Carl Arnold Kortum Die Jobsiade Erster Theil Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs, dem Candidaten, und wie er sich weiland viel Ruhm erwarb, auch endlich als Nachtwächter zu Schildburg starb. Vorn, hinten und in der Mitten Gezieret mit schönen Holzschnitten, Eine Historia lustig und fein In neumodischen Knittelverselein. Erstes Kapitel Vorrede, und der Autor hebt an, die Mähr von Hieronimus Jobsen seliger zu beschreiben, und er gibt seinem Büchlein den väterlichen Segen. Euch und mir die Zeit zu vertreiben, Geneigte Leser! will ich itzt schreiben, Eine extrafeine Historiam Von Hieronimus Jobs lobesam. Mit welchem sich in seinem Leben Viel gar Wunderbares hat begeben Und welcher sowol in Glück als Gefahr Ein rechter curioser Hieronimus war. Zwaren wäre Vieles von ihm zu sagen, Der Leser möchte aber nicht Alles können tragen, Und Papier und Raum wäre für der Meng' Seiner Abenteuer zu eng. Zwaren weiß ich von ihm viele Data; Ich erzähl' aber nur die vornehmsten Fata, Und was er von seiner Geburt an Merkwürdiges hat gethan. Weil ich nun die preiswürdige Gabe Zu dichten vom Sanct Apoll erhalten habe, So habe, statt daß man sonst in Prosa erzählt, Dafür einen sehr schönen Reim erwählt. Wenn ich aber nach rechtem Maß und Ehle, Gleich nicht Alles, wie's sich ziemt hätte, erzähle, So weiß doch der geneigte Leser schon, Daß man so was nennt Volkston. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen, Drum lieb' ich so sehr die Poesie Und erzähl' Alles in Reimen hie. Man brauchet gar nicht darob zu spotten, Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten, bleiben gewiß noch weit zurück, Hinter den Versen aus meiner Fabrik. Ich habe mich zugleich emsig bemühet, Wie der geneigte Leser mit Augen siehet, Daß das Büchlein, wie sich's gebührt, Mit schönen Figuren würde geziert. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen, Hab' sie also anderswoher oft genommen, Doch passen selbige von ohngefähr, Wie man findet, genau hierher. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemächte, Können jedoch, wie ich fast gedächte, Noch immer, wie jene gut genug, Durch die arge Welt helfen das Buch. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten, So sind die Verse ja auch nicht die reinsten; Und darum ist's ja löblich und gut, Daß eins mit dem andern harmoniren thut. Nun, mein Büchlein, ich will's nicht hindern, Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern; Manches Büchel, nicht besser als du, Eilt ja jährlich den Messen zu! Hiemit will ich förmlich nun legen, Kraft meiner Finger und von Autors wegen, Als dein zärtlicher Vater gar mildiglich, Meinen Segen, liebes Büchlein! auf dich. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren, Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren, Und was etwa noch sonst für Noth Denen gedruckten Büchelchen droht. Du müssest in- und außerhalb Schwaben, Deinem Vaterlande, viele Leser haben; Damit Schrift, Papier und Druckerei Nicht, Gott behüte mich! verloren sei. Allen und jeden, die lesen und bezahlen, Melde meinen Gruß zu tausend Malen, Und jedem hochweisen Herrn Recensent Vermelde insonders mein Compliment. Sag' ihnen, doch demüthig, wie sich's gebühret, S' hätten gepriesen und recensiret Manches geringe Büchel hoch, Viel elender geschrieben als du noch. Zweites Kapitel Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte. Eh' ich weiter gehe, muß ich etwas melden Von den beiden Eltern unsers Helden, Auch noch ein oder anders Wort, Von seinem wahren Geburtsort. Und zwar war es ein Städtlein in Schwaben, Wo seine Eltern gewohnet haben, Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr Erster ehrwürdiger Rathsherr war. Er war reich, hatte Schafe, Kühe und Rinder, Auch außer unserm Helden noch viele Kinder, Sowol von männlich- als weiblichem Geschlecht, Und lebte übrigens schlecht und recht. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel, War aufrichtig im Leben und Wandel, Und sowol im Rathhaus als daheim fromm, Dabei auch ein großer Oekonom. Er war von Religion ein ächter Lutheraner, In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer, Weil er überhaupt weder Kartes, Wolf oder Kant Noch sonst eigentlich Philosophie verstand. Jedoch hatte er ein wenig studiret Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret, Wußte folglich in so weit viel mehr Als sonst gewöhnlich ein hochweiser Rathsherr. Er lieh gern Dürftigen und Elenden, Wenn sie Etwas hatten zu verpfänden, Nahm höchstens zwölf Procent davon Und war sehr dick und klein von Constitution. Aß übrigens und trank nach Appetite Und bei seinem phlegmatischen Geblüte, Rauchte er manche Pfeife Tabak, Und fand am Zeitungslesen Geschmack. Doch oft litte er von überlaufender Galle An einem starken podagrischen Anfalle, Doch hinderte ihn dieses niemals nicht Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht. Die Mutter war von ehrsamen Stande, Die beredsamste Frau im ganzen Schwabenlande, Groß und hager und tugendsam Und so sanftmüthig als ein Lamm. Doch, wie es in den allermeisten Ehen Leider! nicht selten pfleget zu geschehen, Hatte sie im Hause dann und wann, Bei Gelegenheit, die Hosen an. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken, Zuweilen kleine Händel und Gezänken; Im übrigen aber liebte sich Dieses theure Paar gar zärtlich. Sie hatten nun seit etlichen Jahren Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren, Doch geschahe es abermals zur Hand, Daß sich Frau Jobs wieder schwanger befand. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe, daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe: So machte gedachte Frau Jobs alsbald Zur Niederkunft die gehörige Anstalt. Ehe ich aber nun weiter hier dichte, Erzähl' ich erst eine besondere Geschichte, Oder einen Traum dieser Frau vielmehr, Welcher allerdings gehört hieher. Die Erfahrung lässet manches Mal sehen, Daß die Träume gewiß nicht zu verschmähen, Lieber Leser! das glaube mir, Du siehst davon ein Exempel hier. Einst nämlich lag Frau Jobsen im Bette, Und es kam ihr im Traum vor, als hätte Sie ein gewaltiges großes Horn, Statt eines kleinen Kindleins, geborn. Dieses Horn nun tönte und krachte So mächtig, daß sie darob erwachte, Und sie hat, seitdem sie erwacht, Oefters darüber nachgedacht. Eine Frau, welche sie über die Deutung gefraget, Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget: Es zeige deutlich der Traum an, Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann. Und daß seine Stimme sie würde ernähren, Er würde sie als Pfarrer lassen hören; Denn das beweise klärlich und schön Das große Horn mit seinem Getön. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren, Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren, Wenn das Kind zu seinen Jahren wächst. Ich schreite nun wieder zum Text. Die Mutter legte nun Windel und Hemder Zurechte, und am dreißigsten September Wurde dieselbe zur rechten Zeit Durch die Geburt eines Knäbleins erfreut. Welch ein Vergnügen gab dies dem Vater! Himmel! wie freute sich der Senater! Und wie sprang er nicht, als er da Das artige Büblein zur Welt sah. Drittes Kapitel Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam, und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat. Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen, Mit dem jungen Jöbslein in den Wochen, Er selbst lag eingewickelt neben ihr da, Schlief, und wußt' nicht, wie ihm geschah. Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen, Das läßt sich nicht Alles genau lesen; Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil. Täglich war in der Wochenstube Lärmen, Als wenn im Maimonate Bienen schwärmen Und es ging immer sum, sum, sum Ums Wochenbette lustig herum. Es waren jetzt genau drei Tage, Seitdem die Mutter im Wochenbett lage; Als zum Kaffee auf den Nachmittag, Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach. Und zwaren von allen diesen Madamen, Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen, Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus. Der Vater des Jöbschen war ihr Vetter; Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter Und von dergleichen Sachen mehr, Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde? Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde: Ob's mit Appetit den Futterbrei Genösse und fein stille sei? Man that ihm hierauf nach der Reih' die Ehre, Hob es auf, rühmte seine Größe und Schwere, Und bewunderte einmüthig, weit und breit Seine mehr als gemeine Artigkeit. »Meine hochgeehrte Frau Base!« Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase, »Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann, Ich seh's ihm an seinem Gesichte an. Habe neulich ein schönes Buch gelesen, Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen, Welches von der Kunst Physiognomei Handelt, und was davon zu halten sei; Darin stunden schrecklich viele Gesichter, Gelehrte, dumme, fromme Bösewichter, Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt, Auch Köpfe von Thieren, jung und alt. Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen, So glaub' ich daraus zu verstehen, Daß ein solches verkehrtes Gesicht Viel zukünftiges Genie verspricht. Und wollte schier gewiß versichern: Das Kind geht einst um mit Büchern; Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt, Wenn es künftig zu Jahren kümmt. Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen, Daß es einst werde die Kanzel besteigen.« (Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just, Gerade als wenn er es hätte gewußt.) Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte, Sie gehören aber nicht an diesen Orte. Alle Frauen fielen mit großem Geschrei Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei. Nachdem nun die Visite war zu Ende, Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hände, Dankten für alle genossene Ehr' Und gingen hin, wo sie gekommen her. Die Wöchnerin bekam zwar vom Lärm Kopfschmerzen, Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen; Zumal da diese im Rufe stand, Als wäre ihr was von der Magie bekannt. Viertes Kapitel Wie das Kindlein getauft ward, und wie es Hieronimus genannt ward. Als noch einige Tage waren vergangen, Schien das Kind die Taufe zu verlangen, Indem es immer erbärmlich schrie Und seiner Mutter machte viel Müh'. Es half davor weder Brust noch Süppchen Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpüppchen, Sondern es rief in einem fort, Daß Niemand hören konnt' sein eigen Wort. Man machte drum in Senator Jobsen Hause Anstalten zum Kindtaufenschmause Und schleppte der Speisen mancherlei Zum morgenden Tractamente herbei. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen Zum Nachtische bereitet und gebachen, Auch an Wein, und Tabak und Bier War gewiß kein Mangel hier. Gevattern, Freunde und Verwandte, Hebamme, Nachbarn und Bekannte Stellten sich darauf artig und fein, Zur gehörigen Stunde ein. Auch Küster und Pfarrer mit dem Formulare, Wie leicht zu gedenken ist, da ware; Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat Sich zeitig dabei eingefunden hat. Es waren auch sonst noch viele Gäste Auf diesem großen und hohen Feste, Und ich sag es zu Jobsens Ehr': Es ging alles fein ordentlich her. Jedoch that sich ein Disput erheben, Was man dem Kind für einen Namen wollt' geben: Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans, Diez, Jost, Hermann oder Franz. Von diesen sonst schönen Namen allen Wollte keiner allgemein gefallen, Und es würde gewiß noch zuletzt Haben nicht geringe Händel gesetzt. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre, That den Ausspruch, daß es rathsam wäre, Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen, Was am Geburtstag möcht' für ein Name stehen. Es ward also, ohne weiter zu fragen, Vom Küster der Kalender aufgeschlagen, Und man fand darauf ohne Müh' Den Namen des heiligen Hieronimus hie. Solcher kluger Rath hat gleich Allen, Sowohl Gevattern, als Eltern gefallen; und man faßte also in pleno den Schluß, Das Kind sollte heißen Hieronimus. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet, ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet, Und zwar nach dem gewöhnlichen Fuß, Und nun hieß das Kind Hieronimus. Alles Uebrige ging ruhig und schöne, Pfarrer und Küster thaten sich recht bene, Und es wurde fast die halbe Nacht Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht. Fünftes Kapitel Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschäftiget hat. So lang Hieronimüschen in Windeln geblieben, Hat er sich die Zeit damit vertrieben, Daß er schlief, aß, sog oder trank, Oder zuhörte der Mutter Wiegengesang. und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder, Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder; Wurde dabei recht fleißig gewiegt, War aber bei dem allen noch nicht vergnügt. Sondern lärmte schier oft den ganzen Tage Und erhub in der Wiege bittere Klage, Als wenn ihn was Großes hätte gequält, Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt. Einige kluge Leute wollten behaupten, Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten, Daß etwa eine Behexerei (Mit Respect zu melden) im Spiele sei. Drob ward oft der Arzt herbeigeführet Und die Hebamme consuliret, Und manches Rhabarbartränklein Auch wol Mohnsaft gegeben ein. Es war also seiner Mutter fast beschwerlich, Indeß befand er sich dabei gar herrlich, Wuchs, und ward mit jedem Augenblick Fett, groß, mächtig, stark und dick. Vater und Mutter hatten also beide An diesem lieben Kinde viel Freude, Und gaben manchen herzlichen Kuß Ihrem kleinen Hieronimus. Mehr hab' ich von den ersten drei oder vier Jahren Des kleinen Jöbschen nicht können erfahren. Beschließe also dies Kapitel hiemit Und thue zum folgenden den Schritt. Sechstes Kapitel Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er in die Schule ging. Von den andern Kinderjahren unsers Helden Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden, Sintemal die Laufbahn des Lebens sein Bishero gewesen noch eng und klein. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken Eben nichts Sonderliches anzumerken; Jedoch blieb immer, so lang er noch jung, Essen und Trinken seine Hauptbeschäftigung. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben, Spielte lieber mit Mädchen als mit Knaben, Zankte und neckte auch oft beim Spiel Und machte der losen Streiche viel. Auch lernte er ohne sonderliche Mühe Lügen, Fluchen und Schwören frühe, Und hat dadurch in der Nachbarschaft Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne, Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne, Und kaufte für sein bekommenes Geld Die leckersten Sachen von der Welt. Mit seinen Geschwistern konnt' er sich nicht vertragen, Aber sein Vater that ihn nie schlagen, Und seine Mutter, die gute Frau, Nahm auch selten Alles so genau. Auch war er viel größer als andre Kinder, Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder, Und kein einziger war so stark als er, Und wer ihn erzürnte, den nahm er her. Da es ihm nun nicht fehlte an Kräfte, So verrichtete er manche Hausgeschäfte, Holte zuweilen Futter fürs Vieh Und unterzog sich der Oekonomie. Oder er ritte die Pferde in die Tränke, Oder er holte Bier aus der Schenke, Brachte auch manches frische Ei, Aus dem Hühner- und Gänsstall herbei. War auch sonst ein guter dummer Junge, Hatte dabei eine starke kräftige Lunge, Und predigte oft auf der Bank zum Scherz. Dies alles ging seinen Eltern ans Herz. Denn sie sahen mit innigstem Vergnügen Solche Talente im Hieronimus liegen, Und dachten sehr oft in ihrem Sinn, Da stecket gewiß ein Pfarrer in. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte, Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte, Und an ehmals gehabten Traum, Wußte sich für Freude zu lassen kaum. Denn Alles schien sich zusammen zu schicken Und die Sache natürlich auszudrücken; Und wenn sie dieses erwoge, so war Der künftige Pfarrer hier offenbar. Er wurde also und dergestalten Fleißig zur Schule angehalten, Welches doch Hieronimo übel gefiel, Denn er war viel lieber beim Spiel. Und die Bücher waren ihm zuwider, Er warf sie oft auf die Erde nieder, Und bei dem Lumpen A, B, C, D, That ihm immer der Kopf weh. Zwar der Präceptor that sich bemühen Ihn zu allem Guten zu erziehen, Und er und die Ruthe in Compagnie Arbeiteten fleißig an seinem Genie. Dieser Mann hatte vorzügliche Gaben Zu erziehen muthwillige Knaben, Und auf ihre Hosen und Rock Spielte sehr oft sein mächtiger Stock. Nach vielem Bemühen und sauerm Schweiße Gelang's des Mannes herkul'schem Fleiße, Und Hieronimus buchstabirte bald, Als er ohngefähr war zehn Jahr alt. Wie alt er aber eigentlich gewesen, Als er fertig das Deutsche konnte lesen, Das weiß ich eigentlich in der That Nicht so genau und accurat. Da er nun zu größern Jahren gekommen, Ward er aus der Deutschen Schule genommen, Und, um zu lernen das Latein, Geschickt in die Lateinische Schule hinein. Wie es ihm nun daselbst ergangen, Und was er Gutes sonst angefangen, Dieses stell' ich dem Leser hier In dem folgenden Kapitel für. Siebentes Kapitel Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da nicht viel lernte. Hieronimus, um weiter zu studiren, Fing nun an Mensa zu decliniren, Trieb auch sonst jedes nöthige Stück Aus der lateinischen Grammatik. Lernte danebst manche Vocabel auswendig, Indeß ging doch Alles sehr elendig; Denn das verwünschte Lauselatein Wollte nicht in seinen Kopf hinein. Beim Conjugiren und beim Syntaxis, Und bei der lateinischen Praxis Da war vollends der Henker los, Und er bekam manchen Rippenstoß. Denn der Rector, als ein Hypochondriacus, Schonte gar nicht den Hieronimus, Und prügelte oft, als wäre er toll, Dem armen Knaben das Leder voll. Bei dieser peinlichen Lehrmethode Grämte sich der Junge fast zu Tode, Und wünschte oftmals in seinem Sinn Den mürr'schen Rector zum Henker hin. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen Für die Schläge, welche er von ihm genossen, Und der Mann hatte manchen Verdruß Ob dem muthwilligen Hieronimus. Denn seine Papiere und große Perücke Riß er ihm incognito oft in Stücke, Und that auch sonst noch dem braven Mann Alles gebrannte Herzeleid an. Auch brachte er seine Schulkameraden Viel und manchmal in bittern Schaden, Weil er sich mit keinem vertrug Und sie öfters zu Boden schlug. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bücher Waren vor seinem Muthwillen sicher, Und er spielte viel Schabernack, Meistens von bösem Nachgeschmack. Wenn auch einer etwa sich übel betragen, Thät er ihn gleich beim Rector verklagen; Dann ging's über den armen Buben her Und er freuete sich drob sehr. Der Schule übrigens überdrüssig Ging er zu Hause größtentheils müßig, Und so verstrich allmählich die Zeit In unnützlicher Unthätigkeit. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen, Denn das wollte ihm nimmer behagen. Und beim barbarischen Typto, Typteis, Kam Hieronimus über und über in Schweiß. Er dachte also klüglich: das sei ferne, Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne; Und was nun noch das Hebräische betrifft, Dieses floh er vollends als Gift. Er machte also gar wenig Progressen. Außer im Lügen, Schwören, Trinken und Essen, Auch etwa in Erfindung eines Fluchs Ward der Knabe fein stark und wuchs. Achtes Kapitel Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten. Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre Und noch etwas darüber alt ware, Auch wirklich schon eines halben Kopfs Größer war, als der alte Hans Jobs; Fingen die Eltern an nachzusinnen, Was nun ferner mit ihm zu beginnen, Denn es war jetzt die höchste Zeit Und die Sache von äußerster Wichtigkeit. Vor Allen that man den Rector fragen, was derselbe vom Knaben möchte sagen, Und wozu er das meiste Geschick Haben möchte zum künftigen Glück. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln Noch den Eltern mit leeren Hoffnungen schmeicheln, Drum sagte er ihnen gleich rundheraus: »Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus. Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache; Drum ist's am Klügsten gethan, man mache Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm, Oder thu' ihn sonst wo zum Handwerke hin. Ich habe es mannichmal in den Schulstunden Zu meinem höchsten Leidwesen gefunden, daß in ihm nichts Besonders sitzt, Welches einem ehrsamen Publico nützt.« Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen, Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen; Drum hörten sie solche mit Verachtung an, Und hielten den Rector für'n dummen Mann. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen, Und die Sache vernünftiger pro et contra erwogen, Und 's ging in der Versammlung gerade so her, Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wär'. Nämlich, nach etwa drittehalb Stunden Ward ein Mittel zur Vereinigung funden: Man stellte weislich auf'n neuen Termin Die Sache zur nähern Erwägung dahin. Neuntes Kapitel Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath gefraget ward, welche die Kunst Chiromantia verstand. Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden, So führte das Glück von ohngefähr Eine alte Zigeunerin her. Sie war von einem uralten Stamme, Urgalindine war ihr Name, Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland, Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen Deutlich in den Strichen der Hände lesen, Sagte auch manches so deutlich vorher, Als wenn's wirklich schon geschehen wär'. Manches Mädchen hat sie recht sehr erfreuet, Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet, Und den Bräutigam so klärlich genannt, Als hätte sie ihn schon längstens gekannt. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben, Und erfreuete solche oft; Denn die Onkels starben unverhofft. Manchen fast verzweifelten Ehegatten, Welche, leider! böse Weiber hatten, Und den Tod derselben gerne sahn, Kündigte sie nahe Erlösung an. Manchem Stutzer, der kräftig gerochen, Nach Jasmin und Pomade, hat sie versprochen, Trotz aller seiner Lächerlichkeit, Dennoch dummer Schönen Gewogenheit. Ihre Rede wußte sie stets also zu fügen, Daß sie immer gereichten zum Vergnügen; Doch half eine kluge Zweideutigkeit Ihr manchmal aus der Verlegenheit. Jedem verkündigte sie eine besondere gute Märe, Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre, Armen Schluckern einen Haufen Geld, Alten Matronen das Himmelszelt. Sie verstund noch viel mehr andere Künste; Aber ihre große und seltene Verdienste Machten sie nicht von Häschern frei, Denn sie stahl ein wenig nebenbei. Kurz! man fand nirgends ihresgleichen, Endors Hexe hätte ihr müssen weichen, Wenigstens in Lügen und Chiromantie War keine Zigeunerin klüger als sie. Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen, Ist sie zu ihr hinaus gekommen, Und hielte wol an des Hauses Thür Folgende kurze Rede an ihr: »Meine geliebte Frau Urgalinde, Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde, Um ihm zu sagen gutes Glück Von seinem zukünftigen Geschick. Sie werden hoffentlich die Güte haben; Und mir es sagen, was von dem Knaben Hieronimus eigentlich zu machen ist Ohne Trug und arge List.« »Madame«, antwortete sie, »das soll geschehen, Lasse sie mich nur seine Hände sehen; Dann sag' ich als eine aufrichtige Frau Ihm sein künftiges Schicksal genau.« Man ließ also den Hieronimus holen, Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen, Seine rechte Hand zu reichen dar, Welche etwas beschmutzet war. Die Zigeunerin mit forschendem Blicke Erkundete nun alle und jede Stücke, Maß die Flächen und Linien auch, Alles nach Chiromanten Gebrauch. Darauf ward sie einen Augenblick stille, Endlich gleich einer Delphischen Sibylle Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn Und hub folgende Prophezeiung an: »Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe, Nach der Kunst, die ich gründlich verstehe, Dein ganzes künftiges Schicksal. Mein Sohn! Deines Halses gewaltiger Ton Wird manchen frechen Bösewicht schrecken, Manchen schlafenden Sünder wirst du aufwecken, Dermaßen, daß die ganze Stadt An deiner Rede Erbauung hat. Fromme und Böse wirst du bewahren, Sie warnen für Leibes- und Seelen-Gefahren Und über Jung und Alt, Groß und Klein Ein munterer getreuer Hüter sein. Jedermann wird deine weisen Lehren In dieser Stadt dereinst öffentlich hören, Und wenn dann dein geöffneter Mund spricht, So antwortet dir Keiner nicht. Ich darf es für dieses Mal nicht wagen, Dir ein mehrers von deinem Geschicke zu sagen, Es ist auch dieses dermalen genug, Nun gehe hin, mein Sohn, und sei klug.« Hier endigte sich Urgalindinens Rede; Sowol Mutter als Vater waren beede, Ob dem, was itzo geprophezeit, Sehr zufrieden und höchlich erfreut. Denn in ihren Gedanken war er Ganz gewiß ein künftiger Pfarrherr, Wenn anders die Weissagung träfe ein; Denn wie könnte es deutlicher sein? Urgalindine ist drauf weggegangen, Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen. Man saget, als sie linksum gemacht, Habe sie über Eltern und Sohn gelacht. Nunmehr wurde dem Rector zum Possen Sowol vom Herrn Jobs als Frau Jobs beschlossen, Daß der geliebte Hieronimus Werden sollte ein Theologus. Es wird also nach Akademien Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen, Wenn wir vorhero haben gesehn, Was noch bei seinem Abschied geschehn. Zehntes Kapitel Wie Hieronimus von seinen Eltern und Geschwistern Abschied nahm und nach der Universität verreiste. Ehe man den Hieronimus ließ gehen, Wurde er erst im Ueberfluß versehen Mit Kleidern, Wäsche, Büchern und Geld Und was man sonst zum Studiren nöthig hält. Es ward gefolglich auf diese Weise Alles bereitet zur nahen Abreise; Aber beim Abschied ging's bitter und schwer Auf einer und der andern Seite her. Der gute alte Jobs, der dicke Senater, Weinte laut, wie im Mai ein Kater, Und reichte schluchzend den Abschiedskuß Seinem theuern Sohne Hieronimus. Gab ihm auch den väterlichen Segen: »Fahre wohl auf allen deinen Wegen Und studire fleißig, mein Sohn, Damit wir haben Freude davon! Wenn dir etwa künftig etwas fehlet Und vielleicht ein Geldmangel quälet: So schreibe nur immer kühnlich mir; Was du verlangst, das schicke ich dir.« Hieronimus wurde, wie sich's gebühret, Ob des Vaters Rede höchlich gerühret, Und versprach öfters zu schreiben hin, Wenn ihm der Beutel würde dünn. Mit der Mutter ging es noch schlimmer, Sie erhob ein jämmerliches Gewimmer, Und durchdrungen von herbestem Schmerz Drückte sie den lieben Sohn lange ans Herz. Endlich trat sie auf einige Augenblicke Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurücke, Und reichte ihm noch ein Päcklein dar, Worinnen veschiedenes Geld war. Dieser fromme, mütterliche Segen That den Hieronimus inniglich sehr bewegen, und er steckte, unter lautem Gewein, Das erhaltene Päcklein ein. Nun kamen seine Geschwister an die Reihe, Denen er, unter jämmerlichem Geschreie, Allen nach einander die Hand gab Und nunmehr reisete Hieronimus ab. Der lieben Eltern Trauern und Klage Währte noch nachher verschiedene Tage Und dem guten Vater schmeckte schier Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier. Bei der Mutter war die Betrübnis am größten, Und man vermochte fast nicht sie zu trösten, Doch bei den Schwestern und Brüdern war, Wie ich vernommen, weniger Gefahr. Eilftes Kapitel Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war. Hieronimus also nunmehro wegreitet, Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet Bis zu dem nächsten Städtelein, Da steigt er dann i'n Postwagen ein. Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen, So truge derselbe doch großes Verlangen Nach der geliebten Universität, Wo es täglich so lustig ergeht. Kaum hatte er nun Schildburg verlassen Und er sich befand auf der Landstraßen, Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß, Und sich höchlich ergötzte, daß Er nunmehr, als ein freier Studente, Baß sich täglich vergnügen könnte, Und des mürrschen Rectors Prügel und Lehr', Dem Himmel sei Dank! entloffen wär'. Vorzüglich freuete er sich nicht wenig, Und dünkte sich reicher als ein König, Wenn ihm das Geld im Sinne kam, Das er von Hause mitte nahm. Vor Allem vergnügte ihn besonder Das liebe Päcklein, welches er von der Hochbetrübten Frau Mutter empfing, Als es ans bittere Scheiden ging. Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte, Zog er das Päcklein hervor und zählte Das Geld, welches drin enthalten war, Und fand mit innigster Freude baar Mehr als dreißig verschiedene Stücke, Alle von Silber, groß, schwer und dicke, Gulden und Thaler mannichfalt Meistens von Gepräge rar und alt. Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet, Und zum Nothpfennige aufbewahret, Denn sie war eine weidliche Frau Klug und sparsam, oder vielmehr genau. Zuweilen mußte ihm auch imgleichen Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen Zum Zeitvertreib von den Victualien, Womit ihn die Eltern zur Reise versehn. Als nun unter diesen Gedanken und Dingen Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen: So gelangte er endlich sehr müde und matt Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt. Allhie befand sich nun der Postwagen, Der ihn nach der Universität sollte tragen; Selbiger war aber zu dieser Zeit Noch nicht völlig zur Abfahrt bereit. Hieronimus ließ nun vor allen Dingen Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen, Welchem sein Knecht das Futter gab, Und band den schweren Mantelsack ab. Er hat aber auch nicht vergessen, Sich zu erlaben mit Trinken und Essen, Und so ward er bald darauf am Tisch Wieder gestärket, munter und frisch. Es war auch da ein fremder Mann logiret, Mit einer großen Perücke und reich schameriret, Welcher aus fernen Ländern kam, Herr Baron von Hogier war sein Nam'. Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre Und erkundete freundlich, wer er wäre. Hieronimus antwortete drauf behend: »Gnädiger Herr! ich bin ein Student Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe Gleich itzo nach der Akademie Um zu studiren spät und früh Die Wissenschaft der Theologie.« »So! dazu wünsch' ich Ihnen viel Glücke!« Antwortete der Herr mit der großen Perücke; »Aber nehmen Sie sich wol in Acht, Daß Sie nicht werden zu Schaden gebracht! Ich hab' auch hohe Schulen vormals gesehen Weiß wol, wie's da pflegt zu ergehen, Mancher junge Bursche wird da ums Geld, Durch das verwünschte Spielen geprellt. Und viele, anstatt fleißig zu studiren, Lassen sich zu Ausschweifungen verführen, Und verbringen die kostbare Zeit In aller erdenklicher Liederlichkeit. Ich selbst habe öfters in jüngern Jahren Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren, Nehmen Sie also sich fleißig in Acht, Und denken sie dran, ich hab' es gesagt!« Hieronimus versetzte: »Lieber Herre! Ich danke viel für die weise Lehre, Und werde Ihren trefflichen Unterricht In meinem Leben vergessen nicht. Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen, Das Spielen thut mir zwar sehr behagen, Hab' die Ehre zu versichern doch, Wenn ich spiele, spiel' ich nicht hoch.« »Niedrige Spiele laß ich passiren, Denn so kann man eben nicht verlieren, Und man vertreibet sich doch die Zeit Sehr angenehm und mit Artigkeit. Wir, zum Exempel, könnten nun Beide, Blos zum Zeitvertreib und zur Freude, Etwa ein kleines Spielchen auch thun.« Erwidert der Herr mit der Perücke nun. Hieronimus, gleich im Augenblicke, Fand den Vorschlag des Herrn mit der Perücke, Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm, So lange, bis der Postwagen käm'. Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten, Der Wirth brachte alsbald neue Karten Für seine beiden Gäste heran, Und nunmehr fing man zu spielen an. Anfangs ward niedrig pointiret, Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verführet, Fing nun höher zu setzen an, Weil er die ersten Spiele gewann. Nun aber wendete sich das Glücke Zum Herrn von Hogier mit der großen Perücke, Als welchem itzo in jeglichem Spiel Immer die Karte günstiglich fiel. Das Geld, welches Hieronimus zur Reise Bestimmt hatte, ging auf diese Weise Bald hin, und da er noch weiter verlor, Zog er nun auch das Päcklein hervor. Aber das Glück warf stets noch günstige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einem jeglichen neuen Satz Entstand im Päcklein ein leerer Platz. Und in weniger als dreiviertel Stunden War der mütterliche Segen ganz verschwunden, Und der Herr mit der großen Perück' Hatte Alles gewonnen, Stück vor Stück. Denn, daß der Herr mit der großen Perücke Ihn listiger Weise beim Spiele berücke, Das merkte der gute Hieronimus nicht - Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht. Es wäre ihm endlich gar noch eingefallen Auch seinen Mantelsack loszuschnallen, und er hätte auch das drin erhaltene Geld Auch noch auf die unglückliche Karte gestellt. Doch. Zu des Hieronimus größtem Glücke Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perücke, Blies grade itzo der Postillon Und Hieronimus fuhre davon. Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einigem Ungestüm Nahm er nunmehr Ade von ihm. Zwölftes Kapitel Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schöne fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sackuhr stahl. Wie's dem Hieronimus im Postwagen Ferner erging, will ich nun sagen, Denn er kam so noch nicht los, Sondern hatte wieder einigen Anstoß. Er dachte hieselbsten öfters zurücke An den Herrn mit der großen Perücke, Und es fiele ihm itzo erst ein, Er müsse ein Spitzbube gewesen sein. Das mütterliche Päcklein ging ihm sehr zu Herzen Und er konnte dessen Verlust nicht verschmerzen. Seufzte, und wünschte in seinem Sinn Den Herrn mit der Perücke zum Henker hin. Er murmelte sogar unverständliche Töne, Jedoch eine neben ihm sitzende Schöne, Welche er anfangs bemerkte kaum, Riß ihn bald aus dem schwermüthigen Traum. Sie schien alt zu sein etwa zwanzig Jahre, Schön von Gesicht, schwarz von Augen und Haare, Und rosenroth von Wangen und Mund, Dabei auch von schönem Wuchse, und Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen, Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen; Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz Alsbald nach des traurigen Hieronimus Schmerz. Wobei sie denselben freundlich anlachte; Dies Lächeln that gute Wirkung und machte, Daß er, da er dichte neben ihr saß, Seinen Verlust des Päckleins vergaß. Er gerieth auch wirklich fast in Entzücken, Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken So viele treffliche Reize fand, Gefährlich vor sein bischen Verstand. Es hatte noch keine halbe Stunde gewähret, Als er schon die Lieb', in bester Form, ihr erkläret, So bündig, als je ein Held im Roman Die Brunst seiner Schönen erklären kann. Sie schien ihn nicht ungern anzuhören, Und that ihn gar nicht im Vortrage stören, Hieronimus ward also endlich so frei Und rückte näher zu ihr herbei. Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas passiret, Was, laut zu sagen, sich nicht gebühret, Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit In süßer, vertraulicher Zärtlichkeit. Als sie endlich zur Poststation gekommen, Hat sie freundlich von ihm Ade genommen, Wohin sie sich aber nachhero gewandt, Das soll uns künftig werden bekannt. Da indessen nach einigen Stunden, Seitdem die Schöne vom Wagen verschwunden, Hieronimus nach der Sackuhr mal sah, War auch diese verschwunden und nicht mehr da. Dieser abermalige fatale Possen, Hat den guten Hieronimus mächtig verdrossen, Denn er dachte alsbald daran, Daß die Schöne den Diebstahl gethan. Indeß war nun für den guten Knaben Weiter nichts übrig, als Geduld zu haben, Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein Hinfüro etwas vorsichtiger zu sein. Er hat sich dabei feste vorgenommen, Sobald er auf die Universität gekommen, Um Geld und um eine neue Uhr Seinen Eltern zu schreiben nur. Er ist endlich, ohne weitere Unfälle, Angelangt glücklich an Ort und Stelle, Folglich war unser Hieronimus Nunmehro ein Academicus. Dreizehntes Kapitel Wie Hieronimus auf der Universität gar fleißig Theologie studiren thät. Als nun Hieronimus arriviret, Ist er, stante Pede, immatriculiret Und ward also sofort allhie Ein Studiosus der Theologie. Sintemal sich nun auf Universitäten Aus mancherlei Landen, Orten und Städten Viele Studenten finden ein, Junge und alte, groß und klein. Gleichergestalten und imgleichen fanden Sich auch hier solche aus allerlei Landen Und jährlich kamen noch viele herbei, Um zu studiren Mancherlei. Zum Exempel: die Theologiam, Jura, Medicin und Philosophiam, Und was man sonst noch für gute Künste hält; Zum Fortkommen dereinstens in der Welt. Die meisten aber, anstatt zu studiren, Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren Und lebten lustig und guter Ding, Indessen die edle Zeit verging. Hieronimus, dem's Studiren zuwider, Mengte sich bald unter die lustigen Brüder Und betrug sich in kurzer Zeit schon so, Als wäre er längstens gewesen do. Denn so gut als der beste Academicus Lebte er täglich in Floribus, Und es wurde manche liebe Nacht In Sausen und Brausen zugebracht. Wein, Tabak und Bier war sein Leben, Er that dabei die Stimme hoch erheben, Wenn er mit lautem und starkem Klang Das Gaudeamus igitur sang. Als ein wahres Muster fideler Studenten Verfuhr er bei Allen, die ihn kennten, Und lebte immer fein burschikos: Sein drob erhaltener Ruhm war groß. Jene drei verhaßte Geschwister: Häscher, Pedellen und Philister, Hat Hieronimus als ein Held Oeftermalen jämmerlich geprellt. Mehrmals hat er sie periiret, Oder sie sonst lästerlich vexiret, Ansonsten sich noch gezeiget auch, Alles nach Renommistengebrauch. Des Sommers ist er fleißig ausgeritten, 's Winters beim Schnee gefahren auf Schlitten, Und keine Ergötzlichkeit überhaupt Hielte Hieronimus unerlaubt. Mehrmals ist er auch zum Vergnügen Nach den benachbarten Dörfern gestiegen, Allwo er dann meistens auf dem Land Manche gutwillige Schöne fand. Die Fenster hat er oft nächtlich eingeschlagen, Jungen Füchsen angethan viele Plagen, Spielte Würfel, Karten und Billiard Und also nicht sehr gelehrt ward. Im Raufen und Schlagen fand er Vergnügen, Täglich that er in der Schenke liegen, Ging aber auch, alle zwei Monate einmal Zur Abwechslung in den Collegiensaal. Wenn er muthwillige Schulden gemachet, Hat er die Gläubiger ausgelachet. Auch ihnen gespielet manchen Betrug, Sonst auch gemachet der Streiche genug. Kleider und Bücher that er versetzen Und sich dafür mit Schmausen ergötzen, Kurz zu sagen zu seiner Zeit Uebertraf ihn Keiner an Lustigkeit. Zwar mußte er oft ins Carzer gehen, Ist ihm auch sonst noch wol Strafe geschehen, Hätt' auch beinahe einmal zum Lohn, Fast bekommen die Relegation. Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben, Doch waren die Briefe so eingericht't, Daß sie seine Aufführung merkten nicht. Zu unsers Hieronimus großem Lobe Kommt im folgenden Kapitel eine Probe Von dieser curiosen Correspondenz! Beschließe also das itz'ge eilends. Vierzehntes Kapitel Welches die Kopei enthält von einem Briefe, welchen nebst vielen andern der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thät. Sehr geliebteste Eltern! Ich melde, Hiebei, daß es mir fehlet an Gelde, Habet also die Gewogenheit Und schicket mir bald eine Kleinigkeit. Nämlich etwa 20 bis 30 Ducaten, Denn ich weiß mich kaum mehr zu rathen, Weil es alles so knapp geht hier, Drum sendet doch dieses Geld bald mir. Alles ist hier ganz erschrecklich theuer, Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer, Und was sonst etwa vorfällt noch, Drum schicket die 30 Ducaten doch. Kaum begreift ihr die starke Ausgabe, Welche ich auf der Universität habe Für so viele Bücher und Collegia, Ach wären doch die 30 Ducaten schon da! Ich studire täglich recht fleißig. Sendet mir doch nächstens die 30 Ducaten, so bald als möglich ist, her, Denn mein Beutel ist jämmerlich leer. Wäsche, Schuhe, Strümpfe und Kleider, Friseur, Nähterin, Schuster und Schneider, Tinte, Federn, Bleistift, Papier, Kosten viel, schickt die Ducaten mir. Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet, Wird, ich schwör' es euch, gut angewendet. Ich, liebe Eltern! ich behelfe mich Sehr genau und höchst kümmerlich. Wenn andre Studenten saufen und schwärmen, So entziehe ich mich allem wilden Lärmen, Und schließe mich mit den Büchern allein Auf meiner Studierkammer weislich ein. Außer den nöthigen Kosten und Speise Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise Und trink vor'n Durst kaum einmal Thee, Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh. Andre Studenten, die lüderlich prassen, Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen, Und sagen: da geht der Knicker einher, Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon wär. Manchen Verdruß sie drob schon mir machten, Ich thu aber ihre Spötterei verachten, Und was man von meiner Frömmigkeit spricht. Vergeßt doch die 30 Ducaten nicht! Täglich hab' ich mich zehn ganze Stunden In den Collegiis bisher eingefunden, Und wann dann diese Collegia aus, Studir' ich in übrigen Stunden zu Haus. Die Professors sind trefflich mit mir zufrieden, Und rathen fast, mich nicht so zu ermüden In meinen beständigen Studiis Philosophicis und Theologicis. Es möchte sich zwar nicht geziemen Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rühmen, Doch sage und versich'r ich euch frei, Daß ich der Fleißigste von Allen sei. Oft will mir von allen gelehrten Dingen Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen, Und manchmal wird mir gar wunderlich. (A propos! die Ducaten erwarte ich.) Ja, liebe Eltern! ich lese schier beständig Und strap'ziere meine Sinnen sehr elendig, Und meistentheils wird sogar die Nacht Mit tiefem Meditiren zugebracht. Nächstens gedenk' ich auf die Kanzel zu steigen, Und mich einmal im Predigen zu zeigen; Ich disputir' mich auch im Collegium Ueber gelehrte Materien tapfer herum. Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken, Damit ich sie schier baldigst möge erblicken. Ihr bekommt einst dafür in meiner Person Einen hochgelehrten und klugen Sohn. Da ich auch ein Privatissimum gesonnen Zu halten und wirklich schon begonnen, Welches 20 Reichsthaler kosten thut: So erwart' ich auch diese wohlgemuth. Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen, Daß ich jüngst meinen Rock sehr zerrissen, Also füget zu obigen Geldern doch Zwölf Thaler zum neuen Rocke noch. Habe auch neue Stiefel sehr nöthig, Es ist auch kein Schlafrock mehr vorräthig, Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut Auch andre Kleidungsstücke caput. Da ich nun dies alles nicht kann entbehren, Wollt ihr mir noch a part 4 Louisd'or verehren, Welche alsdann zur Nothdurft mein Vielleicht möchten hinreichend sein. Ich bin auch kürzlich todtkrank gewesen, Und kaum mit genauer Noth wieder genesen; Doch versich're ich euch mit Hand und Mund Daß ich itzo sei wieder ziemlich gesund. Der Medicus, welcher mich curiret, Hat dafür 18 Gulden aufgeführet, Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei, Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei. Damit nun Arzt und Apotheker kriegen Das Ihre, werdet ihr gütigst fügen, Diese ein und vierzig Gulden dazu. Seid übrigens wegen meiner Gesundheit in Ruh. Die Aufwärterin, welche mich that laben In der Krankheit, möchte auch wol was haben. Drum sendet noch sieben Gulden dafür Und adressirt's mit dem übrigen an mir. Für Citronen, Geleen und Confituren, Zur Stärkung kranker und schwacher Naturen, Steht auch noch als ein kleiner Rest, Acht Gulden bei dem Conditor fest. Diese bemeldte Posten allzumalen Möchte ich gerne nächstens richtig bezahlen, Denn ich liebe Ordnung und hüte mich Vor allen Schulden sorgfältiglich. Ich traue also zu euern milden Händen, Daß sie mir Alles, nebst den 30 Ducaten senden, Sobald als euch es möglich wird sein. Noch fällt mir eine Kleinigkeit ein: Vor 15 Tagen hatte ich's Ungelücke, Und fiel hoch von der Treppe zurücke, Als ich ging ins Collegium, Und stieß mir den rechten Arm fast krumm. Der Chirurgus verlanget derohalben Zwölf Thaler für Balsam, Pflaster und Salben, Spiritus und sonstige Schmiererei; Drum thut auch diese zwölf Thaler noch bei! Doch, damit ihr euch nicht alteriret, Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret Und geh' mit gesundem Arm und Bein Täglich in das Collegium ein. Nur habe ich einen sehr schwachen Magen, Die Aerzte, die ich consultirt habe, sagen, Das käme vom vielen Sitzen her, Und weil ich so erstaunlich fleißig wär. Sie haben mir dieserhalben angerathen: Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten, Des Morgens zu trinken statt des Thee, Das wäre gut für's Magenweh. Leget also noch bei zwei Pistolen, Um dafür Burgunder und Würze zu holen; Gewiß. Liebe Eltern! ich trinke es nur Blos zur verordneten Magencur. Endlich habe ich noch einige Schulden Von etwa 30 bis 40 Gulden, Schicket mir also auch, ohne Fehl, Liebe Eltern! dies Bagatell. Könnte ich, neben bei, für andere Ausgaben Auch etwa noch ein Dutzend Louisd'or haben, So käme mir dieses recht bequem, Und wäre mir wirklich auch angenehm. Wenn ihr euch übrigens gesund befindet Und nächstens im Briefe mir verkündet, So wird mir dieses erfreulich sein, Schließt aber auch ja das Geld mit ein. Hiemit will ich also mein Schreiben beschließen, Meine Geschwister thu ich freundlich grüßen Und verharre hierauf zum Schluß Euer gehorsamer Sohn Hieronimus. Ich setze noch eilig zum Postscripte: Meine hochgeehrte und sehr geliebte Eltern! ich bitte kindlich, Schicket doch bald das Geld an mich. Denn, lieber Vater! Ich legte 14 französische Kronen Zurück, sie bis zur äußersten Noth zu schonen, Allein zum größten Schmerz und Verdruß Stahl mir solche gestern ein Anonymus. Ich weiß, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten, Den Schaden, den ich unschuldig erlitten, Denn Ihr, als ein hochvernünftiger Mann, Begreift leicht, daß ich solchen nicht tragen kann. Ich werde indeß möglichst dafür sorgen, Daß der Anonymus heute oder morgen Zu eurer Beruhigung und Satisfaction Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn. Funfzehntes Kapitel Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs auf vorgemeldeten Brief. Was hierauf des Vaters Antwort gewesen, Das soll man gleichermaßen nun lesen: Mein herzvielgeliebtester Sohn! Dein Schreiben hab' ich erhalten schon, Und deine Gesundheit und Wohlergehen Mit Vergnügen aus demselbigen ersehen, Jedoch vergnügt es mich eben nicht, Daß dein Brief wieder von Geld spricht. Es sind noch nicht drei Monate vergangen, Da du hundert und fünfzig Thaler empfangen, Fast weiß ich nicht, wo in der Welt Ich hernehmen soll alle das Geld. Ich höre gern auch, daß du studirest Und dich fleißig und ordentlich aufführest, Aber höchst ungern vernehme ich von dir, Daß du 30 Ducaten forderst von mir. Fast, mein Sohn! Sollte ich sagen und glauben, (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben) Daß, wenn man auf der Universität Sparsam ist, nicht so viel nöthig hätt'. Zwaren ist es wol gewiß und sicher, Man hat nicht umsonst Collegia und Bücher. Jedoch bekommt man für solche Summ' Manches Buch und Collegium. Tisch, Stube, Wäsche, Licht und Feuer Kann auch unmöglich sein so theuer, Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier Kaufst du für wenige Groschen g'nug dir. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne, Daß du dich von böser Gesellschaft ferne Hält'st, und auf der Studirstube sitzst Und bei den geliebten Büchern schwitzst; Auch daneben nur Thee thust trinken: Indessen will's mir wahrscheinlich dünken, Daß, wenn man über den Büchern ruht Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut. Wenn dich Andre einen Knicker schelten, So mag dir dieses gleich viel gelten; Doch, wer so viel Geld verschwendet als du, Dem kommt der Name Knicker nicht zu. Weil du übrigens von deinem Fleiße schreibest, So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest, Damit das Geld und die edle Zeit Angewandt werde in Nützlichkeit. Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit häufen, Denn es trifft, leider! mannichmal ein, Daß große Gelehrte meist Narren sein. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen, Drum übe dich fleißig darin vor allem; Aber, bei vieler Disputation Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn! Wozu auch das Privatissimum nützet, Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet, Das begreif' ich um destoweniger wol, Da es 20 Reichsthaler kosten soll. Doch lasse ich's vor allen andern passiren: Denn das Geld, welches du zum Studiren Gebrauchest, gebe ich gerne her, Und wenn's auch noch dreimal so viel wär. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen, So kannst du freilich einen neuen nicht missen; Jedoch das Tuch würde suprafein Für die verlangten zwölf Thaler sein. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren, Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren; Drum wäre ein etwas gröberes Tuch Zum neuen Rocke dir gut genug. Auch für noch sonstige Kleidungsstücke Willst du, daß ich vier Louisd'or schicke, Nämlich für Schlafrock, Pantoffel und Hut, Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut. Wenn ich aber solches allzumalen Posten für Posten sonders soll bezahlen, Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein! Die verlangten dreißig Ducaten sein? Ich habe es mit Mitleiden gelesen, Daß du jüngsthin todtkrank gewesen; Aber du hast nicht wol gethan, Daß du viele Arznei gewendet an. Denn ich habe oft und viel erfahren, Daß, besonders in den jüngeren Jahren, Die sich selbst überlaßne Natur Mehr wirkt, als die beste Mixtur. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien, Sind fast theuer zum Verabscheuen, Und wie mir dünken sollte, so ist Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ. Da auch eine Wärterin, wie ich gelesen, In der Krankheit bei dir ist gewesen; So reichte für diese Aufwärterin, Statt sieben, ein einziger Gulden hin; Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen, Liebesdienste andrer Art dir erwiesen, Denn, lieber Sohn! ich schließe dies Schier aus den sieben Gulden gewiß. Was auch nun den Conditor anlanget, Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget, So wäre gewesen ein Thaler genug, Und du warest gewißlich nicht klug. Denn Citronen, Confituren und Leckereien Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen, Aber ein Hafer- oder Gerstentrank Nutzet weit mehr, wenn man ist krank. Es ist nicht gut, daß du bist gefallen Von der Treppe, drum sorge ja für allen, Daß du hinfüro nicht wieder fällst, Denn die Cur beträget viel Gelds. Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen, Denn für zwölf Thaler, wie ich vernommen, Heilt unser berühmter Stadtbalbier Einen Arm- oder Beinbruch schier. Doch freut's mich, daß dein Arm wieder curiret; Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret, So muß der Arm geschmeidig und fein Beim Klopfen und Gestusmachen sein. Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen Wegen deinem sehr schwachen Magen; Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nütz, Weil ich sehr öfters zu Rathe sitz. Indeß thut Burgunder mit Gewürzen Dich nur unnöthig in Kosten stürzen; Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein, Das soll sehr gut für den Magen sein. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden Haben, zur Bezahlung einiger Schulden; Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer, Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her? Du hast ja schon Alles specificiret Und Posten für Posten zum Höchsten aufgeführet, und vierzig Gulden, bei meiner Seel! Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen Zu andern Ausgaben für dich herbei holen; Es wäre dir vielleicht zwar angenehm, Mir aber kommt's höchst unbequem. Denn mit den verlangten 30 Ducaten Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen, Dieses letztere Dutzend Louisd'or Kommt mir also als Ueberfluß vor. Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen Hättest du mich billig sollen verschonen, Denn, wahrlich! Der Ersatz schmerzet mir Weit mehr, als der angebliche Verlust dir. Daß du übrigens zu meinem Trost willst verlangen, man solle den Dieb sans façon drum aufhangen, Dieses wäre gewiß gar nicht christlich, Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich. Ueberhaupt muß ich dir im Vertrauen sagen: In unsern heutigen aufgeklärten Tagen Ist Gottlob! die heilige Justiz Nicht wie ehemals so scharf und spitz. Und um den Raub solcher Kleinigkeiten Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten, Wenigstens in unserm klugen Schildburg Gehen viel größere Diebe frei und frank durch. Wenn du künftig Gelder willst aufsparen, So rathe ich, solche vorsicht'ger zu bewahren; Denn auf keinem Dinge in der Welt Wird so allgemein speculirt als auf Geld. Ich und deine Mutter verstehn es besser, Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlösser Und geben sowol bei Tag als bei Nacht Darauf sehr sorgfältig und ängstlich Acht. Doch, um deinen Geldmangel zu stillen, Will ich noch einmal dein Verlangen erfüllen, Und ich sende die Gelder mancherlei Im versiegelten leinenen Sacke hiebei. Jedoch muß ich dir hienebst andeuten, Es sind heur gar nahrlose Zeiten, Und es fällt mir wahrlich gar schwer, Alle Gelder zu nehmen woher. Mit dem Handel gibt's nur Kleinigkeiten, Denn es ist kein Geld unter den Leuten, Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab, Drum sind meine Einkünfte so knapp. Ich werde es also sehr gerne sehen, Wenn du von der Universität thust gehen, Zumalen da du, zu dieser Frist, Gewißlich schon ausgelernet bist. Denn wenn du noch länger alda bleibest Und das kostbare Studiren forttreibest, So werde ich noch zum armen Mann Und keine Gelder mehr schaffen kann. Wir werden dich hier mit großem Verlangen Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen, Besonders freut deine Mutter sich Auf deine Zuhausekunft inniglich. Ich möchte dir gern etwas Neues schreiben, Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben; Ich bin indessen früh und spat Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath. Da haben wir, in Pleno, thun dichten, Um verschiedene Aenderungen einzurichten, Damit in der hiesigen Polizei Alles fein sauber und ordentlich sei. Deine Mutter hat an Zähnen viel ausgestanden; Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen Vor einigen Tagen hier kam Und die bösen Zähne wegnahm. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier, Es ist der Procurator Herr Geier, Die Sache ist schon gekommen sehr weit, Und die Gertrud ist schon ziemlich breit. Unser Herr Pfarrer ist immer kränklich, Man hält seinen Zustand für bedenklich, Stürbe einst dieser rechtschaffene Mann, So würd'st du vielleicht unser Pfarrer dann. Unsers reichen Nachbars sein Lieschen Vermeldet dir ein herzliches Grüßchen, Das Mädchen wird wirklich artig und fein Und könnte einst deine Frau Pfarrerin sein. Endlich grüßen dich allesamt wieder Deine sämmtlichen Schwestern und Brüder, Sie freuen sich über dein Wohlergehn Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn. Ich beharre übrigens Dein treuer Vater Hans Jobs, pro tempore Senater. N. S. Dein Schreiben mir zwar gefällt, Aber verschone mich weiter mit Geld. Sechszehntes Kapitel Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimat reisete, und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im gegenwärtigen Kupfer vorgestellt. Sintemal man nicht ewig auf Universitäten Bleiben kann, so war's endlich vonnöthen, Daß nach verflossener drei Jahren Zeit, Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit. Um seiner Eltern Verlangen und Willen, Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfüllen, That er Alles zu dieser Frist, Was zum Abmarsche nöthig ist. Zwar brauchte er nicht viel einzupacken; Denn außer Stiefeln, Degen, Weste und Jacken, Und was man an seinem Leibe sonst sah, War nicht's mindeste Geräthe da. Nach Büchern brauchte man gar nicht zu fragen, Denn diese thaten ihm niemals behagen, Und außer einer einzigen Predigt nur Besaß er nicht die geringste Scriptur. Ein Freund hatte ihm selbige verehret Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret, Damit er doch einmal ohne Beschwer Zu Hause könnt' predigen, wenn's nöthig war. Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen, Wie er sich daheim den Eltern könnt' zeigen, Damit man nicht auf diese Manier Den kahlen Zustand der Sache erführ. Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen, Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen, Daß ihm Alles gestohlen wär Auf seiner Reise gen Hause her. Auch thaten einige Seufzer entstehen; Armer Hieronime! wie wird's dir ergehen, Wenn man dich einmal examinirt? Denn du hast nichts gelernt noch studirt. Zwar hat's ihm herzlich gereut und verdrossen, So daß er fast Thränen darob vergossen, Weil er für alle Kosten und Zeit Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit. Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken, Wünschen, Seufzen, Jammern und Kränken Brachten ihm itzo keinen Gewinn, denn die Zeit war einmal dahin. Um also seine Grillen zu verlieren, Ließ er formaliter invitiren Seine Freunde auf der Universität, Und gab ihnen den Schmaus zum Valet. Hier wurde dann tapfer noch einmal geschmauset, Getrunken, gelärmet und gesauset; Bis endlich der traurige Morgen kam Und Hieronimus Abschied nahm. Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen Und erregte ihm fast herbe Schmerzen, Ja, er hat wirklich laut geweint Und im Arm seiner Freunde gegreint. Eh er aber sein Ade genommen, Ist er vorher zum Professor gekommen, Dieser hat ihm für baares Geld, Ein academisch Zeugniß zugestellt. Es ist zwar nicht gar löblich gewesen, Doch Hieronimus, ohne es zu lesen (Denn es war gesetzt in Griechisch und Latein) Steckte es in den Schubsack hinein. Ich lasse ihn also nach Hause reisen, Und vorher will ich noch dem Leser weisen im oben stehenden Kupferblatt, Wie's um seine Gelehrsamkeit gestanden hat. Siebzehntes Kapitel Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder angelanget ist. Als einst nach eingenommener Mittagsspeise Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise) Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl saß Und die politische Zeitung las; Indeß Frau Jobs einiger Sachen wegen In der Küche ein kleines Lärmen that erregen, Auch sonst einige Ordnung gemacht Und keine Seel an was Böses gedacht; Kam ein stolzer Reiter mit starken Schritten Auf der Straße eilig daher geritten, Und gleich hörten sie, Knall und Fall Vor der Hausthür einen Karbatschenschall. Ob diesem fast fürchterlichen Knallen Ließ Jobs die Zeitung aus der Hand fallen, Und die Pfeife selbst war in Gefahr; Frau Jobs aber verstummte gar. Aber aus diesem panischen Schrecken That sie der Reiter bald aufwecken; Weil er, in völligem Reisestaat, Zu ihnen in die Stube trat. Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen, Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen, Bis endlich der gute Vater da In ihm seinen lieben Hieronimus sah. Es fehlt mir schier an allen nöthigen Dingen, Die gewaltig große Freude zu besingen, Welche der fromme Senator empfand, Fast entging ihm aller Verstand. Auch die Mutter konnte sich nicht fassen, Noch vor Freude Händ' und Füße lassen, Als sie eben itzt und nunmehr Sah, daß es Hieronimus wär. Fast hätten im Uebermaß der Freude Klare Thränen geweinet alle beide, Und das Willkomm! Und dem Himmel sei Dank! Und so weiter, währete lang. Es waren auch darauf nicht minder Des Senators Jobsens übrige Kinder Alle zusammen bei der Hand, Und kein einziges hat ihn gekannt. Es war recht spaßhaft anzusehen, Wie sich die Kinder thaten begehen: Eins hielt ihn für'n großen Herrn, Welcher gekommen wär von fern; Das andere hielt ihn, wegen dem Degen Und der übrigen gefährlichen Kleidung wegen, Für einen, der Kinder im Sack steckt, Besonders wurden die jüngsten erschreckt. Aber sehr lustig ging es mit Esther, Unsers Hieronimus jüngster Schwester, Denn sie hielt ihn noch lange hernach Für'n fremden Onkel von Gengenbach. In den drei Jahren, die er dort verschlendert, Hatte sich seine Person sehr verändert, Und er war dick geworden am Bauch, Sein Bart ziemlich gewachsen auch. Es war also eben kein Wunder zu nennen, Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen, Besonders, da sein Studentenhabit Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth. Ein sehr großer Hut mit einer Feder, Hosen und Weste von gelbem Bocksleder, Ein kurzes Collet von grauem Tuch Verstellte den Hieronimus genug. Dabei kam ein mächtig großer Degen, Welcher, der mehreren Sicherheit wegen, Sowol zum Stich, als Hiebe im Streit Eingerichtet war spitz und breit. Imgleichen die martialische Miene, Welche Tod und Wunden zu drohen schiene; Die Haare hingen struppicht am Kopf Und den Nacken drückte ein dicker Zopf. Diese und mehr seltsame Kleidungsstücke Zogen bald auf sich des Vaters Blicke, Denn ein sittsames schwarzes Kleid Hätte den Alten weit mehr erfreut. Auch wollte des Hieronimus übriges Betragen Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen, Weil bei dem Hieronimus fort und fort Flüche erfolgten auf jedes Wort. Er gab ihm also deutlich zu verstehen, Daß er nun anders sich möchte begehen, Denn ein junger Theologus Müsse leben nach geistlichem Fuß. Als er kurz darauf nach dem Koffer gefraget, Hat Hieronimus alsobald gesaget Und dabei kräftig geschworen: daß er Vom Postwagen jüngst ihm gestohlen wär'. Diese Nachricht, daß er den Koffer verloren, Klang unangenehm in des Vaters Ohren Und er fing zu knurren drob an, Hätte es nicht die Mutter gethan. Denn sie hielte den Alten zurücke, Sprach, das ist ja ein Ungelücke, Woran unser lieber Sohn nicht schuld; Er ergabe sich also in Geduld. Indessen verbreitete auch das Gerüchte, Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte Ueberall in dem Städtelein aus Und wälzete sich von Haus zu Haus. Der ganzen Bürgerschaft schien dran gelegen, Und überall that sich Verwunderung erregen, Und wo ein Mensch nur den andern sah, So hieß es: Hieronimus ist wieder da. Es wurde übrigens angenehm und freudig In Senator Jobsens Hause allerseitig Der Rest des übrigen Tages verbracht Und weiter nicht an den Koffer gedacht. Hieronimus labte sich an Trank und Speise Weidlich, denn er war matt von der Reise, Rauchte dabei auch ohne Beschwer Des Vaters großen Tabaksbeutel leer. Achtzehntes Kapitel Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes Kleid und eine Perücke bekam, und wie er auf der Kanzel zum ersten Mal predigte, u. s. w. Als nun der andere Morgen vorhanden Und alles im Hause war aufgestanden Und beim Frühstück und Kaffeetisch Jeder sich befande munter und frisch, Hub der Vater an zu discuriren: Mein lieber Sohn! es will sich gebühren, Daß deine bisherige Kleiderei Anders in Zukunft beschaffen sei. Vorab musst du den schrecklichen Degen Von deiner Seite, von nun an, legen, Weil ein Geistlicher niemals nicht Anders als mit der Bibel ficht; Auch das graue Collet und die lederne Weste Nebst Hosen, Stiefeln und dem übrigen Reste; Wie auch den mächtigen Federhut; Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut. Denn wenn jemand diesen Anzug sähe, Möchte er billig denken: o wehe, Das könnte eher ein Kürassier Sein, als ein künftiger Pfarrer hier! Wisse auch, daß eine runde Perücke Auf dem geistlichen Kopf sich besser schicke; Denn diese lässet ehrwürdig und wohl Ein struppichtes Haar und Zopf läßt toll. Ich habe also mir vorgenommen, Um zu lassen den Schneider kommen, Damit dir dieser ein schwarzes Kleid Und einen Mantel noch mache heut. Auch ist der Perückenmacher bestellet, Damit er, wenn es dir gefället, Zu deines Kopfes künftiger Zier Eine Perücke bringe dir. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben; Es ist aber auch nöthig daneben, Daß du hinfüro nicht mehr so fluchst, Sondern auch geistlich zu leben suchst. Hieronimus hörte zwar etwas spröde Seines alten Vaters vernünftige Rede, Doch ließ er sich endlich ebenfalls Alles gefallen und bereden all's. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen, im schwarzen Kleide und Perücke prangen, Es war auch ein weißes Krägelein da, Gemacht von der Mutter manu propria. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu'n Füßen, That er nun den Eltern kund und zu wissen, Daß er, zu predigen in dieser Livrei, Am künftigen Sonntag gesonnen sei. Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt, und am folgenden Sonntag gepredigt, Und ohne einen sonderlichen Anstoß Ward er glücklich der Predigt los. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehöret, Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret, Diese kam ihm vortrefflich zur Hand, Weil er sie ganz auswendig verstand. Sie war gar vortrefflich componiret, Mit vielen erbaulichen Sprüchen gezieret, Und so voll vom gelehrten Tand, Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand. Auch sein äußerer Anstand war prächtig, Seine Arme und Hände bewegte er mächtig, Und der Stimme starker Tenor Drang den Zuhörern stattlich ins Ohr. Es wurde übrigens von vielen hundert Zuhörern seine Predigt bewundert, Viele stießen die Köpfe an Und sagten: »das gibt ein ganzer Mann! Wer Henker hätte das denken sollen, Daß so was einst hätte werden wollen Aus des Jobsen dummen Hieronimus? Er erregt ja Verwundernuß!« Auch waren alle Verwandten gegenwärtig, Gafften Hieronimus an, der so fertig, Als hätte er längst gestanden im Amt, Sie erbauen konnte allesammt. Aber, ich vermag nicht das Entzücken Der beiden guten Eltern auszudrücken, Denn sie hielten nun beiderseits Ihn für den größten Redner bereits. Als nun der Gottesdienst verrichtet, Ward ein groß Freudenmahl angerichtet, Und in Senator Jobsens Haus Kamen alle Verwandten zum Schmaus. Da hat man, während dem Mittagessen, Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen, Und man trank öfters zu dieser Zeit Aus großen Gläsern seine Gesundheit. Es ward auch zu denselbigen Stunden Von der ganzen Versammlung für gut befunden, Daß bei obwaltenden Umständen nunmehr, Zu des Hieronimus größerer Ehr, Er es nächstens müsse wagen Und sich zum Candidaten lassen schlagen, Damit er in optima Forma hie Werde Candidatus Ministerii. Zwar wäre es dieserhalb wol vonnöthen Vorerst vors Examen hinzutreten, Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit Hätte dieses keine Schwierigkeit. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwächlich Wäre, so könnte Hieronimus gemächlich Und ohne allen Zank und Geschrei Antreten die erledigte Pfarrei; Wenn es nämlich bald glücklich gelünge, Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge, Denn seine kränkliche Constitution Ließe dieses fest hoffen schon. Hieronimus vermochte so vielen Gründen und Flehen Nunmehro nicht länger zu widerstehen, Er gab also, obgleich ängstlich genung, Dazu seine Einwilligung. Er leerete übrigens zwar mit Vergnügen Manches großes Glas in starken Zügen, Doch wenn er ans künft'ge Examen gedacht, So hat ihm dieses ein Grausen gemacht. Endlich suchte er seine traurigen Grillen Durch einen tüchtigen Rausch zu stillen, Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs Bezeigte, durch ernsthaftes Schütteln des Kopfs. Neunzehntes Kapitel Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging. Indeß ist es bei dem Entschlusse geblieben, Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben Die ganze hochehrwürdige Klerisei Zu Hieronimus Examen herbei. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre, Des nahen Examens zu Muthe ware, Und sein gemachtes ängstliches Gesicht, Dies alles begreift der Leser nicht. Es wäre also solches zu schildern vergebens. Die fürchterlichste Stunde seines Lebens, Nahte nunmehro endlich herzu; Ach! du armer Hieronimus, du! Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen Der geistlichen Herrn, welche zum Examen Aus jeder Gegend der Schwäbischen Welt Am bestimmten Tage sich eingestellt. Der erste war der Herr Inspector, In der Lehre stark wie ein andrer Hector, Ein stattlicher dickgebauchter Mann; man sah ihm gleich den Inspector an. Seine Verdienste schafften ihm diese Würde; Er trug übrigens seines Amtes Bürde Geduldig und mit gar frohem Muth Und aß und trank täglich gut. Nach ihm kam der geistliche Assesser, Ein Mann von Person zwar etwas größer, Doch an Körper und Waden dünn Und von etwas mürrischem Sinn. Er triebe nebst der geistlichen Sache Verschiedene Stücke aus dem Ökonomischen Fache Und trank nur Bier und schlechten Wein, Denn seine Einkünfte waren klein. Auch Herr Krager, ein Mann von hohen Jahren, In den Kirchenvätern sehr wohl erfahren, Die er, so oft die Gelegenheit kam Seinen Satz zu erweisen, hernahm. Auch Herr Krisch, ein Mann von guten Sitten, Ungemein stark in Postillen beritten; Wobei er sich so gut und noch besser befand Als der beste Pfarrer im Schwabenland. Auch Herr Beff, ein weidlicher Linguiste, Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe, Im Vortrag ein ewiges Einerlei, Doch niemals gegen Orthodoxei. Auch Herr Schrei, stark in der Rede, Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blöde, Lebte übrigens munter und frisch Mit seiner Köchin exemplarisch. Auch Herr Plotz, ein Mann wie ein Engel, Er hatte zwar in der Jugend viele Mängel, Nachdem er aber sein Amt trat an, Ward er ein gar frommer Mann. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine Von allen Lastern und bösem Wesen reine, Und strafte zur Zeit und zur Unzeit Alle und jede, doch nach Gelegenheit. Auch Herr Keffer, nie müde in Lehr' und Strafen Er nahm sich treulich an seiner Schafen, Doch fande sich in der Heerde sein Mancher hartnäckige Bock mit ein. Oft war er, um sie zurechte zu führen, Er deshalb genöthiget zu processiren, Denn er verstand die Jura, in der That, So gut als der beste Advocat. Außer diesen obengenannten kamen Noch mehr geistliche Herren zum Examen, Die ich nicht alle Mann für Mann Sogar genau mehr nennen kann. Als nun die ganze geistliche Schaare Der hochehrwürdigen Herren beisammen ware, So setzten, praemissis praemittendis, Sich alle um einen großen Tisch. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen Vor die sämmliche Gesellschaft der weißen Kragen Und scharrete ihnen demüthig den Gruß, O weh dir! o weh dir! Hieronimus! Zuvorderst erkundigten die Examinatores Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores Und fragten ihn bald, ob er auch hätt' Ein Zeugniß von der Universität? Hieronimus, ohne sonderliche Umstände, Gab das Attest in des Inspectors Hände, Welcher dasselbe alsbald luß; O weh dir! o weh dir! Hieronimus! Es war zwar, wie oben schon angeführet, In Latein und Griechisch concipiret, Folglich zu lesen ein schweres Stück; Doch verstand zu allem Ungelück Der Inspector etwas von den Sprachen, Um hier die nöthigste Dollmetschung zu machen; Denn für jeden andern geistlichen Herr War die Uebersetzung zu schwer. Damit nun hier nichts möge fehlen, Will ich dem geneigten Leser erzählen, Was eigentlich in dem Attestat Von Wort zu Wort gestanden hat. zuerst Name und Titel vom Professer Und in drei Buchstaben etwas größer Wünschte er, durch L. B. S. dem Lectori Benevolo Salutem! Sintemal und immaßen drei Jahre Und einige Wochen hieselbst ware Herr Hieronimus Jobsius Als Theologiä Studiosus; Derselbe aber abzureisen nunmehro Ernstlich ist gesonnen, und dero- halben um ein schriftlich Attestat Mich geziemendermaßen bat: So habe ich nicht unterlassen können, Ihme solches schriftliches Zeugnis zu gönnen: Daß derselbe alle viertel Jahr Bei mir einmal im Collegio war. Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen, Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen, Dann in diesem schriftlichen Bericht behaupte und zeuge ich solches nicht. Und von seinem sonstigen Betragen Wäre zwar nicht viel Gutes zu sagen, Allein die christliche Liebe will, Daß ich davon schweige still. Uebrigens wünsch' ich ihm auf alle Weise Hiedurch eine glückliche Abreise, Und der gütige Himmel leite ihn Künftig zu allem Guten hin! Was man für große Augen gemachet, Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet, Als man den Inhalt fand dergestalt, Ein solches begreifet der Leser alsbald. Indeß ist es für diesmal geschehen, Daß man die Sache hat übersehen, Und man redete von dem Attest Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'. Denn die Herren dachten weislich zurücke, Daß sie auch wol viele lustige Stücke Auf Academien getrieben vor dem; Man schritte also weiter ad rem. Der Herr Inspector machte den Anfang, Hustete viermal mit starkem Klang, Schnäuzte und räusperte auch viermal sich Und fragte, indem er den Bauch strich: Ich, als zeitlicher pro tempore Inspector, Und der hiesigen Geistlichkeit Director, Frage Sie: Quid sit Episcopus? Alsbald antwortete Hieronimus: Ein Bischof ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getränke Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft Und wärmet und stärket mit großer Kraft. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun hub der Assessor an zu fragen: Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen, Wer die Apostel gewesen sind? Hieronimus antwortete geschwind: Apostel nennet man große Krüge, Darin gehet Wein und Bier zu G'nüge, Auf den Dörfern und sonst beim Schmaus Trinken die durstigen Bursche daraus. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun traf die Reihe den Herrn Krager Und er sprach: Herr Candidat! sag' Er, Wer war der heilige Augustin? Hieronimus antwortete kühn: Ich habe nie gehört oder gelesen, Daß ein andrer Augustin gewesen, Als der Universitätspedell Augustin, Er citirte mich oft zum Prorector hin. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen Und fragte: Aus wie vielen Theilen Muß eine gute Predigt bestehn, Wenn sie nach Regeln sollte geschehn? Hieronimus, nachdem er sich eine Weile Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile, Den einen Theil Niemand verstehen kann, Den andern Theil aber verstehet man. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun fragte Herr Beff der Linguiste: Ob Herr Hieronimus auch wol wüßte, Was das hebräische Kübbuz sei? Und Hieronimus antwortete frei: Das Buch, genannt Sophiens Reisen Von Memel nach Sachsen, thut es weisen, Daß sie den mürrischen Kübbuz bekam, Weil die den reichen Puff früher nicht nahm. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun kam auch an den Herrn Schreie, Den Hieronimus zu fragen die Reihe, Er fragte also: Wie mancherlei Die Gattung der Engel eigentlich sei? Hieronimus that die Antwort geben: Er kenne zwar nicht alle Engel eben, Doch wär ihm ein blauer Engel bekannt Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Herr Plotz hat nun fortgefahren Zu fragen: Herr Candidate! wie viel waren Concilia oecumenica? Und Hieronimus antwortete da: Als ich auf der Universität studiret, Ward ich oft vor's Concilium citiret, Doch betraf solches Concilium nie Sachen aus der Oeconomie. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Nun folgte Herr Keffer, der geistliche Herre, Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere, Sie betraf die Manichäer Ketzerei, Und was ihr Glaube gewesen sei? Antwort: Ja, diese einfältigen Teufel Glaubten, ich würde sie ohne Zweifel Vor meiner Abreise bezahlen noch, Ich habe sie aber geprellet doch. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Die übrigen Fragen, welche man proponiret, Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberühret; Denn sonst machte das Protocoll Wol mehr als sieben Bogen voll. Sintemal man noch vieles gefraget, Worauf Hieronimus die Antwort gesaget Auf obige Weise Stück vor Stück Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik. Imgleichen sonst noch manche Sachen Aus der Kirchenhistoria und Sprachen, Und was man einen geistlichen Mann Sonst wo zur Prüfung noch fragen kann. Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes; Der Inspector sprach zuerst: hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. Als nun die Prüfung zu Ende gekommen, Hat Hieronimus einen Abtritt genommen, Damit man die Sache nach Kirchenrecht In reife Ueberlegung nehmen möcht': Ob es mit gutem Gewissen zu rathen, Daß man in die Klasse der Candidaten Des heiligen Ministerii den Hieronimum aufnehmen könn'. Es ging also an ein Votiren, Doch ohne vieles Diputiren Ward man einig alsobald: Es könne zwar dermal und solchergestalt Herr Hieronimus es gar nicht verlangen, Den Candidaten-Orden zu empfangen, Jedoch aus besondrer Consideration Wollte man stille schweigen davon. Es hat auch wirklich in vielen Jahren Kein Fremder davon etwas erfahren, Sondern Jedermann hielt früh und spat Den Hieronimum für einen Candidat. Zwanzigstes Kapitel Wie der Autor gar demüthiglich um Vergebung bittet, daß das vorige Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwärtige Kapitel desto kürzer sein sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik länger ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbeschadet der Geschichte, wol hätte wegbleiben können. Ich bitte um Verzeihung alle, die mich lesen, Daß voriges Kapitel so lang gewesen, Dabei soll auch dieses Kapitelein, Lieber Leser! desto kürzer sein. Einundzwanzigstes Kapitel Wie Vater Jobs der Senator dem Hieronimo eine Strafpredigt halten thät, und wie er vor Verdruß stirbt. Nun hätte man sollen das Lärmen sehen, Was da in Jobsens Hause geschehen, Weil es, wie gesagt, nicht allerding Mit dem Examen nach Wunsche ging. Aber was that denn des Hieronimi Vater? Lieber Leser! du magst wol fragen: was that er? Er gerieth drob in gar großem Grimm, Und sagte zu seinem Sohne: »du Lüm- mel! hab' ich drum so viel angewendet Und ganze Hände voll Geld verschwendet, So daß fast worden zum armen Mann, Und habe itzt nur Verdruß daran? Hättest du fleißiger gestudiret Und dich rechtschaffener aufgeführet, So wärst du itzo nunmehro hie Ein Candidatus Ministerii! Und bekämest bald eine gute Pfarre; Aber du bist nun ein ungelehrter Narre, Der nichts von der Theologie versteht Und sein Leben lang brodlos geht! Deine Mutter und ich hofften beide An dir zu erleben viele Freude, Und nun haben wir bittern Verdruß Ob dich bösen Hieronimus! Alles was du vormals mir geschrieben, Als hättest du die Studia getrieben, Und wärest von allen der Fleißigste, Sind lauter Lügen, wie ich nun seh. Auch was du vom Privatissimo Und zehn Stunden im Collegio, Von der Professoren Zufriedenheit, Vom Theetrinken in der Einsamkeit; Item, von den vielen gelehrten Dingen, Wovon dir der Kopf wollte zerspringen, Vom Meditiren bis in die Nacht Und sonst noch etwa hast vorgebracht; Auch daß dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen Geschwächet und verdorben gewesen, Das alles ist, wie sich's nun befind't, Nichts gewesen, als Lügen und Wind. Hätte ich doch ehmals unsers frommen Rectors guten Rath angenommen, Der es deutlich genug sagte mir: Es würde niemals etwas Gutes aus dir! So wäre das viele Geld ersparet Und manches Kapital rund bewahret, Das du, böser, unnützer Knecht! Auf der Universität verzecht.« So war ungefähr die Predigt beschaffen, Die der Alte hielt, den Sohn zu bestrafen, Und er hätte im ersten Affect, Fast den Hieronimus mit Prügeln bedeckt. Weil indessen Zürnen und Schelten Für die Gesundheit zuträglich ist selten, So fiel auch den guten alten Mann Gleich eine heftige Krankheit an. Denn er litte oft in gesunden Tagen Vom schmerzlichen Podagra viele Plagen; Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh Disponirten den Körper dazu. Nun aber verließen ihn plötzlich die Schmerzen Und das Podagra trat ihm zum Herzen, Und nach vierundzwanzig Stunden Zeit Wanderte er aus der Zeitlichkeit. Alles im Hause rang nun die Hände Und des Klagens und Jammerns war kein Ende, Daß Hieronimus selbst sogar Kaum darüber zu trösten war. Der Leser möchte vielleicht gähnen, Wenn ich diese traurigen Scenen Näher beschrieb, ich lasse drum nun Den Senator Jobs in Frieden ruhn. Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus beinahe ein Informator eines jungen Barons geworden wäre. Obgleich nunmehro schon vierzehn Tage Der alte Senator Jobs im Grabe lage; So dachte doch noch dann und wann Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann. Hieronimus bekam indessen sein Futter Bisher noch zu Hause von der Mutter, Und hätte in solchem Müßiggang Zugebracht gerne sein Leben lang; Wenn ihm nicht wäre der Vorschlag geschehen, Sich nunmehro anderswo umzusehen, Wo er in der Zukunft bequem Seinen Unterhalt gebührlich hernähm. Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen, War dem armen Schelm gänzlich benommen, Nachdem die gelernte Predigt einmal Gehalten war auf den Dörfern überall. Sintemal nun manche große Geister Ihr Glücke gemacht als Hofmeister, So fiel es auch dem Hieronimus ein, Irgendwo Hofmeister zu sein. Das Glück schien ihm nicht ungeneiget, Denn es hat sich ohngefähr gezeiget Nach etwa dreier Monate Zeit Für ihn eine schöne Gelegenheit. Denn ein benachbarter Herr von Adel Suchte einen Informator ohne Tadel, Für billige Kost und acht Gulden Lohn Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn. Religion, Sitten, fünferlei Sprachen, Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen, Philosophie, Physik, Geographie, Mathematik, Historie, Poesie, Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten Et caetera, waren blos die Kleinigkeiten, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron. Es ließen also Ihro Gnaden Den Candidaten Hieronimus zu sich laden, Und fragten: ob er für die acht Gulden Lohn Uebernehmen wollte die Information? Hieronimus antwortete: Gnädiger Herre! Das Informatoramt ist sauer und schwere, Und es wären acht Gulden schier Viel zu weniges Lohn dafür; Doch, um Eure Gnaden zu gefallen, Entschließe ich mich sofort zu allen, Und nehme den jungen Herrn Baron Gleich in meine Information. Der Handel war also nun getroffen, Bis sich zuletzt wider alles Verhoffen Noch eine kleine Schwierigkeit fand, Welche bloserdings darin bestand: Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen Die erforderliche Probe könne machen, Welche für die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron? Da hat sich aber balde gewiesen, Daß Hieronimus von allen diesen Sachen selbst nichts gewußt, die von Ihm lernen sollte der junge Baron. Er ward also in Frieden entlassen, Und zog wieder heim seine Straßen, Und verwünschte die Information Zum Henker, mit dem jungen Baron. Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere, Ob ein andrer aufzutreiben wäre, Welcher für die acht Gulden Lohn Uebernähme die Information. Ob er für acht Gulden bis zu heutigen Stunden Einen solchen gelehrten Informator gefunden, Ist etwas, das ich nicht sagen kann, Es geht mich auch in der That nichts an. Dreiundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herrn, welcher eine Kammerjungfer hatte, mit Namen Amalia, und wie er sich gut aufführte bis im folgenden Kapitel. Unter allen Ständen, die da werden Angetroffen auf unserer Erden, Ist, zweifelsohne, wie bekannt, Der Wittwenstand der betrübteste Stand. Wo der Mann, als das Haupt des Weibes, Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes Und um die ganze Haushaltung schlecht, Und nicht das Geringste geht zurecht. Die Einkünfte werden nach und nach vermindert, Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert, Und gleich wie in einem Jammerthal Ist Angst, Noth, Elend überall. Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren, Denn sie merkte, daß gleich in den ersten Jahren Alles im Hause den Krebsgang ging, Und sie arm an zu werden fing. Hieronimus nun hat dazu freilich Das Seinige beigetragen getreulich, Denn er lebte in müßiger Ruh, Aß gut und trank noch besser dazu. Indessen ward doch nun auf die Dauer Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer, Und ihr Hieronimus gereichte fast Der Oekonomie zur größten Last. Er hat es auch selbst eingesehen, Daß es nicht länger gut werde gehen, Und erkundigte sich also weit und breit Um eine andre Gelegenheit. Wie nun gewöhnlich die Dummen und Frommen Am allerbesten in der Welt fortkommen, So bot auch bei einem Edelmann Sich abermals für ihn eine Stelle an. Dieser Herr lebte auf dem Lande In einem trefflichen ruhigen Stande, Und verzehrte als ein biedrer Cavalier Seine großen Einkünfte mit Pläsir. Er that in seiner Jugend einige Züge Im damaligen siebenjährigen Kriege, Doch lag er meistens in Garnison Und schonte so viel als möglich seine Person. Indeß ward er bald dieses Lebens müde, Denn er haßte Krieg und liebte Friede, Und hielt folglich als ein tapfrer Mann Unterthänig um seinen Abschied an. Jedoch fand er noch immer viel Vergnügen, Oft zu reden von verschiedenen Siegen, Und wie er einmal von ohngefähr Auf der Flucht beinahe gefangen wär'. Uebrigens war er geneigt zu spaßen, Schoß auch wol auf der Jagd einen Hasen, Trank bei der Tafel Burgunderwein Und lebte ohne Gemahlin allein. Er war also, in soweit, ein Junggeselle, Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle, Eine Kammerjungfer, die früh und spat Die nöthigen Bedürfnisse besorgen that. Er sparte als Greis den Rest seiner Kräfte Und bekümmerte sich um keine Geschäfte, Sondern ein treues Bedienten-Paar Besorgte, was zu besorgen war. Der eine war ein schlauer, alter, Treubefundener Hausverwalter, Und der andre Herr Bediente war Ein also genannter Secretar. Der Verwalter war noch am Leben Und befand sich beim Dienste nicht uneben, Denn er sorgte klug und weislich Wenig für'n Herrn und viel für sich. Der Secretar war vor einigen Tagen Weil er todt war, zu Grabe getragen, Und also und dergestalt fand Sich diese wicht'ge Bedienung vacant. Nun war der Verwalter ein alter Bekannter Von Hieronimi Eltern, und darum wandt' er Als ein treuer dienstfertiger Mann Alle Müh' für Hieronimus an. Und hat ihn sehr kräftig recommandiret, Ihn darauf in Persona präsentiret Bei der Jungfer und beim alten Herrn Als einen fähigen Secretärn. Es hat auch seine Person für allen Der Kammerjungfer nicht übel gefallen, Drum versprach sie ihm steif und fest Bei dem Herrn zu reden das Best'. Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser Als der vorige Schreiber, sein Antecesser; Denn Hieronimus war stark und lang, Der vorige aber war mager und krank. Alldieweil er nun, wie gesaget, Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget, So gab auch der alte Herr sofort Dazu sein Fiat und adliges Wort. Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen, Mußte er sogar diesmal mit ihm speisen, Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm' Nach geendigter Mahlzeit zu ihm. »Seine Pflicht soll darin bestehen, Daß Er nach Vieh und Gesinde muß sehen, Und als der geheime Secretär Schreibe, was etwa zu schreiben wär'. Wird Er nun diese seine Amtspflichten Als ein braver Schreiber ausrichten; So geb' ich Ihm dafür alle Jahr Vierzig harte Reichsthaler baar. Gefällt Ihm diese Bedingung, so bleib Er Bei mir, sub titulo als Hausschreiber, Und ich verspreche Ihm, wenn Er treu, Noch manche Accidenzien dabei; Doch muß Er niemals probiren, Mit der Kammerjungfer zu haseliren; Denn solchen Unfug leide ich durchaus nicht, Das sage ich Ihm trocken ins Gesicht. Der letzverstorbene Hausschreiber Sah gerne Mädchen und junge Weiber, Und es ward mir sogar kund, Daß er mit meiner Jungfer gut stund. Ich hätte ihn prostituiret Und ohne viele Umstände cassiret; Weil er aber klein war und schwach, So sah ich ihm noch den Fehler nach. Das Mädchen ist zwar schlau und witzig; Aber dabei verzweifelt hitzig, Und wie mir gar manchesmal däucht, Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt. Vor fünf Jahren, unvermuther Weise, Traf ich sie an auf einer Reise; Und ihr lustiges Wesen gefiel mir, Machte also meine Jungfer aus ihr. Er wird übrigens, ohne zu fragen, Leicht schließen, was ich hiemit will sagen; Denn einmal vor allemal sage ich nu, Halte Er mit Amalien nicht zu!« Hieronimus wäre nicht klug gewesen, Wenn er nicht, ohne viel Federlesen, Auf obige Bedingung geworden wär' Sehr gern der geheime Secretär. Er trat also sein Amt an geschwinde, Und sah täglich nach Vieh und Gesinde, Schrieb auch auf öfters und viel, Was etwa zu notiren vorfiel. Zum Exempel: eingekommene Pächte, Ausgegebenes Lohn für Mägde und Knechte, Der geschossenen Hasen und Rebhühner Zahl, Oder wenn man den Herrn bestahl; Oder was der Hausadvocat bekommen, Oder der Richter extra genommen, Oder was auf dem Markte indeß Man gelöset an Butter und Käs'. Oder wenn etwa der Hausschneider Der frommen Amalia ihre Kleider Unten und oben weiter gemacht, Oder die Kuh ein Kalb gebracht. Oder wenn die Jungfer Unpäßlichkeit wegen Zur Ader gelassen, oder krank gelegen, Oder ein Huhn geleget ein Ei; Ausgaben und Einkünfte mancherlei. Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren, So ließ der alte Herr, all's Schreiben unerfahren, Dem Herrn Secretär auch diese Müh', Und Hieronimus besorgte treulich sie. Mit Hilfe von Talanders Briefsteller Ward er in Briefen fertiger und schneller, (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit) Als je ein Schulmeister in der Christenheit. In den übrigen Stunden ging er müßig, Aß, trank und schliefe überflüssig, So, daß er dieses Secretariat Sich lebenslänglich gewünschet hat. Vierundzwanzigstes Kapitel Wie dem Secretär Hieronimo curiose Sachen vorkamen, und er weggejagt wurde. Geneigter Leser! unsre alten Vorfahren Waren gewiß keine dummen Narren, Sie hatten vielmehr oftermal Einen klugen und gesunden Einfall. Und sie haben in ihrem Leben Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben, Mancher stets wahr befundener Spruch, Zeiget noch ihre Weisheit genug. Es ist auch itzo fast in allen Landen, Unter andern ein altes Sprüchwort vorhanden, Dessen Gewißheit und Wahrheit man Noch täglich vor Augen sehen kann. Nämlich: wenn Einer soll können tragen Eine Last von lauter guten Tagen, So muß er mit sehr starkem Gebein Von der Natur versehen sein. Dieses alten Sprüchworts Wahrheit Zeiget sich auch mit großer Klarheit Im gegenwärtigen Kapitel, schon früh, An dem Exempel Hieronimi. Dieser lebte gleich einem Fürsten, Brauchte weder zu hungern, noch zu dürsten, Schlief früh ein und erhub sich spät Nach ruhigem Schlaf vom Federbett. Es mangelte ihm folglich an keinem Stücke; Doch es war, zu seinem Ungelücke, Bewußtermaßen die Jungfer da, Welche er täglich verliebt ansah. In ihren Mienen und ganzem Wesen Schien er deutlich zu können lesen, Daß sie in ihn den Secretär Ebenfalls sterblich verliebet wär'. Oft auch, wenn er sie ganz nahe Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe, So that der Gedanke in ihm entstehn, Als hätt' er sie vormals mehr gesehn. Trotz dem Verbote des alten Herren Wagt' er's nun, ihr die Liebe zu erklären, Und so wurden sie bald so vertraut, Als wären sie Bräutigam und Braut. Doch, in Gegenwart des alten Herren, Schien er ihrer gar nicht zu begehren, Und er nahm sich vor allem Verdacht Weislich und, so viel möglich, in Acht. Aber, ohne desselben Willen und Wissen, Brachte in allerlei Scherzen und Küssen Manches geheimes Stündelein um Amalia mit dem Hieronimum. Dieses des Hieronimi gutes Betragen That dem Mädchen trefflich behagen, Denn für die leere Schmeichelei Des Herrn hielt sie der Schreiber frei. Er bekam auch dafür viel schöne Dinge, Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe, Tücher, Manschetten, Strümpfe, Handschuh, Halsbinden, Mützen und mehr dazu. Einst hatte er bei ihr, von Amts wegen, Ein Schreibergeschäfte abzulegen, Und da reichte sie ihm sogar Ein fürtreffliche Sackuhr dar. Er hat sie gar dankbarlich angenommen, Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen, Rief er: Potz tausend Element! Diese Sackuhr habe ich gekennt. Amalia ward zwar betroffen, Doch gestund sie ihm sofort offen- herzig, sie habe von einem Student Sie ehmals erhalten zum Präsent. Wie's doch so wunderlich pflegt zu gehen, Das kann man itzo deutlich hier sehen; Erwiderte Hieronimus; sicherlich! Dieser Student war ich. Und nunmehr haben sich beide besonnen, Daß schon vor fünf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen, Und aus der gestohlnen Sackuhr Machte die Jungfer itzt Schnack nur. Und sie haben beide herzlich gelachet, Und über den Possen sich lustig gemachet, Daß nunmehr in die rechte Hand Sich die vermißte Uhr wieder fand. Uebrigens war es kein sonderlich Wunder, Daß die Jungfer nicht im Hieronimus jetzunder, Als Candidaten und Secretär, Den vorigen Studenten kannte mehr. Indessen machte diese lächerliche Affaire, Daß sich beide von nun an noch desto mehre, Zum Possen des alten Edelmanns; Geliebet haben von Herzen ganz. Ihr Umgang ward also auf die Dauer Täglich vertrauter und genauer, Und ihr Löffeln und Buhlerei Trieben sie fast offenbar und frei. War die Jungfer im Keller und Garten, So that der Herr Schreiber ihr aufwarten, Und in Küche, Kammer und Stall Folgte er nach ihr überall. Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflichtwegen, Den alten Herrn mußte wärmen und pflegen: So brach sich Hieronimus den Schlaf ab, Und ihr nächtliche Visiten gab. Auch bei dem Schreiben und Notiren That Amalia ihm treulich assistiren, Und befand sich ohne Unterlaß Bei ihm, wo er stand oder saß. Sie gab ihm auch manchmal schöne Leckerbissen Von des Herren Tafel heimlich zu genießen, Und vom Kälberbraten und Wildpret Bekam er immer die Nieren und Fett. Sie brachte ihm noch dabei unter- weilen manche Flasche Burgunder Heimlich aus dem Kellerhaus, Und Hieronimus trank sie aus. So verstrichen in lauter Wollust die Tage Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage, Daß kein hochwürdiger Herr Prälat Jemals besser gelebet hat. Es konnte sich aber dergestalten Dies Leben nicht lange so verhalten, Denn der alte gnädige Herr Merkte den Handel mehr und mehr. Und anstatt daß er sonst gelachet, Hat er nun saure Gesichter gemachet, Und er gab deutlich genug zu verstehn, Die Sache müsse nicht länger so gehn. Zum Ueberfluß führte er noch in aller Güte Dem Herrn Secretären zu Gemüthe, Daß, wenn er Amalien nicht künftig vermied, So ertheilte er ihm den Abschied. Hieronimus versicherte auf seine Ehre, Daß nichts Schlimmes vorgegangen wäre, Und er wollte lieber hinfort Mit Amalia reden kein einziges Wort. Wenn Er das thut, so kann Er bleiben, So lange er will, und bei mir schreiben Lebenslang, als mein Secretär! Erwiderte nun der alte Herr. Obgleich nun seit diesem Augenblicke Hieronimus die verliebte Tücke Mit der Jungfer heimlicher trieb, Und desto fleißiger notirte und schrieb: So hat sich dennoch nach einigen Tagen Ein sonderlich Abenteuer zugetragen, Als der alte Herr, Abends spät, Schlaflos sich herumwälzte im Bett. Und deßwegen, wie er wol zu thun pflegte, Einen Besuch bei Amalien ablegte, Damit sie durch ihre Freundlichkeit Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit. Da geschah alsbald ein groß Wunder; Denn er fand daselbsten itzunder, daß schon Hieronimus, der Secretar, Bei der Jungfer im Bettlein war. Himmel! Tausend Element! Potz Velten! Da ging es an ein Fluchen und Schelten, Und es wurde noch in der selbigen Nacht Hieronimus aus dem Hause gejagt. Es half hier weder Bitten noch Flehen, Das Abenteuer war nun einmal geschehen, Und selbst die Kammerjungfer sogar Gerieth fast drob in große Gefahr. Doch ihre listigen Schmeicheleien Thaten sie diesesmal noch befreien, Aber dem unglücklichen Candidat Zu helfen, war nun weiter kein Rath. Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienst kam, welche eine Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr weglief. Die von Amalien erhaltenen Gaben, Hemder, Ringe, Schnallen et caetera haben Zwar wol noch eine kurze Zeit Den Hieronimus aus der Noth befreit. Nachdem aber Alles verkauft und verzehret, Was ihm die gute Jungfer hatte verehret, So mußte er wieder nolens volens, Zur Vermeidung Hungers und Elends, Und um nicht vor Kummer zu sterben, Sich um eine neue Versorgung zu bewerben, Und sich desfalls irgendwo nun In eine gute Bedienung thun. Nun lebte auf einem einsamen Schlosse Eine verwittibte Dame, die eine große Also genannte Betschwester war, Sie war alt und hatte schon graues Haar. Brachte darum mit Beten und Singen, Und lauter andern geistlichen Dingen, Als eine sehr große Heiligin, Schon einige Jahre des Lebens hin. Sie litte nicht die allermindeste Sünde An und bei ihrem sämmtlichen Gesinde, Und versammelte sie täglich zweimal, Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise, Und hielte viel vom Fasten und Kastei'n Und von einem halben Nösel Branntewein. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien Sich besser läßt trinken und kasteien, Auch überhaupt in Gesellschaft Man singen kann mit größerer Kraft: So hatte sie schon längst sich umgesehen, Einen frommen Menschen auszuspähen, Welcher ihr, sowol spät als früh, Möcht' leisten geistliche Compagnie. Es waren nun zwar viele frommen Müßiggänger zu ihr gekommen, Und hatten, wie sich's ziemt und gebührt, Die geistlichen Dienste geofferirt; Aber bisher hatte keiner von allen Das Glücke gehabt, ihr zu gefallen, Denn bald schien ihr der eine zu alt, Bald der andre zu jung noch, und bald War einer zu mager, bald einer zu schwächlich, Bald einer ein Krüppel, oder sonsten gebrechlich, Bald einer stumm, taub, scheel oder blind, Oder ein häßliches Weltkind. Hieronimus that es endlich wagen, Seine Dienste ihr anzutragen Als geistlicher Assistent, und, siehe da! Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah. Denn er war weder krank noch schwächlich, Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich, Weder zu jung und weder zu alt, Auch eben nicht von magrer Gestalt. Seine halbgeistliche Kleidung und Perücke Gefiel auch der Alten im Augenblicke, Und er versicherte derselben geschwind, Daß er wäre kein Weltkind. Er mußte also bei so gestalten Sachen Die erste Probe noch heute machen, Und er wohnte mit großem Geschrei Der frommen, singenden Versammlung bei. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen, Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen Und that alles mit besonderm Anstand, Daß die Dame Vergnügen drin fand. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer Tagtäglich dann immer fester und steifer, Und ihr ohnedem geistlicher Sinn Mehr und mehr erbauet durch ihn. Sie ließ sich auch von dem frommen Candidaten In allen ihren Handlungen leiten und rathen, Und so ward in kurzer Zeit hier Hieronimus der Liebling von ihr. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge, Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge: So übersah sie doch immer dies Als eine menschliche Schwachheit gewiß. Er brauchte auch, pro poena, solchergestalten Das sonst eingeführte Fasten nicht zu halten, Sondern er bekam vielmehr zum Trost Lauter leckere und gesunde Kost. Champagner, Kaffee und Chocolade, Liqueurs, Mandelmilch, Limonade Bekam der fromme Hieronimus, Auch täglich zu trinken im Ueberfluß. Er lebte also, mit einem Worte, Sehr vergnügt an diesem heiligen Orte, Wo er blos nur aß und trank, Und zuweilen las und sang. Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame Fast gar nicht aus den Augen kame; Denn sie hatte zu bilden im Sinn Einen recht frommen Menschen aus ihm. Wenn er bei ihr im Canapee saße Und aus einem frommen Buche vorlase: So streichelte sie das fromme Schaf, Und rief entzückt aus: das ist brav! Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen, Wenn sie mit einander ein Lied sangen, Und so lagen sie Arm in Arm, Und sangen so rührend, daß Gott erbarm! Bei einem so vertraulichen Wandel, Merkte zuletzt Hieronimus den Handel, Daß es der alten Dame nun Um etwas mehr, als Singen zu thun. Ob dieser so wichtigen Entdeckung Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung, Und ob solcher großen Gefahr Saß er da fast sprachlos und starr. Als er sich von der ersten Bewegung Erholet, dachte er, mit vieler Regung, An das vormals genossene Glück Mit der schönen Amalie zurück. Diese war schön, lieblich und ohne Mängel, Die Dame hingegen häßlich, wie ein schwarzer Engel, Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau, Kurz, eine unerträgliche Frau. Nun hätte er sich sollen drücken Und in die Umstände einstweilen schicken, Und die Sache mit der alten Frau Nicht eben nehmen so genau; Allein dies wollte ihm nicht passen, Er hatte also freiwillig sie verlassen, Und so blieb dann hinfort die Dame allein Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein. Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat. Hieronimus, ehe und bevoren Er die Abreis' von der alten Wittwe erkoren, Hat mit einem Beutel voll Geld sich schön Aus dem Kasten der Dame versehn. Denn dafür, daß er gesungen und gebetet, Und von frommen Dingen geredet, Und die Caressen gehöret an, Mußte er billig ja etwas han. Mit diesem Gelde that er nun wandern Von einer schönen Stadt zu randern, Und indem er also herumgeirrt, Lernte er kennen manchen Wirth. Traf er etwa hin und wieder Schöne Quartiere und lustige Brüder, Oder eine gute Wirthin im Haus, So ruht er gemeinlich einige Tage aus. Es hat sich aber einsmals begeben, Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben, Als es schon war Nachmittags spat, In einer großen Schenke abtrat. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben, Man konnte viel fordern und wenig haben, Und der Wirth war ein redlicher Mann, Schrieb gerne mit doppelter Kreide an. Da waren ebenfalls, grade heute, Noch angekommen zwei fremde Leute, Welche Hieronimus, der Kleidung nach, Für reisende Handelsmänner ansach. Zwaren hat gleich einer von ihnen Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen, Wenn nu ein großes Pflaster nicht Verstellet hätte das halbe Gesicht. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen, Und in kurzem richtete drauf Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf. Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte Erzählte manche spaßhafte Geschichte, Theils geschehen, und theils erdacht, Worob sich Hieronimus fast krank gelacht. Auch Hieronimus hat ihnen erzählet Seine Begebenheit, und nichts verhehlet, Wie es alles gegangen wär' her, Als er war bei der Betschwester. Sie haben über diese wunderlichen Sachen Ebenfalls recht herzlich müssen lachen, Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit, That mit dem eroberten Gelde breit. Nachdem nun lustig und guter Dinge Der Tag dermaßen zu Ende ginge; So eilte Hieronimus Abends spät, Trunken vom Wein und vom Lachen, nach Bett. Er war kaum in tiefen Schlaf begraben, Als sich die beiden Herren zu ihm begaben, Und sie nahmen fein säuberlich Den Beutel mit dem Gelde zu sich. Als Morgens spät Hieronimus erwachte, Und gar nun nicht an was Böses gedachte, So fand er, beim Ankleiden von ohngefähr, Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer. Zwaren sahe er hier anfänglich Die Sache nicht eben für verfänglich, Sondern als eine Kurzweile an, Welche die lustigen Kaufleute gethan. Als er aber nach ihnen fragte, Und der Herr Wirth ihm sagte: Es wären schon in aller Früh Diese Herren stille gereiset von hie, Da gehub er an zu lamentiren Und großen Jammer und Klagen zu führen, Und für Ungeduld blieb fürwahr, In dem Kopfe kein einzig Haar. Ob seinem ängstlichen Klagen und Harmen That sich der fromme Wirth bald erbarmen, Und hat für Alles, was er verzehrt, Weiter nichts, als seinen Rock begehrt. That ihm dabei den Rath erteilen, Sich nun nicht länger mehr zu verweilen, Denn ohne baares Geld hätte hier Niemals ein fremder Gast Quartier. Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren, Wie sich die Sachen in der Welt verkehren, Und wie sich manchesmal unverhofft Das menschliche Glück verändert oft. Noch gestern besaß er reiche Beute Und der Wirth hieß ihn Herr, aber heute Jug ihn fort, ohne Rock und Geld, Der fromme Wirth in die weite Welt. Er konnte nun, mit Muße, unterwegen Seinen kläglichen Zustand überlegen, Und er wünschte sich fast im Augenblick Zu der Betschwester auf dem Schlosse zurück. Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte, Und ihre Person sich vorstellig machte, So überkam ihn ein Grausen schier, Und er verlangte nicht wieder zu ihr. Schon einige Tage hatte er mit rohen Rüben Auf seiner Reise den Hunger vertrieben, Und wie ein irrender Ritter sich Beholfen elendig und kümmerlich. Gleichwie nun, wenn die Noth ist am größten, Das nahe Glück einen pflegt zu trösten; So war auch dem armen Hieronimus da Nunmehro bald wieder Hilfe nah. Denn er hörte am vierten Nachmittage In einem Wäldchen, das am Wege lage, Ein erbärmliches lautes Geschrei, Und dieses lockte ihn bald herbei. Er ist schnell an die Stelle gekommen, Woher er das Jammergeschrei vernommen, Und es entdeckte sich ihm alsbald Eine Scene von traur'ger Gestalt. Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden, Den bärt'gen Kutscher ohnmächtig auf der Erden, Eine junge Dame, welche hie Ganz erbärmlich heulte und schrie; Auch einen reichgekleideten Herren, Bemüht, sich gegen zwei Räuber zu wehren, Welche, wie's schiene, waren fest Entschlossen, ihme zu geben den Rest. Schon erkannte mein Held in einiger Weite In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute, Er eilte also, wie eine Furie, Mit aufgehobenem Stocke auf sie. Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel? Rief er, und zerschlug den Scheitel Des einen Räubers mit starker Hand, Und streckt' ihn also todt in den Sand. Mit eben solchen kräftigen Schlägen Ging er drauf dem andern Räuber entgegen, Welcher aber sogleich versucht, Sich zu erretten mit der Flucht. Hieronimus wollte zwar ohn' Verweilen Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen, Allein der Räuber, schnell wie der Wind, Floh aus seinen Augen geschwind. Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen, Wie freudig sich der Herr und die Dame betragen, Als die augenscheinliche Lebensgefahr Nunmehro glücklich vorüber war. Sie haben beide ihn gar freundlich gegrüßet, Und die schöne Dame hätte ihn fast geküsset, Wenn sie hätte gescheuet nicht Sein lange nicht gewaschnes Gesicht. Es war auch kein Lobspruch zu erdenken, Welchen sie ihm nicht thaten schenken, Denn als ihren Erretter sahn Sie nun den lieben Hieronimus an. Sie nöthigten in mit freundlichem Muthe Mitzureisen nach ihrem adligen Gute, Wo man mit Gaben mancherlei Würde belohnen die erwiesene Treu. In seinen so kümmerlichen Umständen Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Händen, Und sofort, ohne weitere Bitt', Entschloß er sich gleich zu reisen mit. Er half den verwundeten Kutscher noch tragen, Und sie legten denselben in den Wagen, Und in des erschlag'nen Räubers Rock Bestieg nunmehr Hieronimus den Bock. Ehe er aber noch aufgestiegen, Suchte er, und fand mit Vergnügen Seinen Geldbeutel beinahe noch voll In des erschlagenen Räubers Camisol. Das sonderbarste von der ganzen Geschichte, Betraf des Todten sein Angesichte; Denn es war kein Pflaster mehr da, Und, als ihn Hieronimus genau besah, Erkannte er in ihm, im Augenblicke, Den Herrn von Hogier mit der großen Perücke, Welcher ihn einstmals um vieles Geld Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt. So nahm dann dies Abenteuer behende Für unsern Helden ein erwünschtes Ende, Und gleich dem Ritter von der traur'gen Gestalt, Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald. Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schließen, Thu ich dem Leser kund und zu wissen, Dies sei die einzige rühmliche That, Die bisher Hieronimus verrichtet hat. Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus vergnügt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister ward, in einer Schule von kleinen Knäblein und Mägdlein. Derjenige Herr und die junge Dame, Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame, Waren ein liebes artiges Paar, Welches kürzlich erst getrauet war. Der Herr hatte unter sein adliges Gebiete Dörfer und Schlösser von mancherlei Güte, Aber im Dörflein Ohnewitz War eigentlich sein Rittersitz. Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen, That er oft mit ihr kleine Reisen, Denn er hielte große Freundschaft Mit allen in seiner Nachbarschaft. Damalen hatte er auch eben Einem benachbarten Edelmann den Besuch gegeben, Und wurde bei der Rückkehr im Wald Angegriffen von den Räubern bald. Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden, Daß er da lag fast ohne Odem; Drauf forderten sie mit Ungestüm Sein Geld und sonstige Sachen von ihm. Sie rissen ihn auch aus dem Wagen Und fingen an auf ihn loszuschlagen; Als auf das ängstlich Geschrei der Dam' Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam. Diese Geschichte erzählten sie unter- wegens ihrem Erretter, der nun munter Daher fuhr mit gar leisem Schritt, So gut es der gehabte Schrecken litt. Hieronimus hat ihnen gleichfalls erzählet, Wie ihn das Schicksal bishero gequälet, Und so gelangten sie, wie der Blitz, Endlich an zu Ohnewitz. Hier vergaß man bald alles Leiden, Lebete herrlich und in Freuden, Und für den ehrlichen Hieronimus ward Gesorget auf die liebreichste Art. Neue Kleider, Essen und Trinken, Wein, Tabak, Braten und Schinken Waren da, alles im Ueberfluß, Zum Dienste unsers Hieronimus. Nach einigen so vergnügt verstrichenen Wochen Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen, Für seinen zukünftigen Unterhalt Zu sorgen ferner bester Gestalt. Nun ist auch grade dazumalen Ein absonderlicher Umstand vorgefallen, Welcher für unsern Hieronimus gar Sehr erwünscht und gelegen war. Nämlich, die Ohnewitzer Bauern haben Eine Schule für kleine Mägdlein und Knaben, Und der Herr, als des Dorfes Patron, Hatte darüber die Collation. Das A, B, C, D zu studiren, Und zu lernen Lesen und Buchstabiren, Waren alleinig die Studia, Welche man hieselbsten treiben sah. Alle Gelegenheit, mehrers zu lernen, That der Herr Patron weislich entfernen, Denn ein Bauer, welcher gelehrt Ist, wird hochmüthig und höchst verkehrt. Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der Bauer schon versteht seinen Kalender Und sein Katechismus-Büchlein, So bildet er sich schon was Rechtes ein. Hat er sich nun noch höher verstiegen, So läßt er gemeiniglich die Arbeit liegen, Und dann sieht's höchst elendig und kraus Mit den Pächten und Abgaben aus. Außer dreißig Thaler Fixum trug dies Dienstchen Dem Herrn Schulmeister noch manches Gewinnstchen An Eiern, Butter, Hühnern und Gäns Und manchem ähnlichen Accidens. Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause, Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause Und bekam dann für die Gratulation Noch ein Geschenk, nach Proportion. Nun hat es sich damals just begegnet, Daß der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet; Und also war man weislich bedacht, Daß ein neuer würde gemacht. Sobald dies der Herr Patron gehöret, Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret; Und folglich trat Hieronimus dann Das Amt des Dorfschulmeisters an. Zwar wollte ihm anfangs das Schulleben Ihm kein sonderliches Vergnügen geben, Denn erhielte von Müßiggang mehr, Als von solcher beschwerlicher Lehr'. Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse, Und sich nach geendigter Schule erquickt; So hat er sich in das Lehramt geschickt. Und sich nunmehr ernstlich vorgenommen, Seinen Pflichten möglichst nachzukommen, Damit er nun lebenslang hinfort Bleiben möchte an diesem Ort. Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen Einige wichtige Aenderungen zu machen, Weil er im hiesigen Schulstand Viele eingerissene Fehler fand. Er fing auch, nach langem Deliberiren, Wirklich an, manches zu reformiren, Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl, Wie der geneigte Leser bald hören soll. Achtundzwanzigstes Kapitel Wie Hieronimus ein Autor ward, und wie er ein neues A-b-C-Buch heraus gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnädigen Herrn hart verklagt ward. Gleich bei dem Antritt der Schulregierung, Fand Hieronimus, mit äußerster Rührung, Daß das eingeführte A-b-c-Buch Nicht für Kinder sei faßlich genug. Denn da bisher die Mädchen und Knaben Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben, So nahm Hieronimus hier und da Darinnen verschiedene Fehler wahr. Nachdem er nun bei sich zu Rathe gegangen, Hat er zu veranstalten angefangen, Unter folgendem Titel, davon Eine nagelneue Edition: Neues A-b-c-Buch, verbessert Und mit verschiedenen Zusätzen vergrößert Von dem Autor Hieronimus Jobs, Theologiä Candidatus. Zu den schon längst bekannten Buchstaben, Welche wir im Alphabete haben, Setzte er noch das sst, Imgleichen das sch, und sp. Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten, Und mehr andre solche Kleinigkeiten, Ließ er hingegen, weislich und klug, Aus dem nagelneuen A-b-c-Buch. Er fügte aber unterdessen nicht minder, Zur Ergötzung der lernenden Kinder, Ein Nestlein mit einem großen Ei Dem ungesporneten Hahne bei. Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingeführet, So ward es von den Bauern recensiret, Und gab zu einem grimmigen Streit Die allererste Gelegenheit. Denn es wollte keinem einzigen von allen Recensenten die Einrichtung gefallen, Und sie sahen alle, Mann für Mann, Die Aenderung als höchst gefährlich an. Selbst den allerklügsten unter ihnen Hat's beim neuen A-b-c-Buch geschienen, Als hätte Hieronimus dadurch gezeigt, Wie sehr er zur Autorsucht geneigt. Wie wenn im Sommer von schwülen Düften Ein Ungewitter entsteht in den Lüften, So geht vor dem Donner ordinär Erst ein gelindes Murmeln vorher. Gleichermaßen entstund unter den Leuten Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten Und es zoge sich bald darauf Ein Gewitter über Hieronimus auf. Er konnte nun zwar in Worten und Werken Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken, Doch verließ er, den Bauern zum Trutz, Sich auf des gnäd'gen Patron seinen Schutz. Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen, Daß sie länger nicht gesonnen zu schweigen; Denn sie spürten je länger, je mehr, An dem neuen Schulmeister neues Beschwer. Sie traten also sämmtlich zusammen, Und der Küster verfertigte in ihrem Namen Eine Klagschrift in folgendem Ton: Hochwohlgeborner, gnädiger Patron! Wir sämmtliche Bauern und Kossathen In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten Nehmen in aller Unterthänigkeit Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit. Sintemal sich derselbe leider vergangen, Und verschiedene Neuerungen angefangen, Alles unter dem nichtigen Vorwand, Zu verbessern den hiesigen Schulstand. Sich auch dabei nicht so aufgeführet, Wie's einem frommen Schulmeister gebühret, Sondern vielmehr, oft und viel, Uns Bauern gibt ein böses Beispiel. Um von den Punkten, worüber wir queruliren, Nur die vornehmlichsten anzuführen, So hat er pro primo und erstens sich Unterfangen eigenmächtiglich, Ein neues A-b-c-Buch zu verfassen Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen, Da doch der Sporen, zu jeder Frist, Ein wesentlich Stück des Hahnes ist. Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret, Weil er das Alphabet hat vermehret; Denn sst, sp und sch, Steht wider alle Gewohnheit da. Auch, obgleich die Hähne niemals pflegen Hühnereier in Nester hinzulegen, So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn, Gleichsam als hätt' es der Hahn gethan. Nun können solche Dinge beim Studiren Die Kinder leicht auf Irrthümer führen, Und ein neues A-b-c-Buch ist überhaupt Eine Neuerung und unerlaubt. Pro secundo lassen wir nicht unberühret, Daß von Alters her ein Eselskopf eingeführet, Welchen in unsrer Schule zu Buß' Jedes muthwillige Kind tragen muß. So hart und empfindlich nun diese Strafe Sonst demjenigen war, den die trafe, So trugen die Kinder doch gern und mit Lust Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust. Herr Jobs ist aber nicht damit vergnüget, Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefüget Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz, Und so ist es nun ein Esel ganz. Wie jämmerlich indeß die Kindlein klagen, Wenn sie den ganzen Esel müssen tragen, Und stehen da gleichsam zum Spectakel so, Ist kaum zu glauben. Pro tertio Thut Herr Jobs mit mächtigen Ohrfeigen Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen, Und einige Knaben sind wirklich schon Taub und gehörlos worden davon. Pro quarto: sind die Kinder der ärmern Bauern, Ob der vielen Prügel höchlich zu bedauern; Denn, wegen Ansehen der Person, Kriegen sie meist doppelte Portion. Pro quinto: sucht er in den Taschen Der Kinder nach, ob sie auch naschen, Und findet er Äpfel und Nüsse allhie, So nimmt er sie weg und isset selbst sie. Pro sexto: ist von seinem sonstigen Betragen Noch allerlei Besondres zu sagen, Denn mit des Schulzen Einliegers Frau Lebt er, wie es heißt, gar zu genau. Auch besucht er fast täglich die Dorfschenke Und genießt da allerlei hitziges Getränke, Hat auch oft bis um Mitternacht Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht. Wir hätten zwar noch mehrere Klagen Allerunterthänigst vorzutragen; Denn es sind noch viele Gravamina Neben den schon erwähnten da. Wollen sie aber diesmal nicht berühren, Sondern nur unterthäniglich suppliciren: Daß Sie, lieber gnädiger Herr! Uns geben einen andern Schulmeister. Beharren übrigens Eure Hochwohlgeborne Gnaden Allerunterthänigste Bauern und Kossathen, Im Dorfe Ohnewitz gegeben. N. N. N. N. N. N. Neunundzwanzigstes Kapitel Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herrn Patron eine gnädige Resolution bekamen, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Canzlei-Stil. Es war nun durch zwei Deputaten Die Klagschrift übergeben an Ihro Gnaden, Und vom hochgedachten Herrn Patron Erfolgte folgende Resolution. Wir haben mißfällig wahrgenommen, Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen, Wasmaßen ihr gar große Beschwer Führt über euern Schulmeister her. Ob Wir nun gleich höchst ungerne sehen, Daß solche Streitigkeiten bei euch entstehen; So haben wir doch nach der Breite und Läng' Erwogen eurer Beschwerden Meng'. Können indeß bis dato nicht finden, Daß Beklagter Schuld sei großer Sünden, Und daß man mit Recht, über die Sach' Ein solches großes Allarm mach'. Zwaren ist es dermalen nicht ohne, Herr Jobs hat in seiner Schule schone Ein neues A-b-c-Buch eingeführt Und Uns unterthänigst decidirt. Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget, Einiges drin weggelassen, einiges beigefüget, Jedoch leuchtet es gar nicht ein, Wie dieses so schädlich könne sein. Denn obgleich hier der Hahn die Sporen Aus Versehen des Kupferstechers verloren, So kann man bei der zweiten Edition Den Fehler leichtlich verbessern schon. Auch die wenigen Recensenten heutiger Zeiten Merken in den Büchern auf solche Kleinigkeiten, Sondern die guten lieben Herrn Uebersehen solche kleine Fehler gern. Was betrifft die zugefügten Buchstaben, So stehn selbige schon in ältern Ausgaben; Wenigstens sst, sp und sch Dienen als Varianten da. Es scheint zwar sich weniger zu schicken, Bei dem Hahn ein Ei auszudrücken; Doch braucht drum das Ei vom Hahn Eben nicht zu werden weggethan. Denn vom Ei gleich aufs Legen zu schließen, Wäre unvernünftig und gegen Gewissen; Denn es beweiset weiter nichts in der That, Als bei Menschen der Titel und's Prädicat. Ueberdem weiß man ja auch gar eben, Daß Hähne sich oft mit Eierbrüten abgeben, In hoc casu wäre also, traun! Der Hahn eigentlich ein Kapaun. Wenn ihr pro secundo proponiret: Daß Herr Jobs einen ganzen Esel eingeführet, So hat er, Unsers Bedünkens, dran Als ein vernünftiger Mann gethan. Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder, Als daß sowol ihr selbst als eure Kinder, Alte und junge, groß und klein, Leibhaftig vollkommene Esel sein. Pro tertio: wegen der Schläge an die Ohren, Worüber einige Knaben ihr Gehör verloren; Halten wir es gar nicht für gut, Daß euer Schulmeister solches thut. Auch was ihr pro quarto zu klagen findet, Halten Wir in so weit für gegründet, Denn ein Richter und Schulmann Muß niemals sehn die Person an. Sondern Arme sowol als Reiche Verdienen, wenn sie böse sind, gleiche Streiche; Und man muß zu jeglicher Zeit Strafen mit Unparteilichkeit. Jedoch, wenn er die Kinder visitiret Und ihnen das Obst aus der Tasche entführet: So zeigt er, pro quinto, artig und wohl, Daß ein Kind in der Schule nicht naschen soll. Weil auch die Kinder mit zartem Magen Nicht zu viel Aepfel und Nüsse können vertragen, So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut, Wenn er selbst alles verzehren thut. Was ihr da noch, pro sexto, klaget, Und von des Schulzen Einliegers Frau saget, Item von der Schenke und Kartenspiel, So wäre zwar dies von Herrn Jobs zu viel. Indessen ist es Unser gnädiger Wille, Daß man von solchen Dingen schweige stille, Denn wer davon etwas saget noch, Der soll zur Strafe zwei Tage ins Loch. Uebrigens sollen sämmtliche Beschwerden Künftig genauer untersuchet werden, Wenn von der vorhabenden Reise Wir Glücklich sind retourniret allhier. Bis dahin befehlen wir, bei Hals und Kragen! Euch ruhig und stille zu betragen. Gegeben auf Unserm Rittersitz. Resolution für die Bauern in Ohnewitz. Dreißigstes Kapitel Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Aufruhr entstand und allerlei Wunderzeichen vorhergingen, und wie Herr Hieronimus mit Prügeln u.s.w. fortgetrieben wurde. Und diese Resolution machte durchgehends Im ganzen Dorfe viel Aufsehens, Und es entstand überall herum Unter den Bauern ein mächtig Gebrumm. Denn sie sahen itzo offenbare, Daß der Patron Jobsens Gönner ware, Und daß nichts auszurichten mit Glimpf Und sie schwuren also zu rächen den Schimpf. Dieser wichtigen Ursache wegen kamen Sie oftmals in der Schenke zusammen, Und überlegten bei Tabak und Bier, Wie die Sache anzugreifen allhier. Sie haben auch sämmtlich alsobalden Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten, Und kein's von ihnen, weder groß noch klein, Ferner geschickt in die Schule hinein. Aber die Vernünftigsten von den Bauern riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern, Da alsdann alle mannichfalt Gebrauchen könnten Ernst und Gewalt. Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen Sämmtlich gut und thunlich geschienen, Und man bestimmte dazu nunmehr Die Zeit, wenn der Patron verreiset wär'. Zwar wurden alle diese Anstalten Noch zur Zeit höchst geheim gehalten, Bis endlich der erschreckliche Tag kam, Da die Unruhe den Anfang nahm. Ehe aber dieses alles geschehen, Sind zu Ohnewitz große Zeichen gesehen, Wie denn vor wicht'gen Begebenheiten sich Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich. So hat zum Exempel eine kleine Weile Vorhero eine sehr große Eule Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht, Ein erschrecklich Geschrei gemacht. Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten, Als er aus der Schenke kam, die Glocken hören läuten, Auch fiel der sehr alte Schornstein Auf der Schule mit Geprassel ein. Auch hat des Küsters Kuhe geboren Ein Kalb mit ungewöhnlich langen Ohren, Auch viel Hunde führten zum Theil In dem Dorfe ein gräßlich Geheul. Auch sah man hier und da Irrlichter, Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter, Auch trug sich's zu, im hellen Mittag, Daß des Müllers Esel ein Bein brach. Dieses alles schiene anzuzeigen, Daß sich bald etwas werde ereigen; Doch merkte man da erst die Gefahr, Als schon alles erfüllet war. Nun war es gerade ein Mittwochen, Da der Aufruhr endlich ausgebrochen Und jeder Bauer, um Glocke acht, Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht. Es war recht gräulich anzusehen, Wie sich ein jeder mit Waffen versehen, Prügel und Flegel in großer Zahl Hatten die Zusammenverschwornen all'. Alles war nun in dem Dorfe rege, Und man weissagte Tod und Schläge, Und jeder Hund und jeder Hahn Fing zu bellen und zu krähen an. Auf der Haide, die beim Dorfe ware, Versammelte sich die ganze Schaare, Und nun gingen sie in Procession Nach des Schulmeisters Wohnung schon. Ihnen folgten zu beiden Seiten Viele Kinder, welche sich sehr freuten, Daß sie nunmehro würden heut Vom bösen Schulmeister befreit. Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette, Als wenn alles sicher gestanden hätte, Bis da plötzlich der ganze Schwarm Hereinbrach mit großem Allarm. Aber sobald er vom Schlaf erwecket, Hat er sich darob heftig erschrecket, Weil er nun erst den Hochverrath Wider ihn gespürt und gemerket hat. Ohne ihm viele Zeit zu lassen, That man ihn gleich derbe anfassen, Und zur genauen Noth erlaubte man, Daß er sich vorhero kleidete an. Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten, Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten, Sagte ihm auch manches Scheltwort, Und jug mit Prügeln unsern Held fort. Also war dieser Handel geschlichtet, Und die Expedition glücklich verrichtet, Und mit einem lauten hu! hu! Eilte man nun der Schenke zu. Jeder behauptete itzt steif und feste, Er habe bei der Sache gethan das Beste, Und jeder wollt' nun beim Branntewein Der größeste Held gewesen sein. Jedoch einige, anstatt sich zu freuen, Wollte nun der Handel schier gereuen, Und es ahneten sie gleichsam von fern Brüchte und Loch bei der Rückkunft des Herrn. Einunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach Bayerlande ein neues Abenteuer hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komödie antraf. Sehr freundlich zu lesen. Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden, Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar, Und weiter nichts, diesmal verloren war. So wußte sich auch in seinem größten Ungelücke Hieronimus damit zu trösten, Und war froh, daß er eben mit hei- ler Haut den Bauern entgangen sei. Zwar hat, seitdem er von Ohnewitz entfernet, Er mit seinem eigenen Schaden gelernet, Wie gar sauer, elend und schwer Es im Schulamte gehet her. Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben Wieder Bücher im Druck herauszugeben, Denn blos und allein von Autorsucht Rührte sein Unglück und jetzige Flucht. Indeß, da der Patron nach dem Bayerlande Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande, So wollte auch Hieronimus dort bei ihm Schutz suchen vor der Bauern Grimm. Er hat sich also nicht lange besonnen, Sondern auch seine Reise dahin begonnen, Jedoch hielte bald seinen Lauf Ein neues Abenteuer auf. Denn er hat, wider alles Verhoffen, Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen, Als er just in einer großen Stadt Einige Tage ausgeruhet hat. Hier, um seine melancholischen Grillen Einigermaßen zu dämpfen und zu stillen, Fiel es ihm einmal des Abends ein, Zu gehen in die Komödie ein. Er ward bald unter den Schauspielerinnen Einer wohlgeputzten Schönen innen, Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar, Seine ehmals geliebte Amalia war. Himmel! wie ward er da entzücket, Als er selbige so unvermuthet erblicket! Fast wäre das ganze Parterre davon Gerathen in schreckliche Confusion. Sie hatte kaum ihre Rolle geendet, Als er sich sofort zu ihr gewendet, Und nun gab's manchen Freudenkuß Zwischen ihr und dem Hieronimus. Beide waren begierig zu vernehmen, Durch welchen Zufall sie zusammen kämen, Hieronimus eilte drum bald mit ihr Höchst vergnügt ins sichre Quartier. Da hat erst Amalia alles vernommen, Was ihm Wunderbares vorgekommen, Seitdem ihn damals, in der Nacht, Der alte Herr hatte fortgejagt. Und wie's ihm mit der frommen Dame gegangen, Und was sie gedachte mit ihm anzufangen, Und wie man ihm nachhero einmal Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl. Und wie er im Wald einen Räuber getödtet Und einem Gnädigen das Leben gerettet, Und er darauf zu Ohnewitz gar Ein Schulmeister geworden war. Und das Unglück, welches ihn betroffen, Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen, Sie in der Komödie gefunden allhier, Dies alles erzählte er weitläufig ihr. Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren, Von ihr alle Begebenheiten zu hören, Und die Schöne erzählte darauf Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf. Zweiunddreißigstes Kapitel Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzählen that. Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accurat hundert Verse. Amalia Ripsraps ist eigentlich mein Name. Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame Und das Tageslicht zuerst gesehn, Ist die berühmte Stadt N. N. Mein Vater war dort Advocate, Welcher viele Processe zu führen hatte, Sintemal er die Jura aus dem Grund Und das Chicaniren verstund. Auch die allerverworrensten Rechtssachen Wußte er noch weit verworrener zu machen, Und durch manche List und Rank Zoge er kurze Processe lang. Seine Geschicklichkeit that erretten Manchen guten Schelm von Galgen und Ketten; Und ein grade zu gehöriger Zeit Von ihm angerathener falscher Eid Machte manchen muthwilligen Betrüger Ueber seinen ehrlichen Gegner zum Sieger, Und half theils manchen aus harter Noth, Theils manchen armen Teufel vom Brod. Er haßte herzlich Frieden und Verträge, Und riethe viel lieber in alle Wege, Auch bei der geringsten Kleinigkeit, Zum Processe und Rechtsstreit. Seine Clienten ließ er immer tanzen Durch alle mögliche rechtliche Instanzen, Bis dann endlich selbige zuletzt Ihren letzten Heller zugesetzt. Uebrigens diente er mit möglichsten Treuen Seinen sich ihm anvertrauenden Parteien, Jedoch nahm er auch dann und wann Von der Gegenpartei Geschenke an. So erwarb er sich ein ziemliches Vermögen; Was andern ein Fluch war, war ihm ein Segen, Und wenn andre gezankt und gekriegt, Zog er den Vortheil und war vergnügt. Meine selige Mutter war die Tochter Von einem ehemaligen reichen Pachter, Der, weil er sehr gerne geprocessirt, Sich und sein Vermögen geruinirt. Mein Vater hatte ihm als Advocate Gedient mit seinem getreuen Rathe, Und er truge dafür zum Lohn Die artige Tochter des Pachters davon. Sie hatte schon viele ausgeschlagen, Welche sich, sie zu freien, angetragen, Als sich noch ihr Vater im Wohlstand Und bei gutem Vermögen befand. Jedoch als sich die Actien verschlimmert, Hat sich keiner mehr um sie bekümmert; Denn auch das schönste Mädchengesicht Reizt ohne Geld zum Ehestand nicht. Indessen hat es ihr doch geglücket, Daß sie endlich meinen Vater bestricket, Denn höchst gründlich verstand sie Alle Künste der Galanterie. Mein Vater hatte sie sehr oft gesehen, Und da ist es dann, wie gesagt, geschehen, Daß er dieselbige unbeschwert Von dem Pachter zur Frau begehrt. Sie schmeckten zusammen in ihrer Ehe Vieles Vergnügen und weniges Wehe, Wenigstens im ersten Vierteljahr Da ihnen die Ehe noch neu war. Sie wußten von den processirenden Partieen Für die Küche manchen Vortheil zu ziehen, Denn die Frau Advocatin bekam, Was etwa der Herr Advocate nicht nahm. Auch zog sie noch manche heimliche Gewinnste Durch ihr schönes Gesicht und galante Künste, Wenn etwa eine verliebte reiche Partie Sich besonderlich bewarbe um sie. Wenn der Herr Gemahl Acten geschrieben, So ist sie selten auch müßig geblieben, Und sie nahm in der Schlafstube dann Gemeiniglich geheime Audienz an. Ob ich's nun gleich eben nicht will wagen, Drauf zu schwören und als gewiß zu sagen, Daß just gedachter Herr Advocat Mein Vater gewesen in der That; So habe ich doch niemals es gehöret, Daß sich derselbe hätte beschweret, Als mich, nach ohngefähr einem Jahr, Meine Mutter zur Welt gebar. Von meinen ersten Kinderjahren Habe ich zwar nichts Sonderliches erfahren, Doch liebten mein Vater und Mutter mich Als ihr einziges Töchterlein zärtelich. Man sparte auch gar keine Bemühung An meiner Bildung, Pflege und Erziehung, Und schickte mich frühe, da ich noch klein, Fleißig zu lernen, in die Schule hinein. Jedoch schonte man an mir in alle Wege Vorwürfe, herbe Verweise und Schläge, Und richtete in jeder Kleinigkeit sich Nach meinem Willen sorgfältiglich. Als ich kaum zehn Jahre alt gewesen, Fing ich schon an Romane zu lesen, Und ward von der Liebe schon mehr gewahr, Als andre Mädchen im achtzehnten Jahr. Mit muntern Jünglingen und artigen Knaben Mochte ich herzlich gerne zu schaffen haben, Und fing gar manchen prakt'schen Roman In meinem dreizehnten Jahre schon an. Vielleicht war es ein Fehler der Erzeugung, Daß ich auch sehr frühe eine Neigung, Die auch nachher niemals verschwand, Eine Neigung zum Stehlen empfand. Meine Eltern, geschlagen mit Blindheit, Hielten dieses für Triebe der Kindheit, Und haben, wenn ich was Böses gemacht, Nur über ihr schlaues Töchterchen g'lacht. Mein funfzehntes Jahr war kaum verschwunden, Als sich schon Freier bei mir eingefunden, Denn bei meinem nicht häßlichen Gesicht Fehlte es mir an Anbetern nicht. Ob nun gleichwol mancher von ihnen Meinem Vater nicht verwerflich geschienen, So fande indessen meine Mutter jedoch Vieles an ihnen zu tadelen noch. Nur einen Mann von sehr hohem Stande, Allenfalls aus den Vornehmsten im Lande, Bestimmte sie einzig und allein Für mich, ihr artiges Töchterlein. Es kam aber kein Mann von hohem Stande, Der mich zur Frau zu machen rathsam befande, Mir wurde dabei indessen recht bang, Denn die Verzög'rung fiel mir zu lang. Ich suchte also und dergestalten Mich anderweitig schadenfrei zu halten, und ließ zum geheimen Rendezvous Manchen jungen artigen Herrn zu. Aus Furcht, etwas Schlimmes zu erleben Und daß es künftig möchte geben In meiner Heirath ein Hinderniß, Wenn sie mir zu viel Freiheit ließ, Fing die Mutter an ernstlich drauf zu denken, Meine Liebesstreiche einzuschränken, Und gab sowol bei Tag als bei Nacht, Auf meine Schritte und Tritte Acht. Ward nun gleich dadurch meine Neigung gehindert, So ward sie doch mehr vermehrt als vermindert, Denn eine stark verbotene Frucht Wird nur desto emsiger gesucht, Und je größer ein Hinderniß, je mehr Verlangen. So ist es auch mit meiner Neigung gegangen, Denn ich suchte zu jeder Zeit Sie zu befriedigen Gelegenheit. Des Nachts ließ ich oft durch mein Fenster Manche mit Fleisch und Bein versehene Gespenster, Die dann meistens die halbe Nacht Bis am Morgen bei mir zugebracht. Auch konnte ich oft mir die Zeit vertreiben Mit manchem erhaltenen Liebesschreiben Von so herzbrechendem Inhalt, als man In jedem Romane lesen kann. Ich ging grade im zwanzigsten Jahre, Als ich einstmals auf einem Balle ware; Da ward ich mit einem Herren bekannt, Herr Baron von Hogier genannt – Hier fiel ihr Hieronimus ins Wort plötzlich: »Herr von Hogier? – das ist entsetzlich! Sein Name sowol als sein eigentlicher Stand Ist mir, meine Seele! nicht unbekannt; Herr von Hogier war ein Bärenhäuter!« Ja, das war er, sprach Amalia weiter, Und Sie sollen, lieber Hieronimus! sehn, Was zwischen mir und ihm ist geschehn. Herr von Hogier hat mir dazumalen Von Person und Wesen höchlich gefallen, Denn sein reiches Kleid und große Perück' Nahm mich schon ein im Augenblick. Er that mir höchst verliebte Anträge Und mir gefielen seine Vorschläge, Um desto mehr, da er hoch und theuer schwur: Ich sei seine einzige Göttin nur. Auch sprach er viel von seinen Gütern und Vermögen, Welche im Lande Sachsen wären gelegen, Ob er gleich bishero nur so Reisete durch die Welt incognito. Er that mir auch deutlich proponiren, Er wolle mich gerne von Hause entführen, Ich möchte nur mit vielen Juwelen und Geld mich versehn auf die bestimmte Stund. Als mich nun Nachts nichts verhindert, Hab ich zu Hause Kisten und Kasten geplündert; Steckte, was ich da bekam, zu mir Und entfloh mit dem Herrn von Hogier. Wir eilten, bis wir uns endlich befanden Fast an den äußersten Grenzen der schwäbischen Landen, Und haben in den ersten vier Tagen fast Keine zwölf Stunden ausgerast't. Was wol die Eltern gedacht, als sie gefunden Ihre Kasten leer und die Tochter verschwunden, Und wie sie geweinet, geflucht und geschmählt, Das bleibt an seinen Orte gestellt. Als wir endlich in X. angekommen, So haben wir uns einmal vorgenommen, Einige Tage da auszuruhn Und uns etwas zu Gute zu thun. Wir blieben da also ruhig liegen, Lebten in Wonne und Vergnügen, Und der Herr Baron von Hogier Stellte sich zärtlich gegen mir. Ich hielt mich nun in meinem Sinne Glücklicher als eine Prinzessinne, Und gedachte an nichts als Freud, Lust, Liebe und Ergötzlichkeit. Doch war nunmehro mein Unglück nahe; Denn ehe ich es mir versahe, Hat sich einst heimlich in der Nacht Herr von Hogier per Post davon gemacht. Auch mein Geld, lieber Hieronimus! denk' Er! Nebst meinen Juwelen waren zum Henker, Auch alle Kostbarkeiten zumal, Welche ich vorher meinen Eltern stahl. Nun sah ich alsobald offenbare, Daß Herr von Hogier ein Spitzbube ware, Und daß es nicht allzurichtig stand Mit seinen Gütern im Sachsenland. Es ist also leichtlich zu gedenken, Wie sehr mich die Sache mußte kränken, Denn ich hätte vom Herrn von Hogier Nie eingebildet den Streich mir. Einsam nunmehr und von allen verlassen, Konnte ich vor Betrübniß mich kaum fassen, Und wußte nicht, wohin und woher Für mich eine sichere Zuflucht wär'. Wieder nach meinen Eltern zu gehen, Das durfte unmögelich geschehen; Denn es wäre da sicherlich Gar nicht gut gegangen für mich. Indessen waren zu allem Gelücke, Noch vierundzwanzig Ducaten zurücke, Welche ich mit aller Vorsichtigkeit Genäht hatte in mein Unterkleid. Diese übrige vierundzwanzig Ducaten Kamen mir diesmal recht gut zu statten, Denn sie waren nun, um und um, Mein ganzes Vermögen und Reichthum. Ich wollte nun nicht länger verweilen Dem Herrn von Hogier nachzueilen, Sondern jug gleich am selbigen Tag Ihm ebenfalls mit der Post nach. Denn ich hatte im Posthause vernommen, Daß er da Extrapost bekommen, Und daß er also im Schwabenland Sich noch vermuthlich reisend befand. Hätte ich ihn unterweges attrapiret, So wäre er sogleich arretiret, Und so hätte ich gewiß alsdenn Meine Sachen wieder bekommen. Mein Lieber! es war grade diese Reise, Als ich auf die bewußte Weise Sie auf dem Postwagen traf an, Wo unsre Bekanntschaft zuerst begann. Uebrigens ist es mir niemals geglücket, Daß ich Herrn von Hogier hätte erblicket, Und ich habe auch niemals nachher Gehöret, wo er geblieben wäre' – Hier ist Hieronimus abermalen Der Amalia in die Rede gefallen: »Potz tausend! ich weiß es, wo der Dieb, Der Herr von Hogier, der Schurke, einst blieb! Kurz vor unsrer Bekanntschaft, liebe Amalie! Hatte mich Herr von Hogier, die Canaille, Im Wirthshause um vieles Geld Mit seinem falschen Spiele geprellt; Dies war die Ursache meines Kummers Und meines melancholischen Schlummers, Den ich endlich bei Ihnen vergaß, Als ich damals auf dem Postwagen saß. Auch war Herr von Hogier einer der beiden Angetroffenen verkleideten Kaufleuten, Welche im Wirthshause hernachmal'n, Mir den Beutel mit dem Gelde stahl'n. Auch der Räuber, den ich getödtet, Als ich jenen Herrn mit der Dame gerettet, War wahrlich, von Person und Gesicht, Kein andrer als dieser Bösewicht. Sie können sich also zufrieden geben, Der Spitzbube ist nicht mehr am Leben, Und ich habe uns also mit Recht Für alle Betrügereien gerächt.« Amalie versetzte: diese Geschichten, Welche Sie, mein Lieber! mir da berichten, Sind wahrhaftig recht sehr curios, Und meine Verwunderung drob ist groß! Das Sprüchwort: was auch gar klein gesponnen, Kommt doch endelich an die Sonnen, Trifft auch gewiß hier haarklein Bei dem Schurken von Hogier ein. Doch, um im Erzählen fortzufahren, Als wir damalen getrennet waren, Setzte ich wegen der Sackuhr Meinen Weg fort, doch zu Fuß nur. Gleich drauf mußte es sich zutragen, Daß ein alter Herr mit seinem Wagen Grade auch diese Straße kam, Welcher mich, da gehend, wahrnahm. Er nöthigte mich durch sein freundlich Bezeigen, In seinen Wagen bei ihm einzusteigen; Und weil ihm meine Person gefiel, Gab er mir der guten Worte viel: Immer bei ihm als Kammerjungfer zu bleiben Und ihm die Zeit angenehm zu vertreiben; Denn er wäre mit Leib und Seel' Unbeweibt und noch Junggesell. Nun ware es eines Theils gefährlich, Andern Theils, wie ich itzt dachte, auch thörlich Gehandelt und gethan von mir, Ferner zu suchen den Herrn von Hogier. Was mir der alte Herr angetragen, Wollte ich also nicht ausschlagen, Obgleich sein Alter und graues Haar Mir so recht nicht anständig war. Ich bin also bei ihm geblieben, Habe ihm die Zeit gut vertrieben, Und ich betrug mich gegen ihn, Als wäre ich seine Gemahlin. Er hat mich deswegen hochgehalten, Ließ mich im Hause schalten und walten, Und über Gesinde, Mägde und Knecht', Hatte ich zu befehlen ein Recht. Ich durchsah Stuben, Küche und Keller, Scheunen, Kammern, Boden und Söller, Besorgte die Wäsche, Tische und Bett Und was noch sonst vorfallen thät. Von allen Kasten hatte ich die Schlüssel! Jedes Geschirre bis zur kleinsten Schüssel, Sogar Silbergeräthe und Leinewand, Stunde alles unter meiner Hand. Auch von manchem Abend bis zum Morgen Trug ich für den alten Herrn alle Sorgen Und beruhigte ihn, wenn er allerhand Gewisse geheime Bedürfnisse empfand. Denn der gute alte Herre thate Nicht das mindeste ohne meinen Rathe, Und nichts geschahe überall Ohne meinen gegebenen Beifall. Ich bekam, wie leicht zu gedenken, Von ihm viel ansehnliche Geschenken, Stahl auch überdies von Zeit zu Zeit Noch heimlich manche Kleinigkeit. Ob's nun gleich äußerlich an nichts fehlte, So war doch noch etwas, welches mich quälte, Und mir fiele deswegen im Anfang Bei dem alten Herren die Zeit lang. Zwar in der Folge war der Hausschreiber Zuweilen wol mein Zeitvertreiber, Doch weil er sich meistens kränklich befand, So war sein Umgang nicht interessant. Es gereichte mir also zum wahren Vergnügen, Nach seinem Tode einen neuen Hausschreiber zu kriegen, Und Sie, mein Lieber! waren just der Damals neu angesetzte Secretär. Sie gefielen mir gleich, da ich Sie gesehen, Ich muß es Ihnen offenherzig gestehen, Und dieses war dann die Ursach, Warum ich für Sie so kräftig sprach. Uebrigens ist Ihnen von den Dingen allen, Welche damals unter uns vorgefallen, Bis er Sie Nachts einst bei mir fand, Lieber Hieronimus! nichts unbekannt. Als er Sie damals dimittiret, Hat mich Ihr Abschied sehr gerühret, Er fuhr aber noch destomehr Ueber mich mit Verweisen her. Fast hätte ich ebenfalls müssen reisen, So zornig that er sich beweisen, Und gewiß mit sehr vieler Müh' Befriedigte ich ihn mit Caressen noch hie. Indessen war doch seit diesen Stunden Seine Neigung zu mir sehr verschwunden, Weil eine junge neue Küchenmagd Ihm besser als meine Person behagt. Um nun meinen Kummer und Melancholeien Wegen Ihrer Abwesenheit zu zerstreuen, Lebte ich nachhero etwas frei Mit des alten Herrn Lakei. Als er aber unsre Vertraulichkeit gesehen, Da half mir kein weiter Bitten noch Flehen, Sondern ich mußte allsofort Mit Sack und Pack wandern von dort. Da ich nun mit Geld ziemlich versehen, Entschloß ich mich so lange durch die Welt zu gehen, Bis eine neue Gelegenheit sich Zeigte zum künft'gen Unterhalt für mich. Auf meiner Reise durch diese Lande Stieß ich auf eine Schauspielerbande, Und auf meine Bitte nahm man Mich als eine neue Actrice an. Schon hab' ich mich bei ihnen solchergestalten Einige Monate lang aufgehalten, Und gespielet sehr gut und wohl Jede mir aufgegebene Roll'. Uebrigens ist's mir eine große Freude, Daß uns das Schicksal nunmehr beide Wieder hat so gesund und vergnügt Zum dritten Male beisammengefügt. Dreiunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspieler zu werden, und wie er dazu von der Jungfrau Amalia überredet ward. Hieronimus hat die in vorigen hundert Versen erzählte Geschichte sehr bewundert, Und vergaß, in seinem jetzigen Zustand, Den Herrn Patron und das Bayerland. Er that vielmehr von nun an den Schluß fassen, Amalien niemals wieder zu verlassen, Und nahm sich desfalls vor zur Hand, Auch zu werden ein Komödiant. Als dieses Amalia gemerket, Hat sie ihn in seinem Vorsatz gestärket, Und rühmte drauf diesen Stand hoch In dem folgenden Apolog: »Ich weiß es aus sehr vielen Proben, Daß der Schauspielerstand höchlich zu loben Vor einem jeglichen andern Stand, Der da ist in der Welt bekannt. Denn man sieht darin deutlich und eben, Wie es in dem ganzen menschlichen Leben Bald sehr böse und bald sehr schön, Unter einander pflegt herzugehn. Bald gibt's gar lustige Komödien, Bald aber jammervolle Tragödien, Bald lachet man, tanzet und singt, Bald greint man, seufzet und hinkt. Bald sieht man recht komische Possen, Bald werden Thränen und Blut vergossen, Bald ist man dürftig, bald ist man reich, Bald jung und roth, bald todt und bleich. Bald ist man Bauer, bald ist man Kaiser, Bald ist man ein Narre, bald ein Weiser, Bald ist man vornehm, bald ist man arm, Bald ist man kalt und bald wieder warm. Bald General, bald ein Gemeiner, Bald Kapuziner, bald ein Zigeuner, Bald ein Bettler, bald ein Baron, Bald ein Büttel, bald ein Herr von. Bald Renommist, bald ein Stutzer, Bald Kammerherr, bald Schuhputzer, Bald Passagier, bald ein Wirth, Bald ein Abbé, bald ein Kühhirt. Bald ein Pfarrer, bald ein Küster, Bald ein Dummkopf, bald Polyhister, Bald Monarch, bald Unterthan, Bald Scharfrichter, bald Amtmann. Bei dergleichen Abwechslungen Hat man immer neue Vergnügungen, Und es wird der Lauf der Welt Gar artig dadurch fürgestellt. Wenn wir die aufgetragenen Rollen Nur klug und vernünftig spielen wollen, So lohnt ein Klatschen der Händ' Unsre Actionen am End'. Hingegen wenn wir irgendwo gefehlet, Dann wird die Haut uns voll geschmälet, Und alle Zuschauer im Schauspielhaus Lachen, zischen und pfeifen uns aus.« – Der Stand, liebe Amalia! den Sie da zeichnen, Ist angenehm, ich kann es nicht läugnen, Antwortete darauf mit einem Kuß Der neue Schauspieler Hieronimus. Er ward nun dem Director präsentiret, Und ihm von Amalia recommandiret, Der nahm denn des folgenden Tages drauf Ihn unter die spielende Gesellschaft auf. Vierunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau Amalia untreu ward und mit einem reichen Herrn davon ging, und wie er auch in Desperation von hinnen ging. Geneigter Leser! jetzt will ich dir sagen, Wie sich Hieronimus im Spielen betragen, Nachdem ihn der Director examinirt Und seine Fähigkeiten probirt. Tartüffische Schurken, verdorbene Priester, Trunkene Studenten, lächerliche Küster, Bange Poltrons, verliebte Schreiber Und dergleichen ähnliche Rollen mehr Spielte er alle sehr manierlich, Denn ihre Rollen waren ihm natürlich, Und er bekam darin jedes Mal Der Zuhörer lauten Beifall. Auch wenn er den Schulmeister hatte, Oder als Autor auf die Bühne trate, So sah man ihm auch dann und wann, Den Schulmeister und Autor leibhaftig an. Hingegen war im ernsthaften Philosophen Für ihn nicht der mindeste Beifall zu hoffen, Auch im zärtlichen Schäferspiel Leistete Hieronimus gar nicht viel. Imgleichen spielte er sehr ungeschicklich Den vornehmen Herrn und war unglücklich So oft er etwas Vernünft'ges bekam, Oder eine sehr lange Rolle nahm. Hieronimi jetzige Tage verflossen indessen in Vergnügen und unverdrossen Im Arm seiner schönen Schauspielerin, Im Arm seiner lieben Amalie hin. Er hätte, von der Liebe gleichsam berauschet, Mit keinem Könige nunmehro getauschet, Und alle seine Trübsal und Elend Schien nun gekommen zu sein zum End'. Aber leider ist, wie das Sprüchwort heißet, Nicht alles Gold und Silber, was gleißet, Und das unbeständige Glück Zeiget oft unvermuthete Tück'. So erfuhr auch Hieronimus in folgenden Zeiten Bald des Glückes Veränderlichkeiten, Denn, da er's am wenigsten geglaubt, Ward ihm sein größtes Vergnügen geraubt. Und es hat sich mit ihm begeben Der schmerzlichste Vorfall in seinem Leben, Denn es wurde ihm untreu Seine geliebte Amalei. Nämlich: es traf sich von ohngefähre, Daß ein junger, vornehmer, reicher Herre Einstmals in der Komödia Die schöne Amalia spielen sah. Gleichwie es nun überall Narren gibet, So hat auch er sich in sie verliebet, Und Amalia ware so klug, Daß sie seinen Antrag nicht ausschlug. In ihrer Geschichte können wir es lesen, daß sie ohnehin sehr geneigt gewesen (Sie war ja eine Frauensperson) Zur oftmaligen Variation. Der reiche Herr that sie oft besuchen, Hieronimus fing drob an zu fluchen, Und hat theils geweint, theils gedroht, Und wünschte sich in der Verzweiflung den Tod. Dadurch ward er aber nur täglich Bei Amalien mehr verhaßt und unerträglich, Und sie sagte ihm bald darauf Ihre Liebe formaliter auf. Da er nun ihren Entschluß vernahm, so hat er Abschied bald genommen vom Theater, Und er ging in äußerster Desperation Wenige Tage nachhero davon. Was indessen Amalia thut anlangen, So ist selbige mit dem Herren davon gegangen, Und soll bei demselbigen zwei Jahre hernach Gestorben sein, als sie im Wochenbette lag. Fünfunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus nach seiner Heimat gen Schildburg gereiset ist und wie er da allerlei Veränderungen fand. Es befand sich nun auf diese Weise Hieronimus abermals auf der Reise, Doch war er gereist kein einziges Mal So mißvergnügt als im gegenwärtigen Fall. Amaliens nie vermuthete Untreue Ware seinen Gedanken stündlich neue, Und er hätte aus Verzweiflung Fast gewagt einen gefährlichen Sprung. Zwar wäre in seinem betrübten Zustande Für ihn beim Herrn Patron im Bayerlande Die beste Zuflucht gewesen wol, Wenn ich mein Gutachten sagen soll. Aber einer, der mit Betrübniß besessen, Pflegt oftermal sich zu vergessen, Und ist gemeinlich zu solcher Zeit Mehrmals ein Thor und nicht gescheidt. Also statt sich andershin zu wenden, In seinen gegenwärtigen Umständen, Stellte Hieronimus seinen Sinn Nach seinem Geburtsorte Schildburg hin. Weil ihm nun eben keine Hindernissen Auf der Heimreise sonderlich aufstießen, So ist er, dem Himmel sei gedankt! Wohlbehalten endlich da angelangt. Hier hat er bei seiner Ankunft gesehen, Daß große Veränderungen waren geschehen In manchen Sachen, wärend der Zeit Seiner so langen Abwesenheit. Seine Mutter war zwar noch am Leben, Aber ihre äußerlichen Umstände standen eben Nicht allzu wohl, sondern jämmerlich Und sie ernährte sich kümmerlich. Einer seiner Brüder war gegangen Den Weg alles Fleisches, einer hat angefangen Einen kleinen Nürnberger Kram, Wovon er seinen Unterhalt nahm. Der älteste Bruder lebte im Ehestande Mit dem häßlichsten Weibe im ganzen Lande, Doch machte das Geld, welches sie besaß, Daß er ihre Häßlichkeit vergaß. Seine älteste Schwester hatte Den Küster Loci zum Ehegatte, Und dieselbige lebte ziem- lich vergnügt und wohl mit ihm. Die Schwester Gertrud hatte ein Kind vom Procrater Geier, welcher, als er worden war Vater, Sich davon hatte gemacht geschwind Und die Braut verlassen sammt dem Kind. Sie suchte sich so gut als möglich zu ernähren, Hatte vielen Umgang und Verkehren Mit jungen Leuten von reichem Stand, Bei welchen sie ihren Unterhalt fand. Eine andere Schwester war bei einem alten Wittwer, ihn zu wärmen und hauszuhalten; Und auch diese lebte mit ihm insoweit In Friede und guter Einigkeit. Und seine allerjüngste Schwester, Ein blühendes Mädchen, genannt Esther, War noch bisher der Mutter Trost Und bekame von ihr die Kost. Ob nun gleich des Hieronimi Ankunft zware Mutter und Geschwistern angenehm ware, Weil es sehr lange hatte gewährt, Eh sie von ihm gesehn oder gehört: So wollte es sich doch für ihn nicht fügen, Als ein Faulenzer müßig da zu liegen, Man ware also darauf bedacht, Daß er irgend würde untergebracht. Sechsunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus Nachtwächter ward in Schildburg, und wie seiner Mutter Traum und Frau Urgalindinens Weissagung erfüllet ward. Nun ware gerade in diesen Tagen Der Nachtwächter in Schildburg zu Grabe getragen, Und seine Bedienung war bisher Noch unbesetzet, vacant und leer. Da nun in allen gutgeordneten Staaten Man den Nachtwächter nicht kann entrathen, So ward von den Bürgern deliberirt, Damit ein andrer würde ordinirt. Nun fanden sich zwar fähige Subjecte, Denen der entledigte Dienst wol schmeckte, Doch wegen der Stimme starken Ton Nahm man auf Hieronimus Reflexion. Zwar machten Anfangs einige Personen Dagegen Einwürfe und Objectionen, Als wenn Hieronimus eben nicht sehr Zu dieser Bedienung geschicklich wär'. Denn weil man ihm die Nachrede machte, Daß er lieber schliefe als wachte; So wäre infolglich auf diese Art Das Städtlein nicht gehörig bewahrt. Indessen ward er doch bald einhellig Von der ganzen Bürgerei, förmlich und völlig, So daß am Berufe nichts gefehlt, Zum neuen Nachtwächter erwählt. Jedoch musste er sich vorhero bequemen, Des vorigen Wächters Wittwe zur Frau zu nehmen, Denn der verstorbene selige Mann Nahm sich gar treulich des Städtleins an. Um also seine Treue zu vergelten An der hochbetrübten Wittwe, so stellten Die Bürger die Heirath ihrer Person Als eine Conditio sine qua non. Weil sie nun erst alt war dreißig Jahre Und ihre Person nicht hässlich ware, So nahm Hieronimus den Vorschlag an Und wurde also ihr Ehemann. Es wurden nunmehro Alten und Jungen Die Stunden der Nacht wieder vorgesungen, Denn der neue Wächter Hieronimus Nahme das Horn vor's Maul und blus. Und so oft er die Glocke hörte schlagen, Hub er an Folgendes zu sagen: »Höret ihr Herren in der Still, Was ich euch singen und sagen will: Die Kirchglocke hat so eben Eilf, zwölf, ein, zwei, drei Schläge gegeben, Bewahret, wenn ich euch rathen soll, Das Feuer, das Licht und eure Töchter wohl; Damit sich niemand etwa verbrenne, Oder sonst Schaden entstehen könne, Und seid sehr wohl auf Eurer Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, thut gut.« Er hat sich übrigens stets aufgeführet, Wie's einem frommen Nachtwächter gebühret, Er schlief am Tage desto mehr, Damit er des Nachts fein wachsam wär'. In aller Zeit, da er gewacht und gesungen, Ist es keinmal einem Diebe gelungen, Daß in Schildburg eine Räuberei Irgendwo nächtlich geschehen sei. Und jeder Bürger, wenn er noch so hart schliefe, Erwachte, wenn Hieronimus blies oder riefe, Und seines Horns und Halses Schall Hörte man im Städtlein überall. So hat sich denn alles curios gereimet; Mit dem, was Frau Jobs Kapitel zwei geträumet, Und alles trafe nun haarklein, Bei dem Nachtwächter Hieronimus ein. Auch von dem, was Urgalindine gesaget, Als man sie um das Schicksal des Knaben gefraget, Nach den Gründen der Chiromantia, Ware nunmehro die Erfüllung da. Man konnte, nach nun vollendeten Sachen, Von allem diesem die beste Deutung machen, Wie's dann mit Prophezeiungen überhaupt geht, Daß man selbige hernach erst versteht. Was indessen Frau Schnepperle gesprochen, Als Frau Jobs war mit dem Kind in den Wochen, (Wie Kapitel drei zu ersehn) Das ist vor diesesmal nicht geschehn. Aus demjenigen, was wir nunmehro wissen, Lässet sich gegen Frau Schnepperle schließen, Daß sie in der Kunst der Physiognomei Nicht genug erfahren gewesen sei. Siebenunddreißigstes Kapitel Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zur Ruhe brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede. Es ist gewesen schon sehr lange, Wie uns Gelehrten bewußt ist, im Gange, Ein gar kluges Sprüchwort, es hat's Der alte Kirchenvater Horaz: Sowol gegen die Paläste der Großen, Als gegen die Hütten der Armen pflegt zu stoßen Der überall bekannte Freund Hein Mit seinem dürren Knochenbein. Das will eigentlich nach dem Grundtext sagen: Alles, was da lebt, wird zu Grabe getragen, Sowol der Monarch als der Unterthan, Sowol der reiche als der arme Mann. Sintemal Freund Hein pflegt unter den beiden Nicht das mindeste zu unterscheiden, Sondern er nimmt alles, weit und breit, Mit der strengsten Unparteilichkeit. Und er pflegt immer schlau zu lauern Sowol auf den Cavalier, als auf den Bauern, Auf den Bettler und Großsultan, Auf den Schneider und Tatar-Khan. Und er geht mit der scharfen Sensen Zu Lakaien und Excellenzen, Zu der gnädigen Frau und der Viehmagd, Ohne Distinction auf die Jagd. Es gilt bei ihm gar kein Verschonen, Er achtet weder Knotenperücken noch Kronen, Weder Doctorhut noch Hirschgeweih, Zierathen der Köpfe mancherlei. Er hat bei der Hand tausend und mehr Sachen, Welche ein End' mit uns können machen; Bald gibt ein Eisen, bald die Pest, Bald eine Weinbeere uns den Rest. Bald eine Krankheit, bald plötzlicher Schrecken, Bald Arzeneien aus den Apotheken, Bald Gift, bald Freude, bald Aergerniß, Bald Liebe, bald ein toller Hundsbiß. Bald ein Proceß, bald eine blaue Bohne, Bald eine böse Frau, bald eine Kanone, Bald ein Strick, bald sonstige Gefahr, Wofür uns alle der Himmel bewahr'. Da helfen, um sich zu befreien, Nicht d'Arçons schwimmende Battereien; Denn Freund Hein, der hungrige Schelm, Fürchtet weder Festung, Schild, Degen noch Helm. Der Commandant in den sieben Thürmen, Der Großvezier zwischen hundert Dirnen, So wie Diogenes in seinem Faß waren alle für ihn ein Fraß. So ist es von jeher gehört und gewesen, wie wir in den Geschichtsbüchern können lesen: Jakob Böhme und Aristoteles, Klaus Narre und Demosthenes, Der ungestalte Aesop und die schöne Weltberühmte griechische Helene, Der arme Job und König Salomon Mußten endlich alle davon. Kaiser Max und Jobs, der Senater, Virgil und Hans Sachs mein Aeltervater, Der kleine David und große Goliath Starben alle, theils früh, theils spat. Niclas Klimm und Marcus Aurelius, Cato und Eulenspiegelius, Ritter Simson und Don Quixot, Sind leider nicht mehr, sondern todt. Auch Cartouche und König Alexander, Einer nicht ein Haar besser als der ander', Held Bramarbas und Hannibal, Sie starben alle Knall und Fall. Auch August der Held Polens, Und Karl der Zwölfte mußten volens nolens, So wie der Perser Schach Kulikan, Und der große Czaar Peter dran. Item, Xerxes mit seinem ganzen Heere, Potiphar mit seiner Hausehre, Und der einäugige Polyphem, Und der alte Methusalem. Alle, alle mußten in die schwarze Bahre, Calvin und der Pater von Sanct Clare, Auch der Patriarch Abraham, Und Erasmus von Rotterdam. Auch Müller Arnold und die Advocaten In den weitläufigen preußischen Staaten, Tribonian und Notar April, Der zu Regensburg von der Treppe fiel. Alles, alles sank vor seiner Sichel, Hippocrates Magnus und Schuppachs Michel, Galenus und Doctor Menadie, Mit der Salernitanschen Akademie. Keiner konnte seiner Faust entfliehen, Nicht Nostradamus und Superintendent Ziehen. Mit Doctor Faust und Träumer Schwedenburg Ging er ohne Umstände durch. Orpheus den großen Musikanten, Molière den Komödianten, Und den berühmten Maler Apell Nahm Freund Hein sämmtlich beim Fell. Auch den Midas mit den langen Ohren, Den Dichter Homerus blind geboren, Den lahmen Tamerlan und Tänzer Vestri; Kein einz'ger von allen entsprang ihm hie. Ach ja, lieber Leser! dies Furchtgerippe Fraß die Penelope, Xantippe, Judith, Dido, Lucretia Und die Königin aus dem Reiche Arabia. Den lachenden Demokrit und den Murrkopf Timon, Gaukler Schröpfer und den Zauberer Simon, Den Sokrates und jungen Werther, fürwahr Jenen als Weisen, diesen als Narr. Selbst Bucephalus und Rosinanten, Und Abulabas den Elephanten, Roß Bayard und Bileams Eselin Nahm Freund Hein zum Morgenbrod hin. Summa Summarum, weder vorn noch hinten Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden, Daß Freund Hein etwa irgendwo leer Bei Jemand vorübergegangen wär'. Und was er übrigens noch nicht gefressen, Wird er doch in der Folge nicht vergessen, Sogar, leider! lieber Leser, auch dich, Und was das schlimmste ist, sogar mich. So ward es nun auch gleichergestalten Mit dem Nachtwächter Hieronimus gehalten, Denn auch bei ihm stellte Freund Hein Sich nach vierzig Jahr und drei Wochen ein. Er bekam nämlich ein hitziges Fieber, Das wäre wol nun bald gegangen über, Wenn man's seiner guten Natur Hätte wollen überlassen nur; Jedoch ein berühmter Doctor im Curiren Brachte ihn durch seine Lebenselixiren, Nach der besten Methode gar schön, An den Ort, dahin wir alle einst gehn. Als man ihn nun zu Grabe getragen, Führten die Schildburger große Klagen, Denn seit undenklichen Zeiten her War kein so berühmter Nachtwächter als Er.