die Locken und stockte verlegen, als aber Niemand ihn unterbrach und er Barbara's gespanntes Gesicht und die glühenden Wangen der Kinder sah, fuhr er ruhiger fort: »So kam ich nach Hause und sollte zum ersten Mal erfahren, daß auch im Leben die schönen Sonnentage nur zu oft mit Unwettern enden. Ich fand den Vater erkrankt, und wenige Tage nach meiner Heimkehr schloß er die Augen. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben sehen, und der erste, gleich der erste war er, war mein Vater.« Georg hielt inne und führte lebhaft bewegt die Hand über die Augen. »Euer Vater,« unterbrach Barbara mit warmer Theilnahme das Schweigen. »Wenn man von dem Apfel auf den Baum schließen darf, gewiß ein prächtiger Mann.« Da hob der Junker wieder das Haupt und rief mit leuchtendem Blick: »Nehmt Alles, was gut ist und edel, zusammen und formt es zu einer hohen, schönen Männergestalt, dann habt Ihr das Bild meines Vaters; – und dürfte ich Euch von meiner Mutter erzählen...« »Sie ist noch am Leben?« fragte Peter. »Gott geb' es!« rief der Junker. »Seit zwei Monaten weiß ich nichts mehr von den Meinen. Das ist hart. Es lachen ja bunte Freuden an allen Wegen, und mein Soldatenhandwerk gefällt mir, aber es trägt sich oft schwer, so wenig von Hause zu hören. O, wär' man ein Vogel, ein Sonnenstrahl oder ein wandelnder Stern, dann könnte man doch, und wär' es auch nur auf so lange, wie das Auge bedarf, um sich zu öffnen und wieder zu schließen, dann könnte man doch erkunden, wie es zu Hause steht und geht, und die Seele mit neuem Dank füllen, oder, soll es so sein ... aber daran will ich nicht denken. Auch im Saalthal blühen jetzt die Bäume und tausend Blumen auf allen Wiesen, gerade wie hier und wie vor zwei Jahren, als ich die Heimat zum zweiten Mal verließ. »Nach des Vaters Tod war ich der Erbe, aber weder die Jagd noch das Reiten zu Hofe, weder Gesang noch Becherklang konnten mich freuen. Ich ging umher wie im Schlafe, und es war mir, als hätte ich kein Recht, mir's ohne den Vater wohl sein zu lassen. Da brachte – es sind nun gerade zwei Jahre –, der Bote ein Schreiben aus Weimar, welches mit Briefen an unsern Durchlauchtigsten Herrn aus Italien gekommen war, und es enthielt nichts Geringeres, als die Kunde, daß unser verlorener Bruder noch lebe und krank und elend im Hospital zu Bergamo liege. Eine fromme Schwester hatte für ihn geschrieben, und wir erfuhren nun, daß Ludwig auf der Fahrt von Valencia nach Livorno von Seeräubern gefangen genommen und nach Tunis geschleppt worden war. Wie viele Leiden er dort erduldet, mit welchen Gefahren es ihm endlich gelang, sich zu befreien, das sollt ihr später einmal erfahren. Auf einer genuesischen Galeere war er nach Italien entkommen. Bis Bergamo hatten ihn die Füße getragen, dort aber konnte er nicht weiter, und nun lag er krank, vielleicht sterbend unter mildthätigen Fremden. Ich säumte nicht mit dem Aufbruch und habe auf der Reise nach Bergamo das Roß nicht geschont, aber ob es auch viel Seltsames und Schönes an meinem Wege zu sehen gab, so hat es mich doch nur wenig ergötzt, denn der Gedanke an den todkranken Ludwig trübte mir immer und überall den fröhlichen Muth. Jeder rinnende Bach trieb mich zur Eile, und die hohen Berge kamen mir vor wie mißgünstige Schranken. Jenseits des hohen Gotthard wurde mir leichter zu Muthe, und als ich von Bellinzona aus zu dem See von Lugano hinabritt und mir vor der Stadt der Spiegel des leuchtenden Wassers wie ein blaues Auge entgegenlachte, da hab' ich das Leid auf eine Stunde vergessen, den Hut geschwenkt und ein Lied gesungen. In Bergamo fand ich den Bruder zwar am Leben, aber gebrochen an Leib und Seele, siech und ohne Verlangen, die Last des Daseins weiter zu tragen. Er war in guten Händen gewesen, und schon nach einigen Wochen konnten wir, – diesmal nahm ich den Weg durch das schöne Tyrol, – nach Hause ziehen. Ludwig's Lebenskraft hob sich von Tag zu Tage, aber die Flügel der Seele sind dem viel Gequälten gelähmt. Ach, er hat lange Jahre mit Ketten am Fuße im Sonnenbrande gegraben und Lasten gewälzt. Ritter Brand konnte dies schwere Schicksal nicht lange ertragen, Ludwig aber hat in Tunis Lachen und Weinen verlernt, und welches von beiden läßt sich wohl leichter entbehren? »Selbst beim Wiedersehen mit der Mutter konnte er keine Thräne vergießen, und doch hat ihm dabei der Leib und gewiß auch das Herz vor Rührung gezittert. Jetzt waltet er still auf dem Schlosse. Er ist im rüstigen Alter ein Greis, aber er findet sich wieder im Leben zurecht, nur kann er den Anblick eines fremden Gesichts nicht ertragen. Ich habe mit ihm in schwerem Kampfe gelegen, denn ihm als dem Aelteren gehört nach dem Gesetze das Schloß und das Erbgut, er aber wollte seinem Rechte entsagen und mich an seine Stelle setzen. Als er auch die Mutter auf seine Seite gezogen und der Oheim und die Geschwister mich zu überreden trachteten, ihm den Willen zu thun, bin ich doch standhaft geblieben. Was mir nicht gebührt, davon lass ich die Hände, und unser Jüngster, der Wolfgang, ist herangewachsen und kann, wo es noth thut, meine Stelle vertreten. Als es mir endlich mit dem Bitten und Drängen zu bunt ward, habe ich wieder das Roß gesattelt und bin in die Fremde gezogen. Der Mutter kam es schwer an, mich zu lassen, aber ich hatte die Lust des Wanderns gekostet und bin wie zur Hochzeit von dannen geritten. Soll ich ganz aufrichtig sein, so muß ich bekennen, daß ich Schloß und Erbgut hingab wie einen drückenden Zwang. Frei wie der Wind und die Wolken, zog ich denselben Weg, den ich mit Leonhard geritten war, denn es gab in eurem Lande einen Krieg ganz nach meinem Herzen, und auf das Schwert sollte mein künftiges Schicksal gestellt sein. Zu Köln trat ich unter die Fahnen Ludwig's von Nassau und habe mit ihm auf der Mooker Haide gekämpft, gekämpft bis Keiner mehr Stand hielt. Das Roß war gefallen, der Koller zerrissen, das Felleisen verloren, es blieb mir wenig als froher Muth und Hoffnung auf bessere Tage. Die fanden sich bald, denn Kapitän Gensfort warb mich für die englischen Völker. Ich wurde sein Fähnrich, und bei Alfen hielt ich neben ihm aus, bis das letzte Pulver verbraucht war. Wie es dort hergegangen ist, wißt ihr.« »Und Hauptmann van der Laen,« fiel ihm Peter in's Wort, »hat uns erzählt, daß er Euch das Leben verdanke. Ihr habt wie ein Löwe gestritten.« »Es ging wild genug her bei der Schanze, und dennoch ward mir und meinem Roß kein Härchen gekrümmt, und ich habe diesmal sogar das Felleisen und den vollen Beutel gerettet. Das Schicksal liebt wie die Mütter die Sorgenkinder am meisten, und darum hat es mich zu Euch und den Euren geführt, Herr Bürgemeister.« »Und ich bitte Euch,« entgegnete Peter, »Euch zu den Meinen zu zählen. Wir haben auf dem Hof zwei freundliche Zimmer; die sollen für Euch in Stand gesetzt werden, wenn Ihr vorlieb nehmen wollt.« »Mit Freuden,« gab der Junker zurück, und Peter sagte, indem er ihm die Hand bot: »Mich ruft mein Amt, Ihr aber mögt den Frauen eröffnen, was Ihr etwa bedürft, und wann Ihr einzuziehen gedenkt. Je eher, desto lieber wird es uns sein. Nicht wahr, Maria?« »Ich heiß' Euch willkommen, Junker Georg. Jetzt will ich nach meiner Kranken sehen, die wir hier pflegen. Barbara nimmt Eure Wünsche entgegen.« Die Bürgemeisterin faßte die Hand ihres Gatten und verließ mit ihm das Zimmer. Die Wittwe blieb mit dem Junker allein und suchte Alles von ihm zu erfahren, was ihm erwünscht sein mochte. Darauf ging sie ihrer Schwägerin nach; und als sie dieselbe bei Henrika gefunden hatte, klatschte sie in die Hände und rief: »Das ist ein Mensch! Fräulein, ich sage Euch, solchem Menschen bin ich alte Frau noch meiner Tag' nicht begegnet. Ein Herz, ein Herz, und dabei diese Schönheit! Wem das Glück einmal gibt, dem gibt es in Scheffeln, und, wer hat, dem wird gegeben! Das sind goldene Worte!« Vierundzwanzigstes Kapitel. Peter hatte Henrika versprochen, den Rath um Geleit für sie zu ersuchen. Das Scheiden von dem Bürgemeisterhause fiel ihr schwer. Maria's lauteres Wesen that ihr wohl; es war ihr, als wüchse ihre Achtung vor dem eigenen Geschlecht in ihrer Gesellschaft. Gestern hatte sie die Bürgemeisterin auch singen hören. Wie ihr ganzes Wesen, so war ihre Stimme. Jeder Ton glockenrein und makellos, und es that ihr leid, daß es ihr nun versagt sein sollte, im Zweigesang die eigene Stimme mit der ihren zu mischen. Auch die Kinder verließ sie ungern. Dennoch mußte sie fort, schon um Anna's willen, denn durch Briefe war ihr Vater zu nichts zu bewegen. Hatte sie ihn schriftlich um Vergebung für sein verstoßenes Kind angerufen, so würde er den Brief kaum zu Ende gelesen haben. Mit Worten ließ sich in einer günstigen Stunde eher etwas von ihm erreichen. Sie mußte ihn sprechen, aber es graute ihr vor dem Leben im heimischen Schlosse, zumal sie sich sagen mußte, daß auch sie ihrem Vater nichts weniger als nothwendig sei. Um die Erbschaft zu sichern, hatte er sie zu der Base in ein Höllendasein gesandt; während sie todkrank daniedergelegen, war er zum Turniere geritten, und der Brief, den sie gestern von ihm bekommen, enthielt nichts als die Mittheilung, daß ihm der Einlaß in die Stadt versagt werde, und die Aufforderung, sich in das Haus des Junkers de Heuter in den Haag zu begeben. Als Einlage fand sie einen vom Maëstro del Campo Valdez unterzeichneten Geleitsbrief, in dem den Offizieren und Soldaten des Königs Philipp anbefohlen wurde, für ihre Sicherheit Sorge zu tragen. Der Bürgemeister hatte ihr in Aussicht gestellt, sie in einer Sänfte, von einem Parlamentär begleitet, bis zu den spanischen Linien führen zu lassen, und der Doktor erhob gegen ihren Wunsch zu reisen keinen Einwand mehr. Hoffentlich kam es schon heut zum Aufbruch. Träumend stellte sie sich in den Erker und blickte in den Hof. Einige Fenster des östlichen Seitengebäudes standen offen. Trautchen mußte früh aufgestanden sein, denn sie kam mit einer jungen Gehülfin, welche ihr mancherlei Scheuergeräth nachtrug, aus der für Georg eingerichteten Wohnung. Dann erschien Jan mit einem großen Lehnstuhl über dem Kopf. Lieschen lief dem Friesen nach und rief: »Base Bärbel's Großvaterstuhl; wo macht sie nun ihr Schläfchen nach Mittag?« Henrika hatte diese Worte verstanden und dachte zuerst an die alte, brave »Babetta«, welche auch noch zärtlich empfinden konnte, und dann an Maria und den Mann, welcher dort drüben Quartier finden sollte. Hielt das alte Band, welches die Bürgemeisterin mit dem schönen Junker verbunden hatte, nicht doch noch an lockeren Fäden zusammen? Ein leises Grauen befiel sie. – Armer Meister Peter, arme Maria! War es recht, die junge Frau, welche ihr in der Noth die rettende Hand geboten, gerade jetzt zu verlassen? Aber um wie viel ferner stand ihr die Fremde als die leibliche Schwester! Jeder Tag, an dem sie sich's länger in diesem Frieden wohl sein ließ, kam ihr vor wie ein Raub an Anna – seitdem sie in einem Brief derselben an ihren Gatten, dem einzigen, welchen die Brieftasche des Gefallenen enthalten, gelesen hatte, daß sie krank sei und mit ihrem Kinde in Armuth verkomme. Hier that Hülfe noth, und außer ihr selbst konnte Keiner sie bieten. Mit Barbara's und Maria's Beistand packte sie ihre Sachen. Um Mittag war Alles zum Aufbruch bereit, und sie ließ es sich nicht nehmen, heute zum ersten Male mit der Familie im Speisezimmer zu essen. Peter war abgehalten, bei Tisch zu erscheinen; sie nahm seinen Platz ein und versteckte unter einer lauten, gemachten Fröhlichkeit das Weh und die Sorgen, welche sie erfüllten. In der Dämmerstunde folgten die Bürgemeisterin und die Kinder ihr in ihr Zimmer, und nun ließ sie sich die Harfe bringen und sang. Anfänglich versagte der tiefen Stimme mancher Ton, aber wie der Schnee, welcher vom Hochgebirge in die Ebene fällt, erst langsam und stockend gleitet, dann aber in raschem Wachsthum an Gewicht und Größe zunimmt, sich festigt und rundet, so nahm ihre tiefe Stimme allmälig zu an Fülle und hinreißender Kraft, und als sie endlich die Harfe an die Wand lehnte und erschöpft dem Stuhle zuschritt, faßte Maria ihre Hand und sagte bewegt: »Bleibt bei uns, Henrika.« »Ich darf nicht,« entgegnete das Mädchen. »Ihr habt auch aneinander genug. Soll ich euch mitnehmen, Kinder?« Adrian schaute verlegen zu Boden, Lieschen aber warf sich auf ihren Schooß und rief: »Wo gehst Du denn hin? Bleib' nur bei uns!« Da klopfte es, und Peter trat in das Zimmer. Man sah ihm an, daß er keine gute Kunde bringe. Im Rath war sein Gesuch abgelehnt worden. Fast einstimmig hatte man dem Vorschlag des Kommissars van Bronkhorst beigestimmt, das Fräulein als eine Verwandte von vornehmen Spanierfreunden unter dem niederländischen Adel in der Stadt zu behalten. Wenn es zur Uebergabe kam, so konnte die Anwesenheit des Fräulein van Hoogstraten zwar kaum das Sengen und Morden verhüten, aber doch vielleicht den Führern einige Vorsicht auferlegen. Peter's Einwände waren unberücksichtigt geblieben; jetzt theilte er dem Fräulein redlich mit, welchen Kampf er bestanden, und bat sie, sich zu gedulden und weiter in seinem Hause als gerngesehener Gast vorlieb zu nehmen. Sie unterbrach ihn mit manchem stürmischen Rufe des Unwillens und der Empörung, und als sie ruhiger geworden war, rief sie: »O ihr, ihr! – Ich bliebe ja gern bei euch, aber ihr wißt, woran diese schnöde Gewaltthat mich hindert. Und dann: Gefangen sein, wochen-, monatelang hinleben ohne Messe und ohne Beichte! Doch zuerst und zuletzt: Gütiger Himmel, was wird nun aus meiner unglückseligen Schwester?!« Maria schaute Peter bittend an und dieser sagte: »Wenn Euch nach den Tröstungen Eurer Religion verlangt, so sende ich Pater Damianus zu Euch, und Ihr könnt bei den grauen Schwestern neben uns die Messe hören, so oft Ihr begehrt. Wir kämpfen nicht gegen Euren Glauben, sondern für die freie Uebung jeglichen Glaubens, und die ganze Stadt steht Euch offen. Die Sorge um Eure Schwester wird mein Weib Euch besser tragen helfen, als ich es vermöchte, aber das laßt Euch gesagt sein: Wo und wie ich Euch helfen kann, da soll es geschehen, und nicht bloß mit Worten.« Dabei hielt er Henrika die Hand hin. Sie gab ihm die ihre und rief: »Ich hab' Euch zu danken, ich weiß es, aber bitte, laßt mich jetzt und gebt mir bis morgen Bedenkzeit.« »Ist nichts am Beschluß des Rathes zu ändern?« fragte Maria ihren Gatten. »Nein, gewiß nicht.« »Wohl denn,« sagte die Bürgemeisterin ernst, »so bleibt Ihr die Unsere. Der Gedanke an Eure Schwester trübt nicht Euch allein, sondern auch mir die Freude. Sorgen wir denn vor Allem für sie. Wie steht es mit den Wegen nach Delft?« »Sie sind abgeschnitten, und morgen oder übermorgen kommt Niemand mehr durch.« »So nehmt Euch zusammen, Henrika, und laßt uns erwägen, was noch zu thun ist.« Die Fragen und Gegenfragen begannen, und das Mädchen schaute erstaunt auf die zarte junge Frau, denn sie führte mit unbeirrter Entschiedenheit und Schärfe die erste Stimme bei der Berathung. Als das sicherste Auskunftsmittel ergab sich, heute noch einen zuverlässigen Boten zu suchen, Anna d'Avila durch ihn Geld überbringen und sie womöglich nach Holland führen zu lassen. Der Bürgemeister erklärte sich bereit, auf das von dem verstorbenen Fräulein der Schwester Henrika's ausgesetzte Legat, welches sicher anerkannt werde, einen Vorschuß aus seiner Kasse zu leisten, und nahm den Dank seines Gastes zwanglos an. Aber wen konnte man senden? Henrika dachte an den Musiker Wilhelm; er war ja ein Freund ihrer Schwester. »Aber er steht im Dienste,« gab der Bürgemeister zurück. »Ich kenne ihn. Er wird in diesen Tagen der Noth die Stadt gewiß nicht verlassen: nicht für seine eigene Mutter!« »Ich aber weiß den rechten Boten,« sagte Maria. »Wir senden den Junker Georg.« »Das läßt sich hören,« rief Peter. »Wir finden ihn jetzt in seiner Herberge. Ich muß zu van Hout, und der wohnt neben dem Wechsel. Ich schick' euch den Deutschen. Aber meine Zeit ist gemessen, und solchen Herren gegenüber kommen schöne Frauen weiter als ein bärtiger Mann. Gehabt Euch wohl, werthes Fräulein, und nochmals: Wir freuen uns unseres Gastes.« Als der Bürgemeister das Zimmer verlassen hatte, sagte Henrika: »Wie das Alles so schnell und anders gekommen ist, als ich erwartet. Ich bin euch gut, ich bin euch verpflichtet; aber gefangen sein, gefangen!... Die Wände werden mich drängen, die Decke wird mich bedrücken. Soll ich mich freuen, soll ich verzweifeln, ich weiß nicht. Ihr vermögt viel über den Junker. Erzählt ihm von Anna, bewegt ihm das Herz, und wollte er reiten, wahrlich, es wär' für uns Beide das Beste.« »Ihr meint für Euch und Eure Schwester,« entgegnete Maria mit einer ablehnenden Handbewegung. »Da ist die Lampe. Wenn der Junker kommt, sehen wir uns wieder.« Maria begab sich in ihre Kammer und warf sich dort auf die Ruhebank, aber bald erhob sie sich und ging unruhig auf und nieder. Dann streckte sie die Arme mit gefalteten Händen weit aus und rief: »O, wenn er doch ginge, wenn er doch ginge! Lieber Gott! Guter, gnädiger Vater im Himmel, schenke ihm alles Glück, allen Segen, aber bewahre mir meinen Frieden; laß ihn ziehen und führe ihn fort, weit fort von hier!« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der Gasthof zum Wechsel lag in der breiten Straße und war ein stattliches Gebäude mit einem großen Hof, in welchem mancherlei Fuhrwerk stand. Zur Linken der Einfahrt lag ein weiter Raum, der von keiner Thür verschlossen war und in den man durch einen hohen Rundbogen eintrat. Hier saßen Fuhrleute und anderes Volk beim Bier und Wein und ließen es sich gefallen, daß die Hühner des Wirthes auf die Bänke und gelegentlich auch einmal auf den Tisch flogen, hier wurde neben dem großen Herde Gemüse geputzt, gekocht und gebraten, hier sah sich die derbe Wirthin nicht selten gezwungen, ihre drallen Mägde und den Knecht zu Hülfe zu rufen, wenn es zwischen den Gästen zu thätlichen Händeln kam oder wenn ein Trinker des Guten zu viel gethan hatte. Hier wurde auch der neue Brauch des Tabakrauchens geübt. Freilich nur von wenigen Matrosen, welche auf spanischen Schiffen gedient hatten, – aber Frau van Aken mochte den scharfen Duft nicht leiden und hielt die Fenster offen, an denen blühende Nelken und schlanke Balsaminenstöcke standen und Vogelbauer mit bunten Stieglitzen hingen. Auf der andern Seite der Einfahrt lagen zwei geschlossene Gemächer. Ueber der Thür des ersten stand, sauber in Holz geschnitten, der Vers des Horaz: ›Ille terrarum mihi praeter omnes Angulus ridet.‹ Von allen Winkeln auf der Welt Ist keiner, der mir so gefällt. In dieses schmale und lange Zimmer fanden nur wenige auserlesene Gäste Einlaß. Es war ganz mit Holz getäfelt und aus der Mitte der reich geschnitzten Decke schaute ein seltsames Bild in leuchtenden Farben. Dies stellte den Wirth des Hauses dar. Der würdige Mann mit dem glatten Gesicht, dem fest geschlossenen Munde und der langgestreckten Nase, welche für den Stichel ihres Besitzers eine gute Richtlinie bot, saß in römischer Feldherrentracht auf einem Throne, und Vulkan und Bacchus, Minerva und Pomona überreichten ihm ihre Gaben. Klaus van Aken, oder wie er sich lieber nennen hörte, Nikolaus Aquanus war auch ein seltener Mann, der von mehr als einem unter den Olympiern gute Gaben empfangen hatte, denn neben seinem Gewerbe widmete er sich mit Eifer der Wissenschaft und mehreren Künsten. Er war ein geschickter Silberschmied, ein Stempelschneider und Graveur von großem Geschick, und dabei ein vorzüglicher Münzenkenner, ein fleißiger Gelehrter und Sammler von Antiquitäten. Sein kleines Gastzimmer war zu gleicher Zeit ein Museum; denn auf den Borden, welche es rings umgaben, standen seltene Dinge jeder Art, in reicher Fülle und zierlicher Ordnung: alte Kannen und Krüge, große und kleine Münzen, Gemmen in wohlverschlossenen Glaskästen, antike Lampen von Thon und Bronze, Steine mit altrömischen Inschriften, römische und griechische Terrakotten, geschliffene Marmorstücke, welche er in Italien unter Trümmern gefunden, der Kopf eines Fauns, ein Arm, ein Fuß und andere Fragmente von heidnischen Kunstwerken, ein schön emaillirtes Kästchen byzantinischer Arbeit und ein anderes mit Emailschmuck aus Limoges. Auch ein halber römischer Panzer und ein Stück Mosaik aus einem römischen Bade war hier zu sehen. Zwischen diesen Alterthümern standen schöne venetianische Gläser, Pinienäpfel und Straußeneier. Solche Schenkstube fand sich kaum zum zweiten Mal in Holland, und auch der Trank, den eine saubere Schenkin hier den Gästen aus seltsam geformten Kannen in schön gearbeitete Pokale goß, war von besonderer Güte. In diesem Raum pflegte sich auch Herr Aquanus selbst seinen Gästen zu zeigen; in dem andern gegenüber der Einfahrt führte sein Weib die Regierung. Heute war der » Angulus «, wie die schöne Weinstube genannt zu werden pflegte, noch spärlich besetzt, denn die Sonne hatte sich erst vor Kurzem zur Ruhe begeben, aber die Lichter waren schon angezündet. Sie standen auf dreiarmigen hohen Leuchtern von Eisen. Jeder Theil derselben, der schlanke Mittelstab wie die gebogenen, geschlungenen und in einander verstrickten Ranken war von Aquanus mit eigener Hand sorglich geschmiedet. Einige ältere Herren saßen an einem Tische beim Weine, an einem andern der Kapitän van der Laen, ein tapferer Holländer, welcher in englischem Sold stand und mit den anderen Verteidigern von Alfen in die Stadt gekommen war, der Musiker Wilhelm, Junker Georg und sein Herbergsvater; der Wirth des Hauses. »Leuten wie Euch zu begegnen, Junker, ist ein Vergnügen,« sagte Aquanus. »Ihr seid mit offenen Augen gereist, und was Ihr mir da von Brescia erzählt, das reizt meine Neugier. Ich möchte die Inschrift wohl haben.« »Ich schaffe sie Euch,« entgegnete der Junker. »Denn wenn mich die Spanier nicht in eine andere Welt senden, komm' ich sicher noch einmal über die Alpen. Habt Ihr von den römischen Antiquitäten auch dies und das in Eurem Lande gefunden?« »Ja, Herr. Beim Roomburger Kanal, vielleicht der Stelle des alten Prätoriums, und bei Katwyk. In der Nähe von Voorburg war wohl das alte forum Hadriani gelegen. Daher stammt auch der Panzer, den ich Euch zeigte.« »Ein altes, grünes, halb zerfressenes Ding,« rief Georg. »Und doch! Was läßt sich Alles bei seinem Anblicke denken! Hat ihn nicht gar ein römischer Schmied für den wandernden Kaiser selbst gehämmert? Wenn ich diesen Panzer sehe, tritt mir Rom vor Augen und seine Legionen. Wer doch wie Ihr, Herr Wilhelm, an die Tiber könnte, um dort die Spanne seiner Gegenwart rückwärts um große Jahrhunderte zu verlängern!« »Mit Euch,« entgegnete Wilhelm, »zög' ich gern noch einmal in das Wälschland.« »Und ich mit Euch.« »Erst sichern wir unsere Freiheit,« gab der Musiker zurück. »Ist das gelungen, so gehört der Einzelne wieder sich selbst, und dann: warum sollt' ich es hehlen, dann hält mich nichts mehr in Leyden.« »Und die Orgel? Und Euer Herr Vater?« fragte Aquanus. »Meine Brüder sitzen hier warm im eigenen Neste,« entgegnete Wilhelm. »Aber ich, mich drängt es und treibt es...« »Es gibt eben auf Erden ruhende Wasser und Flüsse,« unterbrach ihn Georg. »Am Himmel stehen die Fixsterne fest und die Planeten können das Wandern nicht lassen. So gibt es unter den Menschen genügsame Pflanzen, denen ihre Stelle am besten gefällt, und auch wieder Zugvögel wie wir sind. Ich lobe mir unsere Art. Freilich, um schön singen zu hören, braucht Ihr nicht nach Italien. Ich habe vorhin eine Stimme vernommen, eine Stimme...« »Wo? Ihr macht mich gespannt.« »Im Hof des van der Werff'schen Hauses.« »Das war die Frau Bürgemeisterin.« »O nein! deren Stimme klingt anders...« Der Kapitän war während dieser Unterhaltung aufgestanden und besichtigte die seltsamen Schätze des Wirthes. Jetzt stand er vor einem schön gerundeten Brett, auf dem der Kopf eines Ochsen mit Kohle frei, kühn und naturgetreu gezeichnet war. »Was ist das für ein prächtiges Stück Rindvieh?« fragte er den Wirth. »Kein Geringerer als Frank Floris hat es gezeichnet,« entgegnete Aquanus. »Der kam einmal aus Brüssel hieher und besuchte den Meister Artjen. Aber der Alte war ausgegangen. Da nahm Florís eine Kohle und zog mit ihr diese Linien. Als dann Artjen nach Haufe kam und den Ochsenkopf fand, blieb er lang vor ihm stehen und rief: ,Frank Floris, oder der Teufel!' Diese Geschichte... Aber da kommt der Herr Bürgemeister. Willkommen, Meister Peter! Eine seltene Ehre.« Alle Gaste erhoben sich und begrüßten van der Werff mit Achtung; auch Georg sprang auf, um ihm feinen Stuhl anzubieten. Peter ließ sich kurze Zeit nieder und trank ein Glas Wein, bald aber winkte er dem Junker und führte ihn auf die Straße. Dort bat er ihn kurz, sich in sein Haus zu begeben, denn man habe ihm dort eine wichtige Mittheilung zu machen. Dann trat er in die neben dem Wechsel gelegene Wohnung des Stadtsekretärs. Georg schritt in nachdenklicher Spannung seinem Ziele entgegen. Unter dem »man« konnte kaum jemand Anderes als Maria gemeint sein. Was mochte sie von ihm in so später Stunde begehren? War es den Freunden leid geworden, ihm Herberge im eigenen Hause angeboten zu haben? Morgen früh sollte er sein neues Quartier beziehen; vielleicht galt es, ihn ehe es zu spät war, von dieser Sinnesänderung in Kenntniß zu setzen. Maria begegnete ihm anders als früher, das unterlag keinem Zweifel, aber es war ja natürlich! Wohl hatte er von einem andern Wiedersehen geträumt, einem ganz andern! Auch um der guten Sache des Oraniers willen war er nach Holland gezogen, doch würde er gewiß sein Roß statt nach Norden, nach dem geliebten Italien gewendet haben, wo ein gutes Schwert immer gesucht ward, wenn er nicht gehofft hätte, sie, die er niemals vergessen, nach der er nie aufgehört hatte sich zu sehnen, in Holland wiederzufinden... Nun war sie das Weib eines Andern, eines Mannes, der ihm Güte erwiesen und Vertrauen entgegengebracht hatte. Die Liebe aus seinem Herzen zu reißen, das war unmöglich; aber stark zu bleiben, kräftig jeden Gedanken an ihren Besitz zu unterdrücken und sich nur ihres Anblicks zu freuen, das schuldete er ihrem Gatten und seiner eigenen Ehre; das mußte er durchzuführen versuchen. Dies Alles hatte er sich schon mehr als einmal gesagt, aber er empfand doch, daß er mit gar unsicherem Schritt auf einem schmalen Stege wandle, als sie ihn vor dem Speisezimmer empfing und als er fühlte, wie kalt und reizbar die Hand war, welche sie in die seine legte. Sie ging ihm voran, und er folgte ihr schweigend in Henrika's Zimmer. Diese begrüßte ihn mit einem freundlichen Wink. Die Frauen zauderten mit dem ersten Worte, er aber sah sich rasch um und bemerkte, daß er sich in dem dem Hofe zugewandten Gemache befinde, und sagte lebhaft: »Vor der Dämmerung war ich hier unten, um mir mein neues Quartier zu betrachten, und da ward hier, ward in diesem Zimmer gesungen und wie gesungen! Erst wußte ich nicht, was da kommen werde, denn die Töne waren verschleiert, matt und gebrochen, aber dann – dann brach es sich Bahn wie der Lavastrom durch die Asche. Wer so zu klagen versteht, dem möchte man viele Schmerzen wünschen.« »Ihr sollt die Sängerin kennen lernen,« sagte Maria und zeigte auf das Mädchen. »Fräulein Henrika van Hoogstraten, ein lieber Gast unseres Hauses.« »Ihr wart die Sängerin?« fragte Georg. »Wundert Euch das?« entgegnete Henrika. »Meine Stimme hat freilich ihre Kraft besser bewahrt, als dieser von langen Leiden geschwächte Körper. Ich fühle, wie tief mir die Augen liegen und wie bleich ich sein muß. Gewiß, der Gesang lindert den Schmerz, aber ich habe den Tröster lang genug entbehrt. Seit Wochen ist kein Ton über meine Lippen gekommen, und jetzt thut mir das Herz so weh, daß ich lieber weinen möchte als singen. 'Was kümmert das mich?' werdet Ihr fragen, und doch gibt mir Maria den Muth, einen Ritterdienst ohnegleichen von Euch zu verlangen.« »Sprecht, sprecht,« rief Georg mit Eifer. »Wenn Frau Maria mich aufruft und ich Euch dienen kann, werthe Dame: da steh' ich, verfügt über mich.« Das Fräulein wich seinem offenen Blick nicht aus und entgegnete: »Hört erst, wie Großes wir von Euch verlangen. Gleich zu Anfang müßt Ihr es Euch gefallen lassen, einer kurzen Geschichte zu folgen. Ich bin noch schwach und habe heute meine Kraft auf schwere Proben gestellt. Maria soll für mich reden.« Die junge Frau erfüllte ruhig und klar diese Aufgabe und schloß mit den Worten: »Den Boten, den wir brauchen, habe ich selbst gefunden. Ihr sollt es sein, Junker Georg.« Henrika hatte die Bürgemeisterin kein einziges Mal unterbrochen; nun aber sagte sie warm: »Ich kenne Euch erst seit heute, aber ich vertraue Euch ganz. Vor wenig Stunden noch wäre Schwarz meine Farbe gewesen, aber wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so wähl' ich freundliches Grün, denn ich beginne ja wieder zu hoffen. Wollt Ihr den Ritt für mich wagen?« Georg hatte bis dahin schweigend zu Boden geschaut. Jetzt erhob er das Haupt und sagte: »Wenn ich Urlaub erhalte, so stell' ich mich Euch zur Verfügung; – doch die Farbe meiner Dame ist Blau, und ich darf keine andere tragen.« Um Henrika's Lippen zuckte es leise, der Junker aber fuhr fort: »Kapitän van der Laen ist mein Vorgesetzter. Ich werde sogleich mit ihm reden.« »Und wenn er Nein sagt?« fragte Maria. Henrika unterbrach sie und entgegnete stolz: »So bitte ich, mir den Musiker Wilhelm zu senden.« Georg verneigte sich und ging in den Wechsel. Sobald die Frauen allein waren, fragte das Fräulein: »Kennt Ihr die Dame des Herrn von Dornburg?« »Wie sollt' ich?« entgegnete Maria. »Gönnt Euch einige Ruhe, Fräulein. Sobald der Junker wiederkommt, führ' ich ihn zu Euch.« Die junge Frau ging hinaus und setzte sich zu Barbara an das Spinnrad. Georg ließ lange auf sich warten. Um Mitternacht endlich erschien er wieder, aber er kam nicht allein, sondern mit zwei Begleitern. Es hatte nicht in der Macht des Kapitäns gestanden, ihm auf viele Wochen, – denn so lange Zeit würde die Reise nach Lugano in Anspruch genommen haben, – Urlaub zu ertheilen; aber der Junker war sogleich mit dem Musiker zu Rathe gegangen, und dieser hatte den rechten Geleitsmann gefunden. Wilhelm war schnell mit demselben einig geworden und hatte ihn ungesäumt mit sich geführt: es war der alte Hausmeister Belotti. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Auf dem geräumigen Schützenplatze, welcher unweit des weißen Thores zwischen der Rapenburg und der Stadtmauer gelegen war, ging es am Vormittag des folgenden Tages lebendig her, denn hier sollten auf Beschluß des Rathes die Bürger und Einwohner ohne Ausnahme, gleichviel ob arm oder reich, ob von edler oder nicht edler Geburt, einen feierlichen Eid ablegen, dem Prinzen und der guten Sache treu ergeben zu bleiben. Unter einer Gruppe von schönen Linden standen festlich angethan der Kommissar van Bronkhorst, der Bürgemeister van der Werff und zwei Schöffen, welche den herbeiströmenden Greisen, Männern und Jünglingen den Eid abnehmen sollten. Noch hatte die feierliche Handlung nicht begonnen. Janus Dousa trat in voller Soldatentracht, mit dem Panzer über dem Lederkoller und dem Helm auf dem Kopf, Arm in Arm mit van Hout zu Meister Peter und dem Kommissar heran und sagte: »Da haben wir's wieder! Von den kleinen Leuten und Arbeitern fehlt Niemand, aber die Herren in Sammet und Pelzwerk sind nur spärlich vertreten.« »Sie sollen schon kommen!« rief der Stadtsekretär drohend. »Was frommen uns erzwungene Eide?« entgegnete der Bürgemeister. »Wer Freiheit verlangt, muß Freiheit gewähren. Uebrigens wird diese Stunde uns lehren, auf wen Verlaß ist.« »In der Bürgerwehr fehlt kein einziger Mann,« sagte der Kommissar. »Das macht Freude. Was gibt es dort in der Linde?« Die Männer schauten hinauf und entdeckten Adrian, welcher sich als verborgener Zuschauer in der Krone des Baumes wiegte. »Der Bub muß überall sein,« rief Peter. » Herunter, Naseweis! Du kommst mir gerade gelegen.« Der Knabe hängte sich mit den Händen an einen Zweig, ließ sich zu Boden fallen und trat mit dem reumüthigen Armsündergesicht, welches er gelegentlich zu zeigen verstand, vor seinen Vater. Dieser schalt ihn weiter nicht, sondern trug ihm auf, nach Hause zu gehen und der Mutter zu sagen, daß er noch keine Möglichkeit sehe, Belotti ungefährdet durch die spanischen Linien zu bringen, und ferner, daß. Pater Damianus ihm zugesagt habe, im Laufe des Tages das Fräulein zu besuchen. »Tummle Dich, Adrian, und Ihr, Stadtwaibel, haltet alles Unberufene von diesen Bäumen fern, denn jeder Platz, an dem man Eide leistet, wird zur heiligen Stätte. – Dort bei den Schießscheiben haben sich die Herren Geistlichen niedergelassen. Ihnen gebührt der Vortritt. Habt die Güte, sie zu rufen, Herr Stadtsekretär. Domine Verstroot will eine Anrede halten, und dann möchte ich selbst die Bürger mit einigen Worten ermahnen.« Van Hout entfernte sich, doch bevor er zu den Predigern gelangt war, erschien der Junker von Warmond und berichtete, daß ein Bote, ein blutjunger schmucker Gesell, als Parlamentär gekommen sei. Er halte beim weißen Thore und habe einen Brief zu übergeben. »Vom Maëstro del Campo?« »Ich weiß nicht; aber der Bursch ist ein Holländer und sieht mir bekannt aus.« »Führt ihn hieher; doch stört uns nicht, bevor die Eidesleistung vorbei ist. Der Bote mag Valdez erzählen, was er hier gesehen und gehört hat. Es wird dem Kastilianer gut thun, von vornherein zu wissen, wie wir es meinen.« Der Junker entfernte sich, und als er mit Nicolas van Wibisma, denn der war der Bote, wiederum auf dem Schützenplatze erschien, hatte der Domine Verstroot seine ergreifende Anrede beendet. Van der Werff redete noch. Das heilige Feuer der Begeisterung leuchtete aus seinen Augen, und ob die wenigen Worte, welche er mit den tiefsten Brusttönen seiner gewaltigen Stimme an die versammelten Kampfgenossen richtete, auch schlicht und schmucklos waren, so fanden sie doch den Weg in die Seelen der Hörer. Auch Nicolas folgte der Rede klopfenden Herzens, und es war ihm, als spräche der hohe, ernste Mann dort unter der Linde zu ihm und zu ihm allein, als er am Schluß noch einmal die Stimme erhob und begeistert ausrief: »Und nun laßt kommen, was will! Ein braver Mann aus eurer Mitte hat heute gesagt: ›Wir ergeben uns nicht, so lange wir noch einen Arm am Leibe haben, um Brod zu essen und das Schwert zu führen.‹ Wenn wir Alle so denken, finden zwanzig spanische Heere vor diesen Mauern ihr Grab. An Leyden hängt die Freiheit Hollands. Wenn wir wanken und fallen, um der Noth zu entgehen, die uns heute nur droht, die uns aber später ohne Erbarmen bedrängen und peinigen wird, dann werden unsere Kinder sagen: ›Die von Leyden sind blinde Memmen gewesen; auf sie fällt die Schuld, wenn der Name eines Holländers nicht höher geachtet wird, als der eines dienstbaren Sklaven.‹ Aber wenn wir treulich ausharren und bis auf den letzten Mann und das letzte Stück Brod dem finsteren Fremdling widerstehen, dann werden sie mit Thränen an uns denken und freudig rufen: ›Denen danken wir es, daß unser edles, fleißiges, fröhliches Volk sich stolz neben die anderen Nationen stellen darf und den garstigen Kukuk nicht mehr im eigenen Neste zu dulden braucht. Wer die Ehre liebt, wer kein entarteter Bube ist, der das Haus der Eltern verräth, wer lieber ein freier Mann zu sein begehrt, als ein Knecht, der rufe mit mir, bevor er vor Gott die Finger zum Schwure erhebt: 'Unser Hort, der Oranier und das freie Holland: sie sollen leben!'« »Sie sollen leben!« riefen und schrieen Hunderte von kräftigen Männerstimmen dem Bürgemeister fünfmal, zehn- und zwanzigmal nach. Der Konstabel löste die bei den Schießscheiben aufgepflanzten Böller, Trommelgewirbel erschütterte und eine Trompetenfanfare nach der andern durchschmetterte die Luft, Glockengeläut tönte der begeisterten Menge zu Häupten von allen Thürmen der Stadt, und das Rufen wollte kein Ende nehmen, bis der Kommissar winkte und die Eidesleistung begann. Schaarenweise drängten sich die Zünfte und die bewaffneten Vertheidiger der Stadt unter die Linde. Hier erhoben sich stürmisch, dort in würdiger Ruhe, da in andächtiger Erhebung die schwörenden Finger, und wer den Handschlag gab, that es mit inbrünstiger Wärme. Eine Stunde und noch eine Stunde verging, bevor Alle geschworen, und manche Gruppe, welche gemeinsam unter die Linde getreten war, legte auf dem Platze zu einem zweiten stummen Eide die Hände warm ineinander. Nicolas van Wibisma saß schweigend mit seinem Brief auf den Knieen neben einem Schießstand dem Schauplätze der Schwurabnahme gegenüber, aber bittere und wehe Gefühle wogten in seiner Brust. Wie gern hätte er laut aufgeweint und den Brief seines Vaters zerrissen! Wie gern wär' er, als er den ehrwürdigen Herrn van Montfort Hand in Hand mit dem greisen Edlen van der Does schwören sah, an ihre Seite geeilt, um den Eid zu leisten und dem ernsten Mann da unter der Linde zuzurufen: »Ich bin kein entarteter Bube, der das Haus seiner Eltern verräth; ich will kein Knecht, ich mag kein Spanier sein; ich bin ein Niederländer wie Ihr!« Aber er ging nicht, er sprach nicht, er blieb regungslos sitzen, bis die Eidesleistung beendet war und der Junker von Warmond ihn unter die Linde führte. Dort hatten sich der Stadtsekretär und die beiden Herren van der Does zu den Eideshelfern gesellt. Mit einer stummen Verneigung übergab Nicolas dem Bürgemeister den Brief seines Vaters. Van der Werft erbrach ihn, reichte ihn, nachdem er ihn gelesen, den anderen Herren und sagte dann, indem er sich an Nicolas wandte: »Wartet hier Junker. Euer Vater räth uns, die Stadt den Spaniern zu übergeben, und verspricht uns die Gnade des Königs. Ueber die Antwort könnt Ihr nicht in Zweifel sein, nach dem was Ihr an dieser Stelle vernommen.« »Es gibt nur eine,« rief van Hout, mitten während des Lesens. »Das Ding zerreißen und schweigen.« »Reitet nach Hause, mit Gott,« fügte Janus Dousa hinzu. »Aber wartet, ich gebe Euch doch etwas mit für den Maëstro del Campo.« »So würdigt Ihr den Brief meines Vaters keiner Erwiederung?« fragte Nicolas. »Nein, Junker. Wir wünschen mit dem Freiherrn Matenesse keine Gemeinschaft zu haben,« gab der Kommissar zurück. »Was Euch betrifft, so mögt Ihr heimkehren oder hier warten; ganz nach Belieben.« »Geht zu Eurer Muhme, Junker,« sagte Janus Dousa freundlich; »bis ich Papier und Feder und Wachs zum Siegeln gefunden, vergeht wohl ein Stündchen. Fräulein van Hoogstraten wird sich freuen, durch Euch von ihrem Vater zu hören.« »Wenn es Euch recht ist, junger Herr,« fügte der Bürgemeister hinzu; »mein Haus steht Euch offen.« Nicolas zauderte einen Augenblick und sagte dann schnell: »Ja, führt mich zu ihr.« Als der Knabe mit dem Herrn von Warmond, der es übernommen hatte, ihn zu begleiten, in das Nordende gelangt war, fragte er diesen: »Ihr seid der Junker van Duivenvoorde, der Herr von Warmond?« »Der bin ich.« »Und Ihr habt unter den Geusen Brill den Spaniern genommen?« »Ich hatte das Glück.« »Und doch; Euer Adel ist gut und alt; und, nicht wahr, es gab auch andere Edelleute unter den Geusen?« »Gewiß. Glaubt Ihr, es stünde uns übel, ein Herz für das Heim unserer Väter zu haben? Meine wie Eure Ahnen sind Edle gewesen, bevor ein Spanier im Land war.« »Aber König Philipp beherrscht uns als rechtmäßiger König.« »Leider. Und darum gehorchen wir auch seinem Statthalter, dem Prinzen, der in seinem Namen regiert. Der meineidige Henker bedarf eines Vormunds. Fragt nur weiter; ich antworte gern!« Nicolas ließ diese Aufforderung unbeachtet und ging schweigend neben seinem Begleiter her, bis sie an die Achtergracht kamen. Dort blieb er stehen, erfaßte lebhaft erregt des Rittmeisters Arm und sprach in hastig herausgestoßenen Sätzen schnell und leise: »Es drückt mir das Herz ab. Einem muß ich es sagen! Ich will holländisch sein. Ich hasse die Kastilianer. In Leyderdorp und im Haag hab' ich sie kennen gelernt. Sie achten nicht auf mich, weil ich noch jung bin, und wissen nicht, daß ich ihre Sprache verstehe. Da wurden mir die Augen geöffnet! Wenn sie über uns reden, so geschieht es mit Hohn und Verachtung. Ich weiß Alles, was hier von Alba und Vargas verübt worden ist. Aus dem eigenen Munde der Spanier hab' ich vernommen, daß sie uns am liebsten vertilgen und ausrotten möchten. Wenn ich nur könnte, wie ich wollte, und mein Vater nicht wäre, ich wüßte wohl, was ich thäte! Mir ist so wirr im Kopf. Des Bürgemeisters Rede bringt mich noch um den Verstand. Sagt ihm, Junker, ich bitte Euch, sagt ihm, ich hasse die Spanier und es sei mein Stolz, ein Niederländer zu sein.« Beide hatten längst ihre Wanderung fortgesetzt, und während sie sich mehr und mehr dem Hause des Bürgemeisters näherten, sagte der Rittmeister, welcher dem Knaben mit freudiger Ueberraschung zugehört hatte: »Ihr seid aus gutem Holze geschnitten, Junker, und auf dem Wege zum Rechten. Behaltet nur Herrn Peter's Rede im Sinn und bedenkt, was Ihr in der Geschichte gelernt habt. Wem gehören die leuchtenden Purpurblätter im großen Buch der Völkerschicksale? Den Tyrannen, ihren Knechten und Augendienern oder den Männern, die für die Freiheit lebten und starben? Den Kopf in die Höhe! Dieser Kampf überlebt uns vielleicht Beide, und Ihr habt noch lange Zeit, Euch auf die rechte Seite zu stellen. Der Edelmann soll seinem Fürsten dienen, aber er soll kein Knecht eines Herrschers sein, am letzten der Sklav eines Fremden, eines Feindes seines Volkes. Da wären wir; in einer Stunde komm' ich und hole Euch wieder. Gebt mir die Hand. Ich möchte Euch künftig bei Eurem Taufnamen nennen, mein braver Nico.« »Nennt mich so,« rief der Junker, »und, nicht wahr. Ihr sendet nachher keinen Andern? Ich möchte noch mehr mit Euch reden.« Im van der Werff'schen Hause ward der Junker von Barbara empfangen. Henrika konnte ihn nicht sogleich sehen, denn Pater Damianus war bei ihr, und so mußte er denn im Speisezimmer warten, bis der Geistliche erschien. Nicolas kannte ihn wohl und hatte ihm auch im vorigen Jahre einmal gebeichtet. Nachdem er den würdigen Mann begrüßt und seine Frage, wie er hieher komme, beantwortet hatte, sagte er unvermittelt und schnell: »Herr Pater, vergebt; aber es drückt mir etwas das Herz ab. Ihr seid ein heiliger Mann, und Ihr müßt es wissen. Ist's ein Verbrechen, wenn ein Holländer gegen die Spanier eintritt, ist es eine Sünde, wenn ein Holländer sein und bleiben will, wozu der liebe Gott ihn doch selber gemacht hat? Ich kann es nicht glauben!« »Ich glaube es auch nicht,« entgegnete Damianus in seiner einfachen Weise. »Wer festhält an der heiligen Kirche, wer seinen Nächsten liebt und das Rechte zu thun strebt, der mag getrost holländisch gesinnt sein und für die Freiheit seines Landes beten und kämpfen.« »O!« rief Nicolas mit leuchtenden Augen. »Denn,« fuhr Damianus lebhafter fort, »denn seht, sie waren hier gut katholisch und haben fromm und gottgefällig gelebt, bevor der Spanier in's Land kam. Warum soll es nicht wieder so werden? Der Höchste hat die Völker gesondert, weil er will, daß sie ihr Eigenleben führen und es schön fortbilden zu ihrem Heil und seiner Ehre, nicht aber, um der stärkeren Nation das Recht zu geben, eine andere zu quälen und zu erdrücken. Denkt nur. Euer Herr Vater ginge spazieren und ein spanischer Grande spränge ihm auf die Schultern und gäbe ihm Peitsche und Sporen zu kosten, als wär' er sein Reitpferd. Es würde dem Kastilianer übel bekommen! Setzet nun für den Ritter Matenesse Holland, und für den Granden das mächtige Spanien, und Ihr wißt, was ich meine. Es bleibt uns nichts übrig, als den Bedrücker abzuwerfen. Der heiligen Kirche geschieht dadurch kein Abbruch. Gott hat sie eingesetzt und sie bleibt stehen, ob König Philipp hier regiert oder ein Anderer. Nun kennet Ihr meine Ansicht. Irr' ich mich oder irr' ich mich nicht? Der Name Glipper schmeckt Euch nicht mehr, lieber Junker?« »Nein, Pater Damianus! – Ihr habt Recht, habt tausendmal Recht. Es ist keine Sünde, ein freies Holland zu wünschen.« »Wer hat Euch denn gesagt, daß es eine wäre?« »Kanonikus Bermont und unser Kaplan.« »So sind wir in diesem weltlichen Punkt verschiedener Ansicht. Gebet Gott, was Gottes ist und behauptet den Platz, auf den der Herr Euch gestellt hat. Wenn Euch der Bart wächst und Ihr wollt für die Freiheit Hollands kämpfen, so thut es getrost. Für diese Sünde geb' ich Euch gern Absolution.« Henrika freute sich sehr, den frischen und glückselig dreinschauenden Knaben wiederzusehen. Nicolas mußte ihr von ihrem Vater und den Seinen erzählen und ihr mittheilen, wie er nach Leyden gekommen. Als sie erfuhr, daß er in einer Stunde den Rückweg anzutreten gedenke, kam ihr, die von der Sendung Belotti's ganz erfüllt war, ein guter Gedanke. Sie vertraute Nicolas, was sie beabsichtigte, und bat ihn, den Hausmeister durch das spanische Heer in den Haag zu führen, und der Junker war nicht nur bereit, dies zu thun, sondern versprach ihr auch, sie, wenn der Alte zurückkehren werde, in irgend einer Weise hievon in Kenntniß zu setzen. Nach einer Stunde sagte ihr der Knabe Lebewohl, und als er wieder mit Herrn von Warmond an der Achtergracht hinschritt, fragte er ihn freudig: »Wie komme ich zu den Geusen?« »Ihr?« fragte der Rittmeister erstaunt. »Ja ich!« erwiderte der Junker eifrig. »Ich werde bald siebenzehn Jahre alt, und sobald ich es bin ... Wartet nur – wartet – Ihr werdet noch von mir hören!« »Brav, Nicolas, brav!« gab der Andere zurück. »Laßt uns holländische Edle und edle Holländer bleiben!« Drei Stunden später ritt der Junker Matenesse van Wibisma mit Belotti, den er von Kind an lieb gehabt hatte, in den Haag ein. Er brachte seinem Vater nichts Anderes mit, als einen sorglich gefalteten und gesiegelten Brief, welchen ihm Janus Dousa mit einem schelmischen Lächeln im Auftrage der Leydener Bürgerschaft für den Maëstro del Campo Valdez übergeben hatte, und welcher nichts enthielt, als das artige mit gar zierlichen Lettern auf einen großen Bogen geschriebene Verslein des Dionysius Cato: » Fistula dulce canit, volucrem dum decepit auceps. » »Süß klingt Flötengetön, wenn der Finkler den Vogel in's Netz lockt.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die erste Juniwoche und die Hälfte der zweiten war vergangen, die schönen Sonnentage hatten ihr Ende erreicht und viele Gäste suchten in der Abendstunde den »Angulus« im Wirthshaus zum Wechsel auf. Es war dort so heimlich, wenn der Seewind heulte, der Regen rauschte und das Wasser plätschernd auf das Pflaster fiel. Das spanische Belagerungsheer umschloß die Stadt wie eine eiserne Mauer. Jeder fühlte sich als Mitgefangenen des Andern und schloß sich enger an seine Standes- und Gesinnungsgenossen. Handel und Wandel stockten, Unthätigkeit und Besorgniß lasteten wie Blei auf den Gemüthern, und wer die langsam hinschleichende Zeit in rascheren Fluß bringen und die bedrücke Seele erleichtern wollte, der ging in die Schenke, um dort den eigenen Hoffnungen und Befürchtungen Ausdruck zu geben und zu vernehmen, was Andere in der gemeinsamen Noth fühlten und dachten. Alle Tische im Angulus waren besetzt, und wer von seinem entfernter sitzenden Nachbar verstanden zu werden wünschte, mußte seine Stimme recht laut erheben, denn an jeder Tafel wurden besondere Gespräche geführt. Dabei rief man hier und dort und an einer dritten Stelle nach der vielbeschäftigten Schenkin, Gläser klangen zusammen und zinnerne Deckel fielen auf den Hals der Krüge von hartem Steingut. An einem runden Tisch im Hintergrunde des länglichen Zimmers wurde lauter gesprochen als an den anderen Tafeln. Sechs Offiziere hatten an demselben Platz gefunden und unter ihnen Georg von Dornburg. Kapitän van der Laen, der Vorgesetzte desselben, welcher eine wahre Heldenlaufbahn hinter sich hatte, gab laut und mit tiefer Stimme bemerkenswerthe und lustige Geschichten aus seinen Fahrten zu Wasser und zu Lande zum Besten, Oberst Mulder fiel ihm manchmal in's Wort und ließ schmunzelnd auf jede schwer glaubliche eine ähnliche, aber völlig unmögliche Erzählung folgen. Rittmeister van Duivenvoorde trat besänftigend ein, wenn der Kapitän, welcher sich bewußt war, nie allzuweit von der Wahrheit abzuweichen, aufbrausend die Scherze des Alten zurückwies. Lieutenant Cromwell, ein ernster Mann mit rundem Kopf und schlichtem langem Haar, der mit nach Holland gezogen war, um für den Glauben zu streiten, mischte sich nur selten mit wenigen schwer verständlichen holländischen Worten in das Gespräch. Georg streckte, tief in den Stuhl zurückgelehnt, die Füße von sich und schaute schweigend in's Blaue. Herr Aquanus, der Wirth, ging von einem Tisch zum andern, und als er endlich bis zu dem der Offiziere gelangt war, blieb er gegenüber dem Thüringer stehen und sagte: »Mein Herr Junker, wo weilen Eure Gedanken? Man kennt Euch seit einigen Tagen nicht wieder. Welches Wesen ist in Euch gefahren?« Georg richtete sich schnell in die Höhe, dehnte sich wie Einer, der aus dem Schlafe erwacht, und entgegnete freundlich: »Beim Nichtsthun kommt man in's Träumen.« »'s wird ihm zu eng hier im Käfig,« fiel ihm der Hauptmann van der Laen in's Wort. »Wenn das noch lange so fortgeht, bekommen wir Alle die Drehkrankheit wie die Schafe.« »Und wir werden so steif wie der eherne Heidengott dort auf dem Simse,« fügte Oberst Mulder hinzu. »Bei der ersten Belagerung gab es die gleiche Klage,« entgegnete der Wirth, »aber der Herr von Noyelles ersäufte das Mißbehagen und hat manches Faß von meinem Besten geleert.« »Erzählt den Herren, wie er Euch zahlte,« rief Oberst Mulder. » Da hängt der Zettel unter Glas und Rahmen,« lachte Aquanus. »Statt Geld zu schicken, schrieb er mir dies: ›Du hast mir, liebster Freund, viel Gutes angethan, Doch möchtest du dafür metall'nes Geld empfahn: Du findest nichts bei mir; drum nimm anjetzt beim Scheiden An garst'ger Münzen Statt Dies schon geschrieb'ne Blatt; Papiergeld gibt sich ja ganz leichtlich aus in Leyden.‹« »Herrlich!« rief der Junker von Warmond, »und Ihr habt noch dazu selbst den Stempel für die Pappmünzen geschnitten!« »Allerdings! Das Stillsitzen des Herrn von Noyelles kommt mir theuer zu stehen. Diesmal habt ihr euch doch schon zweimal gerührt.« »Schweigt, schweigt um Gottes willen schweigt von dem ersten Streiche!« rief der Rittmeister. »Ein wohl angelegtes Unternehmen, das schmählich scheitert, weil der Führer sich hingelegt hat, um wie ein Maulwurf zu schlafen! Wo hat sich dergleichen zum zweiten Male begeben?« »Aber das andere nahm doch einen besseren Ausgang,« sagte der Wirth. »Dreihundert Schinken, hundert Tonnen Bier, Butter, Munition und dazu den nichtswürdigsten von allen Spionen; immerhin eine treffliche Beute.« »Und doch ein Fehlschlag!« rief der Kapitän van der Laen. »Wir hätten die Vorrathsschiffe in der Leydener See, so viel ihrer sind, abschneiden und einbringen können! Und der Kaag! Daß dies Fort auf der Insel dem Feinde gehört!« »Aber die Leute haben sich wacker gehalten.« sagte der Rittmeister. »Wahre Teufelskerle gibt es darunter,« lachte van der Laen. »Der Eine stach einen Spanier nieder, und mitten im Kampf nahm er ihm die rothen Hosen ab und zog sie sich an die Beine.« »Ich kenne den Mann,« fügte der Wirth hinzu, »er heißt van Keulen; drüben sitzt er beim Biere und erzählt den Leuten lustige Schnurren. Ein Tausendsassa mit einem Gesicht wie ein Satyr. Es fehlt uns doch auch nicht an Freuden! Denkt an Chevraux' Niederlage und den Sieg der Geusen bei Vlissingen auf der Schelde.« »Auf Boisot, den braven Admiral und das tapfere Geusenheer!« rief Hauptmann van der Laen und stieß mit dem Obersten Mulder an. Dieser wandte sich mit erhobenem Glase dem Thüringer zu, und als der Junker, welcher in seine Träumerei zurückgefallen war, seine Bewegung übersah, rief er empfindlich: »Nun, Herr von Dornburg, Ihr braucht lange Zeit zum Bescheidthun!« Georg fuhr auf und erwiederte rasch: »Bescheid thun? Ganz recht! Bescheid thun. Ich thu' Euch Bescheid, Herr Oberst.« Damit hob er den Becher, leerte ihn auf einen Zug, machte die Nagelprobe und stellte ihn auf den Tisch. »Brav!« rief der Alte; und Herr Aquanus sagte: »Das hat er auf der hohen Schule gelernt; Studium macht durstig.« Dabei warf er einen freundlich besorgten Blick auf den jungen Deutschen. Dann schaute er nach der Thür hin, durch welche der Musiker Wilhelm in den Angulus trat. Der Wirth ging ihm entgegen und flüsterte ihm zu: »Der deutsche Junker will mir nicht mehr gefallen. Aus der singenden Lerche ist ein mausernder Nachtvogel geworden. Was hat er?« »Heimweh, keine Nachricht von Hause, und dann die Falle, in die ihn der Krieg auf der Jagd nach Ruhm und Ehre geworfen. Er ist bald wieder der Alte.« »Das hoff' ich.« entgegnete der Wirth. »Solch saftiges Bäumlein schnellt wieder empor, wenn es zu Boden gedrückt ward; helft ihm auf, dem köstlichen Jungen!« Ein Gast rief den Wirth, der Musiker aber gesellte sich zu den Offizieren und begann mit Georg eine leise, von dem bunten Durcheinander der Stimmen laut übertönte Unterhaltung. Wilhelm kam aus dem van der Werff'schen Hause. Er hatte dort erfahren, daß übermorgen, am 14. Juni, des Bürgemeisters Geburtstag sei. Adrian hatte es Henrika, und diese ihm verrathen. Der Hausherr sollte am Morgen seines Wiegenfestes mit Gesang überrascht werden. »Schön,« unterbrach Georg den Freund, »sie wird ihre Sache vortrefflich machen.« »Sie nicht allein; wir dürfen auch auf die Frau Bürgemeisterin zählen. Anfangs wollte sie sich ernstlich weigern, als ich aber ein artiges Madrigal vorschlug, hat sie nachgegeben und die erste Stimme übernommen.« »Die erste Stimme?« fragte der Junker erregt. »Natürlich steh' ich zu Diensten. Laßt uns gehen; habt Ihr die Notirung zu Hause?« »Nein, Herr von Dornburg, ich brachte sie soeben den Frauen; jedoch morgen früh ...« »Morgen früh wird probirt! Dieser Krug ist für mich, Jungfer Dortchen! Euer Wohl, Oberst Mulder! Rittmeister Duivenvoorde, diesen Becher auf Euer neues Reiterfähnlein und manchen wackern Ritt an Eurer Seite!« Die Augen des Deutschen leuchteten wieder in lebhaftem Glänze, und als Kapitän van der Laen in seiner Rede fortfuhr und sagte: »Die Meergeusen bohren doch noch zuletzt die spanische Macht in den Grund,« rief er begeistert: »Auf's Meer, Ihr Herren, auf's Meer! Seine Sach' auf Nichts stellen, das ist das Beste! Im Sturme jubeln, kapern und entern! Auf dem Feindesschiff Mann gegen Mann und Brust gegen Brust kämpfen und ringen! Fechten und siegen, oder zu Grunde gehen mit dem Feinde!« »Auf Euer Wohl, Junker!« rief der Oberst. »Donner und Wetter, solche Jugend können wir brauchen!« »Nun seid Ihr wieder der Alte,« sagte Wilhelm und wandte sich an den Freund. »Stoßet an auf Eure Lieben daheim.« »Zwei Gläser für eins,« rief Georg. »Auf die Lieben daheim –, auf die Wonnen und Leiden der Minne, auf die schöne Frau, die wir lieben! Krieg ist Lust, Liebe ist Leben! Laßt die Wunden bluten, laßt das Herz in tausend Stücke brechen! Auf dem Schlachtfeld grünt Lorbeer, die Liebe flicht Rosen –, Rosen mit Dornen, aber doch wonnige Rosen! Fort, Ding! Aus dir soll Keiner mehr trinken!« Georg warf mit glühenden Wangen den gläsernen Becher in die Ecke des Zimmers, wo er klirrend zerbrach. Seine Tafelgenossen jubelten laut, nur der Lieutenant Cromwell erhob sich, um das Zimmer still zu verlassen, und der Wirth schüttelte bedenklich den klugen Kopf. Es war, als hätte sich Feuer in Georg's Seele ergossen und sein Geist Flügel gewonnen. In krausem Durcheinander umwallten die vollen Locken sein schönes Haupt, als er, tief in den Stuhl zurückgelehnt und mit aufgenesteltem Koller, lichte Gedanken und glänzende Bilder in die nüchterne Rede der Anderen warf. Wilhelm folgte seinen Worten bald mit Bewunderung, bald mit Besorgniß. Der neue Tag hatte längst begonnen, als der Musiker mit seinem Freunde die Schenke verließ. Oberst Mulder schaute ihm nach und rief den Zurückbleibenden zu: »Der Blitzkerl hat den Teufel im Leibe.« Am folgenden Tag wurde im Hause des Bürgemeisters, während er selbst den Vorsitz im Rathe führte, das dreistimmige Madrigal eingeübt. Georg stand zwischen Maria und Henrika. So lange der Musiker Fehler zu verbessern und Wiederholungen anzuordnen hatte, beherrschte Frohsinn den kleinen Chor, und mehr als einmal hörte Barbara in der Nebenstube harmloses Gelächter; als aber Jeder seine Partie beherrschte und das Madrigal tadellos vorgetragen werden sollte, wurden die Frauen ernst und ernster. Maria schaute unverwandt auf das Blatt, und so seelenvoll, so makellos rein hatte ihre Stimme selten geklungen. Georg paßte seinen Gesang dem ihren an und seine Augen blieben, so oft sie sich von den Noten erhoben, auf ihrem Antlitz ruhen. Henrika suchte den Blick des Junkers, aber immer vergebens, und doch wollte sie ihn von der jungen Frau abziehen, und doch peinigte es sie, unbeachtet zu bleiben. Es trieb und drängte sie, Maria zu überbieten, und so klang denn bald die ganze leidenschaftliche Fülle ihrer Natur aus ihrem Gesang. Ihr Feuer riß auch die Andere fort., Maria's Diskant überflog jubelnd die wohllautende Stimme des Deutschen, und Henrika's Gesang strömte grollend und jauchzend dahin. Der Musiker schlug entzückt und gehoben den Takt und wiegte sich, hingerissen von dem tiefen Schmelz der Stimme Henrikas, in süßen Erinnerungen an ihre Schwester. Als die Serenade zu Ende war, rief er feurig: »Noch einmal!« Nun begann der Wettkampf der Sängerinnen mit erneuter Kraft, und diesmal begegnete der leuchtende Blick des Junkers dem Auge der jungen Frau. Da senkte sie schnell das Blatt, trat aus dem Halbkreis und sagte: »Wir können das Madrigal. Auf morgen früh, Meister Wilhelm; meine Zeit ist gemessen.« »O, o!« rief der Musiker bedauernd. »Es ist so herrlich gegangen, und es waren nur noch wenige Takte.« Aber Maria stand schon an der Thür und antwortete nichts als: »Auf morgen.« Der Musiker dankte dem Fräulein mit begeisterten Worten für ihren Gesang; Georg that es höflich. Als sich Beide entfernt hatten, ging Henrika mit schnellen Schritten auf und nieder und schlug trotzig und leidenschaftlich mit der kleinen Faust in die Hand. Am Geburtstagsmorgen waren die Sänger zeitig bereit, aber Peter hatte sich schon vor Sonnenaufgang erhoben, denn es gab mit dem Stadtsekretär einen Antrag auszuarbeiten, der vor der Sitzung fertig gestellt werden mußte. Nichts lag ihm ferner, als an seinen Geburtstag zu denken, und als der Chor im Speisezimmer anhub, schlug er mit der Faust an die Thür und rief: »Wir haben zu thun; sucht euch einen andern Platz für den Singsang.« Der Vortrag des Madrigals wurde auf einen Augenblick unterbrochen, und Barbara sagte: »Wer Aepfel pflückt, denkt nicht an das Fischnetz. Er ahnt nichts von seinem Feste. Lassen wir die Kinder vorangehen.« Die Bürgemeisterin trat nun mit Adrian und Lieschen in das Arbeitszimmer. Sie hielten Blumensträuße in der Hand, und Maria hatte die Kleine so niedlich geputzt, daß sie in ihrem weißen Kleidchen in der That einer lieblichen Elfe gleichsah. Nun wußte Peter, was der Gesang zu bedeuten habe. Er zog die drei Gratulanten mit Innigkeit an sich, und als der Vortrag des Madrigals von Neuem begann, stellte er sich lauschend dem Chor gegenüber. Freilich gelang die Aufführung nicht halb so gut wie die Probe, denn Maria sang leise und mit umschleierter Stimme, und trotz Wilhelm's heftigem Taktschlagen wollten der Schwung und die Wärme von gestern nicht wiederkehren. »Trefflich, vortrefflich,« sagte Peter, als die Sänger schwiegen. »Gut ersonnen und ausgeführt, eine schöne Geburtstagsüberraschung!« Dann schüttelte er jedem Einzelnen mit herzlichen Worten die Hand, und als er die Rechte des Junkers ergriff, sagte er warm: »Ihr seid uns in diesen schweren Tagen recht zu gelegener Zeit vom Himmel gefallen. In der Fremde ein Heim, das ist immerhin etwas, und bei uns habt Ihr ein solches gefunden.« Georg hatte die Augen zu Boden geschlagen, aber bei den letzten Worten erhob er sie und ließ sie in denen des Bürgemeisters ruhen. Wie treu, wie gut und offen schauten sie ihn au! Da überkam ihn eine große Bewegung, und ohne zu überlegen, ohne zu wissen, was er that, legte er die Hände auf Peter's Arme und drückte das Antlitz auf seine Schulter. Van der Werff ließ es geschehen, strich dem Jüngling über die Locken und sagte lächelnd: »Wie Leonhard, Frau; ganz wie unser Leonhard war! Heut Mittag bleiben wir Alle beisammen. Auch Ihr, van Hout; und Eure Hausfrau nicht zu vergessen!« Bei Tisch verteilte Maria die Plätze so, daß sie Georg nicht anzusehen brauchte. Er kam neben Frau van Hout und gegenüber Henrika und dem Musiker zu sitzen. Im Anfang war er still und befangen, das Fräulein ließ ihm aber keine Ruhe, und als er einmal auf ihre Fragen einzugehen begonnen hatte, wurde er bald von ihrer feurigen Lebhaftigkeit fortgerissen und ließ seinen Witz fröhlich spielen. Henrika blieb ihm nichts schuldig, ihre Augen leuchteten, und in der wachsenden Lust, ihren Geist mit dem seinen zu messen, suchte sie jeden Scherz und jede Antwort des Junkers zu überbieten. Sie trank keinen Wein, aber sie berauschte sich an der eigenen Rede und nahm Georg so ganz in Beschlag, daß er keine Zeit fand, an die anderen Gäste ein Wort zu richten. Wenn er es einmal that, so unterbrach sie ihn schnell und nöthigte ihn, sich wieder an sie zu wenden. Dieser Zwang ärgerte den Junker, und während er ihm widerstrebte, erwachte sein Uebermuth, und er begann Henrika zu unerhörten Behauptungen zu reizen und ihnen andere entgegen zu stellen. Maria horchte bisweilen befremdet zu dem Fräulein hinüber, und in Georg's Verhalten gegen dasselbe lag etwas, das sie verdroß. Peter beachtete Henrika nur wenig, denn er sprach mit van Hout über die zur Uebergabe auffordernden Briefe der Glipper, von denen nun schon drei in die Stadt gebracht worden waren, über die unzuverlässige Gesinnung einiger Mitglieder des Rathes und die Hinrichtung des gefangenen Spions. Wilhelm, den seine Nachbarin kaum einer Antwort gewürdigt hatte, folgte jetzt dem Gespräch der älteren Männer und bemerkte, daß er den Verräther gekannt habe. Er sei ein Wirth gewesen, in dessen Schenke er einmal mit dem Ritter Matenesse van Wibisma zusammengetroffen. »Da haben wir's,« fiel ihm van Hout in's Wort. »In Quatgelat's Tasche fand sich ein Zettel, und was darauf stand, das sah der Schrift des Freiherrn verhängnißvoll ähnlich. Quatgelat sollte sich nach dem Bestand der Vorräthe in Leyden erkundigen.« »Gelichter!« rief der Bürgemeister. »Leider, leider hätte er Valdez nur zu willkommene Kunde bringen können. Die Untersuchung hat wenig Tröstliches ergeben; Genaues ist freilich noch nicht festgestellt worden.« »Das sollten wir in den nächsten Tagen den Frauen überlassen.« »Den Weibern?« fragte Peter erstaunt. »Ja uns!« rief die Frau des Stadtsekretärs. »Warum sitzen wir müßig, wo wir uns nützlich erweisen könnten.« »Gönn' uns die Arbeit!« rief Maria. »Uns drängt es so gut wie euch, im Dienst der großen Sache etwas zu leisten.« »Und glaubt mir,« fügte Frau van Hout hinzu, »wir finden eher Einlaß in Speicher und Keller als Gerichtsboten und Waibel, vor denen die Bürgerinnen sich fürchten.« »Frauen im Dienste der Stadt,« sagte Peter bedenklich. »Ehrlich gestanden... aber Euer Vorschlag läßt sich immerhin überlegen ... Das Fräulein hat heut einen munteren Tag.« Maria schaute unwillig zu Henrika hinüber, welche sich weit über den Tisch geneigt hatte. Sie zeigte Georg einen Ring und rief dabei lachend: »Ihr wollt nicht wissen, was das bedeutet? Seht her: Eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt.« »Aha,« gab der Junker zurück; »das Symbol der Selbstquälerei.« »Gut, gut! Aber sie hat auch eine andere Bedeutung, und Ihr mögt sie Euch merken, Herr Ritter: Wißt Ihr, was Ewigkeit ist und ewige Treue?« »Nein, Fräulein, so tief hat man mich in Jena nicht denken gelehrt.« »Natürlich. Eure Lehrer sind ja Männer gewesen. Männer und Treue, ewige Treue!« »War Delila, die Simson an die Philister verrieth, ein Mann oder ein Weib?« fragte van Hout. »Sie war eine Frau. Die Ausnahme, welche die Regel bekräftigt. Nicht wahr, Maria?« Die Bürgemeisterin antwortete nicht und nickte nur stumm mit dem Kopfe; dann schob sie den Stuhl unwillig zurück, und das Mahl war zu Ende. Achtundzwanzigstes Kapitel. Tage und Wochen waren vergangen, an den Juli hatte sich ein heißer August geschlossen, und auch dieser ging seinem Ende entgegen. Die Spanier lagen noch immer um Leyden, und die Stadt glich nun völlig einem Gefängniß. Die Soldaten und bewaffneten Bürger thaten müde und verdrossen den Dienst, auf dem Rathhaus gab es genug zu thun, aber unerfreulich und traurig war die Arbeit der Behörden des Ortes; denn keine die Hoffnung nährende Botschaft von dem Prinzen oder den Staaten wollte erscheinen, und Alles, was es zu berathen und zu bedenken gab, bezog sich auf die wachsende Noth und den furchtbaren Nachzügler der Kriege, die Pest, welche zugleich mit dem Hunger ihren Einzug in Leyden gehalten hatte. Zudem war die Zahl der Unzufriedenen von Woche zu Woche gestiegen. Die Freunde der alten Ordnung erhoben jetzt ihre Stimmen lauter und lauter, und mancher Freiheitsfreund, der die Seinen hinsiechen sah, schloß sich an die spanisch Gesinnten und verlangte die Uebergabe der Stadt. Die Kinder gingen nach wie vor in die Schule und kamen auf den Spielplätzen zusammen, aber der fröhliche Uebermuth von früher flackerte nur noch selten auf, und wo waren die rothen Wangen der Buben und die runden Aermchen der Mädchen geblieben? Die Armen zogen den Gürtel zusammen, und das Stückchen Brod, welches jedem Mund von der Stadt zugetheilt wurde, reichte nicht mehr aus, um den Hunger zu stillen und das Leben zu fristen. Junker Georg wohnte längst im van der Werff'schen Hause. Am Morgen des 29. August kehrte er von einem Ausgange heim. Er trug eine Armbrust in der Hand und eine Tasche hing ihm über die Schulter. Diesmal stieg er nicht die Treppe hinan, sondern begab sich zu Barbara in die Küche. Die Wittwe empfing ihn mit einem freundlichen Nicken; ihre grauen Augen leuchteten dabei so hell wie je, aber das runde Gesicht war schmäler geworden und um den eingefallenen Mund spielte ein wehmüthiges Zucken. »Was bringt Ihr heut?« fragte sie den Junker. Georg griff in die Jagdtasche und gab lächelnd zurück: »Eine fette Schnepfe, und außerdem noch vier Lerchen; Ihr wißt schon.« »Arme Spatzen! Aber was mag dies wohl für ein Geschöpf sein? Ohne Kopf, ohne Beine und sorglich gerupft. Junker, Junker, das ist verdächtig.« »Es paßt in die Pfanne, und auf den Namen kommt es nicht an.« »Doch, doch; es weiß zwar Niemand, wovon er fett wird, aber der Herrgott hat doch nicht jede Kreatur für den menschlichen Magen geschaffen.« »Ich sagt' es ja schon. Es ist eine kurzschnablige Schnepfe, ein Corvusvogel, ein leibhaftiger corvus .« » Corvus ! Geht doch. Ich fürchte mich vor dem Dinge... Das Federchen da unter dem Flügel... Jesus Maria! Es ist doch kein Rabe?« »Ein corvus ist es, wie ich schon sagte. Legt den Vogel in Essig und bratet ihn mit einiger Würze, dann schmeckt er Euch wie eine leibhaftige Schnepfe. Wildenten gibt es nicht alle Tage wie neulich, und die Spatzen werden so rar wie Rosen im Winter. Jeder Bube steht mit einem Flitzbogen auf dem Anstand, und in den Höfen sucht man sie unter Sieben und mit Leimruthen zu fangen. Sie gehen ihrer Ausrottung entgegen, aber einer oder der andere bleibt doch noch verschont. Wie geht es dem Elschen?« »Nennt sie nicht so!« rief die Wittwe. »Ich bitte Euch, laßt ihr ihren christlichen Namen! Sie sieht aus wie dies Tuch, und seit gestern weigert sie sich, die Milch zu nehmen, die wir täglich für sie mit schweren Opfern beschaffen. Gott weiß, wo das noch hinaus soll. Da seht den Kohlstrunk. Einen halben Stüber! Und das elende Stück Knochen da!... Es wäre mir sonst zu schlecht für die Hunde gewesen, – und jetzt! Das ganze Haus muß sich damit begnügen. Zum Abendbrod koche ich Schinkenschale mit Wein und gebe etwas Mehlbrei dazu. Und das für einen Riesen wie Peter! Woher er noch die Kraft nimmt, Gott weiß es. Aber er sieht aus wie sein eigener Schatten. Maria braucht nicht mehr als ein Vogel, aber Adrian, der arme Schelm, geht manchmal mit Thränen vom Tisch, und dabei hat er noch manches Stück Brod für Lieschen von seiner dünnen Schnitte gebrochen; ich weiß es. Es ist zum Erbarmen. Und doch heißt es: Streck' dich nach der Decke, sonst frieren die Füße, – Noth kennt kein Gebot und: Sparen, um zu bewahren. – Vorgestern haben wir wie die Anderen von Neuem angegeben, was wir noch haben. Morgen muß Alles abgeliefert werden, was über den Bedarf von vierzehn Tagen hinausgeht, und Peter will nicht, daß wir auch nur einen Sack Mehl hinterhalten, aber wie es dann wird, was dann kommen soll, – barmherziger Himmel! ...« Die Wittwe schluchzte bei den letzten Worten laut auf und fuhr weinend fort: »Woher Ihr nur die Kraft nehmt? Das elende Stück Fleisch ist in Euren Jahren auch nur ein Tropfen auf den glühenden Stein.« »Herr van Aken gibt mir zu meiner Ration, was er vermag, von dem Seinen. Ich komme schon durch; aber was ich heute bei dem Schneider gesehen, der mir die Kleider bessert!« »Nun?« »Zwei Kinder sind ihm vor Hunger gestorben.« »Und drüben bei den Webersleuten,« fügte Barbara weinend hinzu. »So ordentliche Menschen! Die junge Frau ist vor vier Tagen in die Wochen gekommen und heute Morgen sind Mutter und Kind vor Schwäche erloschen, erloschen sage ich Euch wie ein Licht, das sich verzehrt hat und ausgehen muß. Bei dem Tuchmacher Peterssohn sind der Vater und alle fünf Kinder an der Pest zu Grunde gegangen. Wen das nicht erbarmt!« – »Laßt, laßt,« sagte Georg schaudernd. »Ich muß in den Hof zur Uebung.« »Und das, wozu das noch gut ist! Die Spanier greifen nicht an; sie überlassen dem dürren Klapperbeine die Arbeit. Euer Fechten gibt Hunger, und die armen ausgenommenen Häringe können kaum noch die eigenen Gliedmaßen regen.« »Falsch, Mutter, falsch,« entgegnete Wilhelm. »Die Thätigkeit und Bewegung hält sie aufrecht. Als Herr von Nordwyk mich bat, sie an des verstorbenen Fechtmeisters Stelle zu üben, wußte er wohl, was er that.« »Ihr denkt an die Pflugschar, welche nicht rostet. Vielleicht habt Ihr Recht; aber bevor Ihr an die Arbeit geht, nehmt hier ein Schlückchen. Mit dem Wein ist's bei uns immer noch am besten bestellt. Wenn die Leute zu thun haben, so meutern sie wenigstens nicht, wie vorgestern die armen Schelme von den Freiwilligen. Gottlob, daß sie fort sind!« Während die Wittwe ein Glas füllte, trat die Mutter des Musikers Wilhelm in die Küche und begrüßte Barbara und den Junker. Sie trug ein Päckchen unter dem Tuch und drückte es fest an die Brust. Ihre Breite war immer noch stattlich genug, aber die Fülle, in der sie vor wenigen Monaten frisch gestrotzt hatte, schien nun zu einer Last geworden zu sein, die sie bedrückte. Jetzt nahm sie das Päckchen in die Rechte und sagte: »Ich habe hier etwas für Euer Lieschen. Mein Wilhelm, der brave Mensch...« Hier hielt sie inne und schob ihr Geschenk an die alte Stelle zurück. Sie hatte des Junkers gerupfte Gabe bemerkt und fuhr in verändertem Tone fort: »Ihr habt da schon eine Taube ... desto besser! Bei dem Stadtsekretar fängt die Kleine auch an zu siechen. Auf morgen, so Gott will.« Sie wollte gehen; der Junker hielt sie aber zurück und sagte: »Ihr irrt, würdige Frau. Den Vogel da habe ich heute geschossen, und ich will's nur gestehen, Mutter; mein Corvusvogel ist ein armseliger Rabe.« »Dacht' ich's doch,« rief die Wittwe. »Solch' ein Greuel!« Dabei stieß sie mit dem Finger auf die Brust des Vogels und fügte nachdenklich hinzu: »Aber Fleisch ist doch an dem Thierchen.« »Ein Rabe!« rief die Frau des Steuereinnehmers und schlug in die Hände. »Freilich, die Hunde und Katzen hängen auch schon an manchem Spieß und sind in viele Pfannen gewandert. Da habt Ihr die Taube.« Barbara wickelte den Braten so vorsichtig aus, als könnte er ihr unter den Fingern zerbrechen, und schaute ihn liebreich an, während sie ihn in der Hand wog; des Musikers Mutter aber sagte: »'s ist schon die vierte, die Wilhelm schlachtet, und er sagt, es war' ein guter Flieger gewesen. Er hat sie eigens für Euer Lieschen bestimmt. Stopft sie hübsch mit gelbem Teig, nicht zu fest und ganz leicht gesüßt. Das ist was für Kinderschnäbel, und es bekommt ihr schon, denn es wird aus gutem Herzen gegeben. Legt das Thierlein fort. Was man so gekannt hat, das thut Einem weh, wenn man's todt sieht.« »Gott vergelt's!« rief Barbara und drückte der braven Alten die Hand. »O, diese schrecklichen Zeiten!« »Es findet sich doch immer noch etwas, um ›danke‹ zu sagen!« »Freilich, denn in der Hölle ist es noch schlimmer,« gab die Wittwe zurück. »Versündigt Euch nicht,« mahnte die Alte; »Ihr habt erst einen Kranken im Hause. Ist Frau Maria zu sprechen?« »Sie ist in den Werkstätten, um den Leuten ein wenig Fleisch von dem unsern zu bringen. Wird es bei Euch auch so knapp mit dem Mehle? Kühe sieht man doch noch auf der Weide, aber das Korn ist wie fortgefegt; es gab keine Metze mehr auf dem Markt. Ihr nippt auch einen Schluck, Frau Gevatterin? – Soll ich die Schwägerin rufen?« »Ich suche sie selbst auf. Der Wucher auf dem Markt ist nicht mehr zu dulden. Wir richten da nichts mehr aus, doch sie bringt die Leute schon zur Vernunft.« »Die Krämer auf dem Markte?« fragte der Junker. »Ja, Herr von Dornburg, ja. Die zarte Frau vermag Dinge: man sollt' es nicht glauben. Als es vorgestern wieder aufzunehmen galt, was jedes Haus an Vorrath besitzt, sind die Leute mir und den Anderen unwirsch begegnet, und manche haben uns gar die Thüren gewiesen. Aber sie ist zu den Gröbsten gegangen, und wie vor dem Volke Israel die Wellen des Meeres, so haben sich vor ihr die Keller und Speicher geöffnet. Wie sie es anstellt, Gott mag es wissen, aber die Leute können ihr nun einmal nicht widerstehen.« Georg holte tief Athem und verließ die Küche. Auf dem Hof fand er einige Stadtsoldaten, Freiwillige und Bürgergardisten, mit denen er Fechtübungen anstellen wollte. Van der Werff hatte zu diesem Zweck seinen Hof zur Verfügung gestellt, und es gab sicherlich keinen Mann in Leyden, welcher geschickter gewesen wäre, des braven Allertssohn Stelle zu vertreten, als der Deutsche. Barbara hatte nicht Unrecht. Seine Schüler sahen abgezehrt und elend genug aus, aber mancher von ihnen hatte in des Gefallenen Schule den Degen recht gut zu führen gelernt und war mit ganzem Herzen bei der Sache. Mitten im Hof stand eine mit Werg gefüllte, mit Leder überzogene menschliche Figur, welche an der linken Seite der Brust ein rothes Blatt in Form eines Herzens trug. Auf dieses mußten die Ungeschickteren stechen, um Hand und Auge zu üben; die Anderen stellten sich einander paarweise gegenüber und fochten unter Georg's Leitung mit stumpfen Rapieren unblutige Zweikämpfe aus. Dem Junker war recht flau zu Muthe gewesen, als er in die Küche gekommen, denn seine Brodration war zur größeren Hälfte bei dem unglücklichen Schneider geblieben; aber Barbara's Wein hatte ihm wohl gethan, und so nahm er sich zusammen und trat frisch und frank vor seine Fechter. Sein Koller flog rasch auf eine Bank, der Gürtel wurde fester gezogen und bald stand er in weißen Hemdsärmeln den Soldaten gegenüber. Sobald sein erster Kommandoruf erscholl, flog das Fenster im Erker Henrika's klirrend zu. Früher war es oft geöffnet worden, wenn die Fechtübungen begannen, und sie hatte sich sogar nicht gescheut, dann und wann in die Hände zu klatschen und ein Bravo in den Hof zu rufen. Das war längst vorbei, denn schon seit Wochen hatte sie kein Wort und keinen Blick für den Junker. So war sie noch keinem Manne entgegengekommen, so würde sie sich um keines Fürsten Gunst bemüht haben! Und er? Er hatte sich erst kühl gezeigt und sie dann geflissentlich und immer geflissentlicher gemieden. Ihr Stolz fühlte sich tief gekränkt. Ihre Aufgabe, ihn von Maria abzulenken, war langst vergessen; und es war ohnehin etwas, – sie wußte nicht was, – zwischen sie und die junge Frau getreten. Kein Tag verging, an dem er ihr nicht begegnet wäre, und das freute sie, weil sie ihm dabei zeigen konnte, daß es ihr gleichgültig, ja unerfreulich sei, ihn zu sehen. Ihre Gefangenschaft drückte sie schwer, und sie sehnte sich namenlos in's Freie, in's offene Feld, in die Wälder. Trotzdem äußerte sie niemals den Wunsch, die Stadt zu verlassen, denn – Georg war in Leyden, und mit ihm beschäftigte sie sich wachend und träumend. Sie liebte ihn heute, sie verabscheute ihn morgen, und beides that sie mit dem ganzen Feuer ihres leidenschaftlichen Herzens. Auch an ihre Schwester dachte sie häufig und sprach für sie viele Gebete. Um die Gnade des Himmels durch gute Werke zu gewinnen und um der Langenweile zu entgehen, half sie den grauen Schwestern, welche neben dem van der Werff'schen Hause ein kleines altes Kloster bewohnten, die Kranken, welche sie liebevoll bei sich aufgenommen hatten, pflegen, und ging wohl auch mit Schwester Gonzaga in die Häuser der katholischen Bürger, um Almosen für das kleine Hospital zu sammeln. Aber das Alles geschah ohne freudige Hingabe, bald mit übergroßem Eifer, bald lässig und tagelang gar nicht. Sie war auf's Aeußerste reizbar geworden, aber wenn sie sich heute bis zur Unerträglichkeit hochfahrend erwiesen, zeigte sie sich morgen verstimmt und traurig, ohne doch die Beleidigten um Vergebung zu bitten. Jetzt stand das Fräulein hinter dem geschlossenen Fenster und schaute auf Georg, der mit kühnem Ansprung auf die Lederfigur zuflog und mit dem Degen in der Rechten das rothe Herz des Phantoms durchbohrte. Die Soldaten gaben ihre Bewunderung laut zu erkennen; auch Henrika's Augen hatten beifällig geleuchtet, aber plötzlich verloren sie ihren Glanz, und sie trat in's Zimmer zurück, denn Maria kam aus den Werkstätten in den Hof und ging mit niedergeschlagenem Blick an den Fechtern vorüber. Die junge Frau war bleicher geworden, aber die blauen klaren Augen blickten selbstbewußter und entschiedener in die Welt als früher. Sie hatte gelernt ihre eigenen Wege zu gehen und im Dienste der Stadt und der Armen schwere Pflichten gesucht und gefunden. In manchem schweren Herzenskampf war sie Siegerin geblieben, aber der Streit war noch nicht zu Ende; das fühlte sie, so oft Georg's Wege die ihrigen kreuzten. Sie mied ihn, so oft es anging, denn sie verhehlte sich nicht, daß der Versuch, mit ihm wie mit einem Freund und Bruder zu leben, für sie und ihn nichts Anderes bedeuten würde, als den ersten Schritt in's Verderben. Er half ihr redlich und mit schwerer Selbstüberwindung, das empfand sie mit Dank, denn Herz an Herz stand sie mit ihrem Gatten auf dem Schiffe des Lebens. Sie wollte keinen andern Leiter als ihn; ja, der Gedanke hatte keinen Schrecken für sie, mit Peter zu Grunde zu gehen. Und doch, und doch! Georg war wie der Magnetberg, der sie anzog, und den sie meiden mußte, um das Fahrzeug vor dem Untergang zu bewahren. Sie hatte heute in den Werkstätten die einzelnen Arbeiter nach ihrem Ergehen gefragt und Bilder des tiefsten Elends zu sehen bekommen. Die braven Leute wußten, daß die Uebergabe der Stadt ihrer Noth ein Ende machen konnte, aber sie wollten um der Freiheit und des Glaubens willen ausharren und trugen ihren Jammer wie ein unabwendbares Unglück. In der Hausflur traf Maria mit Wilhelm's Mutter zusammen und versprach ihr, wegen des Wuchers der Marktleute heute noch mit der Frau des Stadtsekretärs Rücksprache zu nehmen. Dann begab sie sich zu dem armen Lieschen, das bleich und matt in einem kleinen Stuhle saß. Ihre schönste Puppe lag schon seit einer Stunde in der gleichen Lage auf ihrem Schooß. Die Händchen und der Wille des Kindes waren zu schwach, das Spielzeug zu regieren. Trautchen brachte einen Becher voll frischer Milch. An solcher fehlte es noch nicht gänzlich, denn es weidete immer noch außerhalb der Mauern eine stattliche Zahl von Kühen im Schutz der Kanonen, aber das Kind weigerte sich zu trinken und ließ sich nur unter Thränen bewegen, einige Tropfen auf die Lippen zu nehmen. Während Maria der Kleinen liebreich zuredete, trat Peter in's Zimmer. Der hochgewachsene Mann, das Urbild des angesehenen Bürgers, welcher auch auf die Stattlichkeit seiner äußeren Erscheinung Sorgfalt verwendet, sah jetzt vernachlässigt aus. Das braune Haar hing ihm in die Stirn, der kräftige, scharf abgegrenzte Knebelbart verbreitete sich dünn und in hellerer Farbe über die Wangen, das Wamms war zu weit geworden und das Strumpfwerk saß nicht prall wie sonst, sondern faltig an dem kräftigen Bein. Mit einer nachlässigen Handbewegung begrüßte er seine Frau und trat dann zu dem Kinde, um es lange sprachlos und mit inniger Zärtlichkeit zu betrachten. Die Kleine wandte ihm das liebe Gesichtchen zu und versuchte ihn zu begrüßen, aber das Lächeln erstarb an ihrem Munde, und sie schaute bald wieder theilnahmlos auf die Puppe. – Da beugte er sich tief zu ihr nieder, hob sie zu sich empor, rief ihren Namen und streifte mit den Lippen ihre blassen Wangen. Das Kind berührte leise seinen Bart und sagte dann matt: »Hinunter, Väterchen, mir wird schwindlig hier oben.« Mit feuchten Augen setzte er nun seinen Liebling behutsam auf das Stühlchen zurück. – Dann verließ er das Zimmer und begab sich auf seine Stube. Maria folgte ihm dahin und fragte: »Noch nichts von dem Prinzen oder den Staaten?« Er zuckte schweigend die Achseln. »Aber sie werben, sie dürfen uns nicht vergessen,« rief die Bürgemeisterin lebhaft. »Wir kommen um, und sie lassen uns sterben,« sagte er dumpf. »Nein, nein, sie haben die Deiche durchstochen; ich weiß es, sie werden uns helfen.« »Wenn es zu spät ist. Eins kommt zum Andern, das Unglück häuft sich, und auf wen fallen die Verwünschungen des verhungernden Volkes? Auf mich, auf mich, nur auf mich.« »Du stehst mit dem Kommissar des Prinzen zusammen.« Peter lächelte bitter und sagte: »Der ist gestern auch auf's Lager gekommen. Die Pest, sagt Bontius! Ich, ich allein trage Alles.« »Wir tragen es mit Dir,« rief Maria. »Erst mit Armuth, dann mit Hunger, wie wir's verhießen.« »Besser als das. Heute ist das letzte Korn verbacken worden. Mit dem Brod ist es aus.« »Wir haben noch Rinder und Pferde.« »Die kommen übermorgen daran. Es ward heute bestimmt: zwei Pfund mit den Knochen für je vier Menschen. Brod fort, Kühe fort, Milch fort. Und was wird dann? Mütter, Säuglinge, Kranke! Und unser Lieschen!« Der Bürgemeister preßte aufstöhnend die Hände an die Schläfen. Maria aber sagte: »Muth, Peter, Muth. Nur Eins festhalten, Eins nicht sinken lassen: die Hoffnung.« »Hoffnung, Hoffnung,« entgegnete er höhnisch. »Nicht mehr hoffen,« rief sie, »heißt verzweifeln. Verzweifeln heißt in unserem Falle die Thore öffnen, die Thore öffnen heißt...« »Wer denkt an das Oeffnen der Thore? Wer redet von Uebergabe?« unterbrach er sie heftig. »Noch halten wir fest, noch, noch... Da ist die Mappe, bring' sie dem Boten.« Neunundzwanzigstes Kapitel. Lieschen hatte ein Stück gebratener Taube gegessen, den ersten Bissen seit mehreren Tagen. Darüber herrschte im van der Werff'schen Hause eine Freude, als wäre der Familie ein großes Glück widerfahren. Adrian lief in die Werkstätten und erzählte es den Arbeitern. Peter ging in strafferer Haltung auf das Rathhaus, und Maria, welche ohnehin ausgehen mußte, nahm es auf sich, der Frau des Steuereinnehmers über die gute Wirkung der Gabe ihres Sohnes Bericht zu erstatten. Der Alten rannen bei der Erzählung der Bürgemeisterin die hellen Thränen über die schlaffen Wangen. Sie küßte Maria und rief: »Ja, der Wilhelm, der Wilhelm. Wär' er nur gerade zu Haus! Aber ich rufe den Vater. Mein Gott, der ist wohl auch auf dem Rathhaus. Wie war mir denn? Hört, Frauchen, hört – was ist das?« Glockengeläut und Böllerschüsse hatten die Rede der Alten unterbrochen; hastig riß sie das Fenster auf und rief: »Vom Pankratiusthurm! Kein Sturmgeläut! Schießen und lustiges Feiern. Da hat sich etwas Frohes begeben. Das können wir brauchen! Ullrich, Ullrich! Gleich kommst Du zurück und bringst uns Nachricht. Lieber himmlischer Vater! Lieber Gott! Schick' den Entsatz! Wenn er doch da wär'!« In großer Spannung warteten die Frauen. Endlich kam Wilhelm's Bruder Ullrich zurück und erzählte, daß die nach Delft gesandten Boten sich glücklich durch die Reihen der Feinde geschlichen und einen Brief der Staaten mitgebracht hätten. Der Stadtsetretär hatte ihn vom Rathhausfenster verlesen. Die Landesvertreter lobten das Verhalten und die Ausdauer der Bürger und theilten ihnen mit, daß die Deiche ungeachtet des Schadens, welcher dadurch Tausenden von Landleuten erwachse, durchstochen seien. Das Wasser drang in der That schon in das Land, und die Boten hatten die zum Entsatz bestimmten Schiffe selbst gesehen. Bald wußte die Umgebung von Leyden überschwemmt sein und die wachsende Flut das spanische Heer zum Abzüge zwingen. »Besser verdorbenes als verlorenes Land,« dies Schlagwort war bei der Ausführung der gewaltsamen Maßregel entscheidend gewesen, und von Denen, welche so Großes auf's Spiel gesetzt hatten, durfte man erwarten, daß sie kein Opfer scheuen würden, um Leyden zu retten. Die beiden Frauen schüttelten einander glückselig die Hand; dazu tönte das Glockengeläute fröhlich fort, und Schuß auf Schuß klang durch die klirrenden Fenster. Als es dämmerte, begab sich Maria auf den Heimweg. So froh war ihr lange nicht um's Herz gewesen. Die schwarzen Tafeln an den Pesthäusern wollten ihr heute weniger traurig, die abgezehrten Gesichter weniger bejammernswerth als sonst erscheinen, denn auch für sie nahte Hülfe. Das treue Ausharren sollte belohnt werden, die Sache der Freiheit siegen! Mit beflügeltem Fuß trat sie in die »breite Straße«. Tausende von Bürgern waren in derselben zusammengeströmt, um zu sehen, zu hören und zu erfahren, was man hoffen durfte, oder was es immer noch zu befürchten gab. An den Straßenecken waren Stadtmusikanten aufgestellt worden, welche ermuthigende Weisen spielten, der Gesang des Geusenliedes mischte sich in die Schalmeien und Trompeten und das Vivatrufen begeisterter. Männer. Aber es hatten sich auch ganze Schaaren von wohlgekleideten Bürgern und Bürgersfrauen zusammengerottet, welche laut und ohne Scheu über die frohe Musik und die jubelnden Gimpel spotteten, die sich von leeren Verheißungen kirren ließen. Wo war der Entsatz? Was vermochte die Handvoll Geusen, welche der Prinz im besten Falle herbeiführen konnte, gegen die furchtbare Streitmacht des Königs, welche Leyden umringte? Und die Ueberflutung des Landes? Die Flur der Stadt war zu hoch gelegen, als daß das Wasser sie jemals erreichen konnte. Man hatte die Bauern geschädigt, ohne den Bürgern zu nützen. Es gab nur eine Rettung: sich der Gnade des Königs anzuvertrauen! »Was haben wir von der Freiheit!« rief ein Brauer, dem, wie all' seinen Berufsgenossen, das Korn schon längst fortgenommen und die Bereitung neuen Biers untersagt worden war. »Was haben wir von der Freiheit, wenn wir allesammt kalt sind! Wer es gut meint, zieht vor das Rathhaus und fordert die Uebergabe, bevor es zu spät ist.« »Uebergabe! Die Gnade des Königs!« schrieen ihm wohl zwanzig Bürger nach. »Erst kommt das Leben und dann erst die Frage: frei oder spanisch, kalvinisch oder papistisch!« schrie ein Webermeister. »Ich ziehe mit vor das Rathhaus.« »Ihr seid im Recht, ihr guten Leute,« sagte der Bürgemeister Baersdorp, welcher in seinem kostbaren mit Zobel verbrämten Ueberwurf vom Rathhaus kam und des Schlossers Rede gehört hatte. »Aber laßt euch bedeuten! Heute beginnen die Leichtgläubigen wieder zu hoffen, und die Zeit, euren billigen Wunsch geltend zu machen, ist übel gewählt. Wartet noch einige Tage, und wenn sich dann der Entsatz nicht gezeigt hat, so macht eure Meinung geltend. Ich rede euch das Wort und mit mir noch mancher gute Mann in der Broodschaft. Wir haben von Valdez nichts zu erwarten, als Milde und Güte. Gegen den König aufzustehen, war von vornherein ein frevelhaftes Spiel – gegen Hunger, Pest und Tod zu kämpfen ist Sünde und Wahnsinn. Gott befohlen, ihr Leute!« »Der Bürgemeister ist wohlberathen,« rief ein Tuchfärber. »Van Swieten und Norden denken wie er, aber Meister Peter sitzt auf dem Stuhl durch des Prinzen Gnade! Uns rettet der Spanier, ihm geht es an den Hals, wenn er einzieht. Da mag sterben, was will; er und die Seinen sitzen im Fett und haben's vollauf!« »Da geht seine Frau,« sagte ein Webermeister und wies mit dem Finger auf Maria; »wie lustig sie aussieht! Das Ledergeschäft muß noch gut gehen. He! – Frau Bürgemeisterin! He! Grüßt Euren Mann und sagt ihm, sein Leben sei gut; aber unseres ist auch kein Strohwisch.« »Sagt ihm ferner,« rief ihr ein Viehhändler, dem die Noth noch nicht sonderlich wehgethan zu haben schien, in's Gesicht, »sagt ihm, Ochsen könne man schlachten, je mehr, je lieber; aber Leydener Bürger...« Der Viehhändler brachte seine Rede nicht völlig zu Ende, denn Herr Aquanus hatte von dem Angulus ans gesehen, was der Frau Bürgemeisterin zustieß, und war aus dem Wechsel auf die Straße und mitten unter die Unzufriedenen getreten. »Schämt euch!« rief er. »Eine ehrbare Frau auf der Straße zu überfallen! Ist das Leydener Art? Gebt mir die Hand, Frau Maria, und hör' ich noch ein einziges scheltendes Wort, so ruf' ich die Waibel. Ich kenn' euch! Beim blauen Stein steht noch immer der Galgen, den Herr van Bronkhorst für euresgleichen aufrichten ließ. Wer von euch will ihn einweihen?« Diejenigen, denen diese Worte galten, waren die Mutigsten nicht, und kein Wort wurde laut, als Aquanus die junge Frau in den Wechsel führte. Das Weib und die Töchter des Wirths empfingen Maria in ihrer von den Herbergsräumen getrennten Wohnung und baten sie, sich's dort gefallen zu lassen, bis sich das Gedränge vertheilt habe. Aber es zog Maria nach Hause, und als sie erklärte, fort zu müssen, bot Aquanus ihr seine Begleitung an. In der Hausflur stand Georg von Dornburg und trat mit einem ehrerbietigen Gruße zurück, der Wirth aber rief ihn zu sich heran und sagte: »Es gibt heut viel zu schaffen, denn Mancher gönnt sich wohl ein Gläschen nach der guten Botschaft. Haltet mir's zugute, Frau Bürgemeisterin, aber der Junker führt Euch so sicher nach Hause wie ich ... und Ihr, Herr von Dornburg...« »Ich stehe zu Diensten,« entgegnete Georg und trat mit der jungen Frau auf die Straße. Eine Zeitlang gingen Beide schweigend neben einander her und Jedes glaubte den Herzschlag des Andern zu hören. Endlich athmete der Junker tief auf und sagte: »Drei lange, lange Monate sind seit meiner Ankunft verflossen. Bin ich brav gewesen, Maria?« »Ja, Georg.« »Aber Ihr könnt Euch nicht denken, was es mich gekostet hat, das arme Herz an der Kette zu halten, die Worte zu knebeln und das Auge zu blenden. Einmal, Maria, einmal muß es gesagt sein ...« »Nie, nie,« unterbrach sie ihn mit dringender Bitte. »Ich weiß, daß Ihr redlich gekämpft habt; bringt Euch jetzt nicht freventlich um den Sieg.« »O, hört mich, Maria; nur dies eine Mal hört mich!« »Was frommt es Euch, wenn Ihr mir mit glühenden Worten die Seele bedrängt? Ich darf nur von Einem hören, daß er mich liebt, und was ich nicht hören darf, das dürft Ihr nicht sagen.« »Nicht?« fragte er im Ton leisen Vorwurfs und fuhr dann dumpf und bitter fort: »Ihr habt Recht, sehr Recht. Selbst das Reden ist mir versagt. So mag das Leben denn weiter rinnen wie ein bleierner Strom, und was an seinem Rande grünt und blüht, duftlos bleiben und grau. Das goldene Sonnenlicht hat sich für mich hinter Nebel versteckt, die Freude liegt in Ohnmacht hier drinnen, und was sonst mich entzückt hat, ist schal und reizlos geworden. Erkennt Ihr noch den frohen Gesellen von früher?« »Suchet den Frohsinn wieder, sucht ihn um meinetwillen.« »Hin, hin,« murmelte er traurig. »Ihr habt mich in Delft gesehen, aber recht gekannt habt Ihr mich doch nicht. Wie zwei Glücksspiegel, in denen sich jedes Bild, das sie aufnehmen, lieblich verklärt, sind diese Augen gewesen, und es ward ihnen vergolten; denn wohin sie auch schauten, sind ihnen freundliche Blicke begegnet. Dieses Herz hat damals die ganze Welt umfaßt, und es schlug so rasch und fröhlich! Oft fand ich keinen Rath und wußte nicht aus noch ein vor Lust und Leben, und es war mir, als müßte ich wie ein Feuerrohr, das die übermächtige Ladung zersprengt, in tausend Stücke zerfliegen, aber nicht in die Breite, sondern geradewegs hinauf in den Himmel. Das war so selig und war doch so schmerzvoll, – das habe ich in Delft zehnmal empfunden, wenn Ihr gütig zu mir gewesen! Und jetzt, jetzt? Noch habe ich Schwingen, noch könnte ich fliegen, – aber da kriech' ich als Schnecke hin, – denn Ihr wollt es.« »Ich will es nicht,« gab Maria zurück. »Ihr seid mir lieb, das darf ich bekennen, – und Euch so zu sehen, bereitet mir Kummer. Aber nun, – wenn ich Euch theuer bin, und ich weiß ja, daß Ihr mir gut seid, – nun höret auf, mich so grausam zu martern. – Ihr seid mir lieb. – Ich habe es gesagt, und es muß gesagt sein, damit Alles klar werde zwischen uns Beiden. Ihr seid mir lieb, wie die schöne, vergangene Zeit meiner Jugendtage, wie liebliche Träume, wie ein herrliches Lied, an dem wir uns freuen und die Seele erfrischen, wenn wir es hören oder seiner gedenken, – aber mehr seid Ihr mir nicht, mehr dürft Ihr mir niemals werden. Ihr seid mir lieb, und ich will, daß Ihr es mir bleibt, und Ihr könnet es mir doch nur bleiben, wenn Ihr den Eid nicht brecht, den Ihr geschworen.« »Geschworen?« fragte Georg. »Geschworen?« »Ja, geschworen,« unterbrach ihn Maria und hemmte den Fuß. »An Peter's Brust, am Geburtstagsmorgen – nach dem Gesang. Erinnert Euch wohl! Ihr habt damals einen stummen Eid geleistet; ich weiß es, weiß es nicht weniger sicher, als daß ich selbst meinem Gatten am Altare Treue geschworen. Könnt Ihr mich Lügen strafen, so thut es!« Georg schüttelte verneinend das Haupt und entgegnete mit steigender Wärme: »Ihr leset in meiner Seele. Unsere Herzen kennen einander wie zwei treue Freunde, wie die Erde ihren Mond, wie der Mond seine Erde. Was ist Eins ohne das Andere? Warum soll man sie trennen? Seid Ihr je auf einem Waldweg gewandelt? Da gehen die Spuren zweier Räder still neben einander und berühren sich niemals. Die Achse hält sie auseinander wie uns unsere Eide.« »Sagt lieber: wie uns unsere Ehre.« »Wie uns unsere Ehre. Aber dann findet man oft im Busch eine Stelle, wo der Weg bei einem Schlag oder Meiler endet, und da kreuzen sich die Spuren und schneiden einander, und in dieser Stunde fühl' ich's: mein Pfad ist am Ende. Ich kann nicht so weiter, ich kann nicht, oder die Pferde rasen in's Dickicht und das Fuhrwerk zerschellt an Wurzeln und Steinen.« »Und mit ihm die Ehre. Kein Wort mehr. Laßt uns schneller gehen. Seht die Lichter an den Fenstern. Jeder will zeigen, daß ihn die gute Botschaft erfreut hat. Auch unser Haus darf nicht dunkel bleiben.« »Eilet nicht so. Barbara sorgt, und wie bald müssen wir scheiden! Ihr sagtet doch, daß ich Euch lieb sei.« »Foltert mich nicht!« rief die junge Frau mit rührender Bitte. »Ich will Euch nicht quälen, Maria, Ihr sollt mich nur hören. Es ist mir Ernst, furchtbarer Ernst mit dem stummen Eide gewesen, den ich mir geschworen, und durch den Tod hab' ich mich von ihm loszukaufen versucht. Ihr habt gehört, wie ich bei dem Sturm der Boschhuizener Schanze im Juli wie rasend mitten unter die Spanier gestürzt bin. Eure Schleife, die blaue Schleife von Delft, das Band in der Farbe des Himmels hat hier an dieser Schulter geflattert, als ich den Schwertern und Lanzen entgegenrannte. Ich sollte nicht sterben und kam unverletzt aus dem Wirrwarr. O Maria, um dieses Eides willen hab' ich Martern sondergleichen ertragen. Sprecht mich frei von ihm, laßt mich Euch einmal, nur einmal frei gestehen, Maria ...« »Haltet ein, Georg, haltet ein,« flehte die junge Frau. »Ich will, ich darf Euch nicht hören ... heute nicht, morgen nicht, nie, nie, bis in alle Ewigkeit nie!« »Einmal, nur ein einziges Mal will ich, muß ich Euch sagen, daß ich Euch liebe, daß ich Leben und Seligkeit, Frieden und Ehre –« »Kein Wort mehr, Junker von Dornburg. Da liegt unser Haus. Ihr seid unser Gast, und redet Ihr noch ein einziges Wort wie das letzte zu dem Weib Eures Freundes ...« »Maria, Maria ... O rührt nicht den Klopfer. Wie dürft Ihr das ganze Glück eines Menschen so fühllos vernichten ...« Die Thür hatte sich geöffnet und die Bürgemeisterin trat auf die Schwelle. Georg stand ihr gegenüber, streckte die Hand wie hülfesuchend nach ihr aus und murmelte dumpf: »In Tod und Verzweiflung gestoßen! Maria, Maria, warum thut Ihr mir das?« Da legte sie die Rechte in die seine und sagte: »Damit wir einander würdig bleiben, Georg.« Gewaltsam entzog sie ihm die eiskalte Hand und trat in das Haus; er aber irrte stundenlang wie ein Trunkener durch die erleuchteten Straßen und warf sich dann mit glühendem Kopf auf's Lager. Auf dem Tischchen neben dem Bette lag ein leicht zusammengeheftetes Büchlein. Er ergriff es und schrieb mit bebenden Fingern. Oft stockte der Stift, oft schaute er tief athmend und mit weit geöffneten Augen lange in's Blaue. Endlich warf er das Buch beiseite und wachte unruhig dem Morgen entgegen. Dreißigstes Kapitel. Kurz nach Sonnenaufgang sprang Georg vom Lager, holte das Felleisen hervor und füllte es mit seiner kleinen Habe. Nur das Büchlein fand diesmal keinen Platz bei dem Andern. In aller Frühe trat zugleich mit den ersten Arbeitern, welche sich in die Werkstätten begaben, auch der Musiker Wilhelm in den Hof. Der Junker sah ihn kommen und ging ihm bis zur Thür entgegen. Das Antlitz des Künstlers zeigte nur geringe Spuren von der überstandenen Noth, aber sein ganzes Wesen bebte vor Erregung und sein Antlitz wechselte von Minute zu Minute die Farbe, als er Georg unvermittelt und mit fliegender Hast über den Zweck seines frühen Besuches Auskunft gab. Ein spanischer Parlamentär hatte gestern kurz nach dem Eintreffen der städtischen Boten Briefe an den Bürgemeister van der Werff überbracht. Einer derselben war von der Hand des Junkers Nicolas Matenesse und enthielt nichts als die Nachricht, daß Henrika's Schwester mit Belotti in Leyderdorp angekommen sei und in dem Meierhofe des älteren Freiherrn von Matenesse Unterkunft gefunden habe. Sie sei sehr leidend und sehne sich nach ihrer Schwester. Der Bürgemeister hatte diesen Brief dem Fräulein übergeben, und Henrika war ungesäumt zu dem Musiker geeilt, um ihn aufzufordern, ihr aus der Stadt zu helfen und sie bis an die spanischen Linien zu geleiten. Wilhelm kämpfte einen schweren Kampf. Kein Opfer schien ihm zu groß, um Anna wiederzusehen, und was den Boten geglückt war, das konnte auch ihm gelingen. Aber durfte er der vom Rath festgehaltenen Geisel die Flucht erleichtern, die Thorwachen täuschen, seinen Posten verlassen? Georg war seit Henrika's Aufforderung, ihre Schwester aus Lugano nach Holland zu begleiten, von Allem unterrichtet, was diese betraf, und wußte auch, wie es mit dem Herzen des Musikers bestellt war. »Ich muß, und doch darf ich nicht,« rief Wilhelm. »Hinter mir liegt eine furchtbare Nacht; denkt Euch in meine, denkt Euch in die Lage des Fräuleins!« »Nehmt Urlaub auf morgen,« sagte Georg bestimmt. »Wenn es dunkel ist, geleite ich Henrika mit Euch hinaus. Sie muß schwören, in die Stadt zurückzukehren, wenn es zur Uebergabe kommt. Was mich betrifft, mich bindet kein Eid mehr an die englischen Fahnen. Schon vor vier Wochen wurde es uns freigestellt, in niederländische Dienste zu treten. Es kostet mich ein Wort beim Kapitän van der Laen, und ich bin mein eigener Herr.« »Dank, Dank; aber das Fräulein hat mir untersagt, um Euren Beistand zu werben.« »Narrheit, ich ziehe mit Euch, und wenn unser Ziel erreicht ist, schlag' ich mich durch zu den Geusen. Dem Rath wird unser Scheiden nicht weh thun, denn wenn Henrika und ich draußen sind, gibt es zwei Fresser weniger in Leyden. Der Himmel ist grau; wir bekommen hoffentlich eine finstere Nacht. Rittmeister van Duivenvoorde hat die Wache am Hohenort'schen Thore. Er kennt uns Beide und läßt uns durch. Ich will mit ihm reden. Liegt der Meierhof tief im Dorfe?« »Nein, ganz vorn auf dem Wege nach Leyden.« »Gut denn, wir sprechen uns noch um vier Uhr im Wechsel.« »Aber das Fräulein ...« »Es ist früh genug, wenn sie vor dem Thore erfährt, wer sie begleitet.« Als Georg um die verabredete Stunde in den Wechsel kam, erfuhr er, daß Henrika einen neuen Brief von Nicolas bekommen hatte. Er war den Vorposten von dem Junker selbst übergeben worden und hatte nichts als die Worte enthalten: »Bis Mitternacht ist die spanische Losung ›Lepanto‹. Dein Vater soll heute noch wissen, daß Anna hier ist.« Nachdem der Aufbruch vom Hohenort'schen Thore auf neun Uhr Abends festgestellt worden war, begab sich Georg zum Kapitän van der Laen und dem Kommandanten van der Does und erhielt von dem Ersteren den erbetenen Abschied, von Janus einen Brief an seinen Freund, den Admiral Boisot. Als er seinen Leuten eröffnete, daß er die Stadt zu verlassen und sich zu den Geusen durchzuschlagen gedenke, erklärten sie, daß sie ihm folgen wollten, um mit ihm zu leben oder zu sterben. Nur mit Mühe gelang es ihm, sie zurückzuhalten. Vor dem Rathhause mäßigte er seine Schritte. Der Bürgemeister war in dieser Stunde stets dort zu finden. Sollte er ohne Abschied von ihm die Stadt verlassen? Nein, nein! Und doch: Seit gestern hatte er das Recht verscherzt, ihm frei in die Augen zu schauen. Er fürchtete sich, ihm zu begegnen, und es war ihm, als war' er ihm völlig entfremdet. So stürmte Georg an dem Rathhause vorbei und sagte sich trotzig: »Wenn ich auch ohne Lebewohl von ihm scheide; ich bleib' ihm nichts schuldig; denn seine Güte hab' ich mit grausamen Qualen, vielleicht mit dem Tod zu bezahlen. Maria hat mich vor ihm geliebt, und was sie mir ist und war und sein wird, das soll sie wissen, bevor ich gehe.« In der Dämmerstunde kam er in sein Zimmer zurück, bat den Knecht, sein Felleisen zu dem Rittmeister van Duivenvoorde in der Wache am Hohenort'schen Thore zu bringen, und ging dann mit seinem Büchlein im Koller in das Vorderhaus, um von Maria Abschied zu nehmen. Zagend stieg er die Treppe hinan und blieb im oberen Vorhause stehen. Der Schlag seines Herzens benahm ihm den Athem. Er wußte nicht, an welche Thür er zu klopfen habe, und peinigende Furcht überkam ihn. Wie gelähmt blieb er minutenlang stehen. Dann raffte er sich auf, schüttelte sich und murmelte vor sich hin: »Zur Memme geworden.« Dabei öffnete er die in das Speisezimmer führende Thür und trat ein. Adrian saß bei einem brennenden Kienspan an der leeren Tafel hinter den Büchern. Georg fragte ihn nach seiner Mutter. »Sie spinnt wohl in der Kammer,« antwortete der Knabe. »Ruf' sie, ich habe ihr etwas Wichtiges zu sagen.« Adrian entfernte sich und kam mit der Antwort zurück, der Junker möchte im Arbeitszimmer des Vaters warten. »Wo ist Barbara?« fragte Georg. »Bei Lieschen.« Der Deutsche nickte, und während er neben dem Speisetisch auf und nieder ging, dachte er: »So kann ich nicht scheiden! Es muß herunter vom Herzen, einmal, ein einziges Mal will ich noch hören, daß sie mich lieb hat, will ich – will ich ... Mag es ehrlos, mag es fluchwürdig sein, ich werde es sühnen; ich sühn' es mit meinem Leben!« Adrian packte, während der Junker das Zimmer durchwanderte, die Bücher zusammen und sagte: »Brrr, Junker, wie Ihr heut ausseht! Man könnte sich vor Euch fürchten. Die Mutter ist schon da drin. Das Feuerzeug klappt; sie steckt wohl das Licht an.« »Hast Du Zeit?« fragte Georg. »Ich bin fertig.« »So lauf' zu Wilhelm Corneliussohn und sag' ihm, es bleibe dabei: wir finden uns um Neun, pünktlich um Neun.« »Im Wechsel?« fragte der Knabe. »Nein, nein, er weiß schon; eile Dich, Junge.« Adrian wollte gehen, Georg winkte ihn aber zu sich heran und fragte ihn leise: »Kannst Du schweigen?« »Wie eine gebratene Scholle.« »Ich schleiche mich heute aus der Stadt, und vielleicht komm' ich nicht wieder.« »Ihr, Junker? heut?« fragte der Knabe. »Ja, lieber Kerl. Komm' her, gib mir noch einen Kuß zum Abschied. Dies Ringlein sollst Du zum Andenken an mich behalten.« Der Knabe ließ sich den Kuß gefallen, steckte den Ring an den Finger und sagte mit feuchten Augen: »Und das ist Euer Ernst? Ja, der Hunger! Weiß Gott, ich liefe Euch nach, wenn das Lieschen und die Mutter nicht wären. Wann kommt Ihr wieder?« »Wer das wüßte, mein Junge! Behalte mich lieb, hörst Du? lieb! Und nun lauf!« Adrian eilte die Treppe hinunter, und wenige Minuten später stand der Junker in Peter's Zimmer Maria gegenüber. Die Laden waren geschlossen und der Armleuchter auf dem Tische trug zwei brennende Kerzen. »Dank, tausend Dank, daß Ihr gekommen seid,« sagte Georg. »Ihr habt mir gestern das Urtheil gesprochen, und heute –« »Ich weiß, was Euch zu mir führt,« entgegnete sie mild. »Henrika hat mir Lebewohl gesagt, und ich darf sie nicht halten. Sie wünscht nicht, daß Ihr sie begleitet, aber Meister Wilhelm verrieth mir's. Ihr kommt, um Abschied zu nehmen.« »Ja, Maria, Abschied auf ewig.« »Will's Gott, so sehen wir uns wieder. Ich weiß, was Euch jetzt von hier forttreibt. Ihr seid gut und edel, Georg, und wenn Eins das Scheiden erleichtert, so ist es das: wir dürfen nun ohne Gram und Groll aneinander denken. Ihr vergeßt uns nicht, – und, daß Ihr es wißt: Euer Andenken lebt hier fort bei den Großen und Kleinen, – in Aller Herzen ...« »Und auch in Eurem, Maria?« »Auch in dem meinen.« »Haltet es fest! Und wenn der Sturm den armen Staub, der heute noch lebt und athmet und liebt und verzweifelt, aus Eurem Wege geweht hat, dann gönnt ihm einen Platz in Eurer Erinnerung.« Maria schauderte, denn tiefe Verzweiflung blickte ihr mit düsterer Glut aus seinen Augen entgegen, und von banger Besorgniß erfaßt rief sie: »Was sinnt Ihr, Georg, um Christi willen, was habt Ihr im Sinne?« »Nichts Uebles, Maria, nichts Uebles,« entgegnete er dumpf. »Wir Vögel singen nun einmal verschieden. Mit lauwarmem Blute und lauwarmen Freuden in Ehre und Frieden von einem Jahrzehnt in's andere schlendern, wer's kann, der ist glücklich. Mein Blut jagt in schnellerem Lauf, und was die gierige Seele mit ihren Polypenarmen einmal umklammert, das läßt sie nicht los, bis sie selber verröchelt. Ich gehe, ich komme nicht wieder; aber Euch und meine Liebe nehme ich mit mir in die Schlacht, in das Grab ... Ich gehe, ich gehe ...« »So nicht, Georg, so dürft Ihr nicht scheiden.« »Dann ruft doch: bleibt! Dann sagt doch: hier bin ich und fühle Erbarmen! Aber muthet dem unglückseligen Schelm, den Ihr geblendet, nicht zu, die Augen zu öffnen, zu schauen und sich an der schönen Schöpfung zu freuen. Da steht Ihr und zittert und bebt und habt kein Wort für Den, der Euch liebt, für Den – für Den –« Die Stimme des Jünglings stockte vor tiefer Erregung und seufzend preßte er die Hand vor die Stirn. Dann schien er sich auf sich selbst zu besinnen und fuhr leis und traurig fort: »Hier steh' ich, um Euch ein letztes Mal zu sagen, wie's mit meinem Herzen bestellt ist. Süße Worte solltet Ihr hören, aber das Weh, der Jammer ergießen sich bitter in Alles, was ich auch sage. Nehmt dieses Büchlein. Ich habe darin, wenn das Herz mich antrieb, in der Sprache der Dichtung gesagt, wofür die dürre Rede keinen Ausdruck besitzt. Lest diese Blätter, Maria, und wenn sie in Eurer Seele einen Widerhall wecken, o so bewahrt sie! Das Geisblatt in Eurem Garten braucht ein Geländer, um aufzuwachsen und Blüten zu treiben; so mögen denn diese armen Lieder das Spalier sein, um das Euer Andenken an den Geschiedenen seine Ranken schlingt und sich freundlich befestigt. Lest, o leset, und dann sagt mir noch einmal: ,Ihr seid mir lieb', oder weiset mich von Euch.« »Gebt,« sagte Maria und öffnete mit klopfendem Herzen das Buch. Er trat von ihr zurück, aber sein Athem flog schnell und seine Augen folgten den ihren, während sie las. Mit dem vorletzten Liede begann sie. Es war gestern kurz nach der Heimkehr Georg's entstanden und lautete: »Fröhlich ziehen sie dahin, Lichter strahlen durch die Scheiben, Und die Straßen auf und ab Wogt ein vielgeschäft'ges Treiben. O der frohen Festesnacht; Wenn's doch ewig also bliebe! Ewig! ewig? Arme Pracht! Kurzes Leuchten, arme Liebe.« Das letzte Lied hatte Georg inmitten der vergangenen Nacht mit fliegender Hand niedergeschrieben. Er beklagte darin sein hartes Loos. Einmal, einmal mußte sie ihn doch erhören, und dann wollte er ein Lied ohnegleichen singen. Sie war den ersten Versen stumm mit den Augen gefolgt, aber nun begannen sich die Lippen zu regen und schnell und leis, aber doch hörbar las sie: »Bald sollt' es tönen wie des Donners Schallen, Bald sanft und flötend durch die Mainacht wallen, Bald würd's zum Himmel jubelfroh getragen Und schluchzen bald wie Philomelens Klagen. Und dieses Lied, es könnte nie verklingen, Zum Ohr der ganzen Menschheit müßt' es dringen, Zur tiefsten Höhle, in die dunklen Grüfte, Zum Aethermeer hoch überm Reich der Lüfte, Allüberall würd' dann mein Sang vernommen, Die Schöpfung lauschte sehnsuchtsvoll beklommen Und stimmte ein in vollen Jubelchören Und bäte Dich, den Sänger zu erhören. Und ob der Epheu längst mein Grab umschlänge, Sie tönten fort, die süßen Zauberklänge, In aller Welt, durch alle Erdenzonen, Gewaltig von Aeonen zu Aeonen!« – Maria las und immer heftiger schlug ihr Herz, immer schneller ging ihr Athem, und als sie zu den letzten Versen gelangt war, stürzten Thränen aus ihren Augen und sie hob das Buch mit beiden Händen, um es fortzuschleudern und die Arme um den Hals des Sängers zu schlingen. Er hatte ihr wie gebannt gegenüber gestanden und selig dem hohen Flug der eigenen Worte gelauscht. Bebend vor Leidenschaft hielt er an sich, bis sie verstummt war, bis sie die Augen von seinen Liedern getrennt und das Buch hoch erhoben hatte, aber dann, dann flog seine Widerstandskraft in alle Winde und außer sich rief er: »Maria, süßes, einziges Weib!« »Weib!?« tönte es wie ein fragender, mahnender Weckruf in ihr wieder, und es war ihr, als ob eine eiskalte Hand ihr Herz berührte. Der Rausch verwehte, und als sie ihn mit weit geöffneten Armen und glühenden Augen vor sich stehen sah, schrak sie zusammen und ein tiefer Abscheu vor ihm und ihrer eigenen Schwäche erfaßte sie, und statt das Buch fortzuschleudern und ihm entgegen zu stürmen, riß sie es in zwei Stücke auseinander und sagte stolz: »Hier sind Eure Verse, Junker von Dornburg; nehmt sie mit Euch.« Dann fuhr sie mit mühsam behaupteter Würde weicher und leiser fort: »Ich werde auch ohne dies Buch an Euch denken. Wir haben Beide geträumt; nun laßt uns wachen! Lebt wohl; ich will beten, daß Gott Euch beschütze. Gebt mir die Hand, Georg, und wenn Ihr wiederkehrt, so heißen wir Euch als Freund in unserem Hause willkommen.« Dabei wandte Maria sich von dem Junker ab und nickte nur stumm mit dem Haupte, als dieser ihr nachrief: »Vorbei! Alles vorbei!?« Einunddreißigstes Kapitel. Wie betäubt stieg Georg die Treppe hinunter. Beide Hälften des Buches, in dem er seit der Hochzeit in Delft einen ganzen Kranz von Liedern an Maria zusammengereiht hatte, lagen in seiner Hand. Feuerschein aus der Küche erleuchtete die Hausflur. Er folgte ihm und trat, ehe er Barbara's freundlichen Gruß erwiederte, an den Herd und warf die Blätter, welche den reinen und süßen Duft einer schönen Jugendblüte enthielten, in die Flammen. »Oho, Junker!« rief die Wittwe. »Schnelles Feuer paßt nicht für jede Speise. Was gibt es da zu verbrennen?« »Unverständiges Papier,« gab er zurück. »Seid unbesorgt! Höchstens könnte es weinen und die Flamme verlöschen. Gleich ist es Asche. Da ziehen schon durch die schwarzen, verkohlten Blätter die Funken in geordneten Reihen. Wie hübsch das aussieht! Sie kommen und springen fort und verschwinden, – wie ein Leichenzug mit Fackeln in pechschwarzer Nacht. Schlaft wohl, arme Kinder, – schlaft wohl, liebe Lieder! Sehet her, Mutter! Da ballen sie sich zusammen, fest, krampfhaft, als thät' es ihnen weh, zu verbrennen.« »Was das für Reden sind!« unterbrach ihn Barbara, stieß das verkohlende Buch mit der Zange in's Feuer und fuhr dann, indem sie auf die eigene Stirn wies, ermahnend fort: »Manchmal kann Einem für Euch bangen. Hohe Worte wie in den Psalmen sind nichts für den Alltag und unsere Küche. Wenn Ihr mein Eigener wäret, so bekämt Ihr manchmal etwas zu hören. Im gleichen Schritt kommt man auf der Wanderschaft am frühesten zum Ziel.« »Ein guter Rath für die Reise,« entgegnete Georg und hielt der Wittwe die Hand hin. »Lebt wohl, liebe Mutter. Ich ertrag's hier nicht länger. In einer halben Stunde seh' ich diese gute Stadt mit dem Rücken.« »Geht doch... wie wollt Ihr... Oder nimmt Euch das Fräulein in's Schlepptau? Edelmanns Sohn und Edelmanns Tochter! Gleich und gleich ... Doch nein; es hat nichts zwischen euch Beiden gegeben. Ihr Herz ist gut, aber ich gönnte Euch eine Andere als den papistischen Alle-Tag'-anders!« »Henrika hat Euch also erzählt ...« »Eben ist sie gegangen. Mein Gott, – sie hat ihre Sippschaft da draußen; und wir ... eine Pflaume theilt sich schlecht in zwölf Stücke! Ich hab' ihr mein ,Gott befohlen' von Herzen gewünscht; aber Ihr, Georg, Ihr....« »Ich führe sie aus der Stadt, und dann, – Ihr werdet's nicht tadeln: dann schlage ich mich durch zu den Geusen.« »Zu den Geusen! Das ist etwas Anderes, das ist das Rechte! Da seid Ihr am Platze! Frisch gewagt, Junker, und muthig hinaus! Gebt mir die Hand, und wenn Ihr meinem Jungen begegnet... er kommandirt ein eigenes Fahrzeug .... Mein Gott, und was mir da einfällt! Einen Augenblick könnt Ihr noch warten. Trautchen, komm her. Droben in der bunten Truhe liegen die wollenen Strümpfe, die ich für ihn gestrickt hab'. Mach' hurtig und hol' sie! Bei dem feuchten Herbstwetter auf dem Wasser kann er sie brauchen. Ihr nehmt sie mir mit.« »Gern, herzlich gern, und laßt Euch für Eure Güte danken. Ihr seid gegen mich wie eine leibliche Mutter gewesen.« Georg ergriff die Hand der Wittwe und Beide hatten kein Hehl, wie lieb sie einander gewonnen und wie schwer es ihnen fiel, sich zu trennen. Trautchen hatte ihr die Wollarbeit in die Hand gegeben, und während die Wittwe dem Junker das letzte Lebewohl sagte, flossen viele Thränen auf die Strümpfe. Als Barbara merkte, daß sie schon vor dem ersten Regen naß wurden, schwenkte sie sie durch die Luft und gab sie dem Junker. Die Nacht war finster, aber windstill, ja schwül. Im Hohenort'schen Thore wurden die Wanderer von Herrn van Duivenvoorde empfangen. Ein alter Wachtmeister trug ihm eine Laterne voran und öffnete die Pforte. Der Rittmeister umarmte seinen lieben tapferen Kameraden Dornburg, wenige Abschiedsworte und Segenswünsche hallten leis von den Wänden des Festungsgemäuers wieder und die Drei traten in's Freie. Eine Zeitlang gingen sie schweigend durch das Dunkel. Wilhelm kannte den Weg und schritt dem Fräulein voran; der Junker hielt sich dicht an Henrika. Alles war still ringsum, nur von Zeit zu Zeit ließ sich ein Kommandoruf von den Wällen, der Schlag der Thurmuhr oder das Gebell eines Hundes hören. Henrika hatte Georg im Schein der Laterne erkannt, und als Wilhelm still hielt, um zu prüfen, ob sich Wasser in dem Graben befinde, über den er seine Begleiter zu führen gedachte, sagte sie leise: »Ich hatte nicht auf Eure Begleitung gerechnet, Junker.« »Ich weiß es, aber ich wünschte wie Ihr die Stadt zu verlassen.« »Und Ihr macht Euch unsere Kenntniß des Losungswortes zu nutze. So bleibt denn bei uns.« »Bis ich Euch in Sicherheit weiß, Fräulein.« »Zwischen Euch und der Gefahr, die Ihr flieht, liegen schon die Mauern von Leyden.« »Ich verstehe Euch nicht.« »Um so besser.« Wilhelm wandte sich um und bat seine Begleiter mit gedämpfter Stimme, zu schweigen. Lautlos schritten sie nun weiter, bis sie hart vor dem Lager die große Straße, welche sie umgangen hatten, erreichten. Eine spanische Wache rief sie an. » Lepanto! « lautete die Antwort. Unbehelligt schritten sie mitten durch das Lager weiter. Eine vierspännige Kutsche, ein zwischen zwei winzigen Vorderrädern und einem Paar riesiger Hinterräder hängender Kasten fuhr langsam an ihnen vorüber. Sie führte Magdalena Moons, die Tochter einer angesehenen holländischen Beamtenfamilie, nach einem Besuch bei ihrem Verehrer und späteren Gatten, dem Maëstro del Campo Valdez, in den Haag zurück. Henrika fiel Niemand auf, denn es gab Frauen genug im Lager. Einige ärmlich angethane Weiber saßen vor den Zelten und flickten die Kleider der Soldaten. Vor einem Offizierszelte würfelten bunt aufgeputzte Dirnen beim Wein mit ihren Genossen. Hinter dem Feldherrnzelte glänzte hellerer Lichtschein. Hier waren unter einem Schirmdache mehrere Beichtstühle und ein Altar aufgerichtet. Auf diesem standen brennende Kerzen, und über ihm schwebte eine silberne Lampe; zu jenen drängte sich ein dunkler, in sich regungsloser Strom: kastilianische Krieger, von denen sich Einzelne erkennen ließen, wenn der Kerzenschein ihre Helme oder Panzer streifte. Der laute Gesang von zechenden deutschen Landsknechten, das Wiehern und Stampfen der Pferde und das Gelächter der Offiziere und Dirnen übertönte den leisen Priestergesang und das Gemurmel der Beichtenden und Beter, aber der scharfe Klang des Meßglöckchens durchzuckte von Zeit zu Zeit in raschen Schwingungen den Lärm des Lagers. Hart vor dem Dorf erwies sich das Losungswort wiederum wirksam, und unangefochten gelangten sie bis zum ersten Hause. »Hier sind wir,« sagte Wilhelm und athmete auf. »Benutzt die Nacht, Junker, und wandert weiter, bis Ihr die Spanier im Rücken habt.« »Nein, Freund; Ihr seid auch noch da. Mich lüstet, Eure Gefahr zu theilen. Ich kehre mit Euch nach Leyden zurück und suche nach Delft zu kommen; einstweilen halte ich hier unten Wache, um Euch nöthigenfalls zu warnen.« »Laßt uns hier Abschied nehmen, Georg; es können Stunden vergehen, bevor ich zurück bin.« »Ich habe Zeit, entsetzlich viel Zeit. Ich warte. Da geht die Thür.« Der Junker griff nach dem Degen, aber er löste bald die Hand von dem Griff, denn Belotti war es, welcher in's Freie trat und die Signorina begrüßte. Henrika folgte ihm in das Haus und sprach dort leise mit ihm, bis Georg sie anrief und sagte: »Fräulein van Hoogstraten, um ein kurzes ›Gott befohlen‹ darf ich doch bitten.« »Lebt wohl, Herr von Dornburg!« entgegnete sie kühl und trat ihm dabei einen Schritt entgegen. Auch Georg war ihr näher gekommen und hielt ihr die Hand hin. Sie zauderte einen Augenblick, dann reichte sie ihm die ihre und sagte so leise, daß nur er sie verstand: »Liebt Ihr Maria?« »Ich soll also beichten?« »Schlagt mir die letzte Bitte nicht ab, wie die erste. Wenn Ihr großmüthig sein könnt, so antwortet mir ohne Scheu, ich werde es Niemand verrathen: Liebt Ihr Frau van der Werff?« »Ja, Fräulein.« Henrika athmete tief auf und fragte weiter: »Und nun stürmt Ihr in die Welt, um sie zu vergessen?« »Nein, Fräulein.« »Dann sagt mir, weßhalb Ihr aus Leyden geflohen seid.« »Um ein Ende zu finden, das dem Soldaten ansteht.« Da trat sie ihm ganz nahe und rief so höhnisch, daß es Georg in's Herz schnitt: »Also auch Ihr! Alle erfaßt es: Ritter, Mädchen, Frauen und Wittwen; Keinen verschont es. Leid und kein Ende! Lebt wohl, Georg. Wir dürfen über einander lachen, wir können einander beklagen, ganz wie es uns paßt. Ein Herz mit sieben Schwertern durchstochen: welch' köstliches Bild! Laßt uns blutrothe Schleifen tragen, statt der grünen und blauen! Gebt mir noch einmal die Hand, und nun Gott befohlen!? Henrika winkte dem Musiker und Beide folgten Belotti die schmale und steile Treppe hinan. Wilhelm blieb in einem kleinen Gemach zurück. An dieses schloß sich ein zweites, in dem ein schöner dreijähriger Knabe mit einer alten Italienerin weilte. In einer dritten Stube, welche wie alle anderen Räume des Meierhauses so niedrig war, daß ein großer Mann kaum aufrecht zu stehen vermochte, lag die Schwester Henrika's in einer breiten Bettstatt, über die sich wie ein flacher Baldachin ein von vier Säulchen getragener Schirm breitete. Kienspäne erleuchteten spärlich den langen und tiefen Raum. Die gelbrothen Strahlen ihrer breiten Flamme erstarben unter dem Baldachin und ließen das Antlitz der Leidenden kaum erkennen. Henrika hatte die Italienerin und das Kind im ersten Zimmer flüchtig begrüßt. In das zweite drang sie mit ungestümer Hast, lief dem Lager zu, warf sich auf die Kniee, schlang die Arme leidenschaftlich um ihre Schwester und bedeckte ihr Antlitz mit heißen Küssen. Sie rief nichts als »Anna«, und die Leidende fand kein anderes Wort als »Henrika«. So vergingen Minuten. Dann sprang das Mädchen auf, ergriff einen der brennenden Späne und leuchtete der Wiedergefundenen in's Antlitz. Wie bleich, wie abgezehrt es aussah! Aber es war immer noch schön, immer noch dasselbe wie früher. Eine wunderbare Mischung von Wonne und Schmerz bemächtigte sich der Seele Henrika's. Was kalt und hart in ihr gewesen, erwärmte sich wieder und schmolz, und der Trost der Thränen, den sie so lange entbehrt hatte, ward ihr in dieser Stunde wieder zu Theil. Nach und nach begann die hohe Flut der Gefühle zu ebben, und der Wirrwarr der zärtlichen Rufe und abgerissenen Worte gewann Ordnung und sonderte sich in Frage und Antwort. Als Anna erfuhr, daß der Musiker ihre Schwester begleitet habe, wünschte sie ihn zu sehen, und da er zu ihr getreten war, streckte sie ihm beide Hände entgegen und rief: »Meister, Meister; wie findet Ihr mich wieder! Sieh, Henrika, das ist der beste Mensch; der einzige uneigennützige Freund, den ich auf Erden gefunden.« Wie waren die folgenden Stunden so schmerzlich bewegt! Belotti und die alte Italienerin übernahmen es oft, für die Leidende zu sprechen, und nach und nach rundete sich vor Henrika und Wilhelm das Bild eines schmählich zerstörten und eines bessern Looses würdigen Lebens. Angst, Sorge und marternde Zweifel hatten von Anfang an Anna's Leben an der Seite des gewissenlosen Abenteurers und Spielers getrübt, dem es gelungen war, ihr junges, unerfahrenes Herz zu verblenden. Einem kurzen Rausch war eine Ernüchterung ohnegleichen gefolgt. Sie hielt das erste Kind an der Brust, als das Unerhörte geschah und Don Luis die Zumuthung an sie stellte, mit ihm in das Haus einer verkommenen Marchesa zu ziehen, in deren übel berufenen Spielsälen er schon seit Monaten die Abende und Nächte verbrachte. Sie hatte seine Forderung entrüstet zurückgewiesen, er aber war kühl und drohend auf seinem Willen bestanden: Da hatte das Hoogstraten'sche Blut sich geltend gemacht, und schnell und ohne Abschied war sie mit ihrem Kinde nach Lugano entflohen. Dort hatte der Knabe bei der alten Zofe ihrer Mutter Aufnahme gefunden, sie aber war nach Rom gezogen, nicht als Abenteurerin, sondern mit einem festen, würdigen Ziel vor Augen. In der neuen Musikschule Palestrina's und Nanini's wollte sie ihre Gaben zur vollen Ausbildung bringen und die Fähigkeit erwerben, ihr Kind unabhängig von seinem Vater und den Ihren, die nicht nach ihr fragten, mit Hülfe ihrer Kunst zu ernähren. Sie wagte viel, aber ihr schwebten ganz bestimmte Hoffnungen vor Augen, denn ein hoher Prälat und Musikfreund, an den sie aus Brüssel empfohlen worden war und der ihre Stimme kannte, hatte ihr das Versprechen ertheilt, ihr nach ihrer Heimkehr den Gesangsunterricht der jungen adeligen Fräulein zu übertragen, welche in einem Kloster zu Mailand erzogen wurden. Dies war seiner Obhut anvertraut, und der würdige Mann trug Sorge, Anna vor ihrer Abreise mit Briefen an seine Freunde in der ewigen Stadt zu versehen. Ihr schneller Aufbruch von Rom war durch die Nachricht veranlaßt worden, daß Don Luis seinen Sohn aufgefunden und entführt habe. Sie konnte ihr Kind nicht lassen, und als sie ihn nicht mehr in Mailand antraf, zog sie ihm nach und fand ihn endlich in Neapel. D'Avila gab ihr dort den Knaben zurück, nachdem sie sich bereit erklärt hatte, die Rente, welche sie immer noch von ihrer Base bezog, auf ihn zu übertragen. Die lange, an Erregungen und Beschwerden überreiche Reise erschöpfte ihre Kraft, und krank und gebrochen kehrte sie nach Mailand zurück. Ihr Gönner war besorgt gewesen, die Gesangsmeisterinstelle für sie offen zu halten, aber sie konnte der Thätigkeit, zu der sie die Leiterin des Klosters freundlich berief, nur kurze Zeit vorstehen, denn ihr Siechthum nahm zu und peinigender Husten verdarb ihre Stimme. Nun wandte sie sich wieder nach Lugano und suchte dort die armen redlichen Freunde durch den Verkauf ihres Schmucks schadlos zu halten, aber bald kam die Zeit, in der die freigebige Künstlerin es sich gefallen lassen mußte, von der Barmherzigkeit einer Dienerin zu leben. Bis vor einem halben Jahre hatte sie nicht eigentlich Noth gelitten, als aber der Mann ihrer Pflegerin starb, erhob sich die bange Sorge um das tägliche Brod, und nun brach die Mutterliebe Anna's Stolz: sie schrieb an ihren Vater als reuige, vom Unglück gebeugte Tochter, aber sie erhielt keine Antwort. Zuletzt hatte die mit ihrem Kinde darbende Kranke das Schwerste auf sich genommen, und den Mann, an welchen sie nur noch mit Abscheu und Verachtung denken konnte, angefleht, seinen Sohn nicht wie das Kind eines Bettlers aufwachsen zu lassen. Der Brief, welcher diesen Nothschrei enthielt, war Don Luis in Holland kurz vor seinem Ende zugekommen. Von ihm sollte ihr keine Hülfe werden. Aber Belotti erschien, und jetzt war sie wieder in der Heimat, an ihrem Lager standen der Freund und die Schwester, und Henrika sprach ihr Muth ein, auf die Vergebung des Vaters zu hoffen. Mitternacht war vorüber und noch immer wartete Georg auf die Rückkehr seines Freundes. Der Lärm und das Geräusch des Lagers begannen zu schweigen und die Laterne, welche den weiten unteren Raum des Meierhauses von Anfang an spärlich beleuchtet hatte, glimmte nur noch düster. Der Deutsche theilte denselben mit Ackergeräth, Pferdegeschirren und mancherlei an den Wänden aufgehäuften Vorräthen an Korn und Gemüse, aber ihm fehlte die Lust, auch nur einen Blick auf seine bunte Umgebung zu werfen. Es gab für ihn nichts Erfreuliches in der Nähe und Ferne. Er fühlte sich gedemüthigt, schuldig, müde des Lebens. Die Achtung vor sich selbst lag im Staube, Liebe und Glück waren verscherzt, vor ihm lag nichts als eine farb- und reizlose Zukunft voller Bitterniß und Seelenqual. Erwünscht, schien ihm nichts als ein rasches Ende. Dazwischen trat ihm das freundliche Bild der Heimat vor das innere Auge, – aber es zerstob, sobald er sich der würdigen Gestalt des Bürgemeisters, seiner eigenen unseligen Schwäche und der Zurückweisung erinnerte, die er erfahren. Heftiger Ingrimm gegen sich selbst erfüllte ihn, und er sehnte sich mit leidenschaftlicher Ungeduld nach Schwertergeklirr und Kanonengebrüll, nach wildem Ringen Mann gegen Mann. Die Zeit verrann, und er merkte es nicht, aber den Ausgehungerten begann marternde Sehnsucht nach Speise zu quälen. Rüben genug lagen dort an der Wand, und er verzehrte eine nach der andern, bis er das lang entbehrte Gefühl der Sättigung empfand. Dann setzte er sich auf einen Backtrog und bedachte, wie er sich zu den Geusen durchschlagen könne. Er kannte weder Weg noch Steg, aber wehe Denen, die sich ihm entgegenstellen würden. Arm und Schwert waren gut, und es lagen Spanier genug in der Nähe, die er beide fühlen lassen konnte. Seine Ungeduld begann sich zu regen, und es wollte ihm wie eine willkommene Zerstreuung erscheinen, als er Schritte näher kommen hörte und eine männliche Gestalt in's Haus trat. Er hatte sich mit dem Schwert zwischen den gekreuzten Armen an die Wand gestellt und rief dem späten Ankömmling ein lautes »Halt« entgegen. Dieser zog sogleich den Degen, und als Georg ihn gebieterisch fragte, was er hier suche, entgegnete er mit knabenhafter Stimme, aber stolz und entschlossen: »Das frage ich Euch! Ich bin hier im Hause meines Vaters.« »So!« gab der Deutsche, welcher nun auch im trüben Schein des Lämpchens die Gestalt des Redenden erkannte, lächelnd zurück. »Steckt das Schwert getrost wieder ein. Wenn Ihr der junge Matenesse van Wibisma seid, habt Ihr nichts von mir zu besorgen.« »Der bin ich. Aber was habt Ihr bei Nacht mit dem Degen im Arm in unserem Eigenthum zu schaffen?« »Ich wärme die Wand zu meinem Vergnügen, oder wenn Ihr die Wahrheit zu hören begehrt, ich halte Wache.« »In unserem Hause?« »Ja, mein Herr Junker. Da oben ist Einer bei Euren Muhmen, der nicht gern von einem Spanier überrascht werden möchte. Geht ruhig hinauf. Ich weiß von dem Rittmeister van Duivenvoorde, ein wie wackerer Bursche Ihr seid.« »Von dem Herrn von Warmond?« fragte Nicolas erregt. »Sagt mir: was führt Euch hieher, und wer seid Ihr?« »Ein Kämpfer für Eure Freiheit, ein Deutscher, Georg von Dornburg.« »O bitte, wartet hier. Ich komme gleich wieder. Wißt Ihr, ob Fräulein van Hoogstraten –« »Da oben,« entgegnete Georg und wies in die Höhe. Nicolas sprang mit einigen Sätzen die Treppe hinan, ließ seine Muhme rufen und theilte ihr eilfertig mit, ihr Vater habe auf der Jagd einen schweren Sturz mit dem Pferde gethan und liege krank darnieder. Er sei zuerst grimmig aufgefahren, als er, Nicolas, von Anna geredet, bald darauf habe er ihn jedoch freiwillig aufgefordert, ihm von ihr zu erzählen, und den Versuch gemacht, das Bett zu verlassen, um ihm zu folgen. Dies sei ihm zwar gelungen, aber vor dem Lager sei er zusammengebrochen. Wenn sein Vater morgen früh komme, so möchte sie ihm sagen, daß er ihn um Vergebung bitte; er sei im Begriff, das zu thun, was er für seine Schuldigkeit halte. Den Fragen Henrika's wich er aus und erkundigte sich auch nur rasch nach Anna's Befinden und dem Leydener, von dem Georg geredet. Als er den Musiker Wilhelm nennen hörte, bat er sie, ihn zu mahnen, bei Zeiten und womöglich in seiner Gesellschaft aufzubrechen. Dann verabschiedete er sich schnell und sprang die Treppe hinunter. Wilhelm folgte ihm bald. Henrika begleitete ihn bis an die Stiege, um Georg noch einmal zu sehen, sowie sie aber seine Stimme vernahm, drehte sie sich trotzig um und kehrte zu ihrer Schwester zurück. Der Musiker fand den Junker von Dornburg mit Nicolas in eifrigem Gespräch. »Nein, nein, mein Junge,« sagte der Deutsche herzlich, »mein Weg kann nicht der Eure sein.« »Ich bin siebenzehn Jahre alt geworden.« »Das ist es nicht, das nicht. Ihr seid mir vorhin brav entgegengetreten und Eure Willenskraft ist die eines Mannes, – aber Euch soll das Leben noch Blüten tragen, will's Gott, recht schöne, – Ihr ziehet hinaus, um für Euch und Euer Land ein würdiges Loos in Freiheit und Wohlsein mit dem Schwert zu erstreiten, – ich aber, ich ... gebt mir die Hand und versprecht mir....« »Die Hand? Da ist sie; aber das Versprechen muß ich Euch weigern. Mit oder ohne Euch: Ich geh' zu den Geusen!« Georg blickte dem kecken Knaben mit Wohlgefallen in's Antlitz und fragte weich: »Lebt Eure Mutter?« »Nein, Herr.« »So kommt. Bei den Geusen finden wir Beide wohl, was wir suchen.« Nicolas schlug in die Hand, welche Georg ihm darbot, Wilhelm aber trat zu dem Junker und sagte: »Das hab' ich von Euch erwartet bei der Jacobikirche und in Quatgelat's Schenke.« »Ihr habt mir zuerst die Augen geöffnet,« rief Nicolas. »Kommt jetzt; wir gehen mitten durch's Lager; sie kennen mich Alle.« Auf der Straße drängte sich der Knabe dicht an Georg und antwortete auf dessen Bemerkung, daß er einen schweren Stand mit seinem Vater bekommen werde: »Das weiß ich, und es thut mir so weh – so weh ... Aber ich kann doch nicht anders. Das Wort ›Verräther‹ lass' ich auf unserem Namen nicht sitzen.« »Euer Vetter Matenesse, der Herr von Rivière, ist auch der guten Sache ergeben.« »Aber mein Vater denkt anders. Er hat den Muth, von den Spaniern Gutes zu hoffen. Von den Spaniern! Ich habe sie kennen gelernt in diesen Monden! Einen tapfern Leydener Burschen, Ihr kanntet ihn wohl bei seinem Spitznamen ›Löwing‹, den er wahrhaftig verdient hat, den nahmen sie im redlichen Kampfe gefangen, und dann – mir graust noch jetzt, wenn ich daran denke, dann haben sie ihn aufgehängt mit dem Kopfe nach unten und ihn zu Tode gemartert. Ich war dabei, und kein Wort von ihren Reden ist mir entgangen. So müßt' es dem ganzen Holland gehen, dem Land und den Leuten, das war's, was sie wünschten. Und Aehnliches gibt es täglich zu hören! Kein Schimpf ist ihnen für uns zu schlecht, und wie die Soldaten, so denkt auch der König. Der Knecht eines Herrn sein, der uns quält und verachtet, das trage ein Anderer! – Meine heilige Religion ist ewig und unzerstörbar. Ob sie gleich vielen unter den Geusen verhaßt ist, mich soll es nicht grämen, – wenn sie die spanischen Ketten nur brechen helfen!« Unter solchen Gesprächen schritten sie durch das Lager der Kastilianer, in dem schon Alles im Schlaf lag. Dann gelangten sie zu dem der deutschen Fähnlein, und hier wurde noch vor manchem Zelte munter gezecht. Am Ende des Lagerplatzes packte ein Marketender mit seinem Weibe den übrig gebliebenen Kram zusammen. Wilhelm war schweigend hinter den beiden Anderen hergegangen, denn sein Herz war tief erregt und Schmerz und Seligkeit stritten darin um den Vorrang. Er war wie berauscht von lauter hohen Gefühlen, aber vor dem Stand des Marketenders hemmte er plötzlich den Fuß und wies mit der Hand auf das Backwerk, welches nach und nach in einer Kiste verschwand. Der Hunger war auch eine ernste, nur zu ernste und gewaltige Macht in der Stadt da drüben, und so war es gar nicht erstaunlich, daß Wilhelm an die Verkäufer herantrat und mit leuchtenden Augen ihren letzten Schinken und so viel Brode kaufte, als sie noch übrig hatten. Nicolas lachte über das Backwerk, welches er unter dem Arm trug, Georg aber sagte: »Ihr habt der Noth noch nicht in's Auge geschaut, Junker. Diese Brode sind Arznei gegen die schrecklichste Krankheit.« Beim Hohenort'schen Thore ließ Georg den Rittmeister von Warmond wecken und stellte ihm Nicolas als künftigen Geusen vor. Der Rittmeister beglückwünschte den Knaben und bot ihm Geld an, um sich in Delft mit allem Nöthigen auszustatten und in den ersten Wochen das Leben zu fristen; Nicolas aber wies das Anerbieten seines reichen Standesgenossen zurück, denn an seinem Gürtel hing ein Beutel voller Goldstücke. Ein Juwelenhändler im Haag hatte sie ihm gestern für den Smaragdring des alten Fräulein van Hoogstraten gezahlt. Nicolas zeigte dem Rittmeister seinen Schatz und rief dann: »Nun vorwärts, Junker von Dornburg. Ich weiß, wo wir sie finden; und Ihr, Herr Rittmeister van Duivenvoorde, Ihr erzählt dem Bürgemeister und Janus Dousa, was aus mir geworden.« Zweiunddreißigstes Kapitel. Henrika's Flucht war eine Woche vergangen und mit ihr eine Reihe von schweren Tagen der Noth. Maria wußte von dem Musiker, daß der junge Matenesse Georg gefolgt sei und daß dieser sich auf dem Wege zu den Geusen befinde. So war es recht! Der sprudelnde Bach gehörte in den wilden, rauschenden, gewaltigen Strom. Sie wünschte ihm Heil und Leben und Freude; – aber wunderbar – seit der Stunde, in der sie seine Lieder zerrissen, war die Erinnerung an ihn so weit zurückgetreten wie in den Tagen vor dem Anzug der Spanier. Ja, nach dem schweren Siege über sich selbst und nach seinem Abschied war mitten unter Sorgen und Noth eine seltene Freudigkeit über die junge Frau gekommen. Sie war hart gegen sich selbst gewesen, und das innere Licht des reinen Diamanten leuchtet erst in rechter Helle, nachdem er die Qual des Schliffes ertragen. Mit frohem Dank empfand sie es nun, daß sie Peter frei in die Augen schauen und ihm Liebe gewähren und Liebe von ihm verlangen durfte. Er schien unter der Last seiner Sorgen sie und ihr Walten kaum zu bemerken, aber sie fühlte doch, daß ihm Manches wohl that, was sie sagte und für ihn leisten konnte. Die junge Frau litt nicht sonderlich unter dem langen Darben, während es Barbara weh that und ihren kräftigen Körper erschlaffte. Sie wollte unter so viel Elend vor dem kalten Herd und den leeren Töpfen manchmal verzagen und achtete es nicht mehr für werth der Mühe, ihre große Haube und die Halskrause zu tollen. Es war jetzt an Maria, ihr Muth zuzusprechen und sie an ihren Sohn, den Geusenkapitän, zu erinnern, der bald mit dem Entsatzheer in Leyden einziehen werde. Am 6. September kehrte die Bürgemeisterin von einem frühen Ausgange heim. Herbstnebel verfinsterten die Luft und der Seewind trieb einen seinen Sprühregen durch die Straßen. Die triefenden Bäume waren längst ihres Blätterschmucks beraubt, aber nicht von Wind und Wetter, sondern von Kindern und Großen, welche die Raupenkost als schätzenswerthes Gemüse in die Küche getragen hatten. Beim Schagensteg bemerkte Maria Adrian und holte ihn ein. Der Knabe schlenderte schlaff seines Weges und zählte laut vor sich hin. Die Bürgemeisterin rief ihn an und fragte, warum er nicht in der Schule sei und was er da treibe. »Ich zähle,« lautete die Antwort. »Nun sind es neun.« »Neun?« »Neun Leichen sind mir bis jetzt begegnet; der Rektor hat uns nach Hause geschickt. Magister Dirks ist gestorben, und wir waren heute nur noch dreizehn. Da bringen sie wieder Einen getragen.« Maria zog das Kopftuch fester zusammen und schritt weiter. Ein hohes, schmales Haus blieb zu ihrer Linken liegen. Darin wohnte ein Schuster, ein fröhlicher Mann, über dessen Hausthür zwei Inschriften zu lesen waren. Die eine lautete: »Hier gibt es Schuhe: Oben rund und unten platt; Passen sie nicht dem David, So passen sie dem Goliath.« und die andere: »Als Israel einst in der Wüste war, Da trug' es seine Schuh' ganze vierzig Jahr'. Wenn's heutigen Tages noch ebenso wär', Gab' kein Mensch seine Jungen zum Schustern her.« Auf dem hinteren First des hohen Hauses stand das Storchennest. Es war leer. So früh pflegten sonst die rothgeschnäbelten Gäste die Reise nach Süden nicht anzutreten, und einige von ihnen waren noch in Leyden und standen wie sinnend auf den Dächern. Wohin mochten die lieben Hausgenossen des Schusters gekommen sein? Gestern Mittag war ihr Wirth, welcher sonst das glückbringende Nest im März mit eigener Hand zu festigen pflegte, auf das Dach geschlichen und hatte erst das Weibchen und dann das heimkehrende Männchen mit der Armbrust niedergeschossen. Das zu thun, war ihm hart genug angekommen, und seine Frau hatte während der üblen That in der Küche geweint, aber wen die Gier des Heißhungers plagt und wer seine Lieben vor Entbehrung sterben sieht, der fragt nicht nach alter Neigung und künftigem Glück, sondern sucht für heute nach Rettung. Die Störche waren zu spät geopfert worden, denn des Schusters Sohn, sein heranwachsender Lehrbursch, hatte in dieser Nacht die Augen auf immer geschlossen. Lautes Klagen scholl Maria aus der geöffneten Thür der Werkstätte entgegen und Adrian sagte: »Der Jakob ist todt und die Mabel liegt auch schon. Heute früh hat der Meister mir nachgeflucht wegen des Vaters. Der sei schuld, wenn Alles zu Grund gehe. Gibt es heute wieder kein Brod, Frau Mutter? Bärbel hat noch Zwieback, und mir ist so schlecht. Ich bringe das ewige Fleisch nicht mehr hinunter.« »Es findet sich heute vielleicht eine Schnitte. Wir müssen das Gebackene zu Rath halten, Kind.« Auf der Flur ihres Hauses fand Maria einen schwarzgekleideten Diener. Er war gekommen, um das Ableben des Kommissars Dietrich van Bronkhorst anzuzeigen. Gestern, am Sonntag Abend, hatte die Pest dem Leben des kräftigen Mannes ein Ziel gesetzt. Maria wußte schon um diesen schweren Verlust, der die gesammte Verantwortung für Alles, was nun geschah, auf ihres Gatten Schultern wälzte. Sie hatte auch erfahren, daß ein Brief des Maëstro del Campo angelangt sei, und daß Valdez in demselben sein Wort als Edelmann verpfände, die Stadt, wenn sie sich der »Gnade« des Königs übergebe, zu schonen, und besonders auch ihrem Gatten, den Herrn van der Does und den anderen Stützen des Widerstandes freien Abzug zu gewähren. Die Spanier sollten zurückgezogen und Leyden nur mit einigen deutschen Fähnlein besetzt werden. Er lud van der Werff und den Herrn von Nordwyk als Vermittler nach Leyderdorp und wollte sie in jedem Falle, auch wenn die Unterhandlungen fehlschlagen würden, ungeschädigt mit sicherem Geleit heimführen lassen. Maria wußte endlich, daß ihr Mann für den heutigen Tag eine große Versammlung des Rathes, der Schöffen und aller Häupter der Stadt, sowie der Hauptleute der Bürgerwehr anberaumt hatte, – aber von alledem war ihr durch Peter selbst nichts zu Ohren gekommen. Sie hatte es von der Frau des Stadtsekretärs und anderen Bürgerinnen erfahren. Eine große Veränderung war in den letzten Tagen mit ihrem Gatten vorgegangen. Bleich und düster ging er hinaus und kehrte er heim. Schweigend und sich selbst in Sorge verzehrend zog er sich im eigenen Hause von den Seinen zurück. Kurz und ungeduldig wies er seine Gattin ab, wenn sie dem Drang ihres Herzens folgte und sich ihm mit ermuthigenden Worten nahte. Die Nacht brachte ihm keinen Schlaf, und er verließ das Lager, bevor der Morgen graute, und ruhelos auf und nieder zu wandeln oder nach Lieschen zu sehen, die ihm nur noch durch ein stummes Lächeln zu zeigen vermochte, daß sie ihn erkenne. Als Maria heimgekehrt war, begab sie sich sogleich zu dem Kinde und fand Doktor Bontius bei ihm. Er schüttelte den Kopf bei ihrem Erscheinen und sagte, bald werde es aus sein mit dem zarten Geschöpfchen. In den ersten Monaten der Noth sei der kleine Magen zu Grunde gerichtet worden; jetzt versage er den Dienst, und auf Rettung zu hoffen sei Thorheit. »Sie muß leben, sie darf nicht sterben!« rief Maria außer sich, und doch so hoffnungsreich wie eine rechte Mutter, welche den Gedanken nicht zu fassen vermag, daß es über sie verhängt sein könne, ihr Kind zu verlieren, auch wenn das kleine Herz schon aufhört zu schlagen und das helle Auge brechen will und sich schließt. »Lieschen, Lieschen, schau' mich an! Lieschen, nimm doch die gute Milch. Nur ein paar Tröpfchen! Lieschen, Lieschen, Du darfst uns nicht sterben!« Peter war unbemerkt in das Zimmer getreten und hatte die letzten Worte gehört. Mit verhaltenem Athem schaute er zu seinem Liebling nieder, seine breiten Schultern bebten, und mit verschleierter, stockender Stimme fragte er den Arzt: »Muß sie sterben?« »Ja, Alter; ich glaub' es! Den Kopf in die Höhe! Dir bleibt noch viel. Dem van Loo sind alle fünf an der Pest gestorben.« Peter schauderte zusammen und ging mit gesenktem Haupte und ohne Maria zu beachten von dannen. Bontius folgte ihm in sein Arbeitszimmer, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Das bischen Dasein wird uns sauer gemacht, Peter. Barbara sagt, sie hätten Dir heut früh einen Leichnam vor die Thür gelegt.« »Ja. Als ich hinaustrat, bot mir das fahle Gesicht den Morgengruß. Es war ein junges Menschenkind. Was der Tod abmäht, das wälzen sie mir auf die Seele. Wohin man sieht – Leichen! Wohin man hört – Flüche! Hab' ich ein Recht über so viele Leben? Im Hellen und Dunkeln nichts als Jammer und Tod vor Augen; – und doch, doch, doch – Herr Gott, bewahr' mich vor Wahnsinn!« Peter griff mit beiden Händen an die Stirn; Bontius aber fand kein Wort des Trostes, sondern rief: »Und ich, und ich? Die Frau und das Kleine im Fieber, Tag und Nacht auf den Beinen, nicht um zu heilen, nur um sterben zu sehen. Was man in saurer Arbeit erlernt hat, wird zum Kinderspott in diesen Tagen, und dennoch athmen die armen Schelme hoffnungsvoll auf, wenn man ihnen den Puls fühlt. Aber es geht so nicht fort, es geht nicht. Vorgestern siebenzig, gestern sechsundachtzig Todte, und darunter zwei von meinen Kollegen.« »Und keine Aussicht auf Besserung?« »Morgen werden aus den neunzig hundert – aus der Eins vor der Hundert wird bald die Zwei und Drei und Vier und Fünf – bis endlich Einer zurückbleibt, für den es keinen Todtengräber mehr gibt!« »Die Pesthäuser sind abgeschlossen, und wir haben noch Rinder und Pferde.« »Aber die Seuche dringt durch die Fugen, und seitdem das letzte Brod und der letzte Malzkuchen vertheilt ist, und der Mensch nichts mehr hat, um zu leben, als Fleisch und wieder Fleisch und nichts Anderes – ein winzig Stück für den ganzen Tag, – häuft sich Krankheit auf Krankheit in Formen, die unerhört sind, von denen kein Buch spricht, gegen die noch kein Mittel entdeckt ward. Dies Schöpfen mit dem Krug ohne Boden wird mir zu viel. Mein Verstand ist nicht fester als Deiner. Auf Wiedersehen morgen.« »Heute, heut! Du kommst in die Versammlung auf's Rathhaus!« »Gewiß nicht! Thut, was Ihr verantworten könnt; ich übe meinen Beruf! Das will jetzt sagen: ich fahre fort, Augen zuzudrücken und Todtenschau zu halten. Geht das so weiter, dann wird es übrigens bald still in der Praxis.« »Alles in Allem: Du würdest an meiner Stelle mit Valdez verhandeln.« »An Deiner Stelle? Ich bin nicht Du; ich bin Arzt, bin Einer, der nichts zu thun hat, als gegen Leid und Tod zu Felde zu ziehen. Du bist, seit Bronkhorst todt ist, die Vorsehung der Stadt. Schaff' ein Stück Brod, so groß wie diese halbe Hand, zu dem Fleisch oder – Ich liebe mein Land und die Freiheit so gut wie ein Anderer, – oder –« »Oder?« »Oder – laß dem Tod seine Ernte; ihr seid keine Aerzte!« Bontius grüßte den Freund und verließ ihn, Peter aber fuhr mit der Hand durch das Haar und starrte zum Fenster hinaus, bis Barbara zu ihm eintrat, seine Amtstracht auf den Stuhl legte und dann mit erkünsteltem Gleichmuth fragte: »Darf ich Adrian von dem letzten Zwieback geben? Das Fleisch widersteht ihm. Er liegt auf dem Bette und krümmt sich.« Peter erbleichte und sagte dumpf: »Gib ihm und rufe den Doktor.« »Maria und Bontius sind schon bei ihm.« Der Bürgemeister wechselte die Kleider, und er that es mit Ingrimm gegen jedes Stück, das er anzog. Diese stolze Tracht war ihm heute so verhaßt wie das Amt, welches ihm das Recht gab, sie zu tragen, und das er bis vor wenigen Wochen mit freudigem Selbstbewußtsein verwaltet. Bevor er das Haus verließ, suchte er Adrian auf. Der Knabe lag in Barbara's Kammer, klagte über heftige Schmerzen und fragte, ob er nun auch sterben müsse. Peter schüttelte das Haupt, Maria aber küßte ihn und rief: »Nein, ganz gewiß nicht!« Des Bürgemeisters Zeit war gemessen. Auf dem Vorsaal hielt seine Gattin ihn auf, er aber eilte, ohne zu hören, was sie ihm nachrief, die Treppe hinunter. Die junge Frau kehrte zu Adrian's Bett zurück. Sie dachte mit Angst an schnell verstorbene Kameraden des lieben Knaben, dessen feuchte Hand in der ihren ruhte, sie dachte an Lieschen, sie suchte im Geiste Peter in der Versammlung auf und hörte seine mächtige Stimme für den Widerstand bis auf das letzte Pfund Fleisch und den letzten Mann streiten; ja sie durfte sich ihm an die Seite stellen, denn sie wußte, worauf es ankam: ausharren, ausharren für die Freiheit, und wenn Gott es so fügte, für sie den Märtyrertod sterben wie Jacoba und Leonhard und Peter's würdiger Vater! – Eine bange Stunde folgte der andern. Als Adrian sich besser zu fühlen begann, ging sie zu Lieschen, die bleich und theilnahmlos dem Tode entgegenzudämmern schien und nur dann und wann die Fingerchen hob, um mit den trockenen Lippen zu spielen. O, der lieblichen hinwelkenden Menschenknospe! Wie fest war sie ihr an's Herz gewachsen, wie so ganz unmöglich erschien es ihr, sie fortzugeben! Mit feuchten Augen lehnte sie die Stirn an ihre festgefalteten Hände, die auf der Kopflehne des kleinen Bettes ruhten, und flehte mit heißer Inbrunst zu Gott, dies Kind zu schonen und es zu erretten! So betete sie nicht einmal, sondern wieder und wieder, aber wenn der halb gebrochene Blick der Kleinen ihrem Auge nicht mehr begegnete und die Hände ihr in den Schooß zurücksanken, mußte sie an Peter denken, die Versammlung, das Schicksal der Stadt und an die Worte: »Leyden erhalten, Holland erhalten. Leyden verloren, Alles verloren!« So vergingen die Stunden, bis dem trüben Tage die Dämmerung und der Dämmerung der Abend gefolgt war. Trautchen brachte das Nachtlicht, und dann ließ sich endlich Peter's Schritt auf der Treppe vernehmen. Er mußte es sein, und doch war er es nicht, denn so langsam, so schleichend stieg er sonst niemals die Stufen hinan. Nun ging die Thür des Arbeitszimmers. Er war es dennoch! Was konnte ihm begegnet sein, was hatten die Bürger beschlossen? Bangen Herzens befahl sie Trautchen, bei dem Kinde zu bleiben; dann ging sie zu ihrem Gatten. In der vollen Amtstracht mit dem Hut auf dem Kopf saß Peter vor dem Schreibtisch. Sein Antlitz lag neben dem Doppelleuchter auf den gekreuzten Armen. Er sah nichts, er hörte nichts, und als sie ihn endlich anrief, fuhr er zusammen, sprang auf und warf den Hut mit Heftigkeit auf die Tafel. Sein Haar war zerwühlt, sein Blick unstät, und im matten Schein der zitternden Flammen erschienen seine Wangen todtenfahl. »Was willst Du?« fragte er kurz und mit rauher Stimme; sie aber blieb ihm eine Zeitlang die Antwort schuldig, denn Angst lähmte ihr die Zunge. Endlich fand sie Worte, und es klang tiefe Besorgniß aus ihrer Frage: »Was hat es gegeben?« »Den Anfang vom Ende,« entgegnete er dumpf. »Sie haben euch überstimmt?« rief die junge Frau. »Der Baersdorp und die anderen Memmen wollen verhandeln?« Da richtete er sich in die Höhe und schrie laut und drohend: »Hüte die Zunge! Wer aushält, bis ihm die Kinder sterben und die Leichen ihm vor dem eigenen Hause den Weg versperren, wer die Verantwortung für tausend Todte, wer Fluch und Verwünschungen lange Wochen getragen und mehr als den dritten Theil eines Jahres vergeblich ans Rettung gehofft hat, – wer, wohin er auch späht, nichts vor Augen sieht als unerhörtes, stetig wachsendes Elend und dann die rettende Hand des Feindes nicht länger zurückstößt ...« »Der ist ein Feigling, der ist ein Verräther, der bricht den heiligen Eid, den er geschworen.« »Maria,« grollte Peter und trat ihr in drohender Haltung näher. Sie erwartete ihn hoch aufgerichtet mit fliegendem Athem und zeigte mit dem Finger auf ihn, während sie mit einem scharfen Tone in der leise bebenden Stimme ausrief: »Du, Du hast mit den Baersdorps gestimmt. Du, Peter van der Werff, Du! Das Haft Du gethan. Du, der Freund des Prinzen, der Hort und die Vorsehung dieser wackeren Stadt, Du, der Mann, der den Bürgern den Eid abgenommen, der Märtyrerssohn, der Diener der Freiheit!« »Nicht weiter!« unterbrach er sie bebend vor Scham und Empörung. »Weißt Du, was es heißt, die Schuld an diesem himmelschreienden Jammer vor Gott und den Menschen zu tragen?« »Ja, ja und zum dritten Mal ja: es heißt sein Herz auf die Folterbank legen, um Holland und die Freiheit zu retten. Das heißt es! Gott, mein Gott! Du hast Dich selber verloren; Du verhandelst mit Valdez!« »Und wenn ich es thäte?« fragte der Bürgemeister und schwenkte zornig und aufbegehrend die Hand. Da schaute sie ihm streng in die Augen und rief laut und entschlossen: »Dann wäre die Reihe an mir, Dir zu sagen: Geh' nach Delft. Geh' nach' Delft: wir brauchen hier andere Männer!« Er erbleichte und schaute zu Boden, während sie ihm furchtlos und mit freiem Blick gegenüberstand. Der Lichtschein fiel voll in ihr glühendes Antlitz, und als er das Auge wieder zu ihr erhob, da war es ihm, als stünde dieselbe Maria wieder vor ihm, welche ihm als Braut geschworen, Noth und Gefahr mit ihm zu theilen und im Kampf für die Freiheit bei ihm auszuharren bis an das Ende, da fühlte er, daß sein »Kind« Maria zu seiner eigenen Höhe heran- und über ihn hinausgewachsen war, da erkannte er zum ersten Mal in dem stolzen Weibe ihm gegenüber die Kampfgenossin, die hochgesinnte Helferin in Noth und Gefahr. Ein Verlangen und Sehnen so übermächtig und stark, wie er es noch niemals empfunden, wallte und brandete in ihm auf und trieb ihn ihr entgegen und brach sich Bahn in den Worten: »Maria, Maria, mein Weib, mein schützender Engel! Wir haben an Valdez geschrieben, aber noch ist es Zeit, noch bindet mich nichts, und mit Dir, mit Dir steh' ich fest bis an's Ende.« Da schrie sie mitten in den Tagen des Leides laut auf in der Ueberfülle des neuen, unerhofften, unaussprechlichen Glücks und stürzte an seine Brust und rief: »Mit Dir, Eins mit Dir – immerdar, bis über das Grab hinaus in Kampf und in Liebe!« Dreiunddreißigstes Kapitel. Peter fühlte sich wie gefeit. Muth und Begeisterung wogten mit neuer Fülle in seiner Brust, denn es ergoß sich in sie ohne Unterlaß die Zuversicht der starken Frauenseele an seiner Seite. Er hatte in der Versammlung unter dem Druck der furchtbaren Verantwortung, welche er trug, und von seinen Amtsgenossen bedrängt, zugestanden, an Valdez zu schreiben und ihn um freies Geleite für Gesandte zu bitten, welche die Staaten und den Prinzen von Oranien ersuchen sollten, die gemarterte Stadt von ihrem Eide zu entbinden. Valdez bot Alles auf, den Bürgemeister zu weiteren Verhandlungen zu bewegen, doch dieser blieb fest und keine Bitte um die Befreiung von der heiligen Pflicht des Widerstandes verließ die Stadt. Die van der Does, der Stadtsekretär, der Junker von Marmond und andere standhafte Männer, welche schon in der großen Versammlung gegen jeden Verkehr mit dem Feinde geeifert hatten, standen ihm jetzt wacker gegen seine Amtsgenossen und den Rath zur Seite, welcher mit Ausnahme von sieben seiner Mitglieder zäh und heftig auf die Anknüpfung von Verhandlungen drang. Adrian genas schnell, aber des Doktor Bontius Voraussagung erfüllte sich schrecklich, denn Hunger und Pest überboten einander in grausamer Wuth und würgten beinahe die Hälfte aller Bewohner der blühenden Stadt. So schwarz war das Dunkel, so finster der Himmel, und doch gab es mitten unter dem grausamen Jammer auch manche Stunde, in der heller Sonnenglanz in die Seelen strahlte und die Hoffnung ihr grünes Panier entfaltete. Froher als eine Braut, die der Gesang ihrer Gespielinnen am Hochzeitstage erweckt, erhoben sich die Leydener Bürger von den Lagern, als sich am Morgen des 11. September aus der Ferne lauter und lang anhaltender Kanonendonner vernehmen ließ und der Himmel sich purpurn färbte. Im Südwesten der Stadt standen Dörfer in Flammen. Jedes Haus, jeder Speicher, der in Asche versank und das Glück redlicher Menschen begrub, war ein Freudenfeuer für die verzweifelnden Bürger. Die Geusen waren im Anzug! Da wo die Geschütze donnerten und der Horizont glühte, lag die Landscheiding, das Bollwerk, welches die Leydener Ebene vor dem Andrang der Wogen jahrhundertelang treulich behütet hatte und nun der Hülfe bringenden Flotte den Weg verlegte. »Falle, du schützende Mauer, erhebe dich, Sturm, verschling' deine Beute, brausende See, vernichte den Wohlstand des Landmanns, verdirb unsere Wiesen und Felder, aber ersäufe den Feind oder treib' ihn von hinnen.« So sang Janus Dousa, so scholl es laut in Peter's Seele, so flehte Maria, so beteten mit ihr Tausende von Männern und Frauen. Aber die Glut am Horizonte erlosch, die Geschütze verstummten. Ein zweiter Tag verging, ein dritter und vierter, und kein Bote erschien, kein Geusenschiff wollte sich zeigen und die See schien zu ruhen; aber eine andere furchtbare Macht wuchs und rührte sich mit heimlicher, schleichender, unwiderstehlicher Kraft: der Tod, mit seinen bleichen Gehülfen Verzweiflung und Hunger. Heimlich in dunkler Nacht trug man die Verstorbenen zu Grabe, um bei der Nahrungsvertheilung ihre schmale Ration für die Ueberlebenden zu retten. Von Haus zu Haus flog der Engel des Todes, und er rührte auch an das Herz des lieblichen Lieschen, und küßte ihr mitten im Schlummer in stiller Nacht die geschlossenen Augen. Die Kleinmüthigen und Spanischgesinnten erhoben das Haupt und rotteten sich zu Schaaren zusammen, deren eine bis in die Rathskammer drang, um Brod zu fordern. Aber keine Krume war mehr vorhanden, und die Obrigkeit hatte nichts mehr zu vertheilen, als ein winziges Stück Kuh- und Pferdefleisch und Rindshaut, gesottene und gesalzene Rindshaut. In dieser Zeit der höchsten Drangsal ging van der Werff die breite Straße hinunter. Er achtete es nicht, daß ihm eine Schaar von verzweifelten Männern und Weibern mit Drohungen folgte; als er aber einbog, um in das van Hout'sche Haus zu treten, sah er sich plötzlich umringt. Ein blasses Weib mit ihrem verröchelnden Kind auf dem Arme stürzte vor ihm nieder, hielt ihm den sterbenden Säugling entgegen und schrie mit tonlosen, hohlen Lauten: »Laß es genug sein, laß es genug sein – sieh' hier, sieh' dies; es ist das dritte. Laß es genug sein!« »Genug, genug! Brod, Brod! Schaff' uns Brod!« schrie und grollte es rings um ihn her und es erhoben sich drohend Waffen und Steine; ein Zimmermann aber, den er kannte, und der bis dahin treu zu der guten Sache gestanden, trat ihm näher und sagte gemessen mit tiefer Stimme: »Es geht nicht länger. Wir haben Hunger und Leid geduldig ertragen gegen den Spanier und für unsere Bibel, aber mit dem sichern Tod zu kämpfen ist Wahnsinn.« Bleich und erschüttert schaute Peter auf die Mutter, das Kind, den wackeren Arbeiter und die drohenden, schreienden Armen. Das eine Elend, welches sie und so viele Darbende beugte, belastete mit tausendfältiger Wucht seine Seele. Ein Mitgefühl ohnegleichen erfaßte sein Herz. Wie Brüder im Leid, wie Genossen eines künftigen, würdigeren Daseins hätte er sie Alle an sein Herz zu ziehen begehrt. In tiefer Bewegung schaute er von dem Einen zum Andern. Dann preßte er die Hände fest auf die Brust und rief in die Menge, die auf ihn eindrang: »Da steh' ich. Ich habe geschworen, treu auszuhalten; und ihr thatet es mit mir. Meinen Eid werd' ich nicht brechen, aber sterben kann ich. Ist euch mit meinem Leben gedient, da steh' ich! Brod hab' ich keines, aber hier, hier ist mein Leib. Nehmt ihn, legt Hand an mich und reißt mich in Stücke. Hier steh' ich, hier steh' ich. Meinen Eid werde ich halten!« Da senkte der Zimmermann das Haupt und sagte dumpf: »Kommt, Leute, wie Gott will; wir haben geschworen!« Gelassen trat der Bürgemeister in das Haus seines Freundes. Frau van Hout hatte dies Alles gesehen und gehört, und noch am nämlichen Tage erzählte sie es Maria, und ihre Augen leuchteten hell, als sie ausrief: »So groß wie ihn in jener Stunde sah ich noch keinen Mann! Wohl uns, daß er in unseren Mauern gebietet. Diese That werden ihm auch Kinder und Enkel nimmer vergessen.« Sie haben sie aufbewahrt im treuen Gedächtniß, und in der Nacht, welche dem Tage folgte, an dem sich der Bürgemeister so männlich bewährte, kam ein Brief des Prinzen voll froher und ermuthigender Kunde. Der edle Mann war genesen und mit aller Kraft bemüht, das brave Leyden zu retten. Die Geusen hatten die Landscheiding durchstochen, ihre Schiffe drangen vor – die Hülfe nahte, und die getreuen Bürger, welche das Schreiben brachten, hatten die Rettung bringende Flotte und die vor Kampflust glühenden Freiheitskämpfer mit eigenen Augen gesehen. Die Herren van der Does wurden in dem gleichen Briefe an Stelle des verstorbenen van Bronkhorst zu Kommissaren des Prinzen ernannt. Van der Werff stand nicht mehr allein, und als am nächsten Morgen des »Vaters Wilhelm« Schreiben verlesen worden war und der Bericht der Boten Verbreitung gewonnen hatte, hob sich wie welkendes Gras nach erfrischendem Regen der Muth und die Zuversicht der gemarterten Bürger. Aber es waren noch schwere Wochen der Angst und des Elends über sie verhängt. In den letzten Septembertagen mußte man die zu Gunsten der Säuglinge und Wöchnerinnen geschonten Milchkühe schlachten, und dann, dann? Hülfe war in der Nähe, denn oft genug röthete sich der Himmel und wurde die Luft von fernem Kanonendonner erschüttert; aber der Ostwind hielt an und trieb das in's Land gedrungene Wasser zurück, und doch bedurften die Schiffe, um sich der Stadt zu nähern, einer mächtig ansteigenden Flut. Keiner von allen Boten, welche ausgesandt worden waren, kehrte wieder; es gab nichts Gewisses, als das grausam zunehmende unerträgliche Elend. Heute hatte sich auch Barbara gelegt und klagte über Schwäche und Ekel vor jeglicher Speise. Da dachte Maria an die gebratene Taube, welche dem verstorbenen Lieschen so wohl bekommen war, und sie begab sich zu dem Musiker, um ihn zu fragen, ob er sich wohl entschließen könne, noch einen von seinen Lieblingen für ihre Schwägerin zu opfern. Wilhelm's Mutter empfing Maria. Sie saß schlaff und müde im Sorgenstuhl. Zwar konnte sie noch gehen, aber es war ihr in all' den Aengsten und unter der schweren Noth ein wunderliches Zittern in die Hände gekommen. Auf Maria's Bitte schüttelte sie den Kopf und sagte: »Fragt ihn selbst. Er muß die Thierchen verschlossen halten, denn wo sie sich sehen lassen, werden sie von den armen Hungerleidern fortgeschossen. Es sind nur noch drei. Die anderen haben die Boten mit hinaus genommen und sie kehren nicht wieder. Gottlob! Denn das bischen Futter, das er noch hat, paßt besser in die Schüssel als in den Kropf. Wollt Ihr's glauben? Vor vierzehn Tagen hat er von seinem Ersparten fünfzig Gulden für einen halben Sack Erbsen gegeben, und Gott weiß, wo er den noch gefunden. Ullrich, Ullrich! führe die Frau Bürgemeisterin zu Wilhelm hinauf. Ich sparte Euch gern das Steigen, aber er wartet auf die ausgesandten Tümmler und kommt nicht einmal zum Essen hinunter. Lieber Gott, es würde auch die Mühe nicht lohnen!« Der Tag war hell und sonnig. Wilhelm stand auf seiner Warte und schaute über die grüne, wasserreiche Fläche, welche unter ihm ausgebreitet lag, nach Süden. Hinter ihm saß des Fechtmeisters Waise Andreas und schrieb Noten, aber es war mit seiner Aufmerksamkeit übel bestellt; denn sobald er eine Zeile vollendet hatte, schaute auch er in die Luft und spähte nach dem Tümmler, dessen Heimkehr sein Meister erwartete. Er sah nicht sonderlich abgefallen aus, denn manches Körnchen Taubenfutter hatte sich heimlich zu seiner schmalen Fleischration gesellt. Wilhelm zeigte sich so überrascht wie geehrt über den Besuch der Frau Bürgemeisterin und versprach auch, ihre Bitte zu gewähren, aber man sah ihm doch an, daß ihm das »Jasagen« nicht leicht ward. Die junge Frau trat mit ihm auf den Altan und er zeigte ihr im Süden, da wo sonst dem Auge nichts als Grün begegnete, eine weite, von zarten Nebeln überhauchte Fläche. Die Nachmittagssonne schien den weißlichen Duft mit Licht zu tränken und mit ihren Strahlen aufzulockern und hoch zu heben. Das war das durch die geöffneten Dämme eingeströmte Wasser, und die schwarzen länglichen Flecke, welche sich am Rande desselben bewegten, mußten spanische Truppen und Viehheerden sein, welche vor der andringenden Flut aus den äußersten Verschanzungen, Dörfern und Weilern zurückgezogen worden waren. Die Landscheiding selbst war nicht sichtbar, aber die Geusen hatten sie schon überschritten. Wenn es der Flotte gelang, den Soetermeer'schen See zu erreichen und von dort aus ... Wilhelm brach plötzlich seine Erklärung ab, denn Andreas war aufgesprungen, hatte den Sessel weggestoßen und schrie: »Sie kommt! Die Taube! Roland, mein Vormann, da kommt sie!« Zum ersten Mal vernahm Wilhelm heute von des Knaben Lippen den Ruf seines Vaters. Es mußte ihn wohl etwas sehr Großes bewegen, und in der That hatte er sich nicht geirrt, denn der die Luft durchschneidende Punkt, welchen sein scharfes Auge wahrgenommen hatte, war schon kein Punkt mehr, sondern ein längliches Etwas – ein Vogel, die Taube! Wilhelm griff nach der auf dem Altan stehenden Fahne und schwang sie so freudig, wie nur je ein Sieger nach der gewonnenen Schlacht das Banner geschwenkt hat. Da kam der Tümmler, – da ließ er sich nieder, da schlüpfte er in den Schlag, und wenige Minuten später erschien der Musiker mit einem Brieflein. »An den Magistrat!« rief Wilhelm. »Ueberbringt ihn gleich Eurem Gatten. O, werthe Frau, werthe Frau, vollendet Ihr, was die Taube begonnen. Gottlob, gottlob; sie sind schon bei der Nord-Aa. Das rettet das arme Volk vor Verzweiflung! Und nun noch Eins! Ihr bekommt den Braten, aber nehmt auch diese Körner; eine Gerstensuppe ist die beste Medizin für Barbara's Zustand, ich hab' es erprobt!« Als es Abend geworden und der Musiker mit den Eltern seine Freude getheilt hatte, befahl er, die blaue Taube mit der weißen Brust zu greifen. »Mach' ihr draußen ein Ende,« bat er, »ich kann's nicht mit ansehen.« Andreas kam bald mit dem geköpften Tümmler zurück. Seine Lippen waren blutig und Wilhelm wußte wovon, aber er schalt den hungrigen Buben nicht, sondern sagte nur: »Pfui, Du Iltis!« Am folgenden Morgen kehrte in aller Frühe eine zweite Taube zurück. Die Briefe, welche die geflügelten Boten gebracht hatten, wurden vom Fenster des Rathhauses verlesen, und der Muth der an den äußersten Rand des Elends gedrängten Bevölkerung flackerte von Neuem auf und half ihr das Schwerste tragen. Der eine der Briefe war an den Magistrat, der andere an Janus Dousa gerichtet, und sie klangen gar zuversichtlich und hoffnungsvoll, und der Prinz, der treue Hort der Freiheit, der Freund und Lenker des Volkes, der Prinz war wieder kräftig und hatte die zum Entsatz von Leyden aufgebotenen Schiffe und Schaaren besucht. Die Rettung war so nahe, aber der Nordostwind wollte sich nicht drehen und das Wasser stieg nicht. Auf der Burg und an anderen erhabenen Stellen standen die Bürger, Soldaten, Rathsherren und Frauen in großer Zahl und schauten in's Weite. Tausend Hände falteten sich zu inbrünstigen Gebeten, und Aller Augen schauten in fieberhafter Erwartung und brennender Sehnsucht nach Süden, aber die Grenzlinie des Wassers regte sich nicht, und wie zum Hohn brach sich die Sonne fröhlich durch die Dünste des Herbstmorgens Bahn, erwärmte freundlich die frische Luft und ging mit glühendem Glanz und weit ausgebreiteten goldenen Strahlengarben am Abend zur Rüste. Das wolkenlose Blau des Himmels wölbte sich ungetrübt und mitleidlos über der Stadt und schmückte sich in der Nacht mit Milliarden von flimmernden Sternen. Am Neunundzwanzigsten in der Frühe ballten die Nebel sich fester zusammen, das Gras blieb trocken, die Dünste stiegen empor, die frische Luft wich lauer Schwüle und das graue Gewölk häufte sich und färbte sich mit finsterem Schwarz. Jetzt erhob sich ein leises Wehen und spielte in den kahlen Zweigen, jetzt schnob ein plötzlicher Windstoß über die Häupter der in die Ferne spähenden Menge hin. Ihm folgte ein zweiter und dritter, und nun brauste und pfiff ohne Pause und Unterbrechung heulender Sturm durch die Stadt, schmetterte Ziegel von den Dächern, bog die Obstbäume in den Gärten und die jungen Ulmen und Linden an mancher Straße, riß die Fähnchen zu Boden, welche die Knaben den Spaniern zum Trotz auf den Wällen befestigt hatten, peitschte das stille Wasser des Stadtgrabens und der ruhig fließenden Grachten und – der Herr verläßt die Seinen nicht – und die Wetterfahnen drehten sich, der Sturm kam von Nordwesten und – Niemand sah es, aber die Schiffer riefen es aus, und Jeder jubelte es ihnen nach und trug es weiter – und die Windsbraut trieb die in der Springflut sich hoch aufbäumende See in die Mündung der Maas und drängte mit wildem Anprall das Wasser des Stroms zurück und über seine Ufer hinaus und jagte es durch die zu seinem Empfang geöffneten Gassen in den Deichen und die weit aufgesperrten Thore der Schleusen und hob mit der Kraft seines sich bäumenden Rückens die Rettung bringenden Schiffe. Brause, du Sturm, ströme, ströme, rauschender Regen, wüthet ihr Wogen und vernichtet die Wiesen, verschlingt die Häuser und Dörfer! Euch grüßen auf den Wällen und Thürmen Leydens Tausend und Tausend. Sie sehen in euch die furchtbare Heerschaar des rächenden rettenden Gottes und jauchzen und jubeln euch zu! Zwei Tage hinter einander stellen sich der Bürgemeister mit Maria und Adrian, den van der Does und van Houts mit kurzen Unterbrechungen mitten unter das Volk auf die Höhe der Burg oder auf den Thurm am Kuhthor, und selbst die nothdürftig genesene Barbara, welche die Hoffnung noch besser erquickt hat, als der Gerstenschleim und das magere Täubchen, läßt sich nicht zu Hause halten und schleppt sich zu dem Musiker auf die Warte, denn Jeder will das andringende Wasser sehen und wie der Boden aufweicht und das Naß zwischen den Grashalmen hervordringt, Lachen, Teiche und endlich eine weite Fläche bildet und unter dem strömenden Regen Blasen schlägt und sich mit leicht bewegten Kreisen bedeckt. Jeder will Zeuge sein, wie die Spanier hierhin und dorthin eilen, wie Schafe, unter die der Wolf gefahren. Jeder will hören, wie die Kanonen der Geusen donnern, will das Geknatter ihrer Hakenbüchsen und Musketen vernehmen, und Frauen und Männern scheint der Sturm, der sie niederzureißen droht, lieblicher zu wehen, als der holdeste Zephyr, und der Platzregen, der sie durchnäßt, will ihnen freundlicher dünken, als sonnenspiegelnder Lenzthau! Hinter der festen Schanze von Lammen, die von einigen hundert spanischen Streitern vertheidigt wurde, und dem Schloß Kronenstein konnte das scharfe Auge die Schiffe der Geusen erkennen. Willhelm hatte am Donnerstag und Freitag vergebens nach einer Taube ausgeschaut, aber am Sonnabend kehrte sein bester Flieger zurück. Sie brachte einen Brief des Admiral Boisot, welcher die bewaffnete Mannschaft der Stadt aufforderte, am Freitag einen Ausfall zu unternehmen und sich auf Lammen zu werfen. Der Sturm hatte die Taube verweht. Sie war zu spät in die Stadt gekommen, aber am Samstag Abend rührten sich Janus Dousa und der Kapitän van der Laen. Was Waffen tragen konnte, wurde auf Sonntag früh aufgeboten. Arme, bleiche, gelichtete Schaaren waren es, an welche der Ruf der Führer erging, aber Keiner wollte fehlen und Jeder war bereit, das Leben für die Rettung der Stadt und die Seinen zu lassen. Der Sturm hatte sich gemäßigt, das Geschützfeuer schwieg, und die Nacht war schwül und finster. Kein Auge mochte sich schließen, und wen der Schlaf auf kurze Zeit übermannte, der ward von seltsamen, geheimnisvollen Geräuschen erschreckt und geängstigt. Wilhelm saß auf seiner Warte und schaute und lauschte nach Süden. Bald sauste ein schwacher Windstoß um das hohe Haus, bald klang ein Ruf, ein Schrei, ein Trompetenstoß durch die nächtige Stille; dann erhob sich ein Krachen und Lärmen in der Nähe des Kuhthors, als hätte ein Erdbeben einen Theil der Stadt in seinen Grundfesten erschüttert und zu Boden gestürzt. Kein Stern war am Himmel sichtbar, aber in der Gegend von Lammen bewegten sich wie Irrlichter in geordneter Reihe glühende Punkte durch das tiefe Dunkel. Es war eine grausige, angstvolle Nacht. In der Frühe des Morgens zeigte es sich, daß ein Theil des Stadtwalles beim Kuhthor eingestürzt war, und dann erhob sich ein Jubel ohnegleichen in der Nähe der nun nicht mehr schädlichen Bresche, und das Freudengezeter pflanzte sich fort durch alle Gassen und Straßen und zog Männer und Frauen, Greise und Kinder, Gesunde und Kranke aus den Häusern, und Einer drängte den Andern an's Kuhthor, und nun sah man die Geusenflotte herannahen und den Stadtzimmermann Thomassohn mit anderen Männern die Pfähle aus dem Wasser reißen, mit denen die Spanier den »Vliet« zu versperren gesucht hatten, und dann legte sich das erste Schiff und ein zweites und drittes an die Mauern, und wilde, bärtige Männer mit narbigen, grimmigen, tief gebräunten Gesichtern, deren Wangen seit Jahrzehnten kein anderes salziges Naß als das Wasser des Meeres berührt hatte, lachten den Bürgern entgegen und warfen ihnen ein Brod nach dem andern und lauter gute, langentbehrte Dinge zu und weinten und schluchzten vor Rührung wie Kinder, während das arme Volk da oben aß und aß und genoß und kein Wort des Dankes zu finden vermochte. Und dann kamen die Führer, und der Admiral Boisot sank den van der Does und van der Werff in die Arme, und der Geusenkapitän van Duijkenburg der alten Barbara, seiner Mutter, und mancher Leydener einem Befreier, den seine Augen zum ersten Mal sahen. Da flossen viele, viele Thränen, da strömten Tausende von Herzen über, und die Sonntagsglocken klangen so viel Heller und reiner als sonst und riefen die Retter und die Geretteten in die Kirche und zum Gebet. Der weite Raum des Gotteshauses war heute zu eng, und als der Prediger Corneliussohn, welcher den wackeren Verstroot vertrat, der in der Sorge für so viele Leidende erkrankt war, die andächtige Gemeinde zum Dank aufforderte, da war sie seiner Mahnung längst zuvorgekommen, denn seit dem ersten Orgelton erfüllte die Tausende, welche die Kirche umschloß, die gleiche heiße Sehnsucht, Dank, Dank, inbrünstigen Dank zu sagen. Auch Pater Damianus dankte dem Herrn in der Kapelle der grauen Schwestern, und mit ihm Nicolas van Wibisma und andere Katholiken, denen das Vaterland und die Freiheit lieb war. Adrian watete nach der Kirche mit einem Stück Brod in der einen und den Schuhen in der andern Hand an der Spitze seiner Schulkameraden durch die höher gelegenen feuchten Wiesen nach Leyderdorp, um das verlassene Lager der Spanier zu sehen. Da stand das stattliche Zelt des Maëstro del Campo Valdez. Ueber der Ruhebank des Feldherrn hing eine Karte des Rheinlands, welche der Niederländer Beeldsnijder zum Schaden seines eigenen Volkes für ihn gezeichnet hatte. Die Buben schauten sie an, und ein Geuse, welcher früher in einer Schreibstube gesessen und jetzt wie ein Seebär aussah, stellte sich vor sie hin und sagte: »Seht her, ihr Buben. Da liegt die Landscheiding. Die haben wir zuerst durchstochen, aber damit war's nicht vorbei. Am grünen Weg gab es argen Aufenthalt, und hier bei dem dritten Damme – sie heißen ihn den Vorweg – gab's Nüsse zu knacken, und von Durchkommen war keine Rede. Nun ging es wieder zurück und in einem großen Bogen über den Segwaert'schen Weg und durch den Kanal hier, in dem es arg zuging, in die Nord-Aa. Nun lag der Soetermeer'sche See hinter uns, aber das Wasser war zu flach und wir konnten nicht weiter. Habt ihr die große Arche von Delft gesehen? Das ist ein mächtiges Fahrzeug, und es wird nicht durch Riemen bewegt, sondern durch Räder, mit denen man das Wasser fortschaufelt. Ihr werdet eure Freude daran haben. Endlich gab der Herr den Sturm und die Springflut. Da bekamen die Schiffe den rechten Tiefgang. Bei der Kerklaen ging es noch einmal heiß her, aber vorgestern hatten wir Lammen erreicht. Es war schon manch' braver Mann hüben und drüben gefallen, aber bei Lammen, dachte ein Jeder, geht es erst recht los. Heute früh wollten wir stürmen, aber als es tagte, war Alles verteufelt still in dem Nest, und es herrschte überhaupt eine nichtswürdige Schwüle. Da dachten wir schon: Leyden ist über; der Hunger hat sie bezwungen. Aber nichts da! Ihr seid ein braver Schlag, und da kam ein Bursche an unser Schiff, so groß wie Einer von euch und sagte, er hätte in der Nacht aus den Bastionen einen langen Zug von Lichtern hervortreten und abziehen sehen. Wir wollten ihm erst nicht glauben, aber der Bub' hatte Recht. Es war den Krebsen zu warm im Wasser geworden, und die Lichter, die der Bursche gesehen hat, sind die Lunten der Spanier gewesen. Seht, Kinder, das da ist Lammen ...« Adrian war mit seinen Genossen dicht an die Karte getreten und hatte nun dem Geusen mit einem lauten Gelächter das Wort abgeschnitten. »Was gibt's da, Krauskopf?« fragte der Geuse. »Seht, seht!« rief der Knabe, »hier hat sich der große Maëstro del Campo verewigt, und da steht auch sein Name. Hört, hört! Der Rektor hängt ihm den Esel um den Hals, denn da steht es: › Castelli parvi! Vale civitas, valete castelli parvi; relicti estis propter aquam et non per vim inimicorum! O, dieses Heupferd! › Castelli parvi! ‹« »Was heißt das?« fragte der Geuse. »Fahre wohl, Leyden, lebt wohl, ihr kleinen Castelli ; ihr werdet verlassen wegen des Wassers und nicht wegen der Macht der Feinde. Parvi Castelli! Das muß ich der Mutter erzählen!« – Am Montag kam Wilhelm von Oranien nach Leyden und stieg im Hause des Herrn von Montfort ab. Das Volk empfing seinen Vater Wilhelm mit Jubel, und der unermüdliche Vorkämpfer für die Freiheit Hollands war mitten in der Lust und Freude, die ihn umringte, thätig für das fernere Wohlergehen der Stadt. Er hat später die treue Ausdauer ihrer Bürger mit einem Siegesdenkmal ohnegleichen belohnt: die hohe Schule von Leyden war's. Sie hat in der geschäftigen Stadt und in dem unter schweren Kämpfen jahrzehntelang blutenden Lande jenen Geist geweckt und lebendig erhalten, dessen hohes Ringen und Streben sein eigener Lohn ist, und der das ewige Gut hoch über dies zeitliche stellt. Der Baum, dessen Keim am Rande des tiefsten Elends mitten unter Kampf und Drangsal gelegt ward, hat der Menschheit die edelsten Früchte getragen und trägt sie noch heute und wird sie, will's Gott, noch Jahrhunderte tragen. Am 26. Juli 1581, sieben Jahre nach der Befreiung Leydens, sagten sich im Haag Holland und Zeeland, deren politische Unabhängigkeit schon seit sechs Jahren fest stand, von Spanien los. Wilhelm von Oranien hatte bis dahin als »Statthalter« des Königs Philipp regiert und auch in seinem Namen gegen ihn Krieg geführt. Selbst die Stiftungsurkunde der Universität, ein Dokument, welches bei allem Ernst, der es diktirt hat, ein unübertroffenes Musterstück des feinsten politischen Spottes genannt zu werden verdient, legte der Oranier dem König Philipp in den Mund, und es klingt ergötzlich genug, wenn man in diesem Schriftstück liest, daß der düstere Finsterling im Eskurial nach reiflicher Ueberlegung mit seinem lieben und treuen Vetter Wilhelm von Oranien beschlossen habe, eine freie Schule und Universität zu stiften, aus lauter Gründen, welche dem Könige verabscheuungswürdig erscheinen mußten. Am 24. Juli war diesem Spiel ein Ende gemacht und Philipp entsetzt worden. Der Prinz hatte die souveräne Würde angenommen. Drei Tage später wurden diese freudigen Ereignisse durch ein schönes Gastmahl im van der Werff'schen Hause gefeiert. Die Fenster des Speisezimmers waren weit geöffnet und die frische Luft der Sommernacht kühlte die Stirne der Gäste, welche sich an der Tafel des Bürgemeisters versammelt hatten. Es waren die besten Freunde des Hauses: Janus Dousa, van Hout, der gelehrte Doktor Grotius aus Delft, welcher zu Maria's Freude als Professor nach Leyden berufen worden war und gerade in diesem Jahre das Rektorat an der neuen Universität bekleidete, der gelehrte Wirth Uquanus, Doktor Bontius, nunmehr Professor der Medizin an der hohen Schule, und Andere. Auch der Musiker Wilhelm hatte sich eingestellt, aber er war nicht mehr allein, denn neben ihm saß seine schöne, zarte Gattin, Anna d'Avila, mit der er jüngst aus Italien heimgekehrt war. Er hieß schon seit Jahren van Duivenbode (Taubenbote), denn die Stadt hatte ihm diesen edlen Namen und ein Wappen, auf dem im silbernen Felde drei blaue Tauben und zwei gekreuzte Schlüssel standen, verehrt. Mit Zustimmung des Prinzen waren auch die von dem alten Fräulein für ihre Verwandten und Diener ausgesetzten Legate anerkannt worden, und Wilhelm bewohnte nun mit seiner Gattin ein schönes, neues Haus, auf dem der Taubenschlag nicht fehlte, und in welchem Maria, obgleich ihr die vier Kinder, welche sie Peter geschenkt hatte, wenig Zeit ließen, an manchem Madrigalgesang theilnahm. Der Musiker mußte Adrian, einem stattlichen jungen Manne, welcher auf der neuen Universität studirt hatte und bald in den Rath aufgenommen werden sollte, mancherlei von Rom und seiner Schwägerin Henrika erzählen. Belotti war mit derselben, nach dem Tode ihres Vaters, welcher Anna noch wiedergesehen und gesegnet hatte, nach Italien gegangen, und sie lebte dort als Oberin eines weltlichen Ordens, in dessen Mitte die Musik mit besonderer Liebe gepflegt ward. Barbara fehlte unter den Gästen. Sie hatte genug in der Küche zu schaffen. Ihre weiße Haube war jetzt mit beinahe übermüthiger Kunst und Sorgfalt getollt, und die sicher zufriedene Art, mit der sie Trautchen und die beiden Nebenmägde regierte, wies darauf hin, daß in Peter's Haus und Geschäft Alles ging wie es gehen sollte. Es lohnte der Mühe, für die Gäste da oben ein Uebriges zu thun! Auch der Junker von Warmond befand sich unter ihnen, und ihm mußte der Ehrenplatz neben dem Rektor und Janus Dousa, dem ersten Kurator der Universität, eingeräumt werden, denn er war ein großer Herr und hochmögender Staatsmann geworden, welcher nur schwer Zeit gefunden hatte, sich mit seinem jungen Mitarbeiter Nicolas van Wibisma vom Haag zu trennen und an dem Feste theilzunehmen. Heiter und lebhaft wie früher trank er dem Meister Aquanus zu und rief: »Auf die alten Zeiten und unsern Freund Georg von Dornburg.« »Von Herzen,« entgegnete der Wirth. »Man hat lange nichts mehr von seinen verwegenen Thaten und Fahrten gehört.« »Natürlich! Der gährende Wein ist nun klar. Dornburg steht wieder in englischen Diensten, und vor vier Wochen bin ich ihm als Mitglied der hohen Admiralität ihrer britischen Majestät in London begegnet. Sein Geschwader ist jetzt auf dem Weg nach Venedig. Er denkt noch immer mit Liebe hieher und läßt Euch auch grüßen, aber Ihr würdet in dem Achtung gebietenden Befehlshaber und ruhig heiteren Mann unsern Liebling von damals nicht wiedererkennen. Wie oft hat ihn der beflügelte Geist weit über uns Andere hinausgetragen, und wie weh konnte Einem das Herz thun, wenn man ihn sein verborgenes Leid schwermüthig verträumen sah.« »Ich habe seinerzeit den Junker in Delft gesehen,« sagte der Rektor Grotius. »Solch' ein beschwingter Geist fliegt leicht zu hoch und kommt dann zu Falle, aber wenn er sich an den Wagen der Arbeit und Pflicht spannt, so bewegt seine Kraft große Lasten und mit heiterer Uebermacht besiegt er das Schwerste.« Adrian war indessen auf den Wink seines Vaters aufgestanden und hatte die Gläser mit dem Besten gefüllt. Das »Hoch«, welches der Bürgemeister ausbrachte, galt dem Prinzen, und Janus Dousa ließ ihm ein zweites auf die Unabhängigkeit und Freiheit des Vaterlandes folgen. Van Hout weihte ein Glas der Erinnerung an die Tage der Noth und die wunderbare Errettung der Stadt. Jedermann that ihm kräftig Bescheid, und nachdem das Hoch verklungen war, sagte Aquanus: »Wer dächte nicht gern an den herrlichen Sonntag am dritten Oktober; – aber wenn ich mich an den Jammer, der ihm vorausging, erinnere, so schnürt sich mir noch heute das Herz zu.« Peter ergriff bei diesen Worten Maria's Hand, drückte sie herzlich und flüsterte ihr zu: »Und doch habe ich damals am schwersten Tag meines Daseins mein Bestes gefunden!« »Und ich!« entgegnete sie, und schaute ihm dankbar in die treuen Augen.