Otto Ernst Ortrun und Ilsebill   Personen:         Ole Bulemann , der böse Meergeist. Irmeland , ein verwunschener Prinz. Lutz , sein Page, in einen Sprott verwandelt. Munk , ein Fischer. Ilsebill , seine zweite Frau. Ubbe , beider Söhnchen. Ortrun , Munks Tochter aus erster Ehe. Der Kanzler. Der Haushofmeister. Der Zeremonienmeister. Die Herzogin von Eschenbach. Die Gräfin Zwetschendorf. Ein Hofmann. Der Oberste der Leibwache. Ein Bürgermeister. Ein Schweinezüchter. Ein sehr ängstlicher Mann. Ein Jüngling. Ein Weib. Eine Zofe der Herzogin von Eschenbach. Eine Zofe Ortruns. Ein singender Brunnen. Eine Brunnenfigur. Bürger und Bürgerinnen der versunkenen Stadt. Damen und Herren des Hofes. Pagen, Lakaien, Soldaten, Boten. Erster Aufzug. (Rechts und links vom Zuschauer aus.) Eine Meeresbucht. Links das offene, bis zu fernem Horizont sich dehnende Meer. Die rechte Hälfte der Bühne wird von einer felsigen, ebenfalls in blaue Ferne sich erstreckenden Küste eingenommen. Rechts im Vordergrunde die Wohnung der Fischerfamilie: eine große aufrecht stehende Heringstonne, die in der oberen Hälfte mit einer augenblicklich offenstehenden Tür und einem Ofenknierohr als Schornstein versehen ist. Zu der Tür führt eine kleine Treppe hinauf. Fischer und Schiffergeräte, Netze, zum Dörren aufgehängte Fische und dergl. vervollständigen die Strandidylle. Am Ufer, das sich im Vordergrunde bis in die linke Kulisse fortsetzt und hier fast eben ist, sitzt Munk, der Fischer, mit dem Ausbessern eines Netzes beschäftigt und singend. Neben ihm spielt sein sechsjähriges Söhnchen Ubbe im Sande. 1. Szene. Munk. Ubbe . Munk (singt)     Das steht gepflanzt in Gottes Hand,     O Herr, gib Fisch an meinen Strand.     Ich bitte nicht um Überfluß,     Nur was ich nötig haben muß. Ubbe . Vater, erzähl mal wieder 'n Geschichte. Munk . Ja welche denn? Ubbe . Och, die, weiß wohl, mit Jungfrau Maria un wie die Königin verbrannt werden soll. Munk . Na ja. Also da war mal 'n großer Wald, un da – Ubbe . Vater, was is eigenlich 'n Wald? Munk . 'n Wald? Das is, wenn 'n ganze Menge Bäume zusammensteh'n – Ubbe . Was is Bäume? Munk . Nanu – Bäume, das sind – – das sind so dicke Stämme mit Blättern dran – Ubbe . Was is Stämme? Munk . Jung, du frags ja der Kuh das Kalb ab! Ubbe (neugierig) . Was tu ich, Vater? Munk (laut, aber immer freundlich) . Du frags der Kuh das Kalb ab! Ubbe . Was is'n Kalb? Munk . Herrgott – Junge, nu laß mich aber mal zufrieden. (Nach einer Weile.) Du weiß doch noch, wie wir' n Pferd gesehen haben, nich? Ubbe . O ja, wie du gans weit mit mir weggegingt – gegangt bis – Junge, das war fein! Munk . Na, so'n Tier is auch die Kuh, bloß: sie hat Hörner auf'm Kopf (deutet es durch Geberden an) un macht Muh! un wenn sie'n Kind kriegt, dann ist das 'n Kalb. Ubbe . Mm. (Verfällt in Nachdenken. Nach einer Weile) Vater, weiß du was? Munk . Na? Ubbe . Ich wollt', ich könnt' fliegen. Munk . Nanu? Warum das denn? Ubbe . Denn könnt' ich alles seh'n! Munk . Djä, denn fliegs du uns aber weg! Ubbe . Nöö, denn lern ich dich natürlich auch fliegen, un denn fliegs du mit, un Ortrun natürlich auch. Munk (ihn lächelnd und erwartungsvoll fixierend) : Un Mudder? Mudder wills du nich mithaben? Ubbe . Mutter? – (Sehr gedehnt) : Och jaa. Munk (lacht still in sich hinein und beginnt dann wieder sein Lied) . Ubbe (unterbricht ihn) . Du Vater, weiß du was? Munk . Na? Ubbe (im Sand bauend) . Ich bau uns 'n neues Haus. Munk . Das 's rech! Ubbe . Du weiß doch, Mutter schimpft doch immer: sie will nich mehr in der Heringstonne wohnen, nich? Un nu bau ich uns 'n gans gans großes neues Haus! Munk . Aha! Wie groß soll es denn werden? Ubbe . Bis gans an die Luff! (Streckt das Ärmchen hoch.) Munk . Oha! Ubbe (nach einer Pause) . Du Vater, warum schimpft Mutter eigenlich immer? Munk . Djä – mußt sie mal fragen. Ubbe . Nee, das tu ich nich. Denn haut sie mich. Munk (lachend) . Djä – das kann davon kommen! Ubbe . Hat sie dich heute auch wieder gehaut? Munk . Heute? Ich weiß nich mal – nee, ich glaub nich. Ubbe (altklug) . Denn kommt das wohl noch. Munk (lachend) . Dscho – denn kommt es wohl noch. (Pause. Dann beginnt er wieder sein Lied.) 2. Szene. Irmeland. Die Vorigen . Irmeland als steinbuttähnlicher, glotzäugiger, triefender Meermann mit einer Krone auf dem Kopfe, steigt aus der Tiefe und legt sich mit dem Oberkörper breit-behaglich auf einen runden Felsblock nahe dem Ufer. Irmeland . Du singst ja prachtvoll. Munk (aufblickend) . Du wills mich woll für'n Bauern halten, was? Irmeland . Nein wirklich, wirklich, du singst sehr gut; ich versteh was davon! Munk . Kannst du denn auch singen? Irmeland . Gott sei Dank! (Wichtig.) Ich kann singen wie ein Mensch. Munk . Was du sags! Irmeland . Ich muß sogar singen. Munk . Du mußt? Irmeland . Ja, wenn ich recht glücklich bin – so durch und durch glücklich – dann kann ich gar nicht anders, dann muß ich singen. Munk . Mensch, das geht mir grade so. Irmeland . Du singst ja aber so traurig. Munk . Ja du, wenn ich recht vergnügt bin, sing ich immer traurig. Irmeland . Bist du denn vergnügt? Munk . Da kanns dich drauf verlassen, du! Irmeland . Und dabei prügelt dich deine Frau? Munk (lachend) . Ja, was schad't das? Irmeland . Wie kommst du denn eigentlich zu dem Drachen? Munk (mit größter Gemütlichkeit) . Dscha, das will ich dir erzählen. Ich hatte mal die Kopfrose, weiß du. Und sie kann die Rose besprechen, weiß du. Un da hat sie mir die Rose besprochen, un da war sie weg. Das heiß: die Rose! Un da sollt ich ja bezahlen; aber Geld hatt ich nich. Un da sagt sie: »Da kanns mich ja für heiraten.« Un das hab ich auch getan. Irmeland . Ja – was soll man dazu sagen. – Ist das dein Junge? Munk (stolz) . Ja, das is mein Junge. Irmeland (langt ins Wasser und holt eine Handvoll Seetang mit Muscheln, Seesternen, Seeigeln und Krebsen heraus) . Da, hast was zum Spielen. Ubbe . Oo, ooo Vater, kuck mal! 'n Seeigel – er krabbelt noch! Munk . Bedank dich auch schön. Ubbe . Ich dank auch schön, Onkel – Wie heiß du eigenlich? Irmeland . Jaaa: Das sag ich nicht. Munk . Warum denn nich? Irmeland . Das ist ein Geheimnis! Munk . Na, meinswegen kann's 'n Geheimnis bleiben. Irmeland . Hast du noch mehr Kinder? Munk . Natürlich! Ich hab noch 'ne Tochter! Von meiner ersten Frau! Irmeland . Was? Du warst schon einmal verheiratet? Munk . Gott sei Dank. Die war aber anders als meine jetzige. Irmeland (begierig) . So? Wie war sie denn? Munk . Ach – wunderhübsch! Un so zierlich, so niedlich un so gut! Grad wie meine Tochter! Irmeland (träumerisch) . Das muß schön sein. So eine Frau möcht' ich auch haben. Munk . Ja Mensch, nimm dir doch eine. Irmeland . Ja du, das sagst du so. (Nach der Tiefe zeigend.) Die Glotzäugigen da unten, die mag ich nicht. (Heimlich.) Ich möchte eine Menschentochter zur Frau haben. Munk (treuherzig) . Soll ich dir mal was sagen? Heirate nie über deinen Stand hinaus, das tut nich gut. Irmeland . Hahaha – wofür hältst du mich denn? Munk . Ich halt dich für 'n Butt. Irmeland . Hahaha – ich bin mehr, mein Lieber. Munk . Na ja, 'n Steinbutt. Irmeland . Du bist 'n Dummkopf. Munk . Dscha, das sagt meine Frau auch immer; da muß ja woll was dran sein. 3. Szene. Ortrun. Die Vorigen . Irmeland (verbirgt sich sofort hinter den Stein und guckt mit Staunen bald rechts, bald links dahinter hervor) . Ortrun (steigt aus der Tonne herauf und die Stiege herunter) .                                                             Vater! Die Mutter schickt mich, einen Fisch zu holen. Ob du noch immer nichts gefangen hättest. Sie will zu Mittag Lachsforellen essen, Und wenn du nicht sofort ihr welche schicktest, Dann will sie dir – das mag ich garnicht sagen. Munk . Laß man, ich kanns mir schon denken. Naa?? – Du has all wieder geweint. Was war denn all wieder los? Ortrun . Ich sang ein Lied, da schlug die Mutter mich; Sie sei nervös und könn' es nicht vertragen. Und überhaupt: wir wären arme Leute Und hätten keinen Grund zum Singen. Vater, Sind wir denn arm? Munk . I bewahre. Sing du man ru'ig zu, mein Muschi, un wenn sie das nich hör'n will, denn komm man raus zu mir, denn singen wir zusammen. Ilsebill (von drinnen) . Or–truuuuun?! Wo bleibt der Galgenstrick! Ortrun (ist jäh zusammengefahren) . Ich muß hinein – sonst wird sie splittertoll. Ein Küßchen, Ubbe. Wenn ich darf, so spiel ich Nachher mit dir! (schlüpft schnell in die Tonne) . Ubbe . Och ja! Man zu! Man zu! 4. Szene. Die Vorigen ohne Ortrun . Irmeland (taucht wieder hinter dem Felsblock hervor und windet sich vor Entzücken, als wenn er Leibweh hätte) . Ooo – ooh – wie ist die schön! Die ist ja wunderbar!! Die ist ja – ooo – oooh! – Du, das ist doch nicht wirklich deine Tochter? Munk . Gott sei dank! Wen seine, meins du denn? Irmeland . Du, das kann ich gar nicht glauben. Munk . Djä, mitunter versteh ich es selbs nich, wie ich zu so'nem Goldvogel komme – aber das is ihre Mutter, ihre Mutter, wie sie leibte und lebte. Irmeland . Uuuh – die is – – – du! Munk . Na? Irmeland . D– d– d– du!! Munk . Na was denn? Irmeland . Du – gib mir die! Munk . Was soll ich? Irmeland . Du sollst mir sie geben! Munk . Wozu denn? Irmeland . Sie soll meine Frau werden! Munk . Hahahahaa – bis du verrückt? Irmeland . Nein, du – ich – ich kann eine Frau ernähren! Munk . Das glaub ich gern. Irmeland . Und – und – sie soll so viel Gold und Silber und Diamanten haben, wie sie will – und hier der Kleine kann sich auch wünschen, was er will – Ubbe . O ja, o ja! Irmeland . Und du darfst dir auch wünschen, was du willst – Munk . Ich? Ich hab alles. Irmeland . Und deine Frau soll sich auch wünschen – Munk . Halt stopp, mein Junge! So viel has du nich, wie meine Frau sich wünscht! Irmeland . Haha! Mir gehört diese ganze Bucht mit allem, was drin ist. Munk . Das langt nich! Irmeland . Ach du! Ich komm ja nur, wenn du mich rufst. Wenn du rufst:         Mantje Mantje Timpe Te,         Buttje, Buttje in de See! dann komm ich und dann kannst du wünschen. Und wenn du nicht willst, dann brauchst du ja nicht zu rufen. Munk . Wenn ich nich will? Ja, das sag ihr man mal! (Man hört Ilsebill keifen und schlagen und Ortrun bitterlich weinen.) Da kommt sie! Irmeland (taucht blitzschnell ins Meer zurück) . Munk . Aha! 5. Szene. Ilsebill. Munk. Ubbe . Ilsebill (kommt rasch aus der Tonne, sieht ihren Mann und stemmt die Arme in die Seiten) . Ha! Dacht ich's doch! Da sitzt er noch und faulenzt bei den Netzen 'rum! Warum hab ich noch keine Lachsforelle? Munk (gemütlich) . Weil noch keine angebissen hat. Ilsebill . Nein, weil du wie gewöhnlich schläfs un nich aufpaßt! Munk . Na ja, kann auch sein. Ilsebill . Hach – daß mir der Himmel so ßtrafen un mir so 'ne Schlafmütze zu'n Mann geben muß. Munk . Djä, ich hab dirs ja gleich gesagt: hätts mich nich nehmen sollen. Ilsebill . Wollt' ich denn? Wollt ich dir denn haben? Du has mir ja keine Ruhe gelassen! Munk . Ich hab dir –? Ich hab dir –? (Er gerät vor Heiterkeit aus Rand und Band und will sich ausschütten vor Lachen.) Ilsebill (sieht ihn erst starr an, versucht mehrmals zu reden, kann aber vor seinem Lachen nicht dazu kommen; schließlich wird sie wütend, zieht einen Pantoffel vom Fuß und will ihn schlagen) . Bis du jetz aus der Sztelle ßtill oder – Munk . Hahaha – nee Ilsebill, du bis zu komisch – Ilsebill . Jetz halt dein Maul, oder – (sie will zuschlagen) ich bezwinge mir ja man bloß, weil das Kind dabei is – Geh rein, mein Ubbe, hörs du? Ubbe . Mutter, hier is eben 'n Mann aus 'm Wasser gekommen, der hat gesagt, ich soll mir was wünschen – Munk (giebt seinem Söhnchen Zeichen, daß er schweigen solle, die aber das Kind nicht versteht) . Ilsebill . Was is das? Ubbe . Ja, un Vater soll sich auch was wünschen. Ilsebill (zu Munk) . Was is das? Munk . Och was, das 's ja Unsinn! Ilsebill . Aha, ich soll es nich wissen! – Was has du dir gewünscht? Munk (verwundert) . Ich? Ilsebill . Ja du! Munk . Was soll ich mir denn wünschen? Ilsebill . Was – (schlägt die Hände über dem Kopfe zusammen) . Was er sich wünschen soll! Der Mann fragt, was er sich wünschen soll! Nein, das is ja wahr: Wir sind ja die reichsten Leute von der Welt! Munk . Gott sei Dank. Ilsebill . Hör mal, Munk: Bringe mir nich zum Äußersten! Munk . Nu hör doch bloß mal an, Ilsebill. Nu sei doch bloß mal vernünftig! Nu sag mal bloß: Was fehlt uns denn? Ilsebill . O, uns fehlt garnix. Munk . Siehst du woll? Erstens sind wir alle gesund. Ilsebill . Haha! Un dabei bin ich durch un durch nervös! Munk (trocken) . Ja, das macht dir aber doch grade Spaß! Ilsebill (will auffahren) . Ich – Munk (unerschütterlich fortfahrend) . Zweitens haben wir immer was zu essen, wenn ich was fange. Ilsebill (verächtlich) . Ja, Dorsch! Munk . Frau, versündige dich nich! Es giebt Menschen, die haben keinen Dorsch zu essen. Und Sonntags haben wir mitunter sogar Kantoffeln! Ilsebill (rennt wütend auf und ab) . Munk . Drittens leben wir in glücklicher Ehe miteinander, wenigstens ich. Ilsebill . Hanswurst! (Packt ihn beim Kragen und schleppt ihn vor die Heringstonne) . Da, kuck dir mal das Spielwerk an! Da wohnen wir nu mit vier Menschen drin! In 'ner Heringstonne! Ist das 'ne Wohnung, die 'n strebsamer Mann seiner Familje bietet? Munk . Na ja, 'n bischen klein is sie ja; aber dafür riecht sie wunderschön nach Hering. Ilsebill . Ich will dir jetzt was sagen, Musche Blix! Du wünscht dir jetzt auf der Sztelle 'n richtiges Haus mit drei Sztuben, verßtehst du mir? Munk Mit drei Stuben –? Ilsebill, du bis krank, mein Deern! Ilsebill . Ich sage dir, du wünscht uns das Haus oder – Munk . Weiß du denn auch, mein Deern, was der Meergeist dafür verlangt? Ilsebill . Nee, was denn? Munk . Meine Tochter will er haben, meine Ortrun! Ubbe . Ja, un denn soll Ortrun so viel Silber und Gold haben, als sie man haben will! Ilsebill (starrt das Kind mit offnem Munde an, macht plötzlich kehrt, rennt nach der Tonne und ruft hinein) : Ortruuun, mein süßes Kind, komm doch mal flink raus, mein Liebling! 6. Szene. Die Vorigen. Ortrun . Ortrun (erscheint mit hoch erstauntem Gesicht in der Tür der Tonne) . Ilsebill . Komm her, mein Zuckerdeern, ich hab ganz was Schönes für dich! Ortrun . Was ist dir, Mutter, bist du krank? Munk . Siehst du, die sagt es auch! Ilsebill . Willst du dein M– (mit jähem Wechsel) Mein' süße Deern, denk blooß mal an, du kriegst 'n Mann! Un noch dazu 'n gans reichen Mann! Munk . Er is aber auch danach! Ilsebill (will wieder losbrechen, faßt sich aber) . Natürlich, mein Kind, dein Vater is wieder dagegen. Dein Vater hat ja immer seinen eigenen Willen! Munk . Ach du lieber Gott! Ilsebill . Aber nu kanns du mal seh'n, wer es wirklich gut mit dir meint. Ich will bloß dein Glück, mein Herzblatt! du solls leben wie 'ne Königin, in lauter Samt und Seide solls du geh'n! Ortrun . Mutter, warum bist du so anders plötzlich, So sanft und gut, wie ich dich nie gesehn? Munk . Weil für sie auch was abfällt. Ilsebill . Wenn du jetz nich sofort – Munk . Sie denkt, sie kriegt 'n neues Haus mit drei Stuben; 'n richtiges, steinernes Haus will sie haben! Ilsebill . Hör nich auf ihn, mein Schatz; dein Vater hat eben kein Streben; wenn's nach ihm geht, wohnen wir bis an unser Ende in der Heringstonne. Sieh mal, ich weiß, du bis mein liebes, gutes, gehorsames Kind un hörs auf mir! Ich weiß woll, ich bin mitunter 'n büschen hart gegen dir gewesen; aber das war aus Liebe! Munk (gedehnt) . Sooo! Ilsebill (wirft ihm einen giftigen Blick zu) . Ortrun . Mutter, bist du so lieb und mild mit mir, Dann kann ich mir nichts Herrlicheres denken, Als hier bei Euch zu bleiben bis zum Tod. Ilsebill (ganz verändert) . Bis du verrückt, du alberne Gans? Ich werd dir gleich – (in größter Wut) : Das sag ich Euch: wenn aus der Hochzeit nix wird, dann sollt ihr alle beide keine ruhige Sztunde mehr erleben, da könnt Ihr »Deubel« drauf sagen! Ortrun . Gut, Mutter, gut! Ich will's! Ich will es tun! Munk . Bis du bei Trost? Ilsebill (gleichzeitig) . Na also! Ich hab's ja immer gesagt, du bis mein bestes Kind! Ortrun . Wenn du mir eins versprichst, dann will ich's tun. Ilsebill . Was denn, mein Engel? Ortrun . Wenn dir der Meermann gab, was du dir wünschtest, Willst du zufrieden dann und fröhlich sein? Und willst du immer sanft und liebevoll Mit Vater sein und Ubbe – ja, dann will ich's. Ilsebill . Jaa, mein Deern, jaa, da kanns du dir auf verlassen: wenn ich 'n Haus hab un 'n kleinen Garten un vielleich 'n kleinen Hühnerhof un 'n Schwein zum Fettmachen habe – Munk . Un sons noch so 'n büschen – Ilsebill . Nee, höchs'ns noch 'n Kuh – denn bin ich gans zufrieden, un denn sollt ihr kein böses Wort mehr von mir hör'n. Ortrun (still gefaßt) . Dann will ich's tun. Munk (tritt an sie heran) . Mein Deern, du wills von mir gehn? Denn bin ich ja gans allein. Sieh mal: denn bin ich wirklich unglücklich. Ortrun . O Gott, dann darf ich's nicht, dann darf ich's nicht! Verzeih mir, Mutter, dann – dann kann ich's nicht! Ilsebill . Verflucht, verdammt, in der Hölle verbrannt! Das sollt ihr mir büßen! Bis jetz bin ich 'n Lamm gewesen! Nu sollt ihr mich kennen lernen! (Sie rennt nach der Tonne. Vor der Tür schwingt sie noch einmal die Faust) : Nu sollt ihr mich kennen lernen! (Verschwindet in der Tonne) . Ortrun . O weh, o weh, nun wird's uns schlimm ergeh'n. Munk . Och was, das giebt sich allens. Murrjahn war 'n toller Hund un hat sich auch gegeben. Ilsebill (steckt den Kopf wieder zur Tür heraus, ruft mit Vehemenz) : Munk! Munk . Was soll ich? Ilsebill . Reinkommen!!! Munk . Ich hab jetz keine Zeit, ich muß – Ilsebill . Ob du auf der Sztelle reinkommst?!! Munk (schwach werdend) . Na meintwegen, ich kann ja auch reingehn. Guck mal nach den Buhnen, Ortrun, ob sich vielleich 'ne Lachsforelle gefangen hat. (Ab in die Tonne.) 7. Szene. Ortrun allein. Dann die Stimme Irmelands . Ortrun (schürzt ihr Röckchen und geht ins Wasser, um die Buhnenkörbe zu untersuchen. Plötzlich ertönt Harfenklang und sie horcht auf) . Irmelands Stimme (singt aus der Tiefe zum Harfenspiel) :         Aus Staub und Sonnenglut         Komm her in blaue Flut,         Ihr Arm ist kühl und weich!         Dein Angesicht         Mit seinem Licht         Erhelle dies dunkle Reich! Ortrun . Mein Gott, wie greift es schauernd mir ins Herz! Wie Fieberfrost und Flammenregen rinnt's Mir durch den Leib – Das klingt wie Menschenstimme – Und ist doch mehr als irdischer Gesang – Das lockt wie Wolkenschnee und Himmelsblau, Die aus der Tiefe blinken – (Harfenspiel) . Irmelands Stimme .         O komm, o komm herab!         Was dir die Erde gab,         War Angst und irre Pein.         Was ihm du gibst,         Den einst du liebst,         Wird Lust und Friede sein. Ortrun (ist auf den großen Stein getreten, hat sich niedergeduckt und gehorcht. Wie verzaubert, spricht sie leise) : Ich will es tun – ich will hinuntertauchen – Es kann nicht bös sein, was so lieblich singt – Vater, ich helfe dir – und helfe mir! (Sie wirft noch einen hastigen Blick ans Land zurück und springt ins Meer. Die Flut spritzt hoch auf.) 8. Szene. Ubbe. Munk. Ilsebill . Dann Irmeland . Ubbe (hat aus einem kleinen Fensterloch an der Seite der Heringstonne gesehen) . Ooo! Ortrun is ins Wasser gesprungen! Vater! Vater! Ortrun is ins Wasser gesprungen! Munk (stürzt die Treppe herunter ans Ufer) . Ortrun! – Ortrun!! – Has du's denn gesehen? Ubbe . Ja, ich hab es ganz gewiß gesehen! Sie ist so (macht es nach) reingesprungen! Ilsebill (ist inzwischen auch erschienen) . Das liebe Kind! Munk . Ortrun! Ortrun, wo bis du? Irmeland (steigt heraus) . Sie ist bei mir. Munk (sinkt auf einen Felsblock am Ufer) . Ooh!! Ilsebill (kommt mit gezierten Bewegungen und Knixen näher) : Ach – Herr Schwiegersohn – ich bin nämlich die Mutter. Irmeland (abwinkend) . Ich weiß, ich weiß. Munk . Lebt sie denn? Irmeland . Natürlich lebt sie. Munk . Kommt sie denn niemals wieder? Irmeland (mit Bedeutung) . Sie kann zurückkehren. Munk . Sie kann –? Irmeland (wie oben) . Ich hoffe , daß sie zurückkehrt. Munk (fröhlich) . Has du sie all satt? Irmeland . O nein! Du verstehst mich nicht. Munk . Wann – wann kommt sie denn wieder? Irmeland . Das steht bei Gott – und bei ihr. Ilsebill . Ach, Herr Schwiegersohn, wenn Sie erlauben, denn wünsch ich mir 'n kleines Haus mit vier Sztuben un – Irmeland . Ja, Dein Wünschen nützt nichts. Dein Mann muß es wünschen. Ilsebill (knufft ihren Mann in die Seite) . Munk! Du solls wünschen! Munk . Ach, mir is alles einerlei. Ilsebill (wütend) . Munk!!! (plötzlich milder, heimlich zuredend) Munk, nu is es doch gleich! Nu is sie doch einmal weg, nu kanns du doch wünschen! Munk . Jaja, gib ihr man, was sie haben will. Irmeland . Sie hats schon. (Die Szene verfinstert sich unter Brausen und fernem, leisem Donner; als sie sich wieder erhellt, ist Irmeland verschwunden, und an der Stelle der Heringstonne steht ein anmutiges, rosenumranktes Häuschen mit einem lieblichen Garten davor. Man hört Hühnergegacker und Taubengirren.) 9. Szene. Die Vorigen ohne Irmeland . Die Fischerfamilie ist anfangs starr von dem Anblick. Ubbe (geht langsam näher) . Ooooh, Oooooooh, Mutter? Orndlich mit Fenstern! Ilsebill (geht ebenfalls langsam näher, mit gierig starrenden Augen und mit Furcht, als könne der neue Besitz bei der Berührung wieder verschwinden. Sie betastet behutsam die Obstbäume des Gartens) . Ubbe (vor einem Baum mit großen roten Äpfeln) . O Mutter, was is das? Ilsebill (antwortet nicht und tritt in das Haus) . Munk (folgt ebenfalls langsam und staunend. Aus dem Innern des Hauses hört man jetzt von allen Ausrufe der Bewunderung) . Ubbe (ist durchs Haus auf den hinteren Hof gelaufen. Er öffnet eine Stalltür: eine Kuh steckt brummend den Kopf hervor) . O Vater, was is das? Munk (der ihm gefolgt ist) . Siehst du, das is 'n Kuh. Nu kanns du alle Tag Milch trinken. Ubbe . Oooh! – Vater, was is Milch? Munk . Das wirs du bald schmecken. Ubbe . O kuck mal, Vater, was für hübsche Möven! Munk . Das sind keine Möven. das sind Hühner. Ubbe . Legen die auch Eier? Munk . Und ob! Ubbe . Kann man die auch essen? Munk . Das wollt' ich meinen! Ubbe (springend) . Uu, wie freu ich mich, wie freu ich mich! (Sie kommen durch eine Pforte des hinteren Hofes wieder nach vorn. Gleichzeitig tritt Ilsebill vorn aus dem Haus.) Ilsebill . Na? Is das besser als 'n Heringstonne oder is das nich besser als 'n Heringstonne? Munk . Jaja, Frau, das is wunderschön! Das hätt ich mir nich gedacht! Ilsebill . Munk, du sags noch immer »mir«. Gewöhn dich das doch endlich ab. In unsern Sztand muß du dich an Bildung gewöhnen. Munk . Na so. Jaja. – Na, mein Deern, nu bis du doch zufrieden, was? Ilsebill . Jaa? – Das heiß: die Möbel sind man sehr einfach. Unser Herr Schwiegersohn hätt' uns auch wohl Plüschmöbel schenken können. Munk . Frau, nu bis du doch noch nich zufrieden? Ilsebill (heftig) . Natürlich bin ich zufrieden. – Aber 'n Fortepiano is auch nich da. Munk . Kanns du denn Fortepiano spielen? Ilsebill . Das 's ja gans einerlei, nich? Für Leute in unsern Sztand gehört sich 'n Fortepiano. Munk (innig) . Frau, ich bitt dich, sei zufrieden. Nu könn'n wir uns doch wahraftig nix mehr wünschen – Ilsebill . So?? Na, das wird sich finden. (Geht ins Haus.) Munk und Ubbe (folgen) . Ilsebill (wendet sich um) . Was! Du wills mich doch woll nich mit die großen Holzklotzen auf die lackierten Fußböden rumtrampeln? Daß du mich nich mit die Holzschuh' reinkomms! Munk . Ja so – so. (Er setzt sich auf die Bank vor dem Hause und zieht die Holzschuhe aus. Er kratzt sich hinter den Ohren und sagt gedankenvoll) : Das war nu bei der Heringstonne besser .   (Vorhang.) Zweiter Aufzug. Die Bühne stellt bis etwa zwei Drittel ihrer Höhe das Innere des Meeres dar. Über dem Meeresspiegel sieht man sonnenbeschienene, aus dem Meeresboden aufragende, höhlen- und klippenreiche Felsen. Das Sonnenlicht durchdringt auch den größeren Teil der Meerflut, das Übrige ist in Halbdunkel oder in vollkommenes Dunkel gehüllt. Durch den links oben einfallenden Sonnenschein sieht man Fische und anderes Getier des Meeres schwimmen. Die Felsen und der Meeresboden sind mit Gewächsen, Polypen, Schwämmen usw. bedeckt. Von den Felsen rechts stürzt ein Wasserfall, dessen Wasser dort, wo es sich mit dem Meere verbindet, einen silberglänzenden Staubvorhang inmitten der blauschimmernden Flut bildet. 1. Szene. Irmeland und Lutz kommen von verschiedenen Seiten. Irmeland (in einem langen roten Mantel, der seine Füße verhüllt) . Lutz, Lutz, wie steht's? Hat sie sich drein gefunden? Lutz . Ach kein Gedanke! Schlimmer steht's denn je! Ihr armes, liebes, gutes kleines Herzchen Zerbangt sich nach der Heimat. Und nun muß Auch das noch kommen! Irmeland .                               Was, um Gottes willen! Lutz . Als heute sie, dem Meeresspiegel nah Und nah dem Ufer, sehnend und verlangend Hinschwebte, die verlorne Heimat suchend, Sah über sich auf der bewegten Fläche Den Vater sie und das vertraute Boot. Irmeland . O weh! Lutz .                   Sie ruft und winkt und will ihm zeigen, Daß sie es sei; er aber hört sie nicht; Er sieht im dunkeltiefen Wasser nur Ihr wankend, wiegend Bild – ein Seegespenst Glaubt er zu sehn und wendet scheu sein Boot. Irmeland . Das arme Kind! Doch warum schwang sie sich Nicht rasch ins Schiff? Lutz .                                   Prinz! Kennst du sie so wenig? Hat sie mit ihrem Sprung ins Meer sich uns Nicht angelobt? Die magst du wandern lassen Zur Höhe, wo die Wasserjungfern spielen, Zur Tiefe, wo die rote Nacht sich wälzt, Das Meer ist nicht so tief wie ihre Treue. Irmeland . Lutz, Lutz! Soll ich dir etwas sagen? Lutz .                                                                 Nun? Irmeland . Sie tut mir bitter leid. Wenn ich's so anseh, Wie sie sich härmt, das süße Ding, am liebsten Gäb ich sie wieder frei – Lutz . (seufzend)                         Jaja! Irmeland .                                           Und doch, Ich kann's nicht! Ich – bei Gott, ich kann es nicht. Es ist mir so, als wüßt' ich ganz gewiß, Daß sie uns einst erlösen wird. Lutz . (zweifelnd.)                               Meinst du? Irmeland . Ja, Lutz, ja! Sieh (auf seine Stirn klopfend) hier oben glaub ich's nicht, (aufs Herz deutend) Hier aber glaub ich's'. Manchmal wenigstens! Ach Lutz, wenn man sie einfach bitten dürfte: »Gib mir 'nen Kuß – Lutz .                                 Um Gottes willen! Irmeland .                                                       »Gib Mir einen Kuß, und wir sind beid' erlöst, Sind alle drei erlöst! Ich bin ein Prinz! Dies ist mein Diener! Wir sind beide Menschen Wie du! In Lust und Sonne liegt mein Reich, Und du bist Königin, wenn du nur willst!« Lutz . Prinz! Prinz! Ich bitt dich, wer soll dich nun küssen, So wie du aussiehst! Irmeland .                         Du wirst unverschämt. Lutz . Nun sage, ist's denn anders? Irmeland .                                       Nein, es ist so, Du aber brauchtest mir das nicht zu sagen! (Sentimental.) Du nicht ! Ich finde das nicht hübsch von dir. Lutz . Mein liebster Prinz – Irmeland .                             Du hältst dich wohl für schöner? Lutz . Für etwas schöner allerdings. Irmeland .                                         Haha! Lutz . Nun lache nur; ich freu mich, wenn du lachst. Weiß ich denn nicht, daß Haß und Bosheit immer Den Großen schwerer treffen als den Kleinen? Mein teurer Prinz, ich will dich ja nur warnen Vor allzu großer Offenherzigkeit. Ich bitte, flehe, ich beschwöre dich, Lern endlich Vorsicht, sei verschlossen, schweige! Trag immerfort das Herz nicht auf der Zunge! Schon zehnmal hast du alles uns verdorben, Weil alles, was du fühlst und denkst und weißt, Heraus gleich muß! Und sonderlich dein Singen! Dein wunderherrliches – verwünschtes Singen! Ich bitt dich tausendmal: halt Maß darin, Halt an dich! Dir entwischt ja doch das Herz! Du weißt wohl noch – Irmeland .                             Ich weiß, ich weiß. Verlaß dich Darauf! Ich singe keinen Ton! Nicht einen! Die Nägel krall ich mir ins Fleisch, die Zähne Beiß ich zusammen und verrate nichts! Lutz . Wenn du's nur tust –! Irmeland .                           Lutz, wenn ich's dir doch sage! Weiß ich denn nicht, was auf dem Spiele steht! Bin ich vor Sehnsucht nach der Welt der Menschen Nicht halb verrückt? O Lutz, wer hätte das Gedacht! Nun glaube einer noch den Müttern! Noch heute seh ich auf der Mutter Antlitz Das rote Licht der Herdesflamme spielen, Hör ich sie aus dem warmen Dunkel raunen: (Mit visionärer Erinnerung.) »All sieben Jahre steigt aus Meeresfluten Rungholt, die schönste der versunknen Städte. Mit immergrünen Gärten, roten Dächern, Mit Silberfenstern und mit goldnen Türmen, Vom Dufte lichtgetränkten Taus umsponnen, Steigt sie empor – gleich einem Märchenkind Mit goldnem Haar, das in der Sonne träumt. Wer dann vorüberfährt und sie erblickt Und wer ihn wagt, den raschen Sprung ans Land, Der löst vom tausendjährigen Tod die Stadt Und zieht als König ein zu ihren Toren.« Seit jener Stunde kannten Sinn und Seele Nur einen Strand der Sehnsucht: Rungholts Strand, Nur eine Rast der Träume: Rungholts Hafen! Wir fuhren heimlich fort, wir suchten sie – Wir sah'n sie, du und ich, so klar und hell, Zum Greifen nah – wir wagten kühn den Sprung – Und jählings stürzten wir in grause Tiefe, Und Hohngelächter scholl herauf vom Grund. Verzaubert nun in diese Mißgestalt Hält Ole Bulemann mich hier gefangen, Des Meeres böser Geist, der Länderfresser Und meines Vaters nie versöhnter Feind! Ach Lutz. Wie viele Jahre sinds wohl schon! Lutz . Ich zähl' schon gar nicht mehr. Irmeland .                                         Und niemals kommt Die reine Jungfrau, deren mildes Herz Den Abscheu überwindet, mich zu küssen! Lutz . Nun übertreibst du! Das ist auch nicht richtig! Du bist ja grad nicht schön – Irmeland .                                       Verschon mich, ja? Lutz . Doch wie du weißt, kann Ole Bulemann Dir zweierlei nicht nehmen, nicht die Jugend Und nicht den Adel fürstlicher Geburt. Und da du nicht nur adlig von Geburt, Nein von Gesinnung auch, so hast du etwas In deinem Wesen – Irmeland .                       Danke. Meinen Adel Und meine Jugend gäb ich gern dahin Für einen Atemzug im Heimatland! Lutz . Still, Prinz, ich seh sie kommen. Ach, wie müde Und traurig ist ihr Gang! Irmeland .                               Laß uns allein. Lutz . Behandle sie wie'n rohes Ei! Sie ist Mitunter jetzt so gnittrig und so gnattrig – Das Heimweh und dies Klima – Irmeland .                                           Lieber Himmel! Ein rohes Ei ist im Vergleich dazu 'ne Flintenkugel, wie ich sie behandle. Ein Tröpfchen Tau, des Mohnes reife Blüte, Das Atembläschen einer Zwergkoralle Könnt' ich nicht zärtlicher als sie behandeln. Und doch – Lutz .                 Sie kommt! Irmeland .                             Mach fort! – Doch bleib mir nah! 2. Szene. Irmeland. Ortrun . Ortrun (kommt langsamen Ganges von einer Klippe herab) . Irmeland . Gott grüß dich, Ortrun, o du schönes Mädchen! So schön und ach, so traurig, ach, so blaß! Wie kann's auch anders sein! Du ißt ja nichts. Du ruhst dich nicht. Komm, setze dich, ich bitt dich! Ich schaff dir einen Stuhl. (Eine riesige Schildkröte kommt gekrochen.) Schildkröte, sieh, Du kommst mir wie gerufen. Wart ein Weilchen Und laß das Fräulein sitzen. (Nähert sich Ortrun.) Darf ich bitten? Ortrun (schaudernd) . Rühr mich nicht an! Irmeland (traurig) .                                   Ach, bin ich dir noch immer So widerwärtig? Ortrun .                     Sei nicht bös, ich will dir Gewiß nicht wehtun – Irmeland .                           Oh – o sprich so weiter! Dann weiß ich schon vor Glück nicht aus noch ein . . . Willst du nicht sitzen – Ortrun .                               Nun, wenn's dich erfreut . . . (sie setzt sich auf die Schildkröte) Irmeland (freut sich wie ein Kind) . Sie sitzt! Sie sitzt! Ach Ortrun, süßes Mädchen, Ich bitt dich – sage mir – doch werd nicht böse – Könnt'st du dich wohl – wenn ich dich herzlichst bitte – Könnt'st du dich dann vielleicht auch wohl entschließen, Ein wenig – nur ein wenig erst – zu essen? Ortrun . Nun meinetwegen. Irmeland (aufschreiend) .       Ortrun! Ach, ich möchte – (als wenn er sie umarmen möchte) Nein, sei nicht bang – ich freu mich ja nur so! Ich freu mich, daß du endlich essen willst! (mit heißem Eifer) Nun sag mir, sprich, was soll es sein? Befiehl nur! Zunächst natürlich Austern. Dann vielleicht Ein Süppchen von Garneelen oder Krabben, Hierauf ein zartes, saftiges Filet Vom Tintenfisch, garniert mit Uferschnecken. – Ist dir's so recht? Ortrun .                     Ach mir ist's einerlei. Irmeland . Oder vielleicht ein köstliches Ragout Von Seeigeln und frisch gelegten Eiern Des Katzenhais? Das reizt den Appetit – Ortrun . Mir alles eins. Irmeland .                       Was meinst du zu Croquettes von Schildkrötenfleisch –       (Die Schildkröte wird unruhig, und Ortrun springt mit einem leichten Schrei in die Höhe.)                                           Nun nun, bleib du nur liegen! Es gibt ja andre Kröten noch als du – (zu Ortrun) Ich bitt dich, setz dich wieder – augenblicklich – Ich winke nur – die Tafel steht bereit. (Aus dem Boden steigt eine große Seeanemone, die sich auseinander tut und eine gedeckte Tafel zeigt. Geschuppte Diener schlüpfen aus Felsspalten hervor und servieren.) Ortrun (macht Miene zu essen, legt aber das kaum Berührte wieder hin und sagt bekümmert): Ich kann nicht essen. Irmeland (bestürzt) .           Ach – versuch's doch nur! Ortrun (erhebt sich gequält). Irmeland . Ach bitte, bitte, nur nicht böse sein! Hinweg damit! (Die Tafel und die Diener verschwinden, die Schildkröte desgleichen.)                         Wie kann ich dich erfreu'n! Hast du an Kleidern Lust, an Putz und Tand? An köstlichen Gewändern und Geschmeiden? Ortrun . Vielleicht –! Irmeland .                   O Tausend Dank! du machst mich glücklich! He! Lutz! Schick uns sogleich die Kammerzofe. Lutz . Sogleich. Hier kommt sie schon. (Die Zofe erscheint mit mehreren Gehülfen, die kostbare Gewänder präsentieren.) Zofe .                                                       Das gnäd'ge Fräulein Befehlen? Wollen gnäd'ges Fräulein heute Das Promenadenkleid von blauer Seide, Garniert mit rotem Tang und Quallenfransen? – Vielleicht das algengrüne mit dem Seestern- Besatz und mit dem Silberschuppengürtel? Das nicht? Nun, dann vielleicht das grün changeant, Das mit den Muschelärmeln und Girlanden Von Seerosen? Ortrun (hat anfangs mit einigem Interesse zugeschaut, schüttelt jetzt den Kopf) . Zofe .                       Auch das nicht? Ah, ich weiß schon! Das purpurrote Crèpe de Chine-Kostüm Mit Seehundspelzbesatz und Stickerei Von Perlenaugen? Ortrun .                       Nun denn, meinetwegen. Zofe . Das muß ich sagen: gnäd'ges Fräulein haben Geschmack, den auserlesensten Geschmack! Das wird zum Haar und Teint des gnäd'gen Fräuleins Entzückend stehen. Wollen gnäd'ges Fräulein Die Güte haben? (Will ihr das Kleid anlegen.) Ortrun (ist schon wieder andern Sinnes geworden) .                             Laß nur! Laß nur gut sein; Es ist ja alles gleich (sinkt auf einen Stein) . Mir tut's so leid! Doch alle eure Schätze freu'n mich nicht. Das blinkt und prangt in lauter Glut und Farben – Und ist doch nichts wie meiner Eltern Haus! Irmeland . Verzeih – ich hoff', du nimmst es mir nicht übel – Dein Elternhaus – das hast du wohl vergessen – War – sozusagen – eine Heringstonne! Ortrun . Ja, aber was für eine Heringstonne! Irmeland (neugierig) . Wieso? Was war's damit? War etwas drin, War etwas dran – was Köstliches? was Schönes? Ortrun . Und ob! Sie war – Es war darin – Ich war – Nun, lieber Gott, ich kann's ja nicht beschreiben! Es war die schönste Tonne von der Welt! Irmeland (ernst) . Ach so. Ach so. Ich – ich versteh dich schon. Tragt weg den Plunder. Es hat keinen Sinn. (ratlos) Was fang ich an, sie zu erheitern! – Soll ich Dir von des Meers Bewohnern was erzählen? Vom Großmaul Pottfisch mit dem kleinen Halsloch, Vom Räuber Kabeljau und von dem dicken Feinschmecker Walfisch? Soll ich dir erzählen Vom Demokraten Hering oder warum Die Scholle platt geworden ist? Ortrun .                                             Was glaubst du Von mir? Hältst du vielleicht mich für ein Klatschweib? – (Näherrückend, neugierig) : Wie ist das mit der Scholle denn gekommen? Irmeland . Die Scholle war genau so spindelförmig Wie jeder richtige, vernünft'ge Fisch. Sie aber mußte ihre Nase immer In alles stecken. Was auch vorgeh'n mochte, Sie war nicht glücklich, wenn sie nicht dazu Auch ihren Senf gegeben hatte. Frieden Zu stiften, hielt sie für ihr Haupttalent Und machte durch Geschwätz nur alles schlimmer. Da muß sie eines Tags der Teufel reiten, Sich dreinzumischen, als der Walfisch und Der Pottfisch heftig miteinander streiten. Sie will sie trennen, wirft sich zwischen beide; Der eine von den beiden schnellt zur Seite, Speckbauch prallt gegen Speckbauch – sie dazwischen: Schwapp ist sie plattgedrückt wie'n Eierfladen, Und schief sitzt ihr das Maul für ewige Zeiten! . . . Du hast gelächelt, Ortrun! ganz gewiß! Jetzt eben hast du mit dem Mund gelächelt! O Ortrun, süße Ortrun, glaubst du's mir, Daß du gelächelt hast? Ortrun (freundlich-milde) .     Es mag schon sein. Irmeland . O ganz gewiß, du lächeltest ganz deutlich! Wart, nun erzähl ich dir auch noch das Neu'ste Vom Stichling. Ortrun .                   Hier erzählt man sich wohl viel? Irmeland . Mehr als du ahnst. Der Ozean, das glaub mir, Das ist ein Klatschnest wie kein zweites. Freilich Die Menschen halten das Getier des Meeres Für stumm! Sie halten alles ja für stumm, Was nicht in ihrer plumpen Sprache redet. Ich glaubt' es früher auch, nun aber, da ich Zur Hälfte meines Wesens diesem Reich Der Meeresflut – (besinnt sich plötzlich und bricht ab)                               verzeih, ich wollt' erzählen . . . Ortrun . Nein, sprich erst weiter, was du sagen wolltest! Irmeland . Nichts, nichts, es war Geschwätz. Laß dir erzählen. Der Stichling also – ja, was wollt ich sagen – Der Stichling lebte anfangs, wie es schien, Mit seiner Frau, gebornen Stachelbarsch, In schönster Eintracht. Friedsam bauten sie Aus Halm und Faser sich ein traulich Nest, Und die gesegnete Gemahlin schenkte Dem Gatten hundertdreiundneunzig hübsche Gesunde, dralle, allerliebste Eier. Ein Weib jedoch und hundertdreiundneunzig Nachkommen waren unserm Stichling lange Noch nicht genug. Mit andern Weibern ließ er Sich ein, um sein erlaucht Geschlecht zu mehren. Da wandelt, als sie den Betrug bemerkt, Des Weibes Sinn sich fürchterlich. Sie schleicht, Medeenhafte Wut im grimmen Herzen, Sich heimlich in der Kinder Schlafgemach Und mordet, frißt sie, frißt sie dutzendweise, Die eigne Brut. Eh sie das grause Werk Vollenden und den hoffnungsvollen Nachwuchs Vollends verzehren konnte, naht der Gatte. Er sieht entsetzensstarr – Ortrun, was weinst du? Um Gotteswillen, Ortrun, liebste Ortrun, Sprich, warum weinst du? Ortrun (schluchzt herzbrechend) . Irmeland .                                 Willst du mir's nicht sagen? – So sprich doch! Ortrun (stoßweise) .     Bei der bösen – Stichlingsmutter – Fiel meine Stiefmutter mir ein – hu–u! (weint wieder) . Irmeland . Nun, siehst du? Jetzt kann sie dir nichts mehr tun! Sie kann dich nicht mehr schelten, nicht mehr kratzen, Nun kannst du doch vergnügt und lustig sein! Ortrun (zornig herausfahrend) . Was du wohl glaubst! Und schlüge sie und kratzte Sie mich noch hundertmal so viel wie sonst – Das Weinen in der Heimat ist ja süßer Als in der Fremde Lust und Fröhlichkeit! Irmeland . Ja, Ortrun – ja – dann weiß ich keinen Rat – Dann bleibt mir ja wohl doch nichts andres übrig – Als – als – dich zieh'n zu lassen – Ortrun .                                                 Ach vergieb – Es ist nicht recht von mir, das fühl' ich wohl – Aus freiem Trieb bin ich zu euch gekommen Und muß nun treu sein – und ich will's ja sein –! Wenn Treue murrt, so ist sie keine Treue, Das weiß ich wohl. Ich wäre gern von Herzen Auch treu – und kann doch nun einmal nicht lügen. Irmeland . Ja ja, es ist so, wie ich sage. – Sieh Ich hätte eigentlich ja gar nicht nötig Es dir zu sagen – und wenn ich's dir sage, Dann bin ich dumm! Doch macht es dich vielleicht Ein wenig heitrer. Darum sag ich's dir. Ortrun, kannst du von heut' ab in drei Tagen Mir sagen, wie ich heiße, bist du frei. Nicht hab ich dann Gewalt mehr über dich, Und heimwärts kannst du ziehn ins Land des Lichts. Ortrun (außer sich vor Freude) . O du – du Guter, du – wie heißt du doch! Ja so – das wär's ja eben! (Lustig lachend) Hahaha . . . .! Ich möchte doch so gern, so gern dir danken – Nenn' ich dich König? Eine Krone trägst du, Und groß ist deine Macht in diesem Reich . . . . Irmeland . Nennst du mich Prinz, so triffst du's ungefähr . . . . Ortrun . Nun, guter Prinz, aus allertiefstem Herzen Sag ich dir Dank! (sie reicht ihre Hand.) Irmeland (fährt begierig drauf zu und drückt sie) . Ortrun (schaudernd) .     Hu – hu – wie kalt und feucht! Irmeland (in traurigster Verwirrung) . Ja ja – doch wart' ein wenig! (Er reibt heftig seine rechte Hand an seiner Lende)                                               Ist sie jetzt Nicht schon viel wärmer? Ortrun (freundlich lächelnd) .       Nun, es geht, es geht. O Hoffnung, Hoffnung, mit der Heimat Glänzen Durchstrahlst du plötzlich diese finstre Welt! O Gott, nun darf ich hoffen, darf ich lachen, Nun kann ich lieben, die mir Gutes tun! (vertraulicher) Du guter Prinz, erzähl mir noch ein wenig! Erzähl von dir; ich hör dich gern erzählen. Hast du noch einen Vater, eine Mutter? Irmeland (sehr traurig) . Ich weiß es nicht! Ortrun .                                                       Ach Armer – weißt es nicht? Warum denn suchst du sie nicht auf? Irmeland (wie oben) .                                 Sie wohnen In einem fernen, fernen Lande, das ich Wohl niemals wiederseh. Ortrun .                                     Du armer Prinz. (Begierig) Sag – hast du deine Mutter noch gekannt? Irmeland O freilich! Ortrun (dringend begierig) . Du! du, sag, wie ist es, wenn Man eine Mutter hat, ich mein: 'ne richt'ge Mutter! Irmeland (zurückdenkend) . Mir ist's, sie wäre Heiterkeit am Tage Und Frieden in der Nacht, im Hunger Speise, Im Durste Trank, im Froste süße Wärme, Im Sonnenbrande Tau. O ihre Hand War mild und fest in jeder Lust und Angst, Und wüßt' ich nur: sie lebt! – ich wär getrost. Wer eine Mutter hat, sieh, der ist nie Allein – und ob er fern und einsam wandert In Lybiens Wüste, in Sibiriens Steppen, Er wohnt in einem hellen, heitren Haus; Denn seiner Mutter Herz ist solch ein Haus. Ortrun (erstaunt) . Wer war denn deine Mutter? War sie nicht Wie du? Irmeland .       Sie war so licht und schön wie du. Sie stand am meinem Bett wie Morgensonne, Wenn sie mich weckte, und sie leuchtete Am Abend wie des Mondes Licht vom Söller, Wenn sie mich rief zu Schlaf und Traum. Ortrun (in höchster Spannung) .                         Sie rief? O sag es mir: wie rief sie? und was rief sie? Irmeland . Ei nun, sie rief: – – – O, du bist eine Schlaue! Ich soll dir meinen Namen selber nennen! Doch laß dir sagen, Ortrun, bin ich dumm, So bin ich's, weil ich's will, und Güte, glaub nur, Ist nicht so ganz das Nämliche wie Dummheit . . . . Ortrun (kann ihn zunächst nicht verstehen, dann) : O pfui! Du glaubst, daß ich dich fangen wollte, Derweil du lieb von deiner Mutter sprachst? O, das war bös von dir! O, das war bös! (Sie weint.) Irmeland . O Gott – ich Narr! ich Tropf! Was tat ich da! Ach Ortrun, süße Ortrun, bitte, bitte, Sei wieder gut – was soll ich denn nur sagen! Sieh, ich bin unglücklich, und Mißtraun ist Des Unglücks unzertrennliches Geschwister. Gewiß, gewiß, ich hätt' es wissen sollen; Wer dich erblickt, den überströmt's wie Sonne, Daß du ein Wunder bist von Treu und Güte – Und doch – ich fiel so oft der List zum Opfer – Ich war wohl blind vor Schreck und Furcht – nun sag mir, Was soll ich tun? Wie kannst du mir verzeihen? Sag irgend was, und du sollst seh'n, ich tu's, Ich tu es gleich und gern – sag, was du willst, Nur sei mir gut, daß ich nicht ganz verzweifle. Ortrun (langsam) : Du bist ein seltsam Ding. Du sprichst, wie Fische Wohl sprechen müßten, wenn sie sprechen könnten; Doch deine Stimme dringt ins tiefste Herz. Auch damals, als ich aus der Meerestiefe Dich singen hörte, rann es mir sogleich Wie Glut und Kälte über 'n ganzen Leib . . . Bist du ein Mensch? Irmeland (gesenkten Blickes) : Ich darf nicht sagen, was Ich bin. Doch will es Gott und willst du's selbst, So wirst du's einst erfahren. Ortrun .                                       Wenn ich's will? Ich will es ja? Irmeland .                 Du mußt es anders wollen. Ortrun . Wie denn? Irmeland .                 Auch das darf ich dir nicht verraten. Doch einst – wie eine Blume blüht das Herz Mir auf, wenn ich's nur denke – einst wohl kommt Die Stunde, da ich's darf. Denn du bist liebreich! Zürnst du mir noch? Ortrun .                           Ich zürne nicht. Irmeland .                                                 O du, Du Herrliche! Nun schwör ich dir bei Gott, Kein Argwohn soll dich jemals wieder kränken; Von nun an will ich – 3. Szene. Lutz. Die Vorigen . Irmeland .                           Lutz! Was gibt's? Lutz .                                                               Mein Prinz! Dein Feind ist nah. Auf blauem Eisestrone Schwamm Ole Bulemann vom Norden her; Er zürnt, daß du nicht würdig ihn empfangen; Ich bitt dich, komm! Irmeland .                       Er zürnt? Ei, was nicht gar! Er hüte sich und achte seiner Schranken! Ich bin ein Fürst wie er und bin's wohl mehr! (zu Ortrun) Leb wohl! Ich kehre bald zurück. Mein Diener Verkürze dir die Zeit. Tu alles, Lutz, Was du ihr von den Augen abseh'n kannst! Lutz . Bedarfs vor solchen Augen des Gebots? Ihr stillster Blick beherrschte wohl die Welt. Irmeland (zu Ortrun) . Leb wohl! (Er schwingt sich auf einen des Weges schwimmenden Delphin und fährt ab.) Ortrun .             Du sprachst von einem Feind des Prinzen? Hat er denn Feinde? Lutz .                               Ach, hätt' er nicht Feinde, Es stünde anders wohl um ihn. Ortrun .                                           Wie das? Lutz . Frag nicht. Ortrun .               Hör, lieber Lutz, ich nennte gern Mit Namen deinen Herrn. Wie heißt er denn? Lutz (sieht sie starr an) . Das – sag ich nicht. Ortrun .                           Warum nicht? Lutz .                                                       Weil – weil ich's Nicht will. Ortrun .             Ei sieh, wie artig! Sagtest du Nicht eben noch, ein Blick aus meinen Augen Wär schon Befehl? Ich will ja nicht befehlen; Ich bitte nur, sag mir den Namen – Lutz .                                                     Herrin – Ich bitt dich recht von Herzen – quäl mich nicht – Sieh mich nicht an – ich darf ihn ja nicht nennen. Ortrun . Warum nicht? Lutz .                             Weil – weil ich's nicht darf! Ortrun .                                                                       Befahl Dein Herr dir nicht – (Sie wird von einem eigentümlich monotonen, rufenden Gesange unterbrochen. Man hört aus der Höhe Munks Stimme rufen) :         Mantje, Mantje, Timpe Tee– – – –e!         Buttje, Buttje in de See– – – –e!         Mine Fru, de Ilsebill,         Will nich so, als ick woll wi– – – –ll! Ortrun . Mein Gott – war das nicht meines Vaters Stimme? Gewiß! Gewiß, sie ist's! O lieber Vater! O trauter Klang! Sag, warum ruft mein Vater? Lutz . Sein Satansweib – entschuldige! – Deine Mutter Ist schon mal wieder unzufrieden. Ortrun .                                                 Wie? So sind ihr Haus und Garten nicht genug? Sie leben droben nicht in Lust und Frieden? Lutz . Haha! Naja. Ich sage dir, der Drache – Ich nehme darauf Rücksicht, daß sie deine Stiefmutter ist, sonst würd' ich gröber werden – Kurz: Dieser Sägefisch und Stachelrochen Ist borstiger als je. Ei, Haus und Garten, Das war ihr nach acht Tagen schon zu schlecht! Ein großes Schloß von Stein verlangt' sie – ja? Je nun, mein Prinz, gutmütig, wie er ist, Gab ihr das Schloß, ihm kommt's ja nicht drauf an, Ein Schloß von Marmor, Gold und Elfenbein. Dann wollt' sie Gräfin werden – und sie ward's. Nun ißt sie Caviar, Schnepfen, Vogelnester, Trinkt aus krystallnen Bechern Sekt mit Porter. Kutschiert mit Vieren, schläft in seidnen Betten, Geht auf die Jagd – haha! und kann nicht schießen! Jagt die Bedienten, Knechte, Kammerzofen, Daß sie vor Angst empor die Wände rennen, Läßt sich frisieren, schminken, Locken brennen Und zweimal tags mit Mandelcrème rasieren. Ortrun . Und Vater? Lutz .                       Wie? – Dein Vater? – Nun – na ja – Dein Vater – dja – was soll dein Vater tun? Er läßt's gescheh'n und geht zum Fischefangen. Ortrun . Und Ubbe? Sag, wie geht es meinem Bruder, Dem lieben, süßen Jungen? Lutz (verlegen) .                           Hm. – – Ganz gut, . . . Ja ja, ganz gut . . . . Sein Vater ist ja da – Ortrun . Und seine Mutter achtet seiner nicht! O weh – und ist doch seine rechte Mutter! Um meines Vaters, meines Bruders willen Sprang ich herab; sie sollten Frieden haben, Und nun war's doch umsonst. Nun laßt mich zieh'n, Nun habt Barmherzigkeit und laßt mich ziehn! Lutz . Ortrun! Wie grausam müssen wir dir scheinen – Und milder ist kein Herz als meines Herrn! O hab Geduld nur eine kurze Weile, Und bald wohl löst sich alles herrlich auf. Ortrun (ist verzagend auf einen Felsen niedergesunken) . Lutz (ihr eifrig zuredend) . Ist's denn so schwer, in dieser Welt zu weilen? O glaub mir, sie ist schöner, als du ahnst. In Traurigkeit verhockst du deine Tage – Willst du's, ich führe dich und zeige dir Die rätselvolle Schönheit dieser Welt. Ich zeige Höhlen dir, verhüllt der Eingang Von ewig rieselnden Demantenschleiern, Darin der Strom geheimnistiefer Fluten Auf wundersam gestimmten Säulen orgelt. Ich führe dich hinaus auf rote Wiesen, Wo tausendfarbiges Gewimmel spielt, Und zeig dir Pflanzen, wie bewegtes Leben Beseelt, und zeig dir Blumen, die da wandern, Und Tiere, die den stillen Pflanzenleib Mit zarten Zweigen leis und langsam wiegen, Nur von der grün durchglänzten Flut bewegt. Und sahst du je die »Meerlaternen« schimmern? Medusen sind's, sie sind aus Licht gebaut Und schweben, Licht verströmend, auf und nieder. Sahst du den Seestern Hymenaster glüh'n, Sahst du Brisinga, Freyas Halsschmuck, leuchten, Vom Grund herauf Korallenwälder brennen, Ja, sahst du, wie das Wasser Feuer wird? O glaube mir, in diesem dunklen Reich Wohnt überall geheimlebend'ges Licht; Von Millionen Myriaden Sternen Erglänzt die tiefste Flut, wenn du sie weckst; Sieh, deinen Namen schreib ich an die Felswand Mit diesem Finger (tut es) – schon beginnt's zu glühen, Und deinen Namen ruft ein gastlich Licht! (Von den Felsen glüht Ortruns Name.) Ortrun . O, gastlich nicht! O, euer Licht ist bang Und scheu und stumm und schleicht wie ein Verbrechen, Und es bezwingt dies große Grauen nicht. Es spricht nicht laut wie meiner Lüfte Licht. O meiner Sonne Licht, du singst wie Lerchen Und fliegst wie Adler über blauen Höh'n! Allüberallhin dringt dein Mutterauge, Und alle Schrecken nimmst du leicht hinweg, Und alles Bangen ziehst du sanft ans Herz! Sahst du die Sonne nie? Gewißlich nicht! Sonst wärst du vor Verlangen längst gestorben. Wir Menschen, wisse, brauchen Sonnenlicht, Und unsre Sehnsucht drängt zu ihm hinauf. Drum liebt der Mensch nicht, was am Boden kriecht Und was in dunkler Kluft und Höhle schleicht, Doch eine wundersame Liebe zieht Ihn zu des Vogels freier, froher Anmut, Zu allem, was in leichten Lüften schwebt, Das er beherrscht und das er tief beneidet. Und weißt du, was ich glaube? Ach du lachst. Lutz (der sein Gesicht in die Hand gedrückt hatte, ein Schluchzen unterdrückend) . Nein nein, ich lache nicht. Ortrun (bemerkt Tränen in seinem Auge) . Was ist denn das? Ich glaube gar, du weinst! Lutz (leugnet heftig) .                 O nein, o nein! Ich dachte nur – es fiel mir nur was ein Aus längst vergangnen Tagen – sprich nur weiter! Was glaubst du denn? Erzähl nur! Ortrun (heimlich) .                               Sieh, ich glaube, Wie über Meer und Land, den dunklen Reichen, Die dumpf und schwer in ihren Grenzen ruh'n, Das lichte, leichte Meer der Luft sich dehnt, So strömen jenseits auch des Luftbereiches Noch immer freiere und hell're Meere, Bis über Sonn' und Sterne weit hinaus. Und weil's den Menschen von der Erde fort Und stets empor und immer aufwärts drängt, So mein ich, muß ihm wohl beschieden sein, Von Reich zu Reich die Flügel einst zu heben, Bis auch die letzte Last in Licht zerfließt! Lutz . Du bist so klug wie schön, so fromm wie klug. Wer lehrt' dich alles dies? Ortrun .                                     Mein Vater fuhr, Als er noch jung, zur See die langen Jahre, Ach, wieviel Länder, wieviel Meere hat er Gesehn! Wir saßen oft am stillen Strande Und plauderten von Erde, Meer und Himmel. Lutz . Sieh, hielte mich nicht meines Herrn Gebot, Und hielte Treue mich nicht zehnmal fester – Ich gäb dich frei – Ortrun .                         Ach tu's! Lutz .                                           Nein nein! Ortrun .                                                         So laß Mich einmal nur zurück zum Lande kehren, Daß ich mein Brüderchen nur einmal sehe, Ihm einmal die verweinten Augen küsse . . . . Lutz (für sich) . Den Bruder, hm. Ortrun .                                         Was sagst du? Lutz .                                                                     Nichts! Ortrun .                                                                               Du zauderst . . . Lutz . Nein nein, ich zaudre nicht. Es darf nicht sein. Denn einmal aus des Meers Bereich entlassen, Bist du für immer unsrer Macht entrückt . . . Ortrun . Ich kehre ja zurück! Lutz .                                     Wenn auf dem Rückweg Zu uns du nicht vor Heimweh stirbst. Ortrun (leise, zusammengesunken) .               Das möchte Wohl sein. Lutz .                 Nein Herrin, besser ist's, du bleibst. Dein milder Sinn wird sich zu uns gewöhnen – (Man hört wieder des Fischers Stimme:)         Mantje Mantje Timpe Tee . . . . . . e!         Buttje Buttje in de See . . . . . . e!         Mine Fru, de Ilsebill,         Will nich so as ick wull wi . . . . . . ll! Ortrun . Ich muß hinauf! Und darf ich nicht hinaus – Dem Meeresspiegel nah, will ich versuchen, Daß ich erhasche meines Vaters Anblick, Und ach, vielleicht ist gar mein Bruder da! Sein liebes, süßes Angesicht erspäh ich Vielleicht und sehe, ob er viel geweint! Lutz . Tu's nicht! Ortrun .                 Ich muß! (Sie schüttelt ihr Röckchen, daß es sich ausbreitet und sie emporträgt.) 5. Szene. Lutz. Irmeland . Irmeland (kommt schnell von der andern Seite) . Warum enteilt sie? Lutz .                                                                                               Prinz! Wenn wir nichts tun, ihr Herzchen zu ermuntern – Ich steh für nichts! Drum höre meinen Rat! Ihr Vater ruft nach dir – Irmeland .                               Ich hört' es wohl. Lutz . Die hochgeborne Fischersgattin, diese Stranddistel, scheint's, hat frischen Appetit, Und Gott im Himmel segne sie dafür. Denn Ortrun nämlich, unser Hoffnungsstern, Sie, unsre Seele, unser Abendtraum Und Morgenlicht – Irmeland .                       Ich bitt dich, komm zur Sache! Lutz . Das arme Kind verblutet schier vor Sehnsucht Nach seinem Brüderchen! Nun fordre du, Wenn wieder sich mit einem neuen Wunsche Der Fischer naht, das Söhnlein zum Entgelt! Irmeland . Das Söhnlein? Bist du toll? Das tut er nicht! Lutz . Er nicht, das weiß ich wohl. Sie aber tut's, Die süße Ilsebill. Irmeland .                     Ihr eignes Kind? Ein Weib? Lutz .               Sie ist kein Weib. Denn Herrschsucht macht Den Mann zum Tiger, doch das Weib zum Teufel. Irmeland . Ich mag's nicht fordern. Lutz .                                               Nun, so stirbt uns Ortrun In wenig Tagen unter'n Händen weg. Irmeland . Das darf nicht sein, o Gott, das darf nicht sein, Dann löst sich nie des Feindes Zauberfluch Von unserm Haupt – denn nie, das fühl ich hier Wie eines Gottes Mahnung, niemals finden Wir eine Seele groß und rein wie sie. Lutz . So tu's. Irmeland .       Wohlan, ich tu's! Stimme des Fischers (verhallend) . Mantje, Mantje, Timpe Tee . . . . . e . . . .. Irmeland .                                     Du siehst mich bald. (ab) Lutz (allein, heimlich) . Das will ich meinen, denn ich folge dir. Laß ich mit deinem Herzen dich allein, So drückt das Herz dir bald die Kehle zu; Denn stärker ist dein weiches Herz als du! (Schnell ab.) 6. Szene. Ortrun und Ole Bulemann (dieser von greulichem Ansehen eines Seeteufels) kommen von der andern Seite. Ortrun . (Flüchtend vor Ole Bulemann, doch nicht übertrieben ängstlich) : Was willst du denn von mir – ich trau dir nicht! Ole Bulemann . Da tust du unrecht, allerliebstes Mädchen. Ich mein es gut mit dir, ich bin dein Freund! Ortrun . Nun, einen Freund denk ich mir freilich anders! Ole Bulemann . Für den beschränkten Schönheitssinn der Menschen Bin ich nicht allzu schön, das geb ich zu. Doch weiß ich was! Ortrun .                           Was weißt du denn? Ole Bulemann .                                                 Ich weiß, Daß du wie toll dich härmst nach deiner Heimat Und daß dich dieser Dummkopf, dieser Narr, Der Schuft – Ortrun .                 O je, o je! Ole Bulemann .                       – gefangen hält. Ich weiß, wenn du ihm seinen Namen nennst, So bist du frei! Ortrun (eifrig) .         Und du – du weißt den Namen? Ole Bulemann . Wohl weiß ich ihn, doch darf ich ihn nicht sagen, Auch hilft's dir nichts – er selbst muß ihn verraten. Ortrun . Er selbst? O wehe mir! Ole Bulemann .                           Hör doch nur zu! Der Einfaltspinsel leidet, mußt du wissen, An einer närrischen Krankheit: er muß singen! Was recht vom Grund ihn freut und was ihn schmerzt, Das kann er schweigend nicht in sich vergraben, Das muß heraus, sonst sprengt es ihm das Herz, Er muß es singen, und er singt es heimlich! Nun merke: tausend Schritt von hier, nicht ferne Von Rungholt, der verfluchten Stadt, am Rande Der Seegraswiese steigt ein Riff empor, Das übers Meer hinaus die Stirn erhebt. Auf diesen Felsen sitzt er einsam oft In weißer Mondnacht, und zum Spiel der Harfe Entlädt er singend das gerührte Herz. Leicht, daß er seinen Namen so verrät, Denn oft schon rief er klagend ihn hinaus, Und fern ist jede kluge Vorsicht ihm, Wenn dieser Wahnsinn ihn beim Wirbel packt. Ortrun (nachdem sie ihn eine Weile sinnend angeblickt hat) : Du hassest ihn wohl sehr. Ole Bulemann .                         Ich? Hassen? Ihn? Oho, oho, hm hm, o nein – Ich sage Dir das aus Liebe nur zu dir! Ortrun (mit komischem Schreck) .     Ei weh! – Da müßtest du doch wünschen, daß ich bliebe Und niemals wieder heimgelangte! Ole Bulemann .                                       Ooooh! Wie häßlich stünd mir solche Selbstsucht an! Dein Glück geht über alles mir! Ortrun .                                             Ach so! Nun tausend Dank. Ich glaub, da kommt der Prinz! Ole Bulemann . So geh ich schnell, daß er Verdacht nicht schöpft. Folg meinem Rat! Du wirst es nicht bereu'n! (Er verschwindet mit großer Plötzlichkeit.) Ortrun (allein) . Wenn's wahr nun wäre –? Wenn es wirklich wahr – Zwar: käme Gutes wohl von solchem Bösen? Ei nun: es kommt ja Böses auch von Guten! Und kann es schaden, wenn ich diese Nacht Den Prinzen und sein heimlich Tun belausche? Ich will's! Ich will's! Zwar horchen ist wohl Sünde – Verzeih mir's Gott: so muß ich Sünde tun! Ich will mein Herz so hart wie Felsen machen, Daß sein Gesang nicht wieder mich verlockt. Und hör' ich seinen Namen – Gott, mein Gott! Wenn ich's nur denke, blendet mich ein Licht Wie Sonne, die durch Regenwände bricht – Vielleicht schon morgen werd' ich droben sein – Ich komm', ich komme, süßes Brüderlein!   (Vorhang.) Dritter Aufzug. Die Meeresküste wie im ersten Aufzug; aber an Stelle des Häuschens erhebt sich ein prächtiges Schloß. Das Meer ist bewegt und von grauer Farbe. Munk sitzt nachdenklich am Ufer. Ilsebill tritt aus der Tür; sie trägt ein kostbares, pompöses Negligée, ist aber gänzlich unfrisiert. Ilsebill . Nanu? Was heißt denn das? Was is denn los? Ich sitz un wart un denk, ich werde König, Un nix passiert? Has du denn nich gerufen? Munk . Gott sei Dank. Ilsebill . Na? Munk . Djä. Ilsebill . Was is denn? Munk . Djä, was soll sein? Ilsebill . Kommt er nich? Munk (immer still belustigt) . Er kommt nich. Ilsebill . Da soll doch gleich ein Himmeldonnerwetter – Munk . Jahahahahaaaa, du, dem kanns du nix machen, der sitzt im Trocknen. Der wohnt im Wasser und hat 'ne Schwiegermutter vom Lande, höhöhöhö – nu möchs du woll 'n Haifisch sein, was? Ilsebill . Halt deinen Schnabel! – Ruf noch einmal! Munk . Ich soll meinen Schnabel halten un rufen? Wie macht man das? Ilsebill . Hans Quast! Jetzt reißt mich die Geduld! Ruf, sag ich . . . Munk (einen andern Ton anschlagend) . Na, Ilsebill, nu hör mal zu. Sag mal, könnt's du nich eigentlich zufrieden sein? Ilsebill . Wieso zufrieden? Ich bin zufrieden. Munk . Ach sooo. Ja sieh, wenn du mir das gleich gesagt hätt's – Ilsebill . Soll ich vielleich mein Lebenlang als lumpige Gräfin rumlaufen? Munk . Na hör mal, Gräfin is doch all gans nett. Mancher bringt es nich so weit. Ilsebill . Pph! Gräfin ist auch die Zwetschendorf! Munk . Jaa, das is aber blos 'n geborne, un du bis 'n künstliche! Ilsebill . Soo? Sollt's bloß mal sehn, wie die Person mich ankuckt! Munk . Wie kuckt sie denn? Ilsebill . Hochnäsig kuckt sie mich an, frech kuckt sie mich an, frech! Munk . Na laß sie, davon kriegt man ja keine Löcher. Ilsebill . Aber nu will ich König werden, un denn kuck ich sie an!!! Munk (unerschütterlich) . Denn kriegt sie Löcher. Ilsebill (gebieterisch) . Ruf ihn! Ich will König werden. Munk . Muß es gleich sein? Ilsebill . Ich sag dich, du solls rufen! – Gott im Himmel, Was is das doch for 'n Elend, wenn der Mann Auch nich 'n büschen Sinn for's Höh're hat! Munk . »Ich war immer für's Höhere«, sagte Knickrehm, da kam er an'n Galgen. Ilsebill . Jetzt ruf's du, Munk. sons kanns du was erleben! Munk . Das 's rech! Erleben tu ich gern was. Ilsebill . Hach Gott – es kribbelt mich in alle Fingern – Ich weiß nich, was ich tu! Munk . Du weiß nich, was du tus? Dscha, denn muß du ja König werd'n, das versteht sich. (Er ruft) :         Mantje, Mantje, Timpe . . . . . . 2. Szene. Irmeland. Die Vorigen . Irmeland (aus den Flut steigend) . Jaja, ich komm ja schon. Munk . Na, da bis du ja! Ach, sag mal, was macht meine Ortrun! Irmeland . Hm. – Sie ist gesund. Munk . So. – Hm. – Un sons – nix? Irmeland . Ja. Sie läßt euch vielmals grüßen. Munk . Danke! Danke! Also sie denkt doch noch 'n büschen an uns? Irmeland (mit einem Seufzer) . Ja, das tut sie, das weiß Gott. Munk (aufmerksam) . Sie hat woll – so 'n büschen Heimweh, was? Irmeland . Na – es genügt grade. Munk (halb für sich) . Och, mein' arme kleine Deern! Irmeland . Na, tröste dich man, sie wird wohl bald wiederkommen. Munk . Gott sei Dank!! – Na –entschuldige du – das 's ja gerade nich nett von mir – ich hab das nich so gemeint – das heiß: ja, gemeint hab ich das woll so; aber . . . . . Irmeland . Na ja, ich versteh schon. Munk . Na ja – is nich wahr? Sieh mal: schließlich is das ja doch ümmer meine Tochter – djä, is nich wahr? Ilsebill (die ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern kann und Munk schon wiederholt angestoßen hat) : Herr Schwiegersohn – Pedong! – Wenn Sie erlauben? Das mit dem Heimweh, das hat nix zu sagen, Da quäl'n S' sich man nich um! So'n büschen Heimweh Hat jede junge Frau, das gibt sich all'ns. Munk . Och du!! – Has du nich mal 'n büschen Heimweh! Ilsebill . Und denn, Herr Schwiegersohn – (knufft Munk) man zu, un sag's doch! Munk . Ja – so. Sie will schon wieder was. Irmeland . So? Was will sie denn? Munk . Ja – ich mag es garnich sagen. Irmeland . Man 'raus damit! Munk . Ja – es is ja eigentlich zu doll – das geht ja auch natürlich garnich an – König will sie werd'n. Irmeland . König? Na ja. Kann angehn. Ilsebill . Huch!! Irmeland . Bist du denn damit einverstanden? Munk . Wer? (sieht sich unwillkürlich um) . Has du mich gefragt? Irmeland . Ja natürlich. Munk . Djä, ich muß woll. Mein'twegen laß sie, wenn ich es man nich werden soll. Irmeland . Sie muß mir aber was dafür geben. Ilsebill . Gerne, Herr Schwiegersohn! Irmeland . Nein nein, keinen Kuß! Du – du – du kannst – (nach unten ins Wasser sprechend) Au, au! Munk . Was is los. Irmeland . Es zwickt mich was ins Bein. Ein Krebs. Munk . Halt ihn fest! Irmeland . Laß nur. Sie muß – (mit Anstrengung) ihren Sohn muß sie mir dafür geben. Ilsebill (bekommt einen Ruck und verharrt von jetzt ab in einer eigentümlichen Starrheit.) Munk . Ihren Sohn? Du, das is auch mein Sohn. Irmeland . Ja, das ist ja möglich. Munk . Und den soll ich dir geben? Irmeland . Ja. Munk (deutet nur stumm mit dem Finger auf seine Stirn wie: Du bist verrückt.) Irmeland . Versteh mich recht: ich will ihn ja nicht behalten – Munk . Hähäää! Irmeland . Du kriegst ihn ja wieder! Es geschieht ihm ja nichts! Er soll nur Ortrun ein bißchen die Zeit vertreiben! Munk . So. Un denn kommt keiner von beiden wieder – nee, mein Junge! Eers laß mich mal meine Deern wiederhaben, un denn – denn kriegs du den Jung noch lange nich! Irmeland . Na, ihr könnt's euch ja überlegen. Wenn ihr euch besonnen habt, ruft nur. (Taucht unter.) Munk . Nee nee, da gibts garnix zu besinnen – was, mein Deern? So was machen wir nich, was? Ilsebill (vor sich hinstarrend, mechanisch) : Nee, so was machen wir nich. Munk . Na natürlich nich. Un siehs du: denn bleibst du 'ne simple Gräfin un bis auch glücklich. Un wenn 'n König Leibweh hat, is er nich glücklich. Sieh mal: du has das schöne Schloß un has 1000 seidne Kleider un 3000 Hüte un kanns alle Tage Trüffeln un Vogelnester essen – wenn man sich 'n büschen einschränkt, kann man gans gut damit aus – Ilsebill (wie oben) . Denn kann man da gans gut mit aus. Munk . Na siehst du? Das freut mich, daß du so vernünftig bis. Ilsebill (wie oben) . Ja, das freut mich, daß ich so vernünftig bin. Munk (sieht sie an) . Was? Ilsebill (erwachend) . Wie? – Ach so. (Mit verblüffender Freundlichkeit) : Mein Munk! Munk . He? Ilsebill . Willst du mich woll'n Gefallen tun? Munk . Aber gern, mein Pummel, ich freu mich ja wie 'n Stint, daß du man zufrieden bis! Ilsebill . Sieh mal, in der Stadt, auf 'm Marktplatz, links von die Kirche, da hab ich neulich 'n Pelzkragen gesehen – so was Schönes hab ich noch nich gesehen. Munk . Soso. Was kost er denn? Ilsebill . Furchtbar billig! 1000 Taler. Munk . Tausend Taler? Dja, man begreift gar nich, wie die Leute das dafür liefern können. Ilsebill . Du gehs hin un hols mich ihn, nich? Aber sofort, sons is er womöglich weg! Munk . Dscha, mein Deern, wenn du weiter nix wills. Das kanns du dir ja leisten. Ilsebill . Hier is das Geld. Munk . Schön. Ilsebill . Links auf 'm Marktplatz! Munk . Djawoll! (Geht.) Ilsebill . Munk! Munk . Ja? Ilsebill (gibt ihm noch Geld) . Da – für 'n Glas Bier. Munk (sieht sie erstaunt an) . Djunge Djunge, Ilsebill, was is denn mit dir los? Du bis ja förmlich holdselig! Ilsebill . Dscha – ich fühl mich rech so zufrieden un glücklich – ich kann ja nu doch nix mehr werd'n. Nu geh auch, hörs du? Munk . Ja ja. Ilsebill . Aber lauf nich so doll, laß dich ruhig Zeit, du könnt's sons 'n Stich kriegen. Munk (dreht sich noch einmal um und sieht sie sprachlos an. Dann) : Djunge – Ilsebill – man möchte dir ja beinah 'n Kuß geben – Ilsebill . Na – (macht halbwegs Miene dazu) . Munk (pfiffig) . Aber ich spar ihn mir lieber auf! (Ab.) Ilsebill (verfolgt mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Fortgang und eilt, als sie ihn entfernt weiß, die Stufen zum Portal des Schlosses hinauf.) 3. Szene. Ilsebill . Dann Ubbe . Ilsebill (öffnet die Tür und ruft hinein) : Ubbe – Mein Ubbe! – Ubbe (von drinnen) . Was soll ich? Ilsebill . Komm mal raus, mein Ubbe! Ubbe . Hab keine Lust! Ilsebill . Man zu, mein Ubbe, komm mal 'raus, hörs du? Ubbe . Nee, ich mag nicht. Ilsebill (zerrt ihn wütend am Ärmchen heraus) . Willst du rauskommen, du Nickel! Ubbe (folgt nur widerstrebend, er hält ein hölzernes Hündchen im Arm) . Nein, ich will aber nicht, ich will aber doch nicht! Ilsebill (wieder einen sanften Ton anschlagend) . Nu hör doch mal zu, mein Ubbe, ich geb dir ja auch gans was Schönes! Ubbe . Was! Ilsebill . Bonbons! Ubbe . Was für welche? Ilsebill . Gefüllte Schokoladenbonbons! Ubbe (zustimmend) . Hm. Ilsebill (steigt rückwärts einen Weg hinauf, der zu einer vorbringenden Felskante führt) . Komm mal hierher, mein Ubbe! Ubbe . Was soll ich denn? (folgt langsam.) Ilsebill . Komm man, mein süßen Djung, komm man! Ubbe . Sag erst, was ich soll. Ilsebill . Du solls mal nachseh'n, ob da hinten nich 'n Schiff kommt. Ich kann das nich seh'n. Ubbe . Was für 'n Schiff? Ilsebill (sich vergessend) . Ach Gott 'n Schiff! – Nu komm auch, mein Süßen, jaa? Komm! Kriegs auch 'n ganse Menge Schokolade un Kakes un Marzipan! Ubbe (hält auf seinem langsamen Gange inne) : O Mutter, wie siehst du gräßlich aus! Ilsebill (erschrickt) . Was? – Ich? Ich – nein, mein süßen Jung, ich – ich will dir ja was Schönes geben – komm doch! Ubbe . Nee, ich mag nicht! (will umkehren) . Ilsebill . O kuck mal, was 'n großer Walfisch! Ubbe (eilig zu ihr) . Wo! wo! Ilsebill . Da! (stößt ihn ins Meer. Starker, langanhaltender Donner und tiefe Finsternis. Das Meer schäumt auf.) 4. Szene. (Wenn die Szene sich wieder erhellt, sieht man rechts, an Stelle des gräflichen Palastes ein Königsschloß, dessen weit geöffnetes Portal einen Blick in eine geräumige Halle gewährt. Auf einem Throne sitzt in vollem Ornat, mit Szepter, Reichsapfel und Krone, aber noch immer unfrisiert, die Königin Isabella, vulgo Ilsebill, umgeben von Hofdamen, Hofherren, Pagen und Lakaien. Hinter ihr stehen mit goldfunkelnden Harnischen und Helmen und blitzenden Lanzen Gewappnete, die im Halbkreis wie Orgelpfeifen nach der Größe geordnet sind, von riesenhaften bis zu zwerghaften hinunter. Fanfaren). Der ganze Hofstaat . Heil Isabella, heil dem großen König! Ilsebill (lächelt sehr befriedigt) . Man rufe mich die Gräfin Zwetschendorf! Zeremonienmeister . Hier ist sie schon. Ilsebill .                                                   Na Sie? Was sind Sie nu? Un was bin ich, he? Gräfin Zwetschendorf (zerknirscht) . Majestät – Ilsebill .                                                                 Aha! Nu bin ich also wirklich Majestät? Nu, sieh, das is ja allens Mögliche! Un was sind Sie, ma Schär'? Sie sind 'ne Gräfin! 'ne gans gewöhnliche, gemeine Gräfin! Ich will Ihn'n mal was sagen, meine Liebe: Auf so 'ne Gräfin – pöh – da pust ich auf! Nu kucken Sie mich doch mal höhnisch an! Man zu: nu kuck'n Sie doch! Gräfin .                                         O Majestät – Ilsebill . Ich will Sie ümmer um mich seh'n, Frau Gräfin, Damit Sie mich so rech von alle Seiten Bekucken können, he? Ich weiß, Sie freu'n sich, Daß was aus mich geworden is. Sie Üz! (zu ihrer nächsten Umgebung) Na nu! Was is das für 'ne Bummelei! Wo bleibt das Frühstück! Haushofmeister .                     Gleich, erhabner König! (Man stellt sofort einen gedeckten, goldnen Frühstückstisch vor sie hin; sie wirft Szepter und Reichsapfel den Nächststehenden zu und bindet sich eine Serviette vor.) Ilsebill (zu dem servierenden Lakaien) . Was is das? Lakai .                 Consommé à la Sainte Beuve. Ilsebill (sieht ihn verständnislos an; darauf) : Ach so . . . . ach so! Jawolljawoll. Na – und? Glaubt ihr vielleicht, daß ich nichts trinken will, Ihr Nötentröster? Sekt mit Porter will ich, Un nich zu knapp! (Das Verlangte wird gebracht.) Der Kanzler .               Verzeihung, Majestät. Ilsebill . Was's los! Der Kanzler .         Wenn Majestät geruhen möchten, Und während Ihres Frühstücks Audienz Erteilen wollten – Ilsebill .                         Was soll ich erteilen? Audienz? Ich hab kein Audienz. Der Kanzler .                                     Verzeihung. Ich meine: Majestät geruh'n vielleicht, Den Leuten, die schon lang' im Vorsaal warten Und die dem Thron mit Wünschen nah'n, zu hören. Die Zeit ist kurz, und Arbeit wartet viel. Ilsebill . Man los! (Sie nimmt mit lautem Schlürfen die Suppe.) Der Kanzler (winkt). Ein Bürgermeister (tritt ein und kniet vor dem Thron) : Erhabenster, Allerdurchlauchtigster, Allergroßmächtigster König und Herr! Ilsebill (geschmeichelt) . Da hat er Recht. Was will er? Der Kanzler . Sprich, Freund. Der Bürgermeister . Sire, Dein erhabner Vorgänger auf dem Throne hat verboten, daß vom Ausland Schweine in unser Land gebracht und verkauft würden. Nun gibt es aber in unserm Lande viel zu wenig Schweine – Ilsebill (ungläubig) . Sooo? Bürgermeister . Ja, Majestät, es ist so. Darum ist das Fleisch der Schweine unerschwinglich teuer geworden, und viele Tausende deiner Untertanen leiden Hunger und bittre Not. Ilsebill (essend) . Dann laßt die Schweine rein! Bürgermeister . O Dank, heißen Dank, erhabne Herrscherin! Dein Volk wird jubelnd deine Weisheit und deine Güte preisen. Ilsebill . Das möcht' ich mir auch ausgebeten haben. Bürgermeister (unter tiefen Verbeugungen ab) . Ilsebill (die zwischendurch bald eine große Bonbontüte, bald Äpfel, Nüsse und dergleichen aus der Tasche zieht und nascht, zu dem Lakaien, der einen neuen Gang aufträgt, indem sie den Deckel von der Schüssel hebt) : Was's das? Schon wiedermal Ragout von Austern Mit Trüffelscheiben? Plagt euch denn der Deibel? Meint ihr, ich will bloß noch von Austern leben Un Trüffeln, he? Bin ich ein Dorfschulmeister? Wenn ihr nich augenblicklich – Die Lakaien (tragen die Schüssel mit großer Angst hinweg und bringen eine andre) . Ilsebill .                                             So 'ne Bande! Der Kanzler . Sire, dieser Mann erfleht Gehör. Ilsebill .                                                               Was will er. Ein sehr ängstlicher Mann (tritt vor und kniet vor dem Throne) . A– a– a– a– alleruntertänigste Frau Königin, i– i– i– i– ich hab meine Frau geprügelt und – Ilsebill . Was? Hör ich rech? Du prügels deine Frau? (trocken) Hängt die Kanaille auf. Soldaten (wollen ihn ergreifen) . Der ängstliche Mann . Ä–ä–ä– nein! nein! nein! M– m– meine Frau hat mich geprügelt, meine allerwerteste Frau Königin, und – Ilsebill . Sooo! Na – denn has du's jedenfalls verdient. Der Mann . Das weniger, meine hochselige Frau Königin! Ilsebill . Was, Sklave, wie, du wagst zu widersprechen? Der Mann . O– o– o– o– nein, meine durchgelauchteste Frau Königin – ich – ich schwitze vor Ehrfurcht und Niederträchtigkeit! (trocknet sich den Schweiß ab.) Der Kanzler . Mach! Komm zu Ende, Freund. Der Mann . Ja! Ja! zu Ende! Ja! – zu Ende! zu Ende! Ja! Nämlich, es ist ein Gesetz, hochtrabende Frau Königin, wenn eine Frau ihren Mann schlägt, dann muß der Esel auf der Frau verkehrt durchs Land – nein, ich meine, dann muß das Land auf dem Esel durch die Frau reiten – o nein nein, so ist es: Wenn der Esel seine Frau schlägt, dann muß das Land – nein – Ilsebill . Na, nun wird's aber Zeit – Der Kanzler . Verzeihung, Sire, der Mann meint das Gesetz, Wonach ein Weib, das seinen Mann geschlagen, Auf einem Esel reiten muß durchs Land, Verkehrt, den Schwanz statt eines Zügels haltend. Ilsebill . Aha! Djawoll! Nu sieh mal an! Na – und? Der Mann . Gnade, o unermeßliche Frau Königin, Gnade für meine Frau! Ilsebill . Sieh! Das's noch mal'n Mann! Nehmt euch'n Beispiel! Un nu knöpft eure langen Ohren mal Gehörig auf un merkt euch, was ich sage: Von heut an is es grade umgekehrt: Wenn eine Frau den Mann haut, reitet er! Punktum. Streusand. Ich will's, un damit basta. Der Mann . O tiefgefühlte Frau Königin, du machst mich glücklich – Der Kanzler . Schon gut, geh, tummle dich! (Der Mann ab.) Ilsebill .                                                         Ich will euch kriegen, Euch Mannszeug! Pöh: das »stärkere Geschlecht!« Es hat sich ausgestärkt. Jetzt is das schöne Geschlecht am Ruder, na, ihr sollt's schon spüren. Was gibts schon wieder? Ein Schweinezüchter (tritt vor, kniet aber nicht, sondern verbeugt sich nur) . Majestät haben in Allerhöchsterer Weisheit beschlossen, daß fremde Schweine eingeführt werden. Natürlich sind sofort 50 000 kranke Schweine über die Grenze gekommen. Wenn das so fortgeht, krepiert uns binnen kurzem das ganze Schweinevieh und das Volk kann Hungerpfoten saugen. Ich gebe mich der ganz bestimmten Erwartung hin, daß Majestät die Schweineeinfuhr verbieten . . . . Ilsebill . Denn laßt die Schweine draußen! Der Schweinezüchter . Majestät haben wie immer das Richtige getroffen; Euer Majestät Volk wird Eurer Majestät mit Begeisterung danken. Ilsebill . Na ja, wird sich woll so gehören. – Na, Was kriegen wir nu, Mosjö? Der servierende Lakai .               Canard en chemise. Ilsebill . Aha: Kanarienvogel mit Gemüse! (Heimliches Lachen unter den Umstehenden.) Na nu, das is doch kein Kanarienvogel? Lakai (mit Lakaienfrechheit) . Canard en chemise , das heißt so viel wie »Ente Im Hemde.« Ilsebill .               Pfui, du Ferkel, so was wagst du Mich vorzusetzen? Was? Schäms du dich gar nich? (Probiert) . Hm, schmecken tut es aber gut. – Nachher Brings du mich dann'n Eisbein noch mit Erbsen Un Sauerkohl, zum Schluß Buchweizenklöße Mit Speck. Lakai .               Sehr wohl. Ilsebill .                                 Vergiß mich nich die Buddel Mit Nordhäuser! Lakai (mit moquantem Lächeln) . Wie Majestät befehlen. Ilsebill (läßt schmausend die Blicke umhergehen) . Sie Kleine da – nee Sie! – wie heißen Sie? Herzogin v. Eschenbach (eine zierliche Dame, indigniert) : Ich bin die Herzogin von Eschenbach. Ilsebill . Komm'n Sie mal näher, Eschenbachen – hierher! Ihr Kleid gefällt mir. Wer hat das gemacht? Herzogin (wie oben) . Das Kleid hat meine Zofe angefertigt. Ilsebill . Die soll mich auch was machen. Das hat Chik. (An ihr herumtastend) . Das sitzt wie angegossen. Hol'n Sie die Person mal her. Herzogin (gibt mit höchst indigniertem Lächeln einem Lakaien Auftrag, die Zofe zu holen) . Ilsebill .                     Man bringe mich sofort Die Modenzeitung! Der Bürgermeister (erscheint wieder und wirft sich nieder) . Allerdurchlauchtigster, Aller – Ilsebill . Jawoll jawoll, ich weiß schon. Was is los? Der Bürgermeister . Majestät, das Land durcheilt die Kunde, daß du die Schweineeinfuhr verboten hast! Majestät, dein Volk verhungert, wenn – Ilsebill . Denn laßt die Schweine 'rein, zum Donnerwetter, Un mich in Ruh! Nu hab ich's satt! Der Bürgermeister .                             Dank –! Ilsebill .                                                               Raus!! Ich hab die Nase voll! Gemurmel unter den Hofleuten : Incroyable! – Fi donc! – Terrible! – Quelle bêtise! – Crapule! Ilsebill . He??! (Winkt einem Hofmann.) Ach! Komm doch mal her! Was sagst du da? Der Hofmann .             Ich, Majestät? Ich gab nur der Bewundrung Für deine Herrscherweisheit lauten Ausdruck – Ilsebill . Ich will dir mal was sagen, alter Freund! Hört ihr mit eurem Griechisch und Hebräisch Nich auf un tuschelt noch ein einziges Mal, Dann laß ich euch mal 'n bischen Blut abzapfen Un mach mir Schwarzsau'r draus. Verstandez – vous?         (Indem sie sich zu der Zofe mit dem Modenblatt wendet) : Na, laß mal seh'n, mein Deern; nu woll'n wir mal – (Sie wird durch einen näherkommenden Gesang unterbrochen. Man hört Munk hinter der Szene singen) :         »Zufriedenheit ist mein Vergnügen.« Ilsebill . Da hört sich doch Verschiednes auf! Wer singt da? Na so 'ne Frechheit! Bringt mich das Subjekt Mal her! Munk (den Pelzkragen umgehängt, wird von zwei Bewaffneten gebracht) . Ilsebill .           Ach so, es is mein Prinz-Gemahl! Munk (außer sich vor Staunen) . Il– Il– Ilsebill! Mensch, wie has du dich verändert! Ilsebill . Vor allen merk dich mal, mein Prinz-Gemahl, Ich heiß jetz Isabella. Munk . Denn – denn bis du woll jetzt König? Ilsebill . Gott sei Dank! Munk . Djunge Djunge – das muß ich nu sagen: das sieht fein aus, wenn du König bis! Ilsebill . Nich? Munk . Na, nu bis du doch zufrieden, was? Ilsebill . Das woll'n wir mal seh'n. Munk . So so so – das woll'n wir mal seh'n. Na. Ilsebill . Na, meine Herr'n un Damens, ob Sie nu Woll bald die Güte haben, Seine Hoheit Den Prinz-Gemahl zu huldigen? Munk (zu dem sich verbeugendem Hofe) : Bitte bitte, meine Herrschaften, bleiben Sie gestreckt – ich nehm' es für genossen. Ich bin 'n gans gewöhnlicher Fischer un bitte um Ihre Nichtachtung. Aber – (plötzlich unruhig) wo is denn Ubbe? Ilsebill, wo is Ubbe!? Ilsebill . Ubbe geht es sehr gut; er wird wohl gleich kommen. Munk . Hat er es denn, du weiß woll, wen ich meine – hat er es denn auch so getan? Ilsebill . Ja, er hat es so getan. (Schnell.) Hier! Bringt mal Seine Hoheit auf der Stelle Das schönste Essen und den schönsten Wein Un all'ns, was er man wünscht – Munk . Nee, nee danke! Mach dir keine Umstände; ich hab hier viel was Feineres. (Er setzt sich am Portal des Schlosses auf die Stufen, zieht ein Messer, ein Stück Speck und ein Stück Schwarzbrot hervor und beginnt zu essen.) Ein Bote (tritt eilig ein und spricht leise mit dem Kanzler) . Der Kanzler . Verzeih, o König – eine schlimme Botschaft! Krieg, Majestät! Der König Polens naht Mit einem Heer und steht schon an der Grenze! Ilsebill . Was König! König! Ich bin König! Kanzler .                                                       Wohl! Doch grenzt ein andres Reich, Sire, an das Deine, Und dieses Reich regiert ein andrer König. Ilsebill . Wie kommt der Mann dazu?! Kanzler (achselzuckend) .                   Er nimmt es sich Heraus. Ilsebill (höchst gelassen) . Das wird dem Mann sehr schlecht bekommen. (Wieder zur Zofe gewandt.) Den Rock rech eng, mit Schwanbesatz un mit Wolanks. Un denn das ganze Kleid natürlich Mit Diamanten. Dazu nehm'n wir denn Durchbrochne Strümpfe, weiße Atlas-Schuh – Kanzler (nachdem er kopfschüttelnd mit seiner Umgebung gesprochen) . Mein König, die Gefahr ist groß und dringend! Sie abzuwenden, braucht's der raschen Tat! Willst du den Marschbefehl für deine Truppen Nicht unterzeichnen, willst du nicht bestimmen, Wie man sie sammle, führe, wie versorge – Das alles fordert Zeit und fordert Arbeit – Ilsebill . Ja sagt mal, Kinder, glaubt ihr denn nu eig'ntlich, Ich bin hier König, um zu arbei'n? He? Ich will mich ammisier'n zum Donnerwetter! Nu laßt mich geh'n! Sons werd ich schließlich eklig! (Bewegung.) Ilsebill . (Wieder zur Zofe) : Rosa Tschiffong, djawoll, un denn natürlich Tief ausgeschnitten (mit entsprechender Geste) un auf beide Achseln Bloß mit'n schmales Band zusamm'ngehalten. Ein zweiter Bote (stürzt herein und berichtet heimlich etwas dem Kanzler) . Der Kanzler (nach einigem Schwanken) : Allerdurchlauchtigster, allergroßmächtigster König und Herr! Und wär's auf die Gefahr, Daß deinen Zorn ich reize – sagen muß ich's: In deinem eignen Lande tobt der Aufruhr, Verbunden hat dein Volk sich mit dem Feinde Und rückt heran – Ilsebill .                         Wer is denn eig'ntlich dieser Unangenehme Mensch, der mich hier ödet! Was will der Mann von mir? Wer sind Sie eig'ntlich! Der Kanzler . Ich bin dein Kanzler, Majestät, bestimmt, Mit meinem Rat zur Seite dir zu stehen, Des Herrschers Sorge treu mit dir zu teilen – Ilsebill . Mit dem Gesicht? Geh ab un grüß die Hühner!         (Winkt einem stattlichen Lakaien.) Komm du mal her, mein Jung, dich mag ich leiden.         (Ihm die Backen klopfend.) Du bis 'n hübscher Kerl. Will's Kanzler werden? Lakai . Wenn Majestät die Gnade – Ilsebill .                                             Na natürlich! Du bis von jetz an Kanzler. Komm man her! (Lädt ihn ein, sich auf die Stufen des Thrones zu setzen. Starke Erregung unter den Damen und Herren des Hofes.) Lauteres Stimmengewirr : Unglaublich! – Unerhört! – Welch ein Skandal! Ilsebill . Waaaas? (Einem Trabanten winkend) Ach, mein Sohn, hör mal: Wenn hier noch einmal Sich etwas rührt, denn pikst du mir mal einen Mit deinem Bratspieß auf un brings mir ihn, Daß ich ihn schmoren lasse, hahaha: Den Dicken da möcht' ich mal tröpfeln seh'n! (Schweigen.) Ein Jüngling (stürzt herein) . Frau Königin, ein furchtbares Verbrechen Verlangt nach deinem Spruch! Ein Mord geschah – Ilsebill . 'n Mord? Ach, das 's ja int'ressant. Erzähl! Der Jüngling . Ein Weib ermordete das eigne Kind, Und hier in deinem Schloß geschah die Tat! Ilsebill . Das is ja schauderhaft. Wo is das Scheusal? (Auf einen Wink des Jünglings wird ein Weib hereingeführt.) Der Jüngling . Hier ist sie. Das Weib (sich niederwerfend) . Gnade, Gnade, Majestät! Ilsebill . Ja, paß mal auf, ich will dich gleich bei »Gnade«! Der Jüngling . Was kommt der zu, die ihren Sohn ertränkte? Ilsebill (mit großem Behagen) : Sie soll – sie soll – na, laß mal seh'n, was soll sie? Zuers soll sie an'n gansen Leib mit Nadeln Geprickelt werden, bis ihr schwiemlig wird. Un denn woll'n wir in ranziges Provence-Oel Sie kochen, aber so, daß sie noch lebt! Un denn soll sie in 'n Faß mit lauter scharfe Un spitze Nägels, un das Faß, das soll 'n alter, lahmer Ackergaul gans langsam 'n steilen Berg hinaufzieh'n. – Das genügt. Der Jüngling . Nun, Königin, du hast dein eignes Urteil Gesprochen; denn die Mörderin bist du! Dies Weib hier sah, wie du den eignen Sohn Ins Meer hinab von jener Klippe stießest, Und ins Gesicht dir ruf' ich: »Mörderin!« Munk . O Ilsebill, du has also gelogen! O mein Ubbe! Mein Ubbe! Der ganze Hofstaat (bricht aus dumpfem Schweigen in wütende Empörung aus und dringt auf Ilsebill ein) . Erschlagt sie! – Schlagt sie tot! – Reißt sie in Stücke! – Erwürgt die Bestie! – Tod der Mörderin! Der Oberste der Leibwache . Schützt den König! (Sofort umschließen die Gewappneten sie wie eine Mauer und halten die Lanzen vor.) Ilsebill (schiebt die Garden mit ungeheurer Gelassenheit beiseite) . Ach Kinder, regt euch doch nich auf. Mit der Gesellschaff werd ich gans alleine fertig. (Sie zieht langsam den Pantoffel vom Fuß und steigt, ihn gemächlich schwingend, ganz langsam und mit grandioser Ruhe vom Thron herab, während die Empörer scheu zurückweichen.) War da nich jemand, der mich sprechen wollte? Mir war doch so? Ich hörte doch was pipen? Na Kinder? Immer ran? Man immer ran? Faßt doch Vertrauen zu der Landesmutter! Na? Gott, wie seid ihr nu auf einmal komisch? Ich weiß ja doch, ihr habt was auf dem Herzen! Kommt her, ich feg's euch runter! (Als der Letzte hinausgeschlichen) : Hahahaa! 5. Szene. Munk , Ilsebill , später Irmeland . Munk . O Ilsebill, du has ja gelogen, du has – (er verstummt vor ihrem Blick) . Ilsebill (gelassen) . Du wills woll gerne mal ins Loch spazieren Von wegen Majestätsbeleidigung? Das merk dir mal, mein Junge, ich bin König Un kann hier tun und lassen, was ich will, Ich werd euch noch – Huch?! Huch?! Mein Zahn! Mein Zahn! (Sie wälzt sich plötzlich auf der Schloßtreppe in fürchterlichen Zahnschmerzen.) Munk . Na? Was is nu? Aha, Zahnschmerzen! Ja, das soll da woll von kommen! Jeden Tag drei Fund Bontjes! Ilsebill . Uuuugottogottogottogott, mein Zaaahn! Huch! Huch! Huuuuuuuch!!!! Munk . Djä, du tus mir ja leid, obgleich du's nich besser verdiens; aber ich kann dir nich helfen. Ilsebill . Was kommt nach König? Munk . Wieso? Ilsebill . Was nach »König« kommt, frag ich. Munk . Nach »König« kommt »Kaiser«. Ilsebill . Ich will Kaiser werden. Huuu . . . Munk . Djä, wenn du meins, daß das – 'n Senfpflaster is viel besser – Ilsebill . Ich will Kaiser wer'n, has das verstanden? Wenn ich wieder 'rauskomme, will ich Kaiser werden. (Geht wimmernd ins Schloß.) Munk (nach kurzem Besinnen) : Djä, mir kanns rech sein. Bei der Gelegenheit hör ich doch was von Ubbe! (er ruft) :         Mantje Mantje Timpe Te . . . . . . e!         Butje Butje in de Se . . . . . . e!         Mine Fru, die Ilsebill,         Will nich so, as ick wull wi . . . . . . ll! Irmeland (taucht auf, in erregter Stimmung) . Was will sie denn? Mach aber schnell; ich hab's eilig. Munk . Sag mir ers mal: is mein Junge bei dir? Irmeland . Bei seiner Schwester ist er und ist vergnügt. Munk . Wann krieg ich ihn denn wieder? Irmeland . Bald, bald. Munk . Djä, was heißt »bald«, das kann jeder sagen. Irmeland . Halt mich nicht auf. Was will dein Weib? Munk . Sie will Kaiser werden. Irmeland . Sie ist es schon! (taucht eilig unter.) Ilsebill (mit einem dicken Tuch um den Kopf, kommt wimmernd und stöhnend aus dem Schlosse) . Na, ob's nu bald wird? Ob ich nu bald Kaiser werd? Munk . Du bis es ja schon. Ilsebill . Ich bin es schon? Munk . Ja. Kuck man mal nach. Du has 'n andere Krone auf. Ilsebill (nimmt die Kaiserkrone ab und besieht sie) . Das 's allens? Munk . Djä! Ilsebill . Was kommt nach »Kaiser«. Munk . Nach »Kaiser«? Nach »Kaiser« kommt nix mehr. Ilsebill . Du bis woll mall. Denk nach, was ich noch werden kann. Huuu . . . (Sie sitzt auf den Stufen, wiegt stumpfsinnig den Kopf und murmelt) : Was kann ich noch werden – was kann ich noch werden. Munk . Nix kanns du mehr werden. Über'n Kaiser geht nix. Aber Zahnweh hat er auch. Und das sag ich dir gleich: nu wünsch ich nix mehr von dem Butt. Das mag ich nich. Ilsebill . Du muß ja einfach. Ich bin Kaiser un du bis bloß mein Mann, was wills du machen, du Stackel. Munk . Djä, du kanns aber nix mehr werden – ja etwas kanns du noch werden? Weiß, was du noch werden kanns? Ilsebill (begierig) . Na? Munk . Verrückt kanns du noch werden, wenn du so beibleibst. Ilsebill (mit dringenderer Gier) . Was kann ich noch werden – was kann ich noch werden – ich muß un muß noch mehr werden – noch ümmer mehr muß ich werden – was kein andrer Mensch is – was – – – ha!!! Ich weiß was! Munk . Na? Ilsebill . Ich weiß was (mit wildem Triumph) : Papst will ich werden, Papst! Ha! Ja! Papst!! Munk . Papst? – Der Papst is nich verheirat. – Das mach ich! (Er eilt nach hinten und ruft eifrigst:)         Mantje Mantje Timpe Te . . . . . e!   (Während des Rufens fällt der Vorhang.) Vierter Aufzug. Die Dekoration des 2. Aktes. 1. Szene. Ortrun. Ubbe . Ubbe (auf Ortruns Schultern reitend) . Hü! Hü, Gaul, willst du laufen!? – Hüh! – Nu muß du auch »hü – ü – ü – ü –!« machen, nicht? Ortrun (wiehert) . Hühühühühühühü! Ubbe . Un denn muß du mitunter »prr – prr!« machen. Ortrun (schnaubend) . Prr – prrr –! Ubbe . Brr, halt! Brr, Gaul! (Er steigt ab.) So, nu komms du in'n Stall! Dies muß mal dein Stall sein, nicht? O, und hier muß deine Krippe sein, wo du aus frißt, nich? Ortrun . O ja! – Da ist ja aber garnichts zu fressen! Ubbe . Ach Ortrun, das mußt du nicht sagen! – Und denn mußt du Lise heißen, un denn ruf ich dich immer »Lise«! un denn muß du kommen nich? Ortrun . Ja, aber erst muß ich dir einen Kuß geben. Ubbe (streckt willig sein Mäulchen vor) . Ortrun . Du süßer Fratz! (küßt ihn) . Ubbe . So, nu muß du fressen. Ortrun (tut so, wirft sich dann erschöpft auf den Rücken) . Mm, nun kann ich nicht mehr!         »Ich bin so satt,         Ich mag kein Blatt.« Ubbe . Komm, Lise, komm! Ortrun (kommt auf allen Vieren zu ihm) Paß auf, nun beißt das Pferd: Happ! Happ! Ubbe . O ja, denn muß du mich beißen un denn muß ich dich fix hauen. Das macht Spaß! Ortrun . Nööööö! Das tut ja weh. Ubbe . Ach nein, ich hau dich ja man so ganz leise! Ortrun . Na ja. Ubbe . O nein, weiß Du was? Ich weiß viel was Besseres! Du muß mal 'n großes Schiff sein, un denn fahr ich auf dir ganz weit weg. Ortrun . O ja! Wie weit? Ubbe . Tausend Millionen Meilen. Bis Amerika! Ortrun . Uuha! Ubbe . Wo is eigenlich Amerika? Ortrun . Da ganz hinten! Ubbe . Ich seh nix. Ortrun . Nein, das kannst du auch nicht sehen. Dahin muß man viele Wochen lang fahren und auf dem Schiff essen und trinken und wohnen und schlafen – viele Male schlafen! Ubbe . Uuha! Wenn ich groß bin, denn fahr ich nach Amerika. Ortrun . Was willst du denn da? Ubbe . Da will ich mich mit den Indianers kämpfen! Ortrun . Hahaha, den ganzen Tag? Ubbe . Nei–n, ich will natürlich auch was essen! Ortrun . Na natürlich: essen! 2. Szene. Die Vorigen. Lutz mit mehreren geschuppten Dienern, die mancherlei Spielzeug tragen. Lutz . Hier, liebe Herrin, sendet dir mein Prinz Manch artig Spielzeug für den jungen Herrn, Das Teuerste und Neuste, was es gibt. Aus eines Schooners Bauche stammts, der gestern An unsrer Klippe Schiffbruch litt. Ortrun .                                                 Ach Gott! Und aus dem Schiff die Menschen – sind ertrunken? Lutz . Nein nein, mein edler Herr hat sie gerettet! Hach, Ole Bulemann ist krank vor Wut! Denk dir, gerettet alle! Und mit Freuden, Das glaub mir, gönnen sie euch diesen Schatz. Schaut her. Ein zierlich Fräulein am Klavier. Dreht man das Uhrwerk auf, so spielt sie, trillert Und harpeggiert, greift richtig falsche Töne, Tritt das Pedal, schlägt selbst die Noten um Und singt. Und drückt man hier auf diesen Knopf, So singt sie mit Gefühl. Ortrun .                                 Haha! Schau, Ubbe! Ubbe (kühl) . Hm. Ortrun .               Was ist das? Lutz .                                       Ein Schulhaus! Aufgezogen, Hält der Magister einen schönen Vortrag; Er fragt die Schüler: Antwort geben sie, Bald richtig, meist verkehrt, grad wie im Leben; Die Glocke tönt; sie stürmen in den Garten Und tummeln sich, die eine Hälfte sittsam, Die andre ungezogen, und dem einen Fließt aus der Nase echtes Menschenblut. Ortrun . Schau, Ubbe, schau! Ubbe (wie oben) .                     Hm. Lutz .                                             Hier ein ganzer Wald Mit bunten Vögeln. Eier legen sie, Und aus den Eiern kommen neue Vögel. Sie singen, springen, fressen auch und zeigen, Daß sie, was sie gefressen, auch verdau'n, Sobald man hier die kleine Kurbel dreht. Nun, kleiner Freund, willst du damit nicht spielen? Ubbe . Nee, ich spiel lieber mit mei'm Ammi. Ortrun (lachend) . Haha, sein Ammi! Er hat keinen Schwanz mehr Und hat nur noch drei Beine; aber nichts Geht über seinen Ammi! Festumklammert Hielt er den Freund mit seinen beiden Ärmchen, Als er hier unten ankam. Lutz .                                     Holde Herrin! Wie plötzlich du so ganz verwandelt bist! Aus deinen Augen strömt nach allen Seiten Ein Licht, das dich umfließt wie ein Gewand! Ortrun . Ist's so, so dank ich's deinem güt'gen Herrn, Der zarten Sinns den Bruder mir gesellte. Wie gern vergölt ich's ihm, wenn ich's nur könnte! Lutz (jubelnd) . Ja, Ortrun? Ja? Dies Wort bring ich dem Prinzen, Ich eile, fliege! Ach, das wird ihn freuen Wie eine erste Blüt' im Märzenschnee! (Eiligst ab.) 3. Szene. Ortrun , Ubbe , später Irmeland und Lutz . Ortrun (sinnend) . Wie eine erste Blüt' im Märzenschnee? Was weiß denn der von Schnee und ersten Blüten? Hat er den Erdenfrühling je geseh'n? Ubbe . Ortrun! Ortrun . Ja, Liebling? Ubbe . Wann werd' ich eigentlich groß? Ortrun . Ach, das dauert noch lange! Ubbe . Wie lange? Ortrun . Ei nun – zwölf Jahre wohl! Ubbe . Wann is zwölf Jahre? Ortrun . Ja – das kann ich dir nicht sagen. Das ist noch lange hin! Ubbe . Bis übermorgen? Ortrun (lacht herzlich) . Ach nein, viel, viel länger. Ubbe . Ach man zu, laß es man mal übermorgen sein! Ortrun (wieder lachend) . Ja, wenn ich das könnte! Was willst du denn, wenn du groß bist? ( Irmeland und Lutz erscheinen im Hintergrunde und betrachten die beiden) . Ubbe . Och, wenn ich groß bin, denn bis du doch meine Frau, nich? Ortrun . Haha, das glaub ich nicht! Ubbe (unwillig) . Doch! Du solls aber meine Frau sein! Ortrun . Na ja, gut! Abgemacht! Ubbe . Un weiß, was wir denn tun? Denn geh'n wir aus, un denn muß Ammi immer vor uns her laufen. Ortrun . Kann er denn laufen? Er hat ja doch ein Bein verloren! Ubbe . Och, das macht nix. Das wächst wieder an. Wir binden da was drum, und denn wird es wieder besser. Ortrun . Na ja. Ubbe (plötzlich sehr eifrig) . O nein, weiß du was? Ammi muß mal krank sein, un denn muß er im Bett liegen! Ortrun . O ja! Was fehlt ihm denn? Ubbe (kühl) . Och, er hat 'n Keuchhusten. Ortrun . O weh, o weh! (Zieht ein Tuch hervor, wickelt es Ammin um den Hals und spielt weiter mit ihrem Brüderchen.) Lutz (leise) . Hat man wohl je so Liebliches geseh'n? Irmeland (ebenso) . Beim Himmel, nein! Ich hätt' es nie geglaubt, Daß sie noch höh'rer Reiz umfangen könnte! Doch Güte, die zum Kinde sie erniedrigt, Erhöht zum Engel sie. Ist's denn auch wahr? Und täuschtest du dich nicht? Hat von Vergeltung Im Ernste sie gesprochen? Lutz .                                         Zweifle nicht, Sie tat's. Irmeland .       Und glaubst du, daß ich's wagen dürfte, Sie – (stockt) Lutz .         Was? Irmeland .           Um die Erlaubnis sie zu bitten, Ihr – nur ein einzig mal – die Hand zu küssen? Lutz . Um Gotteswillen! Nein! Du wagst zu viel! Irmeland . Ich wag es doch! Lutz .                                   Tu's nicht! Irmeland .                                             Ich muß! Nicht länger Bezwing ich mich. Und weigert sie mir dies, So weiß ich, daß mir keine Hoffnung bleibt. Lutz . Drum warte noch! Es ist zu früh – Irmeland .                                                 Ortrun! Verzeih, du lieblich Licht, mein guter Lutz Bringt mir die Freudenkunde, du sei'st fröhlich Und wollest mir vergelten, daß ich dir Den Bruder hergerufen. Willst du's wirklich? Ortrun . Wie gerne wollt' ich's! Könnt' ich nur! Irmeland .                                                           Du kannst. Sieh, weder Dank noch Lohn hab ich verdient. Doch weil die Quelle deines Herzens sprudelt, Dräng ich mich zu und stehl' mir einen Trunk. Willst du nicht zürnen, Ortrun, wenn ich bitte, Sei's, was es sei? Ortrun .                       Gewiß nicht! Irmeland .                                         Nun, so bitt ich: Vergönne mir, daß ich – auf deine Hand – Ein einzig Mal nur! – meine Lippen drücke! Ortrun . Auf meine Hand? Was ist denn meine Hand, Daß du sie küssen willst? Irmeland .                                 Nun, Ortrun, du, Du weißt es freilich nicht, wie schön sie ist, Und wüßtest du's, sie wäre minder schön. Ich aber, hätt' ich sie auch nie betrachtet, Von deinen Augen wüßt' ich, daß sie schön ist. Nun? – Darf ich? Sieh, ich reibe meinen Mund So heftig und so lange, bis er warm wird. (Tut es.) Ortrun . Wenn ich's geschehen lasse, ist's wohl Hochmut. Doch wenn es dich erfreut – (bietet langsam ihre Hand dar) Irmeland (stammelnd) .                   O Ortrun – Dank –         (Er küßt ihr zaghaft und leise die Hand. Noch knieend, leise) : O süße Wärme, die dem Menschenleib Entströmt! O heil'ge Glut, die mich sogleich Mit himmlischer Beschwichtigung umfängt! Der Sonne Flammen selbst, mit ihr verglichen, Sind kalt und tot. Aus Rätselnächten kommt sie, Von einem Herd, wo Gottes Feuer brennen. (Aufspringend) Sieh, Ortrun, nun – für sieben Tage hast du – Ach! – sieben Jahre glücklich mich gemacht! Verzeih – nun muß ich geh'n – o mißversteh Mich nicht und halt mich nicht für undankbar! Sieh – wie allein sein muß, wer beten will, So muß ich einsam sein mit meinem Glück – Mir nimmt's den Atem – sterben würd' ich hier – Verzeih – verzeih – (stürzt eilends davon.) Ortrun (sieht ihm, langsam den Kopf wiegend, nach) :                                 Verstehst du deinen Herrn? Ein Kuß auf meine Hand – kann ihn so wenig So tief beglücken? Mich ergriff sein Glück So schmerzlich schier, als wär's ein Leid – Lutz .                                                                   O Herrin! Wer dich geseh'n, dem wandelt sich die Welt. Viel wird ihm wenig; wenig wird ihm viel, Und Lust und Leid wird Eins in deiner Hand! Doch gib auch mir nun Urlaub. Folgen muß ich. Darf er mich schon nicht seh'n und darf er's schon Nicht wissen – hüten muß ich ihn. Leb wohl! 4. Szene. Ortrun. Ubbe . Ubbe . Ortrun! Ortrun . Ja, Liebling? Ubbe . Was soll ich nu mal spielen? Ortrun . Magst du denn nicht mit den schönen Sachen spielen, die der gute Prinz dir geschenkt hat? Ubbe . Nöö, das 's mir zu langweilig. Ortrun . Soll ich wieder Pferd sein? Ubbe . Nöö, das is auch langweilig. Ortrun . Was willst du denn, lieb Herz? Ubbe . Ich will wieder bei Vater sein. Ortrun (erschrickt) . Ach! – (Leise zu sich selbst) : Daran hab ich nicht gedacht! – Das Heimweh faßt ihn – Und der Vater entbehrt ihn gewiß mit Schmerzen – (laut) Du sollst ja wieder hinauf zu Vater und Mutter – nur ein wenig bleib noch bei mir! Ubbe . Ich mag hier aber nicht mehr sein! Ortrun . Ach nur ein kurzes Weilchen noch, bitte bitte – tu's mir zu lieb. Ubbe . Denn muß du aber auch mit mir spielen! Ortrun (freudig) . Ja, ja! Ubbe . Immerzu! Ortrun . Ja, ja! Ubbe . Den ganzen Tag. Ortrun . Ja ja, den ganzen Tag. – Wollen wir Mutter und Kind spielen? Ubbe . Nöö, das is auch langweilig. Ortrun . O je! Ich weiß schon was! Wir geh'n spazieren, Und wunderfeine Dinge zeig ich dir! Die Höhle Tidian, wo das Echo klingt! Und das Korallenriff, wo aus und ein Die regenbogenfarbnen Fischlein spielen – O nein! Ich weiß ja doch noch viel was Schön'res! Ich zeig dir Rungholt, die versunkne Stadt! Ubbe . Was is das? Ortrun .                 Viele Jahre sind es schon, Da gab es eine Stadt, die Rungholt hieß. Die war so reich: die Bürger wuschen sich Und badeten im allerschönsten Wein. So vornehm, sagt man, waren sie. so reich, Daß nichts sie selber taten, ausgenommen Das Essen und das Trinken. Selbst zu gehen, Das galt für unfein. Sie bewegten sich In Sänften nur und Wagen. Auch das Lernen Und Denken mußten andre für sie tun; Sie zahlten nur. Ja gar, sich selbst zu freuen, Galt für gemein; sie überließen's andern. (Für sich) : Nur eins, so sagt man, konnte niemand tun An ihrer Statt: sie mußten selber leiden. Und ach, sie litten viel bei allem Hochmut Und meinten doch, vom Golde käm das Glück. (Wieder zu Ubbe) : Nun machten eines Tags sie ein Gesetz, Daß die allein die Stadt beherrschen sollten, Die eine weite Wiese vor der Stadt Mit Golddukaten ganz bedecken könnten. Da kam die Meerflut, die in einem Atem Die Stadt und ihren Übermut verschlang. Nun liegt sie viele hundert Jahre schon Am Meeresgrund – komm mit, du sollst sie sehn; Willst du? Ubbe .               O ja, man zu. Ortrun (schildernd) .               Die Häuser schlafen, Und Markt und Gassen ruh'n in tiefem Schlaf. Durch Tür und Fensterbogen ziehn die Fische Gar still und stumm, und aus den Türmen wachsen Seeanemon' und roter Tang. Doch sagt man, Daß manchmal auch die tote Stadt erwache. Dann – – – (die übrigen Worte verklingen hinter der Szene. Die Bühne verdunkelt sich, und eine sanfte Musik ertönt, die zuletzt in Orgelton und anschwellendes Glockengeläute übergeht. Als die Bühne sich wieder erhellt, sieht man Rungholt, die versunkene Stadt, am Meeresgrunde. Die Szene stellt den Marktplatz dar, in dessen Mitte ein Brunnen mit einer Brunnenfigur steht. Von der erhellten Kirche fällt ein schwacher Schein auf Markt und Gassen, durch die man Bürger und Bürgerinnen lautlos und langsam zur Kirche wandeln sieht.) 5. Szene. Ortrun und Ubbe kommen von rechts. Ortrun (scheu und leise) . Schau, Ubbe, schau. Die Stadt ist aufgewacht – Es ist wohl Sonntag heut; die Glocken läuten – Zur Kirche gehn die Leute, schau – Ubbe .                                                     Ich mag nich Mehr laufen. Ortrun .               Ach, mein Schäfchen, bist du müde? Ach, warte nur – ei, weißt du was? Wir setzen Uns auf den Brunnenrand und schauen zu, Was wohl geschieht. (Orgel und Glocken sind verstummt, und der Zug der Bürger ist zu Ende. Die Stadt liegt schweigend da.) Ortrun (hebt ihr Brüderchen auf den Brunnenrand) .                                 Sieh da, ist das nicht fein? Ubbe . O ja! Ortrun .       Und holla hops! bin ich dabei! (Hat sich ebenfalls auf den Brunnenrand geschwungen. Sobald sie dies getan, beginnt der Brunnen in drei verschiedenfarbigen Strahlen zu fließen und im Dreiklang zu singen) :         Segensstunde, Segensstunde!         Rieselt Licht aus Tageshöh'n?         Welch ein Atem, erdenschön,         Weckt uns auf mit warmem Munde? Ortrun . Brunnen, was singst du? Die Brunnenfrau .                       Mädchen, was bringst du? Ortrun . Ich habe ja nichts; was soll ich bringen? Die Brunnenfrau . Du hast in der Stimm' ein selig Klingen, Du hast um Stirn und Wangen Das Licht, nach dem wir bangen; Aus deinem Herzen strömt ein Hauch, Davon ein toter Rosenstrauch Aufs neu erblühen mag! O wundersamer Tag, Geheimnisvolle Stunde! Aus tiefem Todesgrunde Wacht längst gestorbnes Hoffen auf Und langt nach Tag und Licht hinauf – In diesen Gründen schlief ein Wort Viel' hundert Jahre – nun klingt es fort:     »Liebe, die des Todes Blick bestand,     Hebt aus tiefer Flut versunknes Land« – Sage mir, Mägdlein, ob du liebst! Ortrun . Wie sollt' ich denn nicht! Ich liebe den Vater, Mein Brüderlein lieb ich – ein wenig wohl auch Die Mutter – Brunnenfrau .       Und kennst nicht die andere Liebe? Ortrun . Welch andere Liebe? Brunnenfrau .                           Sie spannte dir nicht Die Brust bei webendem Mondenlicht? Die Liebe, der des Lebens zu viel, Die mit Einem, mit Einem es teilen will, Die Liebe, die nicht sanft erglüht, Die lodernd brennt und Flammen sprüht, Sie wohnt dir im Herzen, Sie will hinaus, Mit jauchzenden Schmerzen Sprengen ihr Haus, Die Liebe, die . . . .                                 Weh, die Stunde schwindet (mit ersterbender Stimme) . Mägdlein, erlös' uns – erlöse – (Alles Licht erlischt mit einem Schlage, und vollkommene Finsternis liegt auf der Szene.) Ortrun . Wie ist's auf einmal schaurig hier und still, So still, als ob in hunderttausend Jahren An dieser Statt kein Laut erklungen wäre! Und ist mir doch, als rief's: »Erlös', erlöse!« Nur eben jetzt. Ach, wen kann ich erlösen! Mir ist ja selbst so weh, als wäre nun Das letzte Glück gestorben und auf Erden Wär keine Freude mehr. Ubbe .                                     Ich bin so bange! Ortrun (faßt sich) . Ei was denn gar! Ein Bube fürcht' sich nicht! Schau, schmieg dich nur so ganz, ganz fest an mich! Mein Röcklein schlag ich um dich – so ist's warm Und traulich, gelt? Nun gehn wir still nach Hause, Da soll das Ubbchen schlafen, schlafen, ei, So süß, wie Englein auf der Himmelswiese In Gras und Blumen schlafen . . . . (Ihre Worte verklingen wieder hinter der Szene.) 6. Szene. Ortrun. Ubbe. Irmeland . Später Lutz . (Unter einer sanften Musik wandelt sich abermals der Schauplatz; nachdem die Musik in präludierende Harfentöne übergegangen ist, erhellt sich die Bühne, und man erblickt auf einer über den Meeresspiegel hinausragenden Klippe im hellen Mondschein Irmeland, die Harfe spielend. Das Licht des Mondes umgibt ihn mit einem Regenbogen). Ortrun (tief erschrocken) . O Gott – der Prinz! Ubbe (leise) .                   Schau Ortrun – Ortrun (ebenso) .                                     Still! Hör zu Und horche wohl, ob er vielleicht im Singen Den eignen Namen nennt – Irmeland (singt) .         O Sternenaufgang, mehr         Als Erdenschein!         Ein Morgen kommt und nimmt         Von uns die Pein!         O balde schon, bald         Mein Brautlied schallt,         Weil sie nicht weiß,         Daß ich Irmeland heiß! Ubbe (leise) . Er sagte eben – Ortrun .                                 Still – o still –! Irmeland (singt) .         Ich hab es gewußt:         Aus fernem Dust         Hebt einst sich ein Land,         Ein seliger Strand!         Du Glaubensruh der Nacht,         Erkling' und tön'!         Erwachte Hoffnung singt         Von Wolkenhöh'n . . . Lutz (erscheint gegen Ende der Strophe auf der Szene) . Ubbe (leise) . Hast du gehört – Ortrun .                                   Sei still – ich hab gehört. Lutz (bemerkt die beiden, schreit auf) : Mein Prinz, du wirst belauscht! Um Gotteswillen Hör auf, mein Prinz! Ortrun hat dich belauscht! Irmeland (erhebt sich langsam, wie im Traum, und bleibt aufgerichtet stehen.) Lutz . Mein Prinz, so höre doch: Ortrun ist hier! Irmeland (langsam aus seiner Verzückung zurückkehrend) : Ortrun? Lutz .           Ja ja! Sag, riefst du deinen Namen? Irmeland (wie oben) . Ich weiß es nicht. Doch scheint mir, daß ich's tat. Lutz (zu Ortrun) . Du hörtest ihn? Ortrun (nickt wiederholt langsam und stumm) . Lutz (sinkt auf einen Stein) .           Dann ist's vorbei – vorbei. Irmeland (ist langsam herabgestiegen und steht vor ihr. Mild) : So hast du einen Dolch in deiner Hand – Stoß zu. – – Wie grausam bist du, daß du zauderst. Ortrun (nach einem Schweigen, an dem Prinzen vorbei und mehr zu sich selber als zu den andern) : Wer kann den Vogel töten, wenn er singt? Wer kann sein jubilierend Herz durchbohren, Wenn es sich jauchzend aufgetan vor Gott Gleich einer Blume, die vor Lust gesprungen? Und wer, wenn er es könnte, wäre froh?! Irmeland (ringt mühsam nach Worten) . Ortrun – sollt' ich – sollt' ich verstanden haben – Was du soeben sprachest – Wär es möglich, Daß ich – dich recht verstanden hätte – Lutz, Hast du gehört, was sie gesagt – und wie Verstehst du sie? Lutz .                           Sag, Herrin, sag – du wüßtest Den Namen nun – und wolltest ihn nicht nennen? Ortrun . Ich wollte wohl – doch kann ich nicht. Ich höre Ja eure Herzen klopfen, und ich sehe Ja eure bangen, dunklen Augen glühn. Das fühl ich wohl in dieser Stunde: Über Zertretne Herzen führt kein Weg zum Glück. Irmeland (steht aufgerichtet vor ihr und spricht nach einem tiefen Schweigen) : Über zertretne Herzen führt kein Weg Zum Glück! Doch dieses Wort führt dich zum Licht. Von nun an würde jedes Lächeln, das Um deine Wangen huschte, mir im Herzen Wie Nattern wühlen; jeder warme Blick, Der redlichste und lieblichste, er müßte Wie schartig Eisen mir die Brust durchbohren. Dieweil mir deine Stimme süß erklänge, In bittrer Reu' ertränke mir das Herz, So würde Freude Qual, Gewinn Verlust, Sieg würde Niederlage nun und Schmach. Ein Schachrer wär' ich, der für schlechtes Blei Ein gleich Gewicht von Gold erwuchern möchte –         (Auf eine Bewegung Ortruns.) Und wär es auch ein frei Geschenk – so große Geschenke geben, ziemt der Fürstin wohl; Sie anzunehmen, ziemt dem Fürsten nicht. Ortrun, nun bist du frei, und nie mehr soll Von meinem Mund ein bittend Wort dich quälen, Nie mehr ein töricht Hoffen mich verleiten, Den Tag zu fesseln, der der Nacht entflieht. Ortrun . Prinz! – Nein es ist wohl Traum! – Du gibst – Du wolltest – Du gibst – mich frei – Irmeland .                           Du bist's, sobald du willst, Nein, früher noch; denn wolltest nicht du, bät ich Von Herzen dich: Kehr heim zu deinem Glück. Ortrun . Mein Ubbe, wir sind frei, mein Ubbe, frei! Frei, frei! Zurück zum Vater geht's, zur Mutter, Nach Hause geht's, nach Dünen, Strand und Sonne, Zur hellen Luft voll Licht und Mövenschrei! Verzeiht, daß ich mich freu! Ich komme gern Zu häufigem Besuch, wenn ihr's erlaubt. Doch heut, heut laßt mich lachen, laßt mich weinen – O Gott, wie bin ich froh, o Gott, wie glücklich, Wie glücklich bin ich – ach, ich halt's nicht aus – Ich möchte wohl die ganze Welt umarmen Und küssen! Lutz .                   Was! Irmeland .                     Wie! – Hast du das gehört? Sie sagte: küssen möchte sie – Lutz .                                               Die ganze Welt! Sprich, Ortrun ist das wahr? Ortrun .                                         Was denn? Lutz .                                                               Du sagtest, Du könnt'st die ganze Welt jetzt küssen! Ortrun .                                                           Freilich! Lutz . (vorsichtig) . Ich glaub dir's nicht! Zum Beispiel: denke dir, Du solltest einem Dorsch die Nase küssen, Die kalte Nase! Ortrun (in übermütigster Lustigkeit) . Ha, mit tausend Freuden! Lutz . Doch eine Kröte, siehst du, eine Kröte, Die küßt du nicht, da wett ich drauf. Ortrun .                                                     Warum nicht? Lutz . Ist's wahr? – Jetzt aber, Ortrun, weiß ich einen, Den küßt du nicht! Das ist mein Herr, der Prinz! Ortrun (plötzlich schamhaft) . Dein hoher Herr? – er würde sich bedanken. Irmeland (eifrig, indem er sich ihr nähert) . Nein, Ortrun, nein, ich nehm' es an, bei Gott! Ich nehm' es an – wenn du's – nur gerne tust . . . Ortrun . Von ganzem Herzen gern, du guter Prinz. (Sie schickt sich an, ihn zu küssen, und zaudert plötzlich.) Irmeland . Nun bangt dir doch –? Lutz .                                           Mein Prinz, es ist der Mond! Sieh doch nur, sieh, wie er die Augen aufreißt Und Mund und Nas' dazu, um das zu seh'n! Irmeland . Komm in den Schatten dieser Felsen, komm, Wo dich des Mondes Neugier nicht beleidigt, O komm! (Sie verschwinden hinter einem Felsen, und eine sanfte Musik beginnt, die bis zum Schluß der Szene währt.) Ubbe (ängstlich) . Ortrun, wo bist du? Lutz .                                                   Komm, wir geh'n Ihr nach! Nicht bange sein! Du kannst mir's glauben: Was unser Prinz der süßen Ortrun tut, Ist ganz gewiß nicht bös. Im Gegenteil! (Beide ab.) 7. Szene. Ortrun. Irmeland. Lutz. Ubbe . Ortrun (noch hinter der Szene) . Prinz! – Nein – Wer bist du? – Gott! Mein Prinz! – Wer bist du? Bist du's denn wirklich? – Nein – (Sie ist inzwischen aufgetreten.) Irmeland (in menschlicher Gestalt) .       Bei Gott, ich bin's! Bin, der ich bin, mehr als ich's vorher war! Frei darf ich's sagen, darf es jauchzen, jubeln, Laut darf ich's rufen jetzt: Prinz Irmeland Bin ich, der Sohn des großen Nordlandkönigs, Der weite Länder abgetrotzt dem Meer Und dem die Rache Ole Bulemanns Den Sohn geraubt durch schlaubedachten Trug.         (Er zieht Lutz heran, der ebenfalls zurückverwandelt ist.) Des treusten Dieners tiefste Treue trug In langer Qual mit mir die Last des Leids; Du aber auf den weichen Engelsschwingen Der Güte nahmst sie lösend mir hinweg. Ja du – o, wer bist du? (Er kniet in tiefer Ehrfurcht nieder.) Lutz (tut dasselbe) . Irmeland .                             Prinzessin Ortrun, Aus tiefster Gnade Irmelands Gemahl – Wenn's deinem edlen Herzen so gefällt – Und einst die große Königin im Nordland, Wo frische, helle, starke Menschen wohnen Und klarer Himmel blickt aus dunklen See'n. Ortrun . O weh – warum verspottest du mich nun? Ein Fischerkind wird keines Prinzen Weib. Irmeland . Du bist durch adlichste Geburt gefürstet; Wo du bist, ist ein heimlich Königreich, Ein stilles, das ans Land der Sterne grenzt.         (Aufspringend, zu Lutz.) Auf, teurer Freund, lös' unser Schiff vom Ufer Und mach es fertig zur beglückten Fahrt! Lutz (ab) . Irmeland (hebt Ubbe hoch) . Hei, liebes Ubbelein, nun geht's nach Hause! Freust du dich denn? Ubbe .                               Ja! aber wenn ich mich So ganz, ganz furchtbar freuen tu, dann stößt es Hier immer so (zeigt nach dem Herzen) das schad't doch nix, was, du? Irmeland . Haha, nein nein, das schadet nichts, Du Wichtlein! Sag, süßes Mägdlein, stößt dir's auch im Herzen? Und schau mich an und sag, ob dir es schadet? Ortrun (in seinem Arm) . Ist alles dies nicht Traum? – Wie bist du schön! Irmeland . Das ist der Wiederschein von deinen Augen. Was liebend sie bestrahlen, das wird schön, Wie Sonne Diamanten macht aus Tau Und einen goldnen Wald aus welkem Laub. Lutz (kommt auf der Oberfläche des Wassers in einem Schiff mit weißen Segeln gefahren) . Die Segel sind gespannt! Irmeland .                               Hojo! An Bord!         (Während sie in das Schiff steigen) Schon küßt der Mond das Meer mit bleichen Lippen, Und Ahnung rieselt durch des Ostens Grau. – Nun Sturm des Herzens, greif in alle Segel Und trag uns mit der Schnelle des Verlangens Zur alten Heimat und zum jungen Licht. (Unter einer leisen, seligen Musik fährt das Schiff durch die Spur des Mondes.   Der Vorhang fällt.) Fünfter Aufzug. Die Landschaft ist dieselbe wie im 1. und 3. Akte; aber rechts erblickt man bei größerer Helle ein Stück eines päpstlichen Palastes nach Art des Vatikans. Vorläufig ist dieser Teil der Szene noch in vollkommenes Dunkel gehüllt. Über dem Meere liegt erste Morgendämmerung. Ortrun, Irmeland und Ubbe kommen langsam in ihrem Schiffe gefahren. 1. Szene. Ortrun. Irmeland. Lutz. Ubbe . Ortrun (noch hinter der Szene) . Heia, ich seh die Küste, seh den Strand! Und hier der Stein! (das Boot erscheint auf der Szene.) Lutz (refft die Segel) . Ortrun .                           Doch wo ist denn –? – – Wie seltsam: Ich weiß ja doch; verschwunden ist die Tonne, Und dennoch sucht' ich sie. Was ragt so finster Dort auf? Irmeland .       Das ist der päpstliche Palast, Wo Seine Heiligkeit Papst Innocenzia, Vorzeiten Ilsebill, zu residieren Geruh'n. Ortrun .         O je! Wie wird sie mich empfangen? Irmeland (lachend) . Sie mag sich fragen, wie man sie empfängt! Lutz (ist ans Land gesprungen und zieht das Boot heran. Dann reicht er Ubbe die Hand) . Nun spring! Ho hopp! – Du bist ein fixer Kerl! Ubbe . Och, ich kann noch viel weiter springen. Lutz .                                                                 So! Ortrun (springt ans Land und kniet nieder) . O du geliebte Erde, lieber Strand, Hab ich dich wieder? Treuer, sichrer Strand! Du lieber Sand, du alter Spielgefährte, Mit dem ich mich gebalgt, gewälzt, gewühlt; In deine weiche, sommerwarme Flut Grub ich, wie oft, die sonnenfrohen Glieder! Wie oft ließ ich durch meine Hand dich rinnen, Daß deine Körnlein in der Sonne blitzten Wie goldner Regen! Haus und Turm und Garten Baut ich aus dir und jauchzte, wenn sie standen, Und jauchzte, wenn die Flut sie überrann. Hier, lieber Freund, hier war's – haha! – ich war Wohl kaum zwei Jahr – da lief ich stracks ins Meer Und wollt von drüben mir die Sonne holen; Sie winkte mir und lachte gar zu schön! Irmeland . Und blieb sie ungerührt am Himmel steh'n, So hat bei allem Lachen sie kein Herz; Sonst wäre sie entgegen dir gekommen. Ortrun (lachend) . Nein nein, das tat sie nicht! doch wär' ich bald Ertrunken, hätte mich der Vater nicht Beim Röcklein noch erwischt. Ach Gott, mein Vater! Es treibt mich, ihn zu seh'n! Irmeland .                                   Still! – Ein Geräusch! Ich möchte nicht, daß sie uns gleich bemerken! Wenn du's erlaubst, ersteigen wir die Klippe Und schau'n von dort ein Weilchen, wie sie's treiben. Willst du's vergönnen und ein wenig nur Dich noch gedulden. Ortrun .                           Was du willst, will ich. Irmeland . Lutz, spring voraus, und nimm das Bürschlein mit! Wir folgen gleich. Lutz und Ubbe (ersteigen die Klippe) . Irmeland .                     Nur einen Augenblick Mit dir allein! In fremder Gegenwart Kann all mein Glück nicht seine Flügel dehnen, Gleich dem gefangnen Vogel, dem der Käfig Der Schwingen fröhliche Entfaltung wehrt. Nun breit' es seinen Fittig um uns beide, Und bist du glücklich, küsse Glück das Glück.         (Er küßt sie.) Sprich, schaudert's dich wohl noch, den Prinzen Fisch Zu küssen? Ortrun .             Ja, es schaudert mich. Dein Kuß Brennt bis ins Herz. Irmeland .                       O Schelmin, und der deine Glaubst du, er brennte minder? Sieh, dein Kuß Ist wie ein Trunk aus klarer Waldesquelle, Der kühl erquickend Seel und Leib durchrinnt Und jählings in geheimnisvoller Wandlung Den letzten Tropfen Bluts in Wallung bringt. Ortrun . O könnt' ich sagen, wie ich glücklich bin! Irmeland . Nein, sag es nicht und woll' es niemals sagen! Was ausgesprochen ist, das ist verblüht. Das Wort ist Frucht; Frucht aber ist Erfüllung Und Ende. Glück, das glaub mir, ist ein Elf, Den lautes Licht verscheucht. Nachtwandler ist Das Glück: durch Mondesnebel schwebt es Auf schmaler Zinne träumend überm Abgrund, Doch vor des Wachen heller Stimm' erschrickt es Und stürzt und bricht den Hals. Nein, halt das Glück Im tiefsten Grunde deines Herzens fest, Dann wird es ewiglebend dich durchströmen, Wird deinen Leib wie Glorienschein umkränzen, Wie Sommerhauch durch deine Worte wehen Und wie Musik in deinem Gange sein. – Sieh, süßes Lieb, die Sonne tritt hervor. (Sie ersteigen gleichfalls die Klippe und entschwinden dem Blick.) 2. Szene. (Der rechte Teil der Szene erhellt sich bei aufgehender Sonne mehr und mehr, und man erkennt eine Art Veranda des päpstlichen Palastes. In einem großen zweischläfrigen Bett liegen Ilsebill und Munk, jene mit der Tiara auf dem Kopfe und wachend. Am Fußende des Bettes hängt Munks Hose.) Munk. Ilsebill . Ilsebill (wirft sich wiederholt schlaflos herum) . Munk (schnarcht) . Ilsebill (richtet sich auf und stützt den Kopf in beide Hände) . Was kann ich noch werden – was kann ich noch werden –! Was gibt es nu noch – das muß ja doch noch was geben – das muß ja doch noch was geben. – (Sie wiegt den Kopf hin und her und wirft sich dann wieder zurück, daß die Bettstelle kracht) . Munk (schnarcht) . Ilsebill (richtet sich wieder auf und guckt in die Sonne) . Was kann ich nu man bloß noch werden – was kann und kann ich nu noch werden. Ich muß ja doch noch was werden – ich kann hier doch nich mein Lebenlang als Papst 'rumsitzen – das kann mir doch kein Mensch zumuten. Das tu ich auch nich, Papst bleib ich nich, un wenn's mit 'm Deubel zugeht. – (Sie wirft sich wieder zurück, um sich bald darauf wieder zu erheben.) Ich find nix un find nix. Gott, is das 'n Elend! Warum muß es nu grade mir so schlech geh'n! (Sie blickt wieder in die Sonne: ihr Gesicht nimmt einen immer starreren Ausdruck an.) Ha!! – Munk, steh flink mal auf und geh mal schleunigst hin Zum Butt. Ich will nu auch die Sonne un den Mond Aufgeh'n un untergehen lassen. Du! Steh auf! Man 'n bischen fix, ich will nich warten! Du! Man zu!! Munk . Wer – wie – wieso? – – Was? – Ach so. (Legt sich wieder hin.) Ilsebill . Du du! Was fällt dir ein, du legs dich wieder hin? Munk (richtet sich wieder auf) . Ilsebill . Ja, aufstehn solls du, aufstehn, ja, du Murmeltier, Du solls zum Butt un solls ihm sagen, daß ich jetz Die Sonne un den Mond aufgehen lassen will Un lauter solche Sachen. Komms du nu bald raus? Munk (ist weit von ihr weg an den Rand des Bettes gerückt und starrt sie mit einem unerhört dummen Gesichte an) . Ach so – entschuldige, mein Deern, ich – was – has du – has du was gesagt? Ilsebill . Herrgott, is das 'n Vieh. Ich sag, du solls zum Butt Hingeh'n un solls ihm sagen, daß ich nu kein Paps Mehr sein mag, daß ich nu die Sonne un den Mond Aufgehen lassen will – Munk (fällt aus dem Bett) . Nu is sie verrückt. Ilsebill . Was sags du da? Munk . Nu is sie ganz verrückt. Ilsebill Soll ich dich nu ers Beine machen, alter Freund? Munk (mit Ruhe und Ergebenheit) . O Ilsebill, nu bis du also verrückt. Ilsebill . Was bin ich? Sag mir so was noch 'n einz'ges Mal, Mein Junge, dann verfluch ich dich sofort. Als Papst Kann ich dich durch un durch verfluchen – Gott sei dank. Munk . Ilsebill – Ilsebill – du wills die Sonne un den Mond aufgehn lassen? Ilsebill . Djäwoll, auch die Sterne. Munk . Ilsebill, das kann doch bloß der liebe Gott! Ilsebill . Na ja??!! Munk . Denn wills du also werden wie der liebe Gott? Ilsebill . Djä, warum denn nich? Meins du, ich kann nich ebenso gut die Sonne aufgehen lassen? Vielleich noch 'n bischen besser. Ich lass sie überhaupt nich wieder untergehn. Munk . Un denn wills du Vögel un Fische un Menschen machen un all solche Kramstücken, un wills die ganse Welt regieren? Ilsebill . (springt aus dem Bett) Jaa jaa, das will ich, Huch! das will ich. Ja. Man flink! Nu man bloß flink! In fünf Minuten bin ich Gott, Sonst hat's geschnappt. Munk . Ach ja, geschnappt hat es jetzt schon. (Sehr freundlich) Nu hör mal, mein Deern, leg dich wieder ins Bett, du bis krank. Soll ich dir 'n kalten Umschlag machen, oder 'ne heiße Kruke? Ilsebill (in halb blödsinniger Freude vor sich hin) : Nu will ich wie der liebe Gott werden – nu werd' ich wie der liebe Gott – o Gott o Gott o Gott – Munk . Soll ich den Dokter holen, Ilsebill, soll er dich zur Ader lassen? Ilsebill . Ich werd' wie der liebe Gott – ich werd' wie der – (starrt ihren Mann an) Was, bis du noch hier? Munk . Ilsebill, mein arme Deern, nu sei doch vernünftig, du bis ja krank – Ilsebill (sich aufreckend) . Ich will werden wie der liebe Gott, has du das verstanden? Munk . Sie geht nich davon ab. – Ilsebill, das is ja doch Unsinn. Sieh mal, Gott kann woll 'n Butt machen; aber 'n Butt kann doch kein'n Gott machen! Sieh mal (er trocknet sich den Schweiß ab) Sieh mal: Kaiser un Paps, das kann der Butt machen, das 's ja keine Kuns; aber Gott – (die Szene hat sich nach und nach verfinstert; es stürmt und donnert.) Ilsebill (gerät in Raserei) . Huuuch – ich halt es nich mehr aus, ich halt es nicht mehr aus! Wenn du nich auf der Stelle hingehs – ich will werden wie der liebe Gott, ich will werden wie der liebe Gott, sons bring ich mich um (sie wirft die Tiara von sich und zerreißt ihr Nachtgewand.) Munk . Is gut – is gut – ich geh ja schon – ich geh ja hin –! Wer weiß, wozu 's gut is – (Er geht an den Strand und ruft unter Sturm und Gewitter mit größter Anstrengung) :         Mantje Mantje Timpe Tee – – – – – e,         Buttje Buttje in de See – – – – – e,         Mine Fru, de Ilsebill,         Will nich so as ick wull wi – – – – – ll. Irmeland (ruft von der Klippe) : Wat will se denn? Munk (sieht sich erst verwundert um, sieht aber Irmeland nicht und sagt dann) : Sie will werden wie der liebe Gott! (Furchtbarer Donnerschlag und Sturmgeheul. Die Szene verfinstert sich vollkommen, und als sie sich wieder erhellt, erblickt man die Szenerie vom Anfang des Stückes. Munk und Ilsebill sitzen platt auf dem Boden, mit dem Gesicht nach der Heringstonne.) 3. Szene. Munk. Ilsebill . Dann Ortrun , Irmeland , Ubbe . Munk und Ilsebill (sitzen anfangs schweigend und in vollständigster Verblüffung da. Dann muß) Munk (lachen, erst kurz und halb unbewußt, dann etwas länger und bewußter, und endlich löst sich seine Spannung in einem ungeheuren, elementaren Gelächter) . Ilsebill (sitzt noch immer entgeistert da) . Munk (verlegen und gutmütig) . Djä – mein Deern – sieh mal, du muß mir das nich übelnehmen: ich muß schrecklich lachen, wenn ich – hahahahahahaha – na, is ja gut – sieh mal, du tus mir ja leid – ich kann mir das ja denken, daß dir das unangenehm is – aber nu kuck mal, wir haben doch früher auch nich mehr gehabt, un zu Anfang, ich mein: gans zu Anfang, da bis du doch auch zufrieden damit gewesen. Du muß blos nich an das andere denken, denn solls du mal sehn, mein Deern, denn wird das noch gans gemütlich. Ich wollt man bloß, wir hätten unse Göhrn wieder, denn sollts du mal sehn, denn wollten wir herrlich un in Freuden leben. Na, nu komm man, Altsche (er bemüht sich, sie emporzuziehen, was ihm auch nach vieler Mühe gelingt) , nu sei man nich so verbast, un komm man mit rein, da machen wir uns 'n steifen Grog – wenn der Rumbuddel noch da is, heißt das – un denn legs du dich – (Sie sind bis vor die Heringstonne gekommen, als Ortrun über die untere Halbtür hervorlugt.) Ortrun . Kuckuck! Ich wünsche guten Morgen! Munk . Nee – – Nee! – Ortr–! Ortrun! (Er läßt Ilsebill los, die wieder teilnahmslos auf einen Stein niedersinkt) . Ortrun (stürmt heraus und fliegt ihm an den Hals.) Munk (wiegt sie in den Armen und bedeckt sie mit Küssen) . Mein Snutjeputje, mein Deern, mein Hötjepötje, mein Knudelpudel. Deern, wo komms du denn her, wo komms du denn bloß her! Wo is denn Ubbe? Wo is denn der Junge? Ubbe (kommt aus der Tonne gesprungen) . Ich bin all hier! Munk (fängt ihn in den Armen auf) . Hurraaaaah, da is ja mein Junge, da is ja mein Junge! Ilsebill (verbirgt das Gesicht in den Händen.) Munk (halblaut) . Kinder, geht mal zu Mutter, sie is gans aus Rand un Band – Ortrun (nimmt Ubbe an die Hand.) Komm, Ubbe! Ubbe (reißt sich los, schreiend) : Nein, nein, ich bin bange! Munk . Na Jung –! Ortrun . Nun, Mutter? Guten Tag. Ilsebill (ohne aufzublicken) . Was wills du hier? Wir haben nix. Wir haben nix! (Aufheulend und sich die Haare raufend.) Wir haben garnix, garnix mehr! Munk . Na laß sie man, laß sie sich man erst 'n bischen verpusten. – Junge, Junge, Kinners, nu wirds fein, habt ihr schon geseh'n: unsre Tonne haben wir auch wieder, nu wirds großartig. Aber – sagt mal Kinners, ihr seid ja so fein angezogen – was is denn – wie seid ihr denn losgekommen – hat der Meermann euch laufen lassen? Ortrun . Nein nein, er läßt uns nicht! Er hält uns fester Denn je! Ich hab als Braut mich ihm verlobt, Und bald werd' ich sein Weib! Ilsebill (horcht auf) . Munk (überrascht und traurig) . Ja – jaaaa? Sooo, so. Na ja – na ja, mein Kind, das is ja – am Ende – Geschmackssache – man kann sich ja an alles gewöhnen – Ortrun (lacht) . O ja, ich glaub, ich werde mich gewöhnen, Und du wirst's auch, wenn du ihn nur erst siehst –         (Sie zeigt nach der Tonne, aus der Prinz Irmeland heraufsteigt.) Munk . Wa – wa – wer is – wer is das? Irmeland (jubelnd) . Das ist der Buttje Mantje Timpe Tee! Und willst du ihn beim rechten Namen nennen, So ist's Prinz Irmeland, des Königs Irmbald Von Nordland Sohn. Ich wette, alter Freund, Du kennst den Butt, den du so oft gerufen, Nicht wieder. Munk . Nee – Herr – nee, das muß ich sagen – wie' n Butt sehn Sie nich aus – Irmeland (stürmisch, indem er Ortrun umfängt) . Und ist dir's recht, und willst du sie mir geben? Munk . Djä, mein Junge – so was behält man ja lieber selbs – nich wahr? aber was bleibt mir schließlich andres übrig – Irmeland . Dank, dank, du guter Mann – mein Vater jetzt! Ilsebill . Ach, Herr Schwiergersohn, ich wollte man sagen: ich geb auch meine Einwilligung! Irmeland (lächelnd) . Ists möglich? Ilsebill . Ja, un denn wollt ich noch sagen: ich hab mir das anders überlegt: mit Papst bin ich jetz' zufrieden. Irmeland . Man denke nur: mit »Papst« ist sie zufrieden! Du wirst, vieledle und erhabne Frau, Wohl auch mit Mindrem dich bescheiden müssen. Die Heringstonne bleibe dein Palast, Doch sie gehört dir künftig auch allein! Dies Kind (Ubbe umfassend) nehm ich mit mir – wofern es will. Willst du mit Ortrun gehn und mir? Ubbe . Fährst du ganz, ganz weit weg? Irmeland . Das tu ich, freilich. Ubbe . Un geht Ortrun auch mit? Ortrun . Ich denke doch! Ubbe . Ja, denn geh' ich mit euch. Munk . Ubbe, du wills von mir weggehn? Irmeland . O nicht doch, lieber Vater, du auch gehst Mit uns – wir bitten's dich von ganzem Herzen, Und was du wünschen, was du hoffen magst, Wir wollen's dir erfüllen, eh du sprichst. Ortrun (zu Irmeland) . Jedoch die Mutter, Freund – Munk . Laß nur, mein Deern, ich bleibe hier. Irmeland . Du willst nicht – Munk . Nee nee, mein Junge, das is nix für mich. So'n altes Boot wie ich geht nich mehr auf hohe See, das is höchstens noch an der Küste zu brauchen. Irmeland (auf Ilsebill zeigend) . Und willst mit ihr auch fernerhin dein Leben – Munk . Dscho, ich bin ja nu einmal an sie gewöhnt, nich? – Ich kann sie hier ja doch auch nich so ganz allein lassen! Noch dazu jetz! Irmeland . Ehrwürdger Alter – du beschämst mich tief. Ein König möchte dir die Krone neiden, Die unbewußt dein grauer Scheitel trägt. – Doch will ich Männer senden, die ein Haus, Ein stattlich-schönes dir erbauen sollen – Munk . Danke, danke – meine Tonne genügt vollkommen. Ilsebill . Aber ich – ich – wenn ich bitten darf – ich möchte wohl – Irmeland (heiter) . Nun wohl! In eines Jahres Frist seht ihr uns wieder. Wenn dann dein Herr – verstehst du wohl: dein Herr – Du solltest ihm die Füße küssen, Weib; Denn er ist Herr von Gottes reinster Gnade, – Wenn dann dein Herr uns deine Sanftmut rühmt Und wenn du dann mit innerstem Gefühl, Mit heitrem Lächeln, ohn' Gesichterschneiden Das Lied »Zufriedenheit ist mein Vergnügen« Vom Anfang bis zum Ende singen kannst – Dann sollen Haus und Garten neu dir glänzen, Wie du sie einst an diesem Ort geseh'n. Munk . Hahahaha – na, Ilsebill, denn üb' man tüchtig! Irmeland . Und nun gehabt euch wohl! Ortrun und Ubbe (umarmen den Vater aufs zärtlichste) . Munk (schiebt sie dann Ilsebill zu, leise) . Sagt ihr auch Adieu. Ortrun . Mutter, leb wohl. Ilsebill (ohne sie anzusehen, ihre Hand reichend) . Adieu. Ubbe (schüchtern) . Adieu. Ilsebill (hält seine Hand und spricht rauh) : Wills du nich hier bleiben? Ubbe (reißt sich schnell los) . Nein! (und läuft zu Ortrun) . Irmeland . Nach einem Jahr sollst du ihn wieder fragen, Vielleicht steht seine Antwort dann bei dir! Vorwärts an Bord! Lutz (der inzwischen das Schiff zur Fahrt bereitet hat) . Mein Prinz! Um Gotteswillen: Siehst du's auch? Mein Prinz, sieh dorthin – was – was siehst du dort? (Rungholt ist in der halbklaren Beleuchtung einer Vision aus der Meerflut aufgestiegen. Man sieht den Marktplatz mit Kirche, Brunnen und Rathaus, dahinter Dächer und Türme.) Irmeland . Allmächt'ger Gott – das ist ja Rungholt – Rungholt! Und lockender und zaubrischer denn je! O bindet mich mit Stricken an den Mast Wie jenen Mann, dem die Sirenen sangen! Ich will nicht hinseh'n – will nicht – Ortrun, laß An deiner Brust mich bergen mein Gesicht, Daß ich dem Zauber nicht aufs neu erliege. Du bist mir Rungholt, sollst mir Rungholt sein, Und nur aus Deines Herzens Fluten steige Mir meiner Sehnsucht Sonnenstadt empor! Ortrun (leise) . Und willst du nicht die tote Stadt erlösen? Ich sah sie jüngst, da sie vom Schlaf erwachte, Und eine Stimme rief aus Leidenstiefen Mich an: »Erlöse, Mägdlein, ach erlöse!« So lang ich lebe, wird in meinem Ohr Die Sehnsucht dieser Stimme nicht vergehn. Und noch ein andres Wort sprach jene Stimme, Horch, welch ein Wort – vergessen könnt' ich's nie:         »Liebe, die des Todes Blick bestand,         Hebt aus dunkler Flut versunknes Land.« Wie göttliche Verheißung klang dies Wort Und brach hervor aus Schmerzen, die nicht lügen. Willst du ein tausendjährig Elend lösen, So will ich wohl mit dir den Tod bestehn. Irmeland . Ortrun! – Ortrun! Dein Wort ist Gottesatem, Und höh'res Leben wird durch ihn der Tod. Sieh, dürft' ich Rungholts Zauber nicht versuchen, Verwelken müßt' ich einst am Durst nach ihm! Nun hin zum Land, wo die Sirene singt, Du hast Gewalt, die jeden Trug bezwingt. Lutz . Mein Prinz, mein Prinz, was willst du tun, mein Prinz? Hast du der langen Jahre Not vergessen? Irmeland . Hast du die Stern' am Himmel je geseh'n? Blieb Stern nicht Stern, ob ihn auch Nacht umdrang? Lenk unser Schiff, wie' s ihre Lieb gebeut, Nie werd ich König oder werd' es heut! (Eine leise Musik hebt an; das Schiff treibt dem Strande Rungholts zu. Sobald das Boot den Strand berührt, erglänzt die Stadt im vollen, klaren Glanze der Wirklichkeit. Irmeland und Ortrun steigen ans Land, und die ganze Stadt erwacht; aus den Fenstern schauen lächelnde Bewohner, und aus Gassen und Türen kommen Bürger und Bürgerinnen geströmt, die alle das landende Paar mit Blumen überschütten; aus dem Rathause kommt der Rat der Stadt, und als der Oberste des Rates auf einem Kissen Szepter und Krone knieend darreicht, kniet das ganze Volk der Stadt. Ein melodisches Glockengeläute mischt sich in die Musik.) Munk (ist unwillkürlich in die Knie gesunken und hat unbewußt die Hände gefaltet) . Ilsebill (stützt beide Hände auf die Knie und starrt in den Glanz der erwachten Stadt. – Indem die Musik wie ein Traum verklingt, fällt langsam der Vorhang) .